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+Project Gutenberg's Ein Bruderzwist in Habsburg, by Franz Grillparzer
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+Title: Ein Bruderzwist in Habsburg
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+Author: Franz Grillparzer
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+Release Date: September, 2005 [EBook #8964]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 1, 2003]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BRUDERZWIST IN HABSBURG ***
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+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
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+
+EIN BRUDERZWIST IN HABSBURG
+
+von FRANZ GRILLPARZER
+
+Trauerspiel in fünf Aufzügen
+
+
+
+Personen:
+
+Rudolf II., römisch deutscher Kaiser
+Mathias und Max, seine Brüder
+Ferdinand und Leopold, seine Neffen
+Don Cäsar, des Kaisers natürlicher Sohn
+Melchior Klesel
+Herzog Julius von Braunschweig
+Mathes Thurn
+Ein Wortführer der Böhmischen Stände [Graf Schlick]
+Seyfried Breuner
+Oberst Wallenstein
+Wolf Rumpf, des Kaisers Kämmerer
+Oberst Ramee
+Ein Hauptmann
+Feldmarschall Rußworm
+Prokop, ein Bürger von Prag
+Lukrezia, seine Tochter
+Ein Fahnenführer
+Mehrere Soldaten, Bürger und Diener.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+Auf dem Kleinseiter Ring zu Prag.
+
+Feldmarschall Rußworm, ohne Waffen, von der Stadtwache geführt, an deren
+Spitze eine Gerichtsperson. Rechts im Vorgrunde Don Cäsar mit Begleitern.
+--Früher Morgen.
+
+
+Gerichtsperson. Im Namen kaiserlicher Majestät
+Ruf ich Euch zu: Laßt ab!
+
+Don Cäsar. Ich nicht, fürwahr!
+Ihr gebet den Gefangnen denn heraus,
+Den man zurückhält ohne Fug und Recht.
+
+Gerichtsperson. Nach Recht und Urteil wie's der Richter sprach.
+
+Don Cäsar. So war das Urteil falsch, der Richter toll.
+Der Mann hat einen anderen erschlagen,
+Weil jener ihn erschlug, kam er zuvor nicht.
+
+Gerichtsperson. Der Richter kam zuvor, hätt' er's geklagt.
+
+Don Cäsar. Ha, Feiger Schutzwehr, die von Feigen stammt,
+Wer hat ein Schwert und bettelt erst um Schutz?
+Dann: wenn Belgioso fiel von seiner Hand,
+Geschah's auf mein Geheiß.
+
+Rußworm. Mit Gunst, Don Cäsar.
+Ich war Euch stets mit Neigung zugetan,
+Als einem wackern Herrn von raschen Gaben,
+Wohl auch erkennend und mich gerne fügend
+Dem was in Euch von höherm Stamm und Ursprung,
+Doch hat Feldmarschall Rußworm seiner Tage
+Befehl gegeben andern oft und viel,
+Empfangen nie, als nur vom Heeresfürsten.
+Ob falsche Nachricht, Ohrenbläser Tücke
+Mich trieb zur Tat, die nun mich selbst verdammt,
+Ob meine Dienst' in mancher Türkenschlacht
+Rücksicht verdienen, Mildrung und Gehör,
+Das mag der Richter prüfen und erwägen;
+Allein, daß Belgiojoso Euch im Weg,
+Euch Nebenbuhler war in Euerm Werben,
+Hat seinen Tod so wenig ihm gebracht,
+Als, war er's nicht, es ihn vom Tod errettet.
+
+Don Cäsar. Nun denn, so faßt mich auch und führt mich mit!
+Denn wahrlich, hätt' ihn dieser nicht getötet,
+Belgioso fiel' durch mich, ich hatt's gelobt.
+
+Gerichtsperson. Wir richten ob der Tat, den Willen Gott.
+
+Don Cäsar. Ich aber duld es nicht! Mit diesem Schwert
+Entreiß ich euch die Beute, die euch lockt.
+Setzt an! Auf sie! Macht den Gefangnen frei!
+
+Gerichtsperson. Zu Hilfe der Gerechtigkeit!
+
+(Bürger kommen aus ihren Häusern.)
+
+Rußworm. Laßt ab!
+Ihr seid zu schwach und bringt die Stadt in Aufruhr.
+Steht meinen Feinden offen, nun wie vor,
+Des sonst so güt'gen, meines Kaisers Ohr,
+So rettet mich kein Gott. Laßt ab, laßt ab!
+Zu beten scheint jetzt nöt'ger als zu fechten.
+Wo ist der Minorit?
+
+Don Cäsar. Und ich soll's ansehn,
+Es ansehn, ich, mit meinen eignen Augen?
+
+(Lukrezia kommt mit ihrem Vater aus einem Hause rechts im Vorgrunde.)
+
+Don Cäsar. Ha Heuchlerin, so kommst du, dich zu weiden
+Am Unheil, das durch dich, um deinetwillen da?
+Sieh, dieser ist's, der deinen Buhlen schlug,
+--Er tat's, nicht ich, doch freut mich was er tat--
+Ein Ende setzte jenem nächt'gen Flüstern,
+Den Ständchen, dem Gekos', drob Ärgernis
+Den Nachbarn kam, besorgt um scheue Töchter;
+Er tat's, und statt dafür ihn zu belohnen,
+Schleppt man ihn vor den Richter und verdammt ihn.
+
+Prokop (zur Gerichtsperson). Ist es gestattet, Herr,
+Auf offner Straße Ehrbare Mädchen zu beschimpfen also?
+
+Don Cäsar. Ehrbare Mädchen? Ha sie täuscht dich Alter,
+So wie sie mich getäuscht und alle, alle Welt!
+Wohin nur geht ihr? Ja, zur Kirche wohl!
+Da weift sie ab die volle Sündenspule,
+Um neue drauf zu winden, still bemüht.
+Warum gehst du in Schwarz? Dir starb kein Blutsfreund.
+Register führ ich über alles Unheil,
+Das dich bedroht und das dich schon betraf.
+Kein Blutsfreund starb dir. Warum denn in Schwarz?
+Klagst du ob dem, den dieser Mann erschlug?
+Sprich ja, und dieses Schwert--O Nacht und Greuel!
+Warum in Schwarz?
+
+Prokop. Komm laß uns gehn mein Kind!
+
+Don Cäsar. Geh nicht, und du!--Bleib noch!--Lukrezia!
+(Prokop mit seiner Tochter ab.)
+Ich will ihr nach!--Und doch!--Rußworm verzeih,
+Mich übermannte, blendete der Zorn.
+Doch soll darob nicht deine Sache leiden.
+Zum Kaiser geh ich, fordre deine Freiheit,
+Und weigert er's--Glaub nur, er wird es nicht!--
+So werf ich vor ihm ab die Gnaden alle,
+Die Lasten, die mir seine Laune schuf,
+Gönn andern das Bemühn ihm zu gefallen
+Und such in Ungarn Türkensäbel auf.
+Leb wohl! Ihr andern aber merkt euch dieses Wort:
+Wird ihm ein Haar gekrümmt, eh' neue Botschaft,
+Des Kaisers eigener Befehl es heischt,
+Zahlt euer Kopf für jede rasche Regung
+(Im Vorübergehen vor Lukrezias Hause.)
+Haus, sei verdammt, du Hölle mir von je! (Ab.)
+
+(Rußworm wird nach der andern Seite abgeführt.)
+
+Verwandlung
+Saal im kaiserlichen Schlosse zu Prag.
+
+Durch die Mitteltüre treten Hofleute auf, die sich im Hintergrunde
+zerstreuen. Ein Kämmerer kommt durch den Haupteingang, hinter ihm
+Klesel und Erzherzog Mathias.
+
+Klesel. Ich bitt Euch, Herr!
+
+Kämmerer. Fürwahr, es kann nicht sein.
+
+Klesel. Ein Augenblick Gehör.
+
+Kämmerer. Sie sind beschäftigt.
+
+Klesel. Des Kaisers Bruder selbst.
+
+Kämmerer. Wenn auch, wenn auch!
+Doch will ich wohl versuchen ob's gelingt.
+(Ab in eine Seitentüre rechts.)
+
+Mathias. So viel denn braucht's, den Kaiser nur zu sehn!
+
+Klesel. Den Kaiser? Herr, glaubt ihr, wir sind soweit?
+Bei Wolfen Rumpf, geheimen Kämmerer,
+Sucht Ihr nun Audienz.
+
+Mathias. Du heil'ger Gott!
+Und das im selben Schloß, denselben Zimmern,
+Wo ich an unsers Vaters Hand einherging,
+Mit meinem Bruder,--der geliebtre Sohn.
+
+Klesel. Ja, der geliebtre Sohn! Da liegt es eben!
+Hätt' Euer Vater minder Euch geliebt,
+Was gilt es? Euer Bruder liebt' Euch wärmer.
+
+Mathias. Entehrt, verstoßen!
+
+Klesel. Hart, ich geh es zu.
+Doch war der Schritt bedenklich wohl genug,
+Der Euch zuletzt gebracht aus allen Hulden.
+Reist ab von Wien ins ferne Niederland,
+Stellt an die Spitze der Rebellen Euch,
+Entzweit die Höfe von Madrid und Wien;
+Und, was das schlimmste, kehrt denn endlich heim
+Und habt nichts effektuiert.
+
+Mathias. Ich ward getäuscht,
+Oranien betrog mich um den Sieg.
+Doch war der Plan, gesteht es, göttlich schön:
+Hineinzugreifen in den wilden Aufruhr
+Und aus den Trümmern, schwimmend rechts und links,
+Sich einen Thron erbaun, sein eigner Schöpfer,
+Niemand darum verpflichtet als sich selbst.
+
+Klesel. Ich seh es kommen. Weht der Wind von daher?
+Hab was du hast, woher du's hast gilt gleich,
+Gekauft, ererbt,--nur nicht gestohlen, Herr.
+Zwar Politik nennt so was akquiriert
+Und find't sich wohl dabei.
+
+Mathias. Mit mir ist's aus.
+Ich will den Kaiser untertänig bitten
+Mir zu verleihn die Stadt und Herrschaft Steyr,
+Dort will ich leben, und dafür entsagen
+All meinem Erbrecht, aller Sukzession,
+Die mir gebührt auf österreich'sche Lande.
+Der Anfallstag, er fände mich im Grab.
+
+Klesel. Nun allzuwenig, wie nur erst zuviel.
+So treibt Ihr Euch denn stets im Äußersten
+O Maximilians unweise Söhne!
+(Nachdem er sich umgesehen, leise.)
+Eu'r Spiel steht gut, Ihr habt die Trümpfe, Herr!
+Harrt aus! Harrt aus! Und nur nichts von Entsagung,
+Von Schäferglück! Begehrt mir ein Kommando
+In Ungarn! Ein Kommando sag ich Herr!
+Was soll Euch Steyr? Der Waagebalken steht,
+Und kurze Frist, so schnellt ein Quentchen mehr
+In Eurer Schale, diese in die Höh'.
+Auf Euch ruht Habsburgs Heil, das Heil der Kirche,
+Ruht unser aller Heil.
+
+Mathias. Mit mir ist's aus!
+
+Klesel. Ich seh es ist, und so geb ich Euch auf.
+Hier kommt Herr Rumpf, führt selber Eure Sache.
+(Er tritt zurück.)
+
+(Wolf Rumpf kommt aus der zweiten Seitentüre rechts, Schriften unter
+dem Arme, gebückten Ganges, der Kämmerer hinter ihm. Der Kämmerer zeigt
+mit der Hand auf Erzherzog Mathias. Rumpf geht, ohne darauf zu achten,
+der Mitteltüre zu. Nachdem er sie fast erreicht hat, tritt ihm Klesel
+in den Weg.)
+
+Klesel. Eu'r Strengen! Darf erzherzogliche Durchlaucht
+Gehör beim Kaiser hoffen?
+
+Rumpf. Kann nicht sein.
+
+Klesel (auf Mathias zeigend, der im Vorgrunde steht).
+Dort sind Sie selbst.
+
+Rumpf. Je, Diener, Diener!--Geht nicht.
+Des Kaisers Majestät sind unwohl.--Acta,
+Negotia.
+
+Klesel. Nur wenige Minuten.
+(Leise zu Mathias.)
+Drängt ihn! Drängt ihn!
+
+Mathias. Herr Rumpf, gebt mir die Hand!
+
+Rumpf. Je, meritier's nicht. Aber kann nicht sein.
+Nicht wohl geruht; empfinden sich turbiert
+Mit mal di testa. Wage meinen Dienst
+So ich es permittier--
+
+Klesel. Ihr scherzt Herr Rumpf.
+Wer kennt nicht Eure Macht an diesem Hof.
+
+Rumpf. So scheint's, so scheint's. Doch sind der Herr gar streng.
+Je näher ihm, so näher seinem Zorn.
+Noch gestern abend, waren hoch ergrimmt,
+Sei'n kein Philipp der Dritte schrieen Sie,
+Diktieren sich zu lassen von Privaden.
+Mußt' meinen Abzug nehmen eilig durch die Tür.
+Es darf nicht sein. Ich kann nicht, kann nicht, nein!
+(Er entfernt sich von ihnen.)
+
+(Don Cäsar stürmt zur Türe herein.)
+
+Don Cäsar. Wo ist der Kaiser? Nun, Perückenmann,
+Ist er zu sprechen?
+
+Rumpf. Huldreichst guten Morgen
+Senjor Don Cäsar. Gott erhalt' Eu'r Gnaden.
+
+Don Cäsar. Wie geht's dem Kaiser?
+
+Rumpf. Gut. Verwunderlich.
+Der Herr verjüngen sich mit jedem Tage,
+Sehn wie ein Dreißiger. Sagt' ich doch heut nur:
+Daß Sie so selten öffentlich sich zeigten,
+Die Weiber sein's, die drob am meisten klagten.
+Da lachten Seine Majestät.
+
+Don Cäsar. Ich glaub's wohl.
+War ich dabei ich hätte auch gelacht.
+Ein Dreißiger! mit solchen Bauch und Beinen.
+Wie nun, kann ich ihn sprechen?
+
+Rumpf. Allerdings.
+Ein Weilchen nur hochgnädige Geduld.
+Des Kaisers Majestät sind--
+(Er spricht ihm ins Ohr auf Mathias zeigend.)
+
+Don Cäsar. Gut denn, gut.
+Wem ist das Pferd das man im Hofe führt?
+
+Rumpf. Ach Euer wenn Ihr wollt. Der Kaiser hat es heute
+Besehen und gekauft.
+
+Don Cäsar. Ich will's besteigen. (Ab.)
+
+Mathias. Wer ist der junge Mann?
+
+Klesel. So wißt Ihr nicht?
+Ein Findelkind, im Schlosse hier gefunden.
+Der Kaiser liebt ihn sehr. Begreift Ihr nun?
+
+Mathias. Don Cäsar?
+
+Klesel. Wohl, er selbst.--Nun noch einmal
+Begehrt in Ungarn ein Kommando.
+
+Mathias. Wozu?
+
+Klesel. Ihr sollt noch hören. Doch verlangt es!
+
+(Ein Kämmerer tritt ein.)
+
+Kämmerer. Erzherzog Ferdinand aus Steiermark
+Sind angekommen, bitten um Gehör.
+
+Rumpf. Du liebe Zeit! Ihr Gnaden sind willkommen.
+
+(Kämmerer ab.)
+
+Klesel. Seht Ihr? Da kommt der künft'ge Kaiser an,
+Der Erb' von Österreich, wenn Ihr nicht vorseht.
+
+Mathias. Ich will in Ungarn ein Kommando suchen.
+Dann--Hab ich dich verstanden?--Klesel, dann,
+Die Macht in Händen--
+
+Klesel. Nur gemach, gemach!
+Ihr habt die Macht noch nicht.
+
+Mathias. Und ich soll betteln?
+
+Klesel. Um Gottes willen, Ihr verderbt noch alles.
+
+(Ein Kämmerer öffnet die Seitentüre rechts.)
+
+Rumpf. Der Kaiser kommt. Ich bitt Eu'r Durchlaucht freundlichst
+Abseit zu treten, bis ich angefragt.
+
+Mathias. Ich muß den Kaiser sprechen und ich bleibe.
+
+Rumpf. Bedenkt!
+
+Mathias. Ich hab's gesagt.
+
+Rumpf. Nun denn, mit Gott!
+Stellt Euch dorthin. Der Kaiser geht vorüber
+Wenn er zur Messe sich verfügt. Vielleicht
+Will Euch das Glück, daß er Euch sieht und anspricht.
+Er kommt.
+
+Klesel. Verfärbt Ihr Euch? Nur Mut, nur Mut!
+Der Augenblick gibt alles oder nimmt es.
+
+(Alles steht in ehrfurchtsvoller Erwartung. Erzherzog Mathias zieht
+sich bis hinter die Seitentüre links zurück. Klesel in seiner Nähe.
+--Zwei Trabanten treten aus der Seitentüre rechts und stellen sich
+daneben auf; dann einige Pagen, zuletzt der Kaiser auf einen Krückenstab
+gestützt. Zwei Männer, Gemälde haltend, knien auf seinem Wege. Er
+bleibt vor dem ersten stehen, betrachtet es, zeigt dann mit dem Stocke
+darnach hin und bezeichnet an seinem eigenen linken Arme die Stelle wo
+das Bild ihm verzeichnet scheint. Er schüttelt den Kopf, das Bild wird
+weggebracht. Er steht vor dem zweiten und gibt Zeichen der Billigung.
+Endlich nickt er Rumpfen zu, daß dieses zu behalten sei. Zugleich hebt
+er drei Finger der rechten Hand empor.)
+
+Rumpf. Zweitausend?
+
+Rudolf (heftig und stark). Drei.
+(Er tritt zum Tische auf dem mehrere Bücher liegen. Er ergreift eins
+derselben.)
+
+Rumpf. Aus Spanien.
+
+Rudolf (heiter).
+Lope de Vega!
+
+Rumpf. Depeschen auch von Eurer Majestät
+Gesandten an dem Hofe zu Madrid.
+
+(Rudolf schiebt die auf dem Tische liegenden Briefschaften verächtlich
+zurück. Er setzt sich und liest, das aufgeschlagene Buch in der Hand.)
+
+Rumpf. Erzherzog Ferdinand sind angelangt.
+
+(Rudolf sieht, aufhorchend, einen Augenblick vom Buche weg und liest
+dann weiter.)
+
+Rumpf. Don Cäsar waren hier.
+
+(Rudolf, obige Bewegung.)
+
+Rumpf. Sie kommen wieder.
+
+Klesel (zu Mathias).
+Nehmt Euch nur Mut! Ihr zittert, weiß es Gott.
+
+(Der Kaiser lacht unterm Lesen laut auf.)
+
+Klesel. Die Zeit ist günstig. Seine Majestät
+Scheint frohgelaunt. Versucht's!
+
+Rudolf (im Lesen). Divino autor
+Fenix de España.
+
+(Mathias nähert sich ihm.)
+
+Mathias. Gnäd'ger Herr und Kaiser,
+Ich hab's gewagt aus meinem Bann zu Linz--
+
+Rudolf (vom Buche aufblickend). Sortija del olvido--Ei, ei, ei!
+»Ring des Vergessens«--Ja, wer den besäße!
+
+Mathias. Ob ihr vergönnt--
+(Er läßt sich auf ein Knie nieder.)
+Bereit, mein Herr und Kaiser,
+Die Rechte alle, die mein Eigentum,
+Und die man mir beneidet, Aufzugeben,
+Mein Erbrecht auf die österreich'schen Lande,
+Die Hoffnung einst zu folgen auf dem Thron,
+Für einen Ort um ruhig drauf zu sterben.
+(Er legt die Hand auf die Armlehne von des Kaisers Stuhl.)
+
+Rudolf. Wer da?--Rumpf! Will allein sein!--Rumpf, allein!
+Allein.
+
+Mathias. Mein Kaiser und mein Herr!
+
+Rudolf (den Stock gegen Rumpf gehoben).
+Allein!
+
+Rumpf. Ich sagt' es ja, doch Seine Durchlaucht drängten.
+
+Rudolf (mit steigender Heftigkeit).
+Allein!
+
+Rumpf (zu Mathias)
+Entfernt Euch, gnäd'ger Herr!
+
+Klesel. Kommt, kommt!
+Verloren geht sonst alles.
+
+Mathias. Gott!
+
+Rudolf (vor sich hin).
+Allein.
+
+Mathias. Führt mich ins Grab, da wird mir doch wohl Ruh.
+
+(Ab, von Klesel geführt.)
+
+Rudolf (dumpf).
+Allein!
+
+Rumpf. Was nun beginnen? Gott!
+(Er hebt das Buch auf, das der Kaiser weggeworfen hat, und reicht es ihm.)
+Das Buch!
+
+(Rudolf weist es zurück.)
+
+Rumpf. Berichte sind aus Ungarn eingelangt:
+Raab ist entsetzt und Papa wird belagert.
+Die Malkontenten sollen willens sein--
+(Lebhafter.) Ein Kaufmann aus Florenz hat sich gemeldet.
+Geschnittne Steine führt er aller Art
+Von hohem Werte.
+
+Rudolf. Sehn!
+
+Rumpf. Allein die Preise
+Sei'n unerschwinglich.
+
+Rudolf. Albern.
+
+Rumpf. Soll ich also?--Gut.
+Der spanische Orator Balthasar
+Zuñiga wünscht Gehör.
+
+(Der Kaiser schüttelt den Kopf.)
+
+Rumpf. Beliebt's Euch etwa
+Nunmehro die Berichte--?
+
+(Der Kaiser stößt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.)
+
+Rumpf. Guter Gott!
+
+(Don Cäsar kommt.)
+
+Rumpf. Ihr kommt zur rechten Zeit. Versucht, ob etwa--
+
+Don Cäsar. Ich küß Eu'r Majestät die hohen Hände.
+
+(Der Kaiser mißt ihn mit zornigem Blicke.)
+
+Don Cäsar. Ihr scheint nicht gut gelaunt, doch muß ich sprechen.
+Es gilt ein Leben, gilt wohl mehr als dies.--
+Es hat ein Kriegsgericht, ob eines Totschlags,
+Verübt im herben Fall der Selbstverteid'gung,
+Zum Henkersschwert verurteilt Herman Rußworm,
+Den treusten Diener Eurer Majestät,
+Den Helden in der Türken heißen Schlachten.
+Ich bitt Euch nun, das Urteil aufzuheben,
+Das Unsinn ist, Verrücktheit, Gotteslästrung.
+Euch zu erhalten ein so teures Leben,
+Mir einen Freund, den ich nicht lassen kann,
+Und retten muß, gält' es das Äußerste.
+
+(Rudolf sieht Wolfen Rumpf fragend an.)
+
+Rumpf. Es ist von wegen Herman Rußworm,
+Der, halb gereizt, und halb aus leid'gem Zufall,
+Den Obersten erschlug.
+
+(Der Kaiser wirft, wie suchend, die auf dem Tische liegenden Papiere
+untereinander.)
+
+Rumpf. Vielleicht das Urteil?
+Es lag zur Unterschrift in Dero Kabinett.
+Soll ich vielleicht--? Ich gehe, es zu holen.
+(Ab durch die Türe rechts.)
+
+Don Cäsar. Ich dank Eu'r Majestät denn nur im voraus
+Für die Begnadigung des wackern Manns,
+Der alles ist was dieses Wort besagt,
+Indes sein Feind ein Weiber-, Pfaffendiener,
+Ein Heuchler und ein Schurk! Und wenn der Rußworm
+In Zornesglut sich allzuweit vergaß,
+So denkt: derselbe Zorn, der hier den Gegner schlug,
+Gewann Euch auch in Ungarn zwanzig Schlachten.
+
+(Rumpf kommt mit einem gesiegelten Paket zurück.)
+
+Rumpf. Das Urteil.
+
+(Er reicht die Schrift dem Kaiser, der sie zurückweist.)
+
+Rumpf. Guter Gott!--Beliebt vielleicht
+Eu'r Majestät hochgnädig zu bestimmen
+Was Dero Absicht mit so wicht'ger Schrift?
+
+(Der Kaiser nimmt das Paket, liest hohnlachend die Aufschrift und gibt
+es zurück.)
+
+Rumpf. Ich weiß recht wohl: die äußre Fert'gung lautet
+An Rat und Schöffen Eurer Altstadt Prag.
+Doch, wenn das Urteil wirklich unterschrieben,
+Wie ich vermuten sollte--
+
+(Der Kaiser stößt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.)
+
+Don Cäsar. Gnäd'ger Herr!
+Ich muß Euch bitten für zwei Augenblicke
+Die feindlich düstre Laune aufzugeben,
+Die sich in diesem Schweigen wohlgefällt.
+Bedenkt: kommt dieses Urteil so gefertigt
+Und unterschrieben auf das Prager Schloß,
+So stirbt mein Freund.
+
+Rudolf. Er stirbt!--Und du mit ihm,
+Wagst ferner du's ein Wort für ihn zu sprechen.
+Entarteter! Ich kenne deine Wege.
+Du schwärmst zu Nacht mit ausgelaßnen Leuten,
+Stellst nach den Kindern ehrbar stiller Bürger,
+Hältst dich zu Meutern, Lutheranern.
+
+Don Cäsar. Meuter
+Hab ich mit meiner Freundschaft nie beehrt.
+Und was den Glauben, Herr, betrifft, da richtet
+Nur Gott.
+
+Rudolf. Ja Gott und du. Ihr beide, nicht wahr?
+Glaub du an das was deine Lehrer glaubten,
+Die Weiseren, die Bessern laß entscheiden,
+Dann kommt's wohl noch an dich.--Der Rußworm stirbt!
+Und dank es Gott und einem Rest von Neigung,
+Daß ich die Helfer, sie die darum wußten
+Die lobten, billigten den feigen Mord
+An Belgiojoso freventlich vollbracht,
+Nicht ebnermaßen suche mit dem Schwert.--
+Das Mädchen, dem du nachstellst, wüsten Sinns,
+Laß frei!
+
+Don Cäsar. Nein Herr, denn sie betrog mich.
+
+Rudolf. Meinst du?
+Cäsar, solang die ew'gen Sterne kreisen,
+Betrügt der Mann das Weib.
+
+Don Cäsar. Zum mindsten war's so,
+Mit einer Frau, die mir gar nah verwandt.
+
+Rudolf. Die dir verwandt? So kennst du deine Mutter?
+Und kennst du den, der dir das Leben gab?
+Sag ja! sag ja! und ewiges Gefängnis,
+Entfernt vom Strahl des gottgegebnen Lichts--
+So haben in den Sternen sie's gelesen:
+Je näher mir, mir um so grimmrer Feind.
+Und also steht er da, hohnlachend, trotzend,
+Wie einst der Teufel vor des Menschen Sohn.
+Fort dieses Lachen, fort!--Gib deine Waffen!
+Nehmt ihn gefangen!--Wie, ihr zögert? weilt?
+So will ich selbst mit meiner eignen Hand
+(Zu einem Trabanten, der zu äußerst rechts steht.)
+Leih deine Partisan mir, alter Freund!
+Daß ich--
+
+(Indem er den Stock fallen läßt, um nach der Partisane zu greifen, wankt
+er und ist im Begriff zu fallen. Die Umstehenden eilen herzu, ihn zu
+unterstützen.)
+
+Legt ihr die Hand an mich? Rebellen ihr!
+Yo soy el emperador! Der Kaiser ich!
+Bin ich verkauft im Innern meiner Burg,
+Und ist kein Schirmer, ist kein Helfer nah?
+
+(Erzherzog Ferdinand erscheint in der Türe.)
+
+Erzherzog Ferdinand. Viel Glück ins Haus!--Wie, Eure Majestät?
+Was ist? Was war? Wer sagt's?
+
+Don Cäsar (zu Rumpf, der ihn zu begütigen strebt).
+Mich kümmert's wenig,
+Ob tausend Teufel mir entgegen grinsen!
+
+Erzherzog Ferdinand (zu Don Cäsar, die Hand leicht ans Schwert gelegt).
+Geht junger Mensch! Ihr lernt sonst einsehn,
+Daß uns der Böse nah, wenn man ihn ruft.
+Fort Ihr! und ihr!
+
+(Die Anwesenden ziehen sich gegen den Hintergrund. Don Cäsar in ihrer
+Mitte von Rumpf geleitet. Alle ab.)
+
+Erzherzog Ferdinand (zum Kaiser tretend).
+Mein kaiserlicher Herr!
+
+Rudolf. Wer seid Ihr? Wer? Und wie erkühnt Ihr Euch?
+
+Erzherzog Ferdinand. Eu'r Neffe bin ich, Herr, und Euer Knecht,
+Fernand von Gräz, zu jedem Dienst bereit.
+
+Rudolf (sich vor der Berührung zurückziehend).
+Es bien! es bien! All gut! Seid uns willkommen!
+
+Erzherzog Ferdinand. Wollt Ihr nicht sitzen, Herr? Ich seh's, der Zorn
+Er zehrt mit Macht an Euerm edlen Sein.
+(Er leitet den Kaiser zum Lehnstuhle.)
+
+Rudolf (sitzend).
+Seht Ihr, so halten wir's in unserm Schloß.--
+So dringt die Zeit, die wildverworrne, neue,
+Durch hundert Wachen bis zu uns heran,
+Und zwingt zu schauen uns ihr greulich Antlitz.
+Die Zeit, die Zeit! Denn jener junge Mann,
+Wie sehr er tobt, er ist doch nur ihr Schüler,
+Er übt nur was die Meisterin gelehrt.--
+Schaut rings um Euch in aller Herren Land,
+Wo ist noch Achtung für der Väter Sitte
+Für edles Wissen und für hohe Kunst?
+Sind sie vom alten Tempel ihres Gottes
+Nicht ausgezogen auf den Berg von Dan,
+Und haben dort ein Kalb sich aufgerichtet,
+Vor dem sie knieen, ihrer Hände Werk?
+Es heißt: den Glauben reinigen. Daß Gott!
+Der Glaube reint sich selbst im reinen Herzen,
+Nein, Eigendünkel war es, Eigensucht,
+Die nichts erkennt was nicht ihr eignes Werk.
+Deshalb nun tadl' ich jenen Jüngling, straf ihn,
+Und fährt er fort, erreicht ihn bald sein Ziel,
+Allein erkenn auch was ihn so entstellt.
+
+Deucht mir's doch manchmal grimmiges Vergnügen,
+Mit ihm zu ringen, in des Argen Brust
+Die Keime aufzusuchen der Verkehrtheit,
+Die ihm geliehn so wildverworrne Welt.
+Die Zeit kann ich nicht bänd'gen, aber ihn,
+Ihn will ich bänd'gen, hilft der gnäd'ge Gott.
+
+Erzherzog Ferdinand. Ihr werdet's, Herr, und bändigtet die Zeit,
+Wär' Euch der Wille dort so fest als hier.
+
+Rudolf. Mein Ohm, der fünfte Karl hat's nicht gekonnt,
+Sankt Just sah ihn als büßenden Karthäuser.
+Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
+Ich kann es auch nicht.
+
+Erzherzog Ferdinand. O des argen Mißtrauns
+In Euer edles Selbst und seine Gaben!
+Wollt erst nur, wollt! und Gottes Beistand wird
+Wie ein erhört Gebet auf Euch sich senken.
+Die Zeit bedarf des Arztes und Ihr seid's.
+
+Rudolf. Ein wackrer Arzt, der selber Heilung braucht!
+Und dann: allein!
+
+Erzherzog Ferdinand. So wärt Ihr, Herr, allein?
+Verzeiht dem Schüler, der den Meister meistert.
+Um Euch schart sich die Hälfte einer Welt,
+Die treu noch ihrem Gott und seinem Abbild.
+Dem Fürsten auf dem angestammten Thron.
+Für Euch ist Spanien, der Papst, ist Welschland,
+Des eignen Erblands ungebrochne Kraft,
+Noch nicht verführt von falschen Glaubenslehren.
+Zählt Eure Schar, und zehnfach, hundertfach
+Wiegt sie die Gegner auf, die, schwach an Zahl,
+Nur scheinbar sich durch Regsamkeit verdoppeln.
+
+Rudolf. Der Arme viel, wo aber bleibt das Haupt?
+
+Erzherzog Ferdinand. Ihr selbst, dem niemand gleich an Sinn und Wissen.
+Dann noch die edlen Fürsten Eures Hauses,
+Die Gott als Helfer selbst Euch anerschuf.
+
+Rudolf. Sprecht Ihr von Euch?
+
+Erzherzog Ferdinand. So werde nie mir Heil,
+Als je mein Sinn ein andres Trachten kannte,
+Als Östreichs Wohl und Jesu Christi Ruhm.
+Mein Alter heißt mich lernen statt zu lehren
+Auch bin nicht ich's, die Brüder sind's, die Nächsten
+Der edle Max, Albrecht der sinnig weise,
+Und jener dritte--Erste, den nur eben
+Im Vorgemach ich kummervoll--
+
+Rudolf (sich abwendend). Es bien!
+
+Erzherzog Ferdinand. Seht ihr, da senkt das alte Mißtraun wieder
+Sich nebelgleich herab auf Eure Stirn!
+O weh uns, wenn es wahr, was man sich sagt,
+Daß jener finstern Sternekund'gen einer,
+Die Euern Hof zum Sammelplatz erwählt,
+Mit astrologisch dunkler Prophezeiung
+Euch abgewandt von Euerm edeln Haus
+Gefahr androhend von den Nahverwandten.
+O weh uns, wenn es so, und Ihr für Schein
+Den wahren Vorteil aufgebt, aller Heil.
+
+Rudolf (auffahrend).
+Für Schein? für Schein? So kennst du diese Kunst,
+--Wenn's eine Kunst--daß du so hart sie schmähst?
+Glaubst du, es gäb' ein Sandkorn in der Welt,
+Das nicht gebunden an die ew'ge Kette
+Von Wirksamkeit, von Einflug und Erfolg?
+Und jene Lichter wären Pfennigkerzen
+Zu leuchten trunknen Bettlern in der Nacht?
+
+Ich glaub an Gott und nicht an jene Sterne,
+Doch jene Sterne auch sie sind von Gott.
+Die ersten Werke seiner Hand, in denen
+Er seiner Schöpfung Abriß niederlegte,
+Da sie und er nur in der wüsten Welt.
+Und hätt' es später nicht dem Herrn gefallen,
+Den Menschen hinzusetzen, das Geschöpf,
+Es wären keine Zeugen seines Waltens,
+Als jene hellen Boten in der Nacht.
+Der Mensch fiel ab von ihm, sie aber nicht,
+Wie eine Lämmerherde ihrem Hirten,
+So folgen sie gelehrig seinem Ruf
+So heut als morgen wie am ersten Tag.
+Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein,
+In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht.
+Und wer's verstünde still zu sein wie sie,
+Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd,
+Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,
+Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund,
+Die durch die Welten geht aus Gottes Munde.
+Fragst aber du: ob sie mir selber kund,
+Die hohe Wahrheit aus der Wesen Munde?
+So sag ich: nein, und aber, wieder: nein.
+Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
+Der Dinge tiefster Kern ist mir verschlossen.
+Doch ward mir Fleiß und noch ein andres: Ehrfurcht
+Für das daß andre mächtig und ich nicht.
+
+Wenn aber, ob nur Schüler, Meister nicht,
+Ich gerne weile in den lichten Räumen;
+Kennst du das Wörtlein: Ordnung, junger Mann?
+Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus,
+Hier unten eitle Willkür und Verwirrung.
+Macht mich zum Wächter auf dem Turm bei Nacht,
+Daß ich erwarte meine hellen Sterne,
+Belausche das verständ'ge Augenwinken
+Mit dem sie stehn um ihres Meisters Thron.--
+(Immer leiser sprechend.)
+Wenn nun der Herr die Uhr rückt seiner Zeit,
+Die Ewigkeit in jedem Glockenschlag
+Für die das Oben und das Unten gleich
+Ins Brautgemach--des Weltbaus Kräfte eilen
+--Gebunden--in der Strahlen Konjunktur--
+Und der Malefikus--das böse Trachten--
+
+(Er verstummt allmählich. Sein Haupt sinkt auf die Brust. Pause.
+Erzherzog Ferdinand tritt ihm, besorgt, einen Schritt näher.)
+
+Rudolf (emporfahrend).
+Ist jemand hier?--Ja so!--Was soll's?--
+Ihr spracht von meinem Bruder, von Mathias.
+Ich seh es ist ein Plan. Was also will man?
+Warum verließ er seinen Bann zu Linz?
+
+Erzherzog Ferdinand. Und wenn's der Wunsch nach Tätigkeit nur wäre?
+
+Rudolf. Nach Tätigkeit? Ist er denn tätig nicht?
+Er reitet, rennt und ficht. Wir beide haben
+Von unserm Vater Tatkraft nicht geerbt,
+--Allein ich weiß es, und er weiß es nicht.
+Was also noch? Zum mindsten will ich zeigen,
+Daß nicht der Sterne Drohn, daß euer Trachten,
+Die Heimlichkeit der nahverwandten Brust,
+Mir Mißtraun gab und gibt.--Die Klugheit riete,
+Zu halten ihn in heilsamer Entfernung,
+Allein ihr wollt's. Was also soll's mit ihm?
+
+Erzherzog Ferdinand. Er wünschte--
+
+Rudolf. Nun?
+
+Erzherzog Ferdinand. In Ungarn ein Kommando.
+
+Rudolf. Hat er schon je, und wo hat er gesiegt?
+Zwar ist der Mansfeld dort, ein tücht'ger Degen,
+Der gönnt ihm gern die Ehre des Befehls
+Und tut die Pflichten selbst. Schickt ihn denn hin!
+Doch heißt ihn zügeln seine Tätigkeit;
+Er füge sich des Feldherrn beßrer Einsicht.
+Auch sind der Krieger dort, der Führer viel,
+Die zugetan der neuen Glaubensmeinung.
+Es ist jetzt nicht die Zeit, noch da der Ort
+Zu streiten für die Wahrheit einer Lehre.
+
+(Da Erzherzog Ferdinand zurücktritt.)
+
+Rudolf. Was ist? Was geht Ihr fort?
+
+Erzherzog Ferdinand. Nicht anzuhören,
+Wie Östreichs Haupt, wie Deutschlands Herr und Kaiser
+Das Wort führt den Abtrünnigen vom Glauben.
+
+Rudolf. Das Wort führt, ich? Kommt Euch die Lust zu scherzen?
+Allein wer wagt's, in dieser trüben Zeit
+Den vielverschlungnen Knoten der Verwirrung
+Zu lösen eines Streichs.
+
+Erzherzog Ferdinand. Wer's wagte? Ich!
+
+Rudolf. Das spricht sich gut.
+
+Erzherzog Ferdinand. Nur das? Es ist geschehn.
+In Steyer mindestens, in Krain und Kärnten
+Ist ausgetilgt der Keim der Ketzerei.
+An einem Tag auf fürstlichen Befehl
+Bekehrten sich an sechzigtausend Seelen
+Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus.
+
+Rudolf. Und ohne mich zu fragen?
+
+Erzherzog Ferdinand. Herr, ich schrieb
+So wiederholt als dringend, aber fruchtlos.
+
+Rudolf (die auf dem Tische liegenden Papiere untereinanderschiebend).
+Es ist hier wohl Verwirrung oft mit Schriften.
+
+Erzherzog Ferdinand. Da schritt ich denn zur Tat, dem besten Rat.
+Mein Land ist rein, o wär' es auch das Eure!
+
+Rudolf. Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus?
+Mit Weib und Kind? Die Nächte sind schon kühl.
+
+Erzherzog Ferdinand. Durch Drangsal, Herr, und Schmerz erzieht uns Gott.
+
+Rudolf. Und das im selben Augenblick wo du
+Die Sachsenfürstin freist, die Protestantin?
+
+Erzherzog Ferdinand. Gott gab mir Kraft die Neigung zu besiegen,
+Wenn Ihr's erlaubt, so steh ich ab von ihr
+Und werbe um des Baierherzogs Tochter.
+
+Rudolf. Sie ist nicht schön.
+
+Erzherzog Ferdinand. Ihr Herz ist schön vor Gott.
+
+Rudolf (eine Gebärde des Schielgewachsenseins machend).
+Beinah--
+
+Erzherzog Ferdinand. Gerad ihr Sinn, ihr Wandel und ihr Glauben.
+
+Rudolf. Nun, ich bewundre Euch.--Weis deine Hände!
+Ist das hier Fleisch? lebendig, wahres Fleisch?
+Und fließt hier Blut in diesen bleichen Adern?
+Freit eine andre als er meint und liebt--
+Mit Weib und Kind, bei zwanzigtausend Mann,
+In kalten Herbstesnächten, frierend, darbend!
+Mir kommt ein Grauen an. Sind hier nicht Menschen?
+Ich will bei Menschen sein. Herbei! Herein!
+
+(Mit dem Stocke auf den Boden stampfend. Die Hofleute kommen zurück.)
+
+Rudolf. Die Kinderzeiten werden wieder wahr,
+Und mich umschaudert's wie Gespensterglauben.
+(Zu Erzherzog Ferdinand.)
+Weilt Ihr noch länger hier bei uns in Prag,
+Treibt's Euch zurück vielleicht schon nach der Heimat?
+
+Erzherzog Ferdinand. Ich reise nächst, wenn manches erst geschlichtet
+(lebhaft) Und meinen Bruder ich Euch vorgestellt.
+
+Rudolf. So ist der Leupold da? Wo ist, wo weilt er?
+
+Rumpf. Im Schloßhof tummelt er das türk'sche Roß,
+Das Ihr gekauft und das Don Cäsar schulte.
+Sie jubeln, daß der Erker widerhallt.
+
+Rudolf. Sie jubeln? Tummelt? Ein verzogner Fant,
+Hübsch wild und rasch, bei Wein und Spiel und Schmaus.
+Wohl selbst bei Weibern auch; man spricht davon.
+Allein er ist ein Mensch. Ich will ihn sehn,
+Den Leupold sehn! Wo ist er? Bringt ihn her!
+
+(Einige sind gegangen.)
+
+Rudolf (zu Ferdinand).
+Beliebt's Euch unterdessen, die Gemächer,
+Die man Euch hier bereitet, zu besehn?
+Wo bleibt der Range? Warum kommt er nicht?
+
+Erzherzog Leopolds Stimme (von außen).
+Senjor!
+
+Rudolf. Aha, er ruft.--Was gibt es dort?
+
+(Aus der Seitentüre links ist ein Hofbedienter herausgetreten.)
+
+Rumpf. Die Kapelläne fragen untertänigst,
+Ob Eure Majestät den Gottesdienst--
+
+Rudolf (das Barett abnehmend und Mantel und Kleid ordnend).
+Des Herren Dienst vor allem.
+(Zu Erzherzog Ferdinand.)
+Wenn's beliebt!
+(Zu den übrigen.)
+Und kommt mein Neffe, heißt ihn nur uns folgen.
+
+Erzherzog Leopold (zur Türe hereinstürzend).
+Mein gnäd'ger Ohm! (Da er den bereits geordneten Zug sieht, stutzt er
+und zieht das Barett ab.)
+
+Rudolf. Nur dort, an Eure Stelle.
+
+(Auf einen Wink Erzherzog Ferdinands stellt sich Leopold ihm zur Seite.
+--Der Zug setzt sich in Bewegung, die beiden Erzherzoge unmittelbar vor
+dem Kaiser. Nach einigen Schritten tippt letzterer Erzherzog Leopold
+auf die Schulter. Dieser wendet sich um und küßt ihm lebhaft die Hand.
+Der Kaiser winkt ihm liebreich drohend Stillschweigen zu und sie gehen
+weiter. Die übrigen folgen paarweise.--Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+Freier Platz im kaiserlichen Lager. Im Hintergrunde Gezelte.
+
+Ein Hauptmann (tritt hinter sich schreitend auf, wobei er eine kurze
+Partisane waagrecht vor sich hält).
+Zurück, sag ich, zurück auf eure Posten!
+Seid ihr Soldaten, wie?--und flieht den Feind?
+
+(Ein Trupp Soldaten kommt von derselben Seite, ein Fahnenträger
+unter ihnen.)
+
+Fahnenträger. Wir fliehen meint Ihr, Herr? Nun denn mit Gunst,
+Sagt erst: wo ist der Feind, ob vor--ob rückwärts?
+Ein Krieger ficht wohl, weiß er gegen wen,
+Doch wo nicht Ordnung, Kundschaft und Befehl,
+Wehrt er sich seiner Haut und weiter nichts.
+
+Hauptmann. So meisterst du, ein Knecht, den Heeresfürsten?
+
+Fahnenträger. Ob zehnmal Herr und zwanzigmale Knecht,
+Wenn einer irrt, hat doch der andre recht.
+Wir waren auf am Damm bei Raab gestellt,
+Wir da und fünfzig andre, die der Säbel
+Der Türken fraß in dieser blut'gen Nacht,
+Auf blachem Feld, zur Unterstützung rings
+Soweit das Auge trug, nicht Wacht, noch Posten.
+Doch machten wir 'nen Kirchhof zum Kastell
+Und hielten straff. Da bricht's mit einmal los:
+Allah, Allah! aus tausend bärt'gen Kehlen,
+Nicht vor uns, hinter uns. Die Donau durch,
+Rauscht wie ein zweiter Strom, quer durch den andern
+Der Spahi und sein Roß. Hilf' Jesu Christ!
+Da galt kein Säumen, und war eitel Nacht.
+Trapp trapp, da sprengen kaiserliche Reiter
+Und jagen andre kaiserlich wie sie.
+Der Musketier schießt los, und den er traf
+Es war sein Landsmann, in des Dunkels Wirren
+Die rasche Kugel wechselnd mit dem Freund.
+Bald ist das ganze Heer nur eine Flucht,
+Ein Jammern und ein Töten und ein Schrein.
+In all der Hast vergaß man ganz auf uns,
+Zu gehn, zu bleiben waren wir die Meister,
+Doch blieben wir. Erst nach drei heißen Stürmen,
+Als mancher schon mit seiner Haut bezahlt,
+Brach auf das kleine Häuflein; und nicht seitwärts,
+Nur Sicherheit für unsre Leiber suchend,
+Zum Lager gradaus schlugen wir uns durch.
+Und sind nun hier, dem Türken, sucht er uns,
+Der Rückkehr Straße schwarz mit Blut zu zeichnen,
+Doch ihn zu suchen keineswegs gewillt,
+Man zeig' uns denn wer führt und wer befiehlt.
+
+Mehrere im Trupp So ist's!--Ein Führer erst!--Dann folgen alle.
+
+Hauptmann. So bin ich unter Meutern?
+
+(Oberst Ramee kommt.)
+
+Hauptmann. Mein Herr Oberst,
+Verrat und Aufruhr in des Lagers Mitte.
+Die hier und der--
+
+(Es haben sich nach und nach immer mehrere gesammelt.)
+
+Ramee (halblaut).
+Laßt nur, laßt nur für jetzt.
+Der Feind im Anzug und das Heer entmutigt,
+Man drückt jetzt füglicher ein Auge zu,
+Als den Gehorsam noch durch Strenge prüfen.
+Was weiß man von dem Feldherrn?
+
+Hauptmann. Prinz Mathias?
+
+Ramee. Wen sonst?
+
+Hauptmann. Verschieden gehen die Gerüchte.
+Er ward gesehn in Mitte der Verwirrung.
+Die einen lassen ihn am rechten Donauufer
+Die Straße nehmen nach Haimburg und Wien,
+Die andern--Heil'ger Gott, wenn er den Türken--!
+Was machen wir, vereinzelt, ohne ihn?
+
+Ramee. Dasselbe mein ich was mit ihm, den Frieden.
+
+Hauptmann. Allein der Kaiser will nicht.
+
+Ramee. Wollen! Wollen!
+Hier fragt sich was man muß, nicht was man will.
+Auch, ist der äußre Krieg erst beigelegt,
+Hat man die rüst'gen Arme frei nach innen.
+
+Hauptmann. Was aber soll mit all der Soldateska?
+Wir sind in Rückstand mit zwölf Monat Sold.
+
+Ramee. Erzherzog Leupold wirbt in Passau Völker,
+Wenn hier das Handwerk ruht, fragt an bei uns.
+
+Hauptmann. Und gegen wen--?
+
+Ramee. Die Rüstung geht in Passau!
+Man weiß noch nicht. Für wen, ich hab's gesagt,
+Auf jeden Fall für Östreich und den Kaiser.
+Wer sind die Männer?
+
+(Einige schwarzgekleidete Herren gehen quer über die Bühne. Mehrere
+grüßen sie mit abgezogenen Hüten.)
+
+Hauptmann. Mit den goldnen Ketten?
+Die protestant'schen Herrn aus Österreich.
+Sie kamen, den Erzherzog anzusprechen
+In Sachen ihres neuen Christentums
+Und halten sich derweile zu den Ungarn.
+Das lauscht und flüstert, schleicht und konspiriert.
+Wär' ich der Prinz, wie wollt' ich heim sie senden!
+
+Ramee. Heim senden? ei, wenn Ihr sie selbst berieft?
+
+(Weibergeschrei hinter der Szene.)
+
+Ramee. Was dort?
+
+Ein Soldat (eine gefangene Türkin an der Hand führend).
+Nein sag ich, nein!
+
+Zwei Kürassiere (die ihm folgen).
+Muß doch! muß doch!
+
+Soldat. Mein ist die Heidin zehn- und hundertmal.
+Ihr Haus in Gran fiel mir zum Beuteteil,
+Ich war's, der ihren Bräutigam erschlug,
+Drum ist sie mein und das von Rechtes wegen.
+
+Kürassier. Mir drücken sie die Hand.
+
+Soldat (zur Türkin).
+Ist's wahr?--Sie kann nicht reden.
+Wenn's wahr so spalt ich ihr den Kopf. Doch jetzt,
+Jetzt ist sie mein und--
+
+Kürassiere (die Hand am Säbel)
+Wollen eben sehn.
+
+Soldat. Kommt an, kommt an! Ob einer gegen zwei.
+Ist niemand da, der einem Landsmann hilft?
+
+Hauptmann (zwischen sie tretend).
+Zurück Samländer, ketzerische Hunde!
+
+Kürassier. Was sagen Mann?
+
+Hauptmann. Ist's etwa nicht bekannt,
+Daß Türk' und Lutheraner stets im Bunde?
+Wie ging' sonst alles schief in Rat und Lager?
+Die heute nacht der Flucht das Beispiel gaben,
+Die Ketzer waren's, sinnend auf Verrat.
+
+Fahnenträger (im Vorgrunde rechts).
+Wer das sagt lügt.
+
+Hauptmann (sein Schwert halb gezogen).
+Mir das? Wer hat gesprochen?
+
+Zweiter Soldat (rechts im Vorgrunde).
+Mit Gunst: hat er doch recht. Hier dieser Mann,
+Obgleich ein Luthrischer und Kirchenleugner,
+Gefochten hat er in der heut'gen Schlacht
+Wie einer der gedenkt des ew'gen Heils.
+Und ob ich gleich als rechter Katholik
+Verdammen muß was seine Pred'ger lehren,
+Im Lager hier sind alle Tapfern Brüder,
+Und somit meine Hand.
+
+Fahnenträger (einschlagend).
+Hier meine.
+
+Mehrere (ein Gleiches tuend).
+Freund und Bruder!
+
+Ringsherum. Auf Ja und Nein!
+Trotz Papst und Rom!
+Wir alle!
+
+Hauptmann. Hört Ihr?
+
+Ramee. Laßt nur!
+
+Geschrei (im Hintergrunde).
+Hoheisa! Die Zigeuner!
+
+(Im Hintergrunde tritt schlechte Musik auf. Einige Paare folgen sich
+bei den Händen haltend und zum Tanze anschickend. Die anwesenden
+Soldaten sammeln sich bei dem dort stehenden Marketenderzelte. Musik
+und Tänzer gehen hinein. Gelächter, Zutrinken.)
+
+Klesel (von der rechten Seite kommend).
+Du heil'ger Gott! bin ich im Christenlager,
+Und dient kathol'schen Fürsten dieses Heer?
+
+Ramee. Wenn Euch das kränkt, seid wohlgemut,
+Das Lager wird Euch fürder nicht mehr ärgern.
+Ihr seid nach Prag berufen, wissen wir,
+Der Kaiser sieht Euch hier nicht allzugern.
+Wann reist Ihr ab?
+
+Klesel. Wenn's meine Pflicht erheischt,
+Die keineswegs mir Prag bis jetzt bezeichnet.
+Der Seelenhirt gehört in seinen Sprengel.
+
+Ramee. Und ist Eu'r Sprengel hier im Lager? Neustadt,
+Neustadt und Wien, dort leuchte Euer Licht.
+Ihr seid hier Schuld an manchem Schief' und Argem,
+Setzt Eure Meinung durch und führt den Krieg
+Als eine Wallfahrt nach 'nem Gnadenort,
+Nebstdem daß wenig Gnad' in Euerm Tun.
+Verkehrt Ihr doch mit eitel Protestanten
+Und wendet Euerm Herrn die Herzen ab,
+Die ihm bereit aus den getreuen Landen.
+Doch ist zur Zeit ein andres Regiment.
+Mathias, dieses Lagers Fürst und Führer,
+Er fand den Rückweg nicht der andern Flücht'gen,
+Und die Erzherzoge, die Ihr berieft
+Aus Gräz und Wien, zu einem Ratschlag heißt es,
+Sie sind im Lager, treten in sein Amt
+Und werden Euerm Flüstern wenig horchen.
+
+Klesel. Ob Ihr beleidigt mich, es sei verziehn,
+Allein um aller Heil'gen willen sagt
+Was von Erzherzog Mathias Euch bekannt.
+
+Ramee. Bekannt, daß nichts bekannt. Er ist nicht hier,
+Ob nun in Wien, ob--Hoffen wir das Beste,
+Euch sei genug: im Lager ist er nicht.
+Drum reist nur ab; wenn Ihr nicht vorher noch
+Bei denen, die ihm folgen im Befehl
+Und die dort nahn, wollt Euer Heil versuchen.
+Stellt euch in Ordnung! Die Erzherzoge.
+
+(Die im Hintergrunde Befindlichen stellen sich in eine Reihe. Von der
+linken Seite kommen die Erzherzoge Ferdinand, Leopold und Maximilian.)
+
+Maximilian (ein beleibter, wohlbehaglicher Herr).
+Die Wege rütteln wie das böse Fieber.
+Hat noch von unserm Bruder nichts verlautet?
+
+Klesel (der in den Vorgrund rechts getreten, auf sie zugebend).
+Gott segne Euern Eintritt, edle Herrn!
+
+(Die Erzherzoge gehen nach der entgegengesetzten Seite und gehen quer
+über die Bühne ab.)
+
+Klesel (sich zurückziehend).
+Du heil'ger Gott!
+
+Erzherzog Leopold (der zurückgeblieben, links in den Vordergrund tretend).
+Ramee!
+
+Oberst Ramee (zu ihm tretend).
+Erlauchter Herr!
+
+Erzherzog Leopold. Es steht hier schlimm, und doch, bedenk ich's recht,
+Möcht ich fast sagen: gut. Sie haben Pläne.
+Das Lager hier, ich fürchte, löst sich auf.
+Hast du versucht ob ein und andre willig
+Bei uns zu dienen im Passauer Heer?
+
+Ramee. Bei zwanzig Führer.
+
+Leopold. Halt, sprich leise, hier!
+
+(Er zieht sich mit ihm nach der linken Seite, wo Ramee zu ihm spricht.)
+
+Klesel (in der Mitte der Bühne mit einer Bewegung gegen den Erzherzog.).
+Ob ich's versuche, noch einmal versuche?
+
+(Eine Gruppe Soldaten rechts im Vorgrunde.)
+
+Erster (halblaut).
+Des Kaisers Sohn Don Cäsar ist im Lager.
+Er wirbt Gehilfen zu geheimem Anschlag.
+Es soll 'ner Kutsche mit zwei Frauen gelten,
+Begleitet nur von wenigen Berittnen.
+
+Zweiter. Das wär' ja wie ein Räuberüberfall.
+
+Erster. Des Kaisers Sohn und Räuber? Dann zuletzt,
+Was kümmert's dich? Sieh hier, man zahlt mit Gold.
+(Münzen zeigend.)
+
+Zweiter. Gehst du?
+
+Erster. Jawohl! und Kunz und Hans und Märten.
+
+Klesel (im Mittelgrunde).
+Nein, lieber sterben, als den Einsichtslosen
+Die Einsicht opfern und gerechten Stolz.
+
+Leopold (zu Ramee).
+Sei rasch und klug und hüte dich vor dem!
+(Auf Klesel zeigend, ab.)
+
+Zweiter Soldat (rechts im Vorgrunde).
+Hier hast du mich! Soll's bald?
+
+Erster. Heut abend.
+
+Zweiter. Gut!
+
+Geschrei (hinter der Szene).
+Vivat! Vivat!
+
+Ramee. Was ist?
+
+Hauptmann (in die Szene nach links blickend).
+Ein Mann--umgeben--
+In ung'risch niedrer Tracht.--'s ist der Erzherzog.
+
+Ramee. Mathias?
+
+Hauptmann. Wohl!--Nun vivat, vivat denn,
+Wer's treu mit Östreich meint und seinem Haus.
+
+(Klesel, der bei dem Worte Mathias zusammengefahren, stürzt jetzt
+auf den Hauptmann zu, ihm die Rechte mit beiden Händen drückend,
+dann eilt er nach der linken Seite ab.)
+
+Alle (in derselben Richtung folgend).
+Vivat! Vivat!
+
+Ramee. Nun, vivat denn wir alle!
+(Er schließt sich an.)
+
+Erster Soldat (aus der Gruppe rechts).
+Wir kommen noch zurecht. Doch wahrt die Zunge.
+
+(Sie ziehen sich nach der rechten Seite zurück. Die Bühne ist leer
+geworden.)
+
+Verwandlung
+Das Innere eines Zeltes. Kurzer Raum, im Hintergrunde durch einen
+Vorhang geschlossen.
+
+Von außen hört man noch immer Vivat rufen. Erzherzog Mathias in
+einfachen ungarischen bis an die Knie reichenden Rocke, ein paar
+Diener hinter sich, von der rechten Seite.
+
+Mathias. Ha jubelt nur, ihr wackern treuen Jungen!
+Diesmal fürwahr ging's nahe g'nug an Leib.
+(Sein Kleid besehend, zu den Dienern.)
+Gebt einen andern Rock!--Und doch, laßt immer!
+Nicht trennen will ich mich von diesen Kleidern
+Bis abgewaschen dieses Tages Schimpf.
+Doch einen Stuhl, denn auszuruhn geziemt sich,
+Eh man die Kraft zu neuem Wirken spannt.
+
+Klesel (von rechts eintretend).
+Gebt Raum! Gebt Raum! Ich muß zu meinem Herrn!
+(Sich vor ihm auf die Knie werfend und seine Hand fassend.)
+Ihr seid's, Ihr lebt! O uns ist allen Heil!
+
+Mathias (Klesel emporhebend).
+Habt Dank, mein Freund! Habt Dank für Eure Liebe.
+Ja diesmal galt's. Ein Zoll, ein Haar,
+Und Prinz Mathias ging zum dunkeln Land,
+Wo Fürsten sich als Bettlergleiche finden.
+(Sein Kleid zeigend.)
+Der Riß hier, schau! Das war ein türk'scher Säbel,
+Den einzeln ich der einzelne bestand.
+Es gab zu tun, (mit einer Handbewegung) doch eine schiefe Quart
+Des alten Mazzamoro, unsers Lehrers
+Aus früher Knabenzeit, das endlich half.
+Ein alter Landmann gab mir diesen Rock
+Und so kam ich zurück ins eigne Lager.
+
+(Diener haben einen kurzen Mantel gebracht.)
+
+Mathias. Was soll's?--Sagt' ich denn nicht--? Es gilt wohl gleich!
+
+(Diener ziehen ihm das ungarische Kleid aus und geben ihm den Mantel
+um, währenddessen)
+
+Klesel. Wie waren wir besorgt seit Flucht und Schlacht.
+
+Mathias. Die Schlacht ging schief. Der alte Mansfeld
+Mit seinem Zaudern hat das Heer verderbt,
+Da ist kein Mann für tücht'ges Werk und Wagen.
+Dagegen diese Türken,
+(den Mantel zurecht ziehend, die Diener entfernen sich)
+wahr bleibt wahr.
+Sonst schützt ein Fluß den drangelehnten Flügel,
+Sie aber schwimmen durch mit Roß und Mann,
+Und was ein Bollwerk schien wird Punkt des Angriffs.
+In Zukunft sieht man sich wohl vor.--Nun aber
+Was geht für Nachricht von den Flüchtigen?
+Sind sie zurück im Lager? Fehlen viel?
+
+Klesel. Ein Dritteil sagt man fast des ganzen Heers.
+
+Mathias (auf und nieder gehend).
+Ein Dritteil, schlimm!
+
+Klesel. Nicht wahr? Ihr seht nun selbst--
+
+Mathias. Es finden manche sich wohl später ein.
+Doch hätt' ich nicht gedacht--
+
+Klesel. Der Rest entmutigt,
+So daß kein Mittel, als--
+
+Mathias (stille stehend).
+Erneuter Angriff.
+
+Klesel. Als Frieden.
+
+Mathias. Neuer, doppeltstarker Angriff.
+
+Klesel. Ihr wart ja doch vor kurzem überzeugt,
+Daß nur allein Vertrag--
+
+Mathias. Vor kurzem, ja,
+Da war ich Sieger. Aber nun: besiegt.
+Bei diesem Wort empört sich mir das Blut
+Und steigt vom Herzen glühend in die Wangen.
+Mir schwebt ein Plan vor aus Vegetius,
+Bewährt sich der, dann sprechen wir des weitern.
+
+Klesel. Ist das Eu'r Wort, im selben Augenblick,
+Wo die Erzherzoge, von Euch berufen,
+Im Lager schon, zu handeln von dem Frieden.
+
+Mathias. Sie mögen sich den Krieg einmal besehn,
+Mitmachen etwa gar, dergleichen frommt
+Für Gegenwart und Zukunft; endlich gehn
+Wohin sie Laune treibt, Beruf, Geschäft.
+
+Klesel. Und wenn der Kaiser nun erfährt,
+Daß man hier Rat gehalten gegen seinen Willen.
+
+Mathias. Erfahren mußt' er's, ob nun so, ob so.
+
+Klesel. Doch schützte der Erfolg vor seinem Zürnen.
+
+Mathias. Den besten Schutz gibt in der Faust das Schwert.
+
+Klesel. Und wenn er Euch nun ab vom Heer beruft?
+
+Mathias. Vielleicht gehorcht' ich nicht.
+
+Klesel. Gestützt auf was?
+Der Feldherr, der Gehorsam weigert, heißt
+Verräter, aber wer den Frieden gibt
+Dem ausgesognen Land, wär's ohne Auftrag,
+Er ist der Reiter, Abgott seines Volks.
+(Halbleise.)
+Vergeßt Ihr denn, daß Sultan Amurat
+Der Frieden braucht, dem Geber dieser Ruh'
+In Ungarn Macht und Einfluß gerne gönnt;
+Sowie, daß Östreichs Stände beiden Glaubens
+Dem Retter in der Not sich in die Arme
+--Die doch auch Hände haben--freudig stürzen.
+
+Mathias. Ich hab's gesagt. Die Schmach ertrüg' ich nicht.
+
+Ein Diener (anmeldend).
+Die Herrn Erzherzoge.
+
+Klesel. Um Gottes willen!
+Erkennt doch, daß es Wahnsinn was ihr wollt.
+Und doch--Kommt's wie ein Lichtstrahl nicht von oben?
+Es ist zu spät. Bleibt, Herr, bei Eurer Weigrung.
+(Sich nach dem Vorgrunde entfernend.)
+Vielleicht reift unsern Anschlag grade dies.
+
+(Die Erzherzoge werden eingeführt.)
+
+Max. Nun Bruder, Gott zum Gruß. Doppelt willkommen,
+Als kaum entronnen solcher Fährlichkeit.
+Nun aber ans Geschäft. Man rief uns her,
+Als Zeugen dachten wir von einem Sieg,
+Um zu bewundern Eure Strategie;
+Doch scheint Gott Mars, der strahlende Planet,
+Vorläufig in rückgängiger Bewegung.
+
+Mathias. Aus vor- und rückwärts bildet sich der Kreislauf.
+
+Max. Doch bleibt man hübsch im Kreis und kommt nicht vorwärts.
+Nun Bruder sei nicht unwirsch, ging's mir auch doch
+Viel anders nicht im Streit um Polens Krone.
+Sie fingen mich sogar, trotz Stand und Würde.
+Der Krieg kennt nicht Respekt, er zahlt auf Sicht.
+Hier bring ich dir die Neffen, die du kennst
+Obgleich seitdem (auf Leopold zeigend) gewachsen (auf Ferdinand) und
+gealtert.
+Sie kamen her, den Kreislauf zu studieren
+Des Gottes Mars. Auch will man, heißt's, beraten
+Um dies und das. Zuletzt denn sind wir hier.
+
+Ferdinand (auf Max zeigend).
+Des Bruders Gruß, nicht teilend seinen Scherz.
+
+Leopold. Und hocherfreut, Euch, Oheim, wohl zu finden.
+
+Mathias. Das geht nun so im Lager ab und zu,
+Bald oben und bald unten. Ist's gefällig?
+Ein Imbiß findet sich wohl noch zur Labung.
+
+Max. Ich liebe nichts vom Krieg, am wenigsten
+Die Kriegerkost. Ein deutscher Ordensmeister
+Will alles ordentlich, zumal die Tafel.
+Wir haben uns aus unsrer Reiseküche
+Im Wagen schon gestärkt und danken freundlichst.
+Auch will ich keine Lorbeern hier erwerben;
+Drum rasch nur ans Geschäft, ist das beendigt,
+Kehr ich nach Wien zurück sobald nur möglich
+Und wo ein Weg noch von den Türken frei.
+Du scheinst nicht meiner Meinung, Leopold?
+Bleib hier, gebrauch dein Schwert! Du bist noch jung,
+Und kommt's zur Flucht, bewegst du rüst'ge Beine.
+Ich bin von Blei, das zwar aus der Muskete
+Ein rasches Ding, sonst aber träg und schwer.
+Nun aber: wo der Ratstisch und die Stühle?
+
+(Klesel zieht an einer Schnur, der Vorhang des Zeltes öffnet sich und
+zeigt einen grünbehangnen Tisch und Armsessel.)
+
+Max. Der Teppich grün, ah, so bin ich's gewohnt.
+An einem roten Tisch fiel' mir nichts ein,
+Ein blaubehangner führte grad ins Tollhaus,
+Doch grün, das stärkt das Aug' und den Verstand.
+Kommt sitzen denn ihr Herrn! (Leise zu Mathias.) Doch hier ist einer,
+Der überlei mir dünkt in unserm Rat.
+
+Klesel (zu Mathias).
+Befehlt Ihr irgend noch, erlauchter Herr,
+Sonst, mit Erlaubnis, zieh ich mich zurück
+Max. Bleibt immer denn, und führt das Protokoll!
+Man spricht sonst her und hin und weiß zuletzt
+Nicht ja, noch nein und wer und was gesprochen.
+(Zu den übrigen.)
+Geht sitzen, sitzen! Kommt!
+(Kleseln das Ende rechts am Tische anweisend.)
+Hier Euer Platz!
+Doch mir zulieb, sprecht erst wenn man Euch fragt.
+Nun Leopold?
+
+Leopold (am Ende links).
+Ihr wißt, ich stehe gern.
+
+Max. Ich weiß, ich weiß! In Gräz vorm Bäckerladen
+Hast du gestanden, eisern, stundenlang,
+Bis sich die holde Mehlverwandlerin
+Am Fenster, günstig, eine Venus, zeigte.
+
+Leopold. Ein Stadtgeklatsch.
+
+Max. Es klatschte wie von Küssen,
+Und niemand wußt' es als die ganze Stadt.
+(Zu Klesel.)
+Tunkt Ihr die Feder ein? Ihr werdet doch nicht
+Das alles setzen schon ins Protokoll?
+Seht nur, er mahnt uns Klügeres zu sprechen
+Und er hat recht, nun also denn: zur Sache.
+Komm sitzen, Leopold!
+
+Leopold. Nicht bis ich weiß:
+Ob mit des Kaisers Willen, ob entgegen
+Wir uns vereinen hier zu Spruch und Rat.
+
+Mathias (nach einer Pause).
+Sagt etwas, Klesel!
+
+Klesel. Wenn ich also darf:
+Es will gewiß der Mensch sein eignes Bestes.
+Wird nun des Kaisers Bestes hier beraten,
+Kann man noch zweifeln, ob es auch sein Wille?
+
+Leopold. Ich aber will nur was ich selber will,
+Und Herrscher heißt wer herrscht nach eignen Willen.
+
+Mathias. Man merkt es wohl, Ihr sucht des Kaisers Gunst
+
+Leopold. Wer sie nicht wünscht ist nicht sein Untertan.
+
+Mathias. Doch hängt ein Nebenvorteil manchmal noch
+Der Demut an, die nur Gehorsam schien.
+
+Ferdinand. Komm Bruder Leopold, es soll nicht heißen,
+Daß wir aus Gräz Gerüchten Nahrung geben,
+Die Erberschleichung gegen das Gesetz
+Auf unsers Hauses Wappenmantel spritzen.
+
+Leopold. So will ich hören denn, doch sitzen nicht.
+
+Mathias. Wie's Euch beliebt.
+
+Max. Nun also denn: was soll's?
+
+(Da Klesel nach einer Schrift in seinem Busen greift.)
+
+Max. Laßt stecken, Herr, wir wissen was Ihr bringt:
+Ein künstlich ausgefeilt Elaborat
+Das uns den Frieden mit den Türken soll
+Als rätlich, nötig, unerläßlich schildern.
+Ihr seid der Widerhall von Euerm Herrn,
+Wenn nicht vielmehr das Echo er von Euch.
+Und deshalb ohne Vorwort zur Beratung.
+Der Friede wäre gut, allein der Kaiser,
+Des Landes Haupt und Herr, er will ihn nicht.
+Nebstdem, daß unter solchen Schmeichelhüllen
+Ein Anschlag, meint man, andrer Art sich birgt.
+(Zu Klesel.)
+Ich will Euch schelten, Herr, drum hieß ich Euch
+Hier sitzen unter uns; da Bruderliebe
+Und Fürstenachtung mir nicht will gestatten
+Zu schelten meinen Bruder, Euern Herrn.
+Die Stände, sagt man, protestant'schen Glaubens
+Aus Österreich verkehren still mit Euch,
+Und als den Preis der Sichrung vor den Türken
+Nebst Zugeständnis ihrer Glaubensübung,
+Verspricht man einem Fürsten unsers Hauses,
+Den ich nicht kennen will, nicht nennen mag,
+Ein neuerdachtes Schützeramt zu gründen
+Halb abgesondert von dem Stamm des Reichs.
+Ihr seht, was Ihr gesponnen kam ans Licht.
+Seid noch Ihr für den Frieden?
+
+Klesel. Durchlaucht ja.
+Wenn diesmal auch Verleumdung wahr gesprochen,
+Was gut bleibt gut, wär' auch der Geber schlimm.
+
+Max. Und Bruder du?--Allein was frag ich noch
+(auf Klesel zeigend)
+Hat dieser deine Meinung doch gesprochen.
+
+Mathias. Glaubst du? (Zu Klesel.) Sagt Eure Meinung noch einmal.
+
+Klesel. Den Frieden, hoher Herr.
+
+Mathias. Und ich den Krieg.
+Ich bin beschimpft im Angesicht der Welt.
+Die Ehre unsrer Waffen stell ich her,
+Dann mag die Klugheit und die Furcht beraten.
+
+Max. Nun Bruder sei nicht kindisch, möcht' ich sagen.
+Hoffst du, geschlagen mit dem ganzen Heer,
+Nun, mit dem halben, Sieg dir zu erringen?
+Von hier bis Wien ist nirgends eine Stellung,
+Die Mauern Wiens verfallen, ungebessert,
+Ein Wandelgang für friedliche Bewohner,
+Nicht eine Abwehr gegen solchen Feind.
+
+Klesel (die Feder eintauchend, eifrig).
+So seid Ihr für den Frieden?
+
+Max. Ich? Bewahr!
+
+Klesel. Doch spracht entgegen Ihr dem Krieg.
+
+Max. Ei, laßt mich!
+
+Ferdinand (zu Mathias).
+Wozu noch kommt, daß es mich heidnisch dünkt,
+Für Kriegesruhm und weltlich eitle Ehre,
+Das Wohl des Lands, der ganzen Christenheit
+Zu setzen auf ein trügerisches Spiel.
+
+Leopold. Fernand, sie haben dich.
+
+Ferdinand. Was fällt dir ein?
+
+Leopold. Wer billigt, der bewilligt wohl zuletzt.
+
+Ferdinand (fortfahrend).
+Auch sind im Heer beinah nur Protestanten,
+Und wo der Glaube fehlt, wo bleibt die Hoffnung?
+
+Klesel (zu Mathias).
+Beliebt's Euch hoher Herr?
+
+Mathias. Was das betrifft,
+So weiß ich keinen gläubiger als mich.
+Doch ist das Land, sind seine höchsten Stellen
+Mit diesen Protestanten dicht besetzt.
+Muß ich sie schonen nicht, will ich sie brauchen?
+Muß ich sie brauchen nicht, wenn zwingt die Not?
+Und sag ich's nur: die Fähigsten, die Kühnsten,
+Die Ketzer sind's, ich weiß nicht wie es kommt.
+
+Klesel (auf sein Papier herabgebeugt, wie vor sich).
+Der Krieg ist dieser Spaltung Keim und Wurzel.
+
+Ferdinand (auf Klesel).
+Da spracht Ihr wahr, wenn irgend jemals sonst!
+Weil Ruhe war in meiner Steiermark,
+Weil ich bei Ketzern brauchte nicht zu betteln,
+Gelang's mir ihre Rotte zu zerstreun;
+Und deshalb, wäre nicht des Kaisers Wille,
+Stimmt' ich in Euern Antrag freudig ein.
+Doch gäb' es einen Ausweg, wie mir deucht,
+Der Krieg und Frieden gleicherweis vereint:
+Den Waffenstillstand--(Zu Klesel.) Schüttelt Ihr den Kopf?
+
+Mathias. Und soll er nicht, solang sein Kopf ihm eigen?
+Glaubt ihr, der Türke werde müßig gehn,
+Für Waffenruh' und solchen armen Tand,
+Des Vorteils sich begeben, der ihm lacht?
+--Wenn er im Vorteil ja, wie's wirklich scheint.--
+Das ist der Fluch von unserm edeln Haus:
+Auf halben Wegen und zu halber Tat
+Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.
+Ja oder nein, hier ist kein Mittelweg.
+
+Ferdinand. Wenn man uns drängt, das ist nicht Brauch noch Sitte.
+
+Mathias. Es drängt die Zeit; wir selbst sind die Bedrängten.
+
+Ferdinand. Und kennt man die Bedingungen des Feinds?
+
+Klesel (den Stuhl rückend).
+Das ist zu wissen leicht aus erster Quelle.
+Des Ofner Bassa Sekretär und Dolmetsch
+Ist hier im Lager; wenn Ihr es gestattet,
+Führ ich ihn her, hört selbst dann was er bringt.
+
+Max. Mir ist gemein nichts mit den grimmen Türken.
+
+Ferdinand (heftig).
+Weiß sonst man irgend, frag ich noch einmal,
+Die Punkte die der Heide nimmt und gibt.
+
+Klesel. Der Stand wie vor dem Krieg.
+
+Max. Das wäre billig.
+
+Leopold. Halt aus, Fernand, halt aus! Kehr ruhig heim.
+Ich bleibe hier; wär's als gemeiner Reiter,
+Wär's auf den Trümmern des zerstörten Wiens,
+Durch Blut und Krieg mit allen seinen Schrecken,
+Zu fechten für des Kaisers Macht und Willen.
+
+Ferdinand (sich mit Abscheu von ihm wendend).
+Nun Frieden also denn!
+
+Leopold. Fernand auch du?
+
+Ferdinand. Fragst du mich noch, der du mich selber zwingst,
+Mir schildernd alle Greuel des Verweigerns?
+
+Klesel (ruhig zu Mathias).
+Ihr seid für Krieg?
+
+Mathias. Wenn man mich überstimmt!
+
+Leopold. Hier ist noch einer. Ohm, wir sind zu zwei.
+
+Mathias. Gerade deshalb Frieden auch.
+
+Max. Wir sind zu Ende.
+
+Klesel. Vorerst erlaubt, daß mit zwei Worten nur,
+Dem Pfortendolmetsch, der im Lager harrt,
+Den Ratschluß ich verkünde samt dem Frieden.
+
+Ferdinand. Warum so rasch?
+
+Klesel. Wir haben dann was Ihr
+In Eurer Weisheit wünschenswert erachtet:
+Stillstand der Waffen. Denn, o Herr bedenkt!
+Benützt der Türke seinen jetz'gen Vorteil
+Und schneidet ab das Heer im Rücken gar,
+So steigert er, befürcht ich, seine Fordrung
+Und unsre Opfer steigern sich zugleich.
+
+Max. Schreibt immer denn!
+
+Ferdinand. In mir ringt's wirren Zweifels.
+Was gäb' ich nicht wär' mir der Schritt erspart.
+
+Max. Zuletzt hat unser Bruder jüngster Zeit
+So sehr sich von Geschäften rückgezogen
+Und aufgeschoben was doch unverschieblich,
+Daß ihm ein milder Zwang vielleicht erwünscht.
+
+Leopold. Ihr werdet sehen was Ihr angerichtet.
+
+(Klesel klingelt, ein Diener erscheint.)
+
+Klesel (den gefalteten Zettel übergebend).
+Des Ofner Bassa Sekretär. Sogleich!
+
+(Diener ab.)
+
+Max. Noch einmal sag ich denn: wir sind zu Ende.
+
+Klesel. Nicht ganz, erlauchte Herrn! (Aufstehend.) Wenn ich bisher
+Nur auf Erlaubnis sprach und wider Willen,
+Tret ich nun auf in meinem eignen Amt,
+Als Seelenhirt, als Redner für ein Volk
+Und als Vertreter unsers heil'gen Glaubens.
+Dieselbe Stimme, die in Wien und Neustadt
+Zu Tausenden bekehrt mit ihrer Macht
+Erheb ich nun mit gleichem Feuereifer
+Im Angesicht der Gegenwart und Zukunft.
+Ihr schloßt den Frieden edle Herrn, allein
+Wenn ihn, gesetzt, der Kaiser nun verwirft?
+
+Max. Er wird es nicht.
+
+Leopold. Er wird's.
+
+Klesel (zu Leopold höhnisch).
+Ihr habt's getroffen
+Und kennt, so scheint's, des Kaisers tiefste Meinung.
+
+(Mathias will auffahren, Klesel hält ihn mit einer Handbewegung
+zurück.)
+
+Ferdinand. Das sagt Ihr uns, nachdem der Bote fort,
+Der unser Wort verpfändet an den Türken?
+
+Klesel. Die Not erkennend schloßt Ihr den Vertrag,
+Doch erst gehalten sind Verträge wirklich.
+Wenn nun der Kaiser Euern Schluß verwirft?
+
+Max. Dann waschen wir in Unschuld unsre Hände.
+
+Klesel. Das wäre Unschuld schlimmer noch als Schuld.
+Dies edle Land, es darf nicht untergehn
+Und alles was dem Menschen hoch und heilig
+Nicht von dem Überdruß, den Wechsellaunen
+Und der Entfernung zwischen Prag und Wien
+Abhängig sein zu drohendem Verderben.
+Am heut'gen Tag, vertragend mit dem Feind,
+--Obgleich vorläufig nur, auf spätern Abschluß--
+Erkanntet in Euch selber Ihr die Macht
+Zu sorgen für des Vaterlandes Beste.
+Doch nicht der Kaiser nur ist wankelmütig,
+Der Türk' ist treulos, als ein Heide schon,
+Im ganzen Reich der fernen Möglichkeiten
+Ist nichts als Zweifel, Arglist und Gefahr.
+Ihr könnt nicht immer hier zu Rate sitzen,
+Deshalb ist nötig, daß für alle einer
+Mit Macht bekleidet, wenns die Not erheischt,
+Zu handeln als des Hauses Hort und Säule.
+
+Leopold. Er spricht für seinen Herrn.
+
+Klesel. Diesmal nicht also!
+Befragt Ihr mich, wen ich vor allen liebe,
+Wen ich an Tapferkeit, an hohem Sinn,
+Voran den Fürsten mancher Länder setze,
+So ist die Antwort: ihn dort, meinen Herrn.
+Allein zu solchem Amt fehlt ihm die Festigkeit,
+Nicht Kraft, doch das Beharren im Entschluß.
+
+Mathias (zornig).
+Ich will Euch zeigen, ob ich fest, ob nicht.
+
+Klesel. Auch hat man uns geheimes Einverständnis
+Mit Ketzern, Unzufriednen Schuld gegeben,
+Das darf nicht sein bei anvertrauter Macht.
+Erzherzog Maximilian wäre rein.
+
+Max. Ich bin entwohnt des Wirkens und Befehlens,
+Mich träfe ganz was meinen Bruder halb.
+
+Klesel. Nun denn: ein Muster hier der Festigkeit,
+Der Herr der Steiermark, der, rascher Tat,
+Die Ketzerei getilgt in seinem Land.
+
+Mathias. Was fällt Euch ein? Ist Euch denn nicht bekannt,
+Daß diese Gräzer um des Kaisers Gunst,
+Mit Hoffnung wohl zu folgen auf dem Thron,
+Der eine laut, der andre leise buhlen?
+
+Ferdinand (zu Klesel).
+Auch, habt gerühmt Ihr meine Festigkeit,
+Vergaßt Ihr ihre Wurzel: das Gewissen;
+Das eine Beugung etwa mir erlaubt
+Zu gutem Zweck, wie etwa heut und jetzt;
+Doch Übertretung, förmliche Verletzung
+Mir nicht gestattet, gält' es eine Krone.
+Mathias ist des Hauses Ältester,
+Tut not denn übertragene Gewalt,
+Wie es fast scheint, so sei sie ihm vertraut.
+
+Mathias. Ja mir gebührt's vor allen und mit Recht.
+
+Klesel (ein Papier aus dem Busen ziehend).
+Da braucht es nur noch Eure Unterschrift.
+
+Leopold. Seht Ihr den Schalk? er hat's schon in der Tasche.
+
+Klesel. Die Vollmacht ja, allein der Name fehlt.
+(Die Schrift hinhaltend.)
+Er blieb hier weiß.
+
+Ferdinand (zu Max).
+Wenn's Oheim Euch genehm.
+
+(Sie lesen die Schrift.)
+
+Leopold. Schreibt nur Rudolphus, so bleibt's nach wie vor.
+Ihr habt uns hier am Narrenseil geleitet,
+Ich geh nach Prag und zeig's dem Kaiser an.
+
+Mathias. Das dürft Ihr nicht.
+
+Klesel (demütig).
+Herr, das war die Bedingung:
+Geheimzuhalten was beschloß der Rat.
+
+Leopold (sein Wehrgehäng zurechtrichtend).
+So will ich nur im offnen und geheimen
+Den Kaiser schützen, den Ihr doch bedroht.
+
+Ferdinand. Ich setze denn Mathias.
+
+Max. Immerhin.
+
+Ferdinand (unterzeichnend).
+Und hier die Unterschrift.
+
+Max (ebenso).
+Sowie die meine.
+
+Ferdinand (der aufgestanden ist).
+Wenn ich betrachte dieses Unglücksblatt
+So geht's durch meine Seele wie Verderben.
+
+Klesel. Sie liegt noch hier; es braucht nur sie zerreißen,
+So stehen wir auf gleichem Platz wie vor.
+
+Ferdinand. Ich fühle wohl, es muß. Komm Leupold mit nach Gräz,
+Es drängt mich mein Gewissen auszuschütten
+Vor dem der seine Zweifel kennt und löst.
+
+Max (aufstehend).
+Es ist geschehn. Nun Bruder aber höre:
+Sei fest und treu! Vor allem aber wisse:
+Warst eines Sinnes du mit diesem Mann
+(auf Klesel zeigend) Ich hätte die Gewalt dir nicht gegeben.
+Drum brauch ihn, er ist klug, doch hüte dich.
+
+Mathias (streng).
+Ich werde wohl, und hab ihn heut erkannt.
+
+Ferdinand. Vielmehr begehr ich, daß Ihr ihn gebraucht,
+Er ist ein Eifrer für die fromme Sach.
+
+Leopold. Du zitterst ja!
+
+Ferdinand. Laß nur, es geht vorüber.
+
+Leopold. Wir haben keinen guten Kampf gekämpft.
+
+Mathias. Wollt ihr schon fort?
+
+Max. Laß uns! wir sind betrübt.
+Und ohne Abschied denn!--Geht ihr?
+
+Ferdinand. Leopold. Wir folgen.
+
+Mathias. Zur Kutsche wenigstens nehmt das Geleit.
+Auf bald'ges, frohes Wiedersehn.
+
+Die Erzherzoge. Wir hoffen's.
+
+(Sie gehen, von Mathias geleitet.)
+
+Klesel. Nun rasch ans Werk! Vor allem die Depeschen.
+(Er setzt sich und schreibt.)
+
+Mathias (zurückkommend).
+Wie, du noch hier? Du trittst vor meine Augen,
+Nachdem du erst gesprochen wider mich?
+
+Klesel (aufstehend).
+Herr, wider Euch? für Euch! Ihr habt die Schrift,
+Die Euch zum Herren macht in diesem Land.
+
+(Da Mathias zu ihm tritt.)
+
+Wenn Ihr mich stört such anderwärts ich Ruh'.
+Es gilt zu schreiben, schreiben, rasch und viel.
+Und diese Schrift, Ihr sollt mir sie noch küssen,
+Wie ich sie küsse jetzt.
+Wir sind geborgen.
+
+(Er tritt ins Innere des Zeltes, dessen Vorhänge er herabläßt.)
+
+Mathias. Er ist ein Rätsel was er tut und spricht
+Und seine Rede streitet mit ihm selber.--
+Nun ja, die Schrift (Freudig auffahrend.) He Klesel, Klesel höre!
+(Er tritt an den Vorhang.)
+Er gibt nicht Antwort. Laß ich ihn denn jetzt!
+Ein Meer von Bildern schwimmt vor meiner Seele.
+
+(Auf die Seitentüre zugehend bleibt er stehen, als ob er umkehren
+wollte, geht aber nach einigem Besinnen ab.)
+
+
+
+------------------------------------------------------
+
+Gegend in der Nähe des kaiserlichen Lagers.
+
+Abenddämmerung. Man hört einige Flintenschüsse hinter der Szene.
+Prokop, ein bloßes Schwert in der Hand, kommt mit seiner Tochter.
+
+Prokop. Komm meine Tochter, noch hält dieser Arm
+Und fühlt sich stark genug dich zu verteid'gen.
+
+(Zwei kaiserliche Soldaten folgen.)
+
+Erster. Gebt Euch, sag ich, Ihr lebtet längst nicht mehr,
+Wär' nicht die Furcht das Mädchen zu verletzen.
+
+Prokop (rufend).
+Janek! Basil!
+
+Zweiter. Die hörten auf zu hören.
+Ihr seid der einzig Lebende, drum hört!
+
+Prokop. So will ich sterben denn, mein Kind verteid'gend.
+Allein was wird aus ihr, wenn ich erlag.
+
+Erster. Das eben, Herr, bedenkt und weicht der Not
+Sonst eins, zwei, drei, und Euer Tag ist aus.
+
+(Sie nähern sich ihm.)
+
+Prokop. Lebt denn kein Retter mehr im weiten All?
+Kein Helfer, der bedrängte Unschuld schirmt?
+
+(Trompeten in der Nähe.)
+
+Prokop. Hört ihr?
+
+(Ein dritter Soldat kommt.)
+
+Erster. Was ist?
+
+Dritter. Die Herrn Erzherzoge,
+Die, stark begleitet, aus dem Lager kehren,
+Ein Unstern führt sie eben hier vorbei.
+Wir sind zu schwach, entflieht!
+
+Erster. Ich werde wohl!
+Der Lohn, zum Glück, ward vorhinein bezahlt.
+
+(Sie ziehen sich zurück.)
+
+Prokop. Wir sind gerettet Kind! Lukrezia hörst du?
+
+(Erzherzog Leopold und Oberst Ramee kommen mit Begleitung, die bloßen
+Schwerter in der Hand.)
+
+Leopold. Nicht Türken sind's, des eignen Lagers Auswurf,
+Zu Brudermord gezückt das feige Schwert.
+Verfolgt sie, gebt dem Henker seine Beute!
+
+(Ramee und einige in der Richtung der Flüchtigen, ab.)
+
+Leopold. Und wer seid Ihr?
+
+(Erzherzog Ferdinand mit Dienern und Fackeln ist gekommen.)
+
+Prokop (gegen Ferdinand gewendet).
+Ein Bürger, Herr, von Prag,
+Mit seiner Tochter, die Euch dankt die Rettung.
+Ein Mächtiger am Hof verfolgte sie;
+Deshalb nun wollt' ich sie nach Dukla bringen
+Zu einer Tante, die dort lebt im Schloß.
+Allein der Kriegslärm, damals weit entfernt,
+Er überholte uns auf unsrer Reise.
+Seitdem nun irren wir auf Seitenwegen
+Und hofften in dem Christenlager Schutz.
+
+Leopold (Lukrezias Hand fassend).
+Erholt Euch, schönes Kind.
+
+Lukrezia (die Hand zurückziehend).
+Nicht schön, doch ehrbar.
+
+(Ramee und seine Begleiter kommen mit einem in einen dunkeln Mantel
+Verhüllten zurück.)
+
+Ramee. Den einz'gen nur gelang es zu ereilen.
+
+Leopold. Verhüllt Ihr Euch? Es ist nicht Fastnachtzeit!
+Die Fackel her!
+
+(Ein Diener leuchtet hin.)
+
+Lukrezia. O Gott, er ist's.
+
+Erzherzog Ferdinand. Don Cäsar!
+
+Prokop. Derselbe den wir flohn.
+
+Ferdinand. Wie kommt Ihr hieher?
+
+Don Cäsar. Fragt nicht und laßt mich frei.
+
+Ferdinand. Nicht also, Freund!
+Der Kaiser will Euch gern in seiner Nähe,
+Und Ihr bedürft, so seh ich, strenger Hut.
+(Zu einem Befehlshaber.)
+Geleitet ihn mit Eurer Schar von Reitern
+Und sagt dem Kaiser, wenn ihr kommt nach Prag--
+Allein das tu ich selbst, wenn's an der Zeit.
+Geht nur! Ihr haftet mir für seine Stellung.
+
+(Don Cäsar wird fortgebracht.)
+
+Prokop. Allein was wird aus uns?
+
+Erzherzog Ferdinand. Schließt Euch nur an,
+Bis Ihr die Grenze habt erreicht von Mähren,
+Wo sicher Euer Weg.
+
+Prokop. Nehmt tausend Dank.
+Komm nur mein Kind!
+(Nach Don Cäsar hinweisend.)
+Er kann nicht weiter schaden.
+
+(Ab mit Lukrezia.)
+
+Leopold. Nun, Bruder, sieh, wir taten doch ein Gutes.
+
+Ferdinand. Nachdem wir Schlimmes erst, ich fühl's, getan.
+
+Leopold. Sei nicht betrübt, es findet sich noch alles.
+Was halb du weißt und halb ich dir verschwieg:
+Das Heer in Passau, das ich, andern Vorwands,
+Seit lange werb, es stellt die Waage gleich
+Und gibt dem Kaiser wieder seine Rechte.
+
+Ferdinand (die Arme auf seine Schultern legend).
+Nichts Unvorsichtiges mein Freund und Bruder!
+
+Leopold (während Ferdinand sich auf ihn stützt).
+Voraussicht ist ja Vorsicht, oder nicht?
+Die Klugheit gibt nur Rat, die Tat entscheidet.
+Es soll sich alles noch zum Guten wenden.
+
+(Indem sie abgehen, fällt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+Zimmer im Schlosse auf dem Hradschin. Rechts im Hintergrunde eine
+türförmige Öffnung, in der ein Schmelztiegel auf einem chemischen
+Ofen steht. Daneben der Haupteingang.
+
+Kaiser Rudolf kommt aus einer Seitentüre rechts.
+
+
+Rudolf. He Martin, Martin! Plagt dich denn der Böse?
+Ist alles denn verworren und verkehrt?
+Es fehlt an Kohlen, Kohlen.
+
+(Ein Mann in berußter Jacke und Mütze, einen Korb Kohlen am Arme,
+ist eingetreten.)
+
+Rudolf. Träger Zaudrer!
+Besorgt denselben Dienst seit dreißig Jahren
+Und gafft und glotzt als wär's zum erstenmal.
+
+(Der Mann beschäftigt sich im Hintergrunde.)
+
+Wo schüttest du die Kohlen hin? Carajo!
+Scheint's doch du willst mir die Retorte füllen
+Und nicht den Herd. Verwünschter Schlingel!
+Bist du bezahlt zu Tode mich zu ärgern?
+
+Der Mann (nach vorn kommend, seine Mütze abnehmend und sich auf ein
+Knie niederlassend).
+Verzeiht, o Herr, ich bin's nur nicht gewohnt.
+
+Rudolf. Du bist nicht Martin!--Fuego de Dios!
+
+(Der Mann hat auch das Wams geöffnet.)
+
+Rudolf. Ah--Herzog Julius von Braunschweig Liebden!
+Wie kommt Ihr her? und doch zumeist
+(Mißtrauisch mehrere Schritte zurücktretend.) Was wollt Ihr?
+
+Herzog Julius. Seit vierzehn Tagen such ich Audienz
+Und konnte nun und nimmer sie erhalten,
+Da griff ich in der Not zu dieser List.
+Verzeiht dem Treuen der es gut gemeint.
+
+Rudolf. Ha, ha, ha, ha! Kein übler Spaß! Steht auf!
+Ihr könnt nun wenigstens dem Volk bestätigen,
+Daß ich noch lebe, was man, heißt's, bezweifelt.
+
+Julius (der aufgestanden ist).
+Bezweifelt, und mit Recht.
+
+Rudolf. Ja alter Freund,
+Damit ich lebe muß ich mich begraben,
+Ich wäre tot, lebt' ich mit dieser Welt.
+Und daß ich lebe ist vonnöten Freund.
+Ich bin das Band, das diese Garbe hält,
+Unfruchtbar selbst, doch nötig, weil es bindet.
+
+Julius (der den Kittel ausgezogen und auf einen Stuhl gelegt hat).
+Doch wird das Band nun locker, Majestät?
+
+Rudolf. Mein Name herrscht, das ist zur Zeit genug.
+Glaubst: in Voraussicht lauter Herrschergrößen
+Ward Erbrecht eingeführt in Reich und Staat?
+Vielmehr nur: weil ein Mittelpunkt vonnöten,
+Um den sich alles schart was Gut und Recht
+Und widersteht dem Falschen und dem Schlimmen,
+Hat in der Zukunft zweifelhaftes Reich
+Den Samen man geworfen einer Ernte,
+Die manchmal gut und vielmal wieder spärlich.
+Zudem gibt's Lagen wo ein Schritt voraus
+Und einer rückwärts gleicherweis' verderblich.
+Da hält man sich denn ruhig und erwartet
+Bis frei der Weg, den Gott dem Rechten ebnet.
+
+Julius. Doch wenn Ihr ruht, ruhn deshalb auch die andern?
+
+Rudolf. Sie regen sich, doch immerdar im Kreis.
+Die Zeit hat keine Männer, Freund wie Feind.
+
+Julius. Allein der Krieg in Ungarn?
+
+Rudolf. Der ist gut.
+Den Krieg, ich haß ihn als der Menschheit Brandmal
+Und einen Tropfen meines Blutes gäb' ich
+Für jede Träne, die sein Schwert erpreßt;
+Allein der Krieg in Ungarn der ist gut.
+Er hält zurück die streitenden Parteien,
+Die sich zerfleischen in der Meinung schon.
+Die Türkenfurcht bezähmt den Lutheraner,
+Der Aufruhr sinnt in Taten wie im Wort,
+Sie schreckt den Eifrer meines eignen Glaubens,
+Der seinen Haß andichtet seinem Gott.
+Fluch jedem Krieg! Doch besser mit den Türken,
+Als Bürgerkrieg, als Glaubens-, Meinungsschlachten.
+Hat erst der Eifer sich im Stehn gekühlt,
+Die Meinung sich gelöst ins eigne Nichts,
+Dann ist es Zeit zum Frieden, dann mein Freund,
+Soll grünen er auf unsern lichten Gräbern.
+
+Julius. Allein der Friede ward geschlossen.
+
+Rudolf. Ward.
+Ich weiß, doch nicht bestätiget von mir,
+Und also ist es Krieg bis Gott ihn schlichtet.
+Doch daß ich nicht auf Zwist und Streit gestellt--
+Siehst du? ich schmelze Gold in jenem Tiegel.
+Weißt du wozu?--Es hört uns niemand mein ich.--
+Ich hab erdacht im Sinn mir einen Orden,
+Den nicht Geburt und nicht das Schwert verleiht,
+Und Friedensritter soll die Schar mir heißen.
+Die wähl ich aus den Besten aller Länder,
+Aus Männern, die nicht dienstbar ihrem Selbst,
+Nein, ihrer Brüder Not und bitterm Leiden;
+Auf daß sie weithin durch die Welt zerstreut,
+Entgegentreten fernher jedem Zwist,
+Den Ländergier und was sie nennen: Ehre,
+Durch alle Staaten sät der Christenheit,
+Ein heimliches Gericht des offnen Rechts.
+Dann mag der Türke dräun, wir drohn ihm wieder.
+Nicht außen auf der Brust trägt man das Zeichen,
+Nein innen wo der Herzschlag es erwärmt,
+Es sich belebt am Puls des tiefsten Lebens.
+Mach auf dein Kleid!--Wir sind noch unbemerkt.
+(Er hat aus der Schublade des Tisches eine Kette mit daranhängender
+Schaumünze hervorgezogen.)
+Der Wahlspruch heißt: Nicht ich, nur Gott.--Sprich's nach!
+
+Julius (der sein Kleid geöffnet und sich auf ein Knie niedergelassen
+hat).
+Nun denn. Nicht ich, nur Gott--und Ihr!
+
+Rudolf. Nein wörtlich.
+
+Julius. Nicht ich, nur Gott.
+
+Rudolf (nachdem er ihm die Kette umgehangen).
+Nun aber schließ die Hülle,
+Daß niemand es erblickt. Du bist ein Ketzer,
+Allein ein Ehrenmann. So sei geehrt.
+
+Julius (der aufgestanden ist).
+O Herr, wenn Ihr dem Andersmeinenden,
+Ihr mir die Huld verleiht, die mich beglückt,
+Warum versöhnt Ihr nicht den Streit der Meinung
+Und gebt dem Glauben seinen Wert: die Freiheit,
+Euch selbst befreiend so zu voller Macht?
+
+Rudolf. Zu voller Macht? Die Macht ist's was sie wollen.
+Mag sein, daß diese Spaltung im Beginn
+Nur mißverstandne Satzungen des Glaubens,
+Jetzt hat sie gierig in sich eingezogen
+Was Unerlaubtes sonst die Welt bewegt.
+Der Reichsfürst will sich lösen von dem Reich,
+Dann kommt der Adel und bekämpft die Fürsten;
+Den gibt die Not, die Tochter der Verschwendung
+Drauf in des Bürgers Hand, des Krämers, Mäklers,
+Der allen Wert abwägt nach Goldgewicht.
+Der dehnt sich breit und hört mit Spotteslächeln
+Von Toren reden, die man Helden nennt,
+Von Weisen, die nicht klug für eignen Säckel,
+Von allem was nicht nützt und Zinsen trägt.
+Bis endlich aus der untersten der Tiefen
+Ein Scheusal aufsteigt, gräßlich anzusehn
+Mit breiten Schultern, weitgespaltnem Mund,
+Nach allem lüstern und durch nichts zu füllen.
+Das ist die Hefe, die den Tag gewinnt
+Nur um den Tag am Abend zu verlieren,
+Angrenzend an das Geist- und Willenlose.
+Der ruft: Auch mir mein Teil, vielmehr das Ganze!
+Sind wir die Mehrzahl doch, die Stärkern doch,
+Sind Menschen so wie ihr, uns unser Recht!
+
+Des Menschen Recht heißt hungern, Freund, und leiden,
+Eh' noch ein Acker war, der frommer Pflege
+Die Frucht vereint, den Vorrat für das Jahr;
+Als noch das wilde Tier, ein Brudermörder,
+Den Menschen schlachtete der waffenlos,
+Als noch der Winter und des Hungers Zahn
+Alljährlich Ernte hielt von Menschenleben.
+Begehrst ein Recht du als ursprünglich erstes,
+So kehr zum Zustand wieder der der erste.
+Gott aber hat die Ordnung eingesetzt,
+Von da an ward es licht, das Tier ward Mensch.
+
+Ich sage dir: nicht Szythen und Chazaren,
+Die einst den Glanz getilgt der alten Welt,
+Bedrohen unsre Zeit, nicht fremde Völker:
+Aus eignem Schoß ringt los sich der Barbar,
+Der, wenn erst ohne Zügel, alles Große,
+Die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die Kirche
+Herabstürzt von der Höhe, die sie schützt,
+Zur Oberfläche eigener Gemeinheit,
+Bis alles gleich, ei ja, weil alles niedrig.
+(Er setzt sich.)
+
+Julius. Ihr schätzt die Zukunft richtig ab, das Ganze,
+Doch drängt das Einzelne, die Gegenwart.
+
+Rudolf. Mein Haus wird bleiben, immerdar, ich weiß,
+Weil es mit eitler Menschenklugheit nicht
+Dem Neuen vorgeht oder es begleitet,
+Nein, weil es einig mit dem Geist des All,
+Durch klug und scheinbar unklug, rasch und zögernd,
+Den Gang nachahmt der ewigen Natur,
+Und in dem Mittelpunkt der eignen Schwerkraft
+Der Rückkehr harrt der Geister, welche streifen.
+
+Julius. Doch Eure Brüder denken nicht wie Ihr.
+
+Rudolf. Mein Bruder ist nicht schlimm, obgleich nicht klug.
+Ich geh ihm Spielraum, er begehrt zu spielen.
+
+Julius. War's Spiel? daß eigner Macht er schloß den Frieden,
+Ist's Spiel? da er den Herren spielt im Land?
+
+Rudolf. Du spielst mit Worten wie er mit der Macht.
+
+Julius. Man sagt, der Türke hab ihm angeboten
+Die Krone Ungarns.
+
+Rudolf. Sagt! Die Krone Ungarns.
+Der Türke hat das Land. Was soll das Zeichen?
+
+Julius. Die Protestanten,--Herr, ich bin ein Protestant,
+Doch nur im Glauben, nicht in Widersetzung--
+Sie haben ihm als Preis der Glaubensübung
+Beistand geschworen wider männiglich.
+
+Rudolf. Mein Bruder ist katholischer als ich.
+Er ist's aus Furcht, indes ich's nur aus Ehrfurcht.
+Die Glaubensfreiheit stünde gut mit ihm!
+
+Julius. So nützt er sie um später sie zu täuschen.
+Die Wirkung bleibt die nämliche für jetzt.
+In Mähren greift die Regung schon um sich
+Und fremde Truppen ziehen durch die Städte.
+
+Rudolf. Das ist der Tilly, den ich hingesandt--
+Ich bin so blind nicht all ihr etwa glaubt--
+Der hält das Land in Zaum.
+
+Julius. Es sind die Völker
+Aus Eures Bruders ungarischem Heer.
+In Böhmen selbst--
+
+Rudolf. Du weißt nicht was du sprichst.
+Die Böhmen sind ein starres Volk, doch treu.
+
+Julius. Vor allem treu stammalter Überzeugung.
+Der Huß ist tot, doch neu regt sich sein Glaube.
+In Prag hält man schon Rat und knüpft Vereine.
+
+Rudolf (gegen die Türe gewendet).
+Und das verschweigt man mir?
+
+Julius. Verzeiht o Herr!
+Man will es Euch gemeldet haben, doch--
+
+Rudolf. Der eine sagt mir dies, der andre das,
+Wie's ihm sein Vorteil eingibt, seine Meinung.
+Arm sind wir Fürsten, wissen das Geheime,
+Allein das Offenkund'ge, was der Bettler weiß,
+Der Tagelöhner, bleibt uns ein Geheimnis.
+Auch war soviel zu tun in letzter Zeit.
+Der Schotte Dee war hier. Ein Mann der Wunder,
+Der eindringt in die Urnacht des Geschaffnen
+Und sie erhellt mit gottgegebnem Licht.
+Ich habe viel gelernt in dieser Zeit.
+Hätt' ich gleich ihm nur einen mir zur Seite,
+Ich stünde dieser Welt und ihrem Dräun.
+
+Julius. Ihr seid verraten, hoher Herr, verkauft.
+Indes Ihr lernt, lehrt Ihr der Welt den Aufruhr,
+Der schon entfesselt tobt in Euern Städten.
+
+Rudolf. Hast du's gesehn?
+
+Julius. Ich nicht.
+
+Rudolf. So sprich auch nicht!
+Ein jeder sieht ein andres, nein, sieht nichts
+Und gibt den Rat, der nichtig schon von vornher.
+
+Julius. Ein Mann ist hier, er kommt von Brünn und Wien.
+Er hat gesehn. Es ist derselbe, Herr,
+Der Euern Flüchtling rückgebracht--Don Cäsar.
+
+Rudolf. Bring ihn zu mir den Mann! Ich will ihn sprechen.
+Er hat geleistet mir den höchsten Dienst,
+Der mir erwiesen ward seit langen Jahren.
+
+Julius. Er ist im Vorgemach.
+
+Rudolf. Warum nicht hier?
+Was zögert er? Warum nicht mir genüber?
+Don Cäsar! Wie mein Innres sich empört!
+Der freche Sohn der Zeit.--Die Zeit ist schlimm,
+Die solche Kinder nährt und braucht des Zügels.
+Der Lenker findet sich, wohl auch der Zaum.
+
+(Herzog Julius hat indessen Lukrezias Vater eingeführt.)
+
+Rudolf (ihm einige Schritte entgegengehend).
+Ah du, mein Ehrenmann! (Zurücktretend.) Bleibt immer dort!
+Dort an der Tür. Ihr seid ein Bürger Prags?
+
+Prokop. Ich bin es, Majestät.
+
+Rudolf. Seit wann denn führen
+Die Bürger Waffen?
+
+Prokop (auf den Dolch in seinem Gürtel blickend).
+Herr, die böse Zeit
+Gebeut zu rüsten sich
+(Den Dolch mit der Scheide aus dem Gürtel ziehend, mit einer Bewegung
+nach der Türe.)
+Doch will ich--
+
+Rudolf. Bleibt!
+Ihr habt den Flüchtling der sich Cäsar nennt
+Gestellt uns als Gefangenen zur Haft.
+Wir danken Euch, und denken Eure Tochter
+Zu schützen gegen ihn; vorausgesetzt,
+Daß sie nicht selbst, wie etwa Weiberart,
+Ihn anfangs tändelnd angezogen--
+
+Prokop. Nein!
+
+Rudolf. Nun Ihr sprecht kurz. Ihr seid ein Protestant?
+
+Prokop. Herr, Utraquist, des böhm'schen Glaubens.
+
+Rudolf. So!
+Warum des böhmischen und nicht des deutschen?
+Des welschen, griechisch, span'schen?--Arme Wahrheit!
+Vergaß ich fast doch, daß es so viel Kirchen
+Als Kirchenräume gibt und--Kirchhofgräber.
+Nun gut. Vor Cäsar lebt nur künftig sicher,
+Ich will ihn hüten wie des Auges Stern.
+Und hört ihr einst er sei zu Nacht gestorben,
+So denkt nur: seine Krankheit hieß Verbrechen
+Und Strafe war sein Arzt.--Ihr kommt von Wien.
+Ich weiß was man dort treibt und halb ich dulde
+Und halb ein Wink von meiner Hand zerstreut.
+Doch lüstet mich's zu hören was ihr saht,
+Ein einfach schlichter Mann.
+
+Prokop (gegen Herzog Julius).
+Das von der Huld'gung?
+(zum Kaiser.) Ich war dabei in Wien als beide Östreich
+Im Landhaussaal geschworen Euerm Bruder.
+
+Rudolf. Geschworen als Erzherzog, nun er ist's.
+
+Prokop. Umringt war er von ung'rischen Magnaten
+Als er den Saal betrat, die laut und jubelnd
+Ihn grüßten als des Ungarlandes König.
+
+Rudolf. Das ist nicht wahr!
+
+Prokop (zu Herzog Julius).
+So kann ich wieder gehn?
+
+Rudolf. Wenn ich Euch's heiße, früher nicht noch später.
+Der Ungarn König? Nun: voraus bezeichnet,
+Nachfolger etwa; ob auch das zur Zeit
+Nicht sicher noch, abhängig von gar vielem.
+In Mähren dann?
+
+Prokop. Ich war in Brünn zugegen
+Beim Einzug Eures Bruders, wo er jubelnd,
+Vor allem von den Dienern meines Glaubens,
+Empfangen ward, ein Retter in der Not.
+Die protestant'schen Kirchen stehen offen;
+Und ob er gleich sich letzter Zeit entfernt--
+
+Rudolf. Entfernt? Wohin?
+
+Prokop. Man weiß nicht, Herr, die Richtung.
+
+Rudolf (zu Herzog Julius).
+Ich sage dir: er ging zurück nach Wien.
+Ihm fehlt der Mut. Ich kenne diesen Menschen:
+Zum Anfang rasch, doch zögernd kommt's zur Tat.
+(Zu Prokop.) Ich danke dir mein Freund und weiß genug;
+Der Aufstand ist am Schluß wie dein Bericht.
+
+Prokop. Obgleich sich der Erzherzog nun entfernt,
+Blieb doch an seiner Stelle Bischof Klesel,
+Der mit der Grenze meuterisch verkehrt.
+
+Rudolf. Wie war das? Klesel? Ist er doch in Neustadt,
+Wohin ich ihn gebannt, in seinem Sprengel.
+
+Prokop. Er ist in Brünn, wo ich ihn selber sprach
+Von wegen meines sicheren Geleits,
+Und steht vor allen nahe dem Erzherzog.
+
+Rudolf (zu Herzog Julius).
+Das wäre schlimm. Wenn jener list'ge Priester
+Das was dem andern fehlt, den Mut, die Tatkraft,
+Ihm gösse in die unentschiedne Seele.
+Das wäre schlimm, und denk ich fort und weiter,
+Vergrößert sich's zu wirklicher Gefahr.
+(Zu Prokop.) Ich dank Euch guter Freund! Ihr seid entlassen,
+Und Euer Kind, es zähl' auf meinen Schutz.
+
+(Da Prokop sich entfernt und die Türe offensteht.)
+
+He Wolfgang Rumpf! Wolfgang Rumpf!
+
+Wolfgang Rumpf (eintretend).
+Hier Majestät.
+
+Rudolf. Bringt die Berichte dieser letzten Tage,
+Und was an Briefen, in mein Kabinett.
+Und will ich künftig ungestört mich wissen,
+So hindert's nicht, daß, wenn das Haus in Flammen,
+Ihr dennoch kommt und ansagt: Herr, es brennt.
+
+Herzog Julius (zu Rumpf halblaut).
+War's möglich denn?
+
+Rumpf (ebenso).
+Ihr wißt nicht edler Herzog.
+Der Kaiser drohten mit geschwungnem Dolch,
+Wenn jemand nur ihn anzusprechen wagte.
+
+Rudolf. Nun wohl, Ihr habt das Zünglein an der Waage,
+Das ich mit Sorge hielt im Gleichgewicht,
+Ihr habt es rohen Drängens angestoßen,
+Es schwankt und blut'ge Todeslose fallen
+Aus beiden Schalen auf die bange Welt.
+Leiht mir nicht Eure Schuld; wenn's etwa Schuld nicht,
+Daß ich vertraut, und nur ein Mensch, kein Gott.
+Ruft mir den Kanzler!
+
+Rumpf. Herr, er ist schon hier
+Und spricht im span'schen Saale zu den Ständen.
+
+Rudolf. Die Stände, wie?
+
+Rumpf. Die gleicherweise erschienen
+Von des Gerüchtes Stimmen aufgeregt.
+(Zu Herzog Julius.)
+O Herr, o Herr! Wir wissen's erst seit jetzt:
+Des Herrn Erzherzoges Mathias Gnaden
+Sind insgeheim von Brünn verrückt nach Tabor,
+Von wo sie nun durch Meuterer verstärkt
+Mit Heeresmacht heranziehn gegen Prag.
+Die Stadt ist in Bewegung, Manifeste
+Sind angeschlagen an den Straßenecken,
+Die von des Kaisers Hoheit ehrfurchtlos--
+
+Rudolf. Ich weiß den Inhalt dieser Manifeste:
+Daß ich, ein alter Mann, an Willen schwach
+Entziehe mich dem Reich und seinen Sorgen;
+Indes mich das Gespenst der blut'gen Zukunft
+Verfolgt bis in mein innerstes Gemach,
+Und, nachts empor auf meinem Lager sitzend,
+Der Trommel Ruf, des Schlachtenlärms Getos
+Mir wachend schlägt ans Ohr, den Traum ergänzend.
+Dazu noch das Bewußtsein, daß im Handeln,
+Ob so nun oder so, der Zündstoff liegt,
+Der diese Mine donnernd sprengt gen Himmel.
+Ihr habt gehandelt, wohl! das Tor geht auf
+Und eine grasse Zeit hält ihren Einzug.
+
+Was wollen sie die Stände? Weiß man es?
+
+Rumpf. Sie tragen eine Handfest vor sich her,
+Von Pergament gerollt, auf einem Kissen.
+
+Rudolf. Es ist der Majestätsbrief, den sie früher
+Mir vorgelegt, doch damals ich zurückwies,
+Berechtigung zusichernd ihrem Glauben.
+(Bitter.) Die Zeit scheint ihnen günstig zum Vertrag.
+(Die Mütze abziehend, heftig.)
+Allmächt'ger Gott, der du mich eingesetzt,
+Zu wahren deiner Ehre und der meinen,
+Die Doppellast sie spottet meiner Kraft
+Und nicht vermag ich fürder sie zu tragen.
+Ich stelle dir zurück was deines Reichs,
+Bist du der Starke doch, und was du willst
+Führst du zum Ziel durch unerforschte Wege.
+Doch was mein eignes Amt, daß diese Welt
+Ein Spiegel sei, ein Abbild deiner Ordnung,
+Daß Fried' und Eintracht wohnen brüderlich
+Vom Unrecht ungestört und von Verrat,
+Das will ich üben, stehst du, Gott, mir bei.
+(Er hat sein Barett wieder aufgesetzt.)
+Ich will hinüber zu den treuen Ständen;
+Treu nämlich, wenn--und ehrenhaft, obgleich--
+Anhänglich auch, jedoch--wahrhaft, nur daß--
+Und wie die krummen Wege alle heißen,
+Auf denen Selbstsucht geht und die Gemeinheit.
+(Er macht einige Schritte gegen die Türe, dann bleibt er stehen, mit
+dem Fuße stampfend.)
+Mich widerts an. Ich mag den Hohn nicht sehn,
+Die Schadenfreude auf den frechen Stirnen.
+Ruft sie herüber. Heißt das: einen Ausschuß
+Für alle führend insgesamt das Wort.
+Erträglich ist der Mensch als einzelner,
+Im Haufen steht die Tierwelt gar zu nah.
+
+Was zögerst du? ruf sie herüber, sag ich.
+
+(Rumpf ab.)
+
+Nun Herzog Julius, fühlt Ihr noch die Kraft
+Das Schwert zu schwingen in der alten Rechte?
+Mich selbst befällt ein Hauch der Jugendzeit
+Und an der Spitze, denk ich, meiner Treuen
+Hinauszuziehn, um Stirne gegen Stirn
+Den Aufruhr zu befragen was sein Ziel.
+Nicht daß mich lockt die stolze Herrschermacht
+Und wüßt' ich Schultern die zum Tragen tüchtig,
+Ich schüttelte sie ab als ekle Last,
+Von da an erst ein Mensch und neu geboren,
+Doch wenn es wahr, daß Gott die Kronen gibt,
+Geziemt es Gott allein nur sie zu nehmen,
+Sie abzulegen, selbst, auch ziemt sich nicht.
+Wo ist mein Degen? Wolfgang! Wolfgang Rumpf!
+Er lehnt am Tisch zunächst an meinem Bette.
+
+(Da Herzog Julius auf das Kabinett zugeht.)
+
+Herr, Ihr bemüht Euch selbst? Habt Dank, o Lieber!
+
+(Herzog Julius ins Kabinett ab.)
+
+Rudolf (gegen den Haupteingang gewendet).
+Hört mich denn niemand? Sind sie schon geflohn
+Vom Niedergang gewendet zu dem Aufgang?
+Das soll sich ändern, ja es soll, es muß.
+
+(Herzog Julius kommt zurück.)
+
+Rudolf. Ihr bringt den Mantel auch? Habt Ihr doch recht
+Die Welt verlangt den Schein. Wir beide nur
+Wir tragen innerhalb des Kleids den Orden.
+(Nachdem er mit Herzog Julius Hilfe den Mantel umgehängt.)
+Den Degen legt nur hin! Ist doch das Eisen
+Fast wie der Mensch. Geschaffen um zu nützen,
+Wird es zur schneid'gen Wehr und trennt und spaltet
+Die schöne Welt und aller Wesen Einklang.
+
+Ich höre kommen. Nun wir sind bereit,
+Und frommt die Milde nicht, so hilft das Schwert.
+
+(Der Kaiser setzt sich. Mehrere böhmische Stände treten ein. Vor
+ihnen ein Page, der auf einem samtenen Kissen eine Pergamentrolle trägt.)
+
+Rudolf. Fragt sie was ihr Begehr?
+
+(Da einer vortritt.)
+
+Rudolf. Nicht Ihr Graf Thurn!
+Ihr seid kein Eingeborner, seid kein Böhme,
+Die Lust an Unruh hat Euch hergeführt.
+Laßt einen andern, laßt den nächsten sprechen.
+
+Zweiter (vortretend).
+Erlauchter Herr und König, gnäd'ger Kaiser,
+Euch ist bekannt was sich im Land begibt
+Und in dem Nachbarland an seinen Grenzen.
+Bewaffnet ziehen Scharen gegen Prag
+Und Eurer Hoheit Bruder heißt ihr Führer.
+Da ist das Volk nun mannigfach bewegt:
+Die einen wittern heimlich Einverständnis
+Mit Eurer Majestät betrauten Räten,
+Und meinen, wenn das fremde Heer im Land,
+Werd' es die Schneide kehren gegen uns,
+Zum Umsturz unsrer Satzungen und Rechte.
+
+Rudolf (vor sich hinsprechend).
+Sehr heimlich wär' das Einverständnis, wahrlich.
+
+Der Wortführer. Die andern wieder werden angelockt
+Von dem was ihnen anbeut die Empörung:
+Freiheit der Meinung und der Glaubensübung,
+Was jedem Menschen teurer als sein Selbst.
+Nicht wir nur sind's die diese Sprache führen,
+Allein das Volk--
+
+Rudolf. Das Volk! Ei ja, das Volk!
+Habt ihr das Volk bedacht, wenn ihr die Zehnten,
+Das Herrenrecht von ihnen eingetrieben?
+Das Volk! Das sind die vielen leeren Nullen,
+Die gern sich beisetzt wer sich fühlt als Zahl,
+Doch wegstreicht, kommt's zum Teilen in der Rechnung.
+Sagt lieber, daß ihr selbst ergreift den Anlaß
+Mit abzuzwingen, was ich euch verweigert,
+Und jetzt auch weigern würde, stünde gleich
+Ein Mörder mit gehobnem Dolch vor mir.
+Doch handelt sich's von mir nicht jetzt, noch euch,
+Vielmehr von dem was sein muß und geschehn,
+Soll nicht der Grundbau jener weisen Fügung,
+Die Gott gesetzt und die man nennt den Staat,
+Im wilden Taumel auseinandergehn.
+Ich seh's an jener Schrift. Es ist die gleiche,
+Wie sie seit Monden liegt in meinem Zimmer,
+Gleichstellung fordernd für den neuen Glauben.
+Was ihr hier bittet, beut euch an der Aufruhr.
+Vor Irrtum kann ich länger euch nicht wahren,
+Aufruhr ersparen aber kann ich euch.
+Seid ihr zufrieden wenn ich euch verspreche,
+Sobald gestillt die Unruh in dem Land,
+Frei zu bewilligen was ihr begehrt?
+
+Ihr schweigt. Mißtraut ihr mir?
+
+Abgeordneter. Nicht Euch, Herr Kaiser,
+Dem Einfluß aber von Madrid und Rom.
+
+Rudolf. Hätt' ich gehört auf das was dorther tönt,
+Wär' längst getilgt die Lehre samt den Schülern
+Und in Verbannung geiferte der Trotz.
+Ich aber duldete mit Vatermilde,
+Die Überzeugung ehrend selbst im Irrtum.
+Verfolgt ward niemand wegen seiner Meinung;
+Im Heer im Rate sitzen eure Jünger,
+(auf Herzog Julius zeigend)
+Selbst hier mein Freund ist euch ein Lehrgenoß.
+Geduldet hab ich, aber nicht gebilligt,
+Bestät'gen wäre billigen zugleich.
+
+Zuckt ihr die Schulter? Nun ihr meint, das Messer
+Sitzt eben an der Kehle, und habt recht.
+Will ich vergessen nicht mein weltlich Amt,
+Muß ich dem Himmel überlassen seines.
+Gebt her die Schrift! Sie ist wohl gleichen Inhalts
+Mit jener frühern; doch da ihr mißtraut,
+Ziemt Mißtraun wohl auch mir. Gebt eure Schrift!
+(Die Rolle, die der Page ihm kniend darbietet, vom Kissen nehmend.)
+Ist's doch als ginge wild verzehrend Feuer
+Aus dieser Rolle, das die Welt entzündet
+Und jede Zukunft, bis des Himmels Quellen
+Mit neuer Sündflut bändigen die Glut,
+Und Pöbelherrschaft heißt die Überschwemmung.
+(Die Schrift entfaltend und lesend.)
+Der Eingang, wie gewöhnlich, leere Formel.
+Von Treu, Anhänglichkeit--Wohl Liebe gar!
+Drum fordert ihr auch meiner Neigung Pfänder.
+
+(Ein Hofdiener ist unmittelbar aus der Türe links gekommen und hat
+sich Wolfgang Rumpf genähert, der dem Kaiser gegenüber im Vorgrunde
+steht.)
+
+Diener (leise).
+Erzherzog Leopold aus Steiermark
+Sind angekommen, heimlich, unerkannt,
+Und wünschen augenblickliches Gehör.
+
+Rumpf (ebenso).
+Es ist nicht möglich jetzt.
+
+Diener. Sie dringen sehr.
+
+(Da Wolfgang Rumpf einige Schritte gegen den Kaiser macht.
+
+Rudolf. Was soll's? Jetzt ist nicht Zeit.--Was immer. Später!
+
+(Rumpf zieht sich zurück und bedeutet dem Diener durch Zeichen, der
+sich entfernt.)
+
+Rudolf (weiter lesend).
+Hier ist ein Punkt der neu. Der muß hinweg.
+Gehorsam zu verweigern gibt er euch
+Das ausgesprochne Recht, wird irgendwie
+Geordnet was entgegen eurer Satzung.
+Das ist der Aufruhr, ständig, als Gesetz.
+Bedenkt ihr auch das Beispiel das ihr gebt?
+Ich nicht allein bin Herr, auch ihr seid Herren,
+Habt Untertanen, die in eurer Pflicht;
+Wenn ihr mir trotzt, so drohen sie euch wieder.
+Erst gebt dem einzelnen, dem Unverständ'gen
+Ein Urteil ihr in dem, wo selbst die Weisen
+Verstummend stehn als an der Weisheit Grenze;
+Dann ruft ihr ihn vom Acker auf den Markt,
+Zählt seine Stimme mit und heißt ihn mehren
+Die Mehrzahl wider Ehrfurcht und Gesetz.
+Ihr stellt ihn gleich mit euch, und hofft doch künftig
+Als Mindern ihn zu stellen unter euch?
+Und wärt ihr auch so christlich mild gesinnt
+Im Menschen nur zu sehen euern Bruder:
+Seht an die Welt, die sichtbar offenkund'ge,
+Wie Berg und Tal und Fluß und Wiese stehn.
+Die Höhen, selber kahl, ziehn an die Wolken
+Und senden sie als Regen in das Tal,
+Der Wald hält ab den zehrend wilden Sturm,
+Die Quelle trägt nicht Frucht, doch nährt sie Früchte,
+Und aus dem Wechselspiel von hoch und niedrig,
+Von Frucht und Schutz erzeugt sich dieses Ganze,
+Des Grund und Recht in dem liegt, daß es ist.
+Zieht nicht vor das Gericht die heil'gen Bande,
+Die unbewußt, zugleich mit der Geburt,
+Erweislos weil sie selber der Erweis,
+Verknüpfen was das Klügeln feindlich trennt.
+Du ehrst den Vater,--aber er ist hart;
+Du liebst die Mutter,--die beschränkt und schwach,
+Der Bruder ist der nächste dir der Menschen,
+Wie sehr entfernt in Worten und in Tat;
+Und wenn das Herz dich zu dem Weibe zieht,
+So fragst du nicht ob sie der Frauen Beste,
+Das Mal auf ihrem Hals wird dir zum Reiz,
+Ein Fehler ihrer Zunge scheint Musik,
+Und das: ich weiß nicht was, das dich entzückt,
+Ist ein: ich weiß nicht was für alle andern;
+Du liebst, du hoffst, du glaubst. Ist doch der Glaube
+Nur das Gefühl der Eintracht mit dir selbst,
+Das Zeugnis, daß du Mensch nach beiden Seiten:
+Als einzeln schwach, und stark als Teil des All.
+Daß deine Väter glaubten was du selbst,
+Und deine Kinder künftig treten gleiche Pfade
+Das ist die Brücke die aus Menschenherzen
+Den unerforschten Abgrund überbaut
+Von dem kein Senkblei noch erforscht die Tiefe.
+O prüfe nicht die Stützen, beßre nicht!
+Dein Menschenwerk zerstört den geist'gen Halt
+Und deine Enkel lachen einst der Trümmer
+In denen deine Weisheit modernd liegt.
+Ist eure Satzung wahr, wird sie bestehn,
+Und wie das Bäumchen, das vom Stein gedrückt,
+Die Zweige breiten, siegend ob der Last;
+Allein wenn falsch, so wißt, daß seine Wurzeln
+Auflockern all was fest und alt und sicher.
+Der Zweifel zeugt den Zweifel an sich selbst,
+Und einmal Ehrfurcht in sich selbst gespalten,
+Lebt sie als Ehrsucht nur noch und als Furcht.
+Maßt euch nicht an zu deuteln Gottes Wahrheit.
+
+Abgeordneter. Wir baun auf festen Boden, auf die Schrift.
+
+Rudolf. Die Schrift? (Rasch unterschreibend.)
+Hier meine Unterschrift. Da ihr
+Den toten Zügen einer toten Hand
+Mehr traut als dem lebendig warmen Wort,
+Das von dem Mund der Liebe fortgepflanzt,
+Empfangen wird vom liebedurst'gen Ohr,
+Hier schwarz auf weiß.--Und nun noch Blut als Siegel.
+Blut ist das rote Wachs, das jede Lüge
+Zur Wahrheit stempelt; wenn von Volk zu Volk,
+Warum nicht auch von Fürst zu Untertan?
+Und nun hinaus, beweisen mit dem Schwert
+Was nur der Geist dem Geiste soll beweisen.
+Des Reiches Ehre soll und muß bestehn.
+Und ist das Tor dem Unheil nun geöffnet,
+Ist Mord und Brand geschleudert in die Welt,
+Dann denkt einst spät, wenn längst ich modre:
+Wir waren auch dabei und haben es gewollt.
+
+(Ein ferner Kanonenschuß.)
+
+Rudolf (zusammenfahrend).
+Was ist?--Mein Geist ist stark, mein Leib nur zittert.
+(Zu einem Diener der eingetreten ist und sich Rumpf genähert hat.)
+Was soll's?
+
+Diener. Man hat den Wall am Wissehrad besetzt
+Und schießt auf Truppen, die der Stadt sich nahn.
+
+Rudolf. Man soll nicht schießen!
+
+(Neuer Kanonenschuß.)
+
+Rudolf (mit dem Fuße stampfend).
+Soll nicht, sag ich euch!
+
+Stände (die Schwerter ziehend).
+Mit Gut und Blut für unsern Herrn und Kaiser!
+
+Rudolf. Da steht's vor mir! Der Mord, der Bürgerkrieg.
+Was ich vermieden all mein Leben lang,
+Es tritt vor mich am Ende meiner Tage.
+Es soll, es darf nicht. Steckt die Schwerter ein,
+Vertragt euch mit dem Feind! Und diese Handfest,
+Die ihr als Preis des Beistands abgetrotzt,
+Sei euch geschenkt.--Ihr selbst Herr Kanzler seht
+Was sie begehren draußen vor der Stadt.
+Ist es mein Bruder doch, bestimmt zu herrschen,
+Wenn mich der Tod, ich hoffe bald, hinwegrafft.
+Er übe sich vorläufig in der Kunst,
+Der undankbaren, ewig unerreichten,
+In der verkehrt was sonst den Menschen adelt:
+Erst der Erfolg des Wollens Wert bestimmt,
+Der reinste Wille wertlos--wenn erfolglos.
+In Böhmen aber will ich ruhig weilen
+Und harren bis der Herr mich zu sich ruft.
+(Mit einer Entlassungsbewegung gegen die Stände.)
+Mit Gott, ihr Herrn!
+
+(Die Stände entfernen sich.)
+
+Und Ihr Herr Kanzler eilt!
+
+(Alle bis auf Herzog Julius und den Kaiser ab.)
+
+Rudolf. So sind wir denn allein.--Ein wüstes Wort.
+Du tadelst mich mein Freund?
+
+Julius. Herr, ich verehr Euch.
+
+Rudolf. Ich bin so gut nicht als es etwa scheint--
+Die andern nennen's schwach, ich nenn es gut.
+Denn was Entschlossenheit den Männern heißt des Staats
+Ist meistenfalls Gewissenlosigkeit
+Hochmut und Leichtsinn, der allein nur sich
+Und nicht das Schicksal hat im Aug' der andern;
+Indes der gute Mann auf hoher Stelle
+Erzittert vor den Folgen seiner Tat,
+Die als die Wirkung eines Federstrichs
+Glück oder Unglück forterbt späten Enkeln.
+Ich aber bin so gut nicht als du glaubst.
+In diesen Adern sträubt sich noch der Herrscher
+Und Zorn und Rachsucht glüht in meiner Brust.
+Zu züchtigen die sich an mir vergessen,
+Die schwach mich nennen, schwächer weit als ich;
+Die alte Brust zu schnüren noch in Erz
+Und in dem Glanz verletzter Majestät
+Genüber mich zu stellen den Verrätern,
+Ob sich ihr Aug' empor zu meinem wagt.
+Und war ein Funke Glut in diesen Männern,
+Die sich Vertreter nennen eines Volks,
+War irgend etwas nur in ihrem Blick,
+Das mehr als Eigennutz und Schadenfreude,
+Ich stünde jetzt mit ihnen drauß im Feld
+Und tötete mit Blicken den Verrat.
+
+(Die Seitentüre links öffnet sich, Erzherzog Leopold in einen dunkeln
+Mantel gehüllt, tritt heraus.)
+
+Rudolf. Siehst du, da kommt er der Versucher, da!
+Mein Sohn, mein Leopold!--Und doch, hinweg!
+Er steht im Bund mit meines Herzens Wünschen.
+Er wird mir sagen, daß ja noch ein Heer
+In Passau steht, zu meinem Dienst geworben;
+Daß Rache süß und daß der Kampf gerecht.
+Mein Sohn es ist zu spät! Ich darf nicht, will nicht.
+Sie nennen schwach mich, und ich bin's zum Kampf,
+Allein zum Fliehen reichen noch die Kräfte.
+Versucher fort! Ob hundertmal mein Sohn.
+(Er eilt ins Kabinett rechts.)
+
+Erzherzog Leopold (der den Mantel abgeworfen).
+Mein Oheim und mein Herr! (An der Türe des Kabinetts.)
+Verschließt Ihr Euch?
+
+Herzog Julius (zu Rumpf).
+Geht Ihr und weilet draußen vor der Tür,
+Damit kein Unberufner störend nahe.
+
+(Rumpf geht hinaus.)
+
+Leopold. So komm ich her spornstreichs auf Seitenwegen,
+Verborgen, unerkannt, und bring Euch Hilfe,
+Und Ihr verschließt die Pforte mir, das Herz?
+Ja denn, noch ist ein Kriegsheer Euch bereit,
+Mit Müh' halt ich's in Passau nur zurück.
+Ein Wort von Euch und tausend Schwerter flammen
+Zu Euerm Schutz, zum Schutz der Majestät.
+Doch wenn Ihr auch den Retterarm verschmäht,
+Stoßt nicht zurück das Herz, die Kindestreue.
+Laßt mich, das Haupt gelehnt an diese Pfosten,
+Nicht glauben Eure Brust sei hart wie sie.--
+Die Türe wird bewegt--sie öffnet sich--Mein Vater!
+(Er stürzt in das Kabinett, dessen Türe sich hinter ihm schließt.)
+
+Julius (mit gefalteten Händen).
+O daß nun nicht der Groll, gekränkte Würde,
+Und die Empfindung, die, wenn aufgeregt,
+Gern übergeht in jegliches Empfinden:
+Von hart zu weich, von Innigkeit zu Zorn,
+Ihn hinreißt einzuwill'gen in das Schlimmste:
+Zu handeln, da's zu spät.
+
+Rumpf (Zur Türe hereinsprechend).
+Herr Bischof Klesel.
+
+Julius. Nicht jetzt, nur jetzo nicht!
+
+Rumpf. Sie lassen sich
+Abweisen nicht.
+
+Klesel (eintretend).
+Nein wahrlich, in der Tat.
+
+Julius (ihm entgegen tretend, mit gedämpfter Stimme).
+Ihr wagt es, Herr, hier in denselben Räumen,
+Die Euer Rat mit Zwietracht angefüllt--
+
+Klesel. Ich komme her im Auftrag meines Herrn.
+
+Julius. Wollt Ihr den Kaiser zwingen Euch zu sprechen?
+
+Klesel. Da sei Gott für! Gemeldet will ich werden,
+So heißt mein Auftrag und, wenn abgewiesen,
+Kehr ich zurück. Doch melden muß man mich.
+(Er setzt sich links im Vorgrunde.)
+
+Julius. Ich bitt Euch, Herr, sprecht leise.
+
+Klesel. Und warum?
+
+Julius. Glaubt Ihr denn nicht die Stimme schon des Mannes,
+Der ihm, er glaubt's, so Schlimmes zugefügt,
+Muß in des Kaisers Brust, jetzt, wo Entschlüsse
+Hart mit Entschlüssen kämpfen, Scham und Zorn--
+
+Klesel. Jetzt ist nicht von Entschlüssen mehr die Rede,
+Notwendigkeit ist da und sie schließt ab.
+
+(In des Kaisers Kabinett wird geklingelt.)
+
+Julius. Es ist geschehn! Nun wahre Gott der Folgen!
+
+(Wolfgang Rumpf geht ins Kabinett.)
+
+Julius. Und war kein anderer als Ihr zu finden
+Zu solcher Botschaft, die fast klingt wie Hohn?
+
+Klesel. Vielleicht weil ich allein kein Schranz und Höfling,
+Gewohnt zu sagen gradaus was gemeint.
+
+Julius. Die Derbheit ist nicht immer Redlichkeit.
+
+Klesel. So ist sie denn Arznei, die schon als bitter,
+Den langverwöhnten Magen stärkt und heilt;
+Und Heilung war gemeint mit diesem Umschwung,
+Man wird's zuletzt erkennen, hört man mich.
+Wer den Ertrinkenden erfaßt am Haar,
+Er hat gerettet ihn und nicht beleidigt.
+
+(Rumpf kommt aus dem Kabinette zurück.)
+
+Rumpf. Der Kaiser ist ergrimmt, er heißt Euch gehn,
+Von seinem Antlitz fern der Strafe harren.
+Der nächste Augenblick droht Euch Gefahr.
+
+Klesel. Ich gehe denn. Den Frieden wollt' ich bringen,
+Wählt man den Haß, so suche man nach Macht.
+Die Strafe die man droht, sie liegt so fern,
+Wir freuen uns indessen an dem Lohn. (Er geht.)
+
+Julius. Es werden Stimmen laut im Kabinett.
+Geht Ihr hinein, versucht es sie zu stören.
+Ich fürchte dies Gespräch und seine Folgen.
+
+(Erzherzog Leopold kommt aus dem Kabinette, in das sogleich Rumpf
+hineingeht.)
+
+Leopold (einen Zettel in die Höhe haltend).
+Ich hab's, ich hab's'
+
+(Aus der Seitentüre links tritt Oberst Ramee heraus.)
+
+Leopold. Ramee und nun die Pferde!
+(Er nimmt seinen Mantel auf.)
+Nichts teurer ist hierlands als der Entschluß,
+Man muß ihn warm verzehren eh' er kalt wird.
+
+Rumpfs Stimme (im Kabinett).
+Erzherzogliche Hoheit!
+
+Julius (sich Leopold nähernd).
+Gnäd'ger Herr!
+
+Leopold. Schon kommt die Reue dünkt mich, laß uns gehn!
+
+(Erzherzog Leopold und Ramee durch die Seiten Türe links ab.)
+
+Rumpf (aus dem Kabinett kommend).
+Der Kaiser will noch einmal mit Euch sprechen,
+Es ist noch eins zu sagen.
+
+Julius. Er ist fort.
+
+Rumpf. Der Herr ist wie von Sinnen, schlägt die Brust.
+
+Julius. Ich will ihm nach! Gibt Flügel die Gefahr,
+So flieg ich statt zu gehn; denn das Verderben
+Es steht vor mir in gräßlicher Gestalt.
+(Er folgt dem Erzherzog durch die Seitentüre links.)
+
+Rumpf (sich dem Kabinett nähernd).
+Man bringt ihn noch zurück.--Der Herzog selber.
+Eh' er sein Pferd besteigt ereilt man ihn.
+(Er geht ins Kabinett.)
+
+
+
+------------------------------------------------------
+
+Der Kleinseitner Ring in Prag.
+
+Volk füllt mannigfach bewegt den Hintergrund. Die drei Wortführer der
+Stände kommen von der linken Seite.
+
+Graf Thurn. Laßt uns hinaus, begrüßen den Erzherzog.
+Der Vortrab seines Heers nimmt heute nacht
+Quartier in unsrer Stadt. Man hofft ihn selbst
+Ob freilich nur im Durchzug vorderhand,
+Dem künft'gen Untertan den künft'gen Herrn
+Mit mildem Segensblick vorerst zu zeigen.
+Wie immer denn! Kommt, schließt euch an!
+Ist er ja doch der Retter, der Befreier.
+
+Schlick. Nur, fürcht ich, sproßt in ihm der alte Same,
+Zur Macht gelangt, wirft er die Maske weg.
+
+Thurn. Für neues Drängen gibt es neue Mittel,
+Und sag ich: neue, mein ich nur die alten.
+Der leise Widerstand stumpft jeden Stachel,
+Und streiten sie um unsre Krone sich,
+Verarmen wie im Rechtsstreit beide Teile,
+Reich werden Richter nur und Anwalt, wir.
+Kommt Zeit, kommt Rat.--Hört ihr die Glocken?
+Man hat ihn von den Türmen wohl erblickt
+Und dort der erste Trupp von seinen Scharen.
+
+(Geläut von Glocken. Im Hintergrund beginnt von der rechten Seite mit
+Musik und Fahnen der Vorüberzug von Soldaten. Das Volk drängt sich nach
+rückwärts, die Blicke eben dahin gerichtet, so daß sie den Zug verdecken
+und der Vorgrund leer bleibt.--Erzherzog Leopold und Oberst Kamee, in
+Mäntel gehüllt, kommen von links im Vorgrunde. Herzog Julius folgt ihnen.)
+
+Julius. Ich laß Euch nicht. Ihr müßt zurück zum Kaiser.
+
+Leopold. Ich habe schriftlich seinen hohen Willen,
+Nun ist's an mir ihn treulich zu vollziehn.
+
+Julius. Kommt Ihr ins Land mit fremdgeworbnen Truppen,
+So gärt der Aufruhr neu, des Kaisers Gegner
+Benützen es zu seinem Untergang.
+Es ist zu spät.
+
+Leopold. Und früher war's zu früh.
+Wann ist die rechte Zeit?
+
+Julius (ihn anfassend).
+Ich laß Euch nicht.
+So faß ich Euch und flehe: kehrt zurück!
+
+Leopold (den Mantel abstreifend der in Herzog Julius' Hand zurückbleibt).
+Wie Joseph denn im Hause Potiphar
+Laß ich den Mantel Euch, mich selber nicht.
+
+Ramee (auf das Volk zeigend).
+Herr, wenn man Euch erkennt.
+
+Leopold. Man soll mich kennen!
+(Mit starken Schritten nach rechts abgehend.)
+Halt ihn zurück!
+
+(Ramee tritt zwischen beide.)
+
+Julius. Nun denn, es ist geschehn.
+(Den Mantel fallen lassend.)
+Die Hülle liegt am Boden, das Verhüllte
+Geht offen in die Welt als Untergang.
+
+(Ramee folgt dem Erzherzog.--Der Zug im Hintergrunde hat sich indessen
+fortgesetzt. Jetzt erscheint Erzherzog Mathias zu Roß die Menge
+überragend. Das Volk drängt sich ihm entgegen.)
+
+Volk. Vivat Mathias! Hoch des Landes Recht!
+
+(Indem Herzog Julius mit einer schmerzlich abwehrenden Bewegung sich
+nach rückwärts wendet fällt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+Die Kleinseite in Prag, wie zu Anfang des ersten Aufzuges.
+Die Sturmglocke wird gezogen. Man hört schießen.
+
+Bürger treten fliehend auf.
+
+
+Ein Bürger. Flieht Nachbar, flieht! 's ist das Passauer Kriegsvolk.
+Der Kaiser hat sie in das Land gerufen,
+Erzherzog Leopold sein Neffe führt sie.
+
+Prokop (aus seinem Hause tretend).
+Was ist? was soll's?
+
+Bürger. Ihr wißt ja: die Passauer.
+
+Prokop. Doch ist die Stadt bewahrt.
+
+Bürger. Man hat die Pforte
+Geöffnet ihnen oben am Hradschin
+Und nun ergießt der Trupp sich durch die Straßen.
+
+Prokop (sein Schwert ziehend).
+So greift zur Wehr!
+
+Bürger. Dort, seht Ihr? kommt ein Trupp.
+
+Prokop. Schließt euch und haltet aus! Ist doch die Stadt
+Von Männern voll. Tut jeder seine Pflicht,
+So lehren wir den Räubern wohl die Reue.
+(Gegen sein Haus gewendet.)
+Dich, Kind, indes befehl ich Gottes Hut.
+Der ist kein Bürger, der die eigne Sorge
+Vergißt nicht in der Not des Allgemeinen.
+
+Zieht euch zu jener Ecke, sie gibt Schutz,
+Und gehn sie vor, so fallt in ihre Seiten.
+
+(Sie ziehen sich zurück.--Oberst Ramee tritt auf mit Soldaten.)
+
+Ramee (zu einigen, die ihre Gewehre anschlagen).
+Halt ein mit Schießen! Es erweckt die Schläfer.
+Wir überfallen sie, und ohne Blut,
+So will es der Erzherzog, sind wir Sieger.
+
+Drängt nicht zu scharf! Denn rasch in ihrem Rücken
+Eilt eine Reiterschar der Moldau zu,
+Besetzt die Brücke, dringt ins offne Tor;
+Die Altstadt unser, sind wir Herrn von Prag.
+
+(Trompeten in weiter Ferne.)
+
+Ramee. Die Brücke ist genommen. Jetzt auf sie!
+
+(Mit den Soldaten nach der rechten Seite ab. Man hört Lärm des Gefechts.
+--Don Cäsar im Wams, ohne Hut, kommt von einigen Soldaten umgeben.)
+
+Cäsar. Ich dank euch, Freunde, daß ihr mich entledigt
+Der bittern Haft, in der mich hielt die Willkür,
+Um jener wegen, die dort oben wacht.
+(Auf Prokops Haus zeigend, in dessen oberem Geschoß ein Licht brennt.)
+Ich will mit euch, will kämpfen, fechten, sterben,
+Gleichviel für wen und gleichviel gegen wen;
+Den der mich tötet nenn ich meinen Freund.
+Doch vorher noch ein Wörtchen oder zwei
+Mit ihr, die mich verdarb.
+(Da einige sich der Türe nähern.)
+Halt, kein Geräusch!
+Ich kenne die Gelegenheit des Hauses,
+Aus früh'rer Zeit. Dort rückwärts an der Mauer
+Ist noch ein Pförtchen das ins Innre führt,
+Von wo zwei Treppen nach der Gartenseite
+Zum Söller steigen nächst an ihr Gemach.
+Dort sei's versucht und ihr bewahrt den Eingang!
+
+(Sie verlieren sich hinter dem Hause.)
+
+
+
+------------------------------------------------------
+
+Zimmer in Prokops Hause. An der linken Seite ein Fenster. Gegenüber
+eine Türe. Im Hintergrunde zwei andere, worunter eine Glastüre, die
+nach dem Söller führt.
+
+Lukrezia. (tritt aus der Seitentüre links).
+Es kommt der Tag, allein mein Vater nicht.
+Ich hörte schießen, schrein, Geklirr der Waffen
+Und er verläßt sein Kind in dieser Not.
+O daß die Männer nur ins Weite streben!
+Sie nennen's Staat, das allgemeine Beste,
+Was doch ein Trachten nach dem Fernen nur.
+Gibt's denn ein Bestes, das nicht auch ein Nächstes?
+Mein Herz sagt nein, nächstpochend an die Brust.
+(Ans Fenster tretend.)
+Nun ist es ruhig und der graue Schein
+Vom Ziskaberg verkündet schon die Sonne.
+(Rasch umgewendet.)
+Hör ich Geräusch und kehrt mein Vater heim?
+
+(Die Glastüre des Söllers öffnet sich und Don Cäsar tritt ein.)
+
+Don Cäsar. Viel Glück ins Haus!
+
+Lukrezia. O Gott, so schaut das Unglück!
+
+Don Cäsar. Erschreckt nicht holde Maid! Ich bin es selbst;
+Und bin's auch nicht. Die Asche nur des Feuers,
+Das einst für Euch geglüht, Ihr wißt wie heiß;
+Der Schatten nur des Wesens das ich war.
+Und selbst der letzte Schimmer dieses Daseins,
+Der noch ins Dunkel strahlt, das Leben heißt,
+Kommt zu verlöschen mir in dieser Nacht.
+Ich geh in Kampf und weiß ich werde fallen,
+Die Ahnung trügt nicht wenn vom Wunsch erzeugt.
+Was soll ich auch in dieser wüsten Welt,
+Ein Zerrbild zwischen Niedrigkeit und Größe;
+Verleugnet von dem Manne der mein Vater,
+Mißachtet von dem Weib das ich geliebt.--
+Erzittert nicht! Davon ist nicht die Rede.
+Die Leidenschaften und die heißen Wünsche,
+Die mich bewegt, sie liegen hinter mir,
+Ich habe sie begraben, eingesargt.
+Was ist es auch--ein Weib? Halb Spiel, halb Tücke,
+Ein Etwas, das ein Etwas und ein Nichts,
+Je demnach ich mir's denke, ich, nur ich.
+Und Recht und Unrecht, Wesen, Wirklichkeit,
+Das ganze Spiel der buntbewegten Welt,
+Liegt eingehüllt in des Gehirnes Räumen,
+Das sie erzeugt und aufhebt wie es will.
+Ich plagte mich mit wirren Glaubenszweifeln,
+Ich pochte forschend an des Fremden Tür,
+Gelesen hab ich und gehört, verglichen,
+Und fand sie beide haltlos, beide leer.
+Vertilgt die Bilder solchen Schattenspiels,
+Blieb nur das Licht zurück, des Gauklers Lampe,
+Das sie als Wesen an die Wände malt,
+Als einz'ge Leidenschaft der Wunsch: zu wissen.
+Laßt mich erkennen Euch, nur deshalb kam ich;
+Zu wissen was Ihr seid, nicht was Ihr scheint.
+Denn wie's nur eine Tugend gibt: die Wahrheit,
+Gibt's auch ein Laster nur: die Heuchelei.
+
+Lukrezia. Mir aber dünkt, der Heuchler, wie Ihr's nennt,
+Zeigt mindstens Ehrfurcht vor dem Heil'gen, Großen,
+Das Eure Wahrheit leugnet wenn sie's schmäht.
+
+Don Cäsar. So seid Ihr Heuchlerin?
+
+Lukrezia. Ich war es nie.
+
+Don Cäsar. Ich fürchte doch: ein bißchen, holde Maid.
+Als ich, nun lang, zum erstenmal Euch sah,
+Da schien mir alle Reinheit, Unschuld, Tugend
+Vereint in Eurem jungfräulichen Selbst;
+Zeigt wieder Euch mir also, laßt mich glauben!
+Und wie der Mann der abends schlafen geht
+Von eines holden Eindrucks Macht umfangen,
+Er träumt davon die selig lange Nacht,
+Und beim Erwachen tritt dasselbe Bild
+Ihm mit dem Sonnenstrahl zugleich vors Auge.
+So gebt mir Euch, Euch selber auf die Reise
+Von der zurück der Wandrer nimmer kehrt.
+Kein Weib, ein Engel; nicht geliebt, verehrt.
+
+Lukrezia. Wie ohne Grund Ihr mich zu hoch gestellt,
+So stellt Ihr mich zu tief nun ohne Grund.
+
+Don Cäsar. Nicht doch, nicht doch!--Ihr stießet mich zurück.
+Ich mußt' es dulden, manchen Fehls bewußt.
+Doch seht, da war ein Mann, Belgioso hieß er,
+Ein Heuchler und ein Schurk'
+
+Lukrezia. Er war es nicht.
+
+Don Cäsar. Verteidigt Ihr ihn denn?
+
+Lukrezia. Wer klagt ihn an?
+
+Don Cäsar. Ich, der ich ihn gekannt.--Er hielt zu mir;
+In all dem Treiben das mit Recht man tadelt,
+Im wilden Toben war er mein Genoss'.
+Doch ging er hin und zeigt' es heimlich an
+Und brachte mich um meines Vaters Liebe.
+
+Lukrezia. Der laute Ruf erspart' ihm diese Müh'.
+
+Don Cäsar. Die Welt hat Recht zum Tadel, nicht der Freund.
+Doch plötzlich kehrt' er sichtlich mir den Rücken,
+Zu gleicher Zeit betrat er Euer Haus.
+
+Lukrezia. Er war der Freund des Vaters, nicht der meine.
+
+Don Cäsar. Als Freund des Vaters denn nahmt Ihr ihn auf,
+Doch als der Eure, denk ich, kam er wieder,
+War Mitbewohner fast in diesem Haus,
+Bei Tag, bei Nacht.
+
+Lukrezia. Zu Abend wollt Ihr sagen,
+Im Beisein meines Vaters, anders nie.
+
+Don Cäsar. Ich aber stand genüber auf der Straße
+Mit Reif und Schnee bedeckt und sah empor
+Zum Fenster, wo die Schatten Glücklicher
+Wie Mücken flogen um den Strahl des Lichts.
+Da endlich kam der Tag, der ihn bestrafte.
+
+Lukrezia. Erinnert Ihr mich noch an seinen Tod?
+
+Don Cäsar. Nicht ich tat's, noch geschah's um meinetwillen,
+Das Euch zu sagen kam zumeist ich her.
+Feldmarschall Rußworm, zwar mein Freund und Lehrer,
+Doch Täter seiner Taten er allein,
+Im Streit, beim Spiel, was weiß ich? oder sonst
+Hat ihn besiegt in ehrlichem Gefecht
+Wie's Edelleute pflegen und Soldaten.
+Und wißt Ihr welches Los ward meinem Freund?
+Der Kaiser ließ auf offnem Marktplatz ihm
+Das Haupt vom Rumpfe trennen, angesichts
+Des ganzen Volks, beinah vor meinen Augen.
+Gedenk' ich jenes Tags, so gärt's in mir,
+Und blutige Gedanken werden wach.
+Stünd' er vor mir der heuchelnde Verräter,
+Nicht damals tat ich's, aber jetzt geschäh's:
+Das Schwert bis an das Heft in seiner Brust,
+Bezahlt' er mir die Schrecken jener Stunde.
+
+Lukrezia. O Gott, wer rettet mich?
+
+Don Cäsar. Seid nicht besorgt!
+Mir ist's, sagt' ich, um Wahrheit nur zu tun.
+Glaubt nicht auch, daß mich Eifersucht bewegt!
+Die Eifersucht ist Demut, ich bin stolz,
+Verachtung liegt mir näher als der Haß.
+Doch daß Ihr von erlogner Tugend Höhe
+Herabseht auf die Welt, auf mich, auf alle,
+Den gleichen Fehl verhehlend in der Brust,
+Das soll nicht sein. Fluch aller Heuchelei!
+Sagt mir, ich liebt' ihn den geschiednen Freund,
+Ich liebt' ihn, weil sein Antlitz zart und weiß,
+Ich liebt' ihn, weil sein Haar von Salben duftend,
+Ich liebt' ihn, weil ich töricht, albern, schwach,
+Sagt's, und ich laß Euch frei.
+
+Lukrezia. Ich liebt' ihn nicht;
+Nur Gott hat meine Liebe und mein Vater.
+
+Don Cäsar. Recht gut, recht schön!--Doch wes ist dieses Bild
+--Ich bin vertraut mit Eures Hauses Räumen--
+(die Seitentüre öffnend)
+Wes ist das Bild das hängt an jener Wand,
+Vom Licht der Lampe buhlerisch beschienen?
+Ist's Belgiojosos nicht? Ertappt, ertappt!
+
+Lukrezia. Mein Vater hängt' es hin.
+
+Don Cäsar. Und Ihr Madonna,
+Ihr rücktet Euern Schemel zum Gebet
+Hart an das Bild, daß wenn die Lippen beten,
+Das Herz zugleich schwelgt in Erinnerungen,
+Erinnerungen die--Und wenn ich tot,
+Lacht an der Seite eines neuen Buhlen
+Ihr mein und meiner Liebe, wie Ihr lachtet
+An Belgiojosos Hand.
+
+(Lukrezia entflieht ins Seitengemach.)
+
+Cäsar. Nicht dort hinein!
+Nicht dort hinein vor meines Feindes Bild,
+Des Heuchlers, Heuchlerin!--Ringst du die Hände
+Zu ihm als deinem Heil'gen?
+(Er hat eine Pistole aus dem Gürtel gezogen, die er jetzt in der Richtung
+der offnen Türe abschießt.)
+Folg ihm nach!
+--Was ist geschehn?
+(In die Türe blickend.)
+Weh mir!--O meine Taten!
+
+(Er wirft sich auf ein Knie, die Augen mit den Händen bedeckend.--Ein
+Hauptmann kommt mit Soldaten.)
+
+Hauptmann. Hier fiel ein Schuß und er ist in der Nähe.
+
+Prokop (der sich durch die Soldaten drängt).
+Lukrezia mein Kind!
+(An der offenen Türe.)
+Oh! greulich, gräßlich!
+(Er stürzt hinein, die Türe schließt hinter ihm.)
+
+Hauptmann (Don Cäsar emporrichtend).
+Wir suchten Euch!
+
+Don Cäsar. Nun denn Ihr habt gefunden.
+Gibt's Richter noch in Prag?
+
+Hauptmann. Es gibt sie wieder.
+Der Feind hinausgeschlagen aus der Stadt,
+Kehrt Ordnung und das Recht zurück von neuem.
+
+Don Cäsar. So richtet mich! Erspart mir selbst die Müh'.
+(Er geht auf die Hintertüre zu, von den Soldaten gefolgt.)
+
+Prokop (in der Seitentüre erscheinend).
+Hieher, hieher! Vielleicht ist Hilfe möglich.
+
+(Einige Diener, die während des Vorigen gekommen sind, folgen ihm ins
+Seitengemach.--Alle ab.)
+
+------------------------------------
+
+Garten im königlichen Schlosse auf dem Hradschin. In der Mitte des
+Hintergrundes ein Ziehbrunnen mit einem Schöpfrade.
+
+Heinrich Thurn und Graf Schlick kommen mit einigen bewaffneten Bürgern.
+
+Thurn. Stellt Wachen aus, besetzt die äußern Pforten!
+Von hier aus ließ den Feind man in die Stadt,
+Darum bewahrt vor allem den Hradschin.
+
+(Die Bürger gehen.)
+
+Schlick. Scheint's doch ein Wunder fast, daß wir gerettet.
+
+Thurn. Das Wunder war der Mut, die Tapferkeit
+Der wackern Bürger unsrer Altstadt Prag.
+Der Feinde Plan war listig angelegt.
+Hier oben von Verrätern eingelassen,
+Drang ihre Schar nur langsam, zögernd vor,
+Als ob den Widerstand der Gegner scheuend;
+Doch desto schneller fliegt durch Seitengassen
+Ihr Reitertrupp der Moldaubrücke zu,
+Die Altstadt, wohl im Schlaf noch, überfallend.
+Schon füllt die Brücke sich mit Roß und Mann,
+Schon dringen, die zuvörderst, in die Stadt;
+Da fällt mit eins das Gitter vor das Tor
+Und von dem Turm aus Büchsen und Kartaunen
+Ergießt sich Feuer auf die wilde Schar.
+Die Rosse bäumen und die Reiter stürzen,
+Der Vortrupp weicht, der Nachzug drängt nach vorn,
+Ein unentwirrter Knäuel füllt die Brücke
+Entladend in die Moldau sein Gedräng';
+Bis endlich Schrecken, mächt'ger als die Raubgier,
+Nach rückwärts treibt den lauten Menschenstrom,
+Sich überstürzend und den Nachbar schäd'gend,
+Ins eigne Fußvolk bricht die Reiterei,
+Daß unsern Bürgern, die im Ausfall folgen,
+Die Mühe nur des Schlachtens übrig bleibt.
+Die Wege die er kam, verfolgt der Rückzug,
+Und Bürgertreue schließt die Einbruchspforte,
+Die Rachsucht öffnete und der Verrat.
+
+Schlick. Doch sind sie stark noch außen vor der Stadt.
+
+Thurn. Seid unbesorgt! Der räuberische Durchzug
+Von Passau her durchs obre Österreich
+Bis fern nach Böhmen, blieb nicht unbewacht,
+So wie er unvorhergesehen nicht.
+Von ringsum sammeln sich die Garnisonen,
+Der Landmann greift zur Wehr, und der Erzherzog,
+Mathias, derzeit noch von Ungarn König,
+Und bald von Böhmen, denk ich, etwa auch
+Er ist zur Hand, rasch folgend ihrer Ferse.
+Ja nur, weil nicht gewachsen ihm im Feld,
+Versuchten sie heut nacht den Überfall.
+Von hier verdrängt, ihr Zufluchtsort verloren,
+Zerstäubt in alle Winde bald die Schar.
+
+Schlick. Allein was tun wir selbst?
+
+Thurn. Man wirbt um euch.
+Verhaltet euch wie die verschämte Braut,
+Der neue Freier bringt euch neue Gaben.
+
+(Herzog Julius kommt mit einem Hauptmanne, der einen Schlüssel trägt.)
+
+Julius. Ihr Herrn ist das wohl Fug und Recht? Man stellt
+Im Schlosse Wachen wie in Kerkermauern,
+Selbst vor des Kaisers fürstliches Gemach.
+Man fordert ab die Schlüssel aller Pforten,
+Des Eingangs Freiheit und des Ausgangs hemmend.
+Zuletzt noch diesen, der vor allem nötig.
+Er führt zum Turm, in den man rück Don Cäsar
+Den unglückselig wildverworrnen brachte,
+Im Wahnsinnfieber gen sich selber wütend.
+Die Ärzte haben, Blut mit Blut bekämpfend,
+Die Adern ihm geöffnet an dem Arm.
+Er braucht des Beistands und des freien Zutritts,
+Drum fordr' ich diesen Schlüssel hier von Euch.
+
+Thurn. Doch deucht mich, daß Don Cäsar, eben er,
+Verbunden mit den Räubern heute nacht,
+Teilnahm an all dem Greuel der geschah,
+Weshalb er in Gewahrsam nur mit Recht.
+
+Julius. Der Richter wird erkennen seine Schuld.
+
+Thurn. Man weiß noch nicht wer Richter hier im Land.
+
+Julius. Doch wohl nicht Ihr?
+
+Thurn. Verhüt' es Gott!
+Doch auch nicht jene, die des Unheils Stifter,
+Als schuldig etwa selber sich gezeigt.
+Wir harren eines Höhern, der schon naht.
+Allein damit Ihr seht, daß Euer Wert
+Als Fürst des Reiches und als Ehrenmann
+Auch hier im fernen Böhmen anerkannt;
+Nehmt diesen Schlüssel; ob zwar auf Bedingung:
+Daß nur der Eintritt und für Ärzte nur,
+Nicht auch der Austritt etwa gar für ihn
+Geknüpft an diesen Bürgen seiner Haft.
+
+Julius. Ich dank Euch edler Graf, und bin erbötig
+Zu gleichem Dienst, kommt Ihr in gleichen Fall.
+Doch jetzt nehmt Euern Abschied, wenn's beliebt.
+Von fern seh ich des Kaisers Majestät,
+Den Ihr vertrieben aus der Burg Gemächern,
+Gönnt ihm den Atem in der freien Luft.
+
+Thurn. Die Luft ist frei für jeden, doch die Burg
+Verschließt man gern vor Untreu und Verrat.
+(Er entfernt sich mit seinem Begleiter.)
+
+(Der Kaiser kommt, von Rumpf und einigen begleitet von der linken Seite.
+Er bleibt vor einem Blumenbeete stehen.)
+
+Rumpf. Die Blumen sind zum guten Teil geknickt,
+Das tat der böse Sturm in heut'ger Nacht.
+
+(Der Kaiser winkt bestätigend mit dem Kopfe.)
+
+Rumpf. Den Sturmwind mein ich eben, Majestät.
+
+(Der Kaiser hat sich nach vorn bewegt, jetzt bleibt er stehen und fährt
+mit dem Stabe einige Male über den Boden.)
+
+Rumpf. Der Fußtritt vieler Kommenden und Geh'nden
+Hat arg gehaust in dieses Gartens Wegen.
+Des Gärtners Rechen gleicht es wieder aus.
+
+Beliebt's Euch nun den Tieren nachzusehn,
+Die in den Käfigen der Füttrung harren?
+Der Löwe nimmt die Nahrung nur von Euch,
+Die Wärter sagen, daß gesenkten Haupts
+Er leise stöhnt, wie einer der betrübt.
+
+(Der Kaiser hat den Herzog von Braunschweig bemerkt und hält ihm die
+Hand hin.)
+
+Julius (auf ihn zugehend).
+Mein Kaiser und mein Herr!
+
+(Er will ihm die Hand küssen, der Kaiser zieht sie zurück und hält sie,
+als zum Handschlag, wieder hin.)
+
+Julius (des Kaisers Hand mit beiden fassend).
+Nun denn: willkommen!
+Mich freut das Wohlsein Eurer Majestät.
+
+(Der Kaiser lacht höhnisch.)
+
+Julius. Nach Wolken, sagt ein Sprichwort, kommt die Sonne,
+Die Sonne aller aber ist das Recht.
+
+(Der Kaiser weist mit dem Stabe gen Himmel.)
+
+Julius. Nicht nur dort oben, auch schon, Herr, hienieden.
+Denn selbst der Bösewicht will nur für sich
+Als einzeln ausgenommen sein vom Recht,
+Die andern wünscht er vom Gesetz gebunden,
+Damit vor Räuberhand bewahrt sein Raub.
+Die andern denken gleich in gleichem Falle
+Und jeder Schurk' ist einzeln gegen alle;
+Die Mehrheit siegt und mit ihr siegt das Recht.
+Wär's anders, Herr, die Welt bestünde nicht
+Und alle Bande des gemeinen Wohls
+Sie wären längst gelöst von Eigennutz.
+In Eurem Fall: glaubt Ihr, des Reiches Fürsten
+Sie werden ruhig zusehn dem Verderben hier,
+Nicht böses Beispiel für sich selbst befürchten?
+Selbst Euer Volk--
+
+(Ein Bürger, nachlässig bewaffnet, die Muskete auf der Schulter tritt von
+der linken Seite auf, betrachtet die Anwesenden und kehrt auf einen Wink
+Herzog Julius' wieder zurück. Der Kaiser fährt zusammen.)
+
+Rumpf. Es sind die Wachen--
+Die Leibwacht freilich nicht der Königsburg--
+Vielmehr die Bürger, die man ausgestellt,
+Weil sie behaupten, daß hier vom Hradschin
+Den Feind man eingelassen in die Stadt
+Und weil man Tor und Pforte will verwahren.
+
+(Der Kaiser droht heftig mit dem Finger in die Ferne.)
+
+Julius. O scheltet nicht den Neffen der Euch liebt!
+Erzherzog Leopold, glaubt mir o Herr,
+Er fühlt das Unglück tiefer als Ihr selbst.
+Er war bei mir als schon der Kampf entschieden
+Und bat mich, nassen Augs, ihn zu vertreten
+Ob seiner Wagnis, die der Zufall nur,
+Ein mißverstandener Befehl vereitelt,
+Sonst wart Ihr frei und Herr in Euerm Land.
+Er geht nach Deutschland, um des Reiches Stände
+Zum Schutze zu vereinen seines Herrn.
+Zugleich die andern Fürsten Eures Hauses--
+(Zu Rumpf.) Ward es gemeldet schon?
+(Auf eine entschuldigende Gebärde Rumpfs.)
+Sie sind uns nah.
+Sie kommen heut nach Prag um als Vermittler
+Zu schlichten diesen unheilvollen Zwist,
+Dabei auch, wie Ihr früher selbst begehrt,
+Abbittend der verletzten Majestät,
+Genugzutun für alles was sie selbst
+In guter Meinung früherhin gesündigt.
+Die Welt sie fühlt die Ordnung als Bedürfnis
+Und braucht nur ihr entsetzlich Gegenteil
+In voller Blöße nackt vor sich zu sehn,
+Um schaudernd rückzukehren in die Bahn.
+
+(Der Kaiser zeigt auf die Erde, wiederholt mit dem Stabe auf den Boden
+stoßend und entfernt sich dann auf Rumpf gestützt nach dem Hintergrunde.
+--Ein Diener von der rechten Seite kommend, halblaut zu Herzog Julius.)
+
+Diener. Um Gottes willen gebt den Schlüssel, Herr!
+
+Julius. Was ist?
+
+Diener. Die Ärzte fordern Einlaß zu Don Cäsar.
+
+(Der Kaiser hat sich umgewendet und blickt forschend nach den Sprechenden.)
+
+Rumpf. Der Kaiser wünscht zu wissen was die Sache.
+
+Julius. Man hat Don Cäsar in den Turm gebracht,
+Wo als Erkranktem, der dem Wahnsinn nahe,
+Die Adern man geöffnet ihm am Arm.
+
+Diener. Er aber tobte an dem Eisengitter
+Und rief nach einem Richter, um Gericht,
+Er wolle leben nicht; bis plötzlich, jetzt nur,
+Er den Verband sich von den Adern riß.
+Es strömt sein Blut und die verschloßne Tür
+Verwehrt den Eintritt den berufnen Ärzten.
+Gibt man den Schlüssel nicht ist er verloren.
+
+Julius (den Schlüssel aus dem Gürtel ziehend).
+Hier nimm und eil.
+
+(Der Kaiser winkt mit dem Finger.)
+
+Julius. Allein bedenkt, o Herr!
+
+(Da der Kaiser den Schlüssel genommen hat und sich damit entfernt, ihm
+zur Seite folgend.)
+
+Von einem Augenblick hängt ab sein Leben,
+Und nicht sein Leben nur, sein Ruf, sein Wert.
+Ihm selbst und jedem andern der ihm nah,
+Liegt nun daran, daß er vor seinen Richtern
+Erläutre was er tat und was ihn trieb,
+Daß nicht wie ein verzehrend, reißend Tier,
+Daß wie ein Mensch er aus dem Leben scheide,
+Wenn nicht gereinigt, doch entschuldigt mindstens.
+Ihm werde Spruch und Recht.
+
+Der Kaiser (der auf den Stufen des Brunnens stehend, den Schlüssel
+hinabgeworfen hat, mit starker Stimme).
+Er ist gerichtet,
+Von mir, von seinem Kaiser, seinem--
+(mit zitternder, von Weinen erstickter Stimme)
+Herrn!
+
+(Er wankt nach der linken Seite von Rumpf unterstützt, ab.)
+
+Julius (auf die Stufen des Brunnens tretend und hinabsehend).
+Es ist umsonst! Don Cäsar ist verloren.
+Sprengt auf die Tür!--Und doch, es ziemt uns nicht
+Dem Urteil vorzugreifen seines Richters.--
+O daß er doch mit gleicher Festigkeit
+Das Unrecht ausgetilgt in seinem Staat,
+Als er es austilgt nun in seinem Hause.
+Geht nur, es ist geschehn.
+
+Hinder der Szene wird gerufen. Halt da! Zurück!
+
+Julius. Was dort?
+Der Kaiser aufgehalten von den Wachen?
+Legst du die Hand an ihn, an den Gesalbten?
+Das soll nicht sein, so lang ich leb und atme.
+Mein letztes Blut für ihn. Zurück die Hände!
+Sonst zahlst du deine Frechheit mit dem Tod.
+
+(Er geht, die Hand am Schwert, nach der linken Seite ab.)
+
+
+
+
+Verwandlung
+Gemach in der Burg wie zu Anfang des dritten Aufzuges. Die nischenartige
+Vertiefung rechts im Hintergrunde mit einem herabgelassenen Vorhange
+bedeckt.
+
+Thurn und Schlick kommen, ein Arbeiter mit Schurzfell hinter ihnen.
+
+Thurn. Ward jeder Ausgang nach Geheiß verschlossen?
+Hier ist noch eine Tür.
+
+Arbeiter (den Vorhang wegziehend und an einer in der Mauer befestigten
+Spange zurückschlagend).
+Sie ist nicht mehr.
+Mit starken Bohlen hat man sie verrammelt,
+Sie hält so fest nun als die feste Wand.
+
+Thurn. Geht immer nur und seht nach außen zu.
+
+(Arbeiter ab.)
+
+Thurn. Vor allem liegt daran, daß unser König,
+Der aus sich selbst wohl Schlimmes nie begehrt,
+Nicht von Verrätern heimlich weggebracht
+Zur Fahne diene feindlichem Beginn.
+
+Schlick. Allein, mein Freund, wir ehren unsern König,
+Und das geht weiter als die Absicht war.
+
+Thurn. Die Absicht, Freund, ist ein vorsicht'ger Reiter
+Auf einem Renner feurig, der die Tat,
+Den spornt er an zu hastigem Vollzug.
+Hat er das Ziel erreicht, zieht er die Zügel
+Und meint nun wär's genug. Allein das Tier,
+Von seiner edlen Art dahingerissen
+Und von dem Wurf des Laufes und der Kraft,
+Es stürmt noch fort durch Feld und Busch und Korn,
+Bis endlich das Gebiß die Glut besiegt.
+Da kehrt man denn zurück.
+
+Schlick. Wenn's dann noch möglich.
+
+Thurn. Wenn nicht, dann nur kein Trost von Zweck und Absicht,
+All was geschehn das hast du auch gewollt.
+Doch nahen Tritte; wohl der Kaiser selbst,
+Laß uns noch sehen nach der äußern Pforte.
+
+(Sie gehen durch die Türe links.)
+(Der Kaiser kommt auf Rumpf gestützt, Herzog Julius geht vor ihm her.)
+
+Julius. Verzeiht o Herr, der Wachen Unverstand.
+Der Mann, den man zur Obhut hingestellt,
+Erkannt' Euch nicht.
+
+(Der Kaiser nickt höhnisch mit dem Kopfe.)
+
+Julius. Er folgte dem Befehl,
+Der jedermann den Zutritt untersagte.
+
+(Der Kaiser erblickt den verschlossenen Eingang zum Laboratorium und
+zeigt mit dem Stocke darauf hin.)
+
+Rumpf (den zurückgeschlagenen Vorhang herablassend).
+Besorgnis wohl für Eure Sicherheit,
+Man will den Eingang Unberufnen wehren.
+
+Rudolf. Den Eingang? Sag den Ausgang! Mir. Dem Kaiser.
+Ich bin's und fühle mich als Herrn, obgleich in Haft.
+Drum fort von mir du menschlich naher Schmerz,
+Gib Raum dem Ingrimm der verletzten Würde.
+Und weißt du wer's getan? Nicht daß mein Bruder
+Die Hand erhoben wider meine Krone;
+Ich hab ihn nie geliebt und er ist eitel,
+Er tat nach seinem Wesen, obgleich schlimm.
+(Ans Fenster tretend.)
+Doch diese Stadt. Schau wie sie üppig liegt
+Geziert mit Türmen und mit edlem Bau
+Verschönt durch Kunst was Gott schon reich geschmückt.
+Und mein Werk ist's. Hier war mein Königssitz.
+Für Prag gab ich das lebensvolle Wien,
+Den Sitz der Ahnen seit des Reiches Wiege.
+Die heuchlerische Stille tat mir wohl
+Weil selbst ich still und heimisch gern in mir.
+Gehütet wie den Apfel meines Auges
+Hab ich dies Land und diese arge Stadt,
+Und während alle Welt ringsum in Krieg,
+Lag einer blühenden Oase gleich
+Es in der Wüste von Gewalt und Mord.
+Doch bist du müde deiner Herrlichkeit
+Und stehst in Waffen gegen deinen Freund?
+Ich aber sage dir: wie eine böse Beule
+Die schlimmen Säfte all des Körpers anzieht,
+Zum Herde wird der Fäulnis und des Greuls,
+So wird der Zündstoff dieses Kriegs zu dir,
+Der lang verschonten nehmen seinen Weg,
+Nachdem du ihm gewiesen deine Straßen.
+In deinem Umfang kämpft er seine Schlachten,
+Nach deinen Kindern richtet er sein Schwert,
+Die Häupter deiner Edlen werden fallen,
+Und deine Jungfraun, losgebundnen Haars,
+Mit Schande zahlen ihrer Väter Schande.
+Das sei dein Los und also--fluch ich dir!--
+Die du die Wohltat zahlst mit bösen Taten.
+
+Wo ist mein Stock? Die Kniee werden schwach,
+Laßt niemand ein! ich höre Stimmen drauß,
+Wer immer auch, ein Feind ist's und Verräter.
+
+(Die Erzherzoge Maximilian und Ferdinand erscheinen in der Türe.)
+
+Rumpf. Es sind die Herrn Erzherzoge. O Wonne!
+
+Rudolf. Ihr seid es? Bruder du? Willkommen Vetter!
+Nehmt Sitz! Ihr kommt in wunderlicher Zeit.
+(Er hat sich gesetzt.)
+Was Neues in der Welt? Zwar stets dasselbe:
+Das Alte scheidet und das Neue wird.
+Kommt ihr zum Taufschmaus oder zum Begräbnis?
+
+Ferdinand. Eh' wir uns setzen, so erlaubt daß knieend
+Abbitte wir für das Vergangne leisten,
+Den Willen unterstellend für die Tat.
+
+(Die Erzherzoge knien.)
+
+Rudolf. Vom Boden auf!--Und du mein guter Bruder
+Sprichst nicht?
+
+Max. Mir ist das Weinen näher.
+Auch kniet sich's schwer mit meines Körpers Last.
+
+Rudolf. Vom Boden auf! Soll unser edles Haus
+Vor jemand knieen als vor seinem Gott?
+Ist einer tot so liegt er auf dem Grund,
+Doch lebend kniet kein Mann und kein Erzherzog.
+
+(Die beiden sind aufgestanden.)
+
+Rudolf. Sollt' ich euch strenger richten als mich selbst?
+Wir haben's gut gemeint, doch kam es übel.
+Das macht: dem reinen Trachten eines Edlen,
+Kann er's nicht selbst vollführen, er allein,
+Mischt von der Leidenschaft, der bösen Selbstsucht
+Der andern, die als Werkzeug ihm zur Hand,
+So viel sich bei, daß, hat er nun vollbracht,
+Ein Zerrbild vor ihm steht statt seiner Tat.
+Ich habe viel gefehlt, ich seh es ein,
+Seitdem ich aus den Nebeln, die am Gipfel,
+Herabgestiegen in das tiefe Tal,
+In dem das Grab liegt als die letzte Stufe.
+Ich hielt die Welt für klug, sie ist es nicht.
+Gemartert vom Gedanken droh'nder Zukunft,
+Dacht' ich die Zeit von gleicher Furcht bewegt,
+Im weisen Zögern seh'nd die einz'ge Rettung.
+Allein der Mensch lebt nur im Augenblick,
+Was heut ist kümmert ihn, es gibt kein morgen.
+So rannten sie hinein ins tolle Werk,
+Und ihr, ihr ranntet nicht, allein ihr gingt.
+Ich tadl' euch nicht, ihr wart besorgt ums Ganze,
+Nicht böse Selbstsucht hat euch irrgeführt.
+Nur einen tadl' ich, den ich hier nicht nenne;
+Den ich verachtet einst, alsdann gehaßt.
+Und nun bedaure als des Jammers Erben.
+Er hat nur seiner Eitelkeit gefrönt,
+Und dacht' er an die Welt, so war's als Bühne,
+Als Schauplatz für sein leeres Heldenspiel.
+
+Max (vom Stuhle aufstehend).
+Gerade darum, Bruder, sind wir hier.
+Es muß der böse Zwist zum Abgrund kehren,
+Und Recht dir werden, der du rechtlich bist.
+
+Rudolf. Davon kein Wort! Der König ist dahin.
+Ich geb ihn auf. Allein das Königtum
+Möcht' ich der Welt erhalten, der's vonnöten.
+Mein Bruder herrscht in Ungarn und in Östreich,
+Er will's in Böhmen auch, nicht künftig, jetzt.
+Wohlan es sei darum; denn keine Teilung
+Verträgt was alle Teile eint zum Ganzen.
+Ich selbst, wie einst mein Oheim, Karl der Fünfte,
+Als er die Welt, wie sie nun mich, zurückstieß,
+Im Kloster von Sankt Justus in Hispanien
+Den Tod erwartete, so will auch ich.
+Es währt nicht lang, ich fühl es wohl, denn Undank
+Gräbt tiefer als des Totengräbers Spaten;
+Und Kloster sei und Zelle mir dies Schloß.
+Mathias herrsche denn. Er lerne fühlen,
+Daß tadeln leicht und Besserwissen trüglich,
+Da es mit bunten Möglichkeiten spielt;
+Doch handeln schwer, als eine Wirklichkeit,
+Die stimmen soll zum Kreis der Wirklichkeiten.
+Er sieht dann ein, daß Satzungen der Menschen
+Ein Maß des Törichten notwendig beigemischt,
+Da sie für Menschen, die der Torheit Kinder.
+Daß an der Uhr, in der die Feder drängt,
+Das Kronrad wesentlich mit seiner Hemmung,
+Damit nicht abrollt eines Zugs das Werk,
+Und sie in ihrem Zögern weist die Stunde.
+Ihr selbst wart um mein Herrscheramt bemüht,
+Mehr fast als gut. Sorgt auch für ihn.
+Allein bedenkt: der auf dem Throne sitzt,
+Er ist die Fahne doch des Regiments,
+Zerrissen oder ganz, verdient sie Ehrfurcht.
+
+Fernand, du glaubst dich stark, und bist es auch,
+Vor allem wenn du meinst für Gott zu streiten.
+Sei's gleicherweis auch sonst, und stark, nicht hart!
+Was dir als Höchstes gilt: die Überzeugung,
+Acht sie in andern auch, sie ist von Gott,
+Und er wird selbst die Irrenden belehren.
+Des Menschen Innres wie die Außenwelt
+Hat er geteilt in Tag und dunkle Nacht.
+Das Aug' ertrüge nicht beständ'ges Licht,
+Da führt er an dem Horizont herauf
+Die Dunkelheit mit ihrer holden Stille,
+Wo die Empfindung aufwacht, das Gefühl
+Und süße Schauer durch die Seele schreiten.
+Doch immer Nacht, wär' schlimmer noch als nie,
+Und was du weißt, weißt du durch Tag und Licht.
+
+Ich selber war ein Mann der Dunkelheit.
+Von ihren Streitigkeiten angeekelt,
+Floh ich dahin allwo die frühsten Menschen
+Zuerst erkannten ihres Lebens Meister.
+Vom Hügel auf zu den Gestirnen blickend
+Und ihre stät'ge Wiederkehr betrachtend,
+Erscholl's in ihrer Brust: es ist ein Gott
+Und ewig die Gesetze seines Waltens.
+Seitdem hat er sich kundig offenbart
+Und übertönt die Stimmen der Natur,
+Doch in der Stille klingen sie noch nach,
+Und als er selbst als Mensch zu Menschen kam,
+Da sandt' er einen Stern, und jene Weisen,
+Sie ließen ruhen ihrer Weisheit Dünkel,
+Und folgten jenem Zeichen bis zur Hütte,
+Wo schon die Hirten standen und die Engel
+Aus weiter Ferne: Friede, Friede sangen.
+--Ist hier Musik?
+
+Julius. Wir hören nichts, o Herr.
+
+Rudolf. Nun denn, so ist's der Nachklang von der Weihnacht,
+Die mir herübertönt aus ferner Zeit,
+An die ich glaube und im Glauben sterbe.
+--Nicht Stern, nur Gott!--Wer bist denn du,
+Du flammender Komet? Nur Dunst und Nebel.--
+Nun Frieden auch mit dir, mit allen Frieden.--
+Wie hold es klingt und fort und fort und weiter!--
+
+Max. Sein Geist beginnt zu schwärmen.
+
+Ferdinand. Laßt uns gehn!
+Versöhnen was zu sühnen ist, und dann
+Ihm schützend stehn zur Seite, Wächtern gleich.
+
+Rumpf. Ach wir empfehlen Euch den frommen Herrn.
+
+(Die Erzherzoge gehen.)
+
+Rudolf. Und einig, einig seid! Das Neue drängt.
+Die alternden Geschlechter sterben aus,
+Das Band gelöst, bricht es die einzelnen.
+
+Rumpf. Sie sind schon fort.
+
+Rudolf. Schon fort? Nun, um so besser!
+Mir ist so leicht, so wohl. Gebt mir nur Luft!
+Ich will ans Fenster.
+
+Rumpf. Herr, wir leiten Euch.
+
+Rudolf. Was fällt dir ein? Ich fühle Jugendkraft.
+(Er versucht aufzustehen.)
+Doch ist's der Geist nur, meine Glieder wanken.
+Rückt einen Stuhl ins Fenster, ich will Luft.
+(Unterstützt ans Fenster gehend, zu Herzog Julius.)
+Siehst du? So lohnt die Welt für unsre Sorge.
+Sie saugt uns aus und findet uns dann welk,
+Indes sie prangt mit unsern besten Kräften.
+(Er sitzt.) Das Fenster auf!
+
+Rumpf. Allein, o Herr, bedenkt!
+Ihr habt der Luft Euch sorglich stets verschlossen.
+
+Rudolf. Nicht Kaiser bin ich mehr, ich bin ein Mensch
+Und will mich laben an dem Allgemeinen.
+Wie wohl, wie gut! Und unter mir die Stadt
+Mit ihren Straßen, Plätzen, voll von Menschen.
+
+Julius. Und gabt Ihr erst den Fluch in Euerm Zorn.
+
+Rudolf. Tat ich's? Nun ich bereu's. Mit jedem Atemzug
+Saug ich zurück ein vorschnell rasches Wort,
+Ich will allein das Weh für alle tragen.
+Und also segn' ich dich, verlockte Stadt,
+Was Böses du getan, es sei zum Guten.
+
+Mein Geist verirrt sich in die Jugendzeit.
+Als ich aus Spanien kam, wo ich erzogen,
+Und man nun meldete, daß Deutschlands Küste
+Sich nebelgleich am Horizonte zeige,
+Da lief ich aufs Verdeck und offner Arme
+Rief ich: mein Vaterland! Mein teures Vaterland!
+--So dünkt mich nun ein Land in dem ein Vater--
+Am Rand der Ewigkeit emporzutauchen.
+--Ist es denn dunkel hier?--Dort seh ich Licht
+Und flügelgleich umgibt es meinen Leib.
+--Aus Spanien komm ich, aus gar harter Zucht,
+Und eile dir entgegen,--nicht mehr deutsches,
+Nein himmlisch Vaterland.--Willst du?--Ich will!
+(Er sinkt zurück.)
+
+Rumpf. Ruft Ärzte! Er hat öfter solchen Anfall.
+Der Herzschlag geht. Nach Ärzten, Hilfe, schnell!
+Und bringt ihn auf sein Bett in jene Kammer!
+Ich mag nicht denken, daß es Schlimmres wäre.
+
+Julius (sich entfernend).
+Das Schlimmste kennt kein Schlimmres, er erlitt's.
+Der Kaiser starb, ob auch der Mensch genese.
+
+Rumpf. Er lebt, ich fühl's. Faßt ihn nur sorglich an!
+
+Julius (auf ihn zueilend).
+Mein edler, frommer, mildgesinnter Herr!
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+
+Saal in der kaiserlichen Burg zu Wien.
+
+Klesel steht wartend, Erzherzog Ferdinand tritt ein.
+
+
+Ferdinand. Ist's endlich mir gegönnt, bei meinem Oheim,
+Mit dem ich sprechen muß, Gehör zu finden?
+
+Klesel. Die Türe steht Euch offen jederzeit,
+Ihr seht ihn täglich, stündlich, wenn Ihr wollt.
+
+Ferdinand. O ja, im Schwall des Hofs, bei Spiel, beim Tanz.
+Wohl auch im Kabinett, in Eurem Beisein.
+
+Klesel. Er ist der Herr und ich sein Diener nur.
+Befiehlt er mir zu gehen, geh ich; bleibe,
+Wenn er mein Bleiben förderlich ermißt.
+
+Ferdinand. Nur neulich sprach ich endlich ihn allein,
+Nur merkt' ich wohl aus den zerstreuten Blicken,
+Die stets er warf nach der Tapetentür,
+Daß jemand dort versteckt, der uns behorchte.
+Und Ihr wart's, mein ich; leugnet's wenn Ihr könnt.
+
+Klesel. Wär' es geschehn, geschah es auf Befehl:
+Gehorchen schließt das Horchen selbst nicht aus.
+
+Ferdinand. Wir aber wollen's länger nicht mehr dulden,
+Daß sich ein Fremder eindrängt zwischen uns
+Und stört die Einigkeit von unserm Hause.
+War's darum daß wir uns Euch angeschlossen
+Und gegen ihn den rechten güt'gen Herrn?
+So daß die Röte mir der Scham noch jetzt
+Indem ich spreche aufsteigt bis zur Stirne.
+Da hieß es, daß ein Haupt dem Reich vonnöten,
+Daß nur mit festem Tritt und sicherm Aug'
+Der Ausweg sei zu finden aus den Wirren,
+In denen labyrinthisch geht die Zeit,
+Und wir, wir stimmten ein--wär's nie geschehn!
+Doch kaum erreicht das langersehnte Ziel,
+Gestillt die Gier des Herren und--des Dieners,
+Wankt man auf gleichem Irrweg durch den Wald,
+Und meint: sich regen sei schon weitergehn.
+
+Klesel. Ihr irrt; ein fester Plan beherrscht das Ganze
+Und jeder Schritt führt näher an das Ziel.
+
+Ferdinand. Doch dieses Ziel, sag ich, es ist verderblich.
+Ausgleichung heißt's, Gleichgültigkeit für jedes;
+Vermengung des was Menschen ist und Gottes.
+Sagt selbst ob Euer Herr--
+
+Klesel. Nur meiner?
+
+Ferdinand. Meiner auch.
+Doch einen Abstand bildet wohl was nah und nächst.
+Sagt selbst: war er nicht heißer Tatendurst,
+Zu zügeln kaum und kaum zurückzuhalten,
+So lang die Krone lag im Reich der Hoffnung;
+Und nun, bedeckt mit ihr als einem Helm
+Den Szepter als ein Schwert in seiner Hand
+Schläft er auf trägen Purpurkissen ein
+Und bringt die Zeiten Kaiser Rudolfs wieder.
+Ja schlimmer noch; denn jener war die Waage
+Die beide Teile hielt im Gleichgewicht;
+Ihr aber legt was Euch noch bleibt an Schwere
+Der einen Schale zu, und zwar der schlechten,
+Der gottverhaßten, der verderblichen.
+Ist nicht halb Österreich noch protestantisch,
+Mit Ketzern nicht besetzt ein jeglich Amt.
+Die hohe Schule, deren Rektor Ihr,
+Ertönt von Worten frecher Kirchenleugner.
+
+Klesel. Wir suchen Wissen bei der Wissenschaft,
+Der Glaube wird gelehrt von gläub'gen Meistern.
+
+Ferdinand. Fluch jedem Wissen, das nicht aufwärts geht
+Zu aller Wesen Herrn und einz'gem Ursprung.
+
+Klesel. Von oben rinnt der Quell, doch rinnt er nicht zurück,
+Wo er das Licht betritt ist er schon Lauf, nicht Quelle.
+
+Ferdinand. Seid Ihr derselbe der, ein Kirchenfürst,
+Berufen zur Verteid'gung ihrer Lehre?
+Der sie verteidigt auch, o ja ich weiß,
+Solang der Kirche Gold und Rang und Ansehn
+Euch noch ein Lohn schien, der des Strebens wert,
+Und habt, so sagt die Welt, nicht nur von Glaubensschätzen,
+Auch von den Schätzen dieser ird'schen Welt
+Ein Artiges gehäuft in Euern Speichern.
+
+Klesel. Man sieht sich vor; die Zeiten schlagen um.
+
+Ferdinand. So mag der einzelne vielleicht sich trösten,
+Doch für den Staat gibt es kein einzelnes,
+Für ihn hängt alles an derselben Kette.
+Ja selbst die Mächte, die mit uns vereint,
+Die gleichen Wegs mit unsern ebnen Bahnen,
+Sie nehmen an der Lauheit Ärgernis
+Und ziehen sich zurück. Was bleibt uns dann?
+Hispanien, der Papst, das fromme Baiern.
+
+Klesel. Von daher also kommt's? Mein hoher Herr,
+Es sorgt ein jeder doch zunächst für sich,
+Der Freund ist mehr als meiner noch sein eigner.
+Hispanien begehrt die Niederlande
+Durch unsern Beistand und mit unserm Blut.
+Der Papst ist der Kompaß, des sichre Nadel
+Die Richtung anzeigt uns zum fernen Pol;
+Allein die Segel stellen und das Ruder brauchen,
+Das überläßt er uns; wir hoffen so.
+Und endlich Baiern. Arglos frommer Herr,
+So seht ihr nicht wohin sein Streben geht?
+Ist Östreich erst verworren und geschwächt,
+Steht nichts in Weg ihm zu der Kaiserkrone.
+
+Ferdinand. Der Baierfürst hegt gottesfürcht'gen Sinn,
+Das Wohl der Kirche sucht er, nicht sein eignes.
+
+Klesel. Will einer erst die Herrschaft Gott verschaffen,
+Sieht er in sich gar leicht des Herren Werkzeug
+Und strebt zu herrschen, damit jener herrsche,
+Auch ist der Seeleneifer und der Eigennutz
+Nicht gar so unvereinbar als man glaubt.
+Die Überspannung läßt zuweilen nach,
+Und wie der Adler, der der Sonne nächst,
+Holt er sich Kräftigung durch ird'sche Beute.
+Man meint's selbst von der Kurie in Rom.
+
+Ferdinand. Ob Ihr nun sprecht was Euch und mir nicht ziemt,
+--Ihr nennt, ich weiß es, derlei Politik--
+Doch eins tut not in allen ernsten Dingen:
+Entschiedenheit; ob unser Ihr, ob nicht.
+
+Klesel. Was nennt Ihr unser? Ich bin meines Herrn.
+Er ist mein Uns, mein Euch, mein Ich, mein Alles.
+Er ist entschieden und ich bin es auch.
+Doch wenn die Macht nicht einig wie der Wille,
+Wer trägt die Schuld als jene, die im Dunkeln
+Am Hofe selbst sich bilden zur Partei
+Und die Parteiung in den Ländern nähren?
+In Böhmen selbst, wo man den Majestätsbrief
+Erfüllen will, getreulich, ohne Hehl,
+Trifft jeder Auftrag Seiner Majestät
+Auf einen heimlich widersprechenden,
+Gegeben von den Nächsten seines Hauses.
+Die Utraquisten wollen Kirchen baun,
+Wozu sie Kaiser Rudolfs Brief berechtigt,
+Man hindert sie und stellt die Arbeit ein.
+
+Ferdinand. Null ist der Majestätsbrief, als erzwungen.
+
+Klesel. Erzwungen ist zuletzt ein jeder Friede;
+Der Schwächere gibt nach. Doch soll das Schwert
+Nicht wüten bis zu völliger Vertilgung,
+Muß Friede werden, der nur Friede ist
+Wenn er gehalten wird, ob frei, ob nicht.
+Sie sollen Kirchen baun, so will's ihr König.
+
+Ferdinand. Sagt doch vielmehr nur: Ihr.
+
+Klesel. Nun also: Ich,
+Sofern mein Rat ein Teil von seinem Willen.
+Mich hat umsonst aus meiner Niedrigkeit
+Die Vorsicht nicht gestellt auf jene Stufe
+Zu der sonst nur Geburt und Gunst erhebt.
+Der Kirche Macht bekleidet mit dem Purpur,
+Der mich den Königen zur Seite stellt.
+Ich werde nicht vor Menschen feig erzittern,
+Und wären's Könige--im Land der Zukunft;
+Die nämlich kommen kann, nicht kommen muß.
+
+Ferdinand. Da wär' zu zittern denn an mir?
+
+Klesel. Niemand soll zittern!
+Vor allem der im Recht ist und der klug.
+
+Ferdinand (auf die Kabinettstüre zugehend).
+Da ist denn einer nur der hier entscheidet.
+
+Klesel (mit einer gleichen Bewegung).
+Ich bin bestellt.
+
+Ferdinand. Und ich, ich bin berufen,
+Im Sinn der Schrift. Berufen und--erwählt,
+In Böhmen wenigstens als künft'ger König.
+
+(Ein Kämmerling erscheint in der Kabinettstüre.)
+
+Klesel. Sagt, daß wir warten hier, und sputet Euch!
+
+(Der Kämmerling geht ins Kabinett zurück)
+(Klesel geht mit starken Schritten auf und nieder.)
+
+Ferdinand (sich entfernend).
+Der Bauer steckt noch ganz in seinem Leibe
+Mit des Emporgekommnen Übermut.
+
+(Der Kämmerling kommt zurück.)
+
+Ferdinand. Hat man gemeldet also?
+
+Kämmerling (mit einer Einlaßbewegung).
+Eminenz.
+
+(Klesel geht mit starkem Schritt ins Kabinett.)
+
+Kämmerling. Entschuld'gen soll ich seine Majestät,
+Hochwicht'ge Nachricht sei aus Prag gekommen,
+Sie stehn zu Dienst wenn das Geschäft beendigt.
+
+Ferdinand. Ich bin's gewohnt den Dienern nachzustehn.
+Wie ist's in Prag, vor allem mit dem Kaiser?
+
+Kämmerling. Ein Anfall wie er öfter schon ihn traf,
+Nur stark wie nie, bedroht sein Leben, sagt man,
+Doch gibt man Hoffnung noch--für dieses Mal.
+
+Ferdinand. Ich bete drum, denn er ist unsre Hoffnung,
+Der schutzlos selber, unser einziger Schutz.
+
+(Kämmerling geht zurück.)
+
+Ferdinand. Nun denn, der Augenblick der Tat, er kam.
+Stirbt Kaiser Rudolf, was wohl furchtbar nah,
+Und folgt Mathias auf dem deutschen Throne,
+Verdoppeln sich die furchtsamen Bedenken,
+Die ihm dies Schwanken in die Brust gelegt.
+Des Reiches Fürsten, ketzerisch zumeist,
+Hier Sachsen, Brandenburg, die böse Pfalz,
+Sie nötigen zu Schonung, schwachem Dulden
+Und jene Spaltung setzt sich endlos fort,
+In der Gott selbst so wie sein Wort gespalten.
+
+Vor allem jetzt muß dieser Priester fort,
+Des schlimme Schmeichelei, gehüllt in Derbheit,
+Ihn ehrlich nennt wo listig er zumeist.
+Des Leichtigkeit in Schrift und Wort und Tat,
+Ihn unentbehrlich macht, weil er bequem
+Die Herrschaft auflöst in die Unterschrift.
+
+Jetzt oder nie! Seit Monden seh ich's kommen,
+Und der ich Festigkeit von andern fordre,
+Mir ringen Zweifel selber in der Brust.
+(Aus der Tasche seines Mantels Briefe hervorziehend.)
+Bin ich gewappnet nicht mit aller Vollmacht
+Von Rom, von Spanien, dem kathol'schen Deutschland?
+Das böse Beispiel das ich etwa gebe,
+Es findet sich geheiliget im Zweck:
+Der Ehre Gottes und dem Sieg der Kirche.
+(Das Barett abnehmend.)
+So war dem Hohenpriester wohl zu Mut
+Als er den Ahab tötete im Haus des Herrn.
+Er warf sich nieder vor der Bundeslade
+Wie ich jetzt beugen möchte hier mein Knie
+Und Gottes Wink erflehn und seine Stimme.
+
+Ich will noch einmal meinen Oheim sprechen,
+Ihm vor die Augen legen diese Briefe,
+Die alle fordern was das Heil von allen.
+Dann aber rasch, denn er ist wankelmütig!
+Der nächste Tag bringt einen andern Sinn
+Und die Gewohnheit ist das Band der Schwäche.
+(Die Türe im Hintergrunde öffnend.)
+Seyfried bist du bereit?
+
+Seyfried Breuner (eintretend).
+Ich bin's seit lange.
+
+Ferdinand. Nun diesmal gilt's. Besorg erst einen Wagen.
+
+Seyfried. Des Klesel Kutsche, die ihn hergebracht,
+Hält unten noch im Hof.
+
+Ferdinand. Um desto besser.
+Indes ich noch mit meinem Oheim spreche,
+Halt ihn zurück durch irgend einen Vorwand,
+Bis ich dir sage: jetzt! Dann schnell nach Kufstein.
+Merk wohl, er darf zurück nicht in sein Haus,
+Denn seine Schriften sind vor allem wichtig.
+Er kommt. Geh nur und sieh nach deinen Leuten.
+
+(Seyfried ab.--Klesel kommt aus dem Kabinett.)
+
+Ferdinand. Darf ich nun endlich meinem Oheim nahn?
+
+Klesel. Er ging nur eben nach der Schloßkapelle,
+Doch kehrt er wieder, ehrt ihn der Besuch.
+
+Ferdinand. Es ist kaum zehn, um eilf Uhr ist die Messe.
+
+Klesel. Die Andacht bindet sich an keine Zeit.
+
+Ferdinand. Nun das habt Ihr getan. Ich dank Euch drum.
+Ich forderte ein Zeichen erst vom Himmel,
+Ihr gebt das Zeichen selbst. Noch einmal: Dank!
+Das ist der Lohn der Schlauheit, daß sie fein
+Den Faden spinnt, bis er, am feinsten, bricht.
+Ihr sollt nach Kufstein, Herr!
+
+Klesel. Nicht daß ich wüßte!
+Mir ist zu reisen weder Zeit noch Lust.
+
+Ferdinand. Doch wenn Ihr müßt?
+
+Klesel (sich dem Kabinette nähernd).
+Wer wagt hier zu gebieten?
+
+Ferdinand. Ihr habt ja selbst den Schutz von Euch entfernt.
+Der König ist in seinen Zimmern nicht,
+Gesendet habt Ihr ihn nach der Kapelle
+Und seid gegeben nun in unsre Macht.
+Der Papst will Euch in Rom; deshalb nach Kufstein,
+Das annoch deutsch und auf dem Weg nach Welschland.
+
+Klesel. Der König ruft zurück mich Augenblicks.
+
+Ferdinand. Seid dessen wirklich Ihr so sicher?
+
+Klesel.--Nein!
+Ihm hat die Herrschaft aufgedrückt die Makel,
+Die sie der Kön'ge besten nur erspart:
+Unsicherheit und Mangel an Entschluß.
+Doch später, wenn der Samen aufgegangen,
+Den man gesät in den entzweiten Landen,
+Verwirrung und Empörung, ja der Krieg
+In blutigroter Blüte wuchernd sprossen,
+Dann wird man pilgern hin zu Kufsteins Toren,
+Dann kehr ich heim in siegendem Triumph.
+
+Seyfried (eintretend).
+Es drängt die Zeit.
+
+Ferdinand. Sei immer ruhig, Freund,
+Er hat dafür gesorgt, daß uns sein Herr
+Nicht vor der Zeit hier störe im Beginnen.
+Nun aber fort! Es ziemt nicht meiner Würde
+Den Schergen hier zu spielen nebst dem Richter.
+Obwohl's mich freut, erquickt in meinem Sinn,
+--Nicht meinetwillen, nein um Gottes wegen--
+Im Staub zu sehn den Mann, der ihm getrotzt.
+Glück auf den Weg! Nach Kufstein also rasch!
+
+(Durch die Mitteltüre ab.)
+
+Klesel. Herr Seyfried, seht, ich war Euch stets ein Freund.
+
+Seyfried. Drum habt Ihr meiner Schwester auch verweigert
+Die Pension, die ihr zu Recht gebührt.
+
+Klesel. Sie soll sie haben, und verlangt ihr Gold,
+Nennt den Betrag bis dreißigtausend Kronen,
+Nur gönnt mir Aufschub, eine Viertelstunde.
+Laßt mich zu Hause ordnen noch Papiere,
+Man hat so viel was nicht für jeden taugt.
+
+Seyfried. Ich bin vom selben Stoff wie meine Waffen:
+Die Faust von Eisen und die Brust von Erz.
+(Auf die Seitentüre links zeigend.)
+Dort unser Weg. Verlegt Euch nicht auf Bitten.
+
+Klesel. Ihr mahnt mich recht. Ich habe hier geboten
+Und will nicht betteln um der Bettler Gnade.
+Vollführt denn die Befehle Eures Herrn,
+Der sich von Eisen fühlt, wie Euer Harnisch
+So oft ihn Glaubenseifer vorwärts treibt,
+Doch kommt's einmal zu menschlicher Zerwürfnis
+Vor jedem zittern wird, der, starken Sinns
+Sich dienend aufgedrungen ihm zum Herrn.
+Er wird mein Rächer sein. Ich ahn ihn schon
+Und höre seine Tritte aus der Ferne.
+
+Ein Diener (der die Mitteltüre öffnet, anmeldend).
+Herr Oberst Wallenstein.
+
+Klesel. Hört Ihr den Namen?
+
+Seyfried. Jetzt ist nicht Zeit zu sprechen. Dort hinaus!
+
+(Aus der Seitentüre sind Trabanten herausgetreten.)
+
+Klesel (zu Seyfried, der vorausgehen will).
+Zurück! Mir bleibt der Vorrang, wär's in Ketten.
+
+(Er geht mitten durch die Trabanten ab. Seyfried folgt. Oberst
+Wallenstein ist eingetreten und sieht ihnen verwundert nach.
+Erzherzog Ferdinand kommt durch die Mitteltüre.)
+
+Ferdinand. Wir freuen uns, Herr Oberst, Euch zu sehn.
+Ihr kommt aus Prag?
+
+Wallenstein. Auf einem Umweg, ja.
+
+Ferdinand. Wie steht's im Schloß?
+
+Wallenstein. Verwirrung aller Orten.
+Man spricht von Krankheit, manche gar von Tod.
+
+Ferdinand. Verhüt' es Gott!
+
+Wallenstein. Er wird wohl etwa, denk ich.
+Allein im Land bedarf es unsre Sorge,
+Da ist das Unterste zuoberst, Herr.
+
+Ferdinand. Vielleicht das Oberste zuunterst bald.
+
+Wallenstein. Man hat den Bau der Kirchen eingestellt,
+Die ihnen zugesagt der Majestätsbrief.
+
+Ferdinand. Das hat er nicht.
+
+Wallenstein. Nun auch gut, also nicht.
+Allein sie glauben's und der Aufstand lodert
+In Braunau, Pilsen, weit herum im Land.
+Schon bis nach Prag erstreckt sich die Bewegung.
+Der Mathes Thurn liegt dort im Hinterhalt.
+
+Ferdinand. Und unsre Treuen, Martiniz, Slawata,
+Des Landes fromme Pfleger, dulden sie's?
+
+Wallenstein. Sie haben Ärgeres bereits erduldet.
+Der Mathes Thurn ließ eben als ich abging,
+Nach einer alten Landessitte, sagt er,
+Sie aus den Fenstern werfen am Hradschin,
+Im vollen Landtag und im besten Sprechen.
+Doch sind sie unverletzt, seid unbesorgt.
+Sie haben noch gar höflich sich entschuldigt
+Weil nach dem Rang sie nicht zu liegen kamen,
+Zuoberst, weil zuletzt, der Sekretär.
+Betrachtet Böhmen drum als feindlich Land.
+
+Ferdinand. Nun um so besser denn!
+
+Wallenstein. Ihr seid mein Mann!
+Drum eben ist Gewalt Gewalt genannt,
+Weil sie entgegen tritt dem Widerstand.
+Und wie im Feld der Heeresfürst gebeut,
+Nicht fremde Meinung oder Tadel scheut,
+So sei auch in des Landes Regiment
+Ein Gott, ein Herr, ein Wollen ungetrennt.
+Ich will nun noch zu Seiner Majestät.
+
+Ferdinand. Laßt das auf später. Setzt für jetzt Euch hin,
+Schreibt die Befehle an die Garnisonen.
+
+Wallenstein. Das ist bereits geschehn.
+
+Ferdinand. Durch wen? und wann?
+
+Wallenstein. Da auf den Stationen als ich herritt,
+Man mit den Pferden zögerte, wie's Brauch,
+Benutzt' ich jede Rast und schrieb die Orders
+An die entfernt gelegnen Truppen selbst,
+Sie teils nach Brünn, teils her nach Wien bescheidend.
+Erwartet heut noch die Dampierrschen Reiter,
+Kapraras Fußvolk auch ist wohl schon nah.
+Der Krieg hat Füße denn doch nur und Hände
+Wenn er Geschwindigkeit mit Kraft vereint.
+
+Ferdinand. Und das nahmt Ihr auf Euch?
+
+Wallenstein. So sollt' ich nicht?
+
+Ferdinand. Ich dank Euch, Herr; und denk Euch wohl zu brauchen,
+Wenn mich einst Gott auf diesen Thron gesetzt.
+Doch will ich mich auch hüten, nehmt's nicht übel,
+Daß Ihr nicht mehr mir dient, als lieb mir selbst.
+
+Wallenstein. Wer kann wohl sagen, meint ein altes Sprichwort:
+Aus diesem Brunnen will ich niemals trinken!
+Die Zeit entscheidet da, Herr--und der Durst.
+
+Erzherzog Ferdinand (die Mitteltüre öffnend).
+Herbei wer in den Vorgemächern draußen
+Und treu es meint mit Östreichs edlem Haus.
+
+(Mehrere treten ein.)
+
+Ferdinand. In Prag hat sich der Pöbel, Glaubenspöbel
+Erfrecht was nimmermehr zu dulden ziemt.
+Wer Christ und Edelmann ist aufgefordert
+Zu ziehn mit uns für Gott und für das Recht.
+
+Einige. Seht uns bereit!
+
+Andere. Mit Gut und Blut und Leben!
+
+Ferdinand. Besendet Tilly, schreibt an Baierns Herzog,
+Daß uns ihr Beistand sicher, wenn er not.
+
+Obwohl für jedes Menschenleben gern
+Ich einen Teil hingäbe meines Selbst,
+Will ich nicht ruhn, bis dieses böse Schlingkraut
+Vertilgt in jeder Windung bis zum Kern.
+
+(Trompeten in der Ferne.)
+
+Wallenstein (ans Fenster eilend).
+Das sind, weiß Gott! schon die Dampierrschen Reiter.
+Die habt Ihr nun wie Würfel in der Hand.
+
+(König Mathias kommt aus dem Kabinette.)
+
+Mathias. Was sind das für Trompeten? und was soll's?
+
+Ferdinand. Die Truppen, Herr, die sich nach Prag bewegen,
+Wo frecher Aufruhr uns die Stirne beut.
+
+Mathias. Die Früchte das von dem geheimen Treiben,
+Das hinter unserm Rücken still bemüht.
+Schickt nach dem Kardinal!
+(Da die Angeredeten verlegen zurücktreten.)
+Was zögert ihr?
+
+Ferdinand. Er ist nur eben abgereist nach Kufstein.
+
+Mathias. In diesem Augenblick? Ist er von Sinnen?
+
+Ferdinand. Gerad in diesem Augenblick, mein König.
+(Auf das Kabinett zeigend.)
+Gefällt's Euch hier ins Innre einzutreten,
+So leg ich Euch die Gründe dienstlich vor.
+
+Mathias (streng).
+Sprecht öffentlich, damit ich offen richte.
+
+Ferdinand (Schriften aus dem Mantel ziehend, halblaut).
+Die Briefe hier von Baiern, Spanien, Rom,
+Den einz'gen Stützen unsrer guten Sache,
+Die nur auf die Entfernung dieses Manns
+Den Beistand uns verheißen, den wir brauchen.
+Hier Oberst Wallenstein, er kommt aus Prag
+Und meldet uns, daß dort der Aufstand rege.
+Die Andersgläubigen der andern Länder,
+Erwarten nur das Zeichen solchen Ausbruchs,
+Um zu vereinen sich zu gleichem Trotz.
+Glaubt Ihr, daß wir mit unsern eignen Kräften
+(auf die Schriften zeigend)
+Nicht unterstützt von gleichgesinnten Mächten,
+Dem Sturm gewachsen der uns rings bedroht?
+
+Mathias. Wär' Klesel hier er wüßte des wohl Rat.
+
+Ferdinand. Er ist kaum auf dem Weg. Geliebt es Euch,
+So bringen Boten ihn noch heut zurück.
+Allein alsdann verzeiht, wenn ich mich selbst
+Vereine mit den Schreibern dieser Briefe,
+Zurück mich ziehend in mein stilles Land.
+(Mit gebeugtem Knie die Schriften hinhaltend.)
+
+Mathias (die Schriften ihm heftig aus der Hand nehmend).
+Wir wollen sehn!--Herr Oberst Wallenstein
+Ihr kommt von Prag. Wie steht es mit dem Kaiser?
+(Mit einem Seitenblicke auf Erzherzog Ferdinand.)
+Ich fühle mich nur jetzt an ihn gemahnt.
+
+Wallenstein. Er ward so oft im Leben totgesagt,
+Daß nun auch kaum man den Gerüchten glaubt,
+Die unheilkündend sich vom Schloß verbreiten.
+Doch überholt' ich an der Taborbrücke
+Ein Sechsgespann mit kaiserlichem Wappen
+Und Herren drin in Schwarz, vielleicht in Trauer.
+Hier sind sie deucht mich; hört die Antwort selbst.
+
+(Herzog Julius von Braunschweig und einige Hofleute, die reichverzierte
+Kleinodien-Gehäuse tragen, sämtlich in Trauer, treten ein.)
+
+Mathias. Ich weiß genug. Es sprechen eure Kleider.
+Mein Bruder tot. Wär' ich es erst nur auch.
+(An der Türe des Kabinetts.)
+Und niemand folge mir! Ich will allein sein.
+(Er geht hinein.)
+
+Ferdinand. Und ist es so?
+
+Julius. Es ist. Ein jäher Anfall,
+Der noch der Hoffnung Raum ließ, weil er öfter,
+So sagen seine Diener, ihn ergriff.
+Doch diesmal war's der Tod. Er ist geschieden.
+
+Ferdinand. O daß der Drang der Zeit mir Weile gönnte
+Ihn zu beweinen wie er es verdient.
+Er war ein frommer Fürst.
+
+Julius. Wohl, und ein Weisrer,
+Als ihm die Hast der Übereilung zugibt.
+
+Ferdinand. Doch zeigt die Weisheit sich im Handeln meist.
+
+Julius. Wo nichts zu wirken ist auch nicht zu handeln
+Die Zeit hilft selbst sich mehr als man ihr hilft.
+Wir bringen die Insignien des Reichs,
+Das einem andern nun zu Recht gehört,
+Ein Erbe, der die Erbschaft schon besitzt.
+Und so nun, meine Freundespflicht erfüllt,
+--Er war mein Freund, ich wenigstens der seine--
+Empfehl ich dieses Land in Gottes Schutz
+Und kehre rück zu meinem das mich ruft.
+
+Ferdinand. Vor allem noch nehmt unsers Hauses Dank,
+Herr, und erlaubt, daß bis zur äußern Tür--
+
+Julius (ablehnend).
+Der Tod macht gleich. Wir alle müssen sterben.
+
+(Er geht. Seine Begleiter setzen die Kapseln mit den Insignien auf
+einen rechts im Hintergrunde stehenden Tisch.--Militärmusik in der Ferne.)
+
+Wallenstein (ans Fenster eilend).
+Das ist Kapraras Fußvolk, wie ich sagte.
+
+Ferdinand. Laßt diese Töne schweigen, die den Jubel
+In unsers Herzens Trauer spottend mischen.
+--Auch stört es etwa Seine Majestät,
+Die jetzt wohl schwer von anderen Gedanken.
+
+(Es ist jemand auf den Balkon getreten und hat mit dem Schnupftuch ein
+Zeichen gemacht. Die Musik schweigt.)
+
+Ferdinand. Und so im Geist der Leichenfeier folgend
+Des hingeschiednen Herrn, laßt uns ihn rächen.
+Zwar Rache ziemt dem echten Christen nicht,
+Doch seine Feinde strafen die auch unsre;
+Und strafend sie, wär's mit dem Äußersten,
+Zugleich erretten von dem ew'gen Tod.
+Ein kurzer Feldzug nur steht uns bevor--
+
+Wallenstein (in der Menge).
+Der Krieg ist gut, und währt' er dreißig Jahr.
+
+Ferdinand. Wer sprach? Was fällt Euch ein? Und warum dreißig?
+Ist's doch als ob mit wiederholtem Schall
+Das Wort von allen Wänden widertönte.
+Ein kurzer Feldzug sagt' ich, und so ist's.
+Was fällt Euch ein? Und warum dreißig eben?
+
+Wallenstein. Ei, Herr, man nennt so viel ein Menschenleben.
+Und eh' nicht, die nun Männer, faßt das Grab,
+Und die nun Kinder, Männer sind geworden,
+Legt sich die Gärung nicht, die jetzt im Blut.
+
+Ferdinand. Wir achten Euch als wohlerprobten Krieger,
+Als tücht'gen Führer, wohl dereinst als Feldherrn,
+Doch zum Propheten seid Ihr noch zu jung.
+Und wenn Ihr, wie man sagt, in Sternen lest,
+So denkt an Kaiser Rudolfs traurig Wissen.
+
+Nun laßt uns die Befehle noch bereiten,
+Daß jedem kundig wo sein wahrer Punkt.
+Denn gleich der Tat ehr ich die kluge Schrift;
+Die Feder schlägt oft sichrer als die Waffe.
+
+Musik und Lärm auf der Straße. Vivat Mathias!
+
+Ferdinand. Schweigt man nimmer denn?
+
+Ein Diener (der eingetreten ist).
+Der Tod des Kaisers hat sich schon verbreitet.
+Man jauchzt dem neuen Herrn. Man will ihn sehn.
+
+Auf der Straße. Vivat Mathias!
+
+Ferdinand (auf das Kabinett zeigend).
+Geh denn einer hin
+Und sage--Meldet Seiner Majestät
+Des Volkes Wunsch und der Getreuen Bitte.
+
+(Der Diener geht ins Kabinett.)
+
+Ferdinand. Man muß die Stimmung nützen wenn sie neu.
+Gealtert teilt sie gern des Alters Zweifel
+Und frägt nach Gründen; endlos im Warum?
+
+Mathias (aus dem Kabinette).
+Wird mir denn nimmer Ruh'? Was soll es noch?
+
+Ferdinand. Das Volk von dem Ereignis unterrichtet,
+Das seinen Herrn beruft zum deutschen Thron,
+Dazu die Krieger, die ins Feld sich rüsten,
+Verlangen Euch zu sehn, erlauchter Herr.
+
+Mathias. Nun denn, nur schnell.
+
+Ferdinand (auf die Glastüre zeigend).
+Vielleicht hier vom Balkon.
+
+Mathias. Geht Ihr mit mir und steht an meiner Seite,
+Vielleicht erkennt das Volk dann wer sein Herr.
+
+(Erzherzog Ferdinand tritt mit einer ehrerbietigen Verbeugung zurück.)
+
+Mathias. So öffnet denn die Tür!--Und--
+(mit einer Abschiedsbewegung)
+Gott befohlen!
+
+(Er tritt auf den Balkon. Jubelgeschrei von außen.)
+
+Ferdinand. Wir wollen denn nicht länger lästig fallen.
+Ich selber ziehe nicht mit Euch ins Feld,
+Doch will ich sorgen, daß, dieweil Ihr fern
+Die Feinde tilgt mit scharfgeschliffner Waffe,
+Die Gegner in dem Rücken Eures Heers,
+Die heimlichen, deshalb gefährlichsten,
+Gejätet und gesichtet und getilgt,
+Auf daß das Land ein wohlbestellter Garten,
+Ein Ährenfeld, zu Frucht dem höchsten Herrn.
+
+(Indem die Anwesenden sich öffnen und einen Durchgang bilden.)
+
+Ferdinand. Es geht in Krieg, seid froh Herr Wallenstein.
+
+Wallenstein. Ich bin's.
+
+Mehrere. Wir auch, und währt' es dreißig Jahr
+--Ja wären's dreißig--Dreißig!--Um so besser.
+
+(Indem sie Wallenstein die Hand schütteln, alle ab.)
+
+Mathias (der vom Balkon zurückkommt).
+Was sprechen sie von Krieg und dreißig Jahren?
+Ich werd es nicht erleben. Glück genug.
+Und übrall Lärm. Ich aber brauchte Stille
+Tönt's doch in meinem Innern laut genug;
+Und wieder öde, daß kein Widerhall
+Des allgemeinen Jubels rückerklingt.
+Am Ziel ist nichts mir deutlich als der Weg,
+Der kein erlaubter war und kein gerechter.
+(Sein Blick trifft die Reichskleinodien, er wendet die Augen ab.)
+O Bruder, lebtest du und wär' ich tot!
+Gekostet hab ich was mir herrlich schien,
+Und das Gebein ist mir darob vertrocknet,
+Entschwunden jene Träume künft'ger Taten,
+Machtlos wie du wank ich der Grube zu.
+
+Ich will ins Freie, mich zerstreun--und doch,
+Wie ein Magnet ziehts mir die Augen hin
+Und täuscht mit Formen, die nicht sind, ich weiß.
+Reicht denn dein Haß herüber übers Grab,
+Selbst nach der Strafe noch?
+
+(Lärm und Musik von neuem aus der Ferne.)
+
+Mathias (gegen den Tisch gekehrt in einiger Entfernung niederkniend und
+wiederholt die Brust schlagend).
+Mea culpa, mea culpa,
+Mea maxima culpa
+
+Von der Straße. Vivat Mathias!
+
+(Indem das Vivatrufen fortwährt und Mathias das Gesicht mit beiden Händen
+bedeckt fällt der Vorhang.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ein Bruderzwist in Habsburg,
+von Franz Grillparzer.
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Ein Bruderzwist in Habsburg, by Franz Grillparzer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BRUDERZWIST IN HABSBURG ***
+
+This file should be named 8964-8.txt or 8964-8.zip
+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+midnight of the last day of the month of any such announcement.
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+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+
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+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
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+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+https://www.gutenberg.org/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
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+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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