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+The Project Gutenberg EBook of Komik und Humor, by Theodor Lipps
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+Title: Komik und Humor
+
+Author: Theodor Lipps
+
+Release Date: June, 2005 [EBook #8298]
+[This file was first posted on July 4, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KOMIK UND HUMOR ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Carlo Traverso, Thomas Berger, and the Online Distributed
+Proofreading Team
+
+
+
+KOMIK UND HUMOR
+
+EINE PSYCHOLOGISCH-ÄSTHETISCHE UNTERSUCHUNG
+
+VON
+
+THEODOR LIPPS
+
+
+
+
+
+
+
+Vorwort
+
+Vor jetzt zehn Jahren habe ich in den "Philosophischen Monatsheften" eine
+Reihe von Aufsätzen über die "Psychologie der Komik" zu veröffentlichen
+begonnen. Teils eigenes Bedürfnis, teils der Wunsch anderer, hat mich zu
+einer Umarbeitung und Erweiterung dieser Aufsätze veranlasst. Daraus ist
+schliesslich dies Buch geworden.
+
+Ich bezeichne den Inhalt desselben als "psychologisch-ästhetische
+Untersuchung". Dabei könnte das "psychologisch" überflüssig erscheinen.
+Eine ästhetische _Untersuchung_ ist immer psychologisch. Aber ich wollte
+mit diesem Ausdruck andeuten, dass es mir vor allem ankam auf die
+psychologische Analyse meines Gegenstandes, auf die breite psychologische
+Fundamentierung des Problems, auf die Einfügung desselben in den
+Zusammenhang mit angrenzenden, verwandten und allgemeineren
+psychologischen und ästhetischen Problemen.
+
+Darüber trat ein anderes Interesse zurück. Ich habe darauf verzichtet,
+den Humor oder die künstlerische Verwendung des Komischen weiter, als es
+die Natur der Sache erforderte, in die verschiedenen Kunstgattungen und
+Kunstrichtungen hinein zu verfolgen, oder gar bestimmte humoristische
+Kunstwerke im einzelnen zu analysieren. Es genügte mir, die verschiedenen
+Möglichkeiten, die Arten, Daseinsweisen und Stufen der Komik und des
+Humors allgemein aufgezeigt und in ihrer Wirkung verständlich gemacht zu
+haben. Jene mehr kunst- und litterarhistorische Aufgabe möchte ich gerne
+anderen, womöglich solchen, die dazu geschickter sind, überlassen. Ich
+hoffe aber freilich, dass für solche Arbeit das in diesem Buche Gebotene
+als die geeignete Grundlage erscheinen wird.
+
+Ich gedenke noch mit besonderem Danke der Anregung, die ich bei Abfassung
+dieses Buches aus einem die Komik betreffenden Aufsatze _Heymans'_ in der
+Zeitschrift für Psychologie habe schöpfen können.
+
+_Starnberg_, Mai 1898.
+
+Th. L.
+
+
+
+
+
+INHALT.
+
+I. ABSCHNITT. THEORIEN DER KOMIK.
+
+ I. Kapitel. _Theorie des Gefühlswettstreites_. Heckers Theorie. Komik,
+ Lust und Unlust.--Gefühl und Gefühlswettstreit.--Gefühl der Tragik
+ und der Komik.--Gefühlskontrast.--Der Wechsel der
+ Gefühle.--Schadenfreude und gesteigertes Selbstgefühl.
+
+ II. Kapitel. _Die Komik und das Gefühl der Überlegenheit_. Hobbes' und
+ Groos' Theorie.--Gefühl und Grund des Gefühls.--Allerlei ästhetische
+ Theorien.--Die Komik des Objektes und meine
+ Überlegenheit.--Überlegenheit und "Erleuchtung".--Das Wesen der
+ "Überlegenheit".--Zieglers Theorie.
+
+ III. Kapitel. _Komik und Vorstellungskontrast_. Kräpelins
+ "intellektueller Kontrast".--Wundts Theorie.--Verwandte Theorien.
+
+II. ABSCHNITT. DIE GATTUNGEN DES KOMISCHEN.
+
+ IV. Kapitel. _Die objektive Komik_. Kontrast des Grossen und des
+ Kleinen.--Nachahmung und Karikatur.--Situationskomik.--Die
+ Erwartung.--Die Komik als Grösse und Kleinheit _Desselben_.
+
+ V. Kapitel. _Objektive Komik_. _Ergänzungen_. Das komische
+ "Leihen".--"Selbstgefühl in statu nascendi". Komik und Lachen.
+ --Komik des "Neuen".--Komische Unterbrechung.--Positive Bedeutung
+ der Neuheit.--"Verblüffung" und "Verständnis".
+
+ VI. Kapitel. _Die subjektive Komik oder der Witz_. Abgrenzung der
+ subjektiven Komik.--Verschiedene Theorien.--Begriffsbestimmung und
+ verschiedene Fälle.--Witzige Handlungen.--Verwandte
+ Theorien.--"Verblüffung und Erleuchtung" beim Witz.
+
+ VII. Kapitel. _Das Naiv-Komische_. Die Theorien.--Die drei Arten der
+ Komik.--Möglichkeiten des Naiv-Komischen.--Kombination der drei
+ Arten der Komik.--"Verblüffung und Erleuchtung" beim Naiv-Komischen.
+
+III. ABSCHNITT. PSYCHOLOGIE DER KOMIK.
+
+ VIII. Kapitel. _Das Gefühl der Komik und seine Voraussetzung_. Komik als
+ "wechselndes" oder "gemischtes" Gefühl.--Die Grundfarbe des Gefühls
+ der Komik.--"Psychische Kraft" und ihre Begrenztheit.--Genaueres
+ über die "psychische Kraft".--"Aufmerksamkeit". "Psychische
+ Energie".--Die besonderen Bedingungen der Komik.
+
+ IX. Kapitel. _Das Gefühl der Komik_. Gesetz des
+ Lustgefühls.--"Qualitative Übereinstimmung" als Grund der
+ Lust.--"Quantitative Verhältnisse".--Gefühl der "Grösse".--"Grösse"
+ und Unlust.--Gefühl des "Heiteren".--Das überraschend Grosse.--Das
+ überraschend Kleine. Die Komik.
+
+ X. Kapitel. _Das Ganze des komischen Affektes_. Umfang und Erneuerung
+ der komischen Vorstellungsbewegung.--Rückläufige Wirkung der
+ psychischen "Stauung".--Hin- und Hergehen der komischen
+ Vorstellungsbewegung.--Das Ende der komischen
+ Vorstellungsbewegung.--Einzigartigkeit des komischen Prozesses.
+
+ XI. Kapitel. _Lust- und Unlustfärbung der Komik_. Primäre Momente der
+ Lust- und Unlust.--Qualitative Übereinstimmung und quantitativer
+ Kontrast.--Ausserkomische Gefühlsmomente.--Besonderheit der naiven
+ Komik.
+
+IV. ABSCHNITT. DIE UNTERARTEN DES KOMISCHEN
+
+ XII. Kapitel. _Die Unterarten der objektiven und naiven Komik_. Stufen
+ der objektiven Komik.--Situations- und Charakterkomik.--Natürliche
+ und gewollte Komik.--Possenhafte, burleske, groteske Komik.
+
+ XIII. Kapitel. _Die Unterarten der subjektiven Komik_. Allgemeines.--Der
+ Wort- oder Begriffswitz.--Die witzige Begriffsbeziehung.--Das
+ witzige Urteil.--Die witzige Urteilsbeziehung.--Der witzige Schluss.
+
+V. ABSCHNITT. DER HUMOR.
+
+ XIV. Kapitel. _Komik und ästhetischer Wert_. Allgemeines über
+ "ästhetischen Wert".--Erkenntniswert und ästhetischer
+ Wert.--"Verständnis" des Kunstwerkes.--"Kunstwert".--Die Komik als
+ "Spiel".--Arten von Gegenständen des Gefühls überhaupt.--Der Wert
+ der Komik kein ästhetischer Wert.
+
+ XV. Kapitel. _Die Tragik als Gegenstück des Humors_. Die Tragik als
+ "Spiel".--Tragik und "ästhetische Sympathie".--Volkelts
+ ausserästhetische Begründung der Tragik.--Das Specifische des
+ tragischen Genusses.--Weitere ästhetische Wirkungen des
+ Konfliktes.--Ästhetische Bedeutung des Bösen.
+
+ XVI. Kapitel. _Das Wesen des Humors_. Lazarus' Theorie.--Naivität und
+ Humor.--Humor und "psychische Stauung".
+
+ XVII. Kapitel. _Arten des Humors_. Die Daseinsweisen des Humors.--Humor
+ der Darstellung.--Stufen des Humors.--Unterarten des Humors.--Die
+ humoristische Darstellung und der Witz.
+
+XVIII. Kapitel. _Der objektive Humor_. Unentzweiter Humor.--Satirischer
+ Humor.--Ironischer Humor.
+
+
+
+
+
+I. ABSCHNITT. THEORIEN DER KOMIK.
+
+
+Die Psychologie der Komik kann ihre Aufgabe auf doppeltem Wege zu lösen
+versuchen. Komisch heissen Gegenstände, Vorgänge, Aussagen, Handlungen,
+weil sie ein eigenartiges Gefühl, nämlich eben das Gefühl der Komik in
+uns erwecken. Das Wort "komisch" will, allgemein gesagt, zunächst nicht
+wie das Wort "blau" eine Eigenschaft bezeichnen, die an einem Gegenstände
+angetroffen wird, sondern die Wirkung angeben, die der Gegenstand auf
+unser Gemüt ausübt. Freilich muss dieser Wirkung irgendwelche
+Beschaffenheit des Gegenstandes zu Grunde liegen. Insofern dies der Fall
+ist, heisst dann auch die Beschaffenheit selbst oder der Träger derselben
+komisch.
+
+Darnach scheint der naturgemässeste Weg zur Bestimmung des Wesens der
+Komik, dass man erst jene Wirkung feststellt, also das Gefühl der Komik
+in seiner Eigentümlichkeit zu begreifen sucht, um dann zuzusehen, welche
+Besonderheiten der Gegenstände diese Wirkung nach psychologischen
+Gesetzen ergehen können, bezw. wie sie dieselbe ergeben können.
+
+Daran müsste sich natürlich die Probe auf das Exempel anschliessen, d. h.
+es müsste festgestellt werden, inwiefern die thatsächlich gegebenen Arten
+des Komischen diese Besonderheiten an sich tragen.
+
+Andererseits hindert doch nichts, auch in anderer Weise die Untersuchung
+zu beginnen. Das Gefühl der Komik ist ein so eigenartiges, dass wir im
+gegebenen Falle kaum zweifeln können, ob wir einen Gegenstand, ein
+Verhalten, ein Ereignis, eine Gebärde, Rede, Handlung unter die komischen
+zu rechnen haben. Darauf beruht die Möglichkeit, zunächst von diesen
+_Gegenständen_ auszugehen. Wir fassen dieselben ins Auge, analysieren
+sie, vergleichen die verschiedenartigen Fälle, variieren die Bedingungen,
+und gelangen so zu den Momenten, auf denen die Wirkung beruhen muss. Auch
+hier ist dann eine Probe erforderlich. Wir müssen uns überzeugen, ob
+diese Momente auch nach allgemeinen psychologischen Gesetzen die komische
+Wirkung hervorbringen können, bezw. wiefern sie dazu fähig sind. Darin
+ist dann die Analyse des Gefühls der Komik schon eingeschlossen.
+
+Diese beiden Wege unterscheiden sich nicht hinsichtlich dessen, was zu
+leisten ist, sondern lediglich hinsichtlich des Ausgangspunktes. Offenbar
+hat aber der zweite Weg insofern einen Vorzug, als man dabei von
+vornherein in den Gegenständen der Komik einen sicheren Halt hat. Im
+Übrigen wird individuelle Neigung und Befähigung die Wahl des Wegs
+bestimmen, oder zum Mindesten darüber entscheiden, ob die eine oder die
+andere Weise der Untersuchung vorherrscht.
+
+
+
+
+I. KAPITEL. THEORIE DES GEFÜHLSWETTSTREITES.
+
+
+HECKERS THEORIE. KOMIK, LUST UND UNLUST.
+
+Achten wir auf die Geschichte der Psychologie und Ästhetik des Komischen
+in unseren Tagen, so sehen wir den ersten jener beiden Wege am
+entschiedensten eingeschlagen von _Hecker_ in seiner "Physiologie und
+Psychologie des Lachens und des Komischen", Berlin 1873. Dagegen tritt
+die andere Weise deutlicher hervor bei _Kräpelin_, dem Verfasser des
+Aufsatzes "Zur Psychologie der Komik" im zweiten Bande von _Wundts_
+"Philosophischen Studien". Hiermit habe ich zugleich diejenigen Arbeiten
+bezeichnet, die bisher--abgesehen von den Aufsätzen, als deren
+Umarbeitung und Erweiterung diese Schrift sich darstellt--, mit der
+Psychologie der Komik am eingehendsten sich befasst haben.
+
+Wie leicht der Versuch, das Gefühl der Komik in seiner Eigenart zu
+begreifen, ohne dass man von vornherein an den Gegenständen der Komik
+einen festen Halt sucht, in die Irre führen kann, zeigt _Hecker_
+deutlich. Er meint das Gefühl der Komik zu analysieren. Statt dessen
+dekretiert er es.
+
+Für Hecker ist das Gefühl der Komik ein "beschleunigter Wettstreit der
+Gefühle" d. h. ein "schnelles Hin- und Herschwanken zwischen Lust und
+Unlust". "Von einem Punkte aus sehen wir plötzlich und gleichzeitig zwei
+verschiedene unvereinbare Gefühlsqualitäten (Lust und Unlust) in uns
+erzeugt werden." Dass sie von einem Punkte aus und darum gleichzeitig
+erzeugt werden und doch unvereinbar sind, dies bedingt nach _Hecker_ den
+Wettstreit. In diesem Wettstreit würde die schwächere der beiden
+Qualitäten unterdrückt werden, wenn eine erhebliche Verschiedenheit der
+Gefühle hinsichtlich ihrer Stärke bestände. Eine solche besteht aber nach
+_Hecker_ nicht. Die konträren Gefühle sind von "annähernd gleicher
+Stärke". Daraus ergiebt sich die Notwendigkeit des Hin- und Hergehens.
+Dasselbe wird zum schnellen Hin- und Hergehen, zum beschleunigten
+Wettstreit in diesem Sinne, wegen der Plötzlichkeit der Wirkung. Das
+Gefühl der Lust, das ursprünglich dem der Unlust nur die Wage hielt,
+erscheint in diesem plötzlich erzeugten Wettstreit durch Kontrast
+gehoben, so dass in der schliesslichen Gesamtwirkung die Lust überwiegt.
+
+Den Inhalt dieser Erklärung sucht _Hecker_ zu stützen, indem er auf das
+Phänomen des Glanzes verweist. Wenn dem einen Auge eine schwarze, dem
+andern an derselben Stelle des gemeinsamen Sehfeldes eine weisse Fläche
+dargeboten wird, so ergiebt sich unter Umständen das Gesamtbild einer
+glänzenden schwärzlichen Fläche. Die beiden monokularen Bilder können, so
+wie sie sind, nicht an derselben Raumstelle gleichzeitig gesehen werden.
+Sie können wegen der Selbständigkeit, welche sie besitzen, auch nicht
+einfach zu einem Mittleren, also zum Bilde einer grauen Fläche
+verschmelzen. Sind keine Bedingungen vorhanden, welche das eine der
+Bilder vor dem andern bevorzugt sein lassen, so fehlt endlich auch die
+Möglichkeit, dass das eine durch das andere auf längere Zeit verdrängt
+werde. So bleibt nach _Hecker_ nur übrig, dass die Wahrnehmung zwischen
+beiden mit grosser Schnelligkeit hin- und herzittert; und dies Hin- und
+Herzittern, meint _Hecker_, sei der Glanz.
+
+In gleicher Weise nun sollen auch annähernd gleich starke Gefühle der
+Lust und Unlust, die gleichzeitig gegeben sind, nicht nebeneinander
+bestehen, noch zu einem mittleren Gefühle verschmelzen können, sondern zu
+schnellem Wechsel genötigt sein. Und in diesem Wechsel soll das Gefühl
+der Komik bestehen.
+
+Scharfsinnig ausgedacht mag diese Theorie erscheinen. Schade nur, dass
+sie gar keinen Boden unter den Füssen hat. Dem Physiologen _Hecker_
+erscheint die Analogie zwischen Gefühl der Komik und Wahrnehmung des
+Glanzes als eine vollständige. Ich sehe in _Heckers_ Meinung nur ein
+Beispiel dafür, wie leicht es demjenigen, der mit der Eigenart eines
+Gebietes wenig vertraut ist, begegnet, dass er Erscheinungen, die diesem
+Gebiete angehören, mit Erscheinungen von völlig heterogener Natur in
+Analogie setzt und aus dieser Analogie zu erklären meint. Dass auch
+_Heckers_ Erklärung des _Glanzes_ keineswegs einwandfrei ist, soll dabei
+nicht besonders betont werden.
+
+Thatsächlich ist freilich auch nach _Heckers_ Darstellung die Analogie
+zwischen Glanz und Komik keine vollständige. Der beschleunigte Wettstreit
+wird beim Glänze einfach daraus abgeleitet, dass die entgegengesetzten
+Qualitäten sich die Wage halten, während beim Gefühl der Komik das
+plötzliche Auftreten des Kontrastes als wesentlich erscheint.
+
+Aber davon wollen wir absehen. Wichtiger ist, dass die Grundvoraussetzung
+der ganzen Theorie irrig ist. Das Gefühl der Komik gehört der Linie
+zwischen reiner Lust und reiner Unlust an. Aber es erfüllt in seinen
+möglichen Abstufungen die ganze Linie, so dass es stetig einerseits in
+reine Lust, andererseits in reine Unlust übergeht. Wenn jemand eine
+anerkannte Wahrheit in witziger Form ausspricht, so spielend und doch so
+unmittelbar einleuchtend, wie es der gute Witz zu thun pflegt; wenn durch
+einen solchen Witz niemand verletzt oder abgefertigt wird; dann ist das
+Gefühl der Komik, das sich daran heftet, zwar durchaus eigenartig,
+hinsichtlich seines Verhältnisses zu Lust und Unlust aber mit den
+reinsten Lustgefühlen, die uns beschieden sind, vergleichbar. Wenn
+andererseits ein Mann sich wie ein Kind beträgt, jemand, der wichtige
+Verpflichtungen mit viel Selbstbewußtsein übernommen hat, im letzten
+Momente sich feige zurückzieht, so kann ein Gefühl der Komik entstehen,
+das von reiner _Unlust_ sich beliebig wenig unterscheidet.
+
+Auch hier darf freilich das Moment der Erheiterung nicht fehlen, wenn wir
+das Gebahren noch komisch oder "lächerlich" nennen sollen. Aber eine
+bestimmte Stärke desselben ist dazu nicht erforderlich. Denken wir uns
+dies Moment schwächer und schwächer, so geht das Lächerliche nicht
+sprungweise, sondern allmählich in das Verächtliche oder Erbärmliche
+über.
+
+Das Gleiche gilt von dem "Hohnlachen", mit dem der Verbrecher, der am
+Ende seiner nichtswürdigen Laufbahn angekommen ist und alle seine Pläne
+hat scheitern sehen, sich gegen sich selbst und seine Vergangenheit
+wendet. Auch hierin steckt noch jenes Moment der Erheiterung. Zunächst
+aber spricht aus diesem verzweiflungsvollen Lachen eben das Gefühl der
+Verzweiflung, also des höchsten seelischen Schmerzes. Und dieser Schmerz
+kann sich steigern und die Fähigkeit sich darüber zu erheben und der
+Sache eine heitere Seite abzugewinnen, sich mindern. So lange dies
+letztere Moment nicht völlig verschwindet, ist der Verbrecher sich selbst
+lächerlich, also Gegenstand einer, wenn auch noch so schmerzlichen Komik.
+
+
+GEFÜHL UND "GEFÜHLSSWETTSTREIT".
+
+Das Gefühl der Komik, das steht uns fest, ist nicht durch ein bestimmtes
+quantitatives Verhältnis von Lust und Unlust gekennzeichnet. Darüber
+hätte _Hecker_ schon der einfache Sprachgebrauch belehren können, der ein
+Lachen bald als lustig, fröhlich, herzlich, bald als ärgerlich,
+schmerzlich, bitter bezeichnet.
+
+Es können aber auch umgekehrt Lust und Unlust, die "aus einem Punkte
+erzeugt" sind, recht wohl sich annähernd die Wage halten, ohne dass doch,
+sei es das Gefühl der Komik, sei es der Wettstreit entsteht, der nach
+_Hecker_ die Komik machen soll.
+
+Lust und Unlust sollen nicht nebeneinander bestehen und sich zu einem
+Gesamtgefühl vereinigen können. Und warum nicht? Wegen der Analogie des
+Glanzes? Aber diese Analogie wird Lust und Unlust schwerlich verhindern,
+ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen.
+
+Sagen wir es kurz: Der ganze _Hecker_'sche Wettstreit der Gefühle ist ein
+psychologisches Unding. Es giebt in uns gar keine "_Gefühle_", die mit
+einander in Wettstreit geraten könnten, sondern von vornherein immer nur
+ein _Gefühl_, genauer: eine so oder so beschaffene Weise, wie uns zu Mute
+ist, oder wie wir "_uns_" fühlen. Fühlen heisst _sich_ fühlen. Alles
+Gefühl ist Selbstgefühl. Dies ist eben das Besondere des Gefühls im
+Gegensatz zur Empfindung, die jederzeit Empfindung von Etwas, d. h.
+Empfindung eines von mir unterschiedenen Objektes ist. Ich fühle mich
+lust- oder unlustgestimmt, ernst oder heiter, strebend oder
+widerstrebend.
+
+So gewiss nun ich in meinem Selbstgefühl mir nicht als eine Mehrheit
+erscheine, so gewiss giebt es für mich nicht in einem und demselben
+Momente nebeneinander mehrere Gefühle. Dies hindert nicht, dass ich an
+dem Gefühl oder Selbstgefühl eines Momentes mehrere _Seiten_
+unterscheide, so etwa, wie ich auch an einem Klange, diesem einfachen
+Inhalte meines Bewusstseins, verschiedene Seiten, nämlich die Höhe, die
+Lautheit und die Klangfarbe unterscheide. Aber diese verschiedenen Seiten
+sind eben doch nur verschiedene Seiten eines und desselben an sich
+_Einfachen_.
+
+Ich fühle mich etwa in einem Momente lustgestimmt. In der Lust aber liegt
+zugleich ein gewisser Ernst. Andererseits ist damit ein Streben oder
+Sehnen "verbunden". Dann habe ich doch nicht drei Gefühle, so wenig ich
+drei Töne höre, wenn mein Ohr eine Tonhöhe und mit ihr "verbunden" eine
+bestimmte Lautheit und eine bestimmte Klangfarbe vernimmt. Sondern ich
+fühle Lust, aber die Lust ist nicht Lust überhaupt, sondern Lust von
+eigentümlich ernster Art. Und wiederum ist diese ernste Lust nicht ernste
+Lust überhaupt, sondern zugleich Lust mit einem Charakter des Sehnens.
+Oder umgekehrt gesagt, das Sehnen oder Streben ist ein lustgestimmtes und
+ernstes.
+
+Dem entspricht auch der eigentliche psychologische Sinn der Lust. In dem
+einen Gefühl giebt sich mir jedesmal der _Gesamtzustand_ meines
+psychischen Lebens, der immer nur einer sein kann, in gewisser Art
+unmittelbar kund. Oder genauer gesagt: Es giebt sich mir darin eben
+die--freie oder gehemmte--_Weise_ kund, _wie_ sich die mannigfachen
+Vorgänge und Regungen in mir zu einem psychischen Gesamtzustande
+vereinigen. Nichts ist unrichtiger als die Vorstellung, dass jemals ein
+Gefühl, so wie Gefühle in uns thatsächlich vorzukommen pflegen, an einer
+einzelnen Empfindung oder Vorstellung oder auch an einem einzelnen
+Komplex von solchen, hafte. Nichts ist unzutreffender als die Lehre vom
+"Gefühlston" einer Empfindung oder Vorstellung, wenn damit eine solche
+Meinung sich verbindet.
+
+Dies schliesst nicht aus, dass dennoch ein Gefühl an bestimmten einzelnen
+Empfindungsinhalten oder Komplexen von solchen in gewissem Sinne "haften"
+könne und als an ihnen haftend sich uns darstelle. Wir müssen nur wissen,
+was wir damit meinen und einzig meinen können. In dem gesamten
+psychischen Leben eines Momentes sind nicht alle Elemente psychisch
+gleichwertig. Sondern die einen treten beherrschend hervor, die anderen
+treten zurück. Und es treten in aufeinanderfolgenden Momenten bald diese
+bald jene Elemente hervor oder zurück. Damit ändert sich auch das Gefühl.
+Es gewinnt jetzt diesen, jetzt jenen Charakter. Es wandelt sich etwa,
+indem ein bestimmter psychischer Inhalt, eine bestimmte Empfindung oder
+Vorstellung, hervortritt, ein Gefühl, das Lustcharakter besass, in ein
+unlustgefärbtes, und diese Färbung wird immer deutlicher, jemehr jener
+bestimmte Inhalt hervortritt. Dann kann ich sagen, es hafte diese
+Unlustfärbung meines Gefühles, oder auch: es hafte ein Gefühl der Unlust
+an diesem Inhalte. Das einheitliche oder einfache Gesamtgefühl bleibt
+dann doch durch den psychischen Gesamtzustand bedingt. Nur ist zugleich
+eben dieser psychische Gesamtzustand vorzugsweise durch jenen bestimmten,
+in ihm hervorstrebenden _Inhalt_ bedingt.
+
+Darnach giebt es auch keinen Wettstreit der Gefühle. Man muss in Wahrheit
+etwas anderes meinen, wenn man diesen Ausdruck gebraucht. Und was man
+einzig meinen kann, das ist der Wettstreit der _Vorstellungen_, an denen
+verschiedene Gefühle im oben bezeichneten Sinne des Wortes "_haften_".
+Ein solcher Vorstellungswettstreit besteht ja thatsächlich. Es geschieht
+nicht nur, wie oben gesagt, dass Vorstellungen hervortreten, andere
+zurücktreten, sondern das Hervortreten einer Vorstellung bedingt das
+Zurücktreten anderer. Und damit vollzieht sich zugleich, wie gleichfalls
+bereits bemerkt, ein Wechsel der Gefühle, genauer ein Wechsel in der
+"Färbung" _des_ Gefühls.
+
+Nehmen wir aber jetzt versuchsweise an, auch _Hecker_ wolle eigentlich
+von einem Wettstreit der _Vorstellungen_ reden. Dann erscheint doch der
+Irrtum, in dem _Hecker_ sich befindet, nicht geringer. Nach _Hecker_
+müssten Vorstellungen, die "von einem Punkte aus", also gleichzeitig
+erzeugt werden, in Wettstreit geraten, also sich wechselseitig
+verdrängen, wenn oder weil sie eine entgegengesetzte Färbung des Gefühles
+bedingen. Aber dies trifft nicht zu. Der Vorstellungswettstreit hat an
+sich mit dem Gegensatz der Gefühle gar nichts zu thun.
+
+Vorstellungen geraten in Wettstreit einmal, weil sie einander fremd sind,
+d. h. in keinem Zusammenhang miteinander stehen; zum anderen, zugleich in
+anderer Weise, weil sie miteinander unverträglich sind, also sich
+wechselseitig ausschliessen. Vorstellungen nun, die von einem Punkte aus
+erzeugt sind, können, eben weil sie von einem Punkte aus erzeugt sind,
+einander niemals völlig fremd sein. Sie sind es um so weniger, je mehr
+sie von einem Punkte aus erzeugt sind. Und ob Vorstellungen sich
+ausschliessen oder nicht, dies hängt keineswegs von den an ihnen
+haftenden Gefühlen ab. Die Vorstellungen, dass ein Objekt jetzt hier, und
+dass dasselbe Objekt jetzt dort sich befinde, schliessen sich aus. Dies
+heisst doch nicht, dass die eine Vorstellung von Lust, die andere von
+Unlust begleitet sei. Und umgekehrt: Die Vorstellung, dass ein Objekt
+eine schöne Form und zugleich eine hässliche Farbe habe, vertragen sich
+vortrefflich miteinander, obgleich die schöne Form Gegenstand der Lust,
+die hässliche Farbe Gegenstand der Unlust ist.
+
+Geraten aber Vorstellungen, die von einem Punkte aus erzeugt und
+einerseits von Lust, andererseits von Unlust begleitet sind, nicht
+miteinander in Wettstreit, so ist auch kein Grund zum Wechsel des
+Gefühles. Sondern es entsteht ein einziges in sich gleichartiges Gefühl,
+in dem beide zu ihrem Rechte kommen.
+
+
+GEFÜHL DER TRAGIK UND DER KOMIK.
+
+Hierfür giebt es allerlei Beispiele, auf die _Hecker_ hätte aufmerksam
+werden müssen. Psychologie ist doch nicht ein Feld für blinde
+Spekulationen, sondern für die Feststellung von Erfahrungsthatsachen, und
+für sichere Schlüsse aus solchen.
+
+Nicht auf die ganze Mannigfaltigkeit der hier in Betracht kommenden
+Thatsachen, sondern zunächst nur auf eine einzige will ich hier
+hinweisen. Ich meine die Tragik und das Gefühl der Tragik. Eine
+Persönlichkeit leide, sei dem Untergange geweiht, gehe schliesslich
+thatsächlich unter. Aber in allem dem bewähre sich eine grosse Natur,
+irgend welche Stärke und Tiefe des Gemütes. Hier werden, wenn irgendwo,
+von einem Punkte aus gleichzeitig Lust und Unlust erzeugt. Der fragliche
+Punkt ist das Leiden der Persönlichkeit. Dass sie--nicht nur
+überhaupt--sondern in solcher Weise, _leidet_, ist Grund der Unlust; dass
+sie--nicht nur überhaupt, sondern in solcher _Weise_, d. h. als diese
+grosse Persönlichkeit, leidet, oder dass sie im Leiden als diese grosse
+Persönlichkeit sich zeigt, das ist Grund der Lust. Hier wären also in
+besonderem Masse, ja wir dürfen sagen in unvergleichlicher Weise, die
+Bedingungen des _Hecker_'schen Wettstreites der Gefühle gegeben.
+
+Aber derselbe will sich nicht einstellen. Gerade dies, dass in so hohem
+Grade von _einem Punkte_ aus die entgegengesetzten Gefühle erzeugt
+werden, verhindert ihn. In dem einen psychischen Gesamtthatbestande sind
+die beiden Vorstellungen, des Leidens und der Persönlichkeit, die leidet,
+untrennbar verbunden. Ebendarum findet kein Vorstellungswettstreit statt;
+und damit unterbleibt auch der Wechsel der Gefühle. Die Eigenart jenes
+Gesamtthatbestandes giebt sich vielmehr, hier wie überall, dem
+Bewusstsein kund in einem einzigen _eigenartigen Gefühl_. Wir kennen es
+als Gefühl der Tragik. Dies Gefühl ist so wenig ein wechselndes oder
+schwankendes dass vielmehr die feierliche Ruhe für dasselbe kennzeichnend
+ist.
+
+Lassen wie uns aber den "Wettstreit" für einen Augenblick gefallen. Er
+finde bei der Tragik statt, obgleich ich wenigstens von solchem
+Stattfinden desselben nichts weiss. Dann besinnen wir uns, dass doch
+Hecker aus demselben nicht das Gefühl der Tragik, sondern das Gefühl der
+Komik ableiten will. Der Wechsel der Gefühle soll das Gefühl der Komik
+sein. Das Gefühl der Tragik ist aber, wie man weiss, nicht das Gefühl der
+Komik.
+
+
+GEFÜHLSKONTRAST.
+
+Allerdings bezeichnet _Hecker_ die Bedingungen dieses Gefühles noch
+genauer. Lust und Unlust sollen sich beim Wettstreit zunächst die Wage
+halten. Dann aber soll das Gefühl der Last durch Kontrast gehoben werden.
+
+Indessen auch diese Bedingungen können in unserem Falle erfüllt sein. Es
+hindert zunächst nichts, dass das Unlustvolle des Leidens und das
+Befriedigende, das die Weise des Leidens oder die Eigenart der leidenden
+Persönlichkeit in sich schliesst, in beliebigem Grade sich die Wage
+halten.
+
+Und auch eine Kontrastwirkung kann nicht nur, sondern wird jederzeit bei
+der Tragik stattfinden.--Doch ist hierzu eine besondere Bemerkung
+erforderlich.
+
+_Hecker_ redet von _Gefühls_kontrast. Das Gefühl der Unlust soll
+unmittelbar das mit ihm wechselnde Gefühl der Lust "_heben_". Hier ist
+ein, auch sonst behauptetes allgemeines psychologisches _Kontrastgesetz_
+vorausgesetzt. Nehmen wir einmal an, dies Gesetz bestände, so müsste ihm
+zufolge offenbar, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch
+die Lust gehoben werden. Damit wäre das schliessliche Überwiegen der
+Lust, das _Hecker_ bei der Komik annimmt, wiederum illusorisch geworden.
+
+Aber jenes Kontrastgesetz existiert nicht. Wohl giebt es mancherlei
+Thatsachen, die man als Wirkungen eines Kontrastes bezeichnen kann. Aber
+wenn man dies thut, so hat man nur einen zusammenfassenden Namen, und
+zwar einen Namen für sehr Verschiedenartiges. Die fraglichen Thatsachen
+sind der mannigfachsten Art und beruhen auf völlig heterogenen Gründen.
+Rot _scheint_ nicht bloss, sondern _ist_, für das Auge nämlich, röter
+neben Grünblau als neben Rot. Dies hat seine bestimmten, nämlich
+_physiologischen_ Gründe. Der Mann von mittlerer Grösse _ist_ nicht, für
+unsere Wahrnehmung nämlich, grösser, wenn er neben einem Zwerge, als wenn
+er neben einem Riesen steht, aber er wird grösser _geschätzt_ oder
+_taxiert_. Dies hat wiederum seine bestimmten, aber diesmal
+_psychologischen_ Gründe.
+
+Wie es aber auch mit dem Empfindungs- oder Vorstellungskontrast bestellt
+sein mag; eine Kontrastwirkung, die Gefühle unmittelbar auf Gefühle
+ausübten, giebt es nicht. Wenn ich hier ganz allgemein reden darf:
+Gefühle wirken überhaupt nicht. Sie haben als solche keine
+psychomotorische Bedeutung. Sie sind überall nichts als begleitende
+Phänomene, Bewusstseinsreflexe, im Bewusstsein gegebene Symptome der
+Weise, wie _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, oder Zusammenhänge von
+solchen, in uns wirken. Die Psychologie hat sich noch nicht überall zur
+klaren Anerkennung dieses Sachverhaltes durchgearbeitet. Aber sie wird
+sich wohl oder übel dazu entschliessen müssen.
+
+Was man so Wirkung von Gefühlen nennt, ist Wirkung der Bedingungen, aus
+denen die Gefühle erwachsen, also Wirkung der Empfindungs- und
+Vorstellungsvorgänge und der Beziehungen, in welche dieselben verflochten
+sind. So ist auch der "Gefühlskontrast" in Wahrheit Empfindungs- oder
+Vorstellungskontrast. Vorstellungen können anderen, zu denen sie in
+Gegensatz treten, eine höhere psychische "Energie" verleihen, und dadurch
+auch das an diesen haftende Gefühl steigern. Sie thun dies nicht ohne
+weiteres, wohl aber unter bestimmten Voraussetzungen. Welches diese
+Voraussetzungen sind, und nach welcher psychologischen Gesetzmäßigkeit
+dieselben die "Kontrastwirkung" vermitteln, dies muss natürlich im
+einzelnen festgestellt werden. Das Kontrastgesetz ist mehr als ein
+blosser Sammelname, soweit dieser Forderung genügt ist.
+
+Ich sagte nun schon, dass auch bei der Tragik eine Kontrastwirkung
+stattfinde. Auch diese hat ihre eigenen Gründe. Je grösser das Leid, je
+härter der Untergang, und je grösser unser Eindruck von beidem, desto
+schöner und grösser erscheint die Persönlichkeit, die in allem dem sich
+oder das Grosse, Gute, Schöne, das in ihr liegt, behauptet. Damit ist
+wenigstens eine mögliche Art der tragischen Kontrastwirkung bezeichnet.
+
+Fassen wir alles zusammen, dann sind--falls wir fortfahren, die
+_Hecker_sche Theorie des "Wettstreites" uns gefallen zu lassen, in der
+Tragik alle _Hecker_'schen Bedingungen der Komik in ausgezeichneter Weise
+gegeben. Die Tragik müsste also nach _Hecker_ die komischste Sache von
+der Welt sein. Wir müssten über die Tragik des Leidens und Untergangs
+aufs herzlichste lachen. Dies thun wir nicht, Tragik und Komik sind
+äusserste Gegensätze.
+
+
+DER WECHSEL DER GEFÜHLE.
+
+Ich nahm oben versuchsweise an, dass der _Hecker_'sche "Wettstreit" unter
+den _Hecker_'schen Bedingungen wirklich stattfinde. Träfe diese Annahme
+zu, dann wäre noch die Frage, ob aus solchem Wettstreit, oder dem damit
+gegebenen schnellen Wechsel von entgegengesetzten Gefühlen ein
+einheitliches Gefühl, wie das Gefühl der Komik es ist, sich ergeben
+würde. Auch diese Frage muss verneint werden. Ein Wettstreit der
+Vorstellungen kann thatsächlich stattfinden und mit einem Wechsel der
+Gefühle, speciell der Gefühle der Lust und Unlust, verbunden sein, ohne
+dass doch das Gefühl der Komik entsteht.
+
+Ich stehe etwa vor dem Momente, wo es sich entscheiden muss, ob eine
+lange gehegte Hoffnung in Erfüllung gehen wird oder nicht. Alles scheint
+für die Erfüllung zu sprechen. Nur ein Umstand liegt vor, der am Ende die
+ganze Hoffnung zunichte machen könnte. Diese gegensätzlichen Gedanken
+werden sich weder dauernd das Gleichgewicht halten, noch wird einer den
+andern für längere Zeit völlig unterdrücken können. Das letztere um so
+weniger, in je engerem Zusammenhang die der Hoffnung günstigen, und der
+ihr ungünstige Faktor miteinander stehen. Ich achte jetzt auf die
+günstigen Faktoren und glaube an die Erfüllung der Hoffnung. Aber je
+lebendiger dieser Gedanke in mir wird, um so sicherer weckt er die
+Vorstellung jenes anderen, ungünstigen Faktors. Diese Vorstellung tritt
+hervor und verwandelt für einen Augenblick mein Vertrauen in sein
+Gegenteil. Doch nur für einen Augenblick. Denn in Wirklichkeit ist zu
+ernster Besorgnis kein Grund. Ich brauche nur den ungünstigen Faktor
+genau ins Auge zu fassen, um zu sehen, wie wenig er doch gegen die
+anderen Faktoren in Betracht kommen kann, wie unwahrscheinlich es also
+ist, dass er die Erfüllung der Hoffnung verhindern wird. Damit hat wieder
+der erste Gedanke das Übergewicht gewonnen u. s. w. So ergiebt sich ein
+beständiges Hin- und Hergehen, zunächst zwischen entgegenstehenden
+Gedanken, dann auch zwischen entsprechenden Gefühlen. Und die Unruhe
+dieses Hin- und Hergehens, in dem im Ganzen ebensowohl die Lust wie die
+Unlust überwiegen kann, wird sich steigern, je mehr der Moment der
+Entscheidung naht. Heisst dies: mir wird immer komischer und komischer zu
+Mute? Ich denke nicht. Andere mögen über die Situation lachen. Ich selbst
+werde vom Lachen soweit als möglich entfernt sein. Ist dem aber so, dann
+liegt in dem Beispiel der Beweis, dass auch, wo das gleichzeitige
+Entstehen von Lust und Unlust aus einem Punkte wirklich in den
+_Hecker_'schen beschleunigten Wettstreit mündet, noch etwas hinzukommen
+muss, wenn das Gefühl der Komik entstehen soll. Dies Etwas ist die Komik.
+
+
+SCHADENFREUDE UND GESTEIGERTES SELBSTGEFÜHL.
+
+Nachdem _Hecker_ das Gefühl der Komik in der bezeichneten Weise bestimmt
+hat, geht er dazu über, die Möglichkeiten der gleichzeitigen Entstehung
+von Lust und Unlust festzustellen und daraus die möglichen Arten der
+Komik abzuleiten. Das ist gut und konsequent gedacht. Die Ausführung des
+Gedankens aber geschieht in denkbar unvollständigster Weise. Freilich,
+wäre sie weniger unvollständig, so würde _Hecker_ selbst die
+Unmöglichkeit seiner Theorie des komischen Gefühles sich aufgedrängt
+haben. Die Fälle der Komik, die er anführt, sind wirklich komisch, wenn
+auch nicht aus den angegebenen Gründen. Dagegen würden andere Fälle und
+Klassen von Fällen, die er hätte anführen _müssen_, sich jeder Bemühung,
+sie komisch zu finden, widersetzt haben.
+
+Einige Bemerkungen genügen, um dies zu zeigen. Eine Hauptgattung der
+Komik bezeichnen für _Hecker_ die Fälle, bei denen zwei Vorstellungen in
+ihrer Vereinigung oder ihrem Zusammenhang unseren logischen, praktischen,
+ideellen "Normen" oder den "Normen der Ideenassociation" entsprechen,
+während zugleich die eine der Vorstellungen einer der Normen
+widerstreitet. Nachher schrumpft die ganze Gattung zusammen zur Komik der
+"gerechten Schadenfreude". Die rote Nase zum Beispiel missfällt, weil sie
+unseren "ideellen Normen" widerspricht. Betrachten wir sie aber als
+verdiente Strafe der Unmässigkeit, so befriedigt diese Ideenverbindung
+unser Gerechtigkeitsgefühl. Und aus Beidem zusammen ergiebt sich das
+Gefühl der Komik.
+
+Diese Erklärung ist ohne Zweifel falsch. Die Schadenfreude hat, so oft
+sie auch zur Erklärung der Komik verwandt worden ist, mit Komik nichts zu
+thun. Die gerechteste und intensivste Schadenfreude ergiebt sich, wenn
+wir über einen nichtswürdigen und gefährlichen Verbrecher die
+wohlverdiente Strafe verhängt sehen. Je nichtswürdiger und gefährlicher
+er ist, je gerechter und wirkungsvoller andrerseits die Strafe erscheint,
+um so stärker ist das Gefühl der Unlust, das er selbst, und das Gefühl
+der Befriedigung, das seine Bestrafung erweckt. Nun mag ein solcher
+Verbrecher zwar, wie wir schon oben meinten, sich selbst in gewisser
+Weise Gegenstand der Komik werden, uns wird er nie so erscheinen.
+Dementsprechend kann die Schadenfreude auch die Komik der roten Nase
+nicht begründen.
+
+Andrerseits hätte _Hecker_ neben den Fällen der Schadenfreude mannigfache
+andere Fälle berücksichtigen müssen, die ganz den gleichen Bedingungen
+genügen. Ich höre etwa, jemand habe eine entehrende Handlung begangen aus
+Freundschaft, um einen andern, vielleicht mich selbst, aus tödlicher
+Verlegenheit zu retten. Oder ich lese in der Geschichte, L. Junius
+_Brutus_ habe seine eigenen Söhne hinrichten lassen, um seiner Pflicht zu
+genügen. In beiden Fällen missfällt die That an sich; sie gefällt
+zugleich, wenn wir sie im Zusammenhang mit dem zu Grunde liegenden Motiv
+betrachten. Sie befriedigt insofern nicht unser Gerechtigkeitsgefühl,
+aber andere sittliche "Normen". Darum ist doch von Komik keine Rede.
+
+Neben der Schadenfreude spielt bei _Heckers_ Erklärung der (objektiven)
+Komik das gesteigerte "Selbstgefühl" die Hauptrolle. Freilich,
+Schadenfreude ist am Ende eine Weise des gesteigerten Selbstgefühles,
+oder kann es zum mindesten sein. Dann wäre mit dem gesteigerten
+Selbstgefühl kein neues Moment eingeführt. Aber _Hecker_ sagt nicht, ob
+und wie er die Schadenfreude auf das gesteigerte Selbstgefühl
+zurückzuführen gedenkt.
+
+Dies gesteigerte Selbstgefühl spielt in der Psychologie der Komik auch
+sonst eine Rolle. Schon _Hobbes_ hat es zur Erklärung der Komik
+herangezogen. Es ist aber fast der schlechteste Erklärungsgrund, den man
+finden kann. Jede Unwissenheit, die ich nicht teile, jeder Irrtum, den
+ich durchschaue, jede mangelhafte Leistung, der gegenüber ich das
+Bewusstsein des Besserkönnens habe, müsste mich zum Lachen reizen, wenn
+das Gefühl der Überlegenheit dem unangenehmen Gefühl, das Unwissenheit,
+Irrtum, mangelhafte Leistung an sich erwecken, ungefähr die Wage hält.
+Der Pharisäer müsste lachen über den Zöllner, dessen Verschuldungen
+seiner Vortrefflichkeit zur Folie dienen, der Reiche über den Armen, der
+vergeblich sich ein gleich behagliches Dasein zu verschaffen sucht, die
+schöne Frau über die hässliche, deren Hässlichkeit sie an ihre Schönheit
+erinnert, auch wenn der Charakter des Zöllners, die Not des Armen, die
+Hässlichkeit der hässlichen Frau an sich nicht im mindesten komisch
+erschiene. Aber eben das ist es, was _Hecker_ und was jeder, der den
+Eindruck der Komik aus der Erhöhung des Selbstgefühles abzuleiten
+versucht, im Grunde jedesmal voraussetzt. Man meint nicht den Irrtum,
+sondern den lächerlichen Irrtum, nicht die Hässlichkeit, sondern die
+lächerliche Hässlichkeit u. s. w. und diese allerdings sind komisch,
+nicht wegen des hinzutretenden Selbstgefühles, wohl aber gelegentlich
+trotz demselben.
+
+Denn es ist offenbar, dass das Selbstgefühl geradezu die Komik
+_zerstören_ kann. Ich sehe jemanden vergebens bemüht, eine Last zu heben,
+zu der, wie ich mich sofort überzeuge, seine Kräfte nicht ausreichen. Der
+Anblick ist mir peinlich, zugleich aber habe ich das befriedigende
+Bewusstsein, dass ich die Last heben und dem Armen helfen kann. Hier ist
+von Komik keine Rede, auch wenn das Bedauern und das Befriedigende des
+Bewusstseins, zu können, was der Arme nicht kann, sich die Wage halten.
+Ich lache nicht, eben weil ich die Kraft des Menschen mit der eigenen
+vergleiche und die letztere als so viel grösser erkenne. Unterlasse ich
+dagegen den Vergleich und fasse nur einfach die Situation ins Auge, so
+kann mir diese recht wohl komisch erscheinen. Und ich habe allen Grund,
+mir _selbst_ so zu erscheinen, wenn ich den Versuch mache, die Last
+selbst zu heben, und dabei es erlebe, dass mein Selbstgefühl nicht
+gesteigert, sondern schmählich zu _Schanden_ wird.
+
+Der Begriff der Überlegenheit ist nach dem oben Gesagten, ebenso wie der
+engere Begriff der Schadenfreude, nicht ein entscheidender Begriff der
+_Hecker_'schen Theorie. Er soll nur besondere Fälle der Komik
+charakterisieren. Sehen wir darum von diesem Begriffe hier ab, und
+beachten den oben dargelegten allgemeinen Grundgedanken _Heckers_. Dann
+scheint doch ein doppeltes Moment der Kritik standzuhalten. Einmal wird
+es dabei bleiben, dass lust- und unlusterzeugende Elemente in die Komik
+eingehen. Das Gefühl der Komik wird in gewissem Sinne beide Gefühle in
+sich enthalten. Das andere Moment ist der Gegensatz oder Kontrast
+zwischen Vorstellungen oder Gedankenelementen. Mag _Hecker_ diesen
+Kontrast noch so unzutreffend bezeichnen, der Gedanke, dass ein solcher
+Kontrast beim Komischen stattfinden müsse, wird seinen Wert behaupten.
+
+
+
+
+II. KAPITEL. DIE KOMIK UND DAS GEFÜHL DER ÜBERLEGENHEIT.
+
+
+HOBBES' UND GROOS' THEORIE.
+
+Dagegen ist das gesteigerte Selbstgefühl von anderen in den Mittelpunkt
+der Theorie der Komik gestellt worden. Wie schon gesagt, hat bereits
+_Hobbes_ dasselbe zur Erklärung der Komik verwendet. _Hobbes_ meint, der
+Affekt des Lachens sei nichts, als das plötzlich auftauchende
+Selbstgefühl, das sich ergebe aus der Vorstellung einer Überlegenheit
+unserer selbst im Vergleich mit der Inferiorität anderer, oder der
+Inferiorität, die wir selbst vorher bekundeten. Hierin liegt zugleich, so
+viel ich weiss, der zeitlich erste Versuch einer Begründung des _Gefühls_
+der Komik. _Aristoteles_ bezeichnet als komisch das unschädliche
+Hässliche. Hier fehlt die Antwort auf die Frage, wiefern denn das
+Hässliche, das an sich Gegenstand der Unlust ist, vermöge des rein
+negativen Momentes seiner Unschädlichkeit die komische Lust oder
+Lustigkeit hervorrufen könne. Dagegen scheint die lusterzeugende Wirkung
+des Gefühles der Überlegenheit ohne weiteres einleuchtend.
+
+Ich will aber hier nicht an _Hobbes_, sondern an einen Erneuerer der
+_Hobbes_'schen Theorie meine weiteren kritischen Bemerkungen anknüpfen.
+Ich denke an _Groos'_ Einleitung in die Ästhetik. _Groos_ scheint sich
+freilich seines Verhältnisses zu _Hobbes_ nicht bewusst zu sein. Seine
+Theorie giebt sich wie eine neue. Indessen dies thut hier nichts zur
+Sache.
+
+In welcher Weise _Groos_ zu seiner Theorie gelangt ist, ob auf dem einen
+oder dem anderen der eingangs dieser Schrift unterschiedenen Wege, vermag
+ich nicht zu entscheiden. _Groos_ beginnt sofort mit der Definition der
+Komik, um sie dann zu erörtern und zu begründen. Das Gefühl der Komik ist
+für _Groos_ das Gefühl der Überlegenheit über eine Verkehrtheit.
+
+In diesem _Groos_'schen Gefühl der Überlegenheit liegt eine genauere
+Bestimmung des _Hecker_'schen gesteigerten Selbstgefühles. Zugleich ist
+bei _Groos_ die Forderung eines Gleichgewichtes von Lust und Unlust und
+des Wettstreits zwischen beiden Gefühlen weggefallen. An die Stelle tritt
+die Forderung, dass nicht Mitleid oder Furcht in den Vordergrund trete,
+weil sonst die erheiternde Wirkung notwendig ausbleiben müsste. Dabei
+sollen unter dem Mitleid auch die "sanfteren Regungen der Ehrfurcht und
+Einschüchterung" begriffen werden.
+
+Gehen wir darauf etwas näher ein. Ich darf von vornherein sagen: Ist es
+unzutreffend, dass jedes Gefühl der Überlegenheit, bei dem Lust und
+Unlust--nach _Heckers_ Forderung--sich die Wage halten, ein Gefühl der
+Komik ist, dann ist es noch unzutreffender, dass jedes Gefühl der
+Überlegenheit ein Gefühl der Komik ist, falls das Angenehme dieses
+Gefühles nicht durch Furcht oder Mitleid aufgehoben wird. Und ebenso
+unzutreffend ist die Umkehrung dieser Annahme, dass bei allem Komischen
+ein Gefühl der Überlegenheit über eine Verkehrtheit stattfinde.
+
+Wenn ich das Bewusstsein habe, klüger oder geschickter zu sein, als ein
+anderer, so mag es wohl geschehen, dass ich mit dem im Vergleich mit mir
+Unklugen oder Ungeschickten Mitleid habe. Dann ist nach _Groos_ die
+Bedingung für die Komik nicht gegeben. Aber vielleicht habe ich kein
+Mitleid. Der Unkluge oder Ungeschickte beansprucht gar kein Mitleid. Er
+müht sich in einer Sache vergeblich und lässt dann die Sache laufen. Oder
+es wäre wohl Grund zum Mitleid, aber ich gebe mir nicht die Mühe mich
+darauf zu besinnen. Ich bin nun einmal der Selbstbewusste, für den die
+"Verkehrtheit" anderer lediglich ein Mittel ist, sich in seiner
+Überlegenheit zu sonnen. Ich thue dies also auch in diesem Falle. Wo ist
+dann die Komik? Es ist kein Zweifel, dass dieselbe um so sicherer
+unterbleibt, je mehr ich meinem Gefühl der Überlegenheit mich hingebe.
+
+
+GEFÜHL UND GRUND DES GEFÜHLS.
+
+Dass es so sich verhalten muss, zeigt eine einfache Überlegung. Für
+_Groos_ soll die _Verkehrtheit komisch_ erscheinen, weil ich mich
+_überlegen_ fühle. Das Gefühl meiner Überlegenheit ist für _Groos_
+identisch mit dem Gefühl der Komik des Gegenstandes, oder allgemeiner
+gesagt, ein auf mich bezogenes Gefühl soll identisch sein mit einem nicht
+auf mich, sondern auf ein Objekt bezogenen Gefühl. Dies ist ein
+Widerspruch in sich selbst.
+
+Was heisst dies: Ein Gefühl ist für mich auf ein Objekt bezogen? Worin
+besteht das _Bewusstsein_ dieses _Bezogenseins_? Gewiss nicht einfach
+darin, dass ich ein Objekt und neben ihm oder gleichzeitig mit ihm ein
+bestimmtes Gefühl in meinem Bewusstsein vorfinde. Gefühle können mit
+Objekten gleichzeitig vorhanden sein und doch nicht auf sie bezogen
+erscheinen. Ich stehe etwa vor einem Kunstwerk, und es stört mich etwas
+an ihm. Aber ich weiss zunächst nicht, was das Störende ist. Hier ist das
+Gefühl des Störenden, d. h. das Gefühl der Unlust für mein Bewusstsein
+nicht auf sein Objekt bezogen.
+
+Und wie nun kommt das Bewusstsein der Beziehung des Gefühls auf ein
+bestimmtes Objekt zu stande? Jedermann weiss die Antwort. Ich analysiere
+den Wahrnehmungskomplex, in dem das Kunstwerk für mich besteht; d. h. ich
+richte nach einander auf die verschiedenen Teile, Züge, Momente des
+Kunstwerkes meine Aufmerksamkeit, und sehe zu, wann das Unlustgefühl
+heraustritt oder sich steigert. Endlich weiss ich, was mich störte. Ich
+achtete auf einen bestimmten Zug des Kunstwerkes mit Ausschluss anderer.
+Indem ich dies that, und mir zugleich dieses Thuns, d. h. der auf diesen
+bestimmten Zug gerichteten Aufmerksamkeit bewusst war, trat das
+Unlustgefühl rein oder beherrschend zu Tage. So besteht die bewusste
+Beziehung oder das Bewusstsein der Bezogenheit eines Gefühles der Lust
+oder Unlust auf ein Objekt immer darin, dass das Gefühl hervortritt,
+indem ich das Bewusstsein habe, es sei die Aufmerksamkeit auf eben dieses
+Objekt gerichtet.
+
+Neben die eben gestellte Frage stelle ich jetzt die andere, davon
+verschiedene: Wie wird ein psychischer Vorgang von uns als _Grund_ eines
+Gefühles erkannt? Diese Frage haben wir schon ehemals gestreift. Offenbar
+muss die Antwort lauten: Ein psychischer Vorgang ist Grund eines
+Gefühles, wenn und sofern die Steigerung dieses Vorganges, oder die
+erhöhte Kraft seines Auftretens in uns dies Gefühl steigert oder erst
+heraustreten lässt. Es leuchtet ja ein: Ist ein psychischer Vorgang, ein
+Vorgang des Empfindens oder Vorstellens etwa, dasjenige, was ein Gefühl
+bedingt, oder woran ein Gefühl "haftet", so muss das fragliche Gefühl
+sich steigern--oder, was dasselbe sagt, es muss unser Gesamtgefühl die
+Färbung dieses Gefühles annehmen--in dem Masse als der bedingende Vorgang
+psychisch zur Geltung kommt, Kraft gewinnt, im Zusammenhang des
+psychischen Geschehens dominierend hervortritt.
+
+Nun findet dies "Hervortreten" oder Kraftgewinnen eines psychischen
+Vorganges statt, wenn wir auf ihn unsere Aufmerksamkeit richten. Und der
+_Bewusstseinsthatbestand_, den wir als _Bewusstsein_ des Aufmerkens auf
+ein empfundenes oder vorgestelltes Objekt bezeichnen, ist nichts anderes
+als die Begleiterscheinung dieses Hervortretens, Kraftgewinnens,
+Dominierens des Empfindungs- oder Vorstellungsvorganges. Also können wir
+auch sagen: Erscheint in unserem Bewusstsein, oder nach Aussage
+desselben, ein Gefühl der Lust oder Unlust auf einen Empfindungs- oder
+Vorstellungsinhalt bezogen, so ist in dem entsprechenden Empfindungs-
+oder Vorstellungs_vorgang_ zugleich der _Grund_ dieses Gefühles zu
+suchen.
+
+
+ALLERLEI ÄSTHETISCHE THEORIEN.
+
+Diese Einsicht scheint nun eine sehr triviale. Aber dies hindert nicht,
+dass damit eine ganze Reihe psychologisch-ästhetischer Theorien endgültig
+abgewiesen sind. Ich erwähne etwa die Theorie, die das Wohlgefallen an
+Linien auf das Wohlgefallen an bequemen oder leicht zu vollziehenden
+Augenbewegungen zurückführt; oder derzufolge Linienschönheit nichts
+anderes ist als Annehmlichkeit von Augenbewegungen. Es ergiebt sich aus
+Obigem, was dagegen einzuwenden ist: Die Linien, nicht die
+Augenbewegungen meine ich, wenn ich die Linien schön finde. Auf jene
+nicht auf diese erscheint mein Gefühl der Lust bezogen.
+
+Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn ich besondere Fälle annehme. Es
+könnte geschehen, dass die Augenbewegungen, vermöge deren ich eine schöne
+Linie--wirklich oder angeblich--"verfolge", einmal sehr unbequeme wären.
+Die Linie findet sich etwa an einer Wand, so weit oben, dass ich den Kopf
+und die Augen stark nach oben wenden muss, um die Linie zu betrachten.
+Jetzt sind die Augenbewegungen vielleicht sogar schmerzhaft. Dann ist
+doch nicht die Linie für mich hässlich, sondern eben die Augenbewegung
+schmerzhaft. Ich verspüre Wohlgefallen "_an_" der Linie, d. h. ich
+verspüre Lust, wenn und in dem Masse, als ich auf die Linie achte, und
+damit zugleich meine Aufmerksamkeit von der Stellung und Bewegung meiner
+Augen _abwende_. Ich verspüre andererseits Unlust "_an_" den
+Augenbewegungen, d. h. ich verspüre Unlust, wenn und in dem Masse, als
+ich auf die Augenbewegungen achte, und die Linie für eine Zeitlang Linie
+sein lasse.
+
+Also habe ich auch den _Grund_ jener Lust in der Linie zu suchen. Wenn
+nicht in der sichtbaren Form der Linie, dann in etwas, das für mich in
+der Linie oder ihrer Form unmittelbar liegt. Dies wird allerdings
+gleichfalls eine Bewegung sein. Aber nicht eine Bewegung meiner Augen,
+überhaupt nicht eine Bewegung in oder an mir, sondern eine Bewegung _der_
+Linie oder _in_ der Linie selbst, eine Bewegung, die die Linie selbst zu
+vollführen, oder vermöge welcher die Linie, dies von mir unterschiedene
+und mir frei gegenübertretende Objekt, in jedem Augenblick von neuem
+_sich selbst zu erzeugen_ scheint.--Nicht minder liegt der Grund meiner
+Unlust in den Augenbewegungen, also _nicht_ in der Linie und dem, was sie
+leistet, sondern in mir und dem was ich, diese von der Linie
+unterschiedene und sich ihr gegenüberstellende Person, leiste oder zu
+leisten jetzt genötigt bin.
+
+Eben dahin gehört die Theorie, welche die Erhabenheit von Objekten
+identifiziert mit dem Gefühl meiner Erhabenheit, etwa der Überlegenheit
+meines Verstandes. In dieser Theorie liegt gewiss Richtiges. Aber es
+fehlt noch die Hauptsache. Das Gefühl meiner Erhabenheit ist an sich
+schlechterdings nichts, als das Gefühl meiner Erhabenheit, niemals ein
+Gefühl der Erhabenheit eines _Objektes_. Wie überall, so setze ich auch
+hier deutlich einander gegenüber: mich und das Objekt. Dieser Gegensatz
+ist ja für uns der allerfundamentalste. Es ist der Gegensatz der
+Gegensätze. Es ist damit hier wie überall absolut ausgeschlossen, dass
+ich mich mit dem Objekt, das ich anschaue, verwechsele oder dem Objekte
+zurechne, was mir zugehört, dass ich also auch ein Gefühl auf das Objekt
+bezogen glaube, das nach Aussage meines unmittelbaren Bewusstseins auf
+mich bezogen ist.
+
+Erst wenn ich, durch das "erhabene" Objekt selbst genötigt,--nicht meine
+gegenwärtige Erhabenheit, aber eine Erhabenheit, wie ich sie in mir
+finden _kann_, also eine mögliche Erhabenheit menschlichen Wesens--und
+eine andere Erhabenheit giebt es für uns nicht--in das Objekt _hinein
+verlege_, und in ihm, als etwas ihm Zugehörigen, _wiederfinde_, oder
+besser gesagt, wenn ich im Objekte, als ihm zuhörig, die persönlichen
+Regungen, inneren Verhaltungsweisen, Wollungen wiederfinde, die das
+Gefühl der Erhabenheit begründen, wenn mir also diese Regungen in dem
+Objekte als etwas von mir Verschiedenes, "Objektives", gegenübertreten,
+kann das Objekt für mich zu einem erhabenen werden, oder kann mein Gefühl
+der Erhabenheit mir auf dies Objekt bezogen erscheinen. Und umgekehrt,
+erscheint das Gefühl auf das Objekt bezogen, erscheint also das Objekt
+mir erhaben, so liegt darin der Beweis, dass das Objekt diesen Grund des
+Erhabenheitsgefühles in sich selbst trägt, dass nicht mein Erhabensein,
+sondern der erhebende Sinn und Inhalt des Objektes das Gefühl
+bedingt.--Dass, nebenbei bemerkt, diese Erhabenheit des Objektes keine
+Erhabenheit des Verstandes sein kann, leuchtet ein. Unser
+Anthropomorphisieren ist kein Objektivieren unseres Verstandes, sondern
+unseres Willens.
+
+Nicht minder gehört hierhin der ganze Grundgedanke der _Groos_'schen
+Ästhetik. Freude an der Schönheit von Objekten, oder, wie _Groos_ zu
+sagen vorzieht, Freude am "ästhetischen Wert" von Objekten soll _Groos_
+zufolge Freude am Spiel meiner Phantasie sein. Ich entgegne: Es ist nun
+einmal thatsächlich nicht so. Freude am Spiel meiner Phantasie
+ist--Freude am Spiel meiner Phantasie. Solche Freude mag vorkommen.
+Vielleicht gelingt es auch diesem oder jenem, solche Freude zu haben,
+während er angeblich mit einem _Kunstwerke_ innerlich beschäftigt ist.
+Ich mag vielleicht gelegentlich das Kunstwerk, dies mir objektiv
+gegenübertretende und für mein Bewusstsein von mir total unterschiedene
+Ding, eine Zeitlang aus dem Auge lassen und auf meine Phantasiethätigkeit
+hinblicken; ich meine: auf die Phantasiethätigkeit, die ich jetzt eben,
+wo ich noch mit dem Kunstwerk beschäftigt war, geübt habe; und ich mag
+dann an dem Spiel dieser Thätigkeit, an diesem von mir erkannten
+psychologischen Faktum, meine Freude haben. Dann freue ich mich eben an
+diesem Spiel.
+
+Und dies Spiel ist dann notwendig auch der _Grund_ meiner Freude. Ebenso
+gewiss aber ist dieses Spiel _nicht_ der Grund meiner Freude, sondern der
+_Gegenstand_ dieses Spieles begründet mein Gefühl, wenn ich das Gefühl
+innerlich auf diesen Gegenstand beziehe, wenn also das _Kunstwerk_ mir
+wertvoll oder erfreulich erscheint. Ich sage: der Gegenstand des
+"Spieles" ist der Grund der Freude. Dabei setze ich natürlich voraus,
+dass mein Verhalten zum Kunstwerk wirklich Spiel ist, ich nicht etwa in
+allem Ernst mich dem Kunstwerk hingebe, nicht etwa das Kunstwerk mich so
+erfasst und zu sich hinzwingt, dass das Spielen mit ihm ein Ende hat.
+
+
+DIE KOMIK DES OBJEKTES UND MEINE ÜBERLEGENHEIT.
+
+Am auffallendsten tritt aber schliesslich die Verwechselung, auf welcher,
+nach dem eben Gesagten, _Groos'_ Begründung des ästhetischen Genusses
+überhaupt beruht, bei _Groos'_ Theorie der Komik zu Tage. Ich sei
+überlegen über die Verkehrtheit des komischen Objektes. Das komische
+Objekt, oder das Verkehrte, ist dann natürlich nicht überlegen, sondern
+inferior. Komisch aber ist für mich das Objekt, nicht ich, oder meine
+Überlegenheit. Mein Gefühl der komischen Lust ist ein nicht auf das
+überlegene Ich, sondern auf das inferiore Objekt bezogenes Gefühl. Ich
+kann wohl auch hier meiner Überlegenheit mich freuen. Das heisst, ich
+kann auf die Überlegenheit, die mir und nur mir zukommt, achten, und
+dabei ein angenehmes Gefühl haben. Aber das, worum es sich hier handelt,
+das ist ja das Gefühl, das ich auf das von mir so deutlich als möglich
+unterschiedene Objekt und seine Inferiorität beziehe, d. h. das Gefühl,
+das entsteht, indem ich--_nicht_ mich und meine Überlegenheit mir
+vergegenwärtige, _nicht_ auf _diese_ Seite des Gegensatzes zwischen mir
+und dem Objekte meine Aufmerksamkeit richte, sondern dem Objekte und
+seiner Inferiorität, dieser _anderen_ Seite des Gegensatzes meine
+Aufmerksamkeit zuwende.
+
+Dann kann auch der _Grund_ des Gefühles der Komik nicht in meiner
+Überlegenheit oder dem Bewusstsein derselben liegen. Sondern er muss in
+dem Objekte, seiner Verkehrtheit, seiner Inferiorität, kurz seiner
+Nichtigkeit gesucht werden. Er muss liegen in dieser Nichtigkeit selbst,
+nicht etwa in dieser Nichtigkeit sofern sie meine Überlegenheit
+begründet. Denn dann müsste wiederum das Achten auf mich und meine
+Überlegenheit das Gefühl der Komik hervortreten lassen. Dies müsste also
+doch wiederum auf mich bezogen erscheinen. Es entstände, mit anderen
+Worten, von neuem der Widerspruch, der darin liegt, dass ein Gefühl, das
+ich thatsächlich nicht auf mich, sondern auf ein von mir verschiedenes
+Objekt beziehe, mit einem auf mich bezogenen Gefühle identisch sein soll.
+
+Es liegt aber in _Groos'_ Anschauung nicht nur eine einfache, sondern
+eine doppelte Verwechselung. Das Gefühl der Komik ist, soviel ich sehe,
+nicht ein Gefühl der Überlegenheit, sondern eben--ein Gefühl der Komik.
+Es ist also für _Groos_ nicht nur ein auf mich bezogenes Gefühl ein aufs
+Objekt bezogenes, sondern es ist auch das Gefühl der Überlegenheit
+identisch mit einem Gefühl der Komik. Das Gefühl meiner Überlegenheit ist
+eine Art des Gefühles der Erhabenheit, nämlich meiner Erhabenheit. Das
+Gefühl der Komik aber ist das Gegenteil jedes Gefühles der Erhabenheit.
+Für _Groos_ sind beide identisch. Das ist eine zu starke Zumutung.
+
+Achten wir schliesslich auch noch--auch sonst erweist sich dergleichen
+als nützlich--auf die objektiv gegebenen Thatsachen. Fragen wir zunächst,
+wer denn das Gefühl der Überlegenheit über wirkliche oder vermeintliche
+Verkehrtheiten zu haben, und wer andererseits dem Gefühl der Komik
+hingegeben zu sein und über das Komische herzlich zu lachen pflegt. Dann
+erscheint _Groos'_ Theorie in demselben seltsamen Lichte.
+
+Jene "Überlegenen", das sind die Suffisanten, die Eitlen, die Gecken.
+Ihnen ist alles ein Mittel sich überlegen zu fühlen. Ihnen aber fehlt
+eben damit der Humor dem Komischen gegenüber, d. h. die Fälligkeit die
+Komik zu geniessen. Die "Überlegenen" wissen nichts von herzlichem
+Lachen.
+
+Und es kann dies auch von ihnen nicht gefordert werden. Der Humor, die
+Anteilnahme an der Komik des Komischen ist nun einmal ein sich Hingeben
+an das Komische, oder das in ihm liegende Verkehrte. Wer über das
+Verkehrte herzlich lacht, geht in die Verkehrtheit ein, macht sich zum
+Teilhaber, sozusagen zum Mitschuldigen. Er steigt von dem Piedestal, auf
+dem er sonst stehen mag, herab; betrachtet die Sache von unten, nicht von
+oben. Die Komik ist zu Ende in dem Momente, wo wir wiederum auf das
+Piedestal heraufsteigen, d. h. wo wir beginnen, uns überlegen zu fühlen.
+Das Gefühl der Überlegenheit erweist sich so als das volle Gegenteil des
+Gefühls der Komik, als sein eigentlicher Todfeind. Das Gefühl der Komik
+ist möglich in dem Masse, als das Gefühl der Überlegenheit nicht aufkommt
+und nicht aufkommen kann.
+
+So verhält es sich, soweit Objekten der Komik gegenüber ein Gefühl der
+Überlegenheit überhaupt _möglich_ ist. In vielen Fällen der Komik ist
+aber gar nicht einzusehen, wie ein solches Gefühl zu stande kommen
+sollte. Ich will etwa ein grosses, wohlvorbereitetes Feuerwerk abbrennen.
+Und der Erfolg ist: ein Zischen, ein Lichtschein, weiter nichts. Dies
+wirkt auf mich komisch, falls ich den nötigen Humor habe, d. h. meinen
+etwaigen Ärger unterdrücke und mich ganz der Situation hingebe.
+
+Worüber nun fühle ich mich hier überlegen? Die Verkehrtheit, die
+vorliegt, besteht in der Thatsache, dass das Wohlvorbereitete aus
+irgendwelchem Grunde, vielleicht weil mir ohne meine Schuld verdorbene
+Feuerwerkskörper geliefert wurden, misslingt, meine hochgespannte
+Erwartung zergeht. Aber wie kann ich mich solcher Thatsache gegenüber
+überlegen fühlen? Wie würde ich wohl meine Überlegenheit über das
+misslingende Feuerwerk oder über das Pulver, das seine Schuldigkeit nicht
+that, in praxi dokumentieren?
+
+Zum Gefühl der Überlegenheit gehört, dass ich mich mit dem Verkehrten
+vergleiche. Mit mechanischen Vorgängen aber kann ich mich nicht
+vergleichen. Ich vergleiche mich auch nicht mit leblosen Dingen. Wenn
+neben einem Palast ein kleines Gebäude stände, das in seiner Form den
+Palast getreu nachahmte, so könnte dies überaus komisch wirken. Was soll
+es hier heissen, ich fühle mich über eine Verkehrtheit überlegen. Die
+Verkehrtheit besteht hier darin, dass ein Kleines aussieht, wie ein
+Grosses, und doch nicht gross ist wie dieses. Habe ich hier etwa das
+Bewusstsein, mir könne dergleichen nicht begegnen?
+
+Eher schon vergleichen wir uns mit Kindern und Tieren. Aber ein freudiges
+Bewusstsein der Überlegenheit über Kinder, oder über das possierliche
+Gebahren junger Katzen und Hunde, wäre doch allzu kindisch. Kinder und
+Tiere sind komisch vor allem, wenn sie sich gebärden wie wir, und doch
+wiederum nicht wie wir, zweckvoll und doch wiederum zwecklos oder
+zweckwidrig, ernsthaft und nichtig und doch wiederum spielend und
+nichtig. Im Bewusstsein hiervon liegt ein Vergleich. Aber doch eben ganz
+und gar nicht der Vergleich, wie er in _Groos'_ Theorie vorausgesetzt
+ist, kein Messen, kein Abwägen dessen, was das Objekt der Komik ist oder
+kann, und dem, was wir sind oder können, jedenfalls nicht ein Abwägen mit
+dem schliesslichen stolzen Bewusstsein, dass wir es in Vergleich mit den
+Objekten, also den Kindern, oder den jungen Hunden und Katzen so herrlich
+weit gebracht haben.
+
+Auch der Witz soll endlich von _Groos'_ Definition getroffen werden.
+Dieser Anspruch ist selbstverständlich, da ja der Witz eine Gattung des
+Komischen ist. Man vergegenwärtige sich aber einmal etwa das zweifellos
+witzige und witzig komische Rätsel _Schleiermachers_ "der Galgenstrick":
+
+ Fest vom Dritten umschlungen, so schwebt das vollendete Ganze,
+ Wann es die Parze gebeut, an den zwei Ersten empor.
+
+Das Verkehrte, das hier sich findet, besteht in der abnormen oder
+spielenden Form, in welcher der gar nicht verkehrte Gedanke ausgedrückt
+ist. Freilich, hier ist der Ausdruck Verkehrtheit etwas--verkehrt. Aber
+_Groos_ versteht unter der Verkehrtheit so vielerlei, dass wir auch diese
+Abnormität als Verkehrtheit--in seinem Sinne--bezeichnen können.
+
+Ich frage nun: Worin besteht unser Gefühl der Überlegenheit über dies
+Abnorme, oder über diese witzig geistreiche Art des Ausdrucks eines
+Gedankens? Trifft hier _Groos'_ Satz zu: "Wir haben bei jedem Komischen
+das behagliche Pharisäergefühl, dass wir nicht und wie dieser Verkehrten
+einer"? In der That sind wir vielleicht nicht wie dieser Verkehrten, d.
+h. dieser Witzigen einer. Aber es ist zu befürchten, dass in diesem Falle
+das Pharisäergefühl eher in ein gegenseitiges Gefühl umschlage. _Groos_
+hat Sinn für Witz, vielleicht zu viel. Darum vermute ich, das er den
+"Humor" des _Schleiermacher_'schen Witzes nicht etwa in dem Gefühl der
+Überlegenheit finden wird, das der logische Pedant der witzigen Wendung
+gegenüber allerdings haben wird. Diese Überlegenheit ist aber die
+einzige, die der witzigen Komik gegenüber möglich ist.
+
+
+ÜBERLEGENHEIT UND "ERLEUCHTUNG".
+
+Doch wir dürfen nicht übersehen: _Groos_ kennt noch eine andere Art der
+Überlegenheit. Und die könnte hier, wie in dem vorhin erwähnten Falle
+_Groos'_ Theorie zu retten scheinen. _Kant_ sagt, und _Groos_ zitiert, es
+sei eine merkwürdige Eigenschaft des Komischen, dass es immer etwas in
+sich enthalten müsse, das auf einen Augenblick täuschen könne. Diese
+vortreffliche Bemerkung _Kants_ wendet _Groos_ in folgender Weise zu
+seinen Gunsten. Wir fallen auf das komische Objekt herein, "das komische
+Objekt will uns weismachen, dass seine widersprechenden Glieder in
+friedlichstem und geordnetstem Zusammenhang seien. Und erst wenn wir
+diesen scheinbaren Zusammenhang zerrissen haben, kommen wir zu dem vollen
+Gefühl der Überlegenheit."
+
+Offenbar handelt es sich hier um eine andere Art der Überlegenheit, als
+diejenige ist, von der vorhin die Rede war. Es ist eine Überlegenheit
+nicht über das Verkehrte, sondern eine Überlegenheit oder ein sich
+Erheben über den Schein, als sei das komische das Gegenteil eines
+Verkehrten, ein sich Erheben über die Täuschung, der man einen Moment
+unterlag, also eine Art der Überlegenheit über uns selbst. Man erinnert
+sich, dass auch diese Überlegenheit schon bei _Hobbes_ vorkam. _Groos_
+bezeichnet sie auch als "Erleuchtung" nach der "Verblüffung".
+
+Mit dieser "Erleuchtung nach der Verblüffung" pfropft offenbar _Groos_
+auf seine erste Theorie der Komik eine zweite, die etwas völlig Neues
+giebt. Dies spricht gegen beide. Es scheint, wenn es wahr ist, dass wir
+bei aller Komik jenes oben bezeichnete Pharisäergefühl haben, dann
+bedürfen wir nicht mehr dieses beglückenden Gefühles, über unsere eigene
+Verblüffung Herr geworden oder daraus siegreich hervorgegangen zu sein.
+Und wenn wir überall dieses letztere Gefühl haben, dann ist jenes erstere
+überflüssig.
+
+Aber bleiben wir bei der neuen Theorie. Soweit sie Theorie der
+"Verblüffung und Erleuchtung" ist, könnte aus ihr sachlich Richtiges
+herausgelesen werden. Aber der dominierende Begriff bleibt eben doch auch
+hier der Begriff der Überlegenheit. Insofern bessert diese neue Theorie
+nichts.
+
+Es ist ja gewiss so: Eine Art des "Hereinfallens" gehört zu jeder Komik.
+Das Komische muss uns in Anspruch nehmen, als ob es mehr wäre, als nur
+dies komisch Nichtige. Es muss in unseren Augen den Anspruch erheben,
+mehr zu _sein_. Der Witz insbesondere muss etwas Glaubhaftes an sich
+tragen.
+
+Und auch dies gehört zur Komik, dass dieser Anspruch zergeht. Aber was
+dies heisst, muss genauer gesagt werden. Und es muss in jedem Falle
+anders gesagt werden, als _Groos_ es sagt. Die Einsicht, _dass_ wir
+hereingefallen sind, diese "Erleuchtung" giebt an sich keinen Grund zum
+Gefühl der Komik.
+
+Sie giebt nicht einmal ohne weiteres ein beglückendes Gefühl der
+Überlegenheit. Solche Erleuchtung kann beschämend sein. Sie kann uns auch
+gleichgültig sein. Ich frage: Wenn sie weder das eine noch das andere
+ist, sondern ein beglückendes Gefühl der Überlegenheit schafft, worin
+liegt dies?
+
+Aber die Antwort auf diese Frage würde uns ja nichts nützen. Das Gefühl
+unserer Überlegenheit über das Verkehrte konnte nicht das Gefühl der
+Komik des Verkehrten sein. Ebensowenig, oder noch weniger kann das Gefühl
+der Überlegenheit über uns mit dem auf das Objekt bezogenen Gefühl der
+Komik eine und dieselbe Sache sein. _Groos_ scheint schliesslich
+besonderes Gewicht zu legen auf das Momentane der Verblüffung und das
+Momentane der Erleuchtung, auf den _Zeising_'schen plötzlichen "Choc und
+Gegenchoc". Aber auch damit kommen wir dem Ziel nicht näher. Erzeugt die
+Erleuchtung momentane Beschämung, so erzeugt sie eben momentane
+Beschämung, erzeugt sie ein momentanes Gefühl der Überlegenheit, so
+erzeugt sie eben ein momentanes Gefühl der Überlegenheit. Kein Gefühl
+wird lediglich dadurch, dass es ein momentanes ist, zu einem Gefühle ganz
+anderer Art, und ausserdem auch noch zu einem Gefühl, das auf einen ganz
+anderen Gegenstand bezogen erscheint.
+
+
+DAS WESEN DER "ÜBERLEGENHEIT".
+
+Fragen wir schliesslich auch noch: Was ist doch eigentlich dies Gefühl
+der Überlegenheit, das _Groos_ und anderen so sehr das klare Denken
+verwirrt. Es scheint fast, _Groos_ hätte, der er doch einmal mit diesem
+Begriffe operiert, diese Frage sich vorlegen müssen.
+
+Schon oben sagte ich, das Gefühl der Überlegenheit ergebe sich aus einem
+Messen. Dies bestimmen wir genauer. Ein Mensch begehe Verkehrtes. Darum
+ist er doch Mensch, wie ich. Mit dem Gedanken an das Menschsein verknüpft
+sich also der Gedanke des verkehrten Thuns. Verkehrt sich zu gebaren ist
+also menschlich. Es ist also mehr als menschlich, zum mindesten mehr als
+allgemein menschlich, wenn man so vernünftig ist, wie wir es sind oder zu
+sein uns einbilden. Wir sind "Übermenschen", mehr als unsere "Jüngsten",
+die sich als Übermenschen dünken, wenn sie nichts sind als besonders
+jämmerliche Menschen.
+
+Oder anders gesagt: Ich stehe, wenn ich jenes verkehrte Thun erlebt habe,
+unter dem unmittelbaren Eindruck: Menschen können sich so unvernünftig
+gebärden. Also ist mein vernünftiges Gebaren keine so selbstverständliche
+Sache. Wäre sie etwas durchaus Selbstverständliches, so würde ich in
+meinen Gedanken darüber zur Tagesordnung übergehen, wie über alles
+Selbstverständliche. Jetzt ist diese Selbstverständlichkeit, ich kann
+auch sagen: es ist die "Gewohnheit", Menschen als vernünftig zu
+betrachten, wenn auch nur für einen Augenblick, durchbrochen. Es ist,
+wenn ich in Ausdrücken meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens" sprechen
+darf, der freie "Vorstellungsabfluss" aufgehoben; also eine psychische
+"Stauung" eingetreten. Und diese hat die Wirkung, die jede psychische
+Stauung hat. Das heisst die psychische Bewegung haftet an der Stelle, wo
+die Stauung geschieht, die psychische Wellenhöhe dessen, was an dieser
+Stelle sich findet, wird gesteigert.
+
+Oder wenn wir diese Ausdrücke wiederum fallen lassen: Das, was nur nicht
+mehr als ein Selbstverständliches oder Gewohntes erscheint, fällt mir in
+höherem Grade auf. Es wirkt wie ein Neues. Damit steigert sich auch die
+Gefühlswirkung. Meine Vernünftigkeit wird also durch den Vergleich mit
+der Unvernunft anderer für mich eindrucksvoller. Damit ist das
+gesteigerte Selbstgefühl, der Stolz auf meine Vernünftigkeit, das Gefühl
+der Überlegenheit gegeben.
+
+Auch aus dieser Betrachtung der Entstehungsweise des Gefühles der
+Überlegenheit ergiebt sich, wie wenig dasselbe mit der Komik zu thun hat.
+Es ist einfach erhöhtes Gefühl des Wertes meiner selbst, höhere
+Selbstachtung, Stolz. Und darin liegt nichts komisch Erheiterndes. Das
+Gefühl der Komik steht dazu im Gegensatz. Es wird demnach auch vermöge
+eines entgegengesetzten Prozesses entstehen.
+
+_Groos_ zitiert beim Beginn seiner Erörterung der Komik das bekannte Wort
+_Jean Pauls_: Das Lächerliche wollte von jeher nicht in die Definition
+der Philosophen gehen, ausser unfreiwillig. Derselbe _Jean Paul_ sagt
+auch, die Komik verwandle halbe und Viertelsähnlichkeiten in
+Gleichheiten. Auch in _Groos'_ "Definition" fehlen solche halbe und
+Viertelsähnlichkeiten nicht. Er meint Richtiges. So meinen, wie im Grunde
+selbstverständlich, alle Theoretiker der Komik Richtiges. Aber sie meinen
+oder sagen es nicht immer richtig.
+
+Worin das Richtige bei _Groos_ besteht, wurde schon angedeutet. Es liegt
+in dem von ihm übernommenen _Zeising_'schen "Choc und Gegenchoc", oder
+der "Verblüffung und Erleuchtung". Schon _Hecker_ hatte einen Kontrast
+statuiert. Dass dieser Kontrast hier genauer als Kontrast zwischen
+Verblüffung und Erleuchtung erscheint, bedeutet einen Fortschritt.
+
+Und noch mehr kann zugestanden werden. Auch eine "Überlegenheit" findet
+bei der Komik statt, nur in völlig anderem als dem _Groos_'schen Sinne,
+nämlich eine Überlegenheit meiner Auffassungskraft über ein
+Aufzufassendes. Und daran schliesst sich ein entsprechendes Gefühl, wenn
+nicht der "Überlegenheit", so doch der gelösten Spannung.
+
+
+ZIEGLERS THEORIE.
+
+Ich schliesse an die Kritik der _Groos_'schen Theorie unmittelbar noch
+eine Bemerkung an über _Ziegler_, der in seiner Skizze des
+Gefühlslebens--"Das Gefühl" Stuttgart 1898--_Groos'_ Theorie teilweise
+übernimmt, und damit die _Hecker_'sche "Schadenfreude" verbindet. Auch
+bei _Ziegler_ sehe ich nicht, wie weit er sich der Übereinstimmung mit
+seinen Vorgängern bewusst ist. Besteht keine Abhängigkeit, so ist doch
+die Identität der Gedanken nicht verwunderlich. Es liegt in jenen
+Begriffen, wenn man gewisse besonders in die Augen springende Fälle der
+Komik im _Ganzen_ nimmt, etwas Plausibles. Das Gefühl der Komik schlägt
+in der That in gewissen Fällen leicht in das Gefühl der Überlegenheit
+oder der Schadenfreude um, oder es tritt zu ihm ein solches Gefühl,
+allerdings jedesmal die Komik als solche beeinträchtigend oder
+zerstörend, hinzu. Genauere Untersuchung ergiebt zwar unschwer die
+Eigenart der Komik. Aber auch _Ziegler_ verzichtet auf solche genauere
+Untersuchung.
+
+Ich sagte, _Ziegler_ übernehme teilweise die _Groos_'sche
+"Überlegenheit". Dies thut er nicht von vornherein. _Ziegler_ operiert
+zunächst mit dem von _Groos_ in zweiter Linie herbeigezogenen Gegensatz
+der Düpierung und Erleuchtung. Dass _Ziegler_ dies Moment zum Primären
+macht, darin scheint wiederum ein Fortschritt zu liegen.
+
+Aber es fragt sich, wie diese Begriffe verwendet werden. Wir fallen, so
+erfahren wir auch hier, auf die Verkehrtheit, Zweckwidrigkeit, Unvernunft
+herein, bemerken sie nicht, werden also düpiert. Dann sehen wir sie ein.
+Wir lachen dann in gewisser Weise doppelt, über die Verkehrtheit, und
+über uns, die wir düpiert worden sind.--Man beachte, wie hier _Groos'_
+Gefühl der Überlegenheit über uns selbst, oder _Groos'_ stolzes
+Bewusstsein des Sieges zu einem Verlachen unserer selbst wird, also in
+gewisser Weise sich in sein Gegenteil verkehrt.
+
+Aber wenn bei Ziegler das beglückende Gefühl unserer Überlegenheit
+wegfällt, warum lachen wir dann, über das Objekt und über uns selbst?
+_Ziegler_ meint selbst, das Verkehrte oder die Unvernunft könne als
+solche nur Unlust erregen, und indem die Unvernunft als solche sich
+herausstelle, werde die Unlust nur verdoppelt. Wie kommt es dann, dass
+das Verkehrte, in dem es als solches sich herausstellt, _belustigt_?
+
+_Ziegler_ antwortet: Dies liege daran, dass die Unvernunft oder
+Zweckwidrigkeit keine bedenkliche, der Schaden, der daraus erwachse, kein
+grosser sei. Die ganze Sache, so sagt er, ist ein "Nichtssagendes; statt
+Ernst ist alles, was daran resultiert, nur Scherz und Spiel"; es ist
+"ohne erheblichen Schaden, also nicht ernsthaft, sondern nur spasshaft zu
+nehmen".
+
+Damit ist für _Ziegler_ die Komik erklärt. Dass das, was nur spasshaft
+genommen werden kann, nur spasshaft, d. h. komisch genommen werden kann,
+ist ja selbstverständlich. Aber die Frage ist eben die, wie das
+Nichtssagende dazu _komme_, spasshaft, d. h. komisch genommen zu werden.
+Oder verwandelt sich Unlust über einen Schaden lediglich dadurch, dass
+der Schaden ein geringer ist, in "Spass", oder komische Lust? Mir scheint
+vielmehr, wenn ein Schaden Unlust erzeugt, so erzeugt ein geringer
+Schaden zunächst nichts anderes als verminderte Unlust. Ist der Schaden
+sehr gering, so wird die Unlust schliesslich gleich Null. Aber
+verminderte oder gar nicht mehr vorhandene Unlust ist doch nicht
+identisch mit heiterer Lust.
+
+Es ist deutlich, _Ziegler_ setzt in seiner Erklärung genau das voraus,
+was er erklären will. Seine Erklärung der Komik besteht darin, dass er
+andere Worte dafür einsetzt, nämlich die Worte "Scherz" und "Spass".
+Warum erscheint uns ein Objekt komisch? Weil es uns nicht ernsthaft
+sondern scherzhaft erscheint. Warum erscheinen wir selbst uns komisch?
+Weil die Spannung, in die wir durch das komische Objekt versetzt worden
+sind, nicht ernsthaft sondern spasshaft zu nehmen ist.
+
+Erst wo es sich um das Zweckwidrige in oder an einer von uns
+verschiedenen Person handelt, begegnen wir auch bei _Ziegler_ dem Begriff
+der Schadenfreude und der Überlegenheit. Nicht das _Wort_ "Schadenfreude"
+kommt vor, aber die Sache: Es geschieht dem Verkehrten "Recht, dass seine
+verschuldete Unvernunft ihm den kleinen Schaden gebracht hat." Ich habe
+schon oben zugestanden, dass in der That in allerlei Fällen der Komik die
+Schadenfreude zu stande kommen und ein Gefühl der Überlegenheit sich
+einstellen kann. Nur dass dies mit dem Gefühl der Komik als solchem
+nichts zu thun hat. Gefühl der Komik ist Gefühl der Komik; und Gefühl der
+Schadenfreude oder der Überlegenheit ist Gefühl der Schadenfreude oder
+der Überlegenheit.--Im übrigen wiederhole ich nicht, was ich gegen die
+Theorie der Überlegenheit vorhin gesagt habe.
+
+
+
+
+III. KAPITEL. KOMIK UND VORSTELLUNGSKONTRAST.
+
+
+KRÄPELINS "INTELLEKTUELLER KONTRAST".
+
+Wie schon gesagt, geht _Kräpelin_ von der Betrachtung der komischen
+Objekte und Vorgänge aus. Dies Verfahren schien uns von einem Bedenken
+frei, dem das _Hecker_'sche von vornherein unterlag. Aber Kräpelins Weise
+der Betrachtung ist einseitig; darum das schliessliche Ergebnis durchaus
+ungenügend. Dies schliessliche Ergebnis lautet: Komisch wirkt der
+"unerwartete intellektuelle Kontrast, der in uns einen Widerstreit
+ästhetischer, ethischer oder logischer Gefühle mit Vorwiegen der Lust
+erweckt".
+
+Ich betone hier zunächst die Anerkennung der Notwendigkeit eines
+Kontrastes. Diesem Elemente begegnen wir schon in der Ästhetik von _Kant_
+und _Lessing_. Wir sehen dann die Ästhetiker bemüht, schärfer und
+schärfer die Besonderheit zu bestimmen, die den komischen Kontrast vor
+jedem beliebigen anderen Kontrast auszeichnet. Auch Kräpelin sucht eine
+solche nähere Bestimmung. Er glaubt sie gefunden zu haben, indem er den
+komischen Kontrast als intellektuellen bezeichnet.
+
+Da an dem "intellektuellen" Kontrast für _Kräpelin_ alles hängt, so
+sollte man eine scharfe und unzweideutige Abgrenzung dieses Begriffes
+erwarten. Dieser Erwartung wird nicht genügt. Der intellektuelle Kontrast
+entsteht nach _Kräpelin_ aus dem notwendig misslingenden Versuch der
+begrifflichen Vereinigung disparater Vorstellungen. Dabei dürfen zunächst
+die "disparaten" Vorstellungen nicht allzu ernst genommen werden. Gemeint
+sind einfach Vorstellungen, welche die ihnen angesonnene begriffliche
+Vereinigung nicht zulassen, sie mögen im Übrigen von der Disparatheit
+beliebig weit entfernt sein.
+
+Was aber will die begriffliche Vereinigung? Sie soll mehr sein als ein
+blosser Vergleich, demnach der intellektuelle Kontrast kein bloss
+sinnlicher. Aber ich sehe nicht, worin jenes Mehr bestehen soll. "Der
+Bauer lacht über den Neger, den er zum ersten Male sieht." Auch wir
+können uns bisweilen "eines leisen Gefühls der Komik nicht erwehren, wenn
+wir einen Freund mit veränderter Haarfrisur, abrasiertem Bart, oder zum
+ersten Male in der feierlichen Kopfbedeckung des Cylinders begegnen."
+Dies sind Fälle der von _Kräpelin_ sogenannten "Anschauungskomik", der
+ersten Hauptgattung, die er aufstellt. Bei ihr kontrastieren jedesmal
+"sinnliche Anschauungen mit Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes
+unmittelbar und ohne intellektuelle Verarbeitung". Nun leugne ich das
+Vorhandensein und die Bedeutung dieses Kontrastes nicht, ich sehe nur
+nicht, was ihn von einem blossen Vergleichskontrast unterscheiden soll.
+Es scheint mir sogar, _Kräpelin_ bezeichne ihn, indem er ihn "unmittelbar
+und ohne intellektuelle Verarbeitung" entstehen lasse, ausdrücklich als
+solchen. In der That können wir einen wahrgenommenen Gegenstand mit
+anderen, die wir früher wahrgenommen haben, nicht vergleichen, ohne des
+Kontrastes zwischen ihm und den früher wahrgenommenen, also jetzt zu
+Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes gewordenen, inne zu werden.
+Das Resultat der Vergleichung, die Unterscheidung, besteht eben in diesem
+Innewerden des Kontrastes.
+
+Statt von begrifflicher Vereinigung spricht _Kräpelin_ auch wohl von
+inniger Verbindung disparater Vorstellungen. Ähnlichkeiten der disparaten
+Vorstellungen werden benutzt, diese innige Verbindung herzustellen. Aber
+auch damit ist kein Gegensatz zwischen begrifflicher Vereinigung und
+blossem Vergleich bezeichnet. Was mich zum Vergleich veranlasst, sind
+immer Ähnlichkeiten, und der Vergleich selbst besteht jederzeit in dem
+Versuch der Verschmelzung oder der Identifikation von Vorstellungen, also
+der denkbar _innigsten_ Verbindung derselben. Eben aus diesem Versuch der
+Identifikation ergiebt sich beim Vergleiche das Unterschieds- oder
+Kontrastbewusstsein. Heisst demnach intellektueller Kontrast derjenige,
+der aus dem Versuch inniger, auf vorhandene Ähnlichkeiten sich gründender
+Verbindung von Vorstellungen entsteht, so muss jeder Kontrast, der bei
+irgendwelcher Vergleichung sich ergiebt, diesen Namen tragen.
+
+Oder besteht die begriffliche Vereinigung und damit die specifische
+Bedingung der Komik in den oben genannten Fällen darin, dass der Bauer
+den Neger, ebenso wie den Kaukasier, dem Begriff "Mensch", oder dass wir
+das Bild des anders frisierten und mit ungewohnter Kopfbedeckung
+versehenen Freundes ebenso wie das gewohnte Bild dem Begriff "unser
+Freund" unterzuordnen versuchen, und dabei die Erfahrung machen, dass
+dies nicht ohne Widerspruch gelingt?
+
+Dies scheint wirklich _Kräpelins_ Meinung. Weil wir in reicherer
+Lebenserfahrung solche Begriffe gewonnen haben, die auch Neues und
+Ungewohntes widerspruchslos in sich aufnehmen, darum ist seiner Erklärung
+zufolge für uns nicht mehr, wie für den Ungebildeten, alles Neue und
+Ungewohnte komisch. Aber auch darin liegt nichts, was nicht bei
+beliebigen Vergleichen vorzukommen pflegte. Jeder Vergleich, so sagten
+wir oben, sei Versuch der Identifikation. Dieser Versuch der
+Identifikation aber ist ohne weiteres auch Versuch der Unterordnung unter
+denselben Begriff. So vergleiche ich eine Pflanze, der ich irgendwo
+begegne, mit den mir bekannten Arten, indem ich versuche, ihre Form mit
+den Typen der letzteren zu identificieren. Damit ist der Versuch, die
+Pflanze dem _Begriff_ einer der fraglichen Arten unterzuordnen, sofort
+verbunden. Daher ich denn auch das Resultat des Vergleichs ohne weiteres
+in der Weise ausspreche, dass ich von der Pflanze die Zugehörigkeit oder
+Nichtzugehörigkeit zu einem bestimmten Artbegriff prädiziere: die Pflanze
+ist eine Orchidee oder sie ist es nicht.
+
+Ebenso kann ich den veränderten Zustand, in dem sich eine Pflanze heute
+befindet, mit dem Zustand, in dem sich dieselbe Pflanze gestern
+befand--sie habe etwa über Nacht Blüten getrieben--nicht vergleichen,
+ohne beide Wahrnehmungsinhalte--die blühende und die blütenlose
+Pflanze--demselben Begriff dieser mir bekannten Pflanze einzuordnen.
+Wenigstens hat es hier ebensoviel bezw. ebensowenig Sinn, von einer
+Einordnung in einen gemeinsamen Begriff zu sprechen, wie beim komischen
+Kontrast zwischen dem neufrisierten Freunde einerseits und dem gewohnten
+Anblick desselben andererseits.
+
+Darnach sind wir wohl berechtigt, in der "begrifflichen Vereinigung" oder
+"innigen Verbindung" und dem "intellektuellen Kontrast" das über den
+blossen Vergleich und Vergleichskontrast hinausgehende Moment zu
+vermissen. _Kräpelin_ ist im Rechte, insofern er ein solches Moment
+überhaupt fordert. Er irrt nur, wenn er meint es damit aufgewiesen zu
+haben, dass er jene Namen einführt. Die Ausdrücke, "begrifflich" und
+"intellektuell" sind ja freilich so vieldeutig, dass sie alles besagen
+können. Aber eben darum besagen sie in einer wissenschaftlichen Theorie
+wenig oder gar nichts. Sie gehören zu den in der Psychologie so vielfach
+üblichen Worten, die wohl "um die Ohren krabbeln", aber statt das
+Verständnis zu fördern, vielmehr über die Notwendigkeit des
+Verständnisses hinwegtäuschen.
+
+Mögen nun aber die begriffliche Vereinigung und der intellektuelle
+Kontrast sein was sie wollen. Auch für _Kräpelin_ begründen sie ja die
+Komik nicht unter allen Umständen. _Kräpelin_ bezeichnet als Gegenstände
+der Anschauungskomik auch die leichter zu ertragenden menschlichen
+Gebrechen. Der Kontrast mit der gewohnten menschlichen Bildung lässt sie
+komisch erscheinen. Warum, so fragen wir, müssen gerade Gebrechen die
+eine Seite des Kontrastes bilden? Warum entsteht der Eindruck der Komik
+nicht ebenso, wenn ein Mensch durch irgend welchen Vorzug zu dem, was wir
+zu sehen gewohnt sind, in Gegensatz tritt? Warum lachen wir über den
+ungewöhnlich Kräftigen und Wohlgebildeten nicht, wie über den
+ungewöhnlich Fetten oder Hageren?--Und warum verschwindet bei uns
+gebildeten Menschen sogar die Komik der Gebrechen, wenn sie schwer zu
+ertragende sind? Warum lachen wir über den Armen, der beide Beine
+verloren hat, nicht ebenso, wie über die rote Nase, da doch der Kontrast
+in jenem Falle viel deutlicher in die Augen springt? Auf alle diese
+Fragen bleibt _Kräpelin_ die Antwort schuldig.
+
+Doch nein. Wir irren. _Kräpelin_ giebt auf diese Fragen sogar eine sehr
+bestimmte Antwort. Wir wissen schon, der intellektuelle Kontrast wirkt
+komisch nur, wenn er in uns einen Gefühlswiderstreit "mit _Vorwiegen der
+Lust_" erweckt. Nun erweckt die ausserordentlich wohlgebildete Gestalt in
+uns keine Unlust, also keinen Widerstreit der Gefühle, der Anblick des
+schwer zu ertragenden Gebrechens lässt nicht die Lust, sondern die Unlust
+überwiegen; es fehlt also in beiden Fällen ein wesentliches Element der
+Komik.
+
+Aber ist dies wirklich eine Antwort auf jene Fragen? Die komische Wirkung
+_besteht_ ja für _Kräpelin_ in gar nichts Anderem, als dem Widerstreit
+der Lust und Unlust mit Überwiegen der Lust. Wenn er uns also sagt, nur
+der Kontrast wirke komisch, der diesen Widerstreit erwecke, so heisst
+dies, nur der Kontrast wirke komisch, der komisch wirke. Nun werden wir
+uns ja freilich dieser Einsicht nicht verschliessen können. Wir erfahren
+nur das nicht, was wir gerne wissen möchten, unter welchen Umständen
+nämlich ein Kontrast komisch wirke, _das heisst_--nach _Kräpelin_--den
+Widerstreit der Gefühle erzeuge, in dem die komische Wirkung angeblich
+besteht.
+
+Jener allgemeinen Antwort auf die Frage, warum der "intellektuelle"
+Kontrast vielfach gar nicht komisch wirke, entspricht die Art, wie
+_Kräpelin_ sich in speciellen Fällen hilft. Kinder finden leicht alles
+komisch, weil bei ihnen der intellektuelle Kontrast leichter entsteht.
+Vorausgesetzt ist, dass dabei nicht die Furcht überwiegt. Die Fälle, in
+denen der intellektuelle Kontrast seine Pflicht versäumt, erscheinen also
+als Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Der Kontrast _würde_ das Gefühl
+der Komik erzeugen, wenn nicht statt desselben ein anders geartetes oder
+entgegengesetztes Gefühl einträte. Aber dies hat ebensoviel Sinn, als
+wenn ich erst den allgemeinen Satz aufstellen wollte: alle Körper sinken
+im Wasser, um dann hinzuzufügen: wofern sie nicht oben bleiben. Oder will
+_Kräpelin_ sagen, in jenen Fällen werde das Eintreten der Komik durch
+andersgeartete Gefühle aufgehoben? Auch damit ist nichts gebessert. Auch
+von Körpern, die sich nicht darauf einlassen im Wasser zu sinken, kann
+ich zur Not sagen, bei ihnen werde durch das Obenbleiben oder die Tendenz
+des Obenbleibens der Effekt des Sinkens aufgehoben. Eine Begründung des
+Sinkens dieser Körper und des Nichtsinkens jener wäre damit nicht
+gegeben.
+
+Endlich ist es aber auch, wie wir schon wissen, gar nicht richtig, dass
+Widerstreit von Lust und Unlust mit Überwiegen der Lust das Gefühl der
+Komik ausmacht. Weder von einem solchen Widerstreit zu reden ist
+_Kräpelin_ so ohne weiteres berechtigt, noch findet das Überwiegen der
+Lust jederzeit statt. Umgekehrt können, wie wir gleichfalls schon wissen,
+Lust und Unlust thatsächlich in dem bezeichneten Verhältnis stehen und
+doch kein Gefühl der Komik ergeben.
+
+Es können aber auch schliesslich die ganzen _Kräpelin_'schen Bedingungen
+der Komik erfüllt, also der unerwartete intellektuelle Kontrast samt dem
+von _Kräpelin_ geforderten Verhältnis von Lust und Unlust gegeben sein,
+ohne dass von Komik im entferntesten die Rede ist. Jedes zugleich
+prächtige und furchtbare Schauspiel, das ich nie gesehen, das also zu
+meinem "Vorstellungsschatz" in unerwarteten Gegensatz tritt, der
+unerwartete Anblick eines mächtigen Heeres, eines mächtig aufsteigenden
+Wetters und dergleichen erfüllt die Bedingungen, wenn zufällig der
+erhebende Eindruck der Pracht das Gefühl der Furcht überwiegt. Darum
+finden wir ein solches Schauspiel doch niemals komisch.
+
+So bleibt schliesslich von der ganzen _Kräpelin_'schen Bestimmung der
+Komik nur der Vorstellungskontrast übrig. Wie der beschaffen sein müsse,
+davon erfahren wir nichts. Das heisst, wir erfahren nichts von der
+eigentlichen Hauptsache.
+
+
+WUNDTS THEORIE.
+
+Wir werden zu _Kräpelin_ nachher noch einmal zurückkehren müssen. Vorerst
+schliessen wir an das über seine Theorie Gesagte eine Bemerkung über
+verwandte Anschauungen. Zunächst über die _Wundts_. Nur in wenigen Worten
+charakterisiert _Wundt_ die Komik. Diese Worte finden sich im zweiten
+Bande der "Grundzüge der physiologischen Psychologie" 4. Aufl. In seiner
+Charakteristik vereinigt _Wundt_ in gewisser Weise mit der
+_Kräpelin_'schen Theorie die _Hecker_'sche. _Wundt_ meint: "Beim
+Komischen stehen die einzelnen Vorstellungen, welche ein Ganzes der
+Anschauung oder des Gedankens bilden, unter einander oder mit der Art
+ihrer Zusammenfassung teils im Widerspruch, teils stimmen sie zusammen.
+So entsteht ein Wechsel der Gefühle, bei welchem jedoch die positive
+Seite, das Gefallen, nicht nur vorherrscht, sondern auch in besonders
+kräftiger Weise zur Geltung kommt, weil es, wie alle Gefühle, durch den
+Kontrast gehoben wird."
+
+Was ich dagegen zu sagen habe, ist der Hauptsache nach bereits gesagt:
+
+Werden alle Gefühle durch Kontrast gehoben, so erfährt in dem Wechsel der
+Gefühle, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch die Lust
+eine Steigerung. Es bleibt also das Verhältnis dasselbe.
+
+Zweitens: Das hier vorausgesetzte Kontrastgesetz existiert nicht. Das
+_Gefühls_kontrastgesetz insbesondere ist eine psychologische
+Unmöglichkeit.
+
+Drittens: Es kann auch nicht gesagt werden, dass bei der Komik das Gefühl
+der Lust überwiegen müsse. Die Komik des Verächtlichen, die Komik, die
+aus dem Lachen der Verzweiflung spricht, zeigt ein Übergewicht der
+Unlust, Komik ist ihrem eigentlichen Wesen nach weder Lust noch Unlust,
+sondern im Vergleich mit beiden etwas Neues.
+
+Viertens: Damit ist auch schon gesagt, dass zur Komik der Wechsel der
+Lust und Unlust nicht gehört. Mag beim Gefühl der Komik bald die Lust-
+bald die Unlustfärbung stärker heraustreten; das Gefühl der Komik ist an
+sich ein von diesem Gegensatze unabhängiges eigenartiges Gefühl.
+
+Fünftens, abgesehen von allem dem: Setzen wir den Fall, zwei Thatsachen
+lassen sich unter einen Gesichtspunkt stellen, und fordern, dass wir dies
+thun, wenn wir sie von einer bestimmten Seite her betrachten. Sie
+widerstreiten dagegen dem Versuch, dies zu thun, wenn wir andere Momente
+an ihnen ins Auge fassen. Hier ist für _Wundt_ die Grundbedingung der
+Komik gegeben. Es kann auch daraus unter Umständen ein Wechsel der
+Gefühle sich ergeben. Ich achte bald auf das Moment der Übereinstimmung,
+bald auf das Moment des Widerstreites. Dann schwankt auch mein Gefühl
+zwischen Lust und Unlust. Dabei wird freilich nicht das Gefühl der Lust,
+sondern das der Unlust durch den "Kontrast" gesteigert: Je mehr, was
+beide Thatsachen Übereinstimmendes haben, zur Zusammenfassung unter den
+einen wissenschaftlichen Gesichtspunkt einladet, um so unangenehmer
+berührt es uns, wenn wir dann doch wiederum von der Unmöglichkeit der
+Zusammenfassung uns überzeugen müssen. Dagegen wird das Moment der
+Übereinstimmung keineswegs dadurch für uns erfreulicher, dass das
+gegenteilige Moment uns die Freude daran immer wiederum verkümmert.
+Verkümmerte Freude ist nicht, wie es nach dem Gesetz des
+"Gefühlskontrastes" sein müsste, doppelte Freude.
+
+Indessen nehmen wir an, das Kontrastgesetz bestände, und wirkte, so wie
+es nach _Wundt_ wirken müsste; es würde also im obigen Falle die Lust
+"gehoben". Dann wären alle Bedingungen, die nach _Wundt_ für die Komik
+charakteristisch sind, gegeben. Es müsste also eine den obigen Angaben
+entsprechende Beziehung zwischen Thatsachen jederzeit komisch sein. Das
+heisst jede Theorie, jede Zusammenfassung von Thatsachen, die einerseits
+berechtigt, andererseits doch auch wiederum unzulässig erscheint, müsste
+komisch erscheinen. Nun haftet gewiss mancher wissenschaftlichen Theorie
+von der bezeichneten Art der Charakter der Komik an. Sie braucht nur etwa
+sehr selbstbewusst aufzutreten und zugleich dieses Selbstbewusstsein
+möglichst wenig zu rechtfertigen. Oder sie verblüfft uns momentan durch
+einen Schein der Wahrheit; dann aber sinkt _eben das_, was ihr den Schein
+der Wahrheit verlieh, in _nichts_ zusammen. Aber das sind ja
+Voraussetzungen, die _Wundt_ nicht macht. Es fehlt so bei _Wundt_ die
+Pointe der Komik, also ihr eigentlicher Sinn.
+
+Immerhin liegt auch in _Wundts_ Charakteristik der Komik ein Hinweis auf
+Richtiges und Wichtiges. Ich denke wiederum vorzugsweise an die
+Anerkenntnis, dass ein Gegensatz oder ein Kontrast, und zwar, allgemein
+gesagt, ein Kontrast zwischen einem Positiven und einem Negativen für die
+Komik notwendig sei. Dass und wiefern diese Anschauung berechtigt ist,
+werden wir nachher genauer sehen.
+
+Dass sie ein gewisses Recht haben müsse, können wir aber auch schon aus
+der Thatsache entnehmen, dass uns ähnliche Wendungen, sei es zur
+Charakterisierung des Witzes, sei es zur Kennzeichnung der Komik
+überhaupt früher und später immer wieder begegnen.
+
+
+VERWANDTE THEORIEN.
+
+Hier kommen für uns einstweilen nur diejenigen Definitionen der Komik in
+Betracht, die auf die Komik überhaupt sich beziehen. Erwähnung verdient
+vor allem _Schopenhauer_, der in "Die Welt als Wille und Vorstellung" II.
+Buch I § 13 sagt: "Das Lachen entsteht jedesmal aus nichts Anderem, als
+aus der plötzlich wahrgenommenen Inkongruenz zwischen einem Begriff und
+den realen Objekten, die durch ihn in irgend einer Beziehung gedacht
+worden waren; und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser
+Inkongruenz." "Je richtiger einerseits die Subsumtion ... unter den
+Begriff ist, und je grösser und greller andererseits ihre
+Unangemessenheit zu ihm, desto stärker ist die aus diesem Gegensatz
+entspringende Wirkung des Lächerlichen. Jedes Lachen also entsteht auf
+Anlass einer paradoxen und daher unerwarteten Subsumtion, gleichgültig ob
+diese durch Worte oder Thaten sich ausspricht. Dies ist in der Kürze die
+richtige Erklärung des Lächerlichen."
+
+Hier begegnen uns in sehr ausgesprochener Form die oben als positiv
+wertvoll anerkannten Momente. Im übrigen wissen wir, warum diese
+Erklärung so unzulänglich ist, wie sie kurz ist und anspruchsvoll
+auftritt. _Schopenhauers_ "Lächerliches" ist lächerlich, wenn es nicht
+ärgerlich, oder imponierend, sondern eben lächerlich ist.
+
+Es ist _zunächst_ lediglich _ärgerlich_, wenn wir plötzlich wahrnehmen,
+ein Objekt sei dem Begriff, unter den wir es subsumiert haben,
+inkongruent. Und zwar ist zu diesem Gefühl um so mehr Grund, je richtiger
+die Subsumtion schien, oder je mehr unser Urteil über das Objekt zwingend
+und einleuchtend war.
+
+Es ist zweitens _imponierend_, wenn wir ein Objekt zunächst, etwa auf
+Grund einer bloss äusserlichen Betrachtung, einem Begriff subsumierten,
+dessen Anwendung eine geringe Bewertung des Objektes in sich schloss, und
+wenn dann plötzlich diese Subsumtion und mit ihr diese niedrige Bewertung
+als für das Objekt völlig unangemessen sich ausweist.
+
+Es ist endlich _komisch_ dann und nur dann, wenn dem Objekt vermöge der
+Subsumtion, oder vermöge unserer Beurteilung desselben, irgend welche
+Würde zukam, oder zuzukommen schien, und nun plötzlich _diese Würde
+verleihende_ Subsumtion als inkongruent oder unangemessen sich darstellt.
+Man sieht, auch _Schopenhauer_ setzt bei seiner Erklärung der Komik die
+Komik voraus.
+
+Daneben mag erwähnt werden _Lillys_ "Theory of the Ludicrous",
+Fortnightly Review, Mai 1896, wonach das Lächerliche ist: an irrational
+negation which arouses in the mind a rational affirmation. Sehr nahe mit
+_Kräpelin_ berührt sich dann _Mélinauds_ Erklärung in einem Aufsatz der
+Revue des deux mondes 1895: Pourquoi rit-on? Etude sur la cause
+psychologique du rire. Die Antwort auf jene Frage lautet: Quand un objet
+d'un côté est absurde, et d'autre trouve une place toute marqueé dans une
+catégorie familière.
+
+Soll auch dagegen noch eine besondere Bemerkung gemacht werden, so sei
+auf folgendes hingewiesen: Ein menschliches Verhalten, ein religiöser
+Gebrauch etwa, sei in sich möglichst "absurd". Diese Absurdität wird
+komisch erscheinen, wenn sie überraschend oder verblüffend ist; d. h.
+wenn wir die betreffenden Personen mit unserem Masse messen, sie also als
+vernünftige Menschen betrachten, wenn demgemäss die Unvernunft in unseren
+Augen den Anspruch erhebt, vernünftig, ja vielleicht erst recht
+vernünftig zu sein, zugleich aber völlig klar in ihrer Unvernunft
+einleuchtet.
+
+Nehmen wir dagegen an, die absurde Handlung sei uns in aller ihrer
+Absurdität dennoch aus Erziehung, Gewohnheit, Unkenntnis, geistiger
+Stumpfheit der Personen völlig verständlich, so dass wir uns sagen, die
+Personen müssen unter diesen Umständen so absurd sich gebärden, wie sie
+es thun. Dann hört die Komik auf. Es tritt dann an die Stelle der Komik
+dies nüchterne Verständnis oder diese klar bestimmte Einordnung in eine
+"catégorie familière". Man erinnert sich des Wortes: Nicht weinen, nicht
+lachen, _sondern_ verstehen. Hier ist also die "place toute marquée dans
+une catégorie familière" der Komik feindlich.
+
+Andererseits ist doch freilich auch wiederum das Verständnis des absurden
+Gebarens Bedingung einer bestimmten Art der Komik, nämlich der _naiven_
+Komik. Nur muss hier die Verständlichkeit in besonderem Sinne genommen
+werden. Nicht im Sinne der einfachen verstandesgemässen Einsicht, sondern
+im Sinne der Anerkenntnis: Das absurde Gebaren erscheint als Gebaren
+dieser Person berechtigt, sinnvoll, "natürlich"; es giebt sich darin
+etwas Gutes, Gesundes, eine Einsicht, kurz eine gewisse Grösse der Person
+kund. Andererseits aber bleibt doch das Gebaren an sich betrachtet
+absurd. Angenommen _Mélinaud_ hätte an diese Art der Komik gedacht, dann
+gehörte seine Theorie zu den zahlreichen, deren Schiefheit sich aus der
+äusserlichen und unzureichenden Betrachtung bestimmter Möglichkeiten der
+Komik erklärt.
+
+Endlich erwähne ich die letzte Schrift, die mit der Frage der Komik sich
+eingehender beschäftigt, nämlich _Herkenraths_ Problèmes d'éstétique et
+de morale, Paris 1898. _Herkenrath_ knüpft an _Mélinauds_ Definition
+unmittelbar an. Er will sie nur verallgemeinern. Zugleich bestimmt er sie
+genauer. Er meint, komisch sei die "réunion soudaine de deux aspects, qui
+paraissent incompatibles".
+
+Hier ist das "soudaine" gegen _Mélinaud_ eine Verbesserung. Aber auch die
+"plötzlichste" Vereinigung zweier unverträglicher "Aspekte" erzeugt nicht
+ohne weiteres die Komik. _Herkenrath_ setzt den Fall: Wir hören aus einem
+Wandschrank ein Wimmern, und meinen, die Katze sei darin eingesperrt.
+Beim Öffnen finden wir darin unsere Tante oder unseren Schwiegervater.
+Dies wäre gewiss komisch. Und es trifft auch hier thatsächlich ein
+"Aspekt", nämlich die Erwartung, dass das Eingeschlossene eine Katze sei,
+mit einem anderen damit unverträglichen "Aspekt", nämlich der
+Wahrnehmung, dass es meine Tante oder mein Schwiegervater ist, plötzlich
+zusammen. Aber die Wahrnehmung, dass ein kleiner Hund in den Schrank
+eingesperrt worden sei, würde jener Erwartung ebenso widersprechen.
+Worauf es ankommt, das ist: die Tante oder der Schwiegervater, diese
+würdevollen oder auf Würde Anspruch machenden Personen; und weiter der
+Umstand, dass eine solche würdevolle Person in den Schrank eingeschlossen
+ist, und damit plötzlich in meinen Augen ihrer Würde verlustig geht, und
+in dem speziellen Falle sogar auf das Niveau einer kleinen wimmernden
+Katze herabsinkt. Die Komik entsteht hier nicht aus der plötzlichen
+Vereinigung zweier unverträglicher Aspekte, sondern aus diesem Zergehen
+der Würde der Tante oder des Schwiegervaters.
+
+_Herkenrath_ meint, hier ein Beispiel gegeben zu haben, in welchem die
+Komik entstehe, indem an die Stelle eines erwarteten Kleinen ein Grosses
+oder Würdevolles tritt. In Wahrheit findet hier wie in allen Fällen der
+Komik das Gegenteil statt: Ein Grosses schrumpft zu einem Kleinen
+zusammen. Wäre dies nicht der Fall, so würde die Komik unterbleiben. Die
+Wahrnehmung eines reissenden Stromes, wo nach vorangehenden Erfahrungen
+ein wasserarmer Bach erwartet wurde, wirkt nicht komisch, sondern
+imponierend. Und doch haben wir auch hier die plötzliche Vereinigung
+zweier unverträglicher Aspekte.
+
+ * * * * *
+
+II. ABSCHNITT. DIE GATTUNGEN DES KOMISCHEN.
+
+
+IV. KAPITEL. DIE OBJEKTIVE KOMIK.
+
+
+KONTRAST DES GROSSEN UND KLEINEN.
+
+Mit den letzten Bemerkungen des vorigen Abschnittes habe ich dem
+Folgenden vorgegriffen. Das dort Angedeutete wird in diesem Abschnitt
+näher auszuführen sein.
+
+Wir reden zunächst von der objektiven Komik. Die genauere Abgrenzung
+derselben von den beiden anderen Gattungen der Komik, der subjektiven und
+der naiven Komik, wird später, im Kapitel über die naive Komik, zu
+vollziehen sein. Hier genügt uns einstweilen diejenige Bestimmung des
+Begriffes der objektiven Komik, die sich aus dem hier Folgenden von
+selbst ergiebt.
+
+Ich sagte oben, _Kräpelin_ unterlasse es, uns zu sagen, welcher Kontrast
+komisch wirke. Die Antwort auf diese Frage ist teilweise seit lange
+gegeben. In gewisser Weise schon von der Ästhetik der _Wolff_'schen
+Schule. Diese bezeichnet den komischen Kontrast als einen Kontrast
+zwischen Vollkommenheiten und "Unvollkommenheiten". Deutlicher redet
+Kant. Ihm zufolge entsteht die Komik aus der plötzlichen Auflösung einer
+Erwartung in "Nichts". Nach _Jean Paul_ ist das Lächerliche das unendlich
+"Kleine", das zu einem Erhabenen in Gegensatz tritt. Und dieselbe
+Anschauung begegnet uns in der folgenden Geschichte der Ästhetik immer
+wieder, in den mannigfachsten Modifikationen, in geistvollster Weise
+durchgeführt von _Vischer_.
+
+Ich erwähne speziell noch _Spencer_, für den die Komik beruht auf einer
+"descending incongruity"; einem unvermerkten Übergang "from _great_
+things to _small_". Ähnlich ist für _Bain_ der Anlass der Komik "the
+_degradation_ of some person or interest possessing dignity in
+circumstances, that excite no other strong emotion".
+
+Die Antwort auf die Frage nach dem Grunde der Komik, die ich meine, liegt
+aber im Grunde auch schon in der gewöhnlichen und jedermann geläufigen
+Gegenüberstellung des _Erhabenen_ und des Komischen oder Lächerlichen.
+Wie kann man es unterlassen, das Recht solcher Anschauungen und Wendungen
+wenigstens zu prüfen?
+
+Ein Kleines, ein relatives Nichts, dies liegt in allen diesen Wendungen,
+bildet jederzeit die eine Seite des komischen Kontrastes; ein Kleines,
+ein Nichts, nicht überhaupt, sondern im Vergleich zu demjenigen, mit dem
+es kontrastiert. Die Komik entsteht eben, indem das Kleine an dem Andern,
+zu dem es in Beziehung gesetzt wird, sich misst und dabei in seiner
+Kleinheit zu Tage tritt.
+
+Damit ist auch schon gesagt, dass das Kleine in der Vorstellungsbewegung,
+die dem Eindruck der Komik zu Grunde liegt, jederzeit _das zweite Glied_
+sein muss, d. h. dasjenige, zu dem wir in unserer Betrachtung übergehen,
+nicht der Ausgangspunkt, sondern der Zielpunkt der Bewegung. Wir mögen
+immerhin das Kleine schon vorher wahrgenommen oder ins Auge gefasst
+haben, klein erscheinen im Vergleich zur anderen Seite des Kontrastes
+kann es doch erst, nachdem wir den Massstab, den die andere Seite
+liefert, aus der Betrachtung derselben schon gewonnen haben.
+
+Dass diese Anschauung im Rechte ist, zeigen beliebige Beispiele. Auch die
+von _Kräpelin_ angeführten. Wir finden uns, um zunächst ein Beispiel zu
+erwähnen, das uns bei _Kräpelin_ nicht begegnet, das aber von uns bereits
+oben angeführt wurde, komisch angemutet, wenn wir neben einem mächtigen
+Palast ein kleines Häuschen, wohl gar ein solches, das in seiner Form den
+Palast nachahmt, stehen sehen. Die komische Wirkung tritt noch sicherer
+ein, wenn das kleine Häuschen eine ganze Reihe mächtiger Bauten
+unterbricht. _Kräpelins_ Fehler besteht darin, dass ihm dieser Kontrast
+zwischen Gross und Klein ein Kontrast ist wie jeder andere, und dass er
+die Stellung der Glieder des Kontrastes nicht beachtet. Denken wir uns
+eine Reihe von mächtigen Palästen durch einen Bau unterbrochen, dessen
+Bauart eine ganz andere ist, der ihnen aber an Mächtigkeit nichts
+nachgiebt, eine grosse Kirche, ein Theater oder dergleichen, dann
+unterbleibt der Eindruck der Komik. Und angenommen, wir gehen erst
+zwischen Reihen kleiner Häuser und erblicken plötzlich einen riesigen
+Palast, so schlägt er gar in den des Erstaunens um; obgleich natürlich
+der Kontrast zwischen Klein und Gross nicht kleiner ist, als der zwischen
+Gross und Klein. Man vergleiche hier auch die Beispiele, die am Ende des
+vorigen Abschnittes angeführt wurden.
+
+In dem obigen Beispiele ist das "Kleine" ein Kleines der _Ausdehnung_.
+Ein solches ist es nicht in allen Fällen. Was ich mit dem Kleinen, dem
+relativen Nichts oben meinte, das ist überhaupt das für uns relativ
+Bedeutungslose, dasjenige, was für uns, sei es überhaupt, sei es eben
+jetzt, geringeres Gewicht besitzt, was geringeren Eindruck macht, uns in
+geringerem Masse in Anspruch nimmt, oder wie sonst wir uns ausdrücken
+mögen. Dergleichen Prädikate kann aber ein Objekt aus gar mancherlei
+Gründen verdienen.
+
+Auf Eines muss ich besonders aufmerksam machen. Die Art, in der Objekte
+auf uns wirken oder uns in Anspruch nehmen, pflegt der Hauptsache nach
+nicht auf dem zu beruhen, was sie für unsere Wahrnehmung sind, sondern
+auf dem, was sie uns bedeuten, oder anzeigen, woran sie gemahnen oder
+erinnern. Die Wirkung der Worte liegt vor allen Dingen an dem, was sie
+sagen, nicht minder die der sichtbaren Formen, sei es einzig, sei es zum
+wesentlichen Teile, an den Gedanken, die sie in uns erwecken.
+
+Schon für die Komik der "leicht zu ertragenden menschlichen Gebrechen"
+kommt dies in Betracht. Inwiefern, dies wird deutlich, wenn man bedenkt,
+dass von Haus aus, das heisst abgesehen von den Vorstellungen und
+Gedanken, die wir auf Grund mannigfacher Erfahrungen hinzufügen, die
+Bildung des menschlichen Körpers überhaupt kein Gegenstand besonderen
+Interesses ist. Der menschliche Körper wäre uns sogar, wenn wir alle
+diese "associativen Faktoren" einen Augenblick zum Schweigen bringen
+könnten, die gleichgültigste Sache von der Welt. Er gewinnt Bedeutung,
+indem mit ihm der Gedanke an ein darin waltendes körperliches und
+geistiges Leben aufs Innigste verwächst. Er wird dadurch zum sinnlichen
+Träger der Persönlichkeit. Nicht nur das Auge ist Spiegel des Innern,
+sondern der ganze Körper in allen seinen Teilen, wenn auch nicht überall
+in gleichem Grade. Dies heisst nicht, wir lesen aus jeder Form des
+menschlichen Körpers ein bestimmtes, _thatsächlich_ darin verkörpertes
+Leben in zutreffender Weise heraus. Nur dies ist mit jener Behauptung
+gesagt, es werde durch jede Form auf Grund der Erfahrung die Vorstellung
+eines bestimmt gearteten Lebens in uns erweckt, gleichgültig ob die
+Vorstellung jedesmal der Wirklichkeit entspricht, oder nicht. Außerdem
+muss hinzugefügt werden, dass solche Vorstellungen uns nicht zum
+Bewußtsein zu kommen brauchen, wenn das Interesse an der Form entstehen,
+also die Form uns bedeutungsvoll werden soll.
+
+Die _normalen_ Formen des menschlichen Körpers sind es aber, mit denen
+vor allem der Gedanke an _positives_, in gewisser Fülle, Kraft,
+Ungestörtheit vorhandenes körperliches und geistiges Leben sich
+verknüpft. Sie heissen eben normal, weil in ihnen überall das Mass von
+"Leben" und Lebensfähigkeit sich darstellt oder darzustellen scheint, das
+wir allgemein fordern oder für wünschenswert halten. Sie sind eben damit
+für uns Gegenstand erheblichen _positiven_ Interesses und darum
+bedeutungs- und eindrucksvoll. Mit diesem Interesse Hand in Hand geht
+dann das negative Interesse, das solche abnorme Formen für uns haben, die
+die Vorstellung eines erheblichen _Eingriffs_ in jenes körperliche und
+geistige Leben oder einer erheblichen _Herabminderung_ desselben
+erwecken. Auch dies negative Interesse involviert eine entsprechende
+Eindrucksfähigkeit.
+
+Dagegen erscheinen Abweichungen von der normalen Form, die mit keiner
+derartigen Vorstellung verbunden sind, notwendig relativ "nichtssagend"
+und damit psychologisch mehr oder weniger gewichtlos. Sie erscheinen
+insbesondere dem Sinn und Inhalt der _normalen_ Formen gegenüber entweder
+als ein Zuwenig oder als ein Zuviel oder als beides zugleich. Der
+übermäßig Hagere bleibt schon rein äußerlich betrachtet hinter der
+normalen Bildung zurück. Aber nicht dies äusserliche Zurückbleiben,
+sondern der damit sich verbindende Gedanke einer geringeren Kraft- und
+Lebensentfaltung lässt die Form relativ nichtig erscheinen. Dasselbe gilt
+von der zu kleinen Nase. Sie macht den Eindruck der Verkümmertheit, als
+habe der Organismus nicht Kraft genug gehabt, eine normale Nase zu
+bilden; indem sie an die Bildung der kindlichen Nase erinnert, erweckt
+sie zugleich die Vorstellung einer niedrigeren Stufe geistigen Lebens.
+Dagegen erscheint die zu grosse Nase, soweit sie über das normale Mass
+hinausgeht, als ein Überschüssiges, Zweckwidriges, zum Ganzen des
+Organismus und des ihn erfüllenden Lebens im Grunde nicht mehr
+Hinzugehöriges, und insofern Sinnloses und Nichtiges. Dort ist für unsere
+Vorstellung mit der Form zugleich der Inhalt vermindert; hier reicht der
+Inhalt nicht zu für die Form, so dass diese teilweise inhaltlos
+erscheint. Endlich vereinigen sich beide Arten relativer
+Bedeutungslosigkeit beim übermässig Fetten. Das Fett erscheint als
+kraftlose, also bedeutungslose Wucherung, zugleich hemmt es das gewohnte
+Mass freier Bewegung und Lebensbethätigung.
+
+Unter denselben Gesichtspunkt stellt sich der Typus und die Hautfarbe des
+Negers, über welchen der Ungebildete, und das Neue, worüber das Kind
+lacht. Der Negertypus erweckt allgemein gesagt die Vorstellung einer
+niedrigeren Stufe der Entwicklung; die Hautfarbe ist wenigstens dem
+Ungebildeten als Farbe des menschlichen Körpers _unverständlich_. An sich
+besitzt ja auch die weisse Hautfarbe keine besondere Würde. Aber sie
+gehört für uns, wie die normalen Formen, zum Ganzen des Menschen, ist
+Mitträger des Gedankens an menschliches Leben geworden, auch auf sie hat
+sich damit etwas von der Würde der menschlichen Persönlichkeit
+übertragen. Diese Würde fehlt naturgemäß der schwarzen Hautfarbe, so
+lange wir nicht gelernt haben, auch sie als rechtmässige menschliche
+Hautfarbe zu betrachten. Sie ist also so lange ein relatives Nichts.
+Ebenso ist das Neue für das Kind ein relativ Bedeutungsloses, weil das
+Kind seine Bedeutung, die Zugehörigkeit zu Anderem, aus dem sich die
+Bedeutung ergiebt, die Brauchbarkeit zu diesem oder jenem Zweck u. s. w.
+noch nicht kennen gelernt hat. Als Unverstandenes, noch Sinnloses, und
+darum Nichtiges, nicht um der Neuheit willen, ist das Neue dem Kinde
+komisch,--soweit es dies ist.
+
+Wie in den bisher besprochenen, so ist es in allen Fällen der
+Anschauungskomik wesentlich, dass das relativ Nichtige als ein solches
+erscheine, nicht irgendwo oder irgendwann, sondern in dem Gedanken- oder
+Vorstellungszusammenhang, in den es hineintritt; oder, wie wir auch
+sagen können, dass es nichtiger erscheine, als der Vorstellungs- oder
+Gedankenzusammenhang, in den es sich einfügt, _fordert_ oder _erwarten
+lässt_. Wir erwarten, wenn wir an einer Reihe grosser Gebäude
+vorübergegangen sind, nun auch weiter grosse Gebäude anzutreffen. Wir
+fordern oder erwarten von allem dem, was nun einmal zum Menschen gehört,
+nicht bloss seinen Reden und Handlungen, sondern auch den Formen und
+Farben seines Körpers, dass sie uns den Eindruck einer gewissen
+Bedeutsamkeit machen, dass in ihnen für unser Gefühl oder Bewusstsein
+ein gewisser--nicht überall identischer, auch nicht überall gleich
+erhabener--Sinn, ein gewisses Mass von Zweckmäßigkeit, körperlicher
+oder geistiger Lebenskraft und Leistungsfähigkeit sich ausspreche, oder
+auszusprechen scheine. Wir erwarten, wenn wir unserm Freunde begegnen,
+an ihm alle die Züge der äussern Erscheinung wieder wahrzunehmen, die
+wir gewohnt sind als zu ihm gehörig zu betrachten und die schon dadurch
+eine gewisse positive Bedeutung für uns gewonnen haben u. s. w. Die
+Komik entsteht, wenn _an Stelle_ des erwarteten Bedeutungs- oder
+Eindrucksvollen und unter Voraussetzung eben des
+Vorstellungszusammenhanges, der es erwarten lässt, ein für uns, unser
+Gefühl, unsere Auffassung, unser gegenwärtiges Verständnis minder
+Eindrucksvolles sich einstellt.
+
+
+NACHAHMUNG UND KARIKATUR.
+
+Die Wichtigkeit dieser Bestimmung erhellt noch besonders deutlich, wenn
+wir jetzt mit _Kräpelin_ innerhalb der Anschauungskomik die Fülle der
+Komik der Nachahmung und der Karikatur speziell ins Auge fassen. Wir
+sehen nach _Kräpelin_ bei der Komik der Nachahmung "die eine von zwei uns
+als verschieden bekannten Individualitäten eine teilweise Übereinstimmung
+mit der andern gewinnen und werden dadurch gezwungen, jene beiden
+Vorstellungen miteinander in nahe Beziehung zu setzen, ohne sie doch
+natürlich zu einer vollständigen Deckung bringen zu können." Darauf
+beruht hier für _Kräpelin_ die Komik. Nach dieser Theorie müsste das
+Gefühl der Komik immer entstehen, wenn zwei Personen sich in gewissen
+Punkten entschieden ähnlich, in andern entschieden unähnlich sind, wenn
+beispielsweise von zwei Brüdern der eine ganz die Züge des Vaters hat,
+während der andere teilweise dem Vater, teilweise der Mutter gleicht.
+Auch hier setzen wir ja Personen in nahe Beziehung, ohne sie zur Deckung
+bringen zu können.
+
+_Kräpelins_ Theorie vergisst eben auch hier wiederum die Hauptsache. Er
+übersieht in der Komik der Nachahmung die _Nachahmung_. Nachahmung ist
+_Herauslösung_ von Zügen einer Person, Eigentümlichkeiten derselben,
+Arten zu sprechen, zu handeln, sich zu bewegen, aus dem Zusammenhang, dem
+sie angehören und in dem sie ihre Bedeutung haben.
+
+Dabei können zwei Möglichkeiten unterschieden werden. Die nachgeahmten
+Eigentümlichkeiten seien zunächst Eigentümlichkeiten _irgend welcher_
+Art. Sofern wir sie an der Person wahrnehmen, der sie zugehören, sind sie
+Eigentümlichkeiten dieser Person; d. h. diese Person giebt ihr Wesen
+darin nach gewisser Richtung kund; sie sind nicht bloss diese
+Eigentümlichkeiten, sondern Eigentümlichkeiten, in denen diese Person
+_steckt_. Nun werden sie von mir nachgeahmt. Damit erscheinen sie von
+dieser Person losgelöst. Zugleich erscheinen sie doch für denjenigen, der
+weiss, dass ich nachahme, nicht etwa auf mich übertragen. Sie werden
+nicht als mir thatsächliche zukommende Eigentümlichkeiten aufgefasst. Sie
+sind also isoliert; schweben sozusagen in der Luft. Andererseits werden
+sie doch immer noch als Eigentümlichkeiten der anderen Person _erkannt_.
+Man weiss, ich ahme jene _Person_ nach.
+
+Damit ist der Grund zur Komik gegeben. Die Eigentümlichkeit, die als
+Eigentümlichkeit der Person ihren Sinn hat, büsst vermöge der Loslösung
+von der Person diesen Sinn ein. Sie ist, als zur Person gehörig
+betrachtet, Ausdruck des Wesens derselben; indem ich durch die Nachahmung
+gezwungen werde, sie _für sich_ zu betrachten, geht sie dieses Anspruches
+verlustig. Sie hat, sofern sie der Person zugehört, diese zum Inhalt oder
+Substrat, jetzt kommt ihr dieser Inhalt oder dies Substrat abhanden. Sie
+wird mit einem Worte zur leeren Form. Immer wieder, wenn ich sie im
+Zusammenhang der Person betrachte, füllt sich die Form mit persönlichem
+Inhalte; und jedesmal wenn ich sie in ihrer Isolierung betrachte,
+schrumpft sie zur leeren Form zusammen. Ein Etwas wird zu einem Nichts.
+Dies aber ist der Grund aller Komik.
+
+Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass die komische Wirkung der Nachahmung
+umso grösser sein muss, einmal je mehr das ganze Wesen der Person in der
+nachgeahmten Eigentümlichkeit sich kund giebt, je _charakteristischer_
+also die Eigentümlichkeit für die Person ist, zum anderen, je weniger die
+Eigentümlichkeit zu mir passt, je weniger sie also als meine
+Eigentümlichkeit genommen werden kann.
+
+Andererseits steigert sich die Wirkung notwendig, wenn wir die zweite der
+oben gemeinten Möglichkeiten ins Auge fassen, d. h. wenn wir annehmen die
+Eigentümlichkeit sei eine "_Eigenheit_", ich meine: ein solcher Zug der
+nachgeahmten Person, der im Vergleich zum normalen menschlichen Wesen,
+ebenso wie die leicht zu ertragenden Gebrechen, als ein Zuviel oder ein
+Zuwenig erscheint, also in jedem Falle einen Eindruck relativer
+Nichtigkeit zu machen geeignet ist. Ich sage mit Absicht: geeignet ist;
+denn dass solche "Eigenheiten" an der Person selbst als Kleinheiten oder
+Schwächen erscheinen müssten, soll hier nicht gesagt sein. Sie erscheinen
+dann um so sicherer als solche in der Nachahmung. Eine Art zu sprechen
+etwa verrät eine gewisse Weichheit, ein Sichgehenlassen des Gefühls. Die
+Gefühlsweichheit passt aber zur Person, ist mit anderen wertvollen
+Eigenschaften derselben notwendig verbunden; wir finden sie darum an der
+Person völlig in Ordnung. So finden wir ja an ganzen Gattungen von
+Menschen, an den verschiedenen Geschlechtern, Lebensaltern, Ständen,
+Besonderheiten in der Ordnung und fordern sie sogar, die ohne Rücksicht
+auf die besondere Natur der Träger als Kleinheiten erscheinen würden.
+
+Oder, gehört die Eigentümlichkeit nicht zum Wesen der Person, in dem
+Sinne, dass wir gar nichts Anderes von ihr erwarten, dann haben wir uns
+doch vielleicht in die Person und die Eigentümlichkeit gefunden. Wir
+haben gelernt die Persönlichkeit als Ganzes zu fassen; und in ihrer
+Ganzheit, zu der auch die Schwäche gehört, ist sie uns vertraut.--Indem
+ich nun aber die Eigentümlichkeit nachahme, reisse ich sie aus jenem
+Zusammenhang heraus. Sie wird jetzt gewissermassen Gegenstand absoluter
+Beurteilung, d. h. sie tritt statt in ihrer Beziehung zu ihrem Träger, in
+ihrer Beziehung zum Menschen überhaupt ins Bewusstsein. Sie wird gemessen
+an dem, was man vom Menschen überhaupt erwartet. Und in diesem
+Zusammenhang stellt sie sich als Kleinheit dar und wirkt entsprechend.
+Sie wirkt komisch.
+
+Völlig entgegengesetzte Eigenschaften können auf diese Weise durch
+Nachahmung komisch werden. Wie die Sprechweise, die ein Sichgehenlassen
+des Gefühls verrät, so auch die besonders energische, trotzig
+herausfordernde, kommandomässige. Der Kommandoton bleibt nicht hinter dem
+zurück, was wir im allgemeinen zu erwarten pflegen, sondern geht darüber
+hinaus; er lässt aber seinerseits einen entsprechenden Zweck und Inhalt
+der Rede erwarten. Auch wo der fehlt, ertragen wir am Ende den Ton, wenn
+die Person und Stellung dazu passen. Reissen wir ihn, nachahmend, aus
+diesem Zusammenhang, so erscheint er in seiner Zweck- und Inhaltlosigkeit
+und damit relativ nichtig.
+
+Man sieht leicht, dass zwischen den beiden hier unterschiedenen Fällen
+hinsichtlich des Grundes der Komik derselbe Gegensatz besteht, wie
+zwischen der zu kleinen und der zu grossen Nase oder zwischen
+übermässiger Hagerkeit und übermässiger Körperfülle. Ein Objekt wird
+komisch das eine Mal, weil es selbst eine Erwartung unerfüllt lässt, das
+andere Mal, weil es eine Erwartung erregt, die unerfüllt bleibt. Dieser
+Gegensatz geht durch. Der Mann, der ein Kinderhäubchen aufsetzt, und der
+kleine Junge, der sich einen Cylinder aufs Haupt stülpt, beide sind
+gleich komisch. Zunächst ist dort das Häubchen komisch, weil man an
+seiner Stelle die würdige männliche Kopfbedeckung erwartet, hier das
+Kind, weil wir als Träger des würdigen Cylinders einen Mann erwarten.
+Dann aber heftet sich die Komik auch, in jenem Falle an den Mann, in
+diesem an den Cylinder, weil der Mann, indem er das Häubchen aufsetzt,
+seiner Würde als Mann, der Cylinder, indem er sich herablässt das Haupt
+des Kindes zu schmücken, seiner Würde als männliche Kopfbedeckung sich zu
+begeben scheint.
+
+Mit der Komik der Nachahmung ist die der Karikatur verwandt. Auch bei der
+letzteren werden "Eigenheiten" herausgehoben, nicht durch Herauslösung
+aus dem gewohnten Zusammenhang, aber durch Steigerung. Ich zeichne einen
+Menschen im übrigen korrekt, vergrössere aber die etwas zu grosse, oder
+verkleinere die etwas zu kleine Nase, verstärke die Hagerkeit oder die
+Rundung der Person u. s. w. In jedem Falle handelt es sich um die
+Hervorhebung eines relativ Nichtigen. Dies macht zunächst die Karikatur
+selbst zum Gegenstand der Komik, dann auch das Original, mit dem wir
+nicht umhin können sie zu identifizieren.
+
+Dass _Kräpelin_ das Wesentliche dieses Vorgangs übersieht, verwundert uns
+nicht mehr. Die Komik beruht ihm hier wie bei der Nachahmung auf
+Ähnlichkeit und daneben bestehendem Kontrast: Die Karikatur lässt die
+Ähnlichkeit prägnant hervortreten, sorgt aber zugleich dafür, dass der
+Kontrast mit dem Original genügend gewahrt bleibt. Nach dieser Theorie
+müsste jedes in einigen Teilen getroffene, in andern vom Original
+entschieden abweichende Bildnis komisch wirken, selbst dann, wenn die
+Abweichung vielmehr in einer _Vertuschung_ oder _Weglassung_ solcher
+Eigentümlichkeiten bestände, die im Original abnorm oder komisch sind.
+
+
+SITUATIONSKOMIK.
+
+Sollte aus dem Bisherigen das Recht der an _Kräpelin_ geübten Kritik und
+der an Stelle der seinigen gesetzten Anschauung noch nicht völlig
+deutlich geworden sein, dann wird die Betrachtung der zweiten
+_Kräpelin_'schen Hauptgattung der Komik hoffentlich zu diesem Ziele
+führen. Kräpelin bezeichnet als solche die Situationskomik. "Das
+gemeinsam wirkende Element der Situationskomik ist stets ein
+Missverhältnis zwischen menschlichen Zwecken und deren Realisierung".
+Dass diese Angabe, auch wenn wir nur _Kräpelins_ Beispiele ins Auge
+fassen, zu enge ist, verschlägt uns hier um so weniger, als _Kräpelin_
+selbst sie im darauf folgenden Satze wieder aufhebt und den Begriff der
+Situation wesentlich erweitert: "Gerade das ist das Charakteristische der
+Situation, dass sie keinen Ruhezustand zulässt, sondern einen einzelnen
+Moment aus einer Reihe von Handlungen oder Begebenheiten herausgreift".
+Darnach wäre die Situationskomik die Komik des Nacheinander von
+Begebenheiten oder Handlungen.
+
+Dagegen ist mir der Umstand wesentlich, dass jene Bestimmung zugleich zu
+weit ist. Auch bei der Situationskomik kann nicht ein Missverhältnis als
+solches das Gefühl der Komik erzeugen. Auch hier entsteht dies Gefühl
+nur, indem ein Element in dem Gedankenzusammenhang, in den es
+hineintritt, als ein relativ Kleines erscheint. Wiederum ist dabei
+notwendig das Kleine der Zielpunkt, nicht der Ausgangspunkt der
+gedanklichen Bewegung. Es ist nicht komisch, wenn Columbus, statt den
+Seeweg nach Ostindien zu finden, Amerika entdeckt. Der Kontrast zwischen
+"Zweck" und "Realisierung" ist hier gross genug, aber er ist nicht
+zugleich ein Kontrast zwischen Gross und Klein. Dagegen wäre Columbus
+Gegenstand der Komik geworden, wenn er schliesslich auf irgendwelchem
+Umweg in längst bekannter Gegend gelandet wäre und diese vermeintlich
+entdeckt hätte. Es ist nicht komisch, sondern furchtbar, wenn ein
+Apotheker sich vergreift, und dem Kranken statt des Heilmittels ein
+tötliches Gift giebt. Dagegen würde der Eindruck der Komik nicht
+ausbleiben, wenn wir sähen, dass jemand seinem Feinde, in der Meinung ihn
+zu vergiften, ein unschädliches Pulver eingegeben habe. _Kräpelin_
+freilich glaubt Fällen jener Art ihre Beweiskraft zu nehmen, indem er
+erklärt, es dürften, wo die Komik zu stande kommen solle, "keine
+Unlustgefühle" erregt werden; aber wie es komme, dass in gewissen Fällen
+statt des Gefühles der Komik ein Gefühl der Unlust erzeugt werde, das ist
+eben die Frage, um die es sich handelt, ganz abgesehen davon, dass ja
+auch nach _Kräpelins_ eigner Meinung Unlustgefühle zur Komik
+hinzugehören.
+
+Ob der anderen Bedingung, dass das Kleine _Zielpunkt_ der Bewegung sei,
+in einem gegebenen Falle genügt sei, dies erfahren wir am einfachsten,
+wenn wir wiederum, wie schon oben, den Begriff der Erwartung oder
+Forderung verwenden. "Komisch wirkt die Erfolglosigkeit lebhafter
+Bemühungen." In der That ist es komisch, wenn wir den Schulmeister sich
+vergeblich mühen sehen, eine Schar ungezogener Rangen zur Ruhe zu
+bringen. Dagegen irrt _Kräpelin_, wenn er dieselbe Wirkung dem
+"unvermuteten Erfolg geringfügiger Bestrebungen" zuschreibt. So ist es
+nicht komisch, sondern imponierend, wenn eine Person durch ihr blosses
+Auftreten, einen Blick, ein Wort, eine geringfügige Bewegung, eine grosse
+Menge beherrscht und leitet. Der Unterschied beider Fälle besteht aber
+eben darin, dass der Erfolg dort hinter dem zurückbleibt, was wir nach
+gewöhnlicher Erfahrung erwarten oder fordern, während er hier darüber
+hinausgeht. Ebenso entsteht der Eindruck der Komik, wenn viel versprochen
+und wenig geleistet wird, wenn jemand stolz und selbstbewusst auftritt
+und über kleine Hindernisse stolpert, wenn der Erwachsene redet, handelt,
+denkt wie ein Kind u. s. w.; er entsteht nicht, wenn umgekehrt wenig
+versprochen und viel geleistet wird, wenn jemand bescheiden auftritt und
+leistet, was nach der Art seines Auftretens niemand von ihm erwartete,
+wenn das Kind, ohne doch unkindlich zu erscheinen, einen Grad des
+Verständnisses verrät, dem wir in seinem Alter sonst nicht zu begegnen
+gewohnt sind.
+
+Nur unter einer Bedingung kann auch bei Fällen dieser letzteren Art das
+Gefühl der Komik sich einstellen; dann nämlich, wenn sich in unseren
+Gedanken der Zusammenhang der Facta in der Weise umkehrt, dass dasjenige,
+was dem natürlichen Gang der Dinge zufolge an die Stelle des Erwarteten
+tritt, zu dem wird, was die Erwartung erregt, und umgekehrt. Angenommen
+etwa, wir sehen nicht die geringe Bemühung und auf diese folgend das
+bedeutsame Ergebnis, sondern hören zuerst von dem letzteren, und erwarten
+nun oder fordern an der Hand geläufiger Erfahrung, dass eine bedeutsame
+Anstrengung vorausgegangen sei, oder wir sehen wohl erst die geringe
+Bemühung, und dann den grossen Erfolg, wenden aber nachher unsern Blick
+von dem Erfolg wiederum zurück zur geringen Bemühung und finden diese
+geringfügiger als wir eigentlich glauben erwarten zu müssen,--in jedem
+der beiden Fälle kann die geringfügige Bemühung komisch erscheinen. Aber
+derartige Fälle wiederlegen nicht, sondern bestätigen unsere Behauptung.
+Nicht der objektive Zusammenhang, sondern der Zusammenhang in unserem
+Denken und das Vorher und Nachher innerhalb dieses Zusammenhangs, ist ja
+für uns das Entscheidende.
+
+
+DIE ERWARTUNG.
+
+Mit der Anschauungs- und Situationskomik ist für _Kräpelin_ der Umkreis
+der objektiven Komik abgeschlossen. Entsprechend könnten auch wir die
+Kritik der _Kräpelin_'schen Theorie abschliessen, wenn wir uns nicht
+bereits in einen neuen Streit mit ihrem Autor verwickelt hätten. Wir
+thaten dies durch die Art, wie wir den Begriff der Erwartung verwandten.
+Die Einführung dieses Begriffs geschah gelegentlich; und seine Verwendung
+schien in den speziell angeführten Fällen wohl gerechtfertigt. Es fehlt
+aber noch--nicht nur die prinzipielle Rechtfertigung, sondern sogar die
+genauere Bezeichnung desjenigen, was eigentlich mit diesem Begriff gesagt
+sein solle. Beides wollen wir im Folgenden nachzuholen versuchen. Dabei
+wird auch erst die volle Tragweite dieses Begriffs deutlich werden.
+
+Wie schon erwähnt, erklärt _Kant_ die Komik aus der plötzlichen Auflösung
+einer Erwartung in Nichts. Auch _Vischer_ lässt die Erwartung als ein
+wesentliches Moment der Komik erscheinen, wenn er gelegentlich das
+"Erhabene", zu dem das Nichtige in komischen Gegensatz tritt, mit dem
+identifiziert, was irgend eine, wenn auch an sich unmerkliche Erwartung
+und Spannung erregt. (Ästhetik I, § 156).
+
+Mit solchen Erklärungen scheint eben unsere Anschauung ausgesprochen.
+Dagegen spricht _Kräpelin_ der Erwartung jede prinzipielle Bedeutung ab,
+obgleich er doch wiederum jener _Kant_'schen Bestimmung ein gewisses
+Recht zugesteht.
+
+Zunächst soll die Erwartung die Wirkung der Komik nur verstärken. Was die
+Wirkung eigentlich hervorbringt, ist der Vorstellungskontrast. Darnach
+sind Kontrast und in Nichts aufgelöste oder enttäuschte Erwartung für
+_Kräpelin_ jederzeit nebeneinander stehende Momente. Von einem solchen
+Nebeneinander nun konnten wir in den oben besprochenen Fällen nichts
+bemerken. Vielmehr lag eben in der Enttäuschung der Erwartung, d. h. in
+dem Kontrast zwischen dem Erwarteten und dem relativen Nichts, das dafür
+eintrat, jederzeit der ganze Grund der Komik.
+
+Es ist, um viele Fälle in einen Typus zusammenzufassen, komisch, wenn
+Berge kreissen und ein winziges Mäuschen wird geboren. Man lasse dabei
+die Erwartung weg, nehme an, das Kreissen der Berge gebe zu keiner
+Vermutung über die Beschaffenheit dessen, was daraus entstehen möge,
+Anlass, so dass der Gedanke, es werde etwas Grosses geboren werden, nicht
+näher liegt als der entgegengesetzte, und die Komik ist dahin. Sie beruht
+also freilich auf einem Kontrast, aber nicht auf dem Kontrast der Berge
+und des Mäuschens, sondern auf dem Kontrast des Erwarteten und des dafür
+Eintretenden.
+
+Dies wird noch deutlicher in anderen Fällen. Vor mir liege ein chemischer
+Körper, der bei einem leichten Schlage mit lautem Knall explodieren soll.
+Indem ich den Schlag ausführe, bin ich auf den Knall gefasst. Ich höre
+aber thatsächlich nur das Geräusch, das der Schlag auch sonst
+hervorgebracht hätte: der Versuch ist missglückt. Hier ist dasjenige, was
+die Erwartung erregt, die Wahrnehmung des Schlages, an sich so
+geringfügig wie dasjenige, was folgt. Kein Kontrast irgendwelcher Art
+findet statt zwischen dem leichten Schlage und dem Geräusch. Der Kontrast
+besteht einzig zwischen dem Geräusch und der erwarteten Explosion. Hierin
+also ist der Grund der Komik zu suchen.
+
+Diesen Fällen lassen sich leicht solche entgegenstellen, in denen
+lediglich darum _keine_ komische Wirkung entsteht, weil die Erwartung und
+ihre Auflösung in Nichts _fehlt_. Im Vergleich zu einem hohen Berge
+erscheint jedes darauf stehende Haus klein. Das Haus ist darum doch nicht
+notwendig kleiner als man erwartet, Unter dieser Voraussetzung fehlt dann
+auch die Komik, trotz jenes Kontrastes zwischen Berg und Haus.
+
+Darnach müssen wir jetzt sogar _Kräpelins_ Kontrasttheorie in einem neuen
+wesentlichen Punkte korrigieren. Wir korrigieren damit zugleich uns
+selbst, sofern wir uns oben die _Kräpelin_'sche Ausdrucksweise
+einstweilen gefallen liessen. Der Kontrast zwischen menschlichen Zwecken
+und ihrer Realisierung, zwischen lebhaften Bemühungen und deren
+Erfolglosigkeit u. s. w., auf den _Kräpelin_ die Situationskomik
+gründete, hat als solcher mit der Komik gar nichts zu thun. An seine
+Stelle tritt der Kontrast zwischen der erwarteten und der thatsächlichen
+Realisierung, zwischen dem Erfolg, den wir den Bemühungen, sie mögen
+"lebhaft" sein oder nicht, naturgemäss zuschreiben, und der wirklichen
+Erfolglosigkeit. Ebenso tritt bei der Anschauungskomik an die Stelle des
+Kontrastes zwischen "dem angeschauten Gegenstand und Bestandteilen
+unseres Vorstellungsschatzes" der Kontrast zwischen der Beschaffenheit
+des Angeschauten, die wir auf Grund unseres Vorstellungsschatzes
+naturgemäß voraussetzen, und derjenigen, die die Anschauung aufweist. Mit
+einem Worte, der Vorstellungskontrast löst sich auf in den Kontrast
+zwischen einem Erwarteten (Geforderten, Vorausgesetzten) und einem an die
+Stelle tretenden Thatsächlichen. Dies ist der eigentliche
+"intellektuelle" Kontrast, den _Kräpelin_ sucht, aber nur mit diesem
+Namen zu bezeichnen weiss.
+
+Zweitens versichert _Kräpelin_, die Erwartung sei "natürlich" nur beim
+successiven Kontrast von Bedeutung. Dagegen berufe ich mich zunächst auf
+den Sprachgebrauch, der nichts dawider hat, wenn ich sage, man erwarte
+bei Menschen eine gewisse normale Körperbildung, oder man erwarte, wenn
+man einen für Erwachsene bestimmten Tisch sehe, dass auch die um ihn
+herumstehenden Stühle Stühle für Erwachsene seien, nicht Kinderstühle u.
+dgl. Oder ist der Sprachgebrauch hier unwissenschaftlich?--Dann ziehe ich
+mich aus dem Streit, indem ich sage, was ich hier unter Erwartung
+verstehe. Diese Pflicht liegt ja ohnehin jedem ob, der die Erwartung zur
+Erklärung der Komik verwendet oder sie ausdrücklich davon ausschliesst.
+
+Die Erwartung einer Wahrnehmung oder einer Thatsache ist jedenfalls ein
+Zustand des Bereit- oder Gerüstetseins zum Vollzug der Wahrnehmung, bezw.
+zur Erfassung der Thatsache. Ein solches Bereitsein kann in unendlich
+vielen Stufen stattfinden. Ich bin nicht bereit eine Wahrnehmung zu
+vollziehen, wenn Anderes, das mit der Wahrnehmung in keinem Zusammenhang
+steht, mich gänzlich in Anspruch nimmt, oder gar Vorstellungen sich mir
+aufdrängen, deren Inhalt dem Inhalt jener Wahrnehmung widerspricht. So
+bin ich nicht vorbereitet einen Glockenschlag zu hören, wenn Gedanken,
+die mit dem Glockenschlage in keiner Beziehung stehen, mich ganz und gar
+beschäftigen. Ich bin in noch minderem Grade vorbereitet, jemand eine
+bedeutende Leistung vollbringen zu sehen, wenn seine ganze Persönlichkeit
+vielmehr den Eindruck der Unfähigkeit zu jeder bedeutenden Leistung
+macht.
+
+Dagegen kann ich mich schon in gewisser Weise auf den Schall vorbereitet
+nennen, wenn mich in dem Augenblicke, wo er eintritt, nichts besonders in
+Anspruch nimmt, wenn also die Schallwahrnehmung relativ ungehindert in
+mir zu stande kommen kann. Ich bin ebenso in gewisser Weise vorbereitet,
+die Leistung sich vollziehen zu sehen, wenn ich hinsichtlich der
+Leistungsfähigkeit der Person kein günstiges, aber auch kein ungünstiges
+Vorurteil hege.
+
+Doch ist in diesen Fällen die Bereitschaft noch eine lediglich negative.
+Sie kann dann aber in den verschiedensten Graden zur positiven werden.
+Bleiben wir bei der Leistung. Angenommen die Person, über deren
+Leistungsfähigkeit ich nichts weiss, habe die glückliche Vollführung
+eines nicht über gewöhnliche menschliche Kräfte hinausgehenden, auch mit
+keinen übergrossen Schwierigkeiten verbundenen Unternehmens angekündigt.
+Daraus ergäbe sich schon ein erhebliches Mass positiver Bereitschaft.
+Ich verstehe die Ankündigung und bin gewohnt anzunehmen, dass derjenige,
+der eine solche Ankündigung ausspricht, nicht nur den guten Willen habe,
+sie zu erfüllen, sondern auch Mittel und Wege dazu finden werde. Dieser
+erfahrungsgemässe Zusammenhang zwischen Ankündigung und Vollführung
+des Unternehmens bereitet mich auf die Wahrnehmung des Unternehmens
+vor, leitet die seelische Bewegung darauf hin; oder wenn man lieber
+will, der Gedanke an die Ankündigung thut dies _vermöge_ jenes
+Gedankenzusammenhanges oder auf dem dadurch bezeichneten _Wege_. Dass die
+Hinleitung wirklich stattfindet, erfahre ich, sobald ich die Leistung
+sich wirklich vollziehen sehe. Ich erlebe den Vollzug derselben nicht nur
+ohne Befremden und Überraschung, sondern wie etwas, das so sein muss. Ich
+finde mich in das Erlebnis nicht nur ohne Widerstreben, sondern ich würde
+mich umgekehrt nur mit einem gewissen Widerstreben in das Nichteintreten
+desselben finden. Dies Streben, bezw. Widerstreben kann nur in dem
+Vorhandensein eines auf die Wahrnehmung des Vollzugs der Leistung
+hinleitenden oder hindrängenden Faktors seinen Grund haben.
+
+Damit ist indessen noch nicht der höchste Grad der Bereitschaft erreicht.
+Sie steigert sich, wenn ich von der Leistungsfähigkeit der Person die
+beste Meinung habe, wenn ich zugleich an ihrer Zuverlässigkeit nicht
+zweifle, wenn endlich solche Elemente, die dem, was kommen soll,
+unmittelbar angehören, in der Wahrnehmung oder Erfahrung bereits gegeben
+sind. Ich weiss etwa, der Moment, für den die Leistung angekündigt war,
+ist da; ich sehe auch die Person zum Vollzug derselben sich anschicken.
+Jetzt wird mein Vorstellen gleichzeitig durch alle diese Faktoren auf die
+Wahrnehmung des wirklichen Vollzugs der Leistung hingeleitet. Die Energie
+dieser Hinleitung nimmt zu; bis zu dem Momente, wo es sich entscheiden
+muss, ob die That geschieht oder nicht. Wiederum verrät sich die
+vorbereitende Kraft jener Faktoren in der unmittelbaren Erfahrung. Immer
+begieriger und leichter vollziehe ich die Wahrnehmung der Leistung, wenn
+sie wirklich geschieht, und immer befremdlicher finde ich mich angemutet,
+wenn sie schliesslich dennoch unterbleibt.
+
+Vielleicht freilich giebt man nicht viel auf diese unmittelbare
+Erfahrung. Dann mag daran erinnert werden, dass die Wirksamkeit solcher
+Faktoren auch experimentell feststeht. Psychische Messungen ergeben,
+dass Wahrnehmungsinhalte um so schneller von uns erfasst werden oder zu
+unserem Bewusstsein gelangen, je mehr derartige Faktoren, je mehr also
+Vorstellungs- oder Wahrnehmungsinhalte, die mit der neuen Wahrnehmung in
+engem erfahrungsgemässem Zusammenhang stehen, bereits gegeben sind. So
+ist die Zeit, die zwischen der Auslösung eines Schalles und der
+Wahrnehmung desselben verfliesst, kürzer, wenn derjenige, der ihn hört,
+vorher weiss, es werde ein Schall von dieser bestimmten Beschaffenheit
+erfolgen, als wenn er ihn völlig unvorbereitet hört; sie ist noch kürzer,
+wenn dem Schall in bestimmter, dem Hörer genau bekannter Zeit
+irgendwelches Signal vorangeht. Diese successive Verkürzung der Zeit
+beweist so deutlich als möglich die den Vollzug der Wahrnehmung
+vorbereitende und erleichternde Kraft jener Faktoren.
+
+Der zuletzt bezeichneten Art der Bereitschaft nun wird jedermann den
+Namen der Erwartung zugestehen. Wir "erwarten" das in Aussicht gestellte
+und angefangene Unternehmen sich vollenden zu sehen. Dagegen sagen wir
+nicht, wir erwarten einen Schall zu hören, wenn die Wahrnehmung desselben
+nur in dem Sinne vorbereitet ist, dass ihr kein besonderes Hindernis
+entgegensteht. Wir "erwarten" auch nicht den Vollzug der Leistung, wenn
+die Ankündigung derselben uns zwar bekannt, aber im Augenblicke nicht in
+uns wirksam ist, sei es dass der Gedanke überhaupt nicht in uns lebendig
+ist, sei es dass sonstige seelische Vorgänge ihn verhindern seine
+Wirksamkeit zu entfalten.
+
+Darnach wissen wir, worin das Wesen der Erwartung besteht. Wir sprechen
+von einer solchen, und sind berechtigt davon zu sprechen, wenn die
+Bereitschaft zum Vollzug einer Wahrnehmung oder zur Erfassung einer
+Thatsache eine aktive ist, d. h. wenn in uns _lebendige_ Wahrnehmungen
+oder Vorstellungen vermöge ihrer Beziehung zu der Wahrnehmung oder
+Thatsache auf diese hinweisen oder hindrängen; und wir haben ein um so
+grösseres Recht von Erwartung zu sprechen, je bestimmter und
+ungehinderter die Wahrnehmungen oder Vorstellungen eben auf diese
+Wahrnehmung oder Thatsache hindrängen.
+
+Damit sehen wir in der Erwartung nicht eine besondere seelische
+Thätigkeit, oder ein über den associativen "Mechanismus" hinausgehendes
+seelisches Geschehen. Zwei seelische Vorgänge sind durch Association
+verknüpft, dies heisst gar nichts anderes, als, sie sind so aneinander
+gebunden, dass die Wiederkehr des einen auf die Wiederkehr des ändern
+hindrängt; und dies Hindrängen giebt sich überall darin zu erkennen, dass
+der zweite seelische Vorgang sich, sei es überhaupt vollzieht, sei es
+leichter vollzieht, weil der erstere sich vollzieht oder sich vollzogen
+hat; womit dann zugleich gesagt ist, dass ein jenem Vorgang
+gegensätzlicher in seinem Entstehen gehemmt werden wird. Oder kurz
+gesagt, wir sprechen von Association darum und nur darum, weil wir es
+erleben, dass seelische Vorgänge sich als wirksame Bedingungen anderer,
+damit natürlich zugleich als Hemmung entgegengesetzter erweisen. Die an
+sich unbekannte Beziehung zwischen Vorgängen, welche in dieser
+Wirksamkeit sich äussert, nennen wir Association. Auch die Erwartung ist
+nur ein besonderer Fall der Wirksamkeit der Associationen. An gewisse
+Bewusstseinsinhalte hat sich in den besprochenen Fällen eine Wahrnehmung
+oder der Gedanke an die Verwirklichung eines Geschehens erfahrungsgemäss
+geknüpft. Diese Verknüpfung bethätigt sich, indem die Wahrnehmung oder
+die Erfassung des Geschehens leichter sich vollzieht, und eben damit
+zugleich der Vollzug einer entgegengesetzten Wahrnehmung oder eines
+widersprechenden Gedankens eine Hemmung erleidet, sobald jene
+Bewusstseinsinhalte wiederum in uns lebendig werden.
+
+Ein Punkt nur scheint noch übersehen: das Gefühl des Strebens oder der
+inneren Spannung, das die Erwartung begleitet. Aber dies Gefühl ist, wie
+dies schon oben gelegentlich von den Gefühlen überhaupt gesagt wurde,
+nicht mitwirksamer Faktor. Es ist ein Nebenprodukt, das überall sich
+einstellt, wo der Fluss des seelischen Geschehens auf ein Ziel gerichtet
+ist, dies Ziel aber nicht, oder einstweilen nicht erreichen kann; oder
+anders ausgedrückt, wo aktive, also in thatsächlich vorhandenen
+Empfindungen oder Vorstellungen bestehende Bedingungen für ein seelisches
+Geschehen gegeben sind, ohne dass doch dies Geschehen, sei es überhaupt,
+sei es einstweilen sich vollziehen kann. Wir werden in dem Gefühl des
+Strebens eben dieses Sachverhaltes, dieser Kausalität, die ihres
+zugehörigen Erfolges überhaupt oder einstweilen entbehren muss, inne; es
+bildet den Widerschein desselben in unserem Bewusstsein.
+
+Von den vorhin besprochenen Beispielen der Erwartung gilt nun
+thatsächlich, was _Kräpelin_ als zu aller Erwartung gehörig anzusehen
+scheint; es ist dabei das die Erwartung Erregende objektiv früher als das
+Erwartete. Besteht aber das Wesen der Erwartung in dem eben Angegebenen,
+dann ist nicht einzusehen, inwiefern jenes Verhältnis objektiver
+Succession dafür wesentlich sein sollte. Auch wenn eine Reihe grosser
+Paläste die Erwartung in mir erregt, es werden weiter grosse Bauwerke
+folgen, weist ein seelisches Geschehen, nämlich die Wahrnehmung der
+Paläste auf eine Wahrnehmung, nämlich die ähnlich grossartiger Bauwerke,
+hin und bereitet sie vor. Dass hier das Erwartete, bezw. das dafür
+Eintretende kein zeitlich Nachfolgendes ist, macht psychologisch keinen
+Unterschied. Die Wirkung ist dieselbe; auch das Gefühl der Spannung
+braucht nicht zu fehlen.
+
+Nebenbei bemerke ich, dass in diesem Beispiel auch das Band, das die
+"Vorbereitung" vermittelt, ein anderes ist, als in den oben angeführten
+Fällen,--nicht erfahrungsgemässer Zusammenhang, sondern Ähnlichkeit. Auch
+dies aber ändert die Wirkung nicht. Wir kennen ja überhaupt zwei
+wirkungsfähige Arten des Zusammenhanges zwischen seelischen Vorgängen,
+oder zwei "Associationen", nämlich die Association, die durch Erfahrung,
+d. h. durch gleichzeitiges Erleben, _geworden_ ist, und die ursprüngliche
+Association der _Ähnlichkeit_.
+
+Immerhin besteht beim letzten Beispiele noch ein Verhältnis der
+_subjektiven_ Succession. Das neue grosse Gebäude oder das an seine
+Stelle tretende kleine Häuschen folgt wenigstens in der Wahrnehmung oder
+Betrachtung auf die Reihe der Paläste. Und diese Succession scheint
+allerdings für die Erwartung wesentlich. Aber eine Art dieser lediglich
+subjektiven Succession ist, wie wir schon wissen, auch für die Komik,
+soweit sie bisher in Betracht kam, wesentlich.
+
+Die Wahrnehmung der menschlichen Körperformen, die der Neger mit uns
+gemein hat, erzeugt die aktive Bereitschaft, mit dem Negerkörper
+ebendenselben Gedanken eines in und hinter den Formen waltenden
+körperlichen und seelischen Lebens zu verbinden, wie wir ihn mit unserem
+Körper zu verbinden nicht umhin können. Die Wahrnehmung des Negerkörpers
+weist oder drängt auf den Vollzug dieses Gedankens hin, wie die
+Ankündigung der Leistung auf die Wahrnehmung der Leistung, oder die Reihe
+der Paläste auf die Wahrnehmung eines gleich imposanten Baues. Das Band,
+das den Hinweis vermittelt, ist, im Unterschied von dem letzteren Falle,
+wiederum das der _Erfahrungsassociation_.
+
+Diesem Gedanken, dass der Negerkörper, ebenso wie der unsrige,
+menschliches Leben in sich schliesse, tritt nun die Wahrnehmung der
+schwarzen Hautfarbe, die wir der Voraussetzung nach noch nicht als Träger
+eines solchen Lebens kennen und anerkennen, sofort negierend entgegen.
+Ich kann den Neger oder die Körperformen nicht sehen, ohne zugleich auch
+diese Farbe zu sehen. Immerhin muss ich doch auch hier erst auf die
+Formen, die der Neger mit uns gemein hat, geachtet haben und dadurch auf
+den Vollzug jenes Gedankens hingedrängt worden sein, ehe jene Negation
+als solche zur Geltung kommen, ehe also die schwarze Hautfarbe die
+Vorstellung des Mangels oder des relativen Nichts in mir wecken kann. Ich
+habe darnach zur Anwendung des Begriffes der Erwartung im Grunde hier
+ebensoviel Recht, wie bei dem kleinen Häuschen zwischen Palästen. Ich
+darf sagen, ich erwarte naturgemäss mit dem Bild des Negerkörpers jenen
+Gedanken verbinden zu können, diese Erwartung aber zergehe angesichts der
+mir fremden Farbe in nichts. Die "Erwartung" besteht thatsächlich, nur
+dass sie auf ihre Entscheidung nicht zu "warten" braucht, und darum auch
+ein merkliches Gefühl der Spannung, wie es sonst die in Erreichung ihres
+Zieles, der Erfüllung oder Enttäuschung, _gehemmte_ Erwartung begleitet,
+nicht entstehen kann.
+
+Es ist nun aber gar nicht meine Absicht, hier dem Begriff der Erwartung
+eine möglichst weite Anwendbarkeit zu sichern. Mag man die Erwartung da,
+wo man auf die Erfüllung oder Enttäuschung nicht zu "warten" braucht, und
+darum kein merkbares Spannungsgefühl eintritt, trotzdem als solche
+bezeichnen oder nicht, uns kommt es einzig an auf das in aller Erwartung
+Wesentliche und psychologisch Wirksame, die aktive Bereitschaft also zur
+Erfassung eines Inhaltes. Und diese findet sich bei aller bisher
+besprochenen Komik.
+
+
+DIE KOMIK ALS GRÖSSE UND KLEINHEIT DESSELBEN.
+
+Es bleibt uns jetzt noch die Frage, worin diese psychologische
+Wirksamkeit, dem an die Stelle des Erwarteten tretenden relativen Nichts
+gegenüber, bestehe. Diese Frage versuche ich hier wenigstens
+vorbereitungsweise und mit dem Vorbehalt späterer genauerer Bestimmung zu
+beantworten. Ein wichtiger Besuch ist mir angekündigt. In dem
+Augenblicke, in dem der Besuch kommen soll, höre ich draussen Schritte;
+die Thüre öffnet sich; es tritt jemand ein. Mit jedem dieser Momente
+steigert sich die Erwartung. Die Erwartung ist aber als solche zugleich
+eine der thatsächlichen Verwirklichung vorauseilende _Anticipation_ des
+Erwarteten. Die Person, die eintritt, _ist_ für mich, ehe ich sie sehe,
+die angekündigte; insbesondere die Wichtigkeit oder Bedeutung, welche die
+erwartete Person für mich hat, weise ich ihr im voraus zu, und ich thue
+dies um so sicherer, je bestimmter die Erwartung ist.
+
+Nun tritt in Wirklichkeit ein Bettler ein. Dieser besitzt also im Momente
+seines Eintretens für mich jene Bedeutung; er _ist_ die wichtige Person.
+Thatsächlich freilich kommt ihm die Bedeutung nicht zu. Aber diesen
+Gedanken muss ich erst vollziehen; ich muss den Bettler als solchen
+erkennen und anerkennen; ich muss ihm auf Grund dessen die Bedeutung
+wieder absprechen. Mit diesem letzteren ist eine psychologische
+_Leistung_ bezeichnet, eine um so erheblichere, je sesshafter der Gedanke
+an die Bedeutung der eintretenden Person vorher in mir geworden ist. Ehe
+ich diese Leistung vollzogen habe, im ersten Momente also, bleibt die
+vorher vollzogene Vorstellungsverbindung in Kraft. Dann freilich löst sie
+sich unmittelbar. Der Bettler sinkt unvermittelt in sein Nichts zurück.
+
+Völlig analog verhält es sich in zahllosen andern, und der Hauptsache
+nach gleichartig in allen Fällen der Komik überhaupt. Der Bettler, so
+können wir allgemeiner sagen, spielt die "Rolle" des wichtigen Besuches,
+nicht in Wirklichkeit, sondern für mein Vorstellen; er beansprucht die
+Bedeutung desselben, gebärdet sich so, für mein Bewusstsein nämlich. Dann
+stellt er sich unvermittelt dar als das, was er ist. Ebenso spielt das
+Kinderhäubchen auf dem Kopf des Erwachsenen die "Rolle" der männlichen
+Kopfbedeckung, der kleine Knabe unter dem männlichen Hute die Rolle des
+Mannes. Das kleine Häuschen in der Reibe von Palästen "gebärdet" sich wie
+einer der Paläste; die Hautfarbe des Negers "erhebt den Anspruch", ebenso
+als Träger und Verkündiger eines hinter ihr pulsirenden menschlichen
+Lebens zu gelten, wie die unsrige. Sie spielen die Rolle und erheben den
+Anspruch, um dann doch sofort wieder die Rolle fallen zu lassen und des
+Anspruchs beraubt zu erscheinen.
+
+Ob das komische Objekt den Anspruch zu erheben objektiv berechtigt ist
+oder nicht, thut dabei nichts zur Sache. Hinter der Hautfarbe des Negers
+pulsiert thatsächlich dasselbe Leben, wie hinter der unsrigen; sie hat
+für ihn dieselbe Bedeutung wie für uns die unsrige. Nur darauf kommt es
+an, ob das Objekt erst für uns den Anspruch erhebt, dann ihn _für uns_
+wieder fallen lassen muss, oder anders gesagt, ob wir ihm auf Grund
+irgend welcher Vorstellungsassociation die Bedeutung erst zugestehen,
+dann sie ihm auf Grund einer thatsächlich in uns bestehenden, wenn auch
+ungerechtfertigten Betrachtungsweise wiederum absprechen müssen. Immerhin
+hat es Wert, diese beiden Möglichkeiten ausdrücklich zu unterscheiden.
+
+Zugleich dürfen wir auch das andere niemals vergessen, dass--wiederum für
+uns oder für unsere Betrachtung--der Ausspruch einer "_Grösse_" erst
+_entstehen_, dann _vergehen_ muss. Ich erwähne hier noch einmal ein
+Beispiel der Komik, das _Herkenrath_ anführt und das wir schon oben
+kennen gelernt haben. In diesem Beispiel meint _Herkenrath_, sei jener
+Sachverhalt umgekehrt. Es trete in ihm nicht ein Kleines an die Stelle
+eines Grossen, sondern ein Grosses an die Stelle eines erwarteten
+Kleinen. Ich meine das Beispiel der in den Schrank eingeschlossenen
+würdevollen Tante. _Herkenrath_ legt Gewicht darauf, dass die Tante an
+der Stelle der Katze, die man vorzufinden erwartete, dem Blicke sich
+darbietet. Aber die Komik beruht darauf, dass man von der Tante eine
+würdevolle Situation erwartete, und eine würdelose findet.
+
+Trotz dieses Einwandes meint _Herkenrath_, ich erkläre die objektive
+Komik assez ingénieusement. Nur hätte ich nachher Mühe, die anderen Arten
+der Komik in die einmal gewonnene Theorie einzufügen. Darauf antworte ich
+schon hier, dass ich solche Mühe unmöglich haben kann, da für mich alle
+Arten der Komik auf demselben, hier bezeichneten Prinzip beruhen.
+
+
+
+
+V. KAPITEL. OBJEKTIVE KOMIK. ERGÄNZUNGEN.
+
+
+DAS KOMISCHE "LEIHEN".
+
+Unser bisheriges Ergebnis ist dies. Das Gefühl der Komik entsteht, indem
+ein--gleichgültig ob an sich oder nur für uns--Bedeutungsvolles oder
+Eindrucksvolles für uns oder in uns seiner Bedeutung oder
+Eindrucksfähigkeit verlustig geht.
+
+Das zur Feststellung dieses Satzes Vorgebrachte bedarf aber noch der
+Ergänzung oder der näheren Bestimmung. Diese wollen wir in der Weise
+gewinnen, dass wir zugleich solche andere Theorien, die gleichfalls auf
+jener Grundanschauung beruhen, oder wenigstens Elemente derselben in sich
+schliessen, mit in die Diskussion hereinziehen.
+
+Schon _Lessing_ war mit dem Kontrast--zwischen Vollkommenheiten und
+Unvollkommenheiten--wie ihn die _Wolff_'sche Schule der Komik zu Grunde
+gelegt hatte,--nicht zufrieden, sondern forderte, dass die
+Kontrastglieder sich verschmelzen lassen müssen.
+
+Dies wiederum genügt _Vischer_ nicht. Der Kontrast, so erklärt er, muss
+zum Widerspruch werden; der komische Widerspruch aber ist erst vorhanden,
+wenn dasselbe Subjekt "in demselben Punkte zugleich als weise oder stark
+und als thöricht oder schwach" erscheint. Dieser Widerspruch ist "in
+seiner ganzen Tiefe gesetzt" "Widerspruch des Selbstbewusstseins mit
+sich". Das Subjekt muss "erscheinen als um seine Verirrung wissend und
+sich in demselben Momente dennoch verirrend, oder als bewusst und
+unbewusst zugleich".
+
+Thatsächlich freilich weiss das komische Subjekt nicht um seine Verirrung
+oder braucht nicht darum zu wissen. Dann "leihen" wir ihm nach _Vischer_
+dies Wissen oder schieben es ihm unter. Diesen Begriff des Leihens
+entnimmt _Vischer_ von _Jean Paul_ und er findet darin eine bedeutende
+Entdeckung desselben. Der Sinn des fraglichen Begriffes wird am
+einfachsten deutlich aus dem _Jean Paul_'schen Beispiel, dass auch
+_Vischer_ citiert: "Wenn Sancho eine Nacht hindurch sich über einem
+seichten Graben in der Schwebe erhielt, weil er voraussetzte, ein Abgrund
+klaffe unter ihm, so ist bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht
+verständig und er wäre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung
+wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir leihen
+seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht und erzeugen durch einen
+solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit."
+
+Dieses Leihen bestreitet _Lotze_, und mit gutem Rechte. Schieben wir dem
+zweckwidrig Handelnden unsere ihm verborgene Kenntnis der Umstände unter,
+so wird seine Handlungsweise für uns "in ihrer Dummheit unbegreiflich".
+Da andrerseits _Jean Paul_ recht hat, wenn er die Handlungsweise
+_Sancho_'s unter der Voraussetzung, der Abgrund klaffe wirklich unter
+ihm, recht verständig nennt, so folgt, dass wir das Verhältnis zwischen
+Wissen und Handeln überhaupt nicht für die Komik dieses Falles
+verantwortlich machen dürfen. In der That geht dies auch nach _Vischers_
+Theorie nicht an. _Vischer_ fordert den Widerspruch, aber dass ich meiner
+Einsicht entgegen handle, ist kein Widerspruch. Ein solcher besteht nur
+zwischen Wissen und Nichtwissen, Handeln und Nichthandeln, überhaupt
+zwischen Sein und Nichtsein _Desselben_.
+
+Wie nun dieser wirkliche Widerspruch zu stande kommen könne, darauf führt
+uns _Lotze_'s Erklärung: "Nicht die Kenntnis dieser bestimmten Lage der
+Umstände schreiben wir ihm"--nämlich dem komischen Subjekte--"zu, sondern
+das gravitätische Bewusstsein, ein Wesen zu sein, welches _überhaupt_
+Absichten zu fassen und diese unter beliebigen Umständen passend und
+angemessen zu verwirklichen die allgemeine, bleibende, immer gegenwärtige
+Befähigung habe". Ich betone hier mit _Lotze_ das "überhaupt". _Sancho_
+ist ein Mensch; wir beurteilen ihn darum, zunächst wenigstens, wie wir
+Menschen überhaupt zu beurteilen pflegen. Menschliche Handlungen nun
+erheben als solche, _ganz allgemein_ und _abgesehen_ von besonderen
+störenden Bedingungen, den Anspruch auf eine gewisse Zweckmässigkeit; sie
+erheben ihn in unserer Vorstellung, wir, unser Vorstellen "leiht" ihnen
+den Anspruch. Wir leihen ihn insbesondere auch der Handlung _Sancho_'s.
+Diesem Leihen aber widerspricht der Augenschein; die Handlung ist,
+objektiv betrachtet, also wiederum _abgesehen_ von der Besonderheit der
+Person, unzweckmässig. Daraus entsteht in diesem Falle die Komik.
+
+Fassen wir das Leihen mit _Lotze_ in diesem allgemeinen Sinne, bestimmen
+wir zugleich den komischen Widerspruch in jenem Beispiel in
+Übereinstimmung mit unserer obigen Anschauung als Widerspruch zwischen
+dem geliehenen Anspruch auf Zweckmässigkeit und der thatsächlichen
+Unzweckmässigkeit, dann erscheint auch uns _Jean Paul_'s "Entdeckung" in
+hohem Masse wertvoll. Es bleibt an _Vischer_ und _Lotze_ dann nur noch
+auszusetzen, dass sie das "Leihen" und damit die Komik auf die
+Persönlichkeit beschränken. Wie wir sahen, ist für _Vischer_ der komische
+Widerspruch ein Widerspruch des Selbstbewusstseins mit sich; _Lotze_
+weist diesen lediglich intellektuellen Widerspruch zurück, stimmt aber
+der Definition St. _Schütze_'s bei, das Lächerliche sei die Wahrnehmung
+eines Spieles, das die Natur mit dem Menschen treibe; durch dies Spiel
+komme seine vermeintliche Erhabenheit zu Fall. Der Kontrast zwischen dem
+Erhabenen und Kleinen der _Ausdehnung_ wird von _Vischer_ sogar
+ausdrücklich aus der Reihe der komischen Kontraste gestrichen.
+
+Aber auch bei der Erhabenheit der Person kommt es nicht darauf an, dass
+sie Erhabenheit der _Person_, sondern nur darauf, dass sie erwartete,
+vorausgesetzte, beanspruchte, kurz geliehene _Erhabenheit_ ist, die
+angesichts der Wahrnehmung oder in unserem Denken sofort wiederum in
+Nichts zergeht. Die Komik muss darum entstehen, _wo immer_ wir ein
+Erhabenes, das heisst zur Erzeugung eines Eindruckes Befähigtes erwarten
+oder voraussetzen, und ein relativ Nichtiges an die Stelle tritt und
+seine Rolle spielt, die Erhabenheit oder Eindrucksfähigkeit mag bestehen,
+worin, oder sich gründen, worauf sie will. Sie muss überall entstehen
+genau aus demselben Grunde, aus dem sie bei der Persönlichkeit entsteht.
+Dieselben psychologischen Ursachen müssen überall denselben
+psychologischen Erfolg haben.
+
+Freilich ist ja zuzugeben, dass es keine wirkliche oder geliehene
+Erhabenheit giebt, die höher steht als die der Person. Andrerseits ist
+sicher, dass wir überall der Neigung unterliegen, Ausserpersönliches und
+Aussermenschliches zu vermenschlichen; und es ist ein grosses Verdienst
+_Vischer_'s und _Lotze_'s, auf diese Vermenschlichung so eindringlich
+hingewiesen haben. Auch das kleine Häuschen in der Reihe der Paläste oder
+das unbedeutende Geräusch, das an die Stelle des erwarteten lauten
+Getöses tritt, wird unserer Phantasie nach Analogie eines menschlichen
+Wesens erscheinen, das zu sein glaubt, oder gerne sein möchte, was es
+nicht ist. Damit _erhöht_ sich der Eindruck der erwarteten Erhabenheit,
+und der gegensätzliche Eindruck der Nichtigkeit; es verstärkt sich
+zugleich das Gefühl der Komik. Darum _entsteht_ doch die Komik nicht erst
+aus der Vermenschlichung.
+
+Damit ist die oben vorgetragene Anschauung gegen _Lotze_ und _Vischer_
+gerechtfertigt. Wir haben sie aber noch weiterhin zu rechtfertigen.
+
+Ich denke hierbei speziell an die Bemerkungen, die _Heymans_ in der
+Zeitschrift für Psychologie etc. Bd. XII meiner Theorie der Komik
+hinzufügt. Diese Bemerkungen schliessen durchweg Berechtigtes in sich.
+Sie sind mir darum ein besonders erwünschter Anlass gewisse Momente der
+fraglichen Theorie genauer zu bestimmen.
+
+
+"SELBSTGEFÜHL IN STATU NASCENDI". KOMIK UND LACHEN.
+
+Zunächst begegnen wir hier noch einmal der Identifizierung des Gefühls
+der Komik mit dem gesteigerten Selbstgefühl. Doch ist dies "gesteigerte
+Selbstgefühl" _Heymans_' besonderer Art. Es ist genauer befreites
+Selbstgefühl. Von diesem Begriffe meinte ich schon oben, er könne in
+gewissem Sinne auf die Komik angewendet werden. Es fragt sich, ob
+_Heymans_ ihn in zulässiger Weise verwendet.
+
+Zunächst habe ich Folgendes gegen _Heymans_ zu bemerken. Idioten, sagt
+_Heymans_, lachen aus befriedigter Eitelkeit. Nun ist die Erkenntnis
+dessen, was in Idioten innerlich vorgeht, nicht immer eine sehr einfache
+Sache. Aber _Heymans_ mag mit seiner Behauptung recht haben. Dann ist
+doch zu bedenken, dass es uns hier nicht auf das Lachen, sondern auf die
+Komik ankommt. Die Komik ist ein eigenartiges Gefühl, oder eine
+eigenartige Beschaffenheit von psychischen Erlebnissen, die ein solches
+eigenartiges Gefühl zu stande kommen lassen. Dies Gefühl kann im Lachen
+sich kundgeben. Ich kann aber auch das Lachen unterdrücken. Andererseits
+kann das Lachen andere Gründe haben; bei "Idioten" vielleicht die
+befriedigte Eitelkeit. Solange aber damit kein Gefühl der Komik sich
+verbindet, gehört dies Lachen nicht hierher.
+
+Nur im Vorbeigehen möchte ich hier die Zweckmässigkeit der Umfrage
+bezweifeln, die _Stanley Hall_ und _Allin_ zufolge einer Mitteilung des
+American Journal of Psychology vol. XI, 1 angestellt haben. In dieser
+Umfrage werden Beobachtungen über Bedingungen und Arten des Lachens
+gefordert. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Urheber der Umfrage
+scheinen davon unmittelbar einen Aufschluss über die Bedingungen der
+Komik zu erwarten. Vom Lachen, diesem äusseren Vorgang her, scheint die
+Komik verbindlich werden zu sollen.
+
+Diese psychologische Methode nun kann zu einer vollkommenen Verkennung
+des Wesens der Komik führen. Das Wissen davon, bei welchen Gelegenheiten
+Menschen lachen, kann einen Aufschluss über die Bedingungen der Komik
+geben, erst wenn feststeht, wieweit dies Lachen einem Gefühl der Komik
+entspringt.
+
+Die beiden Umfrager scheinen besonders von der Thatsache des kindlichen
+Lachens über die Komik Aufschluss zu erwarten. Dies verstehe ich nicht.
+Niemand kennt bis jetzt das Geheimnis, wie man, gleichzeitig mit dem
+Lachen, den begleitenden psychischen Vorgang im Kinde unmittelbar
+beobachtet. Was überhaupt an anderen unmittelbar beobachtet werden kann,
+sind Lebensäusserungen. Bei Erwachsenen bestehen die psychologisch
+wichtigsten Lebensäusserungen in der glaubhaften Mitteilung dessen, was
+sie in sich vorfinden. Dies gilt, wie überhaupt, so auch hier. Der
+Erwachsene, der das Gefühl der Komik kennt, und von anderen Gefühlen zu
+unterscheiden weiss, kann mir sagen, ob sein Lachen aus dem Gefühl der
+Komik entspringt. Beim Kinde dagegen hin ich auf Vermutungen angewiesen.
+Ich werde sein Lachen auf ein Gefühl der Komik deuten dürfen, wenn die
+Umstände, unter denen es geschieht, der Art sind, dass daraus, dem
+allgemeinen Gesetze der Komik zufolge, dies Gefühl sich ergeben kann,
+bezw. muss. Das heisst: Das Lachen des Kindes giebt mir genau insoweit
+Aufschluss über das Wesen der Komik, als ich dieses Aufschlusses nicht
+mehr bedarf. Dass auch das Lachen des Erwachsenen, wenn mir derselbe
+gleichzeitig _mitteilt_, dass er sich bei seinem Lachen komisch angemutet
+fühle, mein Wissen nicht bereichert, braucht nicht gesagt zu werden.
+
+Das Lachen als solches ist also für das Verständnis der Komik völlig
+bedeutungslos. Wir haben hier einen typischen Fall von Überschätzung des
+Nutzens der objektiven Methode in der Psychologie. Diese tappt hier wie
+überall _nicht_ im Finstern, genau so weit ihr Weg durch die Ergebnisse
+der subjektiven Methode erleuchtet ist. Sie ist im übrigen die
+subjektivste Methode von der Welt, d. h. sie ist eine Weise in die
+Objekte, etwa die Kinder oder Tiere, Beliebiges hineinzudichten, ein
+Mittel lieb gewordene Meinungen durch angebliche Thatsachen sich
+bestätigen zu lassen. _Stanley Hall_ und _Allin_ finden die bisher
+aufgestellten Theorien des Komischen lamentably metaphysical in their
+tendency. Von solchem metaphysischen Charakter sehe ich wenig. Oder soll
+damit gesagt sein, jene Theorien verführen konstruktiv? Dann ist jene
+"objektive" Methode, soweit sie nicht sichere Ergebnisse der subjektiven
+Methode, oder der psychologischen Analyse zur Basis hat, die eigentlich
+metaphysische. Sie ist eine Weise der Konstruktion, die mit dem Dache
+beginnt. Leider ist in dem citierten Aufsatze eine irgend eindringende
+psychologische Analyse nicht angestellt. Es gehen darum die wirklich oder
+angeblich aus jener Methode gewonnenen Resultate, soweit sie nicht vom
+Gebiete der feststellbaren psychologischen Thatsachen abschweifen und in
+physiologische Vermutungen sich verlieren, nicht hinaus über die
+unzureichenden und an der Oberfläche bleibenden Bestimmungen, die wir
+bereits kennen gelernt und abgewiesen haben. Dabei rede ich wiederum
+ausschliesslich von der Komik, nicht vom Lachen, auch nicht von
+beliebigen ausserkomischen Lustgefühlen.
+
+Das hier Gesagte gilt nun nicht mit Bezug auf _Heymans_. _Heymans_'
+psychologische Methode ist die psychologische, also diejenige, die zum
+Ziele führt. _Heymans_ redet, wie wir sahen, gleichfalls vom Lachen. Aber
+er redet doch der Hauptsache nach von Fällen des Lachens, in denen, im
+Lachen, zweifellos ein Gefühl der Komik sich kundgiebt. In gewissen
+dieser Fälle nun mag das Gefühl der Komik den Charakter eines
+gesteigerten oder befreiten Selbstgefühles haben. Dann ist doch auch hier
+das Selbstgefühl ein Gefühl der Komik, nicht sofern es Selbstgefühl ist,
+sondern sofern es das Eigenartige des Gefühls der Komik besitzt und bei
+ihm die Bedingungen verwirklicht sind, die überall das Gefühl der Komik
+begründen.
+
+Kinder etwa lachen, wenn man sich von ihnen besiegen lässt. Der Wilde
+stimmt ein Hohngelächter an über seinen gefallenen Feind. _Heymans_
+meint, mehrere dieser Fälle lassen sich in keiner Weise aus "getäuschter
+Erwartung" erklären. Mir scheint, diese Erklärung liege jedesmal auf der
+Hand, wenn man beachtet, was in unserer Theorie den eigentlichen Sinn der
+getäuschten, nämlich komisch getäuschten "Erwartung" ausmacht.
+
+Der Erwachsene erhebt für das Kind den Anspruch, oder das Kind "erwartet"
+von ihm, dass er sich überlegen zeige. Dieser Anspruch zergeht, wenn der
+Erwachsene sich besiegen lässt. Der Überlegene zeigt sich nicht
+überlegen. Dass der Erwachsene thatsächlich überlegen bleibt und das Kind
+davon weiss, thut nichts zur Sache. Worauf es ankommt, das ist einzig der
+Schein, die im Kinde momentan entstehende Vorstellung, dass die
+Überlegenheit in ihr Gegenteil umgeschlagen sei.
+
+Gleichartiges findet statt in dem anderen der beiden von _Heymans_
+angeführten Fälle. Indem der Gegner des Wilden fällt, fällt zugleich sein
+Anspruch im Kampfe standzuhalten, sein Anspruch auf Stärke, Gewandtheit,
+Geschicklichkeit, vielleicht auf Tapferkeit, in nichts zusammen. Solchen
+Anspruch erhob der Gegner in den Augen des Siegers, indem er zum Kampf
+sich stellte oder sich wehrte, und in gewisser Weise schon einfach als
+Mann.
+
+_Heymans_ fasst schliesslich zusammen: Überall, wo das Selbstgefühl in
+das Gefühl der Komik übergeht, haben wir es zu thun mit einem
+Selbstgefühl in statu nascendi. _Heymans_ meint: mit einem Selbstgefühl,
+dem ein herabgedrücktes Selbstgefühl voranging, also, wie ich oben sagte,
+mit einem "befreiten" Selbstgefühl. Dies wird zuzugeben sein, wenn wir
+voraussetzen, dass die Herabdrückung des Selbstgefühles bedingt war durch
+den Gedanken eines uns gegenüber Übermächtigen, und wenn andererseits das
+Selbstgefühl in der Wahrnehmung oder dem Schein des Zergehens dieses
+Übermächtigen seinen Grund hat.
+
+Im übrigen aber kann das Selbstgefühl in statu nascendi auch ebensowohl
+der Komik völlig entbehren. Wenn ich, innerlich niedergedrückt durch eine
+scheinbar gewichtige Thatsache, auf einmal finde, dass diese Thatsache
+eigentlich belanglos ist, oder gar nicht existiert, wenn eine Furcht
+plötzlich als in sich selbst gegenstandslos sich erweist, so ist dies
+komisch. Wenn aber neben eine bedrückende Thatsache in meinem Bewußtsein
+mit einem Male eine andere tritt, die mich jene vergessen lässt und mich
+tröstet und wieder aufrichtet; oder wenn ich aus bedrückter Lage durch
+die energische Hilfeleistung eines Freundes unerwartet befreit werde, so
+werde ich gewiss befriedigt aufatmen. Aber dies Aufatmen kann von jedem
+Gefühl der Komik beliebig weit entfernt sein. Es wird in allen den Fällen
+gar nichts damit zu thun haben, in denen das, was mich bedrückt, in
+keiner Weise als _in sich selbst_ bedeutungslos erscheint, sondern seine
+Bedeutung behält, aber durch ein Anderes verhindert wird, seine
+niederdrückende Wirkung weiter auszuüben.
+
+_Heymans_ meint, es liege in der plötzlichen Aufhebung eines auf dem
+Bewusstsein lastenden Druckes der springende Punkt, aus welchem die
+komische Wirkung hervorgehe. Dies ist dann, aber auch nur dann richtig,
+wenn wir unter der Aufhebung des Druckes die _besondere_ und in ihrer
+Wirkung völlig _einzigartige_ Aufhebung verstehen, wie sie, um hier den
+kürzesten Ausdruck zu wählen, mit der "Auflösung in nichts" gegeben ist.
+Dass diese Aufhebung wirklich eine besondere ist, kann ja keinem Zweifel
+unterliegen. Es ist nun einmal psychologisch etwas völlig Anderes, ein
+durchaus anderer psychischer Vorgang liegt vor, wenn ein mich
+Bedrückendes das eine Mal durch etwas Anderes aus meinem Bewusstsein
+verdrängt wird, das andere Mal gar nicht daraus verdrängt zu werden
+braucht, weil es in sich selbst zergeht. In beiden Fällen findet die
+Aufhebung des Druckes statt, und in beiden Fällen kann dieselbe eine
+plötzliche sein. Aber nur im letzteren Falle tritt die komische Wirkung
+ein.
+
+
+KOMIK DES "NEUEN".
+
+Wichtiger noch, als der hier erörterte, ist mir ein zweiter Punkt, den
+_Heymans_ gegen mich vorbringt. Kinder, so sagte ich selbst oben, lachen
+über allerlei Neues, über das wir nicht mehr lachen, weil es uns nicht
+mehr neu ist. Hier meint _Heymans_: das Neue sei als solches Gegenstand
+der Aufmerksamkeit, und das Lachen des Kindes entstehe, wenn es in dem
+Neuen nichts finde, das die Aufmerksamkeit festhalten könne, wenn also
+die dem Neuen als solchem zugewendete Aufmerksamkeit zergehe, wenn in
+solcher Weise eine innere Spannung sich löse. Man versteht den
+Streitpunkt: An die Stelle des Gegensatzes zwischen dem _inhaltlich
+Bedeutungsvollen_ oder scheinbar Bedeutungsvollen und dem Nichtigen setzt
+_Heymans_ den Gegensatz des _Neuen_ und durch _Neuheit_ Spannenden und
+des inhaltlich Nichtigen.
+
+Zunächst bitte ich auch hier wiederum zu berücksichtigen, dass unser
+Problem nicht das Lachen ist, sondern die Komik. Im übrigen gilt dies:
+
+Neuheit ist keine Eigenschaft des Neuen. Sondern "Neuheit" eines Dinges
+besagt nur, dass das Ding noch kein gewohntes geworden ist. Die
+Gewohntheit stumpft die Eindrucksfähigkeit ab. Der "Reiz" der Neuheit ist
+also nichts, als die noch nicht durch Gewohntheit verminderte
+Eindrucksfähigkeit eines Dinges. Er ist die Eindrucksfähigkeit, oder die
+"Grösse", welche das Ding von Hause aus oder vermöge seiner
+Beschaffenheit besitzt. Ich verweise hier auf die einschlägigen
+Bemerkungen meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens".
+
+Verhält es sich aber so, dann ist es unmöglich, dass ein Objekt vermöge
+seiner Neuheit die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und dann unmittelbar
+oder mit einem Male, vermöge der erkannten _Beschaffenheit_ des Objektes,
+der Aufmerksamkeit wiederum verlustig geht. Es ist also auch unmöglich,
+dass die Neuheit als solche jemals die Komik bedingt. Sondern so muss es
+sich verhalten, wenn ein Gefühl der Komik entstehen soll: Das Neue muss
+zunächst, abgesehen von seiner Neuheit, als ein Bedeutungsvolles
+erscheinen, dann die Bedeutung in unseren Augen einbüssen.
+
+Dabei ist zu bedenken, dass das Neue, das Kinder erleben, nicht isoliert,
+sondern in einem Zusammenhang aufzutreten pflegt. Dieser Zusammenhang
+rückt es in eine Beleuchtung. Damit wird der Gegensatz des Bedeutsamen
+und des Nichtigen möglich: Eines und dasselbe kann bedeutsam erscheinen
+in einem Zusammenhange, nichtig an sich. Ich begründete oben den Umstand,
+dass Kindern so leicht Neues komisch erscheine, damit, dass ich sagte,
+das Neue sei für sie ein noch nicht Verstandenes, also Leeres. Dies
+hindert doch nicht, dass es jedesmal an der Stelle, wo es auftritt, für
+das Kind eine Bedeutung beansprucht. Und eben weil oder sofern es dies
+thut, zugleich aber diesen Anspruch nicht scheint aufrecht erhalten zu
+können, wird es komisch.
+
+Wie dies zu verstehen sei, zeigt wiederum am einfachsten das Beispiel der
+schwarzen Hautfarbe des Negers. Sie ist dem Kinde, und dem naiven
+Menschen überhaupt, neu, d. h. sie ist ihnen noch nicht als Farbe, die
+ebensowohl wie die unsrige das Recht hat, Menschenfarbe zu sein,
+verständlich und geläufig geworden. Darum erhebt sie doch auch in den
+Augen des Kindes und des naiven Menschen den Anspruch auf diese besondere
+Würde. Vielmehr sie hat diese Würde nach Aussage der Wahrnehmung
+thatsächlich, d. h. sie hat sie für den Wahrnehmenden in dem Augenblick,
+in dem er der Wahrnehmung hingegeben ist. Diese Würde zergeht dann aber,
+sobald der erste Eindruck vorüber ist, und damit die Gewohnheit, als
+menschliche Hautfarbe die weisse und nur die weisse Farbe zu betrachten,
+in Wirkung tritt. Jetzt erscheint die schwarze Hautfarbe nicht mehr als
+zu diesem Anspruch _berechtigt_. Sie erscheint wie ein äusserlicher
+Anstrich. Damit ist die Komik ins Dasein getreten. Die komische Wirkung
+unterbleibt bei uns, weil in unseren Augen jener Anspruch bestehen
+bleibt.
+
+
+KOMISCHE UNTERBRECHUNG.
+
+Noch in einem zweiten Sinne lässt _Heymans_ das Neue als solches die
+Aufmerksamkeit spannen, und wiederum soll hier aus der Lösung dieser
+Spannung die Komik hervorgehen. Nicht um das an sich Neue, sondern um das
+in einem Zusammenhang Neue handelt es sich hier. Genauer gesagt:
+_Heymans_ redet von Fällen, in denen die Unterbrechung eines
+Bedeutungsvollen durch ein davon völlig Verschiedenes, aber momentan die
+Aufmerksamkeit auf sich ziehendes Unbedeutendes den Reiz zum Lachen
+erzeugt. Durch die Aufzeigung solcher Fälle scheint _Heymans_ meiner
+Behauptung entgegenzutreten, dass _Dasselbe_ bedeutungsvoll und dann
+bedeutungslos erscheinen müsse, wenn die Komik zu stande kommen solle.
+
+In dieser Bemerkung _Heymans_' liegt wiederum Richtiges. Aber auch hier
+ist der Gegensatz zu mir nur ein scheinbarer.
+
+In den Fällen, die _Heymans_ anführt, ist das "völlig Verschiedene" in
+Wahrheit kein völlig Verschiedenes. In der That kann dasjenige, wodurch
+ein Bedeutungsvolles in _komischer_ Weise unterbrochen wird, _niemals_
+ein davon völlig Verschiedenes sein. Es muss immer mit dem
+Bedeutungsvollen, das von ihm unterbrochen wird, einen Punkt gemein
+haben. Und dieser Punkt muss derart hervortreten, dass durch sein
+Hervortreten das Unbedeutende auf die Stufe des Bedeutungsvollen gerückt
+oder in die Beleuchtung eines solchen gestellt erscheint, dann aber in
+seiner Bedeutungslosigkeit erkannt wird. _Heymans_ sagt: das Unbedeutende
+müsse momentan die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Damit deutet er
+selbst auf diesen Sachverhalt hin. Das Unbedeutende gewinnt die
+Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, eben vermöge dieser
+Beziehung zu dem "wirklich Bedeutungsvollen".
+
+Dies ergiebt sich am deutlichsten aus der Betrachtung der von _Heymans_
+angeführten Beispiele. Das Miauen einer Katze in einer feierlichen Rede
+ist eine Art der Rede, es ist die Weise, wie die Katze ihre Gefühle zum
+Ausdruck bringt. Die Katze scheint damit in ihrer Weise in das Pathos der
+Rede einzustimmen, oder ihren Eindruck davon kund zu geben. Sie wirkt
+darum komischer als das Knarren der Thür, obgleich auch dies für einen
+Moment als zur Rede gehörig, oder als Ausdruck der Übereinstimmung,
+vielleicht auch des Widerspruches, erscheinen kann. Und Gleichartiges
+gilt, wenn nach dem Schlusse eines schmetternden Finale die Stimme einer
+Marktfrau hörbar wird, die mit ihrer Nachbarin über den Preis der Butter
+verhandelt. Die Aufmerksamkeit des Publikums ist gerichtet und mit voller
+Intensität gerichtet auf Tönendes. Um dieses Tönende webt sich die
+feierliche musikalische Stimmung. Ein solches Tönende ist auch die Stimme
+der Marktfrau. Sie wird also, mit dem, was sie verkündigt, in die Höhe
+der musikalischen Stimmung mit emporgerissen. Ihre Worte erscheinen wie
+eine Art lautsprachlicher Interpretation dieser Stimmung. Dann sinken
+dieselben in die banale Wirklichkeit der Butterpreise herab.
+
+Nehmen wir dagegen an, eine solche Beziehung zwischen dem Unbedeutenden
+und dem, was dadurch "unterbrochen" wird, oder auf welches das
+Unbedeutende folgt, bestehe nicht, so fehlt auch die Komik. Meine Augen
+können während der feierlichen Rede oder nach dem schmetternden Finale
+auf allerlei an sich Bedeutungsloses und Alltägliches treffen. Hier
+_besteht_ die "völlige Verschiedenheit" zwischen dem Unbedeutenden und
+dem Bedeutungsvollen. _Heymans_ wird erwidern, hier ziehe das
+Unbedeutende nicht die Aufmerksamkeit auf sich. In der That wird es so
+sein. Aber der Grund dafür liegt dann eben darin, dass das Unbedeutende
+hier dem, was die Aufmerksamkeit auf sich konzentriert, so völlig _fremd_
+ist.
+
+Angenommen aber auch das Unbedeutende werde zufällig Gegenstand der
+Aufmerksamkeit. Eine architektonische Linie etwa in den Raume, in dem ich
+mich befinde, weckt mein Interesse, weil sie nicht eben gewöhnlich ist.
+Dann wiederum lasse ich die Linie fallen. Oder ein Lichtschein, die mit
+einem Male durch die Fenster hereinfallende Sonne, zieht während der
+feierlichen Rede momentan meine Aufmerksamkeit auf sich, nicht weil der
+Lichtschein oder die Sonnenhelle mir an sich besonders interessant wäre,
+sondern einfach wegen ihrer Neuheit oder wegen ihres plötzlichen
+Auftretens. Dann wende ich, eben weil die Sache an sich kein besonderes
+Interesse hat, meine Aufmerksamkeit ebenso rasch wiederum davon ab. Auch
+hier hat eine Unterbrechung stattgefunden. Der Faden der Rede ist mir
+zerrissen. Die Spannung, in welche die Rede mich versetzte, ist gelöst.
+Ich bin jetzt für eine Zeitlang, nämlich so lange bis ich den Faden der
+Rede wiedergefunden habe, in keiner Weise gespannt. Und die Lösung war
+eine plötzliche. Dennoch braucht darin gar nichts Komisches zu liegen. Es
+fehlt eben die Bedingung. Es zergeht nicht ein Bedeutungsvolles in sich
+selbst. Es offenbart sich nicht ein Bedeutungsvolles als ein solches, dem
+doch auch wiederum das Moment, durch das es bedeutungsvoll schien, nicht
+zukommt.
+
+
+POSITIVE BEDEUTUNG DER NEUHEIT.
+
+Trotz dem, was im Vorstehenden gegen die Bedeutung der Neuheit als
+solcher für die Komik gesagt wurde, ist doch _Heymans_' Betonung dieses
+Momentes in gewissem Sinne durchaus berechtigt. Nicht nur in den Fällen,
+an die im Vorstehenden gedacht war, sondern in allen Fällen der Komik ist
+in gewissem Sinne die Neuheit ein entscheidender Faktor. Und zwar
+durchaus im _Heymans_'schen Sinne. Das heisst, nicht sofern das Neue ein
+Inhaltleeres ist, sondern sofern das Neue die Aufmerksamkeit auf sich
+zieht.
+
+Die Hautfarbe, sagte ich, habe als menschliche Hautfarbe eine besondere
+Würde. Aber diese Würde pflegt für gewöhnlich wirkungslos zu bleiben. Wir
+sehen tausendfach Menschen mit der uns _gewohnten_ Hautfarbe, also
+derjenigen, der die Würde menschliche Hautfarbe zu sein in unseren Augen
+am sichersten zukommt, ohne dass wir doch davon einen besonderen Eindruck
+erfahren. Die Eindrucksfähigkeit, oder die "Grösse" im psychologischen
+Sinne, ist es aber, die allein für die Komik in Betracht kommt. Ihr
+Zergehen bedingt die Komik. Wenn nun der Umstand, dass eine Farbe
+menschliche Hautfarbe ist, so wenig Eindruck macht, wie kann dann gesagt
+werden, dieser Umstand verleihe der schwarzen Hautfarbe
+Eindrucksfähigkeit oder Grösse, und das Zergehen dieser Grösse bedinge
+die Komik?
+
+Auf diesen Einwand, den ich mir hier selbst mache, habe ich
+andeutungsweise bereits früher geantwortet. Ich sagte: Nicht darauf komme
+es an, ob die Hautfarbe überhaupt, sondern darauf, ob sie in dem
+gegebenen Falle als ein Grosses erscheine oder als solches in uns wirke.
+Und dies thut die schwarze Hautfarbe, eben weil sie schwarze Hautfarbe,
+d. h. ungewohnte oder neue Hautfarbe ist. Ich könnte statt dessen auch
+sagen, weil sie komische Hautfarbe ist.
+
+Damit erscheint meine Theorie des Komischen in einem fast komischen
+Lichte. Die schwarze Hautfarbe, so sagte ich vorhin, erscheine,
+wenigstens dem Kinde und dem Naiven, bedeutsam als Hautfarbe, nichtig als
+schwarze Hautfarbe. Jetzt sage ich, sie habe, abgesehen von ihrer
+Schwärze, keine Eindrucksfähigkeit, gewinne dagegen Grösse als schwarze
+Hautfarbe. Oder gar: Ich erklärte die Komik der schwarzen Hautfarbe
+daraus, dass sie als Hautfarbe eine psychische Eindrucksfähigkeit
+besitze. Jetzt sage ich, sie habe ihre Eindrucksfähigkeit eben als
+komische Hautfarbe. Dort scheint ein Widerspruch, hier ein Zirkel
+vorzuliegen.
+
+Um diesen übeln Schein von mir abzuwälzen, muss ich mich etwas tiefer in
+psychologische Thatsachen einlassen. Schliesslich führen psychologische
+Einzelprobleme immer ziemlich tief in die Psychologie hinein, sodass im
+Grunde kein psychologisches Problem isoliert sich behandeln lässt.
+
+Es bleibt dabei, die menschliche Hautfarbe, oder, sagen wir lieber, die
+menschliche Körperoberfläche, so wie, und soweit wir sie im allgemeinen
+wahrzunehmen pflegen, ist uns eine recht gleichgültige Sache geworden.
+Auf die Frage, wie dies zugehe, wird jeder antworten, das mache die
+Gewohntheit dieses Anblickes oder die Häufigkeit der Wahrnehmung.
+
+Aber wie kann diese eine solche Wirkung thun? Darauf sind zwei Antworten
+möglich. Die eine ist ebenso üblich, wie psychologisch unmöglich: Unsere
+Aufmerksamkeit werde auf das Gewohnte weniger hingelenkt. Diese
+Behauptung muss in ihr Gegenteil verkehrt werden. Je gewohnter etwas ist,
+d. h. je häufiger wir uns ihm innerlich zugewendet haben, um so leichter
+müssen wir uns ihm innerlich zuwenden.
+
+Aber diese Leichtigkeit der Zuwendung hat auch ihre Kehrseite. So oft
+sich,--ich gebrauche hier geflissentlich einen anderen Ausdruck, als
+soeben,--die psychische "Bewegung" einem Wahrnehmungsobjekte zugekehrt
+hat, so oft hat sie sich auch wiederum von ihm abgewendet. Und wie aus
+jener häufigen Zuwendung eine Leichtigkeit der Zuwendung, so ergiebt sich
+aus dieser häufigen Abwendung oder diesem häufigen Fortgang zu anderen
+psychischen Inhalten eine Leichtigkeit der Abwendung oder des Fortganges.
+Es entsteht das, was ich als psychische "Abflusstendenz" zu bezeichnen
+pflege. Je zahlreicher und tiefer die associativen Abflusskanäle werden,
+um so weniger kann die fragliche Wahrnehmung als ein Halt- oder gar
+Mittelpunkt der psychischen Bewegung sich darstellen, um so mehr sinkt
+sie zu einem blossen Durchgangspunkt für den Strom des psychischen
+Geschehens herab. Die Wahrnehmung gewinnt keine "psychische Höhe" mehr.
+Der Wellenberg, den sie, abgesehen von der Abflusstendenz,
+respräsentieren würde, hat sich geebbt. Oder ohne Bild gesprochen, die
+Wahrnehmung ist nicht mehr Gegenstand der "Aufmerksamkeit", d. h. es wird
+in ihr kein erhebliches Mass der allgemeinen psychischen Kraft mehr
+lebendig oder aktuell. Eben damit büsst die Wahrnehmung auch ihre
+psychische Wirkungsfähigkeit ein, vor allem auch ihre Gefühlswirkung. Mit
+einem Worte, sie ist relativ gleichgültig geworden. Für das Genauere
+verweise ich wiederum auf meine "Grundthatsachen des Seelenlebens." Ich
+bemerke noch, dass diese Theorie der Abflusstendenz, und die Erklärung
+der sogenannten abstumpfenden oder ermüdenden Wirkung der Gewohnheit auf
+Grund derselben, bisher wenig Aufnahme gefunden hat. Um so mehr Aufnahme
+wird sie finden müssen, wenn nicht mannigfache psychische Thatsachen
+unverständlich bleiben sollen.
+
+Aber auch das Gesetz der Abflusstendenz hat wiederum seine Kehrseite. Es
+giebt ein Gesetz der "psychischen Stauung". Auch hierfür wiederum
+verweise ich auf das eben citierte Werk. Ich begnüge mich hier das
+fragliche Gesetz in folgender Weise zu formulieren: Ist ein Objekt ein
+gewohntes, d. h. in das Gewebe unserer Vorstellungen so hineinverwebt,
+dass die psychische Bewegung einerseits zwar zu ihm mit besonderer
+Leichtigkeit hinfliesst, andererseits aber zugleich auch wiederum ebenso
+leicht von ihm abfliesst, und wird nun dieser Fluss des Geschehens in
+seinem gewohnten Ablaufe dadurch gestört, dass das fragliche Objekt, sei
+es in seiner Beschaffenheit, sei es hinsichtlich seiner Beziehung zu
+anderen Objekten eine Änderung erfährt, so entsteht an dem Objekt eine
+psychische Stauung, d. h. die psychische Bewegung oder die aktuelle
+psychische Kraft konzentriert sich auf das Objekt. Die Folge ist, dass
+dies Objekt, das vorher nur Durchgangspunkt der psychischen Bewegung war,
+jetzt von dieser Bewegung emporgehoben wird, oder in grösserem oder
+geringerem Grade als Träger der ganzen aktuellen psychischen Kraft sich
+darstellt, die es zu gewinnen seiner Natur nach geeignet ist. Damit
+gewinnt es zugleich die entsprechende psychische Wirkungsfähigkeit,
+insbesondere seine natürliche Gefühlswirkung wieder. Es hat aufgehört,
+gleichgültig zu sein. Es ist hinsichtlich seiner psychischen Stellung und
+Bedeutung kein Gewohntes mehr, sondern ist zu einem Neuen geworden.
+
+Übertragen wir dies auf unseren Fall. Dann ist damit dies gesagt: Die
+menschliche Körperoberfläche wird durch den Umstand, dass sie in neuer
+Farbe erscheint, selbst, ihrer psychischen Wirkung nach, eine neue. Dass
+heisst, sie übt wiederum die psychische Wirkung, die ihr an sich zukommt.
+Sie ist nicht nur objektiv ein "Grosses", sondern sie ist auch wiederum
+im psychologischen Sinne ein solches geworden. Damit wird zugleich die
+Farbe dieser Körperoberfläche als Farbe dieses Grossen oder Bedeutsamen
+zu etwas Grossem oder Bedeutsamen. Dass die "Grösse" der Körperoberfläche
+in dem Leben besteht, was in ihr und hinter ihr waltet, und dass die
+Farbe Grösse gewinnt, indem sie als Farbe der Körperoberfläche an dieser
+Grösse teilnimmt, betone ich nicht noch einmal.
+
+Damit löst sich der oben bezeichnete scheinbare Widerspruch: Wir könnten
+freilich ihn zunächst noch in gewisser Weise verschärfen. Die Negerfarbe
+gewinnt ihre Bedeutung, d. h. ihre psychische Wirkung als ungewohnte oder
+neue. Und sie verliert ebenso diese Bedeutung als ungewohnte oder neue.
+Aber dies "als ungewohnte oder neue" hat in beiden Fällen einen
+verschiedenen Sinn. Nicht die neue oder ungewohnte _schwarze Farbe_
+gewinnt die Bedeutung, sondern die in dieser neuen "Beleuchtung"
+erscheinende _Körperoberfläche_ gewinnt dieselbe; und daran nimmt die
+schwarze Farbe als Farbe dieser Körperoberfläche Teil. Dann aber verliert
+die schwarze Farbe diese Bedeutung wiederum, weil sie eine neue oder
+ungewohnte ist, d. h. weil wir noch nicht gewohnt sind, sie als Farbe des
+Körpers zu betrachten und zu bewerten. Oder kürzer gesagt, die schwarze
+Farbe erscheint bedeutsam als Farbe der _Körperoberfläche_, die
+ihrerseits durch diese _neue_ Farbe ihre ursprüngliche Bedeutsamkeit
+wiedergewonnen hat. Sie erscheint dann bedeutungslos oder nichtig als
+_schwarze_ Farbe, sofern diese als neue Farbe an der Bedeutung der
+Körperoberfläche Anteil zu nehmen kein Recht hat. Aus diesem Gegensatze
+entspringt die Komik.
+
+Analoges nun gilt mehr oder minder in allen Fällen der Komik; bei aller
+Komik gilt in gewisser Weise unser Paradoxon: Alles Komische gewinnt und
+verliert zugleich seine psychische Wirkung dadurch, dass es ein Neues,
+Ungewohntes, Seltsames ist. Das heisst, bei allem Komischen gewinnt ein
+an sich Bedeutsames die Fähigkeit seiner Bedeutsamkeit entsprechend uns
+in Anspruch zu nehmen ganz oder teilweise dadurch, dass es in seltsamer
+Beleuchtung erscheint. Und bei allem Komischen zergeht diese Wirkung in
+uns, wenn wir auf dasjenige achten, was das Komische in diese seltsame
+Beleuchtung rückt. Verspricht jemand viel und leistet wenig, so wird eben
+durch die geringe Leistung unsere Aufmerksamkeit erst recht auf die
+grossen Versprechungen hingelenkt. Sie sind jetzt mehr als sonst eine
+anspruchsvolle, d. h. uns in Anspruch nehmende Sache. Eben damit ist auch
+die geringfügige Leistung als scheinbare Erfüllung dieser Versprechungen
+eine anspruchsvolle Sache geworden. Dieser Anspruch zergeht aber, wenn
+uns die Leistung als das, was sie an sich ist, zum Bewusstsein kommt. In
+diesem Sinne ist auch hier die Neuheit, d. h. die Seltsamkeit oder
+Abnormität das die "Aufmerksamkeit" Spannende und zugleich das sie
+Lösende.
+
+
+"VERBLÜFFUNG" UND "VERSTÄNDNIS".
+
+Hiermit gelange ich wiederum zu _Heymans_ zurück. Was ich hier oben
+andeutete, ist auch _Heymans_ aufgefallen. Er drückt es nur in etwas
+anderer Weise aus und kommt so zu einem neuen scheinbaren Einwand gegen
+meine Theorie der Komik. Nicht in allen, aber in gewissen Fallen der
+Komik, meint er, verhalte sich die Sache so, dass ein Rätselhaftes,
+Unbegreifliches ein Gefühl der Verwunderung oder des Staunens wecke, die
+Aufmerksamkeit fessle, während ein schnell aufleuchtendes, an sich kein
+weiteres Interesse bietendes "Verständnis" die Entspannung zu wege
+bringe. Hiermit tritt _Heymans_ scheinbar in unmittelbaren Widerspruch zu
+meiner Theorie. Ich habe diese Theorie gelegentlich auch so formuliert,
+dass ich sagte, die Komik entstehe, indem ein Sinnvolles sich für uns in
+ein Sinnloses verwandelt. Das Sinnvolle nimmt uns in Anspruch oder spannt
+die Aufmerksamkeit, die Sinnlosigkeit bringt die Lösung. Diesen
+Sachverhalt scheint Heymans umzukehren. Das Unbegreifliche, also für uns
+Sinnlose spannt die Aufmerksamkeit, die Lösung ist da, indem die
+Sinnlosigkeit verschwindet und das Verständnis, also die Einsicht in den
+Sinn der Sache sich einstellt.
+
+In Wahrheit ist, was Heymans sagt, lediglich die besondere Hervorhebung
+eines Momentes im Prozess der Komik, und zwar eines Momentes, das ich im
+Obigen ausdrücklich anerkannt habe. Ein Unterschied zwischen _Heymans_
+und mir besteht zunächst nur insofern, als ich, was _Heymans_ für
+bestimmte Fälle der Komik vermeintlich gegen mich einwendet,
+verallgemeinere, d. h. als für alle Komik mehr oder weniger zutreffend
+anerkenne.
+
+Dann freilich lässt sich _Heymans_ durch einseitige Hervorhebung jenes
+Momentes zu Wendungen verleiten, die eine wirkliche Korrektur meiner
+Theorie in sich zu schliessen scheinen. Auch hier aber löst sich der
+scheinbare Gegensatz leicht, wenn wir _Heymans_' Aufstellungen genauer
+analysieren oder eine darin liegende Zweideutigkeit beseitigen.
+
+Das Rätselhafte, sagt _Heymans_, spannt die Aufmerksamkeit oder, mit
+einem anderen, Andruck, es "verblüfft". Statt dessen sagte ich oben: Die
+Neuheit, Ungewohntheit, Abnormität, das Seltsame des Komischen lässt erst
+seine Bedeutsamkeit, sei es überhaupt, sei es vollständig, zur Wirkung
+kommen. Auch damit ist eine Spannung der Aufmerksamkeit bezeichnet. Aber
+diese Spannung der Aufmerksamkeit ist mit _Heymans_' "Verblüffung" nicht
+ohne weiteres identisch.
+
+Dies wird verständlich, wenn wir in jener Verblüffung zwei Momente
+unterscheiden. Einmal die einfache Verblüffung, d. h. das erstaunte
+Haltmachen bei der Seltsamkeit, etwa das erstaunte Haltmachen bei der
+geringen Leistung des Grosssprechers; die Frage: Was soll das heissen.
+Diese erste, völlig verständnislose Verblüffung ist nicht die Spannung
+der Aufmerksamkeit, von der ich sage, ihr Zergehen erzeuge die Komik.
+
+Und sie kann es nicht sein. Damit komme ich bereits auf den Punkt, in dem
+ich _Heymans_ entgegentreten muss. _Heymans_ meint, er könne sich--gegen
+mich--"einfach auf das Zeugnis der Selbstwahrnehmung berufen", nach
+welchem in gewissen Fällen der Komik "sich deutlich die beiden Stadien
+des verblüfften Erstaunens und des aufleuchtenden Verständnisses, mit
+letzterem gleichzeitig aber die komische Gefühlserregung feststellen
+lässt." Diese beiden Stadien leugne ich, nach Obigem, nicht, sondern
+erkenne sie, und zwar für alle Fälle der Komik an. Aber ich leugne, dass
+jede Verblüffung, der ein aufleuchtendes Verständnis folgt, ein Gefühl
+der Komik ergiebt. Die Komik stellt in Wahrheit nur dann sich ein, wenn
+jene Verblüffung zugleich ein Moment in sich schliesst, das mehr ist als
+blosse Verblüffung, nämlich Sammlung, Spannung der Aufmerksamkeit durch
+ein Bedeutsames oder scheinbar Sinnvolles; und die Komik ergiebt sich
+nicht aus der Lösung der Verblüffung überhaupt, sondern aus der Lösung
+dieses zweiten Momentes der Verblüffung oder dieser besonders gearteten
+Spannung.
+
+So wie die geringfügige Leistung des Grosssprechers mich verblüfft, so
+verblüfft mich auch der Satz, der durch Ausfall eines Wortes sinnlos
+geworden ist. Nehmen wir an, darauf folge sofort das aufleuchtende
+Verständnis: Ich sehe, welches Wort ausgefallen ist. Ich ergänze es also,
+und verstehe den Satz. Ich sage: Das also ist gemeint. Ein solches
+Erlebnis ist nicht komisch.
+
+Dagegen würde der Ausfall des Wortes komisch, wenn sich daraus ein neuer
+Sinn ergäbe. Wir wollen annehmen, der neue Sinn leuchte unmittelbar ein,
+werde aber auch sofort als unmöglich gemeint, also als Unsinn erkannt.
+Hier ist auf das erste Stadium der Verblüffung ein zweites gefolgt, auf
+die Verblüffung über den Unsinn die Verblüffung über den scheinbaren
+Sinn, auf das einfache Stillestehen der psychischen Bewegung, ein sich
+Konzentrieren derselben auf einen bestimmten Vorstellungszusammenhang,
+nämlich denjenigen, dessen Vernichtung nachher die Komik ergiebt. So
+gewiss aus der unmittelbaren Lösung des ersten Stadiums, der in jedem
+Sinn verständnislosen Verblüffung, durch das aufleuchtende Verständnis
+die Komik sich _nicht_ ergiebt, so gewiss folgt sie _hieraus_.
+
+Ein solches zweites Stadium der Verblüffung, oder eine solche Sammlung
+oder Konzentration der Aufmerksamkeit findet nun in aller Komik statt.
+Wie gesagt: Die geringe Leistung nach grossen Versprechungen "verblüfft";
+dann aber folgt die Spannung der Aufmerksamkeit durch die scheinbare
+Erfüllung der Versprechungen. Auf die verblüffte Frage: Was soll das
+heissen? folgt die verblüffte Antwort: Das also ist die Erfüllung der
+grossen Versprechungen. Und daran erst schliesst sich die Einsicht. Ich
+"verstehe", d. h. ich erkenne den Grosssprecher als leeren Grosssprecher.
+Bei einem solchen ist die geringe Leistung ganz in der Ordnung. Was ich
+erlebe ist gar nichts, d. h. nichts, das meiner Aufmerksamkeit wert wäre.
+
+Ich habe hier in dem Stadium, das _Heymans_ als Stadium der _Verblüffung_
+bezeichnet, zwei Stadien unterschieden. Man sieht aber, das zweite
+Stadium der Verblüffung kann ebensowohl als erstes Stadium des
+Verständnisses bezeichnet werden. Es ist das Stadium des verblüffenden
+Verständnisses, des verblüffenden Sinnes oder scheinbaren Sinnes,
+allgemeiner gesagt, der verblüffenden Grösse oder Scheingrösse eines
+Objektes, das dann doch seiner Grösse in unseren Augen wieder verlustig
+geht.
+
+Damit ist der scheinbare Gegensatz zwischen Heymans und mir gelöst. Auch
+er hat mich erst verblüfft, dann sah ich die Scheingrösse, die sich aus
+der scheinbaren Identität der _Heymans_'schen "Verblüffung" mit meiner
+"Spannung der Aufmerksamkeit durch ein Scheingrosses" ergab, d. h. die
+Einsicht, dass Verblüffung und Verblüffung zweierlei sei, und demgemäß
+_Heymans_' Einwand mich nicht treffe.
+
+Die Beispiele, die _Heymans_ anführt, um seinem Einwand Kraft zu geben,
+sind der Hauptsache nach dem Gebiete des Witzes entnommen. Insoweit
+gehören sie nicht hierher. Schliesslich aber weist er auf einen Fall hin,
+der dem Gebiete der objektiven Komik angehört. Auch dieser widerspricht
+doch meiner Theorie keineswegs.
+
+"Ein auf einer Zwischenstation ausgestiegener Reisender antwortet auf die
+dringende Aufforderung des Schaffners einzusteigen immer nur mit der
+flehentlichen Bitte ihm zu sagen, in welchem Jahre Amerika entdeckt
+worden sei. Indessen fährt der Zug ab. Endlich stellt sich heraus, dass
+das Kompartiment, in welchem der Reisende seine Sachen zurückgelassen
+hat, die Nummer 1492 führt, und dass ein Mitreisender ihm gesagt hat, er
+solle, um diese Nummer nicht zu vergessen, nur an die Jahreszahl der
+Entdeckung Amerikas denken". Hier meint _Heymans_, ist die Handlungsweise
+des Reisenden, dem man zu langen Erklärungen keine Zeit lässt, keineswegs
+objektiv unzweckmäßig, aber sie scheint es in höchstem Grade zu sein, und
+wird darum zuerst als unbegreiflich, dann nachdem die Sache sich
+aufgeklärt hat, als komisch empfunden. Mir scheint, dass in diesem
+komplizierten Falle verschiedene Momente der Komik unterschieden werden
+müssen. Der Reisende wird schon vor der Aufklärung der Sache komisch,
+weil er als ausgewachsener Mensch, von dem man ein zweckmässiges
+Verhalten "erwartet", den Zug mit seinem Gepäck wegfahren lässt, und sich
+statt um seine Reise, um die Entdeckung Amerikas Sorge macht. Dazu tritt
+dann ein zweites Moment, das allerdings erst nach der Aufklärung zur
+Wirkung gelangt. Man sieht jetzt, dass der Reisende Grund hatte nach dem
+Jahre der Entdeckung Amerikas zu fragen. Oder vielmehr: es scheint für
+einen Augenblick die Frage darnach sinnvoll. Dann aber erscheint das
+ganze Verhalten des Menschen sinnlos. Sich eine Zahl nach der Jahreszahl
+eines historischen Ereignisses zu merken hat natürlich nur Sinn, wenn man
+diese Jahreszahl kennt.
+
+Hiermit meine ich alle Punkte des Gegensatzes zwischen _Heymans_ und mir
+aufgeklärt zu haben. Ich werde auf _Heymans_ noch einmal, nämlich bei der
+Betrachtung des Witzes und der genaueren Darlegung der Art, wie bei ihm
+das Gefühl der Komik zu stande kommt, zurückkommen müssen. Einstweilen
+nehme ich von _Heymans_' wertvollen Winken Abschied.
+
+
+
+
+VI. KAPITEL. DIE SUBJEKTIVE KOMIK ODER DER WITZ.
+
+
+ABGRENZUNG DER SUBJEKTIVEN KOMIK.
+
+Wir haben im Obigen die ausdrückliche Abgrenzung der objektiven Komik von
+den sonstigen Gattungen der Komik unterlassen. Beim Witze können wir
+diese Abgrenzung sofort zu vollziehen versuchen.
+
+Dabei müssen wir zunächst unterscheiden zwischen dem Witz als Eigenschaft
+und dem Witz als Vorgang oder Leistung, dem Witz, den der Witzige _hat_,
+und demjenigen, den er _macht_. Wenn _Vischer_ gelegentlich den Witz
+definiert als die Fertigkeit mit überraschender Schnelle mehrere
+Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie
+angehören, einander eigentlich fremd sind, zu einer zu verbinden, so
+können wir uns diese Definition nicht aneignen, weil sie sich auf den
+Witz bezieht, den der Witzige _hat_.
+
+Aber auch der Begriff des Witzes, der gemacht wird, lässt sich
+verschieden fassen. Wenn jemand stolz auftritt und über eine Kleinigkeit
+stolpert, so wird er Objekt der Komik. Wenn ich ihm das Hindernis _in den
+Weg werfe_, so mache ich einen, wenn auch vielleicht recht schlechten
+"Witz". So heisst überhaupt Witz jedes bewusste und geschickte
+Hervorrufen der Komik, sei es der Komik der Anschauung oder der
+Situation. Natürlich können wir auch diesen Begriff des Witzes hier nicht
+brauchen. Eines und dasselbe wäre ein Fall der Anschauungs- oder
+Situations-Komik und ein Witz, je nachdem wir den komischen Thatbestand
+einfach für sich ins Auge fassten, oder zugleich auf seine Verursachung
+achteten. Wir wollen aber ja hier unter dem Namen des Witzes Fälle
+zusammenfassen, die _neben_ den Fällen den Anschauungs- und
+Situations-Komik stehen.
+
+Ein wesentliches Merkmal für den Begriff des Witzes, wie wir ihn
+brauchen, haben wir indessen damit doch schon gewonnen. Gegenstand der
+Anschauungskomik _wird_ man, in die Situationskomik _gerät_ man, den Witz
+_macht_ man. Man macht ihn, d. h. die selbstbewusste Persönlichkeit macht
+ihn. Der Witz ist eine Art der Aktivität oder Betätigung dieser
+Persönlichkeit. Vereinigen wir damit, dass wir nach oben Gesagtem auch
+das, sei es noch so selbstbewusste Hervorrufen der Anschauungs- und
+Situationskomik, bei der doch die Komik nur eben an dem angeschauten
+Objekt oder der Situation haftet, nicht als Witz bezeichnen wollen, so
+kann sich eine wenigstens vorläufige Abgrenzung dieses Begriffes ergeben.
+Meine Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen, meine Willensakte und
+Wertschätzungen, das sind die Arten meiner Persönlichkeit sich zu
+bethätigen. An ihnen also, oder vielmehr, da jene inneren Vorgänge für
+andere nicht Gegenstände der Wahrnehmung sind, an den Worten, Handlungen
+und Gebärden, in welchen sie zu Tage treten, wird die Komik des Witzes,
+den ich mache, haften müssen; und sie wird an den Worten, Handlungen und
+Gebärden haften müssen, _sofern_ und lediglich sofern sie einer
+persönlichen Aktivität oder Leistung zum Ausdruck dienen. Aktivität oder
+"Leistung", so sage ich hier mit Bedacht. Auch in der ungeschickten und
+in ihrer Ungeschicktheit komischen Bemerkung, die ich mir zu Schulden
+kommen lasse, bin ich aktiv. Aber dies ist nicht die Aktivität, die ich
+hier meine. Ich mache die Bemerkung, aber ich "mache" nicht die ihr
+anhaftende Komik. Eben insofern die Bemerkung komisch ist, erscheint sie
+nicht als Ausfluss meines positiven Könnens, sondern meines Unvermögens,
+ich bringe damit nichts zuwege, sondern unterliege einer Schranke meines
+Wesens. Ich erscheine darum trotz aller Thätigkeit als Gegenstand der
+Anschauungs- oder Situationskomik, nicht als Urheber eine Witzes.
+Andererseits muss mit der Forderung Ernst gemacht werden, dass die Komik
+eben an der Aktivität _hafte_. Ich mache Anstrengungen, um über ein
+hochgespanntes Seil zu springen, im letzten Momente aber schlüpfe ich
+unten durch, nicht aus Unvermögen, sondern um die Zuschauer zu
+belustigen. Hier bin ich durchaus aktiv und überlegen, aber die Komik
+haftet nicht unmittelbar daran. Meinem Thun liegt thatsächlich kein
+Unvermögen zu Grunde, aber das Gefühl der Komik entsteht doch nur aus dem
+Schein des Unvermögens, den ich mit Absicht erzeuge. Ich werde nicht
+durch irgendwelche Naturnotwendigkeit, und kein anderer wird durch mich
+_Gegenstand_ der Komik, aber ich mache mich selbst dazu. Ich werde es
+freiwillig, aber ich werde es für den Augenblick thatsächlich.
+
+Daraus ergiebt sich die vorläufige Abgrenzung des Witzes, die wir suchen.
+Sie ist die Komik, die wir hervorbringen, die an unserm Thun als solchem
+haftet, zu der wir uns durchweg als darüberstehendes Subjekt, niemals als
+Objekt, auch nicht als freiwilliges Objekt verhalten. Oder kürzer gesagt:
+sie ist die durchaus subjektive Komik. Im Gegensatz dazu dürfen wir die
+im vorigen Abschnitt gemeinte und besprochene Komik, wie wir schon gethan
+haben, als objektive bezeichnen.
+
+Jene Abgrenzung des Witzes trifft mit derjenigen zusammen, die in der
+wissenschaftlichen Ästhetik thatsächlich vorausgesetzt zu werden pflegt.
+Indem wir den Witz als "subjektive" von der "objektiven" Komik
+unterscheiden, stimmen wir wenigstens mit _Vischer_ auch im Ausdruck
+überein.--Dagegen sind die vorhandenen Antworten auf die Frage nach dem
+Wesen des Witzes teilweise völlig ungenügend.
+
+
+VERSCHIEDENE THEORIEN.
+
+Ich erwähne wiederum in erster Linie denjenigen Psychologen der Komik,
+der sich von der Wahrheit am weitesten entfernt hält. Wie wir sahen, geht
+_Hecker_'s Bestimmung der Komik überhaupt aus von der Betrachtung des
+Gefühls der Komik, das er als beschleunigten Wettstreit der Gefühle der
+Lust und Unlust bezeichnet. Beim Witze nun entsteht für ihn "die Unlust
+wie die Lust aus zwei Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit und doch
+wiederum mögliche Vereinbarkeit miteinander die Quelle der Gefühle
+bildet."
+
+Diese Erklärung ist vor allem nicht allzu ernst gemeint. An Stelle der
+unvereinbaren Vorstellungen treten später solche, die nichts miteinander
+zu thun haben, d. h. thatsächlich in keinem Verhältnis unmittelbarer
+Zusammengehörigkeit stehen. Und zu diesen gesellen sich dann solche, die
+zugestandenermassen ziemlich viel miteinander zu thun haben. Überhaupt
+wandeln sich die _Hecker_'schen Bedingungen des Witzes von Fall zu Fall,
+bis schliesslich von der ursprünglichen Formel herzlich wenig mehr übrig
+bleibt. Natürlich verfolge ich diese Wandlungen nicht. Es genügt die
+Bemerkung, dass nach _Hecker_ schließlich jede zweifelhafte Aussage, jede
+Annahme, die durch Thatsachen gestützt wird, während andere Thatsachen
+widersprechen, jede halbwahre Theorie, ja jede thörichte Rede, der wir
+den wahren Sachverhalt "substituieren", witzig heissen müsste. Als ganz
+besonders witzig müsste seine eigene Theorie des Witzes und der Komik
+überhaupt gelten, in der mit mancherlei Ansätzen und Elementen zu einer
+richtigen Anschauung so viel Unzutreffendes so eng verbunden ist.
+
+Mit _Hecker_'s Erklärung ist die _Kräpelin_'s verwandt. Für ihn ist der
+Witz die "willkürliche Verbindung oder Verknüpfung[1] zweier miteinander
+in irgend einer Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das
+Hilfsmittel der sprachlichen Association". Es muss, so sagt er nachher,
+irgend ein Band zwischen den Vorstellungen, es müssen associative
+Beziehungen zwischen ihnen existieren, welche diese Verknüpfung
+gestatten. Andererseits muss aber die Nichtzusammengehörigkeit derselben
+klar und scharf genug ins Auge springen, dass eine Kontrastwirkung zur
+Entwicklung gelangen kann.
+
+[1] So, und nicht "Erzeugung" muss es ohne Zweifel an der betreffenden
+ Stelle heissen.
+
+Diese Erklärung leidet an mehreren Fehlern. Sie stimmt nicht mit den
+nachfolgenden näheren Bestimmungen; sie ist vieldeutig; man mag sie
+drehen wie man will, so schliesst sie Dinge ein, die mit dem Witze nichts
+zu thun haben; sie schliesst andererseits Gattungen von Vorgängen aus,
+die thatsächlich dem Witze zugehören. Sie steht endlich in direktem
+Widerspruch mit einzelnen ausdrücklich angeführten Fällen des Witzes.
+
+Nur auf zwei Punkte mache ich hier gleich aufmerksam. Der Witz soll eine
+_willkürliche_ Verbindung von Vorstellungen sein. Gleich nachher wird von
+Witzen gesprochen, die nicht der bewusst absichtsvollen Komik angehören,
+sondern unbewusst sind. Ich denke aber, wo das Bewusstsein aufhört, ist
+nach gemeinem Sprachgebrauch auch von Willkür nicht mehr die Rede.
+
+Wichtiger ist mir der andere Punkt. "Irgendwie kontrastieren" müssen die
+Vorstellungen, deren Verbindung den Witz ausmacht. Mit diesem Kontrast
+geht es einigermassen, wie mit der "Unvereinbarkeit" bei _Hecker_. An
+seine Stelle tritt später die Nichtzusammengehörigkeit. Bald darauf
+heissen die Vorstellungen einander widerstreitend, wiederum an anderer
+Stelle gänzlich verschiedenartig. Als ob alle diese Ausdrücke dasselbe
+sagten. In der That können die im Witze verbundenen Vorstellungen sich
+auf die verschiedenartigste Weise zu einander verhalten. Das bekannte
+_Lichtenberg_'sche "Messer ohne Klinge, woran der Stiel fehlt" enthält
+eine Verbindung an sich unvereinbarer Vorstellungen. Das Messer
+einerseits, der Mangel der Klinge und des Stieles andererseits, diese
+beiden Begriffe heben sich gegenseitig auf.--Wenn ein französischer
+Dichter auf die Zumutung seines Königs, ein Gedicht zu machen, dessen
+sujet er sei, antwortet: le roi n'est pas sujet, so vollzieht er eine
+Verbindung von Vorstellungen,--sujet = Unterthan und sujet = Gegenstand
+eines Gedichtes--die an sich recht wohl vereinbar sind, und nur
+thatsächlich und erfahrungsgemäss nichts miteinander zu thun haben.--"Die
+Abteien sind geworden zu Raubteien", sagt der _Schiller_'sche Kapuziner.
+Hier sind die in witziger Weise verbundenen Vorstellungen weder
+unvereinbar noch unzusammengehörig. Die Abteien waren in der That in der
+Zeit des dreissigjährigen Krieges zu Raubteien geworden. Die
+Vorstellungen gehören also genau soweit zusammen, als es der Witz
+behauptet.--Gedenken wir endlich gar der witzigen Definition von der Art
+der _Schleiermacher_'schen: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit
+Eifer sucht, was Leiden schafft, so ergiebt sich, dass die im Witze
+miteinander "kontrastierenden" Vorstellungen auch solche sein können, die
+nicht nur in bestimmten Fällen und thatsächlich, sondern allgemein und
+begrifflich zusammengehören, deren Zusammengehörigkeit ausserdem
+jedermann denkbar geläufig ist. Dass die Eifersucht eine Leidenschaft
+ist, die darauf ausgeht Dinge hervorzusuchen und selbst zu ersinnen, die
+nur dazu dienen können dem Eifersüchtigen und dem Gegenstand der
+Eifersucht Qualen zu bereiten, dies liegt ja im Begriff der Eifersucht
+und bezeichnet kein verstecktes, sondern ein jedermann bekanntes und
+selbstverständliches Moment dieses Begriffes.
+
+Die im Witze verbundenen Vorstellungen find unvereinbare und
+unzusammengehörige, anderseits zusammengehörige und sogar notwendig zu
+vereinigende Vorstellungen; sie sind Vorstellungen, deren Vereinigung
+einen Unsinn, eine faktische Unwahrheit, andererseits eine thatsächliche
+Wahrheit oder sogar eine Selbstverständlichkeit ergiebt. Sie sind mit
+einem Worte verschiedenartige Vorstellungen, die sich irgendwie zu
+einander verhalten. Verschiedene und irgendwie sich zu einander
+verhaltende Vorstellungen werden aber natürlich in jeder wahren oder
+falschen Behauptung miteinander verbunden. Sie können also nicht das
+Wesen des Witzes ausmachen.
+
+Dann muss wohl die besondere Art der Verbindung den Witz erzeugen. Die
+Verbindung, so könnte man sagen, ist beim Witz jederzeit eine solche,
+welche die Unvereinbarkeit, oder auch die blosse Verschiedenheit der
+Vorstellungen besonders deutlich zu Tage treten lässt. In dieser
+deutlicher zu Tage tretenden Unvereinbarkeit oder Verschiedenheit
+bestände dann der "Kontrast", der zum Witze erforderlich ist. In der That
+kann _Kräpelin_'s Meinung im Grunde keine andere sein. Zur Komik
+überhaupt gehört ja für ihn nach der allgemeinen Erklärung, die wir im
+vorigen Abschnitt kennen gelernt haben, der Versuch der begrifflichen
+Vereinigung und ein erst _daraus sich ergebender_ "intellektueller"
+Kontrast.
+
+Damit stimmt es, dass _Kräpelin_ für den Witz eine associative Beziehung
+der Vorstellungen fordert, welche die _Verbindung gestattet_. Freilich
+geht diese Forderung über das hinaus, was jener allgemeinen Erklärung
+zufolge für die Komik gefordert ist und demnach auch für die Komik des
+Witzes gefordert werden dürfte. Ich kann ja recht wohl in einer Aussage
+Vorstellungen verbinden und andere zum Versuch ihrer begrifflichen
+Vereinigung nötigen, ohne dass besondere associative Beziehungen
+vorliegen. Ich sage etwa: Napoleon starb in Sibirien. Napoleon hat mit
+Sibirien nichts zu thun. Aber ich verbinde in dem Satze die beiden
+Vorstellungen, und wer ihn hört, kann nicht umhin den Versuch
+begrifflicher Vereinigung anzustellen. Er gewinnt auch daraus ein Gefühl
+des Kontrastes. Es kommt ihm zum Bewusstsein, dass Napoleon's Tod in der
+That mit Sibirien _gar nichts_ zu thun hat. Die Behauptung erfüllt also
+trotz der mangelnden Association die Bedingung, unter der nach _Kräpelin_
+das Gefühl der Komik allgemein entstehen müsste.
+
+Andrerseits kann aber auch die Association hinzutreten und dennoch die
+Komik des Witzes, wie jede Komik überhaupt, unterbleiben. Ich brauchte
+nur Napoleon statt in Sibirien auf Elba sterben zu lassen. Napoleon starb
+auf einer Insel; Elba ist eine Insel; Napoleon war auf Elba. Wiederum
+wird zugleich demjenigen, der die Behauptung hört, eben durch die
+Behauptung die Nichtzusammengehörigkeit der verbundenen Vorstellungen zum
+deutlicheren Bewusstsein gebracht.
+
+Oder: jemand zeiht meinen Freund, dessen Charakter ich erprobt habe,
+einer unredlichen Handlung. Die Gründe, die er anführt, gestatten die
+Vorstellungsverbindung und zwingen mich sogar immer wieder, sie
+versuchsweise zu vollziehen. Dabei muss mir der Gegensatz zwischen der
+behaupteten Unredlichkeit und dem erprobten Charakter in besonderem Masse
+fühlbar werden. Er wird mir vielleicht in dem Masse fühlbar, dass ich die
+Vorstellungsverbindung in tiefster Empörung abweise. Hier haben
+wir ein Kontrastbewusstsein der intensivsten Art; zugleich ein
+Kontrastbewusstsein, das sich völlig vorschriftsmässig aus versuchter
+begrifflicher Vereinigung nicht nur verschiedener, sondern faktisch
+unvereinbarer Vorstellungen ergiebt. Trotzdem wird niemand verlangen,
+dass ich die Verleumdung als Witz oder überhaupt als komisch empfinde.
+
+Indessen so ist die Sache nicht gemeint. Die assoziativen Beziehungen
+gestatten die Verbindung, an Stelle dieses nichtssagenden Ausdrucks setzt
+_Kräpelin_ später den andern, sie begründen eine bedingte oder teilweise
+Zusammengehörigkeit der Vorstellungen. Damit ist dann freilich wieder zu
+viel gesagt. Das Messer einerseits, der gleichzeitige Mangel des Stiels
+und der Klinge anderseits, diese beiden Dinge gehören auch nicht bedingt
+oder teilweise zusammen.
+
+Trotzdem ist in dieser Bestimmung etwas Richtiges. Die associativen
+Beziehungen müssen jederzeit eine Zusammengehörigkeit begründen, wenn
+keine wirkliche, dann eine scheinbare. Indem sie dies thun, verleihen sie
+der witzigen Aussage eine wirkliche oder scheinbare Bedeutung und damit
+zugleich eine gewisse Kraft, Wichtigkeit, Eindrucksfähigkeit. Damit ist
+auch schon der Punkt bezeichnet, auf den es bei der Zusammengehörigkeit
+einzig und allein ankommt. Nicht die Zusammengehörigkeit, sondern die
+Bedeutung, welche den Worten als Trägern derselben erwächst, bedingt den
+Eindruck der Komik. Die Zusammengehörigkeit ist bei dem eben angeführten
+Falle eine lediglich scheinbare. Aber indem die Worte den Schein
+erwecken, leisten sie etwas. Wir hören die Wortverbindung "Messer ohne
+Klinge und Stiel" und lassen uns dadurch verführen, für einen Moment an
+die Möglichkeit der entsprechenden Vorstellungsverbindung zu glauben,
+also derselben einen Sinn zuzuschreiben. Der Begriff eines Messers ohne
+Klinge ist uns geläufig, der eines Messers ohne Stiel nicht minder. Hebt
+der Mangel der Klinge den Begriff des Messers nicht auf, und der Mangel
+des Stieles ebensowenig, so scheint auch der Mangel der Klinge und des
+Stieles ihn nicht aufzuheben.--Dann freilich kommt uns die
+Unvereinbarkeit der Vorstellungen zum Bewusstsein. Wir wissen, das wir
+uns haben täuschen lassen, dass wir nach einem geläufigen Ausdruck
+"hereingefallen" sind. Was wir einen Moment für sinnvoll nahmen, steht
+als völlig sinnlos vor uns. Darin besteht in diesem Falle der komische
+Prozess.
+
+Analog verhält es sich mit jenem Witze des französischen Dichters. Die
+Antwort, die der Dichter giebt, ist keine Antwort, oder sie ist, als
+Antwort auf die Aufforderung des Königs betrachtet, sinnlos. Sie besitzt
+nicht bedingte oder teilweise, sondern gar keine "Geltung". Ebensowenig
+Geltung besitzt der Schluss, der sich darauf aufbaut: der König ist nicht
+sujet, man kann also auch nicht fordern, dass er sujet eines Gedichtes
+sei. Aber wir lassen uns die Geltung, welche die Antwort beansprucht,
+verführt durch die Gleichheit der Worte sujet und sujet mit einer Art
+psychologischer Notwendigkeit gefallen, wir vollziehen mit gleicher
+Notwendigkeit den darauf gebauten Schluss. Indem wir so thun, messen wir
+den Worten des Dichters eine doppelte Bedeutung bei, die ihnen nicht
+zukommt; sie werden für uns zur zutreffenden und zugleich zur
+abfertigenden Antwort. Sie werden es--für einen Augenblick nämlich. Dann
+fordert die Logik ihr Recht und zerstört das ganze Gebäude. Die sinnvolle
+und geschickt abfertigende Antwort wird wiederum, was sie immer war, eine
+sinnlose Aussage.
+
+
+BEGRIFFSBESTIMMUNG UND VERSCHIEDENE FÄLLE.
+
+Verallgemeinern wir jetzt, was sich in diesen beiden Fällen ergeben hat.
+Wir müssen dann sagen: witzig erscheint eine Aussage, wenn wir ihr eine
+Bedeutung mit psychologischer Notwendigkeit zuschreiben, und indem wir
+sie ihr zuschreiben, sofort auch wiederum absprechen. Dabei kann unter
+der "Bedeutung" Verschiedenes verstanden sein. Wir leihen einer Aussage
+einen _Sinn_, und wissen, dass er ihr logischerweise nicht zukommen kann.
+Wir finden in ihr eine _Wahrheit_, die wir dann doch wiederum den
+Gesetzen der Erfahrung oder allgemeinen Gewohnheiten unseres Denkens
+zufolge nicht darin finden können. Wir gestehen ihr eine über ihren
+wahren Inhalt hinausgehende logische oder praktische Folge zu, um eben
+diese Folge zu verneinen, sobald wir die Beschaffenheit der Aussage für
+sich ins Auge fassen. In jedem Falle besteht der psychologische Prozess,
+den die witzige Aussage in uns hervorruft, und auf dem das Gefühl der
+Komik beruht, in dem unvermittelten Übergang von jenem Leihen,
+Fürwahrhalten, Zugestehen zum Bewusstsein oder Eindruck relativer
+Nichtigkeit.
+
+Damit haben wir den Begriff gewonnen, der den Witz und die Anschauungs-
+und Situationskomik zugleich umfasst. Hier wie dort gewinnt oder besitzt
+ein Bewusstseinsinhalt für uns einen Grad von Bedeutung oder
+psychologischem Gewicht, den er dann plötzlich verliert. Zugleich ist
+auch schon angedeutet, dass hier wie dort die beiden Fälle möglich sind:
+wir leihen die Bedeutung dem Bewusstseinsinhalt, während sie ihm von
+Rechts wegen oder objektiv betrachtet nicht zukommt, oder: sie kommt ihm
+objektiverweise zu, und wir erkennen sie auch zunächst an, können aber
+infolge subjektiver Gewohnheiten des Denkens nicht bei dieser
+Anerkenntnis bleiben.
+
+Das letztere gilt schon von dem oben angeführten Beispiele aus
+_Schiller_. "Die Abteien sind geworden zu Raubteien." Diese Behauptung
+ist, wie schon gesagt, sinnvoll und wahr; und wir glauben an ihre
+Wahrheit. Man sehe aber, durch welches _Mittel_ uns die Wahrheit
+_eindringlich_ gemacht wird. "Raubtei" ist kein gültiges Wort der
+deutschen Sprache; es kommt ihm also nach strenger Forderung der Logik
+auch kein gültiger Sinn zu. In dem speciellen Falle aber hat es für uns
+einen Sinn, wir verstehen vollkommen, was damit gemeint ist. Der Anklang
+an Abtei einerseits, an Raub andrerseits verhilft uns dazu.
+
+Dazu kommt ein zweites Moment. Die Nebeneinanderstellung der Worte Abtei
+und Raubtei, die Verwandlung des einen ins andere, ist an sich ein
+blosses Spiel mit Worten, die Klangähnlichkeit, worauf das Spiel beruht,
+hat an sich keine logische Kraft. Wiederum aber gewinnt sie eine solche,
+in diesem speciellen Falle. Die in der Zusammenstellung der Worte
+liegende Wahrheit wird uns nicht nur verständlich, sondern, eben durch
+den Gleichklang, sogar eindringlicher, sozusagen selbstverständlich. So
+nahe die Worte Abtei und Raubtei lautlich zusammenhängen, so nahe
+scheinen die damit bezeichneten Dinge sachlich zusammenzuhängen. So
+leicht wir vermöge jenes Zusammenhanges aus dem Worte Abtei das Wort
+Raubtei machen, so leicht und natürlich scheint uns der Übergang von
+einem zum andern Begriff. Beide Momente bedingen die Eigenart des
+komischen Prozesses. Achten wir auf das, was die Worte in ihrem
+Zusammenhange sagen, so ergeben sie den Eindruck einer einleuchtenden
+Wahrheit, betrachten wir sie nach ihrer Form und beurteilen diese, wie
+wir nicht anders können, nach den gewöhnlichen Gesetzen unseres Denkens
+und Sprechens, so gewinnen wir den Eindruck des Spiels mit Worten. Das
+Wort Raubtei erscheint so sinnlos, wie es sonst sein würde, der
+Gleichklang so logisch kraftlos, wie er sonst zu sein pflegt.
+
+Die beiden hier unterschiedlichen Momente können auch jedes für sich die
+Komik des Witzes begründen. Wenn _Heine_ von jemand sagt, er sei von
+einem bekannten Börsenbaron recht "famillionär" aufgenommen worden, so
+beruht die Komik dieses Witzes lediglich auf dem ersten jener beiden
+Momente. Ein Wort wie "famillionär" giebt es nicht. Wir lassen uns aber
+den malitiösen Sinn, den es in dem speciellen Falle hat, gefallen; wir
+verstehen, dass _Heine_ sagen will, die Aufnahme sei eine familiäre
+gewesen, nämlich von der bekannten Art, die durch den Beigeschmack des
+Millionärtums an Annehmlichkeit nicht zu gewinnen pflegt. Dann kommt uns
+doch wiederum die Nichtigkeit und Sinnlosigkeit des Wortes zum deutlichen
+Bewusstsein.
+
+Dagegen beruht der Witz gänzlich auf dem Verhältnis der Worte zu einander
+bei der oben zuletzt angeführten _Schleiermacher_'schen Definition. Die
+Frage, was für eine Leidenschaft die Eifersucht sei, wird beantwortet,
+indem beide Worte Eifersucht und Leidenschaft auseinandergeschnitten und
+die Stücke durch Zwischenfügung weniger, an sich unerheblicher Worte zu
+einem Satze verbunden werden. Diese äusserlich betrachtet völlig
+mechanische Procedur ergiebt nichtsdestoweniger ein bedeutungsvolles und
+zutreffendes gedankliches Resultat. Solange wir auf dies Resultat achten,
+erscheint das Mittel, wodurch es erreicht wurde, gleichfalls
+bedeutungsvoll. Es sinkt dann doch wiederum unfehlbar in seine, obgleich
+nur scheinbare Nichtigkeit zurück.
+
+Jetzt ist deutlich ersichtlich, wie wir uns zu _Kräpelin_'s Theorie
+stellen. Der Kontrast bleibt bestehen, aber er ist nicht so oder so
+gefasster Kontrast der mit den Worten verbundenen Vorstellungen, sondern
+Kontrast, oder Widerspruch der Bedeutung und Bedeutungslosigkeit der
+Worte. Dies Ergebnis entspricht ganz dem bei der objektiven Komik
+gewonnenen. Wie dort so ist hier der qualitative Vorstellungskontrast nur
+insoweit von Belang, als er diesen quantitativen oder Bedeutungskontrast
+vermittelt; er hat im übrigen, wie mit der Komik überhaupt, so auch mit
+der Komik des Witzes nichts zu thun.
+
+Das Recht dieser letzteren Behauptung habe ich schon oben dargelegt. Ich
+erinnere an die Verleumdung des erprobten Freundes. Diese Verleumdung war
+trotz des stärksten Kontrastes weder witzig noch überhaupt komisch.
+Umgekehrt entsteht die Komik des Witzes, wie die objektive, sobald ich
+den von uns geforderten Bedeutungskontrast hinzufüge. So kann die
+Verleumdung zunächst durch Hinzutritt des objektiven Bedeutungskontrastes
+_objektiv_ komisch werden. Der Verleumder giebt sich alle Mühe, übersieht
+aber einen Umstand, der ihn sofort widerlegt. Von einem Witze ist hier
+noch keine Rede, weil die Bedingung des Witzes nicht erfüllt ist, die
+darin besteht, dass die Komik an der Aussage hafte, _sofern_ sie der
+Vorstellungsverbindung _zum Ausdruck dient_, und damit zugleich als
+_That_ desjenigen erscheine, der die Aussage macht. Die Worte des
+Verleumders sagen oder bedeuten nach ihrer Widerlegung dasselbe wie
+vorher. Sie kommen in bestimmter Art zu Fall, aber dies zu Fall kommen,
+das wesentlichste Moment der Komik, ist nicht durch die Worte selbst
+bedingt, sondern durch jenen dem Verleumder unbekannten oder von ihm
+verschwiegenen Umstand. Der Verleumder bringt es, indem er die Aussage
+macht, nicht eben dadurch _zuwege_, dass ich den Eindruck einer Wahrheit
+habe und dann auch wiederum nicht habe, sondern er will, dass ich den
+Eindruck habe und _erlebt_ es, dass derselbe in nichts zerrinnt. Dagegen
+wird die Aussage witzig, sobald die Worte selbst, ohne ein von aussen
+hinzutretendes Schicksal, die Bedeutung, die sie haben oder zu haben
+scheinen, doch auch wiederum nicht haben oder nicht zu haben scheinen,
+sobald also der rein subjektive, von dem "Verleumder" aus eigenen Mitteln
+hervorgerufene Bedeutungskontrast hinzukommt. Man sagt mir etwa, mein
+Freund habe einen Eingriff in die Kasse gemacht, um dann hinzuzufügen:
+nämlich in seine eigene; er habe endlich seine Schulden bezahlt.
+
+Andererseits kann der Vorstellungskontrast fehlen und doch, weil der
+Bedeutungskontrast fühlbar zu Tage tritt, der Witz entstehen. Man kennt
+_Gellert_'s "der Bauer und sein Sohn". Der Sohn lügt, er habe einen Hund
+gesehen, so gross wie ein Pferd. Diese Lüge bringt ihm der Vater zum
+Bewusstsein durch die Erzählung von der Lügenbrücke. Die Erzählung an
+sich ist nichts weniger als witzig. Dass man auf eine Brücke kommen
+werde, auf der jeder, der an dem Tage gelogen habe, ein Bein breche, das
+ist abgesehen von dem, was vorher berichtet ist, eine harmlose
+Erdichtung. Sie wird erst witzig als Entgegnung auf die Behauptung des
+Sohnes. Hier also müsste der Vorstellungskontrast sich finden, aber hier
+gerade fehlt derselbe völlig. Achten wir nicht auf die beabsichtigte und
+erreichte Wirkung, so ist alles in schönster Ordnung. Der Vater fügt
+einfach zu einer Unwahrheit eine andere von gleichem Charakter. Es ist
+sogar eine wesentliche Bedingung dieses Witzes, dass der Kontrast
+zwischen der Lüge des Sohnes und der des Vaters möglichst gering sei.
+Dagegen besteht ein wesentlicher Kontrast zwischen der logischen und
+praktischen _Konsequenz_ der Erzählung des Vaters und ihrer scheinbaren
+Nichtigkeit.
+
+Freilich kann man, wenn man es darauf anlegt, dem "Vorstellungsgegensatz"
+einen möglichst unbestimmten Sinn zu geben, am Ende auch diese und
+ähnliche Gegensätze der Bedeutung oder Wirkung als Vorstellungsgegensätze
+bezeichnen. Man verwischt dann nur eben den Unterschied, auf den für die
+Begriffsbestimmung des Witzes alles ankommt. Schwarz und weiss, Unterthan
+eines Königs und Gegenstand eines Gedichtes, Abtei und Räuberhöhle, das
+sind wirkliche Vorstellungsgegensätze. Von diesen ist aber der Art nach
+verschieden der Gegensatz, der entsteht, indem dieselben Vorstellungen
+und Vorstellungsverbindungen jetzt sinnvoll, wahr, treffend, abfertigend,
+zurechtweisend, dann auch wiederum sinnlos, unwahr, nichtssagend, als
+blosses Spiel erscheinen. Oder allgemeiner, von den _qualitativen_
+Gegensätzen, die zwischen den durch Worte bezeichneten Vorstellungen
+stattfinden, sind durchaus verschieden die Gegensätze des logischen oder
+sachlichen _Wertes_ oder _Gewichtes_ der Worte und Wortverbindungen, bzw.
+der dadurch bezeichneten Vorstellungsverbindungen.
+
+Indessen auch damit brauchte man sich noch nicht zufrieden zu
+geben. Auch der logische oder sachliche Wert der Worte und
+Vorstellungsverbindungen, so könnte man sagen, ist Gegenstand unseres
+Vorstellens und insofern ihr Gegensatz ein Vorstellungsgegensatz. Aber
+dies wäre ein schlechter Einwand. In der That entsteht der Eindruck des
+Witzes eben nicht daraus, dass wir uns _vorstellen_, Vorstellungen und
+Vorstellungsverbindungen erscheinen irgend jemand sinnvoll, glaubwürdig
+u. s. w., während sie zugleich auch als das Gegenteil erscheinen;
+vielmehr müssen wir selbst sie für sinnvoll halten, daran glauben, kurz
+ihren Wert oder ihr Gewicht _erleben_, und dann zur gegenteiligen
+Vorstellungsweise übergehen. Der Gegensatz, um den es sich handelt, und
+schliesslich einzig und allein handelt, ist ein Gegensatz der
+thatsächlichen _Wirkung in uns_, des Eindrucks, den _wir erfahren_,
+allgemein gesagt der Art, wie Vorstellungen, sie mögen sich inhaltlich zu
+einander verhalten wie sie wollen, _in uns auftreten_ oder _uns in
+Anspruch nehmen_. Dies ist auch bei dem obigen Beispiel deutlich genug.
+Der Eindruck jenes Witzes wäre völlig dahin, wenn wir zwar wüssten, dass
+der Sohn das Gewicht der väterlichen Worte empfände, er selbst aber nicht
+mitempfänden und dann doch wiederum von dem Gewicht befreit würden.
+
+Vielleicht hätte der _Gellert_'sche Bauer, dessen witzige Überführung
+seines Sohnes uns hier beschäftigte, seinen Zweck--witzig oder
+witzlos--auch auf kürzerem Wege erreichen können. Darum bleibt doch der
+Satz _Jean Paul_'s, Kürze sei die Seele des Witzes, ja dieser selbst, zu
+Recht bestehen. Der Witz sagt, was er sagt, nicht immer in wenig, aber
+immer in zu wenig Worten, d. h. in Worten, die nach strenger Logik oder
+gemeiner Denk- und Redeweise dazu nicht genügen. Er kann es schliesslich
+geradezu sagen, indem er es verschweigt.. So ein bekannter Witz
+_Heine_'s. Der Börsenbaron, der so oft das Opfer seines Witzes geworden
+ist, wundert sich, dass die Seine oberhalb Paris so rein, unterhalb so
+schmutzig sei. _Heine_ erwidert: O, Ihr Vater ist ja auch ein ganz
+ehrlicher Mann gewesen. Hier findet sich kein Vorstellungsgegensatz, der,
+sei es auch indirekt, den Witz begründen könnte; weder in dem, was
+_Heine_ sagt, noch zwischen dem, was er sagt, und dem, was er meint. Man
+braucht, um sich davon zu überzeugen, nur, was er meint, zu ergänzen:
+dass die Seine oberhalb Paris rein, unterhalb schmutzig ist, ist so wenig
+zu verwundern als dass Ihr Vater ein ehrlicher Mann war und Sie es nicht
+mehr sind. Ein Kontrast entsteht erst dadurch, dass _Heine_, was er nicht
+sagt, doch deutlich zu verstehen giebt, dass also wir seinen Worten eine
+Bedeutung zugestehen, die wir ihnen dann doch wieder nicht zugestehen
+können.
+
+
+WITZIGE HANDLUNGEN.
+
+Nur von der witzigen Aussage war im bisherigen die Rede, während die
+möglichen anderen Arten des Witzes, die witzigen Handlungen und Gebärden
+ausser Betracht blieben. Ich liess sie ausser Betracht, weil _Kräpelin_
+sie vernachlässigt. Dennoch giebt es dergleichen. _Kräpelin_ selbst rührt
+daran, wo er den bekannten Witz des _Diogenes_ anführt, der am hellen
+Tage mit einer Laterne Menschen sucht. Dabei entgeht ihm nur eben der
+Witz der Handlung. Er sucht den Witz lediglich in der Aussage des
+_Diogenes_, er suche Menschen, speciell in der Doppelbedeutung des Wortes
+Mensch. _Diogenes_ meine vernünftige Menschen, während nach der gemeinen
+Bedeutung des Wortes jedes Exemplar der menschlichen Gattung darunter
+verstanden werde. Aber der Witz bleibt auch, wenn wir diesen Doppelsinn
+streichen und _Diogenes_ sagen lassen, er suche vernünftige Menschen. Die
+Aussage selbst ist dann nicht mehr witzig; der Witz muss also an der
+Handlung haften, die durch die Aussage nur interpretiert wird. Er haftet
+daran, insofern die Handlung eine eindringliche Wahrheit verkündet,
+während sie doch an sich unsinnig und darum nach gemeiner Anschauung zum
+Träger einer Wahrheit durchaus ungeeignet scheint.
+
+Völlig analog verhält es sich mit der witzigen Handlung, die _Hecker_
+anführt und als solche anerkennt. Ein italienischer Maler hat für ein
+Kloster ein Abendmahl zu malen. Während der Arbeit erfährt er allerlei
+Chikanen von Seiten des Priors. Dafür rächt er sich, indem er dem Judas
+die Züge des Priors leiht. Für _Hecker_ beruht die Komik dieses Witzes
+darauf, dass die Unvereinbarkeit der beiden Vorstellungen--Judas und der
+Prior--beleidigt, während zugleich die Erkenntnis der zwischen beiden
+bestehenden Ähnlichkeit eine gewisse Befriedigung gewährt. Wäre diese
+Erklärung richtig, so müsste es auch witzig erscheinen, wenn der Maler
+seinem Christus einzelne Züge von einem besonders frommen Klosterbruder
+geliehen hätte, oder wenn _A. Dürer_ thatsächlich seine Christusgestalten
+sich ähnlich bildet. Auch _Dürer_ und Christus sind ja unvereinbare
+Vorstellungsinhalte und auch bei Betrachtung der _Dürer_'schen
+Christusgestalten gewährt die Erkenntnis der Ähnlichkeit eine gewisse
+Befriedigung. In der That beruht der Witz des italienischen Malers
+darauf, dass der Maler dem Prior seine Meinung sagt durch ein Mittel, das
+an sich völlig harmlos erscheint. Was kann ich dafür, so hätte er dem
+Prior gegenüber sich verantworten können, wenn mir deine Züge gerade für
+meinen Judas passen. Er konnte die Übereinstimmung sogar für ein blosses
+Spiel des Zufalls erklären. Solche Spiele des Zufalls giebt es ja. In
+jedem Falle beweist es nichts gegen den Charakter eines Menschen, wenn er
+mit dem Bilde eines Verräters äusserliche Ähnlichkeit hat. Aber hier
+freilich beweist es alles, nicht nach strenger Logik, aber für den
+unmittelbaren Eindruck. Eben diesen zerstört dann die Logik wiederum.
+
+Verallgemeinern wir das Ergebnis, so erscheint die Komik der witzigen
+Handlung an dieselbe Bedingung gebunden, wie die der witzigen Aussage.
+Beide sagen etwas und sagen es auch nicht. Die Worte sind "Zeichen"
+dessen, was sie sagen. Auch die Handlungen--und ebenso natürlich die
+Gebärden--kommen für den Witz nur in Betracht, insoweit sie Zeichen sind.
+
+
+VERWANDTE THEORIEN.
+
+Schließlich werfe ich auch hier, wie bei der objektiven Komik, noch einen
+Blick auf solche frühere Theorien, die mit uns in der Hauptsache auf
+gleichem Boden zu stehen scheinen. Schon von _Jean Paul_ könnten die
+Autoren, deren ungenügende Anschauungen mir Gelegenheit gaben die
+meinigen zu entwickeln, einiges lernen. Wenn freilich _Jean Paul_ den
+Witz allgemein definiert als ein Vergleichen und Auffinden von
+Gleichheiten bei grösserer Ungleichheit, so bemerkt dagegen _Vischer_ mit
+Recht, dass es Witze gebe, bei denen von Vergleichung, also auch von
+Auffindung von Ähnlichkeiten keine Rede sei; so z. B. wenn _Talleyrand_
+sage, die Sprache sei erfunden, um die Gedanken zu verbergen. Wir
+brauchen aber nur _Jean Paul_'s weiteren Ausführungen zu folgen, um zu
+sehen, wie nahe er dem wahren Sachverhalt kommt. Der Witz entdecke
+Gleichheiten, so sagt er erst; nachher erfahren wir, im Witz mache die
+taschen- und wortspielerische Geschwindigkeit der Sprache halbe,
+Drittels-, Viertelsähnlichkeiten zu Gleichheiten; es werden durch sie
+Gattungen für Unterarten, Ganze für Teile, Ursachen für Wirkungen, oder
+alles dieses umgekehrt, verkauft. Dadurch wird, so fährt er fort, der
+ästhetische Lichtschein eines neuen Verhältnisses geworfen, indessen
+unser Wahrheitsgefühl das alte fortbehauptet. Hiermit wird, wenn wir das
+"Verhältnis", das nichts zur Sache thut, zur Seite lassen, wenigstens
+eine Gattung des Witzes zutreffend bezeichnet. Der "Lichtschein", der dem
+Wahrheitsgefühl entgegentritt, kann nur bestehen in irgend welcher
+"Geltung", welche die witzige Aussage, beansprucht und in unseren Augen
+thatsächlich gewinnt. Diese zerrinnt in Nichts, wenn wir unser
+"Wahrheitsgefühl" zu Rat ziehen.
+
+Gegen jene allgemeine Begriffsbestimmung _Jean Paul_'s wendet sich
+_Vischer_, nicht ohne sie zugleich zu korrigieren. Zwischen ungleichen
+Vorstellungen werden Gleichheiten entdeckt, statt dessen muss es ihm
+zufolge heissen, einander fremde Vorstellungen werden zu scheinbarer
+Einheit zusammengefasst. Dass damit viel gebessert sei, können wir nicht
+zugeben, da unserer obigen Darlegung zufolge weder die Vorstellungen
+einander fremd zu sein brauchen, noch die Zusammenfassung zur Einheit die
+Leistung des Witzes genügend bestimmt bezeichnet, noch endlich diese
+Leistung immer eine bloss scheinbare heissen darf. Dagegen trifft es die
+Sache, wenn _Vischer_ nachher "Sinn im Unsinn, Unsinn im Sinn" als Inhalt
+des Witzes bezeichnet.
+
+Endlich wüsste ich im Grunde nichts einzuwenden gegen Kuno Fischer's
+allgemeine Definition des Witzes als eines spielenden Urteils. Urteil ist
+ihm nicht jede Aussage, sondern diejenige, die etwas sagt. Sofern auch
+die witzige Handlung etwas sagt, kann auch sie Urteil heissen.
+Andererseits ist das Mittel, wodurch der Witz sagt, was er sagen will,
+immer im Widerspruch mit der gewöhnlichen Denk- und Ausdrucksweise, oder
+wie _Fischer_ treffend sagt, mit der Hausordnung und den Hausgesetzen des
+Geistes, und muss insofern jederzeit als Spiel bezeichnet werden.
+
+Diese unsere Zustimmung scheinen wir freilich zurücknehmen zu müssen
+gegenüber _Fischer_'s näherer Ausführung. Auch _Fischer_, ebenso wie
+_Vischer_, lässt die Vereinigung einander fremder und widerstreitender
+Vorstellungen als dem Witze wesentlich erscheinen: "Was noch nie
+vereinigt war, ist mit einem Male verbunden, und in demselben Augenblick,
+wo uns dieser Widerspruch noch frappiert, überrascht uns schon die
+sinnvolle Erleuchtung." Es ist ein Punkt, worin jene einander fremden und
+widerstreitenden Vorstellungen unmittelbar zusammentreffen. Hier hat der
+Witz seine "Kraft und Wirkung" etc. _Fischer_ widerlegt aber diese
+Anschauung gleich nachher selbst, indem er Bemerkungen, die eine
+Allerweltsweisheit enthalten, also sicher keine Vorstellungen vereinigen,
+die einander fremd sind, widerstreiten, noch nie vereinigt waren,
+lediglich dadurch zu Witzen werden lässt, dass sie den Charakter des
+Spieles gewinnen.
+
+Dieser Widerspruch nun löst sich nur, wenn wir jene "einander fremden
+Vorstellungen" so interpretieren, dass wir darunter jedesmal einerseits
+das, was die Worte meinen, andererseits die Worte selbst verstehen. Denn
+die Worte allerdings sind beim Witze jederzeit dem, was sie meinen, in
+gewissem Sinne fremd, in dem eben bezeichneten Sinne nämlich, dass sie
+nach gemeiner Denk- und Ausdrucksweise das Gemeinte eigentlich nicht
+scheinen bezeichnen zu können. Dies gilt auch von der von _Fischer_
+selbst angeführten witzigen Allerweltsweisheit, das Leben zerfalle in
+zwei Hälften, in der ersten wünsche man die zweite herbei, in der zweiten
+die erste zurück. Dieser Witz erscheint als ein Spiel mit Worten, und als
+solches jeder ernsten Wahrheit, auch derjenigen, die es thatsächlich
+verkündigt, fremd.
+
+
+"VERBLÜFFUNG UND ERLEUCHTUNG" BEIM WITZ.
+
+Die "Erleuchtung", von der hier _Fischer_ spricht, begegnet uns auch
+sonst in mannigfachen Wendungen. Ich bleibe dabei noch einen Moment.
+
+Gewiss hat diese Erleuchtung ihr Recht. Es fragt sich nur, was wir unter
+der Erleuchtung verstehen, bzw. was darunter verstanden wird, und in
+welcher Weise diese Erleuchtung für die Komik verantwortlich gemacht
+wird.
+
+Auch für _Groos_ ist, wie wir schon sahen, die Erleuchtung oder die
+Erkenntnis der Verkehrtheit, nachdem sie uns verblüfft hat, für die Komik
+überhaupt, also auch für die Komik des Witzes wesentlich. Diese
+Erkenntnis soll aber wirken, indem sie uns das Gefühl der Überlegenheit
+schafft. Zu dieser "Überlegenheit" kehren wir nicht noch einmal zurück.
+Sie ist, wie wir gesehen haben, nichts anderes, als der eigentliche
+Todfeind aller Komik. Ich erinnere noch einmal daran: Das vollste Gefühl
+der Überlegenheit über den Widersinn der witzigen Wendung hat der Pedant.
+Und diesem fehlt eben deswegen der Sinn für den Witz.
+
+Dagegen interessiert uns der Gegensatz der Verblüffung und Erleuchtung
+bei _Heymans_. Was ich dazu zu bemerken habe, ist in gewisser Weise schon
+gesagt. Aber es liegt mir daran, dies schon Gesagte speciell auf den Witz
+anzuwenden.
+
+_Heymans_ wählt, um seine Meinung zu illustrieren, unter anderen das
+Beispiel des _Heine_'schen "famillionär". Er meint, dasselbe erscheine
+zunächst einfach als eine fehlerhafte Wortbildung, als etwas
+Unverständliches, Unbegreifliches, Rätselhaftes. Dadurch verblüffe es.
+Die Komik ergebe sich aus der Lösung der Verblüffung. Diese bestehe im
+Verständnis. Der Prozess der Komik stelle sich also hier nicht, wie es
+meiner Theorie zufolge sein müsste, dar als ein Übergang vom Verstehen
+zum Nichtmehrverstehen, oder zum Eindruck der Sinnlosigkeit, sondern
+vollziehe sich auf dem umgekehrten Weg.
+
+Hier leuchtet in besonderer Weise die Wichtigkeit der auf S. 75[*]
+geforderten Unterscheidung ein, nämlich der Unterscheidung zwischen
+Verblüffung und Verblüffung oder zwischen Verständnis und Verständnis.
+Auch hier wiederum hat _Heymans_ recht mit dem, was er sagt. Aber
+wichtiger ist, was er nicht sagt.
+
+[* Im Unterkapitel "VERBLÜFFUNG" UND "VERSTÄNDNIS". Transkriptor.]
+
+Das in einen sinnvollen Zusammenhang hineintretende sprachwidrige Wort
+verblüfft als solches. Zugestanden. Aber das Wort "famillionär" verblüfft
+ausserdem als dies scheinbar oder in dem Zusammenhang, in dem es
+auftritt, wirklich sinnvolle, sogar ausserordentlich sinnvolle Wort. Dies
+zweite Stadium der Verblüffung hebt _Heymans_ nicht heraus. Statt dessen
+können wir ebensowohl sagen, _Heymans_ hebe das _erste_ Stadium des
+_Verständnisses_ oder Erleuchtung nicht heraus. Ich vereinige beides,
+indem ich sage, bei _Heymans_ bleibe das mittlere Stadium des ganzen
+Prozesses, das verblüffende Verständnis oder die Verblüffung auf Grund
+eines Verständnisses unbeachtet oder werde nicht in seiner Bedeutung
+gewürdigt.
+
+Dies ist aber eben der für die Komik entscheidende Punkt. Das Wort
+"famillionär" bezeichnet, und zwar _vermöge_ seiner Fehlerhaftigkeit in
+besonders eindrucksvoller Weise, die Familiärität des "famillionären"
+Börsenbarons als die eines aufgeblasenen Millionärs. Niemand kann
+zweifeln, dass _Heine_'s Witz witzig ist, nur darum, weil wir einsehen,
+oder "verstehen", das Wort solle diese Bedeutung haben, oder genauer,
+weil es diese Bedeutung in unseren Augen für einen Moment thatsächlich
+hat. Und ebenso gewiss ist _Heine_'s Witz nur witzig, weil dies
+Verständnis verblüffend ist, d. h. weil das fehlerhafte Wort, vermöge
+dieser seiner einschneidenden Bedeutung, die Aufmerksamkeit zu spannen
+vermag.
+
+Dann erst folgt die Lösung. Auch sie besteht in einem Verständnis. Aber,
+in einem Verständnis zweiter Stufe. Es ist ein Verständnis, das über
+dieses verblüffende Verständnis kommt, oder ein Verständnis, mit dem wir
+_hinter_ dieses verblüffende Verständnis kommen; d. h. das Verständnis,
+wie dies Verständnis _zu stande_ gekommen ist. Das erste Verständnis ist
+ein Verständnis eines Rätsels, nämlich ein Verständnis, worin das Rätsel,
+d. h. der _Gegenstand_ des ersten Staunens _besteht_. Es ist die Lösung
+eines rätselhaften Staunens, nämlich des ursprünglichen Staunens ohne
+jedes Verständnis, worum es sich handle, oder ohne Wahrnehmung der
+Pointe. Ebenso ist dies zweite Verständnis das Verständnis eines Rätsels,
+nämlich das Verständnis der _Mittel_, wodurch das rätselhafte Verständnis
+oder der rätselhafte oder seltsame, aber von uns verstandene Sinn
+_entsteht_. Es ist die Lösung eines rätselhaften Staunens, nämlich des
+Staunens über diesen _Sinn_ oder des Staunens infolge dieses ersten
+_Verständnisses_. Wir fragen nicht mehr: was _will_ das? Wir antworten
+auch nicht mehr: Das ist _gemeint_, sondern wir wissen: So ist es
+_gemacht_; dies sinnlose Wort hat uns verblüfft und dann den seltsamen
+Sinn ergeben. Diese _völlige_ Erleuchtung, d. h. diese Erleuchtung, wie
+es _gemacht_ ist, die Einsicht, dass ein nach gemeinem Sprachgebrauch
+sinnloses Wort das Ganze verschuldet hat, diese _völlige_ Lösung, d. h.
+die _Auflösung_ in _nichts_, erzeugt die Komik.
+
+Diese drei Stadien können, wie bei aller Komik überhaupt, so insbesondere
+bei jeder witzigen Komik unterschieden werden. Ich habe sie früher auch
+schon als die Stadien der völlig verständnislosen Verblüffung, der
+"Sammlung" und der Lösung bezeichnet. Die Sammlung ist nichts Geringeres
+als das Finden der "Pointe". Man kann im ersten Stadium stecken bleiben.
+Man _hört_ den Witz, aber man _merkt_ ihn nicht; d. h. man hört etwas,
+das man nicht versteht, und--staunt. Man kann dann weiterhin auch wohl
+bis zur Pointe gelangen, also den Witz merken und doch die Komik nicht
+verspüren: Dieser Fall wird immer eintreten, wenn man das Mittel, wodurch
+die Pointe, oder das erste Verständnis bewirkt wird, nicht als nichtig,
+d. h. als an sich bedeutungslos _anerkennen_ kann. Es ist etwa
+verletzend, taktlos, geschmacklos. Hier bleibt die Spannung, die das
+Verständnis der Pointe erzeugte, bestehen, nicht als Spannung durch dies
+Verständnis, aber als Spannung durch den Eindruck des Verletzenden,
+Taktlosen, Geschmacklosen. Nur wenn zur Auflösung des unverstandenen
+Rätsels durch das Verständnis der Pointe diese völlige Lösung tritt,
+entsteht die Komik oder wirkt der Witz witzig.
+
+Ich erinnere auch noch an andere Beispiele, die _Heymans_ anführt, etwa
+das Menschensuchen des _Diogenes_ oder den Druckfehlerteufel, der mir
+vorspiegelt, ein Autor wolle statt der Richtigkeit die Nichtigkeit seiner
+Behauptung beweisen. Auch _Diogenes_' Verhalten ist zunächst einfach
+verblüffend, es ist aber dann vor allein durch seinen _Sinn_
+"verblüffend", oder wir sind durch das "Verständnis" desselben,
+"verblüfft". Endlich "verstehen" wir, dass eine logisch widersinnige
+Handlung diese Verblüffung oder diesen von uns wohl "verstandenen" Sinn
+hervorgebracht hat. Ebenso sind wir dem Druckfehler gegenüber zunächst
+einfach verblüfft, dann sehen wir, welche merkwürdige Absicht der Autor
+den schwarz auf weiss vor uns stehenden Worten zufolge hat, schliesslich
+wissen wir, dass ein einfacher Druckfehler, also die bedeutungsloseste
+Sache von der Welt, uns diese verblüffende Absicht vorspiegelt.
+
+Speciell von einem Witze _Saphirs_ meint _Heyman_ schliesslich, es werde
+bei ihm keineswegs eine witzige Äusserung oder Handlung nachher als
+nichtig erkannt. Damit hat _Heymans_ wiederum in gewisser Weise recht.
+Aber _Heymans_ übersieht, das ich deutlich die beiden Fälle unterschieden
+habe: Dass die witzige Äusserung oder Handlung bedeutungsvoll _scheine_
+und als nichtig _erkannt_ werde, und dass sie als bedeutungsvoll
+_erkannt_ werde und nichtig _scheine_. Auch im letzteren Falle ist sie
+für uns, d. h. für unseren Eindruck oder hinsichtlich ihrer
+psychologischen Wirkung nichtig. Und auf diese psychologische Nichtigkeit
+kommt es ja einzig an.
+
+"Wenn _Saphir_," so sagt _Heymans_, "einem reichen Gläubiger, dem er
+einen Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl um die 300 Gulden,
+antwortet: Nein, _Sie_ kommen um die 300 Gulden, so ist eben dasjenige,
+was er meint, in einer sprachlich vollkommen korrekten und auch
+keineswegs ungewöhnlichen Form ausgedrückt." In der That ist es so: Die
+Antwort _Saphirs_ ist _an sich betrachtet_ in schönster Ordnung. Wir
+verstehen auch, was er sagen will, nämlich dass er seine Schuld nicht zu
+bezahlen beabsichtige. Aber _Saphir_ gebraucht dieselben Worte, die
+vorher von seinem Gläubiger gebraucht wurden. Wir können also nicht umhin
+sie auch in dem _Sinne_ zu nehmen, in welchem sie von jenem gebraucht
+wurden. Und dann hat _Saphirs_ Antwort gar keinen Sinn mehr. Der
+Gläubiger "kommt" ja überhaupt nicht. Er kann also auch nicht um die 300
+Gulden kommen, d. h. er kann nicht kommen, um 300 Gulden zu bringen.
+Zudem hat er als Gläubiger nicht zu bringen sondern zu fordern. Indem die
+Worte _Saphirs_ in solcher Weise zugleich als Sinn und als Unsinn erkannt
+worden, entsteht die Komik.
+
+Ich meine hiermit, auch was den Witz betrifft, die Gegnerschaft
+_Heymans_' zu mir beseitigt zu haben.
+
+
+
+
+VII. KAPITEL. DAS NAIV-KOMISCHE.
+
+
+DIE THEORIEN.
+
+Objektive und subjektive Komik haben wir bisher unterschieden. Zwischen
+beiden steht das Naive als eine Gattung der Komik, die objektiv und
+subjektiv zugleich und eben darum von beiden verschieden ist.
+
+Über das Wesen des Naiven ist viel Zutreffendes aber auch mancherlei
+Unzutreffendes gesagt worden. Ich erwähne diesmal zunächst _Kräpelin_.
+Nach _Kräpelin_ entsteht die Komik des Naiven aus dem Kontrast "zwischen
+den natürlichen Regungen und Neigungen einerseits und der Schablone
+andrerseits in welche jene durch Erziehung und sociale Reibung gepresst
+werden". Das unverkümmerte Hervortreten jener natürlichen Regungen und
+Neigungen erzeugt Lust, und diese Lust zusammen mit der Unlust, die aus
+der Verletzung der Schablone erwächst, ergiebt die Komik.
+
+Wäre diese Bestimmung genügend, so müsste gar mancherlei naiv-komisch
+erscheinen, was es keineswegs ist. So die wohlverdiente und von jedermann
+als wohlverdient anerkannte Zurechtweisung, die ich in einer Gesellschaft
+in berechtigtem Zorn, zugleich mit bewusster Verletzung der
+gesellschaftlichen Form, einem der Anwesenden angedeihen liesse.--Es
+fehlt eben bei jener Bestimmung wiederum das eigentlich Wesentliche. Wie
+bei der objektiven und subjektiven, so thut auch bei der naiven Komik der
+Kontrast nichts zur Sache, es sei denn, dass er sich als Kontrast der
+Bedeutsamkeit und Nichtigkeit eines und desselben Vorstellungsinhaltes
+darstellt; und wie dort, so ist auch hier das Gefühl der Komik nicht das
+Resultat des Zusammentreffens von Lust und Unlust, sondern ein
+eigenartiges Gefühl, das eben in diesem Bedeutungskontrast seinen Grund
+hat.
+
+Näher als _Kräpelin_ kommt, was das Wesen des Naiven angeht, _Hecker_ dem
+wahren Sachverhalt. Er unterscheidet das Pseudonaive und das Naive. Bei
+jenem werden "unsere praktischen Ideen von Klugheit und die logischen
+Normen beleidigt"; andrerseits ist doch "in der pseudonaiven Äusserung
+oder Handlung etwas relativ Wahres, Kluges, Verständiges enthalten,
+namentlich, wenn wir uns auf den Standpunkt der beim Redenden naturgemäss
+vorhandenen, und daher verzeihlich scheinenden Unkenntnis stellen". Bei
+dem Naiven dagegen geht das unangenehme Gefühl "aus der Verletzung irgend
+einer praktischen, logischen, oder ideellen Norm" hervor oder es leitet
+sich her "aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von konventionellem
+gesellschaftlichem Anstand". "Immer aber ist es nötig, dass uns in der
+naiven Äusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von
+der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die Etikette
+um uns gezogen, nicht kennt, und daher auch nicht zu respektieren
+braucht, indem sie einer freieren und höheren Sittlichkeit folgt."
+
+Von diesen beiden Bestimmungen kommt die erstere der Wahrheit sehr nahe,
+wenn wir das "_namentlich_" streichen. Nicht nur das "Pseudonaive",
+sondern alle echte naive Komik schliesst dies in sich, dass eine
+Äusserung oder Handlung wahr, klug, vernünftig, kurz irgendwie positiv
+bedeutsam erscheine vom Standpunkte des naiven Subjektes aus, und dann
+doch wiederum nicht so erscheine von unserem Standpunkte aus. Die
+naiv-komische Handlung oder Äusserung ist also für uns klug und unklug,
+oder allgemein gesagt, bedeutungsvoll und nichtig zugleich je nach dem
+Standpunkte unserer Betrachtung. Und daraus kann das Gefühl der Komik
+sich ergeben. Dagegen müsste es nach dem Wortlaut der _Hecker_'schen
+Bestimmung auch naiv-komisch erscheinen, wenn ein Kind ein Rechenexempel
+teilweise richtig rechnete, dann aber aus verzeihlicher Unkenntnis einer
+Rechenregel einen Fehler beginge.
+
+Ebenso sind in der _Hecker_'schen Erklärung des "_Naiven_" gewisse naive
+Momente richtig bezeichnet, wenn wir annehmen, dass die "Unschuld und
+Reinheit", die uns in der naiven Äusserung entgegentritt, zugleich die
+unlogische, unzweckmäßige, unschickliche Äusserung für den Standpunkt der
+naiven Persönlichkeit _rechtfertigt_, d. h. von diesem Standpunkte aus
+als eine logische, zweckmäßige, schickliche erscheinen lässt.--Aber
+freilich diese Annahme bezeichnet, ebenso wie die obige Korrektur der
+Bestimmung des Pseudonaiven das eigentlich Wesentliche der Sache.--Dass
+ausserdem die _Hecker_'sche, wie die _Kröpelin_'sche Bestimmung nicht
+alle Arten des Naiven umfasst, lasse ich hier noch ausser Betracht.
+
+Dagegen ist mir schon hier der Umstand von Wichtigkeit, dass keiner der
+beiden die naive Komik der objektiven und subjektiven Komik als eine neue
+Art entgegenstellt. Dies darf aber, wie ich schon angedeutet habe, nicht
+unterlassen werden.
+
+Unserer Anschauung zufolge schliesst die naive Komik den Ring der
+verschiedenen Möglichkeiten des Komischen. Es fragt sich, welche
+Möglichkeit es noch geben könne. Da wir von vornherein wissen, dass naiv
+nur menschliche Äusserungen oder Handlungen genannt zu werden pflegen, so
+können wir die Frage auch gleich bestimmter stellen und sagen: Wie können
+Äusserungen oder Handlungen dazu kommen, Träger einer Komik zu werden,
+die nicht objektive Komik noch auch Komik des Witzes ist. Die
+Beantwortung dieser Frage wollen wir hier zunächst versuchen. Dabei
+müssen wir zuerst das Wesen und den Gegensatz des objektiv Komischen und
+des Witzes noch in anderer Weise bezeichnen, als dies schon geschehen
+ist. Das Folgende wird also zugleich die früheren Erörterungen über
+objektive Komik und Witz noch einen Schritt weiter führen.
+
+
+DIE DREI ARTEN DER KOMIK.
+
+Das Gefühl der Komik, so können wir das allgemeinste Ergebnis der
+bisherigen Untersuchung kurz formulieren, entsteht überall, indem der
+Inhalt einer Wahrnehmung, einer Vorstellung, eines Gedankens den Anspruch
+auf eine gewisse Erhabenheit macht oder zu machen scheint, und doch
+zugleich eben diesen Anspruch nicht machen kann, oder nicht scheint
+machen zu können. Die objektiv komische Aussage oder Handlung erhebt aber
+den Anspruch der Erhabenheit vermöge des objektiven Zusammenhangs, in dem
+sie steht. Sie erhebt ihn, indem sie als Aussage oder Handlung eines
+_Menschen_, also eines normalerweise vernünftigen und gesitteten Wesens,
+oder indem sie als Erfüllung eines Versprechens, als Resultat grosser
+Vorbereitungen erscheint u. s. w. Dagegen erscheint die witzige Aussage
+oder Handlung bedeutungsvoll oder erhaben auf Grund eines _subjektiven_
+Zusammenhanges, in den sie eintritt. Der Zusammenhang von Wort und Sinn,
+Zeichen und Bezeichnetem, der Zusammenhang, wie ihn die Ähnlichkeit von
+Worten begründet, der scheinbare logische Zusammenhang von Sätzen, dies
+alles sind Zusammenhänge solcher Art. Keiner dieser Zusammenhänge kommt
+in der Welt der Wirklichkeit ausser uns vor, keiner betrifft die
+objektive Natur der Dinge. Sie alle bestehen nur in dem denkenden
+Subjekt. Ähnlichkeit von Worten ist nicht Ähnlichkeit von Dingen; wir nur
+leihen den Worten, die selbst nicht Dinge ausser uns sind, ihren Sinn; in
+_uns_ nur wirkt der Zwang wirklicher oder scheinbarer Logik.
+
+Der Art, wie, bei der objektiven und subjektiven Komik der Anspruch oder
+Schein der Erhabenheit entsteht, entspricht dann auch die Art, wie in
+beiden Fällen dieser Anspruch oder Schein zergeht. Die Erhabenheit, die
+das objektiv Komische auf Grund des objektiven Vorstellungszusammenhanges
+sich anmasst, zergeht auch wieder angesichts eines objektiven
+Thatbestandes, oder unserer aus objektiver Erfahrung gewonnenen Regeln
+der Beurteilung objektiver Thatbestände. Die Erhabenheit, welche das
+subjektiv Komische auf Grund eines nur im denkenden Subjekt bestehenden
+Zusammenhanges gewinnt, verschwindet auch wieder angesichts subjektiver
+Regeln, d. h. angesichts der Regeln, welche--nicht die Dinge und ihren
+Zusammenhang, sondern die Formen unseres Denkens und Urteilens betreffen,
+der Regeln des Sprachgebrauchs, des Zusammenhangs zwischen Zeichen und
+Bezeichnetem, des Schliessens etc.
+
+Natürlich ist damit nicht ausgeschlossen, dass gelegentlich das durch
+subjektive Regeln zu Fall gebrachte Erhabene auch angesichts der
+objektiven Wirklichkeit als nichtig erscheine. Mit dem bekannten witzigen
+Schlusse: Wer einen guten Trunk thut, schläft gut; wer gut schläft,
+sündigt nicht; wer nicht sündigt, kommt in den Himmel; also: wer einen
+guten Trunk thut, kommt in den Himmel--mit diesem Schlusse ist es nichts,
+einmal sofern er der Logik widerstreitet, zum andern, sofern es sich
+schwerlich so verhalten wird wie er glauben machen will. Aber der
+letztere Umstand hat mit dem Witze nichts zu thun. Das Spiel mit Worten,
+durch das der Schluss zu stande kommt, würde darum, weil es blosses,
+unlogisches Spiel ist, trotzdem aber einen Augenblick unser Denken zu
+verführen vermag, auch dann als witzig erscheinen, wenn ein guter Trank
+zufällig wirklich die Kraft hätte, die ihm der Schluss zuschreibt.
+Umgekehrt müsste, wenn die inhaltliche Unrichtigkeit des Schlusses den
+Witz machte, jeder formal richtige Schluss, von dem sich herausstellte,
+dass er mit der Wirklichkeit in Widerspruch stehe, witzig sein.
+
+Am deutlichsten wird der ganze, hier behauptete Gegensatz zwischen
+objektiver und subjektiver Komik in den Fällen, wo _Dasselbe_ als
+Gegenstand der objektiven Komik und als Witz erscheint, je nachdem es in
+einen objektiven Zusammenhang hineingestellt und an unseren Anschauungen
+über objektive Wirklichkeit gemessen, oder nur nach der Bedeutung, die
+ihm im denkenden Subjekt zukommt, aufgefasst und beurteilt wird. So wird
+eine Verwechslung von Fremdwörtern im Munde eines gebildeten Mannes
+objektiv komisch, wenn wir sie im Zusammenhang mit dieser Person
+betrachten. Wir erwarten von ihr, auf Grund unserer in der objektiven
+Wirklichkeit gemachten Erfahrungen, Sicherheit im Gebrauch von
+Fremdwörtern und finden thatsächlich Unsicherheit. Dagegen erscheint
+dieselbe Verwechslung als--freiwilliger oder unfreiwilliger--Witz, wenn
+wir dem aus der Verwechslung entspringenden Unsinn einen gemeinten oder
+nicht gemeinten Sinn zuschreiben und auch wiederum absprechen. Dort ist
+der ganze Gegensatz, auf dem die Komik beruht, der objektive des Könnens
+und Nichtkönnens, hier der lediglich subjektive von Sinn und Unsinn.
+
+So kann jede sinnlose, sprachwidrige, unlogische Äusserung beurteilt
+werden einmal als Leistung einer Person, also als ein dem objektiven
+Zusammenhang der Dinge angehöriges Faktum, das andre Mal als Träger eines
+Sinnes, also mit Rücksicht auf das, was sie lediglich fürs denkende
+Subjekt bedeutet. Und immer liegt jene Betrachtungsweise zu Grunde, wenn
+die Äusserung objektiv komisch, diese, wenn sie als Witz erscheint.
+
+Damit erst hat unsere Bezeichnung der beiden Arten der Komik als
+"objektiver" und "subjektiver" ihre volle Rechtfertigung gefunden.
+Zugleich können wir daraus erschliessen, wie die Komik des Naiven
+entstehen muss, wenn sie von beiden Arten unterschieden sein soll. Der
+Gegensatz, auf dem sie beruht, darf weder ein rein objektiver noch ein
+ausschließlich subjektiver--im oben ausgeführten Sinne--sein. Dies kann
+er aber nur sein, wenn er _zugleich_ ein objektiver und ein subjektiver
+ist. Dieser Art ist der Gegensatz der _Standpunkte_, den ich schon vorhin
+bei Besprechung der _Hecker_'schen Aufstellungen als für die Komik des
+Naiven wesentlich bezeichnete.
+
+Ich stelle jetzt in einem Beispiele alle drei Möglichkeiten der Komik
+einander gegenüber. Münchhausen erzähle die bekannte Geschichte, wie er
+sich selbst am Schopfe aus dem Sumpf gezogen habe. Ein Erwachsener glaube
+die Geschichte. Ein Kind frage, ob die Geschichte denn wahr sei. Hier ist
+die Gläubigkeit des Erwachsenen objektiv komisch. Als Erwachsener erhebt
+er den Anspruch genügend urteilsfähig zu sein, um die Lüge zu
+durchschauen. An die Stelle der vorausgesetzten Urteilsfähigkeit tritt
+die thatsächliche Unfähigkeit. Dagegen ist die Erzählung selbst ein Witz.
+Sie besitzt für uns im ersten Momente einen Schein der Wahrheit oder
+Wahrscheinlichkeit. Man kann zur Not einen Menschen am Schopf aus dem
+Sumpfe ziehen: da man selbst auch ein Mensch ist, warum sollte man die
+Prozedur nicht auch bei sich selbst anwenden können. Dieser Fehlschluss
+bezeichnet den subjektiven Gedankenzusammenhang, der den Schein der
+Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit erzeugt. Endlich ist die harmlose Frage
+des Kindes naiv-komisch.
+
+Was heisst dies? Wir erwarten von dem Kinde nicht, dass es die Lüge
+durchschaue. Vielmehr finden wir bei ihm den Mangel an Einsicht völlig in
+der Ordnung und unserer gewöhnlichen Erfahrung entsprechend. Dies ist
+eine, aber auch nur eine Seite der Sache. Beruhte auf dem Umstand, dass
+wir vom Kinde nichts anderes erwarten, für sich allein der Eindruck des
+naiv Komischen, so müsste der gleiche Eindruck entstehen, wenn ein Kind
+über ein leichtes Hindernis stolpert und fällt. Auch dies Stolpern und
+Fallen widerspricht ja beim Kinde nicht wie beim Erwachsenen unserer
+erfahrungsgemässen Erwartung. In der That entsteht in unserem Falle der
+Eindruck der Komik erst, wenn wir zugleich uns auf den Standpunkt des
+Kindes stellen, und von seinen Voraussetzungen aus selbst urteilen. Es
+erscheint dann auch uns die Äusserung des Kindes logisch berechtigt; sie
+erscheint ungleich als Zeichen echt kindlichen Sinnes sittlich wertvoll.
+
+Damit nun, dass wir die Äusserung als Äusserung des Kindes fassen,
+stellen wir sie zunächst in einen _objektiven_ Zusammenhang, nämlich den
+Zusammenhang mit dem kindlichen Wesen und Auffassungsvermögen. Es handelt
+sich zunächst einfach um die objektive Herkunft der Äusserung.
+Andererseits stellen wir, indem wir selbst von den Voraussetzungen des
+Kindes aus urteilen, die Äusserung zugleich in einen logischen, also
+_subjektiven_ Zusammenhang, nämlich den Zusammenhang mit den kindlichen
+Voraussetzungen, die wir uns angeeignet haben. Die Frage lautet nicht
+mehr, woher diese Äusserung stamme, sondern wie sie aus jenen
+Voraussetzungen logisch sich rechtfertige. Wir geben die Antwort, indem
+wir sie als logisch berechtigt anerkennen. Mit dieser logischen
+Berechtigung gewinnt dann die Äusserung zugleich einen--wiederum
+objektiven Wert, genauer einen Persönlichkeitswert. Die Äusserung ist als
+logisch berechtigte zugleich Anzeichen kindlicher Klugheit, also eine
+relativ bedeutsame intellektuelle Leistung. Sie ist nicht minder, indem
+sich darin der ehrliche Sinn des Kindes verrät, der nichts davon weiss,
+dass man mit ernstem Gesichte so ungeheuer lügen kann, sittlich wertvoll.
+
+Es wird also im vorliegenden Falle zunächst der Eindruck der
+Bedeutsamkeit _erzeugt_, indem wir die Äusserung in einen sowohl
+objektiven als subjektiven Zusammenhang hineinstellen. Wir gehen aus von
+der objektiven Betrachtungsweise, wenden uns zur subjektiven und kehren
+zur objektiven wieder zurück. Diese Betrachtungsweisen verhalten sich
+aber genauer so zu einander, dass die erste Hineinstellung in den
+objektiven Zusammenhang die Bedingung und nur die Bedingung ist für die
+folgende Betrachtung im subjektiven und objektiven Zusammenhang. Nur
+indem wir die Äusserung als Äusserung des Kindes fassen, kommen wir dazu,
+sie vom Standpunkte des Kindes aus zu beurteilen, also in den logischen
+Zusammenhang mit den kindlichen Prämissen, und den objektiven mit der
+darin zum Ausdruck kommenden kindlichen Klugheit und ehrlichen
+Harmlosigkeit zu stellen. Insoweit für den Anspruch der Bedeutsamkeit
+oder Erhabenheit, den die naive Äusserung erhebt, die objektive
+Betrachtungsweise wesentlich ist, stimmt das Naive mit dem objektiv
+Komischen überein; soweit der Anspruch nur auf Grund der subjektiven
+Betrachtungsweise zu stande kommt, trifft das Naive mit dem Witze
+zusammen. Die Vereinigung beider Momente und die Art ihrer Vereinigung
+unterscheidet zugleich das Naive von jenen beiden Arten der Komik
+wesentlich.
+
+In ähnlicher Weise umfasst dann die naive Komik objektive Komik und Witz
+hinsichtlich der Art, wie bei ihr die Erhabenheit zergeht. Von den
+kindlichen Prämissen aus war die Äusserung logisch berechtigt. Es giebt
+aber andere Prämissen, mit denen die Äusserung ebenfalls in logischen
+Zusammenhang gebracht werden muss. Thun wir dies, so ist die Äusserung
+nicht mehr logisch berechtigt. Indem wir diese Prämissen in Betracht
+ziehen, zeigen wir uns als kluge Leute. Ohne sie urteilen ist thöricht.
+Das Kind hat also mit der Äusserung oder dem Urteil, das die Äusserung in
+sich schliesst, eine Thorheit begangen, keine bedeutsame, sondern eine
+völlig nichtige intellektuelle Leistung vollbracht.
+
+Zu diesem doppelten Resultat gelangen wir, indem wir vom Standpunkt des
+Kindes zu unserem Standpunkte zurückkehren. Die Rückkehr schliesst eben
+dies beides in sich, die _logische_ Beurteilung der Äusserung innerhalb
+des Zusammenhanges _unserer Gedanken_ und die _objektive_ Beurteilung
+nach dem Massstabe, den wir an _unsere Leistungen_ zu legen gewohnt sind.
+Fassen wir alles zusammen, so ist überhaupt der Gegensatz der
+Standpunkte, aus dem die naive Komik entspringt, ein Gegensatz der
+zugleich objektiven und subjektiven Betrachtung. Wir haben alles Recht,
+die naive Komik als die zugleich objektive und subjektive zu bezeichnen.
+
+
+MÖGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN.
+
+Der Anspruch der naiven Äusserung, eine bedeutsame _intellektuelle_
+Leistung zu sein, verschwand in unserem Beispiele, wenn wir sie von
+unserem Standpunkt aus betrachteten. Dagegen blieb die sittliche
+Erhabenheit der Äusserung beruhen. Mag das Kind thöricht geredet haben,
+um den kindlichen Sinn und den kindlichen Glauben an Wahrhaftigkeit ist
+es eine schöne und erhabene Sache. Damit verliert die Komik der naiven
+Äusserung, aber die Naivität gewinnt. Es geht eben die Naivität, wie wir
+später deutlicher sehen werden, je mehr inneren Wert sie hat, um so
+weniger völlig in der naiven Komik auf.
+
+Es kann aber in anderen Fällen des naiv Komischen recht wohl auch der
+Anspruch sittlicher Erhabenheit zergehen. Wiederum in anderen Fällen
+_besteht_ gar kein solcher Anspruch. Das naiv Komische ist ja keineswegs
+an die Sphäre des intellektuellen oder des Sittlichen gebunden. Um so
+mehr werden wir doch ein Recht haben, Arten des naiv Komischen zu
+unterscheiden, je nachdem dasselbe ganz oder vorzugsweise dieser oder
+jener Sphäre angehört.
+
+Wenn Fallstaff in seiner berühmten Rede über die Ehre diese herunterzieht
+und bei gar mancher Gelegenheit nicht eben moralisch gross handelt, so
+können wir doch nicht umhin ihm in gewisser Weise recht zu geben. Er
+redet und handelt von seinen Voraussetzungen aus--die die Voraussetzungen
+eines nicht eben mit hohen Ideen erfüllten, doch in seiner Art gesunden
+Menschenverstandes sind,--im Grunde recht logisch, viel logischer als gar
+mancher, der diese Voraussetzungen mit ihm teilt. Er verrät in seinen
+Reden und Handlungen zugleich einen Grad an und für sich betrachtet
+wertvoller _moralischer_ Gesundheit. Trotz aller schlechten Streiche ist
+er im Grunde gutmütig, durch alle Liederlichkeit leuchtet eine gewisse
+Unverdorbenheit, durch alle Verlogenheit eine gewisse Ehrlichkeit. Er
+trifft denn auch mit seiner Rede gewisse, vom Boden der gesunden
+Menschenvernunft sich lossagende, hohle, schwärmerische oder doktrinäre
+Ehrbegriffe mit Fug und Recht. Und was er sonst sagt und thut, hat mehr
+moralisches Recht als manches, was im Namen hoher sittlicher Ideen
+gepredigt und gethan worden ist. Aber wie jene logische, so zergeht diese
+moralische Berechtigung, wenn wir von unserem landläufigen Standpunkt aus
+urteilen. Fallstaffs Rede und sein Handeln ist unlogisch, weil es auch
+sittlich bedeutsame Voraussetzungen giebt, die den in seiner Rede
+ausgeprochenen und in seinem Handeln bethätigten Anschauungen logisch
+zuwiderlaufen. Beides erscheint, nicht mit Rücksicht auf den zu Grunde
+liegenden Gedankenzusammenhaug, sondern als objektive Thatsache
+betrachtet, sittlich niedrig stehend im Vergleich mit wirklicher Ehre und
+Sittlichkeit.
+
+In dem hier angeführten Beispiele ist das Zergehen der sittlichen
+Erhabenheit beim Eindruck der naiven Komik wesentlich beteiligt. Dagegen
+fehlt der Anspruch sittlicher Erhabenheit bei einem Falle, den ich
+gelegentlich selbst erlebte. Die Katze hat aus der Küche ein Stück Braten
+gestohlen. Schwere Anklage wird gegen sie erhoben. Da kommt das jüngste
+Töchterchen des Hauses, das die Katze nachher hat in den Keller gehen
+sehen, hinzu und meint: Ja, Mama, und dann ist die Katz' in den Keller
+gegangen und hat Wein gefressen! Wiederum hat das Kind von seinem
+Standpunkt aus gut geschlossen und zugleich durch die dem Schluss zu
+Grunde liegende Gedankenkombination ziemliche Klugheit an den Tag gelegt.
+Es hat gesehen, dass Menschen ihr Mahl durch einen Trunk würzten; warum
+soll die Katze nicht dasselbe Bedürfnis haben und warum soll sich nicht
+der Umstand, dass sie nachher in den Keller gegangen ist, daraus
+erklären. Jener Sinn der kindlichen Aussage und dieser Anspruch der
+Klugheit zergeht wiederum von unseren Voraussetzungen aus, und im
+Vergleich zu dem, was wir sonst Klugheit nennen. Dagegen ist die Aussage
+sittlich weder berechtigt noch unberechtigt.
+
+Wiederum in anderen Fällen gehört die gleichzeitig erhabene und nichtige
+Leistung, die in der naiv komischen Äusserung oder Handlung liegt, weder
+der rein intellektuellen noch der sittlichen oder, allgemeiner gesagt,
+praktischen Sphäre an, sondern ist ästhetischer Natur. Es ist naiv
+komisch, wenn ein Kind an glänzenden Gegenständen Wohlgefallen verrät,
+die wir aus tiefer liegenden Gründen geschmacklos finden. Es kennt eben
+diese tiefer liegenden Gründe nicht und kann sie noch nicht kennen. Sein
+Schönheitsurteil ist in sich, als dies subjektive dem Zusammenhang seiner
+Vorstellungen angehörige Faktum berechtigt von seinem, unberechtigt von
+unserem Standpunkte. Es ist zugleich, als Ergebnis eines beschränkten,
+aber an und für sich gesunden und natürlichen Gefühles eine von seinem
+Standpunkte aus wertvolle, für unseren Standpunkt nichtige ästhetische
+Leistung.
+
+Ich sprach oben von Fällen des naiv Komischen, die der sittlichen "_oder
+allgemeiner gesagt praktischen_" Sphäre angehören. Mit diesem Ausdrücke
+wollte ich zugleich die verschiedenartigen Fälle des naiv Komischen zu
+ihrem Rechte kommen lassen, die nicht dem Gebiete der Sittlichkeit im
+engeren Sinne, sondern dem der Sitte und des gesellschaftlichen Anstandes
+zugehören. Gelegentlich hat man Miene gemacht, auf dies Gebiet das naiv
+Komische überhaupt einzuschränken. Dieser Anschauung müssen wir
+widersprechen, solange wir dabei bleiben unter dem naiv Komischen eine
+besondere, durch einen besonders gearteten Vorstellungsprozess für uns zu
+stande kommende Art der Komik zu verstehen. Wir haben diese besondere
+Geartetheit bezeichnet, indem wir die naive Komik als die Komik des
+Gegensatzes der Standpunkte charakterisierten. Einen Standpunkt nun giebt
+es nur für die vernünftig sich bethätigende oder kurz die urteilende
+Persönlichkeit; es giebt ihn aber für die ganze urteilende
+Persönlichkeit. Wir urteilen theoretisch, praktisch und ästhetisch, d. h.
+wir haben, ein Bewusstsein, dass etwas ist, sein oder geschehen soll,
+dass etwas gefällt oder missfällt. Bei allen diesen Urteilen kann es
+vorkommen, dass sie in sich richtig sind vom Standpunkte einer naiven
+Persönlichkeit, unrichtig von unserem, dass sie zugleich eine
+entsprechende intellektuelle, Charaktereigenschaft, Eigenschaft des
+Geschmacks bekunden, um deren willen sie objektiv bedeutsam erscheinen
+innerhalb der naiven Persönlichkeit, und nichtig im Zusammenhang dessen,
+was wir sonst von Menschen erwarten. Alle jene Urteile können also
+naiv-komisch erscheinen, oder die Äusserungen und Handlungen, in denen
+sie zu Tage treten, naiv-komisch erscheinen lassen. Zugleich ist mit
+diesen drei Gebieten der Umkreis der Gebiete des naiv Komischen
+abgeschlossen.
+
+
+KOMBINATION DER DREI ARTEN DER KOMIK.
+
+Die Bezeichnung des Wesens des naiv Komischen war im Bisherigen immer
+zugleich ausdrückliche Entgegensetzung gegen die objektive und subjektive
+Komik. Diese Entgegensetzung können wir noch nach anderer Richtung
+vollziehen. Der Anspruch auf Erhabenheit, den das objektiv Komische sich
+anmasst, ist eben nur ein angemasster. Die Erhabenheit verschwindet,
+sobald das Objekt dem Bewusstsein sich darstellt, oder unsere objektive
+Regel in ihr Recht tritt. Was sein sollte oder sein müsste, das ist
+nicht. Dagegen ist der Witz für unser Bewußtsein--darauf allein kommt es
+ja an--einen Augenblick ein Erhabenes, Träger eines Sinnes oder einer
+Bedeutung. Bei ihm ist, was doch nicht sein sollte. Das naiv Komische nun
+nähert sich dem Witz, insofern auch ihm eine Erhabenheit wirklich eignet.
+Zugleich eignet sie ihm doch auch nicht. Beim naiv Komischen ist, was
+ungleich nicht ist.
+
+Diesem Gegensatz kann ein entsprechender Gegensatz im Verhalten der
+Persönlichkeit zur Seite gestellt werden. Die Persönlichkeit wird, wie
+ich früher betonte, objektiv komisch; sie macht den Witz. Sie bethätigt
+endlich im Naiven ihr, nur individuelles Wesen. Der Träger der objektiven
+Komik, so sagte ich weiter, unterliege einer Schranke seines Wesens oder
+Könnens und sei insofern leidend; dagegen vollbringe der Urheber des
+Witzes eine positive Leistung und erweise sich in diesem Sinne aktiv.
+Entsprechend werden wir von der naiven Persönlichkeit sagen müssen, sie
+sei aktiv und passiv zugleich, indem sie etwas von ihrem Standpunkte aus
+Bedeutungsvolles leiste, zugleich aber eben dieser Standpunkt nur ein
+beschränkter sei.
+
+Indem wir nun so das naiv Komische von der objektiven Komik und vom Witze
+abgrenzen, dürfen wir doch auch nicht übersehen, wie sie sich miteinander
+verbinden und ineinander übergehen. Wir sahen schon, dass dieselbe
+Äusserung das eine Mal als Witz, das andere Mal als Fall der objektiven
+Komik erscheinen kann. Es bietet aber jeder Witz eine Seite, nach der er
+unter den Gesichtspunkt der objektiven Komik gestellt werden kann. Der
+Witz ist an sich unpersönlich; dies hindert doch nicht, dass die Person,
+die ihn macht, mit in Betracht gezogen werde. Die Person erscheint,
+vermöge der Leistung, die sie vollbringt, relativ erhaben. Zugleich
+bleibt sie doch, sofern sie mit Worten oder mit der Logik spielt, hinter
+dem zurück, was wir im allgemeinen vom gesetzten und ernsthaften Menschen
+erwarten. Achten wir darauf, stellen wir diese eine Seite des Witzes
+unter den objektiven, dem Witze selbst fremden Gesichtspunkt der
+menschlichen _Leistung_, dann sind die Bedingungen für die objektive
+Komik gegeben. Der Eindruck derselben mag zunächst zurücktreten. Er
+braucht sich aber nur zu häufen und das Interesse am Witz zu erlahmen,
+und das Gefühl der objektiven Komik tritt deutlich hervor. Er ist nichts
+leichter als durch fortgesetztes Witzemachen komisch, lächerlich, ja
+verächtlich zu werden.
+
+Ebenso bietet auch die naive Komik der objektiven eine Seite dar. Ich
+citiere ein weiteres Beispiel naiver Komik nach Lazarus.[2] "Der Korporal
+Trim, der Diener des Onkel Toby--in 'Tristram Shandy'--soll
+scherzeshalber, weil ihm wenig Bildung zugetraut wird, examiniert werden.
+Ein Doktor der Theologie fragt ihn, wie das vierte Gebot lautet; er kann
+es aber nicht anders hersagen, als indem er, wie Kinder und gemeine Leute
+immer, beim ersten anfängt. Er hat das schwere Stück glücklich
+vollbracht, und nun fragt sein Herr: Trim, was heisst das, du sollst
+Vater und Mutter ehren. Das heisst, sagt er mit einer Verbeugung, wenn
+der Korporal Trim jede Woche 14 Groschen Lohn erhält, so soll er seinem
+alten Vater 7 davon geben."--Die Antwort auf die Frage des Onkel Toby ist
+es, die uns hier vorzugsweise angeht. Sie ist als Antwort auf die
+allgemeine katechismusmässige Frage völlig inkorrekt und Zeichen eines
+niedrigen Bildungsstandpunktes. Aber schon ehe wir uns dessen bewusst
+werden, imponiert uns die konkret persönliche Wendung, die Trim der Sache
+giebt, und die bei ihm, der nicht gewöhnt ist, Dinge abstrakt und
+allgemein zu fassen, so berechtigt ist, in der sich zugleich so viel
+Sicherheit des moralischen Bewusstseins verrät. In der That kommt bei
+jenem Gebote alles darauf an, dass jeder wisse und davon durchdrungen
+sei, was es von ihm fordere. Wir können aber nachträglich die Sache auch
+noch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten. Wir erwarten von
+Trim, so wie er nun einmal ist, nicht, dass er die Katechismusantwort
+aufsagen könne. Aber wir können auch von seiner individuellen Eigenart
+absehen und ihn als Menschen betrachten, der wie andere in die Schule
+gegangen ist, und dort seinen Katechismus gründlich gelernt hat. Dann
+erhebt er, wie andere, in unserem Bewusstsein den Anspruch, was er so
+gründlich gelernt hat, auch zu wissen; und sein Nichtwissen lässt ihn
+objektiv komisch erscheinen.
+
+[2] Leben der Seele. 2. Aufl. I, 308.
+
+Dieser Hinzutritt des Momentes objektiver Komik zum Naiven hat öfter
+verführt, das Naive einfach dem objektiv Komischen zuzuordnen. Schon
+_Jean Paul_ verfällt in diesen Irrtum. Ich denke aber, das obige Beispiel
+zeigt deutlich die Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit der Bedingungen,
+durch die beide Arten der Komik zu stande kommen. Naiv ist die Komik,
+solange die beiden Standpunkte, der naive und der unsrige, einander
+gegenübertreten, objektiv, sobald wir unsern Standpunkt zum
+alleinherrschenden machen. Darum tritt von den beiden Arten der Komik,
+der objektiven und der naiven, immer die eine zurück, indem die andere
+hervortritt. Trims Äusserung ist naiv komisch, solange wir sie von beiden
+Standpunkten aus beurteilen, also beide anerkennen, objektiv komisch,
+wenn wir von dem Rechte des naiven Standpunktes, statt ihn anzuerkennen,
+vielmehr geflissentlich absehen, und von vornherein unseren Massstab an
+die Äusserung legen. Würdigung des individuell Guten in der Welt, ist die
+Devise der naiven, Leugnung desselben und Alleinherrschaft der Regel oder
+Schablone die Devise der objektiven Komik. Dort ist das Individuelle
+etwas, wenn auch freilich nicht nach der Regel; hier ist es nichts, weil
+es der Regel nicht genügt.
+
+Ich erwähnte schon _Jean Pauls_ Beispiel: Wenn Sancho Pansa eine Nacht
+hindurch sich über einem vermeintlichen Abgrund in der Schwebe hält, so
+ist--nach _Jean Paul_--"bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht
+verständig, und er wäre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung
+wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir
+_leihen_ seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht, und erzeugen durch
+einen solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit." In dieser
+Erklärung bezeichnet _Jean Paul_ in seiner Weise den Grund der objektiven
+Komik, als deren Gegenstand Sancho Pansa uns erscheinen kann. Sie beruht
+auf dem "Leihen". Wir betrachten Sancho Pansa als mit unserer Einsicht
+begabt und erwarten von ihm, dass er einsichtig handle. Aber schon ehe
+wir Sancho Pansa "unsere Einsicht liehen", war sein Handeln naiv-komisch.
+Es war dies genau so lange, als wir ihm _seine_ Einsicht _liessen_ und
+wussten, dass er die unsrige _nicht_ habe und nicht haben könne, während
+wir doch _im Gegensatz_ zu ihm die Einsicht _hatten_, und _für uns_ die
+Handlung darnach beurteilten. Der Eindruck der objektiven Komik kann
+entstehen, und den der naiven Komik zerstören, erst wenn wir das Recht
+und die Erhabenheit der _Sancho Pansa_'schen Individualität aus dein Auge
+lassen. Nur für den, der dafür kein Verständnis hat, mag _Sancho Pansa_'s
+Gebaren von vornherein und ausschliesslich objektiv komisch sein. So ist
+überhaupt die Empfänglichkeit für das naiv Komische bedingt durch den
+Sinn für persönliche Eigenart. Es wandelt sich alles Naive in objektive
+Komik für den, dem dieser Sinn abgeht. Zugleich bieten freilich die
+verschiedenen Fälle der naiven Komik bald mehr bald weniger Veranlassung
+zu dieser Verwandlung. Bei _Sancho Pansa_ und mehr noch bei _Falstaff_
+ist jenes, bei _Trim_ dieses der Fall.
+
+Endlich kann sich die naive Komik auch, ohne ihr eigenes Wesen
+aufzugeben, mit dem Witze verbinden. _Hecker_ erzählt folgendes Beispiel
+eines naiven Witzes: In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des
+Tobias ganz mit den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten:
+Hannah aber, sein Weib, arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte
+ihn mit Spinnen, machte ein Mädchen mit Gesicht und Hand die Gebärde des
+Abscheus und Ekels. Agnes, was hast du, ruft der Lehrer. Antwort: Ach,
+Herr Lehrer, ist das denn wirklich wahr?--Lehrer: Warum zweifelst du
+daran?--Kind: O, weil die Spinnen doch gar zu schlecht schmecken
+müssen.--Hier beruht der (unbewusste) Witz darauf, dass wir uns durch den
+Gleichklang zweier Worte verführen lassen, dem _Urteil_ des Kindes einen
+Sinn und eine logische Berechtigung zuzuschreiben, die es nicht besitzt;
+der Eindruck der naiven Komik darauf, dass wir dem _Kinde_ und dem
+kindlichen Urteils_vermögen_ das Recht zugestehen, sich durch die
+Verwechselung verführen zu lassen, und dass wir dementsprechend in dem
+kindlichen Verhalten sogar einen Grad von Klugheit finden, während wir
+sonst jenes Recht nicht zugeben und abgesehen von dieser
+Betrachtungsweise das Verhalten thöricht finden müssen. Auch hier gilt,
+was ich oben betonte, dass der Witz als solcher gänzlich unpersönlich
+ist. Er hat nichts zu thun mit der Individualität dessen, der ihn macht.
+Dagegen ist für die naive Komik die Individualität alles. Darum bliebe
+der Witz auch, wenn ein Erwachsener bei Anhörung der Erzählung an der
+betreffenden Stelle die Bemerkung einwürfe: das muss aber schlecht
+schmecken. Es bliebe andererseits die naive Komik bestehen, wenn der Witz
+ganz wegfiele, und nur eine _beliebige_ thörichte aber kindlich
+berechtigte Verwechselung stattfände.
+
+In anderen Fällen erscheint das nämliche Vorhalten witzig und naiv
+komisch je nach der Art der Deutung. Es widerspricht unseren gewöhnlichen
+Anschauungen von Klugheit und Würde, wenn _Sokrates_ bei Aufführung der
+Wolken sich dem Gelächter der Zuschauer geflissentlich preisgiebt. Aber
+was bedeutet einem _Sokrates_ das Lachen der unverständigen Menge. Seine
+Erhabenheit über dergleichen rechtfertigt sein Verhalten. Es verrät sich
+darin zugleich eben diese Erhabenheit. Für diese Betrachtungsweise fällt
+_Sokrates_ unter den Begriff des naiv Komischen. Angenommen aber
+_Sokrates_ wollte durch sein Verhalten zu _verstehen_ geben, wie wenig
+ihm die Meinung der Menge bedeute, und er wollte dies nicht bloss,
+sondern es gelang ihm auch durch die besondere Weise seines Verhaltens in
+überzeugender Weise diesen Gedanken hervorzurufen. Dann war sein
+Verhalten witzig--für diejenigen nämlich, die ihn wirklich verstanden und
+zugleich den Widerspruch empfanden zwischen dieser Art, seine Meinung zu
+sagen, und gemeiner Logik.
+
+
+"VERBLÜFFUNG" UND "ERLEUCHTUNG" BEIM NAIV-KOMISCHEN.
+
+Zum Schlusse dieses Kapitels sei noch eine Bemerkung gestattet, die auf
+eine öfters erwähnte Bestimmung des Komischen überhaupt zurückgreift. Bei
+der Betrachtung sowohl der objektiven als der subjektiven Komik haben wir
+uns mit den Begriffen der Verblüffung und Erleuchtung auseinandergesetzt.
+Auch die naive Komik kann unter diese Begriffe gestellt werden. Auch hier
+aber ist erforderlich, dass wir die beiden Stadien der Verblüffung oder
+der Erleuchtung unterscheiden. Die Naivität verblüfft als etwas in dem
+Zusammenhang, in dem sie auftritt, Unverständliches. Sie "verblüfft"
+dann, als in einem bestimmten Zusammenhange, nämlich im Zusammenhange der
+naiven Persönlichkeit, Sinnvolles oder Bedeutsames, sie verblüfft vermöge
+dieses unseres Verständnisses. Darin liegt eine Lösung jener ersten
+Verblüffung. Endlich "verstehen" wir auch dieses unser Verständnis
+wieder; d. h. wir sehen, dass das von unserem Standpunkte aus Sinnlose
+nur durch Betrachtung vom Standpunkte der naiven Persönlichkeit aus
+sinnvoll erschien, abgesehen davon aber für uns sinnlos bleibt. Die
+Naivität war unverständlich; dann wurde sie bedeutsam-verständlich;
+endlich wird sie als an sich nichtig verstanden.
+
+Ich sagte oben, die naive Komik sei objektiv und subjektiv zugleich.
+Sofern sie objektive Komik ist, steht sie doch zugleich zur reinen
+objektiven Komik in einem bemerkenswerten Gegensatz. Der Anspruch des
+objektiv Komischen zergeht. Auch der Anspruch des naiv Komischen zergeht,
+wenn wir es von unserem objektiven oder vermeintlich objektiven
+Standpunkt aus betrachten. Aber die naive Persönlichkeit, als deren
+Äusserung das naiv Komische berechtigt, sinnvoll, klug, sittlich
+erscheint, ist doch auch eine wirkliche Persönlichkeit. Blicken wir,
+nachdem wir uns auf unseren Standpunkt gestellt haben, zurück, so finden
+wir diese Persönlichkeit wieder. Damit taucht diese Berechtigung, dieser
+Sinn, diese Klugheit, dies Sittliche wieder vor uns auf und besitzt
+wiederum für uns seine relative Erhabenheit. Und vielleicht geschieht es
+jetzt, dass unser objektiver Standpunkt im Vergleich mit dem naiven
+Standpunkte nicht allzu hoch erscheint. Der naive Standpunkt kann sogar
+als der höhere erscheinen. Dann wird der Eindruck seiner relativen
+Erhabenheit zum herrschenden. Vermöge dieser Besonderheit der naiven
+Komik steht die naive Komik auf dem Übergang zwischen dem Komischen und
+dem Humor, dessen Wesen Erhabenheit ist nämlich Erhabenheit in der Komik
+und durch dieselbe.
+
+ * * * * *
+
+III. ABSCHNITT. PSYCHOLOGIE DER KOMIK.
+
+
+VIII. KAPITEL. DAS GEFÜHL DER KOMIK UND SEINE VORAUSSETZUNGEN.
+
+
+KOMIK ALS "WECHSELNDES" ODER "GEMISCHTES" GEFÜHL.
+
+Wir haben gesehen, dass das Gefühl der Komik nicht an ein bestimmtes
+quantitatives Verhältnis von Lust und Unlust gebunden ist. Dagegen
+leugneten wir nicht, dass Lust und Unlust in die Komik eingehen. Es fragt
+sich jetzt, wie sie in dieselbe eingehen, oder was dies "Eingehen"
+besagen wolle.
+
+Ist die Komik, wie man behauptet hat, ein Wechsel von Lust und Unlust?
+Diese Frage haben wir verneint. Und wir müssen bei dieser Verneinung
+bleiben. Wechsel von Lust und Unlust ist--Wechsel von Lust und Unlust,
+und weiter nichts. Das Gefühl der Komik aber ist ein eigenartiges Gefühl.
+Es ist nicht jetzt reine Lust, jetzt reine Unlust, sondern immer dies
+Besondere, das wir eben um seiner Besonderheit willen mit dem besonderen
+Namen "Gefühl der Komik" bezeichnen. Dasselbe mag bald mehr
+Lustcharakter, bald mehr Unlustcharakter annehmen, oder bald mehr ein
+belustigendes bald mehr ein unlustgefärbtes sein. Dann besteht doch,
+solange das Gefühl der Komik wirklich Gefühl der Komik ist, jedesmal das
+Gemeinsame, das bald mehr diese, bald mehr jene Färbung _annimmt_. Und
+dies Gemeinsame ist dann das Specifische der Komik im Unterschiede von
+Lust und Unlust.
+
+Man könnte dies bestreiten und folgende Meinung verfechten: Es sei
+zuzugeben, dass sich uns das Gefühl der Komik wie ein besonderes Gefühl
+darstelle. Darum könne es doch ein Wechsel von Lust und Unlust sein. Es
+müsse nur dieser Wechsel als ein sehr rascher gedacht werden. Diese
+Raschheit verhindere, dass wir uns in getrennten Momenten jetzt eines
+Gefühles reiner Lust, jetzt eines Gefühles reiner Unlust bewusst seien.
+Wir gewinnen von den rasch wechselnden Gefühlen wegen dieser Raschheit
+nur ein zusammenfassendes Bewusstsein, ein Gesamtbild, einen
+Totaleindruck, ohne die Möglichkeit der Unterscheidung der Elemente. Und
+dies Gesamtbild, diesen Totaleindruck nennen wir Gefühl der Komik.
+
+Es ist aber leicht einzusehen, welche Verwechselung in solcher Anschauung
+läge. Gewiss können wir von den schnell sich folgenden Ereignissen des
+Tages am Abend ein Totalbild, oder einen Totaleindruck haben, in welchem
+die einzelnen Ereignisse nicht als diese bestimmten thatsächlich erlebten
+und in der bestimmten Weise sich folgenden Ereignisse nebeneinander
+enthalten sind.
+
+Aber hierbei besteht ein Gegensatz zwischen wirklichen Erlebnissen und
+unserem Bewusstsein von denselben. Wo ein solcher Gegensatz vorliegt,
+aber auch nur wo dies der Fall ist, hat es einen Sinn zu sagen, wir
+könnten von etwas, das an sich verschieden ist und in der Zeit wechselt,
+ein Gesamtbild haben, in welchem diese Verschiedenheit aufgehoben, dieser
+Wechsel ausgelöscht erscheine.
+
+Von einem solchen Gegensatz ist ja aber in unserem Falle keine Rede.
+Gefühle, die ich jetzt habe, sind von dem Bewusstsein, das ich von diesen
+Gefühlen habe, nicht verschieden. Lust und Unlust "fühlen" heisst eben
+von Lust und Unlust ein Bewusstsein haben. Lust und Unlust, von denen ich
+kein Bewusstsein habe, sind leere Worte. Ist aber das Bewusstsein von
+einem gegenwärtigen Gefühl nichts als dies Gefühl selbst, so ist auch die
+Beschaffenheit, in der sich Gefühle, die ich jetzt habe, meinem
+Bewusstsein darstellen, oder in der sie mir "erscheinen", nichts anderes
+als die thatsächliche Beschaffenheit der Gefühle. Erscheinen mir demnach
+gegenwärtige Gefühle nicht als wechselnde oder zeitlich sich folgende
+Lust- und Unlustgefühle, sondern als ein dieser Unterschiede bares
+Einheitliches, so sind sie eben damit dies unterschiedslose Einheitliche.
+
+Ebenso wurde früher schon gelegentlich zurückgewiesen ein zweiter
+Gedanke, nämlich derjenige, der in dem Ausdruck "gemischtes Gefühl"
+enthalten zu sein scheint. Gemischte Gefühle können, wenn man es mit
+diesem Ausdruck genau nimmt, nur solche sein, in denen Verschiedenes
+_nebeneinander_ gefühlt wird. Ich habe ein aus Lust und Unlust gemischtes
+Gefühl, dies kann nur heissen, ich fühle mich lustgestimmt, und ich fühle
+mich daneben zugleich unlustgestimmt. Dies wäre mir möglich, wenn ich
+mich doppelt, das heisst verdoppelt fühlen könnte, wenn das Ich des
+unmittelbaren Selbstgefühls in zwei auseinandergehen könnte. Dem aber
+widerspricht die thatsächliche Einheit meines Selbstgefühles. Ich fühle
+mich nicht als zwei, kann also auch keine zwei nebeneinander bestehenden
+Gefühle haben. Gefühl ist, wie ehemals gesagt, Selbstgefühl.
+
+Aber auch in der Weise, dass Lust und Unlust zwei verschiedene Seiten
+eines und desselben Gefühles wären, die Lust also eine nähere Bestimmung
+oder eine Färbung der Unlust, die Unlust eine nähere Bestimmung oder eine
+Färbung der Lust, können nicht diese beiden Gefühle miteinander verbunden
+oder "gemischt" sein. Dieser Vorstellungsweise widerspräche der Charakter
+dieser Gefühle. Ein Klang von bestimmter Höhe kann unbeschadet
+dieser Höhe Trompetenklangfarbe haben. Es kann aber nicht die
+Trompetenklangfarbe Flötenklangfarbe haben. Diese beiden Klangfarben
+können an einem und demselben Klang nur sich aufheben oder in eine dritte
+von beiden verschiedene Klangfarbe sich verwandeln. So kann auch ein
+Gefühl, das im übrigen etwa als Gefühl des Strebens charakterisiert ist,
+unbeschadet dieses Strebungscharakters lustgefärbt sein, aber es kann
+nicht die Lustfärbung unlustgefärbt sein. Die unlustgefärbte Lust ist
+entweder eine mindere Lust, oder sie ist ein Drittes neben Lust und
+Unlust, in keinem Falle Lust und Unlust zugleich.
+
+Dagegen könnte man einwenden: Wir vermögen doch, wenn wir einem Gefühl
+der Komik unterliegen, einerseits das Lustmoment, andererseits das
+Unlustmoment "herauszufühlen". So tritt etwa aus der Komik, die das
+Miauen der Katze während der feierlichen Predigt in uns weckt, das
+Lustmoment heraus, wenn wir darauf achten, wie die Katze in die Predigt
+einzustimmen scheint, das Unlustmoment, wenn wir die Störung des
+Gottesdienstes bedenken. Können wir aber aus dem Gefühl der Komik die
+Lust und die Unlust herausfühlen, so müssen doch beide in diesem Gefühl
+nebeneinander enthalten sein.
+
+Solche Trugschlüsse ergeben sich leicht aus unklaren Begriffen. Im
+vorliegenden Falle liegt die Unklarheit in dem "Herausfühlen". Dies
+Herausfühlen ist analog dem "Heraushören" der Teiltöne eines Klanges aus
+dem Ganzen eines Klanges. Dies letztere ist in Wahrheit ein Auflösen des
+Klanges, das heisst eine Verwandlung der einfachen Klangempfindung in
+eine Mehrheit von Tonempfindungen.
+
+So ist auch das Herausfühlen der Lust und Unlust aus der Komik ein
+Verwandeln eines einfachen Gefühles in verschiedene Gefühle. Indem ich
+auf die eine Seite jenes komischen Vorganges achte, fühle ich stärkere
+Lust, das heisst das Gefühl der Komik wird, nachdem es vorher ein
+mittleres war, jetzt ein anderes, nämlich ein wesentlich lustgefärbtes.
+Indem ich dann auf die andere Seite des Vorganges achte, verändert sich
+das Gefühl nach der anderen Seite hin: Es wird ein zu höherem Grade
+unlustgefärbtes. Diese Veränderung des Gefühls muss sich vollziehen, weil
+ich die Bedingungen desselben geändert habe. Das Achten jetzt auf die
+eine, dann auf die andere Seite des Gesamtvorganges ist ja eine solche
+Änderung der Bedingungen des Gefühls.
+
+Aus entgegengesetzten Elementen "gemischte" Gefühle sind in Wahrheit
+einfache Gefühle. Nur die Bedingungen derselben sind nicht einfach. Und
+daraus ergiebt sich die Möglichkeit, dass die "gemischten" Gefühle in
+entgegengesetzte sich verwandeln. Man sollte den Begriff der gemischten
+Gefühle aus der Psychologie endgültig streichen.
+
+
+DIE GRUNDFARBE DES GEFÜHLS DER KOMIK.
+
+Nach allem dem müssen wir bei der Erklärung bleiben, die ich schon abgab:
+Das Gefühl der Komik ist nicht irgendwie aus anderen Gefühlen
+zusammengesetzt, sondern es ist, ein eigenartig neues Gefühl. Es ist das
+eigenartig neue Gefühl, das man niemand beschreiben kann, der es nicht
+kennt, und das man dem nicht zu beschreiben braucht, der es kennt. Oder
+vielmehr "_das_" Gefühl der Komik ist ein zusammenfassender Name für
+viele eigenartige Gefühle, die aber ein Gemeinsames haben, um dessen
+willen wir sie als Gefühle der Komik bezeichnen.
+
+So ist schliesslich jedes Gefühl ein eigenartiges, und die Menge der in
+uns möglichen Gefühle, nicht nur der Intensität, sondern auch der
+_Qualität_ nach unendlich gross. Kein Gefühl oder keine Weise, wie wir
+uns in einem Moment fühlen, wird jemals in unserem Leben völlig
+gleichartig wiederkehren.
+
+Aber diese Gefühle bilden ein Kontinuum, und in diesem Kontinuum sind
+Grundgefühle unterscheidbar, wie im Kontinuum der Farben Grundfarben:
+Rot, Blau, Weiss etc. Eine dieser Grundfarben des Gefühls ist die Lust,
+eine andere die Unlust, eine andere die Komik.
+
+Man kann nun fragen, wie die Grundfarbe der Gefühle, die wir Gefühle der
+Komik nennen, noch anders sich bezeichnen lasse. Dann erinnere ich daran,
+dass ich schon einmal meinte, mindestens drei Dimensionen unserer Gefühle
+seien unterscheidbar. Gefühle seien einmal Gefühle der Lust und Unlust,
+zum anderen Gefühle des Ernstes und der Heiterkeit, endlich Gefühle des
+Strebens. Dabei ist, wie sich von selbst versteht, unter Heiterkeit
+ebenso wie unter Ernst etwas von Lust Verschiedenes verstanden; nicht,
+wie wohl üblich, heitere Lust oder lustige Heiterkeit, sondern die
+Färbung der Lust, durch welche diese zur heiteren, also zum Gegenteil der
+ernsten Lust wird. Fassen wir die Heiterkeit in diesem gegen Lust und
+Unlust neutralen Sinne, dann dürfen wir solche Heiterkeit als das
+gemeinsame Moment aller Gefühle der Komik bezeichnen. Es giebt dann, wie
+eine heitere Lust, so auch eine heitere Unlust, ja einen heiteren
+Schmerz. Es giebt dergleichen, so gewiss es komisch unlustvolle
+Erlebnisse und komisch anmutende Schmerzen giebt.
+
+Damit setzen wir uns freilich mit dem Sprachgebrauch in Gegensatz. Wer
+diesen Gegensatz nicht mitmachen will, muss entweder dabei bleiben zu
+sagen, die Grundfärbung des Komischen sei--die Komik, oder er muss sich
+mit Namen helfen, die ursprünglich nicht Gefühle, sondern mögliche
+Objekte von solchen bezeichnen. Das Gefühl des Ernstes ist ein Gefühl der
+Grösse oder des Grossen; es ist ein Gefühl des Starken, des
+Schwerwiegenden, oder Gewichtigen, des Breiten, des Tiefen. Das Gefühl
+der Heiterkeit in dem soeben vorausgesetzten neutralen Sinne ist ein
+Gefühl der Kleinheit oder des Kleinen; es ist ein Gefühl des an der
+Oberfläche Bleibenden, des Leichten, des Spielenden.
+
+Welchen dieser Namen aber wir wählen mögen, immer sind damit
+Gefühlsfärbungen bezeichnet, deren sowohl Lust als Unlust fähig sind.
+Oder was dasselbe sagt, immer sind damit Gefühle bezeichnet, die sowohl
+mit Lust- als mit Unlustfärbung auftreten können. Auch dies ist denkbar,
+dass sich in ihnen, sei es auch nur für einen unmessbaren Moment, Lust
+und Unlust zur Indifferenz aufheben. Dann hätten wir das reine Gefühl der
+"Grösse", andererseits das reine Gefühl der Komik.
+
+
+"PSYCHISCHE KRAFT" UND IHRE BEGRENZTHEIT.
+
+Und wie nun entsteht dies eigenartige Gefühl, oder besser diese
+eigenartige Gefühlsmodalität? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir
+etwas weiter ausholen.
+
+Zu den uns geläufigsten Thatsachen des seelischen Lebens gehört die
+Thatsache der sogenannten Enge des Bewusstseins. Wenn ich in irgend
+welche Gedanken vertieft in meinem Zimmer sitze, so überhöre ich den Lärm
+der Strasse; und umgekehrt, verfolge ich die Töne und Geräusche, aus
+denen dieser besteht, so ist es mir unmöglich, zugleich einem, jenem
+Wahrnehmungsinhalt fremden Gedankengange mich hinzugeben. Wir drücken
+solche Thatsachen wohl so aus, dass wir sagen, der Gedanke, in den wir
+uns vertiefen, oder die Wahrnehmung, die wir machen, erfülle uns
+dergestalt, dass für anderes kein Platz mehr in unserem Bewusstsein sei.
+Dies ist natürlich bildlich gesprochen. Aber was das Bild meint, trifft
+zu. Unsere Fähigkeit, Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken zu
+vollziehen, ist jederzeit in gewisse Grenzen eingeschlossen. Jede
+Empfindung, jede Vorstellung, jeder Gedanke absorbiert einen Teil dieser
+Fähigkeit. Je mehr er davon absorbiert, um so weniger Fähigkeit, andere
+Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken gleichzeitig zu vollziehen, bleibt
+übrig.
+
+Genau genommen ist aber der soeben gebrauchte Ausdruck "Enge des
+Bewusstseins" nicht der zutreffende Terminus für diese Thatsachen. Nicht
+nur die Empfindungen und Vorstellungen, die zum Bewusstsein kommen,
+sondern auch diejenigen, denen dies nicht gelingt, absorbieren ihren Teil
+der Fähigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu vollziehen.
+
+Auch darin liegt noch eine Unklarheit. Was heisst dies: Empfindungen und
+Vorstellungen gelangen zum Bewusstsein, andere nicht? Unmöglich kann
+damit gemeint sein, dass ein und derselbe psychische Inhalt oder Vorgang
+bald unbewusst, bald mit der Eigenschaft der Bewusstheit bekleidet in uns
+vorkommen könnte. Sondern unter den bewussten und den unbewussten
+Empfindungen und Vorstellungen muss Verschiedenes verstanden sein.
+
+In der That sind die Worte Empfindung und Vorstellung doppelsinnig. Wir
+bezeichnen mit ihnen bald das Empfundene, bezw. Vorgestellte, ich meine
+die _Bewusstseinsinhalte_, oder das, was je nachdem die besonderen Namen
+Empfindungs- oder Vorstellunginhalte trägt, bald die _Vorgänge des
+Empfindens oder Vorstellens_, d. h. die Vorgänge, durch welche es
+geschieht, dass ein Empfindungs-, bezw. Vorstellungsinhalt da ist, oder
+die dem Dasein dieser Inhalte zu Grunde liegen. Jene Bewusstseinsinhalte
+sind selbstverständlich im Bewusstsein. Diese Vorgänge dagegen sind es
+niemals. Ihre Existenz ist nur erschlossen.
+
+Hieraus ergiebt sich, was jene Ausdrücke sagen wollen. Sprechen wir von
+bewussten Empfindungen, so sagt dies, dass ein Empfindungsvorgang, d. h.
+ein psychischer Vorgang von der Art, wie er immer vorausgesetzt ist, wenn
+Empfindungsinhalte für uns da sein sollen, nicht nur besteht und auf das
+Dasein eines Empfindungsinhaltes abzielt, sondern dass er auch dies Ziel
+erreicht oder erreicht hat. Dagegen nennen wir eine Empfindung eine
+unbewusste, wenn dies nicht der Fall ist, wenn also nur das Unbewusste an
+der Empfindung, d. h. nur der Empfindungs_vorgang_ gegeben ist, sein
+natürliches Ziel, das Dasein des zugehörigen Empfindungsinhaltes aber von
+ihm nicht erreicht wird. Das Gleiche gilt mit Rücksicht auf die bewussten
+und unbewussten _Vorstellungen_.
+
+Natürlich müssen für die Annahme der an sich unbewussten Vorgänge, von
+denen ich sage, dass sie dem Dasein der Empfindungs- und
+Vorstellungsinhalte jederzeit zu Grunde liegen, zwingende Gründe
+aufgezeigt werden können. Es muss andererseits dargethan werden können,
+dass und wiefern ein Recht besteht, diese Vorgänge als psychische
+Vorgänge zu bezeichnen. Hierfür nun verweise ich der Hauptsache nach auf
+meine "Grundthatsachen des Seelenlebens" (Bonn 1883) und den auf dem
+dritten internationalen Kongress für Psychologie gehaltenen Vortrag "Der
+Begriff des Unbewussten in der Psychologie".
+
+Doch brauche ich mich hier mit diesem Hinweis nicht zu begnügen. Ich
+werde vielmehr im folgenden eine Thatsache zu bezeichnen haben, deren
+Anerkenntnis die Anerkenntnis jener psychischen Vorgänge und ihrer
+psychologischen Bedeutung ohne weiteres in sich schliesst.
+
+Ich kehre zu der "Fähigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu
+vollziehen" zurück. Diese Fähigkeit ist zunächst nichts als die
+Möglichkeit, dass in uns Vorgänge, die auf das Dasein von Empfindungs-
+und Vorstellungsinhalten abzielen, zu stande kommen. Sie ist erst in
+zweiter Linie die Möglichkeit, dass auf Grund dieser Vorgänge
+Empfindungs- und Vorstellungs_inhalte_ oder kurz Bewusstseinsinhalte da
+sind. Es ist also auch, wenn wir die Fähigkeit, Empfindungen und
+Vorstellungen zu vollziehen, als begrenzt bezeichnen, damit zunächst die
+Begrenztheit jener Möglichkeit des Zustandekommens von _Vorgängen_, die
+auf das Dasein von Empfindungen oder Vorstellungsinhalten _abzielen_,
+gemeint. Daraus ergiebt sich erst sekundär die Begrenztheit der
+Fähigkeit, Empfindungs- und Vorstellungsinhalte zu haben. Diese ist die
+"Enge des Bewusstseins". Die Enge des Bewusstseins hat also die
+Begrenztheit der Möglichkeit, dass in einem Momente nebeneinander
+verschiedene, an sich unbewusste Vorgänge des Empfindens oder Vorstellens
+sich vollziehen, zur Voraussetzung.
+
+Diese letztere Begrenztheit pflege ich nun kurz als "Begrenztheit der
+psychischen Kraft" zu bezeichnen. Die Enge des Bewusstseins besteht dann
+auf der Basis der Begrenztheit der psychischen Kraft.
+
+
+GENAUERES ÜBER DIE "PSYCHISCHE KRAFT".
+
+Den Begriff der psychischen Kraft und ihrer Begrenztheit müssen wir aber
+noch genauer bestimmen. Damit wird auch das Verhältnis dieser
+Begrenztheit der psychischen Kraft zur Enge des Bewusstseins deutlicher
+werden.
+
+Folgendes ist hier zunächst zu bedenken: Psychische Vorgänge können von
+ihrem Ziel, das im Zustandekommen der Bewusstseinsinhalte besteht, weiter
+oder weniger weit entfernt bleiben. Bezeichnen wir den Moment im Verlauf
+psychischer Vorgänge, wo es ihnen gelingt das Dasein eines
+Bewusstseinsinhaltes zu bewirken, als "Schwelle des Bewusstseins", so
+dürfen wir statt dessen auch sagen: Ein psychischer Vorgang kann von der
+Schwelle des Bewusstseins mehr oder weniger weit entfernt bleiben. Und
+stellen wir uns diese Entfernung vor wie eine räumliche, und die
+Bewusstseinsschwelle wie einen räumlichen Höhepunkt des Vorganges, so
+können wir auch sagen: Psychische Vorgänge gewinnen eine grössere oder
+geringere psychische Höhe. Oder wenn wir endlich psychische Vorgänge mit
+Wellen vergleichen: Sie gewinnen eine grössere oder geringere
+Wellenhölle.
+
+Dies Bild bedarf aber der Ergänzung. Ein psychischer Vorgang hat "die
+Bewusstseinsschwelle überschritten", wenn der zugehörige
+Bewußtseinsinhalt da ist. Dieser Bewusstseinsinhalt bleibt aber nicht
+endlos da, sondern verschwindet wieder. Er verschwindet, wenn der
+psychische Vorgang, der die Bewusstseinsschwelle überschritten hatte,
+wiederum "unter die Bewusstseinsschwelle herabsinkt". Dies "Herabsinken
+unter die Bewusstseinsschwelle" besagt nichts anderes als dies, dass der
+Vorgang nicht mehr auf dem Punkte steht oder in dem Stadium sich
+befindet, wo er der genügende Grund für das Dasein des begleitenden
+Bewusstseinsinhaltes ist.
+
+Ehe nun der Vorgang unter die Schwelle des Bewusstseins herabsank, konnte
+er mehr oder weniger weit von diesem Punkte entfernt sein. Er kann
+überhaupt mehr oder weniger weit über diesen Punkt, also über die
+Schwelle des Bewusstseins sich _erhoben_ haben. Es giebt mit anderen
+Worten verschiedene mögliche Höhen der psychischen Wellen nicht nur
+unter, sondern auch _über_ der Bewusstseinsschwelle.
+
+Zu je grösserer Höhe nun eine _physische_ Welle sich erhebt, ein um so
+grösseres Mass _physischer_ Bewegung, oder ein um so grösseres Quantum
+_mechanischen_ Geschehens schliesst sie in sich. Analoges gilt auch von
+der psychischen Welle, d. h. von jedem psychischen Vorgang. Auch ein
+_psychischer_ Vorgang schliesst je nach seiner Wellenhöhe ein größeres
+oder geringeres Mass der _psychischen_ Bewegung oder ein grösseres oder
+geringeres Quantum des psychischen Geschehens in sich. Damit wird
+jedesmal ein entsprechendes Quantum der Fähigkeit oder Möglichkeit, dass
+überhaupt psychisch etwas geschehe oder psychische Vorgänge sich
+vollziehen, verwirklicht oder in Anspruch genommen.
+
+Dies können wir noch anders ausdrücken: Die materielle Welle, sagte ich,
+schliesse je nach ihrer Höhe ein grösseres oder geringeres Quantum
+mechanischer Bewegung in sich. Was ich hier Quantum der mechanischen
+Bewegung nenne, ist dasselbe, was man auch als Quantum "lebendiger Kraft"
+bezeichnet. So kann ich auch von der höheren psychischen Welle oder dem
+psychischen Vorgang, der der Schwelle des Bewusstseins näher ist, bezw.
+sich in höherem Grade über dieselbe erhebt, sagen, er schliesse in sich
+ein grösseres Quantum lebendiger psychischer Kraft, oder es werde in ihm
+ein grösseres Quantum der vorhandenen psychischen Kraft lebendig oder
+aktuell. Man erinnert sich, dass ich diesen Ausdruck schon einmal
+gelegentlich gebraucht habe.
+
+Damit hat die Thatsache der Begrenztheit der psychischen Kraft die
+gesuchte nähere Bestimmung gewonnen. Die begrenzte psychische Kraft, das
+ist die Kraft, die in den einzelnen psychischen Vorgängen, je nach ihrer
+psychischen Wellenhöhe, aktuell wird. Die Begrenztheit der psychischen
+Kraft ist die Begrenztheit der Möglichkeit, dass--nicht überhaupt
+Vorgänge des Empfindens oder Vorstellungen in uns sich vollziehen,
+sondern dass solche Vorgänge sich vollziehen und eine bestimmte
+psychische _Wellenhöhe_ erreichen oder ein bestimmtes Mass lebendiger
+psychischer _Kraft_ gewinnen. Oder, wenn wir die Wellenhöhe der einzelnen
+psychischen Vorgänge addiert denken und das Ergebnis als Gesamtwellenhöhe
+bezeichnen: Die Begrenztheit der psychischen Kraft ist die Thatsache,
+dass die mögliche Gesamtwellenhöhe der psychischen Vorgänge in jedem
+Momente in bestimmte Grenzen eingeschlossen ist.
+
+
+"AUFMERKSAMKEIT". "PSYCHISCHE ENERGIE".
+
+Mit allem dem habe ich nun schliesslich doch nur, was jedermann geläufig
+ist, in etwas bestimmtere Begriffe gefasst, als dies sonst wohl zu
+geschehen pflegt. Jedermann vertraut sind Wendungen wie die, dass
+Empfindungen oder Vorstellungen bald mehr bald minder beachtet, bemerkt,
+in den Blickpunkt des Bewusstseins gerückt, appercipiert seien etc. Der
+üblichste der Begriffe, die hier Verwendung finden, ist der Begriff der
+_Aufmerksamkeit_: Empfindungen und Vorstellungen können bald mehr bald
+minder Gegenstand der Aufmerksamkeit sein.
+
+Was will man mit allen diesen Ausdrücken? Vielleicht allerlei. In jedem
+Falle dies Eine: Was in höherem Grade beachtet oder Gegenstand der
+Aufmerksamkeit ist etc., spielt im Zusammenhange des psychischen Lebens
+eine grössere Rolle, hat auf den Verlauf desselben in jeder Hinsicht mehr
+Einfluss, übt stärkere psychische Wirkungen. Statt dessen kann ich auch
+sagen: Das in höherem Grade Beachtete oder meiner Aufmerksamkeit
+Teilhafte repräsentiert ein grösseres Quantum lebendiger psychischer
+Kraft. Denn lebendige Kraft ist überall nur ein anderer Ausdruck für die
+von einem Vorgang ausgehende Wirkung; ihr Mass ist die Grösse dieser
+Wirkung.
+
+Und auch dies weiss jedermann, dass das Quantum der "Aufmerksamkeit", die
+ich jetzt oder in irgend einem anderen Momente zur Verfügung habe, oder
+meinen Empfindungen oder Vorstellungen zur Verfügung stellen kann, ein
+begrenztes ist. Es ist also auch das Quantum der "psychischen Kraft", die
+in meinen Empfindungen oder Vorstellungen "lebendig" werden kann, ein
+begrenztes. In dem Masse als die "Aufmerksamkeit" oder die psychische
+Kraft von irgend welchen Empfindungen und Vorstellungen "in Anspruch
+genommen" ist, kann sie nicht von anderen in Anspruch genommen werden.
+
+Und nun endlich die Frage: Wenn Empfindungen oder Vorstellungen bald
+grössere bald geringere Kraft haben, was eigentlich hat diese grössere
+oder geringere Kraft? Oder mit Verwendung eines jener anderen Ausdrücke:
+Wenn eine Empfindung mehr, die andere weniger "beachtet" ist, wenn also
+zwei Empfindungen als mehr oder minder beachtete sich von einander
+_unterscheiden_, was eigentlich ist dann in solcher Weise unterschieden?
+Wer ist der Träger jener Prädikate?
+
+Sind es die Empfindungs_inhalte_, allgemeiner gesagt die
+_Bewusstseinsinhalte_? Dies kann niemand meinen.
+
+Oder meint man es doch? Ist dann das "Beachtetsein" eine Farbe oder ein
+Ton, bezw. die Eigenschaft eines Tones, eine räumliche Grösse oder
+dergl.? Ist etwa die grössere Kraft, die eine Tonempfindung jetzt im
+Zusammenhang meines Empfindens und Vorstellens ausübt, eine grössere
+Kraft, d. h. eine grössere Lautheit des jetzt von mir empfundenen
+_Tones_?
+
+Dies meint man nicht. Man weiss, ein sehr leiser oder schwacher Ton kann
+im höchsten Masse beachtet sein, also im Zusammenhang des psychischen
+Lebens die grösste Kraft haben, ohne dass er doch aufhörte eben dieser
+schwache Ton zu sein. So kann überhaupt eine und dieselbe Empfindung, d.
+h. ein und derselbe Inhalt meines Bewusstseins mehr und minder beachtet
+sein, oder mehr und minder Kraft in mir entfalten.
+
+Damit ist dann zugleich unweigerlich die einzig mögliche Antwort auf jene
+Frage gegeben. Kann ein und derselbe Bewusstseinsinhalt jetzt eine
+grössere Kraft haben, als er sie sonst hat, dann ist diese grössere Kraft
+nicht eine Eigenschaft der Bewusstseinsinhaltes. Eines und dasselbe kann
+nicht jetzt grössere, jetzt geringere Kraft haben. Also ist der Träger
+der grösseren Kraft etwas, das jenseits des Bewusstseinsinhaltes liegt.
+
+Man wird vielleicht sagen: In Wahrheit "trete" nur der gleiche
+Bewusstseinsinhalt jetzt mit grösserer Kraft "auf". Vortrefflich. Nur ist
+dann doch "notwendig" dies "Auftreten" etwas Wirkliches und von dem
+Bewusstseinsinhalte Verschiedenes. Nur Wirkliches kann wirklich Kraft
+entfalten. Das "Auftreten" des Bewusstseinsinhaltes muss also ein
+wirklicher, obzwar dem Bewusstsein sich entziehender Vorgang sein. Und
+dies "Auftreten" kann kein anderer Vorgang sein als derjenige, dem der
+Bewusstseinsinhalt sein Dasein verdankt, der Vorgang also, den wir als
+Vorgang des Empfindens, oder allgemeiner, als an sich unbewussten
+psychischen Vorgang bezeichnen. Dabei betone ich das "an sich unbewusst".
+Unmöglich kann ja jemand meinen, dass dies "Auftreten" eines
+Empfindungsinhaltes, diese Weise, wie es "gemacht wird", dass
+Empfindungsinhalte da sind, in seinem Bewusstsein sich abspiele.
+
+Und von da können wir noch einen Schritt weiter gehen. Die "Kraft" des
+"Auftretens" der Bewusstseinsinhalte ist nichts anderes als die
+psychische Wirkungsfähigkeit. Ist also diese "Kraft" die Kraft der den
+Bewusstseinshalten zu Grunde liegenden, an sich _unbewussten Vorgänge_,
+so sind diese _Vorgänge_ das eigentlich phychisch Wirkungsfähige. Es gilt
+also der allgemeine Satz: _Die Faktoren des psychischen Lebens sind nicht
+die Bewusstseinsinhalte, sondern die an sich unbewussten psychischen
+Vorgänge_. Die Aufgabe der Psychologie, falls sie nicht bloss
+Bewusstseinsinhalte beschreiben will, muss dann darin bestehen, aus der
+Beschaffenheit der Bewusstseinsinhalte und ihres zeitlichen
+Zusammenhanges die Natur dieser unbewussten Vorgänge zu erschliessen. Die
+Psychologie muss sein eine Theorie dieser Vorgänge. Eine solche
+Psychologie wird aber sehr bald finden, dass es gar _mancherlei_
+Eigenschaften dieser Vorgänge giebt, die in den entsprechenden
+Bewusstseinsinhalten _nicht repräsentiert_ sind.
+
+Noch zwei Bemerkungen habe ich dem hier Gesagten hinzuzufügen. Die
+Aufmerksamkeit ist die psychische Kraft. Nun pflegt man zunächst oder
+einzig von einer Aufmerksamkeit zu reden, die den bewussten Empfindungen
+und Vorstellungen zu teil werde. Dies hat seine guten Gründe. Von
+Gegenständen der Aufmerksamkeit, die sich dem Bewusstsein entziehen,
+haben wir kein unmittelbares Bewusstsein. Und das die Aufmerksamkeit oder
+die Inanspruchnahme psychischer Kraft begleitende Aufmerksamkeitsgefühl
+oder Gefühl der inneren Thätigkeit kann in unserem Bewusstsein nicht auf
+Unbewusstes, also nicht auf die Vorgänge, denen kein Bewusstseinsinhalt
+entspricht, bezogen erscheinen. Sondern es erscheint notwendig jederzeit
+bezogen auf Bewusstseinsinhalte. Soweit also die Aufmerksamkeit im
+Bewusstsein sich "spiegelt", ist sie allerdings immer nur Aufmerksamkeit
+auf Bewusstseinsinhalte. Dies hindert doch nicht, dass auch die Vorgänge,
+die keinen Bewusstseinsinhalt ins Dasein zu rufen vermögen, jederzeit
+gleichfalls Gegenstand grösserer oder geringerer Aufmerksamkeit sind.
+Natürlich verstehe ich dabei unter der Aufmerksamkeit nicht jene
+"Spiegelung" der Aufmerksamkeit, oder jenes Bewusstseinssymptom
+derselben, sondern die Aufmerksamkeit selbst. Diese wird nicht nur von
+bewussten, das heisst Bewusstseinhalte erzeugenden, sondern ebensowohl
+von unbewussten psychischen Vorgängen absorbiert. Sie wird immer _nur_
+absorbiert von den an sich unbewussten Vorgängen.
+
+Die zweite Bemerkung ist diese: Nehmen wir an, ein Empfindungs- oder
+Vorstellungsvorgang, sei es ein "bewusster", sei es ein solcher, der ohne
+seinen zugehörigen Bewusstseinsinhalt bleibt, absorbiere vor einem
+anderen, oder auf Kosten eines anderen, psychische Kraft, so muss er dazu
+die Fähigkeit besitzen. Psychische Vorgänge besitzen diese Fähigkeit bald
+in grösserem, bald in geringeren Grade.
+
+Hierfür nun pflege ich wiederum einen kurzen Ausdruck zu gebrauchen:
+Psychische Vorgänge besitzen grössere oder geringere "psychische
+Energie". Ein Donnerschlag zwingt die Aufmerksamkeit unter im übrigen
+gleichen Umständen in höherem Grade auf sich oder eignet sich die
+psychische Kraft "energischer" an, als ein leichtes Geräusch. Nichts
+anderes als dies meine ich, wenn ich sage, der Donnerschlag besitze
+grössere psychische Energie als das leise Geräusch.
+
+Oder: Ein Gedanke, der mir wichtig ist, braucht nur von fern in mir
+angeregt zu werden, es genügt, dass eine Bemerkung fällt, die mit seinem
+Inhalte in loser Beziehung stellt, und ich vollziehe ihn mit Bewusstsein,
+und erscheine einen Moment von ihm erfüllt und beherrscht, so dass ich
+sonst für nichts Sinn und Auge habe; während ein ebenso naheliegender,
+aber gleichgültiger Gedanke, bei gleicher Art der Anregung, mir nicht zum
+Bewusstsein gekommen wäre. Nichts anderes als diese Thatsache meine ich,
+wenn ich sage, jener Gedanke besitze, vermöge seines wichtigen Inhaltes,
+größere "seelische Energie".
+
+Hiermit sind die allgemeinsten Voraussetzungen für das Verständnis der
+Komik bezeichnet. Es fehlt nach ihre Specialisierung.
+
+
+DIE BESONDEREN BEDINGUNGEN DER KOMIK.
+
+Wenden wir uns zurück zu dem, was wir als das Wesen der Komik bisher
+erkannt haben. Überall in der Komik fanden wir einen Gegensatz des
+Bedeutungsvollen oder Bedeutsamen und des Bedeutungslosen, oder, wie wir
+später öfter sagten, des Erhabenen und des Kleinen oder Nichtigen. Ein
+Erhabenes oder erhaben sich Gebärdendes schrumpfte für uns zu einem
+Nichtigen zusammen. Dabei war die Erhabenheit verschiedener Art. Immer
+aber war mit dem Erhabenen ein solches gemeint, in dessen Natur es liegt,
+uns oder die seelische Kraft in gewissem Grade in Anspruch zu nehmen, zu
+absorbieren, festzuhalten.
+
+Auch daran erinnere ich noch einmal, dass dies "Bedeutsame" nicht unter
+allen Umständen uns als ein solches zu erscheinen braucht. Worauf es
+ankommt, ist, dass es als ein solches sich darstellt in dem
+_Zusammenhang_, in dem es _auftritt_.
+
+Wenn wir nun von jemand eine ausserordentliche Leistung erwarten und er
+leistet nur Geringfügiges, so ist zunächst die erwartete Leistung ein
+Bedeutsames. Die thatsächliche geringfügige Leistung spielt aber, wie wir
+sagten, die Rolle der bedeutsamen, oder erhebt--in unserem Bewusstsein
+nämlich--den Anspruch eine bedeutsame zu sein, bauscht sich zu einer
+solchen auf u. s. w. Von dem Bettler, der an Stelle des erwarteten
+vornehmen Besuches zur Thüre hereintritt, meinte ich, wir hielten oder
+nähmen ihn im Momente seines Eintretens für den vornehmen Besuch. Es
+fragt sich jetzt, was mit der Vorstellung des Bedeutungslosen jedesmal in
+uns geschieht, wenn sie die Rolle des Bedeutsamen spielt, sich aufbauscht
+u. s. w.
+
+Dieser Vorgang kann nach dem Obigen nur darin bestehen, dass das
+Bedeutungslose trotz seiner Bedeutungslosigkeit ein Mass seelischer Kraft
+gewinnt, wie sie sonst nur dem Bedeutungsvollen zuzuströmen pflegt. Es
+kann sie aber nicht, wie das Bedeutungsvolle, gewinnen vermöge seiner
+eigenen Energie oder Anziehungskraft; es kann sie also nur gewinnen durch
+die Gunst der Umstände.
+
+Dass das Bedeutungslose, das den Eindruck der Komik macht, thatsächlich
+ein relativ hohes Mass psychischer Kraft gewinnt, zeigt die Erfahrung
+leicht. Die geringfügige Leistung wäre vielleicht ganz und gar unbeachtet
+geblieben, wir wären jedenfalls leicht darüber hinweggegangen, wenn wir
+in ihr nicht die klägliche Erfüllung hochgespannter Erwartungen sähen;
+und ebenso in den anderen Fällen. Alles Kleine, das komisch erscheint,
+nimmt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und fesselt sie in grösserem oder
+geringerem Grade. Dagegen würde es uns geringer oder gar keiner
+Aufmerksamkeit wert scheinen ausserhalb des komischen Zusammenhanges.
+
+Wir wissen aber auch schon, worin jene "Gunst der Umstände" besteht, oder
+wie dieser komische Zusammenhang die bezeichnete Wirkung zu üben vermag.
+Wir "erwarten" die ausserordentliche Leistung. Diese Erwartung ist, wie
+wir schon im ersten Abschnitt sahen, eine Bereitschaft zur Wahrnehmung
+oder Erfassung der Leistung. Diese Bereitschaft bekundet sich darin, dass
+wir die Leistung, wenn sie wirklich wird, mit größerer _Leichtigkeit_
+erfassen. Nun ist der thatsächliche Vollzug einer Wahrnehmung
+"Absorbierung" seelischer Kraft: Die Wahrnehnumg eignet die zu ihrem
+Vollzug erforderliche seelische Kraft an und entzieht sie damit zugleich
+anderen seelischen Inhalten. Die Bereitschaft, von der wir hier reden,
+besteht also, was sie auch sonst sein mag, jedenfalls in einem Grad der
+Verfügbarkeit seelischer Kraft. Weil diese verfügbar ist, und in dem
+Masse, als sie es ist, vermag die vorbereitete Wahrnehmung sich dieselbe
+leichter anzueignen, als sie es sonst vermöchte. Damit sagen wir nichts,
+als was jeder, der die Bereitschaft zugiebt, selbstverständlich finden
+wird. Ich kann nicht bereit sein, eine Wahrnehmung oder einen Gedanken zu
+vollziehen, wenn ich nicht bereit bin mit meiner Fähigkeit Wahrnehmungen
+und Gedanken zu vollziehen, mich von dem, was mich sonst beschäftigt,
+hinweg und der Wahrnehmung oder dem Gedanken zuzuwenden oder ihm
+entgegenzukommen. Ich kleide nur diesen Thatbestand in einen möglichst
+bequemen und handlichen Ausdruck.
+
+Diese zur Verfügung stehende Kraft kommt nun, wenn an die Stelle der
+erwarteten bedeutsamen Leistung die geringfügige tritt, dieser zu gute
+und wird von ihr leichter angeeignet, als dies ohne diese besondere
+Verfügbarkeit möglich wäre. Dies muss so sein, in dem Masse, als die
+thatsächliche Leistung mit der erwarteten übereinstimmt, also qualitativ
+betrachtet eben diese Leistung _ist_.
+
+Die Natur der Bereitschaft und die Art ihrer Wirksamkeit lässt sich noch
+deutlicher machen, wenn wir auf die verschiedenen Arten von Fällen
+achten. Ich erinnere noch einmal an den öfter citierten, weil besonders
+einfachen Fall, das kleine Häuschen zwischen den grossen Palästen. Wenn
+wir die grossen Paläste gesehen haben, so bleibt das Bild derselben--als
+Erinnerungsbild--noch eine Zeitlang in uns lebendig und drängt, je
+lebendiger es ist, um so mehr nach Wiederherstellung seines Inhaltes in
+der Wahrnehmung. Dies geschieht nach einem allgemeinen psychologischen
+Gesetz, das nichts ist als das genügend vollständig aufgefasste Gesetz
+der Association und Reproduktion auf Grund der Ähnlichkeit. Von Haus aus
+drängt jede (reproduktive) Vorstellung auf solche Wiederherstellung in
+der Wahrnehmung hin. Dies Drängen ist nur unter besonderen Umständen
+besonders energisch, beispielsweise eben dann, wenn das Wahrnehmungsbild
+unmittelbar vorher einmal oder gar mehrere Male gegeben war. Dies Drängen
+wird zu einem "Entgegenkommen", wenn das Wahrnehmungsbild wirklich von
+neuem auftritt. Es bethätigt sich einstweilen als Zurückdrängen dessen,
+was sonst sich herandrängt. Kommt an Stelle des Wahrnehmungsbildes ein
+ähnliches, so gilt diesem das Entgegenkommen nach Massgabe der
+Ähnlichkeit.
+
+Der Vollständigkeit halber muss hinzugefügt werden, dass die grossen
+Paläste auf uns wirken nicht nur vermöge ihrer Grösse, sondern zugleich
+vermöge dessen, was sie uns "sagen", das heisst vermöge des
+hinzukommenden Gedankens an die materiellen Kräfte, die in ihnen lebendig
+sind, an die Menschen, die darin auf besondere Art sich fühlen und
+bethätigen können und dergleichen. Auch dieser Gedanke wirkt in uns nach,
+er erhält, indem er nachwirkt, das mit ihm verbundene Erinnerungsbild der
+Paläste in uns lebendiger, und steigert damit zugleich die Tendenz
+desselben, in das entsprechende Wahrnehmungsbild überzugeben. Dies
+geschieht in Übereinstimmung mit der jedermann geläufigen Erfahrung, dass
+jeder Nebengedanke, der einem vorgestellten Gegenstand Interesse
+verleiht, die Begierde erhöht den Gegenstand zu sehen, überhaupt
+wahrzunehmen. Wiederum zeigt dieser Gedanke, ehe die erwartete
+Wahrnehmung sich einstellt, seine Wirksamkeit darin, dass er fremde
+Vorstellungsinhalte zurückdrängt.
+
+Indem dann die Wahrnehmung des _kleinen Häuschens_ sich verwirklicht,
+schwindet das Erinnerungsbild des grossen Palastes samt dem damit
+verknüpften Gedanken. Aber ihre vorbereitende Wirkung ist dann schon
+geschehen. Die seelische Kraft ist einmal für die Wahrnehmung verfügbar
+gemacht, und anderes, was sonst sich herzugedrängt hätte, ist
+zurückgedrängt und in seiner Fähigkeit, den Vollzug der Wahrnehmung zu
+hemmen, vermindert. Zudem verschwindet auch jenes Erinnerungsbild und der
+hinzukommende Gedanke nicht momentan. Dasjenige, was das Häuschen mit den
+Palästen gemein hat, dass es nämlich doch auch menschliche Wohnung ist,
+und in _einer Reihe_ mit den Palästen auftritt, _hält_ jene
+vorbereitenden Momente, und _erhält_ damit ihre unterstützende Wirkung.
+Dies Gemeinsame muss aber ebendarum, weil es das _eigentlich_
+Vorbereitete ist, zunächst "ins Auge fallen" und psychologisch wirksam
+werden. Im ersten Augenblicke des Entstehens der Wahrnehmung des
+Häuschens also wird das Erinnerungsbild noch unterstützend wirken und
+jener Gedanke noch an die Wahrnehmung geheftet sein und auf ihren Vollzug
+hindrängen, dagegen Andersgeartetes verdrängen.--Darin verwirklicht sich
+der genauere Sinn der oben wiederholten Behauptung, wir nähmen oder
+hielten im ersten Augenblick das an die Stelle des erwarteten Bedeutsamen
+tretende Nichtige für das Bedeutsame, oder hefteten ihm die Bedeutung
+desselben an.
+
+Erst wenn das kleine Häuschen in seiner Bedeutungslosigkeit von uns
+aufgefasst und erkannt ist, hat die Erwartung des Palastes und der
+Gedanke an das, was er "sagt", gar keinen Platz mehr. Das
+Wahrnehmungsbild erfreut sich dann in _seiner Nichtigkeit_ des Masses der
+seelischen Kraft oder Aufmerksamkeit, oder bildlich gesagt, des Raumes in
+meiner Seele, der durch die Wirkung des Erinnerungsbildes und der daran
+sich heftenden Gedanken für dasselbe bereit gehalten wurde und jetzt,
+nachdem jene verschwunden sind, frei von ihm in Anspruch genommen werden
+kann.
+
+Die Wahrnehmung großer Paläste ist in diesem Falle dasjenige, was die
+Tendenz zum weiteren Vollzug derselben Wahrnehmung in mir entstehen
+lässt. Wir haben es dabei, wie schon gesagt, zu thun mit einer Wirkung
+des in seinem vollen Umfange gefassten Gesetzes der Association der
+_Ähnlichkeit_. Dagegen beruht es auf dem zweiten Associationsgesetze, dem
+Gesetze der Erfahrungsassociation, wenn die Ankündigung einer grossen
+Leistung hindrängt oder die Bereitschaft erzeugt zum Vollzug der
+Wahrnehmung einer grossen Leistung beziehungsweise zum Vollzug des
+Urteils, dass eine grosse Leistung thatsächlich vollbracht werde. Wir
+haben in unserer Erfahrung auf Ankündigung grosser Thaten grosse Thaten
+folgen sehen, oder wenigstens uns Überzeugt, dass sie geschahen. Daraus
+ist ein Zusammenhang der seelischen Erlebnisse entstanden, demzufolge die
+Wiederkehr des ersten Erlebnisses, nämlich der Ankündigung, immer wieder
+die Tendenz zur Wiederkehr des zweiten, der Wahrnehmung der That oder der
+Gewissheit ihrer Ausführung, in sich schliesst. Die Art, wie diese
+Tendenz oder Bereitschaft der thatsächlich wahrgenommenen oder
+konstatierten _geringfügigen_ Leistung zu Gute kommt, stimmt dabei mit
+der Art des Hergangs im vorigen Falle überein.
+
+Dies Letztere gilt nicht durchaus in andern Fällen; nämlich in allen
+denjenigen, bei denen ein nach _gewöhnlicher Anschauung_ Nichtiges in dem
+Zusammenhang, in dem es auftritt, _wirklich_ als ein Bedeutungsvolles
+erscheint, um dann die Bedeutung, eben angesichts der gewöhnhlichen
+Betrachtungsweise, wieder zu verlieren. Der Unterschied besteht darin,
+dass in diesen Fällen das für die Bereithaltung und Freimachung
+seelischer Kraft vorhin erst in zweiter Linie in Betracht gezogene Moment
+das eigentlich Bedingende wird. Die schwarze Hautfarbe des Negers
+erscheint, weil sie doch auch, so gut wie die weisse des Kaukasiers,
+Farbe menschlicher Körperformen ist, mit diesen Formen _zugleich_, als
+Träger menschlichen Lebens. Achten wir dann auf die Farbe als solche, so
+gewinnt die Erfahrung Macht, derzufolge nur die weisse Hautfarbe Träger
+dieses Lebens sein kann. Die Farbe erscheint jetzt als nur thatsächlich
+vorhandene, also nichtsbedeutende Farbe. Sie ist aber nun einmal durch
+die Wirksamkeit jenes Gedankens, dass sie Träger menschlichen Lebens sei,
+in uns "emporgehoben" und in die "Mitte des Bewusstseins" gestellt, oder
+sachlicher gesprochen, sie hat nun einmal durch Hilfe jenes Gedankens ihr
+volles Mass von seelischer Kraft aneignen können; und sie vermag dasselbe
+jetzt, wo jener Gedanke verschwunden ist und damit auch die von ihm
+bisher in Anspruch genommene und fremden Vorstellungsinhalten abgenötigte
+Kraft freigelassen hat,--trotz ihrer Nichtigkeit und natürlichen
+Anspruchslosigkeit--frei zu behaupten und weiter in Anspruch zu nehmen.
+Sie vermag dies nicht für immer, wohl aber solange, bis wir uns
+"gesammelt" haben, das heisst bis die zurückgedrängten fremden
+Vorstellungen wieder mit erneuter Energie sich herzudrängen und ihr
+natürliches Anrecht auf die seelische Kraft geltend machen.
+
+Ganz derselbe Hergang findet auch statt bei aller _subjektiven_ und
+_naiven_ Komik. Dort bildet der Sinn, den eine Äusserung oder Handlung
+gewinnt, den Inhalt des Gedankens, der die Äusserung oder Handlung
+"emporhebt"; hier bildet die Bedeutung, die einer Äusserung oder Handlung
+vom Standpunkt der naiven Persönlichkeit aus erwächst, den Inhalt dieses
+Gedankens. Immer schafft dieser Gedanke, indem er mit der Äusserung oder
+Handlung sich verbindet, dieser die Möglichkeit leichterer Aneignung
+seelischer Kraft, und immer überlässt er, indem er verschwindet, die
+Kraft, die er in Verbindung mit der Äusserung oder Handlung angeeignet
+hat, der nunmehr nichtig gewordenen Äusserung oder Handlung zu weiterer
+freier Inanspruchnahme. Es ist bildlich gesprochen, aber es trifft die
+Sache, wenn wir mit Rücksicht auf alle Komik den Hergang so beschreiben,
+dass wir sagen, ein Nichtiges, das heisst zur Aneignung seelischer Kraft
+aus eigener Energie relativ Unfähiges, gewinne erst in Verbindung und
+durch Verbindung mit einem Bedeutsamen, das heisst zu dieser Aneignung
+seiner Natur nach Fähigen, Raum oder Luft in dem Gedränge der seelischen
+Vorgänge, und erfreue sich dann für eine Zeitlang der Möglichkeit freier
+Entfaltung und Selbstbehauptung in dem Raume, der nach Verschwinden des
+Bedeutsamen ihm allein zur Verfügung bleibt.
+
+
+
+
+IX. KAPITEL. DAS GEFÜHL DER KOMIK.
+
+
+GESETZ DES LUSTGEFÜHLS.
+
+Aus dem Vorstehenden ergiebt sich das Gefühl der Komik nach allgemeinen
+psychologischen Gesetzen. Wie wir sehen werden, ist dies Gefühl zunächst
+Gefühl der komischen Lust, es hat zunächst Lustfärbung oder, was dasselbe
+sagt, es ist zunächst eine Färbung des Lustgefühls. Wir fragen demnach
+zweckmässigerweise zuerst: Welches sind die allgemeinen Bedingungen des
+Lustgefühls?
+
+Darauf lautet die Antwort: Lust entsteht, wenn ein psychisches Geschehen
+in uns günstige, also unterstützende, fördernde, erleichternde
+Bedingungen seines Vollzuges vorfindet.
+
+Dieser Satz bedarf einer Erläuterung. Jedes Geschehen, also auch jedes
+psychische Geschehen vollzieht sich, wenn und soweit die Bedingungen
+seines _Eintrittes_ gegeben sind. Jedes Geschehen, also auch jedes
+psychische Geschehen unterliegt den natürlichen Bedingungen seines
+Daseins.
+
+Indessen, wenn ich hier von Bedingungen des _Vollzuges_ eines psychischen
+Geschehens rede, so meine ich nicht die Bedingungen seines "Eintrittes",
+sondern eben die Bedingungen seines "Vollzuges". Der "Eintritt" eines
+psychischen Geschehens ist die Auslösung desselben. Diese Auslösung
+geschieht bei Empfindungen--oder Komplexen von solchen--durch den
+physiologischen Reiz; bei Vorstellungen durch den psychischen oder
+reproduktiven Reiz. Will man, so kann man diesen Eintritt eines
+psychischen Geschehens oder diese Auslösung eines Empfindungs- oder
+Vorstellungsvorganges auch als Akt der "Perception" bezeichnen.
+
+Mit dieser "Perception" ist nun aber, wie wir wissen, über das Schicksal
+des psychischen Geschehens noch nicht entschieden. Sondern es fragt sich
+noch, wie weit dies psychische Geschehen, im Zusammenhang des psychischen
+Geschehens überhaupt, zur "Geltung" kommt, sich entfaltet, welche
+psychische Höhe es erreicht, oder welches Mass von psychischer Kraft es
+sich anzueignen oder zu gewinnen vermag. Darin besteht, oder darnach
+bestimmt sich der "Vollzug" des psychischen Geschehens. Es ist nichts
+dagegen einzuwenden, wenn man diesen Vollzug des psychischen Geschehens
+mit dem oben schon einmal gebrauchten Namen "Apperception" belegen will.
+
+Dann sind die Bedingungen des psychischen Geschehens, von denen ich rede,
+Bedingungen der Apperception. Sie sind mit dem _von uns_ meistgebrauchten
+Ausdruck Bedingungen der psychischen Kraftaneignung.
+
+Aber nicht alle Bedingungen der Apperception oder Kraftaneignung kommen
+hier in Frage; sondern nur diejenigen, welche das psychische Geschehen
+"vorfindet". Den von dem psychischen Geschehen _vorgefundenen_
+Bedingungen der Apperception stehen die in ihm selbst enthaltenen, oder
+mit seiner Auslösung oder dem Akte der Perception bereits gegebenen
+entgegen. Diese also sind hier ausgeschlossen.
+
+Was ich hiermit meine, verdeutliche ich, indem ich wiederum den Begriff
+der psychischen Energie herbeiziehe.
+
+Jedes psychische Geschehen hat, wenn es einmal "ausgelöst" ist, seine
+bestimmte Energie, d. h. seinen bestimmten Grad von Fähigkeit, die
+psychische Kraft zu _beanspruchen_. Es hat diese Fähigkeit, weil es eben
+dieses bestimmte Geschehen ist. Um Zweideutigkeiten vorzubeugen, will ich
+diese Energie, oder diesen Grad der Inanspruchnahme psychischer Kraft,
+der einem psychischen Geschehen an sich zukommt,--also unabhängig von dem
+psychischen Zusammenhang, in welches das psychische Geschehen
+eintritt--als _eigene Energie_ des psychischen Geschehens bezeichnen. Als
+Beispiel diene die eigene Energie, welche dem Donnerschlag vermöge seiner
+Lautheit zukommt.
+
+Das Mass von psychischer Kraft, das ein psychisches Geschehen
+thatsächlich gewinnt, oder der Grad seiner Apperception, ist nun, wie
+bereits betont, zunächst abhängig von dieser eigenen Energie. Er ist aber
+andererseits abhängig von den sonst in der Psyche gegebenen Bedingungen,
+etwa von der in der "Erwartung" liegenden "Bereitschaft". Die Bedingungen
+der letzteren Art können wir allgemein bezeichnen, und haben wir soeben
+bereits bezeichnet als solche, die dem "_Zusammenhang_" angehören, in
+welchen der einzelne psychische Vorgang sich einfügt. Sie sind, kurz
+gesagt, Bedingungen des psychischen Zusammenhanges.
+
+Wir müssen also sagen: Lust entsteht in dem Masse, als für ein
+psychisches Geschehen solche günstige Bedingungen seiner Kraftaneignung
+bestehen, die nicht in dem einzelnen psychischen Vorgange als solchem,
+sondern irgendwie im Zusammenhang der Momente oder Faktoren des
+psychischen Lebens begründet liegen. Je mehr solche Bedingungen bestehen,
+desto mehr wird ein psychisches Geschehen von uns, d. h. vom Zusammenhang
+des psychischen Lebens frei "angeeignet". Wir können also auch diese
+freie Aneignung als Grund der Lust bezeichnen. Je mehr von uns psychisch
+angeeignet wird, oder je mehr psychisch geschieht, und je günstiger
+zugleich die im Zusammenhang des Ganzen gegebenen Bedingungen für die
+Aneignung oder für den Vollzug des psychischen Geschehens sind, oder mit
+einem anderen Ausdruck, je reicher und intensiver die psychische
+"Thätigkeit" ist, und je mehr in ihr zugleich alle Faktoren _frei
+zusammenwirken_, desto grösser ist die Lust.
+
+
+"QUALITATIVE ÜBEREINSTIMMUNG" ALS GRUND DER LUST.
+
+Jetzt fragt es sich aber: Wann sind Bedingungen dem Vollzug eines
+psychischen Geschehens günstig. Darauf lautet die Antwort zunächst: Sie
+sind es, wenn oder soweit zwischen ihnen und diesem Geschehen
+_qualitative Übereinstimmung_ besteht. Diese qualitative Übereinstimmung
+ist verschiedener Art. Hier muss ich mich begnügen, sie durch einige
+Beispiele zu verdeutlichen:
+
+Es entsteht Lust aus der Folge zweier zu einander harmonischer Töne, weil
+jeder den Vollzug des anderen vorbereitet oder unterstützt. Diese
+Vorbereitung oder Unterstützung beruht auf der Verwandtschaft--nicht
+zwischen den Tönen, diesen _Bewusstseinsinhalten_, sondern auf der
+Verwandtschaft oder eigenartigen Ähnlichkeit, die zwischen den, diesen
+Tönen zu Grunde liegenden psychischen _Vorgängen_ besteht.
+
+Es entsteht ebenso Lust aus der Wahrnehmung einer regelmässigen
+geometrischen Figur, weil die übereinstimmenden Teile derselben
+aufeinander hinweisen. Hier ist im Gegensatz zum vorigen Falle die
+Übereinstimmung oder "Ähnlichkeit" eine solche, die zugleich in den
+Bewusstseinsinhalten repräsentiert ist.
+
+Es entsteht, um noch ein drittes Beispiel anzuführen, Lust aus der
+Wahrnehmung eines edlen Entschlusses, weil in meiner eigenen sittlichen
+Natur, wenn auch vielleicht in meinem sonstigen Leben praktisch
+unwirksam, Triebfedern zu gleich edlen Entschlüssen liegen, die durch
+jene Wahrnehmung wachgerufen, dem wahrgenommenen Entschlusse
+"entgegenkommen". Dies Vorbereiten, Unterstützen, Hinweisen,
+Entgegenkommen sagt jedesmal dasselbe: Erleichterung der Aneignung
+psychischer Kraft, Mitteilung derselben, Wirken als günstige Bedingung
+für die Entfaltung oder das Zur-Geltung-Kommen eines psychischen
+Geschehens. Jedesmal beruht die Erleichterung der Aneignung psychischer
+Kraft auf einer qualitativen Übereinstimmung zwischen einem psychischen
+Vorgang und von ihm vorgefundenen Bedingungen seiner Kraftaneignung.
+
+
+"QUANTITATIVE VERHÄLTNISSE". GEFÜHL DER "GRÖSSE".
+
+Diese qualitative Übereinstimmung ist, allgemein gesagt, eine Art des
+qualitativen _Verhältnisses_. Diesem qualitativen Verhältnis steht
+entgegen das quantitative Verhältnis, nämlich das quantitative Verhältnis
+zwischen einem psychischen Geschehen und den von ihm vorgefundenen oder
+den im psychischen Zusammenhang gegebenen Bedingungen seiner
+Kraftaneignung. Auch dies quantitative Verhältnis hat für das Lustgefühl
+Bedeutung. Zugleich führt uns die Betrachtung desselben weiter: In diesem
+quantitativen Verhältnis liegt der Grund der Gefühlsfärbungen, die wir
+mit den Namen: Gefühl des Grossen, des Gewichtigen etc., andererseits mit
+den Namen: Gefühl des Kleinen oder des Heiteren etc. bezeichnet haben.
+
+Jeder psychische Vorgang, so sagte ich oben, hat, nachdem er einmal
+ausgelöst ist, eine bestimmte mit seiner Beschaffenheit gegebene "eigene
+Energie". Er beansprucht oder fordert, als dieser bestimmte Vorgang, die
+psychische Kraft energischer oder weniger energisch, oder er beansprucht
+mehr oder weniger psychische Kraft.
+
+Sei nun irgend ein Vorgang von bestimmter Energie gegeben, so fragt es
+sich--nicht nur, ob der gesamte psychische Zusammenhang oder irgend ein
+anderweitiger Vorgang sich qualitativ so zu ihm verhält, dass er fähig
+ist, jenem Vorgang die psychische Kraft zu überlassen oder zuzuweisen,
+sondern es fragt sich auch, wie viel Kraft in jenem Zusammenhang
+überhaupt vorhanden, oder in einem solchen anderweitigen Vorgang
+repräsentiert ist, und demgemäss jenem Vorgang auf dem eben bezeichneten
+Wege zugewiesen werden kann, bezw. wie leicht diese Kraft _verfügbar_
+gemacht, d. h. dem, was dieselbe sonst beansprucht, entzogen werden kann.
+
+Dabei nun bestehen drei Möglichkeiten. Entweder dies Mass der verfügbaren
+Kraft oder dies Mass der Verfügbarkeit der Kraft steht mit jenem Anspruch
+oder jener Energie der Inanspruchnahme in einem bestimmten nicht näher
+definierbaren Verhältnis des Gleichgewichtes. Oder es überwiegt jene
+Energie. Oder endlich es überwiegt diese Verfügbarkeit.
+
+Achten wir zunächst auf die erste der beiden letzten Möglichkeiten. Um
+nicht allzu allgemein zu reden, fassen wir gleich spezieller geartete
+Fälle ins Auge. Ein Objekt schliesse eine Vielheit in sich. Der
+psychische Vollzug der einzelnen Elemente dieser Vielheit finde in mir
+Bedingungen vor, mit denen er in qualitativer Übereinstimmung steht.
+Zugleich bilden die Elemente eine qualitative Einheit. D. h. sie
+unterstützen sich vermöge zwischen ihnen bestehender qualitativer
+Übereinstimmung wechselseitig in der Aneignung der psychischen Kraft.
+Daraus ergiebt sich eine starke Lust. Zugleich aber besitzt der
+Gesamtvorgang eine erhebliche Energie der Inanspruchnahme psychischer
+Kraft: Das Objekt als Ganzes drängt sich mit grosser Energie auf.
+
+Diese Energie nun kann _beliebig_ gross gedacht werden. Dagegen ist die
+Möglichkeit, dass dem Objekt psychische Kraft von mir zugewandt werde,
+beschränkt. Meine gesamte psychische Kraft ist ja in bestimmte Grenzen
+eingeschlossen. Hier kann demnach ein Übergewicht jener Energie über
+diese Verfügbarkeit stattfinden. In dem Masse als dies geschieht, gewinnt
+die Lust an dem Objekte den Charakter der Grösse, des Gewichtigen, des
+Mächtigen, des Tiefen, des Ernstes.
+
+Dieser Charakter wechselt und verdient bald mehr den einen bald mehr den
+anderen der soeben gebrauchten Namen, je nach dem Grade jenes
+Übergewichtes, andererseits je nach der Kraft, welche die Bedingungen des
+Lustgefühles besitzen. Steigt jenes Übergewicht, so wird das Gefühl mehr
+und mehr zu einem Gefühl des Strengen, Übermächtigen, Überwältigenden.
+
+Beispiele für jenes Gefühl der Grösse sind die Gefühle, die wir haben
+angesichts des Meeres, eines gewaltigen Gebirges, einer von einem Willen
+bewegten und auf ein Ziel gerichteten Menge, auch gegenüber der einzelnen
+Persönlichkeit, die alle ihre Kraft in einem grossen Gedanken
+zusammenfasst. In diesen Fällen bezeichnen wir das Gefühl auch als Gefühl
+der Erhabenheit. Für den besonderen Sinn der Erhabenheit verweise ich auf
+S. 19[*] und auf den Anfang des vierten Abschnittes.
+
+[* Im Unterkapitel ALLERLEI ÄSTHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.]
+
+"GRÖSSE" UND UNLUST.
+
+Jenes Gefühl des Strengen, Überwältigenden, Übermächtigen ist unserer
+Voraussetzung nach noch Gefühl der Lust, nur mit diesem besonderen
+Charakter. Es kann aber in ihm die Lustfärbung mehr und mehr sich mindern
+und schliesslich in eine Unlustfärbung sich verwandeln. Dies muss
+geschehen, wenn wir uns die Wirkung der qualitativen Übereinstimmung mehr
+und mehr hinter der Wirkung des Übergewichtes der Inanspruchnahme der
+psychischen Kraft über die Verfügbarkeit derselben zurücktretend denken.
+
+Hiermit ist schon gesagt, dass dies Übergewicht an sich Grund der Unlust
+ist. So muss es sein gemäss dem allgemeinen Gesetz der Unlust. Dies
+gewinnen wir aus dem allgemeinen Gesetz der Lust, wenn wir an die Stelle
+der Übereinstimmung den Gegensatz oder Widerstreit treten lassen: Unlust
+entsteht, wenn ein psychischer Vorgang Bedingungen vorfindet, die seinen
+Vollzug oder seine Aneignung psychischer Kraft hemmen.
+
+Auch dieser Widerstreit ist zunächst ein qualitativer. Ein einfaches
+Beispiel eines solchen qualitativen Widerstreits bieten etwa die
+disharmonischen Töne. Nicht die Töne, d. h. die Inhalte unserer
+Tonempfindung, wohl aber die dem Dasein derselben zu Grunde liegenden
+psychischen Vorgänge, müssen als zu einander qualitativ gegensätzlich,
+und demgemäss ihren Vollzug wechselseitig hemmend oder störend gedacht
+werden.
+
+Diesem qualitativen Gegensatz sieht aber gegenüber der quantitative.
+Dieser fällt mit dem Übergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft
+über die Verfügbarkeit derselben zusammen. In dem Masse als dies
+Übergewicht besteht, vollzieht sich die Aneignung der Kraft zwangsweise,
+unter Hemmungen. Der Vollzug des Vorgangs ist eine an uns gestellte
+Zumutung, und wird schliesslich zur unlustvollen Vergewaltigung.
+
+Darnach kann von dem Gefühl der lustvollen Grösse, oder des lustvoll
+Gewaltigen, des Erhabenen etc. in gewissem Sinn gesagt werden, dass in
+dasselbe Lust und Unlust als Faktoren eingehen. Nicht in dem Sinne, dass
+in diesem Gefühl die _Gefühle_ der Lust und Unlust sich verbinden, wohl
+aber in dem Sinne, dass _Bedingungen_ der Lust und Bedingungen der Unlust
+zur Erzeugung eines neuen Gefühles, nämlich eben des eigenartigen
+Gefühles der lustvollen Grösse _zusammenwirken_.
+
+So können überhaupt in mannigfacher Weise Bedingungen der Lust und der
+Unlust zur Erzeugung eines neuen Gefühles sich vereinigen. Insbesondere
+haben Bedingungen der Unlust, die mit Bedingungen der Lust sich
+vereinigen, nicht etwa ohne weiteres die Bedeutung einer Verringerung der
+Lust. Vielmehr besteht ihre Bedeutung unter bestimmten Voraussetzungen
+immer darin, der Lust einen anderen Charakter, vor allem mehr
+Eindringlichkeit, grössere Tiefe, mehr Gehalt zu verleihen.
+
+Diese Voraussetzungen können hier nicht allgemein untersucht werden. Die
+Psychologie hat natürlich die Aufgabe, sie zu untersuchen. Diese Aufgabe
+gehört aber leider zu den vielen wichtigsten Aufgaben, die die
+Psychologie jetzt zu ihrem Schaden vernachlässigt.
+
+Nur dies ist uns in dem gegenwärtigen Zusammenhange wichtig, dass die
+Bedingungen der Unlust, soweit sie in jenem quantitativen Gegensatz oder
+jenem Übergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft über die
+Verfügbarkeit derselben bestehen, zusammen mit den in der qualitativen
+Übereinstimmung gegebenen Bedingungen der Lust jenes Gefühl der bald mehr
+lustvollen, bald mehr unlustvollen _Grösse_ bedingen.
+
+Und wenn nun zum qualitativen _Gegensatz_ dieser quantitative Gegensatz
+tritt? Dann steigert sich nach dem allgemeinen Gesetz der Unlust die
+Unlust. Zugleich gewinnt auch diese Unlust eine Art der Grösse, nur eben
+der unlustvollen Grösse; auch die Unlust gewinnt Schwere,
+Eindringlichkeit, Tiefe. Es ist etwas _qualitativ_ Anderes um das Gefühl
+der Unlust, wenn ich von allerlei Kleinigkeiten geärgert, von
+fortgesetzten "Nadelstichen" gepeinigt, von einer aus dem Wechsel
+einander entgegengesetzter Antriebe fliessenden inneren Unruhe gefoltert
+bin, als wenn ein grosses Unglück, ein einziges bitteres Leid, ein tiefer
+Schmerz mich in Anspruch nimmt.
+
+Dabei ist freilich zu bedenken, dass nichts mich innerlich ganz in
+Anspruch nehmen kann, ohne mein Wesen in Eines zusammenzufassen, und dass
+solche innere Vereinheitlichung an sich betrachtet wiederum ein
+lusterzeugendes Moment ist. Steigert sich dies, so nähert sich das
+fragliche Gefühl dem lustgefärbten Gefühl der Grösse. Es geht, wenn
+weitere lusterzeugende Momente hinzutreten, stetig in dies Gefühl über,
+ebenso wie wir vorhin dies Gefühl in jenes stetig übergehen sahen. Doch
+kann auch hierauf in diesem Zusammenhang nicht im Einzelnen eingegangen
+werden. Es wäre dazu eine vollkommen sichere Analyse der einzelnen Fälle
+erforderlich.
+
+
+GEFÜHL DES "HEITEREN".
+
+Setzen wir jetzt den umgekehrten Fall, d. h. nehmen wir an, es überwiege
+das Mass der verfügbaren psychischen Kraft, oder es überwiege das Mass
+ihrer Verfügbarkeit, über die Energie, mit der Objekte diese Kraft in
+Anspruch nehmen. Dann gewinnen wir das entgegengesetzte Bild.
+
+Was uns in einem Augenblick beschäftigt, sei an sich, weil es mit den
+Bedingungen seines psychischen Vollzuges in qualitativer Übereinstimmung
+steht, Gegenstand der Lust, aber es vermöge seiner Natur nach uns nur
+wenig in Anspruch zu nehmen. Zugleich seien wir innerlich frei genug, um
+uns ihm mit unserer ganzen Kraft zuzuwenden. Dann geschieht jener
+psychische Vollzug spielend. Daraus ergiebt sich ein Zuwachs von Lust.
+Auch dieser Überschuss von verfügbarer Kraft ist ja eine günstige
+Bedingung für den psychischen Vollzug oder die Kraftaneignung der
+Objekte. Auch damit ist eine Art der Übereinstimmung psychischer Vorgänge
+mit den Bedingungen ihrer Kraftaneignung gegeben; nicht eine qualitative,
+sondern eine quantitative Übereinstimmung. Zugleich aber gewinnt das
+Gefühl der Lust einen neuen Charakter, nämlich den Charakter des
+Leichten, des Heiteren, des "Spielenden". Das Spiel der Kinder ist eine
+solche Art der psychischen Bethätigung.
+
+Wiederum gewinnt auch das an sich Unlustvolle einen _gleichartigen_
+Charakter, wenn die gleichen Bedingungen gegeben sind. Auch mit kleinen
+Widerwärtigkeiten können wir innerlich spielen. Voraussetzung ist, dass
+sie--nicht nur an sich, sondern für uns _kleine_ Widerwärtigkeiten sind,
+d. h. als solche sich uns darstellen und auf uns wirken, dass sie also
+nicht heftig sich aufdrängen; andererseits dass wir in der Verfassung
+sind, sie frei aufzufassen und in ihrer Kleinheit hell zu beleuchten,
+dass wir ihnen gegenüber möglichst wenig passiv und in möglichst hohem
+Grade aktiv, möglichst wenig von ihnen affiziert und in möglichst hohem
+Grade ihnen gegenüber überlegen oder souverän sind, oder mit einem Worte,
+dass wir ihnen mit "Humor" gegenüberstehen. Mit allen diesen Ausdrücken
+ist immer dasselbe bezeichnet, nämlich das Übergewicht der verfügbaren
+psychischen Kraft oder der Verfügbarkeit dieser Kraft über die Energie,
+mit der das Objekt von sich aus diese Kraft beansprucht. Die
+"Souveränität", von der ich hier rede, oder die "geistige Freiheit", von
+der ich vorhin sprach, das ist eben diese relativ hohe Verfügbarkeit der
+psychischen Kraft. Je grösser sie ist, desto anspruchsvoller oder
+aufdringlicher kann die Widerwärtigkeit ihrer Natur nach sein, und
+trotzdem die Betrachtung der Unannehmlichkeit für uns zum Spiel werden,
+oder was dasselbe sagt, Gegenstand einer Unlust sein, die einen Charakter
+des "Heiteren" an sich trägt.
+
+Was diesem Charakter des Heiteren oder diesem unserem "Leichtnehmen" zu
+Grunde liegt, ist nach vorhin Gesagtem an sich Grund der Lust. So wirken
+also auch hier wiederum, wie beim Gefühl der lustvollen Grösse, nur in
+umgekehrter Weise, Bedingungen der Lust und der Unlust zusammen. Und
+wiederum ergiebt sich daraus ein Neues, nämlich eben dies Gefühl, das wir
+soeben als Gefühl des Heiteren oder des Leichtnehmens bezeichnet
+haben.--Auch Schmerzen können in solcher leichten Weise uns anmuten, wenn
+wir die nötige "geistige Freiheit" haben.
+
+
+DAS ÜBERRASCHEND GROSSE.
+
+Lassen wir in Gedanken diese geistige Freiheit sich steigern und die
+Energie, mit der die Unannehmlichkeit uns affiziert, sich mindern, so
+geht dies Gefühl der heiteren oder leichtgenommenen Unlust in ein
+lustbetontes Gefühl der Heiterkeit über: Die kleine Widerwärtigkeit oder
+der geringe Schmerz "belustigt" uns oder wird Gegenstand eines Gefühles
+der "Heiterkeit" in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes.
+
+Eine besondere Steigerung jener geistigen Freiheit nun, andererseits
+ebensowohl eine Minderung derselben, also eine Mehrung des Übergewichtes
+der Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft über die Verfügbarkeit
+derselben, ergiebt sich uns, wenn wir wiederum den Begriff der Erwartung,
+oder das, was in diesem Begriff für uns eingeschlossen war, hinzunehmen.
+
+Ich machte vorhin, als vom Gefühl der Grösse die Rede war, und ebenso
+jetzt eben, beim Gefühl des Heiteren oder des Spieles, nicht die
+Voraussetzung, dass das "Grosse" oder das heiter Anmutende einer
+Erwartung widerspreche. Ich redete von dem Grossen, das ein Gefühl der
+Grösse erweckt, auch wenn eben dies Grosse erwartet wird. Man erinnere
+sich wiederum an das Meer, oder an das gewaltige Gebirge. Ebenso war mit
+dem minder Aufdringlichen oder mit minderer psychischer Energie Begabten,
+das leicht oder heiter genommen wird, ein solches gemeint, das diesen
+Charakter besitzt, auch wenn nichts Anderes, vor allem nichts Grosses an
+seiner Stelle erwartet wird.
+
+Nehmen wir jetzt die Erwartung hinzu, so haben wir eine neue und
+wesentliche Bedingung für jede der beiden Gefühlswirkungen.
+
+Der Einfachheit halber fassen wir hier die Erwartung im positiven Sinne,
+also als Erwartung eines Bedeutungs- oder Eindrucksvollen. Dann mindert
+die Erwartung das Gefühl der Grösse. Umgekehrt lässt der Mangel einer
+solchen Erwartung auch dem minder Grossen gegenüber einen gesteigerten
+Eindruck der Grösse entstehen: Wir sind überrascht, wir erstaunen; es
+wird dasjenige zum Überwältigenden, was dann, wenn es erwartet worden
+wäre, vielleicht zwar auch noch als gross erschienen wäre, aber keine
+überwältigende Wirkung geübt hätte. Erwartung ist eben, wie wir schon
+sahen, eine besondere Weise psychische Kraft für das Erwartete zur
+_Verfügung_ zu stellen. Damit wird das Übergewicht der Energie des
+Erwarteten über die Verfügbarkeit der psychischen Kraft vermindert. Und
+darauf beruht ja, wie wir wissen, das Gefühl der Grösse.
+
+Je grösser aber, abgesehen von der Erwartung, jenes Übergewicht ist, d.
+h. je mehr das Erwartete ein Grosses ist, desto stärker muss die in der
+Erwartung liegende Vorbereitung sein, wenn dem Gefühl der Lust, bezw. der
+Unlust sein Charakter des Großen, Überwältigenden, Erstaunlichen genommen
+werden soll. Das Große sei etwa wiederum ein mächtig vor mir
+aufsteigendes Gebirge. Dann bedarf es eines entschiedeneren
+Vorbereitetseins, wenn das Gefühl des Staunens unterbleiben soll, als
+wenn es sich um einen Gegenstand von minderer Mächtigkeit handelte.
+Gleiches gilt von dem _unerfreulichen_, aber mächtig auf mich
+eindringenden Getöse. Bin ich auf dies durch entsprechende Erwartung
+entschieden vorbereitet, so bleibt es zwar für mich unlustvoll. Aber es
+verliert sein Gepräge des momentan Überwältigenden.
+
+Wir erfreuen uns aber des Grades der Bereitschaft, wie er zur Aufhebung
+dieses Gefühlscharakters erforderlich ist, um so sicherer, je mehr wir
+gleichartige Objekte von eben solcher oder größerer Aufdringlichkeit oder
+Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft erwarten. Die Bereitschaft
+zur Auffassung oder zum psychischen "Vollzug" eines Bedeutungsvollen oder
+Grossen ist zugleich eine Bereitschaft in entsprechendem _Grade_. Dies
+muß so sein nach dem, was wir als das Wesen der Erwartung kennen gelernt
+haben. Diese besteht in der seelische Kraft aneignenden und für das
+Erwartete verfügbar machenden Wirksamkeit der Vorstellung des Erwarteten,
+einschliesslich der Gedanken, die mit dem Erwarteten sich verknüpfen, und
+ihm für uns Bedeutung und Interesse verleihen. Je bedeutungsvoller aber
+das Erwartete an sich ist, und je bedeutungsvolleren Inhalt diese
+Gedanken haben, um so stärker muss nach unserem Begriff des
+"Bedeutungsvollen" jene Kraft aneignende und Kraft zur Verfügung
+stellende Wirksamkeit sich erweisen.
+
+Wir können also, was uns die Betrachtung der Gefühlswirkung des
+erwarteten und des nicht erwarteten gewaltigen Gebirges, bezw.
+überwältigenden Getöses lehrt, auch so ausdrücken, dass wir sagen: Je
+Grösseres erwartet wird, um so mehr mindert sich das Gefühl der Grösse,
+das wir angesichts des durch die Erwartung vorbereiteten Objektes haben.
+
+
+DAS ÜBERRASCHEND KLEINE. DIE KOMIK.
+
+Nehmen wir jetzt an, das durch die Erwartung vorbereitete Objekt sei ein
+Kleines oder relativ Nichtiges, dann muß dies Kleine, in dem Masse als es
+durch die Erwartung eines Grossen vorbereitet ist, nicht nur ein minderes
+Gefühl der Grösse, sondern ein stärkeres Gefühl der Kleinheit erzeugen.
+Oder: Ist ein grösseres Objekt um so mehr Gegenstand des Gefühls der
+Grösse, je weniger wir auf die Erfassung eines Grossen vorbereitet sind,
+so muss das Kleine um so mehr Gegenstand des Gefühles des Heiteren sein,
+je mehr eine solche Vorbereitung stattgefunden hat. Die Erwartung eines
+Grossen schliesst hier ein um so grösseres _Übergewicht_ der verfügbaren
+psychischen _Kraft_ über die Energie der _Inanspruchnahme_ derselben in
+sich, je grösser das Grosse, zugleich je kleiner oder nichtiger das
+Kleine ist. Auf diesem Übergewicht aber beruhte uns das Gefühl des
+Heiteren. Das _besondere_ Übergewicht aber, das unter der hier
+bezeichneten Voraussetzung stattfindet, lässt das Gefühl des Heiteren,
+das wir vorhin auch schon dann eintreten sahen, wenn diese besondere
+Voraussetzung nicht gegeben war, zu dem ausgesprochenen Gefühl des
+Heiteren werden, das wir als Gefühl der Komik bezeichnen.
+
+Das Gleiche, was durch die Erwartung des Grossen bedingt wird, wird auch
+zuwege gebracht, wenn _Dasselbe_ erst bedeutungsvoll, dann nichtig
+erscheint. Es besitzt, als Bedeutungsvolles, sein erhebliches Mass
+psychischer Kraft; und diese verbleibt ihm, wenn es ein Nichtiges
+geworden ist. Wir sahen freilich, dass diese beiden Fälle nicht
+grundsätzlich verschieden sind. Auch in jenem Falle kann gesagt werden,
+es erscheine Dasselbe erst bedeutungsvoll dann nichtig. Und auch in
+diesem Falle kann von einer "Erwartung" eines Bedeutungsvollen gesprochen
+werden.
+
+Hiermit ist das Gefühl der Komik verständlich geworden. Nicht jedes
+beliebige Gefühl der Komik, sondern das Gefühl der Komik im allgemeinen.
+Zugleich leuchtet ein, warum dasselbe zunächst als Gefühl komischer Lust
+sich darstellen muss. Wir sahen ja: Das Übergewicht der Verfügbarkeit der
+psychischen Kraft über die Inanspruchnahme derselben ist Grund der Lust
+und lässt _zugleich_ dies Gefühl den Charakter des Heiteren, Leichten,
+Spielenden gewinnen.
+
+Ist es erlaubt, für den Grund der Entstehung dieses Gefühles schliesslich
+noch ein verdeutlichendes Bild zu gebrauchen, so denke man sich, jemand
+erwarte und sei gerüstet auf den Besuch einer aus mehreren Köpfen
+bestehenden Familie, habe also den Raum, und was sonst erforderlich ist,
+verfügbar gemacht. Kommt nun statt der erwarteten eine grössere Anzahl
+von Gästen, so werden diese die Insassen des Hauses beengen und sich
+selbst beengt fühlen. Kommt dagegen nur ein einziger, so wird dieser
+freier sich entfalten und bequemer sich ausbreiten können, als wenn auf
+ihn allein gerechnet worden wäre. Oder nehmen wir an, es sei überhaupt
+niemand angekündigt, die ans mehreren Köpfen bestehende Familie sei aber
+gekommen und habe den Hausherrn genötigt, wohl oder übel, den für sie
+erforderlichen Platz zu schaffen; dann seien alle bis auf einen wieder
+abgereist; so wird wiederum der Zurückbleibende, so lange bis die alte
+Ordnung wieder hergestellt ist, sich freier ausbreiten können, als wenn
+er von vornherein der einzige Gast gewesen wäre.
+
+Ähnlich nun, wie jenem, an Stelle der angekündigten Familie
+eingetroffenen Gaste, ergeht es in uns der Wahrnehmung des kleinen
+Häuschens, das an Stelle des Palastes tritt. Der Wahrnehmungsvorgang
+breitet sich in der Seele leicht und ungehemmt aus, und ist darum
+Gegenstand einer, zugleich lustbetonten Komik. Und ähnlich, wie diesem
+allein übrig gebliebenen Gaste, ergeht es der schwarzen Hautfarbe des
+Negers, dem Spiel mit Worten, der naiven Äusserung oder Handlung, nachdem
+der Gedanke an ihre Bedeutung zurückgetreten ist. Auch diese Inhalte
+vermögen leicht und mühelos, "spielend", sich in uns zur Geltung zu
+bringen.
+
+Diese spielende Entfaltung des relativen Nichts unterbricht und löst die
+Spannung, welche die Erwartung oder der Schein des Bedeutungsvollen
+erzeugte. Insofern hat _Kant_ Recht, wenn er die Komik als die "Auflösung
+einer Spannung" in Nichts bezeichnet. Das relative Nichts erlangt, indem
+es sich entfaltet, in unserem Bewusstsein momentan die Herrschaft. In
+diesem Sinne kann das "vive la bagatelle" _Jean Paul_'s zur Devise, nicht
+nur des Humors, sondern aller Komik gemacht werden.
+
+
+
+
+X. KAPITEL. DAS GANZE DES KOMISCHEN AFFEKTES.
+
+
+UMFANG UND ERNEUERUNG DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.
+
+Ich habe im Vorstehenden das Gefühl der Komik bezeichnet, und den
+Prozess, durch welchen dasselbe entsteht, dargelegt. Damit ist doch noch
+kein vollständiges Bild gegeben vom psychologischen Thatbestande der
+Komik.
+
+Zunächst ist die komische Vorstellungsbewegung umfassender, als bisher
+ausdrücklich gesagt wurde. Wir nannten komisch die geringfügige Leistung
+nach grossen Versprechungen. Aber nicht nur die geringfügige Leistung
+schrumpft in nichts zusammen, wenn sie als das, was sie ist, betrachtet
+wird. Auch die Versprechungen, nicht minder die Person dessen, der sie
+gab, wird in diese Vernichtung hineingezogen. Die Leistung erhob den
+Anspruch grosse Versprechungen zu erfüllen. Jetzt ist sie dieses
+Anspruches verlustig. Gleicherweise erhoben die Versprechungen den
+Anspruch Ankündigung oder Bürgschaft grosser Leistungen zu sein, die
+Person erhob den Anspruch der Zuverlässigkeit und der Fähigkeit zur
+Verwirklichung der versprochenen Leistungen. Jetzt sind die
+Versprechungen leer, der Versprechende ist ein eitler Grosssprecher.
+Schliesslich werden auch solche komisch, die auf die Versprechungen etwas
+gaben, darunter wir selbst.
+
+Indessen wichtiger ist mir hier ein zweiter Punkt. Zunächst dieser: Je
+höher die Erwartung gespannt ist, oder je mehr das Nichtige zuerst als
+ein Bedeutungsvolles erschien, um so mehr war im Anfang der komischen
+Vorstellungsbewegung unsere Aufmerksamkeit von der Erwartung oder der
+scheinbaren Grösse des Nichtigen in Anspruch genommen, um so stärker
+ist dann die Entladung. Ich achtete nur auf das zu Erwartende oder auf
+das scheinbar Grosse; jetzt hat in mir neben dem Nichtigen wiederum
+allerlei Platz, das vorher verdrängt war. Die komische Enttäuschung
+bringt mich "zu mir"; meine Aufmerksamkeit geht wiederum über den
+Vorstellungszusammenhang, dem das komische Erlebnis angehört, hinaus zu
+solchem, das zu ihm keine Beziehung hat.
+
+Doch das eigentlich Wichtige, das ich hier meine, besteht nicht sowohl
+darin, dass dies geschieht, als vielmehr darin, dass solches Hinausgehen
+über den komischen Vorstellungszusammenhang nicht in dem Masse und nicht
+so unmittelbar stattfindet, wie man erwarten könnte.
+
+Dem komischen Objekt ist mehr psychische Kraft zu teil geworden, als es
+beansprucht, also auch mehr als es festzuhalten vermag. Die Energie der
+Festhaltung ist ja dieselbe wie die Energie der Beanspruchung. Es scheint
+also die psychische Kraft leicht von dem komischen Objekt sich wieder
+lösen zu müssen. Beliebiges Andere scheint dieselbe leicht aneignen zu
+müssen. Die Komik scheint nur ein momentanes Dasein haben zu können.
+
+Dies ist in der That nicht der Fall. Wir bleiben eine Zeitlang in der
+komischen Vorstellungsbewegung. Wir bleiben darin, um sie zu wiederholen.
+
+Dies verstehen wir, wenn wir uns wiederum der psychischen Stauung
+erinnern, die bedingt ist durch den Charakter des Unerwarteten, Neuen,
+Seltsamen, Rätselhaften, das dem Komischen anhaftet. Dadurch ist die
+Brücke zwischen dem Komischen, und dem, was jenseits desselben liegt,
+abgebrochen. Der "Abfluss" der Vorstellungsbewegung ist gehemmt, der
+komische Vorstellungszusammenhang ist psychisch relativ isoliert.
+
+Darum hat doch der Umstand, dass das komisch gewordene Nichtige
+geringe eigene Energie der Aneignung psychischer Kraft, also
+auch geringe Fähigkeit der Festhaltung derselben besitzt, seine
+Wirkung. Nur bleibt diese Wirkung zunächst innerhalb des komischen
+Vorstellungszusammenhanges. Die psychische Kraft "fliesst" in der That
+von dem Nichtigen "ab"--wenn es erlaubt ist auch hier diesen bildlichen
+Ausdruck zu gebrauchen, dessen erfahrungsgemässer Sinn zur Genüge
+deutlich gemacht worden ist--, aber sie fliesst ab auf das Grosse und zur
+Aneignung psychischer Kraft Fähige, das unmittelbar mit dem Nichtigen
+zusammenhängt, das heisst, sie fliesst zurück zu dem Erwarteten, an
+dessen Stelle das Nichtige getreten ist, beziehungsweise zu dem, was das
+Nichtige zuerst als ein Grosses erscheinen liess.
+
+
+RÜCKLÄUFIGE WIRKUNG DER PSYCHISCHEN "STAUUNG".
+
+Damit sind wir einer psychischen Thatsache begegnet, die bei jeder
+psychischen "Stauung" in grösserem oder geringerem Masse stattfindet, und
+eine ebenso grosse und umfassende psychologische Bedeutung besitzt, wie
+die Stauung selbst. Es ist die Thatsache, auf der all unser zweckmässiges
+Thun beruht, das heisst im letzten Grunde, all unser Thun im Gegensatz
+zum blossen Geschehen in uns, jedes Nachdenken, jede praktische oder
+theoretische Überlegung, jede Wahl von Mitteln zu einem Zweck u. s. w.
+Wir können auch sagen: Es ist die Thatsache, in welcher alles solche Thun
+_besteht_.
+
+Alles "Sich nicht Erinnern", jeder Zweifel, jede Ungewissheit, alles
+Nichthaben dessen, worauf wir innerlich gerichtet sind, oder worauf eine
+psychische Bewegung ihrer Natur nach abzielt, ist eine Unterbrechung
+eines naturgemässen Ablaufs oder Verlaufs eines psychischen Geschehens.
+Eines naturgemässen, das heisst eines solchen, wie er sich ergäbe, wenn
+die in dem Geschehen wirksamen Bedingungen frei sich verwirklichen
+könnten. Jeder der bezeichneten Thatbestände schliesst also die
+Bedingungen einer "Stauung" in sich. Wir könnten statt dessen mit dem
+oben gebrauchten Ausdruck auch sagen: Jeder solche psychische Thatbestand
+involviert eine "Verblüffung". Alles sich Besinnen, alles Fragen "Wie"
+oder "Was ist dies", alles Überlegen, alles nicht, oder nicht sofort sich
+verwirklichende Wollen ist zunächst ein Stehenbleiben der psychischen
+Bewegung an der Stelle, wo diese Bewegung nicht in ihrer natürlichen Bahn
+weiter kann. Es ist dann weiterhin ein sich Ausbreiten und sich
+Rückwärtswenden der psychischen Bewegung oder des "Stromes" des
+psychischen Geschehens.
+
+Wir besinnen uns auf einen Namen, das heisst: wir bleiben innerlich vor
+dem Namen stehen, wir wenden uns dann zurück zu der Person, die den Namen
+trägt, zur Gelegenheit, wo wir den Namen hörten u. s. w. Alle diese
+Momente gewinnen erneute Kraft, und damit erneute und gesteigerte
+Fähigkeit der Reproduktion. Sie gewinnen diese Kraft, einfach darum, weil
+die Kraft vorhanden und vermöge der Stauung an diesen bestimmten Punkt,
+die Vorstellung "Name dieser bestimmten Person", gebannt ist, und weil
+ihnen, an sich und vermöge ihres unmittelbaren Zusammenhanges mit dieser
+Vorstellung, die Fähigkeit eignet, sich diese zwangsweise zur Verfügung
+gestellte Kraft anzueignen, beziehungsweise sie festzuhalten. Vielleicht
+gelingt auf Grund dieser Kraftaneignung und der damit gewonnenen erhöhten
+Fähigkeit des Reproduzierens die Reproduktion des Namens. Dann ist, durch
+die Stauung und ihre natürlichen Folgen, das Hindernis hinweggeräumt, und
+die psychische Bewegung geht über den Namen oder durch denselben
+hindurch, weiter.
+
+Oder: Wir erleben es, dass auf ein A, dem in früherer Erfahrung ein B
+folgte, jetzt ein, das B ausschliessendes B1[*] folgt, und "suchen" die
+"Erklärung". Wäre auf das A niemals das B, sondern auch sonst jedesmal
+das B1, gefolgt, so gingen wir von A über B1 beruhigt weiter. Diesen
+Fortgang hindert das B, oder der Widerspruch zwischen ihm und dem B1.
+Darum bleiben wir vor dem B1. Wir unterliegen einer Stauung; wir erleben
+eine "Verblüffung", oder erleben die "Verwunderung", die der Anfang aller
+Weisheit ist.
+
+[* Ordnungszahl hier und ff. im Original tiefgestellt. Transkriptor.]
+
+Dann gehen wir von B1 zurück zu A. Das A, von dem wir ausgegangen waren,
+tritt in den Blickpunkt des Bewusstseins. Ohne die Stauung wäre es
+Durchgangspunkt der psychischen Bewegung. Jetzt ist es Haltpunkt
+derselben. Es wird von der gestauten psychischen Bewegung emporgehoben.
+Das A ist merkwürdig, interessant, nicht an sich, sondern sofern es
+jetzt, gegen frühere Erfahrung, nicht ein B, sondern ein B1 nach sich
+zieht.
+
+Dies ist der Ausgangspunkt des "Suchens" nach der Erklärung. Aber dies
+emporgehobene A hat nun--ebenso wie vorhin die Vorstellung des Trägers
+des gesuchten Namens und die Vorstellung der Gelegenheit, bei welcher der
+Name gehört wurde--, eine seiner "psychischen Höhe" entsprechende
+Fähigkeit des Reproduzierens. Es hat in gleichem Grade die Fähigkeit, die
+"Aufmerksamkeit" auf solche Momente zu lenken, die dem A, so wie es in
+der Wahrnehmung sich darstellt, anhaften, vorher aber übersehen wurden.
+
+In der Wirksamkeit jener oder dieser Fähigkeit nun _besteht_ jenes
+Suchen. Vielleicht tritt vermöge derselben an dem A jetzt ein Moment
+hervor, das es zu einem A1 macht. Dann ist der Widerspruch gelöst. Nicht
+das A1, sondern das A war es ja, das mir auf Grund vorangegangener
+Erfahrungen das B aufnötigte. An die Stelle des A ist jetzt A1 getreten.
+Von diesem kann ich also, ohne durch vergangene Erfahrungen daran
+gehindert zu sein, zu B1, und durch B1 hindurch zu irgend welchen
+sonstigen Gedankeninhalten weitergehen. Die Verbindung A1 B1 ist keine
+verwunderliche Thatsache mehr, sondern einfach eine Thatsache, wie
+tausend andere. Wir haben die "Erklärung".
+
+Zugleich geben wir--nebenbei bemerkt--dem Erklärenden oder den
+Widerspruch Lösenden einen besonderen Namen. Wir bezeichnen A1, oder den
+Umstand, dass A1 nicht A, sondern A1 ist, als Ursache des B1 oder als
+Ursache des Umstandes, dass B, nicht B, sondern B1 ist.
+
+Oder weiter: Wir wollen, dass ein B sei, das heisst: es liegen in der
+Natur unseres Vorstellungsverlaufes die Bedingungen für das
+Zustandekommen des Urteils, dass B sei oder sein werde. Aber wir sehen, B
+ist nicht. Wiederum bleiben wir vor dieser Thatsache stehen; wir bleiben
+stehen vor dem vorgestellten aber nicht wirklichen B. Und wiederum
+ergiebt sich daraus die Rückwärtswendung der psychischen Bewegung. Und
+diese kann auch hier die Hemmung beseitigen. Die rückwärts gewendete
+Bewegung gelangt zu einem A, das erfahrungsgemässe Bedingung der
+Wirklichkeit des B ist. Sie erfasst die Vorstellung des A, und rückt sie
+in den Mittelpunkt des Bewusstseins. Das heisst: die Vorstellung des
+"Zweckes" zwingt mich zurück zur Vorstellung des "Mittels"; das Streben
+nach dem Zweck wird zum Streben nach dem Mittel. Vielleicht führt dies
+zur Verwirklichung des Mittels. Dann verwirklicht sich auch der Zweck,
+und die gehemmte Vorstellungsbewegung geht ihren Weg weiter.
+
+Wir könnten dies alles in ein Gesetz zusammenfassen, das in einem Gesetz
+der "teleologischen Mechanik" des körperlichen Lebens sein Gegenstück
+hätte: Hemmungen des psychischen Lebensablaufes ergeben aus sich eine
+psychische Bewegung, in deren Natur es liegt, auf die Beseitigung der
+Hemmung hinzuwirken. Wir könnten dies Gesetz bezeichnen als das Gesetz
+der Selbstkorrektur psychischer Hemmungen. In der Verwirklichung
+desselben besteht unsere Zweckthätigkeit.
+
+Ich rede hiervon in diesem Zusammenhang nicht genauer, sondern verweise
+für eine etwas nähere--obgleich keineswegs genügende--Ausführung auf mein
+mehrfach citiertes psychologisches Werk. Es ist zu bedauern, dass auch
+das hier angedeutete Problem von der heutigen Psychologie übersehen zu
+werden pflegt. Freilich, vor Bäumen den Wald nicht zu sehen, dies ist
+vielfach die eigentliche Signatur der Psychologie unserer Tage.
+
+
+HIN- UND HERGEHEN DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.
+
+Hier liegt uns nur an der komischen Vorstellungsbewegung. Bei dieser aber
+gilt dasselbe Gesetz. Auch das komische Erlebnis schliesst eine
+psychische Hemmung, also eine Stauung in sich. Auch hier ergiebt sich
+daraus eine Rückwärtsbeweguug. Wie schon gesagt, ist das nächste Ziel
+derselben das "Grosse", oder das, was das Nichtige als gross erscheinen
+liess. Jemehr es im Vergleich mit dem Nichtigen ein Grosses, also zur
+Aneignung der psychischen Kraft Befähigtes, und je enger der Zusammenhang
+zwischen ihm und dem Nichtigen ist oder jemehr zwischen beiden Identität
+besteht, umso sicherer muss die Rückwärtsbewegung erfolgen. Das heisst,
+sie muss umso sicherer erfolgen, je ausgesprochener die Komik ist.
+
+So führt uns die nichtige Leistung, die auf die grossen Versprechungen
+gefolgt ist, wiederum zurück zu den grossen Versprechungen. Der
+gewichtige Sinn der Worte, der hohe Anspruch der darin liegt, tritt uns
+jetzt erst recht deutlich vor Augen. Dann fordern wir auch von neuem die
+grosse Leistung. Es besteht ja noch immer der erfahrungsgemässe Weg,
+der vom Versprechen zur Leistung führt. Die vorgestellte Leistung
+zergeht wiederum in nichts. Kurz, es wiederholt sich die ganze
+Vorstellungsbewegung. Und sie kann sich aus dem gleichen Grunde mehrmals
+wiederholen, wenn auch in beständig abnehmendem Grade.
+
+Das Ergebnis ist ein Hin- und Hergehen und sich Erneuern der
+Vorstellungsbewegung, das dauert, bis die Bewegung in sich selbst ihr
+natürliches Ende findet, oder durch neu eintretende ernstere
+Wahrnehmungs- oder Gedankeninhalte gewaltsam aufgehoben wird. Der ganze
+Vorgang ist naturgemäss begleitet von einem entsprechenden, jetzt
+nachlassenden, jetzt sich wieder erneuernden Gefühl der komischen Lust.
+
+Wie weit dies Bild der Wirklichkeit entspricht, hängt nun freilich,
+abgesehen von störenden _fremden_ Vorstellungsinhalten, von mancherlei
+Umständen ab. Vor allem von der Intensität, die der ganzen Bewegung von
+vornherein eignet, von der Menge dessen, was vom Schicksal, in nichts zu
+zerrinnen, erreicht werden kann, von der Ungestörtheit durch ernstere
+Gedankeninhalte, die in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst
+sich ergeben mögen.
+
+Doch wird man das Bild in der Erfahrung leicht wiedererkennen. Ich sitze
+im Theater, und sehe auf der Bühne gewaltige Leidenschaften in gewaltigen
+Worten und Thaten sich Luft machen. Plötzlich fällt eine Kulisse den
+Schauspielern über den Kopf. Die Kulisse stellte einen Palast vor, jetzt
+ist sie in ihr kulissenhaftes Nichts zurückgesunken. Zugleich ist alle
+sonstige Illusion zerstört. Die Worte, die Personen sind oder bedeuten
+nicht mehr, was sie waren oder bedeuteten. Ich lebe nicht mehr in der
+idealen Welt des Dargestellten, sondern bin in die wirkliche Welt
+zurückgeschleudert. Ich "komme zu mir", sehe meine Umgebung, sehe und
+fühle mich wiederum auf meinem Platze sitzen u. s. w. Und alles dies ist
+getaucht in die Stimmung der komischen Lust. Ein leichter und ungehemmter
+Wellenschlag seelischer Bewegung, bald dies bald jenes leicht emporhebend
+und ins helle Licht des Bewusstseins setzend, so stellt sich mir mein
+inneres Geschehen dar, während vorher ernste Gedanken, gravitätisch
+einherschreitend und sich drängend, mein Inneres erfüllt hatten.
+
+Jene Leichtigkeit und Ungehemmtheit verrät sich im Gefühl komischer Lust
+oder lustbetonter Komik, wie das Drängen der ernsten Gedanken in dem
+Gefühl des Ernstes und der Spannung sich kundgegeben hatte.
+
+Doch auch hier ist, übereinstimmend mit dem oben Gesagten, dies
+Zurückgeschleudertwerden in die wirkliche Welt nicht das
+Charakteristische des Vorgangs der Komik. Ich bin nicht sofort oder ich
+bin nur halb in der wirklichen Welt. Zunächst bin ich in der Welt des
+komischen Geschehens festgehalten. Der "Wellenschlag" erneuert sich. Das
+den Ernst so jäh vernichtende Missgeschick weist mich auf den Ernst
+zurück. Es ersteht wiederum vor mir das Pathos der Situation. Dies
+zergeht von neuem etc.; bis endlich das Interesse am komischen Vorgang in
+sich selbst erlahmt, oder der Fortgang des Stückes mich wiederum in
+ernste Gedanken hineinzieht.
+
+Dies Beispiel gehört, ebenso wie das vorige, der objektiven Komik an. In
+anderen Fällen, vor allem solchen der witzigen oder naiven Komik kann das
+Bild der komischen Vorstellungsbewegung ein weniger umfassendes sein. Es
+ist darum doch prinzipiell dasselbe. Beim einfachen, niemand
+abfertigenden Wortspiel, das ich nur lese, das mir also in voller
+Unpersönlichkeit entgegentritt, ist der Vorstellungszusammenhang ein
+engerer und abgeschlossenerer. Umso sicherer geht mein Blick nach
+rückwärts: Er kehrt zurück zu den Momenten, die den Worten ihre logische
+Kraft verliehen. Diese Momente kommen also wiederum zur Wirkung, und der
+komische Prozess beginnt hier, ebenso wie bei der objektiven Komik, von
+neuem.
+
+Auch beim Witz gewinnt der psychische Vorgang einen _umfassenderen_
+Boden, wenn die Person, die den Witz macht, in den Kreis der Betrachtung
+tritt. Sie schien erst eine gewichtige Wahrheit zu verkünden, dann
+erscheint sie als lediglich mit Worten spielend. Sie wird also in
+gewisser Weise Gegenstand einer, allerdings _objektiven_ Komik. Sie
+steigt durch den Witz jederzeit etwas von ihrer Höhe herab, rückt mit dem
+Witzwort zugleich in eine Art komischer Beleuchtung.
+
+Der Prozess der Komik erweitert sich nach anderer Richtung, wenn der Witz
+abfertigt, und andere zum Gegenstand objektiver Komik macht. Alle diese
+Momente der Komik nehmen, wie an der komischen Bewegung überhaupt, so
+auch an ihrer Wiedererneuerung teil.
+
+
+DAS ENDE DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.
+
+Es fragt sich aber jetzt noch: Was heisst dies, die komische
+Vorstellungsbewegung erlahme in sich selbst, oder finde in sich selbst
+ihr natürliches Ende.
+
+Ein Doppeltes ist damit gesagt. Einmal dies: Wir sagten, der komische
+Vorstellungszusammenhang sei psychisch isoliert. Dies ist er doch nur
+relativ. Ich lebe doch, während der komische Vorgang sich in mir
+abspielt, in einer Welt, die noch allerlei anderes in sich schliesst. Und
+wir sahen auch schon, wie die komische Vorstellungsbewegung, indem sie
+das Nichtige loslässt oder zurücktreten lässt, über die Grenzen des
+komischen Zusammenhanges hinausgehen kann. Daraus ergeben sich über
+diesen Zusammenhang hinausführende Associationen. In keinem Falle kann
+dieser Zusammenhang umhin, mit dem, was sonst für mich besteht, durch
+solche Associationen sich zu verweben.
+
+Und diese Associationen knüpfen sich enger und enger. Sie begründen also
+eine stärkere und stärkere Tendenz des Abflusses oder des Ausgleichs der
+psychischen Bewegung. Nichts kann in uns dauernd isoliert bleiben. Alles,
+also auch der komische Vorstellungszusammenhang wird schliesslich für uns
+zu einem "Gewohnten", das heisst eben: der Tendenz des Abflusses oder
+Ausgleiches Verfallenen.
+
+Und dazu kommt ein anderer, in der Natur dieses Zusammenhanges selbst
+begründeter Umstand. Eine erste Bedingung der Komik besteht, unserer
+Darstellung zufolge, in der Sicherheit der Erwartung, beziehungsweise in
+der Sicherheit, mit der wir dem Nichtigen einen bedeutsamen Sinn oder
+Inhalt zuerkennen, andererseits ihm denselben absprechen.
+
+Jene und diese Sicherheit nun muss sich mindern. Ist die Erwartung einmal
+enttäuscht, so hat sie, wenn mein Blick zurückkehrt, an Sicherheit
+eingebüsst. Die Worte, die mir grosse Leistungen ankündigten, wecken die
+Vorstellung derselben in minderem Grade, wenn sie einmal als leere Worte
+sich ausgewiesen haben. Daraus ergiebt sich eine Herabsetzung der
+komischen Vorstellungsbewegung.
+
+Ebenso mindert sich die Sicherheit, mit der ich dem scheinbar logischen
+Spiel mit Worten einen bedeutsamen Sinn zuschreibe, nachdem ich es einmal
+in seiner logischen Nichtigkeit erkannt habe. Oder im umgekehrten Falle:
+Habe ich einmal die, der gewohnten, logisch korrekten Ausdrucksweise
+widersprechende, und insofern für die gewöhnliche Betrachtungsweise
+nichtige Aussage, trotzdem als berechtigten Träger ihres Sinnes
+anerkennen müssen, so hat nunmehr diese gewöhnliche Betrachtungsweise
+einen Teil ihrer Macht verloren. In jenem ersteren Falle ist mir die
+Anerkenntnis der scheinbar sinnvollen Worte als sinnloser, in diesem
+letzteren die Anerkenntnis der scheinbar sinnlosen Worte als sinnvoller
+in gewissem Grade natürlich geworden. Es hat sich sozusagen, wenn auch
+nur für einen Augenblick, eine neue "Regel" der logischen Beurteilung von
+Worten herausgebildet. Damit muss, im einen wie im anderen Falle, die
+Komik des Witzes eine Abschwächung erfahren.
+
+Endlich kann auch die naive Rede oder Handlung, nachdem ich sie einmal
+als "erhaben" und nichtig zugleich erkannt habe, sich mir nicht mehr mit
+gleicher Sicherheit _zuerst_ als erhaben, _dann_ als nichtig darstellen.
+Beide Betrachtungsweisen, die vom Standpunkte des Individuums, und die
+"objektive", das heisst die Betrachtung von _unserem_ Standpunkte aus,
+haben sich einmal zur Beurteilung der Rede oder Handlung miteinander
+verbunden, und verhindern sich nun wechselseitig, in ihrer Reinheit, die
+eine _nach_ der anderen, zur Geltung zu kommen. Darauf beruht ja aber die
+naive Komik.
+
+Will man in allen diesen Fällen den Grund der Erlahmung der komischen
+Vorstellungsbewegung so ausdrücken, dass man sagt, das einmalige oder
+mehrmalige Zergehen eines Bedeutsamen in nichts "gewöhne" uns an dies
+Zergehen, und darum wirke dasselbe in geringerem Grade, so mag man dies
+thun. Die Gewohnheit ist in psychologischen Fragen so oft, und bei so
+verschiedenartigen Gelegenheiten das Wort, das zur rechten Zeit sich
+einstellt, dass es auch hier ohne Schaden sich einstellen mag.
+
+
+EINZIGARTIGKEIT DES KOMISCHEN PROZESSES.
+
+Die komische Vorstellungsbewegung, wie sie im Vorstehenden genauer und
+vollständiger beschrieben wurde, ist einzigartig. Dennoch hat sie mit
+anderen Arten der Vorstellungsbewegung Hauptzüge bald mehr bald minder
+gemein. Es dient dem oben Gesagten, vor allem unserer Begründung des
+Gefühls der Komik zur wertvollen Bestätigung, wenn wir sehen, wie in dem
+Masse, als in einem ausserkomischen Vorgang die Faktoren der komischen
+Vorstellungsbewegung wiederkehren, auch das begleitende Gefühl sich dem
+der Komik nähert.
+
+Man erinnert sich, dass wir bereits das Spiel der Kinder mit der Komik in
+Beziehung brachten. Verwandt ist das Spiel, speciell das Spiel mit
+Gedanken, oder das Spiel geselliger Unterhaltung, dem wir uns nach
+abgeschlossener Arbeit überlassen. Die Arbeit, die auf ernste Zwecke
+abzielt, mit der wir Pflichten genügen, die beherrscht ist von mehr oder
+weniger tiefgreifenden Interessen, wird uns, je mehr sie ihren Namen
+verdient, um so mehr mit gewisser Strenge in Anspruch nehmen und
+erfüllen. Und diese Strenge wird sich jederzeit auch in der Art der
+Befriedigung spiegeln, die uns die Arbeit gewährt, die Befriedigung mag
+im übrigen eine noch so hohe sein. Dagegen ist es dem Spiele eigen, von
+dem Gewicht der Zwecke, der Pflichten, der tiefgreifenden Interessen
+nicht beschwert zu sein. Was wir im Spiele thun und erleben, hat also an
+sich nicht die gleiche Macht, uns in Anspruch zu nehmen, wie die ernste
+Arbeit. Nichtsdestoweniger kommen wir ihm, wenn die Ermüdung uns nicht
+auch zum Spiele unfähig macht, mit demselben Masse von seelischer Kraft
+entgegen, das wir der Arbeit entgegenbringen. Daraus ergiebt sich auch
+hier ein relativ leichter und ungehemmter Wellenschlag seelischen Lebens,
+ähnlich dem, in welchem der Vorgang der Komik psychologisch betrachtet
+besteht. Und daraus wiederum ergiebt sich ein gleichartiger, "heiterer"
+Grundzug des Gefühls.
+
+Doch dürfen wir über allem dem den wesentlichen Unterschied nicht
+vergessen. Der Komik ist der Kontrast des Bedeutsamen und Nichtigen und
+die plötzliche Lösung der Spannung eigen. Diese Momente gehören nicht zu
+jenem Spiel. Es fehlt darum bei ihm sowohl die eigenartige Lebhaftigkeit
+der Vorstellungsbewegung, ihre Weise, plötzlich und an einem Punkte
+auszubrechen, ihre explosive Art, als auch jene eigenartige Ausbreitung
+und Erneuerung. Und es fehlt zugleich dem _Gefühl_ der "Heiterkeit" das
+Losgelassene, schliesslich "Unbändige", wodurch das Gefühl der Komik
+umsomehr charakterisiert ist, je mehr jene besonderen Momente in ihm zur
+Wirkung kommen.
+
+Wir haben auch die Komik gelegentlich als Spiel bezeichnet. Wir nennen
+gewisse Witze Wortspiele. Aber dies Spiel bleibt doch immer ein Spiel von
+ganz besonderer Art.
+
+
+
+
+XI. KAPITEL. LUST- UND UNLUSTFÄRBUNGEN DER KOMIK.
+
+
+PRIMÄRE MOMENTE DER LUST UND UNLUST.
+
+Indem ich den komischen Vorstellungsprozess als ein Hin- und Hergehen und
+sich Erneuern der seelischen Bewegung bezeichnete, habe ich mich im
+Ausdruck der _Hecker_'schen Erklärung des Gefühls der Komik, die im
+ersten Kapitel abgewiesen wurde, wiederum in gewisser Weise genähert.
+Doch nur im Ausdruck. Denn nicht um ein Hin- und Hergehen zwischen Lust
+und Unlust, sondern um ein Hin- und Hergehen der Vorstellungsbewegung und
+damit zugleich um ein Hin- und Hergehen zwischen Spannung und Lösung und
+demgemäss zwischen Ernst und Komik handelt es sich uns. Die Komik ist
+hierbei nicht die hin- und hergehende _Bewegung_, sondern sie ist eines
+der Elemente, _zwischen_ denen die Hin- und Herbewegung stattfindet.
+
+Dies Hin- und Hergehen mag dann freilich auch im einzelnen Falle mehr
+oder minder als ein Hin- und Hergehen zwischen relativer Lustfärbung und
+relativer Unlustfärbung der Komik sich darstellen. Inwiefern dies möglich
+ist, dies ergiebt sich, wenn wir jetzt auch die Betrachtung des Gefühls
+der Komik vervollständigen.
+
+Komik, so wiederholen wir zunächst, ist an sich nicht Lust noch Unlust,
+sondern ein eigenartiges Gefühl. Wir sahen aber, dass und warum die Komik
+zur Lustfärbung hinneigt, oder zunächst Lustfärbung besitzt. Der Prozess,
+dem das Spezifische des Gefühls der Komik sein Dasein verdankt, ist, so
+sahen wir, in sich selbst zugleich Grund der Lust.
+
+Doch ist er zugleich auch in sich selbst in höherem oder geringerem Grade
+ein Grund der Unlust. Die Erwartung ist ein Hindrängen auf das Erwartete.
+Diesem Hindrängen tritt das Nichtige, sofern es anders beschaffen ist,
+als das Erwartete, feindlich entgegen. Die Erwartung wird enttäuscht.
+Enttäuschung bringt ein Gefühl der Unbefriedigung. Bezeichnen wir den
+Unterschied zwischen dem Erwarteten und dem dafür Eintretenden als
+"qualitativen Kontrast", so ist dieser _qualitative Kontrast_ der Grund
+der Unbefriedigung.
+
+Man sieht, wie hier der Grund der komischen Lust und der Grund der Unlust
+dicht bei einander stehen. Das nicht Erwartete, sofern es doch auch
+wiederum das Erwartete, zugleich aber ein Nichtiges ist, wird spielend
+aufgefasst; sofern es nicht das Erwartete ist, unterliegt es einer
+Hemmung. Wir fallen auf das Komische herein, oder fallen darüber her.
+Dies Fallen ist so anstrengungslos, wie das Fallen zu sein pflegt. Aber
+es ist durch ein vorangehendes Stolpern bedingt.
+
+Das Gleiche findet statt, da wo das Wort "Erwartung" weniger am Platze
+ist. Meine Gewohnheit, menschliche Formen mit der weissen Hautfarbe
+verbunden zu sehen, wird durchbrochen durch die Hautfarbe des Negers.
+Ebenso die Gewohnheit logischer Rede durch das Spiel mit Worten, die
+Gewohnheit einer bestimmten Art des Handelns unter bestimmten
+Voraussetzungen durch die naive Handlungsweise. Auch diese Durchbrechung
+unserer Vorstellungsgewohnheit durch die andere Beschaffenheit des
+Gegenstandes der Komik können wir als qualitativen Kontrakt bezeichnen.
+Der qualitative Kontrast ist dann überall der Grund der komischen Unlust.
+
+Man wird freilich finden, dass eine solche Enttäuschung oder
+Durchbrechung unserer Vorstellungsgewohnheit nicht immer von einem
+merkbaren Unlustgefühl begleitet sei. Dies beweist dann nur, dass das
+daraus fliessende Unlustgefühl schwach sein und durch ein stärkeres
+Lustgefühl leicht ausgeglichen oder überboten werden kann. In der That
+werden wir bei der Komik jenes Unlustgefühl unter gewöhnlichen Umständen
+so schwach zu denken haben, dass es gegenüber der komischen Lust nicht
+aufkommen kann. Wir bezeichnen jenes Gefühl allgemein als Gefühl der
+Überraschung oder des Befremdens. Aber die Überraschung oder Befremdung,
+die nur darauf beruht, dass etwas anders ist, als wir erwarteten oder
+gewohnt sind, gleichgültig, welchen Wert das Erwartete oder Gewohnte,
+und ebenso, welchen Wert das an die Stelle tretende Unerwartete
+oder Ungewohnte für uns hat,--und dies neutrale Gefühl der
+Überraschung oder des Befremdens meinen wir hier--hat wenig Kraft.
+Nichtsdestoweniger müssen wir dies Gefühl von Haus aus als--in seinen
+_Bedingungen_--vorhanden annehmen. Und es kann auch unter Umständen, vor
+allem bei solchen, die Sklaven ihrer Vorstellungsgewohnheiten geworden
+sind, empfindlich zu Tage treten.
+
+
+QUALITATIVE ÜBEREINSTIMMUNG UND QUANTITATIVER KONTRAST.
+
+Dagegen ist jede Erfüllung der Erwartung, jede Übereinstimmung mit
+unseren Vorstellungsgewonheiten Grund der Lust. Es wächst darum auch die
+komische Lust mit dieser "qualitativen Übereinstimmung".
+
+Die Lust wächst aber mit der qualitativen Übereinstimmung auch noch aus
+dem weiteren Grunde, weil mit derselben die Vorstellungsbewegung, aus der
+wir eben die komische Lust hervorgehen sahen, eine Steigerung erfährt.
+Das Nichtige, das an die Stelle des erwarteten Bedeutungsvollen tritt,
+vermag sich ja, wie wir sahen, die diesem verfügbar gemachte seelische
+Kraft anzueignen _in dem Masse_, als es damit _übereinstimmt_. Und eben
+auf dieser Aneignung beruht ja der Lust erzeugende komische Prozess.
+
+So muss das kleine Häuschen neben den grossen Palästen uns in höherem
+Grade belustigen, wenn es nicht nur auch als menschliche Wohnung, sondern
+als Miniaturpalast mit denselben Formen, die die Paläste auszeichnen,
+sich darstellt. Wir werden hier nicht nur durch die Übereinstimmung
+befriedigt, wie durch jede Übereinstimmung, sondern das Häuschen erhebt
+auch für unsere Vorstellung in höherem Masse den Anspruch, selbst einer
+der grossen Paläste zu sein. Es muss also in höherem Masse die spezifisch
+komische Lust erwecken.
+
+Ebenso erscheint das Spiel mit Worten um so leichter als Träger eines
+bedeutungsvollen Sinnes, je mehr es, bei aller logischen Nichtigkeit,
+äusserlich der logischen Form sich nähert, oder mit der gewöhnlichen
+Hausordnung unseres Denkens und Redens übereinstimmt.
+
+Und schliesslich ist nicht minder die naive Handlungsweise in um so
+höherem Grade geeignet, den Eindruck des vom naiven Standpunkte aus
+Wohlberechtigten zu machen, je mehr die Handlungsweise trotz aller
+Naivetät der gewöhnlichen Handlungsweise sich nähert. So werden wir
+herzlicher lachen, wenn ein Kind in seiner kindlichen Unschuld
+Höflichkeitsformen, die es bei Erwachsenen beobachtet hat, am falschen
+Platze anwendet, als wenn es, in voller Unkenntnis derselben, einfach,
+obgleich echt kindlich, gegen alle Höflichkeit verstösst.
+
+Nach dem Gesagten sind wir im stande allgemein die Bedingungen anzugeben,
+denen das Verhältnis der Lust und Unlust im Gefühl der Komik unterliegt.
+Der Gegensatz der Bedeutsamkeit und Bedeutungslosigkeit, der Erhabenheit
+und Nichtigkeit, oder, wie wir in Anlehnung an den "qualitativen
+Kontrast" kürzer sagen wollen, der "quantitative Kontrast" bedingt in
+erster Linie die komische Lust. Die Lust wächst mit der Grösse dieses
+quantitativen Kontrastes. Sie wächst zugleich in doppelter Weise mit der
+qualitativen Übereinstimmung. Dagegen wächst die Unlust mit der Grösse
+des qualitativen Kontrastes.
+
+Dazu tritt dann noch ein Moment, das die Komik nach ihrer Lust- wie nach
+ihrer Unlustseite steigert. Die Reihe von Palästen ergiebt, wie schon
+oben gesagt, eine _bestimmtere_ Erwartung, dass wieder ein Palast folgen
+werde, als der einzelne Palast. Je bestimmter nun die Erwartung, um so
+fühlbarer wird das Störende der Enttäuschung. Zugleich aber _wirkt_ die
+bestimmtere Erwartung, auch soweit sie dem Nichtigen seelische Kraft
+verfügbar macht, energischer. Das ganze Gefühl der Komik also wird durch
+die grössere Bestimmtheit der Erwartung lebhafter. Nehmen wir an, die
+Erwartung hätte dadurch, dass schon vorher zwischen die Paläste kleine
+Häuschen traten, an Bestimmtheit verloren, so würde das Gefühl der Komik
+wesentlich herabgedrückt erscheinen.
+
+Das ganze Gefühl der Komik, sage ich, wird lebhafter. Dies hindert doch
+nicht, dass für gewöhnlich aus der bestimmteren Erwartung die komische
+Lust _grösseren_ Vorteil ziehen wird, als die von Hause aus geringfügige
+komische Unlust. Nur für den Pedanten und Eigensinnigen, der, was er
+einmal erwartet, so gleichgültigen Inhaltes es anch sein mag, in Gedanken
+nicht mehr los werden kann, mag es sich umgekehrt verhalten.
+
+In der Erwartung besteht in dem besprochenen Falle die bei der Komik
+wirksame Vorstellungsbeziehung. Bei der witzigen Rede tritt an ihre
+Stelle die Beziehung zwischen Wort und Sinn, logischer Form und logischem
+Inhalt. Auch die Festigkeit und Sicherheit dieser Beziehung erhöht die
+Lust wie die Unlust. Je fester und sicherer in mir logische Form und
+logischer Inhalt verbunden sind, je bestimmter immer eines auf das andere
+hinweist, um so mehr kann mich die unlogische Form, in der ein Inhalt
+vorgebracht wird, stören. Um so mehr wird aber zugleich das wirklich oder
+scheinbar Logische an der unlogischen Form mich auf den bedeutungsvollen
+Inhalt, als dessen Träger sie, eben vermöge ihres logischen oder
+pseudologischen Charakters erscheint, hinweisen, also den Eindruck eines
+bedeutungsvollen Sinnes erzeugen. Gebildete, logisch geschulte Menschen
+zeichnen sich durch Sicherheit jener Beziehung aus. Sie werden darum die
+Durchbrechung der logischen Gewohnheit leichter störend empfinden und
+zugleich den Witz leichter herausfinden. Hat sie die logische Schulung zu
+logischen Pedanten, Fanatikern der logischen Form gemacht, so mag jenes
+Gefühl der Störung sogar überwiegen. Besitzen sie "Humor", so wird sie
+die Freude am Witz über die Störung leicht hinwegheben.
+
+Endlich erhöht ebenso die Festigkeit derjenigen Vorstellungsbeziehung,
+die aller _naiven_ Komik zu Grunde liegt, die Komik in beiderlei
+Hinsicht. Je sicherer ich bin in der Beurteilung der Zweckmässigkeit oder
+Wohlanständigkeit einer Handlung, um so leichter erkenne ich die
+unzweckmässige oder gegen den Anstand verstossende Handlung als solche
+und empfinde die darin liegende Störung meiner Vorstellungsgewohnheit, um
+so leichter erkenne ich andererseits die relative Zweckmässigkeit oder
+sittliche Berechtigung, die der Handlung vom naiven Standpunkte aus
+zugeschrieben werden muss. Wiederum sind aus diesem Grunde gebildete
+Leute dem naiv Komischen gegenüber sowohl "empfindlicher" als
+empfänglicher. Und wiederum sind sie mehr das Eine oder mehr das Andere,
+je nachdem sie Pedanten, Fanatiker der gewohnten Weise zu handeln oder zu
+reden geworden sind, oder die geistige Freiheit des Humors besitzen.
+
+
+AUSSERKOMISCHE GEFÜHLSMOMENTE.
+
+Damit sind, soviel ich sehe, die Bedingungen der komischen Lust und
+Unlust, soweit sie in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst
+enthalten sind, erschöpft. Es treten aber dazu schliesslich noch
+Bedingungen der Lust und Unlust, die schon, abgesehen von diesem
+Vorstellungszusammenhang, bestehen und wirken. Obgleich darnach die Lust
+und Unlust, die aus ihnen sich ergiebt, mit dem Gefühl der Komik
+eigentlich nichts zu thun hat, kann doch dies Gefühl durch ihr
+Hinzukommen wesentlich beeinflusst werden.
+
+Ich erwarte ein furchtbares Ereignis mit ängstlicher Spannung. Dabei
+haftet die Furcht oder Angst an dem Ereignis, gleichgültig was
+nachträglich aus der Erwartung wird. Das peinliche Furcht- oder
+Angstgefühl weicht, und ich fühle mich angenehm berührt, wenn die
+Erwartung schwindet. Wiederum habe ich die angenehme Empfindung
+ebensowohl, wenn genauere Überlegung des Sachverhaltes sie zum
+Verschwinden bringt, als wenn sie in komischer Weise in nichts zergeht.
+Immerhin kommt im letzteren Falle die angenehme Empfindung zur komischen
+Lust verstärkend, zugleich ihren Charakter ändernd hinzu. Vielleicht ist
+das Nichts, trotz seiner Nichtigkeit, an und für sich angenehm. Dann
+verstärkt sich die Lust von neuem. Im gegenteiligen Falle erleidet sie
+eine Einbusse.
+
+Oder ich erwarte auf Grund irgendwelcher Ankündigung ein Ereignis, das
+für mich positiven Wert hätte, also Gegenstand meiner Freude wäre. Dann
+bedaure ich die komische, ebenso wie jede andere Art der Enttäuschung.
+Vielleicht tröstet mich bei der komischen Enttäuschung das Nichtige, das
+an die Stelle tritt, in gewissem Grade. Auch dasjenige, was nicht dazu
+angethan ist, mich mit grosser Gewalt in Anspruch zu nehmen, kann ja
+einen Grad der Befriedigung gewähren. Dann vermindert sich jenes
+Bedauern. Dagegen kommt ein neues Unlustmoment hinzu, wenn das
+Nichtsbedeutende an sich ein Missfälliges ist. In jedem Falle sind auch
+hier die positiven und negativen Werte, die den Elementen des komischen
+Vorstellungszusammenhanges an sich eignen, wesentliche Faktoren im
+schliesslichen Gesamteffekt des komischen Vorgangs.
+
+Ebensolche Faktoren spielen auch bei allen anderen Fällen der Komik
+starker oder schwächer mit. Die schwarze Hautfarbe ist nicht nur komisch,
+sondern auch hässlich, weil der Gedanke, den sie mir auf Grund
+gewöhnlicher Erfahrung zu vollziehen verbietet, obgleich ihn zugleich die
+_Formen_ des Negerkörpers gebieterisch fordern--der Gedanke nämlich eines
+dahinter waltenden menschlichen Lebens--ein an sich wertvoller ist. Das
+Urteil, das der Witz spielend füllt, beleidigt an sich, wenn es eine
+Bosheit ist, oder in allzu niedriger Sphäre sich bewegt; es erfreut, wenn
+es eine berechtigte Abfertigung in sich schliesst, oder die Wahrheit, die
+es verkündigt, eine an sich erfreuliche ist. Die witzige Form, das Spiel
+selbst, kann beleidigen, wenn es Spiel mit Worten ist, die man nicht
+"vergeblich führen" soll; es kann erfreuen, wenn es an sich anmutiges,
+kunstvolles Spiel ist u. s. w.
+
+Am engsten sind schliesslich solche ausserkomische Lust- und
+Unlustmomente verbunden mit dem _naiv Komischen_. Sie haften ihm nicht
+nur gelegentlich an, sondern gehören zu seiner eigensten Natur. Ebendamit
+ragt das naiv Komische, wie ich schon früher sagte, über die Komik
+hinaus. Die objektive Komik umfasst alle Gebiete der Wirklichkeit. Das
+sittlich Wertvollste wird in ihr zu Schanden; zugleich findet sie auf dem
+Gebiete des blinden, geist- und herzlosen Zufalls ein reiches Feld ihrer
+Verwirklichung. Der Witz, an und für sich aller objektiven Wirklichkeit
+völlig entrückt und allein der kühlen Sphäre der Logik angehörig, ein
+Spiel des Denkens mit sich selbst, ist mehr oder weniger geistreich, aber
+herzlos. Nur das Naive hat jederzeit Herz. Entsprechend seinem
+persönlichen Charakter beleidigt und befriedigt es Forderungen, die wir
+an die Persönlichkeit stellen, die den Takt, die Klugheit, den Geschmack,
+die sittliche Tüchtigkeit, kurz den Wert der Person betreffen. Dieser
+Wert ist aber nicht nur der höchste, sondern der einzig absolute. Was
+sonst wertvoll ist, ist es doch nur in seiner Beziehung und Wirkung auf
+die Person. Die Person allein ist der letzte und endgültige Träger aller
+Werte.
+
+Indem diese ausserkomischen Lust- und Unlustmomente zum eigentlichen
+Gefühl der Komik hinzutreten, modifizieren sie natürlich den Gesamteffekt
+der Komik in grösserem oder geringerem Grade. Dies müssten sie thun, auch
+wenn ihre Bedingungen mit den Bedingungen der eigentlich komischen Lust
+und Unlust in keiner Beziehung stünden. Thatsächlich aber besteht ein
+Verhältnis der Abhängigkeit dieser Bedingungen von jenen, und zwar ein
+solches, das enge genug ist, um unter Umständen das ganze Gefühl der
+Komik zu erdrücken.
+
+Ein Nichts, das an die Stelle eines erwarteten Bedeutungsvollen tritt,
+wird, wie wir sahen, komisch, indem es die seelische Kraft aneignet, die
+der Gedanke an das Erwartete bereithält oder verfügbar macht. Je
+wertvoller aber das Erwartete ist, oder je mehr uns jetzt gerade aus
+allgemeinen oder persönlichen Gründen an ihm gelegen ist, um so
+energischer halten wir den Gedanken des Erwarteten, und speciell das, was
+seinen Wert ausmacht, fest, um so stärker drängt die seelische Bewegung
+auf die Verwirklichung seines Inhaltes, soweit er ein wertvoller ist,
+hin. Dass es so ist, dass der Gedanke im Zusammenhang des psychischen
+Lebens eine Stellung einnimmt, oder zu diesem Zusammenhang in einer
+Beziehung steht, aus der dies Festhalten desselben und dies Hindrängen
+auf Verwirklichung seines Inhaltes notwendig sich ergiebt, das ist es
+eben, was den Gedanken zu einem für mich wertvollen macht, oder worin,
+psychologisch betrachtet, sein "Wert" für mich besteht.
+
+Kommt nun das Nichtige, das dieses Wertes entbehrt, und setzt sich der
+Gewalt jenes Hindrängens und Festhaltens zum Trotz, also gewaltsam an die
+Stelle des erwarteten Wertvollen, so entsteht zunächst, eben wegen dieser
+Gewaltsamkeit, das schon in Rechnung gezogene ausserkomische Gefühl der
+Unlust. Und dies verstärkt zunächst das, wie wir annahmen, in der Regel
+geringfügige Unlustmoment, das aus der Enttäuschung der Erwartung in
+jedem Falle, abgesehen von dem Werte des Erwarteten entspringt. Zugleich
+aber ist die Leichtigkeit, mit der das Nichtige die für die Erfassung des
+erwarteten Wertvollen bestimmte seelische Kraft sich aneignen kann,
+vermindert. Diese Leichtigkeit ist ja das Gegenteil jener
+"Gewaltsamkeit". Drängt der Gedanke an das erwartete Wertvolle auf die
+Erfassung eben dieses Wertvollen, so hemmt er notwendig die Erfassung des
+Nichtigen, in welchem, und soweit in ihm jener wertvolle Inhalt _negiert_
+erscheint. Macht er die seelische Kraft für das erwartete Wertvolle als
+_solches_ verfügbar, so verweigert er sie ebendamit dem an die Stelle
+tretenden Nichtigen, das mir _verbietet_ den Gedanken an jenen wertvollen
+Inhalt zu vollziehen. Daraus ergiebt sich eine Herabdrückung der leichten
+Vorstellungsbewegung, aus der wir die komische Lust haben hervorgehen
+sehen, eine Herabdrückung, die bis zur vollständigen Lähmung sich
+steigern kann.
+
+Eine ebensolche Herabdrückung oder Lähmung kann, aus analogen Gründen,
+bei der subjektiven Komik stattfinden. Am heiligen Orte, bei der ernsten
+religiösen Feier, erwarten wir nicht nur, sondern wir fordern aus
+sittlichen Gründen die Aussprache ernster Gedanken, wie sie uns da von
+selbst sich aufdrängen. Ein Witz an solcher Stelle, ein Witz, vollends,
+der mit Worten spielt, die selbst solche ernste Gedanken in uns wecken,
+geht seiner Komik verlustig. Die ernsten Gedanken bleiben dabei, sich uns
+aufzudrängen; sie hängen sich wie Gewichte an das nichtige Spiel, so dass
+der leichte seelische Wellenschlag, der das Wesen der Komik macht,
+unterbleiben muss. Was übrig bleibt, ist das Gefühl der Unlust, das aus
+der Nichterfüllung und Verneinung unserer Forderung in jedem Falle sich
+ergeben muss.
+
+Die _sittlichen_ Forderungen sind es, die wir, von persönlichen
+Interessen abgesehen, am strengsten festhalten und am wenigsten leicht
+für einen Augenblick dahingestellt lassen. Wo solche Forderungen verneint
+werden, schwindet darum am leichtesten das Gefühl der Komik. Das Komische
+wird lächerlich, verächtlich, schliesslich empörend. Vielleicht entsteht
+das Gefühl der Komik im ersten Moment. Die Grösse des quantitativen
+Kontrastes und der qualitativen Übereinstimmung, insbesondere die
+Sicherheit, mit der wir gerade in dem Augenblick, wo das Nichtige sich
+einstellt, das Bedeutungsvolle erwarten, bezw.--beim Witze--die
+Sicherheit, mit der die scheinbare Logik des nichtigen Wortspiels auf den
+bedeutungsvollen Inhalt hinweist,--dies zusammen thut vielleicht im
+ersten Momente trotz der Strenge der sittlichen Forderung seine komische
+Wirkung. Die seelische Kraft wird durch die bezeichneten Kanäle zum
+Nichtigen herübergeleitet und jene Forderung muss wohl oder übel
+zurücktreten. In diesem Falle wird aber doch die komische Wirkung nicht
+nur von vornherein eine weniger freie sein, sondern sie wird auch
+schneller sich verzehren müssen, als sie es sonst thäte. Die komische
+Wirkung, so sahen wir oben, erhält und erneuert sich, indem wir zu dem,
+was die Erwartung eines Bedeutsamen erregte, oder zu dem scheinbar
+Logischen, das uns den bedeutungsvollen Gedanken aufnötigte, unseren
+Blick zurückwenden. Die Wirkung ist aber bei jeder neuen Rückwärtswendung
+den Blickes eine geringere, weil die Erwartung, nachdem sie ein oder
+mehrere Male ihre Enttäuschung erfahren hat, immer weniger sicher
+geworden ist, weil ebenso die Bestimmtheit, mit der die scheinbare Logik
+des nichtigen Wortspiels auf den bedeutungsvollen Inhalt hinweist, durch
+die ein- oder mehrmalige Bewusstwerdung seiner thatsächlichen Bedeutungs-
+und Inhaltslosigkeit eine immer grössere Einbusse erlitten hat.
+
+Ebendamit nun gewinnt zugleich die sittliche Forderung, die an ihrer
+Strenge _nichts_ eingebüsst hat, grössere hemmende Gewalt. Indem das
+Nichtige weniger leicht seelische Kraft gewinnt, vermag der Gedanke an
+das geforderte Wertvolle, der erst zurückgetreten war, entsprechend
+stärker hervorzutreten, und nun auch mit entsprechender Energie auf die
+weitere Verminderung der Komik hinzuarbeiten. Jene Verminderung der
+Fähigkeit des Nichtigen, seelische Kraft zu gewinnen, und dieses
+Hervortreten der sittlichen Forderung, diese beiden Momente steigern sich
+in ihren Wirkungen wechselseitig. So geschieht es, dass der Eindruck der
+Komik grösserem und grösserem Widerstreben begegnet, bis schliesslich
+nichts mehr übrig bleibt, als das Gefühl des Widerstrebens oder der
+Empörung.
+
+Es kann aber nicht nur durch unerfüllte, sondern auch durch erfüllte
+Forderungen, nicht nur durch negierte, sondern auch durch realisierte
+Werte der Komik der Boden entzogen werden. Wir sehen den Übermütigen zu
+Fall kommen, sich in seinen eigenen Schlingen fangen, seine gerechte
+Strafe finden. Wir sehen ihn beschämt. Diese Beschämung hat positiven
+Wert. Hier tritt wiederum zur Komik ein ihr gegensätzliches Element
+hinzu. Das Nichts, in das der Anspruch des Übermutes zergeht, kann nur
+als nichtig sich darstellen und in seiner Nichtigkeit spielend aufgefasst
+werden, wie dies zur Komik erforderlich ist, so lange es als dies
+Nichtige erscheint. Scheint es nicht mehr nichtig, sondern mit dem
+Gedanken der Bestrafung oder Beschämung beschwert, so mindert sich das
+Gefühl der Komik. Freilich bleibt auch hier das Nächste das Zergehen des
+Anspruchs. Dann aber tritt jener ernste Gedanke, die Freiheit und
+Leichtigkeit der psychischen Bewegung aufhebend hinzu. Je näher und in
+die Augen springender der Fall des Übermütigen ist, desto sicherer kann
+im ersten Momente die Komik sich einstellen. Dann aber schämen wir uns
+vielleicht unseres Gefühls der Komik.
+
+
+BESONDERHEIT DER NAIVEN KOMIK.
+
+So sehen wir die Komik in doppelter Weise in ihr Gegenteil umschlagen,
+das eine Mal in ernste Unlust, das andere Mal in ernste Befriedigung.
+Dieser Umschlag kann bei der objektiven und nicht minder bei der
+subjektiven Komik geschehen. Doch immer nur unter bestimmten Umständen.
+An sich liegt dazu in diesen beiden Gattungen des Komischen kein Anlass.
+
+Dagegen besteht ein solcher Anlass jederzeit in gewissem Grade in der
+naiven Komik. Hier werden, wie oben gesagt, jederzeit Forderungen von
+unbedingtem Wert verneint und erfüllt. Daraus kann sich von vornherein
+eine wesentliche Herabstimmung der Komik ergeben. Das Gefühl kann von
+vornherein an der Grenze stehen, wo die Komik in ernste Lust oder Unlust
+übergeht. Oder es kann erst ausgesprochenes Gefühl der Komik sein, dann
+ein Gefühl des Ernstes an die Stelle treten.
+
+Wer von dem Wert der Ehre, wie wir sie gemeinhin zu fassen pflegen, auch
+derjenigen, von der wir meinten, dass sie _Falstaff_ mit Recht
+herunterziehe, in hohem Masse durchdrungen ist, wird für die Komik der
+_Falstaff_'schen Rede über die Ehre wenig Verständnis haben. Andererseits
+könnte uns die Bewunderung, die wir der Sicherheit des sittlichen
+Bewusstseins beim Korporal Trim entgegenbringen, derart gefangen nehmen,
+dass wir seine Antwort auf die Frage des Doktors der Theologie nicht
+komisch, sondern von vornherein nur erhaben fänden. Angenommen aber, wir
+haben Sinn für die Komik der _Trim_'schen Rede; dann wird doch das Ende
+der Komik hier nicht die Komik, sondern der Ernst sein, nämlich eine Art
+ernster Befriedigung.
+
+Hier zeigt sich deutlich die besondere Eigenart der naiven Komik. Sie
+liegt im Unterscheidenden dieser Gattung, wie wir es kennen gelernt
+haben, notwendig begründet. Die angemasste Erhabenheit des Nichtigen
+zergeht in der objektiven Komik thatsächlich. Ebenso die scheinbare
+Wahrheit des nichtigen Spieles mit Worten in der subjektiven Komik.
+Dagegen zergeht die Erhabenheit der naiv komischen Äusserung oder
+Handlung, die ihren Grund hat in der Klugheit, Gesundheit, dem
+natürlichen sittlichen Gefühl, kurz dem Wertvollen der Persönlichkeit,
+das darin sich zu erkennen giebt, immer nur für die allgemeine und
+ebendarum einseitige Betrachtungsweise, sie bleibt bestehen für die
+persönliche Beurteilung, also für die tiefere, weil dem Individuum
+gerecht werdende Einsicht. Indem der Blick zurückkehrt, findet er das
+wertvolle Erhabene in seinem Wert und seiner Erhabenheit wieder; nicht
+als Inhalt einer unerfüllten und darum peinlichen Forderung, sondern als
+erkannte Thatsache. Oder vielmehr, dies Wertvolle kommt jetzt erst recht
+in seinem Werte zum Bewusstsein und wirkt als das Erhabene, das es ist.
+Es thut dies immer ausschliesslicher, indem die Komik in sich und im
+Kampfe mit ihm erlahmt. Der Gedanke an das Wertvolle wird zum
+herrschenden, und die erhebende Freude an seinem Inhalte zum herrschenden
+Gefühl.
+
+Andererseits wird die unerfüllte Forderung, welche die allgemeine und
+einseitige Betrachtungsweise stellt, in ihrer Einseitigkeit erkannt. Die
+Strenge dieser Forderung schwindet oder mildert sich gegenüber dem naiven
+Individuum, auf das sie nicht oder nicht in ihrer Strenge anwendbar
+erscheint. So kann sich auch ihr gegenüber das Bewusstsein des Wertvollen
+im Individuum behaupten. Ja es kann dies Letztere schliesslich so erhaben
+erscheinen, dass nun im Vergleich mit ihm das Erhabene der gemeinen
+Betrachtungsweise in nichts zergeht und so seinerseits komisch wird.
+Damit ist die naive Komik in ihr vollkommenes Gegenteil umgeschlagen.
+
+ * * * * *
+
+Blicken wir jetzt zurück, so erscheint die Komik arm und reich, leer und
+inhaltsvoll zugleich. An sich ist sie nichts als inhaltlich
+gleichgültiges, leichtes und leicht verklingendes Spiel der
+Vorstellungen, das als solches begleitet erscheint von einem Gefühl
+heiterer, durch die notwendig stattfindende Enttäuschung der Erwartung
+oder Durchbrechung des gewohnten Vorstellungszusammenhanges kaum
+getrübter, aber vergänglicher Lust. Die Komik erhält höhere Bedeutung
+erst, wenn Werte, die auch ausserhalb der Komik bestehen, in sie
+eingehen. Solche Werte können in den komischen Vorstellungszusammenhang
+eintreten und von dem Strudel der komischen Vorstellungsbewegung
+hinabgezogen werden, dann aber auftauchen und sieghaft sich behaupten.
+Indem sie dies thun, erscheinen sie erst recht in ihrem Werte, und wirken
+auf das Gemüt, wie sie es nicht vermocht hätten in dem gewöhnlichen
+Vorstellungszusammenhang, wo sie in Gefahr waren, zu Momenten in dem
+gleichmässig fortgehenden Strome des seelischen Geschehens herabgesetzt
+und keiner besonderen Beachtung gewürdigt zu werden.
+
+Damit hebt dann freilich die Komik sich selbst in ihr Gegenteil auf. Will
+man von einer höheren Aufgabe der Komik reden,--und sie hat eine solche
+im Leben und in der Kunst,--so besteht sie eben in diesem Dienste, den
+sie dem Wertvollen in der Welt leistet, indem sie selbst, als reine
+Komik, zu bestehen aufhört.
+
+Die Komik, so dürfen wir dies steigern, ist dazu da, Wertvolles und
+zuletzt sittlich Wertvolles in seiner Erhabenheit darzustellen. Mit einem
+Worte: Sie ist dazu da, zum Humor sich aufzuheben. Darin besteht ihre
+sittliche und zugleich ästhetische Bedeutung. Der Humor tritt neben die
+Tragik, der eine gleichartige Aufgabe zufällt. Nur dass dort das
+Nichtige, hier das Leiden den Durchgangspunkt bildet und die Vermittlung
+vollzieht. Humor und Tragik, das sind die beiden Weisen, im Leben und in
+der Kunst durch Dissonanzen der Konsonanz, d. h. dem Guten erst die
+rechte Kraft zu geben.
+
+ * * * * *
+
+IV. ABSCHNITT. DIE UNTERARTEN DES KOMISCHEN.
+
+
+XII. KAPITEL. DIE UNTERARTEN DER OBJEKTIVEN UND NAIVEN KOMIK.
+
+
+STUFEN DER OBJEKTIVEN KOMIK.
+
+Doch ehe wir dazu übergehen, betrachten wir die Unterarten der im
+Bisherigen unterschiedenen Alten der Komik. Zunächst die der objektiven
+Komik. Unsere Betrachtungsweise ist, wie bisher immer, zunächst die
+allgemein psychologische, die aber weiterhin in die ästhetische
+Betrachtungsweise münden soll.
+
+Hinsichtlich der objektiven Komik besteht in erster Linie diejenige
+psychologische Einteilung zu Recht, die schon früher von uns
+vorausgesetzt wurde. Ähnlichkeit oder erfahrungsgemässer Zusammenhang
+zwischen einem Gegebenen und einem erwarteten oder vorausgesetzten
+Erhabenen bildet den Grund für unsere Erwartung oder Voraussetzung dieses
+Erhabenen, die dann in nichts zergeht. Es giebt eine objektive Komik auf
+Grund dieser beiden, das ganze seelische Leben beherrschenden Arten der
+Association. Das kleine Häuschen zwischen mächtigen Palästen mag noch
+einmal als Beispiel der einen, die nichtige Leistung des Grosssprechers
+noch einmal als Beispiel der andern Art erwähnt werden.
+
+Neben dieser formalen ist eine doppelte inhaltliche Einteilung möglich,
+mit der wir uns schon der ästhetischen Betrachtungsweise nähern. Die in
+nichts zergehende Erhabenheit ist zunächst _sinnliche_ Erhabenheit, d. h.
+Erhabenheit, die lediglich in der Energie und Dauer der Wirkung besteht,
+die ein wahrgenommener Gegenstand, nur als wahrgenommener, auf uns übt.
+
+Diese Wirkung bleibt aber nie für sich. Welches Objekt auch auf uns
+wirken mag, immer verbindet sich mit seiner Wahrnehmung die Vorstellung
+eines so oder so gearteten, in ihm waltenden oder sich verkörpenden
+Lebens. Der Baumriese hat nicht nur eine gewisse Grösse und Form, sondern
+er scheint sie zu haben, indem er sich reckt, dehnt, Widerstand leistet,
+kurz frei oder im Kampfe gegen Hindernisse seine Kraft entfaltet. Und der
+Gedanke daran lässt ihn erst eigentlich als erhaben erscheinen. Von
+solcher "Kraft" _sehen_ wir nichts. Wir kennen überhaupt, was den
+eigentlichen und ursprünglichen Sinn dieses Wortes ausmacht, nicht
+anders, denn als Inhalt unseres Kraftgefühls, des Gefühls freierer oder
+gehemmterer Anstrengung. Aber eben diesen Gefühlsinhalt projizieren wir
+durch einen Akt der allergeläufigsten Vermenschlichung überall in die
+Objekte hinein. Man erinnere sich hier wiederum des auf S. 19 f.[*]
+Gesagten. Ausserdem bitte ich hierüber meine "Raumästhetik und
+geometrisch-optische Täuschungen" (Leipzig 1898) zu vergleichen.
+
+[* Im Unterkapitel ALLERLEI ÄSTHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.]
+
+Diese dynamische, wir könnten auch sagen animalische Erhabenheit bestimmt
+sich dann in dieser oder jener Weise näher. Sie bekommt einen konkreteren
+und konkreteren Inhalt. Das "Leben", das von vornherein ein Analogon
+menschlichen Lebens ist, nähert sich dem Leben, wie wir es im Einzelnen
+in uns erleben oder erleben können. Es gewinnt bewussten _geistigen_
+Inhalt. Seine Erhabenheit stellt sich dar als _geistige_ Erhabenheit.
+Schon der Baumriese hat nicht nur Kraft, sondern seine Kraft ist auf
+Bestimmtes gerichtet. Er will etwas, er hat Ziele oder Zwecke. Er
+"_sucht_" Luft und Licht. Er "erfreut" sich ihrer, wenn er davon umspielt
+wird. Er flüstert schliesslich und träumt, wie eine Art selbstbewussten
+Individuums.
+
+Sowenig darnach Objekte als sinnlich, dynamisch, geistig erhaben einander
+gegenübergestellt werden können, so wertvoll ist die Unterscheidung
+dieser Arten und Stufen der Erhabenheit für den ästhetischen
+Gesichtspunkt. Je höherer Stufe die Erhabenheit angehört, um so schärfer
+wird ihr Zergehen in nichts empfunden. Der Mensch, der das höchste
+Erhabene ist, ist ebendarum das einzige ursprüngliche Objekt der
+Lächerlichkeit. Alles andere kann lächerlich erscheinen nur in dem Masse,
+als es von uns vermenschlicht wird.
+
+Wiederum ist jene höchste, geistige Erhabenheit intellektuelle
+Erhabenheit; oder Erhabenheit des auf Zwecke, vor allem sittliche Zwecke,
+gerichteten Wollens; oder endlich Erhabenheit, die in der Kraft, dem
+Reichtum, der Feinheit des Gefühls besteht. Auch darnach lassen sich
+Stufen der objektiven Komik unterscheiden.
+
+
+SITUATIONS- UND CHARAKTERKOMIK.
+
+Neben solchen Einteilungen steht eine andere mögliche Einteilung der
+objektiven Komik, für welche gleichfalls der Inhalt der Komik den
+Einteilungsgrund bildet.
+
+Wir scheiden das Übel oder das Nichtseinsollende, das uns widerfährt, von
+dem Bösen, dem Mangel, dem Fehler, der an uns ist und in unserem Thun
+oder Gebaren zu Tage tritt. Das Nichtseinsollende ist Begegnis oder
+Eigenschaft, Schicksal oder Charakter.
+
+So ist auch jede Komik für die Person, oder auch die Sache, die darin
+verflochten ist, Schicksal oder Charakter. Wir unterscheiden also
+Schicksals- oder Charakterkomik. Statt Schicksalskomik können wir auch
+sagen: Situationskomik.
+
+Dies erinnert uns an unser drittes Kapitel. Dort stellten wir
+einstweilen--mit _Kräpelin_--der Situationskomik nicht die
+Charakterkomik, sondern die Anschauungskomik gegenüber. Aber die hier
+gewählte Bezeichnung des Gegensatzes ist klarer. Wir bleiben darum bei
+ihr. Missfällt der Ausdruck Charakterkomik, dann sage man: Komik des
+Wesens, oder: an der Beschaffenheit des komischen Objektes haftende
+Komik.
+
+Auch dies ist klar, dass beide Arten der Komik Hand in Hand gehen können,
+dass eine Komik beides zugleich sein kann, Situations- und
+Charakterkomik. Doch davon später, wenn es sich um die ästhetische
+Bedeutung dieses Gegensatzes handeln wird. Dass derselbe eine solche
+ästhetische Bedeutung haben muss, braucht ja nicht gesagt zu werden.
+
+
+NATÜRLICHE UND GEWOLLTE KOMIK.
+
+Hiermit verbinde ich weiterhin solche Unterschiede der objektiven Komik,
+die sich aus der Betrachtung der Arten oder der Gründe des Auftretens der
+Komik ergeben.
+
+Objektive Komik kann einmal durch den natürlichen Zusammenhang der Dinge
+gegeben sein, oder im natürlichen Verlauf des Geschehens sich einstellen.
+Sie ist ein andermal künstlich oder geflissentlich hervorgerufen.
+
+Für Letzteres bestehen wiederum verschiedene Möglichkeiten. Ich hänge
+jemanden etwas an, das ihn komisch macht, oder bringe ihn in eine
+komische Situation, spiele ihm einen "Possen", mache mit ihm einen
+"Witz".
+
+Von solcher Hervorrufung der Komik, bei welcher das Komische oder der
+eigentliche Gegenstand der Komik erst von mir ins Dasein gerufen wird,
+unterscheide ich die komische Darstellung, die nicht das Komische, wohl
+aber die Komik erst erzeugt.
+
+Auch diese "komische Darstellung" kann wiederum einen verschiedenen Sinn
+haben. Sie besteht einmal lediglich darin, dass ich dasjenige an einer
+Person oder Sache, das an sich komisch zu wirken geeignet ist,
+beschreibe, zur Kenntnis bringe, ans Licht setze. Indem ich dies thue,
+mache ich erst die Komik möglich. Dabei ist es gleichgültig, ob das
+dargestellte Komische ein wirkliches oder ein fingiertes ist. Ich rechne
+also hierher auch die Darstellung erfundener oder durch künstlerische
+Phantasie gefundener komischer Gestalten und Situationen.
+
+Hiervon deutlich unterschieden ist die Darstellung, die erst durch die
+Weise der Darstellung die Komik hervorruft. Ein Objekt trägt an sich
+nichts, das mir bei gewöhnlicher Betrachtung komisch erschiene. Nun
+manipuliere ich aber in der Darstellung mit dem Objekte so, dass ein
+komisches Licht darauf fällt. Ich beleuchte es komisch.
+
+Diese komische Beleuchtung wird immer zugleich im eigentlichen Sinne des
+Wortes "witzig" sein, d. h. einen Fall der subjektiven Komik darstellen.
+Die Manipulation, von der ich rede, erzeugt ja der Voraussetzung nach
+eine Komik, die nicht im Objekte liegt. Sie ist also ein Spiel, das etwas
+sagt, das ein Urteil über ein Objekt entstehen lässt, angesichts des
+Objektes aber doch wiederum als nichtssagendes Spiel erscheint. Es ist
+die sachlich unberechtigte Einfügung in einen Vorstellungszusammenhang,
+die das Objekt hinsichtlich seines Eindruckes auf uns in ein anderes
+verwandelt, und doch das Objekt selbst lässt wie es ist.
+
+Hierhin gehört die Komik der Nachahmung, von der oben die Rede war. Die
+komische Nachahmung löst, wie wir sagten, das Nachgeahmte aus dem
+Zusammenhang der Person, in der es in der Ordnung, also nicht komisch
+erscheint, und stellt es isoliert hin. Damit nimmt sie dem Nachgeahmten
+seinen Sinn oder seine individuelle Berechtigung.
+
+Neben diese komische Nachahmung tritt die durch die Mittel der Sprache
+bewirkte komische Gruppierung von Zügen eines wirklichen oder fingierten
+Menschen oder Dinges, die Zusammenstellung des relativ Erhabenen und des
+Nichtigen, der Art, dass daraus eine komische Beleuchtung sich ergiebt.
+
+Die komische Darstellung geht von hier noch einen Schritt weiter, wenn
+sie zur karikierenden, übertreibenden, verzerrenden Darstellung wird.
+Sofern solche Darstellung glaublich erscheint, das Dargestellte als damit
+"getroffen" anerkannt wird, und andererseits doch wiederum die Karikatur,
+Übertreibung, Verzerrung als solche, d. h. als von der Wirklichkeit
+abweichendes, willkürliches und demnach nichtsbedeutendes Spiel
+erscheint, ist sie zugleich eine besondere Art des Witzes. Als solche
+gehört sie nicht hierhin.
+
+Hierzu füge ich als weitere und eigenartige Weisen der "komischen
+Darstellung", in unserem Sinne, die Travestie und die Parodie. Auch sie
+sind Arten der komischen Gruppierung oder der unmittelbaren
+Aneinanderrückung des Erhabenen und des Nichtigen. Aber nicht Züge des
+Objektes sind es, die hier unmittelbar aneinandergerückt und zur Einheit
+verbunden scheinen, sondern: In der Travestie wird das Erhabene in Worten
+und Wendungen, die einer niedrigeren Sphäre angehören, dargestellt, in
+der Parodie umgekehrt das Niedrige oder Triviale durch Einkleidung in
+eine dem Erhabenen zugehörige sprachliche Form zu einem Scheinerhabenen
+gestempelt. Dort zergeht die Erhabenheit des Inhaltes durch die Form, und
+zugleich die Form, die vermöge des Inhaltes Erhabenheit sich anmasste, in
+sich selbst. Hier zergeht die erhabene Form durch den Inhalt, und
+zugleich der durch die Form zum Scheinerhabenen aufgebauschte Inhalt in
+sich selbst.
+
+
+POSSENHAFTE, BURLESKE, GROTESKE KOMIK.
+
+Die hier gemachten Unterscheidungen bringen wir endlich wiederum in
+Zusammenhang mit gewissen herkömmlichen Begriffen, in denen Arten des
+Komischen bezeichnet scheinen.
+
+Nennen wir ein Komisches "_possenhaft_", so wollen wir es wohl zunächst
+als ein Derbkomisches charakterisieren. Possenhafte Komik ist eine Komik,
+bei der wir nicht lächeln, sondern über etwas, vor allem über Personen
+herzlich lachen, sie, wenn auch gutmütig, belachen, verlachen, auslachen.
+Aber wir nennen andererseits mit diesem Namen nicht dasjenige
+Derbkomische, das jemandem natürlicherweise anhaftet oder geschieht.
+Sondern, wie jeder fühlt: Das Possenhafte ist jederzeit ein
+beabsichtigtes, gemachtes. Es ist eine gewollte Weise, jemanden komisch
+erscheinen zu lassen.
+
+Eine solche Weise liegt nun zunächst vor, wenn ich jemandem "einen Possen
+spiele". Dabei spekuliere ich auf seine Dummheit, sein Ungeschick, seine
+Feigheit, sein körperliches Unvermögen u. dgl. Die possenhafte Komik ist
+die Komik der "Streiche", die dem Dummen, Ungeschickten, Feigen,
+vielleicht aber sehr klug, geschickt, tapfer sich Dünkenden oder
+Gebärdenden, auch dem mit einem Gebrechen Behafteten, gespielt werden und
+diese Eigenschaften hervortreten lassen und dem Lachen preisgeben.
+
+Es ist aber zum Possenhaften nicht erforderlich, dass der "Possenreisser"
+anderen einen Possen spiele. Es ist auch possenhaft, wenn jemand sich
+selbst in komischer Weise als Narren, Ungeschickten, Feigen oder
+dergleichen darstellt, sein körperliches Gebrechen dem Lachen preisgiebt,
+oder ein solches fingiert; wenn er den Narren, Tölpel, Feigling, den mit
+einem Gebrechen Behafteten "spielt", um damit zu belustigen.
+
+Bisher verstand ich unter der possenhaften Komik eine Komik des
+Verhaltens, Thuns, Gebarens. Possenhafte Komik ist aber weiter auch die
+Komik der Darstellung in Wort und Bild, die Verlachenswertes zum Inhalte
+hat, sei es, dass sie lediglich ein der Wirklichkeit Angehöriges oder
+fingiertes Verlachenswertes beschreibt, es erzählt, davon berichtet, sei
+es, dass sie dasselbe erst durch die Weise der Darstellung als ein
+Verlachenswertes erscheinen lässt oder dazu macht. Auch hier wird die
+Dummheit, das Ungeschick, die Feigheit, das Gebrechen und dergleichen den
+Inhalt der Komik ausmachen.
+
+Indem ich das Possenhafte in diesem Sinne nehme, weiss ich mich
+einigermassen in Übereinstimmung mit _Schneegans_, der in seiner
+"Geschichte der grotesken Satire" das Possenhafte als die Komik, die aus
+der angeschauten Dummheit sich ergiebt, bezeichnet. Diese Bestimmung ist
+freilich zunächst enger als die unsrige, und zweifellos zu eng.
+Andererseits unterlässt es _Schneegans_, ausdrücklich zu betonen, dass
+nicht komische Dummheit, der wir irgendwo im Leben begegnen, possenhaft
+ist, sondern nur die geflissentlich hervorgelockte oder komisch
+beleuchtete; nicht die "angeschaute", sondern die zur Anschauung
+gebrachte. Oder bestimmter und zugleich allgemeiner gesagt, dass
+"Possenhaft" nicht ein Prädikat der _Komik_, oder des Komischen als
+solchen ist, sondern vielmehr ein Prädikat, durch welches wir das auf
+Hervorbringung des komischen Effektes abzielende und zur Erreichung
+dieses Zieles bestimmte Mittel anwendende, bewusste menschliche _Thun_
+bezeichnen. Possenhaft ist nicht das Opfer eines Streiches, sondern der
+Streich; nicht die Dummheit, die der Clown fingiert, sondern dies sein
+Spiel; nicht das in Wort oder Bild dargestellte Verlachenswerte, sondern
+diese Darstellung; zugleich doch wiederum diese Darstellung nicht als
+solche, sondern sofern sie diesen bestimmten Inhalt hat, oder mit diesem
+Mittel diesen bestimmten komischen Effekt hervorbringt.
+
+Dieser possenhaften Komik tritt dann zur Seite die "_burleske_". Auch
+"Burlesk" ist nicht eine Bezeichnung für eine bestimmte Art des
+Komischen, sondern für eine Weise etwas komisch erscheinen zu lassen oder
+eine Weise der Darstellung mit komischem Inhalt oder Effekt. Und zwar
+erscheint es historisch und durch den Sprachgebrauch genügend
+gerechtfertigt, wenn wir mit _Schneegans_ als burlesk die parodierende
+und travestierende komische Darstellung bezeichnen.
+
+Endlich werden wir berechtigt sein, wiederum im Einklang mit
+_Schneegans_, als "_grotesk_" die komische Darstellung zu bezeichnen, für
+welche die Karikatur, die Übertreibung, die Verzerrung, das Unglaubliche,
+das Ungeheuerliche, das Phantastische das Mittel zur Erzeugung der
+komischen Wirkung ist.
+
+Hiermit haben nicht alle Arten der geflissentlich ins Dasein gerufenen
+objektiven Komik ihre besonderen Namen bekommen. Es bleiben daneben viele
+Möglichkeiten der Hervorrufung oder Darstellung einer Komik, die vom
+Possenhaften, Burlesken, Grotesken mehr oder weniger weit entfernt sind.
+Es bleiben insbesondere vielerlei Arten, durch den Witz eine Person oder
+einen Vorgang in komische Beleuchtung zu rücken. Soweit dabei eine
+besondere Eigenart des Witzes vorausgesetzt ist, werden diese
+Möglichkeiten nachher zu unterscheiden sein. Im übrigen hätte es nicht
+viel Wert, wenn wir hier weitere Einteilungen und Unterscheidungen
+versuchen wollten.
+
+Alle die bezeichneten Möglichkeiten der objektiven Komik bleiben
+ästhetisch wertlos, solange sie nichts sind als Möglichkeiten der Komik.
+Es ist aber teilweise im Obigen schon angedeutet, wie sie ästhetischen
+Wert gewinnen können. Die possenhafte Komik braucht als solche nicht,
+aber sie kann gutmütig sein. Noch mehr, sie kann herzerfreuend sein. Dies
+ist nur möglich, wenn etwas Gesundes, ursprünglich Menschliches, Wahres,
+Ehrliches, Gutes in ihr ist, vielleicht gar eine besondere Stärke und
+menschliche Grösse. Dergleichen kann in der possenhaften Komik nicht nur
+nebenbei enthalten sein, sondern es kann eben durch dieselbe erst recht
+zum Bewusstsein gebracht werden. Dann wird die possenhafte Komik zum
+Humor; es entsteht das Kunstwerk der Posse, etwa der Volksposse, ein
+Kunstwerk, das trotz der "niedrigeren" Sphäre und der drastischen Mittel
+ästhetisch höher stehen, also im höherem Grade ein "Kunstwerk" sein kann,
+als Dutzende von "feineren" Lustspielen, die vielleicht nur darum feiner
+heissen, weil ihnen alle Kraft und Tiefe fehlt, weil sie unterhalten,
+"interessieren", eine "Belustigung des Verstandes und Witzes"
+hervorbringen, aber alles innerlich Erhebenden und Erwärmenden baar sind,
+ebenso geistreich wie herzlos.
+
+Noch weniger kann mir daran gelegen sein, in eingehenderer Weise, als ich
+es oben schon that, Arten der naiven Komik zu unterscheiden.
+
+Dagegen verlohnt es die Mühe, die unendliche Menge der Möglichkeiten
+einer subjektiven Komik nach Gesichtspunkten, die in der Natur der Sache
+liegen, zu ordnen. Dies soll im Folgenden versucht werden.
+
+
+
+
+XIII. KAPITEL. DIE UNTERARTEN DER SUBJEKTIVEN KOMIK.
+
+
+ALLGEMEINES.
+
+Auch die subjektive Komik oder der Witz kommt durch Wirkung jener beiden
+Arten der Vorstellungsassociation, der Association des Ähnlichen und der
+Association auf Grund der Erfahrung, zu stande. Wir verbinden aber diesen
+Gesichtspunkt hier von vornherein mit dem aus der spezifischen Eigenart
+des Witzes sich ergebenden logischen Gesichtspunkt. Der in Zeichen, vor
+allem in sprachlichen Zeichen formulierte Gedanke, das ist, wie wir
+wissen, das besondere Gebiet des Witzes. Entsprechend muss bei der
+Einteilung der Witzarten der logische Gesichtspunkt, ich meine den
+Gesichtspunkt derjenigen "Logik", die eben mit dem _formulierten_
+Gedanken zu thun hat, der eigentlich sachgemässe sein.
+
+Die Logik redet von Begriffen, das heisst Worten, die etwas bezeichnen,
+von Beziehungen zwischen Begriffen, von Urteilen, von Beziehungen
+zwischen Urteilen, endlich von Schlüssen. Darnach werden wir
+unterscheiden den Begriffs- oder Wortwitz, die witzige Begriffsbeziehung,
+das witzige Urteil, die witzige Beziehung zwischen Urteilen, endlich den
+witzigen Schluss. Die Untereinteilung ergiebt sich dann einerseits aus
+dem Gegensatz jener beiden Arten des Vorstellungszusammenhanges,
+andererseits aus dem Unterschied solcher Arten des Witzes, bei denen der
+Witz auf lediglich äusseren, sprachlichen Momenten beruht, und solcher,
+bei denen er irgendwie sachlich begründet ist. Wir gewinnen auf diesem
+Wege eine Unterscheidung von vier Arten von Begriffswitzen, witzigen
+Begriffsbeziehungen, witzigen Urteilen etc., nämlich (A. 1) solchen, die
+zu stande kommen durch Ähnlichkeit, beziehungsweise Gleichheit von Worten
+oder Sätzen, (A. 2) solchen, deren Möglichkeit darauf beruht, dass wir
+irgendwelchen Sprachformen die Bedeutung, die sie in unserer Erfahrung
+gewonnen haben, auf Grund davon, also gewohnheitsmässig, auch da
+zugestehen, wo sie ihnen nicht zukommt, oder nicht zuzukommen scheint,
+(B. 1) solchen, bei denen eine sachliche Übereinstimmung, und endlich (B.
+2) solchen, bei denen ein erfahrungsgemässer sachlicher Zusammenhang die
+logische oder pseudologische Grundlage bildet.
+
+
+DER WORT- ODER BEGRIFFSWITZ.
+
+I. Der "_Wort- oder Begriffswitz_" erzeugt illegitime Begriffe, die wir
+uns dennoch, wenigstens für den Augenblick, gefallen lassen; er macht und
+gebraucht Worte, die etwas bezeichnen oder zu bezeichnen scheinen und
+doch wiederum nichts bezeichnen oder nichts scheinen bezeichnen zu
+können.
+
+A. Gleich bei dieser ersten und niedrigsten Witzart ist jene
+Untereinteilung am Platze. Die Witzart beruht zunächst auf lediglich
+_äusseren_ Momenten, Momenten der reinen _sprachlichen Form_, und zwar
+
+1. auf _Wortähnlichkeit_. Man kennt die jugendliche Mode, Worte so zu
+verändern, oder umzudrehen, dass sie aufgehört haben, sinnvolle
+Sprachzeichen zu sein, und doch wegen der Ähnlichkeit mit dem Original
+noch verstanden werden. Der Witz dieser "_witzigen Wortverdrehung_"
+beruht, wie überhaupt der Wortwitz, nur eben auf diesem Gegensatz von
+Sinnlosigkeit und verständlichem Sinne.--Als eine besondere Art der
+witzigen Wortverdrehung kann die Verdrehung von Fremdwörtern--ohne
+Anklang an andere, wovon später--bezeichnet werden, wie sie "Unkel
+Bräsig" so oft wider Willen begegnet.
+
+2. Auf der gewohnheitsmässigen Festhaltung der erfahrungsgemässen Geltung
+sprachlicher Formen können Wortwitze in doppelter Weise beruhen. Auf der
+Gewohnheit mit Worten überhaupt einen Sinn zu verbinden, beruht die
+Möglichkeit der "_witzigen Scheinbegriffe_". Ich antworte etwa auf die
+Frage, was dies oder jenes sei, mit einem Worte, das es nirgends giebt,
+und das für niemand einen Sinn hat; lediglich vertrauend auf den Glauben
+des Hörers, es müsse sich, wenn er nur Worte hört, dabei doch etwas
+denken lassen. Der Witz besteht für den, der sich verblüffen lässt und
+einen Augenblick darauf "hereinfällt", dann aber sofort weiss, dass er
+düpiert ist.
+
+Höher steht die "_witzige Wortbildung_" nach äusserer Analogie, das
+heisst nach einer erfahrungsgemäss feststehenden, im gegebenen Falle aber
+unanwendbaren Regel der Wortbildung. Alle Wortbildungsmittel, mögen sie
+Endsilben, Vorsilben oder sonstwie heissen, beliebige grammatikalische
+Formen, die ungeheuerlichsten Wortzusammensetzungen, können in den Dienst
+dieser Witzart treten. Vorausgesetzt ist nur, dass sie aus der sonstigen
+sprachlichen Erfahrung verständlich sind, und darum in ihrer
+Sinnlosigkeit doch sinnvoll erscheinen. Ihr Wert erhöht sich, wenn sie
+nicht blosse Spielerei sind, sondern eine Sache kurz und schlagend
+bezeichnen.
+
+B. Dem äusseren Zusammenhange haben wir den _inhaltlichen_ oder
+_sachlichen_ entgegengestellt. Verstehen wir darunter, wie nachher, den
+objektiven Zusammenhang der Dinge, so kann es einen Wortwitz auf Grund
+irgendwelchen sachlichen Zusammenhanges nicht geben. _Urteile_ gewinnen
+wirkliche oder scheinbare Geltung aus dem Zusammenhange der Thatsachen.
+Einem _Worte_ aber einen Sinn zuzuschreiben, dazu kann kein solcher
+Zusammenhang veranlassen. Der einzige sachliche Zusammenhang, der hier in
+Frage kommt, ist eben der zwischen dem Wort und seinem Sinn. Der ist es
+denn auch, der hier an die Stelle des Zusammenhangs der Dinge treten
+muss.
+
+1. Dieser Zusammenhang ist Zusammenhang der Ähnlichkeit bei
+überraschenden, und sprachlich unerlaubten, aber doch bezeichnenden
+onomatopoetischen Bildungen, wie wir sie auch im gewöhnlichen Leben oft
+in witziger oder witzelnder Weise vollziehen.
+
+2. Er beruht auf Erfahrung bei allen den witzigen Wortbildungen, die wir
+uns nur darum gefallen lassen, weil sie thatsächlich bestehen. Überall,
+bei Kindern, bei den verschiedenen Ständen Gesellschafts- und
+Berufsklassen, in Provinzen und Städten, begegnen wir neben der
+allgemeingültigen einer eigenen Sprache. Die Worte sind witzig, nicht für
+denjenigen, dem sie völlig geläufig und naturgemäss sind, wohl aber für
+den, dem sie verständlich und doch, weil dem anerkannten Sprachgebrauche
+fremd, eigentlich sinnlos erscheinen. Auch fremdsprachliche Worte, die
+ganz anders klingen, als wir es gewohnt sind, und die darum überhaupt
+nicht als mögliche Sprachzeichen erscheinen, können aus gleichem Grunde
+den Eindruck des Witzigen machen. Der Wert des Witzes erhöht sich
+wiederum, wenn die Worte die Sache kurz bezeichnen.--Wie dort, bei der
+"_witzigen Onomatopoesie_", in der Ähnlichkeit des Wortes mit der
+bezeichneten Sache, so liegt hier, bei den "_witzigen Idiotismen_", in
+der erfahrungsgemässen Thatsache, dass das Wort die Sache bezeichnet, die
+"sachliche" Begründung des Witzes.
+
+
+DIE WITZIGE BEGRIFFSBEZIEHUNG.
+
+II. Die "_witzige Begriffsbeziehung_" stellt Beziehungen zwischen
+Begriffen unrechtmässig oder scheinbar unrechtmässig her, Beziehungen der
+Gleichheit oder Verschiedenheit, der Identität oder des Gegensatzes.
+Beziehungen endlich der Zusammengehörigkeit dieser oder jener Art.
+
+A. Betrachten wir auch hier zuerst die Fälle, in denen _äussere Momente_
+den Witz begründen.
+
+1. Wir haben dann, soweit das äussere Moment in Wortähnlichkeit besteht,
+in erster Linie zu nennen die "_witzige Wortverwechselung_". Ein Wort
+tritt an Stelle eines anderen, ihm ähnlichen Wortes, das seinen eigenen
+und wohlbekannten Sinn hat. Der Witz entsteht, indem wir die
+Verwechselung verstehen, d. h. sie, durch die Ähnlichkeit der Worte
+verführt, in Gedanken mitmachen, und damit die entsprechenden Begriffe
+und Gegenstände für einen Augenblick identifizieren. Jemand "insultiert"
+etwa den Arzt statt ihn zu konsultieren und erweckt damit die
+Vorstellung, als ob in der That das Konsultieren ein Insultieren wäre,
+und nicht bloss ein Wort für ein anderes taschenspielerisch einträte.
+
+Wie hier, so ist überhaupt bei der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund
+von Wortähnlichkeit, die hergestellte Beziehung die der Identität oder
+wenigstens der Vergleichbarkeit. Eine weitere Art bezeichnen wir als
+"_witzige Wortkarikatur_". Wenn ich den Perückenträger einen "Perückles"
+nenne, so ersetze ich nicht ein Wort durch ein anderes, ebenso
+sprachgebräuchliches, sondern ich verändere oder verdrehe ein Wort, ohne
+es doch völlig unkenntlich werden zu lassen, künstlich in der Weise, dass
+es an ein anderes bekanntes anklingt, oder in ein (illegitimes) neues,
+mit selbständigem Sinn, sich verwandelt. Insofern das Wort trotz seiner
+Veränderung verständlich bleibt, liegt zunächst eine einfache "witzige
+Wortverdrehung" oder "Wortbildung", also ein blosser Wortwitz vor. Indem
+wir aber zugleich den durch die Veränderung erschlichenen neuen Sinn mit
+dem festgehaltenen alten identifizieren, entsteht die genannte neue, in
+diesen Zusammenhang gehörige Witzart. Der "Perückles" erscheint als eine
+Art Perikles, ebenso die als "Dichteritis" bezeichnete Dichterei im
+Lichte einer der Diphtheritis vergleichbaren Krankheit u. s. w.
+
+Wir können Dinge bezeichnen direkt und bildlich. Auch das Bild kann
+derart verschoben werden, dass es kein legitimes Bild mehr ist, aber doch
+noch erkannt wird und zugleich in der Verschiebung einen scherzhaften
+Nebensinn ergiebt. Eine sehr geläufige derartige Bildkarikatur lasse ich
+mir beispielsweise zu Schulden kommen, wenn ich sage, jemandem sei--nicht
+ein Licht, sondern ein Nachtlicht, eine Thranlampe oder etwas dergleichen
+aufgegangen. So wenig Witz in solchen Witzen stecken mag, so habe ich sie
+doch hier mit zu erwähnen.
+
+Alle möglichen Wortverdrehungen und Wortbildungen können in den Dienst
+jener witzigen Wortkarikatur treten. Wir können aber aus der Menge der
+möglichen Fälle diejenigen noch besonders hervorheben, in denen der mit
+dem künstlichen Wortgebilde ursprünglich gemeinte Gegenstand nicht nur in
+spielende, sachlich bedeutungslose Beziehung zu dem durch die Umbildung
+neu entstehenden Begriffe gesetzt, sondern durch den Inhalt dieses
+Begriffes charakterisiert, erklärt, illustriert werden soll. Derart sind
+die _Fischart_'schen "_charakterisierenden Wortbildungen_"--"Jesuwider"
+statt Jesuit oder Jesuiter, "Maulhenkolisch" statt Melancholisch und
+unzählige andere. Der besondere Wert dieser Art leuchtet ein. Jene
+Neubildung ist zugleich ein vernichtendes Urteil, diese wenigstens eine
+drastische Veranschaulichung.
+
+In allen diesen Fällen wird der mit dem gebrauchten Worte eigentlich
+gemeinte Begriff oder Gegenstand erraten oder kann erraten werden. Es
+genügt, dass ich sage, jemand habe die Dichteritis und man weiss, dass
+seine Dichterei damit witzig charakterisiert werden soll. Dagegen werden
+bei anderen Arten der witzigen Begriffsbeziehung beide Begriffe
+ausdrücklich bezeichnet und auch äusserlich in Beziehung gesetzt.--Ein
+analoger Gegensatz wird uns noch öfter begegnen.
+
+Auch hierbei sind die beiden Möglichkeiten: die Träger der beiden
+Begriffe sind gebräuchliche Worte, oder es findet eine Wortneubildnng
+statt. Das Erstere ist der Fall bei den "_einfachen Klangwitzen_" der
+_Schiller_'schen Kapuzinerrede: Krug--Krieg, Sabel--Schnabel,
+Ochse--Oxenstirn; das Letztere bei den demselben Zusammenhange
+angehörigen "karikierenden Klangwitzen": Abteien--Raubteien,
+Bistümer--Wüsttümer. In beiden Fällen liegt eine Beziehung der Begriffe
+bereits ausdrücklich vor. Wir verwandeln aber diese--bloss äusserlich
+thatsächliche Beziehung, verführt durch den Gleichklang der Worte, in
+eine Art innerer Wesensbeziehung. Jene thatsächliche Beziehung wird für
+uns zu einer sozusagen selbstverständlichen, in der Natur der
+Begriffsinhalte selbst liegenden. Eben darauf beruht bei beiden der Witz.
+
+Als eine besondere Art des Klangwitzes kann noch der "_antithetische
+Klangwitz_" bezeichnet werden, von der Art des recht bezeichnenden, der
+mit Bezug auf eine Berliner Kunstausstellung gemacht wurde: es seien dort
+viele eingerahmte Bilder, aber noch mehr eingebildete Rahmen zu sehen
+gewesen. Entsprechend der Umkehrung der Worte scheinen auch die Begriffe
+inhaltlich einer als blosse Umkehrung oder ergänzende Kehrseite des
+anderen.--Zugleich gehört freilich die unlogische Begriffsverbindung
+"eingebildete Rahmen" für sich allein noch einer andern und zwar einer
+gleich zu besprechenden Witzart zu.
+
+2. Auf der Grenze zwischen der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund der
+Wortähnlichkeit und derjenigen, bei der die gewohnheitsmässige
+Festhaltung der logischen Bedeutung von äusseren Sprachformen den Witz
+macht, steht die "_witzige Wortverschmelzung_". Zu jenen hier in Betracht
+kommenden "äusseren Sprachformen" gehören alle erfahrungsgemässen Formen
+der Wortverbindung. Eine derselben ist die Wortzusammensetzung. Als eine
+karikierende Abart derselben kann die sprachlich unmögliche
+Wortverschmelzung--Famillionär, Unterleibnizianer, Revolutionärrisch
+etc.--betrachtet werden. Insofern gehört die witzige Wortverschmelzung in
+_diesen_ Zusammenhang. Zugleich ist sie doch auch "witzige
+Wortkarikatur". Entsprechend dieser Doppelnatur besteht der in ihr
+entstehende "Nebensinn" je nach der Art der Verschmelzung bald im
+Gedanken einer Identität, bald in der Vorstellung einer gewissen
+Zusammengehörigkeit der Begriffsinhalte, nämlich der Inhalte der
+Begriffe, die in der Wortverschmelzung vereinigt sind. Der
+"Unterleibnizianer", d. h. der mit seiner Verdauung nicht recht zuwege
+Kommende, erscheint ohne weiteres als eine Art Schüler oder
+"Unterschüler" des grossen Philosophen, das "revolutionärrische" Gebaren
+ist ein als närrisch charakterisiertes revolutionäres Gebaren, das
+"famillionäre" ein familiäres mit dem Beigeschmack des Millionärtums.
+
+Als Gegenbild der witzigen Wortverschmelzung nennen wir gleich die
+"_witzige Wort_- oder _Begriffsteilung_", durch die der Schein einer
+Teilung eines Begriffs in zwei selbständige erzeugt wird. So, wenn ich
+von Demo-, Bureau- und anderen Kraten spreche. Der Schein, dass die
+Wortteile, in unserem Falle insbesondere das "Kraten" selbständige
+Begriffe darstellen, kann entstehen, weil wir es oft genug erfahren
+haben, dass selbständige Worte mit anderen zu einem vereinigt sind. Der
+Witz gehört zugleich zur Gattung der "einfachen Klangwitze", wenn die
+Klangähnlichkeit oder -gleichheit des abgetrennten Wortteils mit einem
+selbständigen Worte, das mit jenem Wortteil inhaltlich nichts zu thun
+hat, benutzt wird, um den Schein der Inhaltsgleichheit beider zu
+erzeugen. "Welcher Ring ist nicht rund?--Der Hering"; "Photo-, Litho- und
+andere Grafen".--Die witzige Begriffsteilung ist zugleich "karikierender
+Klangwitz", wenn der abgetrennte Begriffsteil erst karikiert werden muss,
+ehe er mit dem ihm fremden Worte zu inhaltlicher Identität gebracht
+werden kann. "Auch bei den Alten schon gab es allerlei Klösse; z. B.
+Sophoklösse, Periklösse" u. s. w.
+
+Von der witzigen Wortverschmelzung verschieden ist die "_witzige
+Wortzusammensetzung_":--"Sprechruhr" u. dgl. Wieder anderer Art ist die
+"witzige Aufzählung" nach der Art des _Heine_'schen "Studenten, Vieh,
+Philister" etc.; mit dieser nächstverwandt die "_witzige Koordination_",
+die ihrem Sinne nach bald Unterordnung unter denselben Begriff, bald
+Unterscheidung, bald Entgegensetzung sein kann: "Mit einer Gabel und mit
+Müh' zog ihn die Mutter aus der Brüh'"; "Der Löwe ist gelb aber
+grossmütig"--als ob die Mühe ein Instrument wäre, wie die Gabel, die
+Grossmut eine sichtbare Eigenschaft, die mit der Farbe verglichen werden
+könnte;--"Nicht nur Gelehrte, sondern auch einige vernünftig denkende
+Menschen"--als ob es unter den Gelehrten nicht auch mitunter vernünftig
+denkende Menschen gäbe;--"Klein aber niedlich"--als ob dies nicht
+vielmehr sehr nahe verwandte Begriffe wären.
+
+Die attributive Verbindung wird witzig missbraucht im "_witzigen
+Widersinn_" von der Art des hölzernen Schüreisens oder des
+Lichtenberg'schen Messers ohne Klinge, an dem der Stiel fehlt.
+Widersprechendes scheint verträglich, weil wir, von der äusseren
+Verbindung der Worte überrascht, den Widerspruch nicht oder nicht
+sogleich empfinden. Andere Beispiele, wie das "messingne Schlüsselloch",
+der "lederne Handschuhmacher", der "doppelte Kinderlöffel für Zwillinge"
+gehören, sofern bei ihnen dem Glauben an die Gültigkeit des Begriffes
+zugleich ein erfahrungsgemässer sachlicher Zusammenhang zu Grunde liegt,
+zugleich zu einer später zu besprechenden Gattung.--Dagegen verführt uns
+die äussere Verschiedenheit von Gegenstand und Attribut zur Annahme einer
+sachlichen Verschiedenheit in der "_witzigen Tautologie_". Eine solche
+wäre die "reitende Artillerie zu Pferde", die man der bekannten
+"reitenden Artillerie zu Fuss" konsequenterweise entgegenstellen müsste.
+
+B. Von der witzigen Begriffsbeziehung, soweit sie auf inneren Momenten
+und zwar
+
+1. auf teilweiser sachlicher _Übereinstimmung_ beruht, gilt speciell, was
+_Jean Paul_ vom Witze überhaupt sagt, nämlich, dass sie halbe,
+Viertelsähnlichkeiten zu Gleichheiten mache und so den ästhetischen
+Lichtschein eines neuen Verhältnisses erzeuge, indes unser
+Wahrheitsbewusstsein das alte festhalte. Zur Bezeichnung von Personen,
+Dingen, Eigenschaften werden Begriffe verwandt, die mit dem, was sie
+bezeichnen, sich teilweise decken, zugleich aber ihm irgendwie
+inkongruent, also zur Bezeichnung eigentlich nicht geeignet erscheinen.
+Der Eindruck des Witzigen entsteht, indem wir uns die Bezeichnung
+gefallen lassen, also die teilweise Übereinstimmung für eine ganze
+nehmen, dann aber sogleich wiederum der Inkongruenz uns bewusst werden.
+
+Insofern die witzige Bezeichnung jedesmal an die Stelle der unmittelbar
+geeigneten tritt, lassen sich alle hierher gehörigen Fälle unter den
+Begriff der "_witzigen Begriffssubstitution_" fassen. Dieselbe ist
+
+a) "logische" Begriffssubstitution. Personen, Dinge, Eigenschaften,
+Thätigkeiten werden bezeichnet statt durch den sachlich eigentlich
+geforderten und nach einfach logischem Sprachgebrauch nächstliegenden
+Begriff, durch einen ihm übergeordneten oder nebengeordneten oder
+untergeordneten: die Begriffssubstitution ist verallgemeinernde oder
+vergleichende oder individualisierende Bezeichnung. Dabei bleibt der
+stellvertretende Begriff undeterminert oder er erhält eine nähere
+Bestimmung, die die Bezeichnung erst verständlich macht.
+Verallgemeinernde Bezeichnungen der ersteren Art wählen wir besonders, um
+verblümt zu reden, oder zum Bewusstsein zu bringen, dass uns der
+Gegenstand des specielleren Namens nicht wert scheine. Der im Gefängnis
+Sitzende hat frei Quartier oder frei Kost und Logis, wird auf öffentliche
+Kosten gespeist, hat sich der Einsamkeit ergeben, sich für eine Zeitlang
+von der Öffentlichkeit zurückgezogen etc.; der Redner hat "es nicht
+halten können", hat die Lnft erschüttert, sich in Bewegung seiner
+Lungenmuskeln ergangen, sein Stimmband in tönende Schwingungen versetzt
+u. dgl. Witzig vergleichende Bezeichnungen sind in vielen Fällen die
+sprichwörtlichen Redensarten: Er hat geräuchertes Fleisch (Ausschlag) im
+Gesicht; Den Teufel barfuss laufen hören; Etwas auf der unrechten Bank
+finden (= stehlen). Die meisten dergleichen Wendungen sind zugleich
+individualisierend: Die Laus um den Balg schinden; Aus einem .... einen
+Donnerschlag machen; Den .... (nämlich die untere Fortsetzung des
+Rückens) hinten tragen, d. h. sich betragen, wie man sich natürlicher
+Weise beträgt u. dgl. Eine reine Individualisierung ist es, wenn ich
+statt von den Malern einer Stadt von den dort lebenden Rafaels und
+Tizians rede.
+
+Tritt zum substituierten Begriff die nähere Bestimmung hinzu, so wird die
+Substitution zur vollständigeren oder weniger vollständigen
+"_witzigen_"--wenn nämlich witzigen--"_Umschreibung_", und zwar wiederum
+zur--zunächst wenigstens--verallgemeinernden oder vergleichenden oder
+individualisierenden, bezw. auch hier zur individualisierend
+vergleichenden. Auch die "verallgemeinernde" _Umschreibung_ wird speciell
+der verblümenden Bezeichnung dienen; die vergleichende und
+individualisierende ihrerseits wird oft vergleichen, was im Grunde nicht
+zu vergleichen ist und erst durch die einschränkende nähere Bestimmung
+vergleichbar erscheint. So wenn ich, nach Heine, eine alte hässliche Frau
+als eine zweite Venus von Milo bezeichne, nämlich was das Alter, die
+Zahnlosigkeit und die gelben Flecken angehe.
+
+Witze dieser Art sind billig, solange sie nur Dinge mehr oder weniger
+künstlich bezeichnen. Ihr Interesse wächst, wenn sie "_karikierende
+Bezeichnungen_" oder "_witzige Hyperbeln_" sind, und doch, was sie
+eigentlich sagen wollen, deutlich zu verstehen geben. Im Grunde ist
+freilich, da jeder Vergleich hinkt und jede Individualisierung neue
+Momente hinzufügt, nämlich eben die individualisierenden, jede darauf
+beruhende Bezeichnung irgendwie karikierend, das heisst die Sache
+verschiebend. Und diese Verschiebung wird leicht, obgleich durchaus nicht
+immer, zugleich eine Steigerung sein. Dass umgekehrt die
+Steigerung--Kilometernase, Quadratmeilengesicht etc.--jederzeit eine
+Verschiebung ist, braucht nicht gesagt zu werden.--Aber nicht jede
+witzige Karikatur oder Hyperbel ist so drastisch, wie etwa die
+hyperbolisch karikierenden Bezeichnungen, die Falstaff auf Bardolphs Nase
+häuft.
+
+Abgesehen davon besteht noch ein weiterer Unterschied. Die witzigen
+Bezeichnungen sind entweder nur spielende Bezeichnungen, denen es nicht
+darauf ankommt, ob das Wesen der Sache, so wie es wirklich ist, getroffen
+wird, oder sie heben eine wesentliche Eigenschaft treffend hervor, sind
+also charakterisierend, oder endlich sie sind ironisch gemeint. Dem
+letzteren Zwecke dient insbesondere eine Art, die darum speciell den
+Namen der "_ironischen Bezeichnung_" führen muss. Es liegt Ironie darin,
+wenn ich meine bescheidene Wohnung als meinen Palast oder meine Residenz
+bezeichne; insofern ich nämlich erwarte, der Hörer werde aus dem stolzen
+Namen das ungefähre Gegenteil, die gar nicht stolze Wohnung, heraushören.
+Zunächst aber will ich, wenn ich solche Ausdrücke gebrauche, einen
+Gegenstand, durch den Namen für einen ähnlichen, spielend bezeichnen.
+Wenn ich dagegen eine tadelnswerte Handlung, ohne weiteres, recht
+lobenswert, ein abstossendes Benehmen recht liebenswürdig nenne, so setze
+ich einen Begriff an die Stelle des direkt gegenteiligen und zwar in der
+einzigen Absicht dies direkte Gegenteil des Gesagten recht eindringlich
+zu machen. Die in sich nichtige Bezeichnung soll, indem sie wie eine
+geltende sich gebärdet, ihre nicht bloss teilweise, sondern völlige
+Nichtgeltung offenbaren und ihrem eigenen Gegenteil Geltung verschaffen;
+und sie soll nur eben dies. In solcher Vernichtung des Nichtigen und
+seinem Umschlag ins Gegenteil besteht aber, wie wir schon früher meinten,
+das eigentliche Wesen der Ironie. Die Ironie ist subjektiv komische oder
+witzige, sofern das mit _logischem_ Anspruch auftretende nichtige Wort
+oder Zeichen das Umschlagende ist.--So besonders geartet die ironische
+Bezeichnung ist, so lässt sie sich doch unter die vergleichenden
+Begriffssubstitutionen unterordnen. Auch tadelnswert und lobenswert,
+abstossend und liebenswündig sind ja einander nebengeordnete Begriffe.
+
+Eine dritte Bemerkung betrifft die äussere Form der witzigen
+Substitution. Wie bei der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund äusserer
+Ähnlichkeit das eine Mal der eine der beiden Begriffe, nämlich der im
+Witze eigentlich gemeinte, aus dem anderen erraten werden musste, das
+andere Mal beide, Begriffe ausdrücklich sich gegenüberstanden, so muss
+auch hier der eine der beiden in die Beziehung eingehenden Begriffe oder
+Gegenstände, nämlich der mit der Bezeichnung gemeinte, das eine Mal aus
+der Bezeichnung erraten werden, während er das andere Mal ausdrücklich
+genannt wird. Das Letztere wird speciell dann der Fall sein, wenn die
+Bezeichnung nicht gelegentlich auftritt, als Teil eines Satzes, der
+_irgend etwas_ aussagt, sondern als der eigentliche Gegenstand der
+Aussage. Natürlich wird sie in diesem Falle im allgemeinen höheren
+Anspruch erheben. Sie wird witzige Charakteristik oder etwas dergleichen
+sein. Jenen Namen wollen wir ihr den auch a parte potiori allgemein
+beilegen.
+
+Darum ist doch diese geflissentliche "_witzige Charakteristik_" in ihrem
+Wesen nichts anderes als die gelegentliche witzige Bezeichnung. Die ganze
+oben gemachte Unterscheidung hat hier weit weniger zu bedeuten, als in
+dem angeführten früheren Falle. Insbesondere ist die witzige
+Charakteristik nicht, weil sie in Form eines vollständigen Urteils
+auftritt, "witziges Urteil". Denn nicht darum handelt es sich dabei, eine
+wirkliche oder scheinbare Wahrheit zum Bewusstsein zu bringen oder eine
+Thatsache glaublich zu machen, durch Mittel, die dann doch wiederum die
+ganze Aussage als nichtig erscheinen lassen, vielmehr will auch sie nur,
+was als thatsächlich bestehend _vorausgesetzt_ ist, in treffender und
+zugleich unzutreffender Form _bezeichnen_. So will die witzige
+Charakteristik der Beine Bräsigs,--sie haben ausgesehen, als ob sie
+verkehrt eingeschroben wären, oder die _Fallstaff_'sche Charakteristik
+_Schaals_,--er war wie ein Männchen, nach Tisch aus einer Käserinde
+verfertigt--nicht glaublich machen, _Bräsigs_ Beine oder _Schaals_ ganzes
+Äussere sei wirklich der Art gewesen, um dann das Bewusstsein
+wachzurufen, dass die Worte gar nicht als Träger irgend einer Wahrheit,
+also in keiner Weise ernsthaft gemeint sein können, sondern die eine will
+eine bestimmte Beschaffenheit der Beine _Bräsigs_, ebenso die andere eine
+bestimmte Beschaffenheit des _Schaal_'schen Äusseren, an die sie glaubt
+und an die wir glauben, in einer bestimmten Weise kenntlich machen und
+charakterisieren. Nur unter jener Bedingung aber wären die Sätze, wie wir
+sehen werden, "witzige Urteile"; sie könnten es, genauer gesagt, nur
+sein, wenn sie als "witzige Übertreibungen" gemeint wären. Dagegen
+gehören sie, so wie sie gemeint sind, trotz ihrer Form durchaus zu
+unserer Gattung.
+
+Endlich erweitert sich die witzige Charakteristik zur "_witzigen
+Charakterzeichnung_", in der von einer Person oder Sache durch wenige
+Züge, die von rechtswegen kein mögliches Bild geben können, dennoch eines
+gegeben wird. So wenn _Heyse_ sagt: er sah gesund, satt und gütig aus.
+Das Wesentliche der Witzart ist, dass mehrere Bezeichnungen in ihrer
+Zusammenordnung das Bild gegen alle strenge Logik plötzlich
+hervorspringen lassen, mögen im übrigen die Bezeichnungen, wie in dem
+angeführten Beispiel, allgemein, oder vergleichend oder
+individualisierend sein. Ein Musterbeispiel der vergleichenden Art ist
+Falstaffs bekannte Beschreibung der von ihm angeworbenen Soldaten.
+
+Hier ist auch der Ort, wo wir der "_witzig zeichnenden Darstellung_" zu
+gedenken haben. Sie steht mit jener witzigen Charakterzeichnung auf einer
+Linie. Einige Striche, scheinbar planlos hingeworfen, ergeben plötzlich
+ein Gesicht und erscheinen doch wiederum dazu völlig ungenügend. Dabei
+kann die Karikatur fehlen.
+
+Es giebt aber daneben eine "_witzige Karikaturzeichnung_". Sie ist witzig
+nicht als Karikatur, sondern sofern sie das Urteil erzeugt, die Zeichnung
+sei diese oder jene Person oder bezeichne diesen oder jenen Charakter,
+während doch zugleich das Bezeichnungsmittel gänzlich unzutreffend
+erscheint. Auch wieweit die Karikatur objektiv komisch ist, kommt für den
+Witz nur soweit in Frage, als die komischen Züge zugleich bezeichnend und
+nicht bezeichnend erscheinen; an sich hat diese Komik mit dem Witze
+nichts zu thun. Genauer steht die witzige Karikaturzeichnung mit der
+witzig karikierenden Bezeichnung und, wenn sie ihr Objekt anderen
+Gegenständen, etwa Menschen einem Tier oder einer geometrischen Figur
+ähnlich macht, mit dem karikierenden Vergleich auf einer Stufe.--Jede
+solche Zeichnung kann mehr oder weniger charakterisieren; sie kann auch
+in den Dienst der Ironie treten.
+
+b) Mit Vorstehendem sind wir bereits über die logische
+Begriffssubstitution hinausgegangen. Zu ihr gesellt sich, wenn wir in das
+Gebiet des sprachlichen Witzes zurückkehren, die bildliche Substitution
+oder die "_witzig bildliche Bezeichnung_". Jedes Bild ist seiner Natur
+nach Substitution; zur witzigen Bezeichnung wird es, wenn es
+überraschend, unzutreffend, allzuweit hergeholt scheint und doch
+verstanden wird. Wie weit dafür die obigen Bestimmungen gelten, habe ich
+nicht nötig näher auszuführen. Nur daran erinnere ich, wie auch hier
+gelegentliche Bezeichnung und ausdrückliche Charakteristik sich
+entgegenstehen. In einem trefflichen Beispiel dieser "_witzig bildlichen
+Charakteristik_" bezeichnet Jeau Paul den Witz selbst als den Priester,
+der jedes Paar kopuliert. Der Witz und ein Priester, das scheinen denkbar
+unvergleichbare Dinge und doch trifft die Definition.
+
+c) Die dritte Art der witzigen Substitution ist die "_parodische
+Bezeichnung_". Eine doppelte Art derselben lässt sich unterscheiden. Die
+eine beruht auf dem Vorhandensein verschiedener Sprachen innerhalb einer
+und derselben Sprache. Das Volk, der Dichter, der Gelehrte, der
+Handwerker, der Künstler in seinem Beruf, jeder spricht seine eigene
+Sprache. Von solchen eigenen Sprachen war schon früher die Rede. Aber
+nicht um den witzigen Eindruck, den die Worte der Sprache auf den Fremden
+machen, der sie versteht, und doch zugleich nicht als sinnvolle
+Sprachzeichen anerkennen kann, handelt es sich hier, sondern in gewisser
+Art um das volle Gegenteil davon. Nicht fremd müssen dem Hörer die Worte,
+die Redewendungen und Redeformen sein, die ich _parodierend_ gebrauche,
+sondern wohlbekannt, aber bekannt als einer Gedankenwelt angehörig, die
+derjenigen fremd ist, in die ich sie verpflanze. Indem ich sie
+verpflanze, nehme ich jene Gedankenwelt mit; die damit bezeichneten Dinge
+erscheinen in der Beleuchtung derselben selbst fremdartig, verschoben,
+verwandelt; zugleich sind sie doch dieselben geblieben; der fremdartige
+Schein verschwindet; die parodierende Bezeichnung erscheint als Spiel,
+das zur Sache nichts hinzugethan hat.
+
+Die andere Art, die Parodie im engeren Sinn, verpflanzt nicht nur aus
+einer Gedankenwelt, sondern aus einem speciellen Wort- und
+Gedankenzusammenhang in einen anderen und fremdartigen. Vor allem sind es
+dichterische Zusammenhänge, aus denen wir parodierend Worte entnehmen
+können. Auch diesen speciellen Wort- und Gedankenzusammenhang nehmen wir
+bei der Verpflanzung mit. Indem er bei der bezeichneten Sache als
+sachwidrig sich in nichts auflöst, entsteht der Witz.--Wie Worte und
+Redewendungen, so können schliesslich ganze Citate--Spät kommt ihr, doch
+ihr kommt etc.--als parodische Bezeichnungen fungieren. Ich will ja, wenn
+ich jemanden mit dem angeführten Citate begrüsse, trotz der Satzform nur
+eben ein Faktum mit _Schiller_'schen Worten _bezeichnen_.
+
+Hierbei dachte ich vorzugsweise an diejenige Parodie, die aus
+_aussergewöhnlichem_ Zusammenhange Worte und Wendungen in den
+Zusammenhang des _gewöhnlichen Lebens_ verpflanzt. Ihr steht aber mit dem
+gleichen Anspruche auf jenen Namen diejenige entgegen, die umgekehrt
+Alltägliches und Geläufiges aus seinem alltäglichen Gedankenzusammenhang
+hineinversetzt in den ausserordentlichen. Der Unterschied der beiden
+Arten ist derselbe, den wir immer wieder zu machen Veranlassung hatten
+und haben werden. Während dort das aussergewöhnliche Wort das ihm von
+Rechtswegen zukommende besondere Pathos verliert angesichts des von ihm
+bezeichneten gewöhnlichen Gegenstandes, für welches das Pathos nun einmal
+nicht passt, scheint _hier_ das _gewöhnliche_ Wort, indem es in dem
+aussergewöhnlichen Zusammenhange verwandt wird, ein Pathos zu _gewinnen_,
+zu dessen Träger es dann doch wiederum nach gewöhnlicher Anschauung nicht
+dienen kann.--So sehr beide Arten sich gegenüberstehen, so ist doch der
+psychologische Vorgang, soweit er für den Witz in Betracht kommt, im
+wesentlichen derselbe.
+
+Wiederum erwähne ich die karikierende und hyperbolische, die
+charakterisierende und ironische Parodie nicht besonders, obgleich alle
+diese Möglichkeiten bestehen. Dagegen ist mir die Beziehung der Parodie
+zur objektiven Komik wichtig. Nichts hindert natürlich, das Wort Parodie
+zugleich in einem allgemeineren Sinne zu nehmen und jede Einfügung in
+einen neuen und fremdartigen Zusammenhang, wodurch das Eingefügte Träger
+der Komik wird, so zu nennen. Dann giebt es neben der witzigen auch eine
+objektiv komische oder kürzer objektive Parodie, beide sich entsprechend
+und doch so unterschieden wie Witz und objektive Komik überhaupt
+unterschieden sind. Insbesondere gehört zur objektiven Parodie die oben
+besprochene _Darstellung_ des objektiv Komischen--einschliesslich der
+mimischen "Nachahmung"--sofern sie das Komische aus dem Zusammenhange, in
+dem es sich versteckt, heraushebt und in den Zusammenhang der Darstellung
+und damit in das helle Tageslicht setzt, in dem es erst in seiner Komik
+offenbar wird; dann freilich auch jene Afterparodie, die auch das
+Erhabenste so mit dem Niedrigen zu verbinden weiss, dass es von seiner
+Höhe herabstürzt und dem Lachen preisgegeben wird. Jene
+charakterisierende Art dient, wie wir sahen, dem Humor, ich meine dem
+echten Humor, von dem die Ästhetik redet. Diese, die schon _Goethe_ mit
+Recht "gewissenlos" fand, ist ebendarum auch jedes ästhetischen Wertes
+bar.
+
+Es kann aber auch, abgesehen von dieser Korrespondenz, die objektiv
+komische Parodie, vor allem die der Nachahmung--ebenso wie die objektiv
+komische Karikatur--zur witzigen Parodie werden. Die parodierende
+Nachahmung ist es immer, wenn ich durch sie nicht nur das Nachgeahmte
+lächerlich erscheinen lasse, sondern zugleich etwas, das ich sagen will,
+in spielender Weise ausdrücke. Hierher gehört die witzige Rache des
+italienischen Malers, von der schon im zweiten Abschnitt die Rede war.
+Der Maler stellt den Prior, indem er dem Judas seine Züge leiht, in den
+Gedankenzusammenhang, der durch den Namen Judas bezeichnet ist. Dass der
+Prior zum Judas wird, ist objektiv komisch. Dass aber der Maler ihn so
+erscheinen lässt, also sein Urteil über den Prior zu erkennen giebt durch
+dieses Quidproquo, diese unlogische Einfügung der Gestalt in den völlig
+fremdartigen Zusammenhang, dies ist witzig. Es ist Bezeichnung durch ein
+zur Bezeichnung von Rechtswegen untaugliches Mittel und insofern Witz von
+der hier in Rede stehenden Art.
+
+Etwas anders geartet, aber ebenso hierhergehörig ist die bekannte witzige
+Selbstparodie aus den fliegenden Blättern: Ein X. pflegt sich in seiner
+regelmässigen Gesellschaft nur dadurch bemerkbar zu machen, dass er in
+allem, was vorkommt, einen "famosen Witz" findet. Einmal verabredet sich
+die Gesellschaft ihm durch Schweigen die Gelegenheit dazu zu nehmen. X.
+tritt ein, sieht sich um, und meint: "famoser Witz". Damit parodiert er
+sich selbst, bezeichnet aber zugleich die Situation. Er thut es witzig,
+eben weil er damit nur sich selbst zu parodieren scheint.
+
+2. Mit der vorstehend erörterten Witzart hängt diejenige, bei der ein
+erfahrungsgemässer sachlicher Zusammenhang von Begriffen der witzigen
+Begriffsbeziehung zu Grunde liegt, eng zusammen. Dies gilt insbesondere,
+insoweit auch diese Begriffsbeziehung als Beziehung zwischen einem
+Gegenstande und seiner Bezeichnung sich darstellt. Ich kann bezeichnen
+nicht nur, indem ich sage, was etwas ist, sondern auch durch die Angabe
+sekundärer Momente, durch Kennzeichnung der Gründe oder Folgen einer
+Sache, der Arten einer Person zu handeln sich zu gebaren etc., kurz durch
+Momente, die mit dem zu Bezeichnenden erfahrungsgemäss zusammenhängen.
+Diese Bezeichnung muss nur wieder, um witzig zu sein, überraschend,
+fremdartig, ganz ungehörig, die angegebenen Umstände müssen weithergeholt
+oder gänzlich unmöglich, trotzdem aber bezeichnend erscheinen. So ist es
+weithergeholt, wenn der Italiener einen, wenn nicht nach italienischen,
+so doch nach unseren Begriffen unentbehrlichen Teil der menschlichen
+Wohnung als denjenigen bezeichnet, dove anche la regina va a piedi;
+dagegen wird Unmögliches vorausgesetzt, wenn ich von einem Menschen sage,
+er sei so fett, dass sein Anblick Sodbrennen errege, oder wenn ich eine
+lange Nase--nach Haug--damit bezeichne, dass ich erzähle, sie sei für
+einen Schlagbaum gehalten worden, oder--nach Jean Paul--damit, dass ich
+angebe, ihr Eigentümer habe nicht sterben können, weil sein Geist, wenn
+er ihn habe aufgeben wollen, immer wieder in die Nase zurückgefahren
+sei.--Die letzteren Fälle könnten auch einer anderen Witzgattung
+zugehörig scheinen. In der That ist es ein witziges Urteil, und speciell
+eine Art "Münchhausiade", wenn ich jemand glauben machen will, der blosse
+Anblick des Fetten könne die angegebene Wirkung auf den Magen haben. Aber
+nicht um die Erzeugung dieses Glaubens handelt es sich hier, sondern um
+seine Verwertung zu einem anderen Zweck, nämlich eben zum Zweck der
+witzigen Bezeichnung. Dass eine Wirkung einen Augenblick für möglich
+gehalten werden könne, dies ist die _Voraussetzung_ für die Möglichkeit,
+die übermässige Fettigkeit in der angegebenen Weise zu bezeichnen. Indem
+jener Gedanke in nichts zergeht, erscheint auch die Bezeichnung wiederum
+nichtig. So verhalten sich also Möglichkeit und Unmöglichkeit der
+behaupteten Wirkung, die das witzige _Urteil_ machen, zur zutreffenden
+und zugleich nicht zutreffenden, kurz zur witzigen _Bezeichnung_, wie
+Voraussetzung und Folge; jene witzige Bezeichnung ist so wenig ein
+witziges Urteil, als die Voraussetzung die Folge ist.
+
+Diese "_witzige Bezeichnung durch abgeleitete Momente_" kann wiederum,
+wie die Beispiele zeigen, zugleich karikierend und speciell hyperbolisch
+sein. Sie ist andererseits bald rein spielend bald charakterisierend oder
+ironisierend. Auch sie wird zur witzigen Charakteristik und erweitert
+sich zur witzigen Charakterzeichnung. Man denke etwa an die Art, wie
+_Heinz Percy_'s Charakter aus seinen Worten und der Art sich zu gebaren
+mit wenig Strichen zeichnet.
+
+Neben dieser Art steht als zweite die eigentliche "_witzige
+Begriffsverbindung_". Bei ihr sind dieselben beiden Möglichkeiten; die
+Begriffsverbindung ist sachlich in Ordnung und scheint nur nichtig, weil
+sie überraschend, fremdartig oder mit scheinbarem Widerspruch behaftet
+ist, oder sie ist unmöglich, scheint aber möglich, weil ein sachlicher
+Zusammenhang zu Grunde liegt, der nur gesteigert, ergänzt, verschoben,
+kurz witzig ausgebeutet wird. Die erstere Möglichkeit verwirklicht sich
+in der "_witzigen Scheintautologie_" und dem "_Oxymoron_" oder witzigen
+Scheinwiderspruch:--Beides ist vereinigt, wenn ich von Waschweibern oder
+alten Jungfern weiblichen und männlichen Geschlechtes rede--; sie
+verwirklicht sich andererseits in allen möglichen dem gewöhnlichen
+Sprachgebrauch zuwiderlaufenden, knappen, Mittelglieder auslassenden oder
+nach sachlicher Analogie gebildeten Begriffsverbindungen, so wenn
+_Falstaff_ sagt: ich kann "keinen Schritt weiter rauben" u. s. w.
+
+Der zweiten Art sind zunächst die schon an anderer Stelle angeführten
+Fälle des "_witzigen Widersinns_": Messingnes Schlüsselloch und
+dergleichen. Der Zusammenhang zwischen Messing und Schlüsselloch leuchtet
+ein, nur dass das Schlüsselloch nicht selbst aus Messing sein kann.
+Ebendahin gehört der doppelte Kinderlöffel für Zwillinge, der lederne
+Handschuhmacher und dergleichen. Sofern hier die sachlich zu Recht
+bestehende Begriffsverbindung witzig verschoben ist, kann der Witz als
+"_karikierende Begriffsverbindung_" bezeichnet werden. Eine Abart
+wiederum ist das "_witzige Fallen aus dem Bilde_" und die "_witzige
+Bilderverwechselung_"--Mitten im tiefsten Morpheus--Beim ersten Krähen
+der rosenfingrigen Eos--; auch hier wird ja der Witz durch einen
+sachlichen Zusammenhang ermöglicht.
+
+
+DAS WITZIGE URTEIL.
+
+III. Das _witzige Urteil_ bildet, wie schon gesagt, die dritte
+Hauptgattung. Bei ihr wird eine Wahrheit verkündigt in einer Form, die
+die ganze Aussage wiederum als nichtig, als blosses Spiel erscheinen
+lässt; oder eine Scheinwahrheit, die logisch in nichts zergeht. Wiederum
+beruht die witzige Aussage auf den genannten vier Arten des
+Vorstellungszusammenhanges.
+
+A. 1. Ein witziges Urteil ist zunächst die "_witzige Satzverdrehung_",
+die der witzigen Wortverdrehung entspricht. Ein Satz sagt genau genommen
+gar nichts, aber der Hörer erkennt ihn als geflissentliche Verdrehung
+eines anderen und findet die gemeinte Wahrheit heraus. Oder ein Satz
+enthält einen völligen Widersinn, der Hörer errät aber, was gesagt sein
+soll, aus der blossen Ähnlichkeit des Gesagten mit einem möglichen
+sinnvollen Satz. Im letzteren Falle ist die Verdrehung zum "_witzigen
+Gallimathias_" geworden. Jedes Durcheinanderwerfen von Worten, allerlei
+falsche Konstruktionen können diesen Witzarten dienen.
+
+Das Gegenstück bildet der "_witzige Unsinn_", der an anerkannte
+Wahrheiten äusserlich anklingt und darum selbst für den Augenblick als
+Ausdruck einer Wahrheit genommen wird. Der wesentliche Unterschied ist,
+dass dort eine Wahrheit im Gewande des Unsinns, hier ein Unsinn im
+Gewände der Wahrheit auftritt.
+
+2. Derselbe Erfolg kann erreicht werden durch allerlei äussere
+Sprachformen, die nun einmal erfahrungsgemäss der Verkündigung oder
+Eindringlichmachung der Wahrheit zu dienen pflegen. Es giebt allerlei
+Überzeugungsmittel, z. B. Gründe. Aber die stehen nicht jederzeit zur
+Verfügung. Da müssen dann andere Mittel eintreten. Man betont, druckt
+gesperrt oder fett. Manche Schriftsteller lieben es, in dieser Weise dem
+Drucker das Überzeugen zu überlassen. Man kann sich darauf verlassen,
+dass sie um so betonter reden, je weniger Gründe sie haben. Dieses
+Mittels kann sich auch der Witz bedienen, so wie jedes unlogischen
+Mittels. Man betont den Widersinn, spricht ihn mit Emphase aus. Je
+grösser der Applomb und die Unverfrorenheit, desto eher wird das
+Vertrauen sich rechtfertigen, dass man wenigstens für den Augenblick den
+Eindruck der Wahrheit mache.
+
+Ähnliche Wirkung haben andere Mittel. Man bringt eine Behauptung immer
+wieder vor, man bringt sie nebenbei, im Tone der Selbstverständlichkeit,
+man leitet sie ein mit einem "bekanntlich", citiert angeblich: wie schon
+der oder der grosse Gelehrte oder Dichter mit Recht gesagt hat; man
+kleidet sie in möglichst wissenschaftliche Form, spart auch langatmige
+Fremdwörter nicht; berühmte allermodernste Philosophen können dabei als
+Muster dienen. Endlich ist die poetische Form nicht zu verachten.
+
+Immer beruht bei diesem "_witzigen Erschleichen_" der Eindruck des Witzes
+auf der Gewohnheit, Wahrheit zu suchen hinter dem äusseren Gewande der
+Wahrheit. Es stehen aber neben jenen Fällen andere, in denen nicht eine
+völlig neue Wahrheit verkündigt, sondern nur eine nichtsbedeutende in
+eine gewichtige verwandelt wird. Dazu dienen speciellere formale Mittel.
+Ein Beispiel ist die bekannte witzige Definition des Kopfes: "Der Kopf
+ist ein Auswuchs zwischen den beiden Schulterknochen, welcher erstens das
+Herausrutschen des Krawatt'ls verhindert, und zweitens das Tragen des
+Helmes bedeutend erleichtert". Dass der Kopf dies ist, bezweifelt
+niemand. Die Form der Definition aber macht daraus eine Wesensbestimmung.
+Sofern der Witz unmöglich wäre ohne die in der Definition thatsächlich
+liegende Wahrheit, die der Witz nur steigert oder ergänzt, scheint er
+freilich einer anderen sogleich zu besprechenden Art anzugehören.
+Indessen ist es eben doch diese äussere Form der Definition, durch die
+die Steigerung oder Ergänzung bewerkstelligt wird.
+
+B. Worin diese andere Art bestehe, ist auch schon gesagt. Mit Veränderung
+eines schon citierten _Jean Paul_'schen Ausdrucks können wir sie als
+diejenige bezeichnen, die halbe, Viertelswahrheiten zu ganzen Wahrheiten
+macht.
+
+1. Dies kann in doppelter Weise geschehen. Wir lassen uns verführen, den
+Inhalt einer Behauptung zu glauben, oder momentan für möglich zu halten,
+weil Ähnliches allerdings vorkommen kann. Ich erzähle etwa allerlei
+eigene oder fremde Erlebnisse, wie sie im Einzelnen wohl erlebt sein
+könnten, die aber im Ganzen so ausserordentlich sind, und ein so
+merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen voraussetzen würden, dass der
+Hörer, ohne mit Gründen widersprechen zu können, doch Grund hat die
+"_witzige Aufschneiderei_" für eine solche zu halten.
+
+Oder ich steigere mögliche Vorkommnisse bis zur Unglaublichkeit oder
+Unmöglichkeit, doch so, dass ein gewisser Schein der Möglichkeit bleibt.
+Diese "_witzige Übertreibung_" haben wir schon unterschieden von der
+hyperbolischen Bezeichnung, die nicht etwas Ungeheuerliches glauben
+machen, sondern ein als wirklich Vorausgesetztes in ungeheuerlicher Weise
+_bezeichnen_ will.
+
+2. Mit diesen beiden Witzarten nahe verwandt und doch davon verschieden
+ist diejenige, durch die wir verführt werden die erfahrungsgemässe
+Beziehung zwischen einem Thatbestand und einem anderen gewohnheitsmässig
+festzuhalten, unter Umständen, unter denen dieselbe aus einleuchtenden
+Gründen nicht mehr stattfinden kann. Wir vollziehen, indem wir sie
+festhalten, einen falschen Analogieschluss, den wir doch sofort als
+falsch erkennen. Solche "_Witze aus falschem Analogieschluss_" sind die
+"_Münchhausiaden_" nach Art der schon einmal angeführten Erzählung
+Münchhausens, dass er sich selbst am Schopf aus dem Sumpf gezogen habe.
+Nicht minder die "_witzigen Probleme_": "Wie kann man mit einer Kanone um
+die Ecke schiessen?--Bekanntlich beschreibt das Geschoss eine Kurve; man
+braucht also nur das Rohr auf die Seite zu legen". Speciell als
+"_Vexierwitze_" könnte man die Witze bezeichnen, die auf Grund der
+falschen Analogie einen bestehenden Sachverhalt völlig auf den Kopf
+stellen, wie die Anklage gegen _Schiller_, dass er in seinem Wallenstein
+eine so abgedroschene Phrase vorbringe, wie "Spät kommt ihr, doch ihr
+kommt".
+
+Wie bei diesen Witzen "Unsinn im Gewande der Wahrheit", so tritt auch
+hier in einer zweiten Art "Wahrheit im Gewande des Unsinns" auf. Ich
+denke an die "_spielenden Urteile_" im engeren Sinne, bei denen sachlich
+alles in Ordnung und nur die Form unfähig erscheint, überhaupt als Träger
+einer Wahrheit zu dienen. Hier findet _Schleiermacher_'s Definition der
+Eifersucht ihre Stelle, und mit ihr alle möglichen wichtigen und banalen
+Wahrheiten, deren Form durch gleichartig wiederkehrende Worte oder auch
+nur Konsonanten oder Vokale, durch Häufung sehr kurzer oder sehr langer
+Worte--man denke etwa an das Wortgefecht zwischen _Äschylos_ und
+_Euripides_ in _Droysen_'s herrlicher Übersetzung der "Frösche"--durch
+scherzhafte Reimerei oder dgl. den Charakter des Spielenden und damit
+logisch Kraftlosen gewonnen haben. Als besondere Art hinzugefügt werden
+kann noch die "_witzige Kürze_", die mit einem Wort, einer Handbewegung
+eine Antwort giebt, oder ein Urteil fällt, und endlich so kurz werden
+kann, dass nur das beredte "_witzige Schweigen_" übrig bleibt.
+
+
+DIE WITZIGE URTEILSBEZIEHUNG.
+
+IV. Die _witzige Urteilsbeziehung_ setzt zwei--oder mehrere--Urteile in
+Beziehung. Dabei ist--sogut wie bei der witzigen Begriffsbeziehung--die
+Beziehung der eigentliche Träger des Witzes. Sie wird hergestellt durch
+Mittel, die doch logisch nichtig sind oder scheinen. Ebenso nichtig
+erscheint dann die Beziehung zwischen den Urteilen oder die Geltung, die
+einem Urteil aus dieser Beziehung erwachsen ist.
+
+A. 1. Das erste logisch nichtige und trotzdem wirksame Mittel eine solche
+Beziehung herzustellen, die äussere Ähnlichkeit oder Gleichheit,
+begründet Witzarten von ziemlich verschiedenem Charakter. Vor allem sind
+wieder die beiden Fälle möglich, dass das eine Urteil ausgesprochen wird
+und das andere aus ihm erschlossen oder in ihm wiedererkannt werden muss,
+und dass die ausdrückliche Beziehung beider Urteile zu einander den Witz
+begründet. Dann aber verwirklicht sich wiederum jene Möglichkeit, die der
+"_Doppelsinn-Witze_", in verschiedener Art.
+
+Das ausgesprochene Urteil lässt ein anderes _ohne weiteres_ erraten in
+der "_witzigen Zweideutigkeit_" von der Art des bekannten "C'est le
+premier vol de l'aigle". Niemand konnte etwas dagegen einwenden, wenn der
+französische Hofmann die erste That des _Louis Philipp_, die Konfiskation
+der Güter der Orleans, als ersten Flug des Adlers, also als le premier
+"vol" de l'aigle bezeichnet. War sie aber le premier vol du l'aigle, dann
+war sie auch der erste Raub des Adlers, da in dem Satze beides liegt. Es
+folgt also aus der Annahme des einen Gedankens, durch das Mittel des
+Satzes, in dem er sich verkörpert, die Annahme des anderen Gedankens,
+nicht mit logischer, aber mit einer gewissen psychologischen
+Notwendigkeit. Genauer ist hier das Bindemittel das zweideutige Wort
+"vol".
+
+Nicht so ohne weiteres ergiebt sich das Urteil, das erraten oder
+erschlossen werden soll, bei anderen Arten. Indem der französische
+Dichter auf die Aufforderung des Königs ein Gedicht zu machen, dessen
+sujet er sei, antwortet, le roi n'est pas sujet, erwartet er wiederum,
+dass man aus der Selbstverständlichkeit, die er sagt, dass nämlich der
+König nicht Unterthan sei, durch das Mittel des Wortes sujet das andere
+Urteil ableite, der König könne nicht sujet eines Gedichtes sein. Aber er
+erwartet es, weil das Wort sujet soeben von dem König in diesem anderen
+Sinne gebraucht worden ist. Der Dichter hat in seiner Antwort diesen Sinn
+mit demjenigen, den die Antwort voraussetzt, vertauscht. Wir können diese
+Witzart darum als "_witzige Begriffsvertauschung_" bezeichnen.
+
+Dieselbe gewinnt anderen und anderen Charakter je nach dem Verhältnis, in
+dem die beiden Bedeutungen des einen Wortes zu einander stehen. Verhalten
+sie sich zu einander als engere und weitere Bedeutung, so mag man den
+Witz "limitierende" Begriffsvertauschung nennen. "Kann er Geister
+citieren?--Ja, aber sie kommen nicht" wäre ein Beispiel. Der Gefragte
+kann Geister citieren wie jedermann. Nehmen wir das Wort zugleich in dem
+engeren Sinne der Frage, so hat der Frager seine vollgültige Antwort.
+
+Eine andere Abart der witzigen Vertauschung ist die "_witzige Deutung_".
+"Wenn ein Soldat in einem Wirtshaus mit einem Offizier zusammentrifft, so
+trinkt er sein Bier aus und geht nach Hause.--Was thust du also, wenn du
+in einem Wirtshause mit einem Offizier zusammentriffst?--Ich trinke sein
+Bier aus und gehe nach Hause". Hier ist das doppeldeutige auf den
+Soldaten und den Offizier beziehbare "sein" das Bindemittel.
+
+Nicht immer ist es ein einzelnes Wort, dessen Doppelsinn beide Urteile
+entstehen lässt. Auch ein Satz als Ganzes, eine Frage oder Behauptung,
+endlich eine Handlung kann in doppeltem Sinn genommen werden und so den
+Witz begründen. Eine Handlung etwa ist Gegenstand der witzigen
+Sinnvertauschung, wenn der Bediente, dessen Herr im Zorn ein Gericht zum
+Fenster hinauswirft, Miene macht das ganze übrige Essen sammt Tischtuch
+etc. folgen zu lassen: der Herr wünschte ja wohl auf dem Hofe zu speisen.
+
+Überall haftet hier der Doppelsinn an denselben unveränderten Zeichen.
+Muss mit diesen erst eine Veränderung vorgenommen werden, so entsteht die
+"_witzige Urteilskarikatur_", der witzigen Wortkarikatur entsprechend.
+Sie ist jenachdem Veränderung der Interpunktion, der Betonung, oder
+einzelner Worte. Ich verwandle das _Schiller_'sche: "Mein Freund kannst
+du nicht länger sein" in die Frage: Mein Freund, kannst du nicht _länger_
+sein? als hätte Schiller jemanden diese Frage stellen lassen. Oder ich
+lasse _Schiller_ sagen: Die schönen Tage von Oranienburg sind jetzt
+vorüber u. dgl.
+
+Ihrer Stellung nach damit verwandt sind die "_witzigen Übersetzungen_",
+soweit sie eine in Gedanken vollzogene Karikatur der übersetzten Worte
+voraussetzen. "Vides, ut alta stet nive candidus Soracte--Siehst du, wie
+da der alte Kandidat Sokrates im Schnee steht". Zugleich rechnen sie auf
+Gleichklang von fremden Worten und solchen der eigenen Sprache, und vor
+allem auf den Umstand, dass die fremde Sprache eben eine fremde ist, bei
+der wir uns auf den ersten Blick allerlei unglaubliche Konstruktionen und
+Verdrehungen gefallen lassen.
+
+Auch bei dieser Witzart soll noch aus dem einen Urteil, in dem der Witz
+enthalten ist, das andere _wiedererkannt_ werden. Sehr viel weniger
+mannigfaltig als diese Gattung ist die andere, in der die ausdrückliche
+Beziehung der Urteile zu einander den Witz begründet. Wir wollen sie als
+"_witzige Urteilsantithese_" bezeichnen. "Es giebt viele Dinge zwischen
+Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen
+lässt; aber noch viel mehr Dinge lässt sich unsere Schulweisheit träumen,
+die es weder im Himmel noch auf Erden giebt". Das zweite Urteil hat im
+Grunde mit dem ersteren inhaltlich wenig zu thun. Vermöge der äusseren
+Ähnlichkeit aber scheint es nur eine Modifikation desselben. Diese Art
+ist dem "Klangwitz" völlig analog.
+
+2. Ebenso steht mit der witzigen Begriffsverbindung in Analogie die
+"_witzige Urteilsverbindung_", in der der Schein der logischen
+Zusammengehörigkeit von Urteilsinhalten erzeugt wird durch äussere
+Sprachmittel, die sonst erfahrungsgemäss die Zusammengehörigkeit
+bezeichnen.
+
+Auf der Grenze zwischen dem witzigen Urteil und dieser neuen Witzart
+steht die "_witzige Urteilsverschmelzung_". Wenn ich "Galilei auf dem
+Scheiterhaufen zu Worms" in die Worte ausbrechen lasse: "Solon, Solon,
+gieb mir meine Legionen wieder" so verschmelze ich nicht weniger als fünf
+Urteile oder Thatsachen miteinander. Freilich stehen die Thatsachen auch
+an sich in einem gewissen Zusammenhang. Aber ihre Vereinigung in eine
+einzige ist doch nur durch die äussere Form, die in diesem Falle keine
+andere ist als die Form des einheitlichen Urteils, zuwege gebracht.
+
+So pflegt auch bei den beliebten Vereinigungen unzusammengehöriger
+_Schiller_'scher und sonstiger Verse, die bald Verschmelzung bald
+Verbindung ist, eine gewisse sachliche Beziehung zu Grunde zu liegen.
+"Wie ein Gebild aus Himmelshöhen sieht er die Jungfrau vor sich stehen,
+die mit grimmigen Gebärden urplötzlich anfängt scheu zu werden".
+Ausserdem trägt die äussere Form, das gemeinsame Pathos dazu bei, die
+äussere Verbindung als Träger einer sachlichen Zusammengehörigkeit und
+damit den ganzen Unsinn als wirkliches dichterisches Erzeugnis erscheinen
+zu lassen.
+
+Es bedarf aber weder dieser sekundären äusseren Hilfsmittel noch
+irgendwelches einleuchtenden sachlichen Zusammenhangs, um die witzige
+Urteilsverbindung herzustellen. Ich lese in einer Zeitung Anzeigen aller
+Art ohne Pause hintereinander ab, verbinde was mir gerade einfällt, durch
+satzverbindende Worte, begründe eine Aussage durch ein Beispiel, das
+keines ist, eine Analogie, die nicht zutrifft, eine allgemeine Regel, die
+nicht hierhergehört--lediglich darauf vertrauend, dass der Hörer, durch
+die äussere Verbindung verführt, eine sachliche wenigstens suchen, oder
+durch die begründende Form, das "denn", "also", "wie z. B." getäuscht,
+einen Augenblick an eine wirkliche Begründung glauben, also dem nichts
+bedeutenden Satze die entsprechende Geltung zugestehen werde.
+
+Immerhin wird auch hierbei der Witz gewinnen, wenn zur äusseren Form eine
+gewisse, nur logisch ungenügende, sachliche Beziehung hinzutritt. Dies
+gilt auch von einigen Fällen der witzigen Urteilsverbindung, die noch
+besondere Hervorhebung verdienen. Ich meine zunächst den "_verdeckten
+Hieb_" oder die "_gelegentliche Abfertigung_", die eine wichtige
+Bemerkung, durch die jemand getroffen werden soll, in eben ihr
+fremdartigen Zusammenhang zugestandener Thatsachen nebenbei einflicht, so
+dass sie als dazu gehörig und mit ihm gleich unangreifbar erscheint, oder
+die umgekehrt eine richtige Behauptung in einen Zusammenhang offenbar
+unsinniger Behauptungen gelegentlich verwebt und dadurch als gleichfalls
+unsinnig charakterisiert. Die Möglichkeit dieser Witzart beruht darauf,
+dass wir auch in unserem Glauben und Nichtglauben einem Gesetze der
+Trägheit unterliegen. Sind wir einmal im Zuge für wahr oder für nichtig
+zu halten, Beifall zu spenden oder zu verurteilen, so lassen wir uns
+nicht so leicht irre machen. Wir bedürfen sozusagen eines neuen Anlaufes,
+damit wir wieder kritikfähig werden. Aber eben dazu lässt uns die
+gelegentliche Bemerkung keine Zeit.
+
+Diesem Falle steht zur Seite und doch in gewisser Art entgegen das
+"_witzige Ceterum censeo_", das eine Behauptung dadurch beweist, dass es
+sie mit möglichst verschiedenartigen Thatsachen verbindet, und durch die
+Art der Verbindung als den Punkt erscheinen lässt, in dem alle die
+Thatsachen münden, oder von dem sie alle ausgehen.
+
+Schliesslich muss noch ein Fall ganz besonders hervorgehoben werden,
+nämlich der Fall der nicht nur nebenbei ironisierenden, sondern
+eigentlich "ironischen Urteilsverbindung". Sie ist wiederum "_witzige
+Einschränkung_" oder "_ironische Widerlegung_". Jene verkündigt eine
+angebliche Thatsache, z. B. volle Pressfreiheit, um dann Ausnahmen oder
+Einschränkungen hinzuzufügen, die von der Thatsache nichts mehr übrig
+lassen. Diese widerlegt ein scheinbar angenommenes Urteil--"Brutus ist
+ein ehrenwerter Mann; so sind sie alle ehrenwerte Männer"--durch
+Thatsachen, die dasselbe scheinbar bestätigen. In beiden sind die
+Bedingungen der Ironie verwirklicht, insofern beide ein nichtiges Urteil,
+das erst wie ein gültiges auftritt, vernichten und in sein Gegenteil
+umschlagen lassen. Nur dass bei der ironischen Widerlegung auch der
+Schein der Bestätigung umschlägt. Das Mittel der Vernichtung sind beide
+Male Thatsachen. Damit ist eine zweite Art der Ironie gewonnen neben
+jener, die in der ironischen Bezeichnung uns entgegentrat.
+
+B. Eine innere sachliche Beziehung und zwar zunächst eine innere
+Verwandtschaft oder teilweise Inhaltsgleichheit liegt der witzigen
+Urteilsbeziehung zu Grunde vor allem in den der witzigen
+Begriffssubstitution analogen Fällen, in denen eine Wahrheit in--logisch
+betrachtet--zu allgemeiner Form oder in Form einer Analogie, oder zu
+speciell ausgesprochen wird, doch so, dass aus dem vorhandenen Urteile
+das gemeinte, also jene Wahrheit, unmittelbar abgeleitet werden kann. Ich
+beantworte eine Frage, spreche ein Urteil, einen Tadel aus, nicht direkt,
+sondern in Form einer allgemeinen Wahrheit, eines Urteils, das sich auf
+ähnliche Dinge oder vergleichbare Verhältnisse bezieht, durch eine
+Geschichte, ein Beispiel, das ich erzähle oder an das ich erinnere.
+
+Diese Witzart kann als "_witzige Urteilssubstitution_", sie könnte, wenn
+es erlaubt wäre, das Wort Allegorie in seinem weitesten Sinn zu nehmen,
+auch als "_witzige Allegorie_" bezeichnet werden. Wie bei der witzigen
+Begriffssubsitution, so sind hier die drei Möglichkeiten: die
+Substitution ist einfach logische, bildliche, parodische. Die beiden
+letzteren begründen das "_witzig bildliche Urteil_" und das "_parodische
+Urteil_".
+
+Wiederum sind innerhalb der ersteren, nicht bildlichen oder parodischen
+Art diejenigen Unterarten die wichtigsten, die das gemeinte Urteil durch
+eines von verwandtem oder von speciellerem Inhalt ersetzen. Das Eine wie
+das Andere kann geschehen in einem Satze oder in längerer Rede: in
+Epigrammen, Sprichwörtern, wie sie der Volkswitz schafft, oder in
+ausgeführten Gleichnissen, Schwänken, Fabeln. "Aus ungelegten Eiern
+schlüpfen keine Hühner"; "Wer auf dem Markt singt, dem bellt jeder Hund
+ins Lied"; "Die Laus, die in den Grind kommt, ist stolzer als die schon
+drin sitzt", so sagt der Volkswitz, und drückt damit drastisch allgemeine
+Wahrheiten aus. Dagegen erzählt _Hans Sachs_ in "St Peter mit der Gais"
+eine _Geschichte_, um zu zeigen, wie thöricht es ist, Gott ins
+Weltregiment zu reden.--Nebenbei muss bemerkt werden, dass das
+volkstümliche Sprichwort aller möglichen Mittel des Witzes sich bedient,
+die in diesem Zusammenhange erwähnt wurden, deren eigentümliche
+Verwendung innerhalb des Volkssprichwortes aber nicht jedesmal bezeichnet
+werden konnte.
+
+Auch das witzig bildliche Urteil ist vorzugsweise im Volkssprichwort zu
+Hause. Von der bildlichen Bezeichnung ist es dadurch unterschieden, dass
+es ganz in die Sphäre des Bildes sich begiebt und da urteilt. Es muss
+zunächst in der bildlichen Sphäre einleuchten, und es muss ebendarum auch
+einleuchten, wenn das Bild in die Sache übersetzt wird. "Die Nase hoch
+tragen" ist bildliche Bezeichnung. "Wer die Nase hoch trägt, dem regnet's
+hinein" ist ein bildliches Urteil. Solche Urteile werden witzig in dem
+Masse als sie zugleich fremdartig, überraschend, im Grunde zum Ausdruck
+ihrer Meinung logisch ungeeignet erscheinen.--In ausgeführterer Weise und
+kunstmässiger tritt das bildliche Urteil auf in der "_Allegorie_" im
+engeren Sinne. Man denke etwa an _Schiller_'s "Pegasus im Joche."
+
+Ebenso wie zur bildlichen Bezeichnung das bildliche Urteil, verhält sich
+zur parodischen Bezeichnung das parodierende Urteil. Es kann sich
+steigern bis zur ausgeführten Parodie, die Gewöhnliches in der Sprache
+und Form der hohen Epik oder umgekehrt Erhabenes in der Sprache des
+Alltagslebens darstellt. Die letztere Art der Parodie pflegt man auch
+wohl als Travestie zu bezeichnen. Kleidet das parodierende Urteil, was es
+sagen will, nicht nur im allgemeinen in die Sprache und Form, die nun
+einmal einer fremden Gedankenwelt eigentümlich ist, sondern in Worte, die
+einem bestimmten fremdartigen Gedankenzusammenhange angehören, so wird es
+zum "parodierenden Citat". Jedes Citat, das sich an Stelle einer direkten
+Aussage setzt, gehört hierher, wenn es genügend fremdartig klingt.
+
+Bei Betrachtung der witzigen Begriffssubstitution hob ich besonders
+hervor die karikierende und speciell hyperbolische, andererseits die
+charakterisierende und ironische. Diese Unterschiede gelten auch hier.
+Aber nur auf die hierhergehörigen ironischen Urteile mache ich besonders
+aufmerksam. Wir begegneten dort einer ironischen Bezeichnung im engeren
+und eigentlichen Sinne. Dieser entspricht das einfache "_ironische
+Urteil_". Es wäre ein parodierendes Urteil mit ironischem Charakter, wenn
+ich dem Wunsch eines anderen, eine Kleinigkeit, die er bei mir sieht, in
+die Hand oder an sich zu nehmen, mit den Worten begegnete: Die Sterne,
+die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht. Ich redete von
+Sternen und meinte etwas einem Sterne möglichst wenig Ähnliches. Ein
+ironisches Urteil aber hätte ich damit nicht gefällt. Dazu gehört, nach
+unserem Begriff der Ironie, dass das ganze Urteil als solches, indem es
+gefüllt wird, zergeht und in sein Gegenteil umschlägt. Und ein einfaches
+ironisches Urteil kann nur dasjenige heissen, das ohne weiteres oder in
+sich selbst zergeht und umschlägt, indem es ins Dasein tritt. Ein solches
+ironisches Urteil fälle ich, wenn ich jemand lobe, dass er seine Pflicht
+gethan, so oder so sich verhalten habe, in keiner anderen Absicht, als um
+ihm zum Bewusstsein zu bringen, dass er alles das nicht gethan hat. Nur
+die Art des Urteils und die Gelegenheit, bei der es auftritt, machen
+hier, dass das Urteil ins Gegenteil umschlägt.
+
+In allen vorstehend erörterten Fällen lässt der Witz aus einem Urteil ein
+anderes ableiten. Ihnen stehen diejenigen gegenüber, in denen er es
+selbst ableitet. Die Ableitung kann blosses Spiel sein, und sie kann
+wiederum eine neue Art der witzigen Ironie repräsentieren. In jenem
+Falle, dem der einfachen "_witzigen Folgerung_", muss vor allem die
+Unerlaubtheit der Ableitung, in diesem, dem der "_ironischen Folgerung_",
+vor allem die Nichtigkeit des Abgeleiteten einleuchten. Ich abstrahiere
+aus einem Begegnis, das mir erzählt wird, oder das ich selbst erlebt
+habe, und an dem nicht eben viel Besonderes ist, scherzend eine Regel,
+die auf das Erzählte passt, aber darum doch durchaus nicht aus ihm folgt,
+zum Beispiel aus einem kleinen Unfall, der jemand bei einem Spaziergang
+traf, die Regel, dass Spazierengehen eine höchst schädliche und
+naturwidrige Beschäftigung sei. Damit vollziehe ich eine, wenn auch in
+dem angegebenen Beispiele nicht gerade erschütternde, witzige Folgerung.
+
+Dagegen leitet die ironische Folgerung aus einem in sich nichtigen oder
+als nichtig angenommenen Urteile, dessen Recht sie scheinbar anerkennt,
+ein anderes ebenso nichtiges, bezw. das Recht zu einem solchen ab, um mit
+der Nichtigkeit dieses zugleich die Nichtigkeit jenes Urteils
+eindringlich zu machen. Bei dieser ironischen Folgerung ist die Ironie
+auf ihrer vollen Höhe. Durch ein selbst Nichtiges, in dessen Gewand sich
+die Wahrheit kleidet, also auf gleichem Boden oder mit gleichen Waffen,
+werden die Ansprüche des Nichtigen in ihr Gegenteil verkehrt.
+
+Es kann dies aber in mannigfacher Weise geschehen. Ich illustriere eine
+thörichte allgemeine Behauptung durch "_ironische Exemplifikation_", d.
+h. durch ein Beispiel, dessen Sonderbarkeit einleuchtet, oder bringe
+umgekehrt ein specielleres Urteil zu Fall durch "_ironische
+Verallgemeinerung_"; ich widerlege eine Lüge durch "_ironische
+Analogie_", d. h. indem ich ihr nach Art des _Gellert_'schen Bauern eine
+andere gleichartige an die Seite setze. In der Regel wird diese ironische
+Analogie zugleich "_ironische Steigerung_" sein. Kein besseres Mittel
+Aufschneidereien zu widerlegen, als indem man sie überbietet, und so die
+Aufschneiderei offenkundig macht.
+
+Auch in Handlungen kann sich diese Witzart verwirklichen. Sie wird dann
+zum "_witzigen Bezahlen mit gleicher Münze_". Ich behandle jemand, der an
+mir oder einem Dritten eine Ungeschicklichkeit oder ein Unrecht gethan
+hat, bei gleicher Gelegenheit in genau derselben Weise, nicht so, dass
+ich mich zu rächen, sondern vielmehr so, dass ich ihm Recht zu geben und
+daraus das gleiche Recht für meine Handlungsweise abzuleiten scheine.
+Indem ihm mein Unrecht einleuchtet, folgt dann daraus für ihn sein
+Unrecht und seine Beschämung.
+
+2. Kaum habe ich nun nötig, die witzigen Urteilsbeziehungen, die auf
+erfahrungsgemässem Zusammenhang beruhen, noch besonders zu bezeichnen.
+Der Unterschied zwischen ihnen und der vorigen Art besteht nur eben
+darin, dass der erfahrungsgemässe Zusammenhang an die Stelle der
+teilweisen sachlichen Übereinstimmung tritt.
+
+Auf Grund dieses Zusammenhanges lässt ein Urteil ein anderes erschliessen
+in den Fällen des "_witzigen Erratenlassens_" im engeren Sinne. Ich lobe
+etwa, um mein Urteil über einen Gegenstand befragt, Nebensächlichkeiten,
+die nicht gemeint waren, und gebe damit zu erkennen, dass ich den
+Gegenstand selbst nicht eben loben kann. Oder:--Ihr Herr Vater war ja
+auch ein ehrlicher Mann, sagt _Heine_ zu einem Börsenbaron, der sich
+wundert, dass die Seine oberhalb Paris so rein und unterhalb so schmutzig
+sei, und fordert damit auf, diesen erfahrungsgemässen Zusammenhang auf
+den Herrn Baron zu übertragen und daraus sich über letzteren ein Urteil
+zu bilden.
+
+Dagegen wird im Witze selbst aus einem Urteil, bezw. einer Thatsache ein
+Urteil von anderem Inhalt erschlossen, wenn Phokion das Klatschen der
+Menge mit der Frage beantwortet: Was habe ich Dummes gesagt?--Die
+"_witzige Konsequenz_", wie wir solche Fälle im Unterschied zur witzigen
+Folgerung nennen wollen, wendet sich hier zurück und lässt zugleich ein
+Urteil über die Thatsache, auf der sie beruht, erraten. Insofern ist sie
+besonderer Art, "Abfertigung durch witzige Konsequenz", und von der
+"einfachen witzigen Konsequenz", die nur scherzweise unerlaubte
+Konsequenzen zieht, verschieden.
+
+Dagegen nähert sie sich der "_ironischen Konsequenz_", die, der
+ironischen Folgerung analog, aus einem nichtigen Urteil nach Gesetzen
+erfahrungsgemässer Zusammenhänge nichtige Urteile ableitet und so
+wiederum Thorheit durch Thorheit vernichtet.
+
+
+DER WITZIGE SCHLUSS.
+
+V. Unter dem "_witzigen Schluss_" kann nach dem Bisherigen nur der Witz
+verstanden werden, der ausdrücklich in Schlussform auftritt. Denn ein
+Schluss _vorausgesetzt_ wird im Grunde bei jedem Witze. Es ist aber bei
+ihm in der That die Schlussform das einzig Auszeichnende, während die
+Mittel dieselben sind, die in den anderen Hauptarten, vor allem den
+witzigen Urteilsbeziehungen, bereits vorliegen. So ist der witzige
+Schluss, der im zweiten Abschnitt angeführt wurde: "Wer einen guten Trunk
+thut etc., der kommt in den Himmel", der Art nach nur eine Reihe von
+witzigen Begriffsvertauschungen, bei denen Begriffe abwechselnd im
+engeren und im weiteren Sinne genommen werden.
+
+Eine Einteilung nach den Mitteln, durch die der Witz zu stande kommt, ist
+die in Obigem versuchte Einteilung. Sie ist ebendamit nicht eine
+Einteilung nach dem ästhetischen Gesichtspunkt. Dieser Gesichtspunkt wird
+später zu seinem Rechte kommen.
+
+ * * * * *
+
+V. ABSCHNITT. DER HUMOR.
+
+
+XIV. KAPITEL. KOMIK UND ÄSTHETISCHER WERT.
+
+
+ALLGEMEINES ÜBER "ÄSTHETISCHEN WERT".
+
+Das ästhetisch Wertvolle ist in unseren Tagen gelegentlich vom Schönen
+unterschieden worden. Der Streit hierüber wäre jedoch ein blosser
+Wortstreit. Ich entziehe mich demselben, indem ich erkläre, dass ich
+unter dem Schönen, wie freilich im Grunde jeder, nichts anderes verstehe,
+als eben das ästhetisch Wertvolle. Das Verhältnis des Komischen zum
+ästhetisch Wertvollen ist also das Verhältnis des Komischen zum Schönen,
+und umgekehrt.
+
+Wertvoll ist dasjenige, das Wert hat, d. h. das so beschaffen ist, dass
+es für uns erfreulich sein kann. Ästhetisch wertvoll ist dasjenige, das
+um seiner Beschaffenheit willen Gegenstand der ästhetischen Freude oder
+des ästhetischen Genusses sein kann.
+
+Dies müssen wir nach einer bestimmten Richtung hin genauer bestimmen.
+Etwas kann Wert haben, weil es ein an sich Wertvolles, d. h. vermöge
+seines blossen Daseins Erfreuliches schafft, hervorbringt, ermöglicht,
+etwa eine wertvolle Erkenntnis, oder eine wertvolle Erinnerung, oder das
+Dasein eines von ihm unterschiedenen wertvollen Objektes. Solcher Wert
+ist Nützlichkeitswert. Dabei nehme ich dies Wort, wie man sieht, nicht im
+engsten, sondern in einem weiteren, über die blosse _praktische_
+Nützlichkeit hinausgehenden Sinne.
+
+Davon nun unterscheidet sich der ästhetische Wert, sofern er Wert des
+wertvollen Objektes selbst ist, also ein Wert, dessen wir inne werden,
+indem wir nur dies Objekt, so wie es ist oder sich uns darstellt, uns
+vergegenwärtigen und auf uns wirken lassen. Mit einem Worte, der
+ästhetische Wert ist Eigenwert; der ästhetische Genuss Genuss dieses
+Eigenwertes.
+
+Hiermit ist nicht etwa eine Definition des "ästhetischen Wertes" gegeben,
+sondern nur gesagt, welcher umfassenderen Gattung von Werten der
+ästhetische Wert angehöre. Auch das sinnlich Angenehme und das sittlich
+Gute sind ja an sich wertvoll. Ich habe also hier lediglich das
+ästhetisch Wertvolle mit diesen anderen Arten des Wertvollen
+zusammengeordnet.
+
+Aber vielleicht gesteht man mir das Recht dieser Zusammenordnung nicht
+zu. Oder man findet, damit sei ein Standpunkt bezeichnet, dem gegenüber
+andere Standpunkte möglich seien.
+
+Dann bemerke ich, dass ich hier allerdings nicht einen Standpunkt
+vertreten, sondern eine Thatsache feststellen will. Die Thatsache aber,
+um die es hier sich handelt, ist im wesentlichen eine Thatsache des
+Sprachgebrauches.
+
+Es handelt sich um den "ästhetischen Wert". Nicht jeder ästhetische Wert
+ist Wert eines _Kunstwerkes_. Auch Naturobjekte haben ästhetischen Wert.
+Wohl aber gilt das Umgekehrte: Jedes Kunstwerk hat, sofern es diesen
+Namen verdient, ästhetischen Wert. Daraus folgt, dass das Spezifische des
+ästhetischen Wertes nur in Etwas liegen kann, dem wir auch beim
+Kunstwerke, und zwar bei jedem Kunstwerke begegnen.
+
+Andererseits könnte ein Kunstwerk, nicht überhaupt, sondern als solches,
+auch noch einen anderen als den ästhetischen Wert haben. Und es könnte
+speciell sein "_Kunstwert_" in einem solchen von "ästhetischen" Werten
+prinzipiell verschiedenen Werte bestehen.
+
+Dann ist unsere Frage eine doppelte. Sie lautet einmal: Was macht den
+Wert des Kunstwerkes? und zum anderen: Was macht seinen ästhetischen
+Wert?
+
+Zunächst fragen wir: Worin besteht der Sinn des Wortes "Kunst"? Darauf
+sind verschiedene Antworten möglich. Etwa: "Kunst" kommt von "Können".
+Kunst ist also jedes Können u. s. w.
+
+Indessen der Sprachgebrauch unterscheidet auch deutlich zwischen "Kunst"
+und "Kunst". Es giebt eine "Kunst", von der die Kunstgeschichte
+berichtet, die denjenigen, der sie treibt, zum Künstler, nicht zum
+blossen Handwerker oder "Artisten" stempelt. Diese Kunst ist es, deren
+Erzeugnisse ästhetischen Wert und "Kunstwert" besitzen.
+
+Um nun den Sinn dieser "Kunst" festzustellen, giebt es soviel ich sehe,
+nur einen Weg. Wir müssen fragen, welche Arten derselben vorliegen; was
+für Erzeugnisse der menschlichen Thätigkeit nach jedermanns Meinung, in
+jenem eben angedeuteten engeren oder höheren Sinne des Wortes,
+_Kunstwerke_ sind.
+
+Diese Frage aber beantworten wir, indem wir uns erinnern, dass
+beispielsweise die Poesie, die Malerei, die Plastik, die Architektur, die
+Musik allgemein als solche Künste bezeichnet werden. Die Frage lautet
+also: Was haben diese Künste Gemeinsames? Dies Gemeinsame muss den
+allgemeinen Sinn des Wortes "Kunst" ausmachen.
+
+
+ERKENNTNISWERT UND ÄSTHETISCHER WERT.
+
+Ich habe oben vom ästhetischen Wert die Nützlichkeitswerte, im weiteren
+Sinne dieses Wortes, unterschieden. In verschiedenen solchen
+Nützlichkeitswerten könnte der Sinn der Kunst gefunden werden. Ich
+schliesse hier gleich diejenigen aus, die niemand mit dem Werte, den das
+Kunstwerk, eben als Kunstwerk hat, oder kurz: mit dem _künstlerischen_
+Werte des Kunstwerkes verwechselt: etwa den Kaufwert eines Gemäldes, oder
+den zufälligen Affektionswert, oder den Wert als kunsthistorisches
+Dokument, oder endlich den praktischen Wert, wie ihn etwa die Musik, als
+kriegerische Musik, besitzt.
+
+Dann bleiben noch übrig allerlei Erkenntniswerte oder durch Erkenntnis
+vermittelte Werte. Hiermit habe ich schon einen Unterschied angedeutet,
+den wir festhalten wollen. Es bestehen offenbar die beiden Möglichkeiten:
+Das Kunstwerk kann seinen Wert haben, weil es Erkenntnis vermittelt; oder
+dieser Wert beruht darauf, dass uns das Kunstwerk das Dasein eines
+_Wertvollen_ ausser ihm selbst erkennen lässt. Im ersteren Falle wäre der
+Wert des Kunstwerkes der Wert einer Erkenntnis, die Wertschätzung des
+Kunstwerkes Freude an einem Erkennen als solchem, an einem Wissen, an
+einer Einsicht. Im letzteren Falle dagegen wäre der Wert des Kunstwerkes
+der Wert dessen, was wir aus der Betrachtung desselben erkennen, die
+Wertschätzung des Kunstwerkes wäre die Freude--nicht an einem Erkennen,
+sondern an einem, durch Hilfe des Kunstwerkes _erkannten_ Objekte oder
+Thatbestande.
+
+Achten wir zunächst auf die erstere Möglichkeit. Man sagt etwa, das
+dramatische Kunstwerk "zeige" uns, wie es in der Welt zugehe, was es um
+Menschen, Menschenleben und Menschenschicksal für eine Sache sei.
+
+Hier erhebt sich sofort ein Bedenken. Über die Wirklichkeit Aufschluss
+geben können uns doch nur Thatsachen, die der Wirklichkeit angehören,
+oder von denen wir wissen, dass sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
+Die erdichteten Charaktere und Schicksale des dramatischen Kunstwerkes
+insbesondere müssen von uns als der Wirklichkeit gemäss erkannt sein,
+wenn sie als über die Wirklichkeit belehrend von uns anerkannt werden,
+wenn wir also aus ihnen Belehrung schöpfen sollen. Ist dies nicht der
+Fall, fehlt uns der Eindruck der Wirklichkeitsgemässheit, so sehen wir in
+ihnen eben willkürliche Erzeugnisse der dichterischen Phantasie, die mit
+der Wirklichkeit nichts zu thun haben. Diesen Eindruck der
+Wirklichkeitsgemässheit können wir aber nur gewinnen, wenn wir bereits
+wissen, wie es um die Wirklichkeit bestellt ist.
+
+Indessen so meint man die Sache nicht. Wir sollen nicht über das, von dem
+wir vorher keine Kenntnis haben, im Kunstwerk belehrt werden; sondern es
+soll uns, was wir schon wissen, "gezeigt", vor Augen gestellt, zur
+Anschauung gebracht werden. Unser wissenschaftliches Wissen ist ein
+allgemeines, abstraktes, in allgemeine Begriffe und Regeln gefasstes. Im
+Kunstwerk dagegen tritt uns an Stelle der Regel der bestimmte einzelne
+Fall entgegen, nicht ein beliebiger, sondern ein typischer oder
+charakteristischer, bei dem zugleich allerlei weggelassen ist, was nicht
+zur Sache gehört. Das Kunstwerk zeigt uns unser Wissen, in dem einen
+Falle in eigentümlicher Weise _verdichtet_, so das wir daraus unmittelbar
+und zugleich in besonderer Reinheit, Klarheit, Einfachheit das
+Wesentliche bestimmter Thatsachen und Verhältnisse der Wirklichkeit
+wiedererkennen.
+
+Solches Wiedererkennen hat zweifellos Wert. Es freut uns, wenn wir an
+einem Exemplar einer Gattung, etwa an einer Pflanze, die Eigentümlichkeit
+der Gattung besonders leicht und unmittelbar wiedererkennen. Es freut uns
+das Experiment, das uns ein physikalisches Gesetz in besonders
+unmittelbar anschaulicher Weise vergegenwärtigt. Gleichartig wäre die
+Freude an jenem Wiedererkennen der Gesetze oder der allgemeinen Weisen
+des Geschehens in der Menschenwelt, wenn uns in einem dramatischen
+Kunstwerk ein besonders klarer und einleuchtender Fall desselben
+vorgeführt wird.
+
+Aber wenn uns nun auch die _Dramatik_ die Freude solchen Wiedererkennens
+oder solcher anschaulichen Auffassung der bekannten Wirklichkeit
+verschaffen kann, wie ist es in diesem Punkte mit der Musik bestellt?
+
+Es ist klar: Was die Musik giebt, ist völlig anderer Art. Die Musik
+schliesst unmittelbar in sich Weisen der Bewegung, ein Jubeln, ein
+Klagen, ein sehnsuchtsvolles Verlangen, rasches Stürmen, sanftes Gleiten.
+Alles dies erleben wir in uns, wenn wir die Musik hörend uns zu eigen
+machen. Dies Erleben ist beglückend. Was wir so unmittelbar erleben,
+macht den Wert des musikalischen Kunstwerkes.
+
+Hierauf kann man erwidern: Musik sei eben nicht Dramatik. Kein Wunder,
+wenn beide Verschiedenes leisten.
+
+Aber man vergesse nicht, was hier in Frage steht. Es ist der Sinn der
+"Kunst". Was will die menschliche Thätigkeit, die man mit diesem Namen
+bezeichnet? Zweifellos sind die Künste von einander verschieden. Und
+demgemäss ist von vornherein klar, dass sie Verschiedenes wollen müssen.
+Die Dramatik will dies, die Bildnerei jenes, die Musik ein Drittes. Aber
+ich frage hier nicht: Was will die Dramatik als Dramatik, die Bildnerei
+als Bildnerei, die Musik als Musik; sondern: Was wollen sie alle, als
+Beispiele des einen Begriffes der "_Kunst_". Welches Eigenartige an allen
+diesen Künsten macht sie dazu? Was charakterisiert sie als Arten der
+Kunst? Was berechtigt sie alle diesen selben Namen zu tragen? Wie die
+Künste, so wollen auch die Wissenschaften Verschiedenes. Dennoch erkennt
+jedermann das Recht der Frage an: Was Wissenschaft überhaupt wolle. Das
+gleiche Recht muss die Frage haben, was die Kunst überhaupt wolle.
+
+Auf diese Frage haben wir nun einstweilen die negative Antwort gewonnen:
+Es ist unmöglich, dass der spezifische Sinn der "Kunst" darin bestehe,
+ein "Wiedererkennen" der bezeichneten Art zu ermöglichen oder die Freude
+eines solchen Wiedererkennens zu gewähren. Es ist unmöglich, dass die
+Kunst als solche die Aufgabe habe uns eine einfachere, leichtere, klarere
+Auffassung von Dingen oder Vorgängen der Wirklichkeit zu verschaffen.
+
+Oder dürfen wir nicht Wissenschaft und Kunst, so wie wir soeben thaten,
+in Parallele stellen? Ist zwar die Wissenschaft einheitlich, und auf das
+gleiche Ziel gerichtet, Kunst aber ein Sammelname für Heterogenes?
+
+Dann beachte man, wie heterogen unter solcher Voraussetzung die Künste im
+Vergleich miteinander sein müssten. Jenes Wiedererkennen, jene einfache,
+klare, leichte Auffassung ist ein intellektueller Vorgang, ein Akt des
+Verstandes, die Freude daran intellektuelle Freude. Solche Freude zu
+gewähren soll der eigentliche Sinn und Zweck gewisser Künste sein,
+während andere ihrer Natur nach bestimmt sind, eine völlig andere Seite
+unseres Wesens in Thätigkeit zu setzen.
+
+Fassen wir diesen Gegensatz in seiner vollen Schärfe. Es giebt _einen
+fundamentalsten_ Gegensatz des psychischen Geschehens oder des
+"Vorstellungsablaufes". Dieser Gegensatz ist kein anderer als der
+Gegensatz des logischen Verhaltens, des Intellektes, der
+Verstandesthätigkeit einerseits, und jeder sonstigen Weise der
+psychischen Thätigkeit andererseits. In unserem logischen Verhalten,
+unserem Denken und Erkennen, ist der Vorstellungsverlauf objektiv
+bedingt, das heisst: er ist bedingt und einzig bedingt durch die Weise
+der Objekte unseres Bewusstseins, ohne unser Zuthun, als diese bestimmten
+Objekte in uns aufzutreten und in dieser bestimmten Weise miteinander
+verbunden zu sein. Er ist objektiv bedingt, das heisst: wir, unser ganzes
+Wesen, verhält sich zur Beschaffenheit der Bewusstseinsobjekte und der
+Weise ihrer Verbindung passiv oder gleichgültig. Unsere Neigungen und
+Wünsche, dass etwas so oder so sei, sind in solchem Vorstellungsverlauf
+ausser Wirkung gesetzt. Es giebt innerhalb desselben nur ein Interesse,
+nämlich das Interesse, ohne alles Interesse an der _Beschaffenheit_ des
+Vorgestellten und der Weise seiner Verbindung lediglich den Forderungen
+zu genügen, die die Objekte des Bewusstseins an uns stellen, oder
+lediglich der "objektiven Nötigung" zu gehorchen, der wir unterliegen,
+wenn wir jede Reaktion unseres Wesens dem Inhalte der Objekte und der
+Weise ihrer Verbindung gegenüber unterlassen.
+
+Diesem objektiv bedingten Vorstellungsverlauf oder inneren Verhalten
+steht gegenüber das subjektiv bedingte, von dem das völlige Gegenteil
+gilt. Der Vorstellungsverlauf ist subjektiv bedingt, das heisst: es kommt
+darin eben die Anteilnahme unserer Persönlichkeit oder die "Reaktion"
+unseres Wesens auf den Inhalt des Vorgestellten und die Beschaffenheit
+der Vorstellungszusammenhänge zur Aussprache. Es giebt sich darin kund,
+was das Vorgestellte für uns, so wie wir einmal sind, bedeutet, ob seine
+Beschaffenheit mit unserem Wesen einstimmig ist, oder ihm widerstreitet,
+ihm zusagt oder widerstrebt, ob sie uns erfreut, erhöht, ausweitet, oder
+in uns Unlust weckt, uns niederdrückt, uns einengt.--Es ist, nebenbei
+bemerkt, eine gar nicht selbstverständliche, sondern höchst merkwürdige
+Thatsache, dass diese beiden Weisen psychischer Bethätigung nicht nur
+nebeneinander existieren, sondern vollkommen unabhängig voneinander sich
+vollziehen können, dass wir also das eine Mal logisch oder erkennend
+thätig sein, das heisst unseren Wünschen, oder der Reaktion unseres
+Wesens auf die Beschaffenheit des Vorgestellten den Einfluss auf den
+Vorstellungsverlauf verbieten, das andere Mal dagegen eben diesen
+Reaktionen unseres Wesens uns überlassen können. Es ist eine merkwürdige
+Sache um diese wechselseitige Selbständigkeit von "Verstand" und "Gemüt".
+
+Und in diese verschiedenen psychischen Lebensgebiete nun sollen die
+"Künste" sich teilen. Gewisse Künste sollen an den "Verstand", andere an
+das "Gemüt" sich wenden. Bei einigen soll die Frage lauten: Was oder wie
+ist dies, bei anderen: Wie vermag mich dies innerlich anzumuten. Offenbar
+gehörten jene Künste demselben Lebensgebiete an, dem die Wissenschaft
+angehört, diese dem Gebiete des psychischen Lebens, das für die
+Wissenschaft ihrer Natur nach nicht besteht und nicht bestehen darf.
+
+Angenommen, das Wort Kunst hätte in der That unserem Sprachgebrauch
+zufolge diese grundsätzlich verschiedene Bedeutung, so müssten wir, da
+doch Begriffe im wissenschaftlichen Zusammenhange nicht völlig
+Heterogenes vereinigen sollen, uns entschliessen von jetzt an nur noch
+die eine Gruppe von Künsten mit diesem Namen zu bezeichnen. Und zwar
+müsste dies die Gruppe sein, der die Musik angehört. Die andere könnte
+dann etwa unter dem Namen "Künste der Belustigung des Verstandes und
+Witzes" zusammengefasst werden.
+
+Indessen diese Scheidung ist nicht erforderlich. Wir dürfen von
+vornherein annehmen, dass diejenigen, die den Wert der Werke gewisser
+Künste, etwa der Dramatik oder der Malerei oder der Plastik, darein
+setzen, dass sie uns etwas wiedererkennen lassen, uns etwas zeigen, uns
+Rätsel lösen, in die Wirklichkeit oder das Leben einen Einblick gewähren,
+uns von Thatsächlichem Verständnis schaffen, uns eine leichte, sichere,
+anschauliche Auffassung desselben ermöglichen, oder wie die Wendungen
+sonst lauten mögen,--dass sie alle im Grunde nicht meinen, was sie sagen,
+oder dass sie bei dem, was sie sagen, Anderes stillschweigend
+voraussetzen, oder ihnen selbst unbewusst mit einschließen.
+
+Und es ist leicht zu sehen, was dies sein muss. Zweifellos hat ja die
+dramatische Kunst,--um speciell bei dieser zu bleiben--die Absicht uns
+durch Vorführung charakteristischer Fälle zu zeigen, was es um
+Menschendasein und Menschenschicksal für eine Sache ist. Aber damit ist
+nicht gesagt, dass hierin ihre Endabsicht besteht. Wer mir dergleichen
+"zeigt", kann ja gar nicht umhin--da ich doch nun einmal auch Mensch
+bin--mir zugleich den entsprechenden Eindruck zu schaffen. Und zeigt er
+mir's in der Weise, wie es die Dramatik thut, dann heisst dies: Ich lebe
+in ganz eigenartig eindrucksvoller Weise das Menschendasein und
+Menschenschicksal mit. Meine Persönlichkeit,--nicht mein die Thatsachen
+nur einfach hinnehmender Verstand,--findet darin ihre eigenen
+Lebensmöglichkeiten, Lebensbedürfnisse, Lebensantriebe verwirklicht.
+
+Fassen wir die Sache so, dann verstehen wir, warum die Dramatik mir Leben
+"zeigt", mir einen "Blick" in dasselbe gewährt, mich dasselbe leicht,
+sicher, anschaulich "auffassen" lässt; und wiefern sie dies, als Gattung
+der "Kunst", notwendig thut. Das Leben, das ich mitleben soll, muss eben
+doch für mich da sein. Es kann aber für mich im Kunstwerk da sein, nur
+soweit ich in demjenigen, was das Kunstwerk meinen Sinnen bietet, ein mir
+bekanntes, nämlich aus der Wirklichkeit bekanntes Leben "wiedererkenne".
+Ich muss die Sprache des Kunstwerkes "verstehen", wenn es überhaupt für
+mich eine Sprache reden soll. Und je tiefer das Kunstwerk in das mir
+bekannte Leben greift, und mich einen "Blick" in dies Leben und seine
+"Rätsel" thun lässt, desto tiefer geht auch mein Miterleben.
+Andererseits, je leichter, klarer, unmittelbarer dies Leben von mir aus
+dem Kunstwerk herausgelesen werden kann, umso sicherer und reiner kann
+mein Miterleben geschehen.
+
+So besteht also der allgemeine Sinn der Kunst, mag sie nun Musik oder
+Dramatik oder sonstwie heissen, darin, dass ich--nicht an einer
+Verstandeseinsicht oder Bethätigung des Intellektes, sondern an der
+Bethätigung meiner zu innerem Anteil fähigen Persönlichkeit reicher
+werde. Nur verwendet dazu natürlich jede Kunst die Mittel, die sie hat.
+Die Musik hat aber dazu nun einmal die Töne, die Dramatik das Mittel
+einzelne Gestalten und Erlebnisse uns "schauen" zu lassen.
+
+Und damit ist zugleich das Allgemeinere gesagt, dass der Wert des
+Kunstwerkes nicht das eine Mal in etwas besteht, wozu uns das Kunstwerk
+Gelegenheit giebt, oder wozu es dienlich ist, das andere Mal in einem dem
+Kunstwerk selbst Angehörigen, sondern dass derselbe in jedem Falle der
+letzteren Art, also Eigenwert des Kunstwerkes ist. Solcher Eigenwert ist
+ja der Wert des der Musik verwirklichten und ebenso der Wert des im Drama
+von uns "wiedererkannten" Lebens. Dagegen wäre der Wert unseres
+Wiedererkennens, unserer klaren, einfachen Auffassung etc. nicht ein dem
+Kunstwerke selbst eigener, nicht ein unmittelbar in ihm liegender.
+
+
+"VERSTÄNDNIS" DES KUNSTWERKES.
+
+Wir müssen nun aber diesen Sachverhalt noch nach anderer Richtung hin
+feststellen. Ich gelangte zu demselben, indem ich nach dem spezifischen
+Sinne des alle Künste umfassenden Wortes "Kunst" fragte. Man könnte nun
+sagen; Es giebt auch eine Befriedigung des _Verstandes_, die allen
+Künsten gemeinsam ist. Nämlich die Befriedigung aus der Erkenntnis der
+Weise, wie "es" gemacht wird oder gemacht ist, aus der Einsicht in die
+künstlerische Thätigkeit oder Leistung, wie sie im Kunstwerk offenbar
+wird, aus dem "Verständnis" des Kunstwerkes in diesem Sinne.
+
+Auch solche Wendungen sind wiederum nicht eindeutig. Dreierlei sogar kann
+damit gemeint sein. Zunächst dasjenige, was damit unmittelbar gemeint
+_scheint_: Ich freue mich über meine Einsicht als solche, aber die
+Thatsache, dass ich verstehe, wie das Kunstwerk dazu kommt, als dies
+Kunstwerk dazusein, wie die Bedingungen des vorliegenden künstlerischen
+Ergebnisses zu eben diesem Ergebnisse zusammengewirkt haben oder
+zusammenwirken.
+
+Dann ist zu bemerken, dass die Einsicht in die _Unfähigkeit_ des
+Künstlers, in die _Vergeblichkeit_ seiner Bemühungen, in die
+_Zweckwidrigkeit_ der von ihm aufgewendeten Mittel, genau ebensogut
+"_Einsicht_" ist, wie die Einsicht von entgegengesetztem Inhalte. Und
+jene Einsicht kann eine ebenso klare und sichere, also vom rein
+intellektuellen Standpunkt ebenso befriedigende Einsicht sein. Wird man
+nun sagen, ein Kunstwerk habe, als Kunstwerk, Wert, auch wenn es nur die
+Möglichkeit einer _solchen_ Einsicht, oder eines _solchen_ Verständnisses
+gewährt, wenn ich aus ihm möglichst deutlich ersehe, welchen Bedingungen
+es seine Leerheit und Mangelhaftigkeit verdankt, und wiefern aus diesen
+Bedingungen nur eben dies Ergebnis entstehen konnte. Zweifellos hat
+dieses Verständnis _Wert_. Aber es ist darum nicht Verständnis eines
+wertvollen, sondern eines wertlosen "Kunstwerkes". Nichts Schlechtes in
+der Welt wird dadurch gut, dass ich verstehe, oder einsehe warum es nicht
+besser ist.
+
+Zweitens kann die Meinung diese sein: Ein Kunstwerk hat Wert in dem
+Masse, als darin das Vermögen des Künstlers, irgendwelche, gleichgültig
+ob sinnvolle oder widersinnige Absicht zu verwirklichen, sich kund giebt.
+Offenbar stehen wir hiermit schon an einem völlig anderen Standpunkte.
+Die Befriedigung ist jetzt nicht mehr eine solche des Verstandes. Wir
+sollen im Kunstwerk die Geschicklichkeit oder die Begabung des Künstlers
+erkennen. Aber indem wir sie erkennen, ist sie für uns da. Wir freuen uns
+nicht mehr darüber, dass wir erkennen, sondern wir freuen uns über das
+_Erkannte_. Die Geschicklichkeit des Künstlers, oder allgemeiner gesagt,
+der Künstler, ist Gegenstand unserer Freude. Der Wert des Kunstwerkes ist
+der Wert des künstlerischen Könnens, das wir aus dem Kunstwerke
+erschliessen.
+
+Dagegen könnte zunächst eingewandt werden, dass wir uns doch sonst über
+eine auf Wertloses oder Widersinniges verwendete Geschicklichkeit nicht
+zu freuen, sondern sie zu beklagen pflegen. Wir nennen denjenigen, der
+seine Geschicklichkeit so missbraucht, einen Narren. Das Erste, was wir
+vom Menschen fordern, also doch auch wohl vom Künstler fordern dürfen,
+ist, dass er Sinnvolles wolle, sich vernünftige Zwecke setze.
+
+Es kommt aber hinzu, dass wir in den allerwenigsten Fällen von den
+Absichten eines Künstlers eine genaue Kenntnis haben können. Angenommen,
+ein Stümper behauptete, er habe in jedem seiner Werke genau das
+beabsichtigt, was darin erreicht sei, und wir könnten ihm nicht das
+Gegenteil beweisen; dann müssten wir der hier vorausgesetzten Theorie
+zufolge seine Werke sämtlich für vollendete Kunstwerke ansehen. Dann wer
+genau das erreicht, was er beabsichtigt, zeigt jederzeit, dass er zur
+Erreichung seiner Absicht vollkommen "geschickt" ist. Oder, müssen wir in
+einem Falle zweifeln, ob ein "Kunstwerk" dem Ungeschick sein Dasein
+verdankt, oder genau so gemeint ist, wie wir es vor uns sehen, so müssen
+wir ebendamit zugleich zweifeln, ob es ein grosses Kunstwerk oder das
+völlige Gegenteil davon sei. Vielleicht neigen wir erst zur ersteren
+Ansicht; dann sagen wir: das ist eine Stümperei. Nachher scheint uns die
+letztere Ansicht die glaubhaftere; dann brechen wir in Kunstbegeisterung
+aus.
+
+Aber auch dies ist nicht die Meinung der Theorie, die den Wert des
+Kunstwerkes auf das künstlerische "Können" zurückführt. Mit diesem
+künstlerischen Können ist eben das _künstlerische_ Können gemeint, d. h.
+das Können, das auf künstlerische Absichten gerichtet ist. Dann hängt
+alles an der Frage: Was sind "künstlerische" Absichten.
+
+Gewiss nun sind dies nicht solche Absichten, die zu irgend einer Zeit ein
+"Künstler" hat. Ein Künstler kann allerlei Absichten haben, z. B. Essen
+und Schlafen. Er kann auch in seiner Kunst die Absicht haben, von sich
+reden zu machen, zu verblüffen, oder um jeden Preis Geld zu erwerben.
+Sondern künstlerische Absichten sind solche, die ein Künstler _als
+Künstler_ hat. Einem Künstler, so sagt man mit vollem Rechte, ist in
+seiner Kunst alles erlaubt. Noch mehr: Alles was ein Künstler will und
+thut, hat ebendamit absoluten künstlerischen Wert. Aber wann ist ein
+Künstler ein Künstler? In welchem Wollen und Thun stellt er sich als
+Künstler dar?
+
+Damit sind wir wiederum angelangt bei unserer ersten Frage. Was macht den
+specifischen Sinn des Wortes "Kunst" aus? Wir sahen: Kunst ist gerichtet
+auf Erzeugung eines in sich selbst Wertvollen. Das Kunstwerk schliesst in
+sich selbst etwas, das, wenn wir es in uns aufnehmen, unsere, der
+Anteilnahme an vorgestellten Inhalten fähige Persönlichkeit, oder, wie
+ich statt dessen auch kurz sagte, das unser "Gemüt" bereichert, erweitet,
+erhöht. Ein solches in sich selbst Wertvolles wird also notwendig der
+Inhalt der künstlerischen Absicht sein, ein solches will der Künstler,
+als Künstler. Und das Kunstwerk hat Wert, wenn wir daraus ersehen, der
+Künstler habe eine solche Absicht gehabt, und zugleich die Fähigkeit
+besessen, dieselbe zu verwirklichen.
+
+Was nun aber heisst dies anders als: Das Kunstwerk hat Wert, wenn es in
+sich selbst einen wertvollen Inhalt trägt. Die Verwirklichung der
+künstlerischen Absicht, so wie sie in einem Kunstwerke vorliegt, das ist
+doch eben das Kunstwerk. Sie ist, sofern die künstlerische Absicht auf
+einen an sich wertvollen, oder positive Anteilnahme hervorrufenden Inhalt
+gerichtet ist, das im Kunstwerke enthaltene Wertvolle oder positive
+Anteilnahme Erzeugende. Und: das _Können_ des Künstlers ist im Kunstwerke
+oder spricht sich darin aus, dies heisst nichts anderes als: Dies
+Wertvolle ist nicht bloss der Absicht nach, sondern wirklich da.
+Vielleicht kann der Künstler auch sonst noch allerlei. Aber das Können,
+das in einem bestimmten Kunstwerk vorliegt, kann nun und nimmer etwas
+anderes sein, als genau das, was dies bestimmte Kunstwerk dem Beschauer,
+der es in allen seinen Teilen und Zügen auffasst, bietet.
+
+Natürlich ist dieser Inhalt des Kunstwerkes dann auch in gleicher Weise
+für mich da, wenn ich an den Künstler und seine Bemühungen, für die dabei
+aufgewendete Kunst gar nicht denke, sondern nur dem Kunstwerk als
+solchem, oder als wäre es vom Himmel gefallen, mich hingebe.
+
+Dies weist nun auf zwei mögliche Standpunkte der Betrachtung. Der eine
+nimmt das Kunstwerk thatsächlich wie ein Geschenk des Himmels. Der andere
+erinnert sich, dass es nicht daher stammt, sondern einem Künstler und
+seinem Wollen und Können sein Dasein verdankt. Jener Standpunkt ist der
+rein ästhetische, dieser der Standpunkt des ästhetischen Theoretikers
+oder des naturgemäss am künstlerischen Thun interessierten Künstlers.
+
+Aber beide Standpunkte betrachten doch nur dieselbe Sache von
+verschiedenen Seiten. Und sie ergeben demgemäss keine verschiedene
+Beurteilung des Kunstwerkes und seines Wertes. Ich kann nicht dem
+_künstlerischen_ Können und Thun, so wie es in einem bestimmten Kunstwerk
+steckt oder sich kund giebt, Wert beimessen, ohne eben damit dem
+_Kunstwerke_ einen _gleichartigen_ Wert beizumessen. Es kommt nur in
+jenem Falle hinzu, dass ich mein Wertbewusstsein zugleich auf den
+Künstler übertrage, oder ihn, als Ursache des Wertvollen, das ich vor mir
+sehe, in meine Wertschätzung mit einbeziehe.
+
+Nicht anders verhält es sich mit allerlei verwandten Wendungen. Wir
+bewundern, so sagt man, im Kunstwerk die Phantasie, die schöpferische
+Kraft, die Individualität des Künstlers. Von allem dem kann uns aber
+wiederum das Kunstwerk nur Kunde geben, sofern es im Kunstwerk realisiert
+ist. Die Phantasie des Künstlers, die uns im Kunstwerk entgegentritt, und
+uns erfreut, das sind die im Kunstwerk verwirklichten Gestalten seiner
+Phantasie; der Reichtum dieser Phantasie ist der Reichtum des Inhaltes
+des Kunstwerkes. Ebenso ist die Individualität des Künstlers, wie sie im
+Kunstwerk sich zeigt, die Individualität, der Charakter, die in sich
+einstimmige und geschlossene Eigenart des Kunstwerkes. Und auch hier
+können wir sagen: Der Künstler mag im übrigen noch so viel Phantasie und
+eine noch so ausgeprägte Individualität haben, solange und soweit diese
+Phantasie oder diese Individualität nicht im Kunstwerk, als Inhalt oder
+Moment desselben, uns entgegentritt, besteht sie nicht für die
+Betrachtung des Kunstwerkes. Finden wir aber die Phantasie und
+Individualität im Kunstwerk, so finden wir sie da auch, und haben den
+Eindruck ihres Wertes, wenn wir den Gedanken an den Künstler völlig zur
+Seite lassen.
+
+Nicht als hätte dieser Gedanke nicht seinen Wert. Es ist eine schöne
+Sache, nicht nur, dass ein Kunstwerk so phantasievoll und charaktervoll
+ist, wie es ist, sondern auch, dass es Menschen giebt, die vermöge ihrer
+Phantasie und ihres Charakters so Phantasie- und Charaktervolles wollen
+und vollbringen können. Aber beide Werte sind in ihrer Wurzel nur einer.
+Der Künstler hat für uns Wert als derjenige, der--nicht irgend etwas,
+sondern dies Wertvolle wollte und vollbrachte. Es wird also auch hier nur
+derselbe Wert von zwei verschiedenen Seiten betrachtet.
+
+So führt uns jede Überlegung darauf zurück, dass Wert des Kunstwerkes
+eben Wert des Kunstwerkes ist, und nicht Wert von irgend etwas ausser
+ihm, zu dem das Kunstwerk Gelegenheit giebt oder dient, oder dessen
+Dasein wir aus dem Kunstwerk erschliessen.
+
+
+"KUNSTWERT".
+
+Schliesslich komme ich noch einmal zurück auf die oben als möglich
+bezeichnete Unterscheidung des "_Kunstwertes_" von dem ästhetischen Werte
+des Kunstwerkes. Auch die schöne Landschaft, der wir in der Wirklichkeit
+begegnen, hat ästhetischen Wert. Aber sie hat keinen Kunstwert. Die
+gemalte Landschaft dagegen hat Kunstwert. Was heisst dies?
+
+Zunächst einfach dies, dass die wirkliche Landschaft keine gemalte, also
+kein Kunsterzeugnis ist, dass mithin ihr ästhetischer Wert nicht der Wert
+eines Kunstwerkes sein kann. Mit anderen Worten; Wir nennen Kunstwert den
+ästhetischen Wert des _Kunstwerkes_.
+
+Dies erfordert doch noch eine genauere Bestimmung. Die gemalte Landschaft
+ist auch ästhetisch nicht dieselbe wie ihr wirkliches Vorbild. Nehmen wir
+auch an, der Künstler ändere die Motive, die Beleuchtung, den ganzen
+Inhalt und Charakter der wirklichen Landschaft nicht, sondern gebe alles
+völlig genau wieder. Dann giebt er es doch eben wieder, und zwar mit
+künstlerischen Mitteln. Er überträgt z. B. die Landschaft auf eine
+Fläche, hält sie in bestimmtem Massstabe, giebt ihr bestimmte Grenzen.
+Alles dies sind Elemente der künstlerischen Form, die der Künstler zum
+Objekte der Wirklichkeit, und den an ihm vorgefundenen und von ihm
+übernommenen Formelementen hinzufügt. Es sind Mittel, durch die eine
+specifische Weise der ästhetischen Anschauung ermöglicht und
+herbeigeführt wird, eine solche, wie sie keinem Naturobjekte gegenüber
+möglich ist. Und durch alle diese Formelemente oder Kunstmittel wird der
+wertvolle Inhalt des Kunstwerkes oder sein Wertinhalt im Vergleich mit
+dem ästhetischen Wertinhalte des Naturobjektes ein anderer und
+eigenartiger. So muss es sein, wenn die fraglichen Formelemente wirklich
+künstlerische, die Kunstmittel wirklich Kunstmittel sein sollen. Es giebt
+kein künstlerisches Formelement, das nicht, als solches, zur Eigenart des
+künstlerischen Inhaltes etwas beitrage, so wie es keinen künstlerischen,
+das heisst im Kunstwerk wirklich vorhandenen Inhalt giebt, der nicht an
+eine Form gebunden wäre. Auch Form und Inhalt beim Kunstwerke verhalten
+sich wie verschiedene Seiten _Desselben_. Künstlerische Form ist alles im
+Kunstwerke, das macht, dass ein ästhetisch unmittelbar Wirksames für uns
+im Kunstwerke da ist, und so wirkt, wie es wirkt. Und Inhalt des
+Kunstwerkes ist eben dies im Kunstwerk für uns unmittelbar Vorhandene und
+Wirksame selbst, soweit es in ihm vorhanden und wirksam ist. Was anders
+wirkt, ist eben damit ein anderes Wirksames, also ein anderer Inhalt des
+Kunstwerkes. So hat es keinen Sinn zu fragen, ob ein Kunstwerk durch die
+Form oder den Inhalt wirke, weil keines ohne das andere möglich, oder
+jede Wirkung notwendig eine Wirkung von beidem ist.
+
+Dasjenige nun, was der Künstler durch die _specifisch_ künstlerischen,
+ich meine die am Naturobjekte nicht vorgefundenen Formelemente zum
+Wertinhalte des Kunstwerkes hinzugefügt, kann man als spezifischen
+"Kunstwert", im Gegensatz zu dem ästhetischen Werte, der auch dem
+Naturobjekte als solchem eignet, bezeichnen. Es ist nach dem Gesagtem
+dasselbe, wenn ich diesen Kunstwert als den Wert jener spezifisch
+künstlerischen _Formelemente_ bezeichne, da diese ihren künstlerischen
+Wert nicht als leere Formen, sondern als inhaltvolle und den Inhalt
+bestimmende Formen besitzen.
+
+Damit ist dann aber zugleich gesagt, dass solcher "Kunstwert" nicht etwas
+vom ästhetischen Werte, der auch schon dem Naturobjekte zukommt, der Art
+nach Verschiedenes ist. Er ist vielmehr eine diesen Wert steigernde,
+reinigende, konzentrierende Modifikation desselben. Der in solcher Weise
+modifizierte ästhetische Wert des Naturobjektes, das ist der
+schliessliche gesamte _ästhetische Wert_ des Erzeugnisses der
+Kunst,--soweit nämlich dasselbe Naturobjekte zum Vorbilde hat.
+
+Freilich ist nun das, was ich hier über den spezifischen Kunstwert sagte,
+ebenso wie das, was vorhin über die ästhetische Bedeutung der
+künstlerischen Absichten, des künstlerischen Könnens, der künstlerischen
+Phantasie und Individualität gesagt wurde, für uns in diesem
+Zusammenhange zunächst nicht von unmittelbarer Bedeutung. Womit wir es
+hier zunächst zu thun haben, das ist ja der "ästhetische Wert" überhaupt.
+Ihn hat, wie wir sahen, einerseits jedes Kunstwerk; andererseits besteht
+er auch schon ausserhalb des Kunstwerkes. Halten wir dies beides zugleich
+fest, so kann das Spezifische des ästhetischen Wertes überhaupt nur in
+dem gefunden werden, was allen Kunstwerken und zugleich allem ausserhalb
+der Kunst vorhandenen ästhetisch Wertvollen gemeinsam ist. Und dabei
+kommt der Wert des künstlerischen Könnens und Thuns, der künstlerischen
+Individualität etc. nicht mehr in Frage. Es bleibt also einzig übrig die
+Fähigkeit des ästhetisch wertvollen Objektes, unmittelbar durch das, was
+es an sich selbst ist oder uns zu sein scheint, auf uns zu wirken, kurz
+sein "_Eigenwert_". Auch das ästhetisch Wertvolle der Natur ist ja
+freilich irgendwie _geworden_. Aber hier unterscheidet jedermann die
+Freude an der Erkenntnis, wie die Objekte geworden sind, die Freude des
+Zoologen, Botanikers etc. an seinem "Verständnis" der Formen, von der
+ästhetischen Befriedigung, die aus der blossen betrachtenden Hingabe an
+das, was thatsächlich vorliegt, erwächst.
+
+
+DIE KOMIK ALS "SPIEL".
+
+_Eine_ Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Wertes eines Kunstwerkes
+habe ich oben geflissentlich ausser Acht gelassen. Es ist die uns bereits
+bekannte Antwort, die _Groos_ giebt: Unsere Freude am Kunstwerk ist die
+Freude am Spiel der inneren Nachahmung.
+
+Diesen Gedanken haben wir bereits abgewiesen. Angenommen indessen, er
+wäre wahr. Dann würde die Komik wohl in erster Linie das Recht haben,
+ästhetisch wertvoll zu heissen. Denn die Komik ist, wie wir gesehen
+haben, Spiel. Und sie ist Spiel der inneren Nachahmung, wenn wir unter
+Nachahmung alles das verstehen, was _Groos_ so nennt Sie ist spielende
+Auffassung von Objekten; und zwar, vermöge ihrer besonderen Bedingungen,
+Spiel von besonders ausgeprägter Art.
+
+In Wahrheit aber kann die Komik eben deswegen _keinen_ ästhetischen Wert
+beanspruchen. Das Komische ist belustigend. Lust ist Freude. Aber die
+Freude haftet hier nicht am komischen Objekte als solchem. Wir sahen, das
+komische Objekt kann wertvoll und unwert sein. Aber dieser Wert oder
+Unwert hat mit der Komik als solcher nichts zu thun. Die geringfügige
+Leistung, die auf grosse Versprechungen folgt, ist komisch, aber sie ist
+nicht wertvoll, kein Gegenstand unserer Lust oder Freude.
+
+Woran aber haftet oder worauf bezieht sich dann die komische Lust? Wir
+sagten soeben: auf das Spiel. Aber auch dies ist noch keine eindeutige
+Erklärung. Es liegt darin dieselbe Zweideutigkeit, die auch jener eben
+von neuem erwähnten Theorie des künstlerischen Wertes anhaftet. Was ist
+mit jenem Spiel der inneren Nachahmung gemeint? Eine bestimmt geartete
+_Thätigkeit_ des Nachahmens oder eine bestimmte Weise ihres _Gelingens_?
+
+Die gleichen beiden Möglichkeiten müssen auch bei der Komik unterschieden
+werden. Die erstere aber müssen wir hier gleich abweisen. Die Lust am
+Komischen ist nicht Lust an unserem Spielen oder unserer spielenden
+_Thätigkeit_. Nicht unser _Thun_ ist belustigend, sondern das komische
+Objekt. Man erinnert sich, dass wir ehemals die Behauptung, die Lust am
+Komischen sei Lust an unserer Überlegenheit, schon darum für unzutreffend
+erklärten, weil die Lust von uns thatsächlich nicht auf unsere
+Überlegenheit, sondern auf das inferiore Objekt bezogen werde. So wenig
+wie auf unsere Überlegenheit beziehen wir aber die Lust auf unsere
+Thätigkeit des spielenden Auffassens. Wie soeben gesagt, nicht unser
+Thun erscheint uns belustigend, sondern das Objekt.
+
+Damit scheinen wir aber in einen Widerspruch mit um selbst geraten. Erst
+sollte die Lust nicht am Objekte haften, sondern am Spiele. Jetzt
+konstatieren wir, dass nicht unsere Thätigkeit des spielenden Auffassens,
+sondern das Objekt das Belustigende sei.
+
+Die Lösung dieses Widerspruches habe ich schon angedeutet: Das spielende
+_Gelingen_ unserer Auffassungsthätigkeit ist der Gegenstand der Lust.
+Doch fassen wir diese Frage etwas allgemeiner.
+
+
+ARTEN VON GEGENSTÄNDEN DES GEFÜHLS ÜBERHAUPT.
+
+Drei mögliche Arten der Beziehung unseres Lust- oder Unlustgefühles auf
+Gegenstände müssen unterschieden werden. Ich habe Lust an einem Objekt,
+oder ich habe Lust an meiner Thätigkeit. Dazu tritt als Drittes die Lust,
+die weder Lust am Objekt noch Lust an meinem Thun und eben darum in
+gewisser Weise beides ist.
+
+Es giebt eine Lust an den Objekten meines _Denkens_: Ich freue mich an
+dem erfreulichen Inhalte meiner Gedanken. Dieser Lust steht gegenüber die
+Lust an meiner Thätigkeit des Denkens oder meiner Denkarbeit, ihrer
+Energie, Konzentriertheit. Solche Lust kann ich haben, auch solange diese
+Denkarbeit ihr Ziel nicht erreicht, das heisst: solange ich noch nicht
+erkenne, was ich erkennen möchte. Endlich ist von beidem unterschieden
+die Freude an der _Erkenntnis_. Die Erkenntnis ist das "Gelingen" der
+Denkarbeit. Die Freude an ihr ist also Freude am "Gelingen".
+
+Dies nun verallgemeinern wir. Die drei Möglichkeiten der Beziehung der
+Lust auf einen Gegenstand derselben, oder die drei hier zu
+unterscheidenden Arten des Wertgefühls sind diese: Gefühl des Wertes
+eines vorgestellten, von mir unterschiedenen Objektes als solchen;
+zweitens Gefühl des Wertes meines Thuns; und drittens Wertgefühl, das
+sich ergiebt aus der Beziehung eines Objektes zu einer jetzt in mir
+vorhandenen Weise innerer Thätigkeit.
+
+Wertgefühle der ersteren Art können wir kurz bezeichnen als
+Objektswertgefühle, die der zweiten Art als Subjektswertgefühle, die der
+dritten Art als Gefühle den Wertes einer Beziehung des Objektes zum
+Subjekt. Die Erkenntnis ist eine solche "_Beziehung_". Sie ist eine
+bestimmte Weise, wie Objekte in einen Vorstellungszusammenhang sich
+einordnen.
+
+Diese drei Möglichkeiten der "Wertbeziehung" können wir weiter verfolgen.
+Wir sahen sie soeben verwirklicht auf dem Gebiete des (logischen)
+Denkens. Wir begegnen ihnen aber ebenso auf dem Gebiete des praktischen
+Wollens. Lust gewährt mir der Gedanke an ein zu verwirklichendes Objekt,
+etwa einen zu erlangenden Genuss. Lust gewährt mir andererseits die in
+sich einstimmige, sei es auch vergebliche _Bemühung_ der Verwirklichung
+eines Objektes, das starke, konzentrierte, kühne Wollen. Lust gewährt mir
+endlich auch hier wiederum das "Gelingen".
+
+Und dieselben Möglichkeiten bestehen endlich auf dem Gebiete des
+einfachen, weder auf Erkenntnis noch auf Verwirklichung eines von mir
+verschiedenen Objektes gerichteten Vorstellens. _Objekte_ unserer
+Betrachtung gefallen, oder wecken Lust. Der Künstler freut sich am
+Reichtum und der Kraft seines geistigen _Schaffens_. Beide endlich freuen
+sich oder können sich freuen, wenn ihnen Objekte sich darstellen, die,
+gleichgültig ob in sich selbst wertvoll oder nicht, in die Richtung, die
+ihr Vorstellen jetzt eben genommen hat, _widerspruchslos sich einfügen_
+oder vermöge dieser Richtung _hemmungslos sich auffassen_ lassen.
+
+Hierhin gehört die Komik. Sie gehört zu den Gefühlen der Lust, nicht an
+Objekten und nicht an unserem Thun, sondern an einer Weise, wie sich
+Objekte einem gegenwärtigen Thun oder inneren Vorgang einfügen. Dasselbe
+drückte ich eben so aus: Das Gefühl der Komik ist ein Gefühl von der
+Weise, wie mein Thun gelingt.
+
+Kein unwichtiger Unterschied ist es, auf den ich im Vorstehenden
+aufmerksam mache. Die Freude am Gelingen der Denk- oder
+Erkenntnisthätigkeit oder kurz die Freude am Erkennen ist die specifisch
+logische. Es ergiebt sich schon aus dem über die Erkenntnis früher
+Gesagten, dass diese Freude logisch ist, genau soweit sie nicht
+mitbestimmt ist durch den Wert, den das erkannte Objekt für mich haben
+mag. Und sie ist es, soweit sie ebenso wenig mitbestimmt ist durch den
+Wert, den mein Denken, das heisst meine Denkarbeit für mich besitzt. Der
+ist wissenschaftlich verloren, der sein Bejahen oder Verneinen einer
+Thatsache davon abhängig macht, ob ihm die Thatsache zusagt. Und nicht
+minder derjenige, der an einer Theorie festhält, weil er sich nicht
+entschliessen kann, die von ihm auf ihre Gewinnung gerichtete Bemühung
+für vergeblich anzusehen, oder kurz gesagt, weil sie seine Theorie ist.
+
+Nicht mindere Wichtigkeit besitzt die fragliche Unterscheidung auf dem
+praktischen oder ethischen Gebiet. Der verschiebt den Begriff des
+sittlich Wertvollen, der den Wert der Handlung bemisst nach dem Wert des
+gewollten Objektes. Ich kann das Wertvolle wollen, und doch es in
+sittlich unwerter Weise wollen. Und ebenso aussersittlich oder unsittlich
+ist die moralische Beurteilung, für welche dieser Wert sich bemisst nach
+dem Gelingen oder dem glücklichen Erfolg. In Wahrheit ist sittlich
+wertvoll einzig die Weise des Wollens, also des inneren Thuns: Es giebt
+nichts in der Welt, das, "ohne alle Einschränkung für gut könnte gehalten
+werden, als allein ein guter Wille".
+
+Und gleich gross ist endlich die Bedeutung jener Unterscheidung auf dem
+Gebiete der weder auf Erkenntnis, noch auf Verwirklichung eines von mir
+verschiedenen Objektes abzielenden Betrachtung, vor allem der
+ästhetischen Betrachtung. Ästhetisch wertvoll ist nicht meine Thätigkeit
+der Auffassung eines Objektes oder die Weise dieser Thätigkeit.
+Ebensowenig die Weise, wie mir die Auffassung gelingt, etwa die
+Leichtigkeit, Sicherheit, Klarheit derselben, von der oben die Rede war.
+Sondern, wie wir feststellten, ästhetischer Wert ist einzig der Wert des
+Objektes selbst, oder dessen, was für mich in dem Objekte unmittelbar
+enthalten liegt.
+
+Vergleichen wir die drei hier nebeneinander gestellten Weisen der
+Bethätigung des menschlichen Geistes, die logische, die praktisch
+ethische, und die ästhetisch betrachtende, mit Rücksicht auf ihr
+Verhältnis zu jenen drei Arten der Wertbeziehung, so ergiebt sich aus dem
+Gesagten, dass bei jeder derselben die Wertbeziehung eine andere ist,
+dass also jene drei Thätigkeiten diese drei Wertbeziehungen unter sich
+aufteilen: Logischer Wert ist ein Wert des Gelingens; ethischer Wert ist
+ein Wert des inneren Thuns; ästhetischer Wert ist ein Wert des Objektes.
+
+
+DER WERT DER KOMIK KEIN ÄSTHETISCHER WERT.
+
+Damit ist zunächst von neuem, aber in ganz anderer Richtung, als es
+früher geschah, der ästhetische Wert gegen den logischen oder
+intellektuellen abgegrenzt. Zugleich ist die Stelle, die dem Werte des
+Komischen zukommt, genauer bestimmt. Er gehört--von dem Gesichtspunkt
+der "Wertbeziehungen" aus--in _eine_ Wertgattung mit dem logischen oder
+Erkenntniswert. Er nimmt die mittlere Stellung ein, die allen Werten des
+Gelingens eignet. Das Gelingen besteht allemal im Sicheinstellen eines
+Objektes oder eines Objektiven. Insofern kann das _Objekt_ als Gegenstand
+des Wertgefühles erscheinen. Zugleich ist doch das Gelingen ein sich
+Einstellen eines Objektiven unter der Voraussetzung eines darauf
+gerichteten Thuns oder inneren Geschehens. Insofern erscheint wiederum
+_nicht_ das Objekt, d. h. nicht das Objekt an sich, als Gegenstand des
+Wertgefühles, sondern die durch das Objekt ermöglichte Weise der
+Vollführung oder Vollendung dieses Thuns, oder die Weise meiner
+Bethätigung.--Damit ist der oben konstatierte scheinbare Widerspruch
+gehoben.
+
+Ich stellte eben die Komik neben die Erkenntnis. Unmittelbarer gehört
+natürlich das komische Wertgefühl zusammen mit den anderweitigen
+Wertgefühlen, in denen gleichfalls ein Gelingen einer Thätigkeit der
+blossen _Betrachtung_ oder _Auffassung_, oder allgemeiner gesagt, in
+denen gleichfalls die Beziehung eines lediglich _aufzufassenden_ Objektes
+zu der vorhandenen psychischen Thätigkeitsrichtung das Wertgefühl
+bedingt.
+
+Solche Fälle haben wir bereits kennen gelernt. Ich erinnere an das Gefühl
+des Erstaunens oder des Überraschtseins, weil wir ein weniger "Grosses"
+erwarteten. Ebendahin gehört das Gefühl des Schrecks, das, wie man weiss,
+auch entstehen kann, wenn objektiv gar nichts Schreckliches vorliegt oder
+geschieht. Ich bin etwa, vermeintlich allein, in meinen Gedanken
+versunken. Dann kann mich die leise Berührung meiner Schulter durch den
+unerwartet und unbemerkt zu mir Hinzugetretenen aufs heftigste
+erschrecken. Die Beziehung der Berührung zu meinem gegenwärtigen, in
+völlig anderer Richtung gehenden Gedankengang ist es, die hier dies
+Gefühl verschuldet. So wenig braucht schliesslich das Erschreckende ein
+an sich Schreckliches zu sein, dass auch Hocherfreuliches das gleiche
+Gefühl erzeugen kann.
+
+"Künstler" machen wohl gelegentlich die Kunst zu einem Mittel der
+Überraschung oder gar Verblüffung. Die Unfähigkeit durch das Kunstwerk
+selbst zu wirken, veranlasst sie zu wirken, indem sie das Kunstwerk zu
+den jetzt zufällig in uns bestehenden Vorstellungsgewohnheiten in
+Gegensatz treten lassen. Hier ist der Gegensatz des ästhetischen Wertes,
+und des Wertes, der an solcher Beziehung zwischen dem Objekt und den
+jeweiligen Vorgängen im Subjekt haftet, besonders unmittelbar
+einleuchtend.--Genau so einleuchtend ist der Gegensatz zwischen jedem
+ästhetischen Werte und dem Wert der Komik.
+
+Dennoch hat man der Komik als solcher einen ästhetischen Wert zuerkannt.
+Dies war aber immer nur möglich, wenn man den Sinn des Komischen oder des
+ästhetisch Wertvollen oder beider verkannte. Am nächsten liegt aus schon
+angegebenen Grunde jener Irrtum für die vorhin von neuem erwähnte
+ästhetische Theorie, für welche der ästhetische Wert Wert des "Spieles
+der inneren Nachahmung" ist. Ich leugne nicht, dass hier die innere
+"Nachahmung" eine Ahnung des Richtigen enthält. Ich werde darauf nachher
+zurückkommen. Zunächst interessiert mich die Weise, wie die fragliche
+Theorie das Richtige geistreich verschiebt und in Widersinn verkehrt.
+
+Auch bei der Komik findet nach jener Theorie ein Nachahmen statt. An
+Stelle des Nachahmens tritt dann wohl das sich "Hineinleben" in das
+Objekt oder das sich "Hineinversetzen" in dasselbe. Soweit angesichts des
+Komischen dies Nachahmen stattfindet, soll das Komische ästhetischen Wert
+haben. Genauer gesagt, das Komische hat für die fragliche Theorie
+ästhetischen Wert, sofern wir uns in das "Verkehrte" hineinversetzen, es
+innerlich mitmachen. Damit geben wir dem Komischen den "brüderlichen
+Versöhnungskuss." Dieser brüderliche Versöhnungskuss ist das die Komik
+"Veredelnde". Soweit dies Moment an die Stelle der unbrüderlichen
+Erhebung über das verkehrte Objekt oder an die Stelle unseres Gefühls der
+Überlegenheit tritt, verwandelt sich die komische Betrachtung in die
+humoristische.
+
+Hierin liegt die richtige Einsicht, dass das Gefühl der Überlegenheit
+über eine Verkehrtheit gewiss _keinen_ ästhetischen Wert begründen, also
+auch nicht das Wesen des Humors bezeichnen kann. Im übrigen ist jener
+"brüderliche Versöhnungskuss" zunächst ein schönes Wort.
+
+Was heisst dies: ich mache die Verkehrtheit oder das Verkehrte innerlich
+mit? Zweierlei kann damit gesagt sein. Einmal einfach dies: Ich nehme von
+der Verkehrtheit Kenntnis, erfasse sie in ihrem Wesen oder in ihrer
+Eigenart, gelte ihr in meinen Gedanken nach. "Wenn wir die Verkehrtheit
+wirklich durchschauen wollen, so müssen wir für einen Augenblick den
+verkehrten Gedankengang nachdenken." Damit scheint nichts anderes als
+dies Kenntnisnehmen bezeichnet.
+
+Die andere mögliche Auffassung ist die: Wir "machen" die Verkehrtheit
+innerlich "mit", d. h. wir denken oder wollen, kurz verhalten uns
+innerlich ebenso verkehrt. Wir denken den verkehrten Gedankengang nicht
+nur nach, sondern wir glauben daran, stimmen ihm bei, ebenso wie es
+derjenige thut, dem wir ihn nachdenken.
+
+Diese beiden Möglichkeiten werden nun aber in jener Theorie nicht
+ausdrücklich geschieden. Immerhin verstehen wir, dass die zweite gemeint
+sein muss. Die erstere würde ja über das Gefühl der Überlegenheit nicht
+hinausführen. Bei ihr fehlte der "brüderliche Versöhnungskuss". Ich kann
+unmöglich das Gefühl der Überlegenheit haben über eine Verkehrtheit, wenn
+ich sie nicht "durchschaue", also sie in Gedanken nachdenke.
+
+Indessen, wenn ich auch das "Mitmachen" in jenem zweiten Sinne nehme, so
+scheint mir wenig gebessert. Ich finde dann erstlich, dass ich in sehr
+vielen Fällen der Komik gar nicht weiss, worin dies innerliche Mitmachen
+bestehen sollte. So sehe ich beispielsweise nicht ein, was es heissen
+soll, dass ich mit dem leeren Grosssprecher mich innerlich aufblähe, und
+dann seine geringfügige Leistung mitmache. Da die geringfügige Leistung
+nichts Innerliches ist, so kann hier das innerliche Mitmachen doch nur
+bestehen in dem Kenntnisnehmen, dem Beachten, der Weise dem Vorgang mit
+meinen Gedanken zu folgen.
+
+Ebensowenig weiss ich, wie ich eine äussere Ungeschicklichkeit, das
+Stolpern eines erwachsenen Menschen über ein kleines, nicht
+wahrgenommenes Hindernis anders innerlich nachmachen soll, als so, dass
+ich es konstatiere. Oder besteht hier das Mitmachen in dem Gedanken, dass
+mir dergleichen unter gleichen Umständen ebensowohl begegnen könnte?
+
+Nehmen wir das Letztere an. Oder besser: Nehmen wir einen Fall, in
+welchem das "Mitmachen" in dem bezeichneten _prägnanten_ Sinne ohne
+weiteres einen Sinn ergiebt. Ich frage: Wenn ich einer Dummheit innerlich
+beistimme, wenn ich den Rechenfehler nicht nur "nachrechne", sondern im
+Nachrechnen gleichfalls begehe, wenn ich in diesem Sinne mit der
+komischen Verkehrtheit eine Zeitlang "Eines" bin,--liegt darin ohne
+weiteres ein Grund zur ästhetischen Befriedigung? Gewiss werde ich die
+Dummheit weniger von oben herab betrachten, oder mich ihr gegenüber
+weniger "überlegen" fühlen, wenn ich so zum Mitschuldigen geworden bin.
+Aber diese Minderung des Gefühles der Überlegenheit, dieser angebliche
+"brüderliche Versöhnungskuss", ist doch nicht gleichbedeutend mit
+ästhetischem Genuss. Es scheint mir, auch die schönsten Redewendungen
+können nicht darüber täuschen, dass eine solche verminderte Überlegenheit
+nicht veredelte, sondern eben verminderte Überlegenheit ist, also eine
+relative Negation der komischen Lust, und weiter nichts.
+
+Allerdings kann dazu noch ein Element hinzutreten. Nämlich ein Gefühl der
+Beschämung über die Mitschuld. Aber die Vereinigung von vermindertem
+Gefühl der komischen Lust und Gefühl der Beschämung ist doch auch nicht
+Dasselbe wie ästhetischer Genuss. Mit einem Wort, wir kommen auf diese
+Weise nicht weiter.
+
+
+
+
+XV. KAPITEL. DIE TRAGIK ALS GEGENSTÜCK DES HUMORS.
+
+
+DIE TRAGIK ALS "SPIEL".
+
+Vielleicht gelingt es uns eher, weiter, d. h. den Bedingungen, unter
+denen das Komische in ein ästhetisch Wertvolles sich verwandelt, näher zu
+kommen, wenn wir--bei dem Begriff der inneren Nachahmung noch einen
+Augenblick bleiben, aber zunächst einmal zusehen, welche Bedeutung
+derselbe auf einem anderen Gebiete haben kann.
+
+Ich bezeichnete schon die "Modifikation des Schönen", innerhalb welcher
+das Komische ästhetischen Wert gewinnt, als Humor. Neben dem Humor
+nun--nicht etwa neben der Komik--steht die Tragik. Immer wieder hat man
+diese beiden als Geschwister betrachtet. Dann werden beide eine
+Familienähnlichkeit haben. Es ist zu erwarten, dass das Verständnis des
+einen der Geschwister einen wesentlichen Teil des Verständnisses des
+anderen in sich schliessen werde.
+
+Wie können Leiden, Besorgnis, Angst, Untergang Gegenstand unseres
+Genusses sein? Man sagt vielleicht auch hier wiederum: Indem wir sie
+"innerlich nachahmen". Dies wird zutreffen. Nur kommt dabei alles darauf
+an, dass wir das "innerliche Nachahmen" recht verstehen.
+
+Die blosse Kenntnisnahme von dem Leiden kann nicht erfreuen. Das
+innerliche Mitmachen aber scheint diese Wirkung noch weniger haben zu
+können. Das Mitmachen des Leidens ist ein Leiden mit dem Leidenden, das
+Mitmachen der Sorge ein Sichsorgen mit dem Sorgenden. Daraus, scheint es,
+kann uns nur Unlust erwachsen.
+
+Hier aber wird uns wiederum das "Spiel" entgegengehalten: Die innere
+Nachahmung ist Spiel, und demgemäss erfreulich, wie jedes Spiel. Das
+Leiden der tragischen Gestalt ist nicht wirklich. Es ist nur Schein.
+Diesem Schein überlassen wir uns freiwillig, um ebenso freiwillig
+wiederum uns ihm herauszutreten. Das heisst in unserem Falle: Wir
+überlassen uns dem Mitleiden oder der Mitsorge, wissen aber zugleich,
+dass dazu in Wirklichkeit kein vernünftiger Grund vorliegt, da ja ein
+wirkliches Leiden oder eine wirkliche Sorge gar nicht stattfindet. Wir
+geben uns also nur spielend jenem Erleben hin. Wir geben es dann ebenso
+spielend wieder preis. Und an diesem Spiele, dieser Freiheit auf den
+Schein uns einzulassen und auch wiederum von ihm loszumachen, oder ihn
+innerlich in nichts aufzulösen, an dieser Selbstherrlichkeit unserer
+Phantasie haben wir unsere Freude.
+
+Ich wiederhole nicht mehr, was ich über diesen ausgeklügelten Widersinn
+oben angedeutet und an anderer Stelle[3] ausführlicher gesagt habe. Ich
+begnüge mich hier zu bemerken, dass ich diese Freiheit _nicht_ habe, und
+dass ich, falls ich sie hätte, davon angesichts des tragischen
+Kunstwerkes keinen Gebrauch machen würde.
+
+[3] Im "Dritten ästhetischen Literaturbericht", der im "Archiv für
+ systematische Philosophie" demnächst erscheinen soll.
+
+Ich habe sie nicht, weil das tragische Kunstwerk, wenn es nicht etwa ein
+schlechtes Machwerk ist, mich festzuhalten pflegt; weil es mich wider
+meinen Willen fortreisst; weil es mit Zaubergewalt mich festbannt in
+seiner Welt des Scheines.
+
+Und ich würde von dieser Freiheit keinen Gebrauch machen, weil mir der
+ernste und erschütternde Genuss des tragischen Kunstwerkes lieber ist als
+die kindische Freude an solcher armseligen Freiheit.
+
+Ausserdem füge ich hinzu, dass nicht bloss angesichts der Scheinwelt der
+Bühne, sondern auch gegenüber der Tragik der _Wirklichkeit_ ein
+tragischer Genuss möglich ist. Hier hat aber doch wohl jenes Spiel der
+Phantasie keine Stelle mehr. Hier ist ja das Leiden harte Thatsache.
+
+Wie der, oder die Vertreter jener Theorie, so mache ja gewiss auch ich
+das Leiden der tragischen Gestalt innerlich mit. Nur wie schon
+angedeutet, in anderer Weise. Ich leide mit dem Leidenden, und _bleibe_
+dabei mit ihm zu leiden. Wiefern ich nun aber davon Genuss haben kann,
+dies ergiebt sich aus der Beantwortung der einfachen Frage: Wann wir denn
+von dem Leiden eines anderen, sei es einer Person im Drama, sei es eines
+wirklichen Menschen, nicht bloss Notiz nehmen, sondern es im eigentlichen
+Sinne des Wortes miterleben oder "mitmachen".
+
+
+TRAGIK UND "ÄSTHETISCHE SYMPATHIE".
+
+Jemand leidet, d. h. empfindet Unlust, weil ihm eine Büberei, ein
+thörichter oder verbrecherischer Anschlag misslungen ist. Auch dies
+Leiden erleben wir innerlich mit, d. h. wir vollziehen in uns die
+Vorstellung dieses Gemütszustandes. Aber wir erleben das Leiden auch
+wiederum nicht innerlich mit, d. h. wir nehmen nicht daran teil. Warum
+dies? Zweifellos, weil die Wurzel, aus welcher dies Leiden stammt, d. h.
+der Wunsch, das Niedrige oder Böse vollendet zu sehen, oder allgemeiner
+gesagt, weil dies dem Leiden zu Grunde liegende oder in ihm sich
+kundgebende Moment in der Persönlichkeit dessen, der leidet, uns
+widerstrebt oder unserem Wesen widerstreitet. Aus gleichem Grunde freuen
+wir uns nicht mit demjenigen, der über eine gelungene Schlechtigkeit
+Freude empfindet.
+
+Umgekehrt weckt Leiden unser Mitleiden, Freude unsere Mitfreude, wir
+nehmen überhaupt teil an jeder Regung in einem Menschen, wenn und soweit
+das Moment der Persönlichkeit, aus welchem dieselbe stammt, in unserem
+Wesen Widerhall findet, oder wir hinsichtlich dieses Momentes mit der
+leidenden oder sich freuenden Persönlichkeit uns einstimmig fühlen
+können.
+
+Damit ist ohne weiteres der Grund zum Genusse gegeben. Der Genuss ist
+Genuss dieser Einstimmigkeit, Genuss der "_Sympathie_".
+
+Dies kann genauer bestimmt werden. Woher wissen wir denn von fremden
+Persönlichkeiten? Wie kommt es, dass es solche überhaupt für uns giebt?
+Was wir wahrnehmen, wenn ein Mensch uns gegenübersteht, ist eine Gestalt,
+eine äussere Erscheinung, eine Summe von Lebensäusserungen. Aber dies
+alles ist nicht die fremde Persönlichkeit, ich meine die seelische oder
+geistige, die leidende, sich freuende, hoffende, fürchtende u. s. w.
+Persönlichkeit.
+
+Das Bild dieser Persönlichkeit kann nur aufgebaut sein aus Elementen
+unserer eigenen Persönlichkeit. Das Bild der fremden Persönlichkeit ist
+die an einen fremden Körper geknüpfte, je nach der Art dieses fremden
+Körpers und der Besonderheit seiner Lebensäusserungen modifizierte
+Vorstellung von uns selbst.
+
+Wie wir uns selbst in der Vorstellung modifizieren können, ist jedermann
+wohl bekannt. Wie oft haben wir ein Bewusstsein davon, dass wir so oder
+so sein könnten. Wir wünschen vielleicht auch, dass wir so oder so wären.
+Nun, eine Vorstellung von dem, was wir sein könnten, oder die
+Vorstellung, wie sie ein solcher Wunsch in sich schliesst, eine solche
+Vorstellung, geknüpft an eine fremde sinnliche Erscheinung, das ist die
+fremde Persönlichkeit.
+
+Sie ist noch etwas mehr. Die fremde Persönlichkeit _ist_, was wir sein
+könnten; sie ist es wirklich. Die eigene, in dieser oder jener Weise
+modifizierte Persönlichkeit tritt uns in der fremden Person als etwas
+_Wirkliches entgegen_.
+
+Zunächst in der _wirklichen_ fremden Person. Aber auch in gewisser Weise
+in der fremden Person, die nur künstlerisch _dargestellt_ ist. Die
+ideelle, d. h. nur für unsere Phantasie bestehende Welt des Kunstwerkes
+hat für uns Wirklichkeit, nicht im Sinne der erkannten, wohl aber in dem
+eigen- und einzigarten Sinne der ästhetischen Realität: Auch in der nur
+dargestellten Person tritt uns unsere eigene Persönlichkeit, wie sie sein
+könnte, als etwas "_Objektives_", als ein nicht von uns ins Dasein
+Gerufenes, sondern uns "Gegebenes", uns von aussen Aufgenötigtes
+entgegen.
+
+Und in jedem Zuge oder jeder Lebensäusserung der fremden Person finden
+wir eine mögliche Weise der Bethätigung unserer eigenen Person
+verwirklicht oder sich auswirkend, vor. Jetzt fragt es sich, wie diese
+Bethätigungsweise in das Ganze unserer Persönlichkeit, so wie sie
+thatsächlich geartet ist, sich einfügt, ob damit einstimmig oder den
+eigenen thatsächlichen Bethätigungsantrieben derselben widerstreitend, ob
+befreiend oder bedrückend, fördernd oder verletzend. Je nachdem haben wir
+diese oder jene Weise des Selbstgefühls.
+
+Das Sympathiegefühl überhaupt und demnach auch das ästhetische
+Sympathiegefühl ist also eine psychologisch wohl verständliche, ja wenn
+man will selbstverständliche Sache. Es ist, wenn wir einmal vom Dasein
+fremder Persönlichkeiten und von Regungen, die in ihnen stattfinden,
+wissen, ohne weiteres gegeben.
+
+Dies Sympathiegefühl ist Selbstgefühl, aber doch wiederum vom
+unmittelbaren Selbstgefühl verschieden. Der Gegenstand desselben ist
+unser "_objektiviertes_", in Andere hineinverlegtes, und demgemäss in
+Anderen vorgefundenes Selbst. So müssen wir auch das Sympathie_gefühl_
+als objektiviertes _Selbstgefühl_ bezeichnen. Wir fühlen uns in Anderen,
+oder fühlen Andere unmittelbar in uns. Wir fühlen uns in oder durch den
+Anderen beglückt, befreit, ausgeweitet, gehoben, oder das Gegenteil.
+
+Das _ästhetische_ Sympathiegefühl ist aber nicht nur eine Weise des
+ästhetischen Genusses, sondern es ist der ästhetische Genuss. Aller
+ästhetischer Genuss liegt schliesslich einzig und allein in der Sympathie
+begründet. Auch der ästhetische Genuss, den Linien, geometrische,
+architektonische, tektonische, keramische Formen etc. gewähren. Was
+diesen letzteren Punkt betrifft, so verweise ich auf meine "Raumästhetik
+und geometrisch-optische Täuschungen".
+
+Diese ganze Thatsache übersieht die oben bekämpfte Theorie. Sie übersieht
+damit im Ästhetischen das Ästhetische. Sie greift darum zu jenem
+läppischen "_Spiel_".
+
+
+VOLKELTS AUSSERÄSTHETISCHE BEGRÜNDUNG DER TRAGIK.
+
+Nicht das Gleiche kann gesagt werden von einem anderen Ästhetiker der
+Tragik, _Volkelt_. Ich denke dabei sowohl an _Volkelts_ "Ästhetik des
+Tragischen", wie an seine "Ästhetischen Zeitfragen". Aber auch _Volkelt_
+erkennt die ästhetische Sympathie nicht als das eigentlich Entscheidende
+an. Darum müssen auch bei ihm ausserästhetische Momente, oder solche
+Momente, die nur scheinbar selbständige Bedeutung haben, den ästhetischen
+Genuss vervollständigen. Ja schliesslich erscheinen solche Momente als
+die eigentlichen Faktoren des ästhetischen Genusses.
+
+Es ist schon bedenklich, dass diese Momente so verschiedenartig sind. Das
+Kunstwerk, so hören wir einmal, lässt uns in die "Rätsel" des Lebens
+"blicken"; es "zeigt" uns, was es um das Leben für eine Sache sei. Es
+lässt auf die Stellung von Freude und Leid, von Gut und Böse, von
+Vernunft und Unvernunft im Leben "ein Licht fallen". Die Tragik soll auch
+Unerfreuliches darstellen, bloss darum, weil auch das Unerfreuliche zur
+_Wirklichkeit des Lebens_ gehört. Mit einem Worte, die Kunst soll uns das
+Wirkliche in seinen bedeutsamen Zügen erkennen, wiedererkennen, verstehen
+lassen.
+
+Dies alles sind Wendungen, wie wir sie schon oben kennen gelernt und
+abgewiesen haben. Wir sahen, mit dem Wiedererkennen hat es freilich in
+der Poesie seine Richtigkeit. Aber der Zweck der Kunst kann nicht in
+dergleichen bestehen. Wir können jetzt genauer sagen: Dieser Zweck
+besteht nicht im Wiedererkennen, nicht darin, dass uns etwas gezeigt
+wird, sondern darin, dass wir mit dem _Wiedererkannten_, oder dem, was
+uns gezeigt wird, menschlich mitfühlen oder "sympathisieren" können.
+
+Auch gegen die Behauptung haben wir uns schon erklärt, dass das Kunstwerk
+seine Wirkung übe, indem es uns die Individualität des Künstlers
+offenbare, die Weise, wie in ihm die Welt sich spiegelt, seine
+Gestaltungskraft, den Reichtum seiner Phantasie. Alles dies offenbart
+sich uns, so sagten wir, im Kunstwerke, nur soweit es im Kunstwerke
+verwirklicht ist. Soweit es aber darin verwirklicht ist, bildet es einen
+Teil des Inhaltes des Kunstwerkes, und ist, wie der ganze Inhalt des
+Kunstwerkes, Gegenstand unserer ästhetischen Sympathie.
+
+Nur dann könnten diese Momente den Anspruch erheben, einen eigenen und
+neuen Faktor des ästhetischen Genusses zu bezeichnen, wenn es erlaubt
+wäre, zur _ästhetischen_ Bewertung des _Kunstwerkes_ auch _das_
+Wertgefühl zu rechnen, das wir gewinnen, wenn wir vom Kunstwerk und der
+in ihm verkörperten ideellen Welt unseren Blick abwenden, um statt dessen
+dem Künstler, und dem, was er ausserhalb des Kunstwerkes ist, uns
+zuzuwenden und ihn, diese wirkliche Persönlichkeit, zum Gegenstand einer
+Betrachtung zu machen, die mit ästhetischer Betrachtung nichts zu thun
+hat. Ich nehme aber an, dass _Volkelt_ diese Erlaubnis nicht zu geben
+beabsichtigt.
+
+Als weiteren Faktor des ästhetischen Genusses bezeichnet _Volkelt_ die
+Freude an unserer "Belebung", an der "über das Mittelmass hinausgehenden
+Erregung des seelischen Lebens", an der inneren "Durchschüttelung". Hier
+hätte _Volkelt_ wohl zunächst zeigen müssen, ob es eine solche Freude
+überhaupt gebe, bezw. unter welchen Bedingungen es dieselbe geben könne.
+Er würde dann zweifellos gefunden haben, dass es auch eine über das
+Mittelmass hinausgehende Erregung oder eine Durchschüttelung giebt, die
+alles andere als genussreich ist, einen inneren Aufruhr, ein sich Drängen
+heftiger Erregungen, ein Hoch- und Durcheinandergehen der Wogen unseres
+Inneren von quälender, entsetzlicher Art.
+
+Es fragt sich also, was uns durchschüttelt. Wir haben Freude, wenn die
+Durchschüttelung eine Lebenssteigerung bedeutet, das heisst, wenn uns in
+dem, was uns durchschüttelt, etwas gegeben ist, das eine solche
+Lebenssteigerung in sich schliesst. Und damit sind wir wiederum angelangt
+bei dem Genuss, den die ästhetische Sympathie gewährt.
+
+Daneben giebt es freilich auch noch eine Durchschüttelung anderer Art,
+durch das Überraschende, Verblüffende, Sensationelle, Drastische, durch
+allerlei vom inhaltlichen Werte des Kunstwerkes unabhängige "Effekte".
+Ich nehme aber wiederum an, dass Volkelt solche Faktoren, soweit sie
+nicht etwa der sichereren Wirkung des wertvollen Inhaltes des Kunstwerkes
+dienen, nicht als ästhetische Faktoren preisen will.
+
+Viertens wird von _Volkelt_ statuiert eine ästhetische Lust aus der
+"Entlastung": Die ästhetischen Gefühlsbewegungen tragen den Charakter der
+Leichtigkeit, Freiheit und Stille. Wir sind hinausgehoben über unser
+individuelles Ich mit seinem Bleigewicht, seinen Fesseln, seinen
+Stacheln. Damit ist gewiss eine Bedingung des ästhetischen Genusses
+bezeichnet. Ohne solche Freiheit ist es unmöglich, dass wir das
+ästhetisch Wertvolle ganz in uns aufnehmen, oder in seiner ganzen Fülle
+und Wirkungskraft in uns erleben. Aber diese negative Bedingung des
+Kunstgenusses ist doch nicht gleichbedeutend mit einem positiven Faktor
+desselben. Die Befreiung von dem individuellen Ich mag eine Aufhebung von
+allerlei Gründen der Unlust in sich schliessen. Daraus ergiebt sich doch
+positive Lust lediglich unter der Voraussetzung, dass dazu im Kunstwerk
+irgend welche positiven Gründe gegeben sind.
+
+Endlich wird von Volkelt darauf hingewiesen, dass die Kunst dem Bedürfnis
+unserer Phantasie nach freier Gestaltung reiche Befriedigung schaffe.
+Dagegen erwidere ich einmal dasjenige, was ich schon oben gegen das
+"Spiel der inneren Nachahmung" bemerkte. Die Kunst, die dramatische zum
+wenigsten, ermöglicht nicht, sondern verbietet vielmehr unserer Phantasie
+die freie Gestaltung. Der Inhalt des Kunstwerkes ist uns gegeben, völlig
+unabhängig von unserem freien Belieben.
+
+Und damit ist auch schon das Andere gesagt: Die Befriedigung unserer
+Phantasie, von der hier die Rede ist, kann nichts anderes sein, als die
+Befriedigung an den Gegenständen unserer Phantasie, das heisst am Inhalte
+des Kunstwerkes.
+
+Oder sollen wir ausser dieser Befriedigung an den Gegenständen oder
+Inhalten unserer Phantasie auch noch eine besondere Befriedigung
+verspüren an unserer Thätigkeit der Phantasie, an dieser unserer
+geistigen Arbeit, und der Weise, wie sie sich vollzieht. Die Möglichkeit
+einer solchen Befriedigung leugne ich wiederum nicht. Nur ist, soviel ich
+sehe, auch diese Befriedigung,--ebenso wie die Befriedigung an der
+Phantasie des Künstlers, soweit dieselbe nicht im Kunstwerk verwirklicht
+ist,--dadurch bedingt, dass ich meinen Blick vom Kunstwerk weg wende, und
+ihn richte auf das Stück der wirklichen Welt, das durch meine reale
+Persönlichkeit, mein individuelles Ich repräsentiert ist. Denn dieser
+Welt, und nicht der Welt des Kunstwerkes, gehört doch eben meine, mit den
+Inhalten des Kunstwerkes beschäftigte Phantasiethätigkeit an. Es ist also
+auch die Freude daran nicht Freude am Kunstwerk, sondern Freude an der
+ausserhalb des Kunstwerkes liegenden realen Welt. Diese aber kann
+_Volkelt_ umso weniger zur Freude am Kunstwerk rechnen wollen, als er ja
+selbst mit vollem Rechte die Loslösung vom individuellen Ich zur
+Bedingung des ästhetischen Genusses macht. In der That ist der
+ästhetische Genuss nichts anderes als der Genuss, der sich aus der reinen
+_ästhetischen Betrachtung_ ergiebt. Und diese _besteht_ in der Loslösung
+von allem, was nicht im Kunstwerk unmittelbar gegeben ist. Sie besteht im
+Aufgehen in diesem Objekte der Betrachtung. Die ästhetische Sympathie ist
+die Sympathie unter _Voraussetzung_ solcher Loslösung oder solchen
+Aufgehens.
+
+Ich bezeichnete diese ästhetische Sympathie auch damit, dass ich sagte,
+wir erleben im Kunstwerke uns selbst, nicht bloss, wie wir jetzt sind,
+sondern wie wir sein könnten. Wir erleben darin unser ideelles Ich. Dies
+kann bald in diesem, bald in jenem Zuge zu einem idealen, oder über das
+Mass unseres realen Ich gesteigerten Ich werden. Wie es aber hiermit
+bestellt sein mag: Immer wenn uns im Kunstwerk Persönliches
+entgegentritt, nicht ein Mangel am Menschen, sondern ein positiv
+Menschliches, das mit unseren eigenen Möglichkeiten und Antrieben des
+Lebens und der Lebensbethätigung im Einklang steht oder darin Widerhall
+findet; immer wenn uns dies positiv Menschliche entgegentritt so
+objektiv, so rein und losgelöst von allen ausserhalb des Kunstwerkes
+stehenden Wirklichkeitsinteressen, wie dies das Kunstwerk ermöglicht und
+die ästhetische Betrachtung fordert, immer dann ist dieser Einklang oder
+Widerhall für uns beglückend.
+
+Persönlichkeitswert ist ethischer Wert. Es giebt keine mögliche andere
+Bestimmung und Abgrenzung des Ethischen. Aller Kunstgenuss, aller
+ästhetische Genuss überhaupt ist darnach Genuss eines ethisch Wertvollen,
+nicht als eines Bestandteiles des Wirklichkeitszusammenhanges, sondern
+als eines Gegenstandes der ästhetischen Anschauung.
+
+
+DAS SPEZIFISCHE DES TRAGISCHEN GENUSSES.
+
+Im Vorstehenden ist doch noch in keiner Weise das eigentlich Spezifische
+des tragischen Genusses erwähnt worden. Mitfreude ist Genuss, Miterleben
+des Leidens ist höherer Genuss. Wie ich gelegentlich an anderer
+Stelle--in dem oben erwähnten "Litteraturbericht"--sagte: Es ist eine
+schöne Sache um eine Mutter, die über ihr gesundes und fröhlich
+spielendes Kind sich freut. Aber es ist eine erhabenere Sache um die
+Mutter, die um ihr krankes oder sterbendes Kind in Sorge sich verzehrt.
+Jene Freude ist für uns erfreulich; dieser Schmerz ist verehrungswürdig,
+heilig. Er ist nicht nur ein höherer, sondern ein anderer Genuss, tiefer
+und ernster. Solchen tiefen und ernsten Genuss giebt die Tragik.
+
+Wie dies möglich ist, dies wird uns verständlich aus einem
+psychologischen Gesetz, das wir bereits in anderem Zusammenhang kennen
+gelernt haben. Indem ich es hier zur Erklärung herbeiziehe, scheine ich
+Erhabenes aus Banalem ableiten zu wollen. Aber kein Gesetz ist banal an
+sich. Jedes Gesetz ist erhaben, wenn es Erhabenes vollbringt.
+
+Ich meine hier das Gesetz der "psychischen Stauung". Ich formuliere es
+von neuem: Wird ein Vorstellungszusammenhang, der einmal in mir angeregt
+ist, in seinem natürlichen Ablauf gehindert, so entsteht eine psychische
+Stauung, d. h. die Vorstellungsbewegung macht an dem Punkte, wo die
+Störung stattfindet, Halt. Damit wird zunächst das, was vor diesem Punkte
+sich findet, von dieser Bewegung stärker, als es sonst geschehen würde,
+erfasst und emporgehoben. Es kommt in uns in höherem Masse zur Geltung
+und Wirkung. Es übt insbesondere auch in höherem Masse die
+Gefühlswirkung, die es an sich zu üben fähig ist. Wir werden seines
+Wertes in höherem Masse inne.
+
+Mannigfache Wirkungen dieses Gesetzes, die auf seine Bedeutung für die
+Tragik hinweisen können, sind uns schon aus dem alltäglichen Leben
+geläufig. Ein wertvolles Objekt, das wir besassen, sei zerbrochen oder
+vernichtet. Jetzt schätzen wir erst recht seinen Wert. Der Freund, den
+wir verloren haben, erscheint uns in idealisiertem Lichte. Wir sind
+geneigt von den Toten Gutes zu reden. Die Strafe, die dem Verbrecher zu
+teil wird, söhnt uns mit ihm aus.
+
+Dies alles sind Wirkungen jenes Gesetzes. Vieles an einem Menschen kann
+Gegenstand unseres Hasses sein. Daneben ist er doch auch Mensch wie wir.
+Es finden sich in ihm positiv menschliche Züge, hinsichtlich deren ich
+mit ihm einstimmig bin, die in mir Widerhall finden können, kurz mit
+denen ich sympathisieren kann. Von diesem Positiven, oder von der
+Persönlichkeit, sofern sie eben Persönlichkeit ist, fordern wir, dass sie
+bestehe, daure, sich bethätige, frei sich auslebe. Dabei verstehe ich
+unter dem freien Sichausleben das durch kein inneres oder äusseres
+Hindernis gehemmte Sichbefriedigen, die freie Verwirklichung dessen,
+worauf irgend ein positiver Lebensantrieb abzielt. Solche Forderungen
+sind nichts anderes als unser _eigenes_ Verlangen, zu dauern, uns zu
+bethätigen, uns frei auszuleben.
+
+Hier nun haben wir einen bestimmten Vorstellungszusammenhang und zwar den
+denkbar zwingendsten. Es ist eben der Zusammenhang zwischen dem Positiven
+der Persönlichkeit und seiner Dauer, seiner Bethätigung, seinem
+Sichausleben. In der Natur dieses Zusammenhanges liegt die Tendenz mit
+voller Sicherheit in _dieser Weise_, oder als dieser bestimmte
+Zusammenhang abzulaufen. Dies heisst nichts anderes als: Es knüpft sich
+an das Bewusstsein, es sei ein positiv Menschliches gegeben, unbedingt
+jene Forderung.
+
+Ein solcher Vorstellungszusammenhang wird nun in uns angeregt, immer wenn
+wir von einem Menschen wissen. Und sein freier Ablauf wird gehemmt durch
+die Wahrnehmung seines Todes, durch das Bewusstsein von jedem Leiden,
+jeder Strafe, jedem Eingriff in sein Dasein. Der ganze Mensch, also auch
+jenes Positive in ihm, dauert nicht, wenn er stirbt, lebt nicht frei sich
+aus, wenn ihn ein Übel trifft. Damit ist die Stauung gegeben, d. h. die
+Notwendigkeit, das wir bei jenem Positiven und seiner Natur nach uns
+Sympathischen haften. Dies "tritt heraus", wird Gegenstand der
+"Aufmerksamkeit", gewinnt psychische Höhe und steigt für uns an Wert,
+oder gewinnt jetzt erst, in unseren Augen nämlich, seinen Wert. Und
+diesen Wert geniesse ich mitfühlend in einer Weise, wie es sonst unter
+keinen Umständen möglich wäre. In dem Bilde des Verstorbenen tritt das
+Gute und Tüchtige, das was ihn wert machte, zu leben, oder was mir sein
+Leben wertvoll machte, deutlicher hervor. Bei dem Freunde fällt hellstes
+Licht auf das, was ich an ihm schätzte. Der Verbrecher wird für mich erst
+Mensch, d. h. menschlicher Wertschätzung wert. Dass wir dem Verbrecher
+die erlittene Strafe zu gute schreiben, oder sie zu seinen Gunsten
+anrechnen, ist nichts als ein populärer, aus einer anderen Sphäre
+hergenommener Ausdruck für diese psychologische Thatsache.
+
+Sowie hier der Tod oder das Erleiden der Strafe, so wirkt überall im
+Leben und in der Kunst,--nur in der Kunst, vermöge der Besonderheit der
+künstlerischen Darstellung und unserer ästhetischen Anschauung, in
+höchstem Masse,--alles was irgendwie als ein Eingriff in eine
+Persönlichkeit, oder als eine Störung des unmittelbaren freien
+Sichauslebens der menschlichen Persönlichkeit, oder einen Positiven in
+ihr, bezeichnet werden kann; jede Einengung eines Menschen, jeder Druck,
+jedes Nichtgelingen, alles was wir Kummer, Sorge, Mangel, Not, Elend
+nennen, jedes Missgeschick; auch jede innere Hemmung, jeder Zweifel, jede
+Verkümmerung; schliesslich in höchstem Masse der, sei es physische, sei
+es auch sittliche Untergang. Es wirkt dies alles _in dem Masse_, als
+wirklich ein _positiv Menschliches_, dessen Wert wir in uns inne werden
+können, in seinem Bestande, seiner Dauer, seinem freien Sichausleben
+gehemmt erscheint; im höchsten Masse, wenn dies positiv Menschliche
+zugleich _Grösse_ hat. Immer ist die Art der Wirkung dieselbe: Erleben
+unserer selbst in einem Anderen, Erklingen oder lauteres Erklingen einer
+sonst nicht erklingenden oder nur schwach erklingenden Saite unseres
+Inneren, also vollerer Zusammenklang der Momente unseres Wesens,
+Steigerung, Erhöhung, Ausweitung unserer selbst; alles dies zugleich in
+einem Anderen, also objektiviert; in der fremden Persönlichkeit mit
+ästhetischer Realität uns entgegentretend.
+
+Zugleich ist diese Wirkung umso stärker, je schärfer der Eingriff in den
+Bestand, die Betätigung des Sichausleben der Persönlichkeit erscheint.
+Gewiss wächst mit der Schärfe des Eingriffes auch die Unlust am Leiden.
+Und diese kann sich steigern zu einem Gefühl des Entsetzlichen, das
+keinen tragischen Genuss mehr aufkommen lässt. Diesseits dieser Grenze
+aber liegen die unendlich vielen Stufen der Möglichkeit, dass sich die
+Gründe der Unlust und die Gründe der Lust zur Erzeugung des tiefen,
+ernsten, erschütternden Genusses vereinigen, als welcher eben der
+tragische Genuss sich uns darstellt.
+
+
+WEITERE ÄSTHETISCHE WIRKUNGEN DES KONFLIKTES.
+
+Ich betrachte hier die Tragik nicht um ihrer selbst willen, sondern als
+Gegenbild des Humors. Soll aber die Tragik das volle Gegenbild des Humors
+sein, so dürfen wir sie nicht in dem engen Sinne nehmen, in dem wir sie
+zu nehmen pflegen, sondern müssen als tragisch jede Art des ernsten
+Konfliktes bezeichnen.
+
+Die Tragik, im engeren Sinne, ist Tragik des äusserlich ungelösten
+Konfliktes. Konflikte können aber auch sich lösen; die Sache kann einen
+glücklichen Ausgang nehmen. Dann gewinnt die Stauung eine weitere
+Bedeutung. Die durch die Stauung gesteigerte oder zu grösserer
+psychischer Höhe gebrachte psychische Bewegung ergiesst sich, wenn der
+Konflikt gelöst, also das Hindernis des freien Vorstellungsablaufes
+beseitigt ist, mit grösserer Kraft. Die Lösung, oder das worin sie
+besteht, gewinnt grössere psychische Bedeutung und grössere
+Eindrucksfähigkeit.
+
+Auch dies ist eine im gewöhnlichen Leben uns wohl vertraute Thatsache.
+Das schwer Errungene hat für uns doppelten Wert. Die Konsonanz, in
+welcher die Dissonanz sich löst, hat ein besonderes und eigenartiges
+Gewicht. Wem Namen statt Erklärungen dienen, der hat hier eine neue
+Gelegenheit von "Kontrastwirkung" zu sprechen und einen Fall des
+sogenannten "Kontrastgesetzes" zu statuieren.
+
+Zwei Arten der Wirkung des Konfliktes oder des Eingriffes in
+Menschendasein und freies Sichausleben von Menschen haben wir hiermit
+einander gegenübergestellt. Beide Wirkungen sind zunächst unmittelbar
+subjektiv begründete, d. h. Wirkungen die unmittelbar in einem Vorgang im
+Beschauer ihren Grund haben: Die Stauung, die der Konflikt _in uns_
+bewirkt, lässt uns das Positive der Persönlichkeit, die in den Konflikt
+gerät oder jenen Eingriff erfährt, bedeutsamer erscheinen; und die Lösung
+der Stauung, die _in uns_ sich vollzieht, macht uns das, worin die Lösung
+sich vollzieht, eindrucksvoller.
+
+Neben diesen subjektiv bedingten Wirkungen stehen aber dann objektiv
+bedingte. Davon habe ich in meiner Schrift "Der Streit über die Tragödie"
+ausführlicher geredet. Wir sehen, wie eine Persönlichkeit leidet, d. h.
+wie tief sie vom Leiden erfasst wird, und welchen Charakter dies Leiden
+in ihr gewinnt. Und wir sehen, _wovon_ oder _worunter_ sie leidet. Daraus
+gewinnen wir ein Bild von ihrer Tiefe und ihrer Höhe und von ihrem
+inneren Wesen. Nichts würde so uns das Innerste ihres Wesens enthüllen,
+als es das Leiden vermag. Ungeahnt Grosses kann das Leiden im Menschen zu
+Tage fördern, die feinsten Fasern der Persönlichkeit herausstellen, die
+verborgensten Saiten zum Anklingen bringen.
+
+Wir sehen dann vor allem auch, wie die Persönlichkeit dem Leiden
+standhält, oder von ihm gebrochen wird. Die Persönlichkeit kann im Leiden
+auch sittlich gebrochen, zerbröckelt, zerrieben werden, und doch
+tragische Gestalt bleiben. Es ist nur nötig, dass in ihr, in ihrem
+inneren Wesen etwas Grosses, Echtes liegt, und dass dies wirklich, im
+Kampf mit dem feindlichen Geschick, _zerrieben_ wird.
+
+Es kann aber auch die Persönlichkeit dem Leiden innerlich standhalten.
+Sie will lieber leiden als das Grosse in sich preisgeben. Sie bleibt sich
+getreu, auch indem sie untergeht. Das Grosse in ihr zeigt sich Leiden und
+Tod überwindend.
+
+Hier ist überall die Wirkung auf uns zugleich objektiv bedingt: Das Bild
+der tragischen Persönlichkeit selbst wird ein reicheres, tieferes, es
+wird ein in sich selbst wirkungsfähigeres. Je mehr es dies ist, um so
+mehr steigert sich zugleich die Wirkung jenes subjektiven Faktors, d. h.
+der in uns stattfindenden Stauung. Das Ganze der Wirkung ist ja notwendig
+ein Produkt aus den beiden Faktoren. Und in einem Produkt wirkt jeder
+Faktor um so mehr, je grösser der andere ist.
+
+Dies gilt auch, wo der Konflikt überwunden wird, falls nämlich er nicht
+durch den dummen Zufall oder einen Deus ex machina, sondern durch eine
+Kraft oder Grösse überwunden wird, mit der wir sympathisieren. Die Kraft
+und Grösse wird, indem sie überwindet, für uns objektiv oder an sich
+bedeutsamer. Zugleich steigert sie die Stauung oder die Erwartung ihres
+sich Auslebens, die "Spannung". Um so wirksamer wird dann auch die
+Lösung.
+
+
+ÄSTHETISCHE BEDEUTUNG DES BÖSEN.
+
+Auf dies alles gehe ich hier nicht weiter ein. Dagegen interessiert uns
+noch ein fundamentaler Gegensatz. Wir sprachen bisher von Eingriffen in
+die Persönlichkeit, von Hemmungen ihres freien sich Auslebens, kurz vom
+Leiden, und der daraus sich ergebenden Stauung.
+
+Aber neben dem Leiden steht das Böse. Auch das Böse greift störend ein in
+den freien Ablauf eines Vorstellungszusammenhanges, bewirkt also eine
+Stauung und damit eine Steigerung der psychischen Bewegung. Der
+Vorstellungszusammenhang besteht hier in dem Zusammenhang zwischen dem
+Menschen und der sittlichen Forderung, die wir an ihn stellen.
+
+Eine Persönlichkeit vollziehe in sich mit Bewusstsein die Negation des
+Sittlichen, verhalte sich also wollend widersittlich, oder was dasselbe
+sagt, in irgend einem Punkte widermenschlich. Sie leugne in Worten oder
+durch die That eine sittliche Forderung. Dann gewinnt in uns diese
+sittliche Forderung erhöhte Kraft. Jemehr sie geleugnet wird, um so
+bestimmter setzen wir sie der Verneinung entgegen. Unser eigenes
+sittliches Bewusstsein tritt uns mächtiger entgegen.
+
+Darin liegt nun nicht ohne weiteres ein ästhetischer Wert. Die
+wahrgenommene Auflehnung gegen die in mir bestehende sittliche Forderung
+erfüllt mich mit Unlust. Die Kraft, mit der ich das eigene sittliche
+Bewusstsein festhalte, giebt mir sittliches Kraftgefühl, etwas von
+sittlichem Stolz. Und dies Gefühl ist an sich beglückend. Das Objekt aber
+erscheint um so unlustvoller.
+
+Nehmen wir indessen jetzt an, die sittliche Persönlichkeit sei nicht nur
+in uns, und werde in uns wachgerufen und durch den "Kontrast" zur
+"Reaktion" veranlasst, sondern sie finde sich auch irgendwie neben der
+Negation des Sittlichen in einem Kunstwerke, dann ergiebt sich, auf Grund
+dieser Negation, ein besonderer _ästhetischer Wert_.
+
+Es bestehen dafür verschiedene Möglichkeiten, die ich wiederum nur
+andeute. Das Böse ist "Folie" des Guten, d. h. wir finden die sittliche
+Forderung, die einerseits geleugnet erscheint und dadurch in uns Kraft
+gewinnt, andererseits verwirklicht, und erleben es jetzt, dass diese
+Verwirklichung uns eindrucksvoller, also in höherem Grade in ihrem vollen
+Werte sich darstellt. Oder wir sehen in einer und derselben
+Persönlichkeit das Gute neben dem Bösen, als Kehrseite desselben, und
+erfahren eine gleichartige Wirkung. Oder das Böse, die ihr Mass
+überschreitende Leidenschaft, hat ein Gutes zu ihrer Wurzel und weist uns
+darauf hin. Oder das Böse ist Durchgangspunkt des Guten, der Weg, auf dem
+das Gute in einem Menschen sich Bahn bricht.
+
+Hier ist die den Eindruck des Guten steigernde Wirkung zunächst wiederum
+eine subjektiv bedingte. Der Gegensatz und die dadurch bedingte Stauung
+oder "Spannung" steigert die psychische Bewegung in uns. Auch hier aber
+gesellen sich zur subjektiv bedingten objektiv bedingte Wirkungen.
+
+Es verfällt etwa der Böse einem üblen Geschick. Jetzt erscheint unserer
+alles vermenschlichenden Phantasie dies Geschick wie eine dem Bösen sich
+entgegensetzende quasi-persönliche Macht, mit deren Wollen wir uns Eines
+fühlen. Vielleicht bedient sich das Geschick der Bösen. Böses Wollen und
+böses Wollen bekämpfen sich und bringen sich zu Falle. Dann ist unser
+sittliches Bewusstsein befreit; wir sind versöhnt. Das Gute hat Recht
+behalten.
+
+Aber dies Gute ist doch einstweilen nur "das" Gute, die sittliche Macht
+nur eine quasi-persönliche. Sie wird zu einer persönlichen, wenn gutes,
+berechtigtes, sittliches Wollen eines Menschen gegen das Böse sich kehrt
+und darin seine Kraft bethätigt. Diese Kraft erweist sich doppelt gross,
+wenn in der bösen Persönlichkeit selbst ein sittliches Bewusstsein oder
+ein Zwang der Anerkennung, dass das Gute Recht habe, sich regt; oder wenn
+endlich dies sittliche Bewusstsein das Böse besiegt und endgültig die
+Übermacht in der Persönlichkeit behauptet.
+
+Auch darauf gehe ich hier nicht näher ein. Es genügt mir auch hier, die
+Hauptmomente der tragischen Wirkung kurz bezeichnet zu haben. Alle diese
+Momente haben in der Wirkung des Humors ihr Gegenstück.
+
+
+
+
+XVI. KAPITEL. DAS WESEN DES HUMORS.
+
+
+LAZARUS' THEORIE.
+
+Dass durch die Negation, die am positiv Menschlichen geschieht, dies
+positiv Menschliche uns näher gebracht, in seinem Wert offenbarer und
+fühlbarer gemacht wird, darin besteht, wie wir sahen, das allgemeinste
+Wesen der Tragik. Ebendarin besteht auch das allgemeinste Wesen des
+Humors. Nur dass hier die Negation anderer Art ist als dort, nämlich
+komische Negation.
+
+Ich sagte vom Naivkomischen, dass es auf dem Wege liege von der Komik zum
+Humor. Dies heisst nicht: die naive Komik ist Humor. Vielmehr ist auch
+hier die Komik als solche das Gegenteil des Humors. Die naive Komik
+entsteht, indem das vom Standpunkte der naiven Persönlichkeit aus
+Berechtigte, Gute, Kluge, von unserem Standpunkte aus im gegenteiligen
+Lichte erscheint. Der Humor entsteht umgekehrt, indem jenes relativ
+Berechtigte, Gute, Kluge aus dem Prozess der komischen Vernichtung
+wiederum emportaucht, und nun erst recht in seinem Werte einleuchtet und
+genossen wird. Dieser Erfolg wird in den auf S. 104 ff.[*] zuletzt
+angeführten Fällen der naiven Komik notwendig eintreten. Insofern waren
+sie zugleich Fälle des Humors.
+
+[* Im Unterkapitel MÖGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN. Transkriptor.]
+
+Der eben bezeichneten Auffassung des Humors scheint Lazarus in seinem
+Werke "Das Leben der Seele" zu widersprechen, indem er im Humor überhaupt
+nicht eine eigene Kunstform, sondern vielmehr eine eigene Denkweise und
+Gemütsverfassung, sozusagen eine eigene Weltanschauung sehen will.
+Indessen damit ist uns hier nicht gedient. Mag immerhin das Wort Humor in
+diesem Sinne genommen werden können--und wir werden es selbst später so
+nehmen--hier handelt es sich um etwas anderes. Wie es uns ehemals nicht
+auf den Witz ankam, den man hat, sondern auf denjenigen, den man macht,
+so beschäftigt uns hier nicht der Humor, den man hat, sondern das
+humoristische Thun oder Verhalten, der einzelne Fall des Humors.
+
+Thatsächlich nimmt nun auch _Lazarus_ im Verlaufe seiner Abhandlung das
+Wort Humor in diesem letzteren Sinne. Der von uns als naiv in Anspruch
+genommene Ausspruch des Korporals Trim ist für _Lazarus_ ein Fall des
+Humors. Nun kommt in diesem Ausspruch freilich eine bestimmte Denkweise
+zu Tage. Aber weder, dass diese Denkweise vorhanden ist, noch dass sie
+überhaupt zu Tage kommt, sondern die Art, wie sie zu Tage kommt, macht
+den Vorfall zu einem humoristischen. Und Entsprechendes gilt von der Rede
+_Falstaff_'s, die _Lazarus_ gleichfalls der Gattung des Humors zuweist.
+
+Wichtiger aber ist uns, dass _Lazarus_ bei der Erklärung dieser einzelnen
+Fälle des Humors--ebenso wie _Hecker_ und _Kräpelin_ bei ihrer Erklärung
+des Naiven--die Hauptsache übersieht. "Wie lächerlich," sagt er mit Bezug
+auf Trim, "wenn einer das vierte Gebot nicht als einen selbständigen Satz
+auswendig kennt, wie erhaben, wenn einer es so strikt, so reich, so voll
+erfüllt. Wie humoristisch, wenn wir beides zugleich von ihm erfahren". In
+der That ist es gar nicht humoristisch, wenn wir diese beiden Dinge
+zugleich und von Einem erfahren. Man lasse Trim auf die Frage des Doktors
+der Theologie einfach erklären, er wisse nur, was das Gebot von ihm
+verlange, nämlich, dass er seinem Vater von seinen 14 Groschen Lohn 7
+geben solle, und der Eindruck des Humors ist dahin. Eine solche Erklärung
+wäre eben eine einfach sachgemässe Erklärung, nicht mehr eine
+gleichzeitig treffende und unzutreffende, erhabene und nichtige
+_Beantwortung der Katechismusfrage_.
+
+Noch weniger trifft _Lazarus_' Erklärung des Humors der _Falstaff_'schen
+Rede die Sache. _Falstaff_ wecke, so meint er, alle hohen Ideen, deren
+Widerpart er in Leben und Gesinnung sei, durch sein Reden und Thun. "Er
+spricht von Ehre, Mut u. s. w.; er stellt den König dar, wie er Heinrich
+straft u. s. w.; in allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee
+Kennender und Zeigender. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe
+erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre); wir lachen, weil er
+selbst die wahre Idee in uns weckt, und diese um so sicherer zeigt, je
+angelegentlicher er dagegen kämpft".
+
+Der Humor der Rede _Falstaff_'s beruht also für _Lazarus_ darin, dass die
+Erniedrigung der Ehre doch zugleich die Idee der Ehre in uns wachruft.
+Wäre damit ohne weiteres der Humor gegeben, so müsste jeder, der nicht
+aus Unkenntnis, sondern in bewusster Bosheit das Edle erniedrigte und in
+den Schmutz zöge, humoristisch erscheinen, auch wenn er dies ohne allen
+"Humor" thäte. Denn je boshafter es herabgezogen wird, um so deutlicher
+wird uns jederzeit das Edle als solches zum Bewusstsein kommen. In
+Wirklichkeit würde aber solche Bosheit nicht den Eindruck des Humors,
+sondern das Gefühl der Empörung hervorrufen. So ist denn auch der Grund
+der Humors der _Falstaff_'schen Rede in gewisser Weise gerade der
+entgegengesetzte von demjenigen, den _Lazarus_ angiebt. Nicht dass
+_Falstaff_ das Recht des Sittlichen bewusst verneint, sondern das er zu
+dem, was er sagt, selbst ein gewisses, nämlich individuelles, sittliches
+Recht _hat_, das macht den Humor der Rede.
+
+Wie _Lazarus_ in der Bestimmung des Humors die Hauptsache übersieht, dies
+wird nicht minder deutlich aus seinem allgemeinen Erklärungsversuch. Der
+Seelenzustand des Humors soll sich ergeben "aus dem Wesen und Verhältnis
+von Fühlen und Denken. Indem das Gefühl der Realität ebenso herrschend
+ist, wie der Gedanke des Idealen, entspringt durch die Gleichzeitigkeit
+eine notwendige Verschmelzung beider, vermöge deren das Ideale den
+psychologischen Wert und Reiz des Realen erhält, sodass im Humor nicht
+nur die Wirklichkeit und die sinnliche Welt, sondern auch die Idee selbst
+anders, nämlich tiefer, kräftiger, lebensvoller aufgefasst wird als im
+abstrakten Idealismus."
+
+Diese Erklärung erweckt allerlei Bedenken. Zunächst frage ich mich
+vergeblich, nach welchem psychologischen Gesetz jene Verschmelzung
+geschehen, und nach welchem psychologischen Gesetz sie die ihr hier von
+_Lazarus_ aufgebürdete Wirkung haben solle. Ich könnte weiterhin darauf
+aufmerksam machen, wie viel Unheil in der Ästhetik das nichtssagende
+Abstraktum Idee schon angerichtet hat. Lassen wir uns aber diesen Begriff
+gefallen, dann müssen wir allgemein sagen: Mag noch so sehr das Ideale
+und Reale in uns gleichzeitig Macht gewinnen und das Gefühl des einen mit
+dem Gedanken des andern, ich weiss nicht wie, "verschmelzen"; der
+Eindruck des Humors ensteht uns jedenfalls erst, wenn wir das Ideale in
+einer Persönlichkeit verwirklicht finden, und zugleich auch nicht
+verwirklicht finden, wenn also das Ideale das Reale ist, und doch
+zugleich nicht ist. Oder wenn wir jetzt wiederum auf das "Ideale" und
+"Reale" verzichten. Der eigentliche Grund und Kern des Humors ist überall
+und jederzeit das relativ Gute, Schöne, Vernünftige, das auch da sich
+findet, wo es nach unseren gewöhnlichen Begriffen nicht vorhanden, ja
+geflissentlich negiert erscheint.
+
+_Lazarus_ bezeichnet den Humor der _Fallstaff_'schen Rede im Gegensatz
+zum Humor _Trim_'s als objektiven. Dieser Unterschied ist ungültig.
+_Falstaff_ und _Trim_ erscheinen humoristisch aus völlig gleichem Grunde.
+
+
+NAIVITÄT UND HUMOR.
+
+In allem naiv Komischen steckt nach oben Gesagtem Humor. Ich bezeichnete
+diesen Humor als die Kehrseite der naiven Komik. Aber es kann nicht
+umgekehrt gesagt werden, jeder Humor sei naiv. Vielleicht ist man
+geneigt, schon einige der oben angeführten Fälle des naiv Komischen, vor
+allem die naive Komik des _Sokrates_ nicht mehr als naiv-komisch gelten
+zu lassen. Zur Naivität gehört es, ihrer selbst unbewusst zu sein. Daraus
+folgt dann, was den Humor betrifft, freilich zunächst nur dies, dass es
+einen unbewussten Humor giebt. Andererseits kann aber der Humor als
+vollbewusster sich darstellen.
+
+Diesen bewussten Humor will _Hecker_ einzig als Humor anerkennen. Der
+Humor, meint er, sei im Gegensatz zum Naiven völlig bewusst, ja
+willkürlich. Das ist dann eine engere Fassung des Begriffs des Humors,
+die wir nicht mitmachen wollen. Die Einsicht in das positive Wesen des
+Humors, das vom Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten unabhängig
+ist, verbietet es uns. Auch der Sprachgebrauch widerspricht.
+
+Es ist naiv, wenn die Putten in _Rafaels_ Madonna di San Sisto so recht
+kindlich, und doch so ganz entgegen dem feierlichen Charakter des
+Vorganges sich über die Brüstung lehnen. Aber niemand wird uns verwehren
+dürfen zu sagen, es stecke darin köstlicher Humor. Wenn _Bräsig_ gegen
+Bildung und Sitte verstösst, so thut er dies meist völlig unbewusst. Er
+ist also insofern naiv. Und doch bezeichnet _Lazarus_ mit Recht _Bräsig_
+als eine der großartigsten humoristischen Schöpfungen,
+
+Und wir können noch mehr sagen. Auch im bewussten Humor steckt eine Art
+der Naivität. Nicht nur bei _Falstaff_ und _Trim_, sondern auch bei
+_Hamlet_, beim Narren im Lear, selbst bei _Mephisto_, ist der eigentliche
+Kern des Humors nicht ein Ergebnis bewusster Reflexion, sondern das
+Gesunde, Gute, Vernünftige, das in der innersten "Natur" der
+Persönlichkeit liegt und darum nicht umhin kann, in ihrem verkehrten oder
+närrischen Gebaren mit "naiver" Gewalt sich geltend zu machen.
+
+Damit ist doch jener Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten nicht
+aufgehoben. Der Humor kann, sagte ich, schliesslich ein vollbewusster
+sein. Er ist ein solcher, wenn der Träger desselben sich sowohl des
+Rechtes, als auch der Beschränktheit seines Standpunktes, sowohl seiner
+Erhabenheit als auch seiner relativen Nichtigkeit bewusst ist, wenn er
+also neben seinem Rechte auch das Recht derer anerkennt, denen sein Thun
+komisch ist. Dies ist der Humor, von dem Kuno Fischer sagt, er sei "die
+volle und freie Selbsterkenntnis, die nicht möglich ist, ohne helle
+Erleuchtung der eigenen Karikatur, ohne die komischen Vorstellungen der
+anderen heiter über sich ergehen zu lassen". Es muss nur hinzugefügt
+werden, dass dies heitere Übersichergehenlassen der komischen
+Vorstellungen anderer nur möglich ist, wenn der Träger des Humors
+zugleich des relativen Rechtes seines Thuns, wenn er also eines diesem
+Thun zu Grunde liegenden positiven Kernes seiner Persönlichkeit, der
+durch das Lachen der anderen nicht getroffen wird, sich bewusst ist. Die
+vollbewusste humoristische Persönlichkeit lässt andere über ihr Gebaren
+lachen und lacht selbst herzlich mit; zugleich weiss sie sich doch im
+innersten Kern ihrer Persönlichkeit über jenes Lachen erhaben. Sie lacht
+auch wieder über dies Lachen und lacht so am besten, weil sie zuletzt
+lacht.
+
+Man erinnert sich, dass wir das Verhalten des _Sokrates_ bei Aufführung
+der Wolken oben als letztes Beispiel der naiven Komik aufführten,
+zugleich aber zugaben, dass der Name des Humors dafür geeigneter
+erscheine. Wir können jetzt nicht nur Humor, sondern vollbewussten Humor
+im eben bezeichneten Sinne darin erblicken. Es entfernt sich dann
+_Sokrates_' Verhalten möglichst weit von dem naiv Komischen im engeren
+Sinne. Schon dass _Sokrates_ der Aufführung der Wolken beiwohnt und
+mitlacht, wenn sein Gegenbild auf der Bühne verlacht wird, ist
+humoristisch. Wie thöricht, wenn man dem Lachen Anderer zu begegnen
+meint, indem man mitlacht; wie schwächlich, wenn man auch nur dies
+Lachen, statt irgendwie dagegen aufzutreten oder es abzuwehren, sich
+gefallen lässt. Giebt man nicht damit den Lachern Recht?--Aber eben dies
+ist die Meinung des _Sokrates_. Er versteht den Standpunkt des
+Volksbewusstseins, zu dessen Vertreter sich _Aristophanes_ gemacht hat,
+und sieht darin etwas relativ Gutes und Vernünftiges. Er anerkennt eben
+damit das relative Recht derer, die seinen Kampf gegen das
+Volksbewusstsein verlachen. Damit erst wird sein Lachen zum Mitlachen.
+Andererseits lacht er doch über die Lacher. Er thut es und kann es thun,
+weil er des höheren Rechtes und notwendigen Sieges seiner Anschauungen
+gewiss ist. Eben dieses Bewusstsein leuchtet durch sein Lachen, und lässt
+es in seiner Thorheit logisch berechtigt, in seiner Nichtigkeit sittlich
+erhaben erscheinen.
+
+Dieser Humor steigert sich dann noch, wenn _Sokrates_ sich erhebt und
+seinen Lachern geflissentlich preisgiebt. Jetzt erst begeht er eine
+rechte Thorheit; und er begeht sie mit vollem Bewusstsein. Er erniedrigt
+sich nicht nur in den Augen der Menge, sondern er weiss, dass er sich
+erniedrigt, und er weiss es nicht nur, sondern er giebt wiederum denen,
+die ihn jetzt erst recht verlachen, relativ Recht. Die Menge, wie kann
+sie anders--nach gewöhnlicher und in ihrer Art wohlberechtigter
+Anschauung--als solches Gebaren thöricht finden, und wie sollte sie das
+natürliche Recht sich verkümmern lassen, über das zu lachen, was nun
+einmal ihren Horizont überschreitet. Zugleich lacht doch _Sokrates_
+wiederum über die, deren relatives Recht, ihn zu verlachen, er einräumt,
+weil er weiss, das seine Erhabenheit der Erniedrigung zum Trotz bestehen
+bleibt, ja in derselben erst recht zu Tage tritt.
+
+Indem ich hier den vollbewussten Humor zu kennzeichnen versuche, habe ich
+im Grunde auch schon das Wesen des Humors nicht als einzelnen
+humoristischen Thuns, sondern als einer Gesinnung oder Denkweise
+bezeichnet. Diese beiden Begriffe des Humors wollten wir oben scharf
+unterscheiden. Auch jetzt bleiben wir bei dieser Unterscheidung. Zugleich
+sehen wir doch, dass die Inhalte dieser beiden Begriffe aufs
+unmittelbarste zusammenhängen. Die Denkweise des Humors ist es, die dem
+bewusst humoristischen Thun zu Grunde liegt und darin sich kundgiebt.
+Auch _Sokrates_ handelt nicht nur humoristisch, sondern er denkt
+humoristisch oder hat Humor. Er könnte sonst nicht so handeln wie er
+handelt.--Andererseits brauchen wir Humor, um den Humor des
+_Sokrates_'schen Thuns zu verstehen.
+
+Wir können aber überhaupt _jeder_ Art der Komik mehr oder weniger Humor
+entgegenbringen. Je mehr wir ihr entgegenbringen, um so mehr "Sinn" für
+Komik haben wir. Ich sagte schon oben, dass in der Komik nicht nur das
+Komische in nichts zergeht, sondern auch wir in gewisser Weise, mit
+unserer Erwartung, unserem Glauben an eine Erhabenheit oder Grösse, den
+Regeln oder Gewohnheiten unseres Denkens u. s. w. "zu nichte" werden.
+Über dieses eigene Zunichtewerden erhebt sich der Humor. Dieser Humor,
+der Humor, den wir angesichts des Komischen _haben_, besteht schliesslich
+ebenso wie derjenige, den der Träger des bewusst humoristischen
+Geschehens hat, in der Geistesfreiheit, der Gewissheit des eigenen Selbst
+und des Vernünftigen, Guten und Erhabenen in der Welt, die bei aller
+objektiven und eigenen Nichtigkeit bestehen bleibt, oder eben darin zur
+Geltung kommt. Er besteht "_schliesslich_" darin, das will sagen, dass
+freilich nicht jeder Humor diese höchste Stufe erreicht. Es giebt
+niedrigere Arten des Humors, und es giebt neben dem hier vorausgesetzten
+positiven einen negativen, neben dem versöhnten einen entzweiten Humor.
+
+
+HUMOR UND "PSYCHISCHE STAUUNG".
+
+Auf diese Unterschiede werden wir später zurückzukommen haben.
+Einstweilen sahen wir, dass Erhabenheit in der Komik das Wesen des Humors
+bezeichnet.
+
+Wir sagten aber auch schon, der Humor sei Erhabenheit in der Komik und
+_durch_ dieselbe. Die Erhabenheit ist nicht nur bei der Komik, oder
+irgendwie mit ihr verbunden, sondern die Komik lässt die Erhabenheit erst
+eigentlich für uns zu stande kommen.
+
+Wie dies möglich ist, dies sagt uns wiederum das Gesetz der "psychischen
+Stauung". Wiefern eine solche Stauung bei aller Komik stattfinde, haben
+wir gesehen. Wir sahen, wie diese Stauung die "Verblüffung" bewirkt, wie
+sie dann den Anspruch des Nichtigen ein Erhabenes zu sein, heraustreten
+lässt und dadurch das Nichtige, auch nachdem es als solches, das heisst
+als Nichtiges sich dargestellt hat, zum Gegenstande der Aufmerksamkeit,
+und damit zum Objekte des freien und heiteren Spieles der Auffassung
+werden lässt.
+
+Zugleich aber bewirkt die Stauung ein Weiteres; nämlich die nachfolgende
+Rückwärtswendung des Blickes auf dasjenige, das den Anspruch der
+Erhabenheit machte. Dabei bestehen die beiden Möglichkeiten: Dieser
+Anspruch erscheint auch jetzt als blosser Anspruch; oder er erscheint als
+berechtigter Anspruch.
+
+Wie sonst, so lässt auch hier die "Rückwärtswendung des Blickes", das
+heisst die Rückkehr der seelischen Bewegung nach ihrem Ausgangspunkte zu,
+an diesem Ausgangspunkte neue Seiten entdecken, falls nämlich an ihm
+solche zu entdecken sind.
+
+Ich erinnere noch einmal an eines der oben angeführten Beispiele: Auf ein
+A sahen wir in der Erfahrung sonst ein B folgen. Jetzt folgt ihm ein dem
+B widersprechendes B1. Dann ist das Erste die Verblüffung, das
+[Griechisch: thaumazein], die Frage: Was ist oder was will das. Ihr folgt
+das sich Besinnen, die Konzentration auf das A und die Erwartung, dass
+wieder B folge. Das Dritte ist in diesem Falle--nicht die Auflösung der
+Erwartung in nichts, aber das Bewusstsein des Widerspruches.
+
+Daran aber schliesst sich die Rückkehr zu dem A. Und diese Rückkehr ist
+gleichbedeutend mit einer genaueren Betrachtung des A, mit der Frage, ob
+A wirklich das A sei, auf das sonst das B folgte. Dabei kann an dem A
+etwas gefunden werden, das es von jenem A unterscheidet, es zu einem
+davon verschiedenen A1 macht.
+
+Der gleiche Prozess vollzieht sich auch bei der Komik. Auch hier führt
+die Rückkehr zu A, ich meine zu dem, was als erhaben sich gebärdete, zur
+volleren Erkenntnis desselben. Hat dasselbe begründeten Anspruch auf
+Erhabenheit, so wird, was diesen Anspruch begründet, entdeckt, oder es
+tritt deutlicher ins Bewusstsein. Das Komische erscheint schliesslich
+vielleicht als das eigentlich Erhabene.
+
+Indem das nicht nur scheinbar, sondern in Wahrheit Erhabene
+solchergestalt aus dem komischen Prozess erst recht als ein Erhabendes
+emportaucht, besitzt es zugleich für uns einen besonderen Charakter. Es
+giebt eben doch an ihm eine Seite, oder es giebt für dasselbe eine
+mögliche Beleuchtung, die es jederzeit wiederum zum Gegenstand der Komik
+oder unserer spielenden Anfassung werden lassen kann. Dadurch mildert
+sich seine Erhabenheit. Hat die Erhabenheit Strenge, so weicht diese
+Strenge. Der Gegenstand der Ehrfurcht wird uns vertrauter, wird Gegentand
+der Liebe. Es ist die Aufgabe des Humors, Erhabenes liebenswert
+erscheinen zu lassen, wie es andererseits seine Aufgabe ist, Erhabenes im
+Verborgenen, in der Enge und Gedrücktheit, im Geringgeachteten und
+Verachteten, in jeder Art der Kleinheit und Niedrigkeit aufzusuchen.
+
+
+
+
+XVII. KAPITEL. ARTEN DES HUMORS.
+
+
+DIE DASEINSWEISEN DES HUMORS.
+
+Das allgemeine Wesen des Humors, von dem im Vorstehenden die Rede war,
+bestimmt sich genauer und gewinnt mannigfache speciellere Züge in den
+verschiedenen Arten des Humors.
+
+Solche lassen sieh zunächst unterscheiden nach zwei Gesichtspunkten.
+Mehrfach schon war die Rede vom Humor als Stimmung, oder als Weise der
+Betrachtung der Dinge. Ich "habe" Humor, wenn ich diese Stimmung habe
+oder dieser Weise der Betrachtung mich hingebe. Ich selbst bin hier der
+Erhabene, der sich Behauptende, der Träger des Vernünftigen oder
+Sittlichen. Als dieser Erhabene oder im Lichte dieses Erhabenen betrachte
+ich die Welt. Ich finde in ihr Komisches und gehe betrachtend in die
+Komik ein. Ich gewinne aber schliesslich mich selbst, oder das Erhabene
+in mir, erhöht, befestigt, gesteigert wieder. Damit ist hier der
+humoristische Prozess vollendet.
+
+Man erinnert sich des Gegenstückes dieser humoristischen Weltbetrachtung,
+das uns oben bei Betrachtung der Tragik begegnete. Es besteht in der
+Weltbetrachtung, die einen sittlichen Massstab anlegt--nicht an das
+Kleine und Nichtige, oder an das, was so erscheint, sondern an das
+Schlechte, das Böse, das Übel; kurz das ernste Nichtseinsollende. Auch
+aus solcher Weltbetrachtung kann ich in meiner Persönlichkeit oder meinem
+sittlichen Bewusstsein gesteigert zu mir zurückkehren.
+
+Neben diese ernst sittliche Weltbetrachtung stellten wir die gleichartige
+_Darstellung_ der Welt, der Menschen, des Geschehens in der Welt. Dieser
+entspricht in der Sphäre des Humors die _humoristische Darstellung_. Ich
+finde das Kleine, Nichtige, Belachens- und Verlachenswerte _dargestellt_
+und komisch beleuchtet: zugleich offenbart sich in der Weise der
+Darstellung der vernünftige oder sittliche Standpunkt. Sein Recht, seine
+Wahrheit, seine Überlegenheit wird aus der Darstellung offenbar und
+eindringlich.
+
+Die dritte "Daseinsweise" des Humors endlich ist verwirklicht im
+"objektiven Humor". Hier ist das Positive des Humors, d. h. das Erhabene
+nicht mehr bloss in mir, auch nicht lediglich in der Weise der
+Darstellung, sondern es findet sich, ebenso wie das Nichtige, in den
+dargestellten Objekten. Diese Daseinsweise des Humors erst hat ihr
+Gegenstück in der Tragik, und weiterhin in jeder künstlerischen
+Darstellung, in der das Böse und das ernste Übel in der Welt einen Faktor
+des ästhetischen Genusses ausmacht.
+
+Bleiben wir noch einen Augenblick bei diesen drei Daseinsweisen des
+Humors. Der Humor, so sagen wir, ist Erhabenheit in der Komik und durch
+dieselbe. Bei der humoristischen Weltbetrachtung nun ist zunächst das
+Erhabene in mir. Dann freilich ist auch das Komisch-Nichtige in mir, aber
+nur sekundärer Weise, nur sofern, wie schon früher gesagt, mein Eingehen
+in die Komik zugleich eine Art des Zunichtewerdens meiner selbst in sich
+schliesst. Lediglich soweit dies der Fall ist, besteht hier Erhabenheit
+in der Komik und demnach Humor.
+
+Damit ist zugleich gesagt, dass dieser Humor in sehr verschiedenen Graden
+sich verwirklichen kann. Es fragt sich jedesmal, in welchem Masse ich mir
+das eigene Zunichtewerden gefallen lassen kann, und in welchem Masse ich
+doch zugleich davor geschützt bin, thatsächlich zu nichte zu werden. Ich
+muss, um diesen Humor zu erleben, von meiner Höhe herabsteigen; aber
+nicht, um da unten zu bleiben, sondern um von da aus jene Höhe zu
+ermessen und erst recht zu erkennen, also in meinen Gedanken,--und darum
+handelt es sich ja hier--doch auch wiederum auf der Höhe zu bleiben, und
+jetzt erst mit vollem Bewusstsein da zu sein.
+
+Darin liegt dann zugleich das Umgekehrte: Ich bin auf der Höhe nicht
+abgeschlossen, wie auf einer einsamen weltabgeschiedenen Höhe. Sondern
+ich bin da mit der Möglichkeit, immer wiederum herabzusteigen und mich in
+die nichtige Welt zu mischen. Und ich bin immer wiederum im Begriff dies
+zu thun. Ich bin auf der Höhe mit der eigentümlichen Geistesfreiheit, die
+hieraus sich ergiebt.
+
+Derselbe Humor liegt bei der humoristischen _Darstellung_ in der Weise
+der _Darstellung_. Er liegt zugleich in mir, sofern ich die Darstellung
+innerlich nachmache und ihren Humor in mir nacherlebe. Auch hier ist das
+Komische oder das Zunichtewerden nur sekundärer Weise mit dem
+Erhabenen--in der Darstellung und in mir--vereinigt. Sofern ich den
+hieraus sich ergebenden Humor in der Darstellung finde, ist derselbe
+objektiver Humor; das Gefühl dafür ist eine Weise des objektivierten
+Selbstgefühls. Andererseits ist der Humor der Darstellung doch wiederum
+kein objektiver: Er ist noch nicht in den dargestellten Objekten.
+
+Darum bezeichne ich den oben sogenannten objektiven Humor speciell mit
+diesem Namen. Bei ihm ist der Humor dreifach da: in den Objekten, in der
+Weise der Darstellung und in mir. Dies doch nicht im Sinne des
+Nebeneinander. Der Humor ist in Wahrheit nur in mir. Aber ich erlebe ihn
+in den Objekten und der ihrer Natur entsprechenden Darstellung.
+
+
+HUMOR DER DARSTELLUNG.
+
+Der Humor der Darstellung ist lyrisch. Das Spezifische der Lyrik ist
+dies, dass bei ihr das eigentliche Objekt der Darstellung, das innere
+Geschehen, keinen persönlichen Träger hat. Man sagt wohl, Träger dieses
+inneren Geschehens sei der Dichter. Dies ist unrichtig, wenn man mit dem
+Dichter diese bekannte oder unbekannte wirkliche Persönlichkeit meint.
+Diese Persönlichkeit mag ein Ähnliches inneres Geschehen thatsächlich
+einmal erlebt haben. Aber für das dichterische Erzeugnis kommt nur die
+Thatsache in Betracht, dass der Dichter als _Dichter_ den Inhalt der
+Dichtung in sich erlebt hat. Er hat ihn erlebt als Dichter, d. h. aber;
+er hat ihn erlebt als ideelle Persönlichkeit, nicht als dieser bestimmte
+Mensch, sondern als ideeller Repräsentant _des_ Menschen. Sein etwaiges
+wirkliches Erleben ist hierfür nur Vorbild.
+
+Als solcher ideeller Repräsentant _des_ Menschen erlebt der Dichter das
+lyrisch dargestellte innere Geschehen, _solange_ er es eben erlebt, d. h.
+insbesondere im Akte des Dichtens. Genau in derselben Weise aber erleben
+wir es, wenn wir die Dichtung hören, lesen, uns derselben erinnern, und
+sie geniessen. So oft wir dies thun, treten _wir_ an die Stelle des
+Dichters. Wir sind jetzt die Träger jenes inneren Geschehens, wiederum
+nicht als diese realen Persönlichkeiten, sondern als ideelle
+Repräsentanten des Menschen. Ich sage: des Menschen; in jedem einzelnen
+Falle ist dies natürlich nicht der Mensch überhaupt, sondern eine
+bestimmte Seite am Menschen oder eine mehr oder minder speciell geartete,
+auch durch äussere Umstände mehr oder minder determinierte Modifikation
+"des" Menschen.
+
+Dies meine ich, wenn ich sage, das in der Lyrik dargestellte innere
+Geschehen habe keinen persönlichen Träger. Es hat zum Träger nicht eine
+Persönlichkeit, die von derjenigen, die das lyrische Produkt in sich
+erlebt und geniesst, verschieden wäre. Es hat also bald diesen bald jenen
+Träger. Zugleich sind alle diese Träger doch wiederum nur Beispiele des
+persönlichen Trägers, der so oder so gearteten Modifikation des Menschen
+oder des Menschseins.
+
+Darum ist es doch nicht in jedem Sinne zutreffend, wenn man die Lyrik die
+"_subjektive_" Dichtungsgattung nennt. Eben dieser unpersönliche Träger
+ist nicht nur im Dichter vorhanden, wenn er dichtet, und in uns, wenn wir
+das dichterische Erzeugnis uns innerlich zu eigen machen, sondern er ist
+zugleich im Kunstwerk, also objektiv da. Als objektiver Vorgang, als
+etwas uns Gegebenes tritt uns das dargestellte innere Geschehen entgegen.
+Es ist für uns nicht nur ein subjektives, sondern zugleich ein objektives
+persönliches Erleben. Das innere Geschehen wird nicht nur von uns erlebt,
+sondern es geschieht zugleich ausser uns, und wird von uns miterlebt.
+Oder was dasselbe sagt: Auch hier objektivieren wir unser Erleben, und
+uns, sofern wir es erleben; auch hier erleben wir, was wir erleben, in
+einem Anderen. Nur nicht in einem bestimmten, vom Dichter uns vor Augen
+gestellten Anderen, sondern in einem Anderen, der für uns--nicht
+individuell, sondern der Art nach dieser oder jener ist, soweit ihn das
+dargestellte innere Geschehen als diesen oder jenen charakterisiert, d.
+h. von anderen _qualitativ_ unterscheidet.--Natürlich rede ich hier von
+der _reinen_ Lyrik.
+
+So nun verhält es sich auch bei der humoristischen Darstellung im hier
+vorausgesetzten Sinne dieses Begriffes. Wir erleben den Humor mit oder
+nach, aber nicht als Humor in einem dargestellten Individuum, sondern als
+überindividuellen Humor oder als Humor im Menschen, nämlich im Menschen,
+sofern er eben solchen Humor haben kann und hat.
+
+Dagegen ist der speciell von uns sogenannte objektive Humor, sofern er
+künstlerisch verwirklicht ist, episch oder dramatisch. Das heisst: er ist
+Humor eines dargestellten Individuums, das je nachdem einer, obzwar auch
+nur ideellen Zeit, oder keiner Zeit, d. h. der zeitlosen Gegenwart
+angehört. In jenem Falle wird er von uns im engeren Sinne des Wertes
+nacherlebt, in diesem unmittelbar miterlebt.
+
+
+STUFEN DES HUMORS.
+
+Die zweite Einteilung von Arten des Humors hat mit der soeben vollzogenen
+dies gemein, dass auch bei ihr die Beziehung des Erhabenen zum Komischen
+den Einteilungsgrund bezeichnet. Nur ist diese Beziehung hier anderer
+Art. Die Komik, die einer Person anhaftet, oder in welche dieselbe
+verflochten ist, kann einmal harmlos, unschädlich, ohne ernsten Stachel
+sein. Wir sind, indem wir das Komische wahrnehmen, unmittelbar damit
+versöhnt, weil wir uns unmittelbar darüber erheben können oder
+unmittelbar darüber erhoben werden. Ohne Konflikt oder Kampf ist die
+Erhabenheit zugleich mit der Komik für uns da.
+
+Ein andermal ist das Komische an sich ein Verletzendes. Das Objekt der
+Komik ist nicht Gegenstand des Lächelns oder des harmlos herzlichen
+Lachens; sondern es erscheint lächerlich und wird verlacht. Ein
+Gegensatz, ein Kampf, ein Konflikt findet statt zwischen ihm und einem
+Erhabenen oder der Forderung eines solchen. Eben dieser Konflikt aber
+stellt das Erhabene ins Licht. Und zwar nehmen wir hier an, dass das
+_Dasein_ des Konfliktes, ohne äusserliche Lösung desselben, diese Wirkung
+hat.
+
+Die dritte Möglichkeit endlich ist die, dass ein solcher Konflikt nicht
+nur besteht, sondern sich löst, d. h. das Lächerliche überwunden, das
+Nichtige vernichtet wird oder selbst sich vernichtet, und damit das
+Erhabene oder die Forderung desselben, die vorher geleugnet war, zum Sieg
+gelangt.
+
+Offenbar ist unter diesen drei Stufen des Humors die erste diejenige, der
+nun zunächst den Namen des Humors zugestehen wird. Wir wollen sie als die
+des versöhnten, oder des konfliktlosen, oder des in sich unentzweiten
+Humors bezeichnen.
+
+Die zweite Stufe dürfen wir dann bezeichnen als die Stufe des in sich
+entzweiten oder des satirischen Humors. Entzweiung, Gegensatz, Konflikt
+ist ja das Charakteristische der Satire. Ich verhalte mich zum Komischen
+satirisch, indem ich es als zum Erhabenen oder zur Forderung eines
+solchen gegensätzlich erkenne, verlache, lachend verurteile. In dieser
+Verurteilung tritt die Erhabenheit des Erhabenen, sein höheres Recht,
+seine Überlegenheit ans Licht. Dieser Humor kann scharf, bitter, ja
+verzweifelt sein. Er bleibt doch Humor, so lange er das Komische nicht
+einfach als nichtseinsollend abweist, sondern, wie es in der Natur der
+Satire liegt, lachend in dasselbe eingeht, also daran teil nimmt.
+
+Was endlich die dritte der oben bezeichneten Stufen des Humors betrifft,
+so ist dabei dies zu bedenken: Das Nichtige, so sagte ich, tritt hier zum
+Erhabenen in Gegensatz und wird vernichtet. Das Erhabene erringt den
+Sieg. Aber dies muss, wenn hier wirklich eine Stufe, des Humors gegeben
+sein soll, in "humoristischer" Weise geschehen. Und dies schliesst in
+sich, dass dem Nichtigen das Erhabene nicht als ein durchaus Fremdes
+entgegentritt. Das Erhabene darf nicht einfach von aussen her dem
+Nichtigen entgegentreten und es beseitigen oder seinen Geltungs- oder
+Herrschaftsanspruch aufheben. Sondern das Nichtige muss dazu, als
+solches, eine Handhabe bieten. Es muss in gewisser Weise sich selbst
+vernichten und dem Erhabenen zum Siege verhelfen. Es muss in solcher
+Weise das Erhabene in sich selbst tragen. Oder umgekehrt, das Erhabene
+muss in das Nichtige eingehen, und indem es dies thut, also in gewisser
+Weise als Nichtiges, seine Erhabenheit zum Sieg bringen. Auch hier
+erscheint dieser Sieg unter dem Gesichtspunkt einer Selbstvernichtung des
+Nichtigen.
+
+Nun war uns, wie man sich erinnert, die "_Ironie_" die Komik der
+Selbstvernichtung. Sie war das Zergehen eines Erhabenheitsanspruches
+durch diesen Anspruch selbst, oder durch die Weise, wie er erhoben wird,
+durch die Festhaltung desselben, oder die aus ihm folgenden Konsequenzen.
+Ironie des Schicksals ist die objektive Komik, die darin besteht, dass
+das selbstgewiss auftretende Wollen sich selbst ad absurdum führt, oder
+gerade durch das, was seiner Verwirklichung zu dienen schien, oder zu
+dienen bestimmt war, ad absurdum geführt wird. Witzige Ironie ist die
+Vernichtung des scheinbar Sinnvollen oder auf Sinn Anspruch Erhebenden
+durch die Art wie der Anspruch erhoben wird, oder auf Grund der aus ihm
+sich ergebenden Konsequenzen.
+
+Demgemäss haben wir ein Recht, diese dritte Stufe des Humors als die des
+"_ironischen Humors_" zu bezeichnen. Will man diesen Namen vermeiden, so
+nenne man ihn wiederversöhnten Humor, entsprechend dem von Hause aus
+versöhnten und dem entzweiten Humor.
+
+
+UNTERARTEN DES HUMORS.
+
+Die beiden im Vorstehenden unterschiedenen Einteilungen von Arten des
+Humors kreuzen sich. Und daraus ergeben sich dreimal drei Arten.
+
+Ich erhebe mich das eine Mal über das Zunichtewerden dieser oder jener
+Erwartungen und Forderungen in der Welt, weil ich den Humor dazu besitze,
+d. h. weil mein _Glaube_ an das Seinsollende, meine Empfänglichkeit für
+das Gute, meine Freude am Schönen stark genug ist, um durch jenes
+Zunichtewerden nicht angetastet zu werden. Mag sich die Welt auch
+närrisch gebärden, und auch an meiner Person oder meinem Geschick das
+Närrische nicht fehlen, so bleibe ich doch meiner selbst und der Welt, in
+dem, was den Kern oder das Wesentliche an beiden ausmacht, gewiss.
+Vielmehr, indem ich diese Selbstgewissheit oder diese Erhabenheit meiner
+Betrachtung oder Stimmung dem Närrischen entgegensetze und sie ihm zum
+Trotz behaupte, tritt diese Selbstgewissheit erst in ihrer Stärke hervor,
+oder zeigt sich in der Macht, die sie in mir besitzt.
+
+Offenbar gewinnt dieser "subjektive" Humor oder dieser Humor meiner
+Weltbetrachtung eine andere und andere Bedeutung, je nachdem die
+Betrachtung lediglich vom Standpunkte meiner individuellen Neigungen,
+Wünsche, Anschauungen, Stimmungen, oder von einem objektiven, d. h.
+allgemein menschlichen Standpunkt aus geschieht. Sie hat im letzteren
+Falle, obgleich ihrem Wesen nach subjektiv, doch objektive Geltung oder
+objektiven Wert. Die fragliche Weise der Weltbetrachtung gewinnt in
+anderer Richtung einen verschiedenen Charakter, je nachdem der Gegensatz
+des Erhabenen und Nichtigen, um den es sich dabei handelt, dem Gebiet der
+verstandesgemässen Erkenntnis oder dem Gebiet eudämonistischer
+Zweckmässigkeit, oder endlich dem eigentlich sittlichen Gebiete angehört.
+
+Der Weltbetrachtung des versöhnten oder unentzweiten Humors steht
+gegenüber die Weltbetrachtung des entzweiten Humors oder die satirische
+Weltbetrachtung. Nicht immer ist die Negation des Seinsollenden harmlos.
+Oft genug sehen wir das Nichtige, das _wesentlichen_ Forderungen der
+"Idee" widerstreitet, in Macht und Geltung, Unvernunft, Zweckwidrigkeit,
+sittliche Verkehrtheit herrschen in der Welt. Sie gebärden sich und
+dürfen sich gebärden als wahre Vernunft, als echte Zweckmäßigkeit, als
+hohe Moral. Der Wahnwitz wird heilig gesprochen. Der gebildete und der
+ungebildete Pöbel fällt anbetend nieder vor der aufgeblasenen und
+aufgeputzten Possenreisserei. Halte ich dem gegenüber--noch nicht den
+Glauben an den endlichen Sieg der Idee, aber das Bewusstsein der
+Erhabenheit und Würde ihres Wesens fest, gewinne ich es zugleich über
+mich, jenes Nichtige, weil ich seine Nichtigkeit und Hohheit
+durchschaue--nicht nur zu verurteilen, sondern zu verlachen, und in mir
+selbst oder in meinem Bewusstsein lachend zu vernichten, so verhalte ich
+mich in meiner Weltbetrachtung satirisch. Ich verspüre zunächst das
+Nichtige als Nichtiges, ich erlebe es, dass mit der Verneinung des
+Sittlichen, die ich in der Welt vorfinde, zugleich meine sittlichen
+Forderungen zunichte werden. Zugleich aber gewinnt mein sittliches
+Bewusstsein, indem es gegen seine Verneinung sich "erhebt", seine volle
+Grösse und Höhe. In dieser "Erhebung" besteht hier das Positive des
+Humors oder das siegreiche Auftauchen des Erhabenen aus dem komischen
+Prozess. Auch hier wiederum können die soeben, bei der versöhnt
+humoristischen Weltbetrachtung, angedeuteten Unterschiede gemacht werden.
+
+Endlich erscheint der in dieser satirischen Weltbetrachtung liegende
+Gegensatz wiederum aufgehoben, der Humor wird im einem wiederum in sich
+versöhnten Humor, wenn und soweit ich mich zu der Überzeugung
+hindurchzuarbeiten vermag, dass das Nichtige, so sehr es in Geltung sein
+mag, doch schliesslich auch äusserlich oder objektiv in seiner
+Nichtigkeit offenbar werde, dass das Nichtige, wenn es sich auswirke,
+nicht umhin könne, sich aufzuheben oder seine Macht zu verlieren, und
+damit der Idee zum Siege zu verhelfen. Diese im tiefsten und höchsten
+Sinne humoristische Weltbetrachtung bezeichnen wir als ironische
+Weltbetrachtung oder als Weltbetrachtung des ironischen Humors. Ich
+brauche nicht zu sagen, dass dieser ironische Humor mit der "Ironie" der
+romantischen Schule nicht etwa eine und dieselbe Sache ist.
+
+Die gleichen drei Möglichkeiten, wie bei der humoristischen
+Weltbetrachtung, bestehen rücksichtlich des Humors der Darstellung. Die
+Darstellung ist harmlos humoristisch, oder wenn man will humoristisch im
+engeren Sinn, d. h. nie stellt das Kleine, die Schwächen an Menschen und
+das Komische ihres Schicksals dar; zugleich tritt aus der Darstellung der
+Glaube an das von der Komik umspielte Höhere, Sittliche, Erhabene
+versöhnend und erhebend heraus. Sie ist andererseits satirische
+Darstellung des anmasslichen und in Geltung stehenden Nichtigen und
+Verkehrten, eine Darstellung, die diesem Anmasslichen die Maske vom
+Gesicht reisst, den Schein, dass es ein Recht habe, in Ansehen und
+Geltung zu stehen, zerstört, es dem Verlachen preisgiebt, aber eben
+dadurch die Würde und einzige Hoheit der "Idee"' vor Augen stellt.
+
+Offenbar ist hiermit dasjenige bezeichnet, was man gemeinhin oder
+vorzugsweise mit dem Namen der Satire zu belegen pflegt.
+
+Die humoristische Darstellung ist endlich ironische Darstellung des die
+Idee Negierenden, das heisst eine Darstellung, die nicht nur _gegen_ das
+Nichtseinsollende sich "erhebt", sondern zugleich in demselben den Keim
+der Selbstvernichtung erblickt, und im Glauben, dass schliesslich alles
+zum Guten dienen müsse, das Dasein desselben heiter über sich ergehen
+lässt.
+
+
+DIE HUMORISTISCHE DARSTELLUNG UND DER WITZ.
+
+Hier ist der Punkt, wo auf die ästhetische Bedeutung, die der Witz zu
+gewinnen vermag, oder auf die Bedeutung des Witzes als eines Elementes
+des Humors, speciell hingewiesen werden kann.
+
+Der Witz an und für sich, als dies reine Vorstellungsspiel, kann
+ebensowenig wie die objektive Komik auf ästhetischen Wert Anspruch
+erheben. Auch er kann einem ästhetisch Wertvollen nur _dienen_. Er ist
+aber als _logisches_ Spiel, zu dem jede sachliche und persönliche
+Beziehung nur als ein ihm Fremdes hinzukommt, auch davon noch um einen
+Schritt weiter entfernt als das objektiv Komische.
+
+Der Witz nähert sich jener Aufgabe zunächst, insoweit bei ihm
+_Wahrheiten_ aus dem komischen Prozess auftauchen und sich behaupten.
+Aber er nähert sich ihr damit auch nur. Das ästhetisch Wertvolle, oder
+das "Schöne", ist nicht das Wahre, so gewiss Wahrheit Bedingung der
+Schönheit ist. Auch "_ergetzliche_ Belehrung" ist keine ästhetische
+Leistung.
+
+Ästhetischer Wert ist Wert von Objekten, von Gegenständen der Anschauung
+oder der Phantasie. Es ergiebt sich daraus, dass der Witz ästhetische
+Bedeutung besitzen kann, nur sofern er solche Objekte, also Dinge,
+Menschen, ein Geschehen an Dingen oder Menschen, in die komische
+Vorstellungsbewegung, in welcher er psychologisch betrachtet besteht,
+hineinzieht. Insoweit aber dies der Fall ist, ist der Witz nicht mehr
+blosser Witz, sondern trägt ein Moment der objektiven Komik in sich. Als
+Mittel zur Erzeugung der objektiven Komik also kann der Witz allein
+ästhetische Bedeutung gewinnen.
+
+In die komische Vorstellungsbewegung des Witzes wird nun zunächst
+dasjenige hineingezogen, auf dessen Kosten der Witz gemacht wird. Dies
+"Objekt" des Witzes wird durch den Witz in komische Beleuchtung gerückt,
+also als komisch oder in seiner Komik _dargestellt_. Der Witz, sofern er
+objektive Komik erzeugt, ist demnach eine Weise der komischen
+Darstellung. Diese wird zur humoristischen Darstellung, wenn
+sie--humoristisch ist Und dies kann sie sein in der soeben bezeichneten
+dreifachen Art:
+
+Der Witz deckt _harmlos_ witzig, oder im engeren Sinne humoristisch,
+Schäden und Schwächen auf, greift die Wirklichkeit, selbst die erhabenste
+an, wo immer sie ihm einen Angriffspunkt bietet, und verrät dabei seinen
+Glauben an die unmittelbare Gegenwart und Macht der "Idee". Er geisselt
+_satirisch_, mit schneidendem Witze, das Nichtseinsollende, das sich
+bläht, und zeigt darin die Festigkeit seines vernünftigen und sittlichen
+Bewusstseins. Er wird endlich zur witzig _ironischen_ Darstellung, aus
+der der Glaube an den schliesslichen Sieg des Seinsollenden oder der Idee
+hindurchleuchtet.
+
+Sowenig, wie bereits zugestanden, die im XIII. Kapitel gegebene
+Einteilung der Arten des Witzes vom ästhetischen Gesichtspunkte
+beherrscht war, so wollte ich doch in ihr auf die soeben bezeichnete
+dreifache Möglichkeit der ästhetischen Verwertung des Witzes schon in
+gewisser Weise vorbereiten. Ich wollte dies durch die Art, wie ich von
+dem bloss scherzenden Witze den charakterisierenden und andererseits den
+ironischen Witz unterschied.
+
+Nicht als könnte diese Unterscheidung mit jener Unterscheidung des
+harmlosen, satirischen, und ironischen Humors einfach zusammentreffen.
+Der charakterisierende Witz kann ja auch Schwächen _harmlos_
+charakterisieren; er dient andererseits der Charakterisierung des
+Wertvollen sogut wie der des Nichtigen. Der ironische Witz kann dem
+harmlos Bescheidenen, das selbst keinen Anspruch erhebt, spielend einen
+Anspruch leihen, um diesen Anspruch wieder in sein Gegenteil umschlagen
+zu lassen, und auch er kann andererseits am Wertvollen sich vergreifen.
+
+Immerhin fehlt eine Beziehung zwischen beiden Unterscheidungen nicht.
+Der bloss scherzende Witz, der nur, was ihm eben vorkommt, in seine
+willkürliche Beleuchtung rückt, ohne den Anspruch zu machen, es in
+seinem eigentlichen Wesen zu treffen oder in seinem wahren Lichte
+erscheinen zu lassen, kann auch nicht den Anspruch erheben, das
+_Nichtseinsollende_ in seinem wahren Wesen blosszustellen oder in
+sein Nichts zürückzuschleudern. Ihm bleibt nichts als das harmlose
+_Spiel_ mit Personen und Objekten, und die das Wesen der Objekte
+nicht berührende Komik, der sie damit verfallen.
+
+Dagegen liegt es in der Natur den charakterisierenden Witzes, auch das
+Wesen des thatsächlich Nichtigen oder der Idee Widrigen, das sich erhaben
+geberdet, zu beleuchten.
+
+Ebenso wird der ironische Witz, der zunächst nichts ist, als die in ihr
+Gegenteil umschlagende Bezeichnung oder Aussage, im ironischen Humor, der
+den Anspruch des Nichtseinsollenden in sein Gegenteil umschlagen lässt,
+eine wichtige, über den Witz hinausgehende Aufgabe haben. Er wird diese
+Aufgabe erfüllen, beispielsweise immer dann, wenn die in ihr Gegenteil
+umschlagende Bezeichnung oder Aussage einen solchen Anspruch des
+Nichtseinsollenden zum Inhalte hat.
+
+
+
+
+XVIII. KAPITEL. DER OBJEKTIVE HUMOR.
+
+
+UNENTZWEITER HUMOR.
+
+Dieselben drei Möglichkeiten oder Stufen, wie wir sie beim Humor der
+Weltbetrachtung und beim Humor der Darstellung unterschieden haben,
+bestehen endlich auch beim objektiven Humor. Darauf haben wir noch etwas
+näher einzugehen.
+
+Nach dem oben Gesagten unterscheiden wir einen harmlosen, in sich
+unmittelbar versöhnten, unentzweiten, im engeren Sinne "humoristischen"
+objektiven Humor; andererseits einen in sich entzweiten oder satirischen;
+endlich einen wiederversöhnten oder ironischen objektiven Humor.
+
+Der objektive Humor gewinnt ein mannigfaltigeres Ansehen, wenn wir mit
+dieser Dreiteilung hier sogleich den Gegensatz der Situations- oder
+Schicksalskomik und der Charakterkomik verbinden, den wir oben bei
+Betrachtung der objektiven Komik feststellten, dann aber einstweilen
+ausser Acht liessen. Indem ich die hieraus sich ergebenden Arten des
+Humors bezeichne, setze ich gleich voraus, dass der Humor in Form des
+Kunstwerkes uns entgegentrete. Dabei nehme ich mir die Freiheit, den
+Namen "Komödie" zu verallgemeinern, und nicht nur das zunächst so
+benannte dramatische Kunstwerk damit zu bezeichnen, in dem die Komik die
+höchste künstlerische Verwertung findet, sondern jedes Kunstwerk, in dem
+und soweit in ihm ein dargestelltes Komisches Träger des Schönen oder
+Vermittler des ästhetischen Wertes ist.
+
+Die "Komödie" in diesem Sinne ist erstlich harmlose oder im engeren Sinne
+"_humoristische_" _Schicksalskomödie_. Der Mensch erfährt die Tücke des
+Schicksals, sei es in Gestalt des blinden Zufalls, sei es in Gestalt des
+neckenden oder feindlichen Thuns anderer, und wird objektiv komisch, er
+erhebt sich aber darüber, als über etwas, das ihm und seinen wesentlichen
+Zwecken nichts anhaben kann.--Ihr steht entgegen die harmlose
+_Charakterkomödie_, das heisst dasjenige Kunstwerk, in dem in der
+Schwäche, Beschränktheit, Verkehrtheit des Individuums und durch dieselbe
+das relativ Gute, Vernünftige, Gesunde, kurz das positiv Menschliche sich
+offenbart.
+
+Diese Art der Schicksals- und Charakterkomödie verwirklicht sich in der
+epischen Poesie, und soweit jener Gegensatz des Individuums und seiner
+Komik in einer einzigen Situation darstellbar ist, schon in der bildenden
+Kunst. Dass sie dagegen in Gestalt des dramatischen Kunstwerkes auftrete,
+daran hindert der ihr eigentümliche Mangel des dramatischen Konflikts und
+der dramatischen Entwicklung. Mag im komischen Drama der Konflikt gelöst
+werden, oder zur Unlösbarkeit sich zuspitzen, in jedem Falle besteht ein
+Konflikt, und in jedem Falle wird--nicht der Konflikt, aber das Komische
+oder Nichtige, irgendwie überwunden, nämlich objektiv thatsächlich im
+Falle der Lösung, nur innerlich im Falle der Unlösbarkeit des Konfliktes.
+Wo aber die Person über die Tücke des Schicksals sich im oben
+vorausgesetzten Sinne unmittelbar "erhebt", ich meine in dem Sinne, dass
+sie trotz alles Strauchelns und Fallens doch ihrer selbst und ihrer guten
+Zwecke sicher bleibt, da ist der Gegensatz zwischen ihr und dem Schicksal
+für sie selbst von vornherein aufgehoben. Und damit ist Beides
+ausgeschlossen, sowohl dass sie das Schicksal bekämpfe und äusserlich
+darüber triumphiere, als auch dass sie dem übermächtigen und sie
+äusserlich vernichtenden Schicksal die Würde ihrer Persönlichkeit
+entgegenstelle und es so innerlich überwinde. Ebenso ist bei der
+komischen Person, über deren verkehrtes Gebahren wir uns um des
+dahinterliegenden Guten willen "erheben", so dass es uns nicht hindert,
+den Wert der Person zu erkennen und anzuerkennen, der Gegensatz zwischen
+dem Guten und der Verkehrtheit _für uns_ von vornherein überwunden. Wir
+können darum nicht fordern, dass eine solche Überwindung noch besonders
+sich _vollziehe_. Das heisst: wir können weder fordern, dass das
+Verkehrte in der Person thatsächlich negiert, beseitigt, weggeschafft
+werde, noch dass die bleibende Verkehrtheit in ihr Nichts
+zurückgeschleudert und dadurch ein von ihr _negiertes_ Erhobene in seiner
+Würde uns erst zum Bewusstsein gebracht werde.
+
+In mancherlei Graden kann dieser harmlose Humor im Kunstwerk verwirklicht
+sein. Vor allem kommt hier jener Unterschied des unbewußten und bewussten
+Humors zu seinem Rechte, der bereits von uns betont wurde. In erster
+Linie war damals gedacht an den Humor des komischen _Charakters_.
+Derselbe Gegensatz besteht aber auch beim Humor des komischen Schicksals.
+Wir begegnen der untersten Stufe des objektiven Humors der einen und der
+anderen Art im Humor des naiven Kindergemütes, das weder der
+Unzulänglichkeit oder Verkehrtheit seines Wollens, noch der Komik des
+Schicksals, die es straucheln und fallen lässt, sich bewusst ist. Wir
+begegnen beiden Arten des Humors in ihrer höchsten Steigerung bei der
+vollbewussten Persönlichkeit, die in ihrem erhabenen Wollen nicht nur die
+komische Situation deutlich erkennt, in welche, sie der natürliche Lauf
+der Dinge geraten lässt, sondern auch die eigene Unvollkommenheit klar
+durchschaut, darum aber doch weder am Weltverlauf noch an sich selbst
+irre wird.
+
+Ohne Zweifel würde es zur vollkommenen Persönlichkeit gehören, dass sie
+das komische Geschick jederzeit voraussähe und abzuwenden wüsste. Darnach
+muss vom erhabensten Standpunkte aus jede Schicksalskomik zugleich als
+Charakterkomik erscheinen. Aber auch für den niedrigeren, menschlichen
+Standpunkt können die beiden Arten der Komik nicht nur in einer Person
+sich vereinigen, sondern sie werden sich jederzeit irgendwie, bald in
+höherem bald in geringerem Grade, wechelseitig bedingen. Es ist also auch
+die Scheidung zwischen Schicksals- und Charakterkomödie nur eine in
+Gedanken rein vollziehbare; während in der Wirklichkeit der Kunst die
+beiden in mannigfacher Weise sich verbinden. Je mehr die Charakterkomödie
+über die Einfachheit eines Bildes hinausgeht oder aus der Stille eines
+bescheidenen Daseins in den Strom des Lebens tritt, um so weniger werden
+dem Helden, um seiner eigenen Komik willen, komische Situationen erspart
+bleiben können. Umgekehrt wird die Schicksalskomödie, je weniger sie sich
+auf der Oberfläche des blinden Zufalls hält, um so mehr im Charakter des
+Helden einen schwachen Punkt statuieren müssen, aus dem das komische
+Schicksal begreiflich erscheint. Das Leben des anspruchslosen
+Schulmeisterleins Wuz von Auenthal kann so "still und meergrün"
+verlaufen, wie es verläuft. Schon Onkel Bräsig dagegen greift soweit in
+das Geschick Anderer ein, dass er es sich gefallen lassen muss, durch
+sein gutmütiges Ungeschick in allerlei Ungemach zu geraten; und dass er
+darein gerät, ist uns wiederum nur aus seiner komischen Natur
+verständlich.
+
+
+SATIRISCHER HUMOR.
+
+Was hier über das Zusammentreffen und Zusammenwirken von Schicksals- und
+Charakterskomödie gesagt wurde, gilt nun ebensowohl auch für die anderen
+Gattungen der Komödie, d. h. für die des ungelösten und die des gelösten
+Konfliktes, die ich nach Obigem auch als satirische und ironische Komödie
+oder als Komödie des entzweiten und des wiederversöhnten Humors
+bezeichnen kann. Mit beiden stehen wir auf dramatischem Boden, ohne dass
+doch die epische Gestaltung ausgeschlossen wäre.
+
+Wenn ich hier von einem Konflikte spreche, so meine ich nicht
+irgendwelchen Konflikt, sondern denjenigen zwischen dem Nichtigen, der
+Thorheit, dem Lächerlichen in irgend einer Sphäre einerseits, und dem
+Erhabenen, der Vernunft, dem Seinsollenden andererseits. Und der Konflikt
+ist ungelöst, dies heisst, dieser Gegensatz bleibt bestehen; das
+Lächerliche, sei es nun ein Lächerliches an einer Person, oder das
+Lächerliche einer Situation, oder beides zugleich, hört nicht auf zu
+existieren. Es wird nicht thatsächlich aus der Welt geschafft, macht
+nicht einem Erhabenen Platz, schlägt nicht in ein solches um. Es wird
+freilich Überwunden, aber nur innerlich, d. h. im Bewusstsein. Diese
+Überwindung kann nur darin bestehen, dass sein Anspruch als ein Erhabenes
+oder Seinsollendes betrachtet zu werden, als ein Zurechtbestehendes,
+Überlegenes, Vornehmes, Grosses zu gelten, oder auch sein Anspruch ein
+Mächtiges zu sein, zu nichte wird.
+
+Dies Zunichtewerden muss nun irgendwie sich vollziehen. Es muss im
+humoristischen Kunstwerke etwas geben, dass solchen Anspruch aufhebt.
+Dies erscheint dann als Träger des Seinsollenden oder der "Idee"; und
+zwar als Träger der siegreichen Idee. Auch dieser Sieg ist beim
+objektiven satirischen Humor oder in der satirischen "Komödie" nicht ein
+thatsächlicher, sondern ein solcher im Bewusstsein.
+
+Hier erhebt sich nun die Frage: In wessen Bewusstsein? Die Antwort
+lautet: In jedem Falle in dem unsrigen. Vielleicht aber auch im
+Bewusstsein dargestellter Personen.
+
+Und dazu tritt die andere Frage: Wo findet sich die Idee, oder was ist
+der Träger derselben? Auch darauf sind verschiedene Antworten möglich.
+
+Das Nichtige, Unvernünftige, Lächerliche, aber mit Anmassung, d. h. mit
+Anspruch auf Würde Auftretende kann zunächst sich in seiner Nichtigkeit
+offenbaren im natürlichen Verlauf der Dinge, im einfachen sich Auswirken,
+in irgend einem Konflikt mit den Umständen. Dabei nehmen wir an, der
+Träger des Lächerlichen sei sich seiner Lächerlichkeit nicht bewusst. Er
+verlacht, so setzen wir voraus, nicht sich selbst, sondern geht fröhlich
+seinen Weg. Er erreicht sein Ziel, behält also äusserlich betrachtet
+Recht. Er steigt nur eben notgedrungen von seiner angemassten Höhe herab,
+muss sich ohne Maske zeigen, muss mit dem von ihm Verachteten, dass seine
+Nichtigkeit und vielleicht Nichtswürdigkeit offen zur Schau trägt, sich
+auf eine Linie stellen, mit ihm paktieren, ihm den "brüderlichen
+Versöhnungskuss" reichen.
+
+Dass dies geschieht, ist das Verdienst jenes natürlichen Verlaufs der
+Dinge. Der Zusammenhang des Geschehens, die innere Logik desselben, die
+in ihm waltende sittliche Notwendigkeit will es so. Mit diesem
+Zusammenhang, dieser Logik, dieser sittlichen Notwendigkeit
+sympathisieren wir. Sie erscheint als das Erhabene. In dem hieraus
+entspringenden Gefühl sind wir versöhnt.
+
+Man kann dies Versöhntsein als Schadenfreude bezeichnen. Aber es ist
+Schadenfreude besonderer Art, nämlich sittliche Schadenfreude. Jede
+Schadenfreude ist--nicht Freude am Schaden Anderer als solchem, sondern
+Freude an der Aufhebung eines auf der eigenen Persönlichkeit liegenden
+Druckes, Freude am einer Befreiung und damit Steigerung des
+Selbstbewusstseins. Und sittliche Schadenfreude ist Freude an einer
+Befreiung und damit einer Steigerung des sittlichen Selbstbewusstseins.
+
+Solche Schadenfreude oder solche sittliche Befreiung kommt in uns auch zu
+stande angesichts der satirischen Darstellung, von der ich oben sagte,
+dass ihr wohl zunächst der Name der Satire zukomme. Davon unterscheidet
+sich die satirische "Komödie", von der wir hier reden, dadurch, dass bei
+ihr das Befreiende nicht nur in der Darstellung, sondern objektiv als
+Gegenstand der Darstellung uns entgegentritt. Die Befreiung besteht im
+Miterleben der durch den Zusammenhang des Geschehens bewirkten
+Vernichtung des Erhabenheitsanspruches des Nichtigen.
+
+Dieser Zusammenhang des Geschehens ist hier der eigentliche Held, oder
+tritt an die Stelle desselben. Wo wir eine _Person_ in einem poetischen
+Kunstwerk als Helden bezeichnen, meinen wir damit die Person, auf welche
+schliesslich der ganze mannigfache Inhalt des Kunstwerkes sich bezieht,
+nicht irgendwie äusserlich, sondern ästhetisch, d. h. in der Art, dass
+unser ästhetisches Interesse an diesem Inhalt in dem Interesse am Helden
+mündet oder zur Einheit sich zusammenfasst. Dies Interesse ist aber
+positives Miterleben, d. h. ein solches, in welchem wir eine eigene
+Lebenssteigerung erfahren. Wir können also auch sagen: Der "Held"
+bezeichnet den Punkt, in dem dasjenige, was wir angesichts des ganzen
+Kunstwerkes miterleben sollen, oder was uns durch das ganze Kunstwerk
+Positives gegeben werden soll, in Eines sich zusammenfasst.
+
+Dieser Punkt nun ist in unserem Falle bezeichnet durch den Zusammenhang
+des Geschehens. Er ist also der "Held". Oder: die "Idee" ist der Held,
+sofern sie in diesem Zusammenhang sich als übermächtg ausweist, nämlich
+übermächtig über den Erhabenheitsanspruch des Nichtigen. Dagegen können
+die Träger des Nichtigen nicht Helden sein. Ihnen fehlt das Positive. Es
+wird darum auch kein Einzelner in einem solchen Kunstwerk alles
+beherrschend heraustreten. Was uns entgegentritt, wird eine Gruppe von
+Menschen sein, eine Gesellschaftsklasse, Vertreter eines Standes oder
+mehrerer Stände.
+
+Damit ist zugleich gesagt, dass der _Humor_ der Sache hier--nicht in den
+Entlarvten oder ihres Erhabenheitsanspruches Beraubten, sondern in diesem
+Zusammenhang des Geschehens, oder dieser "Idee" seinen Träger hat. Der
+Humor liegt in der aus der Verschleierung oder versuchten Vernichtung
+emportauchenden Wahrheit. Dieser Humor ist nicht Schicksalshumor und
+nicht Charakterhumor, oder er ist beides. Der Gegensatz zwischen beiden
+kann eben hier, weil der Held nicht persönlich ist, noch nicht
+hervortreten. Der Zusammenhang des Geschehens ist komisch. Und sofern die
+Idee, das Seinsollende, die Wahrheit, nur in diesem Geschehen, oder in
+Gestalt desselben für uns gegenwärtig ist, erscheint auch sie mit der
+Komik _behaftet_. Andererseits ist doch jener Zusammenhang ein
+Zusammenhang des _Geschehens_; die Komik ist also Schicksal; die komische
+Verschleierung oder versuchte Vernichtung _widerfährt_ der Idee.
+
+Ist die Idee oder das Positive bei dieser satirischen Komödie nicht
+persönlich, so ist es doch quasi-persönlich. Wir beleben, beseelen, also
+personifizieren schliesslich auch einen solchen abstrakten Zusammenhang
+des Geschehens. Wir reden von treibenden Kräften, die in einem solchem
+Zusammenhang wirken. Solche "Kräfte" sind, wie alle "Kräfte",
+Persönlichkeitsanaloga.
+
+Immerhin steht ein derart abstrakter Zusammenhang uns persönlich umso
+ferner und ist unserem Mitleben umso weniger unmittelbar zugänglich, je
+abstrakter er ist. Er wird aber in der That so abstrakt, wie wir ihn
+bisher gedacht haben, niemals bleiben.
+
+Verschiedene Möglichkeiten bestehen zunächst, wie konkret Persönliches in
+ihn eingehen kann. Immer wird es in dieser satirischen Komödie geschehen,
+dass Lächerliches und Lächerliches _wechselseitig_ sich blosstellt, noch
+nicht mit Bewusstsein von der Lächerlichkeit oder Jämmerlichkeit des
+Blossgestellten, sondern nur einfach thatsächlich. Es ist dann die Macht
+der Wahrheit in dem Lächerlichen selbst wirksam. Dass diese Wirksamkeit
+unbewusst, ja gegen den Willen des Lächerlichen geschieht, mindert nicht,
+sondern steigert den Eindruck dieser Macht.
+
+Es können aber auch die Träger des Lächerlichen mehr oder minder bewusst
+einer dem anderen das Recht auf Erhabenheit streitig machen, und einer
+den anderen in seiner Nacktheit zeigen. Ebenso können andererseits
+diejenigen, denen dies widerfährt, von ihrer Nacktheit ein mehr oder
+minder deutliches Bewusstsein haben. Vielleicht auch ist unter den
+Verkehrten ein Cyniker, der das Kind beim rechten Namen nennt und damit
+der sich vornehm dünkenden Niedrigkeit ihren Spiegel vorhält. In allen
+solchen Fällen ist es von Wichtigkeit, dass der _selbst_ in die
+Verkehrtheit _Verstrickte_ die Verkehrtheit in ihr Nichts verweist oder
+zurückschleudert. Es zeigt sich darin die Macht der Wahrheit doppelt
+deutlich. Der Cyniker, der die Wahrheit eingestellt, thut der Wahrheit
+einen grösseren Dienst, als der Tugendhafte, der sie verkündigt, oder gar
+der Moralist, der sie predigt. Hier ist die Wahrheit einfach da. Dort
+siegt sie über das Schlechte, dessen natürlicher Schutz die _Lüge_ ist.
+
+Andererseits kann zu denjenigen, um deren Verkehrtheit eigentlich es sich
+handelt, eine Gestalt _hinzutreten_, die irgendwie in positiver Weise die
+Idee, und damit den Standpunkt des Beschauers vertritt. Mit ihr ist ein
+Zuwachs des Humors gegeben, schon wenn sie lediglich lachend und
+verlachend in die Komik eingeht oder sich _einlässt_. Einen weiteren
+Zuwachs erfährt die Komik, wenn diese Gestalt gleichfalls in ihrem
+_Wesen_ komisch und schliesslich lächerlich ist, aber eben in ihrem
+komischen Gebaren oder in ihrer lächerlichen Erscheinung das Bewusstsein
+von jener Verkehrtheit erst recht machtvoll zu Tage tritt.
+
+Ein Verkommener etwa, ein mauvais sujet, sagt den Heuchlern derbe
+Wahrheiten; und wir verspüren die Wirkung viel eindrucksvoller, als wenn
+sie aus anderem Munde käme. Vielleicht hat er das Recht der Wahrheiten an
+seinem eigenen Leibe erfahren. Ehe er so verachtet war, wie er es jetzt
+ist, war er so verächtlich, wie diejenigen sind, die ihn jetzt verachten.
+Oder eine niedrige Gesinnung von der Art, die hier vor ihm sich brüstet,
+und als edel oder menschenfreundlich sich ausgiebt, hat ihn zu dem
+gemacht, was er jetzt ist. Er wird von den Heuchlern ausgestossen. Aber
+sie sind die Gerichteten.
+
+Oder ein komischer Polterer, aber gesund und ehrlich, nicht ohne
+moralische Grösse, vertritt seinen Standpunkt gegenüber dem Unwahren,
+Verschrobenen oder innerlich Verrotteten. Die sich erhaben Dünkenden
+gehen aber über ihn hinweg. Er ist in ihren Augen ein Narr. Um so mehr
+übt seine Gesundheit und Ehrlichkeit ihre herzerfreuende Wirkung.
+
+Hierbei ist nicht vorausgesetzt, dass solche Gestalten Helden seien. Sie
+können Nebenpersonen sein, die auftreten und wieder verschwinden. Dann
+bleibt der "Held" noch immer der Zusammenhang des Geschehens, nur dass
+zugleich die in diesem Zusammenhang waltende Idee in solchen Gestalten
+verdichtet, uns anschaulich gemacht und dadurch näher gerückt ist. Sie
+sind noch nicht _die_ Träger, aber sie sind doch Träger der Idee, das
+heisst des Positiven, das uns nahe gebracht werden soll.
+
+Von da geht die "Verdichtung" der Idee weiter. Zugleich scheidet sich
+schärfer und schärfer der Humor der Schicksals- und der Humor der
+Charakterkomik. Eine Persönlichkeit wird nicht nur verlacht, sondern sie
+ist der eigentliche Gegenstand des Lachens. Sie ist es um des
+Vernünftigen oder Guten willen, das in ihr ist, das aber in eine
+verschrobene oder heuchlerische Umgebung nicht hineinpasst. Sie hält dem
+Lachen stand und bethätigt damit die Sicherheit ihres vernünftigen oder
+sittlichen Bewusstseins. Dies ist satirischer Schicksalshumor. Das
+Kunstwerk, das uns dergleichen zeigt, ist satirische Schicksalskomödie.
+In ihr ist jener Verlachte der Held. Ein Beispiel ist _Molière_'s
+"Menschenfeind", dessen Titelheld uns in seiner eigensinnigen Ehrlichkeit
+um so lieber wird, jemehr alle ihn verspotten und im Stiche lassen. Dass
+zugleich auch sein Wesen nicht von Komik frei ist, macht uns dies
+Schicksal begreiflicher und lässt es uns milder erscheinen.
+
+Diesem ausgeprägten satirischen Schicksalshumor steht entgegen der
+satirische Charakterhumor, bei welchem in der verkehrten Persönlichkeit
+selbst der Gegensatz des Erhabenen und des Närrischen zu einem äusserlich
+ungelösten Konflikte sich zuspitzt. Das verkehrte Wollen zeigt sich
+machtlos. Die Persönlichkeit erlebt es an sich selbst, dass die Vernunft
+oder das Gute dem verkehrten Wollen überlegen ist. Sie giebt, wenn auch
+widerwillig der Vernunft oder dem Guten Recht. Der Konflikt ist ungelöst,
+sofern wir hier voraussetzen, dass der Verkehrte nicht etwa vernünftig
+wird. Es wird ihm nur eben die Unvernunft seines Gebarens zum Bewusstsein
+gebracht. Er steht beschämt. So steht _Mephisto_ "beschämt", indem er
+"gestehen muss", der "dunkle Drang" im Menschen sei mächtiger als er. Er
+höhnt über sich und seine Mitteufel, weil die Liebe sich ihnen überlegen
+erwiesen hat. Darin liegt solcher satirischer Charakterhumor.
+
+Was _Mephisto_ dazu bringt, die Nichtigkeit seines verkehrten Wollens zu
+erkennen, ist das komische Scheitern seiner Pläne, also die Komik seines
+Schicksals. So wird überhaupt dieser satirische Charakterhumor oder
+dieser Humor "des in sich komisch entzweiten Charakters" überall durch
+die Komik des Schicksals, die ihrerseits durch die Verkehrtheit des
+Charakters bedingt ist, vermittelt sein.
+
+Nicht nur die Schicksalskomik, sondern der Humor des dem komischen
+Geschick sich entgegenstellenden und standhaltenden Charakters, verbindet
+sich mit solchem Charakterhumor bei _Hamlet_, _Lear_ u. a. Auch _Lear_
+ist beschämt in der Erkenntnis der Thorheit, durch die er sich sein
+lächerliches Schicksal zugezogen. Zugleich zeigt er sich als "jeder Zoll
+ein König" in dem Geschick, das ihn durch seine Schuld und doch so
+unverdient trifft. Beides zusammen macht ihn erst so gross und
+liebenswert.
+
+Der Humor im _Lear_ schlägt in furchtbare Tragik um. Aber, wie schon
+gesagt, Humor und Tragik sind Geschwister. Und es sind Geschwister, die
+sich oft schwer unterscheiden lassen.
+
+Zunächst ist leicht zu sehen, welche _speciellere Parallele_ hier
+zwischen Humor und Tragik sich ergiebt: Der Schicksals- und
+Charakterkomödie, speciell der soeben besprochenen Art, entspricht eine
+Schicksals- und Charaktertragödie, und der Vereinigung jener beiden die
+Vereinigung dieser. Dem Humor im Misanthrop steht gegenüber die
+Schicksalstragik in Antigone, Maria Stuart, die nicht dem komischen,
+sondern dem in brutaler Härte auftretenden Schicksal äusserlich
+unterliegen, um es innerlich zu überwinden. Ebenso dem Humor des
+Mephistopheles die Tragik des Macbeth, der nicht seine Thorheit, sondern
+das Furchtbare seines Thuns erkennt, dadurch aber ebenso wie
+Mephistopheles der Idee Recht giebt und ihre Macht an sich erweist.
+Endlich sind beide Arten der Tragik vereinigt im Wallenstein, Coriolan
+etc. Dass die Schicksalstragödie, von der ich hier rede, nicht
+zusammenfällt mit der Karikatur derselben, die in der Literaturgeschichte
+speciell diesen Namen trägt, brauche ich nicht besonders zu betonen.
+
+Andererseits berühren sich Humor und Tragik unmittelbar. Es braucht nur
+der komische Konflikt ein gewisses Mass der Schärfe zu überschreiten, um
+ohne weiteres zum tragischen zu werden. Umgekehrt sehen wir den Räuber
+Moor seine Auflehnung gegen die sittliche Weltordnung humoristisch
+fassen, wenn auch verzweiflungsvoll humoristisch, nachdem er die ganze
+Widersinnigkeit seines Beginnens eingesehen hat.
+
+
+DER IRONISCHE HUMOR.
+
+Ebenso wie der zweiten Art des objektiven Humors die Tragik, so
+entspricht der dritten Art desselben, die wir kurz als den _ironischen_
+objektiven Humor bezeichnet haben, die Darstellung des Menschen, der
+ernste Konflikte glücklich Überwindet. Insbesondere hat die dramatische
+Schicksalskomödie des gelösten Konflikts in dem Schauspiele, dessen Held
+ernste äussere Widerwärtigkeiten besiegt, die entsprechende
+Charakterkomödie in dem Schauspiele, dessen Held über Regungen des Bösen
+in sich Herr wird, ihr Gegenbild.
+
+Wir nennen diese dritte Art des Humors ironisch, weil wir, wie nun öfter
+betont, in der Überwindung des Nichtigen, im Umschlag seiner Ansprüche in
+ihr Gegenteil, das Wesen der Ironie sehen. In gewisser Art ist ja
+freilich Vernichtung des Nichtigen oder des der Idee Widrigen das
+eigentliche Wesen jeden Humors. So können wir es als eine Vernichtung
+bezeichnen, wenn das Nichtige dem Erhabenen von vornherein nichts anhaben
+kann, also von Hause aus machtlos erscheint, wie beim harmlosen Humor.
+Ebenso wenn es zur thatsächlichen Geltung kommt, zugleich aber innerlich
+überwunden wird, wie beim entzweiten oder satirischen Humor. Aber alles
+dies ist nicht Vernichtung in unserem Sinne, nicht Umschlag des die
+_Geltung_ in der Welt sich anmutenden Nichtigen _selbst_ in seiner
+objektiven _Thatsächlichkeit_, wodurch die Übermacht der Idee
+dokumentiert wird; darum nicht objektive Ironie, oder Ironie als Art des
+objektiven Humors.
+
+Es kann aber das Nichtige in dreifacher Weise jener Vernichtung und jenem
+Umschlag anheimfallen. Dieselbe entspricht den drei Arten der witzigen
+Ironie, die wir oben schon mit Rücksicht hierauf unterschieden haben. Wir
+sahen in der ironischen Bezeichnung und dem ironischen Urteil eine
+Bezeichnung oder ein Urteil zergehen und der Wahrheit Recht geben, ohne
+weiteres, durch den blossen Eintritt in den Zusammenhang unseres
+Bewusstseins; wir sahen es in der "witzigen Widerlegung" zu Schanden
+werden durch eine Wahrheit, die ihm geflissentlich entgegentrat; wir
+sahen endlich in der "witzigen Folgerung" und "Konsequenz" den Umschlag
+erfolgen durch ein gleich Nichtiges, in dessen Gewand sich die Wahrheit
+kleidete. Dem entsprechend kann hier, bei dem ironischen objektiven
+Humor, das Nichtige zergehen, ohne besondere Anstrengung seitens eines
+Erhabenen, nur durch den Zusammenhang der Wirklichkeit, den natürlichen
+und vernünftigen Lauf der Dinge; oder es wird zu Falle gebracht durch die
+Übermacht eines ihm geflissentlich entgegentretenden und den Kampf mit
+ihm aufnehmenden Guten und Vernünftigen; oder endlich es wird in seiner
+Nichtigkeit und Machtlosigkeit offenbar durch seinesgleichen.
+
+Eine ironische Schicksalskomödie der ersten dieser drei Stufen ist die
+"Komödie der Irrungen", und die ganze Mannigfaltigkeit der Komödien, in
+denen eine komische Verwickelung in ihrem eigenen Verlauf, durch die
+Laune des Zufalls, durch das Wechselspiel närrischer Vorfälle und
+Einfälle sich löst.
+
+Ihr steht entgegen die Cbarakterkomödie von der Art etwa der "Gelehrten
+Frauen", die von ihrer Vergötterung der Scheingelehrsamkeit durch die
+zufällige Entlarvung ihres Abgottes geheilt werden. Insofern ihre
+Thorheit zugleich den beiden Liebenden als feindliches, aber ohne ihr
+Zuthun sich lösendes Schicksal entgegentritt, ist diese Komödie zugleich,
+soweit diese beiden in Betracht kommen, Schicksalskomödie der gleichen
+Stufe.
+
+Dagegen besiegt Petrucchio durch männliche Kraft und Klugheit die Komik
+des Geschicks, dass er sich mit Käthchen aufgebunden hat. Er thut es,
+indem er Käthchen selbst besiegt, und zur Vernunft bringt. So sind hier
+ironische Schicksals- und Charakterkomödie der zweiten Stufe unmittelbar
+verbunden. Ebenso sehen wir ein andermal die Damen in "Liebes Lust und
+Leid" durch ihre Liebenswürdigkeit, und die Liebe, die sie dadurch
+erwecken, über die Kavaliere, die ihnen die Thüre weisen, äusserlich
+triumphieren und zugleich sie von ihrem närrischen Vorsatz heilen.
+
+Der Unterschied zwischen dieser Stufe und der vorigen ist kein
+unwesentlicher. Es ist ein Anderes, ob das Nichtige in sich selbst zu
+Fall kommt und das Gute und Vernünftige Recht behält, oder ob das
+Nichtige zu Fall gebracht wird durch ein positiv Gutes und Vernünftiges,
+das darin seine Übermacht betätigt. Dies hindert doch nicht, dass beide
+Stufen im selben Kunstwerk sich verbinden und dass sie in einander
+übergehen. Überhaupt handelt es sich ja hier nicht um feste Grenzen,
+sondern um fliessende Unterschiede; nicht um eine Klassifikation von
+Kunstwerken, sondern um die Aufstellung von Gesichtspunkten, denen sich
+dies oder jenes ganze Kunstwerk, oder auch nur diese oder jene Gestalt
+einen solchen mehr oder weniger unterordnet.
+
+Ich sagte, Petrucchio siege durch männliche Kraft und Klugheit.
+Humoristisch ist doch er selbst und sein Thun nicht durch diese Kraft und
+Klugheit als solche. Der Humor fehlte, wenn dieselbe sich zur
+Verkehrtheit lediglich in Gegensatz stellte, sie in stolzer
+Selbstbewusstheit aufdeckte, abkanzelte, abwiese. Im Gegensatz hierzu
+schliesst der Humor, von dem ich hier rede, dies in sich, dass der Träger
+des Vernünftigen oder Guten von seiner Höhe herabsteigt, in die Komik
+eingeht, oder sich einlässt, demgemäss die Verkehrtheit _lachend_
+überwindet. So überwindet Petrucchio lachend Käthchens Tollheit.
+
+Aber freilich Petrucchio thut noch mehr. Er übertollt die Tollheit der
+Widerspänstigen. Er besiegt sie mit ihren eigenen Waffen. Sofern er dies
+thut, gehört sein Humor bereits der dritten Stufe des ironischen Humors
+an.
+
+Diese dritte Stufe findet sich, zunächst in der Form der
+Schicksalskomödie, verwirklicht in allen Komödien, in denen und soweit in
+ihnen das feindliche Schicksal oder die Person, die seine Rolle spielt,
+auf eigenem Boden und mit eigenen Waffen geschlagen wird. Hier wird das
+Nichtige von dem Erhabenen im Gewande seiner eigenen Nichtigkeit
+überwunden.
+
+Mit dieser Schicksalskomödie muss nicht, aber es kann sich mit ihr die
+Charakterkomödie der gleichen Stufe verbinden. So ist "Minna von
+Barnhelm" beides, sofern der Major, der die Heldin in die komische
+Situation bringt, von ihr nicht nur besiegt, sondern damit zugleich
+geheilt wird. Beides gelingt ihr, indem sie ihm in der Maske seiner
+eigenen Narrheit entgegentritt.
+
+In Minna von Barnhelm ist die Narrheit nur Maske; in den Helden der
+"Vögel" ist sie Wirklichkeit. Die Gründer des Vogelstaates sind ganz
+ausbündige Narren. Und doch sind auch sie Vertreter der Idee. Eben in
+ihrer Narrheit repräsentieren sie die gesunde Vernunft. Und indem das
+närrische Athenervolk mit seinen närrischen Göttern vor ihnen sich beugt,
+beugt es sich vor der gesunden Vernunft. Oder wohin anders sollte sich,
+wenn es in der Welt und im Olymp so närrisch zugeht, die gesunde Vernunft
+flüchten können, als dahin, wohin sie sich flüchten, nach
+Wolkenkukuksheim? Was anders kann man noch wünschen, wenn es um alle
+höheren Interessen so übel bestellt ist, als sein Leben in Ruhe zu
+verbringen und seinen Leib zu pflegen?--Wie erhaben bricht aber doch
+wiederum die Idee, ich meine das sittliche Bewusstsein an dem Gewande der
+Narrheit hervor, dann etwa, wenn der Hauptnarr dem schlechten Sohne das
+Gebot, Vater und Mutter zu ehren, entgegenhält, oder den Sykophanten auf
+die Mittel hinweist, sich ehrlich und ohne Schurkenprozesse sein
+tägliches Brod zu verdienen. Wie nichtig erscheint die Anmassung des
+Schlechten, wenn sie aus solchem Munde sich muss strafen lassen, wie
+erhaben die Idee, wenn ihre Karikatur genügt, die Karikatur in der Welt
+der Wirklichkeit zu ihren Füssen zu zwingen und zu entthronen. Denn nicht
+das karikierte Athenertum, wie Droysen meint, können die Gründer des
+Vogelstaates sein, sondern nur die Karikatur, ich meine die närrische
+Verkleidung und absichtliche Verzerrung der gesunden Vernunft, die den
+Athenern _abhanden_ gekommen ist, und nun trotz ihrer Karikatur und in
+aller Niedrigkeit und Possenhaftigkeit die wahre Narrheit lachend ad
+absurdum führt,
+
+In der aristophanischen Komödie hat die Komik ihre ausgiebigste
+Verwertung im Dienste des Kunstwerkes gefunden. Hier ist höchster Humor,
+das heisst tiefster sittlicher Ernst, und grösste Freiheit des Geistes,
+lachend in den Strudel der Verkehrtheit hinabzutauchen, und darin die
+Hoheit des Vernünftigen, Guten, Grossen, kurz des Menschlichen zu
+bewähren.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KOMIK UND HUMOR ***
+
+This file should be named 8298-8.txt or 8298-8.zip
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
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+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
+
+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
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+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
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+ PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
+ 809 North 1500 West
+ Salt Lake City, UT 84116
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+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
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+We need your donations more than ever!
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+https://www.gutenberg.org/donation.html
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+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
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+Prof. Hart will answer or forward your message.
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+We would prefer to send you information by email.
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+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
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