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+The Project Gutenberg EBook of Emilia Lagotti, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Emilia Lagotti
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Posting Date: February 24, 2015 [EBook #9108]
+Release Date: October, 2005
+First Posted: September 7, 2003
+Last Updated: September 4, 2017
+
+Language: German
+
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EMILIA LAGOTTI ***
+
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+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau
+
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+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+EMILIA GALOTTI
+
+von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING
+
+Personen:
+
+Emilia Galotti
+Odoardo und Claudia Galotti, Eltern der Emilia
+Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla
+Marinelli, Kammerherr des Prinzen
+Camillo Rota, einer von des Prinzen Räten
+Conti, Maler
+Graf Appiani
+Gräfin Orsina
+Angelo und einige Bediente
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+Die Szene: ein Kabinett des Prinzen.
+
+
+Erster Auftritt
+
+Der Prinz (an einem Arbeitstische voller Briefschaften und Papiere,
+deren einige er durchläuft). Klagen, nichts als Klagen!
+Bittschriften, nichts als Bittschriften!--Die traurigen Geschäfte; und
+man beneidet uns noch!--Das glaub ich; wenn wir allen helfen könnten:
+dann wären wir zu beneiden.--Emilia? (Indem er noch eine von den
+Bittschriften aufschlägt und nach dem unterschriebenen Namen sieht.)
+Eine Emilia?--Aber eine Emilia Bruneschi--nicht Galotti. Nicht Emilia
+Galotti!--Was will sie, diese Emilia Bruneschi? (Er lieset.) Viel
+gefodert, sehr viel.--Doch sie heißt Emilia. Gewährt! (Er
+unterschreibt und klingelt, worauf ein Kammerdiener hereintritt.) Es
+ist wohl noch keiner von den Räten in dem Vorzimmer?
+
+
+Der Kammerdiener. Nein.
+
+Der Prinz. Ich habe zu früh Tag gemacht.--Der Morgen ist so schön.
+Ich will ausfahren. Marchese Marinelli soll mich begleiten. Laßt ihn
+rufen. (Der Kammerdiener geht ab.)--Ich kann doch nicht mehr arbeiten.
+--Ich war so ruhig, bild ich mir ein, so ruhig--Auf einmal muß eine
+arme Bruneschi Emilia heißen:--weg ist meine Ruhe, und alles!--Der
+Kammerdiener (welcher wieder hereintritt). Nach dem Marchese ist
+geschickt. Und hier, ein Brief von der Gräfin Orsina.
+
+Der Prinz. Der Orsina? Legt ihn hin.
+
+Der Kammerdiener. Ihr Läufer wartet.
+
+Der Prinz. Ich will die Antwort senden; wenn es einer bedarf.--Wo ist
+sie? In der Stadt? oder auf ihrer Villa?
+
+Der Kammerdiener. Sie ist gestern in die Stadt gekommen.
+
+Der Prinz. Desto schlimmer--besser, wollt' ich sagen. So braucht der
+Läufer um so weniger zu warten. (Der Kammerdiener geht ab.) Meine
+teure Gräfin! (Bitter, indem er den Brief in die Hand nimmt) So gut,
+als gelesen! (und ihn wieder wegwirft.)--Nun ja; ich habe sie zu
+lieben geglaubt! Was glaubt man nicht alles? Kann sein, ich habe sie
+auch wirklich geliebt. Aber--ich habe!
+
+Der Kammerdiener (der nochmals hereintritt). Der Maler Conti will die
+Gnade haben-Der Prinz. Conti? Recht wohl; laßt ihn hereinkommen.
+--Das wird mir andere Gedanken in den Kopf bringen. (Steht auf.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Conti. Der Prinz.
+
+
+Der Prinz. Guten Morgen, Conti. Wie leben Sie? Was macht die Kunst?
+
+Conti. Prinz, die Kunst geht nach Brot.
+
+Der Prinz. Das muß sie nicht; das soll sie nicht--in meinem kleinen
+Gebiete gewiß nicht.--Aber der Künstler muß auch arbeiten wollen.
+
+Conti. Arbeiten? Das ist seine Lust. Nur zu viel arbeiten müssen
+kann ihn um den Namen Künstler bringen.
+
+Der Prinz. Ich meine nicht vieles, sondern viel; ein weniges, aber
+mit Fleiß.--Sie kommen doch nicht leer, Conti?
+
+Conti. Ich bringe das Porträt, welches Sie mir befohlen haben,
+gnädiger Herr. Und bringe noch eines, welches Sie mir nicht befohlen:
+aber weil es gesehen zu werden verdient.
+
+Der Prinz. Jenes ist?--Kann ich mich doch kaum erinnern.
+
+Conti. Die Gräfin Orsina.
+
+Der Prinz. Wahr!--Der Auftrag ist nur ein wenig von lange her.
+
+Conti. Unsere schönen Damen sind nicht alle Tage zum Malen. Die
+Gräfin hat, seit drei Monaten, gerade einmal sich entschließen können
+zu sitzen.
+
+Der Prinz. Wo sind die Stücke?
+
+Conti. In dem Vorzimmer, ich hole sie.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Der Prinz. Ihr Bild!--mag!--Ihr Bild, ist sie doch nicht selber.--Und
+vielleicht find ich in dem Bilde wieder, was ich in der Person nicht
+mehr erblicke.--Ich will es aber nicht wiederfinden.--Der
+beschwerliche Maler! Ich glaube gar, sie hat ihn bestochen.--Wär' es
+auch! Wenn ihr ein anderes Bild, das mit andern Farben, auf einen
+andern Grund gemalet ist--in meinem Herzen wieder Platz machen will:
+--Wahrlich, ich glaube, ich wär' es zufrieden. Als ich dort liebte,
+war ich immer so leicht, so fröhlich, so ausgelassen.--Nun bin ich von
+allem das Gegenteil.--Doch nein; nein, nein! Behäglicher oder nicht
+behäglicher: ich bin so besser.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Der Prinz. Conti mit den Gemälden, wovon er das eine verwandt gegen
+einen Stuhl lehnet.
+
+
+Conti (indem er das andere zurechtstellet). Ich bitte, Prinz, daß Sie
+die Schranken unserer Kunst erwägen wollen. Vieles von dem
+Anzüglichsten der Schönheit liegt ganz außer den Grenzen derselben.
+--Treten Sie so!
+
+Der Prinz (nach einer kurzen Betrachtung).
+Vortrefflich, Conti--ganz vortrefflich!--Das gilt Ihrer Kunst, Ihrem
+Pinsel.--Aber geschmeichelt, Conti; ganz unendlich geschmeichelt!
+
+Conti. Das Original schien dieser Meinung nicht zu sein. Auch ist es
+in der Tat nicht mehr geschmeichelt, als die Kunst schmeicheln muß.
+Die Kunst muß malen, wie sich die plastische Natur--wenn es eine
+gibt--das Bild dachte: ohne den Abfall, welchen der widerstrebende
+Stoff unvermeidlich macht; ohne den Verderb, mit welchem die Zeit
+dagegen ankämpfet.
+
+Der Prinz. Der denkende Künstler ist noch eins soviel wert.--Aber das
+Original, sagen Sie, fand demungeachtet.
+
+Conti. Verzeihen Sie, Prinz.
+Das Original ist eine Person, die meine Ehrerbietung fodert. Ich habe
+nichts Nachteiliges von ihr äußern wollen.
+
+Der Prinz. Soviel als Ihnen beliebt!--Und was sagte das Original?
+
+Conti. Ich bin zufrieden, sagte die Gräfin, wenn ich nicht häßlicher
+aussehe.
+
+Der Prinz. Nicht häßlicher?--O das wahre Original!
+
+Conti. Und mit einer Miene sagte sie das--von der freilich dieses ihr
+Bild keine Spur, keinen Verdacht zeiget.
+
+Der Prinz. Das meint' ich ja; das ist es eben, worin ich die
+unendliche Schmeichelei finde.--Oh! ich kenne sie, jene stolze,
+höhnische Miene, die auch das Gesicht einer Grazie entstellen würde!
+--Ich leugne nicht, daß ein schöner Mund, der sich ein wenig spöttisch
+verziehet, nicht selten um so viel schöner ist. Aber, wohl gemerkt,
+ein wenig: die Verziehung muß nicht bis zur Grimasse gehen, wie bei
+dieser Gräfin. Und Augen müssen über den wollüstigen Spötter die
+Aufsicht führen--Augen, wie sie die gute Gräfin nun gerade gar nicht
+hat. Auch nicht einmal hier im Bilde hat.
+
+Conti. Gnädiger Herr, ich bin äußerst betroffen.
+
+Der Prinz. Und worüber? Alles, was die Kunst aus den großen,
+hervorragenden, stieren, starren Medusenaugen der Gräfin Gutes machen
+kann, das haben Sie, Conti, redlich daraus gemacht.--Redlich, sag ich?
+--Nicht so redlich, wäre redlicher. Denn sagen Sie selbst, Conti,
+läßt sich aus diesem Bilde wohl der Charakter der Person schließen?
+Und das sollte doch. Stolz haben Sie in Würde, Hohn in Lächeln,
+Ansatz zu trübsinniger Schwärmerei in sanfte Schwermut verwandelt.
+
+Conti (etwas ärgerlich). Ah, mein Prinz--wir Maler rechnen darauf,
+daß das fertige Bild den Liebhaber noch ebenso warm findet, als warm
+er es bestellte. Wir malen mit Augen der Liebe: und Augen der Liebe
+müßten uns auch nur beurteilen.
+
+Der Prinz. Je nun, Conti--warum kamen Sie nicht einen Monat früher
+damit?--Setzen Sie weg.--Was ist das andere Stück?
+
+Conti (indem er es holt und noch verkehrt in der Hand hält). Auch ein
+weibliches Porträt.
+
+Der Prinz. So möcht' ich es bald--lieber gar nicht sehen. Denn dem
+Ideal hier (mit dem Finger auf die Stirne)--oder vielmehr hier (mit
+dem Finger auf das Herz) kömmt es doch nicht bei.--Ich wünschte, Conti,
+Ihre Kunst in andern Vorwürfen zu bewundern.
+
+Conti. Eine bewundernswürdigere Kunst gibt es, aber sicherlich keinen
+bewundernswürdigern Gegenstand als diesen.
+
+Der Prinz. So wett ich, Conti, daß es des Künstlers eigene Gebieterin
+ist.--(Indem der Maler das Bild umwendet.) Was seh ich? Ihr Werk,
+Conti? oder das Werk meiner Phantasie?--Emilia Galotti!
+
+Conti. Wie, mein Prinz? Sie kennen diesen Engel?
+
+Der Prinz (indem er sich zu fassen sucht, aber ohne ein Auge von dem
+Bilde zu verwenden). So halb!--um sie eben wiederzukennen.--Es ist
+einige Wochen her, als ich sie mit ihrer Mutter in einer Vegghia traf.
+--Nachher ist sie mir nur an heiligen Stätten wieder vorgekommen--wo
+das Angaffen sich weniger ziemet.--Auch kenn ich ihren Vater. Er ist
+mein Freund nicht. Er war es, der sich meinen Ansprüchen auf
+Sabionetta am meisten widersetzte.--Ein alter Degen, stolz und rauh,
+sonst bieder und gut!
+
+Conti. Der Vater! Aber hier haben wir seine Tochter.
+
+Der Prinz. Bei Gott! wie aus dem Spiegel gestohlen! (Noch immer die
+Augen auf das Bild geheftet.) Oh, Sie wissen es ja wohl, Conti, daß
+man den Künstler dann erst recht lobt, wenn man über sein Werk sein
+Lob vergißt.
+
+Conti. Gleichwohl hat mich dieses noch sehr unzufrieden mit mir
+gelassen.--Und doch bin ich wiederum sehr zufrieden mit meiner
+Unzufriedenheit mit mir selbst.--Ha! daß wir nicht unmittelbar mit den
+Augen malen! Auf dem langen Wege, aus dem Auge durch den Arm in den
+Pinsel, wieviel geht da verloren!--Aber, wie ich sage, daß ich es weiß,
+was hier verlorengegangen und wie es verlorengegangen und warum es
+verlorengehen müssen: darauf bin ich ebenso stolz und stolzer, als ich
+auf alles das bin, was ich nicht verlorengehen lassen. Denn aus jenem
+erkenne ich, mehr als aus diesem, daß ich wirklich ein großer Maler
+bin, daß es aber meine Hand nur nicht immer ist.--Oder meinen Sie,
+Prinz, daß Raffael nicht das größte malerische Genie gewesen wäre,
+wenn er unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden? Meinen Sie,
+Prinz?
+
+Der Prinz (indem er nur eben von dem Bilde wegblickt). Was sagen Sie,
+Conti? Was wollen Sie wissen?
+
+Conti. O nichts, nichts!--Plauderei! Ihre Seele, merk ich, war ganz
+in Ihren Augen. Ich liebe solche Seelen und solche Augen.
+
+Der Prinz (mit einer erzwungenen Kälte). Also, Conti, rechnen Sie
+doch wirklich Emilia Galotti mit zu den vorzüglichsten Schönheiten
+unserer Stadt?
+
+Conti. Also? mit? mit zu den vorzüglichsten? und den vorzüglichsten
+unserer Stadt?--Sie spotten meiner, Prinz. Oder Sie sahen die ganze
+Zeit ebensowenig, als Sie hörten.
+
+Der Prinz. Lieber Conti--(die Augen wieder auf das Bild gerichtet,)
+wie darf unsereiner seinen Augen trauen? Eigentlich weiß doch nur
+allein ein Maler von der Schönheit zu urteilen.
+
+Conti. Und eines jeden Empfindung sollte erst auf den Ausspruch eines
+Malers warten?--Ins Kloster mit dem, der es von uns lernen will, was
+schön ist! Aber das muß ich Ihnen doch als Maler sagen, mein Prinz:
+eine von den größten Glückseligkeiten meines Lebens ist es, daß Emilia
+Galotti mir gesessen. Dieser Kopf, dieses Antlitz, diese Stirne,
+diese Augen, diese Nase, dieser Mund, dieses Kinn, dieser Hals, diese
+Brust, dieser Wuchs, dieser ganze Bau, sind, von der Zeit an, mein
+einziges Studium der weiblichen Schönheit.--Die Schilderei selbst,
+wovor sie gesessen, hat ihr abwesender Vater bekommen. Aber diese
+Kopie.
+
+Der Prinz (der sich schnell gegen ihn kehret). Nun, Conti? ist
+doch nicht schon versagt?
+
+Conti. Ist für Sie, Prinz, wenn Sie Geschmack daran finden.
+
+Der Prinz. Geschmack!--(Lächelnd.) Dieses Ihr Studium der weiblichen
+Schönheit, Conti, wie könnt' ich besser tun, als es auch zu dem
+meinigen zu machen?--Dort, jenes Porträt nehmen Sie nur wieder
+mit--einen Rahmen darum zu bestellen.
+
+Conti. Wohl!
+
+Der Prinz. So schön, so reich, als ihn der Schnitzer nur machen kann.
+Es soll in der Galerie aufgestellet werden.--Aber dieses bleibt hier.
+Mit einem Studio macht man soviel Umstände nicht: auch läßt man das
+nicht aufhängen, sondern hat es gern bei der Hand.--Ich danke Ihnen,
+Conti; ich danke Ihnen recht sehr.--Und wie gesagt: in meinem Gebiete
+soll die Kunst nicht nach Brot gehen--bis ich selbst keines habe.
+--Schicken Sie, Conti, zu meinem Schatzmeister, und lassen Sie, auf
+Ihre Quittung, für beide Porträte sich bezahlen--was Sie wollen.
+Soviel Sie wollen, Conti.
+
+Conti. Sollte ich doch nun bald fürchten, Prinz, daß Sie so noch
+etwas anders belohnen wollen als die Kunst.
+
+Der Prinz. O des eifersüchtigen Künstlers! Nicht doch!--Hören Sie,
+Conti; soviel Sie wollen. (Conti geht ab.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Der Prinz. Soviel er will!--(Gegen das Bild.) Dich hab ich für jeden
+Preis noch zu wohlfeil.--Ah! schönes Werk der Kunst, ist es wahr, daß
+ich dich besitze?--Wer dich auch besäße, schönres Meisterstück der
+Natur!--Was Sie dafür wollen, ehrliche Mutter! Was du willst, alter
+Murrkopf! Fodre nur! Fodert nur!--Am liebsten kauft' ich dich,
+Zauberin, von dir selbst!--Dieses Auge voll Liebreiz und
+Bescheidenheit! Dieser Mund!--Und wenn er sich zum Reden öffnet! wenn
+er lächelt! Dieser Mund!--Ich höre kommen.--Noch bin ich mit dir zu
+neidisch. (Indem er das Bild gegen die Wand drehet.) Es wird
+Marinelli sein. Hätt' ich ihn doch nicht rufen lassen! Was für einen
+Morgen könnt' ich haben!
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Marinelli. Der Prinz.
+
+
+Marinelli. Gnädiger Herr, Sie werden verzeihen.--Ich war mir eines so
+frühen Befehls nicht gewärtig.
+
+Der Prinz. Ich bekam Lust, auszufahren. Der Morgen war so schön.
+--Aber nun ist er ja wohl verstrichen; und die Lust ist mir vergangen.
+--(Nach einem kurzen Stillschweigen.) Was haben wir Neues, Marinelli?
+
+Marinelli. Nichts von Belang, das ich wüßte.--Die Gräfin Orsina ist
+gestern zur Stadt gekommen.
+
+Der Prinz. Hier liegt auch schon ihr guter Morgen (auf ihren Brief
+zeigend) oder was es sonst sein mag! Ich bin gar nicht neugierig
+darauf.--Sie haben sie gesprochen?
+
+Marinelli. Bin ich, leider, nicht ihr Vertrauter?--Aber, wenn ich es
+wieder von einer Dame werde, der es einkömmt, Sie in gutem Ernste zu
+lieben, Prinz: so.
+
+Der Prinz. Nichts verschworen, Marinelli!
+
+Marinelli. Ja? In der Tat, Prinz? Könnt' es doch kommen?--Oh! so
+mag die Gräfin auch so unrecht nicht haben.
+
+Der Prinz. Allerdings, sehr unrecht!--Meine nahe Vermählung mit der
+Prinzessin von Massa will durchaus, daß ich alle dergleichen Händel
+fürs erste abbreche.
+
+Marinelli. Wenn es nur das wäre: so müßte freilich Orsina sich in ihr
+Schicksal ebensowohl zu finden wissen als der Prinz in seines.
+
+Der Prinz. Das unstreitig härter ist als ihres. Mein Herz wird das
+Opfer eines elenden Staatsinteresse. Ihres darf sie nur zurücknehmen,
+aber nicht wider Willen verschenken.
+
+Marinelli. Zurücknehmen? Warum zurücknehmen? fragt die Gräfin: wenn
+es weiter nichts als eine Gemahlin ist, die dem Prinzen nicht die
+Liebe, sondern die Politik zuführet? Neben so einer Gemahlin sieht
+die Geliebte noch immer ihren Platz. Nicht so einer Gemahlin fürchtet
+sie aufgeopfert zu sein, sondern.
+
+Der Prinz. Einer neuen Geliebten. --Nun denn? Wollten Sie mir daraus
+ein Verbrechen machen, Marinelli?
+
+Marinelli. Ich?--Oh! vermengen Sie mich ja nicht, mein Prinz, mit der
+Närrin, deren Wort ich führe--aus Mitleid führe. Denn gestern,
+wahrlich, hat sie mich sonderbar gerühret. Sie wollte von ihrer
+Angelegenheit mit Ihnen gar nicht sprechen. Sie wollte sich ganz
+gelassen und kalt stellen. Aber mitten in dem gleichgültigsten
+Gespräche entfuhr ihr eine Wendung, eine Beziehung über die andere,
+die ihr gefoltertes Herz verriet. Mit dem lustigsten Wesen sagte sie
+die melancholischsten Dinge: und wiederum die lächerlichsten Possen
+mit der allertraurigsten Miene. Sie hat zu den Büchern ihre Zuflucht
+genommen; und ich fürchte, die werden ihr den Rest geben.
+
+Der Prinz. So wie sie ihrem armen Verstande auch den ersten Stoß
+gegeben.--Aber was mich vornehmlich mit von ihr entfernt hat, das
+wollen Sie doch nicht brauchen, Marinelli, mich wieder zu ihr
+zurückzubringen?--Wenn sie aus Liebe närrisch wird, so wäre sie es,
+früher oder später, auch ohne Liebe geworden--Und nun, genug von ihr.
+--Von etwas andern!--Geht denn gar nichts vor in der Stadt?
+
+Marinelli.
+So gut wie gar nichts.--Denn daß die Verbindung des Grafen Appiani
+heute vollzogen wird--ist nicht viel mehr als gar nichts.
+
+Der Prinz. Des Grafen Appiani? und mit wem denn?--Ich soll ja noch
+hören, daß er versprochen ist.
+
+Marinelli. Die Sache ist sehr geheimgehalten worden. Auch war nicht
+viel Aufhebens davon zu machen.--Sie werden lachen, Prinz.--Aber so
+geht es den Empfindsamen! Die Liebe spielet ihnen immer die
+schlimmsten Streiche. Ein Mädchen ohne Vermögen und ohne Rang hat ihn
+in ihre Schlinge zu ziehen gewußt--mit ein wenig Larve, aber mit
+vielem Prunke von Tugend und Gefühl und Witz--und was weiß ich?
+
+Der Prinz. Wer sich den Eindrücken, die Unschuld und Schönheit auf
+ihn machen, ohne weitere Rücksicht, so ganz überlassen darf--ich
+dächte, der wäre eher zu beneiden als zu belachen.--Und wie heißt denn
+die Glückliche? Denn bei alledem ist Appiani--ich weiß wohl, daß Sie,
+Marinelli, ihn nicht leiden können; ebensowenig als er Sie--, bei
+alledem ist er doch ein sehr würdiger junger Mann, ein schöner Mann,
+ein reicher Mann, ein Mann voller Ehre. Ich hätte sehr gewünscht, ihn
+mir verbinden zu können. Ich werde noch darauf denken.
+
+Marinelli. Wenn es nicht zu spät ist.--Denn soviel ich höre, ist sein
+Plan gar nicht, bei Hofe sein Glück zu machen.--Er will mit seiner
+Gebieterin nach seinen Tälern von Piemont--Gemsen zu jagen, auf den
+Alpen, und Murmeltiere abzurichten.--Was kann er Besseres tun? Hier
+ist es durch das Mißbündnis, welches er trifft, mit ihm doch aus. Der
+Zirkel der ersten Häuser ist ihm von nun an verschlossen.
+
+Der Prinz. Mit euren ersten Häusern!--in welchen das Zeremoniell, der
+Zwang, die Langeweile und nicht selten die Dürftigkeit herrschet.--Aber
+so nennen Sie mir sie doch, der er dieses so große Opfer bringt.
+
+Marinelli. Es ist eine gewisse Emilia Galotti.
+
+Der Prinz. Wie, Marinelli? eine gewisse.
+
+Marinelli. Emilia Galotti.
+
+Der Prinz. Emilia Galotti?--Nimmermehr!
+
+Marinelli. Zuverlässig, gnädiger Herr.
+
+Der Prinz. Nein, sag ich; das ist nicht, das kann nicht sein.--Sie
+irren sich in dem Namen.--Das Geschlecht der Galotti ist groß.--Eine
+Galotti kann es sein: aber nicht Emilia Galotti, nicht Emilia!
+
+Marinelli. Emilia--Emilia Galotti!
+
+Der Prinz. So gibt es noch eine, die beide Namen führt.--Sie sagten
+ohnedem, eine gewisse Emilia Galotti--eine gewisse. Von der rechten
+kann nur ein Narr so sprechen.
+
+Marinelli. Sie sind außer sich,
+gnädiger Herr.--Kennen Sie denn diese Emilia?
+
+Der Prinz. Ich habe zu fragen, Marinelli, nicht Er.--Emilia Galotti?
+Die Tochter des Obersten Galotti, bei Sabionetta?
+
+Marinelli. Ebendie.
+
+Der Prinz. Die hier in Guastalla mit ihrer Mutter wohnet?
+
+Marinelli. Ebendie.
+
+Der Prinz. Unfern der Kirche Allerheiligen?
+
+Marinelli. Ebendie.
+
+Der Prinz. Mit einem Worte--(Indem er nach dem Porträte springt und
+es dem Marinelli in die Hand gibt.) Da!--Diese? Diese Emilia
+Galotti?--Sprich dein verdammtes "Ebendie" noch einmal und stoß mir
+den Dolch ins Herz!
+
+Marinelli. Ebendie!
+
+Der Prinz. Henker!--Diese?--Diese Emilia Galotti wird heute.
+
+Marinelli.
+Gräfin Appiani!--(Hier reißt der Prinz dem Marinelli das Bild wieder
+aus der Hand und wirft es beiseite.) Die Trauung geschiehet in der
+Stille, auf dem Landgute des Vaters bei Sabionetta. Gegen Mittag
+fahren Mutter und Tochter, der Graf und vielleicht ein paar Freunde
+dahin ab.
+
+Der Prinz (der sich voll Verzweiflung in einen Stuhl wirft). So bin
+ich verloren!--So will ich nicht leben!
+
+Marinelli. Aber was ist Ihnen, gnädiger Herr?
+
+Der Prinz (der gegen ihn wieder aufspringt). Verräter!--was mir
+ist?--Nun ja, ich liebe sie; ich bete sie an. Mögt ihr es doch wissen!
+Mögt ihr es doch längst gewußt haben, alle ihr, denen ich der tollen
+Orsina schimpfliche Fesseln lieber ewig tragen sollte!--Nur daß Sie,
+Marinelli, der Sie so oft mich Ihrer innigsten Freundschaft
+versicherten--O ein Fürst hat keinen Freund! kann keinen Freund haben!
+--, daß Sie, Sie, so treulos, so hämisch mir bis auf diesen Augenblick
+die Gefahr verhehlen dürfen, die meiner Liebe drohte: wenn ich Ihnen
+jemals das vergebe--so werde mir meiner Sünden keine vergeben!
+
+Marinelli. Ich weiß kaum Worte zu finden, Prinz--wenn Sie mich auch
+dazu kommen ließen--, Ihnen mein Erstaunen zu bezeigen.--Sie lieben
+Emilia Galotti!--Schwur dann gegen Schwur: Wenn ich von dieser Liebe
+das geringste gewußt, das geringste vermutet habe, so möge weder Engel
+noch Heiliger von mir wissen!--Ebendas wollt' ich in die Seele der
+Orsina schwören. Ihr Verdacht schweift auf einer ganz andern Fährte.
+
+Der Prinz. So verzeihen Sie mir, Marinelli--(indem er sich ihm in die
+Arme wirft) und bedaueren Sie mich.
+
+Marinelli. Nun da, Prinz! Erkennen Sie da die Frucht Ihrer
+Zurückhaltung!--"Fürsten haben keinen Freund! können keinen Freund
+haben!"--Und die Ursache, wenn dem so ist?--Weil sie keinen haben
+wollen.--Heute beehren sie uns mit ihrem Vertrauen, teilen uns ihre
+geheimsten Wünsche mit, schließen uns ihre ganze Seele auf: und morgen
+sind wir ihnen wieder so fremd, als hätten sie nie ein Wort mit uns
+gewechselt.
+
+Der Prinz. Ah! Marinelli, wie konnt' ich Ihnen vertrauen, was ich
+mir selbst kaum gestehen wollte?
+
+Marinelli. Und also wohl noch weniger der Urheberin Ihrer Qual
+gestanden haben?
+
+Der Prinz. Ihr?--Alle meine Mühe ist vergebens gewesen, sie ein
+zweites Mal zu sprechen.
+
+Marinelli. Und das erstemal.
+
+Der Prinz.
+Sprach ich sie--Oh, ich komme von Sinnen! Und ich soll Ihnen noch
+lange erzählen?--Sie sehen mich einen Raub der Wellen: was fragen Sie
+viel, wie ich es geworden? Retten Sie mich, wenn Sie können: und
+fragen Sie dann.
+
+Marinelli. Retten? ist da viel zu retten?--Was Sie versäumt haben,
+gnädiger Herr, der Emilia Galotti zu bekennen, das bekennen Sie nun
+der Gräfin Appiani. Waren, die man aus der ersten Hand nicht haben
+kann, kauft man aus der zweiten:--und solche Waren nicht selten aus
+der zweiten um so viel wohlfeiler.
+
+Der Prinz. Ernsthaft, Marinelli, ernsthaft, oder--
+
+Marinelli. Freilich, auch um so viel schlechter.
+
+Der Prinz. Sie werden unverschämt!
+
+Marinelli. Und dazu will der Graf damit aus dem Lande.--Ja, so müßte
+man auf etwas anders denken.
+
+Der Prinz. Und auf was?--Liebster, bester Marinelli, denken Sie für
+mich. Was würden Sie tun, wenn Sie
+an meiner Stelle wären?
+
+Marinelli. Vor allen Dingen eine Kleinigkeit als eine Kleinigkeit
+ansehen--und mir sagen, daß ich nicht vergebens sein wolle, was ich
+bin--Herr!
+
+Der Prinz. Schmeicheln Sie mir nicht mit einer Gewalt, von der ich
+hier keinen Gebrauch absehe.--Heute, sagen Sie? schon heute?
+
+Marinelli. Erst heute--soll es geschehen. Und nur geschehenen Dingen
+ist nicht zu raten.--(Nach einer kurzen Überlegung.) Wollen Sie mir
+freie Hand lassen, Prinz? Wollen Sie alles genehmigen, was ich tue?
+
+Der Prinz. Alles, Marinelli, alles, was diesen Streich abwenden kann.
+
+Marinelli. So lassen Sie uns keine Zeit verlieren.--Aber bleiben Sie
+nicht in der Stadt. Fahren Sie sogleich nach Ihrem Lustschlosse, nach
+Dosalo. Der Weg nach Sabionetta geht da vorbei. Wenn es mir nicht
+gelingt, den Grafen augenblicklich zu entfernen: so denk ich--Doch,
+doch; ich glaube, er geht in diese Falle gewiß. Sie wollen, Prinz,
+wegen Ihrer Vermählung einen Gesandten nach Massa schicken? Lassen
+Sie den Grafen dieser Gesandte sein; mit dem Bedinge, daß er noch
+heute abreiset.--Verstehen Sie?
+
+Der Prinz. Vortrefflich!--Bringen Sie ihn zu mir heraus. Gehen Sie,
+eilen Sie. Ich werfe mich sogleich in den Wagen. (Marinelli geht ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Der Prinz. Sogleich! sogleich!--Wo blieb es?--(Sich nach dem Porträte
+umsehend.) Auf der Erde? das war zu arg! (Indem er es aufhebt.) Doch
+betrachten? betrachten mag ich dich fürs erste nicht mehr.--Warum
+sollt' ich mir den Pfeil noch tiefer in die Wunde drücken? (Setzt es
+beiseite)--Geschmachtet, geseufzet hab ich lange genug--länger als ich
+gesollt hätte: aber nichts getan! und über die zärtliche Untätigkeit
+bei einem Haar alles verloren!--Und wenn nun doch alles verloren wäre?
+Wenn Marinelli nichts ausrichtete?--Warum will ich mich auch auf ihn
+allein verlassen? Es fällt mir ein--um diese Stunde (nach der Uhr
+sehend), um diese nämliche Stunde pflegt das fromme Mädchen alle
+Morgen bei den Dominikanern die Messe zu hören.--Wie, wenn ich sie da
+zu sprechen suchte?--Doch heute, heut an ihrem Hochzeittage--heute
+werden ihr andere Dinge am Herzen liegen als die Messe.--Indes, wer
+weiß?--Es ist ein Gang.--(Er klingelt, und indem er einige von den
+Papieren auf dem Tische hastig zusammenrafft, tritt der Kammerdiener
+herein.) Laßt vorfahren!--Ist noch keiner von den Räten da?
+
+
+Der Kammerdiener. Camillo Rota.
+
+Der Prinz. Er soll hereinkommen. (Der Kammerdiener geht ab.) Nur
+aufhalten muß er mich nicht wollen. Dasmal nicht!--Ich stehe gern
+seinen Bedenklichkeiten ein andermal um so viel länger zu Diensten.
+--Da war ja noch die Bittschrift einer Emilia Bruneschi.--(Sie suchend.)
+Die ist's.--Aber, gute Bruneschi, wo deine Vorsprecherin Achter
+Auftritt
+
+Camillo Rota, Schriften in der Hand. Der Prinz.
+
+Der Prinz. Kommen Sie, Rota, kommen Sie.--Hier ist, was ich diesen
+Morgen erbrochen. Nicht viel Tröstliches!--Sie werden von selbst
+sehen, was darauf zu verfügen.--Nehmen Sie nur.
+
+Camillo Rota. Gut, gnädiger Herr.
+
+Der Prinz. Noch ist hier eine Bittschrift einer Emilia Galot..
+Bruneschi will ich sagen.--Ich habe meine Bewilligung zwar schon
+beigeschrieben. Aber doch--die Sache ist keine Kleinigkeit.--Lassen
+Sie die Ausfertigung noch anstehen.--Oder auch nicht anstehen: wie
+Sie wollen.
+
+Camillo Rota. Nicht wie ich will, gnädiger Herr.
+
+Der Prinz. Was ist sonst? Etwas zu unterschreiben?
+
+Camillo Rota. Ein Todesurteil wäre zu unterschreiben.
+
+Der Prinz. Recht gern.--Nur her! geschwind.
+
+Camillo Rota (stutzig und den Prinzen starr ansehend). Ein
+Todesurteil--sagt' ich.
+
+Der Prinz. Ich höre ja wohl.--Es könnte schon geschehen sein. Ich
+bin eilig.
+
+Camillo Rota (seine Schriften nachsehend). Nun hab ich es doch wohl
+nicht mitgenommen!--Verzeihen Sie, gnädiger Herr.--Es kann Anstand
+damit haben bis morgen.
+
+Der Prinz. Auch das!--Packen Sie nur zusammen; ich muß fort--Morgen,
+Rota, ein Mehres! (Geht ab.)
+
+Camillo Rota (den Kopf schüttelnd, indem er die Papiere zu sich nimmt
+und abgeht). Recht gern?--Ein Todesurteil recht gern?--Ich hätt' es
+ihn in diesem Augenblicke nicht mögen unterschreiben lassen, und wenn
+es den Mörder meines einzigen Sohnes betroffen hätte.--Recht gern!
+Recht gern!--Es geht mir durch die Seele dieses gräßliche Recht gern!
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+Die Szene: ein Saal in dem Hause der Galotti.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Claudia Galotti. Pirro.
+
+
+Claudia (im Heraustreten zu Pirro, der von der andern Seite
+hereintritt). Wer sprengte da in den Hof?
+
+Pirro. Unser Herr, gnädige Frau.
+
+Claudia. Mein Gemahl? Ist es möglich?
+
+Pirro. Er folgt mir auf dem Fuße.
+
+Claudia. So unvermutet?--(Ihm entgegeneilend.) Ach! mein Bester!
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Odoardo Galotti und die Vorigen.
+
+
+Odoardo. Guten Morgen, meine Liebe!--Nicht wahr, das heißt
+überraschen?
+
+Claudia. Und auf die angenehmste Art!--Wenn es anders
+nur eine Überraschung sein soll.
+
+Odoardo. Nichts weiter! Sei unbesorgt.--Das Glück des heutigen Tages
+weckte mich so früh; der Morgen war so schön; der Weg ist so kurz; ich
+vermutete euch hier so geschäftig--Wie leicht vergessen sie etwas,
+fiel mir ein.--Mit einem Worte: ich komme, und sehe, und kehre
+sogleich wieder zurück.--Wo ist Emilia? Unstreitig beschäftigt mit
+dem Putze?
+
+Claudia. Ihrer Seele!--Sie ist in der Messe.--"Ich habe
+heute, mehr als jeden andern Tag, Gnade von oben zu erflehen", sagte
+sie und ließ alles liegen und nahm ihren Schleier und eilte.
+
+Odoardo.
+Ganz allein?
+
+Claudia. Die wenigen Schritte
+
+Odoardo. Einer ist genug zu einem Fehltritt!
+
+Claudia. Zürnen Sie nicht, mein Bester; und kommen Sie
+herein--einen Augenblick auszuruhen und, wann Sie wollen, eine
+Erfrischung zu nehmen.
+
+Odoardo. Wie du meinest, Claudia.--Aber sie sollte nicht allein
+gegangen sein.
+
+Claudia. Und Ihr, Pirro, bleibt hier in dem Vorzimmer,
+alle Besuche auf heute zu verbitten.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Pirro und bald darauf Angelo.
+
+
+Pirro. Die sich nur aus Neugierde melden lassen.--Was bin ich seit
+einer Stunde nicht alles ausgefragt worden!--Und wer kömmt da?
+
+Angelo (noch halb hinter der Szene, in einem kurzen Mantel, den er
+über das Gesicht gezogen, den Hut in die Stirne). Pirro!--Pirro!
+
+Pirro. Ein Bekannter?--(Indem Angelo vollends hereintritt und den
+Mantel auseinanderschlägt.) Himmel! Angelo?--Du?
+
+Angelo. Wie du siehst.--Ich bin lange genug um das Haus herumgegangen,
+dich zu sprechen.--Auf ein Wort!
+
+Pirro. Und du wagst es, wieder ans Licht zu kommen?--Du bist seit
+deiner letzten Mordtat vogelfrei erkläret; auf deinen Kopf steht eine
+Belohnung.
+
+Angelo. Die doch du nicht wirst verdienen wollen?
+
+Pirro. Was willst du?--Ich bitte dich, mache mich nicht unglücklich.
+
+Angelo. Damit etwa? (Ihm einen Beutel mit Gelde zeigend.)--Nimm! Es
+gehöret dir!
+
+Pirro. Mir?
+
+Angelo. Hast du vergessen? Der Deutsche, dein voriger Herr.
+
+Pirro. Schweig davon!
+
+Angelo. Den du uns, auf dem Wege nach Pisa, in die Falle
+führtest.
+
+Pirro. Wenn uns jemand hörte!
+
+Angelo. Hatte ja die Güte, uns auch einen kostbaren Ring zu
+hinterlassen.--Weißt du nicht?--Er war zu kostbar, der Ring, als daß
+wir ihn sogleich ohne Verdacht hätten zu Gelde machen können. Endlich
+ist mir es damit gelungen. Ich habe hundert Pistolen dafür erhalten,
+und das ist dein Anteil. Nimm!
+
+Pirro. Ich mag nichts--behalt alles.
+
+Angelo. Meinetwegen!--wenn es dir gleichviel ist, wie hoch du deinen
+Kopf feil trägst--(Als ob er den Beutel wieder einstecken wollte.)
+
+Pirro. So gib nur! (Nimmt ihn.)--Und was nun? Denn daß du bloß
+deswegen mich aufgesucht haben solltest.
+
+Angelo. Das kömmt dir nicht
+so recht glaublich vor?--Halunke! Was denkst du von uns?--daß wir
+fähig sind, jemand seinen Verdienst vorzuenthalten? Das mag unter den
+sogenannten ehrlichen Leuten Mode sein: unter uns nicht.--Leb wohl!
+--(Tut, als ob er gehen wollte, und kehrt wieder um.) Eins muß ich
+doch fragen.--Da kam ja der alte Galotti so ganz allein in die Stadt
+gesprengt. Was will der?
+
+Pirro. Nichts will er; ein bloßer Spazierritt. Seine Tochter wird
+heut abend auf dem Gute, von dem er herkömmt, dem Grafen Appiani
+angetrauet. Er kann die Zeit nicht erwarten.
+
+Angelo. Und reitet bald wieder hinaus?
+
+Pirro. So bald, daß er dich hier trifft, wo du noch lange verziehest.
+--Aber du hast doch keinen Anschlag auf ihn? Nimm dich in acht. Er
+ist ein Mann.
+
+Angelo. Kenn ich ihn nicht? Hab ich nicht unter ihm
+gedienet?--Wenn darum bei ihm nur viel zu holen wäre!--Wenn fahren die
+junge Leute nach?
+
+Pirro. Gegen Mittag.
+
+Angelo. Mit viel Begleitung?
+
+Pirro. In einem einzigen Wagen.--die Mutter, die Tochter und der Graf.
+Ein paar Freunde kommen aus Sabionetta als Zeugen.
+
+Angelo. Und Bediente?
+
+Pirro. Nur zwei; außer mir, der ich zu Pferde voraufreiten soll.
+
+Angelo. Das ist gut.--Noch eins: wessen ist die Equipage? Ist es
+eure? oder des Grafen?
+
+Pirro. Des Grafen.
+
+Angelo. Schlimm! Da ist noch ein Vorreiter, außer einem handfesten
+Kutscher. Doch!
+
+Pirro. Ich erstaune. Aber was willst du?--Das
+bißchen Schmuck, das die Braut etwa haben dürfte, wird schwerlich der
+Mühe lohnen.
+
+Angelo. So lohnt ihrer die Braut selbst!
+
+Pirro. Und auch bei diesem Verbrechen soll ich dein Mitschuldiger
+sein?
+
+Angelo. Du reitest vorauf. Reite doch, reite! und kehre dich an
+nichts!
+
+Pirro. Nimmermehr!
+
+Angelo. Wie? ich glaube gar, du willst den Gewissenhaften spielen.
+Bursche! ich denke, du kennst mich.--Wo du plauderst! Wo sich ein
+einziger Umstand anders findet, als du mir ihn angegeben!--Pirro. Aber,
+Angelo, um des Himmels willen!
+
+Angelo. Tu, was du nicht lassen
+kannst! (Geht ab.)
+
+Pirro. Ha! Laß dich den Teufel bei einem Haare fassen, und du bist
+sein auf ewig! Ich Unglücklicher!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Odoardo und Claudia Galotti. Pirro.
+
+
+Odoardo. Sie bleibt mir zu lang aus.
+
+Claudia. Noch einen Augenblick,
+Odoardo! Es würde sie schmerzen, deines Anblicks so zu verfehlen.
+
+Odoardo. Ich muß auch bei dem Grafen noch einsprechen. Kaum kann
+ich's erwarten, diesen würdigen jungen Mann meinen Sohn zu nennen.
+Alles entzückt mich an ihm. Und vor allem der Entschluß, in seinen
+väterlichen Tälern sich selbst zu leben.
+
+Claudia.--Das Herz bricht mir, wenn ich hieran gedenke.--So ganz
+sollen wir sie verlieren, diese einzige, geliebte Tochter?
+
+Odoardo. Was nennst du, sie verlieren? Sie in den Armen der Liebe zu
+wissen? Vermenge dein Vergnügen an ihr nicht mit ihrem Glücke.--Du
+möchtest meinen alten Argwohn erneuern:--daß es mehr das Geräusch und
+die Zerstreuung der Welt, mehr die Nähe des Hofes war als die
+Notwendigkeit, unserer Tochter eine anständige Erziehung zu geben, was
+dich bewog, hier in der Stadt mit ihr zu bleiben--fern von einem Manne
+und Vater, der euch so herzlich liebet.
+
+Claudia. Wie ungerecht, Odoardo! Aber laß mich heute nur ein
+einziges Wort für diese Stadt, für diese Nähe des Hofes sprechen, die
+deiner strengen Tugend so verhaßt sind.--Hier, nur hier konnte die
+Liebe zusammenbringen, was füreinander geschaffen war. Hier nur
+konnte der Graf Emilien finden; und fand sie.
+
+Odoardo. Das räum ich ein. Aber, gute Claudia, hattest du darum
+recht, weil dir der Ausgang recht gibt?--Gut, daß es mit dieser
+Stadterziehung so abgelaufen! Laß uns nicht weise sein wollen, wo wir
+nichts als glücklich gewesen! Gut, daß es so damit abgelaufen!--Nun
+haben sie sich gefunden, die füreinander bestimmt waren: nun laß sie
+ziehen, wohin Unschuld und Ruhe sie rufen.--Was sollte der Graf hier?
+Sich bücken, schmeicheln und kriechen und die Marinellis auszustechen
+suchen? um endlich ein Glück zu machen, dessen er nicht bedarf? um
+endlich einer Ehre gewürdiget zu werden, die für ihn keine
+wäre?--Pirro!
+
+Pirro. Hier bin ich.
+
+Odoardo. Geh und führe mein Pferd vor das Haus des Grafen. Ich komme
+nach und will mich da wieder aufsetzen. (Pirro geht ab.)--Warum soll
+der Graf hier dienen, wenn er dort selbst befehlen kann?--Dazu
+bedenkest du nicht, Claudia, daß durch unsere Tochter er es vollends
+mit dem Prinzen verderbt. Der Prinz haßt mich.
+
+Claudia. Vielleicht weniger, als du besorgest.
+
+Odoardo. Besorgest! Ich besorg auch so was!
+
+Claudia. Denn hab ich dir schon gesagt, daß der Prinz unsere Tochter
+gesehen hat?
+
+Odoardo. Der Prinz? Und wo das?
+
+Claudia. In der letzten Vegghia, bei dem Kanzler Grimaldi, die er mit
+seiner Gegenwart beehrte. Er bezeigte sich gegen sie so gnädig.
+
+Odoardo. So gnädig?
+
+Claudia. Er unterhielt sich mit ihr so lange.
+
+Odoardo. Unterhielt sich mit ihr?
+
+Claudia. Schien von ihrer Munterkeit und ihrem Witze so
+bezaubert.
+
+Odoardo. So bezaubert?
+
+Claudia. Hat von ihrer Schönheit
+mit so vielen Lobeserhebungen gesprochen.
+
+Odoardo. Lobeserhebungen?
+Und das alles erzählst du mir in einem Tone der Entzückung? O Claudia!
+eitle, törichte Mutter!
+
+Claudia. Wieso?
+
+Odoardo. Nun gut, nun gut! Auch das ist so abgelaufen.--Ha! wenn ich
+mir einbilde--Das gerade wäre der Ort, wo ich am tödlichsten zu
+verwunden bin!--Ein Wollüstling, der bewundert, begehrt.--Claudia!
+Claudia! der bloße Gedanke setzt mich in Wut.--Du hättest mir das
+sogleich sollen gemeldet haben.--Doch, ich möchte dir heute nicht gern
+etwas Unangenehmes sagen. Und ich würde (indem sie ihn bei der Hand
+ergreift), wenn ich länger bliebe.--Drum laß mich! laß mich!--Gott
+befohlen, Claudia!--Kommt glücklich nach!
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+
+Claudia Galotti. Welch ein Mann!--Oh, der rauhen Tugend!--wenn anders
+sie diesen Namen verdienet.--Alles scheint ihr verdächtig, alles
+strafbar!--Oder, wenn das die Menschen kennen heißt:--wer sollte sich
+wünschen, sie zu kennen?--Wo bleibt aber auch Emilia?--Er ist des
+Vaters Feind: folglich--folglich, wenn er ein Auge für die Tochter hat,
+so ist es einzig, um ihn zu beschimpfen?
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+
+Emilia und Claudia Galotti.
+
+Emilia (stürzet in einer ängstlichen Verwirrung herein). Wohl mir!
+wohl mir!--Nun bin ich in Sicherheit. Oder ist er mir gar gefolgt?
+(Indem sie den Schleier zurückwirft und ihre Mutter erblicket.) Ist er,
+meine Mutter? ist er? Nein, dem Himmel sei Dank!
+
+Claudia. Was ist dir, meine Tochter? was ist dir?
+
+Emilia. Nichts, nichts.
+
+Claudia. Und blickest so wild um dich? Und zitterst an jedem Gliede?
+
+Emilia. Was hab ich hören müssen? Und wo, wo hab ich es hören müssen?
+
+Claudia. Ich habe dich in der Kirche geglaubt.
+
+Emilia. Eben da! Was
+ist dem Laster Kirch' und Altar?--Ach, meine Mutter! (Sich ihr in die
+Arme werfend.)
+
+Claudia. Rede, meine Tochter!--Mach meiner Furcht ein Ende.--Was kann
+dir da, an heiliger Stätte, so Schlimmes begegnet sein?
+
+Emilia. Nie hätte meine Andacht inniger, brünstiger sein sollen als
+heute: nie ist sie weniger gewesen, was sie sein sollte.
+
+Claudia. Wir sind Menschen, Emilia. Die Gabe zu beten ist nicht
+immer in unserer Gewalt. Dem Himmel ist beten wollen auch beten.
+
+Emilia. Und sündigen wollen auch sündigen.
+
+Claudia. Das hat meine Emilia nicht wollen!
+
+Emilia. Nein, meine Mutter; so tief ließ mich die Gnade nicht sinken.
+--Aber daß fremdes Laster uns, wider unsern Willen, zu Mitschuldigen
+machen kann!
+
+Claudia. Fasse dich!--Sammle deine Gedanken, soviel dir möglich.--Sag
+es mir mit eins, was dir geschehen.
+
+Emilia. Eben hatt' ich mich--weiter von dem Altare, als ich sonst
+pflege--denn ich kam zu spät--, auf meine Knie gelassen. Eben fing
+ich an, mein Herz zu erheben: als dicht hinter mir etwas seinen Platz
+nahm. So dicht hinter mir!--Ich konnte weder vor noch zur Seite
+rücken--so gern ich auch wollte; aus Furcht, daß eines andern Andacht
+mich in meiner stören möchte.--Andacht! das war das Schlimmste, was
+ich besorgte.--Aber es währte nicht lange, so hört' ich, ganz nah an
+meinem Ohre--nach einem tiefen Seufzer--nicht den Namen einer
+Heiligen--den Namen--zürnen Sie nicht, meine Mutter--den Namen Ihrer
+Tochter!--Meinen Namen!--O daß laute Donner mich verhindert hätten,
+mehr zu hören!--Es sprach von Schönheit, von Liebe--Es klagte, daß
+dieser Tag, welcher mein Glück mache--wenn er es anders mache--sein
+Unglück auf immer entscheide.--Es beschwor mich--hören mußt' ich dies
+alles. Aber ich blickte nicht um; ich wollte tun, als ob ich es nicht
+hörte.--Was konnt' ich sonst?--Meinen guten Engel bitten, mich mit
+Taubheit zu schlagen; und wann auch, wenn auch auf immer!--Das bat ich;
+das war das einzige, was ich beten konnte.--Endlich ward es Zeit,
+mich wieder zu erheben. Das heilige Amt ging zu Ende. Ich zitterte,
+mich umzukehren. Ich zitterte, ihn zu erblicken, der sich den Frevel
+erlauben dürfen. Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte.
+
+Claudia. Wen, meine Tochter?
+
+Emilia. Raten Sie, meine Mutter, raten Sie--Ich glaubte in die Erde
+zu sinken--Ihn selbst.
+
+Claudia. Wen, ihn selbst?
+
+Emilia. Den Prinzen.
+
+Claudia. Den Prinzen!--O gesegnet sei die Ungeduld deines Vaters, der
+eben hier war und dich nicht erwarten wollte!
+
+Emilia. Mein Vater hier?--und wollte mich nicht erwarten?
+
+Claudia. Wenn du in deiner Verwirrung auch ihn das hättest hören
+lassen!
+
+Emilia. Nun, meine Mutter?--Was hätt' er an mir Strafbares finden
+können?
+
+Claudia. Nichts; ebensowenig als an mir. Und doch, doch--Ha, du
+kennest deinen Vater nicht! In seinem Zorne hätt' er den unschuldigen
+Gegenstand des Verbrechens mit dem Verbrecher verwechselt. In seiner
+Wut hätt' ich ihm geschienen, das veranlaßt zu haben, was ich weder
+verhindern noch vorhersehen können.--Aber weiter, meine Tochter,
+weiter! Als du den Prinzen erkanntest--Ich will hoffen, daß du deiner
+mächtig genug warest, ihm in einem Blicke alle die Verachtung zu
+bezeigen, die er verdienst.
+
+Emilia. Das war ich nicht, meine Mutter! Nach dem Blicke, mit dem
+ich ihn erkannte, hatt' ich nicht das Herz, einen zweiten auf ihn zu
+richten. Ich floh--Claudia. Und der Prinz dir nach--Emilia. Was ich
+nicht wußte, bis ich in der Halle mich bei der Hand ergriffen fühlte.
+Und von ihm! Aus Scham mußt' ich standhalten: mich von ihm
+loszuwinden würde die Vorbeigehenden zu aufmerksam auf uns gemacht
+haben. Das war die einzige Überlegung, deren ich fähig war--oder
+deren ich nun mich wieder erinnere. Er sprach; und ich hab ihm
+geantwortet. Aber was er sprach, was ich ihm geantwortet--fällt mir
+es noch bei, so ist es gut, so will ich es Ihnen sagen, meine Mutter.
+Jetzt weiß ich von dem allen nichts. Meine Sinne hatten mich
+verlassen.--Umsonst denk ich nach, wie ich von ihm weg und aus der
+Halle gekommen. Ich finde mich erst auf der Straße wieder, und höre
+ihn hinter mir herkommen, und höre ihn mit mir zugleich in das Haus
+treten, mit mir die Treppe hinaufsteigen.
+
+Claudia. Die Furcht hat
+ihren besondern Sinn, meine Tochter! Ich werde es nie vergessen, mit
+welcher Gebärde du hereinstürztest.--Nein, so weit durfte er nicht
+wagen, dir zu folgen.--Gott! Gott! wenn dein Vater das wüßte!--Wie
+wild er schon war, als er nur hörte, daß der Prinz dich jüngst nicht
+ohne Mißfallen gesehen!--Indes, sei ruhig, meine Tochter! Nimm es für
+einen Traum, was dir begegnet ist. Auch wird es noch weniger Folgen
+haben als ein Traum. Du entgehest heute mit eins allen Nachstellungen.
+
+Emilia. Aber, nicht, meine Mutter? Der Graf muß das wissen. Ihm muß
+ich es sagen.
+
+Claudia. Um alle Welt nicht!--Wozu? warum? Willst du für nichts und
+wieder für nichts ihn unruhig machen? Und wann er es auch itzt nicht
+würde: wisse, mein Kind, daß ein Gift, welches nicht gleich wirket,
+darum kein minder gefährliches Gift ist. Was auf den Liebhaber keinen
+Eindruck macht, kann ihn auf den Gemahl machen. Den Liebhaber könnt'
+es sogar schmeicheln, einem so wichtigen Mitbewerber den Rang
+abzulaufen. Aber wenn er ihm den nun einmal abgelaufen hat: ah! mein
+Kind--so wird aus dem Liebhaber oft ein ganz anderes Geschöpf. Dein
+gutes Gestirn behüte dich vor dieser Erfahrung.
+
+Emilia. Sie wissen, meine Mutter, wie gern ich Ihren bessern
+Einsichten mich in allem unterwerfe.--Aber, wenn er es von einem
+andern erführe, daß der Prinz mich heute gesprochen? Würde mein
+Verschweigen nicht, früh oder spät, seine Unruhe vermehren?--Ich
+dächte doch, ich behielte lieber vor ihm nichts auf dem Herzen.
+
+Claudia. Schwachheit! verliebte Schwachheit!--Nein, durchaus nicht,
+meine Tochter! Sag ihm nichts. Laß ihn nichts merken!
+
+Emilia. Nun ja, meine Mutter! Ich habe keinen Willen gegen den
+Ihrigen.--Aha! (Mit einem tiefen Atemzuge.) Auch wird mir wieder ganz
+leicht.--Was für ein albernes, furchtsames Ding ich bin!--Nicht, meine
+Mutter?--Ich hätte mich noch wohl anders dabei nehmen können und würde
+mir ebensowenig vergeben haben.
+
+Claudia. Ich wollte dir das nicht sagen, meine Tochter, bevor dir es
+dein eigner gesunder Verstand sagte. Und ich wußte, er wurde dir es
+sagen, sobald du wieder zu dir selbst gekommen.--Der Prinz ist galant.
+Du bist die unbedeutende Sprache der Galanterie zu wenig gewohnt.
+Eine Höflichkeit wird in ihr zur Empfindung, eine Schmeichelei zur
+Beteurung, ein Einfall zum Wunsche, ein Wunsch zum Vorsatze. Nichts
+klingt in dieser Sprache wie alles, und alles ist in ihr so viel als
+nichts.
+
+Emilia. O meine Mutter!--so müßte ich mir mit meiner Furcht vollends
+lächerlich vorkommen!--Nun soll er gewiß nichts davon erfahren, mein
+guter Appiani! Er könnte mich leicht für mehr eitel als tugendhaft
+halten.--Hui! daß er da selbst kömmt! Es ist sein Gang.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Graf Appiani. Die Vorigen.
+
+
+Appiani (tritt tiefsinnig, mit vor sich hin geschlagenen Augen herein
+und kömmt näher, ohne sie zu erblicken; bis Emilia ihm entgegenspringt).
+Ah, meine Teuerste!--Ich war mir Sie in dem Vorzimmer nicht vermutend.
+
+Emilia. Ich wünschte Sie heiter, Herr Graf, auch wo Sie mich nicht
+vermuten.--So feierlich? so ernsthaft?--Ist dieser Tag keiner
+freudigern Aufwallung wert?
+
+Appiani. Er ist mehr wert als mein ganzes Leben. Aber schwanger mit
+so viel Glückseligkeit für mich--mag es wohl diese Glückseligkeit
+selbst sein, die mich so ernst, die mich, wie Sie es nennen, mein
+Fräulein, so feierlich macht.--(Indem er die Mutter erblickt.) Ha!
+auch Sie hier, meine gnädige Frau!--nun bald mir mit einem innigern
+Namen zu verehrende!
+
+Claudia. Der mein größter Stolz sein wird!--Wie glücklich bist du,
+meine Emilia!--Warum hat dein Vater unsere Entzückung nicht teilen
+wollen?
+
+Appiani. Eben habe ich mich aus seinen Armen gerissen:--oder vielmehr,
+er sich aus meinen.--Welch ein Mann, meine Emilia, Ihr Vater! Das
+Muster aller männlichen Tugend! Zu was für Gesinnungen erhebt sich
+meine Seele in seiner Gegenwart! Nie ist mein Entschluß, immer gut,
+immer edel zu sein, lebendiger, als wenn ich ihn sehe--wenn ich ihn
+mir denke. Und womit sonst als mit der Erfüllung dieses Entschlusses
+kann ich mich der Ehre würdig machen, sein Sohn zu heißen--der Ihrige
+zu sein, meine Emilia?
+
+Emilia. Und er wollte mich nicht erwarten!
+
+Appiani. Ich urteile, weil ihn seine Emilia, für diesen
+augenblicklichen Besuch, zu sehr erschüttert, zu sehr sich seiner
+ganzen Seele bemächtiget hätte.
+
+Claudia. Er glaubte dich mit deinem Brautschmucke beschäftiget zu
+finden und hörte.
+
+Appiani. Was ich mit der zärtlichsten Bewunderung
+wieder von ihm gehört habe.--So recht, meine Emilia! Ich werde eine
+fromme Frau an Ihnen haben, und die nicht stolz auf ihre Frömmigkeit
+ist.
+
+Claudia. Aber, meine Kinder, eines tun und das andere nicht lassen!
+--Nun ist es hohe Zeit; nun mach, Emilia!
+
+Appiani. Was? meine gnädige Frau.
+
+Claudia. Sie wollen sie doch nicht so, Herr Graf--so wie sie da ist,
+zum Altare führen?
+
+Appiani. Wahrlich, das werd ich nun erst gewahr.--Wer kann Sie sehen,
+Emilia, und auch auf Ihren Putz achten?--Und warum nicht so, so wie
+sie da ist?
+
+Emilia. Nein, mein lieber Graf, nicht so; nicht ganz so. Aber auch
+nicht viel prächtiger, nicht viel.--Husch, husch, und ich bin fertig!
+--Nichts, gar nichts von dem Geschmeide, dem letzten Geschenke Ihrer
+verschwenderischen Großmut! Nichts, gar nichts, was sich nur zu
+solchem Geschmeide schickte!--Ich könnte ihm gram sein, diesem
+Geschmeide, wenn es nicht von Ihnen wäre. Denn dreimal hat mir von
+ihm geträumt.
+
+Claudia. Nun! davon weiß ich ja nichts.
+
+Emilia. Als ob ich es trüge, und als ob plötzlich sich jeder Stein
+desselben in eine Perle verwandele.--Perlen aber, meine Mutter, Perlen
+bedeuten Tränen.
+
+Claudia. Kind!--Die Bedeutung ist träumerischer als der Traum.
+--Warest du nicht von jeher eine größere Liebhaberin von Perlen als
+von Steinen?--Emilia. Freilich, meine Mutter, freilich.
+
+Appiani (nachdenkend und schwermütig). Bedeuten Tränen--bedeuten Tränen!
+
+Emilia. Wie? Ihnen fällt das auf? Ihnen?
+
+Appiani. Jawohl, ich sollte mich schämen.--Aber, wenn die
+Einbildungskraft einmal zu traurigen Bildern gestimmt ist.
+
+Emilia.
+Warum ist sie das auch?--Und was meinen Sie, das ich mir ausgedacht
+habe?--Was trug ich, wie sah ich, als ich Ihnen zuerst gefiel?--Wissen
+Sie es noch?
+
+Appiani. Ob ich es noch weiß? Ich sehe Sie in Gedanken nie anders
+als so; und sehe Sie so, auch wenn ich Sie nicht so sehe.
+
+Emilia. Also, ein Kleid von der nämlichen Farbe, von dem nämlichen
+Schnitte; fliegend und frei.
+
+Appiani. Vortrefflich!
+
+Emilia. Und das Haar.
+
+Appiani. In seinem eignen braunen Glanze; in
+Locken, wie sie die Natur schlug.
+
+Emilia. Die Rose darin nicht zu
+vergessen! Recht! recht!--Eine kleine Geduld, und ich stehe so vor
+Ihnen da!
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Graf Appiani. Claudia Galotti.
+
+
+Appiani (indem er ihr mit einer niedergeschlagenen Miene nachsieht).
+Perlen bedeuten Tränen!--Eine kleine Geduld!--Ja, wenn die Zeit nur
+außer uns wäre!--Wenn eine Minute am Zeiger sich in uns nicht in Jahre
+ausdehnen könnte!
+
+Claudia. Emiliens Beobachtung, Herr Graf, war so
+schnell als richtig. Sie sind heut ernster als gewöhnlich. Nur noch
+einen Schritt von dem Ziele Ihrer Wünsche--sollt' es Sie reuen, Herr
+Graf, daß es das Ziel Ihrer Wünsche gewesen?
+
+Appiani. Ah, meine Mutter, und Sie können das von Ihrem Sohne
+argwöhnen?--Aber, es ist wahr; ich bin heut ungewöhnlich trübe und
+finster.--Nur sehen Sie, gnädig Frau:--noch einen Schritt vom Ziele
+oder noch gar nicht ausgelaufen sein, ist im Grunde eines.--Alles was
+ich sehe, alles was ich höre, alles was ich träume, prediget mir seit
+gestern und ehegestern diese Wahrheit. Dieser eine Gedanke kettet
+sich an jeden andern, den ich haben muß und haben will.--Was ist das?
+Ich versteh es nicht.
+
+Claudia. Sie machen mich unruhig, Herr
+Graf.
+
+Appiani. Eines kömmt dann zum andern!--Ich bin ärgerlich;
+ärgerlich über meine Freunde, über mich selbst.
+
+Claudia. Wieso?
+
+Appiani. Meine Freunde verlangen schlechterdings, daß ich dem Prinzen
+von meiner Heirat ein Wort sagen soll, ehe ich sie vollziehe. Sie
+geben mir zu, ich sei es nicht schuldig; aber die Achtung gegen ihn
+woll' es nicht anders.--Und ich bin schwach genug gewesen, es ihnen zu
+versprechen. Eben wollt' ich noch bei ihm vorfahren.
+
+Claudia (stutzig). Bei dem Prinzen?
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Pirro, gleich darauf Marinelli und die Vorigen.
+
+
+Pirro. Gnädige Frau, der Marchese Marinelli hält vor dem Hause und
+erkundiget sich nach dem Herrn Grafen.
+
+Appiani. Nach mir?
+
+Pirro. Hier ist er schon. (Öffnet ihm die Türe und gehet ab.)
+
+Marinelli. Ich bitt um Verzeihung, gnädige Frau.--Mein Herr Graf, ich
+war vor Ihrem Hause und erfuhr, daß ich Sie hier treffen würde. Ich
+hab ein dringendes Geschäft an Sie--Gnädige Frau, ich bitte nochmals
+um Verzeihung; es ist in einigen Minuten geschehen.
+
+Claudia. Die ich nicht verzögern will. (Macht ihm eine Verbeugung
+und geht ab.)
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Marinelli. Appiani.
+
+
+Appiani. Nun, mein Herr?
+
+Marinelli. Ich komme von des Prinzen Durchlaucht.
+
+Appiani. Was ist zu seinem Befehle?
+
+Marinelli. Ich bin stolz, der Überbringer einer so vorzüglichen Gnade
+zu sein.--Und wenn Graf Appiani nicht mit Gewalt einen seiner
+ergebensten Freunde in mir verkennen will.
+
+Appiani. Ohne weitere Vorrede, wenn ich bitten darf.
+
+Marinelli. Auch das!--Der Prinz muß sogleich an den Herzog von Massa,
+in Angelegenheit seiner Vermählung mit dessen Prinzessin Tochter,
+einen Bevollmächtigten senden. Er war lange unschlüssig, wen er dazu
+ernennen sollte. Endlich ist seine Wahl, Herr Graf, auf Sie gefallen.
+
+Appiani. Auf mich?
+
+Marinelli. Und das--wenn die Freundschaft ruhmredig sein darf--nicht
+ohne mein Zutun.
+
+Appiani. Wahrlich, Sie setzen mich wegen eines Dankes
+in Verlegenheit.--Ich habe schon längst nicht mehr erwartet, daß der
+Prinz mich zu brauchen geruhen werde.
+
+Marinelli. Ich bin versichert,
+daß es ihm bloß an einer würdigen Gelegenheit gemangelt hat. Und wenn
+auch diese so eines Mannes wie Graf Appiani noch nicht würdig genug
+sein sollte, so ist freilich meine Freundschaft zu voreilig gewesen.
+
+Appiani. Freundschaft und Freundschaft um das dritte Wort!--Mit wem
+red ich denn? Des Marchese Marinelli Freundschaft hätt' ich mir nie
+träumen lassen.
+
+Marinelli. Ich erkenne mein Unrecht, Herr Graf, mein
+unverzeihliches Unrecht, daß ich, ohne Ihre Erlaubnis, Ihr Freund sein
+wollen.--Bei dem allen: was tut das? Die Gnade des Prinzen, die Ihnen
+angetragene Ehre bleiben, was sie sind: und ich zweifle nicht, Sie
+werden sie mit Begierd' ergreifen.
+
+Appiani (nach einiger Überlegung). Allerdings.
+
+Marinelli. Nun so kommen Sie.
+
+Appiani. Wohin?
+
+Marinelli. Nach Dosalo, zu dem Prinzen.--Es liegt schon alles fertig;
+und Sie müssen noch heut abreisen.
+
+Appiani. Was sagen Sie?--Noch heute?
+
+Marinelli. Lieber noch in dieser nämlichen Stunde als in der
+folgenden. Die Sache ist von der äußersten Eil'.
+
+Appiani. In Wahrheit?--So tut es mir leid, daß ich die Ehre, welche
+mir der Prinz zugedacht, verbitten muß.
+
+Marinelli. Wie?
+
+Appiani. Ich kann heute nicht abreisen--auch morgen nicht--auch
+übermorgen noch nicht.
+
+Marinelli. Sie scherzen, Herr Graf.
+
+Appiani. Mit Ihnen?
+
+Marinelli. Unvergleichlich! Wenn der Scherz dem Prinzen gilt, so ist
+er um so viel lustiger.--Sie können nicht?
+
+Appiani. Nein, mein Herr, nein.--Und ich hoffe, daß der Prinz selbst
+meine Entschuldigung wird gelten lassen.
+
+Marinelli. Die bin ich begierig zu hören.
+
+Appiani. Oh, eine Kleinigkeit!--Sehen Sie; ich soll noch heut eine
+Frau nehmen.
+
+Marinelli. Nun? und dann?
+
+Appiani. Und dann?--und dann?--Ihre Frage ist auch verzweifelt naiv.
+
+Marinelli. Man hat Exempel, Herr Graf, daß sich Hochzeiten
+aufschieben lassen.--Ich glaube freilich nicht, daß der Braut oder dem
+Bräutigam immer damit gedient ist. Die Sache mag ihr Unangenehmes
+haben. Aber doch, dächt' ich, der Befehl des Herrn.
+
+Appiani. Der
+Befehl des Herrn?--des Herrn? Ein Herr, den man sich selber wählt,
+ist unser Herr so eigentlich nicht--Ich gebe zu, daß Sie dem Prinzen
+unbedingtem Gehorsam schuldig wären. Aber nicht ich.--Ich kam an
+seinen Hof als ein Freiwilliger. Ich wollte die Ehre haben, ihm zu
+dienen, aber nicht sein Sklave werden. Ich bin der Vasall eines
+größern Herrn.
+
+Marinelli. Größer oder kleiner: Herr ist Herr.
+
+Appiani. Daß ich mit Ihnen darüber strittet--Genug, sagen Sie dem
+Prinzen, was Sie gehört haben--daß es mir leid tut, seine Gnade nicht
+annehmen zu können, weil ich eben heut eine Verbindung vollzöge, die
+mein ganzes Glück ausmache.
+
+Marinelli. Wollen Sie ihm nicht zugleich wissen lassen, mit wem?
+
+Appiani. Mit Emilia Galotti.
+
+Marinelli. Der Tochter aus diesem Hause?
+
+Appiani. Aus diesem Hause.
+
+Marinelli. Hm! Hm!
+
+Appiani. Was beliebt?
+
+Marinelli. Ich sollte meinen, daß es sonach um so weniger
+Schwierigkeit haben könne, die Zeremonie bis zu Ihrer Zurückkunft
+auszusetzen.
+
+Appiani. Die Zeremonie? Nur die Zeremonie?
+
+Marinelli. Die guten Eltern werden es so genau nicht nehmen.
+
+Appiani. Die guten Eltern?
+
+Marinelli. Und Emilia bleibt Ihnen ja wohl gewiß.
+
+Appiani. Ja wohl gewiß?--Sie sind mit Ihrem ja wohl--ja wohl ein
+ganzer Affe!
+
+Marinelli. Mir das, Graf?
+
+Appiani. Warum nicht?
+
+Marinelli. Himmel und Hölle!--Wir werden uns sprechen.
+
+Appiani. Pah! Hämisch ist der Affe; aber.
+
+Marinelli. Tod und Verdammnis!--Graf, ich fodere Genugtuung.
+
+Appiani. Das versteht sich.
+
+Marinelli. Und würde sie gleich itzt nehmen--nur daß ich dem
+zärtlichen Bräutigam den heutigen Tag nicht verderben mag.
+
+Appiani. Gutherziges Ding! Nicht doch! Nicht doch! (Indem er ihn
+bei der Hand ergreift.) Nach Massa freilich mag ich mich heute nicht
+schicken lassen, aber zu einem Spaziergange mit Ihnen hab ich Zeit
+übrig.--Kommen Sie, kommen Sie!
+
+Marinelli (der sich losreißt und abgeht). Nur Geduld, Graf, nur
+Geduld!
+
+
+
+Elfter Auftritt
+
+Appiani. Claudia Galotti.
+
+
+Appiani. Geh, Nichtswürdiger!--Ha! das hat gut getan. Mein Blut ist
+in Wallung gekommen. Ich fühle mich anders und besser.
+
+Claudia (eiligst und besorgt). Gott! Herr Graf--Ich hab einen
+heftigen Wortwechsel gehört.--Ihr Gesicht glühet. Was ist vorgefallen?
+
+Appiani. Nichts, gnädige Frau, gar nichts. Der Kammerherr Marinelli
+hat mir einen großen Dienst erwiesen. Er hat mich des Ganges zum
+Prinzen überhoben.
+
+Claudia. In der Tat?
+
+Appiani. Wir können nun um so viel früher abfahren. Ich gehe, meine
+Leute zu treiben, und bin sogleich wieder hier. Emilia wird indes
+auch fertig.
+
+Claudia. Kann ich ganz ruhig sein, Herr Graf?
+
+Appiani. Ganz ruhig, gnädige Frau. (Sie geht herein und er fort.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+Die Szene: ein Vorsaal auf dem Lustschlosse des Prinzen.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Der Prinz. Marinelli.
+
+
+Marinelli. Umsonst; er schlug die angetragene Ehre mit der größten
+Verachtung aus.
+
+Der Prinz. Und so bleibt es dabei? So geht es vor sich? so wird
+Emilia noch heute die Seinige?
+
+Marinelli. Allem Ansehen nach.
+
+Der Prinz. Ich versprach mir von Ihrem Einfalle so viel!--Wer weiß,
+wie albern Sie sich dabei genommen.--Wenn der Rat eines Toren einmal
+gut ist, so muß ihn ein gescheiter Mann ausführen. Das hätt' ich
+bedenken sollen.
+
+Marinelli. Da find ich mich schön belohnt!
+
+Der Prinz. Und wofür belohnt?
+
+Marinelli. Daß ich noch mein Leben darüber in die Schanze schlagen
+wollte.--Als ich sahe, daß weder Ernst noch Spott den Grafen bewegen
+konnte, seine Liebe der Ehre nachzusetzen, versucht' ich es, ihn in
+Harnisch zu jagen. Ich sagte ihm Dinge, über die er sich vergaß. Er
+stieß Beleidigungen gegen mich aus, und ich forderte Genugtuung--und
+forderte sie gleich auf der Stelle.--Ich dachte so: entweder er mich
+oder ich ihn. Ich ihn: so ist das Feld ganz unser. Oder er mich: nun,
+wenn auch; so muß er fliehen, und der Prinz gewinnt wenigstens Zeit.
+
+Der Prinz. Das hätten Sie getan, Marinelli?
+
+Marinelli. Ha! man sollt' es voraus wissen, wenn man so töricht
+bereit ist, sich für die Großen aufzuopfern--man sollt' es voraus
+wissen, wie erkenntlich sie sein würden.
+
+Der Prinz. Und der Graf?--Er
+stehet in dem Rufe, sich so etwas nicht zweimal sagen zu lassen.
+
+Marinelli. Nachdem es fällt, ohne Zweifel.--Wer kann es ihm
+verdenken?--Er versetzte, daß er auf heute doch noch etwas Wichtigers
+zu tun habe, als sich mit mir den Hals zu brechen. Und so beschied er
+mich auf die ersten acht Tage nach der Hochzeit.
+
+Der Prinz. Mit Emilia Galotti! Der Gedanke macht mich rasend!
+--Darauf ließen Sie es gut sein und gingen--und kommen und prahlen,
+daß Sie Ihr Leben für mich in die Schanze geschlagen, sich mir
+aufgeopfert.
+
+Marinelli. Was wollen Sie aber, gnädiger Herr, das ich
+weiter hätte tun sollen?
+
+Der Prinz. Weiter tun?--Als ob er etwas getan hätte!
+
+Marinelli. Und lassen Sie doch hören, gnädiger Herr, was Sie für sich
+selbst getan haben.--Sie waren so glücklich, sie noch in der Kirche zu
+sprechen. Was haben Sie mit ihr abgeredet?
+
+Der Prinz (höhnisch). Neugierde zur Genüge!--Die ich nur befriedigen
+muß.--Oh, es ging alles nach Wunsch.--Sie brauchen sich nicht weiter
+zu bemühen, mein allzu dienstfertiger Freund!--Sie kam meinem
+Verlangen mehr als halbes Weges entgegen. Ich hätte sie nur gleich
+mitnehmen dürfen. (Kalt und befehlend.) Nun wissen Sie, was Sie
+wissen wollen--und können gehn!
+
+Marinelli. Und können gehn!--Ja, ja, das ist das Ende vom Liede! und
+würd' es sein, gesetzt auch, ich wollte noch das Unmögliche versuchen.
+--Das Unmögliche sag ich?--So unmöglich wär' es nun wohl nicht; aber
+kühn!--Wenn wir die Braut in unserer Gewalt hätten, so stünd' ich
+dafür, daß aus der Hochzeit nichts werden sollte.
+
+Der Prinz. Ei! wofür der Mann nicht alles stehen will! Nun dürft'
+ich ihm nur noch ein Kommando von meiner Leibwache geben, und er legte
+sich an der Landstraße damit in Hinterhalt und fiele selbst funfziger
+einen Wagen an, und riss' ein Mädchen heraus, das er im Triumphe mir
+zubrächte.
+
+Marinelli. Es ist eher ein Mädchen mit Gewalt entführt worden, ohne
+daß es einer gewaltsamen Entführung ähnlich gesehen.
+
+Der Prinz. Wenn Sie das zu machen wüßten, so würden Sie nicht erst
+lange davon schwatzen.
+
+Marinelli. Aber für den Ausgang müßte man nicht stehen sollen.--Es
+könnten sich Unglücksfälle dabei ereignen.
+
+Der Prinz. Und es ist meine
+Art, daß ich Leute Dinge verantworten lasse, wofür sie nicht können!
+
+Marinelli. Also, gnädiger Herr--(Man hört von weitem einen Schuß.) Ha!
+was war das?--Hört' ich recht?--Hörten Sie nicht auch, gnädiger Herr,
+einen Schuß fallen?--Und da noch einen!
+
+Der Prinz. Was ist das? was gibt's?
+
+Marinelli. Was meinen Sie wohl?--Wie, wann ich tätiger wäre, als Sie
+glauben?
+
+Der Prinz. Tätiger?--So sagen Sie doch.
+
+Marinelli. Kurz: wovon ich
+gesprochen, geschieht.
+
+Der Prinz. Ist es möglich?
+
+Marinelli. Nur vergessen Sie nicht, Prinz, wessen Sie mich eben
+versichert.--Ich habe nochmals Ihr Wort.
+
+Der Prinz. Aber die Anstalten sind doch so.
+
+Marinelli. Als sie nur immer sein können!--Die
+Ausführung ist Leuten anvertrauet, auf die ich mich verlassen kann.
+Der Weg geht hart an der Planke des Tiergartens vorbei. Da wird ein
+Teil den Wagen angefallen haben; gleichsam, um ihn zu plündern. Und
+ein anderer Teil, wobei einer von meinen Bedienten ist, wird aus dem
+Tiergarten gestürzt sein; den Angefallenen gleichsam zur Hülfe.
+Während des Handgemenges, in das beide Teile zum Schein geraten, soll
+mein Bedienter Emilien ergreifen, als ob er sie retten wolle, und
+durch den Tiergarten in das Schloß bringen.--So ist die Abrede.--Was
+sagen Sie nun, Prinz?
+
+Der Prinz. Sie überraschen mich auf eine sonderbare Art.--Und eine
+Bangigkeit überfällt mich.
+
+(Marinelli geht an das Fenster.) Wornach sehen Sie?
+
+Marinelli. Dahinaus muß es sein!--Recht!--und eine Maske kömmt
+bereits um die Planke gesprengt--ohne Zweifel, mir den Erfolg zu
+berichten.--Entfernen Sie sich, gnädiger Herr.
+
+Der Prinz. Ah, Marinelli.
+
+Marinelli. Nun? Nicht wahr, nun hab ich zu
+viel getan, und vorhin zu wenig?
+
+Der Prinz. Das nicht. Aber ich sehe bei alledem nicht ab.
+
+Marinelli. Absehn?--Lieber alles mit eins!--Geschwind, entfernen Sie
+mich.--Die Maske muß Sie nicht sehen. (Der Prinz gehet ab.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Marinelli und bald darauf Angelo.
+
+
+Marinelli (der wieder nach dem Fenster geht). Dort fährt der Wagen
+langsam nach der Stadt zurück.--So langsam? Und in jedem Schlage ein
+Bedienter?--Das sind Anzeichen, die mir nicht gefallen--daß der
+Streich wohl nur halb gelungen ist:--daß man einen Verwundeten
+gemächlich zurückführet--und keinen Toten.--Die Maske steigt ab.--Es
+ist Angelo selbst. Der Tolldreiste!--Endlich, hier weiß er die
+Schliche.--Er winkt mir zu. Er muß seiner Sache gewiß sein.--Ha, Herr
+Graf, der Sie nicht nach Massa wollten, und nun noch einen weitern Weg
+müssen!--Wer hatte Sie die Affen so kennen gelehrt? (Indem er nach
+der Türe zugeht.) Jawohl sind sie hämisch.--Nun, Angelo?
+
+Angelo (der die Maske abgenommen). Passen Sie auf, Herr Kammerherr!
+Man muß sie gleich bringen.
+
+Marinelli. Und wie lief es sonst ab?
+
+Angelo. Ich denke ja, recht gut.
+
+Marinelli. Wie steht es mit dem Grafen?
+
+Angelo. Zu dienen! So, so!--Aber er muß Wind gehabt haben. Denn er
+war nicht so ganz unbereitet.
+
+Marinelli. Geschwind sage mir, was du mir zu sagen hast!--Ist er tot?
+
+Angelo. Es tut mir leid um den guten Herrn.
+
+Marinelli. Nun da, für dein mitleidiges Herz! (Gibt ihm einen Beutel
+mit Gold.)
+
+Angelo. Vollends mein braver Nicolo! der das Bad mit bezahlen müssen.
+
+Marinelli. So? Verlust auf beiden Seiten?
+
+Angelo. Ich könnte weinen um den ehrlichen Jungen! Ob mir sein Tod
+schon das (indem er den Beutel in der Hand wieget) um ein Vierteil
+verbessert. Denn ich bin sein Erbe, weil ich ihn gerächet habe. Das
+ist so unser Gesetz; ein so gutes, mein ich, als für Treu' und
+Freundschaft je gemacht worden. Dieser Nicolo, Herr Kammerherr.
+
+Marinelli. Mit deinem Nicolo!--Aber der Graf, der Graf.
+
+Angelo. Blitz! der Graf hatte ihn gut gefaßt. Dafür faßt' ich auch wieder
+den Grafen!--Er stürzte; und wenn er noch lebendig zurück in die
+Kutsche kam, so steh ich dafür, daß er nicht lebendig wieder
+herauskommt.
+
+Marinelli. Wenn das nur gewiß ist, Angelo.
+
+Angelo. Ich will Ihre Kundschaft verlieren, wenn es nicht gewiß ist!
+--Haben Sie noch was zu befehlen? Denn mein Weg ist der weiteste: wir
+wollen heute noch über die Grenze.
+
+Marinelli. So geh.
+
+Angelo. Wenn wieder was vorfällt, Herr Kammerherr--Sie wissen, wo ich
+zu erfragen bin. Was sich ein andrer zu tun getrauet, wird für mich
+auch keine Hexerei sein. Und billiger bin ich als jeder andere.
+(Geht ab.)
+
+Marinelli. Gut das!--Aber doch nicht so recht gut.--Pfui, Angelo! so
+ein Knicker zu sein! Einen zweiten Schuß wäre er ja wohl noch wert
+gewesen.--Und wie er sich vielleicht nun martern muß, der arme Graf!
+--Pfui, Angelo! Das heißt sein Handwerk sehr grausam treiben--und
+verpfuschen.--Aber davon muß der Prinz noch nichts wissen. Er muß
+erst selbst finden, wie zuträglich ihm dieser Tod ist.--Dieser Tod!
+--Was gäb' ich um die Gewißheit!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Der Prinz. Marinelli.
+
+
+Der Prinz. Dort kömmt sie die Allee herauf. Sie eilet vor dem
+Bedienten her. Die Furcht, wie es scheinet, beflügelt ihre Füße. Sie
+muß noch nichts argwöhnen. Sie glaubt sich nur vor Räubern zu retten.
+--Aber wie lange kann das dauren?
+
+Marinelli. So haben wir sie doch fürs erste.
+
+Der Prinz. Und wird die Mutter sie nicht aufsuchen? Wird der Graf
+ihr nicht nachkommen? Was sind wir alsdenn weiter? Wie kann ich sie
+ihnen vorenthalten?
+
+Marinelli. Auf das alles weiß ich freilich noch nichts zu antworten.
+Aber wir müssen sehen. Gedulden Sie sich, gnädiger Herr. Der erste
+Schritt mußte doch getan sein.
+
+Der Prinz. Wozu? wenn wir ihn zurücktun müssen.
+
+Marinelli. Vielleicht müssen wir nicht.--Da sind tausend Dinge, auf
+die sich weiter fußen läßt.--Und vergessen Sie denn das Vornehmste?
+
+Der Prinz. Wie kann ich vergessen, woran ich sicher noch nicht
+gedacht habe?--Das Vornehmste? was ist das?
+
+Marinelli. Die Kunst zu gefallen, zu überreden--die einem Prinzen,
+welcher liebt, nie fehlet.
+
+Der Prinz. Nie fehlet? Außer, wo er sie gerade am nötigsten brauchte.
+--Ich habe von dieser Kunst schon heut einen zu schlechten Versuch
+gemacht. Mit allen Schmeicheleien und Beteuerungen konnt' ich ihr
+auch nicht ein Wort auspressen. Stumm und niedergeschlagen und
+zitternd stand sie da; wie eine Verbrecherin, die ihr Todesurteil
+höret. Ihre Angst steckte mich an, ich zitterte mit und schloß mit
+einer Bitte um Vergebung. Kaum getrau ich mir, sie wieder anzureden.
+--Bei ihrem Eintritte wenigstens wag ich es nicht zu sein. Sie,
+Marinelli, müssen sie empfangen. Ich will hier in der Nähe hören, wie
+es abläuft; und kommen, wenn ich mich mehr gesammelt habe.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Marinelli, und bald darauf dessen Bedienter Battista mit Emilien.
+
+
+Marinelli. Wenn sie ihn nicht selbst stürzen gesehen--Und das muß sie
+wohl nicht; da sie so fortgeeilet--Sie kömmt. Auch ich will nicht das
+erste sein, was ihr hier in die Augen fällt. (Er zieht sich in einen
+Winkel des Saales zurück.)
+
+Battista. Nur hier herein, gnädiges Fräulein!
+
+Emilia (außer Atem). Ah!--Ah!--Ich danke Ihm, mein Freund--ich dank
+Ihm.--Aber Gott, Gott! wo bin ich?--Und so ganz allein? Wo bleibt
+meine Mutter? Wo blieb der Graf?--Sie kommen doch nach? mir auf dem
+Fuße nach?
+
+Battista. Ich vermute.
+
+Emilia. Er vermutet? Er weiß es nicht? Er sah sie nicht?--Ward
+nicht gar hinter uns geschossen?
+
+Battista. Geschossen?--Das wäre!
+
+Emilia. Ganz gewiß! Und das hat den Grafen oder meine Mutter
+getroffen.
+
+Battista. Ich will gleich nach ihnen ausgehen.
+
+Emilia. Nicht ohne mich.--Ich will mit; ich muß mit: komm' Er, mein
+Freund!
+
+Marinelli (der plötzlich herzutritt, als ob er eben hereinkäme). Ah,
+gnädiges Fräulein! Was für ein Unglück, oder vielmehr, was für ein
+Glück--was für ein glückliches Unglück verschafft uns die Ehre.
+
+Emilia (stutzend). Wie? Sie hier, mein Herr?--Ich bin also wohl bei
+Ihnen?--Verzeihen Sie, Herr Kammerherr. Wir sind von Räubern ohnfern
+überfallen worden. Da kamen uns gute Leute zu Hilfe--und dieser
+ehrliche Mann hob mich aus dem Wagen und brachte mich hierher.--Aber
+ich erschrecke, mich allein gerettet zu sehen. Meine Mutter ist noch
+in der Gefahr. Hinter uns ward sogar geschossen. Sie ist vielleicht
+tot--und ich lebe?--Verzeihen Sie. Ich muß fort; ich muß wieder
+hin--wo ich gleich hätte bleiben sollen.
+
+Marinelli. Beruhigen Sie sich, gnädiges Fräulein. Es stehet alles
+gut; sie werden bald bei Ihnen sein, die geliebten Personen, für die
+Sie so viel zärtliche Angst empfinden.--Indes, Battista, geh, lauf:
+sie dürften vielleicht nicht wissen, wo das Fräulein ist. Sie dürften
+sie vielleicht in einem von den Wirtschaftshäusern des Gartens suchen.
+Bringe sie unverzüglich hierher. (Battista geht ab.)
+
+Emilia. Gewiß? Sind sie alle geborgen? Ist ihnen nichts
+widerfahren?--Ah, was ist dieser Tag für ein Tag des Schreckens für
+mich!--Aber ich sollte nicht hier bleiben--ich sollte ihnen
+entgegeneilen.
+
+Marinelli. Wozu das, gnädiges Fräulein? Sie sind
+ohnedem schon ohne Atem und Kräfte. Erholen Sie sich vielmehr und
+geruhen in ein Zimmer zu treten, wo mehr Bequemlichkeit ist.--Ich will
+wetten, daß der Prinz schon selbst um Ihre teure, ehrwürdige Mutter
+ist und sie Ihnen zuführet.
+
+Emilia. Wer, sagen Sie?
+
+Marinelli. Unser gnädigster Prinz selbst.
+
+Emilia (äußerst bestürzt). Der Prinz?
+
+Marinelli. Er floh auf die erste Nachricht Ihnen zu Hülfe.--Er ist
+höchst ergrimmt, daß ein solches Verbrechen ihm so nahe, unter seinen
+Augen gleichsam, hat dürfen gewagt werden. Er läßt den Tätern
+nachsetzen, und ihre Strafe, wenn sie ergriffen werden, wird unerhört
+sein.
+
+Emilia. Der Prinz!--Wo bin ich denn also?
+
+Marinelli. Auf Dosalo, dem Lustschlosse des Prinzen.
+
+Emilia. Welch ein Zufall!--Und Sie glauben, daß er gleich selbst
+erscheinen könne?--Aber doch in Gesellschaft meiner Mutter?
+
+Marinelli. Hier ist er schon.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Der Prinz. Emilia. Marinelli.
+
+
+Der Prinz. Wo ist sie? wo?--Wir suchen Sie überall, schönstes
+Fräulein.--Sie sind doch wohl?--Nun so ist alles wohl! Der Graf, Ihre
+Mutter.
+
+Emilia. Ah, gnädigster Herr! Wo sind sie? Wo ist meine
+Mutter?
+
+Der Prinz. Nicht weit; hier ganz in der Nähe.
+
+Emilia. Gott, in welchem Zustande werde ich die eine oder den andern
+vielleicht treffen! Ganz gewiß treffen!--denn Sie verhehlen mir,
+gnädiger Herr--ich seh es, Sie verhehlen mir.
+
+Der Prinz. Nicht doch,
+bestes Fräulein.--Geben Sie mir Ihren Arm und folgen Sie mir getrost.
+
+Emilia (unentschlossen). Aber--wenn ihnen nichts widerfahren--wenn
+meine Ahnungen mich trügen:--warum sind sie nicht schon hier? Warum
+kamen sie nicht mit Ihnen, gnädiger Herr?
+
+Der Prinz. So eilen Sie doch, mein Fräulein, alle diese
+Schreckenbilder mit eins verschwinden zu sehen.
+
+Emilia. Was soll ich tun? (Die Hände ringend.)
+
+Der Prinz. Wie, mein Fräulein? Sollten Sie einen Verdacht gegen mich
+hegen?
+
+Emilia (die vor ihm niederfällt). Zu Ihren Füßen, gnädiger
+Herr.
+
+Der Prinz (sie aufhebend). Ich bin äußerst beschämt.--Ja, Emilia,
+ich verdiene diesen stummen Vorwurf.--Mein Betragen diesen Morgen ist
+nicht zu rechtfertigen:--zu entschuldigen höchstens. Verzeihen Sie
+meiner Schwachheit.--Ich hätte Sie mit keinem Geständnisse beunruhigen
+sollen, von dem ich keinen Vorteil zu erwarten habe. Auch ward ich
+durch die sprachlose Bestürzung, mit der Sie es anhörten, oder
+vielmehr nicht anhörten, genugsam bestraft.--Und könnt' ich schon
+diesen Zufall, der mir nochmals, ehe alle meine Hoffnung auf ewig
+verschwindet--mir nochmals das Glück, Sie zu sehen und zu sprechen,
+verschafft; könnt' ich schon diesen Zufall für den Wink eines
+günstigen Glückes erklären--für den wunderbarsten Aufschub meiner
+endlichen Verurteilung erklären, um nochmals um Gnade flehen zu dürfen:
+so will ich doch--beben Sie nicht, mein Fräulein--einzig und allein
+von Ihrem Blicke abhangen. Kein Wort, kein Seufzer soll Sie
+beleidigen.--Nur kränke mich nicht Ihr Mißtrauen. Nur zweifeln Sie
+keinen Augenblick an der unumschränktesten Gewalt, die Sie über mich
+haben. Nur falle Ihnen nie bei, daß Sie eines andern Schutzes gegen
+mich bedürfen.--Und nun kommen Sie, mein Fräulein--kommen Sie, wo
+Entzückungen auf Sie warten, die Sie mehr billigen. (Er führt sie,
+nicht ohne Sträuben, ab.) Folgen Sie uns, Marinelli.
+
+Marinelli. Folgen Sie uns--das mag heißen: folgen Sie uns nicht!--Was
+hätte ich ihnen auch zu folgen? Er mag sehen, wie weit er es unter
+vier Augen mit ihr bringt.--Alles, was ich zu tun habe, ist--zu
+verhindern, daß sie nicht gestöret werden. Von dem Grafen zwar hoffe
+ich nun wohl nicht. Aber von der Mutter; von der Mutter! Es sollte
+mich sehr wundern, wenn die so ruhig abgezogen wäre und ihre Tochter
+im Stiche gelassen hätte.--Nun, Battista? was gibt's?
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Battista. Marinelli.
+
+
+Battista (eiligst). Die Mutter, Herr Kammerherr.
+
+Marinelli. Dacht' ich's doch!--Wo ist sie?
+
+Battista. Wann Sie ihr nicht zuvorkommen, so wird sie den Augenblick
+hier sein.--Ich war gar nicht willens, wie Sie mir zum Schein geboten,
+mich nach ihr umzusehen: als ich ihr Geschrei von weitem hörte. Sie
+ist der Tochter auf der Spur, und wo nur nicht--unserm ganzen
+Anschlage! Alles, was in dieser einsamen Gegend von Menschen ist, hat
+sich um sie versammelt; und jeder will der sein, der ihr den Weg
+weiset. Ob man ihr schon gesagt, daß der Prinz hier ist, daß Sie hier
+sind, weiß ich nicht.--Was wollen Sie tun?
+
+Marinelli. Laß sehen!--(Er überlegt.) Sie nicht einlassen, wenn sie
+weiß, daß die Tochter hier ist?--Das geht nicht.--Freilich, sie wird
+Augen machen, wenn sie den Wolf bei dem Schäfchen sieht.--Augen? Das
+möchte noch sein. Aber der Himmel sei unsern Ohren gnädig!--Nun was?
+die beste Lunge erschöpft sich, auch sogar eine weibliche. Sie hören
+alle auf zu schreien, wenn sie nicht mehr können.--Dazu, es ist doch
+einmal die Mutter, die wir auf unserer Seite haben müssen.--Wenn ich
+die Mütter recht kenne--so etwas von einer Schwiegermutter eines
+Prinzen zu sein, schmeichelt die meisten.--Laß sie kommen, Battista,
+laß sie kommen!
+
+Battista. Hören Sie! hören Sie!
+
+Claudia Galotti (innerhalb). Emilia! Emilia! Mein Kind, wo bist du?
+
+Marinelli. Geh, Battista, und suche nur ihre neugierigen Begleiter zu
+entfernen.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Claudia Galotti. Battista. Marinelli.
+
+
+Claudia (die in die Tür tritt, indem Battista herausgehen will). Ha!
+der hob sie aus dem Wagen! Der führte sie fort! Ich erkenne dich.
+Wo ist sie? Sprich, Unglücklicher!
+
+Battista. Das ist mein Dank?
+
+Claudia. Oh, wenn du Dank verdienest (in einem gelinden Tone)--so
+verzeihe mir, ehrlicher Mann!--Wo ist sie?--Laßt mich sie nicht länger
+entbehren. Wo ist sie?
+
+Battista. Oh, Ihre Gnaden, sie könnte in dem Schoße der Seligkeit
+nicht aufgehobner sein.--Hier mein Herr wird Ihre Gnaden zu ihr führen.
+(Gegen einige Leute, die nachdringen wollen.) Zurück da! ihr!
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Claudia Galotti. Marinelli.
+
+
+Claudia. Dein Herr?--(Erblickt den Marinelli und fährt zurück.) Ha!
+--Das dein Herr?--Sie hier, mein Herr? Und hier meine Tochter? Und
+Sie, Sie sollen mich zu ihr führen?
+
+Marinelli. Mit vielem Vergnügen, gnädige Frau.
+
+Claudia. Halten Sie!--Eben fällt mir es bei--Sie waren es
+ja--nicht?--der den Grafen diesen Morgen in meinem Hause aufsuchte?
+mit dem ich ihn allein ließ? mit dem er Streit bekam?
+
+Marinelli. Streit?--Was ich nicht wüßte: ein unbedeutender
+Wortwechsel in herrschaftlichen Angelegenheiten.
+
+Claudia. Und Marinelli heißen Sie?
+
+Marinelli. Marchese Marinelli.
+
+Claudia. So ist es richtig.--Hören Sie doch, Herr Marchese.
+--Marinelli war--der Name Marinelli war--begleitet mit einer
+Verwünschung--Nein, daß ich den edeln Mann nicht verleumde!--begleitet
+mit keiner Verwünschung--Die Verwünschung denk ich hinzu--Der Name
+Marinelli war das letzte Wort des sterbenden Grafen.
+
+Marinelli. Des sterbenden Grafen? Grafen Appiani?--Sie hören,
+gnädige Frau, was mir in Ihrer seltsamen Rede am meisten auffällt.
+--Des sterbenden Grafen?--Was Sie sonst sagen wollen, versteh ich
+nicht.
+
+Claudia (bitter und langsam). Der Name Marinelli war das letzte Wort
+des sterbenden Grafen!--Verstehen Sie nun?--Ich verstand es erst auch
+nicht, obschon mit einem Tone gesprochen--mit einem Tone!--Ich höre
+ihn noch! Wo waren meine Sinne, daß sie diesen Ton nicht sogleich
+verstanden?
+
+Marinelli. Nun, gnädige Frau?--Ich war von jeher des Grafen Freund;
+sein vertrautester Freund. Also, wenn er mich noch im Sterben
+nannte.
+
+Claudia. Mit dem Tone?--Ich kann ihn nicht nachmachen; ich
+kann ihn nicht beschreiben: aber er enthielt alles! alles!--Was?
+Räuber wären es gewesen, die uns anfielen?--Mörder waren es; erkaufte
+Mörder!--Und Marinelli, Marinelli war das letzte Wort des sterbenden
+Grafen! Mit einem Tone!
+
+Marinelli. Mit einem Tone?--Ist es erhört, auf einen Ton, in einem
+Augenblicke des Schreckens vernommen, die Anklage eines rechtschaffnen
+Mannes zu gründen?
+
+Claudia. Ha, könnt' ich ihn nur vor Gerichte stellen, diesen Ton!
+--Doch, weh mir! Ich vergesse darüber meine Tochter.--Wo ist
+sie?--Wie? auch tot?--Was konnte meine Tochter dafür, daß Appiani dein
+Feind war?
+
+Marinelli. Ich verzeihe der bangen Mutter.--Kommen Sie, gnädige
+Frau--Ihre Tochter ist hier; in einem von den nächsten Zimmern, und
+hat sich hoffentlich von ihrem Schrecken schon völlig erholt. Mit der
+zärtlichsten Sorgfalt ist der Prinz selbst um sie beschäftiget.
+
+Claudia. Wer?--Wer selbst?
+
+Marinelli. Der Prinz.
+
+Claudia. Der Prinz?--Sagen Sie wirklich der Prinz?--Unser Prinz?
+
+Marinelli. Welcher sonst?
+
+Claudia. Nun dann!--Ich unglückselige Mutter!--Und ihr Vater! ihr
+Vater!--Er wird den Tag ihrer Geburt verfluchen. Er wird mich
+verfluchen.
+
+Marinelli. Um des Himmels willen, gnädige Frau! Was fällt Ihnen nun
+ein?
+
+Claudia. Es ist klar!--Ist es nicht?--Heute im Tempel! vor den Augen
+der Allerreinesten! in der nähern Gegenwart des Ewigen!--begann das
+Bubenstück, da brach es aus! (Gegen den Marinelli.) Ha, Mörder!
+feiger, elender Mörder! Nicht tapfer genug, mit eigner Hand zu morden,
+aber nichtswürdig genug, zu Befriedigung eines fremden Kitzels zu
+morden!--morden zu lassen!--Abschaum aller Mörder!--Was ehrliche
+Mörder sind, werden dich unter sich nicht dulden! Dich! Dich!--Denn
+warum soll ich dir nicht alle meine Galle, allen meinen Geifer mit
+einem einzigen Worte ins Gesicht speien?--Dich! Dich Kuppler!
+
+Marinelli. Sie schwärmen, gute Frau.--Aber mäßigen Sie wenigstens Ihr
+wildes Geschrei, und bedenken Sie, wo Sie sind.
+
+Claudia. Wo ich bin? Bedenken, wo ich bin?--Was kümmert es die Löwin,
+der man die Jungen geraubt, in wessen Walde sie brüllet?
+
+Emilia (innerhalb). Ha, meine Mutter! Ich höre meine Mutter!
+
+Claudia. Ihre Stimme? Das ist sie! Sie hat mich gehört, sie hat
+mich gehört. Und ich sollte nicht schreien?--Wo bist du, mein Kind?
+Ich komme, ich komme! (Sie stürzt in das Zimmer und Marinelli ihr
+nach.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+Die Szene bleibt.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Der Prinz. Marinelli.
+
+
+Der Prinz (als aus dem Zimmer von Emilien kommend). Kommen Sie,
+Marinelli! Ich muß mich erholen--und muß Licht von Ihnen haben.
+
+Marinelli. O der mütterlichen Wut! Ha! ha! ha!
+
+Der Prinz. Sie lachen?
+
+Marinelli. Wenn Sie gesehen hätten, Prinz, wie toll sich hier, hier
+im Saale, die Mutter gebärdete--Sie hörten sie ja wohl schreien!--und
+wie zahm sie auf einmal ward, bei dem ersten Anblicke von Ihnen--Ha!
+ha!--Das weiß ich ja wohl, daß keine Mutter einem Prinzen die Augen
+auskratzt, weil er ihre Tochter schön findet.
+
+Der Prinz. Sie sind ein schlechter Beobachter!--Die Tochter stürzte
+der Mutter ohnmächtig in die Arme. Darüber vergaß die Mutter ihre Wut,
+nicht über mir. Ihre Tochter schonte sie, nicht mich, wenn sie es
+nicht lauter, nicht deutlicher sagte--was ich lieber selbst nicht
+gehört, nicht verstanden haben will.
+
+Marinelli. Was, gnädiger Herr?
+
+Der Prinz. Wozu die Verstellung?--Heraus damit. Ist es wahr? oder
+ist es nicht wahr?
+
+Marinelli. Und wenn es denn wäre!
+
+Der Prinz. Wenn es denn wäre?--Also ist es?--Er ist tot?
+tot?--(Drohend.) Marinelli! Marinelli!
+
+Marinelli. Nun?
+
+Der Prinz. Bei Gott! Bei dem allgerechten Gott! Ich bin unschuldig
+an diesem Blute.--Wenn Sie mir vorher gesagt hätten, daß es dem Grafen
+das Leben kosten werde--Nein, nein! und wenn es mir selbst das Leben
+gekostet hätte!.
+
+Marinelli. Wenn ich Ihnen vorher gesagt hätte?--Als
+ob sein Tod in meinem Plane gewesen wäre! Ich hatte es dem Angelo auf
+die Seele gebunden, zu verhüten, daß niemanden Leides geschähe. Es
+würde auch ohne die geringste Gewalttätigkeit abgelaufen sein, wenn
+sich der Graf nicht die erste erlaubt hätte. Er schoß Knall und Fall
+den einen nieder.
+
+Der Prinz. Wahrlich, er hätte sollen Spaß verstehen!
+
+Marinelli. Daß Angelo sodann in Wut kam und den Tod seines Gefährten
+rächte.
+
+Der Prinz. Freilich, das ist sehr natürlich!
+
+Marinelli. Ich hab es ihm genug verwiesen.
+
+Der Prinz. Verwiesen? Wie freundschaftlich!--Warnen Sie ihn, daß er
+sich in meinem Gebiete nicht betreten läßt. Mein Verweis möchte so
+freundschaftlich nicht sein.
+
+Marinelli. Recht wohl!--Ich und Angelo, Vorsatz und Zufall: alles ist
+eins.--Zwar ward es voraus bedungen, zwar ward es voraus versprochen,
+daß keiner der Unglücksfälle, die sich dabei ereignen könnten, mir
+zuschulden kommen solle.
+
+Der Prinz. Die sich dabei ereignen--könnten,
+sagen Sie? oder sollten?
+
+Marinelli. Immer besser!--Doch, gnädiger Herr--ehe Sie mir es mit dem
+trocknen Worte sagen, wofür Sie mich halten--eine einzige Vorstellung!
+Der Tod des Grafen ist mir nichts weniger als gleichgültig. Ich
+hatte ihn ausgefodert; er war mir Genugtuung schuldig, er ist ohne
+diese aus der Welt gegangen, und meine Ehre bleibt beleidiget.
+Gesetzt, ich verdiente unter jeden andern Umständen den Verdacht, den
+Sie gegen mich hegen, aber auch unter diesen?--(Mit einer angenommenen
+Hitze.) Wer das von mir denken kann!
+
+Der Prinz (nachgebend). Nun gut, nun gut.
+
+Marinelli. Daß er noch lebtet. O daß er noch lebte! Alles,
+alles in der Welt wollte ich darum geben--(bitter) selbst die Gnade
+meines Prinzen--diese unschätzbare, nie zu verscherzende Gnade--wollt'
+ich drum geben!
+
+Der Prinz. Ich verstehe.--Nun gut, nun gut. Sein Tod war Zufall,
+bloßer Zufall. Sie versichern es; und ich, ich glaub es.--Aber wer
+mehr? Auch die Mutter? Auch Emilia?--Auch die Welt?
+
+Marinelli (kalt). Schwerlich.
+
+Der Prinz. Und wenn man es nicht glaubt, was wird man denn
+glauben?--Sie zucken die Achsel?--Ihren Angelo wird man für das
+Werkzeug und mich für den Täter halten.
+
+Marinelli (noch kälter). Wahrscheinlich genug.
+
+Der Prinz. Mich! mich selbst!--Oder ich muß von Stund' an alle
+Absicht auf Emilien aufgeben.
+
+Marinelli (höchst gleichgültig). Was Sie
+auch gemußt hätten--wenn der Graf noch lebte.
+
+Der Prinz (heftig, aber
+sich gleich wieder fassend). Marinelli!--Doch Sie sollen mich nicht
+wild machen.--Es sei so--Es ist so! Und das wollen Sie doch nur sagen:
+der Tod des Grafen ist für mich ein Glück--das größte Glück, was mir
+begegnen konnte--das einzige Glück, was meiner Liebe zustatten kommen
+konnte. Und als dieses--mag er doch geschehen sein, wie er will!--Ein
+Graf mehr in der Welt oder weniger! Denke ich Ihnen so recht?--Topp!
+auch ich erschrecke vor einem kleinen Verbrechen nicht. Nur, guter
+Freund, muß es ein kleines Verbrechen, ein kleines stilles, heilsames
+Verbrechen sein. Und sehen Sie, unseres da, wäre nun gerade weder
+stille noch heilsam. Es hätte den Weg zwar gereiniget, aber zugleich
+gesperrt. Jedermann würde es uns auf den Kopf zusagen--und leider
+hätten wir es gar nicht einmal begangen!--Das liegt doch wohl nur bloß
+an Ihren weisen, wunderbaren Anstalten?
+
+Marinelli. Wenn Sie so befehlen.
+
+Der Prinz. Woran sonst?--Ich will Rede!
+
+Marinelli. Es kömmt mehr auf meine Rechnung, was nicht darauf gehört.
+
+Der Prinz. Rede will ich!
+
+Marinelli. Nun dann! Was läge an meinen Anstalten? daß den Prinzen
+bei diesem Unfalle ein so sichtbarer Verdacht trifft?--An dem
+Meisterstreiche liegt das, den er selbst meinen Anstalten mit
+einzumengen die Gnade hatte.
+
+Der Prinz. Ich?
+
+Marinelli. Er erlaube mir, ihm zu sagen, daß der Schritt, den er
+heute morgen in der Kirche getan--mit so vielem Anstande er ihn auch
+getan--so unvermeidlich er ihn auch tun mußte--, daß dieser Schritt
+dennoch nicht in den Tanz gehörte.
+
+Der Prinz. Was verdarb er denn auch?
+
+Marinelli. Freilich nicht den ganzen Tanz, aber doch voritzo den Takt.
+
+Der Prinz. Hm! Versteh ich Sie?
+
+Marinelli. Also, kurz und einfältig. Da ich die Sache übernahm,
+nicht wahr, da wußte Emilia von der Liebe des Prinzen noch nichts?
+Emiliens Mutter noch weniger. Wenn ich nun auf diesen Umstand baute?
+und der Prinz indes den Grund meines Gebäudes untergrub?
+
+Der Prinz (sich vor die Stirne schlagend). Verwünscht!
+
+Marinelli. Wenn er es nun selbst verriet, was er im Schilde führe?
+
+Der Prinz. Verdammter Einfall!
+
+Marinelli. Und wenn er es nicht selbst verraten hätte?--Traun! Ich
+möchte doch wissen, aus welcher meiner Anstalten Mutter oder Tochter
+den geringsten Argwohn gegen ihn schöpfen könnte?
+
+Der Prinz. Daß Sie recht haben!
+
+Marinelli. Daran tu ich freilich sehr unrecht--Sie werden verzeihen,
+gnädiger Herr.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Battista. Der Prinz. Marinelli.
+
+
+Battista (eiligst). Eben kömmt die Gräfin an.
+
+Der Prinz. Die Gräfin? Was für eine Gräfin?
+
+Battista. Orsina.
+
+Der Prinz. Orsina?--Marinelli!--Orsina?--Marinelli!
+
+Marinelli. Ich erstaune darüber nicht weniger als Sie selbst.
+
+Der Prinz. Geh, lauf, Battista: Sie soll nicht aussteigen. Ich bin
+nicht hier. Ich bin für sie nicht hier. Sie soll augenblicklich
+wieder umkehren. Geh, lauf!--(Battista geht ab.) Was will die Närrin?
+Was untersteht sie sich? Wie weiß sie, daß wir hier sind? Sollte
+sie wohl auf Kundschaft kommen? Sollte sie wohl schon etwas vernommen
+haben?--Ah, Marinelli! So reden Sie, so antworten Sie doch!--Ist er
+beleidiget, der Mann, der mein Freund sein will? Und durch einen
+elenden Wortwechsel beleidiget? Soll ich ihn um Verzeihung bitten?
+
+Marinelli. Ah, mein Prinz, sobald Sie wieder Sie sind, bin ich mit
+ganzer Seele wieder der Ihrige!--Die Ankunft der Orsina ist mir ein
+Rätsel wie Ihnen. Doch abweisen wird sie schwerlich sich lassen. Was
+wollen Sie tun?
+
+Der Prinz. Sie durchaus nicht sprechen, mich entfernen.
+
+Marinelli. Wohl! und nur geschwind. Ich will sie empfangen.
+
+Der Prinz. Aber bloß,
+um sie gehen zu heißen.--Weiter geben Sie mit ihr sich nicht ab. Wir
+haben andere Dinge hier zu tun.
+
+Marinelli. Nicht doch, Prinz! Diese
+andern Dinge sind getan. Fassen Sie doch Mut! Was noch fehlt, kömmt
+sicherlich von selbst.--Aber hör ich sie nicht schon?--Eilen Sie,
+Prinz!--Da (auf ein Kabinett zeigend, in welches sich der Prinz
+begibt), wenn Sie wollen, werden Sie uns hören können.--Ich fürchte,
+ich fürchte, sie ist nicht zu ihrer besten Stunde ausgefahren.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Die Gräfin Orsina. Marinelli.
+
+
+Orsina (ohne den Marinelli anfangs zu erblicken). Was ist
+das?--Niemand kömmt mir entgegen, außer ein Unverschämter, der mir
+lieber gar den Eintritt verweigert hätte?--Ich bin doch zu Dosalo? Zu
+dem Dosalo, wo mir sonst ein ganzes Heer geschäftiger Augendiener
+entgegenstürzte? wo mich sonst Liebe und Entzücken erwarteten?--Der
+Ort ist es, aber, aber!--Sieh da, Marinelli!--Recht gut, daß der Prinz
+Sie mitgenommen.--Nein, nicht gut! Was ich mit ihm auszumachen hätte,
+hätte ich nur mit ihm auszumachen.--Wo ist er?
+
+Marinelli. Der Prinz, meine gnädige Gräfin?
+
+Orsina. Wer sonst?
+
+Marinelli. Sie vermuten ihn also hier? wissen ihn hier?--Er
+wenigstens ist der Gräfin Orsina hier nicht vermutend.
+
+Orsina. Nicht? So hat er meinen Brief heute morgen nicht erhalten?
+
+Marinelli. Ihren Brief? Doch ja, ich erinnere mich, daß er eines
+Briefes von Ihnen erwähnte.
+
+Orsina. Nun? habe ich ihn nicht in diesem Briefe auf heute um eine
+Zusammenkunft hier auf Dosalo gebeten?--Es ist wahr, es hat ihm nicht
+beliebet, mir schriftlich zu antworten. Aber ich erfuhr, daß er eine
+Stunde darauf wirklich nach Dosalo abgefahren. Ich glaubte, das sei
+Antworts genug, und ich komme.
+
+Marinelli. Ein sonderbarer Zufall!
+
+Orsina. Zufall?--Sie hören ja, daß es verabredet worden. So gut als
+verabredet. Von meiner Seite der Brief, von seiner die Tat.--Wie er
+dasteht, der Herr Marchese! Was er für Augen macht! Wundert sich das
+Gehirnchen? und worüber denn?
+
+Marinelli. Sie schienen gestern so weit entfernt, dem Prinzen jemals
+wieder vor die Augen zu kommen.
+
+Orsina. Beßrer Rat kömmt über Nacht.--Wo ist er? wo ist er?--Was
+gilt's, er ist in dem Zimmer, wo ich das Gequieke, das Gekreische
+hörte?--Ich wollte herein, und der Schurke von Bedienten trat vor.
+
+Marinelli. Meine liebste, beste Gräfin.
+
+Orsina. Es war ein weibliches
+Gekreische. Was gilt's, Marinelli?--O sagen Sie mir doch, sagen Sie
+mir--wenn ich anders Ihre liebste, beste Gräfin bin--Verdammt, über
+das Hofgeschmeiß! Soviel Worte, soviel Lügen! Nun, was liegt daran,
+ob Sie mir es voraussagen oder nicht? Ich werd es ja wohl sehen.
+(Will gehen.)
+
+Marinelli (der sie zurückhält). Wohin?
+
+Orsina. Wo ich längst sein sollte.--Denken Sie, daß es schicklich ist,
+mit Ihnen hier in dem Vorgemache einen elenden Schnickschnack zu
+halten, indes der Prinz in dem Gemache auf mich wartet?
+
+Marinelli. Sie irren sich, gnädige Gräfin. Der Prinz erwartet Sie
+nicht. Der Prinz kann Sie hier nicht sprechen--will Sie nicht
+sprechen.
+
+Orsina. Und wäre doch hier? und wäre doch auf meinen Brief hier?
+
+Marinelli. Nicht auf Ihren Brief.
+
+Orsina. Den er ja erhalten, sagen
+Sie.
+
+Marinelli. Erhalten, aber nicht gelesen.
+
+Orsina (heftig). Nicht gelesen?--(Minder heftig.) Nicht
+gelesen?--(Wehmütig und eine Träne aus dem Auge wischend.) Nicht
+einmal gelesen?
+
+Marinelli. Aus Zerstreuung, weiß ich--Nicht aus Verachtung.
+
+Orsina (stolz). Verachtung?--Wer denkt daran?--Wem brauchen Sie das
+zu sagen?--Sie sind ein unverschämter Tröster, Marinelli!--Verachtung!
+Verachtung! Mich verachtet man auch! mich!--(Gelinder, bis zum Tone
+der Schwermut.) Freilich liebt er mich nicht mehr. Das ist ausgemacht.
+Und an die Stelle der Liebe trat in seiner Seele etwas anders. Das
+ist natürlich. Aber warum denn eben Verachtung? Es braucht ja nur
+Gleichgültigkeit zu sein. Nicht wahr, Marinelli?
+
+Marinelli. Allerdings, allerdings.
+
+Orsina (höhnisch). Allerdings?--O des weisen Mannes, den man sagen
+lassen kann, was man will!--Gleichgültigkeit! Gleichgültigkeit an die
+Stelle der Liebe?--Das heißt, nichts an die Stelle von etwas. Denn
+lernen Sie, nachplauderndes Hofmännchen, lernen Sie von einem Weibe,
+daß Gleichgültigkeit ein leeres Wort, ein bloßer Schall ist, dem
+nichts, gar nichts entspricht. Gleichgültig ist die Seele nur gegen
+das, woran sie nicht denkt; nur gegen ein Ding, das für sie kein Ding
+ist. Und nur gleichgültig für ein Ding, das kein Ding ist--das ist
+soviel als gar nicht gleichgültig.--Ist dir das zu hoch, Mensch?
+
+Marinelli (vor sich). O weh! wie wahr ist es, was ich fürchtete!
+
+Orsina. Was murmeln Sie da?
+
+Marinelli. Lauter Bewunderung!--Und wem ist es nicht bekannt, gnädige
+Gräfin, daß Sie eine Philosophin sind?
+
+Orsina. Nicht wahr?--Ja, ja, ich bin eine.--Aber habe ich mir es itzt
+merken lassen, daß ich eine bin?--O pfui, wenn ich mir es habe merken
+lassen, und wenn ich mir es öfterer habe merken lassen! Ist es wohl
+noch Wunder, daß mich der Prinz verachtet? Wie kann ein Mann ein Ding
+lieben, das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer, das
+denkt, ist ebenso ekel als ein Mann, der sich schminket. Lachen soll
+es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengen Herrn der Schöpfung
+bei guter Laune zu erhalten.--Nun, worüber lach ich denn gleich,
+Marinelli?--Ach, jawohl! Über den Zufall! daß ich dem Prinzen
+schreibe, er soll nach Dosalo kommen; daß der Prinz meinen Brief nicht
+lieset und daß er doch nach Dosalo kömmt. Ha! ha! ha! Wahrlich ein
+sonderbarer Zufall! Sehr lustig, sehr närrisch!--Und Sie lachen nicht
+mit, Marinelli?--Mitlachen kann ja wohl der gestrenge Herr der
+Schöpfung, ob wir arme Geschöpfe gleich nicht mitdenken dürfen.
+--(Ernsthaft und befehlend.) So lachen Sie doch!
+
+Marinelli. Gleich, gnädige Gräfin, gleich!
+
+Orsina. Stock! Und darüber geht der Augenblick vorbei. Nein, nein,
+lachen Sie nur nicht.--Denn sehen Sie, Marinelli, (nachdenkend bis zur
+Rührung) was mich so herzlich zu lachen macht, das hat auch seine
+ernsthafte--sehr ernsthafte Seite. Wie alles in der Welt!--Zufall?
+Ein Zufall wär' es, daß der Prinz nicht daran gedacht, mich hier zu
+sprechen, und mich doch hier sprechen muß? Ein Zufall?--Glauben Sie
+mir, Marinelli: das Wort Zufall ist Gotteslästerung. Nichts unter der
+Sonne ist Zufall--am wenigsten das, wovon die Absicht so klar in die
+Augen leuchtet.--Allmächtige, allgütige Vorsicht, vergib mir, daß ich
+mit diesem albernen Sünder einen Zufall genennet habe, was so offenbar
+dein Werk, wohl gar dein unmittelbares Werk ist!--(Hastig gegen
+Marinelli.) Kommen Sie mir und verleiten Sie mich noch einmal zu so
+einem Frevel!
+
+Marinelli (vor sich). Das geht weit!--Aber gnädige Gräfin....
+
+Orsina. Still mit dem Aber! Die Aber kosten Überlegung--und mein
+Kopf! mein Kopf! (Sich mit der Hand die Stirne haltend.)--Machen Sie,
+Marinelli, machen Sie, daß ich ihn bald spreche, den Prinzen; sonst
+bin ich es wohl gar nicht imstande.--Sie sehen, wir sollen uns
+sprechen, wir müssen uns sprechen!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Der Prinz. Orsina. Marinelli.
+
+
+Der Prinz (indem er aus dem Kabinette tritt, vor sich). Ich muß ihm
+zu Hilfe kommen
+
+Orsina (die ihn erblickt, aber unentschlüssig bleibt, ob sie auf ihn
+zugeben soll). Ha! da ist er.
+
+Der Prinz (geht quer über den Saal, bei ihr vorbei, nach den andern
+Zimmern, ohne sich im Reden aufzuhalten). Sieh da! unsere schöne
+Gräfin.--Wie sehr bedaure ich, Madame, daß ich mir die Ehre Ihres
+Besuchs für heute so wenig zunutze machen kann! Ich bin beschäftiget.
+Ich bin nicht allein.--Ein andermal, meine liebe Gräfin! Ein
+andermal.--Ich halten Sie länger sich nicht auf. Ja nicht länger!
+--Und Sie, Marinelli, ich erwarte Sie.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Orsina. Marinelli.
+
+
+Marinelli. Haben Sie es, gnädige Gräfin, nun von ihm selbst gehört,
+was Sie mir nicht glauben wollen?
+
+Orsina (wie betäubt). Hab ich? hab ich wirklich?
+
+Marinelli. Wirklich.
+
+Orsina (mit Rührung). "Ich bin beschäftiget. Ich bin nicht allein."
+Ist das die Entschuldigung ganz, die ich wert bin? Wen weiset man
+damit nicht ab? Jeden Überlästigen, jeden Bettler. Für mich keine
+einzige Lüge mehr? Keine einzige kleine Lüge mehr, für mich?
+--Beschäftiget? womit denn? Nicht allein? wer wäre denn bei
+ihm?--Kommen Sie, Marinelli; aus Barmherzigkeit, lieber Marinelli!
+Lügen Sie mir eines auf eigene Rechnung vor. Was kostet Ihnen denn
+eine Lüge?--Was hat er zu tun? Wer ist bei ihm?--Sagen Sie mir, sagen
+Sie mir, was Ihnen zuerst in den Mund kömmt--und ich gehe.
+
+Marinelli (vor sich). Mit dieser Bedingung kann ich ihr ja wohl einen
+Teil der Wahrheit sagen.
+
+Orsina. Nun? Geschwind, Marinelli, und ich gehe.--Er sagte ohnedem,
+der Prinz: "Ein andermal, meine liebe Gräfin!" Sagte er nicht
+so?--Damit er mir Wort hält, damit er keinen Vorwand hat, mir nicht
+Wort zu halten: geschwind, Marinelli, Ihre Lüge, und ich gehe.
+
+Marinelli. Der Prinz, liebe Gräfin, ist wahrlich nicht allein. Es
+sind Personen bei ihm, von denen er sich keinen Augenblick abmüßigen
+kann; Personen, die eben einer großen Gefahr entgangen sind. Der Graf
+Appiani.
+
+Orsina. Wäre bei ihm?--Schade, daß ich über diese Lüge Sie ertappen
+muß. Geschwind eine andere.--Denn Graf Appiani, wenn Sie es noch
+nicht wissen, ist eben von Räubern erschossen worden. Der Wagen mit
+seinem Leichname begegnete mir kurz vor der Stadt.--Oder ist er nicht?
+Hätte es mir bloß geträumt?
+
+Marinelli. Leider nicht bloß geträumt!--Aber die andern, die mit dem
+Grafen waren, haben sich glücklich hieher nach dem Schlosse gerettet:
+seine Braut nämlich und die Mutter der Braut, mit welchen er nach
+Sabionetta zu seiner feierlichen Verbindung fahren wollte.
+
+Orsina. Also die? Die sind bei dem Prinzen? Die Braut? und die
+Mutter der Braut?--Ist die Braut schön?
+
+Marinelli. Dem Prinzen geht ihr Unfall ungemein nahe.
+
+Orsina. Ich will hoffen, auch wenn sie häßlich wäre. Denn ihr
+Schicksal ist schrecklich.--Armes gutes Mädchen, eben da er dein auf
+immer werden sollte, wird er dir auf immer entrissen!--Wer ist sie
+denn, diese Braut? Kenn ich sie gar?--Ich bin so lange aus der Stadt,
+daß ich von nichts weiß.
+
+Marinelli. Es ist Emilia Galotti.
+
+Orsina. Wer?--Emilia Galotti? Emilia Galotti?--Marinelli! daß ich
+diese Lüge nicht für Wahrheit nehme!
+
+Marinelli. Wieso?
+
+Orsina. Emilia Galotti?
+
+Marinelli. Die Sie schwerlich kennen werden.
+
+Orsina. Doch! doch!
+Wenn es auch nur von heute wäre.--Im Ernst, Marinelli? Emilia
+Galotti?--Emilia Galotti wäre die unglückliche Braut, die der Prinz
+tröstet?
+
+Marinelli (vor sich). Sollte ich ihr schon zuviel gesagt haben?
+
+Orsina. Und Graf Appiani war der Bräutigam dieser Braut? der eben
+erschossene Appiani?
+
+Marinelli. Nicht anders.
+
+Orsina. Bravo! o bravo! bravo! (In die Hände schlagend.)
+
+Marinelli. Wie das?
+
+Orsina. Küssen möcht' ich den Teufel, der ihn dazu verleitet hat!
+
+Marinelli. Wen? verleitet? wozu?
+
+Orsina. Ja, küssen, küssen möcht' ich ihn--Und wenn Sie selbst dieser
+Teufel wären, Marinelli.
+
+Marinelli. Gräfin!
+
+Orsina. Kommen Sie her! Sehen Sie mich an! steif an! Aug' in Auge!
+
+Marinelli. Nun?
+
+Orsina. Wissen Sie nicht, was ich denke?
+
+Marinelli. Wie kann ich das?
+
+Orsina. Haben Sie keinen Anteil daran?
+
+Marinelli. Woran?
+
+Orsina. Schwören Sie!--Nein, schwören Sie nicht. Sie möchten eine
+Sünde mehr begehen.--Oder ja, schwören Sie nur. Eine Sünde mehr oder
+weniger für einen, der doch verdammt ist!--Haben Sie keinen Anteil
+daran?
+
+Marinelli. Sie erschrecken mich, Gräfin.
+
+Orsina. Gewiß?--Nun, Marinelli, argwohnet Ihr gutes Herz auch nichts?
+
+Marinelli. Was? worüber?
+
+Orsina. Wohl--so will ich Ihnen etwas vertrauen--etwas, das Ihnen
+jedes Haar auf dem Kopfe zu Berge sträuben soll.--Aber hier, so nahe
+an der Türe, möchte uns jemand hören. Kommen Sie hierher!--Und!
+(Indem sie den Finger auf den Mund legt) Hören Sie! ganz in geheim!
+ganz in geheim! (und ihren Mund seinem Ohre nähert, als ob sie ihm
+zuflüstern wollte, was sie aber sehr laut ihm zuschreiet.) Der Prinz
+ist ein Mörder!
+
+Marinelli. Gräfin--Gräfin--sind Sie ganz von Sinnen?
+
+Orsina. Von Sinnen? Ha! ha! ha! (Aus vollem Halse lachend.) Ich bin
+selten oder nie mit meinem Verstande so wohl zufrieden gewesen als
+eben itzt.--Zuverlässig, Marinelli--aber es bleibt unter uns--(leise)
+der Prinz ist ein Mörder! des Grafen Appiani Mörder!--Den haben nicht
+Räuber, den haben Helfershelfer des Prinzen, den hat der Prinz
+umgebracht!
+
+Marinelli. Wie kann Ihnen so eine Abscheulichkeit in den Mund, in die
+Gedanken kommen?
+
+Orsina. Wie?--Ganz natürlich.--Mit dieser Emilia Galotti--die hier
+bei ihm ist--deren Bräutigam so über Hals über Kopf sich aus der Welt
+trollen müssen--mit dieser Emilia Galotti hat der Prinz heute morgen,
+in der Halle bei den Dominikanern, ein Langes und Breites gesprochen.
+Das weiß ich, das haben meine Kundschafter gesehen. Sie haben auch
+gehört, was er mit ihr gesprochen--Nun, guter Herr? Bin ich von
+Sinnen? Ich reime, dächt' ich, doch noch ziemlich zusammen, was
+zusammen gehört.--Oder trifft auch das nur so von ungefähr zu? Ist
+Ihnen auch das Zufall? Oh, Marinelli, so verstehen Sie auf die
+Bosheit der Menschheit sich ebenso schlecht als auf die Vorsicht.
+
+Marinelli. Gräfin, Sie würden sich um den Hals reden
+
+Orsina. Wenn ich das mehrern sagte?--Desto besser, desto besser!
+--Morgen will ich es auf dem Markte ausrufen.--Und wer mir
+widerspricht--wer mir widerspricht, der war des Mörders Spießgeselle.
+--Leben Sie wohl. (Indem sie fortgehen will, begegnet sie an der Türe
+dem alten Galotti, der eiligst hereintritt.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Odoardo Galotti. Die Gräfin. Marinelli.
+
+
+Odoardo Galotti. Verzeihen Sie, gnädige Frau.
+
+Orsina. Ich habe hier
+nichts zu verzeihen. Denn ich habe hier nichts übelzunehmen--An
+diesen Herrn wenden Sie sich. (Ihn nach dem Marinelli weisend.)
+
+Marinelli (indem er ihn erblicket, vor sich). Nun vollends! der Alte!
+
+Odoardo. Vergeben Sie, mein Herr, einem Vater, der in der äußersten
+Bestürzung ist--daß er so unangemeldet hereintritt.
+
+Orsina. Vater? (Kehrt wieder um.) Der Emilia, ohne Zweifel.--Ha,
+willkommen!
+
+Odoardo. Ein Bedienter kam mir entgegengesprengt, mit der Nachricht,
+daß hierherum die Meinigen in Gefahr wären. Ich fliege herzu und höre,
+daß der Graf Appiani verwundet worden, daß er nach der Stadt
+zurückgekehret, daß meine Frau und Tochter sich in das Schloß gerettet.
+--Wo sind sie, mein Herr? wo sind sie?
+
+Marinelli. Sein Sie ruhig, Herr Oberster. Ihrer Gemahlin und Ihrer
+Tochter ist nichts Übels widerfahren, den Schreck ausgenommen. Sie
+befinden sich beide wohl. Der Prinz ist bei ihnen. Ich gehe sogleich,
+Sie zu melden.
+
+Odoardo. Warum melden? erst melden?
+
+Marinelli. Aus Ursachen--von wegen--Von wegen des Prinzen. Sie
+wissen, Herr Oberster, wie Sie mit dem Prinzen stehen. Nicht auf dem
+freundschaftlichsten Fuße. So gnädig er sich gegen Ihre Gemahlin und
+Tochter bezeiget--es sind Damen--Wird darum auch Ihr unvermuteter
+Anblick ihm gelegen sein?
+
+Odoardo. Sie haben recht, mein Herr, Sie haben redet.
+
+Marinelli. Aber, gnädige Gräfin--kann ich vorher die Ehre haben, Sie
+nach Ihrem Wagen zu begleiten?
+
+Orsina. Nicht doch, nicht doch.
+
+Marinelli (sie bei der Hand nicht unsanft ergreifend). Erlauben Sie,
+daß ich meine Schuldigkeit beobachte.
+
+Orsina. Nur gemach!--Ich
+erlasse Sie deren, mein Herr! Daß doch immer Ihresgleichen
+Höflichkeit zur Schuldigkeit machen, um, was eigentlich ihre
+Schuldigkeit wäre, als die Nebensache betreiben zu dürfen!--Diesen
+würdigen Mann je eher, je lieber zu melden, das ist Ihre Schuldigkeit.
+
+Marinelli. Vergessen Sie, was Ihnen der Prinz selbst befohlen?
+
+Orsina. Er komme und befehle mir es noch einmal. Ich erwarte ihn.
+
+Marinelli (leise zu dem Obersten, den er beiseite ziehet). Mein Herr,
+ich muß Sie hier mit einer Dame lassen, die--der--mit deren
+Verstande--Sie verstehen mich. Ich sage Ihnen dieses, damit Sie
+wissen, was Sie auf ihre Reden zu geben haben--deren sie oft sehr
+seltsame führet. Am besten, Sie lassen sich mit ihr nicht ins Wort.
+
+Odoardo. Recht wohl.--Eilen Sie nur, mein Herr.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Die Gräfin Orsina. Odoardo Galotti.
+
+
+Orsina (nach einigem Stillschweigen, unter welchem sie den Obersten
+mit Mitleid betrachtet, so wie er sie mit einer flüchtigen Neugierde).
+Was er Ihnen auch da gesagt hat, unglücklicher Mann!
+
+Odoardo (halb vor sich, halb gegen sie). Unglücklicher?
+
+Orsina. Eine Wahrheit war es gewiß nicht--am wenigsten eine von denen,
+die auf Sie warten.
+
+Odoardo. Auf mich warten?--Weiß ich nicht schon genug?--Madame!--Aber,
+reden Sie nur, reden Sie nur.
+
+Orsina. Sie wissen nichts.
+
+Odoardo. Nichts?
+
+Orsina. Guter, lieber Vater!--Was gäbe ich darum, wenn Sie auch mein
+Vater wären!--Verzeihen Sie! Die Unglücklichen ketten sich so gern
+aneinander.--Ich wollte treulich Schmerz und Wut mit Ihnen teilen.
+
+Odoardo. Schmerz und Wut? Madame!--Aber ich vergesse--Reden Sie nur.
+
+Orsina. Wenn es gar Ihre einzige Tochter--Ihr einziges Kind wäre!
+--Zwar einzig oder nicht. Das unglückliche Kind ist immer das einzige.
+
+Odoardo. Das unglückliche?--Madame!--Was will ich von ihr?--Doch, bei
+Gott, so spricht keine Wahnwitzige!
+
+Orsina. Wahnwitzige? Das war es also, was er Ihnen von mir
+vertraute?--Nun, nun, es mag leicht keine von seinen gröbsten Lügen
+sein.--Ich fühle so was!--Und glauben Sie, glauben Sie mir: Wer über
+gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu
+verlieren.
+
+Odoardo. Was soll ich denken?
+
+Orsina. Daß Sie mich also ja nicht verachten!--Denn auch Sie haben
+Verstand, guter Alter, auch Sie.--Ich seh es an dieser entschlossenen,
+ehrwürdigen Miene. Auch Sie haben Verstand; und es kostet mich ein
+Wort--so haben Sie keinen.
+
+Odoardo. Madame!--Madame!--Ich habe schon keinen mehr, noch ehe Sie
+mir dieses Wort sagen, wenn Sie mir es nicht bald sagen.--Sagen Sie es!
+sagen Sie es! Oder es ist nicht wahr--es ist nicht wahr, daß Sie von
+jener guten, unsers Mitleids, unserer Hochachtung so würdigen Gattung
+der Wahnwitzigen sind--Sie sind eine gemeine Törin. Sie haben nicht,
+was Sie nie hatten.
+
+Orsina. So merken Sie auf!--Was wissen Sie, der Sie schon genug
+wissen wollen? Daß Appiani verwundet worden? Nur verwundet?--Appiani
+ist tot!
+
+Odoardo. Tot? tot?--Ha, Frau, das ist wider die Abrede. Sie wollten
+mich um den Verstand bringen: und Sie brechen mir das Herz.
+
+Orsina. Das beiher!--Nur weiter.--Der Bräutigam ist tot, und die
+Braut--Ihre Tochter--schlimmer als tot.
+
+Odoardo. Schlimmer? schlimmer als tot?--Aber doch zugleich auch
+tot?--Denn ich kenne nur ein Schlimmeres.
+
+Orsina. Nicht zugleich auch
+tot. Nein, guter Vater, nein!--Sie lebt, sie lebt. Sie wird nun erst
+recht anfangen zu leben.--Ein Leben voll Wonne! Das schönste,
+lustigste Schlaraffenleben--solang es dauert.
+
+Odoardo. Das Wort, Madame, das einzige Wort, das mich um den Verstand
+bringen soll! heraus damit!--Schütten Sie nicht Ihren Tropfen Gift in
+einen Eimer.--Das einzige Wort! geschwind.
+
+Orsina. Nun da, buchstabieren Sie es zusammen!--Des Morgens sprach
+der Prinz Ihre Tochter in der Messe, des Nachmittags hat er sie auf
+seinem Lust--Lustschlosse.
+
+Odoardo. Sprach sie in der Messe? Der Prinz meine Tochter?
+
+Orsina. Mit einer Vertraulichkeit! mit einer Inbrunst!--Sie hatten
+nichts Kleines abzureden. Und recht gut, wenn es abgeredet worden,
+recht gut, wenn Ihre Tochter freiwillig sich hierher gerettet! Sehen
+Sie: so ist es doch keine gewaltsame Entführung, sondern bloß ein
+kleiner--kleiner Meuchelmord.
+
+Odoardo. Verleumdung! verdammte Verleumdung! Ich kenne meine Tochter.
+Ist es Meuchelmord, so ist es auch Entführung.--(Blickt wild um sich
+und stampft und schäumet.) Nun, Claudia? Nun, Mütterchen?--Haben wir
+nicht Freude erlebt! O des gnädigen Prinzen! O der ganz besondern
+Ehre!
+
+Orsina. Wirkt es, Alter! wirkt es?
+
+Odoardo. Da steh ich nun vor der Höhle des Räubers--(indem er den
+Rock von beiden Seiten auseinanderschlägt und sich ohne Gewehr sieht.)
+Wunder, daß ich aus Eilfertigkeit nicht auch die Hände zurückgelassen!
+--(An alle Schubsäcke fühlend, als etwas suchend.) Nichts! gar nichts!
+nirgends!
+
+Orsina. Ha, ich verstehe!--Damit kann ich aushelfen!--Ich hab einen
+mitgebracht. (Einen Dolch hervorziehend.) Da nehmen Sie! Nehmen Sie
+geschwind, eh' uns jemand sieht!--Auch hätte ich noch etwas--Gift.
+Aber Gift ist nur für uns Weiber, nicht für Männer.--Nehmen Sie ihn!
+(Ihm den Dolch aufdrängend.) Nehmen Sie!
+
+Odoardo. Ich danke, ich danke.--Liebes Kind, wer wieder sagt, daß du
+eine Närrin bist, der hat es mit mir zu tun.
+
+Orsina. Stecken Sie beiseite! geschwind beiseite!--Mir--wird die
+Gelegenheit versagt, Gebrauch davon zu machen. Ihnen wird sie nicht
+fehlen, diese Gelegenheit, und Sie werden sie ergreifen, die erste,
+die beste--wenn Sie ein Mann sind.--Ich, ich bin nur ein Weib, aber so
+kam ich her! fest entschlossen!--Wir, Alter, wir können uns alles
+vertrauen. Denn wir sind beide beleidiget, von dem nämlichen
+Verführer beleidiget.--Ah, wenn Sie wüßten--wenn sie wüßten, wie
+überschwenglich, wie unaussprechlich, wie unbegreiflich ich von ihm
+beleidiget worden und noch werde--Sie könnten, Sie würden Ihre eigene
+Beleidigung darüber vergessen.--Kennen Sie mich? Ich bin Orsina, die
+betrogene, verlassene Orsina.--Zwar vielleicht nur um Ihre Tochter
+verlassen.--Doch was kann Ihre Tochter dafür?--Bald wird auch sie
+verlassen sein.--Und dann wieder eine!--Und wieder eine!--Ha! (wie in
+der Entzückung) welch eine himmlische Phantasie! Wann wir einmal
+alle--wir, das ganze Heer der Verlassenen--wir alle in Bacchantinnen,
+in Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns hätten, ihn unter
+uns zerrissen, zerfleischten, sein Eingeweide durchwühlten--um das
+Herz zu finden, das der Verräter einer jeden versprach und keiner gab!
+Ha! das sollte ein Tanz werden! das sollte!
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Claudia Galotti. Die Vorigen.
+
+
+Claudia (die im Hereintreten sich umsiehet und, sobald sie ihren
+Gemahl erblickt, auf ihn zuflieget). Erraten!--Ah, unser Beschützer,
+unser Retter! Bist du da, Odoardo? Bist du da?--Aus ihren Wispern,
+aus ihren Mienen schloß ich es.--Was soll ich dir sagen, wenn du noch
+nichts weißt?--Was soll ich dir sagen, wenn du schon alles
+weißt?--Aber wir sind unschuldig. Ich bin unschuldig. Deine Tochter
+ist unschuldig. Unschuldig, in allem unschuldig!
+
+Odoardo (der sich bei Erblickung seiner Gemahlin zu fassen gesucht).
+Gut, gut. Sei nur ruhig, nur ruhig--und antworte mir. (Gegen die
+Orsina.) Nicht, Madame, als ob ich noch zweifelte--Ist der Graf tot?
+
+Claudia. Tot.
+
+Odoardo. Ist es wahr, daß der Prinz heute morgen Emilien in der Messe
+gesprochen?
+
+Claudia. Wahr. Aber wenn du wüßtest, welchen Schreck es ihr
+verursacht, in welcher Bestürzung sie nach Hause kam-Orsina. Nun, hab
+ich gelogen?
+
+Odoardo (mit einem bittern Lachen). Ich wollt' auch nicht, Sie hätten!
+Um wie vieles nicht!
+
+Orsina. Bin ich wahnwitzig?
+
+Odoardo (wild hin und her gehend). Oh--noch bin ich es auch nicht.
+
+Claudia. Du gebotest mir ruhig zu sein, und ich bin ruhig.--Bester
+Mann, darf auch ich--ich dich bitten.
+
+Odoardo. Was willst du? Bin ich
+nicht ruhig? Kann man ruhiger sein, als ich bin? (Sich zwingend.)
+Weiß es Emilia, daß Appiani tot ist?
+
+Claudia. Wissen kann sie es nicht. Aber ich fürchte, daß sie es
+argwohnet, weil er nicht erscheinet.
+
+Odoardo. Und sie jammert und winselt.
+
+Claudia. Nicht mehr.--Das ist vorbei: nach ihrer Art, die du
+kennest. Sie ist die Furchtsamste und Entschlossenste unsers
+Geschlechts. Ihrer ersten Eindrücke nie mächtig, aber nach der
+geringsten Überlegung in alles sich findend, auf alles gefaßt. Sie
+hält den Prinzen in einer Entfernung, sie spricht mit ihm in einem
+Tone--Mache nur, Odoardo, daß wir wegkommen.
+
+Odoardo. Ich bin zu Pferde.--Was zu tun?--Doch, Madame, Sie fahren ja
+nach der Stadt zurück?
+
+Orsina. Nicht anders.
+
+Odoardo. Hätten Sie wohl die Gewogenheit, meine Frau mit sich zu
+nehmen?
+
+Orsina. Warum nicht? Sehr gern.
+
+Odoardo. Claudia--(ihr die Gräfin bekannt machend) die Gräfin Orsina,
+eine Dame von großem Verstande, meine Freundin, meine Wohltäterin.--Du
+mußt mit ihr herein, um uns sogleich den Wagen herauszuschicken.
+Emilia darf nicht wieder nach Guastalla. Sie soll mit mir.
+
+Claudia. Aber--wenn nur--Ich trenne mich ungern von dem Kinde.
+
+Odoardo. Bleibt der Vater nicht in der Nähe? Man wird ihn endlich
+doch vorlassen. Keine Einwendung!--Kommen Sie, gnädige Frau. (Leise
+zu ihr.) Sie werden von mir hören.--Komm, Claudia. (Er führt sie ab.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+
+Die Szene bleibt.
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Marinelli. Der Prinz.
+
+
+Marinelli. Hier, gnädiger Herr, aus diesem Fenster können Sie ihn
+sehen. Er geht die Arkade auf und nieder.--Eben biegt er ein, er
+kömmt.--Nein, er kehrt wieder um.--Ganz einig ist er mit sich noch
+nicht. Aber um ein Großes ruhiger ist er--oder scheinet er. Für uns
+gleichviel!--Natürlich! Was ihm auch beide Weiber in den Kopf gesetzt
+haben, wird er es wagen zu äußern?--Wie Battista gehört, soll ihm
+seine Frau den Wagen sogleich heraussenden. Denn er kam zu Pferde.
+--Geben Sie acht, wenn er nun vor Ihnen erscheinet, wird er ganz
+untertänigst Eurer Durchlaucht für den gnädigen Schutz danken, den
+seine Familie bei diesem so traurigen Zufalle hier gefunden; wird sich,
+mitsamt seiner Tochter, zu fernerer Gnade empfehlen; wird sie ruhig
+nach der Stadt bringen und es in tiefster Unterwerfung erwarten,
+welchen weitern Anteil Euer Durchlaucht an seinem unglücklichen,
+lieben Mädchen zu nehmen geruhen wollen.
+
+Der Prinz. Wenn er nun aber so zahm nicht ist? Und schwerlich,
+schwerlich wird er es sein. Ich kenne ihn zu gut.--Wenn er höchstens
+seinen Argwohn erstickt, seine Wut verbeißt: aber Emilien, anstatt sie
+nach der Stadt zu führen, mit sich nimmt? bei sich behält? oder wohl
+gar in ein Kloster, außer meinem Gebiete, verschließt? Wie dann?
+
+Marinelli. Die fürchtende Liebe sieht weit. Wahrlich!--Aber er wird
+ja nicht.
+
+Der Prinz. Wenn er nun aber! Wie dann? Was wird es uns
+dann helfen, daß der unglückliche Graf sein Leben darüber verloren?
+
+Marinelli. Wozu dieser traurige Seitenblick? Vorwärts! denkt der
+Sieger, es falle neben ihm Feind oder Freund.--Und wenn auch! Wenn er
+es auch wollte, der alte Neidhart, was Sie von ihm fürchten, Prinz.
+--(Überlegend.) Das geht! Ich hab es!--Weiter als zum Wollen soll er
+es gewiß nicht bringen. Gewiß nicht!--Aber daß wir ihn nicht aus dem
+Gesichte verlieren.--(Tritt wieder ans Fenster.) Bald hätt' er uns
+überrascht! Er kömmt.--Lassen Sie uns ihm noch ausweichen, und hören
+Sie erst, Prinz, was wir auf den zu befürchtenden Fall tun müssen.
+
+Der Prinz (drohend). Nur, Marinelli!
+
+Marinelli. Das Unschuldigste
+von der Welt!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+
+Odoardo Galotti. Noch niemand hier?--Gut, ich soll noch kälter werden.
+Es ist mein Glück.--Nichts verächtlicher als ein brausender
+Jünglingskopf mit grauen Haaren! Ich hab es mir so oft gesagt. Und
+doch ließ ich mich fortreißen: und von wem? Von einer Eifersüchtigen,
+von einer für Eifersucht Wahnwitzigen.--Was hat die gekränkte Tugend
+mit der Rache des Lasters zu schaffen? Jene allein hab ich zu retten.
+--Und deine Sache--mein Sohn! mein Sohn!--Weinen konnt' ich nie--und
+will es nun nicht erst lernen--Deine Sache wird ein ganz anderer zu
+seiner machen! Genug für mich, wenn dein Mörder die Frucht seines
+Verbrechens nicht genießt.--Dies martere ihn mehr als das Verbrechen!
+Wenn nun bald ihn Sättigung und Ekel von Lüsten zu Lüsten treiben, so
+vergälle die Erinnerung, diese eine Lust nicht gebüßet zu haben, ihm
+den Genuß aller! In jedem Traume führe der blutige Bräutigam ihm die
+Braut vor das Bette, und wann er dennoch den wollüstigen Arm nach ihr
+ausstreckt, so höre er plötzlich das Hohngelächter der Hölle und
+erwache!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Marinelli. Odoardo Galotti.
+
+
+Marinelli. Wo blieben Sie, mein Herr? wo blieben Sie?
+
+Odoardo. War meine Tochter hier?
+
+Marinelli. Nicht sie, aber der Prinz.
+
+Odoardo. Er verzeihe.--Ich habe die Gräfin begleitet.
+
+Marinelli. Nun?
+
+Odoardo. Die gute Dame!
+
+Marinelli. Und Ihre Gemahlin?
+
+Odoardo. Ist mit der Gräfin--um uns den Wagen sogleich herauszusenden.
+Der Prinz vergönne nur, daß ich mich so lange mit meiner Tochter
+noch hier verweile.
+
+Marinelli. Wozu diese Umstände? Würde sich der Prinz nicht ein
+Vergnügen daraus gemacht haben, sie beide, Mutter und Tochter, selbst
+nach der Stadt zu bringen?
+
+Odoardo. Die Tochter wenigstens würde diese Ehre haben verbitten
+müssen.
+
+Marinelli. Wieso?
+
+Odoardo. Sie soll nicht mehr nach Guastalla.
+
+Marinelli. Nicht? und warum nicht?
+
+Odoardo. Der Graf ist tot.
+
+Marinelli. Um so viel mehr.
+
+Odoardo. Sie soll mit mir.
+
+Marinelli. Mit Ihnen?
+
+Odoardo. Mit mir. Ich sage Ihnen ja, der Graf ist tot.--Wenn Sie es
+noch nicht wissen--Was hat sie nun weiter in Guastalla zu tun?--Sie
+soll mit mir.
+
+Marinelli. Allerdings wird der künftige Aufenthalt der Tochter einzig
+von dem Willen des Vaters abhangen. Nur vors erste.
+
+Odoardo. Was vors erste?
+
+Marinelli. Werden Sie wohl erlauben müssen, Herr Oberster, daß sie
+nach Guastalla gebracht wird.
+
+Odoardo. Meine Tochter? nach Guastalla gebracht wird? und warum?
+
+Marinelli. Warum? Erwägen Sie doch nur.
+
+Odoardo (hitzig). Erwägen!
+erwägen! Ich erwäge, daß hier nichts zu erwägen ist.--Sie soll, sie
+muß mit mir.
+
+Marinelli. O mein Herr--was brauchen wir uns hierüber zu ereifern?
+Es kann sein, daß ich mich irre, daß es nicht nötig ist, was ich für
+nötig halte.--Der Prinz wird es am besten zu beurteilen wissen. Der
+Prinz entscheide.--Ich geh und hole ihn.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Odoardo Galotti. Wie?--Nimmermehr!--Mir vorschreiben, wo sie hin
+soll?--Mir sie vorenthalten?--Wer will das? Wer darf das?--Der hier
+alles darf, was er will? Gut, gut, so soll er sehen, wieviel auch ich
+darf, ob ich es schon nicht dürfte! Kurzsichtiger Wüterich! Mit dir
+will ich es wohl aufnehmen. Wer kein Gesetz achtet, ist ebenso
+mächtig, als wer kein Gesetz hat. Das weißt du nicht? Komm an! komm
+an!--Aber, sieh da! Schon wieder, schon wieder rennet der Zorn mit
+dem Verstande davon.--Was will ich? Erst müßt' es doch geschehen sein,
+worüber ich tobe. Was plaudert nicht eine Hofschranze! Und hätte
+ich ihn doch nur plaudern lassen! Hätte ich seinen Vorwand, warum sie
+wieder nach Guastalla soll, doch nur angehört!--So könnte ich mich
+itzt auf eine Antwort gefaßt machen.--Zwar auf welchen kann mir eine
+fehlen?--Sollte sie mir aber fehlen, sollte sie--Man kömmt. Ruhig,
+alter Knabe, ruhig!
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Der Prinz. Marinelli. Odoardo Galotti.
+
+
+Der Prinz. Ah, mein lieber, rechtschaffner Galotti--so etwas muß auch
+geschehen, wenn ich Sie bei mir sehen soll. Um ein Geringeres tun Sie
+es nicht. Doch keine Vorwürfe!
+
+Odoardo. Gnädiger Herr, ich halte es in allen Fällen für unanständig,
+sich zu seinem Fürsten zu drängen. Wen er kennt, den wird er fodern
+lassen, wenn er seiner bedarf. Selbst itzt bitte ich um
+Verzeihung.
+
+Der Prinz. Wie manchem andern wollte ich diese stolze
+Bescheidenheit wünschen!--Doch zur Sache. Sie werden begierig sein,
+Ihre Tochter zu sehen. Sie ist in neuer Unruhe wegen der plötzlichen
+Entfernung einer so zärtlichen Mutter.--Wozu auch diese Entfernung?
+Ich wartete nur, daß die liebenswürdige Emilie sich völlig erholet
+hätte, um beide im Triumphe nach der Stadt zu bringen. Sie haben mir
+diesen Triumph um die Hälfte verkümmert, aber ganz werde ich mir ihn
+nicht nehmen lassen.
+
+Odoardo. Zu viel Gnade!--Erlauben Sie, Prinz, daß ich meinem
+unglücklichen Kinde alle die mannigfaltigen Kränkungen erspare, die
+Freund und Feind, Mitleid und Schadenfreude in Guastalla für sie
+bereit halten.
+
+Der Prinz. Um die süßen Kränkungen des Freundes und des Mitleids,
+würde es Grausamkeit sein, sie zu bringen. Daß aber die Kränkungen
+des Feindes und der Schadenfreude sie nicht erreichen sollen, dafür,
+lieber Galotti, lassen Sie mich sorgen.
+
+Odoardo. Prinz, die väterliche Liebe teilet ihre Sorgen nicht gern.
+--Ich denke, ich weiß es, was meiner Tochter in ihren itzigen
+Umständen einzig ziemet--Entfernung aus der Welt--ein Kloster--sobald
+als möglich.
+
+Der Prinz. Ein Kloster?
+
+Odoardo. Bis dahin weine sie unter den Augen ihres Vaters.
+
+Der Prinz. So viel Schönheit soll in einem Kloster verblühen?--Darf
+eine einzige fehlgeschlagene Hoffnung uns gegen die Welt so
+unversöhnlich machen?--Doch allerdings: dem Vater hat niemand
+einzureden. Bringen Sie Ihre Tochter, Galotti, wohin Sie wollen.
+
+Odoardo (gegen Marinelli). Nun, mein Herr?
+
+Marinelli. Wenn Sie mich sogar auffodern!
+
+Odoardo. O mitnichten, mitnichten.
+
+Der Prinz. Was haben Sie beide?
+
+Odoardo. Nichts, gnädiger Herr, nichts.--Wir erwägen bloß, welcher
+von uns sich in Ihnen geirret hat.
+
+Der Prinz. Wieso?--Reden Sie, Marinelli.
+
+Marinelli. Es geht mir nahe, der Gnade meines Fürsten in den Weg zu
+treten. Doch wenn die Freundschaft gebietet, vor allem in ihm den
+Richter aufzufodern.
+
+Der Prinz. Welche Freundschaft?
+
+Marinelli. Sie wissen, gnädiger Herr, wie sehr ich den Grafen
+Appiani liebte, wie sehr unser beider Seelen ineinander verwebt
+schienen.
+
+Odoardo. Das wissen Sie, Prinz? So wissen Sie es wahrlich allein.
+
+Marinelli. Von ihm selbst zu seinem Rächer bestellet.
+
+Odoardo. Sie?
+
+Marinelli. Fragen Sie nur Ihre Gemahlin. Marinelli, der Name
+Marinelli war das letzte Wort des sterbenden Grafen, und in einem Tone!
+in einem Tone!--Daß er mir nie aus dem Gehöre komme, dieser
+schreckliche Ton, wenn ich nicht alles anwende, daß seine Mörder
+entdeckt und bestraft werden!
+
+Der Prinz. Rechnen Sie auf meine kräftigste Mitwirkung.
+
+Odoardo. Und meine heißesten Wünsche!--Gut, gut!--Aber was weiter?
+
+Der Prinz. Das frag ich, Marinelli.
+
+Marinelli. Man hat Verdacht, daß es nicht Räuber gewesen, welche den
+Grafen angefallen.
+
+Odoardo (höhnisch). Nicht? Wirklich nicht?
+
+Marinelli. Daß ein Nebenbuhler ihn aus dem Wege räumen lassen.
+
+Odoardo (bitter). Ei! Ein Nebenbuhler?
+
+Marinelli. Nicht anders.
+
+Odoardo. Nun dann--Gott verdamm' ihn, den meuchelmörderischen Buben!
+
+Marinelli. Ein Nebenbuhler, und ein begünstigter Nebenbuhler.
+
+Odoardo. Was? ein begünstigter?--Was sagen Sie?
+
+Marinelli. Nichts, als was das Gerüchte verbreitet.
+
+Odoardo. Ein begünstigter? von meiner Tochter begünstiget?
+
+Marinelli. Das ist gewiß nicht. Das kann nicht sein. Dem
+widersprech ich, trotz Ihnen.--Aber bei dem allen, gnädiger Herr--denn
+das gegründetste Vorurteil wieget auf der Waage der Gerechtigkeit
+soviel als nichts--bei dem allen wird man doch nicht umhin können, die
+schöne Unglückliche darüber zu vernehmen.
+
+Der Prinz. Jawohl, allerdings.
+
+Marinelli. Und wo anders? wo kann das anders geschehen als in
+Guastalla?
+
+Der Prinz. Da haben Sie recht, Marinelli, da haben Sie recht.--Ja so,
+das verändert die Sache, lieber Galotti. Nicht wahr? Sie sehen
+selbst.
+
+Odoardo. O ja, ich sehe--Ich sehe, was ich sehe.--Gott! Gott!
+
+Der Prinz. Was ist Ihnen? was haben Sie mit sich?
+
+Odoardo. Daß ich es nicht vorausgesehen, was ich da sehe. Das ärgert
+mich, weiter nichts.--Nun ja, sie soll wieder nach Guastalla. Ich
+will sie wieder zu ihrer Mutter bringen, und bis die strengste
+Untersuchung sie freigesprochen, will ich selbst aus Guastalla nicht
+weichen. Denn wer weiß--(mit einem bittern Lachen) wer weiß, ob die
+Gerechtigkeit nicht auch nötig findet, mich zu vernehmen.
+
+Marinelli. Sehr möglich! In solchen Fällen tut die Gerechtigkeit
+lieber zuviel als zuwenig.--Daher fürchte ich sogar.
+
+Der Prinz. Was? was fürchten Sie?
+
+Marinelli. Man werde vor der Hand nicht verstatten können, daß Mutter
+und Tochter sich sprechen.
+
+Odoardo. Sich nicht sprechen?
+
+Marinelli. Man werde genötiget sein, Mutter und Tochter zu trennen.
+
+Odoardo. Mutter und Tochter zu trennen?
+
+Marinelli. Mutter und Tochter und Vater. Die Form des Verhörs
+erfodert diese Vorsichtigkeit schlechterdings. Und es tut mir leid,
+gnädiger Herr, daß ich mich gezwungen sehe, ausdrücklich darauf
+anzutragen, wenigstens Emilien in eine besondere Verwahrung zu bringen.
+
+Odoardo. Besondere Verwahrung?--Prinz! Prinz!--Doch ja, freilich,
+freilich! Ganz recht: in eine besondere Verwahrung! Nicht, Prinz?
+nicht?--O wie fein die Gerechtigkeit ist! Vortrefflich! (Fährt
+schnell nach dem Schubsacke, in welchem er den Dolch hat.)
+
+Der Prinz (schmeichelhaft auf ihn zutretend). Fassen Sie sich, lieber
+Galotti.
+
+Odoardo (beiseite, indem er die Hand leer wieder herauszieht).
+Das sprach sein Engel!
+
+Der Prinz. Sie sind irrig, Sie verstehen ihn nicht. Sie denken bei
+dem Worte Verwahrung wohl gar an Gefängnis und Kerker.
+
+Odoardo. Lassen Sie mich daran denken: und ich bin ruhig!
+
+Der Prinz. Kein Wort von Gefängnis, Marinelli! Hier ist die Strenge
+der Gesetze mit der Achtung gegen unbescholtene Tugend leicht zu
+vereinigen. Wenn Emilia in besondere Verwahrung gebracht werden muß,
+so weiß ich schon--die alleranständigste. Das Haus meines
+Kanzlers--Keinen Widerspruch, Marinelli!--Da will ich sie selbst
+hinbringen, da will ich sie der Aufsicht einer der würdigsten Damen
+übergeben. Die soll mir für sie bürgen, haften.--Sie gehen zu weit,
+Marinelli, wirklich zu weit, wenn Sie mehr verlangen.--Sie kennen doch,
+Galotti, meinen Kanzler Grimaldi und seine Gemahlin?
+
+Odoardo. Was sollt' ich nicht? Sogar die liebenswürdigen Töchter
+dieses edeln Paares kenn ich. Wer kennt sie nicht?--(Zu Marinelli.)
+Nein, mein Herr, geben Sie das nicht zu. Wenn Emilia verwahrt werden
+muß, so müsse sie in dem tiefsten Kerker verwahret werden. Dringen
+Sie darauf, ich bitte Sie.--Ich Tor, mit meiner Bitte! ich alter Geck!
+--Jawohl hat sie recht die gute Sibylle: "Wer über gewisse Dinge
+seinen Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren!"
+
+Der Prinz. Ich verstehe Sie nicht.--Lieber Galotti, was kann ich mehr
+tun?--Lassen Sie es dabei, ich bitte Sie.--Ja, ja, in das Haus meines
+Kanzlers! da soll sie hin; da bring ich sie selbst hin; und wenn ihr
+da nicht mit der äußersten Achtung begegnet wird, so hat mein Wort
+nichts gegolten. Aber sorgen Sie nicht.--Dabei bleibt es! dabei
+bleibt es!--Sie selbst, Galotti, mit sich, können es halten, wie Sie
+wollen.--Sie können uns nach Guastalla folgen, Sie können nach
+Sabionetta zurückkehren: wie Sie wollen. Es wäre lächerlich, Ihnen
+vorzuschreiben.--Und nun, auf Wiedersehen, lieber Galotti!--Kommen Sie,
+Marinelli, es wird spät.
+
+Odoardo (der in tiefen Gedanken gestanden). Wie? so soll ich sie gar
+nicht sprechen, meine Tochter? Auch hier nicht?--Ich lasse mir ja
+alles gefallen, ich finde ja alles ganz vortrefflich. Das Haus eines
+Kanzlers ist natürlicherweise eine Freistatt der Tugend. Oh, gnädiger
+Herr, bringen Sie ja meine Tochter dahin, nirgends anders als dahin.
+--Aber sprechen wollt' ich sie doch gerne vorher. Der Tod des Grafen
+ist ihr noch unbekannt. Sie wird nicht begreifen können, warum man
+sie von ihren Eltern trennet. Ihr jenen auf gute Art beizubringen,
+sie dieser Trennung wegen zu beruhigen--muß ich sie sprechen, gnädiger
+Herr, muß ich sie sprechen.
+
+Der Prinz. So kommen Sie denn.
+
+Odoardo. Oh, die Tochter kann auch wohl zu dem Vater kommen.--Hier,
+unter vier Augen, bin ich gleich mit ihr fertig. Senden Sie mir sie
+nur, gnädiger Herr.
+
+Der Prinz. Auch das!--O Galotti, wenn Sie mein Freund, mein Führer,
+mein Vater sein wollten! (Der Prinz und Marinelli geben ab.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Odoardo Galotti (ihm nachsehend, nach einer Pause). Warum
+nicht?--Herzlich gern.--Ha! ha! ha!--(Blickt wild umher.) Wer lacht
+da?--Bei Gott, ich glaub, ich war es selbst.--Schon recht! Lustig,
+lustig! Das Spiel geht zu Ende. So oder so!--Aber--(Pause) wenn sie
+mit ihm sich verstünde? Wenn es das alltägliche Possenspiel wäre?
+Wenn sie es nicht wert wäre, was ich für sie tun will?--(Pause.) Für
+sie tun will? Was will ich denn für sie tun?--Hab ich das Herz, es
+mir zu sagen?--Da denk ich so was: So was, was sich nur denken läßt.
+--Gräßlich! Fort, fort! Ich will sie nicht erwarten. Nein!--(Gegen
+den Himmel.) Wer sie unschuldig in diesen Abgrund gestürzt hat, der
+ziehe sie wieder heraus. Was braucht er meine Hand dazu? Fort! (Er
+will gehen und sieht Emilien kommen.) Zu spät! Ah! er will meine Hand,
+er will sie!
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Emilia. Odoardo.
+
+
+Emilia. Wie? Sie hier, mein Vater?--Und nur Sie?--Und meine Mutter?
+nicht hier?--Und der Graf? nicht hier?--Und Sie so unruhig, mein Vater?
+
+Odoardo. Und du so ruhig, meine Tochter?
+
+Emilia. Warum nicht, mein
+Vater?--Entweder ist nichts verloren: oder alles. Ruhig sein können
+und ruhig sein müssen: kömmt es nicht auf eines?
+
+Odoardo. Aber, was meinest du, daß der Fall ist?
+
+Emilia. Daß alles verloren ist--und daß wir wohl ruhig sein müssen,
+mein Vater.
+
+Odoardo. Und du wärest ruhig, weil du ruhig sein mußt?--Wer bist du?
+Ein Mädchen? und meine Tochter? So sollte der Mann und der Vater sich
+wohl vor dir schämen?--Aber laß doch hören, was nennest du, alles
+verloren?--Daß der Graf tot ist?
+
+Emilia. Und warum er tot ist! Warum! Ha, so ist es wahr, mein
+Vater? So ist sie wahr, die ganze schreckliche Geschichte, die ich in
+dem nassen und wilden Auge meiner Mutter las?--Wo ist meine Mutter?
+Wo ist sie hin, mein Vater?
+
+Odoardo. Voraus--wenn wir anders ihr nachkommen.
+
+Emilia. Je eher, je besser. Denn wenn der Graf tot ist, wenn er
+darum tot ist--darum! was verweilen wir noch hier? Lassen Sie uns
+fliehen, mein Vater!
+
+Odoardo. Fliehen?--Was hätt' es dann für Not?--Du bist, du bleibst in
+den Händen deines Räubers.
+
+Emilia. Ich bleibe in seinen Händen?
+
+Odoardo. Und allein, ohne deine Mutter, ohne mich.
+
+Emilia. Ich allein in seinen Händen?--Nimmermehr, mein Vater.--Oder
+Sie sind nicht mein Vater.--Ich allein in seinen Händen?--Gut, lassen
+Sie mich nur, lassen Sie mich nur.--Ich will doch sehn, wer mich
+hält--wer mich zwingt--wer der Mensch ist, der einen Menschen zwingen
+kann.
+
+Odoardo. Ich meine, du bist ruhig, mein Kind.
+
+Emilia. Das bin ich. Aber was nennen Sie ruhig sein? Die Hände in
+den Schoß legen? Leiden, was man nicht sollte? Dulden, was man nicht
+dürfte?
+
+Odoardo. Ha! wenn du so denkest!--Laß dich umarmen, meine Tochter!
+--Ich hab es immer gesagt: das Weib wollte die Natur zu ihrem
+Meisterstücke machen. Aber sie vergriff sich im Tone, sie nahm ihn zu
+fein. Sonst ist alles besser an euch als an uns.--Ha, wenn das deine
+Ruhe ist, so habe ich meine in ihr wiedergefunden! Laß dich umarmen,
+meine Tochter!--Denke nur: unter dem Vorwande einer gerichtlichen
+Untersuchung--o des höllischen Gaukelspieles!--reißt er dich aus
+unsern Armen und bringt dich zur Grimaldi.
+
+Emilia. Reißt mich? bringt mich?--Will mich reißen, will mich bringen:
+will! will!--Als ob wir, wir keinen Willen hätten, mein Vater!
+
+Odoardo. Ich ward auch so wütend, daß ich schon nach diesem Dolche
+griff (ihn herausziehend), um einem von beiden--beiden!--das Herz zu
+durchstoßen. Emilia. Um des Himmels willen nicht, mein Vater!
+--Dieses Leben ist alles, was die Lasterhaften haben.--Mir, mein Vater,
+mir geben Sie diesen Dolch.
+
+Odoardo. Kind, es ist keine Haarnadel.
+
+Emilia. So werde die Haarnadel zum Dolche!--Gleichviel.
+
+Odoardo. Was? Dahin wäre es gekommen? Nicht doch; nicht doch!
+Besinne dich.--Auch du hast nur ein Leben zu verlieren.
+
+Emilia. Und nur eine Unschuld!
+
+Odoardo. Die über alle Gewalt erhaben ist.
+
+Emilia. Aber nicht über
+alle Verführung.--Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen?
+Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.--Ich
+habe Blut, mein Vater, so jugendliches, so warmes Blut als eine. Auch
+meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut.
+Ich kenne das Haus der Grimaldi. Es ist das Haus der Freude. Eine
+Stunde da, unter den Augen meiner Mutter--und es erhob sich so mancher
+Tumult in meiner Seele, den die strengsten Übungen der Religion kaum
+in Wochen besänftigen konnten!--Der Religion! Und welcher
+Religion?--Nichts Schlimmers zu vermeiden, sprangen Tausende in die
+Fluten und sind Heilige!--Geben Sie mir, mein Vater, geben Sie mir
+diesen Dolch.
+
+Odoardo. Und wenn du ihn kenntest, diesen Dolch!
+
+Emilia. Wenn ich
+ihn auch nicht kenne!--Ein unbekannter Freund ist auch ein Freund.
+--Geben Sie mir ihn, mein Vater, geben Sie mir ihn.
+
+Odoardo. Wenn ich dir ihn nun gebe--da! (Gibt ihr ihn.)
+
+Emilia. Und da! (Im Begriffe, sich damit zu durchstoßen, reißt der
+Vater ihr ihn wieder aus der Hand.)
+
+Odoardo. Sieh, wie rasch!--Nein, das ist nicht für deine Hand.
+
+Emilia. Es ist wahr, mit einer Haarnadel soll ich--(Sie fährt mit der
+Hand nach dem Haare, eine zu suchen, und bekommt die Rose zu fassen.)
+Du noch hier?--Herunter mit dir! Du gebötest nicht in das Haar
+einer--wie mein Vater will, daß ich werden soll!
+
+Odoardo. Oh, meine Tochter!
+
+Emilia. Oh, mein Vater, wenn ich Sie
+erriete!--Doch nein, das wollen Sie auch nicht. Warum zauderten Sie
+sonst?--(In einem bittern Tone, während daß sie die Rose zerpflückt.)
+Ehedem wohl gab es einen Vater, der seine Tochter von der Schande zu
+retten, ihr den ersten, den besten Stahl in das Herz senkte--ihr zum
+zweiten Male das Leben gab. Aber alle solche Taten sind von ehedem!
+Solcher Väter gibt es keinen mehr!
+
+Odoardo. Doch, meine Tochter, doch! (Indem er sie durchsticht.)
+--Gott, was hab ich getan! (Sie will sinken, und er faßt sie in
+seine Arme.)
+
+Emilia. Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.--Lassen
+Sie mich sie küssen, diese väterliche Hand.
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Der Prinz. Marinelli. Die Vorigen.
+
+
+Der Prinz (im Hereintreten). Was ist das?--Ist Emilien nicht wohl?
+
+Odoardo. Sehr wohl, sehr wohl!
+
+Der Prinz (indem er näher kömmt). Was seh ich?--Entsetzen!
+
+Marinelli. Weh mir!
+
+Der Prinz. Grausamer Vater, was haben Sie getan!
+
+Odoardo. Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.--War es
+nicht so, meine Tochter?
+
+Emilia. Nicht Sie, mein Vater--Ich selbst--ich selbst.
+
+Odoardo. Nicht
+du, meine Tochter--nicht du!--Gehe mit keiner Unwahrheit aus der Welt.
+Nicht du, meine Tochter! Dein Vater, dein unglücklicher Vater!
+
+Emilia. Ah--mein Vater--(Sie stirbt, und er legt sie sanft auf den
+Boden.)
+
+Odoardo. Zieh hin!--Nun da, Prinz! Gefällt sie Ihnen noch? Reizt
+sie noch Ihre Lüste? Noch, in diesem Blute, das wider Sie um Rache
+schreiet? (Nach einer Pause.) Aber Sie erwarten, wo das alles hinaus
+soll? Sie erwarten vielleicht, daß ich den Stahl wider mich selbst
+kehren werde, um meine Tat wie eine schale Tragödie zu beschließen?
+Sie irren sich. Hier! (Indem er ihm den Dolch vor die Füße wirft.)
+Hier liegt er, der blutige Zeuge meines Verbrechens! Ich gehe und
+liefere mich selbst in das Gefängnis. Ich gehe und erwarte Sie als
+Richter--Und dann dort--erwarte ich Sie vor dem Richter unser aller!
+
+Der Prinz (nach einigem Stillschweigen, unter welchem er den Körper
+mit Entsetzen und Verzweiflung betrachtet, zu Marinelli). Hier! heb
+ihn auf.--Nun? Du bedenkst dich?--Elender!--(Indem er ihm den Dolch
+aus der Hand reißt.) Nein, dein Blut soll mit diesem Blute sich nicht
+mischen.--Geh, dich auf ewig zu verbergen!--Geh! sag ich.--Gott! Gott!
+--Ist es, zum Unglücke so mancher, nicht genug, daß Fürsten Menschen
+sind: müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Emilia Galotti, von Gotthold
+Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Emilia Lagotti, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EMILIA LAGOTTI ***
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+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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