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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:27 -0700 |
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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Auf Der Universitat Lore + +Author: Theodor Storm + +Release Date: September, 2005 [EBook #8895] +[This file was first posted on August 21, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AUF DER UNIVERSITAT LORE *** + + + + +This Etext is in German. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Auf der Universität Lore + +Theodor Storm + + + + + + + +Ich hatte keine Schwester, welche mir den Verkehr mit Mädchen +meines Alters hätte vermitteln können; aber ich ging in die +Tanzschule. Sie wurde zweimal wöchentlich im Saale des städtischen +Rathauses gehalten, welches zugleich die Wohnung des Bürgermeisters +bildete. Mit dessen Sohn, meinem treuesten Kameraden, waren wir +acht Tänzer, sämtlich Sekundaner der Lateinischen Schule unsrer +Vaterstadt. Nur in betreff der Tänzerinnen hatte sich anfänglich +eine scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit herausgestellt; die +achte standesmäßige Dame war nicht zu beschaffen gewesen. + +Allein Fritz Bürgermeister wußte Rat. Eine frühere bei allen +Festschmäusen von der Frau Bürgermeisterin noch immer zugezogene +Köchin seiner Eltern war an einen Flickschneider verheiratet, einen +gelben hagern Menschen mit französischem Namen, der lieber im +Wirtshaus das große Wort, als auf seinem Schneidertisch die Nadel +führte. Die Leute wohnten am Ende der Stadt, dort, wo die Straße +dem Schloßgarten gegenüberliegt. Das schmale Häuschen mit der +großen Linde davor, welche das einzige neben der Tür befindliche +Fenster fast ganz beschattete, war uns wohlbekannt; wir waren oft +daran vorübergegangen, um einen Blick des hübschen Mädchens zu +erhaschen, das hinter den Reseda- und Geranientöpfen an einer +Näharbeit zu sitzen pflegte und in unsern Knabenphantasien eine +nicht unbedeutende Rolle spielte. Es war das einzige Kind des +französischen Schneiders, ein dreizehnjähriges zierliches Mädchen, +das auch in der Kleidung, trotz der geringen Mittel, von der Mutter +in großer Sauberkeit gehalten wurde. Die bräunliche Hautfarbe und +die großen dunkeln Augen bekundeten die fremdländische Abkunft +ihres Vaters; und ich entsinne mich noch, daß sie ihr schwarzes +Haar sehr tief und schlicht an den Schläfen herabgestrichen trug, +was dem ohnehin kleinen Kopfe ein besonders feines Aussehen gab. +Fritz und ich waren uns bald miteinander einig, daß Leonore +Beauregard die achte Dame werden müsse. Zwar hatten wir mit +Hindernissen zu kämpfen; denn die übrigen kleinen Fräulein und +"gnädigen" Fräulein wurden sehr seriös und einsilbig, als wir +unsern Vorschlag mitzuteilen wagten; allein die Künste ihres +Lieblingssohnes hatten die Bürgermeisterin auf unsre Seite gebracht, +und vor dem heitern und resoluten Wesen dieser wackern Frau +vermochten weder die gerümpften Näschen der kleinen Damen, noch, +was gefährlicher war, die bestimmten Einwände ihrer Mütter +standzuhalten. + +So waren wir denn eines Nachmittags unterwegs nach dem Häuschen des +französischen Schneiders.--Sonst hatte ich oft wohl bedauert, daß +meine Kameradschaft mit dem Sohne unsers Haustischlers eingegangen +war, dessen Schwester fast täglich mit der kleinen Beauregard +verkehrte; ich hatte auch wohl daran gedacht, die Bekanntschaft +wieder anzuknüpfen und mich in der Werkstatt seines Vaters in der +Schreinerei unterweisen zu lassen; denn Christoph war im übrigen +ein ehrlicher Junge und keineswegs auf den Kopf gefallen; nur daß +er auf die Schüler der Gelehrtenschule, "die Lateiner", wie er mit +einer unangenehmen Betonung sagte, einen wunderlichen Haß geworfen +hatte; auch pflegte er sich unter Beihilfe gleichgesinnter Freunde +auf dem Exerzierplatz von Zeit zu Zeit mit den Lateinern nach +Leibeskräften durchzuprügeln, ohne daß jedoch durch diese +Schlachten ein Ende des Krieges erzielt wäre. + +Nun bedurfte ich jener Vermittlung nicht; denn schon waren wir vor +dem Hause und schritten über die gelben Blätter der Linde, die der +Novembersturm herabgefegt hatte, auf die niedrige Haustür zu. Bei +dem Klingeln der Schelle kam uns Frau Beauregard aus der Küche +entgegen, und nachdem sie sich sorgsam ihre Hände an der weißen +Schürze abgetrocknet, wurden wir in das kleine Wohnstübchen +genötigt. + +Es war schwer, in dieser blonden untersetzten Frau die Mutter der +zarten dunkeln Mädchengestalt zu erkennen, die jetzt bei unserm +Eintritt von der Näharbeit aufsprang und sich dann mit einem +Ausdruck zwischen Neugier und Verlegenheit an die Schatulle lehnte. +Während Fritz unser Anliegen vorbrachte, überflog ein helles Rot +ihr Gesichtchen, und ich sah, wie ihre Augen leuchteten und größer +wurden; als aber die Mutter schwieg und nachdenklich den Kopf +schüttelte, stahl sie sich leise hinter ihrem Rücken fort und +verschwand durch eine anscheinend in die Schlafkammer führende Tür. +--Ich warf einen Blick nach dem Tische, vor dem sie bei unserm +Eintritt gesessen hatte. Zwischen Bändern und anderm Mädchenkram +standen ein Paar schmale Lastingschühchen, fertig bis auf die +Einfassung, womit, wie es schien, das Mädchen sich soeben noch +beschäftigt hatte. Die Dinger waren beunruhigend klein, und meine +Knabenphantasie ließ nicht nach, sich die Füßchen vorzustellen, die +mutmaßlich dahinein gehörten; mir war, als säh ich sie schon im +Tanze um die meinen herumwechseln, ich hatte sie bitten mögen, nur +einen Augenblick standzuhalten; aber sie waren da und waren wieder +fort und neckten mich unaufhörlich. + +Während dieser visionären Träumerei hatte die Frau Beauregard mit +meinem Freunde, dem ich, wie billig, das Wort überlassen mußte, +Gründe und Gegengründe auszutauschen begonnen, bis sich die Sache, +nachdem auch der Name der Bürgermeisterin in die Waagschale gelegt +war, mehr und mehr zu unsern Gunsten neigte. + +"Und da stehen ja schon die Tanzschuhe!" sagte Fritz. "Ist Herr +Beauregard denn auch ein Schuhmacher?" + +Die Frau schüttelte den Kopf. "Sie wissen ja wohl, Fritz, daß er, +leider Gottes, ein Tausendkünstler ist! Er mußte Ihnen doch auch +Ihre Taschenuhr im Frühjahr reparieren!--Die Schühchen hat der +dem Kinde auf Weihnachten schon im voraus gemacht." + +"Nun, Margret, und meine Mutter hat einen ganzen Koffer voll +schöner alter Kleider; da könnt Ihr neue daraus schneidern für die +Lore; es reicht jedes wenigstens ein vierteldutzendmal für sie." + +Die Alte lächelte; aber sie wurde wieder ernst. "Ich weiß +nicht", sagte sie, "es sollte nicht sein; aber wenn die Frau +Bürgermeisterin es meint!" + +Das Mädchen war indessen wieder eingetreten und hatte sich neben +die Mutter gestellt. Es entging mir nicht, daß sie ein weißes +Krägelchen umgetan hatte; auch meinte ich, die Ohrringe mit den +roten Korallenknöpfchen vorhin nicht an ihr gesehen zu haben. + +"Was meinst du, Lore?" sagte Fritz, während die Mutter noch immer +nachdenklich und unschlüssig dreinsah, "hast du Lust, mit uns zu +tanzen?" + +Sie antwortete nicht; aber sie faßte die Mutter mit beiden Händen +um den Hals und flüsterte ihr zu, während ihr Antlitz mit immer +tieferm Rot überzogen wurde. + +"Fritz", sagte die Alte, indem sie sich sanft des ungestümen +Mädchens erwehrte, "ich wollte, Sie hätten mir die Geschichte erst +allein erzählt; es wäre dann nichts daraus geworden. So habt ihr +mir nun einmal das Mädel auf den Hals gehetzt; ich weiß es schon, +sie läßt mir keine Ruh!"-- + +Wir hatten also gesiegt. "Mittwoch abend um sieben Uhr!" rief +Fritz noch im Fortgehen; dann traten wir, von Mutter und Tochter +zur Tür begleitet, aus dem Hause.--Als wir uns nach einer Weile +umblickten, stand nur noch unsre junge Freundin da; sie nickte uns +ein paarmal zu und lief dann rasch ins Haus zurück. + + +Am Tage darauf war, wie mir Fritz vertraute, die Frau Beauregard +bei seiner Mutter gewesen, hatte mit ihr eine geraume Zeit in der +Kleiderkammer gekramt und dann mit einem wohlgefüllten Päckchen das +Haus verlassen. + +Am Mittwochabend war die Tanzstunde. Ich hatte mir die lackierten +Schuhe mit Stahlschnallen und die neue Jacke erst im letzten +Augenblick von Schuster und Schneider herausgepocht und fand schon +alles versammelt, als ich in den Saal trat. Meine Kameraden +standen am Fenster um den alten Tanzmeister, der mit den Fingern +auf seiner Geige klimperte und dabei die Wünsche seiner jungen +Scholaren entgegennahm. Unsre Tänzerinnen gingen in Gruppen, die +Arme ineinander verschränkt, im Saale auf und ab. + +Leonore war nicht unter ihnen; sie stand allein unweit der Tür und +blickte finster zu den lebhaft plaudernden Mädchen hinüber, die +sich so frei und unbehindert in dem fremden vornehmen Hause zu +fühlen schienen und sich so gar nicht um sie kümmerten. + +Nichts ist selbstsüchtiger und erbarmungsloser als die Jugend. +Aber gleich nach mir war die Bürgermeisterin eingetreten. Nachdem +sie die junge Gesellschaft begrüßt und, wie Fritz sich ausdrückte, +einen ihrer Generalsblicke im Saal umhergeworfen hatte, schritt sie +auf Lore zu und nahm sie bei der Hand. "Damit die Pärchen +zueinander passen!" sagte sie zu dem Tanzmeister. "Rangieren Sie +einmal die Kavaliere!"--Dann, während dieser ihrem Auftrag Folge +leistete, wandte sie sich zu den Mädchen und begann mit ihnen +dieselbe Prozedur. Die blonde Postmeistertochter war die längste, +fast um einen Kopf höher als alle übrigen. Sie wurde uns gegenüber +an der Wand aufgestellt; dann nicht war die Sache zweifelhaft. +"Ich weiß nicht, Charlott'", sagte die Bürgermeisterin, "du oder +Lore! Ihr scheint mir ziemlich egal zu sein!" + +Die Angeredete, die Tochter des Kammerherrn und Amtmanns, +retirierte einen Schritt. "Mamsell Lore wird wohl die größere +sein", sagte sie leichthin. + +"Ei was, kleine Gnädige", rief die Mutter meines Freundes, "komm nur +heraus aus deiner Ecke und miß dich einmal mit der Mamsell Lore!" + +Und die kleine Dame mußte hervor und sich dos-à-dos mit der +Schneidertochter messen; aber--ich hatte ein scharfes Auge darauf-- +sie wußte es dennoch so zu machen, daß sie den dunkeln Kopf der +Handwerkertochter mit dem ihrigen kaum berührte. + +Das junge Fräulein war in lichte Farben gekleidet; Lenore trug ein +schwarz und rot gestreiftes Wollenkleid, um den Hals einen weißen +Florschal. Die Kleidung war fast zu dunkel; sie sah fremdartig aus; +aber es stand ihr gut. + +Die Bürgermeisterin musterte die beiden Mädchen. "Charlott'", +sagte sie, "du bist sonst immer die Meisterin gewesen; nimm dich in +acht, daß die dir nicht den Rang abläuft; sie sieht mir gerade +danach aus." + +Mir war, als säh ich bei diesen Worten die schwarzen Augen des +Mädchens blitzen. + +Nach einer Weile wurden die Paare formiert. Ich war der zweite in +der Reihe der Knaben, und Lore wurde meine Dame. Sie lächelte, als +sie ihre Hand in meine legte. "Wir wollen sie um und um tanzen!" +sagte ich.--Und wir hielten Wort. Es sollte zunächst eine +Mazurka eingeübt werden, und schon zu Ende dieser ersten Lehrstunde, +da eine Tour nicht gehen wollte, klopfte unser alter Maestro mit +dem Bogen auf den Geigendeckel: "Kleine Beauregard! Herr Philipp! +Machen Sie einmal vor!" Und während er die Melodie zugleich geigte +und sang, tanzten wir.--Es war keine Kunst, mit ihr zu tanzen, +ich glaube, es hätte niemandem mißglücken können; aber der alte +Herr rief ein begeistertes "Bravo!" nach dem andern, und die +wackere Frau Bürgermeisterin lehnte sich vor Behagen lächelnd weit +zurück in ihrem Sofa, wo sie seit Beginn des Unterrichts als +aufmerksame Zuschauerin Platz genommen hatte. + +Fräulein Charlotte war meinem Freunde Fritz als Partnerin +zugefallen, und ihr lebhaftes Wesen schien, wie ich gern bemerkte, +ihn bald seine anfängliche Begeisterung für die Schneidertochter +vergessen zu machen. Da ich die letztere aber jetzt gewissermaßen +als mein Eigentum betrachtete, so war ich eifersüchtig auf die +Schönheit und Eleganz meiner Dame, und ein verweilender Blick ihrer +tadellos gekleideten Nebenbuhlerin, dem meine Augen gefolgt waren, +hatte mich belehrt, daß die Beschützerin des schönen Mädchens +dennoch eines nicht genügend bedacht hatte. Die Handschuhe waren +zu groß für diese schmalen Hände; sie waren offenbar auch schon +gewaschen. + +Am andern Morgen, sobald ich aus der Klasse kam, ließ es mir keine +Ruhe mehr. Ich machte mich über den Schrank, worin meine blecherne +Sparbüchse aufbewahrt wurde, und grub und schüttelte so lange, bis +ich aus dem Spalt einen harten Taler neben der roten Tuchzunge +hervorgearbeitet hatte. Dann rannte ich in einen Kaufladen.-- +"Ich wollte kleine Handschuhe!" sagte ich nicht ohne Beklommenheit. + +Der Ladendiener warf einen sachverständigen Blick auf meine Hand. +"Nummer sechs!" meinte er, während er die Handschuhschachtel auf +den Tisch stellte. "Geben Sie mir Nummer fünf!" bemerkte ich +kleinlaut. + +"Nummer fünf?--Wird wohl nicht passen!" und er machte Anstalt, +die Handschuhe über meine Hand zu spannen. + +Es stieg mir siedend heiß ins Gesicht. "Sie sollen nicht für mich!" +sagte ich und bedauerte mehr als jemals den Mangel einer +Schwester, auf die ich den Handel hätte bringen können. Aber ich +war entzückt von den kleinen Handschuhen mit den weißen seidenen +Bändchen, die nun vor mir ausgebreitet lagen. Ich kaufte zwei Paar, +und bald nachdem ich den Laden verlassen, hatte ich einen Jungen +von der Straße aufgefischt. "Bring das an die Lore Beauregard", +sagte ich, "einen Gruß von der Frau Bürgermeisterin, hier wären die +Handschuhe für die Tanzstunde! Und dann bring mir Bescheid; ich +warte hier an der Ecke auf dich." + +Nach zehn Minuten war der Junge wieder da. + +"Nun?" + +"Ich hab' sie der Alten gegeben." + +"Was sagte die Alte?" + +"Es wäre zuviel; die Frau Bürgermeisterin hätte diesen Morgen ja +schon ein Paar geschickt." + +Gut! dachte ich; so merkt sie nichts. + +In der nächsten Tanzstunde trug Lore die neuen Handschuhe; ich weiß +nicht, ob die meinen oder die von der Bürgermeisterin; aber sie +lagen wie angegossen um das schlanke Handgelenk; und nun sah keine +vornehmer aus als Lore in ihrem dunkeln Kleide. + + + +Die Lehrstunden gingen nun ihren ebenen Lauf. Nachdem die Mazurka +eingeübt war, kam ein Kontertanz an die Reihe, in welchem Fritz und +Lore zusammen tanzten.--Ein Verhältnis dieser zu den andern +Mädchen wollte sich indessen nicht herausstellen, nur mit der +langen Jenni, welche die älteste und, wie ich glaube, die klügste +von ihnen war, sah ich sie ein paarmal im Gespräch zusammensitzen; +auch auf dem Heimwege, der beiden bis auf eine kleine Strecke +gemeinschaftlich war, legte Jenni wohl einmal ihren Arm auf den der +Schneidertochter. Sonst stand diese zwischen dem Tanzen meist +allein, wenn nicht der alte Lehrer mit seiner Geige einmal zu ihr +trat und ihr einen oder andern Ballettsprung aus den Zeiten seiner +Jugend vormachte, um seinen Liebling in die äußersten Feinheiten der +Kunst einzuweihen. Oft habe ich verstohlen zu ihr hinübergeblickt, +wie sie scheinbar teilnahmslos dem alten Mann zuhörte, nur mitunter +die schwarzen Augen zu ihm aufschlagend oder still und wie nur +andeutungsweise eine seiner künstlichen Figuren nachmachend. +Aber wenn wir angetreten waren und der Maestro seine Geige zu +streichen begann, wurde es anders. Zwar schien sie an nichts +weniger zu denken als an die Tritte und Wendungen des Tanzes, +es war fast, als blickten ihre Augen in entlegene Fernen; aber +während ihre Gedanken weit entrückt schienen, lächelte ihr Mund, +und ihre kleinen Füße streiften lautlos und spielend über den Boden. +--"Lore, wo bist du?" fragte ich dann wohl, während ich ihr in +der Tour die Hand reichte.--"Ich?" rief sie und strich, wie aus +Träumen auffahrend, ihr schwarzes Haar zurück, während die Wendung +des Tanzes sie mir schon wieder entführt hatte.--Noch jetzt, wenn +ich die spanische Tanzweise in Silchers ausländischen Volksmelodien +höre, kann ich immer nur an sie denken. + +Einigermaßen hinderlich--ich will es nicht leugnen--war es mir, +daß seit den Tanzstunden der französische Schneider mich mit einer +auffälligen Gunst beehrte. Wo er mir nur begegnete, auf Straßen +oder Spazierwegen, suchte er mich zu stellen und ein möglichst +lautes und langes Gespräch mit mir anzuknüpfen. Schon das erstemal +erzählte er mir, daß sein Großvater unter Louis seize Ofenheizer in +den Tuilerien gewesen war. + +"Ja, Monsieur Philipp" sagte er mit einem Seufzer und präsentierte +mir seine porzellanene Schnupftabaksdose, "so kann eine Familie +herunterkommen!--Aber meine Lore--Sie verstehen mich, Monsieur +Philipp!"--Er zog ein buntgewürfeltes Schnupftuch aus der Tasche +und trocknete sich die kleinen schwarzen Augen. "Was wollen Sie! +Ich bin ein armer Kerl, aber das Kind--sie ist mein Bijou, der +Abgott meines Herzens!" Und dabei blinzelte er und warf mir einen +so väterlichen Blick zu, als gedenke er auch mich in die +heruntergekommene Familie aufzunehmen. + +Mittlerweile kam die letzte Tanzstunde heran, die zu einem kleinen +Ball erweitert werden sollte. Die Eltern waren eingeladen, um uns +tanzen zu sehen; von den meinigen hatte indessen nur meine Mutter +zugesagt, mein Vater wurde durch seinen Beruf als Arzt und +Bezirksphysikus von jeder Geselligkeit ferngehalten. Da meine +Ungeduld, sobald der Abend anbrach, mir keine Ruhe ließ, so trat +ich schon vor der angesetzten Stunde in den Saal, in welchem heute +auf den Wandleuchtern und in den Glaskronen alle Kerzen brannten. +Als ich mich umblickte, bemerkte ich Lore ganz allein mit dem +Rücken gegen mich an einem Fenster stehend. Bei dem Geräusch der +zufallenden Tür schrak sie sichtlich zusammen, während sie mit Hast +bemüht schien, einen goldenen Schmuck von ihrer Hand zu streifen. +Als ich zu ihr getreten, sah ich, daß es ein Armband war, dessen +Schloß sie vergeblich zu öffnen sich bemühte. + +"So laß es doch sitzen, Lore!" sagte ich. + +"Es gehört nicht mein!" antwortete sie verlegen, "Jenni hat es hier +vergessen." + +Die feine Blumenrosette von mattem venezianischem Golde lag so +schimmernd auf dem braunen schlanken Handgelenk. + +"Es sollte bleiben, wo es ist", sagte ich leise. + +Lore schüttelte traurig den Kopf, und ihre Finger begannen aufs +neue an dem Schloß zu nesteln. + +"Komm", sagte ich, "es geht ja nicht; ich will dir helfen!"--Ich +fühlte die leichte Last ihrer schmalen Hand in der meinen; ich +zögerte, meine Augen waren wie verzaubert. + +"Oh, bitte, geschwind!" bat sie. Mit niedergeschlagenen Augen, wie +mit Blut übergossen stand das Mädchen vor mir. + +Endlich sprang das Schloß auf, und Lore legte den goldenen Schmuck +schweigend zwischen die Blumentöpfe auf die Fensterbank. + +Gleich darauf füllte sich der Saal. Auch Frau Beauregard hatte es sich +nicht nehmen lassen, wenigstens als Aufwärterin an dem Ehrenfeste ihres +Kindes teilzunehmen. In einer frisch gestärkten Haube, bald mit +Kuchenkörben, bald mit einem großen Präsentierteller beladen, ging +sie zwischen den Gästen ab und zu.--Endlich begannen die Musikanten +anzustreichen, deren heute vier an einem Tische saßen. Der alte +Tanzmeister klopfte auf den Geigendeckel, und Lore reichte mir die +Hand zur Mazurka.--Und, oh, wie tanzten wir! Wie sicher lag sie in +meinem Arm, mit welcher Verachtung stampften die kleinen Füße den +Boden! Auch mich riß es hin, als wenn ich von den Rhythmen der Musik +getragen würde. Es war wie eine schmerzliche Leidenschaft; denn wir +tanzten heute, vielleicht auf immer, zum letztenmal zusammen. + +Erst jetzt hatte ich bemerkt, daß Lore ein Kleid von leichtem +hellgeblümtem Wollstoff trug. Es war wie das vorige augenscheinlich +aus der Garderobe ihrer Gönnerin hervorgegangen; denn auf der +breiten Brust und bei den etwas kupferigen Wangen der Frau +Bürgermeisterin hatten diese farbigen Rosenbuketten im letzten +Winter eine Art von komischer Berühmtheit erlangt; nun aber kam das +zarte Muster zu seiner Geltung; dem frischen braunen Mädchenantlitz +stand es wunderhübsch. + +Die Mazurka war getanzt; Lore ließ wieder ihr dunkles Köpfchen und +die schlanken Arme sinken, und ich führte sie an ihren Platz.-- +Fritz und Charlotte, die ebenfalls abgetreten waren, saßen dicht +daneben. In demselben Augenblick kam auch Frau Beauregard mit Tee +und Kuchen; sie sprach nicht zu ihrer Tochter, sie warf nur einen +lächelnden stolzen Blick auf sie, als sie nach der vornehmen Dame +auch ihr präsentieren durfte. Die kleine Gnädige hatte schon eine +Weile beide mit der ihr eigentümlichen Lässigkeit gemustert. "Ihre +Tochter ist ja heute sehr schön, Frau Beauregard!" sagte sie, +während sie den Zucker in die Tasse fallen ließ. + +Die geschmeichelte Frau neigte sich verbindlich. "Gnädiges +Fräulein, Frau Bürgermeisterin haben auch ausgeholfen." + +"Ach!--Darum auch!--Die Rosenbuketts!"--Und sie ließ einen +langen Blick über Lenore hingleiten. Diese wollte ihr erwidern, +aber ihre Augen verdunkelten sich; ich sah, wie ein paar Tränen ihr +über die Wangen herabfielen. + +Charlotte schien das nicht zu bemerken; ihre Aufmerksamkeit hatte +sich nach der offenstehenden Tür gerichtet, wo ich zu meinem +Schrecken unter den Köpfen der zuschauenden Dienstboten das gelbe +Gesicht des französischen Schneiders auftauchen sah. Er schien +ganz à son aise, drehte die Porzellandose in der Hand und blickte +mit seinen schwarzen Augen freudestrahlend in den Saal hinein. + +"Ist das Ihr Vater, Mamsell Lore?" fragte Charlotte, indem sie mit +dem Finger nach der Tür wies. + +Lenore blickte hin und fuhr zusammen. "Mutter!" rief sie und faßte +wie unwillkürlich den Arm der noch vor uns beschäftigten Frau. + +Frau Beauregard, als nun auch sie ihren lebhaft gestikulierenden +Eheherrn bemerkte, schien von dessen Anwesenheit keineswegs erbaut; +aber sie nahm sich zusammen. "Er kommt aus der Herberge", sagte +sie, "er will dich einmal tanzen sehen." + +Während Lore, der ich unwillkürlich folgte, sich der Tür genähert +hatte, war schon der Bürgermeister zu ihrem Vater getreten und lud +ihn ein, sich ein Glas Punsch im Saal gefallen zu lassen. Aber der +Schneider war nicht zu bewegen. "Submissester Serviteur, Herr +Bürgermeister!" sagte er, indem er mit einem Katzenbuckel noch +einen Schritt weiter retirierte. "Wenn ich mein Großvater vom Hofe +Ludwigs des Sechzehnten wäre!--So aber kenne ich meine Stellung." + +Als der Bürgermeister weggegangen, brachte Fritz ihm ein Glas an +die Tür. "Wohl bekomm's, Meister!" sagte er gutmütig. "Jetzt werd +ich mit der Lore tanzen! Die versteht's." + +Aber in demselben Augenblick war auch der Schwarm der andern Knaben +mit vollen Gläsern in der Hand herangekommen. Sie stießen mit ihm +an, machten ihm seinen Katzenbuckel nach, den er ihnen jedesmal +beim Anklingen zum besten gab, und ergingen sich in allerlei +possenhaften Komplimenten. + +Lore stand, ohne sich zu rühren, und ließ kein Auge von ihrem Vater; +aber ich hörte, wie ihre kleinen Zähne aufeinanderknirschten. + +Als die Musikanten wieder zu stimmen begannen, liefen die übrigen +Knaben in den Saal zurück. Ich stand noch mit Lore an der Tür. + +"Ah, Monsieur Philipp", rief der Schneider, während er mir die Hand +reichte, "lauter liebe, scharmante junge Herren! Aber im Vertrauen-- +Sie und die Lore, Sie und die Lore, Monsieur Philipp!" Die kleinen +schwarzen Augen richteten sich dabei mit bewundernder Zärtlichkeit +auf das Antlitz seines Kindes; wie aus unwiderstehlichem Antrieb +streckte er seinen langen Arm in den Saal hinein und zog sie an +seine Brust. "Mein Kind, mon bijou!" flüsterte er. Und das +Mädchen küßte ihn und warf ihre Arme mit leidenschaftlicher, +schmerzlicher Zärtlichkeit um seinen Hals, während ihr feines +Köpfchen an seiner Schulter ruhte. Dann aber machte sie sich +los und faßte seine Hände und sprach leise und eindringlich +zu ihm. Ich verstand ihre Worte nicht; aber ich sah ihre +Augen bittend auf die seinen gerichtet und ihre kleine Hand, +die mitunter, als wolle sie ihm ein Leid vergüten, zittern über +seine hagern Wangen hinstrich. Zuerst schüttelte er lächelnd und +wie ungläubig den Kopf; allmählich aber verschwand aus seinen Augen +die freudestrahlende Sicherheit, womit er bisher seinen Platz +behauptet hatte. "Ich weiß, ich weiß", murmelte er, "du liebst +deinen armen alten Vater!" Und als nun die Musik zum Kontertanz +begann, drückte er seiner Tochter die Hand und ging stumm und ohne +auch nur einen Blick noch in den Saal hineinzuwerfen, den langen +Hausflur hinab. + +In diesem Augenblick kam Fritz und holte seine Dame.--Sie tanzte +mit der gewohnten Sicherheit; nur war es nicht die sonstige +sorglose Träumerei, als vielmehr eine graziöse Feierlichkeit, womit +sie die Touren dieses Tanzes ausführte. Mitunter in den Pausen +blickte sie wie versteinert vor sich hin, während sie mit beiden +Händen ihr glänzend schwarzes Haar an den Schläfen zurückstrich. +Die Scherze ihres Tänzers schienen ungehört ihrem Ohr vorbeizugehen. + +Mit dem Kontertanz waren unsre einstudierten Tänze zu Ende; aber +nicht unsre Tanzlust. Wir hatten noch Walzer, Schottisch und +Galoppaden auf unserm Zettel; sogar einen Kotillon, wozu ich in +Gedanken an Lore einen ausgesuchten Beitrag an Schleifen und +frischen Blumen geliefert hatte. + +Aber Lore war nicht mehr im Saal. Die andern Mädchen standen bei +ihren Müttern und ließen sich von ihnen die verschobenen Schärpen +und Haarbänder zurechtzupfen. Frau Beauregard kam eben mit neuen +Erfrischungen zur Tür herein; sie hatte ihre Tochter nicht gesehen. +Nun suchte ich Fritz. Er stand in der Ecke am Musikantentisch und +füllte die leeren Gläser wieder. "Wo ist Lore?" fragte ich. + +"Ich weiß nicht", erwiderte er verdrießlich; "sie war verdammt +einsilbig, mir hat sie's nicht verraten." + +Ich zog ihn mit auf den Flur hinaus. Als wir an die Kammer kamen, +worin die Gesellschaft ihre Mäntel abgelegt hatte, trat sie uns +entgegen; sie hatte ihr Mäntelchen umgetan und ihr schwarzes +Seidenkäppchen auf dem Kopf. "Lore!" rief ich und suchte ihre Hand +zu fassen; aber sie entzog sie mir und ging an uns vorbei. + +"Laß!" sagte sie kurz. "Ich will nach Haus!" + +Einen Augenblick später hatte sie die schwere, nach der Straße +führende Tür aufgerissen und sprang draußen an dem Eisengeländer +die Steintreppe hinab, und als auch Fritz neben mir draußen auf den +Fliesen stand, war sie schon weit drunten in der Straße, daß wir in +der Dunkelheit ihre leichte flüchtige Gestalt nur kaum noch zu +erkennen vermochten. + +"Laß sie!" sagte Fritz. "Oder hast du Lust auf die Wilde-Gans- +Jagd?" + +Ich hatte zwar die Lust; ich wußte aber nicht recht, wie und es mit +Fug beginnen sollte.--So kehrten wir denn in den Saal zurück. +Frau Beauregard ging nach ihrer Wohnung; aber sie kehrte +unverichtetersache wieder. Der Lore sei unwohl geworden, sagte sie; +sie liege schon im Bett, der Vater sitze bei ihr. + +Mir war nun der Rest des Abends verdorben; und als der Kotillon +beginnen sollte, den ich mit Lore zu tanzen gedachte, schlich ich +mich still und trübselig nach Hause. + + +Neujahr war vorüber. Schon längst hatte ich mit der glatten +Stahlsohle meiner holländischen Schlittschuhe geliebäugelt, nicht +ohne eine kleine Verachtung gegen meine Kameraden, welche sich noch +der hergebrachten scharfkantigen Eisen zu bedienen pflegten. Aber +erst jetzt war ein dauernder Frost eingetreten. + +Es war an einem Sonntagnachmittage; über dem Mühlenteich, einem +mittelgroßen Landsee unweit der Stadt, lag ein glänzender +Eisspiegel. Die halbe Einwohnerschaft versammelte sich draußen in +der frischen Winterluft; von alt und jung, auf zweien und auf einem +Schlittschuh, sogar auf einem untergebundenen Kalbsknöchlein wurde +die edle Kunst des Eislaufs geübt.--In der Nähe des Ufers waren +Zelte aufgeschlagen, daneben auf dem Lande über flackerndem Feuer +dampften die Kessel, mit deren Hilfe allerlei wärmendes Getränk +verabreicht wurde. Hie und da sah man einen Schiebeschlitten, in +dem einen eingehüllte Mädchengestalt saß, aus dem Gewühl auf die +freie Fläche hinausschießen; aber alle hielten sich am Rande des +Sees; die Mitte mochte noch nicht geheuer scheinen. + +Ich schnallte meine Stahlschuhe unter und machte einen einsamen +Lauf an dem Ufer entlang.--Als ich zurückkehrte, fand ich fast +die ganze Gesellschaft unsrer Tanzstunde bei den Zelten versammelt; +prüfend mit vorgestreckten Händen schritten die kleinen Damen in +ihren neuen Weihnachtsmänteln über die dort bereits ziemlich +zerfahrene Eisdecke. Fritz, der schon abends zuvor seinen gelben +Schlitten mit dem geschnitzten Hirschkopfe in der Mühle eingestellt +hatte, war eben von einer Fahrt mit Fräulein Charlotte zurückgekehrt; +und schon hatte eine andre unsrer Tänzerinnen den Platz unter +der prächtigen Tigerdecke eingenommen. Der Kavalier zögerte +indessen noch und schien sich nach einem Gehilfen für den +anstrengenden Damendienst umzusehen; aber ich schwenkte zeitig ab; +denn weiterhin unter deiner Gesellschaft von Frauen und Mädchen aus +dem Handwerkerstande hatte ich Lenore Beauregard bemerkt, mit der +ich seit jenem Tanzabende nicht wieder zusammengetroffen war. +Die jungen Dirnen ließen sich, eine nach der andern, von einem +Lehrburschen unsers Haustischlers in einem leichten Schiebschlitten +fahren, den ich sofort als den meines früheren Spielgenossen +Christoph erkannte. Auch seine Schwester bemerkte ich; er selbst +war nicht dabei. Der Glanz des Eisspiegels mochte ihn weiter auf +den See hinausgelockt haben; denn er war einer der besten +Schlittschuhläufer unter den Knaben der Stadt. + +Ich schwärmte eine Zeitlang umher, unschlüssig, wie ich am +manierlichsten Lenore meine Dienste anbieten möchte; aber jedesmal, +wenn ich mich näherte, wich sie sichtlich aus und verbarg sich +zwischen den andern. Eben kam der Bursche wieder von einer Fahrt +zurück. "Lenore ist an der Reihe!" hieß es; aber Lore wollte nicht. +"Barthel muß erst einmal trinken", sagte sie und drückte dem +Jungen etwas in die Hand. + +Ich hörte dies kaum, so hatte ich auch schon meinen Plan gefaßt. +Als ginge mich alles nichts mehr an, lief ich so rasch wie möglich +nach den Zelten zu. Dicht davor wurde ich von Fritzens Mutter +angerufen. "Philipp", sagte sie neckend und mit dem Daumen nach +der Seite weisend, von wo ich hergekommen, "wenn du die Lore wieder +fangen willst--da ist sie!" + +"Freilich will ich sie fangen!" rief ich und segelte vorbei. + +"Ja, ja; aber sie will nichts mehr wissen von euch jungen Herren!" + +Ich hörte nur noch aus der Ferne. Schon stand ich vor dem großen +Weinzelte; und als auch Barthel sich bald darauf einfand, hatte ich +mit dem Opfer meiner ganzen Barschaft ein Glas Punsch und ein mit +Wurst belegtes Butterbrot für ihn in Bereitschaft. "Laß dir's +schmecken", sagte ich, indem ich beides vor ihn hinschob, "die +Mädchen machen dir das Leben gar zu sauer." + +Der Junge aß und trank mit solchem Appetit, daß ich meinen +Bestechungsversuch fortzusetzen wagte. "Wie wär es, Barthel, wenn +ich dich einmal ablöste?" + +Er wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn und kaute +ruhig weiter; nur mitunter, während ich ihm meine Verhaltungsregeln +auseinandersetzte, nickte er zum Zeichen, daß er mich verstanden habe. +Als seine Mahlzeit beendigt war, kehrte er zu seiner Gesellschaft +zurück, und bald darauf sah ich Lore, ihr schwarzseidenes +Pelzkäppchen auf dem Kopf, die Hände in ihren kleinen Muff +gesteckt, im Schlitten sitzen, und Barthel steuerte langsam +und schwerfällig am Rande des Sees dahin.--Als sie aus dem +Menschengewühl heraus waren, fuhr ich unhörbar auf meinen ebenen +Schlittschuhen hinterher. Noch ein paar Augenblicke; dann +legte meine Hand sich auf den Schlitten, und der Bursche blieb +zurück. Ich hätte aufjauchzen mögen; aber ich biß die Zähne +zusammen; und fort wie auf Flügeln schoß das leichte Gefährt über +die glänzende Eisfläche. + +"Barthel, du fliegst ja!" sagte Lore. + +Ich hielt ein wenig inne; ich fürchtete, mich verraten zu haben, +und suchte, so gut es gehen wollte, das Scharren von Barthels +rostigen Schlittschuhen nachzuahmen. Aber meine Besorgnis war +unnötig. Lore steckte ihre Hände tiefer in den Muff und lehnte +sich behaglich zurück, so daß das Pelzkäppchen fast auf meinem Arm +ruhte. "Nur immer zu, Barthel!" sagte sie. Und Barthel ließ sich +das nicht zweimal sagen. + +Schon hatten wir den Bereich der gewöhnlichen Schlittschuhläufer +hinter uns gelassen; kein Lüftchen regte sich, das weiß bereifte +Schilf, das sich weithin dem Ufer entlang zieht, glitzerte blendend +in den schräg fallenden Sonnenstrahlen. Immer weiter ging es; wenn +ich niederblickte, konnte ich die schlangenartigen Triebe des +Aalkrautes unter der durchsichtigen Glasdecke erkennen. + +Aber die Mitte des Sees lockte mich; unmerklich wandte ich den +Schlitten, und immer größer wurde der Raum, der uns vom Ufer +trennte. Schon konnte ich beim Zurückblicken nur noch kaum das +Blinken des Schilfes unterscheiden; geheimnisvoll dehnte sich die +dunkle Spiegelfläche bis zum andern, weit entfernten Ufer, kaum +erkennbar, ob eine feste tragende Eisdecke oder nur ein +regungsloses trügliches Gewässer. Endlich war die Mitte erreicht. +Jede Spur eines menschlichen Fußes hatte aufgehört; wie verloren +schwebte der Schlitten über der schwarzen Tiefe. Keine Pflanze +streckte ihr Blatt hinauf an die dünne kristallene Decke; denn der +See soll hier ins Bodenlose gehen. Nur mitunter war es mir, als +husche es dunkel unter uns dahin.--War das vielleicht der +Sargfisch, der in den untersten Gründen dieses Wassers hausen soll, +der nur heraufsteigt, wenn der See sein Opfer haben will?--Wenn +es wäre, dachte ich, wenn es bräche! Und meine Augen suchten die +dunkeln Hüllen zu durchdringen, in denen ich die liebliche Gestalt +verborgen wußte.-- + +Wieder hatte ich den Schlitten gewandt und fuhr jetzt geradeaus, +mich immer in der Mitte haltend. Vor uns, dort, wo der See seine +Ufer zu einem schmalen Strom zusammendrängt, war in der Ferne schon +die Brücke zu erkennen; wie ein Schatten stand sie in der grauen +Luft. + +"Mach zurück, Barthel! Es wird kalt!" sagte Lore. + +Ich achtete nicht darauf. Mag sie sich umblicken, dachte ich und +schob nur um so rascher vorwärts. Ich wartete jetzt fast mit +Ungeduld darauf. Aber sie schien ihre Mahnung schon vergessen zu +haben; denn sie senkte schweigend den Kopf und wickelte sich fester +in ihren Mantel.--Und weiter flog der Schlitten. Mitunter war +mir, als spürte ich unter uns eine leise Wellenbewegung, als hebe +und senke sich die dünne Kristalldecke unter der über sie +hinfliegenden Last; aber ich hatte keine Furcht, ich wußte, was man +dem jungfräulichen Eise bieten darf. + +Der kurze Winternachmittag war indessen fast zu Ende gegangen; +schon lag der Sonnenball glühend am Rande des Horizonts. Es wurde +kalt, das Eis tönte. Und jetzt, in stetem Wachsen, lief ein +donnerndes Krachen von einem Ufer zum andern über den ungeheuern, +immer dunkler werdenden Eisspiegel. + +Lore warf sich zurück und stieß einen lauten Schrei aus. + +"Erschrick nicht!" sagte ich leise, "es hat nicht Not, es kommt nur +von der Abendluft." + +Sie wandte sich um und starrte mich wie versteinert an. "Du!" rief +sie, "was willst du hier?" + +"So nach doch nicht so böse Augen!" sagte ich und suchte ihre Hand +zu fassen. + +Sie entriß sie mir. "Wo ist Barthel?" + +"Er ist zurückgeblieben; ich habe dich gefahren." + +Sie richtete sich auf. "Laß mich hinaus!" rief sie, indem ihr die +Tränen aus den Augen sprangen. + +Ich hörte nicht auf sie; ich wandte nur den Schlitten nach der +Stadt zurück. "Lore", sagte ich, "was habe ich dir getan?" + +Aber sie stieß mich mit der kleinen geballten Faust vor die Brust. +"Geh doch zu deinen feinen Damen! Ich will nichts mit euch zu tun +haben; mit dir nicht, mit keinem von euch!" + +Es war wie Wut, was mich überfiel. Ich faßte sie mit beiden Armen +und drückte sie hart auf den Sitz nieder. + +"Du bist ruhig, Lore", sagte ich, und die Stimme bebte mir, "oder +ich wende noch einmal den Schlitten und ich fahre dich in die Nacht +hinaus, unter der Brücke durch, so weit der Strom ins Land +hinausreicht; mir gleich, ob es hält oder bricht!" + +Sie hatte währenddessen, fast als beachte sie meine Worte nicht, +seitwärts über den See geblickt; aber sie blieb sitzen und ließ +sich ruhig von mir fahren. Nur fiel es mir auf, daß sie bald +darauf wiederholt und wie verstohlen nach derselben Seite +blickte. Als auch ich den Kopf dahin wandte, sah ich einen +Schlittschuhläufer in nicht gar weiter Ferne auf uns zustreben. Er +mußte bemerkt haben, was soeben vorgefallen; denn er strengte sich +augenscheinlich an, uns zu erreichen. + +Und schon hatte ich ihn erkannt; es war Christoph, mein alter +Spielkamerad, der große Feind der Lateiner. Ich wußte auch wohl, +was jetzt bevorstand; es galt nur noch, wer von uns der schnellste +sei. + +"Nur zu!" sagte Lore, indem sie ihr Pelzkäppchen zurückschob, daß +ihr schwarzes Haar sichtbar wurde. "Er kriegt dich doch!" + +Ich konnte nicht antworten; schneller als je zuvor trieb ich den +Schlitten vorwärts; aber ich keuchte, und meine Kräfte, von der +langen Fahrt geschwächt, begannen nachzulassen. Immer näher hörte +ich den Verfolger hinter mir; rastlos und schweigend war er uns auf +den Fersen; dann plötzlich hörte ich dich an meiner Seite seine +Schlittschuhe scharf im Eise hemmen, und eine schwere Hand fiel +neben der meinen auf die Lehne des Schlittens. "Halbpart, Philipp!" +rief er, indem er mit der andern an meine Brust griff. + +Ich riß seine Hand los und stieß den Schlitten fort, daß er weit +vor uns hinflog. Aber in demselben Augenblick erhielt ich einen +Faustschlag und stürzte rücklings mit dem Hinterkopf auf das Eis. +Nur undeutlich hörte ich noch das Fortschurren des Schlittens; dann +verlor ich die Besinnung. + +Ich blieb indes nicht lange in dieser Lage. Wie ich später von ihm +hörte, hatte Christoph bald darauf sich nach mir umgesehen und war, +da er mich nicht nachkommen sah, auf den Platz unsers Kampfes +zurückgekehrt. Nicht ohne große Bestürzung hatten dann beide, +nachdem Lore ausgestiegen, mich in den Schlitten gehoben.--Mir +selbst kam nur ein dunkles Gefühl von alledem; es war wie +Traumwachen. Mitunter verstand ich einzelne Worte ihres Gesprächs. +"Behalte doch deinen Mantel, Lore!" hörte ich Christoph sagen.-- +"O nein; ich brauch ihn nicht; ich laufe ja."--Und zugleich fühlte +ich, daß etwas Warmes auf mich niedersank. Der Schlitten bewegte +sich langsam vorwärts. Dann kam es wieder wie Dämmerung über mich; +immer aber war es mir, als ginge ein leises Weinen neben mir her. + +Zum völligen Bewußtsein erwachte ich erst in der Wohnstube und auf +dem Sofa des Wassermüllers, der hart am Ufer des Mühlenteichs +wohnte. Lore hatte mit ihrer Mutter, die mittlerweile auch +herausgekommen war, nach Hause gehen müssen; Christoph aber war +zurückgeblieben und hatte sich auf den Rat der Müllersfrau damit +beschäftigt, mir nasse Umschläge auf den Kopf zu legen. Als ich +die Augen aufschlug, saß er neben mir auf dem Stuhl, eine irdene +Schüssel mit Wasser zwischen den Knien. Er wollte eben das +Leintuch erneuern, aber er zog jetzt die Hand zurück und fragte +schüchtern: "Darf ich dir helfen, Philipp?" + +Ich setzte mich aufrecht und suchte meine Gedanken zu sammeln; der +Kopf schmerzte mich. "Nein", sagte ich dann, "ich brauche deine +Hilfe nicht." + +"Soll ich jemanden für dich aus der Stadt holen?" + +"Geh nur; ich werde schon allein nach Hause kommen." + +Christoph stand zögernd auf und setzte die Schüssel auf den Tisch. + +Bald darauf knarrte die Stubentür; er hatte die Klinke in der Hand; +aber er ging nicht fort. Als ich mich umwandte, sah ich die Augen +meines alten Kameraden mit dem Ausdruck der ehrlichsten Traurigkeit +auf mich gerichtet. + +Nur eine Sekunde noch war ich unschlüssig. "Christoph", sagte ich, +indem ich aufstand und ihm die Hand entgegenstreckte, "wenn du Zeit +hast, so bleibe noch ein wenig bei mir; du kannst mir deinen Arm +geben; wir gehen dann zusammen in die Stadt." + +Wie ein Blitz der Freude fuhr es über sein Gesicht. Er ergriff +meine Hand und schüttelte sie. "Es war ein schändlicher Stoß, +Philipp!" sagte er. + +Eine halbe Stunde später, da es schon völlig finster war, wanderten +wir langsam nach der Stadt zurück. + +Aber die Sache ging nicht so leicht vorüber. Ich konnte am +folgenden Morgen das Bett nicht verlassen und mußte meinen Eltern +gestehen, daß ich einen schweren Fall auf dem Eise getan habe. + +Am Abend des folgenden Tages, da ich schon fast wiederhergestellt +war, setzte meine Mutter ein Federkästchen von poliertem +Zuckerkistenholz vor mir auf den Tisch. "Der Christoph Werner hat +es gebracht", sagte sie; "er habe es selbst für dich gearbeitet." + +Ich nahm das Kästchen in die Hand. Es war zierlich gemacht, sogar +auf dem Deckel mit einer kleinen Bildschnitzerei versehen. + +"Er hat sich nach deinem Befinden erkundigt", fuhr meine Mutter +fort; "habt ihr denn draußen eure alte Freundschaft wieder neu +besiegelt?" + +"Besiegelt, Mutter?--Wie man's nehmen will", sagte ich lächelnd. + +Und nun ließ die gute Frau nicht nach, bis ich, von manchen Fragen +und zärtlichen Vorwürfen unterbrochen, ihr mein ganzes kleines +Abenteuer gebeichtet hatte.--Aber es wurde, wie sie gesagt; der +Lateiner und der Tischlerlehrling erneuerten ihre Kameradschaft, +und zweimal wöchentlich zur bestimmten Stunde ging ich von nun an +regelmäßig in die Werkstatt des alten Tischlers Werner, um unter +der Anleitung des geschickten Mannes wenigstens die Anfangsgründe +seines Handwerks zu erlernen. + + +Das ist die Drossel, die da schlägt, +Der Frühling, der mein Herz bewegt, +Ich fühle, die sich hold bezeigen, +Die Geister aus der Erde steigen; +Das Leben fließet wie ein Traum. +Mir ist wie Blume, Blatt und Baum. + +Es war Frühling geworden. Die Nachtigall zwar verkündigte ihn +nicht; denn, wenn auch mitunter eine sich zu uns verflog, die +Nordwestwinde unsrer Küste hatte sie bald wieder hinweggeweht; aber +die Drossel schlug in den Baumgängen des alten Schloßgartens, der +im Schutze der Stadt, in dem Winkel zweier Straßen lag. Dem +Haupteingange gegenüber, auf einem Rasenplatz hinter den Gärten der +großen Marktstraße, war seit gestern ein Karussell aufgeschlagen; +denn es war nicht nur Frühling, es war auch Jahrmarkt, eine ganze +Woche lang. Die Leierkastenmänner waren eingezogen und vor allem +die Harfenmädchen; die Schüler mit ihren roten Mützen streiften Arm +in Arm zwischen den aufgeschlagenen Marktbuden umher, um womöglich +einen Blick aus jungen asiatischen Augen zu erhaschen, die zu +gewöhnlichen Zeiten bei uns nicht zu finden waren.--Daß während +des Jahrmarktes die Gelehrtenschule, wie alle andern, Ferien machte, +verstand sich von selbst.--Ich hatte das vollste Gefühl dieser +Feiertage, zumal ich seit kurzem Primaner war und infolgedessen +neben meiner roten Mütze einen schwarzen Schnürenrock nach eigner +Erfindung trug. Brauchte ich nun doch auch nicht mehr wie sonst +abends an dem Treppeneingang des erleuchteten Ratskellers +stehenzubleiben, wo sich allzeit das schönste lustigste Gesindel +bei Musik und Tanz zusammenfand; ich konnte, wenn ich ja wollte, +nun selbst einmal hinabgehen und mich mit einem jener fremdartigen +Mädchen im Tanze wiegen, ohne daß irgend jemand groß danach gefragt +hätte.--Aber grade zu solchen Zeiten liebte ich es mitunter, +allein ins Feld hinauszustreifen und in dem sichern Gefühl, daß sie +da seien und daß ich sie zu jeder Stunde wieder erreichen könne, +alle diese Herrlichkeiten für eine Zeitlang hinter mir zu lassen. + +So geschah es auch heute. Unter der Beihilfe meines Vaters, der +ein leidenschaftlicher Entomologe war, hatte ich vor einigen Jahren +eine Schmetterlingssammlung angelegt und bisher mit Eifer +fortgeführt. Ich war nach Tische auf mein Zimmer gegangen und +stand vor dem einen Glaskasten, deren schon drei dort an der Wand +hingen. Die Nachmittagssonne schimmerte so verlockend auf den +blauen Flügeln der Argusfalter, auf dem Samtbraun des Trauermantels; +mich überkam die Lust, einmal wieder einen Streifzug nach dem noch +immer vergebens von mir gesuchten Brombeerfalter zu unternehmen. +Denn dieses schöne olivenbraune Sommervögelchen, welches die +stillen Waldwiesen liebt und gern auf sonnigen Gesträuchen ruht, +war in unsrer baumlosen Gegend eine Seltenheit.--Ich nahm meinen +Kescher vom Nagel; dann ging ich hinab und ließ mir von meiner +Mutter ein Weißbrötchen in die Tasche stecken und meine Feldflasche +mit Wein und Wasser füllen. So ausgerüstet, schritt ich bald über +den Karussellplatz nach dem Schloßgarten, dessen Baumgänge schon +von jungem Laube beschattet waren, und von dort weiter durch die +dem Haupteingange gegenüberliegende Pforte ins freie Feld hinaus. +Es hatte die Nacht zuvor geregnet, die Luft war lau und klar; ich +sah drüben am Rande des Horizonts auf der hohen Geest die Mühle +ihre Flügel drehen. + +Eine kurze Strecke führte noch der Weg an der Außenseite des +Schloßgartens entlang; dann wanderte ich aufs Geratewohl auf +Feldwegen oder Fußsteigen, welche quer über die Äcker führen, in +die sonnige schattenlose Landschaft hinaus. Nur selten, so weit +das Auge reichte, stand auf den Sand- und Steinwällen, womit die +Grundstücke umgeben sind, ein wilder Rosenstrauch oder ein andres +dürftiges Gebüsch; aber hier, wo in der Morgenfrühe die rauhen +Seewinde ungehindert überhin fahren, waren nur kaum die ersten +Blätter noch entfaltet. Ich schlenderte behaglich weiter; mehr die +Augen in die Ferne als nach dem gerichtet, was etwa neben mir am +Wege zwischen Gräsern und rot blühenden Nesseln gaukeln mochte. + +So war, ohne daß ich es merkte, der halbe Nachmittag dahin. Ich +hörte es von der Stadt her vier schlagen, als ich mich an dem Ufer +des Mühlenteichs ins Gras warf und mein bescheidenes Vesperbrot +verzehrte. Eine angenehme Kühlung wehte von dem Wasserspiegel auf +mich zu, der groß und dunkel zu meinen Füßen lag. Dort in der +Mitte, wo jetzt über der Tiefe die kleinen Wellen trieben, mußte +der Schlitten gestanden haben, als Lore ihren Mantel über mich +legte. Ich blickte eine ganze Weile nach dem jetzt unerreichbaren +Punkte, den meine Augen in dem Fluten des Wassers nur mit Mühe +festzuhalten vermochten.-- + +Aber ich wollte ja den Brombeerfalter fangen! Hier, wo es +weitumher kein Gebüsch, kein stilles vor dem Winde geschütztes +Fleckchen gab, war er nicht zu finden. Ich entsann mich eines +andern Ortes, an dem ich vor Jahren unter der Anführung eines +ältern Jungen einmal Vogeleier gesucht hatte. Dort waren Koppel an +Koppel die Wälle mit Hagedorn und Nußgebüsch bewachsen gewesen; an +den Dornen hatten wir hie und da eine Hummel aufgespießt gefunden, +wie dies nach der Naturgeschichte von den Neuntötern geschehen +sollte; bald hatten wir auch die Vögel selbst aus den Zäunen +fliehen sehen und ihre Nester mit den braun gesprenkelten Eiern +zwischen dem dichten Laub entdeckt. Dort, in dem heimlichen Schutz +dieser Hecken, war vielleicht auch das Reich des kleinen seltenen +Sommervogels! Das "Sietland" hatte der Junge jene Gegend genannt, +was wohl soviel wie Niederung bedeuten mochte. Aber wo war das +Sietland?--Ich wußte nur, daß wir in derselben Richtung, wie ich +heute, zur Stadt hinausgegangen waren und daß es unweit der großen +Heide gelegen, welche etwa eine Meile weit von der Stadt beginnt. + +Nach einigem Besinnen nahm ich mein Fanggerät vom Boden und machte +mich wieder auf die Wanderung. Durch einen Hohlweg, in den sich +das Ufer hier zusammendrängt, gelangte ich auf eine Höhe, von der +ich die vor mir liegende Ebene weit übersehen konnte; aber ich sah +nichts als Feld an Feld die kahlen ebenmäßigen Sandwälle, auf denen +die herbe Frühlingssonne flimmerte. Endlich, dort in der Richtung +nach einem Häuschen, wie sie am Rande der Heide zu stehen pflegen, +glaubte ich etwas wie Gebüsch zu entdecken.--Es war mindestens +noch eine halbe Stunde bis dahin, aber ich hatte heute Lust zum +Wandern und schritt rüstig drauflos. Hie und da flog ein gelber +Zitronenfalter oder ein Kreßweißling über meinen Weg, oder eine +graue Leineule kletterte an einem Grasstengel; von einem +Brombeerfalter aber war keine Spur. + +Doch ich mußte schon mehr in einer Niederung sein; denn die Luft +wurde immer stiller; auch ging ich schon eine Zeitlang zwischen +dichten Hagedornhecken. Ein paar Male, wenn sich ein Lufthauch +regte, hatte ich einen starken lieblichen Geruch verspürt, ohne daß +ich den Grund davon zu entdecken vermocht hätte; denn das Gebüsch +an meiner Seite verwehrte mir die Aussicht. Da plötzlich sprang +zur Rechten der Wall zurück, und vor mir lag ein Fleckchen +hügeligen Heidelandes. Brombeerranken und Bickbeerengesträuch +bedeckten hie und da den Boden; in der Mitte aber an einem +schwarzen Wässerchen stand vereinzelt im hellsten Sonnenglanz ein +schlanker Baum. Aus den blendend grünen Blättern, durch die er +ganz belaubt war, sprang überall eine Fülle von zarten weißen +Blütentrauben hervor; unendliches Bienengesumm klang wie Harfenton +aus seinem Wipfel. Weder in der Gärten der Stadt noch in den +entfernteren Wäldern hatte ich jemals seinesgleichen gesehen. Ich +staunte ihn an; wie ein Wunder stand er da in dieser Einsamkeit. + +Eine Strecke weiter, nur durch ein paar dürftige Ackerfelder von +mir getrennt, dehnte sich unabsehbar der braune Steppenzug der +Heide; die äußersten Linien des Horizonts zitterten in der Luft. +Kein Mensch, kein Tier war zu sehen, so weit das Auge reichte.-- +Ich legte mich neben dem Wässerchen im Schatten des schönen Baumes +in das Kraut. Ein Gefühl von süßer Heimlichkeit beschlich mich; +aus der Ferne hörte ich das sanfte träumerische Singen der +Heidelerche; über mir in den Blüten summte das Bienengetön; +zuweilen regte sich die Luft und trieb eine Wolke von Duft um mich +her; sonst war es still bis in die tiefste Ferne. Am Rande des +Wassers sah ich Schmetterlinge fliegen; aber ich achtete nicht +darauf, mein Kescher lag müßig neben mir.--Ich gedachte eines +Bildes, das ich vor kurzem gesehen hatte. In einer Gegend, weit +und unbegrenzt wie diese, stand auf seinen Stab gelehnt ein junger +Hirte, wie wir uns die Menschen nach den ersten Tagen der +Weltschöpfung zu denken gewohnt sind, ein rauhes Ziegenfell als +Schurz um seine Hüften; zu seinen Füßen saß--er sah auf sie herab-- +eine schöne Mädchengestalt; ihre großen dunkeln Augen blickten in +seliger Gelassenheit in die morgenhelle Einsamkeit hinaus.-- +"Allein auf der Welt" stand darunter.--Ich schloß die Augen; mir +war, als müsse aus dem leeren Raum dies zweite Wesen zu mir treten, +mit dem selbander jedes Bedürfnis aufhöre, alle keimende Sehnsucht +gestillt sein. "Lore!" flüsterte ich und streckte meine Arme in +die laue Luft. + +Indessen war die Sonne hinabgesunken, und vor mir leuchtete das +Abendrot über die Heide. Der Baum war stumm geworden, die Bienen +hatten ihn verlassen; es war Zeit zur Heimkehr. Meine Hand +faßte nach dem Kescher.--Aber was kümmerte mich jetzt dies +Knabenspielzeug. Ich sprang auf und hängte ihn hoch, so hoch, wie +ich vermochte, zwischen den dichtbelaubten Zweigen des Baumes auf. +Dann, das Bild der schönen Schneidertochter vor meinen trunknen +Augen, machte ich mich langsam auf den Rückweg. + +Die Dämmerung war stark hereingebrochen, als ich aus dem Portal des +Schloßgartens trat. Drüben am Karussell waren schon die Lampen +angezündet; Leierkastenmusik, Lachen und Stimmengewirr schollen zu +mir herüber; dazwischen das Klirren der Florette an den eisernen +Ringhaltern. Ich blieb stehen und blickte durch die Linden, welche +den Platz umgaben, in das bewegte Bild hinein. Das Karussell war +in vollem Gange; Sitzplätze und Pferde, alles schien besetzt, und +ringsumher drängte sich eine schaulustige Menge jedes Alters und +Geschlechts. Jetzt aber wurde die Bewegung des Karussells +langsamer, so daß ich unter den grünen Zweigen durch die einzelnen +Gestalten ziemlich bestimmt erkennen konnte. + +Unwillkürlich war ich indessen näher getreten und hatte mich bis an +den Eisendraht gedrängt, der ringsum gezogen war.--Das Mädchen +dort auf dem braunen Pferd war die Schwester meines Freundes +Christoph. Aber es kam noch eine Reiterin, eine feinere Gestalt; +sie saß seitwärts, ein wenig lässig, auf ihrem hölzernen Gaule. +Und jetzt, während sie langsam näher getragen wurde, wandte sie den +Kopf und blickte lächelnd in die Runde. Es war Lore; fast wie ein +Schrecken schlug es mir durch die Glieder. Auch sie hatte mich +erkannt; a nur eine Sekunde lang hafteten ihre Augen wie betroffen +in den meinen; dann bückte sie sich zur Seite und machte sich an +ihrem Kleide zu schaffen. Das schwere eiserne Florett, das sie in +der kleinen Faust hielt, schien nicht umsonst von ihr geführt zu +sein; denn es war fast bis an den Knopf mit Ringen angefüllt. + +Mittlerweile war der Eigentümer des Karussells herangetreten, um +für die neue Runde einzusammeln. Sie richtete sich auf und hielt +ihm ihr Florett entgegen. "Freigeritten!" sagte sie, indem sie es +umstürzte und die Ringe in die Hand des Mannes gleiten ließ. + +Er nickte und ging an den nächsten Stuhl, wo eine Anzahl Kinder +sich um die besten Plätze zankten.--Als ich von dort wieder zu +Lore hinübersah, stand Christophs Schwester neben ihr; aber sie +wandte mir den Rücken und schien mich nicht bemerkt zu haben. + +"Gehst du mit, Lore?" hörte ich sie fragen; "ich muß nach Hause." + +Lore antwortete nicht sogleich; ihre Augen streiften mit einem +unsichern Blick zu mir hinüber. Ich wagte mich nicht zu rühren; +aber meine Augen antworteten den ihren, und mir selber kaum +vernehmlich flüsterten meine Lippen: "Bleib!" + +"So sprich doch!" drängte die andre. "Es hat schon acht geschlagen. +" Lore steckte ihre Füßchen wieder in den Steigbügel, den sie hatte +fahren lassen, und die Augen auf mich gerichtet, erwiderte sie: +"Ich bleibe noch, ich hab' mich freigeritten!" Und leise setzte sie +hinzu: "Meine Mutter wollte vielleicht noch hier vorüberkommen!" + +Ich fühlte, daß das gelogen sei. Das Blut schoß mir siedend heiß +ins Gesicht, es brauste mir vor den Ohren; die kleine Lügnerin +hatte plötzlich den Schleier des Geheimnisses über uns geworfen. +Es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich eine so berauschende +Zusage erhielt; bisher hatte ich nur manchmal darüber nachgesonnen, +wie in der Welt so etwas möglich sei. + +Christophs Schwester hatte sich entfernt. Der Leierkasten begann +wieder seine Musik, die Peitsche klatschte über dem alten Gaul, und +unter dem Zuruf der Bauernburschen und--mädchen, die inzwischen die +meisten Plätze eingenommen hatten, setzte das Karussell sich wieder +in Bewegung. Lore sah nach mir zurück, sie hatte ihr Florett in +den Sattelknopf gestoßen und saß wie in sich versunken, die Hände +vor sich auf dem Schoß gefaltet. Das rote Tüchelchen an ihrem +Halse wehte in der Luft, und in immer rascherem Kreisen wurde +die leichte Gestalt an mir vorübergetragen; kaum fühlte ich +den Blitz ihres Auges in den meinen, so war sie schon fort, +und nur der Schimmer ihres hellen Kleides tauchte in der trüben +Lampenbeleuchtung noch ein paarmal flüchtig aus den immer tiefer +fallenden Schatten auf.--Plötzlich krachte etwas; die in den +Stühlen sitzenden Mädchen kreischten, und das Karussell stand. + +"Bleiben Sie sitzen, meine Herrschaften", rief der Eigentümer, +indem er mit seinem Gehilfen über die Querbalken stieg, um den +Schaden zu untersuchen. Eine Laterne wurde heruntergenommen, es +wurde geklopft und gehämmert; aber es schien sich so bald nicht +wieder fügen zu wollen. Mir wurde die Zeit lang; meine Augen +suchten vergebens nach der kleinen Reiterin. Ich drängte mich aus +der Menschenmasse heraus, in die ich eingekeilt war, und ging von +außen nach der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Als ich mich +hier mit Bitten und Gewalt bis an die Barriere durchgearbeitet +hatte, stand ich dich neben ihr. Sie war von dem Holzgaul +herabgestiegen und blickte wie suchend um sich her. + +Nach einer Weile steckte sie das Florett, das sie spielend in der +Hand gehalten, wieder in den Sattelknopf und machte Miene, +herabzuspringen. Aber während sie ihre Kleider zusammennahm, war +ich in den Kreis geschlüpft. + +"Guten Abend, Lore!" + +"Guten Abend!" sagte sie leise. + +Dann, während die Bauernburschen immer lauter ihr Eintrittsgeld +zurückforderten, faßte ich ihre Hand und zog sie mit mir hinaus ins +Freie. Aber hier war meine Verwegenheit zu Ende. Lore hatte mir +ihre Hand entzogen, und wir gingen wortlos und befangen +nebeneinander der Straße zu, an deren äußerstem Ende sich das Haus +ihrer Eltern befand.--Als wir den zur Seite liegenden Eingang des +Schloßgartens erreicht hatten, kam uns von der Straße her ein Trupp +von Menschen entgegen, an deren lauten Stimmen ich einzelne meiner +ausgelassensten Kommilitonen erkannte. Unwillkürlich blieben wir +stehen. + +"Wir wollen durch den Schloßgarten!" sagte ich. + +"Es ist so weit!" + +"Oh, es ist nicht so viel weiter!" + +Und wir gingen durch das Portal in den breiten Steig hinab, +welcher zwischen niedrigen Dornhecken zu einem Laubgange von +dichtverwachsenen Hagebuchen führte. Da hier vorne auch hinter den +Zäunen nur bebautes harmloses Gartenland lag, so verhinderte mich +die einbrechende Dunkelheit nicht, die neben mir wandelnde +Mädchengestalt zu betrachten. Mich schauerte, daß sie jetzt +wirklich in solcher Einsamkeit mir nahe war. + +Kein Mensch außer uns schien in dem alten Park zu sein; es war so +still, daß wir jeden unsrer Tritte auf dem Sande hörten. + +"Willst du mich nicht anfassen?" fragte ich. + +Sie schüttelte den Kopf. + +"Warum nicht?" + +"Nein--wenn jemand käme!" + +Wir hatten den gewölbten Buchengang erreicht. Es war sehr dunkel +hier; denn in geringer Entfernung zu beiden Seiten waren ähnliche +Laubengänge, und auf den dazwischen befindlichen Rasenflecken +lagerten undurchdringliche Schatten. Ich wußte nur noch, daß Lore +neben mit ging; denn ich hörte ihren Atem und ihren leichten +Schritt; zu sehen vermochte ich sie nicht. Wie neckend schoß es +mir durch den Kopf, daß ich am Nachmittag auf einen Sommervogel +ausgegangen war. "Nun bist doch gefangen!" sagte ich, und durch +die Dunkelheit ermutigt, ergriff ich ihre herabhängende Hand und +hielt sie fest. Sie duldete es; aber ich fühlte, wie sie zitterte, +und auch mir schlug mein Knabenherz bis in den Hals hinauf. + +So gingen wir langsam weiter. Von der Stadt her kam der gedämpfte +Ton der Drehorgeln und das noch immer fortdauernde Getöse des +Jahrmarkttreibens; vor uns am Ende der Allee in unerreichbarer +Ferne stand noch ein Stückchen goldenen Abendhimmels. Ich legte +ihre Hand in meinen Arm und faßte sie dann wieder. In diesem +Augenblick trollte vor uns etwas über den Weg; es mag ein Igel +gewesen sein, der auf die Mäusejagd ging.--Sie schrak ein wenig +zusammen und drängte sich zu mir hin, und als ich, unabsichtlich +fast, den Arm um sie legte, fühlte ich, wie ihr Köpfchen auf meine +Schulter glitt. + +Als aber dann, nur eine flüchtige Sekunde lang, ein junger Mund den +andern berührt hatte, da trieb es uns wie töricht aus den +schützenden Baumschatten ins Freie. So hatten wir bald, während +ich nur noch ihre Hand gefaßt hielt, das Ende der Allee erreicht +und traten durch eine Pforte auf einen Feldweg hinaus, der +seitwärts auf die letzten Häuser der Stadt zuführte. Wir gingen +eilig nebeneinander her, als könnten wir das Ende unsers +Beisammenseins nicht rasch genug herbeiführen. + +"Mein Vater wird mich suchen; es ist gewiß schon spät!" sagte Lore, +ohne aufzusehen. + +"Ich glaube wohl!" erwiderte ich. Und wir gingen noch eiliger als +zuvor. + +Schon standen wir am Ausgang des Weges, den letzten Häusern der +Stadt gegenüber. In dem Lichtschein, der unter der Linde aus dem +Fenster des Schneiderhäuschens fiel, sah ich unweit davon ein +Mädchen an einem Brunnen stehen. Ich durfte nicht weiter mit. Als +aber Lore den Fuß auf das Straßenpflaster hinaussetzte, war mir, +als dürfe ich sie so nicht von mir gehen lassen. + +"Lore", sagte ich beklommen, "ich wollte dir noch etwas sagen." + +Sie trat einen Schritt zurück. "Was denn?" fragte sie. + +"Warte noch eine Weile!" + +Sie wandte sich um und blieb ruhig vor mir stehen. Ich hörte, wie +sie mit den Händen über ihr Haar strich, wie sie ihr Tüchelchen +fester um den Hals knüpfte; aber ich suchte lange vergebens des +Gedankens habhaft zu werden, der wie ein dunkler Nebel vor meinen +Augen schwamm. "Lore", sagte ich endlich, "bist du noch bös mit +mir?" + +Sie blickte zu Boden und schüttelte den Kopf. + +"Willst du morgen wieder hier sein?" + +Sie zögerte einen Augenblick. "Ich darf des Abends sonst nicht +ausgehen", sagte sie dann. + +"Lore, du lügst; das ist es nicht, sag mir die Wahrheit!" + +Ich hatte ihre Hand gefaßt; aber sie entzog sie mir wieder. + +"So sprich doch, Lore!--Willst du nicht sprechen?" + +Noch eine Weile stand sie schweigend vor mir; dann schlug sie die +Augen auf und sah mich an. "Ich weiß es wohl", sagte sie leise, +"du heiratest doch einmal nur eine von den feinen Damen." + +Ich verstummte. Auf diesen Einwurf war ich nicht gefaßt; an so +ungeheure Dinge hatte ich nie gedacht und wußte nichts darauf zu +antworten. + +Und ehe ich mich dessen versah, hörte ich ein leises "Gute Nacht" +des Mädchens; und bald sah ich sie drüben in dem Schatten der +Häuser verschwinden. Ich vernahm noch das vorsichtige Aufdrücken +einer Haustür, das leise Anschlagen der Türschelle; dann wandte ich +mich und ging langsam durch den Schloßgarten zurück. + +Ohne erst zum Abendessen in die Wohnstube meiner Eltern zu gehen, +schlich ich die Treppe hinauf in meine Kammer. Wie trunken warf +ich mich in die Kissen. Nach einer Viertelstunde hörte ich die +Stubentür gehen, und durch die halb geöffneten Augenlider sah ich +meine Mutter mit einer Lampe an mein Bett treten. Sie beugte sich +über mich; aber ich schloß die Augen und träumte weiter. Trotz des +wenig verheißenden Abschieds war mir doch, als hätte meine Hand +eine volle Rosengirlande gefaßt, an welcher nun in alle Zukunft +hinein der Lebensweg entlang gehen müsse. + +So sehr ich aber an diesem Abend den Drang, allein zu sein, +empfunden, ebensosehr trieb es mich am andern Morgen unter +Menschen. Ich hatte ein neues Gefühl der Freiheit und Überlegenheit +in mir, das ich nun auch andern gegenüber empfinden wollte. +Sobald ich gefrühstückt und den etwas unbequemen Fragen meiner +Mutter notdürftig genuggetan hatte, ging ich in die Werkstatt +meines Freundes Christoph. Er war eifrig beschäftigt, kleine +Mahagonifurniere auszuwählen und zu schneiden. "Was machst denn du +da für Schönes?" fragte ich. + +"Ein Nähkästchen", sagte er, ohne aufzublicken. + +"Für Lenore Beauregard; meine Schwester will's ihr zum Geburtstag +schenken." + +Ich sah ihn von der Seite an; ein übermütiges Lächeln stieg in mir +auf. "Die Lore ist wohl dein Schatz, Christoph?" + +Der eckige Kopf des guten Jungen wurde bis unter die Stirnhaare wie +mit Blut übergossen bei dieser treulosen Frage. Er schien selbst +über seine Verlegenheit in Zorn zu geraten. "Ihr hättet sie nur +aus eurer lateinischen Tanzschule fortlassen sollen!" sagte er, +indem er mit seinem Messer grimmig in die Furnierblättchen +hineinfuhr. + +"Du bist wohl eifersüchtig, Christoph?" fragte ich. + +Aber er antwortete nicht; er brummte nur halb für sich: "Das hätte +meine Schwester sein sollen!"-- + +Dieser Triumph sollte indessen mein einzigster bleiben; denn ich +mühte mich vergebens, wieder allein mit Lore zusammenzutreffen. +Ein paarmal zwar im Laufe des Sommers begegnete sie mir an +Sonntagnachmittagen hinter den Gärten auf dem Bürgersteige; aber +Christoph und seine Schwester begleiteten sie, und der gute Junge +ging so trotzig neben ihr, als wenn er sie einer ganzen Welt von +Lateinern hätte streitig machen wollen; auch suchte sie selbst, +wenn ich ein Gespräch mit ihnen begann, augenscheinlich die andern +zum Weitergehen zu veranlassen. + +Als späterhin bei Beginn des Michaelismarktes das Karussell wieder +aufgeschlagen wurde, wagte ich noch einmal zu hoffen. Einen Abend +nach dem andern, sobald die Dämmerung anbrach, fand ich mich auf +dem Platze ein; zum großen Verdrusse meines Freundes Fritz, von dem +ich mich unter immer neuen Vorwänden loszumachen suchte. Aber +ebenso oft spähte ich vergebens unter den jungen Reiterinnen, die +sich zuweilen einfanden, die schlanke Braune zu entdecken, um +derentwillen ich allein gekommen war. Einsam wanderte ich durch +die dunklen Gänge des Schloßgartens und zehrte trübselig von der +Erinnerung eines entflohenen Glückes. + +Dies alles nahm ein plötzliches Ende, als ich zu Anfang des +Winters nach dem Willen meines Vaters die Gelehrtenschule +unsrer Heimat verließ und zu meiner weitern Ausbildung auf ein +Gymnasium des mittleren Deutschlands geschickt wurde.--Ob mein +Schmetterlingskescher noch in dem blühenden Baum am Rande der Heide +hängt?--Ich weiß es nicht; ich bin nicht wieder dort gewesen; +auch den Brombeerfalter habe ich bis auf heute noch nicht gefangen. + + +Jahre waren seitdem vergangen. + +Als ich den Zwang der klösterlichen Schulanstalt hinter mir hatte, +brachte ich zum erstenmal wieder einige Herbstwochen im elterlichen +Hause zu. Von allen meinen Kameraden fand ich nur noch Christoph +im heimatlichen Neste; die übrigen, auch Fritz, waren alle schon +ausgeflogen; ins lustige Studentenleben, aufs weite Meer hinaus, in +die dunkle Schreibstube eines Kaufmanns, oder wohin sonst Wahl und +Verhältnisse sie geführt hatten. Auch Christoph, der zum +stattlichen, etwas untersetzten jungen Mann herangewachsen war, +rüstete sich zum Abzug; er war Gesell geworden und wollte wandern. +Aber zuvor arbeiteten wir noch einmal gemeinschaftlich in der +Werkstatt seines Vaters, und ein ungeheurer Tabakskasten, der mit +mir die Universität beziehen sollte, war das Resultat unsrer +Bemühungen.--Von meiner Mutter erfuhr ich, daß die rüstige Frau +Beauregard vor Jahresfrist eines plötzlichen Todes verblichen und +ihre Tochter bald darauf nach der kleinen Landesuniversitätsstadt +zu einer alten unverheirateten Tante gezogen sei, die sie +testamentarisch zur Universalerbin ihres kleinen Vermögens +eingesetzt hatte. Das schmale Häuschen mit der Linde war nach dem +Tode der Mutter schuldenhalber verkauft worden, und der +französische Schneider hatte froh sein müssen, bei einem der andern +Meister als Gesell ein Unterkommen gefunden zu haben. Ich traf ihn +am Sonntagnachmittage in einer Ecke des Kirchhofs auf der Bank +sitzend. Seine Haut über den scharfen Backenknochen war noch +gelber geworden, und sein schwarzes Haar war stark ergraut; er +hustete, aber die Sonne schien ihm wohlzutun. "Ah, Monsieur +Philipp!" rief er, da er mich erkannte, und streckte mir zwei +Finger seiner langen knöchernen Hand entgegen, während die andern +die alte wohlbekannte Porzellandose umklammert hielten. "Damals-- +das waren andre Zeiten, Monsieur Philipp!" fuhr er seufzend fort. +"Meine Alte, sie hat sich mit ihrer Menage unter die schwarzen +Kreuze dort begeben; und das Kind, die Lore"--er schluckte ein +paarmal und nahm eine starke Prise--, "Sie werden es ja gehört +haben!--Sie wollte nicht, sie wollte ihren armen Vater nicht +allein lassen, ich mußte mit Gewalt ihre kleinen Hände von mir +losreißen; aber was hilft es denn! Das Kind mußte doch sein Glück +machen!" Er ließ den Kopf sinken und legte schlaff seine Hände auf +die Knie. "Ich werde Ihnen ihre Briefe zeigen!" begann er dann +wieder. "Sie werden sehen, Monsieur Philipp, Sie sind ja ein +Gelehrter! Die allerliebsten Buchstaben, und all die lieben guten +Worte; eine Marquise könnte es nicht besser."-- + +--So sprach er noch eine Weile fort, bis ich ihn verließ. + +Ich habe den französischen Schneider nicht wiedergesehen; denn +einige Tage darauf reiste ich ab, um zunächst auf einer +ausländischen Universität meine juristischen Studien zu beginnen, +und schon nach einem halben Jahre schrieb mir meine Mutter, der ich +diese Begegnung erzählt hatte, daß auch Monsieur Beauregard, der +Enkel des Ofenheizers vom Hofe Ludwigs des Sechzehnten, unter den +schwarzen Kreuzen eine Stelle gefunden habe. + + + +Drei Jahre später befand ich mich auf der Landesuniversität, um vor +dem Examen noch das gesetzlich vorgeschriebene Jahr hier zu +absolvieren. Fritz, mit dem ich das letzte Semester in Heidelberg +zusammen gewohnt, wollte erst im nächsten Herbst zurückkehren. +Aber mein Freund Christoph hatte die Universität bezogen; er war +erster Arbeiter in einem großen Möbelmagazin. Ich trag ihn eines +Nachmittags in einem öffentlichen Garten, wo er allein vor seinem +Seidel Lagerbier saß und, scheinbar in Sinnen verloren, den Rauch +seiner Zigarre vor sich hinblies. Sein starker blonder Backenbart +und seine feine bürgerliche Kleidung ließen mich ihn erst in +nächster Nähe erkennen. Als ich schweigend meine Hand auf seine +Schulter legte, warf er den Kopf rasch und trotzig nach mir herum; +denn, wenn ich jetzt auch keine farbige Mütze trug, so gehörte ich +doch unverkennbar genug zu den mutmaßlich noch immer nicht von ihm +geliebten Lateinern. Allein kaum hatte er mich angesehen, als auch +sogleich die freudigste Überraschung aus seinen Augen leuchtete. +"Philipp, du bist es?" sagte er, indem er mit einer fast +mädchenhaften Bescheidenheit meine dargebotene Hand nahm und sie +dann desto kräftiger drückte.--Wir sprachen lange zusammen; über +unsre Heimat, über Eltern und Altersgenossen; als ich mich dann der +verhängnisvollen Eisfahrt erinnerte, fragte ich auch nach unsrer +gemeinschaftlichen Knabenliebe. + +Lenore lebte noch im Hause ihrer Verwandten, einer alten +Schneiderin, mit der sie zum Nähen in die Häuser der vornehmen +Einwohner ging. Aber Christoph wurde bei den Antworten auf diese +Fragen immer wortkarger und suchte endlich mit einer gewissen Hast +das Gespräch auf andre Dinge zu bringen. Er schien in seinem +treuen Gemüte noch immer die Fesseln des schönen Mädchens zu +tragen, die ich mit dem Staub der Heimat schon längst von mir +abgeschüttelt zu haben glaubte. + +Ich mochte mich darin indessen irren.--Einige Zeit darauf hatte +ich mit befreundeten Damen jenseits der Meeresbucht, an welcher die +Stadt liegt, einen damals beliebten Vergnügungsort besucht. Der +Nachmittag war zu Ende, und wir gingen an den Strand hinab, um nach +einem Fahrzeug für die Heimkehr auszuschauen.--Zwei Boote, beide +schon fast besetzt, lagen zur Abfahrt bereit. Neben dem einen, das +etwa dreißig Schritte von uns entfernt sein mochte, stand an der +Seite einer ältlichen lahmen Nähterin, die ich mitunter im +Wohnzimmer meines Hauswirts gesehen hatte, eine auffallend schöne +Mädchengestalt. Sie hatte schon den Fuß auf den Rand des Bootes +gesetzt und schien im Begriff, hineinzusteigen; aber sie zögerte +plötzlich, da sie den Kopf nach uns zurückwandte. Zwei schwarze +fremdartige Augen, wie ich sie lange nicht, aber wie sich sie einst +gesehen, trafen in die meinen; ich wußte jetzt, daß es Lenore +Beauregard sei. Sie war größer geworden, und unter den braunen +Wangen schimmerte das Rot der vollsten Jungfräulichkeit; aber noch +immer war ihr in der Haltung jene graziöse Lässigkeit eigen, die +mir unbewußt, schon einst mein Knabenherz entführt hatte. Es +wallte heiß in mir auf, und ich hatte der Damen neben mir fast ganz +vergessen. Denn jene dunkeln Augen schienen mich bittend +anzublicken; ich hörte, wie die alte Nähterin ihr zusprach, wie der +Schiffer sie nicht eben in den höflichsten Worten zum Einsteigen +drängte; aber noch immer stand die schlanke Mädchengestalt +unbeweglich, wie im Traum, die Augen nach mir hingewandt. + +Schon hatte ich, wie von dunkler Naturgewalt getrieben, ein paar +Schritte nach dem Boote zu getan; aber ich bezwang mich; ich dachte +an Christoph; seine ehrlichen Augen schienen mich plötzlich +anzusehen. "Es wird nicht Platz dort für uns alle sein", sagte ich +zu den Damen. Dann gingen wir seitwärts nach dem andern Fahrzeug +am Wasser entlang.--Doch noch einmal mußte ich nach Lore +zurückblicken. Sie hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen und +stieg eben langsam über den Bord in das Innere des Bootes, das im +Gold der Abendsonne auf dem regungslosen Wasser lag. + +Bei der Heimfahrt saß ich am Steuer, wortkarg und innerlich erregt; +meine Augen mochten wohl mitunter auf dem andern in ziemlicher +Entfernung vor uns rudernden Boote ruhen, während die jungen Damen +mich vergebens in ihre Plaudereien zu ziehen suchten. + +"Aber Sie sind heute nicht zu gebrauchen!" sagte die eine; "unsre +schöne Nähterin scheint Sie stumm gemacht zu haben!" + +"Ist Lore Ihre Nähterin?" fragte ich noch halb in Gedanken. + +"Lore! Woher wissen Sie, daß sie Lore heißt?" + +"Wir sind aus einer Stadt; ich habe in der Tanzschule meine erste +Mazurka mit ihr getanzt." + +"So!--Sie soll auch jetzt noch gern mit Studenten tanzen." + +Unser Gespräch über Lore war zu Ende; aber ich wußte jetzt, weshalb +Christoph nicht hatte reden mögen. + +Dennoch sah ich ihn später im Laufe des Winters mehrmals an +öffentlichen Orten mit Lore zusammen, meistens in Gesellschaft der +lahmen Marie oder einer älteren Person, welche niemand anders als +die Erbtante sein konnte, die dem armen Schneider noch so kurz vor +seinem Ende das Kleinod seines Herzens entführt hatte. + +Eines Abends, es mochte einige Wochen nach Neujahr sein, hörte ich +von meinem Zimmer aus einen Tumult auf der Straße. Als ich das +Fenster öffnete, bemerkte ich unter dem vorbeiziehenden Haufen hie +und da rote Studentenmützen; endlich erkannte ich beim Schein der +Straßenlaterne auch einen unsrer Pedelle. + +"Was gibt's, Dose?" rief ich hinunter. + +"Holz hat's gegeben, Herr Doktor."--Dose nannte mich aus einem nur +uns beiden bekannten Grunde allezeit Herr Doktor. + +"So? Und wohl wieder auf dem Ballhaus?" fragte ich. + +"Nun, wo denn anders?" + +Das Ballhaus war ein öffentliches Tanzlokal, wo die altherkömmliche +Feindschaft zwischen Studenten und Handwerksgesellen sich zuzeiten +Luft zu machen pflegte. Es schien diesmal indessen arg geworden zu +sein; denn Dose machte andeutungsweise eine höchst kräftige +Bewegung mit der Faust. + +"Wer hat's denn gekriegt?" fragte ich noch. + +Der Alte hielt die Hand vor den Mund und flüsterte mir zu: "Es ist +auf die rechte Stelle gekommen, Herr Doktor." Ein Bekannter, der +unser Gespräch hörte, rief im Vorübergehen: "Es ist der Raugraf; +die Knoten haben ihm auf Abschlag gezahlt." + +Der sogenannte "Raugraf" war ein ebenso schöner als wüster junger +Mann, der in den Hörsälen der Professoren selten, dagegen häufig +auf der Mensur und regelmäßig auf der Kneipe zu finden war; einer +von denen, die auf Universitäten eine Rolle spielen, um dann im +späteren Leben spurlos zu verschwinden. Von den jungen Handwerkern, +denen er ihre Mädchen abspenstig machte, wurde er ebensosehr +gehaßt, wie er für die größere Anzahl der jüngern Studenten der +Gegenstand einer scheuen Bewunderung war. Nachdem er eine Reihe +andrer Universitäten besucht und, teilweise durch Relegation +gezwungen, wieder verlassen hatte, fand er für gut, auch die +unsrige zu versuchen, und bald gingen von seinem großen Wechsel und +dann von seinen noch größeren Schulden die mannigfaltigsten +Gerüchte im Schwange. Der Titel "Raugraf", den er mitbrachte, +paßte insofern für ihn, als er an die Zeiten des Faustrechts +erinnert und allerdings die Weise der alten Junker, die ja die +Schwächeren rücksichtslos für ihre Leidenschaften zu verbrauchen +pflegten, sich vollständig auf ihn vererbt zu haben schien. + +Da ich den Raugrafen weder genau kannte noch ein Interesse an +seiner Person nahm, so schloß ich das Fenster und begab mich zur +Ruhe, ohne des Vorfalles weiter zu gedenken. + +Am Nachmittage darauf sollte ich indessen aufs neue daran erinnert +werden.--Ich hatte eben meinen Kaffee getrunken und saß im Sofa +über einer Pandektenkontroverse, als an die Stubentür gepocht wurde. + +Auf mein "Herein!" trat die stattliche Gestalt meines Freundes +Christoph vorsichtig und etwas zögernd in das Zimmer. + +"Bist du allein?" fragte er. + +"Wie du siehst, Christoph." + +Er schwieg einen Augenblick. "Ich muß fort von hier, Philipp", +sagte er dann, "Noch heute abend; weit fort, an den Rhein zu meinem +Mutterbruder; er ist schwächlich und braucht einen Gesellen, der +nach dem Rechten sehen kann. Aber ich fürchte, meine Barschaft +reicht nicht für die Reise, und Fechten, das ist nicht meine Sache." + +Ich war schon an mein Pult gegangen und hatte eine kleine Geldsumme +auf den Tisch gezählt. "Reicht das, Christoph?" + +"Ich danke dir, Philipp." Und er steckte das Geld sorgsam in seine +Börse, die schon einen kleinen Schatz am Gold- und Silbermünzen +enthielt. Erst jetzt sah ich, daß er in seiner schwarzen +Sonntagskleidung vor mir stand. + +"Aber du bist ja in vollem Wichs", fragte ich; "wo bist du denn +gewesen?" + +"Nun", sagte er und rieb sich nachdenklich mit der Hand seine +breite Stirn, "ich komme eben von der Polizei!" + +"Du hast schon deinen Paß geholt?" + +"Jawohl; meinen Laufpaß." + +Ich sah ihn fragend an. + +"Es ist wegen der dummen Geschichte auf dem Ballhaus." + +Mir ging ein Licht auf. "So! Also du bist es gewesen?" sagte ich. +Daß mir das nicht sogleich eingefallen ist!" + +"Freilich bin ich dort gewesen, Philipp." + +"Lenore war wohl mit dir?" + +Er nickte. + +"Und da hast du den Raugrafen durchgeprügelt?" + +Ein Lächeln befriedigten Hasses legte sich um seinen Mund. "Sie +sagen ja, daß ich's gewesen sei", erwiderte er. + +Der alte Feind der Gymnasiasten sprach dies in solchem Tone der +Genugtuung, daß ich über den Sachverhalt nicht mehr zweifelhaft +sein konnte. + +Ich mußte laut auflachen. "So erzähl mir doch! Wie kam denn die +Geschichte?" + +"Nun, Philipp--du weißt doch, da ich mit der Lore gehe?" + +"Seid ihr denn einig miteinander?" + +"Es ist wohl so was", erwiderte er.--"Sie ist eine anstellige +Person; und nach dem Tode der alten Tante bekommt sie auch noch +eine Kleinigkeit." + +Ich sah ihn lächelnd an. "Nun, Christoph, sie ist auch sonst so +übel nicht; du hättest so überzeugend sonst auch schwerlich +zugeschlagen!" + +Er blickte einen Augenblick vor sich hin. "Ich weiß es kaum", +sagte er, "wir standen in der Reihe, Lore und ich--es geschah nur +ihr zu Gefallen, daß ich hingegangen war--, da kam der lange +blasse Kerl, der schon immer auf sie gemustert und dabei mit einem +andern getuschelt hatte, und wollte extra mit ihr tanzen." + +"War er denn unverschämt gegen deine Dame?" + +"Unverschämt?--Sein Gesicht ist unverschämt genug!" + +"Und Lore?" sagte ich, meinen Freund scharf fixierend. "Sie hätte +wohl gern mit dem schmucken Kavalier getanzt?" + +Er zog die Stirnfalten zusammen, und ich sah, wie sich eine trübe +Wolke über seinen Augen lagerte. + +"Ich weiß es nicht", sagte er leise.--"Es war nicht gut, daß ihr +das Mädchen damals in eurer Lateinischen Tanzschule den Notknecht +spielen ließet." + +Er reichte mir die Hand. "Leb wohl, Philipp", sagte er, "das Geld +schicke ich dir; sonst wirst du wohl nicht viel von mir zu hören +bekommen; aber um Jahresfrist, so Gott will, bin ich wieder hier, +oder bei uns daheim." + +Er ging.--Ich suchte vergebens mich wieder in meine +unterbrochenen Arbeiten zu vertiefen; eine unbestimmte Sorge um die +Zukunft des Jugendgespielen hatte mein Herz beschlichen. Ich wußte +nur zu wohl, was seine Worte nicht verraten sollten, daß seine +Phantasie von jenem Mädchen ganz erfüllt war und daß alle Kräfte +dieses tüchtigen Kopfes darauf hinarbeiteten, sein Leben mit dem +ihren zu vereinigen. + +Bald darauf ging ich in die Wohnung meiner Hauswirte hinab, bei +denen ich damals meinen Mittagstisch hatte. Es mochte etwas +frühzeitig sein; denn von den Hausgenossen hatte sich niemand +eingestellt; aber in der Nebenstube traf ich die kleine Nähterin, +die "lahme Marie", welche stumm und einsam inmitten einer Wolke +weißer Stoffe mit der Nadel hantierte.--Da ich sie oft in +Gesellschaft der beiden Menschen gesehen hatte, deren Geschick mich +jetzt beschäftigte, so erzählte ich ihr den gestrigen Vorfall, in +der Hoffnung, über die Ursache desselben Näheres zu erfahren. + +"Ich hab' es kommen sehen!" sagte sie, die dünnen Lippen +zusammenkneifend; "der Tischler ist wohl sonst ein ganzer Kerl; +aber gegen das Mädchen ist er zu gutwillig; was wollte er mit ihr +auf dem Ballhaus!" + +Ich fragte näher nach. + +Sie räumte eine Partie Zeuge von einem Stuhl, damit ich mich +setzen könne.--"Sie kennen vielleicht das kleine Haus in der +Pfaffengasse", begann sie dann, als ich ihrem Wink gefolgt war; +"die alte Schmieden, die Tante von der Lore, hat es vor Jahren von +dem Pferdeverleiher nebenan gekauft; aber den Hof dahinter, weil er +zu seinem Geschäft doch großen Raum braucht, hat der Verkäufer sich +vorbehalten, so daß er mit seinem nun in eins zusammengeht; nur in +der Mitte auf einem Stückchen Rasen darf die Alte ihre Waschsachen +trocknen und bleichen, soweit es damit reichen will. Sie ist +Geschwisterkind mit meiner seligen Mutter, und seit ich konfirmiert +war, bin ich oft mit ihr zum Nähen ausgegangen. + +"Ich denk, es war kurz vor Martini vorigen Jahrs; ich machte mich +gleich nach Mittag zu der Schmieden; denn wir hatten eine große +Seidenwäsche zusammen. Unterwegs begegne ich dem Tischler, der +damals schon mit der Lore ging. Wir sprechen ein Wort zusammen, +und im Weggehen ruft er mir noch lachend zu: 'Bei Feierabend +komm ich und helf euch die Klammern aufsetzen!' Ich sagt's +auch der Lore; aber sie schien nicht groß darauf zu achten. + +"Spätnachmittags, da wir drinnen fertig waren, gingen wir hinaus, um +die Leine zwischen den Pfählen aufzuscheren, die draußen auf dem +Grasrondell stehen. Lore, das Kleid über ihren Halbstiefelchen +aufgeschürzt, ging mit dem kleinen hölzernen Tritt von einem zum +andern. Die Alte hatte sich drinnen in ihren Lehnstuhl schlafen +gesetzt; ich--ich bin die Größte nicht und konnte ihr eben nicht +viel dabei helfen." + +Und die Erzählerin suchte ihren dürftigen Körper möglichst +gradezurichten. + +"Ich hatte mich neben dem Waschkorb auf einen Prellstein gesetzt +und sah mir's an, wie vor dem Stall der Knecht des Nachbars einen +Goldfuchs striegelte.--Ich hab' die Pferde gern, wissen Sie, denn +mein Vater ist auch ein Fuhrmann gewesen.--Es war gar ein schönes +Tier; und wenn es so den Kopf aus dem Schatten in die Sonne +hinauswarf, glänzten die Haare wie Metall; aber an dem feinen +Beinwerk merkte ich wohl, daß es keines von des Nachbars +Mietgäulen sei.--'Wem gehört das Pferd?' fragte ich Lore, die +eben ihr Holztreppchen hart neben mir an den letzten Pfahl +gerückt hatte.--'Das Pferd?' sagte sie, indem sie sich auf +den Fußspitzen hebt und die Leine um das Querholz schlingt; 'das +gehört dem fremden Studenten; ich weiß nicht, wie er heißt.' +--Ich sah zu ihr hinauf; aber sie wandte nicht den Kopf und +wickelte noch immer fort mit der Leine. Als ich eben ungeduldig +werden wollte, sagte hinter mir eine Stimme: 'Es ist genug, +Fräulein Lorchen!' + +"Ich sehe noch, wie sie die Arme sinken läßt und hastig das +aufgeschürzte Kleid herunterzupft, und da ich den Kopf wende, steht +der blasse vornehme Student vor mir, und Lore, ohne ein Wort zu +sagen, springt von ihrem Tritt herunter und stellt sich neben mich. +--Der junge Herr steht auch nur und macht scharfe Augen auf die +Lore, als wenn er das Anschauen ganz umsonst hätte. Daß dich! +dachte ich und fing aufs Geratewohl einen lauten Diskurs über +den Goldfuchs an, und red'te so lang, bis ich Antwort hatte, +und ehe ich mich's versehen, waren wir alle drei auf den Hof +hinübergetreten. Das Pferd scharrte mit den Hufen und sah seinen +Herrn mit den klugen Augen an; Lore stand daneben, und recht, als +trüge sie Verlangen nach dem Tier, ließ sie ihre flache Hand +an dem spiegelblanken Hals herabgleiten. 'Er ist lammfromm', +sagte der junge Herr; 'was meinen Sie, Fräulein Lore, drinnen +im Stall hängt noch ein Damensattel!'--Sie schüttelte den +Kopf; aber ich hörte, wie ihr der Atem versetzte, und ihre Augen +blitzten ordentlich vor Lust. Der Herr Graf hatte das wohl auch +verstanden; denn auf seinen Wink wurde der Sattel aufgeschnallt und +ein leichter Zaum angelegt. Lore sah darauf hin, als wenn ihr die +Augen verhext wären. Als aber der Knecht ihr das Holztreppchen zum +Aufstieg hinstellte, warf es der junge Herr beiseite. 'Pfui +doch, Johann!' rief er; und als wenn sich's nur von selbst +verstände, faßte er das junge Mädchen unterm Arm. 'Treten +Sie fest!' sagte er und hielt die andre Hand vor sie hin, +indem er mit seinen durchdringenden Augen zu ihr aufsah. Und Lore, +als müsse sie nur immer tun, wie der es wollte, setzte ihr Füßchen +in seine Hand. Ich merkte wohl, er zögerte; aber es war nur ein +Augenblick; dann hob er sie mit einem raschen Schwung hinauf. + +"Sie sah ganz verwirrt aus und schlug die Augen nieder, als sie +droben saß, und ließ sich geduldig den Zaum zwischen den Fingern +von ihm zurechtlegen. Der Fuchs schüttelte den Kopf und stieß ein +lautes Wiehern aus. Sein Herr strich ihm ein paarmal liebkosend +über das seidene Fell; dann legte er die Hand hinter Lore auf den +Sattel; mit der andern faßte er den Zaum und führte das Pferd +langsam um das Rondell herum. + +"Ich muß es selbst sagen, sie machten ein stolzes Paar zusammen, und +es hätte wohl keiner gedacht, der sie so gesehen, daß die feine +Person nur eine arme Nähterin und eines Schneiders Tochter sei. + +"Bald ging es ihr schon nicht rasch genug. Sie warf die Hand empor, +das Pferd fing an zu traben, und der junge Herr trat auf das +Rondell zurück. Aber er ließ kein Auge von ihr; wie das Pferd lief, +so ging er, die Reitpeitsche in der Hand, im Kreise mit umher; als +sei es ihm angetan, so flogen seine Blicke an dem Mädchen hin und +wider, von ihren schwarzen wehenden Haaren bis zu dem Füßchen, das +oben an dem Sattel unter dem Kleide hervorsah. Bald rief er ihr, +bald seinem Fuchs ein kurzes Wort hinüber. Das Tier lief immer +schneller; es schob und peitschte mit dem Schweife in die Luft. +Lenore sah gar nicht darauf hin. Sie saß nur wie angeflogen und +lächelte und sah auf den jungen Herrn, grad als wären's seine Augen, +die sie auf dem Sattel festhielten. + +"So ging es eine Weile. Wenn die Alte herauskäme, dachte ich. Es +gäbe ein böses Wetter! Aber sie kam nicht. Da plötzlich schwenkte +eine Flucht Tauben mit großem Geklapper über den Hof, und der Fuchs +stutzt und macht einen Satz. Ich denk, die Lore stürzt herunter; +aber nein, sie hing noch an dem Hals des Pferdes; nur blaß war +sie geworden wie der Tod. 'Oho, Virginie!' ruft der Herr, +und gleich ist er auch drüben, hat die Lore auf seinen Armen, sieht +sie einen Augenblick mit den scharfen Augen an und läßt sie dann +sanft zu Boden gleiten.--Ehe ich mich noch besinne, höre ich die +Hoftür gehen. Da ist die Alte! denk ich; aber als ich mich +umkehre, steht der Tischler vor mir.--Wär's nur die Alte gewesen, +ich hätte mich nicht so alteriert; denn ganz wie versteinert sah +der Mensch aus. 'Ist denn schon Feierabend, Herr Werner?' ruf +ich. Aber er achtet gar nicht darauf. 'Guten Abend, Marie!' sagt +er mit ganz heiserer Stimme, und er würgt ordentlich daran, als +wenn ihm das Wort im Halse steckenbleiben müßte.--'Wollen wir nicht +ins Haus gehen?' sag ich wieder. 'Ich danke', antwortet er; +'ihr habt da schon Gesellschaft.'--Und ohne das Mädchen anzusehen +oder eine Silbe an sie zu verlieren, kehrt er sich um und geht +durch den großen Torweg der Straße zu. + +"Lore stand, ohne sich zu rühren, neben dem schnaubenden Pferde. +'Was wollte der Mensch?' fragte der Graf. 'Es ist ein Landsmann +von mir', erwiderte sie leise. 'Es ist Herr Werner', sagte ich, +'der erste Arbeiter in dem großen Möbelmagazin'; denn mich +ärgerte das spöttische Gesicht, womit der Herr dem Tischler +nachgesehen hatte." + +Die Erzählerin hatte eine Arbeit vollendet; sie stand auf und legte +die Stoffe zusammen. Nebenan im Wohnzimmer fanden sich die +Hausgenossen zum Mittagstisch zusammen. + +"Was ist denn daraus geworden?" fragte ich noch. + +"Was ist daraus geworden?" wiederholte sie. "Ich habe eine +Zeitlang hin und wider geredet; am Ende--der Tischler kann ja doch +nicht von ihr lassen, und sie, wenn ihr nicht just der Kopf +verrückt ist, weiß auch wohl, was sie an ihm hat. Die schönen +vornehmen jungen Herren sind ja nun doch einmal doch für sie +gewachsen." + +Wir gingen zu Tische. Aber die Geschichte der lahmen Marie lag mir +schwer auf dem Herzen.--Lore und Christoph! Ich konnte mir die +beiden Menschen nicht zusammen denken. + + +Bald nach Ostern hatte eine plötzliche Erkrankung meiner Mutter +mich nach Hause gerufen. Erst im August, da ich die völlig +Genesende mit Ruhe der Sorge meines Vaters und der Heilkraft der +milden Lüfte überlassen konnte, kehrte ich auf die Universität +zurück. Als ich fortreiste, war auf der weiten Seebucht neben der +Stadt noch kaum das Eis verschwunden; nun rauschte über allen Wegen +das volle Laub des Sommers. + +Es war am Vormittage nach meiner Ankunft; von meinen Bekannten +hatte ich noch keinen gesprochen. Ich stand nachdenklich in der +Mitte meines einsamen Studentenstübchens; das ausgetrocknete +Tintenfaß auf dem Schreibtisch und die bestaubten Bücher sahen mich +unbehaglich an; der halb ausgepackte Koffer auf dem Fußboden machte +es nicht besser. Aber die Sonne schien durch die Fensterscheiben +und lockte mich hinaus, und bald ging ich, wie ich es schon als +Knabe liebte, nur mit mir allein, im Schatten der breiten +Ulmenallee, welche eine Strecke oberhalb des Wassers am Seestrande +entlang führt. + +Wie ein düsteres Gewölbe standen die ungeheuern Bäume über mir, +während zu beiden Seiten auf Laub und Gräsern und in den Fenstern +der hier überall im Grün versteckten Gartenhäuser die helle +Morgensonne funkelte; mitunter, wo er durch die Büsche sichtbar +wurde, traf auch ein Blitz des Meeresspiegels meine Augen.--Ich +ging langsam weiter, die frische Luft mit vollen Zügen atmend; nur +einzelne unbekannte Menschen begegneten mir, denn die Stunde des +Spazierengehens hatte noch nicht geschlagen. + +Allmählich aber hörten die Gärten auf; statt der Ulmen waren es +hier schlanke aufstrebende Buchen, die zur Seite standen. Noch +eine kurze Strecke, und ich ging in einem kühlen Walde, der zur +Linken, eine Anhöhe hinansteigt, während ich nach der andern Seite +durch die Bäume auf die See hinabblicken konnte. Vor mir aus dem +Dickicht klang der Silberschlag des Buchfinken und der Lockruf der +Schwarzamsel; dazwischen wie Musik hörte ich fortwährend das +Lispeln der Blätter und drunten zu meinen Füßen das Anrauschen des +Wassers. Mir kam plötzlich die Erinnerung an ein halb verfallenes +Haus, das hier im Walde liegen mußte. Vor Jahren als Sekundaner +war ich einmal mit einem mir verwandten Studenten dort gewesen, den +ich von der Schule aus besucht hatte. Es war, so erfuhr ich damals, +von einem spekulierenden Schenkwirt gebaut worden; aber die +Spekulation mißglückte; es war ihm nicht gelungen, den großen Zug +der Gäste in seine Einsamkeit hinauszulocken. Er hatte verkaufen +müssen, und der neue Eigentümer ließ derzeit die spärliche +Wirtschaft durch einen Kellner verwalten. + +Ich entsann mich des langen blassen Menschen sehr wohl, und auch +das einstöckige Gebäude, welches zwischen den hohen Buchen etwa auf +der Hälfte der Anhöhe lag, stand jetzt mit Deutlichkeit vor meinen +Augen. Unter der kleinen Säulenhalle, welche die Mitte der Front +einnahm, hatte ich damals mein erstes Glas Grog getrunken; von hier +aus waren wir durch eine große Flügeltür in einen hohen düstern +Saal getreten, dessen Fenster nach hinten in den Wald hinaussahen. +Mich überkam ein Verlangen, den einsamen Ort wieder aufzusuchen; +zugleich eine Besorgnis, er möge jetzt verschwunden oder für mich +nicht mehr zu finden sein. + +Während ich so meinen Gedanken nachhing, bemerkte ich aufblickend +einen schmalen Fußweg, der sich links vom Wege zwischen den Bäumen +hinaufschlang. Ich stand einen Augenblick; so war es damals auch +gewesen; dann stieg ich langsam den Berg hinauf. Nach einiger Zeit +sah ich vor mir zwischen den Stämmen ein graues Schieferdach +auftauchen, allmählich wurden auch die Kapitäle einer kleinen +Säulenhalle und zu jeder Seite derselben der obere Teil eines +Fensters sichtbar. Noch ein paar Schritte, und eine breite +Steintreppe führt aus dem Baumschatten auf einen kleinen ebenen +Platz hinaus. + +Da lag es vor mir; mitten im Walde, im stillsten Sonnenschein. Die +Zeit schien hier kaum etwas verändert zu haben; wie damals war der +ursprünglich rötliche Anwurf der Mauern, wo er nicht abgeblättert +an der Erde lag, überall mit grünem Moos bezogen, und aus den +Spalten der hölzernen Säulen drängte sich braunes wucherndes +Schwammgewächs; auch jetzt noch stand unter der kleinen Halle eine +dunkelgrüne Bank zu jeder Seite der halb geöffneten Flügeltür.-- +Ich setzte mich auf eine derselben und blickte durch die Lücke des +Gehölzes auf die See hinab, wo eben ein Fischerboot im Sonnenschein +vorüberglitt.--Menschen schienen hier oben nicht zu hausen, es +rührte sich nichts; auch hinter mir aus dem Hause vernahm ich +keinen Laut; nur eine Waldbiene summte in raschem Fluge vorüber, +und an den Grasrändern der Steintreppe gaukelten zwei dunkle +Schmetterlinge. + +Nach einer Weile stand ich auf und ging in den Saal. Er schien mir +noch düsterer fast, als ich ihn mir gedacht hatte; die dicht vor +dem Fenster stehenden Bäume schienen ihre Zweige bis über das Dach +zu breiten. Ich schlug mit meinem Stock auf einen Tisch, daß es an +der hohen Decke widerhallte; aber es kam niemand.--Zur Linken in +einem Nebenzimmer, in das ich hineinblickte, stand ein einsames +Billard. Aber gegenüber an der andern Seite des Saals war noch +eine Tür; ich öffnete sie und gelangte in einen schmalen Gang und +durch diesen wiederum ins Freie.--Neben einer Kegelbahn, die +dicht am Hause lag, fand ich einen schon älteren Menschen, mit +einer grünen Schürze angetan, auf dem Rasen eingeschlafen. In der +Tat, es schien auch derselbe Kellner noch von damals!--Als ich +ihn mit dem Stock berührte, riß er die Augen auf und sprang empor. +"Ich bitte, mein Herr", sagte er, "ich habe wenig Ruhe gehabt die +Nacht." + +Ich sah ihn verwundert an. + +"Sie wissen das nicht?" fuhr er fort, indem er mich von Kopf zu +Füßen musterte. "Die Herren Korpsburschen haben ja seit Ostern +ihren Kneipabend hierher verlegt." + +Ich wußte das in der Tat nicht, obgleich die meisten meiner +Bekannten zu dieser Verbindung gehörten. + +Während ich einen Krug Bier und eine Schnitte Brot bestellte, waren +wir in den Saal zurückgegangen.--Als der Tagesschein durch die +geöffnete Tür fiel, wurden auf der Mitte des Fußbodens ein paar +dunkle Flecke sichtbar, die mir keinen Zweifel ließen, daß nicht +nur die Kneipabende, sondern auch die dazugehörigen "Paukereien" in +diese Einsamkeit verlegt waren.--"Weshalb schafft ihr denn das +Blut nicht fort?" fragte ich. + +"Um Entschuldigung, mein Herr", erwiderte der blasse Kellner, "aber +der Fleck kommt immer wieder; es ist von damals, als das Unglück +hier passierte.--Es sah sich übel an, als der hitzige junge Herr +auf einmal so still und weiß wurde." + +Ich entsann mich sogleich jenes Vorfalls, der einer dürftigen +Offizierswitwe ihren einzigen Sohn gekostet hatte. Es war bald +nach meiner Abreise geschehen und hatte auf kurze Zeit die +Teilnahme des ganzen kleinen Landes in Anspruch genommen. + +Ich ging in die Halle hinaus und setzte mich auf eine der grünen +Bänke, des armen heißblütigen Jungen gedenkend, dessen Leben hier +die letzte Spur zurückgelassen hatte. + +Nach einer Weile brachte der Kellner das bestellte Frühstück. +"Heut abend könnte Sie was Besseres haben", sagte er, indem er Krug +und Teller vor mir auf den Tisch stellte. "Wir haben Ball; da +schickt der Prinzipal allemal seine Köchin heraus." + +"Ball?" fragte ich erstaunt. "Wer tanzt denn hier mitten im Walde?" + +"Nun", erwiderte er und blickte fast ein wenig despektierlich auf +meine nicht allzu moderne Kleidung, "die vornehmsten Herren +Studenten haben das so eingerichtet." + +Mir fiel plötzlich eine Stelle aus dem Briefe eines Freundes ein, +den ich während meines Aufenthaltes in der Heimat erhalten hatte. +"Zum Hexensabbat nennen wir es; und es geht toll genug her!" So +lauteten die Worte. Ich wußte jetzt, wovon die Rede war; ich hatte +nur den Ort vergessen. + +Der Kellner schien übrigens jenen Namen nicht eben gern zu hören. +Während ich ihn aber noch damit zu schrauben suchte, waren zwei +junge, mir wenig bekannte Studenten den Berg heraufgekommen. Sie +warfen sich, ohne von mir Notiz zu nehmen, an der andern Seite der +Tür auf die Bank, während sie in scharf akzentuierten Worten und +mit einem grimmigen Gesichtsausdruck jeder ein Seidel Bier +bestellten. Dann, während der Kellner sich entfernte, kam +in abgebrochenen Sätzen, mitunter durch Pfeifen oder lautes +Gähnen unterbrochen, eine Unterhaltung über die bevorstehende +Tanzfestlichkeit in Gang, die der eine, offenbar ein "Fuchs" +von neuestem Datum, erst durch seinen etwas älteren Genossen +kennenlernen sollte. Eine nach der andern wurden die Tänzerinnen +in knapper, nicht eben zartester Porträtierung vorgeführt; voran +die Töchter eines Winkeltanzmeisters und eines trunkanfälligen +Polizisten, mit deren Hilfe das Institut begründet war; in ihrem +Gefolge eine ganze Reihe freund- und elternloser Mädchen, die +während des Tages mit ihrer Hände Arbeit sich ein kärgliches Brot +verdienten. + +Ich verzehrte indessen schweigend mein Frühstück und fütterte +mitunter einen Buchfinken, der furchtlos neben mir auf den Fliesen +umherlief und die ihm hingeworfenen Brotkrumen aufpickte. + +"Die Gräfin sollst du erste sehen!" begann der ältere meiner beiden +Nachbarn wieder, indem er seinen kleinen Schnurrbart drehte. + +Der andere tat eine verwunderte Frage. + +Sein Freund lachte: "Es ist nur eine Nähterin, Ludwig; aber wenn +sie dich so kalt mit ihren schwarzen Augen ansieht!--Sie ist +verdammt von oben herab." + +"Aber warum nennt ihr sie denn die Gräfin?" + +"Nun, siehst du--der Raugraf hat sie." + +Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesen Worten erschrak. Schon +wollte ich nähere Erkundigungen bei dem jungen Renommisten +einziehen, als mir einfiel, daß ich bei meinem Fortgehen die lahme +Marie in der Hinterstube meiner Hauswirtin gesehen hatte. + +Ich machte mich sofort auf den Rückweg; und eine halbe Stunde +später stand ich neben ihr und hatte ein Gespräch mit ihr +angeknüpft. + +"Und Sie haben Lenore seit lange nicht gesehen?" fragte ich. + +Sie schwieg einen Augenblick. "Ich gehe nicht mehr mit ihr", sagte +sie, indem sie auf ihre Arbeit blickte. + +"Sie schienen doch sonst so gute Freunde!" + +"Sonst, ja!"--Sie strich ein paarmal mit dem Nagel über die eben +angefertigte Naht. "Aber seitdem sie draußen bei den Studenten +tanzt--sie wird die längste Zeit bei der alten Tante gewesen sein; +und mit dem Testament mag es nun auch wohl anders werden." + +Also doch! dachte ich.--Christoph hatte mir das entlehnte Geld +schon einige Zeit nach seiner Abreise mit der kurzen Bemerkung +zurückgesandt, daß er im Hause seines Oheims eine freundliche +Aufnahme, bei den beiden Alten nicht weniger als bei deren schon +etwas ältlicher Tochter, und außerdem Arbeit vollauf gefunden habe. +Seitdem hatte ich Näheres weder von ihm noch von Lenore gehört. + +"Aber wie ist denn das gekommen?" fragte ich nach einer Weile, +während die Nähterin emsig gearbeitet hatte. + +"Nun!" sagte sie und steckte für einen Augenblick die Nähnadel in +das Zeug. "Es war vierzehn Tage vor Pfingsten; die Lore war schon +lange unwirsch gewesen; ich dachte erst, weil der Tischler ihr noch +immer nicht geschrieben hatte; mitunter aber kam's mir vor, als sei +das ganze Verlöbnis ihr leid geworden, und als könne sie in sich +selber darüber nicht zurechte kommen. Sie scherte sich auch keinen +Deut darum, ob sie mich oder eine von ihren vornehmen Herrschaften +mit den kurzen Worten vor den Kopf stieß; am schlimmsten war es +aber, wenn sie gegenüber die Musik vom Ballhaus hörte; denn sie +hatte dem Tischler doch versprechen müssen, nicht zu Tanze zu gehen. +--Eines Abends nun, da wir vor meiner Tür auf der Bank sitzen, +kommt mein Schwestersohn, der Schneider, der erst gestern aus der +Fremde heim war, mit ein paar andern Gesellen zu uns. Er war den +Rhein herabgekommen, hatte auch dort in zwei oder drei Städten, die +er namhaft machte, gearbeitet. Die andern fragen; er erzählt.-- +'So hast du den Christoph Werner auch gesehen?' sagt der eine.-- +'Den Tischler, freilich hab' ich ihn gesehen; der hat sein Glück +gemacht.'--'Wie denn?' fragt der andre.--'Wie denn? Er heiratet +die Meisterstochter; und sie hat--du verstehst mich!' Er machte +wie Geldzählen mit den Fingern. Mir wurde himmelangst bei diesen +Reden. 'Du bist nicht gescheit, Junge', sag ich, 'was schwatzest +du da ins Gelag hinein!'--'Oho, Tante, gescheit genug!' ruft er, +'bin ich doch dabeigestanden, daß er die Bretter zu seinem +Hochzeitsbett gehobelt hat!'--Lore, auf dieses Wort, ohne einen +Laut zu geben, steht sie von der Bank auf, nimmt ihren Hut und +geht, ohne sich umzusehen, die Straße hinab. 'Was fehlt der?' +fragt mein Schwestersohn noch.--'Ich weiß nicht, Dietrich.'-- +Und ich wußte es auch wirklich nicht. Es war nicht gar so heiß +gewesen zwischen ihr und dem Tischler; denn er war ihr lange +nachgegangen, und sie hatte sich zweimal bedacht, bevor sie +ja gesagt; und wenn ich's auch schon wußte mit dem vornehmen +jungen Herrn, dem Studenten, so dachte ich doch nicht, daß +er ihr so ganz ihren eigensinnigen Kopf verrückt hatte. + +"Noch eine Weile saß ich bei den andern und hörte, was der Junge, +der Schneider, zu erzählen wußte; aber ich hörte nur halbwegs, und +bald litt es mich nicht länger; denn ich sorgte doch um sie. + +"So ging ich denn hinterher und traf sie, wie ich es mir auch +gedacht hatte, drunten im Haus der Tante, wo sie in einem +Hinterkämmerchen ihre Menage hatte. Da stand sie mitten im Zimmer +kreideweiß und nagte sich auf den Lippen, daß ihr das Blut übers +Kinn lief; alle ihre Schubfächer und Schachteln hatte sie +aufgerissen, und Tüll und Bänder lagen um sie her gestreut +auf dem Fußboden. 'Lore', rief ich, 'was machst du, Lore?' +Aber sie schien nicht auf mich zu hören.--'Ist Sonntag Tanz +im Ballhaus?' fragte sie.--'Im Ballhaus? Was geht das dich +an?'--'Ich will mittanzen!'--'Du? Was würde dein Schatz wohl dazu +sagen?'--'Was geht mich mein Schatz an!'--Sie hatte währenddes ihren +Hut aufgesetzt und ihr Umschlagetuch von der Kommode genommen; dann +schloß sie ein Kästchen auf, worin sie ihr Erspartes hineinzulegen +pflegte--denn wenn sie auch manchen Schilling für Putz vertat, so +war sie doch stolz und hatte immer nicht so nackt und bloß zu +ihrem Bräutigam kommen wollen. Nun riß sie das Papier, worin +es eingewickelt war, herunter und ließ das lose Geld in ihre +Tasche fallen. 'Willst du mit?' fragte sie. 'Ich muß Einkäufe +machen.'--Ich wußte nicht, was sie wollte; aber sie dauerte +mich, und so ging ich mit ihr; denn ich hoffte noch, das mit +dem Tanzen ihr wieder auszureden. Aber es waren leere Worte; +denn sie ging hastig neben mir die Straße hinab und antwortete +nicht und sah nicht nach mir hin. + +"Als wir bei dem Schnittwarenhändler am Markte vor dem Ladentisch +standen, ließ sie sich die dicksten seidenen Bänder und die +modernsten Jakonetts vorlegen, wie sie deren sonst wohl nur +zuzeiten für die Vornehmsten in der Stadt verarbeitet hatte. Sie +suchte dazwischen umher und warf es durcheinander. Der Ladendiener +legte noch eine Ware vor. 'Wenn es der Dame, die das Kleid +bestellt hat, auf den Preis nicht ankommt!' sagte er und +streckte die Hand unter den klaren, durchsichtigen Stoff. 'Nein', +sagte Lore, 'es kommt ihr auf den Preis nicht an.'--Ich stieß sie +heimlich an; denn ich verstand es nun wohl, daß sie die kostbaren +Zeuge für sich selber wollte. 'Lore', sagte ich leise, 'ich bitte +dich, besinne dich doch, was willst du mit den feinen Sachen?' +--Aber sie kehrte sich nicht daran, sie ließ den Ladendiener +abschneiden und zählte das schöne harte Geld auf den Tisch, als +wenn sie nicht mehr wüßte, wie viele Tage sie sich sauer darum +hatte tun müssen. 'So laß doch', sagte sie, als ich ihren Arm +zurückhielt; 'ich will auch einmal fein sein; ich bin nicht +häßlicher als die Schönste hier!'-- + +"Dann ist sie nach Haus gegangen und hat die ganze Nacht und den +folgenden Tag gesessen und mit der heißen Nadel genäht, bis das +teure Kleid fertig gewesen ist. + +"Am Sonntag darauf," fuhr die Erzählerin fort, nachdem sie zuvor +einen neuen Faden durch die Nadel gezogen hatte, "abends, da es +schon spät gewesen ist, hat sie sich von den weißen Maililien in +ihr schwarzes Haar gesteckt und ist dann aufs Ballhaus gegangen. + +"Ich hab' das alles nur von meinem Schwestersohn," setzte sie hinzu, +"das ist auch einer, der keinen Tanz verpassen kann.--Sie hat +erst lange gesessen; denn die jungen Handwerksleute haben sich gar +nicht an sie getraut, und die Studenten hat sie selber einen nach +dem andern abgewiesen; es hätte nahezu wieder einen Aufruhr um sie +gegeben. Der blasse Student, wie heißen sie ihn gleich?"-- + +"Der Raugraf!" sagte ich. + +"Freilich, der ist auch da gewesen, aber er hat sich wie gar nicht +um sie gekümmert. Zuletzt hat er doch kommen müssen; denn zu schön +hat sie ausgesehen; als wenn sie aus dem Morgenland gekommen wäre, +haben sie gesagt. Sie ist blutrot geworden, als er zu ihrem Platz +getreten ist, und hat am ganzen Leibe gezittert. Aber nun ist sie +aufgestanden und hat ihm die Hand gegeben, und er hat sie angesehen, +sagt mein Schwestersohn, als wenn er sie hat verzehren sollen. +Sie hat auch mit keinem sonst getanzt; denn bis die Musikanten ihre +Geigen eingepackt haben, sind die beiden miteinander nicht wieder +von der Diele gekommen." + +Die lahme Marie schwieg; nur "Ja, ja!" sagte sie noch einmal, wie +in Gedanken die Moral aus ihrer Erzählung ziehend; dann setzte sie +eifriger als zuvor ihre Arbeit fort. + +Ich wußte genug und beschloß, um nun auch mit eignen Augen zu sehen, +mich heute abend selbst auf den "Hexensabbat" zu begeben. + + + +Draußen im Walde + + +Es war schon dunkel; eine schwüle Luft lag über dem Walde, während +ich die Anhöhe hinauf den Weg durch die Baumstämme zu finden suchte. + +Als ich die Steintreppe erstiegen hatte, blieb ich unwillkürlich +stehen. Neben mir sah ich ein paar weiße Mädchengestalten durch +die Bäume schlüpfen und dann seitwärts im Hause verschwinden. Es +schien eben eine Tanzpause zu sein; ich hörte drinnen in dem +hellerleuchteten Saal die Musikanten ihre Geigen stimmen; an den +offenen Flügeltüren vorbei trieben Studenten und Mädchen in +lebhaftem Verkehr vorüber. Ich konnte mich nicht überwinden, +sogleich hineinzugehen; vor meinem innern Auge stand die liebliche +Kindesgestalt des Mädchens; ich sah sie wieder an dem Halse ihres +armen Vaters hangen; ich dachte daran, wie sie so hartnäckig meiner +knabenhaften Leidenschaft ausgewichen war. Ein plötzlicher Schmerz +kämpfte in meiner Brust; ich weiß kaum, war es Mitleid oder +Eifersucht. + +Endlich stieg ich die beiden Stufen der kleinen Halle hinan und +stellte mich unbemerkt an den Pfosten der offenen Tür. Die Pause +dauerte noch fort; aber es schien darum nicht weniger lebendig; die +Studenten, die an den Seitentischen oder im Nebenzimmer saßen, +redeten und klappten mit ihren Seideln, die Mädchen trieben sich +lachend und plaudernd auf und ab; mitunter fuhr ein übermütiger +Schrei durch den Saal. + +Es waren anmutige Gesichter unter diesen Mädchen; jugendliche +Gestalten mit großen leidenschaftlichen Augen, die durch den +Ausdruck sorglosen Lebensgenusses oder einen vorüberwandelnden Zug +von Leid nicht weniger anziehend wurden. Trotz ihrer Armut waren +sie alle sauber gekleidet, in hellen, durchsichtigen Stoffen, eine +Blume oder einen frischen Kranz in dem sorgfältig geflochtenen Haar. + +Dies hatte indessen bei ihren Tänzern nicht eine gleiche Rücksicht +zu bewirken vermocht; denn namentlich die Jüngeren und einige der +sogenannten "Haupthähne" der Verbindung scheuten sich nicht, in +Gegenwart ihrer Damen die Beine behaglich über Tisch und Bänke +auszustrecken. + +Meine Augen suchten Lore, und sie brauchten nicht lange zu suchen. +Sie saß dem Billardzimmer gegenüber zwischen einem Paar jüngerer +Mädchen, die lebhaft zu ihr sprachen, während sie teilnahmslos vor +sich hinblickte. + +Im Haar trug sie eine weiße Rose, eine Seltenheit in dieser +Jahreszeit; aber auf ihrem Antlitz war die Rosenzeit vorüber; kein +Rot schimmerte mehr durch diese zarten, blassen Wangen. + +Auch den Raugrafen sah ich; er saß mit übergeschlagenen Beinen, wie +ermüdet, an der andern Seite des Saales.--Ich stand in seiner +Nähe. Als die Musikanten ihre Instrumente zur Hand nahmen, trat +einer der jüngeren Studenten zu ihm. "Laß mir die Lore für diesen +Tanz!" sagte er schüchtern. + +"Ein andermal, Fuchs!" erwiderte der Raugraf und lehnte seinen +schönen, aber bleichen Kopf zurück gegen die Wand. Die Musik +setzte ein; allein er stand nicht auf, um seine Tänzerin zu holen; +er hob lässig die Hand und machte gegen sie hin ein Zeichen mit den +Fingern. Ich sah, wie sie einen zornigen Blick zu ihm hinwarf und +dann, ohne aufzustehen, ihre Augen in die aufgestützte Hand begrub. +Der Raugraf faltete die Stirn, und nach einer Weile sprang er auf +und schritt durch den Saal, bis er vor ihr stand.--Als sie auch +jetzt nicht aufblickte, legte er den Arm um sie und zog sie mit +einer raschen Bewegung zu sich empor. Er schien einige Worte mit +Heftigkeit hervorzustoßen; ich war indes zu weit entfernt, um etwas +davon verstehen zu können. Dann trat er mit ihr an die Spitze der +übrigen Paare und eröffnete den Tanz. + +Sie war eine voll ausgewachsene Mädchengestalt, aber gleichwohl +reichte sie ihm nur bis an die Brust. Ich sah ihnen lange nach; +sie hatte den Kopf in den Nacken fallen lassen, während sie fast +von seinem Arm getragen wurde und nur mit den Fußspitzen den Boden +berührte; er neigte sich über sie, und seine Augen lagen +unbeweglich wie die eines jungen Raubvogels auf ihrem Antlitz, das +sie mit geschlossenen Lidern ihm entgegenhielt. Als der Tanz zu +Ende war, führte er sie an ihren Platz und ließ sie leicht aus +seinen Armen auf den Stuhl gleiten. + +Die Pause dauerte indes nicht lange. Bald entstand eine Unruhe im +ganzen Saal; die Musik setzte in rasendem Tempo ein, und die Paare +reihten sich stürmisch aneinander. + +Der Tanz begann aufs neue, Gelächter und ausgelassene Rufe flogen +durch die Runde; immer wilder sah ich die kleinen leichtfertigen +Füßchen über die dunkeln Flecke des Fußbodens gleiten. Endlich kam +es zu einer Tour, durch deren ungestüme Ausführung die ganze Reihe +der armen Kinder unausbleiblich zu Fall gebracht wurde. + +Dann wie auf einen Wink schwieg die Musik, und während ihre Tänzer +lachend über sie hinwegsprangen, standen sie mit heißen Gesichtern +auf und strichen sich das Haar aus der Stirn oder suchten den Staub +von ihrem mühsam erarbeiteten Ballstaat abzuschlagen.--Ich weiß +nicht, war es noch ein Rest von dem Zerstörungstriebe des Kindes, +oder war es der allen Menschen innewohnende Drang, sich gegen das +aufzulehnen, dessen Einfluß man sich nicht entziehen kann--es +schien, als wenn die akademische Jugend sich in übermütiger +Herabwürdigung des Weibes gar nicht genugtun konnte. + +Lore, die ich nicht außer acht gelassen, saß einsam auf demselben +Platze, wohin sie von dem Raugrafen geführt worden war. Sie schien +es sich erzwungen zu haben, daß zu jenem Tanze niemand sie auch nur +aufgefordert hatte. + +Während bald darauf, vielleicht des Kontrastes halber, ein +Kontertanz mit aller Feierlichkeit ausgeführt wurde, ging ich mit +einem Bekannten in das Seitenzimmer. Wir trafen mehrere ältere +Studenten, und bald waren wir, unsre Bierseidel vor uns, in +ein alle gleicherweise interessierendes Gespräch über die +Eventualitäten des bevorstehenden Examens vertieft. + +Als nebenan die Musik absetzte, kamen noch einige der Tanzpaare zu +uns an den Tisch; der Raugraf mit Lore war auch darunter.--Sie +setzte sich neben ihn, während er die Speisekarte musterte, und +bald hatte der Kellner einige Schüsseln und eine Flasche Champagner +vor den beiden hingestellt. Der Kork wurde behutsam abgenommen-- +der Raugraf ließ niemals einen Champagnerpfropfen knallen--, und +der schäumende Wein floß in die Gläser. Die andern Mädchen, denen +ein einfacheres Mahl serviert war, stießen ihre Tänzer heimlich +mit den Ellenbogen; und auch meine Aufmerksamkeit war bald +ausschließlich auf dieses Paar gerichtet.--Lore hatte ihr blasses +Gesicht in die eine Hand gestützt, während die andre wie vergessen +an dem Fuß des vollen Glases ruhte; der Raugraf beschäftigte sich +behaglich mit seinem Lerchensalmi und schlürfte schweigend seinen +Wein dazu. "Willst du nicht essen, Lore?" fragte er endlich. + +Sie schüttelte den Kopf. + +Er sah sie einen Augenblick an. "Du willst nicht?--Nun", setzte +er ruhig hinzu, "deine Sache!" Dann schenkte er sich ein und setzte +seine Mahlzeit fort. + +Das Mädchen hatte indessen ihr Glas an die Lippen geführt und es +mit einem durstigen Zug hinabgetrunken. Ohne den Kopf zu erheben, +der noch immer müde in ihrer Hand ruhte, nahm sie die Flasche und +hielt sie schwebend über dem leeren Glase, so daß der Wein langsam +hineinfloß und nur allmählich schäumend in dem Kelch aufstieg. +Ihre Augen blickten mit einem Ausdruck von Trostlosigkeit darauf, +als sehe sie ihr Leben aus der Flasche rinnen. Sie achtete auch +nicht darauf, als der Schaum aus dem Glase auf den Tisch und von +diesem auf den Boden floß; nur ihre andre Hand schien sich immer +fester in das schwarze seidige Haar hineinzuwühlen. + +"Schöne Dame", flüsterte ein hübscher milchbärtiger Junge, während +er wie bettelnd ihr sein leeres Glas entgegenhielt, "einen Tropfen +von Eurem Überfluß!" + +Lore blickte nicht auf; aber ich sah, wie es flüchtig um ihre +Lippen zuckte. + +"Was denn, Fuchs, was hast du?" fragte einer von den Alten, der +sich bisher nur mit seinem Glase beschäftigt hatte. "Oho, +Stoffvergeudung!" rief er plötzlich und legte seine Hand auf den +Arm des Mädchens. + +Der Raugraf war nur ein wenig zur Seite gerückt, als der Wein neben +ihm auf den Boden tropfte. "Laß sie", sagte er, "es ist ihre Natur +so.--Nicht wahr, Lore", setzte er hinzu, indem er sich lächelnd +zu ihr wandte, "wir beide, wir verstehen uns aufs Vergeuden!" + +Sie setzte die Flasche auf den Tisch und warf ihm einen Blick voll +unergründlichen Hasses zu. Dann stand sie auf und ging nach der +Tür, die in den Saal führte. Aber er war zugleich mit ihr +aufgesprungen. Ein Ausdruck verbissenen Jähzorns entstellte die +schönen regelmäßigen Gesichtszüge. "Was fällt dir ein!" flüsterte +er und packte mit Heftigkeit ihren Arm. Sie blieb stehen, ohne daß +sie Miene machte, sich von seiner Hand zu lösen; nur ihre dunkeln +glänzenden Augen blickten ihn fragend und verachtend an. Eine +Weile ertrug er es; dann zog er die Hand zurück, und indem er ein +kurzes Lachen ausstieß, trat er wieder an den Tisch und schenkte +langsam die Neige aus der Flasche.--Lore sah ich durch die +Saaltür zwischen den Tanzenden verschwinden. + +Mir quoll das Herz; ich hatte aus der Ecke, wo ich saß, alles genau +beobachtet. Nach einer Weile machte ich mich los und trat in den +Saal, um sie zu suchen. + +Sie war nicht unter den Tanzenden; als ich mich aber zwischen den +walzenden Paaren durchgedrängt hatte, sah ich sie in einer +Fensternische stehen und scheinbar regungslos in das Gewühl +hineinstarren; sie war fast so blaß wie die weiße Rose in ihrem +Haar. + +"Sie erinnern sich meiner wohl nicht mehr?" fragte ich, indem ich +auf sie zutrat. + +Eine tiefe Röte überflog auf einen Augenblick ihr Antlitz. "O doch!" +sagte sie leise. + +"Wollen wir tanzen, Lore?" + +Sie senkte, während sie mir die Hand reichte, den Kopf so tief, daß +ich ihre Augen nicht zu sehen vermochte; aber ich sah, wie ihre +kleinen weißen Zähne sich tief in ihre Lippe gruben. + +So tanzten wir denn zusammen; nur ein paar Runden; denn auch sie +mochte fühlen, daß es mir nicht ums Tanzen war. Bald standen wir +nebeneinander vor der großen Ausgangstür, deren beide Flügel weit +geöffnet waren. Ich blickte unwillkürlich hinaus; es war sehr +finster, nur die Stämme der nächsten Buchen waren von dem +herausfallenden Schein beleuchtet. Aber ein Strom bewegter +Nachtluft trieb erfrischend gegen uns heran, und während von der +einen Seite das Kreischen der Geigen und das Scharren der Tanzenden +an mein Ohr schlug, vernahm ich zugleich von draußen das traumhafte +Rieseln in den Laubkronen des Waldes. + +Das Mädchen stand neben mir, ohne zu sprechen, die Augen zu Boden +geschlagen.--Ich faßte mir ein Herz. "Wie mag es Christoph +gehen?" fragte ich. + +Sie fuhr zusammen und murmelte etwas, das ich nicht verstand; aber +auf ihren blassen Wangen wurden zwei dunkelrote Flecken sichtbar. + +"Was würde er sagen", fuhr ich fort, "wenn er hier wäre!" + +Ich sah, wie sie nach Atem rang und wie ihre herabhängende Hand +krampfhaft an dem Kleide fingerte. "O bitte", stieß sie leise +hervor, "nicht hier, nur nicht hier!" + +"Wo denn? Wollen Sie mich hören, Lore?" + +Sie blickte zu mir auf. "Draußen", sagte sie leise, "ich werde +gleich herauskommen; lassen Sie uns abtreten nach dieser Runde!-- +Ich habe Sie schon bitten wollen, als ich Sie vorhin im Nebenzimmer +sitzen sah." + +Wir tanzten noch einmal; dann führte ich sie zu Platz und trat +durch die Tür in den kleinen Säulengang hinaus.--Es donnerte in +der Ferne, und als ich die beiden Stufen ins Freie hinabstieg, +wetterleuchtete es, daß ich auf einen Augenblick die einzelnen +Baumstämme bis an die See hinab und drunten das Blinken des +Wasserspiegels unterscheiden konnte. + +Ich ging um das Haus herum bis an die Kegelbahn und wartete dort. +Nicht lange, so sah ich auch den Schimmer eines weißen Kleides, ich +hörte den leichten Schritt des Mädchens, und gleich darauf stand +sie selbst tief aufatmend vor mir.--So war ich denn endlich +wieder mit ihr allein, im Dunkel, in der Sommernacht; aber es waren +andre Zeiten. Ehe ich sie anzureden vermochte, hatte sie ein +Papier aus der Tasche gezogen, der Schein eines Blitzes fuhr +darüber, und ich erkannte Poststempel und Siegel des Briefes. "Es +ist von Christoph", sagte Lore, indem sie das Papier in meine Hand +legte, die ich unwillkürlich danach ausgestreckt hatte. + +"Von Christoph!" rief ich. "Wann haben Sie den Brief erhalten?" + +"Heute!" erwiderte sie leise. + +"Und Sie sind doch hierhergekommen?" + +Sie schwieg. + +"Darf ich den Brief lesen, Lenore?" + +"Ich habe Sie darum bitten wollen." + +Ich ging an eines der erleuchteten Saalfenster in der hintern Front +des Hauses.--Lenore war mir langsam gefolgt, und ich fühlte, wie +während des Lesens ihre Augen unablässig auf mich gerichtet waren. + +Es war ein langer Brief; Christoph gab von seinem Schweigen +Rechenschaft. Er hatte das Geschäft seines Oheims übernommen; +aber die Verhältnisse waren lange in der Schwebe gewesen, da +alles von einer Verheiratung der Tochter mit einem wohlhabenden +Schornsteinfegermeister abgehangen; schon sei er, da eben ein +neugieriger Schneider aus der Heimat ihn besucht habe, mit dem +Geräte zu ihrer Hochzeitskammer beschäftigt gewesen, als die ganze +Sache noch einmal in Frage gestellt worden sei. Jetzt aber war +endlich alles geordnet, die Tochter hatte Hochzeit gemacht, und er +selbst sollte in den nächsten Tagen das Meisterrecht in der fremden +Stadt erwerben. Dann lud er sie ein, zu kommen, da er nicht fort +könne, um sie zu holen. "Sobald ich deine Antwort habe", das waren +die letzten Worte des Briefes, "schicke ich dir das Reisegeld; es +liegt schon abgezählt und eingesiegelt. Das Haus wirst du leicht +erkennen; neben der grünen Bank, die vor der Tür ist, steht eine +Linde, wie daheim vor deinem Elternhaus; eine Kammer, die ich +selber für die jungen Meistersleute hergerichtet habe, ist ganz +davon beschattet."-- + +Ich hatte den Brief zusammengefaltet und reichte ihn zurück. Aber +Lore schüttelte den Kopf. "Schreiben Sie ihm, Herr Philipp!" sagte +sie, während eine Träne nach der andern über ihre Wangen tropfte, +und leise und mühsam setzte sie hinzu: "Er hat es gut gemeint." + +"Und Sie wollen nicht selber kommen?" fragte ich. + +Sie sah mich an, mit einem Blick so voll von flehender Verzweiflung, +daß ich bereute, diese Frage an sie getan zu haben. "Lore", sagte +ich, "kann denn niemand helfen?" + +Sie senkte den Kopf, indem sie mit der Stirn an eine Fensterscheibe +lehnte; die weiße Rose lag noch immer duftend auf dem glänzend +schwarzen Haar. "Er war, da er noch lebte, nur ein armer törichter +Mann", sagte sie, und ihre Stimme brach fast in verhaltenem +Schluchzen, "aber er war doch mein Vater, und es hat mich sonst +doch keiner so geliebt--er würde mich auch jetzt noch nicht +verstoßen." + +Als sie das gesagt hatte, schwiegen wir beide; nur hatte ich, ohne +daß ich es wußte, ihre beiden Hände ergriffen, und sie ließ sie mir. +--Da hörte ich von der andern Seite des Hauses, von der Halle her, +die Stimme des Raugrafen ihren Namen rufen. + +Sie fuhr zusammen. "Lore", sagte ich, "können Sie denn nicht los +von jenem Menschen?" + +Ihre Augen blickten mich groß und traurig an. "O doch!" sagte sie +leise, und mir war, als sähe ich ein Lächeln um ihren Mund, aber +ein Lächeln wie in verhüllter Arglist.--Indem wurde noch einmal +und mehr in unsrer Nähe gerufen. + +Sie trocknete hastig ihre Augen. "Leb wohl, Philipp, leb wohl!" +flüsterte sie. Ich empfand den Druck der beiden kleinen Hände; +dann war sie fort. + +Wie lange ich noch unter den Bäumen auf und ab gegangen, weiß ich +nicht. Ich kam erst wieder zu Bewußtsein der Dinge um mich her, +als drinnen im Saale plötzlich die Tanzmusik aufhörte und ich statt +dessen das Schreien der großen Eulen vernahm, die tiefer im Walde +ihr Wesen trieben. + +Als ich dann, um über die Steintreppe zu dem Fußweg zu gelangen, an +der vordern Front des Hauses vorüberging, sah ich Lore noch einmal. +Sie stand unter der Halle, den Arm um eine der Säulen geschlungen, +und blickte durch die Bäume auf den See hinab, wo eben ein +Wetterschein blendend über das Wasser leuchtete. + + + +Am Strande + + +Ich hatte lange schlaflos auf einem Kissen gelegen, an einem Plane +sinnend, wie ich Lore mit Hilfe meiner Mutter einen andern +Zufluchtsort eröffnen möchte und, was vielleicht das schwierigste +sei, wie ich sie überreden könne, einen solchen anzunehmen. + +Als ich am andern Morgen spät erwachte, stand Fritz Bürgermeister, +wie wir ihn als Knaben zu nennen pflegten, vor meinem Bett und +lachte mich mit seinen treuen Augen an.--Bald saßen wir +nebeneinander im Sofa, und Fritz hatte vollauf von +gemeinschaftlichen Freunden zu erzählen, die er in Heidelberg +zurückgelassen. Aber ich hörte nur mit halbem Ohr; meine Gedanken +waren bei dem Erlebnis der vergangenen Nacht. + +Einige Zeit nachher, als wir auf meinen Vorschlag das Haus +verlassen und am Strande entlang in der schattigen Ulmenallee +nebeneinander gingen, entlastete ich mein Herz und berichtete ihm +alles, was ich über Lore und mit ihr selbst erfahren hatte. Fritz +hörte schweigend zu, nur mitunter murmelte er halblaut einen derben +Fluch, indem er die im Wege liegenden Steine mit dem Fuße fortstieß, +oder er führte einen Hieb in die Luft, als hätte er einen Schläger +in der Faust. + +Es blieb auch nicht bei diesem Zeichen; acht Tage später stand er +dem Raugrafen auf der Mensur gegenüber. Aber der Raugraf schlug +eine gefährliche Terz, und Fritz erhielt einen "Schmiß", dessen +Narbe noch jetzt, wenn der Zorn ihm aufsteigt, wie ein roter Blitz +über seine Stirn flammt.-- + +Als wir aus der Allee in den Wald gekommen waren und fast die +Stelle erreicht hatten, wo der Fußweg die Anhöhe nach dem Tanzhause +hinaufgeht, sahen wir auf der andern Seite jenseits der Bäume +mehrere Menschen auf dem Strande. Sie standen dicht am Wasser und +schienen damit beschäftigt, etwas, das man nicht unterscheiden +konnte, auf den Boden niederzulegen. In demselben Augenblick kam +auch ein Mann in Fischerkleidung in den Weg hinauf. "Was gibt's da +unten?" fragte ich im Vorübergehen. + +"Nichts Gutes, Herr!" war die Antwort. "Ein junges Frauenzimmer +ist verunglückt." + +"Lore!" rief ich und ergriff unwillkürlich die Hand meines Freundes. + +Er stieß einen Laut des Schreckens aus. "Was redst du nur!" sagte +er abwehrend. + +Gleichwohl stiegen wir in stummem Einverständnis durch die Bäume an +den Strand hinab. Ich hörte währenddes die Leute drunten +miteinander reden. "Was der gefehlt haben mag?" sagte eine rauhe +Stimme. "Es muß doch eine von den vornehmen Fräuleins sein!--Und +in vollem Staat ins Wasser gegangen." Dann wurde es wieder still; +nur die Wellen rauschten in der Morgenluft. + +Als wir zwischen den Bäumen heraustraten, wurde ich fast vom +Sonnenschein geblendet, der in vollstem Glanze vor uns über die +weite Meeresbucht gebreitet war.--Und in diesem Sonnenglanze lag +auch sie; die Fischer traten bei unsrer Annäherung zur Seite, und +wir konnten sie ungestört betrachten. Es war kein Zweifel mehr. +Das bleiche Gesichtchen ruhte auf dem Ufersande; die kleinen +tanzenden Füße ragten jetzt regungslos unter dem Kleide hervor; +Seetang und Muscheln hingen in den schwarzen triefenden Haaren. +Die weiße Rose war fort; sie mochte ins Meer hinausgeschwommen sein. + + + +Viele Jahre sind seit jenem Morgen vergangen.--Auf dem Kirchhofe +der Universitätsstadt, abseits im hohen Grase, liegt eine +weiße Marmortafel: "Lenore Beauregard" steht darauf.--Drei +Heimatsgenossen, in verschiedenen Teilen des deutschen Landes +lebend, haben sie gestiftet. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Auf der Universität Lore, von +Theodor Storm. + + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AUF DER UNIVERSITAT LORE *** + +This file should be named 8895-8.txt or 8895-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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