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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:31:15 -0700 |
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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Komik und Humor + +Author: Theodor Lipps + +Release Date: June, 2005 [EBook #8298] +[This file was first posted on July 4, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KOMIK UND HUMOR *** + + + + +E-text prepared by Carlo Traverso, Thomas Berger, and the Online Distributed +Proofreading Team + + + +KOMIK UND HUMOR + +EINE PSYCHOLOGISCH-ÄSTHETISCHE UNTERSUCHUNG + +VON + +THEODOR LIPPS + + + + + + + +Vorwort + +Vor jetzt zehn Jahren habe ich in den "Philosophischen Monatsheften" eine +Reihe von Aufsätzen über die "Psychologie der Komik" zu veröffentlichen +begonnen. Teils eigenes Bedürfnis, teils der Wunsch anderer, hat mich zu +einer Umarbeitung und Erweiterung dieser Aufsätze veranlasst. Daraus ist +schliesslich dies Buch geworden. + +Ich bezeichne den Inhalt desselben als "psychologisch-ästhetische +Untersuchung". Dabei könnte das "psychologisch" überflüssig erscheinen. +Eine ästhetische _Untersuchung_ ist immer psychologisch. Aber ich wollte +mit diesem Ausdruck andeuten, dass es mir vor allem ankam auf die +psychologische Analyse meines Gegenstandes, auf die breite psychologische +Fundamentierung des Problems, auf die Einfügung desselben in den +Zusammenhang mit angrenzenden, verwandten und allgemeineren +psychologischen und ästhetischen Problemen. + +Darüber trat ein anderes Interesse zurück. Ich habe darauf verzichtet, +den Humor oder die künstlerische Verwendung des Komischen weiter, als es +die Natur der Sache erforderte, in die verschiedenen Kunstgattungen und +Kunstrichtungen hinein zu verfolgen, oder gar bestimmte humoristische +Kunstwerke im einzelnen zu analysieren. Es genügte mir, die verschiedenen +Möglichkeiten, die Arten, Daseinsweisen und Stufen der Komik und des +Humors allgemein aufgezeigt und in ihrer Wirkung verständlich gemacht zu +haben. Jene mehr kunst- und litterarhistorische Aufgabe möchte ich gerne +anderen, womöglich solchen, die dazu geschickter sind, überlassen. Ich +hoffe aber freilich, dass für solche Arbeit das in diesem Buche Gebotene +als die geeignete Grundlage erscheinen wird. + +Ich gedenke noch mit besonderem Danke der Anregung, die ich bei Abfassung +dieses Buches aus einem die Komik betreffenden Aufsatze _Heymans'_ in der +Zeitschrift für Psychologie habe schöpfen können. + +_Starnberg_, Mai 1898. + +Th. L. + + + + + +INHALT. + +I. ABSCHNITT. THEORIEN DER KOMIK. + + I. Kapitel. _Theorie des Gefühlswettstreites_. Heckers Theorie. Komik, + Lust und Unlust.--Gefühl und Gefühlswettstreit.--Gefühl der Tragik + und der Komik.--Gefühlskontrast.--Der Wechsel der + Gefühle.--Schadenfreude und gesteigertes Selbstgefühl. + + II. Kapitel. _Die Komik und das Gefühl der Überlegenheit_. Hobbes' und + Groos' Theorie.--Gefühl und Grund des Gefühls.--Allerlei ästhetische + Theorien.--Die Komik des Objektes und meine + Überlegenheit.--Überlegenheit und "Erleuchtung".--Das Wesen der + "Überlegenheit".--Zieglers Theorie. + + III. Kapitel. _Komik und Vorstellungskontrast_. Kräpelins + "intellektueller Kontrast".--Wundts Theorie.--Verwandte Theorien. + +II. ABSCHNITT. DIE GATTUNGEN DES KOMISCHEN. + + IV. Kapitel. _Die objektive Komik_. Kontrast des Grossen und des + Kleinen.--Nachahmung und Karikatur.--Situationskomik.--Die + Erwartung.--Die Komik als Grösse und Kleinheit _Desselben_. + + V. Kapitel. _Objektive Komik_. _Ergänzungen_. Das komische + "Leihen".--"Selbstgefühl in statu nascendi". Komik und Lachen. + --Komik des "Neuen".--Komische Unterbrechung.--Positive Bedeutung + der Neuheit.--"Verblüffung" und "Verständnis". + + VI. Kapitel. _Die subjektive Komik oder der Witz_. Abgrenzung der + subjektiven Komik.--Verschiedene Theorien.--Begriffsbestimmung und + verschiedene Fälle.--Witzige Handlungen.--Verwandte + Theorien.--"Verblüffung und Erleuchtung" beim Witz. + + VII. Kapitel. _Das Naiv-Komische_. Die Theorien.--Die drei Arten der + Komik.--Möglichkeiten des Naiv-Komischen.--Kombination der drei + Arten der Komik.--"Verblüffung und Erleuchtung" beim Naiv-Komischen. + +III. ABSCHNITT. PSYCHOLOGIE DER KOMIK. + + VIII. Kapitel. _Das Gefühl der Komik und seine Voraussetzung_. Komik als + "wechselndes" oder "gemischtes" Gefühl.--Die Grundfarbe des Gefühls + der Komik.--"Psychische Kraft" und ihre Begrenztheit.--Genaueres + über die "psychische Kraft".--"Aufmerksamkeit". "Psychische + Energie".--Die besonderen Bedingungen der Komik. + + IX. Kapitel. _Das Gefühl der Komik_. Gesetz des + Lustgefühls.--"Qualitative Übereinstimmung" als Grund der + Lust.--"Quantitative Verhältnisse".--Gefühl der "Grösse".--"Grösse" + und Unlust.--Gefühl des "Heiteren".--Das überraschend Grosse.--Das + überraschend Kleine. Die Komik. + + X. Kapitel. _Das Ganze des komischen Affektes_. Umfang und Erneuerung + der komischen Vorstellungsbewegung.--Rückläufige Wirkung der + psychischen "Stauung".--Hin- und Hergehen der komischen + Vorstellungsbewegung.--Das Ende der komischen + Vorstellungsbewegung.--Einzigartigkeit des komischen Prozesses. + + XI. Kapitel. _Lust- und Unlustfärbung der Komik_. Primäre Momente der + Lust- und Unlust.--Qualitative Übereinstimmung und quantitativer + Kontrast.--Ausserkomische Gefühlsmomente.--Besonderheit der naiven + Komik. + +IV. ABSCHNITT. DIE UNTERARTEN DES KOMISCHEN + + XII. Kapitel. _Die Unterarten der objektiven und naiven Komik_. Stufen + der objektiven Komik.--Situations- und Charakterkomik.--Natürliche + und gewollte Komik.--Possenhafte, burleske, groteske Komik. + + XIII. Kapitel. _Die Unterarten der subjektiven Komik_. Allgemeines.--Der + Wort- oder Begriffswitz.--Die witzige Begriffsbeziehung.--Das + witzige Urteil.--Die witzige Urteilsbeziehung.--Der witzige Schluss. + +V. ABSCHNITT. DER HUMOR. + + XIV. Kapitel. _Komik und ästhetischer Wert_. Allgemeines über + "ästhetischen Wert".--Erkenntniswert und ästhetischer + Wert.--"Verständnis" des Kunstwerkes.--"Kunstwert".--Die Komik als + "Spiel".--Arten von Gegenständen des Gefühls überhaupt.--Der Wert + der Komik kein ästhetischer Wert. + + XV. Kapitel. _Die Tragik als Gegenstück des Humors_. Die Tragik als + "Spiel".--Tragik und "ästhetische Sympathie".--Volkelts + ausserästhetische Begründung der Tragik.--Das Specifische des + tragischen Genusses.--Weitere ästhetische Wirkungen des + Konfliktes.--Ästhetische Bedeutung des Bösen. + + XVI. Kapitel. _Das Wesen des Humors_. Lazarus' Theorie.--Naivität und + Humor.--Humor und "psychische Stauung". + + XVII. Kapitel. _Arten des Humors_. Die Daseinsweisen des Humors.--Humor + der Darstellung.--Stufen des Humors.--Unterarten des Humors.--Die + humoristische Darstellung und der Witz. + +XVIII. Kapitel. _Der objektive Humor_. Unentzweiter Humor.--Satirischer + Humor.--Ironischer Humor. + + + + + +I. ABSCHNITT. THEORIEN DER KOMIK. + + +Die Psychologie der Komik kann ihre Aufgabe auf doppeltem Wege zu lösen +versuchen. Komisch heissen Gegenstände, Vorgänge, Aussagen, Handlungen, +weil sie ein eigenartiges Gefühl, nämlich eben das Gefühl der Komik in +uns erwecken. Das Wort "komisch" will, allgemein gesagt, zunächst nicht +wie das Wort "blau" eine Eigenschaft bezeichnen, die an einem Gegenstände +angetroffen wird, sondern die Wirkung angeben, die der Gegenstand auf +unser Gemüt ausübt. Freilich muss dieser Wirkung irgendwelche +Beschaffenheit des Gegenstandes zu Grunde liegen. Insofern dies der Fall +ist, heisst dann auch die Beschaffenheit selbst oder der Träger derselben +komisch. + +Darnach scheint der naturgemässeste Weg zur Bestimmung des Wesens der +Komik, dass man erst jene Wirkung feststellt, also das Gefühl der Komik +in seiner Eigentümlichkeit zu begreifen sucht, um dann zuzusehen, welche +Besonderheiten der Gegenstände diese Wirkung nach psychologischen +Gesetzen ergehen können, bezw. wie sie dieselbe ergeben können. + +Daran müsste sich natürlich die Probe auf das Exempel anschliessen, d. h. +es müsste festgestellt werden, inwiefern die thatsächlich gegebenen Arten +des Komischen diese Besonderheiten an sich tragen. + +Andererseits hindert doch nichts, auch in anderer Weise die Untersuchung +zu beginnen. Das Gefühl der Komik ist ein so eigenartiges, dass wir im +gegebenen Falle kaum zweifeln können, ob wir einen Gegenstand, ein +Verhalten, ein Ereignis, eine Gebärde, Rede, Handlung unter die komischen +zu rechnen haben. Darauf beruht die Möglichkeit, zunächst von diesen +_Gegenständen_ auszugehen. Wir fassen dieselben ins Auge, analysieren +sie, vergleichen die verschiedenartigen Fälle, variieren die Bedingungen, +und gelangen so zu den Momenten, auf denen die Wirkung beruhen muss. Auch +hier ist dann eine Probe erforderlich. Wir müssen uns überzeugen, ob +diese Momente auch nach allgemeinen psychologischen Gesetzen die komische +Wirkung hervorbringen können, bezw. wiefern sie dazu fähig sind. Darin +ist dann die Analyse des Gefühls der Komik schon eingeschlossen. + +Diese beiden Wege unterscheiden sich nicht hinsichtlich dessen, was zu +leisten ist, sondern lediglich hinsichtlich des Ausgangspunktes. Offenbar +hat aber der zweite Weg insofern einen Vorzug, als man dabei von +vornherein in den Gegenständen der Komik einen sicheren Halt hat. Im +Übrigen wird individuelle Neigung und Befähigung die Wahl des Wegs +bestimmen, oder zum Mindesten darüber entscheiden, ob die eine oder die +andere Weise der Untersuchung vorherrscht. + + + + +I. KAPITEL. THEORIE DES GEFÜHLSWETTSTREITES. + + +HECKERS THEORIE. KOMIK, LUST UND UNLUST. + +Achten wir auf die Geschichte der Psychologie und Ästhetik des Komischen +in unseren Tagen, so sehen wir den ersten jener beiden Wege am +entschiedensten eingeschlagen von _Hecker_ in seiner "Physiologie und +Psychologie des Lachens und des Komischen", Berlin 1873. Dagegen tritt +die andere Weise deutlicher hervor bei _Kräpelin_, dem Verfasser des +Aufsatzes "Zur Psychologie der Komik" im zweiten Bande von _Wundts_ +"Philosophischen Studien". Hiermit habe ich zugleich diejenigen Arbeiten +bezeichnet, die bisher--abgesehen von den Aufsätzen, als deren +Umarbeitung und Erweiterung diese Schrift sich darstellt--, mit der +Psychologie der Komik am eingehendsten sich befasst haben. + +Wie leicht der Versuch, das Gefühl der Komik in seiner Eigenart zu +begreifen, ohne dass man von vornherein an den Gegenständen der Komik +einen festen Halt sucht, in die Irre führen kann, zeigt _Hecker_ +deutlich. Er meint das Gefühl der Komik zu analysieren. Statt dessen +dekretiert er es. + +Für Hecker ist das Gefühl der Komik ein "beschleunigter Wettstreit der +Gefühle" d. h. ein "schnelles Hin- und Herschwanken zwischen Lust und +Unlust". "Von einem Punkte aus sehen wir plötzlich und gleichzeitig zwei +verschiedene unvereinbare Gefühlsqualitäten (Lust und Unlust) in uns +erzeugt werden." Dass sie von einem Punkte aus und darum gleichzeitig +erzeugt werden und doch unvereinbar sind, dies bedingt nach _Hecker_ den +Wettstreit. In diesem Wettstreit würde die schwächere der beiden +Qualitäten unterdrückt werden, wenn eine erhebliche Verschiedenheit der +Gefühle hinsichtlich ihrer Stärke bestände. Eine solche besteht aber nach +_Hecker_ nicht. Die konträren Gefühle sind von "annähernd gleicher +Stärke". Daraus ergiebt sich die Notwendigkeit des Hin- und Hergehens. +Dasselbe wird zum schnellen Hin- und Hergehen, zum beschleunigten +Wettstreit in diesem Sinne, wegen der Plötzlichkeit der Wirkung. Das +Gefühl der Lust, das ursprünglich dem der Unlust nur die Wage hielt, +erscheint in diesem plötzlich erzeugten Wettstreit durch Kontrast +gehoben, so dass in der schliesslichen Gesamtwirkung die Lust überwiegt. + +Den Inhalt dieser Erklärung sucht _Hecker_ zu stützen, indem er auf das +Phänomen des Glanzes verweist. Wenn dem einen Auge eine schwarze, dem +andern an derselben Stelle des gemeinsamen Sehfeldes eine weisse Fläche +dargeboten wird, so ergiebt sich unter Umständen das Gesamtbild einer +glänzenden schwärzlichen Fläche. Die beiden monokularen Bilder können, so +wie sie sind, nicht an derselben Raumstelle gleichzeitig gesehen werden. +Sie können wegen der Selbständigkeit, welche sie besitzen, auch nicht +einfach zu einem Mittleren, also zum Bilde einer grauen Fläche +verschmelzen. Sind keine Bedingungen vorhanden, welche das eine der +Bilder vor dem andern bevorzugt sein lassen, so fehlt endlich auch die +Möglichkeit, dass das eine durch das andere auf längere Zeit verdrängt +werde. So bleibt nach _Hecker_ nur übrig, dass die Wahrnehmung zwischen +beiden mit grosser Schnelligkeit hin- und herzittert; und dies Hin- und +Herzittern, meint _Hecker_, sei der Glanz. + +In gleicher Weise nun sollen auch annähernd gleich starke Gefühle der +Lust und Unlust, die gleichzeitig gegeben sind, nicht nebeneinander +bestehen, noch zu einem mittleren Gefühle verschmelzen können, sondern zu +schnellem Wechsel genötigt sein. Und in diesem Wechsel soll das Gefühl +der Komik bestehen. + +Scharfsinnig ausgedacht mag diese Theorie erscheinen. Schade nur, dass +sie gar keinen Boden unter den Füssen hat. Dem Physiologen _Hecker_ +erscheint die Analogie zwischen Gefühl der Komik und Wahrnehmung des +Glanzes als eine vollständige. Ich sehe in _Heckers_ Meinung nur ein +Beispiel dafür, wie leicht es demjenigen, der mit der Eigenart eines +Gebietes wenig vertraut ist, begegnet, dass er Erscheinungen, die diesem +Gebiete angehören, mit Erscheinungen von völlig heterogener Natur in +Analogie setzt und aus dieser Analogie zu erklären meint. Dass auch +_Heckers_ Erklärung des _Glanzes_ keineswegs einwandfrei ist, soll dabei +nicht besonders betont werden. + +Thatsächlich ist freilich auch nach _Heckers_ Darstellung die Analogie +zwischen Glanz und Komik keine vollständige. Der beschleunigte Wettstreit +wird beim Glänze einfach daraus abgeleitet, dass die entgegengesetzten +Qualitäten sich die Wage halten, während beim Gefühl der Komik das +plötzliche Auftreten des Kontrastes als wesentlich erscheint. + +Aber davon wollen wir absehen. Wichtiger ist, dass die Grundvoraussetzung +der ganzen Theorie irrig ist. Das Gefühl der Komik gehört der Linie +zwischen reiner Lust und reiner Unlust an. Aber es erfüllt in seinen +möglichen Abstufungen die ganze Linie, so dass es stetig einerseits in +reine Lust, andererseits in reine Unlust übergeht. Wenn jemand eine +anerkannte Wahrheit in witziger Form ausspricht, so spielend und doch so +unmittelbar einleuchtend, wie es der gute Witz zu thun pflegt; wenn durch +einen solchen Witz niemand verletzt oder abgefertigt wird; dann ist das +Gefühl der Komik, das sich daran heftet, zwar durchaus eigenartig, +hinsichtlich seines Verhältnisses zu Lust und Unlust aber mit den +reinsten Lustgefühlen, die uns beschieden sind, vergleichbar. Wenn +andererseits ein Mann sich wie ein Kind beträgt, jemand, der wichtige +Verpflichtungen mit viel Selbstbewußtsein übernommen hat, im letzten +Momente sich feige zurückzieht, so kann ein Gefühl der Komik entstehen, +das von reiner _Unlust_ sich beliebig wenig unterscheidet. + +Auch hier darf freilich das Moment der Erheiterung nicht fehlen, wenn wir +das Gebahren noch komisch oder "lächerlich" nennen sollen. Aber eine +bestimmte Stärke desselben ist dazu nicht erforderlich. Denken wir uns +dies Moment schwächer und schwächer, so geht das Lächerliche nicht +sprungweise, sondern allmählich in das Verächtliche oder Erbärmliche +über. + +Das Gleiche gilt von dem "Hohnlachen", mit dem der Verbrecher, der am +Ende seiner nichtswürdigen Laufbahn angekommen ist und alle seine Pläne +hat scheitern sehen, sich gegen sich selbst und seine Vergangenheit +wendet. Auch hierin steckt noch jenes Moment der Erheiterung. Zunächst +aber spricht aus diesem verzweiflungsvollen Lachen eben das Gefühl der +Verzweiflung, also des höchsten seelischen Schmerzes. Und dieser Schmerz +kann sich steigern und die Fähigkeit sich darüber zu erheben und der +Sache eine heitere Seite abzugewinnen, sich mindern. So lange dies +letztere Moment nicht völlig verschwindet, ist der Verbrecher sich selbst +lächerlich, also Gegenstand einer, wenn auch noch so schmerzlichen Komik. + + +GEFÜHL UND "GEFÜHLSSWETTSTREIT". + +Das Gefühl der Komik, das steht uns fest, ist nicht durch ein bestimmtes +quantitatives Verhältnis von Lust und Unlust gekennzeichnet. Darüber +hätte _Hecker_ schon der einfache Sprachgebrauch belehren können, der ein +Lachen bald als lustig, fröhlich, herzlich, bald als ärgerlich, +schmerzlich, bitter bezeichnet. + +Es können aber auch umgekehrt Lust und Unlust, die "aus einem Punkte +erzeugt" sind, recht wohl sich annähernd die Wage halten, ohne dass doch, +sei es das Gefühl der Komik, sei es der Wettstreit entsteht, der nach +_Hecker_ die Komik machen soll. + +Lust und Unlust sollen nicht nebeneinander bestehen und sich zu einem +Gesamtgefühl vereinigen können. Und warum nicht? Wegen der Analogie des +Glanzes? Aber diese Analogie wird Lust und Unlust schwerlich verhindern, +ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen. + +Sagen wir es kurz: Der ganze _Hecker_'sche Wettstreit der Gefühle ist ein +psychologisches Unding. Es giebt in uns gar keine "_Gefühle_", die mit +einander in Wettstreit geraten könnten, sondern von vornherein immer nur +ein _Gefühl_, genauer: eine so oder so beschaffene Weise, wie uns zu Mute +ist, oder wie wir "_uns_" fühlen. Fühlen heisst _sich_ fühlen. Alles +Gefühl ist Selbstgefühl. Dies ist eben das Besondere des Gefühls im +Gegensatz zur Empfindung, die jederzeit Empfindung von Etwas, d. h. +Empfindung eines von mir unterschiedenen Objektes ist. Ich fühle mich +lust- oder unlustgestimmt, ernst oder heiter, strebend oder +widerstrebend. + +So gewiss nun ich in meinem Selbstgefühl mir nicht als eine Mehrheit +erscheine, so gewiss giebt es für mich nicht in einem und demselben +Momente nebeneinander mehrere Gefühle. Dies hindert nicht, dass ich an +dem Gefühl oder Selbstgefühl eines Momentes mehrere _Seiten_ +unterscheide, so etwa, wie ich auch an einem Klange, diesem einfachen +Inhalte meines Bewusstseins, verschiedene Seiten, nämlich die Höhe, die +Lautheit und die Klangfarbe unterscheide. Aber diese verschiedenen Seiten +sind eben doch nur verschiedene Seiten eines und desselben an sich +_Einfachen_. + +Ich fühle mich etwa in einem Momente lustgestimmt. In der Lust aber liegt +zugleich ein gewisser Ernst. Andererseits ist damit ein Streben oder +Sehnen "verbunden". Dann habe ich doch nicht drei Gefühle, so wenig ich +drei Töne höre, wenn mein Ohr eine Tonhöhe und mit ihr "verbunden" eine +bestimmte Lautheit und eine bestimmte Klangfarbe vernimmt. Sondern ich +fühle Lust, aber die Lust ist nicht Lust überhaupt, sondern Lust von +eigentümlich ernster Art. Und wiederum ist diese ernste Lust nicht ernste +Lust überhaupt, sondern zugleich Lust mit einem Charakter des Sehnens. +Oder umgekehrt gesagt, das Sehnen oder Streben ist ein lustgestimmtes und +ernstes. + +Dem entspricht auch der eigentliche psychologische Sinn der Lust. In dem +einen Gefühl giebt sich mir jedesmal der _Gesamtzustand_ meines +psychischen Lebens, der immer nur einer sein kann, in gewisser Art +unmittelbar kund. Oder genauer gesagt: Es giebt sich mir darin eben +die--freie oder gehemmte--_Weise_ kund, _wie_ sich die mannigfachen +Vorgänge und Regungen in mir zu einem psychischen Gesamtzustande +vereinigen. Nichts ist unrichtiger als die Vorstellung, dass jemals ein +Gefühl, so wie Gefühle in uns thatsächlich vorzukommen pflegen, an einer +einzelnen Empfindung oder Vorstellung oder auch an einem einzelnen +Komplex von solchen, hafte. Nichts ist unzutreffender als die Lehre vom +"Gefühlston" einer Empfindung oder Vorstellung, wenn damit eine solche +Meinung sich verbindet. + +Dies schliesst nicht aus, dass dennoch ein Gefühl an bestimmten einzelnen +Empfindungsinhalten oder Komplexen von solchen in gewissem Sinne "haften" +könne und als an ihnen haftend sich uns darstelle. Wir müssen nur wissen, +was wir damit meinen und einzig meinen können. In dem gesamten +psychischen Leben eines Momentes sind nicht alle Elemente psychisch +gleichwertig. Sondern die einen treten beherrschend hervor, die anderen +treten zurück. Und es treten in aufeinanderfolgenden Momenten bald diese +bald jene Elemente hervor oder zurück. Damit ändert sich auch das Gefühl. +Es gewinnt jetzt diesen, jetzt jenen Charakter. Es wandelt sich etwa, +indem ein bestimmter psychischer Inhalt, eine bestimmte Empfindung oder +Vorstellung, hervortritt, ein Gefühl, das Lustcharakter besass, in ein +unlustgefärbtes, und diese Färbung wird immer deutlicher, jemehr jener +bestimmte Inhalt hervortritt. Dann kann ich sagen, es hafte diese +Unlustfärbung meines Gefühles, oder auch: es hafte ein Gefühl der Unlust +an diesem Inhalte. Das einheitliche oder einfache Gesamtgefühl bleibt +dann doch durch den psychischen Gesamtzustand bedingt. Nur ist zugleich +eben dieser psychische Gesamtzustand vorzugsweise durch jenen bestimmten, +in ihm hervorstrebenden _Inhalt_ bedingt. + +Darnach giebt es auch keinen Wettstreit der Gefühle. Man muss in Wahrheit +etwas anderes meinen, wenn man diesen Ausdruck gebraucht. Und was man +einzig meinen kann, das ist der Wettstreit der _Vorstellungen_, an denen +verschiedene Gefühle im oben bezeichneten Sinne des Wortes "_haften_". +Ein solcher Vorstellungswettstreit besteht ja thatsächlich. Es geschieht +nicht nur, wie oben gesagt, dass Vorstellungen hervortreten, andere +zurücktreten, sondern das Hervortreten einer Vorstellung bedingt das +Zurücktreten anderer. Und damit vollzieht sich zugleich, wie gleichfalls +bereits bemerkt, ein Wechsel der Gefühle, genauer ein Wechsel in der +"Färbung" _des_ Gefühls. + +Nehmen wir aber jetzt versuchsweise an, auch _Hecker_ wolle eigentlich +von einem Wettstreit der _Vorstellungen_ reden. Dann erscheint doch der +Irrtum, in dem _Hecker_ sich befindet, nicht geringer. Nach _Hecker_ +müssten Vorstellungen, die "von einem Punkte aus", also gleichzeitig +erzeugt werden, in Wettstreit geraten, also sich wechselseitig +verdrängen, wenn oder weil sie eine entgegengesetzte Färbung des Gefühles +bedingen. Aber dies trifft nicht zu. Der Vorstellungswettstreit hat an +sich mit dem Gegensatz der Gefühle gar nichts zu thun. + +Vorstellungen geraten in Wettstreit einmal, weil sie einander fremd sind, +d. h. in keinem Zusammenhang miteinander stehen; zum anderen, zugleich in +anderer Weise, weil sie miteinander unverträglich sind, also sich +wechselseitig ausschliessen. Vorstellungen nun, die von einem Punkte aus +erzeugt sind, können, eben weil sie von einem Punkte aus erzeugt sind, +einander niemals völlig fremd sein. Sie sind es um so weniger, je mehr +sie von einem Punkte aus erzeugt sind. Und ob Vorstellungen sich +ausschliessen oder nicht, dies hängt keineswegs von den an ihnen +haftenden Gefühlen ab. Die Vorstellungen, dass ein Objekt jetzt hier, und +dass dasselbe Objekt jetzt dort sich befinde, schliessen sich aus. Dies +heisst doch nicht, dass die eine Vorstellung von Lust, die andere von +Unlust begleitet sei. Und umgekehrt: Die Vorstellung, dass ein Objekt +eine schöne Form und zugleich eine hässliche Farbe habe, vertragen sich +vortrefflich miteinander, obgleich die schöne Form Gegenstand der Lust, +die hässliche Farbe Gegenstand der Unlust ist. + +Geraten aber Vorstellungen, die von einem Punkte aus erzeugt und +einerseits von Lust, andererseits von Unlust begleitet sind, nicht +miteinander in Wettstreit, so ist auch kein Grund zum Wechsel des +Gefühles. Sondern es entsteht ein einziges in sich gleichartiges Gefühl, +in dem beide zu ihrem Rechte kommen. + + +GEFÜHL DER TRAGIK UND DER KOMIK. + +Hierfür giebt es allerlei Beispiele, auf die _Hecker_ hätte aufmerksam +werden müssen. Psychologie ist doch nicht ein Feld für blinde +Spekulationen, sondern für die Feststellung von Erfahrungsthatsachen, und +für sichere Schlüsse aus solchen. + +Nicht auf die ganze Mannigfaltigkeit der hier in Betracht kommenden +Thatsachen, sondern zunächst nur auf eine einzige will ich hier +hinweisen. Ich meine die Tragik und das Gefühl der Tragik. Eine +Persönlichkeit leide, sei dem Untergange geweiht, gehe schliesslich +thatsächlich unter. Aber in allem dem bewähre sich eine grosse Natur, +irgend welche Stärke und Tiefe des Gemütes. Hier werden, wenn irgendwo, +von einem Punkte aus gleichzeitig Lust und Unlust erzeugt. Der fragliche +Punkt ist das Leiden der Persönlichkeit. Dass sie--nicht nur +überhaupt--sondern in solcher Weise, _leidet_, ist Grund der Unlust; dass +sie--nicht nur überhaupt, sondern in solcher _Weise_, d. h. als diese +grosse Persönlichkeit, leidet, oder dass sie im Leiden als diese grosse +Persönlichkeit sich zeigt, das ist Grund der Lust. Hier wären also in +besonderem Masse, ja wir dürfen sagen in unvergleichlicher Weise, die +Bedingungen des _Hecker_'schen Wettstreites der Gefühle gegeben. + +Aber derselbe will sich nicht einstellen. Gerade dies, dass in so hohem +Grade von _einem Punkte_ aus die entgegengesetzten Gefühle erzeugt +werden, verhindert ihn. In dem einen psychischen Gesamtthatbestande sind +die beiden Vorstellungen, des Leidens und der Persönlichkeit, die leidet, +untrennbar verbunden. Ebendarum findet kein Vorstellungswettstreit statt; +und damit unterbleibt auch der Wechsel der Gefühle. Die Eigenart jenes +Gesamtthatbestandes giebt sich vielmehr, hier wie überall, dem +Bewusstsein kund in einem einzigen _eigenartigen Gefühl_. Wir kennen es +als Gefühl der Tragik. Dies Gefühl ist so wenig ein wechselndes oder +schwankendes dass vielmehr die feierliche Ruhe für dasselbe kennzeichnend +ist. + +Lassen wie uns aber den "Wettstreit" für einen Augenblick gefallen. Er +finde bei der Tragik statt, obgleich ich wenigstens von solchem +Stattfinden desselben nichts weiss. Dann besinnen wir uns, dass doch +Hecker aus demselben nicht das Gefühl der Tragik, sondern das Gefühl der +Komik ableiten will. Der Wechsel der Gefühle soll das Gefühl der Komik +sein. Das Gefühl der Tragik ist aber, wie man weiss, nicht das Gefühl der +Komik. + + +GEFÜHLSKONTRAST. + +Allerdings bezeichnet _Hecker_ die Bedingungen dieses Gefühles noch +genauer. Lust und Unlust sollen sich beim Wettstreit zunächst die Wage +halten. Dann aber soll das Gefühl der Last durch Kontrast gehoben werden. + +Indessen auch diese Bedingungen können in unserem Falle erfüllt sein. Es +hindert zunächst nichts, dass das Unlustvolle des Leidens und das +Befriedigende, das die Weise des Leidens oder die Eigenart der leidenden +Persönlichkeit in sich schliesst, in beliebigem Grade sich die Wage +halten. + +Und auch eine Kontrastwirkung kann nicht nur, sondern wird jederzeit bei +der Tragik stattfinden.--Doch ist hierzu eine besondere Bemerkung +erforderlich. + +_Hecker_ redet von _Gefühls_kontrast. Das Gefühl der Unlust soll +unmittelbar das mit ihm wechselnde Gefühl der Lust "_heben_". Hier ist +ein, auch sonst behauptetes allgemeines psychologisches _Kontrastgesetz_ +vorausgesetzt. Nehmen wir einmal an, dies Gesetz bestände, so müsste ihm +zufolge offenbar, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch +die Lust gehoben werden. Damit wäre das schliessliche Überwiegen der +Lust, das _Hecker_ bei der Komik annimmt, wiederum illusorisch geworden. + +Aber jenes Kontrastgesetz existiert nicht. Wohl giebt es mancherlei +Thatsachen, die man als Wirkungen eines Kontrastes bezeichnen kann. Aber +wenn man dies thut, so hat man nur einen zusammenfassenden Namen, und +zwar einen Namen für sehr Verschiedenartiges. Die fraglichen Thatsachen +sind der mannigfachsten Art und beruhen auf völlig heterogenen Gründen. +Rot _scheint_ nicht bloss, sondern _ist_, für das Auge nämlich, röter +neben Grünblau als neben Rot. Dies hat seine bestimmten, nämlich +_physiologischen_ Gründe. Der Mann von mittlerer Grösse _ist_ nicht, für +unsere Wahrnehmung nämlich, grösser, wenn er neben einem Zwerge, als wenn +er neben einem Riesen steht, aber er wird grösser _geschätzt_ oder +_taxiert_. Dies hat wiederum seine bestimmten, aber diesmal +_psychologischen_ Gründe. + +Wie es aber auch mit dem Empfindungs- oder Vorstellungskontrast bestellt +sein mag; eine Kontrastwirkung, die Gefühle unmittelbar auf Gefühle +ausübten, giebt es nicht. Wenn ich hier ganz allgemein reden darf: +Gefühle wirken überhaupt nicht. Sie haben als solche keine +psychomotorische Bedeutung. Sie sind überall nichts als begleitende +Phänomene, Bewusstseinsreflexe, im Bewusstsein gegebene Symptome der +Weise, wie _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, oder Zusammenhänge von +solchen, in uns wirken. Die Psychologie hat sich noch nicht überall zur +klaren Anerkennung dieses Sachverhaltes durchgearbeitet. Aber sie wird +sich wohl oder übel dazu entschliessen müssen. + +Was man so Wirkung von Gefühlen nennt, ist Wirkung der Bedingungen, aus +denen die Gefühle erwachsen, also Wirkung der Empfindungs- und +Vorstellungsvorgänge und der Beziehungen, in welche dieselben verflochten +sind. So ist auch der "Gefühlskontrast" in Wahrheit Empfindungs- oder +Vorstellungskontrast. Vorstellungen können anderen, zu denen sie in +Gegensatz treten, eine höhere psychische "Energie" verleihen, und dadurch +auch das an diesen haftende Gefühl steigern. Sie thun dies nicht ohne +weiteres, wohl aber unter bestimmten Voraussetzungen. Welches diese +Voraussetzungen sind, und nach welcher psychologischen Gesetzmäßigkeit +dieselben die "Kontrastwirkung" vermitteln, dies muss natürlich im +einzelnen festgestellt werden. Das Kontrastgesetz ist mehr als ein +blosser Sammelname, soweit dieser Forderung genügt ist. + +Ich sagte nun schon, dass auch bei der Tragik eine Kontrastwirkung +stattfinde. Auch diese hat ihre eigenen Gründe. Je grösser das Leid, je +härter der Untergang, und je grösser unser Eindruck von beidem, desto +schöner und grösser erscheint die Persönlichkeit, die in allem dem sich +oder das Grosse, Gute, Schöne, das in ihr liegt, behauptet. Damit ist +wenigstens eine mögliche Art der tragischen Kontrastwirkung bezeichnet. + +Fassen wir alles zusammen, dann sind--falls wir fortfahren, die +_Hecker_sche Theorie des "Wettstreites" uns gefallen zu lassen, in der +Tragik alle _Hecker_'schen Bedingungen der Komik in ausgezeichneter Weise +gegeben. Die Tragik müsste also nach _Hecker_ die komischste Sache von +der Welt sein. Wir müssten über die Tragik des Leidens und Untergangs +aufs herzlichste lachen. Dies thun wir nicht, Tragik und Komik sind +äusserste Gegensätze. + + +DER WECHSEL DER GEFÜHLE. + +Ich nahm oben versuchsweise an, dass der _Hecker_'sche "Wettstreit" unter +den _Hecker_'schen Bedingungen wirklich stattfinde. Träfe diese Annahme +zu, dann wäre noch die Frage, ob aus solchem Wettstreit, oder dem damit +gegebenen schnellen Wechsel von entgegengesetzten Gefühlen ein +einheitliches Gefühl, wie das Gefühl der Komik es ist, sich ergeben +würde. Auch diese Frage muss verneint werden. Ein Wettstreit der +Vorstellungen kann thatsächlich stattfinden und mit einem Wechsel der +Gefühle, speciell der Gefühle der Lust und Unlust, verbunden sein, ohne +dass doch das Gefühl der Komik entsteht. + +Ich stehe etwa vor dem Momente, wo es sich entscheiden muss, ob eine +lange gehegte Hoffnung in Erfüllung gehen wird oder nicht. Alles scheint +für die Erfüllung zu sprechen. Nur ein Umstand liegt vor, der am Ende die +ganze Hoffnung zunichte machen könnte. Diese gegensätzlichen Gedanken +werden sich weder dauernd das Gleichgewicht halten, noch wird einer den +andern für längere Zeit völlig unterdrücken können. Das letztere um so +weniger, in je engerem Zusammenhang die der Hoffnung günstigen, und der +ihr ungünstige Faktor miteinander stehen. Ich achte jetzt auf die +günstigen Faktoren und glaube an die Erfüllung der Hoffnung. Aber je +lebendiger dieser Gedanke in mir wird, um so sicherer weckt er die +Vorstellung jenes anderen, ungünstigen Faktors. Diese Vorstellung tritt +hervor und verwandelt für einen Augenblick mein Vertrauen in sein +Gegenteil. Doch nur für einen Augenblick. Denn in Wirklichkeit ist zu +ernster Besorgnis kein Grund. Ich brauche nur den ungünstigen Faktor +genau ins Auge zu fassen, um zu sehen, wie wenig er doch gegen die +anderen Faktoren in Betracht kommen kann, wie unwahrscheinlich es also +ist, dass er die Erfüllung der Hoffnung verhindern wird. Damit hat wieder +der erste Gedanke das Übergewicht gewonnen u. s. w. So ergiebt sich ein +beständiges Hin- und Hergehen, zunächst zwischen entgegenstehenden +Gedanken, dann auch zwischen entsprechenden Gefühlen. Und die Unruhe +dieses Hin- und Hergehens, in dem im Ganzen ebensowohl die Lust wie die +Unlust überwiegen kann, wird sich steigern, je mehr der Moment der +Entscheidung naht. Heisst dies: mir wird immer komischer und komischer zu +Mute? Ich denke nicht. Andere mögen über die Situation lachen. Ich selbst +werde vom Lachen soweit als möglich entfernt sein. Ist dem aber so, dann +liegt in dem Beispiel der Beweis, dass auch, wo das gleichzeitige +Entstehen von Lust und Unlust aus einem Punkte wirklich in den +_Hecker_'schen beschleunigten Wettstreit mündet, noch etwas hinzukommen +muss, wenn das Gefühl der Komik entstehen soll. Dies Etwas ist die Komik. + + +SCHADENFREUDE UND GESTEIGERTES SELBSTGEFÜHL. + +Nachdem _Hecker_ das Gefühl der Komik in der bezeichneten Weise bestimmt +hat, geht er dazu über, die Möglichkeiten der gleichzeitigen Entstehung +von Lust und Unlust festzustellen und daraus die möglichen Arten der +Komik abzuleiten. Das ist gut und konsequent gedacht. Die Ausführung des +Gedankens aber geschieht in denkbar unvollständigster Weise. Freilich, +wäre sie weniger unvollständig, so würde _Hecker_ selbst die +Unmöglichkeit seiner Theorie des komischen Gefühles sich aufgedrängt +haben. Die Fälle der Komik, die er anführt, sind wirklich komisch, wenn +auch nicht aus den angegebenen Gründen. Dagegen würden andere Fälle und +Klassen von Fällen, die er hätte anführen _müssen_, sich jeder Bemühung, +sie komisch zu finden, widersetzt haben. + +Einige Bemerkungen genügen, um dies zu zeigen. Eine Hauptgattung der +Komik bezeichnen für _Hecker_ die Fälle, bei denen zwei Vorstellungen in +ihrer Vereinigung oder ihrem Zusammenhang unseren logischen, praktischen, +ideellen "Normen" oder den "Normen der Ideenassociation" entsprechen, +während zugleich die eine der Vorstellungen einer der Normen +widerstreitet. Nachher schrumpft die ganze Gattung zusammen zur Komik der +"gerechten Schadenfreude". Die rote Nase zum Beispiel missfällt, weil sie +unseren "ideellen Normen" widerspricht. Betrachten wir sie aber als +verdiente Strafe der Unmässigkeit, so befriedigt diese Ideenverbindung +unser Gerechtigkeitsgefühl. Und aus Beidem zusammen ergiebt sich das +Gefühl der Komik. + +Diese Erklärung ist ohne Zweifel falsch. Die Schadenfreude hat, so oft +sie auch zur Erklärung der Komik verwandt worden ist, mit Komik nichts zu +thun. Die gerechteste und intensivste Schadenfreude ergiebt sich, wenn +wir über einen nichtswürdigen und gefährlichen Verbrecher die +wohlverdiente Strafe verhängt sehen. Je nichtswürdiger und gefährlicher +er ist, je gerechter und wirkungsvoller andrerseits die Strafe erscheint, +um so stärker ist das Gefühl der Unlust, das er selbst, und das Gefühl +der Befriedigung, das seine Bestrafung erweckt. Nun mag ein solcher +Verbrecher zwar, wie wir schon oben meinten, sich selbst in gewisser +Weise Gegenstand der Komik werden, uns wird er nie so erscheinen. +Dementsprechend kann die Schadenfreude auch die Komik der roten Nase +nicht begründen. + +Andrerseits hätte _Hecker_ neben den Fällen der Schadenfreude mannigfache +andere Fälle berücksichtigen müssen, die ganz den gleichen Bedingungen +genügen. Ich höre etwa, jemand habe eine entehrende Handlung begangen aus +Freundschaft, um einen andern, vielleicht mich selbst, aus tödlicher +Verlegenheit zu retten. Oder ich lese in der Geschichte, L. Junius +_Brutus_ habe seine eigenen Söhne hinrichten lassen, um seiner Pflicht zu +genügen. In beiden Fällen missfällt die That an sich; sie gefällt +zugleich, wenn wir sie im Zusammenhang mit dem zu Grunde liegenden Motiv +betrachten. Sie befriedigt insofern nicht unser Gerechtigkeitsgefühl, +aber andere sittliche "Normen". Darum ist doch von Komik keine Rede. + +Neben der Schadenfreude spielt bei _Heckers_ Erklärung der (objektiven) +Komik das gesteigerte "Selbstgefühl" die Hauptrolle. Freilich, +Schadenfreude ist am Ende eine Weise des gesteigerten Selbstgefühles, +oder kann es zum mindesten sein. Dann wäre mit dem gesteigerten +Selbstgefühl kein neues Moment eingeführt. Aber _Hecker_ sagt nicht, ob +und wie er die Schadenfreude auf das gesteigerte Selbstgefühl +zurückzuführen gedenkt. + +Dies gesteigerte Selbstgefühl spielt in der Psychologie der Komik auch +sonst eine Rolle. Schon _Hobbes_ hat es zur Erklärung der Komik +herangezogen. Es ist aber fast der schlechteste Erklärungsgrund, den man +finden kann. Jede Unwissenheit, die ich nicht teile, jeder Irrtum, den +ich durchschaue, jede mangelhafte Leistung, der gegenüber ich das +Bewusstsein des Besserkönnens habe, müsste mich zum Lachen reizen, wenn +das Gefühl der Überlegenheit dem unangenehmen Gefühl, das Unwissenheit, +Irrtum, mangelhafte Leistung an sich erwecken, ungefähr die Wage hält. +Der Pharisäer müsste lachen über den Zöllner, dessen Verschuldungen +seiner Vortrefflichkeit zur Folie dienen, der Reiche über den Armen, der +vergeblich sich ein gleich behagliches Dasein zu verschaffen sucht, die +schöne Frau über die hässliche, deren Hässlichkeit sie an ihre Schönheit +erinnert, auch wenn der Charakter des Zöllners, die Not des Armen, die +Hässlichkeit der hässlichen Frau an sich nicht im mindesten komisch +erschiene. Aber eben das ist es, was _Hecker_ und was jeder, der den +Eindruck der Komik aus der Erhöhung des Selbstgefühles abzuleiten +versucht, im Grunde jedesmal voraussetzt. Man meint nicht den Irrtum, +sondern den lächerlichen Irrtum, nicht die Hässlichkeit, sondern die +lächerliche Hässlichkeit u. s. w. und diese allerdings sind komisch, +nicht wegen des hinzutretenden Selbstgefühles, wohl aber gelegentlich +trotz demselben. + +Denn es ist offenbar, dass das Selbstgefühl geradezu die Komik +_zerstören_ kann. Ich sehe jemanden vergebens bemüht, eine Last zu heben, +zu der, wie ich mich sofort überzeuge, seine Kräfte nicht ausreichen. Der +Anblick ist mir peinlich, zugleich aber habe ich das befriedigende +Bewusstsein, dass ich die Last heben und dem Armen helfen kann. Hier ist +von Komik keine Rede, auch wenn das Bedauern und das Befriedigende des +Bewusstseins, zu können, was der Arme nicht kann, sich die Wage halten. +Ich lache nicht, eben weil ich die Kraft des Menschen mit der eigenen +vergleiche und die letztere als so viel grösser erkenne. Unterlasse ich +dagegen den Vergleich und fasse nur einfach die Situation ins Auge, so +kann mir diese recht wohl komisch erscheinen. Und ich habe allen Grund, +mir _selbst_ so zu erscheinen, wenn ich den Versuch mache, die Last +selbst zu heben, und dabei es erlebe, dass mein Selbstgefühl nicht +gesteigert, sondern schmählich zu _Schanden_ wird. + +Der Begriff der Überlegenheit ist nach dem oben Gesagten, ebenso wie der +engere Begriff der Schadenfreude, nicht ein entscheidender Begriff der +_Hecker_'schen Theorie. Er soll nur besondere Fälle der Komik +charakterisieren. Sehen wir darum von diesem Begriffe hier ab, und +beachten den oben dargelegten allgemeinen Grundgedanken _Heckers_. Dann +scheint doch ein doppeltes Moment der Kritik standzuhalten. Einmal wird +es dabei bleiben, dass lust- und unlusterzeugende Elemente in die Komik +eingehen. Das Gefühl der Komik wird in gewissem Sinne beide Gefühle in +sich enthalten. Das andere Moment ist der Gegensatz oder Kontrast +zwischen Vorstellungen oder Gedankenelementen. Mag _Hecker_ diesen +Kontrast noch so unzutreffend bezeichnen, der Gedanke, dass ein solcher +Kontrast beim Komischen stattfinden müsse, wird seinen Wert behaupten. + + + + +II. KAPITEL. DIE KOMIK UND DAS GEFÜHL DER ÜBERLEGENHEIT. + + +HOBBES' UND GROOS' THEORIE. + +Dagegen ist das gesteigerte Selbstgefühl von anderen in den Mittelpunkt +der Theorie der Komik gestellt worden. Wie schon gesagt, hat bereits +_Hobbes_ dasselbe zur Erklärung der Komik verwendet. _Hobbes_ meint, der +Affekt des Lachens sei nichts, als das plötzlich auftauchende +Selbstgefühl, das sich ergebe aus der Vorstellung einer Überlegenheit +unserer selbst im Vergleich mit der Inferiorität anderer, oder der +Inferiorität, die wir selbst vorher bekundeten. Hierin liegt zugleich, so +viel ich weiss, der zeitlich erste Versuch einer Begründung des _Gefühls_ +der Komik. _Aristoteles_ bezeichnet als komisch das unschädliche +Hässliche. Hier fehlt die Antwort auf die Frage, wiefern denn das +Hässliche, das an sich Gegenstand der Unlust ist, vermöge des rein +negativen Momentes seiner Unschädlichkeit die komische Lust oder +Lustigkeit hervorrufen könne. Dagegen scheint die lusterzeugende Wirkung +des Gefühles der Überlegenheit ohne weiteres einleuchtend. + +Ich will aber hier nicht an _Hobbes_, sondern an einen Erneuerer der +_Hobbes_'schen Theorie meine weiteren kritischen Bemerkungen anknüpfen. +Ich denke an _Groos'_ Einleitung in die Ästhetik. _Groos_ scheint sich +freilich seines Verhältnisses zu _Hobbes_ nicht bewusst zu sein. Seine +Theorie giebt sich wie eine neue. Indessen dies thut hier nichts zur +Sache. + +In welcher Weise _Groos_ zu seiner Theorie gelangt ist, ob auf dem einen +oder dem anderen der eingangs dieser Schrift unterschiedenen Wege, vermag +ich nicht zu entscheiden. _Groos_ beginnt sofort mit der Definition der +Komik, um sie dann zu erörtern und zu begründen. Das Gefühl der Komik ist +für _Groos_ das Gefühl der Überlegenheit über eine Verkehrtheit. + +In diesem _Groos_'schen Gefühl der Überlegenheit liegt eine genauere +Bestimmung des _Hecker_'schen gesteigerten Selbstgefühles. Zugleich ist +bei _Groos_ die Forderung eines Gleichgewichtes von Lust und Unlust und +des Wettstreits zwischen beiden Gefühlen weggefallen. An die Stelle tritt +die Forderung, dass nicht Mitleid oder Furcht in den Vordergrund trete, +weil sonst die erheiternde Wirkung notwendig ausbleiben müsste. Dabei +sollen unter dem Mitleid auch die "sanfteren Regungen der Ehrfurcht und +Einschüchterung" begriffen werden. + +Gehen wir darauf etwas näher ein. Ich darf von vornherein sagen: Ist es +unzutreffend, dass jedes Gefühl der Überlegenheit, bei dem Lust und +Unlust--nach _Heckers_ Forderung--sich die Wage halten, ein Gefühl der +Komik ist, dann ist es noch unzutreffender, dass jedes Gefühl der +Überlegenheit ein Gefühl der Komik ist, falls das Angenehme dieses +Gefühles nicht durch Furcht oder Mitleid aufgehoben wird. Und ebenso +unzutreffend ist die Umkehrung dieser Annahme, dass bei allem Komischen +ein Gefühl der Überlegenheit über eine Verkehrtheit stattfinde. + +Wenn ich das Bewusstsein habe, klüger oder geschickter zu sein, als ein +anderer, so mag es wohl geschehen, dass ich mit dem im Vergleich mit mir +Unklugen oder Ungeschickten Mitleid habe. Dann ist nach _Groos_ die +Bedingung für die Komik nicht gegeben. Aber vielleicht habe ich kein +Mitleid. Der Unkluge oder Ungeschickte beansprucht gar kein Mitleid. Er +müht sich in einer Sache vergeblich und lässt dann die Sache laufen. Oder +es wäre wohl Grund zum Mitleid, aber ich gebe mir nicht die Mühe mich +darauf zu besinnen. Ich bin nun einmal der Selbstbewusste, für den die +"Verkehrtheit" anderer lediglich ein Mittel ist, sich in seiner +Überlegenheit zu sonnen. Ich thue dies also auch in diesem Falle. Wo ist +dann die Komik? Es ist kein Zweifel, dass dieselbe um so sicherer +unterbleibt, je mehr ich meinem Gefühl der Überlegenheit mich hingebe. + + +GEFÜHL UND GRUND DES GEFÜHLS. + +Dass es so sich verhalten muss, zeigt eine einfache Überlegung. Für +_Groos_ soll die _Verkehrtheit komisch_ erscheinen, weil ich mich +_überlegen_ fühle. Das Gefühl meiner Überlegenheit ist für _Groos_ +identisch mit dem Gefühl der Komik des Gegenstandes, oder allgemeiner +gesagt, ein auf mich bezogenes Gefühl soll identisch sein mit einem nicht +auf mich, sondern auf ein Objekt bezogenen Gefühl. Dies ist ein +Widerspruch in sich selbst. + +Was heisst dies: Ein Gefühl ist für mich auf ein Objekt bezogen? Worin +besteht das _Bewusstsein_ dieses _Bezogenseins_? Gewiss nicht einfach +darin, dass ich ein Objekt und neben ihm oder gleichzeitig mit ihm ein +bestimmtes Gefühl in meinem Bewusstsein vorfinde. Gefühle können mit +Objekten gleichzeitig vorhanden sein und doch nicht auf sie bezogen +erscheinen. Ich stehe etwa vor einem Kunstwerk, und es stört mich etwas +an ihm. Aber ich weiss zunächst nicht, was das Störende ist. Hier ist das +Gefühl des Störenden, d. h. das Gefühl der Unlust für mein Bewusstsein +nicht auf sein Objekt bezogen. + +Und wie nun kommt das Bewusstsein der Beziehung des Gefühls auf ein +bestimmtes Objekt zu stande? Jedermann weiss die Antwort. Ich analysiere +den Wahrnehmungskomplex, in dem das Kunstwerk für mich besteht; d. h. ich +richte nach einander auf die verschiedenen Teile, Züge, Momente des +Kunstwerkes meine Aufmerksamkeit, und sehe zu, wann das Unlustgefühl +heraustritt oder sich steigert. Endlich weiss ich, was mich störte. Ich +achtete auf einen bestimmten Zug des Kunstwerkes mit Ausschluss anderer. +Indem ich dies that, und mir zugleich dieses Thuns, d. h. der auf diesen +bestimmten Zug gerichteten Aufmerksamkeit bewusst war, trat das +Unlustgefühl rein oder beherrschend zu Tage. So besteht die bewusste +Beziehung oder das Bewusstsein der Bezogenheit eines Gefühles der Lust +oder Unlust auf ein Objekt immer darin, dass das Gefühl hervortritt, +indem ich das Bewusstsein habe, es sei die Aufmerksamkeit auf eben dieses +Objekt gerichtet. + +Neben die eben gestellte Frage stelle ich jetzt die andere, davon +verschiedene: Wie wird ein psychischer Vorgang von uns als _Grund_ eines +Gefühles erkannt? Diese Frage haben wir schon ehemals gestreift. Offenbar +muss die Antwort lauten: Ein psychischer Vorgang ist Grund eines +Gefühles, wenn und sofern die Steigerung dieses Vorganges, oder die +erhöhte Kraft seines Auftretens in uns dies Gefühl steigert oder erst +heraustreten lässt. Es leuchtet ja ein: Ist ein psychischer Vorgang, ein +Vorgang des Empfindens oder Vorstellens etwa, dasjenige, was ein Gefühl +bedingt, oder woran ein Gefühl "haftet", so muss das fragliche Gefühl +sich steigern--oder, was dasselbe sagt, es muss unser Gesamtgefühl die +Färbung dieses Gefühles annehmen--in dem Masse als der bedingende Vorgang +psychisch zur Geltung kommt, Kraft gewinnt, im Zusammenhang des +psychischen Geschehens dominierend hervortritt. + +Nun findet dies "Hervortreten" oder Kraftgewinnen eines psychischen +Vorganges statt, wenn wir auf ihn unsere Aufmerksamkeit richten. Und der +_Bewusstseinsthatbestand_, den wir als _Bewusstsein_ des Aufmerkens auf +ein empfundenes oder vorgestelltes Objekt bezeichnen, ist nichts anderes +als die Begleiterscheinung dieses Hervortretens, Kraftgewinnens, +Dominierens des Empfindungs- oder Vorstellungsvorganges. Also können wir +auch sagen: Erscheint in unserem Bewusstsein, oder nach Aussage +desselben, ein Gefühl der Lust oder Unlust auf einen Empfindungs- oder +Vorstellungsinhalt bezogen, so ist in dem entsprechenden Empfindungs- +oder Vorstellungs_vorgang_ zugleich der _Grund_ dieses Gefühles zu +suchen. + + +ALLERLEI ÄSTHETISCHE THEORIEN. + +Diese Einsicht scheint nun eine sehr triviale. Aber dies hindert nicht, +dass damit eine ganze Reihe psychologisch-ästhetischer Theorien endgültig +abgewiesen sind. Ich erwähne etwa die Theorie, die das Wohlgefallen an +Linien auf das Wohlgefallen an bequemen oder leicht zu vollziehenden +Augenbewegungen zurückführt; oder derzufolge Linienschönheit nichts +anderes ist als Annehmlichkeit von Augenbewegungen. Es ergiebt sich aus +Obigem, was dagegen einzuwenden ist: Die Linien, nicht die +Augenbewegungen meine ich, wenn ich die Linien schön finde. Auf jene +nicht auf diese erscheint mein Gefühl der Lust bezogen. + +Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn ich besondere Fälle annehme. Es +könnte geschehen, dass die Augenbewegungen, vermöge deren ich eine schöne +Linie--wirklich oder angeblich--"verfolge", einmal sehr unbequeme wären. +Die Linie findet sich etwa an einer Wand, so weit oben, dass ich den Kopf +und die Augen stark nach oben wenden muss, um die Linie zu betrachten. +Jetzt sind die Augenbewegungen vielleicht sogar schmerzhaft. Dann ist +doch nicht die Linie für mich hässlich, sondern eben die Augenbewegung +schmerzhaft. Ich verspüre Wohlgefallen "_an_" der Linie, d. h. ich +verspüre Lust, wenn und in dem Masse, als ich auf die Linie achte, und +damit zugleich meine Aufmerksamkeit von der Stellung und Bewegung meiner +Augen _abwende_. Ich verspüre andererseits Unlust "_an_" den +Augenbewegungen, d. h. ich verspüre Unlust, wenn und in dem Masse, als +ich auf die Augenbewegungen achte, und die Linie für eine Zeitlang Linie +sein lasse. + +Also habe ich auch den _Grund_ jener Lust in der Linie zu suchen. Wenn +nicht in der sichtbaren Form der Linie, dann in etwas, das für mich in +der Linie oder ihrer Form unmittelbar liegt. Dies wird allerdings +gleichfalls eine Bewegung sein. Aber nicht eine Bewegung meiner Augen, +überhaupt nicht eine Bewegung in oder an mir, sondern eine Bewegung _der_ +Linie oder _in_ der Linie selbst, eine Bewegung, die die Linie selbst zu +vollführen, oder vermöge welcher die Linie, dies von mir unterschiedene +und mir frei gegenübertretende Objekt, in jedem Augenblick von neuem +_sich selbst zu erzeugen_ scheint.--Nicht minder liegt der Grund meiner +Unlust in den Augenbewegungen, also _nicht_ in der Linie und dem, was sie +leistet, sondern in mir und dem was ich, diese von der Linie +unterschiedene und sich ihr gegenüberstellende Person, leiste oder zu +leisten jetzt genötigt bin. + +Eben dahin gehört die Theorie, welche die Erhabenheit von Objekten +identifiziert mit dem Gefühl meiner Erhabenheit, etwa der Überlegenheit +meines Verstandes. In dieser Theorie liegt gewiss Richtiges. Aber es +fehlt noch die Hauptsache. Das Gefühl meiner Erhabenheit ist an sich +schlechterdings nichts, als das Gefühl meiner Erhabenheit, niemals ein +Gefühl der Erhabenheit eines _Objektes_. Wie überall, so setze ich auch +hier deutlich einander gegenüber: mich und das Objekt. Dieser Gegensatz +ist ja für uns der allerfundamentalste. Es ist der Gegensatz der +Gegensätze. Es ist damit hier wie überall absolut ausgeschlossen, dass +ich mich mit dem Objekt, das ich anschaue, verwechsele oder dem Objekte +zurechne, was mir zugehört, dass ich also auch ein Gefühl auf das Objekt +bezogen glaube, das nach Aussage meines unmittelbaren Bewusstseins auf +mich bezogen ist. + +Erst wenn ich, durch das "erhabene" Objekt selbst genötigt,--nicht meine +gegenwärtige Erhabenheit, aber eine Erhabenheit, wie ich sie in mir +finden _kann_, also eine mögliche Erhabenheit menschlichen Wesens--und +eine andere Erhabenheit giebt es für uns nicht--in das Objekt _hinein +verlege_, und in ihm, als etwas ihm Zugehörigen, _wiederfinde_, oder +besser gesagt, wenn ich im Objekte, als ihm zuhörig, die persönlichen +Regungen, inneren Verhaltungsweisen, Wollungen wiederfinde, die das +Gefühl der Erhabenheit begründen, wenn mir also diese Regungen in dem +Objekte als etwas von mir Verschiedenes, "Objektives", gegenübertreten, +kann das Objekt für mich zu einem erhabenen werden, oder kann mein Gefühl +der Erhabenheit mir auf dies Objekt bezogen erscheinen. Und umgekehrt, +erscheint das Gefühl auf das Objekt bezogen, erscheint also das Objekt +mir erhaben, so liegt darin der Beweis, dass das Objekt diesen Grund des +Erhabenheitsgefühles in sich selbst trägt, dass nicht mein Erhabensein, +sondern der erhebende Sinn und Inhalt des Objektes das Gefühl +bedingt.--Dass, nebenbei bemerkt, diese Erhabenheit des Objektes keine +Erhabenheit des Verstandes sein kann, leuchtet ein. Unser +Anthropomorphisieren ist kein Objektivieren unseres Verstandes, sondern +unseres Willens. + +Nicht minder gehört hierhin der ganze Grundgedanke der _Groos_'schen +Ästhetik. Freude an der Schönheit von Objekten, oder, wie _Groos_ zu +sagen vorzieht, Freude am "ästhetischen Wert" von Objekten soll _Groos_ +zufolge Freude am Spiel meiner Phantasie sein. Ich entgegne: Es ist nun +einmal thatsächlich nicht so. Freude am Spiel meiner Phantasie +ist--Freude am Spiel meiner Phantasie. Solche Freude mag vorkommen. +Vielleicht gelingt es auch diesem oder jenem, solche Freude zu haben, +während er angeblich mit einem _Kunstwerke_ innerlich beschäftigt ist. +Ich mag vielleicht gelegentlich das Kunstwerk, dies mir objektiv +gegenübertretende und für mein Bewusstsein von mir total unterschiedene +Ding, eine Zeitlang aus dem Auge lassen und auf meine Phantasiethätigkeit +hinblicken; ich meine: auf die Phantasiethätigkeit, die ich jetzt eben, +wo ich noch mit dem Kunstwerk beschäftigt war, geübt habe; und ich mag +dann an dem Spiel dieser Thätigkeit, an diesem von mir erkannten +psychologischen Faktum, meine Freude haben. Dann freue ich mich eben an +diesem Spiel. + +Und dies Spiel ist dann notwendig auch der _Grund_ meiner Freude. Ebenso +gewiss aber ist dieses Spiel _nicht_ der Grund meiner Freude, sondern der +_Gegenstand_ dieses Spieles begründet mein Gefühl, wenn ich das Gefühl +innerlich auf diesen Gegenstand beziehe, wenn also das _Kunstwerk_ mir +wertvoll oder erfreulich erscheint. Ich sage: der Gegenstand des +"Spieles" ist der Grund der Freude. Dabei setze ich natürlich voraus, +dass mein Verhalten zum Kunstwerk wirklich Spiel ist, ich nicht etwa in +allem Ernst mich dem Kunstwerk hingebe, nicht etwa das Kunstwerk mich so +erfasst und zu sich hinzwingt, dass das Spielen mit ihm ein Ende hat. + + +DIE KOMIK DES OBJEKTES UND MEINE ÜBERLEGENHEIT. + +Am auffallendsten tritt aber schliesslich die Verwechselung, auf welcher, +nach dem eben Gesagten, _Groos'_ Begründung des ästhetischen Genusses +überhaupt beruht, bei _Groos'_ Theorie der Komik zu Tage. Ich sei +überlegen über die Verkehrtheit des komischen Objektes. Das komische +Objekt, oder das Verkehrte, ist dann natürlich nicht überlegen, sondern +inferior. Komisch aber ist für mich das Objekt, nicht ich, oder meine +Überlegenheit. Mein Gefühl der komischen Lust ist ein nicht auf das +überlegene Ich, sondern auf das inferiore Objekt bezogenes Gefühl. Ich +kann wohl auch hier meiner Überlegenheit mich freuen. Das heisst, ich +kann auf die Überlegenheit, die mir und nur mir zukommt, achten, und +dabei ein angenehmes Gefühl haben. Aber das, worum es sich hier handelt, +das ist ja das Gefühl, das ich auf das von mir so deutlich als möglich +unterschiedene Objekt und seine Inferiorität beziehe, d. h. das Gefühl, +das entsteht, indem ich--_nicht_ mich und meine Überlegenheit mir +vergegenwärtige, _nicht_ auf _diese_ Seite des Gegensatzes zwischen mir +und dem Objekte meine Aufmerksamkeit richte, sondern dem Objekte und +seiner Inferiorität, dieser _anderen_ Seite des Gegensatzes meine +Aufmerksamkeit zuwende. + +Dann kann auch der _Grund_ des Gefühles der Komik nicht in meiner +Überlegenheit oder dem Bewusstsein derselben liegen. Sondern er muss in +dem Objekte, seiner Verkehrtheit, seiner Inferiorität, kurz seiner +Nichtigkeit gesucht werden. Er muss liegen in dieser Nichtigkeit selbst, +nicht etwa in dieser Nichtigkeit sofern sie meine Überlegenheit +begründet. Denn dann müsste wiederum das Achten auf mich und meine +Überlegenheit das Gefühl der Komik hervortreten lassen. Dies müsste also +doch wiederum auf mich bezogen erscheinen. Es entstände, mit anderen +Worten, von neuem der Widerspruch, der darin liegt, dass ein Gefühl, das +ich thatsächlich nicht auf mich, sondern auf ein von mir verschiedenes +Objekt beziehe, mit einem auf mich bezogenen Gefühle identisch sein soll. + +Es liegt aber in _Groos'_ Anschauung nicht nur eine einfache, sondern +eine doppelte Verwechselung. Das Gefühl der Komik ist, soviel ich sehe, +nicht ein Gefühl der Überlegenheit, sondern eben--ein Gefühl der Komik. +Es ist also für _Groos_ nicht nur ein auf mich bezogenes Gefühl ein aufs +Objekt bezogenes, sondern es ist auch das Gefühl der Überlegenheit +identisch mit einem Gefühl der Komik. Das Gefühl meiner Überlegenheit ist +eine Art des Gefühles der Erhabenheit, nämlich meiner Erhabenheit. Das +Gefühl der Komik aber ist das Gegenteil jedes Gefühles der Erhabenheit. +Für _Groos_ sind beide identisch. Das ist eine zu starke Zumutung. + +Achten wir schliesslich auch noch--auch sonst erweist sich dergleichen +als nützlich--auf die objektiv gegebenen Thatsachen. Fragen wir zunächst, +wer denn das Gefühl der Überlegenheit über wirkliche oder vermeintliche +Verkehrtheiten zu haben, und wer andererseits dem Gefühl der Komik +hingegeben zu sein und über das Komische herzlich zu lachen pflegt. Dann +erscheint _Groos'_ Theorie in demselben seltsamen Lichte. + +Jene "Überlegenen", das sind die Suffisanten, die Eitlen, die Gecken. +Ihnen ist alles ein Mittel sich überlegen zu fühlen. Ihnen aber fehlt +eben damit der Humor dem Komischen gegenüber, d. h. die Fälligkeit die +Komik zu geniessen. Die "Überlegenen" wissen nichts von herzlichem +Lachen. + +Und es kann dies auch von ihnen nicht gefordert werden. Der Humor, die +Anteilnahme an der Komik des Komischen ist nun einmal ein sich Hingeben +an das Komische, oder das in ihm liegende Verkehrte. Wer über das +Verkehrte herzlich lacht, geht in die Verkehrtheit ein, macht sich zum +Teilhaber, sozusagen zum Mitschuldigen. Er steigt von dem Piedestal, auf +dem er sonst stehen mag, herab; betrachtet die Sache von unten, nicht von +oben. Die Komik ist zu Ende in dem Momente, wo wir wiederum auf das +Piedestal heraufsteigen, d. h. wo wir beginnen, uns überlegen zu fühlen. +Das Gefühl der Überlegenheit erweist sich so als das volle Gegenteil des +Gefühls der Komik, als sein eigentlicher Todfeind. Das Gefühl der Komik +ist möglich in dem Masse, als das Gefühl der Überlegenheit nicht aufkommt +und nicht aufkommen kann. + +So verhält es sich, soweit Objekten der Komik gegenüber ein Gefühl der +Überlegenheit überhaupt _möglich_ ist. In vielen Fällen der Komik ist +aber gar nicht einzusehen, wie ein solches Gefühl zu stande kommen +sollte. Ich will etwa ein grosses, wohlvorbereitetes Feuerwerk abbrennen. +Und der Erfolg ist: ein Zischen, ein Lichtschein, weiter nichts. Dies +wirkt auf mich komisch, falls ich den nötigen Humor habe, d. h. meinen +etwaigen Ärger unterdrücke und mich ganz der Situation hingebe. + +Worüber nun fühle ich mich hier überlegen? Die Verkehrtheit, die +vorliegt, besteht in der Thatsache, dass das Wohlvorbereitete aus +irgendwelchem Grunde, vielleicht weil mir ohne meine Schuld verdorbene +Feuerwerkskörper geliefert wurden, misslingt, meine hochgespannte +Erwartung zergeht. Aber wie kann ich mich solcher Thatsache gegenüber +überlegen fühlen? Wie würde ich wohl meine Überlegenheit über das +misslingende Feuerwerk oder über das Pulver, das seine Schuldigkeit nicht +that, in praxi dokumentieren? + +Zum Gefühl der Überlegenheit gehört, dass ich mich mit dem Verkehrten +vergleiche. Mit mechanischen Vorgängen aber kann ich mich nicht +vergleichen. Ich vergleiche mich auch nicht mit leblosen Dingen. Wenn +neben einem Palast ein kleines Gebäude stände, das in seiner Form den +Palast getreu nachahmte, so könnte dies überaus komisch wirken. Was soll +es hier heissen, ich fühle mich über eine Verkehrtheit überlegen. Die +Verkehrtheit besteht hier darin, dass ein Kleines aussieht, wie ein +Grosses, und doch nicht gross ist wie dieses. Habe ich hier etwa das +Bewusstsein, mir könne dergleichen nicht begegnen? + +Eher schon vergleichen wir uns mit Kindern und Tieren. Aber ein freudiges +Bewusstsein der Überlegenheit über Kinder, oder über das possierliche +Gebahren junger Katzen und Hunde, wäre doch allzu kindisch. Kinder und +Tiere sind komisch vor allem, wenn sie sich gebärden wie wir, und doch +wiederum nicht wie wir, zweckvoll und doch wiederum zwecklos oder +zweckwidrig, ernsthaft und nichtig und doch wiederum spielend und +nichtig. Im Bewusstsein hiervon liegt ein Vergleich. Aber doch eben ganz +und gar nicht der Vergleich, wie er in _Groos'_ Theorie vorausgesetzt +ist, kein Messen, kein Abwägen dessen, was das Objekt der Komik ist oder +kann, und dem, was wir sind oder können, jedenfalls nicht ein Abwägen mit +dem schliesslichen stolzen Bewusstsein, dass wir es in Vergleich mit den +Objekten, also den Kindern, oder den jungen Hunden und Katzen so herrlich +weit gebracht haben. + +Auch der Witz soll endlich von _Groos'_ Definition getroffen werden. +Dieser Anspruch ist selbstverständlich, da ja der Witz eine Gattung des +Komischen ist. Man vergegenwärtige sich aber einmal etwa das zweifellos +witzige und witzig komische Rätsel _Schleiermachers_ "der Galgenstrick": + + Fest vom Dritten umschlungen, so schwebt das vollendete Ganze, + Wann es die Parze gebeut, an den zwei Ersten empor. + +Das Verkehrte, das hier sich findet, besteht in der abnormen oder +spielenden Form, in welcher der gar nicht verkehrte Gedanke ausgedrückt +ist. Freilich, hier ist der Ausdruck Verkehrtheit etwas--verkehrt. Aber +_Groos_ versteht unter der Verkehrtheit so vielerlei, dass wir auch diese +Abnormität als Verkehrtheit--in seinem Sinne--bezeichnen können. + +Ich frage nun: Worin besteht unser Gefühl der Überlegenheit über dies +Abnorme, oder über diese witzig geistreiche Art des Ausdrucks eines +Gedankens? Trifft hier _Groos'_ Satz zu: "Wir haben bei jedem Komischen +das behagliche Pharisäergefühl, dass wir nicht und wie dieser Verkehrten +einer"? In der That sind wir vielleicht nicht wie dieser Verkehrten, d. +h. dieser Witzigen einer. Aber es ist zu befürchten, dass in diesem Falle +das Pharisäergefühl eher in ein gegenseitiges Gefühl umschlage. _Groos_ +hat Sinn für Witz, vielleicht zu viel. Darum vermute ich, das er den +"Humor" des _Schleiermacher_'schen Witzes nicht etwa in dem Gefühl der +Überlegenheit finden wird, das der logische Pedant der witzigen Wendung +gegenüber allerdings haben wird. Diese Überlegenheit ist aber die +einzige, die der witzigen Komik gegenüber möglich ist. + + +ÜBERLEGENHEIT UND "ERLEUCHTUNG". + +Doch wir dürfen nicht übersehen: _Groos_ kennt noch eine andere Art der +Überlegenheit. Und die könnte hier, wie in dem vorhin erwähnten Falle +_Groos'_ Theorie zu retten scheinen. _Kant_ sagt, und _Groos_ zitiert, es +sei eine merkwürdige Eigenschaft des Komischen, dass es immer etwas in +sich enthalten müsse, das auf einen Augenblick täuschen könne. Diese +vortreffliche Bemerkung _Kants_ wendet _Groos_ in folgender Weise zu +seinen Gunsten. Wir fallen auf das komische Objekt herein, "das komische +Objekt will uns weismachen, dass seine widersprechenden Glieder in +friedlichstem und geordnetstem Zusammenhang seien. Und erst wenn wir +diesen scheinbaren Zusammenhang zerrissen haben, kommen wir zu dem vollen +Gefühl der Überlegenheit." + +Offenbar handelt es sich hier um eine andere Art der Überlegenheit, als +diejenige ist, von der vorhin die Rede war. Es ist eine Überlegenheit +nicht über das Verkehrte, sondern eine Überlegenheit oder ein sich +Erheben über den Schein, als sei das komische das Gegenteil eines +Verkehrten, ein sich Erheben über die Täuschung, der man einen Moment +unterlag, also eine Art der Überlegenheit über uns selbst. Man erinnert +sich, dass auch diese Überlegenheit schon bei _Hobbes_ vorkam. _Groos_ +bezeichnet sie auch als "Erleuchtung" nach der "Verblüffung". + +Mit dieser "Erleuchtung nach der Verblüffung" pfropft offenbar _Groos_ +auf seine erste Theorie der Komik eine zweite, die etwas völlig Neues +giebt. Dies spricht gegen beide. Es scheint, wenn es wahr ist, dass wir +bei aller Komik jenes oben bezeichnete Pharisäergefühl haben, dann +bedürfen wir nicht mehr dieses beglückenden Gefühles, über unsere eigene +Verblüffung Herr geworden oder daraus siegreich hervorgegangen zu sein. +Und wenn wir überall dieses letztere Gefühl haben, dann ist jenes erstere +überflüssig. + +Aber bleiben wir bei der neuen Theorie. Soweit sie Theorie der +"Verblüffung und Erleuchtung" ist, könnte aus ihr sachlich Richtiges +herausgelesen werden. Aber der dominierende Begriff bleibt eben doch auch +hier der Begriff der Überlegenheit. Insofern bessert diese neue Theorie +nichts. + +Es ist ja gewiss so: Eine Art des "Hereinfallens" gehört zu jeder Komik. +Das Komische muss uns in Anspruch nehmen, als ob es mehr wäre, als nur +dies komisch Nichtige. Es muss in unseren Augen den Anspruch erheben, +mehr zu _sein_. Der Witz insbesondere muss etwas Glaubhaftes an sich +tragen. + +Und auch dies gehört zur Komik, dass dieser Anspruch zergeht. Aber was +dies heisst, muss genauer gesagt werden. Und es muss in jedem Falle +anders gesagt werden, als _Groos_ es sagt. Die Einsicht, _dass_ wir +hereingefallen sind, diese "Erleuchtung" giebt an sich keinen Grund zum +Gefühl der Komik. + +Sie giebt nicht einmal ohne weiteres ein beglückendes Gefühl der +Überlegenheit. Solche Erleuchtung kann beschämend sein. Sie kann uns auch +gleichgültig sein. Ich frage: Wenn sie weder das eine noch das andere +ist, sondern ein beglückendes Gefühl der Überlegenheit schafft, worin +liegt dies? + +Aber die Antwort auf diese Frage würde uns ja nichts nützen. Das Gefühl +unserer Überlegenheit über das Verkehrte konnte nicht das Gefühl der +Komik des Verkehrten sein. Ebensowenig, oder noch weniger kann das Gefühl +der Überlegenheit über uns mit dem auf das Objekt bezogenen Gefühl der +Komik eine und dieselbe Sache sein. _Groos_ scheint schliesslich +besonderes Gewicht zu legen auf das Momentane der Verblüffung und das +Momentane der Erleuchtung, auf den _Zeising_'schen plötzlichen "Choc und +Gegenchoc". Aber auch damit kommen wir dem Ziel nicht näher. Erzeugt die +Erleuchtung momentane Beschämung, so erzeugt sie eben momentane +Beschämung, erzeugt sie ein momentanes Gefühl der Überlegenheit, so +erzeugt sie eben ein momentanes Gefühl der Überlegenheit. Kein Gefühl +wird lediglich dadurch, dass es ein momentanes ist, zu einem Gefühle ganz +anderer Art, und ausserdem auch noch zu einem Gefühl, das auf einen ganz +anderen Gegenstand bezogen erscheint. + + +DAS WESEN DER "ÜBERLEGENHEIT". + +Fragen wir schliesslich auch noch: Was ist doch eigentlich dies Gefühl +der Überlegenheit, das _Groos_ und anderen so sehr das klare Denken +verwirrt. Es scheint fast, _Groos_ hätte, der er doch einmal mit diesem +Begriffe operiert, diese Frage sich vorlegen müssen. + +Schon oben sagte ich, das Gefühl der Überlegenheit ergebe sich aus einem +Messen. Dies bestimmen wir genauer. Ein Mensch begehe Verkehrtes. Darum +ist er doch Mensch, wie ich. Mit dem Gedanken an das Menschsein verknüpft +sich also der Gedanke des verkehrten Thuns. Verkehrt sich zu gebaren ist +also menschlich. Es ist also mehr als menschlich, zum mindesten mehr als +allgemein menschlich, wenn man so vernünftig ist, wie wir es sind oder zu +sein uns einbilden. Wir sind "Übermenschen", mehr als unsere "Jüngsten", +die sich als Übermenschen dünken, wenn sie nichts sind als besonders +jämmerliche Menschen. + +Oder anders gesagt: Ich stehe, wenn ich jenes verkehrte Thun erlebt habe, +unter dem unmittelbaren Eindruck: Menschen können sich so unvernünftig +gebärden. Also ist mein vernünftiges Gebaren keine so selbstverständliche +Sache. Wäre sie etwas durchaus Selbstverständliches, so würde ich in +meinen Gedanken darüber zur Tagesordnung übergehen, wie über alles +Selbstverständliche. Jetzt ist diese Selbstverständlichkeit, ich kann +auch sagen: es ist die "Gewohnheit", Menschen als vernünftig zu +betrachten, wenn auch nur für einen Augenblick, durchbrochen. Es ist, +wenn ich in Ausdrücken meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens" sprechen +darf, der freie "Vorstellungsabfluss" aufgehoben; also eine psychische +"Stauung" eingetreten. Und diese hat die Wirkung, die jede psychische +Stauung hat. Das heisst die psychische Bewegung haftet an der Stelle, wo +die Stauung geschieht, die psychische Wellenhöhe dessen, was an dieser +Stelle sich findet, wird gesteigert. + +Oder wenn wir diese Ausdrücke wiederum fallen lassen: Das, was nur nicht +mehr als ein Selbstverständliches oder Gewohntes erscheint, fällt mir in +höherem Grade auf. Es wirkt wie ein Neues. Damit steigert sich auch die +Gefühlswirkung. Meine Vernünftigkeit wird also durch den Vergleich mit +der Unvernunft anderer für mich eindrucksvoller. Damit ist das +gesteigerte Selbstgefühl, der Stolz auf meine Vernünftigkeit, das Gefühl +der Überlegenheit gegeben. + +Auch aus dieser Betrachtung der Entstehungsweise des Gefühles der +Überlegenheit ergiebt sich, wie wenig dasselbe mit der Komik zu thun hat. +Es ist einfach erhöhtes Gefühl des Wertes meiner selbst, höhere +Selbstachtung, Stolz. Und darin liegt nichts komisch Erheiterndes. Das +Gefühl der Komik steht dazu im Gegensatz. Es wird demnach auch vermöge +eines entgegengesetzten Prozesses entstehen. + +_Groos_ zitiert beim Beginn seiner Erörterung der Komik das bekannte Wort +_Jean Pauls_: Das Lächerliche wollte von jeher nicht in die Definition +der Philosophen gehen, ausser unfreiwillig. Derselbe _Jean Paul_ sagt +auch, die Komik verwandle halbe und Viertelsähnlichkeiten in +Gleichheiten. Auch in _Groos'_ "Definition" fehlen solche halbe und +Viertelsähnlichkeiten nicht. Er meint Richtiges. So meinen, wie im Grunde +selbstverständlich, alle Theoretiker der Komik Richtiges. Aber sie meinen +oder sagen es nicht immer richtig. + +Worin das Richtige bei _Groos_ besteht, wurde schon angedeutet. Es liegt +in dem von ihm übernommenen _Zeising_'schen "Choc und Gegenchoc", oder +der "Verblüffung und Erleuchtung". Schon _Hecker_ hatte einen Kontrast +statuiert. Dass dieser Kontrast hier genauer als Kontrast zwischen +Verblüffung und Erleuchtung erscheint, bedeutet einen Fortschritt. + +Und noch mehr kann zugestanden werden. Auch eine "Überlegenheit" findet +bei der Komik statt, nur in völlig anderem als dem _Groos_'schen Sinne, +nämlich eine Überlegenheit meiner Auffassungskraft über ein +Aufzufassendes. Und daran schliesst sich ein entsprechendes Gefühl, wenn +nicht der "Überlegenheit", so doch der gelösten Spannung. + + +ZIEGLERS THEORIE. + +Ich schliesse an die Kritik der _Groos_'schen Theorie unmittelbar noch +eine Bemerkung an über _Ziegler_, der in seiner Skizze des +Gefühlslebens--"Das Gefühl" Stuttgart 1898--_Groos'_ Theorie teilweise +übernimmt, und damit die _Hecker_'sche "Schadenfreude" verbindet. Auch +bei _Ziegler_ sehe ich nicht, wie weit er sich der Übereinstimmung mit +seinen Vorgängern bewusst ist. Besteht keine Abhängigkeit, so ist doch +die Identität der Gedanken nicht verwunderlich. Es liegt in jenen +Begriffen, wenn man gewisse besonders in die Augen springende Fälle der +Komik im _Ganzen_ nimmt, etwas Plausibles. Das Gefühl der Komik schlägt +in der That in gewissen Fällen leicht in das Gefühl der Überlegenheit +oder der Schadenfreude um, oder es tritt zu ihm ein solches Gefühl, +allerdings jedesmal die Komik als solche beeinträchtigend oder +zerstörend, hinzu. Genauere Untersuchung ergiebt zwar unschwer die +Eigenart der Komik. Aber auch _Ziegler_ verzichtet auf solche genauere +Untersuchung. + +Ich sagte, _Ziegler_ übernehme teilweise die _Groos_'sche +"Überlegenheit". Dies thut er nicht von vornherein. _Ziegler_ operiert +zunächst mit dem von _Groos_ in zweiter Linie herbeigezogenen Gegensatz +der Düpierung und Erleuchtung. Dass _Ziegler_ dies Moment zum Primären +macht, darin scheint wiederum ein Fortschritt zu liegen. + +Aber es fragt sich, wie diese Begriffe verwendet werden. Wir fallen, so +erfahren wir auch hier, auf die Verkehrtheit, Zweckwidrigkeit, Unvernunft +herein, bemerken sie nicht, werden also düpiert. Dann sehen wir sie ein. +Wir lachen dann in gewisser Weise doppelt, über die Verkehrtheit, und +über uns, die wir düpiert worden sind.--Man beachte, wie hier _Groos'_ +Gefühl der Überlegenheit über uns selbst, oder _Groos'_ stolzes +Bewusstsein des Sieges zu einem Verlachen unserer selbst wird, also in +gewisser Weise sich in sein Gegenteil verkehrt. + +Aber wenn bei Ziegler das beglückende Gefühl unserer Überlegenheit +wegfällt, warum lachen wir dann, über das Objekt und über uns selbst? +_Ziegler_ meint selbst, das Verkehrte oder die Unvernunft könne als +solche nur Unlust erregen, und indem die Unvernunft als solche sich +herausstelle, werde die Unlust nur verdoppelt. Wie kommt es dann, dass +das Verkehrte, in dem es als solches sich herausstellt, _belustigt_? + +_Ziegler_ antwortet: Dies liege daran, dass die Unvernunft oder +Zweckwidrigkeit keine bedenkliche, der Schaden, der daraus erwachse, kein +grosser sei. Die ganze Sache, so sagt er, ist ein "Nichtssagendes; statt +Ernst ist alles, was daran resultiert, nur Scherz und Spiel"; es ist +"ohne erheblichen Schaden, also nicht ernsthaft, sondern nur spasshaft zu +nehmen". + +Damit ist für _Ziegler_ die Komik erklärt. Dass das, was nur spasshaft +genommen werden kann, nur spasshaft, d. h. komisch genommen werden kann, +ist ja selbstverständlich. Aber die Frage ist eben die, wie das +Nichtssagende dazu _komme_, spasshaft, d. h. komisch genommen zu werden. +Oder verwandelt sich Unlust über einen Schaden lediglich dadurch, dass +der Schaden ein geringer ist, in "Spass", oder komische Lust? Mir scheint +vielmehr, wenn ein Schaden Unlust erzeugt, so erzeugt ein geringer +Schaden zunächst nichts anderes als verminderte Unlust. Ist der Schaden +sehr gering, so wird die Unlust schliesslich gleich Null. Aber +verminderte oder gar nicht mehr vorhandene Unlust ist doch nicht +identisch mit heiterer Lust. + +Es ist deutlich, _Ziegler_ setzt in seiner Erklärung genau das voraus, +was er erklären will. Seine Erklärung der Komik besteht darin, dass er +andere Worte dafür einsetzt, nämlich die Worte "Scherz" und "Spass". +Warum erscheint uns ein Objekt komisch? Weil es uns nicht ernsthaft +sondern scherzhaft erscheint. Warum erscheinen wir selbst uns komisch? +Weil die Spannung, in die wir durch das komische Objekt versetzt worden +sind, nicht ernsthaft sondern spasshaft zu nehmen ist. + +Erst wo es sich um das Zweckwidrige in oder an einer von uns +verschiedenen Person handelt, begegnen wir auch bei _Ziegler_ dem Begriff +der Schadenfreude und der Überlegenheit. Nicht das _Wort_ "Schadenfreude" +kommt vor, aber die Sache: Es geschieht dem Verkehrten "Recht, dass seine +verschuldete Unvernunft ihm den kleinen Schaden gebracht hat." Ich habe +schon oben zugestanden, dass in der That in allerlei Fällen der Komik die +Schadenfreude zu stande kommen und ein Gefühl der Überlegenheit sich +einstellen kann. Nur dass dies mit dem Gefühl der Komik als solchem +nichts zu thun hat. Gefühl der Komik ist Gefühl der Komik; und Gefühl der +Schadenfreude oder der Überlegenheit ist Gefühl der Schadenfreude oder +der Überlegenheit.--Im übrigen wiederhole ich nicht, was ich gegen die +Theorie der Überlegenheit vorhin gesagt habe. + + + + +III. KAPITEL. KOMIK UND VORSTELLUNGSKONTRAST. + + +KRÄPELINS "INTELLEKTUELLER KONTRAST". + +Wie schon gesagt, geht _Kräpelin_ von der Betrachtung der komischen +Objekte und Vorgänge aus. Dies Verfahren schien uns von einem Bedenken +frei, dem das _Hecker_'sche von vornherein unterlag. Aber Kräpelins Weise +der Betrachtung ist einseitig; darum das schliessliche Ergebnis durchaus +ungenügend. Dies schliessliche Ergebnis lautet: Komisch wirkt der +"unerwartete intellektuelle Kontrast, der in uns einen Widerstreit +ästhetischer, ethischer oder logischer Gefühle mit Vorwiegen der Lust +erweckt". + +Ich betone hier zunächst die Anerkennung der Notwendigkeit eines +Kontrastes. Diesem Elemente begegnen wir schon in der Ästhetik von _Kant_ +und _Lessing_. Wir sehen dann die Ästhetiker bemüht, schärfer und +schärfer die Besonderheit zu bestimmen, die den komischen Kontrast vor +jedem beliebigen anderen Kontrast auszeichnet. Auch Kräpelin sucht eine +solche nähere Bestimmung. Er glaubt sie gefunden zu haben, indem er den +komischen Kontrast als intellektuellen bezeichnet. + +Da an dem "intellektuellen" Kontrast für _Kräpelin_ alles hängt, so +sollte man eine scharfe und unzweideutige Abgrenzung dieses Begriffes +erwarten. Dieser Erwartung wird nicht genügt. Der intellektuelle Kontrast +entsteht nach _Kräpelin_ aus dem notwendig misslingenden Versuch der +begrifflichen Vereinigung disparater Vorstellungen. Dabei dürfen zunächst +die "disparaten" Vorstellungen nicht allzu ernst genommen werden. Gemeint +sind einfach Vorstellungen, welche die ihnen angesonnene begriffliche +Vereinigung nicht zulassen, sie mögen im Übrigen von der Disparatheit +beliebig weit entfernt sein. + +Was aber will die begriffliche Vereinigung? Sie soll mehr sein als ein +blosser Vergleich, demnach der intellektuelle Kontrast kein bloss +sinnlicher. Aber ich sehe nicht, worin jenes Mehr bestehen soll. "Der +Bauer lacht über den Neger, den er zum ersten Male sieht." Auch wir +können uns bisweilen "eines leisen Gefühls der Komik nicht erwehren, wenn +wir einen Freund mit veränderter Haarfrisur, abrasiertem Bart, oder zum +ersten Male in der feierlichen Kopfbedeckung des Cylinders begegnen." +Dies sind Fälle der von _Kräpelin_ sogenannten "Anschauungskomik", der +ersten Hauptgattung, die er aufstellt. Bei ihr kontrastieren jedesmal +"sinnliche Anschauungen mit Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes +unmittelbar und ohne intellektuelle Verarbeitung". Nun leugne ich das +Vorhandensein und die Bedeutung dieses Kontrastes nicht, ich sehe nur +nicht, was ihn von einem blossen Vergleichskontrast unterscheiden soll. +Es scheint mir sogar, _Kräpelin_ bezeichne ihn, indem er ihn "unmittelbar +und ohne intellektuelle Verarbeitung" entstehen lasse, ausdrücklich als +solchen. In der That können wir einen wahrgenommenen Gegenstand mit +anderen, die wir früher wahrgenommen haben, nicht vergleichen, ohne des +Kontrastes zwischen ihm und den früher wahrgenommenen, also jetzt zu +Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes gewordenen, inne zu werden. +Das Resultat der Vergleichung, die Unterscheidung, besteht eben in diesem +Innewerden des Kontrastes. + +Statt von begrifflicher Vereinigung spricht _Kräpelin_ auch wohl von +inniger Verbindung disparater Vorstellungen. Ähnlichkeiten der disparaten +Vorstellungen werden benutzt, diese innige Verbindung herzustellen. Aber +auch damit ist kein Gegensatz zwischen begrifflicher Vereinigung und +blossem Vergleich bezeichnet. Was mich zum Vergleich veranlasst, sind +immer Ähnlichkeiten, und der Vergleich selbst besteht jederzeit in dem +Versuch der Verschmelzung oder der Identifikation von Vorstellungen, also +der denkbar _innigsten_ Verbindung derselben. Eben aus diesem Versuch der +Identifikation ergiebt sich beim Vergleiche das Unterschieds- oder +Kontrastbewusstsein. Heisst demnach intellektueller Kontrast derjenige, +der aus dem Versuch inniger, auf vorhandene Ähnlichkeiten sich gründender +Verbindung von Vorstellungen entsteht, so muss jeder Kontrast, der bei +irgendwelcher Vergleichung sich ergiebt, diesen Namen tragen. + +Oder besteht die begriffliche Vereinigung und damit die specifische +Bedingung der Komik in den oben genannten Fällen darin, dass der Bauer +den Neger, ebenso wie den Kaukasier, dem Begriff "Mensch", oder dass wir +das Bild des anders frisierten und mit ungewohnter Kopfbedeckung +versehenen Freundes ebenso wie das gewohnte Bild dem Begriff "unser +Freund" unterzuordnen versuchen, und dabei die Erfahrung machen, dass +dies nicht ohne Widerspruch gelingt? + +Dies scheint wirklich _Kräpelins_ Meinung. Weil wir in reicherer +Lebenserfahrung solche Begriffe gewonnen haben, die auch Neues und +Ungewohntes widerspruchslos in sich aufnehmen, darum ist seiner Erklärung +zufolge für uns nicht mehr, wie für den Ungebildeten, alles Neue und +Ungewohnte komisch. Aber auch darin liegt nichts, was nicht bei +beliebigen Vergleichen vorzukommen pflegte. Jeder Vergleich, so sagten +wir oben, sei Versuch der Identifikation. Dieser Versuch der +Identifikation aber ist ohne weiteres auch Versuch der Unterordnung unter +denselben Begriff. So vergleiche ich eine Pflanze, der ich irgendwo +begegne, mit den mir bekannten Arten, indem ich versuche, ihre Form mit +den Typen der letzteren zu identificieren. Damit ist der Versuch, die +Pflanze dem _Begriff_ einer der fraglichen Arten unterzuordnen, sofort +verbunden. Daher ich denn auch das Resultat des Vergleichs ohne weiteres +in der Weise ausspreche, dass ich von der Pflanze die Zugehörigkeit oder +Nichtzugehörigkeit zu einem bestimmten Artbegriff prädiziere: die Pflanze +ist eine Orchidee oder sie ist es nicht. + +Ebenso kann ich den veränderten Zustand, in dem sich eine Pflanze heute +befindet, mit dem Zustand, in dem sich dieselbe Pflanze gestern +befand--sie habe etwa über Nacht Blüten getrieben--nicht vergleichen, +ohne beide Wahrnehmungsinhalte--die blühende und die blütenlose +Pflanze--demselben Begriff dieser mir bekannten Pflanze einzuordnen. +Wenigstens hat es hier ebensoviel bezw. ebensowenig Sinn, von einer +Einordnung in einen gemeinsamen Begriff zu sprechen, wie beim komischen +Kontrast zwischen dem neufrisierten Freunde einerseits und dem gewohnten +Anblick desselben andererseits. + +Darnach sind wir wohl berechtigt, in der "begrifflichen Vereinigung" oder +"innigen Verbindung" und dem "intellektuellen Kontrast" das über den +blossen Vergleich und Vergleichskontrast hinausgehende Moment zu +vermissen. _Kräpelin_ ist im Rechte, insofern er ein solches Moment +überhaupt fordert. Er irrt nur, wenn er meint es damit aufgewiesen zu +haben, dass er jene Namen einführt. Die Ausdrücke, "begrifflich" und +"intellektuell" sind ja freilich so vieldeutig, dass sie alles besagen +können. Aber eben darum besagen sie in einer wissenschaftlichen Theorie +wenig oder gar nichts. Sie gehören zu den in der Psychologie so vielfach +üblichen Worten, die wohl "um die Ohren krabbeln", aber statt das +Verständnis zu fördern, vielmehr über die Notwendigkeit des +Verständnisses hinwegtäuschen. + +Mögen nun aber die begriffliche Vereinigung und der intellektuelle +Kontrast sein was sie wollen. Auch für _Kräpelin_ begründen sie ja die +Komik nicht unter allen Umständen. _Kräpelin_ bezeichnet als Gegenstände +der Anschauungskomik auch die leichter zu ertragenden menschlichen +Gebrechen. Der Kontrast mit der gewohnten menschlichen Bildung lässt sie +komisch erscheinen. Warum, so fragen wir, müssen gerade Gebrechen die +eine Seite des Kontrastes bilden? Warum entsteht der Eindruck der Komik +nicht ebenso, wenn ein Mensch durch irgend welchen Vorzug zu dem, was wir +zu sehen gewohnt sind, in Gegensatz tritt? Warum lachen wir über den +ungewöhnlich Kräftigen und Wohlgebildeten nicht, wie über den +ungewöhnlich Fetten oder Hageren?--Und warum verschwindet bei uns +gebildeten Menschen sogar die Komik der Gebrechen, wenn sie schwer zu +ertragende sind? Warum lachen wir über den Armen, der beide Beine +verloren hat, nicht ebenso, wie über die rote Nase, da doch der Kontrast +in jenem Falle viel deutlicher in die Augen springt? Auf alle diese +Fragen bleibt _Kräpelin_ die Antwort schuldig. + +Doch nein. Wir irren. _Kräpelin_ giebt auf diese Fragen sogar eine sehr +bestimmte Antwort. Wir wissen schon, der intellektuelle Kontrast wirkt +komisch nur, wenn er in uns einen Gefühlswiderstreit "mit _Vorwiegen der +Lust_" erweckt. Nun erweckt die ausserordentlich wohlgebildete Gestalt in +uns keine Unlust, also keinen Widerstreit der Gefühle, der Anblick des +schwer zu ertragenden Gebrechens lässt nicht die Lust, sondern die Unlust +überwiegen; es fehlt also in beiden Fällen ein wesentliches Element der +Komik. + +Aber ist dies wirklich eine Antwort auf jene Fragen? Die komische Wirkung +_besteht_ ja für _Kräpelin_ in gar nichts Anderem, als dem Widerstreit +der Lust und Unlust mit Überwiegen der Lust. Wenn er uns also sagt, nur +der Kontrast wirke komisch, der diesen Widerstreit erwecke, so heisst +dies, nur der Kontrast wirke komisch, der komisch wirke. Nun werden wir +uns ja freilich dieser Einsicht nicht verschliessen können. Wir erfahren +nur das nicht, was wir gerne wissen möchten, unter welchen Umständen +nämlich ein Kontrast komisch wirke, _das heisst_--nach _Kräpelin_--den +Widerstreit der Gefühle erzeuge, in dem die komische Wirkung angeblich +besteht. + +Jener allgemeinen Antwort auf die Frage, warum der "intellektuelle" +Kontrast vielfach gar nicht komisch wirke, entspricht die Art, wie +_Kräpelin_ sich in speciellen Fällen hilft. Kinder finden leicht alles +komisch, weil bei ihnen der intellektuelle Kontrast leichter entsteht. +Vorausgesetzt ist, dass dabei nicht die Furcht überwiegt. Die Fälle, in +denen der intellektuelle Kontrast seine Pflicht versäumt, erscheinen also +als Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Der Kontrast _würde_ das Gefühl +der Komik erzeugen, wenn nicht statt desselben ein anders geartetes oder +entgegengesetztes Gefühl einträte. Aber dies hat ebensoviel Sinn, als +wenn ich erst den allgemeinen Satz aufstellen wollte: alle Körper sinken +im Wasser, um dann hinzuzufügen: wofern sie nicht oben bleiben. Oder will +_Kräpelin_ sagen, in jenen Fällen werde das Eintreten der Komik durch +andersgeartete Gefühle aufgehoben? Auch damit ist nichts gebessert. Auch +von Körpern, die sich nicht darauf einlassen im Wasser zu sinken, kann +ich zur Not sagen, bei ihnen werde durch das Obenbleiben oder die Tendenz +des Obenbleibens der Effekt des Sinkens aufgehoben. Eine Begründung des +Sinkens dieser Körper und des Nichtsinkens jener wäre damit nicht +gegeben. + +Endlich ist es aber auch, wie wir schon wissen, gar nicht richtig, dass +Widerstreit von Lust und Unlust mit Überwiegen der Lust das Gefühl der +Komik ausmacht. Weder von einem solchen Widerstreit zu reden ist +_Kräpelin_ so ohne weiteres berechtigt, noch findet das Überwiegen der +Lust jederzeit statt. Umgekehrt können, wie wir gleichfalls schon wissen, +Lust und Unlust thatsächlich in dem bezeichneten Verhältnis stehen und +doch kein Gefühl der Komik ergeben. + +Es können aber auch schliesslich die ganzen _Kräpelin_'schen Bedingungen +der Komik erfüllt, also der unerwartete intellektuelle Kontrast samt dem +von _Kräpelin_ geforderten Verhältnis von Lust und Unlust gegeben sein, +ohne dass von Komik im entferntesten die Rede ist. Jedes zugleich +prächtige und furchtbare Schauspiel, das ich nie gesehen, das also zu +meinem "Vorstellungsschatz" in unerwarteten Gegensatz tritt, der +unerwartete Anblick eines mächtigen Heeres, eines mächtig aufsteigenden +Wetters und dergleichen erfüllt die Bedingungen, wenn zufällig der +erhebende Eindruck der Pracht das Gefühl der Furcht überwiegt. Darum +finden wir ein solches Schauspiel doch niemals komisch. + +So bleibt schliesslich von der ganzen _Kräpelin_'schen Bestimmung der +Komik nur der Vorstellungskontrast übrig. Wie der beschaffen sein müsse, +davon erfahren wir nichts. Das heisst, wir erfahren nichts von der +eigentlichen Hauptsache. + + +WUNDTS THEORIE. + +Wir werden zu _Kräpelin_ nachher noch einmal zurückkehren müssen. Vorerst +schliessen wir an das über seine Theorie Gesagte eine Bemerkung über +verwandte Anschauungen. Zunächst über die _Wundts_. Nur in wenigen Worten +charakterisiert _Wundt_ die Komik. Diese Worte finden sich im zweiten +Bande der "Grundzüge der physiologischen Psychologie" 4. Aufl. In seiner +Charakteristik vereinigt _Wundt_ in gewisser Weise mit der +_Kräpelin_'schen Theorie die _Hecker_'sche. _Wundt_ meint: "Beim +Komischen stehen die einzelnen Vorstellungen, welche ein Ganzes der +Anschauung oder des Gedankens bilden, unter einander oder mit der Art +ihrer Zusammenfassung teils im Widerspruch, teils stimmen sie zusammen. +So entsteht ein Wechsel der Gefühle, bei welchem jedoch die positive +Seite, das Gefallen, nicht nur vorherrscht, sondern auch in besonders +kräftiger Weise zur Geltung kommt, weil es, wie alle Gefühle, durch den +Kontrast gehoben wird." + +Was ich dagegen zu sagen habe, ist der Hauptsache nach bereits gesagt: + +Werden alle Gefühle durch Kontrast gehoben, so erfährt in dem Wechsel der +Gefühle, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch die Lust +eine Steigerung. Es bleibt also das Verhältnis dasselbe. + +Zweitens: Das hier vorausgesetzte Kontrastgesetz existiert nicht. Das +_Gefühls_kontrastgesetz insbesondere ist eine psychologische +Unmöglichkeit. + +Drittens: Es kann auch nicht gesagt werden, dass bei der Komik das Gefühl +der Lust überwiegen müsse. Die Komik des Verächtlichen, die Komik, die +aus dem Lachen der Verzweiflung spricht, zeigt ein Übergewicht der +Unlust, Komik ist ihrem eigentlichen Wesen nach weder Lust noch Unlust, +sondern im Vergleich mit beiden etwas Neues. + +Viertens: Damit ist auch schon gesagt, dass zur Komik der Wechsel der +Lust und Unlust nicht gehört. Mag beim Gefühl der Komik bald die Lust- +bald die Unlustfärbung stärker heraustreten; das Gefühl der Komik ist an +sich ein von diesem Gegensatze unabhängiges eigenartiges Gefühl. + +Fünftens, abgesehen von allem dem: Setzen wir den Fall, zwei Thatsachen +lassen sich unter einen Gesichtspunkt stellen, und fordern, dass wir dies +thun, wenn wir sie von einer bestimmten Seite her betrachten. Sie +widerstreiten dagegen dem Versuch, dies zu thun, wenn wir andere Momente +an ihnen ins Auge fassen. Hier ist für _Wundt_ die Grundbedingung der +Komik gegeben. Es kann auch daraus unter Umständen ein Wechsel der +Gefühle sich ergeben. Ich achte bald auf das Moment der Übereinstimmung, +bald auf das Moment des Widerstreites. Dann schwankt auch mein Gefühl +zwischen Lust und Unlust. Dabei wird freilich nicht das Gefühl der Lust, +sondern das der Unlust durch den "Kontrast" gesteigert: Je mehr, was +beide Thatsachen Übereinstimmendes haben, zur Zusammenfassung unter den +einen wissenschaftlichen Gesichtspunkt einladet, um so unangenehmer +berührt es uns, wenn wir dann doch wiederum von der Unmöglichkeit der +Zusammenfassung uns überzeugen müssen. Dagegen wird das Moment der +Übereinstimmung keineswegs dadurch für uns erfreulicher, dass das +gegenteilige Moment uns die Freude daran immer wiederum verkümmert. +Verkümmerte Freude ist nicht, wie es nach dem Gesetz des +"Gefühlskontrastes" sein müsste, doppelte Freude. + +Indessen nehmen wir an, das Kontrastgesetz bestände, und wirkte, so wie +es nach _Wundt_ wirken müsste; es würde also im obigen Falle die Lust +"gehoben". Dann wären alle Bedingungen, die nach _Wundt_ für die Komik +charakteristisch sind, gegeben. Es müsste also eine den obigen Angaben +entsprechende Beziehung zwischen Thatsachen jederzeit komisch sein. Das +heisst jede Theorie, jede Zusammenfassung von Thatsachen, die einerseits +berechtigt, andererseits doch auch wiederum unzulässig erscheint, müsste +komisch erscheinen. Nun haftet gewiss mancher wissenschaftlichen Theorie +von der bezeichneten Art der Charakter der Komik an. Sie braucht nur etwa +sehr selbstbewusst aufzutreten und zugleich dieses Selbstbewusstsein +möglichst wenig zu rechtfertigen. Oder sie verblüfft uns momentan durch +einen Schein der Wahrheit; dann aber sinkt _eben das_, was ihr den Schein +der Wahrheit verlieh, in _nichts_ zusammen. Aber das sind ja +Voraussetzungen, die _Wundt_ nicht macht. Es fehlt so bei _Wundt_ die +Pointe der Komik, also ihr eigentlicher Sinn. + +Immerhin liegt auch in _Wundts_ Charakteristik der Komik ein Hinweis auf +Richtiges und Wichtiges. Ich denke wiederum vorzugsweise an die +Anerkenntnis, dass ein Gegensatz oder ein Kontrast, und zwar, allgemein +gesagt, ein Kontrast zwischen einem Positiven und einem Negativen für die +Komik notwendig sei. Dass und wiefern diese Anschauung berechtigt ist, +werden wir nachher genauer sehen. + +Dass sie ein gewisses Recht haben müsse, können wir aber auch schon aus +der Thatsache entnehmen, dass uns ähnliche Wendungen, sei es zur +Charakterisierung des Witzes, sei es zur Kennzeichnung der Komik +überhaupt früher und später immer wieder begegnen. + + +VERWANDTE THEORIEN. + +Hier kommen für uns einstweilen nur diejenigen Definitionen der Komik in +Betracht, die auf die Komik überhaupt sich beziehen. Erwähnung verdient +vor allem _Schopenhauer_, der in "Die Welt als Wille und Vorstellung" II. +Buch I § 13 sagt: "Das Lachen entsteht jedesmal aus nichts Anderem, als +aus der plötzlich wahrgenommenen Inkongruenz zwischen einem Begriff und +den realen Objekten, die durch ihn in irgend einer Beziehung gedacht +worden waren; und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser +Inkongruenz." "Je richtiger einerseits die Subsumtion ... unter den +Begriff ist, und je grösser und greller andererseits ihre +Unangemessenheit zu ihm, desto stärker ist die aus diesem Gegensatz +entspringende Wirkung des Lächerlichen. Jedes Lachen also entsteht auf +Anlass einer paradoxen und daher unerwarteten Subsumtion, gleichgültig ob +diese durch Worte oder Thaten sich ausspricht. Dies ist in der Kürze die +richtige Erklärung des Lächerlichen." + +Hier begegnen uns in sehr ausgesprochener Form die oben als positiv +wertvoll anerkannten Momente. Im übrigen wissen wir, warum diese +Erklärung so unzulänglich ist, wie sie kurz ist und anspruchsvoll +auftritt. _Schopenhauers_ "Lächerliches" ist lächerlich, wenn es nicht +ärgerlich, oder imponierend, sondern eben lächerlich ist. + +Es ist _zunächst_ lediglich _ärgerlich_, wenn wir plötzlich wahrnehmen, +ein Objekt sei dem Begriff, unter den wir es subsumiert haben, +inkongruent. Und zwar ist zu diesem Gefühl um so mehr Grund, je richtiger +die Subsumtion schien, oder je mehr unser Urteil über das Objekt zwingend +und einleuchtend war. + +Es ist zweitens _imponierend_, wenn wir ein Objekt zunächst, etwa auf +Grund einer bloss äusserlichen Betrachtung, einem Begriff subsumierten, +dessen Anwendung eine geringe Bewertung des Objektes in sich schloss, und +wenn dann plötzlich diese Subsumtion und mit ihr diese niedrige Bewertung +als für das Objekt völlig unangemessen sich ausweist. + +Es ist endlich _komisch_ dann und nur dann, wenn dem Objekt vermöge der +Subsumtion, oder vermöge unserer Beurteilung desselben, irgend welche +Würde zukam, oder zuzukommen schien, und nun plötzlich _diese Würde +verleihende_ Subsumtion als inkongruent oder unangemessen sich darstellt. +Man sieht, auch _Schopenhauer_ setzt bei seiner Erklärung der Komik die +Komik voraus. + +Daneben mag erwähnt werden _Lillys_ "Theory of the Ludicrous", +Fortnightly Review, Mai 1896, wonach das Lächerliche ist: an irrational +negation which arouses in the mind a rational affirmation. Sehr nahe mit +_Kräpelin_ berührt sich dann _Mélinauds_ Erklärung in einem Aufsatz der +Revue des deux mondes 1895: Pourquoi rit-on? Etude sur la cause +psychologique du rire. Die Antwort auf jene Frage lautet: Quand un objet +d'un côté est absurde, et d'autre trouve une place toute marqueé dans une +catégorie familière. + +Soll auch dagegen noch eine besondere Bemerkung gemacht werden, so sei +auf folgendes hingewiesen: Ein menschliches Verhalten, ein religiöser +Gebrauch etwa, sei in sich möglichst "absurd". Diese Absurdität wird +komisch erscheinen, wenn sie überraschend oder verblüffend ist; d. h. +wenn wir die betreffenden Personen mit unserem Masse messen, sie also als +vernünftige Menschen betrachten, wenn demgemäss die Unvernunft in unseren +Augen den Anspruch erhebt, vernünftig, ja vielleicht erst recht +vernünftig zu sein, zugleich aber völlig klar in ihrer Unvernunft +einleuchtet. + +Nehmen wir dagegen an, die absurde Handlung sei uns in aller ihrer +Absurdität dennoch aus Erziehung, Gewohnheit, Unkenntnis, geistiger +Stumpfheit der Personen völlig verständlich, so dass wir uns sagen, die +Personen müssen unter diesen Umständen so absurd sich gebärden, wie sie +es thun. Dann hört die Komik auf. Es tritt dann an die Stelle der Komik +dies nüchterne Verständnis oder diese klar bestimmte Einordnung in eine +"catégorie familière". Man erinnert sich des Wortes: Nicht weinen, nicht +lachen, _sondern_ verstehen. Hier ist also die "place toute marquée dans +une catégorie familière" der Komik feindlich. + +Andererseits ist doch freilich auch wiederum das Verständnis des absurden +Gebarens Bedingung einer bestimmten Art der Komik, nämlich der _naiven_ +Komik. Nur muss hier die Verständlichkeit in besonderem Sinne genommen +werden. Nicht im Sinne der einfachen verstandesgemässen Einsicht, sondern +im Sinne der Anerkenntnis: Das absurde Gebaren erscheint als Gebaren +dieser Person berechtigt, sinnvoll, "natürlich"; es giebt sich darin +etwas Gutes, Gesundes, eine Einsicht, kurz eine gewisse Grösse der Person +kund. Andererseits aber bleibt doch das Gebaren an sich betrachtet +absurd. Angenommen _Mélinaud_ hätte an diese Art der Komik gedacht, dann +gehörte seine Theorie zu den zahlreichen, deren Schiefheit sich aus der +äusserlichen und unzureichenden Betrachtung bestimmter Möglichkeiten der +Komik erklärt. + +Endlich erwähne ich die letzte Schrift, die mit der Frage der Komik sich +eingehender beschäftigt, nämlich _Herkenraths_ Problèmes d'éstétique et +de morale, Paris 1898. _Herkenrath_ knüpft an _Mélinauds_ Definition +unmittelbar an. Er will sie nur verallgemeinern. Zugleich bestimmt er sie +genauer. Er meint, komisch sei die "réunion soudaine de deux aspects, qui +paraissent incompatibles". + +Hier ist das "soudaine" gegen _Mélinaud_ eine Verbesserung. Aber auch die +"plötzlichste" Vereinigung zweier unverträglicher "Aspekte" erzeugt nicht +ohne weiteres die Komik. _Herkenrath_ setzt den Fall: Wir hören aus einem +Wandschrank ein Wimmern, und meinen, die Katze sei darin eingesperrt. +Beim Öffnen finden wir darin unsere Tante oder unseren Schwiegervater. +Dies wäre gewiss komisch. Und es trifft auch hier thatsächlich ein +"Aspekt", nämlich die Erwartung, dass das Eingeschlossene eine Katze sei, +mit einem anderen damit unverträglichen "Aspekt", nämlich der +Wahrnehmung, dass es meine Tante oder mein Schwiegervater ist, plötzlich +zusammen. Aber die Wahrnehmung, dass ein kleiner Hund in den Schrank +eingesperrt worden sei, würde jener Erwartung ebenso widersprechen. +Worauf es ankommt, das ist: die Tante oder der Schwiegervater, diese +würdevollen oder auf Würde Anspruch machenden Personen; und weiter der +Umstand, dass eine solche würdevolle Person in den Schrank eingeschlossen +ist, und damit plötzlich in meinen Augen ihrer Würde verlustig geht, und +in dem speziellen Falle sogar auf das Niveau einer kleinen wimmernden +Katze herabsinkt. Die Komik entsteht hier nicht aus der plötzlichen +Vereinigung zweier unverträglicher Aspekte, sondern aus diesem Zergehen +der Würde der Tante oder des Schwiegervaters. + +_Herkenrath_ meint, hier ein Beispiel gegeben zu haben, in welchem die +Komik entstehe, indem an die Stelle eines erwarteten Kleinen ein Grosses +oder Würdevolles tritt. In Wahrheit findet hier wie in allen Fällen der +Komik das Gegenteil statt: Ein Grosses schrumpft zu einem Kleinen +zusammen. Wäre dies nicht der Fall, so würde die Komik unterbleiben. Die +Wahrnehmung eines reissenden Stromes, wo nach vorangehenden Erfahrungen +ein wasserarmer Bach erwartet wurde, wirkt nicht komisch, sondern +imponierend. Und doch haben wir auch hier die plötzliche Vereinigung +zweier unverträglicher Aspekte. + + * * * * * + +II. ABSCHNITT. DIE GATTUNGEN DES KOMISCHEN. + + +IV. KAPITEL. DIE OBJEKTIVE KOMIK. + + +KONTRAST DES GROSSEN UND KLEINEN. + +Mit den letzten Bemerkungen des vorigen Abschnittes habe ich dem +Folgenden vorgegriffen. Das dort Angedeutete wird in diesem Abschnitt +näher auszuführen sein. + +Wir reden zunächst von der objektiven Komik. Die genauere Abgrenzung +derselben von den beiden anderen Gattungen der Komik, der subjektiven und +der naiven Komik, wird später, im Kapitel über die naive Komik, zu +vollziehen sein. Hier genügt uns einstweilen diejenige Bestimmung des +Begriffes der objektiven Komik, die sich aus dem hier Folgenden von +selbst ergiebt. + +Ich sagte oben, _Kräpelin_ unterlasse es, uns zu sagen, welcher Kontrast +komisch wirke. Die Antwort auf diese Frage ist teilweise seit lange +gegeben. In gewisser Weise schon von der Ästhetik der _Wolff_'schen +Schule. Diese bezeichnet den komischen Kontrast als einen Kontrast +zwischen Vollkommenheiten und "Unvollkommenheiten". Deutlicher redet +Kant. Ihm zufolge entsteht die Komik aus der plötzlichen Auflösung einer +Erwartung in "Nichts". Nach _Jean Paul_ ist das Lächerliche das unendlich +"Kleine", das zu einem Erhabenen in Gegensatz tritt. Und dieselbe +Anschauung begegnet uns in der folgenden Geschichte der Ästhetik immer +wieder, in den mannigfachsten Modifikationen, in geistvollster Weise +durchgeführt von _Vischer_. + +Ich erwähne speziell noch _Spencer_, für den die Komik beruht auf einer +"descending incongruity"; einem unvermerkten Übergang "from _great_ +things to _small_". Ähnlich ist für _Bain_ der Anlass der Komik "the +_degradation_ of some person or interest possessing dignity in +circumstances, that excite no other strong emotion". + +Die Antwort auf die Frage nach dem Grunde der Komik, die ich meine, liegt +aber im Grunde auch schon in der gewöhnlichen und jedermann geläufigen +Gegenüberstellung des _Erhabenen_ und des Komischen oder Lächerlichen. +Wie kann man es unterlassen, das Recht solcher Anschauungen und Wendungen +wenigstens zu prüfen? + +Ein Kleines, ein relatives Nichts, dies liegt in allen diesen Wendungen, +bildet jederzeit die eine Seite des komischen Kontrastes; ein Kleines, +ein Nichts, nicht überhaupt, sondern im Vergleich zu demjenigen, mit dem +es kontrastiert. Die Komik entsteht eben, indem das Kleine an dem Andern, +zu dem es in Beziehung gesetzt wird, sich misst und dabei in seiner +Kleinheit zu Tage tritt. + +Damit ist auch schon gesagt, dass das Kleine in der Vorstellungsbewegung, +die dem Eindruck der Komik zu Grunde liegt, jederzeit _das zweite Glied_ +sein muss, d. h. dasjenige, zu dem wir in unserer Betrachtung übergehen, +nicht der Ausgangspunkt, sondern der Zielpunkt der Bewegung. Wir mögen +immerhin das Kleine schon vorher wahrgenommen oder ins Auge gefasst +haben, klein erscheinen im Vergleich zur anderen Seite des Kontrastes +kann es doch erst, nachdem wir den Massstab, den die andere Seite +liefert, aus der Betrachtung derselben schon gewonnen haben. + +Dass diese Anschauung im Rechte ist, zeigen beliebige Beispiele. Auch die +von _Kräpelin_ angeführten. Wir finden uns, um zunächst ein Beispiel zu +erwähnen, das uns bei _Kräpelin_ nicht begegnet, das aber von uns bereits +oben angeführt wurde, komisch angemutet, wenn wir neben einem mächtigen +Palast ein kleines Häuschen, wohl gar ein solches, das in seiner Form den +Palast nachahmt, stehen sehen. Die komische Wirkung tritt noch sicherer +ein, wenn das kleine Häuschen eine ganze Reihe mächtiger Bauten +unterbricht. _Kräpelins_ Fehler besteht darin, dass ihm dieser Kontrast +zwischen Gross und Klein ein Kontrast ist wie jeder andere, und dass er +die Stellung der Glieder des Kontrastes nicht beachtet. Denken wir uns +eine Reihe von mächtigen Palästen durch einen Bau unterbrochen, dessen +Bauart eine ganz andere ist, der ihnen aber an Mächtigkeit nichts +nachgiebt, eine grosse Kirche, ein Theater oder dergleichen, dann +unterbleibt der Eindruck der Komik. Und angenommen, wir gehen erst +zwischen Reihen kleiner Häuser und erblicken plötzlich einen riesigen +Palast, so schlägt er gar in den des Erstaunens um; obgleich natürlich +der Kontrast zwischen Klein und Gross nicht kleiner ist, als der zwischen +Gross und Klein. Man vergleiche hier auch die Beispiele, die am Ende des +vorigen Abschnittes angeführt wurden. + +In dem obigen Beispiele ist das "Kleine" ein Kleines der _Ausdehnung_. +Ein solches ist es nicht in allen Fällen. Was ich mit dem Kleinen, dem +relativen Nichts oben meinte, das ist überhaupt das für uns relativ +Bedeutungslose, dasjenige, was für uns, sei es überhaupt, sei es eben +jetzt, geringeres Gewicht besitzt, was geringeren Eindruck macht, uns in +geringerem Masse in Anspruch nimmt, oder wie sonst wir uns ausdrücken +mögen. Dergleichen Prädikate kann aber ein Objekt aus gar mancherlei +Gründen verdienen. + +Auf Eines muss ich besonders aufmerksam machen. Die Art, in der Objekte +auf uns wirken oder uns in Anspruch nehmen, pflegt der Hauptsache nach +nicht auf dem zu beruhen, was sie für unsere Wahrnehmung sind, sondern +auf dem, was sie uns bedeuten, oder anzeigen, woran sie gemahnen oder +erinnern. Die Wirkung der Worte liegt vor allen Dingen an dem, was sie +sagen, nicht minder die der sichtbaren Formen, sei es einzig, sei es zum +wesentlichen Teile, an den Gedanken, die sie in uns erwecken. + +Schon für die Komik der "leicht zu ertragenden menschlichen Gebrechen" +kommt dies in Betracht. Inwiefern, dies wird deutlich, wenn man bedenkt, +dass von Haus aus, das heisst abgesehen von den Vorstellungen und +Gedanken, die wir auf Grund mannigfacher Erfahrungen hinzufügen, die +Bildung des menschlichen Körpers überhaupt kein Gegenstand besonderen +Interesses ist. Der menschliche Körper wäre uns sogar, wenn wir alle +diese "associativen Faktoren" einen Augenblick zum Schweigen bringen +könnten, die gleichgültigste Sache von der Welt. Er gewinnt Bedeutung, +indem mit ihm der Gedanke an ein darin waltendes körperliches und +geistiges Leben aufs Innigste verwächst. Er wird dadurch zum sinnlichen +Träger der Persönlichkeit. Nicht nur das Auge ist Spiegel des Innern, +sondern der ganze Körper in allen seinen Teilen, wenn auch nicht überall +in gleichem Grade. Dies heisst nicht, wir lesen aus jeder Form des +menschlichen Körpers ein bestimmtes, _thatsächlich_ darin verkörpertes +Leben in zutreffender Weise heraus. Nur dies ist mit jener Behauptung +gesagt, es werde durch jede Form auf Grund der Erfahrung die Vorstellung +eines bestimmt gearteten Lebens in uns erweckt, gleichgültig ob die +Vorstellung jedesmal der Wirklichkeit entspricht, oder nicht. Außerdem +muss hinzugefügt werden, dass solche Vorstellungen uns nicht zum +Bewußtsein zu kommen brauchen, wenn das Interesse an der Form entstehen, +also die Form uns bedeutungsvoll werden soll. + +Die _normalen_ Formen des menschlichen Körpers sind es aber, mit denen +vor allem der Gedanke an _positives_, in gewisser Fülle, Kraft, +Ungestörtheit vorhandenes körperliches und geistiges Leben sich +verknüpft. Sie heissen eben normal, weil in ihnen überall das Mass von +"Leben" und Lebensfähigkeit sich darstellt oder darzustellen scheint, das +wir allgemein fordern oder für wünschenswert halten. Sie sind eben damit +für uns Gegenstand erheblichen _positiven_ Interesses und darum +bedeutungs- und eindrucksvoll. Mit diesem Interesse Hand in Hand geht +dann das negative Interesse, das solche abnorme Formen für uns haben, die +die Vorstellung eines erheblichen _Eingriffs_ in jenes körperliche und +geistige Leben oder einer erheblichen _Herabminderung_ desselben +erwecken. Auch dies negative Interesse involviert eine entsprechende +Eindrucksfähigkeit. + +Dagegen erscheinen Abweichungen von der normalen Form, die mit keiner +derartigen Vorstellung verbunden sind, notwendig relativ "nichtssagend" +und damit psychologisch mehr oder weniger gewichtlos. Sie erscheinen +insbesondere dem Sinn und Inhalt der _normalen_ Formen gegenüber entweder +als ein Zuwenig oder als ein Zuviel oder als beides zugleich. Der +übermäßig Hagere bleibt schon rein äußerlich betrachtet hinter der +normalen Bildung zurück. Aber nicht dies äusserliche Zurückbleiben, +sondern der damit sich verbindende Gedanke einer geringeren Kraft- und +Lebensentfaltung lässt die Form relativ nichtig erscheinen. Dasselbe gilt +von der zu kleinen Nase. Sie macht den Eindruck der Verkümmertheit, als +habe der Organismus nicht Kraft genug gehabt, eine normale Nase zu +bilden; indem sie an die Bildung der kindlichen Nase erinnert, erweckt +sie zugleich die Vorstellung einer niedrigeren Stufe geistigen Lebens. +Dagegen erscheint die zu grosse Nase, soweit sie über das normale Mass +hinausgeht, als ein Überschüssiges, Zweckwidriges, zum Ganzen des +Organismus und des ihn erfüllenden Lebens im Grunde nicht mehr +Hinzugehöriges, und insofern Sinnloses und Nichtiges. Dort ist für unsere +Vorstellung mit der Form zugleich der Inhalt vermindert; hier reicht der +Inhalt nicht zu für die Form, so dass diese teilweise inhaltlos +erscheint. Endlich vereinigen sich beide Arten relativer +Bedeutungslosigkeit beim übermässig Fetten. Das Fett erscheint als +kraftlose, also bedeutungslose Wucherung, zugleich hemmt es das gewohnte +Mass freier Bewegung und Lebensbethätigung. + +Unter denselben Gesichtspunkt stellt sich der Typus und die Hautfarbe des +Negers, über welchen der Ungebildete, und das Neue, worüber das Kind +lacht. Der Negertypus erweckt allgemein gesagt die Vorstellung einer +niedrigeren Stufe der Entwicklung; die Hautfarbe ist wenigstens dem +Ungebildeten als Farbe des menschlichen Körpers _unverständlich_. An sich +besitzt ja auch die weisse Hautfarbe keine besondere Würde. Aber sie +gehört für uns, wie die normalen Formen, zum Ganzen des Menschen, ist +Mitträger des Gedankens an menschliches Leben geworden, auch auf sie hat +sich damit etwas von der Würde der menschlichen Persönlichkeit +übertragen. Diese Würde fehlt naturgemäß der schwarzen Hautfarbe, so +lange wir nicht gelernt haben, auch sie als rechtmässige menschliche +Hautfarbe zu betrachten. Sie ist also so lange ein relatives Nichts. +Ebenso ist das Neue für das Kind ein relativ Bedeutungsloses, weil das +Kind seine Bedeutung, die Zugehörigkeit zu Anderem, aus dem sich die +Bedeutung ergiebt, die Brauchbarkeit zu diesem oder jenem Zweck u. s. w. +noch nicht kennen gelernt hat. Als Unverstandenes, noch Sinnloses, und +darum Nichtiges, nicht um der Neuheit willen, ist das Neue dem Kinde +komisch,--soweit es dies ist. + +Wie in den bisher besprochenen, so ist es in allen Fällen der +Anschauungskomik wesentlich, dass das relativ Nichtige als ein solches +erscheine, nicht irgendwo oder irgendwann, sondern in dem Gedanken- oder +Vorstellungszusammenhang, in den es hineintritt; oder, wie wir auch +sagen können, dass es nichtiger erscheine, als der Vorstellungs- oder +Gedankenzusammenhang, in den es sich einfügt, _fordert_ oder _erwarten +lässt_. Wir erwarten, wenn wir an einer Reihe grosser Gebäude +vorübergegangen sind, nun auch weiter grosse Gebäude anzutreffen. Wir +fordern oder erwarten von allem dem, was nun einmal zum Menschen gehört, +nicht bloss seinen Reden und Handlungen, sondern auch den Formen und +Farben seines Körpers, dass sie uns den Eindruck einer gewissen +Bedeutsamkeit machen, dass in ihnen für unser Gefühl oder Bewusstsein +ein gewisser--nicht überall identischer, auch nicht überall gleich +erhabener--Sinn, ein gewisses Mass von Zweckmäßigkeit, körperlicher +oder geistiger Lebenskraft und Leistungsfähigkeit sich ausspreche, oder +auszusprechen scheine. Wir erwarten, wenn wir unserm Freunde begegnen, +an ihm alle die Züge der äussern Erscheinung wieder wahrzunehmen, die +wir gewohnt sind als zu ihm gehörig zu betrachten und die schon dadurch +eine gewisse positive Bedeutung für uns gewonnen haben u. s. w. Die +Komik entsteht, wenn _an Stelle_ des erwarteten Bedeutungs- oder +Eindrucksvollen und unter Voraussetzung eben des +Vorstellungszusammenhanges, der es erwarten lässt, ein für uns, unser +Gefühl, unsere Auffassung, unser gegenwärtiges Verständnis minder +Eindrucksvolles sich einstellt. + + +NACHAHMUNG UND KARIKATUR. + +Die Wichtigkeit dieser Bestimmung erhellt noch besonders deutlich, wenn +wir jetzt mit _Kräpelin_ innerhalb der Anschauungskomik die Fülle der +Komik der Nachahmung und der Karikatur speziell ins Auge fassen. Wir +sehen nach _Kräpelin_ bei der Komik der Nachahmung "die eine von zwei uns +als verschieden bekannten Individualitäten eine teilweise Übereinstimmung +mit der andern gewinnen und werden dadurch gezwungen, jene beiden +Vorstellungen miteinander in nahe Beziehung zu setzen, ohne sie doch +natürlich zu einer vollständigen Deckung bringen zu können." Darauf +beruht hier für _Kräpelin_ die Komik. Nach dieser Theorie müsste das +Gefühl der Komik immer entstehen, wenn zwei Personen sich in gewissen +Punkten entschieden ähnlich, in andern entschieden unähnlich sind, wenn +beispielsweise von zwei Brüdern der eine ganz die Züge des Vaters hat, +während der andere teilweise dem Vater, teilweise der Mutter gleicht. +Auch hier setzen wir ja Personen in nahe Beziehung, ohne sie zur Deckung +bringen zu können. + +_Kräpelins_ Theorie vergisst eben auch hier wiederum die Hauptsache. Er +übersieht in der Komik der Nachahmung die _Nachahmung_. Nachahmung ist +_Herauslösung_ von Zügen einer Person, Eigentümlichkeiten derselben, +Arten zu sprechen, zu handeln, sich zu bewegen, aus dem Zusammenhang, dem +sie angehören und in dem sie ihre Bedeutung haben. + +Dabei können zwei Möglichkeiten unterschieden werden. Die nachgeahmten +Eigentümlichkeiten seien zunächst Eigentümlichkeiten _irgend welcher_ +Art. Sofern wir sie an der Person wahrnehmen, der sie zugehören, sind sie +Eigentümlichkeiten dieser Person; d. h. diese Person giebt ihr Wesen +darin nach gewisser Richtung kund; sie sind nicht bloss diese +Eigentümlichkeiten, sondern Eigentümlichkeiten, in denen diese Person +_steckt_. Nun werden sie von mir nachgeahmt. Damit erscheinen sie von +dieser Person losgelöst. Zugleich erscheinen sie doch für denjenigen, der +weiss, dass ich nachahme, nicht etwa auf mich übertragen. Sie werden +nicht als mir thatsächliche zukommende Eigentümlichkeiten aufgefasst. Sie +sind also isoliert; schweben sozusagen in der Luft. Andererseits werden +sie doch immer noch als Eigentümlichkeiten der anderen Person _erkannt_. +Man weiss, ich ahme jene _Person_ nach. + +Damit ist der Grund zur Komik gegeben. Die Eigentümlichkeit, die als +Eigentümlichkeit der Person ihren Sinn hat, büsst vermöge der Loslösung +von der Person diesen Sinn ein. Sie ist, als zur Person gehörig +betrachtet, Ausdruck des Wesens derselben; indem ich durch die Nachahmung +gezwungen werde, sie _für sich_ zu betrachten, geht sie dieses Anspruches +verlustig. Sie hat, sofern sie der Person zugehört, diese zum Inhalt oder +Substrat, jetzt kommt ihr dieser Inhalt oder dies Substrat abhanden. Sie +wird mit einem Worte zur leeren Form. Immer wieder, wenn ich sie im +Zusammenhang der Person betrachte, füllt sich die Form mit persönlichem +Inhalte; und jedesmal wenn ich sie in ihrer Isolierung betrachte, +schrumpft sie zur leeren Form zusammen. Ein Etwas wird zu einem Nichts. +Dies aber ist der Grund aller Komik. + +Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass die komische Wirkung der Nachahmung +umso grösser sein muss, einmal je mehr das ganze Wesen der Person in der +nachgeahmten Eigentümlichkeit sich kund giebt, je _charakteristischer_ +also die Eigentümlichkeit für die Person ist, zum anderen, je weniger die +Eigentümlichkeit zu mir passt, je weniger sie also als meine +Eigentümlichkeit genommen werden kann. + +Andererseits steigert sich die Wirkung notwendig, wenn wir die zweite der +oben gemeinten Möglichkeiten ins Auge fassen, d. h. wenn wir annehmen die +Eigentümlichkeit sei eine "_Eigenheit_", ich meine: ein solcher Zug der +nachgeahmten Person, der im Vergleich zum normalen menschlichen Wesen, +ebenso wie die leicht zu ertragenden Gebrechen, als ein Zuviel oder ein +Zuwenig erscheint, also in jedem Falle einen Eindruck relativer +Nichtigkeit zu machen geeignet ist. Ich sage mit Absicht: geeignet ist; +denn dass solche "Eigenheiten" an der Person selbst als Kleinheiten oder +Schwächen erscheinen müssten, soll hier nicht gesagt sein. Sie erscheinen +dann um so sicherer als solche in der Nachahmung. Eine Art zu sprechen +etwa verrät eine gewisse Weichheit, ein Sichgehenlassen des Gefühls. Die +Gefühlsweichheit passt aber zur Person, ist mit anderen wertvollen +Eigenschaften derselben notwendig verbunden; wir finden sie darum an der +Person völlig in Ordnung. So finden wir ja an ganzen Gattungen von +Menschen, an den verschiedenen Geschlechtern, Lebensaltern, Ständen, +Besonderheiten in der Ordnung und fordern sie sogar, die ohne Rücksicht +auf die besondere Natur der Träger als Kleinheiten erscheinen würden. + +Oder, gehört die Eigentümlichkeit nicht zum Wesen der Person, in dem +Sinne, dass wir gar nichts Anderes von ihr erwarten, dann haben wir uns +doch vielleicht in die Person und die Eigentümlichkeit gefunden. Wir +haben gelernt die Persönlichkeit als Ganzes zu fassen; und in ihrer +Ganzheit, zu der auch die Schwäche gehört, ist sie uns vertraut.--Indem +ich nun aber die Eigentümlichkeit nachahme, reisse ich sie aus jenem +Zusammenhang heraus. Sie wird jetzt gewissermassen Gegenstand absoluter +Beurteilung, d. h. sie tritt statt in ihrer Beziehung zu ihrem Träger, in +ihrer Beziehung zum Menschen überhaupt ins Bewusstsein. Sie wird gemessen +an dem, was man vom Menschen überhaupt erwartet. Und in diesem +Zusammenhang stellt sie sich als Kleinheit dar und wirkt entsprechend. +Sie wirkt komisch. + +Völlig entgegengesetzte Eigenschaften können auf diese Weise durch +Nachahmung komisch werden. Wie die Sprechweise, die ein Sichgehenlassen +des Gefühls verrät, so auch die besonders energische, trotzig +herausfordernde, kommandomässige. Der Kommandoton bleibt nicht hinter dem +zurück, was wir im allgemeinen zu erwarten pflegen, sondern geht darüber +hinaus; er lässt aber seinerseits einen entsprechenden Zweck und Inhalt +der Rede erwarten. Auch wo der fehlt, ertragen wir am Ende den Ton, wenn +die Person und Stellung dazu passen. Reissen wir ihn, nachahmend, aus +diesem Zusammenhang, so erscheint er in seiner Zweck- und Inhaltlosigkeit +und damit relativ nichtig. + +Man sieht leicht, dass zwischen den beiden hier unterschiedenen Fällen +hinsichtlich des Grundes der Komik derselbe Gegensatz besteht, wie +zwischen der zu kleinen und der zu grossen Nase oder zwischen +übermässiger Hagerkeit und übermässiger Körperfülle. Ein Objekt wird +komisch das eine Mal, weil es selbst eine Erwartung unerfüllt lässt, das +andere Mal, weil es eine Erwartung erregt, die unerfüllt bleibt. Dieser +Gegensatz geht durch. Der Mann, der ein Kinderhäubchen aufsetzt, und der +kleine Junge, der sich einen Cylinder aufs Haupt stülpt, beide sind +gleich komisch. Zunächst ist dort das Häubchen komisch, weil man an +seiner Stelle die würdige männliche Kopfbedeckung erwartet, hier das +Kind, weil wir als Träger des würdigen Cylinders einen Mann erwarten. +Dann aber heftet sich die Komik auch, in jenem Falle an den Mann, in +diesem an den Cylinder, weil der Mann, indem er das Häubchen aufsetzt, +seiner Würde als Mann, der Cylinder, indem er sich herablässt das Haupt +des Kindes zu schmücken, seiner Würde als männliche Kopfbedeckung sich zu +begeben scheint. + +Mit der Komik der Nachahmung ist die der Karikatur verwandt. Auch bei der +letzteren werden "Eigenheiten" herausgehoben, nicht durch Herauslösung +aus dem gewohnten Zusammenhang, aber durch Steigerung. Ich zeichne einen +Menschen im übrigen korrekt, vergrössere aber die etwas zu grosse, oder +verkleinere die etwas zu kleine Nase, verstärke die Hagerkeit oder die +Rundung der Person u. s. w. In jedem Falle handelt es sich um die +Hervorhebung eines relativ Nichtigen. Dies macht zunächst die Karikatur +selbst zum Gegenstand der Komik, dann auch das Original, mit dem wir +nicht umhin können sie zu identifizieren. + +Dass _Kräpelin_ das Wesentliche dieses Vorgangs übersieht, verwundert uns +nicht mehr. Die Komik beruht ihm hier wie bei der Nachahmung auf +Ähnlichkeit und daneben bestehendem Kontrast: Die Karikatur lässt die +Ähnlichkeit prägnant hervortreten, sorgt aber zugleich dafür, dass der +Kontrast mit dem Original genügend gewahrt bleibt. Nach dieser Theorie +müsste jedes in einigen Teilen getroffene, in andern vom Original +entschieden abweichende Bildnis komisch wirken, selbst dann, wenn die +Abweichung vielmehr in einer _Vertuschung_ oder _Weglassung_ solcher +Eigentümlichkeiten bestände, die im Original abnorm oder komisch sind. + + +SITUATIONSKOMIK. + +Sollte aus dem Bisherigen das Recht der an _Kräpelin_ geübten Kritik und +der an Stelle der seinigen gesetzten Anschauung noch nicht völlig +deutlich geworden sein, dann wird die Betrachtung der zweiten +_Kräpelin_'schen Hauptgattung der Komik hoffentlich zu diesem Ziele +führen. Kräpelin bezeichnet als solche die Situationskomik. "Das +gemeinsam wirkende Element der Situationskomik ist stets ein +Missverhältnis zwischen menschlichen Zwecken und deren Realisierung". +Dass diese Angabe, auch wenn wir nur _Kräpelins_ Beispiele ins Auge +fassen, zu enge ist, verschlägt uns hier um so weniger, als _Kräpelin_ +selbst sie im darauf folgenden Satze wieder aufhebt und den Begriff der +Situation wesentlich erweitert: "Gerade das ist das Charakteristische der +Situation, dass sie keinen Ruhezustand zulässt, sondern einen einzelnen +Moment aus einer Reihe von Handlungen oder Begebenheiten herausgreift". +Darnach wäre die Situationskomik die Komik des Nacheinander von +Begebenheiten oder Handlungen. + +Dagegen ist mir der Umstand wesentlich, dass jene Bestimmung zugleich zu +weit ist. Auch bei der Situationskomik kann nicht ein Missverhältnis als +solches das Gefühl der Komik erzeugen. Auch hier entsteht dies Gefühl +nur, indem ein Element in dem Gedankenzusammenhang, in den es +hineintritt, als ein relativ Kleines erscheint. Wiederum ist dabei +notwendig das Kleine der Zielpunkt, nicht der Ausgangspunkt der +gedanklichen Bewegung. Es ist nicht komisch, wenn Columbus, statt den +Seeweg nach Ostindien zu finden, Amerika entdeckt. Der Kontrast zwischen +"Zweck" und "Realisierung" ist hier gross genug, aber er ist nicht +zugleich ein Kontrast zwischen Gross und Klein. Dagegen wäre Columbus +Gegenstand der Komik geworden, wenn er schliesslich auf irgendwelchem +Umweg in längst bekannter Gegend gelandet wäre und diese vermeintlich +entdeckt hätte. Es ist nicht komisch, sondern furchtbar, wenn ein +Apotheker sich vergreift, und dem Kranken statt des Heilmittels ein +tötliches Gift giebt. Dagegen würde der Eindruck der Komik nicht +ausbleiben, wenn wir sähen, dass jemand seinem Feinde, in der Meinung ihn +zu vergiften, ein unschädliches Pulver eingegeben habe. _Kräpelin_ +freilich glaubt Fällen jener Art ihre Beweiskraft zu nehmen, indem er +erklärt, es dürften, wo die Komik zu stande kommen solle, "keine +Unlustgefühle" erregt werden; aber wie es komme, dass in gewissen Fällen +statt des Gefühles der Komik ein Gefühl der Unlust erzeugt werde, das ist +eben die Frage, um die es sich handelt, ganz abgesehen davon, dass ja +auch nach _Kräpelins_ eigner Meinung Unlustgefühle zur Komik +hinzugehören. + +Ob der anderen Bedingung, dass das Kleine _Zielpunkt_ der Bewegung sei, +in einem gegebenen Falle genügt sei, dies erfahren wir am einfachsten, +wenn wir wiederum, wie schon oben, den Begriff der Erwartung oder +Forderung verwenden. "Komisch wirkt die Erfolglosigkeit lebhafter +Bemühungen." In der That ist es komisch, wenn wir den Schulmeister sich +vergeblich mühen sehen, eine Schar ungezogener Rangen zur Ruhe zu +bringen. Dagegen irrt _Kräpelin_, wenn er dieselbe Wirkung dem +"unvermuteten Erfolg geringfügiger Bestrebungen" zuschreibt. So ist es +nicht komisch, sondern imponierend, wenn eine Person durch ihr blosses +Auftreten, einen Blick, ein Wort, eine geringfügige Bewegung, eine grosse +Menge beherrscht und leitet. Der Unterschied beider Fälle besteht aber +eben darin, dass der Erfolg dort hinter dem zurückbleibt, was wir nach +gewöhnlicher Erfahrung erwarten oder fordern, während er hier darüber +hinausgeht. Ebenso entsteht der Eindruck der Komik, wenn viel versprochen +und wenig geleistet wird, wenn jemand stolz und selbstbewusst auftritt +und über kleine Hindernisse stolpert, wenn der Erwachsene redet, handelt, +denkt wie ein Kind u. s. w.; er entsteht nicht, wenn umgekehrt wenig +versprochen und viel geleistet wird, wenn jemand bescheiden auftritt und +leistet, was nach der Art seines Auftretens niemand von ihm erwartete, +wenn das Kind, ohne doch unkindlich zu erscheinen, einen Grad des +Verständnisses verrät, dem wir in seinem Alter sonst nicht zu begegnen +gewohnt sind. + +Nur unter einer Bedingung kann auch bei Fällen dieser letzteren Art das +Gefühl der Komik sich einstellen; dann nämlich, wenn sich in unseren +Gedanken der Zusammenhang der Facta in der Weise umkehrt, dass dasjenige, +was dem natürlichen Gang der Dinge zufolge an die Stelle des Erwarteten +tritt, zu dem wird, was die Erwartung erregt, und umgekehrt. Angenommen +etwa, wir sehen nicht die geringe Bemühung und auf diese folgend das +bedeutsame Ergebnis, sondern hören zuerst von dem letzteren, und erwarten +nun oder fordern an der Hand geläufiger Erfahrung, dass eine bedeutsame +Anstrengung vorausgegangen sei, oder wir sehen wohl erst die geringe +Bemühung, und dann den grossen Erfolg, wenden aber nachher unsern Blick +von dem Erfolg wiederum zurück zur geringen Bemühung und finden diese +geringfügiger als wir eigentlich glauben erwarten zu müssen,--in jedem +der beiden Fälle kann die geringfügige Bemühung komisch erscheinen. Aber +derartige Fälle wiederlegen nicht, sondern bestätigen unsere Behauptung. +Nicht der objektive Zusammenhang, sondern der Zusammenhang in unserem +Denken und das Vorher und Nachher innerhalb dieses Zusammenhangs, ist ja +für uns das Entscheidende. + + +DIE ERWARTUNG. + +Mit der Anschauungs- und Situationskomik ist für _Kräpelin_ der Umkreis +der objektiven Komik abgeschlossen. Entsprechend könnten auch wir die +Kritik der _Kräpelin_'schen Theorie abschliessen, wenn wir uns nicht +bereits in einen neuen Streit mit ihrem Autor verwickelt hätten. Wir +thaten dies durch die Art, wie wir den Begriff der Erwartung verwandten. +Die Einführung dieses Begriffs geschah gelegentlich; und seine Verwendung +schien in den speziell angeführten Fällen wohl gerechtfertigt. Es fehlt +aber noch--nicht nur die prinzipielle Rechtfertigung, sondern sogar die +genauere Bezeichnung desjenigen, was eigentlich mit diesem Begriff gesagt +sein solle. Beides wollen wir im Folgenden nachzuholen versuchen. Dabei +wird auch erst die volle Tragweite dieses Begriffs deutlich werden. + +Wie schon erwähnt, erklärt _Kant_ die Komik aus der plötzlichen Auflösung +einer Erwartung in Nichts. Auch _Vischer_ lässt die Erwartung als ein +wesentliches Moment der Komik erscheinen, wenn er gelegentlich das +"Erhabene", zu dem das Nichtige in komischen Gegensatz tritt, mit dem +identifiziert, was irgend eine, wenn auch an sich unmerkliche Erwartung +und Spannung erregt. (Ästhetik I, § 156). + +Mit solchen Erklärungen scheint eben unsere Anschauung ausgesprochen. +Dagegen spricht _Kräpelin_ der Erwartung jede prinzipielle Bedeutung ab, +obgleich er doch wiederum jener _Kant_'schen Bestimmung ein gewisses +Recht zugesteht. + +Zunächst soll die Erwartung die Wirkung der Komik nur verstärken. Was die +Wirkung eigentlich hervorbringt, ist der Vorstellungskontrast. Darnach +sind Kontrast und in Nichts aufgelöste oder enttäuschte Erwartung für +_Kräpelin_ jederzeit nebeneinander stehende Momente. Von einem solchen +Nebeneinander nun konnten wir in den oben besprochenen Fällen nichts +bemerken. Vielmehr lag eben in der Enttäuschung der Erwartung, d. h. in +dem Kontrast zwischen dem Erwarteten und dem relativen Nichts, das dafür +eintrat, jederzeit der ganze Grund der Komik. + +Es ist, um viele Fälle in einen Typus zusammenzufassen, komisch, wenn +Berge kreissen und ein winziges Mäuschen wird geboren. Man lasse dabei +die Erwartung weg, nehme an, das Kreissen der Berge gebe zu keiner +Vermutung über die Beschaffenheit dessen, was daraus entstehen möge, +Anlass, so dass der Gedanke, es werde etwas Grosses geboren werden, nicht +näher liegt als der entgegengesetzte, und die Komik ist dahin. Sie beruht +also freilich auf einem Kontrast, aber nicht auf dem Kontrast der Berge +und des Mäuschens, sondern auf dem Kontrast des Erwarteten und des dafür +Eintretenden. + +Dies wird noch deutlicher in anderen Fällen. Vor mir liege ein chemischer +Körper, der bei einem leichten Schlage mit lautem Knall explodieren soll. +Indem ich den Schlag ausführe, bin ich auf den Knall gefasst. Ich höre +aber thatsächlich nur das Geräusch, das der Schlag auch sonst +hervorgebracht hätte: der Versuch ist missglückt. Hier ist dasjenige, was +die Erwartung erregt, die Wahrnehmung des Schlages, an sich so +geringfügig wie dasjenige, was folgt. Kein Kontrast irgendwelcher Art +findet statt zwischen dem leichten Schlage und dem Geräusch. Der Kontrast +besteht einzig zwischen dem Geräusch und der erwarteten Explosion. Hierin +also ist der Grund der Komik zu suchen. + +Diesen Fällen lassen sich leicht solche entgegenstellen, in denen +lediglich darum _keine_ komische Wirkung entsteht, weil die Erwartung und +ihre Auflösung in Nichts _fehlt_. Im Vergleich zu einem hohen Berge +erscheint jedes darauf stehende Haus klein. Das Haus ist darum doch nicht +notwendig kleiner als man erwartet, Unter dieser Voraussetzung fehlt dann +auch die Komik, trotz jenes Kontrastes zwischen Berg und Haus. + +Darnach müssen wir jetzt sogar _Kräpelins_ Kontrasttheorie in einem neuen +wesentlichen Punkte korrigieren. Wir korrigieren damit zugleich uns +selbst, sofern wir uns oben die _Kräpelin_'sche Ausdrucksweise +einstweilen gefallen liessen. Der Kontrast zwischen menschlichen Zwecken +und ihrer Realisierung, zwischen lebhaften Bemühungen und deren +Erfolglosigkeit u. s. w., auf den _Kräpelin_ die Situationskomik +gründete, hat als solcher mit der Komik gar nichts zu thun. An seine +Stelle tritt der Kontrast zwischen der erwarteten und der thatsächlichen +Realisierung, zwischen dem Erfolg, den wir den Bemühungen, sie mögen +"lebhaft" sein oder nicht, naturgemäss zuschreiben, und der wirklichen +Erfolglosigkeit. Ebenso tritt bei der Anschauungskomik an die Stelle des +Kontrastes zwischen "dem angeschauten Gegenstand und Bestandteilen +unseres Vorstellungsschatzes" der Kontrast zwischen der Beschaffenheit +des Angeschauten, die wir auf Grund unseres Vorstellungsschatzes +naturgemäß voraussetzen, und derjenigen, die die Anschauung aufweist. Mit +einem Worte, der Vorstellungskontrast löst sich auf in den Kontrast +zwischen einem Erwarteten (Geforderten, Vorausgesetzten) und einem an die +Stelle tretenden Thatsächlichen. Dies ist der eigentliche +"intellektuelle" Kontrast, den _Kräpelin_ sucht, aber nur mit diesem +Namen zu bezeichnen weiss. + +Zweitens versichert _Kräpelin_, die Erwartung sei "natürlich" nur beim +successiven Kontrast von Bedeutung. Dagegen berufe ich mich zunächst auf +den Sprachgebrauch, der nichts dawider hat, wenn ich sage, man erwarte +bei Menschen eine gewisse normale Körperbildung, oder man erwarte, wenn +man einen für Erwachsene bestimmten Tisch sehe, dass auch die um ihn +herumstehenden Stühle Stühle für Erwachsene seien, nicht Kinderstühle u. +dgl. Oder ist der Sprachgebrauch hier unwissenschaftlich?--Dann ziehe ich +mich aus dem Streit, indem ich sage, was ich hier unter Erwartung +verstehe. Diese Pflicht liegt ja ohnehin jedem ob, der die Erwartung zur +Erklärung der Komik verwendet oder sie ausdrücklich davon ausschliesst. + +Die Erwartung einer Wahrnehmung oder einer Thatsache ist jedenfalls ein +Zustand des Bereit- oder Gerüstetseins zum Vollzug der Wahrnehmung, bezw. +zur Erfassung der Thatsache. Ein solches Bereitsein kann in unendlich +vielen Stufen stattfinden. Ich bin nicht bereit eine Wahrnehmung zu +vollziehen, wenn Anderes, das mit der Wahrnehmung in keinem Zusammenhang +steht, mich gänzlich in Anspruch nimmt, oder gar Vorstellungen sich mir +aufdrängen, deren Inhalt dem Inhalt jener Wahrnehmung widerspricht. So +bin ich nicht vorbereitet einen Glockenschlag zu hören, wenn Gedanken, +die mit dem Glockenschlage in keiner Beziehung stehen, mich ganz und gar +beschäftigen. Ich bin in noch minderem Grade vorbereitet, jemand eine +bedeutende Leistung vollbringen zu sehen, wenn seine ganze Persönlichkeit +vielmehr den Eindruck der Unfähigkeit zu jeder bedeutenden Leistung +macht. + +Dagegen kann ich mich schon in gewisser Weise auf den Schall vorbereitet +nennen, wenn mich in dem Augenblicke, wo er eintritt, nichts besonders in +Anspruch nimmt, wenn also die Schallwahrnehmung relativ ungehindert in +mir zu stande kommen kann. Ich bin ebenso in gewisser Weise vorbereitet, +die Leistung sich vollziehen zu sehen, wenn ich hinsichtlich der +Leistungsfähigkeit der Person kein günstiges, aber auch kein ungünstiges +Vorurteil hege. + +Doch ist in diesen Fällen die Bereitschaft noch eine lediglich negative. +Sie kann dann aber in den verschiedensten Graden zur positiven werden. +Bleiben wir bei der Leistung. Angenommen die Person, über deren +Leistungsfähigkeit ich nichts weiss, habe die glückliche Vollführung +eines nicht über gewöhnliche menschliche Kräfte hinausgehenden, auch mit +keinen übergrossen Schwierigkeiten verbundenen Unternehmens angekündigt. +Daraus ergäbe sich schon ein erhebliches Mass positiver Bereitschaft. +Ich verstehe die Ankündigung und bin gewohnt anzunehmen, dass derjenige, +der eine solche Ankündigung ausspricht, nicht nur den guten Willen habe, +sie zu erfüllen, sondern auch Mittel und Wege dazu finden werde. Dieser +erfahrungsgemässe Zusammenhang zwischen Ankündigung und Vollführung +des Unternehmens bereitet mich auf die Wahrnehmung des Unternehmens +vor, leitet die seelische Bewegung darauf hin; oder wenn man lieber +will, der Gedanke an die Ankündigung thut dies _vermöge_ jenes +Gedankenzusammenhanges oder auf dem dadurch bezeichneten _Wege_. Dass die +Hinleitung wirklich stattfindet, erfahre ich, sobald ich die Leistung +sich wirklich vollziehen sehe. Ich erlebe den Vollzug derselben nicht nur +ohne Befremden und Überraschung, sondern wie etwas, das so sein muss. Ich +finde mich in das Erlebnis nicht nur ohne Widerstreben, sondern ich würde +mich umgekehrt nur mit einem gewissen Widerstreben in das Nichteintreten +desselben finden. Dies Streben, bezw. Widerstreben kann nur in dem +Vorhandensein eines auf die Wahrnehmung des Vollzugs der Leistung +hinleitenden oder hindrängenden Faktors seinen Grund haben. + +Damit ist indessen noch nicht der höchste Grad der Bereitschaft erreicht. +Sie steigert sich, wenn ich von der Leistungsfähigkeit der Person die +beste Meinung habe, wenn ich zugleich an ihrer Zuverlässigkeit nicht +zweifle, wenn endlich solche Elemente, die dem, was kommen soll, +unmittelbar angehören, in der Wahrnehmung oder Erfahrung bereits gegeben +sind. Ich weiss etwa, der Moment, für den die Leistung angekündigt war, +ist da; ich sehe auch die Person zum Vollzug derselben sich anschicken. +Jetzt wird mein Vorstellen gleichzeitig durch alle diese Faktoren auf die +Wahrnehmung des wirklichen Vollzugs der Leistung hingeleitet. Die Energie +dieser Hinleitung nimmt zu; bis zu dem Momente, wo es sich entscheiden +muss, ob die That geschieht oder nicht. Wiederum verrät sich die +vorbereitende Kraft jener Faktoren in der unmittelbaren Erfahrung. Immer +begieriger und leichter vollziehe ich die Wahrnehmung der Leistung, wenn +sie wirklich geschieht, und immer befremdlicher finde ich mich angemutet, +wenn sie schliesslich dennoch unterbleibt. + +Vielleicht freilich giebt man nicht viel auf diese unmittelbare +Erfahrung. Dann mag daran erinnert werden, dass die Wirksamkeit solcher +Faktoren auch experimentell feststeht. Psychische Messungen ergeben, +dass Wahrnehmungsinhalte um so schneller von uns erfasst werden oder zu +unserem Bewusstsein gelangen, je mehr derartige Faktoren, je mehr also +Vorstellungs- oder Wahrnehmungsinhalte, die mit der neuen Wahrnehmung in +engem erfahrungsgemässem Zusammenhang stehen, bereits gegeben sind. So +ist die Zeit, die zwischen der Auslösung eines Schalles und der +Wahrnehmung desselben verfliesst, kürzer, wenn derjenige, der ihn hört, +vorher weiss, es werde ein Schall von dieser bestimmten Beschaffenheit +erfolgen, als wenn er ihn völlig unvorbereitet hört; sie ist noch kürzer, +wenn dem Schall in bestimmter, dem Hörer genau bekannter Zeit +irgendwelches Signal vorangeht. Diese successive Verkürzung der Zeit +beweist so deutlich als möglich die den Vollzug der Wahrnehmung +vorbereitende und erleichternde Kraft jener Faktoren. + +Der zuletzt bezeichneten Art der Bereitschaft nun wird jedermann den +Namen der Erwartung zugestehen. Wir "erwarten" das in Aussicht gestellte +und angefangene Unternehmen sich vollenden zu sehen. Dagegen sagen wir +nicht, wir erwarten einen Schall zu hören, wenn die Wahrnehmung desselben +nur in dem Sinne vorbereitet ist, dass ihr kein besonderes Hindernis +entgegensteht. Wir "erwarten" auch nicht den Vollzug der Leistung, wenn +die Ankündigung derselben uns zwar bekannt, aber im Augenblicke nicht in +uns wirksam ist, sei es dass der Gedanke überhaupt nicht in uns lebendig +ist, sei es dass sonstige seelische Vorgänge ihn verhindern seine +Wirksamkeit zu entfalten. + +Darnach wissen wir, worin das Wesen der Erwartung besteht. Wir sprechen +von einer solchen, und sind berechtigt davon zu sprechen, wenn die +Bereitschaft zum Vollzug einer Wahrnehmung oder zur Erfassung einer +Thatsache eine aktive ist, d. h. wenn in uns _lebendige_ Wahrnehmungen +oder Vorstellungen vermöge ihrer Beziehung zu der Wahrnehmung oder +Thatsache auf diese hinweisen oder hindrängen; und wir haben ein um so +grösseres Recht von Erwartung zu sprechen, je bestimmter und +ungehinderter die Wahrnehmungen oder Vorstellungen eben auf diese +Wahrnehmung oder Thatsache hindrängen. + +Damit sehen wir in der Erwartung nicht eine besondere seelische +Thätigkeit, oder ein über den associativen "Mechanismus" hinausgehendes +seelisches Geschehen. Zwei seelische Vorgänge sind durch Association +verknüpft, dies heisst gar nichts anderes, als, sie sind so aneinander +gebunden, dass die Wiederkehr des einen auf die Wiederkehr des ändern +hindrängt; und dies Hindrängen giebt sich überall darin zu erkennen, dass +der zweite seelische Vorgang sich, sei es überhaupt vollzieht, sei es +leichter vollzieht, weil der erstere sich vollzieht oder sich vollzogen +hat; womit dann zugleich gesagt ist, dass ein jenem Vorgang +gegensätzlicher in seinem Entstehen gehemmt werden wird. Oder kurz +gesagt, wir sprechen von Association darum und nur darum, weil wir es +erleben, dass seelische Vorgänge sich als wirksame Bedingungen anderer, +damit natürlich zugleich als Hemmung entgegengesetzter erweisen. Die an +sich unbekannte Beziehung zwischen Vorgängen, welche in dieser +Wirksamkeit sich äussert, nennen wir Association. Auch die Erwartung ist +nur ein besonderer Fall der Wirksamkeit der Associationen. An gewisse +Bewusstseinsinhalte hat sich in den besprochenen Fällen eine Wahrnehmung +oder der Gedanke an die Verwirklichung eines Geschehens erfahrungsgemäss +geknüpft. Diese Verknüpfung bethätigt sich, indem die Wahrnehmung oder +die Erfassung des Geschehens leichter sich vollzieht, und eben damit +zugleich der Vollzug einer entgegengesetzten Wahrnehmung oder eines +widersprechenden Gedankens eine Hemmung erleidet, sobald jene +Bewusstseinsinhalte wiederum in uns lebendig werden. + +Ein Punkt nur scheint noch übersehen: das Gefühl des Strebens oder der +inneren Spannung, das die Erwartung begleitet. Aber dies Gefühl ist, wie +dies schon oben gelegentlich von den Gefühlen überhaupt gesagt wurde, +nicht mitwirksamer Faktor. Es ist ein Nebenprodukt, das überall sich +einstellt, wo der Fluss des seelischen Geschehens auf ein Ziel gerichtet +ist, dies Ziel aber nicht, oder einstweilen nicht erreichen kann; oder +anders ausgedrückt, wo aktive, also in thatsächlich vorhandenen +Empfindungen oder Vorstellungen bestehende Bedingungen für ein seelisches +Geschehen gegeben sind, ohne dass doch dies Geschehen, sei es überhaupt, +sei es einstweilen sich vollziehen kann. Wir werden in dem Gefühl des +Strebens eben dieses Sachverhaltes, dieser Kausalität, die ihres +zugehörigen Erfolges überhaupt oder einstweilen entbehren muss, inne; es +bildet den Widerschein desselben in unserem Bewusstsein. + +Von den vorhin besprochenen Beispielen der Erwartung gilt nun +thatsächlich, was _Kräpelin_ als zu aller Erwartung gehörig anzusehen +scheint; es ist dabei das die Erwartung Erregende objektiv früher als das +Erwartete. Besteht aber das Wesen der Erwartung in dem eben Angegebenen, +dann ist nicht einzusehen, inwiefern jenes Verhältnis objektiver +Succession dafür wesentlich sein sollte. Auch wenn eine Reihe grosser +Paläste die Erwartung in mir erregt, es werden weiter grosse Bauwerke +folgen, weist ein seelisches Geschehen, nämlich die Wahrnehmung der +Paläste auf eine Wahrnehmung, nämlich die ähnlich grossartiger Bauwerke, +hin und bereitet sie vor. Dass hier das Erwartete, bezw. das dafür +Eintretende kein zeitlich Nachfolgendes ist, macht psychologisch keinen +Unterschied. Die Wirkung ist dieselbe; auch das Gefühl der Spannung +braucht nicht zu fehlen. + +Nebenbei bemerke ich, dass in diesem Beispiel auch das Band, das die +"Vorbereitung" vermittelt, ein anderes ist, als in den oben angeführten +Fällen,--nicht erfahrungsgemässer Zusammenhang, sondern Ähnlichkeit. Auch +dies aber ändert die Wirkung nicht. Wir kennen ja überhaupt zwei +wirkungsfähige Arten des Zusammenhanges zwischen seelischen Vorgängen, +oder zwei "Associationen", nämlich die Association, die durch Erfahrung, +d. h. durch gleichzeitiges Erleben, _geworden_ ist, und die ursprüngliche +Association der _Ähnlichkeit_. + +Immerhin besteht beim letzten Beispiele noch ein Verhältnis der +_subjektiven_ Succession. Das neue grosse Gebäude oder das an seine +Stelle tretende kleine Häuschen folgt wenigstens in der Wahrnehmung oder +Betrachtung auf die Reihe der Paläste. Und diese Succession scheint +allerdings für die Erwartung wesentlich. Aber eine Art dieser lediglich +subjektiven Succession ist, wie wir schon wissen, auch für die Komik, +soweit sie bisher in Betracht kam, wesentlich. + +Die Wahrnehmung der menschlichen Körperformen, die der Neger mit uns +gemein hat, erzeugt die aktive Bereitschaft, mit dem Negerkörper +ebendenselben Gedanken eines in und hinter den Formen waltenden +körperlichen und seelischen Lebens zu verbinden, wie wir ihn mit unserem +Körper zu verbinden nicht umhin können. Die Wahrnehmung des Negerkörpers +weist oder drängt auf den Vollzug dieses Gedankens hin, wie die +Ankündigung der Leistung auf die Wahrnehmung der Leistung, oder die Reihe +der Paläste auf die Wahrnehmung eines gleich imposanten Baues. Das Band, +das den Hinweis vermittelt, ist, im Unterschied von dem letzteren Falle, +wiederum das der _Erfahrungsassociation_. + +Diesem Gedanken, dass der Negerkörper, ebenso wie der unsrige, +menschliches Leben in sich schliesse, tritt nun die Wahrnehmung der +schwarzen Hautfarbe, die wir der Voraussetzung nach noch nicht als Träger +eines solchen Lebens kennen und anerkennen, sofort negierend entgegen. +Ich kann den Neger oder die Körperformen nicht sehen, ohne zugleich auch +diese Farbe zu sehen. Immerhin muss ich doch auch hier erst auf die +Formen, die der Neger mit uns gemein hat, geachtet haben und dadurch auf +den Vollzug jenes Gedankens hingedrängt worden sein, ehe jene Negation +als solche zur Geltung kommen, ehe also die schwarze Hautfarbe die +Vorstellung des Mangels oder des relativen Nichts in mir wecken kann. Ich +habe darnach zur Anwendung des Begriffes der Erwartung im Grunde hier +ebensoviel Recht, wie bei dem kleinen Häuschen zwischen Palästen. Ich +darf sagen, ich erwarte naturgemäss mit dem Bild des Negerkörpers jenen +Gedanken verbinden zu können, diese Erwartung aber zergehe angesichts der +mir fremden Farbe in nichts. Die "Erwartung" besteht thatsächlich, nur +dass sie auf ihre Entscheidung nicht zu "warten" braucht, und darum auch +ein merkliches Gefühl der Spannung, wie es sonst die in Erreichung ihres +Zieles, der Erfüllung oder Enttäuschung, _gehemmte_ Erwartung begleitet, +nicht entstehen kann. + +Es ist nun aber gar nicht meine Absicht, hier dem Begriff der Erwartung +eine möglichst weite Anwendbarkeit zu sichern. Mag man die Erwartung da, +wo man auf die Erfüllung oder Enttäuschung nicht zu "warten" braucht, und +darum kein merkbares Spannungsgefühl eintritt, trotzdem als solche +bezeichnen oder nicht, uns kommt es einzig an auf das in aller Erwartung +Wesentliche und psychologisch Wirksame, die aktive Bereitschaft also zur +Erfassung eines Inhaltes. Und diese findet sich bei aller bisher +besprochenen Komik. + + +DIE KOMIK ALS GRÖSSE UND KLEINHEIT DESSELBEN. + +Es bleibt uns jetzt noch die Frage, worin diese psychologische +Wirksamkeit, dem an die Stelle des Erwarteten tretenden relativen Nichts +gegenüber, bestehe. Diese Frage versuche ich hier wenigstens +vorbereitungsweise und mit dem Vorbehalt späterer genauerer Bestimmung zu +beantworten. Ein wichtiger Besuch ist mir angekündigt. In dem +Augenblicke, in dem der Besuch kommen soll, höre ich draussen Schritte; +die Thüre öffnet sich; es tritt jemand ein. Mit jedem dieser Momente +steigert sich die Erwartung. Die Erwartung ist aber als solche zugleich +eine der thatsächlichen Verwirklichung vorauseilende _Anticipation_ des +Erwarteten. Die Person, die eintritt, _ist_ für mich, ehe ich sie sehe, +die angekündigte; insbesondere die Wichtigkeit oder Bedeutung, welche die +erwartete Person für mich hat, weise ich ihr im voraus zu, und ich thue +dies um so sicherer, je bestimmter die Erwartung ist. + +Nun tritt in Wirklichkeit ein Bettler ein. Dieser besitzt also im Momente +seines Eintretens für mich jene Bedeutung; er _ist_ die wichtige Person. +Thatsächlich freilich kommt ihm die Bedeutung nicht zu. Aber diesen +Gedanken muss ich erst vollziehen; ich muss den Bettler als solchen +erkennen und anerkennen; ich muss ihm auf Grund dessen die Bedeutung +wieder absprechen. Mit diesem letzteren ist eine psychologische +_Leistung_ bezeichnet, eine um so erheblichere, je sesshafter der Gedanke +an die Bedeutung der eintretenden Person vorher in mir geworden ist. Ehe +ich diese Leistung vollzogen habe, im ersten Momente also, bleibt die +vorher vollzogene Vorstellungsverbindung in Kraft. Dann freilich löst sie +sich unmittelbar. Der Bettler sinkt unvermittelt in sein Nichts zurück. + +Völlig analog verhält es sich in zahllosen andern, und der Hauptsache +nach gleichartig in allen Fällen der Komik überhaupt. Der Bettler, so +können wir allgemeiner sagen, spielt die "Rolle" des wichtigen Besuches, +nicht in Wirklichkeit, sondern für mein Vorstellen; er beansprucht die +Bedeutung desselben, gebärdet sich so, für mein Bewusstsein nämlich. Dann +stellt er sich unvermittelt dar als das, was er ist. Ebenso spielt das +Kinderhäubchen auf dem Kopf des Erwachsenen die "Rolle" der männlichen +Kopfbedeckung, der kleine Knabe unter dem männlichen Hute die Rolle des +Mannes. Das kleine Häuschen in der Reibe von Palästen "gebärdet" sich wie +einer der Paläste; die Hautfarbe des Negers "erhebt den Anspruch", ebenso +als Träger und Verkündiger eines hinter ihr pulsirenden menschlichen +Lebens zu gelten, wie die unsrige. Sie spielen die Rolle und erheben den +Anspruch, um dann doch sofort wieder die Rolle fallen zu lassen und des +Anspruchs beraubt zu erscheinen. + +Ob das komische Objekt den Anspruch zu erheben objektiv berechtigt ist +oder nicht, thut dabei nichts zur Sache. Hinter der Hautfarbe des Negers +pulsiert thatsächlich dasselbe Leben, wie hinter der unsrigen; sie hat +für ihn dieselbe Bedeutung wie für uns die unsrige. Nur darauf kommt es +an, ob das Objekt erst für uns den Anspruch erhebt, dann ihn _für uns_ +wieder fallen lassen muss, oder anders gesagt, ob wir ihm auf Grund +irgend welcher Vorstellungsassociation die Bedeutung erst zugestehen, +dann sie ihm auf Grund einer thatsächlich in uns bestehenden, wenn auch +ungerechtfertigten Betrachtungsweise wiederum absprechen müssen. Immerhin +hat es Wert, diese beiden Möglichkeiten ausdrücklich zu unterscheiden. + +Zugleich dürfen wir auch das andere niemals vergessen, dass--wiederum für +uns oder für unsere Betrachtung--der Ausspruch einer "_Grösse_" erst +_entstehen_, dann _vergehen_ muss. Ich erwähne hier noch einmal ein +Beispiel der Komik, das _Herkenrath_ anführt und das wir schon oben +kennen gelernt haben. In diesem Beispiel meint _Herkenrath_, sei jener +Sachverhalt umgekehrt. Es trete in ihm nicht ein Kleines an die Stelle +eines Grossen, sondern ein Grosses an die Stelle eines erwarteten +Kleinen. Ich meine das Beispiel der in den Schrank eingeschlossenen +würdevollen Tante. _Herkenrath_ legt Gewicht darauf, dass die Tante an +der Stelle der Katze, die man vorzufinden erwartete, dem Blicke sich +darbietet. Aber die Komik beruht darauf, dass man von der Tante eine +würdevolle Situation erwartete, und eine würdelose findet. + +Trotz dieses Einwandes meint _Herkenrath_, ich erkläre die objektive +Komik assez ingénieusement. Nur hätte ich nachher Mühe, die anderen Arten +der Komik in die einmal gewonnene Theorie einzufügen. Darauf antworte ich +schon hier, dass ich solche Mühe unmöglich haben kann, da für mich alle +Arten der Komik auf demselben, hier bezeichneten Prinzip beruhen. + + + + +V. KAPITEL. OBJEKTIVE KOMIK. ERGÄNZUNGEN. + + +DAS KOMISCHE "LEIHEN". + +Unser bisheriges Ergebnis ist dies. Das Gefühl der Komik entsteht, indem +ein--gleichgültig ob an sich oder nur für uns--Bedeutungsvolles oder +Eindrucksvolles für uns oder in uns seiner Bedeutung oder +Eindrucksfähigkeit verlustig geht. + +Das zur Feststellung dieses Satzes Vorgebrachte bedarf aber noch der +Ergänzung oder der näheren Bestimmung. Diese wollen wir in der Weise +gewinnen, dass wir zugleich solche andere Theorien, die gleichfalls auf +jener Grundanschauung beruhen, oder wenigstens Elemente derselben in sich +schliessen, mit in die Diskussion hereinziehen. + +Schon _Lessing_ war mit dem Kontrast--zwischen Vollkommenheiten und +Unvollkommenheiten--wie ihn die _Wolff_'sche Schule der Komik zu Grunde +gelegt hatte,--nicht zufrieden, sondern forderte, dass die +Kontrastglieder sich verschmelzen lassen müssen. + +Dies wiederum genügt _Vischer_ nicht. Der Kontrast, so erklärt er, muss +zum Widerspruch werden; der komische Widerspruch aber ist erst vorhanden, +wenn dasselbe Subjekt "in demselben Punkte zugleich als weise oder stark +und als thöricht oder schwach" erscheint. Dieser Widerspruch ist "in +seiner ganzen Tiefe gesetzt" "Widerspruch des Selbstbewusstseins mit +sich". Das Subjekt muss "erscheinen als um seine Verirrung wissend und +sich in demselben Momente dennoch verirrend, oder als bewusst und +unbewusst zugleich". + +Thatsächlich freilich weiss das komische Subjekt nicht um seine Verirrung +oder braucht nicht darum zu wissen. Dann "leihen" wir ihm nach _Vischer_ +dies Wissen oder schieben es ihm unter. Diesen Begriff des Leihens +entnimmt _Vischer_ von _Jean Paul_ und er findet darin eine bedeutende +Entdeckung desselben. Der Sinn des fraglichen Begriffes wird am +einfachsten deutlich aus dem _Jean Paul_'schen Beispiel, dass auch +_Vischer_ citiert: "Wenn Sancho eine Nacht hindurch sich über einem +seichten Graben in der Schwebe erhielt, weil er voraussetzte, ein Abgrund +klaffe unter ihm, so ist bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht +verständig und er wäre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung +wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir leihen +seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht und erzeugen durch einen +solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit." + +Dieses Leihen bestreitet _Lotze_, und mit gutem Rechte. Schieben wir dem +zweckwidrig Handelnden unsere ihm verborgene Kenntnis der Umstände unter, +so wird seine Handlungsweise für uns "in ihrer Dummheit unbegreiflich". +Da andrerseits _Jean Paul_ recht hat, wenn er die Handlungsweise +_Sancho_'s unter der Voraussetzung, der Abgrund klaffe wirklich unter +ihm, recht verständig nennt, so folgt, dass wir das Verhältnis zwischen +Wissen und Handeln überhaupt nicht für die Komik dieses Falles +verantwortlich machen dürfen. In der That geht dies auch nach _Vischers_ +Theorie nicht an. _Vischer_ fordert den Widerspruch, aber dass ich meiner +Einsicht entgegen handle, ist kein Widerspruch. Ein solcher besteht nur +zwischen Wissen und Nichtwissen, Handeln und Nichthandeln, überhaupt +zwischen Sein und Nichtsein _Desselben_. + +Wie nun dieser wirkliche Widerspruch zu stande kommen könne, darauf führt +uns _Lotze_'s Erklärung: "Nicht die Kenntnis dieser bestimmten Lage der +Umstände schreiben wir ihm"--nämlich dem komischen Subjekte--"zu, sondern +das gravitätische Bewusstsein, ein Wesen zu sein, welches _überhaupt_ +Absichten zu fassen und diese unter beliebigen Umständen passend und +angemessen zu verwirklichen die allgemeine, bleibende, immer gegenwärtige +Befähigung habe". Ich betone hier mit _Lotze_ das "überhaupt". _Sancho_ +ist ein Mensch; wir beurteilen ihn darum, zunächst wenigstens, wie wir +Menschen überhaupt zu beurteilen pflegen. Menschliche Handlungen nun +erheben als solche, _ganz allgemein_ und _abgesehen_ von besonderen +störenden Bedingungen, den Anspruch auf eine gewisse Zweckmässigkeit; sie +erheben ihn in unserer Vorstellung, wir, unser Vorstellen "leiht" ihnen +den Anspruch. Wir leihen ihn insbesondere auch der Handlung _Sancho_'s. +Diesem Leihen aber widerspricht der Augenschein; die Handlung ist, +objektiv betrachtet, also wiederum _abgesehen_ von der Besonderheit der +Person, unzweckmässig. Daraus entsteht in diesem Falle die Komik. + +Fassen wir das Leihen mit _Lotze_ in diesem allgemeinen Sinne, bestimmen +wir zugleich den komischen Widerspruch in jenem Beispiel in +Übereinstimmung mit unserer obigen Anschauung als Widerspruch zwischen +dem geliehenen Anspruch auf Zweckmässigkeit und der thatsächlichen +Unzweckmässigkeit, dann erscheint auch uns _Jean Paul_'s "Entdeckung" in +hohem Masse wertvoll. Es bleibt an _Vischer_ und _Lotze_ dann nur noch +auszusetzen, dass sie das "Leihen" und damit die Komik auf die +Persönlichkeit beschränken. Wie wir sahen, ist für _Vischer_ der komische +Widerspruch ein Widerspruch des Selbstbewusstseins mit sich; _Lotze_ +weist diesen lediglich intellektuellen Widerspruch zurück, stimmt aber +der Definition St. _Schütze_'s bei, das Lächerliche sei die Wahrnehmung +eines Spieles, das die Natur mit dem Menschen treibe; durch dies Spiel +komme seine vermeintliche Erhabenheit zu Fall. Der Kontrast zwischen dem +Erhabenen und Kleinen der _Ausdehnung_ wird von _Vischer_ sogar +ausdrücklich aus der Reihe der komischen Kontraste gestrichen. + +Aber auch bei der Erhabenheit der Person kommt es nicht darauf an, dass +sie Erhabenheit der _Person_, sondern nur darauf, dass sie erwartete, +vorausgesetzte, beanspruchte, kurz geliehene _Erhabenheit_ ist, die +angesichts der Wahrnehmung oder in unserem Denken sofort wiederum in +Nichts zergeht. Die Komik muss darum entstehen, _wo immer_ wir ein +Erhabenes, das heisst zur Erzeugung eines Eindruckes Befähigtes erwarten +oder voraussetzen, und ein relativ Nichtiges an die Stelle tritt und +seine Rolle spielt, die Erhabenheit oder Eindrucksfähigkeit mag bestehen, +worin, oder sich gründen, worauf sie will. Sie muss überall entstehen +genau aus demselben Grunde, aus dem sie bei der Persönlichkeit entsteht. +Dieselben psychologischen Ursachen müssen überall denselben +psychologischen Erfolg haben. + +Freilich ist ja zuzugeben, dass es keine wirkliche oder geliehene +Erhabenheit giebt, die höher steht als die der Person. Andrerseits ist +sicher, dass wir überall der Neigung unterliegen, Ausserpersönliches und +Aussermenschliches zu vermenschlichen; und es ist ein grosses Verdienst +_Vischer_'s und _Lotze_'s, auf diese Vermenschlichung so eindringlich +hingewiesen haben. Auch das kleine Häuschen in der Reihe der Paläste oder +das unbedeutende Geräusch, das an die Stelle des erwarteten lauten +Getöses tritt, wird unserer Phantasie nach Analogie eines menschlichen +Wesens erscheinen, das zu sein glaubt, oder gerne sein möchte, was es +nicht ist. Damit _erhöht_ sich der Eindruck der erwarteten Erhabenheit, +und der gegensätzliche Eindruck der Nichtigkeit; es verstärkt sich +zugleich das Gefühl der Komik. Darum _entsteht_ doch die Komik nicht erst +aus der Vermenschlichung. + +Damit ist die oben vorgetragene Anschauung gegen _Lotze_ und _Vischer_ +gerechtfertigt. Wir haben sie aber noch weiterhin zu rechtfertigen. + +Ich denke hierbei speziell an die Bemerkungen, die _Heymans_ in der +Zeitschrift für Psychologie etc. Bd. XII meiner Theorie der Komik +hinzufügt. Diese Bemerkungen schliessen durchweg Berechtigtes in sich. +Sie sind mir darum ein besonders erwünschter Anlass gewisse Momente der +fraglichen Theorie genauer zu bestimmen. + + +"SELBSTGEFÜHL IN STATU NASCENDI". KOMIK UND LACHEN. + +Zunächst begegnen wir hier noch einmal der Identifizierung des Gefühls +der Komik mit dem gesteigerten Selbstgefühl. Doch ist dies "gesteigerte +Selbstgefühl" _Heymans_' besonderer Art. Es ist genauer befreites +Selbstgefühl. Von diesem Begriffe meinte ich schon oben, er könne in +gewissem Sinne auf die Komik angewendet werden. Es fragt sich, ob +_Heymans_ ihn in zulässiger Weise verwendet. + +Zunächst habe ich Folgendes gegen _Heymans_ zu bemerken. Idioten, sagt +_Heymans_, lachen aus befriedigter Eitelkeit. Nun ist die Erkenntnis +dessen, was in Idioten innerlich vorgeht, nicht immer eine sehr einfache +Sache. Aber _Heymans_ mag mit seiner Behauptung recht haben. Dann ist +doch zu bedenken, dass es uns hier nicht auf das Lachen, sondern auf die +Komik ankommt. Die Komik ist ein eigenartiges Gefühl, oder eine +eigenartige Beschaffenheit von psychischen Erlebnissen, die ein solches +eigenartiges Gefühl zu stande kommen lassen. Dies Gefühl kann im Lachen +sich kundgeben. Ich kann aber auch das Lachen unterdrücken. Andererseits +kann das Lachen andere Gründe haben; bei "Idioten" vielleicht die +befriedigte Eitelkeit. Solange aber damit kein Gefühl der Komik sich +verbindet, gehört dies Lachen nicht hierher. + +Nur im Vorbeigehen möchte ich hier die Zweckmässigkeit der Umfrage +bezweifeln, die _Stanley Hall_ und _Allin_ zufolge einer Mitteilung des +American Journal of Psychology vol. XI, 1 angestellt haben. In dieser +Umfrage werden Beobachtungen über Bedingungen und Arten des Lachens +gefordert. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Urheber der Umfrage +scheinen davon unmittelbar einen Aufschluss über die Bedingungen der +Komik zu erwarten. Vom Lachen, diesem äusseren Vorgang her, scheint die +Komik verbindlich werden zu sollen. + +Diese psychologische Methode nun kann zu einer vollkommenen Verkennung +des Wesens der Komik führen. Das Wissen davon, bei welchen Gelegenheiten +Menschen lachen, kann einen Aufschluss über die Bedingungen der Komik +geben, erst wenn feststeht, wieweit dies Lachen einem Gefühl der Komik +entspringt. + +Die beiden Umfrager scheinen besonders von der Thatsache des kindlichen +Lachens über die Komik Aufschluss zu erwarten. Dies verstehe ich nicht. +Niemand kennt bis jetzt das Geheimnis, wie man, gleichzeitig mit dem +Lachen, den begleitenden psychischen Vorgang im Kinde unmittelbar +beobachtet. Was überhaupt an anderen unmittelbar beobachtet werden kann, +sind Lebensäusserungen. Bei Erwachsenen bestehen die psychologisch +wichtigsten Lebensäusserungen in der glaubhaften Mitteilung dessen, was +sie in sich vorfinden. Dies gilt, wie überhaupt, so auch hier. Der +Erwachsene, der das Gefühl der Komik kennt, und von anderen Gefühlen zu +unterscheiden weiss, kann mir sagen, ob sein Lachen aus dem Gefühl der +Komik entspringt. Beim Kinde dagegen hin ich auf Vermutungen angewiesen. +Ich werde sein Lachen auf ein Gefühl der Komik deuten dürfen, wenn die +Umstände, unter denen es geschieht, der Art sind, dass daraus, dem +allgemeinen Gesetze der Komik zufolge, dies Gefühl sich ergeben kann, +bezw. muss. Das heisst: Das Lachen des Kindes giebt mir genau insoweit +Aufschluss über das Wesen der Komik, als ich dieses Aufschlusses nicht +mehr bedarf. Dass auch das Lachen des Erwachsenen, wenn mir derselbe +gleichzeitig _mitteilt_, dass er sich bei seinem Lachen komisch angemutet +fühle, mein Wissen nicht bereichert, braucht nicht gesagt zu werden. + +Das Lachen als solches ist also für das Verständnis der Komik völlig +bedeutungslos. Wir haben hier einen typischen Fall von Überschätzung des +Nutzens der objektiven Methode in der Psychologie. Diese tappt hier wie +überall _nicht_ im Finstern, genau so weit ihr Weg durch die Ergebnisse +der subjektiven Methode erleuchtet ist. Sie ist im übrigen die +subjektivste Methode von der Welt, d. h. sie ist eine Weise in die +Objekte, etwa die Kinder oder Tiere, Beliebiges hineinzudichten, ein +Mittel lieb gewordene Meinungen durch angebliche Thatsachen sich +bestätigen zu lassen. _Stanley Hall_ und _Allin_ finden die bisher +aufgestellten Theorien des Komischen lamentably metaphysical in their +tendency. Von solchem metaphysischen Charakter sehe ich wenig. Oder soll +damit gesagt sein, jene Theorien verführen konstruktiv? Dann ist jene +"objektive" Methode, soweit sie nicht sichere Ergebnisse der subjektiven +Methode, oder der psychologischen Analyse zur Basis hat, die eigentlich +metaphysische. Sie ist eine Weise der Konstruktion, die mit dem Dache +beginnt. Leider ist in dem citierten Aufsatze eine irgend eindringende +psychologische Analyse nicht angestellt. Es gehen darum die wirklich oder +angeblich aus jener Methode gewonnenen Resultate, soweit sie nicht vom +Gebiete der feststellbaren psychologischen Thatsachen abschweifen und in +physiologische Vermutungen sich verlieren, nicht hinaus über die +unzureichenden und an der Oberfläche bleibenden Bestimmungen, die wir +bereits kennen gelernt und abgewiesen haben. Dabei rede ich wiederum +ausschliesslich von der Komik, nicht vom Lachen, auch nicht von +beliebigen ausserkomischen Lustgefühlen. + +Das hier Gesagte gilt nun nicht mit Bezug auf _Heymans_. _Heymans_' +psychologische Methode ist die psychologische, also diejenige, die zum +Ziele führt. _Heymans_ redet, wie wir sahen, gleichfalls vom Lachen. Aber +er redet doch der Hauptsache nach von Fällen des Lachens, in denen, im +Lachen, zweifellos ein Gefühl der Komik sich kundgiebt. In gewissen +dieser Fälle nun mag das Gefühl der Komik den Charakter eines +gesteigerten oder befreiten Selbstgefühles haben. Dann ist doch auch hier +das Selbstgefühl ein Gefühl der Komik, nicht sofern es Selbstgefühl ist, +sondern sofern es das Eigenartige des Gefühls der Komik besitzt und bei +ihm die Bedingungen verwirklicht sind, die überall das Gefühl der Komik +begründen. + +Kinder etwa lachen, wenn man sich von ihnen besiegen lässt. Der Wilde +stimmt ein Hohngelächter an über seinen gefallenen Feind. _Heymans_ +meint, mehrere dieser Fälle lassen sich in keiner Weise aus "getäuschter +Erwartung" erklären. Mir scheint, diese Erklärung liege jedesmal auf der +Hand, wenn man beachtet, was in unserer Theorie den eigentlichen Sinn der +getäuschten, nämlich komisch getäuschten "Erwartung" ausmacht. + +Der Erwachsene erhebt für das Kind den Anspruch, oder das Kind "erwartet" +von ihm, dass er sich überlegen zeige. Dieser Anspruch zergeht, wenn der +Erwachsene sich besiegen lässt. Der Überlegene zeigt sich nicht +überlegen. Dass der Erwachsene thatsächlich überlegen bleibt und das Kind +davon weiss, thut nichts zur Sache. Worauf es ankommt, das ist einzig der +Schein, die im Kinde momentan entstehende Vorstellung, dass die +Überlegenheit in ihr Gegenteil umgeschlagen sei. + +Gleichartiges findet statt in dem anderen der beiden von _Heymans_ +angeführten Fälle. Indem der Gegner des Wilden fällt, fällt zugleich sein +Anspruch im Kampfe standzuhalten, sein Anspruch auf Stärke, Gewandtheit, +Geschicklichkeit, vielleicht auf Tapferkeit, in nichts zusammen. Solchen +Anspruch erhob der Gegner in den Augen des Siegers, indem er zum Kampf +sich stellte oder sich wehrte, und in gewisser Weise schon einfach als +Mann. + +_Heymans_ fasst schliesslich zusammen: Überall, wo das Selbstgefühl in +das Gefühl der Komik übergeht, haben wir es zu thun mit einem +Selbstgefühl in statu nascendi. _Heymans_ meint: mit einem Selbstgefühl, +dem ein herabgedrücktes Selbstgefühl voranging, also, wie ich oben sagte, +mit einem "befreiten" Selbstgefühl. Dies wird zuzugeben sein, wenn wir +voraussetzen, dass die Herabdrückung des Selbstgefühles bedingt war durch +den Gedanken eines uns gegenüber Übermächtigen, und wenn andererseits das +Selbstgefühl in der Wahrnehmung oder dem Schein des Zergehens dieses +Übermächtigen seinen Grund hat. + +Im übrigen aber kann das Selbstgefühl in statu nascendi auch ebensowohl +der Komik völlig entbehren. Wenn ich, innerlich niedergedrückt durch eine +scheinbar gewichtige Thatsache, auf einmal finde, dass diese Thatsache +eigentlich belanglos ist, oder gar nicht existiert, wenn eine Furcht +plötzlich als in sich selbst gegenstandslos sich erweist, so ist dies +komisch. Wenn aber neben eine bedrückende Thatsache in meinem Bewußtsein +mit einem Male eine andere tritt, die mich jene vergessen lässt und mich +tröstet und wieder aufrichtet; oder wenn ich aus bedrückter Lage durch +die energische Hilfeleistung eines Freundes unerwartet befreit werde, so +werde ich gewiss befriedigt aufatmen. Aber dies Aufatmen kann von jedem +Gefühl der Komik beliebig weit entfernt sein. Es wird in allen den Fällen +gar nichts damit zu thun haben, in denen das, was mich bedrückt, in +keiner Weise als _in sich selbst_ bedeutungslos erscheint, sondern seine +Bedeutung behält, aber durch ein Anderes verhindert wird, seine +niederdrückende Wirkung weiter auszuüben. + +_Heymans_ meint, es liege in der plötzlichen Aufhebung eines auf dem +Bewusstsein lastenden Druckes der springende Punkt, aus welchem die +komische Wirkung hervorgehe. Dies ist dann, aber auch nur dann richtig, +wenn wir unter der Aufhebung des Druckes die _besondere_ und in ihrer +Wirkung völlig _einzigartige_ Aufhebung verstehen, wie sie, um hier den +kürzesten Ausdruck zu wählen, mit der "Auflösung in nichts" gegeben ist. +Dass diese Aufhebung wirklich eine besondere ist, kann ja keinem Zweifel +unterliegen. Es ist nun einmal psychologisch etwas völlig Anderes, ein +durchaus anderer psychischer Vorgang liegt vor, wenn ein mich +Bedrückendes das eine Mal durch etwas Anderes aus meinem Bewusstsein +verdrängt wird, das andere Mal gar nicht daraus verdrängt zu werden +braucht, weil es in sich selbst zergeht. In beiden Fällen findet die +Aufhebung des Druckes statt, und in beiden Fällen kann dieselbe eine +plötzliche sein. Aber nur im letzteren Falle tritt die komische Wirkung +ein. + + +KOMIK DES "NEUEN". + +Wichtiger noch, als der hier erörterte, ist mir ein zweiter Punkt, den +_Heymans_ gegen mich vorbringt. Kinder, so sagte ich selbst oben, lachen +über allerlei Neues, über das wir nicht mehr lachen, weil es uns nicht +mehr neu ist. Hier meint _Heymans_: das Neue sei als solches Gegenstand +der Aufmerksamkeit, und das Lachen des Kindes entstehe, wenn es in dem +Neuen nichts finde, das die Aufmerksamkeit festhalten könne, wenn also +die dem Neuen als solchem zugewendete Aufmerksamkeit zergehe, wenn in +solcher Weise eine innere Spannung sich löse. Man versteht den +Streitpunkt: An die Stelle des Gegensatzes zwischen dem _inhaltlich +Bedeutungsvollen_ oder scheinbar Bedeutungsvollen und dem Nichtigen setzt +_Heymans_ den Gegensatz des _Neuen_ und durch _Neuheit_ Spannenden und +des inhaltlich Nichtigen. + +Zunächst bitte ich auch hier wiederum zu berücksichtigen, dass unser +Problem nicht das Lachen ist, sondern die Komik. Im übrigen gilt dies: + +Neuheit ist keine Eigenschaft des Neuen. Sondern "Neuheit" eines Dinges +besagt nur, dass das Ding noch kein gewohntes geworden ist. Die +Gewohntheit stumpft die Eindrucksfähigkeit ab. Der "Reiz" der Neuheit ist +also nichts, als die noch nicht durch Gewohntheit verminderte +Eindrucksfähigkeit eines Dinges. Er ist die Eindrucksfähigkeit, oder die +"Grösse", welche das Ding von Hause aus oder vermöge seiner +Beschaffenheit besitzt. Ich verweise hier auf die einschlägigen +Bemerkungen meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens". + +Verhält es sich aber so, dann ist es unmöglich, dass ein Objekt vermöge +seiner Neuheit die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und dann unmittelbar +oder mit einem Male, vermöge der erkannten _Beschaffenheit_ des Objektes, +der Aufmerksamkeit wiederum verlustig geht. Es ist also auch unmöglich, +dass die Neuheit als solche jemals die Komik bedingt. Sondern so muss es +sich verhalten, wenn ein Gefühl der Komik entstehen soll: Das Neue muss +zunächst, abgesehen von seiner Neuheit, als ein Bedeutungsvolles +erscheinen, dann die Bedeutung in unseren Augen einbüssen. + +Dabei ist zu bedenken, dass das Neue, das Kinder erleben, nicht isoliert, +sondern in einem Zusammenhang aufzutreten pflegt. Dieser Zusammenhang +rückt es in eine Beleuchtung. Damit wird der Gegensatz des Bedeutsamen +und des Nichtigen möglich: Eines und dasselbe kann bedeutsam erscheinen +in einem Zusammenhange, nichtig an sich. Ich begründete oben den Umstand, +dass Kindern so leicht Neues komisch erscheine, damit, dass ich sagte, +das Neue sei für sie ein noch nicht Verstandenes, also Leeres. Dies +hindert doch nicht, dass es jedesmal an der Stelle, wo es auftritt, für +das Kind eine Bedeutung beansprucht. Und eben weil oder sofern es dies +thut, zugleich aber diesen Anspruch nicht scheint aufrecht erhalten zu +können, wird es komisch. + +Wie dies zu verstehen sei, zeigt wiederum am einfachsten das Beispiel der +schwarzen Hautfarbe des Negers. Sie ist dem Kinde, und dem naiven +Menschen überhaupt, neu, d. h. sie ist ihnen noch nicht als Farbe, die +ebensowohl wie die unsrige das Recht hat, Menschenfarbe zu sein, +verständlich und geläufig geworden. Darum erhebt sie doch auch in den +Augen des Kindes und des naiven Menschen den Anspruch auf diese besondere +Würde. Vielmehr sie hat diese Würde nach Aussage der Wahrnehmung +thatsächlich, d. h. sie hat sie für den Wahrnehmenden in dem Augenblick, +in dem er der Wahrnehmung hingegeben ist. Diese Würde zergeht dann aber, +sobald der erste Eindruck vorüber ist, und damit die Gewohnheit, als +menschliche Hautfarbe die weisse und nur die weisse Farbe zu betrachten, +in Wirkung tritt. Jetzt erscheint die schwarze Hautfarbe nicht mehr als +zu diesem Anspruch _berechtigt_. Sie erscheint wie ein äusserlicher +Anstrich. Damit ist die Komik ins Dasein getreten. Die komische Wirkung +unterbleibt bei uns, weil in unseren Augen jener Anspruch bestehen +bleibt. + + +KOMISCHE UNTERBRECHUNG. + +Noch in einem zweiten Sinne lässt _Heymans_ das Neue als solches die +Aufmerksamkeit spannen, und wiederum soll hier aus der Lösung dieser +Spannung die Komik hervorgehen. Nicht um das an sich Neue, sondern um das +in einem Zusammenhang Neue handelt es sich hier. Genauer gesagt: +_Heymans_ redet von Fällen, in denen die Unterbrechung eines +Bedeutungsvollen durch ein davon völlig Verschiedenes, aber momentan die +Aufmerksamkeit auf sich ziehendes Unbedeutendes den Reiz zum Lachen +erzeugt. Durch die Aufzeigung solcher Fälle scheint _Heymans_ meiner +Behauptung entgegenzutreten, dass _Dasselbe_ bedeutungsvoll und dann +bedeutungslos erscheinen müsse, wenn die Komik zu stande kommen solle. + +In dieser Bemerkung _Heymans_' liegt wiederum Richtiges. Aber auch hier +ist der Gegensatz zu mir nur ein scheinbarer. + +In den Fällen, die _Heymans_ anführt, ist das "völlig Verschiedene" in +Wahrheit kein völlig Verschiedenes. In der That kann dasjenige, wodurch +ein Bedeutungsvolles in _komischer_ Weise unterbrochen wird, _niemals_ +ein davon völlig Verschiedenes sein. Es muss immer mit dem +Bedeutungsvollen, das von ihm unterbrochen wird, einen Punkt gemein +haben. Und dieser Punkt muss derart hervortreten, dass durch sein +Hervortreten das Unbedeutende auf die Stufe des Bedeutungsvollen gerückt +oder in die Beleuchtung eines solchen gestellt erscheint, dann aber in +seiner Bedeutungslosigkeit erkannt wird. _Heymans_ sagt: das Unbedeutende +müsse momentan die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Damit deutet er +selbst auf diesen Sachverhalt hin. Das Unbedeutende gewinnt die +Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, eben vermöge dieser +Beziehung zu dem "wirklich Bedeutungsvollen". + +Dies ergiebt sich am deutlichsten aus der Betrachtung der von _Heymans_ +angeführten Beispiele. Das Miauen einer Katze in einer feierlichen Rede +ist eine Art der Rede, es ist die Weise, wie die Katze ihre Gefühle zum +Ausdruck bringt. Die Katze scheint damit in ihrer Weise in das Pathos der +Rede einzustimmen, oder ihren Eindruck davon kund zu geben. Sie wirkt +darum komischer als das Knarren der Thür, obgleich auch dies für einen +Moment als zur Rede gehörig, oder als Ausdruck der Übereinstimmung, +vielleicht auch des Widerspruches, erscheinen kann. Und Gleichartiges +gilt, wenn nach dem Schlusse eines schmetternden Finale die Stimme einer +Marktfrau hörbar wird, die mit ihrer Nachbarin über den Preis der Butter +verhandelt. Die Aufmerksamkeit des Publikums ist gerichtet und mit voller +Intensität gerichtet auf Tönendes. Um dieses Tönende webt sich die +feierliche musikalische Stimmung. Ein solches Tönende ist auch die Stimme +der Marktfrau. Sie wird also, mit dem, was sie verkündigt, in die Höhe +der musikalischen Stimmung mit emporgerissen. Ihre Worte erscheinen wie +eine Art lautsprachlicher Interpretation dieser Stimmung. Dann sinken +dieselben in die banale Wirklichkeit der Butterpreise herab. + +Nehmen wir dagegen an, eine solche Beziehung zwischen dem Unbedeutenden +und dem, was dadurch "unterbrochen" wird, oder auf welches das +Unbedeutende folgt, bestehe nicht, so fehlt auch die Komik. Meine Augen +können während der feierlichen Rede oder nach dem schmetternden Finale +auf allerlei an sich Bedeutungsloses und Alltägliches treffen. Hier +_besteht_ die "völlige Verschiedenheit" zwischen dem Unbedeutenden und +dem Bedeutungsvollen. _Heymans_ wird erwidern, hier ziehe das +Unbedeutende nicht die Aufmerksamkeit auf sich. In der That wird es so +sein. Aber der Grund dafür liegt dann eben darin, dass das Unbedeutende +hier dem, was die Aufmerksamkeit auf sich konzentriert, so völlig _fremd_ +ist. + +Angenommen aber auch das Unbedeutende werde zufällig Gegenstand der +Aufmerksamkeit. Eine architektonische Linie etwa in den Raume, in dem ich +mich befinde, weckt mein Interesse, weil sie nicht eben gewöhnlich ist. +Dann wiederum lasse ich die Linie fallen. Oder ein Lichtschein, die mit +einem Male durch die Fenster hereinfallende Sonne, zieht während der +feierlichen Rede momentan meine Aufmerksamkeit auf sich, nicht weil der +Lichtschein oder die Sonnenhelle mir an sich besonders interessant wäre, +sondern einfach wegen ihrer Neuheit oder wegen ihres plötzlichen +Auftretens. Dann wende ich, eben weil die Sache an sich kein besonderes +Interesse hat, meine Aufmerksamkeit ebenso rasch wiederum davon ab. Auch +hier hat eine Unterbrechung stattgefunden. Der Faden der Rede ist mir +zerrissen. Die Spannung, in welche die Rede mich versetzte, ist gelöst. +Ich bin jetzt für eine Zeitlang, nämlich so lange bis ich den Faden der +Rede wiedergefunden habe, in keiner Weise gespannt. Und die Lösung war +eine plötzliche. Dennoch braucht darin gar nichts Komisches zu liegen. Es +fehlt eben die Bedingung. Es zergeht nicht ein Bedeutungsvolles in sich +selbst. Es offenbart sich nicht ein Bedeutungsvolles als ein solches, dem +doch auch wiederum das Moment, durch das es bedeutungsvoll schien, nicht +zukommt. + + +POSITIVE BEDEUTUNG DER NEUHEIT. + +Trotz dem, was im Vorstehenden gegen die Bedeutung der Neuheit als +solcher für die Komik gesagt wurde, ist doch _Heymans_' Betonung dieses +Momentes in gewissem Sinne durchaus berechtigt. Nicht nur in den Fällen, +an die im Vorstehenden gedacht war, sondern in allen Fällen der Komik ist +in gewissem Sinne die Neuheit ein entscheidender Faktor. Und zwar +durchaus im _Heymans_'schen Sinne. Das heisst, nicht sofern das Neue ein +Inhaltleeres ist, sondern sofern das Neue die Aufmerksamkeit auf sich +zieht. + +Die Hautfarbe, sagte ich, habe als menschliche Hautfarbe eine besondere +Würde. Aber diese Würde pflegt für gewöhnlich wirkungslos zu bleiben. Wir +sehen tausendfach Menschen mit der uns _gewohnten_ Hautfarbe, also +derjenigen, der die Würde menschliche Hautfarbe zu sein in unseren Augen +am sichersten zukommt, ohne dass wir doch davon einen besonderen Eindruck +erfahren. Die Eindrucksfähigkeit, oder die "Grösse" im psychologischen +Sinne, ist es aber, die allein für die Komik in Betracht kommt. Ihr +Zergehen bedingt die Komik. Wenn nun der Umstand, dass eine Farbe +menschliche Hautfarbe ist, so wenig Eindruck macht, wie kann dann gesagt +werden, dieser Umstand verleihe der schwarzen Hautfarbe +Eindrucksfähigkeit oder Grösse, und das Zergehen dieser Grösse bedinge +die Komik? + +Auf diesen Einwand, den ich mir hier selbst mache, habe ich +andeutungsweise bereits früher geantwortet. Ich sagte: Nicht darauf komme +es an, ob die Hautfarbe überhaupt, sondern darauf, ob sie in dem +gegebenen Falle als ein Grosses erscheine oder als solches in uns wirke. +Und dies thut die schwarze Hautfarbe, eben weil sie schwarze Hautfarbe, +d. h. ungewohnte oder neue Hautfarbe ist. Ich könnte statt dessen auch +sagen, weil sie komische Hautfarbe ist. + +Damit erscheint meine Theorie des Komischen in einem fast komischen +Lichte. Die schwarze Hautfarbe, so sagte ich vorhin, erscheine, +wenigstens dem Kinde und dem Naiven, bedeutsam als Hautfarbe, nichtig als +schwarze Hautfarbe. Jetzt sage ich, sie habe, abgesehen von ihrer +Schwärze, keine Eindrucksfähigkeit, gewinne dagegen Grösse als schwarze +Hautfarbe. Oder gar: Ich erklärte die Komik der schwarzen Hautfarbe +daraus, dass sie als Hautfarbe eine psychische Eindrucksfähigkeit +besitze. Jetzt sage ich, sie habe ihre Eindrucksfähigkeit eben als +komische Hautfarbe. Dort scheint ein Widerspruch, hier ein Zirkel +vorzuliegen. + +Um diesen übeln Schein von mir abzuwälzen, muss ich mich etwas tiefer in +psychologische Thatsachen einlassen. Schliesslich führen psychologische +Einzelprobleme immer ziemlich tief in die Psychologie hinein, sodass im +Grunde kein psychologisches Problem isoliert sich behandeln lässt. + +Es bleibt dabei, die menschliche Hautfarbe, oder, sagen wir lieber, die +menschliche Körperoberfläche, so wie, und soweit wir sie im allgemeinen +wahrzunehmen pflegen, ist uns eine recht gleichgültige Sache geworden. +Auf die Frage, wie dies zugehe, wird jeder antworten, das mache die +Gewohntheit dieses Anblickes oder die Häufigkeit der Wahrnehmung. + +Aber wie kann diese eine solche Wirkung thun? Darauf sind zwei Antworten +möglich. Die eine ist ebenso üblich, wie psychologisch unmöglich: Unsere +Aufmerksamkeit werde auf das Gewohnte weniger hingelenkt. Diese +Behauptung muss in ihr Gegenteil verkehrt werden. Je gewohnter etwas ist, +d. h. je häufiger wir uns ihm innerlich zugewendet haben, um so leichter +müssen wir uns ihm innerlich zuwenden. + +Aber diese Leichtigkeit der Zuwendung hat auch ihre Kehrseite. So oft +sich,--ich gebrauche hier geflissentlich einen anderen Ausdruck, als +soeben,--die psychische "Bewegung" einem Wahrnehmungsobjekte zugekehrt +hat, so oft hat sie sich auch wiederum von ihm abgewendet. Und wie aus +jener häufigen Zuwendung eine Leichtigkeit der Zuwendung, so ergiebt sich +aus dieser häufigen Abwendung oder diesem häufigen Fortgang zu anderen +psychischen Inhalten eine Leichtigkeit der Abwendung oder des Fortganges. +Es entsteht das, was ich als psychische "Abflusstendenz" zu bezeichnen +pflege. Je zahlreicher und tiefer die associativen Abflusskanäle werden, +um so weniger kann die fragliche Wahrnehmung als ein Halt- oder gar +Mittelpunkt der psychischen Bewegung sich darstellen, um so mehr sinkt +sie zu einem blossen Durchgangspunkt für den Strom des psychischen +Geschehens herab. Die Wahrnehmung gewinnt keine "psychische Höhe" mehr. +Der Wellenberg, den sie, abgesehen von der Abflusstendenz, +respräsentieren würde, hat sich geebbt. Oder ohne Bild gesprochen, die +Wahrnehmung ist nicht mehr Gegenstand der "Aufmerksamkeit", d. h. es wird +in ihr kein erhebliches Mass der allgemeinen psychischen Kraft mehr +lebendig oder aktuell. Eben damit büsst die Wahrnehmung auch ihre +psychische Wirkungsfähigkeit ein, vor allem auch ihre Gefühlswirkung. Mit +einem Worte, sie ist relativ gleichgültig geworden. Für das Genauere +verweise ich wiederum auf meine "Grundthatsachen des Seelenlebens." Ich +bemerke noch, dass diese Theorie der Abflusstendenz, und die Erklärung +der sogenannten abstumpfenden oder ermüdenden Wirkung der Gewohnheit auf +Grund derselben, bisher wenig Aufnahme gefunden hat. Um so mehr Aufnahme +wird sie finden müssen, wenn nicht mannigfache psychische Thatsachen +unverständlich bleiben sollen. + +Aber auch das Gesetz der Abflusstendenz hat wiederum seine Kehrseite. Es +giebt ein Gesetz der "psychischen Stauung". Auch hierfür wiederum +verweise ich auf das eben citierte Werk. Ich begnüge mich hier das +fragliche Gesetz in folgender Weise zu formulieren: Ist ein Objekt ein +gewohntes, d. h. in das Gewebe unserer Vorstellungen so hineinverwebt, +dass die psychische Bewegung einerseits zwar zu ihm mit besonderer +Leichtigkeit hinfliesst, andererseits aber zugleich auch wiederum ebenso +leicht von ihm abfliesst, und wird nun dieser Fluss des Geschehens in +seinem gewohnten Ablaufe dadurch gestört, dass das fragliche Objekt, sei +es in seiner Beschaffenheit, sei es hinsichtlich seiner Beziehung zu +anderen Objekten eine Änderung erfährt, so entsteht an dem Objekt eine +psychische Stauung, d. h. die psychische Bewegung oder die aktuelle +psychische Kraft konzentriert sich auf das Objekt. Die Folge ist, dass +dies Objekt, das vorher nur Durchgangspunkt der psychischen Bewegung war, +jetzt von dieser Bewegung emporgehoben wird, oder in grösserem oder +geringerem Grade als Träger der ganzen aktuellen psychischen Kraft sich +darstellt, die es zu gewinnen seiner Natur nach geeignet ist. Damit +gewinnt es zugleich die entsprechende psychische Wirkungsfähigkeit, +insbesondere seine natürliche Gefühlswirkung wieder. Es hat aufgehört, +gleichgültig zu sein. Es ist hinsichtlich seiner psychischen Stellung und +Bedeutung kein Gewohntes mehr, sondern ist zu einem Neuen geworden. + +Übertragen wir dies auf unseren Fall. Dann ist damit dies gesagt: Die +menschliche Körperoberfläche wird durch den Umstand, dass sie in neuer +Farbe erscheint, selbst, ihrer psychischen Wirkung nach, eine neue. Dass +heisst, sie übt wiederum die psychische Wirkung, die ihr an sich zukommt. +Sie ist nicht nur objektiv ein "Grosses", sondern sie ist auch wiederum +im psychologischen Sinne ein solches geworden. Damit wird zugleich die +Farbe dieser Körperoberfläche als Farbe dieses Grossen oder Bedeutsamen +zu etwas Grossem oder Bedeutsamen. Dass die "Grösse" der Körperoberfläche +in dem Leben besteht, was in ihr und hinter ihr waltet, und dass die +Farbe Grösse gewinnt, indem sie als Farbe der Körperoberfläche an dieser +Grösse teilnimmt, betone ich nicht noch einmal. + +Damit löst sich der oben bezeichnete scheinbare Widerspruch: Wir könnten +freilich ihn zunächst noch in gewisser Weise verschärfen. Die Negerfarbe +gewinnt ihre Bedeutung, d. h. ihre psychische Wirkung als ungewohnte oder +neue. Und sie verliert ebenso diese Bedeutung als ungewohnte oder neue. +Aber dies "als ungewohnte oder neue" hat in beiden Fällen einen +verschiedenen Sinn. Nicht die neue oder ungewohnte _schwarze Farbe_ +gewinnt die Bedeutung, sondern die in dieser neuen "Beleuchtung" +erscheinende _Körperoberfläche_ gewinnt dieselbe; und daran nimmt die +schwarze Farbe als Farbe dieser Körperoberfläche Teil. Dann aber verliert +die schwarze Farbe diese Bedeutung wiederum, weil sie eine neue oder +ungewohnte ist, d. h. weil wir noch nicht gewohnt sind, sie als Farbe des +Körpers zu betrachten und zu bewerten. Oder kürzer gesagt, die schwarze +Farbe erscheint bedeutsam als Farbe der _Körperoberfläche_, die +ihrerseits durch diese _neue_ Farbe ihre ursprüngliche Bedeutsamkeit +wiedergewonnen hat. Sie erscheint dann bedeutungslos oder nichtig als +_schwarze_ Farbe, sofern diese als neue Farbe an der Bedeutung der +Körperoberfläche Anteil zu nehmen kein Recht hat. Aus diesem Gegensatze +entspringt die Komik. + +Analoges nun gilt mehr oder minder in allen Fällen der Komik; bei aller +Komik gilt in gewisser Weise unser Paradoxon: Alles Komische gewinnt und +verliert zugleich seine psychische Wirkung dadurch, dass es ein Neues, +Ungewohntes, Seltsames ist. Das heisst, bei allem Komischen gewinnt ein +an sich Bedeutsames die Fähigkeit seiner Bedeutsamkeit entsprechend uns +in Anspruch zu nehmen ganz oder teilweise dadurch, dass es in seltsamer +Beleuchtung erscheint. Und bei allem Komischen zergeht diese Wirkung in +uns, wenn wir auf dasjenige achten, was das Komische in diese seltsame +Beleuchtung rückt. Verspricht jemand viel und leistet wenig, so wird eben +durch die geringe Leistung unsere Aufmerksamkeit erst recht auf die +grossen Versprechungen hingelenkt. Sie sind jetzt mehr als sonst eine +anspruchsvolle, d. h. uns in Anspruch nehmende Sache. Eben damit ist auch +die geringfügige Leistung als scheinbare Erfüllung dieser Versprechungen +eine anspruchsvolle Sache geworden. Dieser Anspruch zergeht aber, wenn +uns die Leistung als das, was sie an sich ist, zum Bewusstsein kommt. In +diesem Sinne ist auch hier die Neuheit, d. h. die Seltsamkeit oder +Abnormität das die "Aufmerksamkeit" Spannende und zugleich das sie +Lösende. + + +"VERBLÜFFUNG" UND "VERSTÄNDNIS". + +Hiermit gelange ich wiederum zu _Heymans_ zurück. Was ich hier oben +andeutete, ist auch _Heymans_ aufgefallen. Er drückt es nur in etwas +anderer Weise aus und kommt so zu einem neuen scheinbaren Einwand gegen +meine Theorie der Komik. Nicht in allen, aber in gewissen Fallen der +Komik, meint er, verhalte sich die Sache so, dass ein Rätselhaftes, +Unbegreifliches ein Gefühl der Verwunderung oder des Staunens wecke, die +Aufmerksamkeit fessle, während ein schnell aufleuchtendes, an sich kein +weiteres Interesse bietendes "Verständnis" die Entspannung zu wege +bringe. Hiermit tritt _Heymans_ scheinbar in unmittelbaren Widerspruch zu +meiner Theorie. Ich habe diese Theorie gelegentlich auch so formuliert, +dass ich sagte, die Komik entstehe, indem ein Sinnvolles sich für uns in +ein Sinnloses verwandelt. Das Sinnvolle nimmt uns in Anspruch oder spannt +die Aufmerksamkeit, die Sinnlosigkeit bringt die Lösung. Diesen +Sachverhalt scheint Heymans umzukehren. Das Unbegreifliche, also für uns +Sinnlose spannt die Aufmerksamkeit, die Lösung ist da, indem die +Sinnlosigkeit verschwindet und das Verständnis, also die Einsicht in den +Sinn der Sache sich einstellt. + +In Wahrheit ist, was Heymans sagt, lediglich die besondere Hervorhebung +eines Momentes im Prozess der Komik, und zwar eines Momentes, das ich im +Obigen ausdrücklich anerkannt habe. Ein Unterschied zwischen _Heymans_ +und mir besteht zunächst nur insofern, als ich, was _Heymans_ für +bestimmte Fälle der Komik vermeintlich gegen mich einwendet, +verallgemeinere, d. h. als für alle Komik mehr oder weniger zutreffend +anerkenne. + +Dann freilich lässt sich _Heymans_ durch einseitige Hervorhebung jenes +Momentes zu Wendungen verleiten, die eine wirkliche Korrektur meiner +Theorie in sich zu schliessen scheinen. Auch hier aber löst sich der +scheinbare Gegensatz leicht, wenn wir _Heymans_' Aufstellungen genauer +analysieren oder eine darin liegende Zweideutigkeit beseitigen. + +Das Rätselhafte, sagt _Heymans_, spannt die Aufmerksamkeit oder, mit +einem anderen, Andruck, es "verblüfft". Statt dessen sagte ich oben: Die +Neuheit, Ungewohntheit, Abnormität, das Seltsame des Komischen lässt erst +seine Bedeutsamkeit, sei es überhaupt, sei es vollständig, zur Wirkung +kommen. Auch damit ist eine Spannung der Aufmerksamkeit bezeichnet. Aber +diese Spannung der Aufmerksamkeit ist mit _Heymans_' "Verblüffung" nicht +ohne weiteres identisch. + +Dies wird verständlich, wenn wir in jener Verblüffung zwei Momente +unterscheiden. Einmal die einfache Verblüffung, d. h. das erstaunte +Haltmachen bei der Seltsamkeit, etwa das erstaunte Haltmachen bei der +geringen Leistung des Grosssprechers; die Frage: Was soll das heissen. +Diese erste, völlig verständnislose Verblüffung ist nicht die Spannung +der Aufmerksamkeit, von der ich sage, ihr Zergehen erzeuge die Komik. + +Und sie kann es nicht sein. Damit komme ich bereits auf den Punkt, in dem +ich _Heymans_ entgegentreten muss. _Heymans_ meint, er könne sich--gegen +mich--"einfach auf das Zeugnis der Selbstwahrnehmung berufen", nach +welchem in gewissen Fällen der Komik "sich deutlich die beiden Stadien +des verblüfften Erstaunens und des aufleuchtenden Verständnisses, mit +letzterem gleichzeitig aber die komische Gefühlserregung feststellen +lässt." Diese beiden Stadien leugne ich, nach Obigem, nicht, sondern +erkenne sie, und zwar für alle Fälle der Komik an. Aber ich leugne, dass +jede Verblüffung, der ein aufleuchtendes Verständnis folgt, ein Gefühl +der Komik ergiebt. Die Komik stellt in Wahrheit nur dann sich ein, wenn +jene Verblüffung zugleich ein Moment in sich schliesst, das mehr ist als +blosse Verblüffung, nämlich Sammlung, Spannung der Aufmerksamkeit durch +ein Bedeutsames oder scheinbar Sinnvolles; und die Komik ergiebt sich +nicht aus der Lösung der Verblüffung überhaupt, sondern aus der Lösung +dieses zweiten Momentes der Verblüffung oder dieser besonders gearteten +Spannung. + +So wie die geringfügige Leistung des Grosssprechers mich verblüfft, so +verblüfft mich auch der Satz, der durch Ausfall eines Wortes sinnlos +geworden ist. Nehmen wir an, darauf folge sofort das aufleuchtende +Verständnis: Ich sehe, welches Wort ausgefallen ist. Ich ergänze es also, +und verstehe den Satz. Ich sage: Das also ist gemeint. Ein solches +Erlebnis ist nicht komisch. + +Dagegen würde der Ausfall des Wortes komisch, wenn sich daraus ein neuer +Sinn ergäbe. Wir wollen annehmen, der neue Sinn leuchte unmittelbar ein, +werde aber auch sofort als unmöglich gemeint, also als Unsinn erkannt. +Hier ist auf das erste Stadium der Verblüffung ein zweites gefolgt, auf +die Verblüffung über den Unsinn die Verblüffung über den scheinbaren +Sinn, auf das einfache Stillestehen der psychischen Bewegung, ein sich +Konzentrieren derselben auf einen bestimmten Vorstellungszusammenhang, +nämlich denjenigen, dessen Vernichtung nachher die Komik ergiebt. So +gewiss aus der unmittelbaren Lösung des ersten Stadiums, der in jedem +Sinn verständnislosen Verblüffung, durch das aufleuchtende Verständnis +die Komik sich _nicht_ ergiebt, so gewiss folgt sie _hieraus_. + +Ein solches zweites Stadium der Verblüffung, oder eine solche Sammlung +oder Konzentration der Aufmerksamkeit findet nun in aller Komik statt. +Wie gesagt: Die geringe Leistung nach grossen Versprechungen "verblüfft"; +dann aber folgt die Spannung der Aufmerksamkeit durch die scheinbare +Erfüllung der Versprechungen. Auf die verblüffte Frage: Was soll das +heissen? folgt die verblüffte Antwort: Das also ist die Erfüllung der +grossen Versprechungen. Und daran erst schliesst sich die Einsicht. Ich +"verstehe", d. h. ich erkenne den Grosssprecher als leeren Grosssprecher. +Bei einem solchen ist die geringe Leistung ganz in der Ordnung. Was ich +erlebe ist gar nichts, d. h. nichts, das meiner Aufmerksamkeit wert wäre. + +Ich habe hier in dem Stadium, das _Heymans_ als Stadium der _Verblüffung_ +bezeichnet, zwei Stadien unterschieden. Man sieht aber, das zweite +Stadium der Verblüffung kann ebensowohl als erstes Stadium des +Verständnisses bezeichnet werden. Es ist das Stadium des verblüffenden +Verständnisses, des verblüffenden Sinnes oder scheinbaren Sinnes, +allgemeiner gesagt, der verblüffenden Grösse oder Scheingrösse eines +Objektes, das dann doch seiner Grösse in unseren Augen wieder verlustig +geht. + +Damit ist der scheinbare Gegensatz zwischen Heymans und mir gelöst. Auch +er hat mich erst verblüfft, dann sah ich die Scheingrösse, die sich aus +der scheinbaren Identität der _Heymans_'schen "Verblüffung" mit meiner +"Spannung der Aufmerksamkeit durch ein Scheingrosses" ergab, d. h. die +Einsicht, dass Verblüffung und Verblüffung zweierlei sei, und demgemäß +_Heymans_' Einwand mich nicht treffe. + +Die Beispiele, die _Heymans_ anführt, um seinem Einwand Kraft zu geben, +sind der Hauptsache nach dem Gebiete des Witzes entnommen. Insoweit +gehören sie nicht hierher. Schliesslich aber weist er auf einen Fall hin, +der dem Gebiete der objektiven Komik angehört. Auch dieser widerspricht +doch meiner Theorie keineswegs. + +"Ein auf einer Zwischenstation ausgestiegener Reisender antwortet auf die +dringende Aufforderung des Schaffners einzusteigen immer nur mit der +flehentlichen Bitte ihm zu sagen, in welchem Jahre Amerika entdeckt +worden sei. Indessen fährt der Zug ab. Endlich stellt sich heraus, dass +das Kompartiment, in welchem der Reisende seine Sachen zurückgelassen +hat, die Nummer 1492 führt, und dass ein Mitreisender ihm gesagt hat, er +solle, um diese Nummer nicht zu vergessen, nur an die Jahreszahl der +Entdeckung Amerikas denken". Hier meint _Heymans_, ist die Handlungsweise +des Reisenden, dem man zu langen Erklärungen keine Zeit lässt, keineswegs +objektiv unzweckmäßig, aber sie scheint es in höchstem Grade zu sein, und +wird darum zuerst als unbegreiflich, dann nachdem die Sache sich +aufgeklärt hat, als komisch empfunden. Mir scheint, dass in diesem +komplizierten Falle verschiedene Momente der Komik unterschieden werden +müssen. Der Reisende wird schon vor der Aufklärung der Sache komisch, +weil er als ausgewachsener Mensch, von dem man ein zweckmässiges +Verhalten "erwartet", den Zug mit seinem Gepäck wegfahren lässt, und sich +statt um seine Reise, um die Entdeckung Amerikas Sorge macht. Dazu tritt +dann ein zweites Moment, das allerdings erst nach der Aufklärung zur +Wirkung gelangt. Man sieht jetzt, dass der Reisende Grund hatte nach dem +Jahre der Entdeckung Amerikas zu fragen. Oder vielmehr: es scheint für +einen Augenblick die Frage darnach sinnvoll. Dann aber erscheint das +ganze Verhalten des Menschen sinnlos. Sich eine Zahl nach der Jahreszahl +eines historischen Ereignisses zu merken hat natürlich nur Sinn, wenn man +diese Jahreszahl kennt. + +Hiermit meine ich alle Punkte des Gegensatzes zwischen _Heymans_ und mir +aufgeklärt zu haben. Ich werde auf _Heymans_ noch einmal, nämlich bei der +Betrachtung des Witzes und der genaueren Darlegung der Art, wie bei ihm +das Gefühl der Komik zu stande kommt, zurückkommen müssen. Einstweilen +nehme ich von _Heymans_' wertvollen Winken Abschied. + + + + +VI. KAPITEL. DIE SUBJEKTIVE KOMIK ODER DER WITZ. + + +ABGRENZUNG DER SUBJEKTIVEN KOMIK. + +Wir haben im Obigen die ausdrückliche Abgrenzung der objektiven Komik von +den sonstigen Gattungen der Komik unterlassen. Beim Witze können wir +diese Abgrenzung sofort zu vollziehen versuchen. + +Dabei müssen wir zunächst unterscheiden zwischen dem Witz als Eigenschaft +und dem Witz als Vorgang oder Leistung, dem Witz, den der Witzige _hat_, +und demjenigen, den er _macht_. Wenn _Vischer_ gelegentlich den Witz +definiert als die Fertigkeit mit überraschender Schnelle mehrere +Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie +angehören, einander eigentlich fremd sind, zu einer zu verbinden, so +können wir uns diese Definition nicht aneignen, weil sie sich auf den +Witz bezieht, den der Witzige _hat_. + +Aber auch der Begriff des Witzes, der gemacht wird, lässt sich +verschieden fassen. Wenn jemand stolz auftritt und über eine Kleinigkeit +stolpert, so wird er Objekt der Komik. Wenn ich ihm das Hindernis _in den +Weg werfe_, so mache ich einen, wenn auch vielleicht recht schlechten +"Witz". So heisst überhaupt Witz jedes bewusste und geschickte +Hervorrufen der Komik, sei es der Komik der Anschauung oder der +Situation. Natürlich können wir auch diesen Begriff des Witzes hier nicht +brauchen. Eines und dasselbe wäre ein Fall der Anschauungs- oder +Situations-Komik und ein Witz, je nachdem wir den komischen Thatbestand +einfach für sich ins Auge fassten, oder zugleich auf seine Verursachung +achteten. Wir wollen aber ja hier unter dem Namen des Witzes Fälle +zusammenfassen, die _neben_ den Fällen den Anschauungs- und +Situations-Komik stehen. + +Ein wesentliches Merkmal für den Begriff des Witzes, wie wir ihn +brauchen, haben wir indessen damit doch schon gewonnen. Gegenstand der +Anschauungskomik _wird_ man, in die Situationskomik _gerät_ man, den Witz +_macht_ man. Man macht ihn, d. h. die selbstbewusste Persönlichkeit macht +ihn. Der Witz ist eine Art der Aktivität oder Betätigung dieser +Persönlichkeit. Vereinigen wir damit, dass wir nach oben Gesagtem auch +das, sei es noch so selbstbewusste Hervorrufen der Anschauungs- und +Situationskomik, bei der doch die Komik nur eben an dem angeschauten +Objekt oder der Situation haftet, nicht als Witz bezeichnen wollen, so +kann sich eine wenigstens vorläufige Abgrenzung dieses Begriffes ergeben. +Meine Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen, meine Willensakte und +Wertschätzungen, das sind die Arten meiner Persönlichkeit sich zu +bethätigen. An ihnen also, oder vielmehr, da jene inneren Vorgänge für +andere nicht Gegenstände der Wahrnehmung sind, an den Worten, Handlungen +und Gebärden, in welchen sie zu Tage treten, wird die Komik des Witzes, +den ich mache, haften müssen; und sie wird an den Worten, Handlungen und +Gebärden haften müssen, _sofern_ und lediglich sofern sie einer +persönlichen Aktivität oder Leistung zum Ausdruck dienen. Aktivität oder +"Leistung", so sage ich hier mit Bedacht. Auch in der ungeschickten und +in ihrer Ungeschicktheit komischen Bemerkung, die ich mir zu Schulden +kommen lasse, bin ich aktiv. Aber dies ist nicht die Aktivität, die ich +hier meine. Ich mache die Bemerkung, aber ich "mache" nicht die ihr +anhaftende Komik. Eben insofern die Bemerkung komisch ist, erscheint sie +nicht als Ausfluss meines positiven Könnens, sondern meines Unvermögens, +ich bringe damit nichts zuwege, sondern unterliege einer Schranke meines +Wesens. Ich erscheine darum trotz aller Thätigkeit als Gegenstand der +Anschauungs- oder Situationskomik, nicht als Urheber eine Witzes. +Andererseits muss mit der Forderung Ernst gemacht werden, dass die Komik +eben an der Aktivität _hafte_. Ich mache Anstrengungen, um über ein +hochgespanntes Seil zu springen, im letzten Momente aber schlüpfe ich +unten durch, nicht aus Unvermögen, sondern um die Zuschauer zu +belustigen. Hier bin ich durchaus aktiv und überlegen, aber die Komik +haftet nicht unmittelbar daran. Meinem Thun liegt thatsächlich kein +Unvermögen zu Grunde, aber das Gefühl der Komik entsteht doch nur aus dem +Schein des Unvermögens, den ich mit Absicht erzeuge. Ich werde nicht +durch irgendwelche Naturnotwendigkeit, und kein anderer wird durch mich +_Gegenstand_ der Komik, aber ich mache mich selbst dazu. Ich werde es +freiwillig, aber ich werde es für den Augenblick thatsächlich. + +Daraus ergiebt sich die vorläufige Abgrenzung des Witzes, die wir suchen. +Sie ist die Komik, die wir hervorbringen, die an unserm Thun als solchem +haftet, zu der wir uns durchweg als darüberstehendes Subjekt, niemals als +Objekt, auch nicht als freiwilliges Objekt verhalten. Oder kürzer gesagt: +sie ist die durchaus subjektive Komik. Im Gegensatz dazu dürfen wir die +im vorigen Abschnitt gemeinte und besprochene Komik, wie wir schon gethan +haben, als objektive bezeichnen. + +Jene Abgrenzung des Witzes trifft mit derjenigen zusammen, die in der +wissenschaftlichen Ästhetik thatsächlich vorausgesetzt zu werden pflegt. +Indem wir den Witz als "subjektive" von der "objektiven" Komik +unterscheiden, stimmen wir wenigstens mit _Vischer_ auch im Ausdruck +überein.--Dagegen sind die vorhandenen Antworten auf die Frage nach dem +Wesen des Witzes teilweise völlig ungenügend. + + +VERSCHIEDENE THEORIEN. + +Ich erwähne wiederum in erster Linie denjenigen Psychologen der Komik, +der sich von der Wahrheit am weitesten entfernt hält. Wie wir sahen, geht +_Hecker_'s Bestimmung der Komik überhaupt aus von der Betrachtung des +Gefühls der Komik, das er als beschleunigten Wettstreit der Gefühle der +Lust und Unlust bezeichnet. Beim Witze nun entsteht für ihn "die Unlust +wie die Lust aus zwei Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit und doch +wiederum mögliche Vereinbarkeit miteinander die Quelle der Gefühle +bildet." + +Diese Erklärung ist vor allem nicht allzu ernst gemeint. An Stelle der +unvereinbaren Vorstellungen treten später solche, die nichts miteinander +zu thun haben, d. h. thatsächlich in keinem Verhältnis unmittelbarer +Zusammengehörigkeit stehen. Und zu diesen gesellen sich dann solche, die +zugestandenermassen ziemlich viel miteinander zu thun haben. Überhaupt +wandeln sich die _Hecker_'schen Bedingungen des Witzes von Fall zu Fall, +bis schliesslich von der ursprünglichen Formel herzlich wenig mehr übrig +bleibt. Natürlich verfolge ich diese Wandlungen nicht. Es genügt die +Bemerkung, dass nach _Hecker_ schließlich jede zweifelhafte Aussage, jede +Annahme, die durch Thatsachen gestützt wird, während andere Thatsachen +widersprechen, jede halbwahre Theorie, ja jede thörichte Rede, der wir +den wahren Sachverhalt "substituieren", witzig heissen müsste. Als ganz +besonders witzig müsste seine eigene Theorie des Witzes und der Komik +überhaupt gelten, in der mit mancherlei Ansätzen und Elementen zu einer +richtigen Anschauung so viel Unzutreffendes so eng verbunden ist. + +Mit _Hecker_'s Erklärung ist die _Kräpelin_'s verwandt. Für ihn ist der +Witz die "willkürliche Verbindung oder Verknüpfung[1] zweier miteinander +in irgend einer Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das +Hilfsmittel der sprachlichen Association". Es muss, so sagt er nachher, +irgend ein Band zwischen den Vorstellungen, es müssen associative +Beziehungen zwischen ihnen existieren, welche diese Verknüpfung +gestatten. Andererseits muss aber die Nichtzusammengehörigkeit derselben +klar und scharf genug ins Auge springen, dass eine Kontrastwirkung zur +Entwicklung gelangen kann. + +[1] So, und nicht "Erzeugung" muss es ohne Zweifel an der betreffenden + Stelle heissen. + +Diese Erklärung leidet an mehreren Fehlern. Sie stimmt nicht mit den +nachfolgenden näheren Bestimmungen; sie ist vieldeutig; man mag sie +drehen wie man will, so schliesst sie Dinge ein, die mit dem Witze nichts +zu thun haben; sie schliesst andererseits Gattungen von Vorgängen aus, +die thatsächlich dem Witze zugehören. Sie steht endlich in direktem +Widerspruch mit einzelnen ausdrücklich angeführten Fällen des Witzes. + +Nur auf zwei Punkte mache ich hier gleich aufmerksam. Der Witz soll eine +_willkürliche_ Verbindung von Vorstellungen sein. Gleich nachher wird von +Witzen gesprochen, die nicht der bewusst absichtsvollen Komik angehören, +sondern unbewusst sind. Ich denke aber, wo das Bewusstsein aufhört, ist +nach gemeinem Sprachgebrauch auch von Willkür nicht mehr die Rede. + +Wichtiger ist mir der andere Punkt. "Irgendwie kontrastieren" müssen die +Vorstellungen, deren Verbindung den Witz ausmacht. Mit diesem Kontrast +geht es einigermassen, wie mit der "Unvereinbarkeit" bei _Hecker_. An +seine Stelle tritt später die Nichtzusammengehörigkeit. Bald darauf +heissen die Vorstellungen einander widerstreitend, wiederum an anderer +Stelle gänzlich verschiedenartig. Als ob alle diese Ausdrücke dasselbe +sagten. In der That können die im Witze verbundenen Vorstellungen sich +auf die verschiedenartigste Weise zu einander verhalten. Das bekannte +_Lichtenberg_'sche "Messer ohne Klinge, woran der Stiel fehlt" enthält +eine Verbindung an sich unvereinbarer Vorstellungen. Das Messer +einerseits, der Mangel der Klinge und des Stieles andererseits, diese +beiden Begriffe heben sich gegenseitig auf.--Wenn ein französischer +Dichter auf die Zumutung seines Königs, ein Gedicht zu machen, dessen +sujet er sei, antwortet: le roi n'est pas sujet, so vollzieht er eine +Verbindung von Vorstellungen,--sujet = Unterthan und sujet = Gegenstand +eines Gedichtes--die an sich recht wohl vereinbar sind, und nur +thatsächlich und erfahrungsgemäss nichts miteinander zu thun haben.--"Die +Abteien sind geworden zu Raubteien", sagt der _Schiller_'sche Kapuziner. +Hier sind die in witziger Weise verbundenen Vorstellungen weder +unvereinbar noch unzusammengehörig. Die Abteien waren in der That in der +Zeit des dreissigjährigen Krieges zu Raubteien geworden. Die +Vorstellungen gehören also genau soweit zusammen, als es der Witz +behauptet.--Gedenken wir endlich gar der witzigen Definition von der Art +der _Schleiermacher_'schen: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit +Eifer sucht, was Leiden schafft, so ergiebt sich, dass die im Witze +miteinander "kontrastierenden" Vorstellungen auch solche sein können, die +nicht nur in bestimmten Fällen und thatsächlich, sondern allgemein und +begrifflich zusammengehören, deren Zusammengehörigkeit ausserdem +jedermann denkbar geläufig ist. Dass die Eifersucht eine Leidenschaft +ist, die darauf ausgeht Dinge hervorzusuchen und selbst zu ersinnen, die +nur dazu dienen können dem Eifersüchtigen und dem Gegenstand der +Eifersucht Qualen zu bereiten, dies liegt ja im Begriff der Eifersucht +und bezeichnet kein verstecktes, sondern ein jedermann bekanntes und +selbstverständliches Moment dieses Begriffes. + +Die im Witze verbundenen Vorstellungen find unvereinbare und +unzusammengehörige, anderseits zusammengehörige und sogar notwendig zu +vereinigende Vorstellungen; sie sind Vorstellungen, deren Vereinigung +einen Unsinn, eine faktische Unwahrheit, andererseits eine thatsächliche +Wahrheit oder sogar eine Selbstverständlichkeit ergiebt. Sie sind mit +einem Worte verschiedenartige Vorstellungen, die sich irgendwie zu +einander verhalten. Verschiedene und irgendwie sich zu einander +verhaltende Vorstellungen werden aber natürlich in jeder wahren oder +falschen Behauptung miteinander verbunden. Sie können also nicht das +Wesen des Witzes ausmachen. + +Dann muss wohl die besondere Art der Verbindung den Witz erzeugen. Die +Verbindung, so könnte man sagen, ist beim Witz jederzeit eine solche, +welche die Unvereinbarkeit, oder auch die blosse Verschiedenheit der +Vorstellungen besonders deutlich zu Tage treten lässt. In dieser +deutlicher zu Tage tretenden Unvereinbarkeit oder Verschiedenheit +bestände dann der "Kontrast", der zum Witze erforderlich ist. In der That +kann _Kräpelin_'s Meinung im Grunde keine andere sein. Zur Komik +überhaupt gehört ja für ihn nach der allgemeinen Erklärung, die wir im +vorigen Abschnitt kennen gelernt haben, der Versuch der begrifflichen +Vereinigung und ein erst _daraus sich ergebender_ "intellektueller" +Kontrast. + +Damit stimmt es, dass _Kräpelin_ für den Witz eine associative Beziehung +der Vorstellungen fordert, welche die _Verbindung gestattet_. Freilich +geht diese Forderung über das hinaus, was jener allgemeinen Erklärung +zufolge für die Komik gefordert ist und demnach auch für die Komik des +Witzes gefordert werden dürfte. Ich kann ja recht wohl in einer Aussage +Vorstellungen verbinden und andere zum Versuch ihrer begrifflichen +Vereinigung nötigen, ohne dass besondere associative Beziehungen +vorliegen. Ich sage etwa: Napoleon starb in Sibirien. Napoleon hat mit +Sibirien nichts zu thun. Aber ich verbinde in dem Satze die beiden +Vorstellungen, und wer ihn hört, kann nicht umhin den Versuch +begrifflicher Vereinigung anzustellen. Er gewinnt auch daraus ein Gefühl +des Kontrastes. Es kommt ihm zum Bewusstsein, dass Napoleon's Tod in der +That mit Sibirien _gar nichts_ zu thun hat. Die Behauptung erfüllt also +trotz der mangelnden Association die Bedingung, unter der nach _Kräpelin_ +das Gefühl der Komik allgemein entstehen müsste. + +Andrerseits kann aber auch die Association hinzutreten und dennoch die +Komik des Witzes, wie jede Komik überhaupt, unterbleiben. Ich brauchte +nur Napoleon statt in Sibirien auf Elba sterben zu lassen. Napoleon starb +auf einer Insel; Elba ist eine Insel; Napoleon war auf Elba. Wiederum +wird zugleich demjenigen, der die Behauptung hört, eben durch die +Behauptung die Nichtzusammengehörigkeit der verbundenen Vorstellungen zum +deutlicheren Bewusstsein gebracht. + +Oder: jemand zeiht meinen Freund, dessen Charakter ich erprobt habe, +einer unredlichen Handlung. Die Gründe, die er anführt, gestatten die +Vorstellungsverbindung und zwingen mich sogar immer wieder, sie +versuchsweise zu vollziehen. Dabei muss mir der Gegensatz zwischen der +behaupteten Unredlichkeit und dem erprobten Charakter in besonderem Masse +fühlbar werden. Er wird mir vielleicht in dem Masse fühlbar, dass ich die +Vorstellungsverbindung in tiefster Empörung abweise. Hier haben +wir ein Kontrastbewusstsein der intensivsten Art; zugleich ein +Kontrastbewusstsein, das sich völlig vorschriftsmässig aus versuchter +begrifflicher Vereinigung nicht nur verschiedener, sondern faktisch +unvereinbarer Vorstellungen ergiebt. Trotzdem wird niemand verlangen, +dass ich die Verleumdung als Witz oder überhaupt als komisch empfinde. + +Indessen so ist die Sache nicht gemeint. Die assoziativen Beziehungen +gestatten die Verbindung, an Stelle dieses nichtssagenden Ausdrucks setzt +_Kräpelin_ später den andern, sie begründen eine bedingte oder teilweise +Zusammengehörigkeit der Vorstellungen. Damit ist dann freilich wieder zu +viel gesagt. Das Messer einerseits, der gleichzeitige Mangel des Stiels +und der Klinge anderseits, diese beiden Dinge gehören auch nicht bedingt +oder teilweise zusammen. + +Trotzdem ist in dieser Bestimmung etwas Richtiges. Die associativen +Beziehungen müssen jederzeit eine Zusammengehörigkeit begründen, wenn +keine wirkliche, dann eine scheinbare. Indem sie dies thun, verleihen sie +der witzigen Aussage eine wirkliche oder scheinbare Bedeutung und damit +zugleich eine gewisse Kraft, Wichtigkeit, Eindrucksfähigkeit. Damit ist +auch schon der Punkt bezeichnet, auf den es bei der Zusammengehörigkeit +einzig und allein ankommt. Nicht die Zusammengehörigkeit, sondern die +Bedeutung, welche den Worten als Trägern derselben erwächst, bedingt den +Eindruck der Komik. Die Zusammengehörigkeit ist bei dem eben angeführten +Falle eine lediglich scheinbare. Aber indem die Worte den Schein +erwecken, leisten sie etwas. Wir hören die Wortverbindung "Messer ohne +Klinge und Stiel" und lassen uns dadurch verführen, für einen Moment an +die Möglichkeit der entsprechenden Vorstellungsverbindung zu glauben, +also derselben einen Sinn zuzuschreiben. Der Begriff eines Messers ohne +Klinge ist uns geläufig, der eines Messers ohne Stiel nicht minder. Hebt +der Mangel der Klinge den Begriff des Messers nicht auf, und der Mangel +des Stieles ebensowenig, so scheint auch der Mangel der Klinge und des +Stieles ihn nicht aufzuheben.--Dann freilich kommt uns die +Unvereinbarkeit der Vorstellungen zum Bewusstsein. Wir wissen, das wir +uns haben täuschen lassen, dass wir nach einem geläufigen Ausdruck +"hereingefallen" sind. Was wir einen Moment für sinnvoll nahmen, steht +als völlig sinnlos vor uns. Darin besteht in diesem Falle der komische +Prozess. + +Analog verhält es sich mit jenem Witze des französischen Dichters. Die +Antwort, die der Dichter giebt, ist keine Antwort, oder sie ist, als +Antwort auf die Aufforderung des Königs betrachtet, sinnlos. Sie besitzt +nicht bedingte oder teilweise, sondern gar keine "Geltung". Ebensowenig +Geltung besitzt der Schluss, der sich darauf aufbaut: der König ist nicht +sujet, man kann also auch nicht fordern, dass er sujet eines Gedichtes +sei. Aber wir lassen uns die Geltung, welche die Antwort beansprucht, +verführt durch die Gleichheit der Worte sujet und sujet mit einer Art +psychologischer Notwendigkeit gefallen, wir vollziehen mit gleicher +Notwendigkeit den darauf gebauten Schluss. Indem wir so thun, messen wir +den Worten des Dichters eine doppelte Bedeutung bei, die ihnen nicht +zukommt; sie werden für uns zur zutreffenden und zugleich zur +abfertigenden Antwort. Sie werden es--für einen Augenblick nämlich. Dann +fordert die Logik ihr Recht und zerstört das ganze Gebäude. Die sinnvolle +und geschickt abfertigende Antwort wird wiederum, was sie immer war, eine +sinnlose Aussage. + + +BEGRIFFSBESTIMMUNG UND VERSCHIEDENE FÄLLE. + +Verallgemeinern wir jetzt, was sich in diesen beiden Fällen ergeben hat. +Wir müssen dann sagen: witzig erscheint eine Aussage, wenn wir ihr eine +Bedeutung mit psychologischer Notwendigkeit zuschreiben, und indem wir +sie ihr zuschreiben, sofort auch wiederum absprechen. Dabei kann unter +der "Bedeutung" Verschiedenes verstanden sein. Wir leihen einer Aussage +einen _Sinn_, und wissen, dass er ihr logischerweise nicht zukommen kann. +Wir finden in ihr eine _Wahrheit_, die wir dann doch wiederum den +Gesetzen der Erfahrung oder allgemeinen Gewohnheiten unseres Denkens +zufolge nicht darin finden können. Wir gestehen ihr eine über ihren +wahren Inhalt hinausgehende logische oder praktische Folge zu, um eben +diese Folge zu verneinen, sobald wir die Beschaffenheit der Aussage für +sich ins Auge fassen. In jedem Falle besteht der psychologische Prozess, +den die witzige Aussage in uns hervorruft, und auf dem das Gefühl der +Komik beruht, in dem unvermittelten Übergang von jenem Leihen, +Fürwahrhalten, Zugestehen zum Bewusstsein oder Eindruck relativer +Nichtigkeit. + +Damit haben wir den Begriff gewonnen, der den Witz und die Anschauungs- +und Situationskomik zugleich umfasst. Hier wie dort gewinnt oder besitzt +ein Bewusstseinsinhalt für uns einen Grad von Bedeutung oder +psychologischem Gewicht, den er dann plötzlich verliert. Zugleich ist +auch schon angedeutet, dass hier wie dort die beiden Fälle möglich sind: +wir leihen die Bedeutung dem Bewusstseinsinhalt, während sie ihm von +Rechts wegen oder objektiv betrachtet nicht zukommt, oder: sie kommt ihm +objektiverweise zu, und wir erkennen sie auch zunächst an, können aber +infolge subjektiver Gewohnheiten des Denkens nicht bei dieser +Anerkenntnis bleiben. + +Das letztere gilt schon von dem oben angeführten Beispiele aus +_Schiller_. "Die Abteien sind geworden zu Raubteien." Diese Behauptung +ist, wie schon gesagt, sinnvoll und wahr; und wir glauben an ihre +Wahrheit. Man sehe aber, durch welches _Mittel_ uns die Wahrheit +_eindringlich_ gemacht wird. "Raubtei" ist kein gültiges Wort der +deutschen Sprache; es kommt ihm also nach strenger Forderung der Logik +auch kein gültiger Sinn zu. In dem speciellen Falle aber hat es für uns +einen Sinn, wir verstehen vollkommen, was damit gemeint ist. Der Anklang +an Abtei einerseits, an Raub andrerseits verhilft uns dazu. + +Dazu kommt ein zweites Moment. Die Nebeneinanderstellung der Worte Abtei +und Raubtei, die Verwandlung des einen ins andere, ist an sich ein +blosses Spiel mit Worten, die Klangähnlichkeit, worauf das Spiel beruht, +hat an sich keine logische Kraft. Wiederum aber gewinnt sie eine solche, +in diesem speciellen Falle. Die in der Zusammenstellung der Worte +liegende Wahrheit wird uns nicht nur verständlich, sondern, eben durch +den Gleichklang, sogar eindringlicher, sozusagen selbstverständlich. So +nahe die Worte Abtei und Raubtei lautlich zusammenhängen, so nahe +scheinen die damit bezeichneten Dinge sachlich zusammenzuhängen. So +leicht wir vermöge jenes Zusammenhanges aus dem Worte Abtei das Wort +Raubtei machen, so leicht und natürlich scheint uns der Übergang von +einem zum andern Begriff. Beide Momente bedingen die Eigenart des +komischen Prozesses. Achten wir auf das, was die Worte in ihrem +Zusammenhange sagen, so ergeben sie den Eindruck einer einleuchtenden +Wahrheit, betrachten wir sie nach ihrer Form und beurteilen diese, wie +wir nicht anders können, nach den gewöhnlichen Gesetzen unseres Denkens +und Sprechens, so gewinnen wir den Eindruck des Spiels mit Worten. Das +Wort Raubtei erscheint so sinnlos, wie es sonst sein würde, der +Gleichklang so logisch kraftlos, wie er sonst zu sein pflegt. + +Die beiden hier unterschiedlichen Momente können auch jedes für sich die +Komik des Witzes begründen. Wenn _Heine_ von jemand sagt, er sei von +einem bekannten Börsenbaron recht "famillionär" aufgenommen worden, so +beruht die Komik dieses Witzes lediglich auf dem ersten jener beiden +Momente. Ein Wort wie "famillionär" giebt es nicht. Wir lassen uns aber +den malitiösen Sinn, den es in dem speciellen Falle hat, gefallen; wir +verstehen, dass _Heine_ sagen will, die Aufnahme sei eine familiäre +gewesen, nämlich von der bekannten Art, die durch den Beigeschmack des +Millionärtums an Annehmlichkeit nicht zu gewinnen pflegt. Dann kommt uns +doch wiederum die Nichtigkeit und Sinnlosigkeit des Wortes zum deutlichen +Bewusstsein. + +Dagegen beruht der Witz gänzlich auf dem Verhältnis der Worte zu einander +bei der oben zuletzt angeführten _Schleiermacher_'schen Definition. Die +Frage, was für eine Leidenschaft die Eifersucht sei, wird beantwortet, +indem beide Worte Eifersucht und Leidenschaft auseinandergeschnitten und +die Stücke durch Zwischenfügung weniger, an sich unerheblicher Worte zu +einem Satze verbunden werden. Diese äusserlich betrachtet völlig +mechanische Procedur ergiebt nichtsdestoweniger ein bedeutungsvolles und +zutreffendes gedankliches Resultat. Solange wir auf dies Resultat achten, +erscheint das Mittel, wodurch es erreicht wurde, gleichfalls +bedeutungsvoll. Es sinkt dann doch wiederum unfehlbar in seine, obgleich +nur scheinbare Nichtigkeit zurück. + +Jetzt ist deutlich ersichtlich, wie wir uns zu _Kräpelin_'s Theorie +stellen. Der Kontrast bleibt bestehen, aber er ist nicht so oder so +gefasster Kontrast der mit den Worten verbundenen Vorstellungen, sondern +Kontrast, oder Widerspruch der Bedeutung und Bedeutungslosigkeit der +Worte. Dies Ergebnis entspricht ganz dem bei der objektiven Komik +gewonnenen. Wie dort so ist hier der qualitative Vorstellungskontrast nur +insoweit von Belang, als er diesen quantitativen oder Bedeutungskontrast +vermittelt; er hat im übrigen, wie mit der Komik überhaupt, so auch mit +der Komik des Witzes nichts zu thun. + +Das Recht dieser letzteren Behauptung habe ich schon oben dargelegt. Ich +erinnere an die Verleumdung des erprobten Freundes. Diese Verleumdung war +trotz des stärksten Kontrastes weder witzig noch überhaupt komisch. +Umgekehrt entsteht die Komik des Witzes, wie die objektive, sobald ich +den von uns geforderten Bedeutungskontrast hinzufüge. So kann die +Verleumdung zunächst durch Hinzutritt des objektiven Bedeutungskontrastes +_objektiv_ komisch werden. Der Verleumder giebt sich alle Mühe, übersieht +aber einen Umstand, der ihn sofort widerlegt. Von einem Witze ist hier +noch keine Rede, weil die Bedingung des Witzes nicht erfüllt ist, die +darin besteht, dass die Komik an der Aussage hafte, _sofern_ sie der +Vorstellungsverbindung _zum Ausdruck dient_, und damit zugleich als +_That_ desjenigen erscheine, der die Aussage macht. Die Worte des +Verleumders sagen oder bedeuten nach ihrer Widerlegung dasselbe wie +vorher. Sie kommen in bestimmter Art zu Fall, aber dies zu Fall kommen, +das wesentlichste Moment der Komik, ist nicht durch die Worte selbst +bedingt, sondern durch jenen dem Verleumder unbekannten oder von ihm +verschwiegenen Umstand. Der Verleumder bringt es, indem er die Aussage +macht, nicht eben dadurch _zuwege_, dass ich den Eindruck einer Wahrheit +habe und dann auch wiederum nicht habe, sondern er will, dass ich den +Eindruck habe und _erlebt_ es, dass derselbe in nichts zerrinnt. Dagegen +wird die Aussage witzig, sobald die Worte selbst, ohne ein von aussen +hinzutretendes Schicksal, die Bedeutung, die sie haben oder zu haben +scheinen, doch auch wiederum nicht haben oder nicht zu haben scheinen, +sobald also der rein subjektive, von dem "Verleumder" aus eigenen Mitteln +hervorgerufene Bedeutungskontrast hinzukommt. Man sagt mir etwa, mein +Freund habe einen Eingriff in die Kasse gemacht, um dann hinzuzufügen: +nämlich in seine eigene; er habe endlich seine Schulden bezahlt. + +Andererseits kann der Vorstellungskontrast fehlen und doch, weil der +Bedeutungskontrast fühlbar zu Tage tritt, der Witz entstehen. Man kennt +_Gellert_'s "der Bauer und sein Sohn". Der Sohn lügt, er habe einen Hund +gesehen, so gross wie ein Pferd. Diese Lüge bringt ihm der Vater zum +Bewusstsein durch die Erzählung von der Lügenbrücke. Die Erzählung an +sich ist nichts weniger als witzig. Dass man auf eine Brücke kommen +werde, auf der jeder, der an dem Tage gelogen habe, ein Bein breche, das +ist abgesehen von dem, was vorher berichtet ist, eine harmlose +Erdichtung. Sie wird erst witzig als Entgegnung auf die Behauptung des +Sohnes. Hier also müsste der Vorstellungskontrast sich finden, aber hier +gerade fehlt derselbe völlig. Achten wir nicht auf die beabsichtigte und +erreichte Wirkung, so ist alles in schönster Ordnung. Der Vater fügt +einfach zu einer Unwahrheit eine andere von gleichem Charakter. Es ist +sogar eine wesentliche Bedingung dieses Witzes, dass der Kontrast +zwischen der Lüge des Sohnes und der des Vaters möglichst gering sei. +Dagegen besteht ein wesentlicher Kontrast zwischen der logischen und +praktischen _Konsequenz_ der Erzählung des Vaters und ihrer scheinbaren +Nichtigkeit. + +Freilich kann man, wenn man es darauf anlegt, dem "Vorstellungsgegensatz" +einen möglichst unbestimmten Sinn zu geben, am Ende auch diese und +ähnliche Gegensätze der Bedeutung oder Wirkung als Vorstellungsgegensätze +bezeichnen. Man verwischt dann nur eben den Unterschied, auf den für die +Begriffsbestimmung des Witzes alles ankommt. Schwarz und weiss, Unterthan +eines Königs und Gegenstand eines Gedichtes, Abtei und Räuberhöhle, das +sind wirkliche Vorstellungsgegensätze. Von diesen ist aber der Art nach +verschieden der Gegensatz, der entsteht, indem dieselben Vorstellungen +und Vorstellungsverbindungen jetzt sinnvoll, wahr, treffend, abfertigend, +zurechtweisend, dann auch wiederum sinnlos, unwahr, nichtssagend, als +blosses Spiel erscheinen. Oder allgemeiner, von den _qualitativen_ +Gegensätzen, die zwischen den durch Worte bezeichneten Vorstellungen +stattfinden, sind durchaus verschieden die Gegensätze des logischen oder +sachlichen _Wertes_ oder _Gewichtes_ der Worte und Wortverbindungen, bzw. +der dadurch bezeichneten Vorstellungsverbindungen. + +Indessen auch damit brauchte man sich noch nicht zufrieden zu +geben. Auch der logische oder sachliche Wert der Worte und +Vorstellungsverbindungen, so könnte man sagen, ist Gegenstand unseres +Vorstellens und insofern ihr Gegensatz ein Vorstellungsgegensatz. Aber +dies wäre ein schlechter Einwand. In der That entsteht der Eindruck des +Witzes eben nicht daraus, dass wir uns _vorstellen_, Vorstellungen und +Vorstellungsverbindungen erscheinen irgend jemand sinnvoll, glaubwürdig +u. s. w., während sie zugleich auch als das Gegenteil erscheinen; +vielmehr müssen wir selbst sie für sinnvoll halten, daran glauben, kurz +ihren Wert oder ihr Gewicht _erleben_, und dann zur gegenteiligen +Vorstellungsweise übergehen. Der Gegensatz, um den es sich handelt, und +schliesslich einzig und allein handelt, ist ein Gegensatz der +thatsächlichen _Wirkung in uns_, des Eindrucks, den _wir erfahren_, +allgemein gesagt der Art, wie Vorstellungen, sie mögen sich inhaltlich zu +einander verhalten wie sie wollen, _in uns auftreten_ oder _uns in +Anspruch nehmen_. Dies ist auch bei dem obigen Beispiel deutlich genug. +Der Eindruck jenes Witzes wäre völlig dahin, wenn wir zwar wüssten, dass +der Sohn das Gewicht der väterlichen Worte empfände, er selbst aber nicht +mitempfänden und dann doch wiederum von dem Gewicht befreit würden. + +Vielleicht hätte der _Gellert_'sche Bauer, dessen witzige Überführung +seines Sohnes uns hier beschäftigte, seinen Zweck--witzig oder +witzlos--auch auf kürzerem Wege erreichen können. Darum bleibt doch der +Satz _Jean Paul_'s, Kürze sei die Seele des Witzes, ja dieser selbst, zu +Recht bestehen. Der Witz sagt, was er sagt, nicht immer in wenig, aber +immer in zu wenig Worten, d. h. in Worten, die nach strenger Logik oder +gemeiner Denk- und Redeweise dazu nicht genügen. Er kann es schliesslich +geradezu sagen, indem er es verschweigt.. So ein bekannter Witz +_Heine_'s. Der Börsenbaron, der so oft das Opfer seines Witzes geworden +ist, wundert sich, dass die Seine oberhalb Paris so rein, unterhalb so +schmutzig sei. _Heine_ erwidert: O, Ihr Vater ist ja auch ein ganz +ehrlicher Mann gewesen. Hier findet sich kein Vorstellungsgegensatz, der, +sei es auch indirekt, den Witz begründen könnte; weder in dem, was +_Heine_ sagt, noch zwischen dem, was er sagt, und dem, was er meint. Man +braucht, um sich davon zu überzeugen, nur, was er meint, zu ergänzen: +dass die Seine oberhalb Paris rein, unterhalb schmutzig ist, ist so wenig +zu verwundern als dass Ihr Vater ein ehrlicher Mann war und Sie es nicht +mehr sind. Ein Kontrast entsteht erst dadurch, dass _Heine_, was er nicht +sagt, doch deutlich zu verstehen giebt, dass also wir seinen Worten eine +Bedeutung zugestehen, die wir ihnen dann doch wieder nicht zugestehen +können. + + +WITZIGE HANDLUNGEN. + +Nur von der witzigen Aussage war im bisherigen die Rede, während die +möglichen anderen Arten des Witzes, die witzigen Handlungen und Gebärden +ausser Betracht blieben. Ich liess sie ausser Betracht, weil _Kräpelin_ +sie vernachlässigt. Dennoch giebt es dergleichen. _Kräpelin_ selbst rührt +daran, wo er den bekannten Witz des _Diogenes_ anführt, der am hellen +Tage mit einer Laterne Menschen sucht. Dabei entgeht ihm nur eben der +Witz der Handlung. Er sucht den Witz lediglich in der Aussage des +_Diogenes_, er suche Menschen, speciell in der Doppelbedeutung des Wortes +Mensch. _Diogenes_ meine vernünftige Menschen, während nach der gemeinen +Bedeutung des Wortes jedes Exemplar der menschlichen Gattung darunter +verstanden werde. Aber der Witz bleibt auch, wenn wir diesen Doppelsinn +streichen und _Diogenes_ sagen lassen, er suche vernünftige Menschen. Die +Aussage selbst ist dann nicht mehr witzig; der Witz muss also an der +Handlung haften, die durch die Aussage nur interpretiert wird. Er haftet +daran, insofern die Handlung eine eindringliche Wahrheit verkündet, +während sie doch an sich unsinnig und darum nach gemeiner Anschauung zum +Träger einer Wahrheit durchaus ungeeignet scheint. + +Völlig analog verhält es sich mit der witzigen Handlung, die _Hecker_ +anführt und als solche anerkennt. Ein italienischer Maler hat für ein +Kloster ein Abendmahl zu malen. Während der Arbeit erfährt er allerlei +Chikanen von Seiten des Priors. Dafür rächt er sich, indem er dem Judas +die Züge des Priors leiht. Für _Hecker_ beruht die Komik dieses Witzes +darauf, dass die Unvereinbarkeit der beiden Vorstellungen--Judas und der +Prior--beleidigt, während zugleich die Erkenntnis der zwischen beiden +bestehenden Ähnlichkeit eine gewisse Befriedigung gewährt. Wäre diese +Erklärung richtig, so müsste es auch witzig erscheinen, wenn der Maler +seinem Christus einzelne Züge von einem besonders frommen Klosterbruder +geliehen hätte, oder wenn _A. Dürer_ thatsächlich seine Christusgestalten +sich ähnlich bildet. Auch _Dürer_ und Christus sind ja unvereinbare +Vorstellungsinhalte und auch bei Betrachtung der _Dürer_'schen +Christusgestalten gewährt die Erkenntnis der Ähnlichkeit eine gewisse +Befriedigung. In der That beruht der Witz des italienischen Malers +darauf, dass der Maler dem Prior seine Meinung sagt durch ein Mittel, das +an sich völlig harmlos erscheint. Was kann ich dafür, so hätte er dem +Prior gegenüber sich verantworten können, wenn mir deine Züge gerade für +meinen Judas passen. Er konnte die Übereinstimmung sogar für ein blosses +Spiel des Zufalls erklären. Solche Spiele des Zufalls giebt es ja. In +jedem Falle beweist es nichts gegen den Charakter eines Menschen, wenn er +mit dem Bilde eines Verräters äusserliche Ähnlichkeit hat. Aber hier +freilich beweist es alles, nicht nach strenger Logik, aber für den +unmittelbaren Eindruck. Eben diesen zerstört dann die Logik wiederum. + +Verallgemeinern wir das Ergebnis, so erscheint die Komik der witzigen +Handlung an dieselbe Bedingung gebunden, wie die der witzigen Aussage. +Beide sagen etwas und sagen es auch nicht. Die Worte sind "Zeichen" +dessen, was sie sagen. Auch die Handlungen--und ebenso natürlich die +Gebärden--kommen für den Witz nur in Betracht, insoweit sie Zeichen sind. + + +VERWANDTE THEORIEN. + +Schließlich werfe ich auch hier, wie bei der objektiven Komik, noch einen +Blick auf solche frühere Theorien, die mit uns in der Hauptsache auf +gleichem Boden zu stehen scheinen. Schon von _Jean Paul_ könnten die +Autoren, deren ungenügende Anschauungen mir Gelegenheit gaben die +meinigen zu entwickeln, einiges lernen. Wenn freilich _Jean Paul_ den +Witz allgemein definiert als ein Vergleichen und Auffinden von +Gleichheiten bei grösserer Ungleichheit, so bemerkt dagegen _Vischer_ mit +Recht, dass es Witze gebe, bei denen von Vergleichung, also auch von +Auffindung von Ähnlichkeiten keine Rede sei; so z. B. wenn _Talleyrand_ +sage, die Sprache sei erfunden, um die Gedanken zu verbergen. Wir +brauchen aber nur _Jean Paul_'s weiteren Ausführungen zu folgen, um zu +sehen, wie nahe er dem wahren Sachverhalt kommt. Der Witz entdecke +Gleichheiten, so sagt er erst; nachher erfahren wir, im Witz mache die +taschen- und wortspielerische Geschwindigkeit der Sprache halbe, +Drittels-, Viertelsähnlichkeiten zu Gleichheiten; es werden durch sie +Gattungen für Unterarten, Ganze für Teile, Ursachen für Wirkungen, oder +alles dieses umgekehrt, verkauft. Dadurch wird, so fährt er fort, der +ästhetische Lichtschein eines neuen Verhältnisses geworfen, indessen +unser Wahrheitsgefühl das alte fortbehauptet. Hiermit wird, wenn wir das +"Verhältnis", das nichts zur Sache thut, zur Seite lassen, wenigstens +eine Gattung des Witzes zutreffend bezeichnet. Der "Lichtschein", der dem +Wahrheitsgefühl entgegentritt, kann nur bestehen in irgend welcher +"Geltung", welche die witzige Aussage, beansprucht und in unseren Augen +thatsächlich gewinnt. Diese zerrinnt in Nichts, wenn wir unser +"Wahrheitsgefühl" zu Rat ziehen. + +Gegen jene allgemeine Begriffsbestimmung _Jean Paul_'s wendet sich +_Vischer_, nicht ohne sie zugleich zu korrigieren. Zwischen ungleichen +Vorstellungen werden Gleichheiten entdeckt, statt dessen muss es ihm +zufolge heissen, einander fremde Vorstellungen werden zu scheinbarer +Einheit zusammengefasst. Dass damit viel gebessert sei, können wir nicht +zugeben, da unserer obigen Darlegung zufolge weder die Vorstellungen +einander fremd zu sein brauchen, noch die Zusammenfassung zur Einheit die +Leistung des Witzes genügend bestimmt bezeichnet, noch endlich diese +Leistung immer eine bloss scheinbare heissen darf. Dagegen trifft es die +Sache, wenn _Vischer_ nachher "Sinn im Unsinn, Unsinn im Sinn" als Inhalt +des Witzes bezeichnet. + +Endlich wüsste ich im Grunde nichts einzuwenden gegen Kuno Fischer's +allgemeine Definition des Witzes als eines spielenden Urteils. Urteil ist +ihm nicht jede Aussage, sondern diejenige, die etwas sagt. Sofern auch +die witzige Handlung etwas sagt, kann auch sie Urteil heissen. +Andererseits ist das Mittel, wodurch der Witz sagt, was er sagen will, +immer im Widerspruch mit der gewöhnlichen Denk- und Ausdrucksweise, oder +wie _Fischer_ treffend sagt, mit der Hausordnung und den Hausgesetzen des +Geistes, und muss insofern jederzeit als Spiel bezeichnet werden. + +Diese unsere Zustimmung scheinen wir freilich zurücknehmen zu müssen +gegenüber _Fischer_'s näherer Ausführung. Auch _Fischer_, ebenso wie +_Vischer_, lässt die Vereinigung einander fremder und widerstreitender +Vorstellungen als dem Witze wesentlich erscheinen: "Was noch nie +vereinigt war, ist mit einem Male verbunden, und in demselben Augenblick, +wo uns dieser Widerspruch noch frappiert, überrascht uns schon die +sinnvolle Erleuchtung." Es ist ein Punkt, worin jene einander fremden und +widerstreitenden Vorstellungen unmittelbar zusammentreffen. Hier hat der +Witz seine "Kraft und Wirkung" etc. _Fischer_ widerlegt aber diese +Anschauung gleich nachher selbst, indem er Bemerkungen, die eine +Allerweltsweisheit enthalten, also sicher keine Vorstellungen vereinigen, +die einander fremd sind, widerstreiten, noch nie vereinigt waren, +lediglich dadurch zu Witzen werden lässt, dass sie den Charakter des +Spieles gewinnen. + +Dieser Widerspruch nun löst sich nur, wenn wir jene "einander fremden +Vorstellungen" so interpretieren, dass wir darunter jedesmal einerseits +das, was die Worte meinen, andererseits die Worte selbst verstehen. Denn +die Worte allerdings sind beim Witze jederzeit dem, was sie meinen, in +gewissem Sinne fremd, in dem eben bezeichneten Sinne nämlich, dass sie +nach gemeiner Denk- und Ausdrucksweise das Gemeinte eigentlich nicht +scheinen bezeichnen zu können. Dies gilt auch von der von _Fischer_ +selbst angeführten witzigen Allerweltsweisheit, das Leben zerfalle in +zwei Hälften, in der ersten wünsche man die zweite herbei, in der zweiten +die erste zurück. Dieser Witz erscheint als ein Spiel mit Worten, und als +solches jeder ernsten Wahrheit, auch derjenigen, die es thatsächlich +verkündigt, fremd. + + +"VERBLÜFFUNG UND ERLEUCHTUNG" BEIM WITZ. + +Die "Erleuchtung", von der hier _Fischer_ spricht, begegnet uns auch +sonst in mannigfachen Wendungen. Ich bleibe dabei noch einen Moment. + +Gewiss hat diese Erleuchtung ihr Recht. Es fragt sich nur, was wir unter +der Erleuchtung verstehen, bzw. was darunter verstanden wird, und in +welcher Weise diese Erleuchtung für die Komik verantwortlich gemacht +wird. + +Auch für _Groos_ ist, wie wir schon sahen, die Erleuchtung oder die +Erkenntnis der Verkehrtheit, nachdem sie uns verblüfft hat, für die Komik +überhaupt, also auch für die Komik des Witzes wesentlich. Diese +Erkenntnis soll aber wirken, indem sie uns das Gefühl der Überlegenheit +schafft. Zu dieser "Überlegenheit" kehren wir nicht noch einmal zurück. +Sie ist, wie wir gesehen haben, nichts anderes, als der eigentliche +Todfeind aller Komik. Ich erinnere noch einmal daran: Das vollste Gefühl +der Überlegenheit über den Widersinn der witzigen Wendung hat der Pedant. +Und diesem fehlt eben deswegen der Sinn für den Witz. + +Dagegen interessiert uns der Gegensatz der Verblüffung und Erleuchtung +bei _Heymans_. Was ich dazu zu bemerken habe, ist in gewisser Weise schon +gesagt. Aber es liegt mir daran, dies schon Gesagte speciell auf den Witz +anzuwenden. + +_Heymans_ wählt, um seine Meinung zu illustrieren, unter anderen das +Beispiel des _Heine_'schen "famillionär". Er meint, dasselbe erscheine +zunächst einfach als eine fehlerhafte Wortbildung, als etwas +Unverständliches, Unbegreifliches, Rätselhaftes. Dadurch verblüffe es. +Die Komik ergebe sich aus der Lösung der Verblüffung. Diese bestehe im +Verständnis. Der Prozess der Komik stelle sich also hier nicht, wie es +meiner Theorie zufolge sein müsste, dar als ein Übergang vom Verstehen +zum Nichtmehrverstehen, oder zum Eindruck der Sinnlosigkeit, sondern +vollziehe sich auf dem umgekehrten Weg. + +Hier leuchtet in besonderer Weise die Wichtigkeit der auf S. 75[*] +geforderten Unterscheidung ein, nämlich der Unterscheidung zwischen +Verblüffung und Verblüffung oder zwischen Verständnis und Verständnis. +Auch hier wiederum hat _Heymans_ recht mit dem, was er sagt. Aber +wichtiger ist, was er nicht sagt. + +[* Im Unterkapitel "VERBLÜFFUNG" UND "VERSTÄNDNIS". Transkriptor.] + +Das in einen sinnvollen Zusammenhang hineintretende sprachwidrige Wort +verblüfft als solches. Zugestanden. Aber das Wort "famillionär" verblüfft +ausserdem als dies scheinbar oder in dem Zusammenhang, in dem es +auftritt, wirklich sinnvolle, sogar ausserordentlich sinnvolle Wort. Dies +zweite Stadium der Verblüffung hebt _Heymans_ nicht heraus. Statt dessen +können wir ebensowohl sagen, _Heymans_ hebe das _erste_ Stadium des +_Verständnisses_ oder Erleuchtung nicht heraus. Ich vereinige beides, +indem ich sage, bei _Heymans_ bleibe das mittlere Stadium des ganzen +Prozesses, das verblüffende Verständnis oder die Verblüffung auf Grund +eines Verständnisses unbeachtet oder werde nicht in seiner Bedeutung +gewürdigt. + +Dies ist aber eben der für die Komik entscheidende Punkt. Das Wort +"famillionär" bezeichnet, und zwar _vermöge_ seiner Fehlerhaftigkeit in +besonders eindrucksvoller Weise, die Familiärität des "famillionären" +Börsenbarons als die eines aufgeblasenen Millionärs. Niemand kann +zweifeln, dass _Heine_'s Witz witzig ist, nur darum, weil wir einsehen, +oder "verstehen", das Wort solle diese Bedeutung haben, oder genauer, +weil es diese Bedeutung in unseren Augen für einen Moment thatsächlich +hat. Und ebenso gewiss ist _Heine_'s Witz nur witzig, weil dies +Verständnis verblüffend ist, d. h. weil das fehlerhafte Wort, vermöge +dieser seiner einschneidenden Bedeutung, die Aufmerksamkeit zu spannen +vermag. + +Dann erst folgt die Lösung. Auch sie besteht in einem Verständnis. Aber, +in einem Verständnis zweiter Stufe. Es ist ein Verständnis, das über +dieses verblüffende Verständnis kommt, oder ein Verständnis, mit dem wir +_hinter_ dieses verblüffende Verständnis kommen; d. h. das Verständnis, +wie dies Verständnis _zu stande_ gekommen ist. Das erste Verständnis ist +ein Verständnis eines Rätsels, nämlich ein Verständnis, worin das Rätsel, +d. h. der _Gegenstand_ des ersten Staunens _besteht_. Es ist die Lösung +eines rätselhaften Staunens, nämlich des ursprünglichen Staunens ohne +jedes Verständnis, worum es sich handle, oder ohne Wahrnehmung der +Pointe. Ebenso ist dies zweite Verständnis das Verständnis eines Rätsels, +nämlich das Verständnis der _Mittel_, wodurch das rätselhafte Verständnis +oder der rätselhafte oder seltsame, aber von uns verstandene Sinn +_entsteht_. Es ist die Lösung eines rätselhaften Staunens, nämlich des +Staunens über diesen _Sinn_ oder des Staunens infolge dieses ersten +_Verständnisses_. Wir fragen nicht mehr: was _will_ das? Wir antworten +auch nicht mehr: Das ist _gemeint_, sondern wir wissen: So ist es +_gemacht_; dies sinnlose Wort hat uns verblüfft und dann den seltsamen +Sinn ergeben. Diese _völlige_ Erleuchtung, d. h. diese Erleuchtung, wie +es _gemacht_ ist, die Einsicht, dass ein nach gemeinem Sprachgebrauch +sinnloses Wort das Ganze verschuldet hat, diese _völlige_ Lösung, d. h. +die _Auflösung_ in _nichts_, erzeugt die Komik. + +Diese drei Stadien können, wie bei aller Komik überhaupt, so insbesondere +bei jeder witzigen Komik unterschieden werden. Ich habe sie früher auch +schon als die Stadien der völlig verständnislosen Verblüffung, der +"Sammlung" und der Lösung bezeichnet. Die Sammlung ist nichts Geringeres +als das Finden der "Pointe". Man kann im ersten Stadium stecken bleiben. +Man _hört_ den Witz, aber man _merkt_ ihn nicht; d. h. man hört etwas, +das man nicht versteht, und--staunt. Man kann dann weiterhin auch wohl +bis zur Pointe gelangen, also den Witz merken und doch die Komik nicht +verspüren: Dieser Fall wird immer eintreten, wenn man das Mittel, wodurch +die Pointe, oder das erste Verständnis bewirkt wird, nicht als nichtig, +d. h. als an sich bedeutungslos _anerkennen_ kann. Es ist etwa +verletzend, taktlos, geschmacklos. Hier bleibt die Spannung, die das +Verständnis der Pointe erzeugte, bestehen, nicht als Spannung durch dies +Verständnis, aber als Spannung durch den Eindruck des Verletzenden, +Taktlosen, Geschmacklosen. Nur wenn zur Auflösung des unverstandenen +Rätsels durch das Verständnis der Pointe diese völlige Lösung tritt, +entsteht die Komik oder wirkt der Witz witzig. + +Ich erinnere auch noch an andere Beispiele, die _Heymans_ anführt, etwa +das Menschensuchen des _Diogenes_ oder den Druckfehlerteufel, der mir +vorspiegelt, ein Autor wolle statt der Richtigkeit die Nichtigkeit seiner +Behauptung beweisen. Auch _Diogenes_' Verhalten ist zunächst einfach +verblüffend, es ist aber dann vor allein durch seinen _Sinn_ +"verblüffend", oder wir sind durch das "Verständnis" desselben, +"verblüfft". Endlich "verstehen" wir, dass eine logisch widersinnige +Handlung diese Verblüffung oder diesen von uns wohl "verstandenen" Sinn +hervorgebracht hat. Ebenso sind wir dem Druckfehler gegenüber zunächst +einfach verblüfft, dann sehen wir, welche merkwürdige Absicht der Autor +den schwarz auf weiss vor uns stehenden Worten zufolge hat, schliesslich +wissen wir, dass ein einfacher Druckfehler, also die bedeutungsloseste +Sache von der Welt, uns diese verblüffende Absicht vorspiegelt. + +Speciell von einem Witze _Saphirs_ meint _Heyman_ schliesslich, es werde +bei ihm keineswegs eine witzige Äusserung oder Handlung nachher als +nichtig erkannt. Damit hat _Heymans_ wiederum in gewisser Weise recht. +Aber _Heymans_ übersieht, das ich deutlich die beiden Fälle unterschieden +habe: Dass die witzige Äusserung oder Handlung bedeutungsvoll _scheine_ +und als nichtig _erkannt_ werde, und dass sie als bedeutungsvoll +_erkannt_ werde und nichtig _scheine_. Auch im letzteren Falle ist sie +für uns, d. h. für unseren Eindruck oder hinsichtlich ihrer +psychologischen Wirkung nichtig. Und auf diese psychologische Nichtigkeit +kommt es ja einzig an. + +"Wenn _Saphir_," so sagt _Heymans_, "einem reichen Gläubiger, dem er +einen Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl um die 300 Gulden, +antwortet: Nein, _Sie_ kommen um die 300 Gulden, so ist eben dasjenige, +was er meint, in einer sprachlich vollkommen korrekten und auch +keineswegs ungewöhnlichen Form ausgedrückt." In der That ist es so: Die +Antwort _Saphirs_ ist _an sich betrachtet_ in schönster Ordnung. Wir +verstehen auch, was er sagen will, nämlich dass er seine Schuld nicht zu +bezahlen beabsichtige. Aber _Saphir_ gebraucht dieselben Worte, die +vorher von seinem Gläubiger gebraucht wurden. Wir können also nicht umhin +sie auch in dem _Sinne_ zu nehmen, in welchem sie von jenem gebraucht +wurden. Und dann hat _Saphirs_ Antwort gar keinen Sinn mehr. Der +Gläubiger "kommt" ja überhaupt nicht. Er kann also auch nicht um die 300 +Gulden kommen, d. h. er kann nicht kommen, um 300 Gulden zu bringen. +Zudem hat er als Gläubiger nicht zu bringen sondern zu fordern. Indem die +Worte _Saphirs_ in solcher Weise zugleich als Sinn und als Unsinn erkannt +worden, entsteht die Komik. + +Ich meine hiermit, auch was den Witz betrifft, die Gegnerschaft +_Heymans_' zu mir beseitigt zu haben. + + + + +VII. KAPITEL. DAS NAIV-KOMISCHE. + + +DIE THEORIEN. + +Objektive und subjektive Komik haben wir bisher unterschieden. Zwischen +beiden steht das Naive als eine Gattung der Komik, die objektiv und +subjektiv zugleich und eben darum von beiden verschieden ist. + +Über das Wesen des Naiven ist viel Zutreffendes aber auch mancherlei +Unzutreffendes gesagt worden. Ich erwähne diesmal zunächst _Kräpelin_. +Nach _Kräpelin_ entsteht die Komik des Naiven aus dem Kontrast "zwischen +den natürlichen Regungen und Neigungen einerseits und der Schablone +andrerseits in welche jene durch Erziehung und sociale Reibung gepresst +werden". Das unverkümmerte Hervortreten jener natürlichen Regungen und +Neigungen erzeugt Lust, und diese Lust zusammen mit der Unlust, die aus +der Verletzung der Schablone erwächst, ergiebt die Komik. + +Wäre diese Bestimmung genügend, so müsste gar mancherlei naiv-komisch +erscheinen, was es keineswegs ist. So die wohlverdiente und von jedermann +als wohlverdient anerkannte Zurechtweisung, die ich in einer Gesellschaft +in berechtigtem Zorn, zugleich mit bewusster Verletzung der +gesellschaftlichen Form, einem der Anwesenden angedeihen liesse.--Es +fehlt eben bei jener Bestimmung wiederum das eigentlich Wesentliche. Wie +bei der objektiven und subjektiven, so thut auch bei der naiven Komik der +Kontrast nichts zur Sache, es sei denn, dass er sich als Kontrast der +Bedeutsamkeit und Nichtigkeit eines und desselben Vorstellungsinhaltes +darstellt; und wie dort, so ist auch hier das Gefühl der Komik nicht das +Resultat des Zusammentreffens von Lust und Unlust, sondern ein +eigenartiges Gefühl, das eben in diesem Bedeutungskontrast seinen Grund +hat. + +Näher als _Kräpelin_ kommt, was das Wesen des Naiven angeht, _Hecker_ dem +wahren Sachverhalt. Er unterscheidet das Pseudonaive und das Naive. Bei +jenem werden "unsere praktischen Ideen von Klugheit und die logischen +Normen beleidigt"; andrerseits ist doch "in der pseudonaiven Äusserung +oder Handlung etwas relativ Wahres, Kluges, Verständiges enthalten, +namentlich, wenn wir uns auf den Standpunkt der beim Redenden naturgemäss +vorhandenen, und daher verzeihlich scheinenden Unkenntnis stellen". Bei +dem Naiven dagegen geht das unangenehme Gefühl "aus der Verletzung irgend +einer praktischen, logischen, oder ideellen Norm" hervor oder es leitet +sich her "aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von konventionellem +gesellschaftlichem Anstand". "Immer aber ist es nötig, dass uns in der +naiven Äusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von +der wir wissen, dass sie die künstlichen Schranken, welche die Etikette +um uns gezogen, nicht kennt, und daher auch nicht zu respektieren +braucht, indem sie einer freieren und höheren Sittlichkeit folgt." + +Von diesen beiden Bestimmungen kommt die erstere der Wahrheit sehr nahe, +wenn wir das "_namentlich_" streichen. Nicht nur das "Pseudonaive", +sondern alle echte naive Komik schliesst dies in sich, dass eine +Äusserung oder Handlung wahr, klug, vernünftig, kurz irgendwie positiv +bedeutsam erscheine vom Standpunkte des naiven Subjektes aus, und dann +doch wiederum nicht so erscheine von unserem Standpunkte aus. Die +naiv-komische Handlung oder Äusserung ist also für uns klug und unklug, +oder allgemein gesagt, bedeutungsvoll und nichtig zugleich je nach dem +Standpunkte unserer Betrachtung. Und daraus kann das Gefühl der Komik +sich ergeben. Dagegen müsste es nach dem Wortlaut der _Hecker_'schen +Bestimmung auch naiv-komisch erscheinen, wenn ein Kind ein Rechenexempel +teilweise richtig rechnete, dann aber aus verzeihlicher Unkenntnis einer +Rechenregel einen Fehler beginge. + +Ebenso sind in der _Hecker_'schen Erklärung des "_Naiven_" gewisse naive +Momente richtig bezeichnet, wenn wir annehmen, dass die "Unschuld und +Reinheit", die uns in der naiven Äusserung entgegentritt, zugleich die +unlogische, unzweckmäßige, unschickliche Äusserung für den Standpunkt der +naiven Persönlichkeit _rechtfertigt_, d. h. von diesem Standpunkte aus +als eine logische, zweckmäßige, schickliche erscheinen lässt.--Aber +freilich diese Annahme bezeichnet, ebenso wie die obige Korrektur der +Bestimmung des Pseudonaiven das eigentlich Wesentliche der Sache.--Dass +ausserdem die _Hecker_'sche, wie die _Kröpelin_'sche Bestimmung nicht +alle Arten des Naiven umfasst, lasse ich hier noch ausser Betracht. + +Dagegen ist mir schon hier der Umstand von Wichtigkeit, dass keiner der +beiden die naive Komik der objektiven und subjektiven Komik als eine neue +Art entgegenstellt. Dies darf aber, wie ich schon angedeutet habe, nicht +unterlassen werden. + +Unserer Anschauung zufolge schliesst die naive Komik den Ring der +verschiedenen Möglichkeiten des Komischen. Es fragt sich, welche +Möglichkeit es noch geben könne. Da wir von vornherein wissen, dass naiv +nur menschliche Äusserungen oder Handlungen genannt zu werden pflegen, so +können wir die Frage auch gleich bestimmter stellen und sagen: Wie können +Äusserungen oder Handlungen dazu kommen, Träger einer Komik zu werden, +die nicht objektive Komik noch auch Komik des Witzes ist. Die +Beantwortung dieser Frage wollen wir hier zunächst versuchen. Dabei +müssen wir zuerst das Wesen und den Gegensatz des objektiv Komischen und +des Witzes noch in anderer Weise bezeichnen, als dies schon geschehen +ist. Das Folgende wird also zugleich die früheren Erörterungen über +objektive Komik und Witz noch einen Schritt weiter führen. + + +DIE DREI ARTEN DER KOMIK. + +Das Gefühl der Komik, so können wir das allgemeinste Ergebnis der +bisherigen Untersuchung kurz formulieren, entsteht überall, indem der +Inhalt einer Wahrnehmung, einer Vorstellung, eines Gedankens den Anspruch +auf eine gewisse Erhabenheit macht oder zu machen scheint, und doch +zugleich eben diesen Anspruch nicht machen kann, oder nicht scheint +machen zu können. Die objektiv komische Aussage oder Handlung erhebt aber +den Anspruch der Erhabenheit vermöge des objektiven Zusammenhangs, in dem +sie steht. Sie erhebt ihn, indem sie als Aussage oder Handlung eines +_Menschen_, also eines normalerweise vernünftigen und gesitteten Wesens, +oder indem sie als Erfüllung eines Versprechens, als Resultat grosser +Vorbereitungen erscheint u. s. w. Dagegen erscheint die witzige Aussage +oder Handlung bedeutungsvoll oder erhaben auf Grund eines _subjektiven_ +Zusammenhanges, in den sie eintritt. Der Zusammenhang von Wort und Sinn, +Zeichen und Bezeichnetem, der Zusammenhang, wie ihn die Ähnlichkeit von +Worten begründet, der scheinbare logische Zusammenhang von Sätzen, dies +alles sind Zusammenhänge solcher Art. Keiner dieser Zusammenhänge kommt +in der Welt der Wirklichkeit ausser uns vor, keiner betrifft die +objektive Natur der Dinge. Sie alle bestehen nur in dem denkenden +Subjekt. Ähnlichkeit von Worten ist nicht Ähnlichkeit von Dingen; wir nur +leihen den Worten, die selbst nicht Dinge ausser uns sind, ihren Sinn; in +_uns_ nur wirkt der Zwang wirklicher oder scheinbarer Logik. + +Der Art, wie, bei der objektiven und subjektiven Komik der Anspruch oder +Schein der Erhabenheit entsteht, entspricht dann auch die Art, wie in +beiden Fällen dieser Anspruch oder Schein zergeht. Die Erhabenheit, die +das objektiv Komische auf Grund des objektiven Vorstellungszusammenhanges +sich anmasst, zergeht auch wieder angesichts eines objektiven +Thatbestandes, oder unserer aus objektiver Erfahrung gewonnenen Regeln +der Beurteilung objektiver Thatbestände. Die Erhabenheit, welche das +subjektiv Komische auf Grund eines nur im denkenden Subjekt bestehenden +Zusammenhanges gewinnt, verschwindet auch wieder angesichts subjektiver +Regeln, d. h. angesichts der Regeln, welche--nicht die Dinge und ihren +Zusammenhang, sondern die Formen unseres Denkens und Urteilens betreffen, +der Regeln des Sprachgebrauchs, des Zusammenhangs zwischen Zeichen und +Bezeichnetem, des Schliessens etc. + +Natürlich ist damit nicht ausgeschlossen, dass gelegentlich das durch +subjektive Regeln zu Fall gebrachte Erhabene auch angesichts der +objektiven Wirklichkeit als nichtig erscheine. Mit dem bekannten witzigen +Schlusse: Wer einen guten Trunk thut, schläft gut; wer gut schläft, +sündigt nicht; wer nicht sündigt, kommt in den Himmel; also: wer einen +guten Trunk thut, kommt in den Himmel--mit diesem Schlusse ist es nichts, +einmal sofern er der Logik widerstreitet, zum andern, sofern es sich +schwerlich so verhalten wird wie er glauben machen will. Aber der +letztere Umstand hat mit dem Witze nichts zu thun. Das Spiel mit Worten, +durch das der Schluss zu stande kommt, würde darum, weil es blosses, +unlogisches Spiel ist, trotzdem aber einen Augenblick unser Denken zu +verführen vermag, auch dann als witzig erscheinen, wenn ein guter Trank +zufällig wirklich die Kraft hätte, die ihm der Schluss zuschreibt. +Umgekehrt müsste, wenn die inhaltliche Unrichtigkeit des Schlusses den +Witz machte, jeder formal richtige Schluss, von dem sich herausstellte, +dass er mit der Wirklichkeit in Widerspruch stehe, witzig sein. + +Am deutlichsten wird der ganze, hier behauptete Gegensatz zwischen +objektiver und subjektiver Komik in den Fällen, wo _Dasselbe_ als +Gegenstand der objektiven Komik und als Witz erscheint, je nachdem es in +einen objektiven Zusammenhang hineingestellt und an unseren Anschauungen +über objektive Wirklichkeit gemessen, oder nur nach der Bedeutung, die +ihm im denkenden Subjekt zukommt, aufgefasst und beurteilt wird. So wird +eine Verwechslung von Fremdwörtern im Munde eines gebildeten Mannes +objektiv komisch, wenn wir sie im Zusammenhang mit dieser Person +betrachten. Wir erwarten von ihr, auf Grund unserer in der objektiven +Wirklichkeit gemachten Erfahrungen, Sicherheit im Gebrauch von +Fremdwörtern und finden thatsächlich Unsicherheit. Dagegen erscheint +dieselbe Verwechslung als--freiwilliger oder unfreiwilliger--Witz, wenn +wir dem aus der Verwechslung entspringenden Unsinn einen gemeinten oder +nicht gemeinten Sinn zuschreiben und auch wiederum absprechen. Dort ist +der ganze Gegensatz, auf dem die Komik beruht, der objektive des Könnens +und Nichtkönnens, hier der lediglich subjektive von Sinn und Unsinn. + +So kann jede sinnlose, sprachwidrige, unlogische Äusserung beurteilt +werden einmal als Leistung einer Person, also als ein dem objektiven +Zusammenhang der Dinge angehöriges Faktum, das andre Mal als Träger eines +Sinnes, also mit Rücksicht auf das, was sie lediglich fürs denkende +Subjekt bedeutet. Und immer liegt jene Betrachtungsweise zu Grunde, wenn +die Äusserung objektiv komisch, diese, wenn sie als Witz erscheint. + +Damit erst hat unsere Bezeichnung der beiden Arten der Komik als +"objektiver" und "subjektiver" ihre volle Rechtfertigung gefunden. +Zugleich können wir daraus erschliessen, wie die Komik des Naiven +entstehen muss, wenn sie von beiden Arten unterschieden sein soll. Der +Gegensatz, auf dem sie beruht, darf weder ein rein objektiver noch ein +ausschließlich subjektiver--im oben ausgeführten Sinne--sein. Dies kann +er aber nur sein, wenn er _zugleich_ ein objektiver und ein subjektiver +ist. Dieser Art ist der Gegensatz der _Standpunkte_, den ich schon vorhin +bei Besprechung der _Hecker_'schen Aufstellungen als für die Komik des +Naiven wesentlich bezeichnete. + +Ich stelle jetzt in einem Beispiele alle drei Möglichkeiten der Komik +einander gegenüber. Münchhausen erzähle die bekannte Geschichte, wie er +sich selbst am Schopfe aus dem Sumpf gezogen habe. Ein Erwachsener glaube +die Geschichte. Ein Kind frage, ob die Geschichte denn wahr sei. Hier ist +die Gläubigkeit des Erwachsenen objektiv komisch. Als Erwachsener erhebt +er den Anspruch genügend urteilsfähig zu sein, um die Lüge zu +durchschauen. An die Stelle der vorausgesetzten Urteilsfähigkeit tritt +die thatsächliche Unfähigkeit. Dagegen ist die Erzählung selbst ein Witz. +Sie besitzt für uns im ersten Momente einen Schein der Wahrheit oder +Wahrscheinlichkeit. Man kann zur Not einen Menschen am Schopf aus dem +Sumpfe ziehen: da man selbst auch ein Mensch ist, warum sollte man die +Prozedur nicht auch bei sich selbst anwenden können. Dieser Fehlschluss +bezeichnet den subjektiven Gedankenzusammenhang, der den Schein der +Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit erzeugt. Endlich ist die harmlose Frage +des Kindes naiv-komisch. + +Was heisst dies? Wir erwarten von dem Kinde nicht, dass es die Lüge +durchschaue. Vielmehr finden wir bei ihm den Mangel an Einsicht völlig in +der Ordnung und unserer gewöhnlichen Erfahrung entsprechend. Dies ist +eine, aber auch nur eine Seite der Sache. Beruhte auf dem Umstand, dass +wir vom Kinde nichts anderes erwarten, für sich allein der Eindruck des +naiv Komischen, so müsste der gleiche Eindruck entstehen, wenn ein Kind +über ein leichtes Hindernis stolpert und fällt. Auch dies Stolpern und +Fallen widerspricht ja beim Kinde nicht wie beim Erwachsenen unserer +erfahrungsgemässen Erwartung. In der That entsteht in unserem Falle der +Eindruck der Komik erst, wenn wir zugleich uns auf den Standpunkt des +Kindes stellen, und von seinen Voraussetzungen aus selbst urteilen. Es +erscheint dann auch uns die Äusserung des Kindes logisch berechtigt; sie +erscheint ungleich als Zeichen echt kindlichen Sinnes sittlich wertvoll. + +Damit nun, dass wir die Äusserung als Äusserung des Kindes fassen, +stellen wir sie zunächst in einen _objektiven_ Zusammenhang, nämlich den +Zusammenhang mit dem kindlichen Wesen und Auffassungsvermögen. Es handelt +sich zunächst einfach um die objektive Herkunft der Äusserung. +Andererseits stellen wir, indem wir selbst von den Voraussetzungen des +Kindes aus urteilen, die Äusserung zugleich in einen logischen, also +_subjektiven_ Zusammenhang, nämlich den Zusammenhang mit den kindlichen +Voraussetzungen, die wir uns angeeignet haben. Die Frage lautet nicht +mehr, woher diese Äusserung stamme, sondern wie sie aus jenen +Voraussetzungen logisch sich rechtfertige. Wir geben die Antwort, indem +wir sie als logisch berechtigt anerkennen. Mit dieser logischen +Berechtigung gewinnt dann die Äusserung zugleich einen--wiederum +objektiven Wert, genauer einen Persönlichkeitswert. Die Äusserung ist als +logisch berechtigte zugleich Anzeichen kindlicher Klugheit, also eine +relativ bedeutsame intellektuelle Leistung. Sie ist nicht minder, indem +sich darin der ehrliche Sinn des Kindes verrät, der nichts davon weiss, +dass man mit ernstem Gesichte so ungeheuer lügen kann, sittlich wertvoll. + +Es wird also im vorliegenden Falle zunächst der Eindruck der +Bedeutsamkeit _erzeugt_, indem wir die Äusserung in einen sowohl +objektiven als subjektiven Zusammenhang hineinstellen. Wir gehen aus von +der objektiven Betrachtungsweise, wenden uns zur subjektiven und kehren +zur objektiven wieder zurück. Diese Betrachtungsweisen verhalten sich +aber genauer so zu einander, dass die erste Hineinstellung in den +objektiven Zusammenhang die Bedingung und nur die Bedingung ist für die +folgende Betrachtung im subjektiven und objektiven Zusammenhang. Nur +indem wir die Äusserung als Äusserung des Kindes fassen, kommen wir dazu, +sie vom Standpunkte des Kindes aus zu beurteilen, also in den logischen +Zusammenhang mit den kindlichen Prämissen, und den objektiven mit der +darin zum Ausdruck kommenden kindlichen Klugheit und ehrlichen +Harmlosigkeit zu stellen. Insoweit für den Anspruch der Bedeutsamkeit +oder Erhabenheit, den die naive Äusserung erhebt, die objektive +Betrachtungsweise wesentlich ist, stimmt das Naive mit dem objektiv +Komischen überein; soweit der Anspruch nur auf Grund der subjektiven +Betrachtungsweise zu stande kommt, trifft das Naive mit dem Witze +zusammen. Die Vereinigung beider Momente und die Art ihrer Vereinigung +unterscheidet zugleich das Naive von jenen beiden Arten der Komik +wesentlich. + +In ähnlicher Weise umfasst dann die naive Komik objektive Komik und Witz +hinsichtlich der Art, wie bei ihr die Erhabenheit zergeht. Von den +kindlichen Prämissen aus war die Äusserung logisch berechtigt. Es giebt +aber andere Prämissen, mit denen die Äusserung ebenfalls in logischen +Zusammenhang gebracht werden muss. Thun wir dies, so ist die Äusserung +nicht mehr logisch berechtigt. Indem wir diese Prämissen in Betracht +ziehen, zeigen wir uns als kluge Leute. Ohne sie urteilen ist thöricht. +Das Kind hat also mit der Äusserung oder dem Urteil, das die Äusserung in +sich schliesst, eine Thorheit begangen, keine bedeutsame, sondern eine +völlig nichtige intellektuelle Leistung vollbracht. + +Zu diesem doppelten Resultat gelangen wir, indem wir vom Standpunkt des +Kindes zu unserem Standpunkte zurückkehren. Die Rückkehr schliesst eben +dies beides in sich, die _logische_ Beurteilung der Äusserung innerhalb +des Zusammenhanges _unserer Gedanken_ und die _objektive_ Beurteilung +nach dem Massstabe, den wir an _unsere Leistungen_ zu legen gewohnt sind. +Fassen wir alles zusammen, so ist überhaupt der Gegensatz der +Standpunkte, aus dem die naive Komik entspringt, ein Gegensatz der +zugleich objektiven und subjektiven Betrachtung. Wir haben alles Recht, +die naive Komik als die zugleich objektive und subjektive zu bezeichnen. + + +MÖGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN. + +Der Anspruch der naiven Äusserung, eine bedeutsame _intellektuelle_ +Leistung zu sein, verschwand in unserem Beispiele, wenn wir sie von +unserem Standpunkt aus betrachteten. Dagegen blieb die sittliche +Erhabenheit der Äusserung beruhen. Mag das Kind thöricht geredet haben, +um den kindlichen Sinn und den kindlichen Glauben an Wahrhaftigkeit ist +es eine schöne und erhabene Sache. Damit verliert die Komik der naiven +Äusserung, aber die Naivität gewinnt. Es geht eben die Naivität, wie wir +später deutlicher sehen werden, je mehr inneren Wert sie hat, um so +weniger völlig in der naiven Komik auf. + +Es kann aber in anderen Fällen des naiv Komischen recht wohl auch der +Anspruch sittlicher Erhabenheit zergehen. Wiederum in anderen Fällen +_besteht_ gar kein solcher Anspruch. Das naiv Komische ist ja keineswegs +an die Sphäre des intellektuellen oder des Sittlichen gebunden. Um so +mehr werden wir doch ein Recht haben, Arten des naiv Komischen zu +unterscheiden, je nachdem dasselbe ganz oder vorzugsweise dieser oder +jener Sphäre angehört. + +Wenn Fallstaff in seiner berühmten Rede über die Ehre diese herunterzieht +und bei gar mancher Gelegenheit nicht eben moralisch gross handelt, so +können wir doch nicht umhin ihm in gewisser Weise recht zu geben. Er +redet und handelt von seinen Voraussetzungen aus--die die Voraussetzungen +eines nicht eben mit hohen Ideen erfüllten, doch in seiner Art gesunden +Menschenverstandes sind,--im Grunde recht logisch, viel logischer als gar +mancher, der diese Voraussetzungen mit ihm teilt. Er verrät in seinen +Reden und Handlungen zugleich einen Grad an und für sich betrachtet +wertvoller _moralischer_ Gesundheit. Trotz aller schlechten Streiche ist +er im Grunde gutmütig, durch alle Liederlichkeit leuchtet eine gewisse +Unverdorbenheit, durch alle Verlogenheit eine gewisse Ehrlichkeit. Er +trifft denn auch mit seiner Rede gewisse, vom Boden der gesunden +Menschenvernunft sich lossagende, hohle, schwärmerische oder doktrinäre +Ehrbegriffe mit Fug und Recht. Und was er sonst sagt und thut, hat mehr +moralisches Recht als manches, was im Namen hoher sittlicher Ideen +gepredigt und gethan worden ist. Aber wie jene logische, so zergeht diese +moralische Berechtigung, wenn wir von unserem landläufigen Standpunkt aus +urteilen. Fallstaffs Rede und sein Handeln ist unlogisch, weil es auch +sittlich bedeutsame Voraussetzungen giebt, die den in seiner Rede +ausgeprochenen und in seinem Handeln bethätigten Anschauungen logisch +zuwiderlaufen. Beides erscheint, nicht mit Rücksicht auf den zu Grunde +liegenden Gedankenzusammenhaug, sondern als objektive Thatsache +betrachtet, sittlich niedrig stehend im Vergleich mit wirklicher Ehre und +Sittlichkeit. + +In dem hier angeführten Beispiele ist das Zergehen der sittlichen +Erhabenheit beim Eindruck der naiven Komik wesentlich beteiligt. Dagegen +fehlt der Anspruch sittlicher Erhabenheit bei einem Falle, den ich +gelegentlich selbst erlebte. Die Katze hat aus der Küche ein Stück Braten +gestohlen. Schwere Anklage wird gegen sie erhoben. Da kommt das jüngste +Töchterchen des Hauses, das die Katze nachher hat in den Keller gehen +sehen, hinzu und meint: Ja, Mama, und dann ist die Katz' in den Keller +gegangen und hat Wein gefressen! Wiederum hat das Kind von seinem +Standpunkt aus gut geschlossen und zugleich durch die dem Schluss zu +Grunde liegende Gedankenkombination ziemliche Klugheit an den Tag gelegt. +Es hat gesehen, dass Menschen ihr Mahl durch einen Trunk würzten; warum +soll die Katze nicht dasselbe Bedürfnis haben und warum soll sich nicht +der Umstand, dass sie nachher in den Keller gegangen ist, daraus +erklären. Jener Sinn der kindlichen Aussage und dieser Anspruch der +Klugheit zergeht wiederum von unseren Voraussetzungen aus, und im +Vergleich zu dem, was wir sonst Klugheit nennen. Dagegen ist die Aussage +sittlich weder berechtigt noch unberechtigt. + +Wiederum in anderen Fällen gehört die gleichzeitig erhabene und nichtige +Leistung, die in der naiv komischen Äusserung oder Handlung liegt, weder +der rein intellektuellen noch der sittlichen oder, allgemeiner gesagt, +praktischen Sphäre an, sondern ist ästhetischer Natur. Es ist naiv +komisch, wenn ein Kind an glänzenden Gegenständen Wohlgefallen verrät, +die wir aus tiefer liegenden Gründen geschmacklos finden. Es kennt eben +diese tiefer liegenden Gründe nicht und kann sie noch nicht kennen. Sein +Schönheitsurteil ist in sich, als dies subjektive dem Zusammenhang seiner +Vorstellungen angehörige Faktum berechtigt von seinem, unberechtigt von +unserem Standpunkte. Es ist zugleich, als Ergebnis eines beschränkten, +aber an und für sich gesunden und natürlichen Gefühles eine von seinem +Standpunkte aus wertvolle, für unseren Standpunkt nichtige ästhetische +Leistung. + +Ich sprach oben von Fällen des naiv Komischen, die der sittlichen "_oder +allgemeiner gesagt praktischen_" Sphäre angehören. Mit diesem Ausdrücke +wollte ich zugleich die verschiedenartigen Fälle des naiv Komischen zu +ihrem Rechte kommen lassen, die nicht dem Gebiete der Sittlichkeit im +engeren Sinne, sondern dem der Sitte und des gesellschaftlichen Anstandes +zugehören. Gelegentlich hat man Miene gemacht, auf dies Gebiet das naiv +Komische überhaupt einzuschränken. Dieser Anschauung müssen wir +widersprechen, solange wir dabei bleiben unter dem naiv Komischen eine +besondere, durch einen besonders gearteten Vorstellungsprozess für uns zu +stande kommende Art der Komik zu verstehen. Wir haben diese besondere +Geartetheit bezeichnet, indem wir die naive Komik als die Komik des +Gegensatzes der Standpunkte charakterisierten. Einen Standpunkt nun giebt +es nur für die vernünftig sich bethätigende oder kurz die urteilende +Persönlichkeit; es giebt ihn aber für die ganze urteilende +Persönlichkeit. Wir urteilen theoretisch, praktisch und ästhetisch, d. h. +wir haben, ein Bewusstsein, dass etwas ist, sein oder geschehen soll, +dass etwas gefällt oder missfällt. Bei allen diesen Urteilen kann es +vorkommen, dass sie in sich richtig sind vom Standpunkte einer naiven +Persönlichkeit, unrichtig von unserem, dass sie zugleich eine +entsprechende intellektuelle, Charaktereigenschaft, Eigenschaft des +Geschmacks bekunden, um deren willen sie objektiv bedeutsam erscheinen +innerhalb der naiven Persönlichkeit, und nichtig im Zusammenhang dessen, +was wir sonst von Menschen erwarten. Alle jene Urteile können also +naiv-komisch erscheinen, oder die Äusserungen und Handlungen, in denen +sie zu Tage treten, naiv-komisch erscheinen lassen. Zugleich ist mit +diesen drei Gebieten der Umkreis der Gebiete des naiv Komischen +abgeschlossen. + + +KOMBINATION DER DREI ARTEN DER KOMIK. + +Die Bezeichnung des Wesens des naiv Komischen war im Bisherigen immer +zugleich ausdrückliche Entgegensetzung gegen die objektive und subjektive +Komik. Diese Entgegensetzung können wir noch nach anderer Richtung +vollziehen. Der Anspruch auf Erhabenheit, den das objektiv Komische sich +anmasst, ist eben nur ein angemasster. Die Erhabenheit verschwindet, +sobald das Objekt dem Bewusstsein sich darstellt, oder unsere objektive +Regel in ihr Recht tritt. Was sein sollte oder sein müsste, das ist +nicht. Dagegen ist der Witz für unser Bewußtsein--darauf allein kommt es +ja an--einen Augenblick ein Erhabenes, Träger eines Sinnes oder einer +Bedeutung. Bei ihm ist, was doch nicht sein sollte. Das naiv Komische nun +nähert sich dem Witz, insofern auch ihm eine Erhabenheit wirklich eignet. +Zugleich eignet sie ihm doch auch nicht. Beim naiv Komischen ist, was +ungleich nicht ist. + +Diesem Gegensatz kann ein entsprechender Gegensatz im Verhalten der +Persönlichkeit zur Seite gestellt werden. Die Persönlichkeit wird, wie +ich früher betonte, objektiv komisch; sie macht den Witz. Sie bethätigt +endlich im Naiven ihr, nur individuelles Wesen. Der Träger der objektiven +Komik, so sagte ich weiter, unterliege einer Schranke seines Wesens oder +Könnens und sei insofern leidend; dagegen vollbringe der Urheber des +Witzes eine positive Leistung und erweise sich in diesem Sinne aktiv. +Entsprechend werden wir von der naiven Persönlichkeit sagen müssen, sie +sei aktiv und passiv zugleich, indem sie etwas von ihrem Standpunkte aus +Bedeutungsvolles leiste, zugleich aber eben dieser Standpunkt nur ein +beschränkter sei. + +Indem wir nun so das naiv Komische von der objektiven Komik und vom Witze +abgrenzen, dürfen wir doch auch nicht übersehen, wie sie sich miteinander +verbinden und ineinander übergehen. Wir sahen schon, dass dieselbe +Äusserung das eine Mal als Witz, das andere Mal als Fall der objektiven +Komik erscheinen kann. Es bietet aber jeder Witz eine Seite, nach der er +unter den Gesichtspunkt der objektiven Komik gestellt werden kann. Der +Witz ist an sich unpersönlich; dies hindert doch nicht, dass die Person, +die ihn macht, mit in Betracht gezogen werde. Die Person erscheint, +vermöge der Leistung, die sie vollbringt, relativ erhaben. Zugleich +bleibt sie doch, sofern sie mit Worten oder mit der Logik spielt, hinter +dem zurück, was wir im allgemeinen vom gesetzten und ernsthaften Menschen +erwarten. Achten wir darauf, stellen wir diese eine Seite des Witzes +unter den objektiven, dem Witze selbst fremden Gesichtspunkt der +menschlichen _Leistung_, dann sind die Bedingungen für die objektive +Komik gegeben. Der Eindruck derselben mag zunächst zurücktreten. Er +braucht sich aber nur zu häufen und das Interesse am Witz zu erlahmen, +und das Gefühl der objektiven Komik tritt deutlich hervor. Er ist nichts +leichter als durch fortgesetztes Witzemachen komisch, lächerlich, ja +verächtlich zu werden. + +Ebenso bietet auch die naive Komik der objektiven eine Seite dar. Ich +citiere ein weiteres Beispiel naiver Komik nach Lazarus.[2] "Der Korporal +Trim, der Diener des Onkel Toby--in 'Tristram Shandy'--soll +scherzeshalber, weil ihm wenig Bildung zugetraut wird, examiniert werden. +Ein Doktor der Theologie fragt ihn, wie das vierte Gebot lautet; er kann +es aber nicht anders hersagen, als indem er, wie Kinder und gemeine Leute +immer, beim ersten anfängt. Er hat das schwere Stück glücklich +vollbracht, und nun fragt sein Herr: Trim, was heisst das, du sollst +Vater und Mutter ehren. Das heisst, sagt er mit einer Verbeugung, wenn +der Korporal Trim jede Woche 14 Groschen Lohn erhält, so soll er seinem +alten Vater 7 davon geben."--Die Antwort auf die Frage des Onkel Toby ist +es, die uns hier vorzugsweise angeht. Sie ist als Antwort auf die +allgemeine katechismusmässige Frage völlig inkorrekt und Zeichen eines +niedrigen Bildungsstandpunktes. Aber schon ehe wir uns dessen bewusst +werden, imponiert uns die konkret persönliche Wendung, die Trim der Sache +giebt, und die bei ihm, der nicht gewöhnt ist, Dinge abstrakt und +allgemein zu fassen, so berechtigt ist, in der sich zugleich so viel +Sicherheit des moralischen Bewusstseins verrät. In der That kommt bei +jenem Gebote alles darauf an, dass jeder wisse und davon durchdrungen +sei, was es von ihm fordere. Wir können aber nachträglich die Sache auch +noch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten. Wir erwarten von +Trim, so wie er nun einmal ist, nicht, dass er die Katechismusantwort +aufsagen könne. Aber wir können auch von seiner individuellen Eigenart +absehen und ihn als Menschen betrachten, der wie andere in die Schule +gegangen ist, und dort seinen Katechismus gründlich gelernt hat. Dann +erhebt er, wie andere, in unserem Bewusstsein den Anspruch, was er so +gründlich gelernt hat, auch zu wissen; und sein Nichtwissen lässt ihn +objektiv komisch erscheinen. + +[2] Leben der Seele. 2. Aufl. I, 308. + +Dieser Hinzutritt des Momentes objektiver Komik zum Naiven hat öfter +verführt, das Naive einfach dem objektiv Komischen zuzuordnen. Schon +_Jean Paul_ verfällt in diesen Irrtum. Ich denke aber, das obige Beispiel +zeigt deutlich die Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit der Bedingungen, +durch die beide Arten der Komik zu stande kommen. Naiv ist die Komik, +solange die beiden Standpunkte, der naive und der unsrige, einander +gegenübertreten, objektiv, sobald wir unsern Standpunkt zum +alleinherrschenden machen. Darum tritt von den beiden Arten der Komik, +der objektiven und der naiven, immer die eine zurück, indem die andere +hervortritt. Trims Äusserung ist naiv komisch, solange wir sie von beiden +Standpunkten aus beurteilen, also beide anerkennen, objektiv komisch, +wenn wir von dem Rechte des naiven Standpunktes, statt ihn anzuerkennen, +vielmehr geflissentlich absehen, und von vornherein unseren Massstab an +die Äusserung legen. Würdigung des individuell Guten in der Welt, ist die +Devise der naiven, Leugnung desselben und Alleinherrschaft der Regel oder +Schablone die Devise der objektiven Komik. Dort ist das Individuelle +etwas, wenn auch freilich nicht nach der Regel; hier ist es nichts, weil +es der Regel nicht genügt. + +Ich erwähnte schon _Jean Pauls_ Beispiel: Wenn Sancho Pansa eine Nacht +hindurch sich über einem vermeintlichen Abgrund in der Schwebe hält, so +ist--nach _Jean Paul_--"bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht +verständig, und er wäre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung +wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir +_leihen_ seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht, und erzeugen durch +einen solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit." In dieser +Erklärung bezeichnet _Jean Paul_ in seiner Weise den Grund der objektiven +Komik, als deren Gegenstand Sancho Pansa uns erscheinen kann. Sie beruht +auf dem "Leihen". Wir betrachten Sancho Pansa als mit unserer Einsicht +begabt und erwarten von ihm, dass er einsichtig handle. Aber schon ehe +wir Sancho Pansa "unsere Einsicht liehen", war sein Handeln naiv-komisch. +Es war dies genau so lange, als wir ihm _seine_ Einsicht _liessen_ und +wussten, dass er die unsrige _nicht_ habe und nicht haben könne, während +wir doch _im Gegensatz_ zu ihm die Einsicht _hatten_, und _für uns_ die +Handlung darnach beurteilten. Der Eindruck der objektiven Komik kann +entstehen, und den der naiven Komik zerstören, erst wenn wir das Recht +und die Erhabenheit der _Sancho Pansa_'schen Individualität aus dein Auge +lassen. Nur für den, der dafür kein Verständnis hat, mag _Sancho Pansa_'s +Gebaren von vornherein und ausschliesslich objektiv komisch sein. So ist +überhaupt die Empfänglichkeit für das naiv Komische bedingt durch den +Sinn für persönliche Eigenart. Es wandelt sich alles Naive in objektive +Komik für den, dem dieser Sinn abgeht. Zugleich bieten freilich die +verschiedenen Fälle der naiven Komik bald mehr bald weniger Veranlassung +zu dieser Verwandlung. Bei _Sancho Pansa_ und mehr noch bei _Falstaff_ +ist jenes, bei _Trim_ dieses der Fall. + +Endlich kann sich die naive Komik auch, ohne ihr eigenes Wesen +aufzugeben, mit dem Witze verbinden. _Hecker_ erzählt folgendes Beispiel +eines naiven Witzes: In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des +Tobias ganz mit den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten: +Hannah aber, sein Weib, arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte +ihn mit Spinnen, machte ein Mädchen mit Gesicht und Hand die Gebärde des +Abscheus und Ekels. Agnes, was hast du, ruft der Lehrer. Antwort: Ach, +Herr Lehrer, ist das denn wirklich wahr?--Lehrer: Warum zweifelst du +daran?--Kind: O, weil die Spinnen doch gar zu schlecht schmecken +müssen.--Hier beruht der (unbewusste) Witz darauf, dass wir uns durch den +Gleichklang zweier Worte verführen lassen, dem _Urteil_ des Kindes einen +Sinn und eine logische Berechtigung zuzuschreiben, die es nicht besitzt; +der Eindruck der naiven Komik darauf, dass wir dem _Kinde_ und dem +kindlichen Urteils_vermögen_ das Recht zugestehen, sich durch die +Verwechselung verführen zu lassen, und dass wir dementsprechend in dem +kindlichen Verhalten sogar einen Grad von Klugheit finden, während wir +sonst jenes Recht nicht zugeben und abgesehen von dieser +Betrachtungsweise das Verhalten thöricht finden müssen. Auch hier gilt, +was ich oben betonte, dass der Witz als solcher gänzlich unpersönlich +ist. Er hat nichts zu thun mit der Individualität dessen, der ihn macht. +Dagegen ist für die naive Komik die Individualität alles. Darum bliebe +der Witz auch, wenn ein Erwachsener bei Anhörung der Erzählung an der +betreffenden Stelle die Bemerkung einwürfe: das muss aber schlecht +schmecken. Es bliebe andererseits die naive Komik bestehen, wenn der Witz +ganz wegfiele, und nur eine _beliebige_ thörichte aber kindlich +berechtigte Verwechselung stattfände. + +In anderen Fällen erscheint das nämliche Vorhalten witzig und naiv +komisch je nach der Art der Deutung. Es widerspricht unseren gewöhnlichen +Anschauungen von Klugheit und Würde, wenn _Sokrates_ bei Aufführung der +Wolken sich dem Gelächter der Zuschauer geflissentlich preisgiebt. Aber +was bedeutet einem _Sokrates_ das Lachen der unverständigen Menge. Seine +Erhabenheit über dergleichen rechtfertigt sein Verhalten. Es verrät sich +darin zugleich eben diese Erhabenheit. Für diese Betrachtungsweise fällt +_Sokrates_ unter den Begriff des naiv Komischen. Angenommen aber +_Sokrates_ wollte durch sein Verhalten zu _verstehen_ geben, wie wenig +ihm die Meinung der Menge bedeute, und er wollte dies nicht bloss, +sondern es gelang ihm auch durch die besondere Weise seines Verhaltens in +überzeugender Weise diesen Gedanken hervorzurufen. Dann war sein +Verhalten witzig--für diejenigen nämlich, die ihn wirklich verstanden und +zugleich den Widerspruch empfanden zwischen dieser Art, seine Meinung zu +sagen, und gemeiner Logik. + + +"VERBLÜFFUNG" UND "ERLEUCHTUNG" BEIM NAIV-KOMISCHEN. + +Zum Schlusse dieses Kapitels sei noch eine Bemerkung gestattet, die auf +eine öfters erwähnte Bestimmung des Komischen überhaupt zurückgreift. Bei +der Betrachtung sowohl der objektiven als der subjektiven Komik haben wir +uns mit den Begriffen der Verblüffung und Erleuchtung auseinandergesetzt. +Auch die naive Komik kann unter diese Begriffe gestellt werden. Auch hier +aber ist erforderlich, dass wir die beiden Stadien der Verblüffung oder +der Erleuchtung unterscheiden. Die Naivität verblüfft als etwas in dem +Zusammenhang, in dem sie auftritt, Unverständliches. Sie "verblüfft" +dann, als in einem bestimmten Zusammenhange, nämlich im Zusammenhange der +naiven Persönlichkeit, Sinnvolles oder Bedeutsames, sie verblüfft vermöge +dieses unseres Verständnisses. Darin liegt eine Lösung jener ersten +Verblüffung. Endlich "verstehen" wir auch dieses unser Verständnis +wieder; d. h. wir sehen, dass das von unserem Standpunkte aus Sinnlose +nur durch Betrachtung vom Standpunkte der naiven Persönlichkeit aus +sinnvoll erschien, abgesehen davon aber für uns sinnlos bleibt. Die +Naivität war unverständlich; dann wurde sie bedeutsam-verständlich; +endlich wird sie als an sich nichtig verstanden. + +Ich sagte oben, die naive Komik sei objektiv und subjektiv zugleich. +Sofern sie objektive Komik ist, steht sie doch zugleich zur reinen +objektiven Komik in einem bemerkenswerten Gegensatz. Der Anspruch des +objektiv Komischen zergeht. Auch der Anspruch des naiv Komischen zergeht, +wenn wir es von unserem objektiven oder vermeintlich objektiven +Standpunkt aus betrachten. Aber die naive Persönlichkeit, als deren +Äusserung das naiv Komische berechtigt, sinnvoll, klug, sittlich +erscheint, ist doch auch eine wirkliche Persönlichkeit. Blicken wir, +nachdem wir uns auf unseren Standpunkt gestellt haben, zurück, so finden +wir diese Persönlichkeit wieder. Damit taucht diese Berechtigung, dieser +Sinn, diese Klugheit, dies Sittliche wieder vor uns auf und besitzt +wiederum für uns seine relative Erhabenheit. Und vielleicht geschieht es +jetzt, dass unser objektiver Standpunkt im Vergleich mit dem naiven +Standpunkte nicht allzu hoch erscheint. Der naive Standpunkt kann sogar +als der höhere erscheinen. Dann wird der Eindruck seiner relativen +Erhabenheit zum herrschenden. Vermöge dieser Besonderheit der naiven +Komik steht die naive Komik auf dem Übergang zwischen dem Komischen und +dem Humor, dessen Wesen Erhabenheit ist nämlich Erhabenheit in der Komik +und durch dieselbe. + + * * * * * + +III. ABSCHNITT. PSYCHOLOGIE DER KOMIK. + + +VIII. KAPITEL. DAS GEFÜHL DER KOMIK UND SEINE VORAUSSETZUNGEN. + + +KOMIK ALS "WECHSELNDES" ODER "GEMISCHTES" GEFÜHL. + +Wir haben gesehen, dass das Gefühl der Komik nicht an ein bestimmtes +quantitatives Verhältnis von Lust und Unlust gebunden ist. Dagegen +leugneten wir nicht, dass Lust und Unlust in die Komik eingehen. Es fragt +sich jetzt, wie sie in dieselbe eingehen, oder was dies "Eingehen" +besagen wolle. + +Ist die Komik, wie man behauptet hat, ein Wechsel von Lust und Unlust? +Diese Frage haben wir verneint. Und wir müssen bei dieser Verneinung +bleiben. Wechsel von Lust und Unlust ist--Wechsel von Lust und Unlust, +und weiter nichts. Das Gefühl der Komik aber ist ein eigenartiges Gefühl. +Es ist nicht jetzt reine Lust, jetzt reine Unlust, sondern immer dies +Besondere, das wir eben um seiner Besonderheit willen mit dem besonderen +Namen "Gefühl der Komik" bezeichnen. Dasselbe mag bald mehr +Lustcharakter, bald mehr Unlustcharakter annehmen, oder bald mehr ein +belustigendes bald mehr ein unlustgefärbtes sein. Dann besteht doch, +solange das Gefühl der Komik wirklich Gefühl der Komik ist, jedesmal das +Gemeinsame, das bald mehr diese, bald mehr jene Färbung _annimmt_. Und +dies Gemeinsame ist dann das Specifische der Komik im Unterschiede von +Lust und Unlust. + +Man könnte dies bestreiten und folgende Meinung verfechten: Es sei +zuzugeben, dass sich uns das Gefühl der Komik wie ein besonderes Gefühl +darstelle. Darum könne es doch ein Wechsel von Lust und Unlust sein. Es +müsse nur dieser Wechsel als ein sehr rascher gedacht werden. Diese +Raschheit verhindere, dass wir uns in getrennten Momenten jetzt eines +Gefühles reiner Lust, jetzt eines Gefühles reiner Unlust bewusst seien. +Wir gewinnen von den rasch wechselnden Gefühlen wegen dieser Raschheit +nur ein zusammenfassendes Bewusstsein, ein Gesamtbild, einen +Totaleindruck, ohne die Möglichkeit der Unterscheidung der Elemente. Und +dies Gesamtbild, diesen Totaleindruck nennen wir Gefühl der Komik. + +Es ist aber leicht einzusehen, welche Verwechselung in solcher Anschauung +läge. Gewiss können wir von den schnell sich folgenden Ereignissen des +Tages am Abend ein Totalbild, oder einen Totaleindruck haben, in welchem +die einzelnen Ereignisse nicht als diese bestimmten thatsächlich erlebten +und in der bestimmten Weise sich folgenden Ereignisse nebeneinander +enthalten sind. + +Aber hierbei besteht ein Gegensatz zwischen wirklichen Erlebnissen und +unserem Bewusstsein von denselben. Wo ein solcher Gegensatz vorliegt, +aber auch nur wo dies der Fall ist, hat es einen Sinn zu sagen, wir +könnten von etwas, das an sich verschieden ist und in der Zeit wechselt, +ein Gesamtbild haben, in welchem diese Verschiedenheit aufgehoben, dieser +Wechsel ausgelöscht erscheine. + +Von einem solchen Gegensatz ist ja aber in unserem Falle keine Rede. +Gefühle, die ich jetzt habe, sind von dem Bewusstsein, das ich von diesen +Gefühlen habe, nicht verschieden. Lust und Unlust "fühlen" heisst eben +von Lust und Unlust ein Bewusstsein haben. Lust und Unlust, von denen ich +kein Bewusstsein habe, sind leere Worte. Ist aber das Bewusstsein von +einem gegenwärtigen Gefühl nichts als dies Gefühl selbst, so ist auch die +Beschaffenheit, in der sich Gefühle, die ich jetzt habe, meinem +Bewusstsein darstellen, oder in der sie mir "erscheinen", nichts anderes +als die thatsächliche Beschaffenheit der Gefühle. Erscheinen mir demnach +gegenwärtige Gefühle nicht als wechselnde oder zeitlich sich folgende +Lust- und Unlustgefühle, sondern als ein dieser Unterschiede bares +Einheitliches, so sind sie eben damit dies unterschiedslose Einheitliche. + +Ebenso wurde früher schon gelegentlich zurückgewiesen ein zweiter +Gedanke, nämlich derjenige, der in dem Ausdruck "gemischtes Gefühl" +enthalten zu sein scheint. Gemischte Gefühle können, wenn man es mit +diesem Ausdruck genau nimmt, nur solche sein, in denen Verschiedenes +_nebeneinander_ gefühlt wird. Ich habe ein aus Lust und Unlust gemischtes +Gefühl, dies kann nur heissen, ich fühle mich lustgestimmt, und ich fühle +mich daneben zugleich unlustgestimmt. Dies wäre mir möglich, wenn ich +mich doppelt, das heisst verdoppelt fühlen könnte, wenn das Ich des +unmittelbaren Selbstgefühls in zwei auseinandergehen könnte. Dem aber +widerspricht die thatsächliche Einheit meines Selbstgefühles. Ich fühle +mich nicht als zwei, kann also auch keine zwei nebeneinander bestehenden +Gefühle haben. Gefühl ist, wie ehemals gesagt, Selbstgefühl. + +Aber auch in der Weise, dass Lust und Unlust zwei verschiedene Seiten +eines und desselben Gefühles wären, die Lust also eine nähere Bestimmung +oder eine Färbung der Unlust, die Unlust eine nähere Bestimmung oder eine +Färbung der Lust, können nicht diese beiden Gefühle miteinander verbunden +oder "gemischt" sein. Dieser Vorstellungsweise widerspräche der Charakter +dieser Gefühle. Ein Klang von bestimmter Höhe kann unbeschadet +dieser Höhe Trompetenklangfarbe haben. Es kann aber nicht die +Trompetenklangfarbe Flötenklangfarbe haben. Diese beiden Klangfarben +können an einem und demselben Klang nur sich aufheben oder in eine dritte +von beiden verschiedene Klangfarbe sich verwandeln. So kann auch ein +Gefühl, das im übrigen etwa als Gefühl des Strebens charakterisiert ist, +unbeschadet dieses Strebungscharakters lustgefärbt sein, aber es kann +nicht die Lustfärbung unlustgefärbt sein. Die unlustgefärbte Lust ist +entweder eine mindere Lust, oder sie ist ein Drittes neben Lust und +Unlust, in keinem Falle Lust und Unlust zugleich. + +Dagegen könnte man einwenden: Wir vermögen doch, wenn wir einem Gefühl +der Komik unterliegen, einerseits das Lustmoment, andererseits das +Unlustmoment "herauszufühlen". So tritt etwa aus der Komik, die das +Miauen der Katze während der feierlichen Predigt in uns weckt, das +Lustmoment heraus, wenn wir darauf achten, wie die Katze in die Predigt +einzustimmen scheint, das Unlustmoment, wenn wir die Störung des +Gottesdienstes bedenken. Können wir aber aus dem Gefühl der Komik die +Lust und die Unlust herausfühlen, so müssen doch beide in diesem Gefühl +nebeneinander enthalten sein. + +Solche Trugschlüsse ergeben sich leicht aus unklaren Begriffen. Im +vorliegenden Falle liegt die Unklarheit in dem "Herausfühlen". Dies +Herausfühlen ist analog dem "Heraushören" der Teiltöne eines Klanges aus +dem Ganzen eines Klanges. Dies letztere ist in Wahrheit ein Auflösen des +Klanges, das heisst eine Verwandlung der einfachen Klangempfindung in +eine Mehrheit von Tonempfindungen. + +So ist auch das Herausfühlen der Lust und Unlust aus der Komik ein +Verwandeln eines einfachen Gefühles in verschiedene Gefühle. Indem ich +auf die eine Seite jenes komischen Vorganges achte, fühle ich stärkere +Lust, das heisst das Gefühl der Komik wird, nachdem es vorher ein +mittleres war, jetzt ein anderes, nämlich ein wesentlich lustgefärbtes. +Indem ich dann auf die andere Seite des Vorganges achte, verändert sich +das Gefühl nach der anderen Seite hin: Es wird ein zu höherem Grade +unlustgefärbtes. Diese Veränderung des Gefühls muss sich vollziehen, weil +ich die Bedingungen desselben geändert habe. Das Achten jetzt auf die +eine, dann auf die andere Seite des Gesamtvorganges ist ja eine solche +Änderung der Bedingungen des Gefühls. + +Aus entgegengesetzten Elementen "gemischte" Gefühle sind in Wahrheit +einfache Gefühle. Nur die Bedingungen derselben sind nicht einfach. Und +daraus ergiebt sich die Möglichkeit, dass die "gemischten" Gefühle in +entgegengesetzte sich verwandeln. Man sollte den Begriff der gemischten +Gefühle aus der Psychologie endgültig streichen. + + +DIE GRUNDFARBE DES GEFÜHLS DER KOMIK. + +Nach allem dem müssen wir bei der Erklärung bleiben, die ich schon abgab: +Das Gefühl der Komik ist nicht irgendwie aus anderen Gefühlen +zusammengesetzt, sondern es ist, ein eigenartig neues Gefühl. Es ist das +eigenartig neue Gefühl, das man niemand beschreiben kann, der es nicht +kennt, und das man dem nicht zu beschreiben braucht, der es kennt. Oder +vielmehr "_das_" Gefühl der Komik ist ein zusammenfassender Name für +viele eigenartige Gefühle, die aber ein Gemeinsames haben, um dessen +willen wir sie als Gefühle der Komik bezeichnen. + +So ist schliesslich jedes Gefühl ein eigenartiges, und die Menge der in +uns möglichen Gefühle, nicht nur der Intensität, sondern auch der +_Qualität_ nach unendlich gross. Kein Gefühl oder keine Weise, wie wir +uns in einem Moment fühlen, wird jemals in unserem Leben völlig +gleichartig wiederkehren. + +Aber diese Gefühle bilden ein Kontinuum, und in diesem Kontinuum sind +Grundgefühle unterscheidbar, wie im Kontinuum der Farben Grundfarben: +Rot, Blau, Weiss etc. Eine dieser Grundfarben des Gefühls ist die Lust, +eine andere die Unlust, eine andere die Komik. + +Man kann nun fragen, wie die Grundfarbe der Gefühle, die wir Gefühle der +Komik nennen, noch anders sich bezeichnen lasse. Dann erinnere ich daran, +dass ich schon einmal meinte, mindestens drei Dimensionen unserer Gefühle +seien unterscheidbar. Gefühle seien einmal Gefühle der Lust und Unlust, +zum anderen Gefühle des Ernstes und der Heiterkeit, endlich Gefühle des +Strebens. Dabei ist, wie sich von selbst versteht, unter Heiterkeit +ebenso wie unter Ernst etwas von Lust Verschiedenes verstanden; nicht, +wie wohl üblich, heitere Lust oder lustige Heiterkeit, sondern die +Färbung der Lust, durch welche diese zur heiteren, also zum Gegenteil der +ernsten Lust wird. Fassen wir die Heiterkeit in diesem gegen Lust und +Unlust neutralen Sinne, dann dürfen wir solche Heiterkeit als das +gemeinsame Moment aller Gefühle der Komik bezeichnen. Es giebt dann, wie +eine heitere Lust, so auch eine heitere Unlust, ja einen heiteren +Schmerz. Es giebt dergleichen, so gewiss es komisch unlustvolle +Erlebnisse und komisch anmutende Schmerzen giebt. + +Damit setzen wir uns freilich mit dem Sprachgebrauch in Gegensatz. Wer +diesen Gegensatz nicht mitmachen will, muss entweder dabei bleiben zu +sagen, die Grundfärbung des Komischen sei--die Komik, oder er muss sich +mit Namen helfen, die ursprünglich nicht Gefühle, sondern mögliche +Objekte von solchen bezeichnen. Das Gefühl des Ernstes ist ein Gefühl der +Grösse oder des Grossen; es ist ein Gefühl des Starken, des +Schwerwiegenden, oder Gewichtigen, des Breiten, des Tiefen. Das Gefühl +der Heiterkeit in dem soeben vorausgesetzten neutralen Sinne ist ein +Gefühl der Kleinheit oder des Kleinen; es ist ein Gefühl des an der +Oberfläche Bleibenden, des Leichten, des Spielenden. + +Welchen dieser Namen aber wir wählen mögen, immer sind damit +Gefühlsfärbungen bezeichnet, deren sowohl Lust als Unlust fähig sind. +Oder was dasselbe sagt, immer sind damit Gefühle bezeichnet, die sowohl +mit Lust- als mit Unlustfärbung auftreten können. Auch dies ist denkbar, +dass sich in ihnen, sei es auch nur für einen unmessbaren Moment, Lust +und Unlust zur Indifferenz aufheben. Dann hätten wir das reine Gefühl der +"Grösse", andererseits das reine Gefühl der Komik. + + +"PSYCHISCHE KRAFT" UND IHRE BEGRENZTHEIT. + +Und wie nun entsteht dies eigenartige Gefühl, oder besser diese +eigenartige Gefühlsmodalität? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir +etwas weiter ausholen. + +Zu den uns geläufigsten Thatsachen des seelischen Lebens gehört die +Thatsache der sogenannten Enge des Bewusstseins. Wenn ich in irgend +welche Gedanken vertieft in meinem Zimmer sitze, so überhöre ich den Lärm +der Strasse; und umgekehrt, verfolge ich die Töne und Geräusche, aus +denen dieser besteht, so ist es mir unmöglich, zugleich einem, jenem +Wahrnehmungsinhalt fremden Gedankengange mich hinzugeben. Wir drücken +solche Thatsachen wohl so aus, dass wir sagen, der Gedanke, in den wir +uns vertiefen, oder die Wahrnehmung, die wir machen, erfülle uns +dergestalt, dass für anderes kein Platz mehr in unserem Bewusstsein sei. +Dies ist natürlich bildlich gesprochen. Aber was das Bild meint, trifft +zu. Unsere Fähigkeit, Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken zu +vollziehen, ist jederzeit in gewisse Grenzen eingeschlossen. Jede +Empfindung, jede Vorstellung, jeder Gedanke absorbiert einen Teil dieser +Fähigkeit. Je mehr er davon absorbiert, um so weniger Fähigkeit, andere +Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken gleichzeitig zu vollziehen, bleibt +übrig. + +Genau genommen ist aber der soeben gebrauchte Ausdruck "Enge des +Bewusstseins" nicht der zutreffende Terminus für diese Thatsachen. Nicht +nur die Empfindungen und Vorstellungen, die zum Bewusstsein kommen, +sondern auch diejenigen, denen dies nicht gelingt, absorbieren ihren Teil +der Fähigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu vollziehen. + +Auch darin liegt noch eine Unklarheit. Was heisst dies: Empfindungen und +Vorstellungen gelangen zum Bewusstsein, andere nicht? Unmöglich kann +damit gemeint sein, dass ein und derselbe psychische Inhalt oder Vorgang +bald unbewusst, bald mit der Eigenschaft der Bewusstheit bekleidet in uns +vorkommen könnte. Sondern unter den bewussten und den unbewussten +Empfindungen und Vorstellungen muss Verschiedenes verstanden sein. + +In der That sind die Worte Empfindung und Vorstellung doppelsinnig. Wir +bezeichnen mit ihnen bald das Empfundene, bezw. Vorgestellte, ich meine +die _Bewusstseinsinhalte_, oder das, was je nachdem die besonderen Namen +Empfindungs- oder Vorstellunginhalte trägt, bald die _Vorgänge des +Empfindens oder Vorstellens_, d. h. die Vorgänge, durch welche es +geschieht, dass ein Empfindungs-, bezw. Vorstellungsinhalt da ist, oder +die dem Dasein dieser Inhalte zu Grunde liegen. Jene Bewusstseinsinhalte +sind selbstverständlich im Bewusstsein. Diese Vorgänge dagegen sind es +niemals. Ihre Existenz ist nur erschlossen. + +Hieraus ergiebt sich, was jene Ausdrücke sagen wollen. Sprechen wir von +bewussten Empfindungen, so sagt dies, dass ein Empfindungsvorgang, d. h. +ein psychischer Vorgang von der Art, wie er immer vorausgesetzt ist, wenn +Empfindungsinhalte für uns da sein sollen, nicht nur besteht und auf das +Dasein eines Empfindungsinhaltes abzielt, sondern dass er auch dies Ziel +erreicht oder erreicht hat. Dagegen nennen wir eine Empfindung eine +unbewusste, wenn dies nicht der Fall ist, wenn also nur das Unbewusste an +der Empfindung, d. h. nur der Empfindungs_vorgang_ gegeben ist, sein +natürliches Ziel, das Dasein des zugehörigen Empfindungsinhaltes aber von +ihm nicht erreicht wird. Das Gleiche gilt mit Rücksicht auf die bewussten +und unbewussten _Vorstellungen_. + +Natürlich müssen für die Annahme der an sich unbewussten Vorgänge, von +denen ich sage, dass sie dem Dasein der Empfindungs- und +Vorstellungsinhalte jederzeit zu Grunde liegen, zwingende Gründe +aufgezeigt werden können. Es muss andererseits dargethan werden können, +dass und wiefern ein Recht besteht, diese Vorgänge als psychische +Vorgänge zu bezeichnen. Hierfür nun verweise ich der Hauptsache nach auf +meine "Grundthatsachen des Seelenlebens" (Bonn 1883) und den auf dem +dritten internationalen Kongress für Psychologie gehaltenen Vortrag "Der +Begriff des Unbewussten in der Psychologie". + +Doch brauche ich mich hier mit diesem Hinweis nicht zu begnügen. Ich +werde vielmehr im folgenden eine Thatsache zu bezeichnen haben, deren +Anerkenntnis die Anerkenntnis jener psychischen Vorgänge und ihrer +psychologischen Bedeutung ohne weiteres in sich schliesst. + +Ich kehre zu der "Fähigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu +vollziehen" zurück. Diese Fähigkeit ist zunächst nichts als die +Möglichkeit, dass in uns Vorgänge, die auf das Dasein von Empfindungs- +und Vorstellungsinhalten abzielen, zu stande kommen. Sie ist erst in +zweiter Linie die Möglichkeit, dass auf Grund dieser Vorgänge +Empfindungs- und Vorstellungs_inhalte_ oder kurz Bewusstseinsinhalte da +sind. Es ist also auch, wenn wir die Fähigkeit, Empfindungen und +Vorstellungen zu vollziehen, als begrenzt bezeichnen, damit zunächst die +Begrenztheit jener Möglichkeit des Zustandekommens von _Vorgängen_, die +auf das Dasein von Empfindungen oder Vorstellungsinhalten _abzielen_, +gemeint. Daraus ergiebt sich erst sekundär die Begrenztheit der +Fähigkeit, Empfindungs- und Vorstellungsinhalte zu haben. Diese ist die +"Enge des Bewusstseins". Die Enge des Bewusstseins hat also die +Begrenztheit der Möglichkeit, dass in einem Momente nebeneinander +verschiedene, an sich unbewusste Vorgänge des Empfindens oder Vorstellens +sich vollziehen, zur Voraussetzung. + +Diese letztere Begrenztheit pflege ich nun kurz als "Begrenztheit der +psychischen Kraft" zu bezeichnen. Die Enge des Bewusstseins besteht dann +auf der Basis der Begrenztheit der psychischen Kraft. + + +GENAUERES ÜBER DIE "PSYCHISCHE KRAFT". + +Den Begriff der psychischen Kraft und ihrer Begrenztheit müssen wir aber +noch genauer bestimmen. Damit wird auch das Verhältnis dieser +Begrenztheit der psychischen Kraft zur Enge des Bewusstseins deutlicher +werden. + +Folgendes ist hier zunächst zu bedenken: Psychische Vorgänge können von +ihrem Ziel, das im Zustandekommen der Bewusstseinsinhalte besteht, weiter +oder weniger weit entfernt bleiben. Bezeichnen wir den Moment im Verlauf +psychischer Vorgänge, wo es ihnen gelingt das Dasein eines +Bewusstseinsinhaltes zu bewirken, als "Schwelle des Bewusstseins", so +dürfen wir statt dessen auch sagen: Ein psychischer Vorgang kann von der +Schwelle des Bewusstseins mehr oder weniger weit entfernt bleiben. Und +stellen wir uns diese Entfernung vor wie eine räumliche, und die +Bewusstseinsschwelle wie einen räumlichen Höhepunkt des Vorganges, so +können wir auch sagen: Psychische Vorgänge gewinnen eine grössere oder +geringere psychische Höhe. Oder wenn wir endlich psychische Vorgänge mit +Wellen vergleichen: Sie gewinnen eine grössere oder geringere +Wellenhölle. + +Dies Bild bedarf aber der Ergänzung. Ein psychischer Vorgang hat "die +Bewusstseinsschwelle überschritten", wenn der zugehörige +Bewußtseinsinhalt da ist. Dieser Bewusstseinsinhalt bleibt aber nicht +endlos da, sondern verschwindet wieder. Er verschwindet, wenn der +psychische Vorgang, der die Bewusstseinsschwelle überschritten hatte, +wiederum "unter die Bewusstseinsschwelle herabsinkt". Dies "Herabsinken +unter die Bewusstseinsschwelle" besagt nichts anderes als dies, dass der +Vorgang nicht mehr auf dem Punkte steht oder in dem Stadium sich +befindet, wo er der genügende Grund für das Dasein des begleitenden +Bewusstseinsinhaltes ist. + +Ehe nun der Vorgang unter die Schwelle des Bewusstseins herabsank, konnte +er mehr oder weniger weit von diesem Punkte entfernt sein. Er kann +überhaupt mehr oder weniger weit über diesen Punkt, also über die +Schwelle des Bewusstseins sich _erhoben_ haben. Es giebt mit anderen +Worten verschiedene mögliche Höhen der psychischen Wellen nicht nur +unter, sondern auch _über_ der Bewusstseinsschwelle. + +Zu je grösserer Höhe nun eine _physische_ Welle sich erhebt, ein um so +grösseres Mass _physischer_ Bewegung, oder ein um so grösseres Quantum +_mechanischen_ Geschehens schliesst sie in sich. Analoges gilt auch von +der psychischen Welle, d. h. von jedem psychischen Vorgang. Auch ein +_psychischer_ Vorgang schliesst je nach seiner Wellenhöhe ein größeres +oder geringeres Mass der _psychischen_ Bewegung oder ein grösseres oder +geringeres Quantum des psychischen Geschehens in sich. Damit wird +jedesmal ein entsprechendes Quantum der Fähigkeit oder Möglichkeit, dass +überhaupt psychisch etwas geschehe oder psychische Vorgänge sich +vollziehen, verwirklicht oder in Anspruch genommen. + +Dies können wir noch anders ausdrücken: Die materielle Welle, sagte ich, +schliesse je nach ihrer Höhe ein grösseres oder geringeres Quantum +mechanischer Bewegung in sich. Was ich hier Quantum der mechanischen +Bewegung nenne, ist dasselbe, was man auch als Quantum "lebendiger Kraft" +bezeichnet. So kann ich auch von der höheren psychischen Welle oder dem +psychischen Vorgang, der der Schwelle des Bewusstseins näher ist, bezw. +sich in höherem Grade über dieselbe erhebt, sagen, er schliesse in sich +ein grösseres Quantum lebendiger psychischer Kraft, oder es werde in ihm +ein grösseres Quantum der vorhandenen psychischen Kraft lebendig oder +aktuell. Man erinnert sich, dass ich diesen Ausdruck schon einmal +gelegentlich gebraucht habe. + +Damit hat die Thatsache der Begrenztheit der psychischen Kraft die +gesuchte nähere Bestimmung gewonnen. Die begrenzte psychische Kraft, das +ist die Kraft, die in den einzelnen psychischen Vorgängen, je nach ihrer +psychischen Wellenhöhe, aktuell wird. Die Begrenztheit der psychischen +Kraft ist die Begrenztheit der Möglichkeit, dass--nicht überhaupt +Vorgänge des Empfindens oder Vorstellungen in uns sich vollziehen, +sondern dass solche Vorgänge sich vollziehen und eine bestimmte +psychische _Wellenhöhe_ erreichen oder ein bestimmtes Mass lebendiger +psychischer _Kraft_ gewinnen. Oder, wenn wir die Wellenhöhe der einzelnen +psychischen Vorgänge addiert denken und das Ergebnis als Gesamtwellenhöhe +bezeichnen: Die Begrenztheit der psychischen Kraft ist die Thatsache, +dass die mögliche Gesamtwellenhöhe der psychischen Vorgänge in jedem +Momente in bestimmte Grenzen eingeschlossen ist. + + +"AUFMERKSAMKEIT". "PSYCHISCHE ENERGIE". + +Mit allem dem habe ich nun schliesslich doch nur, was jedermann geläufig +ist, in etwas bestimmtere Begriffe gefasst, als dies sonst wohl zu +geschehen pflegt. Jedermann vertraut sind Wendungen wie die, dass +Empfindungen oder Vorstellungen bald mehr bald minder beachtet, bemerkt, +in den Blickpunkt des Bewusstseins gerückt, appercipiert seien etc. Der +üblichste der Begriffe, die hier Verwendung finden, ist der Begriff der +_Aufmerksamkeit_: Empfindungen und Vorstellungen können bald mehr bald +minder Gegenstand der Aufmerksamkeit sein. + +Was will man mit allen diesen Ausdrücken? Vielleicht allerlei. In jedem +Falle dies Eine: Was in höherem Grade beachtet oder Gegenstand der +Aufmerksamkeit ist etc., spielt im Zusammenhange des psychischen Lebens +eine grössere Rolle, hat auf den Verlauf desselben in jeder Hinsicht mehr +Einfluss, übt stärkere psychische Wirkungen. Statt dessen kann ich auch +sagen: Das in höherem Grade Beachtete oder meiner Aufmerksamkeit +Teilhafte repräsentiert ein grösseres Quantum lebendiger psychischer +Kraft. Denn lebendige Kraft ist überall nur ein anderer Ausdruck für die +von einem Vorgang ausgehende Wirkung; ihr Mass ist die Grösse dieser +Wirkung. + +Und auch dies weiss jedermann, dass das Quantum der "Aufmerksamkeit", die +ich jetzt oder in irgend einem anderen Momente zur Verfügung habe, oder +meinen Empfindungen oder Vorstellungen zur Verfügung stellen kann, ein +begrenztes ist. Es ist also auch das Quantum der "psychischen Kraft", die +in meinen Empfindungen oder Vorstellungen "lebendig" werden kann, ein +begrenztes. In dem Masse als die "Aufmerksamkeit" oder die psychische +Kraft von irgend welchen Empfindungen und Vorstellungen "in Anspruch +genommen" ist, kann sie nicht von anderen in Anspruch genommen werden. + +Und nun endlich die Frage: Wenn Empfindungen oder Vorstellungen bald +grössere bald geringere Kraft haben, was eigentlich hat diese grössere +oder geringere Kraft? Oder mit Verwendung eines jener anderen Ausdrücke: +Wenn eine Empfindung mehr, die andere weniger "beachtet" ist, wenn also +zwei Empfindungen als mehr oder minder beachtete sich von einander +_unterscheiden_, was eigentlich ist dann in solcher Weise unterschieden? +Wer ist der Träger jener Prädikate? + +Sind es die Empfindungs_inhalte_, allgemeiner gesagt die +_Bewusstseinsinhalte_? Dies kann niemand meinen. + +Oder meint man es doch? Ist dann das "Beachtetsein" eine Farbe oder ein +Ton, bezw. die Eigenschaft eines Tones, eine räumliche Grösse oder +dergl.? Ist etwa die grössere Kraft, die eine Tonempfindung jetzt im +Zusammenhang meines Empfindens und Vorstellens ausübt, eine grössere +Kraft, d. h. eine grössere Lautheit des jetzt von mir empfundenen +_Tones_? + +Dies meint man nicht. Man weiss, ein sehr leiser oder schwacher Ton kann +im höchsten Masse beachtet sein, also im Zusammenhang des psychischen +Lebens die grösste Kraft haben, ohne dass er doch aufhörte eben dieser +schwache Ton zu sein. So kann überhaupt eine und dieselbe Empfindung, d. +h. ein und derselbe Inhalt meines Bewusstseins mehr und minder beachtet +sein, oder mehr und minder Kraft in mir entfalten. + +Damit ist dann zugleich unweigerlich die einzig mögliche Antwort auf jene +Frage gegeben. Kann ein und derselbe Bewusstseinsinhalt jetzt eine +grössere Kraft haben, als er sie sonst hat, dann ist diese grössere Kraft +nicht eine Eigenschaft der Bewusstseinsinhaltes. Eines und dasselbe kann +nicht jetzt grössere, jetzt geringere Kraft haben. Also ist der Träger +der grösseren Kraft etwas, das jenseits des Bewusstseinsinhaltes liegt. + +Man wird vielleicht sagen: In Wahrheit "trete" nur der gleiche +Bewusstseinsinhalt jetzt mit grösserer Kraft "auf". Vortrefflich. Nur ist +dann doch "notwendig" dies "Auftreten" etwas Wirkliches und von dem +Bewusstseinsinhalte Verschiedenes. Nur Wirkliches kann wirklich Kraft +entfalten. Das "Auftreten" des Bewusstseinsinhaltes muss also ein +wirklicher, obzwar dem Bewusstsein sich entziehender Vorgang sein. Und +dies "Auftreten" kann kein anderer Vorgang sein als derjenige, dem der +Bewusstseinsinhalt sein Dasein verdankt, der Vorgang also, den wir als +Vorgang des Empfindens, oder allgemeiner, als an sich unbewussten +psychischen Vorgang bezeichnen. Dabei betone ich das "an sich unbewusst". +Unmöglich kann ja jemand meinen, dass dies "Auftreten" eines +Empfindungsinhaltes, diese Weise, wie es "gemacht wird", dass +Empfindungsinhalte da sind, in seinem Bewusstsein sich abspiele. + +Und von da können wir noch einen Schritt weiter gehen. Die "Kraft" des +"Auftretens" der Bewusstseinsinhalte ist nichts anderes als die +psychische Wirkungsfähigkeit. Ist also diese "Kraft" die Kraft der den +Bewusstseinshalten zu Grunde liegenden, an sich _unbewussten Vorgänge_, +so sind diese _Vorgänge_ das eigentlich phychisch Wirkungsfähige. Es gilt +also der allgemeine Satz: _Die Faktoren des psychischen Lebens sind nicht +die Bewusstseinsinhalte, sondern die an sich unbewussten psychischen +Vorgänge_. Die Aufgabe der Psychologie, falls sie nicht bloss +Bewusstseinsinhalte beschreiben will, muss dann darin bestehen, aus der +Beschaffenheit der Bewusstseinsinhalte und ihres zeitlichen +Zusammenhanges die Natur dieser unbewussten Vorgänge zu erschliessen. Die +Psychologie muss sein eine Theorie dieser Vorgänge. Eine solche +Psychologie wird aber sehr bald finden, dass es gar _mancherlei_ +Eigenschaften dieser Vorgänge giebt, die in den entsprechenden +Bewusstseinsinhalten _nicht repräsentiert_ sind. + +Noch zwei Bemerkungen habe ich dem hier Gesagten hinzuzufügen. Die +Aufmerksamkeit ist die psychische Kraft. Nun pflegt man zunächst oder +einzig von einer Aufmerksamkeit zu reden, die den bewussten Empfindungen +und Vorstellungen zu teil werde. Dies hat seine guten Gründe. Von +Gegenständen der Aufmerksamkeit, die sich dem Bewusstsein entziehen, +haben wir kein unmittelbares Bewusstsein. Und das die Aufmerksamkeit oder +die Inanspruchnahme psychischer Kraft begleitende Aufmerksamkeitsgefühl +oder Gefühl der inneren Thätigkeit kann in unserem Bewusstsein nicht auf +Unbewusstes, also nicht auf die Vorgänge, denen kein Bewusstseinsinhalt +entspricht, bezogen erscheinen. Sondern es erscheint notwendig jederzeit +bezogen auf Bewusstseinsinhalte. Soweit also die Aufmerksamkeit im +Bewusstsein sich "spiegelt", ist sie allerdings immer nur Aufmerksamkeit +auf Bewusstseinsinhalte. Dies hindert doch nicht, dass auch die Vorgänge, +die keinen Bewusstseinsinhalt ins Dasein zu rufen vermögen, jederzeit +gleichfalls Gegenstand grösserer oder geringerer Aufmerksamkeit sind. +Natürlich verstehe ich dabei unter der Aufmerksamkeit nicht jene +"Spiegelung" der Aufmerksamkeit, oder jenes Bewusstseinssymptom +derselben, sondern die Aufmerksamkeit selbst. Diese wird nicht nur von +bewussten, das heisst Bewusstseinhalte erzeugenden, sondern ebensowohl +von unbewussten psychischen Vorgängen absorbiert. Sie wird immer _nur_ +absorbiert von den an sich unbewussten Vorgängen. + +Die zweite Bemerkung ist diese: Nehmen wir an, ein Empfindungs- oder +Vorstellungsvorgang, sei es ein "bewusster", sei es ein solcher, der ohne +seinen zugehörigen Bewusstseinsinhalt bleibt, absorbiere vor einem +anderen, oder auf Kosten eines anderen, psychische Kraft, so muss er dazu +die Fähigkeit besitzen. Psychische Vorgänge besitzen diese Fähigkeit bald +in grösserem, bald in geringeren Grade. + +Hierfür nun pflege ich wiederum einen kurzen Ausdruck zu gebrauchen: +Psychische Vorgänge besitzen grössere oder geringere "psychische +Energie". Ein Donnerschlag zwingt die Aufmerksamkeit unter im übrigen +gleichen Umständen in höherem Grade auf sich oder eignet sich die +psychische Kraft "energischer" an, als ein leichtes Geräusch. Nichts +anderes als dies meine ich, wenn ich sage, der Donnerschlag besitze +grössere psychische Energie als das leise Geräusch. + +Oder: Ein Gedanke, der mir wichtig ist, braucht nur von fern in mir +angeregt zu werden, es genügt, dass eine Bemerkung fällt, die mit seinem +Inhalte in loser Beziehung stellt, und ich vollziehe ihn mit Bewusstsein, +und erscheine einen Moment von ihm erfüllt und beherrscht, so dass ich +sonst für nichts Sinn und Auge habe; während ein ebenso naheliegender, +aber gleichgültiger Gedanke, bei gleicher Art der Anregung, mir nicht zum +Bewusstsein gekommen wäre. Nichts anderes als diese Thatsache meine ich, +wenn ich sage, jener Gedanke besitze, vermöge seines wichtigen Inhaltes, +größere "seelische Energie". + +Hiermit sind die allgemeinsten Voraussetzungen für das Verständnis der +Komik bezeichnet. Es fehlt nach ihre Specialisierung. + + +DIE BESONDEREN BEDINGUNGEN DER KOMIK. + +Wenden wir uns zurück zu dem, was wir als das Wesen der Komik bisher +erkannt haben. Überall in der Komik fanden wir einen Gegensatz des +Bedeutungsvollen oder Bedeutsamen und des Bedeutungslosen, oder, wie wir +später öfter sagten, des Erhabenen und des Kleinen oder Nichtigen. Ein +Erhabenes oder erhaben sich Gebärdendes schrumpfte für uns zu einem +Nichtigen zusammen. Dabei war die Erhabenheit verschiedener Art. Immer +aber war mit dem Erhabenen ein solches gemeint, in dessen Natur es liegt, +uns oder die seelische Kraft in gewissem Grade in Anspruch zu nehmen, zu +absorbieren, festzuhalten. + +Auch daran erinnere ich noch einmal, dass dies "Bedeutsame" nicht unter +allen Umständen uns als ein solches zu erscheinen braucht. Worauf es +ankommt, ist, dass es als ein solches sich darstellt in dem +_Zusammenhang_, in dem es _auftritt_. + +Wenn wir nun von jemand eine ausserordentliche Leistung erwarten und er +leistet nur Geringfügiges, so ist zunächst die erwartete Leistung ein +Bedeutsames. Die thatsächliche geringfügige Leistung spielt aber, wie wir +sagten, die Rolle der bedeutsamen, oder erhebt--in unserem Bewusstsein +nämlich--den Anspruch eine bedeutsame zu sein, bauscht sich zu einer +solchen auf u. s. w. Von dem Bettler, der an Stelle des erwarteten +vornehmen Besuches zur Thüre hereintritt, meinte ich, wir hielten oder +nähmen ihn im Momente seines Eintretens für den vornehmen Besuch. Es +fragt sich jetzt, was mit der Vorstellung des Bedeutungslosen jedesmal in +uns geschieht, wenn sie die Rolle des Bedeutsamen spielt, sich aufbauscht +u. s. w. + +Dieser Vorgang kann nach dem Obigen nur darin bestehen, dass das +Bedeutungslose trotz seiner Bedeutungslosigkeit ein Mass seelischer Kraft +gewinnt, wie sie sonst nur dem Bedeutungsvollen zuzuströmen pflegt. Es +kann sie aber nicht, wie das Bedeutungsvolle, gewinnen vermöge seiner +eigenen Energie oder Anziehungskraft; es kann sie also nur gewinnen durch +die Gunst der Umstände. + +Dass das Bedeutungslose, das den Eindruck der Komik macht, thatsächlich +ein relativ hohes Mass psychischer Kraft gewinnt, zeigt die Erfahrung +leicht. Die geringfügige Leistung wäre vielleicht ganz und gar unbeachtet +geblieben, wir wären jedenfalls leicht darüber hinweggegangen, wenn wir +in ihr nicht die klägliche Erfüllung hochgespannter Erwartungen sähen; +und ebenso in den anderen Fällen. Alles Kleine, das komisch erscheint, +nimmt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und fesselt sie in grösserem oder +geringerem Grade. Dagegen würde es uns geringer oder gar keiner +Aufmerksamkeit wert scheinen ausserhalb des komischen Zusammenhanges. + +Wir wissen aber auch schon, worin jene "Gunst der Umstände" besteht, oder +wie dieser komische Zusammenhang die bezeichnete Wirkung zu üben vermag. +Wir "erwarten" die ausserordentliche Leistung. Diese Erwartung ist, wie +wir schon im ersten Abschnitt sahen, eine Bereitschaft zur Wahrnehmung +oder Erfassung der Leistung. Diese Bereitschaft bekundet sich darin, dass +wir die Leistung, wenn sie wirklich wird, mit größerer _Leichtigkeit_ +erfassen. Nun ist der thatsächliche Vollzug einer Wahrnehmung +"Absorbierung" seelischer Kraft: Die Wahrnehnumg eignet die zu ihrem +Vollzug erforderliche seelische Kraft an und entzieht sie damit zugleich +anderen seelischen Inhalten. Die Bereitschaft, von der wir hier reden, +besteht also, was sie auch sonst sein mag, jedenfalls in einem Grad der +Verfügbarkeit seelischer Kraft. Weil diese verfügbar ist, und in dem +Masse, als sie es ist, vermag die vorbereitete Wahrnehmung sich dieselbe +leichter anzueignen, als sie es sonst vermöchte. Damit sagen wir nichts, +als was jeder, der die Bereitschaft zugiebt, selbstverständlich finden +wird. Ich kann nicht bereit sein, eine Wahrnehmung oder einen Gedanken zu +vollziehen, wenn ich nicht bereit bin mit meiner Fähigkeit Wahrnehmungen +und Gedanken zu vollziehen, mich von dem, was mich sonst beschäftigt, +hinweg und der Wahrnehmung oder dem Gedanken zuzuwenden oder ihm +entgegenzukommen. Ich kleide nur diesen Thatbestand in einen möglichst +bequemen und handlichen Ausdruck. + +Diese zur Verfügung stehende Kraft kommt nun, wenn an die Stelle der +erwarteten bedeutsamen Leistung die geringfügige tritt, dieser zu gute +und wird von ihr leichter angeeignet, als dies ohne diese besondere +Verfügbarkeit möglich wäre. Dies muss so sein, in dem Masse, als die +thatsächliche Leistung mit der erwarteten übereinstimmt, also qualitativ +betrachtet eben diese Leistung _ist_. + +Die Natur der Bereitschaft und die Art ihrer Wirksamkeit lässt sich noch +deutlicher machen, wenn wir auf die verschiedenen Arten von Fällen +achten. Ich erinnere noch einmal an den öfter citierten, weil besonders +einfachen Fall, das kleine Häuschen zwischen den grossen Palästen. Wenn +wir die grossen Paläste gesehen haben, so bleibt das Bild derselben--als +Erinnerungsbild--noch eine Zeitlang in uns lebendig und drängt, je +lebendiger es ist, um so mehr nach Wiederherstellung seines Inhaltes in +der Wahrnehmung. Dies geschieht nach einem allgemeinen psychologischen +Gesetz, das nichts ist als das genügend vollständig aufgefasste Gesetz +der Association und Reproduktion auf Grund der Ähnlichkeit. Von Haus aus +drängt jede (reproduktive) Vorstellung auf solche Wiederherstellung in +der Wahrnehmung hin. Dies Drängen ist nur unter besonderen Umständen +besonders energisch, beispielsweise eben dann, wenn das Wahrnehmungsbild +unmittelbar vorher einmal oder gar mehrere Male gegeben war. Dies Drängen +wird zu einem "Entgegenkommen", wenn das Wahrnehmungsbild wirklich von +neuem auftritt. Es bethätigt sich einstweilen als Zurückdrängen dessen, +was sonst sich herandrängt. Kommt an Stelle des Wahrnehmungsbildes ein +ähnliches, so gilt diesem das Entgegenkommen nach Massgabe der +Ähnlichkeit. + +Der Vollständigkeit halber muss hinzugefügt werden, dass die grossen +Paläste auf uns wirken nicht nur vermöge ihrer Grösse, sondern zugleich +vermöge dessen, was sie uns "sagen", das heisst vermöge des +hinzukommenden Gedankens an die materiellen Kräfte, die in ihnen lebendig +sind, an die Menschen, die darin auf besondere Art sich fühlen und +bethätigen können und dergleichen. Auch dieser Gedanke wirkt in uns nach, +er erhält, indem er nachwirkt, das mit ihm verbundene Erinnerungsbild der +Paläste in uns lebendiger, und steigert damit zugleich die Tendenz +desselben, in das entsprechende Wahrnehmungsbild überzugeben. Dies +geschieht in Übereinstimmung mit der jedermann geläufigen Erfahrung, dass +jeder Nebengedanke, der einem vorgestellten Gegenstand Interesse +verleiht, die Begierde erhöht den Gegenstand zu sehen, überhaupt +wahrzunehmen. Wiederum zeigt dieser Gedanke, ehe die erwartete +Wahrnehmung sich einstellt, seine Wirksamkeit darin, dass er fremde +Vorstellungsinhalte zurückdrängt. + +Indem dann die Wahrnehmung des _kleinen Häuschens_ sich verwirklicht, +schwindet das Erinnerungsbild des grossen Palastes samt dem damit +verknüpften Gedanken. Aber ihre vorbereitende Wirkung ist dann schon +geschehen. Die seelische Kraft ist einmal für die Wahrnehmung verfügbar +gemacht, und anderes, was sonst sich herzugedrängt hätte, ist +zurückgedrängt und in seiner Fähigkeit, den Vollzug der Wahrnehmung zu +hemmen, vermindert. Zudem verschwindet auch jenes Erinnerungsbild und der +hinzukommende Gedanke nicht momentan. Dasjenige, was das Häuschen mit den +Palästen gemein hat, dass es nämlich doch auch menschliche Wohnung ist, +und in _einer Reihe_ mit den Palästen auftritt, _hält_ jene +vorbereitenden Momente, und _erhält_ damit ihre unterstützende Wirkung. +Dies Gemeinsame muss aber ebendarum, weil es das _eigentlich_ +Vorbereitete ist, zunächst "ins Auge fallen" und psychologisch wirksam +werden. Im ersten Augenblicke des Entstehens der Wahrnehmung des +Häuschens also wird das Erinnerungsbild noch unterstützend wirken und +jener Gedanke noch an die Wahrnehmung geheftet sein und auf ihren Vollzug +hindrängen, dagegen Andersgeartetes verdrängen.--Darin verwirklicht sich +der genauere Sinn der oben wiederholten Behauptung, wir nähmen oder +hielten im ersten Augenblick das an die Stelle des erwarteten Bedeutsamen +tretende Nichtige für das Bedeutsame, oder hefteten ihm die Bedeutung +desselben an. + +Erst wenn das kleine Häuschen in seiner Bedeutungslosigkeit von uns +aufgefasst und erkannt ist, hat die Erwartung des Palastes und der +Gedanke an das, was er "sagt", gar keinen Platz mehr. Das +Wahrnehmungsbild erfreut sich dann in _seiner Nichtigkeit_ des Masses der +seelischen Kraft oder Aufmerksamkeit, oder bildlich gesagt, des Raumes in +meiner Seele, der durch die Wirkung des Erinnerungsbildes und der daran +sich heftenden Gedanken für dasselbe bereit gehalten wurde und jetzt, +nachdem jene verschwunden sind, frei von ihm in Anspruch genommen werden +kann. + +Die Wahrnehmung großer Paläste ist in diesem Falle dasjenige, was die +Tendenz zum weiteren Vollzug derselben Wahrnehmung in mir entstehen +lässt. Wir haben es dabei, wie schon gesagt, zu thun mit einer Wirkung +des in seinem vollen Umfange gefassten Gesetzes der Association der +_Ähnlichkeit_. Dagegen beruht es auf dem zweiten Associationsgesetze, dem +Gesetze der Erfahrungsassociation, wenn die Ankündigung einer grossen +Leistung hindrängt oder die Bereitschaft erzeugt zum Vollzug der +Wahrnehmung einer grossen Leistung beziehungsweise zum Vollzug des +Urteils, dass eine grosse Leistung thatsächlich vollbracht werde. Wir +haben in unserer Erfahrung auf Ankündigung grosser Thaten grosse Thaten +folgen sehen, oder wenigstens uns Überzeugt, dass sie geschahen. Daraus +ist ein Zusammenhang der seelischen Erlebnisse entstanden, demzufolge die +Wiederkehr des ersten Erlebnisses, nämlich der Ankündigung, immer wieder +die Tendenz zur Wiederkehr des zweiten, der Wahrnehmung der That oder der +Gewissheit ihrer Ausführung, in sich schliesst. Die Art, wie diese +Tendenz oder Bereitschaft der thatsächlich wahrgenommenen oder +konstatierten _geringfügigen_ Leistung zu Gute kommt, stimmt dabei mit +der Art des Hergangs im vorigen Falle überein. + +Dies Letztere gilt nicht durchaus in andern Fällen; nämlich in allen +denjenigen, bei denen ein nach _gewöhnlicher Anschauung_ Nichtiges in dem +Zusammenhang, in dem es auftritt, _wirklich_ als ein Bedeutungsvolles +erscheint, um dann die Bedeutung, eben angesichts der gewöhnhlichen +Betrachtungsweise, wieder zu verlieren. Der Unterschied besteht darin, +dass in diesen Fällen das für die Bereithaltung und Freimachung +seelischer Kraft vorhin erst in zweiter Linie in Betracht gezogene Moment +das eigentlich Bedingende wird. Die schwarze Hautfarbe des Negers +erscheint, weil sie doch auch, so gut wie die weisse des Kaukasiers, +Farbe menschlicher Körperformen ist, mit diesen Formen _zugleich_, als +Träger menschlichen Lebens. Achten wir dann auf die Farbe als solche, so +gewinnt die Erfahrung Macht, derzufolge nur die weisse Hautfarbe Träger +dieses Lebens sein kann. Die Farbe erscheint jetzt als nur thatsächlich +vorhandene, also nichtsbedeutende Farbe. Sie ist aber nun einmal durch +die Wirksamkeit jenes Gedankens, dass sie Träger menschlichen Lebens sei, +in uns "emporgehoben" und in die "Mitte des Bewusstseins" gestellt, oder +sachlicher gesprochen, sie hat nun einmal durch Hilfe jenes Gedankens ihr +volles Mass von seelischer Kraft aneignen können; und sie vermag dasselbe +jetzt, wo jener Gedanke verschwunden ist und damit auch die von ihm +bisher in Anspruch genommene und fremden Vorstellungsinhalten abgenötigte +Kraft freigelassen hat,--trotz ihrer Nichtigkeit und natürlichen +Anspruchslosigkeit--frei zu behaupten und weiter in Anspruch zu nehmen. +Sie vermag dies nicht für immer, wohl aber solange, bis wir uns +"gesammelt" haben, das heisst bis die zurückgedrängten fremden +Vorstellungen wieder mit erneuter Energie sich herzudrängen und ihr +natürliches Anrecht auf die seelische Kraft geltend machen. + +Ganz derselbe Hergang findet auch statt bei aller _subjektiven_ und +_naiven_ Komik. Dort bildet der Sinn, den eine Äusserung oder Handlung +gewinnt, den Inhalt des Gedankens, der die Äusserung oder Handlung +"emporhebt"; hier bildet die Bedeutung, die einer Äusserung oder Handlung +vom Standpunkt der naiven Persönlichkeit aus erwächst, den Inhalt dieses +Gedankens. Immer schafft dieser Gedanke, indem er mit der Äusserung oder +Handlung sich verbindet, dieser die Möglichkeit leichterer Aneignung +seelischer Kraft, und immer überlässt er, indem er verschwindet, die +Kraft, die er in Verbindung mit der Äusserung oder Handlung angeeignet +hat, der nunmehr nichtig gewordenen Äusserung oder Handlung zu weiterer +freier Inanspruchnahme. Es ist bildlich gesprochen, aber es trifft die +Sache, wenn wir mit Rücksicht auf alle Komik den Hergang so beschreiben, +dass wir sagen, ein Nichtiges, das heisst zur Aneignung seelischer Kraft +aus eigener Energie relativ Unfähiges, gewinne erst in Verbindung und +durch Verbindung mit einem Bedeutsamen, das heisst zu dieser Aneignung +seiner Natur nach Fähigen, Raum oder Luft in dem Gedränge der seelischen +Vorgänge, und erfreue sich dann für eine Zeitlang der Möglichkeit freier +Entfaltung und Selbstbehauptung in dem Raume, der nach Verschwinden des +Bedeutsamen ihm allein zur Verfügung bleibt. + + + + +IX. KAPITEL. DAS GEFÜHL DER KOMIK. + + +GESETZ DES LUSTGEFÜHLS. + +Aus dem Vorstehenden ergiebt sich das Gefühl der Komik nach allgemeinen +psychologischen Gesetzen. Wie wir sehen werden, ist dies Gefühl zunächst +Gefühl der komischen Lust, es hat zunächst Lustfärbung oder, was dasselbe +sagt, es ist zunächst eine Färbung des Lustgefühls. Wir fragen demnach +zweckmässigerweise zuerst: Welches sind die allgemeinen Bedingungen des +Lustgefühls? + +Darauf lautet die Antwort: Lust entsteht, wenn ein psychisches Geschehen +in uns günstige, also unterstützende, fördernde, erleichternde +Bedingungen seines Vollzuges vorfindet. + +Dieser Satz bedarf einer Erläuterung. Jedes Geschehen, also auch jedes +psychische Geschehen vollzieht sich, wenn und soweit die Bedingungen +seines _Eintrittes_ gegeben sind. Jedes Geschehen, also auch jedes +psychische Geschehen unterliegt den natürlichen Bedingungen seines +Daseins. + +Indessen, wenn ich hier von Bedingungen des _Vollzuges_ eines psychischen +Geschehens rede, so meine ich nicht die Bedingungen seines "Eintrittes", +sondern eben die Bedingungen seines "Vollzuges". Der "Eintritt" eines +psychischen Geschehens ist die Auslösung desselben. Diese Auslösung +geschieht bei Empfindungen--oder Komplexen von solchen--durch den +physiologischen Reiz; bei Vorstellungen durch den psychischen oder +reproduktiven Reiz. Will man, so kann man diesen Eintritt eines +psychischen Geschehens oder diese Auslösung eines Empfindungs- oder +Vorstellungsvorganges auch als Akt der "Perception" bezeichnen. + +Mit dieser "Perception" ist nun aber, wie wir wissen, über das Schicksal +des psychischen Geschehens noch nicht entschieden. Sondern es fragt sich +noch, wie weit dies psychische Geschehen, im Zusammenhang des psychischen +Geschehens überhaupt, zur "Geltung" kommt, sich entfaltet, welche +psychische Höhe es erreicht, oder welches Mass von psychischer Kraft es +sich anzueignen oder zu gewinnen vermag. Darin besteht, oder darnach +bestimmt sich der "Vollzug" des psychischen Geschehens. Es ist nichts +dagegen einzuwenden, wenn man diesen Vollzug des psychischen Geschehens +mit dem oben schon einmal gebrauchten Namen "Apperception" belegen will. + +Dann sind die Bedingungen des psychischen Geschehens, von denen ich rede, +Bedingungen der Apperception. Sie sind mit dem _von uns_ meistgebrauchten +Ausdruck Bedingungen der psychischen Kraftaneignung. + +Aber nicht alle Bedingungen der Apperception oder Kraftaneignung kommen +hier in Frage; sondern nur diejenigen, welche das psychische Geschehen +"vorfindet". Den von dem psychischen Geschehen _vorgefundenen_ +Bedingungen der Apperception stehen die in ihm selbst enthaltenen, oder +mit seiner Auslösung oder dem Akte der Perception bereits gegebenen +entgegen. Diese also sind hier ausgeschlossen. + +Was ich hiermit meine, verdeutliche ich, indem ich wiederum den Begriff +der psychischen Energie herbeiziehe. + +Jedes psychische Geschehen hat, wenn es einmal "ausgelöst" ist, seine +bestimmte Energie, d. h. seinen bestimmten Grad von Fähigkeit, die +psychische Kraft zu _beanspruchen_. Es hat diese Fähigkeit, weil es eben +dieses bestimmte Geschehen ist. Um Zweideutigkeiten vorzubeugen, will ich +diese Energie, oder diesen Grad der Inanspruchnahme psychischer Kraft, +der einem psychischen Geschehen an sich zukommt,--also unabhängig von dem +psychischen Zusammenhang, in welches das psychische Geschehen +eintritt--als _eigene Energie_ des psychischen Geschehens bezeichnen. Als +Beispiel diene die eigene Energie, welche dem Donnerschlag vermöge seiner +Lautheit zukommt. + +Das Mass von psychischer Kraft, das ein psychisches Geschehen +thatsächlich gewinnt, oder der Grad seiner Apperception, ist nun, wie +bereits betont, zunächst abhängig von dieser eigenen Energie. Er ist aber +andererseits abhängig von den sonst in der Psyche gegebenen Bedingungen, +etwa von der in der "Erwartung" liegenden "Bereitschaft". Die Bedingungen +der letzteren Art können wir allgemein bezeichnen, und haben wir soeben +bereits bezeichnet als solche, die dem "_Zusammenhang_" angehören, in +welchen der einzelne psychische Vorgang sich einfügt. Sie sind, kurz +gesagt, Bedingungen des psychischen Zusammenhanges. + +Wir müssen also sagen: Lust entsteht in dem Masse, als für ein +psychisches Geschehen solche günstige Bedingungen seiner Kraftaneignung +bestehen, die nicht in dem einzelnen psychischen Vorgange als solchem, +sondern irgendwie im Zusammenhang der Momente oder Faktoren des +psychischen Lebens begründet liegen. Je mehr solche Bedingungen bestehen, +desto mehr wird ein psychisches Geschehen von uns, d. h. vom Zusammenhang +des psychischen Lebens frei "angeeignet". Wir können also auch diese +freie Aneignung als Grund der Lust bezeichnen. Je mehr von uns psychisch +angeeignet wird, oder je mehr psychisch geschieht, und je günstiger +zugleich die im Zusammenhang des Ganzen gegebenen Bedingungen für die +Aneignung oder für den Vollzug des psychischen Geschehens sind, oder mit +einem anderen Ausdruck, je reicher und intensiver die psychische +"Thätigkeit" ist, und je mehr in ihr zugleich alle Faktoren _frei +zusammenwirken_, desto grösser ist die Lust. + + +"QUALITATIVE ÜBEREINSTIMMUNG" ALS GRUND DER LUST. + +Jetzt fragt es sich aber: Wann sind Bedingungen dem Vollzug eines +psychischen Geschehens günstig. Darauf lautet die Antwort zunächst: Sie +sind es, wenn oder soweit zwischen ihnen und diesem Geschehen +_qualitative Übereinstimmung_ besteht. Diese qualitative Übereinstimmung +ist verschiedener Art. Hier muss ich mich begnügen, sie durch einige +Beispiele zu verdeutlichen: + +Es entsteht Lust aus der Folge zweier zu einander harmonischer Töne, weil +jeder den Vollzug des anderen vorbereitet oder unterstützt. Diese +Vorbereitung oder Unterstützung beruht auf der Verwandtschaft--nicht +zwischen den Tönen, diesen _Bewusstseinsinhalten_, sondern auf der +Verwandtschaft oder eigenartigen Ähnlichkeit, die zwischen den, diesen +Tönen zu Grunde liegenden psychischen _Vorgängen_ besteht. + +Es entsteht ebenso Lust aus der Wahrnehmung einer regelmässigen +geometrischen Figur, weil die übereinstimmenden Teile derselben +aufeinander hinweisen. Hier ist im Gegensatz zum vorigen Falle die +Übereinstimmung oder "Ähnlichkeit" eine solche, die zugleich in den +Bewusstseinsinhalten repräsentiert ist. + +Es entsteht, um noch ein drittes Beispiel anzuführen, Lust aus der +Wahrnehmung eines edlen Entschlusses, weil in meiner eigenen sittlichen +Natur, wenn auch vielleicht in meinem sonstigen Leben praktisch +unwirksam, Triebfedern zu gleich edlen Entschlüssen liegen, die durch +jene Wahrnehmung wachgerufen, dem wahrgenommenen Entschlusse +"entgegenkommen". Dies Vorbereiten, Unterstützen, Hinweisen, +Entgegenkommen sagt jedesmal dasselbe: Erleichterung der Aneignung +psychischer Kraft, Mitteilung derselben, Wirken als günstige Bedingung +für die Entfaltung oder das Zur-Geltung-Kommen eines psychischen +Geschehens. Jedesmal beruht die Erleichterung der Aneignung psychischer +Kraft auf einer qualitativen Übereinstimmung zwischen einem psychischen +Vorgang und von ihm vorgefundenen Bedingungen seiner Kraftaneignung. + + +"QUANTITATIVE VERHÄLTNISSE". GEFÜHL DER "GRÖSSE". + +Diese qualitative Übereinstimmung ist, allgemein gesagt, eine Art des +qualitativen _Verhältnisses_. Diesem qualitativen Verhältnis steht +entgegen das quantitative Verhältnis, nämlich das quantitative Verhältnis +zwischen einem psychischen Geschehen und den von ihm vorgefundenen oder +den im psychischen Zusammenhang gegebenen Bedingungen seiner +Kraftaneignung. Auch dies quantitative Verhältnis hat für das Lustgefühl +Bedeutung. Zugleich führt uns die Betrachtung desselben weiter: In diesem +quantitativen Verhältnis liegt der Grund der Gefühlsfärbungen, die wir +mit den Namen: Gefühl des Grossen, des Gewichtigen etc., andererseits mit +den Namen: Gefühl des Kleinen oder des Heiteren etc. bezeichnet haben. + +Jeder psychische Vorgang, so sagte ich oben, hat, nachdem er einmal +ausgelöst ist, eine bestimmte mit seiner Beschaffenheit gegebene "eigene +Energie". Er beansprucht oder fordert, als dieser bestimmte Vorgang, die +psychische Kraft energischer oder weniger energisch, oder er beansprucht +mehr oder weniger psychische Kraft. + +Sei nun irgend ein Vorgang von bestimmter Energie gegeben, so fragt es +sich--nicht nur, ob der gesamte psychische Zusammenhang oder irgend ein +anderweitiger Vorgang sich qualitativ so zu ihm verhält, dass er fähig +ist, jenem Vorgang die psychische Kraft zu überlassen oder zuzuweisen, +sondern es fragt sich auch, wie viel Kraft in jenem Zusammenhang +überhaupt vorhanden, oder in einem solchen anderweitigen Vorgang +repräsentiert ist, und demgemäss jenem Vorgang auf dem eben bezeichneten +Wege zugewiesen werden kann, bezw. wie leicht diese Kraft _verfügbar_ +gemacht, d. h. dem, was dieselbe sonst beansprucht, entzogen werden kann. + +Dabei nun bestehen drei Möglichkeiten. Entweder dies Mass der verfügbaren +Kraft oder dies Mass der Verfügbarkeit der Kraft steht mit jenem Anspruch +oder jener Energie der Inanspruchnahme in einem bestimmten nicht näher +definierbaren Verhältnis des Gleichgewichtes. Oder es überwiegt jene +Energie. Oder endlich es überwiegt diese Verfügbarkeit. + +Achten wir zunächst auf die erste der beiden letzten Möglichkeiten. Um +nicht allzu allgemein zu reden, fassen wir gleich spezieller geartete +Fälle ins Auge. Ein Objekt schliesse eine Vielheit in sich. Der +psychische Vollzug der einzelnen Elemente dieser Vielheit finde in mir +Bedingungen vor, mit denen er in qualitativer Übereinstimmung steht. +Zugleich bilden die Elemente eine qualitative Einheit. D. h. sie +unterstützen sich vermöge zwischen ihnen bestehender qualitativer +Übereinstimmung wechselseitig in der Aneignung der psychischen Kraft. +Daraus ergiebt sich eine starke Lust. Zugleich aber besitzt der +Gesamtvorgang eine erhebliche Energie der Inanspruchnahme psychischer +Kraft: Das Objekt als Ganzes drängt sich mit grosser Energie auf. + +Diese Energie nun kann _beliebig_ gross gedacht werden. Dagegen ist die +Möglichkeit, dass dem Objekt psychische Kraft von mir zugewandt werde, +beschränkt. Meine gesamte psychische Kraft ist ja in bestimmte Grenzen +eingeschlossen. Hier kann demnach ein Übergewicht jener Energie über +diese Verfügbarkeit stattfinden. In dem Masse als dies geschieht, gewinnt +die Lust an dem Objekte den Charakter der Grösse, des Gewichtigen, des +Mächtigen, des Tiefen, des Ernstes. + +Dieser Charakter wechselt und verdient bald mehr den einen bald mehr den +anderen der soeben gebrauchten Namen, je nach dem Grade jenes +Übergewichtes, andererseits je nach der Kraft, welche die Bedingungen des +Lustgefühles besitzen. Steigt jenes Übergewicht, so wird das Gefühl mehr +und mehr zu einem Gefühl des Strengen, Übermächtigen, Überwältigenden. + +Beispiele für jenes Gefühl der Grösse sind die Gefühle, die wir haben +angesichts des Meeres, eines gewaltigen Gebirges, einer von einem Willen +bewegten und auf ein Ziel gerichteten Menge, auch gegenüber der einzelnen +Persönlichkeit, die alle ihre Kraft in einem grossen Gedanken +zusammenfasst. In diesen Fällen bezeichnen wir das Gefühl auch als Gefühl +der Erhabenheit. Für den besonderen Sinn der Erhabenheit verweise ich auf +S. 19[*] und auf den Anfang des vierten Abschnittes. + +[* Im Unterkapitel ALLERLEI ÄSTHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.] + +"GRÖSSE" UND UNLUST. + +Jenes Gefühl des Strengen, Überwältigenden, Übermächtigen ist unserer +Voraussetzung nach noch Gefühl der Lust, nur mit diesem besonderen +Charakter. Es kann aber in ihm die Lustfärbung mehr und mehr sich mindern +und schliesslich in eine Unlustfärbung sich verwandeln. Dies muss +geschehen, wenn wir uns die Wirkung der qualitativen Übereinstimmung mehr +und mehr hinter der Wirkung des Übergewichtes der Inanspruchnahme der +psychischen Kraft über die Verfügbarkeit derselben zurücktretend denken. + +Hiermit ist schon gesagt, dass dies Übergewicht an sich Grund der Unlust +ist. So muss es sein gemäss dem allgemeinen Gesetz der Unlust. Dies +gewinnen wir aus dem allgemeinen Gesetz der Lust, wenn wir an die Stelle +der Übereinstimmung den Gegensatz oder Widerstreit treten lassen: Unlust +entsteht, wenn ein psychischer Vorgang Bedingungen vorfindet, die seinen +Vollzug oder seine Aneignung psychischer Kraft hemmen. + +Auch dieser Widerstreit ist zunächst ein qualitativer. Ein einfaches +Beispiel eines solchen qualitativen Widerstreits bieten etwa die +disharmonischen Töne. Nicht die Töne, d. h. die Inhalte unserer +Tonempfindung, wohl aber die dem Dasein derselben zu Grunde liegenden +psychischen Vorgänge, müssen als zu einander qualitativ gegensätzlich, +und demgemäss ihren Vollzug wechselseitig hemmend oder störend gedacht +werden. + +Diesem qualitativen Gegensatz sieht aber gegenüber der quantitative. +Dieser fällt mit dem Übergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft +über die Verfügbarkeit derselben zusammen. In dem Masse als dies +Übergewicht besteht, vollzieht sich die Aneignung der Kraft zwangsweise, +unter Hemmungen. Der Vollzug des Vorgangs ist eine an uns gestellte +Zumutung, und wird schliesslich zur unlustvollen Vergewaltigung. + +Darnach kann von dem Gefühl der lustvollen Grösse, oder des lustvoll +Gewaltigen, des Erhabenen etc. in gewissem Sinn gesagt werden, dass in +dasselbe Lust und Unlust als Faktoren eingehen. Nicht in dem Sinne, dass +in diesem Gefühl die _Gefühle_ der Lust und Unlust sich verbinden, wohl +aber in dem Sinne, dass _Bedingungen_ der Lust und Bedingungen der Unlust +zur Erzeugung eines neuen Gefühles, nämlich eben des eigenartigen +Gefühles der lustvollen Grösse _zusammenwirken_. + +So können überhaupt in mannigfacher Weise Bedingungen der Lust und der +Unlust zur Erzeugung eines neuen Gefühles sich vereinigen. Insbesondere +haben Bedingungen der Unlust, die mit Bedingungen der Lust sich +vereinigen, nicht etwa ohne weiteres die Bedeutung einer Verringerung der +Lust. Vielmehr besteht ihre Bedeutung unter bestimmten Voraussetzungen +immer darin, der Lust einen anderen Charakter, vor allem mehr +Eindringlichkeit, grössere Tiefe, mehr Gehalt zu verleihen. + +Diese Voraussetzungen können hier nicht allgemein untersucht werden. Die +Psychologie hat natürlich die Aufgabe, sie zu untersuchen. Diese Aufgabe +gehört aber leider zu den vielen wichtigsten Aufgaben, die die +Psychologie jetzt zu ihrem Schaden vernachlässigt. + +Nur dies ist uns in dem gegenwärtigen Zusammenhange wichtig, dass die +Bedingungen der Unlust, soweit sie in jenem quantitativen Gegensatz oder +jenem Übergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft über die +Verfügbarkeit derselben bestehen, zusammen mit den in der qualitativen +Übereinstimmung gegebenen Bedingungen der Lust jenes Gefühl der bald mehr +lustvollen, bald mehr unlustvollen _Grösse_ bedingen. + +Und wenn nun zum qualitativen _Gegensatz_ dieser quantitative Gegensatz +tritt? Dann steigert sich nach dem allgemeinen Gesetz der Unlust die +Unlust. Zugleich gewinnt auch diese Unlust eine Art der Grösse, nur eben +der unlustvollen Grösse; auch die Unlust gewinnt Schwere, +Eindringlichkeit, Tiefe. Es ist etwas _qualitativ_ Anderes um das Gefühl +der Unlust, wenn ich von allerlei Kleinigkeiten geärgert, von +fortgesetzten "Nadelstichen" gepeinigt, von einer aus dem Wechsel +einander entgegengesetzter Antriebe fliessenden inneren Unruhe gefoltert +bin, als wenn ein grosses Unglück, ein einziges bitteres Leid, ein tiefer +Schmerz mich in Anspruch nimmt. + +Dabei ist freilich zu bedenken, dass nichts mich innerlich ganz in +Anspruch nehmen kann, ohne mein Wesen in Eines zusammenzufassen, und dass +solche innere Vereinheitlichung an sich betrachtet wiederum ein +lusterzeugendes Moment ist. Steigert sich dies, so nähert sich das +fragliche Gefühl dem lustgefärbten Gefühl der Grösse. Es geht, wenn +weitere lusterzeugende Momente hinzutreten, stetig in dies Gefühl über, +ebenso wie wir vorhin dies Gefühl in jenes stetig übergehen sahen. Doch +kann auch hierauf in diesem Zusammenhang nicht im Einzelnen eingegangen +werden. Es wäre dazu eine vollkommen sichere Analyse der einzelnen Fälle +erforderlich. + + +GEFÜHL DES "HEITEREN". + +Setzen wir jetzt den umgekehrten Fall, d. h. nehmen wir an, es überwiege +das Mass der verfügbaren psychischen Kraft, oder es überwiege das Mass +ihrer Verfügbarkeit, über die Energie, mit der Objekte diese Kraft in +Anspruch nehmen. Dann gewinnen wir das entgegengesetzte Bild. + +Was uns in einem Augenblick beschäftigt, sei an sich, weil es mit den +Bedingungen seines psychischen Vollzuges in qualitativer Übereinstimmung +steht, Gegenstand der Lust, aber es vermöge seiner Natur nach uns nur +wenig in Anspruch zu nehmen. Zugleich seien wir innerlich frei genug, um +uns ihm mit unserer ganzen Kraft zuzuwenden. Dann geschieht jener +psychische Vollzug spielend. Daraus ergiebt sich ein Zuwachs von Lust. +Auch dieser Überschuss von verfügbarer Kraft ist ja eine günstige +Bedingung für den psychischen Vollzug oder die Kraftaneignung der +Objekte. Auch damit ist eine Art der Übereinstimmung psychischer Vorgänge +mit den Bedingungen ihrer Kraftaneignung gegeben; nicht eine qualitative, +sondern eine quantitative Übereinstimmung. Zugleich aber gewinnt das +Gefühl der Lust einen neuen Charakter, nämlich den Charakter des +Leichten, des Heiteren, des "Spielenden". Das Spiel der Kinder ist eine +solche Art der psychischen Bethätigung. + +Wiederum gewinnt auch das an sich Unlustvolle einen _gleichartigen_ +Charakter, wenn die gleichen Bedingungen gegeben sind. Auch mit kleinen +Widerwärtigkeiten können wir innerlich spielen. Voraussetzung ist, dass +sie--nicht nur an sich, sondern für uns _kleine_ Widerwärtigkeiten sind, +d. h. als solche sich uns darstellen und auf uns wirken, dass sie also +nicht heftig sich aufdrängen; andererseits dass wir in der Verfassung +sind, sie frei aufzufassen und in ihrer Kleinheit hell zu beleuchten, +dass wir ihnen gegenüber möglichst wenig passiv und in möglichst hohem +Grade aktiv, möglichst wenig von ihnen affiziert und in möglichst hohem +Grade ihnen gegenüber überlegen oder souverän sind, oder mit einem Worte, +dass wir ihnen mit "Humor" gegenüberstehen. Mit allen diesen Ausdrücken +ist immer dasselbe bezeichnet, nämlich das Übergewicht der verfügbaren +psychischen Kraft oder der Verfügbarkeit dieser Kraft über die Energie, +mit der das Objekt von sich aus diese Kraft beansprucht. Die +"Souveränität", von der ich hier rede, oder die "geistige Freiheit", von +der ich vorhin sprach, das ist eben diese relativ hohe Verfügbarkeit der +psychischen Kraft. Je grösser sie ist, desto anspruchsvoller oder +aufdringlicher kann die Widerwärtigkeit ihrer Natur nach sein, und +trotzdem die Betrachtung der Unannehmlichkeit für uns zum Spiel werden, +oder was dasselbe sagt, Gegenstand einer Unlust sein, die einen Charakter +des "Heiteren" an sich trägt. + +Was diesem Charakter des Heiteren oder diesem unserem "Leichtnehmen" zu +Grunde liegt, ist nach vorhin Gesagtem an sich Grund der Lust. So wirken +also auch hier wiederum, wie beim Gefühl der lustvollen Grösse, nur in +umgekehrter Weise, Bedingungen der Lust und der Unlust zusammen. Und +wiederum ergiebt sich daraus ein Neues, nämlich eben dies Gefühl, das wir +soeben als Gefühl des Heiteren oder des Leichtnehmens bezeichnet +haben.--Auch Schmerzen können in solcher leichten Weise uns anmuten, wenn +wir die nötige "geistige Freiheit" haben. + + +DAS ÜBERRASCHEND GROSSE. + +Lassen wir in Gedanken diese geistige Freiheit sich steigern und die +Energie, mit der die Unannehmlichkeit uns affiziert, sich mindern, so +geht dies Gefühl der heiteren oder leichtgenommenen Unlust in ein +lustbetontes Gefühl der Heiterkeit über: Die kleine Widerwärtigkeit oder +der geringe Schmerz "belustigt" uns oder wird Gegenstand eines Gefühles +der "Heiterkeit" in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes. + +Eine besondere Steigerung jener geistigen Freiheit nun, andererseits +ebensowohl eine Minderung derselben, also eine Mehrung des Übergewichtes +der Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft über die Verfügbarkeit +derselben, ergiebt sich uns, wenn wir wiederum den Begriff der Erwartung, +oder das, was in diesem Begriff für uns eingeschlossen war, hinzunehmen. + +Ich machte vorhin, als vom Gefühl der Grösse die Rede war, und ebenso +jetzt eben, beim Gefühl des Heiteren oder des Spieles, nicht die +Voraussetzung, dass das "Grosse" oder das heiter Anmutende einer +Erwartung widerspreche. Ich redete von dem Grossen, das ein Gefühl der +Grösse erweckt, auch wenn eben dies Grosse erwartet wird. Man erinnere +sich wiederum an das Meer, oder an das gewaltige Gebirge. Ebenso war mit +dem minder Aufdringlichen oder mit minderer psychischer Energie Begabten, +das leicht oder heiter genommen wird, ein solches gemeint, das diesen +Charakter besitzt, auch wenn nichts Anderes, vor allem nichts Grosses an +seiner Stelle erwartet wird. + +Nehmen wir jetzt die Erwartung hinzu, so haben wir eine neue und +wesentliche Bedingung für jede der beiden Gefühlswirkungen. + +Der Einfachheit halber fassen wir hier die Erwartung im positiven Sinne, +also als Erwartung eines Bedeutungs- oder Eindrucksvollen. Dann mindert +die Erwartung das Gefühl der Grösse. Umgekehrt lässt der Mangel einer +solchen Erwartung auch dem minder Grossen gegenüber einen gesteigerten +Eindruck der Grösse entstehen: Wir sind überrascht, wir erstaunen; es +wird dasjenige zum Überwältigenden, was dann, wenn es erwartet worden +wäre, vielleicht zwar auch noch als gross erschienen wäre, aber keine +überwältigende Wirkung geübt hätte. Erwartung ist eben, wie wir schon +sahen, eine besondere Weise psychische Kraft für das Erwartete zur +_Verfügung_ zu stellen. Damit wird das Übergewicht der Energie des +Erwarteten über die Verfügbarkeit der psychischen Kraft vermindert. Und +darauf beruht ja, wie wir wissen, das Gefühl der Grösse. + +Je grösser aber, abgesehen von der Erwartung, jenes Übergewicht ist, d. +h. je mehr das Erwartete ein Grosses ist, desto stärker muss die in der +Erwartung liegende Vorbereitung sein, wenn dem Gefühl der Lust, bezw. der +Unlust sein Charakter des Großen, Überwältigenden, Erstaunlichen genommen +werden soll. Das Große sei etwa wiederum ein mächtig vor mir +aufsteigendes Gebirge. Dann bedarf es eines entschiedeneren +Vorbereitetseins, wenn das Gefühl des Staunens unterbleiben soll, als +wenn es sich um einen Gegenstand von minderer Mächtigkeit handelte. +Gleiches gilt von dem _unerfreulichen_, aber mächtig auf mich +eindringenden Getöse. Bin ich auf dies durch entsprechende Erwartung +entschieden vorbereitet, so bleibt es zwar für mich unlustvoll. Aber es +verliert sein Gepräge des momentan Überwältigenden. + +Wir erfreuen uns aber des Grades der Bereitschaft, wie er zur Aufhebung +dieses Gefühlscharakters erforderlich ist, um so sicherer, je mehr wir +gleichartige Objekte von eben solcher oder größerer Aufdringlichkeit oder +Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft erwarten. Die Bereitschaft +zur Auffassung oder zum psychischen "Vollzug" eines Bedeutungsvollen oder +Grossen ist zugleich eine Bereitschaft in entsprechendem _Grade_. Dies +muß so sein nach dem, was wir als das Wesen der Erwartung kennen gelernt +haben. Diese besteht in der seelische Kraft aneignenden und für das +Erwartete verfügbar machenden Wirksamkeit der Vorstellung des Erwarteten, +einschliesslich der Gedanken, die mit dem Erwarteten sich verknüpfen, und +ihm für uns Bedeutung und Interesse verleihen. Je bedeutungsvoller aber +das Erwartete an sich ist, und je bedeutungsvolleren Inhalt diese +Gedanken haben, um so stärker muss nach unserem Begriff des +"Bedeutungsvollen" jene Kraft aneignende und Kraft zur Verfügung +stellende Wirksamkeit sich erweisen. + +Wir können also, was uns die Betrachtung der Gefühlswirkung des +erwarteten und des nicht erwarteten gewaltigen Gebirges, bezw. +überwältigenden Getöses lehrt, auch so ausdrücken, dass wir sagen: Je +Grösseres erwartet wird, um so mehr mindert sich das Gefühl der Grösse, +das wir angesichts des durch die Erwartung vorbereiteten Objektes haben. + + +DAS ÜBERRASCHEND KLEINE. DIE KOMIK. + +Nehmen wir jetzt an, das durch die Erwartung vorbereitete Objekt sei ein +Kleines oder relativ Nichtiges, dann muß dies Kleine, in dem Masse als es +durch die Erwartung eines Grossen vorbereitet ist, nicht nur ein minderes +Gefühl der Grösse, sondern ein stärkeres Gefühl der Kleinheit erzeugen. +Oder: Ist ein grösseres Objekt um so mehr Gegenstand des Gefühls der +Grösse, je weniger wir auf die Erfassung eines Grossen vorbereitet sind, +so muss das Kleine um so mehr Gegenstand des Gefühles des Heiteren sein, +je mehr eine solche Vorbereitung stattgefunden hat. Die Erwartung eines +Grossen schliesst hier ein um so grösseres _Übergewicht_ der verfügbaren +psychischen _Kraft_ über die Energie der _Inanspruchnahme_ derselben in +sich, je grösser das Grosse, zugleich je kleiner oder nichtiger das +Kleine ist. Auf diesem Übergewicht aber beruhte uns das Gefühl des +Heiteren. Das _besondere_ Übergewicht aber, das unter der hier +bezeichneten Voraussetzung stattfindet, lässt das Gefühl des Heiteren, +das wir vorhin auch schon dann eintreten sahen, wenn diese besondere +Voraussetzung nicht gegeben war, zu dem ausgesprochenen Gefühl des +Heiteren werden, das wir als Gefühl der Komik bezeichnen. + +Das Gleiche, was durch die Erwartung des Grossen bedingt wird, wird auch +zuwege gebracht, wenn _Dasselbe_ erst bedeutungsvoll, dann nichtig +erscheint. Es besitzt, als Bedeutungsvolles, sein erhebliches Mass +psychischer Kraft; und diese verbleibt ihm, wenn es ein Nichtiges +geworden ist. Wir sahen freilich, dass diese beiden Fälle nicht +grundsätzlich verschieden sind. Auch in jenem Falle kann gesagt werden, +es erscheine Dasselbe erst bedeutungsvoll dann nichtig. Und auch in +diesem Falle kann von einer "Erwartung" eines Bedeutungsvollen gesprochen +werden. + +Hiermit ist das Gefühl der Komik verständlich geworden. Nicht jedes +beliebige Gefühl der Komik, sondern das Gefühl der Komik im allgemeinen. +Zugleich leuchtet ein, warum dasselbe zunächst als Gefühl komischer Lust +sich darstellen muss. Wir sahen ja: Das Übergewicht der Verfügbarkeit der +psychischen Kraft über die Inanspruchnahme derselben ist Grund der Lust +und lässt _zugleich_ dies Gefühl den Charakter des Heiteren, Leichten, +Spielenden gewinnen. + +Ist es erlaubt, für den Grund der Entstehung dieses Gefühles schliesslich +noch ein verdeutlichendes Bild zu gebrauchen, so denke man sich, jemand +erwarte und sei gerüstet auf den Besuch einer aus mehreren Köpfen +bestehenden Familie, habe also den Raum, und was sonst erforderlich ist, +verfügbar gemacht. Kommt nun statt der erwarteten eine grössere Anzahl +von Gästen, so werden diese die Insassen des Hauses beengen und sich +selbst beengt fühlen. Kommt dagegen nur ein einziger, so wird dieser +freier sich entfalten und bequemer sich ausbreiten können, als wenn auf +ihn allein gerechnet worden wäre. Oder nehmen wir an, es sei überhaupt +niemand angekündigt, die ans mehreren Köpfen bestehende Familie sei aber +gekommen und habe den Hausherrn genötigt, wohl oder übel, den für sie +erforderlichen Platz zu schaffen; dann seien alle bis auf einen wieder +abgereist; so wird wiederum der Zurückbleibende, so lange bis die alte +Ordnung wieder hergestellt ist, sich freier ausbreiten können, als wenn +er von vornherein der einzige Gast gewesen wäre. + +Ähnlich nun, wie jenem, an Stelle der angekündigten Familie +eingetroffenen Gaste, ergeht es in uns der Wahrnehmung des kleinen +Häuschens, das an Stelle des Palastes tritt. Der Wahrnehmungsvorgang +breitet sich in der Seele leicht und ungehemmt aus, und ist darum +Gegenstand einer, zugleich lustbetonten Komik. Und ähnlich, wie diesem +allein übrig gebliebenen Gaste, ergeht es der schwarzen Hautfarbe des +Negers, dem Spiel mit Worten, der naiven Äusserung oder Handlung, nachdem +der Gedanke an ihre Bedeutung zurückgetreten ist. Auch diese Inhalte +vermögen leicht und mühelos, "spielend", sich in uns zur Geltung zu +bringen. + +Diese spielende Entfaltung des relativen Nichts unterbricht und löst die +Spannung, welche die Erwartung oder der Schein des Bedeutungsvollen +erzeugte. Insofern hat _Kant_ Recht, wenn er die Komik als die "Auflösung +einer Spannung" in Nichts bezeichnet. Das relative Nichts erlangt, indem +es sich entfaltet, in unserem Bewusstsein momentan die Herrschaft. In +diesem Sinne kann das "vive la bagatelle" _Jean Paul_'s zur Devise, nicht +nur des Humors, sondern aller Komik gemacht werden. + + + + +X. KAPITEL. DAS GANZE DES KOMISCHEN AFFEKTES. + + +UMFANG UND ERNEUERUNG DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG. + +Ich habe im Vorstehenden das Gefühl der Komik bezeichnet, und den +Prozess, durch welchen dasselbe entsteht, dargelegt. Damit ist doch noch +kein vollständiges Bild gegeben vom psychologischen Thatbestande der +Komik. + +Zunächst ist die komische Vorstellungsbewegung umfassender, als bisher +ausdrücklich gesagt wurde. Wir nannten komisch die geringfügige Leistung +nach grossen Versprechungen. Aber nicht nur die geringfügige Leistung +schrumpft in nichts zusammen, wenn sie als das, was sie ist, betrachtet +wird. Auch die Versprechungen, nicht minder die Person dessen, der sie +gab, wird in diese Vernichtung hineingezogen. Die Leistung erhob den +Anspruch grosse Versprechungen zu erfüllen. Jetzt ist sie dieses +Anspruches verlustig. Gleicherweise erhoben die Versprechungen den +Anspruch Ankündigung oder Bürgschaft grosser Leistungen zu sein, die +Person erhob den Anspruch der Zuverlässigkeit und der Fähigkeit zur +Verwirklichung der versprochenen Leistungen. Jetzt sind die +Versprechungen leer, der Versprechende ist ein eitler Grosssprecher. +Schliesslich werden auch solche komisch, die auf die Versprechungen etwas +gaben, darunter wir selbst. + +Indessen wichtiger ist mir hier ein zweiter Punkt. Zunächst dieser: Je +höher die Erwartung gespannt ist, oder je mehr das Nichtige zuerst als +ein Bedeutungsvolles erschien, um so mehr war im Anfang der komischen +Vorstellungsbewegung unsere Aufmerksamkeit von der Erwartung oder der +scheinbaren Grösse des Nichtigen in Anspruch genommen, um so stärker +ist dann die Entladung. Ich achtete nur auf das zu Erwartende oder auf +das scheinbar Grosse; jetzt hat in mir neben dem Nichtigen wiederum +allerlei Platz, das vorher verdrängt war. Die komische Enttäuschung +bringt mich "zu mir"; meine Aufmerksamkeit geht wiederum über den +Vorstellungszusammenhang, dem das komische Erlebnis angehört, hinaus zu +solchem, das zu ihm keine Beziehung hat. + +Doch das eigentlich Wichtige, das ich hier meine, besteht nicht sowohl +darin, dass dies geschieht, als vielmehr darin, dass solches Hinausgehen +über den komischen Vorstellungszusammenhang nicht in dem Masse und nicht +so unmittelbar stattfindet, wie man erwarten könnte. + +Dem komischen Objekt ist mehr psychische Kraft zu teil geworden, als es +beansprucht, also auch mehr als es festzuhalten vermag. Die Energie der +Festhaltung ist ja dieselbe wie die Energie der Beanspruchung. Es scheint +also die psychische Kraft leicht von dem komischen Objekt sich wieder +lösen zu müssen. Beliebiges Andere scheint dieselbe leicht aneignen zu +müssen. Die Komik scheint nur ein momentanes Dasein haben zu können. + +Dies ist in der That nicht der Fall. Wir bleiben eine Zeitlang in der +komischen Vorstellungsbewegung. Wir bleiben darin, um sie zu wiederholen. + +Dies verstehen wir, wenn wir uns wiederum der psychischen Stauung +erinnern, die bedingt ist durch den Charakter des Unerwarteten, Neuen, +Seltsamen, Rätselhaften, das dem Komischen anhaftet. Dadurch ist die +Brücke zwischen dem Komischen, und dem, was jenseits desselben liegt, +abgebrochen. Der "Abfluss" der Vorstellungsbewegung ist gehemmt, der +komische Vorstellungszusammenhang ist psychisch relativ isoliert. + +Darum hat doch der Umstand, dass das komisch gewordene Nichtige +geringe eigene Energie der Aneignung psychischer Kraft, also +auch geringe Fähigkeit der Festhaltung derselben besitzt, seine +Wirkung. Nur bleibt diese Wirkung zunächst innerhalb des komischen +Vorstellungszusammenhanges. Die psychische Kraft "fliesst" in der That +von dem Nichtigen "ab"--wenn es erlaubt ist auch hier diesen bildlichen +Ausdruck zu gebrauchen, dessen erfahrungsgemässer Sinn zur Genüge +deutlich gemacht worden ist--, aber sie fliesst ab auf das Grosse und zur +Aneignung psychischer Kraft Fähige, das unmittelbar mit dem Nichtigen +zusammenhängt, das heisst, sie fliesst zurück zu dem Erwarteten, an +dessen Stelle das Nichtige getreten ist, beziehungsweise zu dem, was das +Nichtige zuerst als ein Grosses erscheinen liess. + + +RÜCKLÄUFIGE WIRKUNG DER PSYCHISCHEN "STAUUNG". + +Damit sind wir einer psychischen Thatsache begegnet, die bei jeder +psychischen "Stauung" in grösserem oder geringerem Masse stattfindet, und +eine ebenso grosse und umfassende psychologische Bedeutung besitzt, wie +die Stauung selbst. Es ist die Thatsache, auf der all unser zweckmässiges +Thun beruht, das heisst im letzten Grunde, all unser Thun im Gegensatz +zum blossen Geschehen in uns, jedes Nachdenken, jede praktische oder +theoretische Überlegung, jede Wahl von Mitteln zu einem Zweck u. s. w. +Wir können auch sagen: Es ist die Thatsache, in welcher alles solche Thun +_besteht_. + +Alles "Sich nicht Erinnern", jeder Zweifel, jede Ungewissheit, alles +Nichthaben dessen, worauf wir innerlich gerichtet sind, oder worauf eine +psychische Bewegung ihrer Natur nach abzielt, ist eine Unterbrechung +eines naturgemässen Ablaufs oder Verlaufs eines psychischen Geschehens. +Eines naturgemässen, das heisst eines solchen, wie er sich ergäbe, wenn +die in dem Geschehen wirksamen Bedingungen frei sich verwirklichen +könnten. Jeder der bezeichneten Thatbestände schliesst also die +Bedingungen einer "Stauung" in sich. Wir könnten statt dessen mit dem +oben gebrauchten Ausdruck auch sagen: Jeder solche psychische Thatbestand +involviert eine "Verblüffung". Alles sich Besinnen, alles Fragen "Wie" +oder "Was ist dies", alles Überlegen, alles nicht, oder nicht sofort sich +verwirklichende Wollen ist zunächst ein Stehenbleiben der psychischen +Bewegung an der Stelle, wo diese Bewegung nicht in ihrer natürlichen Bahn +weiter kann. Es ist dann weiterhin ein sich Ausbreiten und sich +Rückwärtswenden der psychischen Bewegung oder des "Stromes" des +psychischen Geschehens. + +Wir besinnen uns auf einen Namen, das heisst: wir bleiben innerlich vor +dem Namen stehen, wir wenden uns dann zurück zu der Person, die den Namen +trägt, zur Gelegenheit, wo wir den Namen hörten u. s. w. Alle diese +Momente gewinnen erneute Kraft, und damit erneute und gesteigerte +Fähigkeit der Reproduktion. Sie gewinnen diese Kraft, einfach darum, weil +die Kraft vorhanden und vermöge der Stauung an diesen bestimmten Punkt, +die Vorstellung "Name dieser bestimmten Person", gebannt ist, und weil +ihnen, an sich und vermöge ihres unmittelbaren Zusammenhanges mit dieser +Vorstellung, die Fähigkeit eignet, sich diese zwangsweise zur Verfügung +gestellte Kraft anzueignen, beziehungsweise sie festzuhalten. Vielleicht +gelingt auf Grund dieser Kraftaneignung und der damit gewonnenen erhöhten +Fähigkeit des Reproduzierens die Reproduktion des Namens. Dann ist, durch +die Stauung und ihre natürlichen Folgen, das Hindernis hinweggeräumt, und +die psychische Bewegung geht über den Namen oder durch denselben +hindurch, weiter. + +Oder: Wir erleben es, dass auf ein A, dem in früherer Erfahrung ein B +folgte, jetzt ein, das B ausschliessendes B1[*] folgt, und "suchen" die +"Erklärung". Wäre auf das A niemals das B, sondern auch sonst jedesmal +das B1, gefolgt, so gingen wir von A über B1 beruhigt weiter. Diesen +Fortgang hindert das B, oder der Widerspruch zwischen ihm und dem B1. +Darum bleiben wir vor dem B1. Wir unterliegen einer Stauung; wir erleben +eine "Verblüffung", oder erleben die "Verwunderung", die der Anfang aller +Weisheit ist. + +[* Ordnungszahl hier und ff. im Original tiefgestellt. Transkriptor.] + +Dann gehen wir von B1 zurück zu A. Das A, von dem wir ausgegangen waren, +tritt in den Blickpunkt des Bewusstseins. Ohne die Stauung wäre es +Durchgangspunkt der psychischen Bewegung. Jetzt ist es Haltpunkt +derselben. Es wird von der gestauten psychischen Bewegung emporgehoben. +Das A ist merkwürdig, interessant, nicht an sich, sondern sofern es +jetzt, gegen frühere Erfahrung, nicht ein B, sondern ein B1 nach sich +zieht. + +Dies ist der Ausgangspunkt des "Suchens" nach der Erklärung. Aber dies +emporgehobene A hat nun--ebenso wie vorhin die Vorstellung des Trägers +des gesuchten Namens und die Vorstellung der Gelegenheit, bei welcher der +Name gehört wurde--, eine seiner "psychischen Höhe" entsprechende +Fähigkeit des Reproduzierens. Es hat in gleichem Grade die Fähigkeit, die +"Aufmerksamkeit" auf solche Momente zu lenken, die dem A, so wie es in +der Wahrnehmung sich darstellt, anhaften, vorher aber übersehen wurden. + +In der Wirksamkeit jener oder dieser Fähigkeit nun _besteht_ jenes +Suchen. Vielleicht tritt vermöge derselben an dem A jetzt ein Moment +hervor, das es zu einem A1 macht. Dann ist der Widerspruch gelöst. Nicht +das A1, sondern das A war es ja, das mir auf Grund vorangegangener +Erfahrungen das B aufnötigte. An die Stelle des A ist jetzt A1 getreten. +Von diesem kann ich also, ohne durch vergangene Erfahrungen daran +gehindert zu sein, zu B1, und durch B1 hindurch zu irgend welchen +sonstigen Gedankeninhalten weitergehen. Die Verbindung A1 B1 ist keine +verwunderliche Thatsache mehr, sondern einfach eine Thatsache, wie +tausend andere. Wir haben die "Erklärung". + +Zugleich geben wir--nebenbei bemerkt--dem Erklärenden oder den +Widerspruch Lösenden einen besonderen Namen. Wir bezeichnen A1, oder den +Umstand, dass A1 nicht A, sondern A1 ist, als Ursache des B1 oder als +Ursache des Umstandes, dass B, nicht B, sondern B1 ist. + +Oder weiter: Wir wollen, dass ein B sei, das heisst: es liegen in der +Natur unseres Vorstellungsverlaufes die Bedingungen für das +Zustandekommen des Urteils, dass B sei oder sein werde. Aber wir sehen, B +ist nicht. Wiederum bleiben wir vor dieser Thatsache stehen; wir bleiben +stehen vor dem vorgestellten aber nicht wirklichen B. Und wiederum +ergiebt sich daraus die Rückwärtswendung der psychischen Bewegung. Und +diese kann auch hier die Hemmung beseitigen. Die rückwärts gewendete +Bewegung gelangt zu einem A, das erfahrungsgemässe Bedingung der +Wirklichkeit des B ist. Sie erfasst die Vorstellung des A, und rückt sie +in den Mittelpunkt des Bewusstseins. Das heisst: die Vorstellung des +"Zweckes" zwingt mich zurück zur Vorstellung des "Mittels"; das Streben +nach dem Zweck wird zum Streben nach dem Mittel. Vielleicht führt dies +zur Verwirklichung des Mittels. Dann verwirklicht sich auch der Zweck, +und die gehemmte Vorstellungsbewegung geht ihren Weg weiter. + +Wir könnten dies alles in ein Gesetz zusammenfassen, das in einem Gesetz +der "teleologischen Mechanik" des körperlichen Lebens sein Gegenstück +hätte: Hemmungen des psychischen Lebensablaufes ergeben aus sich eine +psychische Bewegung, in deren Natur es liegt, auf die Beseitigung der +Hemmung hinzuwirken. Wir könnten dies Gesetz bezeichnen als das Gesetz +der Selbstkorrektur psychischer Hemmungen. In der Verwirklichung +desselben besteht unsere Zweckthätigkeit. + +Ich rede hiervon in diesem Zusammenhang nicht genauer, sondern verweise +für eine etwas nähere--obgleich keineswegs genügende--Ausführung auf mein +mehrfach citiertes psychologisches Werk. Es ist zu bedauern, dass auch +das hier angedeutete Problem von der heutigen Psychologie übersehen zu +werden pflegt. Freilich, vor Bäumen den Wald nicht zu sehen, dies ist +vielfach die eigentliche Signatur der Psychologie unserer Tage. + + +HIN- UND HERGEHEN DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG. + +Hier liegt uns nur an der komischen Vorstellungsbewegung. Bei dieser aber +gilt dasselbe Gesetz. Auch das komische Erlebnis schliesst eine +psychische Hemmung, also eine Stauung in sich. Auch hier ergiebt sich +daraus eine Rückwärtsbeweguug. Wie schon gesagt, ist das nächste Ziel +derselben das "Grosse", oder das, was das Nichtige als gross erscheinen +liess. Jemehr es im Vergleich mit dem Nichtigen ein Grosses, also zur +Aneignung der psychischen Kraft Befähigtes, und je enger der Zusammenhang +zwischen ihm und dem Nichtigen ist oder jemehr zwischen beiden Identität +besteht, umso sicherer muss die Rückwärtsbewegung erfolgen. Das heisst, +sie muss umso sicherer erfolgen, je ausgesprochener die Komik ist. + +So führt uns die nichtige Leistung, die auf die grossen Versprechungen +gefolgt ist, wiederum zurück zu den grossen Versprechungen. Der +gewichtige Sinn der Worte, der hohe Anspruch der darin liegt, tritt uns +jetzt erst recht deutlich vor Augen. Dann fordern wir auch von neuem die +grosse Leistung. Es besteht ja noch immer der erfahrungsgemässe Weg, +der vom Versprechen zur Leistung führt. Die vorgestellte Leistung +zergeht wiederum in nichts. Kurz, es wiederholt sich die ganze +Vorstellungsbewegung. Und sie kann sich aus dem gleichen Grunde mehrmals +wiederholen, wenn auch in beständig abnehmendem Grade. + +Das Ergebnis ist ein Hin- und Hergehen und sich Erneuern der +Vorstellungsbewegung, das dauert, bis die Bewegung in sich selbst ihr +natürliches Ende findet, oder durch neu eintretende ernstere +Wahrnehmungs- oder Gedankeninhalte gewaltsam aufgehoben wird. Der ganze +Vorgang ist naturgemäss begleitet von einem entsprechenden, jetzt +nachlassenden, jetzt sich wieder erneuernden Gefühl der komischen Lust. + +Wie weit dies Bild der Wirklichkeit entspricht, hängt nun freilich, +abgesehen von störenden _fremden_ Vorstellungsinhalten, von mancherlei +Umständen ab. Vor allem von der Intensität, die der ganzen Bewegung von +vornherein eignet, von der Menge dessen, was vom Schicksal, in nichts zu +zerrinnen, erreicht werden kann, von der Ungestörtheit durch ernstere +Gedankeninhalte, die in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst +sich ergeben mögen. + +Doch wird man das Bild in der Erfahrung leicht wiedererkennen. Ich sitze +im Theater, und sehe auf der Bühne gewaltige Leidenschaften in gewaltigen +Worten und Thaten sich Luft machen. Plötzlich fällt eine Kulisse den +Schauspielern über den Kopf. Die Kulisse stellte einen Palast vor, jetzt +ist sie in ihr kulissenhaftes Nichts zurückgesunken. Zugleich ist alle +sonstige Illusion zerstört. Die Worte, die Personen sind oder bedeuten +nicht mehr, was sie waren oder bedeuteten. Ich lebe nicht mehr in der +idealen Welt des Dargestellten, sondern bin in die wirkliche Welt +zurückgeschleudert. Ich "komme zu mir", sehe meine Umgebung, sehe und +fühle mich wiederum auf meinem Platze sitzen u. s. w. Und alles dies ist +getaucht in die Stimmung der komischen Lust. Ein leichter und ungehemmter +Wellenschlag seelischer Bewegung, bald dies bald jenes leicht emporhebend +und ins helle Licht des Bewusstseins setzend, so stellt sich mir mein +inneres Geschehen dar, während vorher ernste Gedanken, gravitätisch +einherschreitend und sich drängend, mein Inneres erfüllt hatten. + +Jene Leichtigkeit und Ungehemmtheit verrät sich im Gefühl komischer Lust +oder lustbetonter Komik, wie das Drängen der ernsten Gedanken in dem +Gefühl des Ernstes und der Spannung sich kundgegeben hatte. + +Doch auch hier ist, übereinstimmend mit dem oben Gesagten, dies +Zurückgeschleudertwerden in die wirkliche Welt nicht das +Charakteristische des Vorgangs der Komik. Ich bin nicht sofort oder ich +bin nur halb in der wirklichen Welt. Zunächst bin ich in der Welt des +komischen Geschehens festgehalten. Der "Wellenschlag" erneuert sich. Das +den Ernst so jäh vernichtende Missgeschick weist mich auf den Ernst +zurück. Es ersteht wiederum vor mir das Pathos der Situation. Dies +zergeht von neuem etc.; bis endlich das Interesse am komischen Vorgang in +sich selbst erlahmt, oder der Fortgang des Stückes mich wiederum in +ernste Gedanken hineinzieht. + +Dies Beispiel gehört, ebenso wie das vorige, der objektiven Komik an. In +anderen Fällen, vor allem solchen der witzigen oder naiven Komik kann das +Bild der komischen Vorstellungsbewegung ein weniger umfassendes sein. Es +ist darum doch prinzipiell dasselbe. Beim einfachen, niemand +abfertigenden Wortspiel, das ich nur lese, das mir also in voller +Unpersönlichkeit entgegentritt, ist der Vorstellungszusammenhang ein +engerer und abgeschlossenerer. Umso sicherer geht mein Blick nach +rückwärts: Er kehrt zurück zu den Momenten, die den Worten ihre logische +Kraft verliehen. Diese Momente kommen also wiederum zur Wirkung, und der +komische Prozess beginnt hier, ebenso wie bei der objektiven Komik, von +neuem. + +Auch beim Witz gewinnt der psychische Vorgang einen _umfassenderen_ +Boden, wenn die Person, die den Witz macht, in den Kreis der Betrachtung +tritt. Sie schien erst eine gewichtige Wahrheit zu verkünden, dann +erscheint sie als lediglich mit Worten spielend. Sie wird also in +gewisser Weise Gegenstand einer, allerdings _objektiven_ Komik. Sie +steigt durch den Witz jederzeit etwas von ihrer Höhe herab, rückt mit dem +Witzwort zugleich in eine Art komischer Beleuchtung. + +Der Prozess der Komik erweitert sich nach anderer Richtung, wenn der Witz +abfertigt, und andere zum Gegenstand objektiver Komik macht. Alle diese +Momente der Komik nehmen, wie an der komischen Bewegung überhaupt, so +auch an ihrer Wiedererneuerung teil. + + +DAS ENDE DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG. + +Es fragt sich aber jetzt noch: Was heisst dies, die komische +Vorstellungsbewegung erlahme in sich selbst, oder finde in sich selbst +ihr natürliches Ende. + +Ein Doppeltes ist damit gesagt. Einmal dies: Wir sagten, der komische +Vorstellungszusammenhang sei psychisch isoliert. Dies ist er doch nur +relativ. Ich lebe doch, während der komische Vorgang sich in mir +abspielt, in einer Welt, die noch allerlei anderes in sich schliesst. Und +wir sahen auch schon, wie die komische Vorstellungsbewegung, indem sie +das Nichtige loslässt oder zurücktreten lässt, über die Grenzen des +komischen Zusammenhanges hinausgehen kann. Daraus ergeben sich über +diesen Zusammenhang hinausführende Associationen. In keinem Falle kann +dieser Zusammenhang umhin, mit dem, was sonst für mich besteht, durch +solche Associationen sich zu verweben. + +Und diese Associationen knüpfen sich enger und enger. Sie begründen also +eine stärkere und stärkere Tendenz des Abflusses oder des Ausgleichs der +psychischen Bewegung. Nichts kann in uns dauernd isoliert bleiben. Alles, +also auch der komische Vorstellungszusammenhang wird schliesslich für uns +zu einem "Gewohnten", das heisst eben: der Tendenz des Abflusses oder +Ausgleiches Verfallenen. + +Und dazu kommt ein anderer, in der Natur dieses Zusammenhanges selbst +begründeter Umstand. Eine erste Bedingung der Komik besteht, unserer +Darstellung zufolge, in der Sicherheit der Erwartung, beziehungsweise in +der Sicherheit, mit der wir dem Nichtigen einen bedeutsamen Sinn oder +Inhalt zuerkennen, andererseits ihm denselben absprechen. + +Jene und diese Sicherheit nun muss sich mindern. Ist die Erwartung einmal +enttäuscht, so hat sie, wenn mein Blick zurückkehrt, an Sicherheit +eingebüsst. Die Worte, die mir grosse Leistungen ankündigten, wecken die +Vorstellung derselben in minderem Grade, wenn sie einmal als leere Worte +sich ausgewiesen haben. Daraus ergiebt sich eine Herabsetzung der +komischen Vorstellungsbewegung. + +Ebenso mindert sich die Sicherheit, mit der ich dem scheinbar logischen +Spiel mit Worten einen bedeutsamen Sinn zuschreibe, nachdem ich es einmal +in seiner logischen Nichtigkeit erkannt habe. Oder im umgekehrten Falle: +Habe ich einmal die, der gewohnten, logisch korrekten Ausdrucksweise +widersprechende, und insofern für die gewöhnliche Betrachtungsweise +nichtige Aussage, trotzdem als berechtigten Träger ihres Sinnes +anerkennen müssen, so hat nunmehr diese gewöhnliche Betrachtungsweise +einen Teil ihrer Macht verloren. In jenem ersteren Falle ist mir die +Anerkenntnis der scheinbar sinnvollen Worte als sinnloser, in diesem +letzteren die Anerkenntnis der scheinbar sinnlosen Worte als sinnvoller +in gewissem Grade natürlich geworden. Es hat sich sozusagen, wenn auch +nur für einen Augenblick, eine neue "Regel" der logischen Beurteilung von +Worten herausgebildet. Damit muss, im einen wie im anderen Falle, die +Komik des Witzes eine Abschwächung erfahren. + +Endlich kann auch die naive Rede oder Handlung, nachdem ich sie einmal +als "erhaben" und nichtig zugleich erkannt habe, sich mir nicht mehr mit +gleicher Sicherheit _zuerst_ als erhaben, _dann_ als nichtig darstellen. +Beide Betrachtungsweisen, die vom Standpunkte des Individuums, und die +"objektive", das heisst die Betrachtung von _unserem_ Standpunkte aus, +haben sich einmal zur Beurteilung der Rede oder Handlung miteinander +verbunden, und verhindern sich nun wechselseitig, in ihrer Reinheit, die +eine _nach_ der anderen, zur Geltung zu kommen. Darauf beruht ja aber die +naive Komik. + +Will man in allen diesen Fällen den Grund der Erlahmung der komischen +Vorstellungsbewegung so ausdrücken, dass man sagt, das einmalige oder +mehrmalige Zergehen eines Bedeutsamen in nichts "gewöhne" uns an dies +Zergehen, und darum wirke dasselbe in geringerem Grade, so mag man dies +thun. Die Gewohnheit ist in psychologischen Fragen so oft, und bei so +verschiedenartigen Gelegenheiten das Wort, das zur rechten Zeit sich +einstellt, dass es auch hier ohne Schaden sich einstellen mag. + + +EINZIGARTIGKEIT DES KOMISCHEN PROZESSES. + +Die komische Vorstellungsbewegung, wie sie im Vorstehenden genauer und +vollständiger beschrieben wurde, ist einzigartig. Dennoch hat sie mit +anderen Arten der Vorstellungsbewegung Hauptzüge bald mehr bald minder +gemein. Es dient dem oben Gesagten, vor allem unserer Begründung des +Gefühls der Komik zur wertvollen Bestätigung, wenn wir sehen, wie in dem +Masse, als in einem ausserkomischen Vorgang die Faktoren der komischen +Vorstellungsbewegung wiederkehren, auch das begleitende Gefühl sich dem +der Komik nähert. + +Man erinnert sich, dass wir bereits das Spiel der Kinder mit der Komik in +Beziehung brachten. Verwandt ist das Spiel, speciell das Spiel mit +Gedanken, oder das Spiel geselliger Unterhaltung, dem wir uns nach +abgeschlossener Arbeit überlassen. Die Arbeit, die auf ernste Zwecke +abzielt, mit der wir Pflichten genügen, die beherrscht ist von mehr oder +weniger tiefgreifenden Interessen, wird uns, je mehr sie ihren Namen +verdient, um so mehr mit gewisser Strenge in Anspruch nehmen und +erfüllen. Und diese Strenge wird sich jederzeit auch in der Art der +Befriedigung spiegeln, die uns die Arbeit gewährt, die Befriedigung mag +im übrigen eine noch so hohe sein. Dagegen ist es dem Spiele eigen, von +dem Gewicht der Zwecke, der Pflichten, der tiefgreifenden Interessen +nicht beschwert zu sein. Was wir im Spiele thun und erleben, hat also an +sich nicht die gleiche Macht, uns in Anspruch zu nehmen, wie die ernste +Arbeit. Nichtsdestoweniger kommen wir ihm, wenn die Ermüdung uns nicht +auch zum Spiele unfähig macht, mit demselben Masse von seelischer Kraft +entgegen, das wir der Arbeit entgegenbringen. Daraus ergiebt sich auch +hier ein relativ leichter und ungehemmter Wellenschlag seelischen Lebens, +ähnlich dem, in welchem der Vorgang der Komik psychologisch betrachtet +besteht. Und daraus wiederum ergiebt sich ein gleichartiger, "heiterer" +Grundzug des Gefühls. + +Doch dürfen wir über allem dem den wesentlichen Unterschied nicht +vergessen. Der Komik ist der Kontrast des Bedeutsamen und Nichtigen und +die plötzliche Lösung der Spannung eigen. Diese Momente gehören nicht zu +jenem Spiel. Es fehlt darum bei ihm sowohl die eigenartige Lebhaftigkeit +der Vorstellungsbewegung, ihre Weise, plötzlich und an einem Punkte +auszubrechen, ihre explosive Art, als auch jene eigenartige Ausbreitung +und Erneuerung. Und es fehlt zugleich dem _Gefühl_ der "Heiterkeit" das +Losgelassene, schliesslich "Unbändige", wodurch das Gefühl der Komik +umsomehr charakterisiert ist, je mehr jene besonderen Momente in ihm zur +Wirkung kommen. + +Wir haben auch die Komik gelegentlich als Spiel bezeichnet. Wir nennen +gewisse Witze Wortspiele. Aber dies Spiel bleibt doch immer ein Spiel von +ganz besonderer Art. + + + + +XI. KAPITEL. LUST- UND UNLUSTFÄRBUNGEN DER KOMIK. + + +PRIMÄRE MOMENTE DER LUST UND UNLUST. + +Indem ich den komischen Vorstellungsprozess als ein Hin- und Hergehen und +sich Erneuern der seelischen Bewegung bezeichnete, habe ich mich im +Ausdruck der _Hecker_'schen Erklärung des Gefühls der Komik, die im +ersten Kapitel abgewiesen wurde, wiederum in gewisser Weise genähert. +Doch nur im Ausdruck. Denn nicht um ein Hin- und Hergehen zwischen Lust +und Unlust, sondern um ein Hin- und Hergehen der Vorstellungsbewegung und +damit zugleich um ein Hin- und Hergehen zwischen Spannung und Lösung und +demgemäss zwischen Ernst und Komik handelt es sich uns. Die Komik ist +hierbei nicht die hin- und hergehende _Bewegung_, sondern sie ist eines +der Elemente, _zwischen_ denen die Hin- und Herbewegung stattfindet. + +Dies Hin- und Hergehen mag dann freilich auch im einzelnen Falle mehr +oder minder als ein Hin- und Hergehen zwischen relativer Lustfärbung und +relativer Unlustfärbung der Komik sich darstellen. Inwiefern dies möglich +ist, dies ergiebt sich, wenn wir jetzt auch die Betrachtung des Gefühls +der Komik vervollständigen. + +Komik, so wiederholen wir zunächst, ist an sich nicht Lust noch Unlust, +sondern ein eigenartiges Gefühl. Wir sahen aber, dass und warum die Komik +zur Lustfärbung hinneigt, oder zunächst Lustfärbung besitzt. Der Prozess, +dem das Spezifische des Gefühls der Komik sein Dasein verdankt, ist, so +sahen wir, in sich selbst zugleich Grund der Lust. + +Doch ist er zugleich auch in sich selbst in höherem oder geringerem Grade +ein Grund der Unlust. Die Erwartung ist ein Hindrängen auf das Erwartete. +Diesem Hindrängen tritt das Nichtige, sofern es anders beschaffen ist, +als das Erwartete, feindlich entgegen. Die Erwartung wird enttäuscht. +Enttäuschung bringt ein Gefühl der Unbefriedigung. Bezeichnen wir den +Unterschied zwischen dem Erwarteten und dem dafür Eintretenden als +"qualitativen Kontrast", so ist dieser _qualitative Kontrast_ der Grund +der Unbefriedigung. + +Man sieht, wie hier der Grund der komischen Lust und der Grund der Unlust +dicht bei einander stehen. Das nicht Erwartete, sofern es doch auch +wiederum das Erwartete, zugleich aber ein Nichtiges ist, wird spielend +aufgefasst; sofern es nicht das Erwartete ist, unterliegt es einer +Hemmung. Wir fallen auf das Komische herein, oder fallen darüber her. +Dies Fallen ist so anstrengungslos, wie das Fallen zu sein pflegt. Aber +es ist durch ein vorangehendes Stolpern bedingt. + +Das Gleiche findet statt, da wo das Wort "Erwartung" weniger am Platze +ist. Meine Gewohnheit, menschliche Formen mit der weissen Hautfarbe +verbunden zu sehen, wird durchbrochen durch die Hautfarbe des Negers. +Ebenso die Gewohnheit logischer Rede durch das Spiel mit Worten, die +Gewohnheit einer bestimmten Art des Handelns unter bestimmten +Voraussetzungen durch die naive Handlungsweise. Auch diese Durchbrechung +unserer Vorstellungsgewohnheit durch die andere Beschaffenheit des +Gegenstandes der Komik können wir als qualitativen Kontrakt bezeichnen. +Der qualitative Kontrast ist dann überall der Grund der komischen Unlust. + +Man wird freilich finden, dass eine solche Enttäuschung oder +Durchbrechung unserer Vorstellungsgewohnheit nicht immer von einem +merkbaren Unlustgefühl begleitet sei. Dies beweist dann nur, dass das +daraus fliessende Unlustgefühl schwach sein und durch ein stärkeres +Lustgefühl leicht ausgeglichen oder überboten werden kann. In der That +werden wir bei der Komik jenes Unlustgefühl unter gewöhnlichen Umständen +so schwach zu denken haben, dass es gegenüber der komischen Lust nicht +aufkommen kann. Wir bezeichnen jenes Gefühl allgemein als Gefühl der +Überraschung oder des Befremdens. Aber die Überraschung oder Befremdung, +die nur darauf beruht, dass etwas anders ist, als wir erwarteten oder +gewohnt sind, gleichgültig, welchen Wert das Erwartete oder Gewohnte, +und ebenso, welchen Wert das an die Stelle tretende Unerwartete +oder Ungewohnte für uns hat,--und dies neutrale Gefühl der +Überraschung oder des Befremdens meinen wir hier--hat wenig Kraft. +Nichtsdestoweniger müssen wir dies Gefühl von Haus aus als--in seinen +_Bedingungen_--vorhanden annehmen. Und es kann auch unter Umständen, vor +allem bei solchen, die Sklaven ihrer Vorstellungsgewohnheiten geworden +sind, empfindlich zu Tage treten. + + +QUALITATIVE ÜBEREINSTIMMUNG UND QUANTITATIVER KONTRAST. + +Dagegen ist jede Erfüllung der Erwartung, jede Übereinstimmung mit +unseren Vorstellungsgewonheiten Grund der Lust. Es wächst darum auch die +komische Lust mit dieser "qualitativen Übereinstimmung". + +Die Lust wächst aber mit der qualitativen Übereinstimmung auch noch aus +dem weiteren Grunde, weil mit derselben die Vorstellungsbewegung, aus der +wir eben die komische Lust hervorgehen sahen, eine Steigerung erfährt. +Das Nichtige, das an die Stelle des erwarteten Bedeutungsvollen tritt, +vermag sich ja, wie wir sahen, die diesem verfügbar gemachte seelische +Kraft anzueignen _in dem Masse_, als es damit _übereinstimmt_. Und eben +auf dieser Aneignung beruht ja der Lust erzeugende komische Prozess. + +So muss das kleine Häuschen neben den grossen Palästen uns in höherem +Grade belustigen, wenn es nicht nur auch als menschliche Wohnung, sondern +als Miniaturpalast mit denselben Formen, die die Paläste auszeichnen, +sich darstellt. Wir werden hier nicht nur durch die Übereinstimmung +befriedigt, wie durch jede Übereinstimmung, sondern das Häuschen erhebt +auch für unsere Vorstellung in höherem Masse den Anspruch, selbst einer +der grossen Paläste zu sein. Es muss also in höherem Masse die spezifisch +komische Lust erwecken. + +Ebenso erscheint das Spiel mit Worten um so leichter als Träger eines +bedeutungsvollen Sinnes, je mehr es, bei aller logischen Nichtigkeit, +äusserlich der logischen Form sich nähert, oder mit der gewöhnlichen +Hausordnung unseres Denkens und Redens übereinstimmt. + +Und schliesslich ist nicht minder die naive Handlungsweise in um so +höherem Grade geeignet, den Eindruck des vom naiven Standpunkte aus +Wohlberechtigten zu machen, je mehr die Handlungsweise trotz aller +Naivetät der gewöhnlichen Handlungsweise sich nähert. So werden wir +herzlicher lachen, wenn ein Kind in seiner kindlichen Unschuld +Höflichkeitsformen, die es bei Erwachsenen beobachtet hat, am falschen +Platze anwendet, als wenn es, in voller Unkenntnis derselben, einfach, +obgleich echt kindlich, gegen alle Höflichkeit verstösst. + +Nach dem Gesagten sind wir im stande allgemein die Bedingungen anzugeben, +denen das Verhältnis der Lust und Unlust im Gefühl der Komik unterliegt. +Der Gegensatz der Bedeutsamkeit und Bedeutungslosigkeit, der Erhabenheit +und Nichtigkeit, oder, wie wir in Anlehnung an den "qualitativen +Kontrast" kürzer sagen wollen, der "quantitative Kontrast" bedingt in +erster Linie die komische Lust. Die Lust wächst mit der Grösse dieses +quantitativen Kontrastes. Sie wächst zugleich in doppelter Weise mit der +qualitativen Übereinstimmung. Dagegen wächst die Unlust mit der Grösse +des qualitativen Kontrastes. + +Dazu tritt dann noch ein Moment, das die Komik nach ihrer Lust- wie nach +ihrer Unlustseite steigert. Die Reihe von Palästen ergiebt, wie schon +oben gesagt, eine _bestimmtere_ Erwartung, dass wieder ein Palast folgen +werde, als der einzelne Palast. Je bestimmter nun die Erwartung, um so +fühlbarer wird das Störende der Enttäuschung. Zugleich aber _wirkt_ die +bestimmtere Erwartung, auch soweit sie dem Nichtigen seelische Kraft +verfügbar macht, energischer. Das ganze Gefühl der Komik also wird durch +die grössere Bestimmtheit der Erwartung lebhafter. Nehmen wir an, die +Erwartung hätte dadurch, dass schon vorher zwischen die Paläste kleine +Häuschen traten, an Bestimmtheit verloren, so würde das Gefühl der Komik +wesentlich herabgedrückt erscheinen. + +Das ganze Gefühl der Komik, sage ich, wird lebhafter. Dies hindert doch +nicht, dass für gewöhnlich aus der bestimmteren Erwartung die komische +Lust _grösseren_ Vorteil ziehen wird, als die von Hause aus geringfügige +komische Unlust. Nur für den Pedanten und Eigensinnigen, der, was er +einmal erwartet, so gleichgültigen Inhaltes es anch sein mag, in Gedanken +nicht mehr los werden kann, mag es sich umgekehrt verhalten. + +In der Erwartung besteht in dem besprochenen Falle die bei der Komik +wirksame Vorstellungsbeziehung. Bei der witzigen Rede tritt an ihre +Stelle die Beziehung zwischen Wort und Sinn, logischer Form und logischem +Inhalt. Auch die Festigkeit und Sicherheit dieser Beziehung erhöht die +Lust wie die Unlust. Je fester und sicherer in mir logische Form und +logischer Inhalt verbunden sind, je bestimmter immer eines auf das andere +hinweist, um so mehr kann mich die unlogische Form, in der ein Inhalt +vorgebracht wird, stören. Um so mehr wird aber zugleich das wirklich oder +scheinbar Logische an der unlogischen Form mich auf den bedeutungsvollen +Inhalt, als dessen Träger sie, eben vermöge ihres logischen oder +pseudologischen Charakters erscheint, hinweisen, also den Eindruck eines +bedeutungsvollen Sinnes erzeugen. Gebildete, logisch geschulte Menschen +zeichnen sich durch Sicherheit jener Beziehung aus. Sie werden darum die +Durchbrechung der logischen Gewohnheit leichter störend empfinden und +zugleich den Witz leichter herausfinden. Hat sie die logische Schulung zu +logischen Pedanten, Fanatikern der logischen Form gemacht, so mag jenes +Gefühl der Störung sogar überwiegen. Besitzen sie "Humor", so wird sie +die Freude am Witz über die Störung leicht hinwegheben. + +Endlich erhöht ebenso die Festigkeit derjenigen Vorstellungsbeziehung, +die aller _naiven_ Komik zu Grunde liegt, die Komik in beiderlei +Hinsicht. Je sicherer ich bin in der Beurteilung der Zweckmässigkeit oder +Wohlanständigkeit einer Handlung, um so leichter erkenne ich die +unzweckmässige oder gegen den Anstand verstossende Handlung als solche +und empfinde die darin liegende Störung meiner Vorstellungsgewohnheit, um +so leichter erkenne ich andererseits die relative Zweckmässigkeit oder +sittliche Berechtigung, die der Handlung vom naiven Standpunkte aus +zugeschrieben werden muss. Wiederum sind aus diesem Grunde gebildete +Leute dem naiv Komischen gegenüber sowohl "empfindlicher" als +empfänglicher. Und wiederum sind sie mehr das Eine oder mehr das Andere, +je nachdem sie Pedanten, Fanatiker der gewohnten Weise zu handeln oder zu +reden geworden sind, oder die geistige Freiheit des Humors besitzen. + + +AUSSERKOMISCHE GEFÜHLSMOMENTE. + +Damit sind, soviel ich sehe, die Bedingungen der komischen Lust und +Unlust, soweit sie in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst +enthalten sind, erschöpft. Es treten aber dazu schliesslich noch +Bedingungen der Lust und Unlust, die schon, abgesehen von diesem +Vorstellungszusammenhang, bestehen und wirken. Obgleich darnach die Lust +und Unlust, die aus ihnen sich ergiebt, mit dem Gefühl der Komik +eigentlich nichts zu thun hat, kann doch dies Gefühl durch ihr +Hinzukommen wesentlich beeinflusst werden. + +Ich erwarte ein furchtbares Ereignis mit ängstlicher Spannung. Dabei +haftet die Furcht oder Angst an dem Ereignis, gleichgültig was +nachträglich aus der Erwartung wird. Das peinliche Furcht- oder +Angstgefühl weicht, und ich fühle mich angenehm berührt, wenn die +Erwartung schwindet. Wiederum habe ich die angenehme Empfindung +ebensowohl, wenn genauere Überlegung des Sachverhaltes sie zum +Verschwinden bringt, als wenn sie in komischer Weise in nichts zergeht. +Immerhin kommt im letzteren Falle die angenehme Empfindung zur komischen +Lust verstärkend, zugleich ihren Charakter ändernd hinzu. Vielleicht ist +das Nichts, trotz seiner Nichtigkeit, an und für sich angenehm. Dann +verstärkt sich die Lust von neuem. Im gegenteiligen Falle erleidet sie +eine Einbusse. + +Oder ich erwarte auf Grund irgendwelcher Ankündigung ein Ereignis, das +für mich positiven Wert hätte, also Gegenstand meiner Freude wäre. Dann +bedaure ich die komische, ebenso wie jede andere Art der Enttäuschung. +Vielleicht tröstet mich bei der komischen Enttäuschung das Nichtige, das +an die Stelle tritt, in gewissem Grade. Auch dasjenige, was nicht dazu +angethan ist, mich mit grosser Gewalt in Anspruch zu nehmen, kann ja +einen Grad der Befriedigung gewähren. Dann vermindert sich jenes +Bedauern. Dagegen kommt ein neues Unlustmoment hinzu, wenn das +Nichtsbedeutende an sich ein Missfälliges ist. In jedem Falle sind auch +hier die positiven und negativen Werte, die den Elementen des komischen +Vorstellungszusammenhanges an sich eignen, wesentliche Faktoren im +schliesslichen Gesamteffekt des komischen Vorgangs. + +Ebensolche Faktoren spielen auch bei allen anderen Fällen der Komik +starker oder schwächer mit. Die schwarze Hautfarbe ist nicht nur komisch, +sondern auch hässlich, weil der Gedanke, den sie mir auf Grund +gewöhnlicher Erfahrung zu vollziehen verbietet, obgleich ihn zugleich die +_Formen_ des Negerkörpers gebieterisch fordern--der Gedanke nämlich eines +dahinter waltenden menschlichen Lebens--ein an sich wertvoller ist. Das +Urteil, das der Witz spielend füllt, beleidigt an sich, wenn es eine +Bosheit ist, oder in allzu niedriger Sphäre sich bewegt; es erfreut, wenn +es eine berechtigte Abfertigung in sich schliesst, oder die Wahrheit, die +es verkündigt, eine an sich erfreuliche ist. Die witzige Form, das Spiel +selbst, kann beleidigen, wenn es Spiel mit Worten ist, die man nicht +"vergeblich führen" soll; es kann erfreuen, wenn es an sich anmutiges, +kunstvolles Spiel ist u. s. w. + +Am engsten sind schliesslich solche ausserkomische Lust- und +Unlustmomente verbunden mit dem _naiv Komischen_. Sie haften ihm nicht +nur gelegentlich an, sondern gehören zu seiner eigensten Natur. Ebendamit +ragt das naiv Komische, wie ich schon früher sagte, über die Komik +hinaus. Die objektive Komik umfasst alle Gebiete der Wirklichkeit. Das +sittlich Wertvollste wird in ihr zu Schanden; zugleich findet sie auf dem +Gebiete des blinden, geist- und herzlosen Zufalls ein reiches Feld ihrer +Verwirklichung. Der Witz, an und für sich aller objektiven Wirklichkeit +völlig entrückt und allein der kühlen Sphäre der Logik angehörig, ein +Spiel des Denkens mit sich selbst, ist mehr oder weniger geistreich, aber +herzlos. Nur das Naive hat jederzeit Herz. Entsprechend seinem +persönlichen Charakter beleidigt und befriedigt es Forderungen, die wir +an die Persönlichkeit stellen, die den Takt, die Klugheit, den Geschmack, +die sittliche Tüchtigkeit, kurz den Wert der Person betreffen. Dieser +Wert ist aber nicht nur der höchste, sondern der einzig absolute. Was +sonst wertvoll ist, ist es doch nur in seiner Beziehung und Wirkung auf +die Person. Die Person allein ist der letzte und endgültige Träger aller +Werte. + +Indem diese ausserkomischen Lust- und Unlustmomente zum eigentlichen +Gefühl der Komik hinzutreten, modifizieren sie natürlich den Gesamteffekt +der Komik in grösserem oder geringerem Grade. Dies müssten sie thun, auch +wenn ihre Bedingungen mit den Bedingungen der eigentlich komischen Lust +und Unlust in keiner Beziehung stünden. Thatsächlich aber besteht ein +Verhältnis der Abhängigkeit dieser Bedingungen von jenen, und zwar ein +solches, das enge genug ist, um unter Umständen das ganze Gefühl der +Komik zu erdrücken. + +Ein Nichts, das an die Stelle eines erwarteten Bedeutungsvollen tritt, +wird, wie wir sahen, komisch, indem es die seelische Kraft aneignet, die +der Gedanke an das Erwartete bereithält oder verfügbar macht. Je +wertvoller aber das Erwartete ist, oder je mehr uns jetzt gerade aus +allgemeinen oder persönlichen Gründen an ihm gelegen ist, um so +energischer halten wir den Gedanken des Erwarteten, und speciell das, was +seinen Wert ausmacht, fest, um so stärker drängt die seelische Bewegung +auf die Verwirklichung seines Inhaltes, soweit er ein wertvoller ist, +hin. Dass es so ist, dass der Gedanke im Zusammenhang des psychischen +Lebens eine Stellung einnimmt, oder zu diesem Zusammenhang in einer +Beziehung steht, aus der dies Festhalten desselben und dies Hindrängen +auf Verwirklichung seines Inhaltes notwendig sich ergiebt, das ist es +eben, was den Gedanken zu einem für mich wertvollen macht, oder worin, +psychologisch betrachtet, sein "Wert" für mich besteht. + +Kommt nun das Nichtige, das dieses Wertes entbehrt, und setzt sich der +Gewalt jenes Hindrängens und Festhaltens zum Trotz, also gewaltsam an die +Stelle des erwarteten Wertvollen, so entsteht zunächst, eben wegen dieser +Gewaltsamkeit, das schon in Rechnung gezogene ausserkomische Gefühl der +Unlust. Und dies verstärkt zunächst das, wie wir annahmen, in der Regel +geringfügige Unlustmoment, das aus der Enttäuschung der Erwartung in +jedem Falle, abgesehen von dem Werte des Erwarteten entspringt. Zugleich +aber ist die Leichtigkeit, mit der das Nichtige die für die Erfassung des +erwarteten Wertvollen bestimmte seelische Kraft sich aneignen kann, +vermindert. Diese Leichtigkeit ist ja das Gegenteil jener +"Gewaltsamkeit". Drängt der Gedanke an das erwartete Wertvolle auf die +Erfassung eben dieses Wertvollen, so hemmt er notwendig die Erfassung des +Nichtigen, in welchem, und soweit in ihm jener wertvolle Inhalt _negiert_ +erscheint. Macht er die seelische Kraft für das erwartete Wertvolle als +_solches_ verfügbar, so verweigert er sie ebendamit dem an die Stelle +tretenden Nichtigen, das mir _verbietet_ den Gedanken an jenen wertvollen +Inhalt zu vollziehen. Daraus ergiebt sich eine Herabdrückung der leichten +Vorstellungsbewegung, aus der wir die komische Lust haben hervorgehen +sehen, eine Herabdrückung, die bis zur vollständigen Lähmung sich +steigern kann. + +Eine ebensolche Herabdrückung oder Lähmung kann, aus analogen Gründen, +bei der subjektiven Komik stattfinden. Am heiligen Orte, bei der ernsten +religiösen Feier, erwarten wir nicht nur, sondern wir fordern aus +sittlichen Gründen die Aussprache ernster Gedanken, wie sie uns da von +selbst sich aufdrängen. Ein Witz an solcher Stelle, ein Witz, vollends, +der mit Worten spielt, die selbst solche ernste Gedanken in uns wecken, +geht seiner Komik verlustig. Die ernsten Gedanken bleiben dabei, sich uns +aufzudrängen; sie hängen sich wie Gewichte an das nichtige Spiel, so dass +der leichte seelische Wellenschlag, der das Wesen der Komik macht, +unterbleiben muss. Was übrig bleibt, ist das Gefühl der Unlust, das aus +der Nichterfüllung und Verneinung unserer Forderung in jedem Falle sich +ergeben muss. + +Die _sittlichen_ Forderungen sind es, die wir, von persönlichen +Interessen abgesehen, am strengsten festhalten und am wenigsten leicht +für einen Augenblick dahingestellt lassen. Wo solche Forderungen verneint +werden, schwindet darum am leichtesten das Gefühl der Komik. Das Komische +wird lächerlich, verächtlich, schliesslich empörend. Vielleicht entsteht +das Gefühl der Komik im ersten Moment. Die Grösse des quantitativen +Kontrastes und der qualitativen Übereinstimmung, insbesondere die +Sicherheit, mit der wir gerade in dem Augenblick, wo das Nichtige sich +einstellt, das Bedeutungsvolle erwarten, bezw.--beim Witze--die +Sicherheit, mit der die scheinbare Logik des nichtigen Wortspiels auf den +bedeutungsvollen Inhalt hinweist,--dies zusammen thut vielleicht im +ersten Momente trotz der Strenge der sittlichen Forderung seine komische +Wirkung. Die seelische Kraft wird durch die bezeichneten Kanäle zum +Nichtigen herübergeleitet und jene Forderung muss wohl oder übel +zurücktreten. In diesem Falle wird aber doch die komische Wirkung nicht +nur von vornherein eine weniger freie sein, sondern sie wird auch +schneller sich verzehren müssen, als sie es sonst thäte. Die komische +Wirkung, so sahen wir oben, erhält und erneuert sich, indem wir zu dem, +was die Erwartung eines Bedeutsamen erregte, oder zu dem scheinbar +Logischen, das uns den bedeutungsvollen Gedanken aufnötigte, unseren +Blick zurückwenden. Die Wirkung ist aber bei jeder neuen Rückwärtswendung +den Blickes eine geringere, weil die Erwartung, nachdem sie ein oder +mehrere Male ihre Enttäuschung erfahren hat, immer weniger sicher +geworden ist, weil ebenso die Bestimmtheit, mit der die scheinbare Logik +des nichtigen Wortspiels auf den bedeutungsvollen Inhalt hinweist, durch +die ein- oder mehrmalige Bewusstwerdung seiner thatsächlichen Bedeutungs- +und Inhaltslosigkeit eine immer grössere Einbusse erlitten hat. + +Ebendamit nun gewinnt zugleich die sittliche Forderung, die an ihrer +Strenge _nichts_ eingebüsst hat, grössere hemmende Gewalt. Indem das +Nichtige weniger leicht seelische Kraft gewinnt, vermag der Gedanke an +das geforderte Wertvolle, der erst zurückgetreten war, entsprechend +stärker hervorzutreten, und nun auch mit entsprechender Energie auf die +weitere Verminderung der Komik hinzuarbeiten. Jene Verminderung der +Fähigkeit des Nichtigen, seelische Kraft zu gewinnen, und dieses +Hervortreten der sittlichen Forderung, diese beiden Momente steigern sich +in ihren Wirkungen wechselseitig. So geschieht es, dass der Eindruck der +Komik grösserem und grösserem Widerstreben begegnet, bis schliesslich +nichts mehr übrig bleibt, als das Gefühl des Widerstrebens oder der +Empörung. + +Es kann aber nicht nur durch unerfüllte, sondern auch durch erfüllte +Forderungen, nicht nur durch negierte, sondern auch durch realisierte +Werte der Komik der Boden entzogen werden. Wir sehen den Übermütigen zu +Fall kommen, sich in seinen eigenen Schlingen fangen, seine gerechte +Strafe finden. Wir sehen ihn beschämt. Diese Beschämung hat positiven +Wert. Hier tritt wiederum zur Komik ein ihr gegensätzliches Element +hinzu. Das Nichts, in das der Anspruch des Übermutes zergeht, kann nur +als nichtig sich darstellen und in seiner Nichtigkeit spielend aufgefasst +werden, wie dies zur Komik erforderlich ist, so lange es als dies +Nichtige erscheint. Scheint es nicht mehr nichtig, sondern mit dem +Gedanken der Bestrafung oder Beschämung beschwert, so mindert sich das +Gefühl der Komik. Freilich bleibt auch hier das Nächste das Zergehen des +Anspruchs. Dann aber tritt jener ernste Gedanke, die Freiheit und +Leichtigkeit der psychischen Bewegung aufhebend hinzu. Je näher und in +die Augen springender der Fall des Übermütigen ist, desto sicherer kann +im ersten Momente die Komik sich einstellen. Dann aber schämen wir uns +vielleicht unseres Gefühls der Komik. + + +BESONDERHEIT DER NAIVEN KOMIK. + +So sehen wir die Komik in doppelter Weise in ihr Gegenteil umschlagen, +das eine Mal in ernste Unlust, das andere Mal in ernste Befriedigung. +Dieser Umschlag kann bei der objektiven und nicht minder bei der +subjektiven Komik geschehen. Doch immer nur unter bestimmten Umständen. +An sich liegt dazu in diesen beiden Gattungen des Komischen kein Anlass. + +Dagegen besteht ein solcher Anlass jederzeit in gewissem Grade in der +naiven Komik. Hier werden, wie oben gesagt, jederzeit Forderungen von +unbedingtem Wert verneint und erfüllt. Daraus kann sich von vornherein +eine wesentliche Herabstimmung der Komik ergeben. Das Gefühl kann von +vornherein an der Grenze stehen, wo die Komik in ernste Lust oder Unlust +übergeht. Oder es kann erst ausgesprochenes Gefühl der Komik sein, dann +ein Gefühl des Ernstes an die Stelle treten. + +Wer von dem Wert der Ehre, wie wir sie gemeinhin zu fassen pflegen, auch +derjenigen, von der wir meinten, dass sie _Falstaff_ mit Recht +herunterziehe, in hohem Masse durchdrungen ist, wird für die Komik der +_Falstaff_'schen Rede über die Ehre wenig Verständnis haben. Andererseits +könnte uns die Bewunderung, die wir der Sicherheit des sittlichen +Bewusstseins beim Korporal Trim entgegenbringen, derart gefangen nehmen, +dass wir seine Antwort auf die Frage des Doktors der Theologie nicht +komisch, sondern von vornherein nur erhaben fänden. Angenommen aber, wir +haben Sinn für die Komik der _Trim_'schen Rede; dann wird doch das Ende +der Komik hier nicht die Komik, sondern der Ernst sein, nämlich eine Art +ernster Befriedigung. + +Hier zeigt sich deutlich die besondere Eigenart der naiven Komik. Sie +liegt im Unterscheidenden dieser Gattung, wie wir es kennen gelernt +haben, notwendig begründet. Die angemasste Erhabenheit des Nichtigen +zergeht in der objektiven Komik thatsächlich. Ebenso die scheinbare +Wahrheit des nichtigen Spieles mit Worten in der subjektiven Komik. +Dagegen zergeht die Erhabenheit der naiv komischen Äusserung oder +Handlung, die ihren Grund hat in der Klugheit, Gesundheit, dem +natürlichen sittlichen Gefühl, kurz dem Wertvollen der Persönlichkeit, +das darin sich zu erkennen giebt, immer nur für die allgemeine und +ebendarum einseitige Betrachtungsweise, sie bleibt bestehen für die +persönliche Beurteilung, also für die tiefere, weil dem Individuum +gerecht werdende Einsicht. Indem der Blick zurückkehrt, findet er das +wertvolle Erhabene in seinem Wert und seiner Erhabenheit wieder; nicht +als Inhalt einer unerfüllten und darum peinlichen Forderung, sondern als +erkannte Thatsache. Oder vielmehr, dies Wertvolle kommt jetzt erst recht +in seinem Werte zum Bewusstsein und wirkt als das Erhabene, das es ist. +Es thut dies immer ausschliesslicher, indem die Komik in sich und im +Kampfe mit ihm erlahmt. Der Gedanke an das Wertvolle wird zum +herrschenden, und die erhebende Freude an seinem Inhalte zum herrschenden +Gefühl. + +Andererseits wird die unerfüllte Forderung, welche die allgemeine und +einseitige Betrachtungsweise stellt, in ihrer Einseitigkeit erkannt. Die +Strenge dieser Forderung schwindet oder mildert sich gegenüber dem naiven +Individuum, auf das sie nicht oder nicht in ihrer Strenge anwendbar +erscheint. So kann sich auch ihr gegenüber das Bewusstsein des Wertvollen +im Individuum behaupten. Ja es kann dies Letztere schliesslich so erhaben +erscheinen, dass nun im Vergleich mit ihm das Erhabene der gemeinen +Betrachtungsweise in nichts zergeht und so seinerseits komisch wird. +Damit ist die naive Komik in ihr vollkommenes Gegenteil umgeschlagen. + + * * * * * + +Blicken wir jetzt zurück, so erscheint die Komik arm und reich, leer und +inhaltsvoll zugleich. An sich ist sie nichts als inhaltlich +gleichgültiges, leichtes und leicht verklingendes Spiel der +Vorstellungen, das als solches begleitet erscheint von einem Gefühl +heiterer, durch die notwendig stattfindende Enttäuschung der Erwartung +oder Durchbrechung des gewohnten Vorstellungszusammenhanges kaum +getrübter, aber vergänglicher Lust. Die Komik erhält höhere Bedeutung +erst, wenn Werte, die auch ausserhalb der Komik bestehen, in sie +eingehen. Solche Werte können in den komischen Vorstellungszusammenhang +eintreten und von dem Strudel der komischen Vorstellungsbewegung +hinabgezogen werden, dann aber auftauchen und sieghaft sich behaupten. +Indem sie dies thun, erscheinen sie erst recht in ihrem Werte, und wirken +auf das Gemüt, wie sie es nicht vermocht hätten in dem gewöhnlichen +Vorstellungszusammenhang, wo sie in Gefahr waren, zu Momenten in dem +gleichmässig fortgehenden Strome des seelischen Geschehens herabgesetzt +und keiner besonderen Beachtung gewürdigt zu werden. + +Damit hebt dann freilich die Komik sich selbst in ihr Gegenteil auf. Will +man von einer höheren Aufgabe der Komik reden,--und sie hat eine solche +im Leben und in der Kunst,--so besteht sie eben in diesem Dienste, den +sie dem Wertvollen in der Welt leistet, indem sie selbst, als reine +Komik, zu bestehen aufhört. + +Die Komik, so dürfen wir dies steigern, ist dazu da, Wertvolles und +zuletzt sittlich Wertvolles in seiner Erhabenheit darzustellen. Mit einem +Worte: Sie ist dazu da, zum Humor sich aufzuheben. Darin besteht ihre +sittliche und zugleich ästhetische Bedeutung. Der Humor tritt neben die +Tragik, der eine gleichartige Aufgabe zufällt. Nur dass dort das +Nichtige, hier das Leiden den Durchgangspunkt bildet und die Vermittlung +vollzieht. Humor und Tragik, das sind die beiden Weisen, im Leben und in +der Kunst durch Dissonanzen der Konsonanz, d. h. dem Guten erst die +rechte Kraft zu geben. + + * * * * * + +IV. ABSCHNITT. DIE UNTERARTEN DES KOMISCHEN. + + +XII. KAPITEL. DIE UNTERARTEN DER OBJEKTIVEN UND NAIVEN KOMIK. + + +STUFEN DER OBJEKTIVEN KOMIK. + +Doch ehe wir dazu übergehen, betrachten wir die Unterarten der im +Bisherigen unterschiedenen Alten der Komik. Zunächst die der objektiven +Komik. Unsere Betrachtungsweise ist, wie bisher immer, zunächst die +allgemein psychologische, die aber weiterhin in die ästhetische +Betrachtungsweise münden soll. + +Hinsichtlich der objektiven Komik besteht in erster Linie diejenige +psychologische Einteilung zu Recht, die schon früher von uns +vorausgesetzt wurde. Ähnlichkeit oder erfahrungsgemässer Zusammenhang +zwischen einem Gegebenen und einem erwarteten oder vorausgesetzten +Erhabenen bildet den Grund für unsere Erwartung oder Voraussetzung dieses +Erhabenen, die dann in nichts zergeht. Es giebt eine objektive Komik auf +Grund dieser beiden, das ganze seelische Leben beherrschenden Arten der +Association. Das kleine Häuschen zwischen mächtigen Palästen mag noch +einmal als Beispiel der einen, die nichtige Leistung des Grosssprechers +noch einmal als Beispiel der andern Art erwähnt werden. + +Neben dieser formalen ist eine doppelte inhaltliche Einteilung möglich, +mit der wir uns schon der ästhetischen Betrachtungsweise nähern. Die in +nichts zergehende Erhabenheit ist zunächst _sinnliche_ Erhabenheit, d. h. +Erhabenheit, die lediglich in der Energie und Dauer der Wirkung besteht, +die ein wahrgenommener Gegenstand, nur als wahrgenommener, auf uns übt. + +Diese Wirkung bleibt aber nie für sich. Welches Objekt auch auf uns +wirken mag, immer verbindet sich mit seiner Wahrnehmung die Vorstellung +eines so oder so gearteten, in ihm waltenden oder sich verkörpenden +Lebens. Der Baumriese hat nicht nur eine gewisse Grösse und Form, sondern +er scheint sie zu haben, indem er sich reckt, dehnt, Widerstand leistet, +kurz frei oder im Kampfe gegen Hindernisse seine Kraft entfaltet. Und der +Gedanke daran lässt ihn erst eigentlich als erhaben erscheinen. Von +solcher "Kraft" _sehen_ wir nichts. Wir kennen überhaupt, was den +eigentlichen und ursprünglichen Sinn dieses Wortes ausmacht, nicht +anders, denn als Inhalt unseres Kraftgefühls, des Gefühls freierer oder +gehemmterer Anstrengung. Aber eben diesen Gefühlsinhalt projizieren wir +durch einen Akt der allergeläufigsten Vermenschlichung überall in die +Objekte hinein. Man erinnere sich hier wiederum des auf S. 19 f.[*] +Gesagten. Ausserdem bitte ich hierüber meine "Raumästhetik und +geometrisch-optische Täuschungen" (Leipzig 1898) zu vergleichen. + +[* Im Unterkapitel ALLERLEI ÄSTHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.] + +Diese dynamische, wir könnten auch sagen animalische Erhabenheit bestimmt +sich dann in dieser oder jener Weise näher. Sie bekommt einen konkreteren +und konkreteren Inhalt. Das "Leben", das von vornherein ein Analogon +menschlichen Lebens ist, nähert sich dem Leben, wie wir es im Einzelnen +in uns erleben oder erleben können. Es gewinnt bewussten _geistigen_ +Inhalt. Seine Erhabenheit stellt sich dar als _geistige_ Erhabenheit. +Schon der Baumriese hat nicht nur Kraft, sondern seine Kraft ist auf +Bestimmtes gerichtet. Er will etwas, er hat Ziele oder Zwecke. Er +"_sucht_" Luft und Licht. Er "erfreut" sich ihrer, wenn er davon umspielt +wird. Er flüstert schliesslich und träumt, wie eine Art selbstbewussten +Individuums. + +Sowenig darnach Objekte als sinnlich, dynamisch, geistig erhaben einander +gegenübergestellt werden können, so wertvoll ist die Unterscheidung +dieser Arten und Stufen der Erhabenheit für den ästhetischen +Gesichtspunkt. Je höherer Stufe die Erhabenheit angehört, um so schärfer +wird ihr Zergehen in nichts empfunden. Der Mensch, der das höchste +Erhabene ist, ist ebendarum das einzige ursprüngliche Objekt der +Lächerlichkeit. Alles andere kann lächerlich erscheinen nur in dem Masse, +als es von uns vermenschlicht wird. + +Wiederum ist jene höchste, geistige Erhabenheit intellektuelle +Erhabenheit; oder Erhabenheit des auf Zwecke, vor allem sittliche Zwecke, +gerichteten Wollens; oder endlich Erhabenheit, die in der Kraft, dem +Reichtum, der Feinheit des Gefühls besteht. Auch darnach lassen sich +Stufen der objektiven Komik unterscheiden. + + +SITUATIONS- UND CHARAKTERKOMIK. + +Neben solchen Einteilungen steht eine andere mögliche Einteilung der +objektiven Komik, für welche gleichfalls der Inhalt der Komik den +Einteilungsgrund bildet. + +Wir scheiden das Übel oder das Nichtseinsollende, das uns widerfährt, von +dem Bösen, dem Mangel, dem Fehler, der an uns ist und in unserem Thun +oder Gebaren zu Tage tritt. Das Nichtseinsollende ist Begegnis oder +Eigenschaft, Schicksal oder Charakter. + +So ist auch jede Komik für die Person, oder auch die Sache, die darin +verflochten ist, Schicksal oder Charakter. Wir unterscheiden also +Schicksals- oder Charakterkomik. Statt Schicksalskomik können wir auch +sagen: Situationskomik. + +Dies erinnert uns an unser drittes Kapitel. Dort stellten wir +einstweilen--mit _Kräpelin_--der Situationskomik nicht die +Charakterkomik, sondern die Anschauungskomik gegenüber. Aber die hier +gewählte Bezeichnung des Gegensatzes ist klarer. Wir bleiben darum bei +ihr. Missfällt der Ausdruck Charakterkomik, dann sage man: Komik des +Wesens, oder: an der Beschaffenheit des komischen Objektes haftende +Komik. + +Auch dies ist klar, dass beide Arten der Komik Hand in Hand gehen können, +dass eine Komik beides zugleich sein kann, Situations- und +Charakterkomik. Doch davon später, wenn es sich um die ästhetische +Bedeutung dieses Gegensatzes handeln wird. Dass derselbe eine solche +ästhetische Bedeutung haben muss, braucht ja nicht gesagt zu werden. + + +NATÜRLICHE UND GEWOLLTE KOMIK. + +Hiermit verbinde ich weiterhin solche Unterschiede der objektiven Komik, +die sich aus der Betrachtung der Arten oder der Gründe des Auftretens der +Komik ergeben. + +Objektive Komik kann einmal durch den natürlichen Zusammenhang der Dinge +gegeben sein, oder im natürlichen Verlauf des Geschehens sich einstellen. +Sie ist ein andermal künstlich oder geflissentlich hervorgerufen. + +Für Letzteres bestehen wiederum verschiedene Möglichkeiten. Ich hänge +jemanden etwas an, das ihn komisch macht, oder bringe ihn in eine +komische Situation, spiele ihm einen "Possen", mache mit ihm einen +"Witz". + +Von solcher Hervorrufung der Komik, bei welcher das Komische oder der +eigentliche Gegenstand der Komik erst von mir ins Dasein gerufen wird, +unterscheide ich die komische Darstellung, die nicht das Komische, wohl +aber die Komik erst erzeugt. + +Auch diese "komische Darstellung" kann wiederum einen verschiedenen Sinn +haben. Sie besteht einmal lediglich darin, dass ich dasjenige an einer +Person oder Sache, das an sich komisch zu wirken geeignet ist, +beschreibe, zur Kenntnis bringe, ans Licht setze. Indem ich dies thue, +mache ich erst die Komik möglich. Dabei ist es gleichgültig, ob das +dargestellte Komische ein wirkliches oder ein fingiertes ist. Ich rechne +also hierher auch die Darstellung erfundener oder durch künstlerische +Phantasie gefundener komischer Gestalten und Situationen. + +Hiervon deutlich unterschieden ist die Darstellung, die erst durch die +Weise der Darstellung die Komik hervorruft. Ein Objekt trägt an sich +nichts, das mir bei gewöhnlicher Betrachtung komisch erschiene. Nun +manipuliere ich aber in der Darstellung mit dem Objekte so, dass ein +komisches Licht darauf fällt. Ich beleuchte es komisch. + +Diese komische Beleuchtung wird immer zugleich im eigentlichen Sinne des +Wortes "witzig" sein, d. h. einen Fall der subjektiven Komik darstellen. +Die Manipulation, von der ich rede, erzeugt ja der Voraussetzung nach +eine Komik, die nicht im Objekte liegt. Sie ist also ein Spiel, das etwas +sagt, das ein Urteil über ein Objekt entstehen lässt, angesichts des +Objektes aber doch wiederum als nichtssagendes Spiel erscheint. Es ist +die sachlich unberechtigte Einfügung in einen Vorstellungszusammenhang, +die das Objekt hinsichtlich seines Eindruckes auf uns in ein anderes +verwandelt, und doch das Objekt selbst lässt wie es ist. + +Hierhin gehört die Komik der Nachahmung, von der oben die Rede war. Die +komische Nachahmung löst, wie wir sagten, das Nachgeahmte aus dem +Zusammenhang der Person, in der es in der Ordnung, also nicht komisch +erscheint, und stellt es isoliert hin. Damit nimmt sie dem Nachgeahmten +seinen Sinn oder seine individuelle Berechtigung. + +Neben diese komische Nachahmung tritt die durch die Mittel der Sprache +bewirkte komische Gruppierung von Zügen eines wirklichen oder fingierten +Menschen oder Dinges, die Zusammenstellung des relativ Erhabenen und des +Nichtigen, der Art, dass daraus eine komische Beleuchtung sich ergiebt. + +Die komische Darstellung geht von hier noch einen Schritt weiter, wenn +sie zur karikierenden, übertreibenden, verzerrenden Darstellung wird. +Sofern solche Darstellung glaublich erscheint, das Dargestellte als damit +"getroffen" anerkannt wird, und andererseits doch wiederum die Karikatur, +Übertreibung, Verzerrung als solche, d. h. als von der Wirklichkeit +abweichendes, willkürliches und demnach nichtsbedeutendes Spiel +erscheint, ist sie zugleich eine besondere Art des Witzes. Als solche +gehört sie nicht hierhin. + +Hierzu füge ich als weitere und eigenartige Weisen der "komischen +Darstellung", in unserem Sinne, die Travestie und die Parodie. Auch sie +sind Arten der komischen Gruppierung oder der unmittelbaren +Aneinanderrückung des Erhabenen und des Nichtigen. Aber nicht Züge des +Objektes sind es, die hier unmittelbar aneinandergerückt und zur Einheit +verbunden scheinen, sondern: In der Travestie wird das Erhabene in Worten +und Wendungen, die einer niedrigeren Sphäre angehören, dargestellt, in +der Parodie umgekehrt das Niedrige oder Triviale durch Einkleidung in +eine dem Erhabenen zugehörige sprachliche Form zu einem Scheinerhabenen +gestempelt. Dort zergeht die Erhabenheit des Inhaltes durch die Form, und +zugleich die Form, die vermöge des Inhaltes Erhabenheit sich anmasste, in +sich selbst. Hier zergeht die erhabene Form durch den Inhalt, und +zugleich der durch die Form zum Scheinerhabenen aufgebauschte Inhalt in +sich selbst. + + +POSSENHAFTE, BURLESKE, GROTESKE KOMIK. + +Die hier gemachten Unterscheidungen bringen wir endlich wiederum in +Zusammenhang mit gewissen herkömmlichen Begriffen, in denen Arten des +Komischen bezeichnet scheinen. + +Nennen wir ein Komisches "_possenhaft_", so wollen wir es wohl zunächst +als ein Derbkomisches charakterisieren. Possenhafte Komik ist eine Komik, +bei der wir nicht lächeln, sondern über etwas, vor allem über Personen +herzlich lachen, sie, wenn auch gutmütig, belachen, verlachen, auslachen. +Aber wir nennen andererseits mit diesem Namen nicht dasjenige +Derbkomische, das jemandem natürlicherweise anhaftet oder geschieht. +Sondern, wie jeder fühlt: Das Possenhafte ist jederzeit ein +beabsichtigtes, gemachtes. Es ist eine gewollte Weise, jemanden komisch +erscheinen zu lassen. + +Eine solche Weise liegt nun zunächst vor, wenn ich jemandem "einen Possen +spiele". Dabei spekuliere ich auf seine Dummheit, sein Ungeschick, seine +Feigheit, sein körperliches Unvermögen u. dgl. Die possenhafte Komik ist +die Komik der "Streiche", die dem Dummen, Ungeschickten, Feigen, +vielleicht aber sehr klug, geschickt, tapfer sich Dünkenden oder +Gebärdenden, auch dem mit einem Gebrechen Behafteten, gespielt werden und +diese Eigenschaften hervortreten lassen und dem Lachen preisgeben. + +Es ist aber zum Possenhaften nicht erforderlich, dass der "Possenreisser" +anderen einen Possen spiele. Es ist auch possenhaft, wenn jemand sich +selbst in komischer Weise als Narren, Ungeschickten, Feigen oder +dergleichen darstellt, sein körperliches Gebrechen dem Lachen preisgiebt, +oder ein solches fingiert; wenn er den Narren, Tölpel, Feigling, den mit +einem Gebrechen Behafteten "spielt", um damit zu belustigen. + +Bisher verstand ich unter der possenhaften Komik eine Komik des +Verhaltens, Thuns, Gebarens. Possenhafte Komik ist aber weiter auch die +Komik der Darstellung in Wort und Bild, die Verlachenswertes zum Inhalte +hat, sei es, dass sie lediglich ein der Wirklichkeit Angehöriges oder +fingiertes Verlachenswertes beschreibt, es erzählt, davon berichtet, sei +es, dass sie dasselbe erst durch die Weise der Darstellung als ein +Verlachenswertes erscheinen lässt oder dazu macht. Auch hier wird die +Dummheit, das Ungeschick, die Feigheit, das Gebrechen und dergleichen den +Inhalt der Komik ausmachen. + +Indem ich das Possenhafte in diesem Sinne nehme, weiss ich mich +einigermassen in Übereinstimmung mit _Schneegans_, der in seiner +"Geschichte der grotesken Satire" das Possenhafte als die Komik, die aus +der angeschauten Dummheit sich ergiebt, bezeichnet. Diese Bestimmung ist +freilich zunächst enger als die unsrige, und zweifellos zu eng. +Andererseits unterlässt es _Schneegans_, ausdrücklich zu betonen, dass +nicht komische Dummheit, der wir irgendwo im Leben begegnen, possenhaft +ist, sondern nur die geflissentlich hervorgelockte oder komisch +beleuchtete; nicht die "angeschaute", sondern die zur Anschauung +gebrachte. Oder bestimmter und zugleich allgemeiner gesagt, dass +"Possenhaft" nicht ein Prädikat der _Komik_, oder des Komischen als +solchen ist, sondern vielmehr ein Prädikat, durch welches wir das auf +Hervorbringung des komischen Effektes abzielende und zur Erreichung +dieses Zieles bestimmte Mittel anwendende, bewusste menschliche _Thun_ +bezeichnen. Possenhaft ist nicht das Opfer eines Streiches, sondern der +Streich; nicht die Dummheit, die der Clown fingiert, sondern dies sein +Spiel; nicht das in Wort oder Bild dargestellte Verlachenswerte, sondern +diese Darstellung; zugleich doch wiederum diese Darstellung nicht als +solche, sondern sofern sie diesen bestimmten Inhalt hat, oder mit diesem +Mittel diesen bestimmten komischen Effekt hervorbringt. + +Dieser possenhaften Komik tritt dann zur Seite die "_burleske_". Auch +"Burlesk" ist nicht eine Bezeichnung für eine bestimmte Art des +Komischen, sondern für eine Weise etwas komisch erscheinen zu lassen oder +eine Weise der Darstellung mit komischem Inhalt oder Effekt. Und zwar +erscheint es historisch und durch den Sprachgebrauch genügend +gerechtfertigt, wenn wir mit _Schneegans_ als burlesk die parodierende +und travestierende komische Darstellung bezeichnen. + +Endlich werden wir berechtigt sein, wiederum im Einklang mit +_Schneegans_, als "_grotesk_" die komische Darstellung zu bezeichnen, für +welche die Karikatur, die Übertreibung, die Verzerrung, das Unglaubliche, +das Ungeheuerliche, das Phantastische das Mittel zur Erzeugung der +komischen Wirkung ist. + +Hiermit haben nicht alle Arten der geflissentlich ins Dasein gerufenen +objektiven Komik ihre besonderen Namen bekommen. Es bleiben daneben viele +Möglichkeiten der Hervorrufung oder Darstellung einer Komik, die vom +Possenhaften, Burlesken, Grotesken mehr oder weniger weit entfernt sind. +Es bleiben insbesondere vielerlei Arten, durch den Witz eine Person oder +einen Vorgang in komische Beleuchtung zu rücken. Soweit dabei eine +besondere Eigenart des Witzes vorausgesetzt ist, werden diese +Möglichkeiten nachher zu unterscheiden sein. Im übrigen hätte es nicht +viel Wert, wenn wir hier weitere Einteilungen und Unterscheidungen +versuchen wollten. + +Alle die bezeichneten Möglichkeiten der objektiven Komik bleiben +ästhetisch wertlos, solange sie nichts sind als Möglichkeiten der Komik. +Es ist aber teilweise im Obigen schon angedeutet, wie sie ästhetischen +Wert gewinnen können. Die possenhafte Komik braucht als solche nicht, +aber sie kann gutmütig sein. Noch mehr, sie kann herzerfreuend sein. Dies +ist nur möglich, wenn etwas Gesundes, ursprünglich Menschliches, Wahres, +Ehrliches, Gutes in ihr ist, vielleicht gar eine besondere Stärke und +menschliche Grösse. Dergleichen kann in der possenhaften Komik nicht nur +nebenbei enthalten sein, sondern es kann eben durch dieselbe erst recht +zum Bewusstsein gebracht werden. Dann wird die possenhafte Komik zum +Humor; es entsteht das Kunstwerk der Posse, etwa der Volksposse, ein +Kunstwerk, das trotz der "niedrigeren" Sphäre und der drastischen Mittel +ästhetisch höher stehen, also im höherem Grade ein "Kunstwerk" sein kann, +als Dutzende von "feineren" Lustspielen, die vielleicht nur darum feiner +heissen, weil ihnen alle Kraft und Tiefe fehlt, weil sie unterhalten, +"interessieren", eine "Belustigung des Verstandes und Witzes" +hervorbringen, aber alles innerlich Erhebenden und Erwärmenden baar sind, +ebenso geistreich wie herzlos. + +Noch weniger kann mir daran gelegen sein, in eingehenderer Weise, als ich +es oben schon that, Arten der naiven Komik zu unterscheiden. + +Dagegen verlohnt es die Mühe, die unendliche Menge der Möglichkeiten +einer subjektiven Komik nach Gesichtspunkten, die in der Natur der Sache +liegen, zu ordnen. Dies soll im Folgenden versucht werden. + + + + +XIII. KAPITEL. DIE UNTERARTEN DER SUBJEKTIVEN KOMIK. + + +ALLGEMEINES. + +Auch die subjektive Komik oder der Witz kommt durch Wirkung jener beiden +Arten der Vorstellungsassociation, der Association des Ähnlichen und der +Association auf Grund der Erfahrung, zu stande. Wir verbinden aber diesen +Gesichtspunkt hier von vornherein mit dem aus der spezifischen Eigenart +des Witzes sich ergebenden logischen Gesichtspunkt. Der in Zeichen, vor +allem in sprachlichen Zeichen formulierte Gedanke, das ist, wie wir +wissen, das besondere Gebiet des Witzes. Entsprechend muss bei der +Einteilung der Witzarten der logische Gesichtspunkt, ich meine den +Gesichtspunkt derjenigen "Logik", die eben mit dem _formulierten_ +Gedanken zu thun hat, der eigentlich sachgemässe sein. + +Die Logik redet von Begriffen, das heisst Worten, die etwas bezeichnen, +von Beziehungen zwischen Begriffen, von Urteilen, von Beziehungen +zwischen Urteilen, endlich von Schlüssen. Darnach werden wir +unterscheiden den Begriffs- oder Wortwitz, die witzige Begriffsbeziehung, +das witzige Urteil, die witzige Beziehung zwischen Urteilen, endlich den +witzigen Schluss. Die Untereinteilung ergiebt sich dann einerseits aus +dem Gegensatz jener beiden Arten des Vorstellungszusammenhanges, +andererseits aus dem Unterschied solcher Arten des Witzes, bei denen der +Witz auf lediglich äusseren, sprachlichen Momenten beruht, und solcher, +bei denen er irgendwie sachlich begründet ist. Wir gewinnen auf diesem +Wege eine Unterscheidung von vier Arten von Begriffswitzen, witzigen +Begriffsbeziehungen, witzigen Urteilen etc., nämlich (A. 1) solchen, die +zu stande kommen durch Ähnlichkeit, beziehungsweise Gleichheit von Worten +oder Sätzen, (A. 2) solchen, deren Möglichkeit darauf beruht, dass wir +irgendwelchen Sprachformen die Bedeutung, die sie in unserer Erfahrung +gewonnen haben, auf Grund davon, also gewohnheitsmässig, auch da +zugestehen, wo sie ihnen nicht zukommt, oder nicht zuzukommen scheint, +(B. 1) solchen, bei denen eine sachliche Übereinstimmung, und endlich (B. +2) solchen, bei denen ein erfahrungsgemässer sachlicher Zusammenhang die +logische oder pseudologische Grundlage bildet. + + +DER WORT- ODER BEGRIFFSWITZ. + +I. Der "_Wort- oder Begriffswitz_" erzeugt illegitime Begriffe, die wir +uns dennoch, wenigstens für den Augenblick, gefallen lassen; er macht und +gebraucht Worte, die etwas bezeichnen oder zu bezeichnen scheinen und +doch wiederum nichts bezeichnen oder nichts scheinen bezeichnen zu +können. + +A. Gleich bei dieser ersten und niedrigsten Witzart ist jene +Untereinteilung am Platze. Die Witzart beruht zunächst auf lediglich +_äusseren_ Momenten, Momenten der reinen _sprachlichen Form_, und zwar + +1. auf _Wortähnlichkeit_. Man kennt die jugendliche Mode, Worte so zu +verändern, oder umzudrehen, dass sie aufgehört haben, sinnvolle +Sprachzeichen zu sein, und doch wegen der Ähnlichkeit mit dem Original +noch verstanden werden. Der Witz dieser "_witzigen Wortverdrehung_" +beruht, wie überhaupt der Wortwitz, nur eben auf diesem Gegensatz von +Sinnlosigkeit und verständlichem Sinne.--Als eine besondere Art der +witzigen Wortverdrehung kann die Verdrehung von Fremdwörtern--ohne +Anklang an andere, wovon später--bezeichnet werden, wie sie "Unkel +Bräsig" so oft wider Willen begegnet. + +2. Auf der gewohnheitsmässigen Festhaltung der erfahrungsgemässen Geltung +sprachlicher Formen können Wortwitze in doppelter Weise beruhen. Auf der +Gewohnheit mit Worten überhaupt einen Sinn zu verbinden, beruht die +Möglichkeit der "_witzigen Scheinbegriffe_". Ich antworte etwa auf die +Frage, was dies oder jenes sei, mit einem Worte, das es nirgends giebt, +und das für niemand einen Sinn hat; lediglich vertrauend auf den Glauben +des Hörers, es müsse sich, wenn er nur Worte hört, dabei doch etwas +denken lassen. Der Witz besteht für den, der sich verblüffen lässt und +einen Augenblick darauf "hereinfällt", dann aber sofort weiss, dass er +düpiert ist. + +Höher steht die "_witzige Wortbildung_" nach äusserer Analogie, das +heisst nach einer erfahrungsgemäss feststehenden, im gegebenen Falle aber +unanwendbaren Regel der Wortbildung. Alle Wortbildungsmittel, mögen sie +Endsilben, Vorsilben oder sonstwie heissen, beliebige grammatikalische +Formen, die ungeheuerlichsten Wortzusammensetzungen, können in den Dienst +dieser Witzart treten. Vorausgesetzt ist nur, dass sie aus der sonstigen +sprachlichen Erfahrung verständlich sind, und darum in ihrer +Sinnlosigkeit doch sinnvoll erscheinen. Ihr Wert erhöht sich, wenn sie +nicht blosse Spielerei sind, sondern eine Sache kurz und schlagend +bezeichnen. + +B. Dem äusseren Zusammenhange haben wir den _inhaltlichen_ oder +_sachlichen_ entgegengestellt. Verstehen wir darunter, wie nachher, den +objektiven Zusammenhang der Dinge, so kann es einen Wortwitz auf Grund +irgendwelchen sachlichen Zusammenhanges nicht geben. _Urteile_ gewinnen +wirkliche oder scheinbare Geltung aus dem Zusammenhange der Thatsachen. +Einem _Worte_ aber einen Sinn zuzuschreiben, dazu kann kein solcher +Zusammenhang veranlassen. Der einzige sachliche Zusammenhang, der hier in +Frage kommt, ist eben der zwischen dem Wort und seinem Sinn. Der ist es +denn auch, der hier an die Stelle des Zusammenhangs der Dinge treten +muss. + +1. Dieser Zusammenhang ist Zusammenhang der Ähnlichkeit bei +überraschenden, und sprachlich unerlaubten, aber doch bezeichnenden +onomatopoetischen Bildungen, wie wir sie auch im gewöhnlichen Leben oft +in witziger oder witzelnder Weise vollziehen. + +2. Er beruht auf Erfahrung bei allen den witzigen Wortbildungen, die wir +uns nur darum gefallen lassen, weil sie thatsächlich bestehen. Überall, +bei Kindern, bei den verschiedenen Ständen Gesellschafts- und +Berufsklassen, in Provinzen und Städten, begegnen wir neben der +allgemeingültigen einer eigenen Sprache. Die Worte sind witzig, nicht für +denjenigen, dem sie völlig geläufig und naturgemäss sind, wohl aber für +den, dem sie verständlich und doch, weil dem anerkannten Sprachgebrauche +fremd, eigentlich sinnlos erscheinen. Auch fremdsprachliche Worte, die +ganz anders klingen, als wir es gewohnt sind, und die darum überhaupt +nicht als mögliche Sprachzeichen erscheinen, können aus gleichem Grunde +den Eindruck des Witzigen machen. Der Wert des Witzes erhöht sich +wiederum, wenn die Worte die Sache kurz bezeichnen.--Wie dort, bei der +"_witzigen Onomatopoesie_", in der Ähnlichkeit des Wortes mit der +bezeichneten Sache, so liegt hier, bei den "_witzigen Idiotismen_", in +der erfahrungsgemässen Thatsache, dass das Wort die Sache bezeichnet, die +"sachliche" Begründung des Witzes. + + +DIE WITZIGE BEGRIFFSBEZIEHUNG. + +II. Die "_witzige Begriffsbeziehung_" stellt Beziehungen zwischen +Begriffen unrechtmässig oder scheinbar unrechtmässig her, Beziehungen der +Gleichheit oder Verschiedenheit, der Identität oder des Gegensatzes. +Beziehungen endlich der Zusammengehörigkeit dieser oder jener Art. + +A. Betrachten wir auch hier zuerst die Fälle, in denen _äussere Momente_ +den Witz begründen. + +1. Wir haben dann, soweit das äussere Moment in Wortähnlichkeit besteht, +in erster Linie zu nennen die "_witzige Wortverwechselung_". Ein Wort +tritt an Stelle eines anderen, ihm ähnlichen Wortes, das seinen eigenen +und wohlbekannten Sinn hat. Der Witz entsteht, indem wir die +Verwechselung verstehen, d. h. sie, durch die Ähnlichkeit der Worte +verführt, in Gedanken mitmachen, und damit die entsprechenden Begriffe +und Gegenstände für einen Augenblick identifizieren. Jemand "insultiert" +etwa den Arzt statt ihn zu konsultieren und erweckt damit die +Vorstellung, als ob in der That das Konsultieren ein Insultieren wäre, +und nicht bloss ein Wort für ein anderes taschenspielerisch einträte. + +Wie hier, so ist überhaupt bei der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund +von Wortähnlichkeit, die hergestellte Beziehung die der Identität oder +wenigstens der Vergleichbarkeit. Eine weitere Art bezeichnen wir als +"_witzige Wortkarikatur_". Wenn ich den Perückenträger einen "Perückles" +nenne, so ersetze ich nicht ein Wort durch ein anderes, ebenso +sprachgebräuchliches, sondern ich verändere oder verdrehe ein Wort, ohne +es doch völlig unkenntlich werden zu lassen, künstlich in der Weise, dass +es an ein anderes bekanntes anklingt, oder in ein (illegitimes) neues, +mit selbständigem Sinn, sich verwandelt. Insofern das Wort trotz seiner +Veränderung verständlich bleibt, liegt zunächst eine einfache "witzige +Wortverdrehung" oder "Wortbildung", also ein blosser Wortwitz vor. Indem +wir aber zugleich den durch die Veränderung erschlichenen neuen Sinn mit +dem festgehaltenen alten identifizieren, entsteht die genannte neue, in +diesen Zusammenhang gehörige Witzart. Der "Perückles" erscheint als eine +Art Perikles, ebenso die als "Dichteritis" bezeichnete Dichterei im +Lichte einer der Diphtheritis vergleichbaren Krankheit u. s. w. + +Wir können Dinge bezeichnen direkt und bildlich. Auch das Bild kann +derart verschoben werden, dass es kein legitimes Bild mehr ist, aber doch +noch erkannt wird und zugleich in der Verschiebung einen scherzhaften +Nebensinn ergiebt. Eine sehr geläufige derartige Bildkarikatur lasse ich +mir beispielsweise zu Schulden kommen, wenn ich sage, jemandem sei--nicht +ein Licht, sondern ein Nachtlicht, eine Thranlampe oder etwas dergleichen +aufgegangen. So wenig Witz in solchen Witzen stecken mag, so habe ich sie +doch hier mit zu erwähnen. + +Alle möglichen Wortverdrehungen und Wortbildungen können in den Dienst +jener witzigen Wortkarikatur treten. Wir können aber aus der Menge der +möglichen Fälle diejenigen noch besonders hervorheben, in denen der mit +dem künstlichen Wortgebilde ursprünglich gemeinte Gegenstand nicht nur in +spielende, sachlich bedeutungslose Beziehung zu dem durch die Umbildung +neu entstehenden Begriffe gesetzt, sondern durch den Inhalt dieses +Begriffes charakterisiert, erklärt, illustriert werden soll. Derart sind +die _Fischart_'schen "_charakterisierenden Wortbildungen_"--"Jesuwider" +statt Jesuit oder Jesuiter, "Maulhenkolisch" statt Melancholisch und +unzählige andere. Der besondere Wert dieser Art leuchtet ein. Jene +Neubildung ist zugleich ein vernichtendes Urteil, diese wenigstens eine +drastische Veranschaulichung. + +In allen diesen Fällen wird der mit dem gebrauchten Worte eigentlich +gemeinte Begriff oder Gegenstand erraten oder kann erraten werden. Es +genügt, dass ich sage, jemand habe die Dichteritis und man weiss, dass +seine Dichterei damit witzig charakterisiert werden soll. Dagegen werden +bei anderen Arten der witzigen Begriffsbeziehung beide Begriffe +ausdrücklich bezeichnet und auch äusserlich in Beziehung gesetzt.--Ein +analoger Gegensatz wird uns noch öfter begegnen. + +Auch hierbei sind die beiden Möglichkeiten: die Träger der beiden +Begriffe sind gebräuchliche Worte, oder es findet eine Wortneubildnng +statt. Das Erstere ist der Fall bei den "_einfachen Klangwitzen_" der +_Schiller_'schen Kapuzinerrede: Krug--Krieg, Sabel--Schnabel, +Ochse--Oxenstirn; das Letztere bei den demselben Zusammenhange +angehörigen "karikierenden Klangwitzen": Abteien--Raubteien, +Bistümer--Wüsttümer. In beiden Fällen liegt eine Beziehung der Begriffe +bereits ausdrücklich vor. Wir verwandeln aber diese--bloss äusserlich +thatsächliche Beziehung, verführt durch den Gleichklang der Worte, in +eine Art innerer Wesensbeziehung. Jene thatsächliche Beziehung wird für +uns zu einer sozusagen selbstverständlichen, in der Natur der +Begriffsinhalte selbst liegenden. Eben darauf beruht bei beiden der Witz. + +Als eine besondere Art des Klangwitzes kann noch der "_antithetische +Klangwitz_" bezeichnet werden, von der Art des recht bezeichnenden, der +mit Bezug auf eine Berliner Kunstausstellung gemacht wurde: es seien dort +viele eingerahmte Bilder, aber noch mehr eingebildete Rahmen zu sehen +gewesen. Entsprechend der Umkehrung der Worte scheinen auch die Begriffe +inhaltlich einer als blosse Umkehrung oder ergänzende Kehrseite des +anderen.--Zugleich gehört freilich die unlogische Begriffsverbindung +"eingebildete Rahmen" für sich allein noch einer andern und zwar einer +gleich zu besprechenden Witzart zu. + +2. Auf der Grenze zwischen der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund der +Wortähnlichkeit und derjenigen, bei der die gewohnheitsmässige +Festhaltung der logischen Bedeutung von äusseren Sprachformen den Witz +macht, steht die "_witzige Wortverschmelzung_". Zu jenen hier in Betracht +kommenden "äusseren Sprachformen" gehören alle erfahrungsgemässen Formen +der Wortverbindung. Eine derselben ist die Wortzusammensetzung. Als eine +karikierende Abart derselben kann die sprachlich unmögliche +Wortverschmelzung--Famillionär, Unterleibnizianer, Revolutionärrisch +etc.--betrachtet werden. Insofern gehört die witzige Wortverschmelzung in +_diesen_ Zusammenhang. Zugleich ist sie doch auch "witzige +Wortkarikatur". Entsprechend dieser Doppelnatur besteht der in ihr +entstehende "Nebensinn" je nach der Art der Verschmelzung bald im +Gedanken einer Identität, bald in der Vorstellung einer gewissen +Zusammengehörigkeit der Begriffsinhalte, nämlich der Inhalte der +Begriffe, die in der Wortverschmelzung vereinigt sind. Der +"Unterleibnizianer", d. h. der mit seiner Verdauung nicht recht zuwege +Kommende, erscheint ohne weiteres als eine Art Schüler oder +"Unterschüler" des grossen Philosophen, das "revolutionärrische" Gebaren +ist ein als närrisch charakterisiertes revolutionäres Gebaren, das +"famillionäre" ein familiäres mit dem Beigeschmack des Millionärtums. + +Als Gegenbild der witzigen Wortverschmelzung nennen wir gleich die +"_witzige Wort_- oder _Begriffsteilung_", durch die der Schein einer +Teilung eines Begriffs in zwei selbständige erzeugt wird. So, wenn ich +von Demo-, Bureau- und anderen Kraten spreche. Der Schein, dass die +Wortteile, in unserem Falle insbesondere das "Kraten" selbständige +Begriffe darstellen, kann entstehen, weil wir es oft genug erfahren +haben, dass selbständige Worte mit anderen zu einem vereinigt sind. Der +Witz gehört zugleich zur Gattung der "einfachen Klangwitze", wenn die +Klangähnlichkeit oder -gleichheit des abgetrennten Wortteils mit einem +selbständigen Worte, das mit jenem Wortteil inhaltlich nichts zu thun +hat, benutzt wird, um den Schein der Inhaltsgleichheit beider zu +erzeugen. "Welcher Ring ist nicht rund?--Der Hering"; "Photo-, Litho- und +andere Grafen".--Die witzige Begriffsteilung ist zugleich "karikierender +Klangwitz", wenn der abgetrennte Begriffsteil erst karikiert werden muss, +ehe er mit dem ihm fremden Worte zu inhaltlicher Identität gebracht +werden kann. "Auch bei den Alten schon gab es allerlei Klösse; z. B. +Sophoklösse, Periklösse" u. s. w. + +Von der witzigen Wortverschmelzung verschieden ist die "_witzige +Wortzusammensetzung_":--"Sprechruhr" u. dgl. Wieder anderer Art ist die +"witzige Aufzählung" nach der Art des _Heine_'schen "Studenten, Vieh, +Philister" etc.; mit dieser nächstverwandt die "_witzige Koordination_", +die ihrem Sinne nach bald Unterordnung unter denselben Begriff, bald +Unterscheidung, bald Entgegensetzung sein kann: "Mit einer Gabel und mit +Müh' zog ihn die Mutter aus der Brüh'"; "Der Löwe ist gelb aber +grossmütig"--als ob die Mühe ein Instrument wäre, wie die Gabel, die +Grossmut eine sichtbare Eigenschaft, die mit der Farbe verglichen werden +könnte;--"Nicht nur Gelehrte, sondern auch einige vernünftig denkende +Menschen"--als ob es unter den Gelehrten nicht auch mitunter vernünftig +denkende Menschen gäbe;--"Klein aber niedlich"--als ob dies nicht +vielmehr sehr nahe verwandte Begriffe wären. + +Die attributive Verbindung wird witzig missbraucht im "_witzigen +Widersinn_" von der Art des hölzernen Schüreisens oder des +Lichtenberg'schen Messers ohne Klinge, an dem der Stiel fehlt. +Widersprechendes scheint verträglich, weil wir, von der äusseren +Verbindung der Worte überrascht, den Widerspruch nicht oder nicht +sogleich empfinden. Andere Beispiele, wie das "messingne Schlüsselloch", +der "lederne Handschuhmacher", der "doppelte Kinderlöffel für Zwillinge" +gehören, sofern bei ihnen dem Glauben an die Gültigkeit des Begriffes +zugleich ein erfahrungsgemässer sachlicher Zusammenhang zu Grunde liegt, +zugleich zu einer später zu besprechenden Gattung.--Dagegen verführt uns +die äussere Verschiedenheit von Gegenstand und Attribut zur Annahme einer +sachlichen Verschiedenheit in der "_witzigen Tautologie_". Eine solche +wäre die "reitende Artillerie zu Pferde", die man der bekannten +"reitenden Artillerie zu Fuss" konsequenterweise entgegenstellen müsste. + +B. Von der witzigen Begriffsbeziehung, soweit sie auf inneren Momenten +und zwar + +1. auf teilweiser sachlicher _Übereinstimmung_ beruht, gilt speciell, was +_Jean Paul_ vom Witze überhaupt sagt, nämlich, dass sie halbe, +Viertelsähnlichkeiten zu Gleichheiten mache und so den ästhetischen +Lichtschein eines neuen Verhältnisses erzeuge, indes unser +Wahrheitsbewusstsein das alte festhalte. Zur Bezeichnung von Personen, +Dingen, Eigenschaften werden Begriffe verwandt, die mit dem, was sie +bezeichnen, sich teilweise decken, zugleich aber ihm irgendwie +inkongruent, also zur Bezeichnung eigentlich nicht geeignet erscheinen. +Der Eindruck des Witzigen entsteht, indem wir uns die Bezeichnung +gefallen lassen, also die teilweise Übereinstimmung für eine ganze +nehmen, dann aber sogleich wiederum der Inkongruenz uns bewusst werden. + +Insofern die witzige Bezeichnung jedesmal an die Stelle der unmittelbar +geeigneten tritt, lassen sich alle hierher gehörigen Fälle unter den +Begriff der "_witzigen Begriffssubstitution_" fassen. Dieselbe ist + +a) "logische" Begriffssubstitution. Personen, Dinge, Eigenschaften, +Thätigkeiten werden bezeichnet statt durch den sachlich eigentlich +geforderten und nach einfach logischem Sprachgebrauch nächstliegenden +Begriff, durch einen ihm übergeordneten oder nebengeordneten oder +untergeordneten: die Begriffssubstitution ist verallgemeinernde oder +vergleichende oder individualisierende Bezeichnung. Dabei bleibt der +stellvertretende Begriff undeterminert oder er erhält eine nähere +Bestimmung, die die Bezeichnung erst verständlich macht. +Verallgemeinernde Bezeichnungen der ersteren Art wählen wir besonders, um +verblümt zu reden, oder zum Bewusstsein zu bringen, dass uns der +Gegenstand des specielleren Namens nicht wert scheine. Der im Gefängnis +Sitzende hat frei Quartier oder frei Kost und Logis, wird auf öffentliche +Kosten gespeist, hat sich der Einsamkeit ergeben, sich für eine Zeitlang +von der Öffentlichkeit zurückgezogen etc.; der Redner hat "es nicht +halten können", hat die Lnft erschüttert, sich in Bewegung seiner +Lungenmuskeln ergangen, sein Stimmband in tönende Schwingungen versetzt +u. dgl. Witzig vergleichende Bezeichnungen sind in vielen Fällen die +sprichwörtlichen Redensarten: Er hat geräuchertes Fleisch (Ausschlag) im +Gesicht; Den Teufel barfuss laufen hören; Etwas auf der unrechten Bank +finden (= stehlen). Die meisten dergleichen Wendungen sind zugleich +individualisierend: Die Laus um den Balg schinden; Aus einem .... einen +Donnerschlag machen; Den .... (nämlich die untere Fortsetzung des +Rückens) hinten tragen, d. h. sich betragen, wie man sich natürlicher +Weise beträgt u. dgl. Eine reine Individualisierung ist es, wenn ich +statt von den Malern einer Stadt von den dort lebenden Rafaels und +Tizians rede. + +Tritt zum substituierten Begriff die nähere Bestimmung hinzu, so wird die +Substitution zur vollständigeren oder weniger vollständigen +"_witzigen_"--wenn nämlich witzigen--"_Umschreibung_", und zwar wiederum +zur--zunächst wenigstens--verallgemeinernden oder vergleichenden oder +individualisierenden, bezw. auch hier zur individualisierend +vergleichenden. Auch die "verallgemeinernde" _Umschreibung_ wird speciell +der verblümenden Bezeichnung dienen; die vergleichende und +individualisierende ihrerseits wird oft vergleichen, was im Grunde nicht +zu vergleichen ist und erst durch die einschränkende nähere Bestimmung +vergleichbar erscheint. So wenn ich, nach Heine, eine alte hässliche Frau +als eine zweite Venus von Milo bezeichne, nämlich was das Alter, die +Zahnlosigkeit und die gelben Flecken angehe. + +Witze dieser Art sind billig, solange sie nur Dinge mehr oder weniger +künstlich bezeichnen. Ihr Interesse wächst, wenn sie "_karikierende +Bezeichnungen_" oder "_witzige Hyperbeln_" sind, und doch, was sie +eigentlich sagen wollen, deutlich zu verstehen geben. Im Grunde ist +freilich, da jeder Vergleich hinkt und jede Individualisierung neue +Momente hinzufügt, nämlich eben die individualisierenden, jede darauf +beruhende Bezeichnung irgendwie karikierend, das heisst die Sache +verschiebend. Und diese Verschiebung wird leicht, obgleich durchaus nicht +immer, zugleich eine Steigerung sein. Dass umgekehrt die +Steigerung--Kilometernase, Quadratmeilengesicht etc.--jederzeit eine +Verschiebung ist, braucht nicht gesagt zu werden.--Aber nicht jede +witzige Karikatur oder Hyperbel ist so drastisch, wie etwa die +hyperbolisch karikierenden Bezeichnungen, die Falstaff auf Bardolphs Nase +häuft. + +Abgesehen davon besteht noch ein weiterer Unterschied. Die witzigen +Bezeichnungen sind entweder nur spielende Bezeichnungen, denen es nicht +darauf ankommt, ob das Wesen der Sache, so wie es wirklich ist, getroffen +wird, oder sie heben eine wesentliche Eigenschaft treffend hervor, sind +also charakterisierend, oder endlich sie sind ironisch gemeint. Dem +letzteren Zwecke dient insbesondere eine Art, die darum speciell den +Namen der "_ironischen Bezeichnung_" führen muss. Es liegt Ironie darin, +wenn ich meine bescheidene Wohnung als meinen Palast oder meine Residenz +bezeichne; insofern ich nämlich erwarte, der Hörer werde aus dem stolzen +Namen das ungefähre Gegenteil, die gar nicht stolze Wohnung, heraushören. +Zunächst aber will ich, wenn ich solche Ausdrücke gebrauche, einen +Gegenstand, durch den Namen für einen ähnlichen, spielend bezeichnen. +Wenn ich dagegen eine tadelnswerte Handlung, ohne weiteres, recht +lobenswert, ein abstossendes Benehmen recht liebenswürdig nenne, so setze +ich einen Begriff an die Stelle des direkt gegenteiligen und zwar in der +einzigen Absicht dies direkte Gegenteil des Gesagten recht eindringlich +zu machen. Die in sich nichtige Bezeichnung soll, indem sie wie eine +geltende sich gebärdet, ihre nicht bloss teilweise, sondern völlige +Nichtgeltung offenbaren und ihrem eigenen Gegenteil Geltung verschaffen; +und sie soll nur eben dies. In solcher Vernichtung des Nichtigen und +seinem Umschlag ins Gegenteil besteht aber, wie wir schon früher meinten, +das eigentliche Wesen der Ironie. Die Ironie ist subjektiv komische oder +witzige, sofern das mit _logischem_ Anspruch auftretende nichtige Wort +oder Zeichen das Umschlagende ist.--So besonders geartet die ironische +Bezeichnung ist, so lässt sie sich doch unter die vergleichenden +Begriffssubstitutionen unterordnen. Auch tadelnswert und lobenswert, +abstossend und liebenswündig sind ja einander nebengeordnete Begriffe. + +Eine dritte Bemerkung betrifft die äussere Form der witzigen +Substitution. Wie bei der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund äusserer +Ähnlichkeit das eine Mal der eine der beiden Begriffe, nämlich der im +Witze eigentlich gemeinte, aus dem anderen erraten werden musste, das +andere Mal beide, Begriffe ausdrücklich sich gegenüberstanden, so muss +auch hier der eine der beiden in die Beziehung eingehenden Begriffe oder +Gegenstände, nämlich der mit der Bezeichnung gemeinte, das eine Mal aus +der Bezeichnung erraten werden, während er das andere Mal ausdrücklich +genannt wird. Das Letztere wird speciell dann der Fall sein, wenn die +Bezeichnung nicht gelegentlich auftritt, als Teil eines Satzes, der +_irgend etwas_ aussagt, sondern als der eigentliche Gegenstand der +Aussage. Natürlich wird sie in diesem Falle im allgemeinen höheren +Anspruch erheben. Sie wird witzige Charakteristik oder etwas dergleichen +sein. Jenen Namen wollen wir ihr den auch a parte potiori allgemein +beilegen. + +Darum ist doch diese geflissentliche "_witzige Charakteristik_" in ihrem +Wesen nichts anderes als die gelegentliche witzige Bezeichnung. Die ganze +oben gemachte Unterscheidung hat hier weit weniger zu bedeuten, als in +dem angeführten früheren Falle. Insbesondere ist die witzige +Charakteristik nicht, weil sie in Form eines vollständigen Urteils +auftritt, "witziges Urteil". Denn nicht darum handelt es sich dabei, eine +wirkliche oder scheinbare Wahrheit zum Bewusstsein zu bringen oder eine +Thatsache glaublich zu machen, durch Mittel, die dann doch wiederum die +ganze Aussage als nichtig erscheinen lassen, vielmehr will auch sie nur, +was als thatsächlich bestehend _vorausgesetzt_ ist, in treffender und +zugleich unzutreffender Form _bezeichnen_. So will die witzige +Charakteristik der Beine Bräsigs,--sie haben ausgesehen, als ob sie +verkehrt eingeschroben wären, oder die _Fallstaff_'sche Charakteristik +_Schaals_,--er war wie ein Männchen, nach Tisch aus einer Käserinde +verfertigt--nicht glaublich machen, _Bräsigs_ Beine oder _Schaals_ ganzes +Äussere sei wirklich der Art gewesen, um dann das Bewusstsein +wachzurufen, dass die Worte gar nicht als Träger irgend einer Wahrheit, +also in keiner Weise ernsthaft gemeint sein können, sondern die eine will +eine bestimmte Beschaffenheit der Beine _Bräsigs_, ebenso die andere eine +bestimmte Beschaffenheit des _Schaal_'schen Äusseren, an die sie glaubt +und an die wir glauben, in einer bestimmten Weise kenntlich machen und +charakterisieren. Nur unter jener Bedingung aber wären die Sätze, wie wir +sehen werden, "witzige Urteile"; sie könnten es, genauer gesagt, nur +sein, wenn sie als "witzige Übertreibungen" gemeint wären. Dagegen +gehören sie, so wie sie gemeint sind, trotz ihrer Form durchaus zu +unserer Gattung. + +Endlich erweitert sich die witzige Charakteristik zur "_witzigen +Charakterzeichnung_", in der von einer Person oder Sache durch wenige +Züge, die von rechtswegen kein mögliches Bild geben können, dennoch eines +gegeben wird. So wenn _Heyse_ sagt: er sah gesund, satt und gütig aus. +Das Wesentliche der Witzart ist, dass mehrere Bezeichnungen in ihrer +Zusammenordnung das Bild gegen alle strenge Logik plötzlich +hervorspringen lassen, mögen im übrigen die Bezeichnungen, wie in dem +angeführten Beispiel, allgemein, oder vergleichend oder +individualisierend sein. Ein Musterbeispiel der vergleichenden Art ist +Falstaffs bekannte Beschreibung der von ihm angeworbenen Soldaten. + +Hier ist auch der Ort, wo wir der "_witzig zeichnenden Darstellung_" zu +gedenken haben. Sie steht mit jener witzigen Charakterzeichnung auf einer +Linie. Einige Striche, scheinbar planlos hingeworfen, ergeben plötzlich +ein Gesicht und erscheinen doch wiederum dazu völlig ungenügend. Dabei +kann die Karikatur fehlen. + +Es giebt aber daneben eine "_witzige Karikaturzeichnung_". Sie ist witzig +nicht als Karikatur, sondern sofern sie das Urteil erzeugt, die Zeichnung +sei diese oder jene Person oder bezeichne diesen oder jenen Charakter, +während doch zugleich das Bezeichnungsmittel gänzlich unzutreffend +erscheint. Auch wieweit die Karikatur objektiv komisch ist, kommt für den +Witz nur soweit in Frage, als die komischen Züge zugleich bezeichnend und +nicht bezeichnend erscheinen; an sich hat diese Komik mit dem Witze +nichts zu thun. Genauer steht die witzige Karikaturzeichnung mit der +witzig karikierenden Bezeichnung und, wenn sie ihr Objekt anderen +Gegenständen, etwa Menschen einem Tier oder einer geometrischen Figur +ähnlich macht, mit dem karikierenden Vergleich auf einer Stufe.--Jede +solche Zeichnung kann mehr oder weniger charakterisieren; sie kann auch +in den Dienst der Ironie treten. + +b) Mit Vorstehendem sind wir bereits über die logische +Begriffssubstitution hinausgegangen. Zu ihr gesellt sich, wenn wir in das +Gebiet des sprachlichen Witzes zurückkehren, die bildliche Substitution +oder die "_witzig bildliche Bezeichnung_". Jedes Bild ist seiner Natur +nach Substitution; zur witzigen Bezeichnung wird es, wenn es +überraschend, unzutreffend, allzuweit hergeholt scheint und doch +verstanden wird. Wie weit dafür die obigen Bestimmungen gelten, habe ich +nicht nötig näher auszuführen. Nur daran erinnere ich, wie auch hier +gelegentliche Bezeichnung und ausdrückliche Charakteristik sich +entgegenstehen. In einem trefflichen Beispiel dieser "_witzig bildlichen +Charakteristik_" bezeichnet Jeau Paul den Witz selbst als den Priester, +der jedes Paar kopuliert. Der Witz und ein Priester, das scheinen denkbar +unvergleichbare Dinge und doch trifft die Definition. + +c) Die dritte Art der witzigen Substitution ist die "_parodische +Bezeichnung_". Eine doppelte Art derselben lässt sich unterscheiden. Die +eine beruht auf dem Vorhandensein verschiedener Sprachen innerhalb einer +und derselben Sprache. Das Volk, der Dichter, der Gelehrte, der +Handwerker, der Künstler in seinem Beruf, jeder spricht seine eigene +Sprache. Von solchen eigenen Sprachen war schon früher die Rede. Aber +nicht um den witzigen Eindruck, den die Worte der Sprache auf den Fremden +machen, der sie versteht, und doch zugleich nicht als sinnvolle +Sprachzeichen anerkennen kann, handelt es sich hier, sondern in gewisser +Art um das volle Gegenteil davon. Nicht fremd müssen dem Hörer die Worte, +die Redewendungen und Redeformen sein, die ich _parodierend_ gebrauche, +sondern wohlbekannt, aber bekannt als einer Gedankenwelt angehörig, die +derjenigen fremd ist, in die ich sie verpflanze. Indem ich sie +verpflanze, nehme ich jene Gedankenwelt mit; die damit bezeichneten Dinge +erscheinen in der Beleuchtung derselben selbst fremdartig, verschoben, +verwandelt; zugleich sind sie doch dieselben geblieben; der fremdartige +Schein verschwindet; die parodierende Bezeichnung erscheint als Spiel, +das zur Sache nichts hinzugethan hat. + +Die andere Art, die Parodie im engeren Sinn, verpflanzt nicht nur aus +einer Gedankenwelt, sondern aus einem speciellen Wort- und +Gedankenzusammenhang in einen anderen und fremdartigen. Vor allem sind es +dichterische Zusammenhänge, aus denen wir parodierend Worte entnehmen +können. Auch diesen speciellen Wort- und Gedankenzusammenhang nehmen wir +bei der Verpflanzung mit. Indem er bei der bezeichneten Sache als +sachwidrig sich in nichts auflöst, entsteht der Witz.--Wie Worte und +Redewendungen, so können schliesslich ganze Citate--Spät kommt ihr, doch +ihr kommt etc.--als parodische Bezeichnungen fungieren. Ich will ja, wenn +ich jemanden mit dem angeführten Citate begrüsse, trotz der Satzform nur +eben ein Faktum mit _Schiller_'schen Worten _bezeichnen_. + +Hierbei dachte ich vorzugsweise an diejenige Parodie, die aus +_aussergewöhnlichem_ Zusammenhange Worte und Wendungen in den +Zusammenhang des _gewöhnlichen Lebens_ verpflanzt. Ihr steht aber mit dem +gleichen Anspruche auf jenen Namen diejenige entgegen, die umgekehrt +Alltägliches und Geläufiges aus seinem alltäglichen Gedankenzusammenhang +hineinversetzt in den ausserordentlichen. Der Unterschied der beiden +Arten ist derselbe, den wir immer wieder zu machen Veranlassung hatten +und haben werden. Während dort das aussergewöhnliche Wort das ihm von +Rechtswegen zukommende besondere Pathos verliert angesichts des von ihm +bezeichneten gewöhnlichen Gegenstandes, für welches das Pathos nun einmal +nicht passt, scheint _hier_ das _gewöhnliche_ Wort, indem es in dem +aussergewöhnlichen Zusammenhange verwandt wird, ein Pathos zu _gewinnen_, +zu dessen Träger es dann doch wiederum nach gewöhnlicher Anschauung nicht +dienen kann.--So sehr beide Arten sich gegenüberstehen, so ist doch der +psychologische Vorgang, soweit er für den Witz in Betracht kommt, im +wesentlichen derselbe. + +Wiederum erwähne ich die karikierende und hyperbolische, die +charakterisierende und ironische Parodie nicht besonders, obgleich alle +diese Möglichkeiten bestehen. Dagegen ist mir die Beziehung der Parodie +zur objektiven Komik wichtig. Nichts hindert natürlich, das Wort Parodie +zugleich in einem allgemeineren Sinne zu nehmen und jede Einfügung in +einen neuen und fremdartigen Zusammenhang, wodurch das Eingefügte Träger +der Komik wird, so zu nennen. Dann giebt es neben der witzigen auch eine +objektiv komische oder kürzer objektive Parodie, beide sich entsprechend +und doch so unterschieden wie Witz und objektive Komik überhaupt +unterschieden sind. Insbesondere gehört zur objektiven Parodie die oben +besprochene _Darstellung_ des objektiv Komischen--einschliesslich der +mimischen "Nachahmung"--sofern sie das Komische aus dem Zusammenhange, in +dem es sich versteckt, heraushebt und in den Zusammenhang der Darstellung +und damit in das helle Tageslicht setzt, in dem es erst in seiner Komik +offenbar wird; dann freilich auch jene Afterparodie, die auch das +Erhabenste so mit dem Niedrigen zu verbinden weiss, dass es von seiner +Höhe herabstürzt und dem Lachen preisgegeben wird. Jene +charakterisierende Art dient, wie wir sahen, dem Humor, ich meine dem +echten Humor, von dem die Ästhetik redet. Diese, die schon _Goethe_ mit +Recht "gewissenlos" fand, ist ebendarum auch jedes ästhetischen Wertes +bar. + +Es kann aber auch, abgesehen von dieser Korrespondenz, die objektiv +komische Parodie, vor allem die der Nachahmung--ebenso wie die objektiv +komische Karikatur--zur witzigen Parodie werden. Die parodierende +Nachahmung ist es immer, wenn ich durch sie nicht nur das Nachgeahmte +lächerlich erscheinen lasse, sondern zugleich etwas, das ich sagen will, +in spielender Weise ausdrücke. Hierher gehört die witzige Rache des +italienischen Malers, von der schon im zweiten Abschnitt die Rede war. +Der Maler stellt den Prior, indem er dem Judas seine Züge leiht, in den +Gedankenzusammenhang, der durch den Namen Judas bezeichnet ist. Dass der +Prior zum Judas wird, ist objektiv komisch. Dass aber der Maler ihn so +erscheinen lässt, also sein Urteil über den Prior zu erkennen giebt durch +dieses Quidproquo, diese unlogische Einfügung der Gestalt in den völlig +fremdartigen Zusammenhang, dies ist witzig. Es ist Bezeichnung durch ein +zur Bezeichnung von Rechtswegen untaugliches Mittel und insofern Witz von +der hier in Rede stehenden Art. + +Etwas anders geartet, aber ebenso hierhergehörig ist die bekannte witzige +Selbstparodie aus den fliegenden Blättern: Ein X. pflegt sich in seiner +regelmässigen Gesellschaft nur dadurch bemerkbar zu machen, dass er in +allem, was vorkommt, einen "famosen Witz" findet. Einmal verabredet sich +die Gesellschaft ihm durch Schweigen die Gelegenheit dazu zu nehmen. X. +tritt ein, sieht sich um, und meint: "famoser Witz". Damit parodiert er +sich selbst, bezeichnet aber zugleich die Situation. Er thut es witzig, +eben weil er damit nur sich selbst zu parodieren scheint. + +2. Mit der vorstehend erörterten Witzart hängt diejenige, bei der ein +erfahrungsgemässer sachlicher Zusammenhang von Begriffen der witzigen +Begriffsbeziehung zu Grunde liegt, eng zusammen. Dies gilt insbesondere, +insoweit auch diese Begriffsbeziehung als Beziehung zwischen einem +Gegenstande und seiner Bezeichnung sich darstellt. Ich kann bezeichnen +nicht nur, indem ich sage, was etwas ist, sondern auch durch die Angabe +sekundärer Momente, durch Kennzeichnung der Gründe oder Folgen einer +Sache, der Arten einer Person zu handeln sich zu gebaren etc., kurz durch +Momente, die mit dem zu Bezeichnenden erfahrungsgemäss zusammenhängen. +Diese Bezeichnung muss nur wieder, um witzig zu sein, überraschend, +fremdartig, ganz ungehörig, die angegebenen Umstände müssen weithergeholt +oder gänzlich unmöglich, trotzdem aber bezeichnend erscheinen. So ist es +weithergeholt, wenn der Italiener einen, wenn nicht nach italienischen, +so doch nach unseren Begriffen unentbehrlichen Teil der menschlichen +Wohnung als denjenigen bezeichnet, dove anche la regina va a piedi; +dagegen wird Unmögliches vorausgesetzt, wenn ich von einem Menschen sage, +er sei so fett, dass sein Anblick Sodbrennen errege, oder wenn ich eine +lange Nase--nach Haug--damit bezeichne, dass ich erzähle, sie sei für +einen Schlagbaum gehalten worden, oder--nach Jean Paul--damit, dass ich +angebe, ihr Eigentümer habe nicht sterben können, weil sein Geist, wenn +er ihn habe aufgeben wollen, immer wieder in die Nase zurückgefahren +sei.--Die letzteren Fälle könnten auch einer anderen Witzgattung +zugehörig scheinen. In der That ist es ein witziges Urteil, und speciell +eine Art "Münchhausiade", wenn ich jemand glauben machen will, der blosse +Anblick des Fetten könne die angegebene Wirkung auf den Magen haben. Aber +nicht um die Erzeugung dieses Glaubens handelt es sich hier, sondern um +seine Verwertung zu einem anderen Zweck, nämlich eben zum Zweck der +witzigen Bezeichnung. Dass eine Wirkung einen Augenblick für möglich +gehalten werden könne, dies ist die _Voraussetzung_ für die Möglichkeit, +die übermässige Fettigkeit in der angegebenen Weise zu bezeichnen. Indem +jener Gedanke in nichts zergeht, erscheint auch die Bezeichnung wiederum +nichtig. So verhalten sich also Möglichkeit und Unmöglichkeit der +behaupteten Wirkung, die das witzige _Urteil_ machen, zur zutreffenden +und zugleich nicht zutreffenden, kurz zur witzigen _Bezeichnung_, wie +Voraussetzung und Folge; jene witzige Bezeichnung ist so wenig ein +witziges Urteil, als die Voraussetzung die Folge ist. + +Diese "_witzige Bezeichnung durch abgeleitete Momente_" kann wiederum, +wie die Beispiele zeigen, zugleich karikierend und speciell hyperbolisch +sein. Sie ist andererseits bald rein spielend bald charakterisierend oder +ironisierend. Auch sie wird zur witzigen Charakteristik und erweitert +sich zur witzigen Charakterzeichnung. Man denke etwa an die Art, wie +_Heinz Percy_'s Charakter aus seinen Worten und der Art sich zu gebaren +mit wenig Strichen zeichnet. + +Neben dieser Art steht als zweite die eigentliche "_witzige +Begriffsverbindung_". Bei ihr sind dieselben beiden Möglichkeiten; die +Begriffsverbindung ist sachlich in Ordnung und scheint nur nichtig, weil +sie überraschend, fremdartig oder mit scheinbarem Widerspruch behaftet +ist, oder sie ist unmöglich, scheint aber möglich, weil ein sachlicher +Zusammenhang zu Grunde liegt, der nur gesteigert, ergänzt, verschoben, +kurz witzig ausgebeutet wird. Die erstere Möglichkeit verwirklicht sich +in der "_witzigen Scheintautologie_" und dem "_Oxymoron_" oder witzigen +Scheinwiderspruch:--Beides ist vereinigt, wenn ich von Waschweibern oder +alten Jungfern weiblichen und männlichen Geschlechtes rede--; sie +verwirklicht sich andererseits in allen möglichen dem gewöhnlichen +Sprachgebrauch zuwiderlaufenden, knappen, Mittelglieder auslassenden oder +nach sachlicher Analogie gebildeten Begriffsverbindungen, so wenn +_Falstaff_ sagt: ich kann "keinen Schritt weiter rauben" u. s. w. + +Der zweiten Art sind zunächst die schon an anderer Stelle angeführten +Fälle des "_witzigen Widersinns_": Messingnes Schlüsselloch und +dergleichen. Der Zusammenhang zwischen Messing und Schlüsselloch leuchtet +ein, nur dass das Schlüsselloch nicht selbst aus Messing sein kann. +Ebendahin gehört der doppelte Kinderlöffel für Zwillinge, der lederne +Handschuhmacher und dergleichen. Sofern hier die sachlich zu Recht +bestehende Begriffsverbindung witzig verschoben ist, kann der Witz als +"_karikierende Begriffsverbindung_" bezeichnet werden. Eine Abart +wiederum ist das "_witzige Fallen aus dem Bilde_" und die "_witzige +Bilderverwechselung_"--Mitten im tiefsten Morpheus--Beim ersten Krähen +der rosenfingrigen Eos--; auch hier wird ja der Witz durch einen +sachlichen Zusammenhang ermöglicht. + + +DAS WITZIGE URTEIL. + +III. Das _witzige Urteil_ bildet, wie schon gesagt, die dritte +Hauptgattung. Bei ihr wird eine Wahrheit verkündigt in einer Form, die +die ganze Aussage wiederum als nichtig, als blosses Spiel erscheinen +lässt; oder eine Scheinwahrheit, die logisch in nichts zergeht. Wiederum +beruht die witzige Aussage auf den genannten vier Arten des +Vorstellungszusammenhanges. + +A. 1. Ein witziges Urteil ist zunächst die "_witzige Satzverdrehung_", +die der witzigen Wortverdrehung entspricht. Ein Satz sagt genau genommen +gar nichts, aber der Hörer erkennt ihn als geflissentliche Verdrehung +eines anderen und findet die gemeinte Wahrheit heraus. Oder ein Satz +enthält einen völligen Widersinn, der Hörer errät aber, was gesagt sein +soll, aus der blossen Ähnlichkeit des Gesagten mit einem möglichen +sinnvollen Satz. Im letzteren Falle ist die Verdrehung zum "_witzigen +Gallimathias_" geworden. Jedes Durcheinanderwerfen von Worten, allerlei +falsche Konstruktionen können diesen Witzarten dienen. + +Das Gegenstück bildet der "_witzige Unsinn_", der an anerkannte +Wahrheiten äusserlich anklingt und darum selbst für den Augenblick als +Ausdruck einer Wahrheit genommen wird. Der wesentliche Unterschied ist, +dass dort eine Wahrheit im Gewande des Unsinns, hier ein Unsinn im +Gewände der Wahrheit auftritt. + +2. Derselbe Erfolg kann erreicht werden durch allerlei äussere +Sprachformen, die nun einmal erfahrungsgemäss der Verkündigung oder +Eindringlichmachung der Wahrheit zu dienen pflegen. Es giebt allerlei +Überzeugungsmittel, z. B. Gründe. Aber die stehen nicht jederzeit zur +Verfügung. Da müssen dann andere Mittel eintreten. Man betont, druckt +gesperrt oder fett. Manche Schriftsteller lieben es, in dieser Weise dem +Drucker das Überzeugen zu überlassen. Man kann sich darauf verlassen, +dass sie um so betonter reden, je weniger Gründe sie haben. Dieses +Mittels kann sich auch der Witz bedienen, so wie jedes unlogischen +Mittels. Man betont den Widersinn, spricht ihn mit Emphase aus. Je +grösser der Applomb und die Unverfrorenheit, desto eher wird das +Vertrauen sich rechtfertigen, dass man wenigstens für den Augenblick den +Eindruck der Wahrheit mache. + +Ähnliche Wirkung haben andere Mittel. Man bringt eine Behauptung immer +wieder vor, man bringt sie nebenbei, im Tone der Selbstverständlichkeit, +man leitet sie ein mit einem "bekanntlich", citiert angeblich: wie schon +der oder der grosse Gelehrte oder Dichter mit Recht gesagt hat; man +kleidet sie in möglichst wissenschaftliche Form, spart auch langatmige +Fremdwörter nicht; berühmte allermodernste Philosophen können dabei als +Muster dienen. Endlich ist die poetische Form nicht zu verachten. + +Immer beruht bei diesem "_witzigen Erschleichen_" der Eindruck des Witzes +auf der Gewohnheit, Wahrheit zu suchen hinter dem äusseren Gewande der +Wahrheit. Es stehen aber neben jenen Fällen andere, in denen nicht eine +völlig neue Wahrheit verkündigt, sondern nur eine nichtsbedeutende in +eine gewichtige verwandelt wird. Dazu dienen speciellere formale Mittel. +Ein Beispiel ist die bekannte witzige Definition des Kopfes: "Der Kopf +ist ein Auswuchs zwischen den beiden Schulterknochen, welcher erstens das +Herausrutschen des Krawatt'ls verhindert, und zweitens das Tragen des +Helmes bedeutend erleichtert". Dass der Kopf dies ist, bezweifelt +niemand. Die Form der Definition aber macht daraus eine Wesensbestimmung. +Sofern der Witz unmöglich wäre ohne die in der Definition thatsächlich +liegende Wahrheit, die der Witz nur steigert oder ergänzt, scheint er +freilich einer anderen sogleich zu besprechenden Art anzugehören. +Indessen ist es eben doch diese äussere Form der Definition, durch die +die Steigerung oder Ergänzung bewerkstelligt wird. + +B. Worin diese andere Art bestehe, ist auch schon gesagt. Mit Veränderung +eines schon citierten _Jean Paul_'schen Ausdrucks können wir sie als +diejenige bezeichnen, die halbe, Viertelswahrheiten zu ganzen Wahrheiten +macht. + +1. Dies kann in doppelter Weise geschehen. Wir lassen uns verführen, den +Inhalt einer Behauptung zu glauben, oder momentan für möglich zu halten, +weil Ähnliches allerdings vorkommen kann. Ich erzähle etwa allerlei +eigene oder fremde Erlebnisse, wie sie im Einzelnen wohl erlebt sein +könnten, die aber im Ganzen so ausserordentlich sind, und ein so +merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen voraussetzen würden, dass der +Hörer, ohne mit Gründen widersprechen zu können, doch Grund hat die +"_witzige Aufschneiderei_" für eine solche zu halten. + +Oder ich steigere mögliche Vorkommnisse bis zur Unglaublichkeit oder +Unmöglichkeit, doch so, dass ein gewisser Schein der Möglichkeit bleibt. +Diese "_witzige Übertreibung_" haben wir schon unterschieden von der +hyperbolischen Bezeichnung, die nicht etwas Ungeheuerliches glauben +machen, sondern ein als wirklich Vorausgesetztes in ungeheuerlicher Weise +_bezeichnen_ will. + +2. Mit diesen beiden Witzarten nahe verwandt und doch davon verschieden +ist diejenige, durch die wir verführt werden die erfahrungsgemässe +Beziehung zwischen einem Thatbestand und einem anderen gewohnheitsmässig +festzuhalten, unter Umständen, unter denen dieselbe aus einleuchtenden +Gründen nicht mehr stattfinden kann. Wir vollziehen, indem wir sie +festhalten, einen falschen Analogieschluss, den wir doch sofort als +falsch erkennen. Solche "_Witze aus falschem Analogieschluss_" sind die +"_Münchhausiaden_" nach Art der schon einmal angeführten Erzählung +Münchhausens, dass er sich selbst am Schopf aus dem Sumpf gezogen habe. +Nicht minder die "_witzigen Probleme_": "Wie kann man mit einer Kanone um +die Ecke schiessen?--Bekanntlich beschreibt das Geschoss eine Kurve; man +braucht also nur das Rohr auf die Seite zu legen". Speciell als +"_Vexierwitze_" könnte man die Witze bezeichnen, die auf Grund der +falschen Analogie einen bestehenden Sachverhalt völlig auf den Kopf +stellen, wie die Anklage gegen _Schiller_, dass er in seinem Wallenstein +eine so abgedroschene Phrase vorbringe, wie "Spät kommt ihr, doch ihr +kommt". + +Wie bei diesen Witzen "Unsinn im Gewande der Wahrheit", so tritt auch +hier in einer zweiten Art "Wahrheit im Gewande des Unsinns" auf. Ich +denke an die "_spielenden Urteile_" im engeren Sinne, bei denen sachlich +alles in Ordnung und nur die Form unfähig erscheint, überhaupt als Träger +einer Wahrheit zu dienen. Hier findet _Schleiermacher_'s Definition der +Eifersucht ihre Stelle, und mit ihr alle möglichen wichtigen und banalen +Wahrheiten, deren Form durch gleichartig wiederkehrende Worte oder auch +nur Konsonanten oder Vokale, durch Häufung sehr kurzer oder sehr langer +Worte--man denke etwa an das Wortgefecht zwischen _Äschylos_ und +_Euripides_ in _Droysen_'s herrlicher Übersetzung der "Frösche"--durch +scherzhafte Reimerei oder dgl. den Charakter des Spielenden und damit +logisch Kraftlosen gewonnen haben. Als besondere Art hinzugefügt werden +kann noch die "_witzige Kürze_", die mit einem Wort, einer Handbewegung +eine Antwort giebt, oder ein Urteil fällt, und endlich so kurz werden +kann, dass nur das beredte "_witzige Schweigen_" übrig bleibt. + + +DIE WITZIGE URTEILSBEZIEHUNG. + +IV. Die _witzige Urteilsbeziehung_ setzt zwei--oder mehrere--Urteile in +Beziehung. Dabei ist--sogut wie bei der witzigen Begriffsbeziehung--die +Beziehung der eigentliche Träger des Witzes. Sie wird hergestellt durch +Mittel, die doch logisch nichtig sind oder scheinen. Ebenso nichtig +erscheint dann die Beziehung zwischen den Urteilen oder die Geltung, die +einem Urteil aus dieser Beziehung erwachsen ist. + +A. 1. Das erste logisch nichtige und trotzdem wirksame Mittel eine solche +Beziehung herzustellen, die äussere Ähnlichkeit oder Gleichheit, +begründet Witzarten von ziemlich verschiedenem Charakter. Vor allem sind +wieder die beiden Fälle möglich, dass das eine Urteil ausgesprochen wird +und das andere aus ihm erschlossen oder in ihm wiedererkannt werden muss, +und dass die ausdrückliche Beziehung beider Urteile zu einander den Witz +begründet. Dann aber verwirklicht sich wiederum jene Möglichkeit, die der +"_Doppelsinn-Witze_", in verschiedener Art. + +Das ausgesprochene Urteil lässt ein anderes _ohne weiteres_ erraten in +der "_witzigen Zweideutigkeit_" von der Art des bekannten "C'est le +premier vol de l'aigle". Niemand konnte etwas dagegen einwenden, wenn der +französische Hofmann die erste That des _Louis Philipp_, die Konfiskation +der Güter der Orleans, als ersten Flug des Adlers, also als le premier +"vol" de l'aigle bezeichnet. War sie aber le premier vol du l'aigle, dann +war sie auch der erste Raub des Adlers, da in dem Satze beides liegt. Es +folgt also aus der Annahme des einen Gedankens, durch das Mittel des +Satzes, in dem er sich verkörpert, die Annahme des anderen Gedankens, +nicht mit logischer, aber mit einer gewissen psychologischen +Notwendigkeit. Genauer ist hier das Bindemittel das zweideutige Wort +"vol". + +Nicht so ohne weiteres ergiebt sich das Urteil, das erraten oder +erschlossen werden soll, bei anderen Arten. Indem der französische +Dichter auf die Aufforderung des Königs ein Gedicht zu machen, dessen +sujet er sei, antwortet, le roi n'est pas sujet, erwartet er wiederum, +dass man aus der Selbstverständlichkeit, die er sagt, dass nämlich der +König nicht Unterthan sei, durch das Mittel des Wortes sujet das andere +Urteil ableite, der König könne nicht sujet eines Gedichtes sein. Aber er +erwartet es, weil das Wort sujet soeben von dem König in diesem anderen +Sinne gebraucht worden ist. Der Dichter hat in seiner Antwort diesen Sinn +mit demjenigen, den die Antwort voraussetzt, vertauscht. Wir können diese +Witzart darum als "_witzige Begriffsvertauschung_" bezeichnen. + +Dieselbe gewinnt anderen und anderen Charakter je nach dem Verhältnis, in +dem die beiden Bedeutungen des einen Wortes zu einander stehen. Verhalten +sie sich zu einander als engere und weitere Bedeutung, so mag man den +Witz "limitierende" Begriffsvertauschung nennen. "Kann er Geister +citieren?--Ja, aber sie kommen nicht" wäre ein Beispiel. Der Gefragte +kann Geister citieren wie jedermann. Nehmen wir das Wort zugleich in dem +engeren Sinne der Frage, so hat der Frager seine vollgültige Antwort. + +Eine andere Abart der witzigen Vertauschung ist die "_witzige Deutung_". +"Wenn ein Soldat in einem Wirtshaus mit einem Offizier zusammentrifft, so +trinkt er sein Bier aus und geht nach Hause.--Was thust du also, wenn du +in einem Wirtshause mit einem Offizier zusammentriffst?--Ich trinke sein +Bier aus und gehe nach Hause". Hier ist das doppeldeutige auf den +Soldaten und den Offizier beziehbare "sein" das Bindemittel. + +Nicht immer ist es ein einzelnes Wort, dessen Doppelsinn beide Urteile +entstehen lässt. Auch ein Satz als Ganzes, eine Frage oder Behauptung, +endlich eine Handlung kann in doppeltem Sinn genommen werden und so den +Witz begründen. Eine Handlung etwa ist Gegenstand der witzigen +Sinnvertauschung, wenn der Bediente, dessen Herr im Zorn ein Gericht zum +Fenster hinauswirft, Miene macht das ganze übrige Essen sammt Tischtuch +etc. folgen zu lassen: der Herr wünschte ja wohl auf dem Hofe zu speisen. + +Überall haftet hier der Doppelsinn an denselben unveränderten Zeichen. +Muss mit diesen erst eine Veränderung vorgenommen werden, so entsteht die +"_witzige Urteilskarikatur_", der witzigen Wortkarikatur entsprechend. +Sie ist jenachdem Veränderung der Interpunktion, der Betonung, oder +einzelner Worte. Ich verwandle das _Schiller_'sche: "Mein Freund kannst +du nicht länger sein" in die Frage: Mein Freund, kannst du nicht _länger_ +sein? als hätte Schiller jemanden diese Frage stellen lassen. Oder ich +lasse _Schiller_ sagen: Die schönen Tage von Oranienburg sind jetzt +vorüber u. dgl. + +Ihrer Stellung nach damit verwandt sind die "_witzigen Übersetzungen_", +soweit sie eine in Gedanken vollzogene Karikatur der übersetzten Worte +voraussetzen. "Vides, ut alta stet nive candidus Soracte--Siehst du, wie +da der alte Kandidat Sokrates im Schnee steht". Zugleich rechnen sie auf +Gleichklang von fremden Worten und solchen der eigenen Sprache, und vor +allem auf den Umstand, dass die fremde Sprache eben eine fremde ist, bei +der wir uns auf den ersten Blick allerlei unglaubliche Konstruktionen und +Verdrehungen gefallen lassen. + +Auch bei dieser Witzart soll noch aus dem einen Urteil, in dem der Witz +enthalten ist, das andere _wiedererkannt_ werden. Sehr viel weniger +mannigfaltig als diese Gattung ist die andere, in der die ausdrückliche +Beziehung der Urteile zu einander den Witz begründet. Wir wollen sie als +"_witzige Urteilsantithese_" bezeichnen. "Es giebt viele Dinge zwischen +Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen +lässt; aber noch viel mehr Dinge lässt sich unsere Schulweisheit träumen, +die es weder im Himmel noch auf Erden giebt". Das zweite Urteil hat im +Grunde mit dem ersteren inhaltlich wenig zu thun. Vermöge der äusseren +Ähnlichkeit aber scheint es nur eine Modifikation desselben. Diese Art +ist dem "Klangwitz" völlig analog. + +2. Ebenso steht mit der witzigen Begriffsverbindung in Analogie die +"_witzige Urteilsverbindung_", in der der Schein der logischen +Zusammengehörigkeit von Urteilsinhalten erzeugt wird durch äussere +Sprachmittel, die sonst erfahrungsgemäss die Zusammengehörigkeit +bezeichnen. + +Auf der Grenze zwischen dem witzigen Urteil und dieser neuen Witzart +steht die "_witzige Urteilsverschmelzung_". Wenn ich "Galilei auf dem +Scheiterhaufen zu Worms" in die Worte ausbrechen lasse: "Solon, Solon, +gieb mir meine Legionen wieder" so verschmelze ich nicht weniger als fünf +Urteile oder Thatsachen miteinander. Freilich stehen die Thatsachen auch +an sich in einem gewissen Zusammenhang. Aber ihre Vereinigung in eine +einzige ist doch nur durch die äussere Form, die in diesem Falle keine +andere ist als die Form des einheitlichen Urteils, zuwege gebracht. + +So pflegt auch bei den beliebten Vereinigungen unzusammengehöriger +_Schiller_'scher und sonstiger Verse, die bald Verschmelzung bald +Verbindung ist, eine gewisse sachliche Beziehung zu Grunde zu liegen. +"Wie ein Gebild aus Himmelshöhen sieht er die Jungfrau vor sich stehen, +die mit grimmigen Gebärden urplötzlich anfängt scheu zu werden". +Ausserdem trägt die äussere Form, das gemeinsame Pathos dazu bei, die +äussere Verbindung als Träger einer sachlichen Zusammengehörigkeit und +damit den ganzen Unsinn als wirkliches dichterisches Erzeugnis erscheinen +zu lassen. + +Es bedarf aber weder dieser sekundären äusseren Hilfsmittel noch +irgendwelches einleuchtenden sachlichen Zusammenhangs, um die witzige +Urteilsverbindung herzustellen. Ich lese in einer Zeitung Anzeigen aller +Art ohne Pause hintereinander ab, verbinde was mir gerade einfällt, durch +satzverbindende Worte, begründe eine Aussage durch ein Beispiel, das +keines ist, eine Analogie, die nicht zutrifft, eine allgemeine Regel, die +nicht hierhergehört--lediglich darauf vertrauend, dass der Hörer, durch +die äussere Verbindung verführt, eine sachliche wenigstens suchen, oder +durch die begründende Form, das "denn", "also", "wie z. B." getäuscht, +einen Augenblick an eine wirkliche Begründung glauben, also dem nichts +bedeutenden Satze die entsprechende Geltung zugestehen werde. + +Immerhin wird auch hierbei der Witz gewinnen, wenn zur äusseren Form eine +gewisse, nur logisch ungenügende, sachliche Beziehung hinzutritt. Dies +gilt auch von einigen Fällen der witzigen Urteilsverbindung, die noch +besondere Hervorhebung verdienen. Ich meine zunächst den "_verdeckten +Hieb_" oder die "_gelegentliche Abfertigung_", die eine wichtige +Bemerkung, durch die jemand getroffen werden soll, in eben ihr +fremdartigen Zusammenhang zugestandener Thatsachen nebenbei einflicht, so +dass sie als dazu gehörig und mit ihm gleich unangreifbar erscheint, oder +die umgekehrt eine richtige Behauptung in einen Zusammenhang offenbar +unsinniger Behauptungen gelegentlich verwebt und dadurch als gleichfalls +unsinnig charakterisiert. Die Möglichkeit dieser Witzart beruht darauf, +dass wir auch in unserem Glauben und Nichtglauben einem Gesetze der +Trägheit unterliegen. Sind wir einmal im Zuge für wahr oder für nichtig +zu halten, Beifall zu spenden oder zu verurteilen, so lassen wir uns +nicht so leicht irre machen. Wir bedürfen sozusagen eines neuen Anlaufes, +damit wir wieder kritikfähig werden. Aber eben dazu lässt uns die +gelegentliche Bemerkung keine Zeit. + +Diesem Falle steht zur Seite und doch in gewisser Art entgegen das +"_witzige Ceterum censeo_", das eine Behauptung dadurch beweist, dass es +sie mit möglichst verschiedenartigen Thatsachen verbindet, und durch die +Art der Verbindung als den Punkt erscheinen lässt, in dem alle die +Thatsachen münden, oder von dem sie alle ausgehen. + +Schliesslich muss noch ein Fall ganz besonders hervorgehoben werden, +nämlich der Fall der nicht nur nebenbei ironisierenden, sondern +eigentlich "ironischen Urteilsverbindung". Sie ist wiederum "_witzige +Einschränkung_" oder "_ironische Widerlegung_". Jene verkündigt eine +angebliche Thatsache, z. B. volle Pressfreiheit, um dann Ausnahmen oder +Einschränkungen hinzuzufügen, die von der Thatsache nichts mehr übrig +lassen. Diese widerlegt ein scheinbar angenommenes Urteil--"Brutus ist +ein ehrenwerter Mann; so sind sie alle ehrenwerte Männer"--durch +Thatsachen, die dasselbe scheinbar bestätigen. In beiden sind die +Bedingungen der Ironie verwirklicht, insofern beide ein nichtiges Urteil, +das erst wie ein gültiges auftritt, vernichten und in sein Gegenteil +umschlagen lassen. Nur dass bei der ironischen Widerlegung auch der +Schein der Bestätigung umschlägt. Das Mittel der Vernichtung sind beide +Male Thatsachen. Damit ist eine zweite Art der Ironie gewonnen neben +jener, die in der ironischen Bezeichnung uns entgegentrat. + +B. Eine innere sachliche Beziehung und zwar zunächst eine innere +Verwandtschaft oder teilweise Inhaltsgleichheit liegt der witzigen +Urteilsbeziehung zu Grunde vor allem in den der witzigen +Begriffssubstitution analogen Fällen, in denen eine Wahrheit in--logisch +betrachtet--zu allgemeiner Form oder in Form einer Analogie, oder zu +speciell ausgesprochen wird, doch so, dass aus dem vorhandenen Urteile +das gemeinte, also jene Wahrheit, unmittelbar abgeleitet werden kann. Ich +beantworte eine Frage, spreche ein Urteil, einen Tadel aus, nicht direkt, +sondern in Form einer allgemeinen Wahrheit, eines Urteils, das sich auf +ähnliche Dinge oder vergleichbare Verhältnisse bezieht, durch eine +Geschichte, ein Beispiel, das ich erzähle oder an das ich erinnere. + +Diese Witzart kann als "_witzige Urteilssubstitution_", sie könnte, wenn +es erlaubt wäre, das Wort Allegorie in seinem weitesten Sinn zu nehmen, +auch als "_witzige Allegorie_" bezeichnet werden. Wie bei der witzigen +Begriffssubsitution, so sind hier die drei Möglichkeiten: die +Substitution ist einfach logische, bildliche, parodische. Die beiden +letzteren begründen das "_witzig bildliche Urteil_" und das "_parodische +Urteil_". + +Wiederum sind innerhalb der ersteren, nicht bildlichen oder parodischen +Art diejenigen Unterarten die wichtigsten, die das gemeinte Urteil durch +eines von verwandtem oder von speciellerem Inhalt ersetzen. Das Eine wie +das Andere kann geschehen in einem Satze oder in längerer Rede: in +Epigrammen, Sprichwörtern, wie sie der Volkswitz schafft, oder in +ausgeführten Gleichnissen, Schwänken, Fabeln. "Aus ungelegten Eiern +schlüpfen keine Hühner"; "Wer auf dem Markt singt, dem bellt jeder Hund +ins Lied"; "Die Laus, die in den Grind kommt, ist stolzer als die schon +drin sitzt", so sagt der Volkswitz, und drückt damit drastisch allgemeine +Wahrheiten aus. Dagegen erzählt _Hans Sachs_ in "St Peter mit der Gais" +eine _Geschichte_, um zu zeigen, wie thöricht es ist, Gott ins +Weltregiment zu reden.--Nebenbei muss bemerkt werden, dass das +volkstümliche Sprichwort aller möglichen Mittel des Witzes sich bedient, +die in diesem Zusammenhange erwähnt wurden, deren eigentümliche +Verwendung innerhalb des Volkssprichwortes aber nicht jedesmal bezeichnet +werden konnte. + +Auch das witzig bildliche Urteil ist vorzugsweise im Volkssprichwort zu +Hause. Von der bildlichen Bezeichnung ist es dadurch unterschieden, dass +es ganz in die Sphäre des Bildes sich begiebt und da urteilt. Es muss +zunächst in der bildlichen Sphäre einleuchten, und es muss ebendarum auch +einleuchten, wenn das Bild in die Sache übersetzt wird. "Die Nase hoch +tragen" ist bildliche Bezeichnung. "Wer die Nase hoch trägt, dem regnet's +hinein" ist ein bildliches Urteil. Solche Urteile werden witzig in dem +Masse als sie zugleich fremdartig, überraschend, im Grunde zum Ausdruck +ihrer Meinung logisch ungeeignet erscheinen.--In ausgeführterer Weise und +kunstmässiger tritt das bildliche Urteil auf in der "_Allegorie_" im +engeren Sinne. Man denke etwa an _Schiller_'s "Pegasus im Joche." + +Ebenso wie zur bildlichen Bezeichnung das bildliche Urteil, verhält sich +zur parodischen Bezeichnung das parodierende Urteil. Es kann sich +steigern bis zur ausgeführten Parodie, die Gewöhnliches in der Sprache +und Form der hohen Epik oder umgekehrt Erhabenes in der Sprache des +Alltagslebens darstellt. Die letztere Art der Parodie pflegt man auch +wohl als Travestie zu bezeichnen. Kleidet das parodierende Urteil, was es +sagen will, nicht nur im allgemeinen in die Sprache und Form, die nun +einmal einer fremden Gedankenwelt eigentümlich ist, sondern in Worte, die +einem bestimmten fremdartigen Gedankenzusammenhange angehören, so wird es +zum "parodierenden Citat". Jedes Citat, das sich an Stelle einer direkten +Aussage setzt, gehört hierher, wenn es genügend fremdartig klingt. + +Bei Betrachtung der witzigen Begriffssubstitution hob ich besonders +hervor die karikierende und speciell hyperbolische, andererseits die +charakterisierende und ironische. Diese Unterschiede gelten auch hier. +Aber nur auf die hierhergehörigen ironischen Urteile mache ich besonders +aufmerksam. Wir begegneten dort einer ironischen Bezeichnung im engeren +und eigentlichen Sinne. Dieser entspricht das einfache "_ironische +Urteil_". Es wäre ein parodierendes Urteil mit ironischem Charakter, wenn +ich dem Wunsch eines anderen, eine Kleinigkeit, die er bei mir sieht, in +die Hand oder an sich zu nehmen, mit den Worten begegnete: Die Sterne, +die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht. Ich redete von +Sternen und meinte etwas einem Sterne möglichst wenig Ähnliches. Ein +ironisches Urteil aber hätte ich damit nicht gefällt. Dazu gehört, nach +unserem Begriff der Ironie, dass das ganze Urteil als solches, indem es +gefüllt wird, zergeht und in sein Gegenteil umschlägt. Und ein einfaches +ironisches Urteil kann nur dasjenige heissen, das ohne weiteres oder in +sich selbst zergeht und umschlägt, indem es ins Dasein tritt. Ein solches +ironisches Urteil fälle ich, wenn ich jemand lobe, dass er seine Pflicht +gethan, so oder so sich verhalten habe, in keiner anderen Absicht, als um +ihm zum Bewusstsein zu bringen, dass er alles das nicht gethan hat. Nur +die Art des Urteils und die Gelegenheit, bei der es auftritt, machen +hier, dass das Urteil ins Gegenteil umschlägt. + +In allen vorstehend erörterten Fällen lässt der Witz aus einem Urteil ein +anderes ableiten. Ihnen stehen diejenigen gegenüber, in denen er es +selbst ableitet. Die Ableitung kann blosses Spiel sein, und sie kann +wiederum eine neue Art der witzigen Ironie repräsentieren. In jenem +Falle, dem der einfachen "_witzigen Folgerung_", muss vor allem die +Unerlaubtheit der Ableitung, in diesem, dem der "_ironischen Folgerung_", +vor allem die Nichtigkeit des Abgeleiteten einleuchten. Ich abstrahiere +aus einem Begegnis, das mir erzählt wird, oder das ich selbst erlebt +habe, und an dem nicht eben viel Besonderes ist, scherzend eine Regel, +die auf das Erzählte passt, aber darum doch durchaus nicht aus ihm folgt, +zum Beispiel aus einem kleinen Unfall, der jemand bei einem Spaziergang +traf, die Regel, dass Spazierengehen eine höchst schädliche und +naturwidrige Beschäftigung sei. Damit vollziehe ich eine, wenn auch in +dem angegebenen Beispiele nicht gerade erschütternde, witzige Folgerung. + +Dagegen leitet die ironische Folgerung aus einem in sich nichtigen oder +als nichtig angenommenen Urteile, dessen Recht sie scheinbar anerkennt, +ein anderes ebenso nichtiges, bezw. das Recht zu einem solchen ab, um mit +der Nichtigkeit dieses zugleich die Nichtigkeit jenes Urteils +eindringlich zu machen. Bei dieser ironischen Folgerung ist die Ironie +auf ihrer vollen Höhe. Durch ein selbst Nichtiges, in dessen Gewand sich +die Wahrheit kleidet, also auf gleichem Boden oder mit gleichen Waffen, +werden die Ansprüche des Nichtigen in ihr Gegenteil verkehrt. + +Es kann dies aber in mannigfacher Weise geschehen. Ich illustriere eine +thörichte allgemeine Behauptung durch "_ironische Exemplifikation_", d. +h. durch ein Beispiel, dessen Sonderbarkeit einleuchtet, oder bringe +umgekehrt ein specielleres Urteil zu Fall durch "_ironische +Verallgemeinerung_"; ich widerlege eine Lüge durch "_ironische +Analogie_", d. h. indem ich ihr nach Art des _Gellert_'schen Bauern eine +andere gleichartige an die Seite setze. In der Regel wird diese ironische +Analogie zugleich "_ironische Steigerung_" sein. Kein besseres Mittel +Aufschneidereien zu widerlegen, als indem man sie überbietet, und so die +Aufschneiderei offenkundig macht. + +Auch in Handlungen kann sich diese Witzart verwirklichen. Sie wird dann +zum "_witzigen Bezahlen mit gleicher Münze_". Ich behandle jemand, der an +mir oder einem Dritten eine Ungeschicklichkeit oder ein Unrecht gethan +hat, bei gleicher Gelegenheit in genau derselben Weise, nicht so, dass +ich mich zu rächen, sondern vielmehr so, dass ich ihm Recht zu geben und +daraus das gleiche Recht für meine Handlungsweise abzuleiten scheine. +Indem ihm mein Unrecht einleuchtet, folgt dann daraus für ihn sein +Unrecht und seine Beschämung. + +2. Kaum habe ich nun nötig, die witzigen Urteilsbeziehungen, die auf +erfahrungsgemässem Zusammenhang beruhen, noch besonders zu bezeichnen. +Der Unterschied zwischen ihnen und der vorigen Art besteht nur eben +darin, dass der erfahrungsgemässe Zusammenhang an die Stelle der +teilweisen sachlichen Übereinstimmung tritt. + +Auf Grund dieses Zusammenhanges lässt ein Urteil ein anderes erschliessen +in den Fällen des "_witzigen Erratenlassens_" im engeren Sinne. Ich lobe +etwa, um mein Urteil über einen Gegenstand befragt, Nebensächlichkeiten, +die nicht gemeint waren, und gebe damit zu erkennen, dass ich den +Gegenstand selbst nicht eben loben kann. Oder:--Ihr Herr Vater war ja +auch ein ehrlicher Mann, sagt _Heine_ zu einem Börsenbaron, der sich +wundert, dass die Seine oberhalb Paris so rein und unterhalb so schmutzig +sei, und fordert damit auf, diesen erfahrungsgemässen Zusammenhang auf +den Herrn Baron zu übertragen und daraus sich über letzteren ein Urteil +zu bilden. + +Dagegen wird im Witze selbst aus einem Urteil, bezw. einer Thatsache ein +Urteil von anderem Inhalt erschlossen, wenn Phokion das Klatschen der +Menge mit der Frage beantwortet: Was habe ich Dummes gesagt?--Die +"_witzige Konsequenz_", wie wir solche Fälle im Unterschied zur witzigen +Folgerung nennen wollen, wendet sich hier zurück und lässt zugleich ein +Urteil über die Thatsache, auf der sie beruht, erraten. Insofern ist sie +besonderer Art, "Abfertigung durch witzige Konsequenz", und von der +"einfachen witzigen Konsequenz", die nur scherzweise unerlaubte +Konsequenzen zieht, verschieden. + +Dagegen nähert sie sich der "_ironischen Konsequenz_", die, der +ironischen Folgerung analog, aus einem nichtigen Urteil nach Gesetzen +erfahrungsgemässer Zusammenhänge nichtige Urteile ableitet und so +wiederum Thorheit durch Thorheit vernichtet. + + +DER WITZIGE SCHLUSS. + +V. Unter dem "_witzigen Schluss_" kann nach dem Bisherigen nur der Witz +verstanden werden, der ausdrücklich in Schlussform auftritt. Denn ein +Schluss _vorausgesetzt_ wird im Grunde bei jedem Witze. Es ist aber bei +ihm in der That die Schlussform das einzig Auszeichnende, während die +Mittel dieselben sind, die in den anderen Hauptarten, vor allem den +witzigen Urteilsbeziehungen, bereits vorliegen. So ist der witzige +Schluss, der im zweiten Abschnitt angeführt wurde: "Wer einen guten Trunk +thut etc., der kommt in den Himmel", der Art nach nur eine Reihe von +witzigen Begriffsvertauschungen, bei denen Begriffe abwechselnd im +engeren und im weiteren Sinne genommen werden. + +Eine Einteilung nach den Mitteln, durch die der Witz zu stande kommt, ist +die in Obigem versuchte Einteilung. Sie ist ebendamit nicht eine +Einteilung nach dem ästhetischen Gesichtspunkt. Dieser Gesichtspunkt wird +später zu seinem Rechte kommen. + + * * * * * + +V. ABSCHNITT. DER HUMOR. + + +XIV. KAPITEL. KOMIK UND ÄSTHETISCHER WERT. + + +ALLGEMEINES ÜBER "ÄSTHETISCHEN WERT". + +Das ästhetisch Wertvolle ist in unseren Tagen gelegentlich vom Schönen +unterschieden worden. Der Streit hierüber wäre jedoch ein blosser +Wortstreit. Ich entziehe mich demselben, indem ich erkläre, dass ich +unter dem Schönen, wie freilich im Grunde jeder, nichts anderes verstehe, +als eben das ästhetisch Wertvolle. Das Verhältnis des Komischen zum +ästhetisch Wertvollen ist also das Verhältnis des Komischen zum Schönen, +und umgekehrt. + +Wertvoll ist dasjenige, das Wert hat, d. h. das so beschaffen ist, dass +es für uns erfreulich sein kann. Ästhetisch wertvoll ist dasjenige, das +um seiner Beschaffenheit willen Gegenstand der ästhetischen Freude oder +des ästhetischen Genusses sein kann. + +Dies müssen wir nach einer bestimmten Richtung hin genauer bestimmen. +Etwas kann Wert haben, weil es ein an sich Wertvolles, d. h. vermöge +seines blossen Daseins Erfreuliches schafft, hervorbringt, ermöglicht, +etwa eine wertvolle Erkenntnis, oder eine wertvolle Erinnerung, oder das +Dasein eines von ihm unterschiedenen wertvollen Objektes. Solcher Wert +ist Nützlichkeitswert. Dabei nehme ich dies Wort, wie man sieht, nicht im +engsten, sondern in einem weiteren, über die blosse _praktische_ +Nützlichkeit hinausgehenden Sinne. + +Davon nun unterscheidet sich der ästhetische Wert, sofern er Wert des +wertvollen Objektes selbst ist, also ein Wert, dessen wir inne werden, +indem wir nur dies Objekt, so wie es ist oder sich uns darstellt, uns +vergegenwärtigen und auf uns wirken lassen. Mit einem Worte, der +ästhetische Wert ist Eigenwert; der ästhetische Genuss Genuss dieses +Eigenwertes. + +Hiermit ist nicht etwa eine Definition des "ästhetischen Wertes" gegeben, +sondern nur gesagt, welcher umfassenderen Gattung von Werten der +ästhetische Wert angehöre. Auch das sinnlich Angenehme und das sittlich +Gute sind ja an sich wertvoll. Ich habe also hier lediglich das +ästhetisch Wertvolle mit diesen anderen Arten des Wertvollen +zusammengeordnet. + +Aber vielleicht gesteht man mir das Recht dieser Zusammenordnung nicht +zu. Oder man findet, damit sei ein Standpunkt bezeichnet, dem gegenüber +andere Standpunkte möglich seien. + +Dann bemerke ich, dass ich hier allerdings nicht einen Standpunkt +vertreten, sondern eine Thatsache feststellen will. Die Thatsache aber, +um die es hier sich handelt, ist im wesentlichen eine Thatsache des +Sprachgebrauches. + +Es handelt sich um den "ästhetischen Wert". Nicht jeder ästhetische Wert +ist Wert eines _Kunstwerkes_. Auch Naturobjekte haben ästhetischen Wert. +Wohl aber gilt das Umgekehrte: Jedes Kunstwerk hat, sofern es diesen +Namen verdient, ästhetischen Wert. Daraus folgt, dass das Spezifische des +ästhetischen Wertes nur in Etwas liegen kann, dem wir auch beim +Kunstwerke, und zwar bei jedem Kunstwerke begegnen. + +Andererseits könnte ein Kunstwerk, nicht überhaupt, sondern als solches, +auch noch einen anderen als den ästhetischen Wert haben. Und es könnte +speciell sein "_Kunstwert_" in einem solchen von "ästhetischen" Werten +prinzipiell verschiedenen Werte bestehen. + +Dann ist unsere Frage eine doppelte. Sie lautet einmal: Was macht den +Wert des Kunstwerkes? und zum anderen: Was macht seinen ästhetischen +Wert? + +Zunächst fragen wir: Worin besteht der Sinn des Wortes "Kunst"? Darauf +sind verschiedene Antworten möglich. Etwa: "Kunst" kommt von "Können". +Kunst ist also jedes Können u. s. w. + +Indessen der Sprachgebrauch unterscheidet auch deutlich zwischen "Kunst" +und "Kunst". Es giebt eine "Kunst", von der die Kunstgeschichte +berichtet, die denjenigen, der sie treibt, zum Künstler, nicht zum +blossen Handwerker oder "Artisten" stempelt. Diese Kunst ist es, deren +Erzeugnisse ästhetischen Wert und "Kunstwert" besitzen. + +Um nun den Sinn dieser "Kunst" festzustellen, giebt es soviel ich sehe, +nur einen Weg. Wir müssen fragen, welche Arten derselben vorliegen; was +für Erzeugnisse der menschlichen Thätigkeit nach jedermanns Meinung, in +jenem eben angedeuteten engeren oder höheren Sinne des Wortes, +_Kunstwerke_ sind. + +Diese Frage aber beantworten wir, indem wir uns erinnern, dass +beispielsweise die Poesie, die Malerei, die Plastik, die Architektur, die +Musik allgemein als solche Künste bezeichnet werden. Die Frage lautet +also: Was haben diese Künste Gemeinsames? Dies Gemeinsame muss den +allgemeinen Sinn des Wortes "Kunst" ausmachen. + + +ERKENNTNISWERT UND ÄSTHETISCHER WERT. + +Ich habe oben vom ästhetischen Wert die Nützlichkeitswerte, im weiteren +Sinne dieses Wortes, unterschieden. In verschiedenen solchen +Nützlichkeitswerten könnte der Sinn der Kunst gefunden werden. Ich +schliesse hier gleich diejenigen aus, die niemand mit dem Werte, den das +Kunstwerk, eben als Kunstwerk hat, oder kurz: mit dem _künstlerischen_ +Werte des Kunstwerkes verwechselt: etwa den Kaufwert eines Gemäldes, oder +den zufälligen Affektionswert, oder den Wert als kunsthistorisches +Dokument, oder endlich den praktischen Wert, wie ihn etwa die Musik, als +kriegerische Musik, besitzt. + +Dann bleiben noch übrig allerlei Erkenntniswerte oder durch Erkenntnis +vermittelte Werte. Hiermit habe ich schon einen Unterschied angedeutet, +den wir festhalten wollen. Es bestehen offenbar die beiden Möglichkeiten: +Das Kunstwerk kann seinen Wert haben, weil es Erkenntnis vermittelt; oder +dieser Wert beruht darauf, dass uns das Kunstwerk das Dasein eines +_Wertvollen_ ausser ihm selbst erkennen lässt. Im ersteren Falle wäre der +Wert des Kunstwerkes der Wert einer Erkenntnis, die Wertschätzung des +Kunstwerkes Freude an einem Erkennen als solchem, an einem Wissen, an +einer Einsicht. Im letzteren Falle dagegen wäre der Wert des Kunstwerkes +der Wert dessen, was wir aus der Betrachtung desselben erkennen, die +Wertschätzung des Kunstwerkes wäre die Freude--nicht an einem Erkennen, +sondern an einem, durch Hilfe des Kunstwerkes _erkannten_ Objekte oder +Thatbestande. + +Achten wir zunächst auf die erstere Möglichkeit. Man sagt etwa, das +dramatische Kunstwerk "zeige" uns, wie es in der Welt zugehe, was es um +Menschen, Menschenleben und Menschenschicksal für eine Sache sei. + +Hier erhebt sich sofort ein Bedenken. Über die Wirklichkeit Aufschluss +geben können uns doch nur Thatsachen, die der Wirklichkeit angehören, +oder von denen wir wissen, dass sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen. +Die erdichteten Charaktere und Schicksale des dramatischen Kunstwerkes +insbesondere müssen von uns als der Wirklichkeit gemäss erkannt sein, +wenn sie als über die Wirklichkeit belehrend von uns anerkannt werden, +wenn wir also aus ihnen Belehrung schöpfen sollen. Ist dies nicht der +Fall, fehlt uns der Eindruck der Wirklichkeitsgemässheit, so sehen wir in +ihnen eben willkürliche Erzeugnisse der dichterischen Phantasie, die mit +der Wirklichkeit nichts zu thun haben. Diesen Eindruck der +Wirklichkeitsgemässheit können wir aber nur gewinnen, wenn wir bereits +wissen, wie es um die Wirklichkeit bestellt ist. + +Indessen so meint man die Sache nicht. Wir sollen nicht über das, von dem +wir vorher keine Kenntnis haben, im Kunstwerk belehrt werden; sondern es +soll uns, was wir schon wissen, "gezeigt", vor Augen gestellt, zur +Anschauung gebracht werden. Unser wissenschaftliches Wissen ist ein +allgemeines, abstraktes, in allgemeine Begriffe und Regeln gefasstes. Im +Kunstwerk dagegen tritt uns an Stelle der Regel der bestimmte einzelne +Fall entgegen, nicht ein beliebiger, sondern ein typischer oder +charakteristischer, bei dem zugleich allerlei weggelassen ist, was nicht +zur Sache gehört. Das Kunstwerk zeigt uns unser Wissen, in dem einen +Falle in eigentümlicher Weise _verdichtet_, so das wir daraus unmittelbar +und zugleich in besonderer Reinheit, Klarheit, Einfachheit das +Wesentliche bestimmter Thatsachen und Verhältnisse der Wirklichkeit +wiedererkennen. + +Solches Wiedererkennen hat zweifellos Wert. Es freut uns, wenn wir an +einem Exemplar einer Gattung, etwa an einer Pflanze, die Eigentümlichkeit +der Gattung besonders leicht und unmittelbar wiedererkennen. Es freut uns +das Experiment, das uns ein physikalisches Gesetz in besonders +unmittelbar anschaulicher Weise vergegenwärtigt. Gleichartig wäre die +Freude an jenem Wiedererkennen der Gesetze oder der allgemeinen Weisen +des Geschehens in der Menschenwelt, wenn uns in einem dramatischen +Kunstwerk ein besonders klarer und einleuchtender Fall desselben +vorgeführt wird. + +Aber wenn uns nun auch die _Dramatik_ die Freude solchen Wiedererkennens +oder solcher anschaulichen Auffassung der bekannten Wirklichkeit +verschaffen kann, wie ist es in diesem Punkte mit der Musik bestellt? + +Es ist klar: Was die Musik giebt, ist völlig anderer Art. Die Musik +schliesst unmittelbar in sich Weisen der Bewegung, ein Jubeln, ein +Klagen, ein sehnsuchtsvolles Verlangen, rasches Stürmen, sanftes Gleiten. +Alles dies erleben wir in uns, wenn wir die Musik hörend uns zu eigen +machen. Dies Erleben ist beglückend. Was wir so unmittelbar erleben, +macht den Wert des musikalischen Kunstwerkes. + +Hierauf kann man erwidern: Musik sei eben nicht Dramatik. Kein Wunder, +wenn beide Verschiedenes leisten. + +Aber man vergesse nicht, was hier in Frage steht. Es ist der Sinn der +"Kunst". Was will die menschliche Thätigkeit, die man mit diesem Namen +bezeichnet? Zweifellos sind die Künste von einander verschieden. Und +demgemäss ist von vornherein klar, dass sie Verschiedenes wollen müssen. +Die Dramatik will dies, die Bildnerei jenes, die Musik ein Drittes. Aber +ich frage hier nicht: Was will die Dramatik als Dramatik, die Bildnerei +als Bildnerei, die Musik als Musik; sondern: Was wollen sie alle, als +Beispiele des einen Begriffes der "_Kunst_". Welches Eigenartige an allen +diesen Künsten macht sie dazu? Was charakterisiert sie als Arten der +Kunst? Was berechtigt sie alle diesen selben Namen zu tragen? Wie die +Künste, so wollen auch die Wissenschaften Verschiedenes. Dennoch erkennt +jedermann das Recht der Frage an: Was Wissenschaft überhaupt wolle. Das +gleiche Recht muss die Frage haben, was die Kunst überhaupt wolle. + +Auf diese Frage haben wir nun einstweilen die negative Antwort gewonnen: +Es ist unmöglich, dass der spezifische Sinn der "Kunst" darin bestehe, +ein "Wiedererkennen" der bezeichneten Art zu ermöglichen oder die Freude +eines solchen Wiedererkennens zu gewähren. Es ist unmöglich, dass die +Kunst als solche die Aufgabe habe uns eine einfachere, leichtere, klarere +Auffassung von Dingen oder Vorgängen der Wirklichkeit zu verschaffen. + +Oder dürfen wir nicht Wissenschaft und Kunst, so wie wir soeben thaten, +in Parallele stellen? Ist zwar die Wissenschaft einheitlich, und auf das +gleiche Ziel gerichtet, Kunst aber ein Sammelname für Heterogenes? + +Dann beachte man, wie heterogen unter solcher Voraussetzung die Künste im +Vergleich miteinander sein müssten. Jenes Wiedererkennen, jene einfache, +klare, leichte Auffassung ist ein intellektueller Vorgang, ein Akt des +Verstandes, die Freude daran intellektuelle Freude. Solche Freude zu +gewähren soll der eigentliche Sinn und Zweck gewisser Künste sein, +während andere ihrer Natur nach bestimmt sind, eine völlig andere Seite +unseres Wesens in Thätigkeit zu setzen. + +Fassen wir diesen Gegensatz in seiner vollen Schärfe. Es giebt _einen +fundamentalsten_ Gegensatz des psychischen Geschehens oder des +"Vorstellungsablaufes". Dieser Gegensatz ist kein anderer als der +Gegensatz des logischen Verhaltens, des Intellektes, der +Verstandesthätigkeit einerseits, und jeder sonstigen Weise der +psychischen Thätigkeit andererseits. In unserem logischen Verhalten, +unserem Denken und Erkennen, ist der Vorstellungsverlauf objektiv +bedingt, das heisst: er ist bedingt und einzig bedingt durch die Weise +der Objekte unseres Bewusstseins, ohne unser Zuthun, als diese bestimmten +Objekte in uns aufzutreten und in dieser bestimmten Weise miteinander +verbunden zu sein. Er ist objektiv bedingt, das heisst: wir, unser ganzes +Wesen, verhält sich zur Beschaffenheit der Bewusstseinsobjekte und der +Weise ihrer Verbindung passiv oder gleichgültig. Unsere Neigungen und +Wünsche, dass etwas so oder so sei, sind in solchem Vorstellungsverlauf +ausser Wirkung gesetzt. Es giebt innerhalb desselben nur ein Interesse, +nämlich das Interesse, ohne alles Interesse an der _Beschaffenheit_ des +Vorgestellten und der Weise seiner Verbindung lediglich den Forderungen +zu genügen, die die Objekte des Bewusstseins an uns stellen, oder +lediglich der "objektiven Nötigung" zu gehorchen, der wir unterliegen, +wenn wir jede Reaktion unseres Wesens dem Inhalte der Objekte und der +Weise ihrer Verbindung gegenüber unterlassen. + +Diesem objektiv bedingten Vorstellungsverlauf oder inneren Verhalten +steht gegenüber das subjektiv bedingte, von dem das völlige Gegenteil +gilt. Der Vorstellungsverlauf ist subjektiv bedingt, das heisst: es kommt +darin eben die Anteilnahme unserer Persönlichkeit oder die "Reaktion" +unseres Wesens auf den Inhalt des Vorgestellten und die Beschaffenheit +der Vorstellungszusammenhänge zur Aussprache. Es giebt sich darin kund, +was das Vorgestellte für uns, so wie wir einmal sind, bedeutet, ob seine +Beschaffenheit mit unserem Wesen einstimmig ist, oder ihm widerstreitet, +ihm zusagt oder widerstrebt, ob sie uns erfreut, erhöht, ausweitet, oder +in uns Unlust weckt, uns niederdrückt, uns einengt.--Es ist, nebenbei +bemerkt, eine gar nicht selbstverständliche, sondern höchst merkwürdige +Thatsache, dass diese beiden Weisen psychischer Bethätigung nicht nur +nebeneinander existieren, sondern vollkommen unabhängig voneinander sich +vollziehen können, dass wir also das eine Mal logisch oder erkennend +thätig sein, das heisst unseren Wünschen, oder der Reaktion unseres +Wesens auf die Beschaffenheit des Vorgestellten den Einfluss auf den +Vorstellungsverlauf verbieten, das andere Mal dagegen eben diesen +Reaktionen unseres Wesens uns überlassen können. Es ist eine merkwürdige +Sache um diese wechselseitige Selbständigkeit von "Verstand" und "Gemüt". + +Und in diese verschiedenen psychischen Lebensgebiete nun sollen die +"Künste" sich teilen. Gewisse Künste sollen an den "Verstand", andere an +das "Gemüt" sich wenden. Bei einigen soll die Frage lauten: Was oder wie +ist dies, bei anderen: Wie vermag mich dies innerlich anzumuten. Offenbar +gehörten jene Künste demselben Lebensgebiete an, dem die Wissenschaft +angehört, diese dem Gebiete des psychischen Lebens, das für die +Wissenschaft ihrer Natur nach nicht besteht und nicht bestehen darf. + +Angenommen, das Wort Kunst hätte in der That unserem Sprachgebrauch +zufolge diese grundsätzlich verschiedene Bedeutung, so müssten wir, da +doch Begriffe im wissenschaftlichen Zusammenhange nicht völlig +Heterogenes vereinigen sollen, uns entschliessen von jetzt an nur noch +die eine Gruppe von Künsten mit diesem Namen zu bezeichnen. Und zwar +müsste dies die Gruppe sein, der die Musik angehört. Die andere könnte +dann etwa unter dem Namen "Künste der Belustigung des Verstandes und +Witzes" zusammengefasst werden. + +Indessen diese Scheidung ist nicht erforderlich. Wir dürfen von +vornherein annehmen, dass diejenigen, die den Wert der Werke gewisser +Künste, etwa der Dramatik oder der Malerei oder der Plastik, darein +setzen, dass sie uns etwas wiedererkennen lassen, uns etwas zeigen, uns +Rätsel lösen, in die Wirklichkeit oder das Leben einen Einblick gewähren, +uns von Thatsächlichem Verständnis schaffen, uns eine leichte, sichere, +anschauliche Auffassung desselben ermöglichen, oder wie die Wendungen +sonst lauten mögen,--dass sie alle im Grunde nicht meinen, was sie sagen, +oder dass sie bei dem, was sie sagen, Anderes stillschweigend +voraussetzen, oder ihnen selbst unbewusst mit einschließen. + +Und es ist leicht zu sehen, was dies sein muss. Zweifellos hat ja die +dramatische Kunst,--um speciell bei dieser zu bleiben--die Absicht uns +durch Vorführung charakteristischer Fälle zu zeigen, was es um +Menschendasein und Menschenschicksal für eine Sache ist. Aber damit ist +nicht gesagt, dass hierin ihre Endabsicht besteht. Wer mir dergleichen +"zeigt", kann ja gar nicht umhin--da ich doch nun einmal auch Mensch +bin--mir zugleich den entsprechenden Eindruck zu schaffen. Und zeigt er +mir's in der Weise, wie es die Dramatik thut, dann heisst dies: Ich lebe +in ganz eigenartig eindrucksvoller Weise das Menschendasein und +Menschenschicksal mit. Meine Persönlichkeit,--nicht mein die Thatsachen +nur einfach hinnehmender Verstand,--findet darin ihre eigenen +Lebensmöglichkeiten, Lebensbedürfnisse, Lebensantriebe verwirklicht. + +Fassen wir die Sache so, dann verstehen wir, warum die Dramatik mir Leben +"zeigt", mir einen "Blick" in dasselbe gewährt, mich dasselbe leicht, +sicher, anschaulich "auffassen" lässt; und wiefern sie dies, als Gattung +der "Kunst", notwendig thut. Das Leben, das ich mitleben soll, muss eben +doch für mich da sein. Es kann aber für mich im Kunstwerk da sein, nur +soweit ich in demjenigen, was das Kunstwerk meinen Sinnen bietet, ein mir +bekanntes, nämlich aus der Wirklichkeit bekanntes Leben "wiedererkenne". +Ich muss die Sprache des Kunstwerkes "verstehen", wenn es überhaupt für +mich eine Sprache reden soll. Und je tiefer das Kunstwerk in das mir +bekannte Leben greift, und mich einen "Blick" in dies Leben und seine +"Rätsel" thun lässt, desto tiefer geht auch mein Miterleben. +Andererseits, je leichter, klarer, unmittelbarer dies Leben von mir aus +dem Kunstwerk herausgelesen werden kann, umso sicherer und reiner kann +mein Miterleben geschehen. + +So besteht also der allgemeine Sinn der Kunst, mag sie nun Musik oder +Dramatik oder sonstwie heissen, darin, dass ich--nicht an einer +Verstandeseinsicht oder Bethätigung des Intellektes, sondern an der +Bethätigung meiner zu innerem Anteil fähigen Persönlichkeit reicher +werde. Nur verwendet dazu natürlich jede Kunst die Mittel, die sie hat. +Die Musik hat aber dazu nun einmal die Töne, die Dramatik das Mittel +einzelne Gestalten und Erlebnisse uns "schauen" zu lassen. + +Und damit ist zugleich das Allgemeinere gesagt, dass der Wert des +Kunstwerkes nicht das eine Mal in etwas besteht, wozu uns das Kunstwerk +Gelegenheit giebt, oder wozu es dienlich ist, das andere Mal in einem dem +Kunstwerk selbst Angehörigen, sondern dass derselbe in jedem Falle der +letzteren Art, also Eigenwert des Kunstwerkes ist. Solcher Eigenwert ist +ja der Wert des der Musik verwirklichten und ebenso der Wert des im Drama +von uns "wiedererkannten" Lebens. Dagegen wäre der Wert unseres +Wiedererkennens, unserer klaren, einfachen Auffassung etc. nicht ein dem +Kunstwerke selbst eigener, nicht ein unmittelbar in ihm liegender. + + +"VERSTÄNDNIS" DES KUNSTWERKES. + +Wir müssen nun aber diesen Sachverhalt noch nach anderer Richtung hin +feststellen. Ich gelangte zu demselben, indem ich nach dem spezifischen +Sinne des alle Künste umfassenden Wortes "Kunst" fragte. Man könnte nun +sagen; Es giebt auch eine Befriedigung des _Verstandes_, die allen +Künsten gemeinsam ist. Nämlich die Befriedigung aus der Erkenntnis der +Weise, wie "es" gemacht wird oder gemacht ist, aus der Einsicht in die +künstlerische Thätigkeit oder Leistung, wie sie im Kunstwerk offenbar +wird, aus dem "Verständnis" des Kunstwerkes in diesem Sinne. + +Auch solche Wendungen sind wiederum nicht eindeutig. Dreierlei sogar kann +damit gemeint sein. Zunächst dasjenige, was damit unmittelbar gemeint +_scheint_: Ich freue mich über meine Einsicht als solche, aber die +Thatsache, dass ich verstehe, wie das Kunstwerk dazu kommt, als dies +Kunstwerk dazusein, wie die Bedingungen des vorliegenden künstlerischen +Ergebnisses zu eben diesem Ergebnisse zusammengewirkt haben oder +zusammenwirken. + +Dann ist zu bemerken, dass die Einsicht in die _Unfähigkeit_ des +Künstlers, in die _Vergeblichkeit_ seiner Bemühungen, in die +_Zweckwidrigkeit_ der von ihm aufgewendeten Mittel, genau ebensogut +"_Einsicht_" ist, wie die Einsicht von entgegengesetztem Inhalte. Und +jene Einsicht kann eine ebenso klare und sichere, also vom rein +intellektuellen Standpunkt ebenso befriedigende Einsicht sein. Wird man +nun sagen, ein Kunstwerk habe, als Kunstwerk, Wert, auch wenn es nur die +Möglichkeit einer _solchen_ Einsicht, oder eines _solchen_ Verständnisses +gewährt, wenn ich aus ihm möglichst deutlich ersehe, welchen Bedingungen +es seine Leerheit und Mangelhaftigkeit verdankt, und wiefern aus diesen +Bedingungen nur eben dies Ergebnis entstehen konnte. Zweifellos hat +dieses Verständnis _Wert_. Aber es ist darum nicht Verständnis eines +wertvollen, sondern eines wertlosen "Kunstwerkes". Nichts Schlechtes in +der Welt wird dadurch gut, dass ich verstehe, oder einsehe warum es nicht +besser ist. + +Zweitens kann die Meinung diese sein: Ein Kunstwerk hat Wert in dem +Masse, als darin das Vermögen des Künstlers, irgendwelche, gleichgültig +ob sinnvolle oder widersinnige Absicht zu verwirklichen, sich kund giebt. +Offenbar stehen wir hiermit schon an einem völlig anderen Standpunkte. +Die Befriedigung ist jetzt nicht mehr eine solche des Verstandes. Wir +sollen im Kunstwerk die Geschicklichkeit oder die Begabung des Künstlers +erkennen. Aber indem wir sie erkennen, ist sie für uns da. Wir freuen uns +nicht mehr darüber, dass wir erkennen, sondern wir freuen uns über das +_Erkannte_. Die Geschicklichkeit des Künstlers, oder allgemeiner gesagt, +der Künstler, ist Gegenstand unserer Freude. Der Wert des Kunstwerkes ist +der Wert des künstlerischen Könnens, das wir aus dem Kunstwerke +erschliessen. + +Dagegen könnte zunächst eingewandt werden, dass wir uns doch sonst über +eine auf Wertloses oder Widersinniges verwendete Geschicklichkeit nicht +zu freuen, sondern sie zu beklagen pflegen. Wir nennen denjenigen, der +seine Geschicklichkeit so missbraucht, einen Narren. Das Erste, was wir +vom Menschen fordern, also doch auch wohl vom Künstler fordern dürfen, +ist, dass er Sinnvolles wolle, sich vernünftige Zwecke setze. + +Es kommt aber hinzu, dass wir in den allerwenigsten Fällen von den +Absichten eines Künstlers eine genaue Kenntnis haben können. Angenommen, +ein Stümper behauptete, er habe in jedem seiner Werke genau das +beabsichtigt, was darin erreicht sei, und wir könnten ihm nicht das +Gegenteil beweisen; dann müssten wir der hier vorausgesetzten Theorie +zufolge seine Werke sämtlich für vollendete Kunstwerke ansehen. Dann wer +genau das erreicht, was er beabsichtigt, zeigt jederzeit, dass er zur +Erreichung seiner Absicht vollkommen "geschickt" ist. Oder, müssen wir in +einem Falle zweifeln, ob ein "Kunstwerk" dem Ungeschick sein Dasein +verdankt, oder genau so gemeint ist, wie wir es vor uns sehen, so müssen +wir ebendamit zugleich zweifeln, ob es ein grosses Kunstwerk oder das +völlige Gegenteil davon sei. Vielleicht neigen wir erst zur ersteren +Ansicht; dann sagen wir: das ist eine Stümperei. Nachher scheint uns die +letztere Ansicht die glaubhaftere; dann brechen wir in Kunstbegeisterung +aus. + +Aber auch dies ist nicht die Meinung der Theorie, die den Wert des +Kunstwerkes auf das künstlerische "Können" zurückführt. Mit diesem +künstlerischen Können ist eben das _künstlerische_ Können gemeint, d. h. +das Können, das auf künstlerische Absichten gerichtet ist. Dann hängt +alles an der Frage: Was sind "künstlerische" Absichten. + +Gewiss nun sind dies nicht solche Absichten, die zu irgend einer Zeit ein +"Künstler" hat. Ein Künstler kann allerlei Absichten haben, z. B. Essen +und Schlafen. Er kann auch in seiner Kunst die Absicht haben, von sich +reden zu machen, zu verblüffen, oder um jeden Preis Geld zu erwerben. +Sondern künstlerische Absichten sind solche, die ein Künstler _als +Künstler_ hat. Einem Künstler, so sagt man mit vollem Rechte, ist in +seiner Kunst alles erlaubt. Noch mehr: Alles was ein Künstler will und +thut, hat ebendamit absoluten künstlerischen Wert. Aber wann ist ein +Künstler ein Künstler? In welchem Wollen und Thun stellt er sich als +Künstler dar? + +Damit sind wir wiederum angelangt bei unserer ersten Frage. Was macht den +specifischen Sinn des Wortes "Kunst" aus? Wir sahen: Kunst ist gerichtet +auf Erzeugung eines in sich selbst Wertvollen. Das Kunstwerk schliesst in +sich selbst etwas, das, wenn wir es in uns aufnehmen, unsere, der +Anteilnahme an vorgestellten Inhalten fähige Persönlichkeit, oder, wie +ich statt dessen auch kurz sagte, das unser "Gemüt" bereichert, erweitet, +erhöht. Ein solches in sich selbst Wertvolles wird also notwendig der +Inhalt der künstlerischen Absicht sein, ein solches will der Künstler, +als Künstler. Und das Kunstwerk hat Wert, wenn wir daraus ersehen, der +Künstler habe eine solche Absicht gehabt, und zugleich die Fähigkeit +besessen, dieselbe zu verwirklichen. + +Was nun aber heisst dies anders als: Das Kunstwerk hat Wert, wenn es in +sich selbst einen wertvollen Inhalt trägt. Die Verwirklichung der +künstlerischen Absicht, so wie sie in einem Kunstwerke vorliegt, das ist +doch eben das Kunstwerk. Sie ist, sofern die künstlerische Absicht auf +einen an sich wertvollen, oder positive Anteilnahme hervorrufenden Inhalt +gerichtet ist, das im Kunstwerke enthaltene Wertvolle oder positive +Anteilnahme Erzeugende. Und: das _Können_ des Künstlers ist im Kunstwerke +oder spricht sich darin aus, dies heisst nichts anderes als: Dies +Wertvolle ist nicht bloss der Absicht nach, sondern wirklich da. +Vielleicht kann der Künstler auch sonst noch allerlei. Aber das Können, +das in einem bestimmten Kunstwerk vorliegt, kann nun und nimmer etwas +anderes sein, als genau das, was dies bestimmte Kunstwerk dem Beschauer, +der es in allen seinen Teilen und Zügen auffasst, bietet. + +Natürlich ist dieser Inhalt des Kunstwerkes dann auch in gleicher Weise +für mich da, wenn ich an den Künstler und seine Bemühungen, für die dabei +aufgewendete Kunst gar nicht denke, sondern nur dem Kunstwerk als +solchem, oder als wäre es vom Himmel gefallen, mich hingebe. + +Dies weist nun auf zwei mögliche Standpunkte der Betrachtung. Der eine +nimmt das Kunstwerk thatsächlich wie ein Geschenk des Himmels. Der andere +erinnert sich, dass es nicht daher stammt, sondern einem Künstler und +seinem Wollen und Können sein Dasein verdankt. Jener Standpunkt ist der +rein ästhetische, dieser der Standpunkt des ästhetischen Theoretikers +oder des naturgemäss am künstlerischen Thun interessierten Künstlers. + +Aber beide Standpunkte betrachten doch nur dieselbe Sache von +verschiedenen Seiten. Und sie ergeben demgemäss keine verschiedene +Beurteilung des Kunstwerkes und seines Wertes. Ich kann nicht dem +_künstlerischen_ Können und Thun, so wie es in einem bestimmten Kunstwerk +steckt oder sich kund giebt, Wert beimessen, ohne eben damit dem +_Kunstwerke_ einen _gleichartigen_ Wert beizumessen. Es kommt nur in +jenem Falle hinzu, dass ich mein Wertbewusstsein zugleich auf den +Künstler übertrage, oder ihn, als Ursache des Wertvollen, das ich vor mir +sehe, in meine Wertschätzung mit einbeziehe. + +Nicht anders verhält es sich mit allerlei verwandten Wendungen. Wir +bewundern, so sagt man, im Kunstwerk die Phantasie, die schöpferische +Kraft, die Individualität des Künstlers. Von allem dem kann uns aber +wiederum das Kunstwerk nur Kunde geben, sofern es im Kunstwerk realisiert +ist. Die Phantasie des Künstlers, die uns im Kunstwerk entgegentritt, und +uns erfreut, das sind die im Kunstwerk verwirklichten Gestalten seiner +Phantasie; der Reichtum dieser Phantasie ist der Reichtum des Inhaltes +des Kunstwerkes. Ebenso ist die Individualität des Künstlers, wie sie im +Kunstwerk sich zeigt, die Individualität, der Charakter, die in sich +einstimmige und geschlossene Eigenart des Kunstwerkes. Und auch hier +können wir sagen: Der Künstler mag im übrigen noch so viel Phantasie und +eine noch so ausgeprägte Individualität haben, solange und soweit diese +Phantasie oder diese Individualität nicht im Kunstwerk, als Inhalt oder +Moment desselben, uns entgegentritt, besteht sie nicht für die +Betrachtung des Kunstwerkes. Finden wir aber die Phantasie und +Individualität im Kunstwerk, so finden wir sie da auch, und haben den +Eindruck ihres Wertes, wenn wir den Gedanken an den Künstler völlig zur +Seite lassen. + +Nicht als hätte dieser Gedanke nicht seinen Wert. Es ist eine schöne +Sache, nicht nur, dass ein Kunstwerk so phantasievoll und charaktervoll +ist, wie es ist, sondern auch, dass es Menschen giebt, die vermöge ihrer +Phantasie und ihres Charakters so Phantasie- und Charaktervolles wollen +und vollbringen können. Aber beide Werte sind in ihrer Wurzel nur einer. +Der Künstler hat für uns Wert als derjenige, der--nicht irgend etwas, +sondern dies Wertvolle wollte und vollbrachte. Es wird also auch hier nur +derselbe Wert von zwei verschiedenen Seiten betrachtet. + +So führt uns jede Überlegung darauf zurück, dass Wert des Kunstwerkes +eben Wert des Kunstwerkes ist, und nicht Wert von irgend etwas ausser +ihm, zu dem das Kunstwerk Gelegenheit giebt oder dient, oder dessen +Dasein wir aus dem Kunstwerk erschliessen. + + +"KUNSTWERT". + +Schliesslich komme ich noch einmal zurück auf die oben als möglich +bezeichnete Unterscheidung des "_Kunstwertes_" von dem ästhetischen Werte +des Kunstwerkes. Auch die schöne Landschaft, der wir in der Wirklichkeit +begegnen, hat ästhetischen Wert. Aber sie hat keinen Kunstwert. Die +gemalte Landschaft dagegen hat Kunstwert. Was heisst dies? + +Zunächst einfach dies, dass die wirkliche Landschaft keine gemalte, also +kein Kunsterzeugnis ist, dass mithin ihr ästhetischer Wert nicht der Wert +eines Kunstwerkes sein kann. Mit anderen Worten; Wir nennen Kunstwert den +ästhetischen Wert des _Kunstwerkes_. + +Dies erfordert doch noch eine genauere Bestimmung. Die gemalte Landschaft +ist auch ästhetisch nicht dieselbe wie ihr wirkliches Vorbild. Nehmen wir +auch an, der Künstler ändere die Motive, die Beleuchtung, den ganzen +Inhalt und Charakter der wirklichen Landschaft nicht, sondern gebe alles +völlig genau wieder. Dann giebt er es doch eben wieder, und zwar mit +künstlerischen Mitteln. Er überträgt z. B. die Landschaft auf eine +Fläche, hält sie in bestimmtem Massstabe, giebt ihr bestimmte Grenzen. +Alles dies sind Elemente der künstlerischen Form, die der Künstler zum +Objekte der Wirklichkeit, und den an ihm vorgefundenen und von ihm +übernommenen Formelementen hinzufügt. Es sind Mittel, durch die eine +specifische Weise der ästhetischen Anschauung ermöglicht und +herbeigeführt wird, eine solche, wie sie keinem Naturobjekte gegenüber +möglich ist. Und durch alle diese Formelemente oder Kunstmittel wird der +wertvolle Inhalt des Kunstwerkes oder sein Wertinhalt im Vergleich mit +dem ästhetischen Wertinhalte des Naturobjektes ein anderer und +eigenartiger. So muss es sein, wenn die fraglichen Formelemente wirklich +künstlerische, die Kunstmittel wirklich Kunstmittel sein sollen. Es giebt +kein künstlerisches Formelement, das nicht, als solches, zur Eigenart des +künstlerischen Inhaltes etwas beitrage, so wie es keinen künstlerischen, +das heisst im Kunstwerk wirklich vorhandenen Inhalt giebt, der nicht an +eine Form gebunden wäre. Auch Form und Inhalt beim Kunstwerke verhalten +sich wie verschiedene Seiten _Desselben_. Künstlerische Form ist alles im +Kunstwerke, das macht, dass ein ästhetisch unmittelbar Wirksames für uns +im Kunstwerke da ist, und so wirkt, wie es wirkt. Und Inhalt des +Kunstwerkes ist eben dies im Kunstwerk für uns unmittelbar Vorhandene und +Wirksame selbst, soweit es in ihm vorhanden und wirksam ist. Was anders +wirkt, ist eben damit ein anderes Wirksames, also ein anderer Inhalt des +Kunstwerkes. So hat es keinen Sinn zu fragen, ob ein Kunstwerk durch die +Form oder den Inhalt wirke, weil keines ohne das andere möglich, oder +jede Wirkung notwendig eine Wirkung von beidem ist. + +Dasjenige nun, was der Künstler durch die _specifisch_ künstlerischen, +ich meine die am Naturobjekte nicht vorgefundenen Formelemente zum +Wertinhalte des Kunstwerkes hinzugefügt, kann man als spezifischen +"Kunstwert", im Gegensatz zu dem ästhetischen Werte, der auch dem +Naturobjekte als solchem eignet, bezeichnen. Es ist nach dem Gesagtem +dasselbe, wenn ich diesen Kunstwert als den Wert jener spezifisch +künstlerischen _Formelemente_ bezeichne, da diese ihren künstlerischen +Wert nicht als leere Formen, sondern als inhaltvolle und den Inhalt +bestimmende Formen besitzen. + +Damit ist dann aber zugleich gesagt, dass solcher "Kunstwert" nicht etwas +vom ästhetischen Werte, der auch schon dem Naturobjekte zukommt, der Art +nach Verschiedenes ist. Er ist vielmehr eine diesen Wert steigernde, +reinigende, konzentrierende Modifikation desselben. Der in solcher Weise +modifizierte ästhetische Wert des Naturobjektes, das ist der +schliessliche gesamte _ästhetische Wert_ des Erzeugnisses der +Kunst,--soweit nämlich dasselbe Naturobjekte zum Vorbilde hat. + +Freilich ist nun das, was ich hier über den spezifischen Kunstwert sagte, +ebenso wie das, was vorhin über die ästhetische Bedeutung der +künstlerischen Absichten, des künstlerischen Könnens, der künstlerischen +Phantasie und Individualität gesagt wurde, für uns in diesem +Zusammenhange zunächst nicht von unmittelbarer Bedeutung. Womit wir es +hier zunächst zu thun haben, das ist ja der "ästhetische Wert" überhaupt. +Ihn hat, wie wir sahen, einerseits jedes Kunstwerk; andererseits besteht +er auch schon ausserhalb des Kunstwerkes. Halten wir dies beides zugleich +fest, so kann das Spezifische des ästhetischen Wertes überhaupt nur in +dem gefunden werden, was allen Kunstwerken und zugleich allem ausserhalb +der Kunst vorhandenen ästhetisch Wertvollen gemeinsam ist. Und dabei +kommt der Wert des künstlerischen Könnens und Thuns, der künstlerischen +Individualität etc. nicht mehr in Frage. Es bleibt also einzig übrig die +Fähigkeit des ästhetisch wertvollen Objektes, unmittelbar durch das, was +es an sich selbst ist oder uns zu sein scheint, auf uns zu wirken, kurz +sein "_Eigenwert_". Auch das ästhetisch Wertvolle der Natur ist ja +freilich irgendwie _geworden_. Aber hier unterscheidet jedermann die +Freude an der Erkenntnis, wie die Objekte geworden sind, die Freude des +Zoologen, Botanikers etc. an seinem "Verständnis" der Formen, von der +ästhetischen Befriedigung, die aus der blossen betrachtenden Hingabe an +das, was thatsächlich vorliegt, erwächst. + + +DIE KOMIK ALS "SPIEL". + +_Eine_ Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Wertes eines Kunstwerkes +habe ich oben geflissentlich ausser Acht gelassen. Es ist die uns bereits +bekannte Antwort, die _Groos_ giebt: Unsere Freude am Kunstwerk ist die +Freude am Spiel der inneren Nachahmung. + +Diesen Gedanken haben wir bereits abgewiesen. Angenommen indessen, er +wäre wahr. Dann würde die Komik wohl in erster Linie das Recht haben, +ästhetisch wertvoll zu heissen. Denn die Komik ist, wie wir gesehen +haben, Spiel. Und sie ist Spiel der inneren Nachahmung, wenn wir unter +Nachahmung alles das verstehen, was _Groos_ so nennt Sie ist spielende +Auffassung von Objekten; und zwar, vermöge ihrer besonderen Bedingungen, +Spiel von besonders ausgeprägter Art. + +In Wahrheit aber kann die Komik eben deswegen _keinen_ ästhetischen Wert +beanspruchen. Das Komische ist belustigend. Lust ist Freude. Aber die +Freude haftet hier nicht am komischen Objekte als solchem. Wir sahen, das +komische Objekt kann wertvoll und unwert sein. Aber dieser Wert oder +Unwert hat mit der Komik als solcher nichts zu thun. Die geringfügige +Leistung, die auf grosse Versprechungen folgt, ist komisch, aber sie ist +nicht wertvoll, kein Gegenstand unserer Lust oder Freude. + +Woran aber haftet oder worauf bezieht sich dann die komische Lust? Wir +sagten soeben: auf das Spiel. Aber auch dies ist noch keine eindeutige +Erklärung. Es liegt darin dieselbe Zweideutigkeit, die auch jener eben +von neuem erwähnten Theorie des künstlerischen Wertes anhaftet. Was ist +mit jenem Spiel der inneren Nachahmung gemeint? Eine bestimmt geartete +_Thätigkeit_ des Nachahmens oder eine bestimmte Weise ihres _Gelingens_? + +Die gleichen beiden Möglichkeiten müssen auch bei der Komik unterschieden +werden. Die erstere aber müssen wir hier gleich abweisen. Die Lust am +Komischen ist nicht Lust an unserem Spielen oder unserer spielenden +_Thätigkeit_. Nicht unser _Thun_ ist belustigend, sondern das komische +Objekt. Man erinnert sich, dass wir ehemals die Behauptung, die Lust am +Komischen sei Lust an unserer Überlegenheit, schon darum für unzutreffend +erklärten, weil die Lust von uns thatsächlich nicht auf unsere +Überlegenheit, sondern auf das inferiore Objekt bezogen werde. So wenig +wie auf unsere Überlegenheit beziehen wir aber die Lust auf unsere +Thätigkeit des spielenden Auffassens. Wie soeben gesagt, nicht unser +Thun erscheint uns belustigend, sondern das Objekt. + +Damit scheinen wir aber in einen Widerspruch mit um selbst geraten. Erst +sollte die Lust nicht am Objekte haften, sondern am Spiele. Jetzt +konstatieren wir, dass nicht unsere Thätigkeit des spielenden Auffassens, +sondern das Objekt das Belustigende sei. + +Die Lösung dieses Widerspruches habe ich schon angedeutet: Das spielende +_Gelingen_ unserer Auffassungsthätigkeit ist der Gegenstand der Lust. +Doch fassen wir diese Frage etwas allgemeiner. + + +ARTEN VON GEGENSTÄNDEN DES GEFÜHLS ÜBERHAUPT. + +Drei mögliche Arten der Beziehung unseres Lust- oder Unlustgefühles auf +Gegenstände müssen unterschieden werden. Ich habe Lust an einem Objekt, +oder ich habe Lust an meiner Thätigkeit. Dazu tritt als Drittes die Lust, +die weder Lust am Objekt noch Lust an meinem Thun und eben darum in +gewisser Weise beides ist. + +Es giebt eine Lust an den Objekten meines _Denkens_: Ich freue mich an +dem erfreulichen Inhalte meiner Gedanken. Dieser Lust steht gegenüber die +Lust an meiner Thätigkeit des Denkens oder meiner Denkarbeit, ihrer +Energie, Konzentriertheit. Solche Lust kann ich haben, auch solange diese +Denkarbeit ihr Ziel nicht erreicht, das heisst: solange ich noch nicht +erkenne, was ich erkennen möchte. Endlich ist von beidem unterschieden +die Freude an der _Erkenntnis_. Die Erkenntnis ist das "Gelingen" der +Denkarbeit. Die Freude an ihr ist also Freude am "Gelingen". + +Dies nun verallgemeinern wir. Die drei Möglichkeiten der Beziehung der +Lust auf einen Gegenstand derselben, oder die drei hier zu +unterscheidenden Arten des Wertgefühls sind diese: Gefühl des Wertes +eines vorgestellten, von mir unterschiedenen Objektes als solchen; +zweitens Gefühl des Wertes meines Thuns; und drittens Wertgefühl, das +sich ergiebt aus der Beziehung eines Objektes zu einer jetzt in mir +vorhandenen Weise innerer Thätigkeit. + +Wertgefühle der ersteren Art können wir kurz bezeichnen als +Objektswertgefühle, die der zweiten Art als Subjektswertgefühle, die der +dritten Art als Gefühle den Wertes einer Beziehung des Objektes zum +Subjekt. Die Erkenntnis ist eine solche "_Beziehung_". Sie ist eine +bestimmte Weise, wie Objekte in einen Vorstellungszusammenhang sich +einordnen. + +Diese drei Möglichkeiten der "Wertbeziehung" können wir weiter verfolgen. +Wir sahen sie soeben verwirklicht auf dem Gebiete des (logischen) +Denkens. Wir begegnen ihnen aber ebenso auf dem Gebiete des praktischen +Wollens. Lust gewährt mir der Gedanke an ein zu verwirklichendes Objekt, +etwa einen zu erlangenden Genuss. Lust gewährt mir andererseits die in +sich einstimmige, sei es auch vergebliche _Bemühung_ der Verwirklichung +eines Objektes, das starke, konzentrierte, kühne Wollen. Lust gewährt mir +endlich auch hier wiederum das "Gelingen". + +Und dieselben Möglichkeiten bestehen endlich auf dem Gebiete des +einfachen, weder auf Erkenntnis noch auf Verwirklichung eines von mir +verschiedenen Objektes gerichteten Vorstellens. _Objekte_ unserer +Betrachtung gefallen, oder wecken Lust. Der Künstler freut sich am +Reichtum und der Kraft seines geistigen _Schaffens_. Beide endlich freuen +sich oder können sich freuen, wenn ihnen Objekte sich darstellen, die, +gleichgültig ob in sich selbst wertvoll oder nicht, in die Richtung, die +ihr Vorstellen jetzt eben genommen hat, _widerspruchslos sich einfügen_ +oder vermöge dieser Richtung _hemmungslos sich auffassen_ lassen. + +Hierhin gehört die Komik. Sie gehört zu den Gefühlen der Lust, nicht an +Objekten und nicht an unserem Thun, sondern an einer Weise, wie sich +Objekte einem gegenwärtigen Thun oder inneren Vorgang einfügen. Dasselbe +drückte ich eben so aus: Das Gefühl der Komik ist ein Gefühl von der +Weise, wie mein Thun gelingt. + +Kein unwichtiger Unterschied ist es, auf den ich im Vorstehenden +aufmerksam mache. Die Freude am Gelingen der Denk- oder +Erkenntnisthätigkeit oder kurz die Freude am Erkennen ist die specifisch +logische. Es ergiebt sich schon aus dem über die Erkenntnis früher +Gesagten, dass diese Freude logisch ist, genau soweit sie nicht +mitbestimmt ist durch den Wert, den das erkannte Objekt für mich haben +mag. Und sie ist es, soweit sie ebenso wenig mitbestimmt ist durch den +Wert, den mein Denken, das heisst meine Denkarbeit für mich besitzt. Der +ist wissenschaftlich verloren, der sein Bejahen oder Verneinen einer +Thatsache davon abhängig macht, ob ihm die Thatsache zusagt. Und nicht +minder derjenige, der an einer Theorie festhält, weil er sich nicht +entschliessen kann, die von ihm auf ihre Gewinnung gerichtete Bemühung +für vergeblich anzusehen, oder kurz gesagt, weil sie seine Theorie ist. + +Nicht mindere Wichtigkeit besitzt die fragliche Unterscheidung auf dem +praktischen oder ethischen Gebiet. Der verschiebt den Begriff des +sittlich Wertvollen, der den Wert der Handlung bemisst nach dem Wert des +gewollten Objektes. Ich kann das Wertvolle wollen, und doch es in +sittlich unwerter Weise wollen. Und ebenso aussersittlich oder unsittlich +ist die moralische Beurteilung, für welche dieser Wert sich bemisst nach +dem Gelingen oder dem glücklichen Erfolg. In Wahrheit ist sittlich +wertvoll einzig die Weise des Wollens, also des inneren Thuns: Es giebt +nichts in der Welt, das, "ohne alle Einschränkung für gut könnte gehalten +werden, als allein ein guter Wille". + +Und gleich gross ist endlich die Bedeutung jener Unterscheidung auf dem +Gebiete der weder auf Erkenntnis, noch auf Verwirklichung eines von mir +verschiedenen Objektes abzielenden Betrachtung, vor allem der +ästhetischen Betrachtung. Ästhetisch wertvoll ist nicht meine Thätigkeit +der Auffassung eines Objektes oder die Weise dieser Thätigkeit. +Ebensowenig die Weise, wie mir die Auffassung gelingt, etwa die +Leichtigkeit, Sicherheit, Klarheit derselben, von der oben die Rede war. +Sondern, wie wir feststellten, ästhetischer Wert ist einzig der Wert des +Objektes selbst, oder dessen, was für mich in dem Objekte unmittelbar +enthalten liegt. + +Vergleichen wir die drei hier nebeneinander gestellten Weisen der +Bethätigung des menschlichen Geistes, die logische, die praktisch +ethische, und die ästhetisch betrachtende, mit Rücksicht auf ihr +Verhältnis zu jenen drei Arten der Wertbeziehung, so ergiebt sich aus dem +Gesagten, dass bei jeder derselben die Wertbeziehung eine andere ist, +dass also jene drei Thätigkeiten diese drei Wertbeziehungen unter sich +aufteilen: Logischer Wert ist ein Wert des Gelingens; ethischer Wert ist +ein Wert des inneren Thuns; ästhetischer Wert ist ein Wert des Objektes. + + +DER WERT DER KOMIK KEIN ÄSTHETISCHER WERT. + +Damit ist zunächst von neuem, aber in ganz anderer Richtung, als es +früher geschah, der ästhetische Wert gegen den logischen oder +intellektuellen abgegrenzt. Zugleich ist die Stelle, die dem Werte des +Komischen zukommt, genauer bestimmt. Er gehört--von dem Gesichtspunkt +der "Wertbeziehungen" aus--in _eine_ Wertgattung mit dem logischen oder +Erkenntniswert. Er nimmt die mittlere Stellung ein, die allen Werten des +Gelingens eignet. Das Gelingen besteht allemal im Sicheinstellen eines +Objektes oder eines Objektiven. Insofern kann das _Objekt_ als Gegenstand +des Wertgefühles erscheinen. Zugleich ist doch das Gelingen ein sich +Einstellen eines Objektiven unter der Voraussetzung eines darauf +gerichteten Thuns oder inneren Geschehens. Insofern erscheint wiederum +_nicht_ das Objekt, d. h. nicht das Objekt an sich, als Gegenstand des +Wertgefühles, sondern die durch das Objekt ermöglichte Weise der +Vollführung oder Vollendung dieses Thuns, oder die Weise meiner +Bethätigung.--Damit ist der oben konstatierte scheinbare Widerspruch +gehoben. + +Ich stellte eben die Komik neben die Erkenntnis. Unmittelbarer gehört +natürlich das komische Wertgefühl zusammen mit den anderweitigen +Wertgefühlen, in denen gleichfalls ein Gelingen einer Thätigkeit der +blossen _Betrachtung_ oder _Auffassung_, oder allgemeiner gesagt, in +denen gleichfalls die Beziehung eines lediglich _aufzufassenden_ Objektes +zu der vorhandenen psychischen Thätigkeitsrichtung das Wertgefühl +bedingt. + +Solche Fälle haben wir bereits kennen gelernt. Ich erinnere an das Gefühl +des Erstaunens oder des Überraschtseins, weil wir ein weniger "Grosses" +erwarteten. Ebendahin gehört das Gefühl des Schrecks, das, wie man weiss, +auch entstehen kann, wenn objektiv gar nichts Schreckliches vorliegt oder +geschieht. Ich bin etwa, vermeintlich allein, in meinen Gedanken +versunken. Dann kann mich die leise Berührung meiner Schulter durch den +unerwartet und unbemerkt zu mir Hinzugetretenen aufs heftigste +erschrecken. Die Beziehung der Berührung zu meinem gegenwärtigen, in +völlig anderer Richtung gehenden Gedankengang ist es, die hier dies +Gefühl verschuldet. So wenig braucht schliesslich das Erschreckende ein +an sich Schreckliches zu sein, dass auch Hocherfreuliches das gleiche +Gefühl erzeugen kann. + +"Künstler" machen wohl gelegentlich die Kunst zu einem Mittel der +Überraschung oder gar Verblüffung. Die Unfähigkeit durch das Kunstwerk +selbst zu wirken, veranlasst sie zu wirken, indem sie das Kunstwerk zu +den jetzt zufällig in uns bestehenden Vorstellungsgewohnheiten in +Gegensatz treten lassen. Hier ist der Gegensatz des ästhetischen Wertes, +und des Wertes, der an solcher Beziehung zwischen dem Objekt und den +jeweiligen Vorgängen im Subjekt haftet, besonders unmittelbar +einleuchtend.--Genau so einleuchtend ist der Gegensatz zwischen jedem +ästhetischen Werte und dem Wert der Komik. + +Dennoch hat man der Komik als solcher einen ästhetischen Wert zuerkannt. +Dies war aber immer nur möglich, wenn man den Sinn des Komischen oder des +ästhetisch Wertvollen oder beider verkannte. Am nächsten liegt aus schon +angegebenen Grunde jener Irrtum für die vorhin von neuem erwähnte +ästhetische Theorie, für welche der ästhetische Wert Wert des "Spieles +der inneren Nachahmung" ist. Ich leugne nicht, dass hier die innere +"Nachahmung" eine Ahnung des Richtigen enthält. Ich werde darauf nachher +zurückkommen. Zunächst interessiert mich die Weise, wie die fragliche +Theorie das Richtige geistreich verschiebt und in Widersinn verkehrt. + +Auch bei der Komik findet nach jener Theorie ein Nachahmen statt. An +Stelle des Nachahmens tritt dann wohl das sich "Hineinleben" in das +Objekt oder das sich "Hineinversetzen" in dasselbe. Soweit angesichts des +Komischen dies Nachahmen stattfindet, soll das Komische ästhetischen Wert +haben. Genauer gesagt, das Komische hat für die fragliche Theorie +ästhetischen Wert, sofern wir uns in das "Verkehrte" hineinversetzen, es +innerlich mitmachen. Damit geben wir dem Komischen den "brüderlichen +Versöhnungskuss." Dieser brüderliche Versöhnungskuss ist das die Komik +"Veredelnde". Soweit dies Moment an die Stelle der unbrüderlichen +Erhebung über das verkehrte Objekt oder an die Stelle unseres Gefühls der +Überlegenheit tritt, verwandelt sich die komische Betrachtung in die +humoristische. + +Hierin liegt die richtige Einsicht, dass das Gefühl der Überlegenheit +über eine Verkehrtheit gewiss _keinen_ ästhetischen Wert begründen, also +auch nicht das Wesen des Humors bezeichnen kann. Im übrigen ist jener +"brüderliche Versöhnungskuss" zunächst ein schönes Wort. + +Was heisst dies: ich mache die Verkehrtheit oder das Verkehrte innerlich +mit? Zweierlei kann damit gesagt sein. Einmal einfach dies: Ich nehme von +der Verkehrtheit Kenntnis, erfasse sie in ihrem Wesen oder in ihrer +Eigenart, gelte ihr in meinen Gedanken nach. "Wenn wir die Verkehrtheit +wirklich durchschauen wollen, so müssen wir für einen Augenblick den +verkehrten Gedankengang nachdenken." Damit scheint nichts anderes als +dies Kenntnisnehmen bezeichnet. + +Die andere mögliche Auffassung ist die: Wir "machen" die Verkehrtheit +innerlich "mit", d. h. wir denken oder wollen, kurz verhalten uns +innerlich ebenso verkehrt. Wir denken den verkehrten Gedankengang nicht +nur nach, sondern wir glauben daran, stimmen ihm bei, ebenso wie es +derjenige thut, dem wir ihn nachdenken. + +Diese beiden Möglichkeiten werden nun aber in jener Theorie nicht +ausdrücklich geschieden. Immerhin verstehen wir, dass die zweite gemeint +sein muss. Die erstere würde ja über das Gefühl der Überlegenheit nicht +hinausführen. Bei ihr fehlte der "brüderliche Versöhnungskuss". Ich kann +unmöglich das Gefühl der Überlegenheit haben über eine Verkehrtheit, wenn +ich sie nicht "durchschaue", also sie in Gedanken nachdenke. + +Indessen, wenn ich auch das "Mitmachen" in jenem zweiten Sinne nehme, so +scheint mir wenig gebessert. Ich finde dann erstlich, dass ich in sehr +vielen Fällen der Komik gar nicht weiss, worin dies innerliche Mitmachen +bestehen sollte. So sehe ich beispielsweise nicht ein, was es heissen +soll, dass ich mit dem leeren Grosssprecher mich innerlich aufblähe, und +dann seine geringfügige Leistung mitmache. Da die geringfügige Leistung +nichts Innerliches ist, so kann hier das innerliche Mitmachen doch nur +bestehen in dem Kenntnisnehmen, dem Beachten, der Weise dem Vorgang mit +meinen Gedanken zu folgen. + +Ebensowenig weiss ich, wie ich eine äussere Ungeschicklichkeit, das +Stolpern eines erwachsenen Menschen über ein kleines, nicht +wahrgenommenes Hindernis anders innerlich nachmachen soll, als so, dass +ich es konstatiere. Oder besteht hier das Mitmachen in dem Gedanken, dass +mir dergleichen unter gleichen Umständen ebensowohl begegnen könnte? + +Nehmen wir das Letztere an. Oder besser: Nehmen wir einen Fall, in +welchem das "Mitmachen" in dem bezeichneten _prägnanten_ Sinne ohne +weiteres einen Sinn ergiebt. Ich frage: Wenn ich einer Dummheit innerlich +beistimme, wenn ich den Rechenfehler nicht nur "nachrechne", sondern im +Nachrechnen gleichfalls begehe, wenn ich in diesem Sinne mit der +komischen Verkehrtheit eine Zeitlang "Eines" bin,--liegt darin ohne +weiteres ein Grund zur ästhetischen Befriedigung? Gewiss werde ich die +Dummheit weniger von oben herab betrachten, oder mich ihr gegenüber +weniger "überlegen" fühlen, wenn ich so zum Mitschuldigen geworden bin. +Aber diese Minderung des Gefühles der Überlegenheit, dieser angebliche +"brüderliche Versöhnungskuss", ist doch nicht gleichbedeutend mit +ästhetischem Genuss. Es scheint mir, auch die schönsten Redewendungen +können nicht darüber täuschen, dass eine solche verminderte Überlegenheit +nicht veredelte, sondern eben verminderte Überlegenheit ist, also eine +relative Negation der komischen Lust, und weiter nichts. + +Allerdings kann dazu noch ein Element hinzutreten. Nämlich ein Gefühl der +Beschämung über die Mitschuld. Aber die Vereinigung von vermindertem +Gefühl der komischen Lust und Gefühl der Beschämung ist doch auch nicht +Dasselbe wie ästhetischer Genuss. Mit einem Wort, wir kommen auf diese +Weise nicht weiter. + + + + +XV. KAPITEL. DIE TRAGIK ALS GEGENSTÜCK DES HUMORS. + + +DIE TRAGIK ALS "SPIEL". + +Vielleicht gelingt es uns eher, weiter, d. h. den Bedingungen, unter +denen das Komische in ein ästhetisch Wertvolles sich verwandelt, näher zu +kommen, wenn wir--bei dem Begriff der inneren Nachahmung noch einen +Augenblick bleiben, aber zunächst einmal zusehen, welche Bedeutung +derselbe auf einem anderen Gebiete haben kann. + +Ich bezeichnete schon die "Modifikation des Schönen", innerhalb welcher +das Komische ästhetischen Wert gewinnt, als Humor. Neben dem Humor +nun--nicht etwa neben der Komik--steht die Tragik. Immer wieder hat man +diese beiden als Geschwister betrachtet. Dann werden beide eine +Familienähnlichkeit haben. Es ist zu erwarten, dass das Verständnis des +einen der Geschwister einen wesentlichen Teil des Verständnisses des +anderen in sich schliessen werde. + +Wie können Leiden, Besorgnis, Angst, Untergang Gegenstand unseres +Genusses sein? Man sagt vielleicht auch hier wiederum: Indem wir sie +"innerlich nachahmen". Dies wird zutreffen. Nur kommt dabei alles darauf +an, dass wir das "innerliche Nachahmen" recht verstehen. + +Die blosse Kenntnisnahme von dem Leiden kann nicht erfreuen. Das +innerliche Mitmachen aber scheint diese Wirkung noch weniger haben zu +können. Das Mitmachen des Leidens ist ein Leiden mit dem Leidenden, das +Mitmachen der Sorge ein Sichsorgen mit dem Sorgenden. Daraus, scheint es, +kann uns nur Unlust erwachsen. + +Hier aber wird uns wiederum das "Spiel" entgegengehalten: Die innere +Nachahmung ist Spiel, und demgemäss erfreulich, wie jedes Spiel. Das +Leiden der tragischen Gestalt ist nicht wirklich. Es ist nur Schein. +Diesem Schein überlassen wir uns freiwillig, um ebenso freiwillig +wiederum uns ihm herauszutreten. Das heisst in unserem Falle: Wir +überlassen uns dem Mitleiden oder der Mitsorge, wissen aber zugleich, +dass dazu in Wirklichkeit kein vernünftiger Grund vorliegt, da ja ein +wirkliches Leiden oder eine wirkliche Sorge gar nicht stattfindet. Wir +geben uns also nur spielend jenem Erleben hin. Wir geben es dann ebenso +spielend wieder preis. Und an diesem Spiele, dieser Freiheit auf den +Schein uns einzulassen und auch wiederum von ihm loszumachen, oder ihn +innerlich in nichts aufzulösen, an dieser Selbstherrlichkeit unserer +Phantasie haben wir unsere Freude. + +Ich wiederhole nicht mehr, was ich über diesen ausgeklügelten Widersinn +oben angedeutet und an anderer Stelle[3] ausführlicher gesagt habe. Ich +begnüge mich hier zu bemerken, dass ich diese Freiheit _nicht_ habe, und +dass ich, falls ich sie hätte, davon angesichts des tragischen +Kunstwerkes keinen Gebrauch machen würde. + +[3] Im "Dritten ästhetischen Literaturbericht", der im "Archiv für + systematische Philosophie" demnächst erscheinen soll. + +Ich habe sie nicht, weil das tragische Kunstwerk, wenn es nicht etwa ein +schlechtes Machwerk ist, mich festzuhalten pflegt; weil es mich wider +meinen Willen fortreisst; weil es mit Zaubergewalt mich festbannt in +seiner Welt des Scheines. + +Und ich würde von dieser Freiheit keinen Gebrauch machen, weil mir der +ernste und erschütternde Genuss des tragischen Kunstwerkes lieber ist als +die kindische Freude an solcher armseligen Freiheit. + +Ausserdem füge ich hinzu, dass nicht bloss angesichts der Scheinwelt der +Bühne, sondern auch gegenüber der Tragik der _Wirklichkeit_ ein +tragischer Genuss möglich ist. Hier hat aber doch wohl jenes Spiel der +Phantasie keine Stelle mehr. Hier ist ja das Leiden harte Thatsache. + +Wie der, oder die Vertreter jener Theorie, so mache ja gewiss auch ich +das Leiden der tragischen Gestalt innerlich mit. Nur wie schon +angedeutet, in anderer Weise. Ich leide mit dem Leidenden, und _bleibe_ +dabei mit ihm zu leiden. Wiefern ich nun aber davon Genuss haben kann, +dies ergiebt sich aus der Beantwortung der einfachen Frage: Wann wir denn +von dem Leiden eines anderen, sei es einer Person im Drama, sei es eines +wirklichen Menschen, nicht bloss Notiz nehmen, sondern es im eigentlichen +Sinne des Wortes miterleben oder "mitmachen". + + +TRAGIK UND "ÄSTHETISCHE SYMPATHIE". + +Jemand leidet, d. h. empfindet Unlust, weil ihm eine Büberei, ein +thörichter oder verbrecherischer Anschlag misslungen ist. Auch dies +Leiden erleben wir innerlich mit, d. h. wir vollziehen in uns die +Vorstellung dieses Gemütszustandes. Aber wir erleben das Leiden auch +wiederum nicht innerlich mit, d. h. wir nehmen nicht daran teil. Warum +dies? Zweifellos, weil die Wurzel, aus welcher dies Leiden stammt, d. h. +der Wunsch, das Niedrige oder Böse vollendet zu sehen, oder allgemeiner +gesagt, weil dies dem Leiden zu Grunde liegende oder in ihm sich +kundgebende Moment in der Persönlichkeit dessen, der leidet, uns +widerstrebt oder unserem Wesen widerstreitet. Aus gleichem Grunde freuen +wir uns nicht mit demjenigen, der über eine gelungene Schlechtigkeit +Freude empfindet. + +Umgekehrt weckt Leiden unser Mitleiden, Freude unsere Mitfreude, wir +nehmen überhaupt teil an jeder Regung in einem Menschen, wenn und soweit +das Moment der Persönlichkeit, aus welchem dieselbe stammt, in unserem +Wesen Widerhall findet, oder wir hinsichtlich dieses Momentes mit der +leidenden oder sich freuenden Persönlichkeit uns einstimmig fühlen +können. + +Damit ist ohne weiteres der Grund zum Genusse gegeben. Der Genuss ist +Genuss dieser Einstimmigkeit, Genuss der "_Sympathie_". + +Dies kann genauer bestimmt werden. Woher wissen wir denn von fremden +Persönlichkeiten? Wie kommt es, dass es solche überhaupt für uns giebt? +Was wir wahrnehmen, wenn ein Mensch uns gegenübersteht, ist eine Gestalt, +eine äussere Erscheinung, eine Summe von Lebensäusserungen. Aber dies +alles ist nicht die fremde Persönlichkeit, ich meine die seelische oder +geistige, die leidende, sich freuende, hoffende, fürchtende u. s. w. +Persönlichkeit. + +Das Bild dieser Persönlichkeit kann nur aufgebaut sein aus Elementen +unserer eigenen Persönlichkeit. Das Bild der fremden Persönlichkeit ist +die an einen fremden Körper geknüpfte, je nach der Art dieses fremden +Körpers und der Besonderheit seiner Lebensäusserungen modifizierte +Vorstellung von uns selbst. + +Wie wir uns selbst in der Vorstellung modifizieren können, ist jedermann +wohl bekannt. Wie oft haben wir ein Bewusstsein davon, dass wir so oder +so sein könnten. Wir wünschen vielleicht auch, dass wir so oder so wären. +Nun, eine Vorstellung von dem, was wir sein könnten, oder die +Vorstellung, wie sie ein solcher Wunsch in sich schliesst, eine solche +Vorstellung, geknüpft an eine fremde sinnliche Erscheinung, das ist die +fremde Persönlichkeit. + +Sie ist noch etwas mehr. Die fremde Persönlichkeit _ist_, was wir sein +könnten; sie ist es wirklich. Die eigene, in dieser oder jener Weise +modifizierte Persönlichkeit tritt uns in der fremden Person als etwas +_Wirkliches entgegen_. + +Zunächst in der _wirklichen_ fremden Person. Aber auch in gewisser Weise +in der fremden Person, die nur künstlerisch _dargestellt_ ist. Die +ideelle, d. h. nur für unsere Phantasie bestehende Welt des Kunstwerkes +hat für uns Wirklichkeit, nicht im Sinne der erkannten, wohl aber in dem +eigen- und einzigarten Sinne der ästhetischen Realität: Auch in der nur +dargestellten Person tritt uns unsere eigene Persönlichkeit, wie sie sein +könnte, als etwas "_Objektives_", als ein nicht von uns ins Dasein +Gerufenes, sondern uns "Gegebenes", uns von aussen Aufgenötigtes +entgegen. + +Und in jedem Zuge oder jeder Lebensäusserung der fremden Person finden +wir eine mögliche Weise der Bethätigung unserer eigenen Person +verwirklicht oder sich auswirkend, vor. Jetzt fragt es sich, wie diese +Bethätigungsweise in das Ganze unserer Persönlichkeit, so wie sie +thatsächlich geartet ist, sich einfügt, ob damit einstimmig oder den +eigenen thatsächlichen Bethätigungsantrieben derselben widerstreitend, ob +befreiend oder bedrückend, fördernd oder verletzend. Je nachdem haben wir +diese oder jene Weise des Selbstgefühls. + +Das Sympathiegefühl überhaupt und demnach auch das ästhetische +Sympathiegefühl ist also eine psychologisch wohl verständliche, ja wenn +man will selbstverständliche Sache. Es ist, wenn wir einmal vom Dasein +fremder Persönlichkeiten und von Regungen, die in ihnen stattfinden, +wissen, ohne weiteres gegeben. + +Dies Sympathiegefühl ist Selbstgefühl, aber doch wiederum vom +unmittelbaren Selbstgefühl verschieden. Der Gegenstand desselben ist +unser "_objektiviertes_", in Andere hineinverlegtes, und demgemäss in +Anderen vorgefundenes Selbst. So müssen wir auch das Sympathie_gefühl_ +als objektiviertes _Selbstgefühl_ bezeichnen. Wir fühlen uns in Anderen, +oder fühlen Andere unmittelbar in uns. Wir fühlen uns in oder durch den +Anderen beglückt, befreit, ausgeweitet, gehoben, oder das Gegenteil. + +Das _ästhetische_ Sympathiegefühl ist aber nicht nur eine Weise des +ästhetischen Genusses, sondern es ist der ästhetische Genuss. Aller +ästhetischer Genuss liegt schliesslich einzig und allein in der Sympathie +begründet. Auch der ästhetische Genuss, den Linien, geometrische, +architektonische, tektonische, keramische Formen etc. gewähren. Was +diesen letzteren Punkt betrifft, so verweise ich auf meine "Raumästhetik +und geometrisch-optische Täuschungen". + +Diese ganze Thatsache übersieht die oben bekämpfte Theorie. Sie übersieht +damit im Ästhetischen das Ästhetische. Sie greift darum zu jenem +läppischen "_Spiel_". + + +VOLKELTS AUSSERÄSTHETISCHE BEGRÜNDUNG DER TRAGIK. + +Nicht das Gleiche kann gesagt werden von einem anderen Ästhetiker der +Tragik, _Volkelt_. Ich denke dabei sowohl an _Volkelts_ "Ästhetik des +Tragischen", wie an seine "Ästhetischen Zeitfragen". Aber auch _Volkelt_ +erkennt die ästhetische Sympathie nicht als das eigentlich Entscheidende +an. Darum müssen auch bei ihm ausserästhetische Momente, oder solche +Momente, die nur scheinbar selbständige Bedeutung haben, den ästhetischen +Genuss vervollständigen. Ja schliesslich erscheinen solche Momente als +die eigentlichen Faktoren des ästhetischen Genusses. + +Es ist schon bedenklich, dass diese Momente so verschiedenartig sind. Das +Kunstwerk, so hören wir einmal, lässt uns in die "Rätsel" des Lebens +"blicken"; es "zeigt" uns, was es um das Leben für eine Sache sei. Es +lässt auf die Stellung von Freude und Leid, von Gut und Böse, von +Vernunft und Unvernunft im Leben "ein Licht fallen". Die Tragik soll auch +Unerfreuliches darstellen, bloss darum, weil auch das Unerfreuliche zur +_Wirklichkeit des Lebens_ gehört. Mit einem Worte, die Kunst soll uns das +Wirkliche in seinen bedeutsamen Zügen erkennen, wiedererkennen, verstehen +lassen. + +Dies alles sind Wendungen, wie wir sie schon oben kennen gelernt und +abgewiesen haben. Wir sahen, mit dem Wiedererkennen hat es freilich in +der Poesie seine Richtigkeit. Aber der Zweck der Kunst kann nicht in +dergleichen bestehen. Wir können jetzt genauer sagen: Dieser Zweck +besteht nicht im Wiedererkennen, nicht darin, dass uns etwas gezeigt +wird, sondern darin, dass wir mit dem _Wiedererkannten_, oder dem, was +uns gezeigt wird, menschlich mitfühlen oder "sympathisieren" können. + +Auch gegen die Behauptung haben wir uns schon erklärt, dass das Kunstwerk +seine Wirkung übe, indem es uns die Individualität des Künstlers +offenbare, die Weise, wie in ihm die Welt sich spiegelt, seine +Gestaltungskraft, den Reichtum seiner Phantasie. Alles dies offenbart +sich uns, so sagten wir, im Kunstwerke, nur soweit es im Kunstwerke +verwirklicht ist. Soweit es aber darin verwirklicht ist, bildet es einen +Teil des Inhaltes des Kunstwerkes, und ist, wie der ganze Inhalt des +Kunstwerkes, Gegenstand unserer ästhetischen Sympathie. + +Nur dann könnten diese Momente den Anspruch erheben, einen eigenen und +neuen Faktor des ästhetischen Genusses zu bezeichnen, wenn es erlaubt +wäre, zur _ästhetischen_ Bewertung des _Kunstwerkes_ auch _das_ +Wertgefühl zu rechnen, das wir gewinnen, wenn wir vom Kunstwerk und der +in ihm verkörperten ideellen Welt unseren Blick abwenden, um statt dessen +dem Künstler, und dem, was er ausserhalb des Kunstwerkes ist, uns +zuzuwenden und ihn, diese wirkliche Persönlichkeit, zum Gegenstand einer +Betrachtung zu machen, die mit ästhetischer Betrachtung nichts zu thun +hat. Ich nehme aber an, dass _Volkelt_ diese Erlaubnis nicht zu geben +beabsichtigt. + +Als weiteren Faktor des ästhetischen Genusses bezeichnet _Volkelt_ die +Freude an unserer "Belebung", an der "über das Mittelmass hinausgehenden +Erregung des seelischen Lebens", an der inneren "Durchschüttelung". Hier +hätte _Volkelt_ wohl zunächst zeigen müssen, ob es eine solche Freude +überhaupt gebe, bezw. unter welchen Bedingungen es dieselbe geben könne. +Er würde dann zweifellos gefunden haben, dass es auch eine über das +Mittelmass hinausgehende Erregung oder eine Durchschüttelung giebt, die +alles andere als genussreich ist, einen inneren Aufruhr, ein sich Drängen +heftiger Erregungen, ein Hoch- und Durcheinandergehen der Wogen unseres +Inneren von quälender, entsetzlicher Art. + +Es fragt sich also, was uns durchschüttelt. Wir haben Freude, wenn die +Durchschüttelung eine Lebenssteigerung bedeutet, das heisst, wenn uns in +dem, was uns durchschüttelt, etwas gegeben ist, das eine solche +Lebenssteigerung in sich schliesst. Und damit sind wir wiederum angelangt +bei dem Genuss, den die ästhetische Sympathie gewährt. + +Daneben giebt es freilich auch noch eine Durchschüttelung anderer Art, +durch das Überraschende, Verblüffende, Sensationelle, Drastische, durch +allerlei vom inhaltlichen Werte des Kunstwerkes unabhängige "Effekte". +Ich nehme aber wiederum an, dass Volkelt solche Faktoren, soweit sie +nicht etwa der sichereren Wirkung des wertvollen Inhaltes des Kunstwerkes +dienen, nicht als ästhetische Faktoren preisen will. + +Viertens wird von _Volkelt_ statuiert eine ästhetische Lust aus der +"Entlastung": Die ästhetischen Gefühlsbewegungen tragen den Charakter der +Leichtigkeit, Freiheit und Stille. Wir sind hinausgehoben über unser +individuelles Ich mit seinem Bleigewicht, seinen Fesseln, seinen +Stacheln. Damit ist gewiss eine Bedingung des ästhetischen Genusses +bezeichnet. Ohne solche Freiheit ist es unmöglich, dass wir das +ästhetisch Wertvolle ganz in uns aufnehmen, oder in seiner ganzen Fülle +und Wirkungskraft in uns erleben. Aber diese negative Bedingung des +Kunstgenusses ist doch nicht gleichbedeutend mit einem positiven Faktor +desselben. Die Befreiung von dem individuellen Ich mag eine Aufhebung von +allerlei Gründen der Unlust in sich schliessen. Daraus ergiebt sich doch +positive Lust lediglich unter der Voraussetzung, dass dazu im Kunstwerk +irgend welche positiven Gründe gegeben sind. + +Endlich wird von Volkelt darauf hingewiesen, dass die Kunst dem Bedürfnis +unserer Phantasie nach freier Gestaltung reiche Befriedigung schaffe. +Dagegen erwidere ich einmal dasjenige, was ich schon oben gegen das +"Spiel der inneren Nachahmung" bemerkte. Die Kunst, die dramatische zum +wenigsten, ermöglicht nicht, sondern verbietet vielmehr unserer Phantasie +die freie Gestaltung. Der Inhalt des Kunstwerkes ist uns gegeben, völlig +unabhängig von unserem freien Belieben. + +Und damit ist auch schon das Andere gesagt: Die Befriedigung unserer +Phantasie, von der hier die Rede ist, kann nichts anderes sein, als die +Befriedigung an den Gegenständen unserer Phantasie, das heisst am Inhalte +des Kunstwerkes. + +Oder sollen wir ausser dieser Befriedigung an den Gegenständen oder +Inhalten unserer Phantasie auch noch eine besondere Befriedigung +verspüren an unserer Thätigkeit der Phantasie, an dieser unserer +geistigen Arbeit, und der Weise, wie sie sich vollzieht. Die Möglichkeit +einer solchen Befriedigung leugne ich wiederum nicht. Nur ist, soviel ich +sehe, auch diese Befriedigung,--ebenso wie die Befriedigung an der +Phantasie des Künstlers, soweit dieselbe nicht im Kunstwerk verwirklicht +ist,--dadurch bedingt, dass ich meinen Blick vom Kunstwerk weg wende, und +ihn richte auf das Stück der wirklichen Welt, das durch meine reale +Persönlichkeit, mein individuelles Ich repräsentiert ist. Denn dieser +Welt, und nicht der Welt des Kunstwerkes, gehört doch eben meine, mit den +Inhalten des Kunstwerkes beschäftigte Phantasiethätigkeit an. Es ist also +auch die Freude daran nicht Freude am Kunstwerk, sondern Freude an der +ausserhalb des Kunstwerkes liegenden realen Welt. Diese aber kann +_Volkelt_ umso weniger zur Freude am Kunstwerk rechnen wollen, als er ja +selbst mit vollem Rechte die Loslösung vom individuellen Ich zur +Bedingung des ästhetischen Genusses macht. In der That ist der +ästhetische Genuss nichts anderes als der Genuss, der sich aus der reinen +_ästhetischen Betrachtung_ ergiebt. Und diese _besteht_ in der Loslösung +von allem, was nicht im Kunstwerk unmittelbar gegeben ist. Sie besteht im +Aufgehen in diesem Objekte der Betrachtung. Die ästhetische Sympathie ist +die Sympathie unter _Voraussetzung_ solcher Loslösung oder solchen +Aufgehens. + +Ich bezeichnete diese ästhetische Sympathie auch damit, dass ich sagte, +wir erleben im Kunstwerke uns selbst, nicht bloss, wie wir jetzt sind, +sondern wie wir sein könnten. Wir erleben darin unser ideelles Ich. Dies +kann bald in diesem, bald in jenem Zuge zu einem idealen, oder über das +Mass unseres realen Ich gesteigerten Ich werden. Wie es aber hiermit +bestellt sein mag: Immer wenn uns im Kunstwerk Persönliches +entgegentritt, nicht ein Mangel am Menschen, sondern ein positiv +Menschliches, das mit unseren eigenen Möglichkeiten und Antrieben des +Lebens und der Lebensbethätigung im Einklang steht oder darin Widerhall +findet; immer wenn uns dies positiv Menschliche entgegentritt so +objektiv, so rein und losgelöst von allen ausserhalb des Kunstwerkes +stehenden Wirklichkeitsinteressen, wie dies das Kunstwerk ermöglicht und +die ästhetische Betrachtung fordert, immer dann ist dieser Einklang oder +Widerhall für uns beglückend. + +Persönlichkeitswert ist ethischer Wert. Es giebt keine mögliche andere +Bestimmung und Abgrenzung des Ethischen. Aller Kunstgenuss, aller +ästhetische Genuss überhaupt ist darnach Genuss eines ethisch Wertvollen, +nicht als eines Bestandteiles des Wirklichkeitszusammenhanges, sondern +als eines Gegenstandes der ästhetischen Anschauung. + + +DAS SPEZIFISCHE DES TRAGISCHEN GENUSSES. + +Im Vorstehenden ist doch noch in keiner Weise das eigentlich Spezifische +des tragischen Genusses erwähnt worden. Mitfreude ist Genuss, Miterleben +des Leidens ist höherer Genuss. Wie ich gelegentlich an anderer +Stelle--in dem oben erwähnten "Litteraturbericht"--sagte: Es ist eine +schöne Sache um eine Mutter, die über ihr gesundes und fröhlich +spielendes Kind sich freut. Aber es ist eine erhabenere Sache um die +Mutter, die um ihr krankes oder sterbendes Kind in Sorge sich verzehrt. +Jene Freude ist für uns erfreulich; dieser Schmerz ist verehrungswürdig, +heilig. Er ist nicht nur ein höherer, sondern ein anderer Genuss, tiefer +und ernster. Solchen tiefen und ernsten Genuss giebt die Tragik. + +Wie dies möglich ist, dies wird uns verständlich aus einem +psychologischen Gesetz, das wir bereits in anderem Zusammenhang kennen +gelernt haben. Indem ich es hier zur Erklärung herbeiziehe, scheine ich +Erhabenes aus Banalem ableiten zu wollen. Aber kein Gesetz ist banal an +sich. Jedes Gesetz ist erhaben, wenn es Erhabenes vollbringt. + +Ich meine hier das Gesetz der "psychischen Stauung". Ich formuliere es +von neuem: Wird ein Vorstellungszusammenhang, der einmal in mir angeregt +ist, in seinem natürlichen Ablauf gehindert, so entsteht eine psychische +Stauung, d. h. die Vorstellungsbewegung macht an dem Punkte, wo die +Störung stattfindet, Halt. Damit wird zunächst das, was vor diesem Punkte +sich findet, von dieser Bewegung stärker, als es sonst geschehen würde, +erfasst und emporgehoben. Es kommt in uns in höherem Masse zur Geltung +und Wirkung. Es übt insbesondere auch in höherem Masse die +Gefühlswirkung, die es an sich zu üben fähig ist. Wir werden seines +Wertes in höherem Masse inne. + +Mannigfache Wirkungen dieses Gesetzes, die auf seine Bedeutung für die +Tragik hinweisen können, sind uns schon aus dem alltäglichen Leben +geläufig. Ein wertvolles Objekt, das wir besassen, sei zerbrochen oder +vernichtet. Jetzt schätzen wir erst recht seinen Wert. Der Freund, den +wir verloren haben, erscheint uns in idealisiertem Lichte. Wir sind +geneigt von den Toten Gutes zu reden. Die Strafe, die dem Verbrecher zu +teil wird, söhnt uns mit ihm aus. + +Dies alles sind Wirkungen jenes Gesetzes. Vieles an einem Menschen kann +Gegenstand unseres Hasses sein. Daneben ist er doch auch Mensch wie wir. +Es finden sich in ihm positiv menschliche Züge, hinsichtlich deren ich +mit ihm einstimmig bin, die in mir Widerhall finden können, kurz mit +denen ich sympathisieren kann. Von diesem Positiven, oder von der +Persönlichkeit, sofern sie eben Persönlichkeit ist, fordern wir, dass sie +bestehe, daure, sich bethätige, frei sich auslebe. Dabei verstehe ich +unter dem freien Sichausleben das durch kein inneres oder äusseres +Hindernis gehemmte Sichbefriedigen, die freie Verwirklichung dessen, +worauf irgend ein positiver Lebensantrieb abzielt. Solche Forderungen +sind nichts anderes als unser _eigenes_ Verlangen, zu dauern, uns zu +bethätigen, uns frei auszuleben. + +Hier nun haben wir einen bestimmten Vorstellungszusammenhang und zwar den +denkbar zwingendsten. Es ist eben der Zusammenhang zwischen dem Positiven +der Persönlichkeit und seiner Dauer, seiner Bethätigung, seinem +Sichausleben. In der Natur dieses Zusammenhanges liegt die Tendenz mit +voller Sicherheit in _dieser Weise_, oder als dieser bestimmte +Zusammenhang abzulaufen. Dies heisst nichts anderes als: Es knüpft sich +an das Bewusstsein, es sei ein positiv Menschliches gegeben, unbedingt +jene Forderung. + +Ein solcher Vorstellungszusammenhang wird nun in uns angeregt, immer wenn +wir von einem Menschen wissen. Und sein freier Ablauf wird gehemmt durch +die Wahrnehmung seines Todes, durch das Bewusstsein von jedem Leiden, +jeder Strafe, jedem Eingriff in sein Dasein. Der ganze Mensch, also auch +jenes Positive in ihm, dauert nicht, wenn er stirbt, lebt nicht frei sich +aus, wenn ihn ein Übel trifft. Damit ist die Stauung gegeben, d. h. die +Notwendigkeit, das wir bei jenem Positiven und seiner Natur nach uns +Sympathischen haften. Dies "tritt heraus", wird Gegenstand der +"Aufmerksamkeit", gewinnt psychische Höhe und steigt für uns an Wert, +oder gewinnt jetzt erst, in unseren Augen nämlich, seinen Wert. Und +diesen Wert geniesse ich mitfühlend in einer Weise, wie es sonst unter +keinen Umständen möglich wäre. In dem Bilde des Verstorbenen tritt das +Gute und Tüchtige, das was ihn wert machte, zu leben, oder was mir sein +Leben wertvoll machte, deutlicher hervor. Bei dem Freunde fällt hellstes +Licht auf das, was ich an ihm schätzte. Der Verbrecher wird für mich erst +Mensch, d. h. menschlicher Wertschätzung wert. Dass wir dem Verbrecher +die erlittene Strafe zu gute schreiben, oder sie zu seinen Gunsten +anrechnen, ist nichts als ein populärer, aus einer anderen Sphäre +hergenommener Ausdruck für diese psychologische Thatsache. + +Sowie hier der Tod oder das Erleiden der Strafe, so wirkt überall im +Leben und in der Kunst,--nur in der Kunst, vermöge der Besonderheit der +künstlerischen Darstellung und unserer ästhetischen Anschauung, in +höchstem Masse,--alles was irgendwie als ein Eingriff in eine +Persönlichkeit, oder als eine Störung des unmittelbaren freien +Sichauslebens der menschlichen Persönlichkeit, oder einen Positiven in +ihr, bezeichnet werden kann; jede Einengung eines Menschen, jeder Druck, +jedes Nichtgelingen, alles was wir Kummer, Sorge, Mangel, Not, Elend +nennen, jedes Missgeschick; auch jede innere Hemmung, jeder Zweifel, jede +Verkümmerung; schliesslich in höchstem Masse der, sei es physische, sei +es auch sittliche Untergang. Es wirkt dies alles _in dem Masse_, als +wirklich ein _positiv Menschliches_, dessen Wert wir in uns inne werden +können, in seinem Bestande, seiner Dauer, seinem freien Sichausleben +gehemmt erscheint; im höchsten Masse, wenn dies positiv Menschliche +zugleich _Grösse_ hat. Immer ist die Art der Wirkung dieselbe: Erleben +unserer selbst in einem Anderen, Erklingen oder lauteres Erklingen einer +sonst nicht erklingenden oder nur schwach erklingenden Saite unseres +Inneren, also vollerer Zusammenklang der Momente unseres Wesens, +Steigerung, Erhöhung, Ausweitung unserer selbst; alles dies zugleich in +einem Anderen, also objektiviert; in der fremden Persönlichkeit mit +ästhetischer Realität uns entgegentretend. + +Zugleich ist diese Wirkung umso stärker, je schärfer der Eingriff in den +Bestand, die Betätigung des Sichausleben der Persönlichkeit erscheint. +Gewiss wächst mit der Schärfe des Eingriffes auch die Unlust am Leiden. +Und diese kann sich steigern zu einem Gefühl des Entsetzlichen, das +keinen tragischen Genuss mehr aufkommen lässt. Diesseits dieser Grenze +aber liegen die unendlich vielen Stufen der Möglichkeit, dass sich die +Gründe der Unlust und die Gründe der Lust zur Erzeugung des tiefen, +ernsten, erschütternden Genusses vereinigen, als welcher eben der +tragische Genuss sich uns darstellt. + + +WEITERE ÄSTHETISCHE WIRKUNGEN DES KONFLIKTES. + +Ich betrachte hier die Tragik nicht um ihrer selbst willen, sondern als +Gegenbild des Humors. Soll aber die Tragik das volle Gegenbild des Humors +sein, so dürfen wir sie nicht in dem engen Sinne nehmen, in dem wir sie +zu nehmen pflegen, sondern müssen als tragisch jede Art des ernsten +Konfliktes bezeichnen. + +Die Tragik, im engeren Sinne, ist Tragik des äusserlich ungelösten +Konfliktes. Konflikte können aber auch sich lösen; die Sache kann einen +glücklichen Ausgang nehmen. Dann gewinnt die Stauung eine weitere +Bedeutung. Die durch die Stauung gesteigerte oder zu grösserer +psychischer Höhe gebrachte psychische Bewegung ergiesst sich, wenn der +Konflikt gelöst, also das Hindernis des freien Vorstellungsablaufes +beseitigt ist, mit grösserer Kraft. Die Lösung, oder das worin sie +besteht, gewinnt grössere psychische Bedeutung und grössere +Eindrucksfähigkeit. + +Auch dies ist eine im gewöhnlichen Leben uns wohl vertraute Thatsache. +Das schwer Errungene hat für uns doppelten Wert. Die Konsonanz, in +welcher die Dissonanz sich löst, hat ein besonderes und eigenartiges +Gewicht. Wem Namen statt Erklärungen dienen, der hat hier eine neue +Gelegenheit von "Kontrastwirkung" zu sprechen und einen Fall des +sogenannten "Kontrastgesetzes" zu statuieren. + +Zwei Arten der Wirkung des Konfliktes oder des Eingriffes in +Menschendasein und freies Sichausleben von Menschen haben wir hiermit +einander gegenübergestellt. Beide Wirkungen sind zunächst unmittelbar +subjektiv begründete, d. h. Wirkungen die unmittelbar in einem Vorgang im +Beschauer ihren Grund haben: Die Stauung, die der Konflikt _in uns_ +bewirkt, lässt uns das Positive der Persönlichkeit, die in den Konflikt +gerät oder jenen Eingriff erfährt, bedeutsamer erscheinen; und die Lösung +der Stauung, die _in uns_ sich vollzieht, macht uns das, worin die Lösung +sich vollzieht, eindrucksvoller. + +Neben diesen subjektiv bedingten Wirkungen stehen aber dann objektiv +bedingte. Davon habe ich in meiner Schrift "Der Streit über die Tragödie" +ausführlicher geredet. Wir sehen, wie eine Persönlichkeit leidet, d. h. +wie tief sie vom Leiden erfasst wird, und welchen Charakter dies Leiden +in ihr gewinnt. Und wir sehen, _wovon_ oder _worunter_ sie leidet. Daraus +gewinnen wir ein Bild von ihrer Tiefe und ihrer Höhe und von ihrem +inneren Wesen. Nichts würde so uns das Innerste ihres Wesens enthüllen, +als es das Leiden vermag. Ungeahnt Grosses kann das Leiden im Menschen zu +Tage fördern, die feinsten Fasern der Persönlichkeit herausstellen, die +verborgensten Saiten zum Anklingen bringen. + +Wir sehen dann vor allem auch, wie die Persönlichkeit dem Leiden +standhält, oder von ihm gebrochen wird. Die Persönlichkeit kann im Leiden +auch sittlich gebrochen, zerbröckelt, zerrieben werden, und doch +tragische Gestalt bleiben. Es ist nur nötig, dass in ihr, in ihrem +inneren Wesen etwas Grosses, Echtes liegt, und dass dies wirklich, im +Kampf mit dem feindlichen Geschick, _zerrieben_ wird. + +Es kann aber auch die Persönlichkeit dem Leiden innerlich standhalten. +Sie will lieber leiden als das Grosse in sich preisgeben. Sie bleibt sich +getreu, auch indem sie untergeht. Das Grosse in ihr zeigt sich Leiden und +Tod überwindend. + +Hier ist überall die Wirkung auf uns zugleich objektiv bedingt: Das Bild +der tragischen Persönlichkeit selbst wird ein reicheres, tieferes, es +wird ein in sich selbst wirkungsfähigeres. Je mehr es dies ist, um so +mehr steigert sich zugleich die Wirkung jenes subjektiven Faktors, d. h. +der in uns stattfindenden Stauung. Das Ganze der Wirkung ist ja notwendig +ein Produkt aus den beiden Faktoren. Und in einem Produkt wirkt jeder +Faktor um so mehr, je grösser der andere ist. + +Dies gilt auch, wo der Konflikt überwunden wird, falls nämlich er nicht +durch den dummen Zufall oder einen Deus ex machina, sondern durch eine +Kraft oder Grösse überwunden wird, mit der wir sympathisieren. Die Kraft +und Grösse wird, indem sie überwindet, für uns objektiv oder an sich +bedeutsamer. Zugleich steigert sie die Stauung oder die Erwartung ihres +sich Auslebens, die "Spannung". Um so wirksamer wird dann auch die +Lösung. + + +ÄSTHETISCHE BEDEUTUNG DES BÖSEN. + +Auf dies alles gehe ich hier nicht weiter ein. Dagegen interessiert uns +noch ein fundamentaler Gegensatz. Wir sprachen bisher von Eingriffen in +die Persönlichkeit, von Hemmungen ihres freien sich Auslebens, kurz vom +Leiden, und der daraus sich ergebenden Stauung. + +Aber neben dem Leiden steht das Böse. Auch das Böse greift störend ein in +den freien Ablauf eines Vorstellungszusammenhanges, bewirkt also eine +Stauung und damit eine Steigerung der psychischen Bewegung. Der +Vorstellungszusammenhang besteht hier in dem Zusammenhang zwischen dem +Menschen und der sittlichen Forderung, die wir an ihn stellen. + +Eine Persönlichkeit vollziehe in sich mit Bewusstsein die Negation des +Sittlichen, verhalte sich also wollend widersittlich, oder was dasselbe +sagt, in irgend einem Punkte widermenschlich. Sie leugne in Worten oder +durch die That eine sittliche Forderung. Dann gewinnt in uns diese +sittliche Forderung erhöhte Kraft. Jemehr sie geleugnet wird, um so +bestimmter setzen wir sie der Verneinung entgegen. Unser eigenes +sittliches Bewusstsein tritt uns mächtiger entgegen. + +Darin liegt nun nicht ohne weiteres ein ästhetischer Wert. Die +wahrgenommene Auflehnung gegen die in mir bestehende sittliche Forderung +erfüllt mich mit Unlust. Die Kraft, mit der ich das eigene sittliche +Bewusstsein festhalte, giebt mir sittliches Kraftgefühl, etwas von +sittlichem Stolz. Und dies Gefühl ist an sich beglückend. Das Objekt aber +erscheint um so unlustvoller. + +Nehmen wir indessen jetzt an, die sittliche Persönlichkeit sei nicht nur +in uns, und werde in uns wachgerufen und durch den "Kontrast" zur +"Reaktion" veranlasst, sondern sie finde sich auch irgendwie neben der +Negation des Sittlichen in einem Kunstwerke, dann ergiebt sich, auf Grund +dieser Negation, ein besonderer _ästhetischer Wert_. + +Es bestehen dafür verschiedene Möglichkeiten, die ich wiederum nur +andeute. Das Böse ist "Folie" des Guten, d. h. wir finden die sittliche +Forderung, die einerseits geleugnet erscheint und dadurch in uns Kraft +gewinnt, andererseits verwirklicht, und erleben es jetzt, dass diese +Verwirklichung uns eindrucksvoller, also in höherem Grade in ihrem vollen +Werte sich darstellt. Oder wir sehen in einer und derselben +Persönlichkeit das Gute neben dem Bösen, als Kehrseite desselben, und +erfahren eine gleichartige Wirkung. Oder das Böse, die ihr Mass +überschreitende Leidenschaft, hat ein Gutes zu ihrer Wurzel und weist uns +darauf hin. Oder das Böse ist Durchgangspunkt des Guten, der Weg, auf dem +das Gute in einem Menschen sich Bahn bricht. + +Hier ist die den Eindruck des Guten steigernde Wirkung zunächst wiederum +eine subjektiv bedingte. Der Gegensatz und die dadurch bedingte Stauung +oder "Spannung" steigert die psychische Bewegung in uns. Auch hier aber +gesellen sich zur subjektiv bedingten objektiv bedingte Wirkungen. + +Es verfällt etwa der Böse einem üblen Geschick. Jetzt erscheint unserer +alles vermenschlichenden Phantasie dies Geschick wie eine dem Bösen sich +entgegensetzende quasi-persönliche Macht, mit deren Wollen wir uns Eines +fühlen. Vielleicht bedient sich das Geschick der Bösen. Böses Wollen und +böses Wollen bekämpfen sich und bringen sich zu Falle. Dann ist unser +sittliches Bewusstsein befreit; wir sind versöhnt. Das Gute hat Recht +behalten. + +Aber dies Gute ist doch einstweilen nur "das" Gute, die sittliche Macht +nur eine quasi-persönliche. Sie wird zu einer persönlichen, wenn gutes, +berechtigtes, sittliches Wollen eines Menschen gegen das Böse sich kehrt +und darin seine Kraft bethätigt. Diese Kraft erweist sich doppelt gross, +wenn in der bösen Persönlichkeit selbst ein sittliches Bewusstsein oder +ein Zwang der Anerkennung, dass das Gute Recht habe, sich regt; oder wenn +endlich dies sittliche Bewusstsein das Böse besiegt und endgültig die +Übermacht in der Persönlichkeit behauptet. + +Auch darauf gehe ich hier nicht näher ein. Es genügt mir auch hier, die +Hauptmomente der tragischen Wirkung kurz bezeichnet zu haben. Alle diese +Momente haben in der Wirkung des Humors ihr Gegenstück. + + + + +XVI. KAPITEL. DAS WESEN DES HUMORS. + + +LAZARUS' THEORIE. + +Dass durch die Negation, die am positiv Menschlichen geschieht, dies +positiv Menschliche uns näher gebracht, in seinem Wert offenbarer und +fühlbarer gemacht wird, darin besteht, wie wir sahen, das allgemeinste +Wesen der Tragik. Ebendarin besteht auch das allgemeinste Wesen des +Humors. Nur dass hier die Negation anderer Art ist als dort, nämlich +komische Negation. + +Ich sagte vom Naivkomischen, dass es auf dem Wege liege von der Komik zum +Humor. Dies heisst nicht: die naive Komik ist Humor. Vielmehr ist auch +hier die Komik als solche das Gegenteil des Humors. Die naive Komik +entsteht, indem das vom Standpunkte der naiven Persönlichkeit aus +Berechtigte, Gute, Kluge, von unserem Standpunkte aus im gegenteiligen +Lichte erscheint. Der Humor entsteht umgekehrt, indem jenes relativ +Berechtigte, Gute, Kluge aus dem Prozess der komischen Vernichtung +wiederum emportaucht, und nun erst recht in seinem Werte einleuchtet und +genossen wird. Dieser Erfolg wird in den auf S. 104 ff.[*] zuletzt +angeführten Fällen der naiven Komik notwendig eintreten. Insofern waren +sie zugleich Fälle des Humors. + +[* Im Unterkapitel MÖGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN. Transkriptor.] + +Der eben bezeichneten Auffassung des Humors scheint Lazarus in seinem +Werke "Das Leben der Seele" zu widersprechen, indem er im Humor überhaupt +nicht eine eigene Kunstform, sondern vielmehr eine eigene Denkweise und +Gemütsverfassung, sozusagen eine eigene Weltanschauung sehen will. +Indessen damit ist uns hier nicht gedient. Mag immerhin das Wort Humor in +diesem Sinne genommen werden können--und wir werden es selbst später so +nehmen--hier handelt es sich um etwas anderes. Wie es uns ehemals nicht +auf den Witz ankam, den man hat, sondern auf denjenigen, den man macht, +so beschäftigt uns hier nicht der Humor, den man hat, sondern das +humoristische Thun oder Verhalten, der einzelne Fall des Humors. + +Thatsächlich nimmt nun auch _Lazarus_ im Verlaufe seiner Abhandlung das +Wort Humor in diesem letzteren Sinne. Der von uns als naiv in Anspruch +genommene Ausspruch des Korporals Trim ist für _Lazarus_ ein Fall des +Humors. Nun kommt in diesem Ausspruch freilich eine bestimmte Denkweise +zu Tage. Aber weder, dass diese Denkweise vorhanden ist, noch dass sie +überhaupt zu Tage kommt, sondern die Art, wie sie zu Tage kommt, macht +den Vorfall zu einem humoristischen. Und Entsprechendes gilt von der Rede +_Falstaff_'s, die _Lazarus_ gleichfalls der Gattung des Humors zuweist. + +Wichtiger aber ist uns, dass _Lazarus_ bei der Erklärung dieser einzelnen +Fälle des Humors--ebenso wie _Hecker_ und _Kräpelin_ bei ihrer Erklärung +des Naiven--die Hauptsache übersieht. "Wie lächerlich," sagt er mit Bezug +auf Trim, "wenn einer das vierte Gebot nicht als einen selbständigen Satz +auswendig kennt, wie erhaben, wenn einer es so strikt, so reich, so voll +erfüllt. Wie humoristisch, wenn wir beides zugleich von ihm erfahren". In +der That ist es gar nicht humoristisch, wenn wir diese beiden Dinge +zugleich und von Einem erfahren. Man lasse Trim auf die Frage des Doktors +der Theologie einfach erklären, er wisse nur, was das Gebot von ihm +verlange, nämlich, dass er seinem Vater von seinen 14 Groschen Lohn 7 +geben solle, und der Eindruck des Humors ist dahin. Eine solche Erklärung +wäre eben eine einfach sachgemässe Erklärung, nicht mehr eine +gleichzeitig treffende und unzutreffende, erhabene und nichtige +_Beantwortung der Katechismusfrage_. + +Noch weniger trifft _Lazarus_' Erklärung des Humors der _Falstaff_'schen +Rede die Sache. _Falstaff_ wecke, so meint er, alle hohen Ideen, deren +Widerpart er in Leben und Gesinnung sei, durch sein Reden und Thun. "Er +spricht von Ehre, Mut u. s. w.; er stellt den König dar, wie er Heinrich +straft u. s. w.; in allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee +Kennender und Zeigender. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe +erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre); wir lachen, weil er +selbst die wahre Idee in uns weckt, und diese um so sicherer zeigt, je +angelegentlicher er dagegen kämpft". + +Der Humor der Rede _Falstaff_'s beruht also für _Lazarus_ darin, dass die +Erniedrigung der Ehre doch zugleich die Idee der Ehre in uns wachruft. +Wäre damit ohne weiteres der Humor gegeben, so müsste jeder, der nicht +aus Unkenntnis, sondern in bewusster Bosheit das Edle erniedrigte und in +den Schmutz zöge, humoristisch erscheinen, auch wenn er dies ohne allen +"Humor" thäte. Denn je boshafter es herabgezogen wird, um so deutlicher +wird uns jederzeit das Edle als solches zum Bewusstsein kommen. In +Wirklichkeit würde aber solche Bosheit nicht den Eindruck des Humors, +sondern das Gefühl der Empörung hervorrufen. So ist denn auch der Grund +der Humors der _Falstaff_'schen Rede in gewisser Weise gerade der +entgegengesetzte von demjenigen, den _Lazarus_ angiebt. Nicht dass +_Falstaff_ das Recht des Sittlichen bewusst verneint, sondern das er zu +dem, was er sagt, selbst ein gewisses, nämlich individuelles, sittliches +Recht _hat_, das macht den Humor der Rede. + +Wie _Lazarus_ in der Bestimmung des Humors die Hauptsache übersieht, dies +wird nicht minder deutlich aus seinem allgemeinen Erklärungsversuch. Der +Seelenzustand des Humors soll sich ergeben "aus dem Wesen und Verhältnis +von Fühlen und Denken. Indem das Gefühl der Realität ebenso herrschend +ist, wie der Gedanke des Idealen, entspringt durch die Gleichzeitigkeit +eine notwendige Verschmelzung beider, vermöge deren das Ideale den +psychologischen Wert und Reiz des Realen erhält, sodass im Humor nicht +nur die Wirklichkeit und die sinnliche Welt, sondern auch die Idee selbst +anders, nämlich tiefer, kräftiger, lebensvoller aufgefasst wird als im +abstrakten Idealismus." + +Diese Erklärung erweckt allerlei Bedenken. Zunächst frage ich mich +vergeblich, nach welchem psychologischen Gesetz jene Verschmelzung +geschehen, und nach welchem psychologischen Gesetz sie die ihr hier von +_Lazarus_ aufgebürdete Wirkung haben solle. Ich könnte weiterhin darauf +aufmerksam machen, wie viel Unheil in der Ästhetik das nichtssagende +Abstraktum Idee schon angerichtet hat. Lassen wir uns aber diesen Begriff +gefallen, dann müssen wir allgemein sagen: Mag noch so sehr das Ideale +und Reale in uns gleichzeitig Macht gewinnen und das Gefühl des einen mit +dem Gedanken des andern, ich weiss nicht wie, "verschmelzen"; der +Eindruck des Humors ensteht uns jedenfalls erst, wenn wir das Ideale in +einer Persönlichkeit verwirklicht finden, und zugleich auch nicht +verwirklicht finden, wenn also das Ideale das Reale ist, und doch +zugleich nicht ist. Oder wenn wir jetzt wiederum auf das "Ideale" und +"Reale" verzichten. Der eigentliche Grund und Kern des Humors ist überall +und jederzeit das relativ Gute, Schöne, Vernünftige, das auch da sich +findet, wo es nach unseren gewöhnlichen Begriffen nicht vorhanden, ja +geflissentlich negiert erscheint. + +_Lazarus_ bezeichnet den Humor der _Fallstaff_'schen Rede im Gegensatz +zum Humor _Trim_'s als objektiven. Dieser Unterschied ist ungültig. +_Falstaff_ und _Trim_ erscheinen humoristisch aus völlig gleichem Grunde. + + +NAIVITÄT UND HUMOR. + +In allem naiv Komischen steckt nach oben Gesagtem Humor. Ich bezeichnete +diesen Humor als die Kehrseite der naiven Komik. Aber es kann nicht +umgekehrt gesagt werden, jeder Humor sei naiv. Vielleicht ist man +geneigt, schon einige der oben angeführten Fälle des naiv Komischen, vor +allem die naive Komik des _Sokrates_ nicht mehr als naiv-komisch gelten +zu lassen. Zur Naivität gehört es, ihrer selbst unbewusst zu sein. Daraus +folgt dann, was den Humor betrifft, freilich zunächst nur dies, dass es +einen unbewussten Humor giebt. Andererseits kann aber der Humor als +vollbewusster sich darstellen. + +Diesen bewussten Humor will _Hecker_ einzig als Humor anerkennen. Der +Humor, meint er, sei im Gegensatz zum Naiven völlig bewusst, ja +willkürlich. Das ist dann eine engere Fassung des Begriffs des Humors, +die wir nicht mitmachen wollen. Die Einsicht in das positive Wesen des +Humors, das vom Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten unabhängig +ist, verbietet es uns. Auch der Sprachgebrauch widerspricht. + +Es ist naiv, wenn die Putten in _Rafaels_ Madonna di San Sisto so recht +kindlich, und doch so ganz entgegen dem feierlichen Charakter des +Vorganges sich über die Brüstung lehnen. Aber niemand wird uns verwehren +dürfen zu sagen, es stecke darin köstlicher Humor. Wenn _Bräsig_ gegen +Bildung und Sitte verstösst, so thut er dies meist völlig unbewusst. Er +ist also insofern naiv. Und doch bezeichnet _Lazarus_ mit Recht _Bräsig_ +als eine der großartigsten humoristischen Schöpfungen, + +Und wir können noch mehr sagen. Auch im bewussten Humor steckt eine Art +der Naivität. Nicht nur bei _Falstaff_ und _Trim_, sondern auch bei +_Hamlet_, beim Narren im Lear, selbst bei _Mephisto_, ist der eigentliche +Kern des Humors nicht ein Ergebnis bewusster Reflexion, sondern das +Gesunde, Gute, Vernünftige, das in der innersten "Natur" der +Persönlichkeit liegt und darum nicht umhin kann, in ihrem verkehrten oder +närrischen Gebaren mit "naiver" Gewalt sich geltend zu machen. + +Damit ist doch jener Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten nicht +aufgehoben. Der Humor kann, sagte ich, schliesslich ein vollbewusster +sein. Er ist ein solcher, wenn der Träger desselben sich sowohl des +Rechtes, als auch der Beschränktheit seines Standpunktes, sowohl seiner +Erhabenheit als auch seiner relativen Nichtigkeit bewusst ist, wenn er +also neben seinem Rechte auch das Recht derer anerkennt, denen sein Thun +komisch ist. Dies ist der Humor, von dem Kuno Fischer sagt, er sei "die +volle und freie Selbsterkenntnis, die nicht möglich ist, ohne helle +Erleuchtung der eigenen Karikatur, ohne die komischen Vorstellungen der +anderen heiter über sich ergehen zu lassen". Es muss nur hinzugefügt +werden, dass dies heitere Übersichergehenlassen der komischen +Vorstellungen anderer nur möglich ist, wenn der Träger des Humors +zugleich des relativen Rechtes seines Thuns, wenn er also eines diesem +Thun zu Grunde liegenden positiven Kernes seiner Persönlichkeit, der +durch das Lachen der anderen nicht getroffen wird, sich bewusst ist. Die +vollbewusste humoristische Persönlichkeit lässt andere über ihr Gebaren +lachen und lacht selbst herzlich mit; zugleich weiss sie sich doch im +innersten Kern ihrer Persönlichkeit über jenes Lachen erhaben. Sie lacht +auch wieder über dies Lachen und lacht so am besten, weil sie zuletzt +lacht. + +Man erinnert sich, dass wir das Verhalten des _Sokrates_ bei Aufführung +der Wolken oben als letztes Beispiel der naiven Komik aufführten, +zugleich aber zugaben, dass der Name des Humors dafür geeigneter +erscheine. Wir können jetzt nicht nur Humor, sondern vollbewussten Humor +im eben bezeichneten Sinne darin erblicken. Es entfernt sich dann +_Sokrates_' Verhalten möglichst weit von dem naiv Komischen im engeren +Sinne. Schon dass _Sokrates_ der Aufführung der Wolken beiwohnt und +mitlacht, wenn sein Gegenbild auf der Bühne verlacht wird, ist +humoristisch. Wie thöricht, wenn man dem Lachen Anderer zu begegnen +meint, indem man mitlacht; wie schwächlich, wenn man auch nur dies +Lachen, statt irgendwie dagegen aufzutreten oder es abzuwehren, sich +gefallen lässt. Giebt man nicht damit den Lachern Recht?--Aber eben dies +ist die Meinung des _Sokrates_. Er versteht den Standpunkt des +Volksbewusstseins, zu dessen Vertreter sich _Aristophanes_ gemacht hat, +und sieht darin etwas relativ Gutes und Vernünftiges. Er anerkennt eben +damit das relative Recht derer, die seinen Kampf gegen das +Volksbewusstsein verlachen. Damit erst wird sein Lachen zum Mitlachen. +Andererseits lacht er doch über die Lacher. Er thut es und kann es thun, +weil er des höheren Rechtes und notwendigen Sieges seiner Anschauungen +gewiss ist. Eben dieses Bewusstsein leuchtet durch sein Lachen, und lässt +es in seiner Thorheit logisch berechtigt, in seiner Nichtigkeit sittlich +erhaben erscheinen. + +Dieser Humor steigert sich dann noch, wenn _Sokrates_ sich erhebt und +seinen Lachern geflissentlich preisgiebt. Jetzt erst begeht er eine +rechte Thorheit; und er begeht sie mit vollem Bewusstsein. Er erniedrigt +sich nicht nur in den Augen der Menge, sondern er weiss, dass er sich +erniedrigt, und er weiss es nicht nur, sondern er giebt wiederum denen, +die ihn jetzt erst recht verlachen, relativ Recht. Die Menge, wie kann +sie anders--nach gewöhnlicher und in ihrer Art wohlberechtigter +Anschauung--als solches Gebaren thöricht finden, und wie sollte sie das +natürliche Recht sich verkümmern lassen, über das zu lachen, was nun +einmal ihren Horizont überschreitet. Zugleich lacht doch _Sokrates_ +wiederum über die, deren relatives Recht, ihn zu verlachen, er einräumt, +weil er weiss, das seine Erhabenheit der Erniedrigung zum Trotz bestehen +bleibt, ja in derselben erst recht zu Tage tritt. + +Indem ich hier den vollbewussten Humor zu kennzeichnen versuche, habe ich +im Grunde auch schon das Wesen des Humors nicht als einzelnen +humoristischen Thuns, sondern als einer Gesinnung oder Denkweise +bezeichnet. Diese beiden Begriffe des Humors wollten wir oben scharf +unterscheiden. Auch jetzt bleiben wir bei dieser Unterscheidung. Zugleich +sehen wir doch, dass die Inhalte dieser beiden Begriffe aufs +unmittelbarste zusammenhängen. Die Denkweise des Humors ist es, die dem +bewusst humoristischen Thun zu Grunde liegt und darin sich kundgiebt. +Auch _Sokrates_ handelt nicht nur humoristisch, sondern er denkt +humoristisch oder hat Humor. Er könnte sonst nicht so handeln wie er +handelt.--Andererseits brauchen wir Humor, um den Humor des +_Sokrates_'schen Thuns zu verstehen. + +Wir können aber überhaupt _jeder_ Art der Komik mehr oder weniger Humor +entgegenbringen. Je mehr wir ihr entgegenbringen, um so mehr "Sinn" für +Komik haben wir. Ich sagte schon oben, dass in der Komik nicht nur das +Komische in nichts zergeht, sondern auch wir in gewisser Weise, mit +unserer Erwartung, unserem Glauben an eine Erhabenheit oder Grösse, den +Regeln oder Gewohnheiten unseres Denkens u. s. w. "zu nichte" werden. +Über dieses eigene Zunichtewerden erhebt sich der Humor. Dieser Humor, +der Humor, den wir angesichts des Komischen _haben_, besteht schliesslich +ebenso wie derjenige, den der Träger des bewusst humoristischen +Geschehens hat, in der Geistesfreiheit, der Gewissheit des eigenen Selbst +und des Vernünftigen, Guten und Erhabenen in der Welt, die bei aller +objektiven und eigenen Nichtigkeit bestehen bleibt, oder eben darin zur +Geltung kommt. Er besteht "_schliesslich_" darin, das will sagen, dass +freilich nicht jeder Humor diese höchste Stufe erreicht. Es giebt +niedrigere Arten des Humors, und es giebt neben dem hier vorausgesetzten +positiven einen negativen, neben dem versöhnten einen entzweiten Humor. + + +HUMOR UND "PSYCHISCHE STAUUNG". + +Auf diese Unterschiede werden wir später zurückzukommen haben. +Einstweilen sahen wir, dass Erhabenheit in der Komik das Wesen des Humors +bezeichnet. + +Wir sagten aber auch schon, der Humor sei Erhabenheit in der Komik und +_durch_ dieselbe. Die Erhabenheit ist nicht nur bei der Komik, oder +irgendwie mit ihr verbunden, sondern die Komik lässt die Erhabenheit erst +eigentlich für uns zu stande kommen. + +Wie dies möglich ist, dies sagt uns wiederum das Gesetz der "psychischen +Stauung". Wiefern eine solche Stauung bei aller Komik stattfinde, haben +wir gesehen. Wir sahen, wie diese Stauung die "Verblüffung" bewirkt, wie +sie dann den Anspruch des Nichtigen ein Erhabenes zu sein, heraustreten +lässt und dadurch das Nichtige, auch nachdem es als solches, das heisst +als Nichtiges sich dargestellt hat, zum Gegenstande der Aufmerksamkeit, +und damit zum Objekte des freien und heiteren Spieles der Auffassung +werden lässt. + +Zugleich aber bewirkt die Stauung ein Weiteres; nämlich die nachfolgende +Rückwärtswendung des Blickes auf dasjenige, das den Anspruch der +Erhabenheit machte. Dabei bestehen die beiden Möglichkeiten: Dieser +Anspruch erscheint auch jetzt als blosser Anspruch; oder er erscheint als +berechtigter Anspruch. + +Wie sonst, so lässt auch hier die "Rückwärtswendung des Blickes", das +heisst die Rückkehr der seelischen Bewegung nach ihrem Ausgangspunkte zu, +an diesem Ausgangspunkte neue Seiten entdecken, falls nämlich an ihm +solche zu entdecken sind. + +Ich erinnere noch einmal an eines der oben angeführten Beispiele: Auf ein +A sahen wir in der Erfahrung sonst ein B folgen. Jetzt folgt ihm ein dem +B widersprechendes B1. Dann ist das Erste die Verblüffung, das +[Griechisch: thaumazein], die Frage: Was ist oder was will das. Ihr folgt +das sich Besinnen, die Konzentration auf das A und die Erwartung, dass +wieder B folge. Das Dritte ist in diesem Falle--nicht die Auflösung der +Erwartung in nichts, aber das Bewusstsein des Widerspruches. + +Daran aber schliesst sich die Rückkehr zu dem A. Und diese Rückkehr ist +gleichbedeutend mit einer genaueren Betrachtung des A, mit der Frage, ob +A wirklich das A sei, auf das sonst das B folgte. Dabei kann an dem A +etwas gefunden werden, das es von jenem A unterscheidet, es zu einem +davon verschiedenen A1 macht. + +Der gleiche Prozess vollzieht sich auch bei der Komik. Auch hier führt +die Rückkehr zu A, ich meine zu dem, was als erhaben sich gebärdete, zur +volleren Erkenntnis desselben. Hat dasselbe begründeten Anspruch auf +Erhabenheit, so wird, was diesen Anspruch begründet, entdeckt, oder es +tritt deutlicher ins Bewusstsein. Das Komische erscheint schliesslich +vielleicht als das eigentlich Erhabene. + +Indem das nicht nur scheinbar, sondern in Wahrheit Erhabene +solchergestalt aus dem komischen Prozess erst recht als ein Erhabendes +emportaucht, besitzt es zugleich für uns einen besonderen Charakter. Es +giebt eben doch an ihm eine Seite, oder es giebt für dasselbe eine +mögliche Beleuchtung, die es jederzeit wiederum zum Gegenstand der Komik +oder unserer spielenden Anfassung werden lassen kann. Dadurch mildert +sich seine Erhabenheit. Hat die Erhabenheit Strenge, so weicht diese +Strenge. Der Gegenstand der Ehrfurcht wird uns vertrauter, wird Gegentand +der Liebe. Es ist die Aufgabe des Humors, Erhabenes liebenswert +erscheinen zu lassen, wie es andererseits seine Aufgabe ist, Erhabenes im +Verborgenen, in der Enge und Gedrücktheit, im Geringgeachteten und +Verachteten, in jeder Art der Kleinheit und Niedrigkeit aufzusuchen. + + + + +XVII. KAPITEL. ARTEN DES HUMORS. + + +DIE DASEINSWEISEN DES HUMORS. + +Das allgemeine Wesen des Humors, von dem im Vorstehenden die Rede war, +bestimmt sich genauer und gewinnt mannigfache speciellere Züge in den +verschiedenen Arten des Humors. + +Solche lassen sieh zunächst unterscheiden nach zwei Gesichtspunkten. +Mehrfach schon war die Rede vom Humor als Stimmung, oder als Weise der +Betrachtung der Dinge. Ich "habe" Humor, wenn ich diese Stimmung habe +oder dieser Weise der Betrachtung mich hingebe. Ich selbst bin hier der +Erhabene, der sich Behauptende, der Träger des Vernünftigen oder +Sittlichen. Als dieser Erhabene oder im Lichte dieses Erhabenen betrachte +ich die Welt. Ich finde in ihr Komisches und gehe betrachtend in die +Komik ein. Ich gewinne aber schliesslich mich selbst, oder das Erhabene +in mir, erhöht, befestigt, gesteigert wieder. Damit ist hier der +humoristische Prozess vollendet. + +Man erinnert sich des Gegenstückes dieser humoristischen Weltbetrachtung, +das uns oben bei Betrachtung der Tragik begegnete. Es besteht in der +Weltbetrachtung, die einen sittlichen Massstab anlegt--nicht an das +Kleine und Nichtige, oder an das, was so erscheint, sondern an das +Schlechte, das Böse, das Übel; kurz das ernste Nichtseinsollende. Auch +aus solcher Weltbetrachtung kann ich in meiner Persönlichkeit oder meinem +sittlichen Bewusstsein gesteigert zu mir zurückkehren. + +Neben diese ernst sittliche Weltbetrachtung stellten wir die gleichartige +_Darstellung_ der Welt, der Menschen, des Geschehens in der Welt. Dieser +entspricht in der Sphäre des Humors die _humoristische Darstellung_. Ich +finde das Kleine, Nichtige, Belachens- und Verlachenswerte _dargestellt_ +und komisch beleuchtet: zugleich offenbart sich in der Weise der +Darstellung der vernünftige oder sittliche Standpunkt. Sein Recht, seine +Wahrheit, seine Überlegenheit wird aus der Darstellung offenbar und +eindringlich. + +Die dritte "Daseinsweise" des Humors endlich ist verwirklicht im +"objektiven Humor". Hier ist das Positive des Humors, d. h. das Erhabene +nicht mehr bloss in mir, auch nicht lediglich in der Weise der +Darstellung, sondern es findet sich, ebenso wie das Nichtige, in den +dargestellten Objekten. Diese Daseinsweise des Humors erst hat ihr +Gegenstück in der Tragik, und weiterhin in jeder künstlerischen +Darstellung, in der das Böse und das ernste Übel in der Welt einen Faktor +des ästhetischen Genusses ausmacht. + +Bleiben wir noch einen Augenblick bei diesen drei Daseinsweisen des +Humors. Der Humor, so sagen wir, ist Erhabenheit in der Komik und durch +dieselbe. Bei der humoristischen Weltbetrachtung nun ist zunächst das +Erhabene in mir. Dann freilich ist auch das Komisch-Nichtige in mir, aber +nur sekundärer Weise, nur sofern, wie schon früher gesagt, mein Eingehen +in die Komik zugleich eine Art des Zunichtewerdens meiner selbst in sich +schliesst. Lediglich soweit dies der Fall ist, besteht hier Erhabenheit +in der Komik und demnach Humor. + +Damit ist zugleich gesagt, dass dieser Humor in sehr verschiedenen Graden +sich verwirklichen kann. Es fragt sich jedesmal, in welchem Masse ich mir +das eigene Zunichtewerden gefallen lassen kann, und in welchem Masse ich +doch zugleich davor geschützt bin, thatsächlich zu nichte zu werden. Ich +muss, um diesen Humor zu erleben, von meiner Höhe herabsteigen; aber +nicht, um da unten zu bleiben, sondern um von da aus jene Höhe zu +ermessen und erst recht zu erkennen, also in meinen Gedanken,--und darum +handelt es sich ja hier--doch auch wiederum auf der Höhe zu bleiben, und +jetzt erst mit vollem Bewusstsein da zu sein. + +Darin liegt dann zugleich das Umgekehrte: Ich bin auf der Höhe nicht +abgeschlossen, wie auf einer einsamen weltabgeschiedenen Höhe. Sondern +ich bin da mit der Möglichkeit, immer wiederum herabzusteigen und mich in +die nichtige Welt zu mischen. Und ich bin immer wiederum im Begriff dies +zu thun. Ich bin auf der Höhe mit der eigentümlichen Geistesfreiheit, die +hieraus sich ergiebt. + +Derselbe Humor liegt bei der humoristischen _Darstellung_ in der Weise +der _Darstellung_. Er liegt zugleich in mir, sofern ich die Darstellung +innerlich nachmache und ihren Humor in mir nacherlebe. Auch hier ist das +Komische oder das Zunichtewerden nur sekundärer Weise mit dem +Erhabenen--in der Darstellung und in mir--vereinigt. Sofern ich den +hieraus sich ergebenden Humor in der Darstellung finde, ist derselbe +objektiver Humor; das Gefühl dafür ist eine Weise des objektivierten +Selbstgefühls. Andererseits ist der Humor der Darstellung doch wiederum +kein objektiver: Er ist noch nicht in den dargestellten Objekten. + +Darum bezeichne ich den oben sogenannten objektiven Humor speciell mit +diesem Namen. Bei ihm ist der Humor dreifach da: in den Objekten, in der +Weise der Darstellung und in mir. Dies doch nicht im Sinne des +Nebeneinander. Der Humor ist in Wahrheit nur in mir. Aber ich erlebe ihn +in den Objekten und der ihrer Natur entsprechenden Darstellung. + + +HUMOR DER DARSTELLUNG. + +Der Humor der Darstellung ist lyrisch. Das Spezifische der Lyrik ist +dies, dass bei ihr das eigentliche Objekt der Darstellung, das innere +Geschehen, keinen persönlichen Träger hat. Man sagt wohl, Träger dieses +inneren Geschehens sei der Dichter. Dies ist unrichtig, wenn man mit dem +Dichter diese bekannte oder unbekannte wirkliche Persönlichkeit meint. +Diese Persönlichkeit mag ein Ähnliches inneres Geschehen thatsächlich +einmal erlebt haben. Aber für das dichterische Erzeugnis kommt nur die +Thatsache in Betracht, dass der Dichter als _Dichter_ den Inhalt der +Dichtung in sich erlebt hat. Er hat ihn erlebt als Dichter, d. h. aber; +er hat ihn erlebt als ideelle Persönlichkeit, nicht als dieser bestimmte +Mensch, sondern als ideeller Repräsentant _des_ Menschen. Sein etwaiges +wirkliches Erleben ist hierfür nur Vorbild. + +Als solcher ideeller Repräsentant _des_ Menschen erlebt der Dichter das +lyrisch dargestellte innere Geschehen, _solange_ er es eben erlebt, d. h. +insbesondere im Akte des Dichtens. Genau in derselben Weise aber erleben +wir es, wenn wir die Dichtung hören, lesen, uns derselben erinnern, und +sie geniessen. So oft wir dies thun, treten _wir_ an die Stelle des +Dichters. Wir sind jetzt die Träger jenes inneren Geschehens, wiederum +nicht als diese realen Persönlichkeiten, sondern als ideelle +Repräsentanten des Menschen. Ich sage: des Menschen; in jedem einzelnen +Falle ist dies natürlich nicht der Mensch überhaupt, sondern eine +bestimmte Seite am Menschen oder eine mehr oder minder speciell geartete, +auch durch äussere Umstände mehr oder minder determinierte Modifikation +"des" Menschen. + +Dies meine ich, wenn ich sage, das in der Lyrik dargestellte innere +Geschehen habe keinen persönlichen Träger. Es hat zum Träger nicht eine +Persönlichkeit, die von derjenigen, die das lyrische Produkt in sich +erlebt und geniesst, verschieden wäre. Es hat also bald diesen bald jenen +Träger. Zugleich sind alle diese Träger doch wiederum nur Beispiele des +persönlichen Trägers, der so oder so gearteten Modifikation des Menschen +oder des Menschseins. + +Darum ist es doch nicht in jedem Sinne zutreffend, wenn man die Lyrik die +"_subjektive_" Dichtungsgattung nennt. Eben dieser unpersönliche Träger +ist nicht nur im Dichter vorhanden, wenn er dichtet, und in uns, wenn wir +das dichterische Erzeugnis uns innerlich zu eigen machen, sondern er ist +zugleich im Kunstwerk, also objektiv da. Als objektiver Vorgang, als +etwas uns Gegebenes tritt uns das dargestellte innere Geschehen entgegen. +Es ist für uns nicht nur ein subjektives, sondern zugleich ein objektives +persönliches Erleben. Das innere Geschehen wird nicht nur von uns erlebt, +sondern es geschieht zugleich ausser uns, und wird von uns miterlebt. +Oder was dasselbe sagt: Auch hier objektivieren wir unser Erleben, und +uns, sofern wir es erleben; auch hier erleben wir, was wir erleben, in +einem Anderen. Nur nicht in einem bestimmten, vom Dichter uns vor Augen +gestellten Anderen, sondern in einem Anderen, der für uns--nicht +individuell, sondern der Art nach dieser oder jener ist, soweit ihn das +dargestellte innere Geschehen als diesen oder jenen charakterisiert, d. +h. von anderen _qualitativ_ unterscheidet.--Natürlich rede ich hier von +der _reinen_ Lyrik. + +So nun verhält es sich auch bei der humoristischen Darstellung im hier +vorausgesetzten Sinne dieses Begriffes. Wir erleben den Humor mit oder +nach, aber nicht als Humor in einem dargestellten Individuum, sondern als +überindividuellen Humor oder als Humor im Menschen, nämlich im Menschen, +sofern er eben solchen Humor haben kann und hat. + +Dagegen ist der speciell von uns sogenannte objektive Humor, sofern er +künstlerisch verwirklicht ist, episch oder dramatisch. Das heisst: er ist +Humor eines dargestellten Individuums, das je nachdem einer, obzwar auch +nur ideellen Zeit, oder keiner Zeit, d. h. der zeitlosen Gegenwart +angehört. In jenem Falle wird er von uns im engeren Sinne des Wertes +nacherlebt, in diesem unmittelbar miterlebt. + + +STUFEN DES HUMORS. + +Die zweite Einteilung von Arten des Humors hat mit der soeben vollzogenen +dies gemein, dass auch bei ihr die Beziehung des Erhabenen zum Komischen +den Einteilungsgrund bezeichnet. Nur ist diese Beziehung hier anderer +Art. Die Komik, die einer Person anhaftet, oder in welche dieselbe +verflochten ist, kann einmal harmlos, unschädlich, ohne ernsten Stachel +sein. Wir sind, indem wir das Komische wahrnehmen, unmittelbar damit +versöhnt, weil wir uns unmittelbar darüber erheben können oder +unmittelbar darüber erhoben werden. Ohne Konflikt oder Kampf ist die +Erhabenheit zugleich mit der Komik für uns da. + +Ein andermal ist das Komische an sich ein Verletzendes. Das Objekt der +Komik ist nicht Gegenstand des Lächelns oder des harmlos herzlichen +Lachens; sondern es erscheint lächerlich und wird verlacht. Ein +Gegensatz, ein Kampf, ein Konflikt findet statt zwischen ihm und einem +Erhabenen oder der Forderung eines solchen. Eben dieser Konflikt aber +stellt das Erhabene ins Licht. Und zwar nehmen wir hier an, dass das +_Dasein_ des Konfliktes, ohne äusserliche Lösung desselben, diese Wirkung +hat. + +Die dritte Möglichkeit endlich ist die, dass ein solcher Konflikt nicht +nur besteht, sondern sich löst, d. h. das Lächerliche überwunden, das +Nichtige vernichtet wird oder selbst sich vernichtet, und damit das +Erhabene oder die Forderung desselben, die vorher geleugnet war, zum Sieg +gelangt. + +Offenbar ist unter diesen drei Stufen des Humors die erste diejenige, der +nun zunächst den Namen des Humors zugestehen wird. Wir wollen sie als die +des versöhnten, oder des konfliktlosen, oder des in sich unentzweiten +Humors bezeichnen. + +Die zweite Stufe dürfen wir dann bezeichnen als die Stufe des in sich +entzweiten oder des satirischen Humors. Entzweiung, Gegensatz, Konflikt +ist ja das Charakteristische der Satire. Ich verhalte mich zum Komischen +satirisch, indem ich es als zum Erhabenen oder zur Forderung eines +solchen gegensätzlich erkenne, verlache, lachend verurteile. In dieser +Verurteilung tritt die Erhabenheit des Erhabenen, sein höheres Recht, +seine Überlegenheit ans Licht. Dieser Humor kann scharf, bitter, ja +verzweifelt sein. Er bleibt doch Humor, so lange er das Komische nicht +einfach als nichtseinsollend abweist, sondern, wie es in der Natur der +Satire liegt, lachend in dasselbe eingeht, also daran teil nimmt. + +Was endlich die dritte der oben bezeichneten Stufen des Humors betrifft, +so ist dabei dies zu bedenken: Das Nichtige, so sagte ich, tritt hier zum +Erhabenen in Gegensatz und wird vernichtet. Das Erhabene erringt den +Sieg. Aber dies muss, wenn hier wirklich eine Stufe, des Humors gegeben +sein soll, in "humoristischer" Weise geschehen. Und dies schliesst in +sich, dass dem Nichtigen das Erhabene nicht als ein durchaus Fremdes +entgegentritt. Das Erhabene darf nicht einfach von aussen her dem +Nichtigen entgegentreten und es beseitigen oder seinen Geltungs- oder +Herrschaftsanspruch aufheben. Sondern das Nichtige muss dazu, als +solches, eine Handhabe bieten. Es muss in gewisser Weise sich selbst +vernichten und dem Erhabenen zum Siege verhelfen. Es muss in solcher +Weise das Erhabene in sich selbst tragen. Oder umgekehrt, das Erhabene +muss in das Nichtige eingehen, und indem es dies thut, also in gewisser +Weise als Nichtiges, seine Erhabenheit zum Sieg bringen. Auch hier +erscheint dieser Sieg unter dem Gesichtspunkt einer Selbstvernichtung des +Nichtigen. + +Nun war uns, wie man sich erinnert, die "_Ironie_" die Komik der +Selbstvernichtung. Sie war das Zergehen eines Erhabenheitsanspruches +durch diesen Anspruch selbst, oder durch die Weise, wie er erhoben wird, +durch die Festhaltung desselben, oder die aus ihm folgenden Konsequenzen. +Ironie des Schicksals ist die objektive Komik, die darin besteht, dass +das selbstgewiss auftretende Wollen sich selbst ad absurdum führt, oder +gerade durch das, was seiner Verwirklichung zu dienen schien, oder zu +dienen bestimmt war, ad absurdum geführt wird. Witzige Ironie ist die +Vernichtung des scheinbar Sinnvollen oder auf Sinn Anspruch Erhebenden +durch die Art wie der Anspruch erhoben wird, oder auf Grund der aus ihm +sich ergebenden Konsequenzen. + +Demgemäss haben wir ein Recht, diese dritte Stufe des Humors als die des +"_ironischen Humors_" zu bezeichnen. Will man diesen Namen vermeiden, so +nenne man ihn wiederversöhnten Humor, entsprechend dem von Hause aus +versöhnten und dem entzweiten Humor. + + +UNTERARTEN DES HUMORS. + +Die beiden im Vorstehenden unterschiedenen Einteilungen von Arten des +Humors kreuzen sich. Und daraus ergeben sich dreimal drei Arten. + +Ich erhebe mich das eine Mal über das Zunichtewerden dieser oder jener +Erwartungen und Forderungen in der Welt, weil ich den Humor dazu besitze, +d. h. weil mein _Glaube_ an das Seinsollende, meine Empfänglichkeit für +das Gute, meine Freude am Schönen stark genug ist, um durch jenes +Zunichtewerden nicht angetastet zu werden. Mag sich die Welt auch +närrisch gebärden, und auch an meiner Person oder meinem Geschick das +Närrische nicht fehlen, so bleibe ich doch meiner selbst und der Welt, in +dem, was den Kern oder das Wesentliche an beiden ausmacht, gewiss. +Vielmehr, indem ich diese Selbstgewissheit oder diese Erhabenheit meiner +Betrachtung oder Stimmung dem Närrischen entgegensetze und sie ihm zum +Trotz behaupte, tritt diese Selbstgewissheit erst in ihrer Stärke hervor, +oder zeigt sich in der Macht, die sie in mir besitzt. + +Offenbar gewinnt dieser "subjektive" Humor oder dieser Humor meiner +Weltbetrachtung eine andere und andere Bedeutung, je nachdem die +Betrachtung lediglich vom Standpunkte meiner individuellen Neigungen, +Wünsche, Anschauungen, Stimmungen, oder von einem objektiven, d. h. +allgemein menschlichen Standpunkt aus geschieht. Sie hat im letzteren +Falle, obgleich ihrem Wesen nach subjektiv, doch objektive Geltung oder +objektiven Wert. Die fragliche Weise der Weltbetrachtung gewinnt in +anderer Richtung einen verschiedenen Charakter, je nachdem der Gegensatz +des Erhabenen und Nichtigen, um den es sich dabei handelt, dem Gebiet der +verstandesgemässen Erkenntnis oder dem Gebiet eudämonistischer +Zweckmässigkeit, oder endlich dem eigentlich sittlichen Gebiete angehört. + +Der Weltbetrachtung des versöhnten oder unentzweiten Humors steht +gegenüber die Weltbetrachtung des entzweiten Humors oder die satirische +Weltbetrachtung. Nicht immer ist die Negation des Seinsollenden harmlos. +Oft genug sehen wir das Nichtige, das _wesentlichen_ Forderungen der +"Idee" widerstreitet, in Macht und Geltung, Unvernunft, Zweckwidrigkeit, +sittliche Verkehrtheit herrschen in der Welt. Sie gebärden sich und +dürfen sich gebärden als wahre Vernunft, als echte Zweckmäßigkeit, als +hohe Moral. Der Wahnwitz wird heilig gesprochen. Der gebildete und der +ungebildete Pöbel fällt anbetend nieder vor der aufgeblasenen und +aufgeputzten Possenreisserei. Halte ich dem gegenüber--noch nicht den +Glauben an den endlichen Sieg der Idee, aber das Bewusstsein der +Erhabenheit und Würde ihres Wesens fest, gewinne ich es zugleich über +mich, jenes Nichtige, weil ich seine Nichtigkeit und Hohheit +durchschaue--nicht nur zu verurteilen, sondern zu verlachen, und in mir +selbst oder in meinem Bewusstsein lachend zu vernichten, so verhalte ich +mich in meiner Weltbetrachtung satirisch. Ich verspüre zunächst das +Nichtige als Nichtiges, ich erlebe es, dass mit der Verneinung des +Sittlichen, die ich in der Welt vorfinde, zugleich meine sittlichen +Forderungen zunichte werden. Zugleich aber gewinnt mein sittliches +Bewusstsein, indem es gegen seine Verneinung sich "erhebt", seine volle +Grösse und Höhe. In dieser "Erhebung" besteht hier das Positive des +Humors oder das siegreiche Auftauchen des Erhabenen aus dem komischen +Prozess. Auch hier wiederum können die soeben, bei der versöhnt +humoristischen Weltbetrachtung, angedeuteten Unterschiede gemacht werden. + +Endlich erscheint der in dieser satirischen Weltbetrachtung liegende +Gegensatz wiederum aufgehoben, der Humor wird im einem wiederum in sich +versöhnten Humor, wenn und soweit ich mich zu der Überzeugung +hindurchzuarbeiten vermag, dass das Nichtige, so sehr es in Geltung sein +mag, doch schliesslich auch äusserlich oder objektiv in seiner +Nichtigkeit offenbar werde, dass das Nichtige, wenn es sich auswirke, +nicht umhin könne, sich aufzuheben oder seine Macht zu verlieren, und +damit der Idee zum Siege zu verhelfen. Diese im tiefsten und höchsten +Sinne humoristische Weltbetrachtung bezeichnen wir als ironische +Weltbetrachtung oder als Weltbetrachtung des ironischen Humors. Ich +brauche nicht zu sagen, dass dieser ironische Humor mit der "Ironie" der +romantischen Schule nicht etwa eine und dieselbe Sache ist. + +Die gleichen drei Möglichkeiten, wie bei der humoristischen +Weltbetrachtung, bestehen rücksichtlich des Humors der Darstellung. Die +Darstellung ist harmlos humoristisch, oder wenn man will humoristisch im +engeren Sinn, d. h. nie stellt das Kleine, die Schwächen an Menschen und +das Komische ihres Schicksals dar; zugleich tritt aus der Darstellung der +Glaube an das von der Komik umspielte Höhere, Sittliche, Erhabene +versöhnend und erhebend heraus. Sie ist andererseits satirische +Darstellung des anmasslichen und in Geltung stehenden Nichtigen und +Verkehrten, eine Darstellung, die diesem Anmasslichen die Maske vom +Gesicht reisst, den Schein, dass es ein Recht habe, in Ansehen und +Geltung zu stehen, zerstört, es dem Verlachen preisgiebt, aber eben +dadurch die Würde und einzige Hoheit der "Idee"' vor Augen stellt. + +Offenbar ist hiermit dasjenige bezeichnet, was man gemeinhin oder +vorzugsweise mit dem Namen der Satire zu belegen pflegt. + +Die humoristische Darstellung ist endlich ironische Darstellung des die +Idee Negierenden, das heisst eine Darstellung, die nicht nur _gegen_ das +Nichtseinsollende sich "erhebt", sondern zugleich in demselben den Keim +der Selbstvernichtung erblickt, und im Glauben, dass schliesslich alles +zum Guten dienen müsse, das Dasein desselben heiter über sich ergehen +lässt. + + +DIE HUMORISTISCHE DARSTELLUNG UND DER WITZ. + +Hier ist der Punkt, wo auf die ästhetische Bedeutung, die der Witz zu +gewinnen vermag, oder auf die Bedeutung des Witzes als eines Elementes +des Humors, speciell hingewiesen werden kann. + +Der Witz an und für sich, als dies reine Vorstellungsspiel, kann +ebensowenig wie die objektive Komik auf ästhetischen Wert Anspruch +erheben. Auch er kann einem ästhetisch Wertvollen nur _dienen_. Er ist +aber als _logisches_ Spiel, zu dem jede sachliche und persönliche +Beziehung nur als ein ihm Fremdes hinzukommt, auch davon noch um einen +Schritt weiter entfernt als das objektiv Komische. + +Der Witz nähert sich jener Aufgabe zunächst, insoweit bei ihm +_Wahrheiten_ aus dem komischen Prozess auftauchen und sich behaupten. +Aber er nähert sich ihr damit auch nur. Das ästhetisch Wertvolle, oder +das "Schöne", ist nicht das Wahre, so gewiss Wahrheit Bedingung der +Schönheit ist. Auch "_ergetzliche_ Belehrung" ist keine ästhetische +Leistung. + +Ästhetischer Wert ist Wert von Objekten, von Gegenständen der Anschauung +oder der Phantasie. Es ergiebt sich daraus, dass der Witz ästhetische +Bedeutung besitzen kann, nur sofern er solche Objekte, also Dinge, +Menschen, ein Geschehen an Dingen oder Menschen, in die komische +Vorstellungsbewegung, in welcher er psychologisch betrachtet besteht, +hineinzieht. Insoweit aber dies der Fall ist, ist der Witz nicht mehr +blosser Witz, sondern trägt ein Moment der objektiven Komik in sich. Als +Mittel zur Erzeugung der objektiven Komik also kann der Witz allein +ästhetische Bedeutung gewinnen. + +In die komische Vorstellungsbewegung des Witzes wird nun zunächst +dasjenige hineingezogen, auf dessen Kosten der Witz gemacht wird. Dies +"Objekt" des Witzes wird durch den Witz in komische Beleuchtung gerückt, +also als komisch oder in seiner Komik _dargestellt_. Der Witz, sofern er +objektive Komik erzeugt, ist demnach eine Weise der komischen +Darstellung. Diese wird zur humoristischen Darstellung, wenn +sie--humoristisch ist Und dies kann sie sein in der soeben bezeichneten +dreifachen Art: + +Der Witz deckt _harmlos_ witzig, oder im engeren Sinne humoristisch, +Schäden und Schwächen auf, greift die Wirklichkeit, selbst die erhabenste +an, wo immer sie ihm einen Angriffspunkt bietet, und verrät dabei seinen +Glauben an die unmittelbare Gegenwart und Macht der "Idee". Er geisselt +_satirisch_, mit schneidendem Witze, das Nichtseinsollende, das sich +bläht, und zeigt darin die Festigkeit seines vernünftigen und sittlichen +Bewusstseins. Er wird endlich zur witzig _ironischen_ Darstellung, aus +der der Glaube an den schliesslichen Sieg des Seinsollenden oder der Idee +hindurchleuchtet. + +Sowenig, wie bereits zugestanden, die im XIII. Kapitel gegebene +Einteilung der Arten des Witzes vom ästhetischen Gesichtspunkte +beherrscht war, so wollte ich doch in ihr auf die soeben bezeichnete +dreifache Möglichkeit der ästhetischen Verwertung des Witzes schon in +gewisser Weise vorbereiten. Ich wollte dies durch die Art, wie ich von +dem bloss scherzenden Witze den charakterisierenden und andererseits den +ironischen Witz unterschied. + +Nicht als könnte diese Unterscheidung mit jener Unterscheidung des +harmlosen, satirischen, und ironischen Humors einfach zusammentreffen. +Der charakterisierende Witz kann ja auch Schwächen _harmlos_ +charakterisieren; er dient andererseits der Charakterisierung des +Wertvollen sogut wie der des Nichtigen. Der ironische Witz kann dem +harmlos Bescheidenen, das selbst keinen Anspruch erhebt, spielend einen +Anspruch leihen, um diesen Anspruch wieder in sein Gegenteil umschlagen +zu lassen, und auch er kann andererseits am Wertvollen sich vergreifen. + +Immerhin fehlt eine Beziehung zwischen beiden Unterscheidungen nicht. +Der bloss scherzende Witz, der nur, was ihm eben vorkommt, in seine +willkürliche Beleuchtung rückt, ohne den Anspruch zu machen, es in +seinem eigentlichen Wesen zu treffen oder in seinem wahren Lichte +erscheinen zu lassen, kann auch nicht den Anspruch erheben, das +_Nichtseinsollende_ in seinem wahren Wesen blosszustellen oder in +sein Nichts zürückzuschleudern. Ihm bleibt nichts als das harmlose +_Spiel_ mit Personen und Objekten, und die das Wesen der Objekte +nicht berührende Komik, der sie damit verfallen. + +Dagegen liegt es in der Natur den charakterisierenden Witzes, auch das +Wesen des thatsächlich Nichtigen oder der Idee Widrigen, das sich erhaben +geberdet, zu beleuchten. + +Ebenso wird der ironische Witz, der zunächst nichts ist, als die in ihr +Gegenteil umschlagende Bezeichnung oder Aussage, im ironischen Humor, der +den Anspruch des Nichtseinsollenden in sein Gegenteil umschlagen lässt, +eine wichtige, über den Witz hinausgehende Aufgabe haben. Er wird diese +Aufgabe erfüllen, beispielsweise immer dann, wenn die in ihr Gegenteil +umschlagende Bezeichnung oder Aussage einen solchen Anspruch des +Nichtseinsollenden zum Inhalte hat. + + + + +XVIII. KAPITEL. DER OBJEKTIVE HUMOR. + + +UNENTZWEITER HUMOR. + +Dieselben drei Möglichkeiten oder Stufen, wie wir sie beim Humor der +Weltbetrachtung und beim Humor der Darstellung unterschieden haben, +bestehen endlich auch beim objektiven Humor. Darauf haben wir noch etwas +näher einzugehen. + +Nach dem oben Gesagten unterscheiden wir einen harmlosen, in sich +unmittelbar versöhnten, unentzweiten, im engeren Sinne "humoristischen" +objektiven Humor; andererseits einen in sich entzweiten oder satirischen; +endlich einen wiederversöhnten oder ironischen objektiven Humor. + +Der objektive Humor gewinnt ein mannigfaltigeres Ansehen, wenn wir mit +dieser Dreiteilung hier sogleich den Gegensatz der Situations- oder +Schicksalskomik und der Charakterkomik verbinden, den wir oben bei +Betrachtung der objektiven Komik feststellten, dann aber einstweilen +ausser Acht liessen. Indem ich die hieraus sich ergebenden Arten des +Humors bezeichne, setze ich gleich voraus, dass der Humor in Form des +Kunstwerkes uns entgegentrete. Dabei nehme ich mir die Freiheit, den +Namen "Komödie" zu verallgemeinern, und nicht nur das zunächst so +benannte dramatische Kunstwerk damit zu bezeichnen, in dem die Komik die +höchste künstlerische Verwertung findet, sondern jedes Kunstwerk, in dem +und soweit in ihm ein dargestelltes Komisches Träger des Schönen oder +Vermittler des ästhetischen Wertes ist. + +Die "Komödie" in diesem Sinne ist erstlich harmlose oder im engeren Sinne +"_humoristische_" _Schicksalskomödie_. Der Mensch erfährt die Tücke des +Schicksals, sei es in Gestalt des blinden Zufalls, sei es in Gestalt des +neckenden oder feindlichen Thuns anderer, und wird objektiv komisch, er +erhebt sich aber darüber, als über etwas, das ihm und seinen wesentlichen +Zwecken nichts anhaben kann.--Ihr steht entgegen die harmlose +_Charakterkomödie_, das heisst dasjenige Kunstwerk, in dem in der +Schwäche, Beschränktheit, Verkehrtheit des Individuums und durch dieselbe +das relativ Gute, Vernünftige, Gesunde, kurz das positiv Menschliche sich +offenbart. + +Diese Art der Schicksals- und Charakterkomödie verwirklicht sich in der +epischen Poesie, und soweit jener Gegensatz des Individuums und seiner +Komik in einer einzigen Situation darstellbar ist, schon in der bildenden +Kunst. Dass sie dagegen in Gestalt des dramatischen Kunstwerkes auftrete, +daran hindert der ihr eigentümliche Mangel des dramatischen Konflikts und +der dramatischen Entwicklung. Mag im komischen Drama der Konflikt gelöst +werden, oder zur Unlösbarkeit sich zuspitzen, in jedem Falle besteht ein +Konflikt, und in jedem Falle wird--nicht der Konflikt, aber das Komische +oder Nichtige, irgendwie überwunden, nämlich objektiv thatsächlich im +Falle der Lösung, nur innerlich im Falle der Unlösbarkeit des Konfliktes. +Wo aber die Person über die Tücke des Schicksals sich im oben +vorausgesetzten Sinne unmittelbar "erhebt", ich meine in dem Sinne, dass +sie trotz alles Strauchelns und Fallens doch ihrer selbst und ihrer guten +Zwecke sicher bleibt, da ist der Gegensatz zwischen ihr und dem Schicksal +für sie selbst von vornherein aufgehoben. Und damit ist Beides +ausgeschlossen, sowohl dass sie das Schicksal bekämpfe und äusserlich +darüber triumphiere, als auch dass sie dem übermächtigen und sie +äusserlich vernichtenden Schicksal die Würde ihrer Persönlichkeit +entgegenstelle und es so innerlich überwinde. Ebenso ist bei der +komischen Person, über deren verkehrtes Gebahren wir uns um des +dahinterliegenden Guten willen "erheben", so dass es uns nicht hindert, +den Wert der Person zu erkennen und anzuerkennen, der Gegensatz zwischen +dem Guten und der Verkehrtheit _für uns_ von vornherein überwunden. Wir +können darum nicht fordern, dass eine solche Überwindung noch besonders +sich _vollziehe_. Das heisst: wir können weder fordern, dass das +Verkehrte in der Person thatsächlich negiert, beseitigt, weggeschafft +werde, noch dass die bleibende Verkehrtheit in ihr Nichts +zurückgeschleudert und dadurch ein von ihr _negiertes_ Erhobene in seiner +Würde uns erst zum Bewusstsein gebracht werde. + +In mancherlei Graden kann dieser harmlose Humor im Kunstwerk verwirklicht +sein. Vor allem kommt hier jener Unterschied des unbewußten und bewussten +Humors zu seinem Rechte, der bereits von uns betont wurde. In erster +Linie war damals gedacht an den Humor des komischen _Charakters_. +Derselbe Gegensatz besteht aber auch beim Humor des komischen Schicksals. +Wir begegnen der untersten Stufe des objektiven Humors der einen und der +anderen Art im Humor des naiven Kindergemütes, das weder der +Unzulänglichkeit oder Verkehrtheit seines Wollens, noch der Komik des +Schicksals, die es straucheln und fallen lässt, sich bewusst ist. Wir +begegnen beiden Arten des Humors in ihrer höchsten Steigerung bei der +vollbewussten Persönlichkeit, die in ihrem erhabenen Wollen nicht nur die +komische Situation deutlich erkennt, in welche, sie der natürliche Lauf +der Dinge geraten lässt, sondern auch die eigene Unvollkommenheit klar +durchschaut, darum aber doch weder am Weltverlauf noch an sich selbst +irre wird. + +Ohne Zweifel würde es zur vollkommenen Persönlichkeit gehören, dass sie +das komische Geschick jederzeit voraussähe und abzuwenden wüsste. Darnach +muss vom erhabensten Standpunkte aus jede Schicksalskomik zugleich als +Charakterkomik erscheinen. Aber auch für den niedrigeren, menschlichen +Standpunkt können die beiden Arten der Komik nicht nur in einer Person +sich vereinigen, sondern sie werden sich jederzeit irgendwie, bald in +höherem bald in geringerem Grade, wechelseitig bedingen. Es ist also auch +die Scheidung zwischen Schicksals- und Charakterkomödie nur eine in +Gedanken rein vollziehbare; während in der Wirklichkeit der Kunst die +beiden in mannigfacher Weise sich verbinden. Je mehr die Charakterkomödie +über die Einfachheit eines Bildes hinausgeht oder aus der Stille eines +bescheidenen Daseins in den Strom des Lebens tritt, um so weniger werden +dem Helden, um seiner eigenen Komik willen, komische Situationen erspart +bleiben können. Umgekehrt wird die Schicksalskomödie, je weniger sie sich +auf der Oberfläche des blinden Zufalls hält, um so mehr im Charakter des +Helden einen schwachen Punkt statuieren müssen, aus dem das komische +Schicksal begreiflich erscheint. Das Leben des anspruchslosen +Schulmeisterleins Wuz von Auenthal kann so "still und meergrün" +verlaufen, wie es verläuft. Schon Onkel Bräsig dagegen greift soweit in +das Geschick Anderer ein, dass er es sich gefallen lassen muss, durch +sein gutmütiges Ungeschick in allerlei Ungemach zu geraten; und dass er +darein gerät, ist uns wiederum nur aus seiner komischen Natur +verständlich. + + +SATIRISCHER HUMOR. + +Was hier über das Zusammentreffen und Zusammenwirken von Schicksals- und +Charakterskomödie gesagt wurde, gilt nun ebensowohl auch für die anderen +Gattungen der Komödie, d. h. für die des ungelösten und die des gelösten +Konfliktes, die ich nach Obigem auch als satirische und ironische Komödie +oder als Komödie des entzweiten und des wiederversöhnten Humors +bezeichnen kann. Mit beiden stehen wir auf dramatischem Boden, ohne dass +doch die epische Gestaltung ausgeschlossen wäre. + +Wenn ich hier von einem Konflikte spreche, so meine ich nicht +irgendwelchen Konflikt, sondern denjenigen zwischen dem Nichtigen, der +Thorheit, dem Lächerlichen in irgend einer Sphäre einerseits, und dem +Erhabenen, der Vernunft, dem Seinsollenden andererseits. Und der Konflikt +ist ungelöst, dies heisst, dieser Gegensatz bleibt bestehen; das +Lächerliche, sei es nun ein Lächerliches an einer Person, oder das +Lächerliche einer Situation, oder beides zugleich, hört nicht auf zu +existieren. Es wird nicht thatsächlich aus der Welt geschafft, macht +nicht einem Erhabenen Platz, schlägt nicht in ein solches um. Es wird +freilich Überwunden, aber nur innerlich, d. h. im Bewusstsein. Diese +Überwindung kann nur darin bestehen, dass sein Anspruch als ein Erhabenes +oder Seinsollendes betrachtet zu werden, als ein Zurechtbestehendes, +Überlegenes, Vornehmes, Grosses zu gelten, oder auch sein Anspruch ein +Mächtiges zu sein, zu nichte wird. + +Dies Zunichtewerden muss nun irgendwie sich vollziehen. Es muss im +humoristischen Kunstwerke etwas geben, dass solchen Anspruch aufhebt. +Dies erscheint dann als Träger des Seinsollenden oder der "Idee"; und +zwar als Träger der siegreichen Idee. Auch dieser Sieg ist beim +objektiven satirischen Humor oder in der satirischen "Komödie" nicht ein +thatsächlicher, sondern ein solcher im Bewusstsein. + +Hier erhebt sich nun die Frage: In wessen Bewusstsein? Die Antwort +lautet: In jedem Falle in dem unsrigen. Vielleicht aber auch im +Bewusstsein dargestellter Personen. + +Und dazu tritt die andere Frage: Wo findet sich die Idee, oder was ist +der Träger derselben? Auch darauf sind verschiedene Antworten möglich. + +Das Nichtige, Unvernünftige, Lächerliche, aber mit Anmassung, d. h. mit +Anspruch auf Würde Auftretende kann zunächst sich in seiner Nichtigkeit +offenbaren im natürlichen Verlauf der Dinge, im einfachen sich Auswirken, +in irgend einem Konflikt mit den Umständen. Dabei nehmen wir an, der +Träger des Lächerlichen sei sich seiner Lächerlichkeit nicht bewusst. Er +verlacht, so setzen wir voraus, nicht sich selbst, sondern geht fröhlich +seinen Weg. Er erreicht sein Ziel, behält also äusserlich betrachtet +Recht. Er steigt nur eben notgedrungen von seiner angemassten Höhe herab, +muss sich ohne Maske zeigen, muss mit dem von ihm Verachteten, dass seine +Nichtigkeit und vielleicht Nichtswürdigkeit offen zur Schau trägt, sich +auf eine Linie stellen, mit ihm paktieren, ihm den "brüderlichen +Versöhnungskuss" reichen. + +Dass dies geschieht, ist das Verdienst jenes natürlichen Verlaufs der +Dinge. Der Zusammenhang des Geschehens, die innere Logik desselben, die +in ihm waltende sittliche Notwendigkeit will es so. Mit diesem +Zusammenhang, dieser Logik, dieser sittlichen Notwendigkeit +sympathisieren wir. Sie erscheint als das Erhabene. In dem hieraus +entspringenden Gefühl sind wir versöhnt. + +Man kann dies Versöhntsein als Schadenfreude bezeichnen. Aber es ist +Schadenfreude besonderer Art, nämlich sittliche Schadenfreude. Jede +Schadenfreude ist--nicht Freude am Schaden Anderer als solchem, sondern +Freude an der Aufhebung eines auf der eigenen Persönlichkeit liegenden +Druckes, Freude am einer Befreiung und damit Steigerung des +Selbstbewusstseins. Und sittliche Schadenfreude ist Freude an einer +Befreiung und damit einer Steigerung des sittlichen Selbstbewusstseins. + +Solche Schadenfreude oder solche sittliche Befreiung kommt in uns auch zu +stande angesichts der satirischen Darstellung, von der ich oben sagte, +dass ihr wohl zunächst der Name der Satire zukomme. Davon unterscheidet +sich die satirische "Komödie", von der wir hier reden, dadurch, dass bei +ihr das Befreiende nicht nur in der Darstellung, sondern objektiv als +Gegenstand der Darstellung uns entgegentritt. Die Befreiung besteht im +Miterleben der durch den Zusammenhang des Geschehens bewirkten +Vernichtung des Erhabenheitsanspruches des Nichtigen. + +Dieser Zusammenhang des Geschehens ist hier der eigentliche Held, oder +tritt an die Stelle desselben. Wo wir eine _Person_ in einem poetischen +Kunstwerk als Helden bezeichnen, meinen wir damit die Person, auf welche +schliesslich der ganze mannigfache Inhalt des Kunstwerkes sich bezieht, +nicht irgendwie äusserlich, sondern ästhetisch, d. h. in der Art, dass +unser ästhetisches Interesse an diesem Inhalt in dem Interesse am Helden +mündet oder zur Einheit sich zusammenfasst. Dies Interesse ist aber +positives Miterleben, d. h. ein solches, in welchem wir eine eigene +Lebenssteigerung erfahren. Wir können also auch sagen: Der "Held" +bezeichnet den Punkt, in dem dasjenige, was wir angesichts des ganzen +Kunstwerkes miterleben sollen, oder was uns durch das ganze Kunstwerk +Positives gegeben werden soll, in Eines sich zusammenfasst. + +Dieser Punkt nun ist in unserem Falle bezeichnet durch den Zusammenhang +des Geschehens. Er ist also der "Held". Oder: die "Idee" ist der Held, +sofern sie in diesem Zusammenhang sich als übermächtg ausweist, nämlich +übermächtig über den Erhabenheitsanspruch des Nichtigen. Dagegen können +die Träger des Nichtigen nicht Helden sein. Ihnen fehlt das Positive. Es +wird darum auch kein Einzelner in einem solchen Kunstwerk alles +beherrschend heraustreten. Was uns entgegentritt, wird eine Gruppe von +Menschen sein, eine Gesellschaftsklasse, Vertreter eines Standes oder +mehrerer Stände. + +Damit ist zugleich gesagt, dass der _Humor_ der Sache hier--nicht in den +Entlarvten oder ihres Erhabenheitsanspruches Beraubten, sondern in diesem +Zusammenhang des Geschehens, oder dieser "Idee" seinen Träger hat. Der +Humor liegt in der aus der Verschleierung oder versuchten Vernichtung +emportauchenden Wahrheit. Dieser Humor ist nicht Schicksalshumor und +nicht Charakterhumor, oder er ist beides. Der Gegensatz zwischen beiden +kann eben hier, weil der Held nicht persönlich ist, noch nicht +hervortreten. Der Zusammenhang des Geschehens ist komisch. Und sofern die +Idee, das Seinsollende, die Wahrheit, nur in diesem Geschehen, oder in +Gestalt desselben für uns gegenwärtig ist, erscheint auch sie mit der +Komik _behaftet_. Andererseits ist doch jener Zusammenhang ein +Zusammenhang des _Geschehens_; die Komik ist also Schicksal; die komische +Verschleierung oder versuchte Vernichtung _widerfährt_ der Idee. + +Ist die Idee oder das Positive bei dieser satirischen Komödie nicht +persönlich, so ist es doch quasi-persönlich. Wir beleben, beseelen, also +personifizieren schliesslich auch einen solchen abstrakten Zusammenhang +des Geschehens. Wir reden von treibenden Kräften, die in einem solchem +Zusammenhang wirken. Solche "Kräfte" sind, wie alle "Kräfte", +Persönlichkeitsanaloga. + +Immerhin steht ein derart abstrakter Zusammenhang uns persönlich umso +ferner und ist unserem Mitleben umso weniger unmittelbar zugänglich, je +abstrakter er ist. Er wird aber in der That so abstrakt, wie wir ihn +bisher gedacht haben, niemals bleiben. + +Verschiedene Möglichkeiten bestehen zunächst, wie konkret Persönliches in +ihn eingehen kann. Immer wird es in dieser satirischen Komödie geschehen, +dass Lächerliches und Lächerliches _wechselseitig_ sich blosstellt, noch +nicht mit Bewusstsein von der Lächerlichkeit oder Jämmerlichkeit des +Blossgestellten, sondern nur einfach thatsächlich. Es ist dann die Macht +der Wahrheit in dem Lächerlichen selbst wirksam. Dass diese Wirksamkeit +unbewusst, ja gegen den Willen des Lächerlichen geschieht, mindert nicht, +sondern steigert den Eindruck dieser Macht. + +Es können aber auch die Träger des Lächerlichen mehr oder minder bewusst +einer dem anderen das Recht auf Erhabenheit streitig machen, und einer +den anderen in seiner Nacktheit zeigen. Ebenso können andererseits +diejenigen, denen dies widerfährt, von ihrer Nacktheit ein mehr oder +minder deutliches Bewusstsein haben. Vielleicht auch ist unter den +Verkehrten ein Cyniker, der das Kind beim rechten Namen nennt und damit +der sich vornehm dünkenden Niedrigkeit ihren Spiegel vorhält. In allen +solchen Fällen ist es von Wichtigkeit, dass der _selbst_ in die +Verkehrtheit _Verstrickte_ die Verkehrtheit in ihr Nichts verweist oder +zurückschleudert. Es zeigt sich darin die Macht der Wahrheit doppelt +deutlich. Der Cyniker, der die Wahrheit eingestellt, thut der Wahrheit +einen grösseren Dienst, als der Tugendhafte, der sie verkündigt, oder gar +der Moralist, der sie predigt. Hier ist die Wahrheit einfach da. Dort +siegt sie über das Schlechte, dessen natürlicher Schutz die _Lüge_ ist. + +Andererseits kann zu denjenigen, um deren Verkehrtheit eigentlich es sich +handelt, eine Gestalt _hinzutreten_, die irgendwie in positiver Weise die +Idee, und damit den Standpunkt des Beschauers vertritt. Mit ihr ist ein +Zuwachs des Humors gegeben, schon wenn sie lediglich lachend und +verlachend in die Komik eingeht oder sich _einlässt_. Einen weiteren +Zuwachs erfährt die Komik, wenn diese Gestalt gleichfalls in ihrem +_Wesen_ komisch und schliesslich lächerlich ist, aber eben in ihrem +komischen Gebaren oder in ihrer lächerlichen Erscheinung das Bewusstsein +von jener Verkehrtheit erst recht machtvoll zu Tage tritt. + +Ein Verkommener etwa, ein mauvais sujet, sagt den Heuchlern derbe +Wahrheiten; und wir verspüren die Wirkung viel eindrucksvoller, als wenn +sie aus anderem Munde käme. Vielleicht hat er das Recht der Wahrheiten an +seinem eigenen Leibe erfahren. Ehe er so verachtet war, wie er es jetzt +ist, war er so verächtlich, wie diejenigen sind, die ihn jetzt verachten. +Oder eine niedrige Gesinnung von der Art, die hier vor ihm sich brüstet, +und als edel oder menschenfreundlich sich ausgiebt, hat ihn zu dem +gemacht, was er jetzt ist. Er wird von den Heuchlern ausgestossen. Aber +sie sind die Gerichteten. + +Oder ein komischer Polterer, aber gesund und ehrlich, nicht ohne +moralische Grösse, vertritt seinen Standpunkt gegenüber dem Unwahren, +Verschrobenen oder innerlich Verrotteten. Die sich erhaben Dünkenden +gehen aber über ihn hinweg. Er ist in ihren Augen ein Narr. Um so mehr +übt seine Gesundheit und Ehrlichkeit ihre herzerfreuende Wirkung. + +Hierbei ist nicht vorausgesetzt, dass solche Gestalten Helden seien. Sie +können Nebenpersonen sein, die auftreten und wieder verschwinden. Dann +bleibt der "Held" noch immer der Zusammenhang des Geschehens, nur dass +zugleich die in diesem Zusammenhang waltende Idee in solchen Gestalten +verdichtet, uns anschaulich gemacht und dadurch näher gerückt ist. Sie +sind noch nicht _die_ Träger, aber sie sind doch Träger der Idee, das +heisst des Positiven, das uns nahe gebracht werden soll. + +Von da geht die "Verdichtung" der Idee weiter. Zugleich scheidet sich +schärfer und schärfer der Humor der Schicksals- und der Humor der +Charakterkomik. Eine Persönlichkeit wird nicht nur verlacht, sondern sie +ist der eigentliche Gegenstand des Lachens. Sie ist es um des +Vernünftigen oder Guten willen, das in ihr ist, das aber in eine +verschrobene oder heuchlerische Umgebung nicht hineinpasst. Sie hält dem +Lachen stand und bethätigt damit die Sicherheit ihres vernünftigen oder +sittlichen Bewusstseins. Dies ist satirischer Schicksalshumor. Das +Kunstwerk, das uns dergleichen zeigt, ist satirische Schicksalskomödie. +In ihr ist jener Verlachte der Held. Ein Beispiel ist _Molière_'s +"Menschenfeind", dessen Titelheld uns in seiner eigensinnigen Ehrlichkeit +um so lieber wird, jemehr alle ihn verspotten und im Stiche lassen. Dass +zugleich auch sein Wesen nicht von Komik frei ist, macht uns dies +Schicksal begreiflicher und lässt es uns milder erscheinen. + +Diesem ausgeprägten satirischen Schicksalshumor steht entgegen der +satirische Charakterhumor, bei welchem in der verkehrten Persönlichkeit +selbst der Gegensatz des Erhabenen und des Närrischen zu einem äusserlich +ungelösten Konflikte sich zuspitzt. Das verkehrte Wollen zeigt sich +machtlos. Die Persönlichkeit erlebt es an sich selbst, dass die Vernunft +oder das Gute dem verkehrten Wollen überlegen ist. Sie giebt, wenn auch +widerwillig der Vernunft oder dem Guten Recht. Der Konflikt ist ungelöst, +sofern wir hier voraussetzen, dass der Verkehrte nicht etwa vernünftig +wird. Es wird ihm nur eben die Unvernunft seines Gebarens zum Bewusstsein +gebracht. Er steht beschämt. So steht _Mephisto_ "beschämt", indem er +"gestehen muss", der "dunkle Drang" im Menschen sei mächtiger als er. Er +höhnt über sich und seine Mitteufel, weil die Liebe sich ihnen überlegen +erwiesen hat. Darin liegt solcher satirischer Charakterhumor. + +Was _Mephisto_ dazu bringt, die Nichtigkeit seines verkehrten Wollens zu +erkennen, ist das komische Scheitern seiner Pläne, also die Komik seines +Schicksals. So wird überhaupt dieser satirische Charakterhumor oder +dieser Humor "des in sich komisch entzweiten Charakters" überall durch +die Komik des Schicksals, die ihrerseits durch die Verkehrtheit des +Charakters bedingt ist, vermittelt sein. + +Nicht nur die Schicksalskomik, sondern der Humor des dem komischen +Geschick sich entgegenstellenden und standhaltenden Charakters, verbindet +sich mit solchem Charakterhumor bei _Hamlet_, _Lear_ u. a. Auch _Lear_ +ist beschämt in der Erkenntnis der Thorheit, durch die er sich sein +lächerliches Schicksal zugezogen. Zugleich zeigt er sich als "jeder Zoll +ein König" in dem Geschick, das ihn durch seine Schuld und doch so +unverdient trifft. Beides zusammen macht ihn erst so gross und +liebenswert. + +Der Humor im _Lear_ schlägt in furchtbare Tragik um. Aber, wie schon +gesagt, Humor und Tragik sind Geschwister. Und es sind Geschwister, die +sich oft schwer unterscheiden lassen. + +Zunächst ist leicht zu sehen, welche _speciellere Parallele_ hier +zwischen Humor und Tragik sich ergiebt: Der Schicksals- und +Charakterkomödie, speciell der soeben besprochenen Art, entspricht eine +Schicksals- und Charaktertragödie, und der Vereinigung jener beiden die +Vereinigung dieser. Dem Humor im Misanthrop steht gegenüber die +Schicksalstragik in Antigone, Maria Stuart, die nicht dem komischen, +sondern dem in brutaler Härte auftretenden Schicksal äusserlich +unterliegen, um es innerlich zu überwinden. Ebenso dem Humor des +Mephistopheles die Tragik des Macbeth, der nicht seine Thorheit, sondern +das Furchtbare seines Thuns erkennt, dadurch aber ebenso wie +Mephistopheles der Idee Recht giebt und ihre Macht an sich erweist. +Endlich sind beide Arten der Tragik vereinigt im Wallenstein, Coriolan +etc. Dass die Schicksalstragödie, von der ich hier rede, nicht +zusammenfällt mit der Karikatur derselben, die in der Literaturgeschichte +speciell diesen Namen trägt, brauche ich nicht besonders zu betonen. + +Andererseits berühren sich Humor und Tragik unmittelbar. Es braucht nur +der komische Konflikt ein gewisses Mass der Schärfe zu überschreiten, um +ohne weiteres zum tragischen zu werden. Umgekehrt sehen wir den Räuber +Moor seine Auflehnung gegen die sittliche Weltordnung humoristisch +fassen, wenn auch verzweiflungsvoll humoristisch, nachdem er die ganze +Widersinnigkeit seines Beginnens eingesehen hat. + + +DER IRONISCHE HUMOR. + +Ebenso wie der zweiten Art des objektiven Humors die Tragik, so +entspricht der dritten Art desselben, die wir kurz als den _ironischen_ +objektiven Humor bezeichnet haben, die Darstellung des Menschen, der +ernste Konflikte glücklich Überwindet. Insbesondere hat die dramatische +Schicksalskomödie des gelösten Konflikts in dem Schauspiele, dessen Held +ernste äussere Widerwärtigkeiten besiegt, die entsprechende +Charakterkomödie in dem Schauspiele, dessen Held über Regungen des Bösen +in sich Herr wird, ihr Gegenbild. + +Wir nennen diese dritte Art des Humors ironisch, weil wir, wie nun öfter +betont, in der Überwindung des Nichtigen, im Umschlag seiner Ansprüche in +ihr Gegenteil, das Wesen der Ironie sehen. In gewisser Art ist ja +freilich Vernichtung des Nichtigen oder des der Idee Widrigen das +eigentliche Wesen jeden Humors. So können wir es als eine Vernichtung +bezeichnen, wenn das Nichtige dem Erhabenen von vornherein nichts anhaben +kann, also von Hause aus machtlos erscheint, wie beim harmlosen Humor. +Ebenso wenn es zur thatsächlichen Geltung kommt, zugleich aber innerlich +überwunden wird, wie beim entzweiten oder satirischen Humor. Aber alles +dies ist nicht Vernichtung in unserem Sinne, nicht Umschlag des die +_Geltung_ in der Welt sich anmutenden Nichtigen _selbst_ in seiner +objektiven _Thatsächlichkeit_, wodurch die Übermacht der Idee +dokumentiert wird; darum nicht objektive Ironie, oder Ironie als Art des +objektiven Humors. + +Es kann aber das Nichtige in dreifacher Weise jener Vernichtung und jenem +Umschlag anheimfallen. Dieselbe entspricht den drei Arten der witzigen +Ironie, die wir oben schon mit Rücksicht hierauf unterschieden haben. Wir +sahen in der ironischen Bezeichnung und dem ironischen Urteil eine +Bezeichnung oder ein Urteil zergehen und der Wahrheit Recht geben, ohne +weiteres, durch den blossen Eintritt in den Zusammenhang unseres +Bewusstseins; wir sahen es in der "witzigen Widerlegung" zu Schanden +werden durch eine Wahrheit, die ihm geflissentlich entgegentrat; wir +sahen endlich in der "witzigen Folgerung" und "Konsequenz" den Umschlag +erfolgen durch ein gleich Nichtiges, in dessen Gewand sich die Wahrheit +kleidete. Dem entsprechend kann hier, bei dem ironischen objektiven +Humor, das Nichtige zergehen, ohne besondere Anstrengung seitens eines +Erhabenen, nur durch den Zusammenhang der Wirklichkeit, den natürlichen +und vernünftigen Lauf der Dinge; oder es wird zu Falle gebracht durch die +Übermacht eines ihm geflissentlich entgegentretenden und den Kampf mit +ihm aufnehmenden Guten und Vernünftigen; oder endlich es wird in seiner +Nichtigkeit und Machtlosigkeit offenbar durch seinesgleichen. + +Eine ironische Schicksalskomödie der ersten dieser drei Stufen ist die +"Komödie der Irrungen", und die ganze Mannigfaltigkeit der Komödien, in +denen eine komische Verwickelung in ihrem eigenen Verlauf, durch die +Laune des Zufalls, durch das Wechselspiel närrischer Vorfälle und +Einfälle sich löst. + +Ihr steht entgegen die Cbarakterkomödie von der Art etwa der "Gelehrten +Frauen", die von ihrer Vergötterung der Scheingelehrsamkeit durch die +zufällige Entlarvung ihres Abgottes geheilt werden. Insofern ihre +Thorheit zugleich den beiden Liebenden als feindliches, aber ohne ihr +Zuthun sich lösendes Schicksal entgegentritt, ist diese Komödie zugleich, +soweit diese beiden in Betracht kommen, Schicksalskomödie der gleichen +Stufe. + +Dagegen besiegt Petrucchio durch männliche Kraft und Klugheit die Komik +des Geschicks, dass er sich mit Käthchen aufgebunden hat. Er thut es, +indem er Käthchen selbst besiegt, und zur Vernunft bringt. So sind hier +ironische Schicksals- und Charakterkomödie der zweiten Stufe unmittelbar +verbunden. Ebenso sehen wir ein andermal die Damen in "Liebes Lust und +Leid" durch ihre Liebenswürdigkeit, und die Liebe, die sie dadurch +erwecken, über die Kavaliere, die ihnen die Thüre weisen, äusserlich +triumphieren und zugleich sie von ihrem närrischen Vorsatz heilen. + +Der Unterschied zwischen dieser Stufe und der vorigen ist kein +unwesentlicher. Es ist ein Anderes, ob das Nichtige in sich selbst zu +Fall kommt und das Gute und Vernünftige Recht behält, oder ob das +Nichtige zu Fall gebracht wird durch ein positiv Gutes und Vernünftiges, +das darin seine Übermacht betätigt. Dies hindert doch nicht, dass beide +Stufen im selben Kunstwerk sich verbinden und dass sie in einander +übergehen. Überhaupt handelt es sich ja hier nicht um feste Grenzen, +sondern um fliessende Unterschiede; nicht um eine Klassifikation von +Kunstwerken, sondern um die Aufstellung von Gesichtspunkten, denen sich +dies oder jenes ganze Kunstwerk, oder auch nur diese oder jene Gestalt +einen solchen mehr oder weniger unterordnet. + +Ich sagte, Petrucchio siege durch männliche Kraft und Klugheit. +Humoristisch ist doch er selbst und sein Thun nicht durch diese Kraft und +Klugheit als solche. Der Humor fehlte, wenn dieselbe sich zur +Verkehrtheit lediglich in Gegensatz stellte, sie in stolzer +Selbstbewusstheit aufdeckte, abkanzelte, abwiese. Im Gegensatz hierzu +schliesst der Humor, von dem ich hier rede, dies in sich, dass der Träger +des Vernünftigen oder Guten von seiner Höhe herabsteigt, in die Komik +eingeht, oder sich einlässt, demgemäss die Verkehrtheit _lachend_ +überwindet. So überwindet Petrucchio lachend Käthchens Tollheit. + +Aber freilich Petrucchio thut noch mehr. Er übertollt die Tollheit der +Widerspänstigen. Er besiegt sie mit ihren eigenen Waffen. Sofern er dies +thut, gehört sein Humor bereits der dritten Stufe des ironischen Humors +an. + +Diese dritte Stufe findet sich, zunächst in der Form der +Schicksalskomödie, verwirklicht in allen Komödien, in denen und soweit in +ihnen das feindliche Schicksal oder die Person, die seine Rolle spielt, +auf eigenem Boden und mit eigenen Waffen geschlagen wird. Hier wird das +Nichtige von dem Erhabenen im Gewande seiner eigenen Nichtigkeit +überwunden. + +Mit dieser Schicksalskomödie muss nicht, aber es kann sich mit ihr die +Charakterkomödie der gleichen Stufe verbinden. So ist "Minna von +Barnhelm" beides, sofern der Major, der die Heldin in die komische +Situation bringt, von ihr nicht nur besiegt, sondern damit zugleich +geheilt wird. Beides gelingt ihr, indem sie ihm in der Maske seiner +eigenen Narrheit entgegentritt. + +In Minna von Barnhelm ist die Narrheit nur Maske; in den Helden der +"Vögel" ist sie Wirklichkeit. Die Gründer des Vogelstaates sind ganz +ausbündige Narren. Und doch sind auch sie Vertreter der Idee. Eben in +ihrer Narrheit repräsentieren sie die gesunde Vernunft. Und indem das +närrische Athenervolk mit seinen närrischen Göttern vor ihnen sich beugt, +beugt es sich vor der gesunden Vernunft. Oder wohin anders sollte sich, +wenn es in der Welt und im Olymp so närrisch zugeht, die gesunde Vernunft +flüchten können, als dahin, wohin sie sich flüchten, nach +Wolkenkukuksheim? Was anders kann man noch wünschen, wenn es um alle +höheren Interessen so übel bestellt ist, als sein Leben in Ruhe zu +verbringen und seinen Leib zu pflegen?--Wie erhaben bricht aber doch +wiederum die Idee, ich meine das sittliche Bewusstsein an dem Gewande der +Narrheit hervor, dann etwa, wenn der Hauptnarr dem schlechten Sohne das +Gebot, Vater und Mutter zu ehren, entgegenhält, oder den Sykophanten auf +die Mittel hinweist, sich ehrlich und ohne Schurkenprozesse sein +tägliches Brod zu verdienen. Wie nichtig erscheint die Anmassung des +Schlechten, wenn sie aus solchem Munde sich muss strafen lassen, wie +erhaben die Idee, wenn ihre Karikatur genügt, die Karikatur in der Welt +der Wirklichkeit zu ihren Füssen zu zwingen und zu entthronen. Denn nicht +das karikierte Athenertum, wie Droysen meint, können die Gründer des +Vogelstaates sein, sondern nur die Karikatur, ich meine die närrische +Verkleidung und absichtliche Verzerrung der gesunden Vernunft, die den +Athenern _abhanden_ gekommen ist, und nun trotz ihrer Karikatur und in +aller Niedrigkeit und Possenhaftigkeit die wahre Narrheit lachend ad +absurdum führt, + +In der aristophanischen Komödie hat die Komik ihre ausgiebigste +Verwertung im Dienste des Kunstwerkes gefunden. Hier ist höchster Humor, +das heisst tiefster sittlicher Ernst, und grösste Freiheit des Geistes, +lachend in den Strudel der Verkehrtheit hinabzutauchen, und darin die +Hoheit des Vernünftigen, Guten, Grossen, kurz des Menschlichen zu +bewähren. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KOMIK UND HUMOR *** + +This file should be named 8298-8.txt or 8298-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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