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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/9083-8.txt b/9083-8.txt new file mode 100644 index 0000000..2c6079f --- /dev/null +++ b/9083-8.txt @@ -0,0 +1,1523 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Einsamen, by Paul Heyse +#3 in our series by Paul Heyse + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Die Einsamen + +Author: Paul Heyse + +Release Date: October, 2005 [EBook #9083] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on September 4, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMEN *** + + + + +Produced by Delphine Lettau + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Die Einsamen + +Paul Heyse + +(1857) + + +Mehrere Tage lang hatten heftige Südstürme das Meer erschüttert, auf +dem hohen Felsenufer Sorrents mit Frühlingsungestüm den Saft in den +Feigenbäumen aufgerüttelt und den Boden mit fruchtbaren Regenschauern +gepflügt. Manche wollten ein gärendes Murren im Innern des Vesuv +vernommen haben und weissagten einen nahen Ausbruch. Auch schienen +öfters die Häuser bis in die Grundfesten zu wanken, und nachts hörte +man ein drohendes Klirren der Geräte, die im Schrank nahe beieinander +standen. Als aber am letzten April die Sonne endlich über den Aufruhr +Herr wurde, standen die kleinen Städte auf der Ebene von Sorrent +unversehrt zwischen ihren Wein- und Orangengärten, der Felsengrund +hatte sich nicht aufgetan, sie zu verschlingen, und dem tosenden Meer +war das Ufer dennoch zu hoch gewesen, um hinaufbrandend alles, was +Menschen seit Jahrhunderten gepflanzt, in die Tiefe zu reißen. + +Am Nachmittage dieses letzten April, der zugleich ein Sonntag war, +verließ ein deutscher Poet--sein Name tut nichts zur Sache--das Haus, +in dem er sehr wider seine Neigung durch den Sturm war gefangen +gehalten worden. Tagelang hatte er vom Fenster aus über das Meer +gestarrt, den Mantel um die Knie geschlagen, denn der Steinboden +seines Zimmers hauchte eine empfindliche Kälte aus, den Hut auf dem +Kopf, ein Glas Wein nach dem anderen hinabschlürfend, ohne ein +Wärmegefühl in sich erwecken zu können. Der kleine Büchervorrat, der +ihn auf der Reise begleitete, war in Neapel zurückgeblieben, und im +Hause seines Wirts war außer dem Kalender und einem Meßbuch kein +gedrucktes Blatt aufzutreiben. Wie oft hatte er sich vermessen, daß +ihn in der Einsamkeit Langeweile nie anwandeln solle. Aber so viel +und sehnsüchtig er die Muse zur Gesellschaft heranflehte, der Wind +verschlang seinen Ruf, und die Kälte ließ endlich keinen anderen +Gedanken in ihm aufkommen als den Wunsch, die Sonne wiederzusehen. + +Sie war denn auch durchgebrochen, und er hatte die Hälfte dieses +gesegneten Tages redlich damit verbracht, auf dem Altan sitzend sie +sich auf die Haut scheinen zu lassen. Und als er vollends nach Tische +den Bergweg hinaufstieg, wurden alle erstarrten Gefühle in ihm mit +Macht wieder lebendig. So groß, so golden und gewaltig hatte er die +siegreiche Frühlingssonne nie gesehen, so erfrischend war ihm der +Hauch des Meeres nie ins Mark gedrungen. Diese Blätter da an den +Feigenbäumen waren in einer Nacht fingerlang hervorgeschossen. Die +Büsche dort hat die Sonne eines halben Tages in weiße Blüten gebracht. +Und wo nur der Wanderer, vom Duft gelockt, den Boden näher untersucht, +dunkeln ihm unabsehliche Veilchenbeete entgegen. Die Luft wimmelt +von Schmetterlingen, die nicht älter sind als dieser Tag; alle Pfade +ringsum sind von Menschen zu Fuß oder in sausenden kleinen Wagen +belebt. Dazu die Glockenstimmen der Kirchen und Kapellen auf vier +Stunden Wegs, das Jauchzen der Burschen, die bergan zogen, um ein +Kirchenfest in Sant' Agata, einem Dorfe auf dem Grat des Berges, +mitzufeiern, und die langgezogenen Ritornelle der Weiber, die Hand in +Hand zur Vesper wandelten, oder auf den sonnigen Dächern stehend ins +Meer hinausblickten. + +Je weiter der Deutsche, einer mäßig ansteigenden Straße folgend, sich +dem Feiertagsjubel entzog, desto mehr beklemmte es ihm das Herz, daß +er dem Dank für die Fülle der Wunder, die auf ihn eindrang, mit nichts +Luft zu machen vermochte. Am liebsten hätte er dort auf dem Felsen +stehend in die weite Landschaft hinausgesungen, ein Lied ohne Worte, +einen bloßen Widerhall aller Frühlingsstimmen um ihn her. Aber er +hatte einigen Grund, seiner Stimme zu mißtrauen, daß sie eine würdige +Heroldin seines Gefühls sein würde. Wie neidisch dachte er an jenen +Tenor zurück, der in Rom ihn manchen Abend entzückt hatte! Mit dieser +Stimme hier die Weite auszufüllen! Wie armselig, stumm wie ein Dieb, +klanglos wie der Stock in seiner Hand kam er sich vor, als er durch +alle singende und klingende Wonne der Natur hindurchschritt. + +Was rühmen sie die Poesie als die höchste Kunst? rief er zornig aus. +Kann sie eine Brust von der Übermacht eines solchen Eindrucks +befreien? Ruft mir die Größten her, die jemals über melodische Worte +zu gebieten hatten, ob sie nicht dem Unermeßlichen gegenüber +verstummen gleich mir armem Nachgeborenen. Womit wollen sie Licht und +Äther und Meer und die Düfte, die aus jenem Orangenhain heraufwehen, +nur von ferne würdig verherrlichen? Sogar der letzte unter allen, die +sich noch einer Muse rühmen, ein Tänzer selbst könnte es ihnen hier +zuvortun. Kann er nicht das Streben in den Himmel hinauf, ins All +hinein, wenigstens mit Zeichen und Gebärden andeuten, mit seiner +ganzen Person und vom Wirbel bis zur Zehe seine Trunkenheit +ausströmen? Und nun ein Maler vollends! Der unbedeutendste und +einfältigste, wenn er nur gelernt hat, die Linie des Berges dort und +das Kloster am äußersten Rande, dahinter den Wald, die Grenze des +Meeres, im Vordergrunde den frisch vom Winde geknickten Baum auf ein +Blatt zu bringen--wie glücklich muß es ihn machen! Und wenn er gar +ein Meister ist und die zitternde Helle über der gelben Bergwand in +Farben widerstrahlen kann, dort in der Tiefe die See, die noch immer +wühlt und die Wellen wirft wie Fetzen eines silberdurchwirkten +Gewandes, den Duft drüben am Vesuv, die weißen Glockentürme zwischen +dem jungen Laub der Kastanien--ich könnte ihn geradezu umbringen vor +Neid! + +In dieser seltsam aufgeregten Verfassung setzte er sich auf einen +Stein am Wege nieder und sah finster um sich her. Und er hatte es +halb und halb verdient, daß ihm durch die Erkenntnis seiner +Unzulänglichkeit die reine Stimmung zerstört wurde. Er war mit der +festen trotzigen Überzeugung ausgegangen, draußen der langentbehrten +Muse zu begegnen. Ein Heft Papier hatte er zu sich gesteckt, und +hinter jedem Felsenvorsprung, jeder Wald- oder Gartenecke rechnete er +gespannt darauf, ein lyrisches Motiv zu finden. Denn der sehr +törichte und eitle Wunsch beseelte ihn, wo alles im Werden war, auch +von seinem geringen Dasein irgend ein Zeugnis abzulegen. Und wohl +jeder hat es schon einmal an sich selbst erfahren, daß ihn das große +Werk der sich erneuenden Natur in eine Spannung versetzt, in der er +die unerhörtesten Dinge wirken und wagen möchte, in eine ziellose +Unruhe, irgend etwas zu gestalten und nicht der einzig Untätige und +Erstorbene zu sein, während alles Blüten treibt? Schade nur, daß +dieses Frühlingsfieber meist, anstatt irgend einer Tat, Erschöpfung +und Verzicht zur Folge zu haben pflegt. + +Und so hatte denn auch unser Freund bald verzichtet, ohne darum die +Mißgunst auf andere Sterbliche los zu werden, die, wie er meinte, +besser daran seien als er. Nun kommen sie aus ihren Löchern hervor, +murmelte er ingrimmig, und machen das Land unsicher mit Mappen und +Schirmen und Feldstühlen und setzen sich an den gedeckten Tisch der +Mutter Natur. Sie brauchen nur zuzugreifen, so haben sie alle Hände +voll. Und wenn sich ihre Sinne satt geschwelgt haben, tragen sie wie +ein Gastgeschenk von dem Fest, wie den Becher, aus dem sie getrunken +haben, ihre Studien und Skizzen heim, die ihnen die Erinnerung und +Stimmung erneuen, sooft sie danach Verlangen tragen. Sie haben wohl +recht, in den Süden zu pilgern; für sie ist hier offene Tafel. Aber +wir? Aber ich? Haben mich schadenfrohe Götter hierher gelockt, um +mich recht tief zu demütigen? War's nicht schon genug, daß ich in Rom +alle meine Verse auf die Frascatanerin verbrannte, als ich ihr Bild +auf der Ausstellung gesehen? Was wäre der ganze Petrark gegen eine +Leinwand, auf der ein Tizian das Bild von Madonna Laura festgehalten +hätte? Als man noch nicht malen konnte, da war die rechte Zeit zum +Dichten. Denn was ist das Dichten anders als ein ewig wiederholtes +Bekenntnis, daß Worte arme Schächer sind, die nicht den Saum am +Gewande der Mutter Natur zu fassen vermögen? Im Norden, wo keine +Farben und keine Formen sind, da mag sich die Poesie die Königin +dünken. Eine Bettlerin ist sie hier! + +Während dieses frevelhaften Selbstgesprächs hatte er unverwandt auf +das Meer geblickt, das sich mit jeder Viertelstunde tiefer färbte und +nur mit langen helleren Streifen glänzend durchschossen blieb. Es +fiel dem fieberhaften Toren nicht ein, daß auch ein Maler hier +verzweifelt seine Pinsel weggeworfen hätte. Denn ein großer Teil des +unsäglichen Reizes lag eben im Wechsel und Spiel der Töne, in dem +lebendigen Wandel der Elemente. Sollen wir gar die anderen +überspannten Anklagen entkräften, die der Verblendete gegen seine Muse +schleuderte? Aber wir wissen ja, mit wem wir es zu tun haben, mit +einem von jenem "reizbaren Geschlecht", dem das Wort nur darum +verliehen zu sein scheint, um sich selber damit ewig zu widersprechen. +Und vielleicht erleben wir es, daß er noch am Abend dieses Tages die +Zerknirschung, in der er sich viele Meilen weg wünschte, feierlich +abbüßt und mit dem heiligen Lukas selbst den Tausch nicht eingehen +würde. + +Was aber dort zur Linken den Weg heraufkommt, ist freilich nicht dazu +angetan, seine Desperation zu dämpfen; vielmehr schlägt sie erst recht +in helle Flammen auf. Nur den Umriß! wütete er vor sich hin, ein paar +Dutzend Linien nur! Wie sie auf dem Eselchen einhertrabt, das eine +Bein über dem Rücken des Tieres, flach und sicher ruhend, das andere +mit der Spitze des Fußes fast den Boden streifend; und den rechten +Ellenbogen auf das ruhende Knie niedergestützt, die Hand leicht unter +dem Kinn, mit der Halskette spielend, das Gesicht hinausgewendet nach +dem Meer; welche Last schwarzer Flechten im Nacken! Es leuchtet rot +darin; ein Korallenschmuck--nein, frische Granatblüten. Der Wind +spielt mit dem lose umgeknüpften Tuch; wie dunkel brennt die Wange und +wieviel dunkler das Auge! Könnt' ich nur zu ihr treten und sie bitten, +eine halbe Stunde stillzuhalten, ganz so wie sie da ist, und trüge +nur einen schwachen Schattenriß dieser herrlichen Figur davon, es wäre +doch für ewig ein Besitz zum Beneiden. Statt dessen, wenn ich leer zu +Menschen zurückkomme und es ihnen sagen will, wie schön das war, werde +ich hören müssen: Wer das gemalt hätte!--Nein, und es ist doch nicht +festzuhalten, diese Anmut des Ruhens und Bewegens, die reife +Jugendfülle, die stattlichen Züge, auf und ab nickend, wie des Tieres +Schritt sich bewegt, und zu der königlichen Würde der Gestalt das +Füßchen, das kindlich hin und her baumelt--kommt her, ihr Pinsel alle, +und zaubert mir's wieder. + +Er war aufgestanden und erwartete die Reiterin, die, unbekümmert um +den fremden Wanderer, in ihrer Stellung blieb und nur das Tier mit +einem Schlag des Zügels ermunterte. Jetzt ritt sie an ihm vorüber, +jedoch am Rande des Weges, so daß er seinen Gruß, den er ihr hinter +dem Rücken zurufen mußte, nur durch ein gemessenes Nicken ihres +Hinterhaupts belohnt sah. Dabei hob sie freilich das +vielverschlungene Nest des schwarzen Haars von dem schönsten Nacken. + +Ein ganz besonderer Hauch von Ruhe umgab die ganze Erscheinung, und +wie sie nun ihres Weges weiterritt, ließ keine Miene des Gesichts +darauf schließen, daß ihr die Begegnung mit dem Fremden auch nur so +viel Neugier und Reiz erweckt habe, wie es natürlich ist, wenn in +einsamer Stunde, auf verlassenem Bergpfade ein junger Mann und ein +schönes Weib sich unvermutet antreffen. Ob sie eine Frau oder ein +Mädchen sei, konnte der Wanderer weder aus ihrer Kleidung noch aus +ihrem Betragen enträtseln. Zwar schien die erste Jugend vergangen; +aber wenn auch kein Zug von mädchenhafter Erwartung, Verheißung und +Verschlossenheit in dem gleichmütigen Gesicht zu entdecken war, so +belebte doch eine Frische und Reinheit den Umriß dieser Wangen, wie +sie den verheirateten Frauen in jener Gegend selten eigen sind. Ihre +Tracht war halb städtisch, nur der seidene Rock kürzer und das Mieder +tief in den Nacken ausgeschnitten. Die knappen Ärmel hatte sie +aufgestreift, die Stirn war von keinem Tuch gegen die Sonne geschützt, +und ein breiter Strohhut hing müßig am Sattel des Tiers. + +Erst als sie dem Fremden um die Windung des Weges zu entschwinden +drohte, besann er sich und ging mit starken Schritten ihr nach. Bald +war er neben ihr, aber eigensinnig wie zuvor wanderte das Tier am +Rande des Abhanges weiter und ließ ihm nur einen schmalen Raum +zwischen dem Strohhut und der Wand des Berges. Auch während des +Gesprächs, das er nun anknüpfte, drehte sich die Reiterin keinen +Augenblick nach ihm um. Ihre Stimme klang tief; ihr Dialekt war +schlechtes Neapolitanisch. Allein so kurz sie antwortete, lag doch in +ihrem Ton weder der Wunsch, den Frager abzufertigen, noch ihn durch +neckischen Trotz zu fesseln. + +Ihr kommt von Sorrent, schöne Einsame? fragte er. + +Nein, von Meta. + +Ihr habt Freunde dort besucht? + +In der Kirche war ich. + +Und reitet nach Sant' Agata hinauf zum Fest? + +Nein, Herr. + +Dies aber ist der Weg, der hinaufführt? + +Nein, Herr. + +So tut mir den Gefallen, mir den rechten zu zeigen. + +Ihr müßt zurückgehen, sagte sie, noch immer ohne sich umzusehen, und +den nächsten Steig, der links hinaufführt, verfolgen, so kommt Ihr auf +die Fahrstraße. + +Wenn ich zurück muß, lasse ich lieber das Fest fahren als das +Vergnügen, noch so lang es Euch nicht lästig wird, neben Euch +herzugehen. + +Wie Ihr wollt, der Weg ist nicht für mich allein gebahnt worden. + +Wißt Ihr, daß es freundlich von Euch wäre, wenn Ihr das Gesicht einmal +zu mir hinkehrtet? + +Sie tat es gelassen, ohne eine Miene zu bewegen. Was ist? fragte sie, +was habt Ihr mir zu zeigen? + +Ich denke, Ihr habt mir etwas zu zeigen. + +Ich? + +Ihr seid schön. So zeigt mir Eure Augen. + +Das Meer ist noch schöner als ich, und Ihr tätet klüger, es anzusehen, +als Augen, die Euch nichts zu sagen haben. + +Das Meer? Ich sehe es alle Tage von meinem Altan aus. + +Aber ich nicht. Erlaubt denn, daß ich die Gelegenheit benutze!--Und +sie wandte sich wieder ab. + +Sieht man das Meer nicht überall von diesen Bergen aus? fragte er. + +Meines Bruders Mühle liegt tief drüben in der Schlucht; der Felsen +tritt weit davor und das Gestrüpp oben hat die letzte Aussicht +überwachsen. + +Ihr lebt bei Eurem Bruder? + +Ja, Herr. + +Aber Ihr werdet nicht mehr lange dort leben, oder die jungen Männer in +Meta haben keine Augen. + +Mögen sie doch Augen haben. Was gehen mich ihre Blicke an? Ich bin +glücklicher bei meinem Bruder als alle Frauen auf der Ebene von +Sorrent und bis hin nach Neapel. + +Habt Ihr nie Verdruß mit der Frau Eures Bruders? + +Er hat keine und wird nie eine haben. Er und ich, ich und er--was +bedürfen wir mehr, außer dem Schutz der heiligsten Madonna? + +Und seid Ihr so sicher, daß es immer so bleibt, daß ihm niemals ein +Mädchen gefallen wird? + +So gewiß wie ich lebe. Aber was kümmert's Euch?--Und sie trieb mit +einem Schlag der Hand den Esel an, daß er die Ohren schüttelte. + +Warum ist Euer Bruder nicht mit Euch in Meta gewesen? fragte der +Deutsche wieder, obwohl auch das ihn im Grunde nicht zu kümmern +brauchte. + +Er verläßt die Mühle nie, nur wenn er beichten geht, droben in Deserta. + +Ist er krank? + +Er mag keine Menschen sehen, außer mir. Und der Anblick des Meeres +tut ihm weh, seit er damals--aber wer seid Ihr, daß Ihr mich ausfragt? +Seid Ihr ein Prete? oder von der Polizei in Neapel? + +Er mußte lachen. Keins von beiden, sagte er; aber zwingt Ihr mich +nicht selbst zu fragen? Wenn Ihr mir das Gesicht zukehrtet, würde ich +das Sprechen bald vergessen. Nun muß ich mich durch Eure Stimme zu +entschädigen suchen. + +Sie maß ihn mit einem ernsthaften Blick und fragte dann: Was habt Ihr +immer mit meinem Gesicht? Seid Ihr ein Maler? + +Er schwieg einen Augenblick, und der alte neidische Verdruß rührte +sich wieder in ihm, daß es nur den Malern verstattet sein sollte, +einer Schönheit nachzugehen. Freilich, wer darf ihnen übelnehmen, was +zu ihrem Handwerk gehört? Die Glücklichen, die mit diesem Freipaß +durch die Welt reisen! Denn daß auch er kraft seiner Art und Kunst +ein Recht habe, sich in die Züge dieses Mädchens zu vertiefen, wie +konnte er ihr das klarmachen, die sicherlich von der edlen Zunft der +Poeten keine Ahnung hatte. + +Du willst es auch einmal so gut haben, dachte er bei sich und +antwortete mit dreister Stirn: Allerdings, ein Maler bin ich, und wenn +Ihr erlaubt--aber wie heißt Ihr denn? + +Teresa. + +Wenn Ihr erlaubt, schöne Teresa, begleite ich Euch gern in Eure Mühle, +um ein Bild von Euch in meinem Skizzenbuch zu entwerfen. + +Er tat diese leichtsinnige Bitte unbedenklich, da es ihn stark +gelüstete, auch den Bruder zu sehen und einen Blick in die +Häuslichkeit der einsamen Geschwister zu werfen. Wenn es dann zum +Treffen kam, so sollte sich schon irgend ein Ausweg finden. Und war +seine Lüge nicht auch eine Notlüge? Tat es ihm nicht aufrichtig not, +noch länger in Teresas Augen zu sehen? + +Sie besann sich ein Weilchen. Dann sagte sie: Wenn Ihr ein Maler seid, +so macht ein Bild von mir, das ich meinem Bruder geben kann. Sterb' +ich einmal, so hat er mich immer vor Augen, wie bei meinem Leben. +--Seht Ihr den breiten Bach, der dort aus der Schlucht vorspringt und +sich über den Weg in die Tiefe stürzt? Er treibt unsere Mühle, und +wir müssen rechts einbiegen und ihn verfolgen. Der Regen hat ihn sehr +angeschwellt, und der schmale Pfad in der Schlucht ist nicht zu +passieren. Wartet! Ihr sollt Euch auf den Esel setzen und +hinaufreiten, während ich ihn führe. + +Ihr ihn führen, zu Fuß? Nimmermehr, Teresa! + +So bleibt Ihr eben unten; denn wenn Ihr auch barfuß hinaufstieget +durch das Wasser wie ich, Ihr kennt das Bett und den Weg nicht und +stürztet bei jedem Schritt. + +Sie hatte das Tier schon angehalten und sich leicht hinabgeschwungen. +Während er noch zaudernd stand und der Gedanke, daß er sie täuschte, +ihn denn doch beunruhigte, hatte sie schon Schuh und Strümpfe von den +schönen Füßen gestreift und faßte nun, ihn ruhig anblickend, den Zaum +des Esels. + +Mag es denn sein! sagte er halb lachend. Obwohl ich eine wenig +ritterliche Figur machen werde, wenn ich Euch das schlimmere Teil +überlasse. + +Er saß auf und sie zogen dem Bache zu, das Mädchen voran, den Zügel um +ihren Arm geschlungen. Als sie an die Schlucht kamen, warf sie noch +einen letzten langen Blick über das Meer; dann lenkte sie, des Wassers, +das sie umrauschte, nicht achtend, rechtsab in den Bach hinein, der +sich um große Steine wälzte und die ganze Breite der Schlucht +ausfüllte. Hier war es kühl und dämmerhaft nach der Tageshelle +draußen, und das Gesträuch hing tief zu beiden Seiten der Felsenenge +herein. Der Deutsche, während das Tier ihn vorsichtig von Stein zu +Stein trug und der Gischt ihm bis an die Knie spritzte, sah aufwärts +und gewahrte einige hundert Schritt in der Höhe die Mühle, gefährlich +in das Gestein eingebaut, grau wie der Felsen neben ihr. Das Rad war +gehemmt, des Sonntags wegen; kein anderer Laut übertönte das Getöse +des Bachs als der Schrei eines Sperbers, der über die Schlucht +schwebend sich die Brust an dem heraufsteigenden Wasserdunst zu kühlen +schien. Indessen schritt Teresa auf der einen Seite dicht am Felsen +hin. Dann und wann wurde der Weg unter ihren Füßen sichtbar, während +andere Strecken völlig überflutet waren. Sie sprach nichts. Auch war +es nicht leicht, sich in dem Lärm der Wellen verständlich zu machen, +der den Hohlweg entlang hundertfach in sich selbst widerhallte. Erst +in der Nähe des Hauses traten die Felswände breiter auseinander, der +Weg hob sich aus dem Wasser heraus, und der Reiter, sobald er festen +Grund unter seinem Tiere sah, sprang auf seine Füße, im stillen froh, +daß wenigstens kein dritter den abenteuerlichen Zug mit angesehen habe. + +Denn die Mühle lag wie ausgestorben; ja selbst als er schon davor +stand, war der Deutsche fast versucht, sie für eine Kulisse zu halten. +Die Fensterläden waren geschlossen, die braune Tür in der grauen Wand +hatte keinen Griff und schien gar nicht praktikabel, der Schatten +unter dem Dachvorsprung konnte ebensogut gemalt sein. Indessen +öffnete das Mädchen das Gitter zu einem in den Felsen gesprengten +Stall und ließ den grauen Freund hinein. Dann stieß sie die Haustür +mit leichtem Druck nach innen auf und trat dem Fremden voran über die +Schwelle. + +Ein Blick genügte, um den Deutschen mit allen Räumen des Innern +bekannt zu machen. In der Mitte ein ziemlich breites Gemach, das die +ganze Tiefe des Hauses einnahm; der Herd an der Seite, ein schwerer +Tisch und hölzerne Stühle in der Mitte, in einem Wandschrank Hausgerät, +zur Rechten nach der Seite des Felsens eine Kammer mit einem Bett, +links die Mahlkammer mit dem Radwerk. Eine Tür in der Hinterwand des +Hauses stand ebenfalls offen, und man sah in einen freien grünen Platz +hinaus, auf den ein einzelner breiter Sonnenstreif fiel. Er mochte +einige Morgen im Gevierte haben und war hoch genug über dem Bach +gelegen, daß ein Gärtchen dort hätte gepflanzt werden können. Aber +der Bergkessel, der den Grund umschloß, war zu hoch, die Luft zu kühl, +um der Blumenzucht günstig zu sein. Und so wucherte denn nur das Gras +auf dem Platz und eine Ziege weidete am Ufer des Wassers. Dort aber, +wo durch einen Riß des Berges jener einzelne Sonnenblick hereindrang, +standen, wie ein schönes Wunder, zwei einzelne Orangenbäume mitten auf +der Wiese, zwar spärlich mit Früchten behangen, doch in voller Frische. + +Der Bruder ist nicht zu Haus, Teresa, sagte der Deutsche. + +Sie ließ das Auge ruhig über den Wiesengrund schweifen und sagte dann: +Seht Ihr ihn nicht drüben, wo die Schlucht sich wieder schließt? Der +Bach hat an der Mauer gerüttelt, die ihn dort in sein richtiges Bette +zwingt. Nun wirft er einen Erddamm hinter die Steine, daß die Wiese +nicht überschwemmt wird. Er denkt an alles, mein Bruder, und kann +alles; Ihr könnt tausend Jahr suchen und findet keinen, der mehr Genie +hat. + +Warum verschwendet er's aber hier in der Einsamkeit? + +Weil er will. + +Und seid Ihr hier in der Mühle aufgewachsen, Ärmste, und habt nie mehr +Sonne gesehen, als dort in die Orangenzweige scheint? Ich kann es +nicht glauben; Eure Wangen sind schwerlich auf dem kurzen Ritt +sonntags in die Kirche so dunkel geworden. + +Nein, sagte sie; es ist noch nicht volle vier Jahr, daß wir hier +wohnen und Tommaso die Mühle gekauft hat. Wollt Ihr's glauben? Er +hatte vorher, wo wir in Neapel waren und er seine Fischerei trieb, +keinen Gedanken, was ein Mühlrad sei und wie die Steine umlaufen. Und +am ersten Tag, als wir hier heraufgekommen waren--der alte Müller war +eben gestorben--, brachte er's in Gang, als hätte er's von klein auf +getan. O ein Mensch wie Tomà, am Hof des Königs ist kein Klügerer! + +Während dieser Worte gelang es dem Fremden nicht, das Gesicht des +Mannes zu sehen, der am äußersten Ende des Wiesenlandes rüstig an +seiner Arbeit war und sich nach der Mühle nicht umwandte. Er erkannte +nur eine hohe Gestalt, schwarzes krauses Haar unter dem grauen Hut, +eine Jacke von dunkler Farbe lose über der Schulter hängend.--Was hat +ihm nur die Stadt und das Meer und sein schönes Gewerbe verleidet? +fragte er jetzt die Schwester, die neben ihm stand. + +Sie schien die Frage überhört zu haben. Wißt Ihr was? sagte sie, +setzt Euch und fangt das Bild an, damit es fertig ist, wenn mein +Bruder wieder ins Haus kommt. Dann frag' ich ihn, wer es sei, und +erkennt er's, so gibt er Euch, was Ihr wollt dafür, denn wir sind +nicht arm, müßt Ihr wissen. Als wir in Neapel lebten, hatte mein +Bruder sieben Fischer unter sich und fuhr in drei Kähnen ins Meer, und +hätte auch wohl ein Landgut kaufen können, statt der Mühle hier. Was +hilft ihm nun sein Geld bei seinem schweren Herzen!--Setzt Euch, Herr; +ich will nicht mehr schwatzen, Ihr sollt den Mund ganz still und +richtig aufs Papier malen und die Augen und alles. + +Unser Freund stand in nicht geringer Verlegenheit, als er sah, daß es +ernst werden sollte. Es ist etwas dunkler hier, sagte er mit +klopfendem Herzen. + +So gehen wir auf die Wiese. + +Dort ist es wieder zu hell, Teresa. Ihr wißt nicht, wie schwierig es +ist, das rechte Licht zu finden. + +Wartet, sagte sie, und öffnete rasch die Fensterläden. Ich meine, es +ist nun ein hübsches Licht im Hause. Ich wenigstens, wenn ich's +gelernt hätte, ich wollt' Euch hier aufs Haar an die Wand zeichnen. + +Nun denn, sagte er kecklich, so fangen wir an. + +Er schob zwei Stühle an das eine Fenster, das die Schlucht hinunter +den ganzen Lauf des Baches übersah, und bat sie, niederzusitzen. Jene +Blätter, die er zu sich gesteckt, um irgend eine Eingebung der Muse +darauf festzuhalten, zog er hervor und legte sie auf sein Knie, den +Stift in der Rechten. Eine tiefe Röte überflammte die braunen Wangen +des Mädchens, als sie nun seinen Blick gespannt auf sich ruhen fühlte. +Ihr Auge, über dem die dichte Wimper wie die Schwinge eines schwarzen +Falters auf und nieder ging, war starr hinaus gerichtet und in wenig +Augenblicken feucht umwölkt durch die Spannung des Blicks. Er bat sie, +frei sich zu bewegen, es werde darum nicht schlechter werden. Auch +konnte er es sich nicht versagen, an ihrem starken Haar sich ein wenig +zu schaffen zu machen. Teresa--! sagte er. + +Was ist? + +Nichts.--Es war ihm unmöglich, dem großen Blick ihrer Augen gegenüber +etwas Zärtliches oder Fades zu sagen. Wie fest und breit und eben war +die Stirn, die Brauen wie ruhig geschweift! Er hatte sich jetzt +entschlossen, eine halbe Stunde lang eifrig zu tun, als sei er im +besten Werk begriffen, und dabei des Anblicks sich zu erfreuen; dann +aber das Blatt rasch zu zerreißen, auf seinen schlechten Tag und sein +verwirrtes Auge zu schelten und sich zu verabschieden. + +Als er nun eben ruhig seine Stellung gewählt hatte und die Miene des +Anfangs machte, bemerkte er in der Schlafkammer drüben an der Wand ein +männliches Bildnis in schwarzem Rahmen, das ihm einen willkommenen +Vorwand gab, noch einmal inne zu halten. + +Ihr habt da ein schönes Bild Eures Bruders, sagte er und stand auf, es +näher zu betrachten. Wer hat es gemalt? In der Tat, eine treffliche +Arbeit. Welch ein sanftes und feuriges Gesicht! Es macht mich immer +neugieriger, ihn selber zu sehen. + +Den dieses Bild vorstellt, sagte sie zögernd, werdet Ihr nie mehr +lebend sehen. + +So ist es nicht Euer Bruder? + +Es war sein Freund. Er starb jung, und viele haben ihn beweint. + +Es tut Euch weh, Teresa, davon zu sprechen; verzeiht, daß ich so viel +zudringliche Fragen tue. Er nahm seinen Platz am Fenster wieder ein. +Die Röte war von ihrem Gesicht verschwunden, und ihre Augen sahen +erloschen aus. Nach einer Pause, in der nur das Rauschen von der +Schlucht herauf an ihr Ohr drang, fing sie von selbst wieder an: Ihr +habt recht, sanft und feurig war er, ein Kind konnte ihn betrügen, und +doch für die, die er liebte, hätte er sich in den Vesuv gestürzt, wenn +sie es verlangt hätten. Die Männer sind alle schlecht, sagt Tommaso. +Aber ihn nahm er aus und hatte recht. Wer ihn ansah, wußte, keine +reinere Seele atmete die Luft unterm Monde. Ist es ein Wunder, daß +Tommaso das Meer haßt, welches ihm einen solchen Freund verschlungen +hat? Daß er ein schweres Herz hat seit jenem Tag, wo er mit ihm +hinausfuhr zum Fischen und ohne ihn wiederkam? Niemand hat es ihm +verdacht, daß er tiefsinnig ward von Stund an und sein Gewerbe ihm +verleidet war. + +Er war auch ein Fischer, wie Euer Bruder? + +Er war ein Sänger, Herr, aber ein armes Fischerkind; seine Eltern +leben noch heut. Schon als Knabe in den Kirchen schmolz er allen das +Herz, wenn er zu singen anfing. Ein reicher Onkel von ihm, der eine +Trattoria am Strande hatte, ließ ihn dann lernen bei einem Singmeister; +er sollte zur Oper gehen. Und nun stellt Euch vor, am Tage vor +seinem ersten Auftreten, wo ganz Neapel schon von nichts anderm sprach, +kommt er so gegen Abend zu meinem Bruder; denn sie kannten sich von +Kind an und hielten noch immer zusammen. Tomà, sagte er, wollen wir +noch eine Meerfahrt machen? Ich habe zu tun, Nino, sagt mein Bruder; +die Netze müssen herein, und der Beppo, sagt er, der Knecht muß mit. +--Laß ihn zu Hause, Tomà, ich helfe dir schon, ich hab's nicht +verlernt über dem Notenlesen.--Und so fahren sie beide hinaus, ich +sehe sie noch immer, den Bruder am Steuer, Nino am Ruder; sein Haar +flammte in der Abendsonne, und er hatte die Augen auf unser Haus +gerichtet; immer steht mir der Blick vor der Seele. Und die Sonne war +kaum hinunter, da hör' ich Ruderschlag und springe unter die Tür, um +sie zu grüßen--aber Tommaso war allein im Kahn und ruderte wie ein +Rasender und schrie mir zu: Guten Abend, Teresa; ich soll dich grüßen +von Nino, er schläft schon, unten am Meeresgrund--! Und mehr hört' +ich nicht. + +Entsetzlich! die schöne hoffnungsvolle Jugend! Wie war es nur möglich, +das Unglück, da sie zu zweien waren und den Kahn hatten? + +Das schwere Netz zog ihn hinab. Der Pflock, an dem es im Kahne +festhing, wich plötzlich aus der Fuge und schoß über Bord, und er, mit +den Armen übergebeugt, das Netz zu fassen, verstrickte sich in den +Maschen, und der Kahn schlug um, und wie Tommaso wieder auftaucht, +sieht er den leeren Kahn ruhig in der Abendröte schwimmen und von Nino +nur den Strohhut mit dem Bande, das ich ihm Tags vorher daran geheftet +hatte.-Armer Nino! + +Beklagt Ihr ihn? Er ging geradewegs in das Paradies ein und singt vor +dem Thron der Madonna mit seiner goldenen Stimme. Beklagt meinen +Bruder, Herr; dem liegt sein Frieden unten im Meer versunken, und kein +Taucher bringt ihn herauf. Seit jenem Tag hat er nicht mehr gelacht, +mein armer Tommaso. Und ehe er ins Gebirge ging, verbrannte er seinen +Kahn und seine Netze, und die Leute standen am Ufer und sagten: Er hat +recht, der Arme! denn man wußte, daß sie wie Brüder gewesen waren. + +Sie schwieg und sah in die Schlucht hinunter, die Hände still in den +Schoß gelegt. Er aber hielt die Blätter müßig auf den Knien und +versenkte seine Gedanken in das wundersame Schicksal, das auf ihrem +Gesicht zu lesen war. Alle Bitterkeit des Erlebten schien +verschwunden zu sein und nur das reine Bild des Jünglings ihr vor der +Seele zu stehen und die "goldne Stimme" sie zu umklingen. + +Um so heftiger erschrak der Fremde, als er diese edlen Züge plötzlich +sich in wilder Leidenschaft verfinstern sah. Wie ein Schwan, der eine +Schlange sieht, fuhr sie mit einem kurzen zischenden Tone auf vom Sitz, +zitternd am ganzen Leibe, die Brust arbeitete, die Lippen erblaßten +und öffneten sich krampfhaft. Was ist Euch, Teresa, um des Himmels +willen? rief er. Sie versuchte vergebens, ein Wort zu sprechen. Da +folgte sein Blick der Richtung des ihrigen, der fest auf einen Punkt +am Ende der Schlucht geheftet war. Aber was er sah, steigerte nur +sein Erstaunen; denn durchaus nichts Furchtbares war's, was langsam +dort unten den überschwemmten Weg heraufkam, vielmehr eine Gestalt, in +ihrer Art nicht minder anziehend, als ihm vorher Teresa erschienen war. +Ein blondes junges Weib, ganz in Schwarz gekleidet, erstieg, +behutsam durch das Wasser watend, den Weg zur Mühle. Die Schuh und +Strümpfe trug sie in der Linken, mit der Rechten hatte sie den +faltigen Rock hoch zusammengeschürzt, freilich mit etwas mehr +Dreistigkeit, als vorher Teresa getan. Ein Strohhut, von dem breite +schwarze Bänder flatterten, saß ihr, wie vom Winde zurückgeweht, tief +im Nacken und ließ das blühende Gesicht völlig sehen, dessen +leuchtendes Weiß und Rot schon aus der Ferne heraufschimmerte. Die +Augen aber hatte sie auf den Weg gesenkt. + +Wer ist diese Frau, Teresa? fragte der Deutsche, und warum verwandelt +Ihr Euch so bei ihrem Anblick? + +Was wird er sagen, murmelte sie vor sich hin, ohne auf die Frage zu +achten. Sie ist noch schöner geworden, noch schlimmer. Was soll das +Schwarz? Wenn der Alte gestorben wäre--! Heilige Madonna! + +Eine wilde Jagd von Gedanken schien an ihr vorüberzuziehn. Sie komme +nur! sagte sie endlich, sie komme nur! Wir fürchten sie nicht, wir +kennen sie. Dann, sich erinnernd, daß sie nicht allein war, sprach +sie hastig: Ihr müßt dort hinein, in die Mühlenkammer. Sie darf Euch +hier nicht finden, sie haßt mich, und wer weiß, was sie mir nachredete, +wenn sie einen Fremden hier getroffen hätte. Steht auf, Herr, und um +Jesu willen, haltet Euch ruhig, daß sie Euch nicht hört. Ich denke, +es währt nicht lange. + +Wenn ich Euch im Wege bin, Teresa, so will ich dort hinaus auf der +anderen Seite der Schlucht. + +Ihr findet Euch nicht hinaus auf jener Seite, und hinunter dürft Ihr +nicht, an der Hexe vorbei. + +Überlegt Ihr's auch wohl, Teresa? Und wenn Euer Bruder in die +Mühlenkammer träte und einen Fremden dort versteckt sähe?-Mein Bruder +kennt mich, sagte sie stolz. Fort! + +Nur ein Wort noch. Wer ist sie? was fürchtet Ihr von diesem Weibe? + +Alles; aber ich kenne Tommaso. Sie ist die Frau von Ninos Onkel. Als +man den Toten fand, bei Puzzuoli ans Ufer gespült, da blieb ihr Auge +allein trocken; Gott verzeihe ihr's, ich nicht! denn sie haßte mich, +weil mich viele schöner fanden als sie. Nun will sie mir meinen +Bruder rauben, die Listige. Tommaso aber kennt sie; er und ich--ich +und er, wer will uns scheiden?--Tretet in die Kammer, Herr, und haltet +Euch still. Hernach sag' ich's meinem Bruder, warum ich es getan. + +Sie drängte ihn hinein und zog die Tür hinter ihm fest an; dann hörte +er, wie sie eilig durch die Hintertür auf die Wiese ging. Er aber, +allein gelassen in seinem Gefängnis, konnte sich zuerst einer starken +Aufregung und Beklommenheit nicht erwehren. Bald jedoch gewann der +Reiz des Abenteuers die Oberhand, und er überlegte, wie er sich in +allen möglichen Fällen zu benehmen haben würde. Währenddem sah er +sich unter den mancherlei fremdartigen Dingen um; das einfache Radwerk +musterte er, die großen Siebe und Bütten, die Mühlsteine der +verschiedensten Größe, die an der Wand lehnten. Dort im Winkel war +Tommasos Bett aufgeschlagen, ein Gebetbuch lag auf der Decke, ein +Weihkessel hing zu Häupten an der Wand. Alles Licht, was in die +Kammer fiel, drang von der Seite des Mühlenrades durch große Öffnungen +herein, durch die man in die Speichen sah und auf das jenseitige +Felsenufer der Schlucht. Aber auch in der Wand, die den Mühlenraum +von dem mittleren Gemach schied, entdeckte er bald eine Öffnung, die +ihn den größten Teil desselben überschauen ließ. Hier faßte er Posto +und wartete mit wachsender Spannung der Dinge, die kommen würden. + +Nicht lange, so traten von der Wiese her die Geschwister ins Haus. Er +sah Tommasos Gesicht unter einer Fülle schwarzer Lockenhaare, von +einer zwillingshaften Ähnlichkeit mit den Zügen der Schwester. Eine +tief zurückgehaltene Bewegung belebte jeden Muskel und glänzte +unheimlich aus den finstern Augen. Die Jacke glitt ihm von der +Schulter, ohne daß er es bemerkte; lange stand er mit gekreuzten Armen +am Tisch und nickte zuweilen mit der hohen Stirn, als hörte er der +Schwester aufmerksam zu, die seinen Arm gefaßt hatte und mit heftigem +Flüstern, für den Deutschen unvernehmbar, zu ihm redete. Aber seine +Gedanken schienen abwesend zu sein. Zuweilen zuckte seine volle +Unterlippe; doch schwieg er während der ganzen Zeit. Er konnte nicht +über dreißig Jahre alt sein; eine herrlichere Männergestalt entsann +sich der Späher in der Mühlkammer nie gesehen zu haben. + +Da klopfte es an der äußeren Tür. Im Nu flog Teresa von des Bruders +Seite fort auf einen Sessel am Herd, an den der Spinnrocken gelehnt +stand. Als Tommaso, der seine Stellung nicht verließ, herein! rief +und die Tür sich auftat, schwang Teresa den Rocken und schien schon +eine Stunde so gesessen zu haben. Auch ihr Gesicht war kalt und +gelassen. + +Mit einigem Zögern trat die blonde Frau herein und machte sich, +während sie den ersten Gruß sagte, mit ihrer Kleidung zu schaffen, +offenbar um ihre Erregung zu verbergen. Sie schüttelte vom Saum ihres +Rockes die Tropfen ab, warf die Schuhe nieder und zog sie leicht an +die nackten Füße. Jede Bewegung war weich, anmutig, halb bewußt, halb +natürlich reizvoll. Das Gesicht, erhitzt vom Wege, glühte über und +über, und die schwarze Kleidung ließ die Zartheit ihrer Farben und das +matte Blond des Haars in diesem südlichen Lande um so wundersamer +erscheinen. Sie war kleiner als Teresa, voller und schmiegsamer, +rascher, wenn sie sich bewegte. Aber die braunen Augen trugen alles +Feuer des neapolitanischen Himmels in sich. + +Guten Abend, Teresa! Wie geht's, Tommaso? sagte sie. + +Ihr seid's, Lucia? erwiderte das Mädchen. Was führt Euch von Neapel +herüber in unsere Einsamkeit? + +Nehmt Platz, Lucia, und seid willkommen, sagte der Bruder, ohne sich +ihr irgend zu nähern. + +Sie folgte der Aufforderung und setzte sich ans Fenster, immer noch +mit ihrer Kleidung beschäftigt. Ich hatte in Carotta zu tun, fing sie +wieder an, indem sie den Strohhut abnahm und ihr Haar aus der Stirn +strich. Da dacht' ich, ehe ich wieder heimfuhr, Euch zu besuchen, +Teresa. Der Weg hier herauf ist schlecht; wir hatten böses Wetter. + +Für die Mühle war es gut, sagte Teresa kurz. + +Lucia ließ ihre Augen im Gemach herumgehen und leicht über Tommasos +Gesicht gleiten, der in scheinbarer Gleichgültigkeit mit einem Stück +Kreide, das auf dem Tisch gelegen, einen Strich neben den andern malte. +Die drei Menschen wußten, daß entscheidende Worte fallen sollten, +und jeder wollte dem andern den Eingang dazu überlassen. + +Bring doch ein Glas Wein für Lucia! sagte Tommaso jetzt, ohne die +Schwester anzublicken.--Teresa spann eifrig fort. Die Fremde sprach +nach einigem Zaudern: Lasset den Wein; ich habe nicht lange Zeit zu +bleiben. Der Abend sinkt herein und mein Boot wartet auf mich an der +Marina von Carotta; denn ich will auf die Nacht nach Neapel zurück. +Wie lange haben wir uns nicht gesehen! Warum kommt Ihr nie nach +Neapel herüber, Teresa? Der Winter muß hart sein hier in der Schlucht. + +Keine Zeit ist mir hart mit meinem Bruder zusammen, entgegnete das +Mädchen. Und was hab' ich in Neapel zu suchen? Es zieht mich zu +niemand dort, zu niemand. + +Wieder schwiegen sie alle. Endlich wandte der Mann sich nach der +Schwester und sagte ruhig: Hast du dem Tier den Stall gemacht für die +Nacht, Teresa! + +Sie zuckte zusammen, denn sie verstand den Wink. Aber wie sie aufsah, +erkannte sie an seinem festen Blick, daß es des Bruders Wille war; sie +stellte rasch den Spinnrocken weg, verließ das Gemach, und man hörte +sie draußen absichtlich laut an der Gittertür des Stalles sich zu tun +machen, um jeden Verdacht, als ob sie horche, abzuschneiden. + +Dem Deutschen auf seinem Lauerposten schlug das Herz, als er die +beiden nun allein einander gegenüber sah. Obwohl die Vergangenheit +dieser Menschen ihm nur zur Hälfte offen lag, wußte er doch genug, um +eine Szene der seltsamsten Art vorauszufühlen. Er sah bald den Mann, +bald die schöne Frau am Fenster an, und seine eigene Lage wurde immer +peinlicher, wenn er sich sagte, daß die Worte, die auf beider Lippen +schwebten, für keines andern Menschen Ohr bestimmt sein konnten. +Einen Moment dachte er daran, sich in die entfernteste Ecke der +Mühlenkammer zurückzuziehen. Aber jeder Schritt konnte ihn verraten, +und so mußte er stehen bleiben, wo er stand. + +Das Schweigen drinnen dauerte noch eine kurze Zeit. Dann sagte Lucia: +Eure Schwester haßt mich, Tommaso; was habe ich ihr zuleide getan? + +Der Bruder zuckte die Achseln. + +Seht, fuhr sie fort, es hat mir oft keine Ruhe gelassen, wenn ich +dachte, daß sie es vielleicht allein ist, die Euch so fern von uns +gehalten hat. Sie gönnt es keinem, daß Ihr nur ein Wort an ihn +richtet. Sie allein will Euch haben. + +Ihr irrt, sagte er trocken. Ich hatte meine Gründe, daß ich aus +Neapel fortging. + +Ich weiß, Tomà, ich weiß. Es begreift es ein Kind, daß ihr damals die +Lust am Meere verlort, nach jenem Unglück. Aber sie wäre schon +wiedergekommen, wenn Teresa Euch nicht zugeredet hätte, Euch hier in +der Wildnis und Öde einzuschließen. Erleben wir nicht alle unsere +Schicksale und müssen doch aushalten unter den Menschen? Kommt das +Unglück nicht vom Himmel? Und darf es uns so versteinern, daß wir die +Menschen hassen, die doch nichts dafür können? + +Nichts dafür können? Das ist die Frage. + +Sie sah ihn durchdringend an. Ich versteh' Euch nicht, Tomà. Ich +verstehe vieles nicht mehr, seit Ihr fort seid. Warum habt Ihr mir +auf die Briefe nicht geantwortet, die ich Euch durch Angelo, den +Bauern, geschickt habe? Er sagte mir doch, er habe sie Euch allein +übergeben, beide; sonst könnte ich denken, Teresa habe Euch das +Antworten verwehrt. + +Die Briefe? Ich habe sie verbrannt. + +Und was antwortet Ihr jetzt darauf? + +Lucia, ich habe kein Wort gelesen, das darin stand. + +Sie zuckte zusammen. Er aber fuhr fort: Euer Mann ist gestorben, wie +mir Angelo sagte; er tut mir leid, er war ein Galantuomo, und das +Unrecht, das ich gegen ihn auf dem Herzen habe, brennt mich noch heut. +Ihr seid jung und schön, Lucia; Ihr werdet bald einen andern finden, +einen jüngeren. Seid glücklich mit ihm! + +Damit warf er das Stück Kreide fort und ging, die Hände auf den Rücken +gelegt, durch das Zimmer. Sie folgte seinen Bewegungen mit +ängstlicher Spannung. Endlich sagte sie: Weiß Teresa, daß ich Witwe +geworden? + +Sie erfuhr es erst eben aus Eurem schwarzen Kleid. Wir haben die vier +Jahre her Euren Namen zwischen uns nicht genannt. + +Wenn Ihr die Briefe nicht gelesen habt, so wißt Ihr auch nicht, daß +mein Mann Euch dreihundert Piaster vermacht hat; Ihr müßt aber selbst +nach Neapel kommen, sie beim Gericht abzuholen, wo sie für Euch +niedergelegt sind. + +Sie können dort liegen bleiben bis an den jüngsten Tag, sagte er ohne +sich zu besinnen, wenn Ihr nicht vorzieht, sie den Armen zu geben. +Ich hole sie nicht, auch wenn ich sie nötiger brauchte, als gottlob +der Fall ist. Geld von Eurem Manne, Lucia! Lieber verhungern! + +Wie redet Ihr? sprach sie leise, mit einer Stimme, die von Bestürzung +zitterte. Wie soll ich dieses alles deuten? Es war sonst anders +zwischen uns, Tommaso! + +Um so schlimmer, daß es anders war! + +Sie stand von ihrem Sitz auf, tat einige Schritte auf ihn zu und +suchte mit scheuen Augen die seinigen. Die aber bohrten sich fest in +die Platte des Tisches, hinter den er wieder getreten war, als suche +er etwas Fremdes zwischen sich und das schöne Weib zu bringen, zum +Schutz gegen ihre Reize. Sie hatte die rechte Hand fest unter die +volle Brust gelegt; der Deutsche sah durch die Wandspalte die blauen +Adern auf dem runden Arm und wie die schmalen Finger bebten an dem +klopfenden Herzen. + +Was habe ich Euch getan, Tomà? sprach sie kaum hörbar. Hat man mich +verleumdet bei Euch, so sagt es mir, alles, und ich will meine Finger +auf die Hostie legen und schwören, daß ich mir keiner Schuld bewußt +bin. Wie eine Begrabene hab' ich gelebt mit meinem Manne, seit Ihr +fortgegangen, und niemand kann aufstehen und sagen, daß die Wirtin der +Sirena ihm einen Blick oder ein Lächeln gegönnt hat. + +Das ist Eure Sache und war die Sache des Toten. Warum kommt Ihr her +und sagt das mir? + +Große Tränen traten ihr ins Auge, als sie die harten Worte hörte, und +er fühlte es wohl, wie tief der Schlag getroffen hatte, obwohl er sie +noch immer nicht ansah. Dann sagte er nach einer Weile: Was hilft es, +daß wir durch die Maske sprechen, und unsere Stimmen verstellen? +Gerade heraus, Lucia: du bist gekommen, um mir zu sagen, daß du nun +frei seiest und niemand mehr im Wege stehe zwischen uns beiden. Aber +ich sage dir, es steht doch einer zwischen uns, und wir sind verdammt, +für unsere Sünden ewige Flammen zu fühlen und ewig getrennt zu sein. + +So entschieden er sprach, so lebte doch die Hoffnung wieder auf in ihr. +Für unsere Sünden? sagte sie rasch. Was haben wir uns vorzuwerfen? +Hat es mir je eine andere Frucht getragen, daß wir uns liebten, als +Seufzen und Weinen aus der Ferne? Wenn ich jetzt an deinen Hals +stürzen dürfte, wäre es nicht unser erster Kuß? Aber wohl weiß ich, +wer zwischen uns steht, Tommaso:--deine Schwester. + +Er schüttelte heftig den Kopf. Nein! nicht sie! Aber frage mich +nicht, und denke nicht, daß du ihn jemals aus dem Wege räumen kannst, +unsern Feind; er ist keiner von den Lebenden. Geh nach Neapel zurück, +Lucia, und komm nie wieder herauf nach der Mühle. Ich will, ich darf +dich nicht wiedersehen. + +Sie trat dicht an den Tisch heran, ihm gegenüber, daß ihn die heftige +Bewegung selbst erschütterte und er plötzlich aufsah. Alle Schrecken +einer verzweifelten Leidenschaft standen ihr im Gesicht. Ich gehe +nicht, sagte sie mit gewaltsamer Festigkeit, oder ich muß alles wissen. +Tommaso, mein Mann ist tot, Nino schläft lange in seinem Grab, deine +Schwester soll in meinem Hause sein wie die Herrin und ich wie die +Magd; bei dem ersten bösen Wort von mir zu ihr magst du mich ausstoßen, +als hätt' ich Feuer unter dein Dach gelegt; und du sagst--und ich +seh' es--, daß dein Herz noch nicht verwandelt ist: wer steht noch +zwischen uns, Tommaso? + +Der Tisch zitterte, auf den der junge Mann sich stützte. Ich will es +dir sagen, keuchte er dumpf heraus; aber dann geh und frage nicht +weiter. Nino steht zwischen uns! + +Du betrügst mich, antwortete sie. Du willst meine Gedanken von Teresa +ablenken, damit ich es ihr nicht eines Tages vergelte, was sie mir +angetan. Du wirst es noch einmal bereuen, daß du mit mir Ärmsten +gespielt hast, und mich dann weggeworfen. Und auch sie, auch sie soll +die Unnatur büßen, dich hier vor der Sonne versteckt zu halten, wie +der Geizige seinen Schatz. Ich gehe. + +Bei Christi Blut, Lucia, ich betrüge dich nicht. Es ist wahr, meine +Schwester hat dir eine Sache nie verziehen. Aber das ist es +nicht--und du weißt nicht, wie ich es meine, wenn ich sage: Nino steht +zwischen uns! Niemand weiß es, Teresa am wenigsten. Sie stürbe, wenn +sie es wüßte. + +Und wenn ich es wüßte? + +So würden dir alle Gedanken an den elenden Tommaso vergehen, und du +würdest den Weg zur Mühle nicht wiederfinden. + +Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. + +Du irrst, sagte sie, das kann nie geschehen. Es ist ein Wahn, was +zwischen uns liegt, und ich werde ihn wie einen Rauch wegblasen, wenn +du ihn mir zeigst. Wo nicht, so finde ich keine Ruhe Tag und Nacht, +und übers Jahr hörst du, daß du mich ins Grab gestürzt hast. + +Er schauderte in sich zusammen und schien einen letzten Kampf zu +kämpfen. Dann sah er sie trostlos, glühend, starr und lange an und +sprach: Es muß aus werden, ich will die verzehrende Qual, dich zu +sehen und dir zu entsagen, nicht zum zweiten Male zu überstehen haben. +Schwöre mir bei deiner Seligkeit, Lucia, daß du niemand sagen willst, +was noch niemand von mir gehört hat und was du nun hören sollst. Auch +in der Beichte und im Sterben komme das Wort nicht über deine Lippen. +Es ist nicht, weil es mir selbst zum Verderben wäre, wenn die Menschen +es wüßten; aber Teresa überstünde es nicht. Schwöre, Lucia! + +Sie erhob die Hand. Bei unserer Seligkeit schwöre ich dir's zu, +Tommaso, niemand soll es wissen außer mir und dir. + +Er seufzte tief auf und warf sich in einen Stuhl, die Arme auf die +Knie stützend und den Boden zu seinen Füßen anstarrend. Lucia, sprach +er halblaut, ich habe die Wahrheit gesagt, Nino steht zwischen uns, +jetzt im Tode, wie damals im Leben. Er war rein und unschuldig wie +Abel, und auch ihm zur Seite stand ein Kain. Kain floh in die Wildnis; +begreifst du's nun. + +Sie schwieg. + +Du hast recht, fuhr er fort. Wer kann es begreifen? Aber es kommen +Stunden, wo die Hölle Macht hat über uns, daß es ist, als säße ein +fremder Geist in unserer Brust und knebelte alle rechtschaffenen +Gedanken, und nur die teuflischen ließe er frei, zu tun, was sie +wollten. Haben wir's dann getan, was hernach das Ende davon ist?--Das +soll mir einmal ein Pfaffe auslegen, das weiß keiner! + +Wie ich den Jungen geliebt habe! Ermordet hätt' ich den Wahnwitzigen, +der mir ins Gesicht nur mit einem Hauche schlecht von ihm gesprochen +hätte! Wenn ich ihn singen hörte, vergaß ich alle Sorgen; wenn er in +mein Haus kam, wurde es helle darin. Einem eigenen Sohn oder Bruder +kann man nicht mehr anhängen. Stolz war ich auf ihn. Als Neapel von +seiner Stimme zu reden anfing, sagt' ich wie ein Narr zu den Leuten: +das ist unser Nino, mein alter Spielkamerad! Und wußte mir was damit, +als hätte ich ihm die Stimme aus dem Meer gefischt und geschenkt. Und +wie war er zu mir! Da er schon berühmt war und bei Prinzen und Grafen +sang und die stolzen Damen sich um einen seiner Blicke beneideten,--er +kam nach wie vor in unser Haus am Strande und war am liebsten mit uns, +und manches Mal, wenn ich ihm auf dem Toledo begegnete, mein Netz über +der Schulter, ließ er einen andern Bekannten stehn und faßte meinen +Arm und ging eine Strecke mit mir. Niemand war so holdselig; kein +Falsch in ihm, kein Sündhaftes. Er hätte alle Weiber in Neapel haben +können, aber er gab keine Feige dafür. Ich habe ihn oft darum +ausgelacht; ich wußte damals noch nicht, wer ihm das Herumlieben +verleidete. + +Nur ein Böses hat er mir getan, daß er mich zu seinem Onkel ins Haus +führte, als der brave Alte von Capua nach Neapel zog und die Sirena +kaufte. Kam er nicht vor allem, um sich an Ninos Glück zu freuen, das +sein Werk war? Warum mußte er kommen und Euch mitbringen, Lucia! +Seit der Stunde schon verlor ich Nino, der Himmel weiß, nicht durch +seine Schuld. Aber wer konnte ihm darum gram werden, außer mir und +Euch, daß er die Ehre seines Wohltäters bewachte? + +Es war ihm nie eingefallen sonst, mir Vorwürfe zu machen über meine +Liebeshändel, obwohl er auch keinen sonderlichen Gefallen daran hatte, +wenn ich ihm von der oder jener Frau sprach, die mich gerade im Netz +hatte. Er war unschuldig wie der Erzengel Raphael; aber er kannte +auch die Welt und wußte, daß nicht alle waren wie er, und war fern +davon, die Menschen ändern zu wollen. Auch als er bald merkte, wie es +um uns stand, Lucia,--nie kam ein Wort über seine Lippen. Ihr aber +wißt wohl, daß er es allein war, der all unsere Listen und Anschläge +vereitelte. Ich schäumte in mir; hundertmal schwor ich mir, sobald +ich ihn wiedersähe, ihm alle Freundschaft aufzukündigen, wenn er +ferner Eure Schwelle bewachte, eifersüchtiger als der Onkel selbst, +als ein Bruder, oder ein Verliebter. Denn er liebte Euch nicht, und +kein Neid auf mich war mit im Spiel. Sah ich ihn dann, so zerbiß ich +mir die Lippen, aber sagte kein Wort, und fast wurde die Raserei nach +Euch gelinder in mir, wenn ich seine Stimme hörte. + +Es schien, er las mir alle meine Gedanken in der Brust. Vielmals +redete er mit mir vom Onkel, wie gut er sei, wie harmlos, und wie viel +der Alte an ihm getan habe. Er sah mich dann zutraulich an, als +wollte er sagen: Nein, Tomà, es ist nicht möglich, daß du einen Mann +betrübst, dem dein Freund alles zu danken hat. Und ist er nicht auch +gegen dich die Güte, das Vertrauen selbst? + +Ich verstand ihn wohl; aber wenn ich Euch dann begegnete, verschlang +mir die Wut der Liebe alle Vorsätze, alle Bedenken. Mein Gewissen +verdorrte wie ein Baum neben der fließenden Lava. Und ein Jahr lang +so herumzugehen, ich, der nie über eine Frist von vierzehn Tagen +hinaus sich zu gedulden gelernt hatte! Schon einmal, als der Onkel +nach Ischia gefahren war, Ihr entsinnt Euch, und wir aufatmeten, er +aber sich ein Zimmer in der Sirena ausbat, um Noten abzuschreiben, +weil der Lärm in seiner eigenen Wohnung ihn störe--schon damals hatt' +ich finstre Gedanken. Ich wollt' ihm was unter den Wein mischen, was +mir ein Bekannter gegeben; es sollte einen Menschen vierundzwanzig +Stunden lang in Schlaf bringen. Dann aber entsetzte ich mich. Wenn +es ein Gift wäre? Oder es schadete ihm an seiner Stimme? Ich tat es +nicht, aber es blieb ein Stachel in mir zurück gegen ihn, und von +Stund an wich ich ihm aus, denn sein Anblick verdroß mich, als wenn er +mir nach dem Leben gestanden hätte. + +So kam der Tag näher, wo er zum ersten Mal in der Oper singen sollte. +Was wir für jenen Abend abgeredet hatten, Lucia, Ihr wißt es wohl. +Hätte ich Euch nicht gekannt,--mein Haus hätte indessen abbrennen +können, und ich wäre vor dem letzten Ton, der Ninos Triumph sein +sollte, nicht von meinem Platz im Theater gewichen. Nun war all mein +Sinnen nur darauf gerichtet, was mich erwartete, wenn ich nach dem +ersten Akt mich fortschliche in die Sirena, wo Ihr die Kranke spielen +wolltet, um nicht mit dem Onkel in die Oper zu müssen. + +Da kam er am Abend vorher, wie Ihr wißt, und beredete mich, ihn mit +aufs Meer zu nehmen. Welcher Engel oder Teufel hatte ihm unser +Geheimnis zugeraunt? Denn er wußte es, und kaum daß wir allein auf +der See zusammen waren, sagte er mir's ins Gesicht, das erste Mal, daß +er mich offen zur Rede stellte. Ich leugnete alles. Tomà, sagte er, +wenn du mir nicht versprichst bei unserer alten Freundschaft, davon +abzustehen, so ist es mein Unglück. Ich werde singen wie ein Rabe, +sie werden mich auszischen, und alles, was ich je gehofft habe, wird +für immer dahin sein. Mein Bruder, sagte er, ich fordere es von dir! +Ich könnte ja hingehen und den Onkel warnen. Aber er wüßte dann, +welche Frau er hat, und wenn ich auch deinen Namen nicht nennte, wären +wir doch ewig geschieden, du und ich. Versprich mir's also; das eine +Opfer kann ich dir wohl wert sein.--Ich schwieg hartnäckig und sah +nach den Netzen, und hörte zuletzt gar nicht mehr, was er redete, denn +Euer Bild stand vor mir, Lucia, und das Blut tobte mir in den Schläfen. + +Eine Stunde nachher kam ich allein im Boot nach der Küste zurück.-Die +letzten Worte verhallten dunkel und tonlos, und die beiden Gestalten, +er auf seinem Sitz, das Gesicht immer tiefer zwischen den Knien +herabgesunken, die Frau bleich wie eine Tote, verharrten so wie Bilder, +während es dunkler im Zimmer ward und draußen durch das Rauschen des +Bachs Teresas Stimme erklang, die ein Ritornell anstimmte, wie um den +Bruder zu erinnern, daß er ihr die Pein des Wartens nicht ohne Not +verlängern solle. Und in der Tat weckte die Stimme den versunkenen +Mann. Er erhob sich vom Sessel und neigte sich über den Tisch dichter +zu dem regungslosen Weibe. Nein, Lucia, sagte er heiser, ich habe +damals nicht gelogen. Das Netz zog ihn in die Tiefe, seine Füße +verstrickten sich, nicht ich habe den Kahn umgestoßen; aber das ist +nicht alles. Ich saß noch am Steuer, als er schon hinuntergestürzt +war. Eisig war mein Gebein, meine Augen stierten auf den Strudel +neben mir, der sich über seinem Haupt geschlossen hatte, ich sah die +Blasen aufsteigen, als wollten sie mir zurufen: er atmet noch da unten! +Und jetzt, jetzt tauchte eine seiner Hände über den Wellen auf und +haschte nach einer festen Hand seines Freundes, eine Bootslänge nur +sah ich sie von mir entfernt--ein silberner Ring glänzte am kleinen +Finger in der Sonne--nur das Ruder hätt' ich hinzustrecken brauchen +und er war gerettet, Lucia! Wollte ich ihn denn nicht retten? Mußte +ich es nicht wollen? hielt ich nicht das Ruder auf den Knien, und nur +ein Ruck des Armes und die Hand mit dem Ring hätte sich darum +festgeklammert? Aber da saß der Dämon in meiner Brust und lähmte mir +jede Faser und verstockte mir jeden Blutstropfen; wie vom Schlage +gerührt saß ich fest, mir schwindelte, zu schreien versucht' ich--und +immer stierte ich auf die Hand--und die Hand sank, jetzt bis an den +Ring, jetzt bis an die Fingerspitzen, und jetzt--war sie versunken. + +Erst da ließ mich die Hölle los; ich schrie wie ein Toller, ich sprang +über Bord, daß der Kahn umschlug, und tauchte hinab, und wieder auf, +und wieder hinab, und fand ihn nicht, obwohl ich sonst hundertmal eine +kleine Münze vom Meeresgrund heraufgeholt habe, und schwamm endlich +wieder zu meinem Boote zurück, die Verzweiflung im Herzen. Aber das +Maß war noch nicht voll. Wie ich nach Hause kam ohne ihn, brach meine +Schwester am Herd zusammen wie eine verlöschende Flamme; der Ring am +Finger jener Hand, die aus den Wellen gestarrt hatte, war ihr Ring. +Tags zuvor hatte sie ihn mit dem seinigen getauscht, ohne daß ich es +wußte. + +Er warf sich wieder in den Stuhl zurück und kehrte das Gesicht mit +geschlossenen Augen gegen die Decke. Der Lauscher in der Mühlenkammer +hörte ihn lange wie einen schwer Schlafenden röcheln aus der gepreßten +Brust, während das unglückliche junge Weib sich mehrmals mit der Hand +über die Stirne fuhr, die kalten Tropfen wegzuwischen. Das Furchtbare, +das sie vernommen, hatte ihre Züge, die weich und sinnlich waren, +geadelt; sie war schöner als zuvor, aber sie dachte nicht mehr daran. + +Zuletzt schien Tommaso wie aus einem Halbschlummer aufzuwachen. Seid +Ihr noch hier, Lucia? sprach er hastig. Was wollt Ihr noch von +Tommaso? Seht Ihr sie nicht auch zwischen uns, die Hand mit dem +silbernen Ring, die überall vor mir auftaucht und gen Himmel weist? +Wenn wir am Altare stünden und Ihr strecktet mir Eure Hand mit dem +Goldreif entgegen, das Haar würde mir aufstehen, meine Augen sich +verwirren, Gold wie Silber, Lucias Hand wie Ninos scheinen, und Teufel +mich aus der Kirche peitschen.--Geht heim, Lucia; vergeßt dies alles, +haltet Euern Schwur und betet für Tommaso! + +Damit stand er auf und trat an den Herd. Der Deutsche sah, wie sie +heftig zitterte. Wird es nie anders werden? hauchte sie endlich +hervor.--Er schüttelte nur, ihr abgewandt stehend, die Locken und +machte mit dem Zeigefinger die Gebärde des Verneinens.--So behüte Euch +Gott, Tomà; so gieße die Madonna Trost in Euer Herz und Schlaf zu +Nacht auf deine Augen, Tomà, und--auf die meinen--die ewig nach dir +weinen werden! Ich danke dir, daß ich alles weiß; ich könnt' es sonst +nicht tragen, daß wir uns verloren haben. Ich danke dir, daß du mich +noch liebst; verlern es nicht, es ist alles, was ich noch habe!-Er sah +nicht mehr nach ihr um, sah die Tränenflut nicht, die ihr still aus +den Augen stürzte, nicht das Winken mit beiden Händen zum +Abschiedsgruß und ihr gewaltsames Sichabwenden, um zu gehen. Sie ließ +die Tür offen hinter sich, und die Schwester, die gleich nach dem +Abschied hereinstürzte, fand ihn noch wie vorher am Herd. Tomà! rief +sie mit dem wildesten Schluchzen und Jauchzen und schlang die Arme um +den stillen Mann, du hast ihr abgesagt, du bist mein, wir bleiben +unser!--Jetzt erst sah sie die tiefe Blässe auf seinem Gesicht und +erschrak. Wehe! rief sie, so tief ging es dir ans Leben? Nein, Tomà, +das nicht, das sollst du nicht für mich tun. Noch erreicht sie deine +Stimme; rufe sie zurück, mein Bruder, sage ihr-Still, Kind! unterbrach +er sie fest und zwang ein Lächeln auf seinen Mund, während die Augen +mit der schmerzlichsten Innigkeit auf ihre Stirne niederblickten. Es +ist vorbei und zu Ende. Ich bringe kein Opfer, glaub es, Kind, dir +kein Opfer. Wärest du vor vier Jahren aus der Ohnmacht nicht wieder +aufgelebt, ich hätte dennoch zu ihr gesprochen, wie ich getan.--Es +wird bald Nacht sein. Ich will noch einen Gang in die Schlucht hinauf +machen und sehen, wie es oben steht mit dem Mühlbach. Ich sehe dich +noch vor Schlafengehen, meine Schwester, meine Teresa! Morgen ist ein +neuer Tag. + +Er küßte sie auf die Stirn und verschwand durch die Tür, die nach der +Wiese ging. + +Erst eine geraume Welle später wagte der Fremde die Tür der Mühlkammer +zu öffnen. Teresa erschrak, als er zu ihr trat, sie hatte seine Nähe, +wie es schien, völlig vergessen. Ihr habt alles gehört, sagte sie +ernsthaft; besorgt nicht, daß ich Euch ausfrage. Tommaso wollte nicht, +daß ich es höre! Das ist mir genug. Wo lebt auf Erden ein Bruder +wie er? Sagt, ob mein Los nicht zu beneiden ist! O Tommaso! + +Er nickte stumm und reichte ihr die Hand. Gute Nacht, Teresa, sagte +er. Ich brauche Euch nicht zu bitten, daß Ihr es Euerm Bruder niemals +sagt, wer seinem Gespräch mit Lucia zugehört hat. Es könnte ihm doch +nur ein verhaßter Gedanke sein, daß ein Fremder Zeuge war, wo die +eigene Schwester ausgeschlossen blieb. + +Nie soll er es erfahren, erwiderte sie feierlich. Einen Bruder wie +ihn zu betrüben,--wie käme mir das in den Sinn, für die er sein Leben +gäbe!-Er mußte sich abwenden, um nicht zu verraten, wie furchtbar ihre +arglose Hingebung an den, der ihr das Teuerste entwendet hatte, ihm +durchs Herz schnitt. Worte des innigsten Anteils schwebten ihm auf +der Zunge; er unterdrückte sie, denn sie erwartete Glückwünsche von +ihm und das Zeugnis, daß ihr Los beneidenswert sei. Er sah den +silbernen Ring an ihrem Finger und an der Wand drüben das Bild des +Toten, und sagte sich: dies sieht Tommaso Tag für Tag und muß leben +und dulden, daß die Schwester ihn liebt!-Teresa, sagte er, erhalte dir +Gott den Frieden, den du gerettet hast. Leb wohl! Ich nehme dein +Bild mit hinweg, anders, als ich dachte, aber unvergänglicher! + +Sie redeten nicht viel auf dem Wege die Schlucht hinab, den er wieder +auf dem Rücken des Tiers zurücklegte. Als er sich unten von ihr +getrennt hatte, stand er noch lange und sah nach der Mühle hinauf und +ließ sich von der Kühle des Bachs seine heiße Stirn umwehn. Die Nacht +brach herein. Er konnte noch nicht den Heimweg suchen; seine Gedanken +trieben ihn weit über die Höhen auf wechselnden Pfaden. Als er einen +Felsenabhang erstieg, der sich schroff ins Meer vorstreckte, gewahrte +er am äußersten Rande eine männliche Gestalt, der die Locken im Winde +ums Haupt flatterten. Der Mann spähte unverwandt über das Meer hinaus, +wo in der Richtung von Carotta nach Neapel ein winziges Boot tief +unten das Segel blähte. Er glaubte den Einsamen dort oben zu erkennen +und zu wissen, wer in dem Boote saß, und in tiefer Bewegung schlug er +den nächsten Pfad ein, der ihn zu den Wohnungen glücklicherer Menschen +hinunterführte. Die Muse, nach deren Anblick er über Tag vergebens +geseufzt hatte, war ihm erschienen. Aber das Antlitz, das sie ihm +zeigte, war streng und ehern und scheuchte bis weit über Mitternacht +den Schlaf von seinem Haupt. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Einsamen, von Paul Heyse. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Einsamen, by Paul Heyse + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE EINSAMEN *** + +This file should be named 9083-8.txt or 9083-8.zip + +Produced by Delphine Lettau + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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