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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:32:39 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Beatrice, by Paul Heyse
+
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+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+This header should be the first thing seen when viewing this Project
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+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Beatrice
+
+Author: Paul Heyse
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9065]
+[This file was first posted on September 2, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, BEATRICE ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau
+
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+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+Beatrice
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+Paul Heyse
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+(1867)
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+Wir hatten bis in die tiefe Nacht hinein geplaudert, unser drei, bei
+einigen Flaschen Astiweins, die wir durch einen glücklichen Zufall
+aufgetrieben hatten und nun im kühlen Gartenhaus auf das Wohl des eben
+aus Italien heimgekehrten Freundes leerten. Er war der älteste von
+uns und schon ein fertiger Mann, als wir ihn vor zwölf Jahren auf
+einer Reise im Süden kennenlernten. Auf den ersten Blick hatte uns
+seine männliche Gestalt, der Adel seines Wesens und eine gewisse
+melancholische Anmut seines Lächelns für ihn eingenommen. Sein
+Gespräch, seine ungewöhnliche Bildung und die Bescheidenheit, mit der
+er sie geltend machte, gewannen uns vollends, und die drei Wochen, die
+wir miteinander in Rom zubrachten, befestigten eine so warme
+Freundschaft, wie sie nur je zwischen Ungleichaltrigen bestanden hat.
+Dann mußte er plötzlich nach Genf, seiner Heimat, zurück, wo er an der
+Spitze eines ansehnlichen Handlungshauses stand. Aber in den
+folgenden Jahren hatten wir keine Gelegenheit versäumt, uns
+wiederzusehen, und auch jetzt war ihm der Umweg über unsere Stadt
+nicht zu weit gewesen, um uns wenigstens auf vierundzwanzig Stunden zu
+begrüßen.
+
+Wir fanden ihn in seinem Aussehen unverändert; er war noch immer ein
+schöner Mann, das Haar kaum mit dem ersten Grau angesprengt, die hohe
+Stirn glatt und weiß. Aber er schien uns schweigsamer als bei unserem
+letzten Begegnen, manchmal so in sich versinkend, daß er unsere Fragen
+überhörte, während er minutenlang unverwandt die Perlen des Weins im
+Glase aufquellen sah oder ein Stück Eis langsam am Kerzenlicht
+zertauen ließ. Wir dachten ihn gesprächig zu machen, wenn wir ihn
+nach seiner letzten Reise ausfragten. Aber als auch dieses
+Lieblingsthema nicht sonderlich einschlug, ließen wir ihn gewähren und
+sprachen unter uns, froh, daß wir ihn wenigstens leiblich bei uns
+hatten, und ruhig abwartend, wann er auch geistig zu uns zurückkehren
+würde.
+
+Indessen kramte ich allerlei Gedanken aus, die mich seit kurzem
+lebhaft beschäftigt hatten und die, unreif und schroff, wie ich sie
+hinwarf, den Widerspruch unseres Freundes, der ein scharfer
+Dialektiker war, zu jeder anderen Zeit gereizt haben würden. Der
+Zustand des Theaters in Italien hatte den Anstoß gegeben. Ich
+behauptete, es sei durchaus nicht wunderbar, daß es die Italiener, so
+pathetisch und leidenschaftlich sie sich gebärdeten, nicht zu einer
+tragischen Literatur gebracht hätten, die sich neben die griechische,
+englische und deutsche stellen könnte. Im Grunde sei es bei den
+Spaniern und Franzosen, trotz ihrer hochberühmten dramatischen
+Blüteperioden, nicht viel besser damit bestellt. Denn das Temperament
+der Romanen, ihre Natur wie ihre Kultur, seien nun einmal so streng an
+das Konventionelle gebunden, daß die eigentlichsten tragischen
+Probleme, die alle auf der Selbstherrlichkeit des Individuums beruhten,
+ihnen kaum verständlich würden; dazu komme noch, daß sie auch in der
+Form sich nie zu befreien und die rücksichtslosen Naturlaute
+anzuschlagen wagten, die allein den tragischen Schauder in uns erregen
+könnten? Wie jedes ästhetische Gespräch, das nicht bloß an der
+Schale herumtastet, führte auch dieses bald in die rätselhaften Tiefen
+der Menschennatur, und während Amadeus scheinbar teilnahmslos mit
+seinem silbernen Stift Figuren in den verschütteten Wein zeichnete,
+nahm Otto lebhaft Partei für das, was ich als Konvention zu verdammen
+schien, er aber als das strengwaltende Sittengesetz auch in der
+Dichtung obenan stellte. Mein Satz schien ihm gefährlich, daß jeder
+tragische Fall das Naturrecht der Ausnahme gegen das bürgerliche Recht
+der Regel verherrlichen müsse, daß demnach der Begriff einer
+tragischen Schuld auf das Verbrechen hinauslaufe, einen Dämon im Busen
+zu haben, der den einzelnen über die engen Schranken der
+Alltagssatzung hinaushöbe und ihn darin bestärke, mit nichts sich
+abzufinden, nichts zu dulden, nichts zu verehren, was dem innersten
+Gefühl widerstreite. Damit lösest du, sagte er, die ganze Weltordnung,
+die doch wohl ihre guten Gründe hat, zu Gunsten eines unbegrenzten
+Individualismus auf und scheinst nur dem wahren Wert für die Poesie
+zuzuerkennen, was sich außer das Gesetz stellt.--Ich suchte ihn dabei
+festzuhalten, daß es sich hier nur um die eigentlich tragischen
+Kollisionsfälle handle, und daß große und starke, mit einem Wort,
+heroische Seelen den Streit der Pflichten anders zu lösen pflegten als
+der ängstliche, von kleinen Gewohnheiten und Rücksichten eingeengte
+Mittelschlag der Philister. Geniale Naturen, sagt' ich, die auf sich
+selbst beruhten, erweitern durch ihre Handlungen, indem sie das Maß
+ihrer innern Kraft und Größe als ein Beispiel vorleuchten lassen,
+ebensosehr die Grenzen des sittlichen Gebiets, wie geniale Künstler
+die hergebrachten Schranken ihrer Kunst durchbrechen und weiter
+hinausrücken. Und was an Obermaß und Übermut des Selbstgefühls in
+jenen heroischen Seelen sich rühren mag, wird es nicht eben durch den
+tragischen Untergang geläutert und gebüßt? Wenigstens nach der
+Meinung der Philister, denen das Leben das höchste Gut ist, die also
+auch schwerlich von Handlungen und Gesinnungen zu verführen sind, auf
+die nach dem Weltlauf der Tod gesetzt ist. Der Dichter aber und die,
+die ihn verstehn, wird sich das Recht nicht verkümmern lassen, sich
+der hohen Erscheinungen zu erfreuen, für welche die üblichen
+Zollstöcke der Moral nicht passen wollen. Und wer das unsittlich
+schilt, was bei unseren traurig mangelhaften bürgerlichen
+Einrichtungen starken und freien Menschen als eine heilige Notwehr
+übrig bleibt, für den ist Schönes nie geschaffen worden, und vom Guten
+kennt er nur das Nützliche.
+
+Dieses und ähnliches hatt' ich gesagt, als auf einmal Amadeus aus
+seinem Hinbrüten zu mir aufsah und mir über den Tisch hinüber die Hand
+reichte. Ich danke dir, sagte er; du hast da ein gutes Wort
+gesprochen, das mir wohltut. Unter uns dreien kann ja auch kein
+Streit darüber sein, daß die Sitte nicht das Maß der Sittlichkeit ist,
+und daß die höchsten Aufgaben der Poesie an den Grenzen der Menschheit
+liegen. Aber gegen eins muß ich Einsprache erheben: daß du den Mangel
+eines wahrhaft großen tragischen Poeten in Italien aus der
+konventionellen Gebundenheit des Volkscharakters erklären willst. Als
+ob Gemüts- und Geschmacksanlagen, Sittliches und Ästhetisches sich
+notwendig Hand in Hand entwickelten, nicht oft genug eins das andere
+überholte! Wenn den Italienern das große tragische Talent geboren
+würde, das sie in ihrem Alfieri freilich längst zu besitzen wähnen,
+--der Genius des Volkes würde ihm auf halbem Wege entgegenkommen, und
+die akademischen Vorurteile des Stils hielten gegen eine echte
+Naturkraft so wenig stand, wie alle anerzogene konfessionelle Sitte
+gegen das Recht und die Pflicht eines freigebornen Gemüts. Nein, fuhr
+er in sichtbarer Erregung fort, und seine Augen schimmerten feucht,
+das hohle Pathos ihrer Trauerspiele ist nicht der Grundton, auf den
+die Seele dieser edlen Nation gestimmt ist. Ich wenigstens darf dies
+nicht anhören, ohne Verwahrung einzulegen. Denn wenn es je ein Wesen
+gab, das in seinem Gefühl und Handeln auf sich beruhte und seinem
+Dämon gehorchte, so war es mein Weib, und mein Weib war eine
+Italienerin.
+
+Er schwieg und wir saßen in der wunderbarsten Erregung ihm gegenüber,
+ebenfalls stumm und atemlos vor Überraschung. So gut wir ihn und all
+seine Verhältnisse zu kennen meinten, zum ersten Male hörten wir heute,
+daß er verheiratet gewesen sei, mit einer Frau, die er so hoch
+stellte und die er uns doch verleugnet hatte, wie man eine Verirrung
+verheimlicht.
+
+Nun stand er auf und ging in dem engen, halbdunkeln Raum eine Weile
+auf und ab, und wir störten ihn weder mit Fragen noch mit Blicken.
+Endlich trat er zwischen uns und sagte mit seiner tiefen, klangvollen
+Stimme: Ich habe es euch nicht erzählt, weil mich die Erinnerung zu
+sehr übermannt und manchmal, wenn ich es nur mir selbst so recht
+gegenwärtig machte, mich ein Fieber befiel, das mich eine Woche lang
+nicht wieder verließ. Und doch ist es mir wie eine Schuld gegen euch
+vorgekommen, daß ich auf alle eure Neckereien, warum ich keine Frau
+genommen, nur immer mit Scherzen antwortete. Ihr könnt glauben,
+hauptsächlich um dies endlich zwischen uns ins klare zu bringen, habe
+ich diesmal, da ich wieder von ihrem Grabe komme, den Heimweg so
+eingerichtet, daß ich euch treffen mußte. Laßt mich also alles
+heraussagen, wie es mir auf die Zunge kommt. Wir wollen erst noch die
+Fenster nach dem Garten öffnen; es ist hier so schwül, daß man schwer
+Atem holt. So!--und nun trinkt und raucht, und ich will auf und ab
+gehen. Ein Vierteljahrhundert ist darüber hingegangen, und doch steht
+alles wie von gestern neben mir und läßt mich nicht ruhig bleiben.
+
+Was er dann berichtete, bis an die Morgendämmerung--denn auch nachher
+konnten wir uns nicht so bald trennen--, schrieb ich am folgenden Tage
+auf, soviel ich konnte mit seinen eigenen Worten. Damals dachte ich
+nicht, daß es in Wahrheit sein letztes Vermächtnis sein würde. Aber
+er hatte nicht zu viel gesagt. Die Nacht, in der er es uns erzählte,
+trug ihm ein Fieber ein, das ihn bis nach Hause begleitete. Eine
+nächtliche Aufregung beim Löschen eines Hausbrandes trat hinzu.
+Wenige Wochen, nachdem wir ihn zuletzt gesehen, kam die Nachricht, daß
+wir ihn verloren hatten.
+
+Nun sind mir diese Aufzeichnungen um so wertvoller, und kaum kann ich
+mich entschließen, fremde Augen hineinblicken zu lassen. Dann wieder
+empfinde ich es als eine Pflicht, das wundersame Geschick dieser
+beiden Menschen nicht im Dunkeln zu lassen. Sollte nicht das, was
+hohe und edle Menschen erleben, Eigentum der ganzen Menschheit sein?
+
+So will ich ihn denn erzählen lassen.
+
+Ich war eben fünfundzwanzig Jahre alt geworden, als mein Vater starb;
+seit ich seinen schmerzlichen Todeskampf mit angesehen, schien ich mir
+um zehn Jahre älter. Kurz vorher hatte meine einzige Schwester, die
+ich sehr liebte, einen jungen Geschäftsfreund unseres Hauses
+geheiratet, einen Franzosen, dessen Familie seit lang in Genf
+angesiedelt war, und der nun seinen Namen unserer Firma hinzufügte.
+Wir standen uns so nah wie Brüder, und als er und meine Schwester in
+mich drangen, einige Monate auf Reisen zu gehen, um meine verstörten
+Lebensgeister wieder ins Gleiche zu bringen, ließ ich mich hierin wie
+in allen Dingen gern von ihnen bestimmen, zumal ich wohl fühlte, daß
+ich einer Hilfe von außen sehr bedürftig war.
+
+Auch wirkte die Luftveränderung bald, wie meine Lieben gehofft hatten.
+Jugend und Lebensmut kehrten mir zurück; ich hatte wieder offene
+Augen für alle Schönheiten der Natur, und mein Sinn für die Künste,
+der schon auf früheren Reisen in Deutschland und Frankreich geweckt
+worden war, fand reiche Nahrung in Mailand und Venedig, wohin ich mich
+zunächst wandte, um dann in mäßigen Tagesreisen südlicher zu gehen.
+
+Vor allem zog es mich nach Florenz, und die Herrlichkeiten, die ich
+dort zu finden hoffte, machten mich gegen manches undankbar, was mir
+auf dem Wege dahin begegnete. So hatt' ich mir auch für Bologna nicht
+mehr als einen einzigen Tag festgesetzt, Kirchen und Galerien hastig
+durchrannt und mich am Nachmittag in einen Wagen geworfen, um nach dem
+alten Klosterhügel San Michele in Bosco hinauszufahren und mit einer
+Rundschau von da oben herab mein Reisegewissen über diese merkwürdige
+Stadt zu beruhigen.
+
+Es war einer der heißesten Tage jenes Hochsommers, und obwohl ich
+sonst gegen jede Temperatur ziemlich unempfindlich war, lähmte mich
+doch heute die Schwüle bis zur Erschöpfung. Die Straße, die von San
+Michele nach der Stadt zurückführt, war völlig öde. Über die
+Mauern der Gärten ragten die Bäume und Büsche dickverstaubt herüber,
+die Räder des Wagens gruben sich in den handhohen glühenden Staub
+schwerfällig ein, mein Kutscher nickte so schlaftrunken auf dem Bock,
+daß er sich kaum im Gleichgewicht hielt, und sein müdes Tier schlich
+mit gesenkten Ohren ganz am Rande der Chaussee, um den schmalen
+Schatten mitzunehmen, den hie und da eine Villa oder Gartenhecke über
+die Straße warf. Ich hatte mich auf dem Rücksitz bequem ausgestreckt
+und mir aus meinem Regenschirm ein Zelt gemacht, unter dem ich in
+einer Art Halbschlaf hindämmerte.
+
+Plötzlich wurde ich, nicht eben sanft, aus meiner Ruhe aufgeschreckt
+durch etwas, das mir gegen das Gesicht fuhr, als hätte mich im
+Vorbeifahren ein herüberhangender Baum gestreift. Als ich hastig
+aufsprang und mich umsah, fiel mein erster Blick auf einen blühenden
+Granatzweig, der auf meinem Schoße lag und offenbar über die nahe
+Mauer mir in den Wagen geworfen war. Die Bewegung, die ich machte,
+schien dem Gaul ein Zeichen, daß er stillhalten sollte. Der Kutscher
+schlief ruhig weiter. So hatte ich alle Muße, den Ort zu prüfen, von
+woher der Wurf gekommen war, und ließ es mir um so mehr angelegen sein,
+als ich hinter der hohen Gartenmauer deutlich ein verstohlenes
+Kichern hörte, wie von einem übermütigen Mädchen, das heimlich über
+eine gelungene Schelmerei triumphiert. Und richtig, noch hatte ich
+nicht lange gewartet, aufrecht im Wagen stehend und die Mauer scharf
+im Auge, als ein Lockenkopf unter einem großen Florentiner Strohhut
+über dem Mauerrand auftauchte. Zwei dunkle mutwillige Augen unter
+ernsthaften Augenbrauen richteten sich auf mich und schienen mich wie
+ein fremdes Wundertier anzustaunen. Als ich aber den Granatzweig
+erhob, die Blüten an meine Lippen drückte und sie dann gegen die junge
+Wegelagerin schwenkte, übergoß das reizende Gesicht plötzlich eine
+dunkle Röte, und im Nu war die Erscheinung wieder hinuntergetaucht,
+daß ich, ohne den Zweig in meiner Hand, am Ende geglaubt hätte, alles
+sei nur ein Traum gewesen.
+
+Ich stieg nachdenklich aus dem Wagen und ging ein paar Schritte längs
+der Mauer hin nach dem hohen Gitterportal, das den Garten verschloß.
+Durch die alten Eisenstäbe von schwerer mittelalterlicher Arbeit
+konnte ich ein Stück des Parks übersehen und das Haus, das mit
+verschlossenen Jalousien mitten zwischen Ulmen und Akazien stand. Ich
+rüttelte am Schloß, das nicht zu öffnen war, und meine Hand faßte
+schon nach dem Klingelgriff, als mich eine geheime Scheu überfiel, das
+Innere dieses fremden Bezirks zu betreten. Und was hätte ich für eine
+Figur gemacht, wenn man mich um den Grund meines Eindringens befragt
+hätte? So begnügte ich mich, ein Weilchen zu warten, ob die
+Zweigwerferin sich nicht irgendwo blicken lassen würde, und
+betrachtete indessen das Haus, an dem nichts Merkwürdiges war, so
+genau, als ob ich es zeichnen wollte, bis die Sonne mir unerträglich
+wurde und mich unter mein Schirmzelt zurücktrieb. Der Kutscher kam
+darüber wieder zu sich, tat einen Ruck mit dem Zügel, und wir
+schlichen unseres Weges weiter, ich immer noch den Kopf auf dem Rücken,
+obwohl nichts Holdes mehr zu sehen war.
+
+Als ich in meinen Gasthof "zu den drei Pilgern" zurückkam, brach ein
+rascher Gewitterguß über diese schwüle Stadt herein, und es war die
+Nacht darauf erquicklich kühl und feucht in den Straßen, so daß ich
+nicht satt wurde, unter den langen Arkaden herumzuschlendern, bald
+hier in einem Café Eiswasser zu trinken, bald dort ein Kirchenportal
+im fahlen Laternenschein zu studieren. Aber sosehr ich mich mit
+Stehen und Gehen abmüdete, ich konnte bis an den frühen Morgen nicht
+zum Schlafen kommen. Daß es das junge Gesicht von der Gartenmauer
+sein könnte, was mich wach hielt, glaubte ich selber nicht, obwohl ich
+es beständig vor Augen hatte. Ich hatte es immer für eine Fabel
+gehalten, daß der Funken eines Blickes genüge, ein Herz in Brand zu
+stecken. Und so schob ich meine Unruhe auf die überreizten Nerven.
+
+Nur am anderen Morgen, als man mir die schon abends bestellte Rechnung
+brachte und ich nun mit der Abreise Ernst machen sollte und doch
+merkte, es lasse mich nicht fort, wurde ich nachdenklich. Ich
+erinnerte mich, daß ich einen Geschäftsfreund unseres Hauses hier in
+Bologna aufzusuchen hatte. Mein Gewissen in diesem Punkt war sonst
+nicht übermäßig zart. Jetzt aber schien es mir durchaus nötig, diese
+Pflicht der Höflichkeit zu erfüllen. Auch machte ich mir Vorwürfe,
+Raffaels heilige Cäcilien nur so flüchtig betrachtet zu haben, anderer
+Unterlassungssünden zu geschweigen. Bologna kam mir auf einmal sehr
+viel sehenswürdiger vor, und Florenz blieb mir ja aufgehoben.
+
+Ich bildete mir zuletzt wirklich ein, die Zweigwerferin habe den
+geringsten Anteil an meinem veränderten Entschluß. Seltsam, daß mir
+die Umrisse des Gesichts, je mehr ich mich zurückbesann, immer mehr
+entschwanden, und nur die Augen allgegenwärtig mir vorschwebten. Ich
+merkte auch über Tag, während ich meinen Touristenpflichten nachging,
+keine besondere Aufregung in mir. Doch als ich, da die größte Hitze
+vorüber war, den Weg nach dem Landhause einschlug, als ob es sich von
+selbst verstünde, war eine wunderliche Bangigkeit in mir, und ich weiß
+noch genau, welche Lieder ich sang, um mir Mut zu machen.
+
+Nun kam ich hinaus und fand alles wie gestern, das Haus im Garten nur
+weniger öde, da die Jalousien geöffnet waren und auf dem Balkon ein
+Hündchen stand, das, wie ich von dem Gitterportal nicht weichen wollte,
+mich heftig anbellte. Auch jetzt noch faßte ich mir nicht das Herz,
+anzuläuten. Es war, als warnte mich etwas, und fast wünschte ich
+selbst, das Gesicht nicht wiederzusehen, um dann morgen leichten
+Herzens abreisen zu können. Dennoch umging ich erst einmal die ganze
+Mauer, die sich ziemlich weit herumzog und drüben im Feld an niedrige
+Bauernhütten und Maisfelder grenzte. Auch dort war alles einsam. Als
+ich an die Stelle kam, wo ein niedriger Heckenzaun an die Mauer stieß,
+so daß ich bequem hinaufklettern und in den Garten sehen konnte, wagte
+ich es ohne Bedenken, da kein Mensch in der Nähe war. Eine große
+Steineiche ragte gerade dort von innen über die Mauer. Da stieg ich
+hastig hinauf und ergriff den niedrigen Ast, mich in der Schwebe zu
+halten.
+
+Ich hätte es mir nicht besser aussuchen können; denn kaum hundert
+Schritte von mir entfernt sah ich auf einem verbrannten Rasenplatz,
+der aber jetzt im Schatten lag, zwei junge Mädchen, die Federball
+spielten und nicht ahnten, daß sie belauscht wurden. Die eine trug
+ein weißes Kleid und den großen Strohhut, den ich gestern schon
+gesehen hatte. Sie war nicht groß, nicht klein, schlank aufgewachsen
+wie ein Mandelbäumchen, dabei von einer raschen Anmut wie ein junger
+Vogel, daß ich ähnliches nie gesehen zu haben meinte. Die schwarzen
+Haare fielen ihr während des lebhaften Spiels frei um die Schultern,
+das Gesichtchen war blaß, nur Zähne und Augen leuchteten, und dann und
+wann lachte sie hell auf, wenn ein ungeschickter Wurf geschehen war;
+dann klopfte mir jedesmal heftig das Herz, und die Hecke unter meinen
+Füßen zitterte. Ihre Gespielin war fast gleich gekleidet, nur minder
+zierlich, und schien von geringerem Stande. Ich sah sie kaum, da ich
+genug zu tun hatte, allen Bewegungen der reizenden Gestalt zu folgen.
+Wie sie den Arm hob, um den Ball zu schlagen, wie sie mit
+scharfgespannten Augen fest in die Höhe sah, um den niedersausenden zu
+erwarten, ihr Jubel, wenn ihr ein Wurf hoch im Bogen geglückt war, ihr
+Kopfschütteln bei einem Fehlschlag--jede Gebärde ein Bild der
+reizendsten Jugendkraft und Lebensfülle! Ich fühlte deutlich, daß es
+um mich geschehen war, und gab mich, zum ersten Male in meinem Leben,
+einem Gefühle hin, das mich ganz und gar überstürzte und verschlang.
+
+Mitten in dieser Hingerissenheit überlegte ich eben, wie ich es
+anfangen sollte, mich ihr zu nähern, ohne sie zu erschrecken, als mir
+der Zufall--nein, mein guter Stern zu Hilfe kam. Der Federball, den
+sie hoch in die Luft geschlagen, überflog den Wipfel der alten
+Steineiche, unter dem ich verborgen stand, und fuhr noch weit ins
+benachbarte Feld hinüber. Sie sah ihm ängstlich nach--ich weiß nicht,
+ob sie mich sogleich erblickte. Als ich aber eilig herabgesprungen
+und mit dem glücklich geretteten wieder über die Mauer aufgetaucht war,
+sah ich ihre schwarzen Augen erstaunt, aber nicht unwillig, nach der
+Stelle gerichtet, wo ich Posto gefaßt hatte. Die andere tat einen
+leichten Schrei, lief zu ihr hin und sprach hastig allerlei, was ich
+nicht hören konnte. Aber an ihren Gebärden merkte ich, daß sie ihr
+zur Flucht ins Haus zuredete. Das schöne Wesen schien nicht auf sie
+zu hören, sondern ruhig abzuwarten, wann es dem Fremden belieben würde,
+den Fund zurückzuerstatten. Als ich zögerte, immer im Anschauen
+versunken, nahmen ihre Augen einen vornehm trotzigen Ausdruck an, sie
+warf die Locken zurück und wollte sich eben mit einer kalten Miene von
+mir abwenden, als ich den Federball in die Höhe hob und sie mit einer
+raschen Gebärde noch zu warten bat. Dann nahm ich ein goldenes
+Medaillon in Herzform, das Haare meiner Schwester enthielt, mit dem
+Samtband, an dem ich es trug, vom Hals, befestigte es sorgfältig an
+das buntbefiederte Bällchen und warf es so glücklich hinüber, daß es
+unweit von ihren Füßen auf den hellen Kies des Gartens niederfiel.
+
+Sie tat, mit der stolzesten Haltung von der Welt, einige Schritte mir
+entgegen, hob den Federball auf und warf mir, als sie das Medaillon
+bemerkte, einen raschen leuchtenden Blick zu, der mir bis ins Mark
+drang. Ihre Gespielin kam herzu und schien sie etwas zu fragen. Aber
+sie antwortete nicht, schob den Federball samt dem goldenen Anhängsel
+in die Tasche und bewegte darin, mit einer unnachahmlichen Hoheit, die
+Rakette, die sie in der Hand hatte, gegen mich, wie sich eine Fürstin
+für eine Huldigung bedankt. Dann wandte sie sich und ging mit
+langsamen Schritten, ohne noch einmal nach mir umzublicken, dem Hause
+zu.
+
+Ich hatte nun freilich da oben nichts mehr zu suchen, und heute noch
+einen Versuch zu wagen, schien mir zu kühn. Was konnt' ich auch für
+jetzt mehr gewinnen? Sie hatte mich offenbar wiedererkannt. Mein
+neues Auftauchen mußte ihr sagen, wie ich es meinte; mein Herz hatte
+ich ihr zu Füßen geworfen, sie hatte es aufgehoben und es ruhte jetzt
+in ihrer Hand. Sollte ich ihr nicht Zeit lassen, sich zu besinnen?
+Ich war auch in einem Fieberzustand, daß ich irre geredet hätte, wenn
+ich ihr jetzt begegnet wäre.
+
+Auch diese Nacht schlief ich wenig, aber ich habe nie in größeren
+Freuden aufgesessen und die Stunden schlagen hören. Als es dann
+wieder Tag geworden war, ging ich, sobald nur geöffnet wurde, in die
+Galerie und setzte mich der heiligen Cäcilia gegenüber, wohl zwei
+Stunden lang. Da prüfte ich mein Inneres wie vor einem reinen Spiegel.
+Ich empfand, daß mich kein Spuk der Sinne verwirrte, daß der Funken,
+der mir ins Herz gefallen war, wirklich vom himmlischen Feuer stammte.
+Dieser Morgen war wundervoll. Alles noch Ahnung und Vorgefühl, und
+doch ein überschwengliches Entzücken, als säße sie dicht neben mir und
+ich fühlte ihr Herz an meinem schlagen. Die Heilige mit ihrem stillen
+Emporblicken konnte den Himmel nicht offener sehen.
+
+Wieder ließ ich die Zeit der Siesta vergehen, ehe ich meine Wanderung
+nach der Villa antrat. Aber diesmal begnügte ich mich nicht, durchs
+Gitter zu sehen; ich zog herzhaft an der Glocke und erschrak nicht
+einmal, als sie einen endlosen Lärm machte. Das Hündchen kam zornig
+auf den Balkon gelaufen, unten im Hause öffnete sich ein
+Seitenpförtchen neben der hohen Glastüre, und ein kleiner Mann, dessen
+gutmütiges Gesicht durch einen mächtigen grauen Knebelbart einen
+lächerlich martialischen Anstrich bekam, schritt in sichtbarer
+Verwunderung über den unerwarteten Besuch auf das Gitter zu. Ich
+sagte das Sprüchlein, das ich mir eingeübt, ohne Stocken, daß ich ein
+Fremder sei, ein Reisebuch über Italien im Werk habe und auch die
+Landhäuser um Bologna mit aufzunehmen denke. Es sei mir darum sehr
+wichtig, die Erlaubnis zu erhalten, auch hier nur einen raschen
+Umblick zu tun, da dieses Haus im alten Stil erbaut und in vieler
+Hinsicht merkwürdig sei.
+
+Der Graubart schien von alledem nicht viel zu verstehen. Es tut mir
+leid, sagte er, aber ich darf den Herrn durchaus nicht einlassen. Die
+Villa gehört dem General Alessandro P., unter dem ich selbst gedient
+habe, und die Schweiz, wo der Herr herstammt, kenne ich wohl, denn da
+bin ich selbst durchgekommen unter dem Bonaparte. Hernach, wie alles
+zu Ende war und ich mit meinen Wunden zu schaffen hatte, kommandierte
+mich mein General auf diesen Ruheposten, und da er noch einmal
+heiratete, gab er mir seine Tochter hier aufzuheben, denn der Herr
+weiß wohl, wie es geht, wenn die junge Tochter schöner ist als die
+junge Mutter. Nun, da leben wir hier ganz friedlich, und der
+Signorina fehlt es auch an nichts, denn der Papa schickt ihr fast jede
+Woche irgend was Hübsches, und Lehrer im Singen und in den Sprachen
+hat sie auch die besten und an meiner eigenen Tochter eine
+Gesellschaft, wie sie sie nur wünschen kann. Nur in die Stadt kommt
+sie nicht, und die Mutter fragt nichts nach ihr, und das macht ihr
+auch weiter keinen Kummer, da der Vater doch alle Monat einmal sie
+besuchen darf. Aber jedesmal, wenn er kommt, schärft er mir wieder
+ein, daß ich das Kind hüten soll wie meinen Augapfel, und sonntags,
+wenn sie in die Messe geht, gehn Nina und ich selbst mit ihr und
+lassen kein Auge von ihr. Was wollt Ihr auch in dem alten Hause sehn?
+Ich versichere Euch, es ist wie hundert andere, und auch im Garten
+wächst nichts Besonderes. Das fehlte noch, daß Ihr in einem Buch von
+uns erzähltet; da würde es Händel setzen mit meinem Herrn, und am Ende
+jagte er mich, so alt ich bin, aus dem Dienst.
+
+Ich suchte ihn nach Möglichkeit zu beruhigen, aber mehr als alle guten
+Worte wirkte ein Goldstück, das ich ihm durchs Gitter in die Hand
+drückte.--Ich sehe, Ihr seid ein honetter junger Mann, sagte er, und
+werdet einen alten Soldaten nicht unglücklich machen. Wenn Ihr so
+hitzig darauf besteht, so kommt und ich führe Euch herum, daß Ihr Eure
+Neugier büßt. Auch kann ich es um so eher, da die Signorina gerade
+Singstunde hat; so wird sie also gar nichts davon erfahren, daß ich
+einen Fremden eingelassen habe.
+
+Er schloß mir mit einem schweren Schlüssel die Gittertür auf und
+führte mich ins Haus. Im Erdgeschoß war ein großer kühler Saal, mit
+Jalousien und schweren Vorhängen gegen die Sonne verwahrt. Ich bat,
+meiner Rolle getreu, ein Fenster zu öffnen, um die Bilder betrachten
+zu können, die an den Wänden hingen. Es waren Familienporträts von
+geringem Wert, nur eins, über dem Kamin, fesselte mich länger. Das
+ist die Mutter unserer Signorina, sagte der Alte; ich meine die rechte,
+die nun schon fünfzehn Jahr tot ist. Sie war eine schöne Frau, man
+nannte sie die schöne Heilige; die Tochter gleicht ihr sehr, nur daß
+sie lustiger ist und wie ein Vogel im Bauer beständig auf und ab
+springt.
+
+Sie hat auch eine Vogelkehle, warf ich scheinbar gleichgültig hin.
+Ist sie das nicht, die da über uns singt?
+
+Jawohl, sagte der Alte. Der Kapellmeister von unserem Theater kommt
+zweimal die Woche. Wenn darin der Papa (il babbo, sagte er) seinen
+Besuchstag hat--er bleibt dann immer viele Stunden--, singt sie ihm
+ihre neuen Arien, und dann ist der arme Herr wie im Paradiese. Er hat
+sonst auch wenig Freude, und ohne das Kind wäre ihm wohl besser in
+einer anderen Welt.
+
+Was ist mit ihm? fragte ich. Ist er krank?
+
+Wie man's nimmt, lieber Herr, sagte der Alte mit Achselzucken. Ich
+wenigstens wäre lieber tot, als so lebendig. Wer ihn gekannt hat, als
+er noch bei der Armee war--der Riese des Giovanni da Bologna auf dem
+Markt sieht nicht vornehmer und ritterlicher in die Welt, als mein
+General tat. Und jetzt--es ist herzbrechend. Den ganzen Tag sitzt er
+im Lehnstuhl am Fenster, schneidet Bilderbogen aus oder spielt Domino,
+und es ist, als hörte und sähe er nichts, und wenn seine Frau ihm
+etwas sagt, schielt er sie ganz schüchtern an und nickt ja zu allem.
+Nur was die Signorina angeht, da ist er noch ganz der alte, da darf
+ihn niemand hinters Licht führen wollen, oder er erfährt, daß der alte
+Löwe Tatzen hat, wenn ihm auch die Klauen beschnitten sind.
+
+Und wie ist er in diesen Zustand gekommen?
+
+Niemand weiß es, Herr. Es sind Dinge in dem Hause vorgefallen, von
+denen man nur gemunkelt hat. Ich meine immer, es muß ihm einmal von
+dem Weibe, will sagen Ihrer Exzellenz der jungen Frau Generalin, ein
+Schlag aufs Herz geschehen sein, von dem er sich nicht wieder ganz hat
+erholen können. Nun trägt er den Packen, den er sich selbst
+aufgeladen hat, wie ein alter standhafter Soldat Hunger und Durst
+erträgt, wenn er auch darüber zum Schatten einschrumpft. Ja, ja, das
+sind Geschichten!
+
+Indessen stiegen wir die Treppe hinauf und kamen dem Gesang immer
+näher. Die Stimme hatte etwas Herbes, Ungeschmeidiges; ein hoher,
+jugendlicher Sopran, fast knabenhaft, und es schien, als singe sie nur,
+weil sie etwas auf dem Herzen habe, durchaus unbekümmert um ihren
+eigenen Wohllaut.
+
+Wie heißt die Signorina? fragte ich, als wir oben waren.
+
+Beatrice. Wir im Haus nennen sie Bicetta. O welch ein goldenes Herz!
+Meine Nina sagt oft: Vater, sagt sie, wenn sie warten soll, bis sie
+einen Mann findet, der sie wert ist, wird sie eine Jungfer bleiben.
+Seht, Herr, da ist ihr kleines Zimmer. Da liegen ihre Bücher; sie
+liest oft die halbe Nacht, sagt Nina, und in allen Sprachen. Da
+nebenan ist die Kammer, wo sie beide schlafen. Das Bild über ihrem
+Bett stellt meinen armen Herrn vor in der Generalsuniform, wie er uns
+in die Schlacht führt. Da hinten der Kleine, der die Muskete schwingt,
+das soll ich sein, sagt die Signorina. Sie hat ihm selbst erst den
+Schnurrbart gemalt, um es ähnlicher zu machen. Aber kommen Sie nur,
+hier ist nichts Merkwürdiges. Die Möbel sind alt, sehen Sie. Der
+General hat schon einmal neue herausschicken wollen, aber das Kind
+will es nicht leiden. Denn so sah hier alles aus, als die Selige hier
+ihren ersten Sommer als junge Frau zubrachte. Da auf dem Balkon saß
+sie immer in der Abendkühle und schaukelte die Wiege und sah nach der
+Stadt hinüber, ob ihr Gemahl noch nicht bald komme, wenn er Geschäfte
+hatte.
+
+Ich trat hinaus und bückte mich in wundersamer Bewegung, um das
+Hündchen zu streicheln, das mir wedelnd die Hand leckte. Jedes Wort
+des braven Alten war ein Tropfen Öl in mein Feuer. Und dann die
+Stimme nebenan, deren Hauch die Flamme hoch und höher anfachte!-Um
+mich nicht zu verraten, sprach ich allerlei über den Stil, in welchem
+der Park angelegt war, über den Mosaiktisch, der mitten in dem großen
+Zimmer stand, und das verblichene Freskobild am Plafond. Ich konnte
+mich nicht entschließen, wieder auf den Flur hinauszugehen, obwohl
+mein Führer ungeduldig zu werden schien. Plötzlich brach nebenan der
+Gesang ab, im nächsten Augenblick flog die Tür auf, und sie selbst
+stand, das Notenblatt in der Hand, an der Schwelle.
+
+So nah hatte ich sie noch nicht gesehn. Aber dennoch sah ich sie
+nicht viel deutlicher als an den vorigen Tagen, denn es schwamm mir
+vor den Augen. Nur hatte ich gleich auf den ersten Blick erkannt, daß
+sie mein Medaillon am Halse trug.
+
+Der Alte war einen Schritt zurückgefahren und stammelte jetzt eine
+linkische Entschuldigung, wobei er mich verstohlen am Rock zupfte.
+
+Es tut nichts, Fabio, sagte sie. Führe den Herrn nur herum, wenn er
+das Haus sehen will und den Garten. Geh mit, Nina, wandte sie sich an
+ihre Freundin, die auf einem niedrigen Sessel neben dem Klavier mit
+einer Stickerei saß; und höre, ich will dir noch etwas sagen.
+
+Sie flüsterte ihr ein Wort ins Ohr, immer dabei den Blick auf mich
+geheftet, und verneigte sich dann mit der reizendsten Anmut gegen mich,
+der ich kein Wort vorbringen konnte. Dabei legte sie wie
+unwillkürlich die rechte Hand auf das Medaillon und wandte sich dann
+wieder zu ihrem Lehrer, der dem ganzen Intermezzo mit neugierigen
+Augen zugesehen hatte.
+
+Auch schien die Stunde ruhig ihren Fortgang zu nehmen, während wir
+drei, die Tochter des Alten voran, die Treppe hinunterstiegen. Das
+Mädchen musterte mich nachdenklich bei jeder Wendung der Stufen von
+neuem, sprach aber kein Wort. Erst als wir im Garten waren, wandte
+sie sich zu ihrem Vater.
+
+Ich soll dem Herrn zwei Orangen pflücken, hat Bicetta mir aufgetragen.
+Er werde durstig sein von dem weiten Gang. Wir wollen bei der
+Fontäne vorübergehen, da stehen die reifsten.
+
+Ich folgte den beiden wie im Traum und sah nach dem Hause zurück, nach
+dem Fenster, aus dem ihre Stimme noch immer herabklang. Die Jalousie
+war halb aufgezogen, da konnte ich sie im Halbschatten stehen sehen
+und glaubte deutlich zu erkennen, daß sie uns nachsah. Nina sah auch
+hinauf und dann wieder auf mich. Mir war es nicht darum zu tun, mich
+vor ihr zu verstecken; am liebsten hätte ich ihr mein ganzes Herz
+offenbart. Aber da der Vater dabei war, konnte ich ihr nur zuletzt,
+als wir am Gitter anlangten und sie mir die Orangen gab, zuflüstern:
+Grüße sie und sag ihr, sie würde von mir hören. Und diese eine Frucht
+gib ihr, und wenn sie sie ißt--Da kam der Alte dazwischen, der mich
+minder freundlich verabschiedete, als er mich eingelassen hatte. Ich
+wiederholte mein Versprechen, zu schweigen. Aber er schien einen
+anderen Argwohn zu haben, und sein ehrliches Gesicht blieb verfinstert.
+
+Die Nacht brachte ich damit zu, einen langen Brief an sie zu schreiben,
+in dem ich ihr meinen ganzen Zustand schilderte und mein Wohl und
+Wehe in ihre Hände gab. Wenn mir dann und wann der Schritt, den ich
+wagte, mitten in der unsinnigsten Leidenschaft allzu abenteuerlich
+vorkam, nahm ich die Orange, die neben dem Blatt auf meinem
+Schreibtisch lag, und drückte sie gegen die Lippen, schloß dabei die
+Augen und dachte an sie, wie sie sich auf der Schwelle mit jenem
+langen holdseligen Blick verneigt und die Hand an das goldene Herz
+gelegt hatte.
+
+Hernach schlief ich sehr ruhig und bis in den hellen Tag hinein, ließ
+aber wieder den Mittag vorübergehen, eh ich als mein eigener Briefbote
+den entscheidenden Gang antrat. Das Glück wollte mir wohl. Ich hatte
+mir eine lange eindringliche Rede ausgedacht, mit der ich den Alten
+gewinnen wollte, wenn er Anstand nähme, meinen Brief zu besorgen.
+Aber statt seiner kam, als ich läutete, Nina ans Gitter; da konnt' ich
+die vielen Worte sparen. Das kluge Kind schien durchaus nicht
+überrascht, mich wiederzusehen. Auch nahm sie den Brief unbedenklich
+an. Aber auf meine Frage, ob sie glaube, daß die Signorina mir
+antworten würde, machte sie eine diplomatische Miene und sagte: Wer
+kann es wissen?--Ich würde jedenfalls am anderen Tage wiederkommen,
+sagt' ich, genau zu derselben Zeit, und bäte sie, mich hier am Gitter
+zu erwarten, daß ich nicht anzuläuten und ihren Vater ins Geheimnis zu
+ziehen brauchte.
+
+Der Vater? sagte sie und lachte. Den fürchten wir nicht. Er tut
+immer, als wäre er ein Menschenfresser, und Bicetta braucht ihn nur
+anzusehn, so ist er um den Finger zu wickeln. Aber kommt morgen
+lieber eine Stunde später. Wir haben Zeichenstunde und können
+Euretwegen den Professor doch nicht wegschicken. Wollt Ihr?
+
+Eine Kutsche rollte auf der Landstraße heran, ich hatte nur Zeit, der
+Kleinen noch ein Ja zuzurufen, dann war sie mir schon entschlüpft, und
+ich selbst floh rasch die Mauer entlang, um nicht hier am Gitter
+betroffen zu werden. Der Wagen hielt richtig am Portal, mein alter
+graubärtiger Freund, der Hausverwalter, sprang vom Sitz neben dem
+Kutscher herab und half einem hochgewachsenen schlohweißen alten Herrn
+aus dem Wagen, in dem ich sogleich, an Augen, Stirn und Nase,
+Beatrices Vater erkannte. Er ging etwas gebückt und mit trippelnden
+Schritten, sich die Hände reibend und über das ganze Gesicht lachend.
+Ein Diener hob einen Korb mit Blumen und allerlei eingewickelten
+Sachen aus dem Wagen und trug ihn dem Alten nach. Ich hatte mich so
+an die Mauer gedrückt, daß keiner mich bemerkte. Ich selbst aber
+übersah die ganze Szene. Ehe noch einer geläutet hatte, flog die
+Gitterpforte weit auf, und die schlanke weiße Gestalt der Tochter hing
+sich an den Hals des alten Herrn, der sie mit einer rührenden
+Heftigkeit in seine Arme schloß und dann halb schwebend hineintrug.
+Die anderen folgten. Ich sah mit Neid das Tor hinter ihnen ins Schloß
+fallen.
+
+Wie ich die Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht hinbrachte,
+weiß ich selber nicht. Es war ein beständiges Zwielicht um mich her,
+eine süße Betäubung, eine Schlaftrunkenheit, die mir die Augen
+zudrückte, während es beständig in mir sang und klang wie Flöten und
+Geigen. Denn sonderbar! so wenig zuversichtlich ich von jeher Frauen
+und Mädchen gegenüber mich gefühlt hatte, obwohl ich wußte, daß ich
+für einen schmucken jungen Mann galt, so getrost sah ich diesmal
+meinem Schicksal entgegen, als wäre mir das Herz dieses Mädchens so
+gewiß, wie daß morgen die Sonne aufgehen würde. Nur die Zeit, bis ich
+es von ihren Lippen hören sollte, schien unüberwindlich lang und
+langsam.
+
+Noch muß ich hier eine seltsame Begegnung erwähnen, die ich am anderen
+Tage in einer Kirche hatte. Ich war absichtslos hineingetreten, bloß
+um den Ort meiner Ungeduld zu verändern. Denn weder Bilder noch
+Säulen, noch die Menschen, die vor den Altären knieten, interessierten
+mich nur im geringsten. Ich war so zerstreut, daß ich meinen Schritt
+zu dämpfen vergaß, da doch eben Messe war. Erst ein unwilliges
+Gemurmel eines alten Weibes erinnerte mich, daß ich mich unschicklich
+betrug. Da blieb ich am ersten besten Pfeiler stehen, horchte auf das
+Gesumme der Orgel und das Klingeln des Glöckchens und atmete den
+Weihrauch behaglich ein. Aber wie ich so die Augen mit abwesendem
+Geist über die kniende Menge schweifen lasse--ich selbst als Sohn
+eines strengen Calvinisten enthielt mich natürlich dieses andächtigen
+Brauches--, bemerke ich in einem Seitenstuhl mir gerade gegenüber zwei
+dunkelblaue Augen unter einer weißen, von lichtbraunem Haar
+überhangenen Stirn, die sich unbeweglich auf mich heften und auch
+nicht ihre Richtung ändern, solange die Messe dauerte. Ich gestehe,
+daß mir zu jeder anderen Zeit diese stumme Anrede eine Erwiderung
+abgelockt hätte. An jenem Morgen blieb ich ganz unempfindlich und
+wäre am liebsten fortgegangen, wenn ich nicht eine neue Störung hätte
+vermeiden wollen. Als aber alles sich erhob, sah ich, wie die schöne
+Frau rasch aufstand, den schwarzen Spitzenschleier über den Kopf zog
+und durch den schmalen Gang gerade auf mich zu kam. Sie war tadellos
+gewachsen, ein wenig zu voll, aber von einer Leichtigkeit der
+Bewegungen, die sie noch jugendlich erscheinen ließ. In ihrer weißen
+Hand, die ohne Handschuh den Schleier zusammenhielt, trug sie einen
+kleinen Fächer mit Perlmuttergriff. Den öffnete sie halb und bewegte
+ihn nachlässig, als sie in meine Nähe kam, und sah mir dabei mit einem
+ruhigen, aber vielsagenden Blick voll ins Gesicht. Dann, da ich keine
+Miene machte, als ob ich irgend etwas zu verstehen glaubte, warf sie
+den Kopf ein wenig zurück, lächelte vornehm, daß ihre schönen Zähne
+schimmerten, und rauschte an mir vorbei.
+
+Im nächsten Augenblick schon hatte ich dies Intermezzo vergessen.
+Aber meine Freudigkeit war plötzlich verschwunden. Je näher der Abend
+rückte, je bänger wurde mir der Mut, und in der verabredeten Stunde
+schleppte ich, wie ein schwerer Verbrecher, der vor seinen Richter
+treten soll, meine Schritte nach der Villa hinaus.
+
+Ich erschrak heftig, als ich statt der Nina, die ich am Gitter zu
+treffen dachte, ihren Vater am Portal stehen sah. Aber der Alte,
+obwohl er mürrisch genug aussah, nickte mir doch schon von weitem zu
+und machte ein Zeichen, daß ich nähertreten sollte.
+
+Ihr habt der Signorina einen Brief geschrieben, sagte er, den Kopf
+schüttelnd. Ei, ei, warum habt Ihr das getan? Wenn ich das von Euch
+gedacht hätte, mit meinem Willen hättet Ihr keinen Fuß in das Haus
+gesetzt. Und mein armer Herr, und alles, was ich ihm versprochen habe,
+und was alles noch kommen kann--ich darf gar nicht daran denken!
+
+Tapfrer alter Freund, sagt' ich, es sollte nicht hinter Eurem Rücken
+geschehen. Wärt Ihr gestern zu Haus gewesen, gewiß, ich hätte den
+Brief Euch selbst gegeben und allenfalls hättet Ihr ihn lesen können,
+um zu sehn, daß ich nichts als Ehrenhaftes im Sinn habe. Aber sagt um
+Gottes willen-Kommt, unterbrach er mich. Wir wollen die Zeit nicht
+verderben. Ihr seid ein honetter junger Herr, und übrigens: wie
+sollt' ich alter Tropf es hindern, wenn ich's auch wollte? Sie ist
+die Herrin, glaubt es mir, so jung sie ist. Wenn sie sagt: das will
+ich! so widersteht ihr niemand. Und sie will Euch sehn, sogleich, sie
+will selbst mit Euch sprechen.
+
+Mir taumelten alle Sinne bei diesen Worten. Ich hatte nur auf einen
+Brief gehofft; nun das!
+
+Der Alte schien selbst gerührt, als ich ihm stürmisch die Hand drückte,
+Er führte mich nach dem Hause und wie vorgestern durch die Seitentür
+hinein in den Saal des Erdgeschosses. Nur waren heut alle Läden und
+Vorhänge geöffnet, um das Abendrot einzulassen; zwei Sessel standen
+dem Kamin gegenüber, und von dem einen erhob sich, als wir eintraten,
+die geliebte Gestalt des Mädchens und tat einige Schritte mir entgegen.
+Sie hatte ein Buch in der Hand, in dem ich meinen Brief stecken sah.
+Ihre reichen Haare waren aufgebunden und mit einem schwarzen Samtband
+durchzogen. Auf ihrer Brust sah ich wieder mein Medaillon.
+
+Fabio, sagte sie, mach die Tür nach dem Garten auf und bleib auf der
+Terrasse, für den Fall, daß ich dir etwas aufzutragen hätte.
+
+Der Alte verneigte sich ehrerbietig und tat, was sie ihn geheißen
+hatte. Währenddessen standen wir uns unbeweglich gegenüber, und ich
+konnte vor Herzklopfen kein Wort hervorbringen.
+
+Ihr Blick ruhte mit unerschütterlichem Ernste, halb fragend, halb
+staunend, auf meinen Augen. Endlich schien sie sich gefaßt zu haben
+und klar zu wissen, was ihr noch eben rätselhaft gewesen war. Sie
+reichte mir die Hand, die ich rasch ergriff, aber nicht an meine
+Lippen zu drücken wagte.
+
+Komm, sagte sie, und setz dich. Ich habe dir viel zu sagen. Siehst
+du das Bild? Das ist meine liebe Mutter, die ist lange tot. Als ich
+deinen Brief gelesen hatte, hab' ich mich hierher gesetzt und sie
+gefragt, was ich dir antworten sollte. Dann schien mir's, als ob sie
+zu nichts ihre Zustimmung geben könnte, als zu der Wahrheit. Und die
+Wahrheit ist, daß ich, seit ich dich damals im Wagen gesehn, keinen
+anderen Gedanken gehabt habe als an dich, und daß ich bis an meinen
+Tod nicht aufhören werde, an dich zu denken.
+
+Ich wußte nicht, wie mir geschah, als ich diese schlichten Worte hörte.
+Ich stürzte nieder neben ihrem Sessel, ergriff ihre beiden Hände und
+bedeckte sie mit Küssen und Tränen.
+
+Warum weinst du nun? sagte sie und suchte mich aufzuheben. Bist du
+nicht glücklich? Ich bin es. Ich habe schon viel Schmerzen gehabt,
+aber in diesem Augenblick ist alles ausgelöscht; ich weiß nur, daß du
+bei mir bist und ich bei dir, und daß ich nun nie mehr unglücklich
+werden kann.
+
+Sie stand auf und ich riß mich in die Höhe. Ich wollte sie im Taumel
+des Glücks in die Arme schließen, aber sie trat sanft einen Schritt
+zurück. Nein, Amadeo, sagte sie, das darf nicht sein. Du weißt nun,
+daß ich dein bin und nie eines anderen sein werde. Aber laß uns ruhig
+bleiben. Ich habe alles bedacht in dieser langen Nacht. Du darfst
+nun nicht mehr in dies Haus kommen, ich hab' es dem guten Fabio
+versprochen, daß ich dich heute hier zum ersten und letzten Male sehen
+wollte. Denn wenn du öfter kämest, hätt' ich bald keinen Willen mehr
+als deinen, und ich will meinem Vater keine Schande machen. Höre, du
+mußt zu ihm gehn, du wirst keine Mühe haben, im Hause eingeführt zu
+werden; es gehen ja, fügte sie mit einem Seufzer hinzu, so viele junge
+Leute dort ein und aus, auch Fremde genug. Wenn er dich dann ein
+wenig kennengelernt und Zutrauen zu dir gefaßt hat, dann halte um mich
+an, und du magst ihm auch sagen, daß wir uns kennen und daß ich
+niemand zum Mann haben will als dich. Das andere überlaß nur mir, und
+versprich mir auch, seine Frau nicht ins Vertrauen zu ziehn. Das wäre
+das Allerschlimmste, weil sie mich nicht liebt und es nicht gern sähe,
+wenn ich glücklich würde. Ach, Amadeo, ist es denn möglich, daß du
+mich liebst, ganz so, wie ich dich liebe? War dir's denn auch so an
+jenem ersten Tage, als wenn der Blitz neben dir einschlüge und die
+Erde bebte und Bäume und Büsche umher stünden in Feuer? Ich weiß
+nicht, wie es kam, daß mich der Mutwille trieb, dem Fremden, der unter
+dem Schirme schlief, den Zweig zuzuwerfen. Ich sah nicht einmal dein
+Gesicht; es war eine Kinderei, und sie reute mich fast im selben
+Augenblick. Aber dann zog mich's unwiderstehlich, ich mußte noch
+einmal über die Mauer sehen, und da standst du aufrecht im Wagen und
+grüßtest mich mit den Granatblüten, und da überlief es mich heiß und
+kalt, und seitdem stehst du immer vor mir, was ich auch tue oder lasse!
+
+Ich hatte sie wieder zu den Sesseln geführt und hielt beständig ihre
+Hand, während ich ihr erzählte, wie mir diese Tage vergangen waren.
+Sie sah mich dabei nicht an, so daß ich nur das reizende junge Profil
+vor mir hatte; aber alles war ausdrucksvoll an diesem Gesicht, bis auf
+die seelenvolle Blässe und die zarten, bräunlichen Schatten unter den
+langen Wimpern. Dann schwieg ich auch wieder und fühlte nur in den
+feinen Adern ihres Händchens, das ich in meinen hielt, das rasche Blut
+klopfen. Der alte Fabio sah einmal bescheidentlich herein und fragte:
+ob er Früchte bringen sollte?
+
+Hernach! sagte sie. Oder bist du durstig?
+
+Nach deinen Lippen, flüsterte ich.
+
+Da schüttelte sie wieder den Kopf, und ihre feinen Brauen wurden
+ernsthaft.
+
+Du liebst mich nicht! sagte ich.
+
+Viel zu sehr! erwiderte sie mit einem Seufzer. Dann stand sie auf.
+Wir wollen noch durch den Garten gehen, eh die Sonne ganz hinunter ist.
+Ich will dir Orangen pflücken. Diesmal brauch' ich es nicht der
+Nina aufzutragen.
+
+So gingen wir, und sie hielt meine Hand fest und fragte allerlei, nach
+meiner Heimat, meinen Eltern, und ob das Haar in dem Medaillon mein
+eigenes sei. Als ich sagte, meine Schwester habe mir's gegeben, mußt'
+ich von der erzählen. Ich will sie sehen, sagte sie; sie muß mich
+lieben, denn ich liebe sie schon jetzt. Dann aber können wir dort
+nicht bleiben, weil es mein Vater nicht überlebte, sich von mir zu
+trennen. Er hat keine Freude außer mir. Nicht wahr, du kehrst dann
+wieder mit mir nach Bologna zurück?
+
+Ich versprach, was sie nur verlangte. Was wäre mir auch unmöglich
+erschienen, seit sich dieses Wunder begeben und das holde Gesicht mich
+mit Liebesaugen ansah!--Nun wurde sie immer heiterer, wir lachten
+endlich zusammen wie die Kinder und warfen uns mit den Orangen, die
+sie von den Bäumen am Glashause gebrochen hatte. Komm, sagte sie, wir
+wollen Federball spielen. Nina soll mitspielen, obwohl ich fast
+eifersüchtig werden möchte, denn sie spricht nur von dir. Sieh, wie
+sie sich beiseite schleicht, weil sie glaubt, sie störe uns. Was
+haben wir uns zu sagen, das nicht die ganze Welt und Himmel und Erde
+hören könnten?
+
+Sie rief nach ihrer Gespielin, und das gute Kind kam mit glühendem
+Gesicht heran, gab mir die Hand und sagte: Ich hoffe, Ihr verdient
+Euch Euer Glück. Niemand als Euch hätte ich sie gegönnt. Aber wenn
+Ihr sie nicht glücklich macht, Herr Amadeo--wehe Euch!
+
+Sie begleitete ihre Drohung mit einer so lebhaften tragischen Gebärde,
+daß wir beide lachen mußten, und sie selbst lachte mit. Auf dem
+Rasenplatz, wo ich die Mädchen damals belauscht hatte, ließen wir nun
+zu dreien den bunten Federball fliegen und waren bald so fortgerissen
+von unserem Spiel, als hätten wir gar keine wichtigeren
+Angelegenheiten und nicht vor einer halben Stunde über unser
+Lebensglück entschieden.
+
+Papa Fabio ließ sich nicht blicken. Als die Schatten dichter wurden,
+begleiteten mich die beiden Mädchen ans Gitter. Ich ward ohne einen
+Kuß des lieblichsten, geliebtesten Mundes hinausgeschoben und haschte
+nur noch durch die Eisenstäbe ihre Hand, um eine Minute lang meine
+Lippen darauf ruhen zu lassen.
+
+Welch ein Abend und welch eine Nacht! Die Leute in meinem Gasthof
+mochten denken, daß ich nicht recht gescheit oder ein Engländer sei,
+was ihnen ziemlich das Gleiche bedeutet. Ich kam mit einem großen
+Korbe frischer Blumen nach Hause, den mir die Verkäuferin nachtrug;
+die verstreute ich oben in meinem Zimmer, bestellte mir Wein und warf
+einem Geiger, der auf der Straße spielte, einen blanken
+Fünffrankentaler hinunter. Dann schlief ich bei offenen Fenstern in
+der gelinden Nachtkühle und entsinne mich noch deutlich, wie es mir
+vorkam, als fühlte ich das Schüttern und Schwingen des Erdballs bei
+meiner Reise durch den Sternenhimmel in meinem Herzschlag nachzittern.
+
+Erst am folgenden Morgen besann ich mich, daß noch manches zu
+überwinden war, bis ich besitzen durfte, was mein war. Wie sollte ich
+in das Haus ihres Vaters kommen? Und würde er ebenso rasch Zutrauen
+zu mir fassen wie seine Tochter? Indem ich eben unter den Arkaden
+schlendernd darüber nachsann, kam mir wieder mein Glück zu Hilfe.
+Jener Geschäftsfreund begegnete mir, den ich am zweiten Tage
+aufgesucht, und staunte nicht wenig, mich noch hier zu finden. Ich
+schützte vor, daß ich Briefe meines Schwagers abwarten müsse. Der
+Plan sei aufgetaucht, in Italien eine Kommandite unseres Hauses zu
+gründen, und es sei dabei zunächst von Bologna die Rede gewesen.
+Jedenfalls müsse ich nun meinen Aufenthalt ins Unbestimmte verlängern
+und Bekanntschaften machen. Dabei nannte ich neben anderen Namen
+angesehener Familien das Haus des Generals. Unser Geschäftsfreund
+kannte ihn nicht selbst. Aber ein junger Geistlicher, sein Vetter,
+gehe dort ein und aus und werde mich gern einführen. Ich möge mich
+nur vor den gefährlichen Augen der schönen Frau in acht nehmen; denn
+obwohl sie nicht in dem Rufe stehe grausam zu sein, so würde ich doch
+gerade jetzt meine Zeit sehr fruchtlos verschwenden, da ein junger
+Graf ihr erklärter Galan sei und nicht geneigt scheine, so bald einem
+neuen Prätendenten Platz zu machen.
+
+Ich stimmte in diesen Ton mit ein, so gut ich konnte, und wir
+verabredeten das Nähere. Schon am Abend dieses Tages traf ich mit dem
+jungen Geistlichen in einem Café zusammen und ließ mich nach dem Hause
+führen, das in einer stillen Straße lag; ein Palazzo, äußerlich ganz
+unscheinbar, im Innern mit großem Luxus ausgestattet. Über schwere
+Teppiche traten wir in das Zimmer, wo man allabendlich einen kleinen
+Kreis von Habitués empfing, Prälaten von jedem Rang, Militärs, einige
+alte Patrizier, immer nur Männer. Mein junger Abbate konnte nicht
+genug sagen, welch ein Glück es sei, in diesem Hause Zutritt zu haben.
+Welch eine Frau! seufzte er. Er schien die Hoffnung zu hegen, daß
+auch an ihn noch einmal die Reihe kommen würde.
+
+Als ich eintrat, fiel mein erster Blick auf den alten General, der in
+einem Lehnstuhl saß, einem alten Kanonikus gegenüber, zwischen ihnen
+ein Marmortischchen, auf dem die Dominosteine klapperten. Auf einem
+Taburett neben ihm lagen Bilderbögen und Soldatenfiguren, und die
+Schere, mit der er sie auszuschneiden pflegte, wenn gerade niemand da
+war, der eine Partie mit ihm machen wollte. Eine Lampe hing über ihm
+von der Decke herab, und von neuem überraschte mich in der scharfen
+Beleuchtung die Ähnlichkeit mit meiner Beatrice. Mein Begleiter ließ
+mich nicht lange bei ihm verweilen. Nach den ersten höflichen Worten
+meinerseits, die der Greis mit einem kindlich gutmütigen Lächeln und
+einem Händedruck erwiderte, mußte ich in ein kleines Kabinett nebenan
+treten, wo die Frau vom Hause auf einem Diwan lag, ein langer,
+geckenhaft geputzter junger Mann ihr gegenüber auf einem Schaukelstuhl,
+beide, wie es schien, von ihrem Tête-à-tête ein wenig gelangweilt.
+Er blätterte in einem Album, das er auf dem Schoß hatte, die schöne
+Frau stickte ein buntes Kissen und streichelte dann und wann mit der
+Spitze ihres kleinen brokatnen Pantoffels das Fell einer großen
+Angorakatze, die schlafend zu ihren Füßen auf dem Polster lag. Bei
+dem gedämpften Schein der Wandleuchter, die aus unzähligen
+Spiegelgläsern zurückstrahlten, sah ich nicht sogleich, daß ich die
+Schöne von der Frühmesse vor mir hatte, obwohl der kleine Fächer mit
+dem Perlmuttergriff auf einem Seitentischchen lag. Sie aber mußte
+mich auf den ersten Blick erkannt haben. Sie fuhr so hastig in die
+Höhe, daß ihr der Kamm aus den vollen Haaren fiel und sie aufgelöst
+über den Nacken rollten. Die Katze wachte auf und schnurrte mich an,
+der lange junge Mensch warf mir einen stechenden Blick zu, und ich
+selbst war, als ich sie erkannte, von der Überraschung so betroffen,
+daß ich es der Zungenfertigkeit meines kleinen Begleiters Dank wußte,
+als er mich nicht zu Worte kommen ließ. Auch sie sprach lange nichts,
+sondern sah mich nur wieder mit demselben unverwandten Blick an, der
+mir schon in der Kirche unheimlich gewesen war. Erst als sie die
+steinerne Unhöflichkeit bemerkte, mit der der Graf meine Anwesenheit
+völlig zu übersehen sich bemühte, belebte sich ihr Gesicht. Sie lud
+mich mit einer leisen schmeichelnden Stimme, die das jugendlichste an
+ihr war, ein, auf dem Sofa neben ihr Platz zu nehmen, nachdem sie die
+Katze verjagt hatte. Ihr könnt indessen die Noten durchsehen, Graf,
+die ich heute aus Florenz bekommen habe. Ich will hernach singen und
+Ihr sollt mich begleiten.
+
+Der junge Löwe wollte ein wenig murren, aber ein fester Blick aus den
+blauen Augen bändigte ihn. Wir hörten bald, wie er im Saale nebenan
+Akkorde auf dem Flügel griff. Währenddessen mußte sich der kleine
+Abbate mit dem Aufschneiden neuer französischer Romane beschäftigen,
+und ich blieb allein übrig, der Gebieterin den Hof zu machen. Gott
+weiß, wie ich jeden der beiden andern, am meisten aber den Kanonikus
+drinnen am Dominotisch beneidete! Vom ersten Wort, das ich mit dieser
+Frau wechselte, fühlte ich eine feindselige Regung in mir, die sich
+nur verstärkte, je sichtbarer sie mir entgegenkam. Ich mußte all
+meine Klugheit aufbieten, um nur den Schein der Artigkeit zu wahren
+und wirklich auf das zu hören, was sie sagte; denn meine Gedanken
+waren draußen in dem Gartensaale, und durch alles gewandte, glatte
+Geplauder hindurch hörte ich die sanfte Stimme meiner Geliebten und
+sah ihre ernsten Augen traurig auf mich geheftet.
+
+Aber trotz meiner Geistes- und Herzensabwesenheit schien die schöne
+Frau nicht unzufrieden mit diesem ersten Gespräch. Sie mochte meinem
+beklommenen Wesen ganz andere Gründe unterschieben, und die Tatsache,
+daß ich überhaupt mich hatte bei ihr einführen lassen, deutete sie
+jedenfalls zu ihren Gunsten. Sie lobte mein Italienisch, nur habe es
+einen piemontesischen Anflug, den ich nicht besser verlieren könne,
+als wenn ich oft käme, jeden freien Abend, ihr Haus ganz wie das meine
+betrachtete. Sie selbst habe traurige Pflichten zu erfüllen, seufzte
+sie, mit einem Blick auf das Zimmer nebenan, von wo man eben das
+gutmütige Lachen des alten Herrn über eine gewonnene Partie hörte.
+Ihr Leben beginne erst in diesen Abendstunden. Ich sei freilich jung,
+und die Unterhaltung einer melancholischen, früh schon ernst
+gewordenen Frau könne kaum einen Reiz für mich haben. Aber eine
+aufrichtige Freundschaft, wie ich sie hier fände, sei wohl ein Opfer
+wert. Ich gliche einem ihrer Brüder, den sie sehr geliebt und früh
+verloren habe. Das sei ihr schon in der Kirche aufgefallen, und darum
+danke sie mir so innig, daß ich ihr Haus betreten.
+
+Sie schlug mit einer sehr fein gespielten Verwirrung die Augen nieder.
+Dabei reichte sie mir lächelnd die Hand, die ich flüchtig an meine
+Lippen drückte. Auf gute Freundschaft! sagte sie halblaut. Zum Glück
+überhob mich das Eintreten neuer Besucher einer Antwort, die nicht von
+Herzen gekommen wäre. Es waren einige Geistliche, vollendete
+Weltmänner, die mich sogleich wie einen alten Bekannten behandelten.
+Auch der Graf trat wieder herein und flüsterte ihr einige Worte zu.
+Man erhob sich und ging in den Saal, wo der Flügel stand. Nun sang
+sie die neuen Sachen durch, während ihr Cicisbeo akkompagnierte. Ihre
+schöne Stimme erging sich in den glänzendsten Läufen und Trillern, und
+zwischendurch bemerkte ich wohl, wie sie nach der dunklen Ecke
+hinübersah, wo ich an der Wand lehnte und mechanisch, sobald eine Arie
+zu Ende war, in den allgemeinen Applaus einstimmte. Ich dachte
+beständig an die andere Stimme, die ich draußen in der Villa gehört
+hatte.
+
+Diener in Livree traten leise herein und trugen auf silbernen
+Brettchen Sorbett und Gefrornes. Der Gesang hörte auf, man plauderte
+und lachte; der General erschien, auf seinen Stock gestützt, erzählte
+vergnügt, daß er sechs Partien hintereinander gewonnen habe, und
+fragte mich, ob ich auch spiele. Als ich es bejahte, lud er mich auf
+morgen ein, seinen Gegner zu machen, und rief darin dem Kammerdiener,
+da seine Schlafenszeit gekommen sei. Das war das Signal zum Aufbruch.
+Ich erhielt noch ein bedeutsames Lächeln von der Frau vom Hause und
+eilte, den Saal früher als die andern zu verlassen, da ich danach
+schmachtete, in der Einsamkeit die widrigen Empfindungen, die mich
+hier bestürmt, von mir abzuschütteln.
+
+Ich wurde sie aber nicht eher los, als bis ich am anderen Tag, wieder
+um die Dämmerung, nach der Villa hinauswanderte. Ich wußte wohl, daß
+mir der Eintritt verboten war; ich wollte auch nur durch das Gittertor
+hineinspähen, ob ich nicht einen Streifen ihres Kleides oder das Band
+ihres Strohhutes erblicken könnte. Da stand sie selbst auf dem Balkon,
+allein und den Blick der Straße zugekehrt, als hätte sie mich
+erwartet. Eine Weile begnügten wir uns, mit Augen und Händen uns
+zuzuwinken. Dann machte sie mir ein Zeichen, daß sie herunterkommen
+wolle, und gleich darauf trat sie aus der kleinen Tür und kam auf mich
+zu, das Gesicht dunkelglühend von Freude und Liebe. Sie reichte mir
+die Hand hinaus. Als ich fragte, ob ich wirklich draußen bleiben
+müsse, nickte sie ernsthaft und sagte, die Hand aufs Herz legend: Du
+bist darum doch hier drinnen!--Dann vertieften wir uns lange in ein
+kindisches süßes Liebesgeschwätz, bis ich ihr erzählte, daß ich
+gestern bei ihren Eltern gewesen war. Als ich ein herzliches Wort
+über ihren armen Vater sagte, ergriff sie rasch meine Hand und küßte
+sie, eh' ich es wehren konnte. Von der Mutter und all ihrem Unwesen
+sagte ich kein Wort; sie verstand mein Schweigen wohl. Geh nur wieder
+hin, sagte sie, und tu ihm alles zuliebe, was du kannst. Es kann
+nicht fehlen, daß er dich lieb gewinnt. Dann hielt sie mir, als ich
+sie um einen Kuß bat, die Wange dicht ans Gitter und entriß sich mir
+eilig, als sie Reiter heransprengen hörte. Ich mußte fort, alle
+ungestillte Sehnsucht im Herzen. Ich gestehe, daß mich damals zuerst
+Zweifel über die Wärme ihres Gefühls für mich beschlichen. Ich wußte
+wohl, wie streng im allgemeinen die Mädchen in Italien sich selbst im
+Zaum halten, um hernach als Frauen sich oft um so zügelloser
+gehenzulassen. Aber nicht einmal durch das Gitter hindurch mir den
+Mund zu gönnen! Dann dacht' ich wieder an alles, was sie mir gesagt
+hatte, und ihren Blick dabei, und war getröstet.
+
+Natürlich stellte ich mich am Abend pünktlich bei meinem alten General
+ein, der mich sogleich an das Spieltischchen kommandierte. Es kamen
+heut weniger Besucher als gestern. Der alte Kanonikus saß in der
+Fensternische und schlief mit lautem Schnarchen, da ich ihn beim
+Domino ablöste. Diesmal hatte sich die Frau nicht in ihr Kabinett
+zurückgezogen, sondern saß auf einem Kanapee unweit unseres Tisches,
+der lange Galan um so übellauniger ihr gegenüber. Sie hatte ihm einen
+Roman in die Hand gegeben, aus dem er vorlesen mußte. Er versprach
+sich oft und warf endlich das Buch mit einem landesüblichen Fluch
+beiseite, den man sonst nicht in gute Gesellschaft mitbringt. Seine
+Gebieterin stand auf und winkte ihm, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, wo
+sich ein halblaut geführtes leidenschaftliches Gespräch entspann. Ich
+verstand nur so viel, daß sie ihm drohte, ihm das Haus zu verschließen,
+wenn er sein Betragen nicht ändere.--Der Alte, der über sein
+Spielglück sehr fröhlich war, horchte einen Augenblick auf. Was haben
+sie nur? sagte er. Ich zuckte die Achseln. Ein wunderlich
+ängstlicher Zug ging über sein Gesicht. Er seufzte und schien einen
+Augenblick unschlüssig, ob er sich einmischen solle. Dann sank er in
+sich zusammen und schien zu träumen.--Der Kanonikus wachte auf und
+nahm eine Prise und bot auch dem alten Herrn die Dose. Das brachte
+ihm seinen Gleichmut wieder, und wir setzten unser Spiel eifrig fort.
+Er sagte mir, als ich endlich ging, ich möchte ja wiederkommen, er
+spiele noch lieber mit mir als mit Don Vigilio, dem Kanonikus. Diese
+Worte begleitete er mit einem herzlichen Händedruck und der
+liebenswürdigsten Freundlichkeit, wie er überhaupt bei all seiner
+Schwäche die Formen eines Kavaliers aus der alten Schule noch immer
+beherrschte.--Die Frau entließ mich kälter als gestern, doch, wie mir
+schien, nur des Grafen wegen, mit dem inzwischen eine Aussöhnung
+stattgefunden hatte.
+
+Und ich täuschte mich nicht. Denn am Abend darauf, wo der Graf durch
+einen kleinen Ausflug von seinem Posten ferngehalten war, verdoppelte
+sie ihre Anstrengungen, mich in ihr Netz zu ziehen. Ich spielte die
+Rolle des arglosen jungen Menschen, der in aller Ehrerbietung nichts
+hört und sieht und versteht, und sah wohl, daß sie doch nicht ganz
+daran glaubte. Aber der geringe Erfolg ihrer Bemühungen mochte sie
+beleidigen und zu dem Vorsatz treiben, um jeden Preis meine wirkliche
+oder angenommene Kälte zu besiegen. Sie ließ sich von ihrem Ärger so
+sehr fortreißen, daß sie auch, als der Graf wiedergekehrt war, sich
+durchaus keinen Zwang antat. Auch die anderen Hausfreunde sahen, wie
+die Dinge standen. Ich hörte nur zu bald durch meinen Geschäftsfreund,
+daß man schon in der Stadt von mir sprach; er wünschte mir Glück zu
+dieser Eroberung und ahnte nicht, wie mir dabei zu Mut war. Ich sah
+ein, daß ich keinen Tag mehr zögern durfte, meine wahren Absichten zu
+erklären.
+
+Ein Gespräch mit dem jungen Grafen gab den Ausschlag.
+
+Er erwartete mich eines Abends, als ich in mein Hotel zurückkehrte,
+begrüßte mich mit eisiger Höflichkeit und bat mich kurz und bündig,
+entweder meine Besuche in jenem Hause einzustellen, oder mich auf ein
+Rencontre anderer Art gefaßt zu machen. Ich sei fremd und mit den
+Landessitten wohl nicht hinlänglich bekannt, sonst würde er sich nicht
+die Mühe genommen haben, mir erst noch diese Warnung zu erteilen.
+
+Ich erwiderte, daß ich ihn noch vierundzwanzig Stunden zu warten bäte,
+er werde dann erkennen, daß nichts lächerlicher sei als eine Rivalität
+zwischen uns beiden. Er sah mich groß an; aber da ich keine Miene
+machte zu weiteren Eröffnungen, verneigte er sich und ging.
+
+Am anderen Tag schon in der Frühe--denn ich wußte, daß der alte Herr
+zeitig aufstand--ließ ich mich bei ihm melden und traf ihn in seinem
+Schlafzimmer, aus einer langen türkischen Pfeife rauchend, im größten
+Behagen. Er hatte seinen ganzen Schatz an ausgeschnittenen Figuren in
+vielen Pappschachteln um sich her stehen und kramte darin herum. Als
+er mich sah, streckte er mir mit sichtbarer Freude die Hand entgegen,
+lobte mich, daß ich ihn auch einmal am Morgen besuchte, bot mir eine
+Pfeife an und wollte mir, da ich sie ablehnte, mit Gewalt ein paar
+Reiterfiguren zum Andenken verehren, auf die er besonderen Wert legte.
+Das Herz wurde mir schwer, da ich daran dachte, daß mein Glück in der
+Hand dieses armen Alten ruhe. Aber als ich das erste Wort von seiner
+Tochter gesagt hatte, verwandelte sich zu meinem Erstaunen der
+Ausdruck seines Gesichts vollständig. Er ward ernst und still; nur
+ein gespannter Zug auf der Stirn verriet, daß er selbst bei diesem
+Thema Mühe hatte, seine Gedanken zu sammeln. Ich verschwieg ihm
+nichts, von unserem ersten Begegnen an bis zu dieser Stunde. Er
+nickte dann und wann zustimmend; wenn ich von meiner Neigung sprach,
+glänzten ihm die Augen, und er sah gen Himmel mit einer feierlichen
+Rührung, die seine edlen Züge wahrhaft verklärte. Dann schilderte ich
+ihm meine Verhältnisse, den natürlichen Wunsch, wenn er mir sein Kind
+anvertraute, meine junge Frau mit in meine Heimat zu nehmen, wie ich
+aber auch bereit sei, einige Jahre in seiner Nähe zu bleiben, um sie
+ihm nicht zu entreißen. Da faßte er meine beiden Hände und drückte
+sie mit einer Kraft, die ich dem welken Invaliden nicht mehr zugetraut
+hatte. Dann zog er mich an sich und küßte mich herzlich, ohne daß er
+ein Wort sagen konnte, bis die Kraft ihn verließ und er in den Sessel
+zurücksank. Aber nach einer kurzen Pause machte er mir ein Zeichen,
+daß ich ihn aufrichten sollte, und als er auf seinen Füßen stand,
+sagte er: Du sollst mein Kleinod haben, mein Sohn, und ich danke Gott,
+daß ich diese Stunde noch erlebt habe. Komm! ich will hinüber und es
+meiner Frau sagen. Es war mir gleich, als ich dich sah, als ob du ein
+gutes Herz haben müssest. Und wenn ich zehn Töchter hätte, ich
+wünschte sie nicht besser versorgt. Sieh nur, sieh! das böse Kind,
+die Bicetta! sich einen Liebhaber anschaffen hinter dem Rücken des
+babbo! Aber so sind sie alle. Wenn sich's um eine Liebschaft handelt,
+kann man keiner trauen, keiner!--Dabei nahm sein Gesicht einen halb
+kummervollen, halb ängstlichen Ausdruck an und er seufzte; vielleicht
+fuhr ihm eine Erinnerung durch den Kopf. Gleich darauf umarmte er
+mich wieder, zupfte mich am Ohr, nannte mich einen Räuber, einen
+Heuchler und Verräter und zog mich an der Hand hinaus, um mich zu
+seiner Frau zu führen, die ihre Zimmer auf dem anderen Flügel des
+Hauses hatte.
+
+Eine Kammerjungfer kam uns im Vorzimmer entgegen, sah mich mit großen
+Augen an und ließ den General erst zu ihrer Herrin hinein, nachdem sie
+bei ihr angefragt hatte. Mich zu empfangen, sei es noch zu früh. Ich
+war sehr froh darüber, obwohl mir die Zeit des Wartens unerträglich
+deuchte. Ich hörte kein Wort von dem, was drinnen verhandelt wurde,
+nur daß die Stimme des alten Herrn mit der Zeit lauter und
+gebieterischer wurde, Töne, wie ich sie nie aus seinem Munde vernommen.
+Dann wieder ein langes, hastiges Flüstern, bis die Tür aufging und
+der Alte hochaufgerichtet wie nach einer gewonnenen Schlacht herauskam.
+Sie ist dein, mein Sohn, sagte er; es bleibt dabei. Meine Frau läßt
+dich grüßen. Sie kam mir erst mit dummen Einreden. Es ist da ein
+Vetter in Rom, ein junger Laffe, der vor einem Jahr, als er fortging,
+sagte: Hebt mir die Bicetta auf, ich will sie heiraten. Aber das war
+Spaß, und ich und du, wir meinen es im Ernst, und du sollst sie haben,
+Amadeo. Es ist wahr, seufzte er, ich lasse manches gehn, wie's Gott
+gefällt. Wenn man ein alter Mann ist, fallen einem die Zügel aus der
+Hand. Aber es gibt Dinge, Amadeo, die mich wieder unter Waffen
+bringen bis an die Zähne. Da hast du meine Hand darauf, sie wird
+deine Frau. Komm heute abend; du sollst sie hier finden. Umarme mich,
+mein Sohn! mache sie glücklich; sie hat es tausendmal um ihren alten
+Vater verdient.
+
+Wir trennten uns, nachdem er mich noch oben an der Treppe lange an
+sich gedrückt hatte. Als ich dann am Abend wiederkam, fand ich das
+Haus heller als sonst erleuchtet, schon im Vorzimmer eine Menge
+Menschen, die mich neugierig betrachteten. Im Salon saß der General
+auf seinem gewöhnlichen Platz, der Kanonikus ihm wieder gegenüber,
+aber die Dominosteine lagen unangerührt auf der Marmorplatte. Denn
+auf dem Schoß des Vaters saß das Mädchen, ganz ohne Putz und Schmuck,
+nur Granatblüten im Haar, die Arme um den Hals des Alten gelegt, als
+sei es ihr unheimlich in diesem Kreise und sie suche Zuflucht bei
+ihrem einzigen Freunde. Sobald sie mich sah, glitt sie von ihrem
+Platz herab und stand ruhig wie eine Bildsäule da, bis ich ihr die
+Hand bot. Sie warf einen raschen Blick nach dem Sofa hinüber, wo die
+Mutter saß, in glänzender Toilette; die Haare fielen auf die schönen
+entblößten Schultern zurück, der volle weiße Arm stützte sich auf das
+rote Seidenkissen; sie hatte es offenbar darauf abgesehen, die
+schlanke jungfräuliche Schönheit des Mädchens zu überstrahlen. Neben
+ihr saß der lange Graf, wieder im phlegmatischen Hochmut des
+Alleinherrschers, und nickte mir gönnerhaft wohlwollend zu. Als ich,
+meine Braut an der Hand, zu den beiden trat, sah ich wohl, daß die
+Frau leicht erblaßte. Aber sie begrüßte und beglückwünschte mich mit
+ihrem gewinnendsten Lächeln, bot mir die Hand zum Kuß und küßte
+Bicetta auf die Stirn, was diese wie leblos hinnahm. Nur das Zittern
+ihrer Hand sagte mir, wie ihr dabei zu Mute war.
+
+Nun hatten wir eine große Cour anzunehmen, und ich bewunderte, mit wie
+vollendeter Haltung meine Geliebte dieser Flut von Redensarten
+standhielt. Der Vater sah uns in der höchsten Glückseligkeit
+beständig an. Dann winkte er uns, daß wir uns in die Fensternische
+setzen möchten, wo zwei Sessel einander gegenüberstanden, und er
+selbst vertiefte sich mit Don Vigilio in seine Partie. Bald hatten
+wir ganz vergessen, wo wir waren. Von dem schwirrenden Geräusch um
+uns her drang nichts an unser Ohr. Draußen an einer über die Gasse
+gezogenen Kette hing eine trübe Öllaterne. Aber sie leuchtete mir
+genug, um meinem Glück in die Augen zu sehen und mich an seinem
+Lächeln zu berauschen.
+
+Später als gewöhnlich verließ man heute das Haus. Es wurde Champagner
+getrunken und von einem alten Erzbischof, der gerade auf einer
+Hirtenreise die Stadt besuchte, das Wohl der Verlobten ausgebracht.
+Der würdige alte Herr schien mich ganz besonders in Affektion zu
+nehmen. Ich mußte in seinen Wagen steigen und mich von ihm in meinen
+Gasthof fahren lassen. Aber kaum waren wir allein miteinander, als
+der Grund dieser ausgesuchten Freundlichkeit zum Vorschein kam. Sie
+sind Lutheraner? fragte er. Als ich es bejahte, bemerkte er mit einem
+milden Lächeln: Sie werden es nicht bleiben. Sie werden durch das
+Liebesglück, das Sie hier gefunden, noch ein größeres Heil gewinnen.
+Besuchen Sie mich morgen; wir sprechen weiter davon.
+
+Ich versäumte nicht, mich einzufinden: aber von der Linie, die ich mir
+vorgezeichnet hatte, ließ ich mich keinen Zollbreit abdrängen. Ich
+nahm für mich selbst die volle Gewissensfreiheit in Anspruch, die ich
+auch meiner Braut gewähren wollte. Was die Kinder betraf, so sollte
+die Mutter darüber entscheiden, bis sie selbst in der Frage über ihr
+Seelenheil eine Stimme haben würden.--Der feine alte, Herr schien
+einstweilen mit meiner Stimmung ganz wohl zufrieden und auf die
+Zukunft zu rechnen. Da er aber wieder abreisen mußte, übergab er mich
+einem jüngeren Seelsorger, einem Ordensgeistlichen, der die Sache viel
+ungeschickter und leidenschaftlicher angriff, so daß ich endlich, um
+nicht selbst mich zu Unartigkeiten fortreißen zu lassen, den Verkehr
+mit ihm ganz und gar abbrach. Man verdachte mir das schwer; ich
+konnte es im Salon meiner Schwiegereltern deutlich an gewissen Mienen
+bemerken. Aber da der Vater unverändert herzlich blieb und auch die
+Herrin des Hauses mir, wenigstens scheinbar, ihre kühle Freundlichkeit
+nicht entzog, so war das Unglück zu ertragen.
+
+Meine Geliebte selbst, gegen die ich aus meiner Stimmung kein
+Geheimnis machte, war einverstanden mit meinem Entschluß, in Zukunft
+alle solche Zumutungen von vornherein abzuwehren. Was wollen sie nur?
+sagte sie. Für uns gibt es nur einen Himmel und eine Hölle. Nicht
+wahr, Amadeo? Wenn ich ins Paradies käme und fände dich nicht dort,
+würde ich umkehren und nicht ruhen, bis ich dich gefunden hätte.
+
+Wenn sie so sprach, sah ich wieder den Himmel offen und glaubte an
+keine Gefahr oder auch nur einen Aufschub meines Glückes. Wir hatten
+die Hochzeit auf den Oktober festgesetzt. Die zwei Monate bis dahin
+hoffte ich auch noch zu überstehen. Nur das eine beunruhigte mich,
+daß auf die Anzeige meiner Verlobung noch kein Brief weder meiner
+Schwester noch meines Schwagers geantwortet hatte. Wie wir uns
+kannten, hatte ich keinen Einspruch von ihnen zu befürchten. Ich
+konnte mir ihr Schweigen nur mit Krankheit oder anderem Kummer
+erklären, den sie mir vorenthalten wollten, und so hell mich das Leben
+in nächster Nähe anlachte, diese Sorge quälte mich von Tag zu Tage
+peinlicher. Endlich, nach drei Wochen der Ungeduld kam wirklich der
+ersehnte Brief; nur mein Schwager hatte geschrieben. Blanche, meine
+Schwester, sei nach einer gefährlichen Entbindung in eine schwere
+Krankheit gefallen, und noch jetzt stehe es so ungewiß, daß er ihr die
+aufregende Nachricht meiner Verlobung nicht habe mitteilen dürfen.
+Wenn ich mich irgend losmachen könnte, so wäre es ihnen beiden ein
+Trost, mich auf einige Tage wiederzusehen.
+
+Du mußt reisen, sagte meine Liebste, als ich ihr den Brief ohne ein
+Wort gegeben hatte. Du mußt gleich morgen fort. Ich werde schon
+sehen, wie ich es fertigbringe, die Zeit ohne dich zu überleben.
+Schreiben mußt du mir, sobald du zu Hause bist, viel und oft, sooft du
+kannst. Wenn ich mit dir reisen könnte, was gäbe ich darum! Aber das
+ist ja unmöglich. Grüße mir Blanche und sage ihr, daß ich sie liebe,
+und bring ihr diesen Kuß von ihrer Schwester!
+
+Sie umfing mich heftig und küßte mich auf den Mund, den ersten Kuß,
+den sie mir gönnte. Denn auch wenn ich sie allein getroffen und im
+Scherz und Ernst gebeten hatte, mich nicht so streng in Schranken zu
+halten, war sie immer unerbittlich geblieben. Wie oft hatte mich
+diese Zurückhaltung gekränkt. Dann brauchte sie nur ein Wort zu sagen
+und mir mit ihrem unbeschreiblichen Lächeln die Hand zu reichen, und
+jeder Hauch von Unmut oder Zweifel war augenblicklich zerstoben.
+
+So nahm ich denn Abschied im vollsten Gefühl der Sicherheit, daß ich
+alles wiederfinden würde, wie ich es verließ. Der alte Herr sah mich
+mit sichtbarer Trauer scheiden und wollte mich gar nicht aus seinen
+Armen lassen. Die Frau schien ein lebhaftes Interesse an dem Zustande
+meiner Schwester zu nehmen und täuschte mich so vollständig, daß ich
+ihr unterwegs, sooft ich zurückdachte, vieles abbat, was ich ihr
+früher vorgeworfen hatte. Ich ließ einen Teil meines Gepäcks in der
+Villa zurück, denn dort hatte ich seit meiner Verlobung gewohnt, von
+dem Alten und meiner Freundin Nina aufs freundlichste verpflegt. Ich
+rechnete, in höchstens vier Wochen wiederzukehren, vielleicht sogar
+Schwester und Schwager mitzubringen, daß sie die Hochzeit mitfeierten.
+Nina sollte in die Stadt ziehen, um meiner Liebsten. Gesellschaft zu
+leisten. So war alles, wie es schien, aufs beste geordnet, und die
+Trennung nur ein Opfer, das ich dem Neide der Götter zu bringen hatte,
+ehe sie mich glücklich werden ließen.
+
+Auch fand ich es zu Hause tröstlicher, als ich es mir in zaghaften
+Stunden während der langen Fahrt vorgestellt hatte. Blanche war außer
+Gefahr erklärt, und es schien, als ob die Freude des Wiedersehens und
+alles Gute, was ich ihr zu berichten hatte, ihre Genesung rascher
+förderte. Nur freilich war nicht daran zu denken, daß sie mich zur
+Hochzeit zurückbegleitete, schon des Kindes wegen, von dem sie sich
+nicht getrennt hätte. Auch mein Schwager wurde zu Hause festgehalten;
+das Geschäft nahm gerade damals einen so lebhaften Aufschwung, daß wir
+beide zu gleicher Zeit unmöglich fehlen konnten. Aber trotzdem
+drängten sie mich selbst, bald wieder aufzubrechen, und allerdings war
+unter diesen Umständen mein Bleiben auch für sie mehr eine Sorge als
+eine Freude.
+
+Denn so fest wir es auch abgeredet hatten, uns oft und viel zu
+schreiben, so getreu ich Wort hielt und keinen Posttag versäumte--aus
+Bologna kam keine Zeile. Eine Woche lang war ich unerschöpflich in
+Vermutungen, dies ganz natürlich aufzuklären. Als ich aber volle
+vierzehn Tage in Genf gewartet hatte und weder von meiner Liebsten
+noch von irgendwem in ihrem Hause mir nur das geringste Lebenszeichen
+zugekommen war, geriet ich in die peinlichste Angst. Mein letzter
+Trost war, daß ein jähes Unglück unmöglich geschehen sein könne, da
+sonst ja ohne Zweifel unser dortiger Geschäftsfreund mich
+benachrichtigt hätte. Freilich, wer bürgte mir, daß er nicht selbst
+abwesend war, daß, wenn überhaupt Briefe verloren oder gar
+unterschlagen waren, nicht auch die seinigen darunter waren?
+
+Ich mußte endlich aufbrechen, wenn ich nicht zu Grunde gehen wollte.
+In welcher Verfassung ich Tag und Nacht im Wagen lag, ist nicht zu
+beschreiben. Ich erschrak, als ich, eine Miglie vor der Stadt, meine
+Morgentoilette machte und mich dabei im Spiegel sah. Mit solch einem
+Bräutigamsgesicht zurückzukehren hatte ich nicht gedacht.
+
+Es war ganz früher Morgen, als ich die wohlbekannte Straße im
+schnellsten Jagen dahinrollte und dem Postillon zurief, an jenem
+vergitterten Portal vor der Villa zu halten. Ich sprang mit
+zitternden Knien hinaus und riß an der Glocke. Es dauerte eine Weile,
+bis der Kopf meines guten alten Fabio aus dem Pförtchen vorsah. Als
+er mich erkannte, erschrak er heftig, nahm sich nicht Zeit, das alte
+Wams über der nackten Brust zuzuknöpfen, und rannte mir entgegen, mit
+einer verstörten Miene, daß ich ihm schon aus der Ferne zurief: Sie
+ist tot!
+
+Er schüttelte den Kopf und schloß mir eilig auf, Aber der Schrecken
+hatte ihm so den Atem versetzt, daß ich erst langsam und unvollständig
+ihm alles abfragen konnte. Er sah mein bleiches überwachtes Gesicht
+und glaubte mich schonen zu müssen, während er mich nicht grausamer
+martern konnte als durch sein Zaudern.
+
+Manches freilich, was im Dunkeln vorbereitet worden war, wußte er
+selbst nicht, da er nur von Nina die Hauptsachen erfahren hatte. Ich
+aber, der ich die Menschen kannte, blieb über die Triebfedern des
+ganzen höllischen Ränkespiels keinen Augenblick im Zweifel.
+
+Kaum hatte ich den Rücken gewandt, so war jener Vetter aus Rom
+erschienen, der von früher her Ansprüche auf meine Braut zu haben sich
+einbildete. Ob man ihn jetzt erst verschrieben, ob er auch ohne meine
+Reise auf eigene Gefahr aufgetaucht wäre, darüber bin ich nie ins
+klare gekommen. Er mache eine armselige Figur, sagte Fabio. Eine
+Menge Abenteuer und Spiel und Schwelgerei hätten ihn sehr reduziert.
+Aber da er der Neffe eines Kardinals und von altem Adel sei, gelte er
+noch immer für eine gute Partie. Bicetta habe ihn nie leiden mögen.
+Er (Fabio) entsinne sich, daß sie vor drei Jahren hier im Garten ihm
+eine derbe Ohrfeige gegeben, weil er sich herausgenommen habe, die
+kleine Cousine zu küssen. Da habe er lachend geschworen, für diesen
+Schlag solle sie ihm büßen, wenn sie seine Frau geworden. Und jetzt
+sei es so weit gekommen, daß er seine Drohung wahr machen könnte. Die
+Leute, die die Gewalt hätten, seien alle auf seiner Seite, desgleichen
+die Mutter, und den alten Herrn hätten sie so mit den Höllenstrafen
+geängstigt, wenn er sein Kind einem Ketzer gäbe, daß er zu Kreuze
+gekrochen sei und nichts mehr dreinzureden wage. Aber wenn er die
+Bicetta ansehe, so gingen ihm die Augen über und er könne stundenlang
+dasitzen und schluchzen wie ein Kind, und mit seiner Frau wechsle er
+kein Wort, denn er wisse wohl, daß die an allem schuld sei.
+
+Und Beatrice? fragte ich, während mir der Grimm in allen Adern kochte.
+
+Ja die Bicetta! sagte der Alte. Wer aus der klug würde! Zuerst, als
+man ihr zusetzte, sich von dem Lutheraner loszusagen, hat sie immer
+wieder erwidert: Ich habe ihm vor Gott gelobt, daß ich sein Weib
+werden will, den Eid will ich ihm halten und müßt' ich darum sterben.
+--Und davon ist sie nicht abgegangen; nur wie der Vetter ihr seine
+Aufwartung gemacht, hat sie ihm ganz kaltblütig gesagt: Gebt Euch
+keine Mühe, Richino; und wenn ich auch Amadeo nie gesehen hätte, Euch
+würde ich doch nie geliebt haben. Als er dann ihre Hand ergreifen
+wollte und anfangen, ihr schöne Dinge zu sagen, habe sie sich, in
+Gegenwart der Nina, hoch aufgerichtet und ihm nur erwidert: Ihr seid
+ein Elender, Richino, daß Ihr die Hand ausstreckt nach dem, was einem
+anderen gehört. Geht! ich verachte Euch!--Und dann hat sie ihn
+durchaus nicht mehr sehen wollen. Aber was soll man davon denken,
+lieber Herr, daß nun doch Hochzeit sein wird, und die Bicetta
+herumgeht, wie Nina sagt, ohne eine Träne zu vergießen, auch nicht
+mehr bittet und fleht, weder den Vater, noch die Mutter, noch
+irgendeine Menschenseele, ja vielleicht nicht einmal unsern Herrgott?
+Sie hat freilich von Euch so wenig einen Brief bekommen wie Ihr die
+vielen, die sie an Euch geschrieben und die ich oft selbst nach der
+Post getragen habe. Denn es scheint, daß die Herren auf dem
+Postbureau wissen, was ihre Schuldigkeit ist, wenn der Neffe eines
+Kardinals einem Fremden die Braut wegfischen will. Aber doch ist es
+wundersam, daß sie sich so rasch ergeben hat. Denn an Euch und Eurer
+Treue konnte sie doch nicht zweifeln. Nina sagt, man habe ihr gedroht,
+sie in ein Kloster zu sperren, wenn sie den Vetter nicht nehme. Ein
+Kloster ist freilich kein Ort für unsere Bicetta. Aber ich sollte
+meinen, immer noch besser, als diesen Mann zu heiraten, da sie Euch
+doch lieb hatte, und wie gesagt, mein bißchen Verstand steht mir dabei
+still, und auch meine Tochter kann nicht aufhören, sich zu verwundern.
+
+Während der gute Alte das alles sagte und sich nicht getraute, mich
+dabei anzusehen, lag ich in einer furchtbaren Betäubung auf einem der
+Sessel dem Kamin gegenüber, wo wir damals Hand in Hand gesessen hatten,
+als wir uns verlobten. Ich war geradezu unfähig, einen Gedanken zu
+fassen, ja auch die Kraft zu empfinden, zu lieben und zu hassen,
+schien plötzlich gelähmt und alle Lebensregung zu stocken, wie wenn
+die Feder in einer Uhr durch einen Schlag gesprengt ist. Erst nach
+einer ganzen Weile fand ich die Besinnung, zu fragen, wann denn die
+Hochzeit sein solle. Heute nachmittag, sagte der Alte mit furchtsamer
+Stimme. Da sprang ich in die Höhe, von der Nähe der furchtbaren
+Entscheidung aus meiner Ohnmacht aufgerüttelt.
+
+Der Graubart faßte mich an beiden Händen und sah mir erschrocken ins
+Gesicht. Um Gottes Barmherzigkeit, sagte er, was wollt Ihr tun? Ihr
+wißt nicht, wie mächtig sie sind. Wenn Ihr Euch öffentlich auf der
+Straße sehen ließet, wer weiß, ob Ihr den Abend noch erlebtet.
+
+Ich will hin, sagt' ich, verkleidet, dem Schurken unter die Augen
+treten und ihm sagen, daß einer von uns in der Welt überflüssig sei.
+Du hast ja wohl deine alten Reiterpistolen noch im Stande, Fabio. Ich
+brauche nichts weiter. Laß mich!
+
+Erst müßt Ihr mich damit über den Haufen schießen, sagte er und
+umklammerte so fest meinen Arm, daß ich wohl sah, im guten würde ich
+nicht loskommen. Und dann, sagte er, wißt Ihr denn, was unsere
+Bicetta dazu sagen würde?
+
+Da hast du recht, sagte ich und fühlte, wie alle Kraft wieder von mir
+wich. Das weiß ich freilich nicht. Aber wissen muß ich es, oder ich
+werde toll. Laß meinen Arm los, gib mir meinen Hut, ich will in ihr
+Haus, ich sprenge alle Türen, die man mir verriegeln will, das übrige
+wird sich finden, wenn ich sie sehe!
+
+Aber er ließ mich nicht los. Er führte mich in den Sessel zurück und
+sagte: Ihr wißt, daß es niemand besser mit Euch meinen kann und mit
+der Signorina und dem alten Herrn als Euer alter Fabio. Darum laßt
+Euch sagen und raten und rennt nicht Hals über Kopf ins Unglück. Wenn
+Ihr Euch einbildet, man werde Euch zu ihr lassen, so irrt Ihr Euch.
+Das Haus ist voll neuer Dienerschaft, wegen der Hochzeit. Da kämt Ihr
+übel an, wenn Ihr mit diesem Gesicht plötzlich nach der Braut fragtet.
+Laßt mich hingehen, mich werden sie nicht hinauswerfen, obwohl mich
+die Frau Mutter nicht gerade liebt; aber schlimmstenfalls kann ich
+meine Tochter rufen lassen, und wenn Ihr mir ein paar Zeilen mitgebt,
+sie sollen sicherer besorgt werden als durch die päpstlichen Posten.
+Setzt Euch da ans Fenster und schreibt, und wie ich unsere Bicetta
+kenne, so wird sie Euch antworten.
+
+Er lief, mir Feder und Papier zu holen, aber mein Zustand war so
+kläglich, daß ich die Feder nicht zu halten imstande war und vor dem
+Sturm, der mir durchs Herz tobte, mein eigenes Wort nicht verstehen
+konnte. Laßt es nur sein, sagte der Alte. Was braucht Ihr auch zu
+schreiben? Genug, wenn sie erfährt, daß Ihr da seid. Wenn sie darin
+noch Hochzeit halten will, so hülfen ja hundert Briefe nichts.
+
+Damit verließ er mich. Aber erst mußte ich ihm einen Eid schwören,
+daß ich mich hier im Hause, wo sonst niemand war, verborgen halten
+wollte und nur ihm wieder meine Tür öffnen. Der Tag war darüber
+angebrochen; der Alte kam noch einmal zurück und brachte nur Wein und
+Brot, da er meine Schwäche sah. Darin blieb ich in dem totenstillen
+Haus allein.
+
+Ich konnte nicht an einer Stelle bleiben, ich schleppte mich in den
+Garten hinaus zu den Orangenbäumen, von deren Früchten sie mir
+gepflückt hatte, zu dem Granatbusch, deren Blüten mir das erste
+Liebeszeichen gewesen waren. Überall sah ich ihre Gestalt, und je
+leibhaftiger sie mir entgegentrat, desto unbegreiflicher war es mir,
+daß sie mich vergessen haben sollte. Ich brachte, obwohl ich von der
+Nachtfahrt erschöpft war, weder Wein noch Brot über die Lippen; nur
+den Saft einer Orange sog ich begierig aus und fühlte mich davon
+erquickt, als ob ich Hoffnung und Mut damit eingeschlürft hätte. Dann
+stieg ich im Hause die Treppen hinauf und schlich durch alle Zimmer.
+In ihrem Stübchen lag noch alles, wie sie es verlassen hatte, das Buch
+noch aufgeschlagen, worin sie zuletzt gelesen. Ich las auf demselben
+Blatte weiter, Kanzonen Petrarcas, deren stille Musik mich kühlte und
+besänftigte. Ihren kleinen Rohrsessel, auf dem sie schon als Kind mit
+dem Püppchen gespielt, hatte ich an den Balkon geschoben und sah nach
+jeder Strophe auf die Straße hinaus, ob noch keine Botschaft komme.
+Aber ich war auf einmal ruhig und gefaßt geworden und fürchtete mich
+nicht mehr vor der Entscheidung.
+
+Und doch fuhr ich wie vom Blitz getroffen auf meinem Sitz, als
+plötzlich drunten am Portal der Alte wieder erschien. Was bringst du?
+schrie ich ihm zu. Aber ich sah genug an dem kummervollen Blick, mit
+dem er zu mir hinaufgrüßte. Mit zitternden Gliedern stürzte ich die
+Treppe hinunter ihm entgegen. Lest selbst, sagte er. Vielleicht wißt
+Ihr besser, was sie meint.
+
+Ich riß ihm das offene Blättchen aus der Hand, auf das sie mit
+Bleistift in großer Hast folgende Worte geschrieben hatte: "Mein ewig
+Geliebter--was geschieht, muß geschehn. Suche es nicht zu hindern,
+aber glaube an mich; ich gehöre niemand als Dir. Du wirst alles
+begreifen, wenn wir uns wiedersehen, vielleicht bald; wann es aber
+auch sei, immer als die Deine."--Dann noch am Rand des Zettels: "Halte
+Dich verborgen. Alles ist verloren, wenn Du Dich sehen lässest."
+
+Während ich noch auf die wenigen Worte starrte, berichtete mir der
+Alte, daß er sie nicht selbst habe sprechen können; Nina sei die
+Vermittlerin gewesen, und auch aus ihr habe er nicht mehr
+herausgebracht, als daß die Signorina kaum überrascht gewesen sei
+durch die Nachricht von meiner Rückkehr. Ich habe ihn längst erwartet,
+habe sie gesagt. Dann, da schon die Kammerjungfer mit dem
+Brautschmuck gekommen, habe sie den Zettel stehend am Fenster
+geschrieben und der Nina aufgetragen, ihrem Vater ja die größte
+Verschwiegenheit und alle Sorge um mich auf die Seele zu binden.
+Darauf habe sie ganz ruhig angefangen, sich die Haare aufzuflechten,
+um sich für die Trauung frisieren zu lassen. So ruhig schrieb sie das
+Billett, sagte die Nina, als wenn jemand sterben will, weil die
+Schmerzen ihn nicht leben lassen, und schreibt noch seinen letzten
+Willen auf. Sie habe immer geglaubt, sie zu kennen wie sich selbst;
+aber in der letzten Zeit verstehe sie nicht mehr von ihr wie von der
+himmlischen Vorsehung.
+
+Und ich, der ich sie besser als irgend ein Mensch zu kennen glaubte,
+was verstand ich von ihr, während ich ihre Worte hundertmal wieder
+durchlas? Wenn sie niemand als mir angehören wollte, warum floh sie
+nicht zu mir hinaus, warum war ihr nicht das Kloster eine Zuflucht,
+bis ich Mittel und Wege fände, sie zu befreien? Warum erschien der
+abenteuerlichste Plan nicht möglicher und natürlicher als diese
+Ergebung in ein aufgedrungenes Schicksal, in eine Fessel, die nur der
+Tod zerreißen konnte?
+
+Und doch war in den schlichten Worten etwas, das mich aufrecht hielt,
+wenn ich verzweifeln wollte, und mich still machte, sooft mir ein
+Ausbruch des Grimms und der Verzweiflung auf die Lippen kam. Ich
+schlief sogar ein paar Stunden und konnte dann etwas Speise zu mir
+nehmen, die mir mein treuer Pfleger bereitete. Gesprochen wurde
+nichts zwischen uns. Nur als die Stunde der Trauung herankam, hatten
+wir einen heftigen Streit. Ich bestand darauf, daß ich dabei sein
+wollte, er widersetzte sich aufs äußerste. Zuletzt, als er meinen
+unerschütterlichen Willen sah, half er mir selbst, mich in seinen
+Kleidern zu vermummen, und drückte mir einen alten zerrissenen
+Strohhut, mit dem er im Garten zu arbeiten pflegte, tief in die Stirn.
+Ich gehe aber mit, Herr Amadeo, sagte er. Ich fürchte, es ist einer
+nötig, der Euch am Arm zurückhält, wenn Ihr den Kopf verliert.
+
+Wer weiß, ob er nicht recht behalten hätte! Aber als wir nach der
+Kirche kamen, waren die Hochzeitsgäste samt dem Brautpaar bereits
+drinnen und der Andrang der Menschen so ungeheuer, daß sie zu den
+Portalen hinaus bis weit über den Platz Kopf an Kopf geschart standen,
+um wenigstens den Zug herauskommen zu sehen. Ich machte dem Alten
+bittere Vorwürfe, daß er mich getäuscht durch eine falsche Angabe der
+Stunde. Er verteidigte sich hartnäckig, er habe es nicht anders
+gewußt. So warteten wir unter dem Volk, und die Glocken, die stark
+geläutet wurden, umdröhnten mich wohltätig, daß ich wieder in meine
+dumpfe Betäubung zurückfiel, bis es plötzlich hieß: Nun kommen sie!
+Da wäre ich umgesunken, wenn ich mich nicht auf Fabio gestützt hätte.
+Aber ich hielt mich gleichsam mit dem Blick an der hohen Pforte
+aufrecht, durch die sie heraustreten sollte. Und nun kam sie wirklich,
+und ich wunderte mich, daß ich den Anblick ertrug, daß er mir sogar
+die Ruhe wiedergab, obwohl sie neben ihrem Gatten ging. Der war ganz,
+wie ich ihn nach Fabios Schilderung erwartet hatte, ein Mensch, den
+ich auf einen Schlag mit meiner Faust zu Boden zu strecken mir getraut
+hätte; ein Lächeln auf dem welken Gesicht, das mir das Blut sieden
+machte. Er grüßte triumphierend mit vornehmem Kopfnicken links und
+rechts hin und strich das blonde Bärtchen auf der dünnen Oberlippe.
+Sie dagegen schritt ohne irgend jemand anzusehen durch das Volk, die
+Züge rätselhaft verschlossen, die Augen still vor sich hin gerichtet.
+Ein Kind gab ihr einen Blumenstrauß. Da hob sie es auf und küßte es,
+und ich sah deutlich, daß sie sogar lächelte. Wenn ich nicht so fern
+gestanden hätte und Fabio hinter mir, bei diesem Lächeln hätte ich
+mich durch die Menge durchgedrängt und sie laut gefragt, wie sie
+lächeln könne an diesem Tage. Aber es verschwand rascher, als ich es
+erzähle. Sie stiegen in den Wagen und rollten fort. Ihnen nach die
+Eltern, mein armer alter General völlig gebrochen neben seiner stolzen
+jungen Frau, dann die Gäste und alles, was an hoher Geistlichkeit in
+dem Hause aus und ein ging. Der Erzbischof selbst hat sie getraut,
+sagten Weiber neben mir. Sie hat ihn erst nicht nehmen wollen, aber
+der heilige Vater selbst soll ihr zugeredet haben. Von dem anderen,
+dem Lutheraner, ist es ganz still geworden.--Ja, ja, sagte eine, dem
+soll seine Schwester gestorben sein, das ist die Strafe dafür, daß er
+seinen Ketzerglauben nicht hat abschwören wollen.--Und so schwirrte es
+auf allen Seiten von albernem Gerede. Fabio zog mich fort. Er führte
+mich auf großen Umwegen nach der Villa zurück. Ich ließ ihn machen--,
+meine Kraft war zu Ende; ich fühlte nicht mehr von mir selbst als ein
+Fieberkranker oder Schlafwandler.
+
+Noch jetzt, wenn ich zurückdenke, ist es mir unbegreiflich, wie ich
+diesen Tag überstand. Meine sonst immer ungestüm ausbrechende Natur
+mußte wohl durch die körperliche Ermattung der schlaflosen Fahrt von
+Genf hierher so gezähmt sein, daß ich das Entsetzlichste mit einer Art
+Stumpfsinn geschehen ließ. Ich taumelte, als ich nach Hause kam.
+Fabio nötigte mich einige Gläser Wein rasch hinunterzustürzen; sie
+wirkten so stark, daß ich umfiel und nichts mehr von mir wußte.
+
+Ich kam erst wieder zu mir, als es Nacht geworden war. Lange mußte
+ich mich besinnen, wo ich war und was ich erlebt hatte. Der klare
+Himmel sah durch die hohen Scheiben der Glastür herein, und ein leiser
+Schimmer der Mondsichel streifte das Bild von Beatrices Mutter, das
+traurig, wie mir schien, von seinem Platz über dem Kamin auf mein
+niederes Lager herabsah. Da begriff ich erst, in welcher Nacht ich
+mich befand, was diese Stunden für mein Leben bedeuteten. Es brach
+gewaltsam in mir aus, eine Qual, die mich dem Wahnsinn nahe brachte.
+Ich schrie auf, daß meine Stimme, mir selbst zum Entsetzen, in dem
+öden Hause widerhallte. Dann warf ich mich auf den kalten Steinboden
+des Saals und wälzte mich, das Gesicht gegen die Fliesen gedrückt, mit
+den Händen mir das Haar zerrend, als könnte ein Körperschmerz den
+Jammer, der in mir wütete, übertäuben. Vor meinen Augen wurde es
+dunkel von Tränen, die mir, wie das Blut aus frischen Wunden,
+vorstürzten, ohne daß ich wußte, ich weinte. So lag ich und raste wie
+ein Tier und hätte gern mein Menschentum hingegeben, wenn ich mir
+damit Bewußtlosigkeit hätte erkaufen können. Alles, was von Gedanken
+in mir auftauchte, stieß ich heftig wieder in den großen Strudel
+zurück, der mein Innerstes durchbrauste. Ich wollte nichts fühlen und
+denken als das Furchtbarste, daß mein Kleinod zu dieser Stunde in
+fremder Hand sei. Immer wieder bohrte ich diesen Gedanken wie eine
+giftige Waffe gegen mein Herz, als könnte ich es daran verbluten
+lassen. Und erst, als ich mich an allen Sinnen und Gliedern zu Tode
+abgemattet fühlte, ließ ich ab von meiner selbstzerstörerischen Wut
+und lag nun regungslos im Staube und empfand die Steinkälte des Bodens
+wohltätig an meiner Schläfe, und die Tränen hörten von selber zu
+fließen auf.
+
+Dann ermannte ich mich endlich so weit, daß ich aufstehn und mich in
+den Garten hinausschleppen konnte. An der Fontäne unter den
+Steineichen wusch ich mir den Staub und die Tränen vom Gesicht und
+trank dann in tiefen Zügen von dem schlechten Wasser, das mir aber das
+Blut erfrischte.
+
+Ich konnte nun auch überlegen, was ich beginnen sollte. Aber freilich,
+soviel ich herumdachte, an einen Entschluß war noch nicht zu denken.
+Nur das nahm ich mir fest vor, daß ich ihr morgen schreiben, sie
+anflehen wollte, wenigstens die Qual der Ungewißheit zu enden und das
+Band, das mich an sie fesselte, vollends zu zerreißen. Die Worte
+ihres Billetts tauchten wieder in mir auf. Aber was konnten sie mir
+geben, seit ich sie aus der Kirche hatte kommen sehen und dieser Tag
+und die halbe Nacht so trostlos vergangen waren!
+
+Als ich Mitternacht schlagen hörte und der Mond unterging, konnte ich
+es in dem schauerlich öden Garten nicht länger aushalten und kehrte in
+den Saal zurück. Ich zündete mir ein Licht an und stellte es auf den
+Sims des Kamins. Dann rückte ich einen Sessel vor, zog eine kleine
+Ausgabe des Dante aus der Tasche und vertiefte mich in die finstersten
+Gesänge seiner Hölle.
+
+So mochte eine Stunde vergangen sein, da war mir's, als hörte ich
+draußen am Gitter des Portals einen Ton, als wenn ein Schlüssel im
+Schloß umgedreht würde. Das Haar stand mir zu Berg; ich dachte
+wahrhaftig im ersten Schrecken, meine arme Geliebte habe sich
+umgebracht, und ihr ruheloser Geist besuche mich, um mir das Blut
+auszusaugen. Aber sofort faßte ich mich, stand auf und horchte
+sorgfältiger in die Nacht hinaus. Die Gitterpforte klang, dann kamen
+Schritte über den Kiesgrund, im nächsten Augenblick tastete eine Hand
+draußen am Griff der kleinen Saaltür, sie öffnete sich, und eine
+Jünglingsgestalt im schwarzen Hut und Mantel stand an der Schwelle.
+Nun fiel ihr der Hut in den Nacken, da erkannte ich sie. Mit einem
+Schrei stürzten wir uns in die Arme und umklammerten uns, als sollten
+wir nie wieder Brust von Brust, Mund von Mund gerissen werden.
+
+Sie löste sich endlich aus der Umarmung und sah mich mit einem Blick,
+der von Tränen glänzte, lange und schweigend an. Wie du bleich bist!
+sagte sie dann. All das hab' ich dir zuleide getan. Aber nun ist es
+vorbei. Ich habe Wort gehalten: hier bin ich, dein Weib, keines
+Menschen sonst, und wenn ich darüber hier und dort verderben müßte! O
+Amadeo, warum ist die Welt so voll böser Menschen! Warum werfen sie
+Schmutz auf das Reinste und lästern das Heiligste! Warum zwingen sie
+uns vor dem Angesicht Gottes zu Lüge und Meineid, daß wir Ja mit den
+Lippen sagen, wenn unser Herz Nein ruft! Nun haben sie es dahin
+gebracht, daß ich nur zu wählen hatte zwischen zwei Sünden: mich dem
+zu ergeben, den ich verachte, oder wie ein Dieb in der Nacht zu dem zu
+schleichen, der vor der Welt nie mehr der Meine sein soll. Aber nicht
+wahr, Amadeo, Gott mißt mit anderem Maß als diese selbstsüchtigen
+Menschen? Er will nicht, daß ich dir die Treue breche. Er kann auch
+nicht wollen, daß wir beide zugrunde gehen, ich im Kloster vergraben,
+du lieblos und freudenlos in der einsamen Welt. Er hat dich für mich
+geschaffen, mich für dich. Nun nimm mich hin, denn dir gehöre ich!
+Der andere hat mich mit keinem Finger berühren dürfen. Als man uns
+allein gelassen, hab' ich ihm gesagt: Wenn Ihr es je versucht, mir zu
+nahen, heute oder wann es immer sei, so ermordet Ihr mich. Denn ich
+habe es Gott zugeschworen, die Stunde nicht zu überleben, wo Ihr Euch
+erfrecht hättet zu glauben, daß Ihr Rechte auf mich besäßet. Ich
+habe Euch all dies vorausgesagt. Ihr habt dennoch Euern Willen
+durchgesetzt. So will ich nun meinen durchsetzen.--Und damit ließ
+ich ihn stehen und verschloß mich in meinen Zimmern, bis ich
+wußte, daß alles im Hause schlief. Dann half mir Nina in diese
+Männerkleider--und nun bin ich hier! O Amadeo, das Glück, dir zu
+gehören, wäre zu groß, hätte ich es nicht durch Kampf und Gefahr
+erkaufen müssen!
+
+Sie stürzte mir an den Hals und verbarg ihre glühenden Wangen an
+meiner Schulter. Alle Glut und Leidenschaft, die ihr Mädchenstolz in
+den Wochen unseres Brautstandes zurückgedrängt und kaum mit einem
+Blick verraten hatte, brach in hoher Flamme aus und schlug über meinem
+schwindelnden Haupte zusammen.
+
+Als wir wieder zu denken und zu sprechen vermochten, erzählte sie mir
+alles, was seit der Trennung sich zugetragen hatte, die Ränke der
+Mutter, die hilflosen Versuche des Vaters, sich und sein Kind gegen
+die geistliche Obermacht zu verteidigen, ihr vergebenes Bemühen, durch
+unerschütterliche Wahrhaftigkeit die Feinde zu beschämen und endlich
+zu entwaffnen. Erst als sie gesehen, daß alles umsonst sei, daß man
+sie ohne Erbarmen dem Vater entreißen und in ein entlegenes Kloster
+einschließen würde, von wo sie nicht einmal einen Brief an mich
+gelangen lassen könnte, habe sie plötzlich sich entschlossen, zum
+Schein in alles zu willigen, um sich und mich zu retten. Sie haben es
+gewußt und gewollt, sagte sie. Am Ende ist es ihnen auch nur um den
+Schein des Sieges zu tun. Ob meine Seele darüber zugrunde geht, was
+liegt ihnen daran? Haben sie der Frau, der mein armer Vater den Namen
+gab, je darüber gezürnt, daß sie jeder Leidenschaft den Zügel schießen
+läßt? Sie sind alle Knechte des Scheins, weil sie den Anblick der
+Wahrheit, der sie beschämen würde, nicht ertragen können! O Amadeo,
+wie hundertmal habe ich Pläne gefaßt, zu dir zu fliehen und dann offen
+vor der Welt zu bekennen, daß ich dein Weib bin und sein werde bis in
+alle Ewigkeit. Aber du weißt nicht, wie mächtig sie sind. Wenn wir
+jetzt fortreisten Tag und Nacht, sie holten uns ein, und es wäre dein
+sicherer Tod. Und dann--mein armer Vater! Er überlebte es nicht,
+sich von mir zu trennen, und so! Aber sei nicht traurig. Wir gehören
+uns nun, und die darum wissen, sind treu. Vergib, daß ich dir nicht
+heute früh schon schrieb, ich würde kommen. Ich wußte nicht, ob ich
+es ausführen könnte, ob er mich nicht niederstieße, der Elende, wenn
+ich mich weigerte, ihn als meinen Herrn anzuerkennen. Und wäre ich
+dann ausgeblieben, hättest du nicht noch furchtbarer gelitten als so
+im Ungewissen, da du doch mein Wort hattest, ich sei dir treu und
+würde niemand angehören als dir? Nun komme ich jede Nacht. Nina
+bleibt indessen zurück und spielt meine Rolle, für den Fall, daß man
+mich doch einmal suchte und vermißte, und der Portier dort im Hause
+ist ein braver Mann und haßt seinen Herrn, und für dich wäre er durchs
+Feuer gegangen.
+
+Sie sah, daß ich mitten in allem Glück, da ich mein Weib auf dem
+Schoße hielt, still und nachdenklich dasaß. Was hast du? fragte sie.
+Du bist traurig!
+
+Daß wir uns erschleichen müssen, sagt' ich, was unser heiliges Recht
+ist; daß wir in Nacht und Geheimnis uns verstecken müssen, als wäre es
+Verbrechen, zu halten, was wir uns gelobt haben!
+
+Denke nicht daran, sagte sie und strich mir mit der Hand über die
+Stirn. Was kommen mag, können wir es wissen? Wir haben nichts gewiß
+als diese Stunde und unser Herz. Warum sollen wir nicht Gott dafür
+danken, der wissen wird, daß es so besser ist? Komm, ich will hier
+nicht sitzen wie dein Liebchen, die Hände in den Schoß legen und
+anderen überlassen, für dich zu sorgen. Du wirst hungrig sein, und
+auch ich habe seit gestern nacht keinen Bissen genossen. Ich weiß ja
+noch, wo Fabio seine Vorräte hat. Laß mich von deinen Knien aufstehen,
+mein geliebter Mann; ich will uns einen Hochzeitsschmaus rüsten, der
+soll fröhlicher sein, als der andere heut, wo ich sah, wie meinem
+armen Vater jeder Tropfen Wein zu Galle wurde.
+
+Sie sprang auf und eilte hinaus in Kammern und Keller. Ich rückte
+indes ein Tischchen mitten ins Zimmer und zündete alle Lichtstümpfchen
+an, die auf den verstaubten Wandleuchtern steckten. Als sie wieder
+hereinkam, Teller und Gläser tragend, blieb sie mit einem fröhlichen
+Ausruf an der Schwelle stehen. Dann eilte sie, den Tisch zu decken,
+und goß selbst aus der schweren Korbflasche unsere Gläser voll. Komm,
+sagte sie, auf unser Glück! Wenn wir doch deine Schwester hier
+hätten--andere Hochzeitsgäste wollt' ich gern entbehren!
+
+Dann trank sie und fing darauf an, mich zu bedienen, indem sie mir
+Fleisch und Oliven auf den Teller legte und das Brot schnitt und mir
+zuredete, zu essen, wie ein Hausmütterchen. Ich genoß ihretwegen von
+allem ein weniges, obwohl mich nicht nach Essen verlangte. Auch sie
+naschte nur, bis ich sie fütterte wie ein Kind und ihr die zartesten
+Schnitten des kalten Geflügels an den Mund hielt. Sie öffnete ihn
+lachend und ließ mich gewähren. Nun aber bin ich wirklich satt, sagte
+sie und stand auf. Nun will ich noch dafür sorgen, daß du ein
+besseres Bett bekommst als die Polster da am Boden. Denn Fabio denkt
+an so etwas nicht. So ein alter Soldat fühlt kaum, ob er auf der
+nackten Erde liegt oder auf Federn. Das klügste freilich wird sein,
+du schläfst in meinem Zimmer droben, wo noch mein Bett steht, statt
+hier unten zu hausen, wo doch einmal einer hereinsieht und dich verrät.
+
+Sie hing sich an mich und führte mich, nachdem wir die Lichter
+ausgelöscht hatten, in ihr kleines Zimmerchen hinauf. Als wir an
+Fabios Schlafkammer vorbeikamen, horchte ich, ob er sich rühre. Sei
+unbesorgt, flüsterte sie. Er weiß, daß ich hier bin. Vorhin, als ich
+den Wein holte, begegnete ich ihm, wie er aus dem Garten kam, und da
+hatte er die Früchte für unser Hochzeitsessen gepflückt. Er weinte
+und küßte mir wie außer sich die Hände. Aber er kommt jetzt nicht zum
+Vorschein, um uns nicht zu stören.--Der Morgen graute noch nicht, als
+sie selbst daran erinnerte, daß wir uns trennen müßten. Ich bestand
+darauf, sie in die Stadt zu begleiten, und als sie mich in der
+Vermummung sah, in der ich mich schon bei Tage hinausgewagt hatte,
+ließ sie es geschehen. Sie selbst drückte sich wieder den breiten Hut
+in die Stirn, und ich wickelte sie dicht in ihren Mantel ein. So
+verließen wir das Gittertor und wanderten der Stadt zu. Kein Mensch
+war auf den Straßen zu sehen, kein Licht brannte, am Himmel stand nur
+der Morgenstern im fahlen Blau, und der Wind kam frisch von Norden.
+Wir sprachen kaum ein Wort auf dem ganzen Weg. Mein Herz war beklommen,
+und auch sie schien das Unnatürliche unserer Lage jetzt erst zu
+empfinden, da wir uns trennen sollten. Als wir an ihrem Hause
+angekommen waren, hielt sie mich lange mit Tränen an sich gepreßt, ehe
+sie dem Pförtner das verabredete Zeichen gab. Auf morgen! sagte sie
+und löste sich von meinem Halse. Dann glitt sie in die halbgeöffnete
+Tür, und ich stand in der Finsternis allein.
+
+Ein bitteres Gefühl überkam mich. So hatte ich sie wieder hingeben
+müssen, die Meine, die niemand als mir gehören wollte, in ein fremdes
+Haus, dessen Tür mir ewig verschlossen bleiben sollte. Hier an der
+Schwelle mußt' ich stehen und, wenn der Hausherr zufällig
+herausgetreten wäre, mich in einen Winkel drücken wie ein Dieb, der
+dem Häscher ausweicht. Und was sollte daraus werden? wie das Leben
+ertragen werden, das solche Schleichwege ging? War das noch ein Glück,
+das täglich mit Qual und Sorge erkauft werden mußte?
+
+Ich war noch nicht wieder in der Villa angelangt, als mein Entschluß,
+dem Unerträglichen ein Ende zu machen, schon unerschütterlich in mir
+feststand. Sofort wurde mir leicht ums Herz, und ich konnte, während
+ich im Morgengrauen auf der öden Straße dahinschritt, nun erst mich
+meines Glückes freuen und bis ins kleinste alles überlegen, was zu tun
+war, um es mir nie wieder entreißen zu lassen. Draußen fand ich den
+Alten schon im Garten beschäftigt. Ich weihte ihn in mein Vorhaben
+ein, und obwohl er es schwieriger ansah als ich, willigte er doch
+endlich in alles, was ich von ihm verlangte: keine leichten Opfer, in
+seinen Jahren, und da er sich von seiner Tochter trennen sollte. Er
+hatte aber geradezu keinen Willen, wo es sich um Bicetta handelte.
+
+Dann verbrachten wir den Tag mit Vorbereitungen, und ich hatte mehr
+als einmal die Umsicht und Vorsorglichkeit des alten Soldaten zu
+bewundern. Den Nachmittag verschlief ich.--Nachts, schon von zehn Uhr
+an, war ich auf meinem Posten in der Nähe des Stadttores, durch das
+sie kommen mußte. Wir hatten es nicht verabredet, daß ich ihr
+entgegengehen sollte. Als ich darum aus meinem Lauerwinkel hervortrat
+und leise ihren Namen rief, sah ich sie heftig zusammenfahren und nahm
+rasch den Hut vom Kopf, und da erkannte sie mich und reichte mir unter
+dem Mantel die Hand, die noch zitterte, und so gingen wir, uns stumm
+anblickend, unseres Weges. Denn noch kamen einzelne Leute, die nach
+der Stadt heimkehrten, an uns vorbei und hätten Verdacht schöpfen
+können, wenn unter dem breiten Männerhut die zarte Stimme
+hervorgeklungen wäre. Erst draußen in dem Gartensaal, wo es hell und
+traulich war und ein ländliches Essen, von Fabio hergerichtet, uns
+erwartete, löste sich ihre Zunge. Sie erzählte, wie ihr der Tag
+vergangen war, wie langsam und unheimlich. Richino habe eine starre
+Kälte zur Schau getragen, vielleicht in der Hoffnung, sie dadurch zu
+demütigen und ihr ein Entgegenkommen abzutrotzen. Vor der Welt, den
+Eltern, den vielen Besuchern spiele er die Rolle des glücklichen
+jungen Ehemanns. Am Abend aber habe er sich, ohne eine Silbe zu
+sprechen, gegen sie verneigt und sich sofort in sein Zimmer
+zurückgezogen.
+
+So kann es nicht fortgehen, sagte ich plötzlich, nachdem ich lange
+geschwiegen hatte. Es ist deiner so unwürdig wie meiner. Wir müssen
+ein Ende machen; es kostet nichts mehr als deinen Entschluß; der meine
+ist schon gefaßt.
+
+Amadeo! sagte sie und sah mich groß an. Was kannst du meinen?
+Trennung? Lieber töte mich!
+
+Nein, sagt' ich; du darfst nicht erschrecken. Ich mute uns nichts
+Übermenschliches zu, weder dir noch mir. Dich verlassen--mein
+Weib--mein anderes Ich--, du hast recht, das wäre der Tod! Aber was
+wir jetzt haben, ist schlimmer als Tod, ist ein Leben, das die
+Freiheit und den Adel unserer Seele mordet und uns beide, früher oder
+später, zugrunde richten wird. Und wenn es glückte, was undenkbar ist,
+daß ich hier verborgen bliebe, Jahr für Jahr, in welchem Zustande
+schleppte ich meine Tage hin, müßig und öde, von allen Menschen, außer
+dir, abgeschnitten, von meinen Lebenszielen verbannt, verzehrt von der
+Qual, in dieser Verschollenheit ein wertloses Dasein zu fristen! Aber
+auch unter günstigeren Umständen--wenn ich frei zu dir ins Haus kommen
+könnte und als dein Kavalier gelten--, ich bin nun einmal unfähig,
+Lüge und Halbheit zu ertragen. Was ich fühle, muß ich bekennen, was
+ich besitze, als mein anerkennen dürfen. Begreifst du, was ich meine?
+
+Sie nickte und sah nachdenklich vor sich nieder.
+
+Ich weiß, daß es dir schwer wird, fuhr ich fort und nahm ihre Hand,
+die ganz kalt und leblos war. Du sollst nun für immer fort, deinen
+Vater nie wiedersehen, wenn er sich nicht das Herz faßt, zu uns zu
+kommen, deine Heimat verlassen und alles, was dir von Jugend auf lieb
+gewesen, nicht mehr in der Kirche knien, an derselben Stelle, wo deine
+Mutter gebetet hat. Und nun graut dir vor der Fremde, um so mehr, da
+du dahin fliehen sollst, statt mit Freuden und Ehren deinen Einzug zu
+halten, und du glaubst, auch vor den Menschen, die dich lieben, die
+Augen niederschlagen zu müssen. Ist es nicht so, Beatrice?
+
+Sie nickte wieder. Aber dann schlug sie die Augen zu mir auf und
+sagte: Ich will alles ertragen, wenn es dich glücklich macht!
+
+Liebes Herz, sagt' ich und schloß sie in meine Arme, du traust mir
+zu--nicht wahr?--, daß ich sorgfältig abgewogen habe, was ich dir und
+mir schuldig bin, und daß mich kein Opfer schrecken würde, solange es
+meine Ehre nicht anficht und mich in deinen Augen nicht erniedrigt.
+Und hier ist nur ein Ausweg aus den Schlingen und Banden, in die uns
+die Feinde verstrickt haben. Du hast ganz recht gehabt, daß eine
+Flucht auch mit den schnellsten Pferden uns nicht gerettet haben würde.
+Wir müssen es behutsamer angreifen, wenn man uns nicht einholen soll.
+Ich habe mit Fabio gesprochen, er kennt die Wege und Stege nach
+Ancona so genau wie seinen Garten. Er will uns führen, wir gehen zu
+Fuß, nur bei der Nacht, alle drei in Bauerntracht, und schiffen uns
+von da nach Venedig ein. Auch er läßt alles zurück, was ihm hier lieb
+und teuer ist, nur um uns frei und glücklich machen zu helfen. Hast
+du den Mut, mein Weib, und traust dir die Kraft zu, den weiten Weg mit
+deinem Manne anzutreten?
+
+Bis ans Ende der Welt! sagte sie und drückte meine Hand. Du sollst
+nicht über mich zu klagen haben. Ich kann alles, was du mir zutraust.
+
+Ich umarmte sie in heftiger Bewegung. Komm! sagte ich dann und stand
+auf. Wir wollen etwas essen, uns für die Wanderung zu stärken.
+
+Sie fuhr zusammen. Heute schon, Amadeo? Ich bitte dich, sosehr ich
+kann, fordere nur das nicht, daß ich fortgehe, ohne meinen armen Vater
+noch einmal gesehen zu haben, ohne die Andenken an meine Mutter, die
+ich zu Hause verwahre. Ich verspreche dir, daß mich nichts mehr
+wankend machen soll, daß ich mit keiner Träne mich verraten will, wenn
+ich meinen Vater zum letzten Male küsse. Aber ich fühle es: ohne das,
+ohne ihm wenigstens ein stummes Lebewohl zu sagen, würde ich nirgends
+in der Weit zur Ruhe kommen, und das Heimweh zehrte mich auf. Was ist
+auch dabei gewagt? Niemand ahnt, daß du hier bist, niemand sieht mich
+gehn und kommen. Auch der Nina will ich kein Wort sagen, und wenn ich
+morgen abend aus meinem Hause gehe, soll alles für immer hinter mir
+liegen, das verspreche ich dir. Nur die wenigen Stunden laß mir noch,
+mit allem fertig zu werden. Dann sollst du mich haben, als wäre ich
+gerade vom Himmel in deinen Arm gefallen und hätte keine Heimat als
+deine Liebe.
+
+Sie sah mich mit einem Blick an, dem ich nicht widerstehen konnte,
+obwohl mir jeder Aufschub unheimlich war. So willigte ich ein, und
+ihre Heiterkeit, die darauf zurückkehrte, riß auch mich bald aus allen
+trüben Gedanken. Wir aßen zusammen, Fabio bediente uns, von unserem
+Vorhaben ward weiter kein Wort gesprochen. Dann schickte ich den
+Alten zu Bett und trug selbst den Nachtisch herein und eine kleine
+Flasche eines süßen Weins, den sie gern trank, nur fingerhutweise,
+aber schon wenige Tropfen röteten ihr blasses Gesichtchen. Wer uns so
+gesehen hätte, wie wir an dem kleinen Tisch nebeneinander saßen, sie
+immer noch in ihren Männerkleidern, nur das Haar frei über die
+Schultern herabfallend, wie sie mir das Glas vom Munde wegnahm, um
+daraus zu trinken, von meinem Teller aß, dann das Kätzchen, das
+herbeischlich, mit Orangenschalen bewarf, und wenn es sich damit jagte,
+mich plötzlich küßte, als hätte nun eine dritte Person den Rücken
+gewendet und wir brauchten uns keinen Zwang mehr anzutun--wer hätte da
+geglaubt, daß wir, von Gefahren umgeben, diese Stunden uns nur
+verstohlen erobert hatten und nur auf den Raub genossen!
+
+Sie stand dann auf und zog mich in den Garten hinaus. Laß mich noch
+Abschied nehmen, sagte sie, von meinen lieben Bäumen, dem
+Granatstrauch, den Orangenbäumchen und der Fontäne. Morgen ist dazu
+keine Zeit.--Wir gingen, Arm in Arm. Sie trank noch einmal aus dem
+Marmorbecken, steckte eine Orange zu sich und brach einen Granatzweig.
+Die müssen auch mit, sagte sie. Im Norden bei dir wächst so etwas
+nicht. Da lerne ich es auch wohl entbehren. Und diesen
+Federball--sie hob ihn auf, da sie ihn vergessen im Grase liegen
+sah--will ich nicht zurücklassen. Unsere Kinder, setzte sie leiser
+hinzu, indem sie sich an mich drückte, unsere Kinder sollen damit
+spielen, und dann erzählst du ihnen, daß du dein Herz gegen einen
+solchen Ball vertauscht hast.-Wir waren an die Stelle gekommen, wo ich
+damals über die Mauer gesehen hatte. Da unter den hohen Zweigen hatte
+sich der Rasen noch frisch und weich erhalten, und man atmete die
+reinste Luft, die kein Staub beschwerte. Laß uns nicht ins Haus
+zurückgehn, sagte ich. Ich will eine Decke bringen und hier unter dem
+Laubdach ausbreiten, da wird die Ruhe süßer sein als in unserm
+schwülen Zimmer.
+
+Tu's, sagte sie. Ich habe hier schon als Mädchen manche Nacht
+geschlafen; Nina legte mir ihren Arm unter den Kopf, dann sah ich die
+Sterne durch die Zweige blitzen, bis mir die Augen zufielen.
+
+Ich brachte ein paar Kissen hinaus und ihren Mantel, da legte sie sich
+bequem zurecht und gab mir die Hälfte von allem ab. Über uns regte
+sich kein Laut, die Blätter hingen müde vom Sonnenbrand an den Zweigen,
+nur die Fontäne plätscherte fort, und ich selbst konnte noch keinen
+Schlaf finden, obwohl schon längst die stillen Atemzüge meines jungen
+Weibes neben mir mich zur Ruhe einluden. Ein paarmal sprach sie aus
+dem Traum, ich konnte die Worte nicht verstehen, aber noch jetzt hör'
+ich den unschuldig süßen Klang und sehe dabei das Gesicht, das mit
+geschlossenen Augenlidern gegen die graue Luft hinaufsah, die Brauen
+wie fragend ein wenig gespannt, die Lippen geheimnisvoll lächelnd, als
+träume sie Dinge, die sie selbst überraschten, die aber seliger seien
+als alles, was sie je erlebt.
+
+Zuletzt überkam auch mich der Schlaf.
+
+Als ich aufwachte--ich weiß nicht, nach wieviel Stunden, aber der
+Himmel hatte sich noch nicht gerötet--, fand ich mich allein und mußte
+einen Augenblick mich besinnen, wie ich hier herausgekommen war. Dann
+erschrak ich, daß sie nicht mehr neben mir ruhte. Warum hatte sie
+sich fortgeschlichen? Ich sprang auf, um im Hause nachzusehen, ob sie
+wenigstens den Alten zur Begleitung mitgenommen habe. Aber kaum hatte
+ich einige Schritte getan, da höre ich, wie die Glocke draußen am
+Portal heftig angezogen wird, und es überfiel mich im Nu die
+entsetzlichste Ahnung, daß ich alle Vorsicht vergaß und quer durch den
+Garten um das Haus herum nach dem Gitter hinstürzte. Dennoch war der
+Alte mir zuvorgekommen. Als ich um die Ecke des Hauses bog, sah ich
+ihn schon vorn am Portal, bemüht, eine dunkle Gestalt aufzuheben, die
+draußen vor der Schwelle zusammengesunken war. Beatrice! schrie ich
+und stürzte hinzu. Eben schlug sie, von Fabio gestützt, die Augen auf
+und sah mich mit einem Blick der tiefsten Angst und Hoffnungslosigkeit
+an. Gleich darauf versuchte sie wieder zu lächeln.
+
+Es ist nichts, Amadeo, hauchte sie mühsam, die Hand aufs Herz gepreßt.
+Ich fühle keinen Schmerz, ängstige dich nicht. Bist du mir böse, daß
+ich fortging, ohne dich zu wecken? Ich sah dich so sanft schlafen,
+und ich dachte auch, es hätte keine Gefahr. Woher sie es nur wissen,
+daß du zurückgekehrt bist? Ach ja, ich vergaß dir zu erzählen, daß
+Richino gestern mittag plötzlich sagte, auf französisch, damit es
+niemand als ich verstehen sollte: Glauben Sie an Gespenster, Madame?
+Wenn es welche gibt, so mögen sie spuken, soviel sie wollen. Aber
+wenn Lebende sich einfallen lassen, revenants zu spielen, bei meiner
+Ehre, so will ich dafür sorgen, sie zu wirklichen Schatten zu machen!
+--Ich dachte, es sei nur so geredet. Ach, Amadeo, nun kann ich
+freilich nicht reisen, nun mußt du allein fort, noch in dieser Stunde.
+--Die zwei, die draußen lauerten, haben freilich gedacht, du kämst
+vorbei. Sie riefen mich an, als ich kaum zehn Schritte vom Gitter
+fort war. Meinen Namen sollt' ich nennen. Als ich schwieg, taten sie,
+was man sie geheißen hatte. Aber es ist nicht gelungen; sieh, ich
+kann noch gehen und sogar sprechen. Laß mich hier ohne Sorge, ich
+werde gewiß nicht sterben, wenn ich weiß, daß du in Sicherheit bist.
+Und dann--ich komme dir nach, sobald ich geheilt bin. Geh, mein
+geliebter Mann--eh' es Tag wird--deine Hand--deinen Mund-Da versagte
+ihr die Stimme, die Knie brachen ein, wir trugen sie bewußtlos in den
+Saal und legten sie auf das niedere Ruhebett. Als wir den Mantel
+zurückschlugen und das Röckchen öffneten, überströmte das Blut unsere
+Hände. Ich beugte mich über sie, da atmete sie mit einem heftigen
+Stöhnen auf und sah mich noch einmal an, und sank dann zurück--und war
+stumm für immer.
+
+Von diesem Morgen will ich schweigen.
+
+Als die Sonne durch die Glastür hereinschien, lag ich noch auf der
+Erde vor ihrem Ruhebett und starrte in ihr blasses Gesicht. Der Alte
+kauerte in einem Winkel und schluchzte still in sich hinein, da hörten
+wir draußen ihren Namen rufen, und die Nina kam hereingerannt und fiel
+mit einem Schrei über die Tote und gebärdete sich, wie wenn sie selbst
+zu Tode getroffen wäre. Dann, im heftigsten Krampf ihres Jammers,
+faßte sie sich gewaltsam und wandte sich zu mir. Ihr müßt fort! sagte
+sie. Ich bin nur herausgeeilt, sie und Euch zu warnen, denn eben ist
+Richino in ihr Schlafzimmer gedrungen und hat sie gesucht, jetzt weiß
+ich warum: um ihr zu sagen, daß ihr Geliebter nicht mehr lebe. Denn
+daß es so kommen würde, hat er wohl nicht gedacht. Wie er sie nicht
+fand, ist er totenblaß geworden und wieder gegangen. Aber glaubt mir,
+er wird sie auch hier suchen, und wenn er die gräßliche Spur draußen
+findet--horch! da kommen Schritte. Er ist es! Flieht, oder Ihr seid
+des Todes!
+
+Ich antwortete ihr nicht. Ich stand auf und blieb neben meinem toten
+Weibe stehen. Da öffnete sich die Tür und er trat ein.
+
+Was er auch hatte sagen wollen, als er hereinkam,--der Anblick
+versteinerte ihn. Er wankte zurück und mußte sich am Türpfosten
+halten. Sein fahles Gesicht verzerrte sich von ratlosem Entsetzen,
+ich sah, wie er vergebens nach Atem rang.
+
+Was suchen Sie hier? sagte ich endlich. Sie haben gehofft, mich in
+meinem Blute zu finden; Ihre Leute haben Sie schnell bedient, aber sie
+vergriffen sich leider in der Person. Nun sind Sie um die
+Schadenfreude betrogen worden, Ihr Werk zu krönen und dieses arme Herz,
+von dem Ihnen nie ein Blutstropfen gehört hat, mit der Nachricht zu
+wecken, daß ihr Geliebter tot sei und nicht wiederkommen würde.--Was
+hält mich ab, fuhr ich fort und näherte mich ihm, die Hände in Wut und
+wahnsinnigem Schmerz geballt, was hält mich ab, dich jetzt zu
+zermalmen, Elender, und dich mit dem Fuße über diese Schwelle
+hinauszustoßen, daß du die Luft in diesem heiligen Haus des Todes mit
+deinem Atem nicht länger entweihst? Wenn du sie noch geliebt hättest,
+Jämmerlicher, daß doch eine menschliche Regung dein Tun beschönigte!
+Aber sie an dich reißen, dies königliche Wesen zu dir herabziehen
+wollen--nur einem elenden Gelüste zu liebe, und weil andere dich dazu
+aufstachelten--geh, sag' ich, verstecke dein Gesicht in ewiges Dunkel,
+Mörder! denn das schwöre ich dir: wenn du nur die Hand nach dieser
+Toten ausstreckst, nur noch einen Blick auf sie richtest--mit diesen
+Händen zerreiße ich dich! Fort!-Mitten in diesem Ausbruch meiner
+fassungslosen Wut wurde ich plötzlich gebändigt durch den Anblick
+seines Gesichts, auf dem ein Zug des tiefsten Jammers aufzuckte, als
+wanke ihm die Erde unter den Füßen und wolle sich auftun, ihn zu
+verschlingen. Er sah niemand an, versuchte sich aufzurichten, sank
+wie zerschmettert auf der Schwelle zusammen und lag so einige Minuten.
+Ich mußte mich abwenden, eine Art Mitleid wollte sich meiner
+bemächtigen, das mir noch ein Verbrechen schien. Als ich mich so weit
+gesammelt hatte, um ein letztes Wort an ihn zu richten, sah ich, daß
+er mit gebrochener Kraft wie ein Trunkener nach dem Gittertor wankte
+und den Garten verließ.
+
+Da ließ ich Nina gewähren, die der Toten ihre Männerkleider auszog und
+sie in dasselbe weiße Kleid hüllte, in dem ich sie zuerst gesehen. So
+lag sie über Tag friedlich lächelnd unter den Blumen, die ihre Getreue
+aus Garten und Glashaus hereintrug. Eben war sie fertig mit diesem
+letzten Liebesdienst, da hörten wir einen Wagen heranrollen. Der
+Vater saß darin, blaß und mit einem irren Lächeln um den welken Mund.
+Fabio half ihm unter heißen Tränen heraus und führte ihn in den Saal.
+Als er sein Kind im Totenschmuck sah, sank er lautlos neben ihr auf
+die Knie und drückte die kahle Stirn gegen ihre gefalteten Hände. Wir
+wollten ihn endlich aufheben, da fanden wir, daß ein mitleidiger
+Herzschlag ihn mit seinem Liebling vereinigt hatte.
+
+In der folgenden Nacht begruben wir sie beide. Niemand war zugegen
+als Fabio und Nina, und Don Vigilio segnete die Leichen ein. Er sagte
+mir nachher, daß Richino es so angeordnet und befohlen habe, mich in
+allem gewähren zu lassen, als sei ich Herr in diesem Hause. Er selbst
+habe niemand vorgelassen und sei nach einer heftigen Szene mit seiner
+Schwiegermutter noch desselben Tages nach Rom abgereist, die Generalin
+in ein Kloster, wo sie ihr Trauerjahr verbringen wolle. Ich selbst
+nahm, sobald sich die Gruft über den beiden geschlossen hatte, ein
+Pferd und ritt, noch ehe es Tag geworden war, die Straße nach Florenz.
+Ein Jahr darauf las ich in der Zeitung, daß die Generalin dem jungen
+Grafen, ihrem getreuen Anbeter, ihre Hand gereicht habe. Sooft ich
+später nach Bologna kam, das Grab meines Weibes zu besuchen--ich habe
+sie nie wiedergesehn.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Beatrice, von Paul Heyse.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, BEATRICE ***
+
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+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
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+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
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