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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:32:42 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Die Witwe von Pisa, by Paul Heyse
+#6 in our series by Paul Heyse
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Die Witwe von Pisa
+
+Author: Paul Heyse
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9086]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 4, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WITWE VON PISA ***
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+
+Produced by Delphine Lettau
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+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Die Witwe von Pisa
+
+Paul Heyse
+
+(1865)
+
+
+Überhaupt scheint mir, daß Sie von den italienischen Frauen eine zu
+günstige Meinung haben.
+
+Wieso? fragte ich.
+
+Ich habe einige Ihrer Novellen gelesen. Nun, daß diese Arrabbiatas
+und Anninas doch auch im Süden etwas dünner gesäet sind, als der
+geneigte Leser sich einbildet, werden Sie selber zugeben. Beiläufig,
+und ganz unter uns: sind es Geschöpfe Ihrer Phantasie, oder Studien
+nach dem Leben?
+
+Frei nach dem lieben Herrgott, der schwerlich finden wird, daß seine
+Originale durch meine Bearbeitung gewonnen haben.
+
+Mag sein! Aber Sie leugnen doch nicht, daß Sie sich absichtlich immer
+die besten Exemplare ausgesucht haben? Da dürfen Sie sich denn nicht
+beklagen, wenn man Sie zu den Idealisten rechnet.
+
+Beklagen? Wie sollte ich wohl! Ich finde mich da in so guter
+Gesellschaft, daß ich froh bin, wenn ich darin geduldet werde.
+Ebenfalls im tiefsten Vertrauen, Verehrtester: Ich habe nie eine Figur
+zeichnen können, die nicht irgend etwas Liebenswürdiges gehabt hätte,
+vollends nie einen weiblichen Charakter, in den ich nicht bis zu einem
+gewissen Grade verliebt gewesen wäre. Was mir schon im Leben
+gleichgültig war, oder gar widerwärtig, warum sollte ich mich in der
+Poesie damit befassen? Es gibt genug andere, die es vorziehn, das
+Häßliche zu malen. Sehe jeder, wie er's treibe!
+
+Schön! Und vielleicht sogar richtig! Ich verstehe diese Dinge nicht.
+Aber ich habe immer sagen hören, die Poesie solle das Leben
+widerspiegeln. Nun denn, das Leben hat doch auch seine Kehrseite.
+Und zur Wahrheit gehört Licht und Schatten. Glauben Sie nicht, daß
+Sie es der Wahrheit schuldig sind, auch von den minder liebenswürdigen
+Figuren, die zum Beispiel in Italien herumlaufen, Notiz zu nehmen?
+
+Sobald ich ein Buch über den italienischen Volkscharakter
+ankündige--gewiß! Aber ich gebe Geschichten. Wenn ich lieber
+Gcschichten schreibe, die mir selbst gefallen, als Schattenrisse von
+der Kehrseite der Natur, wen betrüge ich, als solche, die ihr
+Interesse dabei finden, sich betrügen zu lassen? Aber Sie haben mich
+auf die vielberufene Kehrseite neugierig gemacht. Was verstehen Sie
+darunter?
+
+Hin! Das ist leicht gesagt. Wenn ich nicht sehr irre, ist es die
+unverfälschte Naturkraft, die Sie an diesen Weibern anzieht, der
+Mangel der zahmen und lahmen Pensionats- und Institutserziehung, das
+Wildwüchsige mit einem Wort.
+
+Und die edle Rasse, nicht zu vergessen; eben jene reiche Anlage, die
+man viel getroster sich selbst überlassen darf als eine von Hause aus
+dürftigere Natur--schaltete ich ein.
+
+Einverstanden! Und ich gebe Ihnen auch das noch zu, daß die
+Leidenschaften unter diesem Himmel sich in einem gewissen großen Stil,
+in einer natürlichen Erhabenheit austoben, selbst die
+allerverrücktesten; daß sogar die Hauptleidenschaft des
+Geschlechts--diesseits wie Jenseits der Berge--bei aller Komik hier
+etwas Grandioses behält.
+
+Eine, Hauptleidenschaft?
+
+Ich meine die Sucht, einen Mann zu bekommen. Sie lachen? Ich kann
+Ihnen sagen, daß mir die Sache außer Spaß ist, seit ich Gelegenheit
+gehabt habe, über diesen Punkt nähere Studien zu machen.
+
+Auf die ich begierig wäre.
+
+Ich will Ihnen das Abenteuer nicht vorenthalten, obwohl es für einen
+Idealisten, wie Sie sind, kein dankbarer Stoff sein wird. Nur soll
+mir unser Kondukteur erst etwas Feuer geben. Un po' di fuoco, s'il
+vous plaît, Monsieur?-Dieses Gespräch wurde in einer schönen
+Sommernacht hoch oben in der Imperiale einer französischen Diligence
+geführt, die von zwei Pferden und vierzehn Maultieren in kurzem Trabe
+die breite Straße des Mont Cenis hinaufgeschleppt wurde. Obwohl der
+Himmel herrlich ausgestirnt war, lag doch nur ein schwacher Schein auf
+den Tälern zur Seite des Weges, aus denen die schweren Wipfel der
+Kastanien heraufragten, so daß man auf den Genuß der Aussicht
+verzichten mußte. Und da Peitschenknall, Zuruf der Maultiertreiber,
+die neben ihren langgespannten Tieren bergan liefen, und das
+hundertfache Schellengeläute auch einen gesunden Schlaf nicht
+aufkommen ließen, mußte ein deutscher Schriftsteller noch zufrieden
+sein, wenn er dreitausend Fuß über dem Meeresspiegel einen so
+wohlwollenden Rezensenten neben sich fand, wie mein Coupénachbar bei
+aller Meinungsverschiedenheit zu sein schien. Wir waren schon von
+Turm aus die Bahnstrecke bis ans Gebirge zusammen gefahren, schweigsam
+jeder in einen Winkel gedrückt. Erst der Namensaufruf bei der
+Verteilung der Plätze hatte das Eis gebrochen, da wir uns beide nicht
+ganz fremd waren.
+
+Kennen Sie Pisa? fragte er, nachdem er seine Zigarre an der Pfeife des
+Franzosen angezündet hatte.
+
+Ich erzählte ihm, daß ich erst vor kurzem volle vierzehn Tage in
+dieser stillsten aller Universitätsstädte der Welt Studierens halber
+zugebracht hätte.
+
+Nun, dann kennen Sie am Ende meine Witwe vom Sehen oder doch vom Hören.
+Sind Sie nie in der breiten Straße, die der Borgo heißt, an einem
+Hause mit grünen Jalousien vorbeigekommen und haben aus einem Fenster
+des ersten Stockwerkes eine schmetternde Sopranstimme jenes Duett aus
+der "Norma" singen hören: Ah sin' all' ore all' ore estreme--?
+
+Ich verneinte.
+
+Danken Sie Ihrem Schöpfer, sagte er mit einem Seufzer, der aus einer
+hartgeprüften Brust zu kommen schien. Sehen Sie, diese Stimme war
+mein Verderben. Ich bin leider ganz unmusikalisch, sonst hätte sie
+mich vielleicht gewarnt, statt mich ins Netz zu locken. Aber wenn man
+in ein paar Dutzend unsäuberlichen Studentenwohnungen herumgekrochen
+ist--die besseren möblierten Zimmer waren, mitten im Semester, schon
+längst vergeben--, und hört dann aus einem reinlichen Hause, an dem
+der Mietszettel hängt, eine Frauenstimme flöten, so werden Sie
+begreifen, daß man eine Stimme des Himmels zu vernehmen glaubt, auch
+wenn man ein besserer Musikus ist als ich. Ich muß aber erst
+voranschicken, was ich eigentlich in Pisa zu suchen hatte. Sehen Sie,
+das hängt so zusammen. Ich bin Architekt, wie Sie wissen. In dem
+kleinen deutschen Raubstaat, den ich als mein engeres, leider viel zu
+enges Vaterland pflichtschuldigst liebe und ehre, bin ich, ohne Ruhm
+zu melden, so ziemlich der einzige meines Faches, der etwas zu bauen
+versteht, was über die landläufigen Menschenställe von drei
+Stockwerken hinausgeht. Wenn Sie einmal durch N. kommen sollten,
+versäumen Sie nicht, unser neues Zeughaus anzusehen, worin die sieben
+Landeskanonen sorgfältig unter Schloß und Riegel gehalten werden,
+damit sie nicht über die Landesgrenze wegschießen. Dieses Arsenal
+habe ich gebaut und mir dadurch nicht nur den Dank des Vaterlandes,
+sondern auch die besondere Gunst unseres Serenissimus erworben. Wenn
+er noch einmal seinen Lieblingsplan ausführt, eine Mauer um sein Land
+aufführen zu lassen nach dem Muster der chinesischen, kann ich dieses
+ruhmreichen Auftrages sicher sein. Vorläufig hat er mir seine Huld
+auf eine unscheinbarere, aber mir angenehmere Weise bezeigt, indem er
+mich mit einem wissenschaftlichen Auftrage nach Italien schickte. Wir
+besitzen nämlich als eine der Hauptsehenswürdigkeiten unserer Residenz
+mitten im Schloßpark einen schiefen Turm. Böswillige, unpatriotische
+Menschen behaupten, es sei mit dieser künstlerischen Merkwürdigkeit
+sehr natürlich zugegangen, da ein später angelegter Karpfenteich in
+der Nähe dieses ehemaligen Wachttürmchens den Boden ringsumher
+aufgeweicht und so die Senkung verursacht habe. Man kann unseren
+Landesvater nicht stärker beleidigen, als wenn man diese
+hochverräterische Meinung äußert. Als er daher eines Tages auch mich
+um mein sachverständiges Urteil befragte, war ich Diplomat genug, zu
+antworten, ich sei, da ich Italien nicht kenne, außerstande,
+nachzuweisen, in welchem historischen Zusammenhange unser schiefer
+Turm mit den berühmteren von Pisa, Bologna, Modena u.s.w. stehen
+möchte. Nur ein umfassendes Studium des gesamten mittelalterlichen
+Schiefbaues könne zu einer gerechten Würdigung unserer heimatlichen
+monumentalen Romantik das Material liefern. Das wirkte. Schon Tags
+darauf erhielt ich durch Kabinettsschreiben den allerhöchsten Auftrag,
+eine Kunstreise nach Italien auf ein ganzes Jahr anzutreten, um auf
+Kosten der Kabinettskasse Studien zu einem umfassenden Werk über die
+schiefen Türme Italiens und Deutschlands zu machen. Ich ging um so
+freudiger darauf ein, weil ich mich vor kurzem verlobt hatte und ohne
+eine solche höhere Mission mich schwerlich so bald losgerissen hätte,
+das gelobte Land endlich mit Augen zu sehen, was ich doch meinem Beruf
+längst schuldig gewesen wäre.
+
+Erlauben Sie mir zu bemerken, sagte ich, daß nach diesen Mitteilungen
+Ihre Erfahrungen mit italienischen Mädchen und Frauen mir nicht mehr
+so beweiskräftig scheinen wie vorher. Ein deutscher Bräutigam, der
+besonders auf alles Schiefgewachsene sein Augenmerk zu richten hat-Im
+allerhöchsten Auftrage! fiel er mir lachend ins Wort. Aber ein Jahr
+ist lang, und sowohl der Herr des Landes als die Herrin meines Herzens
+werden es verzeihlich finden, daß ich mich in den Mußestunden auch mit
+geradegewachsenen Schönheiten beschäftigt habe. Nein, hören Sie erst
+meine Pisaner Fata. Diese Stadt hatte ich mir für den Rückweg
+aufgespart. Den Kampanile des Pisaner Doms-den hebt mir auf, Daß ich
+zuletzt ihn speise!-sagte ich bei mir selbst und dachte volle vier
+Wochen in Pisa meinen Messungen obzuliegen und vielleicht schon ein
+Stück meines Buches über den Schiefbau hier in der Stille
+niederzuschreiben, damit ich außer Rissen und Zeichnungen Serenissimo
+auch etwas zu lesen mitbringen könnte. Nun aber, wie gesagt, hatte
+ich es fast schon aufgegeben, eine anständige Privatwohnung zu finden,
+als ich todmüde am schwülen Mittag durch den Borgo schlendere und da
+auf einmal wie vom Himmel herab aus einem Fenster gerade über dem
+"Camere da affittare" den schmetternden Gesang höre. Hinaufstürzen,
+anpochen und dein Aschenputtel von Küchenmädchen meine obdachlose Lage
+schildern, war, wie geistreiche Erzähler sagen, das Werk eines
+Augenblicks. Das Ding musterte mich von der Hutkrempe bis zu den
+Schuhen. Dabei lachte sie und schüttelte den Kopf. Nein, nein, sagte
+sie, hier wird nichts vermietet.--Aber der Zettel? sagt' ich. Und es
+steht doch deutlich darauf: Im ersten Stock!--ja, aber nicht per gli
+uomini! meinte sie und wollte schon die Türe wieder zuschlagen.--Was?
+rief ich, nicht für Menschen? Nun beim Himmel, so sollt ihr erleben,
+daß selbst ein geduldiger Deutscher zu einer Bestie werden kann, wenn
+nur die Bestien in Pisa ein menschliches Quartier finden!--Chè, chè
+sagte sie, und wollte sich ausschütten vor Lachen, so sei es nicht
+gemeint. Nur an männliche Menschen würden die Zimmer nicht vergeben.
+Ihre Herrin sei eine Witwe und beherberge nur Damen. Indessen wolle
+sie erst einmal anfragen; ich möchte nur eintreten.--So führte sie
+mich, immer lachend, durch die Küche in ein sehr sauberes Gemach, wo
+ein großes, vierschläfriges Himmelbett stand, eine alte Kommode und
+einige Rohrstühle, der Steinboden mit geflochtenen Matten sorgfältig
+belegt; aber was mir am meisten ins Auge stach: ein mächtiger
+viereckiger Tisch mitten im Zimmer, gerade so einer, wie er meine
+Sehnsucht war, um Reißbretter und Mappen bequem darauf ausbreiten zu
+können. Hier bleibst du! rief eine Stimme in mir, und wenn es um den
+Preis wäre, daß du dein Geschlecht verleugnen und am Rocken dieser
+Omphale Garn spinnen müßtest. Indem höre ich, wie nebenan der Gesang
+und das Klavierspiel plötzlich abgebrochen wird und Aschenputtel seine
+Botschaft unter beständigem Kichern ausrichtet. Ich hatte kaum Zeit,
+mir eine herzbewegende Rede einzustudieren, da geht die Türe auf und
+meine Witwe tritt herein, in einem Nachtgewande von verdächtiger Weiße,
+aber unzweifelhafter Sittsamkeit, die starken, schwarzen Haare in
+Papilloten, mit einer Haltung und Miene, daß ich sogleich wußte: die
+war schon einmal auf den Brettern! Aber sie war gar nicht übel, kann
+ich Ihnen sagen. Etwas Anlage zum Fettwerden, die Nase für meinen
+Geschmack vielleicht ein wenig zu stumpf, nicht mehr die allererste
+Frische, aber für eine Witwe äußerst wohlkonserviert, und ein Paar
+große, schwarze Augen im Kopf, wie--nun Sie können sich selbst ein
+passendes Gleichnis dazu suchen; wofür sind Sie Poet?
+
+Ich, als bildender Künstler, hatte auf den ersten Blick alle Vorzüge
+dieser Dame weg; aber selbst wenn sie zum Titelkupfer für mein Werk
+über den Schiefbau getaugt hätte: der schöne große Tisch hätte sie mir
+reizend erscheinen lassen. Ich glaube, ich habe in meinem Leben keine
+größere Beredsamkeit in einer fremden Sprache entwickelt als jetzt, wo
+es galt, ihre tugendhaften Vorurteile zu besiegen. Ich sei zwar,
+sagt' ich, allerdings eine Mannsperson (persona maschia--ausgesuchtes
+Italienisch, nicht wahr?); aber von einer so weiblichen Gemütsart, daß
+ich sogar in meiner Jugend von einer schönen Frau das Filetstricken
+gelernt hätte. Niemand im ganzen Stadtviertel werde mich jemals
+betrunken nach Hause kommen sehn, und sittenlose Bekanntschaften hier
+in Pisa zu machen, liege mir fern. Sogar des Rauchens wolle ich mich
+enthalten, wenn es ihr unangenehm sei, und gern jeden Preis, den sie
+für das Quartier fordere, unbedenklich vorauszahlen.
+
+Sie hörte mich ruhig an, und meine rührende Beschwörung schien
+Eindruck auf sie zu machen. Wenigstens sagte sie endlich, sie selbst
+habe gar nichts dagegen, aber sie sei eine junge Witwe, und ihr Oheim,
+der Vormund ihrer Kinder, wünsche nicht, daß sie ihren Ruf in Gefahr
+bringe, indem sie die jetzt überflüssig gewordenen Zimmer an Herren
+vermiete. Ich fragte sogleich nach der Wohnung dieses klugen Mannes
+und hörte zu meinem Schrecken, daß ich nicht hoffen durfte, auch an
+ihm meine Überredungskünste zu versuchen, da er gerade nach Florenz
+gereist sei.--So muß ich denn wirklich verzweifeln? rief ich mit so
+unverstelltem Kummer (ich hatte eben wieder mit dem Tisch
+geliebäugelt), daß die gute, ohnehin nicht sehr steinerne Witwenseele
+zu schmelzen anfing. Kommen Sie nachmittags wieder, sagte sie; ich
+will sehen, ob es, zu machen ist. Erminia, begleite den Herrn hinaus!
+--Damit machte sie mir eine Reverenz wie eine Fürstin, die einen
+Ambassadeur empfangen hat, und ich war in Huld und Gnaden entlassen.
+
+Sie können sich denken, daß ich in einer nicht geringen Aufregung
+meinen Risotto in jener Mustertrattorie Italiens, dem "Nettuno" am
+Lungarno, verzehrte und gerade das Doppelte meiner gewöhnlichen
+Weinration dazu trank. Ich mußte mich stärken für den Fall, an den
+ich nur mit Schrecken denken konnte, daß ich einen solchen Tisch in
+Pisa wissen und mich doch wieder, wie schon so oft, jämmerlich mit
+einem aus Stühlen, Stock und Regenschirm gezimmerten Notgestell
+behelfen müßte.
+
+Und wie ich so gegen drei Uhr wieder die steinerne Treppe hinaufstieg,
+klopfte mir ordentlich das Herz, als ob es sich nicht um ein Stück
+Holz, sondern um die Besitzerin selbst handelte und ich sollte mir
+eben Bescheid auf einen viel bedenklicheren Antrag holen. Diesmal kam
+sie mir, schwarz angetan, in etwas gewählterer Haartracht entgegen und
+schien ebenfalls nicht ganz unbefangen. Ich legte mir das zu meinen
+Gunsten aus und erschrak nicht wenig, als sie mir ohne viel Vorreden
+eröffnete, sie habe in Abwesenheit des Onkels die Tante befragt, die
+ebenfalls meine, diesen Schritt nicht wohl verantworten zu können.
+Eine junge Witwe--und dabei senkte sie mit recht täuschender
+Verschämtheit ihre schwarzen Augen--noch dazu wenn sie Künstlerin
+war--und in den Jahren, wo man noch nicht auf ein neues Lebensglück
+verzichtet--Sie werden begreifen, daß es Rücksichten gibt, die man den
+Seinigen schuldig ist, und der Wunsch meines Oheims, mich wieder
+vermählt zu sehen--ein Galantuomo wie Sie, mein Herr, wird dem Glück
+einer einzelstehenden jungen Frau nichts in den Weg legen wollen.
+
+Ganz im Gegenteil, meine beste Dame, rief ich lebhaft aus--immer die
+Augen auf meinen schönen Tisch geheftet--, vielmehr würde ich
+überglücklich sein, Ihnen beweisen zu können, wie sehr ich Ihre
+Zurückhaltung schätze, wie sehr ich Sie wegen der Reize, Talente und
+Tugenden, die Ihre Person schmücken, bewundere und verehre. Ja, Sie
+haben recht, und Ihr würdiger Oheim hat recht: ein Wesen wie Sie ist
+geschaffen, glücklich zu sein und glücklich zu machen. Der Ärmste,
+der dieses Glück nur so kurze Zeit genossen hat! Wie lange ist er
+Ihnen schon entrissen?
+
+Zehn Monate, sagte sie, ohne daß die Erinnerung sie besonders
+anzugreifen schien. Er reiste nach Neapel, fiel unter die
+Briganten--und kam nicht wieder. Soll ich Ihnen seine Photographie
+zeigen?
+
+Damit ging sie mir voran in das Nebenzimmer, das etwas reichlicher
+möbliert war und offenbar als eine Art Salon benützt wurde. Hier
+stand der Flügel, ein eleganter Schreibtisch nahe am Fenster, einige
+bunte Vogelkäfige hingen von der Decke herab, und die Wände waren mit
+Porträts berühmter Theatergrößen bedeckt. Im unscheinbarsten Rahmen
+über dem Sofa, mit einem verstaubten Lorbeerkranz umgeben, sah ich das
+Bild eines ernsten Mannes in mittleren Jahren, den sie mir als ihren
+Seligen vorstellte. Auch jetzt konnte ich keine Spur einer
+Gemütsbewegung auf ihrem Gesicht entdecken. Die Kanarienvögel schrien,
+ein kleines Wachtelhündchen kroch unter dem Sofa hervor und fing an
+zu bellen, Aschenputtel hörte ich durchs Schlüsselloch hereinkichern,
+und mitten in diesem Tumult stand meine Schöne und sprach ganz
+gelassen von einem neuen Lebensglück, wobei sie mich einlud, auf dem
+Sofa neben ihr Platz zu nehmen.
+
+Ich äußerte ihr meine Verwunderung, daß sie schon zehn Monate allein
+stehe, ohne von allen Seiten umworben zu werden.--Ich bin wählerisch,
+sagte sie. Ich war zu glücklich mit meinem Carlo, um mich der Gefahr
+auszusetzen, mich an jemand zu binden, der mich weniger liebte als er.
+Mehrere haben um mich angehalten, noch erst vorgestern ein junger
+Graf; den hätte ich auch wohl genommen, aber er war zu jung für mich,
+erst neunzehn Jahre, und ich bin doch schon dreiundzwanzig. Der arme
+Mensch dauerte mich freilich; aber was wollen Sie? Man kann doch
+nicht alle heiraten, die vor Liebe zu einem den Verstand verlieren.
+
+Freilich nicht, erwiderte ich. Was wollten Sie auch mit einem solchen
+Kinde anfangen? Nur ein reiferer Mann, der das Leben schon kennt,
+würde Ihren Wert ganz zu schätzen wissen und Ihnen einigermaßen den
+Verlorenen ersetzen.
+
+Sie seufzte. O die Männer! sagte sie. Alle sind sie Egoisten! Nur
+die Jugend hat noch Hingebung und Begeisterung für das Schöne. Die
+Reiferen werden kalt und sind nicht mehr fähig, glücklich zu machen.
+
+Es käme auf den Versuch an, sagte ich, halb arglos, halb um sie zu
+vcrsuchen; denn ich merkte nun wohl, wie die Dinge standen, und daß
+die Tante unter gewissen Voraussetzungen ihr Veto gern zurückziehen
+würde. Dabei kam mir das ganze Abenteuer so drollig vor, daß der
+Übermut sich in mir regte, die Posse noch etwas weiter zu spielen.
+
+Schöne Frau, sagte ich, wie heißen Sie eigentlich?
+
+Lucrezia, erwiderte sie und sah mich mit unbeweglichen Augen forschend
+an.
+
+Schöne Lucrezia, fuhr ich fort, vielleicht ist es ein Werk der
+Vorsehung, daß ich jetzt auf diesem Sofa sitze. Ich bin viel
+herumgeschweift (ich meinte: in Pisa, nach Wohnungen; sie verstand: in
+der Welt) und habe nirgends gefunden, was ich suchte. Erst in diesem
+Hause--und dabei schielte ich wieder durch die Türe nach dem schönen
+Zeichentisch--ja, Madonna Lucrezia, erst hier fühle ich den Drang, zu
+bleiben und Hütten zu bauen. Sie kennen mich nicht und ich kenne Sie
+nicht, und es wäre voreilig, heute schon über die Zukunft entscheiden
+zu wollen. Chi va piano, va sano.
+
+Aber auch lontano, schaltete sie ein. Sie reisen wieder nach Hause?
+
+Es kommt ganz auf Euch an, wie lange ich Pisas Lüfte atmen werde,
+sagte ich mit schamloser Doppelzüngigkeit und antwortete ebenso
+hinterhältig auf ihre Frage, ob ich schon eine Frau habe: nein, noch
+nicht, aber ich sei entschlossen, kein halbes Jahr mehr ein
+Junggeselle zu bleiben.--Da beschämte mich diese große Seele mit dem
+offenen Geständnis, sie habe vier Kinder; die zwei jüngsten seien über
+Tag meist bei der Tante, die beiden älteren, von fünf und vier Jahren,
+in Florenz bei der Mutter ihres Seligen.--Schön, sagte ich, ich hoffe,
+ich lerne die kleinen Engel bald kennen; ich habe eine wahre Passion
+für alle Haustiere, Kinder, Hunde und Kanarienvögel.--O Sie sind eine
+Ausnahme! rief sie schwärmerisch; mein Carlo wollte immer aus der Haut
+fahren, wenn die Kinder schrien und die Vögel zwitscherten und ich
+dazwischen Solfeggien sang. Sie sind gewiß ein Engländer, die haben
+immer so einen aparten Geschmack.--Nur ein Deutscher, sagte ich; aber
+auch bei uns gibt es Narren genug, die es entweder schon sind, oder
+doch für ein Paar schöne Augen sich nicht lange besinnen, es zu werden.
+Also meinen Koffer darf ich herbringen lassen?
+
+Ich begleitete diese Frage mit einem ehrerbietigen Handkuß, stand auf
+und empfahl mich so eilig, als ich höflicherweise konnte, um meinen
+Sieg nicht wieder aufs Spiel zu setzen. Denn wenn sie mir einen
+Mietsvertrag vorgelegt hätte, um mich in Paragraph Eins ausdrücklich
+zum Heiraten zu verpflichten, wäre meine ganze Doppelzüngigkeit zu
+Schanden geworden.--Ich drückte dem Aschenputtel Erminia ein paar
+Franken in die Hand, und schon eine Stunde nachher war ich mit Sack
+und Pack wieder vor der Tür und hielt triumphierend meinen Einzug.
+
+Auch hatte ich die ersten Tage keine weiteren Unbequemlichkeiten von
+meiner Kriegslist, keine Anfechtungen, weder in meinem Gewissen, noch
+in meinen vier Pfählen. Der überrumpelte schöne Feind begnügte sich
+offenbar damit, mich zu beobachten; denn bei der Kaltblütigkeit, mit
+der das "neue Lebensglück" betrieben wurde, konnte sie sich Zeit
+lassen, zu untersuchen, ob sie auch kein schlechtes Geschäft mache mit
+diesem wildfremden Zukünftigen. Leider schien das Ergebnis ihrer
+Forschungen täglich mehr zu meinen Gunsten auszufallen. Und ich
+machte es auch danach! Einen stilleren, geduldigeren, fleißigeren
+zweiten Mann, als ich in diesen Tagen darstellte, kann sich keine
+junge Witwe wünschen, und wenn ich im Punkte der Zärtlichkeit manches
+zu wünschen übrig ließ, so war dies mit der ritterlichen Diskretion zu
+entschuldigen, die unsere Zimmernachbarschaft mir zur Pflicht machte.
+Kam ich von meinen Vermessungsgeschäften am Kampanile nach Hause, so
+pflanzte ich mich sofort hinter den bewußten Tisch, um die Resultate
+in meine Zeichnung einzutragen. Währenddessen konnte sie nebenan ihr
+"Ah sin' all' ore all' ore estreme" oder eine andere schmelzende
+Kazitilene schmettern, so viel sie wollte: Ich pries, zum ersten Male
+im Leben, mein stumpfes Ohr, das mir half, dieser Lockung mannhaft zu
+widerstehen. Ein paarmal schickte sie mir die Kinder herein, die
+einen greulichen Unfug mit meinen Mappen und anderen Habseligkeiten
+anstellten, bis ich mit einigen Orangen den Frieden von ihnen erkaufte.
+Auch in dieser Prüfung benahm ich mich musterhaft. Ging ich darin
+in der Abendkühle am Lungarno spazieren unter dem Schwarm von
+Studenten, Pisaner Bürgern mit ihren Familien und einigen wenigen
+Stutzern, die auch hier nicht fehlten-nun Sie kennen ja das alles aus
+eigener Anschauung-, so begegnete ich regelmäßig einige Male meiner
+schönen Hauswirtin, die an der Seite einer Freundin mit züchtigen
+Witwenschritten dichtverschleiert lustwandelte und, wie ich merken
+konnte, viele Verehrer hatte. Mancher von diesen hätte mich wohl
+beneidet, wenn er gewußt hätte, wie bequem es mir gemacht wurde. Ich
+aber begnügte mich mit devotem Hutabziehen und kam regelmäßig erst
+nach Hause, wenn ich wußte, daß sie schon Nacht gemacht hatte. Das
+geschah sehr früh-, denn da sie, wie die meisten Italienerinnen,
+völlig ungebildet war und höchstens einen französischen Roman in der
+Übersetzung las, so langweilte sie sich entsetzlich, sobald es dunkel
+wurde und sie nicht mehr aus dem Fenster sehen und sich bewundern
+lassen konnte.
+
+Dieser friedfertige Zustand, der meinen Wünschen sehr entsprach--ein
+Leben wie im Paradiese, wo Wolf und Lamm in Unschuld nebeneinander
+hausten--, hatte etwa eine Woche gedauert, da merkte ich, daß das Lamm
+sich zu wundern anfing, wie zahm der Wolf sich betrage; ja es schien
+der armen Unschuld ordentlich gegen die Ehre zu gehen, daß sie noch
+immer ungefressen blieb, da sie sich selbst doch appetitlich genug
+vorkam. Nun kehrte sich der Naturzustand um, und das Lamm rüstete
+sich, den Wolf nach allen Regeln zu belagern. Einige Tage blieb es
+bei frischen Blumensträußen, mit denen ich meinen Zeichentisch
+geschmückt fand, wenn ich nach Hause kam. Dann fand ich, da meine
+Hausschuhe in ziemlich desolatem Zustande waren, abends ein paar warme
+türkische Pantoffeln vor meinem Bett, die offenbar dem Seligen, meinem
+Vor-Wolf, gehört hatten; übrigens waren sie noch so gut wie neu.
+Mittags mußte ich mit aller Gewalt ein Fritto von Artischocken und
+kleinen Kürbissen kosten, das Madonna Lucrezia selbst bereitet haben
+wollte, und ihr mit einem Glase Chianti Bescheid tun. Erminia, die
+mit am Tisch aß und die beiden Bimbi fütterte, hatte wieder genug zu
+kichern, und nur das Hündchen knurrte mich feindselig an, als einen
+Eindringling, der ihm seine Ration zu verkümmern drohte. Dabei
+führten wir tiefsinnige Gespräche über deutsche und toskanische
+Kochkunst, und ich abtrünniger Sohn meines Vaterlandes verleugnete
+sogar das deutsche Sauerkraut gegenüber den italienischen Artischocken.
+Das schien ihr bedeutsam genug, um andern Tags einen noch
+lebhafteren Sturm zu wagen. Denken Sie, was das verschmitzte Geschöpf
+sich einfallen ließ! Ich bin am Vormittag wie gewöhnlich auf meinem
+schiefen Turm, nun schon in den obersten Geschossen, und denke an
+nichts Arges, da höre ich unten aus der Tiefe zu mir heraufsingen das
+nur zu wohlbekannte: "Ah sin' all' ore all' ore estreme", und richtig,
+meine schöne Freundin ersteigt herzhaft die langen Wendeltreppen, so
+daß an ein Entrinnen nicht zu denken war, ich hätte denn hinter den
+Pfeilergalerien Versteckens spielen müssen. Was sie eigentlich
+beabsichtigte, ist mir heute noch nicht recht klar; denn von der
+obersten Zinne sich, entweder allein, oder Arm in Arm mit mir
+hinabzustürzen, wenn ich ihr nicht endlich ein festes
+Heiratsversprechen gäbe, dazu war sie ein viel zu praktischer
+Charakter, viel zu sehr--Italienerin, hätt' ich beinahe gesagt. Aber
+ich will Ihren Idealismus nicht kränken. Am Ende war es auch bloß die
+Langeweile, die sie zu mir trieb. Ich natürlich stellte mich sehr
+erfreut, machte die Honneurs des Turnies aufs Liebenswürdigste, und da
+wir ganz allein waren, hielt ich es für angebracht, ihr wenigstens
+wieder einmal die Hand zu küssen. Sie hatte auch gerade ihren guten
+Tag. Vom Steigen war ihr wachsbleiches Gesicht etwas gerötet, und wie
+sie so die kohlschwarzen Augen über Dom und Baptisterium und Stadt und
+fernes Gebirge funkeln ließ, schien sie mir wirklich keine üble Partie.
+Notabene für einen Italiener, der keine Gemütsansprüche machte. Ich
+sagte ihr sehr viel schöne Dinge, die das arme Lamm, nach der langen
+schlechten Behandlung von meiner Seite, mit sichtlichem Behagen
+einschlürfte. Natürlich wurde ich durch einige zärtliche Anspielungen
+und sehr ermutigende Blicke belohnt. Aber ich hatte nicht nötig,
+durch Umdrehung meines Verlobungsringes einen guten Geist zu
+beschwören, daß er mich in dieser Versuchung beschütze, denn ich wußte
+es ganz deutlich, daß ich ihr bei all ihren kleinen schmachtenden
+Manövern im Grunde der Seele so gleichgültig war wie die Marmorstufe,
+auf der sie stand. Und so kamen wir denn nach Verlauf einer Stunde
+beide ganz wohlbehalten unten auf dem Domplatze wieder an.
+
+Sie aber mußte doch wohl glauben, das Eisen zum Glühen gebracht zu
+haben, denn sie verlor keine Zeit, es zu schmieden. Noch denselben
+Nachmittag schleppte sie mich in eines der offenen Theater,--ich
+glaubte, das sogenannte Politeama war's--Sie werden sich erinnern.
+Vergebens wandte ich ein, daß ich sie zu kompromittieren fürchte, wenn
+man uns zwei so öffentlich miteinander das Schauspiel besuchen sähe.
+--Die Sachen sind nun doch schon so weit gediehn, gab sie ganz
+gelassen zur Antwort, daß Sie mich viel stärker, als Sie schon getan,
+überhaupt nicht mehr kompromittieren können. Und wird nicht doch
+einmal der Schleier fallen müssen?--Jawohl, seufzte ich bei mir selbst,
+die Schuppen werden dir von den Augen fallen, armes Lamm!--und so
+begleitete ich sie mit heroischer Fassung ins Theater.
+
+Ich glaubte erst, sie habe dieses gemeinsame Vergnügen nur darum
+arrangiert, um sich wirklich recht geflissentlich vor aller Welt zu
+kompromittieren und mich dadurch moralisch zu binden. Aber sie hatte
+noch eine Nebenabsicht. In den Zwischenakten der ziemlich
+langweiligen modernen Tragödie, während deren Lucrezia beständig
+kandierte Früchte naschte, trat nämlich ein Sänger auf, den ich als
+eine ungewöhnliche Figur schon öfters auf den Straßen von Pisa
+studiert hatte. Er schlenderte gewöhnlich, in ein zimmetbraunes,
+malerisch geschnittenes Tuchwams und weite Hosen von derselben Farbe
+gekleidet, einen breiten, phantastischen Hut auf die dicken schwarzen
+Haare gedrückt, in Begleitung eines kleinen braunen Weibchens, das ihn
+führte, durch die Straßen, immer vor sich hin lächelnd mit einem halb
+gutmütigen, halb ironischen Ausdruck, während das feine scharfe
+Gesichtchen der Frau einen versteinerten Leidenszug hatte. Ich hatte
+mir sagen lassen, dies sei ein ehemals berühmter Sänger, Tobla Seresi,
+ein prachtvoller Bariton, der leider den Verstand verloren habe und
+darum als Opernsänger nicht mehr zu brauchen sei. Denn er habe
+zuweilen Anfälle von Tobsucht, wo dann nur seine kleine Frau, die er
+zärtlich liebe, ihn zu behandeln und wieder zahm zu machen verstehe.
+Zuweilen singe er auf den Theatern in den Zwischenakten, um sich etwas
+zu verdienen; dann stehe das kleine Weibchen immer hinter den Kulissen
+und beobachte ängstlich jede Miene in seinem Gesicht.
+
+Dieser Sor Tobia nun sang, wie gesagt, auch an jenem Nachmittage, und
+seinetwegen hatte meine Witwe mich hingeschleppt. Denn kaum hatte er
+die ersten Töne seiner Arie gesungen, so wandte sich Frau Lucrezia
+nach mir um, der ich hinter ihr in der Loge saß, und erzählte mir
+weitläufig, daß sie selbst eigentlich die Ursache dieses Unglücks sei.
+Vor sechs Jahren, mitten in einem verliebten Duett, das sie mit ihm
+gesungen--die Oper, die sie mir auch nannte, habe ich vergessen--sei
+der Wahnsinn bei ihm ausgebrochen. Er habe sie nämlich heftig an sich
+gezogen, wie es die Rolle mit sich brachte, und ihr mit rollenden
+Augen zugeflüstert, wenn sie ihn nicht erhöre, so werde er sie und
+sich mit einem vergifteten Kartoffelsalat umbringen. Was an dem Zeug
+wahr sein mochte, weiß ich nicht. Genug, sie schwatzte mir in diesem
+Stil noch eine Menge Abenteuer vor, damit ich recht einsehen solle,
+was sie damals für ein lebensgefährliches Frauenzimmer gewesen sei.
+Ich hörte nur halb zu, um nicht den Gesang ganz zu verlieren, der ihr,
+obwohl sie Sängerin war, sehr gleichgültig zu sein schien. Als es
+dann zu Ende war, warf sie ihren Strauß auf die Bühne und klatschte
+mit Ostentation. Einige Amateurs drängten sich aus dem Parterre ins
+Orchester und reichten dem Sor Tobia einen riesenhaften Strauß, wie
+ein Wagenrad, auf die Szene hinauf, den er mit seinem stillen
+ironischen Lachen annahm, unter wütendem Applaus. Das Volk war sehr
+liebenswürdig gegen den armen Irren, und ich hörte links und rechts
+Ausrufe des Bedauerns und der Teilnahme an seinem Geschicke. Nur
+meine Witwe ignorierte ihn ganz kaltblütig, fächerte sich beständig
+Kühlung zu und fing gleich wieder an, verzuckerte Orangenscheibchen zu
+essen.
+
+Ich gestehe Ihnen, es überlief mich eiskalt neben dieser meiner
+Eroberung; ich war froh, daß sie bald aufbrach, und wie sie meinen Arm
+nahm und wir nach Hause gingen, kam ich mir recht erbärmlich vor; ich
+fühlte mich in einer so schiefen Lage, daß ich längst zusammengestürzt
+wäre, wenn ich ein Glockenturm und nicht ein elastischer Organismus
+von Fleisch und Bein gewesen wäre. An diesen Tag werde ich denken!
+Denn glauben Sie nicht, daß es damit schon vorbei war. Meine Schöne
+hatte sich offenbar vorgenommen, heute noch die Sache zwischen uns ins
+reine zu bringen, unterhielt mich daher von ihren Vermögensumständen,
+die ganz annehmlich schienen, von dem Glück, das sie ihrem Seligen
+bereitet, der sie ihrer Schönheit wegen von der Bühne weggeheiratet
+habe, obwohl er selbst Komponist gewesen und ihren Gesang zu schätzen
+gewußt habe. Sehen Sie, sagte ich in meiner Herzensangst und
+versuchte dabei eine scherzhafte Miene zu machen, das würde nun doch
+ein Hindernis für uns bilden. Denn in Deutschland gehen alle
+südlichen Stimmen bei dem beständigen Schneewetter zu Grunde.--Sie
+erwiderte, daß sie dieses Opfer gern bringen würde. Die Ehe, setzte
+sie mit einem pathetischen Seufzer hinzu, die Ehe ist ja ein
+beständiges Opfer auf dem Altar der Liebe!--Aber, sagte ich, die
+lieben Kinder, wie werden die das rauhe Klima ertragen?--Auch das
+machte ihr keinen Kummer. Die Bimbi sind ja wohl aufgehoben, sagte
+sie. Die Tante übernimmt die beiden kleinsten, die ältesten bleiben
+in Florenz.--Schön! sagte ich und dachte bei mir selbst: O du
+Rabenmutter! Aber ich lächelte dabei so verbindlich, daß sie kein Arg
+hatte; denn das sah ich ihr an, daß sie zum Äußersten entschlossen war
+und sich nicht besonnen hätte, mir ebenfalls einen bitteren
+Kartoffelsalat anzurichten, wenn sie hinter meine wahre Stimmung
+gekommen wäre.
+
+Da kam mir eine Eingebung, die ich für sehr glücklich hielt. Schöne
+Frau, sagte ich, Ihr müßt mich erst über einen Punkt beruhigen. Ihr
+sagt, Euer Seliger sei unter die Briganten gefallen und nicht
+wiedergekommen. Wißt Ihr denn aber gewiß, daß er nicht mehr am Leben
+ist? Wenn er nun eines schönen Tages zurückkehrte und Euch
+reklamierte, oder gar mir einfach den Hals bräche, zum Dank dafür, daß
+ich ihm sein Eigentum inzwischen so gut aufgehoben hätte?
+
+Diese Frage tat ich, als wir schon wieder oben in ihrem Salon auf dem
+bewußten Sofa saßen, gerade unter dem Bilde des seligen Komponisten.
+Ich fügte noch einige weise Reden über die Zweckmäßigkeit offizieller
+Totenscheine hinzu und über den Greuel der Bigamie--Warten Sie! sagte
+sie ruhig, stand auf und schloß ein Fach ihres Schreibtisches auf.
+Was zog sie daraus hervor? Sie werden es kaum glauben, aber es ist so
+buchstäblich wahr wie diese ganze Historie: zwei Fläschchen, beide
+wohlverkorkt und mit einer Schweinsblase luftdicht zugeklebt, und in
+jedem ein natürliches Menschenohr, kunstreich mit einem reinlichen
+Schnitt vom Kopfe abgetrennt und hier in Spiritus aufbewahrt! Ecco!
+sagte sie und hielt mir die Fläschchen hin, die ich vor Grausen nicht
+in die Hand zu nehmen vermochte. Dies ist wohl besser als mancher
+Totenschein. Es sind Carlos Ohren, ich erkannte sie auf der Stelle.
+Erst kam das rechte; das schickte mir einer seiner Freunde aus Neapel,
+und ich mußte fünftausend Lire als Lösegeld schicken, was ich auch
+sogleich tat. Aber es kam doch zu spät an; denn bald darauf erhielt
+ich das zweite Fläschchen und einen zweiten Brief des Freundes, worin
+stand, die Mordgesellen hätten das Geld genommen, aber als Quittung
+darüber eben nur das zweite Ohr ausgeliefert; was aus dem Menschen
+geworden, der daran gesessen habe, sei gänzlich dunkel, und ich müsse
+mich in Geduld fassen. Was sagen Sie zu dieser Zumutung an eine
+zärtliche Gattin? Ich mich in Geduld fassen? Nein, bei mir stand es
+sogleich fest: mein Carlo ist nicht mehr! O er hatte so empfindliche
+Ohren--und nun wollte man mir einreden, er hätte ihren Verlust
+überleben können? Arme und Beine hätten sie ihm amputieren können,
+und er hätte weitergelebt! Aber mein Carlo ohne seine
+Ohren--nimmermehr!
+
+Ihr müßt das wissen, schöne Frau, sagte ich, und in der Tat, wenn
+diese traurigen Reliquien wirklich Eurem Seligen gehört haben-So gewiß
+wie dies mein kleiner Finger ist, sagte sie mit großer Überzeugung und
+betrachtete dabei die Fläschchen mit so wissenschaftlichem Ernst, wie
+etwa ein Naturforscher eine neue Amphibienspezies, die man ihm in
+Spiritus zugeschickt hat. Mich überlief eine Gänsehaut.
+
+Dennoch, sagte ich, reicht dieses Vermächtnis schwerlich hin, Euch
+ganz frei zu machen. Die Gerichte sind sehr eigensinnig. Sie
+verlangen ganz andere Beweise, ehe sie einen Menschen aus dem Register
+der Lebendigen streichen.
+
+Darum ist eben der Oheim nach Florenz, versetzte sie gelassen. Er
+kennt einige Minister und hofft, daß es ihm gelingen werde, die
+legalen Zeugnisse zu erhalten. Mein Mann ist nicht unbekannt, und
+sein plötzliches Verschwinden hat Aufsehen gemacht. Die Wahrheit muß
+endlich an den Tag kommen.
+
+Damit ging sie wieder an ihren Schreibtisch, verschloß die teuren
+Andenken an ihren Seligen und setzte sich ans Klavier, um nun noch
+durch--den Zauber der Töne auf mich zu wirken. Aber ich konnte nicht
+mehr! Es war mir in der Nähe dieses entsetzlichen Frauenzimmers zu
+Mute, als hätte ich mich mit einer Wachsfigur eingelassen, in deren
+hohlem Innern eine Spieluhr angebracht sei. Die Haare standen mir zu
+Berge, als sie ihr beliebtes "Ah sin' all' ore" anstimmte; ich
+schützte Kopfweh vor und stürmte aus dem Hause ins Freie.
+
+Ich flüchtete zu meinem lieben "Nettuno", aber ich konnte keinen
+Bissen hinunterbringen; alles widerstand mir, bis auf den Wein, dem es
+aber doch nicht gelang, mich ganz in Bewußtlosigkeit einzutauchen.
+Immer sah ich die beiden Fläschchen und die kaltblütigen schwarzen
+Augen darauf gerichtet und hörte den Klang der Spieluhr aus der hohlen
+Automatenbrust. Daß ich es unter diesem Dach nicht länger aushalten
+könne, stand bei mir fest. Aber wie sollte ich entrinnen, ohne daß
+dieses erbarmungslose Weib Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um
+mich aus jedem Schlupfwinkel, den ich in der Stadt nur ersinnen könnte,
+wieder hervorzuziehen? Schade, daß Toskana keine Abruzzen hat! Wie
+gern wäre ich ebenfalls in die Hände der Briganten geraten, unter der
+Bedingung, daß sie mich um keinen Preis wieder auslösen dürften.
+
+Endlich brachte mir der treffliche rote Wein eine Erleuchtung. Ich
+mußte nicht nur das Haus, sondern die Stadt verlassen, wenn auch meine
+Studien am Kampanile noch sehr einer Revision bedurft hätten. Die
+Schwierigkeit bestand vor allem darin, wie ich, ohne Aufsehen zu
+erregen, meine Habseligkeiten an den Bahnhof schaffen sollte. Aber in
+der Desperation hatte ich einen Einfall, den ich Ihnen für künftige
+Notfälle empfehle, sei es im Leben, sei es in Novellen oder
+Lustspielen. Ich kaufte noch denselben Abend einen Koffer, den ich in
+den "Nettuno" tragen ließ und meinem getreuen Kellner überantwortete.
+Das weitere sollte der morgende Tag bringen.
+
+Erst aber brachte die Nacht noch eine letzte Gefahr, nicht die
+geringste von allen. Stellen Sie sich vor, was diese Lucrezia für
+einen Spuk arrangierte. Ich war zu Bett gegangen, wie gewöhnlich,
+ohne ihr noch eine gute Nacht gewünscht zu haben, und die Hoffnung auf
+ein glückliches Entkommen ließ mich rasch und sanft einschlafen. Da
+werde ich etwa um Mitternacht durch ein heftiges Bellen des Hündchens
+und einen plötzlichen Lichtschein aufgeweckt und sehe meine schöne
+Witwe vor meinem Bette stehen in einer sehr fragwürdigen Gestalt,
+nicht gerade unschicklich, aber immerhin das verfänglichste Kostüm, in
+dem sie mir noch erschienen war. Sie haben ja wohl die
+"Nachtwandlerin" gesehn und den "Fra Diavolo"? Aus einer dieser Opern
+mochte meine Primadonna das weiße gestickte Unterröckchen noch übrig
+behalten haben, in weichem sie sich zu mir flüchtete, die Haare
+aufgelöst über die schönen Schultern, das Gesicht tragisch verzerrt.
+Um Gottes willen, was ist geschehen? rief ich und stützte mich im
+Bette auf.--Er ist mir erschienen, wie er leibte und lebte, sagte sie;
+er steht noch drinnen an meinem Bette, ich bin halbtot vor Schrecken
+und getraue mich nicht wieder hinein!--Possen! sagte ich, ganz
+ärgerlich. Ihr habt geträumt, Lucrezia. Legt Euch wieder schlafen
+und laßt mich in Frieden,--Nein, nein, sagte sie; kommt und seht ihn
+selbst und sagt dann, ob ich träume.--Und dabei faßte sie meine Hand,
+wie beschwörend, mit ihren beiden Händen; es fehlte nur noch, daß sie
+wie auf dem Theater zu singen anfing. Da wurde mir die Sache doch zu
+toll. Gut, sagte ich, ich will jetzt aufstehen und mitkommen. Steht
+er wirklich als Geist an Eurem Bette, so daß ich ihn mit diesen meinen
+Augen sehe, so ist es meine Ritterpflicht, mir in Eurem Namen diese
+ganz zwecklosen und unbequemen Nachtbesuche zu verbitten. Ist aber
+von einem Gespenst nichts zu sehen, so tut es mir herzlich leid, aber
+ich muß auf Eure Hand verzichten, Lucrezia; denn ich habe einen
+angeborenen Abscheu vor Nachtwandlerinnen und bin fest entschlossen,
+lieber ledig zu bleiben, als eine Somnambule zu heiraten.--Indem ich
+dies sagte, machte ich Miene aufzustehen. Aber sie ließ es nicht so
+weit kommen. Sie schüttelte abwehrend ihre schwarzen Haare, winkte
+mir mit den schönen weißen Armen eine gute Nacht und verschwand ohne
+jede weitere Auseinandersetzung.
+
+Nun mußte ich trotz meines Ärgers aus vollem Halse lachen und schlief
+darüber friedlich wieder ein, wurde auch nicht zum zweiten Male
+gestört. Aber die ganze Affäre bestärkte mich natürlich in meinem
+Entschluß, mich heimlich davonzuschleichen. Denn der Oheim wurde
+täglich zurückerwartet, und wer konnte wissen, was sie dem bereits
+über mich geschrieben, und wie weit dieser Ehrenmann seine schöne
+Nichte durch mich "kompromittiert" glauben mochte. Ich ließ mir am
+Morgen nicht das geringste merken, zeichnete erst eine Welle, ging
+dann, als die Straße schon sehr belebt war, wie gewöhnlich aus, ein
+Päckchen unter dem Arm, das niemand auffiel und in dem ich einen Teil
+meiner Wäsche nach dein "Nettuno" transportierte, wo mein neuer Koffer
+übernachtet hatte. Auf die Art schaffte ich im Laufe des Vormittags
+nach und nach meine sämtliche Habe aus dein Hause, und als ich zuletzt
+die Risse und Zeichnungen in einen großen Blechzylinder verpackt den
+übrigen Sachen nachtrug, sah es doch in meinem Zimmer nicht anders aus
+als sonst, da ich den leeren Koffer, einige leere Mappen und mein
+Waschgerät dem Feind als Beute zurückgelassen hatte. Auch die
+türkischen Pantoffeln des Seligen standen mit der unschuldigsten Miene
+von der Welt unter dem Bette. Die Miete hatte ich auf einen Monat
+vorausbezahlt.
+
+Nun können Sie sich denken, mit welchem Hochgefühl der Befreiung und
+Errettung ich die schöne Straße nach La Spezia hinsauste, wie ein
+Verbrecher, der zu lebenslänglichem Ah sin' all' ore all' ore estreme
+verurteilt war und glücklich ausgebrochen ist. Die Gegend ist dort so
+schön, daß es mich zu jeder anderen Zeit gewiß verdrossen hätte, auf
+der Eisenbahn hindurchzufliegen. Aber wer eine zärtliche Witwe
+zurückläßt, kann nicht rasch genug von der Stelle kommen. Erst als
+ich spät abends in La Spezia ankam und in der Eroce di Malta abstieg,
+glaubte ich mich geborgen und aß, trank und schlief mit leichtem
+Herzen. In meinem Zimmerchen war nur ein ganz kleiner Tisch, auf dem
+man kaum einen Waschzettel schreiben konnte. Aber--so wandelbar ist
+das Gemüt des Menschen--er gefiel mir in seiner Zwerghaftigkeit ganz
+ausnehmend, und ich konnte nicht ohne stillen Schauder an jenen Riesen
+zurückdenken, der mich ins Netz meiner Armida gelockt hatte.--Seit
+Wochen war ich nicht so fröhlich aufgewacht wie am andern Morgen, und
+weil es ein wundervoller Tag war, die reinste Junisonne und das Meer
+spiegelglatt, bcschloß ich, eine Fahrt auf dem Golf zu machen nach dem
+alten Fischer- und Piratennest Portovenere, von dem mir meine Freunde
+in Rom so viel erzählt hatten. Da der geringe Wind uns entgegenstand,
+mußte mein alter Schiffer zu den Rudern greifen, und zwei ganze
+Stunden brauchten wir, bis wir um das Vorgebirge bogen und nun der
+verwitterte Häuserhaufen, das malerische Kirchlein und die Insel
+Palmaria gegenüber in der vollen Sommersonne vor uns auftauchten. Sie
+werden diesen wundersamen Erdenwinkel ohne Zweifel auch besucht haben.
+Ist es nicht wirklich, als befände man sich da viele Meilen südlicher
+in einem jener Klippennester am Busen von Salern, wo noch Abkömmlinge
+der griechischen Kolonisten in homerischer Unbekümmertheit ihre Tage
+hinleben? Derselbe schöne Menschenwuchs, dieselbe vorsündflutliche
+Kochkunst und ein urweltlicher Schmutz, der in allen Ecken bergehoch
+versteinert. Ich traute meinen Augen nicht, als ich die einzige
+Hauptgasse hinaufschlenderte durch die Reihen der spinnenden,
+singenden und schwatzenden Weiber, die mit losen Haaren und halb im
+Hemde unter den Türen saßen und mich anstarrten wie ein Meerwunder,
+das die Wellen eben ausgespien. Ach, und die herrliche Vegetation,
+das beneidete Aloe-Unkraut auf den Mauertrümmern der verfallenen
+Festungswerke, Kaktus, Wein und Oliven bunt durcheinander in den
+Gärtchen hinter den grauen Häusern, und die kolossalen Feigenbäume,
+die sich vor Früchten nicht zu lassen wußten! Wenn man sich in der
+reinlichen Toskana einen Monat lang herumgetrieben hat, tut einem
+diese Rückkehr in das Paradies, das der Besen einer löblichen Polizei
+noch niemals ausgefegt hat, über alle Maßen wohl. Ich wurde nicht
+müde, die Gäßchen hinauf- und hinunterzuklettern, aus den leeren
+Fensterbögen des alten Kirchleins auf dem äußersten Felsenvorsprung in
+die schöne Brandung hinunterzustarren, und dann wieder im Schatten der
+Festungsmauer im dürren Grase zu liegen und über die weißen Dächer weg
+auf den blauen Golf hinabzusehen, wo die Schiffe kamen und gingen,
+alles ganz wie vor tausend Jahren, bis auf die Rauchwolken, die aus
+den Schornsteinen der Dampfer gen Himmel stiegen. Ich war so völlig
+der Gegenwart entrückt, daß ich auch meine jüngsten Abenteuer nur wie
+etwas längst Vergangenes bedachte und mich sogar auf den Namen meiner
+Witwe einen Augenblick nicht mehr besinnen konnte.
+
+Endlich trieb mich denn doch der Hunger wieder in das Nest zurück, und
+nachdem ich einige Male zwischen den beiden Häusern auf und ab
+gewandert war, über deren Türe albergo e trattoria geschrieben stand,
+entschied ich mich für das obere, vor dessen Tür ein paar
+piemontesische Soldaten Limonade gazeuse tranken und Karten spielten,
+während das andere von Matrosen wimmelte. Drinnen sah es freilich
+hier wie dort zigeunermäßig genug aus. Aber die gutmütige Wirtin wies
+mich eine Treppe hinauf in den "Salorie" und versprach, mir in fünf
+Minuten ein Mittagessen herzurichten. Während ich darauf wartete und
+die Tochter, ein stummes halbwüchsiges Mädchen, den Tisch deckte, sah
+ich mir die Bilder an, die eingerahmt an den Wänden hingen, einige
+französische Stahlstiche aus der Geschichte von Paul und Virginie,
+eine Madonna, mit goldenen Herzen beklebt, und die italienischen
+Nationalheiligen: Cavour, Garibaldi und der König-Ehrenmann. Der Saal
+hatte noch eine Tür zur Linken. Ohne mir was dabei zu denken, hatte
+ich schon die Klinke in der Hand, als die Wirtin eben hereintrat und
+mit einer halb erschrockenen, halb unwilligen Gebärde mir winkte, von
+dieser Türe zurückzubleiben. Ich entschuldigte mich, daß ich es ganz
+arglos getan, um zu sehn, ob sie nicht noch Zimmer hätten, wo man etwa
+übernachten könne. Nein, nein, gab die Frau hastig zur Antwort. Die
+übrigen Zimmer brauchen wir selbst.--Ich tröstete mich leicht hierüber.
+Denn der Gedanke, in dieser verräucherten Herberge hausen zu müssen,
+war nicht eben verführerisch. So setzte ich mich zu Tische und fand
+das Essen, mit Ausnahme einer fossilen Kotelette und des ranzigen
+Öles-, das sie mir an die grünen Bohnen gegossen hatten, noch
+erträglicher, als ich gefürchtet. Sie trugen mir ein paar delikate
+gebackene Fischchen auf, und der Wein war sehr trinkbar, so daß ich,
+nach dem heißen Tage, mich in vollen Zügen daran labte und noch ehe
+sie mir die trockenen Feigen und die versteinerten Biskuits zum
+Nachtisch gebracht hatten, auf dem Stuhl, wo ich saß, in einen festen
+Nachmittagsschlaf versank.
+
+Ich mochte wohl ein paar Stunden in dem totenstillen Saal geschlummert
+haben, als mich plötzlich ein wunderliches Klingen ganz in meiner Nähe
+aufweckte. Ich öffnete die Augen, blieb aber ganz ruhig sitzen und
+horchte umher. Es klang, als würde auf einem uralten Klavezimbel
+gespielt, und die Töne kamen aus dem Zimmer nebenan, das zu betreten
+mir die Wirtin verboten hatte.
+
+Daß ich neugierig wurde und auf den Zehen an die Türe schlich, um
+durchs Schlüsselloch zu sehen, werden Sie mir nicht verdenken. Wenn
+bloß ihr Novellisten das Vorrecht hättet, in fremden Ländern eurer
+Neugier die Zügel schießen zu lassen, könnten wir andern ehrlichen
+Menschen nur lieber gleich zu Hause bleiben. Und welches Glück, daß
+ich mich hier aufs Horchen legte! Zwar die Musik verriet mir nicht
+viel. Eine heisere Männerstimme sang allerlei abgerissene Verse eines
+Operntextes, von denen ich nur die üblichen Naturlaute:
+
+Deh perfida! Ah barbaro!
+und:
+
+Cottie? Tiranna! O dio!
+Strappami il cor dal seno--
+
+verstand. Das alte Instrument stand an der Wand gegenüber, so daß der
+Sänger, der davor saß, mir den Rücken zugekehrt hatte. Aber jetzt
+drehte er sich nach der Seite, um in einem Haufen geschriebener Noten
+zu wühlen, die neben ihm auf dem Bette lagen. Und nun raten Sie
+einmal, wer es war?
+
+Doch nicht der verrückte Bariton, Tobia Seresi?
+
+Noch toller! Noch erstaunlicher! So abenteuerlich, daß ich Ihnen
+nicht raten würde, dies zu erfinden, und nicht zumuten könnte, es zu
+glauben, wenn ich es nicht erlebt hätte: Sor Carlo, der Mann meiner
+Witwe!
+
+Das ist stark, sagte ich. Ich bin sehr geneigt zu glauben, daß der
+Wein von Portovenere Ihnen zu dieser Vision verhalf, oder daß alles
+nur ein Sommernachmittagstraum war.
+
+Sie irren sich sehr, fuhr er fort. Hören Sie nur weiter. Daß ich
+anfangs selbst zu träumen meinte, können Sie sich wohl denken. Aber
+es war Zug für Zug dasselbe Gesicht, das ich über dem Sofa der Frau
+Lucrezia unter Glas und Rahmen oft genug studiert hatte.
+
+Und die Ohren? fragte ich.
+
+Die konnte ich nicht sehen. Die Haare schienen schon seit Monaten
+nicht mehr geschnitten worden zu sein und hingen dicht um den Kopf bis
+auf die Schultern herab. In der Überraschung muß ich wohl an der Tür
+gerappelt haben. Denn plötzlich drehte er sich vollends herum und
+rief: Seid Ihr's, Frau Beatrice?--So hieß nämlich die Wirtin.
+
+Nun war ich doch einmal verraten und beschloß, mich lieber ganz und
+gar zu enthüllen. Ich rief ihm durchs Schlüsselloch zu, die Frau sei
+es nicht, aber ein Freund, der zwei Worte mit ihm zu sprechen wünsche.
+Dabei nannte ich seinen Namen und sah, wie er heftig erschrak und
+einen Augenblick zu überlegen schien, ob er sich nicht verleugnen
+solle. Aber was konnte das helfen, wenn er doch einmal von einem
+Fremden entdeckt war? So schloß er denn die Tür auf, und ich werde
+niemals den wunderlichen Blick vergessen, mit dem er mich musterte,
+etwa wie Lazarus, als er von den Toten auferweckt wurde. Lieber Sor
+Carlo, sagte ich, was zum Teufel haben Sie gemacht? Warum begraben
+Sie sich bei lebendigem Leibe in diesem elenden Fischernest, während
+ganz Pisa in Alarm ist um Ihr Verschwinden und Ihre trauernde Witwe
+Tag und Nacht keine Ruhe hat bis sie-Hier fiel er mir zum Glück in das
+Wort; ich hätte sonst am Ende die gute Lucrezia verleumderischerweise
+als ganz untröstlich geschildert.
+
+Was? sagte er. Meine Witwe? Weiß denn meine Frau nicht, daß ich wohl
+aufgehoben bin?
+
+Nun erzählte ich ihm, natürlich ohne meine eigenen zarten Beziehungen
+zu dieser liebevollen Seele zu verraten, wie ich die Dinge in Pisa
+gefunden, gestand ihm auch, daß ich in seinem Hause gewohnt und Zeuge
+von dem Kummer der einsamen Verlassenen gewesen sei. Wie ich aber auf
+die beiden Reliquienfläschchen zu reden kam, unterbrach er mich in
+heftiger Aufregung. Unerhört! rief er und zerwühlte sich das Haar, so
+daß ich nun das Vorhandensein eines ungestutzten Ohrenpaares
+konstatieren konnte. O ich bin schändlich betrogen worden! Man hat
+mir eine Rolle in einem Possenspiel zugeteilt, die mich bis an mein
+Lebensende lächerlich machen wird!--So schrie und tobte er in seinem
+kleinen Stübchen herum, und es dauerte lange, bis er sich so weit
+beruhigte, um sich aufs Bett zu setzen und mir den Zusammenhang dieser
+tragikomischen Geschichte zu enthüllen.
+
+Da er mich mit Recht wie einen Hausfreund betrachtete--ich war es
+gottlob nicht in der verwegensten Bedeutung--so suchte er durchaus
+nichts zu verstecken oder zu beschönigen, sondern erzählte mir von
+Anfang an seine Liebes-, Heirats- und Leidensgeschichte. Er hatte
+seine Frau auf der Bühne kennengelernt und sich ebenso heftig in ihre
+Schönheit verliebt, wie er ihren Gesang verabscheute. Denn sie habe
+so ganz unheilbar falsch gesungen, daß sie die Ohren ebenso gemartert
+habe, wie sie die Augen entzückte. Er gestand mir sogar, seiner
+festen Überzeugung nach sei der arme Tobia Seresi bloß dadurch um den
+Verstand gekommen, daß er genötigt gewesen sei, einen ganzen Winter
+hindurch Duette mit ihr zu singen. Unter solchen Umständen habe er,
+Sor Carlo, sich endlich nicht anders zu helfen gewußt, als indem er
+sie von der Bühne wegheiratete. Aber leider habe das häusliche Glück
+und ihre Hausfrauen- und Mutterpflichten das verhängnisvolle Talent
+nicht ersticken können. Dazu nun ihre Liebhaberei für geräuschvolle
+Haustiere, das unvermeidliche Kindergeschrei, der Lärm auf der
+Straße--kurz, seine Nerven hätten endlich so sehr gelitten, daß an
+Komponieren kein Gedanke mehr gewesen sei. Nun habe sie alles
+Mögliche ihm zuliebe getan. Aber sein Gehör sei jetzt schon so
+überreizt gewesen, daß er sich eingebildet habe, sie niese sogar
+falsch und ihre Schuhe knarrten um einen Viertelston zu hoch. Endlich
+habe er sich entschlossen, eine Erholungsreise nach Neapel anzutreten,
+und hier sei das Leiden auch bald milder geworden, zumal da er in dem
+stillen Landhause eines Schulfreundes, eines Arztes, ganz ungestört
+seinen Lieblingsarbeiten nachgehen konnte. Überdies fand er
+endlich hier unten einen jungen Poeten, der ihm einen Operntext ganz
+nach seinen Wünschen dichtete. jetzt nur sechs Monate in ungestörter
+Arbeitsruhe, und er wollte ein Werk zustande bringen, das ihn auf
+einen Schlag in ganz Italien berühmt machen sollte. Aber schon kamen
+die ungeduldigsten, sehnsüchtigsten Briefe seiner jungen Frau. Wenn
+er nicht zurückkehre, werde sie alles, Haus und Kinder, im Stiche
+lassen und ihren heißgeliebten Carlo aufsuchen. Und sie wäre es
+imstande gewesen! seufzte der Gatte; denn sie konnte nicht ohne mich
+leben, und ihre Eifersucht war nicht die geringste meiner häuslichen
+Annehmlichkeiten.--In dieser Not fragte er seinen Freund um Rat, der
+ebenfalls nichts lebhafter wünschte als den Ruhm und das schöpferische
+Glück des Freundes. Laß du mich nur machen! habe jener gesagt. Ich
+verspreche dir, daß sie dich bis zur Vollendung deines Werks in Ruhe
+lassen soll. Nur mußt du mir dagegen geloben, in der ganzen Zeit
+weder an sie zu schreiben, noch dich vor irgend einem Menschen sehen
+zu lassen, der ihr mündlich Nachricht von dir bringen könnte. Im
+übrigen werde ich es so einrichten, wie es für alle Teile das
+zuträglichste ist.--Diesen Vertrag sei er unbedenklich eingegangen, da
+er schon ganz von seiner Arbeit erfüllt gewesen sei und ja auch gewußt
+habe, daß inzwischen zu Hause alles wohl stehe. Die ersten Monate des
+Winters habe er in einem stillen Hause nahe bei Amalfi zugebracht und
+hier die Skizze seiner Oper vollendet. Sein Freund, der Arzt, habe
+ihn mit Geld versehen und alle vier Wochen geschrieben, Frau und
+Kinder seien wohl und ließen ihn grüßen. Als er dann soweit war, daß
+die vollständige Partitur geschrieben werden mußte, was er ohne
+Instrument nicht gut zustande bringen konnte, habe er Amalfi verlassen
+und sich nach einem kurzen Besuch in Neapel nach Portovenere
+zurückgezogen, wohin von La Spezia aus ein altes Klavier leichter zu
+schaffen war. Hier hause er nun friedlich seit fünf Monaten. Nur
+noch eine Woche, so sei auch das Finale des letzten Aktes glücklich
+instrumentiert, und nun erfahre er zu seinem Entsetzen, daß sein
+Freund seine Arglosigkeit aufs Schnödeste mißbraucht und auf seine
+Kosten eine Farce in Szene gesetzt habe, die ihn, da er eben an die
+Schwelle des Ruhmes gelangt sei, ohne Erbarmen vor ganz Italien zum
+Gelächter machen müsse.
+
+Fassen Sie sich nur, sagte ich, während ich selbst Mühe hatte, mein
+Lachen zu unterdrücken. Es ist noch gar nichts verloren. Von den
+beiden herrenlosen Ohren, die Ihr zynischer Freund auf der Anatomie
+irgend einem stillen Mann abgeschnitten haben wird, wissen bis jetzt
+sehr wenige. Ihre trauernde Witwe hat sie nur den nächsten
+Teilnehmenden gezeigt. Im übrigen--was ist da zu lachen, wenn ein
+glücklicher Familienvater vor lärmenden Kindern und Haustieren die
+Flucht ergreift, um irgendwo in der Stille ein unsterbliches Werk zu
+schaffen? Freilich ist es nachgerade Zeit, daß Sie nach Hause kommen;
+denn Ihre schöne Frau wird natürlich umworben, wie weiland Penelope,
+und wenn Sie länger tot bleiben-Herr, sagte er und faßte mich
+erschrocken am Arm, Sie wollen doch nicht etwa sagen-Nicht das
+geringste, was Ihrer Ehre zu nahe treten könnte, fuhr ich eilig fort.
+In ganz Pisa kann niemand Ihrer Frau etwas Böses nachsagen, und daß
+sie mir eines ihrer überflüssigen Zimmer abgetreten, kann sie vor
+ihrem Gewissen verantworten. Ich habe eine Braut in Deutschland und
+gebe Ihnen meine heiligste Versicherung, daß mir in Pisa nichts ferner
+lag als Liebesaffären.
+
+Er sah mich mit einem forschenden Blicke an, der mich überzeugte, daß
+seine alte Leidenschaft für diese Frau durchaus noch nicht erloschen
+sei. Als ich ihm aber von meinem Werk über den Schiefbau erzählte,
+beruhigte er sich, da er mich nun für einen ausgemachten Narren hielt.
+Ich will Ihnen glauben, sagte er. Aber was soll ich jetzt beginnen?
+Raten Sie mir! Ich war mein Lebtag ein ganz unpraktischer Mensch und
+habe nur für meine Kunst gelebt.
+
+Wissen Sie was? sagte ich. Das beste wird sein, ich fahre sogleich
+nach Pisa zurück und bereite Ihre Frau auf Ihr Wiedererscheinen vor.
+Wenn Sie plötzlich unangemeldet ins Zimmer träten, könnte die
+zärtliche Seele den Tod vor Schrecken haben, oder doch zum wenigsten
+ein Nervenfieber. Sie packen indes Ihre Oper ein und folgen mir
+morgenden Tages nach.
+
+Das schien denn auch dem guten Mann, der ziemlich kopflos und
+tiefsinnig immer noch auf dem Bette saß, das zweckmäßigste, und so
+nahmen wir kurz Abschied voneinander; ich bezahlte mein Mittagessen
+und wanderte die schmale Gasse hinunter, die jetzt schon recht kühl
+und dämmrig war. Nun erst konnte ich stille für mich in Lachen
+ausbrechen und mich an dem tiefen Sinn in diesem kindischen Spiel
+ergötzen. je mehr ich drüber nachdachte, je mehr mußte ich der
+Menschenkenntnis des Neapolitaners Gerechtigkeit widerfahren lassen.
+Denn daß Frau Lucrezia mit gelinderen Mitteln nicht zu bewegen gewesen
+wäre, auf ihren Carlo zehn Monate zu verzichten, stand auch mir
+felsenfest. Das Lustige an der ganzen Posse war mir aber der Vorgenuß
+der Schadenfreude, mit der ich in mein Zimmer in Pisa zu treten dachte,
+auf einmal wieder ein freier Mann und ohne Gefahr, "sin' all' ore,
+all' ore estreme" im Schatten des schiefen Turmes für das "zweite
+Lebensglück" meiner schönen Wirtin haften zu müssen.
+
+Was aber geschieht? Wie ich schon das verfallene Tor durchschritten
+habe und um die Ecke biege, um unten an dem Landungsplatz meinen alten
+Schiffer wieder aufzutreiben, sehe ich eine verschleierte Dame mir
+entgegenkommen, die eben aus einem Nachen gestiegen war und bei meinem
+Anblick einen unverständlichen Ausruf tut. Ich achte nicht weiter
+darauf, da ich immer nur Pisa im Kopfe habe, und will spornstreichs an
+ihr vorbei. Plötzlich ergreift sie mich beim Arm, schlägt den
+Schleier zurück und ruft mit dem Tone sittlicher Entrüstung: Ha,
+Verräter, meint Ihr mir auch hier zu entrinnen?--Meinen Schrecken
+können Sie sich denken. Lucrezia! rief ich und weiter konnte ich
+nichts sagen, denn ich überlegte im Nu, wie sehr sie ihre Lage durch
+diesen Geniestreich verschlimmerte. Was sagen Sie aber dazu? War mir
+dieses unentrinnbare Frauenzimmer richtig nachgereist und machte Miene,
+mich zu Lande und zu Wasser, lebend und tot, wieder einzufangen. Um
+des Himmels willen! rief ich und zog sie in der ersten Bestürzung in
+den dunklen Torbogen, was fällt Ihnen ein, Lucrezia? Wissen Sie
+denn--O Ferdinando, unterbrach sie mich mit sehr erhabener Gebärde,
+ich flüchte mich zu Euch vor der Bosheit der Menschen. Der Oheim ist
+aus Florenz zurück. Er ist wie rasend und hat geschworen, mich
+umzubringen, wenn der Fremde, der hinter seinem Rücken sich bei mir
+eingeschlichen habe, meine Ehre nicht wiederherstelle, wie es einem
+Galantuomo gezieme. Die Tante hat ihn vergebens zu besänftigen
+gesucht, er will von nichts hören; er sagt nur immer, daß er Euch
+nacheilen und Genugtuung von Euch verlangen oder Euch niederschießen
+wolle, wie einen Räuber und Mörder. Was sollte ich tun, ich Ärmste?
+Ich habe mit vielen Tränen und Bitten eine Frist von drei Tagen
+erlangt; eine innere Stimme sagte mir, daß ich Euch finden und das
+Schlimmste noch verhüten würde. Im "Nettuno"erfuhr ich, Ihr seiet
+nach La Spezia. Dort hatten sie Euch nach Portovenere fahren sehen.
+Und nun, Ferdinando-Ihr kommt wie gerufen, sagte ich. Ihr spart mir
+einen Weg. Denn ich war eben im Begriff, wieder umzukehren und Euch
+die Nachricht zu bringen, daß Eure Witwenschaft zu Ende ist.
+
+Wirklich? So ist es gut, so laßt uns eilig wieder in den Kahn steigen,
+sagte sie. Ich wußte es ja, Ihr würdet ein alleinstehendes Weib
+nicht so schwer kompromittieren, wenn Ihr es nicht gut und ehrlich mit
+ihr meintet.
+
+Halt! sagte ich. Ihr wißt noch nicht alles. Die Toten stehn wieder
+auf. Euer Seliger sitzt droben im Wirtshaus und läßt Euch grüßen. Er
+ist frisch und gesund und im Besitz seiner sämtlichen Ohren, die Ihr
+von jetzt an hoffentlich etwas schonender behandeln werdet.
+
+Nun war die Reihe zu versteinern an ihr. Während sie mich aber
+anstarrte, als ob ich ihr ein Märchen aus Tausend und einer Nacht
+erzählte, verlor ich keine Zeit, sondern berichtete ihr im Auszuge
+alles, was ich selber wußte. Und damit Ihr nun seht, schloß ich, daß
+ich es wirklich gut und ehrlich mit Euch meine, will ich Euch einen
+Rat geben, wie Ihr alles noch ganz herrlich wieder in Ordnung bringen
+könnt. Ihr geht jetzt auf der Stelle zu Eurem Seligen und erzählt ihm,
+daß ein unbestimmtes Gerücht, er halte sich hier in Portovenere
+versteckt, Euch von Pisa weggelockt habe. Der treffliche Mann, der
+Euch trotz mancher kleiner Schattenseiten noch immer blindlings zu
+lieben scheint, wird Euch nicht allzu scharf examinieren. Ein paar
+Zeilen, die Ihr an den Oheim vorausschickt, werden auch diesen
+Biedermann in die rechte Stimmung bringen, und wenn Ihr sonstiges
+Gerede der Nachbarn scheut, so macht eine kleine Hochzeitsreise längs
+der Riviera und kehrt erst heim, wenn die Schwätzer stille geworden
+sind. Auf meine Diskretion könnt Ihr Euch natürlich verlassen. Ich
+werde Euch ewig dankbar sein, daß Ihr mich nicht unwürdig gefunden
+habt, Euch ein zweites Lebensglück begründen zu helfen.
+
+Während ich ihr diesen langen Sermon hielt, belustigte es mich sehr,
+den Wechsel der Gemütsbewegungen auf ihrem Gesicht zu beobachten.
+Aber das Spaßhafteste war der Ausdruck von zeremonieller Kälte, den
+sie zum Schutz gegen mich annahm, als sie sich von der Furcht vor
+allen verdrießlichen Folgen dieses Abenteuers durch meine weisen Winke
+befreit sah. Va bene, sagte sie. Ich wünsche Ihnen eine glückliche
+Reise, mein Herr!--Damit nickte sie mir huldvoll wie einem völlig
+Fremden meine Entlassung zu, zog den Schleier wieder über das Gesicht
+und ging majestätisch, als hätte sie sich eben nur bei einem
+Vorübergehenden nach dem Wege erkundigt, die Gasse hinauf, dem
+Wiedersehen mit ihrem Carlo entgegen. Ich zweifle nicht, daß sie den
+Auferstandenen aufs zärtlichste begrüßt und aufs unbefangenste belogen
+haben wird. O die Weiber! Sie sind niemals größer, furchtbarer,
+erfinderischer und bezaubernder, als wenn sie ein schlechtes Gewissen
+haben!
+
+Dies ist mein Abenteuer mit der Witwe von Pisa, sagte mein Nachbar und
+zündete eine frische Zigarre an. Was sagen Sie dazu? Wollen Sie
+nicht eine Novelle daraus machen?
+
+Behüte mich der Himmel! rief ich. Ich würde mich schön damit
+"kompromittieren". Welcher deutsche Leser glaubte mir diese tolle
+Geschichte?
+
+Mag sein, sagte er. Aber daran wären Sie selber schuld. Warum haben
+Sie die Meinung verbreitet, die Frauenzimmer jenseits der Alpen (wir
+waren nämlich schon über die Höhe des Mont Cenis gekommen und rollten
+nach Savoyen hinunter) seien aus ganz besonderem Stoff und von dem
+schönen Geschlecht in Deutschland grundverschieden? Könnte diese
+Geschichte nicht ebensogut in unserem teueren Vaterlande sich
+zugetragen haben?
+
+Was? rief ich erstaunt, Sie glauben im Ernst-Bis auf das Intermezzo
+mit den beiden Ohren, sagte er feierlich. Denn gottlob, wir leben in
+wohlpolizierten Verhältnissen, und die Spitzbuben schneiden höchstens
+Beutel und Zöpfe ab. Was aber die Witwen betrifft-Hier hielt die
+Diligence vor einem Stationshause, und eine Tasse Kaffee unterbrach
+unser Gespräch, da es eben drohte, eine sehr bedenkliche Wendung zu
+nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Witwe von Pisa, von Paul Heyse.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Witwe von Pisa, by Paul Heyse
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WITWE VON PISA ***
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+Produced by Delphine Lettau
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