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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +EIN BRUDERZWIST IN HABSBURG + +von FRANZ GRILLPARZER + +Trauerspiel in fünf Aufzügen + + + +Personen: + +Rudolf II., römisch deutscher Kaiser +Mathias und Max, seine Brüder +Ferdinand und Leopold, seine Neffen +Don Cäsar, des Kaisers natürlicher Sohn +Melchior Klesel +Herzog Julius von Braunschweig +Mathes Thurn +Ein Wortführer der Böhmischen Stände [Graf Schlick] +Seyfried Breuner +Oberst Wallenstein +Wolf Rumpf, des Kaisers Kämmerer +Oberst Ramee +Ein Hauptmann +Feldmarschall Rußworm +Prokop, ein Bürger von Prag +Lukrezia, seine Tochter +Ein Fahnenführer +Mehrere Soldaten, Bürger und Diener. + + + + +Erster Aufzug + +Auf dem Kleinseiter Ring zu Prag. + +Feldmarschall Rußworm, ohne Waffen, von der Stadtwache geführt, an deren +Spitze eine Gerichtsperson. Rechts im Vorgrunde Don Cäsar mit Begleitern. +--Früher Morgen. + + +Gerichtsperson. Im Namen kaiserlicher Majestät +Ruf ich Euch zu: Laßt ab! + +Don Cäsar. Ich nicht, fürwahr! +Ihr gebet den Gefangnen denn heraus, +Den man zurückhält ohne Fug und Recht. + +Gerichtsperson. Nach Recht und Urteil wie's der Richter sprach. + +Don Cäsar. So war das Urteil falsch, der Richter toll. +Der Mann hat einen anderen erschlagen, +Weil jener ihn erschlug, kam er zuvor nicht. + +Gerichtsperson. Der Richter kam zuvor, hätt' er's geklagt. + +Don Cäsar. Ha, Feiger Schutzwehr, die von Feigen stammt, +Wer hat ein Schwert und bettelt erst um Schutz? +Dann: wenn Belgioso fiel von seiner Hand, +Geschah's auf mein Geheiß. + +Rußworm. Mit Gunst, Don Cäsar. +Ich war Euch stets mit Neigung zugetan, +Als einem wackern Herrn von raschen Gaben, +Wohl auch erkennend und mich gerne fügend +Dem was in Euch von höherm Stamm und Ursprung, +Doch hat Feldmarschall Rußworm seiner Tage +Befehl gegeben andern oft und viel, +Empfangen nie, als nur vom Heeresfürsten. +Ob falsche Nachricht, Ohrenbläser Tücke +Mich trieb zur Tat, die nun mich selbst verdammt, +Ob meine Dienst' in mancher Türkenschlacht +Rücksicht verdienen, Mildrung und Gehör, +Das mag der Richter prüfen und erwägen; +Allein, daß Belgiojoso Euch im Weg, +Euch Nebenbuhler war in Euerm Werben, +Hat seinen Tod so wenig ihm gebracht, +Als, war er's nicht, es ihn vom Tod errettet. + +Don Cäsar. Nun denn, so faßt mich auch und führt mich mit! +Denn wahrlich, hätt' ihn dieser nicht getötet, +Belgioso fiel' durch mich, ich hatt's gelobt. + +Gerichtsperson. Wir richten ob der Tat, den Willen Gott. + +Don Cäsar. Ich aber duld es nicht! Mit diesem Schwert +Entreiß ich euch die Beute, die euch lockt. +Setzt an! Auf sie! Macht den Gefangnen frei! + +Gerichtsperson. Zu Hilfe der Gerechtigkeit! + +(Bürger kommen aus ihren Häusern.) + +Rußworm. Laßt ab! +Ihr seid zu schwach und bringt die Stadt in Aufruhr. +Steht meinen Feinden offen, nun wie vor, +Des sonst so güt'gen, meines Kaisers Ohr, +So rettet mich kein Gott. Laßt ab, laßt ab! +Zu beten scheint jetzt nöt'ger als zu fechten. +Wo ist der Minorit? + +Don Cäsar. Und ich soll's ansehn, +Es ansehn, ich, mit meinen eignen Augen? + +(Lukrezia kommt mit ihrem Vater aus einem Hause rechts im Vorgrunde.) + +Don Cäsar. Ha Heuchlerin, so kommst du, dich zu weiden +Am Unheil, das durch dich, um deinetwillen da? +Sieh, dieser ist's, der deinen Buhlen schlug, +--Er tat's, nicht ich, doch freut mich was er tat-- +Ein Ende setzte jenem nächt'gen Flüstern, +Den Ständchen, dem Gekos', drob Ärgernis +Den Nachbarn kam, besorgt um scheue Töchter; +Er tat's, und statt dafür ihn zu belohnen, +Schleppt man ihn vor den Richter und verdammt ihn. + +Prokop (zur Gerichtsperson). Ist es gestattet, Herr, +Auf offner Straße Ehrbare Mädchen zu beschimpfen also? + +Don Cäsar. Ehrbare Mädchen? Ha sie täuscht dich Alter, +So wie sie mich getäuscht und alle, alle Welt! +Wohin nur geht ihr? Ja, zur Kirche wohl! +Da weift sie ab die volle Sündenspule, +Um neue drauf zu winden, still bemüht. +Warum gehst du in Schwarz? Dir starb kein Blutsfreund. +Register führ ich über alles Unheil, +Das dich bedroht und das dich schon betraf. +Kein Blutsfreund starb dir. Warum denn in Schwarz? +Klagst du ob dem, den dieser Mann erschlug? +Sprich ja, und dieses Schwert--O Nacht und Greuel! +Warum in Schwarz? + +Prokop. Komm laß uns gehn mein Kind! + +Don Cäsar. Geh nicht, und du!--Bleib noch!--Lukrezia! +(Prokop mit seiner Tochter ab.) +Ich will ihr nach!--Und doch!--Rußworm verzeih, +Mich übermannte, blendete der Zorn. +Doch soll darob nicht deine Sache leiden. +Zum Kaiser geh ich, fordre deine Freiheit, +Und weigert er's--Glaub nur, er wird es nicht!-- +So werf ich vor ihm ab die Gnaden alle, +Die Lasten, die mir seine Laune schuf, +Gönn andern das Bemühn ihm zu gefallen +Und such in Ungarn Türkensäbel auf. +Leb wohl! Ihr andern aber merkt euch dieses Wort: +Wird ihm ein Haar gekrümmt, eh' neue Botschaft, +Des Kaisers eigener Befehl es heischt, +Zahlt euer Kopf für jede rasche Regung +(Im Vorübergehen vor Lukrezias Hause.) +Haus, sei verdammt, du Hölle mir von je! (Ab.) + +(Rußworm wird nach der andern Seite abgeführt.) + +Verwandlung +Saal im kaiserlichen Schlosse zu Prag. + +Durch die Mitteltüre treten Hofleute auf, die sich im Hintergrunde +zerstreuen. Ein Kämmerer kommt durch den Haupteingang, hinter ihm +Klesel und Erzherzog Mathias. + +Klesel. Ich bitt Euch, Herr! + +Kämmerer. Fürwahr, es kann nicht sein. + +Klesel. Ein Augenblick Gehör. + +Kämmerer. Sie sind beschäftigt. + +Klesel. Des Kaisers Bruder selbst. + +Kämmerer. Wenn auch, wenn auch! +Doch will ich wohl versuchen ob's gelingt. +(Ab in eine Seitentüre rechts.) + +Mathias. So viel denn braucht's, den Kaiser nur zu sehn! + +Klesel. Den Kaiser? Herr, glaubt ihr, wir sind soweit? +Bei Wolfen Rumpf, geheimen Kämmerer, +Sucht Ihr nun Audienz. + +Mathias. Du heil'ger Gott! +Und das im selben Schloß, denselben Zimmern, +Wo ich an unsers Vaters Hand einherging, +Mit meinem Bruder,--der geliebtre Sohn. + +Klesel. Ja, der geliebtre Sohn! Da liegt es eben! +Hätt' Euer Vater minder Euch geliebt, +Was gilt es? Euer Bruder liebt' Euch wärmer. + +Mathias. Entehrt, verstoßen! + +Klesel. Hart, ich geh es zu. +Doch war der Schritt bedenklich wohl genug, +Der Euch zuletzt gebracht aus allen Hulden. +Reist ab von Wien ins ferne Niederland, +Stellt an die Spitze der Rebellen Euch, +Entzweit die Höfe von Madrid und Wien; +Und, was das schlimmste, kehrt denn endlich heim +Und habt nichts effektuiert. + +Mathias. Ich ward getäuscht, +Oranien betrog mich um den Sieg. +Doch war der Plan, gesteht es, göttlich schön: +Hineinzugreifen in den wilden Aufruhr +Und aus den Trümmern, schwimmend rechts und links, +Sich einen Thron erbaun, sein eigner Schöpfer, +Niemand darum verpflichtet als sich selbst. + +Klesel. Ich seh es kommen. Weht der Wind von daher? +Hab was du hast, woher du's hast gilt gleich, +Gekauft, ererbt,--nur nicht gestohlen, Herr. +Zwar Politik nennt so was akquiriert +Und find't sich wohl dabei. + +Mathias. Mit mir ist's aus. +Ich will den Kaiser untertänig bitten +Mir zu verleihn die Stadt und Herrschaft Steyr, +Dort will ich leben, und dafür entsagen +All meinem Erbrecht, aller Sukzession, +Die mir gebührt auf österreich'sche Lande. +Der Anfallstag, er fände mich im Grab. + +Klesel. Nun allzuwenig, wie nur erst zuviel. +So treibt Ihr Euch denn stets im Äußersten +O Maximilians unweise Söhne! +(Nachdem er sich umgesehen, leise.) +Eu'r Spiel steht gut, Ihr habt die Trümpfe, Herr! +Harrt aus! Harrt aus! Und nur nichts von Entsagung, +Von Schäferglück! Begehrt mir ein Kommando +In Ungarn! Ein Kommando sag ich Herr! +Was soll Euch Steyr? Der Waagebalken steht, +Und kurze Frist, so schnellt ein Quentchen mehr +In Eurer Schale, diese in die Höh'. +Auf Euch ruht Habsburgs Heil, das Heil der Kirche, +Ruht unser aller Heil. + +Mathias. Mit mir ist's aus! + +Klesel. Ich seh es ist, und so geb ich Euch auf. +Hier kommt Herr Rumpf, führt selber Eure Sache. +(Er tritt zurück.) + +(Wolf Rumpf kommt aus der zweiten Seitentüre rechts, Schriften unter +dem Arme, gebückten Ganges, der Kämmerer hinter ihm. Der Kämmerer zeigt +mit der Hand auf Erzherzog Mathias. Rumpf geht, ohne darauf zu achten, +der Mitteltüre zu. Nachdem er sie fast erreicht hat, tritt ihm Klesel +in den Weg.) + +Klesel. Eu'r Strengen! Darf erzherzogliche Durchlaucht +Gehör beim Kaiser hoffen? + +Rumpf. Kann nicht sein. + +Klesel (auf Mathias zeigend, der im Vorgrunde steht). +Dort sind Sie selbst. + +Rumpf. Je, Diener, Diener!--Geht nicht. +Des Kaisers Majestät sind unwohl.--Acta, +Negotia. + +Klesel. Nur wenige Minuten. +(Leise zu Mathias.) +Drängt ihn! Drängt ihn! + +Mathias. Herr Rumpf, gebt mir die Hand! + +Rumpf. Je, meritier's nicht. Aber kann nicht sein. +Nicht wohl geruht; empfinden sich turbiert +Mit mal di testa. Wage meinen Dienst +So ich es permittier-- + +Klesel. Ihr scherzt Herr Rumpf. +Wer kennt nicht Eure Macht an diesem Hof. + +Rumpf. So scheint's, so scheint's. Doch sind der Herr gar streng. +Je näher ihm, so näher seinem Zorn. +Noch gestern abend, waren hoch ergrimmt, +Sei'n kein Philipp der Dritte schrieen Sie, +Diktieren sich zu lassen von Privaden. +Mußt' meinen Abzug nehmen eilig durch die Tür. +Es darf nicht sein. Ich kann nicht, kann nicht, nein! +(Er entfernt sich von ihnen.) + +(Don Cäsar stürmt zur Türe herein.) + +Don Cäsar. Wo ist der Kaiser? Nun, Perückenmann, +Ist er zu sprechen? + +Rumpf. Huldreichst guten Morgen +Senjor Don Cäsar. Gott erhalt' Eu'r Gnaden. + +Don Cäsar. Wie geht's dem Kaiser? + +Rumpf. Gut. Verwunderlich. +Der Herr verjüngen sich mit jedem Tage, +Sehn wie ein Dreißiger. Sagt' ich doch heut nur: +Daß Sie so selten öffentlich sich zeigten, +Die Weiber sein's, die drob am meisten klagten. +Da lachten Seine Majestät. + +Don Cäsar. Ich glaub's wohl. +War ich dabei ich hätte auch gelacht. +Ein Dreißiger! mit solchen Bauch und Beinen. +Wie nun, kann ich ihn sprechen? + +Rumpf. Allerdings. +Ein Weilchen nur hochgnädige Geduld. +Des Kaisers Majestät sind-- +(Er spricht ihm ins Ohr auf Mathias zeigend.) + +Don Cäsar. Gut denn, gut. +Wem ist das Pferd das man im Hofe führt? + +Rumpf. Ach Euer wenn Ihr wollt. Der Kaiser hat es heute +Besehen und gekauft. + +Don Cäsar. Ich will's besteigen. (Ab.) + +Mathias. Wer ist der junge Mann? + +Klesel. So wißt Ihr nicht? +Ein Findelkind, im Schlosse hier gefunden. +Der Kaiser liebt ihn sehr. Begreift Ihr nun? + +Mathias. Don Cäsar? + +Klesel. Wohl, er selbst.--Nun noch einmal +Begehrt in Ungarn ein Kommando. + +Mathias. Wozu? + +Klesel. Ihr sollt noch hören. Doch verlangt es! + +(Ein Kämmerer tritt ein.) + +Kämmerer. Erzherzog Ferdinand aus Steiermark +Sind angekommen, bitten um Gehör. + +Rumpf. Du liebe Zeit! Ihr Gnaden sind willkommen. + +(Kämmerer ab.) + +Klesel. Seht Ihr? Da kommt der künft'ge Kaiser an, +Der Erb' von Österreich, wenn Ihr nicht vorseht. + +Mathias. Ich will in Ungarn ein Kommando suchen. +Dann--Hab ich dich verstanden?--Klesel, dann, +Die Macht in Händen-- + +Klesel. Nur gemach, gemach! +Ihr habt die Macht noch nicht. + +Mathias. Und ich soll betteln? + +Klesel. Um Gottes willen, Ihr verderbt noch alles. + +(Ein Kämmerer öffnet die Seitentüre rechts.) + +Rumpf. Der Kaiser kommt. Ich bitt Eu'r Durchlaucht freundlichst +Abseit zu treten, bis ich angefragt. + +Mathias. Ich muß den Kaiser sprechen und ich bleibe. + +Rumpf. Bedenkt! + +Mathias. Ich hab's gesagt. + +Rumpf. Nun denn, mit Gott! +Stellt Euch dorthin. Der Kaiser geht vorüber +Wenn er zur Messe sich verfügt. Vielleicht +Will Euch das Glück, daß er Euch sieht und anspricht. +Er kommt. + +Klesel. Verfärbt Ihr Euch? Nur Mut, nur Mut! +Der Augenblick gibt alles oder nimmt es. + +(Alles steht in ehrfurchtsvoller Erwartung. Erzherzog Mathias zieht +sich bis hinter die Seitentüre links zurück. Klesel in seiner Nähe. +--Zwei Trabanten treten aus der Seitentüre rechts und stellen sich +daneben auf; dann einige Pagen, zuletzt der Kaiser auf einen Krückenstab +gestützt. Zwei Männer, Gemälde haltend, knien auf seinem Wege. Er +bleibt vor dem ersten stehen, betrachtet es, zeigt dann mit dem Stocke +darnach hin und bezeichnet an seinem eigenen linken Arme die Stelle wo +das Bild ihm verzeichnet scheint. Er schüttelt den Kopf, das Bild wird +weggebracht. Er steht vor dem zweiten und gibt Zeichen der Billigung. +Endlich nickt er Rumpfen zu, daß dieses zu behalten sei. Zugleich hebt +er drei Finger der rechten Hand empor.) + +Rumpf. Zweitausend? + +Rudolf (heftig und stark). Drei. +(Er tritt zum Tische auf dem mehrere Bücher liegen. Er ergreift eins +derselben.) + +Rumpf. Aus Spanien. + +Rudolf (heiter). +Lope de Vega! + +Rumpf. Depeschen auch von Eurer Majestät +Gesandten an dem Hofe zu Madrid. + +(Rudolf schiebt die auf dem Tische liegenden Briefschaften verächtlich +zurück. Er setzt sich und liest, das aufgeschlagene Buch in der Hand.) + +Rumpf. Erzherzog Ferdinand sind angelangt. + +(Rudolf sieht, aufhorchend, einen Augenblick vom Buche weg und liest +dann weiter.) + +Rumpf. Don Cäsar waren hier. + +(Rudolf, obige Bewegung.) + +Rumpf. Sie kommen wieder. + +Klesel (zu Mathias). +Nehmt Euch nur Mut! Ihr zittert, weiß es Gott. + +(Der Kaiser lacht unterm Lesen laut auf.) + +Klesel. Die Zeit ist günstig. Seine Majestät +Scheint frohgelaunt. Versucht's! + +Rudolf (im Lesen). Divino autor +Fenix de España. + +(Mathias nähert sich ihm.) + +Mathias. Gnäd'ger Herr und Kaiser, +Ich hab's gewagt aus meinem Bann zu Linz-- + +Rudolf (vom Buche aufblickend). Sortija del olvido--Ei, ei, ei! +»Ring des Vergessens«--Ja, wer den besäße! + +Mathias. Ob ihr vergönnt-- +(Er läßt sich auf ein Knie nieder.) +Bereit, mein Herr und Kaiser, +Die Rechte alle, die mein Eigentum, +Und die man mir beneidet, Aufzugeben, +Mein Erbrecht auf die österreich'schen Lande, +Die Hoffnung einst zu folgen auf dem Thron, +Für einen Ort um ruhig drauf zu sterben. +(Er legt die Hand auf die Armlehne von des Kaisers Stuhl.) + +Rudolf. Wer da?--Rumpf! Will allein sein!--Rumpf, allein! +Allein. + +Mathias. Mein Kaiser und mein Herr! + +Rudolf (den Stock gegen Rumpf gehoben). +Allein! + +Rumpf. Ich sagt' es ja, doch Seine Durchlaucht drängten. + +Rudolf (mit steigender Heftigkeit). +Allein! + +Rumpf (zu Mathias) +Entfernt Euch, gnäd'ger Herr! + +Klesel. Kommt, kommt! +Verloren geht sonst alles. + +Mathias. Gott! + +Rudolf (vor sich hin). +Allein. + +Mathias. Führt mich ins Grab, da wird mir doch wohl Ruh. + +(Ab, von Klesel geführt.) + +Rudolf (dumpf). +Allein! + +Rumpf. Was nun beginnen? Gott! +(Er hebt das Buch auf, das der Kaiser weggeworfen hat, und reicht es ihm.) +Das Buch! + +(Rudolf weist es zurück.) + +Rumpf. Berichte sind aus Ungarn eingelangt: +Raab ist entsetzt und Papa wird belagert. +Die Malkontenten sollen willens sein-- +(Lebhafter.) Ein Kaufmann aus Florenz hat sich gemeldet. +Geschnittne Steine führt er aller Art +Von hohem Werte. + +Rudolf. Sehn! + +Rumpf. Allein die Preise +Sei'n unerschwinglich. + +Rudolf. Albern. + +Rumpf. Soll ich also?--Gut. +Der spanische Orator Balthasar +Zuñiga wünscht Gehör. + +(Der Kaiser schüttelt den Kopf.) + +Rumpf. Beliebt's Euch etwa +Nunmehro die Berichte--? + +(Der Kaiser stößt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.) + +Rumpf. Guter Gott! + +(Don Cäsar kommt.) + +Rumpf. Ihr kommt zur rechten Zeit. Versucht, ob etwa-- + +Don Cäsar. Ich küß Eu'r Majestät die hohen Hände. + +(Der Kaiser mißt ihn mit zornigem Blicke.) + +Don Cäsar. Ihr scheint nicht gut gelaunt, doch muß ich sprechen. +Es gilt ein Leben, gilt wohl mehr als dies.-- +Es hat ein Kriegsgericht, ob eines Totschlags, +Verübt im herben Fall der Selbstverteid'gung, +Zum Henkersschwert verurteilt Herman Rußworm, +Den treusten Diener Eurer Majestät, +Den Helden in der Türken heißen Schlachten. +Ich bitt Euch nun, das Urteil aufzuheben, +Das Unsinn ist, Verrücktheit, Gotteslästrung. +Euch zu erhalten ein so teures Leben, +Mir einen Freund, den ich nicht lassen kann, +Und retten muß, gält' es das Äußerste. + +(Rudolf sieht Wolfen Rumpf fragend an.) + +Rumpf. Es ist von wegen Herman Rußworm, +Der, halb gereizt, und halb aus leid'gem Zufall, +Den Obersten erschlug. + +(Der Kaiser wirft, wie suchend, die auf dem Tische liegenden Papiere +untereinander.) + +Rumpf. Vielleicht das Urteil? +Es lag zur Unterschrift in Dero Kabinett. +Soll ich vielleicht--? Ich gehe, es zu holen. +(Ab durch die Türe rechts.) + +Don Cäsar. Ich dank Eu'r Majestät denn nur im voraus +Für die Begnadigung des wackern Manns, +Der alles ist was dieses Wort besagt, +Indes sein Feind ein Weiber-, Pfaffendiener, +Ein Heuchler und ein Schurk! Und wenn der Rußworm +In Zornesglut sich allzuweit vergaß, +So denkt: derselbe Zorn, der hier den Gegner schlug, +Gewann Euch auch in Ungarn zwanzig Schlachten. + +(Rumpf kommt mit einem gesiegelten Paket zurück.) + +Rumpf. Das Urteil. + +(Er reicht die Schrift dem Kaiser, der sie zurückweist.) + +Rumpf. Guter Gott!--Beliebt vielleicht +Eu'r Majestät hochgnädig zu bestimmen +Was Dero Absicht mit so wicht'ger Schrift? + +(Der Kaiser nimmt das Paket, liest hohnlachend die Aufschrift und gibt +es zurück.) + +Rumpf. Ich weiß recht wohl: die äußre Fert'gung lautet +An Rat und Schöffen Eurer Altstadt Prag. +Doch, wenn das Urteil wirklich unterschrieben, +Wie ich vermuten sollte-- + +(Der Kaiser stößt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.) + +Don Cäsar. Gnäd'ger Herr! +Ich muß Euch bitten für zwei Augenblicke +Die feindlich düstre Laune aufzugeben, +Die sich in diesem Schweigen wohlgefällt. +Bedenkt: kommt dieses Urteil so gefertigt +Und unterschrieben auf das Prager Schloß, +So stirbt mein Freund. + +Rudolf. Er stirbt!--Und du mit ihm, +Wagst ferner du's ein Wort für ihn zu sprechen. +Entarteter! Ich kenne deine Wege. +Du schwärmst zu Nacht mit ausgelaßnen Leuten, +Stellst nach den Kindern ehrbar stiller Bürger, +Hältst dich zu Meutern, Lutheranern. + +Don Cäsar. Meuter +Hab ich mit meiner Freundschaft nie beehrt. +Und was den Glauben, Herr, betrifft, da richtet +Nur Gott. + +Rudolf. Ja Gott und du. Ihr beide, nicht wahr? +Glaub du an das was deine Lehrer glaubten, +Die Weiseren, die Bessern laß entscheiden, +Dann kommt's wohl noch an dich.--Der Rußworm stirbt! +Und dank es Gott und einem Rest von Neigung, +Daß ich die Helfer, sie die darum wußten +Die lobten, billigten den feigen Mord +An Belgiojoso freventlich vollbracht, +Nicht ebnermaßen suche mit dem Schwert.-- +Das Mädchen, dem du nachstellst, wüsten Sinns, +Laß frei! + +Don Cäsar. Nein Herr, denn sie betrog mich. + +Rudolf. Meinst du? +Cäsar, solang die ew'gen Sterne kreisen, +Betrügt der Mann das Weib. + +Don Cäsar. Zum mindsten war's so, +Mit einer Frau, die mir gar nah verwandt. + +Rudolf. Die dir verwandt? So kennst du deine Mutter? +Und kennst du den, der dir das Leben gab? +Sag ja! sag ja! und ewiges Gefängnis, +Entfernt vom Strahl des gottgegebnen Lichts-- +So haben in den Sternen sie's gelesen: +Je näher mir, mir um so grimmrer Feind. +Und also steht er da, hohnlachend, trotzend, +Wie einst der Teufel vor des Menschen Sohn. +Fort dieses Lachen, fort!--Gib deine Waffen! +Nehmt ihn gefangen!--Wie, ihr zögert? weilt? +So will ich selbst mit meiner eignen Hand +(Zu einem Trabanten, der zu äußerst rechts steht.) +Leih deine Partisan mir, alter Freund! +Daß ich-- + +(Indem er den Stock fallen läßt, um nach der Partisane zu greifen, wankt +er und ist im Begriff zu fallen. Die Umstehenden eilen herzu, ihn zu +unterstützen.) + +Legt ihr die Hand an mich? Rebellen ihr! +Yo soy el emperador! Der Kaiser ich! +Bin ich verkauft im Innern meiner Burg, +Und ist kein Schirmer, ist kein Helfer nah? + +(Erzherzog Ferdinand erscheint in der Türe.) + +Erzherzog Ferdinand. Viel Glück ins Haus!--Wie, Eure Majestät? +Was ist? Was war? Wer sagt's? + +Don Cäsar (zu Rumpf, der ihn zu begütigen strebt). +Mich kümmert's wenig, +Ob tausend Teufel mir entgegen grinsen! + +Erzherzog Ferdinand (zu Don Cäsar, die Hand leicht ans Schwert gelegt). +Geht junger Mensch! Ihr lernt sonst einsehn, +Daß uns der Böse nah, wenn man ihn ruft. +Fort Ihr! und ihr! + +(Die Anwesenden ziehen sich gegen den Hintergrund. Don Cäsar in ihrer +Mitte von Rumpf geleitet. Alle ab.) + +Erzherzog Ferdinand (zum Kaiser tretend). +Mein kaiserlicher Herr! + +Rudolf. Wer seid Ihr? Wer? Und wie erkühnt Ihr Euch? + +Erzherzog Ferdinand. Eu'r Neffe bin ich, Herr, und Euer Knecht, +Fernand von Gräz, zu jedem Dienst bereit. + +Rudolf (sich vor der Berührung zurückziehend). +Es bien! es bien! All gut! Seid uns willkommen! + +Erzherzog Ferdinand. Wollt Ihr nicht sitzen, Herr? Ich seh's, der Zorn +Er zehrt mit Macht an Euerm edlen Sein. +(Er leitet den Kaiser zum Lehnstuhle.) + +Rudolf (sitzend). +Seht Ihr, so halten wir's in unserm Schloß.-- +So dringt die Zeit, die wildverworrne, neue, +Durch hundert Wachen bis zu uns heran, +Und zwingt zu schauen uns ihr greulich Antlitz. +Die Zeit, die Zeit! Denn jener junge Mann, +Wie sehr er tobt, er ist doch nur ihr Schüler, +Er übt nur was die Meisterin gelehrt.-- +Schaut rings um Euch in aller Herren Land, +Wo ist noch Achtung für der Väter Sitte +Für edles Wissen und für hohe Kunst? +Sind sie vom alten Tempel ihres Gottes +Nicht ausgezogen auf den Berg von Dan, +Und haben dort ein Kalb sich aufgerichtet, +Vor dem sie knieen, ihrer Hände Werk? +Es heißt: den Glauben reinigen. Daß Gott! +Der Glaube reint sich selbst im reinen Herzen, +Nein, Eigendünkel war es, Eigensucht, +Die nichts erkennt was nicht ihr eignes Werk. +Deshalb nun tadl' ich jenen Jüngling, straf ihn, +Und fährt er fort, erreicht ihn bald sein Ziel, +Allein erkenn auch was ihn so entstellt. + +Deucht mir's doch manchmal grimmiges Vergnügen, +Mit ihm zu ringen, in des Argen Brust +Die Keime aufzusuchen der Verkehrtheit, +Die ihm geliehn so wildverworrne Welt. +Die Zeit kann ich nicht bänd'gen, aber ihn, +Ihn will ich bänd'gen, hilft der gnäd'ge Gott. + +Erzherzog Ferdinand. Ihr werdet's, Herr, und bändigtet die Zeit, +Wär' Euch der Wille dort so fest als hier. + +Rudolf. Mein Ohm, der fünfte Karl hat's nicht gekonnt, +Sankt Just sah ihn als büßenden Karthäuser. +Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann, +Ich kann es auch nicht. + +Erzherzog Ferdinand. O des argen Mißtrauns +In Euer edles Selbst und seine Gaben! +Wollt erst nur, wollt! und Gottes Beistand wird +Wie ein erhört Gebet auf Euch sich senken. +Die Zeit bedarf des Arztes und Ihr seid's. + +Rudolf. Ein wackrer Arzt, der selber Heilung braucht! +Und dann: allein! + +Erzherzog Ferdinand. So wärt Ihr, Herr, allein? +Verzeiht dem Schüler, der den Meister meistert. +Um Euch schart sich die Hälfte einer Welt, +Die treu noch ihrem Gott und seinem Abbild. +Dem Fürsten auf dem angestammten Thron. +Für Euch ist Spanien, der Papst, ist Welschland, +Des eignen Erblands ungebrochne Kraft, +Noch nicht verführt von falschen Glaubenslehren. +Zählt Eure Schar, und zehnfach, hundertfach +Wiegt sie die Gegner auf, die, schwach an Zahl, +Nur scheinbar sich durch Regsamkeit verdoppeln. + +Rudolf. Der Arme viel, wo aber bleibt das Haupt? + +Erzherzog Ferdinand. Ihr selbst, dem niemand gleich an Sinn und Wissen. +Dann noch die edlen Fürsten Eures Hauses, +Die Gott als Helfer selbst Euch anerschuf. + +Rudolf. Sprecht Ihr von Euch? + +Erzherzog Ferdinand. So werde nie mir Heil, +Als je mein Sinn ein andres Trachten kannte, +Als Östreichs Wohl und Jesu Christi Ruhm. +Mein Alter heißt mich lernen statt zu lehren +Auch bin nicht ich's, die Brüder sind's, die Nächsten +Der edle Max, Albrecht der sinnig weise, +Und jener dritte--Erste, den nur eben +Im Vorgemach ich kummervoll-- + +Rudolf (sich abwendend). Es bien! + +Erzherzog Ferdinand. Seht ihr, da senkt das alte Mißtraun wieder +Sich nebelgleich herab auf Eure Stirn! +O weh uns, wenn es wahr, was man sich sagt, +Daß jener finstern Sternekund'gen einer, +Die Euern Hof zum Sammelplatz erwählt, +Mit astrologisch dunkler Prophezeiung +Euch abgewandt von Euerm edeln Haus +Gefahr androhend von den Nahverwandten. +O weh uns, wenn es so, und Ihr für Schein +Den wahren Vorteil aufgebt, aller Heil. + +Rudolf (auffahrend). +Für Schein? für Schein? So kennst du diese Kunst, +--Wenn's eine Kunst--daß du so hart sie schmähst? +Glaubst du, es gäb' ein Sandkorn in der Welt, +Das nicht gebunden an die ew'ge Kette +Von Wirksamkeit, von Einflug und Erfolg? +Und jene Lichter wären Pfennigkerzen +Zu leuchten trunknen Bettlern in der Nacht? + +Ich glaub an Gott und nicht an jene Sterne, +Doch jene Sterne auch sie sind von Gott. +Die ersten Werke seiner Hand, in denen +Er seiner Schöpfung Abriß niederlegte, +Da sie und er nur in der wüsten Welt. +Und hätt' es später nicht dem Herrn gefallen, +Den Menschen hinzusetzen, das Geschöpf, +Es wären keine Zeugen seines Waltens, +Als jene hellen Boten in der Nacht. +Der Mensch fiel ab von ihm, sie aber nicht, +Wie eine Lämmerherde ihrem Hirten, +So folgen sie gelehrig seinem Ruf +So heut als morgen wie am ersten Tag. +Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein, +In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht. +Und wer's verstünde still zu sein wie sie, +Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd, +Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr, +Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund, +Die durch die Welten geht aus Gottes Munde. +Fragst aber du: ob sie mir selber kund, +Die hohe Wahrheit aus der Wesen Munde? +So sag ich: nein, und aber, wieder: nein. +Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann, +Der Dinge tiefster Kern ist mir verschlossen. +Doch ward mir Fleiß und noch ein andres: Ehrfurcht +Für das daß andre mächtig und ich nicht. + +Wenn aber, ob nur Schüler, Meister nicht, +Ich gerne weile in den lichten Räumen; +Kennst du das Wörtlein: Ordnung, junger Mann? +Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus, +Hier unten eitle Willkür und Verwirrung. +Macht mich zum Wächter auf dem Turm bei Nacht, +Daß ich erwarte meine hellen Sterne, +Belausche das verständ'ge Augenwinken +Mit dem sie stehn um ihres Meisters Thron.-- +(Immer leiser sprechend.) +Wenn nun der Herr die Uhr rückt seiner Zeit, +Die Ewigkeit in jedem Glockenschlag +Für die das Oben und das Unten gleich +Ins Brautgemach--des Weltbaus Kräfte eilen +--Gebunden--in der Strahlen Konjunktur-- +Und der Malefikus--das böse Trachten-- + +(Er verstummt allmählich. Sein Haupt sinkt auf die Brust. Pause. +Erzherzog Ferdinand tritt ihm, besorgt, einen Schritt näher.) + +Rudolf (emporfahrend). +Ist jemand hier?--Ja so!--Was soll's?-- +Ihr spracht von meinem Bruder, von Mathias. +Ich seh es ist ein Plan. Was also will man? +Warum verließ er seinen Bann zu Linz? + +Erzherzog Ferdinand. Und wenn's der Wunsch nach Tätigkeit nur wäre? + +Rudolf. Nach Tätigkeit? Ist er denn tätig nicht? +Er reitet, rennt und ficht. Wir beide haben +Von unserm Vater Tatkraft nicht geerbt, +--Allein ich weiß es, und er weiß es nicht. +Was also noch? Zum mindsten will ich zeigen, +Daß nicht der Sterne Drohn, daß euer Trachten, +Die Heimlichkeit der nahverwandten Brust, +Mir Mißtraun gab und gibt.--Die Klugheit riete, +Zu halten ihn in heilsamer Entfernung, +Allein ihr wollt's. Was also soll's mit ihm? + +Erzherzog Ferdinand. Er wünschte-- + +Rudolf. Nun? + +Erzherzog Ferdinand. In Ungarn ein Kommando. + +Rudolf. Hat er schon je, und wo hat er gesiegt? +Zwar ist der Mansfeld dort, ein tücht'ger Degen, +Der gönnt ihm gern die Ehre des Befehls +Und tut die Pflichten selbst. Schickt ihn denn hin! +Doch heißt ihn zügeln seine Tätigkeit; +Er füge sich des Feldherrn beßrer Einsicht. +Auch sind der Krieger dort, der Führer viel, +Die zugetan der neuen Glaubensmeinung. +Es ist jetzt nicht die Zeit, noch da der Ort +Zu streiten für die Wahrheit einer Lehre. + +(Da Erzherzog Ferdinand zurücktritt.) + +Rudolf. Was ist? Was geht Ihr fort? + +Erzherzog Ferdinand. Nicht anzuhören, +Wie Östreichs Haupt, wie Deutschlands Herr und Kaiser +Das Wort führt den Abtrünnigen vom Glauben. + +Rudolf. Das Wort führt, ich? Kommt Euch die Lust zu scherzen? +Allein wer wagt's, in dieser trüben Zeit +Den vielverschlungnen Knoten der Verwirrung +Zu lösen eines Streichs. + +Erzherzog Ferdinand. Wer's wagte? Ich! + +Rudolf. Das spricht sich gut. + +Erzherzog Ferdinand. Nur das? Es ist geschehn. +In Steyer mindestens, in Krain und Kärnten +Ist ausgetilgt der Keim der Ketzerei. +An einem Tag auf fürstlichen Befehl +Bekehrten sich an sechzigtausend Seelen +Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus. + +Rudolf. Und ohne mich zu fragen? + +Erzherzog Ferdinand. Herr, ich schrieb +So wiederholt als dringend, aber fruchtlos. + +Rudolf (die auf dem Tische liegenden Papiere untereinanderschiebend). +Es ist hier wohl Verwirrung oft mit Schriften. + +Erzherzog Ferdinand. Da schritt ich denn zur Tat, dem besten Rat. +Mein Land ist rein, o wär' es auch das Eure! + +Rudolf. Und zwanzigtausend wandern flüchtig aus? +Mit Weib und Kind? Die Nächte sind schon kühl. + +Erzherzog Ferdinand. Durch Drangsal, Herr, und Schmerz erzieht uns Gott. + +Rudolf. Und das im selben Augenblick wo du +Die Sachsenfürstin freist, die Protestantin? + +Erzherzog Ferdinand. Gott gab mir Kraft die Neigung zu besiegen, +Wenn Ihr's erlaubt, so steh ich ab von ihr +Und werbe um des Baierherzogs Tochter. + +Rudolf. Sie ist nicht schön. + +Erzherzog Ferdinand. Ihr Herz ist schön vor Gott. + +Rudolf (eine Gebärde des Schielgewachsenseins machend). +Beinah-- + +Erzherzog Ferdinand. Gerad ihr Sinn, ihr Wandel und ihr Glauben. + +Rudolf. Nun, ich bewundre Euch.--Weis deine Hände! +Ist das hier Fleisch? lebendig, wahres Fleisch? +Und fließt hier Blut in diesen bleichen Adern? +Freit eine andre als er meint und liebt-- +Mit Weib und Kind, bei zwanzigtausend Mann, +In kalten Herbstesnächten, frierend, darbend! +Mir kommt ein Grauen an. Sind hier nicht Menschen? +Ich will bei Menschen sein. Herbei! Herein! + +(Mit dem Stocke auf den Boden stampfend. Die Hofleute kommen zurück.) + +Rudolf. Die Kinderzeiten werden wieder wahr, +Und mich umschaudert's wie Gespensterglauben. +(Zu Erzherzog Ferdinand.) +Weilt Ihr noch länger hier bei uns in Prag, +Treibt's Euch zurück vielleicht schon nach der Heimat? + +Erzherzog Ferdinand. Ich reise nächst, wenn manches erst geschlichtet +(lebhaft) Und meinen Bruder ich Euch vorgestellt. + +Rudolf. So ist der Leupold da? Wo ist, wo weilt er? + +Rumpf. Im Schloßhof tummelt er das türk'sche Roß, +Das Ihr gekauft und das Don Cäsar schulte. +Sie jubeln, daß der Erker widerhallt. + +Rudolf. Sie jubeln? Tummelt? Ein verzogner Fant, +Hübsch wild und rasch, bei Wein und Spiel und Schmaus. +Wohl selbst bei Weibern auch; man spricht davon. +Allein er ist ein Mensch. Ich will ihn sehn, +Den Leupold sehn! Wo ist er? Bringt ihn her! + +(Einige sind gegangen.) + +Rudolf (zu Ferdinand). +Beliebt's Euch unterdessen, die Gemächer, +Die man Euch hier bereitet, zu besehn? +Wo bleibt der Range? Warum kommt er nicht? + +Erzherzog Leopolds Stimme (von außen). +Senjor! + +Rudolf. Aha, er ruft.--Was gibt es dort? + +(Aus der Seitentüre links ist ein Hofbedienter herausgetreten.) + +Rumpf. Die Kapelläne fragen untertänigst, +Ob Eure Majestät den Gottesdienst-- + +Rudolf (das Barett abnehmend und Mantel und Kleid ordnend). +Des Herren Dienst vor allem. +(Zu Erzherzog Ferdinand.) +Wenn's beliebt! +(Zu den übrigen.) +Und kommt mein Neffe, heißt ihn nur uns folgen. + +Erzherzog Leopold (zur Türe hereinstürzend). +Mein gnäd'ger Ohm! (Da er den bereits geordneten Zug sieht, stutzt er +und zieht das Barett ab.) + +Rudolf. Nur dort, an Eure Stelle. + +(Auf einen Wink Erzherzog Ferdinands stellt sich Leopold ihm zur Seite. +--Der Zug setzt sich in Bewegung, die beiden Erzherzoge unmittelbar vor +dem Kaiser. Nach einigen Schritten tippt letzterer Erzherzog Leopold +auf die Schulter. Dieser wendet sich um und küßt ihm lebhaft die Hand. +Der Kaiser winkt ihm liebreich drohend Stillschweigen zu und sie gehen +weiter. Die übrigen folgen paarweise.--Der Vorhang fällt.) + + + + +Zweiter Aufzug + +Freier Platz im kaiserlichen Lager. Im Hintergrunde Gezelte. + +Ein Hauptmann (tritt hinter sich schreitend auf, wobei er eine kurze +Partisane waagrecht vor sich hält). +Zurück, sag ich, zurück auf eure Posten! +Seid ihr Soldaten, wie?--und flieht den Feind? + +(Ein Trupp Soldaten kommt von derselben Seite, ein Fahnenträger +unter ihnen.) + +Fahnenträger. Wir fliehen meint Ihr, Herr? Nun denn mit Gunst, +Sagt erst: wo ist der Feind, ob vor--ob rückwärts? +Ein Krieger ficht wohl, weiß er gegen wen, +Doch wo nicht Ordnung, Kundschaft und Befehl, +Wehrt er sich seiner Haut und weiter nichts. + +Hauptmann. So meisterst du, ein Knecht, den Heeresfürsten? + +Fahnenträger. Ob zehnmal Herr und zwanzigmale Knecht, +Wenn einer irrt, hat doch der andre recht. +Wir waren auf am Damm bei Raab gestellt, +Wir da und fünfzig andre, die der Säbel +Der Türken fraß in dieser blut'gen Nacht, +Auf blachem Feld, zur Unterstützung rings +Soweit das Auge trug, nicht Wacht, noch Posten. +Doch machten wir 'nen Kirchhof zum Kastell +Und hielten straff. Da bricht's mit einmal los: +Allah, Allah! aus tausend bärt'gen Kehlen, +Nicht vor uns, hinter uns. Die Donau durch, +Rauscht wie ein zweiter Strom, quer durch den andern +Der Spahi und sein Roß. Hilf' Jesu Christ! +Da galt kein Säumen, und war eitel Nacht. +Trapp trapp, da sprengen kaiserliche Reiter +Und jagen andre kaiserlich wie sie. +Der Musketier schießt los, und den er traf +Es war sein Landsmann, in des Dunkels Wirren +Die rasche Kugel wechselnd mit dem Freund. +Bald ist das ganze Heer nur eine Flucht, +Ein Jammern und ein Töten und ein Schrein. +In all der Hast vergaß man ganz auf uns, +Zu gehn, zu bleiben waren wir die Meister, +Doch blieben wir. Erst nach drei heißen Stürmen, +Als mancher schon mit seiner Haut bezahlt, +Brach auf das kleine Häuflein; und nicht seitwärts, +Nur Sicherheit für unsre Leiber suchend, +Zum Lager gradaus schlugen wir uns durch. +Und sind nun hier, dem Türken, sucht er uns, +Der Rückkehr Straße schwarz mit Blut zu zeichnen, +Doch ihn zu suchen keineswegs gewillt, +Man zeig' uns denn wer führt und wer befiehlt. + +Mehrere im Trupp So ist's!--Ein Führer erst!--Dann folgen alle. + +Hauptmann. So bin ich unter Meutern? + +(Oberst Ramee kommt.) + +Hauptmann. Mein Herr Oberst, +Verrat und Aufruhr in des Lagers Mitte. +Die hier und der-- + +(Es haben sich nach und nach immer mehrere gesammelt.) + +Ramee (halblaut). +Laßt nur, laßt nur für jetzt. +Der Feind im Anzug und das Heer entmutigt, +Man drückt jetzt füglicher ein Auge zu, +Als den Gehorsam noch durch Strenge prüfen. +Was weiß man von dem Feldherrn? + +Hauptmann. Prinz Mathias? + +Ramee. Wen sonst? + +Hauptmann. Verschieden gehen die Gerüchte. +Er ward gesehn in Mitte der Verwirrung. +Die einen lassen ihn am rechten Donauufer +Die Straße nehmen nach Haimburg und Wien, +Die andern--Heil'ger Gott, wenn er den Türken--! +Was machen wir, vereinzelt, ohne ihn? + +Ramee. Dasselbe mein ich was mit ihm, den Frieden. + +Hauptmann. Allein der Kaiser will nicht. + +Ramee. Wollen! Wollen! +Hier fragt sich was man muß, nicht was man will. +Auch, ist der äußre Krieg erst beigelegt, +Hat man die rüst'gen Arme frei nach innen. + +Hauptmann. Was aber soll mit all der Soldateska? +Wir sind in Rückstand mit zwölf Monat Sold. + +Ramee. Erzherzog Leupold wirbt in Passau Völker, +Wenn hier das Handwerk ruht, fragt an bei uns. + +Hauptmann. Und gegen wen--? + +Ramee. Die Rüstung geht in Passau! +Man weiß noch nicht. Für wen, ich hab's gesagt, +Auf jeden Fall für Östreich und den Kaiser. +Wer sind die Männer? + +(Einige schwarzgekleidete Herren gehen quer über die Bühne. Mehrere +grüßen sie mit abgezogenen Hüten.) + +Hauptmann. Mit den goldnen Ketten? +Die protestant'schen Herrn aus Österreich. +Sie kamen, den Erzherzog anzusprechen +In Sachen ihres neuen Christentums +Und halten sich derweile zu den Ungarn. +Das lauscht und flüstert, schleicht und konspiriert. +Wär' ich der Prinz, wie wollt' ich heim sie senden! + +Ramee. Heim senden? ei, wenn Ihr sie selbst berieft? + +(Weibergeschrei hinter der Szene.) + +Ramee. Was dort? + +Ein Soldat (eine gefangene Türkin an der Hand führend). +Nein sag ich, nein! + +Zwei Kürassiere (die ihm folgen). +Muß doch! muß doch! + +Soldat. Mein ist die Heidin zehn- und hundertmal. +Ihr Haus in Gran fiel mir zum Beuteteil, +Ich war's, der ihren Bräutigam erschlug, +Drum ist sie mein und das von Rechtes wegen. + +Kürassier. Mir drücken sie die Hand. + +Soldat (zur Türkin). +Ist's wahr?--Sie kann nicht reden. +Wenn's wahr so spalt ich ihr den Kopf. Doch jetzt, +Jetzt ist sie mein und-- + +Kürassiere (die Hand am Säbel) +Wollen eben sehn. + +Soldat. Kommt an, kommt an! Ob einer gegen zwei. +Ist niemand da, der einem Landsmann hilft? + +Hauptmann (zwischen sie tretend). +Zurück Samländer, ketzerische Hunde! + +Kürassier. Was sagen Mann? + +Hauptmann. Ist's etwa nicht bekannt, +Daß Türk' und Lutheraner stets im Bunde? +Wie ging' sonst alles schief in Rat und Lager? +Die heute nacht der Flucht das Beispiel gaben, +Die Ketzer waren's, sinnend auf Verrat. + +Fahnenträger (im Vorgrunde rechts). +Wer das sagt lügt. + +Hauptmann (sein Schwert halb gezogen). +Mir das? Wer hat gesprochen? + +Zweiter Soldat (rechts im Vorgrunde). +Mit Gunst: hat er doch recht. Hier dieser Mann, +Obgleich ein Luthrischer und Kirchenleugner, +Gefochten hat er in der heut'gen Schlacht +Wie einer der gedenkt des ew'gen Heils. +Und ob ich gleich als rechter Katholik +Verdammen muß was seine Pred'ger lehren, +Im Lager hier sind alle Tapfern Brüder, +Und somit meine Hand. + +Fahnenträger (einschlagend). +Hier meine. + +Mehrere (ein Gleiches tuend). +Freund und Bruder! + +Ringsherum. Auf Ja und Nein! +Trotz Papst und Rom! +Wir alle! + +Hauptmann. Hört Ihr? + +Ramee. Laßt nur! + +Geschrei (im Hintergrunde). +Hoheisa! Die Zigeuner! + +(Im Hintergrunde tritt schlechte Musik auf. Einige Paare folgen sich +bei den Händen haltend und zum Tanze anschickend. Die anwesenden +Soldaten sammeln sich bei dem dort stehenden Marketenderzelte. Musik +und Tänzer gehen hinein. Gelächter, Zutrinken.) + +Klesel (von der rechten Seite kommend). +Du heil'ger Gott! bin ich im Christenlager, +Und dient kathol'schen Fürsten dieses Heer? + +Ramee. Wenn Euch das kränkt, seid wohlgemut, +Das Lager wird Euch fürder nicht mehr ärgern. +Ihr seid nach Prag berufen, wissen wir, +Der Kaiser sieht Euch hier nicht allzugern. +Wann reist Ihr ab? + +Klesel. Wenn's meine Pflicht erheischt, +Die keineswegs mir Prag bis jetzt bezeichnet. +Der Seelenhirt gehört in seinen Sprengel. + +Ramee. Und ist Eu'r Sprengel hier im Lager? Neustadt, +Neustadt und Wien, dort leuchte Euer Licht. +Ihr seid hier Schuld an manchem Schief' und Argem, +Setzt Eure Meinung durch und führt den Krieg +Als eine Wallfahrt nach 'nem Gnadenort, +Nebstdem daß wenig Gnad' in Euerm Tun. +Verkehrt Ihr doch mit eitel Protestanten +Und wendet Euerm Herrn die Herzen ab, +Die ihm bereit aus den getreuen Landen. +Doch ist zur Zeit ein andres Regiment. +Mathias, dieses Lagers Fürst und Führer, +Er fand den Rückweg nicht der andern Flücht'gen, +Und die Erzherzoge, die Ihr berieft +Aus Gräz und Wien, zu einem Ratschlag heißt es, +Sie sind im Lager, treten in sein Amt +Und werden Euerm Flüstern wenig horchen. + +Klesel. Ob Ihr beleidigt mich, es sei verziehn, +Allein um aller Heil'gen willen sagt +Was von Erzherzog Mathias Euch bekannt. + +Ramee. Bekannt, daß nichts bekannt. Er ist nicht hier, +Ob nun in Wien, ob--Hoffen wir das Beste, +Euch sei genug: im Lager ist er nicht. +Drum reist nur ab; wenn Ihr nicht vorher noch +Bei denen, die ihm folgen im Befehl +Und die dort nahn, wollt Euer Heil versuchen. +Stellt euch in Ordnung! Die Erzherzoge. + +(Die im Hintergrunde Befindlichen stellen sich in eine Reihe. Von der +linken Seite kommen die Erzherzoge Ferdinand, Leopold und Maximilian.) + +Maximilian (ein beleibter, wohlbehaglicher Herr). +Die Wege rütteln wie das böse Fieber. +Hat noch von unserm Bruder nichts verlautet? + +Klesel (der in den Vorgrund rechts getreten, auf sie zugebend). +Gott segne Euern Eintritt, edle Herrn! + +(Die Erzherzoge gehen nach der entgegengesetzten Seite und gehen quer +über die Bühne ab.) + +Klesel (sich zurückziehend). +Du heil'ger Gott! + +Erzherzog Leopold (der zurückgeblieben, links in den Vordergrund tretend). +Ramee! + +Oberst Ramee (zu ihm tretend). +Erlauchter Herr! + +Erzherzog Leopold. Es steht hier schlimm, und doch, bedenk ich's recht, +Möcht ich fast sagen: gut. Sie haben Pläne. +Das Lager hier, ich fürchte, löst sich auf. +Hast du versucht ob ein und andre willig +Bei uns zu dienen im Passauer Heer? + +Ramee. Bei zwanzig Führer. + +Leopold. Halt, sprich leise, hier! + +(Er zieht sich mit ihm nach der linken Seite, wo Ramee zu ihm spricht.) + +Klesel (in der Mitte der Bühne mit einer Bewegung gegen den Erzherzog.). +Ob ich's versuche, noch einmal versuche? + +(Eine Gruppe Soldaten rechts im Vorgrunde.) + +Erster (halblaut). +Des Kaisers Sohn Don Cäsar ist im Lager. +Er wirbt Gehilfen zu geheimem Anschlag. +Es soll 'ner Kutsche mit zwei Frauen gelten, +Begleitet nur von wenigen Berittnen. + +Zweiter. Das wär' ja wie ein Räuberüberfall. + +Erster. Des Kaisers Sohn und Räuber? Dann zuletzt, +Was kümmert's dich? Sieh hier, man zahlt mit Gold. +(Münzen zeigend.) + +Zweiter. Gehst du? + +Erster. Jawohl! und Kunz und Hans und Märten. + +Klesel (im Mittelgrunde). +Nein, lieber sterben, als den Einsichtslosen +Die Einsicht opfern und gerechten Stolz. + +Leopold (zu Ramee). +Sei rasch und klug und hüte dich vor dem! +(Auf Klesel zeigend, ab.) + +Zweiter Soldat (rechts im Vorgrunde). +Hier hast du mich! Soll's bald? + +Erster. Heut abend. + +Zweiter. Gut! + +Geschrei (hinter der Szene). +Vivat! Vivat! + +Ramee. Was ist? + +Hauptmann (in die Szene nach links blickend). +Ein Mann--umgeben-- +In ung'risch niedrer Tracht.--'s ist der Erzherzog. + +Ramee. Mathias? + +Hauptmann. Wohl!--Nun vivat, vivat denn, +Wer's treu mit Östreich meint und seinem Haus. + +(Klesel, der bei dem Worte Mathias zusammengefahren, stürzt jetzt +auf den Hauptmann zu, ihm die Rechte mit beiden Händen drückend, +dann eilt er nach der linken Seite ab.) + +Alle (in derselben Richtung folgend). +Vivat! Vivat! + +Ramee. Nun, vivat denn wir alle! +(Er schließt sich an.) + +Erster Soldat (aus der Gruppe rechts). +Wir kommen noch zurecht. Doch wahrt die Zunge. + +(Sie ziehen sich nach der rechten Seite zurück. Die Bühne ist leer +geworden.) + +Verwandlung +Das Innere eines Zeltes. Kurzer Raum, im Hintergrunde durch einen +Vorhang geschlossen. + +Von außen hört man noch immer Vivat rufen. Erzherzog Mathias in +einfachen ungarischen bis an die Knie reichenden Rocke, ein paar +Diener hinter sich, von der rechten Seite. + +Mathias. Ha jubelt nur, ihr wackern treuen Jungen! +Diesmal fürwahr ging's nahe g'nug an Leib. +(Sein Kleid besehend, zu den Dienern.) +Gebt einen andern Rock!--Und doch, laßt immer! +Nicht trennen will ich mich von diesen Kleidern +Bis abgewaschen dieses Tages Schimpf. +Doch einen Stuhl, denn auszuruhn geziemt sich, +Eh man die Kraft zu neuem Wirken spannt. + +Klesel (von rechts eintretend). +Gebt Raum! Gebt Raum! Ich muß zu meinem Herrn! +(Sich vor ihm auf die Knie werfend und seine Hand fassend.) +Ihr seid's, Ihr lebt! O uns ist allen Heil! + +Mathias (Klesel emporhebend). +Habt Dank, mein Freund! Habt Dank für Eure Liebe. +Ja diesmal galt's. Ein Zoll, ein Haar, +Und Prinz Mathias ging zum dunkeln Land, +Wo Fürsten sich als Bettlergleiche finden. +(Sein Kleid zeigend.) +Der Riß hier, schau! Das war ein türk'scher Säbel, +Den einzeln ich der einzelne bestand. +Es gab zu tun, (mit einer Handbewegung) doch eine schiefe Quart +Des alten Mazzamoro, unsers Lehrers +Aus früher Knabenzeit, das endlich half. +Ein alter Landmann gab mir diesen Rock +Und so kam ich zurück ins eigne Lager. + +(Diener haben einen kurzen Mantel gebracht.) + +Mathias. Was soll's?--Sagt' ich denn nicht--? Es gilt wohl gleich! + +(Diener ziehen ihm das ungarische Kleid aus und geben ihm den Mantel +um, währenddessen) + +Klesel. Wie waren wir besorgt seit Flucht und Schlacht. + +Mathias. Die Schlacht ging schief. Der alte Mansfeld +Mit seinem Zaudern hat das Heer verderbt, +Da ist kein Mann für tücht'ges Werk und Wagen. +Dagegen diese Türken, +(den Mantel zurecht ziehend, die Diener entfernen sich) +wahr bleibt wahr. +Sonst schützt ein Fluß den drangelehnten Flügel, +Sie aber schwimmen durch mit Roß und Mann, +Und was ein Bollwerk schien wird Punkt des Angriffs. +In Zukunft sieht man sich wohl vor.--Nun aber +Was geht für Nachricht von den Flüchtigen? +Sind sie zurück im Lager? Fehlen viel? + +Klesel. Ein Dritteil sagt man fast des ganzen Heers. + +Mathias (auf und nieder gehend). +Ein Dritteil, schlimm! + +Klesel. Nicht wahr? Ihr seht nun selbst-- + +Mathias. Es finden manche sich wohl später ein. +Doch hätt' ich nicht gedacht-- + +Klesel. Der Rest entmutigt, +So daß kein Mittel, als-- + +Mathias (stille stehend). +Erneuter Angriff. + +Klesel. Als Frieden. + +Mathias. Neuer, doppeltstarker Angriff. + +Klesel. Ihr wart ja doch vor kurzem überzeugt, +Daß nur allein Vertrag-- + +Mathias. Vor kurzem, ja, +Da war ich Sieger. Aber nun: besiegt. +Bei diesem Wort empört sich mir das Blut +Und steigt vom Herzen glühend in die Wangen. +Mir schwebt ein Plan vor aus Vegetius, +Bewährt sich der, dann sprechen wir des weitern. + +Klesel. Ist das Eu'r Wort, im selben Augenblick, +Wo die Erzherzoge, von Euch berufen, +Im Lager schon, zu handeln von dem Frieden. + +Mathias. Sie mögen sich den Krieg einmal besehn, +Mitmachen etwa gar, dergleichen frommt +Für Gegenwart und Zukunft; endlich gehn +Wohin sie Laune treibt, Beruf, Geschäft. + +Klesel. Und wenn der Kaiser nun erfährt, +Daß man hier Rat gehalten gegen seinen Willen. + +Mathias. Erfahren mußt' er's, ob nun so, ob so. + +Klesel. Doch schützte der Erfolg vor seinem Zürnen. + +Mathias. Den besten Schutz gibt in der Faust das Schwert. + +Klesel. Und wenn er Euch nun ab vom Heer beruft? + +Mathias. Vielleicht gehorcht' ich nicht. + +Klesel. Gestützt auf was? +Der Feldherr, der Gehorsam weigert, heißt +Verräter, aber wer den Frieden gibt +Dem ausgesognen Land, wär's ohne Auftrag, +Er ist der Reiter, Abgott seines Volks. +(Halbleise.) +Vergeßt Ihr denn, daß Sultan Amurat +Der Frieden braucht, dem Geber dieser Ruh' +In Ungarn Macht und Einfluß gerne gönnt; +Sowie, daß Östreichs Stände beiden Glaubens +Dem Retter in der Not sich in die Arme +--Die doch auch Hände haben--freudig stürzen. + +Mathias. Ich hab's gesagt. Die Schmach ertrüg' ich nicht. + +Ein Diener (anmeldend). +Die Herrn Erzherzoge. + +Klesel. Um Gottes willen! +Erkennt doch, daß es Wahnsinn was ihr wollt. +Und doch--Kommt's wie ein Lichtstrahl nicht von oben? +Es ist zu spät. Bleibt, Herr, bei Eurer Weigrung. +(Sich nach dem Vorgrunde entfernend.) +Vielleicht reift unsern Anschlag grade dies. + +(Die Erzherzoge werden eingeführt.) + +Max. Nun Bruder, Gott zum Gruß. Doppelt willkommen, +Als kaum entronnen solcher Fährlichkeit. +Nun aber ans Geschäft. Man rief uns her, +Als Zeugen dachten wir von einem Sieg, +Um zu bewundern Eure Strategie; +Doch scheint Gott Mars, der strahlende Planet, +Vorläufig in rückgängiger Bewegung. + +Mathias. Aus vor- und rückwärts bildet sich der Kreislauf. + +Max. Doch bleibt man hübsch im Kreis und kommt nicht vorwärts. +Nun Bruder sei nicht unwirsch, ging's mir auch doch +Viel anders nicht im Streit um Polens Krone. +Sie fingen mich sogar, trotz Stand und Würde. +Der Krieg kennt nicht Respekt, er zahlt auf Sicht. +Hier bring ich dir die Neffen, die du kennst +Obgleich seitdem (auf Leopold zeigend) gewachsen (auf Ferdinand) und +gealtert. +Sie kamen her, den Kreislauf zu studieren +Des Gottes Mars. Auch will man, heißt's, beraten +Um dies und das. Zuletzt denn sind wir hier. + +Ferdinand (auf Max zeigend). +Des Bruders Gruß, nicht teilend seinen Scherz. + +Leopold. Und hocherfreut, Euch, Oheim, wohl zu finden. + +Mathias. Das geht nun so im Lager ab und zu, +Bald oben und bald unten. Ist's gefällig? +Ein Imbiß findet sich wohl noch zur Labung. + +Max. Ich liebe nichts vom Krieg, am wenigsten +Die Kriegerkost. Ein deutscher Ordensmeister +Will alles ordentlich, zumal die Tafel. +Wir haben uns aus unsrer Reiseküche +Im Wagen schon gestärkt und danken freundlichst. +Auch will ich keine Lorbeern hier erwerben; +Drum rasch nur ans Geschäft, ist das beendigt, +Kehr ich nach Wien zurück sobald nur möglich +Und wo ein Weg noch von den Türken frei. +Du scheinst nicht meiner Meinung, Leopold? +Bleib hier, gebrauch dein Schwert! Du bist noch jung, +Und kommt's zur Flucht, bewegst du rüst'ge Beine. +Ich bin von Blei, das zwar aus der Muskete +Ein rasches Ding, sonst aber träg und schwer. +Nun aber: wo der Ratstisch und die Stühle? + +(Klesel zieht an einer Schnur, der Vorhang des Zeltes öffnet sich und +zeigt einen grünbehangnen Tisch und Armsessel.) + +Max. Der Teppich grün, ah, so bin ich's gewohnt. +An einem roten Tisch fiel' mir nichts ein, +Ein blaubehangner führte grad ins Tollhaus, +Doch grün, das stärkt das Aug' und den Verstand. +Kommt sitzen denn ihr Herrn! (Leise zu Mathias.) Doch hier ist einer, +Der überlei mir dünkt in unserm Rat. + +Klesel (zu Mathias). +Befehlt Ihr irgend noch, erlauchter Herr, +Sonst, mit Erlaubnis, zieh ich mich zurück +Max. Bleibt immer denn, und führt das Protokoll! +Man spricht sonst her und hin und weiß zuletzt +Nicht ja, noch nein und wer und was gesprochen. +(Zu den übrigen.) +Geht sitzen, sitzen! Kommt! +(Kleseln das Ende rechts am Tische anweisend.) +Hier Euer Platz! +Doch mir zulieb, sprecht erst wenn man Euch fragt. +Nun Leopold? + +Leopold (am Ende links). +Ihr wißt, ich stehe gern. + +Max. Ich weiß, ich weiß! In Gräz vorm Bäckerladen +Hast du gestanden, eisern, stundenlang, +Bis sich die holde Mehlverwandlerin +Am Fenster, günstig, eine Venus, zeigte. + +Leopold. Ein Stadtgeklatsch. + +Max. Es klatschte wie von Küssen, +Und niemand wußt' es als die ganze Stadt. +(Zu Klesel.) +Tunkt Ihr die Feder ein? Ihr werdet doch nicht +Das alles setzen schon ins Protokoll? +Seht nur, er mahnt uns Klügeres zu sprechen +Und er hat recht, nun also denn: zur Sache. +Komm sitzen, Leopold! + +Leopold. Nicht bis ich weiß: +Ob mit des Kaisers Willen, ob entgegen +Wir uns vereinen hier zu Spruch und Rat. + +Mathias (nach einer Pause). +Sagt etwas, Klesel! + +Klesel. Wenn ich also darf: +Es will gewiß der Mensch sein eignes Bestes. +Wird nun des Kaisers Bestes hier beraten, +Kann man noch zweifeln, ob es auch sein Wille? + +Leopold. Ich aber will nur was ich selber will, +Und Herrscher heißt wer herrscht nach eignen Willen. + +Mathias. Man merkt es wohl, Ihr sucht des Kaisers Gunst + +Leopold. Wer sie nicht wünscht ist nicht sein Untertan. + +Mathias. Doch hängt ein Nebenvorteil manchmal noch +Der Demut an, die nur Gehorsam schien. + +Ferdinand. Komm Bruder Leopold, es soll nicht heißen, +Daß wir aus Gräz Gerüchten Nahrung geben, +Die Erberschleichung gegen das Gesetz +Auf unsers Hauses Wappenmantel spritzen. + +Leopold. So will ich hören denn, doch sitzen nicht. + +Mathias. Wie's Euch beliebt. + +Max. Nun also denn: was soll's? + +(Da Klesel nach einer Schrift in seinem Busen greift.) + +Max. Laßt stecken, Herr, wir wissen was Ihr bringt: +Ein künstlich ausgefeilt Elaborat +Das uns den Frieden mit den Türken soll +Als rätlich, nötig, unerläßlich schildern. +Ihr seid der Widerhall von Euerm Herrn, +Wenn nicht vielmehr das Echo er von Euch. +Und deshalb ohne Vorwort zur Beratung. +Der Friede wäre gut, allein der Kaiser, +Des Landes Haupt und Herr, er will ihn nicht. +Nebstdem, daß unter solchen Schmeichelhüllen +Ein Anschlag, meint man, andrer Art sich birgt. +(Zu Klesel.) +Ich will Euch schelten, Herr, drum hieß ich Euch +Hier sitzen unter uns; da Bruderliebe +Und Fürstenachtung mir nicht will gestatten +Zu schelten meinen Bruder, Euern Herrn. +Die Stände, sagt man, protestant'schen Glaubens +Aus Österreich verkehren still mit Euch, +Und als den Preis der Sichrung vor den Türken +Nebst Zugeständnis ihrer Glaubensübung, +Verspricht man einem Fürsten unsers Hauses, +Den ich nicht kennen will, nicht nennen mag, +Ein neuerdachtes Schützeramt zu gründen +Halb abgesondert von dem Stamm des Reichs. +Ihr seht, was Ihr gesponnen kam ans Licht. +Seid noch Ihr für den Frieden? + +Klesel. Durchlaucht ja. +Wenn diesmal auch Verleumdung wahr gesprochen, +Was gut bleibt gut, wär' auch der Geber schlimm. + +Max. Und Bruder du?--Allein was frag ich noch +(auf Klesel zeigend) +Hat dieser deine Meinung doch gesprochen. + +Mathias. Glaubst du? (Zu Klesel.) Sagt Eure Meinung noch einmal. + +Klesel. Den Frieden, hoher Herr. + +Mathias. Und ich den Krieg. +Ich bin beschimpft im Angesicht der Welt. +Die Ehre unsrer Waffen stell ich her, +Dann mag die Klugheit und die Furcht beraten. + +Max. Nun Bruder sei nicht kindisch, möcht' ich sagen. +Hoffst du, geschlagen mit dem ganzen Heer, +Nun, mit dem halben, Sieg dir zu erringen? +Von hier bis Wien ist nirgends eine Stellung, +Die Mauern Wiens verfallen, ungebessert, +Ein Wandelgang für friedliche Bewohner, +Nicht eine Abwehr gegen solchen Feind. + +Klesel (die Feder eintauchend, eifrig). +So seid Ihr für den Frieden? + +Max. Ich? Bewahr! + +Klesel. Doch spracht entgegen Ihr dem Krieg. + +Max. Ei, laßt mich! + +Ferdinand (zu Mathias). +Wozu noch kommt, daß es mich heidnisch dünkt, +Für Kriegesruhm und weltlich eitle Ehre, +Das Wohl des Lands, der ganzen Christenheit +Zu setzen auf ein trügerisches Spiel. + +Leopold. Fernand, sie haben dich. + +Ferdinand. Was fällt dir ein? + +Leopold. Wer billigt, der bewilligt wohl zuletzt. + +Ferdinand (fortfahrend). +Auch sind im Heer beinah nur Protestanten, +Und wo der Glaube fehlt, wo bleibt die Hoffnung? + +Klesel (zu Mathias). +Beliebt's Euch hoher Herr? + +Mathias. Was das betrifft, +So weiß ich keinen gläubiger als mich. +Doch ist das Land, sind seine höchsten Stellen +Mit diesen Protestanten dicht besetzt. +Muß ich sie schonen nicht, will ich sie brauchen? +Muß ich sie brauchen nicht, wenn zwingt die Not? +Und sag ich's nur: die Fähigsten, die Kühnsten, +Die Ketzer sind's, ich weiß nicht wie es kommt. + +Klesel (auf sein Papier herabgebeugt, wie vor sich). +Der Krieg ist dieser Spaltung Keim und Wurzel. + +Ferdinand (auf Klesel). +Da spracht Ihr wahr, wenn irgend jemals sonst! +Weil Ruhe war in meiner Steiermark, +Weil ich bei Ketzern brauchte nicht zu betteln, +Gelang's mir ihre Rotte zu zerstreun; +Und deshalb, wäre nicht des Kaisers Wille, +Stimmt' ich in Euern Antrag freudig ein. +Doch gäb' es einen Ausweg, wie mir deucht, +Der Krieg und Frieden gleicherweis vereint: +Den Waffenstillstand--(Zu Klesel.) Schüttelt Ihr den Kopf? + +Mathias. Und soll er nicht, solang sein Kopf ihm eigen? +Glaubt ihr, der Türke werde müßig gehn, +Für Waffenruh' und solchen armen Tand, +Des Vorteils sich begeben, der ihm lacht? +--Wenn er im Vorteil ja, wie's wirklich scheint.-- +Das ist der Fluch von unserm edeln Haus: +Auf halben Wegen und zu halber Tat +Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben. +Ja oder nein, hier ist kein Mittelweg. + +Ferdinand. Wenn man uns drängt, das ist nicht Brauch noch Sitte. + +Mathias. Es drängt die Zeit; wir selbst sind die Bedrängten. + +Ferdinand. Und kennt man die Bedingungen des Feinds? + +Klesel (den Stuhl rückend). +Das ist zu wissen leicht aus erster Quelle. +Des Ofner Bassa Sekretär und Dolmetsch +Ist hier im Lager; wenn Ihr es gestattet, +Führ ich ihn her, hört selbst dann was er bringt. + +Max. Mir ist gemein nichts mit den grimmen Türken. + +Ferdinand (heftig). +Weiß sonst man irgend, frag ich noch einmal, +Die Punkte die der Heide nimmt und gibt. + +Klesel. Der Stand wie vor dem Krieg. + +Max. Das wäre billig. + +Leopold. Halt aus, Fernand, halt aus! Kehr ruhig heim. +Ich bleibe hier; wär's als gemeiner Reiter, +Wär's auf den Trümmern des zerstörten Wiens, +Durch Blut und Krieg mit allen seinen Schrecken, +Zu fechten für des Kaisers Macht und Willen. + +Ferdinand (sich mit Abscheu von ihm wendend). +Nun Frieden also denn! + +Leopold. Fernand auch du? + +Ferdinand. Fragst du mich noch, der du mich selber zwingst, +Mir schildernd alle Greuel des Verweigerns? + +Klesel (ruhig zu Mathias). +Ihr seid für Krieg? + +Mathias. Wenn man mich überstimmt! + +Leopold. Hier ist noch einer. Ohm, wir sind zu zwei. + +Mathias. Gerade deshalb Frieden auch. + +Max. Wir sind zu Ende. + +Klesel. Vorerst erlaubt, daß mit zwei Worten nur, +Dem Pfortendolmetsch, der im Lager harrt, +Den Ratschluß ich verkünde samt dem Frieden. + +Ferdinand. Warum so rasch? + +Klesel. Wir haben dann was Ihr +In Eurer Weisheit wünschenswert erachtet: +Stillstand der Waffen. Denn, o Herr bedenkt! +Benützt der Türke seinen jetz'gen Vorteil +Und schneidet ab das Heer im Rücken gar, +So steigert er, befürcht ich, seine Fordrung +Und unsre Opfer steigern sich zugleich. + +Max. Schreibt immer denn! + +Ferdinand. In mir ringt's wirren Zweifels. +Was gäb' ich nicht wär' mir der Schritt erspart. + +Max. Zuletzt hat unser Bruder jüngster Zeit +So sehr sich von Geschäften rückgezogen +Und aufgeschoben was doch unverschieblich, +Daß ihm ein milder Zwang vielleicht erwünscht. + +Leopold. Ihr werdet sehen was Ihr angerichtet. + +(Klesel klingelt, ein Diener erscheint.) + +Klesel (den gefalteten Zettel übergebend). +Des Ofner Bassa Sekretär. Sogleich! + +(Diener ab.) + +Max. Noch einmal sag ich denn: wir sind zu Ende. + +Klesel. Nicht ganz, erlauchte Herrn! (Aufstehend.) Wenn ich bisher +Nur auf Erlaubnis sprach und wider Willen, +Tret ich nun auf in meinem eignen Amt, +Als Seelenhirt, als Redner für ein Volk +Und als Vertreter unsers heil'gen Glaubens. +Dieselbe Stimme, die in Wien und Neustadt +Zu Tausenden bekehrt mit ihrer Macht +Erheb ich nun mit gleichem Feuereifer +Im Angesicht der Gegenwart und Zukunft. +Ihr schloßt den Frieden edle Herrn, allein +Wenn ihn, gesetzt, der Kaiser nun verwirft? + +Max. Er wird es nicht. + +Leopold. Er wird's. + +Klesel (zu Leopold höhnisch). +Ihr habt's getroffen +Und kennt, so scheint's, des Kaisers tiefste Meinung. + +(Mathias will auffahren, Klesel hält ihn mit einer Handbewegung +zurück.) + +Ferdinand. Das sagt Ihr uns, nachdem der Bote fort, +Der unser Wort verpfändet an den Türken? + +Klesel. Die Not erkennend schloßt Ihr den Vertrag, +Doch erst gehalten sind Verträge wirklich. +Wenn nun der Kaiser Euern Schluß verwirft? + +Max. Dann waschen wir in Unschuld unsre Hände. + +Klesel. Das wäre Unschuld schlimmer noch als Schuld. +Dies edle Land, es darf nicht untergehn +Und alles was dem Menschen hoch und heilig +Nicht von dem Überdruß, den Wechsellaunen +Und der Entfernung zwischen Prag und Wien +Abhängig sein zu drohendem Verderben. +Am heut'gen Tag, vertragend mit dem Feind, +--Obgleich vorläufig nur, auf spätern Abschluß-- +Erkanntet in Euch selber Ihr die Macht +Zu sorgen für des Vaterlandes Beste. +Doch nicht der Kaiser nur ist wankelmütig, +Der Türk' ist treulos, als ein Heide schon, +Im ganzen Reich der fernen Möglichkeiten +Ist nichts als Zweifel, Arglist und Gefahr. +Ihr könnt nicht immer hier zu Rate sitzen, +Deshalb ist nötig, daß für alle einer +Mit Macht bekleidet, wenns die Not erheischt, +Zu handeln als des Hauses Hort und Säule. + +Leopold. Er spricht für seinen Herrn. + +Klesel. Diesmal nicht also! +Befragt Ihr mich, wen ich vor allen liebe, +Wen ich an Tapferkeit, an hohem Sinn, +Voran den Fürsten mancher Länder setze, +So ist die Antwort: ihn dort, meinen Herrn. +Allein zu solchem Amt fehlt ihm die Festigkeit, +Nicht Kraft, doch das Beharren im Entschluß. + +Mathias (zornig). +Ich will Euch zeigen, ob ich fest, ob nicht. + +Klesel. Auch hat man uns geheimes Einverständnis +Mit Ketzern, Unzufriednen Schuld gegeben, +Das darf nicht sein bei anvertrauter Macht. +Erzherzog Maximilian wäre rein. + +Max. Ich bin entwohnt des Wirkens und Befehlens, +Mich träfe ganz was meinen Bruder halb. + +Klesel. Nun denn: ein Muster hier der Festigkeit, +Der Herr der Steiermark, der, rascher Tat, +Die Ketzerei getilgt in seinem Land. + +Mathias. Was fällt Euch ein? Ist Euch denn nicht bekannt, +Daß diese Gräzer um des Kaisers Gunst, +Mit Hoffnung wohl zu folgen auf dem Thron, +Der eine laut, der andre leise buhlen? + +Ferdinand (zu Klesel). +Auch, habt gerühmt Ihr meine Festigkeit, +Vergaßt Ihr ihre Wurzel: das Gewissen; +Das eine Beugung etwa mir erlaubt +Zu gutem Zweck, wie etwa heut und jetzt; +Doch Übertretung, förmliche Verletzung +Mir nicht gestattet, gält' es eine Krone. +Mathias ist des Hauses Ältester, +Tut not denn übertragene Gewalt, +Wie es fast scheint, so sei sie ihm vertraut. + +Mathias. Ja mir gebührt's vor allen und mit Recht. + +Klesel (ein Papier aus dem Busen ziehend). +Da braucht es nur noch Eure Unterschrift. + +Leopold. Seht Ihr den Schalk? er hat's schon in der Tasche. + +Klesel. Die Vollmacht ja, allein der Name fehlt. +(Die Schrift hinhaltend.) +Er blieb hier weiß. + +Ferdinand (zu Max). +Wenn's Oheim Euch genehm. + +(Sie lesen die Schrift.) + +Leopold. Schreibt nur Rudolphus, so bleibt's nach wie vor. +Ihr habt uns hier am Narrenseil geleitet, +Ich geh nach Prag und zeig's dem Kaiser an. + +Mathias. Das dürft Ihr nicht. + +Klesel (demütig). +Herr, das war die Bedingung: +Geheimzuhalten was beschloß der Rat. + +Leopold (sein Wehrgehäng zurechtrichtend). +So will ich nur im offnen und geheimen +Den Kaiser schützen, den Ihr doch bedroht. + +Ferdinand. Ich setze denn Mathias. + +Max. Immerhin. + +Ferdinand (unterzeichnend). +Und hier die Unterschrift. + +Max (ebenso). +Sowie die meine. + +Ferdinand (der aufgestanden ist). +Wenn ich betrachte dieses Unglücksblatt +So geht's durch meine Seele wie Verderben. + +Klesel. Sie liegt noch hier; es braucht nur sie zerreißen, +So stehen wir auf gleichem Platz wie vor. + +Ferdinand. Ich fühle wohl, es muß. Komm Leupold mit nach Gräz, +Es drängt mich mein Gewissen auszuschütten +Vor dem der seine Zweifel kennt und löst. + +Max (aufstehend). +Es ist geschehn. Nun Bruder aber höre: +Sei fest und treu! Vor allem aber wisse: +Warst eines Sinnes du mit diesem Mann +(auf Klesel zeigend) Ich hätte die Gewalt dir nicht gegeben. +Drum brauch ihn, er ist klug, doch hüte dich. + +Mathias (streng). +Ich werde wohl, und hab ihn heut erkannt. + +Ferdinand. Vielmehr begehr ich, daß Ihr ihn gebraucht, +Er ist ein Eifrer für die fromme Sach. + +Leopold. Du zitterst ja! + +Ferdinand. Laß nur, es geht vorüber. + +Leopold. Wir haben keinen guten Kampf gekämpft. + +Mathias. Wollt ihr schon fort? + +Max. Laß uns! wir sind betrübt. +Und ohne Abschied denn!--Geht ihr? + +Ferdinand. Leopold. Wir folgen. + +Mathias. Zur Kutsche wenigstens nehmt das Geleit. +Auf bald'ges, frohes Wiedersehn. + +Die Erzherzoge. Wir hoffen's. + +(Sie gehen, von Mathias geleitet.) + +Klesel. Nun rasch ans Werk! Vor allem die Depeschen. +(Er setzt sich und schreibt.) + +Mathias (zurückkommend). +Wie, du noch hier? Du trittst vor meine Augen, +Nachdem du erst gesprochen wider mich? + +Klesel (aufstehend). +Herr, wider Euch? für Euch! Ihr habt die Schrift, +Die Euch zum Herren macht in diesem Land. + +(Da Mathias zu ihm tritt.) + +Wenn Ihr mich stört such anderwärts ich Ruh'. +Es gilt zu schreiben, schreiben, rasch und viel. +Und diese Schrift, Ihr sollt mir sie noch küssen, +Wie ich sie küsse jetzt. +Wir sind geborgen. + +(Er tritt ins Innere des Zeltes, dessen Vorhänge er herabläßt.) + +Mathias. Er ist ein Rätsel was er tut und spricht +Und seine Rede streitet mit ihm selber.-- +Nun ja, die Schrift (Freudig auffahrend.) He Klesel, Klesel höre! +(Er tritt an den Vorhang.) +Er gibt nicht Antwort. Laß ich ihn denn jetzt! +Ein Meer von Bildern schwimmt vor meiner Seele. + +(Auf die Seitentüre zugehend bleibt er stehen, als ob er umkehren +wollte, geht aber nach einigem Besinnen ab.) + + + +------------------------------------------------------ + +Gegend in der Nähe des kaiserlichen Lagers. + +Abenddämmerung. Man hört einige Flintenschüsse hinter der Szene. +Prokop, ein bloßes Schwert in der Hand, kommt mit seiner Tochter. + +Prokop. Komm meine Tochter, noch hält dieser Arm +Und fühlt sich stark genug dich zu verteid'gen. + +(Zwei kaiserliche Soldaten folgen.) + +Erster. Gebt Euch, sag ich, Ihr lebtet längst nicht mehr, +Wär' nicht die Furcht das Mädchen zu verletzen. + +Prokop (rufend). +Janek! Basil! + +Zweiter. Die hörten auf zu hören. +Ihr seid der einzig Lebende, drum hört! + +Prokop. So will ich sterben denn, mein Kind verteid'gend. +Allein was wird aus ihr, wenn ich erlag. + +Erster. Das eben, Herr, bedenkt und weicht der Not +Sonst eins, zwei, drei, und Euer Tag ist aus. + +(Sie nähern sich ihm.) + +Prokop. Lebt denn kein Retter mehr im weiten All? +Kein Helfer, der bedrängte Unschuld schirmt? + +(Trompeten in der Nähe.) + +Prokop. Hört ihr? + +(Ein dritter Soldat kommt.) + +Erster. Was ist? + +Dritter. Die Herrn Erzherzoge, +Die, stark begleitet, aus dem Lager kehren, +Ein Unstern führt sie eben hier vorbei. +Wir sind zu schwach, entflieht! + +Erster. Ich werde wohl! +Der Lohn, zum Glück, ward vorhinein bezahlt. + +(Sie ziehen sich zurück.) + +Prokop. Wir sind gerettet Kind! Lukrezia hörst du? + +(Erzherzog Leopold und Oberst Ramee kommen mit Begleitung, die bloßen +Schwerter in der Hand.) + +Leopold. Nicht Türken sind's, des eignen Lagers Auswurf, +Zu Brudermord gezückt das feige Schwert. +Verfolgt sie, gebt dem Henker seine Beute! + +(Ramee und einige in der Richtung der Flüchtigen, ab.) + +Leopold. Und wer seid Ihr? + +(Erzherzog Ferdinand mit Dienern und Fackeln ist gekommen.) + +Prokop (gegen Ferdinand gewendet). +Ein Bürger, Herr, von Prag, +Mit seiner Tochter, die Euch dankt die Rettung. +Ein Mächtiger am Hof verfolgte sie; +Deshalb nun wollt' ich sie nach Dukla bringen +Zu einer Tante, die dort lebt im Schloß. +Allein der Kriegslärm, damals weit entfernt, +Er überholte uns auf unsrer Reise. +Seitdem nun irren wir auf Seitenwegen +Und hofften in dem Christenlager Schutz. + +Leopold (Lukrezias Hand fassend). +Erholt Euch, schönes Kind. + +Lukrezia (die Hand zurückziehend). +Nicht schön, doch ehrbar. + +(Ramee und seine Begleiter kommen mit einem in einen dunkeln Mantel +Verhüllten zurück.) + +Ramee. Den einz'gen nur gelang es zu ereilen. + +Leopold. Verhüllt Ihr Euch? Es ist nicht Fastnachtzeit! +Die Fackel her! + +(Ein Diener leuchtet hin.) + +Lukrezia. O Gott, er ist's. + +Erzherzog Ferdinand. Don Cäsar! + +Prokop. Derselbe den wir flohn. + +Ferdinand. Wie kommt Ihr hieher? + +Don Cäsar. Fragt nicht und laßt mich frei. + +Ferdinand. Nicht also, Freund! +Der Kaiser will Euch gern in seiner Nähe, +Und Ihr bedürft, so seh ich, strenger Hut. +(Zu einem Befehlshaber.) +Geleitet ihn mit Eurer Schar von Reitern +Und sagt dem Kaiser, wenn ihr kommt nach Prag-- +Allein das tu ich selbst, wenn's an der Zeit. +Geht nur! Ihr haftet mir für seine Stellung. + +(Don Cäsar wird fortgebracht.) + +Prokop. Allein was wird aus uns? + +Erzherzog Ferdinand. Schließt Euch nur an, +Bis Ihr die Grenze habt erreicht von Mähren, +Wo sicher Euer Weg. + +Prokop. Nehmt tausend Dank. +Komm nur mein Kind! +(Nach Don Cäsar hinweisend.) +Er kann nicht weiter schaden. + +(Ab mit Lukrezia.) + +Leopold. Nun, Bruder, sieh, wir taten doch ein Gutes. + +Ferdinand. Nachdem wir Schlimmes erst, ich fühl's, getan. + +Leopold. Sei nicht betrübt, es findet sich noch alles. +Was halb du weißt und halb ich dir verschwieg: +Das Heer in Passau, das ich, andern Vorwands, +Seit lange werb, es stellt die Waage gleich +Und gibt dem Kaiser wieder seine Rechte. + +Ferdinand (die Arme auf seine Schultern legend). +Nichts Unvorsichtiges mein Freund und Bruder! + +Leopold (während Ferdinand sich auf ihn stützt). +Voraussicht ist ja Vorsicht, oder nicht? +Die Klugheit gibt nur Rat, die Tat entscheidet. +Es soll sich alles noch zum Guten wenden. + +(Indem sie abgehen, fällt der Vorhang.) + + + + +Dritter Aufzug + +Zimmer im Schlosse auf dem Hradschin. Rechts im Hintergrunde eine +türförmige Öffnung, in der ein Schmelztiegel auf einem chemischen +Ofen steht. Daneben der Haupteingang. + +Kaiser Rudolf kommt aus einer Seitentüre rechts. + + +Rudolf. He Martin, Martin! Plagt dich denn der Böse? +Ist alles denn verworren und verkehrt? +Es fehlt an Kohlen, Kohlen. + +(Ein Mann in berußter Jacke und Mütze, einen Korb Kohlen am Arme, +ist eingetreten.) + +Rudolf. Träger Zaudrer! +Besorgt denselben Dienst seit dreißig Jahren +Und gafft und glotzt als wär's zum erstenmal. + +(Der Mann beschäftigt sich im Hintergrunde.) + +Wo schüttest du die Kohlen hin? Carajo! +Scheint's doch du willst mir die Retorte füllen +Und nicht den Herd. Verwünschter Schlingel! +Bist du bezahlt zu Tode mich zu ärgern? + +Der Mann (nach vorn kommend, seine Mütze abnehmend und sich auf ein +Knie niederlassend). +Verzeiht, o Herr, ich bin's nur nicht gewohnt. + +Rudolf. Du bist nicht Martin!--Fuego de Dios! + +(Der Mann hat auch das Wams geöffnet.) + +Rudolf. Ah--Herzog Julius von Braunschweig Liebden! +Wie kommt Ihr her? und doch zumeist +(Mißtrauisch mehrere Schritte zurücktretend.) Was wollt Ihr? + +Herzog Julius. Seit vierzehn Tagen such ich Audienz +Und konnte nun und nimmer sie erhalten, +Da griff ich in der Not zu dieser List. +Verzeiht dem Treuen der es gut gemeint. + +Rudolf. Ha, ha, ha, ha! Kein übler Spaß! Steht auf! +Ihr könnt nun wenigstens dem Volk bestätigen, +Daß ich noch lebe, was man, heißt's, bezweifelt. + +Julius (der aufgestanden ist). +Bezweifelt, und mit Recht. + +Rudolf. Ja alter Freund, +Damit ich lebe muß ich mich begraben, +Ich wäre tot, lebt' ich mit dieser Welt. +Und daß ich lebe ist vonnöten Freund. +Ich bin das Band, das diese Garbe hält, +Unfruchtbar selbst, doch nötig, weil es bindet. + +Julius (der den Kittel ausgezogen und auf einen Stuhl gelegt hat). +Doch wird das Band nun locker, Majestät? + +Rudolf. Mein Name herrscht, das ist zur Zeit genug. +Glaubst: in Voraussicht lauter Herrschergrößen +Ward Erbrecht eingeführt in Reich und Staat? +Vielmehr nur: weil ein Mittelpunkt vonnöten, +Um den sich alles schart was Gut und Recht +Und widersteht dem Falschen und dem Schlimmen, +Hat in der Zukunft zweifelhaftes Reich +Den Samen man geworfen einer Ernte, +Die manchmal gut und vielmal wieder spärlich. +Zudem gibt's Lagen wo ein Schritt voraus +Und einer rückwärts gleicherweis' verderblich. +Da hält man sich denn ruhig und erwartet +Bis frei der Weg, den Gott dem Rechten ebnet. + +Julius. Doch wenn Ihr ruht, ruhn deshalb auch die andern? + +Rudolf. Sie regen sich, doch immerdar im Kreis. +Die Zeit hat keine Männer, Freund wie Feind. + +Julius. Allein der Krieg in Ungarn? + +Rudolf. Der ist gut. +Den Krieg, ich haß ihn als der Menschheit Brandmal +Und einen Tropfen meines Blutes gäb' ich +Für jede Träne, die sein Schwert erpreßt; +Allein der Krieg in Ungarn der ist gut. +Er hält zurück die streitenden Parteien, +Die sich zerfleischen in der Meinung schon. +Die Türkenfurcht bezähmt den Lutheraner, +Der Aufruhr sinnt in Taten wie im Wort, +Sie schreckt den Eifrer meines eignen Glaubens, +Der seinen Haß andichtet seinem Gott. +Fluch jedem Krieg! Doch besser mit den Türken, +Als Bürgerkrieg, als Glaubens-, Meinungsschlachten. +Hat erst der Eifer sich im Stehn gekühlt, +Die Meinung sich gelöst ins eigne Nichts, +Dann ist es Zeit zum Frieden, dann mein Freund, +Soll grünen er auf unsern lichten Gräbern. + +Julius. Allein der Friede ward geschlossen. + +Rudolf. Ward. +Ich weiß, doch nicht bestätiget von mir, +Und also ist es Krieg bis Gott ihn schlichtet. +Doch daß ich nicht auf Zwist und Streit gestellt-- +Siehst du? ich schmelze Gold in jenem Tiegel. +Weißt du wozu?--Es hört uns niemand mein ich.-- +Ich hab erdacht im Sinn mir einen Orden, +Den nicht Geburt und nicht das Schwert verleiht, +Und Friedensritter soll die Schar mir heißen. +Die wähl ich aus den Besten aller Länder, +Aus Männern, die nicht dienstbar ihrem Selbst, +Nein, ihrer Brüder Not und bitterm Leiden; +Auf daß sie weithin durch die Welt zerstreut, +Entgegentreten fernher jedem Zwist, +Den Ländergier und was sie nennen: Ehre, +Durch alle Staaten sät der Christenheit, +Ein heimliches Gericht des offnen Rechts. +Dann mag der Türke dräun, wir drohn ihm wieder. +Nicht außen auf der Brust trägt man das Zeichen, +Nein innen wo der Herzschlag es erwärmt, +Es sich belebt am Puls des tiefsten Lebens. +Mach auf dein Kleid!--Wir sind noch unbemerkt. +(Er hat aus der Schublade des Tisches eine Kette mit daranhängender +Schaumünze hervorgezogen.) +Der Wahlspruch heißt: Nicht ich, nur Gott.--Sprich's nach! + +Julius (der sein Kleid geöffnet und sich auf ein Knie niedergelassen +hat). +Nun denn. Nicht ich, nur Gott--und Ihr! + +Rudolf. Nein wörtlich. + +Julius. Nicht ich, nur Gott. + +Rudolf (nachdem er ihm die Kette umgehangen). +Nun aber schließ die Hülle, +Daß niemand es erblickt. Du bist ein Ketzer, +Allein ein Ehrenmann. So sei geehrt. + +Julius (der aufgestanden ist). +O Herr, wenn Ihr dem Andersmeinenden, +Ihr mir die Huld verleiht, die mich beglückt, +Warum versöhnt Ihr nicht den Streit der Meinung +Und gebt dem Glauben seinen Wert: die Freiheit, +Euch selbst befreiend so zu voller Macht? + +Rudolf. Zu voller Macht? Die Macht ist's was sie wollen. +Mag sein, daß diese Spaltung im Beginn +Nur mißverstandne Satzungen des Glaubens, +Jetzt hat sie gierig in sich eingezogen +Was Unerlaubtes sonst die Welt bewegt. +Der Reichsfürst will sich lösen von dem Reich, +Dann kommt der Adel und bekämpft die Fürsten; +Den gibt die Not, die Tochter der Verschwendung +Drauf in des Bürgers Hand, des Krämers, Mäklers, +Der allen Wert abwägt nach Goldgewicht. +Der dehnt sich breit und hört mit Spotteslächeln +Von Toren reden, die man Helden nennt, +Von Weisen, die nicht klug für eignen Säckel, +Von allem was nicht nützt und Zinsen trägt. +Bis endlich aus der untersten der Tiefen +Ein Scheusal aufsteigt, gräßlich anzusehn +Mit breiten Schultern, weitgespaltnem Mund, +Nach allem lüstern und durch nichts zu füllen. +Das ist die Hefe, die den Tag gewinnt +Nur um den Tag am Abend zu verlieren, +Angrenzend an das Geist- und Willenlose. +Der ruft: Auch mir mein Teil, vielmehr das Ganze! +Sind wir die Mehrzahl doch, die Stärkern doch, +Sind Menschen so wie ihr, uns unser Recht! + +Des Menschen Recht heißt hungern, Freund, und leiden, +Eh' noch ein Acker war, der frommer Pflege +Die Frucht vereint, den Vorrat für das Jahr; +Als noch das wilde Tier, ein Brudermörder, +Den Menschen schlachtete der waffenlos, +Als noch der Winter und des Hungers Zahn +Alljährlich Ernte hielt von Menschenleben. +Begehrst ein Recht du als ursprünglich erstes, +So kehr zum Zustand wieder der der erste. +Gott aber hat die Ordnung eingesetzt, +Von da an ward es licht, das Tier ward Mensch. + +Ich sage dir: nicht Szythen und Chazaren, +Die einst den Glanz getilgt der alten Welt, +Bedrohen unsre Zeit, nicht fremde Völker: +Aus eignem Schoß ringt los sich der Barbar, +Der, wenn erst ohne Zügel, alles Große, +Die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die Kirche +Herabstürzt von der Höhe, die sie schützt, +Zur Oberfläche eigener Gemeinheit, +Bis alles gleich, ei ja, weil alles niedrig. +(Er setzt sich.) + +Julius. Ihr schätzt die Zukunft richtig ab, das Ganze, +Doch drängt das Einzelne, die Gegenwart. + +Rudolf. Mein Haus wird bleiben, immerdar, ich weiß, +Weil es mit eitler Menschenklugheit nicht +Dem Neuen vorgeht oder es begleitet, +Nein, weil es einig mit dem Geist des All, +Durch klug und scheinbar unklug, rasch und zögernd, +Den Gang nachahmt der ewigen Natur, +Und in dem Mittelpunkt der eignen Schwerkraft +Der Rückkehr harrt der Geister, welche streifen. + +Julius. Doch Eure Brüder denken nicht wie Ihr. + +Rudolf. Mein Bruder ist nicht schlimm, obgleich nicht klug. +Ich geh ihm Spielraum, er begehrt zu spielen. + +Julius. War's Spiel? daß eigner Macht er schloß den Frieden, +Ist's Spiel? da er den Herren spielt im Land? + +Rudolf. Du spielst mit Worten wie er mit der Macht. + +Julius. Man sagt, der Türke hab ihm angeboten +Die Krone Ungarns. + +Rudolf. Sagt! Die Krone Ungarns. +Der Türke hat das Land. Was soll das Zeichen? + +Julius. Die Protestanten,--Herr, ich bin ein Protestant, +Doch nur im Glauben, nicht in Widersetzung-- +Sie haben ihm als Preis der Glaubensübung +Beistand geschworen wider männiglich. + +Rudolf. Mein Bruder ist katholischer als ich. +Er ist's aus Furcht, indes ich's nur aus Ehrfurcht. +Die Glaubensfreiheit stünde gut mit ihm! + +Julius. So nützt er sie um später sie zu täuschen. +Die Wirkung bleibt die nämliche für jetzt. +In Mähren greift die Regung schon um sich +Und fremde Truppen ziehen durch die Städte. + +Rudolf. Das ist der Tilly, den ich hingesandt-- +Ich bin so blind nicht all ihr etwa glaubt-- +Der hält das Land in Zaum. + +Julius. Es sind die Völker +Aus Eures Bruders ungarischem Heer. +In Böhmen selbst-- + +Rudolf. Du weißt nicht was du sprichst. +Die Böhmen sind ein starres Volk, doch treu. + +Julius. Vor allem treu stammalter Überzeugung. +Der Huß ist tot, doch neu regt sich sein Glaube. +In Prag hält man schon Rat und knüpft Vereine. + +Rudolf (gegen die Türe gewendet). +Und das verschweigt man mir? + +Julius. Verzeiht o Herr! +Man will es Euch gemeldet haben, doch-- + +Rudolf. Der eine sagt mir dies, der andre das, +Wie's ihm sein Vorteil eingibt, seine Meinung. +Arm sind wir Fürsten, wissen das Geheime, +Allein das Offenkund'ge, was der Bettler weiß, +Der Tagelöhner, bleibt uns ein Geheimnis. +Auch war soviel zu tun in letzter Zeit. +Der Schotte Dee war hier. Ein Mann der Wunder, +Der eindringt in die Urnacht des Geschaffnen +Und sie erhellt mit gottgegebnem Licht. +Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. +Hätt' ich gleich ihm nur einen mir zur Seite, +Ich stünde dieser Welt und ihrem Dräun. + +Julius. Ihr seid verraten, hoher Herr, verkauft. +Indes Ihr lernt, lehrt Ihr der Welt den Aufruhr, +Der schon entfesselt tobt in Euern Städten. + +Rudolf. Hast du's gesehn? + +Julius. Ich nicht. + +Rudolf. So sprich auch nicht! +Ein jeder sieht ein andres, nein, sieht nichts +Und gibt den Rat, der nichtig schon von vornher. + +Julius. Ein Mann ist hier, er kommt von Brünn und Wien. +Er hat gesehn. Es ist derselbe, Herr, +Der Euern Flüchtling rückgebracht--Don Cäsar. + +Rudolf. Bring ihn zu mir den Mann! Ich will ihn sprechen. +Er hat geleistet mir den höchsten Dienst, +Der mir erwiesen ward seit langen Jahren. + +Julius. Er ist im Vorgemach. + +Rudolf. Warum nicht hier? +Was zögert er? Warum nicht mir genüber? +Don Cäsar! Wie mein Innres sich empört! +Der freche Sohn der Zeit.--Die Zeit ist schlimm, +Die solche Kinder nährt und braucht des Zügels. +Der Lenker findet sich, wohl auch der Zaum. + +(Herzog Julius hat indessen Lukrezias Vater eingeführt.) + +Rudolf (ihm einige Schritte entgegengehend). +Ah du, mein Ehrenmann! (Zurücktretend.) Bleibt immer dort! +Dort an der Tür. Ihr seid ein Bürger Prags? + +Prokop. Ich bin es, Majestät. + +Rudolf. Seit wann denn führen +Die Bürger Waffen? + +Prokop (auf den Dolch in seinem Gürtel blickend). +Herr, die böse Zeit +Gebeut zu rüsten sich +(Den Dolch mit der Scheide aus dem Gürtel ziehend, mit einer Bewegung +nach der Türe.) +Doch will ich-- + +Rudolf. Bleibt! +Ihr habt den Flüchtling der sich Cäsar nennt +Gestellt uns als Gefangenen zur Haft. +Wir danken Euch, und denken Eure Tochter +Zu schützen gegen ihn; vorausgesetzt, +Daß sie nicht selbst, wie etwa Weiberart, +Ihn anfangs tändelnd angezogen-- + +Prokop. Nein! + +Rudolf. Nun Ihr sprecht kurz. Ihr seid ein Protestant? + +Prokop. Herr, Utraquist, des böhm'schen Glaubens. + +Rudolf. So! +Warum des böhmischen und nicht des deutschen? +Des welschen, griechisch, span'schen?--Arme Wahrheit! +Vergaß ich fast doch, daß es so viel Kirchen +Als Kirchenräume gibt und--Kirchhofgräber. +Nun gut. Vor Cäsar lebt nur künftig sicher, +Ich will ihn hüten wie des Auges Stern. +Und hört ihr einst er sei zu Nacht gestorben, +So denkt nur: seine Krankheit hieß Verbrechen +Und Strafe war sein Arzt.--Ihr kommt von Wien. +Ich weiß was man dort treibt und halb ich dulde +Und halb ein Wink von meiner Hand zerstreut. +Doch lüstet mich's zu hören was ihr saht, +Ein einfach schlichter Mann. + +Prokop (gegen Herzog Julius). +Das von der Huld'gung? +(zum Kaiser.) Ich war dabei in Wien als beide Östreich +Im Landhaussaal geschworen Euerm Bruder. + +Rudolf. Geschworen als Erzherzog, nun er ist's. + +Prokop. Umringt war er von ung'rischen Magnaten +Als er den Saal betrat, die laut und jubelnd +Ihn grüßten als des Ungarlandes König. + +Rudolf. Das ist nicht wahr! + +Prokop (zu Herzog Julius). +So kann ich wieder gehn? + +Rudolf. Wenn ich Euch's heiße, früher nicht noch später. +Der Ungarn König? Nun: voraus bezeichnet, +Nachfolger etwa; ob auch das zur Zeit +Nicht sicher noch, abhängig von gar vielem. +In Mähren dann? + +Prokop. Ich war in Brünn zugegen +Beim Einzug Eures Bruders, wo er jubelnd, +Vor allem von den Dienern meines Glaubens, +Empfangen ward, ein Retter in der Not. +Die protestant'schen Kirchen stehen offen; +Und ob er gleich sich letzter Zeit entfernt-- + +Rudolf. Entfernt? Wohin? + +Prokop. Man weiß nicht, Herr, die Richtung. + +Rudolf (zu Herzog Julius). +Ich sage dir: er ging zurück nach Wien. +Ihm fehlt der Mut. Ich kenne diesen Menschen: +Zum Anfang rasch, doch zögernd kommt's zur Tat. +(Zu Prokop.) Ich danke dir mein Freund und weiß genug; +Der Aufstand ist am Schluß wie dein Bericht. + +Prokop. Obgleich sich der Erzherzog nun entfernt, +Blieb doch an seiner Stelle Bischof Klesel, +Der mit der Grenze meuterisch verkehrt. + +Rudolf. Wie war das? Klesel? Ist er doch in Neustadt, +Wohin ich ihn gebannt, in seinem Sprengel. + +Prokop. Er ist in Brünn, wo ich ihn selber sprach +Von wegen meines sicheren Geleits, +Und steht vor allen nahe dem Erzherzog. + +Rudolf (zu Herzog Julius). +Das wäre schlimm. Wenn jener list'ge Priester +Das was dem andern fehlt, den Mut, die Tatkraft, +Ihm gösse in die unentschiedne Seele. +Das wäre schlimm, und denk ich fort und weiter, +Vergrößert sich's zu wirklicher Gefahr. +(Zu Prokop.) Ich dank Euch guter Freund! Ihr seid entlassen, +Und Euer Kind, es zähl' auf meinen Schutz. + +(Da Prokop sich entfernt und die Türe offensteht.) + +He Wolfgang Rumpf! Wolfgang Rumpf! + +Wolfgang Rumpf (eintretend). +Hier Majestät. + +Rudolf. Bringt die Berichte dieser letzten Tage, +Und was an Briefen, in mein Kabinett. +Und will ich künftig ungestört mich wissen, +So hindert's nicht, daß, wenn das Haus in Flammen, +Ihr dennoch kommt und ansagt: Herr, es brennt. + +Herzog Julius (zu Rumpf halblaut). +War's möglich denn? + +Rumpf (ebenso). +Ihr wißt nicht edler Herzog. +Der Kaiser drohten mit geschwungnem Dolch, +Wenn jemand nur ihn anzusprechen wagte. + +Rudolf. Nun wohl, Ihr habt das Zünglein an der Waage, +Das ich mit Sorge hielt im Gleichgewicht, +Ihr habt es rohen Drängens angestoßen, +Es schwankt und blut'ge Todeslose fallen +Aus beiden Schalen auf die bange Welt. +Leiht mir nicht Eure Schuld; wenn's etwa Schuld nicht, +Daß ich vertraut, und nur ein Mensch, kein Gott. +Ruft mir den Kanzler! + +Rumpf. Herr, er ist schon hier +Und spricht im span'schen Saale zu den Ständen. + +Rudolf. Die Stände, wie? + +Rumpf. Die gleicherweise erschienen +Von des Gerüchtes Stimmen aufgeregt. +(Zu Herzog Julius.) +O Herr, o Herr! Wir wissen's erst seit jetzt: +Des Herrn Erzherzoges Mathias Gnaden +Sind insgeheim von Brünn verrückt nach Tabor, +Von wo sie nun durch Meuterer verstärkt +Mit Heeresmacht heranziehn gegen Prag. +Die Stadt ist in Bewegung, Manifeste +Sind angeschlagen an den Straßenecken, +Die von des Kaisers Hoheit ehrfurchtlos-- + +Rudolf. Ich weiß den Inhalt dieser Manifeste: +Daß ich, ein alter Mann, an Willen schwach +Entziehe mich dem Reich und seinen Sorgen; +Indes mich das Gespenst der blut'gen Zukunft +Verfolgt bis in mein innerstes Gemach, +Und, nachts empor auf meinem Lager sitzend, +Der Trommel Ruf, des Schlachtenlärms Getos +Mir wachend schlägt ans Ohr, den Traum ergänzend. +Dazu noch das Bewußtsein, daß im Handeln, +Ob so nun oder so, der Zündstoff liegt, +Der diese Mine donnernd sprengt gen Himmel. +Ihr habt gehandelt, wohl! das Tor geht auf +Und eine grasse Zeit hält ihren Einzug. + +Was wollen sie die Stände? Weiß man es? + +Rumpf. Sie tragen eine Handfest vor sich her, +Von Pergament gerollt, auf einem Kissen. + +Rudolf. Es ist der Majestätsbrief, den sie früher +Mir vorgelegt, doch damals ich zurückwies, +Berechtigung zusichernd ihrem Glauben. +(Bitter.) Die Zeit scheint ihnen günstig zum Vertrag. +(Die Mütze abziehend, heftig.) +Allmächt'ger Gott, der du mich eingesetzt, +Zu wahren deiner Ehre und der meinen, +Die Doppellast sie spottet meiner Kraft +Und nicht vermag ich fürder sie zu tragen. +Ich stelle dir zurück was deines Reichs, +Bist du der Starke doch, und was du willst +Führst du zum Ziel durch unerforschte Wege. +Doch was mein eignes Amt, daß diese Welt +Ein Spiegel sei, ein Abbild deiner Ordnung, +Daß Fried' und Eintracht wohnen brüderlich +Vom Unrecht ungestört und von Verrat, +Das will ich üben, stehst du, Gott, mir bei. +(Er hat sein Barett wieder aufgesetzt.) +Ich will hinüber zu den treuen Ständen; +Treu nämlich, wenn--und ehrenhaft, obgleich-- +Anhänglich auch, jedoch--wahrhaft, nur daß-- +Und wie die krummen Wege alle heißen, +Auf denen Selbstsucht geht und die Gemeinheit. +(Er macht einige Schritte gegen die Türe, dann bleibt er stehen, mit +dem Fuße stampfend.) +Mich widerts an. Ich mag den Hohn nicht sehn, +Die Schadenfreude auf den frechen Stirnen. +Ruft sie herüber. Heißt das: einen Ausschuß +Für alle führend insgesamt das Wort. +Erträglich ist der Mensch als einzelner, +Im Haufen steht die Tierwelt gar zu nah. + +Was zögerst du? ruf sie herüber, sag ich. + +(Rumpf ab.) + +Nun Herzog Julius, fühlt Ihr noch die Kraft +Das Schwert zu schwingen in der alten Rechte? +Mich selbst befällt ein Hauch der Jugendzeit +Und an der Spitze, denk ich, meiner Treuen +Hinauszuziehn, um Stirne gegen Stirn +Den Aufruhr zu befragen was sein Ziel. +Nicht daß mich lockt die stolze Herrschermacht +Und wüßt' ich Schultern die zum Tragen tüchtig, +Ich schüttelte sie ab als ekle Last, +Von da an erst ein Mensch und neu geboren, +Doch wenn es wahr, daß Gott die Kronen gibt, +Geziemt es Gott allein nur sie zu nehmen, +Sie abzulegen, selbst, auch ziemt sich nicht. +Wo ist mein Degen? Wolfgang! Wolfgang Rumpf! +Er lehnt am Tisch zunächst an meinem Bette. + +(Da Herzog Julius auf das Kabinett zugeht.) + +Herr, Ihr bemüht Euch selbst? Habt Dank, o Lieber! + +(Herzog Julius ins Kabinett ab.) + +Rudolf (gegen den Haupteingang gewendet). +Hört mich denn niemand? Sind sie schon geflohn +Vom Niedergang gewendet zu dem Aufgang? +Das soll sich ändern, ja es soll, es muß. + +(Herzog Julius kommt zurück.) + +Rudolf. Ihr bringt den Mantel auch? Habt Ihr doch recht +Die Welt verlangt den Schein. Wir beide nur +Wir tragen innerhalb des Kleids den Orden. +(Nachdem er mit Herzog Julius Hilfe den Mantel umgehängt.) +Den Degen legt nur hin! Ist doch das Eisen +Fast wie der Mensch. Geschaffen um zu nützen, +Wird es zur schneid'gen Wehr und trennt und spaltet +Die schöne Welt und aller Wesen Einklang. + +Ich höre kommen. Nun wir sind bereit, +Und frommt die Milde nicht, so hilft das Schwert. + +(Der Kaiser setzt sich. Mehrere böhmische Stände treten ein. Vor +ihnen ein Page, der auf einem samtenen Kissen eine Pergamentrolle trägt.) + +Rudolf. Fragt sie was ihr Begehr? + +(Da einer vortritt.) + +Rudolf. Nicht Ihr Graf Thurn! +Ihr seid kein Eingeborner, seid kein Böhme, +Die Lust an Unruh hat Euch hergeführt. +Laßt einen andern, laßt den nächsten sprechen. + +Zweiter (vortretend). +Erlauchter Herr und König, gnäd'ger Kaiser, +Euch ist bekannt was sich im Land begibt +Und in dem Nachbarland an seinen Grenzen. +Bewaffnet ziehen Scharen gegen Prag +Und Eurer Hoheit Bruder heißt ihr Führer. +Da ist das Volk nun mannigfach bewegt: +Die einen wittern heimlich Einverständnis +Mit Eurer Majestät betrauten Räten, +Und meinen, wenn das fremde Heer im Land, +Werd' es die Schneide kehren gegen uns, +Zum Umsturz unsrer Satzungen und Rechte. + +Rudolf (vor sich hinsprechend). +Sehr heimlich wär' das Einverständnis, wahrlich. + +Der Wortführer. Die andern wieder werden angelockt +Von dem was ihnen anbeut die Empörung: +Freiheit der Meinung und der Glaubensübung, +Was jedem Menschen teurer als sein Selbst. +Nicht wir nur sind's die diese Sprache führen, +Allein das Volk-- + +Rudolf. Das Volk! Ei ja, das Volk! +Habt ihr das Volk bedacht, wenn ihr die Zehnten, +Das Herrenrecht von ihnen eingetrieben? +Das Volk! Das sind die vielen leeren Nullen, +Die gern sich beisetzt wer sich fühlt als Zahl, +Doch wegstreicht, kommt's zum Teilen in der Rechnung. +Sagt lieber, daß ihr selbst ergreift den Anlaß +Mit abzuzwingen, was ich euch verweigert, +Und jetzt auch weigern würde, stünde gleich +Ein Mörder mit gehobnem Dolch vor mir. +Doch handelt sich's von mir nicht jetzt, noch euch, +Vielmehr von dem was sein muß und geschehn, +Soll nicht der Grundbau jener weisen Fügung, +Die Gott gesetzt und die man nennt den Staat, +Im wilden Taumel auseinandergehn. +Ich seh's an jener Schrift. Es ist die gleiche, +Wie sie seit Monden liegt in meinem Zimmer, +Gleichstellung fordernd für den neuen Glauben. +Was ihr hier bittet, beut euch an der Aufruhr. +Vor Irrtum kann ich länger euch nicht wahren, +Aufruhr ersparen aber kann ich euch. +Seid ihr zufrieden wenn ich euch verspreche, +Sobald gestillt die Unruh in dem Land, +Frei zu bewilligen was ihr begehrt? + +Ihr schweigt. Mißtraut ihr mir? + +Abgeordneter. Nicht Euch, Herr Kaiser, +Dem Einfluß aber von Madrid und Rom. + +Rudolf. Hätt' ich gehört auf das was dorther tönt, +Wär' längst getilgt die Lehre samt den Schülern +Und in Verbannung geiferte der Trotz. +Ich aber duldete mit Vatermilde, +Die Überzeugung ehrend selbst im Irrtum. +Verfolgt ward niemand wegen seiner Meinung; +Im Heer im Rate sitzen eure Jünger, +(auf Herzog Julius zeigend) +Selbst hier mein Freund ist euch ein Lehrgenoß. +Geduldet hab ich, aber nicht gebilligt, +Bestät'gen wäre billigen zugleich. + +Zuckt ihr die Schulter? Nun ihr meint, das Messer +Sitzt eben an der Kehle, und habt recht. +Will ich vergessen nicht mein weltlich Amt, +Muß ich dem Himmel überlassen seines. +Gebt her die Schrift! Sie ist wohl gleichen Inhalts +Mit jener frühern; doch da ihr mißtraut, +Ziemt Mißtraun wohl auch mir. Gebt eure Schrift! +(Die Rolle, die der Page ihm kniend darbietet, vom Kissen nehmend.) +Ist's doch als ginge wild verzehrend Feuer +Aus dieser Rolle, das die Welt entzündet +Und jede Zukunft, bis des Himmels Quellen +Mit neuer Sündflut bändigen die Glut, +Und Pöbelherrschaft heißt die Überschwemmung. +(Die Schrift entfaltend und lesend.) +Der Eingang, wie gewöhnlich, leere Formel. +Von Treu, Anhänglichkeit--Wohl Liebe gar! +Drum fordert ihr auch meiner Neigung Pfänder. + +(Ein Hofdiener ist unmittelbar aus der Türe links gekommen und hat +sich Wolfgang Rumpf genähert, der dem Kaiser gegenüber im Vorgrunde +steht.) + +Diener (leise). +Erzherzog Leopold aus Steiermark +Sind angekommen, heimlich, unerkannt, +Und wünschen augenblickliches Gehör. + +Rumpf (ebenso). +Es ist nicht möglich jetzt. + +Diener. Sie dringen sehr. + +(Da Wolfgang Rumpf einige Schritte gegen den Kaiser macht. + +Rudolf. Was soll's? Jetzt ist nicht Zeit.--Was immer. Später! + +(Rumpf zieht sich zurück und bedeutet dem Diener durch Zeichen, der +sich entfernt.) + +Rudolf (weiter lesend). +Hier ist ein Punkt der neu. Der muß hinweg. +Gehorsam zu verweigern gibt er euch +Das ausgesprochne Recht, wird irgendwie +Geordnet was entgegen eurer Satzung. +Das ist der Aufruhr, ständig, als Gesetz. +Bedenkt ihr auch das Beispiel das ihr gebt? +Ich nicht allein bin Herr, auch ihr seid Herren, +Habt Untertanen, die in eurer Pflicht; +Wenn ihr mir trotzt, so drohen sie euch wieder. +Erst gebt dem einzelnen, dem Unverständ'gen +Ein Urteil ihr in dem, wo selbst die Weisen +Verstummend stehn als an der Weisheit Grenze; +Dann ruft ihr ihn vom Acker auf den Markt, +Zählt seine Stimme mit und heißt ihn mehren +Die Mehrzahl wider Ehrfurcht und Gesetz. +Ihr stellt ihn gleich mit euch, und hofft doch künftig +Als Mindern ihn zu stellen unter euch? +Und wärt ihr auch so christlich mild gesinnt +Im Menschen nur zu sehen euern Bruder: +Seht an die Welt, die sichtbar offenkund'ge, +Wie Berg und Tal und Fluß und Wiese stehn. +Die Höhen, selber kahl, ziehn an die Wolken +Und senden sie als Regen in das Tal, +Der Wald hält ab den zehrend wilden Sturm, +Die Quelle trägt nicht Frucht, doch nährt sie Früchte, +Und aus dem Wechselspiel von hoch und niedrig, +Von Frucht und Schutz erzeugt sich dieses Ganze, +Des Grund und Recht in dem liegt, daß es ist. +Zieht nicht vor das Gericht die heil'gen Bande, +Die unbewußt, zugleich mit der Geburt, +Erweislos weil sie selber der Erweis, +Verknüpfen was das Klügeln feindlich trennt. +Du ehrst den Vater,--aber er ist hart; +Du liebst die Mutter,--die beschränkt und schwach, +Der Bruder ist der nächste dir der Menschen, +Wie sehr entfernt in Worten und in Tat; +Und wenn das Herz dich zu dem Weibe zieht, +So fragst du nicht ob sie der Frauen Beste, +Das Mal auf ihrem Hals wird dir zum Reiz, +Ein Fehler ihrer Zunge scheint Musik, +Und das: ich weiß nicht was, das dich entzückt, +Ist ein: ich weiß nicht was für alle andern; +Du liebst, du hoffst, du glaubst. Ist doch der Glaube +Nur das Gefühl der Eintracht mit dir selbst, +Das Zeugnis, daß du Mensch nach beiden Seiten: +Als einzeln schwach, und stark als Teil des All. +Daß deine Väter glaubten was du selbst, +Und deine Kinder künftig treten gleiche Pfade +Das ist die Brücke die aus Menschenherzen +Den unerforschten Abgrund überbaut +Von dem kein Senkblei noch erforscht die Tiefe. +O prüfe nicht die Stützen, beßre nicht! +Dein Menschenwerk zerstört den geist'gen Halt +Und deine Enkel lachen einst der Trümmer +In denen deine Weisheit modernd liegt. +Ist eure Satzung wahr, wird sie bestehn, +Und wie das Bäumchen, das vom Stein gedrückt, +Die Zweige breiten, siegend ob der Last; +Allein wenn falsch, so wißt, daß seine Wurzeln +Auflockern all was fest und alt und sicher. +Der Zweifel zeugt den Zweifel an sich selbst, +Und einmal Ehrfurcht in sich selbst gespalten, +Lebt sie als Ehrsucht nur noch und als Furcht. +Maßt euch nicht an zu deuteln Gottes Wahrheit. + +Abgeordneter. Wir baun auf festen Boden, auf die Schrift. + +Rudolf. Die Schrift? (Rasch unterschreibend.) +Hier meine Unterschrift. Da ihr +Den toten Zügen einer toten Hand +Mehr traut als dem lebendig warmen Wort, +Das von dem Mund der Liebe fortgepflanzt, +Empfangen wird vom liebedurst'gen Ohr, +Hier schwarz auf weiß.--Und nun noch Blut als Siegel. +Blut ist das rote Wachs, das jede Lüge +Zur Wahrheit stempelt; wenn von Volk zu Volk, +Warum nicht auch von Fürst zu Untertan? +Und nun hinaus, beweisen mit dem Schwert +Was nur der Geist dem Geiste soll beweisen. +Des Reiches Ehre soll und muß bestehn. +Und ist das Tor dem Unheil nun geöffnet, +Ist Mord und Brand geschleudert in die Welt, +Dann denkt einst spät, wenn längst ich modre: +Wir waren auch dabei und haben es gewollt. + +(Ein ferner Kanonenschuß.) + +Rudolf (zusammenfahrend). +Was ist?--Mein Geist ist stark, mein Leib nur zittert. +(Zu einem Diener der eingetreten ist und sich Rumpf genähert hat.) +Was soll's? + +Diener. Man hat den Wall am Wissehrad besetzt +Und schießt auf Truppen, die der Stadt sich nahn. + +Rudolf. Man soll nicht schießen! + +(Neuer Kanonenschuß.) + +Rudolf (mit dem Fuße stampfend). +Soll nicht, sag ich euch! + +Stände (die Schwerter ziehend). +Mit Gut und Blut für unsern Herrn und Kaiser! + +Rudolf. Da steht's vor mir! Der Mord, der Bürgerkrieg. +Was ich vermieden all mein Leben lang, +Es tritt vor mich am Ende meiner Tage. +Es soll, es darf nicht. Steckt die Schwerter ein, +Vertragt euch mit dem Feind! Und diese Handfest, +Die ihr als Preis des Beistands abgetrotzt, +Sei euch geschenkt.--Ihr selbst Herr Kanzler seht +Was sie begehren draußen vor der Stadt. +Ist es mein Bruder doch, bestimmt zu herrschen, +Wenn mich der Tod, ich hoffe bald, hinwegrafft. +Er übe sich vorläufig in der Kunst, +Der undankbaren, ewig unerreichten, +In der verkehrt was sonst den Menschen adelt: +Erst der Erfolg des Wollens Wert bestimmt, +Der reinste Wille wertlos--wenn erfolglos. +In Böhmen aber will ich ruhig weilen +Und harren bis der Herr mich zu sich ruft. +(Mit einer Entlassungsbewegung gegen die Stände.) +Mit Gott, ihr Herrn! + +(Die Stände entfernen sich.) + +Und Ihr Herr Kanzler eilt! + +(Alle bis auf Herzog Julius und den Kaiser ab.) + +Rudolf. So sind wir denn allein.--Ein wüstes Wort. +Du tadelst mich mein Freund? + +Julius. Herr, ich verehr Euch. + +Rudolf. Ich bin so gut nicht als es etwa scheint-- +Die andern nennen's schwach, ich nenn es gut. +Denn was Entschlossenheit den Männern heißt des Staats +Ist meistenfalls Gewissenlosigkeit +Hochmut und Leichtsinn, der allein nur sich +Und nicht das Schicksal hat im Aug' der andern; +Indes der gute Mann auf hoher Stelle +Erzittert vor den Folgen seiner Tat, +Die als die Wirkung eines Federstrichs +Glück oder Unglück forterbt späten Enkeln. +Ich aber bin so gut nicht als du glaubst. +In diesen Adern sträubt sich noch der Herrscher +Und Zorn und Rachsucht glüht in meiner Brust. +Zu züchtigen die sich an mir vergessen, +Die schwach mich nennen, schwächer weit als ich; +Die alte Brust zu schnüren noch in Erz +Und in dem Glanz verletzter Majestät +Genüber mich zu stellen den Verrätern, +Ob sich ihr Aug' empor zu meinem wagt. +Und war ein Funke Glut in diesen Männern, +Die sich Vertreter nennen eines Volks, +War irgend etwas nur in ihrem Blick, +Das mehr als Eigennutz und Schadenfreude, +Ich stünde jetzt mit ihnen drauß im Feld +Und tötete mit Blicken den Verrat. + +(Die Seitentüre links öffnet sich, Erzherzog Leopold in einen dunkeln +Mantel gehüllt, tritt heraus.) + +Rudolf. Siehst du, da kommt er der Versucher, da! +Mein Sohn, mein Leopold!--Und doch, hinweg! +Er steht im Bund mit meines Herzens Wünschen. +Er wird mir sagen, daß ja noch ein Heer +In Passau steht, zu meinem Dienst geworben; +Daß Rache süß und daß der Kampf gerecht. +Mein Sohn es ist zu spät! Ich darf nicht, will nicht. +Sie nennen schwach mich, und ich bin's zum Kampf, +Allein zum Fliehen reichen noch die Kräfte. +Versucher fort! Ob hundertmal mein Sohn. +(Er eilt ins Kabinett rechts.) + +Erzherzog Leopold (der den Mantel abgeworfen). +Mein Oheim und mein Herr! (An der Türe des Kabinetts.) +Verschließt Ihr Euch? + +Herzog Julius (zu Rumpf). +Geht Ihr und weilet draußen vor der Tür, +Damit kein Unberufner störend nahe. + +(Rumpf geht hinaus.) + +Leopold. So komm ich her spornstreichs auf Seitenwegen, +Verborgen, unerkannt, und bring Euch Hilfe, +Und Ihr verschließt die Pforte mir, das Herz? +Ja denn, noch ist ein Kriegsheer Euch bereit, +Mit Müh' halt ich's in Passau nur zurück. +Ein Wort von Euch und tausend Schwerter flammen +Zu Euerm Schutz, zum Schutz der Majestät. +Doch wenn Ihr auch den Retterarm verschmäht, +Stoßt nicht zurück das Herz, die Kindestreue. +Laßt mich, das Haupt gelehnt an diese Pfosten, +Nicht glauben Eure Brust sei hart wie sie.-- +Die Türe wird bewegt--sie öffnet sich--Mein Vater! +(Er stürzt in das Kabinett, dessen Türe sich hinter ihm schließt.) + +Julius (mit gefalteten Händen). +O daß nun nicht der Groll, gekränkte Würde, +Und die Empfindung, die, wenn aufgeregt, +Gern übergeht in jegliches Empfinden: +Von hart zu weich, von Innigkeit zu Zorn, +Ihn hinreißt einzuwill'gen in das Schlimmste: +Zu handeln, da's zu spät. + +Rumpf (Zur Türe hereinsprechend). +Herr Bischof Klesel. + +Julius. Nicht jetzt, nur jetzo nicht! + +Rumpf. Sie lassen sich +Abweisen nicht. + +Klesel (eintretend). +Nein wahrlich, in der Tat. + +Julius (ihm entgegen tretend, mit gedämpfter Stimme). +Ihr wagt es, Herr, hier in denselben Räumen, +Die Euer Rat mit Zwietracht angefüllt-- + +Klesel. Ich komme her im Auftrag meines Herrn. + +Julius. Wollt Ihr den Kaiser zwingen Euch zu sprechen? + +Klesel. Da sei Gott für! Gemeldet will ich werden, +So heißt mein Auftrag und, wenn abgewiesen, +Kehr ich zurück. Doch melden muß man mich. +(Er setzt sich links im Vorgrunde.) + +Julius. Ich bitt Euch, Herr, sprecht leise. + +Klesel. Und warum? + +Julius. Glaubt Ihr denn nicht die Stimme schon des Mannes, +Der ihm, er glaubt's, so Schlimmes zugefügt, +Muß in des Kaisers Brust, jetzt, wo Entschlüsse +Hart mit Entschlüssen kämpfen, Scham und Zorn-- + +Klesel. Jetzt ist nicht von Entschlüssen mehr die Rede, +Notwendigkeit ist da und sie schließt ab. + +(In des Kaisers Kabinett wird geklingelt.) + +Julius. Es ist geschehn! Nun wahre Gott der Folgen! + +(Wolfgang Rumpf geht ins Kabinett.) + +Julius. Und war kein anderer als Ihr zu finden +Zu solcher Botschaft, die fast klingt wie Hohn? + +Klesel. Vielleicht weil ich allein kein Schranz und Höfling, +Gewohnt zu sagen gradaus was gemeint. + +Julius. Die Derbheit ist nicht immer Redlichkeit. + +Klesel. So ist sie denn Arznei, die schon als bitter, +Den langverwöhnten Magen stärkt und heilt; +Und Heilung war gemeint mit diesem Umschwung, +Man wird's zuletzt erkennen, hört man mich. +Wer den Ertrinkenden erfaßt am Haar, +Er hat gerettet ihn und nicht beleidigt. + +(Rumpf kommt aus dem Kabinette zurück.) + +Rumpf. Der Kaiser ist ergrimmt, er heißt Euch gehn, +Von seinem Antlitz fern der Strafe harren. +Der nächste Augenblick droht Euch Gefahr. + +Klesel. Ich gehe denn. Den Frieden wollt' ich bringen, +Wählt man den Haß, so suche man nach Macht. +Die Strafe die man droht, sie liegt so fern, +Wir freuen uns indessen an dem Lohn. (Er geht.) + +Julius. Es werden Stimmen laut im Kabinett. +Geht Ihr hinein, versucht es sie zu stören. +Ich fürchte dies Gespräch und seine Folgen. + +(Erzherzog Leopold kommt aus dem Kabinette, in das sogleich Rumpf +hineingeht.) + +Leopold (einen Zettel in die Höhe haltend). +Ich hab's, ich hab's' + +(Aus der Seitentüre links tritt Oberst Ramee heraus.) + +Leopold. Ramee und nun die Pferde! +(Er nimmt seinen Mantel auf.) +Nichts teurer ist hierlands als der Entschluß, +Man muß ihn warm verzehren eh' er kalt wird. + +Rumpfs Stimme (im Kabinett). +Erzherzogliche Hoheit! + +Julius (sich Leopold nähernd). +Gnäd'ger Herr! + +Leopold. Schon kommt die Reue dünkt mich, laß uns gehn! + +(Erzherzog Leopold und Ramee durch die Seiten Türe links ab.) + +Rumpf (aus dem Kabinett kommend). +Der Kaiser will noch einmal mit Euch sprechen, +Es ist noch eins zu sagen. + +Julius. Er ist fort. + +Rumpf. Der Herr ist wie von Sinnen, schlägt die Brust. + +Julius. Ich will ihm nach! Gibt Flügel die Gefahr, +So flieg ich statt zu gehn; denn das Verderben +Es steht vor mir in gräßlicher Gestalt. +(Er folgt dem Erzherzog durch die Seitentüre links.) + +Rumpf (sich dem Kabinett nähernd). +Man bringt ihn noch zurück.--Der Herzog selber. +Eh' er sein Pferd besteigt ereilt man ihn. +(Er geht ins Kabinett.) + + + +------------------------------------------------------ + +Der Kleinseitner Ring in Prag. + +Volk füllt mannigfach bewegt den Hintergrund. Die drei Wortführer der +Stände kommen von der linken Seite. + +Graf Thurn. Laßt uns hinaus, begrüßen den Erzherzog. +Der Vortrab seines Heers nimmt heute nacht +Quartier in unsrer Stadt. Man hofft ihn selbst +Ob freilich nur im Durchzug vorderhand, +Dem künft'gen Untertan den künft'gen Herrn +Mit mildem Segensblick vorerst zu zeigen. +Wie immer denn! Kommt, schließt euch an! +Ist er ja doch der Retter, der Befreier. + +Schlick. Nur, fürcht ich, sproßt in ihm der alte Same, +Zur Macht gelangt, wirft er die Maske weg. + +Thurn. Für neues Drängen gibt es neue Mittel, +Und sag ich: neue, mein ich nur die alten. +Der leise Widerstand stumpft jeden Stachel, +Und streiten sie um unsre Krone sich, +Verarmen wie im Rechtsstreit beide Teile, +Reich werden Richter nur und Anwalt, wir. +Kommt Zeit, kommt Rat.--Hört ihr die Glocken? +Man hat ihn von den Türmen wohl erblickt +Und dort der erste Trupp von seinen Scharen. + +(Geläut von Glocken. Im Hintergrund beginnt von der rechten Seite mit +Musik und Fahnen der Vorüberzug von Soldaten. Das Volk drängt sich nach +rückwärts, die Blicke eben dahin gerichtet, so daß sie den Zug verdecken +und der Vorgrund leer bleibt.--Erzherzog Leopold und Oberst Kamee, in +Mäntel gehüllt, kommen von links im Vorgrunde. Herzog Julius folgt ihnen.) + +Julius. Ich laß Euch nicht. Ihr müßt zurück zum Kaiser. + +Leopold. Ich habe schriftlich seinen hohen Willen, +Nun ist's an mir ihn treulich zu vollziehn. + +Julius. Kommt Ihr ins Land mit fremdgeworbnen Truppen, +So gärt der Aufruhr neu, des Kaisers Gegner +Benützen es zu seinem Untergang. +Es ist zu spät. + +Leopold. Und früher war's zu früh. +Wann ist die rechte Zeit? + +Julius (ihn anfassend). +Ich laß Euch nicht. +So faß ich Euch und flehe: kehrt zurück! + +Leopold (den Mantel abstreifend der in Herzog Julius' Hand zurückbleibt). +Wie Joseph denn im Hause Potiphar +Laß ich den Mantel Euch, mich selber nicht. + +Ramee (auf das Volk zeigend). +Herr, wenn man Euch erkennt. + +Leopold. Man soll mich kennen! +(Mit starken Schritten nach rechts abgehend.) +Halt ihn zurück! + +(Ramee tritt zwischen beide.) + +Julius. Nun denn, es ist geschehn. +(Den Mantel fallen lassend.) +Die Hülle liegt am Boden, das Verhüllte +Geht offen in die Welt als Untergang. + +(Ramee folgt dem Erzherzog.--Der Zug im Hintergrunde hat sich indessen +fortgesetzt. Jetzt erscheint Erzherzog Mathias zu Roß die Menge +überragend. Das Volk drängt sich ihm entgegen.) + +Volk. Vivat Mathias! Hoch des Landes Recht! + +(Indem Herzog Julius mit einer schmerzlich abwehrenden Bewegung sich +nach rückwärts wendet fällt der Vorhang.) + + + + +Vierter Aufzug + +Die Kleinseite in Prag, wie zu Anfang des ersten Aufzuges. +Die Sturmglocke wird gezogen. Man hört schießen. + +Bürger treten fliehend auf. + + +Ein Bürger. Flieht Nachbar, flieht! 's ist das Passauer Kriegsvolk. +Der Kaiser hat sie in das Land gerufen, +Erzherzog Leopold sein Neffe führt sie. + +Prokop (aus seinem Hause tretend). +Was ist? was soll's? + +Bürger. Ihr wißt ja: die Passauer. + +Prokop. Doch ist die Stadt bewahrt. + +Bürger. Man hat die Pforte +Geöffnet ihnen oben am Hradschin +Und nun ergießt der Trupp sich durch die Straßen. + +Prokop (sein Schwert ziehend). +So greift zur Wehr! + +Bürger. Dort, seht Ihr? kommt ein Trupp. + +Prokop. Schließt euch und haltet aus! Ist doch die Stadt +Von Männern voll. Tut jeder seine Pflicht, +So lehren wir den Räubern wohl die Reue. +(Gegen sein Haus gewendet.) +Dich, Kind, indes befehl ich Gottes Hut. +Der ist kein Bürger, der die eigne Sorge +Vergißt nicht in der Not des Allgemeinen. + +Zieht euch zu jener Ecke, sie gibt Schutz, +Und gehn sie vor, so fallt in ihre Seiten. + +(Sie ziehen sich zurück.--Oberst Ramee tritt auf mit Soldaten.) + +Ramee (zu einigen, die ihre Gewehre anschlagen). +Halt ein mit Schießen! Es erweckt die Schläfer. +Wir überfallen sie, und ohne Blut, +So will es der Erzherzog, sind wir Sieger. + +Drängt nicht zu scharf! Denn rasch in ihrem Rücken +Eilt eine Reiterschar der Moldau zu, +Besetzt die Brücke, dringt ins offne Tor; +Die Altstadt unser, sind wir Herrn von Prag. + +(Trompeten in weiter Ferne.) + +Ramee. Die Brücke ist genommen. Jetzt auf sie! + +(Mit den Soldaten nach der rechten Seite ab. Man hört Lärm des Gefechts. +--Don Cäsar im Wams, ohne Hut, kommt von einigen Soldaten umgeben.) + +Cäsar. Ich dank euch, Freunde, daß ihr mich entledigt +Der bittern Haft, in der mich hielt die Willkür, +Um jener wegen, die dort oben wacht. +(Auf Prokops Haus zeigend, in dessen oberem Geschoß ein Licht brennt.) +Ich will mit euch, will kämpfen, fechten, sterben, +Gleichviel für wen und gleichviel gegen wen; +Den der mich tötet nenn ich meinen Freund. +Doch vorher noch ein Wörtchen oder zwei +Mit ihr, die mich verdarb. +(Da einige sich der Türe nähern.) +Halt, kein Geräusch! +Ich kenne die Gelegenheit des Hauses, +Aus früh'rer Zeit. Dort rückwärts an der Mauer +Ist noch ein Pförtchen das ins Innre führt, +Von wo zwei Treppen nach der Gartenseite +Zum Söller steigen nächst an ihr Gemach. +Dort sei's versucht und ihr bewahrt den Eingang! + +(Sie verlieren sich hinter dem Hause.) + + + +------------------------------------------------------ + +Zimmer in Prokops Hause. An der linken Seite ein Fenster. Gegenüber +eine Türe. Im Hintergrunde zwei andere, worunter eine Glastüre, die +nach dem Söller führt. + +Lukrezia. (tritt aus der Seitentüre links). +Es kommt der Tag, allein mein Vater nicht. +Ich hörte schießen, schrein, Geklirr der Waffen +Und er verläßt sein Kind in dieser Not. +O daß die Männer nur ins Weite streben! +Sie nennen's Staat, das allgemeine Beste, +Was doch ein Trachten nach dem Fernen nur. +Gibt's denn ein Bestes, das nicht auch ein Nächstes? +Mein Herz sagt nein, nächstpochend an die Brust. +(Ans Fenster tretend.) +Nun ist es ruhig und der graue Schein +Vom Ziskaberg verkündet schon die Sonne. +(Rasch umgewendet.) +Hör ich Geräusch und kehrt mein Vater heim? + +(Die Glastüre des Söllers öffnet sich und Don Cäsar tritt ein.) + +Don Cäsar. Viel Glück ins Haus! + +Lukrezia. O Gott, so schaut das Unglück! + +Don Cäsar. Erschreckt nicht holde Maid! Ich bin es selbst; +Und bin's auch nicht. Die Asche nur des Feuers, +Das einst für Euch geglüht, Ihr wißt wie heiß; +Der Schatten nur des Wesens das ich war. +Und selbst der letzte Schimmer dieses Daseins, +Der noch ins Dunkel strahlt, das Leben heißt, +Kommt zu verlöschen mir in dieser Nacht. +Ich geh in Kampf und weiß ich werde fallen, +Die Ahnung trügt nicht wenn vom Wunsch erzeugt. +Was soll ich auch in dieser wüsten Welt, +Ein Zerrbild zwischen Niedrigkeit und Größe; +Verleugnet von dem Manne der mein Vater, +Mißachtet von dem Weib das ich geliebt.-- +Erzittert nicht! Davon ist nicht die Rede. +Die Leidenschaften und die heißen Wünsche, +Die mich bewegt, sie liegen hinter mir, +Ich habe sie begraben, eingesargt. +Was ist es auch--ein Weib? Halb Spiel, halb Tücke, +Ein Etwas, das ein Etwas und ein Nichts, +Je demnach ich mir's denke, ich, nur ich. +Und Recht und Unrecht, Wesen, Wirklichkeit, +Das ganze Spiel der buntbewegten Welt, +Liegt eingehüllt in des Gehirnes Räumen, +Das sie erzeugt und aufhebt wie es will. +Ich plagte mich mit wirren Glaubenszweifeln, +Ich pochte forschend an des Fremden Tür, +Gelesen hab ich und gehört, verglichen, +Und fand sie beide haltlos, beide leer. +Vertilgt die Bilder solchen Schattenspiels, +Blieb nur das Licht zurück, des Gauklers Lampe, +Das sie als Wesen an die Wände malt, +Als einz'ge Leidenschaft der Wunsch: zu wissen. +Laßt mich erkennen Euch, nur deshalb kam ich; +Zu wissen was Ihr seid, nicht was Ihr scheint. +Denn wie's nur eine Tugend gibt: die Wahrheit, +Gibt's auch ein Laster nur: die Heuchelei. + +Lukrezia. Mir aber dünkt, der Heuchler, wie Ihr's nennt, +Zeigt mindstens Ehrfurcht vor dem Heil'gen, Großen, +Das Eure Wahrheit leugnet wenn sie's schmäht. + +Don Cäsar. So seid Ihr Heuchlerin? + +Lukrezia. Ich war es nie. + +Don Cäsar. Ich fürchte doch: ein bißchen, holde Maid. +Als ich, nun lang, zum erstenmal Euch sah, +Da schien mir alle Reinheit, Unschuld, Tugend +Vereint in Eurem jungfräulichen Selbst; +Zeigt wieder Euch mir also, laßt mich glauben! +Und wie der Mann der abends schlafen geht +Von eines holden Eindrucks Macht umfangen, +Er träumt davon die selig lange Nacht, +Und beim Erwachen tritt dasselbe Bild +Ihm mit dem Sonnenstrahl zugleich vors Auge. +So gebt mir Euch, Euch selber auf die Reise +Von der zurück der Wandrer nimmer kehrt. +Kein Weib, ein Engel; nicht geliebt, verehrt. + +Lukrezia. Wie ohne Grund Ihr mich zu hoch gestellt, +So stellt Ihr mich zu tief nun ohne Grund. + +Don Cäsar. Nicht doch, nicht doch!--Ihr stießet mich zurück. +Ich mußt' es dulden, manchen Fehls bewußt. +Doch seht, da war ein Mann, Belgioso hieß er, +Ein Heuchler und ein Schurk' + +Lukrezia. Er war es nicht. + +Don Cäsar. Verteidigt Ihr ihn denn? + +Lukrezia. Wer klagt ihn an? + +Don Cäsar. Ich, der ich ihn gekannt.--Er hielt zu mir; +In all dem Treiben das mit Recht man tadelt, +Im wilden Toben war er mein Genoss'. +Doch ging er hin und zeigt' es heimlich an +Und brachte mich um meines Vaters Liebe. + +Lukrezia. Der laute Ruf erspart' ihm diese Müh'. + +Don Cäsar. Die Welt hat Recht zum Tadel, nicht der Freund. +Doch plötzlich kehrt' er sichtlich mir den Rücken, +Zu gleicher Zeit betrat er Euer Haus. + +Lukrezia. Er war der Freund des Vaters, nicht der meine. + +Don Cäsar. Als Freund des Vaters denn nahmt Ihr ihn auf, +Doch als der Eure, denk ich, kam er wieder, +War Mitbewohner fast in diesem Haus, +Bei Tag, bei Nacht. + +Lukrezia. Zu Abend wollt Ihr sagen, +Im Beisein meines Vaters, anders nie. + +Don Cäsar. Ich aber stand genüber auf der Straße +Mit Reif und Schnee bedeckt und sah empor +Zum Fenster, wo die Schatten Glücklicher +Wie Mücken flogen um den Strahl des Lichts. +Da endlich kam der Tag, der ihn bestrafte. + +Lukrezia. Erinnert Ihr mich noch an seinen Tod? + +Don Cäsar. Nicht ich tat's, noch geschah's um meinetwillen, +Das Euch zu sagen kam zumeist ich her. +Feldmarschall Rußworm, zwar mein Freund und Lehrer, +Doch Täter seiner Taten er allein, +Im Streit, beim Spiel, was weiß ich? oder sonst +Hat ihn besiegt in ehrlichem Gefecht +Wie's Edelleute pflegen und Soldaten. +Und wißt Ihr welches Los ward meinem Freund? +Der Kaiser ließ auf offnem Marktplatz ihm +Das Haupt vom Rumpfe trennen, angesichts +Des ganzen Volks, beinah vor meinen Augen. +Gedenk' ich jenes Tags, so gärt's in mir, +Und blutige Gedanken werden wach. +Stünd' er vor mir der heuchelnde Verräter, +Nicht damals tat ich's, aber jetzt geschäh's: +Das Schwert bis an das Heft in seiner Brust, +Bezahlt' er mir die Schrecken jener Stunde. + +Lukrezia. O Gott, wer rettet mich? + +Don Cäsar. Seid nicht besorgt! +Mir ist's, sagt' ich, um Wahrheit nur zu tun. +Glaubt nicht auch, daß mich Eifersucht bewegt! +Die Eifersucht ist Demut, ich bin stolz, +Verachtung liegt mir näher als der Haß. +Doch daß Ihr von erlogner Tugend Höhe +Herabseht auf die Welt, auf mich, auf alle, +Den gleichen Fehl verhehlend in der Brust, +Das soll nicht sein. Fluch aller Heuchelei! +Sagt mir, ich liebt' ihn den geschiednen Freund, +Ich liebt' ihn, weil sein Antlitz zart und weiß, +Ich liebt' ihn, weil sein Haar von Salben duftend, +Ich liebt' ihn, weil ich töricht, albern, schwach, +Sagt's, und ich laß Euch frei. + +Lukrezia. Ich liebt' ihn nicht; +Nur Gott hat meine Liebe und mein Vater. + +Don Cäsar. Recht gut, recht schön!--Doch wes ist dieses Bild +--Ich bin vertraut mit Eures Hauses Räumen-- +(die Seitentüre öffnend) +Wes ist das Bild das hängt an jener Wand, +Vom Licht der Lampe buhlerisch beschienen? +Ist's Belgiojosos nicht? Ertappt, ertappt! + +Lukrezia. Mein Vater hängt' es hin. + +Don Cäsar. Und Ihr Madonna, +Ihr rücktet Euern Schemel zum Gebet +Hart an das Bild, daß wenn die Lippen beten, +Das Herz zugleich schwelgt in Erinnerungen, +Erinnerungen die--Und wenn ich tot, +Lacht an der Seite eines neuen Buhlen +Ihr mein und meiner Liebe, wie Ihr lachtet +An Belgiojosos Hand. + +(Lukrezia entflieht ins Seitengemach.) + +Cäsar. Nicht dort hinein! +Nicht dort hinein vor meines Feindes Bild, +Des Heuchlers, Heuchlerin!--Ringst du die Hände +Zu ihm als deinem Heil'gen? +(Er hat eine Pistole aus dem Gürtel gezogen, die er jetzt in der Richtung +der offnen Türe abschießt.) +Folg ihm nach! +--Was ist geschehn? +(In die Türe blickend.) +Weh mir!--O meine Taten! + +(Er wirft sich auf ein Knie, die Augen mit den Händen bedeckend.--Ein +Hauptmann kommt mit Soldaten.) + +Hauptmann. Hier fiel ein Schuß und er ist in der Nähe. + +Prokop (der sich durch die Soldaten drängt). +Lukrezia mein Kind! +(An der offenen Türe.) +Oh! greulich, gräßlich! +(Er stürzt hinein, die Türe schließt hinter ihm.) + +Hauptmann (Don Cäsar emporrichtend). +Wir suchten Euch! + +Don Cäsar. Nun denn Ihr habt gefunden. +Gibt's Richter noch in Prag? + +Hauptmann. Es gibt sie wieder. +Der Feind hinausgeschlagen aus der Stadt, +Kehrt Ordnung und das Recht zurück von neuem. + +Don Cäsar. So richtet mich! Erspart mir selbst die Müh'. +(Er geht auf die Hintertüre zu, von den Soldaten gefolgt.) + +Prokop (in der Seitentüre erscheinend). +Hieher, hieher! Vielleicht ist Hilfe möglich. + +(Einige Diener, die während des Vorigen gekommen sind, folgen ihm ins +Seitengemach.--Alle ab.) + +------------------------------------ + +Garten im königlichen Schlosse auf dem Hradschin. In der Mitte des +Hintergrundes ein Ziehbrunnen mit einem Schöpfrade. + +Heinrich Thurn und Graf Schlick kommen mit einigen bewaffneten Bürgern. + +Thurn. Stellt Wachen aus, besetzt die äußern Pforten! +Von hier aus ließ den Feind man in die Stadt, +Darum bewahrt vor allem den Hradschin. + +(Die Bürger gehen.) + +Schlick. Scheint's doch ein Wunder fast, daß wir gerettet. + +Thurn. Das Wunder war der Mut, die Tapferkeit +Der wackern Bürger unsrer Altstadt Prag. +Der Feinde Plan war listig angelegt. +Hier oben von Verrätern eingelassen, +Drang ihre Schar nur langsam, zögernd vor, +Als ob den Widerstand der Gegner scheuend; +Doch desto schneller fliegt durch Seitengassen +Ihr Reitertrupp der Moldaubrücke zu, +Die Altstadt, wohl im Schlaf noch, überfallend. +Schon füllt die Brücke sich mit Roß und Mann, +Schon dringen, die zuvörderst, in die Stadt; +Da fällt mit eins das Gitter vor das Tor +Und von dem Turm aus Büchsen und Kartaunen +Ergießt sich Feuer auf die wilde Schar. +Die Rosse bäumen und die Reiter stürzen, +Der Vortrupp weicht, der Nachzug drängt nach vorn, +Ein unentwirrter Knäuel füllt die Brücke +Entladend in die Moldau sein Gedräng'; +Bis endlich Schrecken, mächt'ger als die Raubgier, +Nach rückwärts treibt den lauten Menschenstrom, +Sich überstürzend und den Nachbar schäd'gend, +Ins eigne Fußvolk bricht die Reiterei, +Daß unsern Bürgern, die im Ausfall folgen, +Die Mühe nur des Schlachtens übrig bleibt. +Die Wege die er kam, verfolgt der Rückzug, +Und Bürgertreue schließt die Einbruchspforte, +Die Rachsucht öffnete und der Verrat. + +Schlick. Doch sind sie stark noch außen vor der Stadt. + +Thurn. Seid unbesorgt! Der räuberische Durchzug +Von Passau her durchs obre Österreich +Bis fern nach Böhmen, blieb nicht unbewacht, +So wie er unvorhergesehen nicht. +Von ringsum sammeln sich die Garnisonen, +Der Landmann greift zur Wehr, und der Erzherzog, +Mathias, derzeit noch von Ungarn König, +Und bald von Böhmen, denk ich, etwa auch +Er ist zur Hand, rasch folgend ihrer Ferse. +Ja nur, weil nicht gewachsen ihm im Feld, +Versuchten sie heut nacht den Überfall. +Von hier verdrängt, ihr Zufluchtsort verloren, +Zerstäubt in alle Winde bald die Schar. + +Schlick. Allein was tun wir selbst? + +Thurn. Man wirbt um euch. +Verhaltet euch wie die verschämte Braut, +Der neue Freier bringt euch neue Gaben. + +(Herzog Julius kommt mit einem Hauptmanne, der einen Schlüssel trägt.) + +Julius. Ihr Herrn ist das wohl Fug und Recht? Man stellt +Im Schlosse Wachen wie in Kerkermauern, +Selbst vor des Kaisers fürstliches Gemach. +Man fordert ab die Schlüssel aller Pforten, +Des Eingangs Freiheit und des Ausgangs hemmend. +Zuletzt noch diesen, der vor allem nötig. +Er führt zum Turm, in den man rück Don Cäsar +Den unglückselig wildverworrnen brachte, +Im Wahnsinnfieber gen sich selber wütend. +Die Ärzte haben, Blut mit Blut bekämpfend, +Die Adern ihm geöffnet an dem Arm. +Er braucht des Beistands und des freien Zutritts, +Drum fordr' ich diesen Schlüssel hier von Euch. + +Thurn. Doch deucht mich, daß Don Cäsar, eben er, +Verbunden mit den Räubern heute nacht, +Teilnahm an all dem Greuel der geschah, +Weshalb er in Gewahrsam nur mit Recht. + +Julius. Der Richter wird erkennen seine Schuld. + +Thurn. Man weiß noch nicht wer Richter hier im Land. + +Julius. Doch wohl nicht Ihr? + +Thurn. Verhüt' es Gott! +Doch auch nicht jene, die des Unheils Stifter, +Als schuldig etwa selber sich gezeigt. +Wir harren eines Höhern, der schon naht. +Allein damit Ihr seht, daß Euer Wert +Als Fürst des Reiches und als Ehrenmann +Auch hier im fernen Böhmen anerkannt; +Nehmt diesen Schlüssel; ob zwar auf Bedingung: +Daß nur der Eintritt und für Ärzte nur, +Nicht auch der Austritt etwa gar für ihn +Geknüpft an diesen Bürgen seiner Haft. + +Julius. Ich dank Euch edler Graf, und bin erbötig +Zu gleichem Dienst, kommt Ihr in gleichen Fall. +Doch jetzt nehmt Euern Abschied, wenn's beliebt. +Von fern seh ich des Kaisers Majestät, +Den Ihr vertrieben aus der Burg Gemächern, +Gönnt ihm den Atem in der freien Luft. + +Thurn. Die Luft ist frei für jeden, doch die Burg +Verschließt man gern vor Untreu und Verrat. +(Er entfernt sich mit seinem Begleiter.) + +(Der Kaiser kommt, von Rumpf und einigen begleitet von der linken Seite. +Er bleibt vor einem Blumenbeete stehen.) + +Rumpf. Die Blumen sind zum guten Teil geknickt, +Das tat der böse Sturm in heut'ger Nacht. + +(Der Kaiser winkt bestätigend mit dem Kopfe.) + +Rumpf. Den Sturmwind mein ich eben, Majestät. + +(Der Kaiser hat sich nach vorn bewegt, jetzt bleibt er stehen und fährt +mit dem Stabe einige Male über den Boden.) + +Rumpf. Der Fußtritt vieler Kommenden und Geh'nden +Hat arg gehaust in dieses Gartens Wegen. +Des Gärtners Rechen gleicht es wieder aus. + +Beliebt's Euch nun den Tieren nachzusehn, +Die in den Käfigen der Füttrung harren? +Der Löwe nimmt die Nahrung nur von Euch, +Die Wärter sagen, daß gesenkten Haupts +Er leise stöhnt, wie einer der betrübt. + +(Der Kaiser hat den Herzog von Braunschweig bemerkt und hält ihm die +Hand hin.) + +Julius (auf ihn zugehend). +Mein Kaiser und mein Herr! + +(Er will ihm die Hand küssen, der Kaiser zieht sie zurück und hält sie, +als zum Handschlag, wieder hin.) + +Julius (des Kaisers Hand mit beiden fassend). +Nun denn: willkommen! +Mich freut das Wohlsein Eurer Majestät. + +(Der Kaiser lacht höhnisch.) + +Julius. Nach Wolken, sagt ein Sprichwort, kommt die Sonne, +Die Sonne aller aber ist das Recht. + +(Der Kaiser weist mit dem Stabe gen Himmel.) + +Julius. Nicht nur dort oben, auch schon, Herr, hienieden. +Denn selbst der Bösewicht will nur für sich +Als einzeln ausgenommen sein vom Recht, +Die andern wünscht er vom Gesetz gebunden, +Damit vor Räuberhand bewahrt sein Raub. +Die andern denken gleich in gleichem Falle +Und jeder Schurk' ist einzeln gegen alle; +Die Mehrheit siegt und mit ihr siegt das Recht. +Wär's anders, Herr, die Welt bestünde nicht +Und alle Bande des gemeinen Wohls +Sie wären längst gelöst von Eigennutz. +In Eurem Fall: glaubt Ihr, des Reiches Fürsten +Sie werden ruhig zusehn dem Verderben hier, +Nicht böses Beispiel für sich selbst befürchten? +Selbst Euer Volk-- + +(Ein Bürger, nachlässig bewaffnet, die Muskete auf der Schulter tritt von +der linken Seite auf, betrachtet die Anwesenden und kehrt auf einen Wink +Herzog Julius' wieder zurück. Der Kaiser fährt zusammen.) + +Rumpf. Es sind die Wachen-- +Die Leibwacht freilich nicht der Königsburg-- +Vielmehr die Bürger, die man ausgestellt, +Weil sie behaupten, daß hier vom Hradschin +Den Feind man eingelassen in die Stadt +Und weil man Tor und Pforte will verwahren. + +(Der Kaiser droht heftig mit dem Finger in die Ferne.) + +Julius. O scheltet nicht den Neffen der Euch liebt! +Erzherzog Leopold, glaubt mir o Herr, +Er fühlt das Unglück tiefer als Ihr selbst. +Er war bei mir als schon der Kampf entschieden +Und bat mich, nassen Augs, ihn zu vertreten +Ob seiner Wagnis, die der Zufall nur, +Ein mißverstandener Befehl vereitelt, +Sonst wart Ihr frei und Herr in Euerm Land. +Er geht nach Deutschland, um des Reiches Stände +Zum Schutze zu vereinen seines Herrn. +Zugleich die andern Fürsten Eures Hauses-- +(Zu Rumpf.) Ward es gemeldet schon? +(Auf eine entschuldigende Gebärde Rumpfs.) +Sie sind uns nah. +Sie kommen heut nach Prag um als Vermittler +Zu schlichten diesen unheilvollen Zwist, +Dabei auch, wie Ihr früher selbst begehrt, +Abbittend der verletzten Majestät, +Genugzutun für alles was sie selbst +In guter Meinung früherhin gesündigt. +Die Welt sie fühlt die Ordnung als Bedürfnis +Und braucht nur ihr entsetzlich Gegenteil +In voller Blöße nackt vor sich zu sehn, +Um schaudernd rückzukehren in die Bahn. + +(Der Kaiser zeigt auf die Erde, wiederholt mit dem Stabe auf den Boden +stoßend und entfernt sich dann auf Rumpf gestützt nach dem Hintergrunde. +--Ein Diener von der rechten Seite kommend, halblaut zu Herzog Julius.) + +Diener. Um Gottes willen gebt den Schlüssel, Herr! + +Julius. Was ist? + +Diener. Die Ärzte fordern Einlaß zu Don Cäsar. + +(Der Kaiser hat sich umgewendet und blickt forschend nach den Sprechenden.) + +Rumpf. Der Kaiser wünscht zu wissen was die Sache. + +Julius. Man hat Don Cäsar in den Turm gebracht, +Wo als Erkranktem, der dem Wahnsinn nahe, +Die Adern man geöffnet ihm am Arm. + +Diener. Er aber tobte an dem Eisengitter +Und rief nach einem Richter, um Gericht, +Er wolle leben nicht; bis plötzlich, jetzt nur, +Er den Verband sich von den Adern riß. +Es strömt sein Blut und die verschloßne Tür +Verwehrt den Eintritt den berufnen Ärzten. +Gibt man den Schlüssel nicht ist er verloren. + +Julius (den Schlüssel aus dem Gürtel ziehend). +Hier nimm und eil. + +(Der Kaiser winkt mit dem Finger.) + +Julius. Allein bedenkt, o Herr! + +(Da der Kaiser den Schlüssel genommen hat und sich damit entfernt, ihm +zur Seite folgend.) + +Von einem Augenblick hängt ab sein Leben, +Und nicht sein Leben nur, sein Ruf, sein Wert. +Ihm selbst und jedem andern der ihm nah, +Liegt nun daran, daß er vor seinen Richtern +Erläutre was er tat und was ihn trieb, +Daß nicht wie ein verzehrend, reißend Tier, +Daß wie ein Mensch er aus dem Leben scheide, +Wenn nicht gereinigt, doch entschuldigt mindstens. +Ihm werde Spruch und Recht. + +Der Kaiser (der auf den Stufen des Brunnens stehend, den Schlüssel +hinabgeworfen hat, mit starker Stimme). +Er ist gerichtet, +Von mir, von seinem Kaiser, seinem-- +(mit zitternder, von Weinen erstickter Stimme) +Herrn! + +(Er wankt nach der linken Seite von Rumpf unterstützt, ab.) + +Julius (auf die Stufen des Brunnens tretend und hinabsehend). +Es ist umsonst! Don Cäsar ist verloren. +Sprengt auf die Tür!--Und doch, es ziemt uns nicht +Dem Urteil vorzugreifen seines Richters.-- +O daß er doch mit gleicher Festigkeit +Das Unrecht ausgetilgt in seinem Staat, +Als er es austilgt nun in seinem Hause. +Geht nur, es ist geschehn. + +Hinder der Szene wird gerufen. Halt da! Zurück! + +Julius. Was dort? +Der Kaiser aufgehalten von den Wachen? +Legst du die Hand an ihn, an den Gesalbten? +Das soll nicht sein, so lang ich leb und atme. +Mein letztes Blut für ihn. Zurück die Hände! +Sonst zahlst du deine Frechheit mit dem Tod. + +(Er geht, die Hand am Schwert, nach der linken Seite ab.) + + + + +Verwandlung +Gemach in der Burg wie zu Anfang des dritten Aufzuges. Die nischenartige +Vertiefung rechts im Hintergrunde mit einem herabgelassenen Vorhange +bedeckt. + +Thurn und Schlick kommen, ein Arbeiter mit Schurzfell hinter ihnen. + +Thurn. Ward jeder Ausgang nach Geheiß verschlossen? +Hier ist noch eine Tür. + +Arbeiter (den Vorhang wegziehend und an einer in der Mauer befestigten +Spange zurückschlagend). +Sie ist nicht mehr. +Mit starken Bohlen hat man sie verrammelt, +Sie hält so fest nun als die feste Wand. + +Thurn. Geht immer nur und seht nach außen zu. + +(Arbeiter ab.) + +Thurn. Vor allem liegt daran, daß unser König, +Der aus sich selbst wohl Schlimmes nie begehrt, +Nicht von Verrätern heimlich weggebracht +Zur Fahne diene feindlichem Beginn. + +Schlick. Allein, mein Freund, wir ehren unsern König, +Und das geht weiter als die Absicht war. + +Thurn. Die Absicht, Freund, ist ein vorsicht'ger Reiter +Auf einem Renner feurig, der die Tat, +Den spornt er an zu hastigem Vollzug. +Hat er das Ziel erreicht, zieht er die Zügel +Und meint nun wär's genug. Allein das Tier, +Von seiner edlen Art dahingerissen +Und von dem Wurf des Laufes und der Kraft, +Es stürmt noch fort durch Feld und Busch und Korn, +Bis endlich das Gebiß die Glut besiegt. +Da kehrt man denn zurück. + +Schlick. Wenn's dann noch möglich. + +Thurn. Wenn nicht, dann nur kein Trost von Zweck und Absicht, +All was geschehn das hast du auch gewollt. +Doch nahen Tritte; wohl der Kaiser selbst, +Laß uns noch sehen nach der äußern Pforte. + +(Sie gehen durch die Türe links.) +(Der Kaiser kommt auf Rumpf gestützt, Herzog Julius geht vor ihm her.) + +Julius. Verzeiht o Herr, der Wachen Unverstand. +Der Mann, den man zur Obhut hingestellt, +Erkannt' Euch nicht. + +(Der Kaiser nickt höhnisch mit dem Kopfe.) + +Julius. Er folgte dem Befehl, +Der jedermann den Zutritt untersagte. + +(Der Kaiser erblickt den verschlossenen Eingang zum Laboratorium und +zeigt mit dem Stocke darauf hin.) + +Rumpf (den zurückgeschlagenen Vorhang herablassend). +Besorgnis wohl für Eure Sicherheit, +Man will den Eingang Unberufnen wehren. + +Rudolf. Den Eingang? Sag den Ausgang! Mir. Dem Kaiser. +Ich bin's und fühle mich als Herrn, obgleich in Haft. +Drum fort von mir du menschlich naher Schmerz, +Gib Raum dem Ingrimm der verletzten Würde. +Und weißt du wer's getan? Nicht daß mein Bruder +Die Hand erhoben wider meine Krone; +Ich hab ihn nie geliebt und er ist eitel, +Er tat nach seinem Wesen, obgleich schlimm. +(Ans Fenster tretend.) +Doch diese Stadt. Schau wie sie üppig liegt +Geziert mit Türmen und mit edlem Bau +Verschönt durch Kunst was Gott schon reich geschmückt. +Und mein Werk ist's. Hier war mein Königssitz. +Für Prag gab ich das lebensvolle Wien, +Den Sitz der Ahnen seit des Reiches Wiege. +Die heuchlerische Stille tat mir wohl +Weil selbst ich still und heimisch gern in mir. +Gehütet wie den Apfel meines Auges +Hab ich dies Land und diese arge Stadt, +Und während alle Welt ringsum in Krieg, +Lag einer blühenden Oase gleich +Es in der Wüste von Gewalt und Mord. +Doch bist du müde deiner Herrlichkeit +Und stehst in Waffen gegen deinen Freund? +Ich aber sage dir: wie eine böse Beule +Die schlimmen Säfte all des Körpers anzieht, +Zum Herde wird der Fäulnis und des Greuls, +So wird der Zündstoff dieses Kriegs zu dir, +Der lang verschonten nehmen seinen Weg, +Nachdem du ihm gewiesen deine Straßen. +In deinem Umfang kämpft er seine Schlachten, +Nach deinen Kindern richtet er sein Schwert, +Die Häupter deiner Edlen werden fallen, +Und deine Jungfraun, losgebundnen Haars, +Mit Schande zahlen ihrer Väter Schande. +Das sei dein Los und also--fluch ich dir!-- +Die du die Wohltat zahlst mit bösen Taten. + +Wo ist mein Stock? Die Kniee werden schwach, +Laßt niemand ein! ich höre Stimmen drauß, +Wer immer auch, ein Feind ist's und Verräter. + +(Die Erzherzoge Maximilian und Ferdinand erscheinen in der Türe.) + +Rumpf. Es sind die Herrn Erzherzoge. O Wonne! + +Rudolf. Ihr seid es? Bruder du? Willkommen Vetter! +Nehmt Sitz! Ihr kommt in wunderlicher Zeit. +(Er hat sich gesetzt.) +Was Neues in der Welt? Zwar stets dasselbe: +Das Alte scheidet und das Neue wird. +Kommt ihr zum Taufschmaus oder zum Begräbnis? + +Ferdinand. Eh' wir uns setzen, so erlaubt daß knieend +Abbitte wir für das Vergangne leisten, +Den Willen unterstellend für die Tat. + +(Die Erzherzoge knien.) + +Rudolf. Vom Boden auf!--Und du mein guter Bruder +Sprichst nicht? + +Max. Mir ist das Weinen näher. +Auch kniet sich's schwer mit meines Körpers Last. + +Rudolf. Vom Boden auf! Soll unser edles Haus +Vor jemand knieen als vor seinem Gott? +Ist einer tot so liegt er auf dem Grund, +Doch lebend kniet kein Mann und kein Erzherzog. + +(Die beiden sind aufgestanden.) + +Rudolf. Sollt' ich euch strenger richten als mich selbst? +Wir haben's gut gemeint, doch kam es übel. +Das macht: dem reinen Trachten eines Edlen, +Kann er's nicht selbst vollführen, er allein, +Mischt von der Leidenschaft, der bösen Selbstsucht +Der andern, die als Werkzeug ihm zur Hand, +So viel sich bei, daß, hat er nun vollbracht, +Ein Zerrbild vor ihm steht statt seiner Tat. +Ich habe viel gefehlt, ich seh es ein, +Seitdem ich aus den Nebeln, die am Gipfel, +Herabgestiegen in das tiefe Tal, +In dem das Grab liegt als die letzte Stufe. +Ich hielt die Welt für klug, sie ist es nicht. +Gemartert vom Gedanken droh'nder Zukunft, +Dacht' ich die Zeit von gleicher Furcht bewegt, +Im weisen Zögern seh'nd die einz'ge Rettung. +Allein der Mensch lebt nur im Augenblick, +Was heut ist kümmert ihn, es gibt kein morgen. +So rannten sie hinein ins tolle Werk, +Und ihr, ihr ranntet nicht, allein ihr gingt. +Ich tadl' euch nicht, ihr wart besorgt ums Ganze, +Nicht böse Selbstsucht hat euch irrgeführt. +Nur einen tadl' ich, den ich hier nicht nenne; +Den ich verachtet einst, alsdann gehaßt. +Und nun bedaure als des Jammers Erben. +Er hat nur seiner Eitelkeit gefrönt, +Und dacht' er an die Welt, so war's als Bühne, +Als Schauplatz für sein leeres Heldenspiel. + +Max (vom Stuhle aufstehend). +Gerade darum, Bruder, sind wir hier. +Es muß der böse Zwist zum Abgrund kehren, +Und Recht dir werden, der du rechtlich bist. + +Rudolf. Davon kein Wort! Der König ist dahin. +Ich geb ihn auf. Allein das Königtum +Möcht' ich der Welt erhalten, der's vonnöten. +Mein Bruder herrscht in Ungarn und in Östreich, +Er will's in Böhmen auch, nicht künftig, jetzt. +Wohlan es sei darum; denn keine Teilung +Verträgt was alle Teile eint zum Ganzen. +Ich selbst, wie einst mein Oheim, Karl der Fünfte, +Als er die Welt, wie sie nun mich, zurückstieß, +Im Kloster von Sankt Justus in Hispanien +Den Tod erwartete, so will auch ich. +Es währt nicht lang, ich fühl es wohl, denn Undank +Gräbt tiefer als des Totengräbers Spaten; +Und Kloster sei und Zelle mir dies Schloß. +Mathias herrsche denn. Er lerne fühlen, +Daß tadeln leicht und Besserwissen trüglich, +Da es mit bunten Möglichkeiten spielt; +Doch handeln schwer, als eine Wirklichkeit, +Die stimmen soll zum Kreis der Wirklichkeiten. +Er sieht dann ein, daß Satzungen der Menschen +Ein Maß des Törichten notwendig beigemischt, +Da sie für Menschen, die der Torheit Kinder. +Daß an der Uhr, in der die Feder drängt, +Das Kronrad wesentlich mit seiner Hemmung, +Damit nicht abrollt eines Zugs das Werk, +Und sie in ihrem Zögern weist die Stunde. +Ihr selbst wart um mein Herrscheramt bemüht, +Mehr fast als gut. Sorgt auch für ihn. +Allein bedenkt: der auf dem Throne sitzt, +Er ist die Fahne doch des Regiments, +Zerrissen oder ganz, verdient sie Ehrfurcht. + +Fernand, du glaubst dich stark, und bist es auch, +Vor allem wenn du meinst für Gott zu streiten. +Sei's gleicherweis auch sonst, und stark, nicht hart! +Was dir als Höchstes gilt: die Überzeugung, +Acht sie in andern auch, sie ist von Gott, +Und er wird selbst die Irrenden belehren. +Des Menschen Innres wie die Außenwelt +Hat er geteilt in Tag und dunkle Nacht. +Das Aug' ertrüge nicht beständ'ges Licht, +Da führt er an dem Horizont herauf +Die Dunkelheit mit ihrer holden Stille, +Wo die Empfindung aufwacht, das Gefühl +Und süße Schauer durch die Seele schreiten. +Doch immer Nacht, wär' schlimmer noch als nie, +Und was du weißt, weißt du durch Tag und Licht. + +Ich selber war ein Mann der Dunkelheit. +Von ihren Streitigkeiten angeekelt, +Floh ich dahin allwo die frühsten Menschen +Zuerst erkannten ihres Lebens Meister. +Vom Hügel auf zu den Gestirnen blickend +Und ihre stät'ge Wiederkehr betrachtend, +Erscholl's in ihrer Brust: es ist ein Gott +Und ewig die Gesetze seines Waltens. +Seitdem hat er sich kundig offenbart +Und übertönt die Stimmen der Natur, +Doch in der Stille klingen sie noch nach, +Und als er selbst als Mensch zu Menschen kam, +Da sandt' er einen Stern, und jene Weisen, +Sie ließen ruhen ihrer Weisheit Dünkel, +Und folgten jenem Zeichen bis zur Hütte, +Wo schon die Hirten standen und die Engel +Aus weiter Ferne: Friede, Friede sangen. +--Ist hier Musik? + +Julius. Wir hören nichts, o Herr. + +Rudolf. Nun denn, so ist's der Nachklang von der Weihnacht, +Die mir herübertönt aus ferner Zeit, +An die ich glaube und im Glauben sterbe. +--Nicht Stern, nur Gott!--Wer bist denn du, +Du flammender Komet? Nur Dunst und Nebel.-- +Nun Frieden auch mit dir, mit allen Frieden.-- +Wie hold es klingt und fort und fort und weiter!-- + +Max. Sein Geist beginnt zu schwärmen. + +Ferdinand. Laßt uns gehn! +Versöhnen was zu sühnen ist, und dann +Ihm schützend stehn zur Seite, Wächtern gleich. + +Rumpf. Ach wir empfehlen Euch den frommen Herrn. + +(Die Erzherzoge gehen.) + +Rudolf. Und einig, einig seid! Das Neue drängt. +Die alternden Geschlechter sterben aus, +Das Band gelöst, bricht es die einzelnen. + +Rumpf. Sie sind schon fort. + +Rudolf. Schon fort? Nun, um so besser! +Mir ist so leicht, so wohl. Gebt mir nur Luft! +Ich will ans Fenster. + +Rumpf. Herr, wir leiten Euch. + +Rudolf. Was fällt dir ein? Ich fühle Jugendkraft. +(Er versucht aufzustehen.) +Doch ist's der Geist nur, meine Glieder wanken. +Rückt einen Stuhl ins Fenster, ich will Luft. +(Unterstützt ans Fenster gehend, zu Herzog Julius.) +Siehst du? So lohnt die Welt für unsre Sorge. +Sie saugt uns aus und findet uns dann welk, +Indes sie prangt mit unsern besten Kräften. +(Er sitzt.) Das Fenster auf! + +Rumpf. Allein, o Herr, bedenkt! +Ihr habt der Luft Euch sorglich stets verschlossen. + +Rudolf. Nicht Kaiser bin ich mehr, ich bin ein Mensch +Und will mich laben an dem Allgemeinen. +Wie wohl, wie gut! Und unter mir die Stadt +Mit ihren Straßen, Plätzen, voll von Menschen. + +Julius. Und gabt Ihr erst den Fluch in Euerm Zorn. + +Rudolf. Tat ich's? Nun ich bereu's. Mit jedem Atemzug +Saug ich zurück ein vorschnell rasches Wort, +Ich will allein das Weh für alle tragen. +Und also segn' ich dich, verlockte Stadt, +Was Böses du getan, es sei zum Guten. + +Mein Geist verirrt sich in die Jugendzeit. +Als ich aus Spanien kam, wo ich erzogen, +Und man nun meldete, daß Deutschlands Küste +Sich nebelgleich am Horizonte zeige, +Da lief ich aufs Verdeck und offner Arme +Rief ich: mein Vaterland! Mein teures Vaterland! +--So dünkt mich nun ein Land in dem ein Vater-- +Am Rand der Ewigkeit emporzutauchen. +--Ist es denn dunkel hier?--Dort seh ich Licht +Und flügelgleich umgibt es meinen Leib. +--Aus Spanien komm ich, aus gar harter Zucht, +Und eile dir entgegen,--nicht mehr deutsches, +Nein himmlisch Vaterland.--Willst du?--Ich will! +(Er sinkt zurück.) + +Rumpf. Ruft Ärzte! Er hat öfter solchen Anfall. +Der Herzschlag geht. Nach Ärzten, Hilfe, schnell! +Und bringt ihn auf sein Bett in jene Kammer! +Ich mag nicht denken, daß es Schlimmres wäre. + +Julius (sich entfernend). +Das Schlimmste kennt kein Schlimmres, er erlitt's. +Der Kaiser starb, ob auch der Mensch genese. + +Rumpf. Er lebt, ich fühl's. Faßt ihn nur sorglich an! + +Julius (auf ihn zueilend). +Mein edler, frommer, mildgesinnter Herr! + +(Der Vorhang fällt.) + + + + +Fünfter Aufzug + +Saal in der kaiserlichen Burg zu Wien. + +Klesel steht wartend, Erzherzog Ferdinand tritt ein. + + +Ferdinand. Ist's endlich mir gegönnt, bei meinem Oheim, +Mit dem ich sprechen muß, Gehör zu finden? + +Klesel. Die Türe steht Euch offen jederzeit, +Ihr seht ihn täglich, stündlich, wenn Ihr wollt. + +Ferdinand. O ja, im Schwall des Hofs, bei Spiel, beim Tanz. +Wohl auch im Kabinett, in Eurem Beisein. + +Klesel. Er ist der Herr und ich sein Diener nur. +Befiehlt er mir zu gehen, geh ich; bleibe, +Wenn er mein Bleiben förderlich ermißt. + +Ferdinand. Nur neulich sprach ich endlich ihn allein, +Nur merkt' ich wohl aus den zerstreuten Blicken, +Die stets er warf nach der Tapetentür, +Daß jemand dort versteckt, der uns behorchte. +Und Ihr wart's, mein ich; leugnet's wenn Ihr könnt. + +Klesel. Wär' es geschehn, geschah es auf Befehl: +Gehorchen schließt das Horchen selbst nicht aus. + +Ferdinand. Wir aber wollen's länger nicht mehr dulden, +Daß sich ein Fremder eindrängt zwischen uns +Und stört die Einigkeit von unserm Hause. +War's darum daß wir uns Euch angeschlossen +Und gegen ihn den rechten güt'gen Herrn? +So daß die Röte mir der Scham noch jetzt +Indem ich spreche aufsteigt bis zur Stirne. +Da hieß es, daß ein Haupt dem Reich vonnöten, +Daß nur mit festem Tritt und sicherm Aug' +Der Ausweg sei zu finden aus den Wirren, +In denen labyrinthisch geht die Zeit, +Und wir, wir stimmten ein--wär's nie geschehn! +Doch kaum erreicht das langersehnte Ziel, +Gestillt die Gier des Herren und--des Dieners, +Wankt man auf gleichem Irrweg durch den Wald, +Und meint: sich regen sei schon weitergehn. + +Klesel. Ihr irrt; ein fester Plan beherrscht das Ganze +Und jeder Schritt führt näher an das Ziel. + +Ferdinand. Doch dieses Ziel, sag ich, es ist verderblich. +Ausgleichung heißt's, Gleichgültigkeit für jedes; +Vermengung des was Menschen ist und Gottes. +Sagt selbst ob Euer Herr-- + +Klesel. Nur meiner? + +Ferdinand. Meiner auch. +Doch einen Abstand bildet wohl was nah und nächst. +Sagt selbst: war er nicht heißer Tatendurst, +Zu zügeln kaum und kaum zurückzuhalten, +So lang die Krone lag im Reich der Hoffnung; +Und nun, bedeckt mit ihr als einem Helm +Den Szepter als ein Schwert in seiner Hand +Schläft er auf trägen Purpurkissen ein +Und bringt die Zeiten Kaiser Rudolfs wieder. +Ja schlimmer noch; denn jener war die Waage +Die beide Teile hielt im Gleichgewicht; +Ihr aber legt was Euch noch bleibt an Schwere +Der einen Schale zu, und zwar der schlechten, +Der gottverhaßten, der verderblichen. +Ist nicht halb Österreich noch protestantisch, +Mit Ketzern nicht besetzt ein jeglich Amt. +Die hohe Schule, deren Rektor Ihr, +Ertönt von Worten frecher Kirchenleugner. + +Klesel. Wir suchen Wissen bei der Wissenschaft, +Der Glaube wird gelehrt von gläub'gen Meistern. + +Ferdinand. Fluch jedem Wissen, das nicht aufwärts geht +Zu aller Wesen Herrn und einz'gem Ursprung. + +Klesel. Von oben rinnt der Quell, doch rinnt er nicht zurück, +Wo er das Licht betritt ist er schon Lauf, nicht Quelle. + +Ferdinand. Seid Ihr derselbe der, ein Kirchenfürst, +Berufen zur Verteid'gung ihrer Lehre? +Der sie verteidigt auch, o ja ich weiß, +Solang der Kirche Gold und Rang und Ansehn +Euch noch ein Lohn schien, der des Strebens wert, +Und habt, so sagt die Welt, nicht nur von Glaubensschätzen, +Auch von den Schätzen dieser ird'schen Welt +Ein Artiges gehäuft in Euern Speichern. + +Klesel. Man sieht sich vor; die Zeiten schlagen um. + +Ferdinand. So mag der einzelne vielleicht sich trösten, +Doch für den Staat gibt es kein einzelnes, +Für ihn hängt alles an derselben Kette. +Ja selbst die Mächte, die mit uns vereint, +Die gleichen Wegs mit unsern ebnen Bahnen, +Sie nehmen an der Lauheit Ärgernis +Und ziehen sich zurück. Was bleibt uns dann? +Hispanien, der Papst, das fromme Baiern. + +Klesel. Von daher also kommt's? Mein hoher Herr, +Es sorgt ein jeder doch zunächst für sich, +Der Freund ist mehr als meiner noch sein eigner. +Hispanien begehrt die Niederlande +Durch unsern Beistand und mit unserm Blut. +Der Papst ist der Kompaß, des sichre Nadel +Die Richtung anzeigt uns zum fernen Pol; +Allein die Segel stellen und das Ruder brauchen, +Das überläßt er uns; wir hoffen so. +Und endlich Baiern. Arglos frommer Herr, +So seht ihr nicht wohin sein Streben geht? +Ist Östreich erst verworren und geschwächt, +Steht nichts in Weg ihm zu der Kaiserkrone. + +Ferdinand. Der Baierfürst hegt gottesfürcht'gen Sinn, +Das Wohl der Kirche sucht er, nicht sein eignes. + +Klesel. Will einer erst die Herrschaft Gott verschaffen, +Sieht er in sich gar leicht des Herren Werkzeug +Und strebt zu herrschen, damit jener herrsche, +Auch ist der Seeleneifer und der Eigennutz +Nicht gar so unvereinbar als man glaubt. +Die Überspannung läßt zuweilen nach, +Und wie der Adler, der der Sonne nächst, +Holt er sich Kräftigung durch ird'sche Beute. +Man meint's selbst von der Kurie in Rom. + +Ferdinand. Ob Ihr nun sprecht was Euch und mir nicht ziemt, +--Ihr nennt, ich weiß es, derlei Politik-- +Doch eins tut not in allen ernsten Dingen: +Entschiedenheit; ob unser Ihr, ob nicht. + +Klesel. Was nennt Ihr unser? Ich bin meines Herrn. +Er ist mein Uns, mein Euch, mein Ich, mein Alles. +Er ist entschieden und ich bin es auch. +Doch wenn die Macht nicht einig wie der Wille, +Wer trägt die Schuld als jene, die im Dunkeln +Am Hofe selbst sich bilden zur Partei +Und die Parteiung in den Ländern nähren? +In Böhmen selbst, wo man den Majestätsbrief +Erfüllen will, getreulich, ohne Hehl, +Trifft jeder Auftrag Seiner Majestät +Auf einen heimlich widersprechenden, +Gegeben von den Nächsten seines Hauses. +Die Utraquisten wollen Kirchen baun, +Wozu sie Kaiser Rudolfs Brief berechtigt, +Man hindert sie und stellt die Arbeit ein. + +Ferdinand. Null ist der Majestätsbrief, als erzwungen. + +Klesel. Erzwungen ist zuletzt ein jeder Friede; +Der Schwächere gibt nach. Doch soll das Schwert +Nicht wüten bis zu völliger Vertilgung, +Muß Friede werden, der nur Friede ist +Wenn er gehalten wird, ob frei, ob nicht. +Sie sollen Kirchen baun, so will's ihr König. + +Ferdinand. Sagt doch vielmehr nur: Ihr. + +Klesel. Nun also: Ich, +Sofern mein Rat ein Teil von seinem Willen. +Mich hat umsonst aus meiner Niedrigkeit +Die Vorsicht nicht gestellt auf jene Stufe +Zu der sonst nur Geburt und Gunst erhebt. +Der Kirche Macht bekleidet mit dem Purpur, +Der mich den Königen zur Seite stellt. +Ich werde nicht vor Menschen feig erzittern, +Und wären's Könige--im Land der Zukunft; +Die nämlich kommen kann, nicht kommen muß. + +Ferdinand. Da wär' zu zittern denn an mir? + +Klesel. Niemand soll zittern! +Vor allem der im Recht ist und der klug. + +Ferdinand (auf die Kabinettstüre zugehend). +Da ist denn einer nur der hier entscheidet. + +Klesel (mit einer gleichen Bewegung). +Ich bin bestellt. + +Ferdinand. Und ich, ich bin berufen, +Im Sinn der Schrift. Berufen und--erwählt, +In Böhmen wenigstens als künft'ger König. + +(Ein Kämmerling erscheint in der Kabinettstüre.) + +Klesel. Sagt, daß wir warten hier, und sputet Euch! + +(Der Kämmerling geht ins Kabinett zurück) +(Klesel geht mit starken Schritten auf und nieder.) + +Ferdinand (sich entfernend). +Der Bauer steckt noch ganz in seinem Leibe +Mit des Emporgekommnen Übermut. + +(Der Kämmerling kommt zurück.) + +Ferdinand. Hat man gemeldet also? + +Kämmerling (mit einer Einlaßbewegung). +Eminenz. + +(Klesel geht mit starkem Schritt ins Kabinett.) + +Kämmerling. Entschuld'gen soll ich seine Majestät, +Hochwicht'ge Nachricht sei aus Prag gekommen, +Sie stehn zu Dienst wenn das Geschäft beendigt. + +Ferdinand. Ich bin's gewohnt den Dienern nachzustehn. +Wie ist's in Prag, vor allem mit dem Kaiser? + +Kämmerling. Ein Anfall wie er öfter schon ihn traf, +Nur stark wie nie, bedroht sein Leben, sagt man, +Doch gibt man Hoffnung noch--für dieses Mal. + +Ferdinand. Ich bete drum, denn er ist unsre Hoffnung, +Der schutzlos selber, unser einziger Schutz. + +(Kämmerling geht zurück.) + +Ferdinand. Nun denn, der Augenblick der Tat, er kam. +Stirbt Kaiser Rudolf, was wohl furchtbar nah, +Und folgt Mathias auf dem deutschen Throne, +Verdoppeln sich die furchtsamen Bedenken, +Die ihm dies Schwanken in die Brust gelegt. +Des Reiches Fürsten, ketzerisch zumeist, +Hier Sachsen, Brandenburg, die böse Pfalz, +Sie nötigen zu Schonung, schwachem Dulden +Und jene Spaltung setzt sich endlos fort, +In der Gott selbst so wie sein Wort gespalten. + +Vor allem jetzt muß dieser Priester fort, +Des schlimme Schmeichelei, gehüllt in Derbheit, +Ihn ehrlich nennt wo listig er zumeist. +Des Leichtigkeit in Schrift und Wort und Tat, +Ihn unentbehrlich macht, weil er bequem +Die Herrschaft auflöst in die Unterschrift. + +Jetzt oder nie! Seit Monden seh ich's kommen, +Und der ich Festigkeit von andern fordre, +Mir ringen Zweifel selber in der Brust. +(Aus der Tasche seines Mantels Briefe hervorziehend.) +Bin ich gewappnet nicht mit aller Vollmacht +Von Rom, von Spanien, dem kathol'schen Deutschland? +Das böse Beispiel das ich etwa gebe, +Es findet sich geheiliget im Zweck: +Der Ehre Gottes und dem Sieg der Kirche. +(Das Barett abnehmend.) +So war dem Hohenpriester wohl zu Mut +Als er den Ahab tötete im Haus des Herrn. +Er warf sich nieder vor der Bundeslade +Wie ich jetzt beugen möchte hier mein Knie +Und Gottes Wink erflehn und seine Stimme. + +Ich will noch einmal meinen Oheim sprechen, +Ihm vor die Augen legen diese Briefe, +Die alle fordern was das Heil von allen. +Dann aber rasch, denn er ist wankelmütig! +Der nächste Tag bringt einen andern Sinn +Und die Gewohnheit ist das Band der Schwäche. +(Die Türe im Hintergrunde öffnend.) +Seyfried bist du bereit? + +Seyfried Breuner (eintretend). +Ich bin's seit lange. + +Ferdinand. Nun diesmal gilt's. Besorg erst einen Wagen. + +Seyfried. Des Klesel Kutsche, die ihn hergebracht, +Hält unten noch im Hof. + +Ferdinand. Um desto besser. +Indes ich noch mit meinem Oheim spreche, +Halt ihn zurück durch irgend einen Vorwand, +Bis ich dir sage: jetzt! Dann schnell nach Kufstein. +Merk wohl, er darf zurück nicht in sein Haus, +Denn seine Schriften sind vor allem wichtig. +Er kommt. Geh nur und sieh nach deinen Leuten. + +(Seyfried ab.--Klesel kommt aus dem Kabinett.) + +Ferdinand. Darf ich nun endlich meinem Oheim nahn? + +Klesel. Er ging nur eben nach der Schloßkapelle, +Doch kehrt er wieder, ehrt ihn der Besuch. + +Ferdinand. Es ist kaum zehn, um eilf Uhr ist die Messe. + +Klesel. Die Andacht bindet sich an keine Zeit. + +Ferdinand. Nun das habt Ihr getan. Ich dank Euch drum. +Ich forderte ein Zeichen erst vom Himmel, +Ihr gebt das Zeichen selbst. Noch einmal: Dank! +Das ist der Lohn der Schlauheit, daß sie fein +Den Faden spinnt, bis er, am feinsten, bricht. +Ihr sollt nach Kufstein, Herr! + +Klesel. Nicht daß ich wüßte! +Mir ist zu reisen weder Zeit noch Lust. + +Ferdinand. Doch wenn Ihr müßt? + +Klesel (sich dem Kabinette nähernd). +Wer wagt hier zu gebieten? + +Ferdinand. Ihr habt ja selbst den Schutz von Euch entfernt. +Der König ist in seinen Zimmern nicht, +Gesendet habt Ihr ihn nach der Kapelle +Und seid gegeben nun in unsre Macht. +Der Papst will Euch in Rom; deshalb nach Kufstein, +Das annoch deutsch und auf dem Weg nach Welschland. + +Klesel. Der König ruft zurück mich Augenblicks. + +Ferdinand. Seid dessen wirklich Ihr so sicher? + +Klesel.--Nein! +Ihm hat die Herrschaft aufgedrückt die Makel, +Die sie der Kön'ge besten nur erspart: +Unsicherheit und Mangel an Entschluß. +Doch später, wenn der Samen aufgegangen, +Den man gesät in den entzweiten Landen, +Verwirrung und Empörung, ja der Krieg +In blutigroter Blüte wuchernd sprossen, +Dann wird man pilgern hin zu Kufsteins Toren, +Dann kehr ich heim in siegendem Triumph. + +Seyfried (eintretend). +Es drängt die Zeit. + +Ferdinand. Sei immer ruhig, Freund, +Er hat dafür gesorgt, daß uns sein Herr +Nicht vor der Zeit hier störe im Beginnen. +Nun aber fort! Es ziemt nicht meiner Würde +Den Schergen hier zu spielen nebst dem Richter. +Obwohl's mich freut, erquickt in meinem Sinn, +--Nicht meinetwillen, nein um Gottes wegen-- +Im Staub zu sehn den Mann, der ihm getrotzt. +Glück auf den Weg! Nach Kufstein also rasch! + +(Durch die Mitteltüre ab.) + +Klesel. Herr Seyfried, seht, ich war Euch stets ein Freund. + +Seyfried. Drum habt Ihr meiner Schwester auch verweigert +Die Pension, die ihr zu Recht gebührt. + +Klesel. Sie soll sie haben, und verlangt ihr Gold, +Nennt den Betrag bis dreißigtausend Kronen, +Nur gönnt mir Aufschub, eine Viertelstunde. +Laßt mich zu Hause ordnen noch Papiere, +Man hat so viel was nicht für jeden taugt. + +Seyfried. Ich bin vom selben Stoff wie meine Waffen: +Die Faust von Eisen und die Brust von Erz. +(Auf die Seitentüre links zeigend.) +Dort unser Weg. Verlegt Euch nicht auf Bitten. + +Klesel. Ihr mahnt mich recht. Ich habe hier geboten +Und will nicht betteln um der Bettler Gnade. +Vollführt denn die Befehle Eures Herrn, +Der sich von Eisen fühlt, wie Euer Harnisch +So oft ihn Glaubenseifer vorwärts treibt, +Doch kommt's einmal zu menschlicher Zerwürfnis +Vor jedem zittern wird, der, starken Sinns +Sich dienend aufgedrungen ihm zum Herrn. +Er wird mein Rächer sein. Ich ahn ihn schon +Und höre seine Tritte aus der Ferne. + +Ein Diener (der die Mitteltüre öffnet, anmeldend). +Herr Oberst Wallenstein. + +Klesel. Hört Ihr den Namen? + +Seyfried. Jetzt ist nicht Zeit zu sprechen. Dort hinaus! + +(Aus der Seitentüre sind Trabanten herausgetreten.) + +Klesel (zu Seyfried, der vorausgehen will). +Zurück! Mir bleibt der Vorrang, wär's in Ketten. + +(Er geht mitten durch die Trabanten ab. Seyfried folgt. Oberst +Wallenstein ist eingetreten und sieht ihnen verwundert nach. +Erzherzog Ferdinand kommt durch die Mitteltüre.) + +Ferdinand. Wir freuen uns, Herr Oberst, Euch zu sehn. +Ihr kommt aus Prag? + +Wallenstein. Auf einem Umweg, ja. + +Ferdinand. Wie steht's im Schloß? + +Wallenstein. Verwirrung aller Orten. +Man spricht von Krankheit, manche gar von Tod. + +Ferdinand. Verhüt' es Gott! + +Wallenstein. Er wird wohl etwa, denk ich. +Allein im Land bedarf es unsre Sorge, +Da ist das Unterste zuoberst, Herr. + +Ferdinand. Vielleicht das Oberste zuunterst bald. + +Wallenstein. Man hat den Bau der Kirchen eingestellt, +Die ihnen zugesagt der Majestätsbrief. + +Ferdinand. Das hat er nicht. + +Wallenstein. Nun auch gut, also nicht. +Allein sie glauben's und der Aufstand lodert +In Braunau, Pilsen, weit herum im Land. +Schon bis nach Prag erstreckt sich die Bewegung. +Der Mathes Thurn liegt dort im Hinterhalt. + +Ferdinand. Und unsre Treuen, Martiniz, Slawata, +Des Landes fromme Pfleger, dulden sie's? + +Wallenstein. Sie haben Ärgeres bereits erduldet. +Der Mathes Thurn ließ eben als ich abging, +Nach einer alten Landessitte, sagt er, +Sie aus den Fenstern werfen am Hradschin, +Im vollen Landtag und im besten Sprechen. +Doch sind sie unverletzt, seid unbesorgt. +Sie haben noch gar höflich sich entschuldigt +Weil nach dem Rang sie nicht zu liegen kamen, +Zuoberst, weil zuletzt, der Sekretär. +Betrachtet Böhmen drum als feindlich Land. + +Ferdinand. Nun um so besser denn! + +Wallenstein. Ihr seid mein Mann! +Drum eben ist Gewalt Gewalt genannt, +Weil sie entgegen tritt dem Widerstand. +Und wie im Feld der Heeresfürst gebeut, +Nicht fremde Meinung oder Tadel scheut, +So sei auch in des Landes Regiment +Ein Gott, ein Herr, ein Wollen ungetrennt. +Ich will nun noch zu Seiner Majestät. + +Ferdinand. Laßt das auf später. Setzt für jetzt Euch hin, +Schreibt die Befehle an die Garnisonen. + +Wallenstein. Das ist bereits geschehn. + +Ferdinand. Durch wen? und wann? + +Wallenstein. Da auf den Stationen als ich herritt, +Man mit den Pferden zögerte, wie's Brauch, +Benutzt' ich jede Rast und schrieb die Orders +An die entfernt gelegnen Truppen selbst, +Sie teils nach Brünn, teils her nach Wien bescheidend. +Erwartet heut noch die Dampierrschen Reiter, +Kapraras Fußvolk auch ist wohl schon nah. +Der Krieg hat Füße denn doch nur und Hände +Wenn er Geschwindigkeit mit Kraft vereint. + +Ferdinand. Und das nahmt Ihr auf Euch? + +Wallenstein. So sollt' ich nicht? + +Ferdinand. Ich dank Euch, Herr; und denk Euch wohl zu brauchen, +Wenn mich einst Gott auf diesen Thron gesetzt. +Doch will ich mich auch hüten, nehmt's nicht übel, +Daß Ihr nicht mehr mir dient, als lieb mir selbst. + +Wallenstein. Wer kann wohl sagen, meint ein altes Sprichwort: +Aus diesem Brunnen will ich niemals trinken! +Die Zeit entscheidet da, Herr--und der Durst. + +Erzherzog Ferdinand (die Mitteltüre öffnend). +Herbei wer in den Vorgemächern draußen +Und treu es meint mit Östreichs edlem Haus. + +(Mehrere treten ein.) + +Ferdinand. In Prag hat sich der Pöbel, Glaubenspöbel +Erfrecht was nimmermehr zu dulden ziemt. +Wer Christ und Edelmann ist aufgefordert +Zu ziehn mit uns für Gott und für das Recht. + +Einige. Seht uns bereit! + +Andere. Mit Gut und Blut und Leben! + +Ferdinand. Besendet Tilly, schreibt an Baierns Herzog, +Daß uns ihr Beistand sicher, wenn er not. + +Obwohl für jedes Menschenleben gern +Ich einen Teil hingäbe meines Selbst, +Will ich nicht ruhn, bis dieses böse Schlingkraut +Vertilgt in jeder Windung bis zum Kern. + +(Trompeten in der Ferne.) + +Wallenstein (ans Fenster eilend). +Das sind, weiß Gott! schon die Dampierrschen Reiter. +Die habt Ihr nun wie Würfel in der Hand. + +(König Mathias kommt aus dem Kabinette.) + +Mathias. Was sind das für Trompeten? und was soll's? + +Ferdinand. Die Truppen, Herr, die sich nach Prag bewegen, +Wo frecher Aufruhr uns die Stirne beut. + +Mathias. Die Früchte das von dem geheimen Treiben, +Das hinter unserm Rücken still bemüht. +Schickt nach dem Kardinal! +(Da die Angeredeten verlegen zurücktreten.) +Was zögert ihr? + +Ferdinand. Er ist nur eben abgereist nach Kufstein. + +Mathias. In diesem Augenblick? Ist er von Sinnen? + +Ferdinand. Gerad in diesem Augenblick, mein König. +(Auf das Kabinett zeigend.) +Gefällt's Euch hier ins Innre einzutreten, +So leg ich Euch die Gründe dienstlich vor. + +Mathias (streng). +Sprecht öffentlich, damit ich offen richte. + +Ferdinand (Schriften aus dem Mantel ziehend, halblaut). +Die Briefe hier von Baiern, Spanien, Rom, +Den einz'gen Stützen unsrer guten Sache, +Die nur auf die Entfernung dieses Manns +Den Beistand uns verheißen, den wir brauchen. +Hier Oberst Wallenstein, er kommt aus Prag +Und meldet uns, daß dort der Aufstand rege. +Die Andersgläubigen der andern Länder, +Erwarten nur das Zeichen solchen Ausbruchs, +Um zu vereinen sich zu gleichem Trotz. +Glaubt Ihr, daß wir mit unsern eignen Kräften +(auf die Schriften zeigend) +Nicht unterstützt von gleichgesinnten Mächten, +Dem Sturm gewachsen der uns rings bedroht? + +Mathias. Wär' Klesel hier er wüßte des wohl Rat. + +Ferdinand. Er ist kaum auf dem Weg. Geliebt es Euch, +So bringen Boten ihn noch heut zurück. +Allein alsdann verzeiht, wenn ich mich selbst +Vereine mit den Schreibern dieser Briefe, +Zurück mich ziehend in mein stilles Land. +(Mit gebeugtem Knie die Schriften hinhaltend.) + +Mathias (die Schriften ihm heftig aus der Hand nehmend). +Wir wollen sehn!--Herr Oberst Wallenstein +Ihr kommt von Prag. Wie steht es mit dem Kaiser? +(Mit einem Seitenblicke auf Erzherzog Ferdinand.) +Ich fühle mich nur jetzt an ihn gemahnt. + +Wallenstein. Er ward so oft im Leben totgesagt, +Daß nun auch kaum man den Gerüchten glaubt, +Die unheilkündend sich vom Schloß verbreiten. +Doch überholt' ich an der Taborbrücke +Ein Sechsgespann mit kaiserlichem Wappen +Und Herren drin in Schwarz, vielleicht in Trauer. +Hier sind sie deucht mich; hört die Antwort selbst. + +(Herzog Julius von Braunschweig und einige Hofleute, die reichverzierte +Kleinodien-Gehäuse tragen, sämtlich in Trauer, treten ein.) + +Mathias. Ich weiß genug. Es sprechen eure Kleider. +Mein Bruder tot. Wär' ich es erst nur auch. +(An der Türe des Kabinetts.) +Und niemand folge mir! Ich will allein sein. +(Er geht hinein.) + +Ferdinand. Und ist es so? + +Julius. Es ist. Ein jäher Anfall, +Der noch der Hoffnung Raum ließ, weil er öfter, +So sagen seine Diener, ihn ergriff. +Doch diesmal war's der Tod. Er ist geschieden. + +Ferdinand. O daß der Drang der Zeit mir Weile gönnte +Ihn zu beweinen wie er es verdient. +Er war ein frommer Fürst. + +Julius. Wohl, und ein Weisrer, +Als ihm die Hast der Übereilung zugibt. + +Ferdinand. Doch zeigt die Weisheit sich im Handeln meist. + +Julius. Wo nichts zu wirken ist auch nicht zu handeln +Die Zeit hilft selbst sich mehr als man ihr hilft. +Wir bringen die Insignien des Reichs, +Das einem andern nun zu Recht gehört, +Ein Erbe, der die Erbschaft schon besitzt. +Und so nun, meine Freundespflicht erfüllt, +--Er war mein Freund, ich wenigstens der seine-- +Empfehl ich dieses Land in Gottes Schutz +Und kehre rück zu meinem das mich ruft. + +Ferdinand. Vor allem noch nehmt unsers Hauses Dank, +Herr, und erlaubt, daß bis zur äußern Tür-- + +Julius (ablehnend). +Der Tod macht gleich. Wir alle müssen sterben. + +(Er geht. Seine Begleiter setzen die Kapseln mit den Insignien auf +einen rechts im Hintergrunde stehenden Tisch.--Militärmusik in der Ferne.) + +Wallenstein (ans Fenster eilend). +Das ist Kapraras Fußvolk, wie ich sagte. + +Ferdinand. Laßt diese Töne schweigen, die den Jubel +In unsers Herzens Trauer spottend mischen. +--Auch stört es etwa Seine Majestät, +Die jetzt wohl schwer von anderen Gedanken. + +(Es ist jemand auf den Balkon getreten und hat mit dem Schnupftuch ein +Zeichen gemacht. Die Musik schweigt.) + +Ferdinand. Und so im Geist der Leichenfeier folgend +Des hingeschiednen Herrn, laßt uns ihn rächen. +Zwar Rache ziemt dem echten Christen nicht, +Doch seine Feinde strafen die auch unsre; +Und strafend sie, wär's mit dem Äußersten, +Zugleich erretten von dem ew'gen Tod. +Ein kurzer Feldzug nur steht uns bevor-- + +Wallenstein (in der Menge). +Der Krieg ist gut, und währt' er dreißig Jahr. + +Ferdinand. Wer sprach? Was fällt Euch ein? Und warum dreißig? +Ist's doch als ob mit wiederholtem Schall +Das Wort von allen Wänden widertönte. +Ein kurzer Feldzug sagt' ich, und so ist's. +Was fällt Euch ein? Und warum dreißig eben? + +Wallenstein. Ei, Herr, man nennt so viel ein Menschenleben. +Und eh' nicht, die nun Männer, faßt das Grab, +Und die nun Kinder, Männer sind geworden, +Legt sich die Gärung nicht, die jetzt im Blut. + +Ferdinand. Wir achten Euch als wohlerprobten Krieger, +Als tücht'gen Führer, wohl dereinst als Feldherrn, +Doch zum Propheten seid Ihr noch zu jung. +Und wenn Ihr, wie man sagt, in Sternen lest, +So denkt an Kaiser Rudolfs traurig Wissen. + +Nun laßt uns die Befehle noch bereiten, +Daß jedem kundig wo sein wahrer Punkt. +Denn gleich der Tat ehr ich die kluge Schrift; +Die Feder schlägt oft sichrer als die Waffe. + +Musik und Lärm auf der Straße. Vivat Mathias! + +Ferdinand. Schweigt man nimmer denn? + +Ein Diener (der eingetreten ist). +Der Tod des Kaisers hat sich schon verbreitet. +Man jauchzt dem neuen Herrn. Man will ihn sehn. + +Auf der Straße. Vivat Mathias! + +Ferdinand (auf das Kabinett zeigend). +Geh denn einer hin +Und sage--Meldet Seiner Majestät +Des Volkes Wunsch und der Getreuen Bitte. + +(Der Diener geht ins Kabinett.) + +Ferdinand. Man muß die Stimmung nützen wenn sie neu. +Gealtert teilt sie gern des Alters Zweifel +Und frägt nach Gründen; endlos im Warum? + +Mathias (aus dem Kabinette). +Wird mir denn nimmer Ruh'? Was soll es noch? + +Ferdinand. Das Volk von dem Ereignis unterrichtet, +Das seinen Herrn beruft zum deutschen Thron, +Dazu die Krieger, die ins Feld sich rüsten, +Verlangen Euch zu sehn, erlauchter Herr. + +Mathias. Nun denn, nur schnell. + +Ferdinand (auf die Glastüre zeigend). +Vielleicht hier vom Balkon. + +Mathias. Geht Ihr mit mir und steht an meiner Seite, +Vielleicht erkennt das Volk dann wer sein Herr. + +(Erzherzog Ferdinand tritt mit einer ehrerbietigen Verbeugung zurück.) + +Mathias. So öffnet denn die Tür!--Und-- +(mit einer Abschiedsbewegung) +Gott befohlen! + +(Er tritt auf den Balkon. Jubelgeschrei von außen.) + +Ferdinand. Wir wollen denn nicht länger lästig fallen. +Ich selber ziehe nicht mit Euch ins Feld, +Doch will ich sorgen, daß, dieweil Ihr fern +Die Feinde tilgt mit scharfgeschliffner Waffe, +Die Gegner in dem Rücken Eures Heers, +Die heimlichen, deshalb gefährlichsten, +Gejätet und gesichtet und getilgt, +Auf daß das Land ein wohlbestellter Garten, +Ein Ährenfeld, zu Frucht dem höchsten Herrn. + +(Indem die Anwesenden sich öffnen und einen Durchgang bilden.) + +Ferdinand. Es geht in Krieg, seid froh Herr Wallenstein. + +Wallenstein. Ich bin's. + +Mehrere. Wir auch, und währt' es dreißig Jahr +--Ja wären's dreißig--Dreißig!--Um so besser. + +(Indem sie Wallenstein die Hand schütteln, alle ab.) + +Mathias (der vom Balkon zurückkommt). +Was sprechen sie von Krieg und dreißig Jahren? +Ich werd es nicht erleben. Glück genug. +Und übrall Lärm. Ich aber brauchte Stille +Tönt's doch in meinem Innern laut genug; +Und wieder öde, daß kein Widerhall +Des allgemeinen Jubels rückerklingt. +Am Ziel ist nichts mir deutlich als der Weg, +Der kein erlaubter war und kein gerechter. +(Sein Blick trifft die Reichskleinodien, er wendet die Augen ab.) +O Bruder, lebtest du und wär' ich tot! +Gekostet hab ich was mir herrlich schien, +Und das Gebein ist mir darob vertrocknet, +Entschwunden jene Träume künft'ger Taten, +Machtlos wie du wank ich der Grube zu. + +Ich will ins Freie, mich zerstreun--und doch, +Wie ein Magnet ziehts mir die Augen hin +Und täuscht mit Formen, die nicht sind, ich weiß. +Reicht denn dein Haß herüber übers Grab, +Selbst nach der Strafe noch? + +(Lärm und Musik von neuem aus der Ferne.) + +Mathias (gegen den Tisch gekehrt in einiger Entfernung niederkniend und +wiederholt die Brust schlagend). +Mea culpa, mea culpa, +Mea maxima culpa + +Von der Straße. Vivat Mathias! + +(Indem das Vivatrufen fortwährt und Mathias das Gesicht mit beiden Händen +bedeckt fällt der Vorhang.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ein Bruderzwist in Habsburg, +von Franz Grillparzer. + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Ein Bruderzwist in Habsburg, by Franz Grillparzer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BRUDERZWIST IN HABSBURG *** + +This file should be named 8964-8.txt or 8964-8.zip + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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