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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:32:27 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Auf Der Universitat Lore, by Theodor Storm
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Auf Der Universitat Lore
+
+Author: Theodor Storm
+
+Release Date: September, 2005 [EBook #8895]
+[This file was first posted on August 21, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AUF DER UNIVERSITAT LORE ***
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+
+This Etext is in German.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+Auf der Universität Lore
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+Theodor Storm
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+Ich hatte keine Schwester, welche mir den Verkehr mit Mädchen
+meines Alters hätte vermitteln können; aber ich ging in die
+Tanzschule. Sie wurde zweimal wöchentlich im Saale des städtischen
+Rathauses gehalten, welches zugleich die Wohnung des Bürgermeisters
+bildete. Mit dessen Sohn, meinem treuesten Kameraden, waren wir
+acht Tänzer, sämtlich Sekundaner der Lateinischen Schule unsrer
+Vaterstadt. Nur in betreff der Tänzerinnen hatte sich anfänglich
+eine scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit herausgestellt; die
+achte standesmäßige Dame war nicht zu beschaffen gewesen.
+
+Allein Fritz Bürgermeister wußte Rat. Eine frühere bei allen
+Festschmäusen von der Frau Bürgermeisterin noch immer zugezogene
+Köchin seiner Eltern war an einen Flickschneider verheiratet, einen
+gelben hagern Menschen mit französischem Namen, der lieber im
+Wirtshaus das große Wort, als auf seinem Schneidertisch die Nadel
+führte. Die Leute wohnten am Ende der Stadt, dort, wo die Straße
+dem Schloßgarten gegenüberliegt. Das schmale Häuschen mit der
+großen Linde davor, welche das einzige neben der Tür befindliche
+Fenster fast ganz beschattete, war uns wohlbekannt; wir waren oft
+daran vorübergegangen, um einen Blick des hübschen Mädchens zu
+erhaschen, das hinter den Reseda- und Geranientöpfen an einer
+Näharbeit zu sitzen pflegte und in unsern Knabenphantasien eine
+nicht unbedeutende Rolle spielte. Es war das einzige Kind des
+französischen Schneiders, ein dreizehnjähriges zierliches Mädchen,
+das auch in der Kleidung, trotz der geringen Mittel, von der Mutter
+in großer Sauberkeit gehalten wurde. Die bräunliche Hautfarbe und
+die großen dunkeln Augen bekundeten die fremdländische Abkunft
+ihres Vaters; und ich entsinne mich noch, daß sie ihr schwarzes
+Haar sehr tief und schlicht an den Schläfen herabgestrichen trug,
+was dem ohnehin kleinen Kopfe ein besonders feines Aussehen gab.
+Fritz und ich waren uns bald miteinander einig, daß Leonore
+Beauregard die achte Dame werden müsse. Zwar hatten wir mit
+Hindernissen zu kämpfen; denn die übrigen kleinen Fräulein und
+"gnädigen" Fräulein wurden sehr seriös und einsilbig, als wir
+unsern Vorschlag mitzuteilen wagten; allein die Künste ihres
+Lieblingssohnes hatten die Bürgermeisterin auf unsre Seite gebracht,
+und vor dem heitern und resoluten Wesen dieser wackern Frau
+vermochten weder die gerümpften Näschen der kleinen Damen, noch,
+was gefährlicher war, die bestimmten Einwände ihrer Mütter
+standzuhalten.
+
+So waren wir denn eines Nachmittags unterwegs nach dem Häuschen des
+französischen Schneiders.--Sonst hatte ich oft wohl bedauert, daß
+meine Kameradschaft mit dem Sohne unsers Haustischlers eingegangen
+war, dessen Schwester fast täglich mit der kleinen Beauregard
+verkehrte; ich hatte auch wohl daran gedacht, die Bekanntschaft
+wieder anzuknüpfen und mich in der Werkstatt seines Vaters in der
+Schreinerei unterweisen zu lassen; denn Christoph war im übrigen
+ein ehrlicher Junge und keineswegs auf den Kopf gefallen; nur daß
+er auf die Schüler der Gelehrtenschule, "die Lateiner", wie er mit
+einer unangenehmen Betonung sagte, einen wunderlichen Haß geworfen
+hatte; auch pflegte er sich unter Beihilfe gleichgesinnter Freunde
+auf dem Exerzierplatz von Zeit zu Zeit mit den Lateinern nach
+Leibeskräften durchzuprügeln, ohne daß jedoch durch diese
+Schlachten ein Ende des Krieges erzielt wäre.
+
+Nun bedurfte ich jener Vermittlung nicht; denn schon waren wir vor
+dem Hause und schritten über die gelben Blätter der Linde, die der
+Novembersturm herabgefegt hatte, auf die niedrige Haustür zu. Bei
+dem Klingeln der Schelle kam uns Frau Beauregard aus der Küche
+entgegen, und nachdem sie sich sorgsam ihre Hände an der weißen
+Schürze abgetrocknet, wurden wir in das kleine Wohnstübchen
+genötigt.
+
+Es war schwer, in dieser blonden untersetzten Frau die Mutter der
+zarten dunkeln Mädchengestalt zu erkennen, die jetzt bei unserm
+Eintritt von der Näharbeit aufsprang und sich dann mit einem
+Ausdruck zwischen Neugier und Verlegenheit an die Schatulle lehnte.
+Während Fritz unser Anliegen vorbrachte, überflog ein helles Rot
+ihr Gesichtchen, und ich sah, wie ihre Augen leuchteten und größer
+wurden; als aber die Mutter schwieg und nachdenklich den Kopf
+schüttelte, stahl sie sich leise hinter ihrem Rücken fort und
+verschwand durch eine anscheinend in die Schlafkammer führende Tür.
+--Ich warf einen Blick nach dem Tische, vor dem sie bei unserm
+Eintritt gesessen hatte. Zwischen Bändern und anderm Mädchenkram
+standen ein Paar schmale Lastingschühchen, fertig bis auf die
+Einfassung, womit, wie es schien, das Mädchen sich soeben noch
+beschäftigt hatte. Die Dinger waren beunruhigend klein, und meine
+Knabenphantasie ließ nicht nach, sich die Füßchen vorzustellen, die
+mutmaßlich dahinein gehörten; mir war, als säh ich sie schon im
+Tanze um die meinen herumwechseln, ich hatte sie bitten mögen, nur
+einen Augenblick standzuhalten; aber sie waren da und waren wieder
+fort und neckten mich unaufhörlich.
+
+Während dieser visionären Träumerei hatte die Frau Beauregard mit
+meinem Freunde, dem ich, wie billig, das Wort überlassen mußte,
+Gründe und Gegengründe auszutauschen begonnen, bis sich die Sache,
+nachdem auch der Name der Bürgermeisterin in die Waagschale gelegt
+war, mehr und mehr zu unsern Gunsten neigte.
+
+"Und da stehen ja schon die Tanzschuhe!" sagte Fritz. "Ist Herr
+Beauregard denn auch ein Schuhmacher?"
+
+Die Frau schüttelte den Kopf. "Sie wissen ja wohl, Fritz, daß er,
+leider Gottes, ein Tausendkünstler ist! Er mußte Ihnen doch auch
+Ihre Taschenuhr im Frühjahr reparieren!--Die Schühchen hat der
+dem Kinde auf Weihnachten schon im voraus gemacht."
+
+"Nun, Margret, und meine Mutter hat einen ganzen Koffer voll
+schöner alter Kleider; da könnt Ihr neue daraus schneidern für die
+Lore; es reicht jedes wenigstens ein vierteldutzendmal für sie."
+
+Die Alte lächelte; aber sie wurde wieder ernst. "Ich weiß
+nicht", sagte sie, "es sollte nicht sein; aber wenn die Frau
+Bürgermeisterin es meint!"
+
+Das Mädchen war indessen wieder eingetreten und hatte sich neben
+die Mutter gestellt. Es entging mir nicht, daß sie ein weißes
+Krägelchen umgetan hatte; auch meinte ich, die Ohrringe mit den
+roten Korallenknöpfchen vorhin nicht an ihr gesehen zu haben.
+
+"Was meinst du, Lore?" sagte Fritz, während die Mutter noch immer
+nachdenklich und unschlüssig dreinsah, "hast du Lust, mit uns zu
+tanzen?"
+
+Sie antwortete nicht; aber sie faßte die Mutter mit beiden Händen
+um den Hals und flüsterte ihr zu, während ihr Antlitz mit immer
+tieferm Rot überzogen wurde.
+
+"Fritz", sagte die Alte, indem sie sich sanft des ungestümen
+Mädchens erwehrte, "ich wollte, Sie hätten mir die Geschichte erst
+allein erzählt; es wäre dann nichts daraus geworden. So habt ihr
+mir nun einmal das Mädel auf den Hals gehetzt; ich weiß es schon,
+sie läßt mir keine Ruh!"--
+
+Wir hatten also gesiegt. "Mittwoch abend um sieben Uhr!" rief
+Fritz noch im Fortgehen; dann traten wir, von Mutter und Tochter
+zur Tür begleitet, aus dem Hause.--Als wir uns nach einer Weile
+umblickten, stand nur noch unsre junge Freundin da; sie nickte uns
+ein paarmal zu und lief dann rasch ins Haus zurück.
+
+
+Am Tage darauf war, wie mir Fritz vertraute, die Frau Beauregard
+bei seiner Mutter gewesen, hatte mit ihr eine geraume Zeit in der
+Kleiderkammer gekramt und dann mit einem wohlgefüllten Päckchen das
+Haus verlassen.
+
+Am Mittwochabend war die Tanzstunde. Ich hatte mir die lackierten
+Schuhe mit Stahlschnallen und die neue Jacke erst im letzten
+Augenblick von Schuster und Schneider herausgepocht und fand schon
+alles versammelt, als ich in den Saal trat. Meine Kameraden
+standen am Fenster um den alten Tanzmeister, der mit den Fingern
+auf seiner Geige klimperte und dabei die Wünsche seiner jungen
+Scholaren entgegennahm. Unsre Tänzerinnen gingen in Gruppen, die
+Arme ineinander verschränkt, im Saale auf und ab.
+
+Leonore war nicht unter ihnen; sie stand allein unweit der Tür und
+blickte finster zu den lebhaft plaudernden Mädchen hinüber, die
+sich so frei und unbehindert in dem fremden vornehmen Hause zu
+fühlen schienen und sich so gar nicht um sie kümmerten.
+
+Nichts ist selbstsüchtiger und erbarmungsloser als die Jugend.
+Aber gleich nach mir war die Bürgermeisterin eingetreten. Nachdem
+sie die junge Gesellschaft begrüßt und, wie Fritz sich ausdrückte,
+einen ihrer Generalsblicke im Saal umhergeworfen hatte, schritt sie
+auf Lore zu und nahm sie bei der Hand. "Damit die Pärchen
+zueinander passen!" sagte sie zu dem Tanzmeister. "Rangieren Sie
+einmal die Kavaliere!"--Dann, während dieser ihrem Auftrag Folge
+leistete, wandte sie sich zu den Mädchen und begann mit ihnen
+dieselbe Prozedur. Die blonde Postmeistertochter war die längste,
+fast um einen Kopf höher als alle übrigen. Sie wurde uns gegenüber
+an der Wand aufgestellt; dann nicht war die Sache zweifelhaft.
+"Ich weiß nicht, Charlott'", sagte die Bürgermeisterin, "du oder
+Lore! Ihr scheint mir ziemlich egal zu sein!"
+
+Die Angeredete, die Tochter des Kammerherrn und Amtmanns,
+retirierte einen Schritt. "Mamsell Lore wird wohl die größere
+sein", sagte sie leichthin.
+
+"Ei was, kleine Gnädige", rief die Mutter meines Freundes, "komm nur
+heraus aus deiner Ecke und miß dich einmal mit der Mamsell Lore!"
+
+Und die kleine Dame mußte hervor und sich dos-à-dos mit der
+Schneidertochter messen; aber--ich hatte ein scharfes Auge darauf--
+sie wußte es dennoch so zu machen, daß sie den dunkeln Kopf der
+Handwerkertochter mit dem ihrigen kaum berührte.
+
+Das junge Fräulein war in lichte Farben gekleidet; Lenore trug ein
+schwarz und rot gestreiftes Wollenkleid, um den Hals einen weißen
+Florschal. Die Kleidung war fast zu dunkel; sie sah fremdartig aus;
+aber es stand ihr gut.
+
+Die Bürgermeisterin musterte die beiden Mädchen. "Charlott'",
+sagte sie, "du bist sonst immer die Meisterin gewesen; nimm dich in
+acht, daß die dir nicht den Rang abläuft; sie sieht mir gerade
+danach aus."
+
+Mir war, als säh ich bei diesen Worten die schwarzen Augen des
+Mädchens blitzen.
+
+Nach einer Weile wurden die Paare formiert. Ich war der zweite in
+der Reihe der Knaben, und Lore wurde meine Dame. Sie lächelte, als
+sie ihre Hand in meine legte. "Wir wollen sie um und um tanzen!"
+sagte ich.--Und wir hielten Wort. Es sollte zunächst eine
+Mazurka eingeübt werden, und schon zu Ende dieser ersten Lehrstunde,
+da eine Tour nicht gehen wollte, klopfte unser alter Maestro mit
+dem Bogen auf den Geigendeckel: "Kleine Beauregard! Herr Philipp!
+Machen Sie einmal vor!" Und während er die Melodie zugleich geigte
+und sang, tanzten wir.--Es war keine Kunst, mit ihr zu tanzen,
+ich glaube, es hätte niemandem mißglücken können; aber der alte
+Herr rief ein begeistertes "Bravo!" nach dem andern, und die
+wackere Frau Bürgermeisterin lehnte sich vor Behagen lächelnd weit
+zurück in ihrem Sofa, wo sie seit Beginn des Unterrichts als
+aufmerksame Zuschauerin Platz genommen hatte.
+
+Fräulein Charlotte war meinem Freunde Fritz als Partnerin
+zugefallen, und ihr lebhaftes Wesen schien, wie ich gern bemerkte,
+ihn bald seine anfängliche Begeisterung für die Schneidertochter
+vergessen zu machen. Da ich die letztere aber jetzt gewissermaßen
+als mein Eigentum betrachtete, so war ich eifersüchtig auf die
+Schönheit und Eleganz meiner Dame, und ein verweilender Blick ihrer
+tadellos gekleideten Nebenbuhlerin, dem meine Augen gefolgt waren,
+hatte mich belehrt, daß die Beschützerin des schönen Mädchens
+dennoch eines nicht genügend bedacht hatte. Die Handschuhe waren
+zu groß für diese schmalen Hände; sie waren offenbar auch schon
+gewaschen.
+
+Am andern Morgen, sobald ich aus der Klasse kam, ließ es mir keine
+Ruhe mehr. Ich machte mich über den Schrank, worin meine blecherne
+Sparbüchse aufbewahrt wurde, und grub und schüttelte so lange, bis
+ich aus dem Spalt einen harten Taler neben der roten Tuchzunge
+hervorgearbeitet hatte. Dann rannte ich in einen Kaufladen.--
+"Ich wollte kleine Handschuhe!" sagte ich nicht ohne Beklommenheit.
+
+Der Ladendiener warf einen sachverständigen Blick auf meine Hand.
+"Nummer sechs!" meinte er, während er die Handschuhschachtel auf
+den Tisch stellte. "Geben Sie mir Nummer fünf!" bemerkte ich
+kleinlaut.
+
+"Nummer fünf?--Wird wohl nicht passen!" und er machte Anstalt,
+die Handschuhe über meine Hand zu spannen.
+
+Es stieg mir siedend heiß ins Gesicht. "Sie sollen nicht für mich!"
+sagte ich und bedauerte mehr als jemals den Mangel einer
+Schwester, auf die ich den Handel hätte bringen können. Aber ich
+war entzückt von den kleinen Handschuhen mit den weißen seidenen
+Bändchen, die nun vor mir ausgebreitet lagen. Ich kaufte zwei Paar,
+und bald nachdem ich den Laden verlassen, hatte ich einen Jungen
+von der Straße aufgefischt. "Bring das an die Lore Beauregard",
+sagte ich, "einen Gruß von der Frau Bürgermeisterin, hier wären die
+Handschuhe für die Tanzstunde! Und dann bring mir Bescheid; ich
+warte hier an der Ecke auf dich."
+
+Nach zehn Minuten war der Junge wieder da.
+
+"Nun?"
+
+"Ich hab' sie der Alten gegeben."
+
+"Was sagte die Alte?"
+
+"Es wäre zuviel; die Frau Bürgermeisterin hätte diesen Morgen ja
+schon ein Paar geschickt."
+
+Gut! dachte ich; so merkt sie nichts.
+
+In der nächsten Tanzstunde trug Lore die neuen Handschuhe; ich weiß
+nicht, ob die meinen oder die von der Bürgermeisterin; aber sie
+lagen wie angegossen um das schlanke Handgelenk; und nun sah keine
+vornehmer aus als Lore in ihrem dunkeln Kleide.
+
+
+
+Die Lehrstunden gingen nun ihren ebenen Lauf. Nachdem die Mazurka
+eingeübt war, kam ein Kontertanz an die Reihe, in welchem Fritz und
+Lore zusammen tanzten.--Ein Verhältnis dieser zu den andern
+Mädchen wollte sich indessen nicht herausstellen, nur mit der
+langen Jenni, welche die älteste und, wie ich glaube, die klügste
+von ihnen war, sah ich sie ein paarmal im Gespräch zusammensitzen;
+auch auf dem Heimwege, der beiden bis auf eine kleine Strecke
+gemeinschaftlich war, legte Jenni wohl einmal ihren Arm auf den der
+Schneidertochter. Sonst stand diese zwischen dem Tanzen meist
+allein, wenn nicht der alte Lehrer mit seiner Geige einmal zu ihr
+trat und ihr einen oder andern Ballettsprung aus den Zeiten seiner
+Jugend vormachte, um seinen Liebling in die äußersten Feinheiten der
+Kunst einzuweihen. Oft habe ich verstohlen zu ihr hinübergeblickt,
+wie sie scheinbar teilnahmslos dem alten Mann zuhörte, nur mitunter
+die schwarzen Augen zu ihm aufschlagend oder still und wie nur
+andeutungsweise eine seiner künstlichen Figuren nachmachend.
+Aber wenn wir angetreten waren und der Maestro seine Geige zu
+streichen begann, wurde es anders. Zwar schien sie an nichts
+weniger zu denken als an die Tritte und Wendungen des Tanzes,
+es war fast, als blickten ihre Augen in entlegene Fernen; aber
+während ihre Gedanken weit entrückt schienen, lächelte ihr Mund,
+und ihre kleinen Füße streiften lautlos und spielend über den Boden.
+--"Lore, wo bist du?" fragte ich dann wohl, während ich ihr in
+der Tour die Hand reichte.--"Ich?" rief sie und strich, wie aus
+Träumen auffahrend, ihr schwarzes Haar zurück, während die Wendung
+des Tanzes sie mir schon wieder entführt hatte.--Noch jetzt, wenn
+ich die spanische Tanzweise in Silchers ausländischen Volksmelodien
+höre, kann ich immer nur an sie denken.
+
+Einigermaßen hinderlich--ich will es nicht leugnen--war es mir,
+daß seit den Tanzstunden der französische Schneider mich mit einer
+auffälligen Gunst beehrte. Wo er mir nur begegnete, auf Straßen
+oder Spazierwegen, suchte er mich zu stellen und ein möglichst
+lautes und langes Gespräch mit mir anzuknüpfen. Schon das erstemal
+erzählte er mir, daß sein Großvater unter Louis seize Ofenheizer in
+den Tuilerien gewesen war.
+
+"Ja, Monsieur Philipp" sagte er mit einem Seufzer und präsentierte
+mir seine porzellanene Schnupftabaksdose, "so kann eine Familie
+herunterkommen!--Aber meine Lore--Sie verstehen mich, Monsieur
+Philipp!"--Er zog ein buntgewürfeltes Schnupftuch aus der Tasche
+und trocknete sich die kleinen schwarzen Augen. "Was wollen Sie!
+Ich bin ein armer Kerl, aber das Kind--sie ist mein Bijou, der
+Abgott meines Herzens!" Und dabei blinzelte er und warf mir einen
+so väterlichen Blick zu, als gedenke er auch mich in die
+heruntergekommene Familie aufzunehmen.
+
+Mittlerweile kam die letzte Tanzstunde heran, die zu einem kleinen
+Ball erweitert werden sollte. Die Eltern waren eingeladen, um uns
+tanzen zu sehen; von den meinigen hatte indessen nur meine Mutter
+zugesagt, mein Vater wurde durch seinen Beruf als Arzt und
+Bezirksphysikus von jeder Geselligkeit ferngehalten. Da meine
+Ungeduld, sobald der Abend anbrach, mir keine Ruhe ließ, so trat
+ich schon vor der angesetzten Stunde in den Saal, in welchem heute
+auf den Wandleuchtern und in den Glaskronen alle Kerzen brannten.
+Als ich mich umblickte, bemerkte ich Lore ganz allein mit dem
+Rücken gegen mich an einem Fenster stehend. Bei dem Geräusch der
+zufallenden Tür schrak sie sichtlich zusammen, während sie mit Hast
+bemüht schien, einen goldenen Schmuck von ihrer Hand zu streifen.
+Als ich zu ihr getreten, sah ich, daß es ein Armband war, dessen
+Schloß sie vergeblich zu öffnen sich bemühte.
+
+"So laß es doch sitzen, Lore!" sagte ich.
+
+"Es gehört nicht mein!" antwortete sie verlegen, "Jenni hat es hier
+vergessen."
+
+Die feine Blumenrosette von mattem venezianischem Golde lag so
+schimmernd auf dem braunen schlanken Handgelenk.
+
+"Es sollte bleiben, wo es ist", sagte ich leise.
+
+Lore schüttelte traurig den Kopf, und ihre Finger begannen aufs
+neue an dem Schloß zu nesteln.
+
+"Komm", sagte ich, "es geht ja nicht; ich will dir helfen!"--Ich
+fühlte die leichte Last ihrer schmalen Hand in der meinen; ich
+zögerte, meine Augen waren wie verzaubert.
+
+"Oh, bitte, geschwind!" bat sie. Mit niedergeschlagenen Augen, wie
+mit Blut übergossen stand das Mädchen vor mir.
+
+Endlich sprang das Schloß auf, und Lore legte den goldenen Schmuck
+schweigend zwischen die Blumentöpfe auf die Fensterbank.
+
+Gleich darauf füllte sich der Saal. Auch Frau Beauregard hatte es sich
+nicht nehmen lassen, wenigstens als Aufwärterin an dem Ehrenfeste ihres
+Kindes teilzunehmen. In einer frisch gestärkten Haube, bald mit
+Kuchenkörben, bald mit einem großen Präsentierteller beladen, ging
+sie zwischen den Gästen ab und zu.--Endlich begannen die Musikanten
+anzustreichen, deren heute vier an einem Tische saßen. Der alte
+Tanzmeister klopfte auf den Geigendeckel, und Lore reichte mir die
+Hand zur Mazurka.--Und, oh, wie tanzten wir! Wie sicher lag sie in
+meinem Arm, mit welcher Verachtung stampften die kleinen Füße den
+Boden! Auch mich riß es hin, als wenn ich von den Rhythmen der Musik
+getragen würde. Es war wie eine schmerzliche Leidenschaft; denn wir
+tanzten heute, vielleicht auf immer, zum letztenmal zusammen.
+
+Erst jetzt hatte ich bemerkt, daß Lore ein Kleid von leichtem
+hellgeblümtem Wollstoff trug. Es war wie das vorige augenscheinlich
+aus der Garderobe ihrer Gönnerin hervorgegangen; denn auf der
+breiten Brust und bei den etwas kupferigen Wangen der Frau
+Bürgermeisterin hatten diese farbigen Rosenbuketten im letzten
+Winter eine Art von komischer Berühmtheit erlangt; nun aber kam das
+zarte Muster zu seiner Geltung; dem frischen braunen Mädchenantlitz
+stand es wunderhübsch.
+
+Die Mazurka war getanzt; Lore ließ wieder ihr dunkles Köpfchen und
+die schlanken Arme sinken, und ich führte sie an ihren Platz.--
+Fritz und Charlotte, die ebenfalls abgetreten waren, saßen dicht
+daneben. In demselben Augenblick kam auch Frau Beauregard mit Tee
+und Kuchen; sie sprach nicht zu ihrer Tochter, sie warf nur einen
+lächelnden stolzen Blick auf sie, als sie nach der vornehmen Dame
+auch ihr präsentieren durfte. Die kleine Gnädige hatte schon eine
+Weile beide mit der ihr eigentümlichen Lässigkeit gemustert. "Ihre
+Tochter ist ja heute sehr schön, Frau Beauregard!" sagte sie,
+während sie den Zucker in die Tasse fallen ließ.
+
+Die geschmeichelte Frau neigte sich verbindlich. "Gnädiges
+Fräulein, Frau Bürgermeisterin haben auch ausgeholfen."
+
+"Ach!--Darum auch!--Die Rosenbuketts!"--Und sie ließ einen
+langen Blick über Lenore hingleiten. Diese wollte ihr erwidern,
+aber ihre Augen verdunkelten sich; ich sah, wie ein paar Tränen ihr
+über die Wangen herabfielen.
+
+Charlotte schien das nicht zu bemerken; ihre Aufmerksamkeit hatte
+sich nach der offenstehenden Tür gerichtet, wo ich zu meinem
+Schrecken unter den Köpfen der zuschauenden Dienstboten das gelbe
+Gesicht des französischen Schneiders auftauchen sah. Er schien
+ganz à son aise, drehte die Porzellandose in der Hand und blickte
+mit seinen schwarzen Augen freudestrahlend in den Saal hinein.
+
+"Ist das Ihr Vater, Mamsell Lore?" fragte Charlotte, indem sie mit
+dem Finger nach der Tür wies.
+
+Lenore blickte hin und fuhr zusammen. "Mutter!" rief sie und faßte
+wie unwillkürlich den Arm der noch vor uns beschäftigten Frau.
+
+Frau Beauregard, als nun auch sie ihren lebhaft gestikulierenden
+Eheherrn bemerkte, schien von dessen Anwesenheit keineswegs erbaut;
+aber sie nahm sich zusammen. "Er kommt aus der Herberge", sagte
+sie, "er will dich einmal tanzen sehen."
+
+Während Lore, der ich unwillkürlich folgte, sich der Tür genähert
+hatte, war schon der Bürgermeister zu ihrem Vater getreten und lud
+ihn ein, sich ein Glas Punsch im Saal gefallen zu lassen. Aber der
+Schneider war nicht zu bewegen. "Submissester Serviteur, Herr
+Bürgermeister!" sagte er, indem er mit einem Katzenbuckel noch
+einen Schritt weiter retirierte. "Wenn ich mein Großvater vom Hofe
+Ludwigs des Sechzehnten wäre!--So aber kenne ich meine Stellung."
+
+Als der Bürgermeister weggegangen, brachte Fritz ihm ein Glas an
+die Tür. "Wohl bekomm's, Meister!" sagte er gutmütig. "Jetzt werd
+ich mit der Lore tanzen! Die versteht's."
+
+Aber in demselben Augenblick war auch der Schwarm der andern Knaben
+mit vollen Gläsern in der Hand herangekommen. Sie stießen mit ihm
+an, machten ihm seinen Katzenbuckel nach, den er ihnen jedesmal
+beim Anklingen zum besten gab, und ergingen sich in allerlei
+possenhaften Komplimenten.
+
+Lore stand, ohne sich zu rühren, und ließ kein Auge von ihrem Vater;
+aber ich hörte, wie ihre kleinen Zähne aufeinanderknirschten.
+
+Als die Musikanten wieder zu stimmen begannen, liefen die übrigen
+Knaben in den Saal zurück. Ich stand noch mit Lore an der Tür.
+
+"Ah, Monsieur Philipp", rief der Schneider, während er mir die Hand
+reichte, "lauter liebe, scharmante junge Herren! Aber im Vertrauen--
+Sie und die Lore, Sie und die Lore, Monsieur Philipp!" Die kleinen
+schwarzen Augen richteten sich dabei mit bewundernder Zärtlichkeit
+auf das Antlitz seines Kindes; wie aus unwiderstehlichem Antrieb
+streckte er seinen langen Arm in den Saal hinein und zog sie an
+seine Brust. "Mein Kind, mon bijou!" flüsterte er. Und das
+Mädchen küßte ihn und warf ihre Arme mit leidenschaftlicher,
+schmerzlicher Zärtlichkeit um seinen Hals, während ihr feines
+Köpfchen an seiner Schulter ruhte. Dann aber machte sie sich
+los und faßte seine Hände und sprach leise und eindringlich
+zu ihm. Ich verstand ihre Worte nicht; aber ich sah ihre
+Augen bittend auf die seinen gerichtet und ihre kleine Hand,
+die mitunter, als wolle sie ihm ein Leid vergüten, zittern über
+seine hagern Wangen hinstrich. Zuerst schüttelte er lächelnd und
+wie ungläubig den Kopf; allmählich aber verschwand aus seinen Augen
+die freudestrahlende Sicherheit, womit er bisher seinen Platz
+behauptet hatte. "Ich weiß, ich weiß", murmelte er, "du liebst
+deinen armen alten Vater!" Und als nun die Musik zum Kontertanz
+begann, drückte er seiner Tochter die Hand und ging stumm und ohne
+auch nur einen Blick noch in den Saal hineinzuwerfen, den langen
+Hausflur hinab.
+
+In diesem Augenblick kam Fritz und holte seine Dame.--Sie tanzte
+mit der gewohnten Sicherheit; nur war es nicht die sonstige
+sorglose Träumerei, als vielmehr eine graziöse Feierlichkeit, womit
+sie die Touren dieses Tanzes ausführte. Mitunter in den Pausen
+blickte sie wie versteinert vor sich hin, während sie mit beiden
+Händen ihr glänzend schwarzes Haar an den Schläfen zurückstrich.
+Die Scherze ihres Tänzers schienen ungehört ihrem Ohr vorbeizugehen.
+
+Mit dem Kontertanz waren unsre einstudierten Tänze zu Ende; aber
+nicht unsre Tanzlust. Wir hatten noch Walzer, Schottisch und
+Galoppaden auf unserm Zettel; sogar einen Kotillon, wozu ich in
+Gedanken an Lore einen ausgesuchten Beitrag an Schleifen und
+frischen Blumen geliefert hatte.
+
+Aber Lore war nicht mehr im Saal. Die andern Mädchen standen bei
+ihren Müttern und ließen sich von ihnen die verschobenen Schärpen
+und Haarbänder zurechtzupfen. Frau Beauregard kam eben mit neuen
+Erfrischungen zur Tür herein; sie hatte ihre Tochter nicht gesehen.
+Nun suchte ich Fritz. Er stand in der Ecke am Musikantentisch und
+füllte die leeren Gläser wieder. "Wo ist Lore?" fragte ich.
+
+"Ich weiß nicht", erwiderte er verdrießlich; "sie war verdammt
+einsilbig, mir hat sie's nicht verraten."
+
+Ich zog ihn mit auf den Flur hinaus. Als wir an die Kammer kamen,
+worin die Gesellschaft ihre Mäntel abgelegt hatte, trat sie uns
+entgegen; sie hatte ihr Mäntelchen umgetan und ihr schwarzes
+Seidenkäppchen auf dem Kopf. "Lore!" rief ich und suchte ihre Hand
+zu fassen; aber sie entzog sie mir und ging an uns vorbei.
+
+"Laß!" sagte sie kurz. "Ich will nach Haus!"
+
+Einen Augenblick später hatte sie die schwere, nach der Straße
+führende Tür aufgerissen und sprang draußen an dem Eisengeländer
+die Steintreppe hinab, und als auch Fritz neben mir draußen auf den
+Fliesen stand, war sie schon weit drunten in der Straße, daß wir in
+der Dunkelheit ihre leichte flüchtige Gestalt nur kaum noch zu
+erkennen vermochten.
+
+"Laß sie!" sagte Fritz. "Oder hast du Lust auf die Wilde-Gans-
+Jagd?"
+
+Ich hatte zwar die Lust; ich wußte aber nicht recht, wie und es mit
+Fug beginnen sollte.--So kehrten wir denn in den Saal zurück.
+Frau Beauregard ging nach ihrer Wohnung; aber sie kehrte
+unverichtetersache wieder. Der Lore sei unwohl geworden, sagte sie;
+sie liege schon im Bett, der Vater sitze bei ihr.
+
+Mir war nun der Rest des Abends verdorben; und als der Kotillon
+beginnen sollte, den ich mit Lore zu tanzen gedachte, schlich ich
+mich still und trübselig nach Hause.
+
+
+Neujahr war vorüber. Schon längst hatte ich mit der glatten
+Stahlsohle meiner holländischen Schlittschuhe geliebäugelt, nicht
+ohne eine kleine Verachtung gegen meine Kameraden, welche sich noch
+der hergebrachten scharfkantigen Eisen zu bedienen pflegten. Aber
+erst jetzt war ein dauernder Frost eingetreten.
+
+Es war an einem Sonntagnachmittage; über dem Mühlenteich, einem
+mittelgroßen Landsee unweit der Stadt, lag ein glänzender
+Eisspiegel. Die halbe Einwohnerschaft versammelte sich draußen in
+der frischen Winterluft; von alt und jung, auf zweien und auf einem
+Schlittschuh, sogar auf einem untergebundenen Kalbsknöchlein wurde
+die edle Kunst des Eislaufs geübt.--In der Nähe des Ufers waren
+Zelte aufgeschlagen, daneben auf dem Lande über flackerndem Feuer
+dampften die Kessel, mit deren Hilfe allerlei wärmendes Getränk
+verabreicht wurde. Hie und da sah man einen Schiebeschlitten, in
+dem einen eingehüllte Mädchengestalt saß, aus dem Gewühl auf die
+freie Fläche hinausschießen; aber alle hielten sich am Rande des
+Sees; die Mitte mochte noch nicht geheuer scheinen.
+
+Ich schnallte meine Stahlschuhe unter und machte einen einsamen
+Lauf an dem Ufer entlang.--Als ich zurückkehrte, fand ich fast
+die ganze Gesellschaft unsrer Tanzstunde bei den Zelten versammelt;
+prüfend mit vorgestreckten Händen schritten die kleinen Damen in
+ihren neuen Weihnachtsmänteln über die dort bereits ziemlich
+zerfahrene Eisdecke. Fritz, der schon abends zuvor seinen gelben
+Schlitten mit dem geschnitzten Hirschkopfe in der Mühle eingestellt
+hatte, war eben von einer Fahrt mit Fräulein Charlotte zurückgekehrt;
+und schon hatte eine andre unsrer Tänzerinnen den Platz unter
+der prächtigen Tigerdecke eingenommen. Der Kavalier zögerte
+indessen noch und schien sich nach einem Gehilfen für den
+anstrengenden Damendienst umzusehen; aber ich schwenkte zeitig ab;
+denn weiterhin unter deiner Gesellschaft von Frauen und Mädchen aus
+dem Handwerkerstande hatte ich Lenore Beauregard bemerkt, mit der
+ich seit jenem Tanzabende nicht wieder zusammengetroffen war.
+Die jungen Dirnen ließen sich, eine nach der andern, von einem
+Lehrburschen unsers Haustischlers in einem leichten Schiebschlitten
+fahren, den ich sofort als den meines früheren Spielgenossen
+Christoph erkannte. Auch seine Schwester bemerkte ich; er selbst
+war nicht dabei. Der Glanz des Eisspiegels mochte ihn weiter auf
+den See hinausgelockt haben; denn er war einer der besten
+Schlittschuhläufer unter den Knaben der Stadt.
+
+Ich schwärmte eine Zeitlang umher, unschlüssig, wie ich am
+manierlichsten Lenore meine Dienste anbieten möchte; aber jedesmal,
+wenn ich mich näherte, wich sie sichtlich aus und verbarg sich
+zwischen den andern. Eben kam der Bursche wieder von einer Fahrt
+zurück. "Lenore ist an der Reihe!" hieß es; aber Lore wollte nicht.
+"Barthel muß erst einmal trinken", sagte sie und drückte dem
+Jungen etwas in die Hand.
+
+Ich hörte dies kaum, so hatte ich auch schon meinen Plan gefaßt.
+Als ginge mich alles nichts mehr an, lief ich so rasch wie möglich
+nach den Zelten zu. Dicht davor wurde ich von Fritzens Mutter
+angerufen. "Philipp", sagte sie neckend und mit dem Daumen nach
+der Seite weisend, von wo ich hergekommen, "wenn du die Lore wieder
+fangen willst--da ist sie!"
+
+"Freilich will ich sie fangen!" rief ich und segelte vorbei.
+
+"Ja, ja; aber sie will nichts mehr wissen von euch jungen Herren!"
+
+Ich hörte nur noch aus der Ferne. Schon stand ich vor dem großen
+Weinzelte; und als auch Barthel sich bald darauf einfand, hatte ich
+mit dem Opfer meiner ganzen Barschaft ein Glas Punsch und ein mit
+Wurst belegtes Butterbrot für ihn in Bereitschaft. "Laß dir's
+schmecken", sagte ich, indem ich beides vor ihn hinschob, "die
+Mädchen machen dir das Leben gar zu sauer."
+
+Der Junge aß und trank mit solchem Appetit, daß ich meinen
+Bestechungsversuch fortzusetzen wagte. "Wie wär es, Barthel, wenn
+ich dich einmal ablöste?"
+
+Er wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn und kaute
+ruhig weiter; nur mitunter, während ich ihm meine Verhaltungsregeln
+auseinandersetzte, nickte er zum Zeichen, daß er mich verstanden habe.
+Als seine Mahlzeit beendigt war, kehrte er zu seiner Gesellschaft
+zurück, und bald darauf sah ich Lore, ihr schwarzseidenes
+Pelzkäppchen auf dem Kopf, die Hände in ihren kleinen Muff
+gesteckt, im Schlitten sitzen, und Barthel steuerte langsam
+und schwerfällig am Rande des Sees dahin.--Als sie aus dem
+Menschengewühl heraus waren, fuhr ich unhörbar auf meinen ebenen
+Schlittschuhen hinterher. Noch ein paar Augenblicke; dann
+legte meine Hand sich auf den Schlitten, und der Bursche blieb
+zurück. Ich hätte aufjauchzen mögen; aber ich biß die Zähne
+zusammen; und fort wie auf Flügeln schoß das leichte Gefährt über
+die glänzende Eisfläche.
+
+"Barthel, du fliegst ja!" sagte Lore.
+
+Ich hielt ein wenig inne; ich fürchtete, mich verraten zu haben,
+und suchte, so gut es gehen wollte, das Scharren von Barthels
+rostigen Schlittschuhen nachzuahmen. Aber meine Besorgnis war
+unnötig. Lore steckte ihre Hände tiefer in den Muff und lehnte
+sich behaglich zurück, so daß das Pelzkäppchen fast auf meinem Arm
+ruhte. "Nur immer zu, Barthel!" sagte sie. Und Barthel ließ sich
+das nicht zweimal sagen.
+
+Schon hatten wir den Bereich der gewöhnlichen Schlittschuhläufer
+hinter uns gelassen; kein Lüftchen regte sich, das weiß bereifte
+Schilf, das sich weithin dem Ufer entlang zieht, glitzerte blendend
+in den schräg fallenden Sonnenstrahlen. Immer weiter ging es; wenn
+ich niederblickte, konnte ich die schlangenartigen Triebe des
+Aalkrautes unter der durchsichtigen Glasdecke erkennen.
+
+Aber die Mitte des Sees lockte mich; unmerklich wandte ich den
+Schlitten, und immer größer wurde der Raum, der uns vom Ufer
+trennte. Schon konnte ich beim Zurückblicken nur noch kaum das
+Blinken des Schilfes unterscheiden; geheimnisvoll dehnte sich die
+dunkle Spiegelfläche bis zum andern, weit entfernten Ufer, kaum
+erkennbar, ob eine feste tragende Eisdecke oder nur ein
+regungsloses trügliches Gewässer. Endlich war die Mitte erreicht.
+Jede Spur eines menschlichen Fußes hatte aufgehört; wie verloren
+schwebte der Schlitten über der schwarzen Tiefe. Keine Pflanze
+streckte ihr Blatt hinauf an die dünne kristallene Decke; denn der
+See soll hier ins Bodenlose gehen. Nur mitunter war es mir, als
+husche es dunkel unter uns dahin.--War das vielleicht der
+Sargfisch, der in den untersten Gründen dieses Wassers hausen soll,
+der nur heraufsteigt, wenn der See sein Opfer haben will?--Wenn
+es wäre, dachte ich, wenn es bräche! Und meine Augen suchten die
+dunkeln Hüllen zu durchdringen, in denen ich die liebliche Gestalt
+verborgen wußte.--
+
+Wieder hatte ich den Schlitten gewandt und fuhr jetzt geradeaus,
+mich immer in der Mitte haltend. Vor uns, dort, wo der See seine
+Ufer zu einem schmalen Strom zusammendrängt, war in der Ferne schon
+die Brücke zu erkennen; wie ein Schatten stand sie in der grauen
+Luft.
+
+"Mach zurück, Barthel! Es wird kalt!" sagte Lore.
+
+Ich achtete nicht darauf. Mag sie sich umblicken, dachte ich und
+schob nur um so rascher vorwärts. Ich wartete jetzt fast mit
+Ungeduld darauf. Aber sie schien ihre Mahnung schon vergessen zu
+haben; denn sie senkte schweigend den Kopf und wickelte sich fester
+in ihren Mantel.--Und weiter flog der Schlitten. Mitunter war
+mir, als spürte ich unter uns eine leise Wellenbewegung, als hebe
+und senke sich die dünne Kristalldecke unter der über sie
+hinfliegenden Last; aber ich hatte keine Furcht, ich wußte, was man
+dem jungfräulichen Eise bieten darf.
+
+Der kurze Winternachmittag war indessen fast zu Ende gegangen;
+schon lag der Sonnenball glühend am Rande des Horizonts. Es wurde
+kalt, das Eis tönte. Und jetzt, in stetem Wachsen, lief ein
+donnerndes Krachen von einem Ufer zum andern über den ungeheuern,
+immer dunkler werdenden Eisspiegel.
+
+Lore warf sich zurück und stieß einen lauten Schrei aus.
+
+"Erschrick nicht!" sagte ich leise, "es hat nicht Not, es kommt nur
+von der Abendluft."
+
+Sie wandte sich um und starrte mich wie versteinert an. "Du!" rief
+sie, "was willst du hier?"
+
+"So nach doch nicht so böse Augen!" sagte ich und suchte ihre Hand
+zu fassen.
+
+Sie entriß sie mir. "Wo ist Barthel?"
+
+"Er ist zurückgeblieben; ich habe dich gefahren."
+
+Sie richtete sich auf. "Laß mich hinaus!" rief sie, indem ihr die
+Tränen aus den Augen sprangen.
+
+Ich hörte nicht auf sie; ich wandte nur den Schlitten nach der
+Stadt zurück. "Lore", sagte ich, "was habe ich dir getan?"
+
+Aber sie stieß mich mit der kleinen geballten Faust vor die Brust.
+"Geh doch zu deinen feinen Damen! Ich will nichts mit euch zu tun
+haben; mit dir nicht, mit keinem von euch!"
+
+Es war wie Wut, was mich überfiel. Ich faßte sie mit beiden Armen
+und drückte sie hart auf den Sitz nieder.
+
+"Du bist ruhig, Lore", sagte ich, und die Stimme bebte mir, "oder
+ich wende noch einmal den Schlitten und ich fahre dich in die Nacht
+hinaus, unter der Brücke durch, so weit der Strom ins Land
+hinausreicht; mir gleich, ob es hält oder bricht!"
+
+Sie hatte währenddessen, fast als beachte sie meine Worte nicht,
+seitwärts über den See geblickt; aber sie blieb sitzen und ließ
+sich ruhig von mir fahren. Nur fiel es mir auf, daß sie bald
+darauf wiederholt und wie verstohlen nach derselben Seite
+blickte. Als auch ich den Kopf dahin wandte, sah ich einen
+Schlittschuhläufer in nicht gar weiter Ferne auf uns zustreben. Er
+mußte bemerkt haben, was soeben vorgefallen; denn er strengte sich
+augenscheinlich an, uns zu erreichen.
+
+Und schon hatte ich ihn erkannt; es war Christoph, mein alter
+Spielkamerad, der große Feind der Lateiner. Ich wußte auch wohl,
+was jetzt bevorstand; es galt nur noch, wer von uns der schnellste
+sei.
+
+"Nur zu!" sagte Lore, indem sie ihr Pelzkäppchen zurückschob, daß
+ihr schwarzes Haar sichtbar wurde. "Er kriegt dich doch!"
+
+Ich konnte nicht antworten; schneller als je zuvor trieb ich den
+Schlitten vorwärts; aber ich keuchte, und meine Kräfte, von der
+langen Fahrt geschwächt, begannen nachzulassen. Immer näher hörte
+ich den Verfolger hinter mir; rastlos und schweigend war er uns auf
+den Fersen; dann plötzlich hörte ich dich an meiner Seite seine
+Schlittschuhe scharf im Eise hemmen, und eine schwere Hand fiel
+neben der meinen auf die Lehne des Schlittens. "Halbpart, Philipp!"
+rief er, indem er mit der andern an meine Brust griff.
+
+Ich riß seine Hand los und stieß den Schlitten fort, daß er weit
+vor uns hinflog. Aber in demselben Augenblick erhielt ich einen
+Faustschlag und stürzte rücklings mit dem Hinterkopf auf das Eis.
+Nur undeutlich hörte ich noch das Fortschurren des Schlittens; dann
+verlor ich die Besinnung.
+
+Ich blieb indes nicht lange in dieser Lage. Wie ich später von ihm
+hörte, hatte Christoph bald darauf sich nach mir umgesehen und war,
+da er mich nicht nachkommen sah, auf den Platz unsers Kampfes
+zurückgekehrt. Nicht ohne große Bestürzung hatten dann beide,
+nachdem Lore ausgestiegen, mich in den Schlitten gehoben.--Mir
+selbst kam nur ein dunkles Gefühl von alledem; es war wie
+Traumwachen. Mitunter verstand ich einzelne Worte ihres Gesprächs.
+"Behalte doch deinen Mantel, Lore!" hörte ich Christoph sagen.--
+"O nein; ich brauch ihn nicht; ich laufe ja."--Und zugleich fühlte
+ich, daß etwas Warmes auf mich niedersank. Der Schlitten bewegte
+sich langsam vorwärts. Dann kam es wieder wie Dämmerung über mich;
+immer aber war es mir, als ginge ein leises Weinen neben mir her.
+
+Zum völligen Bewußtsein erwachte ich erst in der Wohnstube und auf
+dem Sofa des Wassermüllers, der hart am Ufer des Mühlenteichs
+wohnte. Lore hatte mit ihrer Mutter, die mittlerweile auch
+herausgekommen war, nach Hause gehen müssen; Christoph aber war
+zurückgeblieben und hatte sich auf den Rat der Müllersfrau damit
+beschäftigt, mir nasse Umschläge auf den Kopf zu legen. Als ich
+die Augen aufschlug, saß er neben mir auf dem Stuhl, eine irdene
+Schüssel mit Wasser zwischen den Knien. Er wollte eben das
+Leintuch erneuern, aber er zog jetzt die Hand zurück und fragte
+schüchtern: "Darf ich dir helfen, Philipp?"
+
+Ich setzte mich aufrecht und suchte meine Gedanken zu sammeln; der
+Kopf schmerzte mich. "Nein", sagte ich dann, "ich brauche deine
+Hilfe nicht."
+
+"Soll ich jemanden für dich aus der Stadt holen?"
+
+"Geh nur; ich werde schon allein nach Hause kommen."
+
+Christoph stand zögernd auf und setzte die Schüssel auf den Tisch.
+
+Bald darauf knarrte die Stubentür; er hatte die Klinke in der Hand;
+aber er ging nicht fort. Als ich mich umwandte, sah ich die Augen
+meines alten Kameraden mit dem Ausdruck der ehrlichsten Traurigkeit
+auf mich gerichtet.
+
+Nur eine Sekunde noch war ich unschlüssig. "Christoph", sagte ich,
+indem ich aufstand und ihm die Hand entgegenstreckte, "wenn du Zeit
+hast, so bleibe noch ein wenig bei mir; du kannst mir deinen Arm
+geben; wir gehen dann zusammen in die Stadt."
+
+Wie ein Blitz der Freude fuhr es über sein Gesicht. Er ergriff
+meine Hand und schüttelte sie. "Es war ein schändlicher Stoß,
+Philipp!" sagte er.
+
+Eine halbe Stunde später, da es schon völlig finster war, wanderten
+wir langsam nach der Stadt zurück.
+
+Aber die Sache ging nicht so leicht vorüber. Ich konnte am
+folgenden Morgen das Bett nicht verlassen und mußte meinen Eltern
+gestehen, daß ich einen schweren Fall auf dem Eise getan habe.
+
+Am Abend des folgenden Tages, da ich schon fast wiederhergestellt
+war, setzte meine Mutter ein Federkästchen von poliertem
+Zuckerkistenholz vor mir auf den Tisch. "Der Christoph Werner hat
+es gebracht", sagte sie; "er habe es selbst für dich gearbeitet."
+
+Ich nahm das Kästchen in die Hand. Es war zierlich gemacht, sogar
+auf dem Deckel mit einer kleinen Bildschnitzerei versehen.
+
+"Er hat sich nach deinem Befinden erkundigt", fuhr meine Mutter
+fort; "habt ihr denn draußen eure alte Freundschaft wieder neu
+besiegelt?"
+
+"Besiegelt, Mutter?--Wie man's nehmen will", sagte ich lächelnd.
+
+Und nun ließ die gute Frau nicht nach, bis ich, von manchen Fragen
+und zärtlichen Vorwürfen unterbrochen, ihr mein ganzes kleines
+Abenteuer gebeichtet hatte.--Aber es wurde, wie sie gesagt; der
+Lateiner und der Tischlerlehrling erneuerten ihre Kameradschaft,
+und zweimal wöchentlich zur bestimmten Stunde ging ich von nun an
+regelmäßig in die Werkstatt des alten Tischlers Werner, um unter
+der Anleitung des geschickten Mannes wenigstens die Anfangsgründe
+seines Handwerks zu erlernen.
+
+
+Das ist die Drossel, die da schlägt,
+Der Frühling, der mein Herz bewegt,
+Ich fühle, die sich hold bezeigen,
+Die Geister aus der Erde steigen;
+Das Leben fließet wie ein Traum.
+Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
+
+Es war Frühling geworden. Die Nachtigall zwar verkündigte ihn
+nicht; denn, wenn auch mitunter eine sich zu uns verflog, die
+Nordwestwinde unsrer Küste hatte sie bald wieder hinweggeweht; aber
+die Drossel schlug in den Baumgängen des alten Schloßgartens, der
+im Schutze der Stadt, in dem Winkel zweier Straßen lag. Dem
+Haupteingange gegenüber, auf einem Rasenplatz hinter den Gärten der
+großen Marktstraße, war seit gestern ein Karussell aufgeschlagen;
+denn es war nicht nur Frühling, es war auch Jahrmarkt, eine ganze
+Woche lang. Die Leierkastenmänner waren eingezogen und vor allem
+die Harfenmädchen; die Schüler mit ihren roten Mützen streiften Arm
+in Arm zwischen den aufgeschlagenen Marktbuden umher, um womöglich
+einen Blick aus jungen asiatischen Augen zu erhaschen, die zu
+gewöhnlichen Zeiten bei uns nicht zu finden waren.--Daß während
+des Jahrmarktes die Gelehrtenschule, wie alle andern, Ferien machte,
+verstand sich von selbst.--Ich hatte das vollste Gefühl dieser
+Feiertage, zumal ich seit kurzem Primaner war und infolgedessen
+neben meiner roten Mütze einen schwarzen Schnürenrock nach eigner
+Erfindung trug. Brauchte ich nun doch auch nicht mehr wie sonst
+abends an dem Treppeneingang des erleuchteten Ratskellers
+stehenzubleiben, wo sich allzeit das schönste lustigste Gesindel
+bei Musik und Tanz zusammenfand; ich konnte, wenn ich ja wollte,
+nun selbst einmal hinabgehen und mich mit einem jener fremdartigen
+Mädchen im Tanze wiegen, ohne daß irgend jemand groß danach gefragt
+hätte.--Aber grade zu solchen Zeiten liebte ich es mitunter,
+allein ins Feld hinauszustreifen und in dem sichern Gefühl, daß sie
+da seien und daß ich sie zu jeder Stunde wieder erreichen könne,
+alle diese Herrlichkeiten für eine Zeitlang hinter mir zu lassen.
+
+So geschah es auch heute. Unter der Beihilfe meines Vaters, der
+ein leidenschaftlicher Entomologe war, hatte ich vor einigen Jahren
+eine Schmetterlingssammlung angelegt und bisher mit Eifer
+fortgeführt. Ich war nach Tische auf mein Zimmer gegangen und
+stand vor dem einen Glaskasten, deren schon drei dort an der Wand
+hingen. Die Nachmittagssonne schimmerte so verlockend auf den
+blauen Flügeln der Argusfalter, auf dem Samtbraun des Trauermantels;
+mich überkam die Lust, einmal wieder einen Streifzug nach dem noch
+immer vergebens von mir gesuchten Brombeerfalter zu unternehmen.
+Denn dieses schöne olivenbraune Sommervögelchen, welches die
+stillen Waldwiesen liebt und gern auf sonnigen Gesträuchen ruht,
+war in unsrer baumlosen Gegend eine Seltenheit.--Ich nahm meinen
+Kescher vom Nagel; dann ging ich hinab und ließ mir von meiner
+Mutter ein Weißbrötchen in die Tasche stecken und meine Feldflasche
+mit Wein und Wasser füllen. So ausgerüstet, schritt ich bald über
+den Karussellplatz nach dem Schloßgarten, dessen Baumgänge schon
+von jungem Laube beschattet waren, und von dort weiter durch die
+dem Haupteingange gegenüberliegende Pforte ins freie Feld hinaus.
+Es hatte die Nacht zuvor geregnet, die Luft war lau und klar; ich
+sah drüben am Rande des Horizonts auf der hohen Geest die Mühle
+ihre Flügel drehen.
+
+Eine kurze Strecke führte noch der Weg an der Außenseite des
+Schloßgartens entlang; dann wanderte ich aufs Geratewohl auf
+Feldwegen oder Fußsteigen, welche quer über die Äcker führen, in
+die sonnige schattenlose Landschaft hinaus. Nur selten, so weit
+das Auge reichte, stand auf den Sand- und Steinwällen, womit die
+Grundstücke umgeben sind, ein wilder Rosenstrauch oder ein andres
+dürftiges Gebüsch; aber hier, wo in der Morgenfrühe die rauhen
+Seewinde ungehindert überhin fahren, waren nur kaum die ersten
+Blätter noch entfaltet. Ich schlenderte behaglich weiter; mehr die
+Augen in die Ferne als nach dem gerichtet, was etwa neben mir am
+Wege zwischen Gräsern und rot blühenden Nesseln gaukeln mochte.
+
+So war, ohne daß ich es merkte, der halbe Nachmittag dahin. Ich
+hörte es von der Stadt her vier schlagen, als ich mich an dem Ufer
+des Mühlenteichs ins Gras warf und mein bescheidenes Vesperbrot
+verzehrte. Eine angenehme Kühlung wehte von dem Wasserspiegel auf
+mich zu, der groß und dunkel zu meinen Füßen lag. Dort in der
+Mitte, wo jetzt über der Tiefe die kleinen Wellen trieben, mußte
+der Schlitten gestanden haben, als Lore ihren Mantel über mich
+legte. Ich blickte eine ganze Weile nach dem jetzt unerreichbaren
+Punkte, den meine Augen in dem Fluten des Wassers nur mit Mühe
+festzuhalten vermochten.--
+
+Aber ich wollte ja den Brombeerfalter fangen! Hier, wo es
+weitumher kein Gebüsch, kein stilles vor dem Winde geschütztes
+Fleckchen gab, war er nicht zu finden. Ich entsann mich eines
+andern Ortes, an dem ich vor Jahren unter der Anführung eines
+ältern Jungen einmal Vogeleier gesucht hatte. Dort waren Koppel an
+Koppel die Wälle mit Hagedorn und Nußgebüsch bewachsen gewesen; an
+den Dornen hatten wir hie und da eine Hummel aufgespießt gefunden,
+wie dies nach der Naturgeschichte von den Neuntötern geschehen
+sollte; bald hatten wir auch die Vögel selbst aus den Zäunen
+fliehen sehen und ihre Nester mit den braun gesprenkelten Eiern
+zwischen dem dichten Laub entdeckt. Dort, in dem heimlichen Schutz
+dieser Hecken, war vielleicht auch das Reich des kleinen seltenen
+Sommervogels! Das "Sietland" hatte der Junge jene Gegend genannt,
+was wohl soviel wie Niederung bedeuten mochte. Aber wo war das
+Sietland?--Ich wußte nur, daß wir in derselben Richtung, wie ich
+heute, zur Stadt hinausgegangen waren und daß es unweit der großen
+Heide gelegen, welche etwa eine Meile weit von der Stadt beginnt.
+
+Nach einigem Besinnen nahm ich mein Fanggerät vom Boden und machte
+mich wieder auf die Wanderung. Durch einen Hohlweg, in den sich
+das Ufer hier zusammendrängt, gelangte ich auf eine Höhe, von der
+ich die vor mir liegende Ebene weit übersehen konnte; aber ich sah
+nichts als Feld an Feld die kahlen ebenmäßigen Sandwälle, auf denen
+die herbe Frühlingssonne flimmerte. Endlich, dort in der Richtung
+nach einem Häuschen, wie sie am Rande der Heide zu stehen pflegen,
+glaubte ich etwas wie Gebüsch zu entdecken.--Es war mindestens
+noch eine halbe Stunde bis dahin, aber ich hatte heute Lust zum
+Wandern und schritt rüstig drauflos. Hie und da flog ein gelber
+Zitronenfalter oder ein Kreßweißling über meinen Weg, oder eine
+graue Leineule kletterte an einem Grasstengel; von einem
+Brombeerfalter aber war keine Spur.
+
+Doch ich mußte schon mehr in einer Niederung sein; denn die Luft
+wurde immer stiller; auch ging ich schon eine Zeitlang zwischen
+dichten Hagedornhecken. Ein paar Male, wenn sich ein Lufthauch
+regte, hatte ich einen starken lieblichen Geruch verspürt, ohne daß
+ich den Grund davon zu entdecken vermocht hätte; denn das Gebüsch
+an meiner Seite verwehrte mir die Aussicht. Da plötzlich sprang
+zur Rechten der Wall zurück, und vor mir lag ein Fleckchen
+hügeligen Heidelandes. Brombeerranken und Bickbeerengesträuch
+bedeckten hie und da den Boden; in der Mitte aber an einem
+schwarzen Wässerchen stand vereinzelt im hellsten Sonnenglanz ein
+schlanker Baum. Aus den blendend grünen Blättern, durch die er
+ganz belaubt war, sprang überall eine Fülle von zarten weißen
+Blütentrauben hervor; unendliches Bienengesumm klang wie Harfenton
+aus seinem Wipfel. Weder in der Gärten der Stadt noch in den
+entfernteren Wäldern hatte ich jemals seinesgleichen gesehen. Ich
+staunte ihn an; wie ein Wunder stand er da in dieser Einsamkeit.
+
+Eine Strecke weiter, nur durch ein paar dürftige Ackerfelder von
+mir getrennt, dehnte sich unabsehbar der braune Steppenzug der
+Heide; die äußersten Linien des Horizonts zitterten in der Luft.
+Kein Mensch, kein Tier war zu sehen, so weit das Auge reichte.--
+Ich legte mich neben dem Wässerchen im Schatten des schönen Baumes
+in das Kraut. Ein Gefühl von süßer Heimlichkeit beschlich mich;
+aus der Ferne hörte ich das sanfte träumerische Singen der
+Heidelerche; über mir in den Blüten summte das Bienengetön;
+zuweilen regte sich die Luft und trieb eine Wolke von Duft um mich
+her; sonst war es still bis in die tiefste Ferne. Am Rande des
+Wassers sah ich Schmetterlinge fliegen; aber ich achtete nicht
+darauf, mein Kescher lag müßig neben mir.--Ich gedachte eines
+Bildes, das ich vor kurzem gesehen hatte. In einer Gegend, weit
+und unbegrenzt wie diese, stand auf seinen Stab gelehnt ein junger
+Hirte, wie wir uns die Menschen nach den ersten Tagen der
+Weltschöpfung zu denken gewohnt sind, ein rauhes Ziegenfell als
+Schurz um seine Hüften; zu seinen Füßen saß--er sah auf sie herab--
+eine schöne Mädchengestalt; ihre großen dunkeln Augen blickten in
+seliger Gelassenheit in die morgenhelle Einsamkeit hinaus.--
+"Allein auf der Welt" stand darunter.--Ich schloß die Augen; mir
+war, als müsse aus dem leeren Raum dies zweite Wesen zu mir treten,
+mit dem selbander jedes Bedürfnis aufhöre, alle keimende Sehnsucht
+gestillt sein. "Lore!" flüsterte ich und streckte meine Arme in
+die laue Luft.
+
+Indessen war die Sonne hinabgesunken, und vor mir leuchtete das
+Abendrot über die Heide. Der Baum war stumm geworden, die Bienen
+hatten ihn verlassen; es war Zeit zur Heimkehr. Meine Hand
+faßte nach dem Kescher.--Aber was kümmerte mich jetzt dies
+Knabenspielzeug. Ich sprang auf und hängte ihn hoch, so hoch, wie
+ich vermochte, zwischen den dichtbelaubten Zweigen des Baumes auf.
+Dann, das Bild der schönen Schneidertochter vor meinen trunknen
+Augen, machte ich mich langsam auf den Rückweg.
+
+Die Dämmerung war stark hereingebrochen, als ich aus dem Portal des
+Schloßgartens trat. Drüben am Karussell waren schon die Lampen
+angezündet; Leierkastenmusik, Lachen und Stimmengewirr schollen zu
+mir herüber; dazwischen das Klirren der Florette an den eisernen
+Ringhaltern. Ich blieb stehen und blickte durch die Linden, welche
+den Platz umgaben, in das bewegte Bild hinein. Das Karussell war
+in vollem Gange; Sitzplätze und Pferde, alles schien besetzt, und
+ringsumher drängte sich eine schaulustige Menge jedes Alters und
+Geschlechts. Jetzt aber wurde die Bewegung des Karussells
+langsamer, so daß ich unter den grünen Zweigen durch die einzelnen
+Gestalten ziemlich bestimmt erkennen konnte.
+
+Unwillkürlich war ich indessen näher getreten und hatte mich bis an
+den Eisendraht gedrängt, der ringsum gezogen war.--Das Mädchen
+dort auf dem braunen Pferd war die Schwester meines Freundes
+Christoph. Aber es kam noch eine Reiterin, eine feinere Gestalt;
+sie saß seitwärts, ein wenig lässig, auf ihrem hölzernen Gaule.
+Und jetzt, während sie langsam näher getragen wurde, wandte sie den
+Kopf und blickte lächelnd in die Runde. Es war Lore; fast wie ein
+Schrecken schlug es mir durch die Glieder. Auch sie hatte mich
+erkannt; a nur eine Sekunde lang hafteten ihre Augen wie betroffen
+in den meinen; dann bückte sie sich zur Seite und machte sich an
+ihrem Kleide zu schaffen. Das schwere eiserne Florett, das sie in
+der kleinen Faust hielt, schien nicht umsonst von ihr geführt zu
+sein; denn es war fast bis an den Knopf mit Ringen angefüllt.
+
+Mittlerweile war der Eigentümer des Karussells herangetreten, um
+für die neue Runde einzusammeln. Sie richtete sich auf und hielt
+ihm ihr Florett entgegen. "Freigeritten!" sagte sie, indem sie es
+umstürzte und die Ringe in die Hand des Mannes gleiten ließ.
+
+Er nickte und ging an den nächsten Stuhl, wo eine Anzahl Kinder
+sich um die besten Plätze zankten.--Als ich von dort wieder zu
+Lore hinübersah, stand Christophs Schwester neben ihr; aber sie
+wandte mir den Rücken und schien mich nicht bemerkt zu haben.
+
+"Gehst du mit, Lore?" hörte ich sie fragen; "ich muß nach Hause."
+
+Lore antwortete nicht sogleich; ihre Augen streiften mit einem
+unsichern Blick zu mir hinüber. Ich wagte mich nicht zu rühren;
+aber meine Augen antworteten den ihren, und mir selber kaum
+vernehmlich flüsterten meine Lippen: "Bleib!"
+
+"So sprich doch!" drängte die andre. "Es hat schon acht geschlagen.
+" Lore steckte ihre Füßchen wieder in den Steigbügel, den sie hatte
+fahren lassen, und die Augen auf mich gerichtet, erwiderte sie:
+"Ich bleibe noch, ich hab' mich freigeritten!" Und leise setzte sie
+hinzu: "Meine Mutter wollte vielleicht noch hier vorüberkommen!"
+
+Ich fühlte, daß das gelogen sei. Das Blut schoß mir siedend heiß
+ins Gesicht, es brauste mir vor den Ohren; die kleine Lügnerin
+hatte plötzlich den Schleier des Geheimnisses über uns geworfen.
+Es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich eine so berauschende
+Zusage erhielt; bisher hatte ich nur manchmal darüber nachgesonnen,
+wie in der Welt so etwas möglich sei.
+
+Christophs Schwester hatte sich entfernt. Der Leierkasten begann
+wieder seine Musik, die Peitsche klatschte über dem alten Gaul, und
+unter dem Zuruf der Bauernburschen und--mädchen, die inzwischen die
+meisten Plätze eingenommen hatten, setzte das Karussell sich wieder
+in Bewegung. Lore sah nach mir zurück, sie hatte ihr Florett in
+den Sattelknopf gestoßen und saß wie in sich versunken, die Hände
+vor sich auf dem Schoß gefaltet. Das rote Tüchelchen an ihrem
+Halse wehte in der Luft, und in immer rascherem Kreisen wurde
+die leichte Gestalt an mir vorübergetragen; kaum fühlte ich
+den Blitz ihres Auges in den meinen, so war sie schon fort,
+und nur der Schimmer ihres hellen Kleides tauchte in der trüben
+Lampenbeleuchtung noch ein paarmal flüchtig aus den immer tiefer
+fallenden Schatten auf.--Plötzlich krachte etwas; die in den
+Stühlen sitzenden Mädchen kreischten, und das Karussell stand.
+
+"Bleiben Sie sitzen, meine Herrschaften", rief der Eigentümer,
+indem er mit seinem Gehilfen über die Querbalken stieg, um den
+Schaden zu untersuchen. Eine Laterne wurde heruntergenommen, es
+wurde geklopft und gehämmert; aber es schien sich so bald nicht
+wieder fügen zu wollen. Mir wurde die Zeit lang; meine Augen
+suchten vergebens nach der kleinen Reiterin. Ich drängte mich aus
+der Menschenmasse heraus, in die ich eingekeilt war, und ging von
+außen nach der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Als ich mich
+hier mit Bitten und Gewalt bis an die Barriere durchgearbeitet
+hatte, stand ich dich neben ihr. Sie war von dem Holzgaul
+herabgestiegen und blickte wie suchend um sich her.
+
+Nach einer Weile steckte sie das Florett, das sie spielend in der
+Hand gehalten, wieder in den Sattelknopf und machte Miene,
+herabzuspringen. Aber während sie ihre Kleider zusammennahm, war
+ich in den Kreis geschlüpft.
+
+"Guten Abend, Lore!"
+
+"Guten Abend!" sagte sie leise.
+
+Dann, während die Bauernburschen immer lauter ihr Eintrittsgeld
+zurückforderten, faßte ich ihre Hand und zog sie mit mir hinaus ins
+Freie. Aber hier war meine Verwegenheit zu Ende. Lore hatte mir
+ihre Hand entzogen, und wir gingen wortlos und befangen
+nebeneinander der Straße zu, an deren äußerstem Ende sich das Haus
+ihrer Eltern befand.--Als wir den zur Seite liegenden Eingang des
+Schloßgartens erreicht hatten, kam uns von der Straße her ein Trupp
+von Menschen entgegen, an deren lauten Stimmen ich einzelne meiner
+ausgelassensten Kommilitonen erkannte. Unwillkürlich blieben wir
+stehen.
+
+"Wir wollen durch den Schloßgarten!" sagte ich.
+
+"Es ist so weit!"
+
+"Oh, es ist nicht so viel weiter!"
+
+Und wir gingen durch das Portal in den breiten Steig hinab,
+welcher zwischen niedrigen Dornhecken zu einem Laubgange von
+dichtverwachsenen Hagebuchen führte. Da hier vorne auch hinter den
+Zäunen nur bebautes harmloses Gartenland lag, so verhinderte mich
+die einbrechende Dunkelheit nicht, die neben mir wandelnde
+Mädchengestalt zu betrachten. Mich schauerte, daß sie jetzt
+wirklich in solcher Einsamkeit mir nahe war.
+
+Kein Mensch außer uns schien in dem alten Park zu sein; es war so
+still, daß wir jeden unsrer Tritte auf dem Sande hörten.
+
+"Willst du mich nicht anfassen?" fragte ich.
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+"Warum nicht?"
+
+"Nein--wenn jemand käme!"
+
+Wir hatten den gewölbten Buchengang erreicht. Es war sehr dunkel
+hier; denn in geringer Entfernung zu beiden Seiten waren ähnliche
+Laubengänge, und auf den dazwischen befindlichen Rasenflecken
+lagerten undurchdringliche Schatten. Ich wußte nur noch, daß Lore
+neben mit ging; denn ich hörte ihren Atem und ihren leichten
+Schritt; zu sehen vermochte ich sie nicht. Wie neckend schoß es
+mir durch den Kopf, daß ich am Nachmittag auf einen Sommervogel
+ausgegangen war. "Nun bist doch gefangen!" sagte ich, und durch
+die Dunkelheit ermutigt, ergriff ich ihre herabhängende Hand und
+hielt sie fest. Sie duldete es; aber ich fühlte, wie sie zitterte,
+und auch mir schlug mein Knabenherz bis in den Hals hinauf.
+
+So gingen wir langsam weiter. Von der Stadt her kam der gedämpfte
+Ton der Drehorgeln und das noch immer fortdauernde Getöse des
+Jahrmarkttreibens; vor uns am Ende der Allee in unerreichbarer
+Ferne stand noch ein Stückchen goldenen Abendhimmels. Ich legte
+ihre Hand in meinen Arm und faßte sie dann wieder. In diesem
+Augenblick trollte vor uns etwas über den Weg; es mag ein Igel
+gewesen sein, der auf die Mäusejagd ging.--Sie schrak ein wenig
+zusammen und drängte sich zu mir hin, und als ich, unabsichtlich
+fast, den Arm um sie legte, fühlte ich, wie ihr Köpfchen auf meine
+Schulter glitt.
+
+Als aber dann, nur eine flüchtige Sekunde lang, ein junger Mund den
+andern berührt hatte, da trieb es uns wie töricht aus den
+schützenden Baumschatten ins Freie. So hatten wir bald, während
+ich nur noch ihre Hand gefaßt hielt, das Ende der Allee erreicht
+und traten durch eine Pforte auf einen Feldweg hinaus, der
+seitwärts auf die letzten Häuser der Stadt zuführte. Wir gingen
+eilig nebeneinander her, als könnten wir das Ende unsers
+Beisammenseins nicht rasch genug herbeiführen.
+
+"Mein Vater wird mich suchen; es ist gewiß schon spät!" sagte Lore,
+ohne aufzusehen.
+
+"Ich glaube wohl!" erwiderte ich. Und wir gingen noch eiliger als
+zuvor.
+
+Schon standen wir am Ausgang des Weges, den letzten Häusern der
+Stadt gegenüber. In dem Lichtschein, der unter der Linde aus dem
+Fenster des Schneiderhäuschens fiel, sah ich unweit davon ein
+Mädchen an einem Brunnen stehen. Ich durfte nicht weiter mit. Als
+aber Lore den Fuß auf das Straßenpflaster hinaussetzte, war mir,
+als dürfe ich sie so nicht von mir gehen lassen.
+
+"Lore", sagte ich beklommen, "ich wollte dir noch etwas sagen."
+
+Sie trat einen Schritt zurück. "Was denn?" fragte sie.
+
+"Warte noch eine Weile!"
+
+Sie wandte sich um und blieb ruhig vor mir stehen. Ich hörte, wie
+sie mit den Händen über ihr Haar strich, wie sie ihr Tüchelchen
+fester um den Hals knüpfte; aber ich suchte lange vergebens des
+Gedankens habhaft zu werden, der wie ein dunkler Nebel vor meinen
+Augen schwamm. "Lore", sagte ich endlich, "bist du noch bös mit
+mir?"
+
+Sie blickte zu Boden und schüttelte den Kopf.
+
+"Willst du morgen wieder hier sein?"
+
+Sie zögerte einen Augenblick. "Ich darf des Abends sonst nicht
+ausgehen", sagte sie dann.
+
+"Lore, du lügst; das ist es nicht, sag mir die Wahrheit!"
+
+Ich hatte ihre Hand gefaßt; aber sie entzog sie mir wieder.
+
+"So sprich doch, Lore!--Willst du nicht sprechen?"
+
+Noch eine Weile stand sie schweigend vor mir; dann schlug sie die
+Augen auf und sah mich an. "Ich weiß es wohl", sagte sie leise,
+"du heiratest doch einmal nur eine von den feinen Damen."
+
+Ich verstummte. Auf diesen Einwurf war ich nicht gefaßt; an so
+ungeheure Dinge hatte ich nie gedacht und wußte nichts darauf zu
+antworten.
+
+Und ehe ich mich dessen versah, hörte ich ein leises "Gute Nacht"
+des Mädchens; und bald sah ich sie drüben in dem Schatten der
+Häuser verschwinden. Ich vernahm noch das vorsichtige Aufdrücken
+einer Haustür, das leise Anschlagen der Türschelle; dann wandte ich
+mich und ging langsam durch den Schloßgarten zurück.
+
+Ohne erst zum Abendessen in die Wohnstube meiner Eltern zu gehen,
+schlich ich die Treppe hinauf in meine Kammer. Wie trunken warf
+ich mich in die Kissen. Nach einer Viertelstunde hörte ich die
+Stubentür gehen, und durch die halb geöffneten Augenlider sah ich
+meine Mutter mit einer Lampe an mein Bett treten. Sie beugte sich
+über mich; aber ich schloß die Augen und träumte weiter. Trotz des
+wenig verheißenden Abschieds war mir doch, als hätte meine Hand
+eine volle Rosengirlande gefaßt, an welcher nun in alle Zukunft
+hinein der Lebensweg entlang gehen müsse.
+
+So sehr ich aber an diesem Abend den Drang, allein zu sein,
+empfunden, ebensosehr trieb es mich am andern Morgen unter
+Menschen. Ich hatte ein neues Gefühl der Freiheit und Überlegenheit
+in mir, das ich nun auch andern gegenüber empfinden wollte.
+Sobald ich gefrühstückt und den etwas unbequemen Fragen meiner
+Mutter notdürftig genuggetan hatte, ging ich in die Werkstatt
+meines Freundes Christoph. Er war eifrig beschäftigt, kleine
+Mahagonifurniere auszuwählen und zu schneiden. "Was machst denn du
+da für Schönes?" fragte ich.
+
+"Ein Nähkästchen", sagte er, ohne aufzublicken.
+
+"Für Lenore Beauregard; meine Schwester will's ihr zum Geburtstag
+schenken."
+
+Ich sah ihn von der Seite an; ein übermütiges Lächeln stieg in mir
+auf. "Die Lore ist wohl dein Schatz, Christoph?"
+
+Der eckige Kopf des guten Jungen wurde bis unter die Stirnhaare wie
+mit Blut übergossen bei dieser treulosen Frage. Er schien selbst
+über seine Verlegenheit in Zorn zu geraten. "Ihr hättet sie nur
+aus eurer lateinischen Tanzschule fortlassen sollen!" sagte er,
+indem er mit seinem Messer grimmig in die Furnierblättchen
+hineinfuhr.
+
+"Du bist wohl eifersüchtig, Christoph?" fragte ich.
+
+Aber er antwortete nicht; er brummte nur halb für sich: "Das hätte
+meine Schwester sein sollen!"--
+
+Dieser Triumph sollte indessen mein einzigster bleiben; denn ich
+mühte mich vergebens, wieder allein mit Lore zusammenzutreffen.
+Ein paarmal zwar im Laufe des Sommers begegnete sie mir an
+Sonntagnachmittagen hinter den Gärten auf dem Bürgersteige; aber
+Christoph und seine Schwester begleiteten sie, und der gute Junge
+ging so trotzig neben ihr, als wenn er sie einer ganzen Welt von
+Lateinern hätte streitig machen wollen; auch suchte sie selbst,
+wenn ich ein Gespräch mit ihnen begann, augenscheinlich die andern
+zum Weitergehen zu veranlassen.
+
+Als späterhin bei Beginn des Michaelismarktes das Karussell wieder
+aufgeschlagen wurde, wagte ich noch einmal zu hoffen. Einen Abend
+nach dem andern, sobald die Dämmerung anbrach, fand ich mich auf
+dem Platze ein; zum großen Verdrusse meines Freundes Fritz, von dem
+ich mich unter immer neuen Vorwänden loszumachen suchte. Aber
+ebenso oft spähte ich vergebens unter den jungen Reiterinnen, die
+sich zuweilen einfanden, die schlanke Braune zu entdecken, um
+derentwillen ich allein gekommen war. Einsam wanderte ich durch
+die dunklen Gänge des Schloßgartens und zehrte trübselig von der
+Erinnerung eines entflohenen Glückes.
+
+Dies alles nahm ein plötzliches Ende, als ich zu Anfang des
+Winters nach dem Willen meines Vaters die Gelehrtenschule
+unsrer Heimat verließ und zu meiner weitern Ausbildung auf ein
+Gymnasium des mittleren Deutschlands geschickt wurde.--Ob mein
+Schmetterlingskescher noch in dem blühenden Baum am Rande der Heide
+hängt?--Ich weiß es nicht; ich bin nicht wieder dort gewesen;
+auch den Brombeerfalter habe ich bis auf heute noch nicht gefangen.
+
+
+Jahre waren seitdem vergangen.
+
+Als ich den Zwang der klösterlichen Schulanstalt hinter mir hatte,
+brachte ich zum erstenmal wieder einige Herbstwochen im elterlichen
+Hause zu. Von allen meinen Kameraden fand ich nur noch Christoph
+im heimatlichen Neste; die übrigen, auch Fritz, waren alle schon
+ausgeflogen; ins lustige Studentenleben, aufs weite Meer hinaus, in
+die dunkle Schreibstube eines Kaufmanns, oder wohin sonst Wahl und
+Verhältnisse sie geführt hatten. Auch Christoph, der zum
+stattlichen, etwas untersetzten jungen Mann herangewachsen war,
+rüstete sich zum Abzug; er war Gesell geworden und wollte wandern.
+Aber zuvor arbeiteten wir noch einmal gemeinschaftlich in der
+Werkstatt seines Vaters, und ein ungeheurer Tabakskasten, der mit
+mir die Universität beziehen sollte, war das Resultat unsrer
+Bemühungen.--Von meiner Mutter erfuhr ich, daß die rüstige Frau
+Beauregard vor Jahresfrist eines plötzlichen Todes verblichen und
+ihre Tochter bald darauf nach der kleinen Landesuniversitätsstadt
+zu einer alten unverheirateten Tante gezogen sei, die sie
+testamentarisch zur Universalerbin ihres kleinen Vermögens
+eingesetzt hatte. Das schmale Häuschen mit der Linde war nach dem
+Tode der Mutter schuldenhalber verkauft worden, und der
+französische Schneider hatte froh sein müssen, bei einem der andern
+Meister als Gesell ein Unterkommen gefunden zu haben. Ich traf ihn
+am Sonntagnachmittage in einer Ecke des Kirchhofs auf der Bank
+sitzend. Seine Haut über den scharfen Backenknochen war noch
+gelber geworden, und sein schwarzes Haar war stark ergraut; er
+hustete, aber die Sonne schien ihm wohlzutun. "Ah, Monsieur
+Philipp!" rief er, da er mich erkannte, und streckte mir zwei
+Finger seiner langen knöchernen Hand entgegen, während die andern
+die alte wohlbekannte Porzellandose umklammert hielten. "Damals--
+das waren andre Zeiten, Monsieur Philipp!" fuhr er seufzend fort.
+"Meine Alte, sie hat sich mit ihrer Menage unter die schwarzen
+Kreuze dort begeben; und das Kind, die Lore"--er schluckte ein
+paarmal und nahm eine starke Prise--, "Sie werden es ja gehört
+haben!--Sie wollte nicht, sie wollte ihren armen Vater nicht
+allein lassen, ich mußte mit Gewalt ihre kleinen Hände von mir
+losreißen; aber was hilft es denn! Das Kind mußte doch sein Glück
+machen!" Er ließ den Kopf sinken und legte schlaff seine Hände auf
+die Knie. "Ich werde Ihnen ihre Briefe zeigen!" begann er dann
+wieder. "Sie werden sehen, Monsieur Philipp, Sie sind ja ein
+Gelehrter! Die allerliebsten Buchstaben, und all die lieben guten
+Worte; eine Marquise könnte es nicht besser."--
+
+--So sprach er noch eine Weile fort, bis ich ihn verließ.
+
+Ich habe den französischen Schneider nicht wiedergesehen; denn
+einige Tage darauf reiste ich ab, um zunächst auf einer
+ausländischen Universität meine juristischen Studien zu beginnen,
+und schon nach einem halben Jahre schrieb mir meine Mutter, der ich
+diese Begegnung erzählt hatte, daß auch Monsieur Beauregard, der
+Enkel des Ofenheizers vom Hofe Ludwigs des Sechzehnten, unter den
+schwarzen Kreuzen eine Stelle gefunden habe.
+
+
+
+Drei Jahre später befand ich mich auf der Landesuniversität, um vor
+dem Examen noch das gesetzlich vorgeschriebene Jahr hier zu
+absolvieren. Fritz, mit dem ich das letzte Semester in Heidelberg
+zusammen gewohnt, wollte erst im nächsten Herbst zurückkehren.
+Aber mein Freund Christoph hatte die Universität bezogen; er war
+erster Arbeiter in einem großen Möbelmagazin. Ich trag ihn eines
+Nachmittags in einem öffentlichen Garten, wo er allein vor seinem
+Seidel Lagerbier saß und, scheinbar in Sinnen verloren, den Rauch
+seiner Zigarre vor sich hinblies. Sein starker blonder Backenbart
+und seine feine bürgerliche Kleidung ließen mich ihn erst in
+nächster Nähe erkennen. Als ich schweigend meine Hand auf seine
+Schulter legte, warf er den Kopf rasch und trotzig nach mir herum;
+denn, wenn ich jetzt auch keine farbige Mütze trug, so gehörte ich
+doch unverkennbar genug zu den mutmaßlich noch immer nicht von ihm
+geliebten Lateinern. Allein kaum hatte er mich angesehen, als auch
+sogleich die freudigste Überraschung aus seinen Augen leuchtete.
+"Philipp, du bist es?" sagte er, indem er mit einer fast
+mädchenhaften Bescheidenheit meine dargebotene Hand nahm und sie
+dann desto kräftiger drückte.--Wir sprachen lange zusammen; über
+unsre Heimat, über Eltern und Altersgenossen; als ich mich dann der
+verhängnisvollen Eisfahrt erinnerte, fragte ich auch nach unsrer
+gemeinschaftlichen Knabenliebe.
+
+Lenore lebte noch im Hause ihrer Verwandten, einer alten
+Schneiderin, mit der sie zum Nähen in die Häuser der vornehmen
+Einwohner ging. Aber Christoph wurde bei den Antworten auf diese
+Fragen immer wortkarger und suchte endlich mit einer gewissen Hast
+das Gespräch auf andre Dinge zu bringen. Er schien in seinem
+treuen Gemüte noch immer die Fesseln des schönen Mädchens zu
+tragen, die ich mit dem Staub der Heimat schon längst von mir
+abgeschüttelt zu haben glaubte.
+
+Ich mochte mich darin indessen irren.--Einige Zeit darauf hatte
+ich mit befreundeten Damen jenseits der Meeresbucht, an welcher die
+Stadt liegt, einen damals beliebten Vergnügungsort besucht. Der
+Nachmittag war zu Ende, und wir gingen an den Strand hinab, um nach
+einem Fahrzeug für die Heimkehr auszuschauen.--Zwei Boote, beide
+schon fast besetzt, lagen zur Abfahrt bereit. Neben dem einen, das
+etwa dreißig Schritte von uns entfernt sein mochte, stand an der
+Seite einer ältlichen lahmen Nähterin, die ich mitunter im
+Wohnzimmer meines Hauswirts gesehen hatte, eine auffallend schöne
+Mädchengestalt. Sie hatte schon den Fuß auf den Rand des Bootes
+gesetzt und schien im Begriff, hineinzusteigen; aber sie zögerte
+plötzlich, da sie den Kopf nach uns zurückwandte. Zwei schwarze
+fremdartige Augen, wie ich sie lange nicht, aber wie sich sie einst
+gesehen, trafen in die meinen; ich wußte jetzt, daß es Lenore
+Beauregard sei. Sie war größer geworden, und unter den braunen
+Wangen schimmerte das Rot der vollsten Jungfräulichkeit; aber noch
+immer war ihr in der Haltung jene graziöse Lässigkeit eigen, die
+mir unbewußt, schon einst mein Knabenherz entführt hatte. Es
+wallte heiß in mir auf, und ich hatte der Damen neben mir fast ganz
+vergessen. Denn jene dunkeln Augen schienen mich bittend
+anzublicken; ich hörte, wie die alte Nähterin ihr zusprach, wie der
+Schiffer sie nicht eben in den höflichsten Worten zum Einsteigen
+drängte; aber noch immer stand die schlanke Mädchengestalt
+unbeweglich, wie im Traum, die Augen nach mir hingewandt.
+
+Schon hatte ich, wie von dunkler Naturgewalt getrieben, ein paar
+Schritte nach dem Boote zu getan; aber ich bezwang mich; ich dachte
+an Christoph; seine ehrlichen Augen schienen mich plötzlich
+anzusehen. "Es wird nicht Platz dort für uns alle sein", sagte ich
+zu den Damen. Dann gingen wir seitwärts nach dem andern Fahrzeug
+am Wasser entlang.--Doch noch einmal mußte ich nach Lore
+zurückblicken. Sie hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen und
+stieg eben langsam über den Bord in das Innere des Bootes, das im
+Gold der Abendsonne auf dem regungslosen Wasser lag.
+
+Bei der Heimfahrt saß ich am Steuer, wortkarg und innerlich erregt;
+meine Augen mochten wohl mitunter auf dem andern in ziemlicher
+Entfernung vor uns rudernden Boote ruhen, während die jungen Damen
+mich vergebens in ihre Plaudereien zu ziehen suchten.
+
+"Aber Sie sind heute nicht zu gebrauchen!" sagte die eine; "unsre
+schöne Nähterin scheint Sie stumm gemacht zu haben!"
+
+"Ist Lore Ihre Nähterin?" fragte ich noch halb in Gedanken.
+
+"Lore! Woher wissen Sie, daß sie Lore heißt?"
+
+"Wir sind aus einer Stadt; ich habe in der Tanzschule meine erste
+Mazurka mit ihr getanzt."
+
+"So!--Sie soll auch jetzt noch gern mit Studenten tanzen."
+
+Unser Gespräch über Lore war zu Ende; aber ich wußte jetzt, weshalb
+Christoph nicht hatte reden mögen.
+
+Dennoch sah ich ihn später im Laufe des Winters mehrmals an
+öffentlichen Orten mit Lore zusammen, meistens in Gesellschaft der
+lahmen Marie oder einer älteren Person, welche niemand anders als
+die Erbtante sein konnte, die dem armen Schneider noch so kurz vor
+seinem Ende das Kleinod seines Herzens entführt hatte.
+
+Eines Abends, es mochte einige Wochen nach Neujahr sein, hörte ich
+von meinem Zimmer aus einen Tumult auf der Straße. Als ich das
+Fenster öffnete, bemerkte ich unter dem vorbeiziehenden Haufen hie
+und da rote Studentenmützen; endlich erkannte ich beim Schein der
+Straßenlaterne auch einen unsrer Pedelle.
+
+"Was gibt's, Dose?" rief ich hinunter.
+
+"Holz hat's gegeben, Herr Doktor."--Dose nannte mich aus einem nur
+uns beiden bekannten Grunde allezeit Herr Doktor.
+
+"So? Und wohl wieder auf dem Ballhaus?" fragte ich.
+
+"Nun, wo denn anders?"
+
+Das Ballhaus war ein öffentliches Tanzlokal, wo die altherkömmliche
+Feindschaft zwischen Studenten und Handwerksgesellen sich zuzeiten
+Luft zu machen pflegte. Es schien diesmal indessen arg geworden zu
+sein; denn Dose machte andeutungsweise eine höchst kräftige
+Bewegung mit der Faust.
+
+"Wer hat's denn gekriegt?" fragte ich noch.
+
+Der Alte hielt die Hand vor den Mund und flüsterte mir zu: "Es ist
+auf die rechte Stelle gekommen, Herr Doktor." Ein Bekannter, der
+unser Gespräch hörte, rief im Vorübergehen: "Es ist der Raugraf;
+die Knoten haben ihm auf Abschlag gezahlt."
+
+Der sogenannte "Raugraf" war ein ebenso schöner als wüster junger
+Mann, der in den Hörsälen der Professoren selten, dagegen häufig
+auf der Mensur und regelmäßig auf der Kneipe zu finden war; einer
+von denen, die auf Universitäten eine Rolle spielen, um dann im
+späteren Leben spurlos zu verschwinden. Von den jungen Handwerkern,
+denen er ihre Mädchen abspenstig machte, wurde er ebensosehr
+gehaßt, wie er für die größere Anzahl der jüngern Studenten der
+Gegenstand einer scheuen Bewunderung war. Nachdem er eine Reihe
+andrer Universitäten besucht und, teilweise durch Relegation
+gezwungen, wieder verlassen hatte, fand er für gut, auch die
+unsrige zu versuchen, und bald gingen von seinem großen Wechsel und
+dann von seinen noch größeren Schulden die mannigfaltigsten
+Gerüchte im Schwange. Der Titel "Raugraf", den er mitbrachte,
+paßte insofern für ihn, als er an die Zeiten des Faustrechts
+erinnert und allerdings die Weise der alten Junker, die ja die
+Schwächeren rücksichtslos für ihre Leidenschaften zu verbrauchen
+pflegten, sich vollständig auf ihn vererbt zu haben schien.
+
+Da ich den Raugrafen weder genau kannte noch ein Interesse an
+seiner Person nahm, so schloß ich das Fenster und begab mich zur
+Ruhe, ohne des Vorfalles weiter zu gedenken.
+
+Am Nachmittage darauf sollte ich indessen aufs neue daran erinnert
+werden.--Ich hatte eben meinen Kaffee getrunken und saß im Sofa
+über einer Pandektenkontroverse, als an die Stubentür gepocht wurde.
+
+Auf mein "Herein!" trat die stattliche Gestalt meines Freundes
+Christoph vorsichtig und etwas zögernd in das Zimmer.
+
+"Bist du allein?" fragte er.
+
+"Wie du siehst, Christoph."
+
+Er schwieg einen Augenblick. "Ich muß fort von hier, Philipp",
+sagte er dann, "Noch heute abend; weit fort, an den Rhein zu meinem
+Mutterbruder; er ist schwächlich und braucht einen Gesellen, der
+nach dem Rechten sehen kann. Aber ich fürchte, meine Barschaft
+reicht nicht für die Reise, und Fechten, das ist nicht meine Sache."
+
+Ich war schon an mein Pult gegangen und hatte eine kleine Geldsumme
+auf den Tisch gezählt. "Reicht das, Christoph?"
+
+"Ich danke dir, Philipp." Und er steckte das Geld sorgsam in seine
+Börse, die schon einen kleinen Schatz am Gold- und Silbermünzen
+enthielt. Erst jetzt sah ich, daß er in seiner schwarzen
+Sonntagskleidung vor mir stand.
+
+"Aber du bist ja in vollem Wichs", fragte ich; "wo bist du denn
+gewesen?"
+
+"Nun", sagte er und rieb sich nachdenklich mit der Hand seine
+breite Stirn, "ich komme eben von der Polizei!"
+
+"Du hast schon deinen Paß geholt?"
+
+"Jawohl; meinen Laufpaß."
+
+Ich sah ihn fragend an.
+
+"Es ist wegen der dummen Geschichte auf dem Ballhaus."
+
+Mir ging ein Licht auf. "So! Also du bist es gewesen?" sagte ich.
+Daß mir das nicht sogleich eingefallen ist!"
+
+"Freilich bin ich dort gewesen, Philipp."
+
+"Lenore war wohl mit dir?"
+
+Er nickte.
+
+"Und da hast du den Raugrafen durchgeprügelt?"
+
+Ein Lächeln befriedigten Hasses legte sich um seinen Mund. "Sie
+sagen ja, daß ich's gewesen sei", erwiderte er.
+
+Der alte Feind der Gymnasiasten sprach dies in solchem Tone der
+Genugtuung, daß ich über den Sachverhalt nicht mehr zweifelhaft
+sein konnte.
+
+Ich mußte laut auflachen. "So erzähl mir doch! Wie kam denn die
+Geschichte?"
+
+"Nun, Philipp--du weißt doch, da ich mit der Lore gehe?"
+
+"Seid ihr denn einig miteinander?"
+
+"Es ist wohl so was", erwiderte er.--"Sie ist eine anstellige
+Person; und nach dem Tode der alten Tante bekommt sie auch noch
+eine Kleinigkeit."
+
+Ich sah ihn lächelnd an. "Nun, Christoph, sie ist auch sonst so
+übel nicht; du hättest so überzeugend sonst auch schwerlich
+zugeschlagen!"
+
+Er blickte einen Augenblick vor sich hin. "Ich weiß es kaum",
+sagte er, "wir standen in der Reihe, Lore und ich--es geschah nur
+ihr zu Gefallen, daß ich hingegangen war--, da kam der lange
+blasse Kerl, der schon immer auf sie gemustert und dabei mit einem
+andern getuschelt hatte, und wollte extra mit ihr tanzen."
+
+"War er denn unverschämt gegen deine Dame?"
+
+"Unverschämt?--Sein Gesicht ist unverschämt genug!"
+
+"Und Lore?" sagte ich, meinen Freund scharf fixierend. "Sie hätte
+wohl gern mit dem schmucken Kavalier getanzt?"
+
+Er zog die Stirnfalten zusammen, und ich sah, wie sich eine trübe
+Wolke über seinen Augen lagerte.
+
+"Ich weiß es nicht", sagte er leise.--"Es war nicht gut, daß ihr
+das Mädchen damals in eurer Lateinischen Tanzschule den Notknecht
+spielen ließet."
+
+Er reichte mir die Hand. "Leb wohl, Philipp", sagte er, "das Geld
+schicke ich dir; sonst wirst du wohl nicht viel von mir zu hören
+bekommen; aber um Jahresfrist, so Gott will, bin ich wieder hier,
+oder bei uns daheim."
+
+Er ging.--Ich suchte vergebens mich wieder in meine
+unterbrochenen Arbeiten zu vertiefen; eine unbestimmte Sorge um die
+Zukunft des Jugendgespielen hatte mein Herz beschlichen. Ich wußte
+nur zu wohl, was seine Worte nicht verraten sollten, daß seine
+Phantasie von jenem Mädchen ganz erfüllt war und daß alle Kräfte
+dieses tüchtigen Kopfes darauf hinarbeiteten, sein Leben mit dem
+ihren zu vereinigen.
+
+Bald darauf ging ich in die Wohnung meiner Hauswirte hinab, bei
+denen ich damals meinen Mittagstisch hatte. Es mochte etwas
+frühzeitig sein; denn von den Hausgenossen hatte sich niemand
+eingestellt; aber in der Nebenstube traf ich die kleine Nähterin,
+die "lahme Marie", welche stumm und einsam inmitten einer Wolke
+weißer Stoffe mit der Nadel hantierte.--Da ich sie oft in
+Gesellschaft der beiden Menschen gesehen hatte, deren Geschick mich
+jetzt beschäftigte, so erzählte ich ihr den gestrigen Vorfall, in
+der Hoffnung, über die Ursache desselben Näheres zu erfahren.
+
+"Ich hab' es kommen sehen!" sagte sie, die dünnen Lippen
+zusammenkneifend; "der Tischler ist wohl sonst ein ganzer Kerl;
+aber gegen das Mädchen ist er zu gutwillig; was wollte er mit ihr
+auf dem Ballhaus!"
+
+Ich fragte näher nach.
+
+Sie räumte eine Partie Zeuge von einem Stuhl, damit ich mich
+setzen könne.--"Sie kennen vielleicht das kleine Haus in der
+Pfaffengasse", begann sie dann, als ich ihrem Wink gefolgt war;
+"die alte Schmieden, die Tante von der Lore, hat es vor Jahren von
+dem Pferdeverleiher nebenan gekauft; aber den Hof dahinter, weil er
+zu seinem Geschäft doch großen Raum braucht, hat der Verkäufer sich
+vorbehalten, so daß er mit seinem nun in eins zusammengeht; nur in
+der Mitte auf einem Stückchen Rasen darf die Alte ihre Waschsachen
+trocknen und bleichen, soweit es damit reichen will. Sie ist
+Geschwisterkind mit meiner seligen Mutter, und seit ich konfirmiert
+war, bin ich oft mit ihr zum Nähen ausgegangen.
+
+"Ich denk, es war kurz vor Martini vorigen Jahrs; ich machte mich
+gleich nach Mittag zu der Schmieden; denn wir hatten eine große
+Seidenwäsche zusammen. Unterwegs begegne ich dem Tischler, der
+damals schon mit der Lore ging. Wir sprechen ein Wort zusammen,
+und im Weggehen ruft er mir noch lachend zu: 'Bei Feierabend
+komm ich und helf euch die Klammern aufsetzen!' Ich sagt's
+auch der Lore; aber sie schien nicht groß darauf zu achten.
+
+"Spätnachmittags, da wir drinnen fertig waren, gingen wir hinaus, um
+die Leine zwischen den Pfählen aufzuscheren, die draußen auf dem
+Grasrondell stehen. Lore, das Kleid über ihren Halbstiefelchen
+aufgeschürzt, ging mit dem kleinen hölzernen Tritt von einem zum
+andern. Die Alte hatte sich drinnen in ihren Lehnstuhl schlafen
+gesetzt; ich--ich bin die Größte nicht und konnte ihr eben nicht
+viel dabei helfen."
+
+Und die Erzählerin suchte ihren dürftigen Körper möglichst
+gradezurichten.
+
+"Ich hatte mich neben dem Waschkorb auf einen Prellstein gesetzt
+und sah mir's an, wie vor dem Stall der Knecht des Nachbars einen
+Goldfuchs striegelte.--Ich hab' die Pferde gern, wissen Sie, denn
+mein Vater ist auch ein Fuhrmann gewesen.--Es war gar ein schönes
+Tier; und wenn es so den Kopf aus dem Schatten in die Sonne
+hinauswarf, glänzten die Haare wie Metall; aber an dem feinen
+Beinwerk merkte ich wohl, daß es keines von des Nachbars
+Mietgäulen sei.--'Wem gehört das Pferd?' fragte ich Lore, die
+eben ihr Holztreppchen hart neben mir an den letzten Pfahl
+gerückt hatte.--'Das Pferd?' sagte sie, indem sie sich auf
+den Fußspitzen hebt und die Leine um das Querholz schlingt; 'das
+gehört dem fremden Studenten; ich weiß nicht, wie er heißt.'
+--Ich sah zu ihr hinauf; aber sie wandte nicht den Kopf und
+wickelte noch immer fort mit der Leine. Als ich eben ungeduldig
+werden wollte, sagte hinter mir eine Stimme: 'Es ist genug,
+Fräulein Lorchen!'
+
+"Ich sehe noch, wie sie die Arme sinken läßt und hastig das
+aufgeschürzte Kleid herunterzupft, und da ich den Kopf wende, steht
+der blasse vornehme Student vor mir, und Lore, ohne ein Wort zu
+sagen, springt von ihrem Tritt herunter und stellt sich neben mich.
+--Der junge Herr steht auch nur und macht scharfe Augen auf die
+Lore, als wenn er das Anschauen ganz umsonst hätte. Daß dich!
+dachte ich und fing aufs Geratewohl einen lauten Diskurs über
+den Goldfuchs an, und red'te so lang, bis ich Antwort hatte,
+und ehe ich mich's versehen, waren wir alle drei auf den Hof
+hinübergetreten. Das Pferd scharrte mit den Hufen und sah seinen
+Herrn mit den klugen Augen an; Lore stand daneben, und recht, als
+trüge sie Verlangen nach dem Tier, ließ sie ihre flache Hand
+an dem spiegelblanken Hals herabgleiten. 'Er ist lammfromm',
+sagte der junge Herr; 'was meinen Sie, Fräulein Lore, drinnen
+im Stall hängt noch ein Damensattel!'--Sie schüttelte den
+Kopf; aber ich hörte, wie ihr der Atem versetzte, und ihre Augen
+blitzten ordentlich vor Lust. Der Herr Graf hatte das wohl auch
+verstanden; denn auf seinen Wink wurde der Sattel aufgeschnallt und
+ein leichter Zaum angelegt. Lore sah darauf hin, als wenn ihr die
+Augen verhext wären. Als aber der Knecht ihr das Holztreppchen zum
+Aufstieg hinstellte, warf es der junge Herr beiseite. 'Pfui
+doch, Johann!' rief er; und als wenn sich's nur von selbst
+verstände, faßte er das junge Mädchen unterm Arm. 'Treten
+Sie fest!' sagte er und hielt die andre Hand vor sie hin,
+indem er mit seinen durchdringenden Augen zu ihr aufsah. Und Lore,
+als müsse sie nur immer tun, wie der es wollte, setzte ihr Füßchen
+in seine Hand. Ich merkte wohl, er zögerte; aber es war nur ein
+Augenblick; dann hob er sie mit einem raschen Schwung hinauf.
+
+"Sie sah ganz verwirrt aus und schlug die Augen nieder, als sie
+droben saß, und ließ sich geduldig den Zaum zwischen den Fingern
+von ihm zurechtlegen. Der Fuchs schüttelte den Kopf und stieß ein
+lautes Wiehern aus. Sein Herr strich ihm ein paarmal liebkosend
+über das seidene Fell; dann legte er die Hand hinter Lore auf den
+Sattel; mit der andern faßte er den Zaum und führte das Pferd
+langsam um das Rondell herum.
+
+"Ich muß es selbst sagen, sie machten ein stolzes Paar zusammen, und
+es hätte wohl keiner gedacht, der sie so gesehen, daß die feine
+Person nur eine arme Nähterin und eines Schneiders Tochter sei.
+
+"Bald ging es ihr schon nicht rasch genug. Sie warf die Hand empor,
+das Pferd fing an zu traben, und der junge Herr trat auf das
+Rondell zurück. Aber er ließ kein Auge von ihr; wie das Pferd lief,
+so ging er, die Reitpeitsche in der Hand, im Kreise mit umher; als
+sei es ihm angetan, so flogen seine Blicke an dem Mädchen hin und
+wider, von ihren schwarzen wehenden Haaren bis zu dem Füßchen, das
+oben an dem Sattel unter dem Kleide hervorsah. Bald rief er ihr,
+bald seinem Fuchs ein kurzes Wort hinüber. Das Tier lief immer
+schneller; es schob und peitschte mit dem Schweife in die Luft.
+Lenore sah gar nicht darauf hin. Sie saß nur wie angeflogen und
+lächelte und sah auf den jungen Herrn, grad als wären's seine Augen,
+die sie auf dem Sattel festhielten.
+
+"So ging es eine Weile. Wenn die Alte herauskäme, dachte ich. Es
+gäbe ein böses Wetter! Aber sie kam nicht. Da plötzlich schwenkte
+eine Flucht Tauben mit großem Geklapper über den Hof, und der Fuchs
+stutzt und macht einen Satz. Ich denk, die Lore stürzt herunter;
+aber nein, sie hing noch an dem Hals des Pferdes; nur blaß war
+sie geworden wie der Tod. 'Oho, Virginie!' ruft der Herr,
+und gleich ist er auch drüben, hat die Lore auf seinen Armen, sieht
+sie einen Augenblick mit den scharfen Augen an und läßt sie dann
+sanft zu Boden gleiten.--Ehe ich mich noch besinne, höre ich die
+Hoftür gehen. Da ist die Alte! denk ich; aber als ich mich
+umkehre, steht der Tischler vor mir.--Wär's nur die Alte gewesen,
+ich hätte mich nicht so alteriert; denn ganz wie versteinert sah
+der Mensch aus. 'Ist denn schon Feierabend, Herr Werner?' ruf
+ich. Aber er achtet gar nicht darauf. 'Guten Abend, Marie!' sagt
+er mit ganz heiserer Stimme, und er würgt ordentlich daran, als
+wenn ihm das Wort im Halse steckenbleiben müßte.--'Wollen wir nicht
+ins Haus gehen?' sag ich wieder. 'Ich danke', antwortet er;
+'ihr habt da schon Gesellschaft.'--Und ohne das Mädchen anzusehen
+oder eine Silbe an sie zu verlieren, kehrt er sich um und geht
+durch den großen Torweg der Straße zu.
+
+"Lore stand, ohne sich zu rühren, neben dem schnaubenden Pferde.
+'Was wollte der Mensch?' fragte der Graf. 'Es ist ein Landsmann
+von mir', erwiderte sie leise. 'Es ist Herr Werner', sagte ich,
+'der erste Arbeiter in dem großen Möbelmagazin'; denn mich
+ärgerte das spöttische Gesicht, womit der Herr dem Tischler
+nachgesehen hatte."
+
+Die Erzählerin hatte eine Arbeit vollendet; sie stand auf und legte
+die Stoffe zusammen. Nebenan im Wohnzimmer fanden sich die
+Hausgenossen zum Mittagstisch zusammen.
+
+"Was ist denn daraus geworden?" fragte ich noch.
+
+"Was ist daraus geworden?" wiederholte sie. "Ich habe eine
+Zeitlang hin und wider geredet; am Ende--der Tischler kann ja doch
+nicht von ihr lassen, und sie, wenn ihr nicht just der Kopf
+verrückt ist, weiß auch wohl, was sie an ihm hat. Die schönen
+vornehmen jungen Herren sind ja nun doch einmal doch für sie
+gewachsen."
+
+Wir gingen zu Tische. Aber die Geschichte der lahmen Marie lag mir
+schwer auf dem Herzen.--Lore und Christoph! Ich konnte mir die
+beiden Menschen nicht zusammen denken.
+
+
+Bald nach Ostern hatte eine plötzliche Erkrankung meiner Mutter
+mich nach Hause gerufen. Erst im August, da ich die völlig
+Genesende mit Ruhe der Sorge meines Vaters und der Heilkraft der
+milden Lüfte überlassen konnte, kehrte ich auf die Universität
+zurück. Als ich fortreiste, war auf der weiten Seebucht neben der
+Stadt noch kaum das Eis verschwunden; nun rauschte über allen Wegen
+das volle Laub des Sommers.
+
+Es war am Vormittage nach meiner Ankunft; von meinen Bekannten
+hatte ich noch keinen gesprochen. Ich stand nachdenklich in der
+Mitte meines einsamen Studentenstübchens; das ausgetrocknete
+Tintenfaß auf dem Schreibtisch und die bestaubten Bücher sahen mich
+unbehaglich an; der halb ausgepackte Koffer auf dem Fußboden machte
+es nicht besser. Aber die Sonne schien durch die Fensterscheiben
+und lockte mich hinaus, und bald ging ich, wie ich es schon als
+Knabe liebte, nur mit mir allein, im Schatten der breiten
+Ulmenallee, welche eine Strecke oberhalb des Wassers am Seestrande
+entlang führt.
+
+Wie ein düsteres Gewölbe standen die ungeheuern Bäume über mir,
+während zu beiden Seiten auf Laub und Gräsern und in den Fenstern
+der hier überall im Grün versteckten Gartenhäuser die helle
+Morgensonne funkelte; mitunter, wo er durch die Büsche sichtbar
+wurde, traf auch ein Blitz des Meeresspiegels meine Augen.--Ich
+ging langsam weiter, die frische Luft mit vollen Zügen atmend; nur
+einzelne unbekannte Menschen begegneten mir, denn die Stunde des
+Spazierengehens hatte noch nicht geschlagen.
+
+Allmählich aber hörten die Gärten auf; statt der Ulmen waren es
+hier schlanke aufstrebende Buchen, die zur Seite standen. Noch
+eine kurze Strecke, und ich ging in einem kühlen Walde, der zur
+Linken, eine Anhöhe hinansteigt, während ich nach der andern Seite
+durch die Bäume auf die See hinabblicken konnte. Vor mir aus dem
+Dickicht klang der Silberschlag des Buchfinken und der Lockruf der
+Schwarzamsel; dazwischen wie Musik hörte ich fortwährend das
+Lispeln der Blätter und drunten zu meinen Füßen das Anrauschen des
+Wassers. Mir kam plötzlich die Erinnerung an ein halb verfallenes
+Haus, das hier im Walde liegen mußte. Vor Jahren als Sekundaner
+war ich einmal mit einem mir verwandten Studenten dort gewesen, den
+ich von der Schule aus besucht hatte. Es war, so erfuhr ich damals,
+von einem spekulierenden Schenkwirt gebaut worden; aber die
+Spekulation mißglückte; es war ihm nicht gelungen, den großen Zug
+der Gäste in seine Einsamkeit hinauszulocken. Er hatte verkaufen
+müssen, und der neue Eigentümer ließ derzeit die spärliche
+Wirtschaft durch einen Kellner verwalten.
+
+Ich entsann mich des langen blassen Menschen sehr wohl, und auch
+das einstöckige Gebäude, welches zwischen den hohen Buchen etwa auf
+der Hälfte der Anhöhe lag, stand jetzt mit Deutlichkeit vor meinen
+Augen. Unter der kleinen Säulenhalle, welche die Mitte der Front
+einnahm, hatte ich damals mein erstes Glas Grog getrunken; von hier
+aus waren wir durch eine große Flügeltür in einen hohen düstern
+Saal getreten, dessen Fenster nach hinten in den Wald hinaussahen.
+Mich überkam ein Verlangen, den einsamen Ort wieder aufzusuchen;
+zugleich eine Besorgnis, er möge jetzt verschwunden oder für mich
+nicht mehr zu finden sein.
+
+Während ich so meinen Gedanken nachhing, bemerkte ich aufblickend
+einen schmalen Fußweg, der sich links vom Wege zwischen den Bäumen
+hinaufschlang. Ich stand einen Augenblick; so war es damals auch
+gewesen; dann stieg ich langsam den Berg hinauf. Nach einiger Zeit
+sah ich vor mir zwischen den Stämmen ein graues Schieferdach
+auftauchen, allmählich wurden auch die Kapitäle einer kleinen
+Säulenhalle und zu jeder Seite derselben der obere Teil eines
+Fensters sichtbar. Noch ein paar Schritte, und eine breite
+Steintreppe führt aus dem Baumschatten auf einen kleinen ebenen
+Platz hinaus.
+
+Da lag es vor mir; mitten im Walde, im stillsten Sonnenschein. Die
+Zeit schien hier kaum etwas verändert zu haben; wie damals war der
+ursprünglich rötliche Anwurf der Mauern, wo er nicht abgeblättert
+an der Erde lag, überall mit grünem Moos bezogen, und aus den
+Spalten der hölzernen Säulen drängte sich braunes wucherndes
+Schwammgewächs; auch jetzt noch stand unter der kleinen Halle eine
+dunkelgrüne Bank zu jeder Seite der halb geöffneten Flügeltür.--
+Ich setzte mich auf eine derselben und blickte durch die Lücke des
+Gehölzes auf die See hinab, wo eben ein Fischerboot im Sonnenschein
+vorüberglitt.--Menschen schienen hier oben nicht zu hausen, es
+rührte sich nichts; auch hinter mir aus dem Hause vernahm ich
+keinen Laut; nur eine Waldbiene summte in raschem Fluge vorüber,
+und an den Grasrändern der Steintreppe gaukelten zwei dunkle
+Schmetterlinge.
+
+Nach einer Weile stand ich auf und ging in den Saal. Er schien mir
+noch düsterer fast, als ich ihn mir gedacht hatte; die dicht vor
+dem Fenster stehenden Bäume schienen ihre Zweige bis über das Dach
+zu breiten. Ich schlug mit meinem Stock auf einen Tisch, daß es an
+der hohen Decke widerhallte; aber es kam niemand.--Zur Linken in
+einem Nebenzimmer, in das ich hineinblickte, stand ein einsames
+Billard. Aber gegenüber an der andern Seite des Saals war noch
+eine Tür; ich öffnete sie und gelangte in einen schmalen Gang und
+durch diesen wiederum ins Freie.--Neben einer Kegelbahn, die
+dicht am Hause lag, fand ich einen schon älteren Menschen, mit
+einer grünen Schürze angetan, auf dem Rasen eingeschlafen. In der
+Tat, es schien auch derselbe Kellner noch von damals!--Als ich
+ihn mit dem Stock berührte, riß er die Augen auf und sprang empor.
+"Ich bitte, mein Herr", sagte er, "ich habe wenig Ruhe gehabt die
+Nacht."
+
+Ich sah ihn verwundert an.
+
+"Sie wissen das nicht?" fuhr er fort, indem er mich von Kopf zu
+Füßen musterte. "Die Herren Korpsburschen haben ja seit Ostern
+ihren Kneipabend hierher verlegt."
+
+Ich wußte das in der Tat nicht, obgleich die meisten meiner
+Bekannten zu dieser Verbindung gehörten.
+
+Während ich einen Krug Bier und eine Schnitte Brot bestellte, waren
+wir in den Saal zurückgegangen.--Als der Tagesschein durch die
+geöffnete Tür fiel, wurden auf der Mitte des Fußbodens ein paar
+dunkle Flecke sichtbar, die mir keinen Zweifel ließen, daß nicht
+nur die Kneipabende, sondern auch die dazugehörigen "Paukereien" in
+diese Einsamkeit verlegt waren.--"Weshalb schafft ihr denn das
+Blut nicht fort?" fragte ich.
+
+"Um Entschuldigung, mein Herr", erwiderte der blasse Kellner, "aber
+der Fleck kommt immer wieder; es ist von damals, als das Unglück
+hier passierte.--Es sah sich übel an, als der hitzige junge Herr
+auf einmal so still und weiß wurde."
+
+Ich entsann mich sogleich jenes Vorfalls, der einer dürftigen
+Offizierswitwe ihren einzigen Sohn gekostet hatte. Es war bald
+nach meiner Abreise geschehen und hatte auf kurze Zeit die
+Teilnahme des ganzen kleinen Landes in Anspruch genommen.
+
+Ich ging in die Halle hinaus und setzte mich auf eine der grünen
+Bänke, des armen heißblütigen Jungen gedenkend, dessen Leben hier
+die letzte Spur zurückgelassen hatte.
+
+Nach einer Weile brachte der Kellner das bestellte Frühstück.
+"Heut abend könnte Sie was Besseres haben", sagte er, indem er Krug
+und Teller vor mir auf den Tisch stellte. "Wir haben Ball; da
+schickt der Prinzipal allemal seine Köchin heraus."
+
+"Ball?" fragte ich erstaunt. "Wer tanzt denn hier mitten im Walde?"
+
+"Nun", erwiderte er und blickte fast ein wenig despektierlich auf
+meine nicht allzu moderne Kleidung, "die vornehmsten Herren
+Studenten haben das so eingerichtet."
+
+Mir fiel plötzlich eine Stelle aus dem Briefe eines Freundes ein,
+den ich während meines Aufenthaltes in der Heimat erhalten hatte.
+"Zum Hexensabbat nennen wir es; und es geht toll genug her!" So
+lauteten die Worte. Ich wußte jetzt, wovon die Rede war; ich hatte
+nur den Ort vergessen.
+
+Der Kellner schien übrigens jenen Namen nicht eben gern zu hören.
+Während ich ihn aber noch damit zu schrauben suchte, waren zwei
+junge, mir wenig bekannte Studenten den Berg heraufgekommen. Sie
+warfen sich, ohne von mir Notiz zu nehmen, an der andern Seite der
+Tür auf die Bank, während sie in scharf akzentuierten Worten und
+mit einem grimmigen Gesichtsausdruck jeder ein Seidel Bier
+bestellten. Dann, während der Kellner sich entfernte, kam
+in abgebrochenen Sätzen, mitunter durch Pfeifen oder lautes
+Gähnen unterbrochen, eine Unterhaltung über die bevorstehende
+Tanzfestlichkeit in Gang, die der eine, offenbar ein "Fuchs"
+von neuestem Datum, erst durch seinen etwas älteren Genossen
+kennenlernen sollte. Eine nach der andern wurden die Tänzerinnen
+in knapper, nicht eben zartester Porträtierung vorgeführt; voran
+die Töchter eines Winkeltanzmeisters und eines trunkanfälligen
+Polizisten, mit deren Hilfe das Institut begründet war; in ihrem
+Gefolge eine ganze Reihe freund- und elternloser Mädchen, die
+während des Tages mit ihrer Hände Arbeit sich ein kärgliches Brot
+verdienten.
+
+Ich verzehrte indessen schweigend mein Frühstück und fütterte
+mitunter einen Buchfinken, der furchtlos neben mir auf den Fliesen
+umherlief und die ihm hingeworfenen Brotkrumen aufpickte.
+
+"Die Gräfin sollst du erste sehen!" begann der ältere meiner beiden
+Nachbarn wieder, indem er seinen kleinen Schnurrbart drehte.
+
+Der andere tat eine verwunderte Frage.
+
+Sein Freund lachte: "Es ist nur eine Nähterin, Ludwig; aber wenn
+sie dich so kalt mit ihren schwarzen Augen ansieht!--Sie ist
+verdammt von oben herab."
+
+"Aber warum nennt ihr sie denn die Gräfin?"
+
+"Nun, siehst du--der Raugraf hat sie."
+
+Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesen Worten erschrak. Schon
+wollte ich nähere Erkundigungen bei dem jungen Renommisten
+einziehen, als mir einfiel, daß ich bei meinem Fortgehen die lahme
+Marie in der Hinterstube meiner Hauswirtin gesehen hatte.
+
+Ich machte mich sofort auf den Rückweg; und eine halbe Stunde
+später stand ich neben ihr und hatte ein Gespräch mit ihr
+angeknüpft.
+
+"Und Sie haben Lenore seit lange nicht gesehen?" fragte ich.
+
+Sie schwieg einen Augenblick. "Ich gehe nicht mehr mit ihr", sagte
+sie, indem sie auf ihre Arbeit blickte.
+
+"Sie schienen doch sonst so gute Freunde!"
+
+"Sonst, ja!"--Sie strich ein paarmal mit dem Nagel über die eben
+angefertigte Naht. "Aber seitdem sie draußen bei den Studenten
+tanzt--sie wird die längste Zeit bei der alten Tante gewesen sein;
+und mit dem Testament mag es nun auch wohl anders werden."
+
+Also doch! dachte ich.--Christoph hatte mir das entlehnte Geld
+schon einige Zeit nach seiner Abreise mit der kurzen Bemerkung
+zurückgesandt, daß er im Hause seines Oheims eine freundliche
+Aufnahme, bei den beiden Alten nicht weniger als bei deren schon
+etwas ältlicher Tochter, und außerdem Arbeit vollauf gefunden habe.
+Seitdem hatte ich Näheres weder von ihm noch von Lenore gehört.
+
+"Aber wie ist denn das gekommen?" fragte ich nach einer Weile,
+während die Nähterin emsig gearbeitet hatte.
+
+"Nun!" sagte sie und steckte für einen Augenblick die Nähnadel in
+das Zeug. "Es war vierzehn Tage vor Pfingsten; die Lore war schon
+lange unwirsch gewesen; ich dachte erst, weil der Tischler ihr noch
+immer nicht geschrieben hatte; mitunter aber kam's mir vor, als sei
+das ganze Verlöbnis ihr leid geworden, und als könne sie in sich
+selber darüber nicht zurechte kommen. Sie scherte sich auch keinen
+Deut darum, ob sie mich oder eine von ihren vornehmen Herrschaften
+mit den kurzen Worten vor den Kopf stieß; am schlimmsten war es
+aber, wenn sie gegenüber die Musik vom Ballhaus hörte; denn sie
+hatte dem Tischler doch versprechen müssen, nicht zu Tanze zu gehen.
+--Eines Abends nun, da wir vor meiner Tür auf der Bank sitzen,
+kommt mein Schwestersohn, der Schneider, der erst gestern aus der
+Fremde heim war, mit ein paar andern Gesellen zu uns. Er war den
+Rhein herabgekommen, hatte auch dort in zwei oder drei Städten, die
+er namhaft machte, gearbeitet. Die andern fragen; er erzählt.--
+'So hast du den Christoph Werner auch gesehen?' sagt der eine.--
+'Den Tischler, freilich hab' ich ihn gesehen; der hat sein Glück
+gemacht.'--'Wie denn?' fragt der andre.--'Wie denn? Er heiratet
+die Meisterstochter; und sie hat--du verstehst mich!' Er machte
+wie Geldzählen mit den Fingern. Mir wurde himmelangst bei diesen
+Reden. 'Du bist nicht gescheit, Junge', sag ich, 'was schwatzest
+du da ins Gelag hinein!'--'Oho, Tante, gescheit genug!' ruft er,
+'bin ich doch dabeigestanden, daß er die Bretter zu seinem
+Hochzeitsbett gehobelt hat!'--Lore, auf dieses Wort, ohne einen
+Laut zu geben, steht sie von der Bank auf, nimmt ihren Hut und
+geht, ohne sich umzusehen, die Straße hinab. 'Was fehlt der?'
+fragt mein Schwestersohn noch.--'Ich weiß nicht, Dietrich.'--
+Und ich wußte es auch wirklich nicht. Es war nicht gar so heiß
+gewesen zwischen ihr und dem Tischler; denn er war ihr lange
+nachgegangen, und sie hatte sich zweimal bedacht, bevor sie
+ja gesagt; und wenn ich's auch schon wußte mit dem vornehmen
+jungen Herrn, dem Studenten, so dachte ich doch nicht, daß
+er ihr so ganz ihren eigensinnigen Kopf verrückt hatte.
+
+"Noch eine Weile saß ich bei den andern und hörte, was der Junge,
+der Schneider, zu erzählen wußte; aber ich hörte nur halbwegs, und
+bald litt es mich nicht länger; denn ich sorgte doch um sie.
+
+"So ging ich denn hinterher und traf sie, wie ich es mir auch
+gedacht hatte, drunten im Haus der Tante, wo sie in einem
+Hinterkämmerchen ihre Menage hatte. Da stand sie mitten im Zimmer
+kreideweiß und nagte sich auf den Lippen, daß ihr das Blut übers
+Kinn lief; alle ihre Schubfächer und Schachteln hatte sie
+aufgerissen, und Tüll und Bänder lagen um sie her gestreut
+auf dem Fußboden. 'Lore', rief ich, 'was machst du, Lore?'
+Aber sie schien nicht auf mich zu hören.--'Ist Sonntag Tanz
+im Ballhaus?' fragte sie.--'Im Ballhaus? Was geht das dich
+an?'--'Ich will mittanzen!'--'Du? Was würde dein Schatz wohl dazu
+sagen?'--'Was geht mich mein Schatz an!'--Sie hatte währenddes ihren
+Hut aufgesetzt und ihr Umschlagetuch von der Kommode genommen; dann
+schloß sie ein Kästchen auf, worin sie ihr Erspartes hineinzulegen
+pflegte--denn wenn sie auch manchen Schilling für Putz vertat, so
+war sie doch stolz und hatte immer nicht so nackt und bloß zu
+ihrem Bräutigam kommen wollen. Nun riß sie das Papier, worin
+es eingewickelt war, herunter und ließ das lose Geld in ihre
+Tasche fallen. 'Willst du mit?' fragte sie. 'Ich muß Einkäufe
+machen.'--Ich wußte nicht, was sie wollte; aber sie dauerte
+mich, und so ging ich mit ihr; denn ich hoffte noch, das mit
+dem Tanzen ihr wieder auszureden. Aber es waren leere Worte;
+denn sie ging hastig neben mir die Straße hinab und antwortete
+nicht und sah nicht nach mir hin.
+
+"Als wir bei dem Schnittwarenhändler am Markte vor dem Ladentisch
+standen, ließ sie sich die dicksten seidenen Bänder und die
+modernsten Jakonetts vorlegen, wie sie deren sonst wohl nur
+zuzeiten für die Vornehmsten in der Stadt verarbeitet hatte. Sie
+suchte dazwischen umher und warf es durcheinander. Der Ladendiener
+legte noch eine Ware vor. 'Wenn es der Dame, die das Kleid
+bestellt hat, auf den Preis nicht ankommt!' sagte er und
+streckte die Hand unter den klaren, durchsichtigen Stoff. 'Nein',
+sagte Lore, 'es kommt ihr auf den Preis nicht an.'--Ich stieß sie
+heimlich an; denn ich verstand es nun wohl, daß sie die kostbaren
+Zeuge für sich selber wollte. 'Lore', sagte ich leise, 'ich bitte
+dich, besinne dich doch, was willst du mit den feinen Sachen?'
+--Aber sie kehrte sich nicht daran, sie ließ den Ladendiener
+abschneiden und zählte das schöne harte Geld auf den Tisch, als
+wenn sie nicht mehr wüßte, wie viele Tage sie sich sauer darum
+hatte tun müssen. 'So laß doch', sagte sie, als ich ihren Arm
+zurückhielt; 'ich will auch einmal fein sein; ich bin nicht
+häßlicher als die Schönste hier!'--
+
+"Dann ist sie nach Haus gegangen und hat die ganze Nacht und den
+folgenden Tag gesessen und mit der heißen Nadel genäht, bis das
+teure Kleid fertig gewesen ist.
+
+"Am Sonntag darauf," fuhr die Erzählerin fort, nachdem sie zuvor
+einen neuen Faden durch die Nadel gezogen hatte, "abends, da es
+schon spät gewesen ist, hat sie sich von den weißen Maililien in
+ihr schwarzes Haar gesteckt und ist dann aufs Ballhaus gegangen.
+
+"Ich hab' das alles nur von meinem Schwestersohn," setzte sie hinzu,
+"das ist auch einer, der keinen Tanz verpassen kann.--Sie hat
+erst lange gesessen; denn die jungen Handwerksleute haben sich gar
+nicht an sie getraut, und die Studenten hat sie selber einen nach
+dem andern abgewiesen; es hätte nahezu wieder einen Aufruhr um sie
+gegeben. Der blasse Student, wie heißen sie ihn gleich?"--
+
+"Der Raugraf!" sagte ich.
+
+"Freilich, der ist auch da gewesen, aber er hat sich wie gar nicht
+um sie gekümmert. Zuletzt hat er doch kommen müssen; denn zu schön
+hat sie ausgesehen; als wenn sie aus dem Morgenland gekommen wäre,
+haben sie gesagt. Sie ist blutrot geworden, als er zu ihrem Platz
+getreten ist, und hat am ganzen Leibe gezittert. Aber nun ist sie
+aufgestanden und hat ihm die Hand gegeben, und er hat sie angesehen,
+sagt mein Schwestersohn, als wenn er sie hat verzehren sollen.
+Sie hat auch mit keinem sonst getanzt; denn bis die Musikanten ihre
+Geigen eingepackt haben, sind die beiden miteinander nicht wieder
+von der Diele gekommen."
+
+Die lahme Marie schwieg; nur "Ja, ja!" sagte sie noch einmal, wie
+in Gedanken die Moral aus ihrer Erzählung ziehend; dann setzte sie
+eifriger als zuvor ihre Arbeit fort.
+
+Ich wußte genug und beschloß, um nun auch mit eignen Augen zu sehen,
+mich heute abend selbst auf den "Hexensabbat" zu begeben.
+
+
+
+Draußen im Walde
+
+
+Es war schon dunkel; eine schwüle Luft lag über dem Walde, während
+ich die Anhöhe hinauf den Weg durch die Baumstämme zu finden suchte.
+
+Als ich die Steintreppe erstiegen hatte, blieb ich unwillkürlich
+stehen. Neben mir sah ich ein paar weiße Mädchengestalten durch
+die Bäume schlüpfen und dann seitwärts im Hause verschwinden. Es
+schien eben eine Tanzpause zu sein; ich hörte drinnen in dem
+hellerleuchteten Saal die Musikanten ihre Geigen stimmen; an den
+offenen Flügeltüren vorbei trieben Studenten und Mädchen in
+lebhaftem Verkehr vorüber. Ich konnte mich nicht überwinden,
+sogleich hineinzugehen; vor meinem innern Auge stand die liebliche
+Kindesgestalt des Mädchens; ich sah sie wieder an dem Halse ihres
+armen Vaters hangen; ich dachte daran, wie sie so hartnäckig meiner
+knabenhaften Leidenschaft ausgewichen war. Ein plötzlicher Schmerz
+kämpfte in meiner Brust; ich weiß kaum, war es Mitleid oder
+Eifersucht.
+
+Endlich stieg ich die beiden Stufen der kleinen Halle hinan und
+stellte mich unbemerkt an den Pfosten der offenen Tür. Die Pause
+dauerte noch fort; aber es schien darum nicht weniger lebendig; die
+Studenten, die an den Seitentischen oder im Nebenzimmer saßen,
+redeten und klappten mit ihren Seideln, die Mädchen trieben sich
+lachend und plaudernd auf und ab; mitunter fuhr ein übermütiger
+Schrei durch den Saal.
+
+Es waren anmutige Gesichter unter diesen Mädchen; jugendliche
+Gestalten mit großen leidenschaftlichen Augen, die durch den
+Ausdruck sorglosen Lebensgenusses oder einen vorüberwandelnden Zug
+von Leid nicht weniger anziehend wurden. Trotz ihrer Armut waren
+sie alle sauber gekleidet, in hellen, durchsichtigen Stoffen, eine
+Blume oder einen frischen Kranz in dem sorgfältig geflochtenen Haar.
+
+Dies hatte indessen bei ihren Tänzern nicht eine gleiche Rücksicht
+zu bewirken vermocht; denn namentlich die Jüngeren und einige der
+sogenannten "Haupthähne" der Verbindung scheuten sich nicht, in
+Gegenwart ihrer Damen die Beine behaglich über Tisch und Bänke
+auszustrecken.
+
+Meine Augen suchten Lore, und sie brauchten nicht lange zu suchen.
+Sie saß dem Billardzimmer gegenüber zwischen einem Paar jüngerer
+Mädchen, die lebhaft zu ihr sprachen, während sie teilnahmslos vor
+sich hinblickte.
+
+Im Haar trug sie eine weiße Rose, eine Seltenheit in dieser
+Jahreszeit; aber auf ihrem Antlitz war die Rosenzeit vorüber; kein
+Rot schimmerte mehr durch diese zarten, blassen Wangen.
+
+Auch den Raugrafen sah ich; er saß mit übergeschlagenen Beinen, wie
+ermüdet, an der andern Seite des Saales.--Ich stand in seiner
+Nähe. Als die Musikanten ihre Instrumente zur Hand nahmen, trat
+einer der jüngeren Studenten zu ihm. "Laß mir die Lore für diesen
+Tanz!" sagte er schüchtern.
+
+"Ein andermal, Fuchs!" erwiderte der Raugraf und lehnte seinen
+schönen, aber bleichen Kopf zurück gegen die Wand. Die Musik
+setzte ein; allein er stand nicht auf, um seine Tänzerin zu holen;
+er hob lässig die Hand und machte gegen sie hin ein Zeichen mit den
+Fingern. Ich sah, wie sie einen zornigen Blick zu ihm hinwarf und
+dann, ohne aufzustehen, ihre Augen in die aufgestützte Hand begrub.
+Der Raugraf faltete die Stirn, und nach einer Weile sprang er auf
+und schritt durch den Saal, bis er vor ihr stand.--Als sie auch
+jetzt nicht aufblickte, legte er den Arm um sie und zog sie mit
+einer raschen Bewegung zu sich empor. Er schien einige Worte mit
+Heftigkeit hervorzustoßen; ich war indes zu weit entfernt, um etwas
+davon verstehen zu können. Dann trat er mit ihr an die Spitze der
+übrigen Paare und eröffnete den Tanz.
+
+Sie war eine voll ausgewachsene Mädchengestalt, aber gleichwohl
+reichte sie ihm nur bis an die Brust. Ich sah ihnen lange nach;
+sie hatte den Kopf in den Nacken fallen lassen, während sie fast
+von seinem Arm getragen wurde und nur mit den Fußspitzen den Boden
+berührte; er neigte sich über sie, und seine Augen lagen
+unbeweglich wie die eines jungen Raubvogels auf ihrem Antlitz, das
+sie mit geschlossenen Lidern ihm entgegenhielt. Als der Tanz zu
+Ende war, führte er sie an ihren Platz und ließ sie leicht aus
+seinen Armen auf den Stuhl gleiten.
+
+Die Pause dauerte indes nicht lange. Bald entstand eine Unruhe im
+ganzen Saal; die Musik setzte in rasendem Tempo ein, und die Paare
+reihten sich stürmisch aneinander.
+
+Der Tanz begann aufs neue, Gelächter und ausgelassene Rufe flogen
+durch die Runde; immer wilder sah ich die kleinen leichtfertigen
+Füßchen über die dunkeln Flecke des Fußbodens gleiten. Endlich kam
+es zu einer Tour, durch deren ungestüme Ausführung die ganze Reihe
+der armen Kinder unausbleiblich zu Fall gebracht wurde.
+
+Dann wie auf einen Wink schwieg die Musik, und während ihre Tänzer
+lachend über sie hinwegsprangen, standen sie mit heißen Gesichtern
+auf und strichen sich das Haar aus der Stirn oder suchten den Staub
+von ihrem mühsam erarbeiteten Ballstaat abzuschlagen.--Ich weiß
+nicht, war es noch ein Rest von dem Zerstörungstriebe des Kindes,
+oder war es der allen Menschen innewohnende Drang, sich gegen das
+aufzulehnen, dessen Einfluß man sich nicht entziehen kann--es
+schien, als wenn die akademische Jugend sich in übermütiger
+Herabwürdigung des Weibes gar nicht genugtun konnte.
+
+Lore, die ich nicht außer acht gelassen, saß einsam auf demselben
+Platze, wohin sie von dem Raugrafen geführt worden war. Sie schien
+es sich erzwungen zu haben, daß zu jenem Tanze niemand sie auch nur
+aufgefordert hatte.
+
+Während bald darauf, vielleicht des Kontrastes halber, ein
+Kontertanz mit aller Feierlichkeit ausgeführt wurde, ging ich mit
+einem Bekannten in das Seitenzimmer. Wir trafen mehrere ältere
+Studenten, und bald waren wir, unsre Bierseidel vor uns, in
+ein alle gleicherweise interessierendes Gespräch über die
+Eventualitäten des bevorstehenden Examens vertieft.
+
+Als nebenan die Musik absetzte, kamen noch einige der Tanzpaare zu
+uns an den Tisch; der Raugraf mit Lore war auch darunter.--Sie
+setzte sich neben ihn, während er die Speisekarte musterte, und
+bald hatte der Kellner einige Schüsseln und eine Flasche Champagner
+vor den beiden hingestellt. Der Kork wurde behutsam abgenommen--
+der Raugraf ließ niemals einen Champagnerpfropfen knallen--, und
+der schäumende Wein floß in die Gläser. Die andern Mädchen, denen
+ein einfacheres Mahl serviert war, stießen ihre Tänzer heimlich
+mit den Ellenbogen; und auch meine Aufmerksamkeit war bald
+ausschließlich auf dieses Paar gerichtet.--Lore hatte ihr blasses
+Gesicht in die eine Hand gestützt, während die andre wie vergessen
+an dem Fuß des vollen Glases ruhte; der Raugraf beschäftigte sich
+behaglich mit seinem Lerchensalmi und schlürfte schweigend seinen
+Wein dazu. "Willst du nicht essen, Lore?" fragte er endlich.
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+Er sah sie einen Augenblick an. "Du willst nicht?--Nun", setzte
+er ruhig hinzu, "deine Sache!" Dann schenkte er sich ein und setzte
+seine Mahlzeit fort.
+
+Das Mädchen hatte indessen ihr Glas an die Lippen geführt und es
+mit einem durstigen Zug hinabgetrunken. Ohne den Kopf zu erheben,
+der noch immer müde in ihrer Hand ruhte, nahm sie die Flasche und
+hielt sie schwebend über dem leeren Glase, so daß der Wein langsam
+hineinfloß und nur allmählich schäumend in dem Kelch aufstieg.
+Ihre Augen blickten mit einem Ausdruck von Trostlosigkeit darauf,
+als sehe sie ihr Leben aus der Flasche rinnen. Sie achtete auch
+nicht darauf, als der Schaum aus dem Glase auf den Tisch und von
+diesem auf den Boden floß; nur ihre andre Hand schien sich immer
+fester in das schwarze seidige Haar hineinzuwühlen.
+
+"Schöne Dame", flüsterte ein hübscher milchbärtiger Junge, während
+er wie bettelnd ihr sein leeres Glas entgegenhielt, "einen Tropfen
+von Eurem Überfluß!"
+
+Lore blickte nicht auf; aber ich sah, wie es flüchtig um ihre
+Lippen zuckte.
+
+"Was denn, Fuchs, was hast du?" fragte einer von den Alten, der
+sich bisher nur mit seinem Glase beschäftigt hatte. "Oho,
+Stoffvergeudung!" rief er plötzlich und legte seine Hand auf den
+Arm des Mädchens.
+
+Der Raugraf war nur ein wenig zur Seite gerückt, als der Wein neben
+ihm auf den Boden tropfte. "Laß sie", sagte er, "es ist ihre Natur
+so.--Nicht wahr, Lore", setzte er hinzu, indem er sich lächelnd
+zu ihr wandte, "wir beide, wir verstehen uns aufs Vergeuden!"
+
+Sie setzte die Flasche auf den Tisch und warf ihm einen Blick voll
+unergründlichen Hasses zu. Dann stand sie auf und ging nach der
+Tür, die in den Saal führte. Aber er war zugleich mit ihr
+aufgesprungen. Ein Ausdruck verbissenen Jähzorns entstellte die
+schönen regelmäßigen Gesichtszüge. "Was fällt dir ein!" flüsterte
+er und packte mit Heftigkeit ihren Arm. Sie blieb stehen, ohne daß
+sie Miene machte, sich von seiner Hand zu lösen; nur ihre dunkeln
+glänzenden Augen blickten ihn fragend und verachtend an. Eine
+Weile ertrug er es; dann zog er die Hand zurück, und indem er ein
+kurzes Lachen ausstieß, trat er wieder an den Tisch und schenkte
+langsam die Neige aus der Flasche.--Lore sah ich durch die
+Saaltür zwischen den Tanzenden verschwinden.
+
+Mir quoll das Herz; ich hatte aus der Ecke, wo ich saß, alles genau
+beobachtet. Nach einer Weile machte ich mich los und trat in den
+Saal, um sie zu suchen.
+
+Sie war nicht unter den Tanzenden; als ich mich aber zwischen den
+walzenden Paaren durchgedrängt hatte, sah ich sie in einer
+Fensternische stehen und scheinbar regungslos in das Gewühl
+hineinstarren; sie war fast so blaß wie die weiße Rose in ihrem
+Haar.
+
+"Sie erinnern sich meiner wohl nicht mehr?" fragte ich, indem ich
+auf sie zutrat.
+
+Eine tiefe Röte überflog auf einen Augenblick ihr Antlitz. "O doch!"
+sagte sie leise.
+
+"Wollen wir tanzen, Lore?"
+
+Sie senkte, während sie mir die Hand reichte, den Kopf so tief, daß
+ich ihre Augen nicht zu sehen vermochte; aber ich sah, wie ihre
+kleinen weißen Zähne sich tief in ihre Lippe gruben.
+
+So tanzten wir denn zusammen; nur ein paar Runden; denn auch sie
+mochte fühlen, daß es mir nicht ums Tanzen war. Bald standen wir
+nebeneinander vor der großen Ausgangstür, deren beide Flügel weit
+geöffnet waren. Ich blickte unwillkürlich hinaus; es war sehr
+finster, nur die Stämme der nächsten Buchen waren von dem
+herausfallenden Schein beleuchtet. Aber ein Strom bewegter
+Nachtluft trieb erfrischend gegen uns heran, und während von der
+einen Seite das Kreischen der Geigen und das Scharren der Tanzenden
+an mein Ohr schlug, vernahm ich zugleich von draußen das traumhafte
+Rieseln in den Laubkronen des Waldes.
+
+Das Mädchen stand neben mir, ohne zu sprechen, die Augen zu Boden
+geschlagen.--Ich faßte mir ein Herz. "Wie mag es Christoph
+gehen?" fragte ich.
+
+Sie fuhr zusammen und murmelte etwas, das ich nicht verstand; aber
+auf ihren blassen Wangen wurden zwei dunkelrote Flecken sichtbar.
+
+"Was würde er sagen", fuhr ich fort, "wenn er hier wäre!"
+
+Ich sah, wie sie nach Atem rang und wie ihre herabhängende Hand
+krampfhaft an dem Kleide fingerte. "O bitte", stieß sie leise
+hervor, "nicht hier, nur nicht hier!"
+
+"Wo denn? Wollen Sie mich hören, Lore?"
+
+Sie blickte zu mir auf. "Draußen", sagte sie leise, "ich werde
+gleich herauskommen; lassen Sie uns abtreten nach dieser Runde!--
+Ich habe Sie schon bitten wollen, als ich Sie vorhin im Nebenzimmer
+sitzen sah."
+
+Wir tanzten noch einmal; dann führte ich sie zu Platz und trat
+durch die Tür in den kleinen Säulengang hinaus.--Es donnerte in
+der Ferne, und als ich die beiden Stufen ins Freie hinabstieg,
+wetterleuchtete es, daß ich auf einen Augenblick die einzelnen
+Baumstämme bis an die See hinab und drunten das Blinken des
+Wasserspiegels unterscheiden konnte.
+
+Ich ging um das Haus herum bis an die Kegelbahn und wartete dort.
+Nicht lange, so sah ich auch den Schimmer eines weißen Kleides, ich
+hörte den leichten Schritt des Mädchens, und gleich darauf stand
+sie selbst tief aufatmend vor mir.--So war ich denn endlich
+wieder mit ihr allein, im Dunkel, in der Sommernacht; aber es waren
+andre Zeiten. Ehe ich sie anzureden vermochte, hatte sie ein
+Papier aus der Tasche gezogen, der Schein eines Blitzes fuhr
+darüber, und ich erkannte Poststempel und Siegel des Briefes. "Es
+ist von Christoph", sagte Lore, indem sie das Papier in meine Hand
+legte, die ich unwillkürlich danach ausgestreckt hatte.
+
+"Von Christoph!" rief ich. "Wann haben Sie den Brief erhalten?"
+
+"Heute!" erwiderte sie leise.
+
+"Und Sie sind doch hierhergekommen?"
+
+Sie schwieg.
+
+"Darf ich den Brief lesen, Lenore?"
+
+"Ich habe Sie darum bitten wollen."
+
+Ich ging an eines der erleuchteten Saalfenster in der hintern Front
+des Hauses.--Lenore war mir langsam gefolgt, und ich fühlte, wie
+während des Lesens ihre Augen unablässig auf mich gerichtet waren.
+
+Es war ein langer Brief; Christoph gab von seinem Schweigen
+Rechenschaft. Er hatte das Geschäft seines Oheims übernommen;
+aber die Verhältnisse waren lange in der Schwebe gewesen, da
+alles von einer Verheiratung der Tochter mit einem wohlhabenden
+Schornsteinfegermeister abgehangen; schon sei er, da eben ein
+neugieriger Schneider aus der Heimat ihn besucht habe, mit dem
+Geräte zu ihrer Hochzeitskammer beschäftigt gewesen, als die ganze
+Sache noch einmal in Frage gestellt worden sei. Jetzt aber war
+endlich alles geordnet, die Tochter hatte Hochzeit gemacht, und er
+selbst sollte in den nächsten Tagen das Meisterrecht in der fremden
+Stadt erwerben. Dann lud er sie ein, zu kommen, da er nicht fort
+könne, um sie zu holen. "Sobald ich deine Antwort habe", das waren
+die letzten Worte des Briefes, "schicke ich dir das Reisegeld; es
+liegt schon abgezählt und eingesiegelt. Das Haus wirst du leicht
+erkennen; neben der grünen Bank, die vor der Tür ist, steht eine
+Linde, wie daheim vor deinem Elternhaus; eine Kammer, die ich
+selber für die jungen Meistersleute hergerichtet habe, ist ganz
+davon beschattet."--
+
+Ich hatte den Brief zusammengefaltet und reichte ihn zurück. Aber
+Lore schüttelte den Kopf. "Schreiben Sie ihm, Herr Philipp!" sagte
+sie, während eine Träne nach der andern über ihre Wangen tropfte,
+und leise und mühsam setzte sie hinzu: "Er hat es gut gemeint."
+
+"Und Sie wollen nicht selber kommen?" fragte ich.
+
+Sie sah mich an, mit einem Blick so voll von flehender Verzweiflung,
+daß ich bereute, diese Frage an sie getan zu haben. "Lore", sagte
+ich, "kann denn niemand helfen?"
+
+Sie senkte den Kopf, indem sie mit der Stirn an eine Fensterscheibe
+lehnte; die weiße Rose lag noch immer duftend auf dem glänzend
+schwarzen Haar. "Er war, da er noch lebte, nur ein armer törichter
+Mann", sagte sie, und ihre Stimme brach fast in verhaltenem
+Schluchzen, "aber er war doch mein Vater, und es hat mich sonst
+doch keiner so geliebt--er würde mich auch jetzt noch nicht
+verstoßen."
+
+Als sie das gesagt hatte, schwiegen wir beide; nur hatte ich, ohne
+daß ich es wußte, ihre beiden Hände ergriffen, und sie ließ sie mir.
+--Da hörte ich von der andern Seite des Hauses, von der Halle her,
+die Stimme des Raugrafen ihren Namen rufen.
+
+Sie fuhr zusammen. "Lore", sagte ich, "können Sie denn nicht los
+von jenem Menschen?"
+
+Ihre Augen blickten mich groß und traurig an. "O doch!" sagte sie
+leise, und mir war, als sähe ich ein Lächeln um ihren Mund, aber
+ein Lächeln wie in verhüllter Arglist.--Indem wurde noch einmal
+und mehr in unsrer Nähe gerufen.
+
+Sie trocknete hastig ihre Augen. "Leb wohl, Philipp, leb wohl!"
+flüsterte sie. Ich empfand den Druck der beiden kleinen Hände;
+dann war sie fort.
+
+Wie lange ich noch unter den Bäumen auf und ab gegangen, weiß ich
+nicht. Ich kam erst wieder zu Bewußtsein der Dinge um mich her,
+als drinnen im Saale plötzlich die Tanzmusik aufhörte und ich statt
+dessen das Schreien der großen Eulen vernahm, die tiefer im Walde
+ihr Wesen trieben.
+
+Als ich dann, um über die Steintreppe zu dem Fußweg zu gelangen, an
+der vordern Front des Hauses vorüberging, sah ich Lore noch einmal.
+Sie stand unter der Halle, den Arm um eine der Säulen geschlungen,
+und blickte durch die Bäume auf den See hinab, wo eben ein
+Wetterschein blendend über das Wasser leuchtete.
+
+
+
+Am Strande
+
+
+Ich hatte lange schlaflos auf einem Kissen gelegen, an einem Plane
+sinnend, wie ich Lore mit Hilfe meiner Mutter einen andern
+Zufluchtsort eröffnen möchte und, was vielleicht das schwierigste
+sei, wie ich sie überreden könne, einen solchen anzunehmen.
+
+Als ich am andern Morgen spät erwachte, stand Fritz Bürgermeister,
+wie wir ihn als Knaben zu nennen pflegten, vor meinem Bett und
+lachte mich mit seinen treuen Augen an.--Bald saßen wir
+nebeneinander im Sofa, und Fritz hatte vollauf von
+gemeinschaftlichen Freunden zu erzählen, die er in Heidelberg
+zurückgelassen. Aber ich hörte nur mit halbem Ohr; meine Gedanken
+waren bei dem Erlebnis der vergangenen Nacht.
+
+Einige Zeit nachher, als wir auf meinen Vorschlag das Haus
+verlassen und am Strande entlang in der schattigen Ulmenallee
+nebeneinander gingen, entlastete ich mein Herz und berichtete ihm
+alles, was ich über Lore und mit ihr selbst erfahren hatte. Fritz
+hörte schweigend zu, nur mitunter murmelte er halblaut einen derben
+Fluch, indem er die im Wege liegenden Steine mit dem Fuße fortstieß,
+oder er führte einen Hieb in die Luft, als hätte er einen Schläger
+in der Faust.
+
+Es blieb auch nicht bei diesem Zeichen; acht Tage später stand er
+dem Raugrafen auf der Mensur gegenüber. Aber der Raugraf schlug
+eine gefährliche Terz, und Fritz erhielt einen "Schmiß", dessen
+Narbe noch jetzt, wenn der Zorn ihm aufsteigt, wie ein roter Blitz
+über seine Stirn flammt.--
+
+Als wir aus der Allee in den Wald gekommen waren und fast die
+Stelle erreicht hatten, wo der Fußweg die Anhöhe nach dem Tanzhause
+hinaufgeht, sahen wir auf der andern Seite jenseits der Bäume
+mehrere Menschen auf dem Strande. Sie standen dicht am Wasser und
+schienen damit beschäftigt, etwas, das man nicht unterscheiden
+konnte, auf den Boden niederzulegen. In demselben Augenblick kam
+auch ein Mann in Fischerkleidung in den Weg hinauf. "Was gibt's da
+unten?" fragte ich im Vorübergehen.
+
+"Nichts Gutes, Herr!" war die Antwort. "Ein junges Frauenzimmer
+ist verunglückt."
+
+"Lore!" rief ich und ergriff unwillkürlich die Hand meines Freundes.
+
+Er stieß einen Laut des Schreckens aus. "Was redst du nur!" sagte
+er abwehrend.
+
+Gleichwohl stiegen wir in stummem Einverständnis durch die Bäume an
+den Strand hinab. Ich hörte währenddes die Leute drunten
+miteinander reden. "Was der gefehlt haben mag?" sagte eine rauhe
+Stimme. "Es muß doch eine von den vornehmen Fräuleins sein!--Und
+in vollem Staat ins Wasser gegangen." Dann wurde es wieder still;
+nur die Wellen rauschten in der Morgenluft.
+
+Als wir zwischen den Bäumen heraustraten, wurde ich fast vom
+Sonnenschein geblendet, der in vollstem Glanze vor uns über die
+weite Meeresbucht gebreitet war.--Und in diesem Sonnenglanze lag
+auch sie; die Fischer traten bei unsrer Annäherung zur Seite, und
+wir konnten sie ungestört betrachten. Es war kein Zweifel mehr.
+Das bleiche Gesichtchen ruhte auf dem Ufersande; die kleinen
+tanzenden Füße ragten jetzt regungslos unter dem Kleide hervor;
+Seetang und Muscheln hingen in den schwarzen triefenden Haaren.
+Die weiße Rose war fort; sie mochte ins Meer hinausgeschwommen sein.
+
+
+
+Viele Jahre sind seit jenem Morgen vergangen.--Auf dem Kirchhofe
+der Universitätsstadt, abseits im hohen Grase, liegt eine
+weiße Marmortafel: "Lenore Beauregard" steht darauf.--Drei
+Heimatsgenossen, in verschiedenen Teilen des deutschen Landes
+lebend, haben sie gestiftet.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Auf der Universität Lore, von
+Theodor Storm.
+
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AUF DER UNIVERSITAT LORE ***
+
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
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+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
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+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
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+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
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new file mode 100644
index 0000000..abbf3bc
--- /dev/null
+++ b/8895-8.zip
Binary files differ
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--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..0b47c6a
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #8895 (https://www.gutenberg.org/ebooks/8895)