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+The Project Gutenberg EBook of Ein Ring, by Paul Heyse
+#4 in our series by Paul Heyse
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+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+Title: Ein Ring
+
+Author: Paul Heyse
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9084]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 4, 2003]
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+Edition: 10
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN RING ***
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+Produced by Delphine Lettau
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+
+
+Ein Ring
+
+Paul Heyse
+
+Novelle
+
+(1904)
+
+
+Wie bist du zu dem seltsamen Ringe gekommen, liebe Tante? Einen so
+massiven, mit großen schwarzen Buchstaben habe ich nie gesehen. Ist's
+ein Trauerring? Und was steht in der Inschrift?
+
+Die kleine alte Frau, an die ich diese Fragen richtete, war eine
+ältere Schwester meiner Mutter, nur Tante Klärchen von uns genannt.
+Vor siebzehn Jahren hatte sie ihren Mann verloren, den Bankier Herz,
+dessen große, schwerfällige Figur mit dem feinen jüdischen Kopfe mir
+noch aus meiner frühesten Kinderzeit vor Augen steht, da meine Eltern,
+als ich zwei Jahre alt war, die Frankfurter Verwandten besucht hatten.
+Nun war diese Lieblingsschwester meiner Mutter nach einem glänzenden
+Leben an der Seite des wohlhabenden Gatten, dem sie schöne Töchter
+geboren, in eine unscheinbare Dunkelheit versunken, hatte aber ihre
+Wohnung an der "Schönen Aussicht" behalten und sie nur selten
+verlassen, teils weil ihre äußere Lage ihr den früheren Aufwand nicht
+mehr gestattete und zunehmende Kränklichkeit sie oft ans Bett fesselte,
+teils weil sie in diesem Hause die freundliche Pflege und
+Gesellschaft ihres ältesten Bruders genoß, meines Onkels Louis Saaling
+und seiner Frau, von denen ich in meinen "Jugenderinnerungen" ein
+mehreres erzählt habe.
+
+Als ich nun in meinem neunzehnten Jahre als fahrender Schüler von Bonn
+aus den Rhein hinauf wallfahrtete und einige Tage von meinem Onkel
+beherbergt wurde, ehe ich in die Schweiz weiterzog, faßte ich eine
+lebhafte Neigung zu dieser Tante Klärchen, die auch mich, schon um
+meiner Mutter willen, mit einer rührenden Zärtlichkeit ins Herz schloß.
+
+Sie lag damals schon fest auf dem Krankenbette, das sie nicht mehr
+verlassen sollte. Aber wer von ihren Schmerzen nichts wußte und das
+feine, edelgebildete Gesichtchen unter dem kostbaren Spitzentuch
+betrachtete, noch von schwarzen, glänzenden Locken trotz ihrer sechzig
+Jahre eingefaßt, die Augen von einer seltsamen Onyxfarbe in dem
+bläulichen Weiß unter den breiten Lidern, dazu das Grübchen in der
+glatten linken Wange, das bei jedem Lächeln sich vertiefte--konnte
+sich nicht vorstellen, daß die Tage dieser lieblichen alten Frau
+gezählt sein sollten.
+
+Klärchen hat immer einen "Chain" gehabt, pflegte meine Mutter zu
+sagen--der jüdische Ausdruck für das, was wir mit den Franzosen Charme
+nennen. Diesem Zauber weiblicher Anmut, der aus dem ganzen Naturell
+der Tante hervorging und bis ins hohe Alter ihr treu blieb, konnte
+auch ich nicht widerstehen. Ich saß stundenlang an ihrem Bette und
+ließ mir von ihren Erlebnissen aus der Zeit, da sie mit meiner Mutter
+jung und lustig gewesen war, erzählen. Sie war nie witzig gewesen,
+wie "Julchen", aber ein dankbares Publikum für den Humor der Schwester,
+und hatte eine Menge der drolligen Einfälle meiner Mutter im
+Gedächtnis behalten. Dagegen mußte ich ihr von meinem Studentenleben
+berichten, meine kleinen romantischen Abenteuer und
+Herzensangelegenheiten beichten, und da es kein Geheimnis war, daß ich
+Verse machte, ihr auch ein und das andere dieser jugendlichen
+Exerzitien vorlesen. Sie sagte mir nichts darüber, hörte aber mit
+zugedrückten Augen und einer träumerischen Miene zu, und als ich
+aufhörte, zog sie meinen Kopf an ihr Gesicht heran, küßte mich auf die
+Augen und sagte ganz leise: Ich danke dir, lieb Kind. Du bist ein
+gebenschter (gesegneter) Mensch.
+
+Gewöhnlich ruhten ihre beiden kleinen Hände regungslos auf der
+grünseidenen Decke, die mit kostbaren Spitzen eingefaßt war. Die
+ungemein zarte Haut war bleich wie alter, weißer Atlas, der etwas
+vergilbt ist und seinen Glanz verloren hat, wie auch über ihrem
+Gesicht kein Schimmer von Röte lag. An beiden Händen aber blitzten
+die kostbarsten Ringe, zwischen deren Juwelen der dicke Trauerring
+sich wie ein schlichter Fremdling ausnahm, der sich in eine vornehme
+Gesellschaft verirrt hatte.
+
+Als ich sie nach ihm fragte, hob die Tante sacht die linke Hand, die
+ihn trug, und hielt sie nahe vor die Augen, deren Sehkraft schon ein
+wenig geschwächt war.
+
+Es ist auch ein Trauerring, sagte sie mit ihrer weichen Stimme,
+nachdem sie ihn eine Weile still betrachtet hatte. Der, von dem ich
+ihn habe, ist lange schon nicht mehr auf der Erde. Neben den anderen
+nimmt er sich nicht glänzend aus, und doch ist er mir der liebste von
+allen. Daß er so dick ist, kommt davon her, weil er eine kleine
+Haarlocke einschließt, die man sieht, wenn man die innere Kapsel
+öffnet. Ich habe es seit vielen Jahren nicht mehr getan, will's auch
+jetzt nicht, es greift mich zu sehr an. Die Emailinschrift aber
+kannst du selbst lesen.
+
+Sie hielt mir den Ring wieder hin, und ich buchstabierte: Lebe wohl!
+Dann sank die Hand wieder auf die seidene Decke.
+
+Wir schwiegen eine Weile.
+
+Ich begriff, daß an dem Ringe ein Stück Leben hing, das ich nicht
+heraufbeschwören wollte, da es traurig war und ich die liebe Kranke
+schonen wollte. Ich war aber doch zu neugierig, um nicht auf Umwegen
+die Enthüllung des Geheimnisses zu versuchen, und so sagte ich nach
+einiger Zeit ganz unschuldig: Du mußt viele Anbeter gehabt haben,
+Tante, in deiner früheren Zeit, noch da du schon große Töchter hattest.
+Mutter hat mir gesagt, wenn du mit ihnen in einen Ballsaal getreten
+seiest, habe man dich für ihre älteste Schwester gehalten.
+
+Sie nickte still vor sich hin.
+
+Jawohl, lieb Kind, sagte sie, ich wußte das selbst, es wäre kindisch
+gewesen, mir's verleugnen zu wollen. Aber Anbeter, was man so nennt,
+die sich einbildeten, sie könnten sich Hoffnungen machen, in besondere
+Gunst bei mir zu kommen, die hatte ich eigentlich nicht. Es wußt's
+alle Welt, daß ich meinen Mann lieb hatte und in Ehren hielt, obgleich
+ich gar keine schwärmerische Neigung zu ihm fühlte, als ich mit
+siebzehn Jahren ihm angetraut wurde. Ich hatte ihn kaum sechsmal
+vorher gesehen, und schön war er ja nicht, und daß er mir immer treu
+bleiben würde, machte ich mir auch keine Hoffnung. Ich weiß auch
+nicht, wie's später damit stand, wollt's auch nicht wissen. Du weißt
+aber, bei uns Juden versteht sich's von selbst, daß die Frauen ihren
+Männern treu bleiben, und die etwa eine Ausnahme von der Regel machten,
+wurden nicht zum besten darum angesehen, selbst in der damaligen Zeit,
+wo die guten alten Sitten sehr ins Wackeln kamen.
+
+Damals freilich kam's nicht gar selten vor, und gerade von den
+Reichsten und Schönsten erzählte man sich allerlei Skandale. Ich
+hörte nicht viel danach hin. Ich hatte meine Kinder, und viel Freude
+daran, auch an meinem Hause, wo damals ein groß Leben war, da all die
+fremden Gesandten beim Bundestage bei uns eingeführt waren.
+
+Natürlich wurde auch mir die Cour gemacht, aber immer auf Französisch,
+wobei man ja wußte, all die schönen Redensarten durfte man nicht au
+pied de la lettre nehmen. Ich konnt's um so leichter, weil Herz gar
+keine Ader von Eifersucht hatte, sondern nur schmunzelte, wenn man
+auch seine Frau noch schön fand, obwohl sie auf die Vierzig losging
+und drei große Töchter hatte, eine immer schöner als die andere. Die
+Adelheid heiratete denn auch bald den Rothschild, die Helene, die die
+hübscheste war, den Fénélon Salingnac, und die Marianne den Baron
+Haber. Da hatte ich mit den Ausstattungen, Hochzeiten und bald
+hernach auch mit Großmutterpflichten alle Hände voll zu tun und das
+Herz auch, denn daß es auch viel zu sorgen und zu seufzen gab, kannst
+du dir wohl denken, lieb Kind.
+
+Einen wirklichen, richtigen "Anbeter", wie du's meinst, hatt' ich aber
+doch.
+
+Das war kein eleganter, galanter Herr, der mir auf Französisch
+erklärte, daß er mich reizend, unwiderstehlich und grausam fand,
+sondern ein häßlicher, schüchterner alter Jude, der bei uns im Hause
+wohnte und mit zur Familie gehörte.
+
+Alt war er nicht gerade, kaum fünfzig, aber er machte den Eindruck,
+als wäre er nie jung gewesen. Julchen sagte, er sehe aus "wie alt
+gekauft". Er hieß deshalb nur der alte Ebi, war Buchhalter bei meinem
+Manne gewesen und hatte dann seinen Abschied nehmen müssen, weil er
+den Star auf dem linken Auge bekam und das gesunde rechte geschont
+werden mußte. Herz wollte ihn wegen seiner treuen Dienste mit einer
+reichlichen Pension entlassen, er bat aber, man solle ihm nur die
+Hälfte geben, ihm aber erlauben, im Hause zu bleiben, an das er sich
+einmal so gewöhnt habe, daß er draußen keinen frohen Tag leben werde.
+Herz lachte so mit seinem tiefen Baß und sagte: Das Haus, an das er
+gewöhnt ist, das bist du, Klärchen, denn der alte Bursche, das sieht
+ein Blinder, ist in dich verliebt. Obwohl er aber sonst meschugge ist,
+die Narrheit kann ich ihm ja nachempfinden--dabei küßte er mir die
+Hand--und darum will ich ihm, als ein Muster von nachsichtigem Ehemann,
+den Gefallen tun und er mag im Hause bleiben, bis er mal was ganz
+Verrücktes anstellt und dich durch seine Narrheit kompromittiert.
+Dann hat er sich's selbst zuzuschreiben, wenn wir geschiedene Leute
+sind.
+
+Der Ebi aber nahm sich wohl in acht, irgend so was anzustellen, was
+mir auch nur unbequem gewesen wäre.
+
+Er saß die meiste Zeit ganz still in seinem Stübchen, das wir ihm
+eingeräumt hatten, las durch eine große Brille in allerlei hebräischen
+Schriften, denn bevor er die Kaufmannschaft lernte, war er ein Bocher
+gewesen und wußte im Talmud Bescheid, und dazwischen schrieb er
+allerlei auf großen Bogen, was er niemand zeigte. Marianne behauptete,
+er mache Gedichte. Ich fürchtete, wenn ich ihn danach fragte, würde
+er sie mir zeigen wollen, und sie seien am Ende an mich gerichtet.
+
+Übrigens machte er sich im Hause nützlich, wo er nur konnte, führte
+meinen Viktor spazieren, blieb, wenn die Töchter Musikstunden hatten,
+als Anstandswächter dabei und ließ sich zu jeder Kommission, die ihm
+einer auftrug, bereit finden, so daß wir ohne unseren alten Ebi ein
+paar Dienstboten mehr hätten halten müssen. Er aß nie mit uns,
+sondern in einem kleinen koscheren Gasthause, da er die Speisegesetze
+hielt, und nur zum Tee kam er manchmal, wo er dann immer sehr reinlich
+gekleidet erschien, in einem langen schwarzen Rock, der ein bißchen an
+den Kaftan oder Schubbiz erinnerte, wie ihn die richtigen polnischen
+Juden tragen, eine weiße Krawatte umgeknüpft, das Haar sorgfältig
+frisiert. Schön sah er dann erst recht nicht aus, eher komisch, aber
+bei alledem auch wieder ehrwürdig, mit der großen Nase in dem
+glattrasierten gelblichen Gesicht, dem feinen blassen Munde und den
+kleinen, tiefliegenden Augen, die aber, wenn er sich einmal in Eifer
+sprach, ganz merkwürdig leuchteten.
+
+Man fühlte überhaupt, daß ein ganz eigener Geist in ihm steckte, der
+die Menschen gründlich durchschaute, und vor vielem, was der großen
+Menge imponiert, gar keinen Respekt hatte, am wenigsten vor dem
+goldenen Kalbe. So gesteh' ich auch, daß mir seine stumme Huldigung
+heimlich schmeichelte und ich jede Gelegenheit ergriff, mich gütig
+gegen ihn zu erweisen. Er nahm es als eine besondere Ehre auf, daß
+ich ihn bat, sich in mein Stammbuch einzuschreiben. Am anderen Tage
+brachte er mir's wieder, ich las, was er geschrieben, in seiner
+Gegenwart: "Werde, was du bist, dann bist du, was nötig ist." Er war
+aber nicht zu bewegen, mir den Sinn, der mir dunkel blieb, zu erklären.
+Herz lachte wieder, da ich's ihm zeigte. Er sagte aber nur, es sei
+die feinste Schmeichelei, und ich würde eitel werden, wenn ich's
+verstünde.
+
+Damals hatte ich eine Haushälterin, Mamsell Zipora, keine üble Person
+und nicht viel über vierzig, die sich in der Zeit, wo sie in unserm
+Dienste stand, auf rechtem oder unrechtem Wege ein ganz artiges
+Sümmchen erspart, auch eine Erbschaft zu erwarten hatte. Die hatte
+sich's in den Kopf gesetzt, den Ebi zu heiraten, und ich begünstigte
+ihr Projekt, da mir's doch manchmal unheimlich war, wenn die Augen
+meines Verehrers so schwärmerisch auf mich gerichtet waren, wie die
+Katholen (so sagte die Tante immer für die Katholiken) zu ihrer
+Gottesmutter aufblicken. Ebi aber blieb unerschütterlich. Wenn das
+gute Wesen ihre Karten gar zu offen vor ihn hinlegte, mit Schmeicheln
+und Streicheln und allerhand aufdringlichen Liebesdiensten wie ein
+Kätzchen um ihn herumstrich, zog er die dicken, schwarzen Brauen
+zusammen und sagte im Tone des tiefsten Abscheues: Ich bitt' Sie,
+Mamsell Zipora, kriechen Sie von mer 'runter!
+
+Worauf die so schnöde Abgewiesene mit einem Ausrufe heftigster
+Kränkung fortrannte, ohne jedoch die Belagerung ein für allemal
+aufzugeben.
+
+Ich machte ihm einmal Vorstellungen über seine Herzenskälte. Er sah
+mich wehmütig an. Madame Herz, sagte er, verzeihen Sie, jeder Mensch
+hat sein Schicksal. Den meisten kommt's von bösen Menschen, ich hab'
+meine Not mit den guten--die mir nicht lassen meine Ruh'. Was ich
+lieb', das bekomme ich nicht, und was mich liebt, das mag ich nicht.
+Glauben Sie, Madame Herz: Wenn der Mensch ein Schlemihl ist, nimmt
+sich der Unglück en Kütsch und fahrt em nach.
+
+Die Marianne, die ihn einmal in seinem Zimmer aufgesucht hatte mit
+irgendeinem Auftrage, erzählte mir sehr belustigt, sie habe ihn beim
+Schreiben an einem großen Hefte betroffen und wohl gesehen, daß es
+Verse seien mit dazwischengeschriebenen Namen, und habe ihn gefragt,
+was für ein Stück er dichte. Er habe es ihr aber nicht gestehen
+wollen.
+
+Beim nächsten Begegnen fragt' ich ihn selbst darum. Da er mir nun
+nichts abschlagen konnte, gestand er mit einem schüchternen Erröten,
+es sei ein Trauerspiel, die Tochter Jephthas, das dichte er aber nicht,
+um es irgendeinem Theater anzubieten, da er wohl wisse, er verstehe
+sich nicht auf die richtige dramatische Kunst, sondern nur für sich,
+zu seinem eignen Vergnügen.
+
+Das müssen Sie uns aber mitteilen, Ebi, sagt' ich. Wenn's fertig ist,
+müssen Sie mir's vorlesen. Versprechen Sie mir's!
+
+Er errötete noch tiefer, verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen, und
+ich konnte nicht erkennen, ob meine Bitte ihm lieb oder leid sei.
+Auch vergaß ich sie selbst. Ich hatte es nur gesagt, um ihn damit zu
+erfreuen, daß ich mich für sein Tun und Treiben interessierte.
+
+Die gute Tante schwieg eine Weile. Sie hatte den Kopf gegen das
+Kissen zurückgelegt und die schwarzen Augen still nach der Zimmerdecke
+hinaufgerichtet. Ich fragte sie, ob sie das Sprechen nicht zu sehr
+angreife. Sie möge mir das übrige morgen oder ein andermal erzählen,
+wenn sie sich frischer fühle.
+
+Nein, lieb Kind, sagte sie, ich fühle mich morgen nicht frischer als
+jetzt. Alte Leute werden überhaupt nur noch ein bißchen aufgefrischt,
+wenn sie an ihre jungen Tage denken. Aber gib mir das Fläschchen dort
+von dem Toilettentisch!
+
+Ich reichte ihr das Kristallflacon mit dem silbernen Verschlusse, und
+sie goß von der Eau de Cologne über ihre Hände und hielt sie dann vors
+Gesicht. Meine Nase bleibt mir am längsten treu, lächelte sie. Die
+Zunge ist nicht mehr viel wert, Augen und Ohren lassen mich im Stich,
+aber an Blumenduft und feinem Parfüm erquick' ich mich noch.
+
+Sie behielt das Fläschchen in der Hand und sah wieder auf den Ring
+herab.
+
+Nun kommt erst die Geschichte, sagte sie. Ich hab' sie noch keinem
+Menschen erzählt, nicht mal meinem Mann. Du aber sollst sie hören,
+weil du ein gutes Kind bist und Schwester Julchen ähnlich siehst und
+schöne Verse machst. Also paß auf und hör auch, was ich verschweige.
+
+Denn 's ist für eine alte Frau nicht leicht, so recht zu sagen, was
+sie viele Jahre auf den Herzen gehabt hat, und obwohl's eine Schwäche
+war, nicht hat loswerden können. Aber du wirst es schon verstehen.
+
+Also, vor etwa einundzwanzig Jahren war's, im Herbst, auf dem ersten
+Ball, mit dem die Saison wieder eröffnet wurde, im Bethmannschen Hause.
+Herzens waren natürlich eingeladen und erschienen en grande tenue,
+Mutter Klärchen und die drei großen Töchter, die jüngste allerdings
+erst sechzehnjährig. Und die Mädchen sahen wirklich wie die drei
+Grazien aus, das heißt, wenn deren Toilette nicht von Mutter Natur,
+sondern von einer Pariser Schneiderin besorgt worden wäre. Das Wort
+von drei Grazien aber mußt' ich an dem Abend wohl ein dutzendmal hören.
+
+Wir waren natürlich in unserem Anzuge, wie immer, die einfachsten;
+Herz liebte es nicht, daß ich mich oder die Kinder "putzte", da wir an
+Schmuck und anderem Luxus doch nicht mit den großen Häusern
+rivalisieren konnten. So hatte ich nur meine Perlen um den Hals und
+in den Ohren, die Mädchen nichts als frische Blumen, freilich von den
+zu dieser Jahreszeit teuersten, die weißen Tüllkleider nach der
+neuesten Mode, aber ohne kostbare Spitzen, ich in einer ganz hellen,
+pfirsichfarbenen Robe, ziemlich dekolletiert, wie man eben damals ging,
+und eine kleine Federagraffe im Haar. Ich wußte, es stand mir gut,
+doch war's schon längst mein Bestreben, mich zu eklipsieren, um meine
+Mädchen glänzen zu lassen.
+
+Sie machten auch Sensation, als sie den Saal betraten, und hatten im
+Umsehen alle Tänze vergeben. Ich selbst gesellte mich zu ein paar
+älteren Damen, die mir allerlei Schönes über meine Kinder und auch
+über mich sagten, und ergab mich dann in das allgemeine
+Mutterschicksal, mich nur noch an fremdem Vergnügen zu amüsieren.
+
+Das hatte ich aber schon zu oft getan, als daß mich's nicht bald
+ermüdet hätte, und da auch die Damen neben mir mich langweilten,
+versank ich endlich in eine Art Halbschlaf mit offenen Augen, in dem
+nur die tanzenden Paare mit der lebhaften Musik wie Schatten, die man
+im Traum sieht, vorüberschwebten.
+
+Auf einmal aber, in einer Tanzpause, weckte mich aus diesem
+Dämmerzustand eine bekannte Stimme, die des Grafen Fénélon, der mir
+einen Freund vorstellte, den Vicomte Gaston de--auch ein sehr
+aristokratischer Name--, der gestern in Frankfurt angekommen sei als
+Attaché bei der französischen Gesandtschaft und um die Ehre bitte--und
+so weiter.
+
+Ich machte, ein wenig verwirrt, die Augen weit auf und sah einen
+jungen Herrn vor uns stehen, der auch einer geträumten Erscheinung
+ähnlicher sah als einem leibhaftigen Menschen. Denn so ein schönes,
+glänzendes Gesicht, mit so mädchenhaft zarten Zügen und doch ganz
+ernsthaften und feurigen Augen, eine so tadellose männliche Gestalt,
+dazu angezogen wie ein Gott, doch ohne Stutzerhaftigkeit, war mir noch
+nicht vorgekommen.
+
+Ich will ihn dir nicht beschreiben. Du könntest dir doch keine
+Vorstellung von ihm machen.
+
+Dazu seine Stimme, die durchs Ohr gleich ins Herz drang, obwohl sie
+gar nichts Insinuantes hatte, sondern ganz schlicht und treuherzig
+klang, und ein Französisch, wie man's nur in den besten Pariser
+Kreisen spricht.
+
+Ich war so benommen von alldem, daß ich nicht imstande war, meinen
+usage du monde zu zeigen, auf den ich mir sonst was zugute tat. Als
+ich das merkte, wurde ich erst recht ungeschickt, stammelte mein sonst
+so geläufiges Französisch wie ein Schulkind heraus und dachte: Wenn er
+nur wieder ginge! Was soll er von dir denken? Im stillen lacht er
+über dich!
+
+Es schien aber nicht, als ob ihm etwas Lächerliches an mir auffiel.
+Vielmehr unterhielt er mich auf die geistreichste Art und bat endlich,
+da ein Platz neben mir frei wurde, um die Erlaubnis, sich zu mir
+setzen zu dürfen. Fénélon hatte sich verabschiedet und ihm noch etwas
+zugeraunt. Ich glaubte, gehört zu haben: Elle a quarante ans! und er
+darauf, so daß ich's hören mußte: Mais elle est ravissante, mille fois
+plus belle ques ses filles!--was meine Verlegenheit natürlich noch
+steigerte, so sanft mir's einging.
+
+Die Musik setzte wieder ein. Sie werden Pflichten gegen die jungen
+Damen haben, sagte ich, denen Sie eine alte Mama nicht abtrünnig
+machen darf.--Er habe sich für diesmal mit dieser corvée schon
+abgefunden; mit seinen dreißig Jahren könne man nicht verlangen, daß
+er einen ganzen Abend herumwirble--, wenn ich erlaubte, möchte er um
+die Ehre bitten, mich zu Tische zu führen.
+
+Wie gern ich's erlaubte, kannst du denken.
+
+Es war lange her, daß sich jemand ernstlich um mich bemüht hatte,
+meine Jugend lag weit hinter mir, nun war's, als stünde sie aus ihrem
+Grabe wieder auf, ich vergaß, daß ich erwachsene Töchter hatte und
+keine Ansprüche mehr auf eine Eroberung--und eine solche!--Es war wie
+ein Märchen!
+
+Aber ich kannte ihn ja noch gar nicht. Er ist zehn Jahre jünger als
+du, dacht' ich. Eine Laune wird es von ihm sein, einmal einer femme
+de quarante ans so beflissen den Hof zu machen, als sei es ihm Ernst
+damit, vielleicht bloß um eine andere, mit der er gerade boudiert, zu
+kränken. Morgen denkt er nicht mehr daran.
+
+Gleichviel! Das Heute war reizend, und ich genoß es, ohne mir Sorgen
+darüber zu machen, daß es nur ein Traum sein könne. Ich merkte, daß
+ich zum erstenmal in meinem Leben erfuhr, was es heißt, sich verlieben,
+und zwar, was ich immer für eine Fabel gehalten hatte, so auf den
+ersten Blick, wie ein Blitz aus blauem Himmel. Ich erfuhr auch, daß
+Liebe blind macht. Wenigstens dachte ich während des ganzen Soupers
+und auch, als er nachher mir immer zur Seite blieb, keinen Augenblick
+daran, was man von unserem langem Tete-a-tete mitten in der großen
+Gesellschaft sagen würde, und erst als die Töchter beim
+Nachhausefahren mich mit diesem Verehrer neckten, kam ich ein wenig
+zur Besinnung.
+
+Herz war nicht auf dem Ball gewesen. Bälle langweilten ihn, wir
+wechselten also ab, da auch ich wenig Vergnügen an der Rolle der
+Ballmutter fand, und so chaperonierte der Papa die Kinder bei anderen
+Gelegenheiten, wo ich dann zu Hause blieb.
+
+Die Nacht schlief ich nur wenig. Ich war aber so voller Freude über
+das Erlebte, daß mich gar nicht danach verlangte, von mir selbst
+nichts mehr zu wissen. So muß einem ganz jungen Mädchen zumute sein
+nach seinem ersten Ball, wo sein Herzchen zum erstenmal gesprochen hat.
+
+Er hatte um die Erlaubnis gebeten, sich meinem Manne vorzustellen.
+Daß er gleich am folgenden Tage davon Gebrauch machen würde, wagte ich
+kaum zu hoffen. Aber wirklich kam er gleich am nächsten Abend, wo wir
+en petit comité waren, und betrug sich so taktvoll Herz gegenüber, daß
+der die beste Meinung von ihm faßte und mir zu diesem Anbeter
+gratulierte. Die Adelheid hatte mich verpetzt, was er aber in seiner
+gewohnten Manier mit Lachen aufnahm.
+
+Auch wie er nun immer öfter kam und sich als Hausfreund en titre bei
+uns etablierte, hatte mein Mann nicht das geringste dagegen
+einzuwenden.
+
+Wir waren auch nie allein, eins oder das andere der Kinder war immer
+zugegen, mit einer Häkelarbeit oder am Klavier, und oft brachte er
+auch seinen Freund Fénélon mit, der sich damals eifrig um Helene
+bewarb. So zu vieren war mir's am liebsten. Jedes Paar gehörte sich
+dann allein an und hörte nicht nach dem anderen hin. Aber du mußt
+nicht glauben, daß wir dann zärtliche Gespräche führten. Nie hörte
+ich ein Wort von ihm, was nicht auch mein Mann hätte hören dürfen, und
+nur seine Augen und zuweilen sein Verstummen sagten mir alles, was in
+ihm vorging.
+
+Auch brachte er zuweilen Bücher mit, die mir noch unbekannt waren, da
+ich ziemlich ungebildet war, und wir sprachen hernach darüber. Oder
+er las uns eine Racinesche Tragödie vor, was er ganz herrlich konnte,
+oder Gedichte von Viktor Hugo, der damals eben erst bekannt zu werden
+anfing. In der Sprache der Dichter machte er mir die feurigsten
+Erklärungen, und an der Art, wie ich zuhörte, konnte er erraten, wie
+es um mein eigenes Herz stand.
+
+In der Gesellschaft erzählte man sich, er sei in Paris als ein
+gefährlicher mangeur de coeurs bekannt gewesen, und man wunderte sich,
+daß er in Frankfurt gar keinen Abenteuern nachging. Daß er mein Haus
+so fleißig besuchte, erklärte man sich durch eine Verliebtheit in eine
+meiner Töchter. Die ehrbare "alte" Madame Herz hatte niemand im
+Verdacht, dem leichtfertigen jungen Vogel die Flügel beschnitten zu
+haben.
+
+So dauerte das den ganzen Winter. Es war die seligste Zeit meines
+Lebens.
+
+Auch dadurch wurde das Glück nicht etwa getrübt, daß ich mir Vorwürfe
+gemacht hätte. Ich verstand nicht, daß es Sünde hätte sein können,
+das Liebenswürdige zu lieben und das Schöne schön zu finden. Meinen
+Pflichten als Gattin und Mutter wurde ich darum nicht untreu, wenn ich
+in dem Umgang mit diesem reizenden jungen Freunde mein Herz lebhafter
+schlagen fühlte. Ich wollte und hoffte auch wirklich nichts weiter,
+als daß es immer so fortgehen möchte, er einen Tag wie den andern über
+meine Schwelle treten, um sich dann zu mir zu setzen und eine Stunde
+lang ganz ernsthaft mit mir zu plaudern. Ich höre noch, wie er beim
+Eintreten sagte: Guten Tag, Madame Herz. Wie geht es ihnen? Und dann
+beim Scheiden: Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen!
+
+Das waren die einzigen deutschen Sätze, die ich ihm beigebracht hatte,
+und die er mit so drolligem Akzent von sich gab, daß die unartigen
+Mädchen immer darüber lachten.
+
+Und so ging der Winter hin. Keines von uns machte sich Gedanken über
+die Zukunft.
+
+Ende März aber kam das Unglück.
+
+Es war bei einem Diner im Hause Guaita, zu dem auch die Herren von der
+französischen Gesandtschaft geladen waren. Die Frau vom Hause, die
+mein Faible für ihn kannte, hatte ihm den Platz neben mir angewiesen.
+Ich erschrak aber heftig, als er mir den Arm bot, mich zu Tisch zu
+führen.
+
+Denn er war totenblaß, und auf meine Frage, ob er sich krank fühle,
+schüttelte er nur stumm den Kopf. Erst als wir nebeneinander Platz
+genommen hatten, flüsterte er mir zu, er habe vor einer Stunde sein
+Todesurteil vernommen. Sein Chef habe ihm mitgeteilt, daß er, der
+Gesandte, nach Konstantinopel versetzt sei. Er, Gaston, müßte schon
+in der folgenden Nacht dorthin vorausreisen, um allerhand
+Präliminarien abzumachen und gewisse Weisungen für das
+Gesandtschaftshotel persönlich zu überbringen. Leider könne der
+Gesandte ihm nur vierundzwanzig Stunden bewilligen, um sich zur
+Abreise zu rüsten und sein Zelt in Frankfurt abzubrechen.
+
+Du kannst denken, lieb Kind, wie diese Eröffnung auf mich wirkte. Ich
+war einer Ohnmacht nahe, und nur ein Glas Sherry, das Gaston mich
+auszutrinken nötigte, gab mir wieder ein wenig Contenance.
+
+Aber der Rest des Diners verlief so traurig, wie eine Henkersmahlzeit.
+Wir sprachen fast nichts miteinander und aßen kaum einen Bissen.
+Zuletzt kamen wir überein, daß er morgen noch einmal kommen sollte, um
+Abschied zu nehmen. Am nächsten Abend war eine Soiree, ich entsinne
+mich nicht, bei wem, nur daß schon ausgemacht war, Herz sollte diesmal
+die Mädchen hinbegleiten und ich zu Hause bleiben. Um halb neun
+fuhren sie zusammen fort. Wenn Gaston um neun kam, traf er mich
+allein, und da er um zehn zu seinem Chef bestellt war, um noch Briefe
+und Depeschen in Empfang zu nehmen, blieb eine volle Stunde, die uns
+gehörte. Ich werde Ihnen Briefe an Wiener Damen mitgeben, mit denen
+ich befreundet bin: Frau Arnstein und Eskeles und die Baronin Pereira.
+Da Sie sich einige Zeit in der Kaiserstadt aufhalten sollen, kann
+Ihnen die Einführung bei diesen sehr angesehenen Damen vielleicht
+irgendwie nützlich sein, und jedenfalls wird es Ihnen wohltun, mit
+irgend jemand von Ihrer alten Frankfurter Freundin sprechen zu können.
+
+So überstanden wir dies martervolle Diner. Aber die folgende Nacht
+und der Tag darauf vermehrten nur meinen Schmerz, der manchmal zu
+völliger Verzweiflung wurde. Jetzt erst kam mir so recht zum
+Bewußtsein, daß ich ihn liebte, immer geliebt hatte, und wie ich ihn
+liebte! Von ihm getrennt zu werden, stand mir vor Augen wie der
+schlimmste Tod, mein Leben hernach wie eine Wüste, in der nichts
+Grünes, Tröstliches für mich sprießen könnte!
+
+Und so schrieb ich die Empfehlungsbriefe unter strömenden Tränen und
+erwartete die letzte Stunde wie eine zum Tode Verurteilte.
+
+Um halb neun kam Herz mit den Kindern, mir gute Nacht zu sagen. Sie
+fanden mich blaß und angegriffen. Du hast Fieber, Frau, sagte Herz.
+Du mußt früh zu Bett gehen.--Freilich hatte ich den ganzen Tag wie im
+Fieber zugebracht, es brannte und glühte mir im Blut, wenn ich an den
+Abend dachte, an den Abgrund, in den mich's dann fortreißen konnte.
+Aber obwohl mir bei dem Gedanken schwindelte, fürchtete ich's doch
+nicht und sehnte es herbei. Mir war wie einem Fieberkranken, der am
+Rande eines tiefen Meeres hingeht. Bloß um sich endlich zu kühlen,
+möcht' er sich hineinstürzen, wenn ihm die Wellen auch über den Kopf
+zusammenschlügen, daß er in eine bodenlose Tiefe versänke.
+
+Gleich nachdem die anderen fortgefahren waren--ich lag auf dem Sofa
+und zählte die Minuten--, da klopft's. Ich fahre auf und denke:
+Sollt' er's schon sein?--Ich hatte meiner Kammerjungfer gesagt, ich
+sei für niemand zu Hause, bloß wenn der Vicomte käme, der verreise,
+und ich hätte ihm noch Briefe mitzugeben.--Aber wie ich Herein! rufe
+und die Tür sich öffnet, wer tritt über die Schwelle? Der Ebi.
+
+Sie haben mir erlaubt, Madame Herz, wenn ich mit dem Trauerspiel
+fertig wär', sollt' ich kommen und's Ihnen vorlesen. Da Sie heute
+bleiben zu Haus, hab' ich mir gedacht-Ich nickte bloß, und er kam
+herein. Ich fand nicht gleich einen Vorwand, ihn fortzuschicken, und
+dann dacht ich: Laß ihn nur lesen, das hilft mir über die Pein der
+Erwartung hinweg, und wenn Gaston dann kommt, wird er von selbst
+wieder aufbrechen. Er bleibt ja nie, wenn ich Besuch habe. Also
+setzte er sich auf ein Fauteuil neben dem Sofa, schlug sein großes
+Heft auf und fing an zu lesen, wobei seine Stimme vor Aufregung
+zitterte und auch die Hände, die die Blätter umschlugen. Er las mit
+einer eintönigen, leisen Stimme, und zuweilen geriet er in einen
+singenden Ton, wie die Vorbeter im Tempel, die ich als Kind gehört
+hatte. Denn seit meiner Verheiratung war ich nicht mehr in die
+Synagoge gekommen.
+
+Was er las, wußte ich nicht, auch nicht, ob es Verse waren oder
+überhaupt Sinn und Verstand hatte. Nur so viel wurde mir allmählich
+klar, daß es eine Liebesgeschichte war, die er zu der biblischen
+Historie hinzuerfunden hatte. Ein junger Ammoniter, der unter den
+Gefangenen mit Jephtha nach Hause gekommen war, hatte sich in die
+unglückliche Tochter verliebt, die nach dem übereilten Gelübde des
+Vaters sterben sollte, weil sie die erste gewesen war, die dem
+heimkehrenden Sieger aus seinem Hause entgegengekommen war. Auch das
+Mädchen hatte zu dem Jüngling eine Neigung gefaßt, obwohl er aus dem
+Stamm der Feinde ihres Volkes war und nicht zu dem Gott ihrer Väter
+betete. Als er aber in sie drang, während der Todesfrist von zwei
+Monaten, die sie auf dem Berge zubrachte, um ihr verlorenes Leben zu
+beweinen, sich zu retten und mit ihm zu entfliehen, widerstand sie
+ihrem Herzen und blieb beharrlich dabei, sich zu opfern, da ihr Vater
+"seinen Mund aufgetan habe gegen den Herrn", und sie sein Gelübde
+heilig halten müsse.
+
+Das Beste an der Dichtung schien nur, soviel ich davon begriff, daß
+sie kurz war und viele Psalmenstellen und fromme Sprüche aus der
+Schrift enthielt, und so kam der Vorleser fast bis ans Ende, zu dem
+schwärmerischen Lobgesange der Jungfrau kurz vor ihrem Tode, als es
+wieder an die Tür klopfte. Und diesmal war er's.
+
+Seine schönen Augen verfinsterten sich, als er den Alten bei mir fand.
+Auch brachte er nicht seine paar deutschen Redensarten vor, mit denen
+er mich sonst begrüßte, sondern sagte: "Bon soir, Madame! Vous allez
+bien? Mais vous n'êtes pas seule. Si je vous dérange--"
+
+Ich faßte mich so gut ich konnte, stellte die Herren vor, wobei Gaston
+dem armen Ebi einen Blick zuwarf, wie einem todeswürdigen Verbrecher,
+und sagte, unser alter Hausgenosse habe mir ein selbstverfaßtes Drama
+vorgelesen, wir seien eben zum Schlusse gelangt.
+
+Ich dachte nicht anders, als daß der Alte nun gehen würde. Er sprach
+auch nicht Französisch, obwohl er es verstand. Er machte aber keine
+Miene, aufzubrechen, nur daß er seinen Platz mit einem anderen Sitz
+etwas weiter vertauschte.
+
+Sie lesen mir den Schluß wohl ein andermal, Ebi, sagte ich. Das Stück
+ist sehr schön. Vielleicht kann es sogar aufgeführt werden.
+
+Auch das half nicht. Er antwortete mit einer stummen Verbeugung,
+blieb dann aber stocksteif sitzen, das Heft auf den Knien, die Augen
+gegen das Teppichmuster gerichtet.
+
+Ich dachte, er würde doch endlich merken, daß er zuviel sei, wenn ich
+gar keine Notiz mehr von ihm nähme und die Konversation französisch
+weiterginge. Also bat ich den Vicomte, Platz zu nehmen, fragte, wann
+er reiten würde--diese Nacht noch um Mitternacht--, ob er auch mit
+warmen Decken versorgt wäre--eine von mir müsse er durchaus
+mitnehmen--und sprach dann von den Briefen an die Wiener Damen, das
+gleichgültigste Geplauder von der Welt, während mir das Herz klopfte,
+als ob es aus der Brust springen wollte.
+
+Und der Alte dabei immer regungslos wie eine Bildsäule!
+
+Noch jetzt weiß ich nicht, warum ich's nicht über die Lippen brachte,
+zu sagen: Lassen Sie uns allein, Ebi. Ich habe dem Herrn Vicomte noch
+etwas unter vier Augen zu sagen. Aber ich wußte, bei den Worten würde
+ich rot werden, wie ein ertapptes Schulkind, und er würde mir meine
+sündhafte Leidenschaft am Gesicht ablesen.
+
+So quälte ich mich, den Faden des Gesprächs fortzuspinnen, wobei
+Gaston mir wenig half. Denn er war dermaßen verzweifelt über sein
+Unglück, mich zum letztenmal nicht ohne Zeugen sehen zu können, daß
+ihn alle Geistesgegenwart verließ und er die sonderbarsten Antworten
+auf meine Fragen gab. Zuweilen sprang er auf, tat ein paar hastige
+Schritte durchs Zimmer, blieb vor der Uhr auf dem Kaminsims stehen und
+warf sich dann wieder in den Sessel, mit einem Seufzer, der einen
+Stein hätte erweichen können, an dem alten Cerberus aber ohne jeden
+Eindruck abglitt.
+
+Je länger es dauerte, je mehr sank mir der Mut, je länger wurden auch
+die Pausen in unsrer Konversation. Endlich schlug die Uhr zehn. Da
+stand er auf, er konnte sich kaum auf den Knien halten. Es ist Zeit,
+stammelte er. Der Graf erwartet mich. Oh Madame...
+
+Die Stimme versagte ihm. Auch ich hatte mich erhoben, obwohl ich mich
+nur mit Mühe aufrecht erhielt. Ich begleite Sie noch hinaus, sagte
+ich, Herr Ebi wird mich einen Augenblick entschuldigen.
+
+So ging ich ihm voran nach der Tür. Ah, Madame, j'ai la la mort au
+coeur. Vous quitter, sans vous dire.--Oh si vous saviez--!
+
+Je sais tout, mon ami, flüsterte ich, et croyez--moi, si vous
+souffrez--moi aussi, j'ai le coeur si plein--je suis au désespoir!
+
+Damit öffnete ich die Tür und dachte, draußen--wenn auch nur auf kurze
+Minuten--würd' ich mich ihm an die Brust werfen und ihm sagen, was ich
+um ihn gelitten. Als ich aber hinaustrat, sah ich eine andere Feindin
+meines letzten schmerzlichen Glücks bei einer Lampe am
+Pfeilertischchen sitzen, eine Näharbeit in den Händen--Mamsell Zipora!
+
+Ich habe nachher erfahren, meine Kammerjungfer hatte der tückischen
+Person, ohne sich was dabei zu denken, erzählt, ich erwartete heute
+abend den Vicomte, der Abschied zu nehmen komme. Das hatte die sich
+zunutze gemacht, um es dem Ebi, den sie immer noch zu fangen hoffte,
+schadenfroh beizubringen, die Frau, die er heimlich vergötterte, sei
+auch nicht besser als alle anderen, um sich und ihre Tugend dadurch in
+ein vorteilhaftes Licht zu setzen. Und der unselige Mensch hatte sich
+von einer Eifersucht, die er sich selbst vielleicht nicht eingestand,
+verleiten lassen, den Wächter zu machen und den Rivalen aus dem Felde
+zu schlagen.
+
+Sie war von der Erinnerung an diese schmerzlichste Stunde ihres Lebens
+so erschüttert, daß sie lange nicht fortfahren konnte, sondern immer
+sich mit dem Kölnischen Wasser die Stirn benetzte und mit
+geschlossenen Augen dalag.
+
+Endlich sagte sie: Wie ich den Weg in mein Zimmer zurückfand und bis
+zu dem Sofa gehen konnte, ist mir ein Rätsel. Ich fühlte mich wie
+vernichtet, was jetzt noch werden konnte, war mir unfaßbar, ich sank
+auf das Polster nieder, drückte mein Tuch gegen die Augen, und brach
+in krankhaftes Schluchzen aus.
+
+Daß Ebi im Zimmer war, hatte ich völlig vergessen.
+
+Da hörte ich plötzlich seine Stimme, in dem feierlich singenden Tone,
+wie bei den Psalmenversen seines Trauerspieles: Madame Herz, ich habe
+Sie immer verehrt, heute bewundere ich Sie. Der Sieg, den Sie über
+sich selbst davongetragen, ist größer als der von Jephthas Tochter.
+Sagen Sie nicht, daß ich Ihnen dabei geholfen hab'. Wenn Sie nur
+gesagt hätten ein einzig Wort: Ebi, verlassen Sie mich,--so wahr Gott
+lebt--ich wäre gegangen, so sehr es mich hätt' geschmerzt, aber Sie
+wissen, ich bin ihrem Wort gehorsam, wie ein Hündlein seinem Herrn.
+Daß Sie nicht gesagt haben das eine Wort, das macht Ihnen mehr Ehre
+als einem König, der große Länder erobert, oder einem gewappneten Mann,
+der allein ein ganzes Heer besiegt. Denn wie es im Prediger
+Salomonis heißt: Lieblich und schön sein ist nichts, aber ein Weib,
+das den Herrn fürchtet, das soll man loben, und in Jesus Sirach: Ein
+schönes Weib, das fromm bleibt, ist wie die helle Lampe auf dem
+heiligen Leuchter. Erlauben Sie, Madame Herz, daß ich den Saum küsse
+an Ihrem Gewande.
+
+Ich fühlte dunkel, wie er es tat, und hörte, wie er dann das Zimmer
+verließ. Da brach es erst recht bei mir aus, und ich weinte und
+weinte--bis eine Ohnmacht sich meines armen gefolterten Herzens
+erbarmte.
+
+Am folgenden Tage und auch den nächsten darauf konnte ich das Bett
+nicht verlassen. Es war keine Krankheit, meinte der Arzt, aber eine
+Erschöpfung all meiner Lebenskraft. Als ich wieder aufstehen konnte,
+dauerte es noch Wochen, bis ich den Anblick von Menschen wieder
+ertragen konnte. Ebi und Mamsell Zipora durften mir nicht vor Augen
+kommen.
+
+Dann erhielt ich von Konstantinopel aus seinen Ring und einen Brief
+dabei, voll schmerzlichster Geständnisse. Ich zeigte beides meinem
+Manne, ohne ein Wort dabei zu sagen, und er gab es mir ebenso
+schweigend zurück. Ich wußte, daß er ein zu kluger Kenner des
+weiblichen Herzens war, um es als eine Sünde anzusehen, wenn meines
+gegen das liebenswürdigste, was die Erde trug, schwach gewesen war.
+
+Daß ich einen ganz ähnlichen Ring machen ließ mit der Inschrift: "Pour
+toujours", sagte ich Herz nicht. Er hätte die Devise, die zweideutig
+war und ewige Liebe oder ewige Trennung bedeuten konnte, doch
+vielleicht in dem ersten Sinne verstanden. Zugleich schrieb ich ein
+paar Zeilen, die die Bitte enthielten, mir nicht wieder zu schreiben.
+Er erfüllte diesen Wunsch. Ich hörte nur selten einmal durch Dritte
+von ihm. Schon nach fünf Jahren kam die Nachricht von seinem Tode.
+
+Das ist die Geschichte von diesem Ringe, die du hast wissen wollen,
+lieb Kind. Daß ich sie dir erzählt hab', mag dir beweisen, wie lieb
+du mir bist. Nicht einmal deine Mutter weiß das Genauere davon. Du
+magst es ihr einmal wiedererzählen.-Ich war sehr ergriffen von dieser
+rührenden Geschichte und wußte nicht, was ich sagen sollte, meinen
+Anteil auszudrücken. Als der naive Jüngling, der ich war, sagte ich
+endlich das Ungeschickteste: So schmerzlich es dir sein muß, Tante, so
+oft du den Ring betrachtest, du kannst es wenigstens ohne Reue tun.
+
+Sie sah still vor sich hin. O Kind, sagte sie leise, du bist noch
+jung. Du hast noch nicht erfahren, daß es manchmal am bittersten
+schmerzt, wenn man bereut, daß man nichts zu bereuen hat. Das sag
+aber nicht weiter!
+
+Am folgenden Tage setzte ich meine Reise fort. Als ich einen Monat
+später wieder nach Frankfurt kam, fand ich die geliebte Tante nicht
+mehr unter den Lebenden. Der Onkel händigte mir eine kleine Schachtel
+ein, die sie ihm für mich übergeben hatte, und deren Inhalt er nicht
+kannte. Der Ring lag darin und ein zärtliches Segenswort, das sie mit
+zitternder Hand noch auf ihrem Sterbebette geschrieben hatte.
+
+Seitdem ist dies teure Andenken nicht von meiner Hand gekommen. Die
+Emailbuchstaben sind ausgewaschen, der Goldreif ist brüchig geworden,
+die kleine Hand, an der ich das Kleinod zuerst gesehen, ist längst
+vermodert, doch was mir der sanfte Mund vertraut, lebt unvergeßlich in
+meiner Erinnerung fort.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ein Ring, von Paul Heyse.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ein Ring, by Paul Heyse
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN RING ***
+
+This file should be named 9084-8.txt or 9084-8.zip
+
+Produced by Delphine Lettau
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+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
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+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
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+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
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+++ b/9084-8.zip
Binary files differ
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@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
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+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #9084 (https://www.gutenberg.org/ebooks/9084)