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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:32:39 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der letzte Zentaur, by Paul Heyse
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der letzte Zentaur
+
+Author: Paul Heyse
+
+Posting Date: September 21, 2012 [EBook #9066]
+Release Date: October, 2005
+First Posted: September 2, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE ZENTAUR ***
+
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+
+Produced by Delphine Lettau and Gutenberg Projekt-DE
+
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+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
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+Der letzte Zentaur
+
+Paul Heyse
+
+Novelle
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+(1904)
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+
+
+Vom Turm der Frauenkirche schlug es Mitternacht.
+
+Ich kam aus einer Gesellschaft, in der man sich vergebens bemüht hatte,
+eine sehr lahme und trockene Unterhaltung mit gutem Wein in Fluß zu
+bringen. Der Kopf war mir immer heißer geworden und das Herz immer
+kühler. Endlich hatte ich mich weggestohlen in den sommerwarmen
+Mondschein hinaus und schlenderte ziellos durch die totenstille,
+taghelle Stadt, um den Unmut über die verlorenen Stunden verdampfen zu
+lassen. Als ich an der ehrwürdigen Marienkirche vorbei durch das
+Frauengäßchen in die Kaufingergasse trat, blieb ich plötzlich stehen.
+
+Mir gegenüber lag, seine drei Stockwerke mit den dunklen Fenstern
+gegen Mitternacht erhebend, ein wohlbekanntes Haus mit vorspringender
+Ecke und einem blauen Laternchen über dem Eingang, in dem ich vor mehr
+als einem Jahrzehnt manche unvergeßliche Nacht bei schlechterem
+Getränk als heute, aber unter feurigeren Gesprächen zugebracht hatte.
+Ich las die Inschrift über der zierlich geschnitzten, von zwei
+Karyatiden gestützten Holzumrahmung des Torwegs: "Weinhandlung von
+August Schimon".
+
+Jawohl, sagte ich vor mich hin, die Zeiten wandeln sich und wir mit
+ihnen! Das ist noch derselbe Name, der damals in jeder Woche unsre
+Losung war. Aber der ihn trug, der behäbige Mann mit dem schwarzen
+Kraushaar und den verschmitzten kleinen Augen,--wo ist er hingekommen?
+Sein Glücksstern hatte nur über diesem Hause leuchten wollen. Als er
+es verließ, um in einem prachtvollen Hotel den Wirt zu machen, war es
+mit ihm rückwärts gegangen, bis zu einem traurigen Ende. Seine
+Gutmütigkeit soll ihn in unglückliche Spekulationen anderer verwickelt
+haben, vielleicht auch ein phantastischer Zug zum Großen und Gewagten,
+den er mit einigen seiner Gäste gemein hatte. Er war eben ein
+Idealist unter den Gastwirten, und sein Andenken ist mir teuer
+geblieben, trotz seiner Weine, auf die Freund Emanuel damals nach der
+Melodie des Dies irae die schöne Strophe dichtete:
+
+
+Sed post Schimonense vinum
+Malum venit matutinum,
+Luctum quod vocant felinum!
+
+
+Heutzutage, da die Erben das Geschäft fortsetzen, sollen die Weine
+sich bedeutend gebessert haben und der alten Firma Ehre machen. Aber
+können die besten neuen Weine für die gute alte Gesellschaft
+entschädigen, die nun nicht mehr von ihnen trinkt und den trüben
+Lethetrank oder selbst den Nektar der Unsterblichkeit gern hingäbe um
+ein paar Flaschen jenes dunkelroten Ungarweines, den wir mit
+Todesverachtung und "festlich hoher Seele" so manchmal hier "dem
+Morgen zugebracht"? Wie gern ließ' ich alles morgendliche Nachweh
+über mich ergehen, könnt' ich noch einmal dich, teurer Genelli, hinter
+dem Tische in dem niedrigen leichtangerauchten Weinstübchen sitzen
+sehen, die volle Unterlippe halb freudig, halb trotzig aufgeworfen,
+während eine göttliche Kinderfröhlichkeit dir aus den Augen blitzte!
+Damals warst du noch nicht Großherzoglich Weimarischer Professor und
+Falkenritter; du hattest noch nicht in dem Freiherrn von Schack den
+Mäzen gefunden, der dich in den Stand setzte, die Entwürfe deiner
+Jugend endlich nach jahrzehntelangem Hoffen und Harren in Farben
+auszuführen. Oben in deinem bescheidenen Quartier am Stadtgarten
+saßest du, und die Gesellschaft deiner Götter und Heroen ließ dich die
+Welt vergessen, die dich vergaß. Aber wenn du auch oft zu warm warst,
+um die Bleistifte zu bezahlen, mit denen du, in zarten Linien leicht
+umrissen, deine Träume von den Göttern Griechenlands auf reinliche
+Blätter schriebst: nie sah ich den Schatten von Erdennot und Sorge auf
+deiner olympischen Stirn, die wie ein Berggipfel über allem Gewölk
+sich im ewigen Äther sonnte. Und wie auch die Sorge an deinem Herde
+die Rolle des Heimchens spielen mochte--einmal in jeder Woche lenktest
+du den Schritt zu diesem Hause, um den Anflug von Staub und Moder, der
+sich etwa an deine Seele zu setzen versucht, im Weine wegzuspülen. Ob
+der wackere Schimon die Ehre zu schätzen wußte, die du ihm antatest?
+Ich entsinne mich kaum, daß ich dich deinen Wein hätte bezahlen sehen,
+wie andere Erdensöhne. Freilich warst du auch stets der Letzte, der
+ging, noch ganz aufrechten Hauptes und festen Ganges, gefeit gegen das
+vielberufene malum matutinum, und auch darum vielleicht unserm Wirt so
+teuer, weil du den Glauben an die Unverfälschtheit seines roten Ungar
+mit der Macht deiner Rede und deines Beispiels verteidigtest.
+
+Schöne, ambrosische Mitternächte, wenn der zweifelhafte Nektar seine
+Kraft bewies und den Meister über alle Not der Gegenwart hinweg in
+seine römische Jugend zurückführte! Dann wurden, während Dichtung und
+Wahrheit sich traulich in eins verschlangen, die Schatten der wackeren
+Vorfahren heraufbeschworen, die in Rom zuerst, nach Winckelmanns und
+Carstens Heimgange, der deutschen Kunst eine Freistätte bereitet
+hatten. Der seltsame Poet und seltsamere Maler, der als Maler Müller
+dem heutigen Geschlecht trotz neuer Ausgaben seiner Schriften nur noch
+dem Namen nach bekannt ist, und von dem Genelli gern eine Strophe
+anführte, die er sehr bewunderte, eine Inschrift auf einem Trinkgefäß,
+folgender Fassung:
+
+Trinke, Freund, aus dieser Schale,
+Die der Gott der Lust
+Einst geformt bei einem Göttermahle
+Auf Cytherens Brust.
+
+Als zweiter dann, der nicht minder wunderliche Tiroler Koch, von
+dessen trefflichen Landschaften jedoch weniger gesprochen wurde, als
+von seiner "Rumfordschen Suppe", jener mit derbem Witz und bitterem
+Hohn reichlich überpfefferten Herzensergießung über den Verfall der
+Kunst, deren Kraftstellen unser Freund mit schmunzelndem Behagen zu
+zitieren liebte. Endlich der alte Reinhard, ein wackerer Meister in
+seiner Art, und doch minder groß und glücklich als Künstler, denn als
+Jäger. Noch hör' ich Genelli die berühmte Geschichte erzählen, wie
+der alte Nimrod eines Tages im Zwielicht mit leerer Jagdtasche und dem
+Schuß noch in der Flinte in sein dämmriges Zimmer trat, unwirsch über
+den verlorenen Tag. Da sieht er auf seinem Tisch etwas sich regen,
+als ob es davon laufen wolle, und in ungekühlten Jagdtriebe reißt er,
+ohne sich zu besinnen, das Gewehr von der Schulter, legt an und
+schießt. Als er hinzutritt, zu sehen, was er geschossen, findet er
+einen alten Käse, den die Kugel glatt durchbohrt hat, ohne doch das
+tausendfältige Leben in ihm zu töten.
+
+Das ist eine von den sogenannten Jagdgeschichten! erlaubte sich,
+während die anderen lachten, ein kleiner dürrer Mann zu bemerken, der
+den Kunstkritiker machte, für den Realismus schwärmte, dennoch aber
+sich häufig an diesem Tisch einfand, wo die idealistischen Spötter
+saßen. Sie wollen uns doch nicht zumuten, Genelli, an diese Käsejagd
+zu glauben?
+
+Der Meister blitzte ihn mit seinem gutmütigsten Jupiterblicke an.
+
+Ihnen mute ich überhaupt nicht zu, etwas zu glauben, was Sie nicht
+sehen, sagte er. Aber wenn diese Geschichte nicht wahr ist, so ist
+auch die folgende erlogen, die ich doch selbst erlebt habe. Es war in
+Leipzig; ich stehe eines Abends am Fenster meiner Wohnung und blicke
+auf den Markt hinunter. Da sehe ich ein kleines altes Weibchen, das
+langsam mit trippelnden Schritten ihres Weges geht und mit einem
+Stöckchen auf dem Pflaster etwas vor sich her zu treiben scheint, was
+ich nicht erkenne. Ich gehe endlich hinunter, um zu sehen, was es ist.
+Was war es? Eine Herde kleiner alter Handkäse, die das Weibchen auf
+diese Art zu Markte trieb.
+
+Nun fand es auch der kleine Kritiker geraten, mitzulachen. Er wußte,
+er durfte die Langmut des Olympiers nicht zu sehr auf die Probe
+stellen, wenn er nicht mit einer vollen Ladung Rumfordscher Suppe
+überschüttet sein wollte. Denn als der einzige Realist unter uns
+Idealisten hätte er, trotz seiner zweischneidigen Zunge, den kürzeren
+gezogen.
+
+Nur einer lachte nicht mit, dessen aschfarbenes, schlechtrasiertes
+Gesicht ich überhaupt nie habe lachen sehen, obwohl ihm bei allem, was
+Genelli tat und sagte, in heimlicher Bewunderung das Herz im Leibe
+lachte: ein langer, hagerer, scheublickender Mann, in sehr schäbigem
+Rock, von veraltetem Schnitt, der in einem kahlen Zimmerchen, wie es
+hieß, von der Luft lebte und nie etwas anderes tat, als daß er, wenn
+ein tollkühner Kunsthändler sich zu einem solchen Unternehmen
+aufschwang, Genellis Entwürfe in leichter Umrißmanier in Kupfer stach.
+Dies, und das Bewußtsein, Platens Freundschaft besessen zu haben,
+waren deine einzigen Lebensfreuden, ehrlicher Schütz. "Die Treue, sie
+ist kein leerer Wahn!" Und du hast sie redlich bis ans Ende bewährt.
+Als dein Meister zu den Schatten hinabstieg, um sich auf der
+Asphodeloswiese zu seinen homerischen Helden, seiner Hexe und seinem
+Wüstling zu gesellen, litt es auch dich nicht länger hier oben in der
+Sonne. Ein Schatten eines Schattens zu sein, schien die rühmlicher,
+als hier noch länger körperlos herumzuwanken.
+
+Ein anderer der Getreuen war schon vorausgegangen: der edle,
+hochsinnige Holsteiner Charles Roß, dessen Landschaften mit
+Verschmähung der modernen Virtuosenkünste jener certa idea
+nachstrebten, die einst einen Poussin und Claude begeistert hatte. An
+seiner stählernen Mannesseele, der es an schneidigen Ecken und Kanten
+nicht fehlte, hatte die weiblich zarte Hülle vor der Zeit sich
+zerrieben. Denn außer dem Schmerz, in einer Epoche zu leben, die in
+der Kunst ganz andere Götter verehrte, als die ihm die wahren schienen,
+drückte auf ihn der Lebenskummer um die gefesselte und geknechtete
+Heimat, deren Befreiung und Heimkehr zu den deutschen Stammesgenossen
+er nicht mehr erleben sollte. Auch ihn, wie Genelli, habe ich nie
+klagen hören, wohl aber zürnen und spotten hören, wobei dann seine
+sanften blauen Augen unter der weißen, von blondem Haar überwallten
+Stirn seltsam leuchteten wie vom Widerschein seiner stählernen Seele.
+An Genelli hat er in dessen sorgenvollster Zeit mehr getan als irgend
+ein anderer seiner Freunde; er war es auch, der ihm in Baron Schack
+den hilfreichen Gönner und Freund zuführte und die Bestellung seines
+Raubes der Europa vermittelte, wodurch dem Einsamen auf der Schwelle
+des Alters noch einmal die Genugtuung wurde, sein bestes Wollen und
+Können in einer Reihe großer Schöpfungen auszusprechen, freilich nicht
+ganz ohne Spuren der langen Vereinsamung, in der er seine
+kraftvollsten Jahre hingefristet hatte.
+
+Soll ich die anderen noch aufzählen, die Jüngeren, die sich an jenen
+Abenden um den Meister scharten? Sie leben und schaffen noch, und
+nicht alle sind dem Bekenntnis jener stillen Gemeinde treugeblieben,
+deren Stolz es war, eine ecclesia pressa zu sein und allem schwächlich
+dürren und seelenlosen Unwesen des modernen künstlerischen
+Rationalismus den Rücken zu kehren. Einer aber, der es äußerlich am
+weitesten gebracht und die Genußkraft des alten Heidentums nicht bloß
+darum besaß, um desto schmerzlicher zu entbehren, sondern in vollen
+Zügen Lebensfreuden schlürfte, Karl Rahl,--auch er ist schon zu jener
+stillen Schar versammelt, die er auf Erden nur dann und wann besuchte,
+aus Italien oder von Wien herüberreisend, um dem alten Freunde die
+Hand zu schütteln und ein paar Tage aus dem vollen mit ihm zu leben.
+
+Ich sehe ihn noch, wie er bei einem dieser Besuche auch abends zu
+Schimon kam und alle, die ihn noch nicht kannten in Erstaunen setzte
+durch die unerhörten Massen Fleisches, die er ruhig, ohne viel
+Aufhebens von seinem Appetit oder der Zubereitung zu machen, rein zur
+Stillung des dringendsten Bedürfnisses zu sich nahm. Er hatte etwas
+vom Löwen, der mit gleicher Würde und Kraft, ohne Gier und
+Feinschmeckerei seine Kost zermalmt. Da begreift man, sagte der
+Kunstkritiker mir ins Ohr, daß das Fleischmalen seine Force ist, bei
+solchen Naturstudien!--Aber als er dann satt war und sich nun in die
+Unterhaltung mischte, konnte man merken, daß der Leib sich nicht auf
+Kosten des Geistes so heroisch nährte. Denn unmerklich ohne
+rhetorische Künste, mit der unscheinbaren Gewalt eines reichen Wissens
+und eines hellen Verstandes, der allen Ideenstoff sofort in Saft und
+Blut verwandelte, fing er an das Gespräch zu beherrschen, daß wir alle
+an seinen Lippen hingen, während es von der kahlen Stirn des
+geistreichen Satyrgesichts wie eine prophetische Flamme leuchtete.
+Genelli saß schweigsam neben ihm, verklärt von dem brüderlichen Stolz,
+seinen Freund aus allen Wortkämpfen als Sieger hervorgehen zu sehen.
+Er trank an dem Abend für zwei, während Rahl kaum einmal vom Ungar
+nippte. So saßen sie wie die Dioskuren beisammen, jeder auf seinen
+Stern vertrauend, den Stern der Schönheit, der in die dampfumwölkte
+Gegenwart nur trübe hereinleuchtete, in solchen Nächten aber den
+Eingeweihten im alten hellenischen Glanz erschien.
+
+Solche Nächte! Wie lange schon waren sie verglüht und verglommen, und
+wie hell leuchteten sie beim Anblick jenes Hauses in der Erinnerung
+auf. Vieles hatten die Jahre seitdem gebracht, redliche Kämpfe und
+fröhliche Siege, heitere Tage und Nächte genug mit alt' und jungen
+Freunden--solche Nächte nicht wieder!
+
+Eine feierliche Wehmut überkam mich; ich ließ den Kopf auf die Brust
+sinken und vertiefte mich eine Weile in den Abgrund dieses
+geheimnisvollen Erdendaseins. In die Tür mir gegenüber war ich,
+seitdem die stille Gemeinde in alle Winde zerstreut war, nie wieder
+eingetreten. Was hatte ich dort auch zu suchen? Heute fühlte ich
+einen unwiderstehlichen Trieb, wenigstens in den langen Flur
+hineinzuspähen, durch den uns sonst der kleine schwindsüchtige Kellner,
+Karl, der nun auch längst einen besseren Schlaf genießt,
+hinauszuleuchten pflegte, um das Haustor hinter uns zu schließen. Ich
+versuchte den Türgriff, und obwohl die Polizeistunde schon längst
+vorüber war, gab die Tür dennoch willig und geräuschlos nach. Es
+mußten noch Gäste drin beim Weine sitzen.
+
+Aber um keinen Preis der Welt hätte ich's übers Herz gebracht, fremde
+Gesichter an der geweihten Stätte zu sehen.
+
+Ich setzte mich, um nur noch einen Augenblick in der Stille meinen
+Erinnerungen nachzuhängen, auf eines der leeren Fässer, die an der
+Wand standen, und sah den tiefen Hausgang hinunter, aus dessen
+Hintergrunde eine schläfrig rote Laterne mich vertraulich anblinzte.
+Es war im Hause totenstill, und eine seltsame Moderkühle, mit
+Weingeruch vermischt, wehte mich aus Flur und Kellertreppe an. Dann
+und wann hörte ich draußen einen Nachtschwärmer vorbeitrappen und
+konnte an seinem gleichen oder ungleichen Schritt erkennen, ob es ihm
+kühl oder schwül unterm Hute war. Durch die halboffene Tür fiel ein
+armsdicker gleißender Strahl des Mondlichtes herein, auf den ich
+unverwandt starren mußte, als sollte mir von daher, wie weiland Jakob
+Böhme durch den Sonnenstrahl auf einer zinnernen Schüssel, eine
+mystische Offenbarung zuteil werden. Ich wartete aber umsonst--und
+über dem Harren und Sinnen wollten mir endlich eben die Augen
+zufallen-Da kam ein schlurfender Schritt aus der Tiefe des Hausgangs
+auf mich zu, jener bekannte schlaftrunkene Kellnerschritt in
+ausgetretenen Hausschuhen. Ich dachte, man komme mich hier
+wegzuweisen, damit das Haus geschlossen werden könnte, und fuhr in die
+Höhe. Erschrocken sah ich die wohlbekannte Gestalt des kleinen Karl
+vor mir stehen.
+
+Sie sind es? sagte ich. Wie kommen Sie denn wieder hierher? Sind sie
+denn nicht längst-Er sah mich aus seinen müden, geröteten Augen so
+wunderlich an, daß mir das Wort in der Kehle stecken blieb.
+
+Die Herren schicken mich, sagte er in schläfrig-leisem Ton, um zu
+sehen, ob Sie denn noch nicht kommen. Es sei schon sehr spät, und sie
+würden nicht mehr lange bleiben.
+
+Welche Herren? fragte ich, während ich von meiner Tonne herunterstieg.
+
+Sie kennen sie ja wohl, erwiderte der Kleine und wendete sich schon,
+um wieder hineinzugehen. Übrigens wie sie wollen. Die Herren
+meinten nur-Damit ging er mir voran, und ich besann mich nicht länger,
+der seltsamen Einladung zu folgen. Auch fühlte ich, wunderbarerweise,
+nicht den leisesten unheimlichen Schauer. Ich könnte fast glauben,
+dies sei ein Traum, sagte ich so für mich hin; aber ich habe doch die
+Augen weit offen und sehe die rote Laterne und höre das Hüsteln des
+kleinen Karl. Nun, was es auch sei und wen ich auch sehen werde,--in
+diesem Haus und unter so guten Freunden brauche ich mich nicht zu
+fürchten.
+
+Und doch, als wir uns der Tür der Weinstube näherten, mußte ich
+plötzlich stehen bleiben. Das Herz klopfte mir heftig, und eine tiefe
+Rührung überschauerte mich. Denn aus dem Innern hörte ich nun
+deutlich eine unvergeßliche Stimme, die mir zum letzten Male so
+wehmütig Lebewohl zugerufen hatte auf dem verschneiten Schiller-und-
+Goethe-Platz zu Weimar.
+
+Er soll nur hereinkommen, erscholl die Stimme wieder, mit der alten
+freudigen Kraft und Frische. Per Bacco! er wird doch dem Wein nicht
+abgeschworen haben und unter die Wasserdichter oder Bierphilister
+gegangen sein? Guten Abend, Freund! Setzen Sie sich zu uns. Der
+Schütz wird ein wenig Platz machen. Oder wollen Sie sich lieber bei
+Charles Roß niederlassen? Karl, noch einen Spitz! Man lebt nur
+einmal--hätt ich beinah gesagt.
+
+Ich war eingetreten, und ein rascher Blick hatte mir gezeigt, daß ich
+unter lauter Bekannten war. Auf seinem gewöhnlichem Platz an der Wand
+mein alter Genelli, neben ihm, etwas magerer und blasser und, wie es
+schien, in trübseliger Laune sein Dioskurenzwilling, gegenüber die
+beiden schon genannten, die auseinanderrückten, um mir einen Platz in
+ihrer Mitte freizumachen. Sie nickten mir alle zu, und Freund Roß
+murmelte etwas, das ich nicht verstand. Keiner aber bot mir die Hand,
+und auch sonst war ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer in ihren
+Mienen, der mich nachdenklich machte. Vor einem jeden stand eine
+halbvolle Flasche und ein Glas mit rotem Wein, aus dem sie dann und
+wann in bedächtiger Stille einen langen Zug tranken. Dann glühten für
+einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen, und es fuhr ein
+Zucken durch ihren Körper, als wollten sie eine Last abschütteln.
+Gleich darauf saßen sie wieder starr und stumm und senkten die Blicke
+ins Glas.
+
+Ich konnte, obwohl keine Gasflamme brannte, jede Miene in diesen
+vertrauten Gesichtern deutlich erkennen, denn der Mond schien mit
+blendender Klarheit durch ein Seitenfenster herein und erleuchtete
+gerade unseren Tisch, während die Winkel des Gemachs dunkel blieben.
+Nun regte sich dahinten noch eine Gestalt und näherte sich mir, mich
+zu begrüßen. Ich erkannte den schwarzen, schon etwas mit Silber
+angesprengten Krauskopf unseres Wirts und wunderte mich über mich
+selbst, daß mich dieses Wiedersehen fast lebhafter erschütterte als
+das der trefflichen Freunde.
+
+Sie bemühen sich in Person, Herr Schimon, rief ich, als ich ihn Glas
+und Flasche vor mich hinstellen sah. Wahrhaftig, ich hätte mir nicht
+träumen lassen, daß ich noch einmal das Vergnügen haben würde--Wieder
+brachte ich den Satz nicht zu Ende, denn ich sah plötzlich alle Blicke
+auf mich gerichtet, als fürchte man, daß ich etwas Ungeschicktes sagen
+möchte.
+
+Unser Herr Wirt darf doch nicht fehlen, wenn wir uns einmal wieder
+eine gute Stunde gönnen! fiel mir Genelli ins Wort. Setzen Sie sich
+zu uns, Herr Schimon. Ihr Wein will heute nicht recht wärmen. Und
+was haben Sie sich für eine sparsame Gasbeleuchtung angeschafft?
+Gleichviel! wo solche Leute beisammen sitzen, können sie ihr eigenes
+Licht leuchten lassen. Aber mit dem Rahl ist nichts anzufangen.
+Celesti dei! wie kann man sich gewisse unvermeidliche Dinge dermaßen
+zu Herzen nehmen! Der Mensch lebt nicht von Fleisch allein, und der
+ganze übrige Bettel--pah!
+
+Er rümpfte, wie er es gern tat, wenn ihm wohl war von trotzigem
+Selbstgefühl, die volle Unterlippe und leerte sein Glas auf einen Zug.
+--Niemand sprach ein Wort; der kleine Karl schlich mit einer vollen
+Flasche heran und setzte sie vor den Meister hin. Ich sah jetzt, daß
+Genelli der einzige war, dessen Augen kein Hauch von Trübsinn und
+Müdigkeit verschleierte, und daß der mächtige Kopf auf dem Stiernacken
+noch so ungebeugt sich bewegte wie je in seinen lebensfrohesten Tagen.
+
+Nun sagen Sie, wandte er sich wieder zu mir, wie läuft die Welt? Was
+treiben Sie? Was macht das große Irrlicht? Nährt es sein windiges
+Flämmchen noch immer aus dem Sumpfboden der faulen Zeit und seiner
+eigenen Nichtsnutzigkeit? Ich habe Ihnen einmal die Karikaturen
+gezeigt, die ich auf diesen großen Impostor gemacht habe; sie sind
+freilich noch nicht zeitgemäß, aber auch ihre Zeit wird kommen, wenn
+überhaupt noch ein Hahn nach ihm kräht, sobald er das Zeitliche
+gesegnet hat. Pah! der wird sich wundern, wenn er an einen gewissen
+Fluß kommt und übergesetzt sein will und der alte Fährmann ihm erst
+den Paß revidiert. Aber wir wollen uns den Wein nicht verderben. Es
+lebe, wer's ehrlich meint!
+
+Jeder erhob sein Glas, ich wollte mit Charles Roß anklingen, merkte
+aber, daß es nicht angebracht war. Er trank stillschweigend, nickte
+mir schwermütig zu und setzte das Glas lautlos wieder hin.
+
+A proposito "wer's ehrlich meint!" fing Genelli wieder an, was macht
+denn unser Kunstvogt, der Kritikus? Warum haben Sie ihn heute nicht
+mitgebracht? Wissen Sie, so recht konnte ich eigentlich nie ein Herz
+zu ihm fassen, aber ein ehrlicher Kerl ist er doch. Er streckte sich
+eben nach seiner Decke, die manchmal verdammt kurz war. Davon bekam
+er dann selbst eine Ahnung, wenn ihm die Zehen froren, und dann sah er
+sich nach was Besserem, Größerem und Breiterem um, und in solchen
+Stunden verstanden wir uns ganz gut. Hernach aber kroch er doch
+wieder ins Enge zurück, da das nun einmal Mode ist in dieser
+bettelhaften, pauvren Zeit. Haben Sie ihn lange nicht gesehen?
+
+Das letzte Mal, erwiderte ich, haben Sie uns wieder zusammengeführt.
+Ich traf ihn vor Ihrer Omphale in der Schackschen Galerie. Er wußte
+nicht genug den Bacchantenzug unten in der Predelle zu loben. Solche
+Zentauren, sagte er, haben selbst die Alten nicht zu stande gebracht,
+solch verwünscht leibhaftiges, liederliches Gesindel von Manngäulen
+oder Roßmenschen, und nun erst die Weiberstuten, zumal die eine da
+oben, die an der Rose riecht, die sind so mit Händen zu greifen, daß
+keinem einfällt zu fragen, ob man mit zwei Mägen, zwei Herzen und
+sechs Gliedmaßen auch vor der gestrengen Wissenschaft der Anatomie
+bestehen könne. Sie wissen, setzte er hinzu, ich bin sonst ein
+Anhänger des entschiedensten Realismus und glaube, daß die Zeit der
+Götter, Helden und Zentauren vorbei ist. Aber vor diesen Genellischen
+Fabelwesen muß man den Hut abziehen, die haben Rasse; es kommt mir
+manchmal vor, als müsse er dabei gewesen sein, als könne kein Mensch
+sich solch verteufeltes Heidenzeug aus den Fingern saugen.
+
+Er ist auch dabei gewesen! sagte der Meister nun, und sein fröhlicher
+Blick wurde fast feierlich. Und was insbesondere die Zentauren
+betrifft, warum soll ich es leugnen, daß ich wirklich diese
+merkwürdige Schicht der antiken Gesellschaft in einem Musterexemplar
+studiert habe, daß ich so glücklich gewesen bin, den letzten der
+Zentauren persönlich kennen zu lernen?
+
+Alle Augen richteten sich jetzt auf ihn, der die seinigen aber
+durchaus nicht niederschlug, wie man sonst wohl zu tun pflegt, wenn
+man auf einer Münchhausiade nicht gleich ertappt zu werden wünscht.
+
+Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, fuhr er fort, sich heiter im
+Kreise umblickend. Es scheint ohnehin heute kein rechter Diskurs
+zustande kommen zu wollen. Der Rahl, seitdem er vom Fleisch gefallen,
+ist unter die Trappisten gegangen; seine jetzige Diät--sie ist
+freilich miserabel genug--schlägt ihm weder geistig noch leiblich an.
+Freund Roß, glaub' ich, denkt an Weib und Kind, und der Schütz war nie
+ein großer Redner. Abgedankte Leute wie wir sollten allerdings stille
+liegen und den Mund nur auftun zu einem Kyrie oder Peccavi. Aber wie
+sagt Falstaff? Hol die Pest alle feigen Memmen! Karl, noch einen
+Spitz! Und nun will ich euch sagen, wie das mit dem Zentauren sich
+ereignet hat.
+
+Es war im ersten Sommer, als ich mich in München niedergelassen hatte,
+das Jahr hab' ich vergessen. Juni und Juli waren kühl gewesen, dafür
+brach im August eine solche Mordhitze herein, daß man hier in der
+Stadt wie im Fegefeuer nach Luft schnappte und ich's wahrhaftig bei
+der Arbeit nicht aushielt, außer in dem paradiesischen Kostüm, in dem
+Freund Rahl damals in Rom in seinem Atelier herumging, zum Staunen der
+schönen Nachbarinnen gegenüber, die durchs offene Fenster hereinsahen,
+und zu großem Ärgernis ihrer signori mariti, die endlich den Hern
+Pfarrer des Viertels an ihn abschickten, um ihn zu christlich ehrbarer
+Zucht und Bekleidung zu ermahnen. Wie der Schalk da dem Biedermann um
+den Bart gegangen, ihm mit gutem Schinken aufgewartet und mit Orvieto
+so lange eingeheizt hat, daß auch dem Pfarrer endlich die Glut zum
+Dach herausschlug und er sich zureden ließ, eines seiner Gewänder nach
+dem anderen abzulegen, bis er in derselben einfachen Sommertracht wie
+sein Wirt auf den kühlen Fliesen herumspazierte,--das habt ihr, denk'
+ich, noch in guter Erinnerung. Genug, ich hielt es zuletzt nicht
+länger aus und beschloß, mir im Gebirge einen besser gelüfteten
+Schattenwinkel zu suchen, als meine Dachkammer war. So fuhr ich mit
+dem Stellwagen eine Strecke ins Land hinein gegen den Inn zu und
+wanderte dann von der ersten Station, wo mir die Gegend gefiel, mit
+meinem leichten Ränzel bergan.
+
+Obwohl aber dort das Flußtal hinunter "ein guter Luft" ging, wie die
+Tiroler sagen, merkte ich doch bald, daß ich des Steigens in der
+Mittagssonne ungewohnt war, und war froh, nach zwei sauren Stunden ein
+großes Dorf aus dichtem Walnußlaub mir zuwinken zu sehen, recht fett
+und bequem auf der sanftansteigenden Halde hingelagert. Gegen Westen
+stieg der Berg jählings in die Höhe, bis endlich auch den Tannen und
+Föhren der Atem ausging und sie ihm nicht mehr nachklettern konnten.
+Da oben hinter den kahlen Gipfeln mußte die Sonne selbst im Hochsommer
+frühzeitig verschwinden und der Bergesschatten eine angenehme Kühle
+über den Abhang ergießen.
+
+Also war ich rasch entschlossen, hier Rast zu machen, obwohl es für
+heute nicht sehr ruhig herzugehen versprach. Es war eben Kirchweih
+und das einzige Wirtshaus gestopft voll von trinkenden, kegelnden und
+juhschreienden Bauern. Überdies waren ein paar Kauf- und
+Schaubuden dicht neben dem Wirtsgarten aufgeschlagen, zwischen denen
+sich ein buntes Gedränge hin und her trieb, besonders vor der Bude
+eines Italieners, der ein ausgestopftes Kalb mit zwei Köpfen und fünf
+Füßen für ein paar Kreuzer sehen ließ. Ich versparte mir diesen Genuß
+für den Abend, da ich vor allem nach einem kühlen Trunk lechzte,
+schlug mich auch endlich durch Flur und Treppe durch bis auf die obere
+Laube, wo ich hinter dem Geländer des Altans ganz in der Ecke einen
+Sitz auf der Bank und ein Seidel roten Tiroler eroberte. Den Wein
+stellte ich vor mich auf die hölzerne Brustwehr, streckte mich nach
+Herzenslust aus und sah, während ich langsam mich verkühlte, über das
+Bauerngewühl unten um die Tische über den Gartenzaun und die nächsten
+Hütten hinweg in die prachtvolle Gebirglandschaft hinaus.
+
+Kaum eine halbe Stunde mochte ich so geruht haben, da sah ich auf dem
+breiten Feldwege, der zu dem nächsten, höher gelegenen Dörfchen führte,
+einen ganz seltsamen Schwarm sich heranbewegen.
+
+Ich glaubte im ersten Augenblicke, der Wein, den ich etwas hastig
+getrunken, werfe so wunderliche Blasen in meiner Phantasie, daß ich am
+hellen Tage einen fabelhaften Traum träumte. Auch war die wunderliche
+Gruppe noch so ferne, wohl drei Büchsenschüsse von meinem Luginsland,
+daß ich meinen Augen wohl mißtrauen durfte. Aber obwohl sich's in
+ruhigem Schritt fortbewegte, kam es doch unaufhaltsam näher, und nun
+konnte ich endlich nicht mehr zweifeln, daß ich in Wirklichkeit "sah,
+was ich sah, und hörte, was ich hörte".
+
+Stellt euch vor, in der goldigsten Herbstsonne kam auf der weißen
+staubenden Bergstraße ein riesenhafter Zentaur dahergetrabt, in einem
+würdevollen beschaulichen Viervierteltakt, wie der alte Schimmel, der
+im Wilhelm Tell mitspielt und den Landvogt in die hohle Gasse tragen
+muß. Hinter ihm drein, aber in scheuer Entfernung, etwa um einige
+Pferdelängen, zottelte und trottelte ein lautloser Haufen alter
+Mütterchen, lahmer und preßhafter Männlein und ganz junger Kinder,
+alles nämlich, was von jenem abgelegenen Dorfe entweder zu alt oder zu
+jung gewesen war, um die nachbarliche Kirchweih mitzufeiern. Der
+riesige fremde Gast mochte sich mit Gutem oder Bösem so in Respekt
+gesetzt haben, daß man ihm ohne jede Anfechtung, weder durch Geschrei,
+noch tätliche Neckereien, das Geleit gab. Aber je näher der
+abenteuerliche Zug dem Kirchweihdorfe kam, desto deutlicher sah ich
+besonders die Weiblein bemüht, die Aufmerksamkeit der noch
+ahnungslosen Nachbarn schon von weitem zu erregen, durch Winke mit den
+dürren Armen, Krückstöcken und Kopftüchern, auf die freilich über der
+Tanzmusik und dem Festtreiben rings um mich her keine Menschenseele
+aufmerksam wurde.
+
+So konnte sich das heidnische Ungetüm unbeschrien der Dorfmark nähern,
+und erst, als es bei den letzten Hütten vorbeitrabte und nun gerade
+auf das Wirtshaus lossteuerte, wurden die Bauern inne, daß sich etwas
+ganz Unerhörtes begab. Nun war freilich der Effekt, den dies
+Intermezzo machte, um so gewaltiger. Im Nu stob alles auseinander,
+was unten im Wirtsgarten und um die Schaubuden sich zusammengedrängt
+hatte. Wie Ameisen durcheinander wimmeln, wenn man mit dem Stock in
+ihren Bau stößt, so stürzten Männer und Weiber in wilder Flucht vom
+Wirtshaus weg, und jedes suchte eine Tür, einen Zaun oder einen Baum
+zu erreichen, hinter denen man vor dem ungefügen vierbeinigen Mirakel
+auf den ersten Anlauf sicher wäre. Ebenso hastig aber fuhren alle,
+die in den Häusern und oberen Räumen der Schenke waren, an die Fenster
+und starrten entsetzt nach dem Scheuel und Greuel hinaus. Auf den
+Lärm des ersten Aufruhrs folgte eine tiefe Stille; selbst die Hunde,
+die erst wütend losgebellt hatten, zogen sich, als sie die mächtigen
+Hufe des Ankömmlings gewahrten, vorsichtig mit bangem Winseln zurück,
+und nur die kleinen Bauernpferde, die an ihren Krippen schmausten,
+begrüßten ihn mit zutraulich gastfreundlichem Wiehern, da er ja
+jedenfalls, soweit er zu ihnen gehörte, ihrem Geschlecht alle Ehre
+machte.
+
+Ich war vielleicht der einzige, der nicht den Kopf verlor, zunächst
+als ein alter eingeteufelter Heide, der ich war, und in der ganzen
+fabelhaften Naturgeschichte wohlbewandert, dann aber auch, weil das
+Entzücken über die ungemeine Schönheit des Fremdlings keine Furcht
+aufkommen ließ.
+
+Was ich selber hernach an solchen Zwiegeschöpfen gemalt, oder Freund
+Hähnel in seinem Dresdener Theaterfries gemeißelt hat, würde sich
+gegen diesen göttlichen Burschen in Fleisch und Bein ausgenommen haben
+wie Halbblut gegen Vollblut.
+
+Obgleich freilich an das, was man heutzutage Vollblut nennt, nicht
+gedacht werden darf, wenn man sich einen Begriff machen will von der
+Gaulhälfte des wundersamen Kirchweihgastes. Denkt an den Bucephalus
+oder das trojanische Pferd, oder meinethalben an den prachtvollen
+Streithengst, der den Großen Kurfürsten auf der langen Brücke trägt,
+und nun stellt euch vor, daß der ganze heroische Gliederbau von der
+glattesten silbergrauen Decke überzogen war, unter der man jede Muskel
+spielen und bei jedem Fältchen, das sie warf, die Sonne wie auf
+hochgeschorenem Samt schimmern sah. Aus diesem mächtigen Gestell
+wuchs ein Menschenleib hervor, der sich mit dem tierischen wohl messen
+konnte--Arme, Brust, Schultern wie vom Farnesischen Herkules gestohlen,
+so recht in der Mitte zwischen fett und hager, die Haut sanft
+angebräunt und ebenfalls hie und da stark behaart, wie denn auch von
+dem mächtigen dunklen Schopf, der ihm Stirn und Haupt umwallte, noch
+eine wehende Mähne bis tief auf den Rücken hinunterwucherte, übrigens,
+gleich dem lang nachschleppenden kohlschwarzen Roßschweif, dem
+Anschein nach wohlgepflegt. Es war überhaupt nicht zu verkennen: das
+Fabelwesen hielt etwas auf sein Äußeres. Keine Spur von
+tausendjährigem Staub und Unrat, der Bart am Kinn zierlich gestutzt
+und gekräuselt, und wie ich mich erst getraute, ihm näher in das
+ernsthaft treuherzige Gesicht zu sehen, das nur etwa so wild war wie
+ein Bube, der aus Verlegenheit trotzig dreinschaut, bemerkte ich, daß
+er einen kleinen Rosenzweig, eben frisch, wie es schien, vom Strauch
+gebrochen, in das dichte Haar hinters Ohr gesteckt hatte.
+
+So kam das schöne Ungeheuer gemächlich in den Hof der Dorfschenke
+getrabt, aus dem sofort auch der letzte Gast, den Maßkrug an die Brust
+gedrückt, mit lautem Geschrei ins Haus oder in die Wirtschaftsgebäude
+flüchtete. Der Schwarm von alten Weibern und Bauernkindern, der ihm
+das Geleit gegeben, blieb draußen auf der Dorfstraße stehen, und über
+der Verwegenheit des hohen Reisenden, sich so leichtbegleitet mitten
+in die Kirchweih zu begeben, schien allen das Wort in der Kehle zu
+erstarren. Wenigstens hörte man ringsum nur ein verhaltenes Summen
+und Schwirren, aus dem nur dann und wann ein paar Naturlaute des
+Schreckens und der Angst hervorkreischten. Alle erwarteten das
+Entsetzlichste, und wohl nur wenige mochten sein, die den Spuk nicht
+gerade für den leibhafen Gottseibeiuns hielten, der gekommen sei, das
+sämtliche halb betrunkene Gesindel recht in seiner Sünden
+Kirchweihblüte in die Hölle abzuführen.
+
+Der alte Heide aber zeigte sich trotz seiner höllischen Pferdefüße als
+ein ganz zahmer, menschenfreundlicher Kamerad. Er sprengte
+geradeswegs auf die hohe Laube zu, auf der ich saß, und sah mit einer
+höflichen Miene, wie einer, der gerne mit einem Fremden anbinden
+möchte, mir ins Gesicht, der ich ihm ebenso artig zunickte. Dann aber
+richtete er seine großen glänzenden Augen auf das Schenkmädchen, das
+neben mir stand, zwei offene Flaschen voll Tirolerwein in den Händen.
+Sie hatte sie für die Gäste heraufgetragen, die das Hasenpanier
+ergriffen hatten, und stand nun, da sie, obwohl mit dem Dorfschneider
+verlobt, ein munteres, kouragiertes Frauenzimmer war, ohne Scheu neben
+mir auf dem Altan, um die Wundergestalt in aller Arglosigkeit zu
+betrachten. Dem Fremdling mochte die saubere Dirne--man hieß sie die
+schöne Nanni--ebenfalls einleuchten, nicht minder auch der rote Wein,
+den sie trug. Mit so viel Lebensart, wie man solchen Roßmenschen kaum
+zutrauen sollte, nahm er den Rosenzweig hinterm Ohre hervor, roch erst
+daran und überreichte ihn dann ohne Mühe, da Haupt und Schultern noch
+über die Brüstung der Laube herausragten, dem schönen Kinde, das etwas
+geschämig tat, die Blumen aber doch nicht ausschlug, sondern in ihren
+Brustlatz neben den silbernen Löffel steckte. Zugleich schien sie
+gemerkt zu haben, worauf die ganze Huldigung abzielte.
+
+Ohne Zaudern reichte sie ihrem Verehrer die beiden vollen Flaschen
+hinaus, die er auch mit freundlichem Kopfnicken ergriff, und dann in
+so raschen Zügen leerte, wie unsereins zwei Gläser Champagner
+hinunterstürzt.
+
+Ein beifälliges Murmeln unter den Kopf an Kopf gedrängten Zuschauern
+begleitete diese ganze trauliche Szene, und ein paar kecke Burschen
+wagten sogar ein "Wohl bekomm's!" oder "Gesegn' es Gott!" zu rufen,
+wurden aber gleich von den Vorsichtigeren niedergezischt. Aber auch
+dem fremden Gast schien der Wein die Zunge gelöst zu haben. Er sagte
+erst dem Mädchen einige Artigkeiten, die sie aber nicht verstand und
+nur mit Kichern und Kopfschütteln erwiderte. Dann wandte er sich an
+mich, fragte mich, wo er sich hier befinde, und wie das wilde Volk
+heiße mit den Pelzhauben und der ohrenzerreißenden Musik, unter das er,
+er wisse selbst nicht wie, geraten sei. Ich antwortete-Erlauben Sie,
+Herr Genelli, unterbrach ihn der Wirt, der gleich uns anderen begierig
+gelauscht hatte, in welcher Sprache unterhielten Sie sich mit dem
+antiken Herrn?
+
+Im reinsten Griechisch, Herr Schimon; Sie mögen es nun glauben oder
+nicht. Er sprach es natürlich etwas fließender als ich, aber mit
+einem Anflug an den jonischen Dialekt, der mir hie und da das
+Verständnis erschwerte. Indessen, es ging. Not bricht Eisen und
+lehrt radebrechen. Sie werden selbst schon erlebt haben, daß Sie im
+Traume ganz korrekt Ungarisch oder Spanisch sprachen, was Ihnen sonst
+sauer werden möchte. Aber unterbrechen Sie mich nicht wieder; lassen
+Sie mir lieber einen neuen Spitz Carlowitzer kommen. Wo war ich denn
+stehen geblieben? Richtig, wo ich den Spieß umdrehte und ihn fragte,
+wie es im Homer steht:
+
+Wer er sei und woher, wo er wohnt und wer die Erzeuger.
+
+Da kamen denn kuriose Dinge heraus.
+
+Stellt euch vor, der arme Bursche war vor so und so viel tausend
+Jahren hoch oben durchs Gebirge geritten, in Geschäften, wie er sagte,
+da er als Landarzt--Kreisphysikus würde man's heute nennen--einen
+gewaltig großen Bezirk zu versehen hatte, lauter wildes, armes Volk,
+Hirten, Bärenjäger, Pfahlbauern usw. Nun war's gerade ein heißer Tag,
+und er hatte bei seiner Praxis überall scharf gezecht, hineingegossen,
+was die Leute ihm gerade vorsetzten, da er sie meist um ein Glas Wein
+oder Enzianbranntwein kurierte, und wie er mittags an eine
+Gletscherhöhle kommt, denkt er, du willst ein Schläfchen machen,
+streckt sich in der dämmerigen blauen Eisspelunke hin und schläft
+richtig ein. Was weiter geschehen, wußte er freilich nicht zu sagen,
+und auch ich konnte ihm nur die Vermutung aussprechen, daß Schnee-
+oder Eismassen um ihn zusammengestürzt und heute erst wieder aufgetaut
+sein müßten, daß er, wie jenes Mammutungetüm im Polareise, frisch und
+ohne jeden Hautgout sich in seinem Eiskeller konserviert habe, nur mit
+dem Unterschiede, daß auch sein Geist, dank dem vielen genossenen
+Spiritus, durch den unmäßigen Winterschlaf hindurch keinen Schaden
+gelitten und er nun als ein vorsintflutliches mythologisches Rätsel
+auf vier gesunden Beinen in unsere entgötterte Welt hineinsprengen
+könne. Ich suchte ihm in aller Kürze, so gut es ging, über die
+ungeheure Kluft hinwegzuhelfen, die sein Erwachen von seinem
+Einschlafen trennte. Aber ich merkte bald, daß die summarische
+Weltchronik, die ich vor ihm aufrollte, ihn sehr wenig interessierte.
+Er schüttelte nur den Kopf, als ich ihm erzählte, die Götter
+Griechenlands seien ein überwundener Standpunkt, und mit dem kleinen
+Lutherischen Katechismus wußte er ebensowenig anzufangen wie mit dem
+heiligen Augustin oder Pius IX. Auch die politischen Umwälzungen der
+letzten dreitausend Jahre ließen ihn völlig kalt. Als ich endlich
+schwieg, seufzte er so recht vom Grunde seiner ehrlichen
+Zentaurenseele auf und sagte: er werde von allem, was ich ihm da
+vorgefabelt, aus dem Zehnten nicht klug, und das sei ihm auch ganz
+gleichgültig. So viel merke er, daß ihm ein recht hämischer Possen
+gespielt worden sei mit jener Aufbewahrung im Eiskeller; inzwischen
+sei alles anders geworden und nur er derselbe geblieben, wessen er
+sich eben nicht schäme, denn nach den wenigen Proben scheine ihm die
+Welt viel lumpiger, schäbiger und nicht einmal gescheiter geworden zu
+sein, die Wälder dünner, der Wein saurer, die Weiber--bis auf seine
+Freundin "Nannis oder Nannidion" (wie er sich das Nannerl ins
+Griechische übersetzte)--plumper und einfältiger. Nun erzählte er,
+was er seit seinem Erwachen für Erfahrungen gemacht hatte.
+
+Kaum war ihm nämlich sein Gletschermantel von den Schultern
+geschmolzen, und er hatte sich die letzten Nebel des Schlafs aus den
+Augen gerieben, so war er ins Freie hinausgetrabt, ärgerlich über die,
+wie er wähnte lange Versäumnis von vierundzwanzig Stunden, da er einen
+schweren Patienten eine Stunde tiefer im Tal zu besuchen hatte. Als
+er sich aber umsah, schien ihm alles so wunderlich, daß er noch
+fortzuträumen glaubte. Dichte Wälder, durch die er sich sonst pfadlos
+hindurchzuwinden hatte, waren verschwunden; auf Wiesen, wo sonst der
+Ur und der wilde Steinbock gegrast, sah er Herden buntfarbiger Kühe
+weiden; hie und da stand ein Blockhaus am Wege, hoch hinauf mit Heu
+angefüllt, und nicht selten sah er kleine Steige gebahnt, oder Balken
+über Gießbäche gelegt, die er früher mit einem mächtigen Satz hatte
+überspringen müssen. Kopfschüttelnd hielt er still und überlegte bei
+sich, wie sich das alles über Nacht verwandelt haben möchte. Da er
+aber kein Freund von überflüssigem Nachsinnen war, beschloß er, eine
+benachbarte Waldnymphe um Aufschluß zu bitten, mit der er auf
+vertraulichem Fuße stand. Er rief ihren Namen in die Schlucht
+hinunter, aus der noch wie damals die mächtigen Edeltannen
+heraufragten. Sonst war sie gleich oben im Wipfel erschienen, da sie
+sehr einsam lebte und gerne eine Ansprache hatte. Heut zeigte sich
+nur ein altes Weib, das Enzian sammelte und beim Anblick des
+vierbeinigen Ungeheuers mit heiserem Jammergeschrei und heftigem
+Kreuzschlagen sich ins Dickicht verkroch.
+
+Also trabte er immer nachdenklicher seines Weges weiter, und da es
+gerade Sonntag war und die Kirchweih alles, was eine saubere Jacke und
+ein paar Kreuzer in der Tasche trug, in das Dorf hinuntergelockt hatte,
+begegnete er auch keiner Menschenseele, als ein paar Hüterbuben, die
+ebenso hastig vor ihm Reißaus nahmen wie das Kräuterweib. Nun sah er
+auch unten die ersten kleinen Häuser, die mit ihren weißgetünchten
+Wänden und blanken Fensterchen als ein neues Rätsel ihm
+entgegenschimmerten. Hier hatten sonst nur verfallene Hütten der
+wilden Ziegenhirten gestanden, elende Pferche zwischen Gestrüpp und
+Klippen. War eine Stadt aus der Ebene ausgewandert und hatte sich in
+die Berge verstiegen? Ein seltsames Gebäude mit hohem Dach und
+spitzem Turm ragte aus den Schindeldächern in die Lüfte, und oben aus
+den schwarzen Turmluken drang ein unerklärliches Summen und Schallen
+hervor, das er nie gehörte hatte, und das in seiner feierlichen
+Eintönigkeit ihn vollends bestürzt machte.
+
+Das Grauenhafteste aber in dem ganzen Märchen, das ihn an seinen
+gesunden Sinnen zweifeln ließ, begegnete ihm, als er den ersten Hütten
+des oberen kleinen Dorfs sich näherte. Unter einem spitzen,
+rotgetünchten Bretterdach hing da ein Mann mit ausgebreiteten,
+blutrünstigen Armen an ein Kreuz genagelt, aus einer Seitenwunde
+blutend, die Stirn von großen Blutstropfen überquollen, die unter den
+spitzigen Stacheln eines dicken Dornkranzes hervordrangen. Gleichwohl
+schien der Gemarterte noch am Leben. Er hatte die Augen weit geöffnet
+nach oben gekehrt, und der kundige Blick des Zentauren fand auch an
+den nackten Gliedern noch nicht die Farbe der Verwesung.
+
+Er redete den armen kleinen Mann mit seiner freundlichsten Stimme an,
+fragte, um welches Verbrechen man ihn so schwer büßen lasse, ob er ihm
+vielleicht von seinem Marterholz herunterhelfen und die Wunden
+verbinden solle. Als er keine Antwort erhielt, berührte er sacht die
+Brust des stummen Dulders. Da merkte er, daß es nur ein hölzernes
+Bild war. Ein Rosenstrauch war neben dem Stamm des Kreuzes gepflanzt.
+Von dem pflückte er einen kleinen Zweig, roch daran, wie um wieder
+etwas Liebliches zu genießen, und verließ dann die Stätte mit immer
+unheimlicherem Staunen.
+
+Im Dorf hatte gerade der Pfarrer, ein altes Männlein, das den
+Kirchweihfreuden längst abgestorben war, für die andern zu Hause
+gebliebenen Invaliden einen Vespergottesdienst begonnen, zu dem die
+kleinen Buben das Geläut besorgten. Wie nun der Fremdling, dem alles,
+was ihm links und rechts in die Augen fiel, ein Rätsel war, an die
+offene Kirchentüre kam, hielt er an und spähte neugierig in das
+halbdunkle Innere. Ein Sonnenstrahl fiel durch das kleine
+Seitenfenster neben dem Altar und beleuchtete das Bild einer
+wunderschönen Frau mit goldenen Haaren in blau und rotem Gewand, die
+einen Knaben auf dem Arm und eine Lilie in der Hand trug. Sie hatte
+die großen, sanften Augen gerade auf ihn gerichtet, als wolle sie ihn
+einladen, näher zu treten. Zu ihren Füßen, ihm den Rücken zuwendend,
+stand der kleine Pfarrer im Ornat, und die sämtliche Gemeinde kniete
+jetzt, gleich ihm, vor der schönen Frau. Du solltest doch
+hineintreten und sie dir etwas näher betrachten, sagte der Fremde zu
+sich selbst. Und gedacht, getan. Er trabt, ohne an etwas Arges zu
+denken, durch das Portal und geradewegs über die Steinfliesen, die von
+seinem mächtigen Hufschlag dröhnten, auf den Altar zu.
+
+Welch einen Spektakel das gab, kann man sich denken. Im ersten
+Augenblick freilich versteinerte der Schrecken über diese
+Tempelschändung durch ein so unerhörtes, geradewegs der Hölle
+entstiegenes Ungeheuer die ganze andächtige Gemeinde samt ihrem
+Seelsorger. Dann aber besann sich dieser, der trotz seiner achtzig
+Jahre durchaus kein Don Abbondio war, daß der Eindringling niemand
+anders als der leibhaftige Satan sein könne, erhob, was er gerade
+Geweihtes in der Hand hatte, und rief, es gegen den Versucher
+schwingend, mit lauter Stimme sein "Apage! Apage! und nochmals Apage!"
+--Beim Zeus, sagte der Zentaur, das freut mich, endlich einem
+redenden Menschen zu begegnen, der noch dazu griechisch spricht. Du
+wirst mir nun wohl auch sagen können, Alter, wer diese schöne Frau ist,
+ob sie noch lebt, was ihr hier treibt, und wie sich überhaupt alles
+seit gestern so fabelhaft verändert hat.--Den Pfarrer überlief es
+eiskalt, als er sich von dem bösen Feinde anreden hörte, noch dazu in
+einer Sprache, die ihm natürlich griechisch war. Wieder erhob er
+seinen Ruf und schlug ein Kreuz über das andere, wich aber doch ein
+wenig vom Altar zurück, da ihn die Unbefangenheit des hohen Fremden
+einschüchterte, und hätte sich dieser nicht umgesehen, wer weiß, wie
+es abgelaufen wäre. Jetzt aber kam die Reihe, sich zu fürchten, an
+unsern Roßmenschen. Denn wie er die vom Schreck verstörten
+Wackelköpfe der alten Männer und die verwelkten Gesichter der greisen
+Weiblein unter ihren hohen Pelzhauben sämtlich anstarren sah, überkam
+ihn plötzlich die Furcht, er möchte in ein Konventikel von Hexen und
+Zauberern geraten sein und Strafe leiden, wenn er ihr geheimes Wesen
+noch länger störe. Also machte er, nachdem er der schönen Blauäugigen
+noch einen verehrungsvollen Blick zugeworfen, auf einmal kehrt und
+stob mit gewaltigen Sätzen, den Schweif wie zur Abwehr böser Geister
+hoch um den Rücken schlagend, über das hallende Pflaster zur offenen
+Tür hinaus.
+
+Werter Freund, sagt' ich, als er mir das alles treuherzig gebeichtet
+und meine Aufklärungen nur halb verstanden hatte, Ihr seid in einer
+verwünschten Lage. Wie Ihr da geht und steht, möchte es schwer halten,
+Euch in der modernen Gesellschaft einen Platz ausfindig zu machen,
+der zu Euren Gaben und Ansprüchen paßte. Wäret Ihr nur ein paar
+Jahrhunderte früher aufgetaut, so etwa im Cinquecento, so hätte sich
+alles machen lassen. Ihr hättet Euch nach Italien begeben, wo damals
+alles Antike wieder sehr in Aufnahme kam und auch an Eurer heidnischen
+Nackheit kein Mensch sich geärgert haben würde. Aber heutzutage und
+unter dieser engbrüstigen, breitstirnigen, verschneiderten und
+verschnittenen Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt--ich
+fürchte, mio caro, Ihr werdet es sehr bedauern, nicht lieber bis an
+den jüngsten Tag im Eise geblieben zu sein! Wo Ihr Euch sehen laßt,
+in Städten oder in Dörfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und
+mit faulen Äpfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien und
+die Pfaffen Euch für den Gottseibeiuns ausgeben. Die Zoologen werden
+Euch betasten und begaffen und dann erklären, Ihr wäret ein
+unorganisches Monstrum und könntet nichts Besseres tun, als Euch einer
+kleinen Vivisektion unterziehen, damit man sähe, wie Euer
+Menschenmagen sich mit Eurem Pferdemagen vertrage. Seid Ihr aber der
+Scylla der Naturforscher entronnen, so fallt Ihr in die Charybdis der
+Kunstgelehrten, die Euch ins Gesicht sagen werden, daß Ihr ein
+schamloser Anachronismus, eine totgeborene nur galvanisch belebte
+Reliquie aus der Zeit des Parthenonfrieses seid, und die Künstler, die
+nur noch Hosen und Wämser und kleine witzige Armseligkeiten malen
+können, werden sich in ihren tugendhaften Armenversorgungsanstalten,
+genannt Kunstvereine, zusammenrotten und bei der Polizei darauf
+antragen, daß Ihr ausgewiesen werdet, als der öffentlichen Moral im
+höchsten Grade gefährlich. Daß Ihr Praxis bekommen könntet, auch nur
+als Pferdearzt, ist vollends undenkbar. Man hat jetzt ein ganz
+anderes Naturheilverfahren, als zu Euren Zeiten, der vielen anderen
+gelehrten Systeme zu geschweigen, und daß ein Doktor seine Equipage
+vors Krankenbette mitbringt, ist unerhört. Bliebe also nichts als der
+Zirkus oder die Menagerie, um Euer Brot zu verdienen, und fern sei es
+von mir, einem Mann von so guter Familie, wie Ihr, eine solche
+Erniedrigung zuzumuten. Nein, Bester, bis uns etwas Gescheiteres
+einfällt, will ich selbst mein bißchen Armut mit Euch teilen. Wenn
+ich es recht bedenke, bin ich ja nicht viel besser daran als Ihr, muß
+mir auch von Gassenbuben und bigotten Vetteln, Ästhetikern und meinen
+eigenen werten Kollegen die größten Schnödigkeiten gefallen lassen,
+und seht, ich lebe noch und fühle mich in meiner Haut tausendmal
+wohler, als all das Gewürm und Gesindel, das mir nicht das Leben gönnt.
+Coraggio! animo, amico mio! Dieser rote Wein ist zwar nur ein
+säuerlicher Rachenputzer, aber ihr werdet Euch auch nicht zu oft in
+Nektar gütlich getan haben, und corpo della Madonna! wenn zwei rechte
+Kerls miteinander Brüderschaft trinken, so adeln sie den ordinärsten
+Tropfen.
+
+Damit reichte ich ihm meine Flasche, welche die Nanni wieder gefüllt
+hatte, und klang, das Glas erhebend, mit ihm an, wozu er als zu einem
+ganz neuen Brauch ein verdutztes Gesicht machte. Ich winkte dann dem
+Mädel, für neue Zufuhr zu sorgen, und so schwammen wir bald im
+Überfluß und wurden guter Dinge. Nach und nach machte unsere
+Kordialität auch das Bauernvolk vertraulich. Einige der Beherztesten
+wagten sich wieder in den Hof und zogen, da ihnen nichts zuleide
+geschah, bald die anderen nach sich. Sie besahen nun den Fremdling
+sorgfältig von allen Seiten. Der Jude Anselm Freudenberg, der mit
+Pferden handelte, erklärte laut, daß um tausend Loisdors ein solcher
+Hengst halb geschenkt wäre, stünde nur nicht das unnatürliche
+Vorderteil im Wege. Denn trotz der großen Fortschritte beim Militär
+habe man noch nirgends Kavalleriepferde eingeführt, denen ihre Reiter
+angewachsen wären. Eine vorwitzige Dirne wagte das Wundertier zu
+berühren und das samtweiche Fell am Bug zu streicheln. Das ermutigte
+den Schmied des Dorfes, behutsam den linken Hinterfuß aufzuheben, was
+der Zentaur, der eben das siebente Seidel an die Lippen setzte, in
+aller Gutmütigkeit geschehen ließ. Es fiel ungemein auf, daß die
+starken, lichtbraunen Hufe keine Spur irgend eines Beschlages zeigten,
+und da auch sonst so vieles ganz anders war, als bei anderen
+Reitpferden, erhob sich die Frage, welcher Rasse er angehöre. Endlich,
+nachdem man lange gestritten, tat der Schulmeister den Ausspruch, da
+alle übrigen Kennzeichen fehlten, werde es wohl die kaukasische Rasse
+sein, wogegen selbst der Jude Freudenberg nichts einzuwenden wußte.
+
+Während aber so die öffentliche Meinung sich eben mit dem Heidengreuel
+auszusöhnen schien und er wenigstens, was man einen succès d'estime
+nennt, davontrug, war eine bösartige Verschwörung gegen den arglosen
+Fremdling im Gange. An der Spitze stand natürlich die hochwürdige
+Geistlichkeit, die es für das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr
+nachteilig fand, sich mit einem gewiß ungetauften, völlig nackten und
+wahrscheinlich sehr unsittlichen Tiermenschen näher einzulassen.
+Ebenso aufgebracht, wenn auch aus anderen Gründen, äußerte sich der
+Italiener, der Besitzer des ausgestopften Kalbes mit zwei Köpfen und
+fünf Beinen. Seit der Fremde erschienen war, hatte er mit seiner
+Mißgeburt schlechte Geschäfte gemacht. Den Roßmenschen sah man gratis,
+er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wußte, ob er sich
+nicht noch bewegen ließ einige Kunstreiterstückchen zum besten zu
+geben, wozu das Kalb durchaus keine Miene machte. Das konnte der
+Italiener nicht so ruhig mit ansehen. Es sei ein Unterschied, setzte
+er dem Pfarrer auseinander, zwischen einem zünftigen, von der Polizei
+approbierten Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen, nie
+dagewesenen Mißgeburt, die ohne Paß und Gewerbeschein das Land
+unsicher mache und ehrlichen fünfbeinigen Kälbern das Brot vorm Maule
+wegstehle. Wenn das erst Sitte würde, daß solche Mondkälber sich ohne
+Entrée sehen ließen, so wäre es ja gar nicht mehr der Mühe wert, mit
+einem Kopf zu wenig oder ein paar Gliedmaßen zu viel auf der Welt zu
+kommen.
+
+Der hitzigste aber war der Dorfschneider, der Bräutigam der schönen
+Nanni.
+
+Er hatte sich zwar, als das Ungetüm herantrabte, Hals über Kopf von
+der Laube ins Haus geflüchtet und seinen Schatz, der sich nicht
+fürchtete, im Stich gelassen. Aber durchs Fenster sah er desto
+grimmiger mit an, wie vertraulich das Blitzmädel mit dem hohen Herrn
+schäkerte, seine Rosen annahm und ihn wohlgefällig betrachtete,
+während er sich ihren Wein schmecken ließ. Was von dem Fremden über
+die Brustwehr hervorragte, war wohl dazu angetan, den etwas schief
+gedrechselten Schneider im Hinblick auf seine eigene dürftige Person
+eifersüchtig zu machen. Zudem hatte ihn die Nanni, als er ihr das
+Unanständige ihres Betragens vorwarf, schnippisch genug abgefertigt
+und erwidert: sie verbitte sich's, daß er den Fremden einen
+unverschämten Kerl, eine nackte Bestie, eine Staatsmähre schimpfe. Er
+sei manierlicher und anständiger als manche Menschen, von denen
+dreizehn aufs Dutzend gingen, und andere könnten froh sein, wenn sie
+sich weniger zu schämen brauchten, sich nackt zu zeigen.--Das stieß
+dem Faß den Boden aus. Zwar dem Mädel gegenüber hüllte sich der
+Beleidigte in ein naserümpfendes Stillschweigen, ließ aber sein
+Mundwerk desto zügelloser laufen gegenüber dem Herrn Pfarrer, dem er
+seine Not klagte: die neue Mode, die der Unbekannte eingeführt, müsse
+das ganze Schneiderhandwerk ruinieren und überdies alle Begriffe von
+Anstand und guter Sitte über den Haufen werfen.
+
+Von diesen Kabalen wußten wir natürlich nichts, sondern ließen uns
+durch die wachsende Vertraulichkeit die übrigen Kirchweihgäste immer
+mehr in die fröhlichste Feststimmung einwiegen. Der reichlich
+genossene Wein tat das Übrige, und so wenig meinem neuen Duzbruder das
+Volk um uns her in den hohen Hüten und Hauben, mit schwerfälligen
+Stiefeln, kurzen Jacken und vielfältigen Röcken gefiel, war er doch
+wohlgesittet genug, sich's nicht merken zu lassen und keinen
+zurückzuweisen, der ihm das volle Glas hinaufreichte. Nachgerade aber
+stieg ihm der Spuk zu Kopfe, seine Augen fingen an zu glänzen, er ließ
+einige Naturlaute hören, die zwischen dem landüblichen Juhschreien und
+gewöhnlichem Pferdegewieher die Mitte hielten, und als jetzt die
+Musikanten, die lange pausiert hatten, frisch zu einem Schleifer
+einsetzten, langte unser Freund, ohne ein Wort zu sagen, mit beiden
+Armen über die Brüstung, umfaßte die schöne Nanni, und setzte sie mit
+einem leichten Schwunge sich auf den Rücken, indem er sie durch
+Zeichen anwies, sich in seiner wallenden Mähne festzuhalten. Dann
+begann er nach dem Takte der Musik sehr zierlich sich in Bewegung zu
+setzen und in dem engen Raume zwischen Tischen und Bänken in den
+gewandtesten Courbetten seine Kunst zu zeigen, während die muntere
+Dirne, ihre Arme fest um seinen Menschenleib geschlungen, dann und
+wann mit der Ferse ihres kleinen Schuhes ihm in die Seite stieß, um
+ihn zu einem rascheren Tempo anzufeuern.
+
+Das Schauspiel sah sich so allerliebst mit an, daß alle anderen Tänzer
+mit ihren Dirnen herauskamen und sich, um zuzuschauen, in einem
+dichten Kreis um das Paar herumstellten. Ich ärgerte mich nur, daß
+ich mein Skizzenbuch vergessen hatte und nirgends einen Fetzen Papier
+auftreiben konnte. So mußte ich mich begnügen, mit den Augen zu
+studieren, und wahrhaftig, ich konnte mich nicht satt sehen an den
+hundert wechselnden Wendungen und Gruppierungen, wie sie der immer
+übermütiger und wilder herumwirbelnde Tanz an mir vorübergaukeln ließ.
+
+Als es aber etwa eine Viertelstunde gedauert hatte, nahm die
+Herrlichkeit plötzlich ein Ende mit Schrecken. Zufällig sah ich
+einmal über den Hof hinaus ins Tal hinunter und bemerkte eine
+bedenkliche Kavalkade, die sich auf der Straße vom Tal herauf dem Dorf
+näherte: ein halb Dutzend reitender Landgendarmen und mitten unter
+ihnen, mit eifrigen Gebärden nach der Schenke hinaufdeutend, zwei
+Zivilisten auf kleinen Bauernkleppern, in denen ich, als sie näher
+kamen, die beiden verbissenen Kabalenmacher, den Italiener und den
+Dorfschneider, erkannte. Ich rief meinem Freunde und Duzbruder in
+meinem besten Griechisch zu, er möge auf der Hut sein; es sei auf ihn
+abgesehen. Man wolle sich, wie es scheine, tot oder lebendig seiner
+Person bemächtigen und die ganze Rache der Philister an seiner
+Simsonsmähne auslassen. Aber es war umsonst. Sei es, daß die Musik
+meine Warnung übertäubte, oder daß der Rausch des bacchantischen
+Tanzes den Trefflichen gegen jede Anwandlung von Furcht gefeit hatte,
+genug, er hielt erst einen Augenblick inne, als die bewaffnete
+Macht--die Denunzianten blieben weislich im Hintertreffen--am Hoftor
+erschien, das dichtgedrängte Publikum erschrocken zurückwich und nun
+der Anführer der Schergenbande, ein schnurrbärtiger Korporal mit
+dickem Bauch, im allergröbsten Ton die Aufforderung an ihn ergehen
+ließ: auf der Stelle seinen Paß oder sein Wanderbuch vorzuweisen,
+widrigenfalls er nach der Fronfeste unten im Städchen gebracht und
+gründlich visitiert werden würde.
+
+Der gute Bursch verstand natürlich keine Silbe, konnte auch den
+feindseligen Sinn der Worte nicht ahnen, da er aus seiner heroischen
+Welt andere Begriffe von Gastfreundschaft mitgebracht hatte. Also sah
+er sich mit einem drolligen Ausdruck von Ratlosigkeit nach mir um, und
+erst, als ich ihm erklärt hatte, daß diese breitmäuligen Herren Jäger
+seien und er das Wild, und daß man im Sinne habe, ihn in einen Stall
+zu sperren, wo er bei schmalem Futter über die Wohltat der Gesetze und
+die Fortschritte der Kultur nachdenken könne, ging ein verächtliches
+Lächeln über sein ehrliches Gesicht. Er antwortete nur mit einem
+Achselzucken, setzte sich dann, als beachte er diesen Zwischenfall
+nicht im geringsten, langsam wieder in Galopp, wobei er die Hände des
+Mädchens, die sich vor seiner Brust verschränkten, sanft an sich
+drückte, und so, immer rascher und rascher im engen Kreise
+herumsprengend, ersah er plötzlich die Gelegenheit, nahm einen kecken
+Anlauf und setzte mit einem prachtvollen Sprung--ungelogen wohl zwölf
+Schuh hoch und zwanzig weit--über die Köpfe der Bauern weg, daß nur
+den letzten, die draußen standen, die Hüte von den Schädeln flogen.
+Und während die Weiber laut aufschrien, die Gendarmen fluchten und mit
+gezogenem Seitengewehr ihm nachsetzten, auch ein paar unschädliche
+Pistolenkugeln ihm nachknallten, sprengte er über Wiesen und Felder
+bergan, das entführte Mädchen sicher auf seinem Rücken haltend, wie
+ein Löwe, der ein Lamm aus einer Schafhürde geraubt hat und es unter
+dem Schreien und Drohen der nachjagenden Hirten in seine Höhle trägt.
+
+Als es oben angekommen war, wo eine tiefe Schlucht den Abhang
+durchschneidet, hielt er still und wandte sich zu seinen Verfolgern um,
+die noch tief unter ihm in ohnmächtiger Wut die Steile hinaufkeuchten.
+Ich konnte sein Gesicht, selbst durch mein kleines Fernrohr, nicht
+mehr deutlich erkennen, sah aber, daß er sich zu dem Mädchen
+zurückwandte und nun, wahrscheinlich von ihrer Angst und ihrem
+kläglichen Flehen gerührt, ihre Hände losließ, so daß sie sacht von
+seinem Rücken auf die Wiese niedergleiten konnte. Ihre Lage war
+allerdings nicht die angenehmste. So sehr ihr die ritterliche
+Huldigung des Fremden geschmeichelt hatte, und eine so traurige Figur
+ihr Schatz neben ihm spielte,--eine solide Versorgung konnte sie von
+diesem reitenden Ausländer nicht erwarten. Als sie daher merkte, daß
+aus dem Spaß Ernst werden sollte, behielt ihre praktische Natur die
+Oberhand, und sie wehrte sich entschieden gegen alle Entführungsgelüste.
+Wie eine gejagte Gemse vor dem Treiber sprang sie von Stein zu Stein
+den Abhang hinunter ihrem Schneider wieder in die Arme.
+
+Der Zentaur sah ihr eine Weile nach, und meine Phantasie malte sich
+deutlich den Ausdruck eines göttlichen Hohnes aus, der durch seine
+Mienen blitzte und dann einer erhabenen Schwermut wich. Als die wilde
+Jagd mit Toben und Kreischen ihm auf die Weite eines Steinwurfs nahe
+gekommen war, winkte er noch einmal mit der Hand hinunter--einen Gruß,
+den ich wohl mir allein aneignen durfte--, schwenkte dann gelassen,
+mit einer fast herausfordernden Wendung seines Hinterteils, nach
+rechts ab und verschwand unseren nachstarrenden Blicken in der
+pfadlosen Kluft, um nie wieder aufzutauchen.
+
+Wir hatten alle andächtig zugehört, nur Rahl schien zu schlafen,
+wenigstens blinzelten seine geschlitzten Satyraugen verdächtig in den
+Mondschein. Als der Erzähler jetzt schwieg, tat er einen tiefen
+Seufzer und erhob sich vom Sitz, an der Wand herumtastend, wie um
+seinen Hut vom Haken zu nehmen.
+
+Accidente! wollt Ihr schon aufbrechen! sagte Genelli. Hol die Pest
+alle die feigen Schlafmützen! Wir sind eben im besten Zuge--Die
+Geschichte hat mir die Zunge ausgedörrt--noch einen Spitz, Herr
+Schimon! Auf die Gesundheit aller revenants, die Zentauren mit
+einbegriffen. Sie haben zwar keine bleibende Stätte in diesem
+miserablen neunzehnten Jahrhundert und müssen sich wieder
+hinausmaßregeln lassen. Aber sagt selbst: wenn man zu wählen hätte
+zwischen dem Schneider, der das Glück hat und die Braut heimführt, und
+jenem armen Burschen--ich wenigstens, so lange noch ein roter
+Tropfen--aber corpo di Bacco! Schimon, wo bleibt mein Carlowitzer?
+
+Der Wirt näherte sich mit ehrerbietiger, geheimnisvoller Miene, Sie
+wissen, Herr Genelli, raunte er ihm zu, wenn es auf mich ankäme--aber
+beim besten Willen--die Instruktionen sind erst neulich verschärft
+worden, und ich habe einen Wischer bekommen, weil ich hier oben noch
+eine halbe Minute nach Eins-Ah so, murmelte der alte Meister und stand
+unwillig auf. Immer die ewigen Scherereien. Die Nacht ist ja noch
+lang genug, und ob wir's hier oben einmal mit der Polizeistunde nicht
+so genau nehmen, wem schadet's? Aber man ist ein armer Tropf, und der
+selige Achilleus hat recht:
+
+Lieber ein Tagelöhner im Licht, als König der Schatten!
+
+Geben Sie mir die Hand, Schütz. Es ist hier so verwünscht dunkel,
+oder sollte mir die Geschichte zu Kopf gestiegen sein? Wo ist der
+kleine Karl, uns heimzuleuchten? Felice notte!
+
+Damit ging er leicht auf den Arm des hageren Freundes gelehnt, voran,
+ganz mit seinem alten rüstigen Schritt und aufrechter Haltung, aber
+barhaupt, und so folgten ihm die andern. Der kleine Karl schwankte,
+ein Kellerlämpchen hoch über seinem Kopf haltend, voran, Schimon war
+der letzte und wartete an der Tür auf mich, als wolle er hinter mir
+abschließen. Er tat es aber nicht, sprach auch kein Wort zu mir,
+sondern sah mich nur mit einem wehmütigen Zwinkern seiner kleinen
+schwarzen Augen an, als wollte er sagen: wir haben bessere Zeiten
+erlebt!--Während wir durch den langen düsteren Hausgang schritten,
+fiel es mir auf, daß ich keinen Fußtritt hörte. Und dann wollte auch
+der Gang kein Ende nehmen, so hastig wir hindurchgingen. Ich sah noch
+deutlich über die Scheitel der anderen weg Genellis graues Haupt durch
+das Zwielicht ragen, von dem Lämpchen rot angeschienen. Es fiel mir
+aufs Herz, daß ich ihm noch so viel zu sagen hatte, vor allem ihn
+fragen wollte, wann er hier wieder zu treffen sei. Ich sputete mich,
+ihm nachzukommen, und in der Tat trennten mich von ihm nur wenige
+Schritte. Aber je rascher ich ging, desto unerreichbarer blieb er mir.
+Endlich trat mir der kalte Schweiß auf die Stirn, der Atem stockte
+mir, ich fühlte meine Füße wie von Bleigewichten an den Boden gezerrt.
+--Nur ein paar Augenblicke will ich hier ausruhen, Herr Schimon! sagte
+ich und sank auf eines der Fässer, die an der Wand standen.--Sagen Sie
+es den Herren--sie sollen draußen auf mich warten!
+
+Es kam keine Antwort. Statt dessen fuhr ein scharfer Luftzug durch
+die offene Tür, verlöschte die Lampe des kleinen Karl und wehte mir in
+das heiße Gesicht. In demselben Augenblick dröhnte es Eins vom
+Frauenturm, und ich hörte eine Stimme neben mir: Das Haus wird
+geschlossen. Ich muß schon bitten, Herr, daß sie sich eine andere
+Schlafstelle suchen.
+
+Erstaunt sah ich auf und starrte einem ganz unbekannten,
+vierschrötigen Hausknecht ins Gesicht.
+
+Verzeiht, guter Freund, stammelte ich, ich habe mich hier nur einen
+Augenblick--die Herren sind ja auch eben erst gegangen.
+
+Ja so, sagte er, Sie gehören zu der geschlossenen Gesellschaft, die
+hier einmal in der Woche Tarock spielt. Wenn ich sie etwa nach Hause
+bringen soll-Ich erhob mich rasch und trat auf die Straße hinaus.
+Meine Stirn war kühl geworden, das Herz desto wärmer, und wie ich
+gegen den Mondhimmel sah, an dem leichtes Gewölk in phantastischen
+Streifen hinzog, summte ich leise die Worte:
+
+Wolkenzug und Nebelflor
+Erhellen sich von oben;
+Luft im Laub und Wind im Rohr--
+Und alles ist zerstoben.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der letzte Zentaur, von Paul Heyse.
+
+
+
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+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der letzte Zentaur, by Paul Heyse
+
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+The Project Gutenberg EBook of Der letzte Zentaur, by Paul Heyse
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+
+
+Title: Der letzte Zentaur
+
+Author: Paul Heyse
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9066]
+[This file was first posted on September 2, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
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+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER LETZTE ZENTAUR ***
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+
+E-text prepared by Delphine Lettau
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+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
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+
+
+
+
+Der letzte Zentaur
+
+Paul Heyse
+
+Novelle
+
+(1904)
+
+
+
+
+
+
+Vom Turm der Frauenkirche schlug es Mitternacht.
+
+Ich kam aus einer Gesellschaft, in der man sich vergebens bemueht hatte,
+eine sehr lahme und trockene Unterhaltung mit gutem Wein in Fluss zu
+bringen. Der Kopf war mir immer heisser geworden und das Herz immer
+kuehler. Endlich hatte ich mich weggestohlen in den sommerwarmen
+Mondschein hinaus und schlenderte ziellos durch die totenstille,
+taghelle Stadt, um den Unmut ueber die verlorenen Stunden verdampfen zu
+lassen. Als ich an der ehrwuerdigen Marienkirche vorbei durch das
+Frauengaesschen in die Kaufingergasse trat, blieb ich ploetzlich stehen.
+
+Mir gegenueber lag, seine drei Stockwerke mit den dunklen Fenstern
+gegen Mitternacht erhebend, ein wohlbekanntes Haus mit vorspringender
+Ecke und einem blauen Laternchen ueber dem Eingang, in dem ich vor mehr
+als einem Jahrzehnt manche unvergessliche Nacht bei schlechterem
+Getraenk als heute, aber unter feurigeren Gespraechen zugebracht hatte.
+Ich las die Inschrift ueber der zierlich geschnitzten, von zwei
+Karyatiden gestuetzten Holzumrahmung des Torwegs: "Weinhandlung von
+August Schimon".
+
+Jawohl, sagte ich vor mich hin, die Zeiten wandeln sich und wir mit
+ihnen! Das ist noch derselbe Name, der damals in jeder Woche unsre
+Losung war. Aber der ihn trug, der behaebige Mann mit dem schwarzen
+Kraushaar und den verschmitzten kleinen Augen,--wo ist er hingekommen?
+Sein Gluecksstern hatte nur ueber diesem Hause leuchten wollen. Als er
+es verliess, um in einem prachtvollen Hotel den Wirt zu machen, war es
+mit ihm rueckwaerts gegangen, bis zu einem traurigen Ende. Seine
+Gutmuetigkeit soll ihn in unglueckliche Spekulationen anderer verwickelt
+haben, vielleicht auch ein phantastischer Zug zum Grossen und Gewagten,
+den er mit einigen seiner Gaeste gemein hatte. Er war eben ein
+Idealist unter den Gastwirten, und sein Andenken ist mir teuer
+geblieben, trotz seiner Weine, auf die Freund Emanuel damals nach der
+Melodie des Dies irae die schoene Strophe dichtete:
+
+
+Sed post Schimonense vinum
+Malum venit matutinum,
+Luctum quod vocant felinum!
+
+
+Heutzutage, da die Erben das Geschaeft fortsetzen, sollen die Weine
+sich bedeutend gebessert haben und der alten Firma Ehre machen. Aber
+koennen die besten neuen Weine fuer die gute alte Gesellschaft
+entschaedigen, die nun nicht mehr von ihnen trinkt und den trueben
+Lethetrank oder selbst den Nektar der Unsterblichkeit gern hingaebe um
+ein paar Flaschen jenes dunkelroten Ungarweines, den wir mit
+Todesverachtung und "festlich hoher Seele" so manchmal hier "dem
+Morgen zugebracht"? Wie gern liess' ich alles morgendliche Nachweh
+ueber mich ergehen, koennt' ich noch einmal dich, teurer Genelli, hinter
+dem Tische in dem niedrigen leichtangerauchten Weinstuebchen sitzen
+sehen, die volle Unterlippe halb freudig, halb trotzig aufgeworfen,
+waehrend eine goettliche Kinderfroehlichkeit dir aus den Augen blitzte!
+Damals warst du noch nicht Grossherzoglich Weimarischer Professor und
+Falkenritter; du hattest noch nicht in dem Freiherrn von Schack den
+Maezen gefunden, der dich in den Stand setzte, die Entwuerfe deiner
+Jugend endlich nach jahrzehntelangem Hoffen und Harren in Farben
+auszufuehren. Oben in deinem bescheidenen Quartier am Stadtgarten
+sassest du, und die Gesellschaft deiner Goetter und Heroen liess dich die
+Welt vergessen, die dich vergass. Aber wenn du auch oft zu warm warst,
+um die Bleistifte zu bezahlen, mit denen du, in zarten Linien leicht
+umrissen, deine Traeume von den Goettern Griechenlands auf reinliche
+Blaetter schriebst: nie sah ich den Schatten von Erdennot und Sorge auf
+deiner olympischen Stirn, die wie ein Berggipfel ueber allem Gewoelk
+sich im ewigen Aether sonnte. Und wie auch die Sorge an deinem Herde
+die Rolle des Heimchens spielen mochte--einmal in jeder Woche lenktest
+du den Schritt zu diesem Hause, um den Anflug von Staub und Moder, der
+sich etwa an deine Seele zu setzen versucht, im Weine wegzuspuelen. Ob
+der wackere Schimon die Ehre zu schaetzen wusste, die du ihm antatest?
+Ich entsinne mich kaum, dass ich dich deinen Wein haette bezahlen sehen,
+wie andere Erdensoehne. Freilich warst du auch stets der Letzte, der
+ging, noch ganz aufrechten Hauptes und festen Ganges, gefeit gegen das
+vielberufene malum matutinum, und auch darum vielleicht unserm Wirt so
+teuer, weil du den Glauben an die Unverfaelschtheit seines roten Ungar
+mit der Macht deiner Rede und deines Beispiels verteidigtest.
+
+Schoene, ambrosische Mitternaechte, wenn der zweifelhafte Nektar seine
+Kraft bewies und den Meister ueber alle Not der Gegenwart hinweg in
+seine roemische Jugend zurueckfuehrte! Dann wurden, waehrend Dichtung und
+Wahrheit sich traulich in eins verschlangen, die Schatten der wackeren
+Vorfahren heraufbeschworen, die in Rom zuerst, nach Winckelmanns und
+Carstens Heimgange, der deutschen Kunst eine Freistaette bereitet
+hatten. Der seltsame Poet und seltsamere Maler, der als Maler Mueller
+dem heutigen Geschlecht trotz neuer Ausgaben seiner Schriften nur noch
+dem Namen nach bekannt ist, und von dem Genelli gern eine Strophe
+anfuehrte, die er sehr bewunderte, eine Inschrift auf einem Trinkgefaess,
+folgender Fassung:
+
+Trinke, Freund, aus dieser Schale,
+Die der Gott der Lust
+Einst geformt bei einem Goettermahle
+Auf Cytherens Brust.
+
+Als zweiter dann, der nicht minder wunderliche Tiroler Koch, von
+dessen trefflichen Landschaften jedoch weniger gesprochen wurde, als
+von seiner "Rumfordschen Suppe", jener mit derbem Witz und bitterem
+Hohn reichlich ueberpfefferten Herzensergiessung ueber den Verfall der
+Kunst, deren Kraftstellen unser Freund mit schmunzelndem Behagen zu
+zitieren liebte. Endlich der alte Reinhard, ein wackerer Meister in
+seiner Art, und doch minder gross und gluecklich als Kuenstler, denn als
+Jaeger. Noch hoer' ich Genelli die beruehmte Geschichte erzaehlen, wie
+der alte Nimrod eines Tages im Zwielicht mit leerer Jagdtasche und dem
+Schuss noch in der Flinte in sein daemmriges Zimmer trat, unwirsch ueber
+den verlorenen Tag. Da sieht er auf seinem Tisch etwas sich regen,
+als ob es davon laufen wolle, und in ungekuehlten Jagdtriebe reisst er,
+ohne sich zu besinnen, das Gewehr von der Schulter, legt an und
+schiesst. Als er hinzutritt, zu sehen, was er geschossen, findet er
+einen alten Kaese, den die Kugel glatt durchbohrt hat, ohne doch das
+tausendfaeltige Leben in ihm zu toeten.
+
+Das ist eine von den sogenannten Jagdgeschichten! erlaubte sich,
+waehrend die anderen lachten, ein kleiner duerrer Mann zu bemerken, der
+den Kunstkritiker machte, fuer den Realismus schwaermte, dennoch aber
+sich haeufig an diesem Tisch einfand, wo die idealistischen Spoetter
+sassen. Sie wollen uns doch nicht zumuten, Genelli, an diese Kaesejagd
+zu glauben?
+
+Der Meister blitzte ihn mit seinem gutmuetigsten Jupiterblicke an.
+
+Ihnen mute ich ueberhaupt nicht zu, etwas zu glauben, was Sie nicht
+sehen, sagte er. Aber wenn diese Geschichte nicht wahr ist, so ist
+auch die folgende erlogen, die ich doch selbst erlebt habe. Es war in
+Leipzig; ich stehe eines Abends am Fenster meiner Wohnung und blicke
+auf den Markt hinunter. Da sehe ich ein kleines altes Weibchen, das
+langsam mit trippelnden Schritten ihres Weges geht und mit einem
+Stoeckchen auf dem Pflaster etwas vor sich her zu treiben scheint, was
+ich nicht erkenne. Ich gehe endlich hinunter, um zu sehen, was es ist.
+Was war es? Eine Herde kleiner alter Handkaese, die das Weibchen auf
+diese Art zu Markte trieb.
+
+Nun fand es auch der kleine Kritiker geraten, mitzulachen. Er wusste,
+er durfte die Langmut des Olympiers nicht zu sehr auf die Probe
+stellen, wenn er nicht mit einer vollen Ladung Rumfordscher Suppe
+ueberschuettet sein wollte. Denn als der einzige Realist unter uns
+Idealisten haette er, trotz seiner zweischneidigen Zunge, den kuerzeren
+gezogen.
+
+Nur einer lachte nicht mit, dessen aschfarbenes, schlechtrasiertes
+Gesicht ich ueberhaupt nie habe lachen sehen, obwohl ihm bei allem, was
+Genelli tat und sagte, in heimlicher Bewunderung das Herz im Leibe
+lachte: ein langer, hagerer, scheublickender Mann, in sehr schaebigem
+Rock, von veraltetem Schnitt, der in einem kahlen Zimmerchen, wie es
+hiess, von der Luft lebte und nie etwas anderes tat, als dass er, wenn
+ein tollkuehner Kunsthaendler sich zu einem solchen Unternehmen
+aufschwang, Genellis Entwuerfe in leichter Umrissmanier in Kupfer stach.
+Dies, und das Bewusstsein, Platens Freundschaft besessen zu haben,
+waren deine einzigen Lebensfreuden, ehrlicher Schuetz. "Die Treue, sie
+ist kein leerer Wahn!" Und du hast sie redlich bis ans Ende bewaehrt.
+Als dein Meister zu den Schatten hinabstieg, um sich auf der
+Asphodeloswiese zu seinen homerischen Helden, seiner Hexe und seinem
+Wuestling zu gesellen, litt es auch dich nicht laenger hier oben in der
+Sonne. Ein Schatten eines Schattens zu sein, schien die ruehmlicher,
+als hier noch laenger koerperlos herumzuwanken.
+
+Ein anderer der Getreuen war schon vorausgegangen: der edle,
+hochsinnige Holsteiner Charles Ross, dessen Landschaften mit
+Verschmaehung der modernen Virtuosenkuenste jener certa idea
+nachstrebten, die einst einen Poussin und Claude begeistert hatte. An
+seiner staehlernen Mannesseele, der es an schneidigen Ecken und Kanten
+nicht fehlte, hatte die weiblich zarte Huelle vor der Zeit sich
+zerrieben. Denn ausser dem Schmerz, in einer Epoche zu leben, die in
+der Kunst ganz andere Goetter verehrte, als die ihm die wahren schienen,
+drueckte auf ihn der Lebenskummer um die gefesselte und geknechtete
+Heimat, deren Befreiung und Heimkehr zu den deutschen Stammesgenossen
+er nicht mehr erleben sollte. Auch ihn, wie Genelli, habe ich nie
+klagen hoeren, wohl aber zuernen und spotten hoeren, wobei dann seine
+sanften blauen Augen unter der weissen, von blondem Haar ueberwallten
+Stirn seltsam leuchteten wie vom Widerschein seiner staehlernen Seele.
+An Genelli hat er in dessen sorgenvollster Zeit mehr getan als irgend
+ein anderer seiner Freunde; er war es auch, der ihm in Baron Schack
+den hilfreichen Goenner und Freund zufuehrte und die Bestellung seines
+Raubes der Europa vermittelte, wodurch dem Einsamen auf der Schwelle
+des Alters noch einmal die Genugtuung wurde, sein bestes Wollen und
+Koennen in einer Reihe grosser Schoepfungen auszusprechen, freilich nicht
+ganz ohne Spuren der langen Vereinsamung, in der er seine
+kraftvollsten Jahre hingefristet hatte.
+
+Soll ich die anderen noch aufzaehlen, die Juengeren, die sich an jenen
+Abenden um den Meister scharten? Sie leben und schaffen noch, und
+nicht alle sind dem Bekenntnis jener stillen Gemeinde treugeblieben,
+deren Stolz es war, eine ecclesia pressa zu sein und allem schwaechlich
+duerren und seelenlosen Unwesen des modernen kuenstlerischen
+Rationalismus den Ruecken zu kehren. Einer aber, der es aeusserlich am
+weitesten gebracht und die Genusskraft des alten Heidentums nicht bloss
+darum besass, um desto schmerzlicher zu entbehren, sondern in vollen
+Zuegen Lebensfreuden schluerfte, Karl Rahl,--auch er ist schon zu jener
+stillen Schar versammelt, die er auf Erden nur dann und wann besuchte,
+aus Italien oder von Wien herueberreisend, um dem alten Freunde die
+Hand zu schuetteln und ein paar Tage aus dem vollen mit ihm zu leben.
+
+Ich sehe ihn noch, wie er bei einem dieser Besuche auch abends zu
+Schimon kam und alle, die ihn noch nicht kannten in Erstaunen setzte
+durch die unerhoerten Massen Fleisches, die er ruhig, ohne viel
+Aufhebens von seinem Appetit oder der Zubereitung zu machen, rein zur
+Stillung des dringendsten Beduerfnisses zu sich nahm. Er hatte etwas
+vom Loewen, der mit gleicher Wuerde und Kraft, ohne Gier und
+Feinschmeckerei seine Kost zermalmt. Da begreift man, sagte der
+Kunstkritiker mir ins Ohr, dass das Fleischmalen seine Force ist, bei
+solchen Naturstudien!--Aber als er dann satt war und sich nun in die
+Unterhaltung mischte, konnte man merken, dass der Leib sich nicht auf
+Kosten des Geistes so heroisch naehrte. Denn unmerklich ohne
+rhetorische Kuenste, mit der unscheinbaren Gewalt eines reichen Wissens
+und eines hellen Verstandes, der allen Ideenstoff sofort in Saft und
+Blut verwandelte, fing er an das Gespraech zu beherrschen, dass wir alle
+an seinen Lippen hingen, waehrend es von der kahlen Stirn des
+geistreichen Satyrgesichts wie eine prophetische Flamme leuchtete.
+Genelli sass schweigsam neben ihm, verklaert von dem bruederlichen Stolz,
+seinen Freund aus allen Wortkaempfen als Sieger hervorgehen zu sehen.
+Er trank an dem Abend fuer zwei, waehrend Rahl kaum einmal vom Ungar
+nippte. So sassen sie wie die Dioskuren beisammen, jeder auf seinen
+Stern vertrauend, den Stern der Schoenheit, der in die dampfumwoelkte
+Gegenwart nur truebe hereinleuchtete, in solchen Naechten aber den
+Eingeweihten im alten hellenischen Glanz erschien.
+
+Solche Naechte! Wie lange schon waren sie verglueht und verglommen, und
+wie hell leuchteten sie beim Anblick jenes Hauses in der Erinnerung
+auf. Vieles hatten die Jahre seitdem gebracht, redliche Kaempfe und
+froehliche Siege, heitere Tage und Naechte genug mit alt' und jungen
+Freunden--solche Naechte nicht wieder!
+
+Eine feierliche Wehmut ueberkam mich; ich liess den Kopf auf die Brust
+sinken und vertiefte mich eine Weile in den Abgrund dieses
+geheimnisvollen Erdendaseins. In die Tuer mir gegenueber war ich,
+seitdem die stille Gemeinde in alle Winde zerstreut war, nie wieder
+eingetreten. Was hatte ich dort auch zu suchen? Heute fuehlte ich
+einen unwiderstehlichen Trieb, wenigstens in den langen Flur
+hineinzuspaehen, durch den uns sonst der kleine schwindsuechtige Kellner,
+Karl, der nun auch laengst einen besseren Schlaf geniesst,
+hinauszuleuchten pflegte, um das Haustor hinter uns zu schliessen. Ich
+versuchte den Tuergriff, und obwohl die Polizeistunde schon laengst
+vorueber war, gab die Tuer dennoch willig und geraeuschlos nach. Es
+mussten noch Gaeste drin beim Weine sitzen.
+
+Aber um keinen Preis der Welt haette ich's uebers Herz gebracht, fremde
+Gesichter an der geweihten Staette zu sehen.
+
+Ich setzte mich, um nur noch einen Augenblick in der Stille meinen
+Erinnerungen nachzuhaengen, auf eines der leeren Faesser, die an der
+Wand standen, und sah den tiefen Hausgang hinunter, aus dessen
+Hintergrunde eine schlaefrig rote Laterne mich vertraulich anblinzte.
+Es war im Hause totenstill, und eine seltsame Moderkuehle, mit
+Weingeruch vermischt, wehte mich aus Flur und Kellertreppe an. Dann
+und wann hoerte ich draussen einen Nachtschwaermer vorbeitrappen und
+konnte an seinem gleichen oder ungleichen Schritt erkennen, ob es ihm
+kuehl oder schwuel unterm Hute war. Durch die halboffene Tuer fiel ein
+armsdicker gleissender Strahl des Mondlichtes herein, auf den ich
+unverwandt starren musste, als sollte mir von daher, wie weiland Jakob
+Boehme durch den Sonnenstrahl auf einer zinnernen Schuessel, eine
+mystische Offenbarung zuteil werden. Ich wartete aber umsonst--und
+ueber dem Harren und Sinnen wollten mir endlich eben die Augen
+zufallen-Da kam ein schlurfender Schritt aus der Tiefe des Hausgangs
+auf mich zu, jener bekannte schlaftrunkene Kellnerschritt in
+ausgetretenen Hausschuhen. Ich dachte, man komme mich hier
+wegzuweisen, damit das Haus geschlossen werden koennte, und fuhr in die
+Hoehe. Erschrocken sah ich die wohlbekannte Gestalt des kleinen Karl
+vor mir stehen.
+
+Sie sind es? sagte ich. Wie kommen Sie denn wieder hierher? Sind sie
+denn nicht laengst-Er sah mich aus seinen mueden, geroeteten Augen so
+wunderlich an, dass mir das Wort in der Kehle stecken blieb.
+
+Die Herren schicken mich, sagte er in schlaefrig-leisem Ton, um zu
+sehen, ob Sie denn noch nicht kommen. Es sei schon sehr spaet, und sie
+wuerden nicht mehr lange bleiben.
+
+Welche Herren? fragte ich, waehrend ich von meiner Tonne herunterstieg.
+
+Sie kennen sie ja wohl, erwiderte der Kleine und wendete sich schon,
+um wieder hineinzugehen. Uebrigens wie sie wollen. Die Herren
+meinten nur-Damit ging er mir voran, und ich besann mich nicht laenger,
+der seltsamen Einladung zu folgen. Auch fuehlte ich, wunderbarerweise,
+nicht den leisesten unheimlichen Schauer. Ich koennte fast glauben,
+dies sei ein Traum, sagte ich so fuer mich hin; aber ich habe doch die
+Augen weit offen und sehe die rote Laterne und hoere das Huesteln des
+kleinen Karl. Nun, was es auch sei und wen ich auch sehen werde,--in
+diesem Haus und unter so guten Freunden brauche ich mich nicht zu
+fuerchten.
+
+Und doch, als wir uns der Tuer der Weinstube naeherten, musste ich
+ploetzlich stehen bleiben. Das Herz klopfte mir heftig, und eine tiefe
+Ruehrung ueberschauerte mich. Denn aus dem Innern hoerte ich nun
+deutlich eine unvergessliche Stimme, die mir zum letzten Male so
+wehmuetig Lebewohl zugerufen hatte auf dem verschneiten
+Schiller-und-Goethe-Platz zu Weimar.
+
+Er soll nur hereinkommen, erscholl die Stimme wieder, mit der alten
+freudigen Kraft und Frische. Per Bacco! er wird doch dem Wein nicht
+abgeschworen haben und unter die Wasserdichter oder Bierphilister
+gegangen sein? Guten Abend, Freund! Setzen Sie sich zu uns. Der
+Schuetz wird ein wenig Platz machen. Oder wollen Sie sich lieber bei
+Charles Ross niederlassen? Karl, noch einen Spitz! Man lebt nur
+einmal--haett ich beinah gesagt.
+
+Ich war eingetreten, und ein rascher Blick hatte mir gezeigt, dass ich
+unter lauter Bekannten war. Auf seinem gewoehnlichem Platz an der Wand
+mein alter Genelli, neben ihm, etwas magerer und blasser und, wie es
+schien, in truebseliger Laune sein Dioskurenzwilling, gegenueber die
+beiden schon genannten, die auseinanderrueckten, um mir einen Platz in
+ihrer Mitte freizumachen. Sie nickten mir alle zu, und Freund Ross
+murmelte etwas, das ich nicht verstand. Keiner aber bot mir die Hand,
+und auch sonst war ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer in ihren
+Mienen, der mich nachdenklich machte. Vor einem jeden stand eine
+halbvolle Flasche und ein Glas mit rotem Wein, aus dem sie dann und
+wann in bedaechtiger Stille einen langen Zug tranken. Dann gluehten fuer
+einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen, und es fuhr ein
+Zucken durch ihren Koerper, als wollten sie eine Last abschuetteln.
+Gleich darauf sassen sie wieder starr und stumm und senkten die Blicke
+ins Glas.
+
+Ich konnte, obwohl keine Gasflamme brannte, jede Miene in diesen
+vertrauten Gesichtern deutlich erkennen, denn der Mond schien mit
+blendender Klarheit durch ein Seitenfenster herein und erleuchtete
+gerade unseren Tisch, waehrend die Winkel des Gemachs dunkel blieben.
+Nun regte sich dahinten noch eine Gestalt und naeherte sich mir, mich
+zu begruessen. Ich erkannte den schwarzen, schon etwas mit Silber
+angesprengten Krauskopf unseres Wirts und wunderte mich ueber mich
+selbst, dass mich dieses Wiedersehen fast lebhafter erschuetterte als
+das der trefflichen Freunde.
+
+Sie bemuehen sich in Person, Herr Schimon, rief ich, als ich ihn Glas
+und Flasche vor mich hinstellen sah. Wahrhaftig, ich haette mir nicht
+traeumen lassen, dass ich noch einmal das Vergnuegen haben wuerde--Wieder
+brachte ich den Satz nicht zu Ende, denn ich sah ploetzlich alle Blicke
+auf mich gerichtet, als fuerchte man, dass ich etwas Ungeschicktes sagen
+moechte.
+
+Unser Herr Wirt darf doch nicht fehlen, wenn wir uns einmal wieder
+eine gute Stunde goennen! fiel mir Genelli ins Wort. Setzen Sie sich
+zu uns, Herr Schimon. Ihr Wein will heute nicht recht waermen. Und
+was haben Sie sich fuer eine sparsame Gasbeleuchtung angeschafft?
+Gleichviel! wo solche Leute beisammen sitzen, koennen sie ihr eigenes
+Licht leuchten lassen. Aber mit dem Rahl ist nichts anzufangen.
+Celesti dei! wie kann man sich gewisse unvermeidliche Dinge dermassen
+zu Herzen nehmen! Der Mensch lebt nicht von Fleisch allein, und der
+ganze uebrige Bettel--pah!
+
+Er ruempfte, wie er es gern tat, wenn ihm wohl war von trotzigem
+Selbstgefuehl, die volle Unterlippe und leerte sein Glas auf einen Zug.
+--Niemand sprach ein Wort; der kleine Karl schlich mit einer vollen
+Flasche heran und setzte sie vor den Meister hin. Ich sah jetzt, dass
+Genelli der einzige war, dessen Augen kein Hauch von Truebsinn und
+Muedigkeit verschleierte, und dass der maechtige Kopf auf dem Stiernacken
+noch so ungebeugt sich bewegte wie je in seinen lebensfrohesten Tagen.
+
+Nun sagen Sie, wandte er sich wieder zu mir, wie laeuft die Welt? Was
+treiben Sie? Was macht das grosse Irrlicht? Naehrt es sein windiges
+Flaemmchen noch immer aus dem Sumpfboden der faulen Zeit und seiner
+eigenen Nichtsnutzigkeit? Ich habe Ihnen einmal die Karikaturen
+gezeigt, die ich auf diesen grossen Impostor gemacht habe; sie sind
+freilich noch nicht zeitgemaess, aber auch ihre Zeit wird kommen, wenn
+ueberhaupt noch ein Hahn nach ihm kraeht, sobald er das Zeitliche
+gesegnet hat. Pah! der wird sich wundern, wenn er an einen gewissen
+Fluss kommt und uebergesetzt sein will und der alte Faehrmann ihm erst
+den Pass revidiert. Aber wir wollen uns den Wein nicht verderben. Es
+lebe, wer's ehrlich meint!
+
+Jeder erhob sein Glas, ich wollte mit Charles Ross anklingen, merkte
+aber, dass es nicht angebracht war. Er trank stillschweigend, nickte
+mir schwermuetig zu und setzte das Glas lautlos wieder hin.
+
+A proposito "wer's ehrlich meint!" fing Genelli wieder an, was macht
+denn unser Kunstvogt, der Kritikus? Warum haben Sie ihn heute nicht
+mitgebracht? Wissen Sie, so recht konnte ich eigentlich nie ein Herz
+zu ihm fassen, aber ein ehrlicher Kerl ist er doch. Er streckte sich
+eben nach seiner Decke, die manchmal verdammt kurz war. Davon bekam
+er dann selbst eine Ahnung, wenn ihm die Zehen froren, und dann sah er
+sich nach was Besserem, Groesserem und Breiterem um, und in solchen
+Stunden verstanden wir uns ganz gut. Hernach aber kroch er doch
+wieder ins Enge zurueck, da das nun einmal Mode ist in dieser
+bettelhaften, pauvren Zeit. Haben Sie ihn lange nicht gesehen?
+
+Das letzte Mal, erwiderte ich, haben Sie uns wieder zusammengefuehrt.
+Ich traf ihn vor Ihrer Omphale in der Schackschen Galerie. Er wusste
+nicht genug den Bacchantenzug unten in der Predelle zu loben. Solche
+Zentauren, sagte er, haben selbst die Alten nicht zu stande gebracht,
+solch verwuenscht leibhaftiges, liederliches Gesindel von Manngaeulen
+oder Rossmenschen, und nun erst die Weiberstuten, zumal die eine da
+oben, die an der Rose riecht, die sind so mit Haenden zu greifen, dass
+keinem einfaellt zu fragen, ob man mit zwei Maegen, zwei Herzen und
+sechs Gliedmassen auch vor der gestrengen Wissenschaft der Anatomie
+bestehen koenne. Sie wissen, setzte er hinzu, ich bin sonst ein
+Anhaenger des entschiedensten Realismus und glaube, dass die Zeit der
+Goetter, Helden und Zentauren vorbei ist. Aber vor diesen Genellischen
+Fabelwesen muss man den Hut abziehen, die haben Rasse; es kommt mir
+manchmal vor, als muesse er dabei gewesen sein, als koenne kein Mensch
+sich solch verteufeltes Heidenzeug aus den Fingern saugen.
+
+Er ist auch dabei gewesen! sagte der Meister nun, und sein froehlicher
+Blick wurde fast feierlich. Und was insbesondere die Zentauren
+betrifft, warum soll ich es leugnen, dass ich wirklich diese
+merkwuerdige Schicht der antiken Gesellschaft in einem Musterexemplar
+studiert habe, dass ich so gluecklich gewesen bin, den letzten der
+Zentauren persoenlich kennen zu lernen?
+
+Alle Augen richteten sich jetzt auf ihn, der die seinigen aber
+durchaus nicht niederschlug, wie man sonst wohl zu tun pflegt, wenn
+man auf einer Muenchhausiade nicht gleich ertappt zu werden wuenscht.
+
+Ich will Ihnen die Geschichte erzaehlen, fuhr er fort, sich heiter im
+Kreise umblickend. Es scheint ohnehin heute kein rechter Diskurs
+zustande kommen zu wollen. Der Rahl, seitdem er vom Fleisch gefallen,
+ist unter die Trappisten gegangen; seine jetzige Diaet--sie ist
+freilich miserabel genug--schlaegt ihm weder geistig noch leiblich an.
+Freund Ross, glaub' ich, denkt an Weib und Kind, und der Schuetz war nie
+ein grosser Redner. Abgedankte Leute wie wir sollten allerdings stille
+liegen und den Mund nur auftun zu einem Kyrie oder Peccavi. Aber wie
+sagt Falstaff? Hol die Pest alle feigen Memmen! Karl, noch einen
+Spitz! Und nun will ich euch sagen, wie das mit dem Zentauren sich
+ereignet hat.
+
+Es war im ersten Sommer, als ich mich in Muenchen niedergelassen hatte,
+das Jahr hab' ich vergessen. Juni und Juli waren kuehl gewesen, dafuer
+brach im August eine solche Mordhitze herein, dass man hier in der
+Stadt wie im Fegefeuer nach Luft schnappte und ich's wahrhaftig bei
+der Arbeit nicht aushielt, ausser in dem paradiesischen Kostuem, in dem
+Freund Rahl damals in Rom in seinem Atelier herumging, zum Staunen der
+schoenen Nachbarinnen gegenueber, die durchs offene Fenster hereinsahen,
+und zu grossem Aergernis ihrer signori mariti, die endlich den Hern
+Pfarrer des Viertels an ihn abschickten, um ihn zu christlich ehrbarer
+Zucht und Bekleidung zu ermahnen. Wie der Schalk da dem Biedermann um
+den Bart gegangen, ihm mit gutem Schinken aufgewartet und mit Orvieto
+so lange eingeheizt hat, dass auch dem Pfarrer endlich die Glut zum
+Dach herausschlug und er sich zureden liess, eines seiner Gewaender nach
+dem anderen abzulegen, bis er in derselben einfachen Sommertracht wie
+sein Wirt auf den kuehlen Fliesen herumspazierte,--das habt ihr, denk'
+ich, noch in guter Erinnerung. Genug, ich hielt es zuletzt nicht
+laenger aus und beschloss, mir im Gebirge einen besser geluefteten
+Schattenwinkel zu suchen, als meine Dachkammer war. So fuhr ich mit
+dem Stellwagen eine Strecke ins Land hinein gegen den Inn zu und
+wanderte dann von der ersten Station, wo mir die Gegend gefiel, mit
+meinem leichten Raenzel bergan.
+
+Obwohl aber dort das Flusstal hinunter "ein guter Luft" ging, wie die
+Tiroler sagen, merkte ich doch bald, dass ich des Steigens in der
+Mittagssonne ungewohnt war, und war froh, nach zwei sauren Stunden ein
+grosses Dorf aus dichtem Walnusslaub mir zuwinken zu sehen, recht fett
+und bequem auf der sanftansteigenden Halde hingelagert. Gegen Westen
+stieg der Berg jaehlings in die Hoehe, bis endlich auch den Tannen und
+Foehren der Atem ausging und sie ihm nicht mehr nachklettern konnten.
+Da oben hinter den kahlen Gipfeln musste die Sonne selbst im Hochsommer
+fruehzeitig verschwinden und der Bergesschatten eine angenehme Kuehle
+ueber den Abhang ergiessen.
+
+Also war ich rasch entschlossen, hier Rast zu machen, obwohl es fuer
+heute nicht sehr ruhig herzugehen versprach. Es war eben Kirchweih
+und das einzige Wirtshaus gestopft voll von trinkenden, kegelnden und
+juhschreienden Bauern. Ueberdies waren ein paar Kauf- und
+Schaubuden dicht neben dem Wirtsgarten aufgeschlagen, zwischen denen
+sich ein buntes Gedraenge hin und her trieb, besonders vor der Bude
+eines Italieners, der ein ausgestopftes Kalb mit zwei Koepfen und fuenf
+Fuessen fuer ein paar Kreuzer sehen liess. Ich versparte mir diesen Genuss
+fuer den Abend, da ich vor allem nach einem kuehlen Trunk lechzte,
+schlug mich auch endlich durch Flur und Treppe durch bis auf die obere
+Laube, wo ich hinter dem Gelaender des Altans ganz in der Ecke einen
+Sitz auf der Bank und ein Seidel roten Tiroler eroberte. Den Wein
+stellte ich vor mich auf die hoelzerne Brustwehr, streckte mich nach
+Herzenslust aus und sah, waehrend ich langsam mich verkuehlte, ueber das
+Bauerngewuehl unten um die Tische ueber den Gartenzaun und die naechsten
+Huetten hinweg in die prachtvolle Gebirglandschaft hinaus.
+
+Kaum eine halbe Stunde mochte ich so geruht haben, da sah ich auf dem
+breiten Feldwege, der zu dem naechsten, hoeher gelegenen Doerfchen fuehrte,
+einen ganz seltsamen Schwarm sich heranbewegen.
+
+Ich glaubte im ersten Augenblicke, der Wein, den ich etwas hastig
+getrunken, werfe so wunderliche Blasen in meiner Phantasie, dass ich am
+hellen Tage einen fabelhaften Traum traeumte. Auch war die wunderliche
+Gruppe noch so ferne, wohl drei Buechsenschuesse von meinem Luginsland,
+dass ich meinen Augen wohl misstrauen durfte. Aber obwohl sich's in
+ruhigem Schritt fortbewegte, kam es doch unaufhaltsam naeher, und nun
+konnte ich endlich nicht mehr zweifeln, dass ich in Wirklichkeit "sah,
+was ich sah, und hoerte, was ich hoerte".
+
+Stellt euch vor, in der goldigsten Herbstsonne kam auf der weissen
+staubenden Bergstrasse ein riesenhafter Zentaur dahergetrabt, in einem
+wuerdevollen beschaulichen Viervierteltakt, wie der alte Schimmel, der
+im Wilhelm Tell mitspielt und den Landvogt in die hohle Gasse tragen
+muss. Hinter ihm drein, aber in scheuer Entfernung, etwa um einige
+Pferdelaengen, zottelte und trottelte ein lautloser Haufen alter
+Muetterchen, lahmer und presshafter Maennlein und ganz junger Kinder,
+alles naemlich, was von jenem abgelegenen Dorfe entweder zu alt oder zu
+jung gewesen war, um die nachbarliche Kirchweih mitzufeiern. Der
+riesige fremde Gast mochte sich mit Gutem oder Boesem so in Respekt
+gesetzt haben, dass man ihm ohne jede Anfechtung, weder durch Geschrei,
+noch taetliche Neckereien, das Geleit gab. Aber je naeher der
+abenteuerliche Zug dem Kirchweihdorfe kam, desto deutlicher sah ich
+besonders die Weiblein bemueht, die Aufmerksamkeit der noch
+ahnungslosen Nachbarn schon von weitem zu erregen, durch Winke mit den
+duerren Armen, Krueckstoecken und Kopftuechern, auf die freilich ueber der
+Tanzmusik und dem Festtreiben rings um mich her keine Menschenseele
+aufmerksam wurde.
+
+So konnte sich das heidnische Ungetuem unbeschrien der Dorfmark naehern,
+und erst, als es bei den letzten Huetten vorbeitrabte und nun gerade
+auf das Wirtshaus lossteuerte, wurden die Bauern inne, dass sich etwas
+ganz Unerhoertes begab. Nun war freilich der Effekt, den dies
+Intermezzo machte, um so gewaltiger. Im Nu stob alles auseinander,
+was unten im Wirtsgarten und um die Schaubuden sich zusammengedraengt
+hatte. Wie Ameisen durcheinander wimmeln, wenn man mit dem Stock in
+ihren Bau stoesst, so stuerzten Maenner und Weiber in wilder Flucht vom
+Wirtshaus weg, und jedes suchte eine Tuer, einen Zaun oder einen Baum
+zu erreichen, hinter denen man vor dem ungefuegen vierbeinigen Mirakel
+auf den ersten Anlauf sicher waere. Ebenso hastig aber fuhren alle,
+die in den Haeusern und oberen Raeumen der Schenke waren, an die Fenster
+und starrten entsetzt nach dem Scheuel und Greuel hinaus. Auf den
+Laerm des ersten Aufruhrs folgte eine tiefe Stille; selbst die Hunde,
+die erst wuetend losgebellt hatten, zogen sich, als sie die maechtigen
+Hufe des Ankoemmlings gewahrten, vorsichtig mit bangem Winseln zurueck,
+und nur die kleinen Bauernpferde, die an ihren Krippen schmausten,
+begruessten ihn mit zutraulich gastfreundlichem Wiehern, da er ja
+jedenfalls, soweit er zu ihnen gehoerte, ihrem Geschlecht alle Ehre
+machte.
+
+Ich war vielleicht der einzige, der nicht den Kopf verlor, zunaechst
+als ein alter eingeteufelter Heide, der ich war, und in der ganzen
+fabelhaften Naturgeschichte wohlbewandert, dann aber auch, weil das
+Entzuecken ueber die ungemeine Schoenheit des Fremdlings keine Furcht
+aufkommen liess.
+
+Was ich selber hernach an solchen Zwiegeschoepfen gemalt, oder Freund
+Haehnel in seinem Dresdener Theaterfries gemeisselt hat, wuerde sich
+gegen diesen goettlichen Burschen in Fleisch und Bein ausgenommen haben
+wie Halbblut gegen Vollblut.
+
+Obgleich freilich an das, was man heutzutage Vollblut nennt, nicht
+gedacht werden darf, wenn man sich einen Begriff machen will von der
+Gaulhaelfte des wundersamen Kirchweihgastes. Denkt an den Bucephalus
+oder das trojanische Pferd, oder meinethalben an den prachtvollen
+Streithengst, der den Grossen Kurfuersten auf der langen Bruecke traegt,
+und nun stellt euch vor, dass der ganze heroische Gliederbau von der
+glattesten silbergrauen Decke ueberzogen war, unter der man jede Muskel
+spielen und bei jedem Faeltchen, das sie warf, die Sonne wie auf
+hochgeschorenem Samt schimmern sah. Aus diesem maechtigen Gestell
+wuchs ein Menschenleib hervor, der sich mit dem tierischen wohl messen
+konnte--Arme, Brust, Schultern wie vom Farnesischen Herkules gestohlen,
+so recht in der Mitte zwischen fett und hager, die Haut sanft
+angebraeunt und ebenfalls hie und da stark behaart, wie denn auch von
+dem maechtigen dunklen Schopf, der ihm Stirn und Haupt umwallte, noch
+eine wehende Maehne bis tief auf den Ruecken hinunterwucherte, uebrigens,
+gleich dem lang nachschleppenden kohlschwarzen Rossschweif, dem
+Anschein nach wohlgepflegt. Es war ueberhaupt nicht zu verkennen: das
+Fabelwesen hielt etwas auf sein Aeusseres. Keine Spur von
+tausendjaehrigem Staub und Unrat, der Bart am Kinn zierlich gestutzt
+und gekraeuselt, und wie ich mich erst getraute, ihm naeher in das
+ernsthaft treuherzige Gesicht zu sehen, das nur etwa so wild war wie
+ein Bube, der aus Verlegenheit trotzig dreinschaut, bemerkte ich, dass
+er einen kleinen Rosenzweig, eben frisch, wie es schien, vom Strauch
+gebrochen, in das dichte Haar hinters Ohr gesteckt hatte.
+
+So kam das schoene Ungeheuer gemaechlich in den Hof der Dorfschenke
+getrabt, aus dem sofort auch der letzte Gast, den Masskrug an die Brust
+gedrueckt, mit lautem Geschrei ins Haus oder in die Wirtschaftsgebaeude
+fluechtete. Der Schwarm von alten Weibern und Bauernkindern, der ihm
+das Geleit gegeben, blieb draussen auf der Dorfstrasse stehen, und ueber
+der Verwegenheit des hohen Reisenden, sich so leichtbegleitet mitten
+in die Kirchweih zu begeben, schien allen das Wort in der Kehle zu
+erstarren. Wenigstens hoerte man ringsum nur ein verhaltenes Summen
+und Schwirren, aus dem nur dann und wann ein paar Naturlaute des
+Schreckens und der Angst hervorkreischten. Alle erwarteten das
+Entsetzlichste, und wohl nur wenige mochten sein, die den Spuk nicht
+gerade fuer den leibhafen Gottseibeiuns hielten, der gekommen sei, das
+saemtliche halb betrunkene Gesindel recht in seiner Suenden
+Kirchweihbluete in die Hoelle abzufuehren.
+
+Der alte Heide aber zeigte sich trotz seiner hoellischen Pferdefuesse als
+ein ganz zahmer, menschenfreundlicher Kamerad. Er sprengte
+geradeswegs auf die hohe Laube zu, auf der ich sass, und sah mit einer
+hoeflichen Miene, wie einer, der gerne mit einem Fremden anbinden
+moechte, mir ins Gesicht, der ich ihm ebenso artig zunickte. Dann aber
+richtete er seine grossen glaenzenden Augen auf das Schenkmaedchen, das
+neben mir stand, zwei offene Flaschen voll Tirolerwein in den Haenden.
+Sie hatte sie fuer die Gaeste heraufgetragen, die das Hasenpanier
+ergriffen hatten, und stand nun, da sie, obwohl mit dem Dorfschneider
+verlobt, ein munteres, kouragiertes Frauenzimmer war, ohne Scheu neben
+mir auf dem Altan, um die Wundergestalt in aller Arglosigkeit zu
+betrachten. Dem Fremdling mochte die saubere Dirne--man hiess sie die
+schoene Nanni--ebenfalls einleuchten, nicht minder auch der rote Wein,
+den sie trug. Mit so viel Lebensart, wie man solchen Rossmenschen kaum
+zutrauen sollte, nahm er den Rosenzweig hinterm Ohre hervor, roch erst
+daran und ueberreichte ihn dann ohne Muehe, da Haupt und Schultern noch
+ueber die Bruestung der Laube herausragten, dem schoenen Kinde, das etwas
+geschaemig tat, die Blumen aber doch nicht ausschlug, sondern in ihren
+Brustlatz neben den silbernen Loeffel steckte. Zugleich schien sie
+gemerkt zu haben, worauf die ganze Huldigung abzielte.
+
+Ohne Zaudern reichte sie ihrem Verehrer die beiden vollen Flaschen
+hinaus, die er auch mit freundlichem Kopfnicken ergriff, und dann in
+so raschen Zuegen leerte, wie unsereins zwei Glaeser Champagner
+hinunterstuerzt.
+
+Ein beifaelliges Murmeln unter den Kopf an Kopf gedraengten Zuschauern
+begleitete diese ganze trauliche Szene, und ein paar kecke Burschen
+wagten sogar ein "Wohl bekomm's!" oder "Gesegn' es Gott!" zu rufen,
+wurden aber gleich von den Vorsichtigeren niedergezischt. Aber auch
+dem fremden Gast schien der Wein die Zunge geloest zu haben. Er sagte
+erst dem Maedchen einige Artigkeiten, die sie aber nicht verstand und
+nur mit Kichern und Kopfschuetteln erwiderte. Dann wandte er sich an
+mich, fragte mich, wo er sich hier befinde, und wie das wilde Volk
+heisse mit den Pelzhauben und der ohrenzerreissenden Musik, unter das er,
+er wisse selbst nicht wie, geraten sei. Ich antwortete-Erlauben Sie,
+Herr Genelli, unterbrach ihn der Wirt, der gleich uns anderen begierig
+gelauscht hatte, in welcher Sprache unterhielten Sie sich mit dem
+antiken Herrn?
+
+Im reinsten Griechisch, Herr Schimon; Sie moegen es nun glauben oder
+nicht. Er sprach es natuerlich etwas fliessender als ich, aber mit
+einem Anflug an den jonischen Dialekt, der mir hie und da das
+Verstaendnis erschwerte. Indessen, es ging. Not bricht Eisen und
+lehrt radebrechen. Sie werden selbst schon erlebt haben, dass Sie im
+Traume ganz korrekt Ungarisch oder Spanisch sprachen, was Ihnen sonst
+sauer werden moechte. Aber unterbrechen Sie mich nicht wieder; lassen
+Sie mir lieber einen neuen Spitz Carlowitzer kommen. Wo war ich denn
+stehen geblieben? Richtig, wo ich den Spiess umdrehte und ihn fragte,
+wie es im Homer steht:
+
+Wer er sei und woher, wo er wohnt und wer die Erzeuger.
+
+Da kamen denn kuriose Dinge heraus.
+
+Stellt euch vor, der arme Bursche war vor so und so viel tausend
+Jahren hoch oben durchs Gebirge geritten, in Geschaeften, wie er sagte,
+da er als Landarzt--Kreisphysikus wuerde man's heute nennen--einen
+gewaltig grossen Bezirk zu versehen hatte, lauter wildes, armes Volk,
+Hirten, Baerenjaeger, Pfahlbauern usw. Nun war's gerade ein heisser Tag,
+und er hatte bei seiner Praxis ueberall scharf gezecht, hineingegossen,
+was die Leute ihm gerade vorsetzten, da er sie meist um ein Glas Wein
+oder Enzianbranntwein kurierte, und wie er mittags an eine
+Gletscherhoehle kommt, denkt er, du willst ein Schlaefchen machen,
+streckt sich in der daemmerigen blauen Eisspelunke hin und schlaeft
+richtig ein. Was weiter geschehen, wusste er freilich nicht zu sagen,
+und auch ich konnte ihm nur die Vermutung aussprechen, dass Schnee-
+oder Eismassen um ihn zusammengestuerzt und heute erst wieder aufgetaut
+sein muessten, dass er, wie jenes Mammutungetuem im Polareise, frisch und
+ohne jeden Hautgout sich in seinem Eiskeller konserviert habe, nur mit
+dem Unterschiede, dass auch sein Geist, dank dem vielen genossenen
+Spiritus, durch den unmaessigen Winterschlaf hindurch keinen Schaden
+gelitten und er nun als ein vorsintflutliches mythologisches Raetsel
+auf vier gesunden Beinen in unsere entgoetterte Welt hineinsprengen
+koenne. Ich suchte ihm in aller Kuerze, so gut es ging, ueber die
+ungeheure Kluft hinwegzuhelfen, die sein Erwachen von seinem
+Einschlafen trennte. Aber ich merkte bald, dass die summarische
+Weltchronik, die ich vor ihm aufrollte, ihn sehr wenig interessierte.
+Er schuettelte nur den Kopf, als ich ihm erzaehlte, die Goetter
+Griechenlands seien ein ueberwundener Standpunkt, und mit dem kleinen
+Lutherischen Katechismus wusste er ebensowenig anzufangen wie mit dem
+heiligen Augustin oder Pius IX. Auch die politischen Umwaelzungen der
+letzten dreitausend Jahre liessen ihn voellig kalt. Als ich endlich
+schwieg, seufzte er so recht vom Grunde seiner ehrlichen
+Zentaurenseele auf und sagte: er werde von allem, was ich ihm da
+vorgefabelt, aus dem Zehnten nicht klug, und das sei ihm auch ganz
+gleichgueltig. So viel merke er, dass ihm ein recht haemischer Possen
+gespielt worden sei mit jener Aufbewahrung im Eiskeller; inzwischen
+sei alles anders geworden und nur er derselbe geblieben, wessen er
+sich eben nicht schaeme, denn nach den wenigen Proben scheine ihm die
+Welt viel lumpiger, schaebiger und nicht einmal gescheiter geworden zu
+sein, die Waelder duenner, der Wein saurer, die Weiber--bis auf seine
+Freundin "Nannis oder Nannidion" (wie er sich das Nannerl ins
+Griechische uebersetzte)--plumper und einfaeltiger. Nun erzaehlte er,
+was er seit seinem Erwachen fuer Erfahrungen gemacht hatte.
+
+Kaum war ihm naemlich sein Gletschermantel von den Schultern
+geschmolzen, und er hatte sich die letzten Nebel des Schlafs aus den
+Augen gerieben, so war er ins Freie hinausgetrabt, aergerlich ueber die,
+wie er waehnte lange Versaeumnis von vierundzwanzig Stunden, da er einen
+schweren Patienten eine Stunde tiefer im Tal zu besuchen hatte. Als
+er sich aber umsah, schien ihm alles so wunderlich, dass er noch
+fortzutraeumen glaubte. Dichte Waelder, durch die er sich sonst pfadlos
+hindurchzuwinden hatte, waren verschwunden; auf Wiesen, wo sonst der
+Ur und der wilde Steinbock gegrast, sah er Herden buntfarbiger Kuehe
+weiden; hie und da stand ein Blockhaus am Wege, hoch hinauf mit Heu
+angefuellt, und nicht selten sah er kleine Steige gebahnt, oder Balken
+ueber Giessbaeche gelegt, die er frueher mit einem maechtigen Satz hatte
+ueberspringen muessen. Kopfschuettelnd hielt er still und ueberlegte bei
+sich, wie sich das alles ueber Nacht verwandelt haben moechte. Da er
+aber kein Freund von ueberfluessigem Nachsinnen war, beschloss er, eine
+benachbarte Waldnymphe um Aufschluss zu bitten, mit der er auf
+vertraulichem Fusse stand. Er rief ihren Namen in die Schlucht
+hinunter, aus der noch wie damals die maechtigen Edeltannen
+heraufragten. Sonst war sie gleich oben im Wipfel erschienen, da sie
+sehr einsam lebte und gerne eine Ansprache hatte. Heut zeigte sich
+nur ein altes Weib, das Enzian sammelte und beim Anblick des
+vierbeinigen Ungeheuers mit heiserem Jammergeschrei und heftigem
+Kreuzschlagen sich ins Dickicht verkroch.
+
+Also trabte er immer nachdenklicher seines Weges weiter, und da es
+gerade Sonntag war und die Kirchweih alles, was eine saubere Jacke und
+ein paar Kreuzer in der Tasche trug, in das Dorf hinuntergelockt hatte,
+begegnete er auch keiner Menschenseele, als ein paar Hueterbuben, die
+ebenso hastig vor ihm Reissaus nahmen wie das Kraeuterweib. Nun sah er
+auch unten die ersten kleinen Haeuser, die mit ihren weissgetuenchten
+Waenden und blanken Fensterchen als ein neues Raetsel ihm
+entgegenschimmerten. Hier hatten sonst nur verfallene Huetten der
+wilden Ziegenhirten gestanden, elende Pferche zwischen Gestruepp und
+Klippen. War eine Stadt aus der Ebene ausgewandert und hatte sich in
+die Berge verstiegen? Ein seltsames Gebaeude mit hohem Dach und
+spitzem Turm ragte aus den Schindeldaechern in die Luefte, und oben aus
+den schwarzen Turmluken drang ein unerklaerliches Summen und Schallen
+hervor, das er nie gehoerte hatte, und das in seiner feierlichen
+Eintoenigkeit ihn vollends bestuerzt machte.
+
+Das Grauenhafteste aber in dem ganzen Maerchen, das ihn an seinen
+gesunden Sinnen zweifeln liess, begegnete ihm, als er den ersten Huetten
+des oberen kleinen Dorfs sich naeherte. Unter einem spitzen,
+rotgetuenchten Bretterdach hing da ein Mann mit ausgebreiteten,
+blutruenstigen Armen an ein Kreuz genagelt, aus einer Seitenwunde
+blutend, die Stirn von grossen Blutstropfen ueberquollen, die unter den
+spitzigen Stacheln eines dicken Dornkranzes hervordrangen. Gleichwohl
+schien der Gemarterte noch am Leben. Er hatte die Augen weit geoeffnet
+nach oben gekehrt, und der kundige Blick des Zentauren fand auch an
+den nackten Gliedern noch nicht die Farbe der Verwesung.
+
+Er redete den armen kleinen Mann mit seiner freundlichsten Stimme an,
+fragte, um welches Verbrechen man ihn so schwer buessen lasse, ob er ihm
+vielleicht von seinem Marterholz herunterhelfen und die Wunden
+verbinden solle. Als er keine Antwort erhielt, beruehrte er sacht die
+Brust des stummen Dulders. Da merkte er, dass es nur ein hoelzernes
+Bild war. Ein Rosenstrauch war neben dem Stamm des Kreuzes gepflanzt.
+Von dem pflueckte er einen kleinen Zweig, roch daran, wie um wieder
+etwas Liebliches zu geniessen, und verliess dann die Staette mit immer
+unheimlicherem Staunen.
+
+Im Dorf hatte gerade der Pfarrer, ein altes Maennlein, das den
+Kirchweihfreuden laengst abgestorben war, fuer die andern zu Hause
+gebliebenen Invaliden einen Vespergottesdienst begonnen, zu dem die
+kleinen Buben das Gelaeut besorgten. Wie nun der Fremdling, dem alles,
+was ihm links und rechts in die Augen fiel, ein Raetsel war, an die
+offene Kirchentuere kam, hielt er an und spaehte neugierig in das
+halbdunkle Innere. Ein Sonnenstrahl fiel durch das kleine
+Seitenfenster neben dem Altar und beleuchtete das Bild einer
+wunderschoenen Frau mit goldenen Haaren in blau und rotem Gewand, die
+einen Knaben auf dem Arm und eine Lilie in der Hand trug. Sie hatte
+die grossen, sanften Augen gerade auf ihn gerichtet, als wolle sie ihn
+einladen, naeher zu treten. Zu ihren Fuessen, ihm den Ruecken zuwendend,
+stand der kleine Pfarrer im Ornat, und die saemtliche Gemeinde kniete
+jetzt, gleich ihm, vor der schoenen Frau. Du solltest doch
+hineintreten und sie dir etwas naeher betrachten, sagte der Fremde zu
+sich selbst. Und gedacht, getan. Er trabt, ohne an etwas Arges zu
+denken, durch das Portal und geradewegs ueber die Steinfliesen, die von
+seinem maechtigen Hufschlag droehnten, auf den Altar zu.
+
+Welch einen Spektakel das gab, kann man sich denken. Im ersten
+Augenblick freilich versteinerte der Schrecken ueber diese
+Tempelschaendung durch ein so unerhoertes, geradewegs der Hoelle
+entstiegenes Ungeheuer die ganze andaechtige Gemeinde samt ihrem
+Seelsorger. Dann aber besann sich dieser, der trotz seiner achtzig
+Jahre durchaus kein Don Abbondio war, dass der Eindringling niemand
+anders als der leibhaftige Satan sein koenne, erhob, was er gerade
+Geweihtes in der Hand hatte, und rief, es gegen den Versucher
+schwingend, mit lauter Stimme sein "Apage! Apage! und nochmals Apage!"
+--Beim Zeus, sagte der Zentaur, das freut mich, endlich einem
+redenden Menschen zu begegnen, der noch dazu griechisch spricht. Du
+wirst mir nun wohl auch sagen koennen, Alter, wer diese schoene Frau ist,
+ob sie noch lebt, was ihr hier treibt, und wie sich ueberhaupt alles
+seit gestern so fabelhaft veraendert hat.--Den Pfarrer ueberlief es
+eiskalt, als er sich von dem boesen Feinde anreden hoerte, noch dazu in
+einer Sprache, die ihm natuerlich griechisch war. Wieder erhob er
+seinen Ruf und schlug ein Kreuz ueber das andere, wich aber doch ein
+wenig vom Altar zurueck, da ihn die Unbefangenheit des hohen Fremden
+einschuechterte, und haette sich dieser nicht umgesehen, wer weiss, wie
+es abgelaufen waere. Jetzt aber kam die Reihe, sich zu fuerchten, an
+unsern Rossmenschen. Denn wie er die vom Schreck verstoerten
+Wackelkoepfe der alten Maenner und die verwelkten Gesichter der greisen
+Weiblein unter ihren hohen Pelzhauben saemtlich anstarren sah, ueberkam
+ihn ploetzlich die Furcht, er moechte in ein Konventikel von Hexen und
+Zauberern geraten sein und Strafe leiden, wenn er ihr geheimes Wesen
+noch laenger stoere. Also machte er, nachdem er der schoenen Blauaeugigen
+noch einen verehrungsvollen Blick zugeworfen, auf einmal kehrt und
+stob mit gewaltigen Saetzen, den Schweif wie zur Abwehr boeser Geister
+hoch um den Ruecken schlagend, ueber das hallende Pflaster zur offenen
+Tuer hinaus.
+
+Werter Freund, sagt' ich, als er mir das alles treuherzig gebeichtet
+und meine Aufklaerungen nur halb verstanden hatte, Ihr seid in einer
+verwuenschten Lage. Wie Ihr da geht und steht, moechte es schwer halten,
+Euch in der modernen Gesellschaft einen Platz ausfindig zu machen,
+der zu Euren Gaben und Anspruechen passte. Waeret Ihr nur ein paar
+Jahrhunderte frueher aufgetaut, so etwa im Cinquecento, so haette sich
+alles machen lassen. Ihr haettet Euch nach Italien begeben, wo damals
+alles Antike wieder sehr in Aufnahme kam und auch an Eurer heidnischen
+Nackheit kein Mensch sich geaergert haben wuerde. Aber heutzutage und
+unter dieser engbruestigen, breitstirnigen, verschneiderten und
+verschnittenen Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt--ich
+fuerchte, mio caro, Ihr werdet es sehr bedauern, nicht lieber bis an
+den juengsten Tag im Eise geblieben zu sein! Wo Ihr Euch sehen lasst,
+in Staedten oder in Doerfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und
+mit faulen Aepfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien und
+die Pfaffen Euch fuer den Gottseibeiuns ausgeben. Die Zoologen werden
+Euch betasten und begaffen und dann erklaeren, Ihr waeret ein
+unorganisches Monstrum und koenntet nichts Besseres tun, als Euch einer
+kleinen Vivisektion unterziehen, damit man saehe, wie Euer
+Menschenmagen sich mit Eurem Pferdemagen vertrage. Seid Ihr aber der
+Scylla der Naturforscher entronnen, so fallt Ihr in die Charybdis der
+Kunstgelehrten, die Euch ins Gesicht sagen werden, dass Ihr ein
+schamloser Anachronismus, eine totgeborene nur galvanisch belebte
+Reliquie aus der Zeit des Parthenonfrieses seid, und die Kuenstler, die
+nur noch Hosen und Waemser und kleine witzige Armseligkeiten malen
+koennen, werden sich in ihren tugendhaften Armenversorgungsanstalten,
+genannt Kunstvereine, zusammenrotten und bei der Polizei darauf
+antragen, dass Ihr ausgewiesen werdet, als der oeffentlichen Moral im
+hoechsten Grade gefaehrlich. Dass Ihr Praxis bekommen koenntet, auch nur
+als Pferdearzt, ist vollends undenkbar. Man hat jetzt ein ganz
+anderes Naturheilverfahren, als zu Euren Zeiten, der vielen anderen
+gelehrten Systeme zu geschweigen, und dass ein Doktor seine Equipage
+vors Krankenbette mitbringt, ist unerhoert. Bliebe also nichts als der
+Zirkus oder die Menagerie, um Euer Brot zu verdienen, und fern sei es
+von mir, einem Mann von so guter Familie, wie Ihr, eine solche
+Erniedrigung zuzumuten. Nein, Bester, bis uns etwas Gescheiteres
+einfaellt, will ich selbst mein bisschen Armut mit Euch teilen. Wenn
+ich es recht bedenke, bin ich ja nicht viel besser daran als Ihr, muss
+mir auch von Gassenbuben und bigotten Vetteln, Aesthetikern und meinen
+eigenen werten Kollegen die groessten Schnoedigkeiten gefallen lassen,
+und seht, ich lebe noch und fuehle mich in meiner Haut tausendmal
+wohler, als all das Gewuerm und Gesindel, das mir nicht das Leben goennt.
+Coraggio! animo, amico mio! Dieser rote Wein ist zwar nur ein
+saeuerlicher Rachenputzer, aber ihr werdet Euch auch nicht zu oft in
+Nektar guetlich getan haben, und corpo della Madonna! wenn zwei rechte
+Kerls miteinander Bruederschaft trinken, so adeln sie den ordinaersten
+Tropfen.
+
+Damit reichte ich ihm meine Flasche, welche die Nanni wieder gefuellt
+hatte, und klang, das Glas erhebend, mit ihm an, wozu er als zu einem
+ganz neuen Brauch ein verdutztes Gesicht machte. Ich winkte dann dem
+Maedel, fuer neue Zufuhr zu sorgen, und so schwammen wir bald im
+Ueberfluss und wurden guter Dinge. Nach und nach machte unsere
+Kordialitaet auch das Bauernvolk vertraulich. Einige der Beherztesten
+wagten sich wieder in den Hof und zogen, da ihnen nichts zuleide
+geschah, bald die anderen nach sich. Sie besahen nun den Fremdling
+sorgfaeltig von allen Seiten. Der Jude Anselm Freudenberg, der mit
+Pferden handelte, erklaerte laut, dass um tausend Loisdors ein solcher
+Hengst halb geschenkt waere, stuende nur nicht das unnatuerliche
+Vorderteil im Wege. Denn trotz der grossen Fortschritte beim Militaer
+habe man noch nirgends Kavalleriepferde eingefuehrt, denen ihre Reiter
+angewachsen waeren. Eine vorwitzige Dirne wagte das Wundertier zu
+beruehren und das samtweiche Fell am Bug zu streicheln. Das ermutigte
+den Schmied des Dorfes, behutsam den linken Hinterfuss aufzuheben, was
+der Zentaur, der eben das siebente Seidel an die Lippen setzte, in
+aller Gutmuetigkeit geschehen liess. Es fiel ungemein auf, dass die
+starken, lichtbraunen Hufe keine Spur irgend eines Beschlages zeigten,
+und da auch sonst so vieles ganz anders war, als bei anderen
+Reitpferden, erhob sich die Frage, welcher Rasse er angehoere. Endlich,
+nachdem man lange gestritten, tat der Schulmeister den Ausspruch, da
+alle uebrigen Kennzeichen fehlten, werde es wohl die kaukasische Rasse
+sein, wogegen selbst der Jude Freudenberg nichts einzuwenden wusste.
+
+Waehrend aber so die oeffentliche Meinung sich eben mit dem Heidengreuel
+auszusoehnen schien und er wenigstens, was man einen succes d'estime
+nennt, davontrug, war eine boesartige Verschwoerung gegen den arglosen
+Fremdling im Gange. An der Spitze stand natuerlich die hochwuerdige
+Geistlichkeit, die es fuer das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr
+nachteilig fand, sich mit einem gewiss ungetauften, voellig nackten und
+wahrscheinlich sehr unsittlichen Tiermenschen naeher einzulassen.
+Ebenso aufgebracht, wenn auch aus anderen Gruenden, aeusserte sich der
+Italiener, der Besitzer des ausgestopften Kalbes mit zwei Koepfen und
+fuenf Beinen. Seit der Fremde erschienen war, hatte er mit seiner
+Missgeburt schlechte Geschaefte gemacht. Den Rossmenschen sah man gratis,
+er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wusste, ob er sich
+nicht noch bewegen liess einige Kunstreiterstueckchen zum besten zu
+geben, wozu das Kalb durchaus keine Miene machte. Das konnte der
+Italiener nicht so ruhig mit ansehen. Es sei ein Unterschied, setzte
+er dem Pfarrer auseinander, zwischen einem zuenftigen, von der Polizei
+approbierten Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen, nie
+dagewesenen Missgeburt, die ohne Pass und Gewerbeschein das Land
+unsicher mache und ehrlichen fuenfbeinigen Kaelbern das Brot vorm Maule
+wegstehle. Wenn das erst Sitte wuerde, dass solche Mondkaelber sich ohne
+Entree sehen liessen, so waere es ja gar nicht mehr der Muehe wert, mit
+einem Kopf zu wenig oder ein paar Gliedmassen zu viel auf der Welt zu
+kommen.
+
+Der hitzigste aber war der Dorfschneider, der Braeutigam der schoenen
+Nanni.
+
+Er hatte sich zwar, als das Ungetuem herantrabte, Hals ueber Kopf von
+der Laube ins Haus gefluechtet und seinen Schatz, der sich nicht
+fuerchtete, im Stich gelassen. Aber durchs Fenster sah er desto
+grimmiger mit an, wie vertraulich das Blitzmaedel mit dem hohen Herrn
+schaekerte, seine Rosen annahm und ihn wohlgefaellig betrachtete,
+waehrend er sich ihren Wein schmecken liess. Was von dem Fremden ueber
+die Brustwehr hervorragte, war wohl dazu angetan, den etwas schief
+gedrechselten Schneider im Hinblick auf seine eigene duerftige Person
+eifersuechtig zu machen. Zudem hatte ihn die Nanni, als er ihr das
+Unanstaendige ihres Betragens vorwarf, schnippisch genug abgefertigt
+und erwidert: sie verbitte sich's, dass er den Fremden einen
+unverschaemten Kerl, eine nackte Bestie, eine Staatsmaehre schimpfe. Er
+sei manierlicher und anstaendiger als manche Menschen, von denen
+dreizehn aufs Dutzend gingen, und andere koennten froh sein, wenn sie
+sich weniger zu schaemen brauchten, sich nackt zu zeigen.--Das stiess
+dem Fass den Boden aus. Zwar dem Maedel gegenueber huellte sich der
+Beleidigte in ein naseruempfendes Stillschweigen, liess aber sein
+Mundwerk desto zuegelloser laufen gegenueber dem Herrn Pfarrer, dem er
+seine Not klagte: die neue Mode, die der Unbekannte eingefuehrt, muesse
+das ganze Schneiderhandwerk ruinieren und ueberdies alle Begriffe von
+Anstand und guter Sitte ueber den Haufen werfen.
+
+Von diesen Kabalen wussten wir natuerlich nichts, sondern liessen uns
+durch die wachsende Vertraulichkeit die uebrigen Kirchweihgaeste immer
+mehr in die froehlichste Feststimmung einwiegen. Der reichlich
+genossene Wein tat das Uebrige, und so wenig meinem neuen Duzbruder das
+Volk um uns her in den hohen Hueten und Hauben, mit schwerfaelligen
+Stiefeln, kurzen Jacken und vielfaeltigen Roecken gefiel, war er doch
+wohlgesittet genug, sich's nicht merken zu lassen und keinen
+zurueckzuweisen, der ihm das volle Glas hinaufreichte. Nachgerade aber
+stieg ihm der Spuk zu Kopfe, seine Augen fingen an zu glaenzen, er liess
+einige Naturlaute hoeren, die zwischen dem landueblichen Juhschreien und
+gewoehnlichem Pferdegewieher die Mitte hielten, und als jetzt die
+Musikanten, die lange pausiert hatten, frisch zu einem Schleifer
+einsetzten, langte unser Freund, ohne ein Wort zu sagen, mit beiden
+Armen ueber die Bruestung, umfasste die schoene Nanni, und setzte sie mit
+einem leichten Schwunge sich auf den Ruecken, indem er sie durch
+Zeichen anwies, sich in seiner wallenden Maehne festzuhalten. Dann
+begann er nach dem Takte der Musik sehr zierlich sich in Bewegung zu
+setzen und in dem engen Raume zwischen Tischen und Baenken in den
+gewandtesten Courbetten seine Kunst zu zeigen, waehrend die muntere
+Dirne, ihre Arme fest um seinen Menschenleib geschlungen, dann und
+wann mit der Ferse ihres kleinen Schuhes ihm in die Seite stiess, um
+ihn zu einem rascheren Tempo anzufeuern.
+
+Das Schauspiel sah sich so allerliebst mit an, dass alle anderen Taenzer
+mit ihren Dirnen herauskamen und sich, um zuzuschauen, in einem
+dichten Kreis um das Paar herumstellten. Ich aergerte mich nur, dass
+ich mein Skizzenbuch vergessen hatte und nirgends einen Fetzen Papier
+auftreiben konnte. So musste ich mich begnuegen, mit den Augen zu
+studieren, und wahrhaftig, ich konnte mich nicht satt sehen an den
+hundert wechselnden Wendungen und Gruppierungen, wie sie der immer
+uebermuetiger und wilder herumwirbelnde Tanz an mir voruebergaukeln liess.
+
+Als es aber etwa eine Viertelstunde gedauert hatte, nahm die
+Herrlichkeit ploetzlich ein Ende mit Schrecken. Zufaellig sah ich
+einmal ueber den Hof hinaus ins Tal hinunter und bemerkte eine
+bedenkliche Kavalkade, die sich auf der Strasse vom Tal herauf dem Dorf
+naeherte: ein halb Dutzend reitender Landgendarmen und mitten unter
+ihnen, mit eifrigen Gebaerden nach der Schenke hinaufdeutend, zwei
+Zivilisten auf kleinen Bauernkleppern, in denen ich, als sie naeher
+kamen, die beiden verbissenen Kabalenmacher, den Italiener und den
+Dorfschneider, erkannte. Ich rief meinem Freunde und Duzbruder in
+meinem besten Griechisch zu, er moege auf der Hut sein; es sei auf ihn
+abgesehen. Man wolle sich, wie es scheine, tot oder lebendig seiner
+Person bemaechtigen und die ganze Rache der Philister an seiner
+Simsonsmaehne auslassen. Aber es war umsonst. Sei es, dass die Musik
+meine Warnung uebertaeubte, oder dass der Rausch des bacchantischen
+Tanzes den Trefflichen gegen jede Anwandlung von Furcht gefeit hatte,
+genug, er hielt erst einen Augenblick inne, als die bewaffnete
+Macht--die Denunzianten blieben weislich im Hintertreffen--am Hoftor
+erschien, das dichtgedraengte Publikum erschrocken zurueckwich und nun
+der Anfuehrer der Schergenbande, ein schnurrbaertiger Korporal mit
+dickem Bauch, im allergroebsten Ton die Aufforderung an ihn ergehen
+liess: auf der Stelle seinen Pass oder sein Wanderbuch vorzuweisen,
+widrigenfalls er nach der Fronfeste unten im Staedchen gebracht und
+gruendlich visitiert werden wuerde.
+
+Der gute Bursch verstand natuerlich keine Silbe, konnte auch den
+feindseligen Sinn der Worte nicht ahnen, da er aus seiner heroischen
+Welt andere Begriffe von Gastfreundschaft mitgebracht hatte. Also sah
+er sich mit einem drolligen Ausdruck von Ratlosigkeit nach mir um, und
+erst, als ich ihm erklaert hatte, dass diese breitmaeuligen Herren Jaeger
+seien und er das Wild, und dass man im Sinne habe, ihn in einen Stall
+zu sperren, wo er bei schmalem Futter ueber die Wohltat der Gesetze und
+die Fortschritte der Kultur nachdenken koenne, ging ein veraechtliches
+Laecheln ueber sein ehrliches Gesicht. Er antwortete nur mit einem
+Achselzucken, setzte sich dann, als beachte er diesen Zwischenfall
+nicht im geringsten, langsam wieder in Galopp, wobei er die Haende des
+Maedchens, die sich vor seiner Brust verschraenkten, sanft an sich
+drueckte, und so, immer rascher und rascher im engen Kreise
+herumsprengend, ersah er ploetzlich die Gelegenheit, nahm einen kecken
+Anlauf und setzte mit einem prachtvollen Sprung--ungelogen wohl zwoelf
+Schuh hoch und zwanzig weit--ueber die Koepfe der Bauern weg, dass nur
+den letzten, die draussen standen, die Huete von den Schaedeln flogen.
+Und waehrend die Weiber laut aufschrien, die Gendarmen fluchten und mit
+gezogenem Seitengewehr ihm nachsetzten, auch ein paar unschaedliche
+Pistolenkugeln ihm nachknallten, sprengte er ueber Wiesen und Felder
+bergan, das entfuehrte Maedchen sicher auf seinem Ruecken haltend, wie
+ein Loewe, der ein Lamm aus einer Schafhuerde geraubt hat und es unter
+dem Schreien und Drohen der nachjagenden Hirten in seine Hoehle traegt.
+
+Als es oben angekommen war, wo eine tiefe Schlucht den Abhang
+durchschneidet, hielt er still und wandte sich zu seinen Verfolgern um,
+die noch tief unter ihm in ohnmaechtiger Wut die Steile hinaufkeuchten.
+Ich konnte sein Gesicht, selbst durch mein kleines Fernrohr, nicht
+mehr deutlich erkennen, sah aber, dass er sich zu dem Maedchen
+zurueckwandte und nun, wahrscheinlich von ihrer Angst und ihrem
+klaeglichen Flehen geruehrt, ihre Haende losliess, so dass sie sacht von
+seinem Ruecken auf die Wiese niedergleiten konnte. Ihre Lage war
+allerdings nicht die angenehmste. So sehr ihr die ritterliche
+Huldigung des Fremden geschmeichelt hatte, und eine so traurige Figur
+ihr Schatz neben ihm spielte,--eine solide Versorgung konnte sie von
+diesem reitenden Auslaender nicht erwarten. Als sie daher merkte, dass
+aus dem Spass Ernst werden sollte, behielt ihre praktische Natur die
+Oberhand, und sie wehrte sich entschieden gegen alle Entfuehrungsgelueste.
+Wie eine gejagte Gemse vor dem Treiber sprang sie von Stein zu Stein den
+Abhang hinunter ihrem Schneider wieder in die Arme.
+
+Der Zentaur sah ihr eine Weile nach, und meine Phantasie malte sich
+deutlich den Ausdruck eines goettlichen Hohnes aus, der durch seine
+Mienen blitzte und dann einer erhabenen Schwermut wich. Als die wilde
+Jagd mit Toben und Kreischen ihm auf die Weite eines Steinwurfs nahe
+gekommen war, winkte er noch einmal mit der Hand hinunter--einen Gruss,
+den ich wohl mir allein aneignen durfte--, schwenkte dann gelassen,
+mit einer fast herausfordernden Wendung seines Hinterteils, nach
+rechts ab und verschwand unseren nachstarrenden Blicken in der
+pfadlosen Kluft, um nie wieder aufzutauchen.
+
+Wir hatten alle andaechtig zugehoert, nur Rahl schien zu schlafen,
+wenigstens blinzelten seine geschlitzten Satyraugen verdaechtig in den
+Mondschein. Als der Erzaehler jetzt schwieg, tat er einen tiefen
+Seufzer und erhob sich vom Sitz, an der Wand herumtastend, wie um
+seinen Hut vom Haken zu nehmen.
+
+Accidente! wollt Ihr schon aufbrechen! sagte Genelli. Hol die Pest
+alle die feigen Schlafmuetzen! Wir sind eben im besten Zuge--Die
+Geschichte hat mir die Zunge ausgedoerrt--noch einen Spitz, Herr
+Schimon! Auf die Gesundheit aller revenants, die Zentauren mit
+einbegriffen. Sie haben zwar keine bleibende Staette in diesem
+miserablen neunzehnten Jahrhundert und muessen sich wieder
+hinausmassregeln lassen. Aber sagt selbst: wenn man zu waehlen haette
+zwischen dem Schneider, der das Glueck hat und die Braut heimfuehrt, und
+jenem armen Burschen--ich wenigstens, so lange noch ein roter
+Tropfen--aber corpo di Bacco! Schimon, wo bleibt mein Carlowitzer?
+
+Der Wirt naeherte sich mit ehrerbietiger, geheimnisvoller Miene, Sie
+wissen, Herr Genelli, raunte er ihm zu, wenn es auf mich ankaeme--aber
+beim besten Willen--die Instruktionen sind erst neulich verschaerft
+worden, und ich habe einen Wischer bekommen, weil ich hier oben noch
+eine halbe Minute nach Eins-Ah so, murmelte der alte Meister und stand
+unwillig auf. Immer die ewigen Scherereien. Die Nacht ist ja noch
+lang genug, und ob wir's hier oben einmal mit der Polizeistunde nicht
+so genau nehmen, wem schadet's? Aber man ist ein armer Tropf, und der
+selige Achilleus hat recht:
+
+Lieber ein Tageloehner im Licht, als Koenig der Schatten!
+
+Geben Sie mir die Hand, Schuetz. Es ist hier so verwuenscht dunkel,
+oder sollte mir die Geschichte zu Kopf gestiegen sein? Wo ist der
+kleine Karl, uns heimzuleuchten? Felice notte!
+
+Damit ging er leicht auf den Arm des hageren Freundes gelehnt, voran,
+ganz mit seinem alten ruestigen Schritt und aufrechter Haltung, aber
+barhaupt, und so folgten ihm die andern. Der kleine Karl schwankte,
+ein Kellerlaempchen hoch ueber seinem Kopf haltend, voran, Schimon war
+der letzte und wartete an der Tuer auf mich, als wolle er hinter mir
+abschliessen. Er tat es aber nicht, sprach auch kein Wort zu mir,
+sondern sah mich nur mit einem wehmuetigen Zwinkern seiner kleinen
+schwarzen Augen an, als wollte er sagen: wir haben bessere Zeiten
+erlebt!--Waehrend wir durch den langen duesteren Hausgang schritten,
+fiel es mir auf, dass ich keinen Fusstritt hoerte. Und dann wollte auch
+der Gang kein Ende nehmen, so hastig wir hindurchgingen. Ich sah noch
+deutlich ueber die Scheitel der anderen weg Genellis graues Haupt durch
+das Zwielicht ragen, von dem Laempchen rot angeschienen. Es fiel mir
+aufs Herz, dass ich ihm noch so viel zu sagen hatte, vor allem ihn
+fragen wollte, wann er hier wieder zu treffen sei. Ich sputete mich,
+ihm nachzukommen, und in der Tat trennten mich von ihm nur wenige
+Schritte. Aber je rascher ich ging, desto unerreichbarer blieb er mir.
+Endlich trat mir der kalte Schweiss auf die Stirn, der Atem stockte
+mir, ich fuehlte meine Fuesse wie von Bleigewichten an den Boden gezerrt.
+--Nur ein paar Augenblicke will ich hier ausruhen, Herr Schimon! sagte
+ich und sank auf eines der Faesser, die an der Wand standen.--Sagen Sie
+es den Herren--sie sollen draussen auf mich warten!
+
+Es kam keine Antwort. Statt dessen fuhr ein scharfer Luftzug durch
+die offene Tuer, verloeschte die Lampe des kleinen Karl und wehte mir in
+das heisse Gesicht. In demselben Augenblick droehnte es Eins vom
+Frauenturm, und ich hoerte eine Stimme neben mir: Das Haus wird
+geschlossen. Ich muss schon bitten, Herr, dass sie sich eine andere
+Schlafstelle suchen.
+
+Erstaunt sah ich auf und starrte einem ganz unbekannten,
+vierschroetigen Hausknecht ins Gesicht.
+
+Verzeiht, guter Freund, stammelte ich, ich habe mich hier nur einen
+Augenblick--die Herren sind ja auch eben erst gegangen.
+
+Ja so, sagte er, Sie gehoeren zu der geschlossenen Gesellschaft, die
+hier einmal in der Woche Tarock spielt. Wenn ich sie etwa nach Hause
+bringen soll-Ich erhob mich rasch und trat auf die Strasse hinaus.
+Meine Stirn war kuehl geworden, das Herz desto waermer, und wie ich
+gegen den Mondhimmel sah, an dem leichtes Gewoelk in phantastischen
+Streifen hinzog, summte ich leise die Worte:
+
+Wolkenzug und Nebelflor
+Erhellen sich von oben;
+Luft im Laub und Wind im Rohr--
+Und alles ist zerstoben.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der letzte Zentaur, von Paul Heyse.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER LETZTE ZENTAUR ***
+
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
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+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+91 or 90
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+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
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+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
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+ 10 1991 January
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+The Project Gutenberg EBook of Der letzte Zentaur, by Paul Heyse
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+Title: Der letzte Zentaur
+
+Author: Paul Heyse
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9066]
+[This file was first posted on September 2, 2003]
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+Edition: 10
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER LETZTE ZENTAUR ***
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
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+
+
+
+
+Der letzte Zentaur
+
+Paul Heyse
+
+Novelle
+
+(1904)
+
+
+
+
+
+
+Vom Turm der Frauenkirche schlug es Mitternacht.
+
+Ich kam aus einer Gesellschaft, in der man sich vergebens bemüht hatte,
+eine sehr lahme und trockene Unterhaltung mit gutem Wein in Fluß zu
+bringen. Der Kopf war mir immer heißer geworden und das Herz immer
+kühler. Endlich hatte ich mich weggestohlen in den sommerwarmen
+Mondschein hinaus und schlenderte ziellos durch die totenstille,
+taghelle Stadt, um den Unmut über die verlorenen Stunden verdampfen zu
+lassen. Als ich an der ehrwürdigen Marienkirche vorbei durch das
+Frauengäßchen in die Kaufingergasse trat, blieb ich plötzlich stehen.
+
+Mir gegenüber lag, seine drei Stockwerke mit den dunklen Fenstern
+gegen Mitternacht erhebend, ein wohlbekanntes Haus mit vorspringender
+Ecke und einem blauen Laternchen über dem Eingang, in dem ich vor mehr
+als einem Jahrzehnt manche unvergeßliche Nacht bei schlechterem
+Getränk als heute, aber unter feurigeren Gesprächen zugebracht hatte.
+Ich las die Inschrift über der zierlich geschnitzten, von zwei
+Karyatiden gestützten Holzumrahmung des Torwegs: "Weinhandlung von
+August Schimon".
+
+Jawohl, sagte ich vor mich hin, die Zeiten wandeln sich und wir mit
+ihnen! Das ist noch derselbe Name, der damals in jeder Woche unsre
+Losung war. Aber der ihn trug, der behäbige Mann mit dem schwarzen
+Kraushaar und den verschmitzten kleinen Augen,--wo ist er hingekommen?
+Sein Glücksstern hatte nur über diesem Hause leuchten wollen. Als er
+es verließ, um in einem prachtvollen Hotel den Wirt zu machen, war es
+mit ihm rückwärts gegangen, bis zu einem traurigen Ende. Seine
+Gutmütigkeit soll ihn in unglückliche Spekulationen anderer verwickelt
+haben, vielleicht auch ein phantastischer Zug zum Großen und Gewagten,
+den er mit einigen seiner Gäste gemein hatte. Er war eben ein
+Idealist unter den Gastwirten, und sein Andenken ist mir teuer
+geblieben, trotz seiner Weine, auf die Freund Emanuel damals nach der
+Melodie des Dies irae die schöne Strophe dichtete:
+
+
+Sed post Schimonense vinum
+Malum venit matutinum,
+Luctum quod vocant felinum!
+
+
+Heutzutage, da die Erben das Geschäft fortsetzen, sollen die Weine
+sich bedeutend gebessert haben und der alten Firma Ehre machen. Aber
+können die besten neuen Weine für die gute alte Gesellschaft
+entschädigen, die nun nicht mehr von ihnen trinkt und den trüben
+Lethetrank oder selbst den Nektar der Unsterblichkeit gern hingäbe um
+ein paar Flaschen jenes dunkelroten Ungarweines, den wir mit
+Todesverachtung und "festlich hoher Seele" so manchmal hier "dem
+Morgen zugebracht"? Wie gern ließ' ich alles morgendliche Nachweh
+über mich ergehen, könnt' ich noch einmal dich, teurer Genelli, hinter
+dem Tische in dem niedrigen leichtangerauchten Weinstübchen sitzen
+sehen, die volle Unterlippe halb freudig, halb trotzig aufgeworfen,
+während eine göttliche Kinderfröhlichkeit dir aus den Augen blitzte!
+Damals warst du noch nicht Großherzoglich Weimarischer Professor und
+Falkenritter; du hattest noch nicht in dem Freiherrn von Schack den
+Mäzen gefunden, der dich in den Stand setzte, die Entwürfe deiner
+Jugend endlich nach jahrzehntelangem Hoffen und Harren in Farben
+auszuführen. Oben in deinem bescheidenen Quartier am Stadtgarten
+saßest du, und die Gesellschaft deiner Götter und Heroen ließ dich die
+Welt vergessen, die dich vergaß. Aber wenn du auch oft zu warm warst,
+um die Bleistifte zu bezahlen, mit denen du, in zarten Linien leicht
+umrissen, deine Träume von den Göttern Griechenlands auf reinliche
+Blätter schriebst: nie sah ich den Schatten von Erdennot und Sorge auf
+deiner olympischen Stirn, die wie ein Berggipfel über allem Gewölk
+sich im ewigen Äther sonnte. Und wie auch die Sorge an deinem Herde
+die Rolle des Heimchens spielen mochte--einmal in jeder Woche lenktest
+du den Schritt zu diesem Hause, um den Anflug von Staub und Moder, der
+sich etwa an deine Seele zu setzen versucht, im Weine wegzuspülen. Ob
+der wackere Schimon die Ehre zu schätzen wußte, die du ihm antatest?
+Ich entsinne mich kaum, daß ich dich deinen Wein hätte bezahlen sehen,
+wie andere Erdensöhne. Freilich warst du auch stets der Letzte, der
+ging, noch ganz aufrechten Hauptes und festen Ganges, gefeit gegen das
+vielberufene malum matutinum, und auch darum vielleicht unserm Wirt so
+teuer, weil du den Glauben an die Unverfälschtheit seines roten Ungar
+mit der Macht deiner Rede und deines Beispiels verteidigtest.
+
+Schöne, ambrosische Mitternächte, wenn der zweifelhafte Nektar seine
+Kraft bewies und den Meister über alle Not der Gegenwart hinweg in
+seine römische Jugend zurückführte! Dann wurden, während Dichtung und
+Wahrheit sich traulich in eins verschlangen, die Schatten der wackeren
+Vorfahren heraufbeschworen, die in Rom zuerst, nach Winckelmanns und
+Carstens Heimgange, der deutschen Kunst eine Freistätte bereitet
+hatten. Der seltsame Poet und seltsamere Maler, der als Maler Müller
+dem heutigen Geschlecht trotz neuer Ausgaben seiner Schriften nur noch
+dem Namen nach bekannt ist, und von dem Genelli gern eine Strophe
+anführte, die er sehr bewunderte, eine Inschrift auf einem Trinkgefäß,
+folgender Fassung:
+
+Trinke, Freund, aus dieser Schale,
+Die der Gott der Lust
+Einst geformt bei einem Göttermahle
+Auf Cytherens Brust.
+
+Als zweiter dann, der nicht minder wunderliche Tiroler Koch, von
+dessen trefflichen Landschaften jedoch weniger gesprochen wurde, als
+von seiner "Rumfordschen Suppe", jener mit derbem Witz und bitterem
+Hohn reichlich überpfefferten Herzensergießung über den Verfall der
+Kunst, deren Kraftstellen unser Freund mit schmunzelndem Behagen zu
+zitieren liebte. Endlich der alte Reinhard, ein wackerer Meister in
+seiner Art, und doch minder groß und glücklich als Künstler, denn als
+Jäger. Noch hör' ich Genelli die berühmte Geschichte erzählen, wie
+der alte Nimrod eines Tages im Zwielicht mit leerer Jagdtasche und dem
+Schuß noch in der Flinte in sein dämmriges Zimmer trat, unwirsch über
+den verlorenen Tag. Da sieht er auf seinem Tisch etwas sich regen,
+als ob es davon laufen wolle, und in ungekühlten Jagdtriebe reißt er,
+ohne sich zu besinnen, das Gewehr von der Schulter, legt an und
+schießt. Als er hinzutritt, zu sehen, was er geschossen, findet er
+einen alten Käse, den die Kugel glatt durchbohrt hat, ohne doch das
+tausendfältige Leben in ihm zu töten.
+
+Das ist eine von den sogenannten Jagdgeschichten! erlaubte sich,
+während die anderen lachten, ein kleiner dürrer Mann zu bemerken, der
+den Kunstkritiker machte, für den Realismus schwärmte, dennoch aber
+sich häufig an diesem Tisch einfand, wo die idealistischen Spötter
+saßen. Sie wollen uns doch nicht zumuten, Genelli, an diese Käsejagd
+zu glauben?
+
+Der Meister blitzte ihn mit seinem gutmütigsten Jupiterblicke an.
+
+Ihnen mute ich überhaupt nicht zu, etwas zu glauben, was Sie nicht
+sehen, sagte er. Aber wenn diese Geschichte nicht wahr ist, so ist
+auch die folgende erlogen, die ich doch selbst erlebt habe. Es war in
+Leipzig; ich stehe eines Abends am Fenster meiner Wohnung und blicke
+auf den Markt hinunter. Da sehe ich ein kleines altes Weibchen, das
+langsam mit trippelnden Schritten ihres Weges geht und mit einem
+Stöckchen auf dem Pflaster etwas vor sich her zu treiben scheint, was
+ich nicht erkenne. Ich gehe endlich hinunter, um zu sehen, was es ist.
+Was war es? Eine Herde kleiner alter Handkäse, die das Weibchen auf
+diese Art zu Markte trieb.
+
+Nun fand es auch der kleine Kritiker geraten, mitzulachen. Er wußte,
+er durfte die Langmut des Olympiers nicht zu sehr auf die Probe
+stellen, wenn er nicht mit einer vollen Ladung Rumfordscher Suppe
+überschüttet sein wollte. Denn als der einzige Realist unter uns
+Idealisten hätte er, trotz seiner zweischneidigen Zunge, den kürzeren
+gezogen.
+
+Nur einer lachte nicht mit, dessen aschfarbenes, schlechtrasiertes
+Gesicht ich überhaupt nie habe lachen sehen, obwohl ihm bei allem, was
+Genelli tat und sagte, in heimlicher Bewunderung das Herz im Leibe
+lachte: ein langer, hagerer, scheublickender Mann, in sehr schäbigem
+Rock, von veraltetem Schnitt, der in einem kahlen Zimmerchen, wie es
+hieß, von der Luft lebte und nie etwas anderes tat, als daß er, wenn
+ein tollkühner Kunsthändler sich zu einem solchen Unternehmen
+aufschwang, Genellis Entwürfe in leichter Umrißmanier in Kupfer stach.
+Dies, und das Bewußtsein, Platens Freundschaft besessen zu haben,
+waren deine einzigen Lebensfreuden, ehrlicher Schütz. "Die Treue, sie
+ist kein leerer Wahn!" Und du hast sie redlich bis ans Ende bewährt.
+Als dein Meister zu den Schatten hinabstieg, um sich auf der
+Asphodeloswiese zu seinen homerischen Helden, seiner Hexe und seinem
+Wüstling zu gesellen, litt es auch dich nicht länger hier oben in der
+Sonne. Ein Schatten eines Schattens zu sein, schien die rühmlicher,
+als hier noch länger körperlos herumzuwanken.
+
+Ein anderer der Getreuen war schon vorausgegangen: der edle,
+hochsinnige Holsteiner Charles Roß, dessen Landschaften mit
+Verschmähung der modernen Virtuosenkünste jener certa idea
+nachstrebten, die einst einen Poussin und Claude begeistert hatte. An
+seiner stählernen Mannesseele, der es an schneidigen Ecken und Kanten
+nicht fehlte, hatte die weiblich zarte Hülle vor der Zeit sich
+zerrieben. Denn außer dem Schmerz, in einer Epoche zu leben, die in
+der Kunst ganz andere Götter verehrte, als die ihm die wahren schienen,
+drückte auf ihn der Lebenskummer um die gefesselte und geknechtete
+Heimat, deren Befreiung und Heimkehr zu den deutschen Stammesgenossen
+er nicht mehr erleben sollte. Auch ihn, wie Genelli, habe ich nie
+klagen hören, wohl aber zürnen und spotten hören, wobei dann seine
+sanften blauen Augen unter der weißen, von blondem Haar überwallten
+Stirn seltsam leuchteten wie vom Widerschein seiner stählernen Seele.
+An Genelli hat er in dessen sorgenvollster Zeit mehr getan als irgend
+ein anderer seiner Freunde; er war es auch, der ihm in Baron Schack
+den hilfreichen Gönner und Freund zuführte und die Bestellung seines
+Raubes der Europa vermittelte, wodurch dem Einsamen auf der Schwelle
+des Alters noch einmal die Genugtuung wurde, sein bestes Wollen und
+Können in einer Reihe großer Schöpfungen auszusprechen, freilich nicht
+ganz ohne Spuren der langen Vereinsamung, in der er seine
+kraftvollsten Jahre hingefristet hatte.
+
+Soll ich die anderen noch aufzählen, die Jüngeren, die sich an jenen
+Abenden um den Meister scharten? Sie leben und schaffen noch, und
+nicht alle sind dem Bekenntnis jener stillen Gemeinde treugeblieben,
+deren Stolz es war, eine ecclesia pressa zu sein und allem schwächlich
+dürren und seelenlosen Unwesen des modernen künstlerischen
+Rationalismus den Rücken zu kehren. Einer aber, der es äußerlich am
+weitesten gebracht und die Genußkraft des alten Heidentums nicht bloß
+darum besaß, um desto schmerzlicher zu entbehren, sondern in vollen
+Zügen Lebensfreuden schlürfte, Karl Rahl,--auch er ist schon zu jener
+stillen Schar versammelt, die er auf Erden nur dann und wann besuchte,
+aus Italien oder von Wien herüberreisend, um dem alten Freunde die
+Hand zu schütteln und ein paar Tage aus dem vollen mit ihm zu leben.
+
+Ich sehe ihn noch, wie er bei einem dieser Besuche auch abends zu
+Schimon kam und alle, die ihn noch nicht kannten in Erstaunen setzte
+durch die unerhörten Massen Fleisches, die er ruhig, ohne viel
+Aufhebens von seinem Appetit oder der Zubereitung zu machen, rein zur
+Stillung des dringendsten Bedürfnisses zu sich nahm. Er hatte etwas
+vom Löwen, der mit gleicher Würde und Kraft, ohne Gier und
+Feinschmeckerei seine Kost zermalmt. Da begreift man, sagte der
+Kunstkritiker mir ins Ohr, daß das Fleischmalen seine Force ist, bei
+solchen Naturstudien!--Aber als er dann satt war und sich nun in die
+Unterhaltung mischte, konnte man merken, daß der Leib sich nicht auf
+Kosten des Geistes so heroisch nährte. Denn unmerklich ohne
+rhetorische Künste, mit der unscheinbaren Gewalt eines reichen Wissens
+und eines hellen Verstandes, der allen Ideenstoff sofort in Saft und
+Blut verwandelte, fing er an das Gespräch zu beherrschen, daß wir alle
+an seinen Lippen hingen, während es von der kahlen Stirn des
+geistreichen Satyrgesichts wie eine prophetische Flamme leuchtete.
+Genelli saß schweigsam neben ihm, verklärt von dem brüderlichen Stolz,
+seinen Freund aus allen Wortkämpfen als Sieger hervorgehen zu sehen.
+Er trank an dem Abend für zwei, während Rahl kaum einmal vom Ungar
+nippte. So saßen sie wie die Dioskuren beisammen, jeder auf seinen
+Stern vertrauend, den Stern der Schönheit, der in die dampfumwölkte
+Gegenwart nur trübe hereinleuchtete, in solchen Nächten aber den
+Eingeweihten im alten hellenischen Glanz erschien.
+
+Solche Nächte! Wie lange schon waren sie verglüht und verglommen, und
+wie hell leuchteten sie beim Anblick jenes Hauses in der Erinnerung
+auf. Vieles hatten die Jahre seitdem gebracht, redliche Kämpfe und
+fröhliche Siege, heitere Tage und Nächte genug mit alt' und jungen
+Freunden--solche Nächte nicht wieder!
+
+Eine feierliche Wehmut überkam mich; ich ließ den Kopf auf die Brust
+sinken und vertiefte mich eine Weile in den Abgrund dieses
+geheimnisvollen Erdendaseins. In die Tür mir gegenüber war ich,
+seitdem die stille Gemeinde in alle Winde zerstreut war, nie wieder
+eingetreten. Was hatte ich dort auch zu suchen? Heute fühlte ich
+einen unwiderstehlichen Trieb, wenigstens in den langen Flur
+hineinzuspähen, durch den uns sonst der kleine schwindsüchtige Kellner,
+Karl, der nun auch längst einen besseren Schlaf genießt,
+hinauszuleuchten pflegte, um das Haustor hinter uns zu schließen. Ich
+versuchte den Türgriff, und obwohl die Polizeistunde schon längst
+vorüber war, gab die Tür dennoch willig und geräuschlos nach. Es
+mußten noch Gäste drin beim Weine sitzen.
+
+Aber um keinen Preis der Welt hätte ich's übers Herz gebracht, fremde
+Gesichter an der geweihten Stätte zu sehen.
+
+Ich setzte mich, um nur noch einen Augenblick in der Stille meinen
+Erinnerungen nachzuhängen, auf eines der leeren Fässer, die an der
+Wand standen, und sah den tiefen Hausgang hinunter, aus dessen
+Hintergrunde eine schläfrig rote Laterne mich vertraulich anblinzte.
+Es war im Hause totenstill, und eine seltsame Moderkühle, mit
+Weingeruch vermischt, wehte mich aus Flur und Kellertreppe an. Dann
+und wann hörte ich draußen einen Nachtschwärmer vorbeitrappen und
+konnte an seinem gleichen oder ungleichen Schritt erkennen, ob es ihm
+kühl oder schwül unterm Hute war. Durch die halboffene Tür fiel ein
+armsdicker gleißender Strahl des Mondlichtes herein, auf den ich
+unverwandt starren mußte, als sollte mir von daher, wie weiland Jakob
+Böhme durch den Sonnenstrahl auf einer zinnernen Schüssel, eine
+mystische Offenbarung zuteil werden. Ich wartete aber umsonst--und
+über dem Harren und Sinnen wollten mir endlich eben die Augen
+zufallen-Da kam ein schlurfender Schritt aus der Tiefe des Hausgangs
+auf mich zu, jener bekannte schlaftrunkene Kellnerschritt in
+ausgetretenen Hausschuhen. Ich dachte, man komme mich hier
+wegzuweisen, damit das Haus geschlossen werden könnte, und fuhr in die
+Höhe. Erschrocken sah ich die wohlbekannte Gestalt des kleinen Karl
+vor mir stehen.
+
+Sie sind es? sagte ich. Wie kommen Sie denn wieder hierher? Sind sie
+denn nicht längst-Er sah mich aus seinen müden, geröteten Augen so
+wunderlich an, daß mir das Wort in der Kehle stecken blieb.
+
+Die Herren schicken mich, sagte er in schläfrig-leisem Ton, um zu
+sehen, ob Sie denn noch nicht kommen. Es sei schon sehr spät, und sie
+würden nicht mehr lange bleiben.
+
+Welche Herren? fragte ich, während ich von meiner Tonne herunterstieg.
+
+Sie kennen sie ja wohl, erwiderte der Kleine und wendete sich schon,
+um wieder hineinzugehen. Übrigens wie sie wollen. Die Herren
+meinten nur-Damit ging er mir voran, und ich besann mich nicht länger,
+der seltsamen Einladung zu folgen. Auch fühlte ich, wunderbarerweise,
+nicht den leisesten unheimlichen Schauer. Ich könnte fast glauben,
+dies sei ein Traum, sagte ich so für mich hin; aber ich habe doch die
+Augen weit offen und sehe die rote Laterne und höre das Hüsteln des
+kleinen Karl. Nun, was es auch sei und wen ich auch sehen werde,--in
+diesem Haus und unter so guten Freunden brauche ich mich nicht zu
+fürchten.
+
+Und doch, als wir uns der Tür der Weinstube näherten, mußte ich
+plötzlich stehen bleiben. Das Herz klopfte mir heftig, und eine tiefe
+Rührung überschauerte mich. Denn aus dem Innern hörte ich nun
+deutlich eine unvergeßliche Stimme, die mir zum letzten Male so
+wehmütig Lebewohl zugerufen hatte auf dem verschneiten Schiller-und-
+Goethe-Platz zu Weimar.
+
+Er soll nur hereinkommen, erscholl die Stimme wieder, mit der alten
+freudigen Kraft und Frische. Per Bacco! er wird doch dem Wein nicht
+abgeschworen haben und unter die Wasserdichter oder Bierphilister
+gegangen sein? Guten Abend, Freund! Setzen Sie sich zu uns. Der
+Schütz wird ein wenig Platz machen. Oder wollen Sie sich lieber bei
+Charles Roß niederlassen? Karl, noch einen Spitz! Man lebt nur
+einmal--hätt ich beinah gesagt.
+
+Ich war eingetreten, und ein rascher Blick hatte mir gezeigt, daß ich
+unter lauter Bekannten war. Auf seinem gewöhnlichem Platz an der Wand
+mein alter Genelli, neben ihm, etwas magerer und blasser und, wie es
+schien, in trübseliger Laune sein Dioskurenzwilling, gegenüber die
+beiden schon genannten, die auseinanderrückten, um mir einen Platz in
+ihrer Mitte freizumachen. Sie nickten mir alle zu, und Freund Roß
+murmelte etwas, das ich nicht verstand. Keiner aber bot mir die Hand,
+und auch sonst war ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer in ihren
+Mienen, der mich nachdenklich machte. Vor einem jeden stand eine
+halbvolle Flasche und ein Glas mit rotem Wein, aus dem sie dann und
+wann in bedächtiger Stille einen langen Zug tranken. Dann glühten für
+einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen, und es fuhr ein
+Zucken durch ihren Körper, als wollten sie eine Last abschütteln.
+Gleich darauf saßen sie wieder starr und stumm und senkten die Blicke
+ins Glas.
+
+Ich konnte, obwohl keine Gasflamme brannte, jede Miene in diesen
+vertrauten Gesichtern deutlich erkennen, denn der Mond schien mit
+blendender Klarheit durch ein Seitenfenster herein und erleuchtete
+gerade unseren Tisch, während die Winkel des Gemachs dunkel blieben.
+Nun regte sich dahinten noch eine Gestalt und näherte sich mir, mich
+zu begrüßen. Ich erkannte den schwarzen, schon etwas mit Silber
+angesprengten Krauskopf unseres Wirts und wunderte mich über mich
+selbst, daß mich dieses Wiedersehen fast lebhafter erschütterte als
+das der trefflichen Freunde.
+
+Sie bemühen sich in Person, Herr Schimon, rief ich, als ich ihn Glas
+und Flasche vor mich hinstellen sah. Wahrhaftig, ich hätte mir nicht
+träumen lassen, daß ich noch einmal das Vergnügen haben würde--Wieder
+brachte ich den Satz nicht zu Ende, denn ich sah plötzlich alle Blicke
+auf mich gerichtet, als fürchte man, daß ich etwas Ungeschicktes sagen
+möchte.
+
+Unser Herr Wirt darf doch nicht fehlen, wenn wir uns einmal wieder
+eine gute Stunde gönnen! fiel mir Genelli ins Wort. Setzen Sie sich
+zu uns, Herr Schimon. Ihr Wein will heute nicht recht wärmen. Und
+was haben Sie sich für eine sparsame Gasbeleuchtung angeschafft?
+Gleichviel! wo solche Leute beisammen sitzen, können sie ihr eigenes
+Licht leuchten lassen. Aber mit dem Rahl ist nichts anzufangen.
+Celesti dei! wie kann man sich gewisse unvermeidliche Dinge dermaßen
+zu Herzen nehmen! Der Mensch lebt nicht von Fleisch allein, und der
+ganze übrige Bettel--pah!
+
+Er rümpfte, wie er es gern tat, wenn ihm wohl war von trotzigem
+Selbstgefühl, die volle Unterlippe und leerte sein Glas auf einen Zug.
+--Niemand sprach ein Wort; der kleine Karl schlich mit einer vollen
+Flasche heran und setzte sie vor den Meister hin. Ich sah jetzt, daß
+Genelli der einzige war, dessen Augen kein Hauch von Trübsinn und
+Müdigkeit verschleierte, und daß der mächtige Kopf auf dem Stiernacken
+noch so ungebeugt sich bewegte wie je in seinen lebensfrohesten Tagen.
+
+Nun sagen Sie, wandte er sich wieder zu mir, wie läuft die Welt? Was
+treiben Sie? Was macht das große Irrlicht? Nährt es sein windiges
+Flämmchen noch immer aus dem Sumpfboden der faulen Zeit und seiner
+eigenen Nichtsnutzigkeit? Ich habe Ihnen einmal die Karikaturen
+gezeigt, die ich auf diesen großen Impostor gemacht habe; sie sind
+freilich noch nicht zeitgemäß, aber auch ihre Zeit wird kommen, wenn
+überhaupt noch ein Hahn nach ihm kräht, sobald er das Zeitliche
+gesegnet hat. Pah! der wird sich wundern, wenn er an einen gewissen
+Fluß kommt und übergesetzt sein will und der alte Fährmann ihm erst
+den Paß revidiert. Aber wir wollen uns den Wein nicht verderben. Es
+lebe, wer's ehrlich meint!
+
+Jeder erhob sein Glas, ich wollte mit Charles Roß anklingen, merkte
+aber, daß es nicht angebracht war. Er trank stillschweigend, nickte
+mir schwermütig zu und setzte das Glas lautlos wieder hin.
+
+A proposito "wer's ehrlich meint!" fing Genelli wieder an, was macht
+denn unser Kunstvogt, der Kritikus? Warum haben Sie ihn heute nicht
+mitgebracht? Wissen Sie, so recht konnte ich eigentlich nie ein Herz
+zu ihm fassen, aber ein ehrlicher Kerl ist er doch. Er streckte sich
+eben nach seiner Decke, die manchmal verdammt kurz war. Davon bekam
+er dann selbst eine Ahnung, wenn ihm die Zehen froren, und dann sah er
+sich nach was Besserem, Größerem und Breiterem um, und in solchen
+Stunden verstanden wir uns ganz gut. Hernach aber kroch er doch
+wieder ins Enge zurück, da das nun einmal Mode ist in dieser
+bettelhaften, pauvren Zeit. Haben Sie ihn lange nicht gesehen?
+
+Das letzte Mal, erwiderte ich, haben Sie uns wieder zusammengeführt.
+Ich traf ihn vor Ihrer Omphale in der Schackschen Galerie. Er wußte
+nicht genug den Bacchantenzug unten in der Predelle zu loben. Solche
+Zentauren, sagte er, haben selbst die Alten nicht zu stande gebracht,
+solch verwünscht leibhaftiges, liederliches Gesindel von Manngäulen
+oder Roßmenschen, und nun erst die Weiberstuten, zumal die eine da
+oben, die an der Rose riecht, die sind so mit Händen zu greifen, daß
+keinem einfällt zu fragen, ob man mit zwei Mägen, zwei Herzen und
+sechs Gliedmaßen auch vor der gestrengen Wissenschaft der Anatomie
+bestehen könne. Sie wissen, setzte er hinzu, ich bin sonst ein
+Anhänger des entschiedensten Realismus und glaube, daß die Zeit der
+Götter, Helden und Zentauren vorbei ist. Aber vor diesen Genellischen
+Fabelwesen muß man den Hut abziehen, die haben Rasse; es kommt mir
+manchmal vor, als müsse er dabei gewesen sein, als könne kein Mensch
+sich solch verteufeltes Heidenzeug aus den Fingern saugen.
+
+Er ist auch dabei gewesen! sagte der Meister nun, und sein fröhlicher
+Blick wurde fast feierlich. Und was insbesondere die Zentauren
+betrifft, warum soll ich es leugnen, daß ich wirklich diese
+merkwürdige Schicht der antiken Gesellschaft in einem Musterexemplar
+studiert habe, daß ich so glücklich gewesen bin, den letzten der
+Zentauren persönlich kennen zu lernen?
+
+Alle Augen richteten sich jetzt auf ihn, der die seinigen aber
+durchaus nicht niederschlug, wie man sonst wohl zu tun pflegt, wenn
+man auf einer Münchhausiade nicht gleich ertappt zu werden wünscht.
+
+Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, fuhr er fort, sich heiter im
+Kreise umblickend. Es scheint ohnehin heute kein rechter Diskurs
+zustande kommen zu wollen. Der Rahl, seitdem er vom Fleisch gefallen,
+ist unter die Trappisten gegangen; seine jetzige Diät--sie ist
+freilich miserabel genug--schlägt ihm weder geistig noch leiblich an.
+Freund Roß, glaub' ich, denkt an Weib und Kind, und der Schütz war nie
+ein großer Redner. Abgedankte Leute wie wir sollten allerdings stille
+liegen und den Mund nur auftun zu einem Kyrie oder Peccavi. Aber wie
+sagt Falstaff? Hol die Pest alle feigen Memmen! Karl, noch einen
+Spitz! Und nun will ich euch sagen, wie das mit dem Zentauren sich
+ereignet hat.
+
+Es war im ersten Sommer, als ich mich in München niedergelassen hatte,
+das Jahr hab' ich vergessen. Juni und Juli waren kühl gewesen, dafür
+brach im August eine solche Mordhitze herein, daß man hier in der
+Stadt wie im Fegefeuer nach Luft schnappte und ich's wahrhaftig bei
+der Arbeit nicht aushielt, außer in dem paradiesischen Kostüm, in dem
+Freund Rahl damals in Rom in seinem Atelier herumging, zum Staunen der
+schönen Nachbarinnen gegenüber, die durchs offene Fenster hereinsahen,
+und zu großem Ärgernis ihrer signori mariti, die endlich den Hern
+Pfarrer des Viertels an ihn abschickten, um ihn zu christlich ehrbarer
+Zucht und Bekleidung zu ermahnen. Wie der Schalk da dem Biedermann um
+den Bart gegangen, ihm mit gutem Schinken aufgewartet und mit Orvieto
+so lange eingeheizt hat, daß auch dem Pfarrer endlich die Glut zum
+Dach herausschlug und er sich zureden ließ, eines seiner Gewänder nach
+dem anderen abzulegen, bis er in derselben einfachen Sommertracht wie
+sein Wirt auf den kühlen Fliesen herumspazierte,--das habt ihr, denk'
+ich, noch in guter Erinnerung. Genug, ich hielt es zuletzt nicht
+länger aus und beschloß, mir im Gebirge einen besser gelüfteten
+Schattenwinkel zu suchen, als meine Dachkammer war. So fuhr ich mit
+dem Stellwagen eine Strecke ins Land hinein gegen den Inn zu und
+wanderte dann von der ersten Station, wo mir die Gegend gefiel, mit
+meinem leichten Ränzel bergan.
+
+Obwohl aber dort das Flußtal hinunter "ein guter Luft" ging, wie die
+Tiroler sagen, merkte ich doch bald, daß ich des Steigens in der
+Mittagssonne ungewohnt war, und war froh, nach zwei sauren Stunden ein
+großes Dorf aus dichtem Walnußlaub mir zuwinken zu sehen, recht fett
+und bequem auf der sanftansteigenden Halde hingelagert. Gegen Westen
+stieg der Berg jählings in die Höhe, bis endlich auch den Tannen und
+Föhren der Atem ausging und sie ihm nicht mehr nachklettern konnten.
+Da oben hinter den kahlen Gipfeln mußte die Sonne selbst im Hochsommer
+frühzeitig verschwinden und der Bergesschatten eine angenehme Kühle
+über den Abhang ergießen.
+
+Also war ich rasch entschlossen, hier Rast zu machen, obwohl es für
+heute nicht sehr ruhig herzugehen versprach. Es war eben Kirchweih
+und das einzige Wirtshaus gestopft voll von trinkenden, kegelnden und
+juhschreienden Bauern. Überdies waren ein paar Kauf- und
+Schaubuden dicht neben dem Wirtsgarten aufgeschlagen, zwischen denen
+sich ein buntes Gedränge hin und her trieb, besonders vor der Bude
+eines Italieners, der ein ausgestopftes Kalb mit zwei Köpfen und fünf
+Füßen für ein paar Kreuzer sehen ließ. Ich versparte mir diesen Genuß
+für den Abend, da ich vor allem nach einem kühlen Trunk lechzte,
+schlug mich auch endlich durch Flur und Treppe durch bis auf die obere
+Laube, wo ich hinter dem Geländer des Altans ganz in der Ecke einen
+Sitz auf der Bank und ein Seidel roten Tiroler eroberte. Den Wein
+stellte ich vor mich auf die hölzerne Brustwehr, streckte mich nach
+Herzenslust aus und sah, während ich langsam mich verkühlte, über das
+Bauerngewühl unten um die Tische über den Gartenzaun und die nächsten
+Hütten hinweg in die prachtvolle Gebirglandschaft hinaus.
+
+Kaum eine halbe Stunde mochte ich so geruht haben, da sah ich auf dem
+breiten Feldwege, der zu dem nächsten, höher gelegenen Dörfchen führte,
+einen ganz seltsamen Schwarm sich heranbewegen.
+
+Ich glaubte im ersten Augenblicke, der Wein, den ich etwas hastig
+getrunken, werfe so wunderliche Blasen in meiner Phantasie, daß ich am
+hellen Tage einen fabelhaften Traum träumte. Auch war die wunderliche
+Gruppe noch so ferne, wohl drei Büchsenschüsse von meinem Luginsland,
+daß ich meinen Augen wohl mißtrauen durfte. Aber obwohl sich's in
+ruhigem Schritt fortbewegte, kam es doch unaufhaltsam näher, und nun
+konnte ich endlich nicht mehr zweifeln, daß ich in Wirklichkeit "sah,
+was ich sah, und hörte, was ich hörte".
+
+Stellt euch vor, in der goldigsten Herbstsonne kam auf der weißen
+staubenden Bergstraße ein riesenhafter Zentaur dahergetrabt, in einem
+würdevollen beschaulichen Viervierteltakt, wie der alte Schimmel, der
+im Wilhelm Tell mitspielt und den Landvogt in die hohle Gasse tragen
+muß. Hinter ihm drein, aber in scheuer Entfernung, etwa um einige
+Pferdelängen, zottelte und trottelte ein lautloser Haufen alter
+Mütterchen, lahmer und preßhafter Männlein und ganz junger Kinder,
+alles nämlich, was von jenem abgelegenen Dorfe entweder zu alt oder zu
+jung gewesen war, um die nachbarliche Kirchweih mitzufeiern. Der
+riesige fremde Gast mochte sich mit Gutem oder Bösem so in Respekt
+gesetzt haben, daß man ihm ohne jede Anfechtung, weder durch Geschrei,
+noch tätliche Neckereien, das Geleit gab. Aber je näher der
+abenteuerliche Zug dem Kirchweihdorfe kam, desto deutlicher sah ich
+besonders die Weiblein bemüht, die Aufmerksamkeit der noch
+ahnungslosen Nachbarn schon von weitem zu erregen, durch Winke mit den
+dürren Armen, Krückstöcken und Kopftüchern, auf die freilich über der
+Tanzmusik und dem Festtreiben rings um mich her keine Menschenseele
+aufmerksam wurde.
+
+So konnte sich das heidnische Ungetüm unbeschrien der Dorfmark nähern,
+und erst, als es bei den letzten Hütten vorbeitrabte und nun gerade
+auf das Wirtshaus lossteuerte, wurden die Bauern inne, daß sich etwas
+ganz Unerhörtes begab. Nun war freilich der Effekt, den dies
+Intermezzo machte, um so gewaltiger. Im Nu stob alles auseinander,
+was unten im Wirtsgarten und um die Schaubuden sich zusammengedrängt
+hatte. Wie Ameisen durcheinander wimmeln, wenn man mit dem Stock in
+ihren Bau stößt, so stürzten Männer und Weiber in wilder Flucht vom
+Wirtshaus weg, und jedes suchte eine Tür, einen Zaun oder einen Baum
+zu erreichen, hinter denen man vor dem ungefügen vierbeinigen Mirakel
+auf den ersten Anlauf sicher wäre. Ebenso hastig aber fuhren alle,
+die in den Häusern und oberen Räumen der Schenke waren, an die Fenster
+und starrten entsetzt nach dem Scheuel und Greuel hinaus. Auf den
+Lärm des ersten Aufruhrs folgte eine tiefe Stille; selbst die Hunde,
+die erst wütend losgebellt hatten, zogen sich, als sie die mächtigen
+Hufe des Ankömmlings gewahrten, vorsichtig mit bangem Winseln zurück,
+und nur die kleinen Bauernpferde, die an ihren Krippen schmausten,
+begrüßten ihn mit zutraulich gastfreundlichem Wiehern, da er ja
+jedenfalls, soweit er zu ihnen gehörte, ihrem Geschlecht alle Ehre
+machte.
+
+Ich war vielleicht der einzige, der nicht den Kopf verlor, zunächst
+als ein alter eingeteufelter Heide, der ich war, und in der ganzen
+fabelhaften Naturgeschichte wohlbewandert, dann aber auch, weil das
+Entzücken über die ungemeine Schönheit des Fremdlings keine Furcht
+aufkommen ließ.
+
+Was ich selber hernach an solchen Zwiegeschöpfen gemalt, oder Freund
+Hähnel in seinem Dresdener Theaterfries gemeißelt hat, würde sich
+gegen diesen göttlichen Burschen in Fleisch und Bein ausgenommen haben
+wie Halbblut gegen Vollblut.
+
+Obgleich freilich an das, was man heutzutage Vollblut nennt, nicht
+gedacht werden darf, wenn man sich einen Begriff machen will von der
+Gaulhälfte des wundersamen Kirchweihgastes. Denkt an den Bucephalus
+oder das trojanische Pferd, oder meinethalben an den prachtvollen
+Streithengst, der den Großen Kurfürsten auf der langen Brücke trägt,
+und nun stellt euch vor, daß der ganze heroische Gliederbau von der
+glattesten silbergrauen Decke überzogen war, unter der man jede Muskel
+spielen und bei jedem Fältchen, das sie warf, die Sonne wie auf
+hochgeschorenem Samt schimmern sah. Aus diesem mächtigen Gestell
+wuchs ein Menschenleib hervor, der sich mit dem tierischen wohl messen
+konnte--Arme, Brust, Schultern wie vom Farnesischen Herkules gestohlen,
+so recht in der Mitte zwischen fett und hager, die Haut sanft
+angebräunt und ebenfalls hie und da stark behaart, wie denn auch von
+dem mächtigen dunklen Schopf, der ihm Stirn und Haupt umwallte, noch
+eine wehende Mähne bis tief auf den Rücken hinunterwucherte, übrigens,
+gleich dem lang nachschleppenden kohlschwarzen Roßschweif, dem
+Anschein nach wohlgepflegt. Es war überhaupt nicht zu verkennen: das
+Fabelwesen hielt etwas auf sein Äußeres. Keine Spur von
+tausendjährigem Staub und Unrat, der Bart am Kinn zierlich gestutzt
+und gekräuselt, und wie ich mich erst getraute, ihm näher in das
+ernsthaft treuherzige Gesicht zu sehen, das nur etwa so wild war wie
+ein Bube, der aus Verlegenheit trotzig dreinschaut, bemerkte ich, daß
+er einen kleinen Rosenzweig, eben frisch, wie es schien, vom Strauch
+gebrochen, in das dichte Haar hinters Ohr gesteckt hatte.
+
+So kam das schöne Ungeheuer gemächlich in den Hof der Dorfschenke
+getrabt, aus dem sofort auch der letzte Gast, den Maßkrug an die Brust
+gedrückt, mit lautem Geschrei ins Haus oder in die Wirtschaftsgebäude
+flüchtete. Der Schwarm von alten Weibern und Bauernkindern, der ihm
+das Geleit gegeben, blieb draußen auf der Dorfstraße stehen, und über
+der Verwegenheit des hohen Reisenden, sich so leichtbegleitet mitten
+in die Kirchweih zu begeben, schien allen das Wort in der Kehle zu
+erstarren. Wenigstens hörte man ringsum nur ein verhaltenes Summen
+und Schwirren, aus dem nur dann und wann ein paar Naturlaute des
+Schreckens und der Angst hervorkreischten. Alle erwarteten das
+Entsetzlichste, und wohl nur wenige mochten sein, die den Spuk nicht
+gerade für den leibhafen Gottseibeiuns hielten, der gekommen sei, das
+sämtliche halb betrunkene Gesindel recht in seiner Sünden
+Kirchweihblüte in die Hölle abzuführen.
+
+Der alte Heide aber zeigte sich trotz seiner höllischen Pferdefüße als
+ein ganz zahmer, menschenfreundlicher Kamerad. Er sprengte
+geradeswegs auf die hohe Laube zu, auf der ich saß, und sah mit einer
+höflichen Miene, wie einer, der gerne mit einem Fremden anbinden
+möchte, mir ins Gesicht, der ich ihm ebenso artig zunickte. Dann aber
+richtete er seine großen glänzenden Augen auf das Schenkmädchen, das
+neben mir stand, zwei offene Flaschen voll Tirolerwein in den Händen.
+Sie hatte sie für die Gäste heraufgetragen, die das Hasenpanier
+ergriffen hatten, und stand nun, da sie, obwohl mit dem Dorfschneider
+verlobt, ein munteres, kouragiertes Frauenzimmer war, ohne Scheu neben
+mir auf dem Altan, um die Wundergestalt in aller Arglosigkeit zu
+betrachten. Dem Fremdling mochte die saubere Dirne--man hieß sie die
+schöne Nanni--ebenfalls einleuchten, nicht minder auch der rote Wein,
+den sie trug. Mit so viel Lebensart, wie man solchen Roßmenschen kaum
+zutrauen sollte, nahm er den Rosenzweig hinterm Ohre hervor, roch erst
+daran und überreichte ihn dann ohne Mühe, da Haupt und Schultern noch
+über die Brüstung der Laube herausragten, dem schönen Kinde, das etwas
+geschämig tat, die Blumen aber doch nicht ausschlug, sondern in ihren
+Brustlatz neben den silbernen Löffel steckte. Zugleich schien sie
+gemerkt zu haben, worauf die ganze Huldigung abzielte.
+
+Ohne Zaudern reichte sie ihrem Verehrer die beiden vollen Flaschen
+hinaus, die er auch mit freundlichem Kopfnicken ergriff, und dann in
+so raschen Zügen leerte, wie unsereins zwei Gläser Champagner
+hinunterstürzt.
+
+Ein beifälliges Murmeln unter den Kopf an Kopf gedrängten Zuschauern
+begleitete diese ganze trauliche Szene, und ein paar kecke Burschen
+wagten sogar ein "Wohl bekomm's!" oder "Gesegn' es Gott!" zu rufen,
+wurden aber gleich von den Vorsichtigeren niedergezischt. Aber auch
+dem fremden Gast schien der Wein die Zunge gelöst zu haben. Er sagte
+erst dem Mädchen einige Artigkeiten, die sie aber nicht verstand und
+nur mit Kichern und Kopfschütteln erwiderte. Dann wandte er sich an
+mich, fragte mich, wo er sich hier befinde, und wie das wilde Volk
+heiße mit den Pelzhauben und der ohrenzerreißenden Musik, unter das er,
+er wisse selbst nicht wie, geraten sei. Ich antwortete-Erlauben Sie,
+Herr Genelli, unterbrach ihn der Wirt, der gleich uns anderen begierig
+gelauscht hatte, in welcher Sprache unterhielten Sie sich mit dem
+antiken Herrn?
+
+Im reinsten Griechisch, Herr Schimon; Sie mögen es nun glauben oder
+nicht. Er sprach es natürlich etwas fließender als ich, aber mit
+einem Anflug an den jonischen Dialekt, der mir hie und da das
+Verständnis erschwerte. Indessen, es ging. Not bricht Eisen und
+lehrt radebrechen. Sie werden selbst schon erlebt haben, daß Sie im
+Traume ganz korrekt Ungarisch oder Spanisch sprachen, was Ihnen sonst
+sauer werden möchte. Aber unterbrechen Sie mich nicht wieder; lassen
+Sie mir lieber einen neuen Spitz Carlowitzer kommen. Wo war ich denn
+stehen geblieben? Richtig, wo ich den Spieß umdrehte und ihn fragte,
+wie es im Homer steht:
+
+Wer er sei und woher, wo er wohnt und wer die Erzeuger.
+
+Da kamen denn kuriose Dinge heraus.
+
+Stellt euch vor, der arme Bursche war vor so und so viel tausend
+Jahren hoch oben durchs Gebirge geritten, in Geschäften, wie er sagte,
+da er als Landarzt--Kreisphysikus würde man's heute nennen--einen
+gewaltig großen Bezirk zu versehen hatte, lauter wildes, armes Volk,
+Hirten, Bärenjäger, Pfahlbauern usw. Nun war's gerade ein heißer Tag,
+und er hatte bei seiner Praxis überall scharf gezecht, hineingegossen,
+was die Leute ihm gerade vorsetzten, da er sie meist um ein Glas Wein
+oder Enzianbranntwein kurierte, und wie er mittags an eine
+Gletscherhöhle kommt, denkt er, du willst ein Schläfchen machen,
+streckt sich in der dämmerigen blauen Eisspelunke hin und schläft
+richtig ein. Was weiter geschehen, wußte er freilich nicht zu sagen,
+und auch ich konnte ihm nur die Vermutung aussprechen, daß Schnee-
+oder Eismassen um ihn zusammengestürzt und heute erst wieder aufgetaut
+sein müßten, daß er, wie jenes Mammutungetüm im Polareise, frisch und
+ohne jeden Hautgout sich in seinem Eiskeller konserviert habe, nur mit
+dem Unterschiede, daß auch sein Geist, dank dem vielen genossenen
+Spiritus, durch den unmäßigen Winterschlaf hindurch keinen Schaden
+gelitten und er nun als ein vorsintflutliches mythologisches Rätsel
+auf vier gesunden Beinen in unsere entgötterte Welt hineinsprengen
+könne. Ich suchte ihm in aller Kürze, so gut es ging, über die
+ungeheure Kluft hinwegzuhelfen, die sein Erwachen von seinem
+Einschlafen trennte. Aber ich merkte bald, daß die summarische
+Weltchronik, die ich vor ihm aufrollte, ihn sehr wenig interessierte.
+Er schüttelte nur den Kopf, als ich ihm erzählte, die Götter
+Griechenlands seien ein überwundener Standpunkt, und mit dem kleinen
+Lutherischen Katechismus wußte er ebensowenig anzufangen wie mit dem
+heiligen Augustin oder Pius IX. Auch die politischen Umwälzungen der
+letzten dreitausend Jahre ließen ihn völlig kalt. Als ich endlich
+schwieg, seufzte er so recht vom Grunde seiner ehrlichen
+Zentaurenseele auf und sagte: er werde von allem, was ich ihm da
+vorgefabelt, aus dem Zehnten nicht klug, und das sei ihm auch ganz
+gleichgültig. So viel merke er, daß ihm ein recht hämischer Possen
+gespielt worden sei mit jener Aufbewahrung im Eiskeller; inzwischen
+sei alles anders geworden und nur er derselbe geblieben, wessen er
+sich eben nicht schäme, denn nach den wenigen Proben scheine ihm die
+Welt viel lumpiger, schäbiger und nicht einmal gescheiter geworden zu
+sein, die Wälder dünner, der Wein saurer, die Weiber--bis auf seine
+Freundin "Nannis oder Nannidion" (wie er sich das Nannerl ins
+Griechische übersetzte)--plumper und einfältiger. Nun erzählte er,
+was er seit seinem Erwachen für Erfahrungen gemacht hatte.
+
+Kaum war ihm nämlich sein Gletschermantel von den Schultern
+geschmolzen, und er hatte sich die letzten Nebel des Schlafs aus den
+Augen gerieben, so war er ins Freie hinausgetrabt, ärgerlich über die,
+wie er wähnte lange Versäumnis von vierundzwanzig Stunden, da er einen
+schweren Patienten eine Stunde tiefer im Tal zu besuchen hatte. Als
+er sich aber umsah, schien ihm alles so wunderlich, daß er noch
+fortzuträumen glaubte. Dichte Wälder, durch die er sich sonst pfadlos
+hindurchzuwinden hatte, waren verschwunden; auf Wiesen, wo sonst der
+Ur und der wilde Steinbock gegrast, sah er Herden buntfarbiger Kühe
+weiden; hie und da stand ein Blockhaus am Wege, hoch hinauf mit Heu
+angefüllt, und nicht selten sah er kleine Steige gebahnt, oder Balken
+über Gießbäche gelegt, die er früher mit einem mächtigen Satz hatte
+überspringen müssen. Kopfschüttelnd hielt er still und überlegte bei
+sich, wie sich das alles über Nacht verwandelt haben möchte. Da er
+aber kein Freund von überflüssigem Nachsinnen war, beschloß er, eine
+benachbarte Waldnymphe um Aufschluß zu bitten, mit der er auf
+vertraulichem Fuße stand. Er rief ihren Namen in die Schlucht
+hinunter, aus der noch wie damals die mächtigen Edeltannen
+heraufragten. Sonst war sie gleich oben im Wipfel erschienen, da sie
+sehr einsam lebte und gerne eine Ansprache hatte. Heut zeigte sich
+nur ein altes Weib, das Enzian sammelte und beim Anblick des
+vierbeinigen Ungeheuers mit heiserem Jammergeschrei und heftigem
+Kreuzschlagen sich ins Dickicht verkroch.
+
+Also trabte er immer nachdenklicher seines Weges weiter, und da es
+gerade Sonntag war und die Kirchweih alles, was eine saubere Jacke und
+ein paar Kreuzer in der Tasche trug, in das Dorf hinuntergelockt hatte,
+begegnete er auch keiner Menschenseele, als ein paar Hüterbuben, die
+ebenso hastig vor ihm Reißaus nahmen wie das Kräuterweib. Nun sah er
+auch unten die ersten kleinen Häuser, die mit ihren weißgetünchten
+Wänden und blanken Fensterchen als ein neues Rätsel ihm
+entgegenschimmerten. Hier hatten sonst nur verfallene Hütten der
+wilden Ziegenhirten gestanden, elende Pferche zwischen Gestrüpp und
+Klippen. War eine Stadt aus der Ebene ausgewandert und hatte sich in
+die Berge verstiegen? Ein seltsames Gebäude mit hohem Dach und
+spitzem Turm ragte aus den Schindeldächern in die Lüfte, und oben aus
+den schwarzen Turmluken drang ein unerklärliches Summen und Schallen
+hervor, das er nie gehörte hatte, und das in seiner feierlichen
+Eintönigkeit ihn vollends bestürzt machte.
+
+Das Grauenhafteste aber in dem ganzen Märchen, das ihn an seinen
+gesunden Sinnen zweifeln ließ, begegnete ihm, als er den ersten Hütten
+des oberen kleinen Dorfs sich näherte. Unter einem spitzen,
+rotgetünchten Bretterdach hing da ein Mann mit ausgebreiteten,
+blutrünstigen Armen an ein Kreuz genagelt, aus einer Seitenwunde
+blutend, die Stirn von großen Blutstropfen überquollen, die unter den
+spitzigen Stacheln eines dicken Dornkranzes hervordrangen. Gleichwohl
+schien der Gemarterte noch am Leben. Er hatte die Augen weit geöffnet
+nach oben gekehrt, und der kundige Blick des Zentauren fand auch an
+den nackten Gliedern noch nicht die Farbe der Verwesung.
+
+Er redete den armen kleinen Mann mit seiner freundlichsten Stimme an,
+fragte, um welches Verbrechen man ihn so schwer büßen lasse, ob er ihm
+vielleicht von seinem Marterholz herunterhelfen und die Wunden
+verbinden solle. Als er keine Antwort erhielt, berührte er sacht die
+Brust des stummen Dulders. Da merkte er, daß es nur ein hölzernes
+Bild war. Ein Rosenstrauch war neben dem Stamm des Kreuzes gepflanzt.
+Von dem pflückte er einen kleinen Zweig, roch daran, wie um wieder
+etwas Liebliches zu genießen, und verließ dann die Stätte mit immer
+unheimlicherem Staunen.
+
+Im Dorf hatte gerade der Pfarrer, ein altes Männlein, das den
+Kirchweihfreuden längst abgestorben war, für die andern zu Hause
+gebliebenen Invaliden einen Vespergottesdienst begonnen, zu dem die
+kleinen Buben das Geläut besorgten. Wie nun der Fremdling, dem alles,
+was ihm links und rechts in die Augen fiel, ein Rätsel war, an die
+offene Kirchentüre kam, hielt er an und spähte neugierig in das
+halbdunkle Innere. Ein Sonnenstrahl fiel durch das kleine
+Seitenfenster neben dem Altar und beleuchtete das Bild einer
+wunderschönen Frau mit goldenen Haaren in blau und rotem Gewand, die
+einen Knaben auf dem Arm und eine Lilie in der Hand trug. Sie hatte
+die großen, sanften Augen gerade auf ihn gerichtet, als wolle sie ihn
+einladen, näher zu treten. Zu ihren Füßen, ihm den Rücken zuwendend,
+stand der kleine Pfarrer im Ornat, und die sämtliche Gemeinde kniete
+jetzt, gleich ihm, vor der schönen Frau. Du solltest doch
+hineintreten und sie dir etwas näher betrachten, sagte der Fremde zu
+sich selbst. Und gedacht, getan. Er trabt, ohne an etwas Arges zu
+denken, durch das Portal und geradewegs über die Steinfliesen, die von
+seinem mächtigen Hufschlag dröhnten, auf den Altar zu.
+
+Welch einen Spektakel das gab, kann man sich denken. Im ersten
+Augenblick freilich versteinerte der Schrecken über diese
+Tempelschändung durch ein so unerhörtes, geradewegs der Hölle
+entstiegenes Ungeheuer die ganze andächtige Gemeinde samt ihrem
+Seelsorger. Dann aber besann sich dieser, der trotz seiner achtzig
+Jahre durchaus kein Don Abbondio war, daß der Eindringling niemand
+anders als der leibhaftige Satan sein könne, erhob, was er gerade
+Geweihtes in der Hand hatte, und rief, es gegen den Versucher
+schwingend, mit lauter Stimme sein "Apage! Apage! und nochmals Apage!"
+--Beim Zeus, sagte der Zentaur, das freut mich, endlich einem
+redenden Menschen zu begegnen, der noch dazu griechisch spricht. Du
+wirst mir nun wohl auch sagen können, Alter, wer diese schöne Frau ist,
+ob sie noch lebt, was ihr hier treibt, und wie sich überhaupt alles
+seit gestern so fabelhaft verändert hat.--Den Pfarrer überlief es
+eiskalt, als er sich von dem bösen Feinde anreden hörte, noch dazu in
+einer Sprache, die ihm natürlich griechisch war. Wieder erhob er
+seinen Ruf und schlug ein Kreuz über das andere, wich aber doch ein
+wenig vom Altar zurück, da ihn die Unbefangenheit des hohen Fremden
+einschüchterte, und hätte sich dieser nicht umgesehen, wer weiß, wie
+es abgelaufen wäre. Jetzt aber kam die Reihe, sich zu fürchten, an
+unsern Roßmenschen. Denn wie er die vom Schreck verstörten
+Wackelköpfe der alten Männer und die verwelkten Gesichter der greisen
+Weiblein unter ihren hohen Pelzhauben sämtlich anstarren sah, überkam
+ihn plötzlich die Furcht, er möchte in ein Konventikel von Hexen und
+Zauberern geraten sein und Strafe leiden, wenn er ihr geheimes Wesen
+noch länger störe. Also machte er, nachdem er der schönen Blauäugigen
+noch einen verehrungsvollen Blick zugeworfen, auf einmal kehrt und
+stob mit gewaltigen Sätzen, den Schweif wie zur Abwehr böser Geister
+hoch um den Rücken schlagend, über das hallende Pflaster zur offenen
+Tür hinaus.
+
+Werter Freund, sagt' ich, als er mir das alles treuherzig gebeichtet
+und meine Aufklärungen nur halb verstanden hatte, Ihr seid in einer
+verwünschten Lage. Wie Ihr da geht und steht, möchte es schwer halten,
+Euch in der modernen Gesellschaft einen Platz ausfindig zu machen,
+der zu Euren Gaben und Ansprüchen paßte. Wäret Ihr nur ein paar
+Jahrhunderte früher aufgetaut, so etwa im Cinquecento, so hätte sich
+alles machen lassen. Ihr hättet Euch nach Italien begeben, wo damals
+alles Antike wieder sehr in Aufnahme kam und auch an Eurer heidnischen
+Nackheit kein Mensch sich geärgert haben würde. Aber heutzutage und
+unter dieser engbrüstigen, breitstirnigen, verschneiderten und
+verschnittenen Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt--ich
+fürchte, mio caro, Ihr werdet es sehr bedauern, nicht lieber bis an
+den jüngsten Tag im Eise geblieben zu sein! Wo Ihr Euch sehen laßt,
+in Städten oder in Dörfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und
+mit faulen Äpfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien und
+die Pfaffen Euch für den Gottseibeiuns ausgeben. Die Zoologen werden
+Euch betasten und begaffen und dann erklären, Ihr wäret ein
+unorganisches Monstrum und könntet nichts Besseres tun, als Euch einer
+kleinen Vivisektion unterziehen, damit man sähe, wie Euer
+Menschenmagen sich mit Eurem Pferdemagen vertrage. Seid Ihr aber der
+Scylla der Naturforscher entronnen, so fallt Ihr in die Charybdis der
+Kunstgelehrten, die Euch ins Gesicht sagen werden, daß Ihr ein
+schamloser Anachronismus, eine totgeborene nur galvanisch belebte
+Reliquie aus der Zeit des Parthenonfrieses seid, und die Künstler, die
+nur noch Hosen und Wämser und kleine witzige Armseligkeiten malen
+können, werden sich in ihren tugendhaften Armenversorgungsanstalten,
+genannt Kunstvereine, zusammenrotten und bei der Polizei darauf
+antragen, daß Ihr ausgewiesen werdet, als der öffentlichen Moral im
+höchsten Grade gefährlich. Daß Ihr Praxis bekommen könntet, auch nur
+als Pferdearzt, ist vollends undenkbar. Man hat jetzt ein ganz
+anderes Naturheilverfahren, als zu Euren Zeiten, der vielen anderen
+gelehrten Systeme zu geschweigen, und daß ein Doktor seine Equipage
+vors Krankenbette mitbringt, ist unerhört. Bliebe also nichts als der
+Zirkus oder die Menagerie, um Euer Brot zu verdienen, und fern sei es
+von mir, einem Mann von so guter Familie, wie Ihr, eine solche
+Erniedrigung zuzumuten. Nein, Bester, bis uns etwas Gescheiteres
+einfällt, will ich selbst mein bißchen Armut mit Euch teilen. Wenn
+ich es recht bedenke, bin ich ja nicht viel besser daran als Ihr, muß
+mir auch von Gassenbuben und bigotten Vetteln, Ästhetikern und meinen
+eigenen werten Kollegen die größten Schnödigkeiten gefallen lassen,
+und seht, ich lebe noch und fühle mich in meiner Haut tausendmal
+wohler, als all das Gewürm und Gesindel, das mir nicht das Leben gönnt.
+Coraggio! animo, amico mio! Dieser rote Wein ist zwar nur ein
+säuerlicher Rachenputzer, aber ihr werdet Euch auch nicht zu oft in
+Nektar gütlich getan haben, und corpo della Madonna! wenn zwei rechte
+Kerls miteinander Brüderschaft trinken, so adeln sie den ordinärsten
+Tropfen.
+
+Damit reichte ich ihm meine Flasche, welche die Nanni wieder gefüllt
+hatte, und klang, das Glas erhebend, mit ihm an, wozu er als zu einem
+ganz neuen Brauch ein verdutztes Gesicht machte. Ich winkte dann dem
+Mädel, für neue Zufuhr zu sorgen, und so schwammen wir bald im
+Überfluß und wurden guter Dinge. Nach und nach machte unsere
+Kordialität auch das Bauernvolk vertraulich. Einige der Beherztesten
+wagten sich wieder in den Hof und zogen, da ihnen nichts zuleide
+geschah, bald die anderen nach sich. Sie besahen nun den Fremdling
+sorgfältig von allen Seiten. Der Jude Anselm Freudenberg, der mit
+Pferden handelte, erklärte laut, daß um tausend Loisdors ein solcher
+Hengst halb geschenkt wäre, stünde nur nicht das unnatürliche
+Vorderteil im Wege. Denn trotz der großen Fortschritte beim Militär
+habe man noch nirgends Kavalleriepferde eingeführt, denen ihre Reiter
+angewachsen wären. Eine vorwitzige Dirne wagte das Wundertier zu
+berühren und das samtweiche Fell am Bug zu streicheln. Das ermutigte
+den Schmied des Dorfes, behutsam den linken Hinterfuß aufzuheben, was
+der Zentaur, der eben das siebente Seidel an die Lippen setzte, in
+aller Gutmütigkeit geschehen ließ. Es fiel ungemein auf, daß die
+starken, lichtbraunen Hufe keine Spur irgend eines Beschlages zeigten,
+und da auch sonst so vieles ganz anders war, als bei anderen
+Reitpferden, erhob sich die Frage, welcher Rasse er angehöre. Endlich,
+nachdem man lange gestritten, tat der Schulmeister den Ausspruch, da
+alle übrigen Kennzeichen fehlten, werde es wohl die kaukasische Rasse
+sein, wogegen selbst der Jude Freudenberg nichts einzuwenden wußte.
+
+Während aber so die öffentliche Meinung sich eben mit dem Heidengreuel
+auszusöhnen schien und er wenigstens, was man einen succès d'estime
+nennt, davontrug, war eine bösartige Verschwörung gegen den arglosen
+Fremdling im Gange. An der Spitze stand natürlich die hochwürdige
+Geistlichkeit, die es für das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr
+nachteilig fand, sich mit einem gewiß ungetauften, völlig nackten und
+wahrscheinlich sehr unsittlichen Tiermenschen näher einzulassen.
+Ebenso aufgebracht, wenn auch aus anderen Gründen, äußerte sich der
+Italiener, der Besitzer des ausgestopften Kalbes mit zwei Köpfen und
+fünf Beinen. Seit der Fremde erschienen war, hatte er mit seiner
+Mißgeburt schlechte Geschäfte gemacht. Den Roßmenschen sah man gratis,
+er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wußte, ob er sich
+nicht noch bewegen ließ einige Kunstreiterstückchen zum besten zu
+geben, wozu das Kalb durchaus keine Miene machte. Das konnte der
+Italiener nicht so ruhig mit ansehen. Es sei ein Unterschied, setzte
+er dem Pfarrer auseinander, zwischen einem zünftigen, von der Polizei
+approbierten Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen, nie
+dagewesenen Mißgeburt, die ohne Paß und Gewerbeschein das Land
+unsicher mache und ehrlichen fünfbeinigen Kälbern das Brot vorm Maule
+wegstehle. Wenn das erst Sitte würde, daß solche Mondkälber sich ohne
+Entrée sehen ließen, so wäre es ja gar nicht mehr der Mühe wert, mit
+einem Kopf zu wenig oder ein paar Gliedmaßen zu viel auf der Welt zu
+kommen.
+
+Der hitzigste aber war der Dorfschneider, der Bräutigam der schönen
+Nanni.
+
+Er hatte sich zwar, als das Ungetüm herantrabte, Hals über Kopf von
+der Laube ins Haus geflüchtet und seinen Schatz, der sich nicht
+fürchtete, im Stich gelassen. Aber durchs Fenster sah er desto
+grimmiger mit an, wie vertraulich das Blitzmädel mit dem hohen Herrn
+schäkerte, seine Rosen annahm und ihn wohlgefällig betrachtete,
+während er sich ihren Wein schmecken ließ. Was von dem Fremden über
+die Brustwehr hervorragte, war wohl dazu angetan, den etwas schief
+gedrechselten Schneider im Hinblick auf seine eigene dürftige Person
+eifersüchtig zu machen. Zudem hatte ihn die Nanni, als er ihr das
+Unanständige ihres Betragens vorwarf, schnippisch genug abgefertigt
+und erwidert: sie verbitte sich's, daß er den Fremden einen
+unverschämten Kerl, eine nackte Bestie, eine Staatsmähre schimpfe. Er
+sei manierlicher und anständiger als manche Menschen, von denen
+dreizehn aufs Dutzend gingen, und andere könnten froh sein, wenn sie
+sich weniger zu schämen brauchten, sich nackt zu zeigen.--Das stieß
+dem Faß den Boden aus. Zwar dem Mädel gegenüber hüllte sich der
+Beleidigte in ein naserümpfendes Stillschweigen, ließ aber sein
+Mundwerk desto zügelloser laufen gegenüber dem Herrn Pfarrer, dem er
+seine Not klagte: die neue Mode, die der Unbekannte eingeführt, müsse
+das ganze Schneiderhandwerk ruinieren und überdies alle Begriffe von
+Anstand und guter Sitte über den Haufen werfen.
+
+Von diesen Kabalen wußten wir natürlich nichts, sondern ließen uns
+durch die wachsende Vertraulichkeit die übrigen Kirchweihgäste immer
+mehr in die fröhlichste Feststimmung einwiegen. Der reichlich
+genossene Wein tat das Übrige, und so wenig meinem neuen Duzbruder das
+Volk um uns her in den hohen Hüten und Hauben, mit schwerfälligen
+Stiefeln, kurzen Jacken und vielfältigen Röcken gefiel, war er doch
+wohlgesittet genug, sich's nicht merken zu lassen und keinen
+zurückzuweisen, der ihm das volle Glas hinaufreichte. Nachgerade aber
+stieg ihm der Spuk zu Kopfe, seine Augen fingen an zu glänzen, er ließ
+einige Naturlaute hören, die zwischen dem landüblichen Juhschreien und
+gewöhnlichem Pferdegewieher die Mitte hielten, und als jetzt die
+Musikanten, die lange pausiert hatten, frisch zu einem Schleifer
+einsetzten, langte unser Freund, ohne ein Wort zu sagen, mit beiden
+Armen über die Brüstung, umfaßte die schöne Nanni, und setzte sie mit
+einem leichten Schwunge sich auf den Rücken, indem er sie durch
+Zeichen anwies, sich in seiner wallenden Mähne festzuhalten. Dann
+begann er nach dem Takte der Musik sehr zierlich sich in Bewegung zu
+setzen und in dem engen Raume zwischen Tischen und Bänken in den
+gewandtesten Courbetten seine Kunst zu zeigen, während die muntere
+Dirne, ihre Arme fest um seinen Menschenleib geschlungen, dann und
+wann mit der Ferse ihres kleinen Schuhes ihm in die Seite stieß, um
+ihn zu einem rascheren Tempo anzufeuern.
+
+Das Schauspiel sah sich so allerliebst mit an, daß alle anderen Tänzer
+mit ihren Dirnen herauskamen und sich, um zuzuschauen, in einem
+dichten Kreis um das Paar herumstellten. Ich ärgerte mich nur, daß
+ich mein Skizzenbuch vergessen hatte und nirgends einen Fetzen Papier
+auftreiben konnte. So mußte ich mich begnügen, mit den Augen zu
+studieren, und wahrhaftig, ich konnte mich nicht satt sehen an den
+hundert wechselnden Wendungen und Gruppierungen, wie sie der immer
+übermütiger und wilder herumwirbelnde Tanz an mir vorübergaukeln ließ.
+
+Als es aber etwa eine Viertelstunde gedauert hatte, nahm die
+Herrlichkeit plötzlich ein Ende mit Schrecken. Zufällig sah ich
+einmal über den Hof hinaus ins Tal hinunter und bemerkte eine
+bedenkliche Kavalkade, die sich auf der Straße vom Tal herauf dem Dorf
+näherte: ein halb Dutzend reitender Landgendarmen und mitten unter
+ihnen, mit eifrigen Gebärden nach der Schenke hinaufdeutend, zwei
+Zivilisten auf kleinen Bauernkleppern, in denen ich, als sie näher
+kamen, die beiden verbissenen Kabalenmacher, den Italiener und den
+Dorfschneider, erkannte. Ich rief meinem Freunde und Duzbruder in
+meinem besten Griechisch zu, er möge auf der Hut sein; es sei auf ihn
+abgesehen. Man wolle sich, wie es scheine, tot oder lebendig seiner
+Person bemächtigen und die ganze Rache der Philister an seiner
+Simsonsmähne auslassen. Aber es war umsonst. Sei es, daß die Musik
+meine Warnung übertäubte, oder daß der Rausch des bacchantischen
+Tanzes den Trefflichen gegen jede Anwandlung von Furcht gefeit hatte,
+genug, er hielt erst einen Augenblick inne, als die bewaffnete
+Macht--die Denunzianten blieben weislich im Hintertreffen--am Hoftor
+erschien, das dichtgedrängte Publikum erschrocken zurückwich und nun
+der Anführer der Schergenbande, ein schnurrbärtiger Korporal mit
+dickem Bauch, im allergröbsten Ton die Aufforderung an ihn ergehen
+ließ: auf der Stelle seinen Paß oder sein Wanderbuch vorzuweisen,
+widrigenfalls er nach der Fronfeste unten im Städchen gebracht und
+gründlich visitiert werden würde.
+
+Der gute Bursch verstand natürlich keine Silbe, konnte auch den
+feindseligen Sinn der Worte nicht ahnen, da er aus seiner heroischen
+Welt andere Begriffe von Gastfreundschaft mitgebracht hatte. Also sah
+er sich mit einem drolligen Ausdruck von Ratlosigkeit nach mir um, und
+erst, als ich ihm erklärt hatte, daß diese breitmäuligen Herren Jäger
+seien und er das Wild, und daß man im Sinne habe, ihn in einen Stall
+zu sperren, wo er bei schmalem Futter über die Wohltat der Gesetze und
+die Fortschritte der Kultur nachdenken könne, ging ein verächtliches
+Lächeln über sein ehrliches Gesicht. Er antwortete nur mit einem
+Achselzucken, setzte sich dann, als beachte er diesen Zwischenfall
+nicht im geringsten, langsam wieder in Galopp, wobei er die Hände des
+Mädchens, die sich vor seiner Brust verschränkten, sanft an sich
+drückte, und so, immer rascher und rascher im engen Kreise
+herumsprengend, ersah er plötzlich die Gelegenheit, nahm einen kecken
+Anlauf und setzte mit einem prachtvollen Sprung--ungelogen wohl zwölf
+Schuh hoch und zwanzig weit--über die Köpfe der Bauern weg, daß nur
+den letzten, die draußen standen, die Hüte von den Schädeln flogen.
+Und während die Weiber laut aufschrien, die Gendarmen fluchten und mit
+gezogenem Seitengewehr ihm nachsetzten, auch ein paar unschädliche
+Pistolenkugeln ihm nachknallten, sprengte er über Wiesen und Felder
+bergan, das entführte Mädchen sicher auf seinem Rücken haltend, wie
+ein Löwe, der ein Lamm aus einer Schafhürde geraubt hat und es unter
+dem Schreien und Drohen der nachjagenden Hirten in seine Höhle trägt.
+
+Als es oben angekommen war, wo eine tiefe Schlucht den Abhang
+durchschneidet, hielt er still und wandte sich zu seinen Verfolgern um,
+die noch tief unter ihm in ohnmächtiger Wut die Steile hinaufkeuchten.
+Ich konnte sein Gesicht, selbst durch mein kleines Fernrohr, nicht
+mehr deutlich erkennen, sah aber, daß er sich zu dem Mädchen
+zurückwandte und nun, wahrscheinlich von ihrer Angst und ihrem
+kläglichen Flehen gerührt, ihre Hände losließ, so daß sie sacht von
+seinem Rücken auf die Wiese niedergleiten konnte. Ihre Lage war
+allerdings nicht die angenehmste. So sehr ihr die ritterliche
+Huldigung des Fremden geschmeichelt hatte, und eine so traurige Figur
+ihr Schatz neben ihm spielte,--eine solide Versorgung konnte sie von
+diesem reitenden Ausländer nicht erwarten. Als sie daher merkte, daß
+aus dem Spaß Ernst werden sollte, behielt ihre praktische Natur die
+Oberhand, und sie wehrte sich entschieden gegen alle Entführungsgelüste.
+Wie eine gejagte Gemse vor dem Treiber sprang sie von Stein zu Stein
+den Abhang hinunter ihrem Schneider wieder in die Arme.
+
+Der Zentaur sah ihr eine Weile nach, und meine Phantasie malte sich
+deutlich den Ausdruck eines göttlichen Hohnes aus, der durch seine
+Mienen blitzte und dann einer erhabenen Schwermut wich. Als die wilde
+Jagd mit Toben und Kreischen ihm auf die Weite eines Steinwurfs nahe
+gekommen war, winkte er noch einmal mit der Hand hinunter--einen Gruß,
+den ich wohl mir allein aneignen durfte--, schwenkte dann gelassen,
+mit einer fast herausfordernden Wendung seines Hinterteils, nach
+rechts ab und verschwand unseren nachstarrenden Blicken in der
+pfadlosen Kluft, um nie wieder aufzutauchen.
+
+Wir hatten alle andächtig zugehört, nur Rahl schien zu schlafen,
+wenigstens blinzelten seine geschlitzten Satyraugen verdächtig in den
+Mondschein. Als der Erzähler jetzt schwieg, tat er einen tiefen
+Seufzer und erhob sich vom Sitz, an der Wand herumtastend, wie um
+seinen Hut vom Haken zu nehmen.
+
+Accidente! wollt Ihr schon aufbrechen! sagte Genelli. Hol die Pest
+alle die feigen Schlafmützen! Wir sind eben im besten Zuge--Die
+Geschichte hat mir die Zunge ausgedörrt--noch einen Spitz, Herr
+Schimon! Auf die Gesundheit aller revenants, die Zentauren mit
+einbegriffen. Sie haben zwar keine bleibende Stätte in diesem
+miserablen neunzehnten Jahrhundert und müssen sich wieder
+hinausmaßregeln lassen. Aber sagt selbst: wenn man zu wählen hätte
+zwischen dem Schneider, der das Glück hat und die Braut heimführt, und
+jenem armen Burschen--ich wenigstens, so lange noch ein roter
+Tropfen--aber corpo di Bacco! Schimon, wo bleibt mein Carlowitzer?
+
+Der Wirt näherte sich mit ehrerbietiger, geheimnisvoller Miene, Sie
+wissen, Herr Genelli, raunte er ihm zu, wenn es auf mich ankäme--aber
+beim besten Willen--die Instruktionen sind erst neulich verschärft
+worden, und ich habe einen Wischer bekommen, weil ich hier oben noch
+eine halbe Minute nach Eins-Ah so, murmelte der alte Meister und stand
+unwillig auf. Immer die ewigen Scherereien. Die Nacht ist ja noch
+lang genug, und ob wir's hier oben einmal mit der Polizeistunde nicht
+so genau nehmen, wem schadet's? Aber man ist ein armer Tropf, und der
+selige Achilleus hat recht:
+
+Lieber ein Tagelöhner im Licht, als König der Schatten!
+
+Geben Sie mir die Hand, Schütz. Es ist hier so verwünscht dunkel,
+oder sollte mir die Geschichte zu Kopf gestiegen sein? Wo ist der
+kleine Karl, uns heimzuleuchten? Felice notte!
+
+Damit ging er leicht auf den Arm des hageren Freundes gelehnt, voran,
+ganz mit seinem alten rüstigen Schritt und aufrechter Haltung, aber
+barhaupt, und so folgten ihm die andern. Der kleine Karl schwankte,
+ein Kellerlämpchen hoch über seinem Kopf haltend, voran, Schimon war
+der letzte und wartete an der Tür auf mich, als wolle er hinter mir
+abschließen. Er tat es aber nicht, sprach auch kein Wort zu mir,
+sondern sah mich nur mit einem wehmütigen Zwinkern seiner kleinen
+schwarzen Augen an, als wollte er sagen: wir haben bessere Zeiten
+erlebt!--Während wir durch den langen düsteren Hausgang schritten,
+fiel es mir auf, daß ich keinen Fußtritt hörte. Und dann wollte auch
+der Gang kein Ende nehmen, so hastig wir hindurchgingen. Ich sah noch
+deutlich über die Scheitel der anderen weg Genellis graues Haupt durch
+das Zwielicht ragen, von dem Lämpchen rot angeschienen. Es fiel mir
+aufs Herz, daß ich ihm noch so viel zu sagen hatte, vor allem ihn
+fragen wollte, wann er hier wieder zu treffen sei. Ich sputete mich,
+ihm nachzukommen, und in der Tat trennten mich von ihm nur wenige
+Schritte. Aber je rascher ich ging, desto unerreichbarer blieb er mir.
+Endlich trat mir der kalte Schweiß auf die Stirn, der Atem stockte
+mir, ich fühlte meine Füße wie von Bleigewichten an den Boden gezerrt.
+--Nur ein paar Augenblicke will ich hier ausruhen, Herr Schimon! sagte
+ich und sank auf eines der Fässer, die an der Wand standen.--Sagen Sie
+es den Herren--sie sollen draußen auf mich warten!
+
+Es kam keine Antwort. Statt dessen fuhr ein scharfer Luftzug durch
+die offene Tür, verlöschte die Lampe des kleinen Karl und wehte mir in
+das heiße Gesicht. In demselben Augenblick dröhnte es Eins vom
+Frauenturm, und ich hörte eine Stimme neben mir: Das Haus wird
+geschlossen. Ich muß schon bitten, Herr, daß sie sich eine andere
+Schlafstelle suchen.
+
+Erstaunt sah ich auf und starrte einem ganz unbekannten,
+vierschrötigen Hausknecht ins Gesicht.
+
+Verzeiht, guter Freund, stammelte ich, ich habe mich hier nur einen
+Augenblick--die Herren sind ja auch eben erst gegangen.
+
+Ja so, sagte er, Sie gehören zu der geschlossenen Gesellschaft, die
+hier einmal in der Woche Tarock spielt. Wenn ich sie etwa nach Hause
+bringen soll-Ich erhob mich rasch und trat auf die Straße hinaus.
+Meine Stirn war kühl geworden, das Herz desto wärmer, und wie ich
+gegen den Mondhimmel sah, an dem leichtes Gewölk in phantastischen
+Streifen hinzog, summte ich leise die Worte:
+
+Wolkenzug und Nebelflor
+Erhellen sich von oben;
+Luft im Laub und Wind im Rohr--
+Und alles ist zerstoben.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der letzte Zentaur, von Paul Heyse.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER LETZTE ZENTAUR ***
+
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+midnight of the last day of the month of any such announcement.
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+91 or 90
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+as it appears in our Newsletters.
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
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+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
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