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+The Project Gutenberg EBook of Die Einsamen, by Paul Heyse
+#3 in our series by Paul Heyse
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+Title: Die Einsamen
+
+Author: Paul Heyse
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9083]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 4, 2003]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMEN ***
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+Produced by Delphine Lettau
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+Die Einsamen
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+Paul Heyse
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+(1857)
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+Mehrere Tage lang hatten heftige Südstürme das Meer erschüttert, auf
+dem hohen Felsenufer Sorrents mit Frühlingsungestüm den Saft in den
+Feigenbäumen aufgerüttelt und den Boden mit fruchtbaren Regenschauern
+gepflügt. Manche wollten ein gärendes Murren im Innern des Vesuv
+vernommen haben und weissagten einen nahen Ausbruch. Auch schienen
+öfters die Häuser bis in die Grundfesten zu wanken, und nachts hörte
+man ein drohendes Klirren der Geräte, die im Schrank nahe beieinander
+standen. Als aber am letzten April die Sonne endlich über den Aufruhr
+Herr wurde, standen die kleinen Städte auf der Ebene von Sorrent
+unversehrt zwischen ihren Wein- und Orangengärten, der Felsengrund
+hatte sich nicht aufgetan, sie zu verschlingen, und dem tosenden Meer
+war das Ufer dennoch zu hoch gewesen, um hinaufbrandend alles, was
+Menschen seit Jahrhunderten gepflanzt, in die Tiefe zu reißen.
+
+Am Nachmittage dieses letzten April, der zugleich ein Sonntag war,
+verließ ein deutscher Poet--sein Name tut nichts zur Sache--das Haus,
+in dem er sehr wider seine Neigung durch den Sturm war gefangen
+gehalten worden. Tagelang hatte er vom Fenster aus über das Meer
+gestarrt, den Mantel um die Knie geschlagen, denn der Steinboden
+seines Zimmers hauchte eine empfindliche Kälte aus, den Hut auf dem
+Kopf, ein Glas Wein nach dem anderen hinabschlürfend, ohne ein
+Wärmegefühl in sich erwecken zu können. Der kleine Büchervorrat, der
+ihn auf der Reise begleitete, war in Neapel zurückgeblieben, und im
+Hause seines Wirts war außer dem Kalender und einem Meßbuch kein
+gedrucktes Blatt aufzutreiben. Wie oft hatte er sich vermessen, daß
+ihn in der Einsamkeit Langeweile nie anwandeln solle. Aber so viel
+und sehnsüchtig er die Muse zur Gesellschaft heranflehte, der Wind
+verschlang seinen Ruf, und die Kälte ließ endlich keinen anderen
+Gedanken in ihm aufkommen als den Wunsch, die Sonne wiederzusehen.
+
+Sie war denn auch durchgebrochen, und er hatte die Hälfte dieses
+gesegneten Tages redlich damit verbracht, auf dem Altan sitzend sie
+sich auf die Haut scheinen zu lassen. Und als er vollends nach Tische
+den Bergweg hinaufstieg, wurden alle erstarrten Gefühle in ihm mit
+Macht wieder lebendig. So groß, so golden und gewaltig hatte er die
+siegreiche Frühlingssonne nie gesehen, so erfrischend war ihm der
+Hauch des Meeres nie ins Mark gedrungen. Diese Blätter da an den
+Feigenbäumen waren in einer Nacht fingerlang hervorgeschossen. Die
+Büsche dort hat die Sonne eines halben Tages in weiße Blüten gebracht.
+Und wo nur der Wanderer, vom Duft gelockt, den Boden näher untersucht,
+dunkeln ihm unabsehliche Veilchenbeete entgegen. Die Luft wimmelt
+von Schmetterlingen, die nicht älter sind als dieser Tag; alle Pfade
+ringsum sind von Menschen zu Fuß oder in sausenden kleinen Wagen
+belebt. Dazu die Glockenstimmen der Kirchen und Kapellen auf vier
+Stunden Wegs, das Jauchzen der Burschen, die bergan zogen, um ein
+Kirchenfest in Sant' Agata, einem Dorfe auf dem Grat des Berges,
+mitzufeiern, und die langgezogenen Ritornelle der Weiber, die Hand in
+Hand zur Vesper wandelten, oder auf den sonnigen Dächern stehend ins
+Meer hinausblickten.
+
+Je weiter der Deutsche, einer mäßig ansteigenden Straße folgend, sich
+dem Feiertagsjubel entzog, desto mehr beklemmte es ihm das Herz, daß
+er dem Dank für die Fülle der Wunder, die auf ihn eindrang, mit nichts
+Luft zu machen vermochte. Am liebsten hätte er dort auf dem Felsen
+stehend in die weite Landschaft hinausgesungen, ein Lied ohne Worte,
+einen bloßen Widerhall aller Frühlingsstimmen um ihn her. Aber er
+hatte einigen Grund, seiner Stimme zu mißtrauen, daß sie eine würdige
+Heroldin seines Gefühls sein würde. Wie neidisch dachte er an jenen
+Tenor zurück, der in Rom ihn manchen Abend entzückt hatte! Mit dieser
+Stimme hier die Weite auszufüllen! Wie armselig, stumm wie ein Dieb,
+klanglos wie der Stock in seiner Hand kam er sich vor, als er durch
+alle singende und klingende Wonne der Natur hindurchschritt.
+
+Was rühmen sie die Poesie als die höchste Kunst? rief er zornig aus.
+Kann sie eine Brust von der Übermacht eines solchen Eindrucks
+befreien? Ruft mir die Größten her, die jemals über melodische Worte
+zu gebieten hatten, ob sie nicht dem Unermeßlichen gegenüber
+verstummen gleich mir armem Nachgeborenen. Womit wollen sie Licht und
+Äther und Meer und die Düfte, die aus jenem Orangenhain heraufwehen,
+nur von ferne würdig verherrlichen? Sogar der letzte unter allen, die
+sich noch einer Muse rühmen, ein Tänzer selbst könnte es ihnen hier
+zuvortun. Kann er nicht das Streben in den Himmel hinauf, ins All
+hinein, wenigstens mit Zeichen und Gebärden andeuten, mit seiner
+ganzen Person und vom Wirbel bis zur Zehe seine Trunkenheit
+ausströmen? Und nun ein Maler vollends! Der unbedeutendste und
+einfältigste, wenn er nur gelernt hat, die Linie des Berges dort und
+das Kloster am äußersten Rande, dahinter den Wald, die Grenze des
+Meeres, im Vordergrunde den frisch vom Winde geknickten Baum auf ein
+Blatt zu bringen--wie glücklich muß es ihn machen! Und wenn er gar
+ein Meister ist und die zitternde Helle über der gelben Bergwand in
+Farben widerstrahlen kann, dort in der Tiefe die See, die noch immer
+wühlt und die Wellen wirft wie Fetzen eines silberdurchwirkten
+Gewandes, den Duft drüben am Vesuv, die weißen Glockentürme zwischen
+dem jungen Laub der Kastanien--ich könnte ihn geradezu umbringen vor
+Neid!
+
+In dieser seltsam aufgeregten Verfassung setzte er sich auf einen
+Stein am Wege nieder und sah finster um sich her. Und er hatte es
+halb und halb verdient, daß ihm durch die Erkenntnis seiner
+Unzulänglichkeit die reine Stimmung zerstört wurde. Er war mit der
+festen trotzigen Überzeugung ausgegangen, draußen der langentbehrten
+Muse zu begegnen. Ein Heft Papier hatte er zu sich gesteckt, und
+hinter jedem Felsenvorsprung, jeder Wald- oder Gartenecke rechnete er
+gespannt darauf, ein lyrisches Motiv zu finden. Denn der sehr
+törichte und eitle Wunsch beseelte ihn, wo alles im Werden war, auch
+von seinem geringen Dasein irgend ein Zeugnis abzulegen. Und wohl
+jeder hat es schon einmal an sich selbst erfahren, daß ihn das große
+Werk der sich erneuenden Natur in eine Spannung versetzt, in der er
+die unerhörtesten Dinge wirken und wagen möchte, in eine ziellose
+Unruhe, irgend etwas zu gestalten und nicht der einzig Untätige und
+Erstorbene zu sein, während alles Blüten treibt? Schade nur, daß
+dieses Frühlingsfieber meist, anstatt irgend einer Tat, Erschöpfung
+und Verzicht zur Folge zu haben pflegt.
+
+Und so hatte denn auch unser Freund bald verzichtet, ohne darum die
+Mißgunst auf andere Sterbliche los zu werden, die, wie er meinte,
+besser daran seien als er. Nun kommen sie aus ihren Löchern hervor,
+murmelte er ingrimmig, und machen das Land unsicher mit Mappen und
+Schirmen und Feldstühlen und setzen sich an den gedeckten Tisch der
+Mutter Natur. Sie brauchen nur zuzugreifen, so haben sie alle Hände
+voll. Und wenn sich ihre Sinne satt geschwelgt haben, tragen sie wie
+ein Gastgeschenk von dem Fest, wie den Becher, aus dem sie getrunken
+haben, ihre Studien und Skizzen heim, die ihnen die Erinnerung und
+Stimmung erneuen, sooft sie danach Verlangen tragen. Sie haben wohl
+recht, in den Süden zu pilgern; für sie ist hier offene Tafel. Aber
+wir? Aber ich? Haben mich schadenfrohe Götter hierher gelockt, um
+mich recht tief zu demütigen? War's nicht schon genug, daß ich in Rom
+alle meine Verse auf die Frascatanerin verbrannte, als ich ihr Bild
+auf der Ausstellung gesehen? Was wäre der ganze Petrark gegen eine
+Leinwand, auf der ein Tizian das Bild von Madonna Laura festgehalten
+hätte? Als man noch nicht malen konnte, da war die rechte Zeit zum
+Dichten. Denn was ist das Dichten anders als ein ewig wiederholtes
+Bekenntnis, daß Worte arme Schächer sind, die nicht den Saum am
+Gewande der Mutter Natur zu fassen vermögen? Im Norden, wo keine
+Farben und keine Formen sind, da mag sich die Poesie die Königin
+dünken. Eine Bettlerin ist sie hier!
+
+Während dieses frevelhaften Selbstgesprächs hatte er unverwandt auf
+das Meer geblickt, das sich mit jeder Viertelstunde tiefer färbte und
+nur mit langen helleren Streifen glänzend durchschossen blieb. Es
+fiel dem fieberhaften Toren nicht ein, daß auch ein Maler hier
+verzweifelt seine Pinsel weggeworfen hätte. Denn ein großer Teil des
+unsäglichen Reizes lag eben im Wechsel und Spiel der Töne, in dem
+lebendigen Wandel der Elemente. Sollen wir gar die anderen
+überspannten Anklagen entkräften, die der Verblendete gegen seine Muse
+schleuderte? Aber wir wissen ja, mit wem wir es zu tun haben, mit
+einem von jenem "reizbaren Geschlecht", dem das Wort nur darum
+verliehen zu sein scheint, um sich selber damit ewig zu widersprechen.
+Und vielleicht erleben wir es, daß er noch am Abend dieses Tages die
+Zerknirschung, in der er sich viele Meilen weg wünschte, feierlich
+abbüßt und mit dem heiligen Lukas selbst den Tausch nicht eingehen
+würde.
+
+Was aber dort zur Linken den Weg heraufkommt, ist freilich nicht dazu
+angetan, seine Desperation zu dämpfen; vielmehr schlägt sie erst recht
+in helle Flammen auf. Nur den Umriß! wütete er vor sich hin, ein paar
+Dutzend Linien nur! Wie sie auf dem Eselchen einhertrabt, das eine
+Bein über dem Rücken des Tieres, flach und sicher ruhend, das andere
+mit der Spitze des Fußes fast den Boden streifend; und den rechten
+Ellenbogen auf das ruhende Knie niedergestützt, die Hand leicht unter
+dem Kinn, mit der Halskette spielend, das Gesicht hinausgewendet nach
+dem Meer; welche Last schwarzer Flechten im Nacken! Es leuchtet rot
+darin; ein Korallenschmuck--nein, frische Granatblüten. Der Wind
+spielt mit dem lose umgeknüpften Tuch; wie dunkel brennt die Wange und
+wieviel dunkler das Auge! Könnt' ich nur zu ihr treten und sie bitten,
+eine halbe Stunde stillzuhalten, ganz so wie sie da ist, und trüge
+nur einen schwachen Schattenriß dieser herrlichen Figur davon, es wäre
+doch für ewig ein Besitz zum Beneiden. Statt dessen, wenn ich leer zu
+Menschen zurückkomme und es ihnen sagen will, wie schön das war, werde
+ich hören müssen: Wer das gemalt hätte!--Nein, und es ist doch nicht
+festzuhalten, diese Anmut des Ruhens und Bewegens, die reife
+Jugendfülle, die stattlichen Züge, auf und ab nickend, wie des Tieres
+Schritt sich bewegt, und zu der königlichen Würde der Gestalt das
+Füßchen, das kindlich hin und her baumelt--kommt her, ihr Pinsel alle,
+und zaubert mir's wieder.
+
+Er war aufgestanden und erwartete die Reiterin, die, unbekümmert um
+den fremden Wanderer, in ihrer Stellung blieb und nur das Tier mit
+einem Schlag des Zügels ermunterte. Jetzt ritt sie an ihm vorüber,
+jedoch am Rande des Weges, so daß er seinen Gruß, den er ihr hinter
+dem Rücken zurufen mußte, nur durch ein gemessenes Nicken ihres
+Hinterhaupts belohnt sah. Dabei hob sie freilich das
+vielverschlungene Nest des schwarzen Haars von dem schönsten Nacken.
+
+Ein ganz besonderer Hauch von Ruhe umgab die ganze Erscheinung, und
+wie sie nun ihres Weges weiterritt, ließ keine Miene des Gesichts
+darauf schließen, daß ihr die Begegnung mit dem Fremden auch nur so
+viel Neugier und Reiz erweckt habe, wie es natürlich ist, wenn in
+einsamer Stunde, auf verlassenem Bergpfade ein junger Mann und ein
+schönes Weib sich unvermutet antreffen. Ob sie eine Frau oder ein
+Mädchen sei, konnte der Wanderer weder aus ihrer Kleidung noch aus
+ihrem Betragen enträtseln. Zwar schien die erste Jugend vergangen;
+aber wenn auch kein Zug von mädchenhafter Erwartung, Verheißung und
+Verschlossenheit in dem gleichmütigen Gesicht zu entdecken war, so
+belebte doch eine Frische und Reinheit den Umriß dieser Wangen, wie
+sie den verheirateten Frauen in jener Gegend selten eigen sind. Ihre
+Tracht war halb städtisch, nur der seidene Rock kürzer und das Mieder
+tief in den Nacken ausgeschnitten. Die knappen Ärmel hatte sie
+aufgestreift, die Stirn war von keinem Tuch gegen die Sonne geschützt,
+und ein breiter Strohhut hing müßig am Sattel des Tiers.
+
+Erst als sie dem Fremden um die Windung des Weges zu entschwinden
+drohte, besann er sich und ging mit starken Schritten ihr nach. Bald
+war er neben ihr, aber eigensinnig wie zuvor wanderte das Tier am
+Rande des Abhanges weiter und ließ ihm nur einen schmalen Raum
+zwischen dem Strohhut und der Wand des Berges. Auch während des
+Gesprächs, das er nun anknüpfte, drehte sich die Reiterin keinen
+Augenblick nach ihm um. Ihre Stimme klang tief; ihr Dialekt war
+schlechtes Neapolitanisch. Allein so kurz sie antwortete, lag doch in
+ihrem Ton weder der Wunsch, den Frager abzufertigen, noch ihn durch
+neckischen Trotz zu fesseln.
+
+Ihr kommt von Sorrent, schöne Einsame? fragte er.
+
+Nein, von Meta.
+
+Ihr habt Freunde dort besucht?
+
+In der Kirche war ich.
+
+Und reitet nach Sant' Agata hinauf zum Fest?
+
+Nein, Herr.
+
+Dies aber ist der Weg, der hinaufführt?
+
+Nein, Herr.
+
+So tut mir den Gefallen, mir den rechten zu zeigen.
+
+Ihr müßt zurückgehen, sagte sie, noch immer ohne sich umzusehen, und
+den nächsten Steig, der links hinaufführt, verfolgen, so kommt Ihr auf
+die Fahrstraße.
+
+Wenn ich zurück muß, lasse ich lieber das Fest fahren als das
+Vergnügen, noch so lang es Euch nicht lästig wird, neben Euch
+herzugehen.
+
+Wie Ihr wollt, der Weg ist nicht für mich allein gebahnt worden.
+
+Wißt Ihr, daß es freundlich von Euch wäre, wenn Ihr das Gesicht einmal
+zu mir hinkehrtet?
+
+Sie tat es gelassen, ohne eine Miene zu bewegen. Was ist? fragte sie,
+was habt Ihr mir zu zeigen?
+
+Ich denke, Ihr habt mir etwas zu zeigen.
+
+Ich?
+
+Ihr seid schön. So zeigt mir Eure Augen.
+
+Das Meer ist noch schöner als ich, und Ihr tätet klüger, es anzusehen,
+als Augen, die Euch nichts zu sagen haben.
+
+Das Meer? Ich sehe es alle Tage von meinem Altan aus.
+
+Aber ich nicht. Erlaubt denn, daß ich die Gelegenheit benutze!--Und
+sie wandte sich wieder ab.
+
+Sieht man das Meer nicht überall von diesen Bergen aus? fragte er.
+
+Meines Bruders Mühle liegt tief drüben in der Schlucht; der Felsen
+tritt weit davor und das Gestrüpp oben hat die letzte Aussicht
+überwachsen.
+
+Ihr lebt bei Eurem Bruder?
+
+Ja, Herr.
+
+Aber Ihr werdet nicht mehr lange dort leben, oder die jungen Männer in
+Meta haben keine Augen.
+
+Mögen sie doch Augen haben. Was gehen mich ihre Blicke an? Ich bin
+glücklicher bei meinem Bruder als alle Frauen auf der Ebene von
+Sorrent und bis hin nach Neapel.
+
+Habt Ihr nie Verdruß mit der Frau Eures Bruders?
+
+Er hat keine und wird nie eine haben. Er und ich, ich und er--was
+bedürfen wir mehr, außer dem Schutz der heiligsten Madonna?
+
+Und seid Ihr so sicher, daß es immer so bleibt, daß ihm niemals ein
+Mädchen gefallen wird?
+
+So gewiß wie ich lebe. Aber was kümmert's Euch?--Und sie trieb mit
+einem Schlag der Hand den Esel an, daß er die Ohren schüttelte.
+
+Warum ist Euer Bruder nicht mit Euch in Meta gewesen? fragte der
+Deutsche wieder, obwohl auch das ihn im Grunde nicht zu kümmern
+brauchte.
+
+Er verläßt die Mühle nie, nur wenn er beichten geht, droben in Deserta.
+
+Ist er krank?
+
+Er mag keine Menschen sehen, außer mir. Und der Anblick des Meeres
+tut ihm weh, seit er damals--aber wer seid Ihr, daß Ihr mich ausfragt?
+Seid Ihr ein Prete? oder von der Polizei in Neapel?
+
+Er mußte lachen. Keins von beiden, sagte er; aber zwingt Ihr mich
+nicht selbst zu fragen? Wenn Ihr mir das Gesicht zukehrtet, würde ich
+das Sprechen bald vergessen. Nun muß ich mich durch Eure Stimme zu
+entschädigen suchen.
+
+Sie maß ihn mit einem ernsthaften Blick und fragte dann: Was habt Ihr
+immer mit meinem Gesicht? Seid Ihr ein Maler?
+
+Er schwieg einen Augenblick, und der alte neidische Verdruß rührte
+sich wieder in ihm, daß es nur den Malern verstattet sein sollte,
+einer Schönheit nachzugehen. Freilich, wer darf ihnen übelnehmen, was
+zu ihrem Handwerk gehört? Die Glücklichen, die mit diesem Freipaß
+durch die Welt reisen! Denn daß auch er kraft seiner Art und Kunst
+ein Recht habe, sich in die Züge dieses Mädchens zu vertiefen, wie
+konnte er ihr das klarmachen, die sicherlich von der edlen Zunft der
+Poeten keine Ahnung hatte.
+
+Du willst es auch einmal so gut haben, dachte er bei sich und
+antwortete mit dreister Stirn: Allerdings, ein Maler bin ich, und wenn
+Ihr erlaubt--aber wie heißt Ihr denn?
+
+Teresa.
+
+Wenn Ihr erlaubt, schöne Teresa, begleite ich Euch gern in Eure Mühle,
+um ein Bild von Euch in meinem Skizzenbuch zu entwerfen.
+
+Er tat diese leichtsinnige Bitte unbedenklich, da es ihn stark
+gelüstete, auch den Bruder zu sehen und einen Blick in die
+Häuslichkeit der einsamen Geschwister zu werfen. Wenn es dann zum
+Treffen kam, so sollte sich schon irgend ein Ausweg finden. Und war
+seine Lüge nicht auch eine Notlüge? Tat es ihm nicht aufrichtig not,
+noch länger in Teresas Augen zu sehen?
+
+Sie besann sich ein Weilchen. Dann sagte sie: Wenn Ihr ein Maler seid,
+so macht ein Bild von mir, das ich meinem Bruder geben kann. Sterb'
+ich einmal, so hat er mich immer vor Augen, wie bei meinem Leben.
+--Seht Ihr den breiten Bach, der dort aus der Schlucht vorspringt und
+sich über den Weg in die Tiefe stürzt? Er treibt unsere Mühle, und
+wir müssen rechts einbiegen und ihn verfolgen. Der Regen hat ihn sehr
+angeschwellt, und der schmale Pfad in der Schlucht ist nicht zu
+passieren. Wartet! Ihr sollt Euch auf den Esel setzen und
+hinaufreiten, während ich ihn führe.
+
+Ihr ihn führen, zu Fuß? Nimmermehr, Teresa!
+
+So bleibt Ihr eben unten; denn wenn Ihr auch barfuß hinaufstieget
+durch das Wasser wie ich, Ihr kennt das Bett und den Weg nicht und
+stürztet bei jedem Schritt.
+
+Sie hatte das Tier schon angehalten und sich leicht hinabgeschwungen.
+Während er noch zaudernd stand und der Gedanke, daß er sie täuschte,
+ihn denn doch beunruhigte, hatte sie schon Schuh und Strümpfe von den
+schönen Füßen gestreift und faßte nun, ihn ruhig anblickend, den Zaum
+des Esels.
+
+Mag es denn sein! sagte er halb lachend. Obwohl ich eine wenig
+ritterliche Figur machen werde, wenn ich Euch das schlimmere Teil
+überlasse.
+
+Er saß auf und sie zogen dem Bache zu, das Mädchen voran, den Zügel um
+ihren Arm geschlungen. Als sie an die Schlucht kamen, warf sie noch
+einen letzten langen Blick über das Meer; dann lenkte sie, des Wassers,
+das sie umrauschte, nicht achtend, rechtsab in den Bach hinein, der
+sich um große Steine wälzte und die ganze Breite der Schlucht
+ausfüllte. Hier war es kühl und dämmerhaft nach der Tageshelle
+draußen, und das Gesträuch hing tief zu beiden Seiten der Felsenenge
+herein. Der Deutsche, während das Tier ihn vorsichtig von Stein zu
+Stein trug und der Gischt ihm bis an die Knie spritzte, sah aufwärts
+und gewahrte einige hundert Schritt in der Höhe die Mühle, gefährlich
+in das Gestein eingebaut, grau wie der Felsen neben ihr. Das Rad war
+gehemmt, des Sonntags wegen; kein anderer Laut übertönte das Getöse
+des Bachs als der Schrei eines Sperbers, der über die Schlucht
+schwebend sich die Brust an dem heraufsteigenden Wasserdunst zu kühlen
+schien. Indessen schritt Teresa auf der einen Seite dicht am Felsen
+hin. Dann und wann wurde der Weg unter ihren Füßen sichtbar, während
+andere Strecken völlig überflutet waren. Sie sprach nichts. Auch war
+es nicht leicht, sich in dem Lärm der Wellen verständlich zu machen,
+der den Hohlweg entlang hundertfach in sich selbst widerhallte. Erst
+in der Nähe des Hauses traten die Felswände breiter auseinander, der
+Weg hob sich aus dem Wasser heraus, und der Reiter, sobald er festen
+Grund unter seinem Tiere sah, sprang auf seine Füße, im stillen froh,
+daß wenigstens kein dritter den abenteuerlichen Zug mit angesehen habe.
+
+Denn die Mühle lag wie ausgestorben; ja selbst als er schon davor
+stand, war der Deutsche fast versucht, sie für eine Kulisse zu halten.
+Die Fensterläden waren geschlossen, die braune Tür in der grauen Wand
+hatte keinen Griff und schien gar nicht praktikabel, der Schatten
+unter dem Dachvorsprung konnte ebensogut gemalt sein. Indessen
+öffnete das Mädchen das Gitter zu einem in den Felsen gesprengten
+Stall und ließ den grauen Freund hinein. Dann stieß sie die Haustür
+mit leichtem Druck nach innen auf und trat dem Fremden voran über die
+Schwelle.
+
+Ein Blick genügte, um den Deutschen mit allen Räumen des Innern
+bekannt zu machen. In der Mitte ein ziemlich breites Gemach, das die
+ganze Tiefe des Hauses einnahm; der Herd an der Seite, ein schwerer
+Tisch und hölzerne Stühle in der Mitte, in einem Wandschrank Hausgerät,
+zur Rechten nach der Seite des Felsens eine Kammer mit einem Bett,
+links die Mahlkammer mit dem Radwerk. Eine Tür in der Hinterwand des
+Hauses stand ebenfalls offen, und man sah in einen freien grünen Platz
+hinaus, auf den ein einzelner breiter Sonnenstreif fiel. Er mochte
+einige Morgen im Gevierte haben und war hoch genug über dem Bach
+gelegen, daß ein Gärtchen dort hätte gepflanzt werden können. Aber
+der Bergkessel, der den Grund umschloß, war zu hoch, die Luft zu kühl,
+um der Blumenzucht günstig zu sein. Und so wucherte denn nur das Gras
+auf dem Platz und eine Ziege weidete am Ufer des Wassers. Dort aber,
+wo durch einen Riß des Berges jener einzelne Sonnenblick hereindrang,
+standen, wie ein schönes Wunder, zwei einzelne Orangenbäume mitten auf
+der Wiese, zwar spärlich mit Früchten behangen, doch in voller Frische.
+
+Der Bruder ist nicht zu Haus, Teresa, sagte der Deutsche.
+
+Sie ließ das Auge ruhig über den Wiesengrund schweifen und sagte dann:
+Seht Ihr ihn nicht drüben, wo die Schlucht sich wieder schließt? Der
+Bach hat an der Mauer gerüttelt, die ihn dort in sein richtiges Bette
+zwingt. Nun wirft er einen Erddamm hinter die Steine, daß die Wiese
+nicht überschwemmt wird. Er denkt an alles, mein Bruder, und kann
+alles; Ihr könnt tausend Jahr suchen und findet keinen, der mehr Genie
+hat.
+
+Warum verschwendet er's aber hier in der Einsamkeit?
+
+Weil er will.
+
+Und seid Ihr hier in der Mühle aufgewachsen, Ärmste, und habt nie mehr
+Sonne gesehen, als dort in die Orangenzweige scheint? Ich kann es
+nicht glauben; Eure Wangen sind schwerlich auf dem kurzen Ritt
+sonntags in die Kirche so dunkel geworden.
+
+Nein, sagte sie; es ist noch nicht volle vier Jahr, daß wir hier
+wohnen und Tommaso die Mühle gekauft hat. Wollt Ihr's glauben? Er
+hatte vorher, wo wir in Neapel waren und er seine Fischerei trieb,
+keinen Gedanken, was ein Mühlrad sei und wie die Steine umlaufen. Und
+am ersten Tag, als wir hier heraufgekommen waren--der alte Müller war
+eben gestorben--, brachte er's in Gang, als hätte er's von klein auf
+getan. O ein Mensch wie Tomà, am Hof des Königs ist kein Klügerer!
+
+Während dieser Worte gelang es dem Fremden nicht, das Gesicht des
+Mannes zu sehen, der am äußersten Ende des Wiesenlandes rüstig an
+seiner Arbeit war und sich nach der Mühle nicht umwandte. Er erkannte
+nur eine hohe Gestalt, schwarzes krauses Haar unter dem grauen Hut,
+eine Jacke von dunkler Farbe lose über der Schulter hängend.--Was hat
+ihm nur die Stadt und das Meer und sein schönes Gewerbe verleidet?
+fragte er jetzt die Schwester, die neben ihm stand.
+
+Sie schien die Frage überhört zu haben. Wißt Ihr was? sagte sie,
+setzt Euch und fangt das Bild an, damit es fertig ist, wenn mein
+Bruder wieder ins Haus kommt. Dann frag' ich ihn, wer es sei, und
+erkennt er's, so gibt er Euch, was Ihr wollt dafür, denn wir sind
+nicht arm, müßt Ihr wissen. Als wir in Neapel lebten, hatte mein
+Bruder sieben Fischer unter sich und fuhr in drei Kähnen ins Meer, und
+hätte auch wohl ein Landgut kaufen können, statt der Mühle hier. Was
+hilft ihm nun sein Geld bei seinem schweren Herzen!--Setzt Euch, Herr;
+ich will nicht mehr schwatzen, Ihr sollt den Mund ganz still und
+richtig aufs Papier malen und die Augen und alles.
+
+Unser Freund stand in nicht geringer Verlegenheit, als er sah, daß es
+ernst werden sollte. Es ist etwas dunkler hier, sagte er mit
+klopfendem Herzen.
+
+So gehen wir auf die Wiese.
+
+Dort ist es wieder zu hell, Teresa. Ihr wißt nicht, wie schwierig es
+ist, das rechte Licht zu finden.
+
+Wartet, sagte sie, und öffnete rasch die Fensterläden. Ich meine, es
+ist nun ein hübsches Licht im Hause. Ich wenigstens, wenn ich's
+gelernt hätte, ich wollt' Euch hier aufs Haar an die Wand zeichnen.
+
+Nun denn, sagte er kecklich, so fangen wir an.
+
+Er schob zwei Stühle an das eine Fenster, das die Schlucht hinunter
+den ganzen Lauf des Baches übersah, und bat sie, niederzusitzen. Jene
+Blätter, die er zu sich gesteckt, um irgend eine Eingebung der Muse
+darauf festzuhalten, zog er hervor und legte sie auf sein Knie, den
+Stift in der Rechten. Eine tiefe Röte überflammte die braunen Wangen
+des Mädchens, als sie nun seinen Blick gespannt auf sich ruhen fühlte.
+Ihr Auge, über dem die dichte Wimper wie die Schwinge eines schwarzen
+Falters auf und nieder ging, war starr hinaus gerichtet und in wenig
+Augenblicken feucht umwölkt durch die Spannung des Blicks. Er bat sie,
+frei sich zu bewegen, es werde darum nicht schlechter werden. Auch
+konnte er es sich nicht versagen, an ihrem starken Haar sich ein wenig
+zu schaffen zu machen. Teresa--! sagte er.
+
+Was ist?
+
+Nichts.--Es war ihm unmöglich, dem großen Blick ihrer Augen gegenüber
+etwas Zärtliches oder Fades zu sagen. Wie fest und breit und eben war
+die Stirn, die Brauen wie ruhig geschweift! Er hatte sich jetzt
+entschlossen, eine halbe Stunde lang eifrig zu tun, als sei er im
+besten Werk begriffen, und dabei des Anblicks sich zu erfreuen; dann
+aber das Blatt rasch zu zerreißen, auf seinen schlechten Tag und sein
+verwirrtes Auge zu schelten und sich zu verabschieden.
+
+Als er nun eben ruhig seine Stellung gewählt hatte und die Miene des
+Anfangs machte, bemerkte er in der Schlafkammer drüben an der Wand ein
+männliches Bildnis in schwarzem Rahmen, das ihm einen willkommenen
+Vorwand gab, noch einmal inne zu halten.
+
+Ihr habt da ein schönes Bild Eures Bruders, sagte er und stand auf, es
+näher zu betrachten. Wer hat es gemalt? In der Tat, eine treffliche
+Arbeit. Welch ein sanftes und feuriges Gesicht! Es macht mich immer
+neugieriger, ihn selber zu sehen.
+
+Den dieses Bild vorstellt, sagte sie zögernd, werdet Ihr nie mehr
+lebend sehen.
+
+So ist es nicht Euer Bruder?
+
+Es war sein Freund. Er starb jung, und viele haben ihn beweint.
+
+Es tut Euch weh, Teresa, davon zu sprechen; verzeiht, daß ich so viel
+zudringliche Fragen tue. Er nahm seinen Platz am Fenster wieder ein.
+Die Röte war von ihrem Gesicht verschwunden, und ihre Augen sahen
+erloschen aus. Nach einer Pause, in der nur das Rauschen von der
+Schlucht herauf an ihr Ohr drang, fing sie von selbst wieder an: Ihr
+habt recht, sanft und feurig war er, ein Kind konnte ihn betrügen, und
+doch für die, die er liebte, hätte er sich in den Vesuv gestürzt, wenn
+sie es verlangt hätten. Die Männer sind alle schlecht, sagt Tommaso.
+Aber ihn nahm er aus und hatte recht. Wer ihn ansah, wußte, keine
+reinere Seele atmete die Luft unterm Monde. Ist es ein Wunder, daß
+Tommaso das Meer haßt, welches ihm einen solchen Freund verschlungen
+hat? Daß er ein schweres Herz hat seit jenem Tag, wo er mit ihm
+hinausfuhr zum Fischen und ohne ihn wiederkam? Niemand hat es ihm
+verdacht, daß er tiefsinnig ward von Stund an und sein Gewerbe ihm
+verleidet war.
+
+Er war auch ein Fischer, wie Euer Bruder?
+
+Er war ein Sänger, Herr, aber ein armes Fischerkind; seine Eltern
+leben noch heut. Schon als Knabe in den Kirchen schmolz er allen das
+Herz, wenn er zu singen anfing. Ein reicher Onkel von ihm, der eine
+Trattoria am Strande hatte, ließ ihn dann lernen bei einem Singmeister;
+er sollte zur Oper gehen. Und nun stellt Euch vor, am Tage vor
+seinem ersten Auftreten, wo ganz Neapel schon von nichts anderm sprach,
+kommt er so gegen Abend zu meinem Bruder; denn sie kannten sich von
+Kind an und hielten noch immer zusammen. Tomà, sagte er, wollen wir
+noch eine Meerfahrt machen? Ich habe zu tun, Nino, sagt mein Bruder;
+die Netze müssen herein, und der Beppo, sagt er, der Knecht muß mit.
+--Laß ihn zu Hause, Tomà, ich helfe dir schon, ich hab's nicht
+verlernt über dem Notenlesen.--Und so fahren sie beide hinaus, ich
+sehe sie noch immer, den Bruder am Steuer, Nino am Ruder; sein Haar
+flammte in der Abendsonne, und er hatte die Augen auf unser Haus
+gerichtet; immer steht mir der Blick vor der Seele. Und die Sonne war
+kaum hinunter, da hör' ich Ruderschlag und springe unter die Tür, um
+sie zu grüßen--aber Tommaso war allein im Kahn und ruderte wie ein
+Rasender und schrie mir zu: Guten Abend, Teresa; ich soll dich grüßen
+von Nino, er schläft schon, unten am Meeresgrund--! Und mehr hört'
+ich nicht.
+
+Entsetzlich! die schöne hoffnungsvolle Jugend! Wie war es nur möglich,
+das Unglück, da sie zu zweien waren und den Kahn hatten?
+
+Das schwere Netz zog ihn hinab. Der Pflock, an dem es im Kahne
+festhing, wich plötzlich aus der Fuge und schoß über Bord, und er, mit
+den Armen übergebeugt, das Netz zu fassen, verstrickte sich in den
+Maschen, und der Kahn schlug um, und wie Tommaso wieder auftaucht,
+sieht er den leeren Kahn ruhig in der Abendröte schwimmen und von Nino
+nur den Strohhut mit dem Bande, das ich ihm Tags vorher daran geheftet
+hatte.-Armer Nino!
+
+Beklagt Ihr ihn? Er ging geradewegs in das Paradies ein und singt vor
+dem Thron der Madonna mit seiner goldenen Stimme. Beklagt meinen
+Bruder, Herr; dem liegt sein Frieden unten im Meer versunken, und kein
+Taucher bringt ihn herauf. Seit jenem Tag hat er nicht mehr gelacht,
+mein armer Tommaso. Und ehe er ins Gebirge ging, verbrannte er seinen
+Kahn und seine Netze, und die Leute standen am Ufer und sagten: Er hat
+recht, der Arme! denn man wußte, daß sie wie Brüder gewesen waren.
+
+Sie schwieg und sah in die Schlucht hinunter, die Hände still in den
+Schoß gelegt. Er aber hielt die Blätter müßig auf den Knien und
+versenkte seine Gedanken in das wundersame Schicksal, das auf ihrem
+Gesicht zu lesen war. Alle Bitterkeit des Erlebten schien
+verschwunden zu sein und nur das reine Bild des Jünglings ihr vor der
+Seele zu stehen und die "goldne Stimme" sie zu umklingen.
+
+Um so heftiger erschrak der Fremde, als er diese edlen Züge plötzlich
+sich in wilder Leidenschaft verfinstern sah. Wie ein Schwan, der eine
+Schlange sieht, fuhr sie mit einem kurzen zischenden Tone auf vom Sitz,
+zitternd am ganzen Leibe, die Brust arbeitete, die Lippen erblaßten
+und öffneten sich krampfhaft. Was ist Euch, Teresa, um des Himmels
+willen? rief er. Sie versuchte vergebens, ein Wort zu sprechen. Da
+folgte sein Blick der Richtung des ihrigen, der fest auf einen Punkt
+am Ende der Schlucht geheftet war. Aber was er sah, steigerte nur
+sein Erstaunen; denn durchaus nichts Furchtbares war's, was langsam
+dort unten den überschwemmten Weg heraufkam, vielmehr eine Gestalt, in
+ihrer Art nicht minder anziehend, als ihm vorher Teresa erschienen war.
+Ein blondes junges Weib, ganz in Schwarz gekleidet, erstieg,
+behutsam durch das Wasser watend, den Weg zur Mühle. Die Schuh und
+Strümpfe trug sie in der Linken, mit der Rechten hatte sie den
+faltigen Rock hoch zusammengeschürzt, freilich mit etwas mehr
+Dreistigkeit, als vorher Teresa getan. Ein Strohhut, von dem breite
+schwarze Bänder flatterten, saß ihr, wie vom Winde zurückgeweht, tief
+im Nacken und ließ das blühende Gesicht völlig sehen, dessen
+leuchtendes Weiß und Rot schon aus der Ferne heraufschimmerte. Die
+Augen aber hatte sie auf den Weg gesenkt.
+
+Wer ist diese Frau, Teresa? fragte der Deutsche, und warum verwandelt
+Ihr Euch so bei ihrem Anblick?
+
+Was wird er sagen, murmelte sie vor sich hin, ohne auf die Frage zu
+achten. Sie ist noch schöner geworden, noch schlimmer. Was soll das
+Schwarz? Wenn der Alte gestorben wäre--! Heilige Madonna!
+
+Eine wilde Jagd von Gedanken schien an ihr vorüberzuziehn. Sie komme
+nur! sagte sie endlich, sie komme nur! Wir fürchten sie nicht, wir
+kennen sie. Dann, sich erinnernd, daß sie nicht allein war, sprach
+sie hastig: Ihr müßt dort hinein, in die Mühlenkammer. Sie darf Euch
+hier nicht finden, sie haßt mich, und wer weiß, was sie mir nachredete,
+wenn sie einen Fremden hier getroffen hätte. Steht auf, Herr, und um
+Jesu willen, haltet Euch ruhig, daß sie Euch nicht hört. Ich denke,
+es währt nicht lange.
+
+Wenn ich Euch im Wege bin, Teresa, so will ich dort hinaus auf der
+anderen Seite der Schlucht.
+
+Ihr findet Euch nicht hinaus auf jener Seite, und hinunter dürft Ihr
+nicht, an der Hexe vorbei.
+
+Überlegt Ihr's auch wohl, Teresa? Und wenn Euer Bruder in die
+Mühlenkammer träte und einen Fremden dort versteckt sähe?-Mein Bruder
+kennt mich, sagte sie stolz. Fort!
+
+Nur ein Wort noch. Wer ist sie? was fürchtet Ihr von diesem Weibe?
+
+Alles; aber ich kenne Tommaso. Sie ist die Frau von Ninos Onkel. Als
+man den Toten fand, bei Puzzuoli ans Ufer gespült, da blieb ihr Auge
+allein trocken; Gott verzeihe ihr's, ich nicht! denn sie haßte mich,
+weil mich viele schöner fanden als sie. Nun will sie mir meinen
+Bruder rauben, die Listige. Tommaso aber kennt sie; er und ich--ich
+und er, wer will uns scheiden?--Tretet in die Kammer, Herr, und haltet
+Euch still. Hernach sag' ich's meinem Bruder, warum ich es getan.
+
+Sie drängte ihn hinein und zog die Tür hinter ihm fest an; dann hörte
+er, wie sie eilig durch die Hintertür auf die Wiese ging. Er aber,
+allein gelassen in seinem Gefängnis, konnte sich zuerst einer starken
+Aufregung und Beklommenheit nicht erwehren. Bald jedoch gewann der
+Reiz des Abenteuers die Oberhand, und er überlegte, wie er sich in
+allen möglichen Fällen zu benehmen haben würde. Währenddem sah er
+sich unter den mancherlei fremdartigen Dingen um; das einfache Radwerk
+musterte er, die großen Siebe und Bütten, die Mühlsteine der
+verschiedensten Größe, die an der Wand lehnten. Dort im Winkel war
+Tommasos Bett aufgeschlagen, ein Gebetbuch lag auf der Decke, ein
+Weihkessel hing zu Häupten an der Wand. Alles Licht, was in die
+Kammer fiel, drang von der Seite des Mühlenrades durch große Öffnungen
+herein, durch die man in die Speichen sah und auf das jenseitige
+Felsenufer der Schlucht. Aber auch in der Wand, die den Mühlenraum
+von dem mittleren Gemach schied, entdeckte er bald eine Öffnung, die
+ihn den größten Teil desselben überschauen ließ. Hier faßte er Posto
+und wartete mit wachsender Spannung der Dinge, die kommen würden.
+
+Nicht lange, so traten von der Wiese her die Geschwister ins Haus. Er
+sah Tommasos Gesicht unter einer Fülle schwarzer Lockenhaare, von
+einer zwillingshaften Ähnlichkeit mit den Zügen der Schwester. Eine
+tief zurückgehaltene Bewegung belebte jeden Muskel und glänzte
+unheimlich aus den finstern Augen. Die Jacke glitt ihm von der
+Schulter, ohne daß er es bemerkte; lange stand er mit gekreuzten Armen
+am Tisch und nickte zuweilen mit der hohen Stirn, als hörte er der
+Schwester aufmerksam zu, die seinen Arm gefaßt hatte und mit heftigem
+Flüstern, für den Deutschen unvernehmbar, zu ihm redete. Aber seine
+Gedanken schienen abwesend zu sein. Zuweilen zuckte seine volle
+Unterlippe; doch schwieg er während der ganzen Zeit. Er konnte nicht
+über dreißig Jahre alt sein; eine herrlichere Männergestalt entsann
+sich der Späher in der Mühlkammer nie gesehen zu haben.
+
+Da klopfte es an der äußeren Tür. Im Nu flog Teresa von des Bruders
+Seite fort auf einen Sessel am Herd, an den der Spinnrocken gelehnt
+stand. Als Tommaso, der seine Stellung nicht verließ, herein! rief
+und die Tür sich auftat, schwang Teresa den Rocken und schien schon
+eine Stunde so gesessen zu haben. Auch ihr Gesicht war kalt und
+gelassen.
+
+Mit einigem Zögern trat die blonde Frau herein und machte sich,
+während sie den ersten Gruß sagte, mit ihrer Kleidung zu schaffen,
+offenbar um ihre Erregung zu verbergen. Sie schüttelte vom Saum ihres
+Rockes die Tropfen ab, warf die Schuhe nieder und zog sie leicht an
+die nackten Füße. Jede Bewegung war weich, anmutig, halb bewußt, halb
+natürlich reizvoll. Das Gesicht, erhitzt vom Wege, glühte über und
+über, und die schwarze Kleidung ließ die Zartheit ihrer Farben und das
+matte Blond des Haars in diesem südlichen Lande um so wundersamer
+erscheinen. Sie war kleiner als Teresa, voller und schmiegsamer,
+rascher, wenn sie sich bewegte. Aber die braunen Augen trugen alles
+Feuer des neapolitanischen Himmels in sich.
+
+Guten Abend, Teresa! Wie geht's, Tommaso? sagte sie.
+
+Ihr seid's, Lucia? erwiderte das Mädchen. Was führt Euch von Neapel
+herüber in unsere Einsamkeit?
+
+Nehmt Platz, Lucia, und seid willkommen, sagte der Bruder, ohne sich
+ihr irgend zu nähern.
+
+Sie folgte der Aufforderung und setzte sich ans Fenster, immer noch
+mit ihrer Kleidung beschäftigt. Ich hatte in Carotta zu tun, fing sie
+wieder an, indem sie den Strohhut abnahm und ihr Haar aus der Stirn
+strich. Da dacht' ich, ehe ich wieder heimfuhr, Euch zu besuchen,
+Teresa. Der Weg hier herauf ist schlecht; wir hatten böses Wetter.
+
+Für die Mühle war es gut, sagte Teresa kurz.
+
+Lucia ließ ihre Augen im Gemach herumgehen und leicht über Tommasos
+Gesicht gleiten, der in scheinbarer Gleichgültigkeit mit einem Stück
+Kreide, das auf dem Tisch gelegen, einen Strich neben den andern malte.
+Die drei Menschen wußten, daß entscheidende Worte fallen sollten,
+und jeder wollte dem andern den Eingang dazu überlassen.
+
+Bring doch ein Glas Wein für Lucia! sagte Tommaso jetzt, ohne die
+Schwester anzublicken.--Teresa spann eifrig fort. Die Fremde sprach
+nach einigem Zaudern: Lasset den Wein; ich habe nicht lange Zeit zu
+bleiben. Der Abend sinkt herein und mein Boot wartet auf mich an der
+Marina von Carotta; denn ich will auf die Nacht nach Neapel zurück.
+Wie lange haben wir uns nicht gesehen! Warum kommt Ihr nie nach
+Neapel herüber, Teresa? Der Winter muß hart sein hier in der Schlucht.
+
+Keine Zeit ist mir hart mit meinem Bruder zusammen, entgegnete das
+Mädchen. Und was hab' ich in Neapel zu suchen? Es zieht mich zu
+niemand dort, zu niemand.
+
+Wieder schwiegen sie alle. Endlich wandte der Mann sich nach der
+Schwester und sagte ruhig: Hast du dem Tier den Stall gemacht für die
+Nacht, Teresa!
+
+Sie zuckte zusammen, denn sie verstand den Wink. Aber wie sie aufsah,
+erkannte sie an seinem festen Blick, daß es des Bruders Wille war; sie
+stellte rasch den Spinnrocken weg, verließ das Gemach, und man hörte
+sie draußen absichtlich laut an der Gittertür des Stalles sich zu tun
+machen, um jeden Verdacht, als ob sie horche, abzuschneiden.
+
+Dem Deutschen auf seinem Lauerposten schlug das Herz, als er die
+beiden nun allein einander gegenüber sah. Obwohl die Vergangenheit
+dieser Menschen ihm nur zur Hälfte offen lag, wußte er doch genug, um
+eine Szene der seltsamsten Art vorauszufühlen. Er sah bald den Mann,
+bald die schöne Frau am Fenster an, und seine eigene Lage wurde immer
+peinlicher, wenn er sich sagte, daß die Worte, die auf beider Lippen
+schwebten, für keines andern Menschen Ohr bestimmt sein konnten.
+Einen Moment dachte er daran, sich in die entfernteste Ecke der
+Mühlenkammer zurückzuziehen. Aber jeder Schritt konnte ihn verraten,
+und so mußte er stehen bleiben, wo er stand.
+
+Das Schweigen drinnen dauerte noch eine kurze Zeit. Dann sagte Lucia:
+Eure Schwester haßt mich, Tommaso; was habe ich ihr zuleide getan?
+
+Der Bruder zuckte die Achseln.
+
+Seht, fuhr sie fort, es hat mir oft keine Ruhe gelassen, wenn ich
+dachte, daß sie es vielleicht allein ist, die Euch so fern von uns
+gehalten hat. Sie gönnt es keinem, daß Ihr nur ein Wort an ihn
+richtet. Sie allein will Euch haben.
+
+Ihr irrt, sagte er trocken. Ich hatte meine Gründe, daß ich aus
+Neapel fortging.
+
+Ich weiß, Tomà, ich weiß. Es begreift es ein Kind, daß ihr damals die
+Lust am Meere verlort, nach jenem Unglück. Aber sie wäre schon
+wiedergekommen, wenn Teresa Euch nicht zugeredet hätte, Euch hier in
+der Wildnis und Öde einzuschließen. Erleben wir nicht alle unsere
+Schicksale und müssen doch aushalten unter den Menschen? Kommt das
+Unglück nicht vom Himmel? Und darf es uns so versteinern, daß wir die
+Menschen hassen, die doch nichts dafür können?
+
+Nichts dafür können? Das ist die Frage.
+
+Sie sah ihn durchdringend an. Ich versteh' Euch nicht, Tomà. Ich
+verstehe vieles nicht mehr, seit Ihr fort seid. Warum habt Ihr mir
+auf die Briefe nicht geantwortet, die ich Euch durch Angelo, den
+Bauern, geschickt habe? Er sagte mir doch, er habe sie Euch allein
+übergeben, beide; sonst könnte ich denken, Teresa habe Euch das
+Antworten verwehrt.
+
+Die Briefe? Ich habe sie verbrannt.
+
+Und was antwortet Ihr jetzt darauf?
+
+Lucia, ich habe kein Wort gelesen, das darin stand.
+
+Sie zuckte zusammen. Er aber fuhr fort: Euer Mann ist gestorben, wie
+mir Angelo sagte; er tut mir leid, er war ein Galantuomo, und das
+Unrecht, das ich gegen ihn auf dem Herzen habe, brennt mich noch heut.
+Ihr seid jung und schön, Lucia; Ihr werdet bald einen andern finden,
+einen jüngeren. Seid glücklich mit ihm!
+
+Damit warf er das Stück Kreide fort und ging, die Hände auf den Rücken
+gelegt, durch das Zimmer. Sie folgte seinen Bewegungen mit
+ängstlicher Spannung. Endlich sagte sie: Weiß Teresa, daß ich Witwe
+geworden?
+
+Sie erfuhr es erst eben aus Eurem schwarzen Kleid. Wir haben die vier
+Jahre her Euren Namen zwischen uns nicht genannt.
+
+Wenn Ihr die Briefe nicht gelesen habt, so wißt Ihr auch nicht, daß
+mein Mann Euch dreihundert Piaster vermacht hat; Ihr müßt aber selbst
+nach Neapel kommen, sie beim Gericht abzuholen, wo sie für Euch
+niedergelegt sind.
+
+Sie können dort liegen bleiben bis an den jüngsten Tag, sagte er ohne
+sich zu besinnen, wenn Ihr nicht vorzieht, sie den Armen zu geben.
+Ich hole sie nicht, auch wenn ich sie nötiger brauchte, als gottlob
+der Fall ist. Geld von Eurem Manne, Lucia! Lieber verhungern!
+
+Wie redet Ihr? sprach sie leise, mit einer Stimme, die von Bestürzung
+zitterte. Wie soll ich dieses alles deuten? Es war sonst anders
+zwischen uns, Tommaso!
+
+Um so schlimmer, daß es anders war!
+
+Sie stand von ihrem Sitz auf, tat einige Schritte auf ihn zu und
+suchte mit scheuen Augen die seinigen. Die aber bohrten sich fest in
+die Platte des Tisches, hinter den er wieder getreten war, als suche
+er etwas Fremdes zwischen sich und das schöne Weib zu bringen, zum
+Schutz gegen ihre Reize. Sie hatte die rechte Hand fest unter die
+volle Brust gelegt; der Deutsche sah durch die Wandspalte die blauen
+Adern auf dem runden Arm und wie die schmalen Finger bebten an dem
+klopfenden Herzen.
+
+Was habe ich Euch getan, Tomà? sprach sie kaum hörbar. Hat man mich
+verleumdet bei Euch, so sagt es mir, alles, und ich will meine Finger
+auf die Hostie legen und schwören, daß ich mir keiner Schuld bewußt
+bin. Wie eine Begrabene hab' ich gelebt mit meinem Manne, seit Ihr
+fortgegangen, und niemand kann aufstehen und sagen, daß die Wirtin der
+Sirena ihm einen Blick oder ein Lächeln gegönnt hat.
+
+Das ist Eure Sache und war die Sache des Toten. Warum kommt Ihr her
+und sagt das mir?
+
+Große Tränen traten ihr ins Auge, als sie die harten Worte hörte, und
+er fühlte es wohl, wie tief der Schlag getroffen hatte, obwohl er sie
+noch immer nicht ansah. Dann sagte er nach einer Weile: Was hilft es,
+daß wir durch die Maske sprechen, und unsere Stimmen verstellen?
+Gerade heraus, Lucia: du bist gekommen, um mir zu sagen, daß du nun
+frei seiest und niemand mehr im Wege stehe zwischen uns beiden. Aber
+ich sage dir, es steht doch einer zwischen uns, und wir sind verdammt,
+für unsere Sünden ewige Flammen zu fühlen und ewig getrennt zu sein.
+
+So entschieden er sprach, so lebte doch die Hoffnung wieder auf in ihr.
+Für unsere Sünden? sagte sie rasch. Was haben wir uns vorzuwerfen?
+Hat es mir je eine andere Frucht getragen, daß wir uns liebten, als
+Seufzen und Weinen aus der Ferne? Wenn ich jetzt an deinen Hals
+stürzen dürfte, wäre es nicht unser erster Kuß? Aber wohl weiß ich,
+wer zwischen uns steht, Tommaso:--deine Schwester.
+
+Er schüttelte heftig den Kopf. Nein! nicht sie! Aber frage mich
+nicht, und denke nicht, daß du ihn jemals aus dem Wege räumen kannst,
+unsern Feind; er ist keiner von den Lebenden. Geh nach Neapel zurück,
+Lucia, und komm nie wieder herauf nach der Mühle. Ich will, ich darf
+dich nicht wiedersehen.
+
+Sie trat dicht an den Tisch heran, ihm gegenüber, daß ihn die heftige
+Bewegung selbst erschütterte und er plötzlich aufsah. Alle Schrecken
+einer verzweifelten Leidenschaft standen ihr im Gesicht. Ich gehe
+nicht, sagte sie mit gewaltsamer Festigkeit, oder ich muß alles wissen.
+Tommaso, mein Mann ist tot, Nino schläft lange in seinem Grab, deine
+Schwester soll in meinem Hause sein wie die Herrin und ich wie die
+Magd; bei dem ersten bösen Wort von mir zu ihr magst du mich ausstoßen,
+als hätt' ich Feuer unter dein Dach gelegt; und du sagst--und ich
+seh' es--, daß dein Herz noch nicht verwandelt ist: wer steht noch
+zwischen uns, Tommaso?
+
+Der Tisch zitterte, auf den der junge Mann sich stützte. Ich will es
+dir sagen, keuchte er dumpf heraus; aber dann geh und frage nicht
+weiter. Nino steht zwischen uns!
+
+Du betrügst mich, antwortete sie. Du willst meine Gedanken von Teresa
+ablenken, damit ich es ihr nicht eines Tages vergelte, was sie mir
+angetan. Du wirst es noch einmal bereuen, daß du mit mir Ärmsten
+gespielt hast, und mich dann weggeworfen. Und auch sie, auch sie soll
+die Unnatur büßen, dich hier vor der Sonne versteckt zu halten, wie
+der Geizige seinen Schatz. Ich gehe.
+
+Bei Christi Blut, Lucia, ich betrüge dich nicht. Es ist wahr, meine
+Schwester hat dir eine Sache nie verziehen. Aber das ist es
+nicht--und du weißt nicht, wie ich es meine, wenn ich sage: Nino steht
+zwischen uns! Niemand weiß es, Teresa am wenigsten. Sie stürbe, wenn
+sie es wüßte.
+
+Und wenn ich es wüßte?
+
+So würden dir alle Gedanken an den elenden Tommaso vergehen, und du
+würdest den Weg zur Mühle nicht wiederfinden.
+
+Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
+
+Du irrst, sagte sie, das kann nie geschehen. Es ist ein Wahn, was
+zwischen uns liegt, und ich werde ihn wie einen Rauch wegblasen, wenn
+du ihn mir zeigst. Wo nicht, so finde ich keine Ruhe Tag und Nacht,
+und übers Jahr hörst du, daß du mich ins Grab gestürzt hast.
+
+Er schauderte in sich zusammen und schien einen letzten Kampf zu
+kämpfen. Dann sah er sie trostlos, glühend, starr und lange an und
+sprach: Es muß aus werden, ich will die verzehrende Qual, dich zu
+sehen und dir zu entsagen, nicht zum zweiten Male zu überstehen haben.
+Schwöre mir bei deiner Seligkeit, Lucia, daß du niemand sagen willst,
+was noch niemand von mir gehört hat und was du nun hören sollst. Auch
+in der Beichte und im Sterben komme das Wort nicht über deine Lippen.
+Es ist nicht, weil es mir selbst zum Verderben wäre, wenn die Menschen
+es wüßten; aber Teresa überstünde es nicht. Schwöre, Lucia!
+
+Sie erhob die Hand. Bei unserer Seligkeit schwöre ich dir's zu,
+Tommaso, niemand soll es wissen außer mir und dir.
+
+Er seufzte tief auf und warf sich in einen Stuhl, die Arme auf die
+Knie stützend und den Boden zu seinen Füßen anstarrend. Lucia, sprach
+er halblaut, ich habe die Wahrheit gesagt, Nino steht zwischen uns,
+jetzt im Tode, wie damals im Leben. Er war rein und unschuldig wie
+Abel, und auch ihm zur Seite stand ein Kain. Kain floh in die Wildnis;
+begreifst du's nun.
+
+Sie schwieg.
+
+Du hast recht, fuhr er fort. Wer kann es begreifen? Aber es kommen
+Stunden, wo die Hölle Macht hat über uns, daß es ist, als säße ein
+fremder Geist in unserer Brust und knebelte alle rechtschaffenen
+Gedanken, und nur die teuflischen ließe er frei, zu tun, was sie
+wollten. Haben wir's dann getan, was hernach das Ende davon ist?--Das
+soll mir einmal ein Pfaffe auslegen, das weiß keiner!
+
+Wie ich den Jungen geliebt habe! Ermordet hätt' ich den Wahnwitzigen,
+der mir ins Gesicht nur mit einem Hauche schlecht von ihm gesprochen
+hätte! Wenn ich ihn singen hörte, vergaß ich alle Sorgen; wenn er in
+mein Haus kam, wurde es helle darin. Einem eigenen Sohn oder Bruder
+kann man nicht mehr anhängen. Stolz war ich auf ihn. Als Neapel von
+seiner Stimme zu reden anfing, sagt' ich wie ein Narr zu den Leuten:
+das ist unser Nino, mein alter Spielkamerad! Und wußte mir was damit,
+als hätte ich ihm die Stimme aus dem Meer gefischt und geschenkt. Und
+wie war er zu mir! Da er schon berühmt war und bei Prinzen und Grafen
+sang und die stolzen Damen sich um einen seiner Blicke beneideten,--er
+kam nach wie vor in unser Haus am Strande und war am liebsten mit uns,
+und manches Mal, wenn ich ihm auf dem Toledo begegnete, mein Netz über
+der Schulter, ließ er einen andern Bekannten stehn und faßte meinen
+Arm und ging eine Strecke mit mir. Niemand war so holdselig; kein
+Falsch in ihm, kein Sündhaftes. Er hätte alle Weiber in Neapel haben
+können, aber er gab keine Feige dafür. Ich habe ihn oft darum
+ausgelacht; ich wußte damals noch nicht, wer ihm das Herumlieben
+verleidete.
+
+Nur ein Böses hat er mir getan, daß er mich zu seinem Onkel ins Haus
+führte, als der brave Alte von Capua nach Neapel zog und die Sirena
+kaufte. Kam er nicht vor allem, um sich an Ninos Glück zu freuen, das
+sein Werk war? Warum mußte er kommen und Euch mitbringen, Lucia!
+Seit der Stunde schon verlor ich Nino, der Himmel weiß, nicht durch
+seine Schuld. Aber wer konnte ihm darum gram werden, außer mir und
+Euch, daß er die Ehre seines Wohltäters bewachte?
+
+Es war ihm nie eingefallen sonst, mir Vorwürfe zu machen über meine
+Liebeshändel, obwohl er auch keinen sonderlichen Gefallen daran hatte,
+wenn ich ihm von der oder jener Frau sprach, die mich gerade im Netz
+hatte. Er war unschuldig wie der Erzengel Raphael; aber er kannte
+auch die Welt und wußte, daß nicht alle waren wie er, und war fern
+davon, die Menschen ändern zu wollen. Auch als er bald merkte, wie es
+um uns stand, Lucia,--nie kam ein Wort über seine Lippen. Ihr aber
+wißt wohl, daß er es allein war, der all unsere Listen und Anschläge
+vereitelte. Ich schäumte in mir; hundertmal schwor ich mir, sobald
+ich ihn wiedersähe, ihm alle Freundschaft aufzukündigen, wenn er
+ferner Eure Schwelle bewachte, eifersüchtiger als der Onkel selbst,
+als ein Bruder, oder ein Verliebter. Denn er liebte Euch nicht, und
+kein Neid auf mich war mit im Spiel. Sah ich ihn dann, so zerbiß ich
+mir die Lippen, aber sagte kein Wort, und fast wurde die Raserei nach
+Euch gelinder in mir, wenn ich seine Stimme hörte.
+
+Es schien, er las mir alle meine Gedanken in der Brust. Vielmals
+redete er mit mir vom Onkel, wie gut er sei, wie harmlos, und wie viel
+der Alte an ihm getan habe. Er sah mich dann zutraulich an, als
+wollte er sagen: Nein, Tomà, es ist nicht möglich, daß du einen Mann
+betrübst, dem dein Freund alles zu danken hat. Und ist er nicht auch
+gegen dich die Güte, das Vertrauen selbst?
+
+Ich verstand ihn wohl; aber wenn ich Euch dann begegnete, verschlang
+mir die Wut der Liebe alle Vorsätze, alle Bedenken. Mein Gewissen
+verdorrte wie ein Baum neben der fließenden Lava. Und ein Jahr lang
+so herumzugehen, ich, der nie über eine Frist von vierzehn Tagen
+hinaus sich zu gedulden gelernt hatte! Schon einmal, als der Onkel
+nach Ischia gefahren war, Ihr entsinnt Euch, und wir aufatmeten, er
+aber sich ein Zimmer in der Sirena ausbat, um Noten abzuschreiben,
+weil der Lärm in seiner eigenen Wohnung ihn störe--schon damals hatt'
+ich finstre Gedanken. Ich wollt' ihm was unter den Wein mischen, was
+mir ein Bekannter gegeben; es sollte einen Menschen vierundzwanzig
+Stunden lang in Schlaf bringen. Dann aber entsetzte ich mich. Wenn
+es ein Gift wäre? Oder es schadete ihm an seiner Stimme? Ich tat es
+nicht, aber es blieb ein Stachel in mir zurück gegen ihn, und von
+Stund an wich ich ihm aus, denn sein Anblick verdroß mich, als wenn er
+mir nach dem Leben gestanden hätte.
+
+So kam der Tag näher, wo er zum ersten Mal in der Oper singen sollte.
+Was wir für jenen Abend abgeredet hatten, Lucia, Ihr wißt es wohl.
+Hätte ich Euch nicht gekannt,--mein Haus hätte indessen abbrennen
+können, und ich wäre vor dem letzten Ton, der Ninos Triumph sein
+sollte, nicht von meinem Platz im Theater gewichen. Nun war all mein
+Sinnen nur darauf gerichtet, was mich erwartete, wenn ich nach dem
+ersten Akt mich fortschliche in die Sirena, wo Ihr die Kranke spielen
+wolltet, um nicht mit dem Onkel in die Oper zu müssen.
+
+Da kam er am Abend vorher, wie Ihr wißt, und beredete mich, ihn mit
+aufs Meer zu nehmen. Welcher Engel oder Teufel hatte ihm unser
+Geheimnis zugeraunt? Denn er wußte es, und kaum daß wir allein auf
+der See zusammen waren, sagte er mir's ins Gesicht, das erste Mal, daß
+er mich offen zur Rede stellte. Ich leugnete alles. Tomà, sagte er,
+wenn du mir nicht versprichst bei unserer alten Freundschaft, davon
+abzustehen, so ist es mein Unglück. Ich werde singen wie ein Rabe,
+sie werden mich auszischen, und alles, was ich je gehofft habe, wird
+für immer dahin sein. Mein Bruder, sagte er, ich fordere es von dir!
+Ich könnte ja hingehen und den Onkel warnen. Aber er wüßte dann,
+welche Frau er hat, und wenn ich auch deinen Namen nicht nennte, wären
+wir doch ewig geschieden, du und ich. Versprich mir's also; das eine
+Opfer kann ich dir wohl wert sein.--Ich schwieg hartnäckig und sah
+nach den Netzen, und hörte zuletzt gar nicht mehr, was er redete, denn
+Euer Bild stand vor mir, Lucia, und das Blut tobte mir in den Schläfen.
+
+Eine Stunde nachher kam ich allein im Boot nach der Küste zurück.-Die
+letzten Worte verhallten dunkel und tonlos, und die beiden Gestalten,
+er auf seinem Sitz, das Gesicht immer tiefer zwischen den Knien
+herabgesunken, die Frau bleich wie eine Tote, verharrten so wie Bilder,
+während es dunkler im Zimmer ward und draußen durch das Rauschen des
+Bachs Teresas Stimme erklang, die ein Ritornell anstimmte, wie um den
+Bruder zu erinnern, daß er ihr die Pein des Wartens nicht ohne Not
+verlängern solle. Und in der Tat weckte die Stimme den versunkenen
+Mann. Er erhob sich vom Sessel und neigte sich über den Tisch dichter
+zu dem regungslosen Weibe. Nein, Lucia, sagte er heiser, ich habe
+damals nicht gelogen. Das Netz zog ihn in die Tiefe, seine Füße
+verstrickten sich, nicht ich habe den Kahn umgestoßen; aber das ist
+nicht alles. Ich saß noch am Steuer, als er schon hinuntergestürzt
+war. Eisig war mein Gebein, meine Augen stierten auf den Strudel
+neben mir, der sich über seinem Haupt geschlossen hatte, ich sah die
+Blasen aufsteigen, als wollten sie mir zurufen: er atmet noch da unten!
+Und jetzt, jetzt tauchte eine seiner Hände über den Wellen auf und
+haschte nach einer festen Hand seines Freundes, eine Bootslänge nur
+sah ich sie von mir entfernt--ein silberner Ring glänzte am kleinen
+Finger in der Sonne--nur das Ruder hätt' ich hinzustrecken brauchen
+und er war gerettet, Lucia! Wollte ich ihn denn nicht retten? Mußte
+ich es nicht wollen? hielt ich nicht das Ruder auf den Knien, und nur
+ein Ruck des Armes und die Hand mit dem Ring hätte sich darum
+festgeklammert? Aber da saß der Dämon in meiner Brust und lähmte mir
+jede Faser und verstockte mir jeden Blutstropfen; wie vom Schlage
+gerührt saß ich fest, mir schwindelte, zu schreien versucht' ich--und
+immer stierte ich auf die Hand--und die Hand sank, jetzt bis an den
+Ring, jetzt bis an die Fingerspitzen, und jetzt--war sie versunken.
+
+Erst da ließ mich die Hölle los; ich schrie wie ein Toller, ich sprang
+über Bord, daß der Kahn umschlug, und tauchte hinab, und wieder auf,
+und wieder hinab, und fand ihn nicht, obwohl ich sonst hundertmal eine
+kleine Münze vom Meeresgrund heraufgeholt habe, und schwamm endlich
+wieder zu meinem Boote zurück, die Verzweiflung im Herzen. Aber das
+Maß war noch nicht voll. Wie ich nach Hause kam ohne ihn, brach meine
+Schwester am Herd zusammen wie eine verlöschende Flamme; der Ring am
+Finger jener Hand, die aus den Wellen gestarrt hatte, war ihr Ring.
+Tags zuvor hatte sie ihn mit dem seinigen getauscht, ohne daß ich es
+wußte.
+
+Er warf sich wieder in den Stuhl zurück und kehrte das Gesicht mit
+geschlossenen Augen gegen die Decke. Der Lauscher in der Mühlenkammer
+hörte ihn lange wie einen schwer Schlafenden röcheln aus der gepreßten
+Brust, während das unglückliche junge Weib sich mehrmals mit der Hand
+über die Stirne fuhr, die kalten Tropfen wegzuwischen. Das Furchtbare,
+das sie vernommen, hatte ihre Züge, die weich und sinnlich waren,
+geadelt; sie war schöner als zuvor, aber sie dachte nicht mehr daran.
+
+Zuletzt schien Tommaso wie aus einem Halbschlummer aufzuwachen. Seid
+Ihr noch hier, Lucia? sprach er hastig. Was wollt Ihr noch von
+Tommaso? Seht Ihr sie nicht auch zwischen uns, die Hand mit dem
+silbernen Ring, die überall vor mir auftaucht und gen Himmel weist?
+Wenn wir am Altare stünden und Ihr strecktet mir Eure Hand mit dem
+Goldreif entgegen, das Haar würde mir aufstehen, meine Augen sich
+verwirren, Gold wie Silber, Lucias Hand wie Ninos scheinen, und Teufel
+mich aus der Kirche peitschen.--Geht heim, Lucia; vergeßt dies alles,
+haltet Euern Schwur und betet für Tommaso!
+
+Damit stand er auf und trat an den Herd. Der Deutsche sah, wie sie
+heftig zitterte. Wird es nie anders werden? hauchte sie endlich
+hervor.--Er schüttelte nur, ihr abgewandt stehend, die Locken und
+machte mit dem Zeigefinger die Gebärde des Verneinens.--So behüte Euch
+Gott, Tomà; so gieße die Madonna Trost in Euer Herz und Schlaf zu
+Nacht auf deine Augen, Tomà, und--auf die meinen--die ewig nach dir
+weinen werden! Ich danke dir, daß ich alles weiß; ich könnt' es sonst
+nicht tragen, daß wir uns verloren haben. Ich danke dir, daß du mich
+noch liebst; verlern es nicht, es ist alles, was ich noch habe!-Er sah
+nicht mehr nach ihr um, sah die Tränenflut nicht, die ihr still aus
+den Augen stürzte, nicht das Winken mit beiden Händen zum
+Abschiedsgruß und ihr gewaltsames Sichabwenden, um zu gehen. Sie ließ
+die Tür offen hinter sich, und die Schwester, die gleich nach dem
+Abschied hereinstürzte, fand ihn noch wie vorher am Herd. Tomà! rief
+sie mit dem wildesten Schluchzen und Jauchzen und schlang die Arme um
+den stillen Mann, du hast ihr abgesagt, du bist mein, wir bleiben
+unser!--Jetzt erst sah sie die tiefe Blässe auf seinem Gesicht und
+erschrak. Wehe! rief sie, so tief ging es dir ans Leben? Nein, Tomà,
+das nicht, das sollst du nicht für mich tun. Noch erreicht sie deine
+Stimme; rufe sie zurück, mein Bruder, sage ihr-Still, Kind! unterbrach
+er sie fest und zwang ein Lächeln auf seinen Mund, während die Augen
+mit der schmerzlichsten Innigkeit auf ihre Stirne niederblickten. Es
+ist vorbei und zu Ende. Ich bringe kein Opfer, glaub es, Kind, dir
+kein Opfer. Wärest du vor vier Jahren aus der Ohnmacht nicht wieder
+aufgelebt, ich hätte dennoch zu ihr gesprochen, wie ich getan.--Es
+wird bald Nacht sein. Ich will noch einen Gang in die Schlucht hinauf
+machen und sehen, wie es oben steht mit dem Mühlbach. Ich sehe dich
+noch vor Schlafengehen, meine Schwester, meine Teresa! Morgen ist ein
+neuer Tag.
+
+Er küßte sie auf die Stirn und verschwand durch die Tür, die nach der
+Wiese ging.
+
+Erst eine geraume Welle später wagte der Fremde die Tür der Mühlkammer
+zu öffnen. Teresa erschrak, als er zu ihr trat, sie hatte seine Nähe,
+wie es schien, völlig vergessen. Ihr habt alles gehört, sagte sie
+ernsthaft; besorgt nicht, daß ich Euch ausfrage. Tommaso wollte nicht,
+daß ich es höre! Das ist mir genug. Wo lebt auf Erden ein Bruder
+wie er? Sagt, ob mein Los nicht zu beneiden ist! O Tommaso!
+
+Er nickte stumm und reichte ihr die Hand. Gute Nacht, Teresa, sagte
+er. Ich brauche Euch nicht zu bitten, daß Ihr es Euerm Bruder niemals
+sagt, wer seinem Gespräch mit Lucia zugehört hat. Es könnte ihm doch
+nur ein verhaßter Gedanke sein, daß ein Fremder Zeuge war, wo die
+eigene Schwester ausgeschlossen blieb.
+
+Nie soll er es erfahren, erwiderte sie feierlich. Einen Bruder wie
+ihn zu betrüben,--wie käme mir das in den Sinn, für die er sein Leben
+gäbe!-Er mußte sich abwenden, um nicht zu verraten, wie furchtbar ihre
+arglose Hingebung an den, der ihr das Teuerste entwendet hatte, ihm
+durchs Herz schnitt. Worte des innigsten Anteils schwebten ihm auf
+der Zunge; er unterdrückte sie, denn sie erwartete Glückwünsche von
+ihm und das Zeugnis, daß ihr Los beneidenswert sei. Er sah den
+silbernen Ring an ihrem Finger und an der Wand drüben das Bild des
+Toten, und sagte sich: dies sieht Tommaso Tag für Tag und muß leben
+und dulden, daß die Schwester ihn liebt!-Teresa, sagte er, erhalte dir
+Gott den Frieden, den du gerettet hast. Leb wohl! Ich nehme dein
+Bild mit hinweg, anders, als ich dachte, aber unvergänglicher!
+
+Sie redeten nicht viel auf dem Wege die Schlucht hinab, den er wieder
+auf dem Rücken des Tiers zurücklegte. Als er sich unten von ihr
+getrennt hatte, stand er noch lange und sah nach der Mühle hinauf und
+ließ sich von der Kühle des Bachs seine heiße Stirn umwehn. Die Nacht
+brach herein. Er konnte noch nicht den Heimweg suchen; seine Gedanken
+trieben ihn weit über die Höhen auf wechselnden Pfaden. Als er einen
+Felsenabhang erstieg, der sich schroff ins Meer vorstreckte, gewahrte
+er am äußersten Rande eine männliche Gestalt, der die Locken im Winde
+ums Haupt flatterten. Der Mann spähte unverwandt über das Meer hinaus,
+wo in der Richtung von Carotta nach Neapel ein winziges Boot tief
+unten das Segel blähte. Er glaubte den Einsamen dort oben zu erkennen
+und zu wissen, wer in dem Boote saß, und in tiefer Bewegung schlug er
+den nächsten Pfad ein, der ihn zu den Wohnungen glücklicherer Menschen
+hinunterführte. Die Muse, nach deren Anblick er über Tag vergebens
+geseufzt hatte, war ihm erschienen. Aber das Antlitz, das sie ihm
+zeigte, war streng und ehern und scheuchte bis weit über Mitternacht
+den Schlaf von seinem Haupt.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Einsamen, von Paul Heyse.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Einsamen, by Paul Heyse
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMEN ***
+
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+
+Produced by Delphine Lettau
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+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
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+midnight of the last day of the month of any such announcement.
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+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
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