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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:39 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der letzte Zentaur + +Author: Paul Heyse + +Posting Date: September 21, 2012 [EBook #9066] +Release Date: October, 2005 +First Posted: September 2, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE ZENTAUR *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and Gutenberg Projekt-DE + + + + + + + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Der letzte Zentaur + +Paul Heyse + +Novelle + +(1904) + + + + + + +Vom Turm der Frauenkirche schlug es Mitternacht. + +Ich kam aus einer Gesellschaft, in der man sich vergebens bemüht hatte, +eine sehr lahme und trockene Unterhaltung mit gutem Wein in Fluß zu +bringen. Der Kopf war mir immer heißer geworden und das Herz immer +kühler. Endlich hatte ich mich weggestohlen in den sommerwarmen +Mondschein hinaus und schlenderte ziellos durch die totenstille, +taghelle Stadt, um den Unmut über die verlorenen Stunden verdampfen zu +lassen. Als ich an der ehrwürdigen Marienkirche vorbei durch das +Frauengäßchen in die Kaufingergasse trat, blieb ich plötzlich stehen. + +Mir gegenüber lag, seine drei Stockwerke mit den dunklen Fenstern +gegen Mitternacht erhebend, ein wohlbekanntes Haus mit vorspringender +Ecke und einem blauen Laternchen über dem Eingang, in dem ich vor mehr +als einem Jahrzehnt manche unvergeßliche Nacht bei schlechterem +Getränk als heute, aber unter feurigeren Gesprächen zugebracht hatte. +Ich las die Inschrift über der zierlich geschnitzten, von zwei +Karyatiden gestützten Holzumrahmung des Torwegs: "Weinhandlung von +August Schimon". + +Jawohl, sagte ich vor mich hin, die Zeiten wandeln sich und wir mit +ihnen! Das ist noch derselbe Name, der damals in jeder Woche unsre +Losung war. Aber der ihn trug, der behäbige Mann mit dem schwarzen +Kraushaar und den verschmitzten kleinen Augen,--wo ist er hingekommen? +Sein Glücksstern hatte nur über diesem Hause leuchten wollen. Als er +es verließ, um in einem prachtvollen Hotel den Wirt zu machen, war es +mit ihm rückwärts gegangen, bis zu einem traurigen Ende. Seine +Gutmütigkeit soll ihn in unglückliche Spekulationen anderer verwickelt +haben, vielleicht auch ein phantastischer Zug zum Großen und Gewagten, +den er mit einigen seiner Gäste gemein hatte. Er war eben ein +Idealist unter den Gastwirten, und sein Andenken ist mir teuer +geblieben, trotz seiner Weine, auf die Freund Emanuel damals nach der +Melodie des Dies irae die schöne Strophe dichtete: + + +Sed post Schimonense vinum +Malum venit matutinum, +Luctum quod vocant felinum! + + +Heutzutage, da die Erben das Geschäft fortsetzen, sollen die Weine +sich bedeutend gebessert haben und der alten Firma Ehre machen. Aber +können die besten neuen Weine für die gute alte Gesellschaft +entschädigen, die nun nicht mehr von ihnen trinkt und den trüben +Lethetrank oder selbst den Nektar der Unsterblichkeit gern hingäbe um +ein paar Flaschen jenes dunkelroten Ungarweines, den wir mit +Todesverachtung und "festlich hoher Seele" so manchmal hier "dem +Morgen zugebracht"? Wie gern ließ' ich alles morgendliche Nachweh +über mich ergehen, könnt' ich noch einmal dich, teurer Genelli, hinter +dem Tische in dem niedrigen leichtangerauchten Weinstübchen sitzen +sehen, die volle Unterlippe halb freudig, halb trotzig aufgeworfen, +während eine göttliche Kinderfröhlichkeit dir aus den Augen blitzte! +Damals warst du noch nicht Großherzoglich Weimarischer Professor und +Falkenritter; du hattest noch nicht in dem Freiherrn von Schack den +Mäzen gefunden, der dich in den Stand setzte, die Entwürfe deiner +Jugend endlich nach jahrzehntelangem Hoffen und Harren in Farben +auszuführen. Oben in deinem bescheidenen Quartier am Stadtgarten +saßest du, und die Gesellschaft deiner Götter und Heroen ließ dich die +Welt vergessen, die dich vergaß. Aber wenn du auch oft zu warm warst, +um die Bleistifte zu bezahlen, mit denen du, in zarten Linien leicht +umrissen, deine Träume von den Göttern Griechenlands auf reinliche +Blätter schriebst: nie sah ich den Schatten von Erdennot und Sorge auf +deiner olympischen Stirn, die wie ein Berggipfel über allem Gewölk +sich im ewigen Äther sonnte. Und wie auch die Sorge an deinem Herde +die Rolle des Heimchens spielen mochte--einmal in jeder Woche lenktest +du den Schritt zu diesem Hause, um den Anflug von Staub und Moder, der +sich etwa an deine Seele zu setzen versucht, im Weine wegzuspülen. Ob +der wackere Schimon die Ehre zu schätzen wußte, die du ihm antatest? +Ich entsinne mich kaum, daß ich dich deinen Wein hätte bezahlen sehen, +wie andere Erdensöhne. Freilich warst du auch stets der Letzte, der +ging, noch ganz aufrechten Hauptes und festen Ganges, gefeit gegen das +vielberufene malum matutinum, und auch darum vielleicht unserm Wirt so +teuer, weil du den Glauben an die Unverfälschtheit seines roten Ungar +mit der Macht deiner Rede und deines Beispiels verteidigtest. + +Schöne, ambrosische Mitternächte, wenn der zweifelhafte Nektar seine +Kraft bewies und den Meister über alle Not der Gegenwart hinweg in +seine römische Jugend zurückführte! Dann wurden, während Dichtung und +Wahrheit sich traulich in eins verschlangen, die Schatten der wackeren +Vorfahren heraufbeschworen, die in Rom zuerst, nach Winckelmanns und +Carstens Heimgange, der deutschen Kunst eine Freistätte bereitet +hatten. Der seltsame Poet und seltsamere Maler, der als Maler Müller +dem heutigen Geschlecht trotz neuer Ausgaben seiner Schriften nur noch +dem Namen nach bekannt ist, und von dem Genelli gern eine Strophe +anführte, die er sehr bewunderte, eine Inschrift auf einem Trinkgefäß, +folgender Fassung: + +Trinke, Freund, aus dieser Schale, +Die der Gott der Lust +Einst geformt bei einem Göttermahle +Auf Cytherens Brust. + +Als zweiter dann, der nicht minder wunderliche Tiroler Koch, von +dessen trefflichen Landschaften jedoch weniger gesprochen wurde, als +von seiner "Rumfordschen Suppe", jener mit derbem Witz und bitterem +Hohn reichlich überpfefferten Herzensergießung über den Verfall der +Kunst, deren Kraftstellen unser Freund mit schmunzelndem Behagen zu +zitieren liebte. Endlich der alte Reinhard, ein wackerer Meister in +seiner Art, und doch minder groß und glücklich als Künstler, denn als +Jäger. Noch hör' ich Genelli die berühmte Geschichte erzählen, wie +der alte Nimrod eines Tages im Zwielicht mit leerer Jagdtasche und dem +Schuß noch in der Flinte in sein dämmriges Zimmer trat, unwirsch über +den verlorenen Tag. Da sieht er auf seinem Tisch etwas sich regen, +als ob es davon laufen wolle, und in ungekühlten Jagdtriebe reißt er, +ohne sich zu besinnen, das Gewehr von der Schulter, legt an und +schießt. Als er hinzutritt, zu sehen, was er geschossen, findet er +einen alten Käse, den die Kugel glatt durchbohrt hat, ohne doch das +tausendfältige Leben in ihm zu töten. + +Das ist eine von den sogenannten Jagdgeschichten! erlaubte sich, +während die anderen lachten, ein kleiner dürrer Mann zu bemerken, der +den Kunstkritiker machte, für den Realismus schwärmte, dennoch aber +sich häufig an diesem Tisch einfand, wo die idealistischen Spötter +saßen. Sie wollen uns doch nicht zumuten, Genelli, an diese Käsejagd +zu glauben? + +Der Meister blitzte ihn mit seinem gutmütigsten Jupiterblicke an. + +Ihnen mute ich überhaupt nicht zu, etwas zu glauben, was Sie nicht +sehen, sagte er. Aber wenn diese Geschichte nicht wahr ist, so ist +auch die folgende erlogen, die ich doch selbst erlebt habe. Es war in +Leipzig; ich stehe eines Abends am Fenster meiner Wohnung und blicke +auf den Markt hinunter. Da sehe ich ein kleines altes Weibchen, das +langsam mit trippelnden Schritten ihres Weges geht und mit einem +Stöckchen auf dem Pflaster etwas vor sich her zu treiben scheint, was +ich nicht erkenne. Ich gehe endlich hinunter, um zu sehen, was es ist. +Was war es? Eine Herde kleiner alter Handkäse, die das Weibchen auf +diese Art zu Markte trieb. + +Nun fand es auch der kleine Kritiker geraten, mitzulachen. Er wußte, +er durfte die Langmut des Olympiers nicht zu sehr auf die Probe +stellen, wenn er nicht mit einer vollen Ladung Rumfordscher Suppe +überschüttet sein wollte. Denn als der einzige Realist unter uns +Idealisten hätte er, trotz seiner zweischneidigen Zunge, den kürzeren +gezogen. + +Nur einer lachte nicht mit, dessen aschfarbenes, schlechtrasiertes +Gesicht ich überhaupt nie habe lachen sehen, obwohl ihm bei allem, was +Genelli tat und sagte, in heimlicher Bewunderung das Herz im Leibe +lachte: ein langer, hagerer, scheublickender Mann, in sehr schäbigem +Rock, von veraltetem Schnitt, der in einem kahlen Zimmerchen, wie es +hieß, von der Luft lebte und nie etwas anderes tat, als daß er, wenn +ein tollkühner Kunsthändler sich zu einem solchen Unternehmen +aufschwang, Genellis Entwürfe in leichter Umrißmanier in Kupfer stach. +Dies, und das Bewußtsein, Platens Freundschaft besessen zu haben, +waren deine einzigen Lebensfreuden, ehrlicher Schütz. "Die Treue, sie +ist kein leerer Wahn!" Und du hast sie redlich bis ans Ende bewährt. +Als dein Meister zu den Schatten hinabstieg, um sich auf der +Asphodeloswiese zu seinen homerischen Helden, seiner Hexe und seinem +Wüstling zu gesellen, litt es auch dich nicht länger hier oben in der +Sonne. Ein Schatten eines Schattens zu sein, schien die rühmlicher, +als hier noch länger körperlos herumzuwanken. + +Ein anderer der Getreuen war schon vorausgegangen: der edle, +hochsinnige Holsteiner Charles Roß, dessen Landschaften mit +Verschmähung der modernen Virtuosenkünste jener certa idea +nachstrebten, die einst einen Poussin und Claude begeistert hatte. An +seiner stählernen Mannesseele, der es an schneidigen Ecken und Kanten +nicht fehlte, hatte die weiblich zarte Hülle vor der Zeit sich +zerrieben. Denn außer dem Schmerz, in einer Epoche zu leben, die in +der Kunst ganz andere Götter verehrte, als die ihm die wahren schienen, +drückte auf ihn der Lebenskummer um die gefesselte und geknechtete +Heimat, deren Befreiung und Heimkehr zu den deutschen Stammesgenossen +er nicht mehr erleben sollte. Auch ihn, wie Genelli, habe ich nie +klagen hören, wohl aber zürnen und spotten hören, wobei dann seine +sanften blauen Augen unter der weißen, von blondem Haar überwallten +Stirn seltsam leuchteten wie vom Widerschein seiner stählernen Seele. +An Genelli hat er in dessen sorgenvollster Zeit mehr getan als irgend +ein anderer seiner Freunde; er war es auch, der ihm in Baron Schack +den hilfreichen Gönner und Freund zuführte und die Bestellung seines +Raubes der Europa vermittelte, wodurch dem Einsamen auf der Schwelle +des Alters noch einmal die Genugtuung wurde, sein bestes Wollen und +Können in einer Reihe großer Schöpfungen auszusprechen, freilich nicht +ganz ohne Spuren der langen Vereinsamung, in der er seine +kraftvollsten Jahre hingefristet hatte. + +Soll ich die anderen noch aufzählen, die Jüngeren, die sich an jenen +Abenden um den Meister scharten? Sie leben und schaffen noch, und +nicht alle sind dem Bekenntnis jener stillen Gemeinde treugeblieben, +deren Stolz es war, eine ecclesia pressa zu sein und allem schwächlich +dürren und seelenlosen Unwesen des modernen künstlerischen +Rationalismus den Rücken zu kehren. Einer aber, der es äußerlich am +weitesten gebracht und die Genußkraft des alten Heidentums nicht bloß +darum besaß, um desto schmerzlicher zu entbehren, sondern in vollen +Zügen Lebensfreuden schlürfte, Karl Rahl,--auch er ist schon zu jener +stillen Schar versammelt, die er auf Erden nur dann und wann besuchte, +aus Italien oder von Wien herüberreisend, um dem alten Freunde die +Hand zu schütteln und ein paar Tage aus dem vollen mit ihm zu leben. + +Ich sehe ihn noch, wie er bei einem dieser Besuche auch abends zu +Schimon kam und alle, die ihn noch nicht kannten in Erstaunen setzte +durch die unerhörten Massen Fleisches, die er ruhig, ohne viel +Aufhebens von seinem Appetit oder der Zubereitung zu machen, rein zur +Stillung des dringendsten Bedürfnisses zu sich nahm. Er hatte etwas +vom Löwen, der mit gleicher Würde und Kraft, ohne Gier und +Feinschmeckerei seine Kost zermalmt. Da begreift man, sagte der +Kunstkritiker mir ins Ohr, daß das Fleischmalen seine Force ist, bei +solchen Naturstudien!--Aber als er dann satt war und sich nun in die +Unterhaltung mischte, konnte man merken, daß der Leib sich nicht auf +Kosten des Geistes so heroisch nährte. Denn unmerklich ohne +rhetorische Künste, mit der unscheinbaren Gewalt eines reichen Wissens +und eines hellen Verstandes, der allen Ideenstoff sofort in Saft und +Blut verwandelte, fing er an das Gespräch zu beherrschen, daß wir alle +an seinen Lippen hingen, während es von der kahlen Stirn des +geistreichen Satyrgesichts wie eine prophetische Flamme leuchtete. +Genelli saß schweigsam neben ihm, verklärt von dem brüderlichen Stolz, +seinen Freund aus allen Wortkämpfen als Sieger hervorgehen zu sehen. +Er trank an dem Abend für zwei, während Rahl kaum einmal vom Ungar +nippte. So saßen sie wie die Dioskuren beisammen, jeder auf seinen +Stern vertrauend, den Stern der Schönheit, der in die dampfumwölkte +Gegenwart nur trübe hereinleuchtete, in solchen Nächten aber den +Eingeweihten im alten hellenischen Glanz erschien. + +Solche Nächte! Wie lange schon waren sie verglüht und verglommen, und +wie hell leuchteten sie beim Anblick jenes Hauses in der Erinnerung +auf. Vieles hatten die Jahre seitdem gebracht, redliche Kämpfe und +fröhliche Siege, heitere Tage und Nächte genug mit alt' und jungen +Freunden--solche Nächte nicht wieder! + +Eine feierliche Wehmut überkam mich; ich ließ den Kopf auf die Brust +sinken und vertiefte mich eine Weile in den Abgrund dieses +geheimnisvollen Erdendaseins. In die Tür mir gegenüber war ich, +seitdem die stille Gemeinde in alle Winde zerstreut war, nie wieder +eingetreten. Was hatte ich dort auch zu suchen? Heute fühlte ich +einen unwiderstehlichen Trieb, wenigstens in den langen Flur +hineinzuspähen, durch den uns sonst der kleine schwindsüchtige Kellner, +Karl, der nun auch längst einen besseren Schlaf genießt, +hinauszuleuchten pflegte, um das Haustor hinter uns zu schließen. Ich +versuchte den Türgriff, und obwohl die Polizeistunde schon längst +vorüber war, gab die Tür dennoch willig und geräuschlos nach. Es +mußten noch Gäste drin beim Weine sitzen. + +Aber um keinen Preis der Welt hätte ich's übers Herz gebracht, fremde +Gesichter an der geweihten Stätte zu sehen. + +Ich setzte mich, um nur noch einen Augenblick in der Stille meinen +Erinnerungen nachzuhängen, auf eines der leeren Fässer, die an der +Wand standen, und sah den tiefen Hausgang hinunter, aus dessen +Hintergrunde eine schläfrig rote Laterne mich vertraulich anblinzte. +Es war im Hause totenstill, und eine seltsame Moderkühle, mit +Weingeruch vermischt, wehte mich aus Flur und Kellertreppe an. Dann +und wann hörte ich draußen einen Nachtschwärmer vorbeitrappen und +konnte an seinem gleichen oder ungleichen Schritt erkennen, ob es ihm +kühl oder schwül unterm Hute war. Durch die halboffene Tür fiel ein +armsdicker gleißender Strahl des Mondlichtes herein, auf den ich +unverwandt starren mußte, als sollte mir von daher, wie weiland Jakob +Böhme durch den Sonnenstrahl auf einer zinnernen Schüssel, eine +mystische Offenbarung zuteil werden. Ich wartete aber umsonst--und +über dem Harren und Sinnen wollten mir endlich eben die Augen +zufallen-Da kam ein schlurfender Schritt aus der Tiefe des Hausgangs +auf mich zu, jener bekannte schlaftrunkene Kellnerschritt in +ausgetretenen Hausschuhen. Ich dachte, man komme mich hier +wegzuweisen, damit das Haus geschlossen werden könnte, und fuhr in die +Höhe. Erschrocken sah ich die wohlbekannte Gestalt des kleinen Karl +vor mir stehen. + +Sie sind es? sagte ich. Wie kommen Sie denn wieder hierher? Sind sie +denn nicht längst-Er sah mich aus seinen müden, geröteten Augen so +wunderlich an, daß mir das Wort in der Kehle stecken blieb. + +Die Herren schicken mich, sagte er in schläfrig-leisem Ton, um zu +sehen, ob Sie denn noch nicht kommen. Es sei schon sehr spät, und sie +würden nicht mehr lange bleiben. + +Welche Herren? fragte ich, während ich von meiner Tonne herunterstieg. + +Sie kennen sie ja wohl, erwiderte der Kleine und wendete sich schon, +um wieder hineinzugehen. Übrigens wie sie wollen. Die Herren +meinten nur-Damit ging er mir voran, und ich besann mich nicht länger, +der seltsamen Einladung zu folgen. Auch fühlte ich, wunderbarerweise, +nicht den leisesten unheimlichen Schauer. Ich könnte fast glauben, +dies sei ein Traum, sagte ich so für mich hin; aber ich habe doch die +Augen weit offen und sehe die rote Laterne und höre das Hüsteln des +kleinen Karl. Nun, was es auch sei und wen ich auch sehen werde,--in +diesem Haus und unter so guten Freunden brauche ich mich nicht zu +fürchten. + +Und doch, als wir uns der Tür der Weinstube näherten, mußte ich +plötzlich stehen bleiben. Das Herz klopfte mir heftig, und eine tiefe +Rührung überschauerte mich. Denn aus dem Innern hörte ich nun +deutlich eine unvergeßliche Stimme, die mir zum letzten Male so +wehmütig Lebewohl zugerufen hatte auf dem verschneiten Schiller-und- +Goethe-Platz zu Weimar. + +Er soll nur hereinkommen, erscholl die Stimme wieder, mit der alten +freudigen Kraft und Frische. Per Bacco! er wird doch dem Wein nicht +abgeschworen haben und unter die Wasserdichter oder Bierphilister +gegangen sein? Guten Abend, Freund! Setzen Sie sich zu uns. Der +Schütz wird ein wenig Platz machen. Oder wollen Sie sich lieber bei +Charles Roß niederlassen? Karl, noch einen Spitz! Man lebt nur +einmal--hätt ich beinah gesagt. + +Ich war eingetreten, und ein rascher Blick hatte mir gezeigt, daß ich +unter lauter Bekannten war. Auf seinem gewöhnlichem Platz an der Wand +mein alter Genelli, neben ihm, etwas magerer und blasser und, wie es +schien, in trübseliger Laune sein Dioskurenzwilling, gegenüber die +beiden schon genannten, die auseinanderrückten, um mir einen Platz in +ihrer Mitte freizumachen. Sie nickten mir alle zu, und Freund Roß +murmelte etwas, das ich nicht verstand. Keiner aber bot mir die Hand, +und auch sonst war ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer in ihren +Mienen, der mich nachdenklich machte. Vor einem jeden stand eine +halbvolle Flasche und ein Glas mit rotem Wein, aus dem sie dann und +wann in bedächtiger Stille einen langen Zug tranken. Dann glühten für +einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen, und es fuhr ein +Zucken durch ihren Körper, als wollten sie eine Last abschütteln. +Gleich darauf saßen sie wieder starr und stumm und senkten die Blicke +ins Glas. + +Ich konnte, obwohl keine Gasflamme brannte, jede Miene in diesen +vertrauten Gesichtern deutlich erkennen, denn der Mond schien mit +blendender Klarheit durch ein Seitenfenster herein und erleuchtete +gerade unseren Tisch, während die Winkel des Gemachs dunkel blieben. +Nun regte sich dahinten noch eine Gestalt und näherte sich mir, mich +zu begrüßen. Ich erkannte den schwarzen, schon etwas mit Silber +angesprengten Krauskopf unseres Wirts und wunderte mich über mich +selbst, daß mich dieses Wiedersehen fast lebhafter erschütterte als +das der trefflichen Freunde. + +Sie bemühen sich in Person, Herr Schimon, rief ich, als ich ihn Glas +und Flasche vor mich hinstellen sah. Wahrhaftig, ich hätte mir nicht +träumen lassen, daß ich noch einmal das Vergnügen haben würde--Wieder +brachte ich den Satz nicht zu Ende, denn ich sah plötzlich alle Blicke +auf mich gerichtet, als fürchte man, daß ich etwas Ungeschicktes sagen +möchte. + +Unser Herr Wirt darf doch nicht fehlen, wenn wir uns einmal wieder +eine gute Stunde gönnen! fiel mir Genelli ins Wort. Setzen Sie sich +zu uns, Herr Schimon. Ihr Wein will heute nicht recht wärmen. Und +was haben Sie sich für eine sparsame Gasbeleuchtung angeschafft? +Gleichviel! wo solche Leute beisammen sitzen, können sie ihr eigenes +Licht leuchten lassen. Aber mit dem Rahl ist nichts anzufangen. +Celesti dei! wie kann man sich gewisse unvermeidliche Dinge dermaßen +zu Herzen nehmen! Der Mensch lebt nicht von Fleisch allein, und der +ganze übrige Bettel--pah! + +Er rümpfte, wie er es gern tat, wenn ihm wohl war von trotzigem +Selbstgefühl, die volle Unterlippe und leerte sein Glas auf einen Zug. +--Niemand sprach ein Wort; der kleine Karl schlich mit einer vollen +Flasche heran und setzte sie vor den Meister hin. Ich sah jetzt, daß +Genelli der einzige war, dessen Augen kein Hauch von Trübsinn und +Müdigkeit verschleierte, und daß der mächtige Kopf auf dem Stiernacken +noch so ungebeugt sich bewegte wie je in seinen lebensfrohesten Tagen. + +Nun sagen Sie, wandte er sich wieder zu mir, wie läuft die Welt? Was +treiben Sie? Was macht das große Irrlicht? Nährt es sein windiges +Flämmchen noch immer aus dem Sumpfboden der faulen Zeit und seiner +eigenen Nichtsnutzigkeit? Ich habe Ihnen einmal die Karikaturen +gezeigt, die ich auf diesen großen Impostor gemacht habe; sie sind +freilich noch nicht zeitgemäß, aber auch ihre Zeit wird kommen, wenn +überhaupt noch ein Hahn nach ihm kräht, sobald er das Zeitliche +gesegnet hat. Pah! der wird sich wundern, wenn er an einen gewissen +Fluß kommt und übergesetzt sein will und der alte Fährmann ihm erst +den Paß revidiert. Aber wir wollen uns den Wein nicht verderben. Es +lebe, wer's ehrlich meint! + +Jeder erhob sein Glas, ich wollte mit Charles Roß anklingen, merkte +aber, daß es nicht angebracht war. Er trank stillschweigend, nickte +mir schwermütig zu und setzte das Glas lautlos wieder hin. + +A proposito "wer's ehrlich meint!" fing Genelli wieder an, was macht +denn unser Kunstvogt, der Kritikus? Warum haben Sie ihn heute nicht +mitgebracht? Wissen Sie, so recht konnte ich eigentlich nie ein Herz +zu ihm fassen, aber ein ehrlicher Kerl ist er doch. Er streckte sich +eben nach seiner Decke, die manchmal verdammt kurz war. Davon bekam +er dann selbst eine Ahnung, wenn ihm die Zehen froren, und dann sah er +sich nach was Besserem, Größerem und Breiterem um, und in solchen +Stunden verstanden wir uns ganz gut. Hernach aber kroch er doch +wieder ins Enge zurück, da das nun einmal Mode ist in dieser +bettelhaften, pauvren Zeit. Haben Sie ihn lange nicht gesehen? + +Das letzte Mal, erwiderte ich, haben Sie uns wieder zusammengeführt. +Ich traf ihn vor Ihrer Omphale in der Schackschen Galerie. Er wußte +nicht genug den Bacchantenzug unten in der Predelle zu loben. Solche +Zentauren, sagte er, haben selbst die Alten nicht zu stande gebracht, +solch verwünscht leibhaftiges, liederliches Gesindel von Manngäulen +oder Roßmenschen, und nun erst die Weiberstuten, zumal die eine da +oben, die an der Rose riecht, die sind so mit Händen zu greifen, daß +keinem einfällt zu fragen, ob man mit zwei Mägen, zwei Herzen und +sechs Gliedmaßen auch vor der gestrengen Wissenschaft der Anatomie +bestehen könne. Sie wissen, setzte er hinzu, ich bin sonst ein +Anhänger des entschiedensten Realismus und glaube, daß die Zeit der +Götter, Helden und Zentauren vorbei ist. Aber vor diesen Genellischen +Fabelwesen muß man den Hut abziehen, die haben Rasse; es kommt mir +manchmal vor, als müsse er dabei gewesen sein, als könne kein Mensch +sich solch verteufeltes Heidenzeug aus den Fingern saugen. + +Er ist auch dabei gewesen! sagte der Meister nun, und sein fröhlicher +Blick wurde fast feierlich. Und was insbesondere die Zentauren +betrifft, warum soll ich es leugnen, daß ich wirklich diese +merkwürdige Schicht der antiken Gesellschaft in einem Musterexemplar +studiert habe, daß ich so glücklich gewesen bin, den letzten der +Zentauren persönlich kennen zu lernen? + +Alle Augen richteten sich jetzt auf ihn, der die seinigen aber +durchaus nicht niederschlug, wie man sonst wohl zu tun pflegt, wenn +man auf einer Münchhausiade nicht gleich ertappt zu werden wünscht. + +Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, fuhr er fort, sich heiter im +Kreise umblickend. Es scheint ohnehin heute kein rechter Diskurs +zustande kommen zu wollen. Der Rahl, seitdem er vom Fleisch gefallen, +ist unter die Trappisten gegangen; seine jetzige Diät--sie ist +freilich miserabel genug--schlägt ihm weder geistig noch leiblich an. +Freund Roß, glaub' ich, denkt an Weib und Kind, und der Schütz war nie +ein großer Redner. Abgedankte Leute wie wir sollten allerdings stille +liegen und den Mund nur auftun zu einem Kyrie oder Peccavi. Aber wie +sagt Falstaff? Hol die Pest alle feigen Memmen! Karl, noch einen +Spitz! Und nun will ich euch sagen, wie das mit dem Zentauren sich +ereignet hat. + +Es war im ersten Sommer, als ich mich in München niedergelassen hatte, +das Jahr hab' ich vergessen. Juni und Juli waren kühl gewesen, dafür +brach im August eine solche Mordhitze herein, daß man hier in der +Stadt wie im Fegefeuer nach Luft schnappte und ich's wahrhaftig bei +der Arbeit nicht aushielt, außer in dem paradiesischen Kostüm, in dem +Freund Rahl damals in Rom in seinem Atelier herumging, zum Staunen der +schönen Nachbarinnen gegenüber, die durchs offene Fenster hereinsahen, +und zu großem Ärgernis ihrer signori mariti, die endlich den Hern +Pfarrer des Viertels an ihn abschickten, um ihn zu christlich ehrbarer +Zucht und Bekleidung zu ermahnen. Wie der Schalk da dem Biedermann um +den Bart gegangen, ihm mit gutem Schinken aufgewartet und mit Orvieto +so lange eingeheizt hat, daß auch dem Pfarrer endlich die Glut zum +Dach herausschlug und er sich zureden ließ, eines seiner Gewänder nach +dem anderen abzulegen, bis er in derselben einfachen Sommertracht wie +sein Wirt auf den kühlen Fliesen herumspazierte,--das habt ihr, denk' +ich, noch in guter Erinnerung. Genug, ich hielt es zuletzt nicht +länger aus und beschloß, mir im Gebirge einen besser gelüfteten +Schattenwinkel zu suchen, als meine Dachkammer war. So fuhr ich mit +dem Stellwagen eine Strecke ins Land hinein gegen den Inn zu und +wanderte dann von der ersten Station, wo mir die Gegend gefiel, mit +meinem leichten Ränzel bergan. + +Obwohl aber dort das Flußtal hinunter "ein guter Luft" ging, wie die +Tiroler sagen, merkte ich doch bald, daß ich des Steigens in der +Mittagssonne ungewohnt war, und war froh, nach zwei sauren Stunden ein +großes Dorf aus dichtem Walnußlaub mir zuwinken zu sehen, recht fett +und bequem auf der sanftansteigenden Halde hingelagert. Gegen Westen +stieg der Berg jählings in die Höhe, bis endlich auch den Tannen und +Föhren der Atem ausging und sie ihm nicht mehr nachklettern konnten. +Da oben hinter den kahlen Gipfeln mußte die Sonne selbst im Hochsommer +frühzeitig verschwinden und der Bergesschatten eine angenehme Kühle +über den Abhang ergießen. + +Also war ich rasch entschlossen, hier Rast zu machen, obwohl es für +heute nicht sehr ruhig herzugehen versprach. Es war eben Kirchweih +und das einzige Wirtshaus gestopft voll von trinkenden, kegelnden und +juhschreienden Bauern. Überdies waren ein paar Kauf- und +Schaubuden dicht neben dem Wirtsgarten aufgeschlagen, zwischen denen +sich ein buntes Gedränge hin und her trieb, besonders vor der Bude +eines Italieners, der ein ausgestopftes Kalb mit zwei Köpfen und fünf +Füßen für ein paar Kreuzer sehen ließ. Ich versparte mir diesen Genuß +für den Abend, da ich vor allem nach einem kühlen Trunk lechzte, +schlug mich auch endlich durch Flur und Treppe durch bis auf die obere +Laube, wo ich hinter dem Geländer des Altans ganz in der Ecke einen +Sitz auf der Bank und ein Seidel roten Tiroler eroberte. Den Wein +stellte ich vor mich auf die hölzerne Brustwehr, streckte mich nach +Herzenslust aus und sah, während ich langsam mich verkühlte, über das +Bauerngewühl unten um die Tische über den Gartenzaun und die nächsten +Hütten hinweg in die prachtvolle Gebirglandschaft hinaus. + +Kaum eine halbe Stunde mochte ich so geruht haben, da sah ich auf dem +breiten Feldwege, der zu dem nächsten, höher gelegenen Dörfchen führte, +einen ganz seltsamen Schwarm sich heranbewegen. + +Ich glaubte im ersten Augenblicke, der Wein, den ich etwas hastig +getrunken, werfe so wunderliche Blasen in meiner Phantasie, daß ich am +hellen Tage einen fabelhaften Traum träumte. Auch war die wunderliche +Gruppe noch so ferne, wohl drei Büchsenschüsse von meinem Luginsland, +daß ich meinen Augen wohl mißtrauen durfte. Aber obwohl sich's in +ruhigem Schritt fortbewegte, kam es doch unaufhaltsam näher, und nun +konnte ich endlich nicht mehr zweifeln, daß ich in Wirklichkeit "sah, +was ich sah, und hörte, was ich hörte". + +Stellt euch vor, in der goldigsten Herbstsonne kam auf der weißen +staubenden Bergstraße ein riesenhafter Zentaur dahergetrabt, in einem +würdevollen beschaulichen Viervierteltakt, wie der alte Schimmel, der +im Wilhelm Tell mitspielt und den Landvogt in die hohle Gasse tragen +muß. Hinter ihm drein, aber in scheuer Entfernung, etwa um einige +Pferdelängen, zottelte und trottelte ein lautloser Haufen alter +Mütterchen, lahmer und preßhafter Männlein und ganz junger Kinder, +alles nämlich, was von jenem abgelegenen Dorfe entweder zu alt oder zu +jung gewesen war, um die nachbarliche Kirchweih mitzufeiern. Der +riesige fremde Gast mochte sich mit Gutem oder Bösem so in Respekt +gesetzt haben, daß man ihm ohne jede Anfechtung, weder durch Geschrei, +noch tätliche Neckereien, das Geleit gab. Aber je näher der +abenteuerliche Zug dem Kirchweihdorfe kam, desto deutlicher sah ich +besonders die Weiblein bemüht, die Aufmerksamkeit der noch +ahnungslosen Nachbarn schon von weitem zu erregen, durch Winke mit den +dürren Armen, Krückstöcken und Kopftüchern, auf die freilich über der +Tanzmusik und dem Festtreiben rings um mich her keine Menschenseele +aufmerksam wurde. + +So konnte sich das heidnische Ungetüm unbeschrien der Dorfmark nähern, +und erst, als es bei den letzten Hütten vorbeitrabte und nun gerade +auf das Wirtshaus lossteuerte, wurden die Bauern inne, daß sich etwas +ganz Unerhörtes begab. Nun war freilich der Effekt, den dies +Intermezzo machte, um so gewaltiger. Im Nu stob alles auseinander, +was unten im Wirtsgarten und um die Schaubuden sich zusammengedrängt +hatte. Wie Ameisen durcheinander wimmeln, wenn man mit dem Stock in +ihren Bau stößt, so stürzten Männer und Weiber in wilder Flucht vom +Wirtshaus weg, und jedes suchte eine Tür, einen Zaun oder einen Baum +zu erreichen, hinter denen man vor dem ungefügen vierbeinigen Mirakel +auf den ersten Anlauf sicher wäre. Ebenso hastig aber fuhren alle, +die in den Häusern und oberen Räumen der Schenke waren, an die Fenster +und starrten entsetzt nach dem Scheuel und Greuel hinaus. Auf den +Lärm des ersten Aufruhrs folgte eine tiefe Stille; selbst die Hunde, +die erst wütend losgebellt hatten, zogen sich, als sie die mächtigen +Hufe des Ankömmlings gewahrten, vorsichtig mit bangem Winseln zurück, +und nur die kleinen Bauernpferde, die an ihren Krippen schmausten, +begrüßten ihn mit zutraulich gastfreundlichem Wiehern, da er ja +jedenfalls, soweit er zu ihnen gehörte, ihrem Geschlecht alle Ehre +machte. + +Ich war vielleicht der einzige, der nicht den Kopf verlor, zunächst +als ein alter eingeteufelter Heide, der ich war, und in der ganzen +fabelhaften Naturgeschichte wohlbewandert, dann aber auch, weil das +Entzücken über die ungemeine Schönheit des Fremdlings keine Furcht +aufkommen ließ. + +Was ich selber hernach an solchen Zwiegeschöpfen gemalt, oder Freund +Hähnel in seinem Dresdener Theaterfries gemeißelt hat, würde sich +gegen diesen göttlichen Burschen in Fleisch und Bein ausgenommen haben +wie Halbblut gegen Vollblut. + +Obgleich freilich an das, was man heutzutage Vollblut nennt, nicht +gedacht werden darf, wenn man sich einen Begriff machen will von der +Gaulhälfte des wundersamen Kirchweihgastes. Denkt an den Bucephalus +oder das trojanische Pferd, oder meinethalben an den prachtvollen +Streithengst, der den Großen Kurfürsten auf der langen Brücke trägt, +und nun stellt euch vor, daß der ganze heroische Gliederbau von der +glattesten silbergrauen Decke überzogen war, unter der man jede Muskel +spielen und bei jedem Fältchen, das sie warf, die Sonne wie auf +hochgeschorenem Samt schimmern sah. Aus diesem mächtigen Gestell +wuchs ein Menschenleib hervor, der sich mit dem tierischen wohl messen +konnte--Arme, Brust, Schultern wie vom Farnesischen Herkules gestohlen, +so recht in der Mitte zwischen fett und hager, die Haut sanft +angebräunt und ebenfalls hie und da stark behaart, wie denn auch von +dem mächtigen dunklen Schopf, der ihm Stirn und Haupt umwallte, noch +eine wehende Mähne bis tief auf den Rücken hinunterwucherte, übrigens, +gleich dem lang nachschleppenden kohlschwarzen Roßschweif, dem +Anschein nach wohlgepflegt. Es war überhaupt nicht zu verkennen: das +Fabelwesen hielt etwas auf sein Äußeres. Keine Spur von +tausendjährigem Staub und Unrat, der Bart am Kinn zierlich gestutzt +und gekräuselt, und wie ich mich erst getraute, ihm näher in das +ernsthaft treuherzige Gesicht zu sehen, das nur etwa so wild war wie +ein Bube, der aus Verlegenheit trotzig dreinschaut, bemerkte ich, daß +er einen kleinen Rosenzweig, eben frisch, wie es schien, vom Strauch +gebrochen, in das dichte Haar hinters Ohr gesteckt hatte. + +So kam das schöne Ungeheuer gemächlich in den Hof der Dorfschenke +getrabt, aus dem sofort auch der letzte Gast, den Maßkrug an die Brust +gedrückt, mit lautem Geschrei ins Haus oder in die Wirtschaftsgebäude +flüchtete. Der Schwarm von alten Weibern und Bauernkindern, der ihm +das Geleit gegeben, blieb draußen auf der Dorfstraße stehen, und über +der Verwegenheit des hohen Reisenden, sich so leichtbegleitet mitten +in die Kirchweih zu begeben, schien allen das Wort in der Kehle zu +erstarren. Wenigstens hörte man ringsum nur ein verhaltenes Summen +und Schwirren, aus dem nur dann und wann ein paar Naturlaute des +Schreckens und der Angst hervorkreischten. Alle erwarteten das +Entsetzlichste, und wohl nur wenige mochten sein, die den Spuk nicht +gerade für den leibhafen Gottseibeiuns hielten, der gekommen sei, das +sämtliche halb betrunkene Gesindel recht in seiner Sünden +Kirchweihblüte in die Hölle abzuführen. + +Der alte Heide aber zeigte sich trotz seiner höllischen Pferdefüße als +ein ganz zahmer, menschenfreundlicher Kamerad. Er sprengte +geradeswegs auf die hohe Laube zu, auf der ich saß, und sah mit einer +höflichen Miene, wie einer, der gerne mit einem Fremden anbinden +möchte, mir ins Gesicht, der ich ihm ebenso artig zunickte. Dann aber +richtete er seine großen glänzenden Augen auf das Schenkmädchen, das +neben mir stand, zwei offene Flaschen voll Tirolerwein in den Händen. +Sie hatte sie für die Gäste heraufgetragen, die das Hasenpanier +ergriffen hatten, und stand nun, da sie, obwohl mit dem Dorfschneider +verlobt, ein munteres, kouragiertes Frauenzimmer war, ohne Scheu neben +mir auf dem Altan, um die Wundergestalt in aller Arglosigkeit zu +betrachten. Dem Fremdling mochte die saubere Dirne--man hieß sie die +schöne Nanni--ebenfalls einleuchten, nicht minder auch der rote Wein, +den sie trug. Mit so viel Lebensart, wie man solchen Roßmenschen kaum +zutrauen sollte, nahm er den Rosenzweig hinterm Ohre hervor, roch erst +daran und überreichte ihn dann ohne Mühe, da Haupt und Schultern noch +über die Brüstung der Laube herausragten, dem schönen Kinde, das etwas +geschämig tat, die Blumen aber doch nicht ausschlug, sondern in ihren +Brustlatz neben den silbernen Löffel steckte. Zugleich schien sie +gemerkt zu haben, worauf die ganze Huldigung abzielte. + +Ohne Zaudern reichte sie ihrem Verehrer die beiden vollen Flaschen +hinaus, die er auch mit freundlichem Kopfnicken ergriff, und dann in +so raschen Zügen leerte, wie unsereins zwei Gläser Champagner +hinunterstürzt. + +Ein beifälliges Murmeln unter den Kopf an Kopf gedrängten Zuschauern +begleitete diese ganze trauliche Szene, und ein paar kecke Burschen +wagten sogar ein "Wohl bekomm's!" oder "Gesegn' es Gott!" zu rufen, +wurden aber gleich von den Vorsichtigeren niedergezischt. Aber auch +dem fremden Gast schien der Wein die Zunge gelöst zu haben. Er sagte +erst dem Mädchen einige Artigkeiten, die sie aber nicht verstand und +nur mit Kichern und Kopfschütteln erwiderte. Dann wandte er sich an +mich, fragte mich, wo er sich hier befinde, und wie das wilde Volk +heiße mit den Pelzhauben und der ohrenzerreißenden Musik, unter das er, +er wisse selbst nicht wie, geraten sei. Ich antwortete-Erlauben Sie, +Herr Genelli, unterbrach ihn der Wirt, der gleich uns anderen begierig +gelauscht hatte, in welcher Sprache unterhielten Sie sich mit dem +antiken Herrn? + +Im reinsten Griechisch, Herr Schimon; Sie mögen es nun glauben oder +nicht. Er sprach es natürlich etwas fließender als ich, aber mit +einem Anflug an den jonischen Dialekt, der mir hie und da das +Verständnis erschwerte. Indessen, es ging. Not bricht Eisen und +lehrt radebrechen. Sie werden selbst schon erlebt haben, daß Sie im +Traume ganz korrekt Ungarisch oder Spanisch sprachen, was Ihnen sonst +sauer werden möchte. Aber unterbrechen Sie mich nicht wieder; lassen +Sie mir lieber einen neuen Spitz Carlowitzer kommen. Wo war ich denn +stehen geblieben? Richtig, wo ich den Spieß umdrehte und ihn fragte, +wie es im Homer steht: + +Wer er sei und woher, wo er wohnt und wer die Erzeuger. + +Da kamen denn kuriose Dinge heraus. + +Stellt euch vor, der arme Bursche war vor so und so viel tausend +Jahren hoch oben durchs Gebirge geritten, in Geschäften, wie er sagte, +da er als Landarzt--Kreisphysikus würde man's heute nennen--einen +gewaltig großen Bezirk zu versehen hatte, lauter wildes, armes Volk, +Hirten, Bärenjäger, Pfahlbauern usw. Nun war's gerade ein heißer Tag, +und er hatte bei seiner Praxis überall scharf gezecht, hineingegossen, +was die Leute ihm gerade vorsetzten, da er sie meist um ein Glas Wein +oder Enzianbranntwein kurierte, und wie er mittags an eine +Gletscherhöhle kommt, denkt er, du willst ein Schläfchen machen, +streckt sich in der dämmerigen blauen Eisspelunke hin und schläft +richtig ein. Was weiter geschehen, wußte er freilich nicht zu sagen, +und auch ich konnte ihm nur die Vermutung aussprechen, daß Schnee- +oder Eismassen um ihn zusammengestürzt und heute erst wieder aufgetaut +sein müßten, daß er, wie jenes Mammutungetüm im Polareise, frisch und +ohne jeden Hautgout sich in seinem Eiskeller konserviert habe, nur mit +dem Unterschiede, daß auch sein Geist, dank dem vielen genossenen +Spiritus, durch den unmäßigen Winterschlaf hindurch keinen Schaden +gelitten und er nun als ein vorsintflutliches mythologisches Rätsel +auf vier gesunden Beinen in unsere entgötterte Welt hineinsprengen +könne. Ich suchte ihm in aller Kürze, so gut es ging, über die +ungeheure Kluft hinwegzuhelfen, die sein Erwachen von seinem +Einschlafen trennte. Aber ich merkte bald, daß die summarische +Weltchronik, die ich vor ihm aufrollte, ihn sehr wenig interessierte. +Er schüttelte nur den Kopf, als ich ihm erzählte, die Götter +Griechenlands seien ein überwundener Standpunkt, und mit dem kleinen +Lutherischen Katechismus wußte er ebensowenig anzufangen wie mit dem +heiligen Augustin oder Pius IX. Auch die politischen Umwälzungen der +letzten dreitausend Jahre ließen ihn völlig kalt. Als ich endlich +schwieg, seufzte er so recht vom Grunde seiner ehrlichen +Zentaurenseele auf und sagte: er werde von allem, was ich ihm da +vorgefabelt, aus dem Zehnten nicht klug, und das sei ihm auch ganz +gleichgültig. So viel merke er, daß ihm ein recht hämischer Possen +gespielt worden sei mit jener Aufbewahrung im Eiskeller; inzwischen +sei alles anders geworden und nur er derselbe geblieben, wessen er +sich eben nicht schäme, denn nach den wenigen Proben scheine ihm die +Welt viel lumpiger, schäbiger und nicht einmal gescheiter geworden zu +sein, die Wälder dünner, der Wein saurer, die Weiber--bis auf seine +Freundin "Nannis oder Nannidion" (wie er sich das Nannerl ins +Griechische übersetzte)--plumper und einfältiger. Nun erzählte er, +was er seit seinem Erwachen für Erfahrungen gemacht hatte. + +Kaum war ihm nämlich sein Gletschermantel von den Schultern +geschmolzen, und er hatte sich die letzten Nebel des Schlafs aus den +Augen gerieben, so war er ins Freie hinausgetrabt, ärgerlich über die, +wie er wähnte lange Versäumnis von vierundzwanzig Stunden, da er einen +schweren Patienten eine Stunde tiefer im Tal zu besuchen hatte. Als +er sich aber umsah, schien ihm alles so wunderlich, daß er noch +fortzuträumen glaubte. Dichte Wälder, durch die er sich sonst pfadlos +hindurchzuwinden hatte, waren verschwunden; auf Wiesen, wo sonst der +Ur und der wilde Steinbock gegrast, sah er Herden buntfarbiger Kühe +weiden; hie und da stand ein Blockhaus am Wege, hoch hinauf mit Heu +angefüllt, und nicht selten sah er kleine Steige gebahnt, oder Balken +über Gießbäche gelegt, die er früher mit einem mächtigen Satz hatte +überspringen müssen. Kopfschüttelnd hielt er still und überlegte bei +sich, wie sich das alles über Nacht verwandelt haben möchte. Da er +aber kein Freund von überflüssigem Nachsinnen war, beschloß er, eine +benachbarte Waldnymphe um Aufschluß zu bitten, mit der er auf +vertraulichem Fuße stand. Er rief ihren Namen in die Schlucht +hinunter, aus der noch wie damals die mächtigen Edeltannen +heraufragten. Sonst war sie gleich oben im Wipfel erschienen, da sie +sehr einsam lebte und gerne eine Ansprache hatte. Heut zeigte sich +nur ein altes Weib, das Enzian sammelte und beim Anblick des +vierbeinigen Ungeheuers mit heiserem Jammergeschrei und heftigem +Kreuzschlagen sich ins Dickicht verkroch. + +Also trabte er immer nachdenklicher seines Weges weiter, und da es +gerade Sonntag war und die Kirchweih alles, was eine saubere Jacke und +ein paar Kreuzer in der Tasche trug, in das Dorf hinuntergelockt hatte, +begegnete er auch keiner Menschenseele, als ein paar Hüterbuben, die +ebenso hastig vor ihm Reißaus nahmen wie das Kräuterweib. Nun sah er +auch unten die ersten kleinen Häuser, die mit ihren weißgetünchten +Wänden und blanken Fensterchen als ein neues Rätsel ihm +entgegenschimmerten. Hier hatten sonst nur verfallene Hütten der +wilden Ziegenhirten gestanden, elende Pferche zwischen Gestrüpp und +Klippen. War eine Stadt aus der Ebene ausgewandert und hatte sich in +die Berge verstiegen? Ein seltsames Gebäude mit hohem Dach und +spitzem Turm ragte aus den Schindeldächern in die Lüfte, und oben aus +den schwarzen Turmluken drang ein unerklärliches Summen und Schallen +hervor, das er nie gehörte hatte, und das in seiner feierlichen +Eintönigkeit ihn vollends bestürzt machte. + +Das Grauenhafteste aber in dem ganzen Märchen, das ihn an seinen +gesunden Sinnen zweifeln ließ, begegnete ihm, als er den ersten Hütten +des oberen kleinen Dorfs sich näherte. Unter einem spitzen, +rotgetünchten Bretterdach hing da ein Mann mit ausgebreiteten, +blutrünstigen Armen an ein Kreuz genagelt, aus einer Seitenwunde +blutend, die Stirn von großen Blutstropfen überquollen, die unter den +spitzigen Stacheln eines dicken Dornkranzes hervordrangen. Gleichwohl +schien der Gemarterte noch am Leben. Er hatte die Augen weit geöffnet +nach oben gekehrt, und der kundige Blick des Zentauren fand auch an +den nackten Gliedern noch nicht die Farbe der Verwesung. + +Er redete den armen kleinen Mann mit seiner freundlichsten Stimme an, +fragte, um welches Verbrechen man ihn so schwer büßen lasse, ob er ihm +vielleicht von seinem Marterholz herunterhelfen und die Wunden +verbinden solle. Als er keine Antwort erhielt, berührte er sacht die +Brust des stummen Dulders. Da merkte er, daß es nur ein hölzernes +Bild war. Ein Rosenstrauch war neben dem Stamm des Kreuzes gepflanzt. +Von dem pflückte er einen kleinen Zweig, roch daran, wie um wieder +etwas Liebliches zu genießen, und verließ dann die Stätte mit immer +unheimlicherem Staunen. + +Im Dorf hatte gerade der Pfarrer, ein altes Männlein, das den +Kirchweihfreuden längst abgestorben war, für die andern zu Hause +gebliebenen Invaliden einen Vespergottesdienst begonnen, zu dem die +kleinen Buben das Geläut besorgten. Wie nun der Fremdling, dem alles, +was ihm links und rechts in die Augen fiel, ein Rätsel war, an die +offene Kirchentüre kam, hielt er an und spähte neugierig in das +halbdunkle Innere. Ein Sonnenstrahl fiel durch das kleine +Seitenfenster neben dem Altar und beleuchtete das Bild einer +wunderschönen Frau mit goldenen Haaren in blau und rotem Gewand, die +einen Knaben auf dem Arm und eine Lilie in der Hand trug. Sie hatte +die großen, sanften Augen gerade auf ihn gerichtet, als wolle sie ihn +einladen, näher zu treten. Zu ihren Füßen, ihm den Rücken zuwendend, +stand der kleine Pfarrer im Ornat, und die sämtliche Gemeinde kniete +jetzt, gleich ihm, vor der schönen Frau. Du solltest doch +hineintreten und sie dir etwas näher betrachten, sagte der Fremde zu +sich selbst. Und gedacht, getan. Er trabt, ohne an etwas Arges zu +denken, durch das Portal und geradewegs über die Steinfliesen, die von +seinem mächtigen Hufschlag dröhnten, auf den Altar zu. + +Welch einen Spektakel das gab, kann man sich denken. Im ersten +Augenblick freilich versteinerte der Schrecken über diese +Tempelschändung durch ein so unerhörtes, geradewegs der Hölle +entstiegenes Ungeheuer die ganze andächtige Gemeinde samt ihrem +Seelsorger. Dann aber besann sich dieser, der trotz seiner achtzig +Jahre durchaus kein Don Abbondio war, daß der Eindringling niemand +anders als der leibhaftige Satan sein könne, erhob, was er gerade +Geweihtes in der Hand hatte, und rief, es gegen den Versucher +schwingend, mit lauter Stimme sein "Apage! Apage! und nochmals Apage!" +--Beim Zeus, sagte der Zentaur, das freut mich, endlich einem +redenden Menschen zu begegnen, der noch dazu griechisch spricht. Du +wirst mir nun wohl auch sagen können, Alter, wer diese schöne Frau ist, +ob sie noch lebt, was ihr hier treibt, und wie sich überhaupt alles +seit gestern so fabelhaft verändert hat.--Den Pfarrer überlief es +eiskalt, als er sich von dem bösen Feinde anreden hörte, noch dazu in +einer Sprache, die ihm natürlich griechisch war. Wieder erhob er +seinen Ruf und schlug ein Kreuz über das andere, wich aber doch ein +wenig vom Altar zurück, da ihn die Unbefangenheit des hohen Fremden +einschüchterte, und hätte sich dieser nicht umgesehen, wer weiß, wie +es abgelaufen wäre. Jetzt aber kam die Reihe, sich zu fürchten, an +unsern Roßmenschen. Denn wie er die vom Schreck verstörten +Wackelköpfe der alten Männer und die verwelkten Gesichter der greisen +Weiblein unter ihren hohen Pelzhauben sämtlich anstarren sah, überkam +ihn plötzlich die Furcht, er möchte in ein Konventikel von Hexen und +Zauberern geraten sein und Strafe leiden, wenn er ihr geheimes Wesen +noch länger störe. Also machte er, nachdem er der schönen Blauäugigen +noch einen verehrungsvollen Blick zugeworfen, auf einmal kehrt und +stob mit gewaltigen Sätzen, den Schweif wie zur Abwehr böser Geister +hoch um den Rücken schlagend, über das hallende Pflaster zur offenen +Tür hinaus. + +Werter Freund, sagt' ich, als er mir das alles treuherzig gebeichtet +und meine Aufklärungen nur halb verstanden hatte, Ihr seid in einer +verwünschten Lage. Wie Ihr da geht und steht, möchte es schwer halten, +Euch in der modernen Gesellschaft einen Platz ausfindig zu machen, +der zu Euren Gaben und Ansprüchen paßte. Wäret Ihr nur ein paar +Jahrhunderte früher aufgetaut, so etwa im Cinquecento, so hätte sich +alles machen lassen. Ihr hättet Euch nach Italien begeben, wo damals +alles Antike wieder sehr in Aufnahme kam und auch an Eurer heidnischen +Nackheit kein Mensch sich geärgert haben würde. Aber heutzutage und +unter dieser engbrüstigen, breitstirnigen, verschneiderten und +verschnittenen Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt--ich +fürchte, mio caro, Ihr werdet es sehr bedauern, nicht lieber bis an +den jüngsten Tag im Eise geblieben zu sein! Wo Ihr Euch sehen laßt, +in Städten oder in Dörfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und +mit faulen Äpfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien und +die Pfaffen Euch für den Gottseibeiuns ausgeben. Die Zoologen werden +Euch betasten und begaffen und dann erklären, Ihr wäret ein +unorganisches Monstrum und könntet nichts Besseres tun, als Euch einer +kleinen Vivisektion unterziehen, damit man sähe, wie Euer +Menschenmagen sich mit Eurem Pferdemagen vertrage. Seid Ihr aber der +Scylla der Naturforscher entronnen, so fallt Ihr in die Charybdis der +Kunstgelehrten, die Euch ins Gesicht sagen werden, daß Ihr ein +schamloser Anachronismus, eine totgeborene nur galvanisch belebte +Reliquie aus der Zeit des Parthenonfrieses seid, und die Künstler, die +nur noch Hosen und Wämser und kleine witzige Armseligkeiten malen +können, werden sich in ihren tugendhaften Armenversorgungsanstalten, +genannt Kunstvereine, zusammenrotten und bei der Polizei darauf +antragen, daß Ihr ausgewiesen werdet, als der öffentlichen Moral im +höchsten Grade gefährlich. Daß Ihr Praxis bekommen könntet, auch nur +als Pferdearzt, ist vollends undenkbar. Man hat jetzt ein ganz +anderes Naturheilverfahren, als zu Euren Zeiten, der vielen anderen +gelehrten Systeme zu geschweigen, und daß ein Doktor seine Equipage +vors Krankenbette mitbringt, ist unerhört. Bliebe also nichts als der +Zirkus oder die Menagerie, um Euer Brot zu verdienen, und fern sei es +von mir, einem Mann von so guter Familie, wie Ihr, eine solche +Erniedrigung zuzumuten. Nein, Bester, bis uns etwas Gescheiteres +einfällt, will ich selbst mein bißchen Armut mit Euch teilen. Wenn +ich es recht bedenke, bin ich ja nicht viel besser daran als Ihr, muß +mir auch von Gassenbuben und bigotten Vetteln, Ästhetikern und meinen +eigenen werten Kollegen die größten Schnödigkeiten gefallen lassen, +und seht, ich lebe noch und fühle mich in meiner Haut tausendmal +wohler, als all das Gewürm und Gesindel, das mir nicht das Leben gönnt. +Coraggio! animo, amico mio! Dieser rote Wein ist zwar nur ein +säuerlicher Rachenputzer, aber ihr werdet Euch auch nicht zu oft in +Nektar gütlich getan haben, und corpo della Madonna! wenn zwei rechte +Kerls miteinander Brüderschaft trinken, so adeln sie den ordinärsten +Tropfen. + +Damit reichte ich ihm meine Flasche, welche die Nanni wieder gefüllt +hatte, und klang, das Glas erhebend, mit ihm an, wozu er als zu einem +ganz neuen Brauch ein verdutztes Gesicht machte. Ich winkte dann dem +Mädel, für neue Zufuhr zu sorgen, und so schwammen wir bald im +Überfluß und wurden guter Dinge. Nach und nach machte unsere +Kordialität auch das Bauernvolk vertraulich. Einige der Beherztesten +wagten sich wieder in den Hof und zogen, da ihnen nichts zuleide +geschah, bald die anderen nach sich. Sie besahen nun den Fremdling +sorgfältig von allen Seiten. Der Jude Anselm Freudenberg, der mit +Pferden handelte, erklärte laut, daß um tausend Loisdors ein solcher +Hengst halb geschenkt wäre, stünde nur nicht das unnatürliche +Vorderteil im Wege. Denn trotz der großen Fortschritte beim Militär +habe man noch nirgends Kavalleriepferde eingeführt, denen ihre Reiter +angewachsen wären. Eine vorwitzige Dirne wagte das Wundertier zu +berühren und das samtweiche Fell am Bug zu streicheln. Das ermutigte +den Schmied des Dorfes, behutsam den linken Hinterfuß aufzuheben, was +der Zentaur, der eben das siebente Seidel an die Lippen setzte, in +aller Gutmütigkeit geschehen ließ. Es fiel ungemein auf, daß die +starken, lichtbraunen Hufe keine Spur irgend eines Beschlages zeigten, +und da auch sonst so vieles ganz anders war, als bei anderen +Reitpferden, erhob sich die Frage, welcher Rasse er angehöre. Endlich, +nachdem man lange gestritten, tat der Schulmeister den Ausspruch, da +alle übrigen Kennzeichen fehlten, werde es wohl die kaukasische Rasse +sein, wogegen selbst der Jude Freudenberg nichts einzuwenden wußte. + +Während aber so die öffentliche Meinung sich eben mit dem Heidengreuel +auszusöhnen schien und er wenigstens, was man einen succès d'estime +nennt, davontrug, war eine bösartige Verschwörung gegen den arglosen +Fremdling im Gange. An der Spitze stand natürlich die hochwürdige +Geistlichkeit, die es für das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr +nachteilig fand, sich mit einem gewiß ungetauften, völlig nackten und +wahrscheinlich sehr unsittlichen Tiermenschen näher einzulassen. +Ebenso aufgebracht, wenn auch aus anderen Gründen, äußerte sich der +Italiener, der Besitzer des ausgestopften Kalbes mit zwei Köpfen und +fünf Beinen. Seit der Fremde erschienen war, hatte er mit seiner +Mißgeburt schlechte Geschäfte gemacht. Den Roßmenschen sah man gratis, +er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wußte, ob er sich +nicht noch bewegen ließ einige Kunstreiterstückchen zum besten zu +geben, wozu das Kalb durchaus keine Miene machte. Das konnte der +Italiener nicht so ruhig mit ansehen. Es sei ein Unterschied, setzte +er dem Pfarrer auseinander, zwischen einem zünftigen, von der Polizei +approbierten Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen, nie +dagewesenen Mißgeburt, die ohne Paß und Gewerbeschein das Land +unsicher mache und ehrlichen fünfbeinigen Kälbern das Brot vorm Maule +wegstehle. Wenn das erst Sitte würde, daß solche Mondkälber sich ohne +Entrée sehen ließen, so wäre es ja gar nicht mehr der Mühe wert, mit +einem Kopf zu wenig oder ein paar Gliedmaßen zu viel auf der Welt zu +kommen. + +Der hitzigste aber war der Dorfschneider, der Bräutigam der schönen +Nanni. + +Er hatte sich zwar, als das Ungetüm herantrabte, Hals über Kopf von +der Laube ins Haus geflüchtet und seinen Schatz, der sich nicht +fürchtete, im Stich gelassen. Aber durchs Fenster sah er desto +grimmiger mit an, wie vertraulich das Blitzmädel mit dem hohen Herrn +schäkerte, seine Rosen annahm und ihn wohlgefällig betrachtete, +während er sich ihren Wein schmecken ließ. Was von dem Fremden über +die Brustwehr hervorragte, war wohl dazu angetan, den etwas schief +gedrechselten Schneider im Hinblick auf seine eigene dürftige Person +eifersüchtig zu machen. Zudem hatte ihn die Nanni, als er ihr das +Unanständige ihres Betragens vorwarf, schnippisch genug abgefertigt +und erwidert: sie verbitte sich's, daß er den Fremden einen +unverschämten Kerl, eine nackte Bestie, eine Staatsmähre schimpfe. Er +sei manierlicher und anständiger als manche Menschen, von denen +dreizehn aufs Dutzend gingen, und andere könnten froh sein, wenn sie +sich weniger zu schämen brauchten, sich nackt zu zeigen.--Das stieß +dem Faß den Boden aus. Zwar dem Mädel gegenüber hüllte sich der +Beleidigte in ein naserümpfendes Stillschweigen, ließ aber sein +Mundwerk desto zügelloser laufen gegenüber dem Herrn Pfarrer, dem er +seine Not klagte: die neue Mode, die der Unbekannte eingeführt, müsse +das ganze Schneiderhandwerk ruinieren und überdies alle Begriffe von +Anstand und guter Sitte über den Haufen werfen. + +Von diesen Kabalen wußten wir natürlich nichts, sondern ließen uns +durch die wachsende Vertraulichkeit die übrigen Kirchweihgäste immer +mehr in die fröhlichste Feststimmung einwiegen. Der reichlich +genossene Wein tat das Übrige, und so wenig meinem neuen Duzbruder das +Volk um uns her in den hohen Hüten und Hauben, mit schwerfälligen +Stiefeln, kurzen Jacken und vielfältigen Röcken gefiel, war er doch +wohlgesittet genug, sich's nicht merken zu lassen und keinen +zurückzuweisen, der ihm das volle Glas hinaufreichte. Nachgerade aber +stieg ihm der Spuk zu Kopfe, seine Augen fingen an zu glänzen, er ließ +einige Naturlaute hören, die zwischen dem landüblichen Juhschreien und +gewöhnlichem Pferdegewieher die Mitte hielten, und als jetzt die +Musikanten, die lange pausiert hatten, frisch zu einem Schleifer +einsetzten, langte unser Freund, ohne ein Wort zu sagen, mit beiden +Armen über die Brüstung, umfaßte die schöne Nanni, und setzte sie mit +einem leichten Schwunge sich auf den Rücken, indem er sie durch +Zeichen anwies, sich in seiner wallenden Mähne festzuhalten. Dann +begann er nach dem Takte der Musik sehr zierlich sich in Bewegung zu +setzen und in dem engen Raume zwischen Tischen und Bänken in den +gewandtesten Courbetten seine Kunst zu zeigen, während die muntere +Dirne, ihre Arme fest um seinen Menschenleib geschlungen, dann und +wann mit der Ferse ihres kleinen Schuhes ihm in die Seite stieß, um +ihn zu einem rascheren Tempo anzufeuern. + +Das Schauspiel sah sich so allerliebst mit an, daß alle anderen Tänzer +mit ihren Dirnen herauskamen und sich, um zuzuschauen, in einem +dichten Kreis um das Paar herumstellten. Ich ärgerte mich nur, daß +ich mein Skizzenbuch vergessen hatte und nirgends einen Fetzen Papier +auftreiben konnte. So mußte ich mich begnügen, mit den Augen zu +studieren, und wahrhaftig, ich konnte mich nicht satt sehen an den +hundert wechselnden Wendungen und Gruppierungen, wie sie der immer +übermütiger und wilder herumwirbelnde Tanz an mir vorübergaukeln ließ. + +Als es aber etwa eine Viertelstunde gedauert hatte, nahm die +Herrlichkeit plötzlich ein Ende mit Schrecken. Zufällig sah ich +einmal über den Hof hinaus ins Tal hinunter und bemerkte eine +bedenkliche Kavalkade, die sich auf der Straße vom Tal herauf dem Dorf +näherte: ein halb Dutzend reitender Landgendarmen und mitten unter +ihnen, mit eifrigen Gebärden nach der Schenke hinaufdeutend, zwei +Zivilisten auf kleinen Bauernkleppern, in denen ich, als sie näher +kamen, die beiden verbissenen Kabalenmacher, den Italiener und den +Dorfschneider, erkannte. Ich rief meinem Freunde und Duzbruder in +meinem besten Griechisch zu, er möge auf der Hut sein; es sei auf ihn +abgesehen. Man wolle sich, wie es scheine, tot oder lebendig seiner +Person bemächtigen und die ganze Rache der Philister an seiner +Simsonsmähne auslassen. Aber es war umsonst. Sei es, daß die Musik +meine Warnung übertäubte, oder daß der Rausch des bacchantischen +Tanzes den Trefflichen gegen jede Anwandlung von Furcht gefeit hatte, +genug, er hielt erst einen Augenblick inne, als die bewaffnete +Macht--die Denunzianten blieben weislich im Hintertreffen--am Hoftor +erschien, das dichtgedrängte Publikum erschrocken zurückwich und nun +der Anführer der Schergenbande, ein schnurrbärtiger Korporal mit +dickem Bauch, im allergröbsten Ton die Aufforderung an ihn ergehen +ließ: auf der Stelle seinen Paß oder sein Wanderbuch vorzuweisen, +widrigenfalls er nach der Fronfeste unten im Städchen gebracht und +gründlich visitiert werden würde. + +Der gute Bursch verstand natürlich keine Silbe, konnte auch den +feindseligen Sinn der Worte nicht ahnen, da er aus seiner heroischen +Welt andere Begriffe von Gastfreundschaft mitgebracht hatte. Also sah +er sich mit einem drolligen Ausdruck von Ratlosigkeit nach mir um, und +erst, als ich ihm erklärt hatte, daß diese breitmäuligen Herren Jäger +seien und er das Wild, und daß man im Sinne habe, ihn in einen Stall +zu sperren, wo er bei schmalem Futter über die Wohltat der Gesetze und +die Fortschritte der Kultur nachdenken könne, ging ein verächtliches +Lächeln über sein ehrliches Gesicht. Er antwortete nur mit einem +Achselzucken, setzte sich dann, als beachte er diesen Zwischenfall +nicht im geringsten, langsam wieder in Galopp, wobei er die Hände des +Mädchens, die sich vor seiner Brust verschränkten, sanft an sich +drückte, und so, immer rascher und rascher im engen Kreise +herumsprengend, ersah er plötzlich die Gelegenheit, nahm einen kecken +Anlauf und setzte mit einem prachtvollen Sprung--ungelogen wohl zwölf +Schuh hoch und zwanzig weit--über die Köpfe der Bauern weg, daß nur +den letzten, die draußen standen, die Hüte von den Schädeln flogen. +Und während die Weiber laut aufschrien, die Gendarmen fluchten und mit +gezogenem Seitengewehr ihm nachsetzten, auch ein paar unschädliche +Pistolenkugeln ihm nachknallten, sprengte er über Wiesen und Felder +bergan, das entführte Mädchen sicher auf seinem Rücken haltend, wie +ein Löwe, der ein Lamm aus einer Schafhürde geraubt hat und es unter +dem Schreien und Drohen der nachjagenden Hirten in seine Höhle trägt. + +Als es oben angekommen war, wo eine tiefe Schlucht den Abhang +durchschneidet, hielt er still und wandte sich zu seinen Verfolgern um, +die noch tief unter ihm in ohnmächtiger Wut die Steile hinaufkeuchten. +Ich konnte sein Gesicht, selbst durch mein kleines Fernrohr, nicht +mehr deutlich erkennen, sah aber, daß er sich zu dem Mädchen +zurückwandte und nun, wahrscheinlich von ihrer Angst und ihrem +kläglichen Flehen gerührt, ihre Hände losließ, so daß sie sacht von +seinem Rücken auf die Wiese niedergleiten konnte. Ihre Lage war +allerdings nicht die angenehmste. So sehr ihr die ritterliche +Huldigung des Fremden geschmeichelt hatte, und eine so traurige Figur +ihr Schatz neben ihm spielte,--eine solide Versorgung konnte sie von +diesem reitenden Ausländer nicht erwarten. Als sie daher merkte, daß +aus dem Spaß Ernst werden sollte, behielt ihre praktische Natur die +Oberhand, und sie wehrte sich entschieden gegen alle Entführungsgelüste. +Wie eine gejagte Gemse vor dem Treiber sprang sie von Stein zu Stein +den Abhang hinunter ihrem Schneider wieder in die Arme. + +Der Zentaur sah ihr eine Weile nach, und meine Phantasie malte sich +deutlich den Ausdruck eines göttlichen Hohnes aus, der durch seine +Mienen blitzte und dann einer erhabenen Schwermut wich. Als die wilde +Jagd mit Toben und Kreischen ihm auf die Weite eines Steinwurfs nahe +gekommen war, winkte er noch einmal mit der Hand hinunter--einen Gruß, +den ich wohl mir allein aneignen durfte--, schwenkte dann gelassen, +mit einer fast herausfordernden Wendung seines Hinterteils, nach +rechts ab und verschwand unseren nachstarrenden Blicken in der +pfadlosen Kluft, um nie wieder aufzutauchen. + +Wir hatten alle andächtig zugehört, nur Rahl schien zu schlafen, +wenigstens blinzelten seine geschlitzten Satyraugen verdächtig in den +Mondschein. Als der Erzähler jetzt schwieg, tat er einen tiefen +Seufzer und erhob sich vom Sitz, an der Wand herumtastend, wie um +seinen Hut vom Haken zu nehmen. + +Accidente! wollt Ihr schon aufbrechen! sagte Genelli. Hol die Pest +alle die feigen Schlafmützen! Wir sind eben im besten Zuge--Die +Geschichte hat mir die Zunge ausgedörrt--noch einen Spitz, Herr +Schimon! Auf die Gesundheit aller revenants, die Zentauren mit +einbegriffen. Sie haben zwar keine bleibende Stätte in diesem +miserablen neunzehnten Jahrhundert und müssen sich wieder +hinausmaßregeln lassen. Aber sagt selbst: wenn man zu wählen hätte +zwischen dem Schneider, der das Glück hat und die Braut heimführt, und +jenem armen Burschen--ich wenigstens, so lange noch ein roter +Tropfen--aber corpo di Bacco! Schimon, wo bleibt mein Carlowitzer? + +Der Wirt näherte sich mit ehrerbietiger, geheimnisvoller Miene, Sie +wissen, Herr Genelli, raunte er ihm zu, wenn es auf mich ankäme--aber +beim besten Willen--die Instruktionen sind erst neulich verschärft +worden, und ich habe einen Wischer bekommen, weil ich hier oben noch +eine halbe Minute nach Eins-Ah so, murmelte der alte Meister und stand +unwillig auf. Immer die ewigen Scherereien. Die Nacht ist ja noch +lang genug, und ob wir's hier oben einmal mit der Polizeistunde nicht +so genau nehmen, wem schadet's? Aber man ist ein armer Tropf, und der +selige Achilleus hat recht: + +Lieber ein Tagelöhner im Licht, als König der Schatten! + +Geben Sie mir die Hand, Schütz. Es ist hier so verwünscht dunkel, +oder sollte mir die Geschichte zu Kopf gestiegen sein? Wo ist der +kleine Karl, uns heimzuleuchten? Felice notte! + +Damit ging er leicht auf den Arm des hageren Freundes gelehnt, voran, +ganz mit seinem alten rüstigen Schritt und aufrechter Haltung, aber +barhaupt, und so folgten ihm die andern. Der kleine Karl schwankte, +ein Kellerlämpchen hoch über seinem Kopf haltend, voran, Schimon war +der letzte und wartete an der Tür auf mich, als wolle er hinter mir +abschließen. Er tat es aber nicht, sprach auch kein Wort zu mir, +sondern sah mich nur mit einem wehmütigen Zwinkern seiner kleinen +schwarzen Augen an, als wollte er sagen: wir haben bessere Zeiten +erlebt!--Während wir durch den langen düsteren Hausgang schritten, +fiel es mir auf, daß ich keinen Fußtritt hörte. Und dann wollte auch +der Gang kein Ende nehmen, so hastig wir hindurchgingen. Ich sah noch +deutlich über die Scheitel der anderen weg Genellis graues Haupt durch +das Zwielicht ragen, von dem Lämpchen rot angeschienen. Es fiel mir +aufs Herz, daß ich ihm noch so viel zu sagen hatte, vor allem ihn +fragen wollte, wann er hier wieder zu treffen sei. Ich sputete mich, +ihm nachzukommen, und in der Tat trennten mich von ihm nur wenige +Schritte. Aber je rascher ich ging, desto unerreichbarer blieb er mir. +Endlich trat mir der kalte Schweiß auf die Stirn, der Atem stockte +mir, ich fühlte meine Füße wie von Bleigewichten an den Boden gezerrt. +--Nur ein paar Augenblicke will ich hier ausruhen, Herr Schimon! sagte +ich und sank auf eines der Fässer, die an der Wand standen.--Sagen Sie +es den Herren--sie sollen draußen auf mich warten! + +Es kam keine Antwort. Statt dessen fuhr ein scharfer Luftzug durch +die offene Tür, verlöschte die Lampe des kleinen Karl und wehte mir in +das heiße Gesicht. In demselben Augenblick dröhnte es Eins vom +Frauenturm, und ich hörte eine Stimme neben mir: Das Haus wird +geschlossen. Ich muß schon bitten, Herr, daß sie sich eine andere +Schlafstelle suchen. + +Erstaunt sah ich auf und starrte einem ganz unbekannten, +vierschrötigen Hausknecht ins Gesicht. + +Verzeiht, guter Freund, stammelte ich, ich habe mich hier nur einen +Augenblick--die Herren sind ja auch eben erst gegangen. + +Ja so, sagte er, Sie gehören zu der geschlossenen Gesellschaft, die +hier einmal in der Woche Tarock spielt. Wenn ich sie etwa nach Hause +bringen soll-Ich erhob mich rasch und trat auf die Straße hinaus. +Meine Stirn war kühl geworden, das Herz desto wärmer, und wie ich +gegen den Mondhimmel sah, an dem leichtes Gewölk in phantastischen +Streifen hinzog, summte ich leise die Worte: + +Wolkenzug und Nebelflor +Erhellen sich von oben; +Luft im Laub und Wind im Rohr-- +Und alles ist zerstoben. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der letzte Zentaur, von Paul Heyse. + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der letzte Zentaur, by Paul Heyse + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE ZENTAUR *** + +***** This file should be named 9066-8.txt or 9066-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/9/0/6/9066/ + +Produced by Delphine Lettau and Gutenberg Projekt-DE + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. 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Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/9066-8.zip b/9066-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..77a6ee7 --- /dev/null +++ b/9066-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Der letzte Zentaur + +Paul Heyse + +Novelle + +(1904) + + + + + + +Vom Turm der Frauenkirche schlug es Mitternacht. + +Ich kam aus einer Gesellschaft, in der man sich vergebens bemueht hatte, +eine sehr lahme und trockene Unterhaltung mit gutem Wein in Fluss zu +bringen. Der Kopf war mir immer heisser geworden und das Herz immer +kuehler. Endlich hatte ich mich weggestohlen in den sommerwarmen +Mondschein hinaus und schlenderte ziellos durch die totenstille, +taghelle Stadt, um den Unmut ueber die verlorenen Stunden verdampfen zu +lassen. Als ich an der ehrwuerdigen Marienkirche vorbei durch das +Frauengaesschen in die Kaufingergasse trat, blieb ich ploetzlich stehen. + +Mir gegenueber lag, seine drei Stockwerke mit den dunklen Fenstern +gegen Mitternacht erhebend, ein wohlbekanntes Haus mit vorspringender +Ecke und einem blauen Laternchen ueber dem Eingang, in dem ich vor mehr +als einem Jahrzehnt manche unvergessliche Nacht bei schlechterem +Getraenk als heute, aber unter feurigeren Gespraechen zugebracht hatte. +Ich las die Inschrift ueber der zierlich geschnitzten, von zwei +Karyatiden gestuetzten Holzumrahmung des Torwegs: "Weinhandlung von +August Schimon". + +Jawohl, sagte ich vor mich hin, die Zeiten wandeln sich und wir mit +ihnen! Das ist noch derselbe Name, der damals in jeder Woche unsre +Losung war. Aber der ihn trug, der behaebige Mann mit dem schwarzen +Kraushaar und den verschmitzten kleinen Augen,--wo ist er hingekommen? +Sein Gluecksstern hatte nur ueber diesem Hause leuchten wollen. Als er +es verliess, um in einem prachtvollen Hotel den Wirt zu machen, war es +mit ihm rueckwaerts gegangen, bis zu einem traurigen Ende. Seine +Gutmuetigkeit soll ihn in unglueckliche Spekulationen anderer verwickelt +haben, vielleicht auch ein phantastischer Zug zum Grossen und Gewagten, +den er mit einigen seiner Gaeste gemein hatte. Er war eben ein +Idealist unter den Gastwirten, und sein Andenken ist mir teuer +geblieben, trotz seiner Weine, auf die Freund Emanuel damals nach der +Melodie des Dies irae die schoene Strophe dichtete: + + +Sed post Schimonense vinum +Malum venit matutinum, +Luctum quod vocant felinum! + + +Heutzutage, da die Erben das Geschaeft fortsetzen, sollen die Weine +sich bedeutend gebessert haben und der alten Firma Ehre machen. Aber +koennen die besten neuen Weine fuer die gute alte Gesellschaft +entschaedigen, die nun nicht mehr von ihnen trinkt und den trueben +Lethetrank oder selbst den Nektar der Unsterblichkeit gern hingaebe um +ein paar Flaschen jenes dunkelroten Ungarweines, den wir mit +Todesverachtung und "festlich hoher Seele" so manchmal hier "dem +Morgen zugebracht"? Wie gern liess' ich alles morgendliche Nachweh +ueber mich ergehen, koennt' ich noch einmal dich, teurer Genelli, hinter +dem Tische in dem niedrigen leichtangerauchten Weinstuebchen sitzen +sehen, die volle Unterlippe halb freudig, halb trotzig aufgeworfen, +waehrend eine goettliche Kinderfroehlichkeit dir aus den Augen blitzte! +Damals warst du noch nicht Grossherzoglich Weimarischer Professor und +Falkenritter; du hattest noch nicht in dem Freiherrn von Schack den +Maezen gefunden, der dich in den Stand setzte, die Entwuerfe deiner +Jugend endlich nach jahrzehntelangem Hoffen und Harren in Farben +auszufuehren. Oben in deinem bescheidenen Quartier am Stadtgarten +sassest du, und die Gesellschaft deiner Goetter und Heroen liess dich die +Welt vergessen, die dich vergass. Aber wenn du auch oft zu warm warst, +um die Bleistifte zu bezahlen, mit denen du, in zarten Linien leicht +umrissen, deine Traeume von den Goettern Griechenlands auf reinliche +Blaetter schriebst: nie sah ich den Schatten von Erdennot und Sorge auf +deiner olympischen Stirn, die wie ein Berggipfel ueber allem Gewoelk +sich im ewigen Aether sonnte. Und wie auch die Sorge an deinem Herde +die Rolle des Heimchens spielen mochte--einmal in jeder Woche lenktest +du den Schritt zu diesem Hause, um den Anflug von Staub und Moder, der +sich etwa an deine Seele zu setzen versucht, im Weine wegzuspuelen. Ob +der wackere Schimon die Ehre zu schaetzen wusste, die du ihm antatest? +Ich entsinne mich kaum, dass ich dich deinen Wein haette bezahlen sehen, +wie andere Erdensoehne. Freilich warst du auch stets der Letzte, der +ging, noch ganz aufrechten Hauptes und festen Ganges, gefeit gegen das +vielberufene malum matutinum, und auch darum vielleicht unserm Wirt so +teuer, weil du den Glauben an die Unverfaelschtheit seines roten Ungar +mit der Macht deiner Rede und deines Beispiels verteidigtest. + +Schoene, ambrosische Mitternaechte, wenn der zweifelhafte Nektar seine +Kraft bewies und den Meister ueber alle Not der Gegenwart hinweg in +seine roemische Jugend zurueckfuehrte! Dann wurden, waehrend Dichtung und +Wahrheit sich traulich in eins verschlangen, die Schatten der wackeren +Vorfahren heraufbeschworen, die in Rom zuerst, nach Winckelmanns und +Carstens Heimgange, der deutschen Kunst eine Freistaette bereitet +hatten. Der seltsame Poet und seltsamere Maler, der als Maler Mueller +dem heutigen Geschlecht trotz neuer Ausgaben seiner Schriften nur noch +dem Namen nach bekannt ist, und von dem Genelli gern eine Strophe +anfuehrte, die er sehr bewunderte, eine Inschrift auf einem Trinkgefaess, +folgender Fassung: + +Trinke, Freund, aus dieser Schale, +Die der Gott der Lust +Einst geformt bei einem Goettermahle +Auf Cytherens Brust. + +Als zweiter dann, der nicht minder wunderliche Tiroler Koch, von +dessen trefflichen Landschaften jedoch weniger gesprochen wurde, als +von seiner "Rumfordschen Suppe", jener mit derbem Witz und bitterem +Hohn reichlich ueberpfefferten Herzensergiessung ueber den Verfall der +Kunst, deren Kraftstellen unser Freund mit schmunzelndem Behagen zu +zitieren liebte. Endlich der alte Reinhard, ein wackerer Meister in +seiner Art, und doch minder gross und gluecklich als Kuenstler, denn als +Jaeger. Noch hoer' ich Genelli die beruehmte Geschichte erzaehlen, wie +der alte Nimrod eines Tages im Zwielicht mit leerer Jagdtasche und dem +Schuss noch in der Flinte in sein daemmriges Zimmer trat, unwirsch ueber +den verlorenen Tag. Da sieht er auf seinem Tisch etwas sich regen, +als ob es davon laufen wolle, und in ungekuehlten Jagdtriebe reisst er, +ohne sich zu besinnen, das Gewehr von der Schulter, legt an und +schiesst. Als er hinzutritt, zu sehen, was er geschossen, findet er +einen alten Kaese, den die Kugel glatt durchbohrt hat, ohne doch das +tausendfaeltige Leben in ihm zu toeten. + +Das ist eine von den sogenannten Jagdgeschichten! erlaubte sich, +waehrend die anderen lachten, ein kleiner duerrer Mann zu bemerken, der +den Kunstkritiker machte, fuer den Realismus schwaermte, dennoch aber +sich haeufig an diesem Tisch einfand, wo die idealistischen Spoetter +sassen. Sie wollen uns doch nicht zumuten, Genelli, an diese Kaesejagd +zu glauben? + +Der Meister blitzte ihn mit seinem gutmuetigsten Jupiterblicke an. + +Ihnen mute ich ueberhaupt nicht zu, etwas zu glauben, was Sie nicht +sehen, sagte er. Aber wenn diese Geschichte nicht wahr ist, so ist +auch die folgende erlogen, die ich doch selbst erlebt habe. Es war in +Leipzig; ich stehe eines Abends am Fenster meiner Wohnung und blicke +auf den Markt hinunter. Da sehe ich ein kleines altes Weibchen, das +langsam mit trippelnden Schritten ihres Weges geht und mit einem +Stoeckchen auf dem Pflaster etwas vor sich her zu treiben scheint, was +ich nicht erkenne. Ich gehe endlich hinunter, um zu sehen, was es ist. +Was war es? Eine Herde kleiner alter Handkaese, die das Weibchen auf +diese Art zu Markte trieb. + +Nun fand es auch der kleine Kritiker geraten, mitzulachen. Er wusste, +er durfte die Langmut des Olympiers nicht zu sehr auf die Probe +stellen, wenn er nicht mit einer vollen Ladung Rumfordscher Suppe +ueberschuettet sein wollte. Denn als der einzige Realist unter uns +Idealisten haette er, trotz seiner zweischneidigen Zunge, den kuerzeren +gezogen. + +Nur einer lachte nicht mit, dessen aschfarbenes, schlechtrasiertes +Gesicht ich ueberhaupt nie habe lachen sehen, obwohl ihm bei allem, was +Genelli tat und sagte, in heimlicher Bewunderung das Herz im Leibe +lachte: ein langer, hagerer, scheublickender Mann, in sehr schaebigem +Rock, von veraltetem Schnitt, der in einem kahlen Zimmerchen, wie es +hiess, von der Luft lebte und nie etwas anderes tat, als dass er, wenn +ein tollkuehner Kunsthaendler sich zu einem solchen Unternehmen +aufschwang, Genellis Entwuerfe in leichter Umrissmanier in Kupfer stach. +Dies, und das Bewusstsein, Platens Freundschaft besessen zu haben, +waren deine einzigen Lebensfreuden, ehrlicher Schuetz. "Die Treue, sie +ist kein leerer Wahn!" Und du hast sie redlich bis ans Ende bewaehrt. +Als dein Meister zu den Schatten hinabstieg, um sich auf der +Asphodeloswiese zu seinen homerischen Helden, seiner Hexe und seinem +Wuestling zu gesellen, litt es auch dich nicht laenger hier oben in der +Sonne. Ein Schatten eines Schattens zu sein, schien die ruehmlicher, +als hier noch laenger koerperlos herumzuwanken. + +Ein anderer der Getreuen war schon vorausgegangen: der edle, +hochsinnige Holsteiner Charles Ross, dessen Landschaften mit +Verschmaehung der modernen Virtuosenkuenste jener certa idea +nachstrebten, die einst einen Poussin und Claude begeistert hatte. An +seiner staehlernen Mannesseele, der es an schneidigen Ecken und Kanten +nicht fehlte, hatte die weiblich zarte Huelle vor der Zeit sich +zerrieben. Denn ausser dem Schmerz, in einer Epoche zu leben, die in +der Kunst ganz andere Goetter verehrte, als die ihm die wahren schienen, +drueckte auf ihn der Lebenskummer um die gefesselte und geknechtete +Heimat, deren Befreiung und Heimkehr zu den deutschen Stammesgenossen +er nicht mehr erleben sollte. Auch ihn, wie Genelli, habe ich nie +klagen hoeren, wohl aber zuernen und spotten hoeren, wobei dann seine +sanften blauen Augen unter der weissen, von blondem Haar ueberwallten +Stirn seltsam leuchteten wie vom Widerschein seiner staehlernen Seele. +An Genelli hat er in dessen sorgenvollster Zeit mehr getan als irgend +ein anderer seiner Freunde; er war es auch, der ihm in Baron Schack +den hilfreichen Goenner und Freund zufuehrte und die Bestellung seines +Raubes der Europa vermittelte, wodurch dem Einsamen auf der Schwelle +des Alters noch einmal die Genugtuung wurde, sein bestes Wollen und +Koennen in einer Reihe grosser Schoepfungen auszusprechen, freilich nicht +ganz ohne Spuren der langen Vereinsamung, in der er seine +kraftvollsten Jahre hingefristet hatte. + +Soll ich die anderen noch aufzaehlen, die Juengeren, die sich an jenen +Abenden um den Meister scharten? Sie leben und schaffen noch, und +nicht alle sind dem Bekenntnis jener stillen Gemeinde treugeblieben, +deren Stolz es war, eine ecclesia pressa zu sein und allem schwaechlich +duerren und seelenlosen Unwesen des modernen kuenstlerischen +Rationalismus den Ruecken zu kehren. Einer aber, der es aeusserlich am +weitesten gebracht und die Genusskraft des alten Heidentums nicht bloss +darum besass, um desto schmerzlicher zu entbehren, sondern in vollen +Zuegen Lebensfreuden schluerfte, Karl Rahl,--auch er ist schon zu jener +stillen Schar versammelt, die er auf Erden nur dann und wann besuchte, +aus Italien oder von Wien herueberreisend, um dem alten Freunde die +Hand zu schuetteln und ein paar Tage aus dem vollen mit ihm zu leben. + +Ich sehe ihn noch, wie er bei einem dieser Besuche auch abends zu +Schimon kam und alle, die ihn noch nicht kannten in Erstaunen setzte +durch die unerhoerten Massen Fleisches, die er ruhig, ohne viel +Aufhebens von seinem Appetit oder der Zubereitung zu machen, rein zur +Stillung des dringendsten Beduerfnisses zu sich nahm. Er hatte etwas +vom Loewen, der mit gleicher Wuerde und Kraft, ohne Gier und +Feinschmeckerei seine Kost zermalmt. Da begreift man, sagte der +Kunstkritiker mir ins Ohr, dass das Fleischmalen seine Force ist, bei +solchen Naturstudien!--Aber als er dann satt war und sich nun in die +Unterhaltung mischte, konnte man merken, dass der Leib sich nicht auf +Kosten des Geistes so heroisch naehrte. Denn unmerklich ohne +rhetorische Kuenste, mit der unscheinbaren Gewalt eines reichen Wissens +und eines hellen Verstandes, der allen Ideenstoff sofort in Saft und +Blut verwandelte, fing er an das Gespraech zu beherrschen, dass wir alle +an seinen Lippen hingen, waehrend es von der kahlen Stirn des +geistreichen Satyrgesichts wie eine prophetische Flamme leuchtete. +Genelli sass schweigsam neben ihm, verklaert von dem bruederlichen Stolz, +seinen Freund aus allen Wortkaempfen als Sieger hervorgehen zu sehen. +Er trank an dem Abend fuer zwei, waehrend Rahl kaum einmal vom Ungar +nippte. So sassen sie wie die Dioskuren beisammen, jeder auf seinen +Stern vertrauend, den Stern der Schoenheit, der in die dampfumwoelkte +Gegenwart nur truebe hereinleuchtete, in solchen Naechten aber den +Eingeweihten im alten hellenischen Glanz erschien. + +Solche Naechte! Wie lange schon waren sie verglueht und verglommen, und +wie hell leuchteten sie beim Anblick jenes Hauses in der Erinnerung +auf. Vieles hatten die Jahre seitdem gebracht, redliche Kaempfe und +froehliche Siege, heitere Tage und Naechte genug mit alt' und jungen +Freunden--solche Naechte nicht wieder! + +Eine feierliche Wehmut ueberkam mich; ich liess den Kopf auf die Brust +sinken und vertiefte mich eine Weile in den Abgrund dieses +geheimnisvollen Erdendaseins. In die Tuer mir gegenueber war ich, +seitdem die stille Gemeinde in alle Winde zerstreut war, nie wieder +eingetreten. Was hatte ich dort auch zu suchen? Heute fuehlte ich +einen unwiderstehlichen Trieb, wenigstens in den langen Flur +hineinzuspaehen, durch den uns sonst der kleine schwindsuechtige Kellner, +Karl, der nun auch laengst einen besseren Schlaf geniesst, +hinauszuleuchten pflegte, um das Haustor hinter uns zu schliessen. Ich +versuchte den Tuergriff, und obwohl die Polizeistunde schon laengst +vorueber war, gab die Tuer dennoch willig und geraeuschlos nach. Es +mussten noch Gaeste drin beim Weine sitzen. + +Aber um keinen Preis der Welt haette ich's uebers Herz gebracht, fremde +Gesichter an der geweihten Staette zu sehen. + +Ich setzte mich, um nur noch einen Augenblick in der Stille meinen +Erinnerungen nachzuhaengen, auf eines der leeren Faesser, die an der +Wand standen, und sah den tiefen Hausgang hinunter, aus dessen +Hintergrunde eine schlaefrig rote Laterne mich vertraulich anblinzte. +Es war im Hause totenstill, und eine seltsame Moderkuehle, mit +Weingeruch vermischt, wehte mich aus Flur und Kellertreppe an. Dann +und wann hoerte ich draussen einen Nachtschwaermer vorbeitrappen und +konnte an seinem gleichen oder ungleichen Schritt erkennen, ob es ihm +kuehl oder schwuel unterm Hute war. Durch die halboffene Tuer fiel ein +armsdicker gleissender Strahl des Mondlichtes herein, auf den ich +unverwandt starren musste, als sollte mir von daher, wie weiland Jakob +Boehme durch den Sonnenstrahl auf einer zinnernen Schuessel, eine +mystische Offenbarung zuteil werden. Ich wartete aber umsonst--und +ueber dem Harren und Sinnen wollten mir endlich eben die Augen +zufallen-Da kam ein schlurfender Schritt aus der Tiefe des Hausgangs +auf mich zu, jener bekannte schlaftrunkene Kellnerschritt in +ausgetretenen Hausschuhen. Ich dachte, man komme mich hier +wegzuweisen, damit das Haus geschlossen werden koennte, und fuhr in die +Hoehe. Erschrocken sah ich die wohlbekannte Gestalt des kleinen Karl +vor mir stehen. + +Sie sind es? sagte ich. Wie kommen Sie denn wieder hierher? Sind sie +denn nicht laengst-Er sah mich aus seinen mueden, geroeteten Augen so +wunderlich an, dass mir das Wort in der Kehle stecken blieb. + +Die Herren schicken mich, sagte er in schlaefrig-leisem Ton, um zu +sehen, ob Sie denn noch nicht kommen. Es sei schon sehr spaet, und sie +wuerden nicht mehr lange bleiben. + +Welche Herren? fragte ich, waehrend ich von meiner Tonne herunterstieg. + +Sie kennen sie ja wohl, erwiderte der Kleine und wendete sich schon, +um wieder hineinzugehen. Uebrigens wie sie wollen. Die Herren +meinten nur-Damit ging er mir voran, und ich besann mich nicht laenger, +der seltsamen Einladung zu folgen. Auch fuehlte ich, wunderbarerweise, +nicht den leisesten unheimlichen Schauer. Ich koennte fast glauben, +dies sei ein Traum, sagte ich so fuer mich hin; aber ich habe doch die +Augen weit offen und sehe die rote Laterne und hoere das Huesteln des +kleinen Karl. Nun, was es auch sei und wen ich auch sehen werde,--in +diesem Haus und unter so guten Freunden brauche ich mich nicht zu +fuerchten. + +Und doch, als wir uns der Tuer der Weinstube naeherten, musste ich +ploetzlich stehen bleiben. Das Herz klopfte mir heftig, und eine tiefe +Ruehrung ueberschauerte mich. Denn aus dem Innern hoerte ich nun +deutlich eine unvergessliche Stimme, die mir zum letzten Male so +wehmuetig Lebewohl zugerufen hatte auf dem verschneiten +Schiller-und-Goethe-Platz zu Weimar. + +Er soll nur hereinkommen, erscholl die Stimme wieder, mit der alten +freudigen Kraft und Frische. Per Bacco! er wird doch dem Wein nicht +abgeschworen haben und unter die Wasserdichter oder Bierphilister +gegangen sein? Guten Abend, Freund! Setzen Sie sich zu uns. Der +Schuetz wird ein wenig Platz machen. Oder wollen Sie sich lieber bei +Charles Ross niederlassen? Karl, noch einen Spitz! Man lebt nur +einmal--haett ich beinah gesagt. + +Ich war eingetreten, und ein rascher Blick hatte mir gezeigt, dass ich +unter lauter Bekannten war. Auf seinem gewoehnlichem Platz an der Wand +mein alter Genelli, neben ihm, etwas magerer und blasser und, wie es +schien, in truebseliger Laune sein Dioskurenzwilling, gegenueber die +beiden schon genannten, die auseinanderrueckten, um mir einen Platz in +ihrer Mitte freizumachen. Sie nickten mir alle zu, und Freund Ross +murmelte etwas, das ich nicht verstand. Keiner aber bot mir die Hand, +und auch sonst war ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer in ihren +Mienen, der mich nachdenklich machte. Vor einem jeden stand eine +halbvolle Flasche und ein Glas mit rotem Wein, aus dem sie dann und +wann in bedaechtiger Stille einen langen Zug tranken. Dann gluehten fuer +einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen, und es fuhr ein +Zucken durch ihren Koerper, als wollten sie eine Last abschuetteln. +Gleich darauf sassen sie wieder starr und stumm und senkten die Blicke +ins Glas. + +Ich konnte, obwohl keine Gasflamme brannte, jede Miene in diesen +vertrauten Gesichtern deutlich erkennen, denn der Mond schien mit +blendender Klarheit durch ein Seitenfenster herein und erleuchtete +gerade unseren Tisch, waehrend die Winkel des Gemachs dunkel blieben. +Nun regte sich dahinten noch eine Gestalt und naeherte sich mir, mich +zu begruessen. Ich erkannte den schwarzen, schon etwas mit Silber +angesprengten Krauskopf unseres Wirts und wunderte mich ueber mich +selbst, dass mich dieses Wiedersehen fast lebhafter erschuetterte als +das der trefflichen Freunde. + +Sie bemuehen sich in Person, Herr Schimon, rief ich, als ich ihn Glas +und Flasche vor mich hinstellen sah. Wahrhaftig, ich haette mir nicht +traeumen lassen, dass ich noch einmal das Vergnuegen haben wuerde--Wieder +brachte ich den Satz nicht zu Ende, denn ich sah ploetzlich alle Blicke +auf mich gerichtet, als fuerchte man, dass ich etwas Ungeschicktes sagen +moechte. + +Unser Herr Wirt darf doch nicht fehlen, wenn wir uns einmal wieder +eine gute Stunde goennen! fiel mir Genelli ins Wort. Setzen Sie sich +zu uns, Herr Schimon. Ihr Wein will heute nicht recht waermen. Und +was haben Sie sich fuer eine sparsame Gasbeleuchtung angeschafft? +Gleichviel! wo solche Leute beisammen sitzen, koennen sie ihr eigenes +Licht leuchten lassen. Aber mit dem Rahl ist nichts anzufangen. +Celesti dei! wie kann man sich gewisse unvermeidliche Dinge dermassen +zu Herzen nehmen! Der Mensch lebt nicht von Fleisch allein, und der +ganze uebrige Bettel--pah! + +Er ruempfte, wie er es gern tat, wenn ihm wohl war von trotzigem +Selbstgefuehl, die volle Unterlippe und leerte sein Glas auf einen Zug. +--Niemand sprach ein Wort; der kleine Karl schlich mit einer vollen +Flasche heran und setzte sie vor den Meister hin. Ich sah jetzt, dass +Genelli der einzige war, dessen Augen kein Hauch von Truebsinn und +Muedigkeit verschleierte, und dass der maechtige Kopf auf dem Stiernacken +noch so ungebeugt sich bewegte wie je in seinen lebensfrohesten Tagen. + +Nun sagen Sie, wandte er sich wieder zu mir, wie laeuft die Welt? Was +treiben Sie? Was macht das grosse Irrlicht? Naehrt es sein windiges +Flaemmchen noch immer aus dem Sumpfboden der faulen Zeit und seiner +eigenen Nichtsnutzigkeit? Ich habe Ihnen einmal die Karikaturen +gezeigt, die ich auf diesen grossen Impostor gemacht habe; sie sind +freilich noch nicht zeitgemaess, aber auch ihre Zeit wird kommen, wenn +ueberhaupt noch ein Hahn nach ihm kraeht, sobald er das Zeitliche +gesegnet hat. Pah! der wird sich wundern, wenn er an einen gewissen +Fluss kommt und uebergesetzt sein will und der alte Faehrmann ihm erst +den Pass revidiert. Aber wir wollen uns den Wein nicht verderben. Es +lebe, wer's ehrlich meint! + +Jeder erhob sein Glas, ich wollte mit Charles Ross anklingen, merkte +aber, dass es nicht angebracht war. Er trank stillschweigend, nickte +mir schwermuetig zu und setzte das Glas lautlos wieder hin. + +A proposito "wer's ehrlich meint!" fing Genelli wieder an, was macht +denn unser Kunstvogt, der Kritikus? Warum haben Sie ihn heute nicht +mitgebracht? Wissen Sie, so recht konnte ich eigentlich nie ein Herz +zu ihm fassen, aber ein ehrlicher Kerl ist er doch. Er streckte sich +eben nach seiner Decke, die manchmal verdammt kurz war. Davon bekam +er dann selbst eine Ahnung, wenn ihm die Zehen froren, und dann sah er +sich nach was Besserem, Groesserem und Breiterem um, und in solchen +Stunden verstanden wir uns ganz gut. Hernach aber kroch er doch +wieder ins Enge zurueck, da das nun einmal Mode ist in dieser +bettelhaften, pauvren Zeit. Haben Sie ihn lange nicht gesehen? + +Das letzte Mal, erwiderte ich, haben Sie uns wieder zusammengefuehrt. +Ich traf ihn vor Ihrer Omphale in der Schackschen Galerie. Er wusste +nicht genug den Bacchantenzug unten in der Predelle zu loben. Solche +Zentauren, sagte er, haben selbst die Alten nicht zu stande gebracht, +solch verwuenscht leibhaftiges, liederliches Gesindel von Manngaeulen +oder Rossmenschen, und nun erst die Weiberstuten, zumal die eine da +oben, die an der Rose riecht, die sind so mit Haenden zu greifen, dass +keinem einfaellt zu fragen, ob man mit zwei Maegen, zwei Herzen und +sechs Gliedmassen auch vor der gestrengen Wissenschaft der Anatomie +bestehen koenne. Sie wissen, setzte er hinzu, ich bin sonst ein +Anhaenger des entschiedensten Realismus und glaube, dass die Zeit der +Goetter, Helden und Zentauren vorbei ist. Aber vor diesen Genellischen +Fabelwesen muss man den Hut abziehen, die haben Rasse; es kommt mir +manchmal vor, als muesse er dabei gewesen sein, als koenne kein Mensch +sich solch verteufeltes Heidenzeug aus den Fingern saugen. + +Er ist auch dabei gewesen! sagte der Meister nun, und sein froehlicher +Blick wurde fast feierlich. Und was insbesondere die Zentauren +betrifft, warum soll ich es leugnen, dass ich wirklich diese +merkwuerdige Schicht der antiken Gesellschaft in einem Musterexemplar +studiert habe, dass ich so gluecklich gewesen bin, den letzten der +Zentauren persoenlich kennen zu lernen? + +Alle Augen richteten sich jetzt auf ihn, der die seinigen aber +durchaus nicht niederschlug, wie man sonst wohl zu tun pflegt, wenn +man auf einer Muenchhausiade nicht gleich ertappt zu werden wuenscht. + +Ich will Ihnen die Geschichte erzaehlen, fuhr er fort, sich heiter im +Kreise umblickend. Es scheint ohnehin heute kein rechter Diskurs +zustande kommen zu wollen. Der Rahl, seitdem er vom Fleisch gefallen, +ist unter die Trappisten gegangen; seine jetzige Diaet--sie ist +freilich miserabel genug--schlaegt ihm weder geistig noch leiblich an. +Freund Ross, glaub' ich, denkt an Weib und Kind, und der Schuetz war nie +ein grosser Redner. Abgedankte Leute wie wir sollten allerdings stille +liegen und den Mund nur auftun zu einem Kyrie oder Peccavi. Aber wie +sagt Falstaff? Hol die Pest alle feigen Memmen! Karl, noch einen +Spitz! Und nun will ich euch sagen, wie das mit dem Zentauren sich +ereignet hat. + +Es war im ersten Sommer, als ich mich in Muenchen niedergelassen hatte, +das Jahr hab' ich vergessen. Juni und Juli waren kuehl gewesen, dafuer +brach im August eine solche Mordhitze herein, dass man hier in der +Stadt wie im Fegefeuer nach Luft schnappte und ich's wahrhaftig bei +der Arbeit nicht aushielt, ausser in dem paradiesischen Kostuem, in dem +Freund Rahl damals in Rom in seinem Atelier herumging, zum Staunen der +schoenen Nachbarinnen gegenueber, die durchs offene Fenster hereinsahen, +und zu grossem Aergernis ihrer signori mariti, die endlich den Hern +Pfarrer des Viertels an ihn abschickten, um ihn zu christlich ehrbarer +Zucht und Bekleidung zu ermahnen. Wie der Schalk da dem Biedermann um +den Bart gegangen, ihm mit gutem Schinken aufgewartet und mit Orvieto +so lange eingeheizt hat, dass auch dem Pfarrer endlich die Glut zum +Dach herausschlug und er sich zureden liess, eines seiner Gewaender nach +dem anderen abzulegen, bis er in derselben einfachen Sommertracht wie +sein Wirt auf den kuehlen Fliesen herumspazierte,--das habt ihr, denk' +ich, noch in guter Erinnerung. Genug, ich hielt es zuletzt nicht +laenger aus und beschloss, mir im Gebirge einen besser geluefteten +Schattenwinkel zu suchen, als meine Dachkammer war. So fuhr ich mit +dem Stellwagen eine Strecke ins Land hinein gegen den Inn zu und +wanderte dann von der ersten Station, wo mir die Gegend gefiel, mit +meinem leichten Raenzel bergan. + +Obwohl aber dort das Flusstal hinunter "ein guter Luft" ging, wie die +Tiroler sagen, merkte ich doch bald, dass ich des Steigens in der +Mittagssonne ungewohnt war, und war froh, nach zwei sauren Stunden ein +grosses Dorf aus dichtem Walnusslaub mir zuwinken zu sehen, recht fett +und bequem auf der sanftansteigenden Halde hingelagert. Gegen Westen +stieg der Berg jaehlings in die Hoehe, bis endlich auch den Tannen und +Foehren der Atem ausging und sie ihm nicht mehr nachklettern konnten. +Da oben hinter den kahlen Gipfeln musste die Sonne selbst im Hochsommer +fruehzeitig verschwinden und der Bergesschatten eine angenehme Kuehle +ueber den Abhang ergiessen. + +Also war ich rasch entschlossen, hier Rast zu machen, obwohl es fuer +heute nicht sehr ruhig herzugehen versprach. Es war eben Kirchweih +und das einzige Wirtshaus gestopft voll von trinkenden, kegelnden und +juhschreienden Bauern. Ueberdies waren ein paar Kauf- und +Schaubuden dicht neben dem Wirtsgarten aufgeschlagen, zwischen denen +sich ein buntes Gedraenge hin und her trieb, besonders vor der Bude +eines Italieners, der ein ausgestopftes Kalb mit zwei Koepfen und fuenf +Fuessen fuer ein paar Kreuzer sehen liess. Ich versparte mir diesen Genuss +fuer den Abend, da ich vor allem nach einem kuehlen Trunk lechzte, +schlug mich auch endlich durch Flur und Treppe durch bis auf die obere +Laube, wo ich hinter dem Gelaender des Altans ganz in der Ecke einen +Sitz auf der Bank und ein Seidel roten Tiroler eroberte. Den Wein +stellte ich vor mich auf die hoelzerne Brustwehr, streckte mich nach +Herzenslust aus und sah, waehrend ich langsam mich verkuehlte, ueber das +Bauerngewuehl unten um die Tische ueber den Gartenzaun und die naechsten +Huetten hinweg in die prachtvolle Gebirglandschaft hinaus. + +Kaum eine halbe Stunde mochte ich so geruht haben, da sah ich auf dem +breiten Feldwege, der zu dem naechsten, hoeher gelegenen Doerfchen fuehrte, +einen ganz seltsamen Schwarm sich heranbewegen. + +Ich glaubte im ersten Augenblicke, der Wein, den ich etwas hastig +getrunken, werfe so wunderliche Blasen in meiner Phantasie, dass ich am +hellen Tage einen fabelhaften Traum traeumte. Auch war die wunderliche +Gruppe noch so ferne, wohl drei Buechsenschuesse von meinem Luginsland, +dass ich meinen Augen wohl misstrauen durfte. Aber obwohl sich's in +ruhigem Schritt fortbewegte, kam es doch unaufhaltsam naeher, und nun +konnte ich endlich nicht mehr zweifeln, dass ich in Wirklichkeit "sah, +was ich sah, und hoerte, was ich hoerte". + +Stellt euch vor, in der goldigsten Herbstsonne kam auf der weissen +staubenden Bergstrasse ein riesenhafter Zentaur dahergetrabt, in einem +wuerdevollen beschaulichen Viervierteltakt, wie der alte Schimmel, der +im Wilhelm Tell mitspielt und den Landvogt in die hohle Gasse tragen +muss. Hinter ihm drein, aber in scheuer Entfernung, etwa um einige +Pferdelaengen, zottelte und trottelte ein lautloser Haufen alter +Muetterchen, lahmer und presshafter Maennlein und ganz junger Kinder, +alles naemlich, was von jenem abgelegenen Dorfe entweder zu alt oder zu +jung gewesen war, um die nachbarliche Kirchweih mitzufeiern. Der +riesige fremde Gast mochte sich mit Gutem oder Boesem so in Respekt +gesetzt haben, dass man ihm ohne jede Anfechtung, weder durch Geschrei, +noch taetliche Neckereien, das Geleit gab. Aber je naeher der +abenteuerliche Zug dem Kirchweihdorfe kam, desto deutlicher sah ich +besonders die Weiblein bemueht, die Aufmerksamkeit der noch +ahnungslosen Nachbarn schon von weitem zu erregen, durch Winke mit den +duerren Armen, Krueckstoecken und Kopftuechern, auf die freilich ueber der +Tanzmusik und dem Festtreiben rings um mich her keine Menschenseele +aufmerksam wurde. + +So konnte sich das heidnische Ungetuem unbeschrien der Dorfmark naehern, +und erst, als es bei den letzten Huetten vorbeitrabte und nun gerade +auf das Wirtshaus lossteuerte, wurden die Bauern inne, dass sich etwas +ganz Unerhoertes begab. Nun war freilich der Effekt, den dies +Intermezzo machte, um so gewaltiger. Im Nu stob alles auseinander, +was unten im Wirtsgarten und um die Schaubuden sich zusammengedraengt +hatte. Wie Ameisen durcheinander wimmeln, wenn man mit dem Stock in +ihren Bau stoesst, so stuerzten Maenner und Weiber in wilder Flucht vom +Wirtshaus weg, und jedes suchte eine Tuer, einen Zaun oder einen Baum +zu erreichen, hinter denen man vor dem ungefuegen vierbeinigen Mirakel +auf den ersten Anlauf sicher waere. Ebenso hastig aber fuhren alle, +die in den Haeusern und oberen Raeumen der Schenke waren, an die Fenster +und starrten entsetzt nach dem Scheuel und Greuel hinaus. Auf den +Laerm des ersten Aufruhrs folgte eine tiefe Stille; selbst die Hunde, +die erst wuetend losgebellt hatten, zogen sich, als sie die maechtigen +Hufe des Ankoemmlings gewahrten, vorsichtig mit bangem Winseln zurueck, +und nur die kleinen Bauernpferde, die an ihren Krippen schmausten, +begruessten ihn mit zutraulich gastfreundlichem Wiehern, da er ja +jedenfalls, soweit er zu ihnen gehoerte, ihrem Geschlecht alle Ehre +machte. + +Ich war vielleicht der einzige, der nicht den Kopf verlor, zunaechst +als ein alter eingeteufelter Heide, der ich war, und in der ganzen +fabelhaften Naturgeschichte wohlbewandert, dann aber auch, weil das +Entzuecken ueber die ungemeine Schoenheit des Fremdlings keine Furcht +aufkommen liess. + +Was ich selber hernach an solchen Zwiegeschoepfen gemalt, oder Freund +Haehnel in seinem Dresdener Theaterfries gemeisselt hat, wuerde sich +gegen diesen goettlichen Burschen in Fleisch und Bein ausgenommen haben +wie Halbblut gegen Vollblut. + +Obgleich freilich an das, was man heutzutage Vollblut nennt, nicht +gedacht werden darf, wenn man sich einen Begriff machen will von der +Gaulhaelfte des wundersamen Kirchweihgastes. Denkt an den Bucephalus +oder das trojanische Pferd, oder meinethalben an den prachtvollen +Streithengst, der den Grossen Kurfuersten auf der langen Bruecke traegt, +und nun stellt euch vor, dass der ganze heroische Gliederbau von der +glattesten silbergrauen Decke ueberzogen war, unter der man jede Muskel +spielen und bei jedem Faeltchen, das sie warf, die Sonne wie auf +hochgeschorenem Samt schimmern sah. Aus diesem maechtigen Gestell +wuchs ein Menschenleib hervor, der sich mit dem tierischen wohl messen +konnte--Arme, Brust, Schultern wie vom Farnesischen Herkules gestohlen, +so recht in der Mitte zwischen fett und hager, die Haut sanft +angebraeunt und ebenfalls hie und da stark behaart, wie denn auch von +dem maechtigen dunklen Schopf, der ihm Stirn und Haupt umwallte, noch +eine wehende Maehne bis tief auf den Ruecken hinunterwucherte, uebrigens, +gleich dem lang nachschleppenden kohlschwarzen Rossschweif, dem +Anschein nach wohlgepflegt. Es war ueberhaupt nicht zu verkennen: das +Fabelwesen hielt etwas auf sein Aeusseres. Keine Spur von +tausendjaehrigem Staub und Unrat, der Bart am Kinn zierlich gestutzt +und gekraeuselt, und wie ich mich erst getraute, ihm naeher in das +ernsthaft treuherzige Gesicht zu sehen, das nur etwa so wild war wie +ein Bube, der aus Verlegenheit trotzig dreinschaut, bemerkte ich, dass +er einen kleinen Rosenzweig, eben frisch, wie es schien, vom Strauch +gebrochen, in das dichte Haar hinters Ohr gesteckt hatte. + +So kam das schoene Ungeheuer gemaechlich in den Hof der Dorfschenke +getrabt, aus dem sofort auch der letzte Gast, den Masskrug an die Brust +gedrueckt, mit lautem Geschrei ins Haus oder in die Wirtschaftsgebaeude +fluechtete. Der Schwarm von alten Weibern und Bauernkindern, der ihm +das Geleit gegeben, blieb draussen auf der Dorfstrasse stehen, und ueber +der Verwegenheit des hohen Reisenden, sich so leichtbegleitet mitten +in die Kirchweih zu begeben, schien allen das Wort in der Kehle zu +erstarren. Wenigstens hoerte man ringsum nur ein verhaltenes Summen +und Schwirren, aus dem nur dann und wann ein paar Naturlaute des +Schreckens und der Angst hervorkreischten. Alle erwarteten das +Entsetzlichste, und wohl nur wenige mochten sein, die den Spuk nicht +gerade fuer den leibhafen Gottseibeiuns hielten, der gekommen sei, das +saemtliche halb betrunkene Gesindel recht in seiner Suenden +Kirchweihbluete in die Hoelle abzufuehren. + +Der alte Heide aber zeigte sich trotz seiner hoellischen Pferdefuesse als +ein ganz zahmer, menschenfreundlicher Kamerad. Er sprengte +geradeswegs auf die hohe Laube zu, auf der ich sass, und sah mit einer +hoeflichen Miene, wie einer, der gerne mit einem Fremden anbinden +moechte, mir ins Gesicht, der ich ihm ebenso artig zunickte. Dann aber +richtete er seine grossen glaenzenden Augen auf das Schenkmaedchen, das +neben mir stand, zwei offene Flaschen voll Tirolerwein in den Haenden. +Sie hatte sie fuer die Gaeste heraufgetragen, die das Hasenpanier +ergriffen hatten, und stand nun, da sie, obwohl mit dem Dorfschneider +verlobt, ein munteres, kouragiertes Frauenzimmer war, ohne Scheu neben +mir auf dem Altan, um die Wundergestalt in aller Arglosigkeit zu +betrachten. Dem Fremdling mochte die saubere Dirne--man hiess sie die +schoene Nanni--ebenfalls einleuchten, nicht minder auch der rote Wein, +den sie trug. Mit so viel Lebensart, wie man solchen Rossmenschen kaum +zutrauen sollte, nahm er den Rosenzweig hinterm Ohre hervor, roch erst +daran und ueberreichte ihn dann ohne Muehe, da Haupt und Schultern noch +ueber die Bruestung der Laube herausragten, dem schoenen Kinde, das etwas +geschaemig tat, die Blumen aber doch nicht ausschlug, sondern in ihren +Brustlatz neben den silbernen Loeffel steckte. Zugleich schien sie +gemerkt zu haben, worauf die ganze Huldigung abzielte. + +Ohne Zaudern reichte sie ihrem Verehrer die beiden vollen Flaschen +hinaus, die er auch mit freundlichem Kopfnicken ergriff, und dann in +so raschen Zuegen leerte, wie unsereins zwei Glaeser Champagner +hinunterstuerzt. + +Ein beifaelliges Murmeln unter den Kopf an Kopf gedraengten Zuschauern +begleitete diese ganze trauliche Szene, und ein paar kecke Burschen +wagten sogar ein "Wohl bekomm's!" oder "Gesegn' es Gott!" zu rufen, +wurden aber gleich von den Vorsichtigeren niedergezischt. Aber auch +dem fremden Gast schien der Wein die Zunge geloest zu haben. Er sagte +erst dem Maedchen einige Artigkeiten, die sie aber nicht verstand und +nur mit Kichern und Kopfschuetteln erwiderte. Dann wandte er sich an +mich, fragte mich, wo er sich hier befinde, und wie das wilde Volk +heisse mit den Pelzhauben und der ohrenzerreissenden Musik, unter das er, +er wisse selbst nicht wie, geraten sei. Ich antwortete-Erlauben Sie, +Herr Genelli, unterbrach ihn der Wirt, der gleich uns anderen begierig +gelauscht hatte, in welcher Sprache unterhielten Sie sich mit dem +antiken Herrn? + +Im reinsten Griechisch, Herr Schimon; Sie moegen es nun glauben oder +nicht. Er sprach es natuerlich etwas fliessender als ich, aber mit +einem Anflug an den jonischen Dialekt, der mir hie und da das +Verstaendnis erschwerte. Indessen, es ging. Not bricht Eisen und +lehrt radebrechen. Sie werden selbst schon erlebt haben, dass Sie im +Traume ganz korrekt Ungarisch oder Spanisch sprachen, was Ihnen sonst +sauer werden moechte. Aber unterbrechen Sie mich nicht wieder; lassen +Sie mir lieber einen neuen Spitz Carlowitzer kommen. Wo war ich denn +stehen geblieben? Richtig, wo ich den Spiess umdrehte und ihn fragte, +wie es im Homer steht: + +Wer er sei und woher, wo er wohnt und wer die Erzeuger. + +Da kamen denn kuriose Dinge heraus. + +Stellt euch vor, der arme Bursche war vor so und so viel tausend +Jahren hoch oben durchs Gebirge geritten, in Geschaeften, wie er sagte, +da er als Landarzt--Kreisphysikus wuerde man's heute nennen--einen +gewaltig grossen Bezirk zu versehen hatte, lauter wildes, armes Volk, +Hirten, Baerenjaeger, Pfahlbauern usw. Nun war's gerade ein heisser Tag, +und er hatte bei seiner Praxis ueberall scharf gezecht, hineingegossen, +was die Leute ihm gerade vorsetzten, da er sie meist um ein Glas Wein +oder Enzianbranntwein kurierte, und wie er mittags an eine +Gletscherhoehle kommt, denkt er, du willst ein Schlaefchen machen, +streckt sich in der daemmerigen blauen Eisspelunke hin und schlaeft +richtig ein. Was weiter geschehen, wusste er freilich nicht zu sagen, +und auch ich konnte ihm nur die Vermutung aussprechen, dass Schnee- +oder Eismassen um ihn zusammengestuerzt und heute erst wieder aufgetaut +sein muessten, dass er, wie jenes Mammutungetuem im Polareise, frisch und +ohne jeden Hautgout sich in seinem Eiskeller konserviert habe, nur mit +dem Unterschiede, dass auch sein Geist, dank dem vielen genossenen +Spiritus, durch den unmaessigen Winterschlaf hindurch keinen Schaden +gelitten und er nun als ein vorsintflutliches mythologisches Raetsel +auf vier gesunden Beinen in unsere entgoetterte Welt hineinsprengen +koenne. Ich suchte ihm in aller Kuerze, so gut es ging, ueber die +ungeheure Kluft hinwegzuhelfen, die sein Erwachen von seinem +Einschlafen trennte. Aber ich merkte bald, dass die summarische +Weltchronik, die ich vor ihm aufrollte, ihn sehr wenig interessierte. +Er schuettelte nur den Kopf, als ich ihm erzaehlte, die Goetter +Griechenlands seien ein ueberwundener Standpunkt, und mit dem kleinen +Lutherischen Katechismus wusste er ebensowenig anzufangen wie mit dem +heiligen Augustin oder Pius IX. Auch die politischen Umwaelzungen der +letzten dreitausend Jahre liessen ihn voellig kalt. Als ich endlich +schwieg, seufzte er so recht vom Grunde seiner ehrlichen +Zentaurenseele auf und sagte: er werde von allem, was ich ihm da +vorgefabelt, aus dem Zehnten nicht klug, und das sei ihm auch ganz +gleichgueltig. So viel merke er, dass ihm ein recht haemischer Possen +gespielt worden sei mit jener Aufbewahrung im Eiskeller; inzwischen +sei alles anders geworden und nur er derselbe geblieben, wessen er +sich eben nicht schaeme, denn nach den wenigen Proben scheine ihm die +Welt viel lumpiger, schaebiger und nicht einmal gescheiter geworden zu +sein, die Waelder duenner, der Wein saurer, die Weiber--bis auf seine +Freundin "Nannis oder Nannidion" (wie er sich das Nannerl ins +Griechische uebersetzte)--plumper und einfaeltiger. Nun erzaehlte er, +was er seit seinem Erwachen fuer Erfahrungen gemacht hatte. + +Kaum war ihm naemlich sein Gletschermantel von den Schultern +geschmolzen, und er hatte sich die letzten Nebel des Schlafs aus den +Augen gerieben, so war er ins Freie hinausgetrabt, aergerlich ueber die, +wie er waehnte lange Versaeumnis von vierundzwanzig Stunden, da er einen +schweren Patienten eine Stunde tiefer im Tal zu besuchen hatte. Als +er sich aber umsah, schien ihm alles so wunderlich, dass er noch +fortzutraeumen glaubte. Dichte Waelder, durch die er sich sonst pfadlos +hindurchzuwinden hatte, waren verschwunden; auf Wiesen, wo sonst der +Ur und der wilde Steinbock gegrast, sah er Herden buntfarbiger Kuehe +weiden; hie und da stand ein Blockhaus am Wege, hoch hinauf mit Heu +angefuellt, und nicht selten sah er kleine Steige gebahnt, oder Balken +ueber Giessbaeche gelegt, die er frueher mit einem maechtigen Satz hatte +ueberspringen muessen. Kopfschuettelnd hielt er still und ueberlegte bei +sich, wie sich das alles ueber Nacht verwandelt haben moechte. Da er +aber kein Freund von ueberfluessigem Nachsinnen war, beschloss er, eine +benachbarte Waldnymphe um Aufschluss zu bitten, mit der er auf +vertraulichem Fusse stand. Er rief ihren Namen in die Schlucht +hinunter, aus der noch wie damals die maechtigen Edeltannen +heraufragten. Sonst war sie gleich oben im Wipfel erschienen, da sie +sehr einsam lebte und gerne eine Ansprache hatte. Heut zeigte sich +nur ein altes Weib, das Enzian sammelte und beim Anblick des +vierbeinigen Ungeheuers mit heiserem Jammergeschrei und heftigem +Kreuzschlagen sich ins Dickicht verkroch. + +Also trabte er immer nachdenklicher seines Weges weiter, und da es +gerade Sonntag war und die Kirchweih alles, was eine saubere Jacke und +ein paar Kreuzer in der Tasche trug, in das Dorf hinuntergelockt hatte, +begegnete er auch keiner Menschenseele, als ein paar Hueterbuben, die +ebenso hastig vor ihm Reissaus nahmen wie das Kraeuterweib. Nun sah er +auch unten die ersten kleinen Haeuser, die mit ihren weissgetuenchten +Waenden und blanken Fensterchen als ein neues Raetsel ihm +entgegenschimmerten. Hier hatten sonst nur verfallene Huetten der +wilden Ziegenhirten gestanden, elende Pferche zwischen Gestruepp und +Klippen. War eine Stadt aus der Ebene ausgewandert und hatte sich in +die Berge verstiegen? Ein seltsames Gebaeude mit hohem Dach und +spitzem Turm ragte aus den Schindeldaechern in die Luefte, und oben aus +den schwarzen Turmluken drang ein unerklaerliches Summen und Schallen +hervor, das er nie gehoerte hatte, und das in seiner feierlichen +Eintoenigkeit ihn vollends bestuerzt machte. + +Das Grauenhafteste aber in dem ganzen Maerchen, das ihn an seinen +gesunden Sinnen zweifeln liess, begegnete ihm, als er den ersten Huetten +des oberen kleinen Dorfs sich naeherte. Unter einem spitzen, +rotgetuenchten Bretterdach hing da ein Mann mit ausgebreiteten, +blutruenstigen Armen an ein Kreuz genagelt, aus einer Seitenwunde +blutend, die Stirn von grossen Blutstropfen ueberquollen, die unter den +spitzigen Stacheln eines dicken Dornkranzes hervordrangen. Gleichwohl +schien der Gemarterte noch am Leben. Er hatte die Augen weit geoeffnet +nach oben gekehrt, und der kundige Blick des Zentauren fand auch an +den nackten Gliedern noch nicht die Farbe der Verwesung. + +Er redete den armen kleinen Mann mit seiner freundlichsten Stimme an, +fragte, um welches Verbrechen man ihn so schwer buessen lasse, ob er ihm +vielleicht von seinem Marterholz herunterhelfen und die Wunden +verbinden solle. Als er keine Antwort erhielt, beruehrte er sacht die +Brust des stummen Dulders. Da merkte er, dass es nur ein hoelzernes +Bild war. Ein Rosenstrauch war neben dem Stamm des Kreuzes gepflanzt. +Von dem pflueckte er einen kleinen Zweig, roch daran, wie um wieder +etwas Liebliches zu geniessen, und verliess dann die Staette mit immer +unheimlicherem Staunen. + +Im Dorf hatte gerade der Pfarrer, ein altes Maennlein, das den +Kirchweihfreuden laengst abgestorben war, fuer die andern zu Hause +gebliebenen Invaliden einen Vespergottesdienst begonnen, zu dem die +kleinen Buben das Gelaeut besorgten. Wie nun der Fremdling, dem alles, +was ihm links und rechts in die Augen fiel, ein Raetsel war, an die +offene Kirchentuere kam, hielt er an und spaehte neugierig in das +halbdunkle Innere. Ein Sonnenstrahl fiel durch das kleine +Seitenfenster neben dem Altar und beleuchtete das Bild einer +wunderschoenen Frau mit goldenen Haaren in blau und rotem Gewand, die +einen Knaben auf dem Arm und eine Lilie in der Hand trug. Sie hatte +die grossen, sanften Augen gerade auf ihn gerichtet, als wolle sie ihn +einladen, naeher zu treten. Zu ihren Fuessen, ihm den Ruecken zuwendend, +stand der kleine Pfarrer im Ornat, und die saemtliche Gemeinde kniete +jetzt, gleich ihm, vor der schoenen Frau. Du solltest doch +hineintreten und sie dir etwas naeher betrachten, sagte der Fremde zu +sich selbst. Und gedacht, getan. Er trabt, ohne an etwas Arges zu +denken, durch das Portal und geradewegs ueber die Steinfliesen, die von +seinem maechtigen Hufschlag droehnten, auf den Altar zu. + +Welch einen Spektakel das gab, kann man sich denken. Im ersten +Augenblick freilich versteinerte der Schrecken ueber diese +Tempelschaendung durch ein so unerhoertes, geradewegs der Hoelle +entstiegenes Ungeheuer die ganze andaechtige Gemeinde samt ihrem +Seelsorger. Dann aber besann sich dieser, der trotz seiner achtzig +Jahre durchaus kein Don Abbondio war, dass der Eindringling niemand +anders als der leibhaftige Satan sein koenne, erhob, was er gerade +Geweihtes in der Hand hatte, und rief, es gegen den Versucher +schwingend, mit lauter Stimme sein "Apage! Apage! und nochmals Apage!" +--Beim Zeus, sagte der Zentaur, das freut mich, endlich einem +redenden Menschen zu begegnen, der noch dazu griechisch spricht. Du +wirst mir nun wohl auch sagen koennen, Alter, wer diese schoene Frau ist, +ob sie noch lebt, was ihr hier treibt, und wie sich ueberhaupt alles +seit gestern so fabelhaft veraendert hat.--Den Pfarrer ueberlief es +eiskalt, als er sich von dem boesen Feinde anreden hoerte, noch dazu in +einer Sprache, die ihm natuerlich griechisch war. Wieder erhob er +seinen Ruf und schlug ein Kreuz ueber das andere, wich aber doch ein +wenig vom Altar zurueck, da ihn die Unbefangenheit des hohen Fremden +einschuechterte, und haette sich dieser nicht umgesehen, wer weiss, wie +es abgelaufen waere. Jetzt aber kam die Reihe, sich zu fuerchten, an +unsern Rossmenschen. Denn wie er die vom Schreck verstoerten +Wackelkoepfe der alten Maenner und die verwelkten Gesichter der greisen +Weiblein unter ihren hohen Pelzhauben saemtlich anstarren sah, ueberkam +ihn ploetzlich die Furcht, er moechte in ein Konventikel von Hexen und +Zauberern geraten sein und Strafe leiden, wenn er ihr geheimes Wesen +noch laenger stoere. Also machte er, nachdem er der schoenen Blauaeugigen +noch einen verehrungsvollen Blick zugeworfen, auf einmal kehrt und +stob mit gewaltigen Saetzen, den Schweif wie zur Abwehr boeser Geister +hoch um den Ruecken schlagend, ueber das hallende Pflaster zur offenen +Tuer hinaus. + +Werter Freund, sagt' ich, als er mir das alles treuherzig gebeichtet +und meine Aufklaerungen nur halb verstanden hatte, Ihr seid in einer +verwuenschten Lage. Wie Ihr da geht und steht, moechte es schwer halten, +Euch in der modernen Gesellschaft einen Platz ausfindig zu machen, +der zu Euren Gaben und Anspruechen passte. Waeret Ihr nur ein paar +Jahrhunderte frueher aufgetaut, so etwa im Cinquecento, so haette sich +alles machen lassen. Ihr haettet Euch nach Italien begeben, wo damals +alles Antike wieder sehr in Aufnahme kam und auch an Eurer heidnischen +Nackheit kein Mensch sich geaergert haben wuerde. Aber heutzutage und +unter dieser engbruestigen, breitstirnigen, verschneiderten und +verschnittenen Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt--ich +fuerchte, mio caro, Ihr werdet es sehr bedauern, nicht lieber bis an +den juengsten Tag im Eise geblieben zu sein! Wo Ihr Euch sehen lasst, +in Staedten oder in Doerfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und +mit faulen Aepfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien und +die Pfaffen Euch fuer den Gottseibeiuns ausgeben. Die Zoologen werden +Euch betasten und begaffen und dann erklaeren, Ihr waeret ein +unorganisches Monstrum und koenntet nichts Besseres tun, als Euch einer +kleinen Vivisektion unterziehen, damit man saehe, wie Euer +Menschenmagen sich mit Eurem Pferdemagen vertrage. Seid Ihr aber der +Scylla der Naturforscher entronnen, so fallt Ihr in die Charybdis der +Kunstgelehrten, die Euch ins Gesicht sagen werden, dass Ihr ein +schamloser Anachronismus, eine totgeborene nur galvanisch belebte +Reliquie aus der Zeit des Parthenonfrieses seid, und die Kuenstler, die +nur noch Hosen und Waemser und kleine witzige Armseligkeiten malen +koennen, werden sich in ihren tugendhaften Armenversorgungsanstalten, +genannt Kunstvereine, zusammenrotten und bei der Polizei darauf +antragen, dass Ihr ausgewiesen werdet, als der oeffentlichen Moral im +hoechsten Grade gefaehrlich. Dass Ihr Praxis bekommen koenntet, auch nur +als Pferdearzt, ist vollends undenkbar. Man hat jetzt ein ganz +anderes Naturheilverfahren, als zu Euren Zeiten, der vielen anderen +gelehrten Systeme zu geschweigen, und dass ein Doktor seine Equipage +vors Krankenbette mitbringt, ist unerhoert. Bliebe also nichts als der +Zirkus oder die Menagerie, um Euer Brot zu verdienen, und fern sei es +von mir, einem Mann von so guter Familie, wie Ihr, eine solche +Erniedrigung zuzumuten. Nein, Bester, bis uns etwas Gescheiteres +einfaellt, will ich selbst mein bisschen Armut mit Euch teilen. Wenn +ich es recht bedenke, bin ich ja nicht viel besser daran als Ihr, muss +mir auch von Gassenbuben und bigotten Vetteln, Aesthetikern und meinen +eigenen werten Kollegen die groessten Schnoedigkeiten gefallen lassen, +und seht, ich lebe noch und fuehle mich in meiner Haut tausendmal +wohler, als all das Gewuerm und Gesindel, das mir nicht das Leben goennt. +Coraggio! animo, amico mio! Dieser rote Wein ist zwar nur ein +saeuerlicher Rachenputzer, aber ihr werdet Euch auch nicht zu oft in +Nektar guetlich getan haben, und corpo della Madonna! wenn zwei rechte +Kerls miteinander Bruederschaft trinken, so adeln sie den ordinaersten +Tropfen. + +Damit reichte ich ihm meine Flasche, welche die Nanni wieder gefuellt +hatte, und klang, das Glas erhebend, mit ihm an, wozu er als zu einem +ganz neuen Brauch ein verdutztes Gesicht machte. Ich winkte dann dem +Maedel, fuer neue Zufuhr zu sorgen, und so schwammen wir bald im +Ueberfluss und wurden guter Dinge. Nach und nach machte unsere +Kordialitaet auch das Bauernvolk vertraulich. Einige der Beherztesten +wagten sich wieder in den Hof und zogen, da ihnen nichts zuleide +geschah, bald die anderen nach sich. Sie besahen nun den Fremdling +sorgfaeltig von allen Seiten. Der Jude Anselm Freudenberg, der mit +Pferden handelte, erklaerte laut, dass um tausend Loisdors ein solcher +Hengst halb geschenkt waere, stuende nur nicht das unnatuerliche +Vorderteil im Wege. Denn trotz der grossen Fortschritte beim Militaer +habe man noch nirgends Kavalleriepferde eingefuehrt, denen ihre Reiter +angewachsen waeren. Eine vorwitzige Dirne wagte das Wundertier zu +beruehren und das samtweiche Fell am Bug zu streicheln. Das ermutigte +den Schmied des Dorfes, behutsam den linken Hinterfuss aufzuheben, was +der Zentaur, der eben das siebente Seidel an die Lippen setzte, in +aller Gutmuetigkeit geschehen liess. Es fiel ungemein auf, dass die +starken, lichtbraunen Hufe keine Spur irgend eines Beschlages zeigten, +und da auch sonst so vieles ganz anders war, als bei anderen +Reitpferden, erhob sich die Frage, welcher Rasse er angehoere. Endlich, +nachdem man lange gestritten, tat der Schulmeister den Ausspruch, da +alle uebrigen Kennzeichen fehlten, werde es wohl die kaukasische Rasse +sein, wogegen selbst der Jude Freudenberg nichts einzuwenden wusste. + +Waehrend aber so die oeffentliche Meinung sich eben mit dem Heidengreuel +auszusoehnen schien und er wenigstens, was man einen succes d'estime +nennt, davontrug, war eine boesartige Verschwoerung gegen den arglosen +Fremdling im Gange. An der Spitze stand natuerlich die hochwuerdige +Geistlichkeit, die es fuer das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr +nachteilig fand, sich mit einem gewiss ungetauften, voellig nackten und +wahrscheinlich sehr unsittlichen Tiermenschen naeher einzulassen. +Ebenso aufgebracht, wenn auch aus anderen Gruenden, aeusserte sich der +Italiener, der Besitzer des ausgestopften Kalbes mit zwei Koepfen und +fuenf Beinen. Seit der Fremde erschienen war, hatte er mit seiner +Missgeburt schlechte Geschaefte gemacht. Den Rossmenschen sah man gratis, +er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wusste, ob er sich +nicht noch bewegen liess einige Kunstreiterstueckchen zum besten zu +geben, wozu das Kalb durchaus keine Miene machte. Das konnte der +Italiener nicht so ruhig mit ansehen. Es sei ein Unterschied, setzte +er dem Pfarrer auseinander, zwischen einem zuenftigen, von der Polizei +approbierten Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen, nie +dagewesenen Missgeburt, die ohne Pass und Gewerbeschein das Land +unsicher mache und ehrlichen fuenfbeinigen Kaelbern das Brot vorm Maule +wegstehle. Wenn das erst Sitte wuerde, dass solche Mondkaelber sich ohne +Entree sehen liessen, so waere es ja gar nicht mehr der Muehe wert, mit +einem Kopf zu wenig oder ein paar Gliedmassen zu viel auf der Welt zu +kommen. + +Der hitzigste aber war der Dorfschneider, der Braeutigam der schoenen +Nanni. + +Er hatte sich zwar, als das Ungetuem herantrabte, Hals ueber Kopf von +der Laube ins Haus gefluechtet und seinen Schatz, der sich nicht +fuerchtete, im Stich gelassen. Aber durchs Fenster sah er desto +grimmiger mit an, wie vertraulich das Blitzmaedel mit dem hohen Herrn +schaekerte, seine Rosen annahm und ihn wohlgefaellig betrachtete, +waehrend er sich ihren Wein schmecken liess. Was von dem Fremden ueber +die Brustwehr hervorragte, war wohl dazu angetan, den etwas schief +gedrechselten Schneider im Hinblick auf seine eigene duerftige Person +eifersuechtig zu machen. Zudem hatte ihn die Nanni, als er ihr das +Unanstaendige ihres Betragens vorwarf, schnippisch genug abgefertigt +und erwidert: sie verbitte sich's, dass er den Fremden einen +unverschaemten Kerl, eine nackte Bestie, eine Staatsmaehre schimpfe. Er +sei manierlicher und anstaendiger als manche Menschen, von denen +dreizehn aufs Dutzend gingen, und andere koennten froh sein, wenn sie +sich weniger zu schaemen brauchten, sich nackt zu zeigen.--Das stiess +dem Fass den Boden aus. Zwar dem Maedel gegenueber huellte sich der +Beleidigte in ein naseruempfendes Stillschweigen, liess aber sein +Mundwerk desto zuegelloser laufen gegenueber dem Herrn Pfarrer, dem er +seine Not klagte: die neue Mode, die der Unbekannte eingefuehrt, muesse +das ganze Schneiderhandwerk ruinieren und ueberdies alle Begriffe von +Anstand und guter Sitte ueber den Haufen werfen. + +Von diesen Kabalen wussten wir natuerlich nichts, sondern liessen uns +durch die wachsende Vertraulichkeit die uebrigen Kirchweihgaeste immer +mehr in die froehlichste Feststimmung einwiegen. Der reichlich +genossene Wein tat das Uebrige, und so wenig meinem neuen Duzbruder das +Volk um uns her in den hohen Hueten und Hauben, mit schwerfaelligen +Stiefeln, kurzen Jacken und vielfaeltigen Roecken gefiel, war er doch +wohlgesittet genug, sich's nicht merken zu lassen und keinen +zurueckzuweisen, der ihm das volle Glas hinaufreichte. Nachgerade aber +stieg ihm der Spuk zu Kopfe, seine Augen fingen an zu glaenzen, er liess +einige Naturlaute hoeren, die zwischen dem landueblichen Juhschreien und +gewoehnlichem Pferdegewieher die Mitte hielten, und als jetzt die +Musikanten, die lange pausiert hatten, frisch zu einem Schleifer +einsetzten, langte unser Freund, ohne ein Wort zu sagen, mit beiden +Armen ueber die Bruestung, umfasste die schoene Nanni, und setzte sie mit +einem leichten Schwunge sich auf den Ruecken, indem er sie durch +Zeichen anwies, sich in seiner wallenden Maehne festzuhalten. Dann +begann er nach dem Takte der Musik sehr zierlich sich in Bewegung zu +setzen und in dem engen Raume zwischen Tischen und Baenken in den +gewandtesten Courbetten seine Kunst zu zeigen, waehrend die muntere +Dirne, ihre Arme fest um seinen Menschenleib geschlungen, dann und +wann mit der Ferse ihres kleinen Schuhes ihm in die Seite stiess, um +ihn zu einem rascheren Tempo anzufeuern. + +Das Schauspiel sah sich so allerliebst mit an, dass alle anderen Taenzer +mit ihren Dirnen herauskamen und sich, um zuzuschauen, in einem +dichten Kreis um das Paar herumstellten. Ich aergerte mich nur, dass +ich mein Skizzenbuch vergessen hatte und nirgends einen Fetzen Papier +auftreiben konnte. So musste ich mich begnuegen, mit den Augen zu +studieren, und wahrhaftig, ich konnte mich nicht satt sehen an den +hundert wechselnden Wendungen und Gruppierungen, wie sie der immer +uebermuetiger und wilder herumwirbelnde Tanz an mir voruebergaukeln liess. + +Als es aber etwa eine Viertelstunde gedauert hatte, nahm die +Herrlichkeit ploetzlich ein Ende mit Schrecken. Zufaellig sah ich +einmal ueber den Hof hinaus ins Tal hinunter und bemerkte eine +bedenkliche Kavalkade, die sich auf der Strasse vom Tal herauf dem Dorf +naeherte: ein halb Dutzend reitender Landgendarmen und mitten unter +ihnen, mit eifrigen Gebaerden nach der Schenke hinaufdeutend, zwei +Zivilisten auf kleinen Bauernkleppern, in denen ich, als sie naeher +kamen, die beiden verbissenen Kabalenmacher, den Italiener und den +Dorfschneider, erkannte. Ich rief meinem Freunde und Duzbruder in +meinem besten Griechisch zu, er moege auf der Hut sein; es sei auf ihn +abgesehen. Man wolle sich, wie es scheine, tot oder lebendig seiner +Person bemaechtigen und die ganze Rache der Philister an seiner +Simsonsmaehne auslassen. Aber es war umsonst. Sei es, dass die Musik +meine Warnung uebertaeubte, oder dass der Rausch des bacchantischen +Tanzes den Trefflichen gegen jede Anwandlung von Furcht gefeit hatte, +genug, er hielt erst einen Augenblick inne, als die bewaffnete +Macht--die Denunzianten blieben weislich im Hintertreffen--am Hoftor +erschien, das dichtgedraengte Publikum erschrocken zurueckwich und nun +der Anfuehrer der Schergenbande, ein schnurrbaertiger Korporal mit +dickem Bauch, im allergroebsten Ton die Aufforderung an ihn ergehen +liess: auf der Stelle seinen Pass oder sein Wanderbuch vorzuweisen, +widrigenfalls er nach der Fronfeste unten im Staedchen gebracht und +gruendlich visitiert werden wuerde. + +Der gute Bursch verstand natuerlich keine Silbe, konnte auch den +feindseligen Sinn der Worte nicht ahnen, da er aus seiner heroischen +Welt andere Begriffe von Gastfreundschaft mitgebracht hatte. Also sah +er sich mit einem drolligen Ausdruck von Ratlosigkeit nach mir um, und +erst, als ich ihm erklaert hatte, dass diese breitmaeuligen Herren Jaeger +seien und er das Wild, und dass man im Sinne habe, ihn in einen Stall +zu sperren, wo er bei schmalem Futter ueber die Wohltat der Gesetze und +die Fortschritte der Kultur nachdenken koenne, ging ein veraechtliches +Laecheln ueber sein ehrliches Gesicht. Er antwortete nur mit einem +Achselzucken, setzte sich dann, als beachte er diesen Zwischenfall +nicht im geringsten, langsam wieder in Galopp, wobei er die Haende des +Maedchens, die sich vor seiner Brust verschraenkten, sanft an sich +drueckte, und so, immer rascher und rascher im engen Kreise +herumsprengend, ersah er ploetzlich die Gelegenheit, nahm einen kecken +Anlauf und setzte mit einem prachtvollen Sprung--ungelogen wohl zwoelf +Schuh hoch und zwanzig weit--ueber die Koepfe der Bauern weg, dass nur +den letzten, die draussen standen, die Huete von den Schaedeln flogen. +Und waehrend die Weiber laut aufschrien, die Gendarmen fluchten und mit +gezogenem Seitengewehr ihm nachsetzten, auch ein paar unschaedliche +Pistolenkugeln ihm nachknallten, sprengte er ueber Wiesen und Felder +bergan, das entfuehrte Maedchen sicher auf seinem Ruecken haltend, wie +ein Loewe, der ein Lamm aus einer Schafhuerde geraubt hat und es unter +dem Schreien und Drohen der nachjagenden Hirten in seine Hoehle traegt. + +Als es oben angekommen war, wo eine tiefe Schlucht den Abhang +durchschneidet, hielt er still und wandte sich zu seinen Verfolgern um, +die noch tief unter ihm in ohnmaechtiger Wut die Steile hinaufkeuchten. +Ich konnte sein Gesicht, selbst durch mein kleines Fernrohr, nicht +mehr deutlich erkennen, sah aber, dass er sich zu dem Maedchen +zurueckwandte und nun, wahrscheinlich von ihrer Angst und ihrem +klaeglichen Flehen geruehrt, ihre Haende losliess, so dass sie sacht von +seinem Ruecken auf die Wiese niedergleiten konnte. Ihre Lage war +allerdings nicht die angenehmste. So sehr ihr die ritterliche +Huldigung des Fremden geschmeichelt hatte, und eine so traurige Figur +ihr Schatz neben ihm spielte,--eine solide Versorgung konnte sie von +diesem reitenden Auslaender nicht erwarten. Als sie daher merkte, dass +aus dem Spass Ernst werden sollte, behielt ihre praktische Natur die +Oberhand, und sie wehrte sich entschieden gegen alle Entfuehrungsgelueste. +Wie eine gejagte Gemse vor dem Treiber sprang sie von Stein zu Stein den +Abhang hinunter ihrem Schneider wieder in die Arme. + +Der Zentaur sah ihr eine Weile nach, und meine Phantasie malte sich +deutlich den Ausdruck eines goettlichen Hohnes aus, der durch seine +Mienen blitzte und dann einer erhabenen Schwermut wich. Als die wilde +Jagd mit Toben und Kreischen ihm auf die Weite eines Steinwurfs nahe +gekommen war, winkte er noch einmal mit der Hand hinunter--einen Gruss, +den ich wohl mir allein aneignen durfte--, schwenkte dann gelassen, +mit einer fast herausfordernden Wendung seines Hinterteils, nach +rechts ab und verschwand unseren nachstarrenden Blicken in der +pfadlosen Kluft, um nie wieder aufzutauchen. + +Wir hatten alle andaechtig zugehoert, nur Rahl schien zu schlafen, +wenigstens blinzelten seine geschlitzten Satyraugen verdaechtig in den +Mondschein. Als der Erzaehler jetzt schwieg, tat er einen tiefen +Seufzer und erhob sich vom Sitz, an der Wand herumtastend, wie um +seinen Hut vom Haken zu nehmen. + +Accidente! wollt Ihr schon aufbrechen! sagte Genelli. Hol die Pest +alle die feigen Schlafmuetzen! Wir sind eben im besten Zuge--Die +Geschichte hat mir die Zunge ausgedoerrt--noch einen Spitz, Herr +Schimon! Auf die Gesundheit aller revenants, die Zentauren mit +einbegriffen. Sie haben zwar keine bleibende Staette in diesem +miserablen neunzehnten Jahrhundert und muessen sich wieder +hinausmassregeln lassen. Aber sagt selbst: wenn man zu waehlen haette +zwischen dem Schneider, der das Glueck hat und die Braut heimfuehrt, und +jenem armen Burschen--ich wenigstens, so lange noch ein roter +Tropfen--aber corpo di Bacco! Schimon, wo bleibt mein Carlowitzer? + +Der Wirt naeherte sich mit ehrerbietiger, geheimnisvoller Miene, Sie +wissen, Herr Genelli, raunte er ihm zu, wenn es auf mich ankaeme--aber +beim besten Willen--die Instruktionen sind erst neulich verschaerft +worden, und ich habe einen Wischer bekommen, weil ich hier oben noch +eine halbe Minute nach Eins-Ah so, murmelte der alte Meister und stand +unwillig auf. Immer die ewigen Scherereien. Die Nacht ist ja noch +lang genug, und ob wir's hier oben einmal mit der Polizeistunde nicht +so genau nehmen, wem schadet's? Aber man ist ein armer Tropf, und der +selige Achilleus hat recht: + +Lieber ein Tageloehner im Licht, als Koenig der Schatten! + +Geben Sie mir die Hand, Schuetz. Es ist hier so verwuenscht dunkel, +oder sollte mir die Geschichte zu Kopf gestiegen sein? Wo ist der +kleine Karl, uns heimzuleuchten? Felice notte! + +Damit ging er leicht auf den Arm des hageren Freundes gelehnt, voran, +ganz mit seinem alten ruestigen Schritt und aufrechter Haltung, aber +barhaupt, und so folgten ihm die andern. Der kleine Karl schwankte, +ein Kellerlaempchen hoch ueber seinem Kopf haltend, voran, Schimon war +der letzte und wartete an der Tuer auf mich, als wolle er hinter mir +abschliessen. Er tat es aber nicht, sprach auch kein Wort zu mir, +sondern sah mich nur mit einem wehmuetigen Zwinkern seiner kleinen +schwarzen Augen an, als wollte er sagen: wir haben bessere Zeiten +erlebt!--Waehrend wir durch den langen duesteren Hausgang schritten, +fiel es mir auf, dass ich keinen Fusstritt hoerte. Und dann wollte auch +der Gang kein Ende nehmen, so hastig wir hindurchgingen. Ich sah noch +deutlich ueber die Scheitel der anderen weg Genellis graues Haupt durch +das Zwielicht ragen, von dem Laempchen rot angeschienen. Es fiel mir +aufs Herz, dass ich ihm noch so viel zu sagen hatte, vor allem ihn +fragen wollte, wann er hier wieder zu treffen sei. Ich sputete mich, +ihm nachzukommen, und in der Tat trennten mich von ihm nur wenige +Schritte. Aber je rascher ich ging, desto unerreichbarer blieb er mir. +Endlich trat mir der kalte Schweiss auf die Stirn, der Atem stockte +mir, ich fuehlte meine Fuesse wie von Bleigewichten an den Boden gezerrt. +--Nur ein paar Augenblicke will ich hier ausruhen, Herr Schimon! sagte +ich und sank auf eines der Faesser, die an der Wand standen.--Sagen Sie +es den Herren--sie sollen draussen auf mich warten! + +Es kam keine Antwort. Statt dessen fuhr ein scharfer Luftzug durch +die offene Tuer, verloeschte die Lampe des kleinen Karl und wehte mir in +das heisse Gesicht. In demselben Augenblick droehnte es Eins vom +Frauenturm, und ich hoerte eine Stimme neben mir: Das Haus wird +geschlossen. Ich muss schon bitten, Herr, dass sie sich eine andere +Schlafstelle suchen. + +Erstaunt sah ich auf und starrte einem ganz unbekannten, +vierschroetigen Hausknecht ins Gesicht. + +Verzeiht, guter Freund, stammelte ich, ich habe mich hier nur einen +Augenblick--die Herren sind ja auch eben erst gegangen. + +Ja so, sagte er, Sie gehoeren zu der geschlossenen Gesellschaft, die +hier einmal in der Woche Tarock spielt. Wenn ich sie etwa nach Hause +bringen soll-Ich erhob mich rasch und trat auf die Strasse hinaus. +Meine Stirn war kuehl geworden, das Herz desto waermer, und wie ich +gegen den Mondhimmel sah, an dem leichtes Gewoelk in phantastischen +Streifen hinzog, summte ich leise die Worte: + +Wolkenzug und Nebelflor +Erhellen sich von oben; +Luft im Laub und Wind im Rohr-- +Und alles ist zerstoben. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der letzte Zentaur, von Paul Heyse. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER LETZTE ZENTAUR *** + +This file should be named 7zntr10.txt or 7zntr10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7zntr11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7zntr10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Der letzte Zentaur + +Author: Paul Heyse + +Release Date: October, 2005 [EBook #9066] +[This file was first posted on September 2, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER LETZTE ZENTAUR *** + + + + +E-text prepared by Delphine Lettau + + + + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Der letzte Zentaur + +Paul Heyse + +Novelle + +(1904) + + + + + + +Vom Turm der Frauenkirche schlug es Mitternacht. + +Ich kam aus einer Gesellschaft, in der man sich vergebens bemüht hatte, +eine sehr lahme und trockene Unterhaltung mit gutem Wein in Fluß zu +bringen. Der Kopf war mir immer heißer geworden und das Herz immer +kühler. Endlich hatte ich mich weggestohlen in den sommerwarmen +Mondschein hinaus und schlenderte ziellos durch die totenstille, +taghelle Stadt, um den Unmut über die verlorenen Stunden verdampfen zu +lassen. Als ich an der ehrwürdigen Marienkirche vorbei durch das +Frauengäßchen in die Kaufingergasse trat, blieb ich plötzlich stehen. + +Mir gegenüber lag, seine drei Stockwerke mit den dunklen Fenstern +gegen Mitternacht erhebend, ein wohlbekanntes Haus mit vorspringender +Ecke und einem blauen Laternchen über dem Eingang, in dem ich vor mehr +als einem Jahrzehnt manche unvergeßliche Nacht bei schlechterem +Getränk als heute, aber unter feurigeren Gesprächen zugebracht hatte. +Ich las die Inschrift über der zierlich geschnitzten, von zwei +Karyatiden gestützten Holzumrahmung des Torwegs: "Weinhandlung von +August Schimon". + +Jawohl, sagte ich vor mich hin, die Zeiten wandeln sich und wir mit +ihnen! Das ist noch derselbe Name, der damals in jeder Woche unsre +Losung war. Aber der ihn trug, der behäbige Mann mit dem schwarzen +Kraushaar und den verschmitzten kleinen Augen,--wo ist er hingekommen? +Sein Glücksstern hatte nur über diesem Hause leuchten wollen. Als er +es verließ, um in einem prachtvollen Hotel den Wirt zu machen, war es +mit ihm rückwärts gegangen, bis zu einem traurigen Ende. Seine +Gutmütigkeit soll ihn in unglückliche Spekulationen anderer verwickelt +haben, vielleicht auch ein phantastischer Zug zum Großen und Gewagten, +den er mit einigen seiner Gäste gemein hatte. Er war eben ein +Idealist unter den Gastwirten, und sein Andenken ist mir teuer +geblieben, trotz seiner Weine, auf die Freund Emanuel damals nach der +Melodie des Dies irae die schöne Strophe dichtete: + + +Sed post Schimonense vinum +Malum venit matutinum, +Luctum quod vocant felinum! + + +Heutzutage, da die Erben das Geschäft fortsetzen, sollen die Weine +sich bedeutend gebessert haben und der alten Firma Ehre machen. Aber +können die besten neuen Weine für die gute alte Gesellschaft +entschädigen, die nun nicht mehr von ihnen trinkt und den trüben +Lethetrank oder selbst den Nektar der Unsterblichkeit gern hingäbe um +ein paar Flaschen jenes dunkelroten Ungarweines, den wir mit +Todesverachtung und "festlich hoher Seele" so manchmal hier "dem +Morgen zugebracht"? Wie gern ließ' ich alles morgendliche Nachweh +über mich ergehen, könnt' ich noch einmal dich, teurer Genelli, hinter +dem Tische in dem niedrigen leichtangerauchten Weinstübchen sitzen +sehen, die volle Unterlippe halb freudig, halb trotzig aufgeworfen, +während eine göttliche Kinderfröhlichkeit dir aus den Augen blitzte! +Damals warst du noch nicht Großherzoglich Weimarischer Professor und +Falkenritter; du hattest noch nicht in dem Freiherrn von Schack den +Mäzen gefunden, der dich in den Stand setzte, die Entwürfe deiner +Jugend endlich nach jahrzehntelangem Hoffen und Harren in Farben +auszuführen. Oben in deinem bescheidenen Quartier am Stadtgarten +saßest du, und die Gesellschaft deiner Götter und Heroen ließ dich die +Welt vergessen, die dich vergaß. Aber wenn du auch oft zu warm warst, +um die Bleistifte zu bezahlen, mit denen du, in zarten Linien leicht +umrissen, deine Träume von den Göttern Griechenlands auf reinliche +Blätter schriebst: nie sah ich den Schatten von Erdennot und Sorge auf +deiner olympischen Stirn, die wie ein Berggipfel über allem Gewölk +sich im ewigen Äther sonnte. Und wie auch die Sorge an deinem Herde +die Rolle des Heimchens spielen mochte--einmal in jeder Woche lenktest +du den Schritt zu diesem Hause, um den Anflug von Staub und Moder, der +sich etwa an deine Seele zu setzen versucht, im Weine wegzuspülen. Ob +der wackere Schimon die Ehre zu schätzen wußte, die du ihm antatest? +Ich entsinne mich kaum, daß ich dich deinen Wein hätte bezahlen sehen, +wie andere Erdensöhne. Freilich warst du auch stets der Letzte, der +ging, noch ganz aufrechten Hauptes und festen Ganges, gefeit gegen das +vielberufene malum matutinum, und auch darum vielleicht unserm Wirt so +teuer, weil du den Glauben an die Unverfälschtheit seines roten Ungar +mit der Macht deiner Rede und deines Beispiels verteidigtest. + +Schöne, ambrosische Mitternächte, wenn der zweifelhafte Nektar seine +Kraft bewies und den Meister über alle Not der Gegenwart hinweg in +seine römische Jugend zurückführte! Dann wurden, während Dichtung und +Wahrheit sich traulich in eins verschlangen, die Schatten der wackeren +Vorfahren heraufbeschworen, die in Rom zuerst, nach Winckelmanns und +Carstens Heimgange, der deutschen Kunst eine Freistätte bereitet +hatten. Der seltsame Poet und seltsamere Maler, der als Maler Müller +dem heutigen Geschlecht trotz neuer Ausgaben seiner Schriften nur noch +dem Namen nach bekannt ist, und von dem Genelli gern eine Strophe +anführte, die er sehr bewunderte, eine Inschrift auf einem Trinkgefäß, +folgender Fassung: + +Trinke, Freund, aus dieser Schale, +Die der Gott der Lust +Einst geformt bei einem Göttermahle +Auf Cytherens Brust. + +Als zweiter dann, der nicht minder wunderliche Tiroler Koch, von +dessen trefflichen Landschaften jedoch weniger gesprochen wurde, als +von seiner "Rumfordschen Suppe", jener mit derbem Witz und bitterem +Hohn reichlich überpfefferten Herzensergießung über den Verfall der +Kunst, deren Kraftstellen unser Freund mit schmunzelndem Behagen zu +zitieren liebte. Endlich der alte Reinhard, ein wackerer Meister in +seiner Art, und doch minder groß und glücklich als Künstler, denn als +Jäger. Noch hör' ich Genelli die berühmte Geschichte erzählen, wie +der alte Nimrod eines Tages im Zwielicht mit leerer Jagdtasche und dem +Schuß noch in der Flinte in sein dämmriges Zimmer trat, unwirsch über +den verlorenen Tag. Da sieht er auf seinem Tisch etwas sich regen, +als ob es davon laufen wolle, und in ungekühlten Jagdtriebe reißt er, +ohne sich zu besinnen, das Gewehr von der Schulter, legt an und +schießt. Als er hinzutritt, zu sehen, was er geschossen, findet er +einen alten Käse, den die Kugel glatt durchbohrt hat, ohne doch das +tausendfältige Leben in ihm zu töten. + +Das ist eine von den sogenannten Jagdgeschichten! erlaubte sich, +während die anderen lachten, ein kleiner dürrer Mann zu bemerken, der +den Kunstkritiker machte, für den Realismus schwärmte, dennoch aber +sich häufig an diesem Tisch einfand, wo die idealistischen Spötter +saßen. Sie wollen uns doch nicht zumuten, Genelli, an diese Käsejagd +zu glauben? + +Der Meister blitzte ihn mit seinem gutmütigsten Jupiterblicke an. + +Ihnen mute ich überhaupt nicht zu, etwas zu glauben, was Sie nicht +sehen, sagte er. Aber wenn diese Geschichte nicht wahr ist, so ist +auch die folgende erlogen, die ich doch selbst erlebt habe. Es war in +Leipzig; ich stehe eines Abends am Fenster meiner Wohnung und blicke +auf den Markt hinunter. Da sehe ich ein kleines altes Weibchen, das +langsam mit trippelnden Schritten ihres Weges geht und mit einem +Stöckchen auf dem Pflaster etwas vor sich her zu treiben scheint, was +ich nicht erkenne. Ich gehe endlich hinunter, um zu sehen, was es ist. +Was war es? Eine Herde kleiner alter Handkäse, die das Weibchen auf +diese Art zu Markte trieb. + +Nun fand es auch der kleine Kritiker geraten, mitzulachen. Er wußte, +er durfte die Langmut des Olympiers nicht zu sehr auf die Probe +stellen, wenn er nicht mit einer vollen Ladung Rumfordscher Suppe +überschüttet sein wollte. Denn als der einzige Realist unter uns +Idealisten hätte er, trotz seiner zweischneidigen Zunge, den kürzeren +gezogen. + +Nur einer lachte nicht mit, dessen aschfarbenes, schlechtrasiertes +Gesicht ich überhaupt nie habe lachen sehen, obwohl ihm bei allem, was +Genelli tat und sagte, in heimlicher Bewunderung das Herz im Leibe +lachte: ein langer, hagerer, scheublickender Mann, in sehr schäbigem +Rock, von veraltetem Schnitt, der in einem kahlen Zimmerchen, wie es +hieß, von der Luft lebte und nie etwas anderes tat, als daß er, wenn +ein tollkühner Kunsthändler sich zu einem solchen Unternehmen +aufschwang, Genellis Entwürfe in leichter Umrißmanier in Kupfer stach. +Dies, und das Bewußtsein, Platens Freundschaft besessen zu haben, +waren deine einzigen Lebensfreuden, ehrlicher Schütz. "Die Treue, sie +ist kein leerer Wahn!" Und du hast sie redlich bis ans Ende bewährt. +Als dein Meister zu den Schatten hinabstieg, um sich auf der +Asphodeloswiese zu seinen homerischen Helden, seiner Hexe und seinem +Wüstling zu gesellen, litt es auch dich nicht länger hier oben in der +Sonne. Ein Schatten eines Schattens zu sein, schien die rühmlicher, +als hier noch länger körperlos herumzuwanken. + +Ein anderer der Getreuen war schon vorausgegangen: der edle, +hochsinnige Holsteiner Charles Roß, dessen Landschaften mit +Verschmähung der modernen Virtuosenkünste jener certa idea +nachstrebten, die einst einen Poussin und Claude begeistert hatte. An +seiner stählernen Mannesseele, der es an schneidigen Ecken und Kanten +nicht fehlte, hatte die weiblich zarte Hülle vor der Zeit sich +zerrieben. Denn außer dem Schmerz, in einer Epoche zu leben, die in +der Kunst ganz andere Götter verehrte, als die ihm die wahren schienen, +drückte auf ihn der Lebenskummer um die gefesselte und geknechtete +Heimat, deren Befreiung und Heimkehr zu den deutschen Stammesgenossen +er nicht mehr erleben sollte. Auch ihn, wie Genelli, habe ich nie +klagen hören, wohl aber zürnen und spotten hören, wobei dann seine +sanften blauen Augen unter der weißen, von blondem Haar überwallten +Stirn seltsam leuchteten wie vom Widerschein seiner stählernen Seele. +An Genelli hat er in dessen sorgenvollster Zeit mehr getan als irgend +ein anderer seiner Freunde; er war es auch, der ihm in Baron Schack +den hilfreichen Gönner und Freund zuführte und die Bestellung seines +Raubes der Europa vermittelte, wodurch dem Einsamen auf der Schwelle +des Alters noch einmal die Genugtuung wurde, sein bestes Wollen und +Können in einer Reihe großer Schöpfungen auszusprechen, freilich nicht +ganz ohne Spuren der langen Vereinsamung, in der er seine +kraftvollsten Jahre hingefristet hatte. + +Soll ich die anderen noch aufzählen, die Jüngeren, die sich an jenen +Abenden um den Meister scharten? Sie leben und schaffen noch, und +nicht alle sind dem Bekenntnis jener stillen Gemeinde treugeblieben, +deren Stolz es war, eine ecclesia pressa zu sein und allem schwächlich +dürren und seelenlosen Unwesen des modernen künstlerischen +Rationalismus den Rücken zu kehren. Einer aber, der es äußerlich am +weitesten gebracht und die Genußkraft des alten Heidentums nicht bloß +darum besaß, um desto schmerzlicher zu entbehren, sondern in vollen +Zügen Lebensfreuden schlürfte, Karl Rahl,--auch er ist schon zu jener +stillen Schar versammelt, die er auf Erden nur dann und wann besuchte, +aus Italien oder von Wien herüberreisend, um dem alten Freunde die +Hand zu schütteln und ein paar Tage aus dem vollen mit ihm zu leben. + +Ich sehe ihn noch, wie er bei einem dieser Besuche auch abends zu +Schimon kam und alle, die ihn noch nicht kannten in Erstaunen setzte +durch die unerhörten Massen Fleisches, die er ruhig, ohne viel +Aufhebens von seinem Appetit oder der Zubereitung zu machen, rein zur +Stillung des dringendsten Bedürfnisses zu sich nahm. Er hatte etwas +vom Löwen, der mit gleicher Würde und Kraft, ohne Gier und +Feinschmeckerei seine Kost zermalmt. Da begreift man, sagte der +Kunstkritiker mir ins Ohr, daß das Fleischmalen seine Force ist, bei +solchen Naturstudien!--Aber als er dann satt war und sich nun in die +Unterhaltung mischte, konnte man merken, daß der Leib sich nicht auf +Kosten des Geistes so heroisch nährte. Denn unmerklich ohne +rhetorische Künste, mit der unscheinbaren Gewalt eines reichen Wissens +und eines hellen Verstandes, der allen Ideenstoff sofort in Saft und +Blut verwandelte, fing er an das Gespräch zu beherrschen, daß wir alle +an seinen Lippen hingen, während es von der kahlen Stirn des +geistreichen Satyrgesichts wie eine prophetische Flamme leuchtete. +Genelli saß schweigsam neben ihm, verklärt von dem brüderlichen Stolz, +seinen Freund aus allen Wortkämpfen als Sieger hervorgehen zu sehen. +Er trank an dem Abend für zwei, während Rahl kaum einmal vom Ungar +nippte. So saßen sie wie die Dioskuren beisammen, jeder auf seinen +Stern vertrauend, den Stern der Schönheit, der in die dampfumwölkte +Gegenwart nur trübe hereinleuchtete, in solchen Nächten aber den +Eingeweihten im alten hellenischen Glanz erschien. + +Solche Nächte! Wie lange schon waren sie verglüht und verglommen, und +wie hell leuchteten sie beim Anblick jenes Hauses in der Erinnerung +auf. Vieles hatten die Jahre seitdem gebracht, redliche Kämpfe und +fröhliche Siege, heitere Tage und Nächte genug mit alt' und jungen +Freunden--solche Nächte nicht wieder! + +Eine feierliche Wehmut überkam mich; ich ließ den Kopf auf die Brust +sinken und vertiefte mich eine Weile in den Abgrund dieses +geheimnisvollen Erdendaseins. In die Tür mir gegenüber war ich, +seitdem die stille Gemeinde in alle Winde zerstreut war, nie wieder +eingetreten. Was hatte ich dort auch zu suchen? Heute fühlte ich +einen unwiderstehlichen Trieb, wenigstens in den langen Flur +hineinzuspähen, durch den uns sonst der kleine schwindsüchtige Kellner, +Karl, der nun auch längst einen besseren Schlaf genießt, +hinauszuleuchten pflegte, um das Haustor hinter uns zu schließen. Ich +versuchte den Türgriff, und obwohl die Polizeistunde schon längst +vorüber war, gab die Tür dennoch willig und geräuschlos nach. Es +mußten noch Gäste drin beim Weine sitzen. + +Aber um keinen Preis der Welt hätte ich's übers Herz gebracht, fremde +Gesichter an der geweihten Stätte zu sehen. + +Ich setzte mich, um nur noch einen Augenblick in der Stille meinen +Erinnerungen nachzuhängen, auf eines der leeren Fässer, die an der +Wand standen, und sah den tiefen Hausgang hinunter, aus dessen +Hintergrunde eine schläfrig rote Laterne mich vertraulich anblinzte. +Es war im Hause totenstill, und eine seltsame Moderkühle, mit +Weingeruch vermischt, wehte mich aus Flur und Kellertreppe an. Dann +und wann hörte ich draußen einen Nachtschwärmer vorbeitrappen und +konnte an seinem gleichen oder ungleichen Schritt erkennen, ob es ihm +kühl oder schwül unterm Hute war. Durch die halboffene Tür fiel ein +armsdicker gleißender Strahl des Mondlichtes herein, auf den ich +unverwandt starren mußte, als sollte mir von daher, wie weiland Jakob +Böhme durch den Sonnenstrahl auf einer zinnernen Schüssel, eine +mystische Offenbarung zuteil werden. Ich wartete aber umsonst--und +über dem Harren und Sinnen wollten mir endlich eben die Augen +zufallen-Da kam ein schlurfender Schritt aus der Tiefe des Hausgangs +auf mich zu, jener bekannte schlaftrunkene Kellnerschritt in +ausgetretenen Hausschuhen. Ich dachte, man komme mich hier +wegzuweisen, damit das Haus geschlossen werden könnte, und fuhr in die +Höhe. Erschrocken sah ich die wohlbekannte Gestalt des kleinen Karl +vor mir stehen. + +Sie sind es? sagte ich. Wie kommen Sie denn wieder hierher? Sind sie +denn nicht längst-Er sah mich aus seinen müden, geröteten Augen so +wunderlich an, daß mir das Wort in der Kehle stecken blieb. + +Die Herren schicken mich, sagte er in schläfrig-leisem Ton, um zu +sehen, ob Sie denn noch nicht kommen. Es sei schon sehr spät, und sie +würden nicht mehr lange bleiben. + +Welche Herren? fragte ich, während ich von meiner Tonne herunterstieg. + +Sie kennen sie ja wohl, erwiderte der Kleine und wendete sich schon, +um wieder hineinzugehen. Übrigens wie sie wollen. Die Herren +meinten nur-Damit ging er mir voran, und ich besann mich nicht länger, +der seltsamen Einladung zu folgen. Auch fühlte ich, wunderbarerweise, +nicht den leisesten unheimlichen Schauer. Ich könnte fast glauben, +dies sei ein Traum, sagte ich so für mich hin; aber ich habe doch die +Augen weit offen und sehe die rote Laterne und höre das Hüsteln des +kleinen Karl. Nun, was es auch sei und wen ich auch sehen werde,--in +diesem Haus und unter so guten Freunden brauche ich mich nicht zu +fürchten. + +Und doch, als wir uns der Tür der Weinstube näherten, mußte ich +plötzlich stehen bleiben. Das Herz klopfte mir heftig, und eine tiefe +Rührung überschauerte mich. Denn aus dem Innern hörte ich nun +deutlich eine unvergeßliche Stimme, die mir zum letzten Male so +wehmütig Lebewohl zugerufen hatte auf dem verschneiten Schiller-und- +Goethe-Platz zu Weimar. + +Er soll nur hereinkommen, erscholl die Stimme wieder, mit der alten +freudigen Kraft und Frische. Per Bacco! er wird doch dem Wein nicht +abgeschworen haben und unter die Wasserdichter oder Bierphilister +gegangen sein? Guten Abend, Freund! Setzen Sie sich zu uns. Der +Schütz wird ein wenig Platz machen. Oder wollen Sie sich lieber bei +Charles Roß niederlassen? Karl, noch einen Spitz! Man lebt nur +einmal--hätt ich beinah gesagt. + +Ich war eingetreten, und ein rascher Blick hatte mir gezeigt, daß ich +unter lauter Bekannten war. Auf seinem gewöhnlichem Platz an der Wand +mein alter Genelli, neben ihm, etwas magerer und blasser und, wie es +schien, in trübseliger Laune sein Dioskurenzwilling, gegenüber die +beiden schon genannten, die auseinanderrückten, um mir einen Platz in +ihrer Mitte freizumachen. Sie nickten mir alle zu, und Freund Roß +murmelte etwas, das ich nicht verstand. Keiner aber bot mir die Hand, +und auch sonst war ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer in ihren +Mienen, der mich nachdenklich machte. Vor einem jeden stand eine +halbvolle Flasche und ein Glas mit rotem Wein, aus dem sie dann und +wann in bedächtiger Stille einen langen Zug tranken. Dann glühten für +einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen, und es fuhr ein +Zucken durch ihren Körper, als wollten sie eine Last abschütteln. +Gleich darauf saßen sie wieder starr und stumm und senkten die Blicke +ins Glas. + +Ich konnte, obwohl keine Gasflamme brannte, jede Miene in diesen +vertrauten Gesichtern deutlich erkennen, denn der Mond schien mit +blendender Klarheit durch ein Seitenfenster herein und erleuchtete +gerade unseren Tisch, während die Winkel des Gemachs dunkel blieben. +Nun regte sich dahinten noch eine Gestalt und näherte sich mir, mich +zu begrüßen. Ich erkannte den schwarzen, schon etwas mit Silber +angesprengten Krauskopf unseres Wirts und wunderte mich über mich +selbst, daß mich dieses Wiedersehen fast lebhafter erschütterte als +das der trefflichen Freunde. + +Sie bemühen sich in Person, Herr Schimon, rief ich, als ich ihn Glas +und Flasche vor mich hinstellen sah. Wahrhaftig, ich hätte mir nicht +träumen lassen, daß ich noch einmal das Vergnügen haben würde--Wieder +brachte ich den Satz nicht zu Ende, denn ich sah plötzlich alle Blicke +auf mich gerichtet, als fürchte man, daß ich etwas Ungeschicktes sagen +möchte. + +Unser Herr Wirt darf doch nicht fehlen, wenn wir uns einmal wieder +eine gute Stunde gönnen! fiel mir Genelli ins Wort. Setzen Sie sich +zu uns, Herr Schimon. Ihr Wein will heute nicht recht wärmen. Und +was haben Sie sich für eine sparsame Gasbeleuchtung angeschafft? +Gleichviel! wo solche Leute beisammen sitzen, können sie ihr eigenes +Licht leuchten lassen. Aber mit dem Rahl ist nichts anzufangen. +Celesti dei! wie kann man sich gewisse unvermeidliche Dinge dermaßen +zu Herzen nehmen! Der Mensch lebt nicht von Fleisch allein, und der +ganze übrige Bettel--pah! + +Er rümpfte, wie er es gern tat, wenn ihm wohl war von trotzigem +Selbstgefühl, die volle Unterlippe und leerte sein Glas auf einen Zug. +--Niemand sprach ein Wort; der kleine Karl schlich mit einer vollen +Flasche heran und setzte sie vor den Meister hin. Ich sah jetzt, daß +Genelli der einzige war, dessen Augen kein Hauch von Trübsinn und +Müdigkeit verschleierte, und daß der mächtige Kopf auf dem Stiernacken +noch so ungebeugt sich bewegte wie je in seinen lebensfrohesten Tagen. + +Nun sagen Sie, wandte er sich wieder zu mir, wie läuft die Welt? Was +treiben Sie? Was macht das große Irrlicht? Nährt es sein windiges +Flämmchen noch immer aus dem Sumpfboden der faulen Zeit und seiner +eigenen Nichtsnutzigkeit? Ich habe Ihnen einmal die Karikaturen +gezeigt, die ich auf diesen großen Impostor gemacht habe; sie sind +freilich noch nicht zeitgemäß, aber auch ihre Zeit wird kommen, wenn +überhaupt noch ein Hahn nach ihm kräht, sobald er das Zeitliche +gesegnet hat. Pah! der wird sich wundern, wenn er an einen gewissen +Fluß kommt und übergesetzt sein will und der alte Fährmann ihm erst +den Paß revidiert. Aber wir wollen uns den Wein nicht verderben. Es +lebe, wer's ehrlich meint! + +Jeder erhob sein Glas, ich wollte mit Charles Roß anklingen, merkte +aber, daß es nicht angebracht war. Er trank stillschweigend, nickte +mir schwermütig zu und setzte das Glas lautlos wieder hin. + +A proposito "wer's ehrlich meint!" fing Genelli wieder an, was macht +denn unser Kunstvogt, der Kritikus? Warum haben Sie ihn heute nicht +mitgebracht? Wissen Sie, so recht konnte ich eigentlich nie ein Herz +zu ihm fassen, aber ein ehrlicher Kerl ist er doch. Er streckte sich +eben nach seiner Decke, die manchmal verdammt kurz war. Davon bekam +er dann selbst eine Ahnung, wenn ihm die Zehen froren, und dann sah er +sich nach was Besserem, Größerem und Breiterem um, und in solchen +Stunden verstanden wir uns ganz gut. Hernach aber kroch er doch +wieder ins Enge zurück, da das nun einmal Mode ist in dieser +bettelhaften, pauvren Zeit. Haben Sie ihn lange nicht gesehen? + +Das letzte Mal, erwiderte ich, haben Sie uns wieder zusammengeführt. +Ich traf ihn vor Ihrer Omphale in der Schackschen Galerie. Er wußte +nicht genug den Bacchantenzug unten in der Predelle zu loben. Solche +Zentauren, sagte er, haben selbst die Alten nicht zu stande gebracht, +solch verwünscht leibhaftiges, liederliches Gesindel von Manngäulen +oder Roßmenschen, und nun erst die Weiberstuten, zumal die eine da +oben, die an der Rose riecht, die sind so mit Händen zu greifen, daß +keinem einfällt zu fragen, ob man mit zwei Mägen, zwei Herzen und +sechs Gliedmaßen auch vor der gestrengen Wissenschaft der Anatomie +bestehen könne. Sie wissen, setzte er hinzu, ich bin sonst ein +Anhänger des entschiedensten Realismus und glaube, daß die Zeit der +Götter, Helden und Zentauren vorbei ist. Aber vor diesen Genellischen +Fabelwesen muß man den Hut abziehen, die haben Rasse; es kommt mir +manchmal vor, als müsse er dabei gewesen sein, als könne kein Mensch +sich solch verteufeltes Heidenzeug aus den Fingern saugen. + +Er ist auch dabei gewesen! sagte der Meister nun, und sein fröhlicher +Blick wurde fast feierlich. Und was insbesondere die Zentauren +betrifft, warum soll ich es leugnen, daß ich wirklich diese +merkwürdige Schicht der antiken Gesellschaft in einem Musterexemplar +studiert habe, daß ich so glücklich gewesen bin, den letzten der +Zentauren persönlich kennen zu lernen? + +Alle Augen richteten sich jetzt auf ihn, der die seinigen aber +durchaus nicht niederschlug, wie man sonst wohl zu tun pflegt, wenn +man auf einer Münchhausiade nicht gleich ertappt zu werden wünscht. + +Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, fuhr er fort, sich heiter im +Kreise umblickend. Es scheint ohnehin heute kein rechter Diskurs +zustande kommen zu wollen. Der Rahl, seitdem er vom Fleisch gefallen, +ist unter die Trappisten gegangen; seine jetzige Diät--sie ist +freilich miserabel genug--schlägt ihm weder geistig noch leiblich an. +Freund Roß, glaub' ich, denkt an Weib und Kind, und der Schütz war nie +ein großer Redner. Abgedankte Leute wie wir sollten allerdings stille +liegen und den Mund nur auftun zu einem Kyrie oder Peccavi. Aber wie +sagt Falstaff? Hol die Pest alle feigen Memmen! Karl, noch einen +Spitz! Und nun will ich euch sagen, wie das mit dem Zentauren sich +ereignet hat. + +Es war im ersten Sommer, als ich mich in München niedergelassen hatte, +das Jahr hab' ich vergessen. Juni und Juli waren kühl gewesen, dafür +brach im August eine solche Mordhitze herein, daß man hier in der +Stadt wie im Fegefeuer nach Luft schnappte und ich's wahrhaftig bei +der Arbeit nicht aushielt, außer in dem paradiesischen Kostüm, in dem +Freund Rahl damals in Rom in seinem Atelier herumging, zum Staunen der +schönen Nachbarinnen gegenüber, die durchs offene Fenster hereinsahen, +und zu großem Ärgernis ihrer signori mariti, die endlich den Hern +Pfarrer des Viertels an ihn abschickten, um ihn zu christlich ehrbarer +Zucht und Bekleidung zu ermahnen. Wie der Schalk da dem Biedermann um +den Bart gegangen, ihm mit gutem Schinken aufgewartet und mit Orvieto +so lange eingeheizt hat, daß auch dem Pfarrer endlich die Glut zum +Dach herausschlug und er sich zureden ließ, eines seiner Gewänder nach +dem anderen abzulegen, bis er in derselben einfachen Sommertracht wie +sein Wirt auf den kühlen Fliesen herumspazierte,--das habt ihr, denk' +ich, noch in guter Erinnerung. Genug, ich hielt es zuletzt nicht +länger aus und beschloß, mir im Gebirge einen besser gelüfteten +Schattenwinkel zu suchen, als meine Dachkammer war. So fuhr ich mit +dem Stellwagen eine Strecke ins Land hinein gegen den Inn zu und +wanderte dann von der ersten Station, wo mir die Gegend gefiel, mit +meinem leichten Ränzel bergan. + +Obwohl aber dort das Flußtal hinunter "ein guter Luft" ging, wie die +Tiroler sagen, merkte ich doch bald, daß ich des Steigens in der +Mittagssonne ungewohnt war, und war froh, nach zwei sauren Stunden ein +großes Dorf aus dichtem Walnußlaub mir zuwinken zu sehen, recht fett +und bequem auf der sanftansteigenden Halde hingelagert. Gegen Westen +stieg der Berg jählings in die Höhe, bis endlich auch den Tannen und +Föhren der Atem ausging und sie ihm nicht mehr nachklettern konnten. +Da oben hinter den kahlen Gipfeln mußte die Sonne selbst im Hochsommer +frühzeitig verschwinden und der Bergesschatten eine angenehme Kühle +über den Abhang ergießen. + +Also war ich rasch entschlossen, hier Rast zu machen, obwohl es für +heute nicht sehr ruhig herzugehen versprach. Es war eben Kirchweih +und das einzige Wirtshaus gestopft voll von trinkenden, kegelnden und +juhschreienden Bauern. Überdies waren ein paar Kauf- und +Schaubuden dicht neben dem Wirtsgarten aufgeschlagen, zwischen denen +sich ein buntes Gedränge hin und her trieb, besonders vor der Bude +eines Italieners, der ein ausgestopftes Kalb mit zwei Köpfen und fünf +Füßen für ein paar Kreuzer sehen ließ. Ich versparte mir diesen Genuß +für den Abend, da ich vor allem nach einem kühlen Trunk lechzte, +schlug mich auch endlich durch Flur und Treppe durch bis auf die obere +Laube, wo ich hinter dem Geländer des Altans ganz in der Ecke einen +Sitz auf der Bank und ein Seidel roten Tiroler eroberte. Den Wein +stellte ich vor mich auf die hölzerne Brustwehr, streckte mich nach +Herzenslust aus und sah, während ich langsam mich verkühlte, über das +Bauerngewühl unten um die Tische über den Gartenzaun und die nächsten +Hütten hinweg in die prachtvolle Gebirglandschaft hinaus. + +Kaum eine halbe Stunde mochte ich so geruht haben, da sah ich auf dem +breiten Feldwege, der zu dem nächsten, höher gelegenen Dörfchen führte, +einen ganz seltsamen Schwarm sich heranbewegen. + +Ich glaubte im ersten Augenblicke, der Wein, den ich etwas hastig +getrunken, werfe so wunderliche Blasen in meiner Phantasie, daß ich am +hellen Tage einen fabelhaften Traum träumte. Auch war die wunderliche +Gruppe noch so ferne, wohl drei Büchsenschüsse von meinem Luginsland, +daß ich meinen Augen wohl mißtrauen durfte. Aber obwohl sich's in +ruhigem Schritt fortbewegte, kam es doch unaufhaltsam näher, und nun +konnte ich endlich nicht mehr zweifeln, daß ich in Wirklichkeit "sah, +was ich sah, und hörte, was ich hörte". + +Stellt euch vor, in der goldigsten Herbstsonne kam auf der weißen +staubenden Bergstraße ein riesenhafter Zentaur dahergetrabt, in einem +würdevollen beschaulichen Viervierteltakt, wie der alte Schimmel, der +im Wilhelm Tell mitspielt und den Landvogt in die hohle Gasse tragen +muß. Hinter ihm drein, aber in scheuer Entfernung, etwa um einige +Pferdelängen, zottelte und trottelte ein lautloser Haufen alter +Mütterchen, lahmer und preßhafter Männlein und ganz junger Kinder, +alles nämlich, was von jenem abgelegenen Dorfe entweder zu alt oder zu +jung gewesen war, um die nachbarliche Kirchweih mitzufeiern. Der +riesige fremde Gast mochte sich mit Gutem oder Bösem so in Respekt +gesetzt haben, daß man ihm ohne jede Anfechtung, weder durch Geschrei, +noch tätliche Neckereien, das Geleit gab. Aber je näher der +abenteuerliche Zug dem Kirchweihdorfe kam, desto deutlicher sah ich +besonders die Weiblein bemüht, die Aufmerksamkeit der noch +ahnungslosen Nachbarn schon von weitem zu erregen, durch Winke mit den +dürren Armen, Krückstöcken und Kopftüchern, auf die freilich über der +Tanzmusik und dem Festtreiben rings um mich her keine Menschenseele +aufmerksam wurde. + +So konnte sich das heidnische Ungetüm unbeschrien der Dorfmark nähern, +und erst, als es bei den letzten Hütten vorbeitrabte und nun gerade +auf das Wirtshaus lossteuerte, wurden die Bauern inne, daß sich etwas +ganz Unerhörtes begab. Nun war freilich der Effekt, den dies +Intermezzo machte, um so gewaltiger. Im Nu stob alles auseinander, +was unten im Wirtsgarten und um die Schaubuden sich zusammengedrängt +hatte. Wie Ameisen durcheinander wimmeln, wenn man mit dem Stock in +ihren Bau stößt, so stürzten Männer und Weiber in wilder Flucht vom +Wirtshaus weg, und jedes suchte eine Tür, einen Zaun oder einen Baum +zu erreichen, hinter denen man vor dem ungefügen vierbeinigen Mirakel +auf den ersten Anlauf sicher wäre. Ebenso hastig aber fuhren alle, +die in den Häusern und oberen Räumen der Schenke waren, an die Fenster +und starrten entsetzt nach dem Scheuel und Greuel hinaus. Auf den +Lärm des ersten Aufruhrs folgte eine tiefe Stille; selbst die Hunde, +die erst wütend losgebellt hatten, zogen sich, als sie die mächtigen +Hufe des Ankömmlings gewahrten, vorsichtig mit bangem Winseln zurück, +und nur die kleinen Bauernpferde, die an ihren Krippen schmausten, +begrüßten ihn mit zutraulich gastfreundlichem Wiehern, da er ja +jedenfalls, soweit er zu ihnen gehörte, ihrem Geschlecht alle Ehre +machte. + +Ich war vielleicht der einzige, der nicht den Kopf verlor, zunächst +als ein alter eingeteufelter Heide, der ich war, und in der ganzen +fabelhaften Naturgeschichte wohlbewandert, dann aber auch, weil das +Entzücken über die ungemeine Schönheit des Fremdlings keine Furcht +aufkommen ließ. + +Was ich selber hernach an solchen Zwiegeschöpfen gemalt, oder Freund +Hähnel in seinem Dresdener Theaterfries gemeißelt hat, würde sich +gegen diesen göttlichen Burschen in Fleisch und Bein ausgenommen haben +wie Halbblut gegen Vollblut. + +Obgleich freilich an das, was man heutzutage Vollblut nennt, nicht +gedacht werden darf, wenn man sich einen Begriff machen will von der +Gaulhälfte des wundersamen Kirchweihgastes. Denkt an den Bucephalus +oder das trojanische Pferd, oder meinethalben an den prachtvollen +Streithengst, der den Großen Kurfürsten auf der langen Brücke trägt, +und nun stellt euch vor, daß der ganze heroische Gliederbau von der +glattesten silbergrauen Decke überzogen war, unter der man jede Muskel +spielen und bei jedem Fältchen, das sie warf, die Sonne wie auf +hochgeschorenem Samt schimmern sah. Aus diesem mächtigen Gestell +wuchs ein Menschenleib hervor, der sich mit dem tierischen wohl messen +konnte--Arme, Brust, Schultern wie vom Farnesischen Herkules gestohlen, +so recht in der Mitte zwischen fett und hager, die Haut sanft +angebräunt und ebenfalls hie und da stark behaart, wie denn auch von +dem mächtigen dunklen Schopf, der ihm Stirn und Haupt umwallte, noch +eine wehende Mähne bis tief auf den Rücken hinunterwucherte, übrigens, +gleich dem lang nachschleppenden kohlschwarzen Roßschweif, dem +Anschein nach wohlgepflegt. Es war überhaupt nicht zu verkennen: das +Fabelwesen hielt etwas auf sein Äußeres. Keine Spur von +tausendjährigem Staub und Unrat, der Bart am Kinn zierlich gestutzt +und gekräuselt, und wie ich mich erst getraute, ihm näher in das +ernsthaft treuherzige Gesicht zu sehen, das nur etwa so wild war wie +ein Bube, der aus Verlegenheit trotzig dreinschaut, bemerkte ich, daß +er einen kleinen Rosenzweig, eben frisch, wie es schien, vom Strauch +gebrochen, in das dichte Haar hinters Ohr gesteckt hatte. + +So kam das schöne Ungeheuer gemächlich in den Hof der Dorfschenke +getrabt, aus dem sofort auch der letzte Gast, den Maßkrug an die Brust +gedrückt, mit lautem Geschrei ins Haus oder in die Wirtschaftsgebäude +flüchtete. Der Schwarm von alten Weibern und Bauernkindern, der ihm +das Geleit gegeben, blieb draußen auf der Dorfstraße stehen, und über +der Verwegenheit des hohen Reisenden, sich so leichtbegleitet mitten +in die Kirchweih zu begeben, schien allen das Wort in der Kehle zu +erstarren. Wenigstens hörte man ringsum nur ein verhaltenes Summen +und Schwirren, aus dem nur dann und wann ein paar Naturlaute des +Schreckens und der Angst hervorkreischten. Alle erwarteten das +Entsetzlichste, und wohl nur wenige mochten sein, die den Spuk nicht +gerade für den leibhafen Gottseibeiuns hielten, der gekommen sei, das +sämtliche halb betrunkene Gesindel recht in seiner Sünden +Kirchweihblüte in die Hölle abzuführen. + +Der alte Heide aber zeigte sich trotz seiner höllischen Pferdefüße als +ein ganz zahmer, menschenfreundlicher Kamerad. Er sprengte +geradeswegs auf die hohe Laube zu, auf der ich saß, und sah mit einer +höflichen Miene, wie einer, der gerne mit einem Fremden anbinden +möchte, mir ins Gesicht, der ich ihm ebenso artig zunickte. Dann aber +richtete er seine großen glänzenden Augen auf das Schenkmädchen, das +neben mir stand, zwei offene Flaschen voll Tirolerwein in den Händen. +Sie hatte sie für die Gäste heraufgetragen, die das Hasenpanier +ergriffen hatten, und stand nun, da sie, obwohl mit dem Dorfschneider +verlobt, ein munteres, kouragiertes Frauenzimmer war, ohne Scheu neben +mir auf dem Altan, um die Wundergestalt in aller Arglosigkeit zu +betrachten. Dem Fremdling mochte die saubere Dirne--man hieß sie die +schöne Nanni--ebenfalls einleuchten, nicht minder auch der rote Wein, +den sie trug. Mit so viel Lebensart, wie man solchen Roßmenschen kaum +zutrauen sollte, nahm er den Rosenzweig hinterm Ohre hervor, roch erst +daran und überreichte ihn dann ohne Mühe, da Haupt und Schultern noch +über die Brüstung der Laube herausragten, dem schönen Kinde, das etwas +geschämig tat, die Blumen aber doch nicht ausschlug, sondern in ihren +Brustlatz neben den silbernen Löffel steckte. Zugleich schien sie +gemerkt zu haben, worauf die ganze Huldigung abzielte. + +Ohne Zaudern reichte sie ihrem Verehrer die beiden vollen Flaschen +hinaus, die er auch mit freundlichem Kopfnicken ergriff, und dann in +so raschen Zügen leerte, wie unsereins zwei Gläser Champagner +hinunterstürzt. + +Ein beifälliges Murmeln unter den Kopf an Kopf gedrängten Zuschauern +begleitete diese ganze trauliche Szene, und ein paar kecke Burschen +wagten sogar ein "Wohl bekomm's!" oder "Gesegn' es Gott!" zu rufen, +wurden aber gleich von den Vorsichtigeren niedergezischt. Aber auch +dem fremden Gast schien der Wein die Zunge gelöst zu haben. Er sagte +erst dem Mädchen einige Artigkeiten, die sie aber nicht verstand und +nur mit Kichern und Kopfschütteln erwiderte. Dann wandte er sich an +mich, fragte mich, wo er sich hier befinde, und wie das wilde Volk +heiße mit den Pelzhauben und der ohrenzerreißenden Musik, unter das er, +er wisse selbst nicht wie, geraten sei. Ich antwortete-Erlauben Sie, +Herr Genelli, unterbrach ihn der Wirt, der gleich uns anderen begierig +gelauscht hatte, in welcher Sprache unterhielten Sie sich mit dem +antiken Herrn? + +Im reinsten Griechisch, Herr Schimon; Sie mögen es nun glauben oder +nicht. Er sprach es natürlich etwas fließender als ich, aber mit +einem Anflug an den jonischen Dialekt, der mir hie und da das +Verständnis erschwerte. Indessen, es ging. Not bricht Eisen und +lehrt radebrechen. Sie werden selbst schon erlebt haben, daß Sie im +Traume ganz korrekt Ungarisch oder Spanisch sprachen, was Ihnen sonst +sauer werden möchte. Aber unterbrechen Sie mich nicht wieder; lassen +Sie mir lieber einen neuen Spitz Carlowitzer kommen. Wo war ich denn +stehen geblieben? Richtig, wo ich den Spieß umdrehte und ihn fragte, +wie es im Homer steht: + +Wer er sei und woher, wo er wohnt und wer die Erzeuger. + +Da kamen denn kuriose Dinge heraus. + +Stellt euch vor, der arme Bursche war vor so und so viel tausend +Jahren hoch oben durchs Gebirge geritten, in Geschäften, wie er sagte, +da er als Landarzt--Kreisphysikus würde man's heute nennen--einen +gewaltig großen Bezirk zu versehen hatte, lauter wildes, armes Volk, +Hirten, Bärenjäger, Pfahlbauern usw. Nun war's gerade ein heißer Tag, +und er hatte bei seiner Praxis überall scharf gezecht, hineingegossen, +was die Leute ihm gerade vorsetzten, da er sie meist um ein Glas Wein +oder Enzianbranntwein kurierte, und wie er mittags an eine +Gletscherhöhle kommt, denkt er, du willst ein Schläfchen machen, +streckt sich in der dämmerigen blauen Eisspelunke hin und schläft +richtig ein. Was weiter geschehen, wußte er freilich nicht zu sagen, +und auch ich konnte ihm nur die Vermutung aussprechen, daß Schnee- +oder Eismassen um ihn zusammengestürzt und heute erst wieder aufgetaut +sein müßten, daß er, wie jenes Mammutungetüm im Polareise, frisch und +ohne jeden Hautgout sich in seinem Eiskeller konserviert habe, nur mit +dem Unterschiede, daß auch sein Geist, dank dem vielen genossenen +Spiritus, durch den unmäßigen Winterschlaf hindurch keinen Schaden +gelitten und er nun als ein vorsintflutliches mythologisches Rätsel +auf vier gesunden Beinen in unsere entgötterte Welt hineinsprengen +könne. Ich suchte ihm in aller Kürze, so gut es ging, über die +ungeheure Kluft hinwegzuhelfen, die sein Erwachen von seinem +Einschlafen trennte. Aber ich merkte bald, daß die summarische +Weltchronik, die ich vor ihm aufrollte, ihn sehr wenig interessierte. +Er schüttelte nur den Kopf, als ich ihm erzählte, die Götter +Griechenlands seien ein überwundener Standpunkt, und mit dem kleinen +Lutherischen Katechismus wußte er ebensowenig anzufangen wie mit dem +heiligen Augustin oder Pius IX. Auch die politischen Umwälzungen der +letzten dreitausend Jahre ließen ihn völlig kalt. Als ich endlich +schwieg, seufzte er so recht vom Grunde seiner ehrlichen +Zentaurenseele auf und sagte: er werde von allem, was ich ihm da +vorgefabelt, aus dem Zehnten nicht klug, und das sei ihm auch ganz +gleichgültig. So viel merke er, daß ihm ein recht hämischer Possen +gespielt worden sei mit jener Aufbewahrung im Eiskeller; inzwischen +sei alles anders geworden und nur er derselbe geblieben, wessen er +sich eben nicht schäme, denn nach den wenigen Proben scheine ihm die +Welt viel lumpiger, schäbiger und nicht einmal gescheiter geworden zu +sein, die Wälder dünner, der Wein saurer, die Weiber--bis auf seine +Freundin "Nannis oder Nannidion" (wie er sich das Nannerl ins +Griechische übersetzte)--plumper und einfältiger. Nun erzählte er, +was er seit seinem Erwachen für Erfahrungen gemacht hatte. + +Kaum war ihm nämlich sein Gletschermantel von den Schultern +geschmolzen, und er hatte sich die letzten Nebel des Schlafs aus den +Augen gerieben, so war er ins Freie hinausgetrabt, ärgerlich über die, +wie er wähnte lange Versäumnis von vierundzwanzig Stunden, da er einen +schweren Patienten eine Stunde tiefer im Tal zu besuchen hatte. Als +er sich aber umsah, schien ihm alles so wunderlich, daß er noch +fortzuträumen glaubte. Dichte Wälder, durch die er sich sonst pfadlos +hindurchzuwinden hatte, waren verschwunden; auf Wiesen, wo sonst der +Ur und der wilde Steinbock gegrast, sah er Herden buntfarbiger Kühe +weiden; hie und da stand ein Blockhaus am Wege, hoch hinauf mit Heu +angefüllt, und nicht selten sah er kleine Steige gebahnt, oder Balken +über Gießbäche gelegt, die er früher mit einem mächtigen Satz hatte +überspringen müssen. Kopfschüttelnd hielt er still und überlegte bei +sich, wie sich das alles über Nacht verwandelt haben möchte. Da er +aber kein Freund von überflüssigem Nachsinnen war, beschloß er, eine +benachbarte Waldnymphe um Aufschluß zu bitten, mit der er auf +vertraulichem Fuße stand. Er rief ihren Namen in die Schlucht +hinunter, aus der noch wie damals die mächtigen Edeltannen +heraufragten. Sonst war sie gleich oben im Wipfel erschienen, da sie +sehr einsam lebte und gerne eine Ansprache hatte. Heut zeigte sich +nur ein altes Weib, das Enzian sammelte und beim Anblick des +vierbeinigen Ungeheuers mit heiserem Jammergeschrei und heftigem +Kreuzschlagen sich ins Dickicht verkroch. + +Also trabte er immer nachdenklicher seines Weges weiter, und da es +gerade Sonntag war und die Kirchweih alles, was eine saubere Jacke und +ein paar Kreuzer in der Tasche trug, in das Dorf hinuntergelockt hatte, +begegnete er auch keiner Menschenseele, als ein paar Hüterbuben, die +ebenso hastig vor ihm Reißaus nahmen wie das Kräuterweib. Nun sah er +auch unten die ersten kleinen Häuser, die mit ihren weißgetünchten +Wänden und blanken Fensterchen als ein neues Rätsel ihm +entgegenschimmerten. Hier hatten sonst nur verfallene Hütten der +wilden Ziegenhirten gestanden, elende Pferche zwischen Gestrüpp und +Klippen. War eine Stadt aus der Ebene ausgewandert und hatte sich in +die Berge verstiegen? Ein seltsames Gebäude mit hohem Dach und +spitzem Turm ragte aus den Schindeldächern in die Lüfte, und oben aus +den schwarzen Turmluken drang ein unerklärliches Summen und Schallen +hervor, das er nie gehörte hatte, und das in seiner feierlichen +Eintönigkeit ihn vollends bestürzt machte. + +Das Grauenhafteste aber in dem ganzen Märchen, das ihn an seinen +gesunden Sinnen zweifeln ließ, begegnete ihm, als er den ersten Hütten +des oberen kleinen Dorfs sich näherte. Unter einem spitzen, +rotgetünchten Bretterdach hing da ein Mann mit ausgebreiteten, +blutrünstigen Armen an ein Kreuz genagelt, aus einer Seitenwunde +blutend, die Stirn von großen Blutstropfen überquollen, die unter den +spitzigen Stacheln eines dicken Dornkranzes hervordrangen. Gleichwohl +schien der Gemarterte noch am Leben. Er hatte die Augen weit geöffnet +nach oben gekehrt, und der kundige Blick des Zentauren fand auch an +den nackten Gliedern noch nicht die Farbe der Verwesung. + +Er redete den armen kleinen Mann mit seiner freundlichsten Stimme an, +fragte, um welches Verbrechen man ihn so schwer büßen lasse, ob er ihm +vielleicht von seinem Marterholz herunterhelfen und die Wunden +verbinden solle. Als er keine Antwort erhielt, berührte er sacht die +Brust des stummen Dulders. Da merkte er, daß es nur ein hölzernes +Bild war. Ein Rosenstrauch war neben dem Stamm des Kreuzes gepflanzt. +Von dem pflückte er einen kleinen Zweig, roch daran, wie um wieder +etwas Liebliches zu genießen, und verließ dann die Stätte mit immer +unheimlicherem Staunen. + +Im Dorf hatte gerade der Pfarrer, ein altes Männlein, das den +Kirchweihfreuden längst abgestorben war, für die andern zu Hause +gebliebenen Invaliden einen Vespergottesdienst begonnen, zu dem die +kleinen Buben das Geläut besorgten. Wie nun der Fremdling, dem alles, +was ihm links und rechts in die Augen fiel, ein Rätsel war, an die +offene Kirchentüre kam, hielt er an und spähte neugierig in das +halbdunkle Innere. Ein Sonnenstrahl fiel durch das kleine +Seitenfenster neben dem Altar und beleuchtete das Bild einer +wunderschönen Frau mit goldenen Haaren in blau und rotem Gewand, die +einen Knaben auf dem Arm und eine Lilie in der Hand trug. Sie hatte +die großen, sanften Augen gerade auf ihn gerichtet, als wolle sie ihn +einladen, näher zu treten. Zu ihren Füßen, ihm den Rücken zuwendend, +stand der kleine Pfarrer im Ornat, und die sämtliche Gemeinde kniete +jetzt, gleich ihm, vor der schönen Frau. Du solltest doch +hineintreten und sie dir etwas näher betrachten, sagte der Fremde zu +sich selbst. Und gedacht, getan. Er trabt, ohne an etwas Arges zu +denken, durch das Portal und geradewegs über die Steinfliesen, die von +seinem mächtigen Hufschlag dröhnten, auf den Altar zu. + +Welch einen Spektakel das gab, kann man sich denken. Im ersten +Augenblick freilich versteinerte der Schrecken über diese +Tempelschändung durch ein so unerhörtes, geradewegs der Hölle +entstiegenes Ungeheuer die ganze andächtige Gemeinde samt ihrem +Seelsorger. Dann aber besann sich dieser, der trotz seiner achtzig +Jahre durchaus kein Don Abbondio war, daß der Eindringling niemand +anders als der leibhaftige Satan sein könne, erhob, was er gerade +Geweihtes in der Hand hatte, und rief, es gegen den Versucher +schwingend, mit lauter Stimme sein "Apage! Apage! und nochmals Apage!" +--Beim Zeus, sagte der Zentaur, das freut mich, endlich einem +redenden Menschen zu begegnen, der noch dazu griechisch spricht. Du +wirst mir nun wohl auch sagen können, Alter, wer diese schöne Frau ist, +ob sie noch lebt, was ihr hier treibt, und wie sich überhaupt alles +seit gestern so fabelhaft verändert hat.--Den Pfarrer überlief es +eiskalt, als er sich von dem bösen Feinde anreden hörte, noch dazu in +einer Sprache, die ihm natürlich griechisch war. Wieder erhob er +seinen Ruf und schlug ein Kreuz über das andere, wich aber doch ein +wenig vom Altar zurück, da ihn die Unbefangenheit des hohen Fremden +einschüchterte, und hätte sich dieser nicht umgesehen, wer weiß, wie +es abgelaufen wäre. Jetzt aber kam die Reihe, sich zu fürchten, an +unsern Roßmenschen. Denn wie er die vom Schreck verstörten +Wackelköpfe der alten Männer und die verwelkten Gesichter der greisen +Weiblein unter ihren hohen Pelzhauben sämtlich anstarren sah, überkam +ihn plötzlich die Furcht, er möchte in ein Konventikel von Hexen und +Zauberern geraten sein und Strafe leiden, wenn er ihr geheimes Wesen +noch länger störe. Also machte er, nachdem er der schönen Blauäugigen +noch einen verehrungsvollen Blick zugeworfen, auf einmal kehrt und +stob mit gewaltigen Sätzen, den Schweif wie zur Abwehr böser Geister +hoch um den Rücken schlagend, über das hallende Pflaster zur offenen +Tür hinaus. + +Werter Freund, sagt' ich, als er mir das alles treuherzig gebeichtet +und meine Aufklärungen nur halb verstanden hatte, Ihr seid in einer +verwünschten Lage. Wie Ihr da geht und steht, möchte es schwer halten, +Euch in der modernen Gesellschaft einen Platz ausfindig zu machen, +der zu Euren Gaben und Ansprüchen paßte. Wäret Ihr nur ein paar +Jahrhunderte früher aufgetaut, so etwa im Cinquecento, so hätte sich +alles machen lassen. Ihr hättet Euch nach Italien begeben, wo damals +alles Antike wieder sehr in Aufnahme kam und auch an Eurer heidnischen +Nackheit kein Mensch sich geärgert haben würde. Aber heutzutage und +unter dieser engbrüstigen, breitstirnigen, verschneiderten und +verschnittenen Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt--ich +fürchte, mio caro, Ihr werdet es sehr bedauern, nicht lieber bis an +den jüngsten Tag im Eise geblieben zu sein! Wo Ihr Euch sehen laßt, +in Städten oder in Dörfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und +mit faulen Äpfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien und +die Pfaffen Euch für den Gottseibeiuns ausgeben. Die Zoologen werden +Euch betasten und begaffen und dann erklären, Ihr wäret ein +unorganisches Monstrum und könntet nichts Besseres tun, als Euch einer +kleinen Vivisektion unterziehen, damit man sähe, wie Euer +Menschenmagen sich mit Eurem Pferdemagen vertrage. Seid Ihr aber der +Scylla der Naturforscher entronnen, so fallt Ihr in die Charybdis der +Kunstgelehrten, die Euch ins Gesicht sagen werden, daß Ihr ein +schamloser Anachronismus, eine totgeborene nur galvanisch belebte +Reliquie aus der Zeit des Parthenonfrieses seid, und die Künstler, die +nur noch Hosen und Wämser und kleine witzige Armseligkeiten malen +können, werden sich in ihren tugendhaften Armenversorgungsanstalten, +genannt Kunstvereine, zusammenrotten und bei der Polizei darauf +antragen, daß Ihr ausgewiesen werdet, als der öffentlichen Moral im +höchsten Grade gefährlich. Daß Ihr Praxis bekommen könntet, auch nur +als Pferdearzt, ist vollends undenkbar. Man hat jetzt ein ganz +anderes Naturheilverfahren, als zu Euren Zeiten, der vielen anderen +gelehrten Systeme zu geschweigen, und daß ein Doktor seine Equipage +vors Krankenbette mitbringt, ist unerhört. Bliebe also nichts als der +Zirkus oder die Menagerie, um Euer Brot zu verdienen, und fern sei es +von mir, einem Mann von so guter Familie, wie Ihr, eine solche +Erniedrigung zuzumuten. Nein, Bester, bis uns etwas Gescheiteres +einfällt, will ich selbst mein bißchen Armut mit Euch teilen. Wenn +ich es recht bedenke, bin ich ja nicht viel besser daran als Ihr, muß +mir auch von Gassenbuben und bigotten Vetteln, Ästhetikern und meinen +eigenen werten Kollegen die größten Schnödigkeiten gefallen lassen, +und seht, ich lebe noch und fühle mich in meiner Haut tausendmal +wohler, als all das Gewürm und Gesindel, das mir nicht das Leben gönnt. +Coraggio! animo, amico mio! Dieser rote Wein ist zwar nur ein +säuerlicher Rachenputzer, aber ihr werdet Euch auch nicht zu oft in +Nektar gütlich getan haben, und corpo della Madonna! wenn zwei rechte +Kerls miteinander Brüderschaft trinken, so adeln sie den ordinärsten +Tropfen. + +Damit reichte ich ihm meine Flasche, welche die Nanni wieder gefüllt +hatte, und klang, das Glas erhebend, mit ihm an, wozu er als zu einem +ganz neuen Brauch ein verdutztes Gesicht machte. Ich winkte dann dem +Mädel, für neue Zufuhr zu sorgen, und so schwammen wir bald im +Überfluß und wurden guter Dinge. Nach und nach machte unsere +Kordialität auch das Bauernvolk vertraulich. Einige der Beherztesten +wagten sich wieder in den Hof und zogen, da ihnen nichts zuleide +geschah, bald die anderen nach sich. Sie besahen nun den Fremdling +sorgfältig von allen Seiten. Der Jude Anselm Freudenberg, der mit +Pferden handelte, erklärte laut, daß um tausend Loisdors ein solcher +Hengst halb geschenkt wäre, stünde nur nicht das unnatürliche +Vorderteil im Wege. Denn trotz der großen Fortschritte beim Militär +habe man noch nirgends Kavalleriepferde eingeführt, denen ihre Reiter +angewachsen wären. Eine vorwitzige Dirne wagte das Wundertier zu +berühren und das samtweiche Fell am Bug zu streicheln. Das ermutigte +den Schmied des Dorfes, behutsam den linken Hinterfuß aufzuheben, was +der Zentaur, der eben das siebente Seidel an die Lippen setzte, in +aller Gutmütigkeit geschehen ließ. Es fiel ungemein auf, daß die +starken, lichtbraunen Hufe keine Spur irgend eines Beschlages zeigten, +und da auch sonst so vieles ganz anders war, als bei anderen +Reitpferden, erhob sich die Frage, welcher Rasse er angehöre. Endlich, +nachdem man lange gestritten, tat der Schulmeister den Ausspruch, da +alle übrigen Kennzeichen fehlten, werde es wohl die kaukasische Rasse +sein, wogegen selbst der Jude Freudenberg nichts einzuwenden wußte. + +Während aber so die öffentliche Meinung sich eben mit dem Heidengreuel +auszusöhnen schien und er wenigstens, was man einen succès d'estime +nennt, davontrug, war eine bösartige Verschwörung gegen den arglosen +Fremdling im Gange. An der Spitze stand natürlich die hochwürdige +Geistlichkeit, die es für das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr +nachteilig fand, sich mit einem gewiß ungetauften, völlig nackten und +wahrscheinlich sehr unsittlichen Tiermenschen näher einzulassen. +Ebenso aufgebracht, wenn auch aus anderen Gründen, äußerte sich der +Italiener, der Besitzer des ausgestopften Kalbes mit zwei Köpfen und +fünf Beinen. Seit der Fremde erschienen war, hatte er mit seiner +Mißgeburt schlechte Geschäfte gemacht. Den Roßmenschen sah man gratis, +er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wußte, ob er sich +nicht noch bewegen ließ einige Kunstreiterstückchen zum besten zu +geben, wozu das Kalb durchaus keine Miene machte. Das konnte der +Italiener nicht so ruhig mit ansehen. Es sei ein Unterschied, setzte +er dem Pfarrer auseinander, zwischen einem zünftigen, von der Polizei +approbierten Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen, nie +dagewesenen Mißgeburt, die ohne Paß und Gewerbeschein das Land +unsicher mache und ehrlichen fünfbeinigen Kälbern das Brot vorm Maule +wegstehle. Wenn das erst Sitte würde, daß solche Mondkälber sich ohne +Entrée sehen ließen, so wäre es ja gar nicht mehr der Mühe wert, mit +einem Kopf zu wenig oder ein paar Gliedmaßen zu viel auf der Welt zu +kommen. + +Der hitzigste aber war der Dorfschneider, der Bräutigam der schönen +Nanni. + +Er hatte sich zwar, als das Ungetüm herantrabte, Hals über Kopf von +der Laube ins Haus geflüchtet und seinen Schatz, der sich nicht +fürchtete, im Stich gelassen. Aber durchs Fenster sah er desto +grimmiger mit an, wie vertraulich das Blitzmädel mit dem hohen Herrn +schäkerte, seine Rosen annahm und ihn wohlgefällig betrachtete, +während er sich ihren Wein schmecken ließ. Was von dem Fremden über +die Brustwehr hervorragte, war wohl dazu angetan, den etwas schief +gedrechselten Schneider im Hinblick auf seine eigene dürftige Person +eifersüchtig zu machen. Zudem hatte ihn die Nanni, als er ihr das +Unanständige ihres Betragens vorwarf, schnippisch genug abgefertigt +und erwidert: sie verbitte sich's, daß er den Fremden einen +unverschämten Kerl, eine nackte Bestie, eine Staatsmähre schimpfe. Er +sei manierlicher und anständiger als manche Menschen, von denen +dreizehn aufs Dutzend gingen, und andere könnten froh sein, wenn sie +sich weniger zu schämen brauchten, sich nackt zu zeigen.--Das stieß +dem Faß den Boden aus. Zwar dem Mädel gegenüber hüllte sich der +Beleidigte in ein naserümpfendes Stillschweigen, ließ aber sein +Mundwerk desto zügelloser laufen gegenüber dem Herrn Pfarrer, dem er +seine Not klagte: die neue Mode, die der Unbekannte eingeführt, müsse +das ganze Schneiderhandwerk ruinieren und überdies alle Begriffe von +Anstand und guter Sitte über den Haufen werfen. + +Von diesen Kabalen wußten wir natürlich nichts, sondern ließen uns +durch die wachsende Vertraulichkeit die übrigen Kirchweihgäste immer +mehr in die fröhlichste Feststimmung einwiegen. Der reichlich +genossene Wein tat das Übrige, und so wenig meinem neuen Duzbruder das +Volk um uns her in den hohen Hüten und Hauben, mit schwerfälligen +Stiefeln, kurzen Jacken und vielfältigen Röcken gefiel, war er doch +wohlgesittet genug, sich's nicht merken zu lassen und keinen +zurückzuweisen, der ihm das volle Glas hinaufreichte. Nachgerade aber +stieg ihm der Spuk zu Kopfe, seine Augen fingen an zu glänzen, er ließ +einige Naturlaute hören, die zwischen dem landüblichen Juhschreien und +gewöhnlichem Pferdegewieher die Mitte hielten, und als jetzt die +Musikanten, die lange pausiert hatten, frisch zu einem Schleifer +einsetzten, langte unser Freund, ohne ein Wort zu sagen, mit beiden +Armen über die Brüstung, umfaßte die schöne Nanni, und setzte sie mit +einem leichten Schwunge sich auf den Rücken, indem er sie durch +Zeichen anwies, sich in seiner wallenden Mähne festzuhalten. Dann +begann er nach dem Takte der Musik sehr zierlich sich in Bewegung zu +setzen und in dem engen Raume zwischen Tischen und Bänken in den +gewandtesten Courbetten seine Kunst zu zeigen, während die muntere +Dirne, ihre Arme fest um seinen Menschenleib geschlungen, dann und +wann mit der Ferse ihres kleinen Schuhes ihm in die Seite stieß, um +ihn zu einem rascheren Tempo anzufeuern. + +Das Schauspiel sah sich so allerliebst mit an, daß alle anderen Tänzer +mit ihren Dirnen herauskamen und sich, um zuzuschauen, in einem +dichten Kreis um das Paar herumstellten. Ich ärgerte mich nur, daß +ich mein Skizzenbuch vergessen hatte und nirgends einen Fetzen Papier +auftreiben konnte. So mußte ich mich begnügen, mit den Augen zu +studieren, und wahrhaftig, ich konnte mich nicht satt sehen an den +hundert wechselnden Wendungen und Gruppierungen, wie sie der immer +übermütiger und wilder herumwirbelnde Tanz an mir vorübergaukeln ließ. + +Als es aber etwa eine Viertelstunde gedauert hatte, nahm die +Herrlichkeit plötzlich ein Ende mit Schrecken. Zufällig sah ich +einmal über den Hof hinaus ins Tal hinunter und bemerkte eine +bedenkliche Kavalkade, die sich auf der Straße vom Tal herauf dem Dorf +näherte: ein halb Dutzend reitender Landgendarmen und mitten unter +ihnen, mit eifrigen Gebärden nach der Schenke hinaufdeutend, zwei +Zivilisten auf kleinen Bauernkleppern, in denen ich, als sie näher +kamen, die beiden verbissenen Kabalenmacher, den Italiener und den +Dorfschneider, erkannte. Ich rief meinem Freunde und Duzbruder in +meinem besten Griechisch zu, er möge auf der Hut sein; es sei auf ihn +abgesehen. Man wolle sich, wie es scheine, tot oder lebendig seiner +Person bemächtigen und die ganze Rache der Philister an seiner +Simsonsmähne auslassen. Aber es war umsonst. Sei es, daß die Musik +meine Warnung übertäubte, oder daß der Rausch des bacchantischen +Tanzes den Trefflichen gegen jede Anwandlung von Furcht gefeit hatte, +genug, er hielt erst einen Augenblick inne, als die bewaffnete +Macht--die Denunzianten blieben weislich im Hintertreffen--am Hoftor +erschien, das dichtgedrängte Publikum erschrocken zurückwich und nun +der Anführer der Schergenbande, ein schnurrbärtiger Korporal mit +dickem Bauch, im allergröbsten Ton die Aufforderung an ihn ergehen +ließ: auf der Stelle seinen Paß oder sein Wanderbuch vorzuweisen, +widrigenfalls er nach der Fronfeste unten im Städchen gebracht und +gründlich visitiert werden würde. + +Der gute Bursch verstand natürlich keine Silbe, konnte auch den +feindseligen Sinn der Worte nicht ahnen, da er aus seiner heroischen +Welt andere Begriffe von Gastfreundschaft mitgebracht hatte. Also sah +er sich mit einem drolligen Ausdruck von Ratlosigkeit nach mir um, und +erst, als ich ihm erklärt hatte, daß diese breitmäuligen Herren Jäger +seien und er das Wild, und daß man im Sinne habe, ihn in einen Stall +zu sperren, wo er bei schmalem Futter über die Wohltat der Gesetze und +die Fortschritte der Kultur nachdenken könne, ging ein verächtliches +Lächeln über sein ehrliches Gesicht. Er antwortete nur mit einem +Achselzucken, setzte sich dann, als beachte er diesen Zwischenfall +nicht im geringsten, langsam wieder in Galopp, wobei er die Hände des +Mädchens, die sich vor seiner Brust verschränkten, sanft an sich +drückte, und so, immer rascher und rascher im engen Kreise +herumsprengend, ersah er plötzlich die Gelegenheit, nahm einen kecken +Anlauf und setzte mit einem prachtvollen Sprung--ungelogen wohl zwölf +Schuh hoch und zwanzig weit--über die Köpfe der Bauern weg, daß nur +den letzten, die draußen standen, die Hüte von den Schädeln flogen. +Und während die Weiber laut aufschrien, die Gendarmen fluchten und mit +gezogenem Seitengewehr ihm nachsetzten, auch ein paar unschädliche +Pistolenkugeln ihm nachknallten, sprengte er über Wiesen und Felder +bergan, das entführte Mädchen sicher auf seinem Rücken haltend, wie +ein Löwe, der ein Lamm aus einer Schafhürde geraubt hat und es unter +dem Schreien und Drohen der nachjagenden Hirten in seine Höhle trägt. + +Als es oben angekommen war, wo eine tiefe Schlucht den Abhang +durchschneidet, hielt er still und wandte sich zu seinen Verfolgern um, +die noch tief unter ihm in ohnmächtiger Wut die Steile hinaufkeuchten. +Ich konnte sein Gesicht, selbst durch mein kleines Fernrohr, nicht +mehr deutlich erkennen, sah aber, daß er sich zu dem Mädchen +zurückwandte und nun, wahrscheinlich von ihrer Angst und ihrem +kläglichen Flehen gerührt, ihre Hände losließ, so daß sie sacht von +seinem Rücken auf die Wiese niedergleiten konnte. Ihre Lage war +allerdings nicht die angenehmste. So sehr ihr die ritterliche +Huldigung des Fremden geschmeichelt hatte, und eine so traurige Figur +ihr Schatz neben ihm spielte,--eine solide Versorgung konnte sie von +diesem reitenden Ausländer nicht erwarten. Als sie daher merkte, daß +aus dem Spaß Ernst werden sollte, behielt ihre praktische Natur die +Oberhand, und sie wehrte sich entschieden gegen alle Entführungsgelüste. +Wie eine gejagte Gemse vor dem Treiber sprang sie von Stein zu Stein +den Abhang hinunter ihrem Schneider wieder in die Arme. + +Der Zentaur sah ihr eine Weile nach, und meine Phantasie malte sich +deutlich den Ausdruck eines göttlichen Hohnes aus, der durch seine +Mienen blitzte und dann einer erhabenen Schwermut wich. Als die wilde +Jagd mit Toben und Kreischen ihm auf die Weite eines Steinwurfs nahe +gekommen war, winkte er noch einmal mit der Hand hinunter--einen Gruß, +den ich wohl mir allein aneignen durfte--, schwenkte dann gelassen, +mit einer fast herausfordernden Wendung seines Hinterteils, nach +rechts ab und verschwand unseren nachstarrenden Blicken in der +pfadlosen Kluft, um nie wieder aufzutauchen. + +Wir hatten alle andächtig zugehört, nur Rahl schien zu schlafen, +wenigstens blinzelten seine geschlitzten Satyraugen verdächtig in den +Mondschein. Als der Erzähler jetzt schwieg, tat er einen tiefen +Seufzer und erhob sich vom Sitz, an der Wand herumtastend, wie um +seinen Hut vom Haken zu nehmen. + +Accidente! wollt Ihr schon aufbrechen! sagte Genelli. Hol die Pest +alle die feigen Schlafmützen! Wir sind eben im besten Zuge--Die +Geschichte hat mir die Zunge ausgedörrt--noch einen Spitz, Herr +Schimon! Auf die Gesundheit aller revenants, die Zentauren mit +einbegriffen. Sie haben zwar keine bleibende Stätte in diesem +miserablen neunzehnten Jahrhundert und müssen sich wieder +hinausmaßregeln lassen. Aber sagt selbst: wenn man zu wählen hätte +zwischen dem Schneider, der das Glück hat und die Braut heimführt, und +jenem armen Burschen--ich wenigstens, so lange noch ein roter +Tropfen--aber corpo di Bacco! Schimon, wo bleibt mein Carlowitzer? + +Der Wirt näherte sich mit ehrerbietiger, geheimnisvoller Miene, Sie +wissen, Herr Genelli, raunte er ihm zu, wenn es auf mich ankäme--aber +beim besten Willen--die Instruktionen sind erst neulich verschärft +worden, und ich habe einen Wischer bekommen, weil ich hier oben noch +eine halbe Minute nach Eins-Ah so, murmelte der alte Meister und stand +unwillig auf. Immer die ewigen Scherereien. Die Nacht ist ja noch +lang genug, und ob wir's hier oben einmal mit der Polizeistunde nicht +so genau nehmen, wem schadet's? Aber man ist ein armer Tropf, und der +selige Achilleus hat recht: + +Lieber ein Tagelöhner im Licht, als König der Schatten! + +Geben Sie mir die Hand, Schütz. Es ist hier so verwünscht dunkel, +oder sollte mir die Geschichte zu Kopf gestiegen sein? Wo ist der +kleine Karl, uns heimzuleuchten? Felice notte! + +Damit ging er leicht auf den Arm des hageren Freundes gelehnt, voran, +ganz mit seinem alten rüstigen Schritt und aufrechter Haltung, aber +barhaupt, und so folgten ihm die andern. Der kleine Karl schwankte, +ein Kellerlämpchen hoch über seinem Kopf haltend, voran, Schimon war +der letzte und wartete an der Tür auf mich, als wolle er hinter mir +abschließen. Er tat es aber nicht, sprach auch kein Wort zu mir, +sondern sah mich nur mit einem wehmütigen Zwinkern seiner kleinen +schwarzen Augen an, als wollte er sagen: wir haben bessere Zeiten +erlebt!--Während wir durch den langen düsteren Hausgang schritten, +fiel es mir auf, daß ich keinen Fußtritt hörte. Und dann wollte auch +der Gang kein Ende nehmen, so hastig wir hindurchgingen. Ich sah noch +deutlich über die Scheitel der anderen weg Genellis graues Haupt durch +das Zwielicht ragen, von dem Lämpchen rot angeschienen. Es fiel mir +aufs Herz, daß ich ihm noch so viel zu sagen hatte, vor allem ihn +fragen wollte, wann er hier wieder zu treffen sei. Ich sputete mich, +ihm nachzukommen, und in der Tat trennten mich von ihm nur wenige +Schritte. Aber je rascher ich ging, desto unerreichbarer blieb er mir. +Endlich trat mir der kalte Schweiß auf die Stirn, der Atem stockte +mir, ich fühlte meine Füße wie von Bleigewichten an den Boden gezerrt. +--Nur ein paar Augenblicke will ich hier ausruhen, Herr Schimon! sagte +ich und sank auf eines der Fässer, die an der Wand standen.--Sagen Sie +es den Herren--sie sollen draußen auf mich warten! + +Es kam keine Antwort. Statt dessen fuhr ein scharfer Luftzug durch +die offene Tür, verlöschte die Lampe des kleinen Karl und wehte mir in +das heiße Gesicht. In demselben Augenblick dröhnte es Eins vom +Frauenturm, und ich hörte eine Stimme neben mir: Das Haus wird +geschlossen. Ich muß schon bitten, Herr, daß sie sich eine andere +Schlafstelle suchen. + +Erstaunt sah ich auf und starrte einem ganz unbekannten, +vierschrötigen Hausknecht ins Gesicht. + +Verzeiht, guter Freund, stammelte ich, ich habe mich hier nur einen +Augenblick--die Herren sind ja auch eben erst gegangen. + +Ja so, sagte er, Sie gehören zu der geschlossenen Gesellschaft, die +hier einmal in der Woche Tarock spielt. Wenn ich sie etwa nach Hause +bringen soll-Ich erhob mich rasch und trat auf die Straße hinaus. +Meine Stirn war kühl geworden, das Herz desto wärmer, und wie ich +gegen den Mondhimmel sah, an dem leichtes Gewölk in phantastischen +Streifen hinzog, summte ich leise die Worte: + +Wolkenzug und Nebelflor +Erhellen sich von oben; +Luft im Laub und Wind im Rohr-- +Und alles ist zerstoben. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der letzte Zentaur, von Paul Heyse. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER LETZTE ZENTAUR *** + +This file should be named 8zntr10.txt or 8zntr10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8zntr11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8zntr10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + + PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION + 809 North 1500 West + Salt Lake City, UT 84116 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. 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