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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79066 ***
+
+
+ BÜCHERGILDE
+ GUTENBERG
+ BERLIN 1930
+
+
+
+
+ DER BUSCH
+
+
+ von B. TRAVEN
+
+
+Nachdruck verboten / Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,
+vorbehalten Copyright 1930 by B. Traven, Tamaulipas, Mexico /
+Ausstattung und Einbandzeichnung von Georg Hempel / Druck der
+Buchdruckwerkstätte GmbH., Berlin
+
+
+
+
+ PALS IN THE BUSH IN MEXICO.
+ AMERICAN SONG
+
+
+ Down I came from Illinois
+ Singing with two other boys
+ In the bush in Mexico.
+
+ Shorty Greg he was the first,
+ He could not survive the thirst
+ In the bush in Mexico.
+
+ Buried him near a maguey plant
+ With bare hands in boiling sand
+ In the bush in Mexico.
+
+ Then, a snake got Kid all right,
+ Could not help him, so he died
+ In the bush in Mexico.
+
+ I was down with delirium
+ While the vultures picked my chum
+ In the bush in Mexico.
+
+ Can’t return to Illinois
+ Feel as if I’d slain the boys
+ In the bush in Mexico.
+
+ Have to stay forever here
+ Where their voices I may hear
+ In the bush in Mexico.
+
+
+
+
+ IM BUSCH IN MEXIKO.
+ AMERIKANISCHES LIED
+
+
+ Von Illinois kamen wir herunter,
+ Drei lustige Burschen, singend und munter
+ In den Busch in Mexiko.
+
+ Der kleine Greg ging am Durst zugrunde,
+ Die Zunge hing ihm wie ’ne Faust im Munde
+ Im Busch in Mexiko.
+
+ An einem Maguey mit nackter Hand
+ Gruben wir ihn in den heißen Sand
+ Im Busch in Mexiko.
+
+ Eine Schlange biß Kid in die Hände,
+ Am Abend war’s schon mit ihm zu Ende
+ Im Busch in Mexiko.
+
+ Ich lag im Fieber-Delirium,
+ Die Geier pickten an Kid herum
+ Im Busch in Mexiko.
+
+ Ihre Mütter würden mich weinend fragen,
+ Fühl’ so, als hätt’ ich die Jungen erschlagen
+ Im Busch in Mexiko.
+
+ Kann nicht zurück in die Heimat mehr gehn,
+ Ich muß bei den toten Kameraden stehn
+ Im Busch in Mexiko.
+
+
+
+
+ DIE AUFERWECKUNG EINES TOTEN
+
+
+„Wir müssen zwölf Mules von der Weide haben“, sagte der Farmer, Mr.
+Hilbert, zu seinem Foreman Toribio. „Wir wollen morgen mit dem
+Durchpflügen der Tomatenfelder anfangen. Reiten Sie rauf auf die Prärie
+und fangen Sie die zwölf Mules ein.“
+
+Das war sehr früh am Morgen.
+
+Als Toribio auf dem Wege war, traf er den Indianerburschen Elfego.
+Elfego war achtzehn Jahre alt und wohnte mit seinen Eltern im Dorfe. Er
+hatte seine Kühe auf die Prärie getrieben und war jetzt auf dem
+Heimwege. „Wo reitest du denn hin?“ fragte er Toribio.
+
+„Ich soll für den Patron zwölf Mules einfangen und runterbringen, wir
+brauchen sie zum Pflügen.“
+
+„Das würde mir gerade Freude machen“, sagte Elfego darauf, „dir bei dem
+Einfangen zu helfen. Ich habe jetzt doch weiter nichts zu tun.“
+
+Er wendete sein Pferd und ritt nun mit Toribio hinauf auf die Weide des
+Amerikaners. Die Weide lag über dem Tal, auf einer Hochebene, wo auch
+ein angelegter Teich genügend Wasser hielt, um die Tiere auf der Weide
+zu tränken. Mr. Hilbert hatte hier gutes Guinea-Gras angebaut, das
+vorzügliches Futter für seine Viehherden und für seine Mules und Pferde
+gab, die hier hinaufgetrieben wurden, wenn unten auf den Feldern keine
+Arbeit für sie war. Die Weide war ringsum von dichtem Ur-Busch umgeben.
+An der Nordseite war die Weide durch einen steilen Abhang begrenzt, der
+aus sehr grobem felsigem Gestein bestand. Das Einfangen der Mules würde
+Toribio schwergefallen sein, wenn er nicht Elfego zur Hilfe gehabt
+hätte; denn die Mules waren lange nicht in Arbeit gewesen und waren
+darum ziemlich verwildert. Endlich hatten sie zehn Mules beisammen.
+Toribio hatte sie gekoppelt, und es fehlten nur noch zwei, die er
+herauszufangen hatte.
+
+Toribio trieb dem Elfego ein Mule entgegen. Elfego schwang den Lasso
+weit aus, um es zu fangen. Aber das Mule brach durch eine rasche Wendung
+unter dem Lasso aus. Nun versuchte Elfego das Mule zu umgehen und es
+Toribio zuzutreiben, der den andern Halbkreis hielt, auf den das Mule
+zujagen mußte.
+
+Als Elfego in rasendem Ritt innerhalb seines Halbkreises das Mule
+beinahe abgedrängt hatte und den Bogen noch um einige Längen zu
+erweitern suchte, um das Tier überraschend von hinten zu packen, hielt,
+mitten im rasendsten Lauf, sein Pferd mit einem Ruck an. Denn vor sich
+hatte das Pferd plötzlich den felsigen Abhang entdeckt, auf den Elfego
+sein Pferd zu dicht gejagt hatte, weil er infolge des hohen Grases die
+Entfernung von dem Abhang unterschätzt hatte. Durch den plötzlichen Ruck
+des Haltens wurde Elfego, dessen Körper sich im Zeitmaß des rasenden
+Galopps befand, kopfüber aus dem Sattel geschleudert. Er sauste über dem
+Kopf seines Pferdes über den Rand des Abhangs. Er fiel nicht tief.
+Vielleicht nur drei Meter. Aber er traf mit dem Kopf zuerst auf und
+blieb bewußtlos liegen.
+
+Toribio hatte gesehen, wie Elfego hoch über den Hals des Pferdes ging.
+Aber er glaubte, es sei nur ein gewöhnlicher Fall, wie er häufig beim
+Reiten vorkommen kann, und er war überzeugt, daß Elfego nur in das Gras
+gefallen sei, weil auch Toribio der Meinung war, daß dort der Abhang
+noch nicht beginne; denn er hielt Elfego, der ja die Weide gut kannte,
+nicht für so unvorsichtig, daß er so dicht an den Abhang reiten würde.
+Freilich war Elfego im Eifer des Fangens, und er war auch schon darum
+nicht zu tadeln, weil hier der Abhang eine Bucht in die Weide hineinbog,
+die durch das hohe Gras nicht zu erkennen war.
+
+Toribio richtete jetzt auch sein ganzes Augenmerk auf das umkreiste
+Mule, das auf ihn zugejagt kam, weil es sich noch immer von Elfego
+verfolgt dachte. Toribio schwang den Lasso, der Lasso fing, und er ritt
+nun auf das keuchende Tier zu, das jetzt stillstand, um es zu den
+übrigen zu bringen und dort zu koppeln, bis alle zum Abtreiben bereit
+waren.
+
+Ob Elfego inzwischen aufgestanden war oder nicht, konnte Toribio infolge
+des hohen Grases, das an vielen Stellen den Kopf des Reiters überragte,
+nicht sehen. Als er sich rückwärts wandte, bemerkte er ein weidendes
+Mule in der Nähe eines großen schattigen Baumes. Er stieg vom Pferde,
+nahm den Lasso mit und schlich sich vorsichtig durch das hohe Gras an
+das weidende Tier, dem er sich unauffällig so weit nähern konnte, daß er
+es vom Boden aus lassote. Er hatte jetzt alle zwölf Mules beisammen.
+
+Nun pfiff er hinüber zu Elfego. Aber er bekam keine Antwort. Dann rief
+er, aber auch jetzt hörte er nichts. Endlich stieg er aufs Pferd und
+ritt hinüber zu der Stelle, wo er Elfego hatte fallen sehen. Das Pferd
+Elfegos stand ruhig da und weidete.
+
+Toribio kam zu der Bucht und sah dort Elfego unter sich. Er kletterte
+hinab, hob Elfego auf und setzte ihn aufrecht auf den Stein. Er
+schüttelte ihn, und nach einer Weile kam Elfego zu sich, verstört und
+ungewiß, wie aus einem langen Schlafe erwachend.
+
+Toribio untersuchte ihn, aber er fand keine Verwundung. Dann fragte er:
+„Tut dir etwas weh, Elfego?“
+
+„Nein“, sagte Elfego. „Es tut mir nichts weh. Der Kopf tut mir ein wenig
+weh. Ich glaube, daß ich eine Beule habe.“
+
+Toribio untersuchte den Kopf, aber er fand keine Beule.
+
+„Kannst du heimreiten?“ fragte Toribio.
+
+„Ja, natürlich kann ich heimreiten.“
+
+Er stand nun auf und kletterte an dem Abhang hinauf, ohne daß er der
+Unterstützung Toribios bedurfte. Toribio holte die Pferde heran. Elfego
+stellte den Fuß in den Bügel, schwang sich hoch und wollte sich gerade
+in den Sattel setzen, als er sagte: „Mir wird schlecht, auch schwindlig
+im Kopf. Ich werde mich lieber dort noch eine Weile in den Schatten des
+Baumes setzen und ein wenig ausruhen.“
+
+„Gut“, sagte Toribio. „Ich setze mich mit dir dorthin. Wir haben Zeit.
+Wenn ich erst am Nachmittag mit den Mules hinunterkomme, macht es auch
+nichts.“
+
+Sie gingen beide hinüber zu dem Baum.
+
+Hier stand Elfego eine Weile, dann tastete er nach dem Baumstamm, weil
+er fürchtete, nach vorn zu fallen, hierauf schüttelte er mit dem Kopfe,
+als ob ihm der Kopf lose auf dem Halse sitze, dann erbrach er sich
+heftig, hierauf sank er in die Knie, endlich fiel er mit dem Kopfe
+vornüber, kollerte langsam rollend auf die Seite, streckte sich aus und
+war tot.
+
+Toribio schüttelte ihn heftig, klopfte ihm auf die Handflächen und auf
+den Puls sowie auf den Nacken, aber er kam nicht mehr zu sich. Er atmete
+nicht mehr, und sein Herzschlag war nicht mehr zu hören.
+
+Toribio zog ihm sein Taschentuch aus der Tasche und deckte es über sein
+Gesicht, dann lüftete er den Sattel an dem Pferde des Verunglückten, zog
+die Säcke hervor, die als Satteldecken dienten, und deckte den Toten
+damit zu, um die Geier fernzuhalten.
+
+Dann setzte er sich auf sein eigenes Pferd. Und als er aufgesessen war,
+dachte er eine Weile nach, ob er die Mules erst hinuntertreiben oder ob
+er besser schnell ins Dorf reiten solle, um den Eltern Elfegos zu sagen,
+was geschehen sei. Er kam nach kurzem Nachdenken zu dem Entschluß,
+sofort im schnellsten Trab heimzureiten und die Mules später
+abzutreiben, weil er ja doch mit dem Vater Elfegos wieder heraufreiten
+würde, um ihm zu zeigen, wo der Junge läge.
+
+Er fand den Vater nicht daheim. Der Vater war in der
+Departementshauptstadt, wo er mit einem Holzhändler wegen Holzlieferung
+verhandelte.
+
+Nur die Mutter war daheim. Elfego war ihr einziges Kind. Sie schrie auf
+in einem schrillen Kreischen.
+
+Die Nachbarn kamen gleich herbei, und einige Männer und Burschen gingen
+zu Mrs. Hilbert und baten sie um einen leichten Wagen, mit dem man bis
+dicht an den Berg fahren könne, um den Leichnam heimzuholen. Nachmittags
+um drei Uhr waren die Leute mit dem Wagen und mit dem Verunglückten im
+Dorf. Am Eingang des Dorfes hielten sie an. Sie banden rasch ein Gestell
+zusammen, legten Elfego darauf, deckten eine Decke über ihn und trugen
+ihn so, in einem feierlichen Aufzuge, alle Träger und Begleiter
+entblößten Hauptes, der Mutter ins Haus.
+
+Als die Träger vor dem Stacheldrahtzaun, der das kleine Anwesen der
+Eltern Elfegos einzäunte, erschienen, schrie die Mutter gellend auf, und
+alle ihre Nachbarinnen und weiblichen Verwandten, die im Hause auf den
+Verunglückten warteten, fielen in das gellende Schreien mit ein.
+
+Die Mutter hatte sich einen Tisch ausgeliehen und den Tisch mit ihrem
+eigenen zusammengestellt, ein weißes Laken darübergebreitet, Blumen
+daraufgestreut, am Kopfende ein großes grellfarbiges Bild der Jungfrau
+Maria aufgestellt und sechs Kerzen angezündet, die vor dem Bilde
+standen.
+
+Der Verunglückte wurde auf den Tisch gelegt, und die Mutter warf sich
+über ihn hin.
+
+Die schlichte Stube in dem dünnwandigen Holzhause war gedrängt voll
+Menschen. Mrs. Hilbert war auch anwesend und bemühte sich zu helfen oder
+die weinende Mutter zu beruhigen.
+
+Es war wohl etwa während dieser Zeit, als ich am Hause des Mr. Hilbert
+vorritt, vom Pferde stieg, ins Haus kam, um Mr. Hilbert um einige
+Zeitschriften zu ersuchen und eine halbe Stunde mit ihm zu schwatzen.
+Wir saßen schon eine gute Weile zusammen, da kam Toribio ins Haus und
+erzählte die Geschichte. Bisher wußte Mr. Hilbert nichts davon, weil er
+soeben erst von einem seiner fernen Außenfelder hereingeritten gekommen
+war und seine Frau sich ja im Hause des Verunglückten befand. Er hatte
+die Mädchen nicht gefragt, wo sie sei.
+
+„Dann lassen Sie uns nur einmal hingehen und zusehen, was da vor sich
+geht“, sagte Mr. Hilbert.
+
+Wir kamen in das Haus und fanden das ganze Dorf versammelt. Die Leute,
+die nicht im Hause Platz fanden, standen draußen herum. Alle
+betrachteten sich den Toten und gingen dann wieder hinaus, um draußen
+herumzustehen. Die Frauen beschäftigten sich unausgesetzt, meist mit
+ganz überflüssigen Dingen, aber sie taten es, um der Mutter zu zeigen,
+daß sie ihr hilfeleistend zur Seite stünden.
+
+Mr. Hilbert und ich, wir traten nun ganz dicht heran an den Leichnam und
+sahen ihn uns an.
+
+„Wann ist er denn gestorben?“ fragte ich. „Welche Zeit?“
+
+„Früh um neun ungefähr.“
+
+Ich sah nach der Uhr.
+
+„Und jetzt ist es fünf.“
+
+Ich hob die Augendeckel des Toten auf, fühlte an seine Backen, fühlte
+die Schädeldecke ab, tastete auf die Brust, nahm die Hände auf und
+bewegte die Finger.
+
+Mr. Hilbert stand hinter mir. Ich drehte mich zu ihm und sagte: „Der
+Junge ist nicht tot, der lebt noch. Angeblich soll er seit neun Uhr tot
+sein. Das sind acht Stunden bereits. Die Finger sind noch genau so
+gelenkig, wie bei mir und wie bei Ihnen, die Augen sind starr, aber
+nicht gebrochen. Fühlen Sie die Schädeldecke an. Na? Die ist doch ganz
+heiß. Wenn der Bursche acht Stunden tot wäre, dann dürfte nichts mehr
+heiß sein, und die Finger würden bereits erstarren. Wir haben gestern
+schweren Regen gehabt. Es war heute ein ungemein heißer Tag. Der Bursche
+müßte schon stinken. Aber er stinkt nicht. Nicht eine Spur.“
+
+„Es scheint in der Tat, als ob Sie recht hätten“, sagte Mr. Hilbert.
+„Wir wollen ihn einmal bearbeiten.“
+
+Die Mutter, die interesselos in einer Ecke saß und nur gelegentlich
+einmal gellend aufschrie, sah jetzt auf, als ich den Burschen so
+eingehend untersuchte und dann mit Mr. Hilbert den Fall besprach.
+
+„Geben Sie mir einen Spiegel“, sagte ich zu einer Frau. Der Spiegel
+wurde gebracht, und ich hielt ihn gegen den Mund des Verunglückten. Ein
+ganz leiser Hauch war auf dem Glase sichtbar, als ich den Spiegel
+betrachtete.
+
+Alle Anwesenden, auch die Mutter, hatten mich während dieses Vorganges
+fortgesetzt beobachtet. Sie erweckten den Eindruck, als wagten sie nicht
+zu atmen. Sie erwarteten zweifellos, daß ich jetzt den Burschen bei der
+Hand nehmen und sagen würde: „Stehe auf und wandle!“, und er würde dann
+wandeln. Aber das ließ ich doch besser bleiben.
+
+Ich sah nun auf und sagte: „Der Junge lebt noch; ich vermute, er hört
+jedes Wort, das wir hier sprechen. Er hat nur eine sehr schwere
+Gehirnerschütterung.“
+
+Die Mutter sprang auf. Sie wollte einen Freudenschrei ausstoßen, aber
+sie besann sich noch rechtzeitig und preßte ihre Hand gegen den Mund.
+
+„Freilich“, fügte ich nun hinzu, „ob der Junge wieder zu sich kommt,
+oder ob er bewußtlos bleibt und doch noch stirbt, das läßt sich nicht
+sagen. Er hängt genau in der Mitte.“
+
+„Sagen Sie, was wir tun sollen“, wisperte die Mutter, „wir wollen alles
+tun, was Sie für richtig halten.“
+
+Die Mutter wurde geschäftig und vergaß all ihren Schmerz. Von diesem
+Augenblick an betrachtete sie den Jungen nur noch wie einen
+Fieberkranken, den man mit aller Sorgfalt pflegen müsse.
+
+Ich ordnete an, daß man Steine heiß mache und gegen die Fußsohlen lege.
+Dann ließ ich gleichzeitig heiße Umschläge auf den Leib machen. In der
+Tienda wurde Eis geholt, und ich ließ Eis auf die Schädeldecke legen und
+gegen den Hinterkopf. Ich sagte mir, der Kopf ist heiß, also muß im Kopf
+ein starker Blutandrang sein, und den müssen wir zum Leibe und zu den
+Füßen führen, damit das Blut wieder zirkuliert. Wir klopften den Puls,
+klopften die Brust an der Stelle des Herzens, und wir klopften die Waden
+und die Füße. Zuweilen machten wir noch künstliche Atembewegungen. Es
+wurde Ammoniak besorgt, und ich hielt es unter die Nase des Burschen,
+und dann flößte ich ihm einige Löffel voll starken Branntweins in den
+Mund.
+
+Ich sprach etwa zwei Stunden später mit Mr. Hilbert, der inzwischen
+fortgegangen, aber jetzt wiedergekommen war, und ich machte den
+Vorschlag, dem Burschen am Puls eine Ader zu öffnen.
+
+Durch diese Aderöffnung würde vielleicht das Blut zu laufen beginnen,
+und die Blutstockung im Hirn würde geringer werden. Eine Gefahr der
+Verblutung lag nicht vor, weil wir ja zur Hand waren und den Oberarm
+rechtzeitig abbinden konnten.
+
+„Das erscheint mir sehr gut“, sagte Mr. Hilbert. „Aber ich rate Ihnen,
+tun Sie es nicht. Wenn auch die Mutter gesagt hat, daß sie Ihnen den
+Körper ihres Jungen bedingungslos überantwortet – geht es schief, können
+die Leute Sie anzeigen, daß Sie hier operiert haben, und die Sache kann
+so gedreht werden, daß behauptet wird, Sie haben den Jungen durch die
+Aderöffnung getötet. Das kann eine unangenehme Sache werden. Solange wir
+rein äußerlich hier arbeiten, mit heißen Steinen, Umschlägen und
+Eisauflagen, das schadet nichts; aber wenn Sie schneiden, dann kann man
+Ihnen etwas anhängen, was Sie nicht mehr loswerden.“
+
+Das war ein guter Rat. Man ist ein Fremder, und man befindet sich unter
+einer fremden Rasse, die anders denkt und anders urteilt.
+
+So unterließ ich die Aderöffnung.
+
+Nun war es elf Uhr nachts. Ein Teil der Leute war gegangen, dafür aber
+waren andere erschienen, die aus entfernter liegenden Dörfern gekommen
+waren, sei es auf der Durchreise, oder sei es aus Neugierde.
+
+An dem Verunglückten hatte sich nichts geändert. Die Finger und Zehen,
+wie alle Gelenke, waren weich und beweglich, die Augen waren nicht
+gebrochen, die Schädeldecke war noch immer heiß, wenn auch nicht mehr so
+heiß wie am Nachmittag, die Lippen waren bläulich mit einem rötlichen
+Schimmer; und die Fingernägel waren kalkweiß, aber wenn man sie ganz
+heftig preßte und dann losließ, nahmen sie einen ganz dünnen, rosigen
+Hauch an. Ich hielt ein brennendes Zündholz auf den Unterarm. Die Haut
+rötete sich leicht, zog aber keine Blase. Ich kühlte den Spiegel mit Eis
+und hielt ihn gegen den leicht geöffneten Mund. Ein kaum sichtbarer
+Schleier zeigte sich auf dem Spiegel. Die Augenlider waren dicht
+geschlossen, und wenn man sie hob, schlossen sie sich nach einer Weile
+langsam wieder. Der Bursche lebte noch immer. Da war kein Zweifel.
+
+Das braune Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, der sich von dem
+Ausdruck, den das Gesicht am frühen Nachmittag gezeigt hatte, völlig
+unterschied. Am Nachmittag trug das Gesicht den starren Ausdruck eines
+Toten. Jetzt dagegen hatte das Gesicht den Ausdruck eines Menschen, der
+tief schläft wie in einem schwer narkotischen Rausch. Man gewann den
+Eindruck, daß der Bursche jeden Augenblick die Augen aufschlagen müsse,
+einen Eindruck, den man am Nachmittag nicht hatte.
+
+Mit den Neuangekommenen war ein Spanier ins Haus getreten. Ich kannte
+ihn. Er war ein Aufkäufer von Holzkohle.
+
+Sobald er in den Raum getreten war, tat er sich sofort wichtig. Er warf
+seinen Hut in die Ecke, drängte sich durch die Leute, kam auf den
+Verunglückten zu, packte ihn brutal an, als ob er damit zeigen wolle,
+daß er allein wisse, wie man einen solchen Fall zu behandeln habe. Er
+tat sehr geräuschvoll. Weil bisher alles sehr ruhig hier zugegangen war,
+alle Handlungen, das Auswechseln der Steine und Umschläge sowie die
+immer wieder aufgenommenen Atembewegungen und Massierungen, wohl
+energisch und sicher, aber doch schweigend oder nur flüsternd gehandhabt
+wurden, wirkte das Gebaren des Spaniers ungemein lästig und
+aufdringlich.
+
+Er fühlte die Backen des Verunglückten an, hob die Augenlider auf und
+sagte dann sehr laut und kommandierend: „Der ist nicht tot, wir werden
+ihn gleich hoch haben. Das ist ja alles verkehrt, was hier gemacht wird.
+Umgekehrt. Das Eis mal sofort auf die Füße und Eisumschläge auf den
+Leib. Auf den Kopf und auf den Nacken müssen die heißen Steine.“
+
+Die Mutter des Verunglückten, die bisher alles, wie ich es anordnete,
+willig getan hatte und meinen Ratschlägen auf das Wort vertraute, blieb
+mitten im Zimmer stehen. Sie trug gerade einen heißen Stein in einem
+Stück Sackleinwand in der Hand, um ihn gegen den kaltgewordenen Stein an
+den Füßen auszuwechseln. Sie wurde völlig verwirrt und sah mich mit
+aufgerissenen Augen an, was ich dazu sage.
+
+Ich zuckte mit den Schultern, trat zurück von dem Verunglückten und ging
+in den Hintergrund, das Feld dem Spanier überlassend. Hier hatte allein
+die Mutter zu entscheiden, welchen Anordnungen gefolgt werden sollte.
+
+Ich sah, daß sie sprechen wollte, und ich fühlte, daß sie sagen würde,
+der Spanier möge seiner Wege gehen. Aber der Spanier ließ ihr keine
+Zeit, irgend etwas zu denken oder zu sagen. Er riß ihr den Stein beinahe
+aus der Hand, packte mit harten Griffen das Eis unter dem Nacken und auf
+dem Kopfe fort, legte es zu den Füßen und stopfte alle heißen Steine,
+die er bekommen konnte, unter den Nacken und unter den Hinterkopf.
+
+Die Mutter stand jetzt regungslos im Zimmer. Sie kümmerte sich um nichts
+mehr. Sie tat nichts mehr. Sie erschlaffte völlig. Alle Aufregung, die
+sie seit zwölf Stunden oder länger gehabt hatte, zeigte sich nun ganz
+plötzlich in einer Ermüdung, der sie nicht mehr widerstehen konnte. Das
+rasche brutale Gebaren des Spaniers wirkte auf sie wie ein harter
+Schlag, der ihren Willen, ihr Hoffen und alle ihre Widerstandskraft
+lähmte. Sie schleppte sich zu einem Stuhl in der Ecke des Zimmers, wo
+sie niedersank und ganz in sich zusammenfiel.
+
+Der Spanier arbeitete laut und lärmend, kommandierend und unausgesetzt
+schwätzend um den Verunglückten herum. Alles war verkehrt, die Beine
+müßten viel höher liegen als der Kopf, und wenn er nicht
+glücklicherweise vorbeigekommen wäre, hätte man den armen Burschen gar
+lebendig eingegraben. Mr. Hilbert und ich, wir hatten während dieser
+Zeit im Hintergrunde gestanden. Als jetzt einige Leute das Zimmer
+verließen, kamen wir wieder näher zu dem Tische, auf dem der
+Verunglückte lag.
+
+In der halben Stunde, in der wir den Körper nicht gesehen hatten, hatte
+sich nun etwas Merkwürdiges ereignet. Der Ausdruck des Gesichts hatte
+sich völlig verändert.
+
+Der Mund hatte sich zu einem sonderbaren ironischen Grinsen verzogen,
+das die volle ungeschminkte Antwort auf die Frage enthielt: „Wißt ihr,
+was ihr alle mir mal könnt?“
+
+Ich betrachtete den Burschen so eine Weile, dann stieß ich Mr. Hilbert
+leicht an. Auch er sah es. Der Unterkiefer sank langsam herab, und die
+kräftigen gesunden Zähne des Burschen traten scharf hervor.
+
+Das war um halb eins in der Nacht. Und ich ging heim.
+
+Am nächsten Morgen gegen acht Uhr ging ich wieder zu dem Hause. Das Haus
+war leer, alle Türen standen offen. Ich ging in das Nachbarhaus. Ich
+traf eine alte Indianerin, die da hockte und rauchte.
+
+„Elfego?“ sagte die Frau. „Ja, wissen Sie das nicht? Die sind doch mit
+ihm auf den Friedhof gegangen. Heute morgen um sechs stank er, und die
+Finger waren hart, und da sind sie um sieben mit ihm losgegangen. Das
+wissen Sie doch aber, Senjor, der Spanier hat den armen Jungen
+ermordet.“
+
+Das ist die Ursache, warum seitdem in jenem Dorfe behauptet wird, ich
+könne Tote erwecken, obgleich ich noch nie einen Toten erweckt habe.
+
+Aber der Beweis, daß ich Tote erwecken kann, ist zweifelfrei erbracht,
+nach Meinung jener Leute. Denn selbst der einfachste und schlichteste
+Indianer wird die Tatsache begreifen: Wenn ich in allen Dingen genau das
+Gegenteil tue von dem, was einen Menschen tötet, so muß das Resultat
+immer sein: Eine Auferweckung des Toten.
+
+
+
+
+ INDIANERTANZ IM DSCHUNGEL
+
+
+Seit mehreren Monaten bewohnte ich eine primitive Hütte im Dschungel.
+Bis zur nächsten Siedelung, wo eine weiße Familie wohnte, hatte ich etwa
+drei Stunden zu reiten. Alle Menschen meiner Nachbarschaft waren
+Indianer. Aber selbst der nächste von ihnen war eine halbe Stunde von
+meinem Platze entfernt.
+
+Es war an einem Spätnachmittag im November, gegen Ende des Monats und
+sehr heiß. Ich saß halbnackt vor meiner Hütte und las. Da plötzlich
+kommt ein Indianer, mein Nachbar, gemächlich angeritten, setzt sich zu
+mir, und wir reden eine Weile über die viele Arbeit, die wir haben.
+Vorgeblich haben, denn wir taten alle eigentlich nichts, weder die
+Indianer noch ich.
+
+Nach dieser Vorrede über die viele Arbeit und das wenige Geld, das es
+dafür gebe, kam mein rothäutiger Nachbar zum Kernpunkt seines Besuches.
+
+„Senjor“, sagte er lachend, „wir machen heute abend tanzen, wir haben
+musica, muy bonita, auch ich werde schön spielen, guitarra, ich habe es
+gelernt fünf Tage.“
+
+Damit meinte er, daß er vor fünf Tagen angefangen habe es zu lernen.
+
+„Wir machen viel Spaß“, redete er weiter, „Sie sind hier so allein und
+so sehr traurig, Senjor.“
+
+Ich war keineswegs traurig, ganz im Gegenteil, ich war überaus
+glücklich, weder Straßenbahnen, noch Autos, noch Telephongeklingel zu
+hören. Aber wenn man keine indianische Köchin in die Hütte nimmt, so ist
+man, nach Ansicht der Indianer, unbedingt traurig. Ist man auch. Aber
+ich konnte die acht Pesos Lohn nicht aufbringen, die eine Köchin
+monatlich haben möchte.
+
+„Darum möchte ich Sie einladen, Senjor, kommen Sie rüber zu unserm Tanz;
+Sie können bei mir zu Nacht essen.“
+
+„Kommen hübsche Mädchen hin?“ fragte ich.
+
+„Senjor, verflucht noch mal, die allerhübschesten, die hier herum
+wohnen.“
+
+Gleich nach Sonnenuntergang machte ich mich auf den Weg. Wenn ich nicht
+in rabenschwarzer Nacht durch den Busch zockeln wollte, mußte ich mich
+beeilen; denn sobald die Sonne am Horizont verschwunden ist, hat man
+gerade Zeit genug, sich mal umzudrehen, und die Nacht ist da, ohne daß
+man sagen könnte, wo sie so schnell hergekommen ist.
+
+Die Hütte meines Nachbars lag auf demselben Höhenzuge, auf dem meine
+Bärenhöhle lag, aber er wohnte noch abgeschiedener im Dickicht als ich.
+Warum er sich so tief verkrochen hatte, ist eine andere Geschichte, die
+zu erzählen wäre.
+
+Der Platz war idyllisch. Etwa ein Dutzend gigantische Ebenholzbäume
+standen verstreut über der Buschlichtung, die eine Art Plateau bildete,
+von dem aus man weit über das flache Dschungelland blicken konnte. Diese
+herrlichen Bäume standen nicht da wie uninteressierte Säulen. Mit den
+langen grauen Moosbärten, die von den Ästen hingen, erweckten sie den
+Eindruck, als wären sie alte, jedoch sehr lustige Herren, die mit großem
+Behagen darauf warteten, daß der Tanz beginne.
+
+Zwei Indianer mit ihren Frauen waren bereits anwesend. Nachdem die sehr
+höfliche Begrüßung vorüber war, wurde ich aufgefordert, in die Hütte zu
+kommen und zu Abend zu essen. Es gab schwarze Bohnen, Tortillas und
+Kaffee.
+
+Inzwischen kamen weitere Gäste, nur Indianer; ich war der einzige Weiße
+und war nur darum wohl eingeladen worden, weil ich ein Mitbewohner in
+diesem wilden Dschungelbezirk war. Die Indianer kamen geritten, auf
+Pferden, Maultieren oder Eseln. Viele hatten keine Sättel. Alle brachten
+ihre Frauen und Kinder mit. Manchmal saßen Mann, Frau und zwei Kinder
+auf demselben Pferd, während die Frau noch einen Säugling im Arme hielt.
+In einem Basttäschchen hatten sie Tortillas, falls sie Hunger bekommen
+sollten, denn getanzt wird bis Sonnenaufgang.
+
+In einem Sack hatten die Frauen ihre flimsigen Musselinkleider und
+lacklederne Halbschuhe. Bei der Ankunft waren sie entweder barfuß oder
+trugen selbstgemachte schlichte Sandalen, und gekleidet waren sie in
+ihre billigen Kattunkleider.
+
+Sobald sie von den Reittieren abgesessen hatten, wobei ihnen ihre Männer
+mit höflichem Anstand halfen, verkrochen sie sich in einen Winkel der
+Schilfhütte oder hinter die Hütte und zogen sich um. Sie wuschen sich
+noch einmal, wobei sie stark nach Patschuli und Moschus riechende Seife
+benutzten. Dann lösten sie ihr langes rabenschwarzes Haar und kämmten es
+sorgfältig.
+
+Der Mond war aufgegangen, ein runder, glänzender, satter Vollmond. Und
+er glitt in majestätischer Ruhe über den klingend klaren Nachthimmel.
+
+Nach und nach kamen die Frauen schüchtern hervor, an ihren hauchdünnen
+Gewändern die Falten herunterstreichend. Die Kleider waren kurz, nach
+der Mode, hatten kurze Ärmel und ließen Hals und Nacken frei. In das
+offen hängende Haar hatten die Frauen Blumen gesteckt. Manche der Frauen
+waren kaum fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, hatten aber schon ihre
+Säuglinge mit; alle übrigen Frauen, die keine Säuglinge hatten, standen
+in der Erwartung, bald welche zu bekommen.
+
+Der Gastgeber hatte einige Bretter über ein paar morsche Kisten gelegt,
+damit die Damen sitzen konnten. Die Männer standen schwatzend herum. Sie
+hatten sich nicht umgekleidet, weil sie nichts zum Umkleiden hatten. Sie
+trugen ihre üblichen gelben oder blauen Zwirnhosen, ein weißes oder
+farbiges Baumwollhemd, Sandalen oder Schuhe und ihren großen spitzen
+Strohhut. Jacke oder Weste hatten sie keine. An Stelle dessen hatten
+manche braune, rote oder bunte Wolldecken mitgebracht, für den Fall, daß
+es in der Nacht kühl werden sollte. Die Frauen hatten große schwarze
+Baumwolltücher, die sie um die Schultern legten. Diese Tücher dienen als
+Hut, als Schleier, als wärmendes Umschlagetuch, als Schal, häufig auch
+als Taschentuch und zuweilen als Windel für die Säuglinge und, wenn
+zusammengefaltet, als Kissen für den Scheitel, wenn die schweren
+Wasserkrüge vom Flusse herauf geschleppt werden müssen.
+
+Die Musiker hatten gleichfalls ihre schwarzen Bohnen und ihren Kaffee
+bekommen. Darauf hatten sie sich eine Zigarette gedreht, und als sie
+aufgeraucht war, begann die Musik. Eine Geige und eine Gitarre. Mein
+Nachbar spielte noch nicht, er wollte erst tanzen.
+
+Er hatte eine hübsche Frau, ungetrübtes indianisches Vollblut. Von allen
+Frauen war sie am hübschesten angezogen, hatte die Blumen auf sehr
+geschmackvolle Weise ins Haar gesteckt. Außerdem hatte sie sich
+parfümiert. Sie war noch nicht ganz zwanzig Jahre alt; ihr ältester
+Sohn, ungefähr fünf Jahre alt, zeigte sich im Laufe der Nacht als
+ausgezeichneter Solotänzer und als Konsument von wenigstens zwanzig
+Zigaretten. Seine Mutter war die einzige unter den anwesenden Frauen,
+Männern, Mädchen und Kindern, die nicht rauchte. Alles, was sonst auf
+menschlichen Beinen stand, die älter als drei Jahre waren, rauchte wie
+besessen. Wenn alles das, was Nichtraucher und Mucker über die
+Schädlichkeit des Rauchens erzählen, nur zu einem Fünftel wahr wäre,
+würde die indianische Rasse längst ausgestorben, erblindet oder
+geistesgestört sein; denn die Indianer rauchen Tabak schätzungsweise
+elftausend Jahre länger als die übrigen Völker.
+
+Als die Musik zu spielen begann, wurde sofort getanzt. Dieses Zögern,
+das die erste Stunde einer Tanzfestlichkeit oft wie eine
+Begräbnisfeierlichkeit erscheinen läßt, kennen die Leute nicht. Ihnen
+ist Tanzen keine Verführung Beelzebubs, noch viel weniger etwas, das
+sich mit der Würde des Menschen nicht verträgt. Es waren Frauen da mit
+ihren Kindern und mit Enkelkindern, die auch bereits in Hoffnung waren,
+während die werdende Urgroßmutter selbst noch einen Säugling an der
+Brust liegen hatte. Und diese lebenstrotzende Urgroßmutter tanzte nicht
+weniger oft und nicht weniger graziös als die fünfzehnjährigen Mädchen.
+
+Die Frauen säugten ihre Kleinen, ohne irgendwelche Prüderei dabei zu
+zeigen. Das geschah so natürlich, so unverhüllt, als ob dem Kindchen
+eine Milchflasche gereicht würde. Hatten sich die Kleinen satt
+getrunken, dann wurden sie in das schwarze Baumwolltuch gehüllt und
+glatt auf die Erde gelegt, direkt unter die Bank, ein wenig nach hinten
+geschoben, damit man sie nicht mit den Absätzen der Schuhe treffen
+konnte. Die Kleinen schliefen dann lustig drauflos bis gegen
+Mitternacht, wo sie sich meldeten und abermals ihre beiden Flaschen
+gefüllt vorfanden, trotzdem die Mütter keinen Tanz versäumten.
+
+Wenn man aus Erfahrung weiß, was auf dem Erdboden im tropischen Busch,
+auch wenn er in der Größe eines Hofes gelichtet ist, herumkriecht,
+besonders zur Nachtzeit, so überläuft es einen eiskalt, wenn man die
+kleinen Würmchen auf die Erde gebettet sieht. Die größeren Kinder
+tummelten eine Weile herum, dann wurden sie müde, legten sich auf die
+blanke Erde neben die Säuglinge, zogen die Knie so hoch sie konnten und
+schliefen wie kleine Ratten. Wenn der Vater eine Decke hatte, wurde sie
+dem Kinde untergeschoben, und es wurde wie ein Baumstamm eingewickelt,
+bis das nächstältere auch müde ankam und hinzugewickelt wurde.
+
+Bis gegen neun Uhr kamen immer noch weitere Gäste angeritten. Auf mich
+machte es einen unheimlichen Eindruck, wenn plötzlich eine Frau,
+seltener ein Mann, mitten in der Musik oder im Tanzen anhielt, einige
+Sekunden in die Nacht hinauslauschte und dann sagte: „Es kommt wieder
+ein Paar. Wer mag es sein?“
+
+Der Weg zog sich in langen, verwachsenen Windungen durch den Busch.
+Selbst bei Tage konnte man niemand in größerer Entfernung sehen als
+hundert Meter an den günstigsten Stellen. Infolge der Musik und des
+Geplauders der Leute konnte man nichts hören, was in einiger Entfernung
+vor sich gehen mochte. Wenn jemand gesagt hatte: „Es kommt ein Paar auf
+einem Maultier“, so dauerte es gut zehn Minuten, wenn nicht oftmals
+mehr, ehe die Angemeldeten sichtbar wurden. Diese Gabe der Fernmeldung
+ist bei Stämmen, die mehr im Süden wohnen, viel höher ausgebildet und
+wirkt wahrhaft gespenstisch.
+
+Die Musik spielte alles nach Gehör. Ab und zu spielte der Geiger die
+Gitarre und der Gitarrespieler die Geige. Wenn die Musiker selbst tanzen
+wollten, ergriff einer der Indianer das Instrument und spielte,
+vielleicht nicht ganz so gut wie die Musiker, die natürlich keine
+Berufsmusiker waren, sondern wie alle übrigen Indianer Holzhauer und
+Köhler. Auch mein Nachbar beeilte sich, zu zeigen, was er in den fünf
+Tagen gelernt hatte. Ich wußte, daß er die Gitarre nicht länger im Hause
+gehabt hatte, denn ich hatte ihn damit ankommen sehen, als er sie sich
+ausgeliehen hatte. Jemand hatte ihm gezeigt, wie man das Instrument
+anzupacken hat, ihm einige Griffe klargemacht, und das war alles. Was er
+jetzt leistete, war in der Tat erstaunlich. Er hatte zwar nur die Geige
+zu begleiten, aber auch das muß gekonnt sein. Ein paarmal vergriff er
+sich wohl, fand aber immer von selbst die richtige Tonart wieder.
+
+Der Geiger, ein kleines schmächtiges Bürschchen, tanzte seltener mit den
+Mädchen. Er zog es vor, Solo-Grotesktänze zu veranstalten. Diese
+Solotänze waren so urkomisch, daß nicht nur die Indianer zum Bersten
+lachten, sondern daß auch ich so lachen mußte, daß mir der Leib weh tat.
+Die Kunst des Tanzes läßt sich nicht schildern, noch viel weniger die
+des Grotesktanzes.
+
+Gespielt wurden amerikanische Onesteps und Foxtrotts, ferner Walzer, die
+im altväterlichen Polkaschritt, nur viel langsamer, getanzt wurden,
+ähnlich wie der sogenannte „Boston“. Der Rundwalzer oder Wiener Walzer
+ist ganz unbekannt. Dann tanzte man eine Art Rheinländer. Diese Tänze
+interessierten mich wenig.
+
+Jedoch jeder vierte Tanz etwa war das, was ich sehen wollte: Ein
+Originaltanz.
+
+Ich habe denselben Tanz hier bei Vögeln gesehen in der Balzzeit. Dann
+tanzen sie in der gleichen Weise voreinander, was ungemein drollig ist.
+
+Während des Tanzes nähern sich die Paare und entfernen sich, berühren
+sich aber nie, nicht einmal bei den Händen. In bestimmten Intervallen
+setzt die Musik aus und die Musiker sowie diejenigen Männer, die keine
+Tänzerinnen haben, ersetzen die Musik durch Singen. Dieses Singen
+geschieht auf der höchsten Spitze der menschlichen Stimme und ist ein
+sehr taktmäßiges, jedoch schrilles und kreischendes Modulieren von
+Tönen, die kaum etwas Menschliches an sich haben. (Der Kriegsschrei der
+Azteken war ein ganz hoher schriller Schrei, der die Spanier, als sie
+ihn zum ersten Male hörten, mit Grauen erfüllte.) Ein Hauch von diesem
+Grauen überkommt einen sogar dann, wenn dieser Gesang rein freudigen
+Zwecken dient. Nur bei diesem Tanz, sonst nicht, fühlte ich, daß ich in
+einer andern Welt lebte, daß Jahrhunderte mich von meiner Zeit, Tausende
+von Meilen mich von meiner Rasse trennten, daß ich auf einem andern
+Erdball lebte als dem, auf dem ich geboren worden war.
+
+Der Mond stand jetzt steil über mir. Der tropische Nachthimmel war von
+so glänzender Klarheit wie eine große schwarze Perle. Eine weiße
+schimmernde Helle lag wie ein flutender dünner Seidenschleier auf dem
+Plateau, und sie lag wie flimmernder Lichtnebel auf dem weiten
+Dschungel. Es war die blendende Helle des Tages, gehüllt in eine dicke
+weiße Wolke. Myriaden und Myriaden von Graspferdchen, Grillen, Käferchen
+sangen den urewigen gleichförmigen Gesang der tropischen Nacht, während
+in dem nahen Busch und dem Dschungel ein mitleidloses Kämpfen um Leben
+und Liebe war. Ein leichter Wind wehte um die grauen Bärte der
+Ebenholzbäume, und das war, als ob die alten Herren, die Hunderte von
+Jahren zählten, einander zunickten und sich lustige Dinge erzählten. Die
+angebundenen Pferde scharrten und schnüfften, während die Esel arme
+dürre Strünke abknabberten, kauten und hin und wieder kläglich
+trompeteten, um die Tiger, die durch den Busch schlichen, zu
+erschrecken. Ab und zu lief ein Schwein den Tanzenden zwischen die
+Beine, während ein anderes sich an einem Holzsattel, der auf der Erde
+lag, den Rücken schabte und ein drittes sich behaglich grunzend in dem
+Schlamme wälzte, der sich von den ausgeschütteten Kaffeeresten gebildet
+hatte.
+
+Ein Kindchen begann leise zu weinen, und die Mutter ließ ihren Tänzer
+los, lief zu dem winzigen Bündelchen, das auf der Erde kollerte, hob es
+auf, wickelte es aus, knöpfte sich das Kleid weit auf, setzte sich auf
+die Bank, gab dem Kinde zu trinken und sah dabei belustigt den Tanzenden
+zu.
+
+Jeder Tanz wurde so lange gespielt, bis die Tänzer so ermattet waren,
+daß sie ihre Damen zu der Bank führen mußten. Getrunken wurde nur
+Wasser, und das in großen Mengen. Zwei Burschen hatten alle Augenblicke
+mit einem Eimer zu einem Regenpfuhl zu laufen, der im Busch lag und zur
+Nachtzeit allerlei gefährliche Gäste einlud, die vom Durst hingetrieben
+wurden.
+
+Und ich tanzte und tanzte. Die jüngeren Frauen und Mädchen waren anfangs
+ein wenig scheu mir gegenüber; aber als sie sahen, daß ich nicht bissig
+war und beim Tanzen die Beine genau so bewegte wie ihre Stammesgenossen,
+auch nur Hose, Hemd und Hut hatte und meine Zigaretten verschenkte,
+bekamen sie Zutrauen. Bald konnte ich den Indianertanz tanzen, worüber
+die Leute sich nicht wenig wunderten. Singen freilich konnte ich ihn
+nicht und werde es auch nie lernen, dazu ist eine Vorübung notwendig,
+die bei den Meistern zehntausend Jahre gedauert hat.
+
+Bald hatte ich die beste Tänzerin entdeckt, die ich für die zweite
+Hälfte der Nacht mit nur wenigen Ausnahmen Tanz für Tanz heranholte, was
+mir niemand übelzunehmen schien. Es war die Urgroßmutter. Ihr Gesicht
+war zerknülltes und zerknittertes schwarzbraunes Leder, ihre Augen waren
+schwarz, ihr geöltes, langes strähniges Haar noch schwärzer, und ihre
+Haut strömte einen nicht angenehmen scharfen Geruch aus. Möglich, daß
+man sie, wenn man sie in Mitteleuropa anträfe, für des Teufels
+Großmutter ansehen würde. Aber sie tanzte wie eine Göttin, und ihre
+Grazie und ihre Anmut beim Tanzen waren von großer Schönheit.
+
+Mit Sonnenaufgang verblaßte der Mond, verblaßte die Musik. Unauffällig
+zog sich eine Frau nach der andern hinter die Hütte zurück, kam nach
+einer Weile wieder vor in ihren Lümpchen und mit einem Bündelchen.
+Ebenso unauffällig, ohne Abschiedsszenen, setzten sie sich auf ihre
+Pferde und Esel und verschwanden lautlos. Die aufgegangene Sonne fand
+einen kahlen Platz, auf dem niemals getanzt, vielleicht von Tanzen
+geträumt worden war.
+
+
+
+
+ DIE GEBURT EINES GOTTES
+
+
+Bei vielen alten Völkern, und nicht immer nur bei den barbarischen,
+wurden die Götter nach dem Ebenbilde des Menschen gemacht; man gab den
+Göttern alle Charaktereigenschaften, alle Laster und Tugenden eines
+Menschen. Die Fabrikanten der jüdischen und der christlichen Religion,
+um eine Ausnahme zu machen, machten den Menschen nach dem Ebenbilde
+Gottes. Das Endergebnis ist in beiden Fällen das gleiche, und der
+erreichte Zweck entspricht dem, der beabsichtigt war: es sollte gezeigt
+werden, daß der Mensch ein göttliches oder gottähnliches Wesen sei und
+er darum das Recht habe, alles das und alle die zu beherrschen, die
+keine gottähnlichen Wesen seien. Alle Götter, heidnische, jüdische und
+christliche, sind Schöpfungen von Menschen. Nur in ganz seltenen Fällen
+läßt sich die Geburt oder die Fabrikation eines Gottes auf den wahren,
+schlichten und einfachen Vorgang des In-die-Welt-Kommens zurückführen,
+weil diejenigen, die durch die Religion ihre Vorteile finden, den
+Ursprung Gottes mit Mystizismus verräuchern. Ein Stern führt Könige aus
+fernen Landen zum Geburtsplatz, und unmittelbar nach der Geburt klafft
+der Himmel auseinander, und Trompetenbläser und ein gut eingedrillter
+Opernchor geben ein Freikonzert für Schafhirten. In vielen christlichen
+Ländern, besonders in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wird
+wegen Gotteslästerung bestraft, wer versucht, die wahre
+Entstehungsgeschichte der jüdischen oder christlichen Religion
+aufzudecken. Dagegen ist es keine Gotteslästerung, wenn man die
+Entstehung sogenannter heidnischer Götter erforscht und die Ergebnisse
+der Forschung bekanntgibt. Und weil man bei der Erforschung heidnischer
+Religionen nicht behindert, sondern sogar noch oft reichlich unterstützt
+wird, so kommt man hierbei den wahren Dingen leichter auf den Grund.
+Wenn ich hier die Geschichte der Geburt eines indianischen Gottes
+erzähle, so geschieht es mit der wohlbegründeten Überzeugung, daß es auf
+Erden keine einzige Religion gibt, und nie gab, bei der nicht die Geburt
+des Gottes oder der Götter, und damit die ganze Entstehung der Religion,
+auf einen ähnlichen schlichten und natürlichen Vorgang zurückgeführt
+werden kann.
+
+Nachdem Hernan Cortes Mexiko erobert hatte, unternahm er eine Expedition
+nach Honduras. Diese Expedition wurde unternommen, um einen Wasserweg
+vom Atlantischen nach dem Pazifischen Ozean zu finden; denn zu jener
+frühen Zeit glaubte man, daß der nordamerikanische und der
+südamerikanische Kontinent nur zwei große Inseln seien, zwischen denen
+ein gewaltiger Meeresarm hindurchführe.
+
+Mit dieser Expedition kam Cortes an den Peten-See, einen sehr großen See
+im heutigen Guatemala. Auf den Inseln dieses Sees sowie an seinen Ufern
+fand Cortes Indianer, die den Spaniern eine rührende Gastfreundschaft
+entgegenbrachten.
+
+Infolge des langen Marsches über unwegsame Dschungelbezirke, über
+Gebirge, über Sümpfe, durch Flüsse und durch wüstenhaftes Gelände war
+die Armee des Cortes völlig heruntergekommen. Sie schleppte sich nur
+noch darum weiter, weil sie ein Zurück durch das gleiche Gebiet nicht
+überlebt haben würde. Hätte Cortes hier nicht diese gastfreundlichen
+Indianer getroffen, die ihr Bestes taten, der verhungernden und
+zusammenbrechenden Expeditionsarmee wieder auf die Beine zu helfen, so
+wäre der ganze Trupp elend in den Dschungeln und Sümpfen zugrunde
+gegangen. An sich hat jene Expedition sehr wenig Erfolg gehabt, und sie
+zählt mit zu den größten katastrophalen Fehlschlägen der spanischen
+Eroberer in Amerika.
+
+Die Indianer des Peten-Sees fütterten die Spanier wieder hoch,
+versorgten sie reichlich für den Weitermarsch und taten für sie, was
+wirklich gastfreundliche Menschen nur immer tun können für die, die
+einer Hilfe benötigen.
+
+Um den Fremden noch mehr zu Gefallen zu sein und ihnen keinen Wunsch zu
+versagen, willigten die Eingeborenen leichten Herzens ein, sich taufen
+zu lassen und alle Christen zu werden. Innerhalb von zwei Tagen wurden
+alle Indianer, die hier zu einem großen Feste zusammengekommen waren,
+getauft, und in ihrer großen Güte und Friedensliebe gestatteten sie den
+Weißen, ihre Götter und Tempel zu zerstören, und als sie bemerkten, daß
+diese Zerstörung den Weißen so viel Freude machte, sahen sie dem
+aufgeregten Treiben und Wüten der Spanier belustigt zu. Sie betrachteten
+das als eine Art von Komödie.
+
+Die Indianer jener Region, die ihr Leben schlicht fristeten von den
+vielfachen Gaben, die ihnen der große See und die umgebenden Wälder
+boten, besaßen weder Gold, noch Silber, noch Edelsteine, noch hatten sie
+irgendwelche Kenntnis von Gold- oder Silberminen. Aus diesen Gründen
+hatte Cortes nicht viel Interesse für sie übrig. Er betrachtete die
+Zeit, die er bei ihnen zubrachte, im Grunde als verloren. Er beeilte
+sich, so schnell als möglich die Gegend wieder zu verlassen, und trieb
+die Mönche, die seine Armee begleiteten, an, sich mit ihrem Geschäft der
+Heidenbekehrung zu beeilen, weil es hier nichts zu verdienen gäbe.
+
+Um das glorreiche Fest der Massenbekehrung mit dem gehörigen Pomp zu
+begleiten und gleichzeitig den erforderlichen Eindruck der Macht der
+Weißen bei den Indianern zurückzulassen, ordnete Cortes an, daß an dem
+Tage der Massentaufe die Kanonen abgefeuert werden und daß seine Reiter
+einige militärische Übungen vorführen sollten.
+
+Für die Indianer, die so etwas nie gesehen hatten, war das natürlich
+eine große Sache. Das Donnern und Feuern der Kanonen, die Turniere der
+Reiter und das ganze Getue der Mönche machte auch wirklich auf die
+Neubekehrten den Eindruck, den die Mönche so sehr wünschten. Die
+Indianer sollten davon überzeugt werden, daß die Leute, die alle diese
+merkwürdigen Kunststücke ausführen konnten, einen Gott haben mußten, der
+mehr konnte als ihr alter indianischer Gott, und der deshalb ihren alten
+Göttern überlegen sein mußte.
+
+Den tiefsten Eindruck auf die Indianer aber machten nicht die donnernden
+und feuerspuckenden Kanonen, sondern die Reiter und die Pferde. Da es
+auf dem amerikanischen Kontinent keine Pferde gab, so hatten die
+Indianer niemals Pferde gesehen. Sie betrachteten den Reiter und das
+Pferd als ein gemeinsames Wesen. Und es erschien ihnen als das
+gräßlichste aller Ungetüme, das sich nur vorstellen läßt. Es hatte vier
+Beine, konnte rascher laufen als der schnellste Läufer, es hatte zwei
+Köpfe, einen Menschenkopf und einen seltsamen langen Kopf mit großen
+runden Augen, es hatte einen langen Stachel, die Lanze des Reiters, und
+ein kurzes Messer, das Schwert, mit dem es nach allen Seiten Hiebe
+austeilen konnte.
+
+Cortes ließ diese gastfreundlichen Indianer völlig ausgebeutet zurück,
+ohne ihnen irgendeine andere Bezahlung für ihre gastfreundliche Hilfe zu
+hinterlassen, als ihnen gezeigt zu haben, wie sie ihre Sünden abwaschen
+könnten, von deren Vorhandensein sie bisher gar nichts gewußt hatten.
+
+Jedoch am Tage seiner Abreise beschloß er, ihnen etwas zurückzulassen,
+was sie als genügende Bezahlung anerkennen würden, ohne die Weißen als
+gar zu große Knicker in Erinnerung zu behalten. Deshalb, um seine
+Dankbarkeit zu beweisen, bot er den Eingeborenen bei seiner Abreise als
+Zeichen der guten Freundschaft ein fußlahmes Pferd an, das für seine
+Weiterreise nur ein Hindernis war.
+
+Die Indianer nahmen diese Gabe in Empfang mit den aufgeregten Gesten und
+Reden von Leuten, die eine so fürstliche Bezahlung für erwiesene Dienste
+nie erwartet haben.
+
+Dann verschwanden Cortes und seine Armee ebenso mysteriös, wie sie
+gekommen waren. Allein nur das lahme Pferd, das die Eingeborenen jetzt
+im Besitz hatten, bewies ihnen, daß alles das, was sie in den
+vergangenen Tagen erlebt und gesehen hatten, kein Traum, sondern
+Wirklichkeit gewesen war.
+
+Nun wohl, Cortes hatte seinen freundlichen Wirten ein Pferd als Geschenk
+hinterlassen. Was er ihnen aber nicht hinterlassen hatte, das war eine
+genügende Kenntnis von der Nahrung und der Pflege eines Pferdes.
+Tausende und aber Tausende von Indianern aus den benachbarten Regionen
+waren inzwischen erschienen, um das Pferd zu sehen und zu bewundern. Da
+das Pferd so intim verknüpft war mit diesen mysteriösen weißen bärtigen
+Leuten, die Donner und Blitz erzeugen konnten, so fühlten die Indianer
+die tiefste Ehrfurcht gegenüber diesem Tier. Sie boten ihm die schönsten
+Blumen und Blüten als Opfergabe an.
+
+Jedoch dieses göttliche Tier schnüffelte nur stolz an diesen Opfergaben
+herum und wendete dann seinen Kopf verächtlich hinweg.
+
+Darüber waren die unschuldigen Kinder dieses sonnigen Landes recht
+betrübt. Sie beteten und sangen, tanzten und hielten feierliche
+Prozessionen ab, um diese göttliche Kreatur wieder zu versöhnen.
+
+Endlich sagte ein alter Medizinmann: „Seht ihr denn nicht, das göttliche
+Wesen ist verwundet am Fuß. Behandelt es entsprechend.“
+
+Die Indianer häuften nun vor dem Rößlein Riesenberge von gebratenen
+wilden Truthühnern auf; denn gebratene Truthühner werden bei den
+Indianern als die Nahrung für Verwundete angesehen.
+
+Trotzdem die Truthühner auf schön geschliffenen Kupferplatten, mit
+Blumen, Früchten und köstlichen Kräutern, vorgesetzt wurden, das
+Pferdlein schüttelte nur seine Mähne und trampelte ungeduldig mit den
+Füßen.
+
+Dieses Trampeln mit den Füßen gab den Indianern eine andere Idee. Es
+wurde eine schöne Jungfrau erwählt, die man nun dem Pferde anbot. Aber
+das Roß war viel zu stolz, diese liebliche Gabe auch nur zu
+beschnüffeln. Das war ja auch ganz verständlich. Das Mädchen war
+bronzebraun, während das Pferdchen nur an weiße Jungfrauen gewöhnt war.
+
+Obgleich hier ein lahmes Pferdchen die seltene Gelegenheit hatte, das
+glücklichste Leben zu führen, das einem Pferd auf Erden und im Besitz
+von Menschen je gegönnt war, obgleich dieses himmlische Geschöpf nur
+wenige hundert Schritte entfernt war von den schönsten Weiden, bewachsen
+mit saftigem und immergrünem Grase, trotzdem die Felder der Indianer
+reich standen mit dem herrlichsten Mais, so mußte dieses unschuldige
+Tier qualvoll verhungern. Es legte sich eines Tages hin und starb.
+
+Voll von Schrecken und abergläubischer Furcht standen die Indianer um
+den toten Körper des göttlichen Tieres. Und da sie seine Rache
+fürchteten, weil sie es so schlecht behandelt hatten, daß es vorzog, zu
+sterben, wurde ein geschickter Steinhauer unter ihnen beauftragt, eine
+Skulptur des Pferdes anzufertigen, die im Haupttempel aufgestellt wurde.
+
+Dreiundneunzig Jahre später, im Jahre 1618, kamen zwei
+Franziskaner-Mönche an jenen See, um Heiden zu bekehren. Seit Cortes die
+Gegend verlassen hatte, war nie wieder ein weißer Mann in jenem fernen
+Winkel des Landes aufgetaucht.
+
+Die beiden Mönche traten in den Tempel, und sie waren aufs höchste
+erstaunt, als sie hier eine riesenhafte steinerne Skulptur eines Pferdes
+vorfanden, in einer Gegend der Erde, wo Pferde völlig unbekannt waren.
+
+Aber dann glaubten sie ihren Sinnen nicht mehr trauen zu dürfen, als sie
+sahen, daß die Indianer diese steinerne Skulptur als höchsten Gott
+anbeteten. Und die Mönche wurden völlig verwirrt, nachdem sie fanden,
+daß hinter dem steinernen Pferde ein gewaltiges hölzernes Kreuz
+aufgerichtet war. Es stellte sich heraus, daß jenes steinerne Pferd als
+der allein wahre Gott des Donners und des Blitzes angebetet wurde.
+
+Es ist erklärlich, daß der Bericht jener Mönche viel Aufregung unter den
+Leuten, die sich mit der Erforschung des Landes und mit der Geschichte
+der Indianer befaßten, hervorrief. Die wildesten Gerüchte und
+Vermutungen tauchten auf, wie die Indianer in diesem fernen Gebiete des
+Kontinents dazu gekommen seien, ein Pferd in Verbindung mit einem Kreuz
+als Gott zu verehren. Diese Vermutungen und Spekulationen würden
+vielleicht die Erforscher der indianischen Geschichte auf die
+verwirrtesten Abwege geführt haben, wenn man nicht in einem der Briefe,
+die Cortes an den Kaiser Karl V. schrieb, eine Notiz gefunden hätte, die
+den Sachverhalt völlig aufklärte.
+
+
+
+
+ DER AUFGEFANGENE BLITZ
+
+
+Der Pfarrer eines indianischen Dorfes hatte eine Reise nach der
+Hauptstadt des Staates zu machen, wo der Bischof eine Konvention
+angeordnet hatte. Eine Eisenbahn war nicht vorhanden, darum war der
+Pfarrer genötigt, die Reise auf einem Mule zu machen. Da er sich nicht
+sehr anstrengen wollte, ritt er jeden Tag gerade nur so weit, bis er zur
+nächsten Hazienda kam. Er wurde überall gut bewirtet, und so betrachtete
+er – wie es auch alle seine Brüder im Amt des Herrn taten – jene
+Dienstreise gleichzeitig als Erholungsreise, die er infolge seiner
+schweren Tätigkeit als Dorfpfarrer indianischer Bauern auch gewiß
+redlich verdient hatte. Er wußte, daß die Reise vier bis sechs Wochen
+dauern würde. Und nachdem er alle Schäfchen gut eingesegnet hatte, damit
+während seiner Abwesenheit nicht etwa Satanas hier eine gute Ernte
+halten könnte oder gar die alten indianischen Götter – mehr gefürchtet
+als Satanas, dessen Schliche und Wege man ja kennt und wissenschaftlich
+erforscht hat – sich hier wieder einnisten könnten, rief er seinen
+Kirchendiener herbei, um dessen Wachsamkeit und Treue die Kirche mit
+allem, was drin und drum war, feierlichst zu übergeben.
+
+Cipriano, der Kirchendiener, war, wie alle Mitglieder der Gemeinde,
+Indianer. Er war Holzfäller und Kohlenbrenner von Beruf, und als Mensch
+war er weder besser noch schlechter als irgendein anderer Mann des
+Dorfes. Aber er war sehr stolz auf sein Amt als Kirchendiener, und er
+hatte mehrfach im Dorfe zu verstehen gegeben, daß es auf Erden nur zwei
+wirklich wichtige Personen gebe: Pfarrer und Kirchendiener; der Pfarrer
+könne ohne Kirchendiener kein Amt halten, und der Kirchendiener sei so
+wichtig wie der Pfarrer. Vertraulich hatte Cipriano sogar seinen
+Freunden gegenüber durchblicken lassen, daß er, Cipriano, vielleicht gar
+noch wichtiger sei als – aber das wolle er nicht aussprechen, weil das
+sicher eine Sünde sei, so etwas zu sagen.
+
+Es muß nun freilich berichtet werden, daß der Pfarrer in seiner Gemeinde
+wohl geachtet war in geziemender Weise; aber respektiert und gefürchtet
+war nicht der Pfarrer, sondern Cipriano. Der Pfarrer war Mestize, mit
+wenig indianischem Blut. Cipriano jedoch war Vollblut-Indianer. Er nahm
+darum unter seinen Leuten den Rang eines Medizinmannes ein. Das war auch
+zu verstehen. Er war den Göttern ebenso nahe wie der Pfarrer, er kannte
+alle Geheimnisse der Religion so gut wie der Pfarrer, hatte ungehindert
+Zutritt zu dem Allerheiligsten, und er konnte die gesamte Zeremonie der
+Messe heruntersingen und herunterbeten, viel besser als der Pfarrer, der
+zuweilen steckenblieb und von dem aufgeschlagenen Messebuch die
+Litaneien ablesen mußte. Denn Cipriano war beinahe dreißig Jahre
+Kirchendiener, hatte unter den drei Pfarrern gedient, die vor dem
+jetzigen hier amtiert hatten. Er konnte alles auswendig von dem langen
+andächtigen Zuhören, kannte jedes einzelne Glasperlchen an den
+zahlreichen Heiligenfiguren der Kirche, kannte jedes Stückchen Stuck und
+jede noch so kleine Holzschnitzerei der Kirche, wußte jeden Feiertag und
+jeden Tag der Heiligen auswendig. Die indianischen Gemeindemitglieder,
+insbesondere aber die Kinder und die Halberwachsenen, hielten in der Tat
+Cipriano für viel wichtiger für die Religion und deren zahlreiche und
+verzwickte Zeremonien als den Pfarrer.
+
+So wie sich die Indianer immer erst an die Heiligen wenden, wenn sie
+etwas von dem lieben Gott haben wollen, so wendeten sich hier die
+Gemeindemitglieder immer erst an Cipriano, wenn sie etwas vom Pfarrer
+wollten. Ob es eine Heirat war, oder eine Kindtaufe, oder ein Begräbnis,
+zuerst wurde Cipriano um Rat gefragt. Sogar wenn die Burschen oder
+Mädchen zur Beichte zu gehen hatten, wendeten sie sich erst an Cipriano,
+um von ihm zu hören, ob dies oder das eine Todsünde sei, wenn man es
+nicht beichte, oder wenn man es vergäße, und in welcher Form man das
+oder jenes ausdrücken könnte, ohne direkt zu sagen, was es sei.
+
+Cipriano wußte für alle Rat und hatte für alle Hilfe. Er war der
+Vertraute aller Gemeindemitglieder in einem viel höheren Maße, als es
+der beste Pfarrer je werden könnte. Aus diesem Grunde ging es Cipriano
+verhältnismäßig gut. Er bekam hier ein Hühnchen, dort ein Hähnchen, hier
+einen Tequila, dort einen Habanero; und wenn er Namenstag hatte, bekam
+er so viel aufgehäuft, daß er davon einen vollen Monat in Freuden leben
+konnte.
+
+Als der Pfarrer nun reisefertig war, sagte er zu Cipriano: „Mit dem
+Läuten weißt du ja gut Bescheid, da brauche ich dir nichts zu sagen.
+Tags ist die Kirche offen, und nachts schließt du sie gut zu, wie wir
+das immer machen. Und des Sonntags früh und Samstag abend und Mittwoch
+abend, wenn die Gemeinde in der Kirche ist, dann singst du vor. Hier
+sage ich dir die Lieder und die Aves, die gesungen werden. Die kennst du
+ja alle. Und vergiß nicht, die Weihwasserbecken zu füllen, wenn sie leer
+sind. Das weißt du ja auch. Und dann ist da etwas Wichtiges. Du gehst in
+die Stadt und kaufst Farben und Goldbronzen. Dann reinigst du einmal
+alle die Figuren von dem Staub und von dem vielen Dreck, den die Vögel
+draufgemacht haben. Es ist eine Sünde, wie die Figuren aussehen, es ist
+fürwahr eine Gotteslästerung. Wo die Farbe abgeblättert ist, da malst du
+neue Farbe auf. Die Gnadenmutter über dem Altar aber bemalst du nicht.
+Du wäschst sie nur gut, und dann lackierst du sie schön mit farblosem
+Lack, den man dir in der Botica in der Stadt verkaufen wird. Nein, kaufe
+das nicht. Ich werde das alles in der Stadt kaufen und bezahlen, und du
+holst es ab. Kannst gleich mit mir kommen, und dann sage ich dir alle
+Farben und wie du sie gebrauchst. Wenn ich dann zurückkomme, haben wir
+eine schöne reine Kirche.“
+
+Mit dieser Anordnung war Cipriano außerordentlich zufrieden. Es machte
+ihm Freude, die Kirche schön herzurichten und die Figuren zu bemalen.
+Und diese Freude wurde erhöht, als ihm der Pfarrer versprach, daß er
+ihm, wenn alles gut und schön getan sei, acht Pesos geben wolle, so daß
+er also nicht im Busch zu arbeiten brauche, sondern hier die ganze Zeit
+hindurch sich in der Kirche beschäftigen könne.
+
+Cipriano begleitete den Pfarrer am nächsten Tage in das kleine
+Städtchen, wo er die Farben in Empfang nahm und die Gebrauchsanweisungen
+für die Anwendung der Farben erhielt.
+
+Nachdem er sich einen Kleinen eingehoben hatte, um den Tag festlich zu
+beschließen, ritt er, zufrieden mit sich und zufrieden mit der Religion
+und aller Welt, gemächlich auf seinem Esel heim.
+
+Er kam gerade recht zum Abendläuten, das die Jungen schon begonnen
+hatten, noch ehe er das erste Haus des Dorfes erreicht hatte.
+
+Am nächsten Morgen begann er seine Arbeit der Kirchenverschönerung.
+
+Wenngleich Cipriano keineswegs Maler war, so hatte er doch genügend
+Klugheit – angeboren oder durch Erfahrung erworben, das weiß man nicht
+–, mit dem Abwaschen von bemalten Heiligenfiguren vorsichtig zu sein. Er
+war nicht allzu reich mit Farben versorgt worden, und darum mußte er mit
+dem Abwaschen sorgsam umgehen, um nicht zuviel Farbe zu verlieren. Er
+wollte auch erst wissen, wie die Farben annehmen; denn die Anweisungen
+des Drogisten waren sehr allgemein gehalten gewesen. So nahm er sich
+zuerst einmal den Judas Ischariot vor. Judas Ischariot war ja eigentlich
+nur ein Halbheiliger, dessen wahres Verhältnis zu dem Herrn bis heute
+nicht völlig aufgeklärt ist. Die einen sagen, er hat den Herrn verraten
+und verkauft und darum ist er ein Schurke, der in der Hölle seit beinahe
+zweitausend Jahren bereits schmort. Andere dagegen aber, die
+wissenschaftlich in die Heilslehre eingedrungen sind, behaupten, Judas
+Ischariot war von Gott dem Herrn bestimmt, den Heiland zu verraten; denn
+hätte Judas Ischariot den Herrn nicht verraten, so wäre der Herr nicht
+gefangengenommen worden, und hätte man ihn nicht gefangen, so hätte er
+nicht gekreuzigt werden können, und der Heiland hätte nicht, mit den
+Sünden aller Welt beladen, sterben können, um die armen Menschen zu
+erlösen. Da also Judas Ischariot als das Werkzeug Gottes nötig war, um
+das Heilswunder zu vollbringen, darum betrachtet ihn der Indianer als
+einen Halbheiligen, wie er auch den bösen Schächer am Kreuz als
+Halbheiligen betrachtet, der unter Umständen oben im Himmel ein gutes
+Wort für den geplagten Indianer einlegen kann. Es ist überhaupt und
+immer gut, sich mit niemand ernstlich zu verfeinden, dessen Name in den
+biblischen Geschichten oder in den Legenden erwähnt wird. Denn man kann
+nicht wissen, ob sie nicht Werkzeuge Gottes sind, auch wenn sie sich
+scheinbar recht unchristlich hier auf Erden benommen haben.
+
+Der Judas Ischariot steht gewöhnlich wie ein Schuljunge, der was
+verbrochen hat, in einer dunklen Ecke in der Kirche, wo er von niemand
+sonderlich beachtet wird. Da steht der Arme das ganze Jahr hindurch. In
+der Semana Santa, in der Heiligen Woche, wird er dann aus seiner Ecke
+herausgenommen, abgestaubt und aufgefrischt, und er wird dann an die
+Abendmahlstafel gesetzt, die in der Kirche aufgebaut wird. An dieser
+Tafel darf Judas Ischariot nicht fehlen, wenn auch vielleicht die Hälfte
+der übrigen Jünger fehlen sollten oder einige doppelt oder dreifach
+vorhanden sein sollten. Es kommt auch vor, daß, um die Zahl zwölf oder
+dreizehn voll zu machen, irgendeine Figur mit an die Tafel gesetzt wird,
+die ursprünglich nicht die Ehre hatte, bei der Abendmahlsfeier zugegen
+zu sein, also vielleicht der Heilige Antonio oder der Heilige Jeronimo.
+Man muß sich zu helfen wissen.
+
+In diesem Falle, den Cipriano jetzt zu besorgen hat, ist kein einziger
+Heiliger besser zu gebrauchen als Judas Ischariot. An ihm erprobt nun
+Cipriano, wie weit er mit dem Waschen gehen darf, ohne zuviel Farbe
+einzubüßen, an ihm kann er herummalen und herumlackieren nach
+Herzensfreude, um zu sehen, wie die Farben annehmen und wie sie
+herauskommen auf diesem alten wurmzerfressenen Holz. Denn wird am Judas
+Ischariot etwas verdorben, so ist das nicht so wichtig und wird wohl
+kaum auch als Sünde im Himmel gebucht werden. Judas Ischariot wird nach
+der Wasch- und Anstrichprobe wieder in seine dunkle Ecke gestellt, und
+bis zur Semana Santa ist mehr als ein halbes Jahr Zeit. Dann liegt
+genügend frischer Staub drauf, so daß man die Künstlerversuche des
+Cipriano nicht mehr so genau erforschen kann. Die Hauptsache ist, daß
+der Bart und der Geldbeutel des Judas Ischariot erhalten bleiben, damit
+man ihn erkennt und damit man weiß, mit wem man es zu tun hat; denn
+sonst könnte es geschehen – und es muß gesagt werden, es ist geschehen
+–, daß er verwechselt wird mit dem Heiligen Joseph, auf dem Joseph-Altar
+aufgebaut und dort angebetet, angebettelt und mit Kerzen und Gaben
+beschenkt wird.
+
+Der Judas Ischariot, nachdem er von Cipriano mit Andacht und Sorgfalt
+behandelt worden ist, nachdem er hier einen Tupfen Goldbronze, dort
+einen Flapp Silberbronze, hier wieder einen Klecks grelles Rot, dort
+wieder ein paar Striche Grün mit Braun aufgepinselt erhalten hat, sieht
+bald so schön und königlich aus, daß sich Cipriano kaum noch von ihm
+trennen kann. Er bedauert und lamentiert, daß der Judas Ischariot nur
+ein Halbheiliger ist und daß er ihn darum wieder ins Eckchen stellen
+muß, wo niemand die Kunst des Cipriano bewundern kann. Es ist fürwahr
+traurig, so redet Cipriano im stillen in sich hinein, daß Judas
+Ischariot sich bestechen ließ und den Heiland so schmählich verriet;
+hätte er es doch besser nicht getan, dann könnte ihn Cipriano jetzt in
+den Vordergrund stellen und dort leuchten lassen. Aber es läßt sich nun
+nicht mehr ändern. Es steht schon alles in den biblischen Geschichten,
+und Cipriano kann nicht die Sünde auf sich nehmen, jene Geschichten zu
+fälschen, nur um Judas Ischariot dicht am Eingang der Kirche, gleich
+nahe beim Weihwasserbecken aufzustellen, wo ihn alle Leute sehen müßten
+und alle Leute natürlich die Kunst Ciprianos bewundern könnten. Dann
+überlegt Cipriano eine Weile, ob er nicht den Bart des Judas Ischariot
+beschneiden und ihm den Geldbeutel aus den Fingern winden könnte, dann
+den Geldbeutel dem Heiligen Antonio oder dem Heiligen Joseph in die Hand
+drücken und dessen Bart so zurechtstutzen könnte, daß er das Aussehen
+des Judas Ischariot bekommen würde. Dann wäre Cipriano vielleicht in der
+Lage, aus dem ursprünglichen Judas Ischariot einen Joseph zu machen, der
+im Vordergrunde stehen darf, wo er von allen Leuten bewundert werden
+kann. Aber er fürchtet doch, das könnte herauskommen; denn die grimmigen
+Gesichtszüge des Judas Ischariot sind jedem einzelnen Mitgliede der
+Gemeinde zu gut bekannt, und die Indianer haben ein zu gutes Auge für
+solche Dinge, um nicht sofort den Tausch zu erkennen.
+
+Warum Cipriano überhaupt auf solche Gedanken kommt, einen Vertausch
+vorzunehmen, kann leicht begründet werden. Er weiß, wie das jeder echte
+Künstler weiß, daß er ein zweites Kunstwerk gleicher Art nicht schaffen
+kann. Hier, bei dem Judas Ischariot, hat Cipriano alle Farben
+angewendet, um deren Brauchbarkeit zu erforschen. Das kann er nun bei
+keiner anderen Figur mehr tun, weil er sonst mit den Farben nicht
+auskommen würde. Die eine Figur braucht mehr Braun, die andere mehr
+Gelb, wieder eine andere mehr Grün und die nächste mehr Rot, von der
+Goldbronze und der Silberbronze gar nicht zu sprechen, denn etwas Gold
+und Silber müssen alle bekommen. Bei den übrigen Figuren muß er sich
+genau an die ursprünglichen Grundfarben halten, damit die Figuren auch
+von den Gemeindemitgliedern wiedererkannt werden. Es könnte geschehen,
+daß sich selbst der Pfarrer nicht mehr auskennen würde. Allein beim
+Judas Ischariot, bei dem es nicht so genau darauf ankommt, ob er sich
+sehr verändert oder nicht, konnte und durfte Cipriano alle seine Talente
+spielen lassen. Bei den übrigen, nun ganz besonders beim Christus und
+bei der Heiligen Jungfrau, darf er nicht das geringste an den Grundtönen
+ändern.
+
+Cipriano stellt endlich schweren Herzens den so herrlich geglückten
+Judas Ischariot in dessen dunkles Brummeckchen. Aber während er sich nun
+in den folgenden Tagen mit den übrigen Figuren redlich abgibt, kann er
+seine Gedanken von jenem vortrefflichen Kunstwerk, das er schuf, nicht
+mehr abwenden. Ob er nun die Heilige Anna bemalt, oder den Heiligen
+Pablo, oder den Heiligen Francisco, seine Gedanken sind bei Judas
+Ischariot.
+
+Daß Cipriano derart hart in die Klauen und Fänge des Erzverräters aller
+Erzverräter, die je auf Erden gelebt haben, fallen konnte, war, kein
+Zweifel darüber, das Werk des Teufels, der es darauf abgesehen hatte,
+die Abwesenheit des Pfarrers zu benützen, um die reine und treue Seele
+des Kirchendieners Cipriano zu erhaschen. Denn alles, was nun geschah,
+konnte in seinen Urgründen darauf zurückgeführt werden, daß Cipriano
+seine höchsten Talente, die nur den wahren Heiligen dienen sollten, in
+einem so verschwenderischen Maße auf den Erzschurken Judas Ischariot
+ausgegeben hatte. Judas Ischariot ließ die Gedanken des armen Cipriano
+nicht mehr los. Und darum beging Cipriano Fahrlässigkeiten, die böse
+Folgen hatten.
+
+Was nun geschah, beweist erneut, in welch geschickter Weise Satanas zu
+arbeiten weiß, um das Reich des Antichrist auf Erden aufzubauen.
+
+Cipriano war endlich zu der großen Aufgabe gekommen, die Heilige
+Jungfrau, die über dem Altar thronte, zu reinigen und aufzufrischen. Er
+wußte, daß diese Arbeit die heiligste war, die ihm auf Erden beschieden
+werden konnte.
+
+Mit den verschiedenen Christusfiguren, am Kreuz hängend, oder mit dem
+Kreuz auf der blutigen Schulter, oder hingelagert in der Felsenhöhle
+(aus gestärkter und zerknitterter Sackleinwand), war er genau so leicht
+umgegangen wie mit den Heiligenfiguren. Das war ja sowieso kein großer
+Unterschied.
+
+Aber die Heilige Jungfrau war das Allerheiligste, war der Sinn und
+Inhalt der ganzen Religion. Wichtiger als Gottvater selbst.
+
+Ehe Cipriano die Heilige Jungfrau berührte, um sie von ihrem hohen Stand
+herunterzuheben, kniete er nieder und betete ein halbes Hundert Aves. Er
+machte alle Kreuze, die er kannte. Und endlich hatte er die hölzerne
+Figur auf dem Kirchenboden. Er stellte sie aber nicht auf den nackten
+Boden, sondern breitete seine Tilma unter den Füßen der Gottesmutter
+aus.
+
+Er begann die Figur sorgfältig zu waschen, zart, als wäre sie ein
+neugeborenes Kind. Dann rieb und polierte er sie mit weichgezupften
+Läppchen. Er nahm ihre Kleider ab, um sie auszustauben und auszuwaschen.
+Sie hatte keinen eigentlichen nackten Körper unter ihren Gewändern.
+Sondern der Körper war so geschnitzt, daß die inneren Gewänder ebenfalls
+Holzschnitzwerk waren, so daß selbst die respektloseste Person nichts
+hätte finden können, daß darüber die Heilige Gottesmutter hätte schamrot
+werden müssen.
+
+Auf dem Steinboden der Kirche hatte Cipriano ein kleines Feuer brennen.
+Das Feuer diente dazu, das Wasser zum Abwaschen der Figuren ein wenig
+anzuwärmen, es diente ferner dazu, Leim zu kochen und flüssig zu halten,
+um Bruchstellen der Figuren auszuheilen.
+
+An diesem Feuer hockte jetzt Cipriano und wärmte sich seinen Kaffee und
+seine Tortillas, weil er keine Zeit damit verlieren wollte, zu seiner
+Hütte zu gehen. Die Kleider der Gottesmutter hatte er draußen, im Garten
+der Kirche, auf Sträucher gehängt, damit sie trocknen sollten.
+
+Als er seinen Kaffee getrunken und seine Tortillas mit Chile gegessen
+hatte, ging er hinaus in den Kirchengarten, um der Sonne zuzusehen, wie
+sie die Kleider der Heiligen Jungfrau trockne.
+
+Dieser Arbeit zusehend, drehte er sich eine Zigarette und rauchte.
+
+Die Sonne trocknete nicht nur die Kleider der Heiligen Jungfrau, sondern
+sie spielte gleichzeitig wechselnde Farben über den Kirchengarten hin.
+Und das lenkte abermals die Gedanken Ciprianos auf sein großes
+Kunstwerk, auf die so herrlich geglückte Verschönerung des Judas
+Ischariot. Er begann darüber nachzudenken, daß er vielleicht, wenn alles
+übrige in der Kirche getan sei und er noch Farben übrigbehalten haben
+sollte, was ja sehr wahrscheinlich war, weil er sehr sparsam mit den
+Farben umgegangen war, er noch mehr für Judas Ischariot tun könnte. Er
+dachte darüber nach, daß es vielleicht gar möglich werden könnte, daß
+selbst der Senjor Pfarrer Gefallen und Freude an jenem Kunstwerk finden
+könnte, und daß vielleicht die Möglichkeit bestünde, Judas Ischariot zu
+erlösen und ihm, wenn auch keinen Ehrenplatz, so doch einen besseren
+Platz anzubieten, wo er schon leichter gesehen werden könnte. Immer mehr
+in seinem Nachdenken kam Cipriano zu der Ansicht, daß eigentlich und
+überhaupt dem Judas Ischariot ein großes Unrecht zugefügt worden sei,
+ihn zweitausend lange Jahre dafür büßen zu lassen, daß er einmal dreißig
+Silberlinge verdienen wollte, die er ganz sicher für irgend etwas sehr
+Notwendiges gebraucht haben muß, vielleicht gar für die Medizin eines
+kranken Kindes, jedenfalls für etwas, worüber uns nichts berichtet
+worden ist, um seine Tat nur um so ruchloser erscheinen zu lassen.
+Überhaupt sei dem Judas Ischariot auch darum ein großes Unrecht zugefügt
+worden, daß man ihn dauernd und für ewig aus der Erlösung ausgeschlossen
+habe, während doch sogar Pedro, der den Herrn ebenfalls verleugnete,
+vergeben wurde, ihm auch noch die Schlüssel des Himmelstores anvertraut
+wurden, und man ihn zum Heiligen machte.
+
+In diesem angestrengten Nachdenken über das zweierlei Maß, mit dem
+selbst im Himmel gemessen wird, und über die verwickelten Ansichten und
+Fragen der Religion überhaupt und im allgemeinen, und im Nachdenken
+darüber, daß die Beziehungen des Senjor Pfarrer mit Senjora Elodia und
+mit Senjora Roberta recht gut, ohne fahrlässig zu sein, nach zwei
+verschiedenen Seiten hin ausgelegt werden könnten, dröselte Cipriano so
+nach und nach und so langsam ein. Zu tun hatte er augenblicklich nichts,
+weil er der Sonne beim Trocknen ja doch nicht helfen konnte.
+
+Er wachte darüber auf, daß ihm im Traume die Beziehungen zwischen Mann
+und Frau deutlich wurden, ohne daß sie sich diesmal auf den Senjor
+Pfarrer und auf Senjora Elodia ausdehnten, an die Cipriano in den
+letzten Phasen seines Träumens gerade nicht gedacht hatte. Eigentlich
+aber wachte er wohl darüber auf, daß sich drei Hunde prügelten, die sich
+innerhalb der Kirche um einige Tortillas zankten, die Cipriano von
+seinem Mahle übriggelassen hatte.
+
+Cipriano hatte, weil er ja nur für einen kurzen Augenblick in den
+Kirchgarten gehen wollte, um dort eine Zigarette zu rauchen, die hintere
+Kirchentür offen gelassen. Und durch jene Tür waren die Hunde in die
+Kirche eingedrungen.
+
+Als Cipriano in die Kirche trat, noch ein wenig im Schlaf, wischten die
+Hunde hinaus.
+
+Nach einigen Sekunden hatte sich Cipriano von dem hellen Sonnenlicht an
+die Dämmerung in der Kirche gewöhnt, und als er nun zu der Figur der
+Gottesmutter kam, faßte ihn ein kalter Schrecken. Er mußte mehrere Male
+genau hinsehen, ehe er wußte, daß er richtig gesehen hatte.
+
+Die Hunde hatten bei ihrem Herumbalgen die Gottesmutter in das Feuer
+gestoßen, wo die Figur genau so hilflos und unbeschützt war, wie auch
+jedes andere gewöhnliche Stück Holz zu sein pflegt, das ins Feuer
+geworfen wird.
+
+Hunde wissen das ja nicht besser, und man soll sie dafür nicht anklagen.
+Cipriano jedoch wußte sofort, daß die Hunde von Satanas geschickt worden
+waren, um jenes Unheil anzustiften.
+
+Er hob mit einem raschen Griff, diesmal ohne auch nur ein einziges Ave
+zu beten, die Gottesmutter aus dem Fegefeuer.
+
+Die Gottesmutter hatte die linke Hand auf das Herz gepreßt, von dem
+goldbronzierte Strahlen nach allen Seiten ausgingen. Ihre rechte Hand
+hatte sie segnend erhoben, etwa in der Höhe ihres Mundes. Die Handfläche
+dieser Hand war flach nach unten gerichtet und nicht, wie das häufig bei
+segnenden Händen geschieht, dem Betenden zugekehrt.
+
+Diese Hand war völlig verkohlt, die Form jedoch war erhalten geblieben.
+Auch die rechte Seite der Figur war angekohlt.
+
+Cipriano löschte die noch kohlenden Stellen rasch mit dem Rest von
+Kaffee, den er noch in seinem Tonkrügchen fand; und als das allein nicht
+ganz half, vergaß er sich soweit, die übrigen kohlenden Stellen mit
+seiner Spucke zu löschen. Daß hierin eine Respektlosigkeit gefunden
+werden möchte, darüber dachte Cipriano auch nicht einen Augenblick lang
+nach. Gegenüber harter Wirklichkeit wurde er trotz aller christlichen
+Erziehung stets sofort wieder heidnischer Indianer. Nicht nur in einem
+solchen Ding, wie das, was hier geschehen war.
+
+Und er wurde erst recht heidnischer Indianer, als er damit begann, zu
+überlegen, was nun zu tun sei.
+
+Er vergaß völlig, daß er eine Gottesmutter in der Hand hatte, die
+verehrt und angebetet wurde, als wäre sie die wirklich lebende
+Gottesmutter in Person.
+
+Zuerst einmal schloß er sofort die Kirchentür, so daß niemand
+hereinkommen konnte, um Zeuge des Unheils zu sein, das hier geschehen
+war. Er wußte, daß es für diese Fahrlässigkeit keine Entschuldigung gab.
+Wenngleich er sich darauf berufen konnte, daß die Hunde Werkzeuge des
+Bösen gewesen seien, so hatte er dennoch durch eine lange Reihe von
+Unbedachtsamkeiten dem Bösen das Handwerk erleichtert.
+
+Dieses Unheil würde die Ursache sein, daß er seinen Posten verlöre. Das
+wäre zu verschmerzen gewesen, denn das Amt an sich brachte nicht viel
+ein. Fünf oder zehn Centavos bei einer Taufe, fünfundzwanzig Centavos
+bei einer guten Hochzeit, bei einer kleinen Hochzeit entweder nichts
+oder fünf oder gar nur zwei Centavos. Auch das kam vor. Und von
+Begräbnissen war besser nicht zu reden. Das Dorf hatte nicht einen
+einzigen Wohlhabenden. Und daß der Senjor Pfarrer eine fette Pfründe
+hier gehabt hätte, konnte man auch nicht sagen. Es war eine ziemliche
+Last für diese arme Gemeinde, den Pfarrer überhaupt durchzubringen; und
+hätten die Leute nicht die sichere Überzeugung gehabt, daß sie dereinst
+im Himmel reich belohnt werden würden, und daß der Pfarrer nötig sei,
+Regen und Sonnenschein herbeizubeten, die Fruchtbarkeit der Ziegen und
+Schafe zu besegnen, so hätten sie ihn überhaupt nicht mit durchfüttern
+können. Für gute Medizinangelegenheiten war er sowieso nicht zu
+gebrauchen. In solchen Dingen hielt man sich sicherer an die eigenen
+Medizinmänner und Medizinfrauen.
+
+Es war also nicht das Amt, das Geld hätte einbringen können, um das
+Cipriano besorgt war. Er war vielmehr und beinahe einzig darum besorgt,
+daß er seine respektgebietende Stellung in der Gemeinde verlieren
+könnte. Er konnte, wenn dieser Vorfall hier bekannt wurde, nicht länger
+mehr der Mann sein, der dem Pfarrer am nächsten stand, er konnte nicht
+länger mehr als einziger neben dem Pfarrer das Allerheiligste versorgen,
+er konnte nicht länger mehr während der Abwesenheit des Pfarrers die
+Aves und Litaneien in den Andachten vorsingen, er konnte nicht länger
+mehr vor den Augen der ganzen Gemeinde die Kerzen anzünden, dem Pfarrer
+Waschbecken und Handtuch reichen, das Messebuch vorhalten, ihm die
+Meßgewänder anlegen oder abnehmen. Niemand würde mehr seinen Rat
+verlangen, und an seinem Namenstage würden die Hühnchen und Hähnchen
+ausfallen, und das ganze Jahr hindurch würden alle die kleinen
+Aufmerksamkeiten fortfallen, hier ein Gläschen Tequila und dort ein in
+wildem Honig gekochter Kürbis. Das Leben wäre nicht länger mehr wert
+gewesen, gelebt zu werden. Er war in den dreißig Jahren so eins geworden
+mit der Kirche und dem Dienst in der Kirche, daß kein Mitglied der
+Gemeinde sich die Kirche ohne ihn denken konnte; denn die gegenwärtige
+Generation war geboren worden und aufgewachsen in dem Glauben an die
+Unersetzlichkeit seiner Person. Er hätte nun vielleicht wacker beten
+können, und es wäre vielleicht das große Wunder geschehen, daß der
+Gottesmutter die Hand wieder nachgewachsen wäre. Aber soweit ging der
+Glaube des Cipriano denn doch nicht. Er war viel zu sehr Indianer, um
+nicht zu wissen, daß totes Holz unter keinen Umständen nachwächst, auch
+wenn man noch so viele Aves abbetet.
+
+So kam er schließlich auf die einzige Idee, auf die ein Indianer in
+einem so verzweifelten Falle kommen kann. Er nahm sich vor, den
+verkohlten Handstumpf der Gottesmutter einfach abzusägen, eine neue Hand
+zu schnitzen und sie an dem Armstumpf anzuleimen. Er würde das dann
+alles schön dick bemalen, und wenn die Jungfrau endlich wieder hoch über
+dem Altar aufgestellt ist, wird niemand den Schaden bemerken.
+
+Nun würde freilich das Schnitzen der Hand einen Tag in Anspruch nehmen.
+Während dieser Zeit mußte freilich die Gottesmutter an ihrem alten
+Platze stehen, weil die Gemeindemitglieder, die zum Beten in die Kirche
+kamen, die Gottesmutter sofort vermißt haben würden, und weil das Beten
+ohne die Gottesmutter über dem Altar zwecklos und resultatlos gewesen
+wäre. Die Indianer müssen das leibhaftig vor sich sehen können, was sie
+anbeten sollen, andernfalls können sie sich auf ihre Gebete nicht
+konzentrieren und denken statt dessen an ihren Mais und an ihre Ziegen
+und Schafe. Dadurch wird nur das Heidentum gefördert.
+
+Cipriano kleidete also die Gottesmutter wieder an. Als das vollendet
+war, stellte er sie auf ihrem Platze über dem Altar wieder auf. Er
+ordnete die Kerzen so an, daß man in der Dämmerung der Kirche die
+verbrannte Hand nicht leicht sehen konnte, es wäre denn, daß man
+ziemlich dicht vor dem Altar stünde. Außerdem drapierte er eine Falte
+des Gewandes so, daß die Hand zum Teil bedeckt wurde; und weil das
+Gewand dunkelblau war, so war in der Tat der Schaden nicht leicht zu
+bemerken. Ehe der Pfarrer zurückkam, war die neue Hand angeleimt.
+Obgleich Cipriano wohl wußte, daß er damit eine Sünde begehe, so nahm er
+sich vor, seine sündhafte Fahrlässigkeit dem Pfarrer nicht zu beichten.
+Er würde die Sache einfach vergessen, und das, woran man sich nicht
+erinnert, braucht man ja nicht zu beichten. Weder hier noch anderswo.
+Würde ein Indianer überhaupt alles beichten, was er getan hat, so könnte
+ihm kein noch so gütiger Pfarrer die Absolution erteilen, und selbst
+Gott der Herr würde es sich noch sehr überlegen, ob er einem solchen
+Sünder derartige Untaten vergeben kann, und er, der Herr, wahrscheinlich
+zu der Überzeugung kommen, daß hier jede Hoffnung aufgegeben werden muß
+und es besser ist, die Indianer zu lassen, wie sie sind, und sich mit
+dem zu begnügen, was man bekommen kann.
+
+Die Gottesmutter stand auf ihrem Platze. Inzwischen war es Abend
+geworden. Cipriano öffnete die Kirche, und es kamen einige Frauen, um in
+Andacht zu schwelgen.
+
+Als dann die Stunde gekommen war, schloß Cipriano die Kirche und ging
+heim in seine Hütte, beruhigt in dem Bewußtsein, daß während der Nacht
+bestimmt nichts herauskommen würde.
+
+Er suchte sich ein passendes Stück Holz aus, und bei dem trüben Licht
+eines rußenden Blechlämpchens begann er, das Holz in die rohe Form einer
+Hand zurechtzuschnitzen. Die Feinheiten würde er dann bei hellem
+Tageslicht machen. Er war sicher, daß er die Hand vielleicht gar schon
+vor Mittag des nächsten Tages fertig haben würde. Die Figur brauchte ja
+nur während der Frühandacht an ihrem Platze zu stehen. Und am Abend war
+alles vielleicht schon angeleimt und sorgfältig bepinselt und bemalt. Es
+ging viel schneller, als er das in seiner ersten Bestürzung ausgerechnet
+hatte.
+
+Als er nun beim Schnitzen hockte und es weiter in die Nacht ging, erhob
+sich ein gewaltiges Unwetter. Der Donner rasselte von allen Seiten, und
+es dröhnte, als ob alle Himmel einstürzen wollten. Die Blitze fegten
+über das Firmament dahin und rissen die schwarze Nacht in gellende
+Fetzen auseinander.
+
+Ein frommerer Mann, als es Cipriano war, würde jenes Unwetter sofort in
+Verbindung mit der geschändeten Gottesmutter gebracht haben. Und der
+Pfarrer würde ganz sicher gesagt haben: „Na, da siehst du es ja,
+Cipriano, was du angerichtet hast. Die Strafe des Himmels ist über dir.
+Tue Buße und beuge dich unter der Allmacht des Höchsten.“
+
+Cipriano war gewiß recht fromm. Aber so fromm war er doch nicht, daß er
+auch nur für einen Augenblick lang geglaubt haben würde, daß jenes
+Unwetter die Folge seiner Fahrlässigkeit sein könnte. Er war ein viel zu
+guter Beobachter der Natur, als daß er sich zu einer so kindlichen
+Frömmigkeit hätte emporschwingen können. Denn er hatte bereits am frühen
+Nachmittag gesehen, daß sich schwere Gewitterwolken weit hinten am
+Horizont bilden, und er hatte zu Mateo und zu Panfilo, als sie eine
+Weile mit ihm im Kirchgarten schwatzten, gesagt: „Gebt gut acht,
+Muchachos, heute nacht bekommen wir ein verdammt schweres Gewitter, wie
+wir lange nicht gehabt haben; wer weiß, ob nicht ein paar Hütten brennen
+werden.“
+
+Und das hatte sich ein paar Stunden vorher zugetragen, ehe der
+Gottesmutter die Hand verbrannt wurde.
+
+Der Pfarrer freilich – Cipriano war lange genug im Dienst, um das zu
+wissen – würde gesagt haben: „Das hat die Gottesmutter alles
+vorausgewußt, was geschehen würde, darum hat sie das Gewitter
+rechtzeitig vorbereitet.“
+
+Darauf würde Cipriano, wie er das immer tat, geantwortet haben: „Si,
+Senjor Cura, das ist so, das ist wahr.“ Denn mit dem Senjor Pfarrer darf
+man nicht herumstreiten, das ist gegen die Religion; was der Senjor
+Pfarrer sagt, ist die Wahrheit. Bei sich würde Cipriano aber gesagt
+haben – und was man bei sich sagt, hört der Senjor Pfarrer ja nicht –,
+ja, bei sich würde er gesagt haben: „Gut, wenn die Gottesmutter das
+alles vorher gewußt hat, und sie hat es vorher gewußt, denn der Senjor
+Pfarrer sagt es ja, dann hat sie doch auch gewußt, daß sie von einigen
+schmutzigen Dorfhunden in das Feuer gestoßen werden wird. Sie wird doch
+das nicht etwa getan haben mit der Absicht, mir Unannehmlichkeiten zu
+bereiten. Man kann sich eben auf nichts mehr verlassen und man findet
+gar nicht mehr heraus. Am besten, man läßt alles, wie es ist.“
+
+Cipriano drehte sich eine Zigarette und rauchte. Er unterließ es, einige
+Dutzend Aves zu beten, damit das Unwetter vorübergehe, ohne hier Schaden
+anzustiften. Er wußte aus Erfahrung, daß das nicht viel hilft, und daß
+man am besten tut, das Unwetter sich austoben zu lassen, dann hört es
+von selbst auf. Er kennt einen Fall, es handelt sich um Lucina, die Frau
+des Pancho Lazcano, die vom Blitz erschlagen wurde, während sie den
+Rosenkranz betete. Also ist es besser, eine Zigarette zu rauchen und
+sich, in der offenen Tür der Hütte stehend, die Herrlichkeit des
+Unwetters anzusehen.
+
+Und während er eine Stelle am Himmel beobachtet, wo es sich aufzuklären
+beginnt und die Sterne bereits funkeln, kracht ein gewaltiger
+Donnerschlag über ihm, der ihn so erschüttert, daß er sich fest gegen
+einen Pfosten des Einganges halten muß, um nicht umzufallen.
+Gleichzeitig sieht er einen dicken Blitzstrahl herunterfegen, und, wie
+er genau sehen kann, direkt in das Kirchdach hinein. Er hört die
+Dachziegeln deutlich prasseln, und er wartet, daß im nächsten Augenblick
+die Kirche in hellem Feuer auflodern wird.
+
+Aber nichts geschieht. Die Kirche steht wieder vergraben in der tiefen
+Nacht. Der Donner ebbt ab. Die Blitze verzucken sich. Ein heftiger Regen
+setzt ein. Nach einer kleinen halben Stunde läßt der Regen nach, das
+Unwetter hat sich verzogen, und nur fern am Himmel schwebt hin und
+wieder ein Leuchten durch die Nacht.
+
+Cipriano steht noch in dem Eingang seiner Hütte. Da kommen einige Männer
+auf sein Haus zu, und sie fangen gleich an zu reden: „Hast du das
+gesehen, Cipriano, der Blitz hat in die Kirche eingeschlagen. Komm mit
+den Schlüsseln und öffne die Kirche. Wir wollen sehen, ob es nicht etwa
+drinnen irgendwo brennt. Jetzt ist noch Zeit, zu löschen.“
+
+Als die Männer zur Kirche kommen, sind dort schon viele Leute
+versammelt, und immer mehr kommen herbei, Männer, Frauen und Kinder. Sie
+kommen mit brennenden Tannenspänen und mit verräucherten Laternen. Alle
+Leute haben gesehen, wie der Blitz in die Kirche einschlug, und alle
+möchten sehen, ob er Unheil angerichtet hat.
+
+Cipriano schließt die Kirche auf, und die Männer suchen herum, ob sie
+irgendwo Feuer entdecken können. Aber nichts wird gefunden. Der Blitz
+ist offenbar kalt gewesen.
+
+Bis gegen Mitternacht bleiben die Leute vor der Kirche. Und ehe Cipriano
+die Kirche endgültig abschließt, suchen noch einmal alle Männer
+sorgfältig in der Kirche herum, ob nicht doch vielleicht irgendwo ein
+Feuer glimmt. Sie sind endlich überzeugt, daß keine Gefahr vorliegt. Und
+alle gehen heim, um sich niederzulegen.
+
+Am Morgen schließt Cipriano zu gewohnter Stunde die Kirche auf. Die
+Jungen bemühen sich um das Frühläuten. Cipriano zündet die Kerzen an.
+Frühe Beter kommen. Beinahe ohne Ausnahme Frauen und einige Kinder mit
+ihnen.
+
+Schnell wird es heller Tag.
+
+Zwei Frauen kommen nahe zum Altar, um dort ein besonderes Gebet zur
+Gottesmutter hinaufzusenden.
+
+Cipriano steht nahe der Tür, um Wasser in die Weihwasserbecken
+nachzufüllen.
+
+Plötzlich schreien die beiden Frauen vor dem Altar gellend auf, während
+sie sich gleichzeitig, wie rasend geworden, bekreuzigen.
+
+Cipriano wendet sich um und bekommt einen ungeheuerlichen Schreck. Auch
+er bekreuzigt sich jetzt und murmelt einige Ave-Marias schnell herunter.
+Er weiß, daß nunmehr alles entdeckt ist und daß er nur noch auf die
+Rückkehr des Pfarrers warten kann, um in allen Unehren seinen Abschied
+zu erhalten.
+
+Die Frauen vor dem Altar werden immer lauter, und alle übrigen Frauen,
+die in der Kirche sind, laufen hinzu, um zu sehen, was geschehen ist.
+Auch sie fallen sofort nieder und bekreuzigen sich.
+
+Die Kirche ist ja nicht so sehr groß. Und so kann Cipriano am andern
+Ende gut verstehen, was hier aufgeregt geredet wird. Um so leichter kann
+er es verstehen, weil die Frauen beinahe schreien. Er will nicht
+hinhören, weil er ja weiß, daß er nur seine Schande hören wird. Aber er
+fängt doch die Worte auf, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie
+zusammenzureimen.
+
+„Un milagro! Un gra-a-a-n mi-laaagro le paso! Por Santa Purisima!
+Virgencita! Senjora Nuestra! O Heilige, Allerreinste! O Heiliges
+Jungferchen! Ein Wunder ist geschehen! Ein großes Wunder!“
+
+Alle Frauen wenden sich um zu Cipriano, der noch immer an der Tür steht
+bei den Weihwasserbecken. Er weiß immer weniger, was er tun soll. Am
+besten ist es, er geht nach Hause, legt sich auf seinen Petate und sagt,
+er ist todkrank.
+
+Aber die Frauen lassen ihm keine Zeit, irgend etwas zu beschließen. Sie
+kommen auf ihn zugeeilt und zerren ihn zum Altar.
+
+Ihm ist nun alles gleichgültig geworden.
+
+Die Frauen packen ihn bei den Armen und schreien alle gleichzeitig auf
+ihn ein: „Siehst du das nicht, Cipriano? Hast du keine Augen für das
+große Wunder, das hier geschehen ist? Der Blitz hat in der vergangenen
+Nacht eingeschlagen, hier in die Kirche. Siehst du dort oben die
+durchgeschlagenen Dachziegel?“
+
+Cipriano blickt nach oben und nickt und nickt.
+
+„Ein Wunder! Ein großes Wunder ist uns aus Gnaden gegeben worden. Der
+Blitz wurde aufgefangen von der Hand des Jüngferleins. Ihre Hand hat die
+Heilige Jungfrau geopfert, um das Geheiligte Fleisch des Herrn in der
+Monstranz zu schützen und die Kirche vor dem Feuer zu bewahren. Ein
+Wunder! Un gran milagro!“
+
+Es vergingen keine drei Tage, da war die Kirche von Tausenden umlagert,
+von Indianern, von Mestizen, von Weißen.
+
+Cipriano konnte nun nichts mehr an der Sache ändern. Er kam zu der
+Überzeugung, daß vielleicht doch ein höherer Wille obwaltet, der die
+Geschicke auf Erden bestimmt.
+
+Die Kirche wurde eine fette Pfründe. Und eine fette Pfründe ist sie
+heute noch.
+
+Es ist menschlich durchaus zu verstehen, daß Cipriano niemals etwas
+sagte. Denn wie durfte er, der einfache Indianer, der weder lesen noch
+schreiben konnte, den Bischöfen und anderen großen Herren der Kirche,
+die hierherkamen, um Messe zu lesen und zu firmen, in das Gesicht hinein
+sagen, daß hier ein kleiner Irrtum unterlaufen sei. Die Bischöfe würden
+ihn ausgelacht haben, und sie würden gesagt haben, er sei zu alt
+geworden und darum schwach im Geist. Und als echter Vollblut-Indianer
+wußte er wohl zu schweigen, wo es nicht notwendig schien zu reden und wo
+gar kein Vorteil für irgend jemand darin lag, Dinge zu verwirren, die
+große geistliche Herren, tausendmal klüger als er, als zu göttlichem
+Recht bestehend betrachteten. Es war nicht seine Aufgabe, Religionen zu
+reformieren. Nach guter Indianerlebensauffassung dachte er, daß man die
+Dinge am besten läßt, wie sie sind, solange sie einem selbst keine
+Unbequemlichkeiten bereiten. Und daß er Unbequemlichkeiten durch seine
+Schweigsamkeit zu erdulden gehabt hätte, konnte nicht behauptet werden.
+Denn der Kirchendiener einer fetten Pfründe kann ein beschaulicheres
+Dasein führen als der einer armen indianischen Dorfgemeinde. Cipriano
+brauchte kein Holz mehr zu fällen und keine Holzkohle mehr zu brennen;
+und er brauchte sich nicht länger mehr mit den Aufkäufern der Holzkohle
+herumzuzanken, die für ewig das Gewicht der Waage fälschen und für ewig
+an den Preisen heruntergeizen. Und daß Hartholzfällen im Busch und
+Kohlebrennen in tropischer Glut eine große Freude sei und ein angenehmes
+Schicksal für einen Indianer, von dieser Lebensauffassung war Cipriano
+frühzeitig in seinem Dasein geheilt worden, viele, viele Jahre vorher,
+ehe er ein leises Mitleid für Judas Ischariot zu fühlen begann.
+
+Daß nicht alle Wundergottesbilder in dieser oder ähnlicher Weise
+entstanden sind, beweist nichts gegen die Wahrheit dieser Geschichte;
+denn es ist ganz und gar zwecklos, sich mit einem Islamiten der
+prophetischen Fähigkeiten Mohammeds wegen herumzustreiten.
+
+
+
+
+ SPIESSGESELLEN
+
+
+In Jalisco, wo er mehrere Male mit der Polizei in Berührung gekommen
+war, konnte sich Vicente Pliego nicht mehr halten, weil ein neuer
+Polizeidirektor eingesetzt worden war, der schnell und gründlich mit den
+kleinen Spitzbuben aufzuräumen begann. Mit den großen Spitzbuben war das
+nicht so leicht, weil sie teils Mitglieder der eigenen Familie des
+Polizeidirektors waren, und teils waren sie Diputados, die genügend
+Einfluß hatten, dem Polizeidirektor zur Absetzung zu verhelfen. Und weil
+Vicente Pliego mit den Großen nicht konkurrieren konnte, schob er sich
+für eine Zeit aus dem Licht und ging nach Mexiko City, wo er noch
+unbekannt war.
+
+Vicente Pliego war Mestize. Sein ordentlicher Beruf war Spitzbube. Er
+hatte nie einen andern Beruf gehabt und hoffte, nie genötigt zu werden,
+einen andern Beruf ergreifen zu müssen.
+
+In Mexiko hielt er sich eine Zeitlang mit Taschendiebstählen reichlich
+über Wasser. Er war ein guter Katholik, und darum machte er seine besten
+Geschäfte innerhalb der Kirchen. Er kniete sich andächtig, mit vielen
+geschlagenen Kreuzen beladend, neben kniende und inbrünstig betende
+Frauen und stahl ihnen die Handtaschen leer. Den knienden Männern zog er
+die Börsen aus den hinteren Hosentaschen und erleichterte sie um ihre
+Uhren. Die Opferstöcke zu berauben, hielt er für unkatholisch und
+schamlos, weil es andere erfolgreich besorgten, die geschickter waren
+als er und ihm mit Dolchstößen gedroht hatten, falls er versuchen
+sollte, ihnen in das Geschäft, das sie als ihr Privileg betrachteten,
+hineinzumanschen.
+
+Vicente hatte ein Mädchen kennengelernt, und ihretwegen brauchte er eine
+größere Summe; denn sie machte Ansprüche auf elegante Kleider, goldene
+Ohrringe, Armbänder und was ein Mädchen sonst gern haben will.
+
+Durch einen Chauffeur hörte er von einer sehr wohlhabenden Familie, die
+in einer der eleganten Avenidas der Condesa wohnte; und er beschloß,
+sich bei dieser Familie die Summe, die er benötigte, zu verschaffen. Er
+besuchte seinen Freund, den Chauffeur, und hierbei sah er sich im Hause
+um mit der klugen Vorsicht, das Betriebsfeld zu studieren.
+
+ * * * * *
+
+Überall in Mexiko gibt es Kirchen, in denen sich bestimmte Heilige
+befinden, die in langer Erfahrung sich den Ruf erworben haben,
+Spitzbuben, Einbrechern, Straßenräubern und Raubmördern freundlich
+gesinnt zu sein und ihnen ihren göttlichen Schutz nicht zu versagen,
+vorausgesetzt natürlich, daß man sie genügend anbetet und ihnen Kerzen
+und andere besonders gut klingende Opfergaben zu Füßen legt. Außerdem
+erwarten jene Heiligen, daß ihr Ruhm der Welt verkündet wird. Da der
+ungeweihte und der uneingeweihte Mensch keine Befugnis hat, solche
+Lobreden auf Heilige öffentlich oder gar in der Kirche zu halten, so ist
+der schlichte Gläubige genötigt, einen Brief zu schreiben und in dem
+Briefe dem Heiligen seinen Dank für die gewährte Hilfe auszusprechen,
+dabei zu erwähnen, welcher Art die Hilfe war, und dann diesen Brief
+offen, für jeden anderen Gläubigen sichtbar, dem Heiligen mit einer
+Stecknadel an die Kutte oder den Samtmantel anzupicken.
+
+Vicente hatte in der Nähe des Marktes Merced eine Wahrsagerin
+angetroffen, der er fünfzig Centavos bezahlte, um von ihr zu erfahren,
+welcher Heilige ihm wohl für seine besonderen Geschäfte am günstigsten
+gesinnt sei. Die Wahrsagerin kannte ihren Mann sofort – warum wäre sie
+sonst Wahrsagerin? –, und sie gab ihm den Namen der Kirche und den Namen
+des Heiligen, der für seine speziellen Bedürfnisse in Frage käme, sagte
+ihm, in welcher Nische der Heilige zu finden sei, wie er aussehe und
+wieviel er für seine Mitwirkung erwarte.
+
+Die Kirche befand sich nahe dem Barrio de la Bolsa, jenem Stadtviertel
+in Mexiko, das als das gefährlichste Räuber-, Mörder- und
+Spitzbubenstadtviertel in der ganzen Welt berüchtigt und verrufen ist.
+Es gilt als verwegener denn irgendein ähnliches Stadtviertel in New
+York, Chikago, San Franzisko, London oder Paris. Fremde und Touristen,
+die nach Mexiko kommen, werden stets dringend gewarnt, jenes
+Stadtviertel weder bei Tage noch bei Nacht aufzusuchen, weil für ihr
+Geld und ihre Kleidung, einschließlich Hemd, gar nicht und für ihr Leben
+so gut wie nicht gebürgt werden kann. Hier pflegen die Mörder für
+politische und private Angelegenheiten gemietet zu werden. Hier werden,
+laut Polizeibericht, kleine Mädchen von sechs Jahren öffentlich in den
+Pulquerias an den Meistbietenden versteigert und meist von ihren eigenen
+Eltern oder ihren nächsten Anverwandten. Hier werden, ebenfalls laut
+Polizeibericht, einjährige Kinder gebraten und ihr Fleisch verkauft und
+gekauft als „Carne del Ninjo“, Kinderfleisch. Und alle die Menschen, die
+hier leben, haben ihren Rosenkranz in der Tasche und ein von dem Pfaffen
+geweihtes Amulett um den Hals hängen; und jeden Tag, ohne einen
+auszulassen, gehen sie wenigstens einmal für zehn Minuten in eine der
+zahlreichen Kirchen des Distrikts, um sich mit Weihwasser zu besprengen
+und ihre Kniebeugen vor der Gottesmutter und ihre Pflichtbekreuzigungen
+zu machen. Das Stadtviertel ist heute umgetauft, damit die Touristen es
+nicht finden sollen; denn alle Reiseführer tragen noch die frühere
+richtige Benennung. Ein Mann in Würden in Mexiko, der den mexikanischen
+Proletariern und ihrem heldenhaften Kampf um ihre geistige und
+wirtschaftliche Befreiung offenbar nicht freundlich gesinnt ist, hat der
+Hauptstraße in jenem verrufenen Viertel jetzt offiziell den Namen
+„Avenue der Arbeit“ verliehen, wie er dem schmutzigsten Stadtviertel, in
+dem nicht eine Straße gepflastert ist, wo weder Kanalisation noch
+Wasserspülung ist und wo infolgedessen der widerwärtigste Unrat offen in
+den Straßen liegt und offen von bedürfnisgedrängten Männern und Frauen
+und Kindern zu jeder Tageszeit hingelegt wird, weil jede andere
+Ablagerungsgelegenheit fehlt, den Namen „Colony der Arbeiter“ gab. Durch
+eine Veränderung des Namens allein kann man aber aus einem Mädchen
+keinen Jungen machen. Und so, wenn heute neugierige Touristen in Mexiko
+fragen: Wo ist denn das verrufenste Verbrecherviertel hier?, so wird
+ihnen wahrheitsgemäß geantwortet: Das ist die Avenue der Arbeit. Und
+fragen die Touristen: Wo ist hier das schmutzigste, das verwahrloseste
+und das stinkigste Stadtviertel?, so heißt die wahrheitsgetreue Antwort:
+Das ist die Colony der Arbeiter. Damit ist erreicht, was jener
+Straßenumtaufer in seinem Haß und in seiner Verachtung gegen das
+mexikanische Proletariat erreichen wollte; und er bewies dadurch, daß es
+viele wirksame Methoden gibt, mit denen selbst unter einer ehrlich
+arbeiterfreundlichen Regierung konservative Bürokraten erfolgreich
+arbeiten können.
+
+ * * * * *
+
+Vicente machte sich sofort auf, um sich mit seinem neugewonnenen
+Heiligen anzufreunden. Er fand ihn offenbar willig und bereit, ihm
+seinen himmlischen Beistand nicht zu versagen. Vicente kniete nieder,
+sagte andächtig alle die Gebete herunter, die jenem Heiligen laut
+Gebetbuch zustehen, und erklärte ihm, was er vorhabe und in welcher Form
+er die Mithilfe erwarte. „Wenn alles gut geht, wenn ich mit allem gut
+herauskomme und ich nicht erwischt werde, will ich dir zwanzig Kerzen
+opfern und fünfundzwanzig Prozent des Geschäfts“, versprach Vicente, im
+Gebete flüsternd, dem Heiligen. Dann fügte er noch eine Reihe Gebete
+hinzu, stellte dem Heiligen vier neue Kerzen auf den Altar, bekreuzigte
+sich und ging. Ging mit der Überzeugung, daß er jetzt den geplanten
+Einbruch erfolgreich begehen könne, auch wenn zwei Polizisten vor dem
+Hause stehen sollten.
+
+Zwei Tage darauf erhielt er von seinem Freunde, dem Chauffeur, die
+Mitteilung, daß er, der Chauffeur, seine Herrschaften zu einer
+Geburtstagsfeier nach San Angel zu fahren habe und daß die Herrschaften
+ganz bestimmt nicht vor zwei Uhr morgens zurück sein würden; das
+Hauspersonal habe Urlaub für die Lichtspiele und komme nicht zurück vor
+zwölf Uhr.
+
+Vicente machte das alles allein, ohne jegliche Mithilfe.
+
+Am Morgen darauf sah sich Vicente im Besitze von etwa
+zweitausendvierhundert Pesos, zwei Uhren, einigen Ringen, einem goldenen
+Zigarettenbehälter und noch so einigen Kleinigkeiten, wie sie bei einem
+solchen Besuch gewöhnlich als Dreingabe mit abzufallen pflegen.
+
+Es war alles gut gegangen. Ein Polizist hatte ihn herauskommen sehen,
+aber nichts gesagt und gewiß auch nichts vermutet. Und weil alles so
+vortrefflich und ruhig und ohne Revolverschießerei abgegangen war,
+erinnerte sich Vicente des Versprechens, das er dem Heiligen gegeben
+hatte.
+
+Er ging zu einem Evangelisten in den Kolonaden der Plaza del Santo
+Domingo und ließ sich den Danksagebrief an den Heiligen mit der
+Schreibmaschine schreiben, und er bestand darauf, daß die wichtigen
+Stellen des Briefes mit rotem Band getippt werden sollten. Der
+Evangelist berechnete dafür, obgleich er keine besondere Arbeit hatte,
+weil das Band zweiteilig war, einen Peso extra.
+
+Aber Vicente konnte nicht sofort zu dem Heiligen gehen, weil er eine
+Verabredung mit seinem Mädchen hatte, und diese Verabredung verzögerte
+sich immer mehr und mehr, bis es endlich zu spät war, zu jener Kirche
+hinauszugehen. Dagegen bezahlte er am selben Abend noch seinem Freunde,
+dem Chauffeur, die ausgemachte Belohnung.
+
+Als endlich, am nächsten Nachmittag, sich Vicente aufs neue seiner
+Pflicht gegenüber dem Heiligen erinnerte, fand er, daß die Verabredungen
+mit seinem Mädchen und den damit verknüpften Einkäufen so viel gekostet
+hatten, daß er dem Heiligen auf keinen Fall die fünfundzwanzig Prozent
+vom Reingewinn bezahlen konnte, also etwa sechshundert Pesos, die in den
+Opferstock gelegt werden sollten. Er hatte zwar noch etwa siebenhundert
+Pesos, aber wenn er davon dem Heiligen sechshundert abgab, dann war es
+morgen schon aus mit weiteren Verabredungen mit seinem Mädchen. Er kam
+zu der Überzeugung, daß der Heilige ja von großer Güte sei und von einem
+großen Verständnis für die Schwächen der Menschen, und daß er sich gewiß
+mit zweihundert Pesos, vielleicht mit hundertfünfzig Pesos durchaus
+begnügen werde.
+
+Vicente schob also am folgenden Vormittag hinaus zu der Kirche, kniete
+nieder, verrichtete seine Gebete, hängte dem Heiligen den schönen rot
+und blau geschriebenen Danksagebrief an und begann nun die Pesos, je ein
+silbernes Ein-Peso-Stück nach dem andern, in den Schlitz des
+Opferkastens zu stecken. Das dauerte eine gute Weile.
+
+Er war nicht der einzige Mensch, der vor dem Heiligen kniete; denn es
+gab ja mehr Spitzbuben in Mexiko als nur einen. Die Nicht-Spitzbuben
+hatten wieder andere Heilige, je nach ihren Bedürfnissen. Oft wußten
+freilich auch die Nicht-Spitzbuben nicht ganz genau, ob die Sache, für
+die sie ihren Heiligen um Beistand anflehten, nicht eigentlich mehr in
+das Spezialgebiet jenes anderen Heiligen, den sich Vicente erwählt
+hatte, gehört hätte.
+
+Weil nun Vicente nicht der einzige Betende war, so achtete er wenig
+darauf, wer die andern waren, die vor demselben Heiligen knieten und
+beteten. Er sah da einen Mann knien, der gleichfalls zum selben Handwerk
+zu gehören schien. Der Mann stand auf und sah sich oberflächlich die
+Briefe an, die dem Heiligen angeheftet waren. Er schien die Briefe alle
+gut zu kennen, denn er sah sofort, daß ein neuer Brief angehängt war,
+und er hatte auch gesehen, wer ihn angehängt hatte. Und er sah ferner,
+daß Vicente dort einen Peso nach dem andern in den Kastenschlitz
+steckte. Er war wieder niedergekniet und betete mit tiefer Inbrunst und
+mit unzähligen Bekreuzigungen.
+
+Vicente war inzwischen mit dem Bezahlen zu Ende gekommen. Er hatte noch
+einige zwanzig Pesos von der Belohnung heruntergehandelt, weil es ihm
+zuletzt dumm vorkam, die schönen Pesos dort nur immer so
+hineinzuschieben.
+
+Nun kniete er wieder nieder, um die Abschiedsgebete herunterzuflöten. Er
+zischte sie mit großer Schnelligkeit von dannen, weil er sich erinnerte,
+daß er mit seinem Mädchen eine frühere Verabredung getroffen hatte, was
+ihm gerade in diesem Augenblick einfiel.
+
+Jener Mann, der zum selben Handwerk gehörte und ebenso dringend seine
+Angelegenheiten dem Heiligen ans Herz legte, wie Vicente es getan hatte,
+kniete noch immer. Aber jetzt endlich schien er fertig zu sein. Er
+machte noch eine Anzahl Kreuze über sich her, dann stand er auf und ging
+hinaus. Draußen vor der Kirche winkte er einen Mann heran, der dort
+gelangweilt herumstand, eine Zigarre rauchte und einen Spazierstock
+trug, von dem er anscheinend nicht wußte, was er damit machen sollte,
+denn er warf ihn von einem Arm in den andern, schleuderte ihn in der
+Luft herum, hielt ihn wie ein Gewehr, dann wie einen Besen, dann kratzte
+er damit auf den Steinen herum, dann schabte er sich mit ihm hinter den
+Ohren, und was man sonst noch so alles mit einem Spazierstock machen
+kann, wenn man nicht als Kind schon gelernt hat, daß ein Spazierstock
+nur einen Zweck hat: ihn irgendwo stehenzulassen und schnell
+auszurücken, daß er einem nicht etwa nachgebracht werden kann. Also so
+war der Mann da draußen. Er hatte einen Spazierstock. Und er rauchte
+eine Zigarre. Diese Art Leute sind auf der ganzen Welt völlig gleich.
+Man erkennt sie auf zweihundert Schritt, und man erkennt sie leichter
+als die uniformierten Polizisten, von denen man oft nicht weiß, ob sie
+von einem Maskenball übriggeblieben sind oder ob sie als die neue
+Schutz- und Ordnungstruppe nach dem oberen Kongo geschickt werden
+sollen.
+
+Aber, und das ist der Punkt, der Mann, der auch zum Handwerk gehörte,
+auch vor dem Heiligen andächtig kniete und Kreuze machte, versteht alle
+Danksagebriefe, die dem Heiligen an seinen Plüschmantel gepickt werden,
+viel besser zu lesen, als der geschickteste Spitzbube mit Hilfe des
+besten Evangelisten sie je wird schreiben können. Der Spitzbube muß doch
+wenigstens, wenn auch noch so umschrieben und geheimnisvoll, andeuten,
+was der Heilige für ihn getan hat, denn andernfalls weiß der Heilige ja
+gar nicht, was los ist, und er verwechselt die Briefe, die Gelder und
+die Namen und hilft aus reinem Versehen nicht dem, der am besten zahlt
+und die schönsten Ruhmbriefe schreibt, sondern dem, der am schäbigsten
+mit den Kerzen, mit den Lobesbriefen und mit den Geldern ist. Die
+Polizei betet auch zu dem Heiligen, so gut wie die Spitzbuben. Und wenn
+der Polizei gemeldet wird, vorgestern nacht wurde in einem bestimmten
+Hause eingebrochen und das und jenes gestohlen, und der Spitzbube wurde
+nicht erwischt, dann geht ein Polizist in Zivil auf den Volador, auf den
+Diebsmarkt, wo die gestohlenen Sachen gehandelt werden. Ein zweiter
+Polizist geht in bestimmte Kirchen, wo er seine Heiligen alle kennt.
+Wurde der Spitzbube nicht erwischt, dann kommt er sich beim Heiligen
+bedanken, wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Aber er kommt,
+denn er ist ein guter Katholik, der an die Hilfsbereitschaft seiner
+Heiligen glaubt und ihnen zu Dank verpflichtet ist.
+
+Der Chauffeur war gestern schon in Haft genommen worden, weil die
+Polizei ja sehr dumm sein mag, aber doch nicht so dumm, daß sie nicht
+nach wenigen Stunden weiß, daß jemand, der zum Hause gehört, jemandem,
+der nicht zum Hause gehört, etwas erzählt haben muß, wann das Haus
+verlassen ist und wo das laufende Geld aufbewahrt wird.
+
+Und Vicente, der treue Gläubige, schreibt in seinem Danksagebrief in
+roter Schrift und vertrauensvoll und kameradschaftlich: – – und ich
+küsse Dich, Santito mio, auf Dein Herz aus Dankbarkeit, daß Du mir einen
+so guten Freund in den Weg sandtest wie meinen Freund, der Ch...r Pancho
+L., und ich bitte Dich aus tiefstem Herzen, auch ihn zu schützen und mit
+Deinen Gnaden zu überhäufen, und ich preise – –. Selbst wenn die Polizei
+gar kein Interesse daran hat, ob die Spitzbuben gefangen werden oder
+nicht, denn das Geld ist ja auf alle Fälle fort, so kann sie doch nicht,
+wenn sie auch nur einen Funken von Berufsstolz hat, sich einen
+derartigen Brief direkt vor die Nase kleben lassen und dann sagen: wir
+bedauern, mit der Verhaftung des Chauffeurs einen groben Irrtum begangen
+zu haben. Polizei und Richter begehen keine Irrtümer. Wenn jemand
+hingerichtet wurde, und es stellt sich später heraus, daß er unschuldig
+hingerichtet wurde, so war es seine eigene Schuld; warum hatte er sich
+so nahe hingestellt, daß man glauben mußte, er sei schuldig. Wo ein
+Verbrechen geschieht, geht man rechtzeitig fort, dann kann man nie
+unschuldig verhaftet werden.
+
+Alle diese so wunderbaren Untersuchungen und Erwägungen und tiefen
+Gedanken aus dem Gebiete der Justizpflege waren weder Vicente bekannt
+noch seinem treuen Freunde, dem Chauffeur. Sie beide werden beim
+nächsten Male alles ganz genau wieder so machen, wieder Briefe an den
+Heiligen schreiben und wieder vor dem Heiligen knien.
+
+Es war ihnen bald klar, warum der Heilige versagt hatte.
+
+Im Belen-Gefängnis trafen sich Vicente und der Chauffeur. Keiner hatte
+den andern verraten. Sie waren bessere Freunde als vorher.
+
+„Ich verstehe nicht“, sagte der Chauffeur, „wenn dich dein Santo so ganz
+und gar im Stich gelassen hat.“
+
+„Ich weiß es, warum“, sagte Vicente gedrückt. „Ich bin doch glänzend aus
+dem Hause gekommen. Aber verflucht, dann habe ich eben die große
+Dummheit gemacht. Ich hatte dem Santo fünfundzwanzig Prozent
+versprochen. Weißt du, wieviel ich ihm gegeben habe, Chato? Achtzig
+Pesos, und davon habe ich ihm auch noch zwanzig Pesos abgezogen, und die
+zwanzig Kerzen habe ich ihm auch nicht gebracht.“
+
+„Da freilich“, sagte der Chauffeur, „wundert’s mich nicht mehr, warum
+wir hier sitzen. Für das Geld konnte er das mit dem allerbesten Willen
+nicht machen. Das hättest du doch wirklich wissen können. Wenn ich es
+dafür nicht gemacht habe, wie kannst du es denn dann von deinem Santo
+erwarten? Einen solchen Dummkopf, wie du bist, habe ich lange nicht
+gesehen.“
+
+
+
+
+ DIE GESCHICHTE EINER BOMBE
+
+
+Der Indianer Eduardo Llaca hatte drei hübsche Töchter. Alle drei
+heiratsfähig, die jüngste dreizehn, die älteste sechzehn Jahre alt.
+Eines Tages kam zu ihm der Indianer Guido Salvatorres, der hier am Orte
+mehrere Wochen im Busch gearbeitet und für etwa fünfzig Pesos Holzkohle
+gebrannt hatte. Nachdem er sich ein neues Hemd, eine neue Hose und einen
+neuen Hut gekauft sowie der alten Negerin, wo er in Kost gewesen war,
+die Rechnung bezahlt hatte, blieb ihm nicht viel übrig.
+
+Am Samstag war Tanz gewesen, der bis zum Morgen dauerte und bei dem
+Salvatorres die drei hübschen Mädel kennengelernt hatte, aber sehr wenig
+Gelegenheit bekam, mit ihnen zu tanzen, weil die andern Burschen immer
+viel flinker waren als er.
+
+Den Sonntag hatte er gebraucht, um einen Gedanken zu bekommen. Und
+dieser Gedanke arbeitete an ihm Montag, Dienstag und Mittwoch. Am
+Donnerstag war der Gedanke so reif geworden, daß er am Freitag klare
+Gestalt annehmen konnte und seinen Erzeuger am Samstag zu jenem Vater
+führte. – „Welche willst du denn haben?“ fragte Llaca.
+
+„Diese da!“ sagte Salvatorres, wobei er auf Bianca zeigte, die gerade
+vierzehn Jahre alt war und die das hübscheste Gesicht hatte.
+
+„Das glaube ich dir, die würde dir wohl schmecken. Wie heißt du denn
+übrigens?“
+
+Nachdem Salvatorres seinen vollen Namen, den er wohl nennen, aber nicht
+buchstabieren konnte, hergesagt hatte, fragte ihn der Vater, wieviel
+Geld er habe.
+
+„Achtzehn Pesos“, sagte er. Das war doppelt soviel, als er wirklich
+besaß. „Da kannst du Bianca nicht haben, ich brauche eine neue Hose, und
+die Alte hat keine Schuhe. Wenn du so hoch hinaus willst und es auf
+Bianca abgesehen hast, können wir nicht in Lumpen herumlaufen. Eine Hose
+für mich und ein Paar neue Schuhe für die Alte, oder wir können dich in
+der Familie nicht gebrauchen. Gib mir mal Tabak.“
+
+Nachdem die Zigaretten gerollt und angezündet waren, sagte Salvatorres:
+„Ich kann auch die da nehmen!“ Diesmal zeigte er auf Elvira, die älteste
+unter den dreien.
+
+„Du bist nicht dumm, Salvatorres. Sage, hast du denn Arbeit?“
+
+„Ich habe einen Esel.“
+
+„Kein Pferd?“
+
+Diese Fragen nach seinem Vermögen setzten Salvatorres ein wenig in
+Verlegenheit. Er spuckte ein paarmal aus und sagte dann: „Ich habe einen
+Onkel, der arbeitet in einer Mine bei Torreon. Da gehe ich rauf, wenn
+ich eine Frau habe, und warte, bis auch ich in der Mine arbeiten kann.
+Man kann dort leicht drei Pesos den Tag verdienen.“
+
+„Drei Pesos ist hübsches Geld“, sagte der Alte. „Aber die achtzehn
+Pesos, die du hast – damit können wir nicht einmal die Hochzeit machen.“
+
+„Soviel kann doch die gewiß nicht kosten. Einen Pfarrer können wir nicht
+nehmen, und die Lizenz für das Standesamt können wir auch nicht
+bezahlen.“
+
+„Freilich nicht“, sagte der Alte, „soviel Geld gibt es gar nicht. Aber
+wir müssen doch wenigstens zwei Musikanten haben für den Tanz und zwei
+Flaschen Tequila, sonst sagen die Leute uns nach, Elvira sei überhaupt
+gar nicht verheiratet, sondern sei nur mit dir davongelaufen. Und so
+etwas machen meine Töchter nicht. Warte nur ja darauf nicht, dann kannst
+du alt werden.“
+
+Es wurde dann hin und her gerechnet, daß Salvatorres noch drei Wochen
+oder vier im Busch Kohle brennen solle, um das Geld zusammenzuhaben für
+die Musikanten, den Tequila, ein Kilo Kaffee, drei Kilo Zucker, ein Paar
+Schuhe für die Mutter und eine Hose für den Vater. Als er damit
+einverstanden war, wurde ihm erlaubt, daß er hier in Kost gehen könne
+bei den zukünftigen Schwiegereltern, wofür er ein Drittel weniger zu
+bezahlen habe als bei der Negerin; man wolle ihn inzwischen schon als
+Sohn anerkennen, er möge sich dort in der freien Ecke ein Schlafgestell
+einrammen, und wenn er eine zweite Decke kaufen wolle für Elvira, so
+könne sie schon bei ihm schlafen, damit nicht so viele Umstände gemacht
+zu werden brauchen, denn verhindern ließe es sich ja doch nicht. Nachdem
+Salvatorres auch diese Decke für Elvira zugestanden hatte, wurde Elvira
+selbst, die wie alle Familienmitglieder der ganzen Verhandlung
+beigewohnt hatte, gefragt, ob sie etwas einzuwenden habe. „Ich würde
+ganz gern nach Torreon gehen“, war ihre Antwort, und damit war diese
+wichtige Familienangelegenheit erledigt.
+
+Auf alle Fälle fehlten Salvatorres jene neun Pesos, die er sich in die
+Tasche gelogen hatte. In den vier Wochen, die er zu arbeiten hatte, ging
+auch das Hemd in die Brüche, und für die Hochzeit mußte er unbedingt ein
+neues haben. Diese beiden Tatsachen waren die Ursache, daß einem in der
+Nähe wohnenden amerikanischen Farmer eines Tages zwei Kühe fehlten, die
+nie wiederkamen.
+
+Nachdem der Tanz gewesen war, der alte Llaca sich betrunken hatte, er
+eine neue gelbe Zwirnhose und seine Senjora ein Paar neue Schuhe
+besaßen, war Elvira die rechtmäßige Gattin des Salvatorres, die ihm
+niemand entführen oder verführen durfte, ohne seine Ehre zu verletzen
+und seinen Zorn hervorzurufen. Salvatorres packte seine beiden Decken,
+einen Kaffeekessel, seinen Machete, seine Axt und seine Elvira auf den
+Esel und wanderte in die Minengebiete von Torreon.
+
+Nur eine Woche lungerte er herum, dann bekam er Arbeit in einer
+Kupfergrube. Die Arbeit war schwer, aber er fürchtete sich nicht davor.
+In der freien Zeit, die er hatte, baute er sich eine Hütte, in der er
+mit seiner Elvira ein glückliches Leben führte. Sie kochte ihm das
+Essen, wusch seine Wäsche, flickte ihm seine Hosen, prickte ihm die
+Sandflöhe aus den Füßen und wärmte ihm in den kalten Nächten, die in
+jener Berggegend so häufig sind, das Bett. Er fühlte sich wohl, betrank
+sich nie, und sie hatte keinen Grund zu irgendwelcher Klage.
+
+Vielleicht wäre das ein ganzes Menschenleben so geblieben, wenn nicht
+eines Tages ein Bursche mehr in Elvira entdeckt hätte, als Salvatorres
+je fähig war, in ihr auch nur zu ahnen. Als Salvatorres jenes Abends
+heimkam, war Elvira ausgeflogen. Und da sie die schöne Decke, ihr
+zweites Hemd, ihre beiden Kleider und den Kamm mitgenommen hatte, wußte
+Salvatorres, daß es für immer war, daß sie nicht daran dachte, die
+eheliche Gemeinschaft mit ihm fortzusetzen.
+
+Die Hütten der eingeborenen Bevölkerung sind nicht imstande,
+irgendwelche Geheimnisse zu verbergen. Nachdem Salvatorres etwa zwei
+Dutzend Hütten abgesucht hatte, fand er die richtige. Er hörte seine
+Elvira darin lachen und schwatzen. Er spähte durch die Wände und
+erblickte Elvira schmeichelnd an der Seite ihres Neuerwählten sitzen.
+Sie war in vortrefflicher Laune. Außer diesem Paar waren noch zwei
+andere junge Paare in derselben Hütte. Alle waren lustig und guter
+Dinge, und sie hatten sich zu einem gemütlichen Abendschwätzchen
+zusammengefunden. Der Name Salvatorres wurde gar nicht erwähnt, sein
+Träger war ausgelöscht aus dem Gedächtnis dieser lustigen Leutchen.
+
+Die wahren Motive einer Handlung zu ergründen, die der Angehörige einer
+Rasse begeht, die nicht die unserige ist, ist ein törichtes Beginnen.
+Vielleicht finden wir das Motiv, oder wir mögen glauben, daß wir es
+gefunden haben, aber wenn wir versuchen, es zu begreifen, es unserer
+Welt- und Seeleneinstellung nahezubringen, stehen wir ebenso
+hoffnungslos da – vorausgesetzt, wir sind ehrlich genug, es
+einzugestehen –, genau so, als wenn wir in Stein eingegrabene
+Schriftzeichen eines verschollenen Volkes entziffern sollen. Der
+Angehörige der kaukasischen Rasse wird, wenn als Richter über die
+Handlung des Angehörigen einer andern Rasse gesetzt, immer ungerecht
+sein.
+
+Was Salvatorres jetzt tat, kann lediglich in der Handlung und in der
+Wirkung mitgeteilt werden. Eine Erklärung für seine Handlung zu geben,
+würde eine Untersuchung nötig machen, die ein dickes Buch füllen würde.
+
+Als er sich davon überzeugt hatte, daß seine Elvira sehr glücklich war,
+offenbar viel glücklicher und viel verliebter, als er sie jemals gesehen
+hatte, solange sie seine Frau war, daß also keine Hoffnung blieb, sie je
+wieder als Ehegesponst zu haben, beschloß er, einen dicken Strich unter
+diesen Abschnitt seines Lebens zu ziehen.
+
+Mit der ganzen Geschicklichkeit und Intelligenz, die den mexikanischen
+Indianern eigen ist, fabrizierte er in überraschend kurzer Zeit eine
+ausgezeichnete Bombe aus den denkbar primitivsten Mitteln. Um ihre
+Wirkung ganz sicher zu machen, arbeitete er sich mit großer Mühe in die
+Werkzeugbude, verschaffte sich das Dynamit, das Hütchen und die
+Zündschnur. Als alles fertig war, schlich er sich wieder zu jener Hütte,
+wo die lustige Gesellschaft noch immer beisammen war und wahrscheinlich
+im Sinne hatte, dort zu übernachten. Türen haben diese Hütten ja nicht,
+und so war es eine einfache Sache, die Bombe, nachdem die Zündschnur gut
+Feuer gepackt hatte, in die Hütte zu schleudern.
+
+Nachdem das geschehen war, verließ Salvatorres die Nähe der Hütte und
+ging ruhig nach Hause, um sich zu Bett zu legen. Was ein Mensch nur tun
+konnte, um eine Bombe wirkungsvoll zu machen, das hatte er getan. Das
+Resultat kümmerte ihn nicht. Ging die Bombe auf, war es recht, ging sie
+nicht auf, war es auch recht. Nachdem die Bombe verfertigt und sachgemäß
+an die richtige Stelle gebracht worden war, hatte die ganze
+Ehegeschichte jegliches Interesse für ihn verloren. Morgen und für den
+Rest ihres ganzen Lebens waren Elvira und ihr neuer Gatte und alle, die
+bei diesem Drama bewußt oder unbewußt helfend mitgewirkt hatten, vor dem
+Zorn Salvatorres so sicher, als ob er nicht existierte. Für ihn war der
+Fall Elvira gänzlich abgetan.
+
+Nicht aber so für die lachende Gesellschaft in der Hütte.
+
+In den Bergwerksgegenden Mexikos weiß jeder Indianer und jede
+Indianerin, was es zu bedeuten hat, wenn sie plötzlich eine alte
+Konservenbüchse sehen, an der eine schmökende Zündschnur hängt. Die
+Bombe sehen und raus aus der Hütte, ohne ein Wort zu sagen, ohne auch
+nur einen Warnungsschrei auszustoßen, dauerte nur den Bruchteil einer
+Sekunde. Dann erfolgte eine fürchterliche Explosion, die die Hütte
+splitterweise einige hundert Meter weiter fortschleuderte.
+
+Elvira und ihre neue Liebe waren mit dem Schrecken, der keine ernste
+Folgen bei ihnen zurückließ, davongekommen. Auch die übrigen Leutchen
+waren heil, bis auf eine der anderen beiden jungen Frauen, die in dem
+Augenblick, als die Bombe auf der Bildfläche erschien, sich in einer
+Ecke gerade mit den Kaffeetassen beschäftigte und deshalb weder die
+Bombe noch den wortlosen Abschied ihrer Gäste bemerken konnte. Diese
+bedauernswerte Tochter Mexikos machte die Reise der Hütte mit, und da
+sie sich in der kurzen Zeit nicht so rasch entscheiden konnte, mit
+welchem Teil der Hütte sie die Fahrt machen möchte, landete sie
+stückweise an zwanzig verschiedenen Stellen der Umgegend.
+
+Zwei Tage später erschien auf dem Arbeitsplatze des Salvatorres ein
+Polizeibeamter. Das Verhör ging vor sich, ohne daß sich Salvatorres in
+seiner Arbeit viel stören ließ. Nur dann gerade, wenn er sich sowieso
+die Zeit nahm, um sich eine Zigarette zu rollen, gab er genügend
+Auskunft.
+
+„Sie haben da in die Hütte des Juan Guennel eine Bombe geworfen?“
+
+„Das ist richtig. Das geht aber Sie gar nichts an. Das ist eine reine
+Familienangelegenheit.“ Salvatorres ist in seinem guten Recht.
+
+„Bei dieser Bombengeschichte ist aber eine Frau getötet worden.“
+
+„Das weiß ich, das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das ist meine Frau,
+und ich denke doch, daß ich mit meiner Frau machen kann, was ich will,
+denn sie kriegt doch von mir das Essen und die Kleider, und die Musik
+für die Hochzeit habe ich auch bezahlt.“ Salvatorres ist abermals in
+seinem guten Recht.
+
+„Es ist aber nicht Ihre Frau Elvira, die getötet wurde, sondern die Frau
+des Juan Guennel.“
+
+„Dann geht mich die ganze Geschichte überhaupt gar nichts an. Die Frau
+des Juan kenne ich gar nicht, die hat mir gar nichts getan, und wenn die
+dabei draufgegangen ist, dann war das nicht meine Absicht, das ist dann
+ein Unglücksfall. Und für Unglücksfälle bin ich nicht verantwortlich.
+Die Guennel Frau konnte ja besser achtgeben.“
+
+Damit ist für Salvatorres die Angelegenheit erledigt. Seine Zigarette
+ist aufgeraucht, er wirft den Stummel fort, nimmt eine Pickhacke und
+wütet gegen den Berg.
+
+Acht Tage darauf ist die Gerichtsverhandlung. Salvatorres hat sich wegen
+Mord zu verantworten. Die Geschworenen sind indianische Arbeiter, wie er
+einer ist. Irgend jemand hat ihm gesagt: „Im Gerichtssaal hältst du
+einfach die ganze Zeit das Maul. Entweder du sagst kein einziges Wort
+oder, wenn du schon was sagst, antwortest du immer nur ‚Das weiß ich
+nicht‘.“ Daran hält sich Salvatorres. Im großen und ganzen ist ihm das
+alles ganz egal. Wird er verurteilt, ist es ihm recht, wird er
+freigesprochen, ist es ihm auch recht. Er rollt sich seine Zigaretten
+und macht sich in dem Gerichtssaal einen faulen Tag. Auch die
+Geschworenen rauchen frischweg; wenn man es ihnen verböte, würden sie
+nach Hause gehen, und man hätte keine Geschworenen.
+
+„Der Angeschuldigte hat den Mord eingestanden. Der hier als Zeuge
+anwesende Beamte hat den Angeschuldigten an seinem Arbeitsplatze
+vernommen, und die Tat ist ohne weiteres zugegeben worden.“
+
+Der öffentliche Ankläger vertritt eine klare, sichere Sache; er hat so
+gut wie gar keine Arbeit.
+
+Ein Geschworener läßt Salvatorres durch den Vorsitzenden fragen, ob er
+den Mord eingestanden habe.
+
+„Das weiß ich nicht“, sagt Salvatorres. Darauf setzt er sich wieder und
+raucht weiter.
+
+Ein anderer Geschworener wünscht das Protokoll zu sehen, in dem
+Salvatorres unterschrieben hat, daß er dem Beamten gegenüber die Tat
+nicht geleugnet habe.
+
+„Das Protokoll ist nur von dem Beamten unterzeichnet, da Salvatorres
+weder lesen noch schreiben kann. Er hat aber gestanden, und dafür haben
+wir das Wort und das Protokoll des Beamten, eines ehrenhaften Mannes.“
+
+Der öffentliche Ankläger wird ein wenig nervös.
+
+Ein dritter Geschworener will wissen, warum sie, die Geschworenen, dem
+Beamten, der im Dienste und Lohn des Staates stehe, mehr Glauben und
+Vertrauen schenken sollen als Salvatorres, der sich seinen
+Lebensunterhalt verdiene, ohne von den Steuern der Leute zu leben.
+
+Ein vierter Geschworener verlangt, daß Salvatorres hier in Gegenwart der
+Geschworenen erklären soll, ob er den Mord begangen habe, da er nicht
+sehe, auf Grund welcher Beweise er Salvatorres schuldig sprechen könne.
+
+„Bekennen Sie sich schuldig?“
+
+„Das weiß ich nicht.“ Salvatorres setzt sich wieder und beginnt an einer
+neuen Zigarette zu rollen.
+
+Der Vertreter der Anklage spielt seine letzte Karte aus. Er läßt die
+Zeugen aufmarschieren: Elvira, ihren Geliebten und die anderen drei
+Leutchen, die an jenem Abend in der Hütte waren. Sie alle wissen, was
+der ganze Ort weiß und worüber gar kein Zweifel herrscht, da Salvatorres
+viel zuviel auf seine Ehre hält, als daß er irgend jemand darüber im
+unklaren ließe, wie er eine ungetreue Frau behandelt.
+
+Die Zeugen erklären einmütig, daß sie nicht gesehen haben, wer die Bombe
+geworfen habe. Und auf die Frage, ob sie glauben, daß Salvatorres es
+gewesen sein könne, erklären sie wieder einmütig, es könne auch
+ebensogut der frühere Liebhaber der Frau des Guennel gewesen sein; er
+wohne zwar seit einem halben Jahr in Parral mit einer Frau, aber er sei
+sehr eifersüchtig. Elvira fügt hinzu, sie kenne Salvatorres sehr gut, da
+sie seine Frau gewesen sei, und eine Bombe würde er nie werfen, sicher
+nicht gegen eine Frau, die er gar nicht kenne.
+
+Dem öffentlichen Vertreter der Anklage ist sein wunderschöner Kuchen
+zerkrümelt. Die Geschworenen ziehen sich zurück, und nach einer
+Viertelstunde Anstandsberatung geben sie ihr Urteil ab: „Salvatorres ist
+unschuldig mit allen Stimmen.“
+
+Salvatorres wird sofort auf freien Fuß gesetzt. Er geht mit den Zeugen,
+Elvira und ihren Neuerwählten eingeschlossen, in den nächsten Saloon, wo
+sie eine Flasche Tequila leeren, wobei sie der Reihe nach die Flasche an
+den Mund führen. Am Nachmittag desselben Tages ist Salvatorres bereits
+wieder in der Grube.
+
+Am Abend des nächsten Tages ist Tanz. Salvatorres ist auch da. Er findet
+eine neue Frau, die sehr hübsch ist und noch in der Nacht in sein Haus
+einzieht.
+
+Nachmittags geht sie aus, um ihre Habseligkeiten, die sie in einem
+Schilfkorbe aufbewahrt, von ihrer bisherigen Unterkunftsstelle zu holen
+und in das neue Heim zu bringen.
+
+Am Abend – Salvatorres ist schon längst von der Arbeit heimgekehrt –
+sieht sie plötzlich, während sie die Frijoles auf den Tisch stellen
+will, eine alte Konservenbüchse mit einer schmökenden Zündschnur daran,
+mitten auf dem Fußboden liegen.
+
+Sie konnte noch rechtzeitig entweichen. Aber von Salvatorres ist nicht
+einmal mehr ein Hosenknopf übriggeblieben, den sie als trauernde Witwe
+hätte beweinen können.
+
+
+
+
+ DIE DYNAMIT-PATRONE
+
+
+Eine Anzahl indianischer Arbeiter, die in den Bergwerken von Chihuahua
+gearbeitet hatten und sich jetzt in dem Vorort der Stadt herumtrieben,
+stritten sich eines Tages über die Wirksamkeit der Dynamitpatronen, die
+beim Sprengen der Gesteinsmassen verwendet werden. Die Mehrzahl stimmte
+darin überein, daß die Wirkung auf den menschlichen Körper
+unbeschreiblich vernichtend sei; einige wenige dagegen behaupteten, die
+Wirkung komme nur Gesteinsmassen gegenüber zum vollen Ausdruck, während
+sie gegenüber dem menschlichen Körper beinahe harmlos zu nennen sei.
+
+Als eine Einigung hierüber nicht erzielt werden konnte, erbot sich der
+Vertreter der „harmlosen Wirkung“, an seiner eigenen Person die
+Richtigkeit seiner Meinung zu beweisen.
+
+Es dauerte nicht lange, da war eine Patrone besorgt, das Hütchen wurde
+aufgesteckt und die Zündschnur angehängt. Der mutige Kämpfer für seine
+Überzeugung ließ sich aber doch von der Gegenpartei überreden, daß er
+Vorsicht üben möge, denn es wäre ja immerhin möglich, daß die Majorität
+recht habe, und es wäre doch jammerschade, wenn er sich nicht davon
+überzeugen könne, daß er unrecht habe, um für sein ferneres Leben daraus
+eine Lehre zu ziehen. Er sah das schließlich auch ein, und er begab sich
+mit der Schar streitsüchtiger Genossen zu einem steinernen Eckhause.
+Nachdem die „Wirkungsgläubigen“ sich in respektvolle Entfernung
+zurückgezogen hatten, ging der Mann zu der Ecke, entzündete die
+Zündschnur und hielt die Patrone mit seiner rechten Hand um die
+Hausecke.
+
+Wenige Augenblicke später erzitterte die ganze Stadt. Die Bevölkerung,
+ein Erdbeben oder eine Minenexplosion befürchtend, eilte auf die Straße.
+Als sie sah, daß es sich nur um zwei Eckwände eines Hauses handelte, die
+auf unerklärliche Weise eingestürzt waren, zog sich jeder wieder in
+seine ruhige Häuslichkeit zurück.
+
+Die Freunde des Opfers gingen tüchtig an die Arbeit. Sie räumten den
+Schutt der beiden Wände fort, um festzustellen, welche Partei recht
+habe, denn bis jetzt war das noch nicht entschieden. Die Wirkung auf
+Gesteinsmassen war ja von keiner Seite bestritten worden. Und richtig,
+nachdem sie eine Weile gebuddelt hatten, kroch der Ungläubige ganz ruhig
+und mit der Miene eines Mannes, der das Recht auf seiner Seite hat,
+hervor und schüttelte sich den Schutt aus den Kleidern.
+
+Ganz vollständig war er allerdings nicht mehr. Das hatte er ja auch gar
+nicht behauptet, daß dies der Fall sein würde. Jedenfalls war ihm die
+rechte Hand bis zum halben Unterarm fortgerissen. Daraus machte er sich
+aber nicht viel. Er bestand darauf, daß man nun die Hand auch noch
+suche, damit man sehen könne, daß sie nicht allzusehr beschädigt sei.
+Aber von der Hand war nichts zu finden.
+
+„Und ich sage euch ganz bestimmt“, so begann sofort wieder der Streit,
+„es war nicht die Patrone, die meine Hand abgerissen hat. Die Patronen
+sind ganz und gar harmlos. Es war das Hütchen; denn was da die
+nichtswürdigen Fabrikanten hineinstecken, das weiß man nie. Das sind
+alles Schwindler und Betrüger.“
+
+Der Indianer bedauerte später nie, daß er seine Hand hergegeben hatte.
+An Stelle der Hand bekam er einen eisernen Haken, einen Arbeitshaken. Er
+arbeitete aber nie damit, sondern wurde mit diesem Haken einer der
+gefürchtetsten Raufbolde unter der Arbeiterschaft, die ihm mit an
+Ehrfurcht grenzender Scheu begegnete und sich geschmeichelt fühlte,
+seine Wünsche erfüllen zu dürfen.
+
+
+
+
+ DIE WOHLFAHRTS-EINRICHTUNG
+
+
+Eine amerikanische Bergwerksgesellschaft in Sonora, Nordwest-Mexiko,
+hatte für ihre Arbeiter und deren Frauen und Kinder ein kleines Hospital
+eingerichtet, wo die Arbeiter in Unglücks- und Krankheitsfällen
+ärztliche Hilfe fanden. Um die Arbeiter für dieses Hospital zu
+interessieren und sie dadurch zur Beachtung hygienischer
+Vorsichtsmaßregeln zu erziehen, wurde ihnen ein kleiner, kaum
+nennenswerter Betrag vom Lohn abgezogen. Die Gesamtsumme dieses Betrages
+machte aber so wenig aus, daß mit ihr lange nicht einmal das Gehalt für
+die beiden Schwestern, die im Hospital tätig waren, bezahlt werden
+konnte.
+
+Die Arbeiter, die ausnahmslos Indianer waren, hielten jedoch den Betrag,
+den sie beisteuerten, für so wesentlich, daß sie behaupteten, der Arzt
+und die beiden Schwestern führten ein faules Leben auf Kosten der
+Arbeiter, und die Company erziele aus dem Hospitalbeitrag einen
+erheblichen Nebengewinn.
+
+Jede Gelegenheit nun, die sich bot, den drei Hospitalangestellten das
+Leben zu erschweren, wurde mit Freuden ergriffen. Die Erfindungsgabe der
+Arbeiter war unausgesetzt tätig, neue Pläne auszuhecken, um das Hospital
+nicht müßig gehen zu lassen. Wenn die Leute krank wurden, so ging keiner
+von ihnen in das Hospital, sondern sie gingen, wie auch früher, zu ihren
+„weisen“ Männern und Frauen, zu den Medizinmännern, die das Handwerk
+besser verstanden als die Doktoren, deren Hände immer nach Gift stanken.
+Um aber dem Hospital nichts zu schenken, wurden die Frauen und Kinder
+hingeschickt, um die Beiträge „abzuarbeiten“. Und da sie mit wichtigen
+Krankheiten nicht kamen, so kamen sie mit solchen Fällen, die von den
+Arbeitern in ihren abendlichen Besprechungen ausgeheckt waren.
+
+Eines Morgens erscheint eine hübsche Indianerin im Hospital und wünscht,
+einen Zahn gezogen zu haben.
+
+Der Arzt untersucht die Zähne und findet, daß die Frau Zähne hat, so
+gesund, so kräftig und so schön wie die eines jungen Pferdes.
+
+„Welcher Zahn tut Ihnen denn weh?“
+
+„Mir tut kein Zahn weh. Mir hat noch nie ein Zahn weh getan.“
+
+„Was wollen Sie denn da eigentlich hier?“
+
+„Sie sollen mir einen Zahn ziehen.“
+
+„Aber warum denn?“
+
+„Weil ich keine andere Krankheit habe“, antwortete die junge Frau.
+
+„Ich ziehe Ihnen keinen Zahn“, sagte nun der Arzt. „Ich bin doch nicht
+verrückt. Danken Sie Gott, daß Sie solche Zähne haben; ich würde ein
+Jahr meines Lebens geben, wenn ich solche Zähne hätte.“
+
+„Wollen Sie mir jetzt den Zahn ziehen oder nicht? Ich kann mit meinen
+Zähnen machen, was ich will. Das geht Sie gar nichts an. Oder denken Sie
+vielleicht, mein Mann zahlt seine guten blanken Pesos (es waren in
+Wahrheit nur kupferne Centavos) für das Hospital für überhaupt nichts?
+Wir müssen auch arbeiten, da brauchen Sie nicht den ganzen Tag zum
+Fenster hinauszusehen oder auf der Veranda zu sitzen und Bücher zu
+lesen, und die Frauenzimmer könnten auch was Besseres tun, als sich von
+unserm Gelde immerfort neue Kleider zu kaufen.“
+
+Inzwischen hatte der Arzt begriffen, was los ist; denn er kennt ja seine
+Leute, und er kennt die schwarzen Pläne, die gegen das Hospital
+ausgeheckt werden. Er zieht also der Frau einen prachtvollen Molar,
+wobei er sich die denkbar größte Mühe gibt, die Operation mit
+„absolutester Nichtschmerzlosigkeit“ auszuführen. Aber die Frau verzieht
+keine Miene und läßt nicht das leiseste Wimmern hören.
+
+Als die Schwester ihr ein Glas Wasser gereicht und sie es ausgetrunken
+hat, wirft sie sich in den Rücken, sieht den Arzt triumphierend an und
+geht. Ihr Blick, dank der natürlichen Ausdrucksweise in den Gesten jener
+Rasse, sagt schärfer als Worte: „Wenn ich komme, Herr Doktor, dann haben
+Sie zu springen, verstehen Sie mich! Mein Mann bezahlt Sie.“
+
+Drei Tage darauf kommt die Frau wieder. Und wieder will sie einen ihrer
+prachtvollen Zähne gezogen haben. Und wieder bleibt dem Arzt aus
+politischen Gründen nichts anderes übrig, als der Frau abermals einen
+Zahn zu ziehen.
+
+Wie beim ersten Male, so läßt sich auch diesmal die Frau den gezogenen
+Zahn geben, um ihn mit nach Hause zu nehmen und ihn ihrem Manne zu
+zeigen.
+
+Nachdem die Zeit erfüllet war, waren der Frau sämtliche Zähne des
+Oberkiefers ausgezogen. Während dem Arzt bald das Weinen ankam, als er
+nun den leeren Oberkiefer noch einmal untersuchte, um irgendwelche
+Infektion zu finden, war die Frau durchaus zufrieden mit dem Ergebnis.
+
+Eine Woche, nachdem der letzte Zahn des Oberkiefers gezogen worden war,
+erschien die Frau wieder im Hospital. Der Arzt, ohne zu fragen und ohne
+mit ihr zu handeln, nahm die Zange zur Hand und begann, den ersten
+Backzahn des Unterkiefers anzusetzen, als die Frau ihn heftig am Arm
+packte und schrie: „Was wollen Sie denn da eigentlich mit mir machen?
+Ich glaube gar, Sie wollen die andere Hälfte meines Mundes auch noch
+schänden.“
+
+Verblüfft fragte der Arzt: „Ja, sind Sie denn nicht hergekommen, um
+wieder einen Zahn gezogen zu haben?“
+
+„Aber ich denke ja nicht an so etwas. Habe ich Ihnen vielleicht den
+Auftrag gegeben, mir einen Zahn zu ziehen? Ich bin hier, daß Sie mir den
+Zahn, den Sie mir zuerst gezogen haben, wieder einsetzen. Denn ich kann
+doch nicht mein ganzes Leben lang ohne Zähne herumlaufen.“
+
+Und sie überreichte dem Arzt jenen Zahn, der ihr zuerst gezogen worden
+war. Der Doktor machte ihr nun klar, daß Zähne wohl gezogen, aber nicht
+wieder eingesetzt werden könnten, so weit habe es die medizinische
+Wissenschaft noch nicht gebracht.
+
+„Was?“ schrie die Frau nun in heller Empörung. „Sie können mir die Zähne
+nicht wieder einsetzen? Also nicht einmal das können Sie? Und Sie nennen
+sich Doktor? Und Sie sitzen hier den ganzen Tag faul auf der Veranda?
+Und mein Mann muß das ganze Hospital bezahlen? Aber so seid ihr
+verdammten Gringos (Spottname der Amerikaner in Latein-Amerika)! Pfui
+Teufel noch mal, schämen Sie sich denn gar nicht, Sie Hurensohn, mir
+meine wunderschönen Zähne auszuziehen und dann zu sagen, Sie könnten sie
+nicht wieder einsetzen! Cabron! Grrrrringooooo!“
+
+Nachdem durch eine saftstrotzende – und wie! – Schlußwendung des
+Gesprächs der beabsichtigte Zweck dieses Besuches erreicht war, verließ
+die Frau das Hospital stolz wie die frischgeadelte Frau von Flohknicker,
+die soeben einen Kaiser gebackpfeift hat.
+
+Obgleich das Hospital allen Anforderungen entspricht, die man an ein
+modernes Krankenhaus stellt, so stand es dennoch bei den indianischen
+Arbeitern jener Bergwerksgesellschaft nie in hoher Achtung. Durch die
+Zahngeschichte verlor es auch noch den Rest von Würde, der ihm
+verblieben war.
+
+In den umliegenden Dörfern wurde die Frau als lebendes Beispiel der
+Unfähigkeit des Arztes und der Schädlichkeit des Hospitals herumgezeigt.
+Wohin sie kam, mußte sie ihre traurige Geschichte erzählen. Die Gringos
+wurden verflucht nach allen Regeln, die im Gebrauch sind, seit der liebe
+Gott Adam, Eva und die Schlange verfluchte. Und die Leute hatten ganz
+recht. Denn es ist eine Ausräuberei sondergleichen, daß die Arbeiter von
+ihrem kleinen Lohn ein Hospital unterhalten müssen, das sich nicht
+scheut, arme und unwissende Indianerfrauen zu schänden und sie für den
+Rest ihres Lebens zu schimpfieren, so daß der eigene Mann sie nicht mehr
+ansehen mag. Der Doktor ist ein Irrsinniger; denn hätte sich die
+unglückliche Frau nicht mutig zur Wehr gesetzt, so würde dieser Unhold
+der Frau auch alle Zähne des Unterkiefers ausgezogen haben.
+
+Das alles konnte nicht bestritten werden; denn in einem Stück alten
+Hemdes eingewickelt, trug die Frau ja ihre Zähne, und ein Kind konnte
+sehen, daß die Zähne alle kerngesund waren.
+
+Eine Weile ging das so fort, und eines Tages war der Tumult da.
+
+Die Arbeiter kamen in Haufen zu dem Bürogebäude und schrien und
+gestikulierten und regten sich furchtbar auf. Was sie wollten, verstand
+niemand, denn in Einzelunterhaltungen ließen sie sich nicht ein.
+
+Man hörte nur immer Schreie aus dem Gewoge der Haufen: „Kein Hospital!
+Kein Doktor! Alle Zähne! Arme Frauen geschändet! Bezahlen! Doktor
+bezahlen! Schwestern schöne Kleider! Zeitung lesen! Alles bezahlen!“
+
+Um Spanisch zu verstehen, genügt es nicht, es gelernt zu haben. Und um
+das Spanisch zu verstehen, das die indianischen Arbeiter in den
+Bergdistrikten sprechen, muß man schon eine Indianerin zur Mutter gehabt
+haben.
+
+Die Manager der Company, die nicht eingestehen dürfen, daß sie die
+Sprache ihrer Arbeiter nicht verstehen, verstanden aber doch das
+Wesentliche des Geschreies. Sie redeten sich wenigstens ein, daß sie
+alles gut und richtig verstünden, und weil sie die Arbeitgeber waren
+oder deren legitime Vertreter, so reimten sie sich die Schreie
+entsprechend ihrer eigenen sozialen und wirtschaftlichen Stellung
+zusammen. In ihrem Report an die Zentralverwaltung der Company kam es
+später heraus, was sie sich zusammengereimt hatten. Nach jenem Report zu
+lesen hatten die Arbeiter geschrien: „Wir verdienen nicht einmal so
+viel, daß wir in ein Hospital gehen können. Nicht einmal so viel, daß
+wir zu einem Doktor gehen können. Wir verdienen so wenig, daß wir nichts
+zwischen die Zähne zu beißen kriegen. Wir haben so wenig Lohn, daß
+unsere Frauen zur Schande herumlaufen, weil sie nichts zum Anziehen
+haben. Und unsere Schwestern wollen Kleider haben!“
+
+Als der Tumult vor dem Bürogebäude nicht nachließ und die Schreie und
+Rufe der Leute immer heftiger wurden, ohne daß ein Wechsel des Inhalts
+der Worte sich zeigte, trat endlich der Manager auf die Veranda und
+hielt mit seinen paar Brocken Spanisch eine Ansprache, die darin
+gipfelte: „Jawohl, jawohl, wir bewilligen. Jeder Mann erhält
+fünfundzwanzig Centavos den Tag mehr von Montag dieser Woche an. Geht an
+die Arbeit. Es ist alles gut. Muy bueno, amigos!“
+
+Von der Frau und ihren Zähnen wurde nicht mehr gesprochen.
+
+
+
+
+ DER WACHTPOSTEN
+
+
+In einem Bergwerk in der Nähe von Chihuahua meldete eines Morgens der
+Vorarbeiter, ein Mestize, dem diensthabenden Ingenieur, daß in einem der
+Hauptstollen „etwas im Gange sei“.
+
+An der Decke des Stollens, so berichtete der Vorarbeiter, befände sich
+ein gewaltiger Stein, dessen Gewicht schätzungsweise drei bis vier
+Tonnen habe. Rund um diesen Stein beginne, so war die Meldung, seit
+einigen Stunden Sand und Kleinkiesel herunterzuregnen, ein sicheres
+Zeichen, daß der Stein am Lösen sei und bald kommen dürfte, was in einer
+Stunde, vielleicht aber auch erst in sechs Tagen geschehen könnte, so
+genau ließe sich der Zeitpunkt nicht bestimmen.
+
+Zahlreiche Arbeiter hatten diesen Stollen zu begehen, und weil der
+Ingenieur deren Leben nicht aufs Spiel setzen wollte, rief er einen
+indianischen Bergarbeiter herbei und sagte zu ihm:
+
+„Sehen Sie den Stein dort, Augustin?“
+
+„Natürlich sehe ich ihn, ich bin doch nicht blind, Senjor.“
+
+„Gut, dieser Stein ist los und wird bald herunterkommen.“
+
+„Kein Wunder, wenn er los ist; man sieht ja bereits, wie es bröckelt.“
+
+„Wenn der Stein runterkommt, und es ist gerade zufällig jemand darunter,
+dann ist er breitgequetscht wie eine Tortilla.“
+
+„Das ist doch mal bombensicher, Senjor. So schlau bin ich selbst.“
+
+„Gut. Ich stelle Sie jetzt hier als Wachtposten auf. Sie haben nichts
+weiter zu tun, als jeden Mann, der hier drunter hergehen will, auf die
+Gefahr aufmerksam zu machen und ihn durch den Stollen 14 zu schicken,
+ihm jedenfalls nicht zu erlauben, daß er diesen Stollen benutzt. Sie
+sehen ein, wie gefährlich dieser Stollen ist.“
+
+„Das sehe ich, man kann es ja schon riechen, Senjor.“
+
+Eine Stunde später ging der Ingenieur die Stollen ab, und auf seinem
+Wege kam er auch zu dem Gefahrstollen.
+
+Der Wachtposten saß mitten unter dem losen Stein, rauchte gemütlich
+seine Zigarette und war die Seligkeit selbst, daß er einen so angenehmen
+Posten gefunden hatte, wo er nichts zu tun brauchte.
+
+Pflichtgemäß berichtete er dem Ingenieur, daß er jedem untersage, hier
+unter dem Stein durchzugehen, weil der Stein jeden Augenblick kommen
+könne, und es sei auch noch keiner darunter hergegangen, seit er hier
+hergesetzt worden sei, um aufzupassen, der Senjor Ingenieur könne sich
+auf ihn durchaus verlassen.
+
+„Ich würde mich an Ihrer Stelle aber nicht gerade mitten unter den losen
+Stein setzen“, riet der Ingenieur, „der Platz ist keineswegs zu
+empfehlen.“
+
+„Warum, Senjor?“ sagte der Mann. „Lassen Sie das nur meine Sorge sein,
+wo ich sitze. Dieser Platz ist sehr bequem für mich. Ich brauche mich
+dann nicht so anzustrengen, brauche nicht so sehr zu schreien, habe es
+nach jeder Seite hin gleich weit und kann so ohne große Mühe am besten
+verhindern, daß nicht doch noch jemand hier drunter herzugehen versucht.
+Denn es ist sehr gefährlich, Senjor, wenn da gerade jemand drunter wäre,
+wenn der Stein kommt.“
+
+Dabei drehte er sich seelenruhig eine neue Zigarette und zündete sie mit
+großem Behagen an.
+
+Vier Stunden später war der Mann zermalmt. Alles, was man seiner Frau
+von seinen sterblichen Überresten bringen konnte, war die Sandale seines
+linken Fußes, der unter dem Steinkoloß hervorlugte.
+
+
+
+
+ DER AUSGEWANDERTE ANTONIO
+
+
+Der Minenarbeiter Silvestre, ein Indianer, hatte es in seinem Leben
+endlich so weit gebracht, daß er sich eine Taschenuhr kaufen konnte. Die
+Uhr war aus Nickel und kostete acht Pesos fünfzig Centavos. Sie war eine
+gute und brauchbare Uhr, denn sie zeigte vierundzwanzig Stunden. In
+Mexiko, wo im gesamten öffentlichen Verkehr, insbesondere bei der
+Eisenbahn, bei der Post, beim Gericht und in allen sonstigen Ämtern wie
+auch im Theaterleben die Vierundzwanzig-Stunden-Uhr gilt, ist es sehr
+gut und sehr wertvoll, eine Taschenuhr zu haben, die Ziffern für
+vierundzwanzig Stunden trägt. Silvestre war natürlich sehr stolz auf
+seine Uhr; und weil er in seiner Arbeitskolonne wie auch in seinen
+Nachbarkolonnen der einzige war, der eine Uhr besaß, die er mit in die
+Mine brachte, so wurde er nicht nur von seinen Arbeitskameraden, sondern
+zuweilen auch von seinem Kolonnenforeman wie von denen der
+Nachbarkolonnen gelegentlich nach der Zeit gefragt. Das machte ihn zu
+einer wichtigen Person. Und weil hier die Uhr es war, die ihn zu einer
+wichtigen Person erhob, so hielt er die Uhr in großen Ehren. Er trug sie
+in der Mine stets in Papier eingewickelt, damit sie nicht durch den
+Staub der Erze leiden sollte.
+
+Eines Tages entdeckte er, daß die Uhr verschwunden war. Er hatte sie
+verloren, entweder bei der Arbeit oder beim Einfahren. Denn daß sie
+gestohlen sein könnte, das hielt er für sehr unwahrscheinlich. Sie hätte
+auch wohl kaum von dem, der sie gestohlen hatte, getragen oder verkauft
+werden können, weil Silvestre, als er die Uhr in der nächsten Stadt
+gekauft hatte, sich vom Uhrmacher seinen Namen dick hatte eingravieren
+lassen. Dafür hatte er einen Peso extra bezahlen müssen; aber der
+Uhrmacher – wie die Mehrzahl der Uhrmacher in Mexiko und in den Staaten
+war er von Beruf Wagenschmied – hatte ihm die Gravierung dringend
+angeraten und ihm den großen Schutzwert einer kräftigen Gravierung so
+überzeugend geschildert, daß Silvestre einsah, daß eine Uhr ohne
+Gravierung am selben Tage schon aus seiner Tasche gestohlen sein würde.
+
+Silvestre hatte dann noch die Uhr in der Kirche segnen lassen, was auch
+nicht umsonst getan wurde, und endlich hatte er sie noch persönlich mit
+Weihwasser besprengt. Aber obgleich durch alle diese Schutzmittel die
+Uhr beinahe auf den doppelten Preis gekommen war, so hatten jene Mittel
+nicht genügt, daß die Uhr bis an sein Lebensende in seiner Tasche blieb.
+Vielleicht hatte er etwas übersehen bei dem Einsegnenlassen, oder er
+hatte sie neben die Uhrtasche seiner Hose gesteckt, oder sie war von
+selbst herausgerutscht. Wie dem auch sei, die Uhr war jetzt fort.
+
+Er suchte eine volle Schicht in der Mine herum, aber die Uhr kam nicht
+wieder, und sie war nirgends zu sehen.
+
+Es blieb Silvestre also nichts anderes übrig, als bis zum Sonntag zu
+warten, um die Angelegenheit mit Hilfe der Kirche und ihrer Heiligen in
+Ordnung zu bringen. Als guter Katholik wußte er, wie alle Indianer,
+recht geschickt sich zu bekreuzigen und kannte auswendig alle die
+Heiligen, die für irgendeine Sache mit Erfolg zu gebrauchen sind. Für
+verlorengegangene Dinge, jedoch nicht für gestohlene, ist San Antonio
+derjenige Heilige, der immer weiß, wo sich der verlorene Gegenstand
+befindet.
+
+So ging Silvestre am Sonntag in die Stadt zur Kirche, suchte hier die
+hölzerne Figur des San Antonio auf, opferte ihm eine Kerze, bekreuzigte
+sich unzählige Male und flehte San Antonio an, ihm die Uhr
+wiederzubringen. Silvestre wußte aus reicher und kostspieliger
+Erfahrung, daß in der Kirche nichts umsonst getan wird, und darum
+versprach er dem San Antonio drei Fünf-Centavos-Kerzen und ein silbernes
+Zehn-Centavos-Händchen, wenn er ihm die Uhr wieder verschaffen würde,
+spätestens jedoch bis zum nächsten Sonntag, wenn er, Silvestre, wieder
+zur Kirche kommen würde, um zu sehen, was San Antonio inzwischen für ihn
+erwirkt hat.
+
+Die Uhr fand sich im Laufe der Woche nicht ein. Und Silvestre, als er am
+nächsten Sonntag zur Kirche kam, sah auch nicht, so sorgsam er auch
+alles untersuchte, daß die Uhr zu Füßen des San Antonio lag, oder in
+einer Falte der braunen Mönchskutte der Figur hing oder irgendwo unter
+dem Gewande der Figur, das Silvestre respektlos aufhob, verborgen war.
+Aber die Uhr war nicht da, und Silvestre erkannte, daß er seine Kerze,
+seine Gebete und Bekreuzigungen umsonst verschwendet habe.
+
+Er ging nun wieder eine Kerze kaufen. Er brauchte nicht weit zu laufen;
+denn die Kerzen, Heiligenbildchen und silbernen Ärmchen und Beinchen
+wurden auf zahlreichen Tischen innerhalb der Kirche verhandelt und
+verschachtert, wo es lebhaft zuging wie auf einem Jahrmarkt, mit
+Feilschen, Verschwören der hohen Preise wegen, Herunterhandeln vom
+Preise und Umtauschen der gekauften Gegenstände. Am Altar wurde zu
+gleicher Zeit, unbekümmert um die feilschende Welt entlang der inneren
+Wände der Kirche, die Messe gelesen. Silvestre hatte diese Art
+christlicher Religion nicht erfunden und war darum nicht verantwortlich
+dafür; aber er glaubte, daß er ein unzerbrechliches Recht darauf habe,
+von San Antonio seine Uhr zurückzuerhalten, wenn er ihm Kerzen,
+Bekreuzigungen und Gebete opfere. Denn wozu brauchte man sich alle die
+Mühen und Ausgaben zu machen, wenn es doch nichts nützt!
+
+Silvestre, der in einer Welt lebte, wo jede Kreatur für das Essen oder
+für den Lohn, den sie empfängt, arbeiten muß, auch wenn es ihr noch so
+schwerfällt und sie vielleicht gar am Zusammenbrechen ist, hatte weder
+Verständnis noch Mitleid mit einem Heiligen, der sich mit Kerzen und
+Gebeten bezahlen läßt, ohne dafür zu arbeiten.
+
+Als Silvestre seine Kerze aufgestellt hatte auf dem Altar des San
+Antonio, kniete er nieder, bekreuzigte sich mehrere Male und begann zu
+beten. Er hatte kein Gebetbuch, und wenn er eines gehabt hätte, so hätte
+es ihm nichts genützt, weil er nicht lesen konnte. So war er genötigt,
+aus dem Stegreif zu beten und so, wie es ihm sein Gott ins Herz legte.
+Das Wort Gotteslästerung kannte er nicht, weil ihm der Begriff hierfür
+fehlte, und in Mexiko gibt es keine Gotteslästerung, weil das Gesetz ein
+solches Vergehen nicht kennt. In Mexiko hat das jeder mit seinem
+Gewissen und mit seinem Gotte abzumachen; denn der mexikanische
+Gesetzgeber und der mexikanische Richter fühlen sich nicht berufen, in
+die unerforschlichen Wege und Gesetze Gottes mit ihrem menschlichen
+Urteilsvermögen und ihren menschlichen Rechtsirrtümern hineinzupfuschen.
+Wenn Gott im Himmel nicht mächtig genug ist oder nicht willens ist,
+Beleidigungen und Lästerungen gegen seine Majestät zu bestrafen, warum
+soll der kleine irdische Staatsanwalt dem lieben Gott vorschreiben,
+wieviel Monate diese Gotteslästerung und wieviel Wochen jene wert ist?
+
+Darum muß man Silvestre verstehen und vergeben. Er weiß es nicht besser.
+Was er aber gut wußte, war, daß er seine Uhr so rasch wie möglich
+wiederhaben wollte, und daß er nicht zu warten gedachte, bis sie ihm
+nach seinem Tode im Paradiese ausgehändigt werden würde. Er brauchte die
+Uhr hier auf Erden; denn zu welcher Stunde man im Paradiese in die
+Erzminen einzufahren habe, wird ihm der Foreman dann schon sagen, wenn
+es so weit ist.
+
+Silvestre betete darum schlichtweg darauflos: „Oye, querido, San
+Antonio, tenga buen cuidad, hombre! Jetzt hör einmal gut zu, geliebter
+Antonio, und gib wohl acht, was ich dir jetzt erzählen werde, denn ich
+bin jetzt ziemlich fertig mit dir. Ich habe eine Uhr verloren. Das habe
+ich dir bereits vorigen Sonntag gesagt. Du kannst die Uhr gar nicht
+verwechseln. Es ist ein S und ein G dick eingraviert. Ich kann hier auch
+nicht jeden Sonntag herkommen. Die Kerzen kosten auch Geld. Und ich habe
+dir doch wirklich genug versprochen. Du mußt nicht etwa denken, daß ich
+das Geld auf dem Wege auflese, da liegt keins herum. Ich muß verflucht
+kräftig dafür arbeiten und habe es nicht so gut wie du, hier faul
+herumzustehen und dich an den Kerzen schön zu wärmen. Der Spaß hat auch
+einmal ein Ende. Wir müssen alle arbeiten, da kannst du auch meine Uhr
+suchen gehen. Und nun sage ich dir noch etwas, mein lieber San Antonio.
+Ich warte noch eine Woche, und wenn die Uhr dann nicht da ist, stecke
+ich dich, bei der Heiligen Jungfrau, in den Brunnen ins Wasser, und ich
+lasse dich so lange da drin, bis du die Uhr wieder herbeigeschafft hast
+oder mir im Traum gesagt hast, wo sie ist. Du weißt nun Bescheid, und
+meine Geduld ist fertig.“
+
+Silvestre bekreuzigte sich wieder, stand auf, verneigte sich vor dem
+Altar und verließ die Kirche, überzeugt, daß sein inniges Gebet in
+Erfüllung gehen werde, getreu dem Worte folgend: Bittet, so wird euch
+gegeben, und vergeßt nicht die Armut des Heiligen Vaters in Rom.
+
+Auch in dieser Woche kam die Uhr nicht zum Vorschein.
+
+Es ist darum nicht zu verwundern, daß Silvestre die Geduld nun endgültig
+verlor. Er wollte auch keine Zeit mehr mit Beten vergeuden, denn er
+hatte eingesehen, daß es nutzlos war. Gegen San Antonio, der sich nicht
+die Mühe zu machen schien, einem armen Indianer zu helfen, auch wenn er
+noch so sehr angebetet wurde, halfen offenbar nur ganz kräftige Mittel,
+um ihn an seine Pflichten zu erinnern. Und diese Mittel wandte er jetzt
+an.
+
+Er besaß keine große Erfindungsgabe, sich neue Zuchtmittel auszudenken.
+Darum gebrauchte er eines von denen, die gegen ihn und seine Mit-Peones
+angewandt wurden, als er noch auf der Hazienda arbeitete und noch nicht
+den Mut aufgebracht hatte, in die Minendistrikte zu fliehen.
+
+Am Samstagnachmittag verschaffte er sich einen alten Zuckersack und
+trabte damit zur Stadt. Als er zur Kirche kam, war es bereits finster.
+Seine Bekreuzigungen und Verbeugungen machte er jetzt nur, vom
+Hintergrunde der Kirche aus, zu dem Altar, wo die Heilige Jungfrau
+stand, die ihm bis jetzt ja noch nichts Übles zugefügt hatte. Dagegen
+verweigerte er diesmal dem San Antonio jegliche Bekreuzigung und
+jegliche Kniebeuge. Er gab gut acht; und als er bemerkte, daß er von
+niemand aus den Reihen der andächtig betenden Leute beobachtet wurde,
+warf er dem San Antonio den Sack über den Kopf, nahm die Figur rasch
+herunter von ihrem Altar und schlich sich mit seiner Beute gewandt zur
+nächsten Tür hinaus. Die Stadt war klein, und es dauerte keine zehn
+Minuten, da war Silvestre im Freien und auf dem Wege zu dem
+Minenarbeiterdorfe, wo er lebte.
+
+Silvestre ging jedoch nicht in das Dorf mit seinem Heiligen, sondern
+noch ehe er die ersten Hütten erreichte, bog er von der Straße ab und
+wanderte auf den Busch los. Silvestre konnte seinen Weg nicht verfehlen,
+denn erstens kannte er ihn gut, und zweitens war heller Mondschein.
+
+Nur etwa einen halben Kilometer in den Busch hinein, da befand sich eine
+Lichtung, die zwar schon völlig wieder ausgewachsen war, die aber doch
+noch als eine ehemalige Lichtung erkannt werden konnte. Hier in dieser
+Lichtung war ein alter ausgemauerter Brunnen, der noch aus der
+Kolonialzeit herstammte und wohl von einem Spanier gegraben worden sein
+mochte, der hier eine Farm hatte errichten wollen.
+
+Dieser Brunnen wurde von niemand gebraucht, selbst die Kohlenbrenner im
+Busch tranken kein Wasser daraus. Das Wasser, das in dem Brunnen stand,
+war verschlammt und grün verfilzt von Pflanzen und Blättern und Wurzeln.
+Der Brunnen war voll von Fröschen, Kaulquappen, Wasserkäfern, Moskitos,
+Schlangen, Eidechsen und allem anderen Getier, das in einem verlassenen
+Brunnen sich nur ansammeln kann. Seiner Lage, seines uralten Aussehens
+und des phantastischen Getiers, das in ihm lebte, wegen war der Brunnen
+der Sagenschreck aller Indianerkinder des Dorfes, die zu dem Brunnen
+kamen, wenn sie sich einen gruseligen Tag machen wollten, und er war der
+Mittelpunkt zahlreicher Geister- und Spukgeschichten der erwachsenen
+Indianer der Gegend.
+
+Silvestre ging nicht sehr leichten Herzens mit seinem eingesackten
+Heiligen auf der Schulter zu jenem Brunnen. Jeden Augenblick glaubte er,
+daß hinter einem Baume eine Spukgestalt hervorspringen würde, um ihm
+etwas Übles und Grausiges anzutun. Und er erwartete auch, daß vielleicht
+Gott seinen Donner rollen und seinen Blitz zucken lassen würde, um ihn
+für solche Freveltat, die zu begehen er im Sinne hatte, zu bestrafen.
+Aber es war Samstagabend, und Silvestre wußte recht gut, daß an einem
+Samstagabend der liebe Gott keine Zeit hat, sich um einen indianischen
+Minenarbeiter zu kümmern, der seine Uhr wiederhaben möchte. Samstag ist
+großes Reinemachen, und am Abend Wochenabschluß und Vorbereitung für den
+Sonntag. Nicht nur auf Erden. Darum hatte Silvestre ja auch gerade den
+Samstagabend für seine ruchlose Tat gewählt. Man möge doch nie
+vergessen, daß auch ein indianischer Arbeiter Intelligenz hat.
+
+Vor den Spukgestalten des Brunnens hatte Silvestre nicht ganz so viel
+Furcht wie alle übrigen Bewohner des Dorfes; denn da er nicht aus der
+Gegend stammte, so waren ihm alle die grausigen Geschichten, die über
+den Brunnen erzählt wurden, nicht so in Fleisch und Einbildung von
+Jugend auf übergegangen wie den Leuten, die hier in diesem Distrikte
+geboren und aufgewachsen waren. Wenn man nicht weiß, daß hinter der
+nächsten hölzernen Wand ein gestorbener oder gar ermordeter Mann liegt,
+schläft man genau so ruhig, friedlich und ungestört wie in dem Zimmer
+eines Hotels, das noch zu neu ist, als daß sich in ihm schon ein
+Selbstmord hätte ereignen können.
+
+Auch wer vor Verliebtheit bebt, vor Eifersucht schäumt, vor Wut sich
+zerfetzen möchte, vor Ärger grün wird, der sieht und hört nie
+Spukgestalten. Und Silvestre war wütend und verärgert, wie nur ein
+Mensch sein kann, der an die Nützlichkeit von Heiligen glaubt und so
+bitter enttäuscht wird, wie es ihm geschah. Einem Indianer kann man
+nicht mit der billigen Ausrede kommen, Gott und die Heiligen haben es in
+ihrem hohen Ratschluß anders beschlossen. Ein Medizinmann, der nicht
+hilft, wird abgesetzt. Faulenzer werden nicht unterhalten. Wenn von den
+paar Pesos Lohn, die man sich mit schwerer Arbeit verdienen muß, dem
+Heiligen Kerzen geopfert werden, damit er sich Hände und Nase daran
+wärmen kann, dann muß er dafür auch etwas tun. Man bezahlt den Pfarrer
+für das Lesen einer Messe, und er hat die Messe zu lesen; man bezahlt
+den Pfarrer für die Taufe des Kindes, und er hat das Kind zu taufen, ob
+ihm das Kind gefällt oder nicht. Warum soll man mit dem San Antonio eine
+Ausnahme machen? Vielleicht weil er Heiliger ist? Dann braucht er auch
+keine Kerzen, Bekreuzigungen, Kniebeugen und Gebete anzunehmen, wenn er
+gar so heilig sein will. Aber wenn er das alles verlangt und annimmt wie
+ein syrischer Kattunhändler in Puebla, dann hat er dafür auch zu zeigen,
+was er kann. Silvestre kann sich in der Erzmine auch nicht damit
+herausreden, daß er es heute einmal in seinem Ratschluß anders
+beschlossen habe und daß er heute einmal nicht arbeiten werde, aber den
+Lohn dennoch verlange und annehme. So etwas gibt es nicht. Und bei dem
+Philosophieren über die Rechtmäßigkeit der Handlung, die er vorzunehmen
+gewillt ist, denkt Silvestre sehr wenig an Spukgestalten, die in der
+Nähe des Brunnens auf ihn warten könnten.
+
+Silvestre vollzog die Folterung an seinem Heiligen nun nicht etwa so
+unvermittelt, ohne dem Heiligen noch genügend Zeit zu geben, seine
+Pflicht zu tun. Darum hielt er, als er beim Brunnen angelangt war, eine
+Ansprache an San Antonio. Er zog die Figur aus dem Sack heraus, stellte
+sie auf den gemauerten Brunnenrand, glättete die braune Mönchskutte, die
+San Antonio trug, und sagte zu ihm: „Freundchen, ich habe dich jetzt
+hier, wir sind ganz unter uns, und wir wollen nun einmal ein sehr
+deutliches Wort miteinander sprechen. Du kannst jeden Gegenstand, der
+verlorenging, wiederfinden. Das weiß ich. Der Cura, der Pfaffe, hat es
+gesagt. Ich habe dich angebetet und habe dir Kerzen angezündet und dir
+genügend versprochen. Aber du hältst es nur mit den reichen Leuten, die
+dir dicke Pesokerzen opfern können. Das kann ich nicht. Dazu habe ich
+nicht Geld genug. Du siehst ja den Brunnen hier, Freundchen. Es ist
+nicht angenehm, darinnen zu liegen, da sind Schlangen drin – Lagarto!
+Lagarto! –“, unterbrach er sich, „und da ist noch vieles andere drin,
+schrecklich und grausig. Und wenn du mir nicht die Uhr wiederschaffst,
+kommst du in den Brunnen und bleibst drin, bis du die Uhr
+herbeigeschafft hast. Ich kann nicht jede Woche zur Stadt laufen. Ich
+habe andere Dinge zu tun. Und Kerzen gibt es auch nicht mehr für dich.
+Und ich werde dir gleich einmal zeigen, daß ich es ganz ernst mit dir
+meine.“
+
+Silvestre brachte einen starken Bindfaden aus der Tasche und band dem
+San Antonio eine Schlinge um den Hals. Dann hob er die Figur über den
+Brunnenrand und ließ sie hier eine Weile hängen und zappeln.
+
+„Wo ist die Uhr, San Antonio?“ fragte Silvestre.
+
+San Antonio war entweder zu heilig oder zu eigensinnig, den Mund zu
+öffnen, vielleicht war er auch an Folterungen des ersten Grades zu sehr
+gewöhnt, als daß er jetzt schon, aus Furcht, den Ort, wo sich die Uhr
+befand, verraten haben würde.
+
+Aber so wenig wie irgend jemand bisher Mitleid für Silvestre im Leben
+gezeigt hatte, so wenig Mitleid zeigte er nun für San Antonio. Er ließ,
+als San Antonio nicht antworten wollte, ihn an dem Bindfaden weiter
+hinunter in den Brunnen, bis die nackten Füße des Heiligen das Wasser
+berührten.
+
+„Wo ist meine Uhr?“ fragte Silvestre wieder. Und wieder fühlte sich San
+Antonio zu erhaben, zu antworten.
+
+Da ließ ihn Silvestre nun völlig untertauchen, tauchte ihn einigemal auf
+und nieder in dem Wasser, zog ihn hinauf und stellte ihn auf den
+Brunnenrand.
+
+„So“, sagte er, „nun weißt du, wie es unten im Brunnen aussieht. Ich
+gebe dir jetzt Zeit bis morgen. Dann komme ich hier zurück. Und wenn du
+dann die Uhr nicht hast und mir auch nicht sagst, wo sie ist, lasse ich
+dich für eine volle Woche unten im Brunnen. Dann wirst du wohl endlich
+deine Widerspenstigkeit aufgeben.“
+
+Silvestre hatte es gut erfahren, wie ihm und seinen Mit-Peones auf den
+Haziendas der Groß-Grundherren Widerspenstigkeit und angebliche Faulheit
+ausgetrieben wurden; so durfte sich der Heilige nicht darüber beklagen,
+daß an ihm nun verübt wurde, was weder er noch alle Pfaffen je verhütet
+hatten, daß es an indianischen Landarbeitern regelmäßig getan wurde. Und
+es darf als sicher angenommen werden, würde man an allen Göttern,
+Heiligen und Pfaffen das gleiche tun, was man an Arbeitern tut, ganz
+gleich ob es indianische oder europäische sind, so würde die Religion,
+die derartige Dinge in zweitausend Jahren nicht zu verhüten vermochte,
+wohl schnell abgeändert werden. In Mexiko hängt man unzufriedene
+Landarbeiter vierundzwanzig Stunden in den Brunnen, und in Europa hängt
+man unzufriedene Arbeiter auf die Verhungerungsliste oder hinter
+Gefängnisgitter.
+
+Silvestre gab seinem Heiligen Zeit, sich zu besinnen. Er nahm ihn
+herunter vom Brunnenrand, steckte ihn wieder in den Zuckersack und
+verbarg ihn unter einem dichten Dornenstrauch im Busch. Die Mönchskutte
+des Heiligen war sehr naß geworden; aber Silvestre hatte jegliches
+Mitleid mit seinem widerspenstigen San Antonio verloren und ließ ihn in
+der nassen Kutte frieren.
+
+Am nächsten Tag war Sonntag, und Silvestre hatte Zeit genug, die
+Folterung seines Heiligen fortzusetzen.
+
+Er machte sich frühzeitig auf den Weg, um zu sehen, ob San Antonio
+inzwischen die Uhr herbeigeschafft habe. Die Uhr war natürlich nicht zur
+Stelle. San Antonio hatte sie nicht auf sich und nicht unter sich
+liegen, und in einer Falte seiner jetzt naß und modrig riechenden Kutte
+war die Uhr auch nicht verborgen. Silvestre hatte die Uhr auch nicht in
+seiner Hütte unter der Schilfmatte, auf der er schlief, gefunden, wie er
+bestimmt gehofft hatte.
+
+Silvestre nahm infolgedessen seinen Heiligen wieder vor.
+
+„Immer noch widerspenstig, querido Santo?“ sagte er zu ihm. „Warte nur,
+ich werde dich schon kriegen.“
+
+Und ohne weitere Ansprachen oder gar Gebete zu vergeuden, ließ er den
+Heiligen wieder hinunter in den Brunnen, so tief, bis er mit den Füßen
+auf dem Grunde aufzustehen schien. Er knüpfte den Bindfaden an einem
+Strauch, der in dem Mauerwerk des Brunnens Wurzel gefaßt hatte, fest, um
+den Heiligen auch wieder aus dem Brunnen ziehen zu können, wenn er die
+Uhr unter seiner Matte gefunden haben würde.
+
+Diese Arbeit getan, überließ er es dem Heiligen, sich zu befreien, oder
+wenn er sich nicht selbst befreien konnte, seine Befreiung dadurch zu
+erwirken, daß die Uhr unter die Matte, auf der Silvestre schlief, gelegt
+würde.
+
+Silvestre hatte während der ganzen Woche keine Zeit, zum Brunnen zu
+gehen; denn er hatte in der Kupfermine zu arbeiten. Und abends war er zu
+müde, den weiten Weg in den Busch zu tun, um zu sehen, wie es dem
+Heiligen ginge.
+
+Am Freitag nachmittag, als sie ausfuhren aus der Mine, sagte sein
+Arbeitskamerad Lozano zu ihm: „Oye, Silvestre, wieviel gibst du mir
+Findervergütung für deine Uhr, die ich beim Aufkehren heute im Tunnel
+gefunden habe?“
+
+„Hombre, das ist gut von dir“, sagte Silvestre; „ich gebe dir ganz gern
+einen Toston, fünfzig Centavos, als Vergütung.“
+
+„Das ist mir recht, Silvestre, gib her den Toston und hier hast du deine
+Uhr. Es ist nichts daran, sie geht wie neu. Nicht einmal das Glas ist
+gebrochen; denn als ich es blinken sah im Kehricht, da war ich
+vorsichtig, und darum ist gar nichts daran zerbrochen. Ich wußte gleich,
+daß es deine Uhr ist. Ist ja doch dein Name drin, und du hast es ja auch
+allen gesagt, daß du die Uhr verloren hast.“
+
+Silvestre bezahlte die fünfzig Centavos – sein Arbeitskamerad tat es
+billiger als der Heilige – und empfing seine Uhr.
+
+Am Sonntag ging er zum Brunnen, den Heiligen zu erlösen, weil es nun
+keinen Zweck mehr hatte, ihn zu foltern.
+
+Aber von dem Hinundherscheuern des Strauches im Winde war der Bindfaden,
+an dem San Antonio im Brunnen hing, am Mauerwerk abgeschliffen worden
+und endlich gerissen. Silvestre konnte deshalb den Heiligen nicht mehr
+heraufziehen, und die Mühe, seinetwegen in den Brunnen zu klettern, war
+der Heilige nach Meinung des Silvestre nicht wert.
+
+„Geschieht dir ganz recht, Santito“, rief Silvestre hinunter in den
+Brunnen, „daß du da drin liegst. Wenn Lozano meine Uhr nicht gefunden
+hätte, du hättest sie nie, in deinem ganzen Leben nicht, gefunden. Ich
+brauchte Lozano nicht so viel zu bezahlen, als ich dir für deine Arbeit
+versprochen habe. Du bist zu nichts zu gebrauchen. Und es ist gar nichts
+an dir verloren, wenn du da unten liegenbleibst, wo du bist. Dein gut
+verdientes Los.“
+
+Gott läßt keinen Sperling verhungern, wenn es nicht in seiner, Gottes,
+Absicht liegt. Noch viel weniger läßt er einen seiner Heiligen in einem
+grausigen Brunnen vermodern. Darum sandte er zwei indianische
+Kohlenbrenner zufällig einen Weg so durch den Busch, daß sie an dem
+Brunnen nah vorübergehen mußten. Um sich auszuruhen, setzten sie sich
+eine Weile auf den Brunnenrand und drehten sich eine Zigarette.
+
+Und als sie rauchten und gelegentlich hinunter in den Brunnen blickten,
+sagte der eine von ihnen: „Da ist ein Mann drin im Brunnen, ich sehe
+seinen Kopf und das Haar, das er auf dem Kopfe hat.“
+
+Erschreckt sagte der andere: „Wo? Ja, jetzt sehe ich ihn auch. Du,
+Hombre, das ist ein Pfaffe, er hat eine Tonsur auf dem Schädel.“
+
+Sie liefen ins Dorf und erzählten, daß im Busch ein Pfarrer in den
+Brunnen gefallen sei. Die Einwohner machten sich gleich auf mit einer
+Baumleiter und mit Lassos, um den verunglückten Cura aus dem Brunnen zu
+ziehen.
+
+Und als sie ihn hoch hatten, erkannten sie, daß es der San Antonio war,
+der seit dem vorigen Samstag auf so geheimnisvolle Weise von seinem
+Altar fort auf die Wanderung gegangen war.
+
+Zu welchem Zweck und mit welchen heiligen Absichten San Antonio auf eine
+so ferne Reise gezogen war, verriet der Senjor Cura nicht. Er tat sehr
+geheimnisvoll und sprach von göttlicher Weisheit und göttlicher Fügung,
+die zu erforschen der gewöhnliche Mensch kein Recht habe.
+
+Der Pfarrer wollte Zeit gewinnen, um sich zu überlegen, welche Deutung
+und welche Auslegung er dieser geheimnisvollen Wanderung des Heiligen
+geben könne, um den verdammenswerten Unglauben, der sich besonders unter
+den Arbeitern in den nahe gelegenen Kupferminen breit zu machen suchte,
+von Grund auf und mit energischen Mitteln zu zerstören. Denn das war
+seine Pflicht, und diese Pflicht zu erfüllen war er ausgesiebt worden
+aus der Spreu der Verlorenen und Verdammten.
+
+
+
+
+ FAMILIENEHRE
+
+
+Konsul Revelsen war der glänzend bezahlte Generalvertreter einer
+europäischen Firma, die Weltruf hatte. Jedes Kind kannte ihn. Aus
+hundert verschiedenen Gründen stand er bei der eingeborenen Bevölkerung
+in derselben hohen Achtung wie der Gouverneur. Er war ein stattlicher
+Mann und außerordentlich wohlbeleibt, was zu seinem Ansehen unter den
+Indianern, die alle sehr mager sind, nicht wenig beitrug.
+
+Seine Gattin hielt auf eine gute – ach, was sage ich da! – hielt auf
+eine unvergleichliche Küche, die Konsul Revelsen, um seine Frau nicht zu
+kränken, so sehr schätzte, daß seine Leibesfülle beängstigend wurde.
+
+Die gute Küche verlangte gute Köchinnen, und Senjora Revelsen besaß die
+seltene Gabe, unter ihren indianischen Mädchen die talentierteste
+herauszufinden, die dann, wenn sie zur Oberpriesterin im Allerheiligsten
+geweiht worden war, wie eine kostbare Kristallvase behandelt wurde.
+Diese beneidete und von ihren Stammesangehörigen mit Ehrfurcht
+betrachtete Stellung hatte jetzt Teofilia inne.
+
+Teofilia hatte sich als Kind eines Tages elternlos gefunden. Ob die
+Eltern gestorben oder abgewandert oder zwei neue Familien gegründet
+hatten, ist nie bekannt geworden. Teofilia wurde in die Hütte ihres
+kinderlosen Onkels aufgenommen. Trotzdem weder Onkel noch Tante in die
+Arbeit sehr verliebt waren und infolgedessen in Verhältnissen lebten,
+die selbst unter diesen Leuten als sehr bescheidene angesehen werden,
+fand Teofilia hier eine wahre Heimat. Sie liebte Onkel und Tante und
+deren Freundeskreis mehr, als sie je ihre Eltern geliebt hatte. Mit
+dreizehn Jahren kam Teofilia zur Stadt und fand in einem europäischen
+Hause Stellung. Sie arbeitete sich immer höher hinauf, bis sie es zur
+höchsten Würde gebracht hatte, die einem Mädchen ihrer Herkunft nur
+unter den allerglücklichsten Voraussetzungen offenstand: Köchin bei
+Senjora Revelsen.
+
+Onkel und Tante zogen in ein Dorf ganz nahe der Stadt, um sich am Glanze
+ihrer Nichte zu sonnen, noch weniger zu arbeiten als bisher und die
+Krümelchen, die von den zahlreichen Seitentischen des großen Mannes
+fielen, als unzerstörbare Basis ihres Lebensunterhaltes zu betrachten.
+
+Eines Vormittags kam Senjora Revelsen in die Küche, und sie fand
+Teofilia auf einem Stuhl zusammengebrochen, in Tränen zerfließend.
+
+Mit einem Aufschrei, in den die weiblichen Angehörigen dieses Volkes
+eine Welt voll Seelenstimmung legen können, fiel Teofilia ihrer Herrin
+zu Füßen.
+
+„Oh, geliebte Senjora, oh, angebetete Herrin, warum stürzt nicht der
+Himmel herunter! Oh, warum berstet nicht die Erde, mich in meinem
+Unglück zu verschlucken! Warum haben die Heiligen, die ich anspeie – oh,
+heilige Maria Mutter Gottes, vergib mir diese Todsünde –, oh, warum
+haben diese mir das angetan!“
+
+Dabei wandte sich Teofilia auf dem blanken Küchenboden herum, als ob sie
+in der Tat sich zum Mittelpunkt der Erde hindurcharbeiten wolle, um von
+ihrer Qual erlöst zu werden.
+
+Um einen Fehltritt mit Folgen handelte es sich nicht. Senjora Revelsen
+wußte aus reicher Erfahrung, das wird nicht tragisch genommen, sondern
+wird abgemacht mit derselben Geste, mit der man eine unvorsichtig
+beigebrachte Schnittwunde am Finger behandelt.
+
+„Was ist es denn?“ fragte sie mütterlich. „Ist Mariano – hat er sich
+eine andere genommen?“
+
+„Zur Hölle mit dem eiterbeuligen Hund! Er war gestern wieder besoffen.
+Ich hasse ihn und spucke ihn an, diesen aussätzigen Coyote.“
+
+Also eine Liebesgeschichte war es auch nicht.
+
+„Wollen Sie es mir nicht sagen, Teofilia, was ist es denn? Vielleicht
+kann ich helfen.“
+
+In dem Schluchzen und Stöhnen Teofilias entstand plötzlich eine
+effektvolle Kunstpause, die wie eine beängstigende Stille etwas
+Grausiges vorbereitet, das mit einem gewaltigen Donnerschlag beginnt.
+
+Und in der Tat, es erfolgte ein Donnerschlag, wie ihn in solcher
+Ursprünglichkeit Himmel und Erde nicht hervorbringen können. Teofilia
+richtete sich halb vom Boden auf, als ob sie erst die Lungen ganz
+vollpumpen müsse. Dann warf sie die Arme hoch in die Luft und den Kopf
+in den Nacken und schrie: „Mein Onkel ist mu–errrrrr–tooooooooo!“
+
+Instinktiv ging Senjora Revelsen einen Schritt zurück, lehnte sich fest
+gegen den Türrahmen und hielt sich mit nach hinten geworfenen Händen an
+den Türpfosten fest. Sie hatte das Empfinden, als ob das Haus in seinen
+Grundfesten erschüttere, und mit einem verstörten Blick sah sie rasch
+nach den Fensterscheiben. Es überkam sie ein so träumendes dumpfes
+Gefühl, als müßten wenigstens die Fensterscheiben gesprungen sein. Denn
+der Schrei Teofilias kam nicht von dieser Welt, in denen die Gefühle und
+Empfindungen der kaukasischen Rasse wurzeln.
+
+Man falle nicht in den Irrtum, anzunehmen, daß diese Gefühlserregung
+Teofilias Komödie oder Verstellung war, um vielleicht das Mitleid ihrer
+Herrin wachzurufen. Dieses Stadium der Zivilisation, wo man mit
+vorgetäuschten Gefühlen Geschäfte macht, Geldgeschäfte oder
+Gefühlsgeschäfte, haben die Indianer noch nicht erklommen. Ihre
+Äußerungen des Schmerzes oder der Freude sind noch echt, wenn sie uns
+auch manchmal gekünstelt oder übertrieben erscheinen, weil sie in andern
+Instinkten wurzeln.
+
+Teofilia erhielt sofort zwei Tage Urlaub, um ihren Onkel sicher und
+angemessen unter die Erde zu bringen; denn die Verstorbenen werden des
+Klimas wegen meist sofort am selben Tage oder am nächsten Morgen
+beerdigt.
+
+Teofilia erhielt ferner zehn Pesos Vorschuß. Trotz ihres hohen Lohnes
+war sie immer in Geldnöten, weil sie all ihr Geld in seidenen Strümpfen,
+modernen Halbschuhen, Ohrringen, Halskettchen, Stierkämpfen,
+Lotterielosen und einer Unmasse kostspieliger Parfüme und Seifen
+anlegte.
+
+Wenn einem Familien- oder Stammesangehörigen von einem der vielen
+Dienstboten des Konsuls Revelsen irgend etwas zustieß, was immer es auch
+sein mochte, so wandte er sich, um das Unheil abzuwenden oder wenigstens
+abzuschwächen, naturgemäß zuerst an die Heiligen, dann an die Heilige
+Jungfrau, und wenn die nicht helfen konnten oder nicht mochten, dann an
+Gottvater selbst. Wenn auch der in der Sache nichts tun konnte, dann
+wendeten sie sich vertrauensvoll an den, der allmächtiger war als alles,
+was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist. Und das war – kein
+Zweifel darüber – Senjor Konsul Revelsen. Es gab nur einen Fall im
+Erdendasein jener Indianer, die in naher oder ferner, oft in nebelhaft
+ferner Beziehung zu seinem Hause standen, wo auch Senjor Revelsen nicht
+mehr helfen konnte, und das war, wenn ein Indianer tot war, so tot war,
+daß man es bereits zwei Straßen weit roch. Solange er noch nicht roch,
+konnte Senjor Konsul immer noch erfolgreich eingreifen.
+
+Teofilias Onkel roch noch nicht, denn er war erst vier Stunden tot. Aber
+kein Gott und kein Senjor Revelsen konnte ihn mehr erwecken; denn er
+hatte das Schilfdach seiner Hütte ausbessern wollen, war durch das Dach
+gestürzt, mit dem Fuß in einer Sparre hängengeblieben, dann
+runtergefallen und hatte sich dabei das Genick gebrochen.
+
+Am nächsten Morgen, noch lange vor Frühstück, erschien Teofilia schon
+wieder in der Küche. Als Senjora Revelsen sie fand, weinte das Mädchen
+herzzerbrechend und war nicht zu beruhigen.
+
+„Wie war das Begräbnis, Teofilia?“ erkundigte sie sich teilnehmend.
+
+Und von Schluchzen und Tränenströmen unausgesetzt unterbrochen, erzählte
+Teofilia: „Oh, geliebte Senjora, wir haben ihn nicht begraben können,
+meinen armen guten Onkel. Seine Hose ist so alt und hat so viele
+verschiedenfarbige Flicken, und er hat kein ganzes Hemd. Wir können ja
+niemand von den Bekannten hereinlassen und ihn sehen lassen, wir müßten
+uns ja zu Tode schämen. Wie könnte ich meinem lieben guten Onkel, der
+immer so gut zu mir war, eine solche Schande antun? Das würde er mir in
+der Ewigkeit nicht vergessen, daß ich ihm gegenüber eine solche
+Undankbarkeit gezeigt habe. Und wenn wir ihn heimlich begraben, ohne daß
+alle Bekannten ihn gesehen haben, würde er keine Ruhe finden in seinem
+Grabe.“
+
+Wie sich Teofilia den Ausgang der Angelegenheit dachte, war nicht
+festzustellen. Irgendeinen Gedanken oder Plan hatte sie nicht. Aber in
+ihrer Hilflosigkeit hatte sie, wie in einem Dämmerzustande, den Weg zu
+jenem Hause gefunden, wo Hilfe und Rat aufgespeichert lagen, von deren
+Art sie keine Vorstellung hatte. Es war wie ein rührendes Gottvertrauen,
+das sie zu der Küche trieb.
+
+Senjora Revelsen wußte sofort, was zu tun sei. Sie ließ die
+verzweifelnde Teofilia für einen Augenblick allein und eilte zu ihrem
+Gemahl, mit dessen Hilfe der Rat zur Tat wurde. Es dauerte keine zehn
+Minuten, da war Senjora Revelsen wieder in der Küche; und nach weiteren
+zehn Minuten verließ Teofilia so strahlend und so leicht beschwingt das
+Haus, als hätte sie das sichere Mittel in der Hand, ihren Onkel in das
+rauhe Leben zurückzurufen. Ob sie es in diesem Überschwang ihrer
+Seligkeit getan hätte, ist freilich sehr in Frage zu stellen, denn die
+Wiedererweckung des Onkels hätte eine grandiose Begebenheit unmöglich
+gemacht. Unter ihrem Arm trug sie, sauber verschnürt, einen fast noch
+neuen Frackanzug des Konsuls Revelsen, dem seine Anzüge immer sehr rasch
+zu eng wurden. Teofilia hatte nicht nur den vollständigen Frackanzug,
+sondern alles, was dazu gehörte: Lackschuhe, seidene Socken, ein
+seidenes Frackhemd, einen blendendweißen Kragen, einen weißen seidenen
+Schlips und weiße Handschuhe. Auf dem ganzen Wege hatte Teofilia nur
+einen Gedanken: Wenn doch das nur der Onkel sehen könnte, wenn er nur
+für zwei Minuten die Augen aufmachen könnte, um die unvergleichlich
+schöne Leiche zu sehen, die er darstellt, und alles, was seine Teofilia
+für ihn getan hat! Aber das Leben geht andere Wege, als wir armen
+Menschen denken.
+
+Am späten Nachmittag war Teofilia wieder in der Küche, verweinter und
+verzweifelter als je. Senjora Revelsen setzte das auf Kosten der
+Nachwehen des soeben stattgefundenen Begräbnisses, und sie sagte
+mitleidig zu Teofilia: „Nun hat der gute arme Onkel seine verdiente
+Ruhe, Gott wird ihm seinen Frieden geben!“
+
+Jedoch ein aus tiefster Tiefe kommender Schrei des Schmerzes einer zur
+Verzweiflung treibenden Menschenseele leitete eine Erzählung ein, die
+man nur denen der antiken Tragödien als ebenbürtig an die Seite stellen
+kann: „Oh, angebetete Senjora, wie reich haben Sie mich beschenkt! Wie
+hoch haben Sie, holde Senjora, meinen guten Onkel geehrt mit jenem
+wundervollen Anzug! Aber der Anzug paßt ihm nicht! Der Onkel ist ja so
+sehr mager, und Ihr Senjor ist so sehr fett. Wir haben ihm den schönen
+Anzug angezogen, haben dann aber den Onkel nicht mehr wiedergefunden.
+Wir hätten die Tante und meinen andern Onkel noch dazupacken können und
+immer noch Platz übrigbehalten. Ich habe für einen Peso
+Sicherheitsnadeln gekauft, und wir haben den Anzug überall gesteckt,
+aber als es fertig war, konnte niemand sehen, was für einen schönen
+Anzug der Onkel hatte. Nun haben wir die Bekannten nicht hereinlassen
+können, und wir wissen nicht, was wir mit dem Onkel machen sollen, weil
+wir ihn nicht begraben können, ohne daß ihn die Leute gesehen haben.“
+
+Senjora Revelsen fragte sofort bei bekannten Familien an. Es war jedoch
+kein anderer Anzug aufzutreiben, der die Wünsche Teofilias befriedigt
+hätte.
+
+Vollständig gebrochen, den Todesstachel scheinbar tief im Herzen
+sitzend, schleppte sich Teofilia in die heimatliche Hütte zurück. Da
+auch der Allmächtigste der Allmächtigen hier keine Hilfe spenden konnte,
+bestand für Teofilia kein Zweifel, daß das Ende der Welt noch vor morgen
+früh erfolgen würde.
+
+Die nächsten drei Tage hörte Senjora Revelsen nichts mehr von ihrer
+Köchin. Sie setzte infolgedessen Teofilia auf die Verlustliste. Jedoch
+als Senjora Revelsen am folgenden Morgen sehr frühzeitig in der Küche
+erschien, fand sie Teofilia bereits anwesend und arbeitend, als wolle
+sie in einer Stunde alles einholen, was sie in den verflossenen Tagen
+versäumt hatte. Das Frühstück war beinahe fertig, und es hatte alle jene
+kleinen Raffiniertheiten, die Senjor Revelsen so sehr liebte.
+
+Teofilia strahlte und blühte. Die Seligkeit, die in ihr brannte, schien
+sie zersprengen zu wollen: „Oh, angebetete, oh, allergnädigste und
+huldreichste Senjora, das war ein Begräbnis! Das – war – ein –
+Begräbnis! Alles spricht davon. Ich habe doch hier so geweint, weil der
+herrliche Anzug nicht paßte. Da habe ich Ihnen doch recht große
+Undankbarkeit gezeigt. Ich bin wert, daß Sie mich gleich auf der Stelle
+verfluchen. Am nächsten Morgen, als wir so recht traurig waren und nicht
+wußten, was wir machen sollten, sahen wir auf einmal, daß der Onkel
+angefangen hatte, aufzuschwellen. Wir warteten, und am darauffolgenden
+Tage war er noch viel mehr geschwollen, und endlich war er so dick, daß
+ihm der Anzug paßte, als ob er für ihn gemacht worden sei. Da haben wir
+alle Verwandten und Bekannten hereingerufen, und die haben nur immer
+gestaunt und gestaunt über die wunderschöne Leiche, und sie haben
+gesagt, so eine schöne Leiche habe noch nie jemand gesehen. Und alle,
+die Onkel sahen, sagten, er sehe genau so aus wie Ihr Mann, Senjora, und
+wenn man ihn so ruhig, so fett und so schön daliegen sehe, könne man
+wahrhaftig meinen, es sei der Konsul Revelsen persönlich, der da
+aufgebahrt liege.“
+
+
+
+
+ EIN HUNDEGESCHÄFT
+
+
+Eines Tages kam der Indianer Ascension zu mir und fragte mich, ob er
+denn nicht einen von meinen kleinen jungen Hunden haben könne. Ich hatte
+fünf und wäre froh gewesen, wenn ich drei hätte loswerden können.
+
+„Sie können ganz gewiß einen haben“, sagte ich. „Welchen möchten Sie
+denn?“
+
+Die kleinen Hunde spielten mit ihrer Mutter gerade vor uns im Sande.
+
+„No le hace, das ist mir ganz gleich“, sagte Ascension. „Geben Sie mir
+einen, welchen Sie wollen, Senjor.“
+
+Ich nahm so einen kleinen Wicht beim Wickel und reichte ihn Ascension.
+Er hätschelte ihn gleich und freundete sich mit ihm an. Ich hatte ja
+nicht die Absicht, viel für den Hund zu verlangen. Aber mit dem
+Wegschenken muß man sehr vorsichtig sein. Das wird immer falsch
+verstanden. Hätte ich ihm den Hund geschenkt, dann wären eine halbe
+Stunde darauf alle Männer und Jungen des Dorfes gekommen, um einen Hund
+von mir geschenkt zu erhalten. Diejenigen nun, denen ich keinen hätte
+geben können, weil ich ja nur drei hergeben wollte, würden mich gefragt
+haben, warum ich denn den Hund gerade Juan gegeben habe und nicht Pedro,
+warum Elicio und nicht Atanasio, was mir denn Elicio je Gutes getan
+hätte, daß ich ihm den Hund gegeben hätte, während mir doch Nazario
+gestern erst einen halben gekochten Kürbis gebracht habe. Und wenn ich
+schon damit begann, einen kleinen Hund wegzuschenken, so kam morgen
+vielleicht ein Mann und sagte mir, ich könnte ihm doch gut eine von den
+kleinen Ziegen geben oder eins der kleinen Schweinchen. Es sind solche
+Erfahrungen, die einen lehren, alle Handlungen und Geschäfte, die man
+vorhat, klug zu überlegen.
+
+„Das Hündchen kostet einen Peso“, sagte ich nun zu Ascension.
+
+„Das ist viel zu teuer für so einen kleinen Hund“, sagte darauf der
+Indianer. „Er kann ja noch gar nicht richtig bellen.“
+
+„Wenn Ihnen der Perrito zu teuer ist, dann mögen Sie den dort haben“,
+ich packte einen andern von den kleinen Burschen, „der kostet nur
+achtzig Centavos, vier mal zwanzig Centavos.“
+
+Der Hund war genau so gut wie der für einen Peso.
+
+„Oder“, ich ergriff wieder einen andern, „Sie können auch den hier
+haben, der kostet nur acht Reales.“ Acht Reales sind ein Peso.
+
+„Nur acht Reales?“ fragte Ascension erstaunt. „Das ist aber einmal
+billig. Wie können Sie nur so billig einen so schönen Hund hergeben?“
+
+„Ich tu das auch nur für Sie, Ascension, ein anderer Mann müßte mir
+wenigstens zwölf Reales dafür bezahlen.“
+
+Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Ich nehme aber doch
+lieber den Hund für einen Peso. Das ist ja sehr teuer, mucho dinero,
+aber er ist der beste Hund, der tapferste. Er macht einen guten Beller,
+das sehe ich jetzt schon.“
+
+Er nahm den Hund auf, nestelte ihn in seinen Arm, sagte „Adios, Senjor!“
+und wollte gehen.
+
+„Oiga, Ascension, hören Sie einmal, was ist denn mit dem Peso? Ich habe
+Ihnen doch gesagt, der Hund kostet einen Peso.“
+
+Ascension blieb ganz unschuldig stehen: „Einen Peso? Ja, das ist ganz
+richtig, seguro, einen Peso. Sie haben das gesagt, einen Peso.“
+
+„Und den Peso müssen Sie mir jetzt geben, Ascension, oder Sie können den
+Hund nicht mitnehmen.“
+
+„Was sind Sie denn nun eigentlich?“ fragte Ascension, ohne den Hund
+niederzusetzen. „Sind Sie denn nun eigentlich ein Christ, oder sind Sie
+ein böser Heide? Das glaube ich doch nicht von Ihnen. Sie sehen doch,
+wie sehr der Hund mich liebt.“
+
+Das war nicht ganz richtig. Das Hündchen strampelte und wehrte sich und
+wollte wieder zurück zu seiner Mutter.
+
+„Sehen Sie denn nicht, Senjor, daß der tapfere Hund immer an mein
+Gesicht heran will, weil er mich liebt und nicht mehr von mir fort
+will?“
+
+Ich mußte das Gespräch wieder auf den Kernpunkt zurückführen, denn ich
+erkannte seine Absicht, die Rechtslage zu verwirren und sie zu jenem
+Punkt zu führen, wo er von mir einen Peso verlangen wird, daß er den
+Hund überhaupt zu sich nach Hause trägt.
+
+„Haben Sie einen Peso bei sich?“ fragte ich ihn nun.
+
+„Nein, ich habe natürlich keinen Peso bei mir.“
+
+„Dann müssen Sie den Hund wieder hergeben und erst einen Peso bringen“,
+sagte ich und nahm ihm das Hündchen wieder ab.
+
+Er war keineswegs gekränkt. Er blieb noch eine Weile stehen, sah den
+spielenden Hunden zu, redete noch einige nebensächliche Dinge und
+trottete dann seiner Wege.
+
+Am nächsten Morgen, sehr frühzeitig, war Ascension wieder bei mir.
+
+„Wer kocht Ihnen denn Ihre Frijoles?“ fragte er.
+
+„Die koche ich mir selbst.“
+
+„Wer macht Ihnen denn die Tortillas?“
+
+„Die mache ich mir auch selbst.“
+
+Er schüttelte den Kopf. Er stand einer ihm völlig fremden Welt
+gegenüber. Für ihn war es unbegreiflich, daß ein Mann allein leben
+konnte, daß ein Mann sich sein Essen selbst kochte, seine Wäsche selbst
+wusch. Selbst die indianischen Soldaten der Armee haben alle ihre Frauen
+in der Nähe, und bei Truppentransporten müssen die Frauen alle
+mitgenommen werden.
+
+Nun sah er mich eine Weile an und sagte dann: „Sie sehen gar nicht gut
+aus, Senjor. Sie haben gar kein Fett an sich. Wie ein ganz mageres
+Hähnchen. Ich glaube nicht, daß Ihnen das gut tut. Wissen Sie, Sie
+können sehr leicht krank werden, wissen Sie das auch?“
+
+„Krank? Ich? Warum?“
+
+Er wartete und schien zu überlegen, was oder wie er das Was sagen
+sollte.
+
+Endlich war er mit der Form, in der er seinen Gedanken ausdrücken
+wollte, einig: „Ja, krank, das meine ich. Man kann sehr leicht krank
+werden, wenn man ganz allein wohnt wie Sie. Das geht nicht. Ich will
+Ihnen auch sagen, was Ihnen fehlt. Es fehlt Ihnen jemand, der Ihnen die
+Frijoles kocht und die Tortillas klatscht. Das fehlt Ihnen, amigo.“
+
+„Ich werde ganz gut allein fertig“, sagte ich.
+
+„Das werden Sie nicht, Senjor. Mir können Sie so etwas nicht erzählen.
+Ich bin ein ausgewachsener Mann. Kennen Sie meine Tochter Feliciana?“
+
+„Nein.“
+
+„Meine Feliciana ist siebzehn Jahre, ein starkes und gesundes Mädchen,
+meine Feliciana. Das ist sie. Und sie ist ein sehr hübsches Mädchen. Sie
+badet sich zweimal in der Woche in der großen Tonne. Das tut sie. Sie
+hat sehr schönes langes und dickes Haar. Das kämmt sie jeden Tag
+zweimal, und sie nimmt sich sehr viel Zeit dazu.“
+
+„Das ist Ihre Feliciana? Bueno, aber warum erzählen Sie –?“
+
+Er ließ mich meine Frage nicht beenden: „Meine Feliciana kocht die
+Frijoles und überhaupt alles viel besser als meine Frau. Sie kann viel
+mehr kochen. Sie kann auch viel besser zählen als ich. Und Sie werden es
+gewiß nicht glauben, aber es ist die reine Wahrheit, sie kann sogar
+ihren Namen schreiben. Ja, das kann die Feliciana.“
+
+Die Hunde spielten dicht vor unsern Füßen herum. Ascension bückte sich
+nun und hob einen der kleinen auf, den er gestern schon in der Hand
+gehabt hatte.
+
+„Das ist der kleine Beller, den Sie mir für einen Peso verkaufen
+wollen?“ fragte er nun.
+
+„Ja, das ist er. Der kostet einen Peso und nicht einen einzigen
+Centavito weniger. Der ist sehr tapfer und kann gut bellen.“
+
+„Das glaube ich auch jetzt beinahe, er hat einen guten starken Mund, und
+die Zähne sind schon tüchtig spitz und scharf. Ich glaube, daß er schon
+bald einen Banditen beißen kann. Einen Peso, sagen Sie, Senjor, einen
+Peso und nicht einen Centavito weniger? Das ist teuer, sehr teuer.“
+
+„Sie dürfen den Hund ruhig hierlassen, ich will ihn gar nicht
+verkaufen“, sagte ich.
+
+„Was die Feliciana ist, meine Tochter“, begann er nun wieder, „die macht
+eine sehr gute Köchin. Ich kann Ihnen das schwören bei Corpus Christi.
+Sie verlangt nicht viel Lohn. Sechs Pesos den Monat. Und sie kocht gut,
+und sie tut alle Arbeit. Sie läuft auch nicht fort. Freilich, drei Pesos
+Lohn muß ich voraushaben, sonst kommt sie nicht. Ich habe eine Menge
+Ausgaben für sie. Wenn Sie mir jetzt diese drei Pesos hier bezahlen,
+dann schicke ich sie rauf. Sie kann tüchtig arbeiten.“
+
+„Nein“, sagte ich, „die drei Pesos gebe ich Ihnen nicht. Ich kenne die
+Feliciana gar nicht, weiß auch nicht, ob sie arbeiten will. Aber wenn
+Sie denken, daß Sie eine gute Köchin ist, dann will ich sie für einen
+Monat zur Probe nehmen. Aber ich zahle nicht voraus. Nach zehn Tagen
+bekommt sie ihre zwei Pesos, und nach weiteren zehn Tagen wieder zwei
+Pesos. Viel Arbeit hat sie ja gar nicht zu tun, ich bin ja auch den
+ganzen Tag draußen auf meinem Acker.“
+
+„Das weiß ich alles sehr gut“, sagte Ascension, „sonst könnte sie auch
+nicht für sechs Pesos arbeiten, und sie müßte wenigstens sieben Pesos
+haben. Also Sie wollen mir nicht die zwei Pesos vorausgeben, Senjor?“
+
+„Nein.“
+
+„Aber vielleicht einen Peso, Senjor. Ahora! Mire! Nun sehen Sie doch
+einmal hier, ein Peso ist doch ganz wenig, gerade nur ein kleines
+Stückchen Geld. Das können Sie mir doch leicht vorausgeben. Feliciana
+kann auch tüchtig waschen. Sie versteht das gut, sie spart auch sehr mit
+dem Fett, wenn sie kocht. Für ein paar Centavos kann sie ein gutes Essen
+kochen. Die kann für einen Peso, nun warten Sie einmal, also sie kann
+für einen Peso zwanzig Comidas, denken Sie nur, zwanzig Mittagessen
+kochen. Wissen Sie, was Senjora Porragas in ihrer Fonda für ein einziges
+Mittagessen verlangt? Das wissen Sie nicht. Aber ich weiß es ganz genau,
+Jacinto hat es mir erzählt; sie verlangt für ein einziges Mittagessen
+fünfunddreißig Centavos. Von solchem Gelde kann Feliciana mehr als zwölf
+Mittagessen kochen.“
+
+Während ich vorher nie an eine Köchin gedacht hatte, so war es mir
+während der langen Unterredung doch so nach und nach in den Sinn
+gekommen, daß ich unbedingt eine Köchin brauchte. Sie würde mir eine
+ganze Menge Arbeit abnehmen, und ich könnte meine Gedanken auf andere
+Dinge lenken als auf Hausarbeit, die mir viel Zeit wegnahm. So sagte ich
+denn schließlich: „Gut, ich werde Feliciana als Köchin annehmen.“
+
+„Das habe ich doch gewußt, daß Sie eine Köchin brauchen, Senjor“, sagte
+nun Ascension mit großer und überlegener Sicherheit. „Denken Sie denn
+nicht, daß es nun anständig wäre, mir wenigstens einen Peso zu geben als
+Vorausbezahlung für den Lohn?“
+
+Ascension hatte im Grunde recht, dachte ich. Es ist nur billig, daß man
+bei Anstellung einer Arbeitskraft ein Handgeld gibt. Man tut es ja
+sogar, wenn man einen Esel kauft oder eine Ziege, warum soll man es dann
+nicht mit gleicher Berechtigung tun, wenn man einen Menschen zur Arbeit
+annimmt? Durch den Platzwechsel hat ja der Mensch gewisse Ausgaben
+nötig.
+
+„Oiga, Ascension“, sagte ich nun, „gut, ich will Ihnen einen Peso
+vorausgeben auf den Lohn der Feliciana. Aber Sie müssen die Feliciana
+nun auch gleich sofort heraufschicken, damit sie schon das Mittagessen
+für heute kochen kann.“
+
+„Auf der Stelle schicke ich sie rauf, die Feliciana“, sagte Ascension
+mit einer Gebärde, als ob ich etwa an seiner Ehrlichkeit gezweifelt
+hätte; „aber gleich sofort sage ich ihr, daß sie zu Ihnen hinaufgehen
+soll. Ich werde ihr helfen, ihre Kleider und Schuhe in den Sack zu
+packen, damit sie auch ganz schnell kommen kann.“
+
+Ich ging ins Haus und brachte einen Peso heraus. Ich gab den Peso
+Ascension und sagte noch einmal: „Also schicken Sie die Feliciana rauf
+und sagen Sie ihr, daß ich auf sie warte im Hause und nicht auf das Feld
+vorher hinausgehe.“
+
+Ascension nahm den Peso, sagte: „Muchas gracias, Senjor!“, schob den
+Peso in seine Hosentasche, drehte sich um und ging einige Schritte weit.
+
+Als er etwa zehn Schritte gegangen war, blieb er stehen, drehte sich
+wieder um und kam zurück.
+
+Er ging auf die spielenden Hunde zu, hob den kleinen Hund, den er sich
+ausgesucht hatte, auf und sagte: „Das ist doch der kleine tapfere
+Beller, nicht wahr, Senjor?“
+
+„Ja“, sagte ich zustimmend, „das ist ein kleiner tapferer Bursche, der
+sicher einmal den Banditen das Fell tüchtig zerfetzen wird.“
+
+„So sieht er aus“, sagte Ascension und nestelte das Hündchen in seinen
+Arm. „Was sagten Sie, Senjor, wieviel das kleine winzige Hündchen kosten
+soll? Er wiegt doch noch nicht einmal ein Kilo.“
+
+„Der kostet einen Peso; ich kann nichts herunterhandeln lassen.“
+
+„Das ist viel Geld für einen so kleinen Hund. Ich weiß nicht, wie ich
+das machen soll. So viel Geld für einen kleinen Hund. Gut denn, Senjor,
+ich will Ihnen einen Peso für den Hund bezahlen. Ich glaube nicht, daß
+er einen Peso wert ist.“
+
+Er suchte jetzt umständlich in seiner Hosentasche herum und brachte
+endlich meinen Peso hervor.
+
+„Hier ist der Peso, Senjor, für das kleine Hündchen“, sagte er. „Den
+Hund habe ich nun von Ihnen gekauft. Adios, Senjor!“
+
+Und fort ging er, mit dem Hund im Arm.
+
+Ich wartete auf Feliciana. Aber sie kam nicht. Es waren nur etwa
+fünfzehn Minuten bis zu ihrem Hause, und jetzt wartete ich bereits drei
+Stunden. Ich mochte nun auch nicht aufs Feld hinaustrotten, weil sie ja
+inzwischen vielleicht kommen konnte und mich dann nicht im Hause
+antreffen würde. Endlich ging ich hinunter ins Dorf.
+
+Als ich zu der Hütte des Ascension kam, spielte er mit dem Hunde.
+
+„Pase, Senjor!“ sagte er sorglos, als er mich in der Tür stehen sah. Ich
+trat näher, aber er schien nicht zu wissen, was ich von ihm wollte.
+
+„Hören Sie, Ascension“, sagte ich ohne weitere Einleitung, „Sie haben
+mir doch versprochen, die Feliciana sofort hinaufzuschicken.“
+
+„Freilich habe ich das versprochen“, gab er unbekümmert zu, „und was ich
+verspreche, das halte ich stets. Ich habe Feliciana sofort
+hinaufgeschickt zu Ihnen.“
+
+„Sie ist aber nicht gekommen.“
+
+„Dafür kann ich nicht, Senjor“, sagte er achselzuckend, „ich habe die
+Feliciana sofort hinaufgeschickt. Aber sie ist nicht gegangen. Sie sagt
+mir dreist: ‚Du hast mir gar nichts zu sagen!‘ Was will ich denn da
+machen! Ich habe sie sofort hinaufgeschickt.“
+
+„Also dann scheint es mir, daß Ihre Feliciana nicht als Köchin zu mir
+kommen will“, sagte ich.
+
+„Ich habe sie sofort hinaufgeschickt, wie ich versprochen habe, ich bin
+ein grundehrlicher Mensch.“
+
+Ascension blieb bei seiner Rede und brachte keinen Wechsel hinein.
+
+„Das nützt mir nichts“, behauptete ich, „sie ist nicht gekommen.“
+
+„Aber, Senjor, ich kann sie doch nicht zu Ihnen ins Haus schleppen wie
+eine kleine Ziege. Sie ist doch eine erwachsene Frau. Ich habe sie
+sofort hinaufgeschickt.“
+
+„Gut, dann müssen Sie mir sofort den Hund wieder zurückgeben,
+Ascension.“
+
+„Den Hund, Senjor?“ Ascension machte ein erstauntes Gesicht. „Aber haben
+Sie denn ganz vergessen, daß ich Ihnen den Hund für einen Peso abgekauft
+habe? Das ist jetzt mein Hund, den habe ich für einen Peso von Ihnen
+gekauft.“
+
+„Dann müssen Sie mir den Peso wieder zurückgeben, den ich Ihnen
+vorausbezahlte auf den Lohn der Feliciana“, sagte ich.
+
+„Den Peso, den Sie mir für die Feliciana bezahlt haben?“
+
+„Ja, den Peso meine ich.“
+
+„Aber, Senjor“, lachte nun Ascension, „den Peso habe ich Ihnen doch
+zurückgegeben, als ich den Hund von Ihnen kaufte. Wissen Sie denn das
+nicht mehr?“
+
+Der Mann hatte recht. Er hatte mir den Hund abgekauft, und er hatte mir
+auch den Peso, den ich vorausbezahlt hatte auf den Lohn der Feliciana,
+zurückgegeben.
+
+Ich konnte das nicht gut bestreiten, denn ich hatte ja den Peso in
+meiner Hosentasche.
+
+
+
+
+ DER ESELSKAUF
+
+
+In dem Indianerdorfe, in dem ich lebte, lief alles Getier, Rinder,
+Ziegen, Schweine, Hühner und unzählige Hunde, frei herum. Irgendeinem
+Tier einen Stall zu bauen, hielt man für überflüssige Arbeit. Die Tiere
+fühlen sich hier alle viel wohler ohne Stall. Jeder Indianer kennt zudem
+sein Vieh ganz genau, auch wenn es keine Brandmarke trägt.
+
+Unter diesem Getier befanden sich viele Esel; denn jede Indianerfamilie
+hatte wenigstens zwei Esel. Der Esel ist in Zentralamerika wichtiger als
+eine gute Kuh. Das sah ich bald selbst ein, und ich beschloß, mir einen
+Esel anzuschaffen, auf dem ich zu meinem Felde reiten konnte, und der
+mir half, Holz und Feldfrüchte heimzuschaffen.
+
+Ich bemerkte unter den herumlaufenden Eseln einen, der sicher keinen
+Besitzer hatte. Er wurde nie geritten, nie beladen, und wenn er sich in
+der Nähe einer Hütte sehen ließ, trieben ihn die Jungen fort oder
+hetzten die Hunde auf ihn.
+
+Man konnte es leicht verstehen, warum niemand von den Indianern sein
+Besitzer sein wollte. Denn er war sehr häßlich. Das rechte Ohr stand
+waagerecht heraus, und das linke Ohr hing schlaff herunter, weil es,
+offenbar in des Esels weit zurückliegender Jugend, bei irgendeiner
+Gelegenheit gebrochen war. An dem einen Hinterbein hatte er eine dicke
+verhärtete Geschwulst, die von dem Biß einer Giftschlange oder dem Stich
+eines Skorpions herrühren mochte. Infolge der merkwürdigen Stellung der
+Ohren sah der Kopf sehr ähnlich dem eines Pariser Kunststudierenden.
+
+Seine Unabhängigkeit und sein Vagabundenleben machten den Esel, der
+männlichen Geschlechts war, zum Herrscher über alle andern Esel im
+Dorfe, und er verfügte über die weiblichen Esel wie ein Despot.
+Natürlich immer zu seinen Gunsten und immer mit Erfolg. Rücksichtslos
+kämpfte er jeden Nebenbuhler nieder, und bei diesen Kämpfen machte er
+nicht nur von seinen Hufen, sondern auch von seinen Zähnen brutalen
+Gebrauch.
+
+Einmal wurde er von zwei Indianerburschen mit Holz beladen, das der Esel
+der beiden Burschen abgeworfen hatte, weil er glaubte, die Last sei zu
+schwer für ihn, und er sich deshalb nicht verpflichtet fühlte, sie zu
+schleppen. Der häßliche Esel jedoch nahm die Last auf, als sei sie nur
+gerade Spielerei für ihn. Als er bei der Hütte der Burschen abgeladen
+war, wollte er nicht mehr fort von der Hütte. Seine Sehnsucht war, einen
+Herrn zu haben und eine Hütte, wo er das Recht hatte, während der
+Mittagsglut im Schatten zu stehen, ohne daß ihn jemand mit Steinen
+forttrieb. Die Jungen aber trieben ihn hinweg, nachdem er seine
+Gelegenheitsarbeit getan hatte, weil sie nicht Besitzer eines so
+grundhäßlichen Esels sein wollten.
+
+Ich hatte den ganzen Vorgang mit angesehen, und ich wußte auch, daß
+niemand im Dorfe den Esel haben wollte und niemand sich als seinen
+Besitzer erklärte. Nun ging ich in die Hütte und fand den Vater der
+beiden Burschen auf dem Boden hocken, einen Mango mit den Zähnen
+abschälend.
+
+„He, Boleo“, fragte ich, „wem gehört denn eigentlich der Hängeohresel?“
+
+„Der gehört niemand, Senjor. Niemand im ganzen Dorfe. Auch mir nicht.
+Der ist hier einmal zugelaufen oder vielleicht auch von einer
+durchziehenden Karawane zurückgelassen worden. Quien sabe! Was weiß ich.
+Der gehört niemand. Auch mir nicht.“
+
+„Dann könnte ich doch eigentlich den Esel haben. Ich brauche notwendig
+einen, und niemand hat einen volljährigen Esel zu verkaufen“, sagte ich
+nun.
+
+„Natürlich können Sie ihn haben, como no“, antwortete Boleo, „wir sind
+alle recht froh, wenn der Esel jemanden kriegt. Dann bricht er uns
+wenigstens nicht mehr in die Felder. Aber er ist sehr häßlich, muy feo.
+Ich möchte ihn nicht anfassen, so häßlich ist er.“
+
+„Da mache ich mir nichts daraus. Er ist stark und läßt sich gut reiten“,
+erwiderte ich.
+
+Dann ging ich heim, holte einen Lasso, fing mir den Esel ein und brachte
+ihn zu meiner Behausung. Darauf lief ich zur Tienda, kaufte fünf Kilo
+Mais und gab meinem neuen Arbeitsgefährten ein paar Hände voll Mais zu
+essen. Er nahm den Mais – wohl den ersten seit langer Zeit – freudig und
+dankbar entgegen und fühlte sich von jenem Augenblick an bei mir zu
+Hause.
+
+Am nächsten Tage ritt ich stolz auf meinem Esel auf mein Feld hinaus,
+und auf dem Heimwege belud ich ihn mit einer schönen Last Kürbisse für
+meine Ziegen. Der gute Esel wurde mir durch seine willigen Dienste nach
+wenigen Tagen schon unentbehrlich. Dadurch, daß ich auf das Feld
+hinausreiten konnte, war ich in der Lage, mehr zu arbeiten, und weil mir
+das starke Tier solche Lasten von Feldfrüchten heimschleppen konnte,
+bekamen die Ziegen besseres Futter und gaben mehr Milch.
+
+So ging eine Woche vorüber.
+
+Es war an einem Sonntagnachmittag, als ein Indianer zu meiner Hütte kam,
+mich begrüßte und um Feuer für seine Zigarette bat. Dann sagte er mir,
+daß es sehr heiß sei, daß er schwer zu arbeiten habe, daß sein jüngstes
+Kind an Husten litte und daß seine beiden Kühe recht wenig Milch gäben.
+Um mir das alles zu erzählen, war er nicht gekommen. Nach einer Weile
+deutete er zu meinem Esel hinüber, der an Maiskolben kaute, und sagte:
+„Das wissen Sie doch wohl, Senjor, daß dies da mein Esel ist?“
+
+„Ihr Esel?“ fragte ich erstaunt. „Das ist nicht Ihr Esel. Der Esel
+gehört niemand.“
+
+„Da sind Sie aber doch im Irrtum, Senjor. Das ist wirklich und
+wahrhaftig mein Esel, beim heiligen San Antonio. Aber wenn Sie ihn gern
+haben wollen, will ich Ihnen den Burro verkaufen. Billig, muy barato,
+fünf Pesos nur, hier in die Hand.“
+
+Das war allerdings billig. Unter zwölf Pesos bekommt man schwerlich
+einen Esel; häufig kosten sie sogar fünfundzwanzig bis dreißig Pesos.
+Ich dachte, das beste ist, ich bezahle die fünf Pesos, dann bin ich
+rechtmäßiger Besitzer des Esels und habe mit niemand etwas zu tun. Ich
+handelte noch einen Peso herunter, und dann zog der Mann ab mit dem
+Gelde und mit den Versicherungen, daß ich sein Haus und alles, was er
+habe, als mein betrachten dürfe.
+
+Es vergingen anderthalb Wochen, und als ich eines Spätnachmittags mit
+meinem schwerbeladenen Esel müde vom Felde heimwanderte, begegnete ich
+dem Indianer Rocio auf dem Wege.
+
+Er sagte: „Buenas tardes, Senjor, viel Arbeit, mucho trabajo, verdad?“
+
+„Gewiß“, antwortete ich und wollte weitergehen. Aber Rocio hielt mich an
+und sagte: „Morgen brauche ich den Esel. Ich habe Holzkohle draußen im
+Busch und muß sie hereinschaffen.“
+
+„Welchen Esel meinen Sie denn, Rocio?“
+
+„Den da.“ Dabei deutete er auf meinen Esel.
+
+„Den können Sie morgen nicht haben“, gab ich zur Antwort. „Den brauche
+ich morgen selbst.“
+
+Rocio sah mich ruhig und unverwirrt an und sagte: „Das ist mein Esel.
+Und ich denke doch nicht von Ihnen, Senjor, daß Sie, ein so vornehmer
+und kluger Mann, einem armen Indianer, der nicht lesen und schreiben
+kann, den Esel stehlen wollen.“
+
+„Das ist aber mein Esel, Rocio. Den habe ich von Felipe für vier Pesos
+gekauft.“
+
+„Von Felipe, Senjor? Da will ich Ihnen nur sagen, der Felipe ist ein
+gemeiner Schurke, ein Hurensohn, ein Lügner, ein Schwindler, ein Bandit,
+ein Mörder und ein großer Hausanzünder. Der hat Sie betrogen und
+belogen. Der hat keinen Funken Scham und gar keine Ehre. Der hat Ihnen
+den Esel verkauft, und er hat doch ganz genau gewußt, daß dies mein Esel
+ist, den ich selbst aufgezogen habe. Aber ich will Ihnen etwas sagen,
+Senjor, ich bin ein ehrlicher und ein anständiger Mann, die Heilige
+Jungfrau soll mich auf der Stelle mit den Pocken schlagen, wenn es nicht
+wahr ist. Und ich will Ihnen gern den Esel für sechs Pesos verkaufen. Er
+ist ja mehr als zwanzig wert; aber weil ich nicht ein solcher
+niederträchtiger Schurke bin wie der Felipe, so will ich Ihnen den Esel
+billig verkaufen, für zehn Pesos.“
+
+„Sie haben doch soeben gesagt, für sechs Pesos.“
+
+„Habe ich gesagt sechs? Wenn ich sechs gesagt habe, dann sollen Sie den
+Esel auch für sechs Pesos haben. Ich bin kein Betrüger.“
+
+Nun dachte ich aber doch, daß es vielleicht besser sei, erst einmal
+genau festzustellen, ob Rocio nun auch wirklich der Besitzer sei, damit
+nicht vielleicht morgen ein anderer Besitzer auftauche. Dazu ließ mir
+aber Rocio keine Zeit. Er wollte sofort wissen, ob ich den Esel kaufe
+oder nicht. Wenn nicht, dann würde er ihn hier auf der Stelle sofort
+abladen und mich auch noch bei der Ortsbehörde wegen Viehdiebstahls
+anzeigen, und dann käme ich ganz bestimmt in die Carcel, in das
+Gefängnis.
+
+Während wir uns noch herumstritten, kam ein anderer Indianer vorbei, den
+ich ebenfalls kannte.
+
+Rocio fiel ihn sofort an und fragte: „Hombre, Mensch, das ist doch mein
+Burro hier? Ist das nicht mein rechtmäßiger Esel?“
+
+„Freilich ist das dein Esel“, sagte der Mann, „claro, seguro, das kann
+ich gut beschwören.“
+
+Also da waren Zeugen. Rocio war im Recht. Ich handelte. Und als es
+anfing, dunkel zu werden, waren wir auf drei Pesos und fünfzig Centavos
+herunter. Er begleitete mich zu meinem Wohnbereich, wo er das Geld in
+Empfang nahm und dann mit seinem Zeugen abwanderte, immerwährend
+beteuernd und lamentierend, daß ich ihn bei dem Kauf schmählich übers
+Ohr gehauen hätte, der Esel sei zehnmal mehr wert, aber gegen die
+schlauen Weißen könne sich so ein armer unwissender Indianer ja nicht
+verteidigen.
+
+Es vergingen wieder mehrere Tage.
+
+Als ich an einem Sonntagnachmittag an dem Hause des Bürgermeisters
+vorüberkam, saß der Alkalde, der Bürgermeister, ebenfalls ein Indianer,
+vor der Tür. Er rief mich an und bat mich, einen Augenblick näher zu
+treten.
+
+Er bot mir einen wackligen Korbstuhl an und erzählte mir einige Sachen
+aus seiner Familie. Dann, als ich endlich gehen wollte, sagte er: „Wie
+ist das eigentlich mit dem Esel?“
+
+„Mit welchem Esel?“ fragte ich.
+
+„Mit dem Gemeindeesel, den Sie da in Ihrem Hofe haben, und den Sie
+reiten und arbeiten lassen.“
+
+„Das ist mein Esel. Den habe ich gekauft“, sagte ich protestierend.
+
+Der Alkalde lachte und antwortete: „Den Esel kann Ihnen niemand
+verkaufen. Das ist der Gemeindeesel. Wenn Ihnen jemand den Esel
+verkaufen kann, so bin das nur ich allein und niemand sonst.“
+
+Ich begann zu erstarren.
+
+Aber der Bürgermeister machte sich nichts daraus. Er sagte: „Der Felipe
+und der Rocio, das sind die größten und die gemeinsten Spitzbuben und
+Banditen. Das sind doch Mörder und Cabrones. Ich warte jetzt nur, bis
+die Soldaten von der Municipalidad demnächst wieder hier vorbeikommen.
+Dann lasse ich die beiden aber gleich verhaften, und da werde ich schon
+schnell dafür sorgen, daß sie sofort erschossen werden. Solch ein
+Gesindel habe ich hier im Dorfe.“
+
+„Aber Rocio brachte einen Zeugen, der beschwören konnte, daß der Esel
+dem Rocio gehörte“, verteidigte ich meinen Besitz.
+
+„Das war der Capillo“, sagte der Bürgermeister. „Der ist der
+allergefährlichste Bandit. Der hat Stacheldraht gestohlen. Den lasse ich
+auch erschießen. Gleich zuerst. Ich warte nur auf die Soldaten. Wie
+können denn diese Mörder und Hausanzünder und Frauenräuber den
+Gemeindeesel an Sie verkaufen! Ich habe doch gedacht, daß Sie als ein
+weißer Mann etwas klüger sein könnten. Gemeindeesel dürfen gar nicht
+verkauft werden. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Senjor. Sie haben den
+Esel gern, das weiß ich. Und wir haben keinen einzigen Centavito in der
+Gemeindekasse. Und da darf ich Ihnen schon den Esel verkaufen, damit wir
+etwas Geld in die Gemeindekasse bekommen. Ich will Ihnen den Esel, der
+ganz gut und ganz sicher zweimal zwanzig Pesos wert ist, für zehn Pesos
+verkaufen, weil Sie ja schon diesen Halunken so viel Geld gegeben
+haben.“
+
+Schließlich einigten wir uns auf vier Pesos. Ich bezahlte das Geld, und
+nun war ich endlich rechtmäßiger Besitzer des Esels. Für das Geld, das
+ich bereits ausgegeben hatte, würde ich auch einen guten und schönen
+Esel irgendwo bekommen haben. Von den beiden Halunken war natürlich
+nichts wiederzukriegen.
+
+Dann kam Senjora Sanchez, eine ältere Frau, Halbblut, wieder heim ins
+Dorf. Sie war mehrere Wochen in Saltillo zum Besuch ihrer verheirateten
+Tochter gewesen. Im Dorfe besaß sie eine kleine Fonda, in der
+vorbeiziehende Karawanentreiber und Reisende zu übernachten und zu essen
+pflegten. Sie war keine zwei Stunden anwesend, da kam sie vor meine
+Hütte gerast wie eine Wahnsinnige. Am Stacheldrahtzaun stand sie und
+schrie: „Kommen Sie sofort einmal heraus, Senjor, ich habe ernsthaft mit
+Ihnen zu sprechen.“
+
+Nach kurzer Überlegung hielt ich es für gut, sofort zu erscheinen.
+
+Ohne „Guten Tag“ zu sagen, schrie sie: „Wo ist mein Esel? Sofort meinen
+Esel her, oder ich schicke gleich zur Municipalidad, damit die Soldaten
+kommen und Sie erschossen werden. Sie haben mir meinen Esel gestohlen!“
+
+„Das ist der Gemeindeesel, den hat mir der Alkalde verkauft.“
+
+„Der Spitzbube, der infame, wie kann Ihnen denn der Kindermörder und
+Holzräuber meinen Esel verkaufen! Sofort will ich meinen Esel.“
+
+Was soll man gegen eine halb wahnsinnige Frau machen? Ich gab ihr den
+Esel. Sie nahm ihn in Empfang, schrie noch einmal: „Eine solche
+Unverschämtheit!“, und dann gab sie dem Esel einen Tritt und ließ ihn
+seiner Wege ins Freie ziehen. Sie hatte keine Verwendung für den Esel,
+und sie gebrauchte ihn nie.
+
+Ich wollte wenigstens das retten, was ich schon gezahlt hatte, und ich
+fragte zaghaft, ob sie mir nicht den Esel verkaufen wolle. Denn sie war
+der rechtmäßige Besitzer. So konnte nur der auftreten, der zweifelsohne
+im vollen Recht war.
+
+„Einem solchen Viehräuber, wie Sie einer sind, verkaufe ich meinen Esel
+nicht einmal für tausend Pesos. Spitzbubengesindel, Ihr!“ Und fort war
+sie.
+
+Ich trabte zum Bürgermeister. Er wußte schon, was los war. Das geht
+schneller als mit Telephon.
+
+„Das ist, glaube ich, richtig“, sagte der Mann. „Der Esel gehört der
+Senjora Sanchez. Aber sie war ja nicht hier. Sie war verreist. Und dann
+war das doch der Gemeindeesel, weil sie ja nicht hier war.“
+
+„So genau kenne ich Ihre Spezialgesetze nicht“, erwiderte ich. „Aber ich
+möchte doch meine vier Pesos wiederhaben, die in der Gemeindekasse
+sind.“
+
+„Die stehen Ihnen nun auch rechtmäßig zu“, sagte darauf der
+Bürgermeister. „Aber die vier Pesos sind nicht mehr drin in der
+Gemeindekasse. Ich habe sie ausgegeben. Für Gemeindezwecke.“
+
+Gemeindezwecke? Ich hatte nichts davon gesehen, daß eine Straße geebnet
+oder eine Brücke gebaut oder sonst etwas getan worden war, seit ich das
+Geld in die Gemeindekasse gezahlt hatte.
+
+Der Bürgermeister aber ersparte mir das Raten und sagte unschuldig: „Ich
+brauchte ein neues Hemd, sehen Sie, Senjor, und ein Stück Leder für
+meine Sandalen.“
+
+Dagegen ließ sich nichts sagen. Da er der Bürgermeister war, so waren
+das in der Tat Gemeindezwecke, für die er das Geld verausgabt hatte.
+Denn ein Bürgermeister muß doch schließlich ein Hemd und ein Paar
+Sandalen haben.
+
+Ich hoffe zuversichtlich, daß diese Geschichte hier mich endlich
+reinwäscht von der Beschuldigung, ich hätte irgendwo südlich des Rio
+Grande einen Esel gestohlen. Jenes Gerücht geht von der Senjora Sanchez
+aus, die mir nicht wohlgesinnt ist, weil ich nicht in ihrer Fonda
+verkehre.
+
+
+
+
+ DIPLOMATEN
+
+
+Während der Regentschaft des Diktators Porfirio Diaz gab es in Mexiko
+weder Banditen, noch Rebellen, noch Eisenbahnüberfälle. Porfirio Diaz
+hatte das Land von den Banditen auf eine sehr einfache und gut
+diktatorische Weise befreit. Er hatte allen Zeitungen verboten, über
+Banditenüberfälle auch nur ein Wort zu berichten, es wäre denn, daß der
+Bericht von der Regierung selbst eingeschickt sei. Zuweilen hatte
+Porfirio Diaz ein Interesse daran, daß über Banditen- und
+Eisenbahnüberfälle berichtet wurde. Er wollte dann einem General, den er
+für bestimmte politische Zwecke brauchte, um sich in der Herrschaft zu
+erhalten, guten Verdienst zukommen lassen dadurch, daß er ihn mit seinen
+Truppen in die Banditenregion schickte. Das brachte für den so
+begünstigten General kleine Nebeneinnahmen von einigen zehntausend
+Dollar. Wenn der General sein Geschäft abgeschlossen und das Geld in der
+Tasche hatte – einkassiert bei allen Geschäftsleuten der Region, die den
+Kampf gegen die Banditen zu bezahlen hatten auf Grund der Rechnungen
+jenes Generals –, dann erschienen in aller Welt Berichte, daß der große
+Staatsmann Porfirio Diaz abermals das Land von Banditen mit eiserner
+Hand gesäubert habe, und daß fremdes Kapital in Mexiko so sicher sei,
+als läge es in den Gewölben der Bank von England. Einige Dutzend
+Banditen waren erschossen worden, darunter viele, die nicht Banditen
+waren, sondern Landarbeiter, die sich zu rühren begannen, um das
+grausame Joch der Latifundienbesitzer abzuschütteln. Ein halbes hundert
+Namen anderer Banditen, die erschossen worden waren, wurden in den
+Zeitungen veröffentlicht, um dem General das Einkassieren der Rechnungen
+zu erleichtern. Jene Namen erschienen glaubhaft. Sie hatten nur den
+Nachteil, daß sie keine Träger hatten, sondern daß sie der Sekretär des
+Generals von Grabsteinen abgeschrieben oder sie sich einfach ausgedacht
+hatte. Es wurden damals, mehr als heute, Zahlmeister, Manager und
+Ingenieure der großen amerikanischen Kompanien in Mexiko in die Berge
+verschleppt mit der Androhung, daß sie stückweise zu Tode gehackt
+würden, falls nicht das Lösegeld für sie innerhalb von sechs Tagen zur
+Stelle sei. Porfirio Diaz zahlte das Lösegeld an die Banditen, damit die
+amerikanischen Zeitungen nichts erfahren sollten und so das fremde
+Kapital abgeschreckt werden möchte. Dem befreiten Manne wurde noch ein
+Sümmchen außerdem in die Hand gedrückt als Schmerzensgeld und
+Schweigegeld. Aber Porfirio Diaz bezahlte das Lösegeld und das
+Schweigegeld nicht aus eigener Tasche. Hätte er das getan, so hätte er
+sich nicht den Ruhm verdienen können, daß er den Staatsschatz
+außerordentlich ökonomisch verwalte. Darum kassierte er das verauslagte
+Lösegeld und Schweigegeld von denselben amerikanischen Kompanien ein, zu
+deren Gunsten – richtiger zugunsten des befreiten Angestellten jener
+Kompanie – er es bezahlt hatte. Er verkaufte jenen Kompanien für teures
+schweres Geld besondere Konzessionen und Kommuneland, das er den
+Indianern wegnahm. Dadurch gewann er zwei neue Freunde, die an seiner
+Diktatorschaft interessiert waren. Der eine neue Freund war die
+begünstigte amerikanische Kompanie, der andere neue Freund war ein
+mexikanischer Großgrundbesitzer, der dadurch, daß den Indianern das
+Kommuneland weggenommen wurde, einen neuen Trupp von Heloten bekam, die
+für drei Centavos arbeiteten – „del sol hasta sol“ – von Sonnenaufgang
+bis Sonnenuntergang.
+
+Was Zeitungen nicht berichten, existiert nicht. Besonders nicht für das
+Ausland. So erhält ein Land immer seinen guten Ruf. Alle Diktatoren
+arbeiten nach demselben Rezept.
+
+Wie damals, so sind auch heute noch die Zeitungen in Mexiko – ohne
+Ausnahme – in konservativen Händen, in den Händen der Angehörigen jener
+Klasse, die die Diktatorschaft des Porfirio Diaz als das „Goldene
+Zeitalter Mexikos“ preist. Und weil diese Klasse in Mexiko vor dem
+Ansturm des indianischen und halbindianischen Proletariats zu wanken
+beginnt, so sind heute die Zeitungen jener Klasse voll von Geschichten
+über Banditen, Rebellen und Eisenbahnüberfällen; sie feiert jeden
+schäbigen Meuchelmörder und jeden ehrlosen General, wenn es sich um
+Individuen handelt, die der gegenwärtigen Regierung Schwierigkeiten
+bereiten. Heute ist in Mexiko – nach der Aussage jener Zeitungen –
+täglich die unbeschränkte Pressefreiheit in Gefahr. Unter der
+Diktatorschaft des Porfirio Diaz wurde jedoch, trotz der strengen
+Verbote, über Banditen zu berichten, von bedrohter Pressefreiheit nie
+gesprochen. Denn damals gab es die wahre und allein richtige
+Pressefreiheit, jene gepriesene Pressefreiheit, die im Interesse der
+kapitalistischen Klasse wirkt und nur in deren Interesse Pressefreiheit
+gestattet.
+
+Trotzdem Porfirio Diaz alle Banditen nach seiner einfachen und wirksamen
+Weise völlig ausgerottet hatte, kamen dennoch zuweilen Dinge vor, die
+höchst peinlich wirkten und seinen schönen goldbronzierten Aufbau –
+schöner und geschickter, als ein Potemkin es je vermocht hätte – in
+Erschütterung zu bringen drohten.
+
+ * * * * *
+
+Es sollte ein neuer Handelsvertrag zwischen Mexiko und den Vereinigten
+Staaten abgeschlossen werden, oder der alte sollte erweitert werden. Bei
+allen solchen Verträgen glaubte Porfirio Diaz stets, daß er der schlaue
+Fuchs sei und der große Staatsmann; aber wenn es zum Ende kam und man
+den Vertrag mit allen seinen Folgerungen genauer betrachtete, fand sich
+immer, daß Mexiko gründlich geleimt worden war.
+
+Die Regierung der Vereinigten Staaten sandte einen ihrer besten
+Handelsdiplomaten; denn Mexiko ist von den Vereinigten Staaten immer als
+eines der wichtigsten Länder in handelspolitischer Beziehung mit den
+Vereinigten Staaten angesehen worden. Und Mexiko wird für ewig – in
+Zukunft bei weitem mehr als in der Vergangenheit – das wichtigste Land
+für die Vereinigten Staaten bleiben. Wichtiger als ganz Europa.
+
+Porfirio Diaz, um den Diplomaten der nordamerikanischen Regierung gut
+einzuseifen, um – wie er dachte – ihn nachher um so besser barbieren zu
+können, und um ihm gleichzeitig zu zeigen, wie reich Mexiko sei und wie
+reich seine Bevölkerung – die obere Klasse, weniger als ein halb Prozent
+des Volkes – sei und wie kultiviert und zivilisiert, veranstaltete ein
+luxuriöses Fest zu Ehren des nordamerikanischen Handelsdiplomaten.
+
+Feste zu geben war etwas, was wohl selten ein Mann so gut verstanden hat
+wie Porfirio Diaz. Das Fest, das er im Jahre 1910 der Welt gab, die
+sogenannte Centenariofeier, die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit
+Mexikos von Spanien, gehört zweifellos zu den größten öffentlichen
+Festen, die bis heute auf dem amerikanischen Kontinent, um nicht zu
+sagen auf Erden, gegeben worden sind. Das strotzte und strahlte nur
+alles so in Gold, mit dem die Besucher aus fremden Ländern geblendet
+wurden. Die Millionen an Dollars, die jenes Fest das mexikanische Volk
+gekostet haben, sind nie gezählt worden. Die Besucher sahen nur jene
+goldstrotzenden Fassaden. Es war in außerordentlich geschickter Weise
+Vorsorge getroffen worden, daß kein fremder Besucher eine Möglichkeit
+hatte, zu sehen, was eigentlich hinter den goldenen Fassaden war. Hinter
+jenen Fassaden kauerten fünfundneunzig Prozent des mexikanischen Volkes
+in Lumpen und Fetzen, hatten fünfundneunzig Prozent des Volkes keine
+Schuhe oder Stiefel, lebten fünfundneunzig Prozent des Volkes nur von
+Tortillas, Frijoles, Chile, Pulque und Tee aus Baumblättern, lebten mehr
+als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht lesen, und mehr als
+fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht einmal ihren Namen
+schreiben konnten. Wo in aller zivilisierten und unzivilisierten Welt
+ist je ein solches Fest gefeiert worden! Und was für ein kleiner
+mickriger Dorfmusikante war ein Fürst Potemkin gegenüber diesem großen
+Fanfarenbläser Porfirio Diaz, dem anläßlich jenes Festes von allen
+Königen und Kaisern die Brust so voll mit Orden und Kreuzen gehängt
+wurde, daß sechzig vollbeladene Eisenbahnfrachtwagen nicht ausreichten,
+jene Orden und Ehrenzeichen zu transportieren. So sieht ein goldenes
+Zeitalter aus.
+
+Man wird zugeben müssen, daß Porfirio Diaz Feste zu geben verstand. Und
+das Fest, das er einige Jahre vorher jenem nordamerikanischen Diplomaten
+gab, war eine angemessene Vorfeier jener gloriosen Fassadenbeleuchtung.
+
+Das Fest zu Ehren des Diplomaten wurde gegeben im Schloß zu Chapultepec
+in Mexiko City. Seit der Revolution ist jenes Schloß ziemlich verödet.
+Feste werden dort nur sehr selten noch gegeben, weil das mexikanische
+Volk heute wichtigere Dinge zu tun hat, als glänzende Feste zu feiern.
+Das Schloß ist in der Hauptsache nur noch ein Museum für fremde
+Touristen, die das Bett der Kaiserin Charlotte sehen wollen und es
+abtasten, ob Charlotte auch weich genug darin geschlafen hat. Hier war
+auch die Sommerresidenz des Kaisers der Azteken, dessen Bad noch zu
+sehen ist und gut erhalten wurde. Obgleich das Schloß die offizielle
+Wohnung des Präsidenten der mexikanischen Republik ist, so wohnen doch
+die revolutionären Präsidenten selten dort. Präsident Calles hat nie im
+Schloß gewohnt, sondern in einem schlichten Hause in der Nähe.
+
+Aber unter Porfirio Diaz ging es lustig und herrlich im Schloß von
+Chapultepec zu. Er mußte sich die kleine, aber sehr fette Aristokratie
+des Landes warm und vergnügt halten, um an der Regierung bleiben zu
+können, so wie andere Diktatoren sich den Papst warm halten, wenn die
+Kapitalisten durch Geschäfte, die immer schlechter gehen, anfangen
+einzusehen, daß eine Diktatur auch ihre Nachteile hat. Zu dem Feste, das
+zu Ehren jenes Diplomaten gegeben wurde, war nur die Sahne der oberen
+Gesellschaft Mexikos geladen worden, um den Eindruck auf den Diplomaten
+zu vertiefen, wie elegant, wie zivilisiert, wie kultiviert und wie reich
+die Mexikaner seien. Es strotzte von glänzenden Generalsuniformen. Und
+Porfirio Diaz selbst, über und über mit Goldtressen und
+Goldverschnürungen beklebt, beleimt und behangen, sah aus wie ein
+Zirkusaffe, der die Hauptrolle in einer burlesken Operette spielt, deren
+Geschehnisse sich in irgendeinem fabulösen Balkanlande abwickeln. Die
+Damen waren mit Juwelen belastet wie das Hauptauslegebrett in dem
+Schaufenster eines Juwelenhändlers in einer der elegantesten Straßen von
+Paris zwischen zwei und sechs Uhr nachmittags. Alles in allem gesagt, es
+war die erlesenste Gesellschaft, die Porfirio Diaz nur aufbringen
+konnte.
+
+Der nordamerikanische Diplomat war nicht zum ersten Male in seinem Leben
+von seiner Regierung damit beauftragt worden, Handelsverträge mit
+fremden Ländern durchzuberaten und abzuschließen. Nur wenige Zeit vorher
+hatte er einen Handelsvertrag zwischen seinem Lande und England
+geschickt zu Ende geführt. Bei diesem Vertrag hatte England, ohne daß er
+oder die amerikanische Regierung das begriffen, den fetteren Bissen
+erwischt, wie das England bei allen solchen oder ähnlichen Vorfällen
+immer gelingt. Um den nordamerikanischen Diplomaten für diese gute
+Arbeit auszuzeichnen und zu ehren und ihn so lange zu hypnotisieren, bis
+der Handelsvertrag unterzeichnet und von den Parlamenten beider Länder
+ratifiziert worden war, empfing ihn der König von England in
+Privataudienz, und da er ihn nicht zum Ritter erheben konnte – ein guter
+republikanischer Amerikaner läßt sich so etwas nicht gefallen –, verlieh
+er ihm eine goldene Taschenuhr, reich mit Brillanten gespickt und
+versehen mit schellenläutender und ehrenvoller Widmung und mit dem
+eingravierten Namenszug Edward VII., König von England und Kaiser von
+Indien.
+
+Auf diese Uhr war der Diplomat natürlich sehr stolz, wie jeder gute
+republikanische nordamerikanische Mann stolz darauf ist, wenn ihm ein
+europäischer König oder Großherzog am Rockknopf gedreht hat. Denn es
+kommt auf die erste Seite aller amerikanischen Zeitungen.
+
+Es war ganz natürlich, daß der Diplomat auf jenem Feste diese Uhr Don
+Porfirio zeigte. Don Porfirio fühlte sich außerordentlich geschmeichelt,
+daß die nordamerikanische Regierung ihn für so wichtig hielt, einen so
+bedeutenden Diplomaten, der vom König von England ausgezeichnet worden
+war, nach Mexiko zu schicken, um mit ihm, mit Don Porfirio, einen neuen
+Handelsvertrag zu beraten und zu beschließen. Dadurch fühlte sich
+Porfirio Diaz hochgeehrt, denn er wurde ebenso wichtig betrachtet wie
+der König von England. Solches Gleichstellen mit Königen und Kaisern
+machte Porfirio Diaz für alles gefügig, eine Tatsache, die den
+Regierungen aller fremden Länder und allen Diplomaten wohlbekannt war
+und rücksichtslos, zum Unheil des mexikanischen Volkes, von allen
+Regierungen und Diplomaten ausgenutzt wurde. Denn Porfirio Diaz war ja,
+wie die Mehrzahl aller Diktatoren, nur ein Emporkömmling, der weder
+durch seine Herkunft, noch durch seine Familie, noch durch seine
+Erziehung, noch durch sein Geld, noch durch seine Begabungen ein
+begründetes Recht hatte, von der Aristokratie des Landes zu den Ihrigen
+gezählt zu werden. Die Eigenschaft, die am höchsten bei ihm entwickelt
+war, hieß Eitelkeit.
+
+Als er die Uhr betrachtete, überlegte er bereits, wie er das Geschenk
+des Königs von England überbieten könne und in welcher Form, so daß alle
+Länder der Erde davon hören und berichten konnten.
+
+Die Uhr wurde natürlich auch von allen anwesenden Generalen betrachtet
+und gebührend bewundert.
+
+Nachdem die Begrüßungszeremonien und die Vorstellungsformalitäten
+vorüber waren, begab man sich zu dem großen Bankett, wo viele gute Reden
+über die vorzüglichen Beziehungen zwischen Mexiko und den Vereinigten
+Staaten und zwischen Mexiko und allen anderen Ländern gehalten wurden
+und wo jeder anwesende Diplomat sich seine Pflichtrede dadurch
+erleichterte, daß er das goldene Zeitalter Mexikos pries, und besonders
+den pries, der für das goldene Zeitalter Mexikos allein verantwortlich
+war, und das war kein anderer als Don Porfirio.
+
+Als nun auch das vorüber war, rüstete sich alles für den großen Ball,
+der im Stil der Gesandtenempfänge in Paris heruntergetanzt wurde. Denn
+Don Porfirio war ein Verächter alles dessen, was mexikanisch oder gar
+indianisch war, und ein Bewunderer alles dessen, was französisch roch
+oder dem Hofleben von Wien ähnlich sein konnte. Diese Bewunderung
+reichte zuweilen hinan zu vollständiger Idiotie. Beweis: Das Opernhaus
+in Mexiko.
+
+Während einer Pause des Balls bemerkte der nordamerikanische Diplomat
+plötzlich, daß seine wertvolle Ehrenuhr nicht mehr da war, wo sie
+ursprünglich gewesen war. Bei längerem aufgeregtem Suchen fand er sie
+auch in keiner anderen Tasche seines Frackanzuges. Und als er nachher
+zusah, entdeckte er, daß die Uhr von der goldenen Kette, an der sie
+gehangen hatte, sehr elegant abgeknipst worden war, und zwar, wie später
+die Detektive feststellten, mit Hilfe einer Nagelschere.
+
+Der amerikanische Diplomat hatte Takt genug, zu wissen, daß man so etwas
+nicht erwähnt, wenn es sich um eine gewöhnliche goldene Uhr handelt, die
+bei einem derart hochgeschraubten diplomatischen Fest verlorengeht. Man
+gibt vielleicht dem Zeremonienmeister einen kleinen Wink. Wird die Uhr
+gefunden, ist es recht; wird sie nicht gefunden, dann kommt sie auf die
+Rechnung des Auswärtigen Amtes. Solche Vorfälle sind viel häufiger, als
+der kleine Mann, der nie Zutritt zu Diplomatenbällen hat, glauben würde;
+denn auch Diplomaten sind, mehr als man glaubt, häufig in
+Geldschwierigkeiten, die sich oft nur in einer Weise beheben lassen, die
+sich nicht ganz mit der guten Sitte, die man auf Gesandtschaftsbällen
+erwartet, decken dürfte. Aber auch Diplomaten sind Menschen. Und wo der
+ganze Beruf des Menschen darin besteht, einen anderen – meist ein ganzes
+Volk – geschickt zu übervorteilen, schleicht sich leicht ein Manöver
+ein, das rein persönlichen Zwecken dient. Es kommen auf diplomatischen
+Empfängen genügend Perlenhalsbänder, Brillantenarmbänder und goldene
+Uhren abhanden, daß die hohen Ausgaben für „besondere diskrete“ Budgets
+der Auswärtigen Ämter gerechtfertigt erscheinen. Nicht jede Frau eines
+Diplomaten hat Takt und besonders Geld und Laune genug, ihr
+Perlenhalsband zu verschmerzen. Sie pfeift auf die Karriere ihres
+Gatten, wenn das Halsband zehntausend Dollar gekostet hat, und sie droht
+ernsthaft, Skandal zu machen und die Zeitungen zu unterrichten. Was
+bleibt dem Auswärtigen Amt übrig? Das Halsband wird ersetzt.
+
+Diese Uhr aber ließ sich nicht ersetzen. Daß ein Diplomat das
+eigenhändige Geschenk des Königs von England so wenig schätzt, daß er
+das Geschenk verliert, ist beinahe eine Beleidigung des Königs von
+England. Es kann den Diplomaten Ruf und diplomatische Stellung kosten.
+Nun darf man von einem amerikanischen Diplomaten ja auch nicht den Takt
+erwarten, den ein französischer, englischer oder russischer Diplomat
+besitzt. Der französische Diplomat würde eine geistreiche Ausrede dafür
+finden, wie und auf welche Weise ihm die Uhr abhanden gekommen ist, eine
+Ausrede, so fein und elegant, daß sie ihm in seiner diplomatischen
+Karriere eher förderlich als hinderlich sein würde. Aber wir sind auf
+diesem Gebiete noch Bauern und Schüler und machen darum Lärm. Der
+Diplomat wünschte ja auch in seinen Klubs mit jener Uhr zu protzen. Und
+wenn ihm die Uhr fehlte, so blieben ihm nicht viel andere Dinge, mit
+denen er protzen konnte, und mit deren Hilfe er Gold auf Hand beweisen
+konnte, daß er eine Privataudienz mit dem Könige von England gehabt
+habe. Denn niemand gibt sich die Mühe, alte Zeitungen aufzuheben oder
+durchzustöbern, um die Wahrheit jener Behauptung festzustellen.
+Jedenfalls niemand im Klub. Und ein Zeitungsausschnitt kann von jedem
+Druckerlehrling für zwei Dollar Entschädigung hergestellt werden.
+
+Der amerikanische Diplomat, mit der unbekümmerten Robustheit in
+Taktfragen, die seinem Volke eigen ist, ging sofort auf Don Porfirio zu
+und bat ihn um eine kurze Unterredung mit Hilfe seines Sekretärs, der
+Spanisch sprach.
+
+„Entschuldigen Sie, Don Porfirio“, sagte der Diplomat, „es tut mir
+aufrichtig leid, daß ich Sie belästigen muß, aber mir ist soeben meine
+Uhr, die ich vom König von England geschenkt bekommen habe, hier im Saal
+gestohlen worden.“
+
+Porfirio Diaz verzog keine Miene. Er sagte nicht: „Das ist nicht
+möglich!“ oder „Sollte das nicht ein Irrtum sein?“ Er kannte ja seine
+Leute, und keiner wußte es besser als er, daß die Banditen nur in den
+Zeitungsberichten ausgerottet seien, nicht aber im Lande; denn er hätte
+ja zuerst einmal alle seine Generale und Gouverneure und Bürgermeister
+und Steuerverwalter und Staatssekretäre erschießen müssen, wenn er alle
+Banditen hätte ausrotten wollen. Und hätte er wirklich alle Banditen,
+die es während seiner Regentschaft gab, erschossen, so wäre
+wahrscheinlich kein einziger Mexikaner mehr übriggeblieben, den er hätte
+regieren können. Die regierende Klasse raubte aus unersättlicher Habgier
+und die nichtregierende Klasse aus bitterem Hunger.
+
+So sagte Porfirio Diaz als Antwort zu jenem Diplomaten nur: „Seien Sie
+nicht in Sorge, Exzellenz, es liegt hier offenbar nur ein kleiner Scherz
+vor. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie die Uhr innerhalb von
+achtundvierzig Stunden wieder in Ihrem Besitz haben werden.“
+
+Das Ehrenwort des Präsidenten. Porfirio Diaz konnte sein Ehrenwort
+beruhigt geben. Denn wer Meister aller Banditen und Spitzbuben ist, wer
+alle Banditen und Spitzbuben und deren Schliche und Wege so gut kannte
+wie Porfirio Diaz, er selbst ein Meisterspitzbube in allen solchen
+Dingen, wo es sich nicht gerade um gewöhnlichen Taschendiebstahl
+handelte, der würde die Uhr schon entdecken.
+
+Mit den höflichsten Worten verabschiedete endlich zu gegebener Stunde
+Porfirio Diaz den nordamerikanischen Diplomaten, ohne daß hierbei auch
+nur mit einem Wörtchen das kleine Mißgeschick erwähnt wurde.
+
+Aber, wenngleich es nur seine nächsten Vertrauten bemerkten, Don
+Porfirio raste, wie nur er zu rasen vermochte. Das Rasen eines
+Diktators, dessen Schwindel vor der Entdeckung steht.
+
+„Der Alte hat wieder einmal die Tollwut“, flüsterten sich die Diener
+erschreckt zu und zitterten in Furcht vor dem, was geschehen würde, wenn
+der Ball vorüber sein wird. Die Anfälle von Tollwut des Diktators waren
+gefürchtet, mehr als Erdbeben. Denn er wurde dann bestialisch wie eine
+alte verärgerte Wildkatze.
+
+Was er einmal gleich zuerst und durchaus sicher wußte, das war, daß die
+Uhr ein Mexikaner hatte, nur ein Mexikaner haben konnte. Und mit
+mexikanischen Spitzbuben wußte er ja umzugehen.
+
+Hatte die Uhr ein Mitglied der Dienerschaft genommen, so war es jetzt
+bereits zu spät, den zahlreichen Detektiven den Auftrag zu geben, keinem
+von der Dienerschaft zu gestatten, das Schloß zu verlassen. Denn war die
+Uhr wirklich von einem der Bediensteten gestohlen worden, so waren die
+Detektive augenblicklich nicht zu gebrauchen, weil die Uhr inzwischen
+schon aus dem Schlosse hinausgeschmuggelt war. Freilich, ein Detektiv
+konnte die Uhr auch haben. So sicher war das nicht, daß die Detektive
+nicht nehmen würden, was sie auf leichte Weise kriegen konnten. Porfirio
+Diaz hatte ja genügend Spitzbuben, Taschendiebe, Einbrecher und
+Wegelagerer in die Polizei eingereiht, weil Spitzbuben häufig bessere
+Spitzbubenjäger machen als anständige Menschen.
+
+Daß die Diamanten aus der Uhr herausgebrochen werden könnten, daß das
+Gehäuse der Uhr vielleicht zerhämmert werden möchte, um die Uhr
+stückweise leichter und unverdächtiger verkaufen zu können, das würde
+wohl kaum geschehen. Die Uhr würde zuviel an Wert verlieren. Eher war
+schon anzunehmen, daß die Gravierung ausgeschliffen sein wird, ehe die
+Uhr irgendwo zum Verkauf angeboten wieder zum Vorschein kommt. Ohne
+Gravierung aber war die Uhr natürlich wertlos für den Diplomaten. Eine
+goldene Uhr an sich, ganz gleich mit wie vielen Diamanten bespickt,
+hätte Don Porfirio sofort beschafft, wenn damit dem Diplomaten hätte
+gedient werden können. Aber wie die Dinge sich vorfanden, mußte es ganz
+genau die gleiche Uhr sein, die herangeschafft werden mußte.
+
+Nicht darum verfiel Porfirio Diaz in Raserei, weil er befürchtete, er
+könnte vielleicht die Uhr nicht wieder herbeischaffen. Sie zu bekommen,
+betrachtete er als eine Aufgabe, die zu lösen für ihn möglich war. Nein,
+was ihn in jene schäumende Wut versetzte, war etwas anderes.
+
+Durch das Stehlen der Uhr bei einer solchen Gelegenheit war von einer
+seiner glänzenden Fassaden die Goldtünche abgeblättert worden. Der
+gewöhnliche nackte und wahre Gipsverputz kam zum Vorschein.
+
+Alle Welt war klein geschlagen worden mit der Mär, daß der große
+mexikanische Staatsmann Porfirio Diaz mit eiserner Hand und mit
+stählernem Besen das Land von Banditen und Spitzbuben so völlig und so
+dauernd gesäubert habe, wie das nie vorher ein anderer Mann in
+irgendeinem anderen Lande mit gleichem Erfolge zuwege gebracht habe. In
+Mexiko konnte man damals, nach den Berichten, die Porfirio Diaz in der
+Welt verbreitet hatte, mit einem Sack voll Goldstücke zur Rechten und
+einem Sack voll Goldstücke zur Linken auf einem Pferde sitzend von einem
+Ende der Republik zum andern reisen, und wenn man an dem andern Ende
+ankam, so hatte man zur Rechten sowie zur Linken je einen Sack voll
+Goldstücke mehr, als man hatte an dem Tage, an dem man auszog. In
+gewissem Sinne war das richtig. Ein amerikanischer Kapitalist, der mit
+fünfzigtausend Dollar in Schecks in El Paso nach Mexiko einreiste,
+konnte sechs Wochen später über Nogales aus Mexiko wieder ausreisen mit
+hunderttausend Dollar in Schecks, einem Überschuß, den er mit Hilfe des
+Porfirio Diaz in jener kurzen Zeit aus dem mexikanischen Lande und Volke
+herausprofitiert hatte. Aber im buchstäblichen Sinne genommen, war es
+unter Porfirio Diaz bei weitem unsicherer, mit Geld oder anderen Werten
+beladen ohne militärische Bedeckung durch das Land zu reisen, als heute.
+Die militärische Bedeckung begann nicht selten auf dem Marsche
+auszurechnen, daß es weiser sei, sich selbst mit dem Gelde zu bedecken,
+das von ihnen bedeckt werden sollte. Dann erschien ein Bericht – falls
+die Angelegenheit nicht von der Regierung auf privatem Wege zu aller
+Zufriedenheit erledigt werden konnte –, daß der Transport in einen Sumpf
+geraten oder von einem Erdrutsch verschüttet worden sei.
+
+Aber daß einem so wichtigen nordamerikanischen Diplomaten auf einem
+diplomatischen Fest innerhalb der Wände eines Saales im Schloß von
+Chapultepec eine goldene Uhr aus der Tasche gestohlen werden konnte, daß
+also selbst ein diplomatischer Würdenträger selbst auf einem
+diplomatischen Fest in Mexiko seines Eigentums nicht sicher war, brachte
+das ganze schöne Lügengewebe, in das sich der Diktator eingekuschelt
+hatte, zum Zerreißen. Wenn die Banditen dem Throne des Diktators so nahe
+waren, wie mußte es dann im Lande aussehen? Kam dieser Vorfall in die
+amerikanischen Zeitungen, dann lernte die ganze Welt, daß die eiserne
+Hand des großen Staatsmannes Porfirio Diaz nur aus Pappe war und daß die
+fremden Großkapitalisten klug tun, Mexiko gegenüber vorsichtig zu sein
+mit Kapitalsanlagen.
+
+Der Diplomat hatte das Ehrenwort des Diktators mit der Erklärung, daß es
+sich hier nur um einen kleinen Scherz handle. Und darum sagte der
+Diplomat kein Wort von dem Vorfall zu den Zeitungsleuten, weil er ja nun
+erst einmal die Pflicht hatte, abzuwarten, ob und in welcher Weise
+Porfirio Diaz sein Ehrenwort einlösen werde. Porfirio Diaz wußte, daß
+nach den Sitten in diplomatischen Kreisen der Amerikaner nichts der
+Presse seines Landes mitteilen durfte, solange das Ehrenwort des
+Diktators den Vorfall deckte.
+
+Noch in derselben Nacht befahl Porfirio Diaz den Polizeichef zu sich, um
+mit ihm zu besprechen, wie man die Uhr wiedererlangen könnte, ohne sich
+der Zeitungsinserate zu bedienen.
+
+Wie der Fall nun behandelt wurde, zeigt den Unterschied der Männer, die
+während der Diktatorschaft des Porfirio Diaz wirtschafteten, und der
+Männer, die nach der Revolution das mexikanische Schiff recht und
+schlecht durch Stürme und Klippen ruderten.
+
+Der spätere Präsident Calles würde dem Polizeichef sechs Stunden Zeit
+gegeben haben, die Uhr heranzuschaffen. Oder – und das ist
+wahrscheinlicher, denn er hat es in vielen Fällen mit Generalen getan –
+er würde den Polizeichef wie einen Schuljungen heruntergerotzt und
+vielleicht gar rechts und links gebackpfeift haben, hätte ihn dann aus
+seinem Amte gefeuert und würde, wenn der Mann noch etwas wert gewesen
+wäre, ihn in eine ferne Ecke der Republik strafversetzt haben, oder er
+hätte ihm das Reisegeld für eine Erholungsreise nach Europa gegeben mit
+der ernsten Warnung, sich nicht mehr in Mexiko sehen zu lassen.
+
+Auch Porfirio Diaz feuerte zuweilen Generale und andere hohe
+Würdenträger ohne Zeremonie; aber er tat es nur dann, wenn er genau
+wußte, daß der Mann keinen Anhang hatte, daß er ihm also nicht schaden
+konnte. Wie alle Diktatoren, so war auch Porfirio Diaz ein furchtsamer
+Mann. Er bevorzugte es, weit von hinten aus an den Leinen zu ziehen, mit
+Intrigen zu wirtschaften und andere vorzuschieben, auf die er abladen
+konnte.
+
+Calles würde nicht einen Augenblick darum besorgt gewesen sein, wenn der
+Vorfall am nächsten Tage in den Zeitungen gestanden hätte. Er hätte
+darüber genau so gelacht wie das ganze mexikanische und amerikanische
+Volk. Er hätte in seiner trockenen Art gesagt: „Warum läßt sich denn der
+Esel von einem Gringo seine Uhr aus der Tasche stehlen? Er ist doch in
+Mexiko, wo er auf jeder Eisenbahnstation die Zettel angeklebt sieht:
+‚Hütet euch vor Taschendieben!‘ Und wenn der Hammel Mexiko nicht besser
+kennt, soll er raus bleiben, dann kann ich überhaupt keinen Vertrag mit
+ihm abschließen.“ Und zu den Zeitungsleuten würde er gesagt haben: „Da
+seht ihr, was für ein Spitzbubengesindel wir hier in Mexiko haben. Alles
+aufgezüchtet von dem Gauner Porfirio. Ich werde nun doch mal wieder mit
+einem himmelkreuzgottverfluchten Donnerwetter dazwischenfahren!“ Dann
+hätte er alle Distriktspolizeigewaltigen, ein Dutzend Staatsanwälte und
+zwei Dutzend Richter gefeuert, daß die Funken spritzten.
+
+Diese rücksichtslose, unbekümmerte, offensiv-geladene, immer mit einem
+grimmen Witz gepfefferte amerikanische Faustschlagmethode war dem
+mickrigen Wesen des Porfirio Diaz ebenso fremd, wie einem
+Presbyterianpfarrer alle die verschiedenen Marken von schottischem
+Whisky so gut bekannt sind wie die vier Evangelien.
+
+Am nächsten Morgen begann die Umpflügung des mexikanischen Landes nach
+der gestohlenen Uhr des amerikanischen Diplomaten.
+
+Der Polizeichef erschien in Belen. Belen ist das große
+Untersuchungsgefängnis in Mexiko City, wo alle männlichen und weiblichen
+Missetäter gehalten werden, bis ihr Urteil gesprochen wird.
+
+Der Polizeichef ließ alle männlichen und weiblichen Gefangenen antreten,
+und er hielt folgende Ansprache: „Gestern abend ist eine goldene Uhr
+gestohlen worden. Die Uhr ist mit Brillanten besetzt. Auf der Innenseite
+des Deckels ist eine Widmung in englischer Sprache eingraviert. Die
+Widmung hat einen geschriebenen Namenszug Edward VII. Es ist jetzt
+sieben Uhr morgens. Wenn die Uhr bis heute abend um sieben Uhr bei dem
+Direktor des Gefängnisses abgeliefert wird, dann werdet ihr alle heute
+abend auf freien Fuß gesetzt, und niemand wird verfolgt für die Tat,
+derentwegen er sich heute hier in Belen befindet. Der Überbringer der
+Uhr wird nicht um seinen Namen gefragt; er darf frei gehen, wie er
+gekommen ist; er wird nicht gefragt, auf welche Weise er in den Besitz
+der Uhr gelangt ist; und er wird weder der Uhr wegen noch wegen
+irgendeiner andern Sache, die er vor heute morgen um sieben Uhr verübt
+haben sollte, verfolgt werden oder in Haft behalten. Außerdem erhält er
+vom Direktor eine Belohnung von zweihundert Pesos in Gold. Ihr alle
+bekommt jetzt einen Briefbogen und einen Briefumschlag und Bleistifte.
+Ihr dürft in jene Briefe schreiben, was ihr wollt. Die Briefe werden von
+der Inspektion nicht gelesen. Und niemand von der Direktion darf die
+Adressen lesen. Eine Stunde später kommen hier Briefträger, denen ihr
+die Briefe persönlich übergebt. Die Briefträger werden die Briefe an
+ihre Adressen befördern unter Amtsgeheimnis. Hier habe ich das
+Zertifikat, unterzeichnet von Don Porfirio, von mir und dem Direktor des
+Gefängnisses hier. Das Zertifikat hat Gesetzeskraft bis heute abend um
+sieben Uhr dreißig.“
+
+Die Ansprache des Polizeichefs und das Zertifikat, das die Ansprache
+wörtlich niedergeschrieben enthielt, bewiesen, wie gut Don Porfirio
+seine Spitzbuben und Banditen kannte. War die Uhr wirklich in den Händen
+der gewöhnlichen Taschendiebe und Hehler, so wurde die Uhr um sieben Uhr
+oder noch früher abgeliefert.
+
+Wie in anderen Ländern so auch in Mexiko kennen sich alle Spitzbuben und
+Hehler gegenseitig recht gut. Wenn einer allein auch nicht alle übrigen
+kennt, so kennt er doch wenigstens etwa zwanzig, kennt deren
+Schlupfwinkel, kennt die Kantinen und Pulquerias und Quartiere, wo jene
+zwanzig verkehren, kennt ihre Liebchen und weiß, was jeder von ihnen auf
+dem Kerbholz hat. Jeder einzelne von diesen zwanzig kennt wieder eine
+Anzahl andere, die der erste nicht kennt. So ist – und hier verrechneten
+sich weder Don Porfirio noch der Polizeichef – die Sicherheit gegeben,
+daß der Inhalt jener Ansprache allen Spitzbuben in Mexiko City sowie
+auch allen Hehlern in wenigen Stunden bekannt wird. Die Briefe, die von
+den Gefangenen nun an die Spießgesellen draußen geschrieben werden, ohne
+Aufsicht und ohne Inspektion, enthalten alles, was der Gefangene dem
+draußen in Freiheit lebenden Spießgesellen schon lange einmal gründlich
+sagen wollte. Die Briefe enthalten Zeilen etwa von dieser Art: „Höre
+einmal, querido Pedro, wenn Du nicht zu dem Schuft von Hehler, dem
+Gomez, gehst und ihn mit dem Revolver in der Hand fragst, wo die Uhr ist
+und daß er sie herzubringen hat, dann sage ich hier dem Staatsanwalt,
+daß Du bei dem Einbruch bei Senjor Balsa mit dabei gewesen bist und das
+meiste davon eingesackt hast. Ich sehe nicht ein, warum ich das alles
+allein ausfressen soll, wo ich doch nur den einen lausigen Anzug
+abbekommen habe, mit dem sie mich auf dem Volador – dem sogenannten
+Diebsmarkt – erwischt haben.“
+
+Ein anderer Brief heißt so: „Liebste und allerliebste Josefina. Du
+weißt, wie sehr ich mich nach Dir sehne. Ich habe doch dem Burschen da
+in der Bucareli-Straße in der Nacht nur darum eins über den Schädel
+gehämmert, weil ich sein Geld haben wollte und weil ich doch das Geld
+haben wollte und weil ich doch das Geld haben mußte und weil ich Dir
+doch von dem Geld das grüne Seidenkleid und die schönen Lackschuhe
+gekauft habe, damit Du hübsch aussehen solltest, wenn wir in den
+Mexiko-Saal bei der Maria Redonda zum Tanzen gehen. Ich hab’ eine solche
+Sehnsucht nach Dir, liebe Josefina, das kannst Du Dir überhaupt gar
+nicht denken und wenn die Uhr kommt, dann bin ich heute abend schon
+raus. Geh nun gleich einmal hin zur Jeronima, sie ist eine ganz
+gewöhnliche Hure die in der Peru-Straße auf die Fangleine geht aber das
+macht jetzt nichts. Sie lebt mit dem Patrote da mit dem Emilio der weiß
+bestimmt wo die Uhr ist und da kannst Du dem Emilio auch nur gleich
+sagen wenn er die Uhr nicht um vier Uhr herangeschafft hat dann sage ich
+hier daß ich es gesehen habe wie er dem Tecolote, dem Polizisten, zwei
+in den Bauch gebrannt hat in der Moneda wo der Tecolote noch immer im
+Hospital liegt und niemand weiß wer ihm die zwei gebrannt hat aber ich
+sage es wenn er die Uhr nicht bis um vier Uhr hergebracht hat und er
+kriegt zweihundert Pesos vom Direktor für die Uhr. Wenn Emilio die Uhr
+nicht weiß dann gehe gleich einmal hin zu der Angelica die auch eine
+kräftige Hure ist und die wird Dir schon gleich sagen wer die Uhr hat.“
+
+Ein anderer Brief: „Querido Lorenzo Du weißt recht gut wer die Uhr hat
+die dem glattgeleckten Urschfucker abgeknipst worden ist denn weil Du ja
+auch in der Kegelbahn in Chapultepec Schloß die Kegel aufstellst und
+Dein Vetter Carlos der im Billardsaal in Chapultepec Schloß bedient hat
+ganz bestimmt die Uhr und wenn Du mir hier nicht raushilfst ist nichts
+mit meiner Schwester Anita und ich schlage Dir so Deine fetten Knochen
+ineinander, daß Du liegen bleibst wo Du bist denn Du weißt recht gut wo
+die Uhr ist weil Du es ja gesehen hast und ich werde auch meiner
+Schwester Anita sagen daß Du ein guter Junge bist und nicht hinter den
+Mädchen hinterher bist was ich gut weiß.“
+
+Alle Gefangenen ohne Ausnahme schrieben ihre Briefe, und alle Briefe
+wurden, genau dem Versprechen gemäß, ungesehen von der Inspektion, von
+den Briefträgern noch in derselben Stunde an ihre Adressen befördert.
+
+Zum großen Leidwesen der Gefangenen und wohl noch zu einem größeren
+Leidwesen des Porfirio Diaz war die Uhr zu gegebener Stunde nicht
+abgeliefert. Das Mittel, dessen sich Porfirio Diaz in hoffnungslos
+erscheinenden Fällen so oft mit Erfolg bedient hatte, versagte hier.
+
+Es ist später in Mexiko erzählt worden, daß die Uhr wirklich auf diesem
+Wege, mit Hilfe der Gefangenen, herbeigeschafft wurde, und daß alle
+Gefangenen ihre Freiheit erhalten hätten, wie ihnen versprochen worden
+war. Aber das ist nicht ganz richtig. Dieses Gerücht wurde nur
+verbreitet, um die Wahrheit zu verschleiern.
+
+Als die Uhr abends um sieben Uhr nicht abgeliefert worden war, wußte
+Porfirio Diaz sicher, daß die Uhr nicht von den gewöhnlichen Spitzbuben
+gestohlen worden war und daß sie auch noch nicht in den Händen der
+Hehler war. Er schloß daraus, und durchaus richtig, daß die Uhr jemand
+hatte, der zwar das Geld brauchte, aber doch nicht so dringend brauchte,
+daß er sich mit dem Verkauf der Uhr hätte beeilen müssen. Es war jemand,
+der den Wert der Uhr richtig einzuschätzen verstand und seine Zeit
+abwartete, bis er die Uhr so günstig verkaufen konnte, wie das überhaupt
+nur bei einer Uhr aus zweiter Hand möglich war.
+
+Da die gewöhnlichen Spitzbuben ausgeschaltet waren, kannte nun Porfirio
+Diaz sofort die nächste Schicht von Spitzbuben, die in Betracht kam. Es
+war nicht die letzte Reihe, aber diejenige Reihe, die den gewöhnlichen
+Spitzbuben und Wegelagerern am nächsten stand, in Moral und in ewigen
+Geldnöten, sowie in Unverfrorenheit im Nehmen, wo sich eine Gelegenheit
+bot.
+
+Don Porfirio ließ also nun alle Generale, die bei dem diplomatischen
+Feste zugegen gewesen waren, um es durch goldstrotzende Uniformen zu
+beleben, am Abend zur Audienz laden. Er hatte eine Liste der Generale,
+die im Schloß gewesen waren, und er sah zu, daß auch alle zur Audienz
+kamen.
+
+Es fand sich aber, daß einer der Generale fehlte, ein Divisions-General.
+Der Divisionär hatte sich entschuldigen lassen. Eine Entschuldigung, die
+Don Porfirio gelten ließ, weil es sich um einen dringenden Dienst
+handelte, der nicht aufgeschoben werden konnte.
+
+Porfirio Diaz hielt eine Ansprache an die versammelten Generale:
+„Caballeros, Sie alle haben wohl gestern im Schloß die Uhr gesehen, die
+der amerikanische Diplomat mir zeigte. Diese Uhr ist im Schloß abhanden
+gekommen. Ich vermute, daß einer der wachhabenden Soldaten oder einer
+der Burschen, die Sie begleiteten, die Uhr gefunden hat. Die Uhr muß bis
+morgen früh um zehn Uhr in meinem Besitz sein. Ist die Uhr um die
+angegebene Zeit in meinen Händen, dann erhalten Sie, Caballeros, jeder
+eine Sondervergütung von eintausend Dollar für Ihre Bemühungen. Ich
+werde auch sonst noch versuchen, mich Ihnen erkenntlich zu zeigen. Es
+ist natürlich, daß Sie den Vorfall so unauffällig behandeln, wie das nur
+in Ihren Kräften steht; denn ich wünsche nicht, daß auch nur ein leises
+Fleckchen auf unsere ruhmreiche Armee fällt. Mit dem Missetäter wollen
+Sie nach Ihrem eigenen Ermessen verfahren. Ich danke Ihnen, Caballeros!“
+
+Jeder, der Mexiko kennt, weiß, daß ein mexikanischer Soldat der unteren
+Grade alle möglichen Untugenden und Laster haben mag, daß er – besonders
+in seinen Liebesangelegenheiten – unbekümmert seinen Nebenbuhler
+ermordet. Der mexikanische Soldat stiehlt. Das ist wahr. Er stiehlt aber
+nur das und nichts mehr, was seine Generale und seine zahlreichen
+anderen Vorgesetzten ihm zum Stehlen übriglassen. In seiner Moral, in
+seiner Tapferkeit, in seiner Ehre, in seiner Liebe zu seinem Lande, in
+seiner Loyalität steht er bei weitem höher als seine Generale. Er wird
+von den treulosen und ehrlosen Generalen gebraucht, seine Brüder, seine
+Väter, seine Söhne, seine Mütter, seine Kameraden in andern Regimentern,
+zu bekämpfen und zu ermorden. Er weiß nie, ob er in Wahrheit auf seiten
+der Rebellengenerale ist oder auf seiten der treu gebliebenen Truppen.
+Er kämpft, weil er seinem General die Treue hält, weil er eine Treue in
+sich trägt, die sein General nicht kennt. Seine Generale verüben eine
+Militärrevolte unter dem Ruf, das geplagte Land von den Tyrannen und von
+den Bolsches zu befreien, während sie in der Praxis die Revolte nur
+verüben, um die Banken und die wohlhabenden Geschäftsleute zu plündern,
+und das geraubte Gut nach den Vereinigten Staaten in Sicherheit gebracht
+haben, ehe die treu gebliebenen Truppen ihnen in den fernliegenden
+Distrikten des weiten Landes auf den Fersen sein können. Unter solchen
+Generalen ist der Mensch gezwungen, zu dienen und zu gehorchen, der als
+der tapferste, der treueste und der bedürfnisloseste Soldat aller Armeen
+der Erde angesehen werden darf.
+
+Porfirio Diaz wußte gut, wie auch die versammelten Generale es wußten,
+daß die beschuldigten gemeinen Soldaten alle möglichen Untugenden und
+Laster haben mochten, aber daß sie eins ganz bestimmt nicht waren:
+Taschendiebe.
+
+Und darum wußte Porfirio Diaz ja auch recht gut, daß er den Sack wohl
+prügelte, aber den Esel meinte. Es wird ja auch in verlorenen Kriegen
+immer den gemeinen Soldaten die Schuld an dem Verlust des Krieges
+gegeben, immer den gemeinen Soldaten, den Proletariern, die nicht länger
+standhalten wollten, deren Moral gebrochen war, die Verführern und
+Friedensaposteln ein williges Ohr schenkten, die keine Vaterlandsliebe
+besaßen. Nie wird die Schuld den unfähigen Generalen zur Last gelegt,
+nie den aderverkalkten Politikern, nie den rückenmarksschwachen und
+entnervten Diplomaten, nie den habgierigen Profitjägern. Immer hat der
+Soldat, der Prolet, die Schuld. Und wenn der Krieg gewonnen wird, dann
+ist es nur den befähigten Generalen zu verdanken, den weisen
+Staatsmännern, den geschickten Diplomaten. Die Generale, Staatsmänner
+und Diplomaten bekommen alle Ehren aufgehäuft in Weltgeschichten und in
+Schullesebüchern. Der gemeine Soldat bekommt als Belohnung einen
+Parademarsch, den sich der verhungerte, verlauste und verkrüppelte
+Munitionsarbeiter hinter einer dicht verrammelten Kette von Polizisten,
+die ihre Knüttel schwingen, schafsgeduldig ansehen darf, damit die
+Generale auch genügend Hurraschreier und Winker rotweißblauer
+Sternen-Fähnchen zur Verfügung haben.
+
+Es wußten auch die Generale hier recht gut, daß Porfirio Diaz nicht
+einen Augenblick im Ernst meinte, daß einer der wachhabenden Soldaten
+oder einer der Burschen der Generale die Uhr hätte gestohlen haben
+können. Freilich wußten alle Generale, was Porfirio Diaz von ihnen in
+Wahrheit dachte, wie auch Porfirio Diaz recht wohl wußte, was alle seine
+Generale von ihm dachten. Meister und Spießgesellen, die ihre Füße,
+Fäuste und Krallen auf dem armen reichen Lande wuchten ließen.
+
+Am nächsten Morgen um zehn Uhr war die Uhr nicht abgeliefert.
+
+Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick lang, wurde Porfirio
+Diaz verwirrt, weil es schien, als habe er sich verrechnet.
+
+Dann aber dachte er an den Divisions-General, der sich gestern abend
+hatte entschuldigen lassen, weil er in wichtiger dienstlicher
+Angelegenheit außerhalb der Stadt, in Tlalpam, zu sein hatte.
+
+Diesen Divisions-General befahl nun Porfirio Diaz eiligst zu sich.
+
+Als der General vor ihm stand, sah ihn Porfirio Diaz eine Weile an und
+sagte dann kurz und hart: „Divisionario, geben Sie mir die Uhr des
+amerikanischen Diplomaten.“
+
+Ohne eine Miene zu verziehen, ohne irgendwie verlegen zu werden, griff
+der General unter seinen Uniformrock, nestelte ein wenig in einer Tasche
+unter dem Uniformrock herum und brachte die Uhr hervor.
+
+Er trat zwei Schritte näher auf den Diktator zu und überreichte ihm die
+Uhr mit den Worten: „A sus apreciables ordenes, Don Porfirio, zu Ihren
+hochgeschätzten Diensten.“
+
+Porfirio Diaz nahm die Uhr und legte sie vor sich auf den Tisch.
+
+Er fühlte, daß er etwas sagen müßte. Und darum sagte er: „Divisionario,
+ich verstehe nicht – eh – warum?“
+
+Darauf antwortete der Divisionario nüchtern: „Ich befürchtete, Porfirio,
+daß du sie nehmen würdest, und da dachte ich, es ist vielleicht besser,
+ich nehme sie; denn du kannst dir leichter eine kaufen als ich.“
+
+Daß aber doch wieder Porfirio Diaz klüger war als viele derjenigen, die
+ihn durch und durch verdammen, zugeben wollen, bewies er am besten
+dadurch, daß er auf die Antwort des Divisionarios schwieg. Es ist ja
+wohl auch schwerlich anzunehmen, daß sich Porfirio Diaz mit gewöhnlichem
+Taschendiebstahl abgegeben haben würde. Auf keinen Fall wohl in den
+letzten fünf Jahren seiner Regentschaft, wo er schon ein wenig klapprig
+wurde.
+
+Aber eines muß doch gesagt werden.
+
+Porfirio Diaz mußte den Diplomaten freundlich stimmen und ihn in
+freundlicher Laune erhalten, damit der Vorfall nicht bekannt würde. Denn
+Porfirio Diaz war mehr besorgt um den guten Ruf seines Hofes als mancher
+europäische Potentat. Und um den Diplomaten zu besänftigen und vergnügt
+zu stimmen, war er gezwungen, ihm beim Abschluß des Handelsvertrages
+Zugeständnisse zu machen, die zwar das mexikanische Volk zu bezahlen
+hatte, die aber dem Diplomaten die Ehre einbrachten, als einer der
+geschicktesten Diplomaten der Vereinigten Staaten bezeichnet zu werden.
+
+
+
+
+ BÄNDIGUNG
+
+
+In einer kleinen Stadt im Staate Michoacan lebte ein junges
+Mestizomädchen, von dem man mit gutem Recht sagen durfte, daß eine
+gütige Natur ihr gegenüber wahrhaft verschwenderisch gewesen sei mit
+allen den Gaben, die eine jede Frau immer nur glücklich machen kann.
+
+Die Eltern jenes jungen Mädchens waren vor einigen Jahren kurz
+nacheinander gestorben, und das Mädchen lebte in dem Hause ihrer
+verstorbenen Eltern mit ihrer Großmutter und mit ihrer Tante. Ihr Vater
+besaß ein gutgehendes Sattelzeuggeschäft, das ihn durch seine
+Tüchtigkeit zu einem wohlhabenden Manne gemacht hatte. Luisa Bravo war
+das einzige Kind ihrer Eltern gewesen. Sie war durch die Erbschaft von
+ihren Eltern ein reiches Mädchen geworden, und sie hatte alle Aussicht,
+nach dem Ableben ihrer Großmutter und ihrer Tante, die beide gleichfalls
+ein kleines Vermögen besaßen, zu gegebener Zeit noch reicher zu werden.
+Es war darum kein Wunder, daß Donja Luisa, sowohl ihrer auffallenden
+Schönheit als erst recht ihrer Wohlhabenheit wegen, unter den jungen
+Männern der Stadt, die sich zu verheiraten gedachten, eine begehrte
+Partie war.
+
+Die Freier flogen auf sie zu wie Bienen auf Honigbonbons. Aber keiner
+der Freier, so sehr er auch in Geldnöten sein mochte oder so sehr er
+auch das schöne, gutgebaute Mädchen als seine Bettgenossin wünschte,
+hielt lange genug aus, um es mit ihr bis zu einer veröffentlichten
+Verlobung zu bringen.
+
+Es war ganz gewiß nicht die Schuld der Freier; denn wo so viel Geld,
+verbunden mit so viel Schönheit, zu erwarten ist, nimmt ein jeder eine
+große Menge von Unbequemlichkeiten sauersüß mit in Kauf;
+Unbequemlichkeiten, von denen, bei weniger rosig erscheinenden Fällen,
+zwei vollauf genügen können, um einen jungen Mann davon abzuschrecken,
+ein Mädchen auch nur zu einem Tanze aufzufordern.
+
+Donja Luisa hatte alle Unarten, die eine Frau nur haben kann. Und zwei
+Dutzend mehr.
+
+Sie hatte zuerst einmal von Natur aus ein zügelloses Temperament, das,
+wenn es ausbrach, durch nichts, aber auch durch gar nichts zu
+besänftigen war. Da sie das einzige Kind ihrer Eltern war und die Eltern
+in ewiger Sorge und Furcht lebten, das Kind möchte ihnen fortsterben –
+obgleich sie gesund und munter war wie ein Verpflegungsoffizier fünfzig
+Meilen hinter der Front –, so war sie von Säuglingszeit an so verzogen
+und so verhätschelt worden wie ein Kaiser, der soeben mündig geworden
+ist, nach seiner Thronbesteigung von den Höflingen und Schranzen
+verhätschelt und verpäppelt wird.
+
+Jeder Wille wurde ihr getan, und jeder Wunsch wurde ihr erfüllt. Und
+weil sie von Kindheit an sehr schön war, so wurde sie nicht allein von
+ihren Eltern bewundert und verhimmelt, sondern von allen Leuten, die mit
+ihr in Berührung kamen. Das Wort Gehorchen kannte sie nur von andern,
+ihre Eltern, ihre Großmutter und ihre Tante eingeschlossen. Sie
+gehorchte nie, und es drang auch nie jemand darauf, daß sie irgendwem zu
+gehorchen habe.
+
+Ein solcher Fall ist ja nun in Mexiko, wo das Kind bis zu seinem
+Lebensende einen tiefen Respekt gegen seine Eltern und seine älteren
+Verwandten hat und über Gehorsam gar nicht gesprochen wird, weil er
+einfach vorhanden ist, sehr selten. Aber, wie Donja Luisa bewies, gibt
+es auch hier Ausnahmefälle.
+
+Sie war von ihren Eltern in ein mexikanisches und später in ein
+amerikanisches Colegio zur Erziehung geschickt worden, wo sie sich zwar
+zu einem beschränkten Gehorsam zwang, ohne jedoch dadurch ihren
+Grundcharakter auch nur im geringsten beeinflussen zu lassen. Hier, im
+Colegio, waren es ihr eitler Stolz und ihr berstender Ehrgeiz, allen
+übrigen Schülern überlegen und voran zu sein, daß sie sich zum Gehorchen
+herabließ. Kam sie jedoch während der Ferien nach Hause, so machte sie
+alles doppelt gut, was sie inzwischen versäumt hatte, und sie war
+widerspenstiger als zuvor.
+
+Hinzu kam, um ihren Charakter noch ungefügiger und starrer zu gestalten,
+ein unbändiger Jähzorn, der durch lächerlich geringfügige Anlässe zu
+einem so verheerenden Ausbruch kam, daß die Indianermädchen, die im
+Hause dienten, und die Indianerburschen, die in der Werkstatt ihres
+Vaters arbeiteten, davonliefen und sich stundenlang nicht im Hause sehen
+ließen. Bei solchen Anfällen ungehemmter Wut geschah es nicht selten,
+daß sich sogar ihr Vater und ihre Mutter vor ihr versteckten und
+einschlossen. Daß sie Töpfe, Tassen, Gläser und Pfannen den Bediensteten
+an den Kopf warf, war noch das geringste; es waren auch Messer und
+Beile, mit denen sie warf oder mit denen sie auf ein Mädchen losging.
+Sie würde vielleicht der Möglichkeit sehr nahe gekommen sein, daß man
+sie für verrückt erklärt und in ein Irrenhaus gesperrt hätte, wenn nicht
+ihre Eltern eben sehr wohlhabend gewesen wären und zu den angesehensten
+und einflußreichsten Familien des Städtchens gehört hätten. Die
+Jähzornsanfälle blieben ja auch meist innerhalb des Hauses und trafen
+nicht die Öffentlichkeit und deren Sicherheit. Wenn wirklich irgendein
+Schaden angerichtet wurde, so heilten ihn die Eltern durch Geschenke und
+durch verdoppelte Freundlichkeit gegenüber den Bediensteten. In Mexiko
+gehören die Bediensteten ja auch viel mehr zur eigentlichen
+Familiengemeinschaft als in den meisten anderen Ländern.
+
+Donja Luisa hätte auch schon darum nicht als verrückt erklärt werden
+können, weil sie sehr intelligent war. Außerdem konnte sie, wenn sie
+wirklich wollte, von einem Liebreiz sein, der alle Leute bezwang, die in
+ihrer Nähe waren. Das glich vieles wieder aus und trug dazu bei, daß die
+Bediensteten, sowie andere Leute, die gelegentlich im Hause zu tun
+hatten, wie Lieferanten, Händler, Maultiertreiber und Handwerker, nie
+ernstlich daran dachten, sich dem Hause fernzuhalten oder dauernd in
+einem Zustand der Beschwerde zu bleiben.
+
+Denn neben den unzähligen Fehlern, die Donja Luisa hatte, besaß sie auch
+wieder einige Vorzüge, die versöhnten. Darunter den Vorzug, daß sie sehr
+generös, sehr freigebig sein konnte. Und einem freigebigen Menschen, der
+niemand verhungern läßt, der hier mit einem Peso und dort mit einem
+abgelegten Paar Schuhe oder einem noch sehr guten Kleid oder einem
+aufgefärbten Unterrock oder einer Spieluhr, deren Melodien er endlich
+müde geworden ist, anderen Menschen gelegentlich Freude macht oder ihnen
+aus bitterer Not hilft, sieht man viele, beinahe alle Untugenden und
+Laster nach.
+
+Das Studium in den Colegios fügte aber einen Zug dem Charakter der
+jungen Dame bei, der ihren Gesamtcharakter weiter verschlechterte. Sie
+bestand alle Examen in den Colegios mit Auszeichnung. Dadurch aber wurde
+sie noch stolzer und hochmütiger, als sie vorher schon gewesen war. Sie
+wußte alles besser als andere Leute. Niemand konnte ihr etwas über ein
+Buch, über eine Philosophie, über ein politisches System, über eine
+Kunstanschauung, über ein astronomisches Problem sagen, ohne daß sie es
+nicht besser gewußt hätte. Sie mußte allem und jedem widersprechen. Sie
+war immer im Recht. Und wenn es jemand gelang, sie zweifelfrei zu
+überzeugen, daß sie im Unrecht war oder im Irrtum, so bekam sie einen
+ihrer gefürchteten Anfälle von Jähzorn. Sie spielte vorzüglich Schach,
+aber sie durfte nicht verlieren. Dann konnte es nur zu leicht geschehen,
+daß ihrem Gegenspieler alle Figuren und das Brett hinterher an den Kopf
+flogen.
+
+Aber es muß wiederholt werden, daß sie Tage hatte, wo sie nicht nur
+durchaus zu ertragen war, sondern so bezaubernd sein konnte, daß man ihr
+lachend alles vergab, was sie je getan hatte.
+
+Alles in allem erwogen, wird man aber nun doch wohl verstehen, warum
+jeder Freier früher oder später vom Kuchen abrückte, auch wenn er noch
+so ernste Absichten ihr gegenüber hatte, wenn er auch noch so willig
+war, sie zu erdulden und sich – Geld und Schönheit sind auch in Mexiko
+sehr starke Anziehungskräfte – mit den zahlreichen Charakterfehlern des
+jungen Mädchens abzufinden. Jeder Mann, auch wenn ihn das Wasser dicht
+an den Nasenlöchern kitzeln sollte, vergißt doch nicht im letzten
+Augenblick vor der endgültigen Entscheidung, daß er eben mit der
+geheirateten Frau auf Gnade und Ungnade verbunden bleibt, bis „der Tod
+sie von ihm scheidet“. Und in Mexiko, vor der Revolution, wo die
+katholische Kirche unumschränkte Macht besaß, gab es keine andere
+Ehescheidung als die, die vom Richter Sensenmann vorgenommen wurde. Wo
+es keine Ehescheidung gibt, prüft man viele andere Dinge sorgfältiger
+als das eine und einfältige Ding, ob sich das Herz zum Herzen findet.
+Sich gefundene Herzen allein genügen nicht und nirgends auf Erden. So
+leicht und elegant, wie sich zwei Herzen für die Ewigkeit finden, und so
+oft, wie zwei Herzen vor Anbeginn der Welt schon füreinander bestimmt
+waren, so leicht können sich die schönen Herzen auch wieder verlieren,
+ob Ewigkeit oder nicht Ewigkeit. Wenn das Salz zur Suppe fehlt und ein
+heiler Stiefel im Regenwetter, dann bedauern die Herzen merkwürdig
+rasch, daß sie von Ewigkeit her füreinander bestimmt gewesen sind.
+
+Nun fehlte ja hier kein Salz in der Suppe. Es war sogar genügend Pfeffer
+und Öl als Zugabe noch vorhanden. Aber ein Mann, der vorher schon weiß,
+daß ihm die Pfannen und Töpfe um die Ohren fliegen werden, muß doch nun
+schon ganz und gar vertrottelt sein, wenn er sich freiwillig dazu
+hergibt, in die Gefahrzone kommandiert zu werden.
+
+Manch einer der jungen Männer, dem die Schönheit des Mädchens gefiel und
+deren Geld erst recht gefiel, dachte ja bei sich, daß er Mann genug sei,
+und wenn er es nicht sei, werden würde, um nach der geschlossenen Heirat
+sich zum Herrn und Meister der jungen Frau aufzuschwingen. Das dachten
+und hofften aber nur die, die Donja Luisa zum ersten oder zum zweiten
+Male sahen. Wenn sie aber dreimal im Hause gewesen waren, wenn sie
+glaubten, dem Mädchen etwas nähergekommen zu sein und ein wenig mehr
+vertraut mit ihr geworden waren, dann gaben sie jene kühne Hoffnung auf.
+Und hatten sie die Hoffnung erst einmal aufgegeben, so war es für immer.
+Sie alle lernten sehr schnell, daß eine Zähmung der Widerspenstigen nur
+versucht werden konnte mit dem sicheren und unausbleiblichen Tode des
+Bändigers.
+
+Es gab auch genügend Freier anderer Art im Städtchen, Witwer, die
+Erfahrung hatten, Witwer, die Duldung und Unterwerfung gelernt hatten,
+alte und alternde Junggesellen, die für einen ehrlichen und normalen
+Kampf nicht mehr in Frage kamen, die, was immer es auch kosten möchte,
+dennoch zufrieden gewesen wären, völlig zufrieden gewesen wären mit den
+wenigen erfolgreichen Viertelstunden, die sie mit einem so schönen und
+jungen Mädchen in einem gemeinsamen Bett hätten verbringen dürfen. Und
+es gab genügend junge und alte Männer, die willig und widerstandslos
+bereit waren, bedingungslos zu gehorchen und untertan zu sein und sich,
+ohne zu zucken, hingestellt hätten, um mit ihrem Kopfe Messer, Beile,
+Stühle und Revolverkugeln lächelnd und aufopferungsfreudig aufzufangen.
+Das waren jene, denen das Wasser nicht nur an den Nasenlöchern kitzelte,
+sondern denen es schon zehn Fuß über dem Scheitel stand, also Männer,
+die nichts mehr zu verlieren hatten als ihre Schulden und ihre
+Gläubiger. Und es waren auch Männer bereit, das Mädchen zu heiraten, die
+nichts anderes waren als Faulenzer oder Spieler, und wieder andere
+Männer, die ihrem ganzen Wesen nach der Gattung Patrote oder Zuhälter
+angehören, auch wenn sie sich in Wahrheit nie mit einem Mädchen, das
+geschickt ihr Handtäschchen zu schwingen versteht, einlassen oder
+eingelassen haben.
+
+Aber keiner von allen diesen Männern hatte auch nur die geringste
+Aussicht, Donja Luisa zu heiraten. Denn gegen solche Männer war Donja
+Luisa geschützt. Hier schützte sie ihre Intelligenz. Und sie war nicht
+von der Art, daß sie Hals über Kopf sich hätte verlieben können; so sehr
+und so unerwartet verlieben können, daß sie blind geworden wäre und den
+Mann und seine Absichten nicht mehr hätte durchschauen können.
+
+So weit ihre Heirat in Frage kam, wußte sie schon, was sie wollte. Sie
+wollte einen richtigen und vollwertigen Mann. Er durfte ruhig seine
+Jahre haben, wenn er sonst noch genügend Antlitz besaß, ihr das zu
+verschaffen, was sie nötig zu haben glaubte. Sie war auch gar nicht so
+wild darauf, sich zu verheiraten unter allen Umständen. Obgleich ein
+älteres, unverheiratetes Mädchen in Mexiko keine sehr glückliche Figur
+darstellt, so war sie sich doch genügend bewußt, daß sie aus
+wirtschaftlichen Gründen jedenfalls keinen Mann brauchte. Und aus
+anderen Gründen war sie auch noch nicht einmal so sehr davon überzeugt,
+daß sie ohne Mann etwa nicht leben könnte. Wenn es wirklich unbedingt
+nötig werden sollte, dann konnte sie – wenn auch nicht in Mexiko, so
+doch in Paris oder in Madrid oder in Berlin – genügend Gelegenheit
+finden, ohne die Verpflichtung zu haben, sich nun auch gleich deshalb zu
+verheiraten. Sie hatte ja nicht ohne Erfolg im amerikanischen College
+studiert, wo man außer Geographie und Englisch auch noch andere Dinge
+lernt, die im Leben von Wert und Nutzen sind.
+
+Dies alles waren gute Gründe, warum sie sich nicht ernstlich bemühte,
+Freiern zu Gefallen zu leben und ihnen ein Gesicht zu zeigen, das bis zu
+den letzten Akkorden des Hochzeitsmarsches ausreichte. Frauen besitzen
+ja auf diesem Felde besondere Gaben und Fähigkeiten, die in der Hölle
+ausgeheckt werden, lange ehe es einen Apfelbaum und ausgebrochene Rippen
+gab. Aber Donja Luisa nahm es nicht tragisch, wenn wieder ein Freier,
+der an sich sehr sympathisch erschien, abgesprungen war. Sie machte sich
+keinen Schnipper daraus und weinte sicher keinem einen gesalzenen
+Tropfen nach.
+
+Die jungen Männer der Stadt, die als ernst zu nehmende Freier in
+Betracht kamen, sowohl ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen, als auch
+ihrer sonstigen persönlichen Vorzüge wegen, strichen Donja Luisa nach
+einigen Jahren endgültig von der Liste heiratsmöglicher Damen. Donja
+Luisa wurde zwar zu allen Festlichkeiten, die von den verschiedenen
+Klubs der Staats-Landsmannschaften wie von den zahlreichen anderen
+gesellschaftlichen Sociedades und Centros veranstaltet wurden, stets
+eingeladen; und sie erschien auch immer und benahm sich hier genau so
+lustig wie andere junge Mädchen. Aber auf jedem Fest wurde jeder
+Neuankommer, sobald er einmal mit Donja Luisa getanzt hatte und eine
+Minute frei war, sofort von den eingeweihten jungen Herren in eine Ecke
+gezogen und dringend vor den bevorstehenden Gefahren gewarnt. Manche
+dieser frisch hinzugekommenen Herren glaubten natürlich, daß Eifersucht
+vorläge oder ein geheimer Boykott. Und wenn sie hörten, daß neben der
+Schönheit auch reichlich Geld vorhanden sei, so ließen sie sich durch
+jene Warnung nicht einschüchtern und begaben sich auf das Schlachtfeld,
+aus dem sie innerhalb von zwei Wochen flügellahm und zerschunden
+zurückkehrten und unaufgefordert den Verteidigungstrupp der Warner
+verstärkten.
+
+Wie jedes andere Mädchen, so wurde auch Donja Luisa mit den Jahren immer
+älter. Sie hatte jetzt vierundzwanzig Jahre zu verbuchen, ein Alter, das
+für ein Mädchen in Mexiko als hoffnungslos betrachtet werden muß, soweit
+eine Heirat in Frage kommt, bei der sie noch ein Wort mitsprechen
+möchte. Bei diesem Alter nimmt in Mexiko eine Dame, was sie kriegen
+kann, und sie fragt nicht länger mehr nach Titel, Würden, Geld und
+Lendenkraft.
+
+Nicht so Donja Luisa. Ob sie aus der Reihe der Heiratsmöglichkeiten
+heraus war oder noch mitten drin, das berührte sie nicht. Sie kam immer
+mehr zu der Überzeugung, daß es vielleicht überhaupt besser sei, sich
+nicht zu verheiraten, weil sie dann viel weniger Schwierigkeiten haben
+würde darin, niemand zu gehorchen, niemand zu Gefallen zu sein, niemals
+Widerspruch zu finden und immer recht zu behalten, ohne sich deswegen
+herumstreiten und aufregen zu müssen. Sie wurde sich immer mehr bewußt –
+besonders wenn sie ihre verheirateten Freundinnen und Schulkolleginnen
+ansah –, daß für eine Frau mit genügend Geld das Leben bequemer und
+angenehmer ist, wenn sie sich nicht verheiratet.
+
+ * * * * *
+
+Und es begab sich, daß da lebte im selben Staate Michoacan ein Mann,
+nicht mit Namen Abraham, wohl aber mit dem guten, wenn auch schlichteren
+Namen Juvencio Cosio.
+
+Don Juvencio eignete eine kleine Hazienda nicht weit von der Stadt, in
+der Donja Luisa lebte. Die Entfernung war nur eine Stunde Ritt. Don
+Juvencio war nicht gerade reich, aber er war von genügendem Wohlstand,
+denn er verstand seine Hazienda gut und vorteilhaft zu bewirtschaften.
+
+Er war damals etwa fünfunddreißig Jahre alt, gleichmäßig und normal
+gewachsen, nicht gerade schön und nicht gerade häßlich, na und gut, wie
+Männer, die nicht besonders auffallen und keinen Weltrekord auf
+irgendeinem Gebiete des Sports geschlagen haben, eben für gewöhnlich
+auszusehen pflegen.
+
+Ob er jemals vorher von Donja Luisa gehört hatte, ist nie klar geworden.
+Er sagte hierzu weder ja noch nein, und wenn er, das geschah später
+recht häufig, direkt gefragt wurde, so sagte er einfach nein. Es sei
+hier gesagt, daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß er Donja
+Luisa vorher nicht gekannt hat und daß er auf keinen Fall, von niemand,
+gegen sie verwarnt worden war. Nicht gerade häufig, aber doch zuweilen
+war auch er auf Festen der Centros erschienen, denn er hatte von seiner
+Schulzeit her eine gute Anzahl von Freunden in der Stadt. In den letzten
+Jahren war er freilich dem rasch aufrückenden Nachwuchs junger Männer,
+die er nicht kannte, etwas fremd geworden; und er wurde gelegentlich
+schon einmal bei Einladungen, die von den jungen Männern ausgegeben
+wurden, übersehen. So kann es durchaus möglich sein, daß er
+wahrscheinlich Donja Luisa nie auf einem jener Feste gesehen oder
+getroffen hat, und als sicher darf angenommen werden, daß er nie mit ihr
+getanzt hatte. Da er sich in den letzten Jahren auch immer mehr und mehr
+mit seiner Hazienda zu schaffen machte, weil er mehr und mehr Freude an
+ihr bekam, so ritt er immer seltener zur Stadt und nur dann, wenn er den
+Auftrag nicht durch einen seiner Leute erledigen konnte.
+
+Eines Tages nun dachte er, daß er sich endlich einmal einen neuen
+schönen Reitsattel kaufen müßte, weil der alte schon recht schäbig
+geworden war. Don Juvencio ritt zur Stadt. Beim Herumsuchen nach einem
+Sattel kam er zur Talabarteria der Donja Luisa und fand, daß hier in der
+Auslage die schönsten und bestgearbeiteten Sättel seien.
+
+Donja Luisa hatte das Geschäft ihres Vaters nicht verkauft, weil sie
+nicht den Preis dafür erhalten konnte, den das Geschäft wert war. So
+hatte sie beschlossen, das Geschäft zu behalten und es mit Hilfe des
+alten Meisters, der mehr als zwanzig Jahre schon mit ihrem Vater
+gearbeitet hatte, und mit den beiden verheirateten Gehilfen, die
+gleichfalls schon seit Jahren hier arbeiteten, weiter zu führen. Es ging
+viel leichter, als sie gedacht hatte. Sie war im Laden tätig und hielt
+die Bücher in Ordnung, während die Tante und die Großmutter das Haus
+versorgten. Das Geschäft blühte, und weil die Arbeiten gleich gut
+geblieben waren und die Kundschaft sich noch vermehrt hatte, waren die
+Einnahmen aus dem Geschäft besser geworden, als sie zu Lebzeiten des
+Vaters waren.
+
+Luisa war im Laden, als Don Juvencio sich die Sättel besah, die im
+Ladeneingang, im Fenster und an den Außenwänden des Hauses zur Schau
+ausgelegt und aufgehängt waren.
+
+Luisa trat in die Tür und beobachtete für eine Weile Don Juvencio, der
+mit der Miene des Kenners und Gebrauchers die Sättel sorgfältig auf
+ihren Wert, ihre Arbeit und ihre Haltbarkeit prüfte. Er sah plötzlich
+auf, und sein Blick traf unerwartet das auf ihn gerichtete Gesicht der
+Donja Luisa. Und Donja Luisa – sie hat sich später nie erklären können,
+warum – lachte den Mann offen an. Aber sie sagte nichts, sie lud ihn
+nicht ein, in den Laden zu kommen, um sich die Sättel anzusehen, die
+drinnen auf Lager seien, sie drängte mit keinem Worte auf ihn ein, und
+sie pries mit keiner Silbe die Ware an, wie es in Mexiko die Regel ist,
+sobald man vor einem Schaufenster stehenbleibt.
+
+Das freie offene Lachen fing Don Juvencio ein; und er wurde etwas
+verlegen. Noch vor der Tür stehend, sagte er: „Buenos dias, Senjorita,
+ich habe die Absicht, mir einen neuen Sattel zu kaufen.“
+
+„So viel Sie wollen, Senjor“, antwortete darauf Donja Luisa, „Pase,
+Usted, Senjor, und sehen Sie sich auch die Sättel an, die ich drinnen im
+Laden habe, vielleicht gefällt Ihnen einer von denen noch besser, denn
+die sehr guten lege ich nicht da aus, wo sie von der Sonne und dem Staub
+verdorben werden können.“
+
+„Con su permiso“, sagte Don Juvencio, und er folgte Donja Luisa in den
+Laden.
+
+Er sah sich alle Sättel an. Aber merkwürdigerweise hatte er nun die
+Fähigkeit verloren, die Sättel nüchtern und vorurteilsfrei zu prüfen. Er
+klopfte zwar an den Sattelstöcken herum, kratzte am Leder und zupfte die
+Riemen knallend auseinander, aber seine Gedanken waren nur oberflächlich
+bei den Sätteln. Er sagte wenig, und das wenige, was er sagte, bezog
+sich nur auf die Sättel. Dann aber blickte er einmal rasch auf, als ob
+er etwas fragen wollte. Obgleich Donja Luisa sofort wegsah, hatte er
+dennoch so viel noch von ihrem Blick aufgefangen, daß er wohl wußte, daß
+sie ihn während der ganzen Zeit aufmerksam angesehen hatte, ebenso
+prüfend, wie er vorher die Sättel angesehen hatte.
+
+Und als Donja Luisa fühlte, daß sie von ihm überrascht worden war,
+während noch ihr Blick für einen kurzen Moment auf seinem Gesicht geruht
+hatte, wurde diesmal sie verlegen. Ihr Gesicht rötete sich ein wenig.
+Aber sie gewann sich gleich wieder zurück, lachte ihn an und
+beantwortete sachlich und geschäftsmäßig den gefragten Preis für den
+Sattel, den er gerade aufgenommen hatte und hin und her drehte.
+
+Er fragte nach den Preisen einiger anderer Sättel, aber sie fühlte, daß
+er jetzt nur fragte, um etwas zu sagen.
+
+Dann fragte er nach einigen anderen Dingen, fragte, wo das Leder
+herkomme, das hier verwendet sei, wie die Geschäfte gingen und noch so
+einiges ohne Bedeutung.
+
+Dann fragte sie, wo er herkomme und wie seine Geschäfte gingen. Er sagte
+ihr seinen Namen, erzählte ihr, wie groß seine Hazienda sei, wieviel
+Vieh er habe, wieviel Pferde und Maultiere, wieviel Mais er im letzten
+Jahre verkauft habe und wieviel Schweine, und wie die Preise gewesen
+seien.
+
+Von einem Sattel wurde vorläufig nicht mehr gesprochen.
+
+Als er dann nach einer halben Stunde, oder es war vielleicht eine ganze
+Stunde – beide hatten die Zeit nicht beachtet – fühlte, daß er nun doch
+wieder auf den Sattel zurückkommen müßte, um nicht aufdringlich zu
+erscheinen, sagte er endlich: „Ich denke, daß ich diesen Sattel hier
+nehme.“ Dabei wies er auf den schönsten und teuersten Sattel hin. „Aber
+ich werde es mir doch noch ein wenig bedenken und mir noch andere in der
+Stadt ansehen gehen. Ich möchte wohl, daß Sie mir diesen Sattel hier bis
+morgen zurückhalten, Senjorita. Morgen werde ich dann kommen und
+bestimmt sagen, ob ich ihn kaufe oder nicht. Dann, hasta manjana,
+Senjorita.“
+
+„Hasta manjana, Senjor“, sagte Donja Luisa, und er verließ den Laden.
+Nun kauft man ja in Mexiko kein Ding überrasch, ganz gleich, ob es sich
+um einen Esel, ein Pferd, ein Haus, einen Sattel, eine Hose oder ein
+Taschenmesser handelt. Darum war die Tatsache, daß er sich nicht sofort
+zum Kaufe entschloß, für sie in keiner Weise auffallend. Aber mit dem
+guten Instinkt der Frau wußte sie, daß er seine Entscheidung
+hinsichtlich des Sattels getroffen hatte und daß er den Kauf nur darum
+aufschob, um morgen wiederkommen zu können. Sie hatte sich hierin nicht
+getäuscht. Das war wirklich der Grund gewesen, warum er nicht gekauft
+hatte.
+
+Er sah sich natürlich keinen anderen Sattel in einem nächsten Geschäft
+an, sondern er schlenderte zu dem Platze, wo sein Pferd an einen Pfosten
+gebunden war, setzte sich auf und ritt langsam heim.
+
+Auf dem Heimwege dachte er nur an das Mädchen und an ihr Lachen. Und als
+er auf seiner Hazienda angelangt war, da war er verliebt bis zu völliger
+Hilflosigkeit.
+
+Er war drei- oder viermal vorher in seinem Leben verliebt gewesen; aber
+es war nie etwas daraus geworden. Jetzt war er freilich vollkommen davon
+überzeugt, daß er noch nie in seinem Leben verliebt gewesen sei und daß
+alle früheren Liebschaften nichts weiter gewesen waren als zufällige
+Bekanntschaften.
+
+Am nächsten Morgen war er schon um neun Uhr wieder im Laden.
+
+Diesmal war die Tante im Laden. Das enttäuschte ihn. Er wußte sich aber
+zu helfen. Er sagte: „Perdoneme, Senjora, ich habe mir gestern hier
+einige Sättel angesehen. Aber die junge Frau, die hier im Laden war,
+wollte mir noch einige andere Sättel zeigen, die sie zurückgelegt habe.“
+
+„Ja, das war meine Nichte Luisa. Hören Sie, Senjor, ich weiß nun nicht,
+welche Sättel sie gemeint haben könnte. Luisa ist irgend etwas einkaufen
+gegangen. Wenn Sie zehn Minuten warten können, dann ist sie zurück, und
+sie kann Ihnen die Sättel gern zeigen.“
+
+Juvencio brauchte aber keine volle zehn Minuten zu warten, und da kam
+Luisa heim.
+
+Sie lachten sich beide an wie alte Bekannte.
+
+Als nun Luisa sofort die Tante mit einem Auftrag ins Haus schickte,
+wußte Juvencio – ein Mann begreift ja schwer und sehr langsam in
+gewissen Dingen, aber zuweilen hat ja auch er den richtigen Instinkt –,
+ja, da wußte Juvencio, daß Luisa ihm nicht ganz abgeneigt war, denn sie
+wollte mit ihm allein sein.
+
+Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen und ohne es durch einen Kauf
+zu rasch abschließen zu müssen, begann er aufs neue, sich alle übrigen
+Sättel anzusehen. Das Gespräch schweifte jedoch sehr bald, wohl dem
+Wunsche beider folgend, von den Sätteln ab und wandte sich anderen
+Dingen zu.
+
+Er wurde ein wenig dreister und fragte geradeswegs, ob sie sich nicht
+bald verheiraten werde.
+
+„Ich wüßte nicht gegen wen“, sagte Donja Luisa, ihn anlachend, „ich habe
+keinen Novio, ich habe keinen einzigen Liebhaber.“
+
+„Ha“, sagte er nun, „ein so schönes Mädchen wie Sie sind, Senjorita, und
+keinen Liebhaber, das glaube ich nicht.“
+
+„Es ist aber doch so, Senjor.“ Sie brachte ihre Fingerspitzen hoch und
+klopfte sich damit beteuernd und verschwörend gegen die Lippen und
+sagte: „Bei der Heiligen Allerreinsten Jungfrau nicht, Senjor.“
+
+„Ja, dann muß ich es wohl glauben“, sagte darauf Don Juvencio lachend.
+
+Es verging wieder eine Stunde des Hinundherredens, und als er endlich
+abermals einsah, daß er gehen müßte, entschied er sich nun, den Sattel
+zu kaufen. Er zählte das Geld auf den Tisch einzeln auf, nachdem er es
+aus seinem Ledergurt ausgeschüttet hatte.
+
+Als sie das Geld genommen hatte und sein Geschäft eigentlich nun
+abgeschlossen war, hielt er sich die Tür zur Rückkehr offen und sagte:
+„Ich werde wohl noch verschiedene Dinge brauchen, Senjorita, und ich
+werde in den nächsten Tagen wiederkommen müssen, mit Ihrer Erlaubnis.“
+
+„Das ist Ihr Haus, Cabellero, kommen Sie wieder, so oft Sie wollen, Sie
+sind immer gern gesehen.“
+
+„Ist das so ernst gemeint, Senjorita?“ fragte er. „Oder sagen Sie das
+nur zugunsten des Geschäfts?“
+
+„Nein“, lachte Donja Luisa, „ich meine es im wahren Ernst. Und damit Sie
+sehen, wie sehr ernst ich es meine – wollen Sie uns nicht die Ehre
+erweisen, ins Haus zu kommen und mit uns zu frühstücken? Wir sind gerade
+beim Frühstück, und wenn Sie nicht gekommen wären, dann wäre ich nun
+schon damit fertig.“
+
+Der Mexikaner trinkt frühmorgens, gleich nachdem er aufgestanden und
+sich gewaschen hat, eine oder zwei Tassen Kaffee und ißt dazu nur einen
+Bissen oder meist gar nichts. Das nennt er Desayuno. Dann zwischen acht
+und zehn Uhr morgens setzt er sich zu einem Frühstück nieder, das den
+doppelten Umfang eines Mittagessens in Schweden hat. Darum ist das
+Frühstück, das Almuerzo heißt, eine Angelegenheit, die ohne besondere
+Mühe sich über eine Stunde Zeit hinziehen kann, ehe man damit völlig
+durch ist.
+
+Als Donja Luisa und Don Juvencio in den Comidor, in das Eßzimmer, kamen,
+schienen die Tante und die Großmutter soeben mit dem Frühstück fertig
+geworden zu sein, weil sie so lange nicht hatten warten wollen und
+übrigens daran gewöhnt waren, daß Luisa aß, wenn es ihr gefiel, und
+nicht, wenn andere es wünschten oder gar kommandierten.
+
+Aus Höflichkeit blieben aber die beiden älteren Frauen noch so lange
+sitzen, bis der erste Gang vorüber war. Sie sagten ein paar freundliche
+Worte zu ihrem Gast, standen dann auf vom Tische und verließen das
+Zimmer.
+
+Das Frühstück der beiden Leute dehnte sich bis gegen elf Uhr aus.
+
+ * * * * *
+
+Nicht am nächsten Morgen, wohl aber am übernächsten, kam Don Juvencio
+schon wieder, diesmal um Gurten zu kaufen.
+
+Und von dem Tage an kam er jeden zweiten Tag, um etwas zu kaufen oder
+etwas umzutauschen, oder um etwas zu bestellen nach besonderer
+Anordnung. Daß er sich jedesmal, wenn er kam, zum Frühstück niedersetzen
+mußte, wurde zur Regel. Dann kam es auch schon vor, daß er noch weitere
+Dinge in der Stadt zu ordnen hatte, die sich bis über den Mittag
+hinzogen; und so wurde er auch zum Mittagessen eingeladen. Und dann
+geschah es einmal, daß er erst am Nachmittag zur Stadt kommen konnte. Es
+begann zu regnen, als er im Hause der Donja Luisa war, und er blieb zum
+Abendessen. Aber es regnete immer heftiger, und die Nacht war
+undurchsichtig und der Regen wuchs an, anstatt nachzulassen. Was sollte
+er in ein Hotel gehen, sagten die Frauen, und dort das Geld unnötig
+ausgeben, er könne auch hier im Hause schlafen, man habe genügend freie
+Zimmer, und wenn das Bett, das man ihm anbieten könnte, auch nicht
+gerade sehr gut sei, so sei es doch auf keinen Fall schlechter, als die
+Betten in dem Hotel seien. Und so verbrachte er einen langen Abend mit
+Donja Luisa im Hause und nahm die Gastfreundschaft für die Nacht
+bereitwillig an.
+
+So vergingen zwei Wochen, und er lud die Frauen für den Sonntag auf
+seine Hazienda ein. Donja Luisa und die Tante kamen hinausgeritten mit
+Pferden, die er sehr frühzeitig zur Stadt geschickt hatte, und mit zwei
+seiner Leute zur Begleitung. Die Großmutter war daheim geblieben, um das
+Haus nicht allein zu lassen.
+
+Nun geschah alles Weitere genau so, wie es immer geschieht, wenn ein
+Mädchen und ein Mann glauben, daß sie sich mit einer Heirat abfinden
+könnten, um dem ewigen Hinundherrennen, das nur ermüdet, ein Ende zu
+machen.
+
+So kamen die beiden endlich überein, sich die Ehe zu versprechen. Er
+hatte bei der Großmutter und der Tante, höflich und den Sitten
+gehorchend, angefragt; und die beiden hatten nichts gegen die Heirat
+einzuwenden, denn Don Juvencio war ein anständiger Mensch, von
+ehrenhafter Familie, hatte einen mäßigen Wohlstand, war nüchtern und
+arbeitsam, und er hatte alle sonstigen Tugenden, um einen guten Ehemann
+für Luisa zu machen.
+
+Juvencio hatte natürlich auch Luisa selbst gefragt; und weil sie schon
+zwei Wochen vorher gewußt hatte, welche Antwort sie geben würde, falls
+er fragen sollte, so erfolgte von ihrer Seite aus die Zusage ohne lange
+Ziererei und mit Bestimmtheit.
+
+Bis zu dieser Phase einer Heiratsmöglichkeit war Donja Luisa auch mit
+einigen anderen ihrer Freier gelangt. Mit zweien von denen sogar schon,
+ehe vier Wochen vergangen waren. Damit soll hier gleich gesagt werden,
+daß diese Vorverlobung innerhalb der engsten Familie für niemand
+irgendeine Gewißheit bot, daß diese Heirat, die jetzt in Aussicht stand,
+auch wirklich vollzogen werden würde. Die Großmutter und die Tante,
+durch frühere Erfahrungen weise geworden, zweifelten sehr daran, daß es
+diesmal Ernst werden würde, obgleich Don Juvencio mehr ein vollwertiger
+Mann war als einer seiner Vorgänger. Don Juvencio war sehr ruhig, sehr
+verträglich, nicht streitsüchtig und nicht rechthaberisch. Darum waren
+bis jetzt keinerlei Zwistigkeiten zwischen den beiden vorgekommen.
+
+Dennoch hielt es die Großmutter für wohl geraten, gelegentlich zur Tante
+zu sagen: „Die sind noch lange nicht verheiratet, und ehe sie nicht
+beide im selben Bett sind, glaube ich es auch nicht, daß etwas daraus
+wird. Jedenfalls kümmere dich vorläufig weder um Kleider noch um sonst
+etwas, und am besten ist es, du sagst zu keiner Seele in der ganzen
+Stadt auch nur eine Silbe von der Sache.“
+
+Die Tante folgte diesem guten Rate, denn sie war genau so voller
+berechtigter Zweifel wie die Großmutter.
+
+Die Vorfälle, die eine Heiratsaussicht endgültig zerstörten, hatten
+sich, in allen früheren Fällen, stets immer erst in ihrer vernichtenden
+Wirkung gezeigt, nachdem die Vorverlobung stattgefunden hatte; also in
+jener Periode des Verlöbnisses, die nun folgte. Das war ja auch
+erklärlich. Die beiden Leute verkehrten vertraulicher miteinander, und
+dadurch geschah es ganz natürlich, daß sie gelegentlich ihre wahre Natur
+gegeneinander entschleierten und sich nicht immer die unbequeme Mühe
+machten, einen Ausbruch ihrer wirklichen Meinungen und Gefühle durch
+Zurückhaltung und Selbstbeherrschung dauernd zu unterdrücken.
+
+Und es geschah deshalb immer während dieser Periode, daß die Freier zur
+Besinnung kamen und rechtzeitig absprangen. Es soll aber auch gesagt
+werden, daß nicht immer nur die Freier absprangen, sondern daß ebenso
+häufig auch Donja Luisa absprang und den Freier einfach aus dem Hause
+warf, oder ihn so behandelte, daß er wußte, er könne nicht wiederkommen,
+ohne daß ihm in rücksichtslosester Weise die Tür gewiesen werden würde.
+Dieses Streiten und Rechthabenwollen begann schon eine Woche nach dem
+Gelöbnis.
+
+Don Juvencio stand eines Morgens im Laden, um mit Donja Luisa eine Weile
+sprechen zu können. Sie kamen auf Sättel zu reden, und Don Juvencio
+sagte ganz frei heraus: „Das will ich dir nur einmal sagen, Licha, von
+Sätteln verstehst du gar nichts. Obgleich du eine Talabarteria hast,
+weiß ich mehr über Sättel und Leder als du. Kannst du mir ruhig
+glauben.“
+
+Diese Äußerung hatte Donja Luisa hervorgerufen dadurch, daß sie über die
+Güte und den Wert einer bestimmten Ledersorte durchaus recht haben
+wollte; während Don Juvencio ihr einfach nicht recht geben konnte, weil
+es gegen sein besseres Wissen ging. Als Ranchero hatte er genug mit
+Leder, Sätteln und Geschirren praktisch zu tun, um aus Erfahrung zu
+lernen, welches Leder sich für bestimmte Zwecke besser eigne und welches
+sich weniger gut dauerhaft oder brauchbar erweise.
+
+Donja Luisa fuhr wild auf und schrie aufs höchste erbost: „Ich bin seit
+meiner Windelzeit hier in der Talabarteria zwischen Sätteln, Gurten,
+Riemen und Geschirren, und du willst mir in das Gesicht hinein sagen,
+daß ich nichts von Sätteln und Leder verstünde!“
+
+„Ja, das will ich, weil das meine Meinung ist“, sagte Don Juvencio
+ruhig.
+
+„Glaub nur ja nicht, daß du mich kommandieren kannst, auch wenn wir
+verheiratet sein sollten, was ich überhaupt noch gar nicht einmal so
+sicher annehme. Ich lasse mich nicht kommandieren, auch von dir nicht.
+Und damit du das nur gleich weißt, mach, daß du hier rauskommst, und laß
+dich hier nicht mehr blicken, oder es fliegt dir etwas an den Kopf, daß
+du lange genug daran denken und doktern kannst, um zu wissen, daß ich
+der bin, der kommandiert.“
+
+Er sagte: „Gut, ganz wie du denkst.“ Dann ging er, und sie warf wütend
+die Tür hinter ihm zu.
+
+Sie lief ins Haus und sagte zu ihrer Tante: „Den habe ich rausgefegt.
+Der dachte, daß er kommandieren könnte. Ich brauche keinen Mann, und ich
+will keinen.“
+
+Weder die Tante noch die Großmutter sagten etwas dazu, denn es war ja
+für sie keine Neuigkeit. Sie seufzten nicht einmal. Im Grunde war es
+ihnen überhaupt gleichgültig, ob Luisa heiratete oder nicht; denn sie
+wußten, daß Luisa auf alle Fälle doch tun würde, was ihr beliebte, ob es
+den beiden Frauen gefiel oder nicht.
+
+ * * * * *
+
+Nun war Don Juvencio wohl wirklich ernstlich verliebt in das Mädchen. Er
+zog sich nicht zurück, wie es seine Vorgänger nach einigen
+Unterhaltungen dieser Art gewöhnlich getan hatten. Nach drei oder vier
+Tagen war er eines Morgens wieder im Laden. Darüber war Donja Luisa
+nicht wenig erstaunt. Aber er war vielleicht noch mehr erstaunt darüber,
+als er sich plötzlich ihr gegenüber im Laden wiederfand. Er hatte in der
+Tat den Hinauswurf vergessen, und er war in den Laden gekommen aus
+reiner Gewohnheit.
+
+Es mochte wohl sein, daß Donja Luisa gleichfalls ihm gegenüber etwas
+tiefer empfand, als sie je gegen einen ihrer früheren Freier empfunden
+hatte. Sie war nicht gerade freundlich zu ihm, aber doch auch nicht
+abweisend. So erschien es als nichts anderes als eine Form der
+Höflichkeit, daß sie ihn zum Frühstück einlud.
+
+Einige Tage ging es gut.
+
+Dann aber kam ein Abend, wo sie behauptete, daß eine Kuh auch Milch
+geben könne, ohne ein Kalb gehabt zu haben. Sie behauptete, diese
+Tatsache in dem amerikanischen College gelernt zu haben.
+
+Darauf sagte er: „Wenn du das in dem amerikanischen College gelernt
+hast, Licha, dann sind die Lehrer und Professoren des College alte Esel,
+und dann ist es nicht weit her mit der Bildung und dem Wissen, das du
+dort erworben hast.“
+
+„Du willst doch nicht etwa sagen, daß du klüger bist als die
+Professoren, Bauer, der du bist!“ sagte sie.
+
+„Klüger oder nicht klüger“, gab er zurück, „aber gerade als Bauer weiß
+ich, daß eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, keine Milch geben kann, ob
+du sie nun von hinten oder von vorne melkst. Wo keine Milch ist, da
+kannst du keine rausmelken.“
+
+„So, da willst du also sagen, daß ich nichts gelernt habe, daß ich eine
+dumme Henne bin, daß ich kein Examen gemacht habe. Und ich will dir auch
+gleich noch mehr sagen, ob du nun ein Bauer bist oder nicht: Hühner
+können Eier legen, ohne daß sie einen Hahn dazu brauchen.“
+
+„Richtig“, sagte er, „ganz richtig, und Hähne legen zuweilen auch Eier,
+wenn die Hennen keine Zeit dazu haben, und Maultiere werfen
+Maultierfüllen, und es ist auch ganz richtig, daß viele Kinder geboren
+werden, die keinen Vater haben.“
+
+„So, du willst mir widersprechen, mir, die ich studiert habe, während du
+die Schweine gefüttert hast!“
+
+„Wenn wir, das ist ich und meinesgleichen, die Schweine nicht füttern,
+dann verhungern alle deine überklugen amerikanischen Professoren.“
+
+Sie wurde von einer Wut gepackt, wie er bisher nicht geglaubt hatte, daß
+ein Mensch einer solchen Wut fähig sein könnte.
+
+Sie schrie: „Gibst du zu, daß ich recht habe, oder nicht?“
+
+„Du hast recht. Aber eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, gibt keine
+Milch. Und wenn es eine solche Kuh gibt, dann ist es ein Wunder. Und
+Wunder sind Ausnahmen. In der Landwirtschaft aber kann man sich weder
+auf Wunder noch auf Ausnahmen verlassen.“
+
+„So, du verhöhnst mich und beschimpfst mich noch obendrein?“
+
+„Ich beschimpfe dich nicht, aber Kühe, die kein Kalb gehabt haben, geben
+keine Milch, und einen brauchbaren Sattelgurt aus Ziegenleder kann man
+auch nicht machen.“
+
+Die Ruhe, mit der er das sagte, brachte sie in größere Raserei, als das
+ein aufgeregter Widerspruch von ihm getan haben könnte.
+
+Auf dem Tisch stand ein steinerner Wasserkrug. Mit einem Ruck war sie
+hoch, ergriff den Krug und pfefferte ihn ihrem Widersacher an den Kopf.
+Die Kopfhaut platzte, und das Blut lief in einem dicken Strom dem Don
+Juvencio über das Gesicht.
+
+In einem Film oder in einem guten Roman würde jetzt das Mädchen ihre
+rasche Tat bedauert haben, sie würde ihr Seidentüchelchen genommen
+haben, hätte es auf die Wunde gepreßt, dann die Wunde mit zarten Händen
+ausgewaschen, dann den armen Kopf in ihre Arme gepreßt und ihn mit
+Küssen bedeckt, und am nächsten Morgen wären beide zur Kirche
+marschiert, hätten sich verheiratet und hätten von nun an für den Rest
+ihres Lebens in eitel Glück und Zufriedenheit gelebt. Da es sich aber
+hier weder um einen Film noch um einen Roman handelte, so lachte Donja
+Luisa nur höhnisch auf, als sie den blutenden Freier sah, und schrie:
+„So, nun wirst du wohl endlich genug haben mit deiner Rechthaberei und
+mit deinem ewigen Besserwissenwollen. Und wenn du wirklich noch im Sinne
+haben solltest, mich zu heiraten, dann ist das jetzt ausgemacht einmal
+für allemal: Ich habe recht, und ich kommandiere. Wenn du damit
+einverstanden bist, gut. Wenn nicht, dann wird nichts daraus, und du
+kannst meinetwegen zur Hölle gehen mit deinem Rechthaben und mit deinem
+Herumkommandieren. Such dir ein dummes Indianermädchen zur Frau, mit der
+kannst du solche Dinge machen. Nicht mit mir. Du kennst mich nun.“
+
+Sie ging in ihr Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
+
+Er ging zum Doktor.
+
+ * * * * *
+
+Es war in den letzten Wochen in der Stadt schon ein wenig bekannt
+geworden, daß Donja Luisa einen neuen Freier habe. Es war auch bekannt
+geworden, wer der neue Freier war. Denn in einer kleinen Stadt, auch in
+Mexiko, kann ein unverheirateter Mann nicht mehr als dreimal in ein Haus
+gehen, wo ein heiratsfähiges Mädchen mit ihrer Familie lebt, ohne daß
+jeder weiß, warum der Mann so häufig in jenes Haus auf Besuch geht.
+
+Als Don Juvencio zwei Tage später mit verbundenem Kopf in der Stadt
+gesehen wurde, wußte man, daß die beiden sehr nahe vor der Heirat
+gestanden hatten, daß aber jetzt die Sache aus und vorbei sei.
+
+Don Juvencio hatte auch gleich Freunde um sich herum.
+
+„Aber, Hombre, Vencho, warum hast du denn nichts gesagt? Wir hätten dir
+doch die Augen aufknöpfen können. Die ist doch bekannt, daß sie ein
+Teufel ist. Schlimmer als ein Teufel. Die ist die Hölle und das
+Fegefeuer schon vor der Heirat. Was sie nach der Heirat sein wird, dafür
+gibt es kein Beispiel. Wie kannst du denn nur auf diese Tigerin so
+reinfallen! Weißt du denn, wie viele Bewerber sie in derselben Weise
+heimgeblasen hat wie dich? Ein halbes Dutzend langt nicht. Wer sie
+kennt, läßt die Finger weit davon. Hier kriegt sie keinen. Hier ist sie
+durch. Sie konnte nur noch einen erwischen wie dich, der von Welt und
+Hund nichts weiß, der nicht reinkommt von seinem Windfang da draußen.
+Danke deinem Schöpfer, daß du den Kopf noch zur rechten Zeit bekommen
+hast, ehe es zu spät war. Dir wird ja jetzt das Hirn da oben wieder
+zurechtgerückt worden sein. Wenn du heiraten mußt, heirate, was dir in
+den Weg gelaufen kommt, ganz gleich woher sie kommt und wie sie kommt;
+aber laß diese Dynamitpatrone allein. Wir sind uns bis heute noch nicht
+ganz sicher darüber, ob sie nicht ihren Vater und ihre Mutter erschlagen
+hat. Die sind beide merkwürdig rasch gestorben, und sie waren gar nicht
+krank. Und der Doktor, der das Attest ausgeschrieben hat, na, da weiß
+man ja auch nicht so recht, er war der Familiendoktor, und er muß ja
+auch leben und will keinen Gestank haben und mit den Gerichten seine
+Zeit verlieren. Die könnte zehn Millionen haben und noch zwanzigmal eine
+hübschere Fratze vorgebunden haben, einer, der sie kennt, nimmt sie
+nicht in einen Sack gebunden und umsonst.“
+
+ * * * * *
+
+Zwei Monate später waren Don Juvencio und Donja Luisa verheiratet. Er
+hatte wohl zugestanden, daß er nicht darauf bestehen würde, recht zu
+haben, wenn sie anderer Meinung war, und er hatte wohl auch zugestanden,
+daß sie in der Ehe die Zügel führen dürfe. Das muß als sicher angenommen
+werden, weil ja sonst diese Heirat gewiß nicht möglich gewesen wäre.
+
+Die Meinung der Männer in der Stadt war geteilt. Die einen sagten, Don
+Juvencio müsse ein ungemein mutiger Mann sein, weil er sich zwischen die
+Tatzen des Tigers gelegt habe. Andere glaubten, er sei in eine gewisse
+sexuelle Abhängigkeit geraten, die ihn blind gemacht habe, und er würde
+wahrscheinlich aufwachen, sobald er seine Wünsche nach der Verheiratung
+gekühlt habe. Wieder andere meinten, daß er sich in einer unüberlegten
+Fahrlässigkeit ihr gegenüber habe etwas zuschulden kommen lassen, das
+ihn zwang, sich wider bessere Einsicht zu verheiraten. Abermals andere
+sagten, er sei wohl doch im Grunde sehr geldgierig, daß er alles übrige
+darüber vergessen konnte. Wieder andere meinten, er sei vielleicht ein
+wenig anormal veranlagt und liebe es, unter dem Joch und der brutalen
+Gewalt einer Frau zu stehen. Und endlich waren da genug, die sagten, daß
+er wohl mehr auf eine hübsche Außenwand sehe als auf das, was dahinter
+ist.
+
+Aber was die Männer auch in ihren einzelnen Parteien gedacht haben
+mögen, alle, ohne Ausnahme, sahen den kommenden Geschehnissen, die sich
+aus dieser Ehe entwickeln würden, mit einer erregten Spannung entgegen
+wie der Fortsetzung in einem guten Mörderfilm. Und die Wahrheit ist, daß
+niemand, selbst nicht jene Freier, die gern das Vermögen der Donja Luisa
+gehabt hätten, Don Juvencio beneideten oder es nachträglich bedauerten,
+daß sie nicht doch das Mädchen unter allen Umständen genommen hatten,
+als Gelegenheit dazu war. Jeder sagte zu sich und zu seinen Bekannten,
+daß er nicht im Fell des Don Juvencio stecken möchte.
+
+Es kann nicht angenommen werden, daß Don Juvencio jemals von einem Manne
+gehört hatte, dessen Name Shakespeare war; noch viel weniger darf
+angenommen werden, daß Don Juvencio je davon gehört hatte, wie man, nach
+dem Bericht jenes Mr. Shakespeare, rabiate Tigerinnen in England zähmt.
+Und hätte Don Juvencio wirklich jenen Bericht gelesen, so war er doch
+Mexikaner genug, um zu wissen, daß in Mexiko die Zähmung nicht nach
+englischen Rezepten vorgenommen werden kann, um Wirkung zu haben,
+sondern nach Erfahrungen, die einen hier der Busch lehrt.
+
+Bei der Hochzeitsfeierlichkeit hatte er ein Gesicht aufgesetzt, aus dem
+niemand schließen konnte, ob er zufrieden mit sich und der Welt sei oder
+nicht. Aber allen Gästen fiel es auf, daß er seiner jungen Frau immer
+recht gab, ihr in allem, was sie sagte, zustimmte; und wenn im Laufe der
+langen Sitzung wiederholt das Gespräch darauf kam, besonders von den
+anwesenden Damen, wie die beiden Leute dieses oder jenes in ihrem Hause
+und in ihrem künftigen Leben halten würden, da sagte er, das wird getan,
+wie Donja Luisa das anordnet. Als in vorgerückten Stunden nicht nur die
+Männer, sondern auch die Damen angeregter wurden durch die Getränke,
+fielen mehr und mehr Anzüglichkeiten über die starke junge Frau und den
+schwächlichen und nachgiebigen Mann, und daß nun eine neue Zeit auch in
+Mexiko angebrochen sei, in der endlich die Frau das Kommando übernehme.
+Zu allen solchen Neckereien, die zuweilen hart so dicht gingen, daß er
+offen lächerlich gemacht wurde, blieb er gleichgültig wie eine
+vertrocknete Speckkruste.
+
+Einer seiner alten Freunde, sehr angetrunken, stand auf und rief über
+den ganzen Tisch hin: „Vencho, wir besser schicken morgen früh die
+Ambulance hinaus, um deine Knochenreste abzuholen.“
+
+Es folgte ein brüllendes Gelächter.
+
+Das war ein sehr gewagter Scherz. Bei viel schwächeren Scherzen wird in
+Mexiko, sei es bei einem Begräbnis oder bei einer Kindtaufe oder bei
+einer Hochzeit, nach solchen oder ähnlichen nackten Bemerkungen sofort
+gezogen und geschossen. Selbst bei einer Festlichkeit in den vornehmeren
+Kreisen. Hunderte von Hochzeiten enden mit drei oder vier Toten,
+darunter häufig der junge Ehemann und nicht selten – wenn auch nur durch
+fehlgegangene Schüsse – die Braut. Denn bei dem heißen Blute der
+Mexikaner und bei der Zimperlichkeit, mit der sie das betrachten, was
+sie Su Honor, ihre Ehre, nennen, weiß man nie, in welcher Weise eine
+Neckerei aufgenommen werden wird.
+
+Aber hier lief alles friedfertig ab.
+
+Die Hochzeit dauerte bis weit in den folgenden Tag hinein. Sie war im
+Hause der jungen Frau gehalten worden. Und als die Feier als beendet
+angesehen wurde, waren alle hundemüde und alle genügend alkoholisiert,
+daß niemand, das junge Ehepaar eingeschlossen, an irgend etwas anderes
+dachte als daran, nun einmal recht tüchtig zu schlafen.
+
+Es war ganz natürlich und niemand sah darin irgendeine Sache, die gegen
+hergebrachte Regeln verstieß, daß Donja Luisa in ihr altes Zimmer ging,
+um zu schlafen, und Don Juvencio sich in jenem Zimmer ins Bett legte, wo
+er einige Male schon geschlafen hatte, wenn er zur Nachtzeit nicht
+zurückreiten konnte zu seiner Hazienda. Es hatte auch in der Tat keiner
+von den Gästen irgendein Interesse daran, sich darum zu kümmern, was die
+beiden jungen Leute nun taten und wo und wie sie die folgenden Stunden
+verbrachten. Denn der Übermüdung wegen und unter dem Eindruck voller
+Mägen und betäubter Hirne hatte jeder einzelne so viel mit sich selbst
+zu tun, daß er keinen Gedanken mehr übrighatte, den er auf das Tun und
+Lassen seiner Mitmenschen verschwenden konnte.
+
+Am nächsten Morgen frühstückten Don Juvencio, Donja Luisa, die Tante und
+die Großmutter gemeinschaftlich. Es wurde dabei nicht viel geredet. Die
+beiden älteren Frauen waren in einer gerührten Stimmung, weil Luisa nun
+das Haus verließ; und das Ehepaar redete gleichgültige Worte über die
+Art und Weise des Heimritts und was man in der Hazienda wohl zuerst tun
+müßte, um sie für die neuen Verhältnisse einzurichten.
+
+Dann kamen die Burschen von der Hazienda mit den Reitpferden und mit den
+Maultieren. Es wurde den Maultieren nur gerade das Allerwichtigste
+aufgepackt, das Donja Luisa am notwendigsten für die ersten Tage
+brauchte. Alles übrige würde dann in den nächsten Tagen
+nachtransportiert werden.
+
+ * * * * *
+
+Auf der Hazienda angekommen, hatte Don Juvencio nicht viel Zeit, sich um
+seine junge Frau zu kümmern; denn es hatte sich in den vergangenen Tagen
+reichlich Arbeit angehäuft, die er zu besorgen hatte.
+
+Donja Luisa ordnete mit der alten indianischen Haushälterin und den
+Mädchen die Zimmer an.
+
+Dann wurde es Abend, und Donja Luisa legte sich in das schöne weiche
+neue und sehr breite Ehebett. Aber wer nicht kam, sich zu ihr zu legen,
+das war Don Juvencio, ihr kürzlich erworbener Ehemann.
+
+Ob sie erwartete, daß er kommen würde, um mit ihr zu schlafen, weiß man
+nicht. Es hat sie nie jemand darum gefragt, was sie sich gedacht hat in
+jener Nacht und was sie erwartet haben mag. Es ist aber wohl sicher, daß
+sie geglaubt hat, daß diese Hochzeitsnacht nicht ganz vollständig sei;
+denn sie war ja eine Frau, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte Romane
+gelesen, war in höhere Schulen gegangen und hatte Freundinnen, die
+längst verheiratet waren und Kinder besaßen.
+
+Daß ihre Hochzeitsnacht vorüberging, wie jede Nacht in ihrem
+unverheirateten Bett vorübergegangen war, machte sie verwirrt. Sie war
+überzeugt gewesen, daß zwischen Verheiratetsein und Nichtverheiratetsein
+auf jeden Fall ein Unterschied bestehen müsse, der, je nach den
+Verhältnissen, die teils in der Psychologie, teils in der Physiologie
+begründet liegen, angenehm, für die Gesundheit und das allgemeine
+Wohlergehen nützlich, unangenehm, peinlich, schwierig, unbefriedigt,
+unerfreulich, langweilig, widerwärtig, ermüdend, erfrischend oder
+pflichtschuldig sein kann.
+
+Aber Donja Luisa bekam keine Gelegenheit, persönlich zu prüfen, in
+welcher Form und Weise der Unterschied zwischen Verheiratetsein und
+Nichtverheiratetsein sich bei ihr geltend machen würde. Denn in der
+folgenden Nacht blieb sie gleichfalls allein.
+
+„Dios mio“, sagte sie zu sich, „mein Gott im Himmel, er wird doch nicht
+etwa nicht mehr können, oder sollte er etwa gar so unschuldig sein, daß
+er nicht weiß, wo es fehlt? Aber er ist doch Mexikaner. Er wäre der
+erste Mexikaner, der je gelebt hat, der das nicht wüßte. Und das glaube
+ich nicht. Er hat doch Kühe und Stiere und Hengste und Mähren und was
+weiß ich. Unterricht genügend. Heilige Maria, Mutter Gottes,
+allerreinstes Himmelsjüngferlein, ich werde doch nicht etwa aufklären
+müssen! Himmel, was mache ich nur da? Ich kann ihm doch nicht die Tante
+herschicken! Wenn er wenigstens ins Bett kommen wollte, dann würde sich
+das ja alles von allein geben. Aber so –. Und wenn ich mir ihn ansehe,
+er ist ein angenehmer und kräftiger Muchacho. Der Beste der ganzen
+verfluchten Bande, die ich kenne. Ich will gar keinen andern haben.“
+
+Das Einschlafen wurde ihr schwer. Sie wälzte sich hin und her in dem
+weichen, schönen, neuen, breiten Ehebett.
+
+Es war am folgenden Nachmittag.
+
+Don Juvencio war seit dem frühen Morgen auf den Feldern gewesen. Er war
+ziemlich ermüdet zum Essen heimgekommen. Er saß jetzt in einem
+Schaukelstuhl im Portico des Hauses. Vor sich hatte er ein Tischchen
+stehen, auf dem die Zeitung lag, in der er herumgeblättert hatte.
+
+Im selben Portico, etwa zwölf Schritte entfernt von Don Juvencio, lag
+Donja Luisa in einer Hängematte. Sie hatte ein Kissen unter ihrem Kopfe,
+und sie las in einem Buche.
+
+Sie war in den paar Tagen, seit sie auf der Hazienda war, durchaus nicht
+müßig gewesen. Sie hatte ihren Teil zur Arbeit, zur Einrichtung,
+Umänderung und Führung des Haushalts reichlich beigetragen. In einem
+mexikanischen Hause ist ja auch eine Frau bei weitem nicht ein solches
+Arbeitstier wie die Frau in Europa. Selbst in wenig bemittelten Kreisen
+läßt ihr Mann es nicht zu, daß sie mehr tut, als den Haushalt zu leiten,
+also die Einkäufe zu besorgen oder anzuordnen, und das Arbeitsprogramm
+für die Köchin und für die Mädchen zu bestimmen. Da die Mexikaner sehr
+gesellschaftlich sind, sich ständig gegenseitig besuchen, hat die Frau
+genügend gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen, die in einem Hause
+nicht vernachlässigt werden dürfen, wenn der Mann einen Beruf oder eine
+Stellung hat, wo er darauf angewiesen ist, im Verkehr mit seinen
+Mitbürgern und Geschäftsfreunden zu bleiben. Es lag also hierin nichts
+besonders Auffallendes, daß Donja Luisa lässig in der Hängematte ruhte
+und in einem Buche las. „Du könntest auch lieber etwas Nützlicheres
+tun“, sagt ein Mexikaner zu seiner Frau wohl nur dann, wenn er einen
+deutschen Großvater gehabt haben sollte.
+
+ * * * * *
+
+Seit Donja Luisa auf der Hazienda eingezogen war, hatten die beiden
+Eheleute sehr wenig miteinander geredet. Von dem albernen und zärtlich
+gemeinten Geschwätz, das jungverheiratete Leute in den ersten zwei
+Wochen zu führen pflegen, war hier nichts zu hören. Die Ursache war wohl
+nur bei ihm zu suchen. Er hatte nicht die Absicht, ein tobendes
+Ungewitter heraufzubeschwören, solange es vermieden werden konnte. Sie
+aber hatte im Gefühl, daß sich etwas vorbereite; denn daß er nun drei
+Nächte schon ihr aus dem Wege gegangen war, als wäre sie hier nur ein
+gelegentlicher Gast, war denn doch zu merkwürdig, als daß sie sich keine
+Gedanken darüber hätte machen sollen.
+
+Gestern morgen hatte er, als er zum Frühstück in das Eßzimmer kam,
+gefragt: „Wo ist der Kaffee?“ Darauf hatte sie gesagt: „Frage Anita, ich
+bin nicht dein Dienstmädchen.“ Dann war er selbst in die Küche gegangen
+und hatte den Kaffee selbst hereingebracht, ohne ein Wort darüber zu
+verlieren. Sie hatte später freilich in der Küche gewaltig mit Anita
+aufgedonnert dieses Vorfalls wegen; aber Anita hatte sich damit
+entschuldigt, daß sie den Kaffee immer erst aufgetragen habe, nachdem
+die Eier gegessen seien, und wenn der Patron das jetzt anders haben
+wolle, so müsse er es ihr sagen.
+
+Es war ein heißer tropischer Frühnachmittag. Der Portico lag zwar im
+Schatten, aber es ruhte dennoch in ihm, wie auf dem grasbewachsenen
+weiten Vorplatz, der von einer flirrenden Glut bedeckt war, eine
+lastende unbewegte schwere Wärme, die sich nur ertragen ließ, wenn man
+stillsaß oder sich in einem Schaukelstuhl oder in der Hängematte wiegte,
+ohne mehr zu denken, als was unbedingt notwendig war, um sich noch von
+einem Tier zu unterscheiden.
+
+Auch die Tiere des Hauses, die in der Nähe waren, dröselten schläfrig
+ihre Zeit dahin, und sie bewegten sich nur, wenn die summenden Fliegen
+sie allzusehr belästigten.
+
+Über dem Geländer des Portico, auf einer kleinen Schaukel, hockte der
+Papagei. Er träumte dahin, wachte gelegentlich auf, krächzte oder
+rasselte einige Worte und brütete dann wieder in sich hinein, wenn ihm
+niemand eine Antwort gab.
+
+Auf der obersten Stufe der kurzen Treppe, die in den Portico führte, lag
+schlafend die Katze. Sie hatte gut gegessen, und sie lag nun, beinahe
+völlig auf dem Rücken, mit dem Kopfe weit zurückgelehnt auf der heißen
+Stufe, mit jener satten Unbekümmertheit, die nur denjenigen irdischen
+Geschöpfen eigen wird, die um die Sicherheit ihres Lebens und um die
+Pünktlichkeit reichlicher Mahlzeiten nie in Sorge zu sein brauchen.
+Unter einem schattigen Baum in dem grünen Vorplatze des Hauses, im
+Patio, stand das bevorzugte Reitpferd des Don Juvencio angebunden. Der
+Sattel lag einige Schritte neben dem Pferde. Als Don Juvencio von den
+Feldern heimgekehrt war, hatte er das Pferd nicht auf die nahe kleine
+Weide führen lassen, sondern es war dem Tier hier auf dem Vorplatze sein
+Sacate vorgeworfen worden, denn Juvencio wollte später noch einmal zu
+seiner Trapiche, seiner Zuckermühle, hinunterreiten.
+
+Auch das Pferd, ein prachtvolles Tier, dröselte in der Nachmittagshitze
+seine Zeit dahin. Es ließ den Kopf sinken und sinken, bis die Nase
+beinahe die übriggebliebenen, breit gestreuten Halme auf dem Erdboden
+berührte. Und wenn der Kopf endlich so tief gesunken war, daß das Pferd
+sich gegen die Nase stieß, dann warf es mit einem raschen Ruck den Kopf
+hoch, riß die Augen weit auf, und wenn es sah, daß sich inzwischen
+nichts von besonderer Bedeutung in der Welt ereignet hatte, schloß es
+die Augen wieder langsam, und der Kopf begann abermals Zoll bei Zoll
+herunterzusinken.
+
+Don Juvencio hatte seinen Schaukelstuhl so stehen, daß er den Hof
+übersehen konnte. Er hob jetzt seine Arme hoch, reckte sich ein wenig
+aus, gähnte leicht und ergriff die Zeitung, die vor ihm auf dem
+Tischchen lag. Er las einige Minuten, und dann legte er die Zeitung
+wieder hin.
+
+Nun sah er zu dem Papagei, der vor ihm in seiner Schaukel hockte.
+
+„He, Loro“, rief nun Don Juvencio befehlend, „hole mir eine Kanne mit
+Kaffee und eine Tasse aus der Küche, ich habe Durst.“
+
+Der Papagei, durch die Worte aus seinem Dahindämmern aufgeweckt, kratzte
+sich mit dem Fuß am Nacken, rutschte ein kleines Stück weiter auf seiner
+Schaukel, krächzte ein paar Laute und bemühte sich, sein unterbrochenes
+Dröseln wieder aufzunehmen.
+
+Don Juvencio griff nach hinten, zog seinen Revolver aus dem Gurt, zielte
+auf den Papagei und schoß. Der Papagei tat einen Krächzer, es flogen
+Federn in der Luft herum, der Vogel schwankte, wollte sich festkrallen,
+die Krallen ließen los, und der Papagei fiel auf den Boden des Portico,
+schlug ein paarmal um sich und war tot.
+
+Juvencio legte den Revolver vor sich auf den Tisch, nachdem er ihn
+einige Male in der Hand geschwenkt hatte, als ob er sein Gewicht prüfen
+wolle.
+
+Nun blickte er hinüber zur Katze, die so fest schlief, daß sie nicht
+einmal im Traume schnurrte.
+
+„Gato“, rief jetzt Don Juvencio, „he, Kater, hole mir Kaffee aus der
+Küche, ich habe Durst.“
+
+Donja Luisa hatte sich umgewandt zu ihrem Manne, als er den Papagei
+angerufen hatte. Sie hatte das, was er zu dem Papagei sagte, so
+angenommen, als ob er mit dem Papagei schäkern wolle, und sie hatte
+darum nicht weiter darauf geachtet. Als dann der Schuß krachte, drehte
+sie sich völlig um in ihrer Hängematte und hob den Kopf leicht.
+
+Sie sah den Papagei von seiner Schaukel fallen, und sie wußte, daß
+Juvencio ihn erschossen hatte.
+
+„Hay no“, sagte sie halblaut, „lächerlich.“
+
+Jetzt, als Don Juvencio die Katze anrief, sagte Donja Luisa laut zu ihm
+herüber: „Warum rufst du denn nicht Anita, daß sie dir den Kaffee
+bringt?“
+
+„Wenn ich will, daß mir Anita den Kaffee bringen soll, dann rufe ich
+Anita, und wenn ich will, daß mir die Katze den Kaffee bringen soll,
+dann rufe ich die Katze.“
+
+„Meinetwegen“, sagte darauf Donja Luisa, und sie rekelte sich wieder in
+ihre Hängematte ein.
+
+„He, Gato, hast du nicht gehört, was ich dir befohlen habe?“ wiederholte
+Don Juvencio seine Anordnung.
+
+Die Katze schlief weiter, in dem sicheren Bewußtsein, daß sie, wie alle
+Katzen, solange es Menschen gibt, ein verbrieftes Anrecht darauf habe,
+ihren Lebensunterhalt vorgesetzt zu bekommen, ohne irgendeine
+Verpflichtung zu haben, sich dafür durch Arbeit erkenntlich zu zeigen;
+denn selbst wenn sie sich doch so weit herablassen sollte, gelegentlich
+eine Maus zu erjagen, so tut sie es nicht, um dem Menschen eine
+Gefälligkeit zu erweisen, sondern sie tut es, weil ja schließlich selbst
+eine Katze ein Recht darauf hat, hin und wieder einmal ein Vergnügen zu
+genießen, das im gewöhnlichen Wochenprogramm nicht vorgesehen ist.
+
+Don Juvencio aber dachte anders über die Pflichten einer Katze, die auf
+seiner Hazienda lebte. Als die Katze sich nicht regte, um dem Befehle
+nachzukommen und den Kaffee aus der Küche zu holen, hob er wieder den
+Revolver, zielte und schoß. Die Katze versuchte hochzuspringen, aber sie
+brach zusammen, rollte sich einmal über und war tot.
+
+„Belario“, rief Don Juvencio jetzt über den Hof.
+
+„Si, Patron, estoy“, rief der Bursche aus einem Winkel des Hofes hervor.
+„Hier bin ich, was ist zu tun?“
+
+Als der Bursche auf der untersten Stufe der Treppe stand, mit dem Hute
+in der Hand, sagte Don Juvencio zu ihm: „Binde das Pferd los und führe
+es hierher, hier dicht an die Stufen.“
+
+„Soll ich es auch gleich satteln?“ fragte der Bursche.
+
+„Ich werde dich dann rufen“, antwortete Don Juvencio.
+
+Der Bursche brachte das Pferd und entfernte sich.
+
+Das Pferd stand eine Weile vor dem Portico. Don Juvencio sah das Tier
+an, wie eben nur ein Mann ein Pferd anzusehen vermag, der auf gute
+Reittiere angewiesen ist und sich darum mit einigen dieser Tiere so
+verbunden fühlen kann wie mit einem guten Freunde.
+
+Das Pferd scharrte ein wenig, und dann, als es fühlte, daß man nichts
+von ihm wollte, begann es, mit kleinen Schrittchen lässig fortzutorkeln,
+wieder den Schatten des Baumes aufsuchend.
+
+„Caballo, olla“, rief nun Don Juvencio das Pferd an, das inzwischen die
+Mitte des Hofes erreicht hatte, „trabe einmal rasch in die Küche und
+bringe mir eine Kanne mit Kaffee und eine Tasse, ich habe Durst.“
+
+Bei dem Anruf „Caballo“ hatte das Pferd den Kopf gewandt, weil es die
+Stimme seines Herrn wohl kannte und auf diesen Zuruf zu hören pflegte.
+Als es aber sah, daß der Herr nicht aufstand und nicht in den Hof trat,
+wußte es, daß es sein Herr weder streicheln noch satteln wollte. Es
+machte Geste, auf seinem Wege zu jenem Baum weiter fortzutrotten.
+
+„Ja, du bist wohl verrückt geworden, loco enteramente“, sagte da Donja
+Luisa von ihrer Hängematte her, mit einer Stimme, die halb erstaunt und
+halb erbost klang.
+
+„Verrückt? Ich?“ erwiderte Don Juvencio. „Ich weiß nicht, warum ich
+verrückt sein sollte. Das ist mein Pferd, und das Pferd ist auf meiner
+Hazienda, und ich darf meinem Pferde auf meiner Hazienda befehlen, was
+ich will, genau so gut, wie du deinen Mädchen befehlen darfst, was du
+willst.“
+
+„Meinetwegen“, sagte Donja Luisa, während sie wieder in ihrem Buche
+weiterzulesen begann.
+
+„Caballo“, rief nun Don Juvencio wieder über den Hof. „Wo ist der
+Kaffee? Bist du noch nicht fort?“
+
+Das Pferd hatte wieder für einen Augenblick den Kopf gewendet und auf
+den Ruf gehört; und als es wieder seinen Herrn nicht näher kommen sah,
+wendete es sich ab und nahm seinen Weg zum Baum abermals auf. Don
+Juvencio nahm den Revolver auf, stützte den Ellbogen auf den Tisch, um
+einen ruhigeren Arm zu haben, zielte und schoß.
+
+Das Pferd ruckte zusammen, stand dann wohl eine ganze Minute still auf
+einem Fleck, begann hierauf heftig zu zittern und brach plötzlich
+zusammen wie gefällt.
+
+„Wahnsinn! So ein Prachttier!“ schrie jetzt Donja Luisa auf. Ihre
+Erbostheit war zum vollen Ausbruch gekommen. Es war mit untrüglicher
+Sicherheit vorauszusehen, daß nunmehr das erste schwere Gefecht, das man
+Don Juvencio von allen Seiten mit allen seinen Schrecken vorausgekündigt
+hatte, geliefert werden würde und daß jetzt, wäre einer der Freunde des
+Don Juvencio anwesend gewesen, er raschest zur Stadt geritten wäre, um
+die Ambulance zu bestellen und ein Bett im Hospital zu mieten.
+
+Donja Luisa warf das Buch, das sie gelesen hatte, mit einer solchen
+Heftigkeit auf den Boden, daß es in allen seinen Blättern
+auseinanderflog. Sie begann sich innerlich einzuheizen, um überkochen zu
+können.
+
+Don Juvencio sagte nichts. Ohne aufzustehen, drehte er sich mit seinem
+Schaukelstuhl so um, daß er nun mit dem Gesicht zur Hängematte gerichtet
+saß.
+
+Er legte den Revolver nicht aus der Hand, sondern schwenkte ihn einige
+Male auf und nieder. Dann prüfte er die Trommel, und hierauf hauchte er
+auf den polierten Schaft und putzte ihn mit dem Hemdärmel sauber.
+
+Und gerade im selben Augenblick, als Donja Luisa aus der Hängematte
+springen wollte, um sich in die Tigerin zu verwandeln, sagte Don
+Juvencio mit sterbensruhiger Stimme, aber laut und hart: „Luisa, hole
+mir eine Kanne Kaffee aus der Küche und eine Tasse, ich habe Durst.“
+
+Als er das sagte, hielt er die Augen gesenkt. Jetzt aber sah er auf und
+blickte seine Frau kalt und gerade an. Er nahm den Revolver ein wenig
+höher und schwenkte ihn einmal auf und nieder.
+
+Donja Luisa fing den Blick auf, als sie aus der Hängematte hatte
+springen wollen. Sie sprang aber nicht, sondern sie begann ganz langsam
+aus der Hängematte wie von selbst herauszurutschen.
+
+Juvencio hob den Revolver mit genau der gleichen Ruhe und
+Selbstverständlichkeit, wie er ihn erhoben hatte, als er auf seine Tiere
+geschossen hatte.
+
+Donja Luisa wurde totenbleich, riß die Augen weit auf und sagte mit
+einem Schluck in ihrer Stimme: „Orito, Juvencio, sofort!“
+
+Als kaum eine Viertelminute später Donja Luisa den Kaffee vor ihm auf
+den Tisch stellte, nahm er das hin und saß da in der Haltung eines
+Mannes, der jeden Tag in seinem Restaurant seinen Kaffee hingesetzt
+bekommt von einer Kellnerin, die ihm ebenso gleichgültig ist wie der
+Preis der Druckerschwärze, mit der die Zeitung gedruckt wird, die er
+liest. Er sagte kurz: „Gracias, danke!“, trank schluckweise den Kaffee
+und begann die Zeitung da weiter zu lesen, wo er aufgehört hatte, als er
+zum erstenmal Durst fühlte und den Papagei in die Küche schickte.
+
+„Belario“, rief er dann über den Hof, „sattle mir den Prieto, ich will
+zur Trapiche hinunterreiten, sehen was die Muchachos tun.“
+
+Als das Pferd gesattelt vor der Treppe stand, schob Don Juvencio den
+Revolver in den Gurt, richtete sich auf, ging zu dem Pferde und klopfte
+es auf den Hals.
+
+Donja Luisa hatte sich, nachdem sie den Kaffee gebracht hatte, nicht
+mehr in die Hängematte gelegt, sie hatte sich auch nicht einmal auf
+einen Stuhl gesetzt. Sie stand da wie in einem Zustand der Lähmung. Es
+schien, daß sie Stunden oder gar Tage brauche, um in sich klar zu
+werden, was geschehen war. Daß ihr Charakter sich in den wenigen Minuten
+so vollständig geändert hatte, daß sie das Bewußtsein ihres eigenen
+Selbst verlor und empfand, daß sie mit ihrem eigenen früheren Menschen
+keine Verwandtschaft mehr hatte, das ist ihr erst viele Monate später
+klar geworden. Jetzt jedenfalls stand sie nur da wie eine, die auf
+Befehle wartet und die auf dem Sprunge steht, die erhaltenen Befehle mit
+blitzgleicher Schnelligkeit auszuführen.
+
+Ehe sich Don Juvencio aufs Pferd setzte, drehte er sich noch einmal um.
+Er sah das in Blättern zerfallene Buch auf dem Boden liegen. Und er
+sagte, mit einem leichten Ton von Freundlichkeit: „Licha, heb das Buch
+da auf, ich nehme es übermorgen mit zur Stadt, zum Neueinbinden.“
+
+Während er davonritt, bückte sie sich nieder; und auf ihren Knien
+rutschend, suchte sie die Blätter zusammen.
+
+ * * * * *
+
+Den Kosenamen Licha für Luisa hatte er nicht mehr gebraucht seit jenem
+Abend, als ihm der Kopf aufgeschlagen wurde. Und dieser kritische
+Augenblick, der bewies, daß Don Juvencio von praktisch angewandter
+Psychologie mehr wußte als Donja Luisa je in ihren Colegios gelernt
+hatte, sie mit Licha anredete und den Befehl zum Aufsammeln der Blätter
+in einem Tonfall gab, der zwischen den Lauten ein „Bitte!“ einschwingen
+ließ, war der Anlaß, daß in dem Charakter der jungen Frau noch eine
+andere entscheidende Wandlung vor sich ging. Und es war diese zweite
+Wandlung, die Donja Luisa plötzlich, wie mit einem Ruck unerwarteten
+Aufwachens, eine bestimmte Empfindung gab, die sie nie vorher gefühlt
+hatte. Sie bekam eine brennende Sehnsucht, daß Juvencio bald
+zurückkommen möchte, weil sie wünschte in seiner Nähe zu sein.
+
+Beim Abendessen sprachen sie nicht viel.
+
+Als sich Donja Luisa dann niedergelegt hatte, klopfte ein wenig später
+Don Juvencio an ihre Tür.
+
+„Adelante!“ sagte Donja Luisa aufgeregt.
+
+Don Juvencio kam herein. Er setzte sich auf den Rand des schönen weichen
+breiten Bettes und streichelte ihr Haar.
+
+Dann stand er wieder auf und fragte: „Licha, wer befiehlt in diesem
+Hause?“
+
+„Du, Vencho“, sagte Donja Luisa lachend und sich in die Kissen
+kuschelnd. „Du!“
+
+„Und wenn ich nicht daheim bin, du, Licha!“
+
+Dieser Tag schien für Donja Luisa nicht enden zu wollen mit neuen
+Erfahrungen. Denn zwei Stunden später war sie zu jener neuen Erfahrung –
+für sie neu – gelangt, daß, wenn auch oft in einem Hause oder in einer
+Ehe es nicht ganz zweifelfrei feststeht, wer kommandiert, dann aber doch
+in einem Bett, in dem ein Mann und eine Frau nebeneinander liegen, die
+Frage, wer kommandiert und wer zu gehorchen hat, nicht erörtert wird,
+weil sie nicht besteht, solange die Gesetze der Natur nicht durch höhere
+Verfügung abgeändert werden. Denn an diesem Ort kann ein
+zufriedenstellendes Resultat nur dann erreicht werden, wenn der Mann
+befiehlt und sich die Frau dem Befehle willig und erwartungsvoll
+unterwirft. Und man darf ganz sicher gehen, wenn in irgendeiner Ehe die
+Frau kommandiert, so ist es nur darum, weil dem Manne die Fähigkeit
+fehlt, im Bett mit so starker Stimme zu befehlen, daß der Frau nichts
+anderes übrigbleibt als zu gehorchen und zuzugeben, daß sie die
+Untergebene und Unterliegende ist.
+
+Trotz dieser, mit viel Freude und wohltuender Zufriedenheit reich
+gesättigten neuen Erfahrung, die sich Donja Luisa in jener Nacht erwarb,
+vermochte sie doch nicht so rasch einzuschlafen, als sie das wünschte.
+Denn sie wurde von einer Frage gequält, die sie erst beantwortet haben
+mußte, um Ruhe in ihrem Kopf zu finden. Und weil Frauen selten etwas auf
+sich beruhen lassen können, das an sich unwichtig für das Leben im
+allgemeinen ist, so entschloß sich endlich auch Donja Luisa, zu fragen,
+um in einer bestimmten Sache für dauernd von allem Zweifel erlöst zu
+sein.
+
+Sie sagte: „Venchito, hättest du mich wirklich erschossen, wenn ich dir
+den Kaffee nicht gebracht hätte? Hättest du das wirklich mit deiner
+Licha, die dich so sehr liebt, tun können?“
+
+Don Juvencio, weniger von derartigen Zweifeln belästigt, war schon
+dreiviertel Stück im Schlaf gewesen, als er mit dieser Frage wieder
+aufgescheucht wurde.
+
+Aber er vergaß dennoch nicht, daß er auch in Zukunft der Mann hier zu
+bleiben gedachte. Er sagte ruhig: „Ich hätte dich mit viel größerer
+Bestimmtheit und Sicherheit erschossen als mein Pferd, por Santa
+Purisima. Denn deinetwegen wäre ich nur zum Tode verurteilt und
+erschossen worden; aber ich werde lange und weit und breit suchen
+müssen, ehe ich ein zweites Pferd finde, wie das, mein bestes Pferd,
+gewesen ist, das ich erschießen mußte, um dir zu zeigen, wie sehr ich im
+Ernst war. Buenas noches, hasta manjana! Gute Nacht!“
+
+Jeder Mensch, der ein gutes Pferd schätzen und aufrichtig lieben kann,
+wie es ein Mexikaner tut, der wird ohne viel Worte verstehen, daß dies
+das innigste Liebesgeständnis war, das ein Mann einer Frau nur machen
+kann.
+
+
+
+
+ DER GROSS-INDUSTRIELLE
+
+
+In ein kleines indianisches Dorf im Staate Oaxaca kam ein Amerikaner,
+der das Land sehen wollte. Er kam zur Hütte eines Indianers, der sich
+seinen Lebensunterhalt dadurch verbesserte, daß er in der freien Zeit,
+die ihm von seiner Tätigkeit auf seinem Maisfeld blieb, kleine Körbchen
+flocht.
+
+Diese Körbchen wurden aus Bast geflochten, der in verschiedenen Farben,
+die der Indianer aus Pflanzen und Hölzern zog, gefärbt war. Der Mann
+verstand diese vielfarbigen Baststrähnen so künstlerisch zu verflechten,
+daß, wenn das Körbchen fertig war, es aussah, als wäre es mit Figuren,
+Ornamenten, Blumen und Tieren bedeckt. Daß diese Ornamente nicht auf das
+Körbchen etwa aufgemalt waren, sondern als Ganzes sehr geschickt
+hineingewebt waren, konnte auch einer, der nichts davon verstand, sofort
+erkennen, wenn er das Körbchen innen betrachtete. Denn innen kamen alle
+die Ornamente an der gleichen Stelle wie außen zur Ansicht. Die Körbchen
+mochten verwandt werden als Nähkörbchen oder als Schmuckkörbchen.
+
+Wenn der Indianer etwa zwanzig Stück dieser kleinen Kunstwerke
+geschaffen hatte, und er war in der Lage, sein Feld für einen Tag allein
+zu lassen, dann machte er sich frühmorgens um zwei Uhr auf den Weg zur
+Stadt Oaxaca, wo er die Körbchen auf dem Markte feilbot. Die Marktgebühr
+kostete ihn zehn Centavos.
+
+Obgleich er an jedem einzelnen Körbchen beinahe einen Tag arbeitete, so
+verlangte er für ein Körbchen nie mehr als fünfzig Centavos. Wenn der
+Käufer jedoch erklärte, das sei viel zu teuer, und er begann zu handeln,
+dann ging der Indianer auf fünfunddreißig, auf dreißig und selbst auf
+fünfundzwanzig Centavos herunter, ohne je zu wissen, daß dies das Los
+vieler, vielleicht der meisten Künstler ist.
+
+Es kam oft genug vor, daß der Indianer nicht alle seine Körbchen, die er
+auf den Markt gebracht hatte, verkaufen konnte; denn viele Mexikaner,
+die betonen zu müssen glauben, daß sie gebildet sind, kaufen bei weitem
+lieber einen Gegenstand, der in einer Massenindustrie von zwanzigtausend
+Stück täglich hergestellt wird, aber den Stempel Paris oder Wien oder
+Dresdner Kunstwerkstatt trägt, als daß sie die Arbeit eines Indianers
+ihres eigenen Landes, der nicht zwei Stücke ganz genau gleich anfertigt,
+in ihrem Einzigkeitswert zu schätzen verstünden.
+
+So, wenn der Indianer seine Körbchen nicht alle verkaufen konnte, dann
+ging er mit dem Rest von Ladentür zu Ladentür hausieren, wo er, je
+nachdem, mit barscher, mit gleichgültiger, mit wegwerfender, mit
+gelangweilter Geste behandelt wurde, wie Hausierer, Buch- und
+Einrahmungsagenten behandelt zu werden pflegen.
+
+Der Indianer nahm diese Behandlung hin wie alle Künstler, die den
+wirklichen Wert ihrer Arbeit allein zu schätzen wissen, derartige
+Behandlung hinnehmen. Er war nicht traurig, nicht verärgert und nicht
+mißgestimmt darüber.
+
+Bei diesem Forthausieren des Restes wurden ihm oft nur zwanzig, ja sogar
+fünfzehn und zehn Centavos für das Körbchen geboten. Und wenn er es
+selbst für diese Nichtigkeit verkaufte, so sah er häufig genug, daß die
+Frau das Körbchen nahm, kaum richtig ansah, und dann, noch in seiner
+Gegenwart, das Körbchen auf den nächsten Tisch warf, als wollte sie
+damit sagen: „Das Geld ist ja völlig unnütz ausgegeben, aber ich will
+doch den armen Indianer etwas verdienen lassen, er hat ja einen so
+weiten Weg gehabt. Wo bist du denn her? – So, von Tlacotepec. Weißt du,
+kannst du mir nicht ein paar Truthühner bringen? Müssen aber sehr billig
+sein, sonst nehme ich sie nicht.“
+
+Die Amerikaner sind ja nun mit solchen kleinen Wunderwerken nicht so
+verwöhnt wie die Mexikaner, die nicht wissen und nicht schätzen, was sie
+in ihrem Lande an Gütern haben. Und wenn nun auch der allgemeine
+Amerikaner den wirklichen Wert an unvergleichlicher Schönheit dieser
+Arbeiten nicht abzuschätzen versteht, so sieht er doch in den meisten
+Fällen sofort, daß hier eine Volkskunst vorliegt, die er würdigt und um
+so rascher erkennt und schätzt, als sie in seinem Lande völlig fehlt.
+
+Der Indianer hockte vor seiner Hütte auf dem Erdboden und flocht die
+Körbchen.
+
+Sagte der Amerikaner: „Was kostet so ein Körbchen, Freund?“
+
+„Fünfzig Centavos, Senjor“, antwortete der Indianer.
+
+„Gut, ich kaufe eines, ich weiß schon, wem ich damit eine Freude machen
+kann.“ Er hatte erwartet, daß das Körbchen zwei Pesos kosten würde.
+
+Als ihm das klar zum Bewußtsein kam, dachte er sofort an Geschäfte.
+
+Er fragte: „Wenn ich Ihnen nun zehn dieser Körbchen abkaufe, was kostet
+dann das Stück?“
+
+Der Indianer dachte eine Weile und sagte: „Dann kostet das Stück
+fünfundvierzig Centavos.“
+
+„All right, muy bien, und wenn ich hundert kaufe, wieviel kostet dann
+das Stück?“
+
+Der Indianer rechnete wieder eine Weile: „Dann kostet das Stück vierzig
+Centavos.“
+
+Der Amerikaner kaufte vierzehn Körbchen. Das war alles, was der Indianer
+auf Vorrat hatte.
+
+Als der Amerikaner nun glaubte, Mexiko gesehen zu haben und gut zu
+kennen, reiste er zurück nach New York. Und als er wieder mitten drin
+war in seinen Geschäften, dachte er an die Körbchen.
+
+Er ging zu einem Großschokoladenhändler und sagte zu ihm: „Ich kann
+Ihnen hier ein Körbchen anbieten, das sich als sehr originelle
+Geschenkpackung für feine Schokoladen verwenden läßt.“
+
+Der Schokoladenhändler besah sich das Körbchen mit großer Sachkenntnis.
+Er rief seinen Teilhaber herbei und endlich auch noch seinen Manager.
+Sie besprachen sich, und dann sagte der Händler: „Ich werde Ihnen morgen
+den Preis sagen, den ich zu zahlen gewillt bin. Oder wieviel verlangen
+Sie?“
+
+„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich mich nur nach Ihrem Angebot
+richten kann, ob Sie die Körbchen erhalten. Ich verkaufe diese Körbchen
+nur an das Haus, das am meisten dafür bietet.“
+
+Nächsten Tag kam der Mexikokenner wieder zu jenem Händler.
+
+Sagte der Händler: „Ich kann für das Körbchen vier, vielleicht gar fünf
+Dollar bekommen. Es ist die originellste und schönste Packung, die wir
+dem Markte anbieten können. Ich zahle zwei und einen halben Dollar das
+Stück, Hafen New York, Zoll und Fracht auf meine Lasten, Verpackung zu
+Ihren Lasten.“
+
+Der Mexikoreisende rechnete nach. Der Indianer hatte ihm bei einer
+Abnahme von hundert das Stück für vierzig Centavos angeboten, das waren
+zwanzig Cents. Er verkaufte das Stück für zwei und einen halben Dollar.
+Dadurch verdiente er am Stück zwei Dollar dreißig Cent oder ungefähr
+zwölfhundert Prozent.
+
+„Ich denke, ich kann es für diesen Preis tun“, sagte er.
+
+Worauf der Händler antwortete:
+
+„Aber unter einer wichtigen Bedingung. Sie müssen mir fünftausend Stück
+dieser Körbchen liefern können. Weniger hat für mich gar keinen Wert,
+weil sich sonst die Reklame nicht bezahlt, die ich für diese Neuheit
+machen muß. Und ohne Reklame kann ich den Preis nicht herausholen.“
+
+„Abgeschlossen“, sagte der Mexikokenner. Er hatte rund etwa zwölftausend
+Dollar verdient, von welchem Betrage nur die Reise abging und der
+Transport bis zur nächsten Bahnstation.
+
+Er reiste sofort zurück nach Mexiko und suchte den Indianer auf.
+
+„Ich habe ein großes Geschäft für Sie“, sagte der Amerikaner. „Können
+Sie fünftausend dieser Körbchen anfertigen?“
+
+„Ja, das kann ich gut. Soviel wie Sie haben wollen. Es dauert eine Zeit.
+Der Bast muß vorsichtig behandelt werden, das kostet Zeit. Aber ich kann
+so viele Körbchen machen, wie Sie wollen.“
+
+Der Amerikaner hatte erwartet, daß der Indianer, als er von dem großen
+Geschäft hörte, halbtoll werden würde, etwa wie ein amerikanischer
+Automobilhändler, der auf einen Schlag fünfzig Dodge Brothers verkauft
+hat. Aber der Indianer regte sich nicht auf. Er stand nicht einmal hoch
+von seiner Arbeit. Er flocht ruhig weiter an seinem Körbchen, das er
+gerade in den Händen hatte.
+
+Es waren vielleicht noch fünfhundert Dollar extra zu verdienen, womit
+die Reisekosten hätten gedeckt werden können, dachte der Amerikaner;
+denn bei einem so großen Auftrag konnte der Preis für das einzelne
+Körbchen sicher noch ein wenig herabgedrückt werden.
+
+„Sie haben mir gesagt, daß Sie mir die Körbchen das Stück für vierzig
+Centavos verkaufen können, wenn ich hundert Stück bestelle“, sagte der
+Amerikaner nun.
+
+„Ja, das habe ich gesagt“, bestätigte der Indianer. „Was ich gesagt
+habe, dabei bleibt es.“
+
+„Gut dann“, redete der Amerikaner weiter, „aber Sie haben mir nicht
+gesagt, wieviel ein Körbchen kostet, wenn ich tausend Stück bestelle.“
+
+„Sie haben mich nicht darum befragt, Senjor.“
+
+„Das ist richtig. Aber ich möchte Sie jetzt um den Preis für das Stück
+fragen, wenn ich tausend Stück bestelle und wenn ich fünftausend Stück
+bestelle.“
+
+Der Indianer unterbrach jetzt seine Arbeit, um nachrechnen zu können.
+Nach einer Weile sagte er: „Das ist zu viel, das kann ich so schnell
+nicht ausrechnen. Das muß ich mir erst gut überlegen. Ich werde darüber
+schlafen und es Ihnen morgen sagen.“
+
+Der Amerikaner kam am nächsten Morgen zum Indianer, um über den neuen
+Preis zu hören.
+
+Er fragte: „Haben Sie den Preis für tausend und für fünftausend Stück
+ausgerechnet?“
+
+„Ja, das habe ich, Senjor. Und ich habe mir viel Mühe und Sorge gemacht,
+das gut und genau auszurechnen, um nicht zu betrügen. Der Preis ist ganz
+genau ausgerechnet. Also wenn ich tausend Stück machen soll, dann kostet
+das Stück zwei Pesos, und wenn ich fünftausend Stück machen soll, dann
+kostet das Stück vier Pesos.“
+
+Der Amerikaner war sicher, nicht richtig verstanden zu haben. Vielleicht
+war sein schlechtes Spanisch daran schuld.
+
+Um den Irrtum richtigzustellen, fragte er: „Zwei Pesos für das Stück bei
+tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend? Aber Sie haben mir
+doch gesagt, daß bei hundert das Stück vierzig Centavos kostet.“
+
+„Das ist auch die Wahrheit. Ich verkaufe Ihnen hundert das Stück für
+vierzig Centavos.“ Der Indianer blieb sehr ruhig, denn er hatte sich
+alles ausgerechnet, und es lag kein Grund vor, zu streiten. „Senjor, Sie
+müssen das doch selbst einsehen, daß ich bei tausend Stück viel mehr
+Arbeit habe als mit hundert, und mit fünftausend habe ich noch viel mehr
+Arbeit als mit tausend. Das ist gewiß jedem vernünftigen Menschen klar.
+Ich brauche für tausend viel mehr Bast, habe viel länger nach den Farben
+zu suchen und sie auszukochen. Der Bast liegt nicht gleich so fertig da.
+Der muß gut und sorgfältig getrocknet werden. Und wenn ich so viele
+tausend Körbchen machen soll, was wird denn dann aus meinem Maisfeld und
+aus meinem Vieh? Und dann müssen mir meine Söhne, meine Brüder und meine
+Neffen und Onkel helfen beim Flechten. Was wird denn da aus deren
+Maisfeldern und aus deren Vieh? Das wird dann alles sehr teuer. Ich habe
+gewiß gedacht, Ihnen sehr gefällig zu sein und so billig wie möglich.
+Aber das ist mein letztes Wort, Senjor, verdad, ultima palabra, zwei
+Pesos das Stück bei tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend.“
+
+Der Amerikaner redete und handelte mit dem Indianer den halben Tag, um
+ihm klarzumachen, daß hier Rechenfehler vorliegen. Er gebrauchte ein
+neues Notizbuch voll von Blättern, um an Ziffern zu beweisen, wie der
+Indianer für sich ein Vermögen verdienen könne, bei einem Preis von
+vierzig Centavos für das Stück, und wie man Unkosten und Materialkosten
+und Löhne verrechnet.
+
+Der Indianer sah sich die Ziffern verständnisvoll an, und er bewunderte
+die Schnelligkeit, mit der der Amerikaner die Ziffern niederschreiben
+und aufsummieren, zerdividieren und durchmultiplizieren konnte. Aber im
+Grunde machte es wenig Eindruck auf ihn, weil er Ziffern und Buchstaben
+nicht zu lesen vermochte und aus der klugen, volkswirtschaftlich sehr
+bedeutenden Vorlesung des Amerikaners keinen anderen Nutzen zog als den,
+daß er lernte, daß ein Amerikaner stundenlang reden kann, ohne etwas zu
+sagen.
+
+Als der Amerikaner dann endlich erkannte, daß er den Indianer von seinen
+Rechenfehlern überzeugt hatte, klopfte er ihm auf die Schulter und
+fragte: „Also, mein guter Freund, wie steht nun der Preis?“
+
+„Zwei Pesos das Stück für tausend, und vier Pesos das Stück für
+fünftausend.“ Der Indianer hockte sich nieder und fügte hinzu: „Ich muß
+jetzt aber doch wieder an meine Arbeit gehen, entschuldigen Sie mich,
+Senjor.“
+
+Der Amerikaner reiste in Wut zurück nach New York, und alles, was er zu
+dem Schokoladenhändler sagen konnte, um seinen Vertrag lösen zu können,
+war: „Mit den Mexikanern kann man kein Geschäft machen, für diese Leute
+ist keine Hoffnung.“
+
+So wurde New York davor bewahrt, von Tausenden dieser köstlichen kleinen
+Kunstwerke überschwemmt zu werden. Und so wurde es möglich, zu verhüten,
+daß diese Ausdrücke der Seele eines mexikanischen Indianers in den
+Kehrichttonnen von Fifth Avenue gefunden wurden, weil sie keinen Wert
+mehr hatten, nachdem die Schokoladen herausgeknabbert waren.
+
+Ich habe sowohl den Amerikaner getroffen als auch den Indianer. Der
+Amerikaner ließ mich nicht zu Worte kommen, um zu hören, was ich darüber
+dachte; er hatte zuviel zu erzählen, um mir klarzumachen, daß Mexiko ein
+hoffnungsloses Land ist.
+
+Der Indianer dahingegen ließ mir Zeit, ihn zu fragen: „Warum haben Sie
+denn das Geschäft nicht getan, es war gewiß gut daran zu verdienen?“
+
+Sagte der Indianer: „Da war gut daran zu verdienen; und ich hätte mir
+die Jerseykuh kaufen können, die ich im Sinne habe. Aber sehen Sie,
+Senjor, tausend Körbchen kann ich nicht so schön machen wie zwanzig. Die
+hätten alle ausgesehen eines wie das andere. Das hätte mir nicht
+gefallen. Aber ich konnte dem Senjor ja nicht sagen, daß ich so viele
+Körbchen nicht machen wolle. Er hätte geglaubt, ich wolle ihn
+beleidigen, und ich wollte ihn gewiß nicht beleidigen. Und darum habe
+ich gesagt zwei Pesos und vier Pesos, weil ich wußte, daß er für diesen
+Preis nicht so viele bestellen wird. Ich habe auch genug Arbeit zu tun
+und wünsche gar nicht, noch mehr zu haben.“
+
+
+
+
+ DIE MEDIZIN
+
+
+Es war in einem Indianerdorfe. In seinem Bezirke hatte ich eine kleine
+Farm gepachtet, auf der ich Baumwolle pflanzte. Das Haus auf jener Farm
+war bei der letzten Revolution eingeäschert worden. Ich wohnte deshalb
+in einer schlichten Hütte im Dorf. Da ich in der ganzen weiten Gegend
+der einzige Weiße war, so kannten mich alle Indianer auf dreißig Meilen
+im Umkreise.
+
+Die Indianer dort können weder lesen noch schreiben, und alles, was über
+zwanzig ist – alle Finger und alle Zehen – das ist „Mil“ oder Tausend.
+Aber was Tausend ist, wieviel es ist und wie es sich in die Welt der
+Begriffe einordnet, dafür fehlt dem Indianer jedes Verständnis.
+
+Jedoch ich konnte eine Zeitung lesen, hatte ein paar alte Schmöker,
+einige amerikanische Zeitschriften mit Bildern und Ansichten aus einer
+andern Welt, ich konnte Briefe schreiben und lesen, und ich bekam sogar
+Briefe aus einem Lande, das sicher auf der andern Seite des Mondes
+liegen mußte, weil nie jemand von einem solchen Lande je gehört hatte.
+
+Kein Wunder, daß ich als ein gelehrter Mann angesehen wurde, dem kein
+Geheimnis der Welt verborgen ist. Manchmal hat das seine guten Seiten.
+Ebenso häufig aber hat es auch seine Nachteile, die keineswegs angenehm
+sind.
+
+Ich kam eines Nachmittags auf meinem treuen Esel, die gute Bala war es,
+heimgeritten, als ich vor dem Stacheldrahtzaun, der den Platz um meine
+Hütte einfriedigte, einen Indianer hocken sah.
+
+Ich kannte ihn nicht, weil er aus einem andern Dorfe war.
+
+Wie die Mehrzahl der Indianer war er bitterarm und völlig zerlumpt.
+
+Er begrüßte mich sehr höflich und wartete, bis ich abgestiegen war. Dann
+begann er sofort zu erzählen. In einem wirren Durcheinander redete er
+auf mich ein. Je weiter er in seiner Geschichte kam, je mehr ging sie
+ihm selbst zu Herzen, bis er endlich zu weinen anfing und seine
+Erzählung vor lauter Schluchzen abgebrochen werden mußte.
+
+Im Verlaufe seiner Rede hatte er das, was er mir sagen wollte, etwa
+zwanzigmal wiederholt. Immer mit den gleichen Worten, die ihm zur
+Verfügung standen, und immer in den gleichen einfachen Sätzen. Lediglich
+seine innere Bewegung änderte sich. Er begann gleichgültig, als ob es
+die Geschichte eines andern wäre, und er endete mit einem schreienden
+Weinkrampf.
+
+„Das ist so, Senjor, verdad, wahrhaftig. Ich komme in mein Haus. Ich
+habe Holz gefällt. Im Busch. Ich komme in mein Haus. In meinen Jacalito.
+Ich habe Hunger. Keine Tortillas stehen da und keine Frijoles. Ich rufe
+mein Weib. Meine Mujer. Keine Antwort. Sie ist nicht in meinem Hause.
+Ihr Sack mit ihrem Kleide und den Strümpfen und den Schuhen hängt nicht
+am Sprossen. Die Decke ist auch fort. Meine Mujer ist mir fortgelaufen.
+Kommt nicht wieder. Ich habe keine Tortillas, und ich habe keine
+Frijoles. Und ich habe Hunger. Sie ist fort. Mit dem Sohn einer Hure.
+Mit einem stinkenden Coyote, dessen verfluchte Mutter eine Hure ist. Die
+Rattenpest und die Blattern auf den verfluchten Hurensohn der Hölle!“
+
+Nachdem ich dieselbe Geschichte nun wohl zwanzigmal mit angehört hatte,
+sagte ich: „Oiga, Hombre, hören Sie, lieber Mann, bei mir ist Ihre Mujer
+nicht.“
+
+„Das weiß ich“, sagte er, „so ein kluger Mann wie Sie, Senjor, würde
+diese dreckige alte Hexe nicht ins Bett nehmen.“
+
+Nun begann er genau dieselbe Geschichte von neuem zu erzählen. Aber da
+es anfing, langweilig zu werden, immer dasselbe zu hören, und tiefere
+Ausbrüche seiner inneren Erregung nicht zu erwarten waren, sagte ich:
+„Warum erzählen Sie mir das alles? Gehen Sie zum Alkalden, dem
+Ortsschulzen, und lassen Sie Ihre Frau einfangen.“
+
+„Der Alkalde ist ein Dummkopf. Aber Sie wissen alles, Senjor. Sie wissen
+auch, wo meine Mujer ist. Das sollen Sie mir jetzt sagen. Sie muß mir
+Tortillas machen und Frijoles kochen. Ich habe Hunger.“
+
+„Hören Sie zu, lieber Nachbar. Ich habe Ihre Frau nicht fortgehen sehen.
+Und wenn ich nicht habe sehen können, in welche Richtung sie ging, so
+kann ich auch nicht wissen, wo sie jetzt ist.“
+
+Er sah mich erstaunt an. Sein Glaube an die Unfehlbarkeit und an die
+Vollkommenheit der weißen Rasse erlitt die erste Erschütterung. Zugleich
+aber kam die Erinnerung an etwas anderes, das mit der weißen Rasse innig
+verknüpft ist.
+
+„Ich bin nicht reich, Senjor“, sagte er. „Ich kann Ihnen nicht viel
+bezahlen. Ich habe nur zwei Pesos und fünfzig Centavos. Das ist mein
+ganzes Vermögen. Und das gebe ich Ihnen für Ihre Arbeit.“
+
+„Ihr Geld will ich nicht haben. Aber wenn Sie mir auch ‚Mil‘ Goldpesos
+geben würden, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich weiß nicht, wo Ihre
+Esposa ist.“
+
+Wieder sah er mich mißtrauisch an, ob es die geringe Summe sei, die er
+besitze, oder ob es wirklich wahr sei, daß ich, der weiße Medizinmann,
+nicht wisse, wo seine entlaufene Frau in diesem Augenblick sich
+aufhalte. Voller Zweifel ging er fort, nachdem ich ihm gesagt hatte, daß
+ich mir Kaffee kochen wolle, und zu diesem Zweck dann in meine Hütte
+ging.
+
+Er lief nun in die Hütten der Dorfbewohner, wo er offenbar seine
+Geschichte auftischte und gleichzeitig berichtete, daß der weiße
+Medizinmann ein armer Tropf sei, der weniger wisse als ein Indianer. Die
+Dorfbewohner fühlten sich dadurch persönlich beleidigt; denn ich war der
+Stolz und der Ruhm des Dorfes. Was in den Hütten alles über mich
+geprahlt wurde und was dem Manne alles angeraten wurde, was er tun
+solle, um meine geheimen Kräfte zu seinen Gunsten wirken zu machen, weiß
+ich nicht. Aber ich könnte es wortgetreu berichten, und es würde aufs
+Wort stimmen.
+
+Jedenfalls kam der Mann vor Sonnenuntergang wieder, blieb am Zaun
+geduldig stehen, bis ich gelegentlich aus der Hütte trat, um dem Esel
+Mais zu geben.
+
+Sofort rief mich der Indianer an: „Un momento, Senjor, por favor!“
+
+Ich kam zum Zaun. Ich sah, daß der Mann jetzt ein Machete, ein langes,
+schwertartiges, scharfes Buschmesser in der Hand trug.
+
+„Sie wissen nicht, wo meine Mujer ist?“ fragte er.
+
+„Nein.“
+
+„Aber Sie können sie finden. Ich kann Ihnen keine ‚Mil‘ Goldpesos geben.
+Die habe ich nicht. Aber wenn Sie mir nicht sagen, wo meine Mujer ist,
+schlage ich Ihnen den Kopf ab.“
+
+Er hob die furchtbare Waffe hoch.
+
+Nun saß ich fest. Die Drohung mit dem Kopfabschlagen ist ernst. Was
+schiert sich der Indianer darum, wenn er mich umbringt! Er verkriecht
+sich in den Dschungel. Wird er gefangen und ohne Gerichtsverhandlung von
+den Soldaten erschossen, so nimmt er das mit Gleichmut hin. Dann hat er
+eben Pech gehabt. Augenblicklich ist er verzweifelt und macht sich keine
+Gedanken über die Folgen.
+
+Ich versuche dieselbe Ausrede wie vorher: „Ich habe nicht gesehen, in
+welche Richtung Ihre Frau gegangen ist.“
+
+Auf diese meine Entschuldigung hat er inzwischen von den andern
+Eingeborenen eine gute Antwort gelernt: „Wenn ich die Richtung gesehen
+hätte, finde ich meine Mujer allein. Da brauche ich keinen Medizinmann.
+Die Männer haben mir alle gesagt, Sie sind ein Weitseher. Sie haben zwei
+zusammengenähte Rohre. Wenn Sie da hindurchsehen, dann können Sie da
+weit hinten auf dem Berge einen Mann gehen sehen. Sie haben gesagt, daß
+auf den Sternen am Himmel Leute leben. Sie können das sehen mit Ihren
+Rohren. Sie sehen oft in der Nacht mit den Rohren zu den Sternen und
+sehen sich die Leute an. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer
+mit Rohren alles sehen können, was inwendig von einem Menschen ist, ohne
+ihn aufzuschneiden. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer mit
+Leuten sprechen können, die ‚Mil‘ Kilometros weit fort sind. Ich will
+jetzt, daß Sie mit meiner Mujer sprechen und ihr sagen, daß ich keine
+Tortillas habe und keine Frijoles, und daß sie sofort in mein Haus
+kommen soll mit dem Luftwagen, den die weißen Männer haben.“
+
+Er schwang sein Machete deutlich genug, um zu zeigen, daß er wisse, wie
+er seinen Willen durchzusetzen habe.
+
+Ich kann hier nicht breit klarlegen, warum ich gegen eine solche
+ernsthafte Drohung machtlos war. Erschießen konnte ich ihn nicht. Dann
+wären mir alle Indianer und auch die Soldaten auf den Hals gekommen. Was
+soll man vor Gericht sagen? Wie soll man es beweisen, daß man in Notwehr
+war? Fliehen? Wohin? Der Indianer kennt die Wege besser als ich. Ich
+konnte mich also nur durch Medizin retten.
+
+Ich holte mein bescheidenes Feldglas und guckte lange nach allen
+Richtungen. Endlich tat ich einen Aufschrei: „Ich sehe sie. Ich sehe
+sie. Der Hurensohn hat einen schwarzen Bart und schlägt sie. Sie
+schreit: Mein Mann, mein lieber Mann, hilf mir, hole mich!“
+
+In höchster Aufregung hatte der Indianer meine Handlungen verfolgt. Nun
+rief er: „Caramba, das habe ich mir doch gleich gedacht, daß es der
+Hundesohn Gonzales sein muß. Der hat einen schwarzen Bart. Nun will ich
+aber laufen und sie holen. Dem werde ich aber ganz gewiß tüchtig eins
+über den Kopf geben. Wo ist sie? Fragen Sie sie gleich, Senjor.“
+
+„Sie ist ‚Mil‘ Kilometros weit. Der Mann mit dem schwarzen Bart hat sie
+mit einem Luftwagen fortgeschleppt. Sie ist jetzt in dem Dorfe Chicolco.
+Das liegt bei Iguala in Guerrero. ‚Mil‘ Kilometros weit.“
+
+„Da will ich aber gleich gehen und sie holen“, sagte er nun aufgeregt.
+
+„Gehen Sie sofort. Es sind ‚Mil‘ Tage zu laufen. Halten Sie sich auf dem
+Wege nicht auf, sonst schleppt der Indio mit dem schwarzen Barte sie
+noch viel weiter.“
+
+„Ich gehe noch jetzt“, sagte er, im heftigsten Reisefieber zitternd.
+„Und vielen, vielen Dank, mil gracias, Senjor. Sie sind ein Weiser,
+verdad, wahrhaftig. Sie haben sie so schnell gefunden. Aber die zwei
+Pesos und fünfzig Centavos kann ich Ihnen jetzt nicht geben. Die brauche
+ich für die Reise. Adios, Senjor, leben Sie wohl!“
+
+Und fort ging er, ohne mir die Medizin zu bezahlen. Ich brauche nicht
+sehr besorgt zu sein, daß er mir so rasch wieder auf den Hals rückt. Es
+sind sechshundert Meilen, die er zu machen hat. Und da ihm das Reisegeld
+fehlt, muß er zu Fuß gehen.
+
+Aber die Medizin, die ich ihm gab, ist wirklich gut. Er ist ein starker
+und gesunder Bursche. Er wird keine fünfzig Meilen gehen und dann
+irgendeine Arbeit finden. Oder er stiehlt einem Farmer eine Kuh.
+Inzwischen hat er Tortillas gegessen und Frijoles. Und wenn er Arbeit
+hat, hängt ihm am nächsten Tage eine neue Mujer ihren Sack mit dem
+Sonntagskleide, den Strümpfen und den Schuhen in seine Hütte.
+
+
+
+
+ DER BANDITEN-DOKTOR
+
+
+Eines Nachts wurde an die dünne Bretterwand des Bungalows geklopft, in
+dem ich wohnte. Eine Uhr besaß ich nicht, aber nach der Stellung des
+Mondes schätzte ich, daß es kurz nach zwölf Uhr sein müsse. Es war in
+einem indianischen Dorfe, und der Ort stand im ganzen Distrikt in dem
+Rufe, ein Nest von Banditen zu sein.
+
+Auf dem Lande in Mexiko ist man nirgends sicherer, als wenn man mitten
+drin zwischen Banditen wohnt, weder Indianer noch Mestizo ist und sich
+um nichts kümmert, was die Leute um einen herum tun und auf welche Weise
+sie ihr Leben fristen. Und außerdem habe ich erfahren, daß man in
+solcher Umgebung friedlich und zufrieden lebt, wenn jedem Bewohner des
+Dorfes bekannt ist, daß man nur ein paar durchlöcherte Stiefel, einige
+abgetragene Hemden und eine Hose besitzt, die nicht einmal mehr gut
+genug dazu ist, eine andere Hose damit auszuflicken. Man darf auch ruhig
+noch obendrein einige Pesos haben, einige Bücher und eine klickernde und
+aus allen Nähten fallende Schreibmaschine mit amerikanischen Typen.
+
+Die Leute, die in jenem Dorfe wohnten, Banditen oder Nichtbanditen,
+ließen mich nicht verhungern. Als ich mit meiner Baumwollfarm elend
+zusammengesunken war, weil mir meine schöne Baumwolle der Boll-Weevil
+geholt hatte, der neun Monate Arbeit und Hoffnung in weniger als
+vierundzwanzig Stunden vernichtet hatte, stand ich da, zerknittert und
+zerknüllt ins Blaue blickend. Aber kaum hatte ich für mich die Fragen
+aufgeworfen: „Was werden wir essen?“, „Was werden wir trinken?“, „Wohin
+werden wir uns nun wenden?“, da erschienen in meinem Bungalow zwei
+Männer des Dorfes mit dem Wunsche, daß sie Englisch gelehrt haben
+möchten. Und sie wollten wissen, wieviel ich dafür berechne. Ich sagte,
+zwanzig Centavos für jeden und für jede Stunde. Sie zahlten mir jeder
+zehn Stunden im voraus, und so konnte ich Saat für Mais kaufen, um in
+dem Baumwollfelde, das zugrunde gerichtet war, Mais anzupflanzen, für
+den die Zeit günstig war, weil die erste Periode der Regenzeit dicht
+bevorstand.
+
+Durch jene zwei Schüler bekam ich in kurzer Zeit zehn weitere Schüler;
+denn aus irgendeinem Grunde, mir damals nicht klar, wollten alle Männer
+des Ortes mit einem Male Englisch lernen. Die Männer kamen beinahe
+regelmäßig, aber sie bezahlten ihre Stunden durchaus regelmäßig. Und wir
+alle waren miteinander höchst zufrieden. Also was werde ich mich darum
+bekümmern, ob Banditen oder Nichtbanditen! Sie ließen mich leben und ich
+sie.
+
+Wird auf dem Lande in Mexiko des Nachts an die Tür geklopft, so gebieten
+einem Erfahrung und gute Lehren, sich ruhig zu verhalten, nicht zu
+antworten und soviel wie möglich zu versuchen, den Atem zu unterdrücken.
+Es kommt vor, daß man nach dem Anklopfen die Tür öffnet, um nachzusehen,
+wer es ist, und ob es vielleicht der Telegraphenbote sein könnte, der
+einem hundert Dollar bringen möchte. Sobald man die Tür öffnet, kracht
+dann ein Schuß oder es krachen ein halbes Dutzend, und man zieht sich
+wieder zurück, entweder allein oder von einem halben Dutzend Männer
+gefolgt, entweder gesund und unbeschädigt oder mit einigen Bleikernen
+beschwert.
+
+Tapferkeit mag ja vielleicht eine große Tugend sein, auf dem
+Schlachtfelde, wo die befleckten Ehrenschilder der Nationen wieder
+reinpoliert werden sollen; aber Tapferkeit an gewissen Orten und zu
+gewissen Zeiten und in Mexiko ist meist ein Zeichen von unheilbarer und
+angeborener Dummheit. Es ist hier niemand verpflichtet, Jongleur zu sein
+und herumflitzende Revolverkugeln mit den Zähnen aufzufangen. Dafür ist
+ja der Zirkus da.
+
+Und da es nun schon mehrere Jahre her war, daß ich mit Wanderzirkussen
+herumgezogen war, so hatte ich die Gelenkigkeit verloren, und ich hielt
+mich, als ich das Anklopfen hörte, so still wie eine vergrabene
+Geldtruhe. Es klopfte wieder und diesmal stärker und nachhaltiger. Ob
+ich nun zu zittern begann und mir der kalte Schweiß ausbrach, weiß ich
+jetzt nicht mehr; aber ich glaube, daß es nicht geschah. Denn wenn es
+schon so weit ist, daß nachts heftig an die Tür geklopft wird und das
+Klopfen sich verstärkt, nützt es gar nichts mehr, vor Angst zu
+schwitzen; denn dann ist das, was geschehen wird, auf alle Fälle schon
+entschieden, ganz gleich, was es ist. Man kann sich dann also ruhig
+Schweiß, Angst und Hoffnungsbrühe sparen und diese Dinger für die Würmer
+aufbewahren, damit man nicht nachträglich von denen noch beleidigt wird,
+daß man ihnen nicht genug Fett und Muskelfleisch hinterlassen hat.
+
+Nachdem nun abermals heftig geklopft worden war, hörte ich halblaut
+draußen reden. Es waren, wie ich aus den verschiedenen Stimmen hören
+konnte, wenigstens drei Männer. Die Stimmen hatten einen kräftigen und
+mitleidlosen Tonfall. Die Männer wußten, was sie wollten.
+
+Dann hörte ich, wie die Männer zur Tür schuffelten. Ich hörte die
+schweren Tritte auf der sandigen Erde. Zwei schienen Halbstiefel
+anzuhaben und einer Sandalen. Auf alle Fälle wurde mein Leben um die
+Zahl der Schritte verlängert, die bis zur Tür waren. Ich überlegte, ob
+ich fliehen könnte.
+
+Der Bungalow hatte, wie alle solche Holzhäuser in Mexiko und im Süden
+der Staaten, an jeder Seite eine Tür. Aber die Türen hatte ich mit
+Vorlegebalken verrammelt. Das Abwuchten des Balkens konnte nicht ohne
+Geräusch getan werden, und beim leisesten Geräusch wären die Männer an
+der Tür gewesen, wo ich ausbrechen wollte. Ich dachte natürlich auch
+sofort an Medizin, durch die ich mich vielleicht retten könnte. Aber in
+diesem kurzen Augenblicke – ich war aus tiefem Schlaf geklopft worden –
+fiel mir keine Medizin ein, die brauchbar hätte sein mögen. Ich mußte
+wohl auch erst einmal zusehen, wie die Männer, denen ich eine mich
+heilende Medizin zu verabreichen gedachte, aussahen und was sie wollten.
+Einen Revolver oder eine sonstige schießende Spritze hatte ich auch
+nicht. Hilft auch nicht viel, wenn man so etwas hat. Es kann glücken,
+daß man alle drei erschießt. Das ist das geringste. Viel wichtiger und
+viel schwieriger ist, aus dem Dorfe fortzukommen, nachdem man drei
+seiner Bürger erschossen hat, aus einem Dorfe heil fortzukommen, von dem
+man weiß, daß es eine Burg voll von Banditen ist. Ich habe überhaupt oft
+gefunden, daß es eine der größten Sicherheiten ist, wenn man keinen
+Revolver hat. Dann hat man keine Verpflichtung, tapfer zu sein.
+Tapferkeit wird immer und überall schlecht belohnt. Es sind immer die
+Leisegänger, die den Krieg überleben; die wahrhaft Tapferen bleiben
+draußen für den Ruhm derer, die unter Triumphbogen heimmarschieren.
+
+Die Männer waren nun zur Tür gekommen. Der Bungalow war auf Pfosten
+gebaut, der schweren tropischen Regengüsse wegen. Infolgedessen führten
+hier einige Stufen hinauf zur Tür.
+
+Ich hörte die Leute die Stufen hinauftrampeln. Da die Treppe nicht sehr
+breit war, schien nur einer an der Tür zu sein, während die beiden
+andern auf den unteren Stufen standen.
+
+Der Mann an der Tür klopfte nun heftiger an, und er gebrauchte wohl,
+nach dem harten Ton zu schätzen, den Knauf seines Revolvers oder seines
+Gewehrs.
+
+Als das Klopfen nichts fruchtete, begann er zu rufen: „Oiga, Hombre,
+machen Sie auf, stehen Sie auf. Wir wollen mit Ihnen reden.“
+
+Das gab mir nun den Beweis, daß sie genau wußten, daß ich im Hause sei,
+denn andernfalls würden sie nicht rufen.
+
+Sie waren hartnäckig sowohl mit dem Klopfen als auch mit dem Rufen. Aber
+ich rührte mich nicht, mit keiner Wimper.
+
+Nun redeten sie wieder untereinander. Dann hörte ich, wie sie die Stufen
+hinabpolterten und über den Sand dahinschlurften. Ich glaubte, daß sie
+endlich eingesehen hätten, ich sei nicht zu Hause. Aber ich hatte mich
+verrechnet, wie es immer geht, wenn man etwas glaubt.
+
+Sie gingen einige Schritte weiter und blieben dann stehen, genau an der
+Wand, die meinem Brettergestell, auf dem ich schlief, am nächsten war.
+Und nun begannen sie hier gegen diese Wand mit aller Kraft zu klopfen
+und zu rufen. Jetzt wußte ich aber auch, daß unter den Männern einer
+sein mußte, der mein Haus genau kannte; denn sonst wäre es für jene
+Leute nicht möglich gewesen, zu wissen, in welchem Teil des Bungalows
+ich schlief.
+
+Es blieb mir nun nichts weiter übrig, als zuzugeben, daß ich im Hause
+sei. Und ich machte mich auf, dem Tode gefaßt und ohne mit einem Härchen
+zu wackeln, in das kalte Auge zu sehen. Ruhmvoll war ein solcher Tod
+nicht, denn niemand würde Notiz davon nehmen, wie kaltlächelnd und
+höhnisch ich den Tod hinnahm; denn erstens war es finster, und zweitens
+war weder ein Zeitungsreporter noch ein Geschichtsschreiber zugegen, der
+der Nachwelt hätte verkünden können, wie edel meine Haltung in der
+letzten Stunde meines Lebens war. Banditen scheren sich nicht viel
+darum, ob man eine edle Haltung einnimmt, oder ob man vor kalter Angst
+mit den Kinnbacken bibbelt. Auch Henker kümmern sich nicht darum. Es ist
+Geschäft, nüchtern und sachlich wie jedes Geschäft, und darum
+uninteressiert für jede Phrase, die nichts mit dem Geschäft unmittelbar
+zu tun hat.
+
+So schnell stand ich ja nun nicht auf von meiner Bretterlage, wie
+vielleicht erwartet worden war. Denn jede Minute, die ich gewann, war
+dem Tode abgerungen. So sagte ich schläfrig: „He, ihr da draußen, was
+ist denn los? Caray, zum gottverfluchten Maultierschwengel, kann man
+denn in diesem Nest, bebrütet von Teufelsfratzen und Geierfedern, nicht
+eine einzige Nacht in Ruhe schlafen? Was ist denn das für ein besoffenes
+Gesindel, das sich vor meiner Hütte herumbalgt? Ich habe keinen Tequila
+hier im Hause. Zur Hölle mit euch verschwefelter Brut, ich will
+schlafen.“
+
+Ich war immer lauter geworden, mich absichtlich in Wut und Ärger
+hineinredend; denn wenn es schon meine letzten Worte auf dieser Erde
+sein sollten, so wollte ich doch, daß sie mit Inbrunst, Kraft und Saft
+mein letztes Gebet verschönern möchten, damit die Ewigkeit weniger
+langweilig sei.
+
+Einem schlaftrunkenen Menschen nimmt man nichts übel, wenn man sein
+rasches Aufstehen dringend benötigt. Und diese Männer hier schienen mein
+Wachwerden wirklich sehr zu wünschen. Denn als sie hörten, daß ich
+antwortete, wurde ihr harter Ton ein wenig milder. Vielleicht hatten sie
+geglaubt, ich sei in der Tat nicht daheim, und daß sie deshalb
+unverrichtetersache hätten abziehen müssen.
+
+Einer nahm nun das Wort allein: „Hören Sie, Senjor, kommen Sie doch für
+einen Augenblick zur Tür, ich muß dringend mit Ihnen sprechen, es ist
+eine ernste Sache.“ Es lag viel Bitten in dem Klang seiner Worte.
+
+Indianer und Halbindianer haben keinen Begriff für Zeit. Wenn sie etwas
+auf dem Herzen haben, kommen sie zu jeder beliebigen Zeit des Tages oder
+des Nachts.
+
+Mich an die Tür zu locken, konnte nun aber doch vielleicht nur ein Trick
+sein, um das, was sie mit mir vorhatten, leichter und bequemer
+auszuführen. Aber was immer es auch sein mochte, was die Männer zu tun
+gedachten, ich mußte nun doch endlich die Tür öffnen. Sie hätten die Tür
+ja sowieso einschlagen können, wenn sie gewollt hätten.
+
+„Hallo, Senjores“, sagte ich nun, mich dabei schläfrig gegen den
+Türpfosten lehnend, „womit kann ich Ihnen helfen?“
+
+Es war Mondschein, und ich konnte die Männer, die da vor den Stufen
+standen, deutlich sehen, wenngleich ich ihre Gesichter nicht erkennen
+konnte, weil sie von großen Hüten beschattet waren. Die Männer waren
+sehr robuste Gestalten, ohne Jacken, nur Hosen an und Baumwollhemden,
+die am Hals offenstanden. Einer trug Ledergamaschen und gelbe Stiefel
+mit hohen Absätzen, die aber völlig schiefgelaufen waren. Ein anderer
+trug ledergraue Stiefel, die an mehreren Stellen aufgeplatzt waren. Der
+dritte trug, wie ich schon früher aus seinem leichten Tritt geschlossen
+hatte, Sandalen an nackten Füßen.
+
+Zwei der Männer, die mit Stiefeln bekleidet, hatten jeder ein Gewehr,
+das sie in der Hand trugen. Der eine von diesen beiden hatte außerdem
+noch einen Revolver hinten im Ledergurt stecken. Beide hatten ihre
+Gürtel voll mit Patronen gespickt. Der Mann mit den Sandalen trug nur
+einen Machete in der Hand.
+
+Es war dieser Mann mit dem Machete, der mich zu kennen schien. Ich
+glaubte auch, daß ich ihn schon verschiedene Male im Dorfe gesehen
+hatte, während mir die andern beiden durchaus fremd waren.
+
+Man hat zuweilen etwas im Instinkt. Und nirgends entwickelt sich der
+Instinkt besser als bei einem Leben, wo man auf guten Instinkt
+fortwährend angewiesen ist, und wo der Instinkt oft nur das einzige
+Schutzmittel ist, das man zur Verfügung hat. Dieser Instinkt gab mir
+merkwürdig rasch die Gewißheit, daß der Mann mit dem Machete mir
+gegenüber friedliche Absichten hat, und daß die beiden anderen Männer
+nicht mein Leben und meine Reichtümer verlangten, sondern irgendeine
+Hilfeleistung.
+
+Es war dann vielleicht doch nicht mein Instinkt, der mir die Absicht der
+Männer verriet, sondern es war wohl nur, daß ich die Gedanken des
+Mannes, der mit dem Machete, auffing in demselben Augenblicke, als er
+sich bemühte, seine Gedanken in Worte umzusetzen. Er sagte: „Senjor,
+tenga la bondad, por favor, möchten Sie nicht die große Freundlichkeit
+haben, mit uns zu meinem Hause zu kommen. Ich habe da meinen Neffen
+liegen. Ich weiß nicht, was er hat. Man hat mir ihn krank ins Haus
+gebracht. Er will nicht aufwachen. Und wir möchten Sie doch recht sehr
+bitten, mit uns zu gehen und zu sehen, ob Sie ihm nicht helfen können.“
+
+„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich.
+
+„Das wissen wir eben nicht, und darum möchten wir Sie ja so sehr bitten,
+nachzusehen, was mit ihm ist.“
+
+Der nächste Doktor wohnte etwa vierzig Meilen weit. Er würde für den
+Besuch, der nur zu Pferde zu machen war und drei Tage Zeit aufbrauchte,
+sicher wenigstens hundert Pesos verlangen, eine Summe, die auf den Tisch
+gelegt werden mußte, ehe sich der Doktor auf das Pferd setzte. Und wer
+von diesen Leuten kann hundert Pesos bezahlen? Umsonst kommt der Doktor
+nicht, weder dieser noch ein anderer. In erster Linie ist er
+Geschäftsmann und in zweiter Linie noch lange nicht nur Doktor; denn es
+stundet ihm niemand die Miete, und wenn er seine Rechnung beim Bäcker
+und beim Gemüsehändler nicht pünktlich bezahlt, dann wird ihm im zweiten
+Monat nicht einmal mehr ein Kilogramm Kartoffeln geborgt. Wer nicht
+zahlen kann, hat kein Recht zum Leben, er muß entweder sterben oder
+versuchen, ohne Doktor am Leben zu bleiben. Darum bleiben die meisten
+Mexikaner so lange am Leben, bis sie mehr als neunzig Jahre alt sind und
+kein Kirchenbuch sich mehr darauf besinnen kann, wann sie geboren
+wurden, vorausgesetzt natürlich, daß ihnen nicht in einer Schießerei der
+Atem fortgeblasen wurde und gleich so weit, daß sie ihn nicht mehr
+einfangen können.
+
+Ich besaß eine wacklige Pappschachtel, in der einmal, in längst
+vergessenen Zeiten, Schuhe eingepackt gewesen sein mögen, die sicher
+nicht meine Schuhe waren, denn meine Schuhe waren viel älter. Diese
+Pappschachtel, was immer ihr einstiger und erster Zweck gewesen sein
+mochte, diente mir als Medizinkasten. Man darf sich natürlich meinen
+Medizinkasten nicht so vorstellen wie einen First-Aid-Kasten der
+Henry-Ford-Automobil-Fabrik, Dearborn. Er war nicht ganz so vollkommen.
+Meine Medizin-Pappschachtel enthielt auch einige Medizin. Aber außer
+dieser Medizin war noch darin: Nähzeug, Hosenknöpfe, ein morsches
+Farbband, einige abgebrauchte Sicherheits-Rasierklingen, eine
+ausgepreßte Zahnkremtube, ein großer Angelhaken, zwei kleine Angelhaken,
+fünf Zeitungsausschnitte, ein Taschenmesser mit zerbrochener
+Hauptklinge, die andere kleine Klinge war zwar sehr verrostet, war aber
+sonst noch gut erhalten, Bindfaden in verschiedenen Stärken, vier
+verschiedene Schrauben, einige Nägel, ein Bleistiftstümmelchen, ein
+undichter Füllfederhalter, der ausgebrochene Zahn eines Eselfüllens, die
+Rattel einer Klapperschlange und noch einige andere Sachen, auf deren
+Art und Gebrauchswert ich mich nicht genau erinnere.
+
+In meiner Jungenzeit hatte ich stets all mein irdisches Hab und Gut in
+meinen Hosentaschen und Jackentaschen, weil ich immer fahrtbereit und
+reisefertig sein mußte, wo immer ich auch war. Da ich inzwischen
+wohlhabender geworden war, trug ich nunmehr alle meine irdischen
+Reichtümer in jener wackligen Pappschachtel, die im Augenblick
+zugeschnürt sein konnte. Denn meine Lebensweise hatte sich seit meiner
+Jungenzeit wohl vorübergehend, aber nicht dauernd geändert. Auch jetzt
+noch mußte ich immer, zu jeder Tageszeit und Nachtstunde, reisefertig
+sein.
+
+Auch wenn mir jene Herren mit schußbereiten Gewehren nicht gesagt haben
+würden, daß meine medizinischen Kenntnisse augenblicklich sehr dringend
+gewünscht seien, so hätte ich dennoch meinen Medizinkasten mit mir
+genommen. Das geschah instinktiv und aus Erfahrung. Denn es war
+vorgekommen, in Mexiko wie auch erst recht anderswo, daß ich glaubte,
+mich nur für eine Stunde von meinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte zu
+entfernen; und wenn ich zur Besinnung kam, war ich auf einem anderen
+Kontinent gelandet, zuweilen gestrandet. Durch solche Erfahrungen wird
+man vorsichtig, und Zahnbürste, Rasierzeug und ein kleiner Taschenkompaß
+waren Tag und Nacht gut eingeknöpft in meiner linken hinteren
+Hosentasche als ständiges Notgepäck.
+
+Was wußte ich, wo ich landen würde, wenn ich jetzt mit diesen drei
+Nachtvögeln davonflog.
+
+„Ist das Ihr Doktorkasten?“ fragte mich nun einer der Männer, während er
+dabei sein Gewehr so über die Schulter warf, daß er den Lauf vorn in der
+Hand behielt und der Kolben hinten über dem Rücken war.
+
+„Ja, das ist mein Medizinkasten“, bestätigte ich, und die Männer
+murmelten etwas, das wie Zufriedenheit klang.
+
+„Dann wollen wir uns nun aufmachen“, sagte ein zweiter.
+
+Ich schob den hölzernen Riegel vor die Tür. Und dann zockelten wir los.
+
+Ich hatte auch nicht die leiseste Idee, wohin wir gehen würden. Denn
+darüber war nichts gesagt worden. Es hatte keinen Zweck für mich, zu
+fragen, wohin wir gehen würden; denn ob wir nach Honduras marschierten
+oder nach Alberta in Kanada, das hatte ja nicht ich zu entscheiden,
+sondern das wurde, ob es mir nun gefiel oder nicht, von denen
+diktatorisch entschieden, die Gewehre hatten. Immer wer das Gewehr hat,
+der hat das Recht zu kommandieren, und immer der, der das Gewehr nicht
+hat, hat die Pflicht zu gehorchen. Das ist nun schon so seit dem
+flammenden Schwert des Erzengels an der quietschenden Gartentür des
+Paradieses. Weltgeschichtliche Leistung, zwei nackte Menschen aus dem
+Gemüsegarten hinauszujagen, wenn der Feldhüter ein flammendes Schwert
+schwingt und die beiden durch Schuld geknickten Leutchen nichts weiter
+als Waffe in den Händen halten als ihre Scham, ein abgetrenntes Blatt
+von ihrer flimsigen Kleidung und die abgeknabberte Rinde ihres
+Apfelstrudels, der an allem Unheil schuld war. Was blieb ihnen übrig,
+sie mußten gehorchen, und es half ihnen gar nichts, daß sie zwei
+Mustermodelle aus den Privatkunstwerkstätten für künstlerische
+Lehmarbeiten waren. Hätten sie ebenfalls ein Schwert oder ein
+Maschinengewehr gehabt, wäre alles anders gekommen, und unsere Ansichten
+über Befehlen und Gehorchen hätten eine andere Richtung eingenommen.
+Darum wird man wohl verstehen, warum ich mit den drei Männern durch die
+Nacht wanderte, ohne mit einer Silbe mich zu beschweren oder gar zu
+fragen, wohin wir gehen würden. Wo man nichts dreinzureden hat, läßt man
+alles gehen, wie es will.
+
+Wir trotteten nicht mitten durch das Dorf, sondern hielten uns nahe der
+Hütten, die mehr am Rande lagen. Die Hunde bellten entsetzlich von allen
+Seiten. Und jene Hunde, die uns nicht sahen und uns nicht hörten,
+bellten sich heiser, um den übrigen Hunden nicht alles Vergnügen allein
+zu lassen. Es war ein Höllenlärm im Dorfe. Denn von dem anhaltenden
+Bellen der Hunde wachten auch die Hähne auf und krähten, und die Esel
+fielen mit ein. Aber von den Bewohnern kam niemand vor seine Hütte, um
+zu sehen, was los sei. Denn Indianerhunde, wenn erst einmal einer damit
+anfängt, bellen die halbe Nacht, ob da ein Trupp von Banditen die Häuser
+umschleicht, oder ob ein Esel schläfrig durch das Dorf wandert, oder
+eine Katze hinter einer Maus her ist, oder ob der Mond scheint oder ob
+gar nichts geschieht.
+
+Nachdem wir die letzten Häuser hinter uns hatten, marschierten wir eine
+gute lange Strecke durch niedriges Dschungelgestrüpp, dann durch ein
+Stück Busch und erreichten endlich ein Bretterhaus.
+
+Das Haus hatte vorn einen eingezäunten Blumengarten und an beiden Seiten
+gutgepflegte Gemüsegärten, wie ich leicht und sicher in dem hellen
+Mondlicht erkennen konnte. Das Haus sah nicht von alten Brettern
+zerflickt aus und war nicht mit Lumpen, alten Schilfmatten und Fellen
+behängt und benagelt, wie die meisten Häuser des Dorfes auszusehen
+pflegten. Es machte von außen schon einen sehr reinlichen Eindruck. Auf
+der Porch, der Veranda, standen zahlreiche Blumen eingepflanzt in
+Töpfen, und da waren kleine Palmen und tropische Blättergewächse in
+Kasten und ausgebrauchten Eimern und Petroleumbüchsen. Der gute
+Eindruck, den ich von außen empfing, wurde um ein Vielfaches verstärkt,
+als ich in den Wohnraum kam. Nicht nur in dem Dorfe selbst, sondern im
+ganzen Bezirk hatte ich ein ähnlich sauberes und gut möbliertes Haus nie
+vorher gesehen. Das Haus eines gutsituierten amerikanischen Farmers, der
+Reinlichkeit und Behäbigkeit liebt, konnte weder in Texas, noch in
+Arizona, noch in Coahuila oder Sonora besser und freundlicher aussehen
+als dieses Haus. Ich hatte nicht gewußt, und ich hätte es auch nicht
+geglaubt, daß hier in dieser Gegend eine so wohldeftige Familie lebte,
+die fähig war, ein Haus so in Ordnung und Wohnlichkeit zu halten, wie
+ich es hier sah.
+
+Die Leute hatten eiserne weißlackierte Bettstellen; sie hatten richtige
+Stühle, einige Schaukelstühle, eine gute Decke auf dem Tisch, große
+eingerahmte Bilder an der Wand: Lohengrin mit seiner Elsa auf dem
+Bettrand sitzend; Othello, seine großen Bombastreden von fernen Ländern
+und wilden Ungeheuern haltend; Porfirio Diaz in glänzender
+Generalsuniform; der Ausmarsch des mexikanischen Freiheitshelden Hidalgo
+aus dem Dorfe Dolores; die Heilige Jungfrau von Guadeloupe; und eine
+Anzahl von kleinen und vergrößerten Photographien von Onkeln, Tanten,
+Großvätern, Ehepaaren, Kindern und Kommunionskerzenträgern, die wohl
+alle zur Familie gehörten.
+
+Man vermochte sich nichts zu denken, das friedlicher hätte sein können,
+wohlanständiger und ehrenwerter als das Haus und die Familie, die es
+bewohnte. Wer in einem solchen Hause wohnte und ein Haus so in Ordnung
+und Sauberkeit halten konnte, waren Bürger, die einen Staat wohl in
+seinen Fundamenten stützen und erhalten konnten.
+
+Aber ein erfahrungsreiches Leben lehrt einen in harter, wenn auch in
+erfolgreicher Schulung, Dinge nicht blindlings so zu nehmen, wie sie
+aussehen. Es gibt wunderschöne Pflanzen im mexikanischen Busch, die
+einen verführen, sie näher anzusehen, aber wenn man sie anfaßt oder auch
+nur unvorsichtig mit dem nackten Arm streift, bekommt man einen
+Hautausschlag, an dem man zwölf Monate doktern und salben kann und man
+selbst dann noch nicht einmal sicher ist, wann man ihn los sein wird.
+
+Trotz des wohlanständigen und ehrenwerten Hauses vergaß ich doch nicht
+einen Augenblick lang, daß mich drei Männer hierhergelockt hatten, die
+auch dann noch genügend verdächtig hätten sein müssen, wenn sie nicht
+mit schußbereiten Gewehren und gespickten Patronengürteln beladen
+gewesen wären.
+
+Mit keinem Wort und mit keiner Geste ließ ich erkennen, daß mir der
+Zwischenreim für das wohlanständige Haus und die drei Burschen bereits
+klargeworden war. Ich sah das alles so an, als ob es gar nicht anders
+sein könnte. Ich betrachtete mir die Bilder an den Wänden, als ob sie
+große Meisterwerke einer Galerie seien, und um die Leute glauben zu
+machen, daß ich die Bilder bewundere, sagte ich: „Sehr schöne Bilder,
+von berühmten Meistern gemalt.“ Aber während ich das sagte, sah ich mir
+doch alles, was es in dem Raum zu sehen gab, sehr sorgfältig an. Ich
+betrachtete mir die Fenster genau, dadurch, daß ich die Augen senkte,
+während ich den Kopf hoch hielt, als betrachte ich die Bilder. Aber die
+Fenster waren gut verrammelt, kein Lichtstrahl drang hinaus in die
+Nacht, und es war wenig Hoffnung, aus einem der Fenster zu entspringen,
+wenn es hätte nötig werden sollen. Es führten zwei Türen aus dem Raume,
+aber beide führten nur in zwei andere Räume.
+
+Die beiden Männer mit den Gewehren setzten sich auf Stühle so an die
+Tür, daß an jedem Pfosten einer saß. Sie stellten ihre Gewehre zwischen
+die Knie und drehten sich Zigaretten.
+
+„Setzen Sie sich doch, Senjor“, sagte jetzt einer der Männer, während er
+mit dem Fuße auf einen leeren Stuhl deutete und dabei das Maisblatt, in
+das er den Tabak eindrehte, mit der Zunge beleckte.
+
+Ich setzte mich und sah mich nun weiter in dem Raume um, aber in einer
+Weise, als ob ich mich eben nur umsehe, weil sonst nichts weiter zu tun
+oder zu sehen war.
+
+Der Fußboden war mit dicken Petates reich belegt. Die Matten waren gelb
+und frisch. An den Stellen, wo die Matten nicht ganz zusammentrafen,
+konnte ich sehen, daß der Fußboden knochenbleich gescheuert war und rein
+wie frischgewaschenes Linnen. In einer Ecke war ein kleiner Altar, auf
+dem ein Muttergottesbild stand, mit einem brennenden dünnen Lichtchen,
+in einem Wasserglase mit Öl schwimmend. Über den Ecken des
+Muttergottesbildes hingen drei billige Rosenkränze. Zu beiden Seiten des
+Muttergottesbildes standen ein halbes Dutzend von Heiligenbildchen in
+sehr billigen und geschmacklosen Rähmchen.
+
+Auf dem Tische, auf dem eine reine buntfarbige Baumwolldecke gebreitet
+lag, stand eine richtige Petroleumlampe. Eine richtige Petroleumlampe
+hatte ich wohl seit vierzehn Monaten nicht zu Gesicht bekommen; denn im
+ganzen Dorfe hatte niemand eine und ich am wenigsten. Und es war wohl
+diese Petroleumlampe, die mir, gleich bei meinem Eintritt in das Zimmer,
+am stärksten den Eindruck übermittelt hatte, daß ich mich im Hause von
+wohlhabenden Leuten befinde. Auf dem Tische stand noch eine Fruchtschale
+aus rötlichem Glase, deren Rand blumenartig verbogen war, mit einem
+verschnörkelten Fuße aus einem blechernen Metall. Eine Schale, wie man
+sie gelegentlich in einem Zelt gewinnen kann, in dem man für zehn Cents
+mit fünf Bällen auf einen Knopf werfen kann, bis ein lebendiger Neger
+hinten in ein mit Wasser gefülltes Faß fällt, oder in einem anderen
+Zelt, wo man für zehn Cents zwei rohe Eier einem lebendigen Neger ins
+Gesicht werfen darf.
+
+Der Mann mit dem Machete war gleich bei unserem Eintritt in eines der
+Nachbarzimmer gegangen, und er hatte die Tür hinter sich fest zugemacht.
+Zuweilen hörte ich – das ganze Haus war ja nur, wie alle Häuser hier,
+aus dünnen Brettern gebaut –, daß im Nebenraum halblaut gesprochen
+wurde.
+
+Endlich kam jener Mann wieder zurück in das große Zimmer, wo wir saßen.
+Er hatte eine Flasche und ein Gläschen.
+
+„Wollen wir erst einmal einen nehmen“, sagte er und goß das Gläschen
+voll. Er bot es mir an; ich sagte „Salud!“ und schwenkte den Tequila
+hinunter. Er rann mir warm und mollig durch die Kehle, und ich dachte,
+wo man so guten Tequila hat und anbietet, da kann nicht pure Mörderei
+und Feindschaft auf dich warten, denn einen so guten Anjejo verschwendet
+man nicht auf jemand, den man aus der Welt zaubern will.
+
+Das Gläschen wurde nachgefüllt und machte seine Runde.
+
+„Noch einen ganz, ganz Kleinen, damit die Ohren nicht wackeln?“ fragte
+der Mann gutmütig.
+
+„Como no“, sagte ich, und er schenkte mir noch einen gesunden Tropfen
+ein. Aber ich war der einzige, der zweimal nippen durfte. Weder bekamen
+die beiden Türwächter noch einen nachgeschlürft, noch zog der gute Mann
+selbst sich einen kleinen Ohrenberuhiger hinterher.
+
+„He, ja“, sagte der Mann nun, während er die Flasche zukorkte, den
+Korken mit Andacht fest eindrehte und Flasche und Gläschen auf den Tisch
+stellte, „ja, nun wollen wir doch einmal an das Geschäft gehen.“ Er
+stand auf, öffnete leise die Tür, durch die er gekommen war, und winkte
+mir, zu folgen.
+
+Die beiden Männer, mit den Gewehren zwischen ihren Knien, blieben bei
+der Tür sitzen. Merkwürdig war es, daß ich jetzt wie plötzlich das
+Gefühl bekam, daß die beiden Männer nicht mich bewachten oder mich
+verhindern wollten zu entspringen, sondern daß sie dort dicht an der Tür
+bewaffnet saßen, um diejenigen, die im Hause waren, zu schützen gegen
+jemand, der von draußen kommen könnte. Davon wurde ich um so mehr
+überzeugt, als sich die beiden etwas zuflüsterten und der eine aufstand,
+hinausging und sich draußen auf eine Stufe setzte, während der andere,
+der im Raume blieb, sich so setzte, daß er von jemand, der hereinkam,
+nicht sofort gesehen werden konnte, während er selbst den
+Hereinkommenden völlig unter der Gewalt seines Gewehres hatte.
+
+Ich folgte nun jenem Manne, der die Tür zu dem zweiten Raum geöffnet
+hatte.
+
+In dem Raume brannte ein kleineres Lämpchen, das wenig Licht
+verbreitete. Der Mann ging zurück in den ersten Raum, nahm die Lampe vom
+Tisch und leuchtete mir nun in jenes Zimmer hinein.
+
+Zwei Frauen saßen auf Schaukelstühlen. Beide hatten den Rebozo um Kopf
+und Hals gelegt, weil es nun kühl in der Nacht wurde. Beide Frauen waren
+Indianerinnen, sauber gekleidet und in Sprache und Benehmen – wie ich
+bald lernte – durchaus gleich den Frauen eines mexikanischen
+Ranchobesitzers von mittlerem Wohlstand.
+
+Die eine der Frauen war verhältnismäßig jung. Sie war, wie ich gleich
+hörte, die Frau des Mannes mit dem Machete. Die andere Frau war älter;
+sie konnte wohl gut die Mutter der Frau oder des Mannes sein. Das Zimmer
+war das Schlafzimmer des Ehepaares. Da in dem ersten Raum gleichfalls
+zwei Betten waren, schien es, daß hier mehrere Personen wohnten,
+vorausgesetzt daß jene Betten im Gebrauch waren, was ich ja nicht
+erraten konnte.
+
+Beide Frauen standen auf aus ihren Stühlen und sagten freundlich und
+höflich: „Guten Abend, Senjor!“ Sie gaben mir die Hand und setzten sich
+wieder.
+
+Ich sah mich im Raume um, und ich bemerkte zur Seite auf einer
+Schilfmatte einen jungen Mann liegen, der bis zum Kinn mit einer
+halbwollenen Decke zugedeckt war. Sein Gesicht war bleich; bleich wie
+das Gesicht eines Indianers eben werden kann. Aber das Gesicht war voll,
+und daraus schloß ich, daß der Mann nicht lange krank sein konnte, daß
+er wohl nur schwer verwundet sei. Er rührte sich nicht und lag da wie
+tot.
+
+„Das ist der Junge, von dem ich Ihnen gesagt habe“, sagte der Mann und
+stellte die Lampe auf einen Stuhl, den er dicht an das Lager des Kranken
+rückte.
+
+„Sie können dem Jungen gewiß helfen, Senjor“, sagte nun die jüngere
+Frau. „Er ist mein Neffe, und wir würden recht traurig sein, wenn er uns
+fortstürbe. Seit unser eigener und einziger Sohn in einer dummen
+Schießerei sein Leben verlor, haben wir diesen hier wie unseren Sohn
+angesehen. Wir würden Ihnen wirklich von ganzem Herzen danken, wenn Sie
+etwas tun könnten, daß er uns erhalten bleibt. Es ist der letzte, der
+uns bleibt von allen Jungen aus unserer Familie. Alle übrigen sind
+erschossen oder erstochen worden bei den Wahlen, und keiner hat doch je
+ein Amt für sich haben wollen. Es war nur immer der anderen wegen, daß
+sie sich in die politischen Händeleien hineinmischten.“
+
+Die Frau weinte nicht, aber sie hatte eine echte Rührung in ihren
+Worten. Die ältere Frau seufzte einige Male auf.
+
+In den letzten Monaten hatte hier im Distrikt keine einzige Wahl
+stattgefunden. Die Wahlhändel wurden auch nicht hier im Dorfe
+ausgefochten, sondern in der Distriktsstadt, wo alle die Burschen und
+Männer der umliegenden Dörfer natürlich hinritten, um ihre Schießerei,
+ihr Vivatschreien in den Straßen und das Händeschütteln der Kandidaten,
+die sie auf ihren Schultern durch die Straßen schleppten, genießen zu
+können. Es kamen niemals alle die lebend wieder heim, die zu den
+Wahlreden ritten. Jedesmal blieben zwei, drei oder ein Dutzend auf dem
+Felde der Wahlkämpfe.
+
+Da aber lange keine Wahl gewesen war – denn die gegenwärtigen Behörden
+des Distrikts waren von der Federalregierung provisionell eingesetzt
+worden, um die ewigen Wahlmördereien zu verhindern –, so konnte der
+Bursche hier nicht gut bei einer Wahl etwas abbekommen haben.
+
+Ich kniete mich nieder an die Seite des jungen Mannes und begann ihn zu
+untersuchen. Die Augen waren geschlossen. Als ich die Augendeckel hob,
+sah ich, daß die Augen wohl schläfrig waren, aber nicht trüb, und die
+Pupillen reagierten auf das Licht. Das Herz schlug regelmäßig, aber sehr
+leicht, nur wie ein Tippen. Der Atem war sehr leise; aber auch er ging
+ziemlich gleichmäßig.
+
+„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich aufblickend.
+
+Die Frau antwortete mir und sagte: „Das wissen wir eben nicht. Sie haben
+uns den Jungen so ins Haus gebracht, und er ist noch nicht einmal
+aufgewacht. Denken Sie, daß er uns wegsterben kann, Senjor?“
+
+„Das kann ich nicht sagen. Vorläufig stirbt er nicht. Hat er nicht etwas
+gesagt zu den anderen, was ihm fehlt oder wo es ihm weh tut?“ fragte
+ich.
+
+Niemand antwortete mir, und ich sah auf, um zu sehen, warum ich keine
+Antwort bekam. Ich bemerkte, daß der Mann die Frau rasch ansah, den
+Finger auf den Mund drückte und mit dem Kopf schüttelte. Sofort sah ich
+wieder weg und wandte mich dem Kranken zu. Dann dehnte ich ein langes
+„Ja“ von mir, schluckte vernehmlich und richtete mich halb auf. Die
+Leute hatten genügend Zeit gehabt, ihre Geheimsprache zu vollenden, und
+sie sahen mich an und zuckten die Schultern.
+
+„Hat er denn etwas gegessen, das ihm nicht bekam?“ fragte ich nun.
+
+„Ich glaube nicht“, antwortete der Mann.
+
+Ich setzte mich auf den Stuhl, machte tiefe Gedanken und tat alles genau
+so, wie es auch andere große Doktoren und berühmte Ärzte tun. Das will
+sagen, ich wußte nichts, solange mir nicht der Kranke selbst sagen
+konnte, was ihm weh tat und wo es ihm fehlte. Ich war ja kein
+Viehdoktor.
+
+Dann sagte ich das, was alle Ärzte sagen: „Es ist sehr ernst. Aber ich
+werde mein Bestes tun, vielleicht bringen wir ihn durch.“
+
+In dem Augenblick kamen die beiden Männer mit den Gewehren herein. Sie
+waren neugierig geworden und wollten sehen, wie tüchtig ich war. „Wo ist
+mein Medizinkasten?“ fragte ich.
+
+Sofort sprang einer der Männer in den Nebenraum und brachte meine
+Pappschachtel. Was ich damit tun wollte, wußte ich im Augenblick
+natürlich nicht. Aber ich war gewiß, daß mir schon etwas einfallen
+würde. Tun mußte ich auf alle Fälle etwas, ganz gleich was es war; denn
+ich war hierhergeschafft worden als Doktor, man erwartete von mir, mich
+als Doktor zu benehmen und zu betragen, und so blieb mir nichts anderes
+übrig, als den Leuten gefällig zu sein.
+
+Welche Folgen es haben würde, wenn ich als Doktor versagte, darüber
+bestanden keine Zweifel. Die Tatsache, daß beide Männer mit den Gewehren
+jetzt im Raume waren, bewies mir, daß meine Vermutung, sie möchten
+jemand von draußen verhindern, in das Haus einzubrechen, unrichtig war.
+Sie waren jetzt hier hereingekommen, um zu sehen, was ich leisten
+könnte. Und da sie die Gewehre selbst hier in diesem Raume, wo ein
+Sterbender lag, nicht aus der Hand stellten, das gab mir die Gewißheit,
+daß sie sehr bald die Gewehre auf mich richten würden und sagen: „Du
+rettest jetzt den Burschen da, und zwar sofort; und wenn er nicht in
+wenigen Minuten auf und gesund ist wie ein junger Hahn, dann knallen
+diese Gewehre, und du kannst dich danebenlegen in dieselbe Grube.“
+
+So etwas geschieht Ärzten in der Tat, und wenn ich schon hier als Arzt
+tätig bin, warum soll man mit mir eine Ausnahme machen?
+
+Aber als geschickter Arzt, der seine Medizin gut studiert hat, kann man
+das Sterben eines Sterbenden recht gut in die Länge ziehen. Dann kann
+man sich noch immer damit entschuldigen, daß Gott das eben anders
+bestimmt habe. Und das wird einem geglaubt. Vielleicht wird man es auch
+mir glauben. Die Leute sind ja Christen, gute Christen, mit Rosenkränzen
+und allen notwendigen Heiligenbildern gut versorgt.
+
+So beginne ich meine verantwortungsvolle Tätigkeit.
+
+„Haben Sie Cafion im Hause?“ frage ich die Frau.
+
+„Ja, wir haben eine ganze Glastube voll.“
+
+„Geben Sie mir drei Pastillen und ein Glas mit Wasser.“
+
+Ich löse die Pastillen in dem Wasser auf, und mit Hilfe des Onkels und
+des einen Mannes öffne ich dem Kranken den Mund, hebe den Kopf hoch und
+lasse ihn die Lösung schlucken. Er schluckt auch, und es kommt nichts in
+die Luftröhre.
+
+Ich wartete zehn Minuten, rauchte eine Zigarette, erbat mir einen neuen
+guten Schluck von dem alten Tequila, und als ich nun den Kranken wieder
+untersuchte, fand ich, daß die Medizin, die ich ihm gegeben hatte,
+vorzüglich wirkte. Das Herz hatte begonnen, kräftiger zu arbeiten. Die
+Medizin konnte zwar das Herz so heftig anregen, daß es übersetzte und
+aufhörte zu schlagen. Aber ich hatte wieder einmal Glück, was jeder
+Doktor haben muß, wenn er Erfolg sucht. Ich weiß gut, daß ein richtig
+abgestempelter Doktor das alles ganz anders machen würde. Aus diesem
+Grunde ist er ja abgestempelt und stiller Teilhaber der
+Beerdigungsinstitute. Aber ich muß mich mit den Kenntnissen und
+Medizinen behelfen, die ich zur Verfügung habe. Ich kann keine
+Kampferinjektion in das Herz machen, weil mir die Maschinerie dazu
+fehlt.
+
+Das Herz schlug nun kräftig und zufrieden, aber der Bursche wollte nicht
+aufwachen. Am Kopfe konnte ich nichts finden. Ich schlug ihm die Backen,
+die Handflächen und die Handgelenke. Ohne irgendwelchen sichtbaren
+Erfolg.
+
+Ich schnürte nun meine Medizinschachtel auf. Die Leute sahen natürlich
+den Inhalt. Ob sie über die merkwürdigen Medizinen, die ich in der
+Pappschachtel hatte, erstaunt waren oder nicht, konnte ich nicht
+feststellen, denn sie ließen kein Wort verlauten. Sie mochten wohl
+überzeugt sein, daß die Angelhaken dazu dienten, irgend jemand etwas aus
+dem Magen zu fischen, das er unvorsichtigerweise verschluckt hatte, und
+das abgebrochene halbverrostete Taschenmesser diente nach ihrer Meinung
+gewiß als chirurgisches Instrument zur Amputation von Füßen und Armen
+oder zum Herausnehmen des Blinddarms. Auf jeden Fall wurde angesichts
+des Inhalts meiner Medizinschachtel die Achtung vor mir und das Zutrauen
+zu meinen Fähigkeiten nicht geringer, sondern, wie ich wohl sehen und
+fühlen konnte, erheblich verstärkt.
+
+Ich nahm eine halbaufgebrauchte Tube Mentholatum heraus und schmierte
+eine dünne Schicht der Salbe dem Burschen an die inneren Nasenwände, um
+ihm das Atmen zu erleichtern durch Erweichen des Schleims. Dann fragte
+ich die Leute, ob sie Ammoniak im Hause hätten. Sie hatten ein
+Fläschchen zur Hand, und nach einigen heftigen Dosen nieste sich der
+Junge munter. Ich fächelte ihm kräftig Luft zu, und er begann bald
+tüchtig und tief zu atmen. Aber als er nun zum Bewußtsein kam, begann er
+aus vollem Herzen zu stöhnen.
+
+Jetzt wußte ich, was los war und was mir nicht verraten werden sollte.
+Ich überlegte eine gute Weile, was ich tun sollte. Denn mir war nun
+alles völlig klargeworden. Sagte ich offen heraus, was ich jetzt wußte,
+so konnte das eintreten, was ich erwartet hatte, seit ich das erste
+Anklopfen an meinen Bungalow hörte. Die Kenntnis, die ich jetzt auf
+einem Umwege erlangt hatte, machte mich zu einem sehr unbequemen Zeugen.
+Und das konnte die Männer leicht verpflichten, mich aus der Welt zu
+schaffen.
+
+Aber dann sah ich die jüngere Frau, die Tante des Burschen, an. Die
+Tränen standen ihr dick in den Augen, und ich wußte, daß sie im tiefen
+Ernst sei, dem Jungen gegenüber wie eine leibliche Mutter zu fühlen. Der
+Junge konnte sich vielleicht auch ohne meine Hilfe wieder hochbringen,
+aber nicht vor zwei Tagen. Und inzwischen kamen die Soldaten; und er,
+der sich nicht in Sicherheit bringen konnte, wurde draußen am
+Gartenzaun, nach einer Vernehmung von fünf Minuten, erschossen. Daß er
+erschossen wurde, war sicher; daß ich hier von den Männern meiner
+unbequemen Mitwisserschaft wegen erschossen wurde, mochte zweifelhaft
+sein.
+
+Wieder sah ich die Frau an, und wieder sah ich ihren wehen Blick auf
+mich gerichtet. Ich will nicht sagen, daß ich nun aus übergroßer
+Menschenliebe mich entschied. Das wäre ungenau. Ich möchte auch nicht
+besser und edler erscheinen, als ich wirklich bin. Denn um die volle
+Wahrheit einzugestehen, ich bin wie jeder andere gewöhnliche Mensch,
+mit Bosheiten, Niederträchtigkeiten, Hilfsbereitschaft,
+Menschenfreundlichkeit und Liebe zu meinen Mitmenschen in so gleichem
+Maße in mir verteilt, daß nicht immer mein Wille, sondern oft, wenn
+nicht meist, eine reine Nebensächlichkeit entscheidet, ob ich in einem
+bestimmten Falle eine niederträchtige Handlung begehe oder eine Tat
+ausübe, die alle Menschen glauben macht, ich sei der edelmütigste und
+selbstloseste Mensch. Daß man so wird, das macht der Busch, und das
+macht das Herumschlagen mit allen Sorten von Menschen, und das macht die
+Aufgabe, fertig werden zu müssen mit Umständen, die einem selten Zeit
+lassen, lange darüber nachdenken zu können, ob das, was man tun muß,
+edelmütig oder nichtswürdig ist.
+
+Hier, in diesem Falle, entschied, wie so häufig vorher, die Neugierde,
+zu erfahren, was wohl mit mir geschehen würde, falls ich das tue, was
+nach meinem Urteil als das Dümmste und Unvorsichtigste angesehen werden
+muß. Wissentlich tat ich das, was man mir nicht als große Klugheit
+anrechnen mag. Wenn ich mich aber dennoch durch den bittenden und wehen
+Blick in den Augen jener Frau vielleicht endgültig entschied, so will
+ich es nicht auf meine Rechnung gesetzt haben als einen Posten, der
+zugunsten eines edelmütigen Charakters verbucht werden kann. Denn das
+wäre eine Unwahrheit.
+
+Ich blickte den Onkel des Burschen, also jenen Mann, der mit dem Machete
+gekommen war, an, hielt meinen Blick eine Weile auf ihn gerichtet und
+sagte dann kurz und laut: „Wo hat er denn das Loch? Wie kann ich ihn
+denn hochbringen, wenn Sie mir nicht sagen, was er abgekriegt hat.“
+
+Alle Anwesenden, selbst die ältere Frau, fuhren erschreckt zusammen,
+stießen kurze Ausrufe aus, wurden bleich, und ihre Blicke flogen von
+einem zum anderen, bis sie alle auf meinem Gesicht haftenblieben.
+
+Der Onkel bekam seine Ruhe am ersten zurück. Er sagte in einem Ton, als
+ob er bereit sei, alles aufzugeben, dabei die beiden Männer mit den
+Gewehren ansehend: „Ich habe es euch ja vorher gesagt, ihr wolltet es ja
+nicht glauben, dem Gringo können wir nichts vormachen, der ist Doktor
+durch und durch.“
+
+Ich wartete nun auf nichts mehr. Ich zog die Decke herunter, sah rasch
+hin über die Brust und den Leib, und dann sah ich bereits den weiten
+Blutfleck auf dem Petate. Ich schob die Decke bis zu den Füßen und fand
+zwei kräftige Schußwunden, eine am Oberschenkel, die andere an der Wade.
+Die Wunde an der Wade war nicht schwer. Hier hatte eine Kugel nur
+tüchtig gestreift. Dagegen war die Wunde am Oberschenkel eine sehr
+heftige Fleischwunde. Die Kugel war heraus, denn ich fand Einschuß und
+Auslauf. Das Kaliber war heftig, sicher nicht weniger als 4,5; außerdem
+war die Kugel offenbar oben abgefeilt und eingekerbt gewesen, wie das
+hier mit Vorliebe getan wird. Wäre sie auf den Knochen gestoßen, dann
+wäre das Bein zu kleinen Splittern zersprengt worden. Aber der Knochen
+war nicht verletzt, wie ich aus dem Verlauf des Schußkanals sehen
+konnte. Dagegen hatte die Kugel wohl eine oder gar mehrere Adern
+aufgerissen, was einen großen Blutverlust zur Folge gehabt haben mußte
+und zweifellos die alleinige Ursache war, daß der Bursche so weit
+herunterkommen konnte.
+
+Die Adern schienen sich aber bereits ausgeblutet zu haben, oder sie
+waren von dem trocknenden Blute schon gut verklebt; denn um die
+Wundränder hatten sich schwache Krusten gebildet. Es waren auf die
+Wunden sehr schmutzige Hemdenlappen gewickelt. Die einzige Gefahr, die
+für den Burschen bestand, war die einer Infektion und damit die
+Möglichkeit, daß er den Brand bekam. Nun ist ja das Blut der Indianer im
+allgemeinen so gesund, daß nur dann eine wirklich schwere Infektion
+ihrer Wunden eintritt, wenn alle Vorsichtsmaßregeln außer acht gelassen
+werden.
+
+Ich ließ rasch alte Leinenfetzen auskochen. Die Leute hatten eine
+reichliche Packung reiner Baumwolle im Hause, und ich hatte einige
+sterilisierte unberührte Gazebinden.
+
+Ich wusch die Wunden mit heißem Wasser und Seife gut aus. Aus meinem
+Medizinkasten brachte ich eine Flasche Zonite hervor, ein sehr starkes
+Desinfektionsmittel, das wir während des Krieges mit viel Erfolg
+verwendeten. Die Flasche war mir übriggeblieben von einem Ölkamp, wo ich
+gearbeitet hatte. Ich goß das Zeug gleich so rein in die Wunden. Der
+arme Junge sauste halb in die Höhe; denn er mußte sicher ein Gefühl
+haben, als bohre man ihm einen weißglühenden Eisenstab durch die
+Schußkanäle. Aber er durfte sicher sein, daß es ihn rettete. Ich ließ
+ein wenig nachtrocknen, streute eine dicke Schicht von Bismut-Jodoform
+auf die Wunden, legte Gaze darauf und verband. Der Junge seufzte tief
+auf, aber jetzt mit einem gewissen Wohlgefühl. Gleich darauf fiel er in
+einen tiefen, ruhigen Schlaf, nachdem ich ihm einen heftigen Tequila
+eingeschwenkt hatte. Der Tequila wird ja vielleicht seinen Narben nicht
+sehr dienlich sein; aber Schönheitsfehler an den Oberschenkeln spielen
+ja nur eine Rolle, wenn er beim Mädchen liegt, und bei solcher
+Gelegenheit helfen sie ihm beim Prahlen und vertiefen die Liebe seines
+Mädchens, das ja, wie jedes Mädchen, lieber mit einem Helden schläft als
+mit einem Nußknacker.
+
+Die Frage, die jetzt kommen mußte, kannte ich. Darum sagte ich gleich,
+ohne zu warten: „Wenn Sie ihn morgen aufs Pferd heben, um
+weiterzureiten, werden Sie gut tun, ihm einen kräftigen Verband aus
+einem alten Gummischlauch oder Gummigürtel oder elastischen Hosenträgern
+über der Wunde am Oberschenkel anzulegen, damit er nicht aufs neue
+ausblutet und vielleicht gar fortblutet.“
+
+Ich zeigte den Männern, wie sie das machen sollten, sagte ihnen, daß sie
+jeden neuen Verband, den sie auf die Wunde brächten, erst auskochen
+müßten, gab ihnen den Rest meines Zonite und meines Bismutpulvers, erbat
+mir einen weiteren kräftigen Tequila, sagte: „Gute Nacht!“ zu allen, gab
+dabei allen die Hand – die Tante des Jungen beugte sich nieder und küßte
+meine Hand –, und dann ging ich auf die Tür los.
+
+Scheinbar tat ich das alles so, als ob das, was ich hier gesehen und
+getan hatte, etwas gewesen wäre, das ich jeden Tag zwölfmal in genau
+derselben geschäftsmäßigen Weise sähe und täte. In Wahrheit aber tat ich
+das alles sehr bedacht, jeden Augenblick darauf wartend, daß einer der
+Männer sagen würde: „Sie können nicht so ohne weiteres fortgehen,
+Senjor, wir wollen erst noch ein Wort miteinander sprechen; wir wollen
+das draußen hinter dem Hause bei den Gemüsebeeten erledigen.“
+
+Aber daß ich kein Wort darüber verlor, wie der Junge zu den Wunden
+gekommen war, daß ich nicht einmal andeutete, daß ich wußte, es sind
+Schußwunden, daß ich mich benahm, als gehöre ich zu der Bande und als
+wäre ich ein uralter Freund des Hauses, der nichts sagt aus Freundschaft
+und noch weniger etwas sagt aus Geschäftsklugheit, daß ich klar sehen
+ließ, es sei mir vollkommen gleichgültig, was meine Mitmenschen tun,
+solange sie mich ungeschoren und mich friedlich meiner Wege gehen
+lassen, brachte sie aus allen Plänen hinaus. Und um das alles noch zu
+verstärken, sagte ich, als ich bei der Tür war: „Wenn es schlimmer
+werden sollte, rufen Sie mich ruhig; ich komme ganz gern, auch in der
+Nacht. Überhaupt immer können Sie mich rufen, wenn ich Ihnen helfen
+kann, ich tue es gern und mit Freude.“
+
+Die letzten Worte gaben wohl den entscheidenden Ausschlag. Man wird doch
+nicht den einzigen Doktor erschlagen, den man hat, und den einzigen,
+der, wenn herumgefragt wird, keine berufliche Verpflichtung hat,
+Behörden Auskunft zu geben über Schußwunden, die er behandelt hat und
+die ihm verdächtig erschienen sind.
+
+Aber so leicht kam ich nicht davon. Als ich an der Tür stand, kam der
+Onkel auf mich zu und sagte: „Entschuldigen Sie, Senjor, wir können Sie
+nicht allein zu Ihrem Hause gehen lassen; es könnte Ihnen etwas zustoßen
+auf dem Wege. Ich glaube auch nicht, daß Sie den Weg allein heimfinden.
+Sie verlaufen sich sicher im Busch. Und zur Nachtzeit allein im Busch
+sein und ohne den Weg zu kennen, möchte ich Ihnen nicht raten. Der Weg
+hierher ist nicht gut bekannt. Wir haben Sie hierhergebracht, und es
+wäre unhöflich, wenn wir Sie nicht wieder zu Ihrem Hause brächten.“
+
+Ja, da war ich wieder. Eine Stunde Weg durch Busch und Dschungelgestrüpp
+mit den drei Männern, zwei mit Gewehren, der eine außerdem einen
+Revolver und der dritte einen Machete, scharf gefeilt wie ein
+Schlachtmesser. Mit drei Männern, die trotz aller guten Meinung, die sie
+von dem Doktor und seiner Hilfsbereitschaft haben mögen, sich doch bei
+weitem sicherer fühlen, wenn einer, der etwas wissen könnte, weniger auf
+der Welt ist. Und von den dreien braucht ja nur einer auf dem Wege einen
+dummen Gedanken zu bekommen. Ehe die beiden andern es verhindern können,
+ist es schon geschehen. Ob sie sich nachher darum streiten, ob es
+richtig und ob es dankbar war, ändert nichts an der alleinigen Sache,
+die mich betrifft.
+
+Ich sehe wieder auf die Tante. Sie steht noch da im Zimmer. Aus
+Höflichkeit mir gegenüber hat sie sich nicht wieder in ihren
+Schaukelstuhl gesetzt. Sie wartet, bis ich das Haus verlassen habe. Sie
+sieht mich an, mit aufrichtiger Dankbarkeit in den Augen. Sie kommt, von
+einem inneren Gefühl plötzlich getrieben, auf mich zu, ergreift meine
+Hand und küßt sie nochmals. Dann lächelt sie und nickt, dreht sich um,
+geht zu einem Schränkchen, nimmt eine Flasche mit Honig heraus und gibt
+mir den Honig. „Ist sehr gut für die Mehlkuchen, die Sie sich backen,
+sind dann nicht gar so sehr trocken. Morgen schicke ich Ihnen zwei
+Dutzend Eier hinunter und ein paar Kilo Ochsenfleisch. Und nochmals
+vielen Dank, daß Sie gekommen sind.“
+
+„Nicht des Redens wert“, sage ich. „Geben Sie dem Jungen, wenn er
+aufwacht, mehrere Tassen gute Fleischbrühe mit tüchtig Eier darinnen
+eingerührt. Wird ihm rasch hochhelfen. Gute Nacht, Senjora.“
+
+Die Frau wußte recht gut, was mir auf dem Wege geschehen könnte und
+sicher geschehen würde, wenn die Männer zur Überzeugung kamen, es sei
+für ihre eigene Sicherheit besser, ein Maul, das wacklig werden kann,
+rechtzeitig und gut zu stopfen. Aber ich hatte die Sympathie und die
+Dankbarkeit der Frau gewonnen. Die Frau war nicht so nebensächlich in
+dem Geschäft der Männer, wie es vielleicht erschien. Sie war durch die
+Verwundung ihres Neffen heftig aus ihrer Fassung gebracht worden. Das
+ist wohl richtig. Und oberflächlich gesehen, mochte es den Eindruck
+erwecken, daß sie eben nur eine Frau war wie andere. Aber wenn ich ein
+Haus sehe, wie dieses war, dann weiß ich, wer der Kommandant ist. Und
+weil die Frau mehr Intelligenz besaß als einer der drei Männer, ihr
+eigener Mann eingeschlossen, so wußte ich auch, wer das Hirn
+des Unternehmens war. Nur die mickrigen Spitzbuben und die
+Centavos-Wegelagerer sind verdreckt, verlaust und mit Lumpen behangen.
+Zwischen einer intelligent geführten Räuberbande und einer gewissen
+Sorte von Bankgeschäften, wo der Präsident im eleganten Automobil fährt,
+ist der Unterschied nicht so groß, wie man meint. Innerhalb der modernen
+Zivilisation ist das beste Schutzmittel für alle Handlungen und Dinge
+ein wohlanständiges Äußere und ein gutbürgerliches Gesicht. Ehrlichkeit
+und Ehrbarkeit müssen nach allen Seiten ausstrahlen, dann kann man im
+Schatten tun, was man will, ohne je Verdacht auf sich zu laden. Und wenn
+die Frau mir in Gegenwart der Männer sagte: „Morgen schicke ich Ihnen
+Eier und Fleisch hinunter!“ so sagte sie damit: „Wehe den Knechten hier,
+wenn du morgen nicht in voller Gesundheit in deinem Hause bist, um dich
+an dem zu laben, was ich dir schicken werde.“
+
+Die Männer hatten das Kommando verstanden. Der Doktor mußte dem Geschäft
+erhalten bleiben. Wir kamen friedlich zu meinem Bungalow. Als wir uns
+„Buenas noches!“ sagten, fühlte ich, daß mir der Onkel drei Pesos in die
+Hand drückte. „Nehmen Sie“, sagte er, „eine kleine Vergütung.“
+
+„Entschuldigen Sie“, erwiderte ich, „von meinen Freunden nehme ich kein
+Geld für eine Hilfeleistung, die ich aus rein menschlichen Gründen getan
+habe und immer zu tun bereit bin, wenn ich dazu Gelegenheit habe.“
+
+Er hielt das Geld noch eine Weile hin, als ob er glaubte, es sei nur
+eine Höflichkeit von mir, so zu sprechen, und ich würde das Geld dann
+doch schon nehmen. Denn er, wie jeder im Dorfe, wußte recht gut, wie
+nötig ich drei Pesos hätte brauchen können. Aber ich lehnte noch einmal
+ganz entschieden ab und sagte: „Sie werden mich doch nicht etwa
+beleidigen wollen, Senjor!“
+
+„Ganz gewiß nicht“, sagte er und schob das Geld wieder in seine Tasche
+zurück. Dann fügte er hinzu: „Ich werde sehen, ich kann Ihnen gewiß
+morgen zwei Burschen schicken, die Englisch lernen wollen.“
+
+„Das ist schon besser“, meinte ich darauf. „Ich werde morgen früh zu
+Ihnen kommen, um zu sehen, wie es dem Jungen geht.“
+
+Er druckste, als ob er sagen wollte, das sei nicht nötig, und auch die
+beiden anderen Männer taten, als ob sie etwas dagegen einwenden wollten.
+Aber es mochte ihm wohl gleichzeitig einfallen, daß es vielleicht nötig
+sein könnte, noch mal nach dem Jungen zu sehen.
+
+„Gut, gut“, sagte er dann nach einer Sekunde. „Und nochmals ‚Gute
+Nacht!‘ und vielen, vielen Dank.“
+
+Am nächsten Morgen um neun Uhr machte ich mich auf, den Jungen noch
+einmal zu besuchen. Das ist ja so etwa die richtige Besuchszeit für
+tüchtige Doktoren.
+
+Ich hatte kaum das letzte Haus des Dorfes hinter mir gelassen, da traf
+ich auf den Onkel. Gleich hatte ich das bestimmte Gefühl, daß der Mann
+auf mich am Wege gewartet hatte, weil er vermeiden wollte, daß ich zu
+ihm ins Haus käme bei Tage. Ich war nicht einmal sicher, ob ich das Haus
+überhaupt wiedergefunden hätte. In der Tat, um es gleich jetzt zu sagen,
+als ich eine Woche später versuchte, das Haus zu finden, aus purer
+Neugierde, erlebte ich, daß ich mich so völlig im Busch verlief, daß ich
+erst nach Stunden und erst nach Einbruch der Dunkelheit meinen Weg ins
+Dorf zurückfand und auch nur dadurch, daß ich zu meinem Glück einen
+Kohlenbrenner antraf, der auf dem Heimwege war. Die Männer hatten mich
+in jener Nacht sehr geschickt so im Gestrüpp und im Busch herumgeführt,
+daß ich geglaubt hatte, die Richtung genau zu wissen, während sie
+durchaus falsch war.
+
+Der Onkel sagte mir: „Der Junge ist auf. Er ist heute mit den übrigen
+schon sehr früh fortgeritten. Es ging recht gut. Wir haben ihm den
+Verband so angelegt, wie Sie uns gesagt haben. Die Wunde war schon gut
+am Heilen. Und hier sind auch die Eier und das Ochsenfleisch, das Ihnen
+die Senjora gestern nacht versprochen hat. Es ist auch nicht gerade
+nötig, daß Sie im Dorf viel darüber reden. Die Leute denken dann gleich,
+daß da eine Schlägerei gewesen sein könnte, und das bringt den Jungen
+nur in einen schlechten Ruf. Verstehen Sie, Senjor?“
+
+„Ich verstehe, und ich habe auch gar keinen Grund, darüber zu sprechen.
+Jeder kann in eine solche Lage kommen.“ Dann brachte ich einen Zettel
+hervor: „Ich möchte Sie aber bitten, wenn Sie zur Stadt kommen sollten,
+mir die Medizinen zu kaufen, die ich hier aufgeschrieben habe und die
+ich in der Nacht alle aufbrauchen mußte.“
+
+„Natürlich, Senjor“, sagte der Mann und nahm den Zettel. Dann gingen wir
+unserer Wege.
+
+Als ich zu meinem Bungalow kam, saßen auf den Stufen die beiden neuen
+Burschen, die Englisch lernen wollten und es auch gleich versuchten. Sie
+bezahlten mir jeder zehn Stunden im voraus.
+
+Zwei Tage später, sehr früh am Morgen, fand ich, daß das Dorf von
+Soldaten umzingelt war. Keiner konnte hinaus aus dem Dorfe, aber wer
+draußen war, durfte hinein. Ein paar Häuser wurden oberflächlich
+durchsucht. Und eine große Anzahl von Einwohnern, Männer, Frauen und
+Kinder, wurden zusammengetrieben und auf dem Dorfplatze von Offizieren
+und einigen Beamten der Distriktpolizei vernommen.
+
+Ich hörte bald, was los sei. Einige Nächte vorher waren drei Haziendas
+von Banditen überfallen worden. Die Besitzer waren gebunden worden, und
+es war alles Geld, das gefunden oder erpreßt werden konnte, gestohlen
+worden. Dreißigtausend Pesos waren geraubt worden. Jedes Kind wußte, daß
+dies eine Lüge sei, denn kein Haziendabesitzer hält so viel Geld im
+Hause, und wenn er es vergraben hat, so sagt er es nicht und gesteht es
+auch nicht. Aber zweitausend Pesos alles in allem mochte richtig sein.
+
+Die Soldaten waren den Banditen gut auf der Spur. Die Spur führte hier
+in das Dorf. Und weil das Dorf als Banditennest berüchtigt war im ganzen
+Staate, so wären die Soldaten auch ohne Spur hierher gekommen.
+
+Ich schlenderte ruhig meiner Wege und wollte zum Dorfplatz gehen, um mir
+das Schauspiel anzusehen. Da kam mir einer der Bewohner entgegen.
+
+„Es ist nicht viel los, die Soldaten werden wohl am Nachmittag wieder
+abziehen müssen, ohne die Banditen hier gefangen zu haben. Sie suchen
+auch hier nur nach einem Burschen, der einem verwundeten Banditen
+fortgeholfen und ihn zur Flucht unterstützt hat. Wenn die Soldaten den
+Mann kriegen, dann wird er sofort vernommen und gleich auf dem Platze
+erschossen. Die Offiziere sagen, daß diese Art Leute schlimmer und
+gefährlicher seien als die Banditen selbst.“
+
+„Was hat denn der Mann getan? Wie kann er denn den Banditen zur Flucht
+verhelfen?“ fragte ich. „Die Banditen sind doch groß genug und schlau
+genug, sich allein fortzuhelfen. Die brauchen keine Hilfe.“
+
+„Hier liegt der Fall anders“, sagte nun wieder der Mann. Wir waren
+stehengeblieben. Er schien sehr froh zu sein, mich gefunden zu haben, um
+mir recht heiß alles das zu erzählen, was von den Offizieren und von den
+Soldaten erzählt worden war, was die Leute unter sich im Dorfe
+tuschelten, welche wilden Gerüchte herumschwirrten, und was er sich
+selbst dachte. Wäre alles das, was die Offiziere errieten, was die Leute
+im Dorf sich erzählten, was der eine vermutete und was hier mein
+Berichterstatter sich ausdachte, wäre das alles schön vereint und gut
+geordnet den Offizieren bekannt gewesen, so hätten sie damit einen
+Erfolg vielleicht erzielen können. Aber alle diese Zeugenansichten waren
+verstreut und darum wertlos.
+
+„Ja, hier liegt der Fall anders“, sagte der Nachbar. „Das ist so, sehen
+Sie, Senjor. Auf der letzten Hazienda, wo die Banditen waren, hat einer
+der Burschen, ein ganz junger noch, einen mächtigen Schuß ins Bein
+abgekriegt, vielleicht gar zwei Schüsse. Der Bursche hat tüchtig
+geblutet. Seine Freunde haben ihn aber doch fortgekriegt. Und sie sind
+bis hierher in dieses Dorf gekommen. Man hat sie hier gesehen, wie sie
+den Jungen auf dem Pferde weiterschleppten. Wo sie ihn hingetragen
+haben, weiß man nicht. Aber sie haben einen Doktor geholt. Keinen
+richtigen Doktor, sehen Sie, Senjor, aber einen, der das auch gut kann.
+Das hat man auch gesehen. Und gestern morgen war der Junge wieder
+gesund, und darum konnte er fortgeschleppt werden. Die Banditen sind
+gesehen worden von Männern, die im Busch arbeiten. Ohne den Mann, der
+kuriert hat, hätten die Banditen den Jungen nicht weiterschleppen
+können. Der Junge wäre gefunden worden von den Soldaten, die Soldaten
+hätten so erfahren können, wer er ist und zu welcher Familie er gehört.
+Dann hätten sie bald die ganze Bande gehabt.“
+
+„Und nun“, fragte ich, „ist keine Hoffnung mehr, die Banditen zu
+fangen?“
+
+„Wenig“, sagte der Mann. „Die Offiziere, seit sie wissen, daß der
+geschossene Bursche entflohen ist, suchen jetzt nur noch nach dem Manne,
+der kuriert hat und so den Banditen fortgeholfen hat. Die Offiziere
+sagen, sie wissen genau, daß er hier im Dorfe ist. Sie haben das ganze
+Dorf umstellt, er kann nicht fort. Sie suchen die Häuser ab, und wenn
+sie die Medizin finden, wissen sie gleich, wer es ist. Der Mann wird
+dann sofort hier abgeurteilt und auch gleich darauf erschossen wegen
+Banditenbeteiligung.“
+
+„Geschieht ihm ganz recht“, sagte ich. „Ein anständiger Mensch hilft
+keinem Banditen fort.“
+
+„Sie haben doch auch Medizin im Hause, nicht wahr?“ fragte mich nun mein
+Nachbar.
+
+„Ja, etwas, für den Notbehelf.“
+
+„Das ist nicht genug, was Sie haben“, sagte er darauf.
+
+In diesem Augenblick kam aus dem gegenüberliegenden Hause ein Offizier
+heraus mit einem Sergeanten und drei Soldaten, die in jenem Hause nach
+Medizin oder nach sonstigen Spuren gesucht hatten.
+
+Ich hatte in jener Minute auch nicht die geringste Neigung, mir Soldaten
+anzusehen, und ich wollte weiterschlendern. Aber mein Nachbar hielt mich
+am Arm und sagte: „Bleiben Sie ruhig stehen, Senjor, die tun uns
+nichts.“
+
+Ich hielt es auch für besser, stehenzubleiben, denn jetzt kam der
+Offizier auf mich zu, gefolgt von seinen Leuten.
+
+Da ich völlig unschuldig war, niemals verwundete Banditen kuriert hatte,
+niemals fliehende Banditen unterstützt hatte, so hatte ich keinen Grund,
+verlegen zu werden.
+
+„Welches ist Ihr Haus, Senjor?“ fragte der Offizier.
+
+„Da hinten, der Bungalow“, antwortete ich.
+
+„Haben Sie Medizin im Hause?“ fragte der Offizier sehr gleichgültig.
+
+„Ja, etwas.“
+
+„Was für welche?“
+
+„Eine halb aufgebrauchte Tube Mentholatum, Senjor“, sagte ich.
+
+„Können Sie Schußwunden kurieren?“ fragte er mich.
+
+„Ist jemand von Ihren Leuten geschossen worden?“ Ich fragte sehr
+erschreckt und mitleidig zugleich.
+
+„Ja“, sagte der Offizier.
+
+„Das tut mir so aufrichtig leid“, sagte ich traurig werdend. „Aber ich,
+ich kann kein Blut sehen, dann wird mir sofort schlecht, daß ich
+umfalle.“
+
+„So sehen Sie auch aus, Senjor“, sagte der Offizier laut auflachend.
+„Das ist mit euch Amerikanern allen so. Habt nicht die gesunden Nerven,
+die wir Mexikaner haben. Wir können Blut sehen, und wie! Natürlich keine
+Beleidigung gemeint, Senjor. Adios, und entschuldigen Sie mich, wenn ich
+Sie belästigen mußte. Wir sind hier im Dienst. Adios.“ Er schüttelte mir
+die Hand und ging.
+
+Mein Nachbar trottete hinter dem Offizier her, der ein weiteres Haus
+absuchen ging.
+
+Als ich jetzt allein stand und gerade überlegte, ob ich in mein Haus
+gehen sollte oder weiter im Dorfe herumstreifen, kam ein Junge auf mich
+zu, schon rufend, als er noch einige Schritte entfernt war: „Oiga,
+Senjor, ich bringe die Medizinen aus der Stadt; der Senjor sagt, es ist
+alles richtig bezahlt.“ Ich nahm ihm das Paket ab und schob es in meine
+Tasche.
+
+ * * * * *
+
+Sobald mein Mais eingebracht und verkauft war, hielt ich es für besser,
+die Gegend zu verlassen, ohne Weiteres abzuwarten.
+
+Es war einige Monate später, und ich saß im Eisenbahnzuge nach Mexiko
+City. Die Fahrt brachte, wie das oft vorkommt, Bekanntschaften zusammen,
+die eigentlich nicht zueinander gehören. Es war zwischen den Stationen
+Silao und Celaya, als zwei Herren, beide Mexikaner, die schon eine
+beträchtliche Strecke mit mir im selben Wagen fuhren, sich in meine
+Abteilung setzten und mich höflich fragten, ob ich nicht mit Ihnen
+einige Partien Domino spielen möchte. Ich sagte zu. Wir spielten um
+Bier, das wir im Zuge kauften, und das schon immer viel früher
+ausgetrunken war, ehe das Spiel entschieden hatte, wer das Bier zu
+bezahlen hatte. Die Bezahlung ging ziemlich gleichwertig herum, und wir
+regten uns nicht sonderlich auf.
+
+Der Zug bekam Verspätung, und wir wurden des Spiels überdrüssig. Die
+beiden Herren blieben in meiner Abteilung sitzen, und wir begannen zu
+schwätzen. Was man so in einem Eisenbahnzuge schwätzt.
+
+Es war ganz natürlich, daß wir auch auf die Amerikaner in Mexiko zu
+sprechen kamen. Immer, wenn irgendeine Bemerkung fiel, die wie eine
+Beleidigung gegenüber Amerikanern aufgefaßt werden mochte, setzten die
+Herren sofort höflich hinzu: „Sie verstehen, Senjor, das meine ich nur
+so im allgemeinen; ich habe keineswegs die Absicht, Sie oder irgend
+jemand von Ihren Freunden zu verletzen. Es ist ja auch nur der
+Unterhaltung wegen.“ Darauf lachten sie, und wenn ich vorsichtig etwas
+gegen die Mexikaner sagte, dann fügte ich auch hinzu, daß es nur der
+Unterhaltung wegen sei, und daß mir die Mexikaner ebenso lieb seien wie
+meine eigenen Landsleute, die auch nicht alle von Engeln ausgebrütet
+worden seien, und daß wir alle miteinander unsere tiefen Schattenseiten
+haben, ganz gleich welcher Nation wir angehören.
+
+„Das ist ganz richtig“, sagte der eine der Herren, „da haben Sie aber
+durchaus recht. Wir haben hier eine gute Anzahl von Amerikanern im
+Lande, die nichts als Unheil stiften.“
+
+„Weiß ich, Senjor“, fiel ich ein, „da sind die großen Ölmagnaten und die
+Minenkompanien und die Chiclekompanien und die großen Bankiers, die
+einen mexikanischen Staat nach dem andern annektieren wollen.“
+
+„Ja, die auch“, sagte der Herr, „aber an die habe ich gerade im
+Augenblick nicht gedacht. Ich meine eine andere Sorte von Amerikanern.
+Es kommt mir sehr oft so vor, als ob alles Gesindel von den Staaten, dem
+es dort oben zu heiß unter den Füßen wird, hier nach Mexiko kommt, um
+allen möglichen Unfug zu verrichten.“
+
+„Solche Leute gibt es“, bestätigte ich. „Wir haben wirklich viel
+Gesindel. Das ist wahr. Und Mexiko ist das nächste fremde Land, wo diese
+Burschen glauben, sicher zu sein.“
+
+„Aber nicht mit mir, Caballero, nicht mit mir“, ereiferte sich der
+kleine, etwas fette Herr. „Mit mir können diese Ihre Landsleute –
+entschuldigen Sie, daß ich sage paisanos, Landsleute, aber ich meine Sie
+ja nicht –, ja, also mit mir können diese Sträflinge nichts ausrichten.
+Ich bin ihnen heiß dahinter, si, Senjor. In meinem Distrikt können diese
+Burschen sich nicht halten, oder ich habe sie gleich am Kragen; und wenn
+sie hier etwas ausgenascht haben, dann sacke ich sie gehörig ein. Aber
+gehörig und dick. Und dann werden sie ausgeliefert, um daheim den Rest
+abzumachen, den sie sich dort aufgeknallt haben.“
+
+„Dann sind Sie wohl Staatsanwalt, Senjor?“ fragte ich.
+
+„Noch nicht, aber vielleicht eines Tages. Wer weiß. Probablemente. Nein,
+ich bin Polizeichef in dem Distrikt Conitaclapam. Kennen Sie den
+Distrikt, Senjor? Waren Sie da schon einmal oben?“
+
+„Nie in meinem Leben“, sagte ich, der Wahrheit gemäß. Einem Polizeichef
+gegenüber muß man immer die Wahrheit sagen, wie einem Richter, wie einem
+Staatsanwalt. Nur dann kommt man ungeschoren und fröhlich durchs Leben.
+Conitaclapam war jener Distrikt, wo ich meine abgefressene Baumwollfarm
+gehabt hatte, wo das Dorf, in dem ich wohnte, mit Banditen so
+vollgepfropft war, daß ich der einzige Bewohner war, auf den ich
+schwören konnte, daß er bestimmt kein Bandit war. Ich glaube, ich lasse
+das lieber sein, mit dem Schwören, und begnüge mich damit, zu sagen, daß
+jenes Dorf eine gute Anzahl von Banditen beherbergte, die alle
+miteinander so unschuldig aussahen wie Sir Austen Chamberlain auf einer
+Abrüstungskonferenz.
+
+Der Polizeichef wußte sofort, daß ich jene Gegend nicht kannte und nie
+gesehen hatte. Darum konnte er frischweg und freiheraus reden: „Ich habe
+da in meinem Distrikt eine gute Anzahl von Amerikanern leben, Farmer,
+Viehzüchter, Baumwollpflanzer, Ladeninhaber. Durchweg sehr anständige,
+ordnungsliebende Leute, die das Gesetz achten, pünktlich ihre Steuern
+und Abgaben entrichten und mir nie auch nur die geringste Sorge oder
+Schererei machen. Leute mit Bildung, fleißig, arbeitsam, sparsam,
+fortschrittlich. Ja, wie ich gestehen möchte, Leute, auf die Sie,
+Senjor, stolz sein dürfen. Landsleute von Ihnen, gegen die ich einen
+tiefen Respekt fühle, die mir jeden Tag willkommen sein würden als
+mexikanische Bürger.“
+
+„Ja, ich treffe hier in Mexiko genug solche tüchtigen Leute von uns.
+Wackere Pioniere, um die es schade ist, daß sie nicht daheim bleiben“,
+sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung.
+
+Der Polizeichef schien sich nicht viel aus meiner Meinung zu machen. Er
+war im Fluß und wollte reden. Was konnte ich dagegen tun? Ich ließ ihn
+weiterreden. Die größte Freude, die man Menschen machen kann, ist die,
+sie reden zu lassen, solange sie wollen, bis ihnen das Maul ausfranst.
+Man wird viel mehr geachtet, wenn man andere reden läßt, als wenn man
+selbst redet; denn kein Mensch hat auch nur das geringste Interesse
+daran, die Meinung eines andern zu hören.
+
+So redete der Polizeichef immer darauflos: „Aber außer solchen achtbaren
+Amerikanern, die in meinem Distrikt zu haben ich mich glücklich schätze,
+habe ich auch einiges Gesindel darunter. Und auch gleich das
+gefährlichste, das Ihr Land auszuspeien vermag. Entschuldigen Sie,
+Senjor, das ist natürlich nicht persönlich gemeint, in keiner Weise. Ich
+habe da in meinem Distrikt eine gute Zeit lang einen Burschen gehabt,
+der Ihrem Lande sicher keine Ehre macht, ein Bursche, von dem ich
+zehnmal schwören will, daß er in zwanzig Städten Ihres Landes gesucht
+wird wegen Raubmords, Postdiebstahls, Bankeinbruchs, Geldfälschung,
+Bigamie, Scheckradierung, Mädchenraubs, Gefängnissprengung,
+Opiumschmuggels und mehr solcher Dinge. Was er eigentlich in meinem
+Distrikt gemacht hat, oder wie er dahin gekommen ist, habe ich nie
+richtig erfahren können. Er hat da so getan, als ob er Baumwolle farmen
+wollte oder Öl bohren oder Kupferminen entdecken. Aber die Wahrheit ist,
+er ist nichts weiter gewesen als ein Landstreicher und Vagabund. Keinen
+ganzen Fetzen auf dem Leibe, wie mir die Leute sagen. Er hat weder die
+Pacht für das Land bezahlt noch die Miete für das Haus, in dem er
+wohnte.“
+
+„Vielleicht hatte der arme Bursche kein Geld“, wandte ich ein, meinen
+vom Unglück gejagten Landsmann verteidigend.
+
+„Mag sein“, sagte der Polizeichef. „Das will ich ihm ja auch nicht
+anrechnen. Dios mio, es kann ja jedem Menschen einmal eine Zeitlang das
+Feuer verregnen. Wenn er sonst anständig ist, habe ich gar nichts
+dagegen einzuwenden, wie er sich durchklammert durchs Leben. Aber was
+hat dieser Bursche dort getan, und das in meinem Distrikt –“
+
+„Was denn, Senjor?“ fragte ich, gespannt seiner Rede folgend.
+
+„Er hat gedoktert. Das würde ich ihm ja auch gar nicht so übelnehmen.
+Solange er die Leute nicht im Bauche herumoperiert, geht es mich gar
+nichts an, und ich frage kein Wort nach der Lizenz. Aber er hat alle
+Banditen, die wir anschossen, und die uns sicher in die Hände gefallen
+wären, wenn er nicht gewesen wäre, gesund kuriert, so daß sie uns alle
+entwischten und wir nie einen einzigen kriegen konnten. Er hat sie alle
+beschützt. Er hat jedes Haus gewußt, wo die Banditen sich versteckten,
+wenn wir hinter ihnen her waren. Er hat sie nicht nur kuriert, das wäre
+auch nicht das Schlimmste, aber er war so gerissen, so durch und durch
+getränkt mit allen Kniffen und Schlichen, daß er ihnen Zaubermittel gab,
+wodurch den Banditen da jeder Überfall glückte. Er hat mit
+Radioapparaten gearbeitet und mit Lichtsignalen, so daß jede Ankunft von
+Soldaten den Banditen lange vorher verraten war, ehe wir noch fünf
+Meilen vom Dorfe entfernt waren. Und was hat der Mann verdient! Die
+Banditen haben ihm die Tausende von Pesos nur immer so hingeschleppt ins
+Haus, ein Tausend Pesos nach dem andern. Der Mann hat mehr verdient als
+ich in meiner Stellung als Polizeichef. Dann hat dieser Vagabund alle
+Banditen englisch sprechen gelehrt, so daß sie bald darauf auch die
+amerikanischen Farmer überfallen konnten und den Farmern auf englisch
+das Geld auspressen konnten. Was bin ich hinter diesem Mann hinterher
+gewesen. Viermal war ich mit einer Kompanie Soldaten da, ihn zu fangen.
+Hat unserer Regierung sehr schwer Geld gekostet. Können Sie sich denken,
+Senjor. Denn wir können das nicht umsonst machen. Es ist alles sehr
+teuer. Und auch ein Polizeichef muß leben, er kann nicht alles nur aus
+reiner Liebe zu seinem Berufe tun. Man hat mir von der Regierung schwere
+Vorwürfe gemacht wegen der Banditen und mir dreimal mit Absetzung
+gedroht, wenn ich da nicht Ordnung schaffe. Aber ich habe das alles an
+die Regierung berichtet. Ein Bericht von sechzig Maschinenschriftseiten.
+Es wird jetzt bei der Regierung auch eingesehen, daß ich alles tat, was
+nur in der Macht eines sterblichen Menschen liegt, und man hat
+eingesehen, daß dieser Amerikaner die alleinige Schuld trägt, daß wir
+die Banditen nicht fangen können.“
+
+„Haben Sie ihn denn nicht einfangen können?“ fragte ich.
+
+„Nie“, sagte der Herr empört. „Nie zu fangen gewesen. Ist viel zu
+schlau. Gut gedrillt in den Strafgefängnissen seines Landes. Und dann
+hatte er doch auch alle die Banditen da im Bunde. Wie war denn da etwas
+zu erreichen? Ich kann gegen Menschen alles ausrichten, aber gegen
+Teufel bin ich machtlos. Das hat man bei der Regierung auch eingesehen.
+Wir werden ihn ja auch noch kriegen. Wir haben alle seine Personalien.
+Sind eingetragen in allen Ämtern der Republik.“
+
+„Wieviel kann er denn abbekommen, wenn er gekriegt wird?“
+
+„Entweder erschossen oder zwanzig Jahre nach den Maria-Inseln.“
+
+„Ist er denn nicht mehr in deinem Distrikt?“ fragte jetzt der andere der
+Herren, der halb zugehört, halb geschlafen hatte.
+
+„Nein, er hat sich fortgestaubt. Richtig ist, wir haben ihm den Distrikt
+so eingeheizt, daß er eines Nachts auf und davon gegangen ist. Und was
+soll ich Ihnen sagen, Senjor“, wandte er sich wieder an mich, „seitdem
+der Bursche hinaus ist aus meinem Distrikt, herrscht dort tiefe Ruhe,
+keine Banditenüberfälle. Die Zivilisation ist wieder eingekehrt in den
+an sich so friedlichen Distrikt. Sie dürfen mir aufs Wort glauben,
+Senjor, unsere Leute in jenem Distrikt sind alle friedliche und
+anständige Bürger, die in Ordnung ihrer Arbeit nachgehen. Freilich, wenn
+so ein Erzvagabund diese Leute unter seine unheilvolle Macht bekommt,
+dann – unsere Bürger sind ja auch nichts weiter als gewöhnliche Menschen
+–, was dann geschehen kann und geschieht, haben wir ja gesehen.“
+
+Wir waren inzwischen nach Juan del Rio gekommen, wo wir alle ausstiegen,
+um im Restaurant zu Mittag zu essen. Hier traf der Polizeichef zwei
+Diputados, zwei Abgeordnete, die er kannte, und die den gleichen Zug
+benutzten, um gleichfalls nach Mexiko City zu fahren. Als der Zug
+weiterfuhr, betrachteten die beiden Herren, die mit mir Domino gespielt
+hatten, es als angenehmer, sich für den Rest der Reise mit den Diputados
+zu unterhalten. Dadurch gelang es mir, mich unauffällig in einen andern
+Wagen zu schieben, so daß der Polizeichef mich nicht mehr sah und mich
+ebenso leicht und schnell vergaß, wie er mich kennengelernt hatte.
+
+Aber da mir alle Schliche und Kniffe wohl vertraut waren, wie mir
+amtlich bestätigt worden war, hielt ich es für gesünder, in der ersten
+Vorstadt von Mexiko City, wo der Zug hielt, auszusteigen und von dort
+mit der Straßenbahn nach der City zu fahren. Denn wenngleich ich
+unschuldig war wie ein frischgebadeter Cherubim, ist man erst einmal in
+den Schlingen des Gesetzes, dann ist es meist immer zu spät, seine
+Unschuld zu beweisen. Auf alle Fälle hat man einige Monate abzusitzen,
+und entschädigt wird man weder für das schlechte Essen, noch für das
+harte Bett, noch für die Läuse, die man bekommt.
+
+ * * * * *
+
+Hier kann ich ja nun in aller Ruhe erzählen, daß da einmal ein
+Polizeichef war, der sich so unfähig erwies, daß er selbst dann noch
+keinen Banditen erwischt haben würde, wenn er mit ihm Karten am selben
+Tisch gespielt hätte, und daß da ein Polizeichef war, der wohl wußte,
+daß er zu Unrecht Gehalt von der Nation bezog, der aber, um jenes Gehalt
+nicht zu verlieren, und um die Aussicht behalten zu können, weiter in
+den Ämtern hinaufzurücken, seine Unfähigkeit und seine Stupidität
+dadurch zu verdecken suchte, daß er einen Amerikaner in seinen Berichten
+anschuldigte, der Anführer von Banditen zu sein. Die Erde an den
+Stiefelsohlen jenes Amerikaners mag ja nicht ganz so unverdächtig sein,
+wie das hier dargestellt wird – denn jeder Mensch wünscht von sich nur
+Gutes zu berichten –, aber ganz so schlimm, wie es in den Berichten an
+die Regierung geschildert wurde, in sechzig Seiten Maschinenschrift, ist
+es doch nicht gewesen. Das soll keine Verteidigung sein, sondern nur die
+bleiche unbemalte Wahrheit.
+
+Außerdem ist es Wahrheit, daß die Banditenüberfälle in jenem Distrikt,
+von dem hier die Rede war, in letzter Zeit erheblich zugenommen haben.
+Das berichten die Zeitungen. Und die Regierung berichtet, daß sie drei
+Kompanien Soldaten in den Distrikt schicken wird, um Ordnung zu
+schaffen.
+
+Aber was auch alle berichten und sagen mögen, Zeitungen, Regierung und
+der Polizeichef, kümmert mich wenig. Was ich berichtet und gesagt habe,
+das ist die Wahrheit. Ich muß es wissen; denn ich war dabei. Alle
+übrigen, die berichten, waren nicht dabei. Und insbesondere die Tausende
+von Pesos, die mir in die Tasche berichtet wurden, habe ich nie gesehen
+und noch viel weniger gehabt. Mein ganzer Verdienst an jenen Geschäften
+war: sechzehn Eier, es können auch zwanzig gewesen sein, ich will um die
+Zahl nicht streiten; zwei Kilogramm gutes Ochsenfleisch, ich habe es
+nicht nachgewogen, weil man einer geschenkten Katze die Flöhe nicht
+berechnet, aber das Fleisch war gut; und ferner habe ich meine Medizinen
+ersetzt bekommen, die mir einen heißen Schrecken bereiteten, als sie mir
+laut entgegengeschrien wurden; und endlich bekam ich zwei Schüler in
+Englisch. Aber die kann ich als Lohn nicht zählen, denn ich mußte hart
+mit ihnen arbeiten, sie haben nichts bei mir gelernt, verließen mich
+nach zwei Tagen und wurden auf der Farm eines Amerikaners erwischt, als
+sie sechs Kühe in Englisch davon überzeugen wollten, ihnen lieber
+freiwillig zu folgen, als gezwungen, und mexikanisch mit ihnen zu
+ziehen. Aber auch daran war ich völlig unschuldig. Denn wenn jemand
+Englisch lernen will, ist es unhöflich, ihn zu fragen, ob er vielleicht
+die Absicht habe, amerikanischen Farmern in Mexiko in englischer Sprache
+Geld auszupressen. Wenn das Geld den Farmern erst einmal mit Erfolg
+ausgepreßt wurde, ist es ihnen ganz gleich, ob es ihnen in Englisch, in
+Spanisch oder in Chinesisch abgepreßt wurde. Es kommt auf keinen Fall
+wieder, selbst dann nicht, wenn ein geschickter Polizeichef es
+erfolgreich zurückerobern sollte. Was fort ist, das ist fort. In Mexiko
+so gut wie in den Staaten.
+
+
+
+
+ INDIANER-BEKEHRUNG
+
+
+Ein indianischer Häuptling kam eines Tages zu dem spanischen Mönch
+Balverde, der in Mexiko als Missionar tätig war, um den Indianern die
+wahre Lehre des Heils zu verkünden.
+
+Der Häuptling kam mit zwei Männern seines Stammes, die zu dem Rate
+gehörten, also Älteste oder Edle waren.
+
+Pater Balverde empfing den Häuptling höflich und ohne jegliche
+Überhebung. Es sei hier gesagt, daß die spanischen Mönche und Priester
+während der ersten drei Jahrhunderte spanischer Herrschaft in Mexiko die
+einzigen wahren und aufrichtigen Freunde der Indianer waren. Die Mönche
+und Priester haben in Wahrheit, von Ausnahmen abgesehen, die Indianer
+gegen die Brutalität der spanischen Ausbeuter und Goldjäger in einer
+Weise beschützt, die der katholischen Kirche hoch zu ihren Gunsten
+angerechnet werden muß. Meist freilich waren die Mönche und Missionare
+gezwungen, sich gegen ihre eigenen Bischöfe aufzulehnen, die, wenn es
+galt, die Indianer zu berauben, auszubeuten und zu versklaven, sich auf
+Seite der Krone und der Großgrundbesitzer stellten. Bischöfe waren und
+sind ja immer der Krone und dem Großkapital näher als die Mönche und
+Kapläne. Der große Zwiespalt zwischen katholischer Kirche und dem
+Indianer in Mexiko kam erst, seit Mexiko unabhängig wurde und als große
+indianische Schichten des mexikanischen Volkes, die intelligentesten
+indianischen Schichten, zu einem entschiedenen Fortschritt in Bildung
+und allgemeiner Zivilisation drängten, während die katholische Kirche in
+ihrer mittelalterlichen Macht über Geist und Erziehung gewaltsam
+beharrte, nicht ein Stück ihrer Macht und ihres Einflusses preisgeben
+wollte und sich im Zeitalter hochentwickelter Technik der notwendigen
+Bildung des Indianers widersetzte.
+
+Aber das, was hier erzählt wird, trug sich zu, als die katholischen
+Missionare noch unter den Indianern in Mexiko wirkten nicht mit dem
+Gedanken an eine Stärkung der irdischen und politischen Macht der
+Kirche, sondern mit dem aufrichtigen und durchaus ehrlichen Wunsche, den
+Indianer zu erlösen und ihm in brüderlicher Weise in das Paradies zu
+helfen. Die Mönche arbeiteten unter den Indianern so selbstlos und so
+interesselos zu jener Zeit, wie wohl selten irgendwo Missionare gewirkt
+haben. Sie brachten den Indianern nicht nur die Lehre des Heils, sondern
+sie brachten ihnen viel mehr Dinge, die dem Indianer schon hier auf
+Erden sehr nützlich waren und vielen von ihnen eine gewisse ökonomische
+Befreiung verliehen. Sie lehrten ihnen Hunderte von nützlichen
+Handwerken und Künsten; das Züchten von Seidenraupen, das Sticken feiner
+Handarbeiten, das Glasieren von Töpferwaren, um einiges zu nennen.
+
+So erscheint es durchaus natürlich, daß Indianer ganz freiwillig zu den
+Mönchen zuweilen kamen, um von der neuen Religion zu hören.
+
+Und das war es, was jenen Häuptling mit seinen beiden Begleitern zu dem
+Mönch Balverde führte.
+
+Der Häuptling sagte zu dem Mönch: „Mit unseren Göttern, besonders mit
+den großen, sind wir ganz zufrieden. Nur mit unseren Nebengöttern haben
+wir oft viel Sorge. Wenn wir Regen gebrauchen, dann schickt uns der
+Regengott keinen Tropfen, und wenn wir Trockenheit haben müssen, dann
+können wir tun, was wir wollen, und der Gott der trocknenden Winde ist
+nicht daheim für uns. So ist es mit manchen unserer kleinen Götter. Nun
+haben die Ältesten meines Stammes beraten und beschlossen, daß ich zu
+dir komme, Verkünder einer neuen Religion, zu hören, ob du uns bessere
+Götter anbieten kannst. Wenn wir lernen, daß deine Götter besser sind
+als unsere, dann sind wir willens, deine Götter anzunehmen und die
+unsrigen zu vergessen. Erzähle uns, mir und meinen beiden Beratern, von
+deiner Religion. Wir wollen dir gut zuhören und alles, was du uns von
+deinen Göttern sagst, wollen wir getreulich unserem Volke daheim
+berichten und dir dann zu gelegener Zeit unseren Entschluß mitteilen.“.
+
+Der Pater Balverde, ohne viel unnötigen Pomp zu machen, erzählte in
+schlichter Weise die Grundgeschichten des Evangeliums auf, in klaren
+unverbrämten Sätzen, so wie man die Geschichte einem Kinde erzählen
+würde. Alles das, was verwirren könnte, ließ er vorläufig aus. Darin tat
+er recht, und er bewies damit, daß er es wohl verstand, mit den
+einfachen Menschen, wie seine Besucher waren, gut umzugehen.
+
+Der Häuptling hörte stundenlang zu, ohne den Mönch auch nur ein einziges
+Mal zu unterbrechen.
+
+Als der Mönch geendet hatte, sagte der Häuptling: „Mein guter Freund,
+ich habe vernommen, was du mir und meinen Beratern erzählt hast. Ich
+könnte dir gleich jetzt darauf antworten. Aber du hast so ehrlich
+erzählt, daß es meinem Herzen weh tun würde, dir sofort zu antworten,
+denn ich könnte voreilig reden und damit dir und deinen Göttern Schmerz
+zufügen. Das ist ganz gewiß nicht mein Wille. Ich werde nun zur Nacht
+schlafen gehen, hier in diesem Ort, und ich werde im Schlafe wohl
+überdenken, was du mir gesagt hast. Und morgen früh will ich kommen und
+dir sagen, was ich denke und was ich in mir beschlossen habe. Dann ist
+es nicht länger mehr voreilig, sondern wohl bedacht, und es sind dann
+meine wahren Worte. So kann es dann weder dich noch deine Götter
+schmerzen, weil es meines ruhigen Denkens klare Frucht ist. Und wenn man
+wohlüberdacht und ehrlich seine Wahrheit sagt, so kann kein Gott zürnen,
+denn es ist Gott selbst, der diese Wahrheit in mein Herz legt. Bist du
+dessen zufrieden, mein Freund?“
+
+„Gewiß, mein Bruder“, sagte der Pater, „ich bin dessen durchaus
+zufrieden. Gott und die Heilige Jungfrau werden deine Gedanken lenken
+und dich und die Deinen zu dem alleinigen Heil führen. Gehe mit Gott!“
+
+Am nächsten Morgen, als der Pater die Messe in der Kapelle des Ortes
+gelesen hatte und sich gerade zum Frühstück hinsetzte, kam der Häuptling
+mit seinen beiden Beratern, um seine Antwort zu bringen.
+
+Der Mönch wollte sofort mit dem Häuptling sprechen. Aber der Häuptling
+sagte: „Ich sehe, daß du bereit bist, zu essen. Es ist für dich besser,
+du ißt ruhig dein Mahl, denn du bist gewiß hungrig. Das würde dich
+eilfertig machen. Und Religion ist nichts in Eile, nicht meine und gewiß
+auch nicht die deine. Iß, und wenn du gut gegessen hast, werden wir
+sprechen.“
+
+Als der Mönch nun gegessen hatte, kam er hinaus; und er, der Häuptling
+und dessen beide Berater, setzten sich unter einen Baum, der dicht bei
+der Kapelle stand.
+
+Der Mönch fragte nicht und drängte nicht. Er wartete ruhig, bis der
+Häuptling zu reden begann.
+
+Sagte der Häuptling: „Ich habe wohl überlegt in meinem Herzen alle
+Worte, die du mir gesagt hast. – Dein Gott ließ sich auspeitschen. Ist
+das so?“
+
+„Ja, um die Sünden der Welt auf sich zu laden“, sagte der Pater.
+
+„Er ließ sich bespucken, beschimpfen, mit Schmutz bewerfen, ließ sich
+verhöhnen als ein närrischer König, ließ sich in Verhöhnung einen Hut
+aus Dornen aufsetzen. Ist das so?“
+
+„Ja, um die Sünden der Menschen auf sich zu laden“, sagte der Pater
+wieder.
+
+„Er ließ sich an einen Balken nageln und starb dort schmählich wie ein
+kranker Hund. Ist das so?“
+
+„Ja, um die Menschen von allen Sünden zu erlösen“, sagte der Pater.
+
+Darauf sagte der Häuptling sehr ruhig: „Das ist es, was mir Gott ins
+Herz gab in der Nacht: Jemand, der nicht durch seine Person den Menschen
+genügend Respekt einflößen kann, daß sie nicht wagen, ihn zu bespucken,
+zu beschimpfen, zu verhöhnen und mit Kot zu bewerfen, kann kein Gott für
+einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht wehren kann und nicht
+wehren mag, hat kein rotes Blut und keinen Mut. Eine solche Person kann
+kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht befreien
+kann und nicht befreien will von dem Balken, auf den sie genagelt ist,
+kann keine Menschen erlösen und kann darum kein Gott für einen Indianer
+sein. Eine Person, die auf einen Balken genagelt, jammert und winselt
+wie ein altes Weib, kann kein Gott für einen Indianer sein.“
+
+Der Häuptling wollte fortfahren in seiner Rede; aber eine solche tiefe
+Ruhe, wie der Häuptling gestern während der Rede des Mönches gezeigt
+hatte, konnte der Mönch nicht bewahren.
+
+Er fiel dem Indianer in die beginnende neue Rede: „Das alles tat mein
+Gott mit Absicht, um die Menschen zu erlösen; er wollte leiden, um für
+alle Menschen zu leiden.“
+
+Darauf sagte der Häuptling: „Du sagst, er ist ein allmächtiger Gott,
+dein Gott, und ein Gott unendlicher Liebe. Ist das so?“
+
+„Ja, das ist wahr.“
+
+„Ist er wahrhaft allmächtig, dein Gott, warum nimmt er nicht alle Sünden
+und Missetaten von den Menschen, ohne zu leiden, ohne sich verhöhnen zu
+lassen, ohne jämmerlich winselnd zu sterben? Und wenn er wahrhaft ein
+Gott unendlicher Liebe ist, warum läßt er die Menschen in ihren Sünden
+leiden, und warum läßt er sie Sünden überhaupt begehen? Nur um dieses
+große, so jämmerlich vorübergehende Schauspiel aufführen zu können? Ein
+Gaukler kann kein Gott für einen Indianer sein.“
+
+„Aber“, unterbrach der Mönch wieder, „das tat Gott, damit die Menschen
+durch eigenes Verdienst und durch Glauben sich das ewige Leben verdienen
+sollen.“
+
+Sagte der Indianer ruhig: „Warum der Umweg, mein Freund? Warum verdienen
+müssen, was ein Gott unendlicher Liebe und unendlicher Allmacht den
+Menschen umsonst geben kann, wie meine Mutter mir alles und alles
+umsonst gibt aus Liebe, und nicht darum fragt, ob ich es verdiene, ob
+ich an sie glaube, ob ich sie anbete. Sie würde mir alles in Liebe
+geben, ohne zu rechten und ohne zu handeln, selbst dann, wenn ich sie –
+mein Gott möge mich davor behüten –, selbst dann, wenn ich sie
+beschimpfen, verspotten oder gar schlagen würde. Meine Mutter ist größer
+als dein Gott; denn sie hat mehr unendliche Liebe, mehr unendliche
+Vergebung und weniger Verlangen für Glauben und Gebete als dein Gott.“
+
+Der Pater wich aus und führte das Gespräch hinweg nach einer anderen
+Lehre, von der er aus Erfahrung wußte, daß sie einen großen Eindruck auf
+die Indianer, die er bisher getroffen hatte, zu machen pflegte.
+
+Er sagte: „Aber mein Gott ist nicht gestorben, wie du meinst und wie du
+gewiß gestern überhört hast. Mein Gott ist nach drei Tagen von den Toten
+auferstanden und in großer Pracht hinauf zum Himmel gefahren.“
+
+„Wie oft?“ fragte der Häuptling kurz und trocken.
+
+Ein wenig erstaunt antwortete der Pater: „Aber – natürlich nur einmal.“
+
+„Und ist er, ich meine dein Gott, seitdem schon einmal wieder
+zurückgekommen?“ Auch das fragte der Häuptling ebenso kurz und trocken
+wie vorher.
+
+„Nein“, sagte der Mönch, „er ist nicht wiedergekommen seitdem, aber er
+hat verheißen, er wird dereinst wiederkommen, zu richten und zu –“
+
+Diesmal fiel der Häuptling ihm in das Wort: „– und zu verdammen.“
+
+„Ja“, sagte der Mönch, nun ein wenig erregt werdend, „ja, um zu
+verdammen alle und alle, die nicht an ihn glauben und die an seinen
+Worten herumkratzen und die Lehre des wahren Heils nicht erkennen
+wollen, wenn sie ihnen mit offenen Händen dargebracht wird und für
+nichts zu haben ist.“
+
+Der Häuptling ließ sich von der Erregung des Mönches nicht mit
+fortreißen. Als der Pater geendet hatte, sagte der Indianer ruhig: „Und
+das ist es, was Gott mir als letztes Wort ins Herz gelegt hat: Mein Gott
+stirbt jeden Abend für uns, seine indianischen Kinder, um ihnen Kühle zu
+bringen, Ruhe und Frieden. Er stirbt in tiefer, goldener Schönheit,
+nicht verhöhnt, nicht angespeit, nicht mit Kot beworfen. Er stirbt schön
+wie ein wahrhaft großer Gott. Aber am Morgen steht er wieder auf von den
+Toten, zuerst von den Schleiern des Todes noch umhüllt, dann aber
+glitzern seine goldenen Speere über das blaue Firmament, und endlich
+steht er da groß, golden und mächtig, Licht, Wärme, Schönheit und
+Fruchtbarkeit spendend, den Blumen Duft und Farben gebend, den Vögeln
+süße Lieder lehrend, dem Mais Kraft und Gesundheit in die Kolben
+flößend, den Früchten Süßigkeit und heilende Säfte einhauchend, mit den
+Wolken spielend jagen im Meer der blauen Lüfte. Und gleich meiner
+geliebten Mutter ist mein Gott, gebend und gebend und gebend, keine
+Gebete verlangend, keine Gebete erwartend, keinen Glauben gebietend und
+niemals verdammend. Und wenn der Abend kommt, stirbt er wieder dahin in
+rot-goldener Pracht, nicht verhöhnt, nicht winselnd, sondern in einem
+ruhigen, tiefen Frieden verheißenden Lächeln; mit dem letzten Zucken
+seiner müde werdenden Augen seine indianischen Kinder segnend. Und am
+Morgen ist er wieder da am Firmament, der ewig junge, ewig strahlende,
+ewig schenkende, ewig sich neugebärende, ewig wiederkehrende, große,
+goldene Gott der Indianer. Und so sagte mir Gott als letztes Wort in
+mein Herz: Tausche deinen Gott nicht, mein guter Sohn, denn es ist kein
+größerer Gott als dein Gott, der lachende Gott, der in seinen Strahlen
+jauchzt und singt, kein schönerer und kein edlerer Gott ist in der
+weiten Welt, als der im flutenden Golde badende Gott, als der herrliche
+strahlende Gott des Indianers.“
+
+Und als der Häuptling das gesagt hatte, dankte er dem Pater Balverde für
+die Freundlichkeit, die er ihm erzeigt hatte. Dann rollte er seine
+Decke, auf die er gesessen hatte, zusammen, warf sie sich über die
+Schulter, und er ging, gefolgt von seinen Begleitern, zurück zu seinem
+Volke.
+
+Der Stamm wohnt in der nördlichen Hälfte der Sierra Madre. Er ist bis
+zum heutigen Tage ohne die Lehre des wahren Heils geblieben. Bei dem
+raschen Zerfall der katholischen Kirche in Mexiko ist nunmehr jegliche
+Hoffnung für uns geschwunden, jenen Stamm und einige zwanzig andere
+Indianerstämme in Mexiko dereinst im Paradiese als geflügelte
+Harfenschläger und Posaunenbläser begrüßen zu können. Wir werden es als
+gute Christen in tiefer Demut und völliger Unterwerfung unter dem Willen
+anderer geziemend zu ertragen wissen. Halleluja!
+
+
+
+
+ DER NACHTBESUCH IM BUSCH
+
+
+ Der Doktor
+
+Undurchdringlicher Dschungel bedeckt die weiten Ebenen der Flußgebiete
+des Panuco und des Tamesi. Zwei Bahnlinien nur durchziehen diesen
+neunzigtausend Quadratkilometer großen Teil der Tierra Caliente. Wo sich
+Ansiedelungen befinden, haben sie sich dicht und ängstlich an die
+wenigen Eisenbahnstationen gedrängt. Europäer wohnen hier nur ganz
+vereinzelt und wie verloren. Die ermüdende Gleichförmigkeit des
+Dschungels wird von einigen sich langhinstreckenden Höhenzügen
+unterbrochen, die mit tropischem Urbusch bewachsen sind, der ebenso
+undurchdringlich ist wie der Dschungel, und in dessen Tiefen, wo immer
+Dämmerung herrscht, alle Mysterien und Grauen der Welt zu lauern
+scheinen. An einigen günstigen Stellen, wo Wasser ist, sind kleine
+Indianerdörfer über die Höhen verstreut; Wohnplätze, die schon dort
+waren, ehe der erste Weiße das Land betrat. Sie liegen fernab der
+Eisenbahn. Auf Eselskarawanen werden die Waren, die hier gebraucht
+werden, hauptsächlich Salz, Tabak, billige Baumwollhemden, Zwirnhosen,
+Musselinkleider, spitze Strohhüte für die Männer und schwarze
+Baumwolltücher für die Frauen herbeigebracht. Als Tausch werden Hühner,
+Eier, Eselsfüllen, Ziegen, Papageien und wilde Truthähne gegeben.
+
+Dort wohnte ich, tief im tropischen Busch, allein, in einer primitiven
+Hütte, die ich mir selbst gebaut hatte, nach Indianerart, ohne einen
+Nagel zu gebrauchen.
+
+Vierzig Minuten Ritt brachte mich zu meinem nächsten weißen Nachbar,
+einem Arzt aus Arkansas, namens Wilshed. Alle übrigen Menschen meiner
+Nachbarschaft, von denen keiner näher wohnte als dreißig Minuten, waren
+Vollblutindianer. Das nächste Dorf war elf Meilen entfernt, die nächste
+Eisenbahnstation, wo zwei weiße Familien wohnten, siebzig Meilen.
+
+Doktor Wilshed wohnte in einem Bungalow, einem einfachen Bretterhaus,
+das zwei Räume hatte. Er lebte dort mutterseelenallein, betrieb ein
+wenig Landwirtschaft, hatte drei Kühe, hundert Hühner, zwanzig
+Bienenstöcke, zwei Pferde und drei Maultiere. Zwei Indianerfamilien, die
+etwa eine Meile entfernt wohnten, auf dem Abhange des Höhenzuges, waren
+seine nächsten Nachbarn. Die Männer jener beiden Familien waren bei ihm
+als Farmarbeiter beschäftigt. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte
+der Doktor mit Lesen. Wenn er nicht las, dann saß er auf der Veranda
+seines Bungalows und sah unverwandt hinunter auf die unermeßlich weite
+Ebene, die sich vom Fuße des Höhenzuges an bis fern hinter den Horizont
+hinzog. Dschungel, Dschungel, nichts als Dschungel. Zuweilen fiel mir
+die Einsamkeit des Busches heftig auf die Nerven; denn es kam vor, daß
+ich zwei volle Wochen kein menschliches Antlitz sah. Wenn es gar zu
+unerträglich wurde, wanderte ich hinauf zum Doktor, nur um einen
+Menschen zu sehen, eine menschliche Stimme zu hören und zu fühlen, daß
+ich nicht allein sei auf der großen Welt. Aber der Doktor war
+schweigsam. Der tropische Busch macht schweigsam und denkend, und der
+Doktor lebte hier ein Menschenalter, hatte sich hierher verkrochen,
+wahrscheinlich weil er die Menschen nicht ertragen konnte, oder weil er
+eine Enttäuschung erlebt hatte, aus der seine Seele zu retten eine
+Flucht in den tropischen Busch die einzige Lösung gewesen war.
+
+Wir konnten oftmals Stunden nebeneinander auf der Holzbank seiner
+Veranda sitzen, ohne daß wir ein Wort sprachen. Über uns selbst hatten
+wir nichts zu reden, über andere wollten wir nicht reden; und da auch
+keiner von uns so närrisch war, dem andern seine Ansichten über Welt und
+Geschehen aufzudrängen, wußten wir in der Tat nicht, was und worüber wir
+hätten reden sollen. Aber die Schweigsamkeit des Doktors war doch
+oftmals beängstigend. Es kam vor, daß er einen Satz begann, in dem er
+ein Erlebnis, das er hier in den Tropen gehabt hatte, zu erzählen
+gedachte. Aber wenn der Satz zur Hälfte gesprochen war, zündete er sich
+seine Pfeife an und vergaß, den Satz zu beenden. Entweder es reute ihn
+plötzlich, irgendeines seiner zahlreichen Abenteuer mitzuteilen und es
+dadurch aus seinem Privatbesitz fortzugeben, oder aber er hatte seinen
+Satz im stillen zu Ende gedacht, während er glaubte, er habe ihn
+gesprochen. Er konnte häufig nicht entscheiden, ob er etwas gesagt oder
+nur gedacht hatte.
+
+„Haben Sie jemals ein Buch geschrieben?“ fragte ich ihn eines Tages.
+
+„Ein Buch?“ gab er zur Antwort. „Ein Buch? Viele.“
+
+„Worüber, Doktor?“
+
+„Über – was ich hier gesehen habe, was ich hier in den Jahren gedacht
+habe, was Tiere taten, was Tiere mögen gedacht und gesagt haben, was der
+Busch mir erzählte und die Musik, die ich hier gehört habe.“
+
+„Veröffentlicht?“
+
+„Niemals. Jedesmal, wenn ich ein Buch vollendet hatte, las ich es, fand
+es gut und zerriß es. Warum sollte ich denn meine Bücher
+veröffentlichen? Ich hatte meine Freude und meinen Genuß, wenn ich sie
+schrieb. Für die Leute? Ich möchte wissen, warum? Die haben so viele
+gute Bücher, die sie nicht lesen. Warum sollte ich ihnen noch mehr
+geben? Zudem würden die Leute meine Bücher gar nicht glauben. Sie würden
+mich für unsinnig erklären, und ich müßte mich vielleicht gar noch mit
+ihnen herumstreiten, um sie zu überzeugen, daß ich recht habe und daß
+ich die Wahrheit sprach. Immerhin, es ist mir ganz gleichgültig. Ich bin
+auch der Meinung, daß die besten Bücher, die jemals geschrieben wurden,
+entweder auf Papier oder im Geist, diejenigen sind, die niemals
+veröffentlicht wurden. Hinter jedem veröffentlichten Buche liegt etwas
+auf der Lauer, das nicht zugunsten des Werkes spricht und das den
+Menschen hindert, das Beste zu schaffen, dessen er fähig ist.“
+
+Ich hatte zuweilen das Empfinden, daß der Doktor vor langer Zeit schon
+gestorben sei, daß er es selbst nicht wisse, daß er tot sei, und daß er
+darum hier noch sitze, weil niemand da sei, der sehen könne, daß er tot
+sei, und niemand komme, ihn zu begraben. Wenn man sorgfältig um sich
+blickt, wird man leicht finden, daß eigentlich nur die Menschen sterben
+und begraben werden, die Erben haben oder für die jemand zu sorgen hat.
+
+Wenn der Doktor mir erzählt hätte, er säße hier bereits vierhundert
+Jahre und sei mit den ersten Weißen hier angekommen, ich würde es ihm
+ohne weiteres geglaubt haben.
+
+
+ Des Doktors Bibliothek
+
+Eines Morgens kam ich zum Doktor, und er empfing mich so: „Hören Sie
+einmal, Gale! Sie wissen, ich habe für die States nicht viel übrig. Das
+Land hat aufgehört, jenes freie Land der Vorkriegszeit zu sein. Der
+Krieg für die Freiheit anderer Völker hat es völlig verdorben. Da ist
+zuviel Regieren, zuviel Kommandieren, zuviel Verbieten, zuviel Gesetze,
+und es wimmelt von Beamten. Es ist eine große Kinderbewahranstalt
+geworden. Ein Grund mehr unter vielen, warum ich nie zurückkehre. Aber
+jetzt habe ich eine wichtige Reise dorthin zu unternehmen, ich habe
+etwas zu kaufen, ein paar Bücher, hinter denen ich seit Jahren herjage.
+Seien Sie doch so gut und ziehen Sie während meiner Abwesenheit in meine
+Höhle. Wenn ich die Bude unbewohnt lasse, finde ich weder ein Dach noch
+eine Kaffeetasse wieder, wenn ich heimkomme. Die guten Leute können
+keinen Nagel sehen, ohne ihn rauszuziehen und mitzunehmen, wenn sie
+Gelegenheit dazu haben.“
+
+„Gar keine Frage, Doktor, natürlich ziehe ich rüber“, sagte ich.
+
+„Das ist recht. Nehmen Sie mein Pferd und holen Sie Ihr winziges Gelumpe
+her. Bei Ihnen bricht man nicht ein, da ist nicht viel zu holen.“ Er
+lächelte. Mein Haus hatte er zwar nie gesehen, aber ein Indianer hatte
+ihm offenbar erzählt, daß es nur eine Grashütte war.
+
+Nachdem ich meine Krümel herübergebracht hatte, setzte er sich aufs
+Pferd und trabte zur Station, wo er das Pferd bei einem Farmer
+unterstellen konnte. Als er etwa fünfzig Schritte geritten war, drehte
+er sich um und rief: „Vergessen Sie nicht, die Eier aus den Nistkörben
+zu nehmen, und melken Sie die Kühe. Sie können nicht verhungern. Sie
+finden alles, was Sie benötigen, in den Kisten.“
+
+Ein paar Stunden lungerte ich um das Haus herum, um mich zurechtzufinden
+für alle Fälle. Im Laufe des Spätnachmittags kam ich an seine
+Bibliothek, die sich in einem roh gearbeiteten Schranke befand.
+
+Die Mehrzahl der Bücher handelte von den alten mexikanischen Völkern,
+deren Geschichte, Zivilisation und Religion. Viele der Bücher waren mit
+Bildern und Karten ausgestattet. Da waren Bücher und unveröffentlichte
+Handschriften, die bis zum sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert
+zurückreichten. Diese Bibliothek war ein Vermögen wert, und der Doktor
+ließ sie in meiner Obhut, ohne sie auch nur zu erwähnen, als ob es sich
+um Werke handele, die man in jedem Laden kaufen könne.
+
+Ich lebte nun in diesem Wunderlande seit vielen Jahren. Ich hatte mit
+Indianern gelebt, die nicht wußten, was eine Geldmünze bedeutet, die mir
+zwei große schwarze Diamanten anboten für meinen Jagdrevolver, den ich
+aber nicht entbehren konnte und ihnen statt dessen zweihundert Pesos in
+blankem Golde bot. Das lehnten sie ab und erklärten das Geld für
+wertlos. Viel hatte ich in jenen Jahren gelernt über das Land, seine
+Reichtümer, seine weißen und kupferfarbenen Bewohner, deren
+Zukunftsaussichten und Entwicklungsmöglichkeiten.
+
+Doch von der Vergangenheit des Landes und seiner Bewohner wußte ich
+nichts.
+
+
+ Eine neue Welt steigt auf
+
+Ich stürzte über jene Bücher her, wie man es nur kann, wenn man Monate
+und Monate kein Buch gesehen hat und man plötzlich Bücher zur
+unbeschränkten Verfügung hat, die zu lesen man seit Jahren ersehnte.
+
+In kürzerer Zeit, als ich gedacht hatte, lag ich in den festen Banden
+jener Bücher. Sie hielten mich so gefesselt, daß ich vergaß, mir mein
+Essen zu kochen. Ich trank die Milch, wie ich sie molk, und schluckte
+die Eier roh, um nur keine Zeit für meine Bücher zu verlieren. Den
+ganzen Tag, während die Sonne herunterglühte, man sich wie in einem
+Backofen fühlte, und mehr als die halbe Nacht saß ich über den Bänden,
+von der Furcht gejagt, der Doktor könnte zurückkommen, ehe ich die
+Bücher zu Ende gelesen hätte.
+
+War es möglich, daß Menschen und Völker dieser Art hier auf dieser Erde,
+wo ich jetzt stand, gelebt, geliebt und gelitten hatten? Konnte es
+wirklich wahr sein, daß auf diesem Kontinent Menschen und Völker von
+hoher Kultur gelebt hatten sechstausend Jahre vor jener dunklen
+Fabelzeit, die wir als den Anfang der menschlichen Geschichte
+bezeichnen?
+
+Von nun an betrachtete ich das Land mit anderen Augen als zuvor. Wenn
+ein Indianer zufällig vorüberkam oder vor dem Hause um einen Trunk
+Wasser bat, dann forschte ich sorgfältig in seinem Antlitz nach einer
+Ähnlichkeit mit jenen alten Königen, Fürsten und Häuptlingen, deren
+Bilder ich in jenen Büchern gesehen hatte. Und in der Tat, ich fand
+überraschende Ähnlichkeiten. Jedoch nicht zufrieden damit, ihre
+Gesichter, ihre Gesten, die Art ihres Ganges, den Tonfall ihrer Stimme
+zu studieren, ich begann, die Leute gelegentlich auszufragen. Ich war
+nicht wenig erstaunt, als ich vernahm, daß diese Leute die Vergangenheit
+ihres Volkes gut kannten, daß sie die Geschichte ihres Volkes, ihre
+Balladen, die Taten ihrer großen Männer, ihre Religionslegenden durch
+mündliche Überlieferung von Generation zu Generation erhalten hatten.
+Viele jener Indianer beteten noch ihre alten Götter an, während alle
+übrigen die Hunderte von Heiligen, die ihnen ganz unbegreiflich
+erscheinende unbefleckte Empfängnis sowie die ihnen ebenso
+unverständliche Dreieinigkeit derart mit ihrer alten Religion verwirrt
+hatten, daß sie in ihren Herzen und ihren Vorstellungen die alten Götter
+hatten, während sie auf den Lippen die Namen der unzähligen Heiligen
+trugen.
+
+
+ Die Begegnung im Busch
+
+Um mich ein wenig wieder in dieser Welt zurechtzufinden, mein Hirn ein
+wenig zu entlasten und meine Beine nicht steif werden zu lassen, machte
+ich mich eines Morgens auf den Weg, um eine lange Wanderung durch den
+Busch zu unternehmen.
+
+In weiter Tiefe des Busches, in einer Umgebung, die wegen der Entfernung
+von jeglicher menschlichen Behausung und wegen der Abgelegenheit selbst
+von den primitiven Buschpfaden beklemmend unheimlich wirkte, traf ich
+einen Indianer an, der dort Holzkohle brannte. Ich würde nie an jene
+Stelle gekommen sein, wenn ich nicht Rauch hätte aufsteigen sehen,
+dessen Ursache ich finden wollte.
+
+Es war gewiß ein hartes Leben, das dieser Mann führte. Wochenlang in der
+Tiefe des Busches lebend, ganz allein, unzähligen Gefahren, an denen der
+tropische Busch so reich ist, ausgesetzt, um einige Ladungen Holzkohle
+abliefern zu können, die er auf seinem Esel zu den weitverstreuten
+Siedelungen schleppte, um einen lächerlich kleinen Geldbetrag dafür zu
+erhalten.
+
+Der Indianer saß vor dem rauchenden Erdhügel und starrte bewegungslos
+den ruhig aufsteigenden Rauchfähnchen nach. Er war ein schmächtiger
+Mann, dem man aber achtunggebietende Kräfte zugestehen durfte; denn die
+Ebenholzbäume zu fällen und sie für den Verkohlungshügel zuzuhacken,
+verlangt alles an Kraft, was ein Mensch hergeben kann, und diese harte
+Arbeit in tropischer Sonnenglut zu verrichten, setzt eine Zähigkeit des
+Körpers voraus, die eine schwächliche oder untergehende Rasse nicht
+aufbringen kann. Was mir an diesem Manne eigentümlicherweise sofort
+auffiel, waren der merkwürdig traurige Ausdruck seiner Augen und die
+feine Gliederung seiner schönen schmalen Hände, deren rassiger Bau so
+ehern unverwüstlich war, daß die harte Arbeit des Holzfällens ihre edle
+Form nicht beeinflussen konnte. Er trug einen dünnen Schnurrbart und am
+Kinn dünne Flusen, die er wahrscheinlich für einen Vollbart hielt. Ich
+setzte mich zu ihm nieder, gab ihm Tabak, und wir kamen nach und nach
+ins Erzählen.
+
+„Sie haben richtig geraten, Senjor, meine Vorfahren sind einst stolze
+Fürsten unter den Panukesen gewesen, angesehen weit über die Grenzen der
+benachbarten Stämme hinaus. Der letzte jener Tapferen wurde von den
+Spaniern gehenkt wegen Rebellion gegen die Fremdherrschaft. Wäre es
+seiner Frau und seinen Kindern nicht rechtzeitig geglückt, in die Berge
+zu flüchten, wohin zu folgen die Spanier sich fürchteten, säße ich nicht
+hier. Das war in jener Woche, in der die Spanier ein Blutbad unter
+meinem Volke mit dem Hängen von fünfhundert Häuptlingen, unter denen
+mein Vorfahr sich befand, würdig feierten.“
+
+„Glauben Sie, daß dieses Land jemals wieder zu solcher Macht gelangen
+wird wie damals, ehe die Spanier kamen?“
+
+„Das Gehen unseres Volkes ist langsam. Wir haben Zeit. Die weißen Männer
+haben keine Zeit. Aber können Sie nicht hören, Senjor, wie alle
+nichtweißen Völker der Erde ihre Glieder regen und strecken, daß man das
+Knacken der Gelenke über die ganze Welt vernehmen kann?“
+
+Etwas unsicher sagte ich: „Dagegen werden wir uns zu wehren wissen.“
+
+„Womit?“ fragte er ruhig und ohne jede Ironie. „Womit? Mit Ihrer
+Zivilisation? Die ist nicht stark genug, Senjor. Sie hat ja keine
+tragende Idee. Ihre Zivilisation wird nur von einem einzigen Gedanken
+geleitet, und der heißt: Geld. Mit Geld kann man Geschäfte machen, aber
+keine Seelen erwärmen.“
+
+Ich jagte heim und stürzte wieder über die Bücher her. Neue Fragen
+hatten sich mir aufgedrängt, und ich suchte nach Lösungen, suchte nach
+einer Andeutung dessen, was uns bevorstand. Wenn irgendwo, dann war in
+diesen Büchern der Schlüssel zu finden zu jenem großen Tor, dessen
+Öffnung mich die Zukunft unserer Rasse sehen ließ.
+
+Wie im Fieber las ich und las, fiel nach Mitternacht wie mit Blei
+ausgefüllt in mein Bett und stand auf bei den ersten Strahlen der Sonne
+mit dumpfen Gliedern. Doch als meine Schläfen zu hämmern begannen, mein
+Blut durch die Adern raste, als wolle es jeden Augenblick überkochen,
+zwang ich mich gewaltsam zur Ruhe und zu mehr gleichmäßigem Studium. Auf
+diese Weise zog ich einen erheblich größeren Gewinn aus meinem Lesen.
+Ich fing an, ernsthaft zu studieren anstatt nur zu lesen.
+
+Nichtsdestoweniger aber lebte ich in einem andern Zeitalter. Keine
+Gelegenheit, zu einem Menschen zu sprechen oder eine menschliche Stimme
+zu hören, vergaß ich Zeit und Ort und meine eigene Person. Ich konnte
+sprechen wie jene Personen, die in den Büchern erschienen, oder glaubte
+wenigstens, es zu können; ich konnte deren Gedanken denken, ich konnte
+in meiner Vorstellung deren Ideen über Welt und Leben wachrufen, ohne
+daß mir der Vorgang selbst zum Bewußtsein kam.
+
+Diese Gefühle waren besonders stark am Abend und in den frühen
+Nachtstunden, wenn alle Türen des Bungalows weit offen standen und der
+ewig-singende Busch mir im Ohr summte.
+
+
+ Der Nachtbesuch
+
+Es war eines Abends zwischen zehn und elf etwa, als ich meine Augen
+erhob von einem Buche über die Zivilisation der Tezkuken. Nein, um genau
+zu sein, ich war gezwungen, meine Augen zu erheben; denn ich hatte das
+Empfinden, daß jemand im selben Zimmer sei mit mir, und daß ich seit
+einiger Zeit aufmerksam beobachtet würde.
+
+Wie ich zu diesem Empfinden kam, ist seltsam genug. Mein aktiver, mein
+handelnder Sinn war voll beschäftigt mit dem Buche, das ich las. Dagegen
+hatte mein inaktiver Sinn, der unbewußte, die Vorgänge, die sich während
+meines Lesens abspielten, sorgfältig aufgenommen und festgehalten.
+Dieser unbewußte Sinn, hier als Schutzinstinkt wirkend, wurde stärker
+mit jeder Sekunde und zeigte einen unzweifelhaften Drang, meine
+Aufmerksamkeit von dem Buche abzulenken und mich auf irgend etwas
+aufmerksam zu machen, das für mich eine Gefahr bedeuten könne. Immerhin
+lag eine unmittelbare Gefahr nicht vor, was ich auffallend klar im
+Unterbewußtsein fühlte und was mich auch veranlaßt hatte, das Rufen des
+inaktiven Sinnes für ein Anklopfen überarbeiteter Hirnzellen, die sich
+nach Ruhe sehnten, zu halten. Aber der inaktive Sinn zeigte sich endlich
+doch als der stärkere, und mit einem letzten heftigen Anprall zerbrach
+er meine Konzentration, und mein aktiver Sinn gehorchte dem zähen Ruf.
+
+Ich wendete den Kopf. In der Mitte des Raumes stand ein Indianer. Kein
+Zweifel, er stand dort seit einer geraumen Weile. Sein Blick ruhte auf
+meinem Gesicht, und taktvoll und geduldig wartete er darauf, daß ich ihn
+anreden möchte.
+
+In diesem Augenblick war ich fähig, genau die Zeile, ja das Wort zu
+zeigen, das ich in dem Augenblicke las, als der Mann das Zimmer betreten
+hatte.
+
+Augenscheinlich war der Mann die Holztreppe, die zur Veranda führte,
+heraufgekommen und geräuschlos eingetreten.
+
+Es ist hier nicht Sitte, irgendein Haus, und sei es noch so primitiv, zu
+betreten, ehe man sich nicht durch einen Gruß oder ein Rufen bemerkbar
+gemacht und der Inwohner gesagt hat: „Pase!“ Die Mehrzahl der Häuser,
+die der Indianer alle, haben keine Türen, und wenn sie welche haben,
+werden sie mit Bast oder einem Bindfaden geschlossen. Ginge man auch nur
+bis vor die offene Tür, ohne daß man sich durch ein Geräusch ankündigte,
+würde man die Hausbewohner oftmals in die allerpeinlichste Verlegenheit
+bringen, weil die Hütten meist ja nur einen Raum haben. Dieser Mann
+hatte sicherlich verschiedene Male gerufen, um meine Aufmerksamkeit auf
+sich zu lenken. Da ich so versunken in meinem Studium war, hatte ich es
+nicht gehört, und er, mich am offenen Fenster lesen sehend, war dann
+zögernd ins Haus gekommen, weil er mich aus irgendeinem Grunde sprechen
+mußte und er keine andere Möglichkeit sah, sich bemerkbar zu machen.
+
+Da stand er, bewegungslos wie eine Säule. Als ich ihn ansah, beugte er
+ein Knie, berührte mit der flachen Hand den Fußboden, erhob dann die
+Hand bis zu seinem Scheitel, das Innere der Hand mir zugekehrt, und mit
+dieser Geste stand er gleichzeitig auf.
+
+Eine seltsame Form der Begrüßung, dachte ich, eine Art des Grußes, wie
+ich sie bisher von einem Eingeborenen nicht gesehen hatte.
+
+„Guten Abend!“ sagte ich zu ihm in Spanisch.
+
+„Nacht ist kalt und lang“, begann er zu reden. „Schweine stören mich.
+Entsetzlich ist es, o Herr, sich nicht verteidigen zu können. Gebaut mit
+heiliger Sorgfalt, sicher zu sein für die Ewigkeit. Doch es zerfällt und
+bricht. Lang ist die Nacht, dunkel und kalt. Denken Sie, o Herr, die
+Schweine. Schweine sind das Grauen.“
+
+Er erhob seinen Arm und deutete nach einer bestimmten Richtung.
+
+Nicht wissend, was für eine Antwort ich ihm geben sollte, da ich nicht
+verstand, wovon er überhaupt redete, beugte ich mich über mein Buch, um
+einen Augenblick Zeit zu gewinnen, meine Gedanken, die offenbar in
+Verwirrung geraten waren, zu ordnen. Es war in der Tat für mich nicht
+ganz klar, ob mein Geist sich in einem Zustand fieberischer Erregung
+befand als eine Folge des unaufhörlichen Lesens, oder ob ich wirkliches
+Geschehen erlebte. Die Gedanken fingen an, in meinem Hirn so
+durcheinanderzuwirbeln, daß ich nicht in der Lage war, zu entscheiden,
+wo die Wirklichkeit aufhörte und die Einbildung begann.
+
+Nur um etwas zu reden, sagte ich: „Was meinen Sie eigentlich? Um die
+Wahrheit zu sagen, ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Reden
+Sie im Zusammenhang, lieber Mann.“
+
+Er aber war bereits gegangen, ebenso geräuschlos, wie er gekommen war.
+Mit einem Satze war ich an der Tür. Ich wollte gewiß sein, ob meine
+Sinne bereits so weit herunter waren, daß sie mir Erscheinungen
+vorgaukeln konnten, oder ob ich wirklich soeben einen Menschen gesehen
+und gesprochen hatte.
+
+Dank den Göttern, ich war gesund, mein Geist war klar: Dort, im bleichen
+Licht des zunehmenden Mondes, sah ich ihn dahinschreiten,
+schattengleich. Groß war er nicht, mehr von knabenhafter Gestalt,
+schlank gebaut, reines unvermischtes Indianerblut.
+
+Ich kehrte zurück zu meinem Tisch und versuchte, mich seiner Worte zu
+erinnern. Seltsam genug, ich konnte seine Worte nicht wiederfinden. Und
+es kam mir zu Sinn, daß er nicht Spanisch gesprochen hatte, daß er keine
+Sprache gebraucht hatte, die ich kannte; aber dennoch hatte ich ihn
+vollkommen verstanden, der Inhalt seiner Sätze war mir deutlich, nur der
+Zusammenhang fehlte mir.
+
+War sein Gruß nicht der gleiche gewesen, wie er bei den alten
+indianischen Völkern im Gebrauch war? Aber das war ja offenkundiger
+Unsinn. Meine Bücher hatten meine Gedanken verwirrt.
+
+Dagegen wenn ich nun seine Erscheinung in mein Gedächtnis zurückrief: Er
+war in Lumpen gekleidet. Das wieder war nichts Auffallendes, denn die
+Mehrzahl der Indianer laufen in zerfetzten Hosen und Hemden herum.
+Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein
+richtiges Hemd angehabt. Die Lumpen, mit denen er behangen war, hatten
+ausgesehen wie die verrotteten Überreste eines sehr kostbaren uralten
+Stoffes; ein merkwürdiges phantastisches Gewebe, wie ich mich kaum
+erinnerte, irgendwo gesehen zu haben, es wäre denn in einem Museum.
+
+Jedoch kein Zweifel bestand darüber, daß seine Oberarme sowie die Enkel
+seiner Füße mit Goldreifen geschmückt gewesen waren, daß er eine
+Halskette trug, die ein Goldschmied verfertigt hatte, der ein großer
+Künstler war.
+
+Und dennoch, je deutlicher alle die Einzelheiten in mein Gedächtnis
+zurückkehrten, je klarer wurde mir, daß ich nichts von alledem gesehen
+hatte, was ich glaubte, bemerkt zu haben. Ich hatte den armen Indianer
+lediglich mit all jenen Äußerlichkeiten ausgestattet, die ein Merkmal
+jener Völker waren, über die ich gerade las. Die höchste Zeit, sagte ich
+zu mir selbst, mit diesen Dingen nun ernsthaft Schluß zu machen und den
+Weg zu meinem Jahrhundert und zur nüchternen Wirklichkeit, in der die
+Postsäcke ratternd einige tausend Meilen weit durch die Lüfte geworfen
+werden, zurückzukehren.
+
+Ich klappte mein Buch zu und ging zu Bett.
+
+
+ Die drei Schweine
+
+Am nächsten Morgen bemerkte ich drei Schweine, zwei schwarze und ein
+gelbes, die sich um das Haus herumtrieben. Ich hatte sie bereits bei
+zwei, drei anderen Gelegenheiten gesehen. Jetzt aber betrachtete ich sie
+mit Interesse, denn sie erinnerten mich an meinen Besucher in der
+vergangenen Nacht, der von Schweinen gesprochen hatte. Was diese
+Schweine jedoch mit ihm zu tun hatten, konnte ich nicht herausfinden.
+
+Sicher waren sie das Eigentum einer der Indianerfamilien, die weiter
+unten am Abhang des Höhenzuges wohnten. Die Schweine werden hier kaum
+gefüttert, haben auch keinen Stall, deshalb müssen sie herumlaufen und
+sich ihr Futter selbst suchen. Ihren Besitzer erkennen sie nur daran,
+daß er ihnen Wasser gibt, sie ab und zu an einen Baum bindet und sie
+endlich, nachdem er ihnen zwei Wochen lang täglich einen Sack voll
+Maiskolben vorgeworfen hat, dem Zweck ihrer Bestimmung zuführt. Aber es
+kommt nicht vor, daß Schweine sich so weit von ihrem Besitzer entfernt
+herumtreiben, weil in seiner Nähe schon immer einmal ein Löffel voll
+gekochter Bohnen vor die Tür fallen könnte, die ein Schwein nicht gern
+missen möchte.
+
+Jedenfalls konnte ich keinen Zusammenhang mit diesen sehr natürlich
+aussehenden Schweinen und meinem Besucher sehen. Wenn es seine Schweine
+waren und er nicht wünschte, daß sie sich hier oben herumtrieben, so war
+es sein Geschäft und nicht meines, sich um sein Viehzeug zu kümmern.
+Überdies, wenn ich es recht bedachte, war es höchst eigentümlich, daß
+mich der Mann mitten in der Nacht seiner Schweine wegen belästigte.
+
+Etwas konnte ich immerhin für den Mann tun. Ich warf mehrere Steine nach
+den Schweinen, und sie verließen den Vorplatz vor dem Bungalow. Sie
+liefen aber nicht den Pfad hinunter, der zu ihren Eigentümern führen
+mußte, sondern sie bogen nach einer Weile von dem Pfade ab und trotteten
+auf einen Hügel zu, der sich in etwa dreihundert Schritt Entfernung vom
+Hause befand und der völlig mit dichtem Buschwerk bewachsen war.
+
+Es schien, daß sie dort in der Nähe reichlich Futter fanden, denn ich
+bemerkte, daß sie durch das Gebüsch hin und her krochen für eine Weile,
+bis ich jegliches Interesse an ihnen verlor und die Hühnernester
+absuchen ging, weil ich Hunger bekam.
+
+
+ Der zweite Besuch
+
+Drei Tage später, wie gewöhnlich über meinen Büchern sitzend, gegen elf
+Uhr nachts, hatte ich plötzlich dasselbe seltsame Gefühl, das mich in
+jener Nacht aufgescheucht hatte, als der Indianer in mein Haus gekommen
+war.
+
+Ein Frösteln lief mir über den Rücken, als ich, zur Seite blickend,
+meinen indianischen Besucher im Zimmer stehend fand, mich schweigend,
+aber unverwandt beobachtend.
+
+Doch dieses Gefühl des Unbehagens verflog sofort, weil mich die Wut
+packte, die zu verbergen ich mich keineswegs bemühte, als ich den Mann
+fragte: „Wie sind Sie denn hier hereingekommen? Was denken Sie sich denn
+eigentlich, daß Sie sich solche Freiheiten erlauben? Das ist doch hier
+kein öffentliches Gebäude. Das ist ein Privathaus, verstehen Sie? Und
+ich wünsche, daß Sie es als ein Privathaus respektieren. Was, zum
+Teufel, wollen Sie denn eigentlich? Wenn Sie einen Schweinehirten
+suchen, dann sehen Sie sich anderswo um. Ich mag Schweine nicht.“
+
+Ich polterte die Sätze heraus, mehr um mein Sicherheitsgefühl
+wiederzugewinnen und jenes Frösteln loszuwerden, als um dem Manne wehe
+zu tun.
+
+Er starrte mich an mit weit geöffneten Augen und mit einem Ausdruck des
+Gesichts, als müsse er vorsichtig den Sinn meiner Sätze erst ergründen,
+ehe er darauf antworten könne.
+
+Dann sagte er: „Auch ich fürchte Schweine. Sie sind so grauenhaft! Oh,
+so sehr grauenhaft!“
+
+Kurz angebunden erklärte ich: „Das geht mich nichts an. Schlagen Sie die
+Biester tot und kochen Sie das Fett aus, wenn sie Ihnen unbequem sind.
+Aber lassen Sie mich nun endlich damit in Ruhe.“
+
+Ich sah ihm ins Angesicht. Seine Augen blickten so traurig, daß ich
+plötzlich heißes Mitleid mit ihm empfand.
+
+„Sehen Sie hier, o Herr!“ Er deutete auf seine Wade. Gräßlich! Einige
+Zoll über dem Knöchel befand sich eine furchtbar aussehende Wunde.
+
+„Das haben die Schweine getan.“ Durch seine Stimme klang jetzt ein Ton,
+der es mir schwer machte, nicht anzufangen zu weinen. Mein übermüdetes
+Hirn begann sich zu rächen.
+
+„O grauenhaft! O grauenhaft! Und gleichzeitig zu wissen, daß man ganz
+hilflos ist, daß man sich nicht einmal gegen solch wüstes Getier
+schützen kann. Flehen Sie alle Schicksalsmächte an, daß Ihnen nicht ein
+gleiches Los beschieden werde. Es wird nicht lange währen und diese
+entsetzlichen Tiere werden an meinem Herzen nagen, und sie werden mir
+die Augen ausfressen, bis jener Tag des Grausens kommen wird, wo sie
+mein Hirn schlürfen werden. Oh, Herr und Freund, bei allem, was Ihnen
+heilig ist, helfen Sie mir, erretten Sie mich aus meiner namenlosen
+Pein. Ich leide mehr, als ein Mensch ertragen kann. Was mehr noch kann
+ich sagen, um Sie von meinen Qualen zu überzeugen!“
+
+Nun endlich wußte ich, was der Zweck seines Besuches war. Der Mann
+glaubte, ich sei der Doktor. Es war allgemein bekannt, daß der Doktor
+nicht praktizierte; da aber der nächste Arzt etwa fünfundachtzig Meilen
+entfernt wohnte, leistete Doktor Wilshed auf Verlangen in sehr
+dringenden Fällen erste Hilfe. Augenscheinlich litt der Mann
+entsetzliche Schmerzen.
+
+Nach langem Suchen fand ich in einer Kiste die Medikamente. Ich nahm
+eine Binde heraus, Baumwolle und Salbe.
+
+Als ich mich nun dem Manne näherte, ihm die Binde anzulegen, trat er
+zwei Schritte zurück und sagte: „Das ist nutzlos. Es sind die Schweine,
+die ich fürchte und die mir Qualen bereiten, nicht die Wunde, die ich
+kaum beachte. Diese Wunde ist für mich nur das Zeichen dessen, was noch
+folgen wird.“
+
+Auf seine Weigerung nicht achtend, langte ich energisch nach seinem
+Bein. Aber ich tappte in die leere Luft. Etwas verwirrt sah ich auf, und
+ich nahm wahr, daß der Mann noch einen Schritt weiter zurückgegangen
+war. Lächerlich, wie leicht man sich täuschen läßt, ich konnte schwören,
+daß meine zupackende Hand an derselben Stelle gewesen war, wo sein Bein
+stand.
+
+Ich gab meinen ärztlichen Beistand auf und ging zum Tisch, wo ich
+stehenblieb und ihn beobachtete.
+
+„Das sind ganz wundervolle Schmucksachen, die Sie da tragen“, sagte ich.
+„Wo haben Sie die erhalten?“
+
+„Mein Neffe hing sie über mich, als ich ihn verlassen mußte.“
+
+„Scheinen sehr alt zu sein. Antike Arbeit.“
+
+„Sind sehr alt“, bestätigte er. „Sie gehören zum Schatze meiner
+königlichen Familie.“
+
+Ich konnte es nicht vermeiden, zu lächeln, was er aber nicht zu bemerken
+schien, oder er war zu höflich, es zu sehen. Spaßhafte Leutchen, diese
+Indianer. In Lumpen gekleidet, wohnend in elenden Grashütten, selten im
+Besitz der paar notwendigen Münzen, um sich rohes Leder für Sandalen zu
+kaufen, tragen sie dennoch Diamantringe an den Fingern.
+
+Wieder begann ich nüchterne Wirklichkeit und den Inhalt der Bücher, die
+mich in Atem hielten, miteinander zu verwirren. „Mein Neffe gab sie
+mir.“ Aber das war ja ein Brauch bei den Azteken, bei den Panukesen, bei
+vielen anderen indianischen Völkern, wo nie der Sohn, sondern der Bruder
+oder der Neffe Thronerbe war. So ging das nicht weiter. Ich mußte unter
+Menschen gehen; die Einsamkeit des tropischen Busches bekam mir nicht,
+ganz besonders nicht, wenn ich nichts tat, als derartige Bücher zu
+lesen.
+
+„Nun muß ich gehen!“ Er unterbrach meine wandernden Gedanken. „Vergessen
+Sie nicht, daß es die Schweine sind, mein Herr. Einige große schwere
+Steine werden genügen. Es ist so hart, um Hilfe bitten zu müssen, aber
+ich kann mich nicht verteidigen. Ich bin ja so sehr hilflos.“
+
+Aus seinen traurigen Augen rollten Tränen langsam an seinem Gesicht
+herunter, obgleich er sich bemühte, ihnen Einhalt zu gebieten.
+
+Dann erhob er seine Hand, führte sie an seine Lippen, hob sie hoch über
+sein Haupt und hielt die innere Handfläche eine kleine Weile gegen mich
+gekehrt. Und ich erkannte, daß seine Hand von einer edlen Form war, die
+ich irgendwo gesehen hatte. Wo aber, konnte ich mich nicht erinnern.
+Auch bemerkte ich zum ersten Male, daß er einen Bart trug, der zwar Kinn
+und Backen hinreichend umrahmte, aber doch sehr dünn erschien. Und
+obgleich einen solchen Bart gesehen zu haben ich mich nicht erinnerte,
+rief er doch etwas, das mit merkwürdig gesprochenen Sätzen verknüpft
+war, in mir wach, über das ich nachzugrübeln begann, ohne es finden zu
+können.
+
+Ich riß mich von dieser verwirrenden Gedankenkette los, um den Mann nach
+seiner Wohnung zu fragen, was zu wissen mir plötzlich und ganz ohne
+Grund ungemein wichtig erschien.
+
+Aber er war bereits gegangen.
+
+Ich sprang zur Tür.
+
+„Wahrlich! Er schreitet wie ein König!“ sagte ich zu mir selbst, als ich
+ihn den Pfad dahingehen sah.
+
+Wie wunderschön war die Nacht! Sie war gekleidet in den magischen
+Silberschimmer des Vollmondes, der steil über meinem Scheitel stand. Die
+zauberhafte Sonne der Tropennacht. Die Dinge standen in diesem Lichte da
+in einer so unheimlichen Schärfe, als müsse sich in jeder Minute etwas
+Unerhörtes ereignen. Es lag ein Warten in diesem Lichte, als würden
+diese grellbeleuchteten, schreckhaft lebendig erscheinenden Dinge mit
+dem nächsten Atemzuge einen gellenden Schrei ausstoßen, um den Schatten
+aufzujagen, der schwer und schwarz und wuchtig auf ihren Füßen lastete.
+Und der in der Luft hängende Schrei fiel auf mein Herz und machte es
+stocken, als der Indianer stehenblieb, sich umwandte und mir sein
+Gesicht zukehrte, in dem ich jede Linie, ja selbst jede Pore deutlich
+sehen konnte, obgleich er dreihundert Schritte beinahe entfernt war. Nun
+erhob er den Arm und deutete nach jenem Hügel, wohin sich die drei
+Schweine verzogen hatten, nachdem ich sie mit Steinen fortgejagt hatte.
+
+Dann verließ er den Pfad und ging auf den Hügel zu. Das Gebüsch reichte
+ihm zur Schulter. Langsam stieg er den Hügel hinauf, bis er die Höhe
+erreicht hatte, wo das dichte Gebüsch so hoch stand, daß es ihm weit
+über den Kopf reichte und es auf mich den Eindruck machte, als habe ihn
+das Gestrüpp verschluckt; denn ich sah ihn nicht mehr.
+
+
+ Eine Entdeckung
+
+Sobald die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen war, nahm ich mein
+Buschmesser und schlug mir einen Pfad durch zu jenem Hügel. So
+sorgfältig ich auch das Gebüsch untersuchte, ich konnte den Weg nicht
+finden, den der Indianer in der verflossenen Nacht gegangen war. Nichts
+war niedergetreten, kein Zweig abgebrochen. Es war eine harte Aufgabe,
+ihm auf seinem Wege zu folgen. Ich hatte mir vorgenommen, ihn in seiner
+Hütte aufzusuchen. Vielleicht konnte ich eines seiner einzigartigen
+Schmuckstücke gegen ein Paar Stiefel oder ein Hemd oder Sattelzeug
+eintauschen.
+
+Als ich endlich den Hügel erreichte, machte ich eine merkwürdige
+Entdeckung: Der Hügel war nicht ein natürlicher Haufen Erde oder ein
+Felsblock, wie ich geglaubt hatte, sondern er war künstlich aus
+gehauenen Steinen und Mörtel aufgebaut. Dem Anschein nach zu urteilen
+war er einige hundert Jahre alt. Das dornige dichte Gebüsch hatte ihn
+völlig bedeckt und sich in das Mauerwerk festgewurzelt und eingefressen.
+Diese unerwartete Entdeckung ließ mich ganz vergessen, dem Indianer
+nachzulaufen.
+
+Ich hieb das Gebüsch nieder und machte eine weitere Entdeckung:
+Steinstufen führten in östlicher Richtung auf die Oberfläche des Hügels.
+Der Hügel selbst war etwas mehr als drei Meter hoch. Oben hatte er eine
+viereckige ebene Fläche, die wohl drei Meter im Geviert war.
+
+Eine Seite des Hügels war durchwühlt, und da hier das Buschwerk
+niedergetrampelt war, schien diese Wühlerei ganz kürzlich getan worden
+zu sein. Kein Zweifel, die Schweine hatten das neulich verübt, als sie
+hier herumlungerten. Als ich dieser Wühlerei nachging, fand ich, daß die
+Schweine sich durch das Mauerwerk gearbeitet hatten, das an dieser
+Stelle zu zerfallen begann und bloßlag.
+
+Wenn irgendwo, dann lag hier das Geheimnis verborgen, das mich
+beschäftigte. Hier war die Erklärung zu suchen für alles, was in den
+letzten Tagen geschehen war.
+
+Ich eilte zurück zum Hause und holte mir Pickhacke und Schaufel. Stein
+um Stein, Brocken um Brocken brach ich heraus, bis das Loch groß genug
+war, um meinen Oberkörper hindurchzuzwängen. Ich zündete ein Streichholz
+an.
+
+Doch kaum flammte es auf, als ich es mit einem unartikulierten Schrei
+fallen ließ und mich so rasch hinausquetschte, daß sich Schultern, Brust
+und Rücken mit blutenden Schrammen bedeckten. Dann, im hellen
+Sonnenlichte vor dem Loche sitzend und meinen Atem wiederfindend, dachte
+ich, daß Augen doch recht unzuverlässig sein können.
+
+Ursprünglich hatte ich die Absicht gehabt, den Hügel unberührt in jener
+Form zu lassen, in der ich ihn gefunden hatte. Doch nun blieb mir keine
+andere Wahl. Ich hatte den Kopf des Hügels aufzubrechen, um das
+blendende Tageslicht hineinfluten zu lassen und dem Innern der Höhle die
+unerträgliche Geisterhaftigkeit zu rauben.
+
+Harmlosere Dinge als das, verborgen in dieser Höhle, können einem im
+Dschungel oder im tropischen Busch ein tieferes Grauen einjagen. Eine
+zwanzig Zentimeter große behaarte Spinne, die einem über das Gesicht
+läuft, oder ein fünfunddreißig Zentimeter großer schwarzer Skorpion, der
+sich ins Zelt oder in die Hütte geschlichen hat, erfüllen einen häufig
+genug mit größerem Entsetzen als das Begegnen mit einem Tiger, wenn man
+nichts weiter in der Hand hat als einen Stock.
+
+Ich beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen. Das Unbestimmte mochte sich
+in meiner Einsamkeit, besonders zur Nachtzeit, vielleicht schwerer auf
+die Nerven legen als das klare festumgrenzte Wissen, wenn es auch noch
+so Grauenhaftes aufweisen sollte.
+
+
+ Der Panukese ist tot
+
+Gegen Mittag war ich, trotz der Gluthitze, so weit mit meinem Ausgraben
+gekommen, daß der Inhalt der Höhle offen im hellen Licht des Tages lag.
+
+Es ist ganz gewißlich wahr, ich war weder geistesgestört noch träumte
+ich. Wäre ich im Zweifel gewesen, die Blasen an meinen Händen und die
+Müdigkeit meines Körpers hätten mich eines Besseren belehrt.
+
+Da, in jener Höhle, deren Mauerwerk so fest gefügt war, als wäre es
+beste Betonarbeit, befand sich mein Besucher, jener Indianer, der mich
+zweimal des Nachts in meinem Hause gesprochen hatte. Er saß auf dem
+Boden der Höhle in hockender Stellung. Die Ellbogen ruhten auf den
+Knien. Sein niedergebeugtes Antlitz war verborgen in seinen Händen.
+
+Er war tot. Tot seit vier-, fünfhundert Jahren, vielleicht viel länger,
+und er war begraben worden mit unnennbarer Sorgfalt, aus der Liebe
+sprach und Ehrfurcht zugleich. Die Höhle war durchaus luftdicht
+abgeschlossen gewesen bis vor wenigen Tagen, wo die Schweine angefangen
+hatten, dort herumzuwühlen. Sein Aussehen war nicht das einer
+ägyptischen Mumie. Vielmehr sah er ganz so aus, als wäre er vor drei
+Tagen erst gestorben.
+
+Die Lumpen, in die er gekleidet war, erschienen im hellen Tageslicht
+noch bei weitem kostbarer und reicher in ihrer ursprünglichen Herkunft
+als in der Nacht. Die Schmucksachen, die er trug, waren Meisterstücke
+hochentwickelter Goldschmiedekunst, und ich hatte nie zuvor irgendwo
+Arbeiten von solcher Vollendung gesehen.
+
+Plötzlich bemerkte ich, daß seine Wade angefressen war, und gerade an
+jener Stelle, die er mir in der vergangenen Nacht gezeigt hatte. Kein
+Blut war zu sehen, trotzdem die Schweine bereits bis auf den Knochen
+gekommen waren. Das Fleisch seiner Brust, seines Gesichts und das seiner
+Waden war hart und fühlte sich an wie Holz. Ich konnte mir nicht
+erklären, welche Anziehungskraft dieses holzartige Fleisch, das
+augenscheinlich auch nicht den allergeringsten Nährwert enthielt, auf
+Schweine ausüben konnte. Aber es war ja immerhin möglich, daß Schweine
+hinsichtlich dessen, was gut schmeckt, eine andere Meinung haben, als
+wir gemeinhin annehmen. Warum sich der Körper so frisch erhalten hatte,
+war leicht zu erklären: Die Höhle war luftdicht abgeschlossen, und die
+Erde rundherum enthielt chemische Substanzen, die auf den Körper
+konservierend einwirkten, nachdem sie in feinen Partikelchen das
+Mauerwerk durchsetzt hatten. Wahrscheinlich war auch das
+Konservierungsmittel, das beim Einbalsamieren des Körpers gebraucht
+worden war, von anderer Beschaffenheit und Wirkung als jenes, das die
+Ägypter verwandten.
+
+Immer wieder und wieder betrachtete ich meinen Fund. So lebensfrisch
+hockte er da, daß ich jeden Augenblick erwartete, er würde den Kopf
+erheben, aufstehen und mit mir zu sprechen anfangen.
+
+
+ Von Erde bist du gemacht
+
+Mitleidlos schleuderte die Sonne ihre feurigen Wogen hinunter, und es
+kam mir der Gedanke, daß diese Gluthitze meinem kostbaren Funde von
+Nachteil sein könne, wenn er zu lange dem grellen Sonnenlichte
+ausgesetzt sei.
+
+Ich holte aus dem Hause eine große Kiste, um den Körper hineinzulegen
+und ihn dann in Sicherheit zu bringen. Ehrlich gesagt, es war mir nicht
+ganz klar, warum ich das alles tat, weshalb ich nicht den Körper da
+lassen wollte, wo er seit vielen hundert Jahren geruht hatte. Aber diese
+Krankheit, die schon soviel Unheil angerichtet hat, soviel
+Seelenlosigkeit in unsre Kultur gebracht hat, die Museumswut packte
+mich. Ich sah meinen Namen in wissenschaftlichen Zeitschriften gedruckt,
+sah mich am Rednertisch stehen, zur Seite eine weiße Leinenwand, sah die
+Briefe von Redaktionen großer Zeitungen auf mich einregnen, die mich um
+Aufsätze anflehten und mir die Freiheit ließen, das Honorar zu
+bestimmen, sah die Museumsdirektoren mit fabulösen Summen um meinen Fund
+kämpfen und sah Dollarmillionäre bescheiden vor meiner Tür stehen und
+mir Blankoschecks anbieten, um ihre Privatsammlungen auf den ersten
+Seiten der New-Yorker Blätter erwähnt zu sehen.
+
+Und doch wieder ließen mich diese materiellen Aussichten ganz kühl, und
+sie verflogen so rasch aus meinem Geiste, wie sie, kaum eine Spur
+zurücklassend, gekommen waren. Noch jetzt weiß ich ganz genau, daß mein
+Handeln, ohne einen bestimmten Gedanken über das Warum zu haben, sich so
+mechanisch abwickelte, als hätte es gar nicht anders sein können.
+Dennoch wußte ich, daß ich unter keiner Suggestion, von welcher Art und
+Herkunft sie auch immer sein mochte, handelte.
+
+Mit Sorgfalt ging ich ans Werk. Da die Höhle nicht weit genug war, um
+die Kiste neben den Körper in die Vertiefung zu setzen, sprang ich
+hinunter, um den Körper auf den Rand der Höhle zu heben.
+
+Doch kaum hatte ich zugepackt, als meine Hände auch schon
+zusammenklatschten, als hätten sie Luft umarmen wollen, denn zwischen
+meinen Händen fiel der Körper zusammen, und übrigblieb nichts weiter von
+ihm als ein kleines, ganz kleines Häuflein Staub, das, wenn ich es
+zusammenscharrte, nicht größer war als eine Faust.
+
+Es waren nicht mehr als zwanzig Minuten vergangen, seit ich den Körper
+abgetastet und gefunden hatte, daß er hart war und sich anfühlte wie
+Holz. Alles, selbst die kostbaren Gewebe, das schwarze Haar des Kopfes
+und des Bartes, die Fingernägel hatten sich so überraschend in zarte
+Flugasche verwandelt, als habe ein gewaltiges Feuer mit der Raschheit
+und der Konzentriertheit des Blitzes einen Strohhalm aufgebrannt.
+
+Ich starrte auf das winzige Häuflein Asche, das noch während meines
+Hinsehens der Erde, die beim Ausgraben auf den Boden der Höhle gefallen
+war, immer ähnlicher wurde, und ich hätte schon nicht mehr mit Gewißheit
+sagen können, was Sand und was jene Asche war.
+
+Es war zwecklos, noch länger da in der Mittagssonne zu stehen. Ein Traum
+äffte mich; ich begann aufzuwachen und bemühte mich, klar und ruhig auf
+ein Mittel zu denken, das mich von diesen Wahnbildern, die mich
+herumjagten, befreien könnte. Ich fühlte deutlich, daß ich anfing, krank
+zu werden. Der Busch stand unheimlich drohend um mich herum, ebenso
+drohend stand über mir die glühende Sonne, einer erbarmungslosen Feindin
+gleich, sich in mein Hirn bohrend, fressend und nagend. Die Menschen
+hatten seit hundert Jahren die Erde verlassen, mich hatten sie vergessen
+zu rufen und mitzunehmen, weil ich zu tief im Busch war, weil sie mich
+tot geglaubt hatten.
+
+
+ Aber ...
+
+Oh, Sonne, Mond und alle Sterne, erlöst mich von meinen Qualen! Was, um
+aller Lebenden und Toten willen, ist Wahrheit? Dort, vor meinen Füßen
+funkelt und glitzert es so lustig im Sonnenlicht, so verheißungsvoll und
+so beruhigend: Die Schmuckstücke des Indianers. Sie zerfielen nicht zu
+Asche, und wenn sie da sind – und sie sind wirklich und wahrhaftig da,
+denn ich fühle sie in meinen Händen –, dann ist auch der Indianer
+dagewesen, und ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue. Ich eile
+zum Hause. Mit der Freude im Herzen über das neugeschenkte Leben
+betrachtete und studierte ich die kleinen Kunstwerke. Dieses Studium
+erfüllte mich mit Andacht und mit Ehrfurcht gegenüber den Künstlern, die
+so Wundervolles schaffen konnten, und die ihre Namen nicht zurückließen.
+
+Endlich wickelte ich die Sachen in Papier, machte ein kleines Paketchen,
+das ich verschnürte, und legte es in eine leere Blechbüchse, die ich
+oben auf das Bücherbrett stellte.
+
+Noch vor Sonnenuntergang ging ich abermals zur Höhle und füllte sie mit
+Erde und Steinen zu. Ich tat es, um zu verhindern, daß sich
+herumtreibende Pferde und Maultiere hineinstürzen, die Glieder brechen
+und dann hilflos darin liegenbleiben sollten.
+
+Den ganzen Abend verbrachte ich damit, mir alle Geschehnisse der letzten
+Tage, und besonders des heutigen, ins Gedächtnis zurückzurufen und sie
+zu ordnen, damit es ihnen nicht gelänge, mich zu verwirren. Denn da ich
+niemand hatte, mit dem ich hätte sprechen, auf den ich einen Teil meiner
+Erregung hätte abladen können, war ich genötigt, alle Widersprüche,
+Einwendungen, Erklärungen und Vermutungen gegen mich allein zu führen,
+um eine Unterhaltung in Fluß zu bringen.
+
+Mitternacht war längst vorüber, als ich zu Bett ging, erregt wie ein
+Kind am Weihnachtsabend. Erschöpft und übermüdet, als eine Folge der
+harten Tagesarbeit und der seelischen Aufregungen der letzten zwanzig
+Stunden, fiel ich sofort in Schlaf.
+
+
+ Träume
+
+Mein Schlaf war alles andere, nur nicht sanft und ruhig. Aus einem
+schweren und wüsten Traum wurde ich in einen andern gejagt. Keiner
+meiner Träume war süß, ja nicht einmal indifferent oder alltäglich. Aber
+jeder hatte seinen Höhepunkt, und wenn dieser Höhepunkt erreicht war,
+schoß ich auf, nur um sofort wieder in Schlaf zu fallen mit keinem
+andern Sinn, als sogleich einen neuen Traum herunterzuhetzen. Es war
+ganz natürlich, daß jeder Traum mit den Dingen, die mich in den letzten
+Tagen so außerordentlich beschäftigt hatten, in naher Verbindung stand.
+
+ * * * * *
+
+Ich sah mich über die lebhaften Märkte der alten indianischen Städte
+wandern, aber es war mir nicht möglich, das zu finden, was ich so bitter
+notwendig haben mußte. Und immer, wenn ich glaubte, es nun gefunden zu
+haben, machte ich die Entdeckung, daß ich vergessen hatte, was es war.
+Nun begann mein Geist angestrengt zu arbeiten, um das, was ich brauchte,
+in mein Gedächtnis zurückzurufen. Dann ging ich an einen Verkaufsstand
+und kaufte etwas. Wenn ich es aber in der Hand hatte, kam mir zum
+Bewußtsein, daß ich ganz etwas anderes hatte kaufen wollen. Ich steckte
+den Gegenstand, den ich plötzlich gar nicht kannte, in die Tasche, aber
+ich fand, daß ich keine Tasche an meinen Kleidern besaß. Nun sollte ich
+bezahlen, und so sehr ich auch suchte, ich konnte die Kakaobohnen nicht
+finden, die das Geld waren, mit dem ich zu zahlen hatte. Denn was immer
+ich in die Hand nahm, waren Pfefferkörner oder Ameisen oder Fingernägel.
+Und dann wurde ich von halbnackten Marktpolizisten gejagt und als
+Marktbetrüger verfolgt. Ich raste durch den Busch, wo mich die
+Schlingpflanzen und Kaktusstauden festzuhalten suchten, meine Haut mir
+in Fetzen vom Leibe gerissen wurde durch die Dornen und Stacheln, die
+sich mir überall in den Weg drängten. Und wohin ich trat waren
+Schlangen, Riesenspinnen, gigantische Skorpione, große Eidechsen, deren
+Maul halb so weit offen war wie ihr Körper lang war, während hinter mir
+die nackten Polizisten wie Wölfe heulten und brüllten und Polizeitiger
+auf meine Fährte setzten. Nun hatte ich einen hohen Felsen zu erklimmen,
+und als ich oben war und eine Meute von Berglöwen und Geiern mich gerade
+packen wollte, fiel ich in eine tiefe Schlucht hinunter. Der Fall
+dauerte viele Stunden, und während des Falles sah ich, wie die
+Polizisten, die in Papageienfedern gekleidet waren, die Possums, die
+ihnen als Polizeihunde gedient hatten, herbeipfiffen, dann mit Musik
+heimmarschierten, den Kaufmann, dem ich drei und eine halbe Kakaobohne
+schuldete, verhafteten und am Nebenstand als Sklaven verkauften.
+Inzwischen kam ich unten in der Schlucht an. Ich schlug so heftig auf,
+daß ich aufwachte und die Schlucht hell erleuchtet fand. Es war aber der
+Mond, der in meinem Zimmer war. Und darüber beruhigt, schlief ich sofort
+wieder ein.
+
+ * * * * *
+
+Nun kämpfte ich auf seiten der spanischen Eroberer, und die Azteken
+nahmen mich gefangen. Ich wurde in den Tempel gebracht, um geopfert zu
+werden. Priester legten mich auf den Opferstein und hielten mich fest.
+Der Hohepriester kam heran, um mir das Herz aus der Brust zu reißen und
+es dem fürchterlich aussehenden Gotte vor die goldenen Füße zu werfen.
+Ich sah, wie der Gott mich angrinste und mit den Augen blinkte, obgleich
+er von Stein war. Dann streifte der Hohepriester den Ärmel seines Rockes
+zurück, packte mich mit der linken Hand brutal am Kinn und riß mir den
+Kopf zurück, während er mit der rechten Hand das Messer aus Obsidian in
+meine Brust schlug, wobei ich aufwachte.
+
+ * * * * *
+
+Aber gleich fiel ich wieder in Schlaf und kämpfte nun auf seiten der
+Tabascaner. Ich fiel in Gefangenschaft der Spanier, kam vor ihr
+Kriegsgericht und wurde zum Verlust beider Hände verurteilt, die mit
+einem stumpfen Taschenmesser abgeschnitten wurden. Die Arme fühlten sich
+darauf ganz dumpf an, ich erwachte, und meine Hände, die seitlich aus
+dem Bett hingen, waren eingeschlafen.
+
+ * * * * *
+
+Nun besaß ich ein Atelier für Kunstgewerbe in Tenochtitlan, und ich
+hatte den Befehl bekommen, den Krönungsmantel für den neugewählten
+Monarchen aus den schönsten Federn tropischer Vögel anzufertigen. Aber
+die Federn flogen mir alle fort, und ich hatte hinter jeder einzelnen
+herzujagen, während nur eine knappe Viertelstunde noch fehlte, bis die
+Krönung beginnen sollte. Alle Fürsten und die Gesandten fremder
+Herrscher waren schon versammelt; die Volksmenge summte vor dem
+Krönungspalaste und in den Straßen, die zum Tempel führten. Ganze
+Scharen von Dienern und hohen Beamten kamen angejagt, um den Mantel zu
+holen; aber wenn ich eine Feder angenäht hatte und die nächste
+danebenheftete, flog die vorher angenähte schon wieder fort. Ich hörte
+die Trompeten schmettern und die großen Pauken dröhnen, die gigantischen
+Bronzeplatten von den Tempeln klingen und die Priester ihre schrillen
+Gesänge anstimmen, während mein Haus von Tausenden von wütenden Dienern
+und Hofmarschällen umstellt war, die schrien: „Den Krönungsmantel! Den
+Federmantel! Wir müssen alle sterben! Zum Tode verurteilt! Zum Tode
+geflogen!“ In meiner Hast, den Mantel doch noch fertigzustellen,
+schlüpfte er mir aus den Fingern, und alle Federn, die ich in
+wochenlanger mühseliger Arbeit angenäht hatte, flogen zwitschernd zum
+Fenster hinaus. Ich erwachte und hörte die Millionen Grillen und
+Graspferdchen im Busch zirpen.
+
+ * * * * *
+
+Und wieder schlief ich gleich darauf ein mit dem sicheren und
+beruhigenden Bewußtsein, daß ich im Bett liege und mir die Krönung des
+Kaisers von Anahuac ganz gleichgültig sei, noch gleichgültiger sein
+Mantel. Da öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer. Ich wunderte mich
+darüber, wie das geschehen könne; denn ich wußte genau, daß ich vor dem
+Zubettgehen, wie es meine Gewohnheit war, den schweren Vorlegebalken
+sorgfältig in die Hintschen geschoben hatte. Aber die Tür öffnete sich
+trotzdem, und herein kam mein indianischer Besucher, derselbe, den ich,
+wie ich genau wußte, am Tage vorher hatte zu Staub zerfallen sehen. Das
+Zimmer war durch ein merkwürdig bleiches und flutendes Licht erhellt,
+dessen Quelle ich nicht ergründen konnte. Es war weder Sonne noch Mond,
+es war vielmehr ein weißer, in sich leuchtender Nebel, der aber nicht
+dicht genug war, daß er irgend etwas verbergen oder auch nur
+verschleiern konnte.
+
+Der Indianer kam nahe zu meinem Bett. Dort stand er ruhig und sah mich
+lange an. Ich hatte meine Augen weit geöffnet, konnte mich aber nicht
+bewegen. Besser gesagt, es kam mir von nirgendwoher der Wille, mich zu
+bewegen, und ich fühlte, daß ich mich nicht bewegen könne, wenn ich
+nicht irgendwo den Willen fände, der mir fortgelaufen war. Doch ich
+fühlte keinerlei Furcht, dagegen war in mir ein wohltuendes Empfinden
+brüderlicher Liebe oder Freundschaft. Mein Besucher hob mit ruhigen
+Bewegungen den Moskitoschleier auf und schlug die Seite, an der er
+stand, oben über die Bandleiste. Dann grüßte er mich in seiner
+feierlichen Weise. Wieder betrachtete er mich eine Weile mit tiefem
+Ernst, und dann begann er zu reden. Er sprach sehr langsam, jedem
+einzelnen Worte das volle Gewicht der auszudrückenden Meinung gebend:
+
+„Ich frage Sie, mein Freund, wie Sie fühlen würden, wenn man Sie in
+einem Zustande völliger Hilflosigkeit jener kleinen Gaben beraubte, die
+Ihnen mitgegeben wurden als Begleiter auf jene lange Reise durch das
+Land der Schatten? Wer gab sie mir, jene kleinen Geschenke? Sie wurden
+mir gegeben von jenen, die mich liebten und die ich liebte, von jenen,
+die heiße Tränen weinten, als ich sie verließ. Nichts sonst als diese
+geringfügigen Gaben sind es, die meinen Weg erleuchten durch die Nacht.
+Für Liebe allein ist es, daß Menschen geboren wurden, und nur der Liebe
+wegen ist es, daß sie leben. Was man auch immer an Würden, Ehren,
+Verdiensten, Ruhm und Reichtümern erworben haben mag, verglichen mit der
+Liebe zählen sie nichts. Vor dem großen Tor, durch das wir alle zu gehen
+haben, werden selbst die innigsten Gebete, die zum Himmel hinaufgesandt
+wurden, nur als Bestechungsgelder angesehen, nicht mehr wert als eine
+kleine Kupfermünze. Im Angesicht der Ewigkeit zählt nur die Liebe, die
+wir gaben, die Liebe, die wir empfingen, und vergolten wird uns nur in
+dem Maße, als wir liebten. Darum, Freund, geben Sie mir zurück, was Sie
+mir nahmen, so daß, wenn am Ende meiner langen Wanderung vor dem Tore
+stehend ich gefragt werde: ‚Wo sind deine Beglaubigungen?‘, ich sagen
+kann: ‚Siehe, o mein Schöpfer, hier in meinen Händen halte ich meine
+Beglaubigungen. Klein sind die Gaben nur und unscheinbar, aber daß ich
+sie tragen durfte auf meiner Wanderung ist das Zeichen, daß auch ich
+einst geliebt wurde, und also bin ich nicht ganz ohne Wert.‘“
+
+Die Stimme des Indianers verhauchte in ein Schweigen.
+
+Es war nicht seine wogende Beredsamkeit, es war vielmehr sein Schweigen,
+in eherner Urgewalt den Raum anfüllend, Dingen, Worten und Taten wortlos
+befehlend, das mein Handeln bestimmte. Ich stand auf, kleidete mich
+notdürftig an, zog die Stiefel über die Füße und eilte zum Bücherbrett.
+Ich öffnete das Paketchen, hing dem Indianer die goldene Kette über den
+Hals, schob den schweren Ring an seinen Finger und kniete endlich vor
+ihm nieder, um ihm die Reifen um die Knöchel der Beine zu legen. Als ich
+mich von den Knien erhob, hatte er den Raum verlassen. Die Tür war
+verschlossen und der Balken vorgeschoben. Ich kehrte zu meinem Bett
+zurück und fiel sofort in einen Schlaf, der so tief, so gesund, so
+traumlos war, wie ich seit Wochen keinen gehabt hatte. Er war wie der
+erste erfrischende, wohltätige Schlaf nach einer schweren Krankheit.
+
+
+ Das Erwachen
+
+Spät am folgenden Morgen wachte ich auf, wundervoll ausgeruht und mich
+so kräftig fühlend wie seit langer Zeit nicht mehr.
+
+Auf dem Bettrand sitzend und mich lässig ankleidend, fiel mir der letzte
+Traum ein, und ich mußte gestehen, daß ich mich keines Traumes erinnern
+konnte, der so klar und so logisch sich abgewickelt hatte wie dieser.
+Ich langte nach meinen Stiefeln, und ich fand es höchst merkwürdig, daß
+sie nicht auf dem Stuhle standen und nicht mit Papier ausgestopft waren.
+Durch Erfahrung gewitzigt, hatte ich mir angewöhnt, wenn ich im Busch
+oder im Dschungel lebte und die Stiefel des Abends ausziehen konnte, sie
+auszustopfen und hoch zu stellen, um zu verhindern, daß Skorpione darin
+versteckt waren, wenn ich mich des Morgens eilig anzukleiden hatte.
+
+Aber die Stiefel standen nicht auf dem Stuhle, sondern unter dem Bett,
+und als ich das bemerkte, fiel mir ein, daß ich sie dorthin hatte fallen
+lassen, als ich wieder ins Bett zurückkehrte, nachdem der Indianer
+gegangen war und ich mich so müde fühlte, daß ich nicht die Kraft mehr
+aufbringen konnte, die Stiefel auszustopfen, während ich, halb schon
+wieder schlafend, ins Bett rollte.
+
+Nun sprang ich sofort zum Bücherbrett. Die Blechbüchse stand nicht mehr
+dort. Ich sah mich um und fand, daß sie auf dem Tische stand. Leer. Das
+Papier, in das die Schmuckstücke gewickelt waren, lag zerrissen auf dem
+Fußboden. Kein Anzeichen war zu entdecken, wo die Sachen sein mochten
+und auf welche Weise sie verschwunden sein konnten. Die Tür war noch
+immer sorgfältig verschlossen, von innen, mit dem schweren Querbalken
+davor, genau so, wie ich die Tür gestern abend und alle Abende vorher
+gesichert hatte.
+
+Ich stürmte hinüber zum Hügel. In fieberhafter Eile räumte ich die
+zugeschüttete Höhle aus, fand es aber völlig aussichtslos, zwischen den
+Steinen, der Erde und dem Gebüsch, womit ich gestern nachmittag die
+Höhle aufgefüllt hatte, irgend etwas zu entdecken, das mich auf die Spur
+meiner verlorenen Schätze bringen möchte.
+
+Wo, um aller törichten Träume willen, hatte ich nur in meiner
+Schlaftrunkenheit dieses Zeug hingeschleppt?
+
+Vergeblich marterte ich mein Hirn und hämmerte in meinem Gedächtnis
+herum. Nicht eine einzige Idee kam mir, der nachzugehen sich hätte
+lohnen können. Vielleicht die Schweine? Es war zwar lächerlich, das in
+Erwägung zu ziehen, aber versuchen konnte ich es ja, ich brauchte ja
+niemand etwas von diesem Aberglauben erzählen.
+
+Jedoch die Schweine sah ich niemals wieder.
+
+
+ Der Doktor kehrt zurück
+
+Zehn Tage später kam der Doktor zurück.
+
+Meine erste Frage war: „Sagen Sie, Doktor, haben Sie jemals drei Hogs
+(Schweine) hier in der Nähe des Bungalows oder in der Nachbarschaft
+gesehen? Zwei schwarze und ein gelbes?“
+
+„Hogs?“ fragte er, mich dabei scharf beobachtend. „Hogs?“ wiederholte er
+nach einer Weile noch einmal, und ich hatte das Empfinden, als ob er in
+seine Stimme und in seinen mich festhaltenden Blick eine Färbung legte,
+die ganz gut eine unauffällige Prüfung meines Geisteszustandes sein
+konnte. „Hogs? Nein! Sie meinen ganz bestimmt Dogs (Hunde). Sie
+verwechseln nur die Worte. Ich habe hier allerdings verschiedene Male
+drei Hunde herumlaufen sehen, zwei schwarze und ein gelber, die sich
+etwas sonderbar benahmen. Ich habe herumgefragt, aber niemand kannte die
+Hunde. Schließlich, was habe ich mich um herumtreibende Indianerhunde zu
+kümmern?“
+
+Nun erzählte ich ihm meine Geschichte. Ich glaubte, er würde in Ekstase
+geraten.
+
+„Einen toten Indianer, sagen Sie? Einer, der Sie besuchte, in zwei
+Nächten?“ Er löste meine lange ausführliche und begeistert vorgetragene
+Erzählung in so trockene Worte auf, preßte meine Ausrufe des Entzückens
+in so winzige und klapperdürre Fragezeichen zusammen, daß es mir leid
+tat, zu diesem zynischen Skeptiker überhaupt von meinem Erlebnis
+gesprochen zu haben.
+
+Wie mit einer Sonde in einer Wunde, so bohrte er mit seinen Augen in
+meinem Gesicht herum und sagte: „Schmucksachen? Antike aztekische
+Arbeit? In der Hand gehabt? Verschwunden? Wissen nicht wo und wie?“
+Seine Ironie empörte mich, und ich sagte lauter und rascher, als nötig
+war: „Wenn Sie es nicht glauben, ich kann Ihnen den Hügel zeigen mit den
+Steinstufen und auch die Höhle, die ich gegraben habe.“
+
+Immer noch die Augen auf mich geheftet, als ob er einem
+Krankheitsbericht zuhöre, dann die Stirne hochziehend, nahm er endlich
+ruhig seine Pfeife aus der Tasche, griente mich unverschämt an und sagte
+knochentrocken: „Ich kann Ihnen auch eine Höhle zeigen, die ich gegraben
+habe im Busch, vor – achtundzwanzig Jahren. Passiert mir heute nicht
+mehr. Ich lasse die toten Indianer und ihre Könige ruhig schlafen in
+ihren Gräbern.“
+
+Er reichte mir ein großes Paket Tabak über den Tisch: „Habe ich Ihnen
+von der Reise mitgebracht.“
+
+Dann tat er zwei Züge aus seiner kleinen Pfeife.
+
+Er blies den Rauch mit einem langen Atem und spitzen Munde aus. Er tat
+es sehr philosophisch und nachdenklich.
+
+Als der Rauch sich verflogen hatte, betrachtete er seine Tabakspfeife
+von allen Seiten, und während er wieder einen Zug nahm, heftete er seine
+Augen auf mich und ließ mein Gesicht nicht mehr los.
+
+Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, sah mich von unten herauf an,
+griente ganz niederträchtig, pfiff abermals den Rauch in einem langen
+Stoß aus und sagte nun, das unverschämte Grienen beibehaltend und die
+Augen halb zugekniffen: „Ja, was ich Ihnen raten möchte: Nehmen Sie sich
+ein nettes, nicht zu dreckiges Indianermädel in Ihre Strohbude. Als
+Köchin. Dann erscheinen Ihnen keine toten Indianer mehr.“
+
+
+
+
+ Die Auferweckung eines Toten 7
+ Indianertanz im Dschungel 16
+ Die Geburt eines Gottes 23
+ Der aufgefangene Blitz 28
+ Spießgesellen 44
+ Die Geschichte einer Bombe 52
+ Die Dynamitpatrone 59
+ Die Wohlfahrtseinrichtung 61
+ Der Wachtposten 66
+ Der ausgewanderte Antonio 68
+ Familienehre 78
+ Ein Hundegeschäft 84
+ Der Eselskauf 91
+ Diplomaten 98
+ Bändigung 116
+ Der Großindustrielle 146
+ Die Medizin 152
+ Der Banditendoktor 157
+ Indianerbekehrung 189
+ Der Nachtbesuch im Busch 195
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen, zum Teil basiert auf anderen Ausgaben, sind hier aufgeführt
+(vorher/nachher):
+
+ [S. 21]:
+ ... Plateau, und sie lag wie flimmender Lichtnebel auf dem weiten ...
+ ... Plateau, und sie lag wie flimmernder Lichtnebel auf dem
+ weiten ...
+
+ [S. 204]:
+ ... Hemden? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch
+ ein ...
+ ... Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch
+ ein ...
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79066 ***
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+<title>Der Busch | Project Gutenberg</title>
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+ <!-- TITLE="Der Busch" -->
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+
+</style>
+</head>
+
+
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79066 ***</div>
+
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic">
+<img src="images/cover.jpg" alt=""></div>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic logo">
+<img src="images/logo.jpg" alt=""></div>
+
+<p class="pub">
+<span class="line1">BÜCHERGILDE</span><br>
+<span class="line2">GUTENBERG</span><br>
+<span class="line3">BERLIN 1930</span>
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<h1 class="title">
+DER BUSCH
+</h1>
+
+<p class="aut">
+von B. TRAVEN
+</p>
+
+<p class="cop">
+Nachdruck verboten / Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+Copyright 1930 by B. Traven, Tamaulipas, Mexico / Ausstattung und Einbandzeichnung
+von Georg Hempel / Druck der Buchdruckwerkstätte GmbH., Berlin
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="epi" id="part-1">
+<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
+<span class="line1">PALS IN THE BUSH IN MEXICO.</span><br>
+<span class="line2">AMERICAN SONG</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Down I came from Illinois</p>
+ <p class="verse">Singing with two other boys</p>
+ <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Shorty Greg he was the first,</p>
+ <p class="verse">He could not survive the thirst</p>
+ <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Buried him near a maguey plant</p>
+ <p class="verse">With bare hands in boiling sand</p>
+ <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Then, a snake got Kid all right,</p>
+ <p class="verse">Could not help him, so he died</p>
+ <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">I was down with delirium</p>
+ <p class="verse">While the vultures picked my chum</p>
+ <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Can’t return to Illinois</p>
+ <p class="verse">Feel as if I’d slain the boys</p>
+ <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Have to stay forever here</p>
+ <p class="verse">Where their voices I may hear</p>
+ <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="epi" id="part-2">
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+<span class="line1">IM BUSCH IN MEXIKO.</span><br>
+<span class="line2">AMERIKANISCHES LIED</span>
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Von Illinois kamen wir herunter,</p>
+ <p class="verse">Drei lustige Burschen, singend und munter</p>
+ <p class="verse1">In den Busch in Mexiko.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Der kleine Greg ging am Durst zugrunde,</p>
+ <p class="verse">Die Zunge hing ihm wie ’ne Faust im Munde</p>
+ <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">An einem Maguey mit nackter Hand</p>
+ <p class="verse">Gruben wir ihn in den heißen Sand</p>
+ <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Eine Schlange biß Kid in die Hände,</p>
+ <p class="verse">Am Abend war’s schon mit ihm zu Ende</p>
+ <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Ich lag im Fieber-Delirium,</p>
+ <p class="verse">Die Geier pickten an Kid herum</p>
+ <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Ihre Mütter würden mich weinend fragen,</p>
+ <p class="verse">Fühl’ so, als hätt’ ich die Jungen erschlagen</p>
+ <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">Kann nicht zurück in die Heimat mehr gehn,</p>
+ <p class="verse">Ich muß bei den toten Kameraden stehn</p>
+ <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-3">
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+DIE AUFERWECKUNG
+EINES TOTEN
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-w"><span class="prefirstchar">„</span><img src="images/drop_w.jpg" alt="W"><span class="hidden">W</span></span><span class="postfirstchar drop-w">ir</span> müssen zwölf Mules von der Weide haben“, sagte der
+Farmer, Mr. Hilbert, zu seinem Foreman Toribio. „Wir wollen morgen
+mit dem Durchpflügen der Tomatenfelder anfangen. Reiten Sie rauf auf
+die Prärie und fangen Sie die zwölf Mules ein.“
+</p>
+
+<p>
+Das war sehr früh am Morgen.
+</p>
+
+<p>
+Als Toribio auf dem Wege war, traf er den Indianerburschen Elfego.
+Elfego war achtzehn Jahre alt und wohnte mit seinen Eltern im Dorfe.
+Er hatte seine Kühe auf die Prärie getrieben und war jetzt auf dem
+Heimwege. „Wo reitest du denn hin?“ fragte er Toribio.
+</p>
+
+<p>
+„Ich soll für den Patron zwölf Mules einfangen und runterbringen, wir
+brauchen sie zum Pflügen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das würde mir gerade Freude machen“, sagte Elfego darauf, „dir bei
+dem Einfangen zu helfen. Ich habe jetzt doch weiter nichts zu tun.“
+</p>
+
+<p>
+Er wendete sein Pferd und ritt nun mit Toribio hinauf auf die Weide
+des Amerikaners. Die Weide lag über dem Tal, auf einer Hochebene, wo
+auch ein angelegter Teich genügend Wasser hielt, um die Tiere auf der
+Weide zu tränken. Mr. Hilbert hatte hier gutes Guinea-Gras angebaut,
+das vorzügliches Futter für seine Viehherden und für seine Mules und
+Pferde gab, die hier hinaufgetrieben wurden, wenn unten auf den Feldern
+keine Arbeit für sie war. Die Weide war ringsum von dichtem Ur-Busch
+umgeben. An der Nordseite war die Weide durch einen steilen Abhang
+begrenzt, der aus sehr grobem felsigem Gestein bestand. Das Einfangen
+der Mules würde Toribio schwergefallen sein, wenn er nicht Elfego zur
+Hilfe gehabt hätte; denn die Mules waren lange nicht in Arbeit gewesen
+und waren darum ziemlich verwildert. Endlich hatten sie zehn Mules
+beisammen. Toribio hatte sie gekoppelt, und es fehlten nur noch zwei,
+die er herauszufangen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Toribio trieb dem Elfego ein Mule entgegen. Elfego schwang den Lasso
+weit aus, um es zu fangen. Aber das Mule brach durch eine rasche
+Wendung unter dem Lasso aus. Nun versuchte Elfego das Mule zu umgehen
+und es Toribio zuzutreiben, der den andern Halbkreis hielt, auf
+den das Mule zujagen mußte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+Als Elfego in rasendem Ritt innerhalb seines Halbkreises das Mule beinahe
+abgedrängt hatte und den Bogen noch um einige Längen zu erweitern
+suchte, um das Tier überraschend von hinten zu packen, hielt,
+mitten im rasendsten Lauf, sein Pferd mit einem Ruck an. Denn vor sich
+hatte das Pferd plötzlich den felsigen Abhang entdeckt, auf den Elfego
+sein Pferd zu dicht gejagt hatte, weil er infolge des hohen Grases die
+Entfernung von dem Abhang unterschätzt hatte. Durch den plötzlichen
+Ruck des Haltens wurde Elfego, dessen Körper sich im Zeitmaß des
+rasenden Galopps befand, kopfüber aus dem Sattel geschleudert. Er
+sauste über dem Kopf seines Pferdes über den Rand des Abhangs. Er
+fiel nicht tief. Vielleicht nur drei Meter. Aber er traf mit dem Kopf
+zuerst auf und blieb bewußtlos liegen.
+</p>
+
+<p>
+Toribio hatte gesehen, wie Elfego hoch über den Hals des Pferdes ging.
+Aber er glaubte, es sei nur ein gewöhnlicher Fall, wie er häufig beim
+Reiten vorkommen kann, und er war überzeugt, daß Elfego nur in das
+Gras gefallen sei, weil auch Toribio der Meinung war, daß dort der
+Abhang noch nicht beginne; denn er hielt Elfego, der ja die Weide gut
+kannte, nicht für so unvorsichtig, daß er so dicht an den Abhang reiten
+würde. Freilich war Elfego im Eifer des Fangens, und er war auch schon
+darum nicht zu tadeln, weil hier der Abhang eine Bucht in die Weide
+hineinbog, die durch das hohe Gras nicht zu erkennen war.
+</p>
+
+<p>
+Toribio richtete jetzt auch sein ganzes Augenmerk auf das umkreiste
+Mule, das auf ihn zugejagt kam, weil es sich noch immer von Elfego
+verfolgt dachte. Toribio schwang den Lasso, der Lasso fing, und er ritt
+nun auf das keuchende Tier zu, das jetzt stillstand, um es zu den übrigen
+zu bringen und dort zu koppeln, bis alle zum Abtreiben bereit waren.
+</p>
+
+<p>
+Ob Elfego inzwischen aufgestanden war oder nicht, konnte Toribio infolge
+des hohen Grases, das an vielen Stellen den Kopf des Reiters
+überragte, nicht sehen. Als er sich rückwärts wandte, bemerkte er ein
+weidendes Mule in der Nähe eines großen schattigen Baumes. Er stieg
+vom Pferde, nahm den Lasso mit und schlich sich vorsichtig durch das
+hohe Gras an das weidende Tier, dem er sich unauffällig so weit nähern
+konnte, daß er es vom Boden aus lassote. Er hatte jetzt alle zwölf Mules
+beisammen.
+</p>
+
+<p>
+Nun pfiff er hinüber zu Elfego. Aber er bekam keine Antwort. Dann
+rief er, aber auch jetzt hörte er nichts. Endlich stieg er aufs Pferd und ritt
+hinüber zu der Stelle, wo er Elfego hatte fallen sehen. Das Pferd Elfegos
+stand ruhig da und weidete.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+Toribio kam zu der Bucht und sah dort Elfego unter sich. Er kletterte
+hinab, hob Elfego auf und setzte ihn aufrecht auf den Stein. Er schüttelte
+ihn, und nach einer Weile kam Elfego zu sich, verstört und ungewiß, wie
+aus einem langen Schlafe erwachend.
+</p>
+
+<p>
+Toribio untersuchte ihn, aber er fand keine Verwundung. Dann fragte
+er: „Tut dir etwas weh, Elfego?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein“, sagte Elfego. „Es tut mir nichts weh. Der Kopf tut mir ein
+wenig weh. Ich glaube, daß ich eine Beule habe.“
+</p>
+
+<p>
+Toribio untersuchte den Kopf, aber er fand keine Beule.
+</p>
+
+<p>
+„Kannst du heimreiten?“ fragte Toribio.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, natürlich kann ich heimreiten.“
+</p>
+
+<p>
+Er stand nun auf und kletterte an dem Abhang hinauf, ohne daß er der
+Unterstützung Toribios bedurfte. Toribio holte die Pferde heran. Elfego
+stellte den Fuß in den Bügel, schwang sich hoch und wollte sich gerade
+in den Sattel setzen, als er sagte: „Mir wird schlecht, auch schwindlig im
+Kopf. Ich werde mich lieber dort noch eine Weile in den Schatten des
+Baumes setzen und ein wenig ausruhen.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut“, sagte Toribio. „Ich setze mich mit dir dorthin. Wir haben Zeit.
+Wenn ich erst am Nachmittag mit den Mules hinunterkomme, macht es
+auch nichts.“
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen beide hinüber zu dem Baum.
+</p>
+
+<p>
+Hier stand Elfego eine Weile, dann tastete er nach dem Baumstamm,
+weil er fürchtete, nach vorn zu fallen, hierauf schüttelte er mit dem
+Kopfe, als ob ihm der Kopf lose auf dem Halse sitze, dann erbrach er
+sich heftig, hierauf sank er in die Knie, endlich fiel er mit dem Kopfe
+vornüber, kollerte langsam rollend auf die Seite, streckte sich aus und
+war tot.
+</p>
+
+<p>
+Toribio schüttelte ihn heftig, klopfte ihm auf die Handflächen und auf
+den Puls sowie auf den Nacken, aber er kam nicht mehr zu sich. Er
+atmete nicht mehr, und sein Herzschlag war nicht mehr zu hören.
+</p>
+
+<p>
+Toribio zog ihm sein Taschentuch aus der Tasche und deckte es über sein
+Gesicht, dann lüftete er den Sattel an dem Pferde des Verunglückten,
+zog die Säcke hervor, die als Satteldecken dienten, und deckte den Toten
+damit zu, um die Geier fernzuhalten.
+</p>
+
+<p>
+Dann setzte er sich auf sein eigenes Pferd. Und als er aufgesessen war,
+dachte er eine Weile nach, ob er die Mules erst hinuntertreiben oder ob
+er besser schnell ins Dorf reiten solle, um den Eltern Elfegos zu sagen,
+was geschehen sei. Er kam nach kurzem Nachdenken zu dem Entschluß,
+<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
+sofort im schnellsten Trab heimzureiten und die Mules später abzutreiben,
+weil er ja doch mit dem Vater Elfegos wieder heraufreiten
+würde, um ihm zu zeigen, wo der Junge läge.
+</p>
+
+<p>
+Er fand den Vater nicht daheim. Der Vater war in der Departementshauptstadt,
+wo er mit einem Holzhändler wegen Holzlieferung verhandelte.
+</p>
+
+<p>
+Nur die Mutter war daheim. Elfego war ihr einziges Kind. Sie schrie
+auf in einem schrillen Kreischen.
+</p>
+
+<p>
+Die Nachbarn kamen gleich herbei, und einige Männer und Burschen
+gingen zu Mrs. Hilbert und baten sie um einen leichten Wagen, mit dem
+man bis dicht an den Berg fahren könne, um den Leichnam heimzuholen.
+Nachmittags um drei Uhr waren die Leute mit dem Wagen und mit dem
+Verunglückten im Dorf. Am Eingang des Dorfes hielten sie an. Sie
+banden rasch ein Gestell zusammen, legten Elfego darauf, deckten eine
+Decke über ihn und trugen ihn so, in einem feierlichen Aufzuge, alle
+Träger und Begleiter entblößten Hauptes, der Mutter ins Haus.
+</p>
+
+<p>
+Als die Träger vor dem Stacheldrahtzaun, der das kleine Anwesen der
+Eltern Elfegos einzäunte, erschienen, schrie die Mutter gellend auf, und
+alle ihre Nachbarinnen und weiblichen Verwandten, die im Hause auf
+den Verunglückten warteten, fielen in das gellende Schreien mit ein.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter hatte sich einen Tisch ausgeliehen und den Tisch mit ihrem
+eigenen zusammengestellt, ein weißes Laken darübergebreitet, Blumen
+daraufgestreut, am Kopfende ein großes grellfarbiges Bild der Jungfrau
+Maria aufgestellt und sechs Kerzen angezündet, die vor dem Bilde
+standen.
+</p>
+
+<p>
+Der Verunglückte wurde auf den Tisch gelegt, und die Mutter warf sich
+über ihn hin.
+</p>
+
+<p>
+Die schlichte Stube in dem dünnwandigen Holzhause war gedrängt voll
+Menschen. Mrs. Hilbert war auch anwesend und bemühte sich zu helfen
+oder die weinende Mutter zu beruhigen.
+</p>
+
+<p>
+Es war wohl etwa während dieser Zeit, als ich am Hause des Mr. Hilbert
+vorritt, vom Pferde stieg, ins Haus kam, um Mr. Hilbert um einige
+Zeitschriften zu ersuchen und eine halbe Stunde mit ihm zu schwatzen.
+Wir saßen schon eine gute Weile zusammen, da kam Toribio ins Haus
+und erzählte die Geschichte. Bisher wußte Mr. Hilbert nichts davon, weil
+er soeben erst von einem seiner fernen Außenfelder hereingeritten gekommen
+war und seine Frau sich ja im Hause des Verunglückten befand.
+Er hatte die Mädchen nicht gefragt, wo sie sei.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+„Dann lassen Sie uns nur einmal hingehen und zusehen, was da vor sich
+geht“, sagte Mr. Hilbert.
+</p>
+
+<p>
+Wir kamen in das Haus und fanden das ganze Dorf versammelt. Die
+Leute, die nicht im Hause Platz fanden, standen draußen herum. Alle
+betrachteten sich den Toten und gingen dann wieder hinaus, um draußen
+herumzustehen. Die Frauen beschäftigten sich unausgesetzt, meist mit
+ganz überflüssigen Dingen, aber sie taten es, um der Mutter zu zeigen,
+daß sie ihr hilfeleistend zur Seite stünden.
+</p>
+
+<p>
+Mr. Hilbert und ich, wir traten nun ganz dicht heran an den Leichnam
+und sahen ihn uns an.
+</p>
+
+<p>
+„Wann ist er denn gestorben?“ fragte ich. „Welche Zeit?“
+</p>
+
+<p>
+„Früh um neun ungefähr.“
+</p>
+
+<p>
+Ich sah nach der Uhr.
+</p>
+
+<p>
+„Und jetzt ist es fünf.“
+</p>
+
+<p>
+Ich hob die Augendeckel des Toten auf, fühlte an seine Backen, fühlte
+die Schädeldecke ab, tastete auf die Brust, nahm die Hände auf und
+bewegte die Finger.
+</p>
+
+<p>
+Mr. Hilbert stand hinter mir. Ich drehte mich zu ihm und sagte: „Der
+Junge ist nicht tot, der lebt noch. Angeblich soll er seit neun Uhr tot
+sein. Das sind acht Stunden bereits. Die Finger sind noch genau so gelenkig,
+wie bei mir und wie bei Ihnen, die Augen sind starr, aber nicht
+gebrochen. Fühlen Sie die Schädeldecke an. Na? Die ist doch ganz heiß.
+Wenn der Bursche acht Stunden tot wäre, dann dürfte nichts mehr heiß
+sein, und die Finger würden bereits erstarren. Wir haben gestern schweren
+Regen gehabt. Es war heute ein ungemein heißer Tag. Der Bursche müßte
+schon stinken. Aber er stinkt nicht. Nicht eine Spur.“
+</p>
+
+<p>
+„Es scheint in der Tat, als ob Sie recht hätten“, sagte Mr. Hilbert. „Wir
+wollen ihn einmal bearbeiten.“
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter, die interesselos in einer Ecke saß und nur gelegentlich einmal
+gellend aufschrie, sah jetzt auf, als ich den Burschen so eingehend
+untersuchte und dann mit Mr. Hilbert den Fall besprach.
+</p>
+
+<p>
+„Geben Sie mir einen Spiegel“, sagte ich zu einer Frau. Der Spiegel
+wurde gebracht, und ich hielt ihn gegen den Mund des Verunglückten.
+Ein ganz leiser Hauch war auf dem Glase sichtbar, als ich den Spiegel
+betrachtete.
+</p>
+
+<p>
+Alle Anwesenden, auch die Mutter, hatten mich während dieses Vorganges
+fortgesetzt beobachtet. Sie erweckten den Eindruck, als wagten
+sie nicht zu atmen. Sie erwarteten zweifellos, daß ich jetzt den Burschen
+<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
+bei der Hand nehmen und sagen würde: „Stehe auf und wandle!“, und
+er würde dann wandeln. Aber das ließ ich doch besser bleiben.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah nun auf und sagte: „Der Junge lebt noch; ich vermute, er
+hört jedes Wort, das wir hier sprechen. Er hat nur eine sehr schwere
+Gehirnerschütterung.“
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter sprang auf. Sie wollte einen Freudenschrei ausstoßen, aber
+sie besann sich noch rechtzeitig und preßte ihre Hand gegen den Mund.
+</p>
+
+<p>
+„Freilich“, fügte ich nun hinzu, „ob der Junge wieder zu sich kommt,
+oder ob er bewußtlos bleibt und doch noch stirbt, das läßt sich nicht sagen.
+Er hängt genau in der Mitte.“
+</p>
+
+<p>
+„Sagen Sie, was wir tun sollen“, wisperte die Mutter, „wir wollen alles
+tun, was Sie für richtig halten.“
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter wurde geschäftig und vergaß all ihren Schmerz. Von diesem
+Augenblick an betrachtete sie den Jungen nur noch wie einen Fieberkranken,
+den man mit aller Sorgfalt pflegen müsse.
+</p>
+
+<p>
+Ich ordnete an, daß man Steine heiß mache und gegen die Fußsohlen
+lege. Dann ließ ich gleichzeitig heiße Umschläge auf den Leib machen.
+In der Tienda wurde Eis geholt, und ich ließ Eis auf die Schädeldecke
+legen und gegen den Hinterkopf. Ich sagte mir, der Kopf ist heiß, also
+muß im Kopf ein starker Blutandrang sein, und den müssen wir zum
+Leibe und zu den Füßen führen, damit das Blut wieder zirkuliert. Wir
+klopften den Puls, klopften die Brust an der Stelle des Herzens, und wir
+klopften die Waden und die Füße. Zuweilen machten wir noch künstliche
+Atembewegungen. Es wurde Ammoniak besorgt, und ich hielt es unter
+die Nase des Burschen, und dann flößte ich ihm einige Löffel voll starken
+Branntweins in den Mund.
+</p>
+
+<p>
+Ich sprach etwa zwei Stunden später mit Mr. Hilbert, der inzwischen
+fortgegangen, aber jetzt wiedergekommen war, und ich machte den Vorschlag,
+dem Burschen am Puls eine Ader zu öffnen.
+</p>
+
+<p>
+Durch diese Aderöffnung würde vielleicht das Blut zu laufen beginnen,
+und die Blutstockung im Hirn würde geringer werden. Eine Gefahr der
+Verblutung lag nicht vor, weil wir ja zur Hand waren und den Oberarm
+rechtzeitig abbinden konnten.
+</p>
+
+<p>
+„Das erscheint mir sehr gut“, sagte Mr. Hilbert. „Aber ich rate Ihnen,
+tun Sie es nicht. Wenn auch die Mutter gesagt hat, daß sie Ihnen den
+Körper ihres Jungen bedingungslos überantwortet – geht es schief,
+können die Leute Sie anzeigen, daß Sie hier operiert haben, und die
+Sache kann so gedreht werden, daß behauptet wird, Sie haben den
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+Jungen durch die Aderöffnung getötet. Das kann eine unangenehme
+Sache werden. Solange wir rein äußerlich hier arbeiten, mit heißen
+Steinen, Umschlägen und Eisauflagen, das schadet nichts; aber wenn Sie
+schneiden, dann kann man Ihnen etwas anhängen, was Sie nicht mehr
+loswerden.“
+</p>
+
+<p>
+Das war ein guter Rat. Man ist ein Fremder, und man befindet sich unter
+einer fremden Rasse, die anders denkt und anders urteilt.
+</p>
+
+<p>
+So unterließ ich die Aderöffnung.
+</p>
+
+<p>
+Nun war es elf Uhr nachts. Ein Teil der Leute war gegangen, dafür aber
+waren andere erschienen, die aus entfernter liegenden Dörfern gekommen
+waren, sei es auf der Durchreise, oder sei es aus Neugierde.
+</p>
+
+<p>
+An dem Verunglückten hatte sich nichts geändert. Die Finger und Zehen,
+wie alle Gelenke, waren weich und beweglich, die Augen waren nicht gebrochen,
+die Schädeldecke war noch immer heiß, wenn auch nicht mehr
+so heiß wie am Nachmittag, die Lippen waren bläulich mit einem rötlichen
+Schimmer; und die Fingernägel waren kalkweiß, aber wenn man
+sie ganz heftig preßte und dann losließ, nahmen sie einen ganz dünnen,
+rosigen Hauch an. Ich hielt ein brennendes Zündholz auf den Unterarm.
+Die Haut rötete sich leicht, zog aber keine Blase. Ich kühlte den Spiegel
+mit Eis und hielt ihn gegen den leicht geöffneten Mund. Ein kaum sichtbarer
+Schleier zeigte sich auf dem Spiegel. Die Augenlider waren dicht
+geschlossen, und wenn man sie hob, schlossen sie sich nach einer Weile
+langsam wieder. Der Bursche lebte noch immer. Da war kein Zweifel.
+</p>
+
+<p>
+Das braune Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, der sich von dem
+Ausdruck, den das Gesicht am frühen Nachmittag gezeigt hatte, völlig
+unterschied. Am Nachmittag trug das Gesicht den starren Ausdruck eines
+Toten. Jetzt dagegen hatte das Gesicht den Ausdruck eines Menschen, der
+tief schläft wie in einem schwer narkotischen Rausch. Man gewann den
+Eindruck, daß der Bursche jeden Augenblick die Augen aufschlagen müsse,
+einen Eindruck, den man am Nachmittag nicht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Mit den Neuangekommenen war ein Spanier ins Haus getreten. Ich
+kannte ihn. Er war ein Aufkäufer von Holzkohle.
+</p>
+
+<p>
+Sobald er in den Raum getreten war, tat er sich sofort wichtig. Er warf
+seinen Hut in die Ecke, drängte sich durch die Leute, kam auf den Verunglückten
+zu, packte ihn brutal an, als ob er damit zeigen wolle, daß
+er allein wisse, wie man einen solchen Fall zu behandeln habe. Er tat sehr
+geräuschvoll. Weil bisher alles sehr ruhig hier zugegangen war, alle
+Handlungen, das Auswechseln der Steine und Umschläge sowie die
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+immer wieder aufgenommenen Atembewegungen und Massierungen,
+wohl energisch und sicher, aber doch schweigend oder nur flüsternd
+gehandhabt wurden, wirkte das Gebaren des Spaniers ungemein lästig
+und aufdringlich.
+</p>
+
+<p>
+Er fühlte die Backen des Verunglückten an, hob die Augenlider auf und
+sagte dann sehr laut und kommandierend: „Der ist nicht tot, wir werden
+ihn gleich hoch haben. Das ist ja alles verkehrt, was hier gemacht wird.
+Umgekehrt. Das Eis mal sofort auf die Füße und Eisumschläge auf den
+Leib. Auf den Kopf und auf den Nacken müssen die heißen Steine.“
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter des Verunglückten, die bisher alles, wie ich es anordnete,
+willig getan hatte und meinen Ratschlägen auf das Wort vertraute,
+blieb mitten im Zimmer stehen. Sie trug gerade einen heißen Stein in
+einem Stück Sackleinwand in der Hand, um ihn gegen den kaltgewordenen
+Stein an den Füßen auszuwechseln. Sie wurde völlig verwirrt und
+sah mich mit aufgerissenen Augen an, was ich dazu sage.
+</p>
+
+<p>
+Ich zuckte mit den Schultern, trat zurück von dem Verunglückten und
+ging in den Hintergrund, das Feld dem Spanier überlassend. Hier hatte
+allein die Mutter zu entscheiden, welchen Anordnungen gefolgt werden
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah, daß sie sprechen wollte, und ich fühlte, daß sie sagen würde, der
+Spanier möge seiner Wege gehen. Aber der Spanier ließ ihr keine Zeit,
+irgend etwas zu denken oder zu sagen. Er riß ihr den Stein beinahe aus
+der Hand, packte mit harten Griffen das Eis unter dem Nacken und auf
+dem Kopfe fort, legte es zu den Füßen und stopfte alle heißen Steine, die
+er bekommen konnte, unter den Nacken und unter den Hinterkopf.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter stand jetzt regungslos im Zimmer. Sie kümmerte sich um
+nichts mehr. Sie tat nichts mehr. Sie erschlaffte völlig. Alle Aufregung,
+die sie seit zwölf Stunden oder länger gehabt hatte, zeigte sich nun ganz
+plötzlich in einer Ermüdung, der sie nicht mehr widerstehen konnte. Das
+rasche brutale Gebaren des Spaniers wirkte auf sie wie ein harter Schlag,
+der ihren Willen, ihr Hoffen und alle ihre Widerstandskraft lähmte. Sie
+schleppte sich zu einem Stuhl in der Ecke des Zimmers, wo sie niedersank
+und ganz in sich zusammenfiel.
+</p>
+
+<p>
+Der Spanier arbeitete laut und lärmend, kommandierend und unausgesetzt
+schwätzend um den Verunglückten herum. Alles war verkehrt, die
+Beine müßten viel höher liegen als der Kopf, und wenn er nicht glücklicherweise
+vorbeigekommen wäre, hätte man den armen Burschen gar
+lebendig eingegraben. Mr. Hilbert und ich, wir hatten während dieser
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Zeit im Hintergrunde gestanden. Als jetzt einige Leute das Zimmer verließen,
+kamen wir wieder näher zu dem Tische, auf dem der Verunglückte
+lag.
+</p>
+
+<p>
+In der halben Stunde, in der wir den Körper nicht gesehen hatten, hatte
+sich nun etwas Merkwürdiges ereignet. Der Ausdruck des Gesichts hatte
+sich völlig verändert.
+</p>
+
+<p>
+Der Mund hatte sich zu einem sonderbaren ironischen Grinsen verzogen,
+das die volle ungeschminkte Antwort auf die Frage enthielt: „Wißt ihr,
+was ihr alle mir mal könnt?“
+</p>
+
+<p>
+Ich betrachtete den Burschen so eine Weile, dann stieß ich Mr. Hilbert
+leicht an. Auch er sah es. Der Unterkiefer sank langsam herab, und die
+kräftigen gesunden Zähne des Burschen traten scharf hervor.
+</p>
+
+<p>
+Das war um halb eins in der Nacht. Und ich ging heim.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen gegen acht Uhr ging ich wieder zu dem Hause. Das
+Haus war leer, alle Türen standen offen. Ich ging in das Nachbarhaus.
+Ich traf eine alte Indianerin, die da hockte und rauchte.
+</p>
+
+<p>
+„Elfego?“ sagte die Frau. „Ja, wissen Sie das nicht? Die sind doch mit
+ihm auf den Friedhof gegangen. Heute morgen um sechs stank er, und
+die Finger waren hart, und da sind sie um sieben mit ihm losgegangen.
+Das wissen Sie doch aber, Senjor, der Spanier hat den armen Jungen
+ermordet.“
+</p>
+
+<p>
+Das ist die Ursache, warum seitdem in jenem Dorfe behauptet wird, ich
+könne Tote erwecken, obgleich ich noch nie einen Toten erweckt habe.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Beweis, daß ich Tote erwecken kann, ist zweifelfrei erbracht,
+nach Meinung jener Leute. Denn selbst der einfachste und schlichteste
+Indianer wird die Tatsache begreifen: Wenn ich in allen Dingen genau
+das Gegenteil tue von dem, was einen Menschen tötet, so muß das
+Resultat immer sein: Eine Auferweckung des Toten.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-4">
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+INDIANERTANZ IM DSCHUNGEL
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-s"><img src="images/drop_s.jpg" alt="S"><span class="hidden">S</span></span><span class="postfirstchar drop-s">eit</span> mehreren Monaten bewohnte ich eine primitive Hütte im
+Dschungel. Bis zur nächsten Siedelung, wo eine weiße Familie wohnte,
+hatte ich etwa drei Stunden zu reiten. Alle Menschen meiner Nachbarschaft
+waren Indianer. Aber selbst der nächste von ihnen war eine halbe
+Stunde von meinem Platze entfernt.
+</p>
+
+<p>
+Es war an einem Spätnachmittag im November, gegen Ende des Monats
+und sehr heiß. Ich saß halbnackt vor meiner Hütte und las. Da plötzlich
+kommt ein Indianer, mein Nachbar, gemächlich angeritten, setzt sich zu
+mir, und wir reden eine Weile über die viele Arbeit, die wir haben. Vorgeblich
+haben, denn wir taten alle eigentlich nichts, weder die Indianer
+noch ich.
+</p>
+
+<p>
+Nach dieser Vorrede über die viele Arbeit und das wenige Geld, das es
+dafür gebe, kam mein rothäutiger Nachbar zum Kernpunkt seines
+Besuches.
+</p>
+
+<p>
+„Senjor“, sagte er lachend, „wir machen heute abend tanzen, wir haben
+musica, muy bonita, auch ich werde schön spielen, guitarra, ich habe es
+gelernt fünf Tage.“
+</p>
+
+<p>
+Damit meinte er, daß er vor fünf Tagen angefangen habe es zu lernen.
+</p>
+
+<p>
+„Wir machen viel Spaß“, redete er weiter, „Sie sind hier so allein und
+so sehr traurig, Senjor.“
+</p>
+
+<p>
+Ich war keineswegs traurig, ganz im Gegenteil, ich war überaus glücklich,
+weder Straßenbahnen, noch Autos, noch Telephongeklingel zu hören.
+Aber wenn man keine indianische Köchin in die Hütte nimmt, so ist man,
+nach Ansicht der Indianer, unbedingt traurig. Ist man auch. Aber ich
+konnte die acht Pesos Lohn nicht aufbringen, die eine Köchin monatlich
+haben möchte.
+</p>
+
+<p>
+„Darum möchte ich Sie einladen, Senjor, kommen Sie rüber zu unserm
+Tanz; Sie können bei mir zu Nacht essen.“
+</p>
+
+<p>
+„Kommen hübsche Mädchen hin?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Senjor, verflucht noch mal, die allerhübschesten, die hier herum
+wohnen.“
+</p>
+
+<p>
+Gleich nach Sonnenuntergang machte ich mich auf den Weg. Wenn ich
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+nicht in rabenschwarzer Nacht durch den Busch zockeln wollte, mußte
+ich mich beeilen; denn sobald die Sonne am Horizont verschwunden ist,
+hat man gerade Zeit genug, sich mal umzudrehen, und die Nacht ist da,
+ohne daß man sagen könnte, wo sie so schnell hergekommen ist.
+</p>
+
+<p>
+Die Hütte meines Nachbars lag auf demselben Höhenzuge, auf dem
+meine Bärenhöhle lag, aber er wohnte noch abgeschiedener im Dickicht
+als ich. Warum er sich so tief verkrochen hatte, ist eine andere Geschichte,
+die zu erzählen wäre.
+</p>
+
+<p>
+Der Platz war idyllisch. Etwa ein Dutzend gigantische Ebenholzbäume
+standen verstreut über der Buschlichtung, die eine Art Plateau bildete,
+von dem aus man weit über das flache Dschungelland blicken konnte. Diese
+herrlichen Bäume standen nicht da wie uninteressierte Säulen. Mit den
+langen grauen Moosbärten, die von den Ästen hingen, erweckten sie den
+Eindruck, als wären sie alte, jedoch sehr lustige Herren, die mit großem
+Behagen darauf warteten, daß der Tanz beginne.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Indianer mit ihren Frauen waren bereits anwesend. Nachdem die
+sehr höfliche Begrüßung vorüber war, wurde ich aufgefordert, in die
+Hütte zu kommen und zu Abend zu essen. Es gab schwarze Bohnen,
+Tortillas und Kaffee.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen kamen weitere Gäste, nur Indianer; ich war der einzige
+Weiße und war nur darum wohl eingeladen worden, weil ich ein Mitbewohner
+in diesem wilden Dschungelbezirk war. Die Indianer kamen
+geritten, auf Pferden, Maultieren oder Eseln. Viele hatten keine Sättel.
+Alle brachten ihre Frauen und Kinder mit. Manchmal saßen Mann, Frau
+und zwei Kinder auf demselben Pferd, während die Frau noch einen
+Säugling im Arme hielt. In einem Basttäschchen hatten sie Tortillas, falls
+sie Hunger bekommen sollten, denn getanzt wird bis Sonnenaufgang.
+</p>
+
+<p>
+In einem Sack hatten die Frauen ihre flimsigen Musselinkleider und lacklederne
+Halbschuhe. Bei der Ankunft waren sie entweder barfuß oder
+trugen selbstgemachte schlichte Sandalen, und gekleidet waren sie in ihre
+billigen Kattunkleider.
+</p>
+
+<p>
+Sobald sie von den Reittieren abgesessen hatten, wobei ihnen ihre
+Männer mit höflichem Anstand halfen, verkrochen sie sich in einen
+Winkel der Schilfhütte oder hinter die Hütte und zogen sich um. Sie
+wuschen sich noch einmal, wobei sie stark nach Patschuli und Moschus
+riechende Seife benutzten. Dann lösten sie ihr langes rabenschwarzes
+Haar und kämmten es sorgfältig.
+</p>
+
+<p>
+Der Mond war aufgegangen, ein runder, glänzender, satter Vollmond.
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+Und er glitt in majestätischer Ruhe über den klingend klaren Nachthimmel.
+</p>
+
+<p>
+Nach und nach kamen die Frauen schüchtern hervor, an ihren hauchdünnen
+Gewändern die Falten herunterstreichend. Die Kleider waren
+kurz, nach der Mode, hatten kurze Ärmel und ließen Hals und Nacken
+frei. In das offen hängende Haar hatten die Frauen Blumen gesteckt.
+Manche der Frauen waren kaum fünfzehn oder sechzehn Jahre alt,
+hatten aber schon ihre Säuglinge mit; alle übrigen Frauen, die keine
+Säuglinge hatten, standen in der Erwartung, bald welche zu bekommen.
+</p>
+
+<p>
+Der Gastgeber hatte einige Bretter über ein paar morsche Kisten gelegt,
+damit die Damen sitzen konnten. Die Männer standen schwatzend
+herum. Sie hatten sich nicht umgekleidet, weil sie nichts zum Umkleiden
+hatten. Sie trugen ihre üblichen gelben oder blauen Zwirnhosen, ein
+weißes oder farbiges Baumwollhemd, Sandalen oder Schuhe und ihren
+großen spitzen Strohhut. Jacke oder Weste hatten sie keine. An Stelle
+dessen hatten manche braune, rote oder bunte Wolldecken mitgebracht,
+für den Fall, daß es in der Nacht kühl werden sollte. Die Frauen hatten
+große schwarze Baumwolltücher, die sie um die Schultern legten. Diese
+Tücher dienen als Hut, als Schleier, als wärmendes Umschlagetuch, als
+Schal, häufig auch als Taschentuch und zuweilen als Windel für die
+Säuglinge und, wenn zusammengefaltet, als Kissen für den Scheitel,
+wenn die schweren Wasserkrüge vom Flusse herauf geschleppt werden
+müssen.
+</p>
+
+<p>
+Die Musiker hatten gleichfalls ihre schwarzen Bohnen und ihren Kaffee
+bekommen. Darauf hatten sie sich eine Zigarette gedreht, und als sie aufgeraucht
+war, begann die Musik. Eine Geige und eine Gitarre. Mein
+Nachbar spielte noch nicht, er wollte erst tanzen.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte eine hübsche Frau, ungetrübtes indianisches Vollblut. Von allen
+Frauen war sie am hübschesten angezogen, hatte die Blumen auf sehr
+geschmackvolle Weise ins Haar gesteckt. Außerdem hatte sie sich parfümiert.
+Sie war noch nicht ganz zwanzig Jahre alt; ihr ältester Sohn,
+ungefähr fünf Jahre alt, zeigte sich im Laufe der Nacht als ausgezeichneter
+Solotänzer und als Konsument von wenigstens zwanzig Zigaretten.
+Seine Mutter war die einzige unter den anwesenden Frauen, Männern,
+Mädchen und Kindern, die nicht rauchte. Alles, was sonst auf menschlichen
+Beinen stand, die älter als drei Jahre waren, rauchte wie besessen.
+Wenn alles das, was Nichtraucher und Mucker über die Schädlichkeit des
+Rauchens erzählen, nur zu einem Fünftel wahr wäre, würde die
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+indianische Rasse längst ausgestorben, erblindet oder geistesgestört sein;
+denn die Indianer rauchen Tabak schätzungsweise elftausend Jahre
+länger als die übrigen Völker.
+</p>
+
+<p>
+Als die Musik zu spielen begann, wurde sofort getanzt. Dieses Zögern,
+das die erste Stunde einer Tanzfestlichkeit oft wie eine Begräbnisfeierlichkeit
+erscheinen läßt, kennen die Leute nicht. Ihnen ist Tanzen keine Verführung
+Beelzebubs, noch viel weniger etwas, das sich mit der Würde
+des Menschen nicht verträgt. Es waren Frauen da mit ihren Kindern und
+mit Enkelkindern, die auch bereits in Hoffnung waren, während die
+werdende Urgroßmutter selbst noch einen Säugling an der Brust liegen
+hatte. Und diese lebenstrotzende Urgroßmutter tanzte nicht weniger
+oft und nicht weniger graziös als die fünfzehnjährigen Mädchen.
+</p>
+
+<p>
+Die Frauen säugten ihre Kleinen, ohne irgendwelche Prüderei dabei zu
+zeigen. Das geschah so natürlich, so unverhüllt, als ob dem Kindchen eine
+Milchflasche gereicht würde. Hatten sich die Kleinen satt getrunken, dann
+wurden sie in das schwarze Baumwolltuch gehüllt und glatt auf die Erde
+gelegt, direkt unter die Bank, ein wenig nach hinten geschoben, damit
+man sie nicht mit den Absätzen der Schuhe treffen konnte. Die Kleinen
+schliefen dann lustig drauflos bis gegen Mitternacht, wo sie sich meldeten
+und abermals ihre beiden Flaschen gefüllt vorfanden, trotzdem die
+Mütter keinen Tanz versäumten.
+</p>
+
+<p>
+Wenn man aus Erfahrung weiß, was auf dem Erdboden im tropischen
+Busch, auch wenn er in der Größe eines Hofes gelichtet ist, herumkriecht,
+besonders zur Nachtzeit, so überläuft es einen eiskalt, wenn man die
+kleinen Würmchen auf die Erde gebettet sieht. Die größeren Kinder
+tummelten eine Weile herum, dann wurden sie müde, legten sich auf
+die blanke Erde neben die Säuglinge, zogen die Knie so hoch sie konnten
+und schliefen wie kleine Ratten. Wenn der Vater eine Decke hatte,
+wurde sie dem Kinde untergeschoben, und es wurde wie ein Baumstamm
+eingewickelt, bis das nächstältere auch müde ankam und hinzugewickelt
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Bis gegen neun Uhr kamen immer noch weitere Gäste angeritten. Auf
+mich machte es einen unheimlichen Eindruck, wenn plötzlich eine Frau,
+seltener ein Mann, mitten in der Musik oder im Tanzen anhielt, einige
+Sekunden in die Nacht hinauslauschte und dann sagte: „Es kommt
+wieder ein Paar. Wer mag es sein?“
+</p>
+
+<p>
+Der Weg zog sich in langen, verwachsenen Windungen durch den Busch.
+Selbst bei Tage konnte man niemand in größerer Entfernung sehen als
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+hundert Meter an den günstigsten Stellen. Infolge der Musik und des
+Geplauders der Leute konnte man nichts hören, was in einiger Entfernung
+vor sich gehen mochte. Wenn jemand gesagt hatte: „Es kommt
+ein Paar auf einem Maultier“, so dauerte es gut zehn Minuten, wenn
+nicht oftmals mehr, ehe die Angemeldeten sichtbar wurden. Diese Gabe
+der Fernmeldung ist bei Stämmen, die mehr im Süden wohnen, viel
+höher ausgebildet und wirkt wahrhaft gespenstisch.
+</p>
+
+<p>
+Die Musik spielte alles nach Gehör. Ab und zu spielte der Geiger die
+Gitarre und der Gitarrespieler die Geige. Wenn die Musiker selbst
+tanzen wollten, ergriff einer der Indianer das Instrument und spielte,
+vielleicht nicht ganz so gut wie die Musiker, die natürlich keine Berufsmusiker
+waren, sondern wie alle übrigen Indianer Holzhauer und
+Köhler. Auch mein Nachbar beeilte sich, zu zeigen, was er in den fünf
+Tagen gelernt hatte. Ich wußte, daß er die Gitarre nicht länger im Hause
+gehabt hatte, denn ich hatte ihn damit ankommen sehen, als er sie sich
+ausgeliehen hatte. Jemand hatte ihm gezeigt, wie man das Instrument
+anzupacken hat, ihm einige Griffe klargemacht, und das war alles. Was
+er jetzt leistete, war in der Tat erstaunlich. Er hatte zwar nur die Geige
+zu begleiten, aber auch das muß gekonnt sein. Ein paarmal vergriff er
+sich wohl, fand aber immer von selbst die richtige Tonart wieder.
+</p>
+
+<p>
+Der Geiger, ein kleines schmächtiges Bürschchen, tanzte seltener mit den
+Mädchen. Er zog es vor, Solo-Grotesktänze zu veranstalten. Diese Solotänze
+waren so urkomisch, daß nicht nur die Indianer zum Bersten
+lachten, sondern daß auch ich so lachen mußte, daß mir der Leib weh tat.
+Die Kunst des Tanzes läßt sich nicht schildern, noch viel weniger die
+des Grotesktanzes.
+</p>
+
+<p>
+Gespielt wurden amerikanische Onesteps und Foxtrotts, ferner Walzer,
+die im altväterlichen Polkaschritt, nur viel langsamer, getanzt wurden,
+ähnlich wie der sogenannte „Boston“. Der Rundwalzer oder Wiener
+Walzer ist ganz unbekannt. Dann tanzte man eine Art Rheinländer.
+Diese Tänze interessierten mich wenig.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch jeder vierte Tanz etwa war das, was ich sehen wollte: Ein
+Originaltanz.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe denselben Tanz hier bei Vögeln gesehen in der Balzzeit. Dann
+tanzen sie in der gleichen Weise voreinander, was ungemein drollig ist.
+</p>
+
+<p>
+Während des Tanzes nähern sich die Paare und entfernen sich, berühren
+sich aber nie, nicht einmal bei den Händen. In bestimmten Intervallen
+setzt die Musik aus und die Musiker sowie diejenigen Männer, die keine
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+Tänzerinnen haben, ersetzen die Musik durch Singen. Dieses Singen
+geschieht auf der höchsten Spitze der menschlichen Stimme und ist ein
+sehr taktmäßiges, jedoch schrilles und kreischendes Modulieren von
+Tönen, die kaum etwas Menschliches an sich haben. (Der Kriegsschrei
+der Azteken war ein ganz hoher schriller Schrei, der die Spanier, als sie
+ihn zum ersten Male hörten, mit Grauen erfüllte.) Ein Hauch von diesem
+Grauen überkommt einen sogar dann, wenn dieser Gesang rein freudigen
+Zwecken dient. Nur bei diesem Tanz, sonst nicht, fühlte ich, daß ich in
+einer andern Welt lebte, daß Jahrhunderte mich von meiner Zeit, Tausende
+von Meilen mich von meiner Rasse trennten, daß ich auf einem
+andern Erdball lebte als dem, auf dem ich geboren worden war.
+</p>
+
+<p>
+Der Mond stand jetzt steil über mir. Der tropische Nachthimmel war
+von so glänzender Klarheit wie eine große schwarze Perle. Eine weiße
+schimmernde Helle lag wie ein flutender dünner Seidenschleier auf dem
+Plateau, und sie lag wie <a id="corr-0"></a>flimmernder Lichtnebel auf dem weiten
+Dschungel. Es war die blendende Helle des Tages, gehüllt in eine dicke
+weiße Wolke. Myriaden und Myriaden von Graspferdchen, Grillen,
+Käferchen sangen den urewigen gleichförmigen Gesang der tropischen
+Nacht, während in dem nahen Busch und dem Dschungel ein mitleidloses
+Kämpfen um Leben und Liebe war. Ein leichter Wind wehte um die
+grauen Bärte der Ebenholzbäume, und das war, als ob die alten Herren,
+die Hunderte von Jahren zählten, einander zunickten und sich lustige
+Dinge erzählten. Die angebundenen Pferde scharrten und schnüfften,
+während die Esel arme dürre Strünke abknabberten, kauten und hin und
+wieder kläglich trompeteten, um die Tiger, die durch den Busch
+schlichen, zu erschrecken. Ab und zu lief ein Schwein den Tanzenden
+zwischen die Beine, während ein anderes sich an einem Holzsattel, der
+auf der Erde lag, den Rücken schabte und ein drittes sich behaglich
+grunzend in dem Schlamme wälzte, der sich von den ausgeschütteten
+Kaffeeresten gebildet hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ein Kindchen begann leise zu weinen, und die Mutter ließ ihren Tänzer
+los, lief zu dem winzigen Bündelchen, das auf der Erde kollerte, hob es
+auf, wickelte es aus, knöpfte sich das Kleid weit auf, setzte sich auf die
+Bank, gab dem Kinde zu trinken und sah dabei belustigt den Tanzenden
+zu.
+</p>
+
+<p>
+Jeder Tanz wurde so lange gespielt, bis die Tänzer so ermattet waren,
+daß sie ihre Damen zu der Bank führen mußten. Getrunken wurde nur
+Wasser, und das in großen Mengen. Zwei Burschen hatten alle Augenblicke
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+mit einem Eimer zu einem Regenpfuhl zu laufen, der im Busch
+lag und zur Nachtzeit allerlei gefährliche Gäste einlud, die vom Durst
+hingetrieben wurden.
+</p>
+
+<p>
+Und ich tanzte und tanzte. Die jüngeren Frauen und Mädchen waren
+anfangs ein wenig scheu mir gegenüber; aber als sie sahen, daß ich nicht
+bissig war und beim Tanzen die Beine genau so bewegte wie ihre
+Stammesgenossen, auch nur Hose, Hemd und Hut hatte und meine
+Zigaretten verschenkte, bekamen sie Zutrauen. Bald konnte ich den Indianertanz
+tanzen, worüber die Leute sich nicht wenig wunderten. Singen
+freilich konnte ich ihn nicht und werde es auch nie lernen, dazu ist eine
+Vorübung notwendig, die bei den Meistern zehntausend Jahre gedauert
+hat.
+</p>
+
+<p>
+Bald hatte ich die beste Tänzerin entdeckt, die ich für die zweite Hälfte
+der Nacht mit nur wenigen Ausnahmen Tanz für Tanz heranholte, was
+mir niemand übelzunehmen schien. Es war die Urgroßmutter. Ihr Gesicht
+war zerknülltes und zerknittertes schwarzbraunes Leder, ihre Augen
+waren schwarz, ihr geöltes, langes strähniges Haar noch schwärzer, und
+ihre Haut strömte einen nicht angenehmen scharfen Geruch aus. Möglich,
+daß man sie, wenn man sie in Mitteleuropa anträfe, für des Teufels
+Großmutter ansehen würde. Aber sie tanzte wie eine Göttin, und ihre
+Grazie und ihre Anmut beim Tanzen waren von großer Schönheit.
+</p>
+
+<p>
+Mit Sonnenaufgang verblaßte der Mond, verblaßte die Musik. Unauffällig
+zog sich eine Frau nach der andern hinter die Hütte zurück, kam
+nach einer Weile wieder vor in ihren Lümpchen und mit einem Bündelchen.
+Ebenso unauffällig, ohne Abschiedsszenen, setzten sie sich auf ihre
+Pferde und Esel und verschwanden lautlos. Die aufgegangene Sonne
+fand einen kahlen Platz, auf dem niemals getanzt, vielleicht von Tanzen
+geträumt worden war.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-5">
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+DIE GEBURT EINES GOTTES
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-b"><img src="images/drop_b.jpg" alt="B"><span class="hidden">B</span></span><span class="postfirstchar drop-b">ei</span> vielen alten Völkern, und nicht immer nur bei den barbarischen,
+wurden die Götter nach dem Ebenbilde des Menschen gemacht; man
+gab den Göttern alle Charaktereigenschaften, alle Laster und Tugenden
+eines Menschen. Die Fabrikanten der jüdischen und der christlichen Religion,
+um eine Ausnahme zu machen, machten den Menschen nach dem Ebenbilde
+Gottes. Das Endergebnis ist in beiden Fällen das gleiche, und der
+erreichte Zweck entspricht dem, der beabsichtigt war: es sollte gezeigt
+werden, daß der Mensch ein göttliches oder gottähnliches Wesen sei und
+er darum das Recht habe, alles das und alle die zu beherrschen, die keine
+gottähnlichen Wesen seien. Alle Götter, heidnische, jüdische und christliche,
+sind Schöpfungen von Menschen. Nur in ganz seltenen Fällen läßt
+sich die Geburt oder die Fabrikation eines Gottes auf den wahren,
+schlichten und einfachen Vorgang des In-die-Welt-Kommens zurückführen,
+weil diejenigen, die durch die Religion ihre Vorteile finden, den
+Ursprung Gottes mit Mystizismus verräuchern. Ein Stern führt Könige
+aus fernen Landen zum Geburtsplatz, und unmittelbar nach der Geburt
+klafft der Himmel auseinander, und Trompetenbläser und ein gut eingedrillter
+Opernchor geben ein Freikonzert für Schafhirten. In vielen
+christlichen Ländern, besonders in den Vereinigten Staaten von Nordamerika,
+wird wegen Gotteslästerung bestraft, wer versucht, die wahre
+Entstehungsgeschichte der jüdischen oder christlichen Religion aufzudecken.
+Dagegen ist es keine Gotteslästerung, wenn man die Entstehung
+sogenannter heidnischer Götter erforscht und die Ergebnisse der
+Forschung bekanntgibt. Und weil man bei der Erforschung heidnischer
+Religionen nicht behindert, sondern sogar noch oft reichlich unterstützt
+wird, so kommt man hierbei den wahren Dingen leichter auf den Grund.
+Wenn ich hier die Geschichte der Geburt eines indianischen Gottes erzähle,
+so geschieht es mit der wohlbegründeten Überzeugung, daß es auf
+Erden keine einzige Religion gibt, und nie gab, bei der nicht die Geburt
+des Gottes oder der Götter, und damit die ganze Entstehung der Religion,
+auf einen ähnlichen schlichten und natürlichen Vorgang zurückgeführt
+werden kann.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+Nachdem Hernan Cortes Mexiko erobert hatte, unternahm er eine
+Expedition nach Honduras. Diese Expedition wurde unternommen, um
+einen Wasserweg vom Atlantischen nach dem Pazifischen Ozean zu
+finden; denn zu jener frühen Zeit glaubte man, daß der nordamerikanische
+und der südamerikanische Kontinent nur zwei große Inseln seien,
+zwischen denen ein gewaltiger Meeresarm hindurchführe.
+</p>
+
+<p>
+Mit dieser Expedition kam Cortes an den Peten-See, einen sehr großen
+See im heutigen Guatemala. Auf den Inseln dieses Sees sowie an seinen
+Ufern fand Cortes Indianer, die den Spaniern eine rührende Gastfreundschaft
+entgegenbrachten.
+</p>
+
+<p>
+Infolge des langen Marsches über unwegsame Dschungelbezirke, über
+Gebirge, über Sümpfe, durch Flüsse und durch wüstenhaftes Gelände war
+die Armee des Cortes völlig heruntergekommen. Sie schleppte sich nur
+noch darum weiter, weil sie ein Zurück durch das gleiche Gebiet nicht
+überlebt haben würde. Hätte Cortes hier nicht diese gastfreundlichen
+Indianer getroffen, die ihr Bestes taten, der verhungernden und zusammenbrechenden
+Expeditionsarmee wieder auf die Beine zu helfen, so
+wäre der ganze Trupp elend in den Dschungeln und Sümpfen zugrunde
+gegangen. An sich hat jene Expedition sehr wenig Erfolg gehabt, und sie
+zählt mit zu den größten katastrophalen Fehlschlägen der spanischen Eroberer
+in Amerika.
+</p>
+
+<p>
+Die Indianer des Peten-Sees fütterten die Spanier wieder hoch, versorgten
+sie reichlich für den Weitermarsch und taten für sie, was wirklich gastfreundliche
+Menschen nur immer tun können für die, die einer Hilfe
+benötigen.
+</p>
+
+<p>
+Um den Fremden noch mehr zu Gefallen zu sein und ihnen keinen
+Wunsch zu versagen, willigten die Eingeborenen leichten Herzens ein,
+sich taufen zu lassen und alle Christen zu werden. Innerhalb von zwei
+Tagen wurden alle Indianer, die hier zu einem großen Feste zusammengekommen
+waren, getauft, und in ihrer großen Güte und Friedensliebe
+gestatteten sie den Weißen, ihre Götter und Tempel zu zerstören, und
+als sie bemerkten, daß diese Zerstörung den Weißen so viel Freude
+machte, sahen sie dem aufgeregten Treiben und Wüten der Spanier
+belustigt zu. Sie betrachteten das als eine Art von Komödie.
+</p>
+
+<p>
+Die Indianer jener Region, die ihr Leben schlicht fristeten von den vielfachen
+Gaben, die ihnen der große See und die umgebenden Wälder
+boten, besaßen weder Gold, noch Silber, noch Edelsteine, noch hatten sie
+irgendwelche Kenntnis von Gold- oder Silberminen. Aus diesen Gründen
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+hatte Cortes nicht viel Interesse für sie übrig. Er betrachtete die Zeit,
+die er bei ihnen zubrachte, im Grunde als verloren. Er beeilte sich, so
+schnell als möglich die Gegend wieder zu verlassen, und trieb die Mönche,
+die seine Armee begleiteten, an, sich mit ihrem Geschäft der Heidenbekehrung
+zu beeilen, weil es hier nichts zu verdienen gäbe.
+</p>
+
+<p>
+Um das glorreiche Fest der Massenbekehrung mit dem gehörigen Pomp
+zu begleiten und gleichzeitig den erforderlichen Eindruck der Macht der
+Weißen bei den Indianern zurückzulassen, ordnete Cortes an, daß an
+dem Tage der Massentaufe die Kanonen abgefeuert werden und daß
+seine Reiter einige militärische Übungen vorführen sollten.
+</p>
+
+<p>
+Für die Indianer, die so etwas nie gesehen hatten, war das natürlich
+eine große Sache. Das Donnern und Feuern der Kanonen, die Turniere
+der Reiter und das ganze Getue der Mönche machte auch wirklich auf die
+Neubekehrten den Eindruck, den die Mönche so sehr wünschten. Die
+Indianer sollten davon überzeugt werden, daß die Leute, die alle diese
+merkwürdigen Kunststücke ausführen konnten, einen Gott haben mußten,
+der mehr konnte als ihr alter indianischer Gott, und der deshalb
+ihren alten Göttern überlegen sein mußte.
+</p>
+
+<p>
+Den tiefsten Eindruck auf die Indianer aber machten nicht die donnernden
+und feuerspuckenden Kanonen, sondern die Reiter und die Pferde.
+Da es auf dem amerikanischen Kontinent keine Pferde gab, so hatten
+die Indianer niemals Pferde gesehen. Sie betrachteten den Reiter und das
+Pferd als ein gemeinsames Wesen. Und es erschien ihnen als das gräßlichste
+aller Ungetüme, das sich nur vorstellen läßt. Es hatte vier Beine,
+konnte rascher laufen als der schnellste Läufer, es hatte zwei Köpfe, einen
+Menschenkopf und einen seltsamen langen Kopf mit großen runden
+Augen, es hatte einen langen Stachel, die Lanze des Reiters, und ein
+kurzes Messer, das Schwert, mit dem es nach allen Seiten Hiebe austeilen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Cortes ließ diese gastfreundlichen Indianer völlig ausgebeutet zurück,
+ohne ihnen irgendeine andere Bezahlung für ihre gastfreundliche Hilfe
+zu hinterlassen, als ihnen gezeigt zu haben, wie sie ihre Sünden abwaschen
+könnten, von deren Vorhandensein sie bisher gar nichts gewußt
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch am Tage seiner Abreise beschloß er, ihnen etwas zurückzulassen,
+was sie als genügende Bezahlung anerkennen würden, ohne die Weißen
+als gar zu große Knicker in Erinnerung zu behalten. Deshalb, um seine
+Dankbarkeit zu beweisen, bot er den Eingeborenen bei seiner Abreise
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+als Zeichen der guten Freundschaft ein fußlahmes Pferd an, das für seine
+Weiterreise nur ein Hindernis war.
+</p>
+
+<p>
+Die Indianer nahmen diese Gabe in Empfang mit den aufgeregten Gesten
+und Reden von Leuten, die eine so fürstliche Bezahlung für erwiesene
+Dienste nie erwartet haben.
+</p>
+
+<p>
+Dann verschwanden Cortes und seine Armee ebenso mysteriös, wie sie
+gekommen waren. Allein nur das lahme Pferd, das die Eingeborenen
+jetzt im Besitz hatten, bewies ihnen, daß alles das, was sie in den vergangenen
+Tagen erlebt und gesehen hatten, kein Traum, sondern Wirklichkeit
+gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+Nun wohl, Cortes hatte seinen freundlichen Wirten ein Pferd als Geschenk
+hinterlassen. Was er ihnen aber nicht hinterlassen hatte, das war
+eine genügende Kenntnis von der Nahrung und der Pflege eines Pferdes.
+Tausende und aber Tausende von Indianern aus den benachbarten
+Regionen waren inzwischen erschienen, um das Pferd zu sehen und zu
+bewundern. Da das Pferd so intim verknüpft war mit diesen mysteriösen
+weißen bärtigen Leuten, die Donner und Blitz erzeugen konnten, so
+fühlten die Indianer die tiefste Ehrfurcht gegenüber diesem Tier. Sie
+boten ihm die schönsten Blumen und Blüten als Opfergabe an.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch dieses göttliche Tier schnüffelte nur stolz an diesen Opfergaben
+herum und wendete dann seinen Kopf verächtlich hinweg.
+</p>
+
+<p>
+Darüber waren die unschuldigen Kinder dieses sonnigen Landes recht
+betrübt. Sie beteten und sangen, tanzten und hielten feierliche Prozessionen
+ab, um diese göttliche Kreatur wieder zu versöhnen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich sagte ein alter Medizinmann: „Seht ihr denn nicht, das göttliche
+Wesen ist verwundet am Fuß. Behandelt es entsprechend.“
+</p>
+
+<p>
+Die Indianer häuften nun vor dem Rößlein Riesenberge von gebratenen
+wilden Truthühnern auf; denn gebratene Truthühner werden bei den
+Indianern als die Nahrung für Verwundete angesehen.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem die Truthühner auf schön geschliffenen Kupferplatten, mit
+Blumen, Früchten und köstlichen Kräutern, vorgesetzt wurden, das
+Pferdlein schüttelte nur seine Mähne und trampelte ungeduldig mit den
+Füßen.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Trampeln mit den Füßen gab den Indianern eine andere Idee. Es
+wurde eine schöne Jungfrau erwählt, die man nun dem Pferde anbot. Aber
+das Roß war viel zu stolz, diese liebliche Gabe auch nur zu beschnüffeln.
+Das war ja auch ganz verständlich. Das Mädchen war bronzebraun,
+während das Pferdchen nur an weiße Jungfrauen gewöhnt war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+Obgleich hier ein lahmes Pferdchen die seltene Gelegenheit hatte, das
+glücklichste Leben zu führen, das einem Pferd auf Erden und im Besitz
+von Menschen je gegönnt war, obgleich dieses himmlische Geschöpf nur
+wenige hundert Schritte entfernt war von den schönsten Weiden, bewachsen
+mit saftigem und immergrünem Grase, trotzdem die Felder der
+Indianer reich standen mit dem herrlichsten Mais, so mußte dieses unschuldige
+Tier qualvoll verhungern. Es legte sich eines Tages hin und
+starb.
+</p>
+
+<p>
+Voll von Schrecken und abergläubischer Furcht standen die Indianer
+um den toten Körper des göttlichen Tieres. Und da sie seine Rache
+fürchteten, weil sie es so schlecht behandelt hatten, daß es vorzog, zu
+sterben, wurde ein geschickter Steinhauer unter ihnen beauftragt, eine
+Skulptur des Pferdes anzufertigen, die im Haupttempel aufgestellt
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Dreiundneunzig Jahre später, im Jahre 1618, kamen zwei Franziskaner-Mönche
+an jenen See, um Heiden zu bekehren. Seit Cortes die Gegend
+verlassen hatte, war nie wieder ein weißer Mann in jenem fernen Winkel
+des Landes aufgetaucht.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Mönche traten in den Tempel, und sie waren aufs höchste
+erstaunt, als sie hier eine riesenhafte steinerne Skulptur eines Pferdes
+vorfanden, in einer Gegend der Erde, wo Pferde völlig unbekannt
+waren.
+</p>
+
+<p>
+Aber dann glaubten sie ihren Sinnen nicht mehr trauen zu dürfen, als
+sie sahen, daß die Indianer diese steinerne Skulptur als höchsten Gott
+anbeteten. Und die Mönche wurden völlig verwirrt, nachdem sie fanden,
+daß hinter dem steinernen Pferde ein gewaltiges hölzernes Kreuz aufgerichtet
+war. Es stellte sich heraus, daß jenes steinerne Pferd als der
+allein wahre Gott des Donners und des Blitzes angebetet wurde.
+</p>
+
+<p>
+Es ist erklärlich, daß der Bericht jener Mönche viel Aufregung unter den
+Leuten, die sich mit der Erforschung des Landes und mit der Geschichte
+der Indianer befaßten, hervorrief. Die wildesten Gerüchte und Vermutungen
+tauchten auf, wie die Indianer in diesem fernen Gebiete des
+Kontinents dazu gekommen seien, ein Pferd in Verbindung mit einem
+Kreuz als Gott zu verehren. Diese Vermutungen und Spekulationen
+würden vielleicht die Erforscher der indianischen Geschichte auf die verwirrtesten
+Abwege geführt haben, wenn man nicht in einem der Briefe,
+die Cortes an den Kaiser Karl V. schrieb, eine Notiz gefunden hätte, die
+den Sachverhalt völlig aufklärte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-6">
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+DER AUFGEFANGENE BLITZ
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-d"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar drop-d">er</span> Pfarrer eines indianischen Dorfes hatte eine Reise nach
+der Hauptstadt des Staates zu machen, wo der Bischof eine Konvention angeordnet
+hatte. Eine Eisenbahn war nicht vorhanden, darum war der
+Pfarrer genötigt, die Reise auf einem Mule zu machen. Da er sich nicht sehr
+anstrengen wollte, ritt er jeden Tag gerade nur so weit, bis er zur nächsten
+Hazienda kam. Er wurde überall gut bewirtet, und so betrachtete er
+– wie es auch alle seine Brüder im Amt des Herrn taten – jene Dienstreise
+gleichzeitig als Erholungsreise, die er infolge seiner schweren Tätigkeit
+als Dorfpfarrer indianischer Bauern auch gewiß redlich verdient
+hatte. Er wußte, daß die Reise vier bis sechs Wochen dauern würde. Und
+nachdem er alle Schäfchen gut eingesegnet hatte, damit während seiner
+Abwesenheit nicht etwa Satanas hier eine gute Ernte halten könnte oder
+gar die alten indianischen Götter – mehr gefürchtet als Satanas, dessen
+Schliche und Wege man ja kennt und wissenschaftlich erforscht hat –
+sich hier wieder einnisten könnten, rief er seinen Kirchendiener herbei,
+um dessen Wachsamkeit und Treue die Kirche mit allem, was drin und
+drum war, feierlichst zu übergeben.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano, der Kirchendiener, war, wie alle Mitglieder der Gemeinde,
+Indianer. Er war Holzfäller und Kohlenbrenner von Beruf, und als
+Mensch war er weder besser noch schlechter als irgendein anderer Mann
+des Dorfes. Aber er war sehr stolz auf sein Amt als Kirchendiener, und
+er hatte mehrfach im Dorfe zu verstehen gegeben, daß es auf Erden nur
+zwei wirklich wichtige Personen gebe: Pfarrer und Kirchendiener; der
+Pfarrer könne ohne Kirchendiener kein Amt halten, und der Kirchendiener
+sei so wichtig wie der Pfarrer. Vertraulich hatte Cipriano sogar
+seinen Freunden gegenüber durchblicken lassen, daß er, Cipriano, vielleicht
+gar noch wichtiger sei als – aber das wolle er nicht aussprechen,
+weil das sicher eine Sünde sei, so etwas zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+Es muß nun freilich berichtet werden, daß der Pfarrer in seiner Gemeinde
+wohl geachtet war in geziemender Weise; aber respektiert und gefürchtet
+war nicht der Pfarrer, sondern Cipriano. Der Pfarrer war Mestize, mit
+wenig indianischem Blut. Cipriano jedoch war Vollblut-Indianer. Er nahm
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+darum unter seinen Leuten den Rang eines Medizinmannes ein. Das war
+auch zu verstehen. Er war den Göttern ebenso nahe wie der Pfarrer, er
+kannte alle Geheimnisse der Religion so gut wie der Pfarrer, hatte ungehindert
+Zutritt zu dem Allerheiligsten, und er konnte die gesamte Zeremonie
+der Messe heruntersingen und herunterbeten, viel besser als der
+Pfarrer, der zuweilen steckenblieb und von dem aufgeschlagenen Messebuch
+die Litaneien ablesen mußte. Denn Cipriano war beinahe dreißig
+Jahre Kirchendiener, hatte unter den drei Pfarrern gedient, die vor dem
+jetzigen hier amtiert hatten. Er konnte alles auswendig von dem langen
+andächtigen Zuhören, kannte jedes einzelne Glasperlchen an den zahlreichen
+Heiligenfiguren der Kirche, kannte jedes Stückchen Stuck und
+jede noch so kleine Holzschnitzerei der Kirche, wußte jeden Feiertag und
+jeden Tag der Heiligen auswendig. Die indianischen Gemeindemitglieder,
+insbesondere aber die Kinder und die Halberwachsenen, hielten in der
+Tat Cipriano für viel wichtiger für die Religion und deren zahlreiche
+und verzwickte Zeremonien als den Pfarrer.
+</p>
+
+<p>
+So wie sich die Indianer immer erst an die Heiligen wenden, wenn sie
+etwas von dem lieben Gott haben wollen, so wendeten sich hier die Gemeindemitglieder
+immer erst an Cipriano, wenn sie etwas vom Pfarrer
+wollten. Ob es eine Heirat war, oder eine Kindtaufe, oder ein Begräbnis,
+zuerst wurde Cipriano um Rat gefragt. Sogar wenn die Burschen oder
+Mädchen zur Beichte zu gehen hatten, wendeten sie sich erst an Cipriano,
+um von ihm zu hören, ob dies oder das eine Todsünde sei, wenn man es
+nicht beichte, oder wenn man es vergäße, und in welcher Form man das
+oder jenes ausdrücken könnte, ohne direkt zu sagen, was es sei.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano wußte für alle Rat und hatte für alle Hilfe. Er war der Vertraute
+aller Gemeindemitglieder in einem viel höheren Maße, als es der
+beste Pfarrer je werden könnte. Aus diesem Grunde ging es Cipriano verhältnismäßig
+gut. Er bekam hier ein Hühnchen, dort ein Hähnchen,
+hier einen Tequila, dort einen Habanero; und wenn er Namenstag hatte,
+bekam er so viel aufgehäuft, daß er davon einen vollen Monat in Freuden
+leben konnte.
+</p>
+
+<p>
+Als der Pfarrer nun reisefertig war, sagte er zu Cipriano: „Mit dem
+Läuten weißt du ja gut Bescheid, da brauche ich dir nichts zu sagen. Tags
+ist die Kirche offen, und nachts schließt du sie gut zu, wie wir das immer
+machen. Und des Sonntags früh und Samstag abend und Mittwoch abend,
+wenn die Gemeinde in der Kirche ist, dann singst du vor. Hier sage ich
+dir die Lieder und die Aves, die gesungen werden. Die kennst du ja alle.
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+Und vergiß nicht, die Weihwasserbecken zu füllen, wenn sie leer sind.
+Das weißt du ja auch. Und dann ist da etwas Wichtiges. Du gehst in die
+Stadt und kaufst Farben und Goldbronzen. Dann reinigst du einmal alle
+die Figuren von dem Staub und von dem vielen Dreck, den die Vögel
+draufgemacht haben. Es ist eine Sünde, wie die Figuren aussehen, es ist
+fürwahr eine Gotteslästerung. Wo die Farbe abgeblättert ist, da malst du
+neue Farbe auf. Die Gnadenmutter über dem Altar aber bemalst du
+nicht. Du wäschst sie nur gut, und dann lackierst du sie schön mit farblosem
+Lack, den man dir in der Botica in der Stadt verkaufen wird.
+Nein, kaufe das nicht. Ich werde das alles in der Stadt kaufen und bezahlen,
+und du holst es ab. Kannst gleich mit mir kommen, und dann sage
+ich dir alle Farben und wie du sie gebrauchst. Wenn ich dann zurückkomme,
+haben wir eine schöne reine Kirche.“
+</p>
+
+<p>
+Mit dieser Anordnung war Cipriano außerordentlich zufrieden. Es
+machte ihm Freude, die Kirche schön herzurichten und die Figuren zu
+bemalen. Und diese Freude wurde erhöht, als ihm der Pfarrer versprach,
+daß er ihm, wenn alles gut und schön getan sei, acht Pesos geben
+wolle, so daß er also nicht im Busch zu arbeiten brauche, sondern hier die
+ganze Zeit hindurch sich in der Kirche beschäftigen könne.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano begleitete den Pfarrer am nächsten Tage in das kleine Städtchen,
+wo er die Farben in Empfang nahm und die Gebrauchsanweisungen
+für die Anwendung der Farben erhielt.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem er sich einen Kleinen eingehoben hatte, um den Tag festlich zu
+beschließen, ritt er, zufrieden mit sich und zufrieden mit der Religion
+und aller Welt, gemächlich auf seinem Esel heim.
+</p>
+
+<p>
+Er kam gerade recht zum Abendläuten, das die Jungen schon begonnen
+hatten, noch ehe er das erste Haus des Dorfes erreicht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen begann er seine Arbeit der Kirchenverschönerung.
+</p>
+
+<p>
+Wenngleich Cipriano keineswegs Maler war, so hatte er doch genügend
+Klugheit – angeboren oder durch Erfahrung erworben, das weiß man
+nicht –, mit dem Abwaschen von bemalten Heiligenfiguren vorsichtig zu
+sein. Er war nicht allzu reich mit Farben versorgt worden, und darum
+mußte er mit dem Abwaschen sorgsam umgehen, um nicht zuviel Farbe
+zu verlieren. Er wollte auch erst wissen, wie die Farben annehmen; denn
+die Anweisungen des Drogisten waren sehr allgemein gehalten gewesen.
+So nahm er sich zuerst einmal den Judas Ischariot vor. Judas Ischariot
+war ja eigentlich nur ein Halbheiliger, dessen wahres Verhältnis zu dem
+Herrn bis heute nicht völlig aufgeklärt ist. Die einen sagen, er hat den
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Herrn verraten und verkauft und darum ist er ein Schurke, der in der
+Hölle seit beinahe zweitausend Jahren bereits schmort. Andere dagegen
+aber, die wissenschaftlich in die Heilslehre eingedrungen sind, behaupten,
+Judas Ischariot war von Gott dem Herrn bestimmt, den Heiland zu verraten;
+denn hätte Judas Ischariot den Herrn nicht verraten, so wäre der
+Herr nicht gefangengenommen worden, und hätte man ihn nicht gefangen,
+so hätte er nicht gekreuzigt werden können, und der Heiland hätte nicht,
+mit den Sünden aller Welt beladen, sterben können, um die armen Menschen
+zu erlösen. Da also Judas Ischariot als das Werkzeug Gottes nötig
+war, um das Heilswunder zu vollbringen, darum betrachtet ihn der
+Indianer als einen Halbheiligen, wie er auch den bösen Schächer am
+Kreuz als Halbheiligen betrachtet, der unter Umständen oben im Himmel
+ein gutes Wort für den geplagten Indianer einlegen kann. Es ist
+überhaupt und immer gut, sich mit niemand ernstlich zu verfeinden,
+dessen Name in den biblischen Geschichten oder in den Legenden erwähnt
+wird. Denn man kann nicht wissen, ob sie nicht Werkzeuge Gottes
+sind, auch wenn sie sich scheinbar recht unchristlich hier auf Erden benommen
+haben.
+</p>
+
+<p>
+Der Judas Ischariot steht gewöhnlich wie ein Schuljunge, der was verbrochen
+hat, in einer dunklen Ecke in der Kirche, wo er von niemand
+sonderlich beachtet wird. Da steht der Arme das ganze Jahr hindurch. In
+der Semana Santa, in der Heiligen Woche, wird er dann aus seiner Ecke
+herausgenommen, abgestaubt und aufgefrischt, und er wird dann an die
+Abendmahlstafel gesetzt, die in der Kirche aufgebaut wird. An dieser
+Tafel darf Judas Ischariot nicht fehlen, wenn auch vielleicht die Hälfte
+der übrigen Jünger fehlen sollten oder einige doppelt oder dreifach vorhanden
+sein sollten. Es kommt auch vor, daß, um die Zahl zwölf oder
+dreizehn voll zu machen, irgendeine Figur mit an die Tafel gesetzt wird,
+die ursprünglich nicht die Ehre hatte, bei der Abendmahlsfeier zugegen
+zu sein, also vielleicht der Heilige Antonio oder der Heilige Jeronimo.
+Man muß sich zu helfen wissen.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Falle, den Cipriano jetzt zu besorgen hat, ist kein einziger
+Heiliger besser zu gebrauchen als Judas Ischariot. An ihm erprobt nun
+Cipriano, wie weit er mit dem Waschen gehen darf, ohne zuviel Farbe
+einzubüßen, an ihm kann er herummalen und herumlackieren nach
+Herzensfreude, um zu sehen, wie die Farben annehmen und wie sie herauskommen
+auf diesem alten wurmzerfressenen Holz. Denn wird am
+Judas Ischariot etwas verdorben, so ist das nicht so wichtig und wird
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+wohl kaum auch als Sünde im Himmel gebucht werden. Judas Ischariot
+wird nach der Wasch- und Anstrichprobe wieder in seine dunkle Ecke
+gestellt, und bis zur Semana Santa ist mehr als ein halbes Jahr Zeit. Dann
+liegt genügend frischer Staub drauf, so daß man die Künstlerversuche
+des Cipriano nicht mehr so genau erforschen kann. Die Hauptsache ist,
+daß der Bart und der Geldbeutel des Judas Ischariot erhalten bleiben,
+damit man ihn erkennt und damit man weiß, mit wem man es zu tun
+hat; denn sonst könnte es geschehen – und es muß gesagt werden, es ist
+geschehen –, daß er verwechselt wird mit dem Heiligen Joseph, auf dem
+Joseph-Altar aufgebaut und dort angebetet, angebettelt und mit Kerzen
+und Gaben beschenkt wird.
+</p>
+
+<p>
+Der Judas Ischariot, nachdem er von Cipriano mit Andacht und Sorgfalt
+behandelt worden ist, nachdem er hier einen Tupfen Goldbronze, dort
+einen Flapp Silberbronze, hier wieder einen Klecks grelles Rot, dort
+wieder ein paar Striche Grün mit Braun aufgepinselt erhalten hat, sieht
+bald so schön und königlich aus, daß sich Cipriano kaum noch von ihm
+trennen kann. Er bedauert und lamentiert, daß der Judas Ischariot nur
+ein Halbheiliger ist und daß er ihn darum wieder ins Eckchen stellen
+muß, wo niemand die Kunst des Cipriano bewundern kann. Es ist fürwahr
+traurig, so redet Cipriano im stillen in sich hinein, daß Judas
+Ischariot sich bestechen ließ und den Heiland so schmählich verriet; hätte
+er es doch besser nicht getan, dann könnte ihn Cipriano jetzt in den
+Vordergrund stellen und dort leuchten lassen. Aber es läßt sich nun nicht
+mehr ändern. Es steht schon alles in den biblischen Geschichten, und
+Cipriano kann nicht die Sünde auf sich nehmen, jene Geschichten zu
+fälschen, nur um Judas Ischariot dicht am Eingang der Kirche, gleich
+nahe beim Weihwasserbecken aufzustellen, wo ihn alle Leute sehen
+müßten und alle Leute natürlich die Kunst Ciprianos bewundern könnten.
+Dann überlegt Cipriano eine Weile, ob er nicht den Bart des Judas
+Ischariot beschneiden und ihm den Geldbeutel aus den Fingern winden
+könnte, dann den Geldbeutel dem Heiligen Antonio oder dem Heiligen
+Joseph in die Hand drücken und dessen Bart so zurechtstutzen könnte,
+daß er das Aussehen des Judas Ischariot bekommen würde. Dann wäre
+Cipriano vielleicht in der Lage, aus dem ursprünglichen Judas Ischariot
+einen Joseph zu machen, der im Vordergrunde stehen darf, wo er von
+allen Leuten bewundert werden kann. Aber er fürchtet doch, das könnte
+herauskommen; denn die grimmigen Gesichtszüge des Judas Ischariot
+sind jedem einzelnen Mitgliede der Gemeinde zu gut bekannt, und die
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+Indianer haben ein zu gutes Auge für solche Dinge, um nicht sofort den
+Tausch zu erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Warum Cipriano überhaupt auf solche Gedanken kommt, einen Vertausch
+vorzunehmen, kann leicht begründet werden. Er weiß, wie das
+jeder echte Künstler weiß, daß er ein zweites Kunstwerk gleicher Art
+nicht schaffen kann. Hier, bei dem Judas Ischariot, hat Cipriano alle
+Farben angewendet, um deren Brauchbarkeit zu erforschen. Das kann er
+nun bei keiner anderen Figur mehr tun, weil er sonst mit den Farben nicht
+auskommen würde. Die eine Figur braucht mehr Braun, die andere mehr
+Gelb, wieder eine andere mehr Grün und die nächste mehr Rot, von der
+Goldbronze und der Silberbronze gar nicht zu sprechen, denn etwas
+Gold und Silber müssen alle bekommen. Bei den übrigen Figuren muß er
+sich genau an die ursprünglichen Grundfarben halten, damit die Figuren
+auch von den Gemeindemitgliedern wiedererkannt werden. Es könnte
+geschehen, daß sich selbst der Pfarrer nicht mehr auskennen würde. Allein
+beim Judas Ischariot, bei dem es nicht so genau darauf ankommt, ob er
+sich sehr verändert oder nicht, konnte und durfte Cipriano alle seine
+Talente spielen lassen. Bei den übrigen, nun ganz besonders beim Christus
+und bei der Heiligen Jungfrau, darf er nicht das geringste an den Grundtönen
+ändern.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano stellt endlich schweren Herzens den so herrlich geglückten
+Judas Ischariot in dessen dunkles Brummeckchen. Aber während er sich
+nun in den folgenden Tagen mit den übrigen Figuren redlich abgibt,
+kann er seine Gedanken von jenem vortrefflichen Kunstwerk, das er
+schuf, nicht mehr abwenden. Ob er nun die Heilige Anna bemalt, oder
+den Heiligen Pablo, oder den Heiligen Francisco, seine Gedanken sind
+bei Judas Ischariot.
+</p>
+
+<p>
+Daß Cipriano derart hart in die Klauen und Fänge des Erzverräters aller
+Erzverräter, die je auf Erden gelebt haben, fallen konnte, war, kein
+Zweifel darüber, das Werk des Teufels, der es darauf abgesehen hatte,
+die Abwesenheit des Pfarrers zu benützen, um die reine und treue Seele
+des Kirchendieners Cipriano zu erhaschen. Denn alles, was nun geschah,
+konnte in seinen Urgründen darauf zurückgeführt werden, daß Cipriano
+seine höchsten Talente, die nur den wahren Heiligen dienen sollten, in
+einem so verschwenderischen Maße auf den Erzschurken Judas Ischariot
+ausgegeben hatte. Judas Ischariot ließ die Gedanken des armen Cipriano
+nicht mehr los. Und darum beging Cipriano Fahrlässigkeiten, die böse
+Folgen hatten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+Was nun geschah, beweist erneut, in welch geschickter Weise Satanas zu
+arbeiten weiß, um das Reich des Antichrist auf Erden aufzubauen.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano war endlich zu der großen Aufgabe gekommen, die Heilige
+Jungfrau, die über dem Altar thronte, zu reinigen und aufzufrischen. Er
+wußte, daß diese Arbeit die heiligste war, die ihm auf Erden beschieden
+werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Mit den verschiedenen Christusfiguren, am Kreuz hängend, oder mit
+dem Kreuz auf der blutigen Schulter, oder hingelagert in der Felsenhöhle
+(aus gestärkter und zerknitterter Sackleinwand), war er genau so leicht
+umgegangen wie mit den Heiligenfiguren. Das war ja sowieso kein
+großer Unterschied.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Heilige Jungfrau war das Allerheiligste, war der Sinn und
+Inhalt der ganzen Religion. Wichtiger als Gottvater selbst.
+</p>
+
+<p>
+Ehe Cipriano die Heilige Jungfrau berührte, um sie von ihrem hohen
+Stand herunterzuheben, kniete er nieder und betete ein halbes Hundert
+Aves. Er machte alle Kreuze, die er kannte. Und endlich hatte er die
+hölzerne Figur auf dem Kirchenboden. Er stellte sie aber nicht auf den
+nackten Boden, sondern breitete seine Tilma unter den Füßen der Gottesmutter
+aus.
+</p>
+
+<p>
+Er begann die Figur sorgfältig zu waschen, zart, als wäre sie ein neugeborenes
+Kind. Dann rieb und polierte er sie mit weichgezupften Läppchen.
+Er nahm ihre Kleider ab, um sie auszustauben und auszuwaschen.
+Sie hatte keinen eigentlichen nackten Körper unter ihren Gewändern.
+Sondern der Körper war so geschnitzt, daß die inneren Gewänder ebenfalls
+Holzschnitzwerk waren, so daß selbst die respektloseste Person
+nichts hätte finden können, daß darüber die Heilige Gottesmutter hätte
+schamrot werden müssen.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Steinboden der Kirche hatte Cipriano ein kleines Feuer brennen.
+Das Feuer diente dazu, das Wasser zum Abwaschen der Figuren ein
+wenig anzuwärmen, es diente ferner dazu, Leim zu kochen und flüssig
+zu halten, um Bruchstellen der Figuren auszuheilen.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Feuer hockte jetzt Cipriano und wärmte sich seinen Kaffee
+und seine Tortillas, weil er keine Zeit damit verlieren wollte, zu seiner
+Hütte zu gehen. Die Kleider der Gottesmutter hatte er draußen, im
+Garten der Kirche, auf Sträucher gehängt, damit sie trocknen sollten.
+</p>
+
+<p>
+Als er seinen Kaffee getrunken und seine Tortillas mit Chile gegessen
+hatte, ging er hinaus in den Kirchengarten, um der Sonne zuzusehen,
+wie sie die Kleider der Heiligen Jungfrau trockne.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+Dieser Arbeit zusehend, drehte er sich eine Zigarette und rauchte.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne trocknete nicht nur die Kleider der Heiligen Jungfrau, sondern
+sie spielte gleichzeitig wechselnde Farben über den Kirchengarten hin.
+Und das lenkte abermals die Gedanken Ciprianos auf sein großes Kunstwerk,
+auf die so herrlich geglückte Verschönerung des Judas Ischariot.
+Er begann darüber nachzudenken, daß er vielleicht, wenn alles übrige in
+der Kirche getan sei und er noch Farben übrigbehalten haben sollte,
+was ja sehr wahrscheinlich war, weil er sehr sparsam mit den Farben
+umgegangen war, er noch mehr für Judas Ischariot tun könnte. Er dachte
+darüber nach, daß es vielleicht gar möglich werden könnte, daß selbst
+der Senjor Pfarrer Gefallen und Freude an jenem Kunstwerk finden
+könnte, und daß vielleicht die Möglichkeit bestünde, Judas Ischariot zu
+erlösen und ihm, wenn auch keinen Ehrenplatz, so doch einen besseren
+Platz anzubieten, wo er schon leichter gesehen werden könnte. Immer
+mehr in seinem Nachdenken kam Cipriano zu der Ansicht, daß eigentlich
+und überhaupt dem Judas Ischariot ein großes Unrecht zugefügt worden
+sei, ihn zweitausend lange Jahre dafür büßen zu lassen, daß er einmal
+dreißig Silberlinge verdienen wollte, die er ganz sicher für irgend etwas
+sehr Notwendiges gebraucht haben muß, vielleicht gar für die Medizin
+eines kranken Kindes, jedenfalls für etwas, worüber uns nichts berichtet
+worden ist, um seine Tat nur um so ruchloser erscheinen zu lassen. Überhaupt
+sei dem Judas Ischariot auch darum ein großes Unrecht zugefügt
+worden, daß man ihn dauernd und für ewig aus der Erlösung ausgeschlossen
+habe, während doch sogar Pedro, der den Herrn ebenfalls
+verleugnete, vergeben wurde, ihm auch noch die Schlüssel des Himmelstores
+anvertraut wurden, und man ihn zum Heiligen machte.
+</p>
+
+<p>
+In diesem angestrengten Nachdenken über das zweierlei Maß, mit dem
+selbst im Himmel gemessen wird, und über die verwickelten Ansichten
+und Fragen der Religion überhaupt und im allgemeinen, und im Nachdenken
+darüber, daß die Beziehungen des Senjor Pfarrer mit Senjora
+Elodia und mit Senjora Roberta recht gut, ohne fahrlässig zu sein, nach
+zwei verschiedenen Seiten hin ausgelegt werden könnten, dröselte
+Cipriano so nach und nach und so langsam ein. Zu tun hatte er augenblicklich
+nichts, weil er der Sonne beim Trocknen ja doch nicht helfen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Er wachte darüber auf, daß ihm im Traume die Beziehungen zwischen
+Mann und Frau deutlich wurden, ohne daß sie sich diesmal auf den
+Senjor Pfarrer und auf Senjora Elodia ausdehnten, an die Cipriano in
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+den letzten Phasen seines Träumens gerade nicht gedacht hatte. Eigentlich
+aber wachte er wohl darüber auf, daß sich drei Hunde prügelten, die
+sich innerhalb der Kirche um einige Tortillas zankten, die Cipriano von
+seinem Mahle übriggelassen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano hatte, weil er ja nur für einen kurzen Augenblick in den Kirchgarten
+gehen wollte, um dort eine Zigarette zu rauchen, die hintere
+Kirchentür offen gelassen. Und durch jene Tür waren die Hunde in die
+Kirche eingedrungen.
+</p>
+
+<p>
+Als Cipriano in die Kirche trat, noch ein wenig im Schlaf, wischten die
+Hunde hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Nach einigen Sekunden hatte sich Cipriano von dem hellen Sonnenlicht
+an die Dämmerung in der Kirche gewöhnt, und als er nun zu der Figur
+der Gottesmutter kam, faßte ihn ein kalter Schrecken. Er mußte mehrere
+Male genau hinsehen, ehe er wußte, daß er richtig gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Hunde hatten bei ihrem Herumbalgen die Gottesmutter in das Feuer
+gestoßen, wo die Figur genau so hilflos und unbeschützt war, wie auch
+jedes andere gewöhnliche Stück Holz zu sein pflegt, das ins Feuer geworfen
+wird.
+</p>
+
+<p>
+Hunde wissen das ja nicht besser, und man soll sie dafür nicht anklagen.
+Cipriano jedoch wußte sofort, daß die Hunde von Satanas geschickt
+worden waren, um jenes Unheil anzustiften.
+</p>
+
+<p>
+Er hob mit einem raschen Griff, diesmal ohne auch nur ein einziges Ave
+zu beten, die Gottesmutter aus dem Fegefeuer.
+</p>
+
+<p>
+Die Gottesmutter hatte die linke Hand auf das Herz gepreßt, von dem
+goldbronzierte Strahlen nach allen Seiten ausgingen. Ihre rechte Hand
+hatte sie segnend erhoben, etwa in der Höhe ihres Mundes. Die Handfläche
+dieser Hand war flach nach unten gerichtet und nicht, wie das
+häufig bei segnenden Händen geschieht, dem Betenden zugekehrt.
+</p>
+
+<p>
+Diese Hand war völlig verkohlt, die Form jedoch war erhalten geblieben.
+Auch die rechte Seite der Figur war angekohlt.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano löschte die noch kohlenden Stellen rasch mit dem Rest von
+Kaffee, den er noch in seinem Tonkrügchen fand; und als das allein nicht
+ganz half, vergaß er sich soweit, die übrigen kohlenden Stellen mit seiner
+Spucke zu löschen. Daß hierin eine Respektlosigkeit gefunden werden
+möchte, darüber dachte Cipriano auch nicht einen Augenblick lang nach.
+Gegenüber harter Wirklichkeit wurde er trotz aller christlichen Erziehung
+stets sofort wieder heidnischer Indianer. Nicht nur in einem
+solchen Ding, wie das, was hier geschehen war.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+Und er wurde erst recht heidnischer Indianer, als er damit begann, zu
+überlegen, was nun zu tun sei.
+</p>
+
+<p>
+Er vergaß völlig, daß er eine Gottesmutter in der Hand hatte, die verehrt
+und angebetet wurde, als wäre sie die wirklich lebende Gottesmutter
+in Person.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst einmal schloß er sofort die Kirchentür, so daß niemand hereinkommen
+konnte, um Zeuge des Unheils zu sein, das hier geschehen war.
+Er wußte, daß es für diese Fahrlässigkeit keine Entschuldigung gab.
+Wenngleich er sich darauf berufen konnte, daß die Hunde Werkzeuge
+des Bösen gewesen seien, so hatte er dennoch durch eine lange Reihe von
+Unbedachtsamkeiten dem Bösen das Handwerk erleichtert.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Unheil würde die Ursache sein, daß er seinen Posten verlöre. Das
+wäre zu verschmerzen gewesen, denn das Amt an sich brachte nicht viel
+ein. Fünf oder zehn Centavos bei einer Taufe, fünfundzwanzig Centavos
+bei einer guten Hochzeit, bei einer kleinen Hochzeit entweder nichts
+oder fünf oder gar nur zwei Centavos. Auch das kam vor. Und von Begräbnissen
+war besser nicht zu reden. Das Dorf hatte nicht einen einzigen
+Wohlhabenden. Und daß der Senjor Pfarrer eine fette Pfründe hier
+gehabt hätte, konnte man auch nicht sagen. Es war eine ziemliche Last
+für diese arme Gemeinde, den Pfarrer überhaupt durchzubringen; und
+hätten die Leute nicht die sichere Überzeugung gehabt, daß sie dereinst
+im Himmel reich belohnt werden würden, und daß der Pfarrer nötig sei,
+Regen und Sonnenschein herbeizubeten, die Fruchtbarkeit der Ziegen
+und Schafe zu besegnen, so hätten sie ihn überhaupt nicht mit durchfüttern
+können. Für gute Medizinangelegenheiten war er sowieso nicht
+zu gebrauchen. In solchen Dingen hielt man sich sicherer an die eigenen
+Medizinmänner und Medizinfrauen.
+</p>
+
+<p>
+Es war also nicht das Amt, das Geld hätte einbringen können, um das
+Cipriano besorgt war. Er war vielmehr und beinahe einzig darum
+besorgt, daß er seine respektgebietende Stellung in der Gemeinde verlieren
+könnte. Er konnte, wenn dieser Vorfall hier bekannt wurde, nicht
+länger mehr der Mann sein, der dem Pfarrer am nächsten stand, er
+konnte nicht länger mehr als einziger neben dem Pfarrer das Allerheiligste
+versorgen, er konnte nicht länger mehr während der Abwesenheit
+des Pfarrers die Aves und Litaneien in den Andachten vorsingen,
+er konnte nicht länger mehr vor den Augen der ganzen Gemeinde die
+Kerzen anzünden, dem Pfarrer Waschbecken und Handtuch reichen, das
+Messebuch vorhalten, ihm die Meßgewänder anlegen oder abnehmen.
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+Niemand würde mehr seinen Rat verlangen, und an seinem Namenstage
+würden die Hühnchen und Hähnchen ausfallen, und das ganze Jahr hindurch
+würden alle die kleinen Aufmerksamkeiten fortfallen, hier ein
+Gläschen Tequila und dort ein in wildem Honig gekochter Kürbis. Das
+Leben wäre nicht länger mehr wert gewesen, gelebt zu werden. Er war
+in den dreißig Jahren so eins geworden mit der Kirche und dem Dienst
+in der Kirche, daß kein Mitglied der Gemeinde sich die Kirche ohne ihn
+denken konnte; denn die gegenwärtige Generation war geboren worden
+und aufgewachsen in dem Glauben an die Unersetzlichkeit seiner Person.
+Er hätte nun vielleicht wacker beten können, und es wäre vielleicht das
+große Wunder geschehen, daß der Gottesmutter die Hand wieder nachgewachsen
+wäre. Aber soweit ging der Glaube des Cipriano denn doch
+nicht. Er war viel zu sehr Indianer, um nicht zu wissen, daß totes Holz
+unter keinen Umständen nachwächst, auch wenn man noch so viele Aves
+abbetet.
+</p>
+
+<p>
+So kam er schließlich auf die einzige Idee, auf die ein Indianer in einem
+so verzweifelten Falle kommen kann. Er nahm sich vor, den verkohlten
+Handstumpf der Gottesmutter einfach abzusägen, eine neue Hand zu
+schnitzen und sie an dem Armstumpf anzuleimen. Er würde das dann
+alles schön dick bemalen, und wenn die Jungfrau endlich wieder hoch
+über dem Altar aufgestellt ist, wird niemand den Schaden bemerken.
+</p>
+
+<p>
+Nun würde freilich das Schnitzen der Hand einen Tag in Anspruch
+nehmen. Während dieser Zeit mußte freilich die Gottesmutter an ihrem
+alten Platze stehen, weil die Gemeindemitglieder, die zum Beten in die
+Kirche kamen, die Gottesmutter sofort vermißt haben würden, und weil
+das Beten ohne die Gottesmutter über dem Altar zwecklos und resultatlos
+gewesen wäre. Die Indianer müssen das leibhaftig vor sich sehen können,
+was sie anbeten sollen, andernfalls können sie sich auf ihre Gebete nicht
+konzentrieren und denken statt dessen an ihren Mais und an ihre Ziegen
+und Schafe. Dadurch wird nur das Heidentum gefördert.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano kleidete also die Gottesmutter wieder an. Als das vollendet
+war, stellte er sie auf ihrem Platze über dem Altar wieder auf. Er ordnete
+die Kerzen so an, daß man in der Dämmerung der Kirche die verbrannte
+Hand nicht leicht sehen konnte, es wäre denn, daß man ziemlich dicht
+vor dem Altar stünde. Außerdem drapierte er eine Falte des Gewandes
+so, daß die Hand zum Teil bedeckt wurde; und weil das Gewand
+dunkelblau war, so war in der Tat der Schaden nicht leicht zu bemerken.
+Ehe der Pfarrer zurückkam, war die neue Hand angeleimt. Obgleich
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+Cipriano wohl wußte, daß er damit eine Sünde begehe, so nahm er sich
+vor, seine sündhafte Fahrlässigkeit dem Pfarrer nicht zu beichten. Er
+würde die Sache einfach vergessen, und das, woran man sich nicht erinnert,
+braucht man ja nicht zu beichten. Weder hier noch anderswo.
+Würde ein Indianer überhaupt alles beichten, was er getan hat, so könnte
+ihm kein noch so gütiger Pfarrer die Absolution erteilen, und selbst
+Gott der Herr würde es sich noch sehr überlegen, ob er einem solchen
+Sünder derartige Untaten vergeben kann, und er, der Herr, wahrscheinlich
+zu der Überzeugung kommen, daß hier jede Hoffnung aufgegeben
+werden muß und es besser ist, die Indianer zu lassen, wie sie sind, und sich
+mit dem zu begnügen, was man bekommen kann.
+</p>
+
+<p>
+Die Gottesmutter stand auf ihrem Platze. Inzwischen war es Abend geworden.
+Cipriano öffnete die Kirche, und es kamen einige Frauen, um
+in Andacht zu schwelgen.
+</p>
+
+<p>
+Als dann die Stunde gekommen war, schloß Cipriano die Kirche und ging
+heim in seine Hütte, beruhigt in dem Bewußtsein, daß während der Nacht
+bestimmt nichts herauskommen würde.
+</p>
+
+<p>
+Er suchte sich ein passendes Stück Holz aus, und bei dem trüben Licht
+eines rußenden Blechlämpchens begann er, das Holz in die rohe Form
+einer Hand zurechtzuschnitzen. Die Feinheiten würde er dann bei hellem
+Tageslicht machen. Er war sicher, daß er die Hand vielleicht gar schon
+vor Mittag des nächsten Tages fertig haben würde. Die Figur brauchte
+ja nur während der Frühandacht an ihrem Platze zu stehen. Und am
+Abend war alles vielleicht schon angeleimt und sorgfältig bepinselt und
+bemalt. Es ging viel schneller, als er das in seiner ersten Bestürzung ausgerechnet
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Als er nun beim Schnitzen hockte und es weiter in die Nacht ging, erhob
+sich ein gewaltiges Unwetter. Der Donner rasselte von allen Seiten, und
+es dröhnte, als ob alle Himmel einstürzen wollten. Die Blitze fegten
+über das Firmament dahin und rissen die schwarze Nacht in gellende
+Fetzen auseinander.
+</p>
+
+<p>
+Ein frommerer Mann, als es Cipriano war, würde jenes Unwetter sofort
+in Verbindung mit der geschändeten Gottesmutter gebracht haben. Und
+der Pfarrer würde ganz sicher gesagt haben: „Na, da siehst du es ja,
+Cipriano, was du angerichtet hast. Die Strafe des Himmels ist über dir.
+Tue Buße und beuge dich unter der Allmacht des Höchsten.“
+</p>
+
+<p>
+Cipriano war gewiß recht fromm. Aber so fromm war er doch nicht, daß
+er auch nur für einen Augenblick lang geglaubt haben würde, daß jenes
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+Unwetter die Folge seiner Fahrlässigkeit sein könnte. Er war ein viel
+zu guter Beobachter der Natur, als daß er sich zu einer so kindlichen
+Frömmigkeit hätte emporschwingen können. Denn er hatte bereits am
+frühen Nachmittag gesehen, daß sich schwere Gewitterwolken weit
+hinten am Horizont bilden, und er hatte zu Mateo und zu Panfilo, als
+sie eine Weile mit ihm im Kirchgarten schwatzten, gesagt: „Gebt gut
+acht, Muchachos, heute nacht bekommen wir ein verdammt schweres
+Gewitter, wie wir lange nicht gehabt haben; wer weiß, ob nicht ein paar
+Hütten brennen werden.“
+</p>
+
+<p>
+Und das hatte sich ein paar Stunden vorher zugetragen, ehe der Gottesmutter
+die Hand verbrannt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Der Pfarrer freilich – Cipriano war lange genug im Dienst, um das zu
+wissen – würde gesagt haben: „Das hat die Gottesmutter alles vorausgewußt,
+was geschehen würde, darum hat sie das Gewitter rechtzeitig
+vorbereitet.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf würde Cipriano, wie er das immer tat, geantwortet haben: „Si,
+Senjor Cura, das ist so, das ist wahr.“ Denn mit dem Senjor Pfarrer
+darf man nicht herumstreiten, das ist gegen die Religion; was der Senjor
+Pfarrer sagt, ist die Wahrheit. Bei sich würde Cipriano aber gesagt
+haben – und was man bei sich sagt, hört der Senjor Pfarrer ja nicht –,
+ja, bei sich würde er gesagt haben: „Gut, wenn die Gottesmutter das alles
+vorher gewußt hat, und sie hat es vorher gewußt, denn der Senjor
+Pfarrer sagt es ja, dann hat sie doch auch gewußt, daß sie von einigen
+schmutzigen Dorfhunden in das Feuer gestoßen werden wird. Sie wird
+doch das nicht etwa getan haben mit der Absicht, mir Unannehmlichkeiten
+zu bereiten. Man kann sich eben auf nichts mehr verlassen und
+man findet gar nicht mehr heraus. Am besten, man läßt alles, wie es ist.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Cipriano drehte sich eine Zigarette und rauchte. Er unterließ es, einige
+Dutzend Aves zu beten, damit das Unwetter vorübergehe, ohne hier
+Schaden anzustiften. Er wußte aus Erfahrung, daß das nicht viel hilft,
+und daß man am besten tut, das Unwetter sich austoben zu lassen, dann
+hört es von selbst auf. Er kennt einen Fall, es handelt sich um Lucina,
+die Frau des Pancho Lazcano, die vom Blitz erschlagen wurde, während
+sie den Rosenkranz betete. Also ist es besser, eine Zigarette zu rauchen
+und sich, in der offenen Tür der Hütte stehend, die Herrlichkeit des Unwetters
+anzusehen.
+</p>
+
+<p>
+Und während er eine Stelle am Himmel beobachtet, wo es sich aufzuklären
+beginnt und die Sterne bereits funkeln, kracht ein gewaltiger
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+Donnerschlag über ihm, der ihn so erschüttert, daß er sich fest gegen
+einen Pfosten des Einganges halten muß, um nicht umzufallen. Gleichzeitig
+sieht er einen dicken Blitzstrahl herunterfegen, und, wie er genau
+sehen kann, direkt in das Kirchdach hinein. Er hört die Dachziegeln
+deutlich prasseln, und er wartet, daß im nächsten Augenblick die Kirche
+in hellem Feuer auflodern wird.
+</p>
+
+<p>
+Aber nichts geschieht. Die Kirche steht wieder vergraben in der tiefen
+Nacht. Der Donner ebbt ab. Die Blitze verzucken sich. Ein heftiger Regen
+setzt ein. Nach einer kleinen halben Stunde läßt der Regen nach, das
+Unwetter hat sich verzogen, und nur fern am Himmel schwebt hin und
+wieder ein Leuchten durch die Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano steht noch in dem Eingang seiner Hütte. Da kommen einige
+Männer auf sein Haus zu, und sie fangen gleich an zu reden: „Hast du
+das gesehen, Cipriano, der Blitz hat in die Kirche eingeschlagen. Komm
+mit den Schlüsseln und öffne die Kirche. Wir wollen sehen, ob es nicht
+etwa drinnen irgendwo brennt. Jetzt ist noch Zeit, zu löschen.“
+</p>
+
+<p>
+Als die Männer zur Kirche kommen, sind dort schon viele Leute
+versammelt, und immer mehr kommen herbei, Männer, Frauen und
+Kinder. Sie kommen mit brennenden Tannenspänen und mit verräucherten
+Laternen. Alle Leute haben gesehen, wie der Blitz in die Kirche
+einschlug, und alle möchten sehen, ob er Unheil angerichtet hat.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano schließt die Kirche auf, und die Männer suchen herum, ob sie
+irgendwo Feuer entdecken können. Aber nichts wird gefunden. Der
+Blitz ist offenbar kalt gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Bis gegen Mitternacht bleiben die Leute vor der Kirche. Und ehe
+Cipriano die Kirche endgültig abschließt, suchen noch einmal alle
+Männer sorgfältig in der Kirche herum, ob nicht doch vielleicht irgendwo
+ein Feuer glimmt. Sie sind endlich überzeugt, daß keine Gefahr vorliegt.
+Und alle gehen heim, um sich niederzulegen.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen schließt Cipriano zu gewohnter Stunde die Kirche auf. Die
+Jungen bemühen sich um das Frühläuten. Cipriano zündet die Kerzen
+an. Frühe Beter kommen. Beinahe ohne Ausnahme Frauen und einige
+Kinder mit ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Schnell wird es heller Tag.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Frauen kommen nahe zum Altar, um dort ein besonderes Gebet
+zur Gottesmutter hinaufzusenden.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano steht nahe der Tür, um Wasser in die Weihwasserbecken nachzufüllen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+Plötzlich schreien die beiden Frauen vor dem Altar gellend auf, während
+sie sich gleichzeitig, wie rasend geworden, bekreuzigen.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano wendet sich um und bekommt einen ungeheuerlichen Schreck.
+Auch er bekreuzigt sich jetzt und murmelt einige Ave-Marias schnell
+herunter. Er weiß, daß nunmehr alles entdeckt ist und daß er nur noch
+auf die Rückkehr des Pfarrers warten kann, um in allen Unehren seinen
+Abschied zu erhalten.
+</p>
+
+<p>
+Die Frauen vor dem Altar werden immer lauter, und alle übrigen
+Frauen, die in der Kirche sind, laufen hinzu, um zu sehen, was geschehen
+ist. Auch sie fallen sofort nieder und bekreuzigen sich.
+</p>
+
+<p>
+Die Kirche ist ja nicht so sehr groß. Und so kann Cipriano am andern
+Ende gut verstehen, was hier aufgeregt geredet wird. Um so leichter
+kann er es verstehen, weil die Frauen beinahe schreien. Er will nicht hinhören,
+weil er ja weiß, daß er nur seine Schande hören wird. Aber er
+fängt doch die Worte auf, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie zusammenzureimen.
+</p>
+
+<p>
+„Un milagro! Un gra-a-a-n mi-laaagro le paso! Por Santa Purisima!
+Virgencita! Senjora Nuestra! O Heilige, Allerreinste! O Heiliges
+Jungferchen! Ein Wunder ist geschehen! Ein großes Wunder!“
+</p>
+
+<p>
+Alle Frauen wenden sich um zu Cipriano, der noch immer an der Tür
+steht bei den Weihwasserbecken. Er weiß immer weniger, was er tun
+soll. Am besten ist es, er geht nach Hause, legt sich auf seinen Petate und
+sagt, er ist todkrank.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Frauen lassen ihm keine Zeit, irgend etwas zu beschließen. Sie
+kommen auf ihn zugeeilt und zerren ihn zum Altar.
+</p>
+
+<p>
+Ihm ist nun alles gleichgültig geworden.
+</p>
+
+<p>
+Die Frauen packen ihn bei den Armen und schreien alle gleichzeitig auf
+ihn ein: „Siehst du das nicht, Cipriano? Hast du keine Augen für das
+große Wunder, das hier geschehen ist? Der Blitz hat in der vergangenen
+Nacht eingeschlagen, hier in die Kirche. Siehst du dort oben die durchgeschlagenen
+Dachziegel?“
+</p>
+
+<p>
+Cipriano blickt nach oben und nickt und nickt.
+</p>
+
+<p>
+„Ein Wunder! Ein großes Wunder ist uns aus Gnaden gegeben worden.
+Der Blitz wurde aufgefangen von der Hand des Jüngferleins. Ihre Hand
+hat die Heilige Jungfrau geopfert, um das Geheiligte Fleisch des Herrn
+in der Monstranz zu schützen und die Kirche vor dem Feuer zu bewahren.
+Ein Wunder! Un gran milagro!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+Es vergingen keine drei Tage, da war die Kirche von Tausenden umlagert,
+von Indianern, von Mestizen, von Weißen.
+</p>
+
+<p>
+Cipriano konnte nun nichts mehr an der Sache ändern. Er kam zu der
+Überzeugung, daß vielleicht doch ein höherer Wille obwaltet, der die
+Geschicke auf Erden bestimmt.
+</p>
+
+<p>
+Die Kirche wurde eine fette Pfründe. Und eine fette Pfründe ist sie
+heute noch.
+</p>
+
+<p>
+Es ist menschlich durchaus zu verstehen, daß Cipriano niemals etwas
+sagte. Denn wie durfte er, der einfache Indianer, der weder lesen noch
+schreiben konnte, den Bischöfen und anderen großen Herren der Kirche,
+die hierherkamen, um Messe zu lesen und zu firmen, in das Gesicht
+hinein sagen, daß hier ein kleiner Irrtum unterlaufen sei. Die Bischöfe
+würden ihn ausgelacht haben, und sie würden gesagt haben, er sei zu alt
+geworden und darum schwach im Geist. Und als echter Vollblut-Indianer
+wußte er wohl zu schweigen, wo es nicht notwendig schien zu reden und
+wo gar kein Vorteil für irgend jemand darin lag, Dinge zu verwirren,
+die große geistliche Herren, tausendmal klüger als er, als zu göttlichem
+Recht bestehend betrachteten. Es war nicht seine Aufgabe, Religionen
+zu reformieren. Nach guter Indianerlebensauffassung dachte er, daß
+man die Dinge am besten läßt, wie sie sind, solange sie einem selbst keine
+Unbequemlichkeiten bereiten. Und daß er Unbequemlichkeiten durch
+seine Schweigsamkeit zu erdulden gehabt hätte, konnte nicht behauptet
+werden. Denn der Kirchendiener einer fetten Pfründe kann ein beschaulicheres
+Dasein führen als der einer armen indianischen Dorfgemeinde.
+Cipriano brauchte kein Holz mehr zu fällen und keine Holzkohle
+mehr zu brennen; und er brauchte sich nicht länger mehr mit den
+Aufkäufern der Holzkohle herumzuzanken, die für ewig das Gewicht der
+Waage fälschen und für ewig an den Preisen heruntergeizen. Und daß
+Hartholzfällen im Busch und Kohlebrennen in tropischer Glut eine
+große Freude sei und ein angenehmes Schicksal für einen Indianer, von
+dieser Lebensauffassung war Cipriano frühzeitig in seinem Dasein geheilt
+worden, viele, viele Jahre vorher, ehe er ein leises Mitleid für Judas
+Ischariot zu fühlen begann.
+</p>
+
+<p>
+Daß nicht alle Wundergottesbilder in dieser oder ähnlicher Weise entstanden
+sind, beweist nichts gegen die Wahrheit dieser Geschichte; denn
+es ist ganz und gar zwecklos, sich mit einem Islamiten der prophetischen
+Fähigkeiten Mohammeds wegen herumzustreiten.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-7">
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+SPIESSGESELLEN
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> Jalisco, wo er mehrere Male mit der Polizei in Berührung gekommen
+war, konnte sich Vicente Pliego nicht mehr halten, weil ein
+neuer Polizeidirektor eingesetzt worden war, der schnell und gründlich
+mit den kleinen Spitzbuben aufzuräumen begann. Mit den großen
+Spitzbuben war das nicht so leicht, weil sie teils Mitglieder der eigenen
+Familie des Polizeidirektors waren, und teils waren sie Diputados, die
+genügend Einfluß hatten, dem Polizeidirektor zur Absetzung zu verhelfen.
+Und weil Vicente Pliego mit den Großen nicht konkurrieren
+konnte, schob er sich für eine Zeit aus dem Licht und ging nach Mexiko
+City, wo er noch unbekannt war.
+</p>
+
+<p>
+Vicente Pliego war Mestize. Sein ordentlicher Beruf war Spitzbube. Er
+hatte nie einen andern Beruf gehabt und hoffte, nie genötigt zu werden,
+einen andern Beruf ergreifen zu müssen.
+</p>
+
+<p>
+In Mexiko hielt er sich eine Zeitlang mit Taschendiebstählen reichlich
+über Wasser. Er war ein guter Katholik, und darum machte er seine
+besten Geschäfte innerhalb der Kirchen. Er kniete sich andächtig,
+mit vielen geschlagenen Kreuzen beladend, neben kniende und
+inbrünstig betende Frauen und stahl ihnen die Handtaschen leer. Den
+knienden Männern zog er die Börsen aus den hinteren Hosentaschen
+und erleichterte sie um ihre Uhren. Die Opferstöcke zu berauben, hielt
+er für unkatholisch und schamlos, weil es andere erfolgreich besorgten,
+die geschickter waren als er und ihm mit Dolchstößen gedroht hatten,
+falls er versuchen sollte, ihnen in das Geschäft, das sie als ihr Privileg
+betrachteten, hineinzumanschen.
+</p>
+
+<p>
+Vicente hatte ein Mädchen kennengelernt, und ihretwegen brauchte er
+eine größere Summe; denn sie machte Ansprüche auf elegante Kleider,
+goldene Ohrringe, Armbänder und was ein Mädchen sonst gern haben
+will.
+</p>
+
+<p>
+Durch einen Chauffeur hörte er von einer sehr wohlhabenden Familie,
+die in einer der eleganten Avenidas der Condesa wohnte; und er beschloß,
+sich bei dieser Familie die Summe, die er benötigte, zu verschaffen.
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+Er besuchte seinen Freund, den Chauffeur, und hierbei sah er
+sich im Hause um mit der klugen Vorsicht, das Betriebsfeld zu studieren.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Überall in Mexiko gibt es Kirchen, in denen sich bestimmte Heilige befinden,
+die in langer Erfahrung sich den Ruf erworben haben, Spitzbuben,
+Einbrechern, Straßenräubern und Raubmördern freundlich gesinnt
+zu sein und ihnen ihren göttlichen Schutz nicht zu versagen, vorausgesetzt
+natürlich, daß man sie genügend anbetet und ihnen Kerzen und
+andere besonders gut klingende Opfergaben zu Füßen legt. Außerdem
+erwarten jene Heiligen, daß ihr Ruhm der Welt verkündet wird. Da
+der ungeweihte und der uneingeweihte Mensch keine Befugnis hat,
+solche Lobreden auf Heilige öffentlich oder gar in der Kirche zu halten,
+so ist der schlichte Gläubige genötigt, einen Brief zu schreiben und in dem
+Briefe dem Heiligen seinen Dank für die gewährte Hilfe auszusprechen,
+dabei zu erwähnen, welcher Art die Hilfe war, und dann diesen Brief
+offen, für jeden anderen Gläubigen sichtbar, dem Heiligen mit einer
+Stecknadel an die Kutte oder den Samtmantel anzupicken.
+</p>
+
+<p>
+Vicente hatte in der Nähe des Marktes Merced eine Wahrsagerin angetroffen,
+der er fünfzig Centavos bezahlte, um von ihr zu erfahren,
+welcher Heilige ihm wohl für seine besonderen Geschäfte am günstigsten
+gesinnt sei. Die Wahrsagerin kannte ihren Mann sofort – warum wäre
+sie sonst Wahrsagerin? –, und sie gab ihm den Namen der Kirche und
+den Namen des Heiligen, der für seine speziellen Bedürfnisse in Frage
+käme, sagte ihm, in welcher Nische der Heilige zu finden sei, wie er
+aussehe und wieviel er für seine Mitwirkung erwarte.
+</p>
+
+<p>
+Die Kirche befand sich nahe dem Barrio de la Bolsa, jenem Stadtviertel
+in Mexiko, das als das gefährlichste Räuber-, Mörder- und Spitzbubenstadtviertel
+in der ganzen Welt berüchtigt und verrufen ist. Es gilt als
+verwegener denn irgendein ähnliches Stadtviertel in New York, Chikago,
+San Franzisko, London oder Paris. Fremde und Touristen, die
+nach Mexiko kommen, werden stets dringend gewarnt, jenes Stadtviertel
+weder bei Tage noch bei Nacht aufzusuchen, weil für ihr Geld und ihre
+Kleidung, einschließlich Hemd, gar nicht und für ihr Leben so gut wie
+nicht gebürgt werden kann. Hier pflegen die Mörder für politische
+und private Angelegenheiten gemietet zu werden. Hier werden, laut
+Polizeibericht, kleine Mädchen von sechs Jahren öffentlich in den
+Pulquerias an den Meistbietenden versteigert und meist von ihren
+eigenen Eltern oder ihren nächsten Anverwandten. Hier werden, ebenfalls
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+laut Polizeibericht, einjährige Kinder gebraten und ihr Fleisch verkauft
+und gekauft als „Carne del Ninjo“, Kinderfleisch. Und alle die
+Menschen, die hier leben, haben ihren Rosenkranz in der Tasche und ein
+von dem Pfaffen geweihtes Amulett um den Hals hängen; und jeden
+Tag, ohne einen auszulassen, gehen sie wenigstens einmal für zehn
+Minuten in eine der zahlreichen Kirchen des Distrikts, um sich mit Weihwasser
+zu besprengen und ihre Kniebeugen vor der Gottesmutter und
+ihre Pflichtbekreuzigungen zu machen. Das Stadtviertel ist heute umgetauft,
+damit die Touristen es nicht finden sollen; denn alle Reiseführer
+tragen noch die frühere richtige Benennung. Ein Mann in Würden in
+Mexiko, der den mexikanischen Proletariern und ihrem heldenhaften
+Kampf um ihre geistige und wirtschaftliche Befreiung offenbar nicht
+freundlich gesinnt ist, hat der Hauptstraße in jenem verrufenen Viertel
+jetzt offiziell den Namen „Avenue der Arbeit“ verliehen, wie er dem
+schmutzigsten Stadtviertel, in dem nicht eine Straße gepflastert ist, wo
+weder Kanalisation noch Wasserspülung ist und wo infolgedessen der
+widerwärtigste Unrat offen in den Straßen liegt und offen von bedürfnisgedrängten
+Männern und Frauen und Kindern zu jeder Tageszeit hingelegt
+wird, weil jede andere Ablagerungsgelegenheit fehlt, den Namen
+„Colony der Arbeiter“ gab. Durch eine Veränderung des Namens allein
+kann man aber aus einem Mädchen keinen Jungen machen. Und so, wenn
+heute neugierige Touristen in Mexiko fragen: Wo ist denn das verrufenste
+Verbrecherviertel hier?, so wird ihnen wahrheitsgemäß geantwortet:
+Das ist die Avenue der Arbeit. Und fragen die Touristen: Wo ist
+hier das schmutzigste, das verwahrloseste und das stinkigste Stadtviertel?,
+so heißt die wahrheitsgetreue Antwort: Das ist die Colony der Arbeiter.
+Damit ist erreicht, was jener Straßenumtaufer in seinem Haß und in
+seiner Verachtung gegen das mexikanische Proletariat erreichen wollte;
+und er bewies dadurch, daß es viele wirksame Methoden gibt, mit denen
+selbst unter einer ehrlich arbeiterfreundlichen Regierung konservative
+Bürokraten erfolgreich arbeiten können.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Vicente machte sich sofort auf, um sich mit seinem neugewonnenen Heiligen
+anzufreunden. Er fand ihn offenbar willig und bereit, ihm seinen
+himmlischen Beistand nicht zu versagen. Vicente kniete nieder, sagte
+andächtig alle die Gebete herunter, die jenem Heiligen laut Gebetbuch
+zustehen, und erklärte ihm, was er vorhabe und in welcher Form er die
+Mithilfe erwarte. „Wenn alles gut geht, wenn ich mit allem gut herauskomme
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+und ich nicht erwischt werde, will ich dir zwanzig Kerzen
+opfern und fünfundzwanzig Prozent des Geschäfts“, versprach Vicente,
+im Gebete flüsternd, dem Heiligen. Dann fügte er noch eine Reihe
+Gebete hinzu, stellte dem Heiligen vier neue Kerzen auf den Altar,
+bekreuzigte sich und ging. Ging mit der Überzeugung, daß er jetzt den
+geplanten Einbruch erfolgreich begehen könne, auch wenn zwei Polizisten
+vor dem Hause stehen sollten.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Tage darauf erhielt er von seinem Freunde, dem Chauffeur, die
+Mitteilung, daß er, der Chauffeur, seine Herrschaften zu einer Geburtstagsfeier
+nach San Angel zu fahren habe und daß die Herrschaften ganz
+bestimmt nicht vor zwei Uhr morgens zurück sein würden; das Hauspersonal
+habe Urlaub für die Lichtspiele und komme nicht zurück vor
+zwölf Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Vicente machte das alles allein, ohne jegliche Mithilfe.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen darauf sah sich Vicente im Besitze von etwa zweitausendvierhundert
+Pesos, zwei Uhren, einigen Ringen, einem goldenen Zigarettenbehälter
+und noch so einigen Kleinigkeiten, wie sie bei einem
+solchen Besuch gewöhnlich als Dreingabe mit abzufallen pflegen.
+</p>
+
+<p>
+Es war alles gut gegangen. Ein Polizist hatte ihn herauskommen sehen,
+aber nichts gesagt und gewiß auch nichts vermutet. Und weil alles so
+vortrefflich und ruhig und ohne Revolverschießerei abgegangen war, erinnerte
+sich Vicente des Versprechens, das er dem Heiligen gegeben
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Er ging zu einem Evangelisten in den Kolonaden der Plaza del Santo
+Domingo und ließ sich den Danksagebrief an den Heiligen mit der
+Schreibmaschine schreiben, und er bestand darauf, daß die wichtigen
+Stellen des Briefes mit rotem Band getippt werden sollten. Der Evangelist
+berechnete dafür, obgleich er keine besondere Arbeit hatte, weil das Band
+zweiteilig war, einen Peso extra.
+</p>
+
+<p>
+Aber Vicente konnte nicht sofort zu dem Heiligen gehen, weil er eine
+Verabredung mit seinem Mädchen hatte, und diese Verabredung verzögerte
+sich immer mehr und mehr, bis es endlich zu spät war, zu jener
+Kirche hinauszugehen. Dagegen bezahlte er am selben Abend noch
+seinem Freunde, dem Chauffeur, die ausgemachte Belohnung.
+</p>
+
+<p>
+Als endlich, am nächsten Nachmittag, sich Vicente aufs neue seiner Pflicht
+gegenüber dem Heiligen erinnerte, fand er, daß die Verabredungen mit
+seinem Mädchen und den damit verknüpften Einkäufen so viel gekostet
+hatten, daß er dem Heiligen auf keinen Fall die fünfundzwanzig Prozent
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+vom Reingewinn bezahlen konnte, also etwa sechshundert Pesos, die in
+den Opferstock gelegt werden sollten. Er hatte zwar noch etwa siebenhundert
+Pesos, aber wenn er davon dem Heiligen sechshundert abgab,
+dann war es morgen schon aus mit weiteren Verabredungen mit seinem
+Mädchen. Er kam zu der Überzeugung, daß der Heilige ja von großer
+Güte sei und von einem großen Verständnis für die Schwächen der
+Menschen, und daß er sich gewiß mit zweihundert Pesos, vielleicht mit
+hundertfünfzig Pesos durchaus begnügen werde.
+</p>
+
+<p>
+Vicente schob also am folgenden Vormittag hinaus zu der Kirche, kniete
+nieder, verrichtete seine Gebete, hängte dem Heiligen den schönen rot
+und blau geschriebenen Danksagebrief an und begann nun die Pesos,
+je ein silbernes Ein-Peso-Stück nach dem andern, in den Schlitz des
+Opferkastens zu stecken. Das dauerte eine gute Weile.
+</p>
+
+<p>
+Er war nicht der einzige Mensch, der vor dem Heiligen kniete; denn es
+gab ja mehr Spitzbuben in Mexiko als nur einen. Die Nicht-Spitzbuben
+hatten wieder andere Heilige, je nach ihren Bedürfnissen. Oft wußten
+freilich auch die Nicht-Spitzbuben nicht ganz genau, ob die Sache, für
+die sie ihren Heiligen um Beistand anflehten, nicht eigentlich mehr in
+das Spezialgebiet jenes anderen Heiligen, den sich Vicente erwählt hatte,
+gehört hätte.
+</p>
+
+<p>
+Weil nun Vicente nicht der einzige Betende war, so achtete er wenig
+darauf, wer die andern waren, die vor demselben Heiligen knieten und
+beteten. Er sah da einen Mann knien, der gleichfalls zum selben Handwerk
+zu gehören schien. Der Mann stand auf und sah sich oberflächlich
+die Briefe an, die dem Heiligen angeheftet waren. Er schien die Briefe
+alle gut zu kennen, denn er sah sofort, daß ein neuer Brief angehängt
+war, und er hatte auch gesehen, wer ihn angehängt hatte. Und er sah
+ferner, daß Vicente dort einen Peso nach dem andern in den Kastenschlitz
+steckte. Er war wieder niedergekniet und betete mit tiefer Inbrunst
+und mit unzähligen Bekreuzigungen.
+</p>
+
+<p>
+Vicente war inzwischen mit dem Bezahlen zu Ende gekommen. Er hatte
+noch einige zwanzig Pesos von der Belohnung heruntergehandelt, weil
+es ihm zuletzt dumm vorkam, die schönen Pesos dort nur immer so
+hineinzuschieben.
+</p>
+
+<p>
+Nun kniete er wieder nieder, um die Abschiedsgebete herunterzuflöten.
+Er zischte sie mit großer Schnelligkeit von dannen, weil er sich erinnerte,
+daß er mit seinem Mädchen eine frühere Verabredung getroffen hatte,
+was ihm gerade in diesem Augenblick einfiel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+Jener Mann, der zum selben Handwerk gehörte und ebenso dringend
+seine Angelegenheiten dem Heiligen ans Herz legte, wie Vicente es getan
+hatte, kniete noch immer. Aber jetzt endlich schien er fertig zu sein. Er
+machte noch eine Anzahl Kreuze über sich her, dann stand er auf und
+ging hinaus. Draußen vor der Kirche winkte er einen Mann heran, der
+dort gelangweilt herumstand, eine Zigarre rauchte und einen Spazierstock
+trug, von dem er anscheinend nicht wußte, was er damit machen
+sollte, denn er warf ihn von einem Arm in den andern, schleuderte ihn
+in der Luft herum, hielt ihn wie ein Gewehr, dann wie einen Besen, dann
+kratzte er damit auf den Steinen herum, dann schabte er sich mit ihm
+hinter den Ohren, und was man sonst noch so alles mit einem Spazierstock
+machen kann, wenn man nicht als Kind schon gelernt hat, daß ein
+Spazierstock nur einen Zweck hat: ihn irgendwo stehenzulassen und
+schnell auszurücken, daß er einem nicht etwa nachgebracht werden kann.
+Also so war der Mann da draußen. Er hatte einen Spazierstock. Und er
+rauchte eine Zigarre. Diese Art Leute sind auf der ganzen Welt völlig
+gleich. Man erkennt sie auf zweihundert Schritt, und man erkennt sie
+leichter als die uniformierten Polizisten, von denen man oft nicht weiß,
+ob sie von einem Maskenball übriggeblieben sind oder ob sie als die neue
+Schutz- und Ordnungstruppe nach dem oberen Kongo geschickt werden
+sollen.
+</p>
+
+<p>
+Aber, und das ist der Punkt, der Mann, der auch zum Handwerk gehörte,
+auch vor dem Heiligen andächtig kniete und Kreuze machte, versteht
+alle Danksagebriefe, die dem Heiligen an seinen Plüschmantel gepickt
+werden, viel besser zu lesen, als der geschickteste Spitzbube mit Hilfe des
+besten Evangelisten sie je wird schreiben können. Der Spitzbube muß
+doch wenigstens, wenn auch noch so umschrieben und geheimnisvoll, andeuten,
+was der Heilige für ihn getan hat, denn andernfalls weiß der
+Heilige ja gar nicht, was los ist, und er verwechselt die Briefe, die Gelder
+und die Namen und hilft aus reinem Versehen nicht dem, der am besten
+zahlt und die schönsten Ruhmbriefe schreibt, sondern dem, der am schäbigsten
+mit den Kerzen, mit den Lobesbriefen und mit den Geldern ist.
+Die Polizei betet auch zu dem Heiligen, so gut wie die Spitzbuben. Und
+wenn der Polizei gemeldet wird, vorgestern nacht wurde in einem bestimmten
+Hause eingebrochen und das und jenes gestohlen, und der Spitzbube
+wurde nicht erwischt, dann geht ein Polizist in Zivil auf den
+Volador, auf den Diebsmarkt, wo die gestohlenen Sachen gehandelt
+werden. Ein zweiter Polizist geht in bestimmte Kirchen, wo er seine
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+Heiligen alle kennt. Wurde der Spitzbube nicht erwischt, dann kommt
+er sich beim Heiligen bedanken, wenn nicht heute, dann morgen oder
+übermorgen. Aber er kommt, denn er ist ein guter Katholik, der an
+die Hilfsbereitschaft seiner Heiligen glaubt und ihnen zu Dank verpflichtet
+ist.
+</p>
+
+<p>
+Der Chauffeur war gestern schon in Haft genommen worden, weil die
+Polizei ja sehr dumm sein mag, aber doch nicht so dumm, daß sie nicht
+nach wenigen Stunden weiß, daß jemand, der zum Hause gehört,
+jemandem, der nicht zum Hause gehört, etwas erzählt haben muß, wann
+das Haus verlassen ist und wo das laufende Geld aufbewahrt wird.
+</p>
+
+<p>
+Und Vicente, der treue Gläubige, schreibt in seinem Danksagebrief in
+roter Schrift und vertrauensvoll und kameradschaftlich: – – und ich
+küsse Dich, Santito mio, auf Dein Herz aus Dankbarkeit, daß Du mir
+einen so guten Freund in den Weg sandtest wie meinen Freund, der
+Ch...r Pancho L., und ich bitte Dich aus tiefstem Herzen, auch ihn
+zu schützen und mit Deinen Gnaden zu überhäufen, und ich preise – –.
+Selbst wenn die Polizei gar kein Interesse daran hat, ob die Spitzbuben
+gefangen werden oder nicht, denn das Geld ist ja auf alle Fälle fort, so
+kann sie doch nicht, wenn sie auch nur einen Funken von Berufsstolz hat,
+sich einen derartigen Brief direkt vor die Nase kleben lassen und dann
+sagen: wir bedauern, mit der Verhaftung des Chauffeurs einen groben
+Irrtum begangen zu haben. Polizei und Richter begehen keine Irrtümer.
+Wenn jemand hingerichtet wurde, und es stellt sich später heraus, daß er
+unschuldig hingerichtet wurde, so war es seine eigene Schuld; warum
+hatte er sich so nahe hingestellt, daß man glauben mußte, er sei schuldig.
+Wo ein Verbrechen geschieht, geht man rechtzeitig fort, dann kann man
+nie unschuldig verhaftet werden.
+</p>
+
+<p>
+Alle diese so wunderbaren Untersuchungen und Erwägungen und tiefen
+Gedanken aus dem Gebiete der Justizpflege waren weder Vicente bekannt
+noch seinem treuen Freunde, dem Chauffeur. Sie beide werden
+beim nächsten Male alles ganz genau wieder so machen, wieder Briefe
+an den Heiligen schreiben und wieder vor dem Heiligen knien.
+</p>
+
+<p>
+Es war ihnen bald klar, warum der Heilige versagt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Im Belen-Gefängnis trafen sich Vicente und der Chauffeur. Keiner hatte
+den andern verraten. Sie waren bessere Freunde als vorher.
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe nicht“, sagte der Chauffeur, „wenn dich dein Santo so
+ganz und gar im Stich gelassen hat.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+„Ich weiß es, warum“, sagte Vicente gedrückt. „Ich bin doch glänzend
+aus dem Hause gekommen. Aber verflucht, dann habe ich eben die große
+Dummheit gemacht. Ich hatte dem Santo fünfundzwanzig Prozent versprochen.
+Weißt du, wieviel ich ihm gegeben habe, Chato? Achtzig Pesos,
+und davon habe ich ihm auch noch zwanzig Pesos abgezogen, und die
+zwanzig Kerzen habe ich ihm auch nicht gebracht.“
+</p>
+
+<p>
+„Da freilich“, sagte der Chauffeur, „wundert’s mich nicht mehr, warum
+wir hier sitzen. Für das Geld konnte er das mit dem allerbesten Willen
+nicht machen. Das hättest du doch wirklich wissen können. Wenn ich es
+dafür nicht gemacht habe, wie kannst du es denn dann von deinem Santo
+erwarten? Einen solchen Dummkopf, wie du bist, habe ich lange nicht
+gesehen.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-8">
+<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
+DIE GESCHICHTE EINER BOMBE
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-d"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar drop-d">er</span> Indianer Eduardo Llaca hatte drei hübsche Töchter. Alle
+drei heiratsfähig, die jüngste dreizehn, die älteste sechzehn Jahre alt. Eines
+Tages kam zu ihm der Indianer Guido Salvatorres, der hier am Orte
+mehrere Wochen im Busch gearbeitet und für etwa fünfzig Pesos Holzkohle
+gebrannt hatte. Nachdem er sich ein neues Hemd, eine neue Hose
+und einen neuen Hut gekauft sowie der alten Negerin, wo er in Kost
+gewesen war, die Rechnung bezahlt hatte, blieb ihm nicht viel übrig.
+</p>
+
+<p>
+Am Samstag war Tanz gewesen, der bis zum Morgen dauerte und bei
+dem Salvatorres die drei hübschen Mädel kennengelernt hatte, aber sehr
+wenig Gelegenheit bekam, mit ihnen zu tanzen, weil die andern Burschen
+immer viel flinker waren als er.
+</p>
+
+<p>
+Den Sonntag hatte er gebraucht, um einen Gedanken zu bekommen. Und
+dieser Gedanke arbeitete an ihm Montag, Dienstag und Mittwoch. Am
+Donnerstag war der Gedanke so reif geworden, daß er am Freitag klare
+Gestalt annehmen konnte und seinen Erzeuger am Samstag zu jenem
+Vater führte. – „Welche willst du denn haben?“ fragte Llaca.
+</p>
+
+<p>
+„Diese da!“ sagte Salvatorres, wobei er auf Bianca zeigte, die gerade
+vierzehn Jahre alt war und die das hübscheste Gesicht hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Das glaube ich dir, die würde dir wohl schmecken. Wie heißt du denn
+übrigens?“
+</p>
+
+<p>
+Nachdem Salvatorres seinen vollen Namen, den er wohl nennen, aber
+nicht buchstabieren konnte, hergesagt hatte, fragte ihn der Vater, wieviel
+Geld er habe.
+</p>
+
+<p>
+„Achtzehn Pesos“, sagte er. Das war doppelt soviel, als er wirklich besaß.
+„Da kannst du Bianca nicht haben, ich brauche eine neue Hose, und die
+Alte hat keine Schuhe. Wenn du so hoch hinaus willst und es auf Bianca
+abgesehen hast, können wir nicht in Lumpen herumlaufen. Eine Hose
+für mich und ein Paar neue Schuhe für die Alte, oder wir können dich
+in der Familie nicht gebrauchen. Gib mir mal Tabak.“
+</p>
+
+<p>
+Nachdem die Zigaretten gerollt und angezündet waren, sagte Salvatorres:
+„Ich kann auch die da nehmen!“ Diesmal zeigte er auf Elvira, die älteste
+unter den dreien.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+„Du bist nicht dumm, Salvatorres. Sage, hast du denn Arbeit?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe einen Esel.“
+</p>
+
+<p>
+„Kein Pferd?“
+</p>
+
+<p>
+Diese Fragen nach seinem Vermögen setzten Salvatorres ein wenig in Verlegenheit.
+Er spuckte ein paarmal aus und sagte dann: „Ich habe einen
+Onkel, der arbeitet in einer Mine bei Torreon. Da gehe ich rauf, wenn
+ich eine Frau habe, und warte, bis auch ich in der Mine arbeiten kann.
+Man kann dort leicht drei Pesos den Tag verdienen.“
+</p>
+
+<p>
+„Drei Pesos ist hübsches Geld“, sagte der Alte. „Aber die achtzehn Pesos,
+die du hast – damit können wir nicht einmal die Hochzeit machen.“
+</p>
+
+<p>
+„Soviel kann doch die gewiß nicht kosten. Einen Pfarrer können wir
+nicht nehmen, und die Lizenz für das Standesamt können wir auch nicht
+bezahlen.“
+</p>
+
+<p>
+„Freilich nicht“, sagte der Alte, „soviel Geld gibt es gar nicht. Aber wir
+müssen doch wenigstens zwei Musikanten haben für den Tanz und zwei
+Flaschen Tequila, sonst sagen die Leute uns nach, Elvira sei überhaupt
+gar nicht verheiratet, sondern sei nur mit dir davongelaufen. Und so
+etwas machen meine Töchter nicht. Warte nur ja darauf nicht, dann
+kannst du alt werden.“
+</p>
+
+<p>
+Es wurde dann hin und her gerechnet, daß Salvatorres noch drei Wochen
+oder vier im Busch Kohle brennen solle, um das Geld zusammenzuhaben
+für die Musikanten, den Tequila, ein Kilo Kaffee, drei Kilo
+Zucker, ein Paar Schuhe für die Mutter und eine Hose für den Vater.
+Als er damit einverstanden war, wurde ihm erlaubt, daß er hier in Kost
+gehen könne bei den zukünftigen Schwiegereltern, wofür er ein Drittel
+weniger zu bezahlen habe als bei der Negerin; man wolle ihn inzwischen
+schon als Sohn anerkennen, er möge sich dort in der freien Ecke ein
+Schlafgestell einrammen, und wenn er eine zweite Decke kaufen wolle
+für Elvira, so könne sie schon bei ihm schlafen, damit nicht so viele Umstände
+gemacht zu werden brauchen, denn verhindern ließe es sich ja doch
+nicht. Nachdem Salvatorres auch diese Decke für Elvira zugestanden
+hatte, wurde Elvira selbst, die wie alle Familienmitglieder der ganzen
+Verhandlung beigewohnt hatte, gefragt, ob sie etwas einzuwenden habe.
+„Ich würde ganz gern nach Torreon gehen“, war ihre Antwort, und
+damit war diese wichtige Familienangelegenheit erledigt.
+</p>
+
+<p>
+Auf alle Fälle fehlten Salvatorres jene neun Pesos, die er sich in die Tasche
+gelogen hatte. In den vier Wochen, die er zu arbeiten hatte, ging auch
+das Hemd in die Brüche, und für die Hochzeit mußte er unbedingt ein
+<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
+neues haben. Diese beiden Tatsachen waren die Ursache, daß einem in
+der Nähe wohnenden amerikanischen Farmer eines Tages zwei Kühe
+fehlten, die nie wiederkamen.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem der Tanz gewesen war, der alte Llaca sich betrunken hatte, er
+eine neue gelbe Zwirnhose und seine Senjora ein Paar neue Schuhe besaßen,
+war Elvira die rechtmäßige Gattin des Salvatorres, die ihm niemand
+entführen oder verführen durfte, ohne seine Ehre zu verletzen und
+seinen Zorn hervorzurufen. Salvatorres packte seine beiden Decken, einen
+Kaffeekessel, seinen Machete, seine Axt und seine Elvira auf den Esel
+und wanderte in die Minengebiete von Torreon.
+</p>
+
+<p>
+Nur eine Woche lungerte er herum, dann bekam er Arbeit in einer
+Kupfergrube. Die Arbeit war schwer, aber er fürchtete sich nicht davor.
+In der freien Zeit, die er hatte, baute er sich eine Hütte, in der er mit
+seiner Elvira ein glückliches Leben führte. Sie kochte ihm das Essen,
+wusch seine Wäsche, flickte ihm seine Hosen, prickte ihm die Sandflöhe
+aus den Füßen und wärmte ihm in den kalten Nächten, die in jener Berggegend
+so häufig sind, das Bett. Er fühlte sich wohl, betrank sich nie, und
+sie hatte keinen Grund zu irgendwelcher Klage.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht wäre das ein ganzes Menschenleben so geblieben, wenn nicht
+eines Tages ein Bursche mehr in Elvira entdeckt hätte, als Salvatorres
+je fähig war, in ihr auch nur zu ahnen. Als Salvatorres jenes Abends
+heimkam, war Elvira ausgeflogen. Und da sie die schöne Decke, ihr
+zweites Hemd, ihre beiden Kleider und den Kamm mitgenommen hatte,
+wußte Salvatorres, daß es für immer war, daß sie nicht daran dachte,
+die eheliche Gemeinschaft mit ihm fortzusetzen.
+</p>
+
+<p>
+Die Hütten der eingeborenen Bevölkerung sind nicht imstande, irgendwelche
+Geheimnisse zu verbergen. Nachdem Salvatorres etwa zwei
+Dutzend Hütten abgesucht hatte, fand er die richtige. Er hörte seine
+Elvira darin lachen und schwatzen. Er spähte durch die Wände und erblickte
+Elvira schmeichelnd an der Seite ihres Neuerwählten sitzen. Sie
+war in vortrefflicher Laune. Außer diesem Paar waren noch zwei andere
+junge Paare in derselben Hütte. Alle waren lustig und guter Dinge, und
+sie hatten sich zu einem gemütlichen Abendschwätzchen zusammengefunden.
+Der Name Salvatorres wurde gar nicht erwähnt, sein Träger
+war ausgelöscht aus dem Gedächtnis dieser lustigen Leutchen.
+</p>
+
+<p>
+Die wahren Motive einer Handlung zu ergründen, die der Angehörige
+einer Rasse begeht, die nicht die unserige ist, ist ein törichtes Beginnen.
+Vielleicht finden wir das Motiv, oder wir mögen glauben, daß wir es
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+gefunden haben, aber wenn wir versuchen, es zu begreifen, es unserer
+Welt- und Seeleneinstellung nahezubringen, stehen wir ebenso hoffnungslos
+da – vorausgesetzt, wir sind ehrlich genug, es einzugestehen –, genau
+so, als wenn wir in Stein eingegrabene Schriftzeichen eines verschollenen
+Volkes entziffern sollen. Der Angehörige der kaukasischen Rasse wird,
+wenn als Richter über die Handlung des Angehörigen einer andern Rasse
+gesetzt, immer ungerecht sein.
+</p>
+
+<p>
+Was Salvatorres jetzt tat, kann lediglich in der Handlung und in der
+Wirkung mitgeteilt werden. Eine Erklärung für seine Handlung zu
+geben, würde eine Untersuchung nötig machen, die ein dickes Buch füllen
+würde.
+</p>
+
+<p>
+Als er sich davon überzeugt hatte, daß seine Elvira sehr glücklich war,
+offenbar viel glücklicher und viel verliebter, als er sie jemals gesehen
+hatte, solange sie seine Frau war, daß also keine Hoffnung blieb, sie je
+wieder als Ehegesponst zu haben, beschloß er, einen dicken Strich unter
+diesen Abschnitt seines Lebens zu ziehen.
+</p>
+
+<p>
+Mit der ganzen Geschicklichkeit und Intelligenz, die den mexikanischen
+Indianern eigen ist, fabrizierte er in überraschend kurzer Zeit eine ausgezeichnete
+Bombe aus den denkbar primitivsten Mitteln. Um ihre
+Wirkung ganz sicher zu machen, arbeitete er sich mit großer Mühe in die
+Werkzeugbude, verschaffte sich das Dynamit, das Hütchen und die Zündschnur.
+Als alles fertig war, schlich er sich wieder zu jener Hütte, wo die
+lustige Gesellschaft noch immer beisammen war und wahrscheinlich im
+Sinne hatte, dort zu übernachten. Türen haben diese Hütten ja nicht,
+und so war es eine einfache Sache, die Bombe, nachdem die Zündschnur
+gut Feuer gepackt hatte, in die Hütte zu schleudern.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem das geschehen war, verließ Salvatorres die Nähe der Hütte und
+ging ruhig nach Hause, um sich zu Bett zu legen. Was ein Mensch nur
+tun konnte, um eine Bombe wirkungsvoll zu machen, das hatte er getan.
+Das Resultat kümmerte ihn nicht. Ging die Bombe auf, war es recht,
+ging sie nicht auf, war es auch recht. Nachdem die Bombe verfertigt und
+sachgemäß an die richtige Stelle gebracht worden war, hatte die ganze
+Ehegeschichte jegliches Interesse für ihn verloren. Morgen und für den
+Rest ihres ganzen Lebens waren Elvira und ihr neuer Gatte und alle, die
+bei diesem Drama bewußt oder unbewußt helfend mitgewirkt hatten,
+vor dem Zorn Salvatorres so sicher, als ob er nicht existierte. Für ihn war
+der Fall Elvira gänzlich abgetan.
+</p>
+
+<p>
+Nicht aber so für die lachende Gesellschaft in der Hütte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+In den Bergwerksgegenden Mexikos weiß jeder Indianer und jede Indianerin,
+was es zu bedeuten hat, wenn sie plötzlich eine alte Konservenbüchse
+sehen, an der eine schmökende Zündschnur hängt. Die Bombe
+sehen und raus aus der Hütte, ohne ein Wort zu sagen, ohne auch nur
+einen Warnungsschrei auszustoßen, dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde.
+Dann erfolgte eine fürchterliche Explosion, die die Hütte splitterweise
+einige hundert Meter weiter fortschleuderte.
+</p>
+
+<p>
+Elvira und ihre neue Liebe waren mit dem Schrecken, der keine ernste
+Folgen bei ihnen zurückließ, davongekommen. Auch die übrigen Leutchen
+waren heil, bis auf eine der anderen beiden jungen Frauen, die in dem
+Augenblick, als die Bombe auf der Bildfläche erschien, sich in einer Ecke
+gerade mit den Kaffeetassen beschäftigte und deshalb weder die Bombe
+noch den wortlosen Abschied ihrer Gäste bemerken konnte. Diese bedauernswerte
+Tochter Mexikos machte die Reise der Hütte mit, und da
+sie sich in der kurzen Zeit nicht so rasch entscheiden konnte, mit welchem
+Teil der Hütte sie die Fahrt machen möchte, landete sie stückweise an
+zwanzig verschiedenen Stellen der Umgegend.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Tage später erschien auf dem Arbeitsplatze des Salvatorres ein
+Polizeibeamter. Das Verhör ging vor sich, ohne daß sich Salvatorres in
+seiner Arbeit viel stören ließ. Nur dann gerade, wenn er sich sowieso die
+Zeit nahm, um sich eine Zigarette zu rollen, gab er genügend Auskunft.
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Sie haben da in die Hütte des Juan Guennel eine Bombe geworfen?“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist richtig. Das geht aber Sie gar nichts an. Das ist eine reine
+Familienangelegenheit.“ Salvatorres ist in seinem guten Recht.
+</p>
+
+<p>
+„Bei dieser Bombengeschichte ist aber eine Frau getötet worden.“
+</p>
+
+<p>
+„Das weiß ich, das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das ist meine Frau,
+und ich denke doch, daß ich mit meiner Frau machen kann, was ich will,
+denn sie kriegt doch von mir das Essen und die Kleider, und die Musik
+für die Hochzeit habe ich auch bezahlt.“ Salvatorres ist abermals in
+seinem guten Recht.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist aber nicht Ihre Frau Elvira, die getötet wurde, sondern die Frau
+des Juan Guennel.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann geht mich die ganze Geschichte überhaupt gar nichts an. Die Frau
+des Juan kenne ich gar nicht, die hat mir gar nichts getan, und wenn die
+dabei draufgegangen ist, dann war das nicht meine Absicht, das ist dann
+ein Unglücksfall. Und für Unglücksfälle bin ich nicht verantwortlich. Die
+Guennel Frau konnte ja besser achtgeben.“
+</p>
+
+<p>
+Damit ist für Salvatorres die Angelegenheit erledigt. Seine Zigarette ist
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+aufgeraucht, er wirft den Stummel fort, nimmt eine Pickhacke und wütet
+gegen den Berg.
+</p>
+
+<p>
+Acht Tage darauf ist die Gerichtsverhandlung. Salvatorres hat sich wegen
+Mord zu verantworten. Die Geschworenen sind indianische Arbeiter, wie
+er einer ist. Irgend jemand hat ihm gesagt: „Im Gerichtssaal hältst du
+einfach die ganze Zeit das Maul. Entweder du sagst kein einziges Wort
+oder, wenn du schon was sagst, antwortest du immer nur ‚Das weiß ich
+nicht‘.“ Daran hält sich Salvatorres. Im großen und ganzen ist ihm das
+alles ganz egal. Wird er verurteilt, ist es ihm recht, wird er freigesprochen,
+ist es ihm auch recht. Er rollt sich seine Zigaretten und macht sich in dem
+Gerichtssaal einen faulen Tag. Auch die Geschworenen rauchen frischweg;
+wenn man es ihnen verböte, würden sie nach Hause gehen, und man
+hätte keine Geschworenen.
+</p>
+
+<p>
+„Der Angeschuldigte hat den Mord eingestanden. Der hier als Zeuge
+anwesende Beamte hat den Angeschuldigten an seinem Arbeitsplatze
+vernommen, und die Tat ist ohne weiteres zugegeben worden.“
+</p>
+
+<p>
+Der öffentliche Ankläger vertritt eine klare, sichere Sache; er hat so gut
+wie gar keine Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Ein Geschworener läßt Salvatorres durch den Vorsitzenden fragen, ob er
+den Mord eingestanden habe.
+</p>
+
+<p>
+„Das weiß ich nicht“, sagt Salvatorres. Darauf setzt er sich wieder und
+raucht weiter.
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer Geschworener wünscht das Protokoll zu sehen, in dem
+Salvatorres unterschrieben hat, daß er dem Beamten gegenüber die Tat
+nicht geleugnet habe.
+</p>
+
+<p>
+„Das Protokoll ist nur von dem Beamten unterzeichnet, da Salvatorres
+weder lesen noch schreiben kann. Er hat aber gestanden, und dafür haben
+wir das Wort und das Protokoll des Beamten, eines ehrenhaften Mannes.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Der öffentliche Ankläger wird ein wenig nervös.
+</p>
+
+<p>
+Ein dritter Geschworener will wissen, warum sie, die Geschworenen, dem
+Beamten, der im Dienste und Lohn des Staates stehe, mehr Glauben und
+Vertrauen schenken sollen als Salvatorres, der sich seinen Lebensunterhalt
+verdiene, ohne von den Steuern der Leute zu leben.
+</p>
+
+<p>
+Ein vierter Geschworener verlangt, daß Salvatorres hier in Gegenwart
+der Geschworenen erklären soll, ob er den Mord begangen habe, da er
+nicht sehe, auf Grund welcher Beweise er Salvatorres schuldig sprechen
+könne.
+</p>
+
+<p>
+„Bekennen Sie sich schuldig?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+„Das weiß ich nicht.“ Salvatorres setzt sich wieder und beginnt an einer
+neuen Zigarette zu rollen.
+</p>
+
+<p>
+Der Vertreter der Anklage spielt seine letzte Karte aus. Er läßt die
+Zeugen aufmarschieren: Elvira, ihren Geliebten und die anderen drei
+Leutchen, die an jenem Abend in der Hütte waren. Sie alle wissen, was
+der ganze Ort weiß und worüber gar kein Zweifel herrscht, da Salvatorres
+viel zuviel auf seine Ehre hält, als daß er irgend jemand darüber im
+unklaren ließe, wie er eine ungetreue Frau behandelt.
+</p>
+
+<p>
+Die Zeugen erklären einmütig, daß sie nicht gesehen haben, wer die
+Bombe geworfen habe. Und auf die Frage, ob sie glauben, daß Salvatorres
+es gewesen sein könne, erklären sie wieder einmütig, es könne auch ebensogut
+der frühere Liebhaber der Frau des Guennel gewesen sein; er
+wohne zwar seit einem halben Jahr in Parral mit einer Frau, aber er sei
+sehr eifersüchtig. Elvira fügt hinzu, sie kenne Salvatorres sehr gut, da sie
+seine Frau gewesen sei, und eine Bombe würde er nie werfen, sicher
+nicht gegen eine Frau, die er gar nicht kenne.
+</p>
+
+<p>
+Dem öffentlichen Vertreter der Anklage ist sein wunderschöner Kuchen
+zerkrümelt. Die Geschworenen ziehen sich zurück, und nach einer Viertelstunde
+Anstandsberatung geben sie ihr Urteil ab: „Salvatorres ist unschuldig
+mit allen Stimmen.“
+</p>
+
+<p>
+Salvatorres wird sofort auf freien Fuß gesetzt. Er geht mit den Zeugen,
+Elvira und ihren Neuerwählten eingeschlossen, in den nächsten Saloon,
+wo sie eine Flasche Tequila leeren, wobei sie der Reihe nach die Flasche
+an den Mund führen. Am Nachmittag desselben Tages ist Salvatorres
+bereits wieder in der Grube.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend des nächsten Tages ist Tanz. Salvatorres ist auch da. Er findet
+eine neue Frau, die sehr hübsch ist und noch in der Nacht in sein Haus
+einzieht.
+</p>
+
+<p>
+Nachmittags geht sie aus, um ihre Habseligkeiten, die sie in einem
+Schilfkorbe aufbewahrt, von ihrer bisherigen Unterkunftsstelle zu holen
+und in das neue Heim zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend – Salvatorres ist schon längst von der Arbeit heimgekehrt –
+sieht sie plötzlich, während sie die Frijoles auf den Tisch stellen will, eine
+alte Konservenbüchse mit einer schmökenden Zündschnur daran, mitten
+auf dem Fußboden liegen.
+</p>
+
+<p>
+Sie konnte noch rechtzeitig entweichen. Aber von Salvatorres ist nicht einmal
+mehr ein Hosenknopf übriggeblieben, den sie als trauernde Witwe
+hätte beweinen können.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-9">
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+DIE DYNAMIT-PATRONE
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">ine</span> Anzahl indianischer Arbeiter, die in den Bergwerken
+von Chihuahua gearbeitet hatten und sich jetzt in dem Vorort der Stadt
+herumtrieben, stritten sich eines Tages über die Wirksamkeit der Dynamitpatronen,
+die beim Sprengen der Gesteinsmassen verwendet werden. Die
+Mehrzahl stimmte darin überein, daß die Wirkung auf den menschlichen
+Körper unbeschreiblich vernichtend sei; einige wenige dagegen behaupteten,
+die Wirkung komme nur Gesteinsmassen gegenüber zum vollen
+Ausdruck, während sie gegenüber dem menschlichen Körper beinahe
+harmlos zu nennen sei.
+</p>
+
+<p>
+Als eine Einigung hierüber nicht erzielt werden konnte, erbot sich der
+Vertreter der „harmlosen Wirkung“, an seiner eigenen Person die Richtigkeit
+seiner Meinung zu beweisen.
+</p>
+
+<p>
+Es dauerte nicht lange, da war eine Patrone besorgt, das Hütchen wurde
+aufgesteckt und die Zündschnur angehängt. Der mutige Kämpfer für
+seine Überzeugung ließ sich aber doch von der Gegenpartei überreden,
+daß er Vorsicht üben möge, denn es wäre ja immerhin möglich, daß die
+Majorität recht habe, und es wäre doch jammerschade, wenn er sich nicht
+davon überzeugen könne, daß er unrecht habe, um für sein ferneres
+Leben daraus eine Lehre zu ziehen. Er sah das schließlich auch ein, und er
+begab sich mit der Schar streitsüchtiger Genossen zu einem steinernen
+Eckhause. Nachdem die „Wirkungsgläubigen“ sich in respektvolle Entfernung
+zurückgezogen hatten, ging der Mann zu der Ecke, entzündete
+die Zündschnur und hielt die Patrone mit seiner rechten Hand um die
+Hausecke.
+</p>
+
+<p>
+Wenige Augenblicke später erzitterte die ganze Stadt. Die Bevölkerung,
+ein Erdbeben oder eine Minenexplosion befürchtend, eilte auf die Straße.
+Als sie sah, daß es sich nur um zwei Eckwände eines Hauses handelte, die
+auf unerklärliche Weise eingestürzt waren, zog sich jeder wieder in seine
+ruhige Häuslichkeit zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Freunde des Opfers gingen tüchtig an die Arbeit. Sie räumten den
+Schutt der beiden Wände fort, um festzustellen, welche Partei recht habe,
+denn bis jetzt war das noch nicht entschieden. Die Wirkung auf Gesteinsmassen
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+war ja von keiner Seite bestritten worden. Und richtig, nachdem
+sie eine Weile gebuddelt hatten, kroch der Ungläubige ganz ruhig und
+mit der Miene eines Mannes, der das Recht auf seiner Seite hat, hervor
+und schüttelte sich den Schutt aus den Kleidern.
+</p>
+
+<p>
+Ganz vollständig war er allerdings nicht mehr. Das hatte er ja auch gar
+nicht behauptet, daß dies der Fall sein würde. Jedenfalls war ihm die
+rechte Hand bis zum halben Unterarm fortgerissen. Daraus machte er
+sich aber nicht viel. Er bestand darauf, daß man nun die Hand auch noch
+suche, damit man sehen könne, daß sie nicht allzusehr beschädigt sei.
+Aber von der Hand war nichts zu finden.
+</p>
+
+<p>
+„Und ich sage euch ganz bestimmt“, so begann sofort wieder der Streit,
+„es war nicht die Patrone, die meine Hand abgerissen hat. Die Patronen
+sind ganz und gar harmlos. Es war das Hütchen; denn was da die nichtswürdigen
+Fabrikanten hineinstecken, das weiß man nie. Das sind alles
+Schwindler und Betrüger.“
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer bedauerte später nie, daß er seine Hand hergegeben hatte.
+An Stelle der Hand bekam er einen eisernen Haken, einen Arbeitshaken.
+Er arbeitete aber nie damit, sondern wurde mit diesem Haken einer der
+gefürchtetsten Raufbolde unter der Arbeiterschaft, die ihm mit an Ehrfurcht
+grenzender Scheu begegnete und sich geschmeichelt fühlte, seine
+Wünsche erfüllen zu dürfen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-10">
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+DIE WOHLFAHRTS-EINRICHTUNG
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">ine</span> amerikanische Bergwerksgesellschaft in Sonora, Nordwest-Mexiko,
+hatte für ihre Arbeiter und deren Frauen und Kinder ein
+kleines Hospital eingerichtet, wo die Arbeiter in Unglücks- und Krankheitsfällen
+ärztliche Hilfe fanden. Um die Arbeiter für dieses Hospital
+zu interessieren und sie dadurch zur Beachtung hygienischer Vorsichtsmaßregeln
+zu erziehen, wurde ihnen ein kleiner, kaum nennenswerter
+Betrag vom Lohn abgezogen. Die Gesamtsumme dieses Betrages machte
+aber so wenig aus, daß mit ihr lange nicht einmal das Gehalt für die beiden
+Schwestern, die im Hospital tätig waren, bezahlt werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeiter, die ausnahmslos Indianer waren, hielten jedoch den Betrag,
+den sie beisteuerten, für so wesentlich, daß sie behaupteten, der Arzt und
+die beiden Schwestern führten ein faules Leben auf Kosten der Arbeiter,
+und die Company erziele aus dem Hospitalbeitrag einen erheblichen
+Nebengewinn.
+</p>
+
+<p>
+Jede Gelegenheit nun, die sich bot, den drei Hospitalangestellten das
+Leben zu erschweren, wurde mit Freuden ergriffen. Die Erfindungsgabe
+der Arbeiter war unausgesetzt tätig, neue Pläne auszuhecken, um das
+Hospital nicht müßig gehen zu lassen. Wenn die Leute krank wurden, so
+ging keiner von ihnen in das Hospital, sondern sie gingen, wie auch
+früher, zu ihren „weisen“ Männern und Frauen, zu den Medizinmännern,
+die das Handwerk besser verstanden als die Doktoren, deren Hände
+immer nach Gift stanken. Um aber dem Hospital nichts zu schenken,
+wurden die Frauen und Kinder hingeschickt, um die Beiträge „abzuarbeiten“.
+Und da sie mit wichtigen Krankheiten nicht kamen, so kamen
+sie mit solchen Fällen, die von den Arbeitern in ihren abendlichen Besprechungen
+ausgeheckt waren.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens erscheint eine hübsche Indianerin im Hospital und
+wünscht, einen Zahn gezogen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt untersucht die Zähne und findet, daß die Frau Zähne hat, so
+gesund, so kräftig und so schön wie die eines jungen Pferdes.
+</p>
+
+<p>
+„Welcher Zahn tut Ihnen denn weh?“
+</p>
+
+<p>
+„Mir tut kein Zahn weh. Mir hat noch nie ein Zahn weh getan.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+„Was wollen Sie denn da eigentlich hier?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sollen mir einen Zahn ziehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber warum denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Weil ich keine andere Krankheit habe“, antwortete die junge Frau.
+</p>
+
+<p>
+„Ich ziehe Ihnen keinen Zahn“, sagte nun der Arzt. „Ich bin doch nicht
+verrückt. Danken Sie Gott, daß Sie solche Zähne haben; ich würde ein
+Jahr meines Lebens geben, wenn ich solche Zähne hätte.“
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie mir jetzt den Zahn ziehen oder nicht? Ich kann mit meinen
+Zähnen machen, was ich will. Das geht Sie gar nichts an. Oder denken
+Sie vielleicht, mein Mann zahlt seine guten blanken Pesos (es waren in
+Wahrheit nur kupferne Centavos) für das Hospital für überhaupt nichts?
+Wir müssen auch arbeiten, da brauchen Sie nicht den ganzen Tag zum
+Fenster hinauszusehen oder auf der Veranda zu sitzen und Bücher zu
+lesen, und die Frauenzimmer könnten auch was Besseres tun, als sich
+von unserm Gelde immerfort neue Kleider zu kaufen.“
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen hatte der Arzt begriffen, was los ist; denn er kennt ja seine
+Leute, und er kennt die schwarzen Pläne, die gegen das Hospital ausgeheckt
+werden. Er zieht also der Frau einen prachtvollen Molar, wobei
+er sich die denkbar größte Mühe gibt, die Operation mit „absolutester
+Nichtschmerzlosigkeit“ auszuführen. Aber die Frau verzieht keine Miene
+und läßt nicht das leiseste Wimmern hören.
+</p>
+
+<p>
+Als die Schwester ihr ein Glas Wasser gereicht und sie es ausgetrunken
+hat, wirft sie sich in den Rücken, sieht den Arzt triumphierend an und
+geht. Ihr Blick, dank der natürlichen Ausdrucksweise in den Gesten
+jener Rasse, sagt schärfer als Worte: „Wenn ich komme, Herr Doktor,
+dann haben Sie zu springen, verstehen Sie mich! Mein Mann bezahlt Sie.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Drei Tage darauf kommt die Frau wieder. Und wieder will sie einen
+ihrer prachtvollen Zähne gezogen haben. Und wieder bleibt dem Arzt
+aus politischen Gründen nichts anderes übrig, als der Frau abermals einen
+Zahn zu ziehen.
+</p>
+
+<p>
+Wie beim ersten Male, so läßt sich auch diesmal die Frau den gezogenen
+Zahn geben, um ihn mit nach Hause zu nehmen und ihn ihrem Manne
+zu zeigen.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem die Zeit erfüllet war, waren der Frau sämtliche Zähne des
+Oberkiefers ausgezogen. Während dem Arzt bald das Weinen ankam,
+als er nun den leeren Oberkiefer noch einmal untersuchte, um irgendwelche
+Infektion zu finden, war die Frau durchaus zufrieden mit dem
+Ergebnis.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+Eine Woche, nachdem der letzte Zahn des Oberkiefers gezogen worden
+war, erschien die Frau wieder im Hospital. Der Arzt, ohne zu fragen
+und ohne mit ihr zu handeln, nahm die Zange zur Hand und begann,
+den ersten Backzahn des Unterkiefers anzusetzen, als die Frau ihn heftig
+am Arm packte und schrie: „Was wollen Sie denn da eigentlich mit mir
+machen? Ich glaube gar, Sie wollen die andere Hälfte meines Mundes
+auch noch schänden.“
+</p>
+
+<p>
+Verblüfft fragte der Arzt: „Ja, sind Sie denn nicht hergekommen, um
+wieder einen Zahn gezogen zu haben?“
+</p>
+
+<p>
+„Aber ich denke ja nicht an so etwas. Habe ich Ihnen vielleicht den
+Auftrag gegeben, mir einen Zahn zu ziehen? Ich bin hier, daß Sie mir
+den Zahn, den Sie mir zuerst gezogen haben, wieder einsetzen. Denn ich
+kann doch nicht mein ganzes Leben lang ohne Zähne herumlaufen.“
+</p>
+
+<p>
+Und sie überreichte dem Arzt jenen Zahn, der ihr zuerst gezogen worden
+war. Der Doktor machte ihr nun klar, daß Zähne wohl gezogen, aber
+nicht wieder eingesetzt werden könnten, so weit habe es die medizinische
+Wissenschaft noch nicht gebracht.
+</p>
+
+<p>
+„Was?“ schrie die Frau nun in heller Empörung. „Sie können mir die
+Zähne nicht wieder einsetzen? Also nicht einmal das können Sie? Und
+Sie nennen sich Doktor? Und Sie sitzen hier den ganzen Tag faul auf der
+Veranda? Und mein Mann muß das ganze Hospital bezahlen? Aber so
+seid ihr verdammten Gringos (Spottname der Amerikaner in Latein-Amerika)!
+Pfui Teufel noch mal, schämen Sie sich denn gar nicht, Sie
+Hurensohn, mir meine wunderschönen Zähne auszuziehen und dann zu
+sagen, Sie könnten sie nicht wieder einsetzen! Cabron! Grrrrringooooo!“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Nachdem durch eine saftstrotzende – und wie! – Schlußwendung des
+Gesprächs der beabsichtigte Zweck dieses Besuches erreicht war, verließ
+die Frau das Hospital stolz wie die frischgeadelte Frau von Flohknicker,
+die soeben einen Kaiser gebackpfeift hat.
+</p>
+
+<p>
+Obgleich das Hospital allen Anforderungen entspricht, die man an ein
+modernes Krankenhaus stellt, so stand es dennoch bei den indianischen
+Arbeitern jener Bergwerksgesellschaft nie in hoher Achtung. Durch die
+Zahngeschichte verlor es auch noch den Rest von Würde, der ihm verblieben
+war.
+</p>
+
+<p>
+In den umliegenden Dörfern wurde die Frau als lebendes Beispiel der
+Unfähigkeit des Arztes und der Schädlichkeit des Hospitals herumgezeigt.
+Wohin sie kam, mußte sie ihre traurige Geschichte erzählen. Die
+Gringos wurden verflucht nach allen Regeln, die im Gebrauch sind, seit
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+der liebe Gott Adam, Eva und die Schlange verfluchte. Und die Leute
+hatten ganz recht. Denn es ist eine Ausräuberei sondergleichen, daß die
+Arbeiter von ihrem kleinen Lohn ein Hospital unterhalten müssen, das
+sich nicht scheut, arme und unwissende Indianerfrauen zu schänden und
+sie für den Rest ihres Lebens zu schimpfieren, so daß der eigene Mann
+sie nicht mehr ansehen mag. Der Doktor ist ein Irrsinniger; denn hätte
+sich die unglückliche Frau nicht mutig zur Wehr gesetzt, so würde dieser
+Unhold der Frau auch alle Zähne des Unterkiefers ausgezogen haben.
+</p>
+
+<p>
+Das alles konnte nicht bestritten werden; denn in einem Stück alten
+Hemdes eingewickelt, trug die Frau ja ihre Zähne, und ein Kind konnte
+sehen, daß die Zähne alle kerngesund waren.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile ging das so fort, und eines Tages war der Tumult da.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeiter kamen in Haufen zu dem Bürogebäude und schrien und
+gestikulierten und regten sich furchtbar auf. Was sie wollten, verstand
+niemand, denn in Einzelunterhaltungen ließen sie sich nicht ein.
+</p>
+
+<p>
+Man hörte nur immer Schreie aus dem Gewoge der Haufen: „Kein
+Hospital! Kein Doktor! Alle Zähne! Arme Frauen geschändet! Bezahlen!
+Doktor bezahlen! Schwestern schöne Kleider! Zeitung lesen!
+Alles bezahlen!“
+</p>
+
+<p>
+Um Spanisch zu verstehen, genügt es nicht, es gelernt zu haben. Und um
+das Spanisch zu verstehen, das die indianischen Arbeiter in den Bergdistrikten
+sprechen, muß man schon eine Indianerin zur Mutter gehabt
+haben.
+</p>
+
+<p>
+Die Manager der Company, die nicht eingestehen dürfen, daß sie die
+Sprache ihrer Arbeiter nicht verstehen, verstanden aber doch das Wesentliche
+des Geschreies. Sie redeten sich wenigstens ein, daß sie alles gut und
+richtig verstünden, und weil sie die Arbeitgeber waren oder deren legitime
+Vertreter, so reimten sie sich die Schreie entsprechend ihrer eigenen
+sozialen und wirtschaftlichen Stellung zusammen. In ihrem Report an
+die Zentralverwaltung der Company kam es später heraus, was sie sich
+zusammengereimt hatten. Nach jenem Report zu lesen hatten die Arbeiter
+geschrien: „Wir verdienen nicht einmal so viel, daß wir in ein
+Hospital gehen können. Nicht einmal so viel, daß wir zu einem Doktor
+gehen können. Wir verdienen so wenig, daß wir nichts zwischen die
+Zähne zu beißen kriegen. Wir haben so wenig Lohn, daß unsere Frauen
+zur Schande herumlaufen, weil sie nichts zum Anziehen haben. Und
+unsere Schwestern wollen Kleider haben!“
+</p>
+
+<p>
+Als der Tumult vor dem Bürogebäude nicht nachließ und die Schreie und
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+Rufe der Leute immer heftiger wurden, ohne daß ein Wechsel des Inhalts
+der Worte sich zeigte, trat endlich der Manager auf die Veranda und
+hielt mit seinen paar Brocken Spanisch eine Ansprache, die darin gipfelte:
+„Jawohl, jawohl, wir bewilligen. Jeder Mann erhält fünfundzwanzig
+Centavos den Tag mehr von Montag dieser Woche an. Geht an die
+Arbeit. Es ist alles gut. Muy bueno, amigos!“
+</p>
+
+<p>
+Von der Frau und ihren Zähnen wurde nicht mehr gesprochen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-11">
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+DER WACHTPOSTEN
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> einem Bergwerk in der Nähe von Chihuahua meldete eines Morgens
+der Vorarbeiter, ein Mestize, dem diensthabenden Ingenieur, daß in
+einem der Hauptstollen „etwas im Gange sei“.
+</p>
+
+<p>
+An der Decke des Stollens, so berichtete der Vorarbeiter, befände sich
+ein gewaltiger Stein, dessen Gewicht schätzungsweise drei bis vier Tonnen
+habe. Rund um diesen Stein beginne, so war die Meldung, seit einigen
+Stunden Sand und Kleinkiesel herunterzuregnen, ein sicheres Zeichen, daß
+der Stein am Lösen sei und bald kommen dürfte, was in einer Stunde,
+vielleicht aber auch erst in sechs Tagen geschehen könnte, so genau ließe
+sich der Zeitpunkt nicht bestimmen.
+</p>
+
+<p>
+Zahlreiche Arbeiter hatten diesen Stollen zu begehen, und weil der Ingenieur
+deren Leben nicht aufs Spiel setzen wollte, rief er einen indianischen
+Bergarbeiter herbei und sagte zu ihm:
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie den Stein dort, Augustin?“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich sehe ich ihn, ich bin doch nicht blind, Senjor.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, dieser Stein ist los und wird bald herunterkommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Kein Wunder, wenn er los ist; man sieht ja bereits, wie es bröckelt.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn der Stein runterkommt, und es ist gerade zufällig jemand
+darunter, dann ist er breitgequetscht wie eine Tortilla.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist doch mal bombensicher, Senjor. So schlau bin ich selbst.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut. Ich stelle Sie jetzt hier als Wachtposten auf. Sie haben nichts weiter
+zu tun, als jeden Mann, der hier drunter hergehen will, auf die Gefahr
+aufmerksam zu machen und ihn durch den Stollen 14 zu schicken, ihm
+jedenfalls nicht zu erlauben, daß er diesen Stollen benutzt. Sie sehen ein,
+wie gefährlich dieser Stollen ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Das sehe ich, man kann es ja schon riechen, Senjor.“
+</p>
+
+<p>
+Eine Stunde später ging der Ingenieur die Stollen ab, und auf seinem
+Wege kam er auch zu dem Gefahrstollen.
+</p>
+
+<p>
+Der Wachtposten saß mitten unter dem losen Stein, rauchte gemütlich
+seine Zigarette und war die Seligkeit selbst, daß er einen so angenehmen
+Posten gefunden hatte, wo er nichts zu tun brauchte.
+</p>
+
+<p>
+Pflichtgemäß berichtete er dem Ingenieur, daß er jedem untersage, hier
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+unter dem Stein durchzugehen, weil der Stein jeden Augenblick kommen
+könne, und es sei auch noch keiner darunter hergegangen, seit er hier
+hergesetzt worden sei, um aufzupassen, der Senjor Ingenieur könne sich
+auf ihn durchaus verlassen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich würde mich an Ihrer Stelle aber nicht gerade mitten unter den losen
+Stein setzen“, riet der Ingenieur, „der Platz ist keineswegs zu empfehlen.“
+</p>
+
+<p>
+„Warum, Senjor?“ sagte der Mann. „Lassen Sie das nur meine Sorge
+sein, wo ich sitze. Dieser Platz ist sehr bequem für mich. Ich brauche mich
+dann nicht so anzustrengen, brauche nicht so sehr zu schreien, habe es
+nach jeder Seite hin gleich weit und kann so ohne große Mühe am besten
+verhindern, daß nicht doch noch jemand hier drunter herzugehen versucht.
+Denn es ist sehr gefährlich, Senjor, wenn da gerade jemand drunter
+wäre, wenn der Stein kommt.“
+</p>
+
+<p>
+Dabei drehte er sich seelenruhig eine neue Zigarette und zündete sie mit
+großem Behagen an.
+</p>
+
+<p>
+Vier Stunden später war der Mann zermalmt. Alles, was man seiner Frau
+von seinen sterblichen Überresten bringen konnte, war die Sandale seines
+linken Fußes, der unter dem Steinkoloß hervorlugte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-12">
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+DER AUSGEWANDERTE ANTONIO
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-d"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar drop-d">er</span> Minenarbeiter Silvestre, ein Indianer, hatte es in seinem
+Leben endlich so weit gebracht, daß er sich eine Taschenuhr kaufen konnte.
+Die Uhr war aus Nickel und kostete acht Pesos fünfzig Centavos. Sie war
+eine gute und brauchbare Uhr, denn sie zeigte vierundzwanzig Stunden.
+In Mexiko, wo im gesamten öffentlichen Verkehr, insbesondere bei der
+Eisenbahn, bei der Post, beim Gericht und in allen sonstigen Ämtern wie
+auch im Theaterleben die Vierundzwanzig-Stunden-Uhr gilt, ist es sehr
+gut und sehr wertvoll, eine Taschenuhr zu haben, die Ziffern für vierundzwanzig
+Stunden trägt. Silvestre war natürlich sehr stolz auf seine
+Uhr; und weil er in seiner Arbeitskolonne wie auch in seinen Nachbarkolonnen
+der einzige war, der eine Uhr besaß, die er mit in die Mine
+brachte, so wurde er nicht nur von seinen Arbeitskameraden, sondern
+zuweilen auch von seinem Kolonnenforeman wie von denen der Nachbarkolonnen
+gelegentlich nach der Zeit gefragt. Das machte ihn zu einer
+wichtigen Person. Und weil hier die Uhr es war, die ihn zu einer wichtigen
+Person erhob, so hielt er die Uhr in großen Ehren. Er trug sie in der
+Mine stets in Papier eingewickelt, damit sie nicht durch den Staub der
+Erze leiden sollte.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages entdeckte er, daß die Uhr verschwunden war. Er hatte sie
+verloren, entweder bei der Arbeit oder beim Einfahren. Denn daß sie
+gestohlen sein könnte, das hielt er für sehr unwahrscheinlich. Sie hätte
+auch wohl kaum von dem, der sie gestohlen hatte, getragen oder verkauft
+werden können, weil Silvestre, als er die Uhr in der nächsten Stadt gekauft
+hatte, sich vom Uhrmacher seinen Namen dick hatte eingravieren
+lassen. Dafür hatte er einen Peso extra bezahlen müssen; aber der
+Uhrmacher – wie die Mehrzahl der Uhrmacher in Mexiko und in den
+Staaten war er von Beruf Wagenschmied – hatte ihm die Gravierung
+dringend angeraten und ihm den großen Schutzwert einer kräftigen
+Gravierung so überzeugend geschildert, daß Silvestre einsah, daß eine
+Uhr ohne Gravierung am selben Tage schon aus seiner Tasche gestohlen
+sein würde.
+</p>
+
+<p>
+Silvestre hatte dann noch die Uhr in der Kirche segnen lassen, was auch
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+nicht umsonst getan wurde, und endlich hatte er sie noch persönlich mit
+Weihwasser besprengt. Aber obgleich durch alle diese Schutzmittel die
+Uhr beinahe auf den doppelten Preis gekommen war, so hatten jene
+Mittel nicht genügt, daß die Uhr bis an sein Lebensende in seiner Tasche
+blieb. Vielleicht hatte er etwas übersehen bei dem Einsegnenlassen, oder
+er hatte sie neben die Uhrtasche seiner Hose gesteckt, oder sie war von
+selbst herausgerutscht. Wie dem auch sei, die Uhr war jetzt fort.
+</p>
+
+<p>
+Er suchte eine volle Schicht in der Mine herum, aber die Uhr kam nicht
+wieder, und sie war nirgends zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Es blieb Silvestre also nichts anderes übrig, als bis zum Sonntag zu
+warten, um die Angelegenheit mit Hilfe der Kirche und ihrer Heiligen
+in Ordnung zu bringen. Als guter Katholik wußte er, wie alle Indianer,
+recht geschickt sich zu bekreuzigen und kannte auswendig alle die
+Heiligen, die für irgendeine Sache mit Erfolg zu gebrauchen sind. Für
+verlorengegangene Dinge, jedoch nicht für gestohlene, ist San Antonio
+derjenige Heilige, der immer weiß, wo sich der verlorene Gegenstand
+befindet.
+</p>
+
+<p>
+So ging Silvestre am Sonntag in die Stadt zur Kirche, suchte hier die
+hölzerne Figur des San Antonio auf, opferte ihm eine Kerze, bekreuzigte
+sich unzählige Male und flehte San Antonio an, ihm die Uhr wiederzubringen.
+Silvestre wußte aus reicher und kostspieliger Erfahrung, daß
+in der Kirche nichts umsonst getan wird, und darum versprach er dem
+San Antonio drei Fünf-Centavos-Kerzen und ein silbernes Zehn-Centavos-Händchen,
+wenn er ihm die Uhr wieder verschaffen würde,
+spätestens jedoch bis zum nächsten Sonntag, wenn er, Silvestre, wieder
+zur Kirche kommen würde, um zu sehen, was San Antonio inzwischen
+für ihn erwirkt hat.
+</p>
+
+<p>
+Die Uhr fand sich im Laufe der Woche nicht ein. Und Silvestre, als er
+am nächsten Sonntag zur Kirche kam, sah auch nicht, so sorgsam er auch
+alles untersuchte, daß die Uhr zu Füßen des San Antonio lag, oder in
+einer Falte der braunen Mönchskutte der Figur hing oder irgendwo unter
+dem Gewande der Figur, das Silvestre respektlos aufhob, verborgen war.
+Aber die Uhr war nicht da, und Silvestre erkannte, daß er seine Kerze,
+seine Gebete und Bekreuzigungen umsonst verschwendet habe.
+</p>
+
+<p>
+Er ging nun wieder eine Kerze kaufen. Er brauchte nicht weit zu laufen;
+denn die Kerzen, Heiligenbildchen und silbernen Ärmchen und Beinchen
+wurden auf zahlreichen Tischen innerhalb der Kirche verhandelt
+und verschachtert, wo es lebhaft zuging wie auf einem Jahrmarkt, mit
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+Feilschen, Verschwören der hohen Preise wegen, Herunterhandeln vom
+Preise und Umtauschen der gekauften Gegenstände. Am Altar wurde
+zu gleicher Zeit, unbekümmert um die feilschende Welt entlang der
+inneren Wände der Kirche, die Messe gelesen. Silvestre hatte diese Art
+christlicher Religion nicht erfunden und war darum nicht verantwortlich
+dafür; aber er glaubte, daß er ein unzerbrechliches Recht darauf habe,
+von San Antonio seine Uhr zurückzuerhalten, wenn er ihm Kerzen, Bekreuzigungen
+und Gebete opfere. Denn wozu brauchte man sich alle die
+Mühen und Ausgaben zu machen, wenn es doch nichts nützt!
+</p>
+
+<p>
+Silvestre, der in einer Welt lebte, wo jede Kreatur für das Essen oder
+für den Lohn, den sie empfängt, arbeiten muß, auch wenn es ihr noch
+so schwerfällt und sie vielleicht gar am Zusammenbrechen ist, hatte
+weder Verständnis noch Mitleid mit einem Heiligen, der sich mit Kerzen
+und Gebeten bezahlen läßt, ohne dafür zu arbeiten.
+</p>
+
+<p>
+Als Silvestre seine Kerze aufgestellt hatte auf dem Altar des San Antonio,
+kniete er nieder, bekreuzigte sich mehrere Male und begann zu beten. Er
+hatte kein Gebetbuch, und wenn er eines gehabt hätte, so hätte es ihm
+nichts genützt, weil er nicht lesen konnte. So war er genötigt, aus dem
+Stegreif zu beten und so, wie es ihm sein Gott ins Herz legte. Das Wort
+Gotteslästerung kannte er nicht, weil ihm der Begriff hierfür fehlte, und
+in Mexiko gibt es keine Gotteslästerung, weil das Gesetz ein solches Vergehen
+nicht kennt. In Mexiko hat das jeder mit seinem Gewissen und mit
+seinem Gotte abzumachen; denn der mexikanische Gesetzgeber und der
+mexikanische Richter fühlen sich nicht berufen, in die unerforschlichen
+Wege und Gesetze Gottes mit ihrem menschlichen Urteilsvermögen und
+ihren menschlichen Rechtsirrtümern hineinzupfuschen. Wenn Gott im
+Himmel nicht mächtig genug ist oder nicht willens ist, Beleidigungen
+und Lästerungen gegen seine Majestät zu bestrafen, warum soll der kleine
+irdische Staatsanwalt dem lieben Gott vorschreiben, wieviel Monate diese
+Gotteslästerung und wieviel Wochen jene wert ist?
+</p>
+
+<p>
+Darum muß man Silvestre verstehen und vergeben. Er weiß es nicht
+besser. Was er aber gut wußte, war, daß er seine Uhr so rasch wie möglich
+wiederhaben wollte, und daß er nicht zu warten gedachte, bis sie ihm
+nach seinem Tode im Paradiese ausgehändigt werden würde. Er brauchte
+die Uhr hier auf Erden; denn zu welcher Stunde man im Paradiese in die
+Erzminen einzufahren habe, wird ihm der Foreman dann schon sagen,
+wenn es so weit ist.
+</p>
+
+<p>
+Silvestre betete darum schlichtweg darauflos: „Oye, querido, San
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+Antonio, tenga buen cuidad, hombre! Jetzt hör einmal gut zu, geliebter
+Antonio, und gib wohl acht, was ich dir jetzt erzählen werde, denn ich
+bin jetzt ziemlich fertig mit dir. Ich habe eine Uhr verloren. Das habe
+ich dir bereits vorigen Sonntag gesagt. Du kannst die Uhr gar nicht
+verwechseln. Es ist ein S und ein G dick eingraviert. Ich kann hier auch
+nicht jeden Sonntag herkommen. Die Kerzen kosten auch Geld. Und
+ich habe dir doch wirklich genug versprochen. Du mußt nicht etwa
+denken, daß ich das Geld auf dem Wege auflese, da liegt keins herum.
+Ich muß verflucht kräftig dafür arbeiten und habe es nicht so gut wie
+du, hier faul herumzustehen und dich an den Kerzen schön zu wärmen.
+Der Spaß hat auch einmal ein Ende. Wir müssen alle arbeiten, da kannst
+du auch meine Uhr suchen gehen. Und nun sage ich dir noch etwas, mein
+lieber San Antonio. Ich warte noch eine Woche, und wenn die Uhr dann
+nicht da ist, stecke ich dich, bei der Heiligen Jungfrau, in den Brunnen
+ins Wasser, und ich lasse dich so lange da drin, bis du die Uhr wieder
+herbeigeschafft hast oder mir im Traum gesagt hast, wo sie ist. Du weißt
+nun Bescheid, und meine Geduld ist fertig.“
+</p>
+
+<p>
+Silvestre bekreuzigte sich wieder, stand auf, verneigte sich vor dem Altar
+und verließ die Kirche, überzeugt, daß sein inniges Gebet in Erfüllung
+gehen werde, getreu dem Worte folgend: Bittet, so wird euch gegeben,
+und vergeßt nicht die Armut des Heiligen Vaters in Rom.
+</p>
+
+<p>
+Auch in dieser Woche kam die Uhr nicht zum Vorschein.
+</p>
+
+<p>
+Es ist darum nicht zu verwundern, daß Silvestre die Geduld nun endgültig
+verlor. Er wollte auch keine Zeit mehr mit Beten vergeuden, denn
+er hatte eingesehen, daß es nutzlos war. Gegen San Antonio, der sich
+nicht die Mühe zu machen schien, einem armen Indianer zu helfen, auch
+wenn er noch so sehr angebetet wurde, halfen offenbar nur ganz kräftige
+Mittel, um ihn an seine Pflichten zu erinnern. Und diese Mittel wandte
+er jetzt an.
+</p>
+
+<p>
+Er besaß keine große Erfindungsgabe, sich neue Zuchtmittel auszudenken.
+Darum gebrauchte er eines von denen, die gegen ihn und seine Mit-Peones
+angewandt wurden, als er noch auf der Hazienda arbeitete und noch
+nicht den Mut aufgebracht hatte, in die Minendistrikte zu fliehen.
+</p>
+
+<p>
+Am Samstagnachmittag verschaffte er sich einen alten Zuckersack und
+trabte damit zur Stadt. Als er zur Kirche kam, war es bereits finster.
+Seine Bekreuzigungen und Verbeugungen machte er jetzt nur, vom
+Hintergrunde der Kirche aus, zu dem Altar, wo die Heilige Jungfrau
+stand, die ihm bis jetzt ja noch nichts Übles zugefügt hatte. Dagegen
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+verweigerte er diesmal dem San Antonio jegliche Bekreuzigung und
+jegliche Kniebeuge. Er gab gut acht; und als er bemerkte, daß er von
+niemand aus den Reihen der andächtig betenden Leute beobachtet wurde,
+warf er dem San Antonio den Sack über den Kopf, nahm die Figur rasch
+herunter von ihrem Altar und schlich sich mit seiner Beute gewandt zur
+nächsten Tür hinaus. Die Stadt war klein, und es dauerte keine zehn
+Minuten, da war Silvestre im Freien und auf dem Wege zu dem Minenarbeiterdorfe,
+wo er lebte.
+</p>
+
+<p>
+Silvestre ging jedoch nicht in das Dorf mit seinem Heiligen, sondern
+noch ehe er die ersten Hütten erreichte, bog er von der Straße ab und
+wanderte auf den Busch los. Silvestre konnte seinen Weg nicht verfehlen,
+denn erstens kannte er ihn gut, und zweitens war heller Mondschein.
+</p>
+
+<p>
+Nur etwa einen halben Kilometer in den Busch hinein, da befand sich
+eine Lichtung, die zwar schon völlig wieder ausgewachsen war, die aber
+doch noch als eine ehemalige Lichtung erkannt werden konnte. Hier in
+dieser Lichtung war ein alter ausgemauerter Brunnen, der noch aus der
+Kolonialzeit herstammte und wohl von einem Spanier gegraben worden
+sein mochte, der hier eine Farm hatte errichten wollen.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Brunnen wurde von niemand gebraucht, selbst die Kohlenbrenner
+im Busch tranken kein Wasser daraus. Das Wasser, das in dem Brunnen
+stand, war verschlammt und grün verfilzt von Pflanzen und Blättern und
+Wurzeln. Der Brunnen war voll von Fröschen, Kaulquappen, Wasserkäfern,
+Moskitos, Schlangen, Eidechsen und allem anderen Getier, das
+in einem verlassenen Brunnen sich nur ansammeln kann. Seiner Lage,
+seines uralten Aussehens und des phantastischen Getiers, das in ihm lebte,
+wegen war der Brunnen der Sagenschreck aller Indianerkinder des Dorfes,
+die zu dem Brunnen kamen, wenn sie sich einen gruseligen Tag machen
+wollten, und er war der Mittelpunkt zahlreicher Geister- und Spukgeschichten
+der erwachsenen Indianer der Gegend.
+</p>
+
+<p>
+Silvestre ging nicht sehr leichten Herzens mit seinem eingesackten
+Heiligen auf der Schulter zu jenem Brunnen. Jeden Augenblick glaubte
+er, daß hinter einem Baume eine Spukgestalt hervorspringen würde, um
+ihm etwas Übles und Grausiges anzutun. Und er erwartete auch, daß
+vielleicht Gott seinen Donner rollen und seinen Blitz zucken lassen
+würde, um ihn für solche Freveltat, die zu begehen er im Sinne hatte,
+zu bestrafen. Aber es war Samstagabend, und Silvestre wußte recht gut,
+daß an einem Samstagabend der liebe Gott keine Zeit hat, sich um einen
+indianischen Minenarbeiter zu kümmern, der seine Uhr wiederhaben
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+möchte. Samstag ist großes Reinemachen, und am Abend Wochenabschluß
+und Vorbereitung für den Sonntag. Nicht nur auf Erden. Darum
+hatte Silvestre ja auch gerade den Samstagabend für seine ruchlose Tat
+gewählt. Man möge doch nie vergessen, daß auch ein indianischer
+Arbeiter Intelligenz hat.
+</p>
+
+<p>
+Vor den Spukgestalten des Brunnens hatte Silvestre nicht ganz so viel
+Furcht wie alle übrigen Bewohner des Dorfes; denn da er nicht aus der
+Gegend stammte, so waren ihm alle die grausigen Geschichten, die über
+den Brunnen erzählt wurden, nicht so in Fleisch und Einbildung von
+Jugend auf übergegangen wie den Leuten, die hier in diesem Distrikte
+geboren und aufgewachsen waren. Wenn man nicht weiß, daß hinter
+der nächsten hölzernen Wand ein gestorbener oder gar ermordeter Mann
+liegt, schläft man genau so ruhig, friedlich und ungestört wie in dem
+Zimmer eines Hotels, das noch zu neu ist, als daß sich in ihm schon ein
+Selbstmord hätte ereignen können.
+</p>
+
+<p>
+Auch wer vor Verliebtheit bebt, vor Eifersucht schäumt, vor Wut sich
+zerfetzen möchte, vor Ärger grün wird, der sieht und hört nie Spukgestalten.
+Und Silvestre war wütend und verärgert, wie nur ein Mensch
+sein kann, der an die Nützlichkeit von Heiligen glaubt und so bitter
+enttäuscht wird, wie es ihm geschah. Einem Indianer kann man nicht mit
+der billigen Ausrede kommen, Gott und die Heiligen haben es in ihrem
+hohen Ratschluß anders beschlossen. Ein Medizinmann, der nicht hilft,
+wird abgesetzt. Faulenzer werden nicht unterhalten. Wenn von den paar
+Pesos Lohn, die man sich mit schwerer Arbeit verdienen muß, dem
+Heiligen Kerzen geopfert werden, damit er sich Hände und Nase daran
+wärmen kann, dann muß er dafür auch etwas tun. Man bezahlt den
+Pfarrer für das Lesen einer Messe, und er hat die Messe zu lesen; man
+bezahlt den Pfarrer für die Taufe des Kindes, und er hat das Kind zu
+taufen, ob ihm das Kind gefällt oder nicht. Warum soll man mit dem
+San Antonio eine Ausnahme machen? Vielleicht weil er Heiliger ist? Dann
+braucht er auch keine Kerzen, Bekreuzigungen, Kniebeugen und Gebete
+anzunehmen, wenn er gar so heilig sein will. Aber wenn er das alles
+verlangt und annimmt wie ein syrischer Kattunhändler in Puebla, dann
+hat er dafür auch zu zeigen, was er kann. Silvestre kann sich in der
+Erzmine auch nicht damit herausreden, daß er es heute einmal in seinem
+Ratschluß anders beschlossen habe und daß er heute einmal nicht arbeiten
+werde, aber den Lohn dennoch verlange und annehme. So etwas gibt es
+nicht. Und bei dem Philosophieren über die Rechtmäßigkeit der Handlung,
+<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
+die er vorzunehmen gewillt ist, denkt Silvestre sehr wenig an
+Spukgestalten, die in der Nähe des Brunnens auf ihn warten könnten.
+</p>
+
+<p>
+Silvestre vollzog die Folterung an seinem Heiligen nun nicht etwa so
+unvermittelt, ohne dem Heiligen noch genügend Zeit zu geben, seine
+Pflicht zu tun. Darum hielt er, als er beim Brunnen angelangt war, eine
+Ansprache an San Antonio. Er zog die Figur aus dem Sack heraus, stellte
+sie auf den gemauerten Brunnenrand, glättete die braune Mönchskutte,
+die San Antonio trug, und sagte zu ihm: „Freundchen, ich habe dich jetzt
+hier, wir sind ganz unter uns, und wir wollen nun einmal ein sehr deutliches
+Wort miteinander sprechen. Du kannst jeden Gegenstand, der verlorenging,
+wiederfinden. Das weiß ich. Der Cura, der Pfaffe, hat es gesagt.
+Ich habe dich angebetet und habe dir Kerzen angezündet und dir genügend
+versprochen. Aber du hältst es nur mit den reichen Leuten, die
+dir dicke Pesokerzen opfern können. Das kann ich nicht. Dazu habe ich
+nicht Geld genug. Du siehst ja den Brunnen hier, Freundchen. Es ist nicht
+angenehm, darinnen zu liegen, da sind Schlangen drin – Lagarto! Lagarto!
+–“, unterbrach er sich, „und da ist noch vieles andere drin,
+schrecklich und grausig. Und wenn du mir nicht die Uhr wiederschaffst,
+kommst du in den Brunnen und bleibst drin, bis du die Uhr herbeigeschafft
+hast. Ich kann nicht jede Woche zur Stadt laufen. Ich habe
+andere Dinge zu tun. Und Kerzen gibt es auch nicht mehr für dich. Und
+ich werde dir gleich einmal zeigen, daß ich es ganz ernst mit dir meine.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Silvestre brachte einen starken Bindfaden aus der Tasche und band dem
+San Antonio eine Schlinge um den Hals. Dann hob er die Figur über den
+Brunnenrand und ließ sie hier eine Weile hängen und zappeln.
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist die Uhr, San Antonio?“ fragte Silvestre.
+</p>
+
+<p>
+San Antonio war entweder zu heilig oder zu eigensinnig, den Mund zu
+öffnen, vielleicht war er auch an Folterungen des ersten Grades zu sehr
+gewöhnt, als daß er jetzt schon, aus Furcht, den Ort, wo sich die Uhr
+befand, verraten haben würde.
+</p>
+
+<p>
+Aber so wenig wie irgend jemand bisher Mitleid für Silvestre im Leben
+gezeigt hatte, so wenig Mitleid zeigte er nun für San Antonio. Er ließ,
+als San Antonio nicht antworten wollte, ihn an dem Bindfaden weiter
+hinunter in den Brunnen, bis die nackten Füße des Heiligen das Wasser
+berührten.
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist meine Uhr?“ fragte Silvestre wieder. Und wieder fühlte sich
+San Antonio zu erhaben, zu antworten.
+</p>
+
+<p>
+Da ließ ihn Silvestre nun völlig untertauchen, tauchte ihn einigemal auf
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+und nieder in dem Wasser, zog ihn hinauf und stellte ihn auf den
+Brunnenrand.
+</p>
+
+<p>
+„So“, sagte er, „nun weißt du, wie es unten im Brunnen aussieht. Ich
+gebe dir jetzt Zeit bis morgen. Dann komme ich hier zurück. Und wenn
+du dann die Uhr nicht hast und mir auch nicht sagst, wo sie ist, lasse ich
+dich für eine volle Woche unten im Brunnen. Dann wirst du wohl endlich
+deine Widerspenstigkeit aufgeben.“
+</p>
+
+<p>
+Silvestre hatte es gut erfahren, wie ihm und seinen Mit-Peones auf den
+Haziendas der Groß-Grundherren Widerspenstigkeit und angebliche
+Faulheit ausgetrieben wurden; so durfte sich der Heilige nicht darüber
+beklagen, daß an ihm nun verübt wurde, was weder er noch alle Pfaffen
+je verhütet hatten, daß es an indianischen Landarbeitern regelmäßig
+getan wurde. Und es darf als sicher angenommen werden, würde man
+an allen Göttern, Heiligen und Pfaffen das gleiche tun, was man an
+Arbeitern tut, ganz gleich ob es indianische oder europäische sind, so
+würde die Religion, die derartige Dinge in zweitausend Jahren nicht zu
+verhüten vermochte, wohl schnell abgeändert werden. In Mexiko hängt
+man unzufriedene Landarbeiter vierundzwanzig Stunden in den
+Brunnen, und in Europa hängt man unzufriedene Arbeiter auf die Verhungerungsliste
+oder hinter Gefängnisgitter.
+</p>
+
+<p>
+Silvestre gab seinem Heiligen Zeit, sich zu besinnen. Er nahm ihn
+herunter vom Brunnenrand, steckte ihn wieder in den Zuckersack und
+verbarg ihn unter einem dichten Dornenstrauch im Busch. Die Mönchskutte
+des Heiligen war sehr naß geworden; aber Silvestre hatte jegliches
+Mitleid mit seinem widerspenstigen San Antonio verloren und ließ ihn
+in der nassen Kutte frieren.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tag war Sonntag, und Silvestre hatte Zeit genug, die Folterung
+seines Heiligen fortzusetzen.
+</p>
+
+<p>
+Er machte sich frühzeitig auf den Weg, um zu sehen, ob San Antonio
+inzwischen die Uhr herbeigeschafft habe. Die Uhr war natürlich nicht
+zur Stelle. San Antonio hatte sie nicht auf sich und nicht unter sich liegen,
+und in einer Falte seiner jetzt naß und modrig riechenden Kutte war die
+Uhr auch nicht verborgen. Silvestre hatte die Uhr auch nicht in seiner
+Hütte unter der Schilfmatte, auf der er schlief, gefunden, wie er bestimmt
+gehofft hatte.
+</p>
+
+<p>
+Silvestre nahm infolgedessen seinen Heiligen wieder vor.
+</p>
+
+<p>
+„Immer noch widerspenstig, querido Santo?“ sagte er zu ihm. „Warte
+nur, ich werde dich schon kriegen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+Und ohne weitere Ansprachen oder gar Gebete zu vergeuden, ließ er den
+Heiligen wieder hinunter in den Brunnen, so tief, bis er mit den Füßen
+auf dem Grunde aufzustehen schien. Er knüpfte den Bindfaden an einem
+Strauch, der in dem Mauerwerk des Brunnens Wurzel gefaßt hatte, fest,
+um den Heiligen auch wieder aus dem Brunnen ziehen zu können, wenn
+er die Uhr unter seiner Matte gefunden haben würde.
+</p>
+
+<p>
+Diese Arbeit getan, überließ er es dem Heiligen, sich zu befreien, oder
+wenn er sich nicht selbst befreien konnte, seine Befreiung dadurch zu
+erwirken, daß die Uhr unter die Matte, auf der Silvestre schlief, gelegt
+würde.
+</p>
+
+<p>
+Silvestre hatte während der ganzen Woche keine Zeit, zum Brunnen zu
+gehen; denn er hatte in der Kupfermine zu arbeiten. Und abends war er
+zu müde, den weiten Weg in den Busch zu tun, um zu sehen, wie es dem
+Heiligen ginge.
+</p>
+
+<p>
+Am Freitag nachmittag, als sie ausfuhren aus der Mine, sagte sein Arbeitskamerad
+Lozano zu ihm: „Oye, Silvestre, wieviel gibst du mir Findervergütung
+für deine Uhr, die ich beim Aufkehren heute im Tunnel gefunden
+habe?“
+</p>
+
+<p>
+„Hombre, das ist gut von dir“, sagte Silvestre; „ich gebe dir ganz gern
+einen Toston, fünfzig Centavos, als Vergütung.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist mir recht, Silvestre, gib her den Toston und hier hast du deine
+Uhr. Es ist nichts daran, sie geht wie neu. Nicht einmal das Glas ist
+gebrochen; denn als ich es blinken sah im Kehricht, da war ich vorsichtig,
+und darum ist gar nichts daran zerbrochen. Ich wußte gleich, daß es deine
+Uhr ist. Ist ja doch dein Name drin, und du hast es ja auch allen gesagt,
+daß du die Uhr verloren hast.“
+</p>
+
+<p>
+Silvestre bezahlte die fünfzig Centavos – sein Arbeitskamerad tat es
+billiger als der Heilige – und empfing seine Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Am Sonntag ging er zum Brunnen, den Heiligen zu erlösen, weil es nun
+keinen Zweck mehr hatte, ihn zu foltern.
+</p>
+
+<p>
+Aber von dem Hinundherscheuern des Strauches im Winde war der
+Bindfaden, an dem San Antonio im Brunnen hing, am Mauerwerk abgeschliffen
+worden und endlich gerissen. Silvestre konnte deshalb den
+Heiligen nicht mehr heraufziehen, und die Mühe, seinetwegen in den
+Brunnen zu klettern, war der Heilige nach Meinung des Silvestre nicht
+wert.
+</p>
+
+<p>
+„Geschieht dir ganz recht, Santito“, rief Silvestre hinunter in den
+Brunnen, „daß du da drin liegst. Wenn Lozano meine Uhr nicht gefunden
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+hätte, du hättest sie nie, in deinem ganzen Leben nicht, gefunden. Ich
+brauchte Lozano nicht so viel zu bezahlen, als ich dir für deine Arbeit
+versprochen habe. Du bist zu nichts zu gebrauchen. Und es ist gar nichts
+an dir verloren, wenn du da unten liegenbleibst, wo du bist. Dein gut
+verdientes Los.“
+</p>
+
+<p>
+Gott läßt keinen Sperling verhungern, wenn es nicht in seiner, Gottes,
+Absicht liegt. Noch viel weniger läßt er einen seiner Heiligen in einem
+grausigen Brunnen vermodern. Darum sandte er zwei indianische Kohlenbrenner
+zufällig einen Weg so durch den Busch, daß sie an dem Brunnen
+nah vorübergehen mußten. Um sich auszuruhen, setzten sie sich eine
+Weile auf den Brunnenrand und drehten sich eine Zigarette.
+</p>
+
+<p>
+Und als sie rauchten und gelegentlich hinunter in den Brunnen blickten,
+sagte der eine von ihnen: „Da ist ein Mann drin im Brunnen, ich sehe
+seinen Kopf und das Haar, das er auf dem Kopfe hat.“
+</p>
+
+<p>
+Erschreckt sagte der andere: „Wo? Ja, jetzt sehe ich ihn auch. Du,
+Hombre, das ist ein Pfaffe, er hat eine Tonsur auf dem Schädel.“
+</p>
+
+<p>
+Sie liefen ins Dorf und erzählten, daß im Busch ein Pfarrer in den
+Brunnen gefallen sei. Die Einwohner machten sich gleich auf mit einer
+Baumleiter und mit Lassos, um den verunglückten Cura aus dem Brunnen
+zu ziehen.
+</p>
+
+<p>
+Und als sie ihn hoch hatten, erkannten sie, daß es der San Antonio war,
+der seit dem vorigen Samstag auf so geheimnisvolle Weise von seinem
+Altar fort auf die Wanderung gegangen war.
+</p>
+
+<p>
+Zu welchem Zweck und mit welchen heiligen Absichten San Antonio auf
+eine so ferne Reise gezogen war, verriet der Senjor Cura nicht. Er tat sehr
+geheimnisvoll und sprach von göttlicher Weisheit und göttlicher Fügung,
+die zu erforschen der gewöhnliche Mensch kein Recht habe.
+</p>
+
+<p>
+Der Pfarrer wollte Zeit gewinnen, um sich zu überlegen, welche
+Deutung und welche Auslegung er dieser geheimnisvollen Wanderung
+des Heiligen geben könne, um den verdammenswerten Unglauben, der
+sich besonders unter den Arbeitern in den nahe gelegenen Kupferminen
+breit zu machen suchte, von Grund auf und mit energischen Mitteln zu
+zerstören. Denn das war seine Pflicht, und diese Pflicht zu erfüllen war
+er ausgesiebt worden aus der Spreu der Verlorenen und Verdammten.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-13">
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+FAMILIENEHRE
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-k"><img src="images/drop_k.jpg" alt="K"><span class="hidden">K</span></span><span class="postfirstchar drop-k">onsul</span> Revelsen war der glänzend bezahlte Generalvertreter
+einer europäischen Firma, die Weltruf hatte. Jedes Kind kannte ihn.
+Aus hundert verschiedenen Gründen stand er bei der eingeborenen Bevölkerung
+in derselben hohen Achtung wie der Gouverneur. Er war ein stattlicher
+Mann und außerordentlich wohlbeleibt, was zu seinem Ansehen
+unter den Indianern, die alle sehr mager sind, nicht wenig beitrug.
+</p>
+
+<p>
+Seine Gattin hielt auf eine gute – ach, was sage ich da! – hielt auf eine
+unvergleichliche Küche, die Konsul Revelsen, um seine Frau nicht zu
+kränken, so sehr schätzte, daß seine Leibesfülle beängstigend wurde.
+</p>
+
+<p>
+Die gute Küche verlangte gute Köchinnen, und Senjora Revelsen besaß
+die seltene Gabe, unter ihren indianischen Mädchen die talentierteste
+herauszufinden, die dann, wenn sie zur Oberpriesterin im Allerheiligsten
+geweiht worden war, wie eine kostbare Kristallvase behandelt wurde.
+Diese beneidete und von ihren Stammesangehörigen mit Ehrfurcht betrachtete
+Stellung hatte jetzt Teofilia inne.
+</p>
+
+<p>
+Teofilia hatte sich als Kind eines Tages elternlos gefunden. Ob die
+Eltern gestorben oder abgewandert oder zwei neue Familien gegründet
+hatten, ist nie bekannt geworden. Teofilia wurde in die Hütte ihres
+kinderlosen Onkels aufgenommen. Trotzdem weder Onkel noch Tante
+in die Arbeit sehr verliebt waren und infolgedessen in Verhältnissen
+lebten, die selbst unter diesen Leuten als sehr bescheidene angesehen
+werden, fand Teofilia hier eine wahre Heimat. Sie liebte Onkel und
+Tante und deren Freundeskreis mehr, als sie je ihre Eltern geliebt hatte.
+Mit dreizehn Jahren kam Teofilia zur Stadt und fand in einem europäischen
+Hause Stellung. Sie arbeitete sich immer höher hinauf, bis sie es zur
+höchsten Würde gebracht hatte, die einem Mädchen ihrer Herkunft nur
+unter den allerglücklichsten Voraussetzungen offenstand: Köchin bei
+Senjora Revelsen.
+</p>
+
+<p>
+Onkel und Tante zogen in ein Dorf ganz nahe der Stadt, um sich am
+Glanze ihrer Nichte zu sonnen, noch weniger zu arbeiten als bisher und
+die Krümelchen, die von den zahlreichen Seitentischen des großen Mannes
+fielen, als unzerstörbare Basis ihres Lebensunterhaltes zu betrachten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+Eines Vormittags kam Senjora Revelsen in die Küche, und sie fand
+Teofilia auf einem Stuhl zusammengebrochen, in Tränen zerfließend.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Aufschrei, in den die weiblichen Angehörigen dieses Volkes
+eine Welt voll Seelenstimmung legen können, fiel Teofilia ihrer Herrin
+zu Füßen.
+</p>
+
+<p>
+„Oh, geliebte Senjora, oh, angebetete Herrin, warum stürzt nicht der
+Himmel herunter! Oh, warum berstet nicht die Erde, mich in meinem
+Unglück zu verschlucken! Warum haben die Heiligen, die ich anspeie
+– oh, heilige Maria Mutter Gottes, vergib mir diese Todsünde –, oh,
+warum haben diese mir das angetan!“
+</p>
+
+<p>
+Dabei wandte sich Teofilia auf dem blanken Küchenboden herum, als ob
+sie in der Tat sich zum Mittelpunkt der Erde hindurcharbeiten wolle, um
+von ihrer Qual erlöst zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Um einen Fehltritt mit Folgen handelte es sich nicht. Senjora Revelsen
+wußte aus reicher Erfahrung, das wird nicht tragisch genommen, sondern
+wird abgemacht mit derselben Geste, mit der man eine unvorsichtig beigebrachte
+Schnittwunde am Finger behandelt.
+</p>
+
+<p>
+„Was ist es denn?“ fragte sie mütterlich. „Ist Mariano – hat er sich eine
+andere genommen?“
+</p>
+
+<p>
+„Zur Hölle mit dem eiterbeuligen Hund! Er war gestern wieder besoffen.
+Ich hasse ihn und spucke ihn an, diesen aussätzigen Coyote.“
+</p>
+
+<p>
+Also eine Liebesgeschichte war es auch nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie es mir nicht sagen, Teofilia, was ist es denn? Vielleicht kann
+ich helfen.“
+</p>
+
+<p>
+In dem Schluchzen und Stöhnen Teofilias entstand plötzlich eine effektvolle
+Kunstpause, die wie eine beängstigende Stille etwas Grausiges vorbereitet,
+das mit einem gewaltigen Donnerschlag beginnt.
+</p>
+
+<p>
+Und in der Tat, es erfolgte ein Donnerschlag, wie ihn in solcher Ursprünglichkeit
+Himmel und Erde nicht hervorbringen können. Teofilia
+richtete sich halb vom Boden auf, als ob sie erst die Lungen ganz vollpumpen
+müsse. Dann warf sie die Arme hoch in die Luft und den Kopf
+in den Nacken und schrie: „Mein Onkel ist mu–errrrrr–tooooooooo!“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Instinktiv ging Senjora Revelsen einen Schritt zurück, lehnte sich fest
+gegen den Türrahmen und hielt sich mit nach hinten geworfenen Händen
+an den Türpfosten fest. Sie hatte das Empfinden, als ob das Haus in
+seinen Grundfesten erschüttere, und mit einem verstörten Blick sah sie
+rasch nach den Fensterscheiben. Es überkam sie ein so träumendes
+dumpfes Gefühl, als müßten wenigstens die Fensterscheiben gesprungen
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+sein. Denn der Schrei Teofilias kam nicht von dieser Welt, in denen die
+Gefühle und Empfindungen der kaukasischen Rasse wurzeln.
+</p>
+
+<p>
+Man falle nicht in den Irrtum, anzunehmen, daß diese Gefühlserregung
+Teofilias Komödie oder Verstellung war, um vielleicht das Mitleid ihrer
+Herrin wachzurufen. Dieses Stadium der Zivilisation, wo man mit vorgetäuschten
+Gefühlen Geschäfte macht, Geldgeschäfte oder Gefühlsgeschäfte,
+haben die Indianer noch nicht erklommen. Ihre Äußerungen
+des Schmerzes oder der Freude sind noch echt, wenn sie uns auch manchmal
+gekünstelt oder übertrieben erscheinen, weil sie in andern Instinkten
+wurzeln.
+</p>
+
+<p>
+Teofilia erhielt sofort zwei Tage Urlaub, um ihren Onkel sicher und angemessen
+unter die Erde zu bringen; denn die Verstorbenen werden des
+Klimas wegen meist sofort am selben Tage oder am nächsten Morgen
+beerdigt.
+</p>
+
+<p>
+Teofilia erhielt ferner zehn Pesos Vorschuß. Trotz ihres hohen Lohnes
+war sie immer in Geldnöten, weil sie all ihr Geld in seidenen Strümpfen,
+modernen Halbschuhen, Ohrringen, Halskettchen, Stierkämpfen, Lotterielosen
+und einer Unmasse kostspieliger Parfüme und Seifen anlegte.
+</p>
+
+<p>
+Wenn einem Familien- oder Stammesangehörigen von einem der vielen
+Dienstboten des Konsuls Revelsen irgend etwas zustieß, was immer es
+auch sein mochte, so wandte er sich, um das Unheil abzuwenden oder
+wenigstens abzuschwächen, naturgemäß zuerst an die Heiligen, dann an
+die Heilige Jungfrau, und wenn die nicht helfen konnten oder nicht
+mochten, dann an Gottvater selbst. Wenn auch der in der Sache nichts
+tun konnte, dann wendeten sie sich vertrauensvoll an den, der allmächtiger
+war als alles, was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist.
+Und das war – kein Zweifel darüber – Senjor Konsul Revelsen. Es
+gab nur einen Fall im Erdendasein jener Indianer, die in naher oder
+ferner, oft in nebelhaft ferner Beziehung zu seinem Hause standen, wo
+auch Senjor Revelsen nicht mehr helfen konnte, und das war, wenn ein
+Indianer tot war, so tot war, daß man es bereits zwei Straßen weit roch.
+Solange er noch nicht roch, konnte Senjor Konsul immer noch erfolgreich
+eingreifen.
+</p>
+
+<p>
+Teofilias Onkel roch noch nicht, denn er war erst vier Stunden tot. Aber
+kein Gott und kein Senjor Revelsen konnte ihn mehr erwecken; denn
+er hatte das Schilfdach seiner Hütte ausbessern wollen, war durch das
+Dach gestürzt, mit dem Fuß in einer Sparre hängengeblieben, dann
+runtergefallen und hatte sich dabei das Genick gebrochen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+Am nächsten Morgen, noch lange vor Frühstück, erschien Teofilia schon
+wieder in der Küche. Als Senjora Revelsen sie fand, weinte das Mädchen
+herzzerbrechend und war nicht zu beruhigen.
+</p>
+
+<p>
+„Wie war das Begräbnis, Teofilia?“ erkundigte sie sich teilnehmend.
+</p>
+
+<p>
+Und von Schluchzen und Tränenströmen unausgesetzt unterbrochen, erzählte
+Teofilia: „Oh, geliebte Senjora, wir haben ihn nicht begraben
+können, meinen armen guten Onkel. Seine Hose ist so alt und hat so viele
+verschiedenfarbige Flicken, und er hat kein ganzes Hemd. Wir können ja
+niemand von den Bekannten hereinlassen und ihn sehen lassen, wir
+müßten uns ja zu Tode schämen. Wie könnte ich meinem lieben guten
+Onkel, der immer so gut zu mir war, eine solche Schande antun? Das
+würde er mir in der Ewigkeit nicht vergessen, daß ich ihm gegenüber
+eine solche Undankbarkeit gezeigt habe. Und wenn wir ihn heimlich
+begraben, ohne daß alle Bekannten ihn gesehen haben, würde er keine
+Ruhe finden in seinem Grabe.“
+</p>
+
+<p>
+Wie sich Teofilia den Ausgang der Angelegenheit dachte, war nicht festzustellen.
+Irgendeinen Gedanken oder Plan hatte sie nicht. Aber in ihrer
+Hilflosigkeit hatte sie, wie in einem Dämmerzustande, den Weg zu
+jenem Hause gefunden, wo Hilfe und Rat aufgespeichert lagen, von
+deren Art sie keine Vorstellung hatte. Es war wie ein rührendes Gottvertrauen,
+das sie zu der Küche trieb.
+</p>
+
+<p>
+Senjora Revelsen wußte sofort, was zu tun sei. Sie ließ die verzweifelnde
+Teofilia für einen Augenblick allein und eilte zu ihrem Gemahl, mit
+dessen Hilfe der Rat zur Tat wurde. Es dauerte keine zehn Minuten, da
+war Senjora Revelsen wieder in der Küche; und nach weiteren zehn
+Minuten verließ Teofilia so strahlend und so leicht beschwingt das Haus,
+als hätte sie das sichere Mittel in der Hand, ihren Onkel in das rauhe
+Leben zurückzurufen. Ob sie es in diesem Überschwang ihrer Seligkeit
+getan hätte, ist freilich sehr in Frage zu stellen, denn die Wiedererweckung
+des Onkels hätte eine grandiose Begebenheit unmöglich gemacht. Unter
+ihrem Arm trug sie, sauber verschnürt, einen fast noch neuen Frackanzug
+des Konsuls Revelsen, dem seine Anzüge immer sehr rasch zu eng wurden.
+Teofilia hatte nicht nur den vollständigen Frackanzug, sondern alles, was
+dazu gehörte: Lackschuhe, seidene Socken, ein seidenes Frackhemd, einen
+blendendweißen Kragen, einen weißen seidenen Schlips und weiße
+Handschuhe. Auf dem ganzen Wege hatte Teofilia nur einen Gedanken:
+Wenn doch das nur der Onkel sehen könnte, wenn er nur für zwei Minuten
+die Augen aufmachen könnte, um die unvergleichlich schöne Leiche
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+zu sehen, die er darstellt, und alles, was seine Teofilia für ihn getan hat!
+Aber das Leben geht andere Wege, als wir armen Menschen denken.
+</p>
+
+<p>
+Am späten Nachmittag war Teofilia wieder in der Küche, verweinter und
+verzweifelter als je. Senjora Revelsen setzte das auf Kosten der Nachwehen
+des soeben stattgefundenen Begräbnisses, und sie sagte mitleidig
+zu Teofilia: „Nun hat der gute arme Onkel seine verdiente Ruhe, Gott
+wird ihm seinen Frieden geben!“
+</p>
+
+<p>
+Jedoch ein aus tiefster Tiefe kommender Schrei des Schmerzes einer zur
+Verzweiflung treibenden Menschenseele leitete eine Erzählung ein, die
+man nur denen der antiken Tragödien als ebenbürtig an die Seite stellen
+kann: „Oh, angebetete Senjora, wie reich haben Sie mich beschenkt! Wie
+hoch haben Sie, holde Senjora, meinen guten Onkel geehrt mit jenem
+wundervollen Anzug! Aber der Anzug paßt ihm nicht! Der Onkel ist ja
+so sehr mager, und Ihr Senjor ist so sehr fett. Wir haben ihm den schönen
+Anzug angezogen, haben dann aber den Onkel nicht mehr wiedergefunden.
+Wir hätten die Tante und meinen andern Onkel noch dazupacken
+können und immer noch Platz übrigbehalten. Ich habe für einen
+Peso Sicherheitsnadeln gekauft, und wir haben den Anzug überall gesteckt,
+aber als es fertig war, konnte niemand sehen, was für einen schönen
+Anzug der Onkel hatte. Nun haben wir die Bekannten nicht hereinlassen
+können, und wir wissen nicht, was wir mit dem Onkel machen sollen,
+weil wir ihn nicht begraben können, ohne daß ihn die Leute gesehen
+haben.“
+</p>
+
+<p>
+Senjora Revelsen fragte sofort bei bekannten Familien an. Es war jedoch
+kein anderer Anzug aufzutreiben, der die Wünsche Teofilias befriedigt
+hätte.
+</p>
+
+<p>
+Vollständig gebrochen, den Todesstachel scheinbar tief im Herzen sitzend,
+schleppte sich Teofilia in die heimatliche Hütte zurück. Da auch der Allmächtigste
+der Allmächtigen hier keine Hilfe spenden konnte, bestand
+für Teofilia kein Zweifel, daß das Ende der Welt noch vor morgen früh
+erfolgen würde.
+</p>
+
+<p>
+Die nächsten drei Tage hörte Senjora Revelsen nichts mehr von ihrer
+Köchin. Sie setzte infolgedessen Teofilia auf die Verlustliste. Jedoch als
+Senjora Revelsen am folgenden Morgen sehr frühzeitig in der Küche
+erschien, fand sie Teofilia bereits anwesend und arbeitend, als wolle sie
+in einer Stunde alles einholen, was sie in den verflossenen Tagen versäumt
+hatte. Das Frühstück war beinahe fertig, und es hatte alle jene
+kleinen Raffiniertheiten, die Senjor Revelsen so sehr liebte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+Teofilia strahlte und blühte. Die Seligkeit, die in ihr brannte, schien sie
+zersprengen zu wollen: „Oh, angebetete, oh, allergnädigste und huldreichste
+Senjora, das war ein Begräbnis! Das – war – ein – Begräbnis!
+Alles spricht davon. Ich habe doch hier so geweint, weil der herrliche
+Anzug nicht paßte. Da habe ich Ihnen doch recht große Undankbarkeit
+gezeigt. Ich bin wert, daß Sie mich gleich auf der Stelle verfluchen. Am
+nächsten Morgen, als wir so recht traurig waren und nicht wußten, was
+wir machen sollten, sahen wir auf einmal, daß der Onkel angefangen
+hatte, aufzuschwellen. Wir warteten, und am darauffolgenden Tage war
+er noch viel mehr geschwollen, und endlich war er so dick, daß ihm der
+Anzug paßte, als ob er für ihn gemacht worden sei. Da haben wir alle
+Verwandten und Bekannten hereingerufen, und die haben nur immer
+gestaunt und gestaunt über die wunderschöne Leiche, und sie haben gesagt,
+so eine schöne Leiche habe noch nie jemand gesehen. Und alle, die Onkel
+sahen, sagten, er sehe genau so aus wie Ihr Mann, Senjora, und wenn
+man ihn so ruhig, so fett und so schön daliegen sehe, könne man wahrhaftig
+meinen, es sei der Konsul Revelsen persönlich, der da aufgebahrt
+liege.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-14">
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+EIN HUNDEGESCHÄFT
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">ines</span> Tages kam der Indianer Ascension zu mir und
+fragte mich, ob er denn nicht einen von meinen kleinen jungen Hunden
+haben könne. Ich hatte fünf und wäre froh gewesen, wenn ich drei hätte
+loswerden können.
+</p>
+
+<p>
+„Sie können ganz gewiß einen haben“, sagte ich. „Welchen möchten Sie
+denn?“
+</p>
+
+<p>
+Die kleinen Hunde spielten mit ihrer Mutter gerade vor uns im Sande.
+</p>
+
+<p>
+„No le hace, das ist mir ganz gleich“, sagte Ascension. „Geben Sie mir
+einen, welchen Sie wollen, Senjor.“
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm so einen kleinen Wicht beim Wickel und reichte ihn Ascension.
+Er hätschelte ihn gleich und freundete sich mit ihm an. Ich hatte ja nicht
+die Absicht, viel für den Hund zu verlangen. Aber mit dem Wegschenken
+muß man sehr vorsichtig sein. Das wird immer falsch verstanden. Hätte
+ich ihm den Hund geschenkt, dann wären eine halbe Stunde darauf alle
+Männer und Jungen des Dorfes gekommen, um einen Hund von mir geschenkt
+zu erhalten. Diejenigen nun, denen ich keinen hätte geben
+können, weil ich ja nur drei hergeben wollte, würden mich gefragt haben,
+warum ich denn den Hund gerade Juan gegeben habe und nicht Pedro,
+warum Elicio und nicht Atanasio, was mir denn Elicio je Gutes getan
+hätte, daß ich ihm den Hund gegeben hätte, während mir doch Nazario
+gestern erst einen halben gekochten Kürbis gebracht habe. Und wenn ich
+schon damit begann, einen kleinen Hund wegzuschenken, so kam morgen
+vielleicht ein Mann und sagte mir, ich könnte ihm doch gut eine von den
+kleinen Ziegen geben oder eins der kleinen Schweinchen. Es sind solche
+Erfahrungen, die einen lehren, alle Handlungen und Geschäfte, die man
+vorhat, klug zu überlegen.
+</p>
+
+<p>
+„Das Hündchen kostet einen Peso“, sagte ich nun zu Ascension.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist viel zu teuer für so einen kleinen Hund“, sagte darauf der Indianer.
+„Er kann ja noch gar nicht richtig bellen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Ihnen der Perrito zu teuer ist, dann mögen Sie den dort haben“,
+ich packte einen andern von den kleinen Burschen, „der kostet nur achtzig
+Centavos, vier mal zwanzig Centavos.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+Der Hund war genau so gut wie der für einen Peso.
+</p>
+
+<p>
+„Oder“, ich ergriff wieder einen andern, „Sie können auch den hier
+haben, der kostet nur acht Reales.“ Acht Reales sind ein Peso.
+</p>
+
+<p>
+„Nur acht Reales?“ fragte Ascension erstaunt. „Das ist aber einmal billig.
+Wie können Sie nur so billig einen so schönen Hund hergeben?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich tu das auch nur für Sie, Ascension, ein anderer Mann müßte mir
+wenigstens zwölf Reales dafür bezahlen.“
+</p>
+
+<p>
+Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Ich nehme aber doch
+lieber den Hund für einen Peso. Das ist ja sehr teuer, mucho dinero, aber
+er ist der beste Hund, der tapferste. Er macht einen guten Beller, das sehe
+ich jetzt schon.“
+</p>
+
+<p>
+Er nahm den Hund auf, nestelte ihn in seinen Arm, sagte „Adios,
+Senjor!“ und wollte gehen.
+</p>
+
+<p>
+„Oiga, Ascension, hören Sie einmal, was ist denn mit dem Peso? Ich habe
+Ihnen doch gesagt, der Hund kostet einen Peso.“
+</p>
+
+<p>
+Ascension blieb ganz unschuldig stehen: „Einen Peso? Ja, das ist ganz
+richtig, seguro, einen Peso. Sie haben das gesagt, einen Peso.“
+</p>
+
+<p>
+„Und den Peso müssen Sie mir jetzt geben, Ascension, oder Sie können
+den Hund nicht mitnehmen.“
+</p>
+
+<p>
+„Was sind Sie denn nun eigentlich?“ fragte Ascension, ohne den Hund
+niederzusetzen. „Sind Sie denn nun eigentlich ein Christ, oder sind Sie
+ein böser Heide? Das glaube ich doch nicht von Ihnen. Sie sehen doch,
+wie sehr der Hund mich liebt.“
+</p>
+
+<p>
+Das war nicht ganz richtig. Das Hündchen strampelte und wehrte sich
+und wollte wieder zurück zu seiner Mutter.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie denn nicht, Senjor, daß der tapfere Hund immer an mein
+Gesicht heran will, weil er mich liebt und nicht mehr von mir fort will?“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Ich mußte das Gespräch wieder auf den Kernpunkt zurückführen, denn
+ich erkannte seine Absicht, die Rechtslage zu verwirren und sie zu jenem
+Punkt zu führen, wo er von mir einen Peso verlangen wird, daß er den
+Hund überhaupt zu sich nach Hause trägt.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie einen Peso bei sich?“ fragte ich ihn nun.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, ich habe natürlich keinen Peso bei mir.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann müssen Sie den Hund wieder hergeben und erst einen Peso
+bringen“, sagte ich und nahm ihm das Hündchen wieder ab.
+</p>
+
+<p>
+Er war keineswegs gekränkt. Er blieb noch eine Weile stehen, sah den
+spielenden Hunden zu, redete noch einige nebensächliche Dinge und
+trottete dann seiner Wege.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+Am nächsten Morgen, sehr frühzeitig, war Ascension wieder bei mir.
+</p>
+
+<p>
+„Wer kocht Ihnen denn Ihre Frijoles?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+„Die koche ich mir selbst.“
+</p>
+
+<p>
+„Wer macht Ihnen denn die Tortillas?“
+</p>
+
+<p>
+„Die mache ich mir auch selbst.“
+</p>
+
+<p>
+Er schüttelte den Kopf. Er stand einer ihm völlig fremden Welt gegenüber.
+Für ihn war es unbegreiflich, daß ein Mann allein leben konnte,
+daß ein Mann sich sein Essen selbst kochte, seine Wäsche selbst wusch.
+Selbst die indianischen Soldaten der Armee haben alle ihre Frauen in der
+Nähe, und bei Truppentransporten müssen die Frauen alle mitgenommen
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Nun sah er mich eine Weile an und sagte dann: „Sie sehen gar nicht gut
+aus, Senjor. Sie haben gar kein Fett an sich. Wie ein ganz mageres
+Hähnchen. Ich glaube nicht, daß Ihnen das gut tut. Wissen Sie, Sie können
+sehr leicht krank werden, wissen Sie das auch?“
+</p>
+
+<p>
+„Krank? Ich? Warum?“
+</p>
+
+<p>
+Er wartete und schien zu überlegen, was oder wie er das Was sagen
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich war er mit der Form, in der er seinen Gedanken ausdrücken
+wollte, einig: „Ja, krank, das meine ich. Man kann sehr leicht krank
+werden, wenn man ganz allein wohnt wie Sie. Das geht nicht. Ich will
+Ihnen auch sagen, was Ihnen fehlt. Es fehlt Ihnen jemand, der Ihnen die
+Frijoles kocht und die Tortillas klatscht. Das fehlt Ihnen, amigo.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde ganz gut allein fertig“, sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Das werden Sie nicht, Senjor. Mir können Sie so etwas nicht erzählen.
+Ich bin ein ausgewachsener Mann. Kennen Sie meine Tochter Feliciana?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein.“
+</p>
+
+<p>
+„Meine Feliciana ist siebzehn Jahre, ein starkes und gesundes Mädchen,
+meine Feliciana. Das ist sie. Und sie ist ein sehr hübsches Mädchen. Sie
+badet sich zweimal in der Woche in der großen Tonne. Das tut sie. Sie
+hat sehr schönes langes und dickes Haar. Das kämmt sie jeden Tag zweimal,
+und sie nimmt sich sehr viel Zeit dazu.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist Ihre Feliciana? Bueno, aber warum erzählen Sie –?“
+</p>
+
+<p>
+Er ließ mich meine Frage nicht beenden: „Meine Feliciana kocht die
+Frijoles und überhaupt alles viel besser als meine Frau. Sie kann viel
+mehr kochen. Sie kann auch viel besser zählen als ich. Und Sie werden
+es gewiß nicht glauben, aber es ist die reine Wahrheit, sie kann sogar
+ihren Namen schreiben. Ja, das kann die Feliciana.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+Die Hunde spielten dicht vor unsern Füßen herum. Ascension bückte sich
+nun und hob einen der kleinen auf, den er gestern schon in der Hand
+gehabt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist der kleine Beller, den Sie mir für einen Peso verkaufen wollen?“
+fragte er nun.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das ist er. Der kostet einen Peso und nicht einen einzigen Centavito
+weniger. Der ist sehr tapfer und kann gut bellen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das glaube ich auch jetzt beinahe, er hat einen guten starken Mund,
+und die Zähne sind schon tüchtig spitz und scharf. Ich glaube, daß er
+schon bald einen Banditen beißen kann. Einen Peso, sagen Sie, Senjor,
+einen Peso und nicht einen Centavito weniger? Das ist teuer, sehr teuer.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie dürfen den Hund ruhig hierlassen, ich will ihn gar nicht verkaufen“,
+sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Was die Feliciana ist, meine Tochter“, begann er nun wieder, „die macht
+eine sehr gute Köchin. Ich kann Ihnen das schwören bei Corpus Christi.
+Sie verlangt nicht viel Lohn. Sechs Pesos den Monat. Und sie kocht gut,
+und sie tut alle Arbeit. Sie läuft auch nicht fort. Freilich, drei Pesos Lohn
+muß ich voraushaben, sonst kommt sie nicht. Ich habe eine Menge Ausgaben
+für sie. Wenn Sie mir jetzt diese drei Pesos hier bezahlen, dann
+schicke ich sie rauf. Sie kann tüchtig arbeiten.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein“, sagte ich, „die drei Pesos gebe ich Ihnen nicht. Ich kenne die
+Feliciana gar nicht, weiß auch nicht, ob sie arbeiten will. Aber wenn Sie
+denken, daß Sie eine gute Köchin ist, dann will ich sie für einen Monat
+zur Probe nehmen. Aber ich zahle nicht voraus. Nach zehn Tagen bekommt
+sie ihre zwei Pesos, und nach weiteren zehn Tagen wieder zwei
+Pesos. Viel Arbeit hat sie ja gar nicht zu tun, ich bin ja auch den ganzen
+Tag draußen auf meinem Acker.“
+</p>
+
+<p>
+„Das weiß ich alles sehr gut“, sagte Ascension, „sonst könnte sie auch
+nicht für sechs Pesos arbeiten, und sie müßte wenigstens sieben Pesos
+haben. Also Sie wollen mir nicht die zwei Pesos vorausgeben, Senjor?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber vielleicht einen Peso, Senjor. Ahora! Mire! Nun sehen Sie doch
+einmal hier, ein Peso ist doch ganz wenig, gerade nur ein kleines Stückchen
+Geld. Das können Sie mir doch leicht vorausgeben. Feliciana kann auch
+tüchtig waschen. Sie versteht das gut, sie spart auch sehr mit dem Fett,
+wenn sie kocht. Für ein paar Centavos kann sie ein gutes Essen kochen.
+Die kann für einen Peso, nun warten Sie einmal, also sie kann für einen
+Peso zwanzig Comidas, denken Sie nur, zwanzig Mittagessen kochen.
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+Wissen Sie, was Senjora Porragas in ihrer Fonda für ein einziges Mittagessen
+verlangt? Das wissen Sie nicht. Aber ich weiß es ganz genau, Jacinto
+hat es mir erzählt; sie verlangt für ein einziges Mittagessen fünfunddreißig
+Centavos. Von solchem Gelde kann Feliciana mehr als zwölf
+Mittagessen kochen.“
+</p>
+
+<p>
+Während ich vorher nie an eine Köchin gedacht hatte, so war es mir
+während der langen Unterredung doch so nach und nach in den Sinn
+gekommen, daß ich unbedingt eine Köchin brauchte. Sie würde mir eine
+ganze Menge Arbeit abnehmen, und ich könnte meine Gedanken auf
+andere Dinge lenken als auf Hausarbeit, die mir viel Zeit wegnahm. So
+sagte ich denn schließlich: „Gut, ich werde Feliciana als Köchin annehmen.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Das habe ich doch gewußt, daß Sie eine Köchin brauchen, Senjor“, sagte
+nun Ascension mit großer und überlegener Sicherheit. „Denken Sie denn
+nicht, daß es nun anständig wäre, mir wenigstens einen Peso zu geben als
+Vorausbezahlung für den Lohn?“
+</p>
+
+<p>
+Ascension hatte im Grunde recht, dachte ich. Es ist nur billig, daß man
+bei Anstellung einer Arbeitskraft ein Handgeld gibt. Man tut es ja sogar,
+wenn man einen Esel kauft oder eine Ziege, warum soll man es dann
+nicht mit gleicher Berechtigung tun, wenn man einen Menschen zur Arbeit
+annimmt? Durch den Platzwechsel hat ja der Mensch gewisse Ausgaben
+nötig.
+</p>
+
+<p>
+„Oiga, Ascension“, sagte ich nun, „gut, ich will Ihnen einen Peso vorausgeben
+auf den Lohn der Feliciana. Aber Sie müssen die Feliciana nun
+auch gleich sofort heraufschicken, damit sie schon das Mittagessen für
+heute kochen kann.“
+</p>
+
+<p>
+„Auf der Stelle schicke ich sie rauf, die Feliciana“, sagte Ascension mit
+einer Gebärde, als ob ich etwa an seiner Ehrlichkeit gezweifelt hätte; „aber
+gleich sofort sage ich ihr, daß sie zu Ihnen hinaufgehen soll. Ich werde ihr
+helfen, ihre Kleider und Schuhe in den Sack zu packen, damit sie auch
+ganz schnell kommen kann.“
+</p>
+
+<p>
+Ich ging ins Haus und brachte einen Peso heraus. Ich gab den Peso
+Ascension und sagte noch einmal: „Also schicken Sie die Feliciana rauf
+und sagen Sie ihr, daß ich auf sie warte im Hause und nicht auf das Feld
+vorher hinausgehe.“
+</p>
+
+<p>
+Ascension nahm den Peso, sagte: „Muchas gracias, Senjor!“, schob den
+Peso in seine Hosentasche, drehte sich um und ging einige Schritte weit.
+</p>
+
+<p>
+Als er etwa zehn Schritte gegangen war, blieb er stehen, drehte sich
+wieder um und kam zurück.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+Er ging auf die spielenden Hunde zu, hob den kleinen Hund, den er sich
+ausgesucht hatte, auf und sagte: „Das ist doch der kleine tapfere Beller,
+nicht wahr, Senjor?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja“, sagte ich zustimmend, „das ist ein kleiner tapferer Bursche, der
+sicher einmal den Banditen das Fell tüchtig zerfetzen wird.“
+</p>
+
+<p>
+„So sieht er aus“, sagte Ascension und nestelte das Hündchen in seinen
+Arm. „Was sagten Sie, Senjor, wieviel das kleine winzige Hündchen
+kosten soll? Er wiegt doch noch nicht einmal ein Kilo.“
+</p>
+
+<p>
+„Der kostet einen Peso; ich kann nichts herunterhandeln lassen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist viel Geld für einen so kleinen Hund. Ich weiß nicht, wie ich das
+machen soll. So viel Geld für einen kleinen Hund. Gut denn, Senjor, ich
+will Ihnen einen Peso für den Hund bezahlen. Ich glaube nicht, daß er
+einen Peso wert ist.“
+</p>
+
+<p>
+Er suchte jetzt umständlich in seiner Hosentasche herum und brachte
+endlich meinen Peso hervor.
+</p>
+
+<p>
+„Hier ist der Peso, Senjor, für das kleine Hündchen“, sagte er. „Den
+Hund habe ich nun von Ihnen gekauft. Adios, Senjor!“
+</p>
+
+<p>
+Und fort ging er, mit dem Hund im Arm.
+</p>
+
+<p>
+Ich wartete auf Feliciana. Aber sie kam nicht. Es waren nur etwa fünfzehn
+Minuten bis zu ihrem Hause, und jetzt wartete ich bereits drei
+Stunden. Ich mochte nun auch nicht aufs Feld hinaustrotten, weil sie ja
+inzwischen vielleicht kommen konnte und mich dann nicht im Hause
+antreffen würde. Endlich ging ich hinunter ins Dorf.
+</p>
+
+<p>
+Als ich zu der Hütte des Ascension kam, spielte er mit dem Hunde.
+</p>
+
+<p>
+„Pase, Senjor!“ sagte er sorglos, als er mich in der Tür stehen sah. Ich trat
+näher, aber er schien nicht zu wissen, was ich von ihm wollte.
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie, Ascension“, sagte ich ohne weitere Einleitung, „Sie haben
+mir doch versprochen, die Feliciana sofort hinaufzuschicken.“
+</p>
+
+<p>
+„Freilich habe ich das versprochen“, gab er unbekümmert zu, „und was
+ich verspreche, das halte ich stets. Ich habe Feliciana sofort hinaufgeschickt
+zu Ihnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie ist aber nicht gekommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Dafür kann ich nicht, Senjor“, sagte er achselzuckend, „ich habe die
+Feliciana sofort hinaufgeschickt. Aber sie ist nicht gegangen. Sie sagt mir
+dreist: ‚Du hast mir gar nichts zu sagen!‘ Was will ich denn da machen!
+Ich habe sie sofort hinaufgeschickt.“
+</p>
+
+<p>
+„Also dann scheint es mir, daß Ihre Feliciana nicht als Köchin zu mir
+kommen will“, sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+„Ich habe sie sofort hinaufgeschickt, wie ich versprochen habe, ich bin ein
+grundehrlicher Mensch.“
+</p>
+
+<p>
+Ascension blieb bei seiner Rede und brachte keinen Wechsel hinein.
+</p>
+
+<p>
+„Das nützt mir nichts“, behauptete ich, „sie ist nicht gekommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber, Senjor, ich kann sie doch nicht zu Ihnen ins Haus schleppen wie
+eine kleine Ziege. Sie ist doch eine erwachsene Frau. Ich habe sie sofort
+hinaufgeschickt.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, dann müssen Sie mir sofort den Hund wieder zurückgeben,
+Ascension.“
+</p>
+
+<p>
+„Den Hund, Senjor?“ Ascension machte ein erstauntes Gesicht. „Aber
+haben Sie denn ganz vergessen, daß ich Ihnen den Hund für einen Peso
+abgekauft habe? Das ist jetzt mein Hund, den habe ich für einen Peso
+von Ihnen gekauft.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann müssen Sie mir den Peso wieder zurückgeben, den ich Ihnen vorausbezahlte
+auf den Lohn der Feliciana“, sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Den Peso, den Sie mir für die Feliciana bezahlt haben?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, den Peso meine ich.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber, Senjor“, lachte nun Ascension, „den Peso habe ich Ihnen doch
+zurückgegeben, als ich den Hund von Ihnen kaufte. Wissen Sie denn das
+nicht mehr?“
+</p>
+
+<p>
+Der Mann hatte recht. Er hatte mir den Hund abgekauft, und er hatte mir
+auch den Peso, den ich vorausbezahlt hatte auf den Lohn der Feliciana,
+zurückgegeben.
+</p>
+
+<p>
+Ich konnte das nicht gut bestreiten, denn ich hatte ja den Peso in meiner
+Hosentasche.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-15">
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+DER ESELSKAUF
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> dem Indianerdorfe, in dem ich lebte, lief alles Getier, Rinder,
+Ziegen, Schweine, Hühner und unzählige Hunde, frei herum. Irgendeinem
+Tier einen Stall zu bauen, hielt man für überflüssige Arbeit. Die
+Tiere fühlen sich hier alle viel wohler ohne Stall. Jeder Indianer kennt
+zudem sein Vieh ganz genau, auch wenn es keine Brandmarke trägt.
+</p>
+
+<p>
+Unter diesem Getier befanden sich viele Esel; denn jede Indianerfamilie
+hatte wenigstens zwei Esel. Der Esel ist in Zentralamerika wichtiger als
+eine gute Kuh. Das sah ich bald selbst ein, und ich beschloß, mir einen
+Esel anzuschaffen, auf dem ich zu meinem Felde reiten konnte, und der
+mir half, Holz und Feldfrüchte heimzuschaffen.
+</p>
+
+<p>
+Ich bemerkte unter den herumlaufenden Eseln einen, der sicher keinen
+Besitzer hatte. Er wurde nie geritten, nie beladen, und wenn er sich in
+der Nähe einer Hütte sehen ließ, trieben ihn die Jungen fort oder hetzten
+die Hunde auf ihn.
+</p>
+
+<p>
+Man konnte es leicht verstehen, warum niemand von den Indianern sein
+Besitzer sein wollte. Denn er war sehr häßlich. Das rechte Ohr stand
+waagerecht heraus, und das linke Ohr hing schlaff herunter, weil es, offenbar
+in des Esels weit zurückliegender Jugend, bei irgendeiner Gelegenheit
+gebrochen war. An dem einen Hinterbein hatte er eine dicke verhärtete
+Geschwulst, die von dem Biß einer Giftschlange oder dem Stich eines
+Skorpions herrühren mochte. Infolge der merkwürdigen Stellung der
+Ohren sah der Kopf sehr ähnlich dem eines Pariser Kunststudierenden.
+</p>
+
+<p>
+Seine Unabhängigkeit und sein Vagabundenleben machten den Esel, der
+männlichen Geschlechts war, zum Herrscher über alle andern Esel im
+Dorfe, und er verfügte über die weiblichen Esel wie ein Despot. Natürlich
+immer zu seinen Gunsten und immer mit Erfolg. Rücksichtslos kämpfte
+er jeden Nebenbuhler nieder, und bei diesen Kämpfen machte er nicht
+nur von seinen Hufen, sondern auch von seinen Zähnen brutalen
+Gebrauch.
+</p>
+
+<p>
+Einmal wurde er von zwei Indianerburschen mit Holz beladen, das der
+Esel der beiden Burschen abgeworfen hatte, weil er glaubte, die Last sei
+zu schwer für ihn, und er sich deshalb nicht verpflichtet fühlte, sie zu
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+schleppen. Der häßliche Esel jedoch nahm die Last auf, als sei sie nur
+gerade Spielerei für ihn. Als er bei der Hütte der Burschen abgeladen
+war, wollte er nicht mehr fort von der Hütte. Seine Sehnsucht war,
+einen Herrn zu haben und eine Hütte, wo er das Recht hatte, während
+der Mittagsglut im Schatten zu stehen, ohne daß ihn jemand mit Steinen
+forttrieb. Die Jungen aber trieben ihn hinweg, nachdem er seine Gelegenheitsarbeit
+getan hatte, weil sie nicht Besitzer eines so grundhäßlichen
+Esels sein wollten.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte den ganzen Vorgang mit angesehen, und ich wußte auch, daß
+niemand im Dorfe den Esel haben wollte und niemand sich als seinen
+Besitzer erklärte. Nun ging ich in die Hütte und fand den Vater der
+beiden Burschen auf dem Boden hocken, einen Mango mit den Zähnen
+abschälend.
+</p>
+
+<p>
+„He, Boleo“, fragte ich, „wem gehört denn eigentlich der Hängeohresel?“
+</p>
+
+<p>
+„Der gehört niemand, Senjor. Niemand im ganzen Dorfe. Auch mir
+nicht. Der ist hier einmal zugelaufen oder vielleicht auch von einer durchziehenden
+Karawane zurückgelassen worden. Quien sabe! Was weiß ich.
+Der gehört niemand. Auch mir nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann könnte ich doch eigentlich den Esel haben. Ich brauche notwendig
+einen, und niemand hat einen volljährigen Esel zu verkaufen“, sagte
+ich nun.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich können Sie ihn haben, como no“, antwortete Boleo, „wir sind
+alle recht froh, wenn der Esel jemanden kriegt. Dann bricht er uns
+wenigstens nicht mehr in die Felder. Aber er ist sehr häßlich, muy feo. Ich
+möchte ihn nicht anfassen, so häßlich ist er.“
+</p>
+
+<p>
+„Da mache ich mir nichts daraus. Er ist stark und läßt sich gut reiten“,
+erwiderte ich.
+</p>
+
+<p>
+Dann ging ich heim, holte einen Lasso, fing mir den Esel ein und brachte
+ihn zu meiner Behausung. Darauf lief ich zur Tienda, kaufte fünf Kilo
+Mais und gab meinem neuen Arbeitsgefährten ein paar Hände voll Mais
+zu essen. Er nahm den Mais – wohl den ersten seit langer Zeit – freudig
+und dankbar entgegen und fühlte sich von jenem Augenblick an bei mir
+zu Hause.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage ritt ich stolz auf meinem Esel auf mein Feld hinaus,
+und auf dem Heimwege belud ich ihn mit einer schönen Last Kürbisse
+für meine Ziegen. Der gute Esel wurde mir durch seine willigen Dienste
+nach wenigen Tagen schon unentbehrlich. Dadurch, daß ich auf das Feld
+hinausreiten konnte, war ich in der Lage, mehr zu arbeiten, und weil
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+mir das starke Tier solche Lasten von Feldfrüchten heimschleppen konnte,
+bekamen die Ziegen besseres Futter und gaben mehr Milch.
+</p>
+
+<p>
+So ging eine Woche vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Es war an einem Sonntagnachmittag, als ein Indianer zu meiner Hütte
+kam, mich begrüßte und um Feuer für seine Zigarette bat. Dann sagte er
+mir, daß es sehr heiß sei, daß er schwer zu arbeiten habe, daß sein
+jüngstes Kind an Husten litte und daß seine beiden Kühe recht wenig
+Milch gäben. Um mir das alles zu erzählen, war er nicht gekommen. Nach
+einer Weile deutete er zu meinem Esel hinüber, der an Maiskolben kaute,
+und sagte: „Das wissen Sie doch wohl, Senjor, daß dies da mein Esel ist?“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Ihr Esel?“ fragte ich erstaunt. „Das ist nicht Ihr Esel. Der Esel gehört
+niemand.“
+</p>
+
+<p>
+„Da sind Sie aber doch im Irrtum, Senjor. Das ist wirklich und wahrhaftig
+mein Esel, beim heiligen San Antonio. Aber wenn Sie ihn gern
+haben wollen, will ich Ihnen den Burro verkaufen. Billig, muy barato,
+fünf Pesos nur, hier in die Hand.“
+</p>
+
+<p>
+Das war allerdings billig. Unter zwölf Pesos bekommt man schwerlich
+einen Esel; häufig kosten sie sogar fünfundzwanzig bis dreißig Pesos. Ich
+dachte, das beste ist, ich bezahle die fünf Pesos, dann bin ich rechtmäßiger
+Besitzer des Esels und habe mit niemand etwas zu tun. Ich handelte noch
+einen Peso herunter, und dann zog der Mann ab mit dem Gelde und mit
+den Versicherungen, daß ich sein Haus und alles, was er habe, als mein
+betrachten dürfe.
+</p>
+
+<p>
+Es vergingen anderthalb Wochen, und als ich eines Spätnachmittags mit
+meinem schwerbeladenen Esel müde vom Felde heimwanderte, begegnete
+ich dem Indianer Rocio auf dem Wege.
+</p>
+
+<p>
+Er sagte: „Buenas tardes, Senjor, viel Arbeit, mucho trabajo, verdad?“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß“, antwortete ich und wollte weitergehen. Aber Rocio hielt mich
+an und sagte: „Morgen brauche ich den Esel. Ich habe Holzkohle draußen
+im Busch und muß sie hereinschaffen.“
+</p>
+
+<p>
+„Welchen Esel meinen Sie denn, Rocio?“
+</p>
+
+<p>
+„Den da.“ Dabei deutete er auf meinen Esel.
+</p>
+
+<p>
+„Den können Sie morgen nicht haben“, gab ich zur Antwort. „Den
+brauche ich morgen selbst.“
+</p>
+
+<p>
+Rocio sah mich ruhig und unverwirrt an und sagte: „Das ist mein Esel.
+Und ich denke doch nicht von Ihnen, Senjor, daß Sie, ein so vornehmer
+und kluger Mann, einem armen Indianer, der nicht lesen und schreiben
+kann, den Esel stehlen wollen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+„Das ist aber mein Esel, Rocio. Den habe ich von Felipe für vier Pesos
+gekauft.“
+</p>
+
+<p>
+„Von Felipe, Senjor? Da will ich Ihnen nur sagen, der Felipe ist ein
+gemeiner Schurke, ein Hurensohn, ein Lügner, ein Schwindler, ein Bandit,
+ein Mörder und ein großer Hausanzünder. Der hat Sie betrogen und
+belogen. Der hat keinen Funken Scham und gar keine Ehre. Der hat
+Ihnen den Esel verkauft, und er hat doch ganz genau gewußt, daß dies
+mein Esel ist, den ich selbst aufgezogen habe. Aber ich will Ihnen etwas
+sagen, Senjor, ich bin ein ehrlicher und ein anständiger Mann, die Heilige
+Jungfrau soll mich auf der Stelle mit den Pocken schlagen, wenn es nicht
+wahr ist. Und ich will Ihnen gern den Esel für sechs Pesos verkaufen. Er
+ist ja mehr als zwanzig wert; aber weil ich nicht ein solcher niederträchtiger
+Schurke bin wie der Felipe, so will ich Ihnen den Esel billig
+verkaufen, für zehn Pesos.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben doch soeben gesagt, für sechs Pesos.“
+</p>
+
+<p>
+„Habe ich gesagt sechs? Wenn ich sechs gesagt habe, dann sollen Sie den
+Esel auch für sechs Pesos haben. Ich bin kein Betrüger.“
+</p>
+
+<p>
+Nun dachte ich aber doch, daß es vielleicht besser sei, erst einmal genau
+festzustellen, ob Rocio nun auch wirklich der Besitzer sei, damit nicht
+vielleicht morgen ein anderer Besitzer auftauche. Dazu ließ mir aber
+Rocio keine Zeit. Er wollte sofort wissen, ob ich den Esel kaufe oder
+nicht. Wenn nicht, dann würde er ihn hier auf der Stelle sofort abladen
+und mich auch noch bei der Ortsbehörde wegen Viehdiebstahls anzeigen,
+und dann käme ich ganz bestimmt in die Carcel, in das Gefängnis.
+</p>
+
+<p>
+Während wir uns noch herumstritten, kam ein anderer Indianer vorbei,
+den ich ebenfalls kannte.
+</p>
+
+<p>
+Rocio fiel ihn sofort an und fragte: „Hombre, Mensch, das ist doch mein
+Burro hier? Ist das nicht mein rechtmäßiger Esel?“
+</p>
+
+<p>
+„Freilich ist das dein Esel“, sagte der Mann, „claro, seguro, das kann ich
+gut beschwören.“
+</p>
+
+<p>
+Also da waren Zeugen. Rocio war im Recht. Ich handelte. Und als es
+anfing, dunkel zu werden, waren wir auf drei Pesos und fünfzig Centavos
+herunter. Er begleitete mich zu meinem Wohnbereich, wo er das Geld in
+Empfang nahm und dann mit seinem Zeugen abwanderte, immerwährend
+beteuernd und lamentierend, daß ich ihn bei dem Kauf schmählich übers
+Ohr gehauen hätte, der Esel sei zehnmal mehr wert, aber gegen die
+schlauen Weißen könne sich so ein armer unwissender Indianer ja nicht
+verteidigen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+Es vergingen wieder mehrere Tage.
+</p>
+
+<p>
+Als ich an einem Sonntagnachmittag an dem Hause des Bürgermeisters
+vorüberkam, saß der Alkalde, der Bürgermeister, ebenfalls ein Indianer,
+vor der Tür. Er rief mich an und bat mich, einen Augenblick näher zu
+treten.
+</p>
+
+<p>
+Er bot mir einen wackligen Korbstuhl an und erzählte mir einige Sachen
+aus seiner Familie. Dann, als ich endlich gehen wollte, sagte er: „Wie ist
+das eigentlich mit dem Esel?“
+</p>
+
+<p>
+„Mit welchem Esel?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Mit dem Gemeindeesel, den Sie da in Ihrem Hofe haben, und den Sie
+reiten und arbeiten lassen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist mein Esel. Den habe ich gekauft“, sagte ich protestierend.
+</p>
+
+<p>
+Der Alkalde lachte und antwortete: „Den Esel kann Ihnen niemand verkaufen.
+Das ist der Gemeindeesel. Wenn Ihnen jemand den Esel verkaufen
+kann, so bin das nur ich allein und niemand sonst.“
+</p>
+
+<p>
+Ich begann zu erstarren.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Bürgermeister machte sich nichts daraus. Er sagte: „Der Felipe
+und der Rocio, das sind die größten und die gemeinsten Spitzbuben und
+Banditen. Das sind doch Mörder und Cabrones. Ich warte jetzt nur, bis
+die Soldaten von der Municipalidad demnächst wieder hier vorbeikommen.
+Dann lasse ich die beiden aber gleich verhaften, und da werde
+ich schon schnell dafür sorgen, daß sie sofort erschossen werden. Solch ein
+Gesindel habe ich hier im Dorfe.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber Rocio brachte einen Zeugen, der beschwören konnte, daß der Esel
+dem Rocio gehörte“, verteidigte ich meinen Besitz.
+</p>
+
+<p>
+„Das war der Capillo“, sagte der Bürgermeister. „Der ist der allergefährlichste
+Bandit. Der hat Stacheldraht gestohlen. Den lasse ich auch
+erschießen. Gleich zuerst. Ich warte nur auf die Soldaten. Wie können
+denn diese Mörder und Hausanzünder und Frauenräuber den Gemeindeesel
+an Sie verkaufen! Ich habe doch gedacht, daß Sie als ein weißer Mann
+etwas klüger sein könnten. Gemeindeesel dürfen gar nicht verkauft
+werden. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Senjor. Sie haben den Esel
+gern, das weiß ich. Und wir haben keinen einzigen Centavito in der
+Gemeindekasse. Und da darf ich Ihnen schon den Esel verkaufen, damit
+wir etwas Geld in die Gemeindekasse bekommen. Ich will Ihnen den
+Esel, der ganz gut und ganz sicher zweimal zwanzig Pesos wert ist, für
+zehn Pesos verkaufen, weil Sie ja schon diesen Halunken so viel Geld
+gegeben haben.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+Schließlich einigten wir uns auf vier Pesos. Ich bezahlte das Geld, und
+nun war ich endlich rechtmäßiger Besitzer des Esels. Für das Geld, das
+ich bereits ausgegeben hatte, würde ich auch einen guten und schönen
+Esel irgendwo bekommen haben. Von den beiden Halunken war natürlich
+nichts wiederzukriegen.
+</p>
+
+<p>
+Dann kam Senjora Sanchez, eine ältere Frau, Halbblut, wieder heim ins
+Dorf. Sie war mehrere Wochen in Saltillo zum Besuch ihrer verheirateten
+Tochter gewesen. Im Dorfe besaß sie eine kleine Fonda, in der vorbeiziehende
+Karawanentreiber und Reisende zu übernachten und zu essen
+pflegten. Sie war keine zwei Stunden anwesend, da kam sie vor meine
+Hütte gerast wie eine Wahnsinnige. Am Stacheldrahtzaun stand sie und
+schrie: „Kommen Sie sofort einmal heraus, Senjor, ich habe ernsthaft mit
+Ihnen zu sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+Nach kurzer Überlegung hielt ich es für gut, sofort zu erscheinen.
+</p>
+
+<p>
+Ohne „Guten Tag“ zu sagen, schrie sie: „Wo ist mein Esel? Sofort
+meinen Esel her, oder ich schicke gleich zur Municipalidad, damit die
+Soldaten kommen und Sie erschossen werden. Sie haben mir meinen Esel
+gestohlen!“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist der Gemeindeesel, den hat mir der Alkalde verkauft.“
+</p>
+
+<p>
+„Der Spitzbube, der infame, wie kann Ihnen denn der Kindermörder
+und Holzräuber meinen Esel verkaufen! Sofort will ich meinen Esel.“
+</p>
+
+<p>
+Was soll man gegen eine halb wahnsinnige Frau machen? Ich gab ihr den
+Esel. Sie nahm ihn in Empfang, schrie noch einmal: „Eine solche Unverschämtheit!“,
+und dann gab sie dem Esel einen Tritt und ließ ihn
+seiner Wege ins Freie ziehen. Sie hatte keine Verwendung für den Esel,
+und sie gebrauchte ihn nie.
+</p>
+
+<p>
+Ich wollte wenigstens das retten, was ich schon gezahlt hatte, und ich
+fragte zaghaft, ob sie mir nicht den Esel verkaufen wolle. Denn sie war
+der rechtmäßige Besitzer. So konnte nur der auftreten, der zweifelsohne
+im vollen Recht war.
+</p>
+
+<p>
+„Einem solchen Viehräuber, wie Sie einer sind, verkaufe ich meinen
+Esel nicht einmal für tausend Pesos. Spitzbubengesindel, Ihr!“ Und fort
+war sie.
+</p>
+
+<p>
+Ich trabte zum Bürgermeister. Er wußte schon, was los war. Das geht
+schneller als mit Telephon.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist, glaube ich, richtig“, sagte der Mann. „Der Esel gehört der
+Senjora Sanchez. Aber sie war ja nicht hier. Sie war verreist. Und dann
+war das doch der Gemeindeesel, weil sie ja nicht hier war.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+„So genau kenne ich Ihre Spezialgesetze nicht“, erwiderte ich. „Aber ich
+möchte doch meine vier Pesos wiederhaben, die in der Gemeindekasse
+sind.“
+</p>
+
+<p>
+„Die stehen Ihnen nun auch rechtmäßig zu“, sagte darauf der Bürgermeister.
+„Aber die vier Pesos sind nicht mehr drin in der Gemeindekasse.
+Ich habe sie ausgegeben. Für Gemeindezwecke.“
+</p>
+
+<p>
+Gemeindezwecke? Ich hatte nichts davon gesehen, daß eine Straße geebnet
+oder eine Brücke gebaut oder sonst etwas getan worden war, seit
+ich das Geld in die Gemeindekasse gezahlt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der Bürgermeister aber ersparte mir das Raten und sagte unschuldig:
+„Ich brauchte ein neues Hemd, sehen Sie, Senjor, und ein Stück Leder
+für meine Sandalen.“
+</p>
+
+<p>
+Dagegen ließ sich nichts sagen. Da er der Bürgermeister war, so waren
+das in der Tat Gemeindezwecke, für die er das Geld verausgabt hatte.
+Denn ein Bürgermeister muß doch schließlich ein Hemd und ein Paar
+Sandalen haben.
+</p>
+
+<p>
+Ich hoffe zuversichtlich, daß diese Geschichte hier mich endlich reinwäscht
+von der Beschuldigung, ich hätte irgendwo südlich des Rio Grande
+einen Esel gestohlen. Jenes Gerücht geht von der Senjora Sanchez aus,
+die mir nicht wohlgesinnt ist, weil ich nicht in ihrer Fonda verkehre.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-16">
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+DIPLOMATEN
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-w"><img src="images/drop_w.jpg" alt="W"><span class="hidden">W</span></span><span class="postfirstchar drop-w">ährend</span> der Regentschaft des Diktators Porfirio Diaz gab
+es in Mexiko weder Banditen, noch Rebellen, noch Eisenbahnüberfälle.
+Porfirio Diaz hatte das Land von den Banditen auf eine sehr einfache und
+gut diktatorische Weise befreit. Er hatte allen Zeitungen verboten, über
+Banditenüberfälle auch nur ein Wort zu berichten, es wäre denn, daß
+der Bericht von der Regierung selbst eingeschickt sei. Zuweilen hatte
+Porfirio Diaz ein Interesse daran, daß über Banditen- und Eisenbahnüberfälle
+berichtet wurde. Er wollte dann einem General, den er für
+bestimmte politische Zwecke brauchte, um sich in der Herrschaft zu erhalten,
+guten Verdienst zukommen lassen dadurch, daß er ihn mit seinen
+Truppen in die Banditenregion schickte. Das brachte für den so begünstigten
+General kleine Nebeneinnahmen von einigen zehntausend
+Dollar. Wenn der General sein Geschäft abgeschlossen und das Geld in
+der Tasche hatte – einkassiert bei allen Geschäftsleuten der Region, die
+den Kampf gegen die Banditen zu bezahlen hatten auf Grund der
+Rechnungen jenes Generals –, dann erschienen in aller Welt Berichte,
+daß der große Staatsmann Porfirio Diaz abermals das Land von Banditen
+mit eiserner Hand gesäubert habe, und daß fremdes Kapital in
+Mexiko so sicher sei, als läge es in den Gewölben der Bank von England.
+Einige Dutzend Banditen waren erschossen worden, darunter viele, die
+nicht Banditen waren, sondern Landarbeiter, die sich zu rühren begannen,
+um das grausame Joch der Latifundienbesitzer abzuschütteln. Ein halbes
+hundert Namen anderer Banditen, die erschossen worden waren, wurden
+in den Zeitungen veröffentlicht, um dem General das Einkassieren der
+Rechnungen zu erleichtern. Jene Namen erschienen glaubhaft. Sie hatten
+nur den Nachteil, daß sie keine Träger hatten, sondern daß sie der
+Sekretär des Generals von Grabsteinen abgeschrieben oder sie sich einfach
+ausgedacht hatte. Es wurden damals, mehr als heute, Zahlmeister,
+Manager und Ingenieure der großen amerikanischen Kompanien in
+Mexiko in die Berge verschleppt mit der Androhung, daß sie stückweise
+zu Tode gehackt würden, falls nicht das Lösegeld für sie innerhalb von
+sechs Tagen zur Stelle sei. Porfirio Diaz zahlte das Lösegeld an die
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+Banditen, damit die amerikanischen Zeitungen nichts erfahren sollten
+und so das fremde Kapital abgeschreckt werden möchte. Dem befreiten
+Manne wurde noch ein Sümmchen außerdem in die Hand gedrückt als
+Schmerzensgeld und Schweigegeld. Aber Porfirio Diaz bezahlte das
+Lösegeld und das Schweigegeld nicht aus eigener Tasche. Hätte er das
+getan, so hätte er sich nicht den Ruhm verdienen können, daß er den
+Staatsschatz außerordentlich ökonomisch verwalte. Darum kassierte er
+das verauslagte Lösegeld und Schweigegeld von denselben amerikanischen
+Kompanien ein, zu deren Gunsten – richtiger zugunsten des befreiten
+Angestellten jener Kompanie – er es bezahlt hatte. Er verkaufte
+jenen Kompanien für teures schweres Geld besondere Konzessionen und
+Kommuneland, das er den Indianern wegnahm. Dadurch gewann er
+zwei neue Freunde, die an seiner Diktatorschaft interessiert waren. Der
+eine neue Freund war die begünstigte amerikanische Kompanie, der
+andere neue Freund war ein mexikanischer Großgrundbesitzer, der dadurch,
+daß den Indianern das Kommuneland weggenommen wurde,
+einen neuen Trupp von Heloten bekam, die für drei Centavos arbeiteten
+– „del sol hasta sol“ – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
+</p>
+
+<p>
+Was Zeitungen nicht berichten, existiert nicht. Besonders nicht für das
+Ausland. So erhält ein Land immer seinen guten Ruf. Alle Diktatoren
+arbeiten nach demselben Rezept.
+</p>
+
+<p>
+Wie damals, so sind auch heute noch die Zeitungen in Mexiko – ohne
+Ausnahme – in konservativen Händen, in den Händen der Angehörigen
+jener Klasse, die die Diktatorschaft des Porfirio Diaz als das „Goldene
+Zeitalter Mexikos“ preist. Und weil diese Klasse in Mexiko vor
+dem Ansturm des indianischen und halbindianischen Proletariats zu
+wanken beginnt, so sind heute die Zeitungen jener Klasse voll von
+Geschichten über Banditen, Rebellen und Eisenbahnüberfällen; sie feiert
+jeden schäbigen Meuchelmörder und jeden ehrlosen General, wenn es
+sich um Individuen handelt, die der gegenwärtigen Regierung Schwierigkeiten
+bereiten. Heute ist in Mexiko – nach der Aussage jener Zeitungen
+– täglich die unbeschränkte Pressefreiheit in Gefahr. Unter der
+Diktatorschaft des Porfirio Diaz wurde jedoch, trotz der strengen Verbote,
+über Banditen zu berichten, von bedrohter Pressefreiheit nie
+gesprochen. Denn damals gab es die wahre und allein richtige Pressefreiheit,
+jene gepriesene Pressefreiheit, die im Interesse der kapitalistischen
+Klasse wirkt und nur in deren Interesse Pressefreiheit gestattet.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem Porfirio Diaz alle Banditen nach seiner einfachen und wirksamen
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+Weise völlig ausgerottet hatte, kamen dennoch zuweilen Dinge
+vor, die höchst peinlich wirkten und seinen schönen goldbronzierten
+Aufbau – schöner und geschickter, als ein Potemkin es je vermocht
+hätte – in Erschütterung zu bringen drohten.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es sollte ein neuer Handelsvertrag zwischen Mexiko und den Vereinigten
+Staaten abgeschlossen werden, oder der alte sollte erweitert werden.
+Bei allen solchen Verträgen glaubte Porfirio Diaz stets, daß er der schlaue
+Fuchs sei und der große Staatsmann; aber wenn es zum Ende kam und
+man den Vertrag mit allen seinen Folgerungen genauer betrachtete, fand
+sich immer, daß Mexiko gründlich geleimt worden war.
+</p>
+
+<p>
+Die Regierung der Vereinigten Staaten sandte einen ihrer besten Handelsdiplomaten;
+denn Mexiko ist von den Vereinigten Staaten immer als
+eines der wichtigsten Länder in handelspolitischer Beziehung mit den
+Vereinigten Staaten angesehen worden. Und Mexiko wird für ewig – in
+Zukunft bei weitem mehr als in der Vergangenheit – das wichtigste
+Land für die Vereinigten Staaten bleiben. Wichtiger als ganz Europa.
+</p>
+
+<p>
+Porfirio Diaz, um den Diplomaten der nordamerikanischen Regierung
+gut einzuseifen, um – wie er dachte – ihn nachher um so besser barbieren
+zu können, und um ihm gleichzeitig zu zeigen, wie reich Mexiko
+sei und wie reich seine Bevölkerung – die obere Klasse, weniger als ein
+halb Prozent des Volkes – sei und wie kultiviert und zivilisiert, veranstaltete
+ein luxuriöses Fest zu Ehren des nordamerikanischen Handelsdiplomaten.
+</p>
+
+<p>
+Feste zu geben war etwas, was wohl selten ein Mann so gut verstanden
+hat wie Porfirio Diaz. Das Fest, das er im Jahre 1910 der Welt gab, die
+sogenannte Centenariofeier, die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit
+Mexikos von Spanien, gehört zweifellos zu den größten öffentlichen
+Festen, die bis heute auf dem amerikanischen Kontinent, um nicht zu
+sagen auf Erden, gegeben worden sind. Das strotzte und strahlte nur
+alles so in Gold, mit dem die Besucher aus fremden Ländern geblendet
+wurden. Die Millionen an Dollars, die jenes Fest das mexikanische Volk
+gekostet haben, sind nie gezählt worden. Die Besucher sahen nur jene
+goldstrotzenden Fassaden. Es war in außerordentlich geschickter Weise
+Vorsorge getroffen worden, daß kein fremder Besucher eine Möglichkeit
+hatte, zu sehen, was eigentlich hinter den goldenen Fassaden war. Hinter
+jenen Fassaden kauerten fünfundneunzig Prozent des mexikanischen
+Volkes in Lumpen und Fetzen, hatten fünfundneunzig Prozent des
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+Volkes keine Schuhe oder Stiefel, lebten fünfundneunzig Prozent des
+Volkes nur von Tortillas, Frijoles, Chile, Pulque und Tee aus Baumblättern,
+lebten mehr als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht
+lesen, und mehr als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht einmal
+ihren Namen schreiben konnten. Wo in aller zivilisierten und unzivilisierten
+Welt ist je ein solches Fest gefeiert worden! Und was für ein
+kleiner mickriger Dorfmusikante war ein Fürst Potemkin gegenüber
+diesem großen Fanfarenbläser Porfirio Diaz, dem anläßlich jenes Festes
+von allen Königen und Kaisern die Brust so voll mit Orden und Kreuzen
+gehängt wurde, daß sechzig vollbeladene Eisenbahnfrachtwagen nicht
+ausreichten, jene Orden und Ehrenzeichen zu transportieren. So sieht ein
+goldenes Zeitalter aus.
+</p>
+
+<p>
+Man wird zugeben müssen, daß Porfirio Diaz Feste zu geben verstand.
+Und das Fest, das er einige Jahre vorher jenem nordamerikanischen
+Diplomaten gab, war eine angemessene Vorfeier jener gloriosen Fassadenbeleuchtung.
+</p>
+
+<p>
+Das Fest zu Ehren des Diplomaten wurde gegeben im Schloß zu
+Chapultepec in Mexiko City. Seit der Revolution ist jenes Schloß
+ziemlich verödet. Feste werden dort nur sehr selten noch gegeben, weil
+das mexikanische Volk heute wichtigere Dinge zu tun hat, als glänzende
+Feste zu feiern. Das Schloß ist in der Hauptsache nur noch ein Museum
+für fremde Touristen, die das Bett der Kaiserin Charlotte sehen wollen
+und es abtasten, ob Charlotte auch weich genug darin geschlafen hat.
+Hier war auch die Sommerresidenz des Kaisers der Azteken, dessen Bad
+noch zu sehen ist und gut erhalten wurde. Obgleich das Schloß die
+offizielle Wohnung des Präsidenten der mexikanischen Republik ist, so
+wohnen doch die revolutionären Präsidenten selten dort. Präsident
+Calles hat nie im Schloß gewohnt, sondern in einem schlichten Hause
+in der Nähe.
+</p>
+
+<p>
+Aber unter Porfirio Diaz ging es lustig und herrlich im Schloß
+von Chapultepec zu. Er mußte sich die kleine, aber sehr fette Aristokratie
+des Landes warm und vergnügt halten, um an der Regierung
+bleiben zu können, so wie andere Diktatoren sich den Papst warm
+halten, wenn die Kapitalisten durch Geschäfte, die immer schlechter
+gehen, anfangen einzusehen, daß eine Diktatur auch ihre Nachteile hat.
+Zu dem Feste, das zu Ehren jenes Diplomaten gegeben wurde, war nur
+die Sahne der oberen Gesellschaft Mexikos geladen worden, um den
+Eindruck auf den Diplomaten zu vertiefen, wie elegant, wie zivilisiert,
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+wie kultiviert und wie reich die Mexikaner seien. Es strotzte von
+glänzenden Generalsuniformen. Und Porfirio Diaz selbst, über und über
+mit Goldtressen und Goldverschnürungen beklebt, beleimt und behangen,
+sah aus wie ein Zirkusaffe, der die Hauptrolle in einer burlesken Operette
+spielt, deren Geschehnisse sich in irgendeinem fabulösen Balkanlande abwickeln.
+Die Damen waren mit Juwelen belastet wie das Hauptauslegebrett
+in dem Schaufenster eines Juwelenhändlers in einer der elegantesten
+Straßen von Paris zwischen zwei und sechs Uhr nachmittags. Alles in
+allem gesagt, es war die erlesenste Gesellschaft, die Porfirio Diaz nur
+aufbringen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der nordamerikanische Diplomat war nicht zum ersten Male in seinem
+Leben von seiner Regierung damit beauftragt worden, Handelsverträge
+mit fremden Ländern durchzuberaten und abzuschließen. Nur wenige
+Zeit vorher hatte er einen Handelsvertrag zwischen seinem Lande und
+England geschickt zu Ende geführt. Bei diesem Vertrag hatte England,
+ohne daß er oder die amerikanische Regierung das begriffen, den fetteren
+Bissen erwischt, wie das England bei allen solchen oder ähnlichen Vorfällen
+immer gelingt. Um den nordamerikanischen Diplomaten für diese
+gute Arbeit auszuzeichnen und zu ehren und ihn so lange zu hypnotisieren,
+bis der Handelsvertrag unterzeichnet und von den Parlamenten
+beider Länder ratifiziert worden war, empfing ihn der König von
+England in Privataudienz, und da er ihn nicht zum Ritter erheben
+konnte – ein guter republikanischer Amerikaner läßt sich so etwas
+nicht gefallen –, verlieh er ihm eine goldene Taschenuhr, reich mit
+Brillanten gespickt und versehen mit schellenläutender und ehrenvoller
+Widmung und mit dem eingravierten Namenszug Edward VII., König
+von England und Kaiser von Indien.
+</p>
+
+<p>
+Auf diese Uhr war der Diplomat natürlich sehr stolz, wie jeder gute
+republikanische nordamerikanische Mann stolz darauf ist, wenn ihm ein
+europäischer König oder Großherzog am Rockknopf gedreht hat. Denn
+es kommt auf die erste Seite aller amerikanischen Zeitungen.
+</p>
+
+<p>
+Es war ganz natürlich, daß der Diplomat auf jenem Feste diese
+Uhr Don Porfirio zeigte. Don Porfirio fühlte sich außerordentlich
+geschmeichelt, daß die nordamerikanische Regierung ihn für so wichtig
+hielt, einen so bedeutenden Diplomaten, der vom König von England
+ausgezeichnet worden war, nach Mexiko zu schicken, um mit ihm, mit
+Don Porfirio, einen neuen Handelsvertrag zu beraten und zu beschließen.
+Dadurch fühlte sich Porfirio Diaz hochgeehrt, denn er wurde ebenso
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+wichtig betrachtet wie der König von England. Solches Gleichstellen mit
+Königen und Kaisern machte Porfirio Diaz für alles gefügig, eine Tatsache,
+die den Regierungen aller fremden Länder und allen Diplomaten
+wohlbekannt war und rücksichtslos, zum Unheil des mexikanischen
+Volkes, von allen Regierungen und Diplomaten ausgenutzt wurde. Denn
+Porfirio Diaz war ja, wie die Mehrzahl aller Diktatoren, nur ein Emporkömmling,
+der weder durch seine Herkunft, noch durch seine Familie,
+noch durch seine Erziehung, noch durch sein Geld, noch durch seine Begabungen
+ein begründetes Recht hatte, von der Aristokratie des Landes
+zu den Ihrigen gezählt zu werden. Die Eigenschaft, die am höchsten bei
+ihm entwickelt war, hieß Eitelkeit.
+</p>
+
+<p>
+Als er die Uhr betrachtete, überlegte er bereits, wie er das Geschenk des
+Königs von England überbieten könne und in welcher Form, so daß alle
+Länder der Erde davon hören und berichten konnten.
+</p>
+
+<p>
+Die Uhr wurde natürlich auch von allen anwesenden Generalen betrachtet
+und gebührend bewundert.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem die Begrüßungszeremonien und die Vorstellungsformalitäten
+vorüber waren, begab man sich zu dem großen Bankett, wo viele gute
+Reden über die vorzüglichen Beziehungen zwischen Mexiko und den
+Vereinigten Staaten und zwischen Mexiko und allen anderen Ländern
+gehalten wurden und wo jeder anwesende Diplomat sich seine Pflichtrede
+dadurch erleichterte, daß er das goldene Zeitalter Mexikos pries, und
+besonders den pries, der für das goldene Zeitalter Mexikos allein verantwortlich
+war, und das war kein anderer als Don Porfirio.
+</p>
+
+<p>
+Als nun auch das vorüber war, rüstete sich alles für den großen Ball, der
+im Stil der Gesandtenempfänge in Paris heruntergetanzt wurde. Denn
+Don Porfirio war ein Verächter alles dessen, was mexikanisch oder gar
+indianisch war, und ein Bewunderer alles dessen, was französisch roch
+oder dem Hofleben von Wien ähnlich sein konnte. Diese Bewunderung
+reichte zuweilen hinan zu vollständiger Idiotie. Beweis: Das Opernhaus
+in Mexiko.
+</p>
+
+<p>
+Während einer Pause des Balls bemerkte der nordamerikanische Diplomat
+plötzlich, daß seine wertvolle Ehrenuhr nicht mehr da war, wo sie
+ursprünglich gewesen war. Bei längerem aufgeregtem Suchen fand er sie
+auch in keiner anderen Tasche seines Frackanzuges. Und als er nachher
+zusah, entdeckte er, daß die Uhr von der goldenen Kette, an der sie
+gehangen hatte, sehr elegant abgeknipst worden war, und zwar, wie
+später die Detektive feststellten, mit Hilfe einer Nagelschere.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+Der amerikanische Diplomat hatte Takt genug, zu wissen, daß man so
+etwas nicht erwähnt, wenn es sich um eine gewöhnliche goldene Uhr
+handelt, die bei einem derart hochgeschraubten diplomatischen Fest
+verlorengeht. Man gibt vielleicht dem Zeremonienmeister einen kleinen
+Wink. Wird die Uhr gefunden, ist es recht; wird sie nicht gefunden, dann
+kommt sie auf die Rechnung des Auswärtigen Amtes. Solche Vorfälle
+sind viel häufiger, als der kleine Mann, der nie Zutritt zu Diplomatenbällen
+hat, glauben würde; denn auch Diplomaten sind, mehr als man
+glaubt, häufig in Geldschwierigkeiten, die sich oft nur in einer Weise
+beheben lassen, die sich nicht ganz mit der guten Sitte, die man auf
+Gesandtschaftsbällen erwartet, decken dürfte. Aber auch Diplomaten
+sind Menschen. Und wo der ganze Beruf des Menschen darin besteht,
+einen anderen – meist ein ganzes Volk – geschickt zu übervorteilen,
+schleicht sich leicht ein Manöver ein, das rein persönlichen Zwecken
+dient. Es kommen auf diplomatischen Empfängen genügend Perlenhalsbänder,
+Brillantenarmbänder und goldene Uhren abhanden, daß die
+hohen Ausgaben für „besondere diskrete“ Budgets der Auswärtigen
+Ämter gerechtfertigt erscheinen. Nicht jede Frau eines Diplomaten hat
+Takt und besonders Geld und Laune genug, ihr Perlenhalsband zu verschmerzen.
+Sie pfeift auf die Karriere ihres Gatten, wenn das Halsband
+zehntausend Dollar gekostet hat, und sie droht ernsthaft, Skandal zu
+machen und die Zeitungen zu unterrichten. Was bleibt dem Auswärtigen
+Amt übrig? Das Halsband wird ersetzt.
+</p>
+
+<p>
+Diese Uhr aber ließ sich nicht ersetzen. Daß ein Diplomat das eigenhändige
+Geschenk des Königs von England so wenig schätzt, daß er das
+Geschenk verliert, ist beinahe eine Beleidigung des Königs von England.
+Es kann den Diplomaten Ruf und diplomatische Stellung kosten. Nun
+darf man von einem amerikanischen Diplomaten ja auch nicht den Takt
+erwarten, den ein französischer, englischer oder russischer Diplomat
+besitzt. Der französische Diplomat würde eine geistreiche Ausrede dafür
+finden, wie und auf welche Weise ihm die Uhr abhanden gekommen ist,
+eine Ausrede, so fein und elegant, daß sie ihm in seiner diplomatischen
+Karriere eher förderlich als hinderlich sein würde. Aber wir sind auf
+diesem Gebiete noch Bauern und Schüler und machen darum Lärm. Der
+Diplomat wünschte ja auch in seinen Klubs mit jener Uhr zu protzen.
+Und wenn ihm die Uhr fehlte, so blieben ihm nicht viel andere Dinge,
+mit denen er protzen konnte, und mit deren Hilfe er Gold auf Hand beweisen
+konnte, daß er eine Privataudienz mit dem Könige von England
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+gehabt habe. Denn niemand gibt sich die Mühe, alte Zeitungen aufzuheben
+oder durchzustöbern, um die Wahrheit jener Behauptung festzustellen.
+Jedenfalls niemand im Klub. Und ein Zeitungsausschnitt kann
+von jedem Druckerlehrling für zwei Dollar Entschädigung hergestellt
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Der amerikanische Diplomat, mit der unbekümmerten Robustheit in
+Taktfragen, die seinem Volke eigen ist, ging sofort auf Don Porfirio
+zu und bat ihn um eine kurze Unterredung mit Hilfe seines Sekretärs,
+der Spanisch sprach.
+</p>
+
+<p>
+„Entschuldigen Sie, Don Porfirio“, sagte der Diplomat, „es tut mir
+aufrichtig leid, daß ich Sie belästigen muß, aber mir ist soeben meine
+Uhr, die ich vom König von England geschenkt bekommen habe, hier
+im Saal gestohlen worden.“
+</p>
+
+<p>
+Porfirio Diaz verzog keine Miene. Er sagte nicht: „Das ist nicht möglich!“
+oder „Sollte das nicht ein Irrtum sein?“ Er kannte ja seine Leute, und
+keiner wußte es besser als er, daß die Banditen nur in den Zeitungsberichten
+ausgerottet seien, nicht aber im Lande; denn er hätte ja zuerst
+einmal alle seine Generale und Gouverneure und Bürgermeister und
+Steuerverwalter und Staatssekretäre erschießen müssen, wenn er alle
+Banditen hätte ausrotten wollen. Und hätte er wirklich alle Banditen,
+die es während seiner Regentschaft gab, erschossen, so wäre wahrscheinlich
+kein einziger Mexikaner mehr übriggeblieben, den er hätte regieren
+können. Die regierende Klasse raubte aus unersättlicher Habgier und
+die nichtregierende Klasse aus bitterem Hunger.
+</p>
+
+<p>
+So sagte Porfirio Diaz als Antwort zu jenem Diplomaten nur: „Seien
+Sie nicht in Sorge, Exzellenz, es liegt hier offenbar nur ein kleiner
+Scherz vor. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie die Uhr innerhalb
+von achtundvierzig Stunden wieder in Ihrem Besitz haben werden.“
+</p>
+
+<p>
+Das Ehrenwort des Präsidenten. Porfirio Diaz konnte sein Ehrenwort
+beruhigt geben. Denn wer Meister aller Banditen und Spitzbuben
+ist, wer alle Banditen und Spitzbuben und deren Schliche und Wege so
+gut kannte wie Porfirio Diaz, er selbst ein Meisterspitzbube in allen
+solchen Dingen, wo es sich nicht gerade um gewöhnlichen Taschendiebstahl
+handelte, der würde die Uhr schon entdecken.
+</p>
+
+<p>
+Mit den höflichsten Worten verabschiedete endlich zu gegebener Stunde
+Porfirio Diaz den nordamerikanischen Diplomaten, ohne daß hierbei
+auch nur mit einem Wörtchen das kleine Mißgeschick erwähnt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Aber, wenngleich es nur seine nächsten Vertrauten bemerkten, Don
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+Porfirio raste, wie nur er zu rasen vermochte. Das Rasen eines Diktators,
+dessen Schwindel vor der Entdeckung steht.
+</p>
+
+<p>
+„Der Alte hat wieder einmal die Tollwut“, flüsterten sich die Diener
+erschreckt zu und zitterten in Furcht vor dem, was geschehen würde,
+wenn der Ball vorüber sein wird. Die Anfälle von Tollwut des Diktators
+waren gefürchtet, mehr als Erdbeben. Denn er wurde dann
+bestialisch wie eine alte verärgerte Wildkatze.
+</p>
+
+<p>
+Was er einmal gleich zuerst und durchaus sicher wußte, das war, daß die
+Uhr ein Mexikaner hatte, nur ein Mexikaner haben konnte. Und mit
+mexikanischen Spitzbuben wußte er ja umzugehen.
+</p>
+
+<p>
+Hatte die Uhr ein Mitglied der Dienerschaft genommen, so war es jetzt
+bereits zu spät, den zahlreichen Detektiven den Auftrag zu geben, keinem
+von der Dienerschaft zu gestatten, das Schloß zu verlassen. Denn war
+die Uhr wirklich von einem der Bediensteten gestohlen worden, so
+waren die Detektive augenblicklich nicht zu gebrauchen, weil die Uhr
+inzwischen schon aus dem Schlosse hinausgeschmuggelt war. Freilich, ein
+Detektiv konnte die Uhr auch haben. So sicher war das nicht, daß die
+Detektive nicht nehmen würden, was sie auf leichte Weise kriegen
+konnten. Porfirio Diaz hatte ja genügend Spitzbuben, Taschendiebe,
+Einbrecher und Wegelagerer in die Polizei eingereiht, weil Spitzbuben
+häufig bessere Spitzbubenjäger machen als anständige Menschen.
+</p>
+
+<p>
+Daß die Diamanten aus der Uhr herausgebrochen werden könnten, daß
+das Gehäuse der Uhr vielleicht zerhämmert werden möchte, um die Uhr
+stückweise leichter und unverdächtiger verkaufen zu können, das würde
+wohl kaum geschehen. Die Uhr würde zuviel an Wert verlieren. Eher
+war schon anzunehmen, daß die Gravierung ausgeschliffen sein wird,
+ehe die Uhr irgendwo zum Verkauf angeboten wieder zum Vorschein
+kommt. Ohne Gravierung aber war die Uhr natürlich wertlos für den
+Diplomaten. Eine goldene Uhr an sich, ganz gleich mit wie vielen
+Diamanten bespickt, hätte Don Porfirio sofort beschafft, wenn damit
+dem Diplomaten hätte gedient werden können. Aber wie die Dinge sich
+vorfanden, mußte es ganz genau die gleiche Uhr sein, die herangeschafft
+werden mußte.
+</p>
+
+<p>
+Nicht darum verfiel Porfirio Diaz in Raserei, weil er befürchtete, er
+könnte vielleicht die Uhr nicht wieder herbeischaffen. Sie zu bekommen,
+betrachtete er als eine Aufgabe, die zu lösen für ihn möglich war. Nein,
+was ihn in jene schäumende Wut versetzte, war etwas anderes.
+</p>
+
+<p>
+Durch das Stehlen der Uhr bei einer solchen Gelegenheit war von einer
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+seiner glänzenden Fassaden die Goldtünche abgeblättert worden. Der
+gewöhnliche nackte und wahre Gipsverputz kam zum Vorschein.
+</p>
+
+<p>
+Alle Welt war klein geschlagen worden mit der Mär, daß der große
+mexikanische Staatsmann Porfirio Diaz mit eiserner Hand und mit
+stählernem Besen das Land von Banditen und Spitzbuben so völlig und
+so dauernd gesäubert habe, wie das nie vorher ein anderer Mann in
+irgendeinem anderen Lande mit gleichem Erfolge zuwege gebracht habe.
+In Mexiko konnte man damals, nach den Berichten, die Porfirio Diaz
+in der Welt verbreitet hatte, mit einem Sack voll Goldstücke zur
+Rechten und einem Sack voll Goldstücke zur Linken auf einem Pferde
+sitzend von einem Ende der Republik zum andern reisen, und wenn man
+an dem andern Ende ankam, so hatte man zur Rechten sowie zur
+Linken je einen Sack voll Goldstücke mehr, als man hatte an dem Tage,
+an dem man auszog. In gewissem Sinne war das richtig. Ein amerikanischer
+Kapitalist, der mit fünfzigtausend Dollar in Schecks in El Paso nach
+Mexiko einreiste, konnte sechs Wochen später über Nogales aus Mexiko
+wieder ausreisen mit hunderttausend Dollar in Schecks, einem Überschuß,
+den er mit Hilfe des Porfirio Diaz in jener kurzen Zeit aus dem
+mexikanischen Lande und Volke herausprofitiert hatte. Aber im buchstäblichen
+Sinne genommen, war es unter Porfirio Diaz bei weitem
+unsicherer, mit Geld oder anderen Werten beladen ohne militärische
+Bedeckung durch das Land zu reisen, als heute. Die militärische Bedeckung
+begann nicht selten auf dem Marsche auszurechnen, daß es
+weiser sei, sich selbst mit dem Gelde zu bedecken, das von ihnen bedeckt
+werden sollte. Dann erschien ein Bericht – falls die Angelegenheit nicht
+von der Regierung auf privatem Wege zu aller Zufriedenheit erledigt
+werden konnte –, daß der Transport in einen Sumpf geraten oder von
+einem Erdrutsch verschüttet worden sei.
+</p>
+
+<p>
+Aber daß einem so wichtigen nordamerikanischen Diplomaten auf einem
+diplomatischen Fest innerhalb der Wände eines Saales im Schloß von
+Chapultepec eine goldene Uhr aus der Tasche gestohlen werden konnte,
+daß also selbst ein diplomatischer Würdenträger selbst auf einem
+diplomatischen Fest in Mexiko seines Eigentums nicht sicher war, brachte
+das ganze schöne Lügengewebe, in das sich der Diktator eingekuschelt
+hatte, zum Zerreißen. Wenn die Banditen dem Throne des Diktators so
+nahe waren, wie mußte es dann im Lande aussehen? Kam dieser Vorfall
+in die amerikanischen Zeitungen, dann lernte die ganze Welt, daß die
+eiserne Hand des großen Staatsmannes Porfirio Diaz nur aus Pappe war
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+und daß die fremden Großkapitalisten klug tun, Mexiko gegenüber vorsichtig
+zu sein mit Kapitalsanlagen.
+</p>
+
+<p>
+Der Diplomat hatte das Ehrenwort des Diktators mit der Erklärung,
+daß es sich hier nur um einen kleinen Scherz handle. Und darum sagte
+der Diplomat kein Wort von dem Vorfall zu den Zeitungsleuten, weil
+er ja nun erst einmal die Pflicht hatte, abzuwarten, ob und in welcher
+Weise Porfirio Diaz sein Ehrenwort einlösen werde. Porfirio Diaz wußte,
+daß nach den Sitten in diplomatischen Kreisen der Amerikaner nichts
+der Presse seines Landes mitteilen durfte, solange das Ehrenwort des
+Diktators den Vorfall deckte.
+</p>
+
+<p>
+Noch in derselben Nacht befahl Porfirio Diaz den Polizeichef zu sich,
+um mit ihm zu besprechen, wie man die Uhr wiedererlangen könnte,
+ohne sich der Zeitungsinserate zu bedienen.
+</p>
+
+<p>
+Wie der Fall nun behandelt wurde, zeigt den Unterschied der Männer,
+die während der Diktatorschaft des Porfirio Diaz wirtschafteten, und der
+Männer, die nach der Revolution das mexikanische Schiff recht und
+schlecht durch Stürme und Klippen ruderten.
+</p>
+
+<p>
+Der spätere Präsident Calles würde dem Polizeichef sechs Stunden Zeit
+gegeben haben, die Uhr heranzuschaffen. Oder – und das ist wahrscheinlicher,
+denn er hat es in vielen Fällen mit Generalen getan – er
+würde den Polizeichef wie einen Schuljungen heruntergerotzt und vielleicht
+gar rechts und links gebackpfeift haben, hätte ihn dann aus seinem
+Amte gefeuert und würde, wenn der Mann noch etwas wert gewesen wäre,
+ihn in eine ferne Ecke der Republik strafversetzt haben, oder er hätte ihm
+das Reisegeld für eine Erholungsreise nach Europa gegeben mit der
+ernsten Warnung, sich nicht mehr in Mexiko sehen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Auch Porfirio Diaz feuerte zuweilen Generale und andere hohe Würdenträger
+ohne Zeremonie; aber er tat es nur dann, wenn er genau wußte,
+daß der Mann keinen Anhang hatte, daß er ihm also nicht schaden
+konnte. Wie alle Diktatoren, so war auch Porfirio Diaz ein furchtsamer
+Mann. Er bevorzugte es, weit von hinten aus an den Leinen zu ziehen,
+mit Intrigen zu wirtschaften und andere vorzuschieben, auf die er abladen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Calles würde nicht einen Augenblick darum besorgt gewesen sein, wenn
+der Vorfall am nächsten Tage in den Zeitungen gestanden hätte. Er
+hätte darüber genau so gelacht wie das ganze mexikanische und amerikanische
+Volk. Er hätte in seiner trockenen Art gesagt: „Warum läßt sich
+denn der Esel von einem Gringo seine Uhr aus der Tasche stehlen? Er
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+ist doch in Mexiko, wo er auf jeder Eisenbahnstation die Zettel angeklebt
+sieht: ‚Hütet euch vor Taschendieben!‘ Und wenn der Hammel Mexiko
+nicht besser kennt, soll er raus bleiben, dann kann ich überhaupt keinen
+Vertrag mit ihm abschließen.“ Und zu den Zeitungsleuten würde er
+gesagt haben: „Da seht ihr, was für ein Spitzbubengesindel wir hier in
+Mexiko haben. Alles aufgezüchtet von dem Gauner Porfirio. Ich werde
+nun doch mal wieder mit einem himmelkreuzgottverfluchten Donnerwetter
+dazwischenfahren!“ Dann hätte er alle Distriktspolizeigewaltigen,
+ein Dutzend Staatsanwälte und zwei Dutzend Richter gefeuert, daß die
+Funken spritzten.
+</p>
+
+<p>
+Diese rücksichtslose, unbekümmerte, offensiv-geladene, immer mit einem
+grimmen Witz gepfefferte amerikanische Faustschlagmethode war dem
+mickrigen Wesen des Porfirio Diaz ebenso fremd, wie einem Presbyterianpfarrer
+alle die verschiedenen Marken von schottischem Whisky so gut
+bekannt sind wie die vier Evangelien.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen begann die Umpflügung des mexikanischen Landes
+nach der gestohlenen Uhr des amerikanischen Diplomaten.
+</p>
+
+<p>
+Der Polizeichef erschien in Belen. Belen ist das große Untersuchungsgefängnis
+in Mexiko City, wo alle männlichen und weiblichen Missetäter
+gehalten werden, bis ihr Urteil gesprochen wird.
+</p>
+
+<p>
+Der Polizeichef ließ alle männlichen und weiblichen Gefangenen antreten,
+und er hielt folgende Ansprache: „Gestern abend ist eine goldene
+Uhr gestohlen worden. Die Uhr ist mit Brillanten besetzt. Auf der
+Innenseite des Deckels ist eine Widmung in englischer Sprache eingraviert.
+Die Widmung hat einen geschriebenen Namenszug Edward VII.
+Es ist jetzt sieben Uhr morgens. Wenn die Uhr bis heute abend um
+sieben Uhr bei dem Direktor des Gefängnisses abgeliefert wird, dann
+werdet ihr alle heute abend auf freien Fuß gesetzt, und niemand wird
+verfolgt für die Tat, derentwegen er sich heute hier in Belen befindet. Der
+Überbringer der Uhr wird nicht um seinen Namen gefragt; er darf frei
+gehen, wie er gekommen ist; er wird nicht gefragt, auf welche Weise
+er in den Besitz der Uhr gelangt ist; und er wird weder der Uhr wegen
+noch wegen irgendeiner andern Sache, die er vor heute morgen um
+sieben Uhr verübt haben sollte, verfolgt werden oder in Haft behalten.
+Außerdem erhält er vom Direktor eine Belohnung von zweihundert
+Pesos in Gold. Ihr alle bekommt jetzt einen Briefbogen und einen
+Briefumschlag und Bleistifte. Ihr dürft in jene Briefe schreiben, was ihr
+wollt. Die Briefe werden von der Inspektion nicht gelesen. Und niemand
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+von der Direktion darf die Adressen lesen. Eine Stunde später kommen
+hier Briefträger, denen ihr die Briefe persönlich übergebt. Die Briefträger
+werden die Briefe an ihre Adressen befördern unter Amtsgeheimnis.
+Hier habe ich das Zertifikat, unterzeichnet von Don Porfirio,
+von mir und dem Direktor des Gefängnisses hier. Das Zertifikat hat Gesetzeskraft
+bis heute abend um sieben Uhr dreißig.“
+</p>
+
+<p>
+Die Ansprache des Polizeichefs und das Zertifikat, das die Ansprache
+wörtlich niedergeschrieben enthielt, bewiesen, wie gut Don Porfirio seine
+Spitzbuben und Banditen kannte. War die Uhr wirklich in den Händen
+der gewöhnlichen Taschendiebe und Hehler, so wurde die Uhr um sieben
+Uhr oder noch früher abgeliefert.
+</p>
+
+<p>
+Wie in anderen Ländern so auch in Mexiko kennen sich alle Spitzbuben
+und Hehler gegenseitig recht gut. Wenn einer allein auch nicht alle
+übrigen kennt, so kennt er doch wenigstens etwa zwanzig, kennt deren
+Schlupfwinkel, kennt die Kantinen und Pulquerias und Quartiere, wo
+jene zwanzig verkehren, kennt ihre Liebchen und weiß, was jeder von
+ihnen auf dem Kerbholz hat. Jeder einzelne von diesen zwanzig kennt
+wieder eine Anzahl andere, die der erste nicht kennt. So ist – und hier
+verrechneten sich weder Don Porfirio noch der Polizeichef – die Sicherheit
+gegeben, daß der Inhalt jener Ansprache allen Spitzbuben in Mexiko
+City sowie auch allen Hehlern in wenigen Stunden bekannt wird. Die
+Briefe, die von den Gefangenen nun an die Spießgesellen draußen
+geschrieben werden, ohne Aufsicht und ohne Inspektion, enthalten alles,
+was der Gefangene dem draußen in Freiheit lebenden Spießgesellen
+schon lange einmal gründlich sagen wollte. Die Briefe enthalten Zeilen
+etwa von dieser Art: „Höre einmal, querido Pedro, wenn Du nicht zu
+dem Schuft von Hehler, dem Gomez, gehst und ihn mit dem Revolver
+in der Hand fragst, wo die Uhr ist und daß er sie herzubringen hat, dann
+sage ich hier dem Staatsanwalt, daß Du bei dem Einbruch bei Senjor
+Balsa mit dabei gewesen bist und das meiste davon eingesackt hast. Ich
+sehe nicht ein, warum ich das alles allein ausfressen soll, wo ich doch nur
+den einen lausigen Anzug abbekommen habe, mit dem sie mich auf dem
+Volador – dem sogenannten Diebsmarkt – erwischt haben.“
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer Brief heißt so: „Liebste und allerliebste Josefina. Du weißt,
+wie sehr ich mich nach Dir sehne. Ich habe doch dem Burschen da in der
+Bucareli-Straße in der Nacht nur darum eins über den Schädel gehämmert,
+weil ich sein Geld haben wollte und weil ich doch das Geld
+haben wollte und weil ich doch das Geld haben mußte und weil ich Dir
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+doch von dem Geld das grüne Seidenkleid und die schönen Lackschuhe
+gekauft habe, damit Du hübsch aussehen solltest, wenn wir in den
+Mexiko-Saal bei der Maria Redonda zum Tanzen gehen. Ich hab’ eine
+solche Sehnsucht nach Dir, liebe Josefina, das kannst Du Dir überhaupt
+gar nicht denken und wenn die Uhr kommt, dann bin ich heute abend
+schon raus. Geh nun gleich einmal hin zur Jeronima, sie ist eine ganz
+gewöhnliche Hure die in der Peru-Straße auf die Fangleine geht aber
+das macht jetzt nichts. Sie lebt mit dem Patrote da mit dem Emilio der
+weiß bestimmt wo die Uhr ist und da kannst Du dem Emilio auch nur
+gleich sagen wenn er die Uhr nicht um vier Uhr herangeschafft hat dann
+sage ich hier daß ich es gesehen habe wie er dem Tecolote, dem Polizisten,
+zwei in den Bauch gebrannt hat in der Moneda wo der Tecolote
+noch immer im Hospital liegt und niemand weiß wer ihm die zwei gebrannt
+hat aber ich sage es wenn er die Uhr nicht bis um vier Uhr hergebracht
+hat und er kriegt zweihundert Pesos vom Direktor für die Uhr.
+Wenn Emilio die Uhr nicht weiß dann gehe gleich einmal hin zu der
+Angelica die auch eine kräftige Hure ist und die wird Dir schon gleich
+sagen wer die Uhr hat.“
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer Brief: „Querido Lorenzo Du weißt recht gut wer die Uhr
+hat die dem glattgeleckten Urschfucker abgeknipst worden ist denn weil
+Du ja auch in der Kegelbahn in Chapultepec Schloß die Kegel aufstellst
+und Dein Vetter Carlos der im Billardsaal in Chapultepec Schloß bedient
+hat ganz bestimmt die Uhr und wenn Du mir hier nicht raushilfst
+ist nichts mit meiner Schwester Anita und ich schlage Dir so Deine fetten
+Knochen ineinander, daß Du liegen bleibst wo Du bist denn Du weißt
+recht gut wo die Uhr ist weil Du es ja gesehen hast und ich werde auch
+meiner Schwester Anita sagen daß Du ein guter Junge bist und nicht
+hinter den Mädchen hinterher bist was ich gut weiß.“
+</p>
+
+<p>
+Alle Gefangenen ohne Ausnahme schrieben ihre Briefe, und alle Briefe
+wurden, genau dem Versprechen gemäß, ungesehen von der Inspektion,
+von den Briefträgern noch in derselben Stunde an ihre Adressen befördert.
+</p>
+
+<p>
+Zum großen Leidwesen der Gefangenen und wohl noch zu einem
+größeren Leidwesen des Porfirio Diaz war die Uhr zu gegebener Stunde
+nicht abgeliefert. Das Mittel, dessen sich Porfirio Diaz in hoffnungslos
+erscheinenden Fällen so oft mit Erfolg bedient hatte, versagte hier.
+</p>
+
+<p>
+Es ist später in Mexiko erzählt worden, daß die Uhr wirklich auf diesem
+Wege, mit Hilfe der Gefangenen, herbeigeschafft wurde, und daß alle
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+Gefangenen ihre Freiheit erhalten hätten, wie ihnen versprochen worden
+war. Aber das ist nicht ganz richtig. Dieses Gerücht wurde nur verbreitet,
+um die Wahrheit zu verschleiern.
+</p>
+
+<p>
+Als die Uhr abends um sieben Uhr nicht abgeliefert worden war, wußte
+Porfirio Diaz sicher, daß die Uhr nicht von den gewöhnlichen Spitzbuben
+gestohlen worden war und daß sie auch noch nicht in den Händen der
+Hehler war. Er schloß daraus, und durchaus richtig, daß die Uhr jemand
+hatte, der zwar das Geld brauchte, aber doch nicht so dringend brauchte,
+daß er sich mit dem Verkauf der Uhr hätte beeilen müssen. Es war
+jemand, der den Wert der Uhr richtig einzuschätzen verstand und seine
+Zeit abwartete, bis er die Uhr so günstig verkaufen konnte, wie das überhaupt
+nur bei einer Uhr aus zweiter Hand möglich war.
+</p>
+
+<p>
+Da die gewöhnlichen Spitzbuben ausgeschaltet waren, kannte nun Porfirio
+Diaz sofort die nächste Schicht von Spitzbuben, die in Betracht kam. Es
+war nicht die letzte Reihe, aber diejenige Reihe, die den gewöhnlichen
+Spitzbuben und Wegelagerern am nächsten stand, in Moral und in
+ewigen Geldnöten, sowie in Unverfrorenheit im Nehmen, wo sich eine
+Gelegenheit bot.
+</p>
+
+<p>
+Don Porfirio ließ also nun alle Generale, die bei dem diplomatischen
+Feste zugegen gewesen waren, um es durch goldstrotzende Uniformen
+zu beleben, am Abend zur Audienz laden. Er hatte eine Liste der
+Generale, die im Schloß gewesen waren, und er sah zu, daß auch alle
+zur Audienz kamen.
+</p>
+
+<p>
+Es fand sich aber, daß einer der Generale fehlte, ein Divisions-General.
+Der Divisionär hatte sich entschuldigen lassen. Eine Entschuldigung, die
+Don Porfirio gelten ließ, weil es sich um einen dringenden Dienst
+handelte, der nicht aufgeschoben werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Porfirio Diaz hielt eine Ansprache an die versammelten Generale:
+„Caballeros, Sie alle haben wohl gestern im Schloß die Uhr gesehen, die
+der amerikanische Diplomat mir zeigte. Diese Uhr ist im Schloß abhanden
+gekommen. Ich vermute, daß einer der wachhabenden Soldaten
+oder einer der Burschen, die Sie begleiteten, die Uhr gefunden hat. Die
+Uhr muß bis morgen früh um zehn Uhr in meinem Besitz sein. Ist die
+Uhr um die angegebene Zeit in meinen Händen, dann erhalten Sie,
+Caballeros, jeder eine Sondervergütung von eintausend Dollar für Ihre
+Bemühungen. Ich werde auch sonst noch versuchen, mich Ihnen erkenntlich
+zu zeigen. Es ist natürlich, daß Sie den Vorfall so unauffällig behandeln,
+wie das nur in Ihren Kräften steht; denn ich wünsche nicht, daß
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+auch nur ein leises Fleckchen auf unsere ruhmreiche Armee fällt. Mit dem
+Missetäter wollen Sie nach Ihrem eigenen Ermessen verfahren. Ich danke
+Ihnen, Caballeros!“
+</p>
+
+<p>
+Jeder, der Mexiko kennt, weiß, daß ein mexikanischer Soldat der unteren
+Grade alle möglichen Untugenden und Laster haben mag, daß er – besonders
+in seinen Liebesangelegenheiten – unbekümmert seinen Nebenbuhler
+ermordet. Der mexikanische Soldat stiehlt. Das ist wahr. Er stiehlt
+aber nur das und nichts mehr, was seine Generale und seine zahlreichen
+anderen Vorgesetzten ihm zum Stehlen übriglassen. In seiner Moral, in
+seiner Tapferkeit, in seiner Ehre, in seiner Liebe zu seinem Lande, in
+seiner Loyalität steht er bei weitem höher als seine Generale. Er wird
+von den treulosen und ehrlosen Generalen gebraucht, seine Brüder, seine
+Väter, seine Söhne, seine Mütter, seine Kameraden in andern Regimentern,
+zu bekämpfen und zu ermorden. Er weiß nie, ob er in Wahrheit
+auf seiten der Rebellengenerale ist oder auf seiten der treu gebliebenen
+Truppen. Er kämpft, weil er seinem General die Treue hält, weil er eine
+Treue in sich trägt, die sein General nicht kennt. Seine Generale verüben
+eine Militärrevolte unter dem Ruf, das geplagte Land von den
+Tyrannen und von den Bolsches zu befreien, während sie in der Praxis
+die Revolte nur verüben, um die Banken und die wohlhabenden Geschäftsleute
+zu plündern, und das geraubte Gut nach den Vereinigten
+Staaten in Sicherheit gebracht haben, ehe die treu gebliebenen Truppen
+ihnen in den fernliegenden Distrikten des weiten Landes auf den Fersen
+sein können. Unter solchen Generalen ist der Mensch gezwungen, zu
+dienen und zu gehorchen, der als der tapferste, der treueste und der bedürfnisloseste
+Soldat aller Armeen der Erde angesehen werden darf.
+</p>
+
+<p>
+Porfirio Diaz wußte gut, wie auch die versammelten Generale es wußten,
+daß die beschuldigten gemeinen Soldaten alle möglichen Untugenden und
+Laster haben mochten, aber daß sie eins ganz bestimmt nicht waren:
+Taschendiebe.
+</p>
+
+<p>
+Und darum wußte Porfirio Diaz ja auch recht gut, daß er den Sack wohl
+prügelte, aber den Esel meinte. Es wird ja auch in verlorenen Kriegen
+immer den gemeinen Soldaten die Schuld an dem Verlust des Krieges
+gegeben, immer den gemeinen Soldaten, den Proletariern, die nicht länger
+standhalten wollten, deren Moral gebrochen war, die Verführern und
+Friedensaposteln ein williges Ohr schenkten, die keine Vaterlandsliebe
+besaßen. Nie wird die Schuld den unfähigen Generalen zur Last gelegt,
+nie den aderverkalkten Politikern, nie den rückenmarksschwachen und
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+entnervten Diplomaten, nie den habgierigen Profitjägern. Immer hat der
+Soldat, der Prolet, die Schuld. Und wenn der Krieg gewonnen wird, dann
+ist es nur den befähigten Generalen zu verdanken, den weisen Staatsmännern,
+den geschickten Diplomaten. Die Generale, Staatsmänner und
+Diplomaten bekommen alle Ehren aufgehäuft in Weltgeschichten und in
+Schullesebüchern. Der gemeine Soldat bekommt als Belohnung einen
+Parademarsch, den sich der verhungerte, verlauste und verkrüppelte
+Munitionsarbeiter hinter einer dicht verrammelten Kette von Polizisten,
+die ihre Knüttel schwingen, schafsgeduldig ansehen darf, damit die
+Generale auch genügend Hurraschreier und Winker rotweißblauer
+Sternen-Fähnchen zur Verfügung haben.
+</p>
+
+<p>
+Es wußten auch die Generale hier recht gut, daß Porfirio Diaz nicht einen
+Augenblick im Ernst meinte, daß einer der wachhabenden Soldaten oder
+einer der Burschen der Generale die Uhr hätte gestohlen haben können.
+Freilich wußten alle Generale, was Porfirio Diaz von ihnen in Wahrheit
+dachte, wie auch Porfirio Diaz recht wohl wußte, was alle seine Generale
+von ihm dachten. Meister und Spießgesellen, die ihre Füße, Fäuste und
+Krallen auf dem armen reichen Lande wuchten ließen.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen um zehn Uhr war die Uhr nicht abgeliefert.
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick lang, wurde Porfirio
+Diaz verwirrt, weil es schien, als habe er sich verrechnet.
+</p>
+
+<p>
+Dann aber dachte er an den Divisions-General, der sich gestern abend
+hatte entschuldigen lassen, weil er in wichtiger dienstlicher Angelegenheit
+außerhalb der Stadt, in Tlalpam, zu sein hatte.
+</p>
+
+<p>
+Diesen Divisions-General befahl nun Porfirio Diaz eiligst zu sich.
+</p>
+
+<p>
+Als der General vor ihm stand, sah ihn Porfirio Diaz eine Weile an und
+sagte dann kurz und hart: „Divisionario, geben Sie mir die Uhr des
+amerikanischen Diplomaten.“
+</p>
+
+<p>
+Ohne eine Miene zu verziehen, ohne irgendwie verlegen zu werden, griff
+der General unter seinen Uniformrock, nestelte ein wenig in einer Tasche
+unter dem Uniformrock herum und brachte die Uhr hervor.
+</p>
+
+<p>
+Er trat zwei Schritte näher auf den Diktator zu und überreichte ihm die
+Uhr mit den Worten: „A sus apreciables ordenes, Don Porfirio, zu Ihren
+hochgeschätzten Diensten.“
+</p>
+
+<p>
+Porfirio Diaz nahm die Uhr und legte sie vor sich auf den Tisch.
+</p>
+
+<p>
+Er fühlte, daß er etwas sagen müßte. Und darum sagte er: „Divisionario,
+ich verstehe nicht – eh – warum?“
+</p>
+
+<p>
+Darauf antwortete der Divisionario nüchtern: „Ich befürchtete, Porfirio,
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+daß du sie nehmen würdest, und da dachte ich, es ist vielleicht besser, ich
+nehme sie; denn du kannst dir leichter eine kaufen als ich.“
+</p>
+
+<p>
+Daß aber doch wieder Porfirio Diaz klüger war als viele derjenigen, die
+ihn durch und durch verdammen, zugeben wollen, bewies er am besten
+dadurch, daß er auf die Antwort des Divisionarios schwieg. Es ist ja wohl
+auch schwerlich anzunehmen, daß sich Porfirio Diaz mit gewöhnlichem
+Taschendiebstahl abgegeben haben würde. Auf keinen Fall wohl in den
+letzten fünf Jahren seiner Regentschaft, wo er schon ein wenig klapprig
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Aber eines muß doch gesagt werden.
+</p>
+
+<p>
+Porfirio Diaz mußte den Diplomaten freundlich stimmen und ihn in
+freundlicher Laune erhalten, damit der Vorfall nicht bekannt würde.
+Denn Porfirio Diaz war mehr besorgt um den guten Ruf seines Hofes als
+mancher europäische Potentat. Und um den Diplomaten zu besänftigen
+und vergnügt zu stimmen, war er gezwungen, ihm beim Abschluß des
+Handelsvertrages Zugeständnisse zu machen, die zwar das mexikanische
+Volk zu bezahlen hatte, die aber dem Diplomaten die Ehre einbrachten,
+als einer der geschicktesten Diplomaten der Vereinigten Staaten bezeichnet
+zu werden.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-17">
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+BÄNDIGUNG
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> einer kleinen Stadt im Staate Michoacan lebte ein junges
+Mestizomädchen, von dem man mit gutem Recht sagen durfte, daß eine
+gütige Natur ihr gegenüber wahrhaft verschwenderisch gewesen sei mit
+allen den Gaben, die eine jede Frau immer nur glücklich machen kann.
+</p>
+
+<p>
+Die Eltern jenes jungen Mädchens waren vor einigen Jahren kurz
+nacheinander gestorben, und das Mädchen lebte in dem Hause ihrer
+verstorbenen Eltern mit ihrer Großmutter und mit ihrer Tante. Ihr
+Vater besaß ein gutgehendes Sattelzeuggeschäft, das ihn durch seine
+Tüchtigkeit zu einem wohlhabenden Manne gemacht hatte. Luisa
+Bravo war das einzige Kind ihrer Eltern gewesen. Sie war durch die
+Erbschaft von ihren Eltern ein reiches Mädchen geworden, und sie hatte
+alle Aussicht, nach dem Ableben ihrer Großmutter und ihrer Tante, die
+beide gleichfalls ein kleines Vermögen besaßen, zu gegebener Zeit noch
+reicher zu werden. Es war darum kein Wunder, daß Donja Luisa, sowohl
+ihrer auffallenden Schönheit als erst recht ihrer Wohlhabenheit wegen,
+unter den jungen Männern der Stadt, die sich zu verheiraten gedachten,
+eine begehrte Partie war.
+</p>
+
+<p>
+Die Freier flogen auf sie zu wie Bienen auf Honigbonbons. Aber keiner
+der Freier, so sehr er auch in Geldnöten sein mochte oder so sehr er auch
+das schöne, gutgebaute Mädchen als seine Bettgenossin wünschte, hielt
+lange genug aus, um es mit ihr bis zu einer veröffentlichten Verlobung
+zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Es war ganz gewiß nicht die Schuld der Freier; denn wo so viel Geld,
+verbunden mit so viel Schönheit, zu erwarten ist, nimmt ein jeder eine
+große Menge von Unbequemlichkeiten sauersüß mit in Kauf; Unbequemlichkeiten,
+von denen, bei weniger rosig erscheinenden Fällen, zwei vollauf
+genügen können, um einen jungen Mann davon abzuschrecken, ein
+Mädchen auch nur zu einem Tanze aufzufordern.
+</p>
+
+<p>
+Donja Luisa hatte alle Unarten, die eine Frau nur haben kann. Und zwei
+Dutzend mehr.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte zuerst einmal von Natur aus ein zügelloses Temperament, das,
+wenn es ausbrach, durch nichts, aber auch durch gar nichts zu besänftigen
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+war. Da sie das einzige Kind ihrer Eltern war und die Eltern in ewiger
+Sorge und Furcht lebten, das Kind möchte ihnen fortsterben – obgleich
+sie gesund und munter war wie ein Verpflegungsoffizier fünfzig Meilen
+hinter der Front –, so war sie von Säuglingszeit an so verzogen und so
+verhätschelt worden wie ein Kaiser, der soeben mündig geworden ist,
+nach seiner Thronbesteigung von den Höflingen und Schranzen verhätschelt
+und verpäppelt wird.
+</p>
+
+<p>
+Jeder Wille wurde ihr getan, und jeder Wunsch wurde ihr erfüllt. Und
+weil sie von Kindheit an sehr schön war, so wurde sie nicht allein von
+ihren Eltern bewundert und verhimmelt, sondern von allen Leuten, die
+mit ihr in Berührung kamen. Das Wort Gehorchen kannte sie nur von
+andern, ihre Eltern, ihre Großmutter und ihre Tante eingeschlossen. Sie
+gehorchte nie, und es drang auch nie jemand darauf, daß sie irgendwem
+zu gehorchen habe.
+</p>
+
+<p>
+Ein solcher Fall ist ja nun in Mexiko, wo das Kind bis zu seinem Lebensende
+einen tiefen Respekt gegen seine Eltern und seine älteren Verwandten
+hat und über Gehorsam gar nicht gesprochen wird, weil er einfach
+vorhanden ist, sehr selten. Aber, wie Donja Luisa bewies, gibt es
+auch hier Ausnahmefälle.
+</p>
+
+<p>
+Sie war von ihren Eltern in ein mexikanisches und später in ein amerikanisches
+Colegio zur Erziehung geschickt worden, wo sie sich zwar zu
+einem beschränkten Gehorsam zwang, ohne jedoch dadurch ihren Grundcharakter
+auch nur im geringsten beeinflussen zu lassen. Hier, im Colegio,
+waren es ihr eitler Stolz und ihr berstender Ehrgeiz, allen übrigen
+Schülern überlegen und voran zu sein, daß sie sich zum Gehorchen herabließ.
+Kam sie jedoch während der Ferien nach Hause, so machte sie alles
+doppelt gut, was sie inzwischen versäumt hatte, und sie war widerspenstiger
+als zuvor.
+</p>
+
+<p>
+Hinzu kam, um ihren Charakter noch ungefügiger und starrer zu gestalten,
+ein unbändiger Jähzorn, der durch lächerlich geringfügige Anlässe
+zu einem so verheerenden Ausbruch kam, daß die Indianermädchen,
+die im Hause dienten, und die Indianerburschen, die in der Werkstatt
+ihres Vaters arbeiteten, davonliefen und sich stundenlang nicht im Hause
+sehen ließen. Bei solchen Anfällen ungehemmter Wut geschah es nicht
+selten, daß sich sogar ihr Vater und ihre Mutter vor ihr versteckten und
+einschlossen. Daß sie Töpfe, Tassen, Gläser und Pfannen den Bediensteten
+an den Kopf warf, war noch das geringste; es waren auch Messer und
+Beile, mit denen sie warf oder mit denen sie auf ein Mädchen losging.
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+Sie würde vielleicht der Möglichkeit sehr nahe gekommen sein, daß man
+sie für verrückt erklärt und in ein Irrenhaus gesperrt hätte, wenn nicht
+ihre Eltern eben sehr wohlhabend gewesen wären und zu den angesehensten
+und einflußreichsten Familien des Städtchens gehört hätten. Die Jähzornsanfälle
+blieben ja auch meist innerhalb des Hauses und trafen nicht
+die Öffentlichkeit und deren Sicherheit. Wenn wirklich irgendein Schaden
+angerichtet wurde, so heilten ihn die Eltern durch Geschenke und durch
+verdoppelte Freundlichkeit gegenüber den Bediensteten. In Mexiko gehören
+die Bediensteten ja auch viel mehr zur eigentlichen Familiengemeinschaft
+als in den meisten anderen Ländern.
+</p>
+
+<p>
+Donja Luisa hätte auch schon darum nicht als verrückt erklärt werden
+können, weil sie sehr intelligent war. Außerdem konnte sie, wenn sie
+wirklich wollte, von einem Liebreiz sein, der alle Leute bezwang, die in
+ihrer Nähe waren. Das glich vieles wieder aus und trug dazu bei, daß die
+Bediensteten, sowie andere Leute, die gelegentlich im Hause zu tun
+hatten, wie Lieferanten, Händler, Maultiertreiber und Handwerker, nie
+ernstlich daran dachten, sich dem Hause fernzuhalten oder dauernd in
+einem Zustand der Beschwerde zu bleiben.
+</p>
+
+<p>
+Denn neben den unzähligen Fehlern, die Donja Luisa hatte, besaß sie
+auch wieder einige Vorzüge, die versöhnten. Darunter den Vorzug, daß
+sie sehr generös, sehr freigebig sein konnte. Und einem freigebigen
+Menschen, der niemand verhungern läßt, der hier mit einem Peso und
+dort mit einem abgelegten Paar Schuhe oder einem noch sehr guten Kleid
+oder einem aufgefärbten Unterrock oder einer Spieluhr, deren Melodien
+er endlich müde geworden ist, anderen Menschen gelegentlich Freude
+macht oder ihnen aus bitterer Not hilft, sieht man viele, beinahe alle
+Untugenden und Laster nach.
+</p>
+
+<p>
+Das Studium in den Colegios fügte aber einen Zug dem Charakter
+der jungen Dame bei, der ihren Gesamtcharakter weiter verschlechterte.
+Sie bestand alle Examen in den Colegios mit Auszeichnung. Dadurch
+aber wurde sie noch stolzer und hochmütiger, als sie vorher schon gewesen
+war. Sie wußte alles besser als andere Leute. Niemand konnte ihr etwas
+über ein Buch, über eine Philosophie, über ein politisches System, über
+eine Kunstanschauung, über ein astronomisches Problem sagen, ohne daß
+sie es nicht besser gewußt hätte. Sie mußte allem und jedem widersprechen.
+Sie war immer im Recht. Und wenn es jemand gelang, sie
+zweifelfrei zu überzeugen, daß sie im Unrecht war oder im Irrtum, so
+bekam sie einen ihrer gefürchteten Anfälle von Jähzorn. Sie spielte vorzüglich
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+Schach, aber sie durfte nicht verlieren. Dann konnte es nur zu
+leicht geschehen, daß ihrem Gegenspieler alle Figuren und das Brett
+hinterher an den Kopf flogen.
+</p>
+
+<p>
+Aber es muß wiederholt werden, daß sie Tage hatte, wo sie nicht nur
+durchaus zu ertragen war, sondern so bezaubernd sein konnte, daß man
+ihr lachend alles vergab, was sie je getan hatte.
+</p>
+
+<p>
+Alles in allem erwogen, wird man aber nun doch wohl verstehen, warum
+jeder Freier früher oder später vom Kuchen abrückte, auch wenn er noch
+so ernste Absichten ihr gegenüber hatte, wenn er auch noch so willig war,
+sie zu erdulden und sich – Geld und Schönheit sind auch in Mexiko sehr
+starke Anziehungskräfte – mit den zahlreichen Charakterfehlern des
+jungen Mädchens abzufinden. Jeder Mann, auch wenn ihn das Wasser
+dicht an den Nasenlöchern kitzeln sollte, vergißt doch nicht im letzten
+Augenblick vor der endgültigen Entscheidung, daß er eben mit der
+geheirateten Frau auf Gnade und Ungnade verbunden bleibt, bis
+„der Tod sie von ihm scheidet“. Und in Mexiko, vor der Revolution, wo
+die katholische Kirche unumschränkte Macht besaß, gab es keine andere
+Ehescheidung als die, die vom Richter Sensenmann vorgenommen wurde.
+Wo es keine Ehescheidung gibt, prüft man viele andere Dinge sorgfältiger
+als das eine und einfältige Ding, ob sich das Herz zum Herzen findet.
+Sich gefundene Herzen allein genügen nicht und nirgends auf Erden. So
+leicht und elegant, wie sich zwei Herzen für die Ewigkeit finden, und so
+oft, wie zwei Herzen vor Anbeginn der Welt schon füreinander bestimmt
+waren, so leicht können sich die schönen Herzen auch wieder verlieren, ob
+Ewigkeit oder nicht Ewigkeit. Wenn das Salz zur Suppe fehlt und ein
+heiler Stiefel im Regenwetter, dann bedauern die Herzen merkwürdig
+rasch, daß sie von Ewigkeit her füreinander bestimmt gewesen sind.
+</p>
+
+<p>
+Nun fehlte ja hier kein Salz in der Suppe. Es war sogar genügend Pfeffer
+und Öl als Zugabe noch vorhanden. Aber ein Mann, der vorher schon
+weiß, daß ihm die Pfannen und Töpfe um die Ohren fliegen werden,
+muß doch nun schon ganz und gar vertrottelt sein, wenn er sich freiwillig
+dazu hergibt, in die Gefahrzone kommandiert zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Manch einer der jungen Männer, dem die Schönheit des Mädchens gefiel
+und deren Geld erst recht gefiel, dachte ja bei sich, daß er Mann genug
+sei, und wenn er es nicht sei, werden würde, um nach der geschlossenen
+Heirat sich zum Herrn und Meister der jungen Frau aufzuschwingen.
+Das dachten und hofften aber nur die, die Donja Luisa zum ersten oder
+zum zweiten Male sahen. Wenn sie aber dreimal im Hause gewesen
+<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
+waren, wenn sie glaubten, dem Mädchen etwas nähergekommen zu
+sein und ein wenig mehr vertraut mit ihr geworden waren, dann gaben
+sie jene kühne Hoffnung auf. Und hatten sie die Hoffnung erst einmal
+aufgegeben, so war es für immer. Sie alle lernten sehr schnell, daß eine
+Zähmung der Widerspenstigen nur versucht werden konnte mit dem
+sicheren und unausbleiblichen Tode des Bändigers.
+</p>
+
+<p>
+Es gab auch genügend Freier anderer Art im Städtchen, Witwer, die Erfahrung
+hatten, Witwer, die Duldung und Unterwerfung gelernt hatten,
+alte und alternde Junggesellen, die für einen ehrlichen und normalen
+Kampf nicht mehr in Frage kamen, die, was immer es auch kosten möchte,
+dennoch zufrieden gewesen wären, völlig zufrieden gewesen wären mit
+den wenigen erfolgreichen Viertelstunden, die sie mit einem so schönen
+und jungen Mädchen in einem gemeinsamen Bett hätten verbringen
+dürfen. Und es gab genügend junge und alte Männer, die willig und
+widerstandslos bereit waren, bedingungslos zu gehorchen und untertan
+zu sein und sich, ohne zu zucken, hingestellt hätten, um mit ihrem Kopfe
+Messer, Beile, Stühle und Revolverkugeln lächelnd und aufopferungsfreudig
+aufzufangen. Das waren jene, denen das Wasser nicht nur an den
+Nasenlöchern kitzelte, sondern denen es schon zehn Fuß über dem
+Scheitel stand, also Männer, die nichts mehr zu verlieren hatten als ihre
+Schulden und ihre Gläubiger. Und es waren auch Männer bereit, das
+Mädchen zu heiraten, die nichts anderes waren als Faulenzer oder
+Spieler, und wieder andere Männer, die ihrem ganzen Wesen nach der
+Gattung Patrote oder Zuhälter angehören, auch wenn sie sich in Wahrheit
+nie mit einem Mädchen, das geschickt ihr Handtäschchen zu
+schwingen versteht, einlassen oder eingelassen haben.
+</p>
+
+<p>
+Aber keiner von allen diesen Männern hatte auch nur die geringste Aussicht,
+Donja Luisa zu heiraten. Denn gegen solche Männer war Donja
+Luisa geschützt. Hier schützte sie ihre Intelligenz. Und sie war nicht von
+der Art, daß sie Hals über Kopf sich hätte verlieben können; so sehr und
+so unerwartet verlieben können, daß sie blind geworden wäre und den
+Mann und seine Absichten nicht mehr hätte durchschauen können.
+</p>
+
+<p>
+So weit ihre Heirat in Frage kam, wußte sie schon, was sie wollte. Sie
+wollte einen richtigen und vollwertigen Mann. Er durfte ruhig seine
+Jahre haben, wenn er sonst noch genügend Antlitz besaß, ihr das zu verschaffen,
+was sie nötig zu haben glaubte. Sie war auch gar nicht so wild
+darauf, sich zu verheiraten unter allen Umständen. Obgleich ein älteres,
+unverheiratetes Mädchen in Mexiko keine sehr glückliche Figur darstellt,
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+so war sie sich doch genügend bewußt, daß sie aus wirtschaftlichen Gründen
+jedenfalls keinen Mann brauchte. Und aus anderen Gründen war sie
+auch noch nicht einmal so sehr davon überzeugt, daß sie ohne Mann etwa
+nicht leben könnte. Wenn es wirklich unbedingt nötig werden sollte,
+dann konnte sie – wenn auch nicht in Mexiko, so doch in Paris oder in
+Madrid oder in Berlin – genügend Gelegenheit finden, ohne die Verpflichtung
+zu haben, sich nun auch gleich deshalb zu verheiraten. Sie hatte
+ja nicht ohne Erfolg im amerikanischen College studiert, wo man außer
+Geographie und Englisch auch noch andere Dinge lernt, die im Leben
+von Wert und Nutzen sind.
+</p>
+
+<p>
+Dies alles waren gute Gründe, warum sie sich nicht ernstlich bemühte,
+Freiern zu Gefallen zu leben und ihnen ein Gesicht zu zeigen, das bis zu
+den letzten Akkorden des Hochzeitsmarsches ausreichte. Frauen besitzen
+ja auf diesem Felde besondere Gaben und Fähigkeiten, die in der Hölle
+ausgeheckt werden, lange ehe es einen Apfelbaum und ausgebrochene
+Rippen gab. Aber Donja Luisa nahm es nicht tragisch, wenn wieder ein
+Freier, der an sich sehr sympathisch erschien, abgesprungen war. Sie machte
+sich keinen Schnipper daraus und weinte sicher keinem einen gesalzenen
+Tropfen nach.
+</p>
+
+<p>
+Die jungen Männer der Stadt, die als ernst zu nehmende Freier in Betracht
+kamen, sowohl ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen, als auch
+ihrer sonstigen persönlichen Vorzüge wegen, strichen Donja Luisa nach
+einigen Jahren endgültig von der Liste heiratsmöglicher Damen. Donja
+Luisa wurde zwar zu allen Festlichkeiten, die von den verschiedenen
+Klubs der Staats-Landsmannschaften wie von den zahlreichen anderen
+gesellschaftlichen Sociedades und Centros veranstaltet wurden, stets eingeladen;
+und sie erschien auch immer und benahm sich hier genau so
+lustig wie andere junge Mädchen. Aber auf jedem Fest wurde jeder Neuankommer,
+sobald er einmal mit Donja Luisa getanzt hatte und eine
+Minute frei war, sofort von den eingeweihten jungen Herren in eine
+Ecke gezogen und dringend vor den bevorstehenden Gefahren gewarnt.
+Manche dieser frisch hinzugekommenen Herren glaubten natürlich, daß
+Eifersucht vorläge oder ein geheimer Boykott. Und wenn sie hörten,
+daß neben der Schönheit auch reichlich Geld vorhanden sei, so ließen
+sie sich durch jene Warnung nicht einschüchtern und begaben sich auf das
+Schlachtfeld, aus dem sie innerhalb von zwei Wochen flügellahm und
+zerschunden zurückkehrten und unaufgefordert den Verteidigungstrupp
+der Warner verstärkten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+Wie jedes andere Mädchen, so wurde auch Donja Luisa mit den Jahren
+immer älter. Sie hatte jetzt vierundzwanzig Jahre zu verbuchen, ein
+Alter, das für ein Mädchen in Mexiko als hoffnungslos betrachtet werden
+muß, soweit eine Heirat in Frage kommt, bei der sie noch ein Wort mitsprechen
+möchte. Bei diesem Alter nimmt in Mexiko eine Dame, was sie
+kriegen kann, und sie fragt nicht länger mehr nach Titel, Würden, Geld
+und Lendenkraft.
+</p>
+
+<p>
+Nicht so Donja Luisa. Ob sie aus der Reihe der Heiratsmöglichkeiten
+heraus war oder noch mitten drin, das berührte sie nicht. Sie kam immer
+mehr zu der Überzeugung, daß es vielleicht überhaupt besser sei, sich
+nicht zu verheiraten, weil sie dann viel weniger Schwierigkeiten haben
+würde darin, niemand zu gehorchen, niemand zu Gefallen zu sein, niemals
+Widerspruch zu finden und immer recht zu behalten, ohne sich
+deswegen herumstreiten und aufregen zu müssen. Sie wurde sich immer
+mehr bewußt – besonders wenn sie ihre verheirateten Freundinnen und
+Schulkolleginnen ansah –, daß für eine Frau mit genügend Geld das
+Leben bequemer und angenehmer ist, wenn sie sich nicht verheiratet.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und es begab sich, daß da lebte im selben Staate Michoacan ein Mann,
+nicht mit Namen Abraham, wohl aber mit dem guten, wenn auch schlichteren
+Namen Juvencio Cosio.
+</p>
+
+<p>
+Don Juvencio eignete eine kleine Hazienda nicht weit von der Stadt, in
+der Donja Luisa lebte. Die Entfernung war nur eine Stunde Ritt. Don
+Juvencio war nicht gerade reich, aber er war von genügendem Wohlstand,
+denn er verstand seine Hazienda gut und vorteilhaft zu bewirtschaften.
+</p>
+
+<p>
+Er war damals etwa fünfunddreißig Jahre alt, gleichmäßig und normal
+gewachsen, nicht gerade schön und nicht gerade häßlich, na und gut, wie
+Männer, die nicht besonders auffallen und keinen Weltrekord auf irgendeinem
+Gebiete des Sports geschlagen haben, eben für gewöhnlich auszusehen
+pflegen.
+</p>
+
+<p>
+Ob er jemals vorher von Donja Luisa gehört hatte, ist nie klar geworden.
+Er sagte hierzu weder ja noch nein, und wenn er, das geschah später
+recht häufig, direkt gefragt wurde, so sagte er einfach nein. Es sei hier
+gesagt, daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß er Donja Luisa
+vorher nicht gekannt hat und daß er auf keinen Fall, von niemand, gegen
+sie verwarnt worden war. Nicht gerade häufig, aber doch zuweilen war
+auch er auf Festen der Centros erschienen, denn er hatte von seiner Schulzeit
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+her eine gute Anzahl von Freunden in der Stadt. In den letzten
+Jahren war er freilich dem rasch aufrückenden Nachwuchs junger
+Männer, die er nicht kannte, etwas fremd geworden; und er wurde gelegentlich
+schon einmal bei Einladungen, die von den jungen Männern
+ausgegeben wurden, übersehen. So kann es durchaus möglich sein, daß
+er wahrscheinlich Donja Luisa nie auf einem jener Feste gesehen oder
+getroffen hat, und als sicher darf angenommen werden, daß er nie mit
+ihr getanzt hatte. Da er sich in den letzten Jahren auch immer mehr und
+mehr mit seiner Hazienda zu schaffen machte, weil er mehr und mehr
+Freude an ihr bekam, so ritt er immer seltener zur Stadt und nur dann,
+wenn er den Auftrag nicht durch einen seiner Leute erledigen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages nun dachte er, daß er sich endlich einmal einen neuen schönen
+Reitsattel kaufen müßte, weil der alte schon recht schäbig geworden war.
+Don Juvencio ritt zur Stadt. Beim Herumsuchen nach einem Sattel kam
+er zur Talabarteria der Donja Luisa und fand, daß hier in der Auslage
+die schönsten und bestgearbeiteten Sättel seien.
+</p>
+
+<p>
+Donja Luisa hatte das Geschäft ihres Vaters nicht verkauft, weil sie nicht
+den Preis dafür erhalten konnte, den das Geschäft wert war. So hatte sie
+beschlossen, das Geschäft zu behalten und es mit Hilfe des alten Meisters,
+der mehr als zwanzig Jahre schon mit ihrem Vater gearbeitet hatte, und
+mit den beiden verheirateten Gehilfen, die gleichfalls schon seit Jahren
+hier arbeiteten, weiter zu führen. Es ging viel leichter, als sie gedacht
+hatte. Sie war im Laden tätig und hielt die Bücher in Ordnung, während
+die Tante und die Großmutter das Haus versorgten. Das Geschäft blühte,
+und weil die Arbeiten gleich gut geblieben waren und die Kundschaft sich
+noch vermehrt hatte, waren die Einnahmen aus dem Geschäft besser geworden,
+als sie zu Lebzeiten des Vaters waren.
+</p>
+
+<p>
+Luisa war im Laden, als Don Juvencio sich die Sättel besah, die im
+Ladeneingang, im Fenster und an den Außenwänden des Hauses zur
+Schau ausgelegt und aufgehängt waren.
+</p>
+
+<p>
+Luisa trat in die Tür und beobachtete für eine Weile Don Juvencio, der
+mit der Miene des Kenners und Gebrauchers die Sättel sorgfältig auf
+ihren Wert, ihre Arbeit und ihre Haltbarkeit prüfte. Er sah plötzlich
+auf, und sein Blick traf unerwartet das auf ihn gerichtete Gesicht der
+Donja Luisa. Und Donja Luisa – sie hat sich später nie erklären können,
+warum – lachte den Mann offen an. Aber sie sagte nichts, sie lud ihn
+nicht ein, in den Laden zu kommen, um sich die Sättel anzusehen, die
+drinnen auf Lager seien, sie drängte mit keinem Worte auf ihn ein, und
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+sie pries mit keiner Silbe die Ware an, wie es in Mexiko die Regel ist,
+sobald man vor einem Schaufenster stehenbleibt.
+</p>
+
+<p>
+Das freie offene Lachen fing Don Juvencio ein; und er wurde etwas
+verlegen. Noch vor der Tür stehend, sagte er: „Buenos dias, Senjorita, ich
+habe die Absicht, mir einen neuen Sattel zu kaufen.“
+</p>
+
+<p>
+„So viel Sie wollen, Senjor“, antwortete darauf Donja Luisa, „Pase,
+Usted, Senjor, und sehen Sie sich auch die Sättel an, die ich drinnen im
+Laden habe, vielleicht gefällt Ihnen einer von denen noch besser, denn
+die sehr guten lege ich nicht da aus, wo sie von der Sonne und dem Staub
+verdorben werden können.“
+</p>
+
+<p>
+„Con su permiso“, sagte Don Juvencio, und er folgte Donja Luisa in den
+Laden.
+</p>
+
+<p>
+Er sah sich alle Sättel an. Aber merkwürdigerweise hatte er nun die
+Fähigkeit verloren, die Sättel nüchtern und vorurteilsfrei zu prüfen. Er
+klopfte zwar an den Sattelstöcken herum, kratzte am Leder und zupfte
+die Riemen knallend auseinander, aber seine Gedanken waren nur oberflächlich
+bei den Sätteln. Er sagte wenig, und das wenige, was er sagte,
+bezog sich nur auf die Sättel. Dann aber blickte er einmal rasch auf, als
+ob er etwas fragen wollte. Obgleich Donja Luisa sofort wegsah, hatte er
+dennoch so viel noch von ihrem Blick aufgefangen, daß er wohl wußte,
+daß sie ihn während der ganzen Zeit aufmerksam angesehen hatte,
+ebenso prüfend, wie er vorher die Sättel angesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Und als Donja Luisa fühlte, daß sie von ihm überrascht worden war,
+während noch ihr Blick für einen kurzen Moment auf seinem Gesicht
+geruht hatte, wurde diesmal sie verlegen. Ihr Gesicht rötete sich ein
+wenig. Aber sie gewann sich gleich wieder zurück, lachte ihn an und
+beantwortete sachlich und geschäftsmäßig den gefragten Preis für den
+Sattel, den er gerade aufgenommen hatte und hin und her drehte.
+</p>
+
+<p>
+Er fragte nach den Preisen einiger anderer Sättel, aber sie fühlte, daß er
+jetzt nur fragte, um etwas zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+Dann fragte er nach einigen anderen Dingen, fragte, wo das Leder
+herkomme, das hier verwendet sei, wie die Geschäfte gingen und noch
+so einiges ohne Bedeutung.
+</p>
+
+<p>
+Dann fragte sie, wo er herkomme und wie seine Geschäfte gingen. Er
+sagte ihr seinen Namen, erzählte ihr, wie groß seine Hazienda sei, wieviel
+Vieh er habe, wieviel Pferde und Maultiere, wieviel Mais er im letzten
+Jahre verkauft habe und wieviel Schweine, und wie die Preise gewesen
+seien.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+Von einem Sattel wurde vorläufig nicht mehr gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+Als er dann nach einer halben Stunde, oder es war vielleicht eine ganze
+Stunde – beide hatten die Zeit nicht beachtet – fühlte, daß er nun doch
+wieder auf den Sattel zurückkommen müßte, um nicht aufdringlich zu
+erscheinen, sagte er endlich: „Ich denke, daß ich diesen Sattel hier
+nehme.“ Dabei wies er auf den schönsten und teuersten Sattel hin. „Aber
+ich werde es mir doch noch ein wenig bedenken und mir noch andere in
+der Stadt ansehen gehen. Ich möchte wohl, daß Sie mir diesen Sattel hier
+bis morgen zurückhalten, Senjorita. Morgen werde ich dann kommen
+und bestimmt sagen, ob ich ihn kaufe oder nicht. Dann, hasta manjana,
+Senjorita.“
+</p>
+
+<p>
+„Hasta manjana, Senjor“, sagte Donja Luisa, und er verließ den Laden.
+Nun kauft man ja in Mexiko kein Ding überrasch, ganz gleich, ob es
+sich um einen Esel, ein Pferd, ein Haus, einen Sattel, eine Hose oder ein
+Taschenmesser handelt. Darum war die Tatsache, daß er sich nicht sofort
+zum Kaufe entschloß, für sie in keiner Weise auffallend. Aber mit dem
+guten Instinkt der Frau wußte sie, daß er seine Entscheidung hinsichtlich
+des Sattels getroffen hatte und daß er den Kauf nur darum aufschob,
+um morgen wiederkommen zu können. Sie hatte sich hierin nicht getäuscht.
+Das war wirklich der Grund gewesen, warum er nicht gekauft
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Er sah sich natürlich keinen anderen Sattel in einem nächsten Geschäft
+an, sondern er schlenderte zu dem Platze, wo sein Pferd an einen Pfosten
+gebunden war, setzte sich auf und ritt langsam heim.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Heimwege dachte er nur an das Mädchen und an ihr Lachen.
+Und als er auf seiner Hazienda angelangt war, da war er verliebt bis
+zu völliger Hilflosigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Er war drei- oder viermal vorher in seinem Leben verliebt gewesen;
+aber es war nie etwas daraus geworden. Jetzt war er freilich vollkommen
+davon überzeugt, daß er noch nie in seinem Leben verliebt gewesen sei
+und daß alle früheren Liebschaften nichts weiter gewesen waren als zufällige
+Bekanntschaften.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen war er schon um neun Uhr wieder im Laden.
+</p>
+
+<p>
+Diesmal war die Tante im Laden. Das enttäuschte ihn. Er wußte sich
+aber zu helfen. Er sagte: „Perdoneme, Senjora, ich habe mir gestern hier
+einige Sättel angesehen. Aber die junge Frau, die hier im Laden war,
+wollte mir noch einige andere Sättel zeigen, die sie zurückgelegt habe.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Ja, das war meine Nichte Luisa. Hören Sie, Senjor, ich weiß nun nicht,
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+welche Sättel sie gemeint haben könnte. Luisa ist irgend etwas einkaufen
+gegangen. Wenn Sie zehn Minuten warten können, dann ist sie zurück,
+und sie kann Ihnen die Sättel gern zeigen.“
+</p>
+
+<p>
+Juvencio brauchte aber keine volle zehn Minuten zu warten, und da kam
+Luisa heim.
+</p>
+
+<p>
+Sie lachten sich beide an wie alte Bekannte.
+</p>
+
+<p>
+Als nun Luisa sofort die Tante mit einem Auftrag ins Haus schickte,
+wußte Juvencio – ein Mann begreift ja schwer und sehr langsam in
+gewissen Dingen, aber zuweilen hat ja auch er den richtigen Instinkt –,
+ja, da wußte Juvencio, daß Luisa ihm nicht ganz abgeneigt war, denn
+sie wollte mit ihm allein sein.
+</p>
+
+<p>
+Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen und ohne es durch einen Kauf
+zu rasch abschließen zu müssen, begann er aufs neue, sich alle übrigen
+Sättel anzusehen. Das Gespräch schweifte jedoch sehr bald, wohl dem
+Wunsche beider folgend, von den Sätteln ab und wandte sich anderen
+Dingen zu.
+</p>
+
+<p>
+Er wurde ein wenig dreister und fragte geradeswegs, ob sie sich nicht
+bald verheiraten werde.
+</p>
+
+<p>
+„Ich wüßte nicht gegen wen“, sagte Donja Luisa, ihn anlachend, „ich habe
+keinen Novio, ich habe keinen einzigen Liebhaber.“
+</p>
+
+<p>
+„Ha“, sagte er nun, „ein so schönes Mädchen wie Sie sind, Senjorita, und
+keinen Liebhaber, das glaube ich nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist aber doch so, Senjor.“ Sie brachte ihre Fingerspitzen hoch und
+klopfte sich damit beteuernd und verschwörend gegen die Lippen und
+sagte: „Bei der Heiligen Allerreinsten Jungfrau nicht, Senjor.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, dann muß ich es wohl glauben“, sagte darauf Don Juvencio
+lachend.
+</p>
+
+<p>
+Es verging wieder eine Stunde des Hinundherredens, und als er
+endlich abermals einsah, daß er gehen müßte, entschied er sich nun, den
+Sattel zu kaufen. Er zählte das Geld auf den Tisch einzeln auf, nachdem
+er es aus seinem Ledergurt ausgeschüttet hatte.
+</p>
+
+<p>
+Als sie das Geld genommen hatte und sein Geschäft eigentlich nun abgeschlossen
+war, hielt er sich die Tür zur Rückkehr offen und sagte:
+„Ich werde wohl noch verschiedene Dinge brauchen, Senjorita, und ich
+werde in den nächsten Tagen wiederkommen müssen, mit Ihrer Erlaubnis.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist Ihr Haus, Cabellero, kommen Sie wieder, so oft Sie wollen, Sie
+sind immer gern gesehen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+„Ist das so ernst gemeint, Senjorita?“ fragte er. „Oder sagen Sie das
+nur zugunsten des Geschäfts?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein“, lachte Donja Luisa, „ich meine es im wahren Ernst. Und damit
+Sie sehen, wie sehr ernst ich es meine – wollen Sie uns nicht die Ehre
+erweisen, ins Haus zu kommen und mit uns zu frühstücken? Wir sind
+gerade beim Frühstück, und wenn Sie nicht gekommen wären, dann
+wäre ich nun schon damit fertig.“
+</p>
+
+<p>
+Der Mexikaner trinkt frühmorgens, gleich nachdem er aufgestanden
+und sich gewaschen hat, eine oder zwei Tassen Kaffee und ißt dazu nur
+einen Bissen oder meist gar nichts. Das nennt er Desayuno. Dann
+zwischen acht und zehn Uhr morgens setzt er sich zu einem Frühstück
+nieder, das den doppelten Umfang eines Mittagessens in Schweden hat.
+Darum ist das Frühstück, das Almuerzo heißt, eine Angelegenheit, die
+ohne besondere Mühe sich über eine Stunde Zeit hinziehen kann, ehe
+man damit völlig durch ist.
+</p>
+
+<p>
+Als Donja Luisa und Don Juvencio in den Comidor, in das Eßzimmer,
+kamen, schienen die Tante und die Großmutter soeben mit dem Frühstück
+fertig geworden zu sein, weil sie so lange nicht hatten warten
+wollen und übrigens daran gewöhnt waren, daß Luisa aß, wenn es ihr
+gefiel, und nicht, wenn andere es wünschten oder gar kommandierten.
+</p>
+
+<p>
+Aus Höflichkeit blieben aber die beiden älteren Frauen noch so lange
+sitzen, bis der erste Gang vorüber war. Sie sagten ein paar freundliche
+Worte zu ihrem Gast, standen dann auf vom Tische und verließen das
+Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+Das Frühstück der beiden Leute dehnte sich bis gegen elf Uhr aus.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nicht am nächsten Morgen, wohl aber am übernächsten, kam Don
+Juvencio schon wieder, diesmal um Gurten zu kaufen.
+</p>
+
+<p>
+Und von dem Tage an kam er jeden zweiten Tag, um etwas zu kaufen
+oder etwas umzutauschen, oder um etwas zu bestellen nach besonderer
+Anordnung. Daß er sich jedesmal, wenn er kam, zum Frühstück niedersetzen
+mußte, wurde zur Regel. Dann kam es auch schon vor, daß er
+noch weitere Dinge in der Stadt zu ordnen hatte, die sich bis über
+den Mittag hinzogen; und so wurde er auch zum Mittagessen eingeladen.
+Und dann geschah es einmal, daß er erst am Nachmittag zur Stadt
+kommen konnte. Es begann zu regnen, als er im Hause der Donja Luisa
+war, und er blieb zum Abendessen. Aber es regnete immer heftiger, und
+die Nacht war undurchsichtig und der Regen wuchs an, anstatt nachzulassen.
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+Was sollte er in ein Hotel gehen, sagten die Frauen, und dort das
+Geld unnötig ausgeben, er könne auch hier im Hause schlafen, man habe
+genügend freie Zimmer, und wenn das Bett, das man ihm anbieten
+könnte, auch nicht gerade sehr gut sei, so sei es doch auf keinen Fall
+schlechter, als die Betten in dem Hotel seien. Und so verbrachte er einen
+langen Abend mit Donja Luisa im Hause und nahm die Gastfreundschaft
+für die Nacht bereitwillig an.
+</p>
+
+<p>
+So vergingen zwei Wochen, und er lud die Frauen für den Sonntag auf
+seine Hazienda ein. Donja Luisa und die Tante kamen hinausgeritten
+mit Pferden, die er sehr frühzeitig zur Stadt geschickt hatte, und mit
+zwei seiner Leute zur Begleitung. Die Großmutter war daheim geblieben,
+um das Haus nicht allein zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Nun geschah alles Weitere genau so, wie es immer geschieht, wenn ein
+Mädchen und ein Mann glauben, daß sie sich mit einer Heirat abfinden
+könnten, um dem ewigen Hinundherrennen, das nur ermüdet, ein Ende
+zu machen.
+</p>
+
+<p>
+So kamen die beiden endlich überein, sich die Ehe zu versprechen. Er
+hatte bei der Großmutter und der Tante, höflich und den Sitten gehorchend,
+angefragt; und die beiden hatten nichts gegen die Heirat
+einzuwenden, denn Don Juvencio war ein anständiger Mensch, von
+ehrenhafter Familie, hatte einen mäßigen Wohlstand, war nüchtern und
+arbeitsam, und er hatte alle sonstigen Tugenden, um einen guten Ehemann
+für Luisa zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Juvencio hatte natürlich auch Luisa selbst gefragt; und weil sie schon zwei
+Wochen vorher gewußt hatte, welche Antwort sie geben würde, falls er
+fragen sollte, so erfolgte von ihrer Seite aus die Zusage ohne lange
+Ziererei und mit Bestimmtheit.
+</p>
+
+<p>
+Bis zu dieser Phase einer Heiratsmöglichkeit war Donja Luisa auch mit
+einigen anderen ihrer Freier gelangt. Mit zweien von denen sogar schon,
+ehe vier Wochen vergangen waren. Damit soll hier gleich gesagt werden,
+daß diese Vorverlobung innerhalb der engsten Familie für niemand
+irgendeine Gewißheit bot, daß diese Heirat, die jetzt in Aussicht stand,
+auch wirklich vollzogen werden würde. Die Großmutter und die Tante,
+durch frühere Erfahrungen weise geworden, zweifelten sehr daran, daß es
+diesmal Ernst werden würde, obgleich Don Juvencio mehr ein vollwertiger
+Mann war als einer seiner Vorgänger. Don Juvencio war sehr ruhig, sehr
+verträglich, nicht streitsüchtig und nicht rechthaberisch. Darum waren
+bis jetzt keinerlei Zwistigkeiten zwischen den beiden vorgekommen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+Dennoch hielt es die Großmutter für wohl geraten, gelegentlich zur
+Tante zu sagen: „Die sind noch lange nicht verheiratet, und ehe sie
+nicht beide im selben Bett sind, glaube ich es auch nicht, daß etwas
+daraus wird. Jedenfalls kümmere dich vorläufig weder um Kleider noch
+um sonst etwas, und am besten ist es, du sagst zu keiner Seele in der
+ganzen Stadt auch nur eine Silbe von der Sache.“
+</p>
+
+<p>
+Die Tante folgte diesem guten Rate, denn sie war genau so voller berechtigter
+Zweifel wie die Großmutter.
+</p>
+
+<p>
+Die Vorfälle, die eine Heiratsaussicht endgültig zerstörten, hatten sich,
+in allen früheren Fällen, stets immer erst in ihrer vernichtenden Wirkung
+gezeigt, nachdem die Vorverlobung stattgefunden hatte; also in jener
+Periode des Verlöbnisses, die nun folgte. Das war ja auch erklärlich.
+Die beiden Leute verkehrten vertraulicher miteinander, und dadurch
+geschah es ganz natürlich, daß sie gelegentlich ihre wahre Natur gegeneinander
+entschleierten und sich nicht immer die unbequeme Mühe
+machten, einen Ausbruch ihrer wirklichen Meinungen und Gefühle durch
+Zurückhaltung und Selbstbeherrschung dauernd zu unterdrücken.
+</p>
+
+<p>
+Und es geschah deshalb immer während dieser Periode, daß die Freier
+zur Besinnung kamen und rechtzeitig absprangen. Es soll aber auch
+gesagt werden, daß nicht immer nur die Freier absprangen, sondern daß
+ebenso häufig auch Donja Luisa absprang und den Freier einfach aus
+dem Hause warf, oder ihn so behandelte, daß er wußte, er könne nicht
+wiederkommen, ohne daß ihm in rücksichtslosester Weise die Tür gewiesen
+werden würde. Dieses Streiten und Rechthabenwollen begann
+schon eine Woche nach dem Gelöbnis.
+</p>
+
+<p>
+Don Juvencio stand eines Morgens im Laden, um mit Donja Luisa eine
+Weile sprechen zu können. Sie kamen auf Sättel zu reden, und Don
+Juvencio sagte ganz frei heraus: „Das will ich dir nur einmal sagen,
+Licha, von Sätteln verstehst du gar nichts. Obgleich du eine Talabarteria
+hast, weiß ich mehr über Sättel und Leder als du. Kannst du mir ruhig
+glauben.“
+</p>
+
+<p>
+Diese Äußerung hatte Donja Luisa hervorgerufen dadurch, daß sie über
+die Güte und den Wert einer bestimmten Ledersorte durchaus recht
+haben wollte; während Don Juvencio ihr einfach nicht recht geben
+konnte, weil es gegen sein besseres Wissen ging. Als Ranchero hatte er
+genug mit Leder, Sätteln und Geschirren praktisch zu tun, um aus Erfahrung
+zu lernen, welches Leder sich für bestimmte Zwecke besser eigne
+und welches sich weniger gut dauerhaft oder brauchbar erweise.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+Donja Luisa fuhr wild auf und schrie aufs höchste erbost: „Ich bin seit
+meiner Windelzeit hier in der Talabarteria zwischen Sätteln, Gurten,
+Riemen und Geschirren, und du willst mir in das Gesicht hinein sagen,
+daß ich nichts von Sätteln und Leder verstünde!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das will ich, weil das meine Meinung ist“, sagte Don Juvencio
+ruhig.
+</p>
+
+<p>
+„Glaub nur ja nicht, daß du mich kommandieren kannst, auch wenn wir
+verheiratet sein sollten, was ich überhaupt noch gar nicht einmal so
+sicher annehme. Ich lasse mich nicht kommandieren, auch von dir nicht.
+Und damit du das nur gleich weißt, mach, daß du hier rauskommst, und
+laß dich hier nicht mehr blicken, oder es fliegt dir etwas an den Kopf,
+daß du lange genug daran denken und doktern kannst, um zu wissen,
+daß ich der bin, der kommandiert.“
+</p>
+
+<p>
+Er sagte: „Gut, ganz wie du denkst.“ Dann ging er, und sie warf
+wütend die Tür hinter ihm zu.
+</p>
+
+<p>
+Sie lief ins Haus und sagte zu ihrer Tante: „Den habe ich rausgefegt.
+Der dachte, daß er kommandieren könnte. Ich brauche keinen Mann,
+und ich will keinen.“
+</p>
+
+<p>
+Weder die Tante noch die Großmutter sagten etwas dazu, denn es war
+ja für sie keine Neuigkeit. Sie seufzten nicht einmal. Im Grunde war
+es ihnen überhaupt gleichgültig, ob Luisa heiratete oder nicht; denn sie
+wußten, daß Luisa auf alle Fälle doch tun würde, was ihr beliebte, ob
+es den beiden Frauen gefiel oder nicht.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nun war Don Juvencio wohl wirklich ernstlich verliebt in das Mädchen.
+Er zog sich nicht zurück, wie es seine Vorgänger nach einigen Unterhaltungen
+dieser Art gewöhnlich getan hatten. Nach drei oder vier Tagen
+war er eines Morgens wieder im Laden. Darüber war Donja Luisa nicht
+wenig erstaunt. Aber er war vielleicht noch mehr erstaunt darüber, als
+er sich plötzlich ihr gegenüber im Laden wiederfand. Er hatte in der
+Tat den Hinauswurf vergessen, und er war in den Laden gekommen
+aus reiner Gewohnheit.
+</p>
+
+<p>
+Es mochte wohl sein, daß Donja Luisa gleichfalls ihm gegenüber etwas
+tiefer empfand, als sie je gegen einen ihrer früheren Freier empfunden
+hatte. Sie war nicht gerade freundlich zu ihm, aber doch auch nicht
+abweisend. So erschien es als nichts anderes als eine Form der Höflichkeit,
+daß sie ihn zum Frühstück einlud.
+</p>
+
+<p>
+Einige Tage ging es gut.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+Dann aber kam ein Abend, wo sie behauptete, daß eine Kuh auch Milch
+geben könne, ohne ein Kalb gehabt zu haben. Sie behauptete, diese Tatsache
+in dem amerikanischen College gelernt zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Darauf sagte er: „Wenn du das in dem amerikanischen College gelernt
+hast, Licha, dann sind die Lehrer und Professoren des College alte Esel,
+und dann ist es nicht weit her mit der Bildung und dem Wissen, das
+du dort erworben hast.“
+</p>
+
+<p>
+„Du willst doch nicht etwa sagen, daß du klüger bist als die Professoren,
+Bauer, der du bist!“ sagte sie.
+</p>
+
+<p>
+„Klüger oder nicht klüger“, gab er zurück, „aber gerade als Bauer weiß
+ich, daß eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, keine Milch geben kann,
+ob du sie nun von hinten oder von vorne melkst. Wo keine Milch ist, da
+kannst du keine rausmelken.“
+</p>
+
+<p>
+„So, da willst du also sagen, daß ich nichts gelernt habe, daß ich eine
+dumme Henne bin, daß ich kein Examen gemacht habe. Und ich will
+dir auch gleich noch mehr sagen, ob du nun ein Bauer bist oder nicht:
+Hühner können Eier legen, ohne daß sie einen Hahn dazu brauchen.“
+</p>
+
+<p>
+„Richtig“, sagte er, „ganz richtig, und Hähne legen zuweilen auch Eier,
+wenn die Hennen keine Zeit dazu haben, und Maultiere werfen Maultierfüllen,
+und es ist auch ganz richtig, daß viele Kinder geboren werden,
+die keinen Vater haben.“
+</p>
+
+<p>
+„So, du willst mir widersprechen, mir, die ich studiert habe, während
+du die Schweine gefüttert hast!“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn wir, das ist ich und meinesgleichen, die Schweine nicht füttern,
+dann verhungern alle deine überklugen amerikanischen Professoren.“
+</p>
+
+<p>
+Sie wurde von einer Wut gepackt, wie er bisher nicht geglaubt hatte, daß
+ein Mensch einer solchen Wut fähig sein könnte.
+</p>
+
+<p>
+Sie schrie: „Gibst du zu, daß ich recht habe, oder nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Du hast recht. Aber eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, gibt keine
+Milch. Und wenn es eine solche Kuh gibt, dann ist es ein Wunder. Und
+Wunder sind Ausnahmen. In der Landwirtschaft aber kann man sich
+weder auf Wunder noch auf Ausnahmen verlassen.“
+</p>
+
+<p>
+„So, du verhöhnst mich und beschimpfst mich noch obendrein?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich beschimpfe dich nicht, aber Kühe, die kein Kalb gehabt haben, geben
+keine Milch, und einen brauchbaren Sattelgurt aus Ziegenleder kann man
+auch nicht machen.“
+</p>
+
+<p>
+Die Ruhe, mit der er das sagte, brachte sie in größere Raserei, als das ein
+aufgeregter Widerspruch von ihm getan haben könnte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+Auf dem Tisch stand ein steinerner Wasserkrug. Mit einem Ruck war sie
+hoch, ergriff den Krug und pfefferte ihn ihrem Widersacher an den Kopf.
+Die Kopfhaut platzte, und das Blut lief in einem dicken Strom dem Don
+Juvencio über das Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+In einem Film oder in einem guten Roman würde jetzt das Mädchen
+ihre rasche Tat bedauert haben, sie würde ihr Seidentüchelchen genommen
+haben, hätte es auf die Wunde gepreßt, dann die Wunde mit
+zarten Händen ausgewaschen, dann den armen Kopf in ihre Arme gepreßt
+und ihn mit Küssen bedeckt, und am nächsten Morgen wären beide
+zur Kirche marschiert, hätten sich verheiratet und hätten von nun an
+für den Rest ihres Lebens in eitel Glück und Zufriedenheit gelebt. Da es
+sich aber hier weder um einen Film noch um einen Roman handelte, so
+lachte Donja Luisa nur höhnisch auf, als sie den blutenden Freier sah,
+und schrie: „So, nun wirst du wohl endlich genug haben mit deiner
+Rechthaberei und mit deinem ewigen Besserwissenwollen. Und wenn du
+wirklich noch im Sinne haben solltest, mich zu heiraten, dann ist das
+jetzt ausgemacht einmal für allemal: Ich habe recht, und ich kommandiere.
+Wenn du damit einverstanden bist, gut. Wenn nicht, dann wird
+nichts daraus, und du kannst meinetwegen zur Hölle gehen mit deinem
+Rechthaben und mit deinem Herumkommandieren. Such dir ein dummes
+Indianermädchen zur Frau, mit der kannst du solche Dinge machen.
+Nicht mit mir. Du kennst mich nun.“
+</p>
+
+<p>
+Sie ging in ihr Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+Er ging zum Doktor.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war in den letzten Wochen in der Stadt schon ein wenig bekannt
+geworden, daß Donja Luisa einen neuen Freier habe. Es war auch bekannt
+geworden, wer der neue Freier war. Denn in einer kleinen Stadt,
+auch in Mexiko, kann ein unverheirateter Mann nicht mehr als dreimal in
+ein Haus gehen, wo ein heiratsfähiges Mädchen mit ihrer Familie lebt,
+ohne daß jeder weiß, warum der Mann so häufig in jenes Haus auf
+Besuch geht.
+</p>
+
+<p>
+Als Don Juvencio zwei Tage später mit verbundenem Kopf in der Stadt
+gesehen wurde, wußte man, daß die beiden sehr nahe vor der Heirat
+gestanden hatten, daß aber jetzt die Sache aus und vorbei sei.
+</p>
+
+<p>
+Don Juvencio hatte auch gleich Freunde um sich herum.
+</p>
+
+<p>
+„Aber, Hombre, Vencho, warum hast du denn nichts gesagt? Wir hätten
+dir doch die Augen aufknöpfen können. Die ist doch bekannt, daß sie
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+ein Teufel ist. Schlimmer als ein Teufel. Die ist die Hölle und das Fegefeuer
+schon vor der Heirat. Was sie nach der Heirat sein wird, dafür
+gibt es kein Beispiel. Wie kannst du denn nur auf diese Tigerin so reinfallen!
+Weißt du denn, wie viele Bewerber sie in derselben Weise heimgeblasen
+hat wie dich? Ein halbes Dutzend langt nicht. Wer sie kennt,
+läßt die Finger weit davon. Hier kriegt sie keinen. Hier ist sie durch.
+Sie konnte nur noch einen erwischen wie dich, der von Welt und Hund
+nichts weiß, der nicht reinkommt von seinem Windfang da draußen.
+Danke deinem Schöpfer, daß du den Kopf noch zur rechten Zeit bekommen
+hast, ehe es zu spät war. Dir wird ja jetzt das Hirn da oben
+wieder zurechtgerückt worden sein. Wenn du heiraten mußt, heirate,
+was dir in den Weg gelaufen kommt, ganz gleich woher sie kommt und
+wie sie kommt; aber laß diese Dynamitpatrone allein. Wir sind uns bis
+heute noch nicht ganz sicher darüber, ob sie nicht ihren Vater und ihre
+Mutter erschlagen hat. Die sind beide merkwürdig rasch gestorben, und
+sie waren gar nicht krank. Und der Doktor, der das Attest ausgeschrieben
+hat, na, da weiß man ja auch nicht so recht, er war der Familiendoktor,
+und er muß ja auch leben und will keinen Gestank haben und mit den
+Gerichten seine Zeit verlieren. Die könnte zehn Millionen haben und
+noch zwanzigmal eine hübschere Fratze vorgebunden haben, einer, der sie
+kennt, nimmt sie nicht in einen Sack gebunden und umsonst.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Zwei Monate später waren Don Juvencio und Donja Luisa verheiratet.
+Er hatte wohl zugestanden, daß er nicht darauf bestehen würde, recht zu
+haben, wenn sie anderer Meinung war, und er hatte wohl auch zugestanden,
+daß sie in der Ehe die Zügel führen dürfe. Das muß als sicher
+angenommen werden, weil ja sonst diese Heirat gewiß nicht möglich
+gewesen wäre.
+</p>
+
+<p>
+Die Meinung der Männer in der Stadt war geteilt. Die einen sagten, Don
+Juvencio müsse ein ungemein mutiger Mann sein, weil er sich zwischen
+die Tatzen des Tigers gelegt habe. Andere glaubten, er sei in eine gewisse
+sexuelle Abhängigkeit geraten, die ihn blind gemacht habe, und er würde
+wahrscheinlich aufwachen, sobald er seine Wünsche nach der Verheiratung
+gekühlt habe. Wieder andere meinten, daß er sich in einer
+unüberlegten Fahrlässigkeit ihr gegenüber habe etwas zuschulden kommen
+lassen, das ihn zwang, sich wider bessere Einsicht zu verheiraten.
+Abermals andere sagten, er sei wohl doch im Grunde sehr geldgierig, daß
+er alles übrige darüber vergessen konnte. Wieder andere meinten, er sei
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+vielleicht ein wenig anormal veranlagt und liebe es, unter dem Joch und
+der brutalen Gewalt einer Frau zu stehen. Und endlich waren da genug,
+die sagten, daß er wohl mehr auf eine hübsche Außenwand sehe als auf
+das, was dahinter ist.
+</p>
+
+<p>
+Aber was die Männer auch in ihren einzelnen Parteien gedacht haben
+mögen, alle, ohne Ausnahme, sahen den kommenden Geschehnissen, die
+sich aus dieser Ehe entwickeln würden, mit einer erregten Spannung entgegen
+wie der Fortsetzung in einem guten Mörderfilm. Und die Wahrheit
+ist, daß niemand, selbst nicht jene Freier, die gern das Vermögen
+der Donja Luisa gehabt hätten, Don Juvencio beneideten oder es nachträglich
+bedauerten, daß sie nicht doch das Mädchen unter allen Umständen
+genommen hatten, als Gelegenheit dazu war. Jeder sagte zu sich
+und zu seinen Bekannten, daß er nicht im Fell des Don Juvencio stecken
+möchte.
+</p>
+
+<p>
+Es kann nicht angenommen werden, daß Don Juvencio jemals von einem
+Manne gehört hatte, dessen Name Shakespeare war; noch viel weniger
+darf angenommen werden, daß Don Juvencio je davon gehört hatte, wie
+man, nach dem Bericht jenes Mr. Shakespeare, rabiate Tigerinnen in
+England zähmt. Und hätte Don Juvencio wirklich jenen Bericht gelesen,
+so war er doch Mexikaner genug, um zu wissen, daß in Mexiko die
+Zähmung nicht nach englischen Rezepten vorgenommen werden kann,
+um Wirkung zu haben, sondern nach Erfahrungen, die einen hier der
+Busch lehrt.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Hochzeitsfeierlichkeit hatte er ein Gesicht aufgesetzt, aus dem
+niemand schließen konnte, ob er zufrieden mit sich und der Welt sei
+oder nicht. Aber allen Gästen fiel es auf, daß er seiner jungen Frau immer
+recht gab, ihr in allem, was sie sagte, zustimmte; und wenn im Laufe der
+langen Sitzung wiederholt das Gespräch darauf kam, besonders von den
+anwesenden Damen, wie die beiden Leute dieses oder jenes in ihrem
+Hause und in ihrem künftigen Leben halten würden, da sagte er, das
+wird getan, wie Donja Luisa das anordnet. Als in vorgerückten Stunden
+nicht nur die Männer, sondern auch die Damen angeregter wurden durch
+die Getränke, fielen mehr und mehr Anzüglichkeiten über die starke
+junge Frau und den schwächlichen und nachgiebigen Mann, und daß nun
+eine neue Zeit auch in Mexiko angebrochen sei, in der endlich die Frau
+das Kommando übernehme. Zu allen solchen Neckereien, die zuweilen
+hart so dicht gingen, daß er offen lächerlich gemacht wurde, blieb er
+gleichgültig wie eine vertrocknete Speckkruste.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+Einer seiner alten Freunde, sehr angetrunken, stand auf und rief über den
+ganzen Tisch hin: „Vencho, wir besser schicken morgen früh die Ambulance
+hinaus, um deine Knochenreste abzuholen.“
+</p>
+
+<p>
+Es folgte ein brüllendes Gelächter.
+</p>
+
+<p>
+Das war ein sehr gewagter Scherz. Bei viel schwächeren Scherzen wird in
+Mexiko, sei es bei einem Begräbnis oder bei einer Kindtaufe oder bei
+einer Hochzeit, nach solchen oder ähnlichen nackten Bemerkungen sofort
+gezogen und geschossen. Selbst bei einer Festlichkeit in den vornehmeren
+Kreisen. Hunderte von Hochzeiten enden mit drei oder vier Toten,
+darunter häufig der junge Ehemann und nicht selten – wenn auch nur
+durch fehlgegangene Schüsse – die Braut. Denn bei dem heißen Blute
+der Mexikaner und bei der Zimperlichkeit, mit der sie das betrachten,
+was sie Su Honor, ihre Ehre, nennen, weiß man nie, in welcher Weise
+eine Neckerei aufgenommen werden wird.
+</p>
+
+<p>
+Aber hier lief alles friedfertig ab.
+</p>
+
+<p>
+Die Hochzeit dauerte bis weit in den folgenden Tag hinein. Sie war im
+Hause der jungen Frau gehalten worden. Und als die Feier als beendet
+angesehen wurde, waren alle hundemüde und alle genügend alkoholisiert,
+daß niemand, das junge Ehepaar eingeschlossen, an irgend etwas anderes
+dachte als daran, nun einmal recht tüchtig zu schlafen.
+</p>
+
+<p>
+Es war ganz natürlich und niemand sah darin irgendeine Sache, die gegen
+hergebrachte Regeln verstieß, daß Donja Luisa in ihr altes Zimmer ging,
+um zu schlafen, und Don Juvencio sich in jenem Zimmer ins Bett legte,
+wo er einige Male schon geschlafen hatte, wenn er zur Nachtzeit nicht
+zurückreiten konnte zu seiner Hazienda. Es hatte auch in der Tat keiner
+von den Gästen irgendein Interesse daran, sich darum zu kümmern, was
+die beiden jungen Leute nun taten und wo und wie sie die folgenden
+Stunden verbrachten. Denn der Übermüdung wegen und unter dem
+Eindruck voller Mägen und betäubter Hirne hatte jeder einzelne so viel
+mit sich selbst zu tun, daß er keinen Gedanken mehr übrighatte, den er
+auf das Tun und Lassen seiner Mitmenschen verschwenden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen frühstückten Don Juvencio, Donja Luisa, die
+Tante und die Großmutter gemeinschaftlich. Es wurde dabei nicht viel
+geredet. Die beiden älteren Frauen waren in einer gerührten Stimmung,
+weil Luisa nun das Haus verließ; und das Ehepaar redete gleichgültige
+Worte über die Art und Weise des Heimritts und was man in der
+Hazienda wohl zuerst tun müßte, um sie für die neuen Verhältnisse
+einzurichten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+Dann kamen die Burschen von der Hazienda mit den Reitpferden und
+mit den Maultieren. Es wurde den Maultieren nur gerade das Allerwichtigste
+aufgepackt, das Donja Luisa am notwendigsten für die ersten
+Tage brauchte. Alles übrige würde dann in den nächsten Tagen nachtransportiert
+werden.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auf der Hazienda angekommen, hatte Don Juvencio nicht viel Zeit, sich
+um seine junge Frau zu kümmern; denn es hatte sich in den vergangenen
+Tagen reichlich Arbeit angehäuft, die er zu besorgen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Donja Luisa ordnete mit der alten indianischen Haushälterin und den
+Mädchen die Zimmer an.
+</p>
+
+<p>
+Dann wurde es Abend, und Donja Luisa legte sich in das schöne weiche
+neue und sehr breite Ehebett. Aber wer nicht kam, sich zu ihr zu legen,
+das war Don Juvencio, ihr kürzlich erworbener Ehemann.
+</p>
+
+<p>
+Ob sie erwartete, daß er kommen würde, um mit ihr zu schlafen, weiß
+man nicht. Es hat sie nie jemand darum gefragt, was sie sich gedacht hat
+in jener Nacht und was sie erwartet haben mag. Es ist aber wohl sicher,
+daß sie geglaubt hat, daß diese Hochzeitsnacht nicht ganz vollständig
+sei; denn sie war ja eine Frau, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte
+Romane gelesen, war in höhere Schulen gegangen und hatte Freundinnen,
+die längst verheiratet waren und Kinder besaßen.
+</p>
+
+<p>
+Daß ihre Hochzeitsnacht vorüberging, wie jede Nacht in ihrem unverheirateten
+Bett vorübergegangen war, machte sie verwirrt. Sie war überzeugt
+gewesen, daß zwischen Verheiratetsein und Nichtverheiratetsein
+auf jeden Fall ein Unterschied bestehen müsse, der, je nach den Verhältnissen,
+die teils in der Psychologie, teils in der Physiologie begründet
+liegen, angenehm, für die Gesundheit und das allgemeine Wohlergehen
+nützlich, unangenehm, peinlich, schwierig, unbefriedigt, unerfreulich,
+langweilig, widerwärtig, ermüdend, erfrischend oder pflichtschuldig sein
+kann.
+</p>
+
+<p>
+Aber Donja Luisa bekam keine Gelegenheit, persönlich zu prüfen, in
+welcher Form und Weise der Unterschied zwischen Verheiratetsein und
+Nichtverheiratetsein sich bei ihr geltend machen würde. Denn in der
+folgenden Nacht blieb sie gleichfalls allein.
+</p>
+
+<p>
+„Dios mio“, sagte sie zu sich, „mein Gott im Himmel, er wird doch nicht
+etwa nicht mehr können, oder sollte er etwa gar so unschuldig sein, daß
+er nicht weiß, wo es fehlt? Aber er ist doch Mexikaner. Er wäre der erste
+Mexikaner, der je gelebt hat, der das nicht wüßte. Und das glaube ich
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+nicht. Er hat doch Kühe und Stiere und Hengste und Mähren und was
+weiß ich. Unterricht genügend. Heilige Maria, Mutter Gottes, allerreinstes
+Himmelsjüngferlein, ich werde doch nicht etwa aufklären müssen!
+Himmel, was mache ich nur da? Ich kann ihm doch nicht die Tante herschicken!
+Wenn er wenigstens ins Bett kommen wollte, dann würde sich
+das ja alles von allein geben. Aber so –. Und wenn ich mir ihn ansehe,
+er ist ein angenehmer und kräftiger Muchacho. Der Beste der ganzen verfluchten
+Bande, die ich kenne. Ich will gar keinen andern haben.“
+</p>
+
+<p>
+Das Einschlafen wurde ihr schwer. Sie wälzte sich hin und her in dem
+weichen, schönen, neuen, breiten Ehebett.
+</p>
+
+<p>
+Es war am folgenden Nachmittag.
+</p>
+
+<p>
+Don Juvencio war seit dem frühen Morgen auf den Feldern gewesen. Er
+war ziemlich ermüdet zum Essen heimgekommen. Er saß jetzt in einem
+Schaukelstuhl im Portico des Hauses. Vor sich hatte er ein Tischchen
+stehen, auf dem die Zeitung lag, in der er herumgeblättert hatte.
+</p>
+
+<p>
+Im selben Portico, etwa zwölf Schritte entfernt von Don Juvencio, lag
+Donja Luisa in einer Hängematte. Sie hatte ein Kissen unter ihrem
+Kopfe, und sie las in einem Buche.
+</p>
+
+<p>
+Sie war in den paar Tagen, seit sie auf der Hazienda war, durchaus nicht
+müßig gewesen. Sie hatte ihren Teil zur Arbeit, zur Einrichtung, Umänderung
+und Führung des Haushalts reichlich beigetragen. In einem
+mexikanischen Hause ist ja auch eine Frau bei weitem nicht ein solches
+Arbeitstier wie die Frau in Europa. Selbst in wenig bemittelten Kreisen
+läßt ihr Mann es nicht zu, daß sie mehr tut, als den Haushalt zu leiten,
+also die Einkäufe zu besorgen oder anzuordnen, und das Arbeitsprogramm
+für die Köchin und für die Mädchen zu bestimmen. Da die
+Mexikaner sehr gesellschaftlich sind, sich ständig gegenseitig besuchen,
+hat die Frau genügend gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen, die in
+einem Hause nicht vernachlässigt werden dürfen, wenn der Mann einen
+Beruf oder eine Stellung hat, wo er darauf angewiesen ist, im Verkehr
+mit seinen Mitbürgern und Geschäftsfreunden zu bleiben. Es lag also
+hierin nichts besonders Auffallendes, daß Donja Luisa lässig in der
+Hängematte ruhte und in einem Buche las. „Du könntest auch lieber
+etwas Nützlicheres tun“, sagt ein Mexikaner zu seiner Frau wohl nur
+dann, wenn er einen deutschen Großvater gehabt haben sollte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Seit Donja Luisa auf der Hazienda eingezogen war, hatten die beiden
+Eheleute sehr wenig miteinander geredet. Von dem albernen und zärtlich
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+gemeinten Geschwätz, das jungverheiratete Leute in den ersten zwei
+Wochen zu führen pflegen, war hier nichts zu hören. Die Ursache war
+wohl nur bei ihm zu suchen. Er hatte nicht die Absicht, ein tobendes
+Ungewitter heraufzubeschwören, solange es vermieden werden konnte.
+Sie aber hatte im Gefühl, daß sich etwas vorbereite; denn daß er nun
+drei Nächte schon ihr aus dem Wege gegangen war, als wäre sie hier nur
+ein gelegentlicher Gast, war denn doch zu merkwürdig, als daß sie sich
+keine Gedanken darüber hätte machen sollen.
+</p>
+
+<p>
+Gestern morgen hatte er, als er zum Frühstück in das Eßzimmer kam,
+gefragt: „Wo ist der Kaffee?“ Darauf hatte sie gesagt: „Frage Anita, ich
+bin nicht dein Dienstmädchen.“ Dann war er selbst in die Küche gegangen
+und hatte den Kaffee selbst hereingebracht, ohne ein Wort
+darüber zu verlieren. Sie hatte später freilich in der Küche gewaltig mit
+Anita aufgedonnert dieses Vorfalls wegen; aber Anita hatte sich damit
+entschuldigt, daß sie den Kaffee immer erst aufgetragen habe, nachdem
+die Eier gegessen seien, und wenn der Patron das jetzt anders haben
+wolle, so müsse er es ihr sagen.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein heißer tropischer Frühnachmittag. Der Portico lag zwar im
+Schatten, aber es ruhte dennoch in ihm, wie auf dem grasbewachsenen
+weiten Vorplatz, der von einer flirrenden Glut bedeckt war, eine lastende
+unbewegte schwere Wärme, die sich nur ertragen ließ, wenn man stillsaß
+oder sich in einem Schaukelstuhl oder in der Hängematte wiegte,
+ohne mehr zu denken, als was unbedingt notwendig war, um sich noch
+von einem Tier zu unterscheiden.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Tiere des Hauses, die in der Nähe waren, dröselten schläfrig
+ihre Zeit dahin, und sie bewegten sich nur, wenn die summenden Fliegen
+sie allzusehr belästigten.
+</p>
+
+<p>
+Über dem Geländer des Portico, auf einer kleinen Schaukel, hockte der
+Papagei. Er träumte dahin, wachte gelegentlich auf, krächzte oder rasselte
+einige Worte und brütete dann wieder in sich hinein, wenn ihm niemand
+eine Antwort gab.
+</p>
+
+<p>
+Auf der obersten Stufe der kurzen Treppe, die in den Portico führte,
+lag schlafend die Katze. Sie hatte gut gegessen, und sie lag nun, beinahe
+völlig auf dem Rücken, mit dem Kopfe weit zurückgelehnt auf der
+heißen Stufe, mit jener satten Unbekümmertheit, die nur denjenigen
+irdischen Geschöpfen eigen wird, die um die Sicherheit ihres Lebens und
+um die Pünktlichkeit reichlicher Mahlzeiten nie in Sorge zu sein brauchen.
+Unter einem schattigen Baum in dem grünen Vorplatze des Hauses, im
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+Patio, stand das bevorzugte Reitpferd des Don Juvencio angebunden.
+Der Sattel lag einige Schritte neben dem Pferde. Als Don Juvencio
+von den Feldern heimgekehrt war, hatte er das Pferd nicht auf die nahe
+kleine Weide führen lassen, sondern es war dem Tier hier auf dem Vorplatze
+sein Sacate vorgeworfen worden, denn Juvencio wollte später
+noch einmal zu seiner Trapiche, seiner Zuckermühle, hinunterreiten.
+</p>
+
+<p>
+Auch das Pferd, ein prachtvolles Tier, dröselte in der Nachmittagshitze
+seine Zeit dahin. Es ließ den Kopf sinken und sinken, bis die Nase
+beinahe die übriggebliebenen, breit gestreuten Halme auf dem Erdboden
+berührte. Und wenn der Kopf endlich so tief gesunken war, daß das Pferd
+sich gegen die Nase stieß, dann warf es mit einem raschen Ruck den
+Kopf hoch, riß die Augen weit auf, und wenn es sah, daß sich inzwischen
+nichts von besonderer Bedeutung in der Welt ereignet hatte, schloß es die
+Augen wieder langsam, und der Kopf begann abermals Zoll bei Zoll
+herunterzusinken.
+</p>
+
+<p>
+Don Juvencio hatte seinen Schaukelstuhl so stehen, daß er den Hof übersehen
+konnte. Er hob jetzt seine Arme hoch, reckte sich ein wenig aus,
+gähnte leicht und ergriff die Zeitung, die vor ihm auf dem Tischchen lag.
+Er las einige Minuten, und dann legte er die Zeitung wieder hin.
+</p>
+
+<p>
+Nun sah er zu dem Papagei, der vor ihm in seiner Schaukel hockte.
+</p>
+
+<p>
+„He, Loro“, rief nun Don Juvencio befehlend, „hole mir eine Kanne
+mit Kaffee und eine Tasse aus der Küche, ich habe Durst.“
+</p>
+
+<p>
+Der Papagei, durch die Worte aus seinem Dahindämmern aufgeweckt,
+kratzte sich mit dem Fuß am Nacken, rutschte ein kleines Stück weiter
+auf seiner Schaukel, krächzte ein paar Laute und bemühte sich, sein unterbrochenes
+Dröseln wieder aufzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Don Juvencio griff nach hinten, zog seinen Revolver aus dem Gurt,
+zielte auf den Papagei und schoß. Der Papagei tat einen Krächzer, es
+flogen Federn in der Luft herum, der Vogel schwankte, wollte sich festkrallen,
+die Krallen ließen los, und der Papagei fiel auf den Boden des
+Portico, schlug ein paarmal um sich und war tot.
+</p>
+
+<p>
+Juvencio legte den Revolver vor sich auf den Tisch, nachdem er ihn
+einige Male in der Hand geschwenkt hatte, als ob er sein Gewicht
+prüfen wolle.
+</p>
+
+<p>
+Nun blickte er hinüber zur Katze, die so fest schlief, daß sie nicht einmal
+im Traume schnurrte.
+</p>
+
+<p>
+„Gato“, rief jetzt Don Juvencio, „he, Kater, hole mir Kaffee aus der
+Küche, ich habe Durst.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+Donja Luisa hatte sich umgewandt zu ihrem Manne, als er den Papagei
+angerufen hatte. Sie hatte das, was er zu dem Papagei sagte, so angenommen,
+als ob er mit dem Papagei schäkern wolle, und sie hatte
+darum nicht weiter darauf geachtet. Als dann der Schuß krachte, drehte
+sie sich völlig um in ihrer Hängematte und hob den Kopf leicht.
+</p>
+
+<p>
+Sie sah den Papagei von seiner Schaukel fallen, und sie wußte, daß
+Juvencio ihn erschossen hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Hay no“, sagte sie halblaut, „lächerlich.“
+</p>
+
+<p>
+Jetzt, als Don Juvencio die Katze anrief, sagte Donja Luisa laut zu ihm
+herüber: „Warum rufst du denn nicht Anita, daß sie dir den Kaffee
+bringt?“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn ich will, daß mir Anita den Kaffee bringen soll, dann rufe ich
+Anita, und wenn ich will, daß mir die Katze den Kaffee bringen soll,
+dann rufe ich die Katze.“
+</p>
+
+<p>
+„Meinetwegen“, sagte darauf Donja Luisa, und sie rekelte sich wieder
+in ihre Hängematte ein.
+</p>
+
+<p>
+„He, Gato, hast du nicht gehört, was ich dir befohlen habe?“ wiederholte
+Don Juvencio seine Anordnung.
+</p>
+
+<p>
+Die Katze schlief weiter, in dem sicheren Bewußtsein, daß sie, wie alle
+Katzen, solange es Menschen gibt, ein verbrieftes Anrecht darauf habe,
+ihren Lebensunterhalt vorgesetzt zu bekommen, ohne irgendeine Verpflichtung
+zu haben, sich dafür durch Arbeit erkenntlich zu zeigen; denn
+selbst wenn sie sich doch so weit herablassen sollte, gelegentlich eine Maus
+zu erjagen, so tut sie es nicht, um dem Menschen eine Gefälligkeit zu
+erweisen, sondern sie tut es, weil ja schließlich selbst eine Katze ein Recht
+darauf hat, hin und wieder einmal ein Vergnügen zu genießen, das im
+gewöhnlichen Wochenprogramm nicht vorgesehen ist.
+</p>
+
+<p>
+Don Juvencio aber dachte anders über die Pflichten einer Katze, die auf
+seiner Hazienda lebte. Als die Katze sich nicht regte, um dem Befehle
+nachzukommen und den Kaffee aus der Küche zu holen, hob er wieder
+den Revolver, zielte und schoß. Die Katze versuchte hochzuspringen,
+aber sie brach zusammen, rollte sich einmal über und war tot.
+</p>
+
+<p>
+„Belario“, rief Don Juvencio jetzt über den Hof.
+</p>
+
+<p>
+„Si, Patron, estoy“, rief der Bursche aus einem Winkel des Hofes hervor.
+„Hier bin ich, was ist zu tun?“
+</p>
+
+<p>
+Als der Bursche auf der untersten Stufe der Treppe stand, mit dem Hute
+in der Hand, sagte Don Juvencio zu ihm: „Binde das Pferd los und
+führe es hierher, hier dicht an die Stufen.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+„Soll ich es auch gleich satteln?“ fragte der Bursche.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde dich dann rufen“, antwortete Don Juvencio.
+</p>
+
+<p>
+Der Bursche brachte das Pferd und entfernte sich.
+</p>
+
+<p>
+Das Pferd stand eine Weile vor dem Portico. Don Juvencio sah das Tier
+an, wie eben nur ein Mann ein Pferd anzusehen vermag, der auf gute
+Reittiere angewiesen ist und sich darum mit einigen dieser Tiere so verbunden
+fühlen kann wie mit einem guten Freunde.
+</p>
+
+<p>
+Das Pferd scharrte ein wenig, und dann, als es fühlte, daß man nichts von
+ihm wollte, begann es, mit kleinen Schrittchen lässig fortzutorkeln,
+wieder den Schatten des Baumes aufsuchend.
+</p>
+
+<p>
+„Caballo, olla“, rief nun Don Juvencio das Pferd an, das inzwischen
+die Mitte des Hofes erreicht hatte, „trabe einmal rasch in die Küche und
+bringe mir eine Kanne mit Kaffee und eine Tasse, ich habe Durst.“
+</p>
+
+<p>
+Bei dem Anruf „Caballo“ hatte das Pferd den Kopf gewandt, weil es
+die Stimme seines Herrn wohl kannte und auf diesen Zuruf zu hören
+pflegte. Als es aber sah, daß der Herr nicht aufstand und nicht in den
+Hof trat, wußte es, daß es sein Herr weder streicheln noch satteln wollte.
+Es machte Geste, auf seinem Wege zu jenem Baum weiter fortzutrotten.
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Ja, du bist wohl verrückt geworden, loco enteramente“, sagte da Donja
+Luisa von ihrer Hängematte her, mit einer Stimme, die halb erstaunt
+und halb erbost klang.
+</p>
+
+<p>
+„Verrückt? Ich?“ erwiderte Don Juvencio. „Ich weiß nicht, warum ich
+verrückt sein sollte. Das ist mein Pferd, und das Pferd ist auf meiner
+Hazienda, und ich darf meinem Pferde auf meiner Hazienda befehlen,
+was ich will, genau so gut, wie du deinen Mädchen befehlen darfst, was
+du willst.“
+</p>
+
+<p>
+„Meinetwegen“, sagte Donja Luisa, während sie wieder in ihrem Buche
+weiterzulesen begann.
+</p>
+
+<p>
+„Caballo“, rief nun Don Juvencio wieder über den Hof. „Wo ist der
+Kaffee? Bist du noch nicht fort?“
+</p>
+
+<p>
+Das Pferd hatte wieder für einen Augenblick den Kopf gewendet und
+auf den Ruf gehört; und als es wieder seinen Herrn nicht näher kommen
+sah, wendete es sich ab und nahm seinen Weg zum Baum abermals auf.
+Don Juvencio nahm den Revolver auf, stützte den Ellbogen auf den
+Tisch, um einen ruhigeren Arm zu haben, zielte und schoß.
+</p>
+
+<p>
+Das Pferd ruckte zusammen, stand dann wohl eine ganze Minute still
+auf einem Fleck, begann hierauf heftig zu zittern und brach plötzlich zusammen
+wie gefällt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+„Wahnsinn! So ein Prachttier!“ schrie jetzt Donja Luisa auf. Ihre Erbostheit
+war zum vollen Ausbruch gekommen. Es war mit untrüglicher
+Sicherheit vorauszusehen, daß nunmehr das erste schwere Gefecht, das
+man Don Juvencio von allen Seiten mit allen seinen Schrecken vorausgekündigt
+hatte, geliefert werden würde und daß jetzt, wäre einer der
+Freunde des Don Juvencio anwesend gewesen, er raschest zur Stadt
+geritten wäre, um die Ambulance zu bestellen und ein Bett im Hospital
+zu mieten.
+</p>
+
+<p>
+Donja Luisa warf das Buch, das sie gelesen hatte, mit einer solchen
+Heftigkeit auf den Boden, daß es in allen seinen Blättern auseinanderflog.
+Sie begann sich innerlich einzuheizen, um überkochen zu können.
+</p>
+
+<p>
+Don Juvencio sagte nichts. Ohne aufzustehen, drehte er sich mit seinem
+Schaukelstuhl so um, daß er nun mit dem Gesicht zur Hängematte gerichtet
+saß.
+</p>
+
+<p>
+Er legte den Revolver nicht aus der Hand, sondern schwenkte ihn
+einige Male auf und nieder. Dann prüfte er die Trommel, und hierauf
+hauchte er auf den polierten Schaft und putzte ihn mit dem Hemdärmel
+sauber.
+</p>
+
+<p>
+Und gerade im selben Augenblick, als Donja Luisa aus der Hängematte
+springen wollte, um sich in die Tigerin zu verwandeln, sagte Don
+Juvencio mit sterbensruhiger Stimme, aber laut und hart: „Luisa, hole
+mir eine Kanne Kaffee aus der Küche und eine Tasse, ich habe Durst.“
+</p>
+
+<p>
+Als er das sagte, hielt er die Augen gesenkt. Jetzt aber sah er auf und
+blickte seine Frau kalt und gerade an. Er nahm den Revolver ein wenig
+höher und schwenkte ihn einmal auf und nieder.
+</p>
+
+<p>
+Donja Luisa fing den Blick auf, als sie aus der Hängematte hatte springen
+wollen. Sie sprang aber nicht, sondern sie begann ganz langsam aus der
+Hängematte wie von selbst herauszurutschen.
+</p>
+
+<p>
+Juvencio hob den Revolver mit genau der gleichen Ruhe und Selbstverständlichkeit,
+wie er ihn erhoben hatte, als er auf seine Tiere geschossen
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Donja Luisa wurde totenbleich, riß die Augen weit auf und sagte mit
+einem Schluck in ihrer Stimme: „Orito, Juvencio, sofort!“
+</p>
+
+<p>
+Als kaum eine Viertelminute später Donja Luisa den Kaffee vor ihm auf
+den Tisch stellte, nahm er das hin und saß da in der Haltung eines
+Mannes, der jeden Tag in seinem Restaurant seinen Kaffee hingesetzt
+bekommt von einer Kellnerin, die ihm ebenso gleichgültig ist wie der
+Preis der Druckerschwärze, mit der die Zeitung gedruckt wird, die er liest.
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+Er sagte kurz: „Gracias, danke!“, trank schluckweise den Kaffee und
+begann die Zeitung da weiter zu lesen, wo er aufgehört hatte, als er zum
+erstenmal Durst fühlte und den Papagei in die Küche schickte.
+</p>
+
+<p>
+„Belario“, rief er dann über den Hof, „sattle mir den Prieto, ich will
+zur Trapiche hinunterreiten, sehen was die Muchachos tun.“
+</p>
+
+<p>
+Als das Pferd gesattelt vor der Treppe stand, schob Don Juvencio den
+Revolver in den Gurt, richtete sich auf, ging zu dem Pferde und klopfte
+es auf den Hals.
+</p>
+
+<p>
+Donja Luisa hatte sich, nachdem sie den Kaffee gebracht hatte, nicht mehr
+in die Hängematte gelegt, sie hatte sich auch nicht einmal auf einen Stuhl
+gesetzt. Sie stand da wie in einem Zustand der Lähmung. Es schien,
+daß sie Stunden oder gar Tage brauche, um in sich klar zu werden, was
+geschehen war. Daß ihr Charakter sich in den wenigen Minuten so vollständig
+geändert hatte, daß sie das Bewußtsein ihres eigenen Selbst verlor
+und empfand, daß sie mit ihrem eigenen früheren Menschen keine Verwandtschaft
+mehr hatte, das ist ihr erst viele Monate später klar geworden.
+Jetzt jedenfalls stand sie nur da wie eine, die auf Befehle wartet und die
+auf dem Sprunge steht, die erhaltenen Befehle mit blitzgleicher Schnelligkeit
+auszuführen.
+</p>
+
+<p>
+Ehe sich Don Juvencio aufs Pferd setzte, drehte er sich noch einmal um.
+Er sah das in Blättern zerfallene Buch auf dem Boden liegen. Und er
+sagte, mit einem leichten Ton von Freundlichkeit: „Licha, heb das Buch
+da auf, ich nehme es übermorgen mit zur Stadt, zum Neueinbinden.“
+</p>
+
+<p>
+Während er davonritt, bückte sie sich nieder; und auf ihren Knien
+rutschend, suchte sie die Blätter zusammen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Den Kosenamen Licha für Luisa hatte er nicht mehr gebraucht seit
+jenem Abend, als ihm der Kopf aufgeschlagen wurde. Und dieser
+kritische Augenblick, der bewies, daß Don Juvencio von praktisch angewandter
+Psychologie mehr wußte als Donja Luisa je in ihren Colegios
+gelernt hatte, sie mit Licha anredete und den Befehl zum Aufsammeln
+der Blätter in einem Tonfall gab, der zwischen den Lauten ein „Bitte!“
+einschwingen ließ, war der Anlaß, daß in dem Charakter der jungen
+Frau noch eine andere entscheidende Wandlung vor sich ging. Und es
+war diese zweite Wandlung, die Donja Luisa plötzlich, wie mit einem
+Ruck unerwarteten Aufwachens, eine bestimmte Empfindung gab, die sie
+nie vorher gefühlt hatte. Sie bekam eine brennende Sehnsucht, daß Juvencio
+bald zurückkommen möchte, weil sie wünschte in seiner Nähe zu sein.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+Beim Abendessen sprachen sie nicht viel.
+</p>
+
+<p>
+Als sich Donja Luisa dann niedergelegt hatte, klopfte ein wenig später
+Don Juvencio an ihre Tür.
+</p>
+
+<p>
+„Adelante!“ sagte Donja Luisa aufgeregt.
+</p>
+
+<p>
+Don Juvencio kam herein. Er setzte sich auf den Rand des schönen
+weichen breiten Bettes und streichelte ihr Haar.
+</p>
+
+<p>
+Dann stand er wieder auf und fragte: „Licha, wer befiehlt in diesem
+Hause?“
+</p>
+
+<p>
+„Du, Vencho“, sagte Donja Luisa lachend und sich in die Kissen
+kuschelnd. „Du!“
+</p>
+
+<p>
+„Und wenn ich nicht daheim bin, du, Licha!“
+</p>
+
+<p>
+Dieser Tag schien für Donja Luisa nicht enden zu wollen mit neuen
+Erfahrungen. Denn zwei Stunden später war sie zu jener neuen Erfahrung
+– für sie neu – gelangt, daß, wenn auch oft in einem Hause
+oder in einer Ehe es nicht ganz zweifelfrei feststeht, wer kommandiert,
+dann aber doch in einem Bett, in dem ein Mann und eine Frau nebeneinander
+liegen, die Frage, wer kommandiert und wer zu gehorchen hat,
+nicht erörtert wird, weil sie nicht besteht, solange die Gesetze der Natur
+nicht durch höhere Verfügung abgeändert werden. Denn an diesem Ort
+kann ein zufriedenstellendes Resultat nur dann erreicht werden, wenn
+der Mann befiehlt und sich die Frau dem Befehle willig und erwartungsvoll
+unterwirft. Und man darf ganz sicher gehen, wenn in irgendeiner
+Ehe die Frau kommandiert, so ist es nur darum, weil dem Manne die
+Fähigkeit fehlt, im Bett mit so starker Stimme zu befehlen, daß der
+Frau nichts anderes übrigbleibt als zu gehorchen und zuzugeben, daß
+sie die Untergebene und Unterliegende ist.
+</p>
+
+<p>
+Trotz dieser, mit viel Freude und wohltuender Zufriedenheit reich gesättigten
+neuen Erfahrung, die sich Donja Luisa in jener Nacht erwarb,
+vermochte sie doch nicht so rasch einzuschlafen, als sie das wünschte.
+Denn sie wurde von einer Frage gequält, die sie erst beantwortet haben
+mußte, um Ruhe in ihrem Kopf zu finden. Und weil Frauen selten etwas
+auf sich beruhen lassen können, das an sich unwichtig für das Leben im
+allgemeinen ist, so entschloß sich endlich auch Donja Luisa, zu fragen,
+um in einer bestimmten Sache für dauernd von allem Zweifel erlöst
+zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Sie sagte: „Venchito, hättest du mich wirklich erschossen, wenn ich dir
+den Kaffee nicht gebracht hätte? Hättest du das wirklich mit deiner
+Licha, die dich so sehr liebt, tun können?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+Don Juvencio, weniger von derartigen Zweifeln belästigt, war schon
+dreiviertel Stück im Schlaf gewesen, als er mit dieser Frage wieder aufgescheucht
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Aber er vergaß dennoch nicht, daß er auch in Zukunft der Mann hier
+zu bleiben gedachte. Er sagte ruhig: „Ich hätte dich mit viel größerer
+Bestimmtheit und Sicherheit erschossen als mein Pferd, por Santa
+Purisima. Denn deinetwegen wäre ich nur zum Tode verurteilt und erschossen
+worden; aber ich werde lange und weit und breit suchen müssen,
+ehe ich ein zweites Pferd finde, wie das, mein bestes Pferd, gewesen ist,
+das ich erschießen mußte, um dir zu zeigen, wie sehr ich im Ernst war.
+Buenas noches, hasta manjana! Gute Nacht!“
+</p>
+
+<p>
+Jeder Mensch, der ein gutes Pferd schätzen und aufrichtig lieben kann,
+wie es ein Mexikaner tut, der wird ohne viel Worte verstehen, daß
+dies das innigste Liebesgeständnis war, das ein Mann einer Frau nur
+machen kann.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-18">
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+DER GROSS-INDUSTRIELLE
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> ein kleines indianisches Dorf im Staate Oaxaca kam ein
+Amerikaner, der das Land sehen wollte. Er kam zur Hütte eines Indianers,
+der sich seinen Lebensunterhalt dadurch verbesserte, daß er in der freien
+Zeit, die ihm von seiner Tätigkeit auf seinem Maisfeld blieb, kleine
+Körbchen flocht.
+</p>
+
+<p>
+Diese Körbchen wurden aus Bast geflochten, der in verschiedenen Farben,
+die der Indianer aus Pflanzen und Hölzern zog, gefärbt war. Der Mann
+verstand diese vielfarbigen Baststrähnen so künstlerisch zu verflechten,
+daß, wenn das Körbchen fertig war, es aussah, als wäre es mit Figuren,
+Ornamenten, Blumen und Tieren bedeckt. Daß diese Ornamente nicht
+auf das Körbchen etwa aufgemalt waren, sondern als Ganzes sehr geschickt
+hineingewebt waren, konnte auch einer, der nichts davon verstand,
+sofort erkennen, wenn er das Körbchen innen betrachtete. Denn innen
+kamen alle die Ornamente an der gleichen Stelle wie außen zur Ansicht.
+Die Körbchen mochten verwandt werden als Nähkörbchen oder als
+Schmuckkörbchen.
+</p>
+
+<p>
+Wenn der Indianer etwa zwanzig Stück dieser kleinen Kunstwerke geschaffen
+hatte, und er war in der Lage, sein Feld für einen Tag allein
+zu lassen, dann machte er sich frühmorgens um zwei Uhr auf den Weg
+zur Stadt Oaxaca, wo er die Körbchen auf dem Markte feilbot. Die
+Marktgebühr kostete ihn zehn Centavos.
+</p>
+
+<p>
+Obgleich er an jedem einzelnen Körbchen beinahe einen Tag arbeitete, so
+verlangte er für ein Körbchen nie mehr als fünfzig Centavos. Wenn der
+Käufer jedoch erklärte, das sei viel zu teuer, und er begann zu handeln,
+dann ging der Indianer auf fünfunddreißig, auf dreißig und selbst auf
+fünfundzwanzig Centavos herunter, ohne je zu wissen, daß dies das Los
+vieler, vielleicht der meisten Künstler ist.
+</p>
+
+<p>
+Es kam oft genug vor, daß der Indianer nicht alle seine Körbchen, die
+er auf den Markt gebracht hatte, verkaufen konnte; denn viele Mexikaner,
+die betonen zu müssen glauben, daß sie gebildet sind, kaufen bei
+weitem lieber einen Gegenstand, der in einer Massenindustrie von
+zwanzigtausend Stück täglich hergestellt wird, aber den Stempel Paris
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+oder Wien oder Dresdner Kunstwerkstatt trägt, als daß sie die Arbeit
+eines Indianers ihres eigenen Landes, der nicht zwei Stücke ganz genau
+gleich anfertigt, in ihrem Einzigkeitswert zu schätzen verstünden.
+</p>
+
+<p>
+So, wenn der Indianer seine Körbchen nicht alle verkaufen konnte, dann
+ging er mit dem Rest von Ladentür zu Ladentür hausieren, wo er, je
+nachdem, mit barscher, mit gleichgültiger, mit wegwerfender, mit gelangweilter
+Geste behandelt wurde, wie Hausierer, Buch- und Einrahmungsagenten
+behandelt zu werden pflegen.
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer nahm diese Behandlung hin wie alle Künstler, die den
+wirklichen Wert ihrer Arbeit allein zu schätzen wissen, derartige Behandlung
+hinnehmen. Er war nicht traurig, nicht verärgert und nicht
+mißgestimmt darüber.
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem Forthausieren des Restes wurden ihm oft nur zwanzig, ja
+sogar fünfzehn und zehn Centavos für das Körbchen geboten. Und wenn
+er es selbst für diese Nichtigkeit verkaufte, so sah er häufig genug, daß
+die Frau das Körbchen nahm, kaum richtig ansah, und dann, noch in
+seiner Gegenwart, das Körbchen auf den nächsten Tisch warf, als wollte
+sie damit sagen: „Das Geld ist ja völlig unnütz ausgegeben, aber ich will
+doch den armen Indianer etwas verdienen lassen, er hat ja einen so weiten
+Weg gehabt. Wo bist du denn her? – So, von Tlacotepec. Weißt du,
+kannst du mir nicht ein paar Truthühner bringen? Müssen aber sehr
+billig sein, sonst nehme ich sie nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Die Amerikaner sind ja nun mit solchen kleinen Wunderwerken nicht so
+verwöhnt wie die Mexikaner, die nicht wissen und nicht schätzen, was
+sie in ihrem Lande an Gütern haben. Und wenn nun auch der allgemeine
+Amerikaner den wirklichen Wert an unvergleichlicher Schönheit dieser
+Arbeiten nicht abzuschätzen versteht, so sieht er doch in den meisten
+Fällen sofort, daß hier eine Volkskunst vorliegt, die er würdigt und um
+so rascher erkennt und schätzt, als sie in seinem Lande völlig fehlt.
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer hockte vor seiner Hütte auf dem Erdboden und flocht die
+Körbchen.
+</p>
+
+<p>
+Sagte der Amerikaner: „Was kostet so ein Körbchen, Freund?“
+</p>
+
+<p>
+„Fünfzig Centavos, Senjor“, antwortete der Indianer.
+</p>
+
+<p>
+„Gut, ich kaufe eines, ich weiß schon, wem ich damit eine Freude machen
+kann.“ Er hatte erwartet, daß das Körbchen zwei Pesos kosten würde.
+</p>
+
+<p>
+Als ihm das klar zum Bewußtsein kam, dachte er sofort an Geschäfte.
+</p>
+
+<p>
+Er fragte: „Wenn ich Ihnen nun zehn dieser Körbchen abkaufe, was
+kostet dann das Stück?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+Der Indianer dachte eine Weile und sagte: „Dann kostet das Stück fünfundvierzig
+Centavos.“
+</p>
+
+<p>
+„All right, muy bien, und wenn ich hundert kaufe, wieviel kostet dann
+das Stück?“
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer rechnete wieder eine Weile: „Dann kostet das Stück
+vierzig Centavos.“
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner kaufte vierzehn Körbchen. Das war alles, was der
+Indianer auf Vorrat hatte.
+</p>
+
+<p>
+Als der Amerikaner nun glaubte, Mexiko gesehen zu haben und gut zu
+kennen, reiste er zurück nach New York. Und als er wieder mitten drin
+war in seinen Geschäften, dachte er an die Körbchen.
+</p>
+
+<p>
+Er ging zu einem Großschokoladenhändler und sagte zu ihm: „Ich kann
+Ihnen hier ein Körbchen anbieten, das sich als sehr originelle Geschenkpackung
+für feine Schokoladen verwenden läßt.“
+</p>
+
+<p>
+Der Schokoladenhändler besah sich das Körbchen mit großer Sachkenntnis.
+Er rief seinen Teilhaber herbei und endlich auch noch seinen
+Manager. Sie besprachen sich, und dann sagte der Händler: „Ich werde
+Ihnen morgen den Preis sagen, den ich zu zahlen gewillt bin. Oder
+wieviel verlangen Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich mich nur nach Ihrem Angebot
+richten kann, ob Sie die Körbchen erhalten. Ich verkaufe diese Körbchen
+nur an das Haus, das am meisten dafür bietet.“
+</p>
+
+<p>
+Nächsten Tag kam der Mexikokenner wieder zu jenem Händler.
+</p>
+
+<p>
+Sagte der Händler: „Ich kann für das Körbchen vier, vielleicht gar fünf
+Dollar bekommen. Es ist die originellste und schönste Packung, die wir
+dem Markte anbieten können. Ich zahle zwei und einen halben Dollar
+das Stück, Hafen New York, Zoll und Fracht auf meine Lasten, Verpackung
+zu Ihren Lasten.“
+</p>
+
+<p>
+Der Mexikoreisende rechnete nach. Der Indianer hatte ihm bei einer
+Abnahme von hundert das Stück für vierzig Centavos angeboten, das
+waren zwanzig Cents. Er verkaufte das Stück für zwei und einen halben
+Dollar. Dadurch verdiente er am Stück zwei Dollar dreißig Cent oder
+ungefähr zwölfhundert Prozent.
+</p>
+
+<p>
+„Ich denke, ich kann es für diesen Preis tun“, sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Worauf der Händler antwortete:
+</p>
+
+<p>
+„Aber unter einer wichtigen Bedingung. Sie müssen mir fünftausend
+Stück dieser Körbchen liefern können. Weniger hat für mich gar keinen
+Wert, weil sich sonst die Reklame nicht bezahlt, die ich für diese
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+Neuheit machen muß. Und ohne Reklame kann ich den Preis nicht
+herausholen.“
+</p>
+
+<p>
+„Abgeschlossen“, sagte der Mexikokenner. Er hatte rund etwa zwölftausend
+Dollar verdient, von welchem Betrage nur die Reise abging
+und der Transport bis zur nächsten Bahnstation.
+</p>
+
+<p>
+Er reiste sofort zurück nach Mexiko und suchte den Indianer auf.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe ein großes Geschäft für Sie“, sagte der Amerikaner. „Können
+Sie fünftausend dieser Körbchen anfertigen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das kann ich gut. Soviel wie Sie haben wollen. Es dauert eine Zeit.
+Der Bast muß vorsichtig behandelt werden, das kostet Zeit. Aber ich
+kann so viele Körbchen machen, wie Sie wollen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner hatte erwartet, daß der Indianer, als er von dem großen
+Geschäft hörte, halbtoll werden würde, etwa wie ein amerikanischer
+Automobilhändler, der auf einen Schlag fünfzig Dodge Brothers verkauft
+hat. Aber der Indianer regte sich nicht auf. Er stand nicht einmal
+hoch von seiner Arbeit. Er flocht ruhig weiter an seinem Körbchen, das
+er gerade in den Händen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Es waren vielleicht noch fünfhundert Dollar extra zu verdienen, womit
+die Reisekosten hätten gedeckt werden können, dachte der Amerikaner;
+denn bei einem so großen Auftrag konnte der Preis für das einzelne
+Körbchen sicher noch ein wenig herabgedrückt werden.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben mir gesagt, daß Sie mir die Körbchen das Stück für vierzig
+Centavos verkaufen können, wenn ich hundert Stück bestelle“, sagte der
+Amerikaner nun.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das habe ich gesagt“, bestätigte der Indianer. „Was ich gesagt habe,
+dabei bleibt es.“
+</p>
+
+<p>
+„Gut dann“, redete der Amerikaner weiter, „aber Sie haben mir nicht
+gesagt, wieviel ein Körbchen kostet, wenn ich tausend Stück bestelle.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben mich nicht darum befragt, Senjor.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist richtig. Aber ich möchte Sie jetzt um den Preis für das Stück
+fragen, wenn ich tausend Stück bestelle und wenn ich fünftausend Stück
+bestelle.“
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer unterbrach jetzt seine Arbeit, um nachrechnen zu können.
+Nach einer Weile sagte er: „Das ist zu viel, das kann ich so schnell nicht
+ausrechnen. Das muß ich mir erst gut überlegen. Ich werde darüber
+schlafen und es Ihnen morgen sagen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner kam am nächsten Morgen zum Indianer, um über den
+neuen Preis zu hören.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+Er fragte: „Haben Sie den Preis für tausend und für fünftausend Stück
+ausgerechnet?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das habe ich, Senjor. Und ich habe mir viel Mühe und Sorge gemacht,
+das gut und genau auszurechnen, um nicht zu betrügen. Der
+Preis ist ganz genau ausgerechnet. Also wenn ich tausend Stück machen
+soll, dann kostet das Stück zwei Pesos, und wenn ich fünftausend Stück
+machen soll, dann kostet das Stück vier Pesos.“
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner war sicher, nicht richtig verstanden zu haben. Vielleicht
+war sein schlechtes Spanisch daran schuld.
+</p>
+
+<p>
+Um den Irrtum richtigzustellen, fragte er: „Zwei Pesos für das Stück
+bei tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend? Aber Sie haben
+mir doch gesagt, daß bei hundert das Stück vierzig Centavos kostet.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist auch die Wahrheit. Ich verkaufe Ihnen hundert das Stück für
+vierzig Centavos.“ Der Indianer blieb sehr ruhig, denn er hatte sich alles
+ausgerechnet, und es lag kein Grund vor, zu streiten. „Senjor, Sie müssen
+das doch selbst einsehen, daß ich bei tausend Stück viel mehr Arbeit
+habe als mit hundert, und mit fünftausend habe ich noch viel mehr Arbeit
+als mit tausend. Das ist gewiß jedem vernünftigen Menschen klar. Ich
+brauche für tausend viel mehr Bast, habe viel länger nach den Farben zu
+suchen und sie auszukochen. Der Bast liegt nicht gleich so fertig da.
+Der muß gut und sorgfältig getrocknet werden. Und wenn ich so viele
+tausend Körbchen machen soll, was wird denn dann aus meinem Maisfeld
+und aus meinem Vieh? Und dann müssen mir meine Söhne, meine
+Brüder und meine Neffen und Onkel helfen beim Flechten. Was wird
+denn da aus deren Maisfeldern und aus deren Vieh? Das wird dann
+alles sehr teuer. Ich habe gewiß gedacht, Ihnen sehr gefällig zu sein und
+so billig wie möglich. Aber das ist mein letztes Wort, Senjor, verdad,
+ultima palabra, zwei Pesos das Stück bei tausend und vier Pesos das
+Stück bei fünftausend.“
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner redete und handelte mit dem Indianer den halben Tag,
+um ihm klarzumachen, daß hier Rechenfehler vorliegen. Er gebrauchte
+ein neues Notizbuch voll von Blättern, um an Ziffern zu beweisen, wie
+der Indianer für sich ein Vermögen verdienen könne, bei einem Preis
+von vierzig Centavos für das Stück, und wie man Unkosten und Materialkosten
+und Löhne verrechnet.
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer sah sich die Ziffern verständnisvoll an, und er bewunderte
+die Schnelligkeit, mit der der Amerikaner die Ziffern niederschreiben
+und aufsummieren, zerdividieren und durchmultiplizieren konnte. Aber
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+im Grunde machte es wenig Eindruck auf ihn, weil er Ziffern und
+Buchstaben nicht zu lesen vermochte und aus der klugen, volkswirtschaftlich
+sehr bedeutenden Vorlesung des Amerikaners keinen anderen Nutzen
+zog als den, daß er lernte, daß ein Amerikaner stundenlang reden kann,
+ohne etwas zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+Als der Amerikaner dann endlich erkannte, daß er den Indianer von
+seinen Rechenfehlern überzeugt hatte, klopfte er ihm auf die Schulter
+und fragte: „Also, mein guter Freund, wie steht nun der Preis?“
+</p>
+
+<p>
+„Zwei Pesos das Stück für tausend, und vier Pesos das Stück für fünftausend.“
+Der Indianer hockte sich nieder und fügte hinzu: „Ich muß
+jetzt aber doch wieder an meine Arbeit gehen, entschuldigen Sie mich,
+Senjor.“
+</p>
+
+<p>
+Der Amerikaner reiste in Wut zurück nach New York, und alles, was
+er zu dem Schokoladenhändler sagen konnte, um seinen Vertrag lösen
+zu können, war: „Mit den Mexikanern kann man kein Geschäft machen,
+für diese Leute ist keine Hoffnung.“
+</p>
+
+<p>
+So wurde New York davor bewahrt, von Tausenden dieser köstlichen
+kleinen Kunstwerke überschwemmt zu werden. Und so wurde es möglich,
+zu verhüten, daß diese Ausdrücke der Seele eines mexikanischen Indianers
+in den Kehrichttonnen von Fifth Avenue gefunden wurden, weil
+sie keinen Wert mehr hatten, nachdem die Schokoladen herausgeknabbert
+waren.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe sowohl den Amerikaner getroffen als auch den Indianer. Der
+Amerikaner ließ mich nicht zu Worte kommen, um zu hören, was ich
+darüber dachte; er hatte zuviel zu erzählen, um mir klarzumachen, daß
+Mexiko ein hoffnungsloses Land ist.
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer dahingegen ließ mir Zeit, ihn zu fragen: „Warum haben
+Sie denn das Geschäft nicht getan, es war gewiß gut daran zu verdienen?“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Sagte der Indianer: „Da war gut daran zu verdienen; und ich hätte mir
+die Jerseykuh kaufen können, die ich im Sinne habe. Aber sehen Sie,
+Senjor, tausend Körbchen kann ich nicht so schön machen wie zwanzig.
+Die hätten alle ausgesehen eines wie das andere. Das hätte mir nicht gefallen.
+Aber ich konnte dem Senjor ja nicht sagen, daß ich so viele
+Körbchen nicht machen wolle. Er hätte geglaubt, ich wolle ihn beleidigen,
+und ich wollte ihn gewiß nicht beleidigen. Und darum habe
+ich gesagt zwei Pesos und vier Pesos, weil ich wußte, daß er für diesen
+Preis nicht so viele bestellen wird. Ich habe auch genug Arbeit zu tun
+und wünsche gar nicht, noch mehr zu haben.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-19">
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+DIE MEDIZIN
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">s</span> war in einem Indianerdorfe. In seinem Bezirke hatte
+ich eine kleine Farm gepachtet, auf der ich Baumwolle pflanzte. Das
+Haus auf jener Farm war bei der letzten Revolution eingeäschert worden.
+Ich wohnte deshalb in einer schlichten Hütte im Dorf. Da ich in der
+ganzen weiten Gegend der einzige Weiße war, so kannten mich alle
+Indianer auf dreißig Meilen im Umkreise.
+</p>
+
+<p>
+Die Indianer dort können weder lesen noch schreiben, und alles, was
+über zwanzig ist – alle Finger und alle Zehen – das ist „Mil“ oder
+Tausend. Aber was Tausend ist, wieviel es ist und wie es sich in die Welt
+der Begriffe einordnet, dafür fehlt dem Indianer jedes Verständnis.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch ich konnte eine Zeitung lesen, hatte ein paar alte Schmöker,
+einige amerikanische Zeitschriften mit Bildern und Ansichten aus einer
+andern Welt, ich konnte Briefe schreiben und lesen, und ich bekam sogar
+Briefe aus einem Lande, das sicher auf der andern Seite des Mondes
+liegen mußte, weil nie jemand von einem solchen Lande je gehört hatte.
+</p>
+
+<p>
+Kein Wunder, daß ich als ein gelehrter Mann angesehen wurde, dem
+kein Geheimnis der Welt verborgen ist. Manchmal hat das seine guten
+Seiten. Ebenso häufig aber hat es auch seine Nachteile, die keineswegs
+angenehm sind.
+</p>
+
+<p>
+Ich kam eines Nachmittags auf meinem treuen Esel, die gute Bala war
+es, heimgeritten, als ich vor dem Stacheldrahtzaun, der den Platz um
+meine Hütte einfriedigte, einen Indianer hocken sah.
+</p>
+
+<p>
+Ich kannte ihn nicht, weil er aus einem andern Dorfe war.
+</p>
+
+<p>
+Wie die Mehrzahl der Indianer war er bitterarm und völlig zerlumpt.
+</p>
+
+<p>
+Er begrüßte mich sehr höflich und wartete, bis ich abgestiegen war. Dann
+begann er sofort zu erzählen. In einem wirren Durcheinander redete er
+auf mich ein. Je weiter er in seiner Geschichte kam, je mehr ging sie ihm
+selbst zu Herzen, bis er endlich zu weinen anfing und seine Erzählung
+vor lauter Schluchzen abgebrochen werden mußte.
+</p>
+
+<p>
+Im Verlaufe seiner Rede hatte er das, was er mir sagen wollte, etwa
+zwanzigmal wiederholt. Immer mit den gleichen Worten, die ihm zur
+Verfügung standen, und immer in den gleichen einfachen Sätzen. Lediglich
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+seine innere Bewegung änderte sich. Er begann gleichgültig, als ob es
+die Geschichte eines andern wäre, und er endete mit einem schreienden
+Weinkrampf.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist so, Senjor, verdad, wahrhaftig. Ich komme in mein Haus. Ich
+habe Holz gefällt. Im Busch. Ich komme in mein Haus. In meinen
+Jacalito. Ich habe Hunger. Keine Tortillas stehen da und keine Frijoles.
+Ich rufe mein Weib. Meine Mujer. Keine Antwort. Sie ist nicht in meinem
+Hause. Ihr Sack mit ihrem Kleide und den Strümpfen und den Schuhen
+hängt nicht am Sprossen. Die Decke ist auch fort. Meine Mujer ist mir
+fortgelaufen. Kommt nicht wieder. Ich habe keine Tortillas, und ich
+habe keine Frijoles. Und ich habe Hunger. Sie ist fort. Mit dem Sohn
+einer Hure. Mit einem stinkenden Coyote, dessen verfluchte Mutter eine
+Hure ist. Die Rattenpest und die Blattern auf den verfluchten Hurensohn
+der Hölle!“
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich dieselbe Geschichte nun wohl zwanzigmal mit angehört
+hatte, sagte ich: „Oiga, Hombre, hören Sie, lieber Mann, bei mir ist Ihre
+Mujer nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Das weiß ich“, sagte er, „so ein kluger Mann wie Sie, Senjor, würde
+diese dreckige alte Hexe nicht ins Bett nehmen.“
+</p>
+
+<p>
+Nun begann er genau dieselbe Geschichte von neuem zu erzählen. Aber
+da es anfing, langweilig zu werden, immer dasselbe zu hören, und tiefere
+Ausbrüche seiner inneren Erregung nicht zu erwarten waren, sagte ich:
+„Warum erzählen Sie mir das alles? Gehen Sie zum Alkalden, dem
+Ortsschulzen, und lassen Sie Ihre Frau einfangen.“
+</p>
+
+<p>
+„Der Alkalde ist ein Dummkopf. Aber Sie wissen alles, Senjor. Sie
+wissen auch, wo meine Mujer ist. Das sollen Sie mir jetzt sagen. Sie muß
+mir Tortillas machen und Frijoles kochen. Ich habe Hunger.“
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie zu, lieber Nachbar. Ich habe Ihre Frau nicht fortgehen sehen.
+Und wenn ich nicht habe sehen können, in welche Richtung sie ging, so
+kann ich auch nicht wissen, wo sie jetzt ist.“
+</p>
+
+<p>
+Er sah mich erstaunt an. Sein Glaube an die Unfehlbarkeit und an die
+Vollkommenheit der weißen Rasse erlitt die erste Erschütterung. Zugleich
+aber kam die Erinnerung an etwas anderes, das mit der weißen
+Rasse innig verknüpft ist.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin nicht reich, Senjor“, sagte er. „Ich kann Ihnen nicht viel bezahlen.
+Ich habe nur zwei Pesos und fünfzig Centavos. Das ist mein
+ganzes Vermögen. Und das gebe ich Ihnen für Ihre Arbeit.“
+</p>
+
+<p>
+„Ihr Geld will ich nicht haben. Aber wenn Sie mir auch ‚Mil‘ Goldpesos
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+geben würden, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich weiß nicht, wo Ihre
+Esposa ist.“
+</p>
+
+<p>
+Wieder sah er mich mißtrauisch an, ob es die geringe Summe sei, die er
+besitze, oder ob es wirklich wahr sei, daß ich, der weiße Medizinmann,
+nicht wisse, wo seine entlaufene Frau in diesem Augenblick sich aufhalte.
+Voller Zweifel ging er fort, nachdem ich ihm gesagt hatte, daß ich mir
+Kaffee kochen wolle, und zu diesem Zweck dann in meine Hütte ging.
+</p>
+
+<p>
+Er lief nun in die Hütten der Dorfbewohner, wo er offenbar seine Geschichte
+auftischte und gleichzeitig berichtete, daß der weiße Medizinmann
+ein armer Tropf sei, der weniger wisse als ein Indianer. Die Dorfbewohner
+fühlten sich dadurch persönlich beleidigt; denn ich war der
+Stolz und der Ruhm des Dorfes. Was in den Hütten alles über mich
+geprahlt wurde und was dem Manne alles angeraten wurde, was er tun
+solle, um meine geheimen Kräfte zu seinen Gunsten wirken zu machen,
+weiß ich nicht. Aber ich könnte es wortgetreu berichten, und es würde
+aufs Wort stimmen.
+</p>
+
+<p>
+Jedenfalls kam der Mann vor Sonnenuntergang wieder, blieb am Zaun
+geduldig stehen, bis ich gelegentlich aus der Hütte trat, um dem Esel
+Mais zu geben.
+</p>
+
+<p>
+Sofort rief mich der Indianer an: „Un momento, Senjor, por favor!“
+</p>
+
+<p>
+Ich kam zum Zaun. Ich sah, daß der Mann jetzt ein Machete, ein langes,
+schwertartiges, scharfes Buschmesser in der Hand trug.
+</p>
+
+<p>
+„Sie wissen nicht, wo meine Mujer ist?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+„Nein.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber Sie können sie finden. Ich kann Ihnen keine ‚Mil‘ Goldpesos geben.
+Die habe ich nicht. Aber wenn Sie mir nicht sagen, wo meine Mujer ist,
+schlage ich Ihnen den Kopf ab.“
+</p>
+
+<p>
+Er hob die furchtbare Waffe hoch.
+</p>
+
+<p>
+Nun saß ich fest. Die Drohung mit dem Kopfabschlagen ist ernst. Was
+schiert sich der Indianer darum, wenn er mich umbringt! Er verkriecht
+sich in den Dschungel. Wird er gefangen und ohne Gerichtsverhandlung
+von den Soldaten erschossen, so nimmt er das mit Gleichmut hin. Dann
+hat er eben Pech gehabt. Augenblicklich ist er verzweifelt und macht sich
+keine Gedanken über die Folgen.
+</p>
+
+<p>
+Ich versuche dieselbe Ausrede wie vorher: „Ich habe nicht gesehen, in
+welche Richtung Ihre Frau gegangen ist.“
+</p>
+
+<p>
+Auf diese meine Entschuldigung hat er inzwischen von den andern Eingeborenen
+eine gute Antwort gelernt: „Wenn ich die Richtung gesehen
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+hätte, finde ich meine Mujer allein. Da brauche ich keinen Medizinmann.
+Die Männer haben mir alle gesagt, Sie sind ein Weitseher. Sie haben zwei
+zusammengenähte Rohre. Wenn Sie da hindurchsehen, dann können
+Sie da weit hinten auf dem Berge einen Mann gehen sehen. Sie haben
+gesagt, daß auf den Sternen am Himmel Leute leben. Sie können das
+sehen mit Ihren Rohren. Sie sehen oft in der Nacht mit den Rohren zu
+den Sternen und sehen sich die Leute an. Sie haben auch gesagt, daß die
+weißen Männer mit Rohren alles sehen können, was inwendig von einem
+Menschen ist, ohne ihn aufzuschneiden. Sie haben auch gesagt, daß die
+weißen Männer mit Leuten sprechen können, die ‚Mil‘ Kilometros weit
+fort sind. Ich will jetzt, daß Sie mit meiner Mujer sprechen und ihr sagen,
+daß ich keine Tortillas habe und keine Frijoles, und daß sie sofort in
+mein Haus kommen soll mit dem Luftwagen, den die weißen Männer
+haben.“
+</p>
+
+<p>
+Er schwang sein Machete deutlich genug, um zu zeigen, daß er wisse, wie
+er seinen Willen durchzusetzen habe.
+</p>
+
+<p>
+Ich kann hier nicht breit klarlegen, warum ich gegen eine solche ernsthafte
+Drohung machtlos war. Erschießen konnte ich ihn nicht. Dann
+wären mir alle Indianer und auch die Soldaten auf den Hals gekommen.
+Was soll man vor Gericht sagen? Wie soll man es beweisen, daß man in
+Notwehr war? Fliehen? Wohin? Der Indianer kennt die Wege besser als
+ich. Ich konnte mich also nur durch Medizin retten.
+</p>
+
+<p>
+Ich holte mein bescheidenes Feldglas und guckte lange nach allen Richtungen.
+Endlich tat ich einen Aufschrei: „Ich sehe sie. Ich sehe sie. Der
+Hurensohn hat einen schwarzen Bart und schlägt sie. Sie schreit: Mein
+Mann, mein lieber Mann, hilf mir, hole mich!“
+</p>
+
+<p>
+In höchster Aufregung hatte der Indianer meine Handlungen verfolgt.
+Nun rief er: „Caramba, das habe ich mir doch gleich gedacht, daß es der
+Hundesohn Gonzales sein muß. Der hat einen schwarzen Bart. Nun will
+ich aber laufen und sie holen. Dem werde ich aber ganz gewiß tüchtig eins
+über den Kopf geben. Wo ist sie? Fragen Sie sie gleich, Senjor.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie ist ‚Mil‘ Kilometros weit. Der Mann mit dem schwarzen Bart hat sie
+mit einem Luftwagen fortgeschleppt. Sie ist jetzt in dem Dorfe Chicolco.
+Das liegt bei Iguala in Guerrero. ‚Mil‘ Kilometros weit.“
+</p>
+
+<p>
+„Da will ich aber gleich gehen und sie holen“, sagte er nun aufgeregt.
+</p>
+
+<p>
+„Gehen Sie sofort. Es sind ‚Mil‘ Tage zu laufen. Halten Sie sich auf dem
+Wege nicht auf, sonst schleppt der Indio mit dem schwarzen Barte sie
+noch viel weiter.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
+„Ich gehe noch jetzt“, sagte er, im heftigsten Reisefieber zitternd. „Und
+vielen, vielen Dank, mil gracias, Senjor. Sie sind ein Weiser, verdad,
+wahrhaftig. Sie haben sie so schnell gefunden. Aber die zwei Pesos und
+fünfzig Centavos kann ich Ihnen jetzt nicht geben. Die brauche ich für
+die Reise. Adios, Senjor, leben Sie wohl!“
+</p>
+
+<p>
+Und fort ging er, ohne mir die Medizin zu bezahlen. Ich brauche nicht
+sehr besorgt zu sein, daß er mir so rasch wieder auf den Hals rückt. Es
+sind sechshundert Meilen, die er zu machen hat. Und da ihm das Reisegeld
+fehlt, muß er zu Fuß gehen.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Medizin, die ich ihm gab, ist wirklich gut. Er ist ein starker und
+gesunder Bursche. Er wird keine fünfzig Meilen gehen und dann irgendeine
+Arbeit finden. Oder er stiehlt einem Farmer eine Kuh. Inzwischen
+hat er Tortillas gegessen und Frijoles. Und wenn er Arbeit hat, hängt
+ihm am nächsten Tage eine neue Mujer ihren Sack mit dem Sonntagskleide,
+den Strümpfen und den Schuhen in seine Hütte.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-20">
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+DER BANDITEN-DOKTOR
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">ines</span> Nachts wurde an die dünne Bretterwand des Bungalows
+geklopft, in dem ich wohnte. Eine Uhr besaß ich nicht, aber nach der
+Stellung des Mondes schätzte ich, daß es kurz nach zwölf Uhr sein
+müsse. Es war in einem indianischen Dorfe, und der Ort stand im ganzen
+Distrikt in dem Rufe, ein Nest von Banditen zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Lande in Mexiko ist man nirgends sicherer, als wenn man mitten
+drin zwischen Banditen wohnt, weder Indianer noch Mestizo ist und sich
+um nichts kümmert, was die Leute um einen herum tun und auf welche
+Weise sie ihr Leben fristen. Und außerdem habe ich erfahren, daß man
+in solcher Umgebung friedlich und zufrieden lebt, wenn jedem Bewohner
+des Dorfes bekannt ist, daß man nur ein paar durchlöcherte
+Stiefel, einige abgetragene Hemden und eine Hose besitzt, die nicht
+einmal mehr gut genug dazu ist, eine andere Hose damit auszuflicken.
+Man darf auch ruhig noch obendrein einige Pesos haben, einige Bücher
+und eine klickernde und aus allen Nähten fallende Schreibmaschine mit
+amerikanischen Typen.
+</p>
+
+<p>
+Die Leute, die in jenem Dorfe wohnten, Banditen oder Nichtbanditen,
+ließen mich nicht verhungern. Als ich mit meiner Baumwollfarm elend
+zusammengesunken war, weil mir meine schöne Baumwolle der Boll-Weevil
+geholt hatte, der neun Monate Arbeit und Hoffnung in weniger
+als vierundzwanzig Stunden vernichtet hatte, stand ich da, zerknittert
+und zerknüllt ins Blaue blickend. Aber kaum hatte ich für mich die
+Fragen aufgeworfen: „Was werden wir essen?“, „Was werden wir
+trinken?“, „Wohin werden wir uns nun wenden?“, da erschienen in
+meinem Bungalow zwei Männer des Dorfes mit dem Wunsche, daß sie
+Englisch gelehrt haben möchten. Und sie wollten wissen, wieviel ich
+dafür berechne. Ich sagte, zwanzig Centavos für jeden und für jede
+Stunde. Sie zahlten mir jeder zehn Stunden im voraus, und so konnte ich
+Saat für Mais kaufen, um in dem Baumwollfelde, das zugrunde gerichtet
+war, Mais anzupflanzen, für den die Zeit günstig war, weil die erste
+Periode der Regenzeit dicht bevorstand.
+</p>
+
+<p>
+Durch jene zwei Schüler bekam ich in kurzer Zeit zehn weitere Schüler;
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+denn aus irgendeinem Grunde, mir damals nicht klar, wollten alle
+Männer des Ortes mit einem Male Englisch lernen. Die Männer kamen
+beinahe regelmäßig, aber sie bezahlten ihre Stunden durchaus regelmäßig.
+Und wir alle waren miteinander höchst zufrieden. Also was
+werde ich mich darum bekümmern, ob Banditen oder Nichtbanditen! Sie
+ließen mich leben und ich sie.
+</p>
+
+<p>
+Wird auf dem Lande in Mexiko des Nachts an die Tür geklopft, so
+gebieten einem Erfahrung und gute Lehren, sich ruhig zu verhalten,
+nicht zu antworten und soviel wie möglich zu versuchen, den Atem
+zu unterdrücken. Es kommt vor, daß man nach dem Anklopfen die
+Tür öffnet, um nachzusehen, wer es ist, und ob es vielleicht der Telegraphenbote
+sein könnte, der einem hundert Dollar bringen möchte.
+Sobald man die Tür öffnet, kracht dann ein Schuß oder es krachen ein
+halbes Dutzend, und man zieht sich wieder zurück, entweder allein oder
+von einem halben Dutzend Männer gefolgt, entweder gesund und unbeschädigt
+oder mit einigen Bleikernen beschwert.
+</p>
+
+<p>
+Tapferkeit mag ja vielleicht eine große Tugend sein, auf dem Schlachtfelde,
+wo die befleckten Ehrenschilder der Nationen wieder reinpoliert
+werden sollen; aber Tapferkeit an gewissen Orten und zu gewissen
+Zeiten und in Mexiko ist meist ein Zeichen von unheilbarer und angeborener
+Dummheit. Es ist hier niemand verpflichtet, Jongleur zu sein
+und herumflitzende Revolverkugeln mit den Zähnen aufzufangen. Dafür
+ist ja der Zirkus da.
+</p>
+
+<p>
+Und da es nun schon mehrere Jahre her war, daß ich mit Wanderzirkussen
+herumgezogen war, so hatte ich die Gelenkigkeit verloren, und ich hielt
+mich, als ich das Anklopfen hörte, so still wie eine vergrabene Geldtruhe.
+Es klopfte wieder und diesmal stärker und nachhaltiger. Ob ich nun zu
+zittern begann und mir der kalte Schweiß ausbrach, weiß ich jetzt nicht
+mehr; aber ich glaube, daß es nicht geschah. Denn wenn es schon so weit
+ist, daß nachts heftig an die Tür geklopft wird und das Klopfen sich
+verstärkt, nützt es gar nichts mehr, vor Angst zu schwitzen; denn dann
+ist das, was geschehen wird, auf alle Fälle schon entschieden, ganz gleich,
+was es ist. Man kann sich dann also ruhig Schweiß, Angst und Hoffnungsbrühe
+sparen und diese Dinger für die Würmer aufbewahren,
+damit man nicht nachträglich von denen noch beleidigt wird, daß man
+ihnen nicht genug Fett und Muskelfleisch hinterlassen hat.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem nun abermals heftig geklopft worden war, hörte ich halblaut
+draußen reden. Es waren, wie ich aus den verschiedenen Stimmen hören
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+konnte, wenigstens drei Männer. Die Stimmen hatten einen kräftigen
+und mitleidlosen Tonfall. Die Männer wußten, was sie wollten.
+</p>
+
+<p>
+Dann hörte ich, wie die Männer zur Tür schuffelten. Ich hörte die
+schweren Tritte auf der sandigen Erde. Zwei schienen Halbstiefel anzuhaben
+und einer Sandalen. Auf alle Fälle wurde mein Leben um die
+Zahl der Schritte verlängert, die bis zur Tür waren. Ich überlegte, ob ich
+fliehen könnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Bungalow hatte, wie alle solche Holzhäuser in Mexiko und im
+Süden der Staaten, an jeder Seite eine Tür. Aber die Türen hatte ich mit
+Vorlegebalken verrammelt. Das Abwuchten des Balkens konnte nicht
+ohne Geräusch getan werden, und beim leisesten Geräusch wären die
+Männer an der Tür gewesen, wo ich ausbrechen wollte. Ich dachte
+natürlich auch sofort an Medizin, durch die ich mich vielleicht retten
+könnte. Aber in diesem kurzen Augenblicke – ich war aus tiefem
+Schlaf geklopft worden – fiel mir keine Medizin ein, die brauchbar hätte
+sein mögen. Ich mußte wohl auch erst einmal zusehen, wie die Männer,
+denen ich eine mich heilende Medizin zu verabreichen gedachte, aussahen
+und was sie wollten. Einen Revolver oder eine sonstige schießende
+Spritze hatte ich auch nicht. Hilft auch nicht viel, wenn man so etwas
+hat. Es kann glücken, daß man alle drei erschießt. Das ist das geringste.
+Viel wichtiger und viel schwieriger ist, aus dem Dorfe fortzukommen,
+nachdem man drei seiner Bürger erschossen hat, aus einem Dorfe heil
+fortzukommen, von dem man weiß, daß es eine Burg voll von Banditen
+ist. Ich habe überhaupt oft gefunden, daß es eine der größten Sicherheiten
+ist, wenn man keinen Revolver hat. Dann hat man keine Verpflichtung,
+tapfer zu sein. Tapferkeit wird immer und überall schlecht belohnt. Es
+sind immer die Leisegänger, die den Krieg überleben; die wahrhaft
+Tapferen bleiben draußen für den Ruhm derer, die unter Triumphbogen
+heimmarschieren.
+</p>
+
+<p>
+Die Männer waren nun zur Tür gekommen. Der Bungalow war auf
+Pfosten gebaut, der schweren tropischen Regengüsse wegen. Infolgedessen
+führten hier einige Stufen hinauf zur Tür.
+</p>
+
+<p>
+Ich hörte die Leute die Stufen hinauftrampeln. Da die Treppe nicht sehr
+breit war, schien nur einer an der Tür zu sein, während die beiden
+andern auf den unteren Stufen standen.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann an der Tür klopfte nun heftiger an, und er gebrauchte wohl,
+nach dem harten Ton zu schätzen, den Knauf seines Revolvers oder
+seines Gewehrs.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+Als das Klopfen nichts fruchtete, begann er zu rufen: „Oiga, Hombre,
+machen Sie auf, stehen Sie auf. Wir wollen mit Ihnen reden.“
+</p>
+
+<p>
+Das gab mir nun den Beweis, daß sie genau wußten, daß ich im Hause
+sei, denn andernfalls würden sie nicht rufen.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren hartnäckig sowohl mit dem Klopfen als auch mit dem Rufen.
+Aber ich rührte mich nicht, mit keiner Wimper.
+</p>
+
+<p>
+Nun redeten sie wieder untereinander. Dann hörte ich, wie sie die Stufen
+hinabpolterten und über den Sand dahinschlurften. Ich glaubte, daß sie
+endlich eingesehen hätten, ich sei nicht zu Hause. Aber ich hatte mich
+verrechnet, wie es immer geht, wenn man etwas glaubt.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen einige Schritte weiter und blieben dann stehen, genau an der
+Wand, die meinem Brettergestell, auf dem ich schlief, am nächsten war.
+Und nun begannen sie hier gegen diese Wand mit aller Kraft zu klopfen
+und zu rufen. Jetzt wußte ich aber auch, daß unter den Männern einer
+sein mußte, der mein Haus genau kannte; denn sonst wäre es für jene
+Leute nicht möglich gewesen, zu wissen, in welchem Teil des Bungalows
+ich schlief.
+</p>
+
+<p>
+Es blieb mir nun nichts weiter übrig, als zuzugeben, daß ich im Hause
+sei. Und ich machte mich auf, dem Tode gefaßt und ohne mit einem
+Härchen zu wackeln, in das kalte Auge zu sehen. Ruhmvoll war ein
+solcher Tod nicht, denn niemand würde Notiz davon nehmen, wie kaltlächelnd
+und höhnisch ich den Tod hinnahm; denn erstens war es finster,
+und zweitens war weder ein Zeitungsreporter noch ein Geschichtsschreiber
+zugegen, der der Nachwelt hätte verkünden können, wie edel
+meine Haltung in der letzten Stunde meines Lebens war. Banditen
+scheren sich nicht viel darum, ob man eine edle Haltung einnimmt, oder
+ob man vor kalter Angst mit den Kinnbacken bibbelt. Auch Henker
+kümmern sich nicht darum. Es ist Geschäft, nüchtern und sachlich wie
+jedes Geschäft, und darum uninteressiert für jede Phrase, die nichts mit
+dem Geschäft unmittelbar zu tun hat.
+</p>
+
+<p>
+So schnell stand ich ja nun nicht auf von meiner Bretterlage, wie vielleicht
+erwartet worden war. Denn jede Minute, die ich gewann, war dem
+Tode abgerungen. So sagte ich schläfrig: „He, ihr da draußen, was ist
+denn los? Caray, zum gottverfluchten Maultierschwengel, kann man denn
+in diesem Nest, bebrütet von Teufelsfratzen und Geierfedern, nicht eine
+einzige Nacht in Ruhe schlafen? Was ist denn das für ein besoffenes
+Gesindel, das sich vor meiner Hütte herumbalgt? Ich habe keinen Tequila
+hier im Hause. Zur Hölle mit euch verschwefelter Brut, ich will schlafen.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+Ich war immer lauter geworden, mich absichtlich in Wut und Ärger
+hineinredend; denn wenn es schon meine letzten Worte auf dieser Erde
+sein sollten, so wollte ich doch, daß sie mit Inbrunst, Kraft und Saft
+mein letztes Gebet verschönern möchten, damit die Ewigkeit weniger
+langweilig sei.
+</p>
+
+<p>
+Einem schlaftrunkenen Menschen nimmt man nichts übel, wenn man sein
+rasches Aufstehen dringend benötigt. Und diese Männer hier schienen
+mein Wachwerden wirklich sehr zu wünschen. Denn als sie hörten, daß
+ich antwortete, wurde ihr harter Ton ein wenig milder. Vielleicht hatten
+sie geglaubt, ich sei in der Tat nicht daheim, und daß sie deshalb unverrichtetersache
+hätten abziehen müssen.
+</p>
+
+<p>
+Einer nahm nun das Wort allein: „Hören Sie, Senjor, kommen Sie doch
+für einen Augenblick zur Tür, ich muß dringend mit Ihnen sprechen,
+es ist eine ernste Sache.“ Es lag viel Bitten in dem Klang seiner Worte.
+</p>
+
+<p>
+Indianer und Halbindianer haben keinen Begriff für Zeit. Wenn sie
+etwas auf dem Herzen haben, kommen sie zu jeder beliebigen Zeit des
+Tages oder des Nachts.
+</p>
+
+<p>
+Mich an die Tür zu locken, konnte nun aber doch vielleicht nur ein
+Trick sein, um das, was sie mit mir vorhatten, leichter und bequemer
+auszuführen. Aber was immer es auch sein mochte, was die Männer
+zu tun gedachten, ich mußte nun doch endlich die Tür öffnen. Sie hätten
+die Tür ja sowieso einschlagen können, wenn sie gewollt hätten.
+</p>
+
+<p>
+„Hallo, Senjores“, sagte ich nun, mich dabei schläfrig gegen den Türpfosten
+lehnend, „womit kann ich Ihnen helfen?“
+</p>
+
+<p>
+Es war Mondschein, und ich konnte die Männer, die da vor den Stufen
+standen, deutlich sehen, wenngleich ich ihre Gesichter nicht erkennen
+konnte, weil sie von großen Hüten beschattet waren. Die Männer waren
+sehr robuste Gestalten, ohne Jacken, nur Hosen an und Baumwollhemden,
+die am Hals offenstanden. Einer trug Ledergamaschen und
+gelbe Stiefel mit hohen Absätzen, die aber völlig schiefgelaufen waren.
+Ein anderer trug ledergraue Stiefel, die an mehreren Stellen aufgeplatzt
+waren. Der dritte trug, wie ich schon früher aus seinem leichten Tritt
+geschlossen hatte, Sandalen an nackten Füßen.
+</p>
+
+<p>
+Zwei der Männer, die mit Stiefeln bekleidet, hatten jeder ein Gewehr,
+das sie in der Hand trugen. Der eine von diesen beiden hatte außerdem
+noch einen Revolver hinten im Ledergurt stecken. Beide hatten ihre
+Gürtel voll mit Patronen gespickt. Der Mann mit den Sandalen trug
+nur einen Machete in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+Es war dieser Mann mit dem Machete, der mich zu kennen schien. Ich
+glaubte auch, daß ich ihn schon verschiedene Male im Dorfe gesehen
+hatte, während mir die andern beiden durchaus fremd waren.
+</p>
+
+<p>
+Man hat zuweilen etwas im Instinkt. Und nirgends entwickelt sich der
+Instinkt besser als bei einem Leben, wo man auf guten Instinkt fortwährend
+angewiesen ist, und wo der Instinkt oft nur das einzige Schutzmittel
+ist, das man zur Verfügung hat. Dieser Instinkt gab mir merkwürdig
+rasch die Gewißheit, daß der Mann mit dem Machete mir gegenüber
+friedliche Absichten hat, und daß die beiden anderen Männer nicht
+mein Leben und meine Reichtümer verlangten, sondern irgendeine Hilfeleistung.
+</p>
+
+<p>
+Es war dann vielleicht doch nicht mein Instinkt, der mir die Absicht der
+Männer verriet, sondern es war wohl nur, daß ich die Gedanken des
+Mannes, der mit dem Machete, auffing in demselben Augenblicke, als er
+sich bemühte, seine Gedanken in Worte umzusetzen. Er sagte: „Senjor,
+tenga la bondad, por favor, möchten Sie nicht die große Freundlichkeit
+haben, mit uns zu meinem Hause zu kommen. Ich habe da meinen Neffen
+liegen. Ich weiß nicht, was er hat. Man hat mir ihn krank ins Haus gebracht.
+Er will nicht aufwachen. Und wir möchten Sie doch recht sehr
+bitten, mit uns zu gehen und zu sehen, ob Sie ihm nicht helfen können.“
+</p>
+
+<p>
+„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Das wissen wir eben nicht, und darum möchten wir Sie ja so sehr bitten,
+nachzusehen, was mit ihm ist.“
+</p>
+
+<p>
+Der nächste Doktor wohnte etwa vierzig Meilen weit. Er würde für den
+Besuch, der nur zu Pferde zu machen war und drei Tage Zeit aufbrauchte,
+sicher wenigstens hundert Pesos verlangen, eine Summe, die
+auf den Tisch gelegt werden mußte, ehe sich der Doktor auf das Pferd
+setzte. Und wer von diesen Leuten kann hundert Pesos bezahlen? Umsonst
+kommt der Doktor nicht, weder dieser noch ein anderer. In erster
+Linie ist er Geschäftsmann und in zweiter Linie noch lange nicht nur
+Doktor; denn es stundet ihm niemand die Miete, und wenn er seine
+Rechnung beim Bäcker und beim Gemüsehändler nicht pünktlich bezahlt,
+dann wird ihm im zweiten Monat nicht einmal mehr ein Kilogramm
+Kartoffeln geborgt. Wer nicht zahlen kann, hat kein Recht zum Leben,
+er muß entweder sterben oder versuchen, ohne Doktor am Leben zu
+bleiben. Darum bleiben die meisten Mexikaner so lange am Leben, bis
+sie mehr als neunzig Jahre alt sind und kein Kirchenbuch sich mehr
+darauf besinnen kann, wann sie geboren wurden, vorausgesetzt natürlich,
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+daß ihnen nicht in einer Schießerei der Atem fortgeblasen wurde und
+gleich so weit, daß sie ihn nicht mehr einfangen können.
+</p>
+
+<p>
+Ich besaß eine wacklige Pappschachtel, in der einmal, in längst vergessenen
+Zeiten, Schuhe eingepackt gewesen sein mögen, die sicher
+nicht meine Schuhe waren, denn meine Schuhe waren viel älter. Diese
+Pappschachtel, was immer ihr einstiger und erster Zweck gewesen sein
+mochte, diente mir als Medizinkasten. Man darf sich natürlich meinen
+Medizinkasten nicht so vorstellen wie einen First-Aid-Kasten der
+Henry-Ford-Automobil-Fabrik, Dearborn. Er war nicht ganz so vollkommen.
+Meine Medizin-Pappschachtel enthielt auch einige Medizin.
+Aber außer dieser Medizin war noch darin: Nähzeug, Hosenknöpfe,
+ein morsches Farbband, einige abgebrauchte Sicherheits-Rasierklingen,
+eine ausgepreßte Zahnkremtube, ein großer Angelhaken, zwei kleine
+Angelhaken, fünf Zeitungsausschnitte, ein Taschenmesser mit zerbrochener
+Hauptklinge, die andere kleine Klinge war zwar sehr verrostet,
+war aber sonst noch gut erhalten, Bindfaden in verschiedenen
+Stärken, vier verschiedene Schrauben, einige Nägel, ein Bleistiftstümmelchen,
+ein undichter Füllfederhalter, der ausgebrochene Zahn eines
+Eselfüllens, die Rattel einer Klapperschlange und noch einige andere
+Sachen, auf deren Art und Gebrauchswert ich mich nicht genau erinnere.
+</p>
+
+<p>
+In meiner Jungenzeit hatte ich stets all mein irdisches Hab und Gut
+in meinen Hosentaschen und Jackentaschen, weil ich immer fahrtbereit
+und reisefertig sein mußte, wo immer ich auch war. Da ich inzwischen
+wohlhabender geworden war, trug ich nunmehr alle meine
+irdischen Reichtümer in jener wackligen Pappschachtel, die im Augenblick
+zugeschnürt sein konnte. Denn meine Lebensweise hatte sich seit
+meiner Jungenzeit wohl vorübergehend, aber nicht dauernd geändert.
+Auch jetzt noch mußte ich immer, zu jeder Tageszeit und Nachtstunde,
+reisefertig sein.
+</p>
+
+<p>
+Auch wenn mir jene Herren mit schußbereiten Gewehren nicht gesagt
+haben würden, daß meine medizinischen Kenntnisse augenblicklich sehr
+dringend gewünscht seien, so hätte ich dennoch meinen Medizinkasten
+mit mir genommen. Das geschah instinktiv und aus Erfahrung. Denn
+es war vorgekommen, in Mexiko wie auch erst recht anderswo, daß
+ich glaubte, mich nur für eine Stunde von meinem gegenwärtigen
+Aufenthaltsorte zu entfernen; und wenn ich zur Besinnung kam, war
+ich auf einem anderen Kontinent gelandet, zuweilen gestrandet. Durch
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+solche Erfahrungen wird man vorsichtig, und Zahnbürste, Rasierzeug
+und ein kleiner Taschenkompaß waren Tag und Nacht gut eingeknöpft
+in meiner linken hinteren Hosentasche als ständiges Notgepäck.
+</p>
+
+<p>
+Was wußte ich, wo ich landen würde, wenn ich jetzt mit diesen drei
+Nachtvögeln davonflog.
+</p>
+
+<p>
+„Ist das Ihr Doktorkasten?“ fragte mich nun einer der Männer, während
+er dabei sein Gewehr so über die Schulter warf, daß er den Lauf
+vorn in der Hand behielt und der Kolben hinten über dem Rücken
+war.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das ist mein Medizinkasten“, bestätigte ich, und die Männer murmelten
+etwas, das wie Zufriedenheit klang.
+</p>
+
+<p>
+„Dann wollen wir uns nun aufmachen“, sagte ein zweiter.
+</p>
+
+<p>
+Ich schob den hölzernen Riegel vor die Tür. Und dann zockelten
+wir los.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte auch nicht die leiseste Idee, wohin wir gehen würden. Denn
+darüber war nichts gesagt worden. Es hatte keinen Zweck für mich,
+zu fragen, wohin wir gehen würden; denn ob wir nach Honduras
+marschierten oder nach Alberta in Kanada, das hatte ja nicht ich zu
+entscheiden, sondern das wurde, ob es mir nun gefiel oder nicht, von
+denen diktatorisch entschieden, die Gewehre hatten. Immer wer das
+Gewehr hat, der hat das Recht zu kommandieren, und immer der, der
+das Gewehr nicht hat, hat die Pflicht zu gehorchen. Das ist nun schon
+so seit dem flammenden Schwert des Erzengels an der quietschenden
+Gartentür des Paradieses. Weltgeschichtliche Leistung, zwei nackte
+Menschen aus dem Gemüsegarten hinauszujagen, wenn der Feldhüter
+ein flammendes Schwert schwingt und die beiden durch Schuld geknickten
+Leutchen nichts weiter als Waffe in den Händen halten als
+ihre Scham, ein abgetrenntes Blatt von ihrer flimsigen Kleidung und
+die abgeknabberte Rinde ihres Apfelstrudels, der an allem Unheil schuld
+war. Was blieb ihnen übrig, sie mußten gehorchen, und es half ihnen
+gar nichts, daß sie zwei Mustermodelle aus den Privatkunstwerkstätten
+für künstlerische Lehmarbeiten waren. Hätten sie ebenfalls ein Schwert
+oder ein Maschinengewehr gehabt, wäre alles anders gekommen, und
+unsere Ansichten über Befehlen und Gehorchen hätten eine andere Richtung
+eingenommen. Darum wird man wohl verstehen, warum ich mit
+den drei Männern durch die Nacht wanderte, ohne mit einer Silbe mich
+zu beschweren oder gar zu fragen, wohin wir gehen würden. Wo man
+nichts dreinzureden hat, läßt man alles gehen, wie es will.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+Wir trotteten nicht mitten durch das Dorf, sondern hielten uns nahe
+der Hütten, die mehr am Rande lagen. Die Hunde bellten entsetzlich
+von allen Seiten. Und jene Hunde, die uns nicht sahen und uns nicht
+hörten, bellten sich heiser, um den übrigen Hunden nicht alles Vergnügen
+allein zu lassen. Es war ein Höllenlärm im Dorfe. Denn von
+dem anhaltenden Bellen der Hunde wachten auch die Hähne auf und
+krähten, und die Esel fielen mit ein. Aber von den Bewohnern kam
+niemand vor seine Hütte, um zu sehen, was los sei. Denn Indianerhunde,
+wenn erst einmal einer damit anfängt, bellen die halbe Nacht,
+ob da ein Trupp von Banditen die Häuser umschleicht, oder ob ein
+Esel schläfrig durch das Dorf wandert, oder eine Katze hinter einer
+Maus her ist, oder ob der Mond scheint oder ob gar nichts geschieht.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem wir die letzten Häuser hinter uns hatten, marschierten wir
+eine gute lange Strecke durch niedriges Dschungelgestrüpp, dann durch
+ein Stück Busch und erreichten endlich ein Bretterhaus.
+</p>
+
+<p>
+Das Haus hatte vorn einen eingezäunten Blumengarten und an beiden
+Seiten gutgepflegte Gemüsegärten, wie ich leicht und sicher in dem
+hellen Mondlicht erkennen konnte. Das Haus sah nicht von alten
+Brettern zerflickt aus und war nicht mit Lumpen, alten Schilfmatten
+und Fellen behängt und benagelt, wie die meisten Häuser des Dorfes
+auszusehen pflegten. Es machte von außen schon einen sehr reinlichen
+Eindruck. Auf der Porch, der Veranda, standen zahlreiche Blumen eingepflanzt
+in Töpfen, und da waren kleine Palmen und tropische Blättergewächse
+in Kasten und ausgebrauchten Eimern und Petroleumbüchsen.
+Der gute Eindruck, den ich von außen empfing, wurde um ein Vielfaches
+verstärkt, als ich in den Wohnraum kam. Nicht nur in dem
+Dorfe selbst, sondern im ganzen Bezirk hatte ich ein ähnlich sauberes
+und gut möbliertes Haus nie vorher gesehen. Das Haus eines gutsituierten
+amerikanischen Farmers, der Reinlichkeit und Behäbigkeit
+liebt, konnte weder in Texas, noch in Arizona, noch in Coahuila oder
+Sonora besser und freundlicher aussehen als dieses Haus. Ich hatte nicht
+gewußt, und ich hätte es auch nicht geglaubt, daß hier in dieser Gegend
+eine so wohldeftige Familie lebte, die fähig war, ein Haus so in Ordnung
+und Wohnlichkeit zu halten, wie ich es hier sah.
+</p>
+
+<p>
+Die Leute hatten eiserne weißlackierte Bettstellen; sie hatten richtige
+Stühle, einige Schaukelstühle, eine gute Decke auf dem Tisch, große
+eingerahmte Bilder an der Wand: Lohengrin mit seiner Elsa auf dem
+Bettrand sitzend; Othello, seine großen Bombastreden von fernen
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+Ländern und wilden Ungeheuern haltend; Porfirio Diaz in glänzender
+Generalsuniform; der Ausmarsch des mexikanischen Freiheitshelden
+Hidalgo aus dem Dorfe Dolores; die Heilige Jungfrau von Guadeloupe;
+und eine Anzahl von kleinen und vergrößerten Photographien von
+Onkeln, Tanten, Großvätern, Ehepaaren, Kindern und Kommunionskerzenträgern,
+die wohl alle zur Familie gehörten.
+</p>
+
+<p>
+Man vermochte sich nichts zu denken, das friedlicher hätte sein können,
+wohlanständiger und ehrenwerter als das Haus und die Familie, die
+es bewohnte. Wer in einem solchen Hause wohnte und ein Haus so
+in Ordnung und Sauberkeit halten konnte, waren Bürger, die einen
+Staat wohl in seinen Fundamenten stützen und erhalten konnten.
+</p>
+
+<p>
+Aber ein erfahrungsreiches Leben lehrt einen in harter, wenn auch in
+erfolgreicher Schulung, Dinge nicht blindlings so zu nehmen, wie sie
+aussehen. Es gibt wunderschöne Pflanzen im mexikanischen Busch, die
+einen verführen, sie näher anzusehen, aber wenn man sie anfaßt oder
+auch nur unvorsichtig mit dem nackten Arm streift, bekommt man
+einen Hautausschlag, an dem man zwölf Monate doktern und salben
+kann und man selbst dann noch nicht einmal sicher ist, wann man ihn
+los sein wird.
+</p>
+
+<p>
+Trotz des wohlanständigen und ehrenwerten Hauses vergaß ich doch
+nicht einen Augenblick lang, daß mich drei Männer hierhergelockt
+hatten, die auch dann noch genügend verdächtig hätten sein müssen,
+wenn sie nicht mit schußbereiten Gewehren und gespickten Patronengürteln
+beladen gewesen wären.
+</p>
+
+<p>
+Mit keinem Wort und mit keiner Geste ließ ich erkennen, daß mir
+der Zwischenreim für das wohlanständige Haus und die drei Burschen
+bereits klargeworden war. Ich sah das alles so an, als ob es gar nicht
+anders sein könnte. Ich betrachtete mir die Bilder an den Wänden, als
+ob sie große Meisterwerke einer Galerie seien, und um die Leute glauben
+zu machen, daß ich die Bilder bewundere, sagte ich: „Sehr schöne
+Bilder, von berühmten Meistern gemalt.“ Aber während ich das sagte,
+sah ich mir doch alles, was es in dem Raum zu sehen gab, sehr sorgfältig
+an. Ich betrachtete mir die Fenster genau, dadurch, daß ich die Augen
+senkte, während ich den Kopf hoch hielt, als betrachte ich die Bilder.
+Aber die Fenster waren gut verrammelt, kein Lichtstrahl drang hinaus
+in die Nacht, und es war wenig Hoffnung, aus einem der Fenster zu entspringen,
+wenn es hätte nötig werden sollen. Es führten zwei Türen aus
+dem Raume, aber beide führten nur in zwei andere Räume.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+Die beiden Männer mit den Gewehren setzten sich auf Stühle so an
+die Tür, daß an jedem Pfosten einer saß. Sie stellten ihre Gewehre
+zwischen die Knie und drehten sich Zigaretten.
+</p>
+
+<p>
+„Setzen Sie sich doch, Senjor“, sagte jetzt einer der Männer, während
+er mit dem Fuße auf einen leeren Stuhl deutete und dabei das Maisblatt,
+in das er den Tabak eindrehte, mit der Zunge beleckte.
+</p>
+
+<p>
+Ich setzte mich und sah mich nun weiter in dem Raume um, aber in
+einer Weise, als ob ich mich eben nur umsehe, weil sonst nichts weiter
+zu tun oder zu sehen war.
+</p>
+
+<p>
+Der Fußboden war mit dicken Petates reich belegt. Die Matten waren
+gelb und frisch. An den Stellen, wo die Matten nicht ganz zusammentrafen,
+konnte ich sehen, daß der Fußboden knochenbleich gescheuert
+war und rein wie frischgewaschenes Linnen. In einer Ecke war ein
+kleiner Altar, auf dem ein Muttergottesbild stand, mit einem brennenden
+dünnen Lichtchen, in einem Wasserglase mit Öl schwimmend.
+Über den Ecken des Muttergottesbildes hingen drei billige Rosenkränze.
+Zu beiden Seiten des Muttergottesbildes standen ein halbes
+Dutzend von Heiligenbildchen in sehr billigen und geschmacklosen
+Rähmchen.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Tische, auf dem eine reine buntfarbige Baumwolldecke gebreitet
+lag, stand eine richtige Petroleumlampe. Eine richtige Petroleumlampe
+hatte ich wohl seit vierzehn Monaten nicht zu Gesicht bekommen;
+denn im ganzen Dorfe hatte niemand eine und ich am wenigsten.
+Und es war wohl diese Petroleumlampe, die mir, gleich bei meinem
+Eintritt in das Zimmer, am stärksten den Eindruck übermittelt hatte,
+daß ich mich im Hause von wohlhabenden Leuten befinde. Auf dem
+Tische stand noch eine Fruchtschale aus rötlichem Glase, deren Rand
+blumenartig verbogen war, mit einem verschnörkelten Fuße aus einem
+blechernen Metall. Eine Schale, wie man sie gelegentlich in einem Zelt
+gewinnen kann, in dem man für zehn Cents mit fünf Bällen auf einen
+Knopf werfen kann, bis ein lebendiger Neger hinten in ein mit Wasser
+gefülltes Faß fällt, oder in einem anderen Zelt, wo man für zehn Cents
+zwei rohe Eier einem lebendigen Neger ins Gesicht werfen darf.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann mit dem Machete war gleich bei unserem Eintritt in eines
+der Nachbarzimmer gegangen, und er hatte die Tür hinter sich fest
+zugemacht. Zuweilen hörte ich – das ganze Haus war ja nur, wie
+alle Häuser hier, aus dünnen Brettern gebaut –, daß im Nebenraum
+halblaut gesprochen wurde.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+Endlich kam jener Mann wieder zurück in das große Zimmer, wo wir
+saßen. Er hatte eine Flasche und ein Gläschen.
+</p>
+
+<p>
+„Wollen wir erst einmal einen nehmen“, sagte er und goß das Gläschen
+voll. Er bot es mir an; ich sagte „Salud!“ und schwenkte den Tequila
+hinunter. Er rann mir warm und mollig durch die Kehle, und ich
+dachte, wo man so guten Tequila hat und anbietet, da kann nicht
+pure Mörderei und Feindschaft auf dich warten, denn einen so guten
+Anjejo verschwendet man nicht auf jemand, den man aus der Welt
+zaubern will.
+</p>
+
+<p>
+Das Gläschen wurde nachgefüllt und machte seine Runde.
+</p>
+
+<p>
+„Noch einen ganz, ganz Kleinen, damit die Ohren nicht wackeln?“
+fragte der Mann gutmütig.
+</p>
+
+<p>
+„Como no“, sagte ich, und er schenkte mir noch einen gesunden Tropfen
+ein. Aber ich war der einzige, der zweimal nippen durfte. Weder
+bekamen die beiden Türwächter noch einen nachgeschlürft, noch zog der
+gute Mann selbst sich einen kleinen Ohrenberuhiger hinterher.
+</p>
+
+<p>
+„He, ja“, sagte der Mann nun, während er die Flasche zukorkte, den
+Korken mit Andacht fest eindrehte und Flasche und Gläschen auf den
+Tisch stellte, „ja, nun wollen wir doch einmal an das Geschäft gehen.“
+Er stand auf, öffnete leise die Tür, durch die er gekommen war, und
+winkte mir, zu folgen.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Männer, mit den Gewehren zwischen ihren Knien, blieben
+bei der Tür sitzen. Merkwürdig war es, daß ich jetzt wie plötzlich
+das Gefühl bekam, daß die beiden Männer nicht mich bewachten oder
+mich verhindern wollten zu entspringen, sondern daß sie dort dicht an
+der Tür bewaffnet saßen, um diejenigen, die im Hause waren, zu
+schützen gegen jemand, der von draußen kommen könnte. Davon
+wurde ich um so mehr überzeugt, als sich die beiden etwas zuflüsterten
+und der eine aufstand, hinausging und sich draußen auf eine Stufe setzte,
+während der andere, der im Raume blieb, sich so setzte, daß er von
+jemand, der hereinkam, nicht sofort gesehen werden konnte, während er
+selbst den Hereinkommenden völlig unter der Gewalt seines Gewehres
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ich folgte nun jenem Manne, der die Tür zu dem zweiten Raum geöffnet
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+In dem Raume brannte ein kleineres Lämpchen, das wenig Licht verbreitete.
+Der Mann ging zurück in den ersten Raum, nahm die Lampe
+vom Tisch und leuchtete mir nun in jenes Zimmer hinein.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+Zwei Frauen saßen auf Schaukelstühlen. Beide hatten den Rebozo um
+Kopf und Hals gelegt, weil es nun kühl in der Nacht wurde. Beide
+Frauen waren Indianerinnen, sauber gekleidet und in Sprache und
+Benehmen – wie ich bald lernte – durchaus gleich den Frauen eines
+mexikanischen Ranchobesitzers von mittlerem Wohlstand.
+</p>
+
+<p>
+Die eine der Frauen war verhältnismäßig jung. Sie war, wie ich gleich
+hörte, die Frau des Mannes mit dem Machete. Die andere Frau war
+älter; sie konnte wohl gut die Mutter der Frau oder des Mannes sein.
+Das Zimmer war das Schlafzimmer des Ehepaares. Da in dem ersten
+Raum gleichfalls zwei Betten waren, schien es, daß hier mehrere Personen
+wohnten, vorausgesetzt daß jene Betten im Gebrauch waren,
+was ich ja nicht erraten konnte.
+</p>
+
+<p>
+Beide Frauen standen auf aus ihren Stühlen und sagten freundlich und
+höflich: „Guten Abend, Senjor!“ Sie gaben mir die Hand und setzten
+sich wieder.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah mich im Raume um, und ich bemerkte zur Seite auf einer Schilfmatte
+einen jungen Mann liegen, der bis zum Kinn mit einer halbwollenen
+Decke zugedeckt war. Sein Gesicht war bleich; bleich wie das Gesicht
+eines Indianers eben werden kann. Aber das Gesicht war voll, und
+daraus schloß ich, daß der Mann nicht lange krank sein konnte, daß
+er wohl nur schwer verwundet sei. Er rührte sich nicht und lag da
+wie tot.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist der Junge, von dem ich Ihnen gesagt habe“, sagte der Mann
+und stellte die Lampe auf einen Stuhl, den er dicht an das Lager des
+Kranken rückte.
+</p>
+
+<p>
+„Sie können dem Jungen gewiß helfen, Senjor“, sagte nun die jüngere
+Frau. „Er ist mein Neffe, und wir würden recht traurig sein, wenn
+er uns fortstürbe. Seit unser eigener und einziger Sohn in einer dummen
+Schießerei sein Leben verlor, haben wir diesen hier wie unseren Sohn
+angesehen. Wir würden Ihnen wirklich von ganzem Herzen danken,
+wenn Sie etwas tun könnten, daß er uns erhalten bleibt. Es ist der
+letzte, der uns bleibt von allen Jungen aus unserer Familie. Alle übrigen
+sind erschossen oder erstochen worden bei den Wahlen, und keiner
+hat doch je ein Amt für sich haben wollen. Es war nur immer der
+anderen wegen, daß sie sich in die politischen Händeleien hineinmischten.“
+</p>
+
+<p>
+Die Frau weinte nicht, aber sie hatte eine echte Rührung in ihren
+Worten. Die ältere Frau seufzte einige Male auf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+In den letzten Monaten hatte hier im Distrikt keine einzige Wahl
+stattgefunden. Die Wahlhändel wurden auch nicht hier im Dorfe ausgefochten,
+sondern in der Distriktsstadt, wo alle die Burschen und
+Männer der umliegenden Dörfer natürlich hinritten, um ihre Schießerei,
+ihr Vivatschreien in den Straßen und das Händeschütteln der
+Kandidaten, die sie auf ihren Schultern durch die Straßen schleppten,
+genießen zu können. Es kamen niemals alle die lebend wieder heim,
+die zu den Wahlreden ritten. Jedesmal blieben zwei, drei oder ein
+Dutzend auf dem Felde der Wahlkämpfe.
+</p>
+
+<p>
+Da aber lange keine Wahl gewesen war – denn die gegenwärtigen
+Behörden des Distrikts waren von der Federalregierung provisionell
+eingesetzt worden, um die ewigen Wahlmördereien zu verhindern –,
+so konnte der Bursche hier nicht gut bei einer Wahl etwas abbekommen
+haben.
+</p>
+
+<p>
+Ich kniete mich nieder an die Seite des jungen Mannes und begann
+ihn zu untersuchen. Die Augen waren geschlossen. Als ich die Augendeckel
+hob, sah ich, daß die Augen wohl schläfrig waren, aber nicht
+trüb, und die Pupillen reagierten auf das Licht. Das Herz schlug regelmäßig,
+aber sehr leicht, nur wie ein Tippen. Der Atem war sehr leise;
+aber auch er ging ziemlich gleichmäßig.
+</p>
+
+<p>
+„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich aufblickend.
+</p>
+
+<p>
+Die Frau antwortete mir und sagte: „Das wissen wir eben nicht. Sie
+haben uns den Jungen so ins Haus gebracht, und er ist noch nicht einmal
+aufgewacht. Denken Sie, daß er uns wegsterben kann, Senjor?“
+</p>
+
+<p>
+„Das kann ich nicht sagen. Vorläufig stirbt er nicht. Hat er nicht etwas
+gesagt zu den anderen, was ihm fehlt oder wo es ihm weh tut?“
+fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+Niemand antwortete mir, und ich sah auf, um zu sehen, warum ich
+keine Antwort bekam. Ich bemerkte, daß der Mann die Frau rasch
+ansah, den Finger auf den Mund drückte und mit dem Kopf schüttelte.
+Sofort sah ich wieder weg und wandte mich dem Kranken zu. Dann
+dehnte ich ein langes „Ja“ von mir, schluckte vernehmlich und richtete
+mich halb auf. Die Leute hatten genügend Zeit gehabt, ihre Geheimsprache
+zu vollenden, und sie sahen mich an und zuckten die Schultern.
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Hat er denn etwas gegessen, das ihm nicht bekam?“ fragte ich nun.
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaube nicht“, antwortete der Mann.
+</p>
+
+<p>
+Ich setzte mich auf den Stuhl, machte tiefe Gedanken und tat alles
+genau so, wie es auch andere große Doktoren und berühmte Ärzte tun.
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+Das will sagen, ich wußte nichts, solange mir nicht der Kranke selbst
+sagen konnte, was ihm weh tat und wo es ihm fehlte. Ich war ja kein
+Viehdoktor.
+</p>
+
+<p>
+Dann sagte ich das, was alle Ärzte sagen: „Es ist sehr ernst. Aber ich
+werde mein Bestes tun, vielleicht bringen wir ihn durch.“
+</p>
+
+<p>
+In dem Augenblick kamen die beiden Männer mit den Gewehren herein.
+Sie waren neugierig geworden und wollten sehen, wie tüchtig
+ich war. „Wo ist mein Medizinkasten?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+Sofort sprang einer der Männer in den Nebenraum und brachte meine
+Pappschachtel. Was ich damit tun wollte, wußte ich im Augenblick
+natürlich nicht. Aber ich war gewiß, daß mir schon etwas einfallen
+würde. Tun mußte ich auf alle Fälle etwas, ganz gleich was es war;
+denn ich war hierhergeschafft worden als Doktor, man erwartete von
+mir, mich als Doktor zu benehmen und zu betragen, und so blieb mir
+nichts anderes übrig, als den Leuten gefällig zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Welche Folgen es haben würde, wenn ich als Doktor versagte, darüber
+bestanden keine Zweifel. Die Tatsache, daß beide Männer mit den
+Gewehren jetzt im Raume waren, bewies mir, daß meine Vermutung,
+sie möchten jemand von draußen verhindern, in das Haus einzubrechen,
+unrichtig war. Sie waren jetzt hier hereingekommen, um zu sehen, was
+ich leisten könnte. Und da sie die Gewehre selbst hier in diesem Raume,
+wo ein Sterbender lag, nicht aus der Hand stellten, das gab mir die
+Gewißheit, daß sie sehr bald die Gewehre auf mich richten würden und
+sagen: „Du rettest jetzt den Burschen da, und zwar sofort; und wenn
+er nicht in wenigen Minuten auf und gesund ist wie ein junger Hahn,
+dann knallen diese Gewehre, und du kannst dich danebenlegen in dieselbe
+Grube.“
+</p>
+
+<p>
+So etwas geschieht Ärzten in der Tat, und wenn ich schon hier als
+Arzt tätig bin, warum soll man mit mir eine Ausnahme machen?
+</p>
+
+<p>
+Aber als geschickter Arzt, der seine Medizin gut studiert hat, kann man
+das Sterben eines Sterbenden recht gut in die Länge ziehen. Dann kann
+man sich noch immer damit entschuldigen, daß Gott das eben anders
+bestimmt habe. Und das wird einem geglaubt. Vielleicht wird man es
+auch mir glauben. Die Leute sind ja Christen, gute Christen, mit Rosenkränzen
+und allen notwendigen Heiligenbildern gut versorgt.
+</p>
+
+<p>
+So beginne ich meine verantwortungsvolle Tätigkeit.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie Cafion im Hause?“ frage ich die Frau.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, wir haben eine ganze Glastube voll.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+„Geben Sie mir drei Pastillen und ein Glas mit Wasser.“
+</p>
+
+<p>
+Ich löse die Pastillen in dem Wasser auf, und mit Hilfe des Onkels
+und des einen Mannes öffne ich dem Kranken den Mund, hebe den
+Kopf hoch und lasse ihn die Lösung schlucken. Er schluckt auch, und
+es kommt nichts in die Luftröhre.
+</p>
+
+<p>
+Ich wartete zehn Minuten, rauchte eine Zigarette, erbat mir einen
+neuen guten Schluck von dem alten Tequila, und als ich nun den
+Kranken wieder untersuchte, fand ich, daß die Medizin, die ich ihm
+gegeben hatte, vorzüglich wirkte. Das Herz hatte begonnen, kräftiger
+zu arbeiten. Die Medizin konnte zwar das Herz so heftig anregen,
+daß es übersetzte und aufhörte zu schlagen. Aber ich hatte wieder
+einmal Glück, was jeder Doktor haben muß, wenn er Erfolg sucht.
+Ich weiß gut, daß ein richtig abgestempelter Doktor das alles ganz
+anders machen würde. Aus diesem Grunde ist er ja abgestempelt und
+stiller Teilhaber der Beerdigungsinstitute. Aber ich muß mich mit den
+Kenntnissen und Medizinen behelfen, die ich zur Verfügung habe. Ich
+kann keine Kampferinjektion in das Herz machen, weil mir die Maschinerie
+dazu fehlt.
+</p>
+
+<p>
+Das Herz schlug nun kräftig und zufrieden, aber der Bursche wollte
+nicht aufwachen. Am Kopfe konnte ich nichts finden. Ich schlug ihm
+die Backen, die Handflächen und die Handgelenke. Ohne irgendwelchen
+sichtbaren Erfolg.
+</p>
+
+<p>
+Ich schnürte nun meine Medizinschachtel auf. Die Leute sahen natürlich
+den Inhalt. Ob sie über die merkwürdigen Medizinen, die ich in der
+Pappschachtel hatte, erstaunt waren oder nicht, konnte ich nicht feststellen,
+denn sie ließen kein Wort verlauten. Sie mochten wohl überzeugt
+sein, daß die Angelhaken dazu dienten, irgend jemand etwas
+aus dem Magen zu fischen, das er unvorsichtigerweise verschluckt hatte,
+und das abgebrochene halbverrostete Taschenmesser diente nach ihrer
+Meinung gewiß als chirurgisches Instrument zur Amputation von Füßen
+und Armen oder zum Herausnehmen des Blinddarms. Auf jeden Fall
+wurde angesichts des Inhalts meiner Medizinschachtel die Achtung vor
+mir und das Zutrauen zu meinen Fähigkeiten nicht geringer, sondern,
+wie ich wohl sehen und fühlen konnte, erheblich verstärkt.
+</p>
+
+<p>
+Ich nahm eine halbaufgebrauchte Tube Mentholatum heraus und
+schmierte eine dünne Schicht der Salbe dem Burschen an die inneren
+Nasenwände, um ihm das Atmen zu erleichtern durch Erweichen des
+Schleims. Dann fragte ich die Leute, ob sie Ammoniak im Hause hätten.
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+Sie hatten ein Fläschchen zur Hand, und nach einigen heftigen Dosen
+nieste sich der Junge munter. Ich fächelte ihm kräftig Luft zu, und
+er begann bald tüchtig und tief zu atmen. Aber als er nun zum Bewußtsein
+kam, begann er aus vollem Herzen zu stöhnen.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt wußte ich, was los war und was mir nicht verraten werden sollte.
+Ich überlegte eine gute Weile, was ich tun sollte. Denn mir war nun
+alles völlig klargeworden. Sagte ich offen heraus, was ich jetzt wußte,
+so konnte das eintreten, was ich erwartet hatte, seit ich das erste Anklopfen
+an meinen Bungalow hörte. Die Kenntnis, die ich jetzt auf
+einem Umwege erlangt hatte, machte mich zu einem sehr unbequemen
+Zeugen. Und das konnte die Männer leicht verpflichten, mich aus der
+Welt zu schaffen.
+</p>
+
+<p>
+Aber dann sah ich die jüngere Frau, die Tante des Burschen, an. Die
+Tränen standen ihr dick in den Augen, und ich wußte, daß sie im
+tiefen Ernst sei, dem Jungen gegenüber wie eine leibliche Mutter zu
+fühlen. Der Junge konnte sich vielleicht auch ohne meine Hilfe wieder
+hochbringen, aber nicht vor zwei Tagen. Und inzwischen kamen die
+Soldaten; und er, der sich nicht in Sicherheit bringen konnte, wurde
+draußen am Gartenzaun, nach einer Vernehmung von fünf Minuten,
+erschossen. Daß er erschossen wurde, war sicher; daß ich hier von den
+Männern meiner unbequemen Mitwisserschaft wegen erschossen wurde,
+mochte zweifelhaft sein.
+</p>
+
+<p>
+Wieder sah ich die Frau an, und wieder sah ich ihren wehen Blick auf
+mich gerichtet. Ich will nicht sagen, daß ich nun aus übergroßer Menschenliebe
+mich entschied. Das wäre ungenau. Ich möchte auch nicht
+besser und edler erscheinen, als ich wirklich bin. Denn um die volle
+Wahrheit einzugestehen, ich bin wie jeder andere gewöhnliche Mensch,
+mit Bosheiten, Niederträchtigkeiten, Hilfsbereitschaft, Menschenfreundlichkeit
+und Liebe zu meinen Mitmenschen in so gleichem Maße
+in mir verteilt, daß nicht immer mein Wille, sondern oft, wenn nicht
+meist, eine reine Nebensächlichkeit entscheidet, ob ich in einem bestimmten
+Falle eine niederträchtige Handlung begehe oder eine Tat
+ausübe, die alle Menschen glauben macht, ich sei der edelmütigste
+und selbstloseste Mensch. Daß man so wird, das macht der Busch, und
+das macht das Herumschlagen mit allen Sorten von Menschen, und das
+macht die Aufgabe, fertig werden zu müssen mit Umständen, die einem
+selten Zeit lassen, lange darüber nachdenken zu können, ob das, was
+man tun muß, edelmütig oder nichtswürdig ist.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+Hier, in diesem Falle, entschied, wie so häufig vorher, die Neugierde,
+zu erfahren, was wohl mit mir geschehen würde, falls ich das tue, was
+nach meinem Urteil als das Dümmste und Unvorsichtigste angesehen
+werden muß. Wissentlich tat ich das, was man mir nicht als große
+Klugheit anrechnen mag. Wenn ich mich aber dennoch durch den
+bittenden und wehen Blick in den Augen jener Frau vielleicht endgültig
+entschied, so will ich es nicht auf meine Rechnung gesetzt haben als
+einen Posten, der zugunsten eines edelmütigen Charakters verbucht
+werden kann. Denn das wäre eine Unwahrheit.
+</p>
+
+<p>
+Ich blickte den Onkel des Burschen, also jenen Mann, der mit dem
+Machete gekommen war, an, hielt meinen Blick eine Weile auf ihn
+gerichtet und sagte dann kurz und laut: „Wo hat er denn das Loch?
+Wie kann ich ihn denn hochbringen, wenn Sie mir nicht sagen, was
+er abgekriegt hat.“
+</p>
+
+<p>
+Alle Anwesenden, selbst die ältere Frau, fuhren erschreckt zusammen,
+stießen kurze Ausrufe aus, wurden bleich, und ihre Blicke flogen von
+einem zum anderen, bis sie alle auf meinem Gesicht haftenblieben.
+</p>
+
+<p>
+Der Onkel bekam seine Ruhe am ersten zurück. Er sagte in einem
+Ton, als ob er bereit sei, alles aufzugeben, dabei die beiden Männer
+mit den Gewehren ansehend: „Ich habe es euch ja vorher gesagt, ihr
+wolltet es ja nicht glauben, dem Gringo können wir nichts vormachen,
+der ist Doktor durch und durch.“
+</p>
+
+<p>
+Ich wartete nun auf nichts mehr. Ich zog die Decke herunter, sah rasch
+hin über die Brust und den Leib, und dann sah ich bereits den weiten
+Blutfleck auf dem Petate. Ich schob die Decke bis zu den Füßen und
+fand zwei kräftige Schußwunden, eine am Oberschenkel, die andere an
+der Wade. Die Wunde an der Wade war nicht schwer. Hier hatte eine
+Kugel nur tüchtig gestreift. Dagegen war die Wunde am Oberschenkel
+eine sehr heftige Fleischwunde. Die Kugel war heraus, denn ich fand
+Einschuß und Auslauf. Das Kaliber war heftig, sicher nicht weniger als
+4,5; außerdem war die Kugel offenbar oben abgefeilt und eingekerbt
+gewesen, wie das hier mit Vorliebe getan wird. Wäre sie auf den
+Knochen gestoßen, dann wäre das Bein zu kleinen Splittern zersprengt
+worden. Aber der Knochen war nicht verletzt, wie ich aus dem Verlauf
+des Schußkanals sehen konnte. Dagegen hatte die Kugel wohl eine oder
+gar mehrere Adern aufgerissen, was einen großen Blutverlust zur Folge
+gehabt haben mußte und zweifellos die alleinige Ursache war, daß der
+Bursche so weit herunterkommen konnte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+Die Adern schienen sich aber bereits ausgeblutet zu haben, oder sie
+waren von dem trocknenden Blute schon gut verklebt; denn um die
+Wundränder hatten sich schwache Krusten gebildet. Es waren auf die
+Wunden sehr schmutzige Hemdenlappen gewickelt. Die einzige Gefahr,
+die für den Burschen bestand, war die einer Infektion und damit
+die Möglichkeit, daß er den Brand bekam. Nun ist ja das Blut der
+Indianer im allgemeinen so gesund, daß nur dann eine wirklich schwere
+Infektion ihrer Wunden eintritt, wenn alle Vorsichtsmaßregeln außer
+acht gelassen werden.
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ rasch alte Leinenfetzen auskochen. Die Leute hatten eine reichliche
+Packung reiner Baumwolle im Hause, und ich hatte einige sterilisierte
+unberührte Gazebinden.
+</p>
+
+<p>
+Ich wusch die Wunden mit heißem Wasser und Seife gut aus. Aus
+meinem Medizinkasten brachte ich eine Flasche Zonite hervor, ein sehr
+starkes Desinfektionsmittel, das wir während des Krieges mit viel
+Erfolg verwendeten. Die Flasche war mir übriggeblieben von einem
+Ölkamp, wo ich gearbeitet hatte. Ich goß das Zeug gleich so rein in die
+Wunden. Der arme Junge sauste halb in die Höhe; denn er mußte
+sicher ein Gefühl haben, als bohre man ihm einen weißglühenden
+Eisenstab durch die Schußkanäle. Aber er durfte sicher sein, daß es ihn
+rettete. Ich ließ ein wenig nachtrocknen, streute eine dicke Schicht von
+Bismut-Jodoform auf die Wunden, legte Gaze darauf und verband.
+Der Junge seufzte tief auf, aber jetzt mit einem gewissen Wohlgefühl.
+Gleich darauf fiel er in einen tiefen, ruhigen Schlaf, nachdem ich ihm
+einen heftigen Tequila eingeschwenkt hatte. Der Tequila wird ja vielleicht
+seinen Narben nicht sehr dienlich sein; aber Schönheitsfehler an
+den Oberschenkeln spielen ja nur eine Rolle, wenn er beim Mädchen
+liegt, und bei solcher Gelegenheit helfen sie ihm beim Prahlen und vertiefen
+die Liebe seines Mädchens, das ja, wie jedes Mädchen, lieber mit
+einem Helden schläft als mit einem Nußknacker.
+</p>
+
+<p>
+Die Frage, die jetzt kommen mußte, kannte ich. Darum sagte ich
+gleich, ohne zu warten: „Wenn Sie ihn morgen aufs Pferd heben, um
+weiterzureiten, werden Sie gut tun, ihm einen kräftigen Verband aus
+einem alten Gummischlauch oder Gummigürtel oder elastischen Hosenträgern
+über der Wunde am Oberschenkel anzulegen, damit er nicht
+aufs neue ausblutet und vielleicht gar fortblutet.“
+</p>
+
+<p>
+Ich zeigte den Männern, wie sie das machen sollten, sagte ihnen, daß
+sie jeden neuen Verband, den sie auf die Wunde brächten, erst
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+auskochen müßten, gab ihnen den Rest meines Zonite und meines
+Bismutpulvers, erbat mir einen weiteren kräftigen Tequila, sagte:
+„Gute Nacht!“ zu allen, gab dabei allen die Hand – die Tante des
+Jungen beugte sich nieder und küßte meine Hand –, und dann ging ich
+auf die Tür los.
+</p>
+
+<p>
+Scheinbar tat ich das alles so, als ob das, was ich hier gesehen und getan
+hatte, etwas gewesen wäre, das ich jeden Tag zwölfmal in genau derselben
+geschäftsmäßigen Weise sähe und täte. In Wahrheit aber tat ich
+das alles sehr bedacht, jeden Augenblick darauf wartend, daß einer
+der Männer sagen würde: „Sie können nicht so ohne weiteres fortgehen,
+Senjor, wir wollen erst noch ein Wort miteinander sprechen; wir wollen
+das draußen hinter dem Hause bei den Gemüsebeeten erledigen.“
+</p>
+
+<p>
+Aber daß ich kein Wort darüber verlor, wie der Junge zu den Wunden
+gekommen war, daß ich nicht einmal andeutete, daß ich wußte, es sind
+Schußwunden, daß ich mich benahm, als gehöre ich zu der Bande und
+als wäre ich ein uralter Freund des Hauses, der nichts sagt aus Freundschaft
+und noch weniger etwas sagt aus Geschäftsklugheit, daß ich klar
+sehen ließ, es sei mir vollkommen gleichgültig, was meine Mitmenschen
+tun, solange sie mich ungeschoren und mich friedlich meiner Wege
+gehen lassen, brachte sie aus allen Plänen hinaus. Und um das alles noch
+zu verstärken, sagte ich, als ich bei der Tür war: „Wenn es schlimmer
+werden sollte, rufen Sie mich ruhig; ich komme ganz gern, auch in der
+Nacht. Überhaupt immer können Sie mich rufen, wenn ich Ihnen
+helfen kann, ich tue es gern und mit Freude.“
+</p>
+
+<p>
+Die letzten Worte gaben wohl den entscheidenden Ausschlag. Man wird
+doch nicht den einzigen Doktor erschlagen, den man hat, und den einzigen,
+der, wenn herumgefragt wird, keine berufliche Verpflichtung
+hat, Behörden Auskunft zu geben über Schußwunden, die er behandelt
+hat und die ihm verdächtig erschienen sind.
+</p>
+
+<p>
+Aber so leicht kam ich nicht davon. Als ich an der Tür stand, kam der
+Onkel auf mich zu und sagte: „Entschuldigen Sie, Senjor, wir können
+Sie nicht allein zu Ihrem Hause gehen lassen; es könnte Ihnen etwas
+zustoßen auf dem Wege. Ich glaube auch nicht, daß Sie den Weg allein
+heimfinden. Sie verlaufen sich sicher im Busch. Und zur Nachtzeit allein
+im Busch sein und ohne den Weg zu kennen, möchte ich Ihnen nicht
+raten. Der Weg hierher ist nicht gut bekannt. Wir haben Sie hierhergebracht,
+und es wäre unhöflich, wenn wir Sie nicht wieder zu Ihrem
+Hause brächten.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+Ja, da war ich wieder. Eine Stunde Weg durch Busch und Dschungelgestrüpp
+mit den drei Männern, zwei mit Gewehren, der eine außerdem
+einen Revolver und der dritte einen Machete, scharf gefeilt wie ein
+Schlachtmesser. Mit drei Männern, die trotz aller guten Meinung, die
+sie von dem Doktor und seiner Hilfsbereitschaft haben mögen, sich
+doch bei weitem sicherer fühlen, wenn einer, der etwas wissen könnte,
+weniger auf der Welt ist. Und von den dreien braucht ja nur einer auf
+dem Wege einen dummen Gedanken zu bekommen. Ehe die beiden
+andern es verhindern können, ist es schon geschehen. Ob sie sich nachher
+darum streiten, ob es richtig und ob es dankbar war, ändert nichts
+an der alleinigen Sache, die mich betrifft.
+</p>
+
+<p>
+Ich sehe wieder auf die Tante. Sie steht noch da im Zimmer. Aus Höflichkeit
+mir gegenüber hat sie sich nicht wieder in ihren Schaukelstuhl
+gesetzt. Sie wartet, bis ich das Haus verlassen habe. Sie sieht mich an,
+mit aufrichtiger Dankbarkeit in den Augen. Sie kommt, von einem
+inneren Gefühl plötzlich getrieben, auf mich zu, ergreift meine Hand
+und küßt sie nochmals. Dann lächelt sie und nickt, dreht sich um, geht
+zu einem Schränkchen, nimmt eine Flasche mit Honig heraus und gibt
+mir den Honig. „Ist sehr gut für die Mehlkuchen, die Sie sich backen,
+sind dann nicht gar so sehr trocken. Morgen schicke ich Ihnen zwei
+Dutzend Eier hinunter und ein paar Kilo Ochsenfleisch. Und nochmals
+vielen Dank, daß Sie gekommen sind.“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht des Redens wert“, sage ich. „Geben Sie dem Jungen, wenn er
+aufwacht, mehrere Tassen gute Fleischbrühe mit tüchtig Eier darinnen
+eingerührt. Wird ihm rasch hochhelfen. Gute Nacht, Senjora.“
+</p>
+
+<p>
+Die Frau wußte recht gut, was mir auf dem Wege geschehen könnte
+und sicher geschehen würde, wenn die Männer zur Überzeugung
+kamen, es sei für ihre eigene Sicherheit besser, ein Maul, das wacklig
+werden kann, rechtzeitig und gut zu stopfen. Aber ich hatte die Sympathie
+und die Dankbarkeit der Frau gewonnen. Die Frau war nicht
+so nebensächlich in dem Geschäft der Männer, wie es vielleicht erschien.
+Sie war durch die Verwundung ihres Neffen heftig aus ihrer Fassung
+gebracht worden. Das ist wohl richtig. Und oberflächlich gesehen,
+mochte es den Eindruck erwecken, daß sie eben nur eine Frau war
+wie andere. Aber wenn ich ein Haus sehe, wie dieses war, dann weiß
+ich, wer der Kommandant ist. Und weil die Frau mehr Intelligenz besaß
+als einer der drei Männer, ihr eigener Mann eingeschlossen, so
+wußte ich auch, wer das Hirn des Unternehmens war. Nur die mickrigen
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+Spitzbuben und die Centavos-Wegelagerer sind verdreckt, verlaust
+und mit Lumpen behangen. Zwischen einer intelligent geführten
+Räuberbande und einer gewissen Sorte von Bankgeschäften, wo der
+Präsident im eleganten Automobil fährt, ist der Unterschied nicht so
+groß, wie man meint. Innerhalb der modernen Zivilisation ist das beste
+Schutzmittel für alle Handlungen und Dinge ein wohlanständiges
+Äußere und ein gutbürgerliches Gesicht. Ehrlichkeit und Ehrbarkeit
+müssen nach allen Seiten ausstrahlen, dann kann man im Schatten tun,
+was man will, ohne je Verdacht auf sich zu laden. Und wenn die Frau
+mir in Gegenwart der Männer sagte: „Morgen schicke ich Ihnen Eier
+und Fleisch hinunter!“ so sagte sie damit: „Wehe den Knechten hier,
+wenn du morgen nicht in voller Gesundheit in deinem Hause bist, um
+dich an dem zu laben, was ich dir schicken werde.“
+</p>
+
+<p>
+Die Männer hatten das Kommando verstanden. Der Doktor mußte dem
+Geschäft erhalten bleiben. Wir kamen friedlich zu meinem Bungalow. Als
+wir uns „Buenas noches!“ sagten, fühlte ich, daß mir der Onkel drei Pesos
+in die Hand drückte. „Nehmen Sie“, sagte er, „eine kleine Vergütung.“
+</p>
+
+<p>
+„Entschuldigen Sie“, erwiderte ich, „von meinen Freunden nehme ich
+kein Geld für eine Hilfeleistung, die ich aus rein menschlichen Gründen
+getan habe und immer zu tun bereit bin, wenn ich dazu Gelegenheit
+habe.“
+</p>
+
+<p>
+Er hielt das Geld noch eine Weile hin, als ob er glaubte, es sei nur eine
+Höflichkeit von mir, so zu sprechen, und ich würde das Geld dann doch
+schon nehmen. Denn er, wie jeder im Dorfe, wußte recht gut, wie
+nötig ich drei Pesos hätte brauchen können. Aber ich lehnte noch einmal
+ganz entschieden ab und sagte: „Sie werden mich doch nicht etwa
+beleidigen wollen, Senjor!“
+</p>
+
+<p>
+„Ganz gewiß nicht“, sagte er und schob das Geld wieder in seine Tasche
+zurück. Dann fügte er hinzu: „Ich werde sehen, ich kann Ihnen gewiß
+morgen zwei Burschen schicken, die Englisch lernen wollen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist schon besser“, meinte ich darauf. „Ich werde morgen früh
+zu Ihnen kommen, um zu sehen, wie es dem Jungen geht.“
+</p>
+
+<p>
+Er druckste, als ob er sagen wollte, das sei nicht nötig, und auch die
+beiden anderen Männer taten, als ob sie etwas dagegen einwenden wollten.
+Aber es mochte ihm wohl gleichzeitig einfallen, daß es vielleicht
+nötig sein könnte, noch mal nach dem Jungen zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+„Gut, gut“, sagte er dann nach einer Sekunde. „Und nochmals ‚Gute
+Nacht!‘ und vielen, vielen Dank.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+Am nächsten Morgen um neun Uhr machte ich mich auf, den Jungen
+noch einmal zu besuchen. Das ist ja so etwa die richtige Besuchszeit für
+tüchtige Doktoren.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte kaum das letzte Haus des Dorfes hinter mir gelassen, da traf
+ich auf den Onkel. Gleich hatte ich das bestimmte Gefühl, daß der
+Mann auf mich am Wege gewartet hatte, weil er vermeiden wollte,
+daß ich zu ihm ins Haus käme bei Tage. Ich war nicht einmal sicher,
+ob ich das Haus überhaupt wiedergefunden hätte. In der Tat, um
+es gleich jetzt zu sagen, als ich eine Woche später versuchte, das Haus zu
+finden, aus purer Neugierde, erlebte ich, daß ich mich so völlig im
+Busch verlief, daß ich erst nach Stunden und erst nach Einbruch der
+Dunkelheit meinen Weg ins Dorf zurückfand und auch nur dadurch,
+daß ich zu meinem Glück einen Kohlenbrenner antraf, der auf dem
+Heimwege war. Die Männer hatten mich in jener Nacht sehr geschickt
+so im Gestrüpp und im Busch herumgeführt, daß ich geglaubt hatte,
+die Richtung genau zu wissen, während sie durchaus falsch war.
+</p>
+
+<p>
+Der Onkel sagte mir: „Der Junge ist auf. Er ist heute mit den übrigen
+schon sehr früh fortgeritten. Es ging recht gut. Wir haben ihm den
+Verband so angelegt, wie Sie uns gesagt haben. Die Wunde war schon
+gut am Heilen. Und hier sind auch die Eier und das Ochsenfleisch, das
+Ihnen die Senjora gestern nacht versprochen hat. Es ist auch nicht gerade
+nötig, daß Sie im Dorf viel darüber reden. Die Leute denken dann
+gleich, daß da eine Schlägerei gewesen sein könnte, und das bringt den
+Jungen nur in einen schlechten Ruf. Verstehen Sie, Senjor?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe, und ich habe auch gar keinen Grund, darüber zu
+sprechen. Jeder kann in eine solche Lage kommen.“ Dann brachte ich
+einen Zettel hervor: „Ich möchte Sie aber bitten, wenn Sie zur Stadt
+kommen sollten, mir die Medizinen zu kaufen, die ich hier aufgeschrieben
+habe und die ich in der Nacht alle aufbrauchen mußte.“
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich, Senjor“, sagte der Mann und nahm den Zettel. Dann gingen
+wir unserer Wege.
+</p>
+
+<p>
+Als ich zu meinem Bungalow kam, saßen auf den Stufen die beiden
+neuen Burschen, die Englisch lernen wollten und es auch gleich versuchten.
+Sie bezahlten mir jeder zehn Stunden im voraus.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Tage später, sehr früh am Morgen, fand ich, daß das Dorf von
+Soldaten umzingelt war. Keiner konnte hinaus aus dem Dorfe, aber
+wer draußen war, durfte hinein. Ein paar Häuser wurden oberflächlich
+durchsucht. Und eine große Anzahl von Einwohnern, Männer, Frauen
+<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
+und Kinder, wurden zusammengetrieben und auf dem Dorfplatze von
+Offizieren und einigen Beamten der Distriktpolizei vernommen.
+</p>
+
+<p>
+Ich hörte bald, was los sei. Einige Nächte vorher waren drei Haziendas
+von Banditen überfallen worden. Die Besitzer waren gebunden worden,
+und es war alles Geld, das gefunden oder erpreßt werden konnte,
+gestohlen worden. Dreißigtausend Pesos waren geraubt worden. Jedes
+Kind wußte, daß dies eine Lüge sei, denn kein Haziendabesitzer hält
+so viel Geld im Hause, und wenn er es vergraben hat, so sagt er es nicht
+und gesteht es auch nicht. Aber zweitausend Pesos alles in allem mochte
+richtig sein.
+</p>
+
+<p>
+Die Soldaten waren den Banditen gut auf der Spur. Die Spur führte
+hier in das Dorf. Und weil das Dorf als Banditennest berüchtigt war
+im ganzen Staate, so wären die Soldaten auch ohne Spur hierher gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Ich schlenderte ruhig meiner Wege und wollte zum Dorfplatz gehen,
+um mir das Schauspiel anzusehen. Da kam mir einer der Bewohner
+entgegen.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist nicht viel los, die Soldaten werden wohl am Nachmittag wieder
+abziehen müssen, ohne die Banditen hier gefangen zu haben. Sie suchen
+auch hier nur nach einem Burschen, der einem verwundeten Banditen
+fortgeholfen und ihn zur Flucht unterstützt hat. Wenn die Soldaten
+den Mann kriegen, dann wird er sofort vernommen und gleich auf dem
+Platze erschossen. Die Offiziere sagen, daß diese Art Leute schlimmer
+und gefährlicher seien als die Banditen selbst.“
+</p>
+
+<p>
+„Was hat denn der Mann getan? Wie kann er denn den Banditen zur
+Flucht verhelfen?“ fragte ich. „Die Banditen sind doch groß genug und
+schlau genug, sich allein fortzuhelfen. Die brauchen keine Hilfe.“
+</p>
+
+<p>
+„Hier liegt der Fall anders“, sagte nun wieder der Mann. Wir waren
+stehengeblieben. Er schien sehr froh zu sein, mich gefunden zu haben,
+um mir recht heiß alles das zu erzählen, was von den Offizieren und
+von den Soldaten erzählt worden war, was die Leute unter sich im
+Dorfe tuschelten, welche wilden Gerüchte herumschwirrten, und was
+er sich selbst dachte. Wäre alles das, was die Offiziere errieten, was die
+Leute im Dorf sich erzählten, was der eine vermutete und was hier
+mein Berichterstatter sich ausdachte, wäre das alles schön vereint und
+gut geordnet den Offizieren bekannt gewesen, so hätten sie damit einen
+Erfolg vielleicht erzielen können. Aber alle diese Zeugenansichten
+waren verstreut und darum wertlos.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+„Ja, hier liegt der Fall anders“, sagte der Nachbar. „Das ist so, sehen
+Sie, Senjor. Auf der letzten Hazienda, wo die Banditen waren, hat einer
+der Burschen, ein ganz junger noch, einen mächtigen Schuß ins Bein
+abgekriegt, vielleicht gar zwei Schüsse. Der Bursche hat tüchtig geblutet.
+Seine Freunde haben ihn aber doch fortgekriegt. Und sie sind
+bis hierher in dieses Dorf gekommen. Man hat sie hier gesehen, wie sie
+den Jungen auf dem Pferde weiterschleppten. Wo sie ihn hingetragen
+haben, weiß man nicht. Aber sie haben einen Doktor geholt. Keinen
+richtigen Doktor, sehen Sie, Senjor, aber einen, der das auch gut kann.
+Das hat man auch gesehen. Und gestern morgen war der Junge wieder
+gesund, und darum konnte er fortgeschleppt werden. Die Banditen
+sind gesehen worden von Männern, die im Busch arbeiten. Ohne den
+Mann, der kuriert hat, hätten die Banditen den Jungen nicht weiterschleppen
+können. Der Junge wäre gefunden worden von den Soldaten,
+die Soldaten hätten so erfahren können, wer er ist und zu
+welcher Familie er gehört. Dann hätten sie bald die ganze Bande
+gehabt.“
+</p>
+
+<p>
+„Und nun“, fragte ich, „ist keine Hoffnung mehr, die Banditen zu
+fangen?“
+</p>
+
+<p>
+„Wenig“, sagte der Mann. „Die Offiziere, seit sie wissen, daß der geschossene
+Bursche entflohen ist, suchen jetzt nur noch nach dem Manne,
+der kuriert hat und so den Banditen fortgeholfen hat. Die Offiziere
+sagen, sie wissen genau, daß er hier im Dorfe ist. Sie haben das ganze
+Dorf umstellt, er kann nicht fort. Sie suchen die Häuser ab, und wenn
+sie die Medizin finden, wissen sie gleich, wer es ist. Der Mann wird dann
+sofort hier abgeurteilt und auch gleich darauf erschossen wegen Banditenbeteiligung.“
+</p>
+
+<p>
+„Geschieht ihm ganz recht“, sagte ich. „Ein anständiger Mensch hilft
+keinem Banditen fort.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben doch auch Medizin im Hause, nicht wahr?“ fragte mich nun
+mein Nachbar.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, etwas, für den Notbehelf.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist nicht genug, was Sie haben“, sagte er darauf.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick kam aus dem gegenüberliegenden Hause ein Offizier
+heraus mit einem Sergeanten und drei Soldaten, die in jenem Hause
+nach Medizin oder nach sonstigen Spuren gesucht hatten.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte in jener Minute auch nicht die geringste Neigung, mir Soldaten
+anzusehen, und ich wollte weiterschlendern. Aber mein Nachbar hielt
+<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
+mich am Arm und sagte: „Bleiben Sie ruhig stehen, Senjor, die tun uns
+nichts.“
+</p>
+
+<p>
+Ich hielt es auch für besser, stehenzubleiben, denn jetzt kam der Offizier
+auf mich zu, gefolgt von seinen Leuten.
+</p>
+
+<p>
+Da ich völlig unschuldig war, niemals verwundete Banditen kuriert hatte,
+niemals fliehende Banditen unterstützt hatte, so hatte ich keinen Grund,
+verlegen zu werden.
+</p>
+
+<p>
+„Welches ist Ihr Haus, Senjor?“ fragte der Offizier.
+</p>
+
+<p>
+„Da hinten, der Bungalow“, antwortete ich.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie Medizin im Hause?“ fragte der Offizier sehr gleichgültig.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, etwas.“
+</p>
+
+<p>
+„Was für welche?“
+</p>
+
+<p>
+„Eine halb aufgebrauchte Tube Mentholatum, Senjor“, sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Können Sie Schußwunden kurieren?“ fragte er mich.
+</p>
+
+<p>
+„Ist jemand von Ihren Leuten geschossen worden?“ Ich fragte sehr erschreckt
+und mitleidig zugleich.
+</p>
+
+<p>
+„Ja“, sagte der Offizier.
+</p>
+
+<p>
+„Das tut mir so aufrichtig leid“, sagte ich traurig werdend. „Aber ich,
+ich kann kein Blut sehen, dann wird mir sofort schlecht, daß ich umfalle.“
+</p>
+
+<p>
+„So sehen Sie auch aus, Senjor“, sagte der Offizier laut auflachend. „Das
+ist mit euch Amerikanern allen so. Habt nicht die gesunden Nerven, die
+wir Mexikaner haben. Wir können Blut sehen, und wie! Natürlich keine
+Beleidigung gemeint, Senjor. Adios, und entschuldigen Sie mich, wenn
+ich Sie belästigen mußte. Wir sind hier im Dienst. Adios.“ Er schüttelte
+mir die Hand und ging.
+</p>
+
+<p>
+Mein Nachbar trottete hinter dem Offizier her, der ein weiteres Haus
+absuchen ging.
+</p>
+
+<p>
+Als ich jetzt allein stand und gerade überlegte, ob ich in mein Haus gehen
+sollte oder weiter im Dorfe herumstreifen, kam ein Junge auf mich zu,
+schon rufend, als er noch einige Schritte entfernt war: „Oiga, Senjor, ich
+bringe die Medizinen aus der Stadt; der Senjor sagt, es ist alles richtig
+bezahlt.“ Ich nahm ihm das Paket ab und schob es in meine Tasche.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Sobald mein Mais eingebracht und verkauft war, hielt ich es für besser,
+die Gegend zu verlassen, ohne Weiteres abzuwarten.
+</p>
+
+<p>
+Es war einige Monate später, und ich saß im Eisenbahnzuge nach Mexiko
+City. Die Fahrt brachte, wie das oft vorkommt, Bekanntschaften zusammen,
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+die eigentlich nicht zueinander gehören. Es war zwischen den
+Stationen Silao und Celaya, als zwei Herren, beide Mexikaner, die schon
+eine beträchtliche Strecke mit mir im selben Wagen fuhren, sich in meine
+Abteilung setzten und mich höflich fragten, ob ich nicht mit Ihnen einige
+Partien Domino spielen möchte. Ich sagte zu. Wir spielten um Bier, das
+wir im Zuge kauften, und das schon immer viel früher ausgetrunken
+war, ehe das Spiel entschieden hatte, wer das Bier zu bezahlen hatte. Die
+Bezahlung ging ziemlich gleichwertig herum, und wir regten uns nicht
+sonderlich auf.
+</p>
+
+<p>
+Der Zug bekam Verspätung, und wir wurden des Spiels überdrüssig.
+Die beiden Herren blieben in meiner Abteilung sitzen, und wir begannen
+zu schwätzen. Was man so in einem Eisenbahnzuge schwätzt.
+</p>
+
+<p>
+Es war ganz natürlich, daß wir auch auf die Amerikaner in Mexiko zu
+sprechen kamen. Immer, wenn irgendeine Bemerkung fiel, die wie eine
+Beleidigung gegenüber Amerikanern aufgefaßt werden mochte, setzten
+die Herren sofort höflich hinzu: „Sie verstehen, Senjor, das meine ich
+nur so im allgemeinen; ich habe keineswegs die Absicht, Sie oder irgend
+jemand von Ihren Freunden zu verletzen. Es ist ja auch nur der Unterhaltung
+wegen.“ Darauf lachten sie, und wenn ich vorsichtig etwas gegen
+die Mexikaner sagte, dann fügte ich auch hinzu, daß es nur der Unterhaltung
+wegen sei, und daß mir die Mexikaner ebenso lieb seien wie
+meine eigenen Landsleute, die auch nicht alle von Engeln ausgebrütet
+worden seien, und daß wir alle miteinander unsere tiefen Schattenseiten
+haben, ganz gleich welcher Nation wir angehören.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist ganz richtig“, sagte der eine der Herren, „da haben Sie aber
+durchaus recht. Wir haben hier eine gute Anzahl von Amerikanern im
+Lande, die nichts als Unheil stiften.“
+</p>
+
+<p>
+„Weiß ich, Senjor“, fiel ich ein, „da sind die großen Ölmagnaten und
+die Minenkompanien und die Chiclekompanien und die großen Bankiers,
+die einen mexikanischen Staat nach dem andern annektieren wollen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, die auch“, sagte der Herr, „aber an die habe ich gerade im Augenblick
+nicht gedacht. Ich meine eine andere Sorte von Amerikanern. Es
+kommt mir sehr oft so vor, als ob alles Gesindel von den Staaten, dem
+es dort oben zu heiß unter den Füßen wird, hier nach Mexiko kommt,
+um allen möglichen Unfug zu verrichten.“
+</p>
+
+<p>
+„Solche Leute gibt es“, bestätigte ich. „Wir haben wirklich viel Gesindel.
+Das ist wahr. Und Mexiko ist das nächste fremde Land, wo diese
+Burschen glauben, sicher zu sein.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+„Aber nicht mit mir, Caballero, nicht mit mir“, ereiferte sich der kleine,
+etwas fette Herr. „Mit mir können diese Ihre Landsleute – entschuldigen
+Sie, daß ich sage paisanos, Landsleute, aber ich meine Sie ja nicht –, ja,
+also mit mir können diese Sträflinge nichts ausrichten. Ich bin ihnen heiß
+dahinter, si, Senjor. In meinem Distrikt können diese Burschen sich nicht
+halten, oder ich habe sie gleich am Kragen; und wenn sie hier etwas ausgenascht
+haben, dann sacke ich sie gehörig ein. Aber gehörig und dick.
+Und dann werden sie ausgeliefert, um daheim den Rest abzumachen, den
+sie sich dort aufgeknallt haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann sind Sie wohl Staatsanwalt, Senjor?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Noch nicht, aber vielleicht eines Tages. Wer weiß. Probablemente.
+Nein, ich bin Polizeichef in dem Distrikt Conitaclapam. Kennen Sie den
+Distrikt, Senjor? Waren Sie da schon einmal oben?“
+</p>
+
+<p>
+„Nie in meinem Leben“, sagte ich, der Wahrheit gemäß. Einem Polizeichef
+gegenüber muß man immer die Wahrheit sagen, wie einem Richter,
+wie einem Staatsanwalt. Nur dann kommt man ungeschoren und fröhlich
+durchs Leben. Conitaclapam war jener Distrikt, wo ich meine abgefressene
+Baumwollfarm gehabt hatte, wo das Dorf, in dem ich wohnte, mit
+Banditen so vollgepfropft war, daß ich der einzige Bewohner war, auf
+den ich schwören konnte, daß er bestimmt kein Bandit war. Ich glaube,
+ich lasse das lieber sein, mit dem Schwören, und begnüge mich damit, zu
+sagen, daß jenes Dorf eine gute Anzahl von Banditen beherbergte, die
+alle miteinander so unschuldig aussahen wie Sir Austen Chamberlain auf
+einer Abrüstungskonferenz.
+</p>
+
+<p>
+Der Polizeichef wußte sofort, daß ich jene Gegend nicht kannte und nie
+gesehen hatte. Darum konnte er frischweg und freiheraus reden: „Ich
+habe da in meinem Distrikt eine gute Anzahl von Amerikanern leben,
+Farmer, Viehzüchter, Baumwollpflanzer, Ladeninhaber. Durchweg sehr
+anständige, ordnungsliebende Leute, die das Gesetz achten, pünktlich ihre
+Steuern und Abgaben entrichten und mir nie auch nur die geringste Sorge
+oder Schererei machen. Leute mit Bildung, fleißig, arbeitsam, sparsam,
+fortschrittlich. Ja, wie ich gestehen möchte, Leute, auf die Sie, Senjor,
+stolz sein dürfen. Landsleute von Ihnen, gegen die ich einen tiefen
+Respekt fühle, die mir jeden Tag willkommen sein würden als mexikanische
+Bürger.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ich treffe hier in Mexiko genug solche tüchtigen Leute von uns.
+Wackere Pioniere, um die es schade ist, daß sie nicht daheim bleiben“,
+sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+Der Polizeichef schien sich nicht viel aus meiner Meinung zu machen. Er
+war im Fluß und wollte reden. Was konnte ich dagegen tun? Ich ließ ihn
+weiterreden. Die größte Freude, die man Menschen machen kann, ist die,
+sie reden zu lassen, solange sie wollen, bis ihnen das Maul ausfranst. Man
+wird viel mehr geachtet, wenn man andere reden läßt, als wenn man
+selbst redet; denn kein Mensch hat auch nur das geringste Interesse daran,
+die Meinung eines andern zu hören.
+</p>
+
+<p>
+So redete der Polizeichef immer darauflos: „Aber außer solchen achtbaren
+Amerikanern, die in meinem Distrikt zu haben ich mich glücklich
+schätze, habe ich auch einiges Gesindel darunter. Und auch gleich das
+gefährlichste, das Ihr Land auszuspeien vermag. Entschuldigen Sie,
+Senjor, das ist natürlich nicht persönlich gemeint, in keiner Weise. Ich
+habe da in meinem Distrikt eine gute Zeit lang einen Burschen gehabt,
+der Ihrem Lande sicher keine Ehre macht, ein Bursche, von dem ich zehnmal
+schwören will, daß er in zwanzig Städten Ihres Landes gesucht wird
+wegen Raubmords, Postdiebstahls, Bankeinbruchs, Geldfälschung, Bigamie,
+Scheckradierung, Mädchenraubs, Gefängnissprengung, Opiumschmuggels
+und mehr solcher Dinge. Was er eigentlich in meinem Distrikt gemacht
+hat, oder wie er dahin gekommen ist, habe ich nie richtig erfahren können.
+Er hat da so getan, als ob er Baumwolle farmen wollte oder Öl bohren
+oder Kupferminen entdecken. Aber die Wahrheit ist, er ist nichts weiter
+gewesen als ein Landstreicher und Vagabund. Keinen ganzen Fetzen auf
+dem Leibe, wie mir die Leute sagen. Er hat weder die Pacht für das
+Land bezahlt noch die Miete für das Haus, in dem er wohnte.“
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht hatte der arme Bursche kein Geld“, wandte ich ein, meinen
+vom Unglück gejagten Landsmann verteidigend.
+</p>
+
+<p>
+„Mag sein“, sagte der Polizeichef. „Das will ich ihm ja auch nicht anrechnen.
+Dios mio, es kann ja jedem Menschen einmal eine Zeitlang das
+Feuer verregnen. Wenn er sonst anständig ist, habe ich gar nichts dagegen
+einzuwenden, wie er sich durchklammert durchs Leben. Aber was
+hat dieser Bursche dort getan, und das in meinem Distrikt –“
+</p>
+
+<p>
+„Was denn, Senjor?“ fragte ich, gespannt seiner Rede folgend.
+</p>
+
+<p>
+„Er hat gedoktert. Das würde ich ihm ja auch gar nicht so übelnehmen.
+Solange er die Leute nicht im Bauche herumoperiert, geht es mich gar
+nichts an, und ich frage kein Wort nach der Lizenz. Aber er hat alle
+Banditen, die wir anschossen, und die uns sicher in die Hände gefallen
+wären, wenn er nicht gewesen wäre, gesund kuriert, so daß sie uns alle
+entwischten und wir nie einen einzigen kriegen konnten. Er hat sie alle
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+beschützt. Er hat jedes Haus gewußt, wo die Banditen sich versteckten,
+wenn wir hinter ihnen her waren. Er hat sie nicht nur kuriert, das wäre
+auch nicht das Schlimmste, aber er war so gerissen, so durch und durch
+getränkt mit allen Kniffen und Schlichen, daß er ihnen Zaubermittel gab,
+wodurch den Banditen da jeder Überfall glückte. Er hat mit Radioapparaten
+gearbeitet und mit Lichtsignalen, so daß jede Ankunft von
+Soldaten den Banditen lange vorher verraten war, ehe wir noch fünf
+Meilen vom Dorfe entfernt waren. Und was hat der Mann verdient!
+Die Banditen haben ihm die Tausende von Pesos nur immer so hingeschleppt
+ins Haus, ein Tausend Pesos nach dem andern. Der Mann hat
+mehr verdient als ich in meiner Stellung als Polizeichef. Dann hat dieser
+Vagabund alle Banditen englisch sprechen gelehrt, so daß sie bald darauf
+auch die amerikanischen Farmer überfallen konnten und den Farmern
+auf englisch das Geld auspressen konnten. Was bin ich hinter diesem
+Mann hinterher gewesen. Viermal war ich mit einer Kompanie Soldaten
+da, ihn zu fangen. Hat unserer Regierung sehr schwer Geld gekostet.
+Können Sie sich denken, Senjor. Denn wir können das nicht umsonst
+machen. Es ist alles sehr teuer. Und auch ein Polizeichef muß leben, er
+kann nicht alles nur aus reiner Liebe zu seinem Berufe tun. Man hat mir
+von der Regierung schwere Vorwürfe gemacht wegen der Banditen und
+mir dreimal mit Absetzung gedroht, wenn ich da nicht Ordnung schaffe.
+Aber ich habe das alles an die Regierung berichtet. Ein Bericht von
+sechzig Maschinenschriftseiten. Es wird jetzt bei der Regierung auch eingesehen,
+daß ich alles tat, was nur in der Macht eines sterblichen Menschen
+liegt, und man hat eingesehen, daß dieser Amerikaner die alleinige
+Schuld trägt, daß wir die Banditen nicht fangen können.“
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie ihn denn nicht einfangen können?“ fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Nie“, sagte der Herr empört. „Nie zu fangen gewesen. Ist viel zu
+schlau. Gut gedrillt in den Strafgefängnissen seines Landes. Und dann
+hatte er doch auch alle die Banditen da im Bunde. Wie war denn da
+etwas zu erreichen? Ich kann gegen Menschen alles ausrichten, aber gegen
+Teufel bin ich machtlos. Das hat man bei der Regierung auch eingesehen.
+Wir werden ihn ja auch noch kriegen. Wir haben alle seine Personalien.
+Sind eingetragen in allen Ämtern der Republik.“
+</p>
+
+<p>
+„Wieviel kann er denn abbekommen, wenn er gekriegt wird?“
+</p>
+
+<p>
+„Entweder erschossen oder zwanzig Jahre nach den Maria-Inseln.“
+</p>
+
+<p>
+„Ist er denn nicht mehr in deinem Distrikt?“ fragte jetzt der andere der
+Herren, der halb zugehört, halb geschlafen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+„Nein, er hat sich fortgestaubt. Richtig ist, wir haben ihm den Distrikt
+so eingeheizt, daß er eines Nachts auf und davon gegangen ist. Und was
+soll ich Ihnen sagen, Senjor“, wandte er sich wieder an mich, „seitdem
+der Bursche hinaus ist aus meinem Distrikt, herrscht dort tiefe Ruhe,
+keine Banditenüberfälle. Die Zivilisation ist wieder eingekehrt in den
+an sich so friedlichen Distrikt. Sie dürfen mir aufs Wort glauben, Senjor,
+unsere Leute in jenem Distrikt sind alle friedliche und anständige Bürger,
+die in Ordnung ihrer Arbeit nachgehen. Freilich, wenn so ein Erzvagabund
+diese Leute unter seine unheilvolle Macht bekommt, dann
+– unsere Bürger sind ja auch nichts weiter als gewöhnliche Menschen –,
+was dann geschehen kann und geschieht, haben wir ja gesehen.“
+</p>
+
+<p>
+Wir waren inzwischen nach Juan del Rio gekommen, wo wir alle ausstiegen,
+um im Restaurant zu Mittag zu essen. Hier traf der Polizeichef
+zwei Diputados, zwei Abgeordnete, die er kannte, und die den gleichen
+Zug benutzten, um gleichfalls nach Mexiko City zu fahren. Als der Zug
+weiterfuhr, betrachteten die beiden Herren, die mit mir Domino gespielt
+hatten, es als angenehmer, sich für den Rest der Reise mit den Diputados
+zu unterhalten. Dadurch gelang es mir, mich unauffällig in einen andern
+Wagen zu schieben, so daß der Polizeichef mich nicht mehr sah und mich
+ebenso leicht und schnell vergaß, wie er mich kennengelernt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Aber da mir alle Schliche und Kniffe wohl vertraut waren, wie mir
+amtlich bestätigt worden war, hielt ich es für gesünder, in der ersten
+Vorstadt von Mexiko City, wo der Zug hielt, auszusteigen und von dort
+mit der Straßenbahn nach der City zu fahren. Denn wenngleich ich
+unschuldig war wie ein frischgebadeter Cherubim, ist man erst einmal in
+den Schlingen des Gesetzes, dann ist es meist immer zu spät, seine Unschuld
+zu beweisen. Auf alle Fälle hat man einige Monate abzusitzen,
+und entschädigt wird man weder für das schlechte Essen, noch für das
+harte Bett, noch für die Läuse, die man bekommt.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Hier kann ich ja nun in aller Ruhe erzählen, daß da einmal ein Polizeichef
+war, der sich so unfähig erwies, daß er selbst dann noch keinen
+Banditen erwischt haben würde, wenn er mit ihm Karten am selben Tisch
+gespielt hätte, und daß da ein Polizeichef war, der wohl wußte, daß er
+zu Unrecht Gehalt von der Nation bezog, der aber, um jenes Gehalt nicht
+zu verlieren, und um die Aussicht behalten zu können, weiter in den
+Ämtern hinaufzurücken, seine Unfähigkeit und seine Stupidität dadurch
+zu verdecken suchte, daß er einen Amerikaner in seinen Berichten
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+anschuldigte, der Anführer von Banditen zu sein. Die Erde an den Stiefelsohlen
+jenes Amerikaners mag ja nicht ganz so unverdächtig sein, wie
+das hier dargestellt wird – denn jeder Mensch wünscht von sich nur
+Gutes zu berichten –, aber ganz so schlimm, wie es in den Berichten an
+die Regierung geschildert wurde, in sechzig Seiten Maschinenschrift, ist
+es doch nicht gewesen. Das soll keine Verteidigung sein, sondern nur die
+bleiche unbemalte Wahrheit.
+</p>
+
+<p>
+Außerdem ist es Wahrheit, daß die Banditenüberfälle in jenem Distrikt,
+von dem hier die Rede war, in letzter Zeit erheblich zugenommen haben.
+Das berichten die Zeitungen. Und die Regierung berichtet, daß sie drei
+Kompanien Soldaten in den Distrikt schicken wird, um Ordnung zu
+schaffen.
+</p>
+
+<p>
+Aber was auch alle berichten und sagen mögen, Zeitungen, Regierung
+und der Polizeichef, kümmert mich wenig. Was ich berichtet und gesagt
+habe, das ist die Wahrheit. Ich muß es wissen; denn ich war dabei. Alle
+übrigen, die berichten, waren nicht dabei. Und insbesondere die Tausende
+von Pesos, die mir in die Tasche berichtet wurden, habe ich nie gesehen und
+noch viel weniger gehabt. Mein ganzer Verdienst an jenen Geschäften
+war: sechzehn Eier, es können auch zwanzig gewesen sein, ich will um
+die Zahl nicht streiten; zwei Kilogramm gutes Ochsenfleisch, ich habe es
+nicht nachgewogen, weil man einer geschenkten Katze die Flöhe nicht
+berechnet, aber das Fleisch war gut; und ferner habe ich meine Medizinen
+ersetzt bekommen, die mir einen heißen Schrecken bereiteten, als sie mir
+laut entgegengeschrien wurden; und endlich bekam ich zwei Schüler in
+Englisch. Aber die kann ich als Lohn nicht zählen, denn ich mußte hart
+mit ihnen arbeiten, sie haben nichts bei mir gelernt, verließen mich nach
+zwei Tagen und wurden auf der Farm eines Amerikaners erwischt, als
+sie sechs Kühe in Englisch davon überzeugen wollten, ihnen lieber freiwillig
+zu folgen, als gezwungen, und mexikanisch mit ihnen zu ziehen.
+Aber auch daran war ich völlig unschuldig. Denn wenn jemand Englisch
+lernen will, ist es unhöflich, ihn zu fragen, ob er vielleicht die Absicht
+habe, amerikanischen Farmern in Mexiko in englischer Sprache Geld auszupressen.
+Wenn das Geld den Farmern erst einmal mit Erfolg ausgepreßt
+wurde, ist es ihnen ganz gleich, ob es ihnen in Englisch, in
+Spanisch oder in Chinesisch abgepreßt wurde. Es kommt auf keinen Fall
+wieder, selbst dann nicht, wenn ein geschickter Polizeichef es erfolgreich
+zurückerobern sollte. Was fort ist, das ist fort. In Mexiko so gut wie in
+den Staaten.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-21">
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+INDIANER-BEKEHRUNG
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">in</span> indianischer Häuptling kam eines Tages zu dem
+spanischen Mönch Balverde, der in Mexiko als Missionar tätig war, um
+den Indianern die wahre Lehre des Heils zu verkünden.
+</p>
+
+<p>
+Der Häuptling kam mit zwei Männern seines Stammes, die zu dem Rate
+gehörten, also Älteste oder Edle waren.
+</p>
+
+<p>
+Pater Balverde empfing den Häuptling höflich und ohne jegliche Überhebung.
+Es sei hier gesagt, daß die spanischen Mönche und Priester
+während der ersten drei Jahrhunderte spanischer Herrschaft in Mexiko
+die einzigen wahren und aufrichtigen Freunde der Indianer waren. Die
+Mönche und Priester haben in Wahrheit, von Ausnahmen abgesehen, die
+Indianer gegen die Brutalität der spanischen Ausbeuter und Goldjäger
+in einer Weise beschützt, die der katholischen Kirche hoch zu ihren
+Gunsten angerechnet werden muß. Meist freilich waren die Mönche und
+Missionare gezwungen, sich gegen ihre eigenen Bischöfe aufzulehnen, die,
+wenn es galt, die Indianer zu berauben, auszubeuten und zu versklaven,
+sich auf Seite der Krone und der Großgrundbesitzer stellten. Bischöfe
+waren und sind ja immer der Krone und dem Großkapital näher als
+die Mönche und Kapläne. Der große Zwiespalt zwischen katholischer
+Kirche und dem Indianer in Mexiko kam erst, seit Mexiko unabhängig
+wurde und als große indianische Schichten des mexikanischen Volkes,
+die intelligentesten indianischen Schichten, zu einem entschiedenen
+Fortschritt in Bildung und allgemeiner Zivilisation drängten, während
+die katholische Kirche in ihrer mittelalterlichen Macht über Geist und
+Erziehung gewaltsam beharrte, nicht ein Stück ihrer Macht und ihres
+Einflusses preisgeben wollte und sich im Zeitalter hochentwickelter
+Technik der notwendigen Bildung des Indianers widersetzte.
+</p>
+
+<p>
+Aber das, was hier erzählt wird, trug sich zu, als die katholischen Missionare
+noch unter den Indianern in Mexiko wirkten nicht mit dem Gedanken
+an eine Stärkung der irdischen und politischen Macht der Kirche,
+sondern mit dem aufrichtigen und durchaus ehrlichen Wunsche, den
+Indianer zu erlösen und ihm in brüderlicher Weise in das Paradies zu
+helfen. Die Mönche arbeiteten unter den Indianern so selbstlos und so
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+interesselos zu jener Zeit, wie wohl selten irgendwo Missionare gewirkt
+haben. Sie brachten den Indianern nicht nur die Lehre des Heils,
+sondern sie brachten ihnen viel mehr Dinge, die dem Indianer schon
+hier auf Erden sehr nützlich waren und vielen von ihnen eine gewisse
+ökonomische Befreiung verliehen. Sie lehrten ihnen Hunderte von
+nützlichen Handwerken und Künsten; das Züchten von Seidenraupen,
+das Sticken feiner Handarbeiten, das Glasieren von Töpferwaren, um
+einiges zu nennen.
+</p>
+
+<p>
+So erscheint es durchaus natürlich, daß Indianer ganz freiwillig zu den
+Mönchen zuweilen kamen, um von der neuen Religion zu hören.
+</p>
+
+<p>
+Und das war es, was jenen Häuptling mit seinen beiden Begleitern
+zu dem Mönch Balverde führte.
+</p>
+
+<p>
+Der Häuptling sagte zu dem Mönch: „Mit unseren Göttern, besonders
+mit den großen, sind wir ganz zufrieden. Nur mit unseren Nebengöttern
+haben wir oft viel Sorge. Wenn wir Regen gebrauchen, dann
+schickt uns der Regengott keinen Tropfen, und wenn wir Trockenheit
+haben müssen, dann können wir tun, was wir wollen, und der Gott der
+trocknenden Winde ist nicht daheim für uns. So ist es mit manchen
+unserer kleinen Götter. Nun haben die Ältesten meines Stammes beraten
+und beschlossen, daß ich zu dir komme, Verkünder einer neuen
+Religion, zu hören, ob du uns bessere Götter anbieten kannst. Wenn
+wir lernen, daß deine Götter besser sind als unsere, dann sind wir
+willens, deine Götter anzunehmen und die unsrigen zu vergessen. Erzähle
+uns, mir und meinen beiden Beratern, von deiner Religion. Wir
+wollen dir gut zuhören und alles, was du uns von deinen Göttern
+sagst, wollen wir getreulich unserem Volke daheim berichten und dir
+dann zu gelegener Zeit unseren Entschluß mitteilen.“.
+</p>
+
+<p>
+Der Pater Balverde, ohne viel unnötigen Pomp zu machen, erzählte
+in schlichter Weise die Grundgeschichten des Evangeliums auf, in klaren
+unverbrämten Sätzen, so wie man die Geschichte einem Kinde erzählen
+würde. Alles das, was verwirren könnte, ließ er vorläufig aus.
+Darin tat er recht, und er bewies damit, daß er es wohl verstand, mit
+den einfachen Menschen, wie seine Besucher waren, gut umzugehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Häuptling hörte stundenlang zu, ohne den Mönch auch nur ein
+einziges Mal zu unterbrechen.
+</p>
+
+<p>
+Als der Mönch geendet hatte, sagte der Häuptling: „Mein guter Freund,
+ich habe vernommen, was du mir und meinen Beratern erzählt hast. Ich
+könnte dir gleich jetzt darauf antworten. Aber du hast so ehrlich erzählt,
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+daß es meinem Herzen weh tun würde, dir sofort zu antworten, denn ich
+könnte voreilig reden und damit dir und deinen Göttern Schmerz zufügen.
+Das ist ganz gewiß nicht mein Wille. Ich werde nun zur Nacht
+schlafen gehen, hier in diesem Ort, und ich werde im Schlafe wohl überdenken,
+was du mir gesagt hast. Und morgen früh will ich kommen und
+dir sagen, was ich denke und was ich in mir beschlossen habe. Dann ist
+es nicht länger mehr voreilig, sondern wohl bedacht, und es sind dann
+meine wahren Worte. So kann es dann weder dich noch deine Götter
+schmerzen, weil es meines ruhigen Denkens klare Frucht ist. Und wenn
+man wohlüberdacht und ehrlich seine Wahrheit sagt, so kann kein Gott
+zürnen, denn es ist Gott selbst, der diese Wahrheit in mein Herz legt. Bist
+du dessen zufrieden, mein Freund?“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß, mein Bruder“, sagte der Pater, „ich bin dessen durchaus zufrieden.
+Gott und die Heilige Jungfrau werden deine Gedanken lenken
+und dich und die Deinen zu dem alleinigen Heil führen. Gehe mit Gott!“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Am nächsten Morgen, als der Pater die Messe in der Kapelle des Ortes
+gelesen hatte und sich gerade zum Frühstück hinsetzte, kam der Häuptling
+mit seinen beiden Beratern, um seine Antwort zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Der Mönch wollte sofort mit dem Häuptling sprechen. Aber der Häuptling
+sagte: „Ich sehe, daß du bereit bist, zu essen. Es ist für dich besser,
+du ißt ruhig dein Mahl, denn du bist gewiß hungrig. Das würde dich
+eilfertig machen. Und Religion ist nichts in Eile, nicht meine und gewiß
+auch nicht die deine. Iß, und wenn du gut gegessen hast, werden wir
+sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+Als der Mönch nun gegessen hatte, kam er hinaus; und er, der Häuptling
+und dessen beide Berater, setzten sich unter einen Baum, der dicht bei der
+Kapelle stand.
+</p>
+
+<p>
+Der Mönch fragte nicht und drängte nicht. Er wartete ruhig, bis der
+Häuptling zu reden begann.
+</p>
+
+<p>
+Sagte der Häuptling: „Ich habe wohl überlegt in meinem Herzen alle
+Worte, die du mir gesagt hast. – Dein Gott ließ sich auspeitschen. Ist
+das so?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, um die Sünden der Welt auf sich zu laden“, sagte der Pater.
+</p>
+
+<p>
+„Er ließ sich bespucken, beschimpfen, mit Schmutz bewerfen, ließ sich
+verhöhnen als ein närrischer König, ließ sich in Verhöhnung einen Hut
+aus Dornen aufsetzen. Ist das so?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, um die Sünden der Menschen auf sich zu laden“, sagte der Pater
+wieder.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+„Er ließ sich an einen Balken nageln und starb dort schmählich wie ein
+kranker Hund. Ist das so?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, um die Menschen von allen Sünden zu erlösen“, sagte der Pater.
+</p>
+
+<p>
+Darauf sagte der Häuptling sehr ruhig: „Das ist es, was mir Gott ins
+Herz gab in der Nacht: Jemand, der nicht durch seine Person den
+Menschen genügend Respekt einflößen kann, daß sie nicht wagen, ihn zu
+bespucken, zu beschimpfen, zu verhöhnen und mit Kot zu bewerfen,
+kann kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht
+wehren kann und nicht wehren mag, hat kein rotes Blut und keinen Mut.
+Eine solche Person kann kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person,
+die sich nicht befreien kann und nicht befreien will von dem Balken, auf
+den sie genagelt ist, kann keine Menschen erlösen und kann darum kein
+Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die auf einen Balken genagelt,
+jammert und winselt wie ein altes Weib, kann kein Gott für einen
+Indianer sein.“
+</p>
+
+<p>
+Der Häuptling wollte fortfahren in seiner Rede; aber eine solche tiefe
+Ruhe, wie der Häuptling gestern während der Rede des Mönches gezeigt
+hatte, konnte der Mönch nicht bewahren.
+</p>
+
+<p>
+Er fiel dem Indianer in die beginnende neue Rede: „Das alles tat mein
+Gott mit Absicht, um die Menschen zu erlösen; er wollte leiden, um für
+alle Menschen zu leiden.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf sagte der Häuptling: „Du sagst, er ist ein allmächtiger Gott, dein
+Gott, und ein Gott unendlicher Liebe. Ist das so?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das ist wahr.“
+</p>
+
+<p>
+„Ist er wahrhaft allmächtig, dein Gott, warum nimmt er nicht alle
+Sünden und Missetaten von den Menschen, ohne zu leiden, ohne sich
+verhöhnen zu lassen, ohne jämmerlich winselnd zu sterben? Und wenn
+er wahrhaft ein Gott unendlicher Liebe ist, warum läßt er die Menschen
+in ihren Sünden leiden, und warum läßt er sie Sünden überhaupt begehen?
+Nur um dieses große, so jämmerlich vorübergehende Schauspiel aufführen
+zu können? Ein Gaukler kann kein Gott für einen Indianer sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber“, unterbrach der Mönch wieder, „das tat Gott, damit die Menschen
+durch eigenes Verdienst und durch Glauben sich das ewige Leben
+verdienen sollen.“
+</p>
+
+<p>
+Sagte der Indianer ruhig: „Warum der Umweg, mein Freund? Warum
+verdienen müssen, was ein Gott unendlicher Liebe und unendlicher Allmacht
+den Menschen umsonst geben kann, wie meine Mutter mir alles
+und alles umsonst gibt aus Liebe, und nicht darum fragt, ob ich es verdiene,
+<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
+ob ich an sie glaube, ob ich sie anbete. Sie würde mir alles in Liebe
+geben, ohne zu rechten und ohne zu handeln, selbst dann, wenn ich sie
+– mein Gott möge mich davor behüten –, selbst dann, wenn ich sie beschimpfen,
+verspotten oder gar schlagen würde. Meine Mutter ist größer
+als dein Gott; denn sie hat mehr unendliche Liebe, mehr unendliche Vergebung
+und weniger Verlangen für Glauben und Gebete als dein Gott.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Der Pater wich aus und führte das Gespräch hinweg nach einer anderen
+Lehre, von der er aus Erfahrung wußte, daß sie einen großen Eindruck
+auf die Indianer, die er bisher getroffen hatte, zu machen pflegte.
+</p>
+
+<p>
+Er sagte: „Aber mein Gott ist nicht gestorben, wie du meinst und wie
+du gewiß gestern überhört hast. Mein Gott ist nach drei Tagen von den
+Toten auferstanden und in großer Pracht hinauf zum Himmel gefahren.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie oft?“ fragte der Häuptling kurz und trocken.
+</p>
+
+<p>
+Ein wenig erstaunt antwortete der Pater: „Aber – natürlich nur einmal.“
+</p>
+
+<p>
+„Und ist er, ich meine dein Gott, seitdem schon einmal wieder zurückgekommen?“
+Auch das fragte der Häuptling ebenso kurz und trocken
+wie vorher.
+</p>
+
+<p>
+„Nein“, sagte der Mönch, „er ist nicht wiedergekommen seitdem, aber
+er hat verheißen, er wird dereinst wiederkommen, zu richten und zu –“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+Diesmal fiel der Häuptling ihm in das Wort: „– und zu verdammen.“
+</p>
+
+<p class="ibr">
+„Ja“, sagte der Mönch, nun ein wenig erregt werdend, „ja, um zu verdammen
+alle und alle, die nicht an ihn glauben und die an seinen Worten
+herumkratzen und die Lehre des wahren Heils nicht erkennen wollen,
+wenn sie ihnen mit offenen Händen dargebracht wird und für nichts zu
+haben ist.“
+</p>
+
+<p>
+Der Häuptling ließ sich von der Erregung des Mönches nicht mit fortreißen.
+Als der Pater geendet hatte, sagte der Indianer ruhig: „Und das
+ist es, was Gott mir als letztes Wort ins Herz gelegt hat: Mein Gott
+stirbt jeden Abend für uns, seine indianischen Kinder, um ihnen Kühle
+zu bringen, Ruhe und Frieden. Er stirbt in tiefer, goldener Schönheit,
+nicht verhöhnt, nicht angespeit, nicht mit Kot beworfen. Er stirbt schön
+wie ein wahrhaft großer Gott. Aber am Morgen steht er wieder auf von
+den Toten, zuerst von den Schleiern des Todes noch umhüllt, dann aber
+glitzern seine goldenen Speere über das blaue Firmament, und endlich
+steht er da groß, golden und mächtig, Licht, Wärme, Schönheit und
+Fruchtbarkeit spendend, den Blumen Duft und Farben gebend, den
+Vögeln süße Lieder lehrend, dem Mais Kraft und Gesundheit in die
+Kolben flößend, den Früchten Süßigkeit und heilende Säfte einhauchend,
+<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
+mit den Wolken spielend jagen im Meer der blauen Lüfte. Und gleich
+meiner geliebten Mutter ist mein Gott, gebend und gebend und gebend,
+keine Gebete verlangend, keine Gebete erwartend, keinen Glauben gebietend
+und niemals verdammend. Und wenn der Abend kommt, stirbt
+er wieder dahin in rot-goldener Pracht, nicht verhöhnt, nicht winselnd,
+sondern in einem ruhigen, tiefen Frieden verheißenden Lächeln; mit dem
+letzten Zucken seiner müde werdenden Augen seine indianischen Kinder
+segnend. Und am Morgen ist er wieder da am Firmament, der ewig
+junge, ewig strahlende, ewig schenkende, ewig sich neugebärende, ewig
+wiederkehrende, große, goldene Gott der Indianer. Und so sagte mir
+Gott als letztes Wort in mein Herz: Tausche deinen Gott nicht, mein
+guter Sohn, denn es ist kein größerer Gott als dein Gott, der lachende
+Gott, der in seinen Strahlen jauchzt und singt, kein schönerer und kein
+edlerer Gott ist in der weiten Welt, als der im flutenden Golde badende
+Gott, als der herrliche strahlende Gott des Indianers.“
+</p>
+
+<p>
+Und als der Häuptling das gesagt hatte, dankte er dem Pater Balverde
+für die Freundlichkeit, die er ihm erzeigt hatte. Dann rollte er seine
+Decke, auf die er gesessen hatte, zusammen, warf sie sich über die
+Schulter, und er ging, gefolgt von seinen Begleitern, zurück zu seinem
+Volke.
+</p>
+
+<p>
+Der Stamm wohnt in der nördlichen Hälfte der Sierra Madre. Er ist
+bis zum heutigen Tage ohne die Lehre des wahren Heils geblieben. Bei
+dem raschen Zerfall der katholischen Kirche in Mexiko ist nunmehr
+jegliche Hoffnung für uns geschwunden, jenen Stamm und einige zwanzig
+andere Indianerstämme in Mexiko dereinst im Paradiese als geflügelte
+Harfenschläger und Posaunenbläser begrüßen zu können. Wir werden
+es als gute Christen in tiefer Demut und völliger Unterwerfung unter
+dem Willen anderer geziemend zu ertragen wissen. Halleluja!
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-22">
+<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
+DER NACHTBESUCH IM BUSCH
+</h2>
+
+</div>
+
+<h3 class="section section1" id="chapter-22-1">
+Der Doktor
+</h3>
+
+<p class="dropart">
+<span class="firstchar drop-u"><img src="images/drop_u.jpg" alt="U"><span class="hidden">U</span></span><span class="postfirstchar drop-u">ndurchdringlicher</span> Dschungel bedeckt die weiten Ebenen der
+Flußgebiete des Panuco und des Tamesi. Zwei Bahnlinien nur durchziehen
+diesen neunzigtausend Quadratkilometer großen Teil der Tierra Caliente.
+Wo sich Ansiedelungen befinden, haben sie sich dicht und ängstlich an die
+wenigen Eisenbahnstationen gedrängt. Europäer wohnen hier nur ganz
+vereinzelt und wie verloren. Die ermüdende Gleichförmigkeit des
+Dschungels wird von einigen sich langhinstreckenden Höhenzügen unterbrochen,
+die mit tropischem Urbusch bewachsen sind, der ebenso undurchdringlich
+ist wie der Dschungel, und in dessen Tiefen, wo immer Dämmerung
+herrscht, alle Mysterien und Grauen der Welt zu lauern scheinen.
+An einigen günstigen Stellen, wo Wasser ist, sind kleine Indianerdörfer
+über die Höhen verstreut; Wohnplätze, die schon dort waren, ehe der
+erste Weiße das Land betrat. Sie liegen fernab der Eisenbahn. Auf Eselskarawanen
+werden die Waren, die hier gebraucht werden, hauptsächlich
+Salz, Tabak, billige Baumwollhemden, Zwirnhosen, Musselinkleider,
+spitze Strohhüte für die Männer und schwarze Baumwolltücher für die
+Frauen herbeigebracht. Als Tausch werden Hühner, Eier, Eselsfüllen,
+Ziegen, Papageien und wilde Truthähne gegeben.
+</p>
+
+<p>
+Dort wohnte ich, tief im tropischen Busch, allein, in einer primitiven
+Hütte, die ich mir selbst gebaut hatte, nach Indianerart, ohne einen Nagel
+zu gebrauchen.
+</p>
+
+<p>
+Vierzig Minuten Ritt brachte mich zu meinem nächsten weißen Nachbar,
+einem Arzt aus Arkansas, namens Wilshed. Alle übrigen Menschen
+meiner Nachbarschaft, von denen keiner näher wohnte als dreißig
+Minuten, waren Vollblutindianer. Das nächste Dorf war elf Meilen entfernt,
+die nächste Eisenbahnstation, wo zwei weiße Familien wohnten,
+siebzig Meilen.
+</p>
+
+<p>
+Doktor Wilshed wohnte in einem Bungalow, einem einfachen Bretterhaus,
+das zwei Räume hatte. Er lebte dort mutterseelenallein, betrieb ein
+wenig Landwirtschaft, hatte drei Kühe, hundert Hühner, zwanzig Bienenstöcke,
+zwei Pferde und drei Maultiere. Zwei Indianerfamilien, die etwa
+eine Meile entfernt wohnten, auf dem Abhange des Höhenzuges, waren
+<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
+seine nächsten Nachbarn. Die Männer jener beiden Familien waren bei
+ihm als Farmarbeiter beschäftigt. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte
+der Doktor mit Lesen. Wenn er nicht las, dann saß er auf der Veranda
+seines Bungalows und sah unverwandt hinunter auf die unermeßlich
+weite Ebene, die sich vom Fuße des Höhenzuges an bis fern hinter den
+Horizont hinzog. Dschungel, Dschungel, nichts als Dschungel. Zuweilen
+fiel mir die Einsamkeit des Busches heftig auf die Nerven; denn es kam
+vor, daß ich zwei volle Wochen kein menschliches Antlitz sah. Wenn es
+gar zu unerträglich wurde, wanderte ich hinauf zum Doktor, nur um
+einen Menschen zu sehen, eine menschliche Stimme zu hören und zu
+fühlen, daß ich nicht allein sei auf der großen Welt. Aber der Doktor
+war schweigsam. Der tropische Busch macht schweigsam und denkend,
+und der Doktor lebte hier ein Menschenalter, hatte sich hierher verkrochen,
+wahrscheinlich weil er die Menschen nicht ertragen konnte, oder
+weil er eine Enttäuschung erlebt hatte, aus der seine Seele zu retten eine
+Flucht in den tropischen Busch die einzige Lösung gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+Wir konnten oftmals Stunden nebeneinander auf der Holzbank seiner
+Veranda sitzen, ohne daß wir ein Wort sprachen. Über uns selbst hatten
+wir nichts zu reden, über andere wollten wir nicht reden; und da auch
+keiner von uns so närrisch war, dem andern seine Ansichten über Welt
+und Geschehen aufzudrängen, wußten wir in der Tat nicht, was und
+worüber wir hätten reden sollen. Aber die Schweigsamkeit des Doktors
+war doch oftmals beängstigend. Es kam vor, daß er einen Satz begann,
+in dem er ein Erlebnis, das er hier in den Tropen gehabt hatte, zu erzählen
+gedachte. Aber wenn der Satz zur Hälfte gesprochen war, zündete
+er sich seine Pfeife an und vergaß, den Satz zu beenden. Entweder es
+reute ihn plötzlich, irgendeines seiner zahlreichen Abenteuer mitzuteilen
+und es dadurch aus seinem Privatbesitz fortzugeben, oder aber er hatte
+seinen Satz im stillen zu Ende gedacht, während er glaubte, er habe ihn
+gesprochen. Er konnte häufig nicht entscheiden, ob er etwas gesagt oder
+nur gedacht hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie jemals ein Buch geschrieben?“ fragte ich ihn eines Tages.
+</p>
+
+<p>
+„Ein Buch?“ gab er zur Antwort. „Ein Buch? Viele.“
+</p>
+
+<p>
+„Worüber, Doktor?“
+</p>
+
+<p>
+„Über – was ich hier gesehen habe, was ich hier in den Jahren gedacht
+habe, was Tiere taten, was Tiere mögen gedacht und gesagt haben, was
+der Busch mir erzählte und die Musik, die ich hier gehört habe.“
+</p>
+
+<p>
+„Veröffentlicht?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
+„Niemals. Jedesmal, wenn ich ein Buch vollendet hatte, las ich es, fand es
+gut und zerriß es. Warum sollte ich denn meine Bücher veröffentlichen?
+Ich hatte meine Freude und meinen Genuß, wenn ich sie schrieb. Für die
+Leute? Ich möchte wissen, warum? Die haben so viele gute Bücher, die
+sie nicht lesen. Warum sollte ich ihnen noch mehr geben? Zudem würden
+die Leute meine Bücher gar nicht glauben. Sie würden mich für unsinnig
+erklären, und ich müßte mich vielleicht gar noch mit ihnen herumstreiten,
+um sie zu überzeugen, daß ich recht habe und daß ich die Wahrheit sprach.
+Immerhin, es ist mir ganz gleichgültig. Ich bin auch der Meinung, daß
+die besten Bücher, die jemals geschrieben wurden, entweder auf Papier
+oder im Geist, diejenigen sind, die niemals veröffentlicht wurden. Hinter
+jedem veröffentlichten Buche liegt etwas auf der Lauer, das nicht zugunsten
+des Werkes spricht und das den Menschen hindert, das Beste zu
+schaffen, dessen er fähig ist.“
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte zuweilen das Empfinden, daß der Doktor vor langer Zeit schon
+gestorben sei, daß er es selbst nicht wisse, daß er tot sei, und daß er darum
+hier noch sitze, weil niemand da sei, der sehen könne, daß er tot sei, und
+niemand komme, ihn zu begraben. Wenn man sorgfältig um sich blickt,
+wird man leicht finden, daß eigentlich nur die Menschen sterben und
+begraben werden, die Erben haben oder für die jemand zu sorgen hat.
+</p>
+
+<p>
+Wenn der Doktor mir erzählt hätte, er säße hier bereits vierhundert
+Jahre und sei mit den ersten Weißen hier angekommen, ich würde es ihm
+ohne weiteres geglaubt haben.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-2">
+Des Doktors Bibliothek
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Eines Morgens kam ich zum Doktor, und er empfing mich so: „Hören
+Sie einmal, Gale! Sie wissen, ich habe für die States nicht viel übrig. Das
+Land hat aufgehört, jenes freie Land der Vorkriegszeit zu sein. Der Krieg
+für die Freiheit anderer Völker hat es völlig verdorben. Da ist zuviel
+Regieren, zuviel Kommandieren, zuviel Verbieten, zuviel Gesetze, und
+es wimmelt von Beamten. Es ist eine große Kinderbewahranstalt geworden.
+Ein Grund mehr unter vielen, warum ich nie zurückkehre. Aber
+jetzt habe ich eine wichtige Reise dorthin zu unternehmen, ich habe etwas
+zu kaufen, ein paar Bücher, hinter denen ich seit Jahren herjage. Seien
+Sie doch so gut und ziehen Sie während meiner Abwesenheit in meine
+Höhle. Wenn ich die Bude unbewohnt lasse, finde ich weder ein Dach
+noch eine Kaffeetasse wieder, wenn ich heimkomme. Die guten Leute
+<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
+können keinen Nagel sehen, ohne ihn rauszuziehen und mitzunehmen,
+wenn sie Gelegenheit dazu haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Gar keine Frage, Doktor, natürlich ziehe ich rüber“, sagte ich.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist recht. Nehmen Sie mein Pferd und holen Sie Ihr winziges Gelumpe
+her. Bei Ihnen bricht man nicht ein, da ist nicht viel zu holen.“ Er
+lächelte. Mein Haus hatte er zwar nie gesehen, aber ein Indianer hatte
+ihm offenbar erzählt, daß es nur eine Grashütte war.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich meine Krümel herübergebracht hatte, setzte er sich aufs
+Pferd und trabte zur Station, wo er das Pferd bei einem Farmer unterstellen
+konnte. Als er etwa fünfzig Schritte geritten war, drehte er sich
+um und rief: „Vergessen Sie nicht, die Eier aus den Nistkörben zu
+nehmen, und melken Sie die Kühe. Sie können nicht verhungern. Sie
+finden alles, was Sie benötigen, in den Kisten.“
+</p>
+
+<p>
+Ein paar Stunden lungerte ich um das Haus herum, um mich zurechtzufinden
+für alle Fälle. Im Laufe des Spätnachmittags kam ich an seine
+Bibliothek, die sich in einem roh gearbeiteten Schranke befand.
+</p>
+
+<p>
+Die Mehrzahl der Bücher handelte von den alten mexikanischen Völkern,
+deren Geschichte, Zivilisation und Religion. Viele der Bücher waren mit
+Bildern und Karten ausgestattet. Da waren Bücher und unveröffentlichte
+Handschriften, die bis zum sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert zurückreichten.
+Diese Bibliothek war ein Vermögen wert, und der Doktor
+ließ sie in meiner Obhut, ohne sie auch nur zu erwähnen, als ob es sich
+um Werke handele, die man in jedem Laden kaufen könne.
+</p>
+
+<p>
+Ich lebte nun in diesem Wunderlande seit vielen Jahren. Ich hatte mit
+Indianern gelebt, die nicht wußten, was eine Geldmünze bedeutet, die
+mir zwei große schwarze Diamanten anboten für meinen Jagdrevolver,
+den ich aber nicht entbehren konnte und ihnen statt dessen zweihundert
+Pesos in blankem Golde bot. Das lehnten sie ab und erklärten das Geld
+für wertlos. Viel hatte ich in jenen Jahren gelernt über das Land, seine
+Reichtümer, seine weißen und kupferfarbenen Bewohner, deren Zukunftsaussichten
+und Entwicklungsmöglichkeiten.
+</p>
+
+<p>
+Doch von der Vergangenheit des Landes und seiner Bewohner wußte
+ich nichts.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-3">
+Eine neue Welt steigt auf
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Ich stürzte über jene Bücher her, wie man es nur kann, wenn man Monate
+und Monate kein Buch gesehen hat und man plötzlich Bücher zur unbeschränkten
+Verfügung hat, die zu lesen man seit Jahren ersehnte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
+In kürzerer Zeit, als ich gedacht hatte, lag ich in den festen Banden jener
+Bücher. Sie hielten mich so gefesselt, daß ich vergaß, mir mein Essen zu
+kochen. Ich trank die Milch, wie ich sie molk, und schluckte die Eier roh,
+um nur keine Zeit für meine Bücher zu verlieren. Den ganzen Tag,
+während die Sonne herunterglühte, man sich wie in einem Backofen
+fühlte, und mehr als die halbe Nacht saß ich über den Bänden, von der
+Furcht gejagt, der Doktor könnte zurückkommen, ehe ich die Bücher zu
+Ende gelesen hätte.
+</p>
+
+<p>
+War es möglich, daß Menschen und Völker dieser Art hier auf dieser
+Erde, wo ich jetzt stand, gelebt, geliebt und gelitten hatten? Konnte es
+wirklich wahr sein, daß auf diesem Kontinent Menschen und Völker von
+hoher Kultur gelebt hatten sechstausend Jahre vor jener dunklen Fabelzeit,
+die wir als den Anfang der menschlichen Geschichte bezeichnen?
+</p>
+
+<p>
+Von nun an betrachtete ich das Land mit anderen Augen als zuvor.
+Wenn ein Indianer zufällig vorüberkam oder vor dem Hause um einen
+Trunk Wasser bat, dann forschte ich sorgfältig in seinem Antlitz nach
+einer Ähnlichkeit mit jenen alten Königen, Fürsten und Häuptlingen,
+deren Bilder ich in jenen Büchern gesehen hatte. Und in der Tat, ich fand
+überraschende Ähnlichkeiten. Jedoch nicht zufrieden damit, ihre Gesichter,
+ihre Gesten, die Art ihres Ganges, den Tonfall ihrer Stimme zu
+studieren, ich begann, die Leute gelegentlich auszufragen. Ich war nicht
+wenig erstaunt, als ich vernahm, daß diese Leute die Vergangenheit ihres
+Volkes gut kannten, daß sie die Geschichte ihres Volkes, ihre Balladen,
+die Taten ihrer großen Männer, ihre Religionslegenden durch mündliche
+Überlieferung von Generation zu Generation erhalten hatten. Viele jener
+Indianer beteten noch ihre alten Götter an, während alle übrigen die
+Hunderte von Heiligen, die ihnen ganz unbegreiflich erscheinende unbefleckte
+Empfängnis sowie die ihnen ebenso unverständliche Dreieinigkeit
+derart mit ihrer alten Religion verwirrt hatten, daß sie in ihren
+Herzen und ihren Vorstellungen die alten Götter hatten, während sie auf
+den Lippen die Namen der unzähligen Heiligen trugen.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-4">
+Die Begegnung im Busch
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Um mich ein wenig wieder in dieser Welt zurechtzufinden, mein Hirn ein
+wenig zu entlasten und meine Beine nicht steif werden zu lassen, machte
+ich mich eines Morgens auf den Weg, um eine lange Wanderung durch
+den Busch zu unternehmen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
+In weiter Tiefe des Busches, in einer Umgebung, die wegen der Entfernung
+von jeglicher menschlichen Behausung und wegen der Abgelegenheit
+selbst von den primitiven Buschpfaden beklemmend unheimlich
+wirkte, traf ich einen Indianer an, der dort Holzkohle brannte. Ich
+würde nie an jene Stelle gekommen sein, wenn ich nicht Rauch hätte
+aufsteigen sehen, dessen Ursache ich finden wollte.
+</p>
+
+<p>
+Es war gewiß ein hartes Leben, das dieser Mann führte. Wochenlang in
+der Tiefe des Busches lebend, ganz allein, unzähligen Gefahren, an denen
+der tropische Busch so reich ist, ausgesetzt, um einige Ladungen Holzkohle
+abliefern zu können, die er auf seinem Esel zu den weitverstreuten
+Siedelungen schleppte, um einen lächerlich kleinen Geldbetrag dafür zu
+erhalten.
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer saß vor dem rauchenden Erdhügel und starrte bewegungslos
+den ruhig aufsteigenden Rauchfähnchen nach. Er war ein schmächtiger
+Mann, dem man aber achtunggebietende Kräfte zugestehen durfte; denn
+die Ebenholzbäume zu fällen und sie für den Verkohlungshügel zuzuhacken,
+verlangt alles an Kraft, was ein Mensch hergeben kann, und diese
+harte Arbeit in tropischer Sonnenglut zu verrichten, setzt eine Zähigkeit
+des Körpers voraus, die eine schwächliche oder untergehende Rasse nicht
+aufbringen kann. Was mir an diesem Manne eigentümlicherweise sofort
+auffiel, waren der merkwürdig traurige Ausdruck seiner Augen und die
+feine Gliederung seiner schönen schmalen Hände, deren rassiger Bau so
+ehern unverwüstlich war, daß die harte Arbeit des Holzfällens ihre edle
+Form nicht beeinflussen konnte. Er trug einen dünnen Schnurrbart und
+am Kinn dünne Flusen, die er wahrscheinlich für einen Vollbart hielt.
+Ich setzte mich zu ihm nieder, gab ihm Tabak, und wir kamen nach und
+nach ins Erzählen.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben richtig geraten, Senjor, meine Vorfahren sind einst stolze
+Fürsten unter den Panukesen gewesen, angesehen weit über die Grenzen
+der benachbarten Stämme hinaus. Der letzte jener Tapferen wurde von
+den Spaniern gehenkt wegen Rebellion gegen die Fremdherrschaft. Wäre
+es seiner Frau und seinen Kindern nicht rechtzeitig geglückt, in die Berge
+zu flüchten, wohin zu folgen die Spanier sich fürchteten, säße ich nicht
+hier. Das war in jener Woche, in der die Spanier ein Blutbad unter
+meinem Volke mit dem Hängen von fünfhundert Häuptlingen, unter
+denen mein Vorfahr sich befand, würdig feierten.“
+</p>
+
+<p>
+„Glauben Sie, daß dieses Land jemals wieder zu solcher Macht gelangen
+wird wie damals, ehe die Spanier kamen?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
+„Das Gehen unseres Volkes ist langsam. Wir haben Zeit. Die weißen
+Männer haben keine Zeit. Aber können Sie nicht hören, Senjor, wie alle
+nichtweißen Völker der Erde ihre Glieder regen und strecken, daß man
+das Knacken der Gelenke über die ganze Welt vernehmen kann?“
+</p>
+
+<p>
+Etwas unsicher sagte ich: „Dagegen werden wir uns zu wehren wissen.“
+</p>
+
+<p>
+„Womit?“ fragte er ruhig und ohne jede Ironie. „Womit? Mit Ihrer
+Zivilisation? Die ist nicht stark genug, Senjor. Sie hat ja keine tragende
+Idee. Ihre Zivilisation wird nur von einem einzigen Gedanken geleitet,
+und der heißt: Geld. Mit Geld kann man Geschäfte machen, aber keine
+Seelen erwärmen.“
+</p>
+
+<p>
+Ich jagte heim und stürzte wieder über die Bücher her. Neue Fragen
+hatten sich mir aufgedrängt, und ich suchte nach Lösungen, suchte nach
+einer Andeutung dessen, was uns bevorstand. Wenn irgendwo, dann war
+in diesen Büchern der Schlüssel zu finden zu jenem großen Tor, dessen
+Öffnung mich die Zukunft unserer Rasse sehen ließ.
+</p>
+
+<p>
+Wie im Fieber las ich und las, fiel nach Mitternacht wie mit Blei ausgefüllt
+in mein Bett und stand auf bei den ersten Strahlen der Sonne mit
+dumpfen Gliedern. Doch als meine Schläfen zu hämmern begannen, mein
+Blut durch die Adern raste, als wolle es jeden Augenblick überkochen,
+zwang ich mich gewaltsam zur Ruhe und zu mehr gleichmäßigem
+Studium. Auf diese Weise zog ich einen erheblich größeren Gewinn aus
+meinem Lesen. Ich fing an, ernsthaft zu studieren anstatt nur zu lesen.
+</p>
+
+<p>
+Nichtsdestoweniger aber lebte ich in einem andern Zeitalter. Keine Gelegenheit,
+zu einem Menschen zu sprechen oder eine menschliche Stimme
+zu hören, vergaß ich Zeit und Ort und meine eigene Person. Ich konnte
+sprechen wie jene Personen, die in den Büchern erschienen, oder glaubte
+wenigstens, es zu können; ich konnte deren Gedanken denken, ich konnte
+in meiner Vorstellung deren Ideen über Welt und Leben wachrufen, ohne
+daß mir der Vorgang selbst zum Bewußtsein kam.
+</p>
+
+<p>
+Diese Gefühle waren besonders stark am Abend und in den frühen
+Nachtstunden, wenn alle Türen des Bungalows weit offen standen und
+der ewig-singende Busch mir im Ohr summte.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-5">
+Der Nachtbesuch
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Es war eines Abends zwischen zehn und elf etwa, als ich meine Augen
+erhob von einem Buche über die Zivilisation der Tezkuken. Nein, um
+genau zu sein, ich war gezwungen, meine Augen zu erheben; denn ich
+<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
+hatte das Empfinden, daß jemand im selben Zimmer sei mit mir, und daß
+ich seit einiger Zeit aufmerksam beobachtet würde.
+</p>
+
+<p>
+Wie ich zu diesem Empfinden kam, ist seltsam genug. Mein aktiver, mein
+handelnder Sinn war voll beschäftigt mit dem Buche, das ich las. Dagegen
+hatte mein inaktiver Sinn, der unbewußte, die Vorgänge, die sich
+während meines Lesens abspielten, sorgfältig aufgenommen und festgehalten.
+Dieser unbewußte Sinn, hier als Schutzinstinkt wirkend, wurde
+stärker mit jeder Sekunde und zeigte einen unzweifelhaften Drang, meine
+Aufmerksamkeit von dem Buche abzulenken und mich auf irgend etwas
+aufmerksam zu machen, das für mich eine Gefahr bedeuten könne.
+Immerhin lag eine unmittelbare Gefahr nicht vor, was ich auffallend
+klar im Unterbewußtsein fühlte und was mich auch veranlaßt hatte, das
+Rufen des inaktiven Sinnes für ein Anklopfen überarbeiteter Hirnzellen,
+die sich nach Ruhe sehnten, zu halten. Aber der inaktive Sinn zeigte sich
+endlich doch als der stärkere, und mit einem letzten heftigen Anprall
+zerbrach er meine Konzentration, und mein aktiver Sinn gehorchte dem
+zähen Ruf.
+</p>
+
+<p>
+Ich wendete den Kopf. In der Mitte des Raumes stand ein Indianer. Kein
+Zweifel, er stand dort seit einer geraumen Weile. Sein Blick ruhte auf
+meinem Gesicht, und taktvoll und geduldig wartete er darauf, daß ich
+ihn anreden möchte.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick war ich fähig, genau die Zeile, ja das Wort zu
+zeigen, das ich in dem Augenblicke las, als der Mann das Zimmer betreten
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Augenscheinlich war der Mann die Holztreppe, die zur Veranda führte,
+heraufgekommen und geräuschlos eingetreten.
+</p>
+
+<p>
+Es ist hier nicht Sitte, irgendein Haus, und sei es noch so primitiv, zu
+betreten, ehe man sich nicht durch einen Gruß oder ein Rufen bemerkbar
+gemacht und der Inwohner gesagt hat: „Pase!“ Die Mehrzahl der Häuser,
+die der Indianer alle, haben keine Türen, und wenn sie welche haben,
+werden sie mit Bast oder einem Bindfaden geschlossen. Ginge man auch
+nur bis vor die offene Tür, ohne daß man sich durch ein Geräusch ankündigte,
+würde man die Hausbewohner oftmals in die allerpeinlichste
+Verlegenheit bringen, weil die Hütten meist ja nur einen Raum haben.
+Dieser Mann hatte sicherlich verschiedene Male gerufen, um meine Aufmerksamkeit
+auf sich zu lenken. Da ich so versunken in meinem Studium
+war, hatte ich es nicht gehört, und er, mich am offenen Fenster lesen
+sehend, war dann zögernd ins Haus gekommen, weil er mich aus irgendeinem
+<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
+Grunde sprechen mußte und er keine andere Möglichkeit sah, sich
+bemerkbar zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Da stand er, bewegungslos wie eine Säule. Als ich ihn ansah, beugte er
+ein Knie, berührte mit der flachen Hand den Fußboden, erhob dann die
+Hand bis zu seinem Scheitel, das Innere der Hand mir zugekehrt, und
+mit dieser Geste stand er gleichzeitig auf.
+</p>
+
+<p>
+Eine seltsame Form der Begrüßung, dachte ich, eine Art des Grußes, wie
+ich sie bisher von einem Eingeborenen nicht gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Guten Abend!“ sagte ich zu ihm in Spanisch.
+</p>
+
+<p>
+„Nacht ist kalt und lang“, begann er zu reden. „Schweine stören mich.
+Entsetzlich ist es, o Herr, sich nicht verteidigen zu können. Gebaut mit
+heiliger Sorgfalt, sicher zu sein für die Ewigkeit. Doch es zerfällt und
+bricht. Lang ist die Nacht, dunkel und kalt. Denken Sie, o Herr, die
+Schweine. Schweine sind das Grauen.“
+</p>
+
+<p>
+Er erhob seinen Arm und deutete nach einer bestimmten Richtung.
+</p>
+
+<p>
+Nicht wissend, was für eine Antwort ich ihm geben sollte, da ich nicht
+verstand, wovon er überhaupt redete, beugte ich mich über mein Buch,
+um einen Augenblick Zeit zu gewinnen, meine Gedanken, die offenbar
+in Verwirrung geraten waren, zu ordnen. Es war in der Tat für mich
+nicht ganz klar, ob mein Geist sich in einem Zustand fieberischer Erregung
+befand als eine Folge des unaufhörlichen Lesens, oder ob ich wirkliches
+Geschehen erlebte. Die Gedanken fingen an, in meinem Hirn so durcheinanderzuwirbeln,
+daß ich nicht in der Lage war, zu entscheiden, wo die
+Wirklichkeit aufhörte und die Einbildung begann.
+</p>
+
+<p>
+Nur um etwas zu reden, sagte ich: „Was meinen Sie eigentlich? Um die
+Wahrheit zu sagen, ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Reden
+Sie im Zusammenhang, lieber Mann.“
+</p>
+
+<p>
+Er aber war bereits gegangen, ebenso geräuschlos, wie er gekommen war.
+Mit einem Satze war ich an der Tür. Ich wollte gewiß sein, ob meine
+Sinne bereits so weit herunter waren, daß sie mir Erscheinungen vorgaukeln
+konnten, oder ob ich wirklich soeben einen Menschen gesehen
+und gesprochen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Dank den Göttern, ich war gesund, mein Geist war klar: Dort, im
+bleichen Licht des zunehmenden Mondes, sah ich ihn dahinschreiten,
+schattengleich. Groß war er nicht, mehr von knabenhafter Gestalt, schlank
+gebaut, reines unvermischtes Indianerblut.
+</p>
+
+<p>
+Ich kehrte zurück zu meinem Tisch und versuchte, mich seiner Worte zu
+erinnern. Seltsam genug, ich konnte seine Worte nicht wiederfinden. Und
+<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
+es kam mir zu Sinn, daß er nicht Spanisch gesprochen hatte, daß er keine
+Sprache gebraucht hatte, die ich kannte; aber dennoch hatte ich ihn vollkommen
+verstanden, der Inhalt seiner Sätze war mir deutlich, nur der
+Zusammenhang fehlte mir.
+</p>
+
+<p>
+War sein Gruß nicht der gleiche gewesen, wie er bei den alten indianischen
+Völkern im Gebrauch war? Aber das war ja offenkundiger Unsinn.
+Meine Bücher hatten meine Gedanken verwirrt.
+</p>
+
+<p>
+Dagegen wenn ich nun seine Erscheinung in mein Gedächtnis zurückrief:
+Er war in Lumpen gekleidet. Das wieder war nichts Auffallendes, denn
+die Mehrzahl der Indianer laufen in zerfetzten Hosen und Hemden herum.
+<a id="corr-7"></a>Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein
+richtiges Hemd angehabt. Die Lumpen, mit denen er behangen war,
+hatten ausgesehen wie die verrotteten Überreste eines sehr kostbaren
+uralten Stoffes; ein merkwürdiges phantastisches Gewebe, wie ich mich
+kaum erinnerte, irgendwo gesehen zu haben, es wäre denn in einem
+Museum.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch kein Zweifel bestand darüber, daß seine Oberarme sowie die
+Enkel seiner Füße mit Goldreifen geschmückt gewesen waren, daß er eine
+Halskette trug, die ein Goldschmied verfertigt hatte, der ein großer
+Künstler war.
+</p>
+
+<p>
+Und dennoch, je deutlicher alle die Einzelheiten in mein Gedächtnis
+zurückkehrten, je klarer wurde mir, daß ich nichts von alledem gesehen
+hatte, was ich glaubte, bemerkt zu haben. Ich hatte den armen Indianer
+lediglich mit all jenen Äußerlichkeiten ausgestattet, die ein Merkmal
+jener Völker waren, über die ich gerade las. Die höchste Zeit, sagte ich zu
+mir selbst, mit diesen Dingen nun ernsthaft Schluß zu machen und den
+Weg zu meinem Jahrhundert und zur nüchternen Wirklichkeit, in der
+die Postsäcke ratternd einige tausend Meilen weit durch die Lüfte geworfen
+werden, zurückzukehren.
+</p>
+
+<p>
+Ich klappte mein Buch zu und ging zu Bett.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-6">
+Die drei Schweine
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Am nächsten Morgen bemerkte ich drei Schweine, zwei schwarze und ein
+gelbes, die sich um das Haus herumtrieben. Ich hatte sie bereits bei zwei,
+drei anderen Gelegenheiten gesehen. Jetzt aber betrachtete ich sie mit
+Interesse, denn sie erinnerten mich an meinen Besucher in der vergangenen
+Nacht, der von Schweinen gesprochen hatte. Was diese Schweine jedoch
+mit ihm zu tun hatten, konnte ich nicht herausfinden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
+Sicher waren sie das Eigentum einer der Indianerfamilien, die weiter
+unten am Abhang des Höhenzuges wohnten. Die Schweine werden hier
+kaum gefüttert, haben auch keinen Stall, deshalb müssen sie herumlaufen
+und sich ihr Futter selbst suchen. Ihren Besitzer erkennen sie nur daran,
+daß er ihnen Wasser gibt, sie ab und zu an einen Baum bindet und sie
+endlich, nachdem er ihnen zwei Wochen lang täglich einen Sack voll
+Maiskolben vorgeworfen hat, dem Zweck ihrer Bestimmung zuführt.
+Aber es kommt nicht vor, daß Schweine sich so weit von ihrem Besitzer
+entfernt herumtreiben, weil in seiner Nähe schon immer einmal ein Löffel
+voll gekochter Bohnen vor die Tür fallen könnte, die ein Schwein nicht
+gern missen möchte.
+</p>
+
+<p>
+Jedenfalls konnte ich keinen Zusammenhang mit diesen sehr natürlich
+aussehenden Schweinen und meinem Besucher sehen. Wenn es seine
+Schweine waren und er nicht wünschte, daß sie sich hier oben herumtrieben,
+so war es sein Geschäft und nicht meines, sich um sein Viehzeug
+zu kümmern. Überdies, wenn ich es recht bedachte, war es höchst eigentümlich,
+daß mich der Mann mitten in der Nacht seiner Schweine wegen
+belästigte.
+</p>
+
+<p>
+Etwas konnte ich immerhin für den Mann tun. Ich warf mehrere Steine
+nach den Schweinen, und sie verließen den Vorplatz vor dem Bungalow.
+Sie liefen aber nicht den Pfad hinunter, der zu ihren Eigentümern führen
+mußte, sondern sie bogen nach einer Weile von dem Pfade ab und
+trotteten auf einen Hügel zu, der sich in etwa dreihundert Schritt Entfernung
+vom Hause befand und der völlig mit dichtem Buschwerk bewachsen
+war.
+</p>
+
+<p>
+Es schien, daß sie dort in der Nähe reichlich Futter fanden, denn ich bemerkte,
+daß sie durch das Gebüsch hin und her krochen für eine Weile,
+bis ich jegliches Interesse an ihnen verlor und die Hühnernester absuchen
+ging, weil ich Hunger bekam.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-7">
+Der zweite Besuch
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Drei Tage später, wie gewöhnlich über meinen Büchern sitzend, gegen
+elf Uhr nachts, hatte ich plötzlich dasselbe seltsame Gefühl, das mich in
+jener Nacht aufgescheucht hatte, als der Indianer in mein Haus gekommen
+war.
+</p>
+
+<p>
+Ein Frösteln lief mir über den Rücken, als ich, zur Seite blickend, meinen
+indianischen Besucher im Zimmer stehend fand, mich schweigend, aber
+unverwandt beobachtend.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
+Doch dieses Gefühl des Unbehagens verflog sofort, weil mich die Wut
+packte, die zu verbergen ich mich keineswegs bemühte, als ich den Mann
+fragte: „Wie sind Sie denn hier hereingekommen? Was denken Sie sich
+denn eigentlich, daß Sie sich solche Freiheiten erlauben? Das ist doch
+hier kein öffentliches Gebäude. Das ist ein Privathaus, verstehen Sie?
+Und ich wünsche, daß Sie es als ein Privathaus respektieren. Was, zum
+Teufel, wollen Sie denn eigentlich? Wenn Sie einen Schweinehirten
+suchen, dann sehen Sie sich anderswo um. Ich mag Schweine nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Ich polterte die Sätze heraus, mehr um mein Sicherheitsgefühl wiederzugewinnen
+und jenes Frösteln loszuwerden, als um dem Manne wehe
+zu tun.
+</p>
+
+<p>
+Er starrte mich an mit weit geöffneten Augen und mit einem Ausdruck
+des Gesichts, als müsse er vorsichtig den Sinn meiner Sätze erst ergründen,
+ehe er darauf antworten könne.
+</p>
+
+<p>
+Dann sagte er: „Auch ich fürchte Schweine. Sie sind so grauenhaft! Oh, so
+sehr grauenhaft!“
+</p>
+
+<p>
+Kurz angebunden erklärte ich: „Das geht mich nichts an. Schlagen Sie
+die Biester tot und kochen Sie das Fett aus, wenn sie Ihnen unbequem
+sind. Aber lassen Sie mich nun endlich damit in Ruhe.“
+</p>
+
+<p>
+Ich sah ihm ins Angesicht. Seine Augen blickten so traurig, daß ich plötzlich
+heißes Mitleid mit ihm empfand.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie hier, o Herr!“ Er deutete auf seine Wade. Gräßlich! Einige
+Zoll über dem Knöchel befand sich eine furchtbar aussehende Wunde.
+</p>
+
+<p>
+„Das haben die Schweine getan.“ Durch seine Stimme klang jetzt ein
+Ton, der es mir schwer machte, nicht anzufangen zu weinen. Mein übermüdetes
+Hirn begann sich zu rächen.
+</p>
+
+<p>
+„O grauenhaft! O grauenhaft! Und gleichzeitig zu wissen, daß man ganz
+hilflos ist, daß man sich nicht einmal gegen solch wüstes Getier schützen
+kann. Flehen Sie alle Schicksalsmächte an, daß Ihnen nicht ein gleiches
+Los beschieden werde. Es wird nicht lange währen und diese entsetzlichen
+Tiere werden an meinem Herzen nagen, und sie werden mir die
+Augen ausfressen, bis jener Tag des Grausens kommen wird, wo sie mein
+Hirn schlürfen werden. Oh, Herr und Freund, bei allem, was Ihnen heilig
+ist, helfen Sie mir, erretten Sie mich aus meiner namenlosen Pein. Ich
+leide mehr, als ein Mensch ertragen kann. Was mehr noch kann ich sagen,
+um Sie von meinen Qualen zu überzeugen!“
+</p>
+
+<p>
+Nun endlich wußte ich, was der Zweck seines Besuches war. Der Mann
+glaubte, ich sei der Doktor. Es war allgemein bekannt, daß der Doktor
+<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
+nicht praktizierte; da aber der nächste Arzt etwa fünfundachtzig Meilen
+entfernt wohnte, leistete Doktor Wilshed auf Verlangen in sehr dringenden
+Fällen erste Hilfe. Augenscheinlich litt der Mann entsetzliche
+Schmerzen.
+</p>
+
+<p>
+Nach langem Suchen fand ich in einer Kiste die Medikamente. Ich nahm
+eine Binde heraus, Baumwolle und Salbe.
+</p>
+
+<p>
+Als ich mich nun dem Manne näherte, ihm die Binde anzulegen, trat er
+zwei Schritte zurück und sagte: „Das ist nutzlos. Es sind die Schweine,
+die ich fürchte und die mir Qualen bereiten, nicht die Wunde, die ich
+kaum beachte. Diese Wunde ist für mich nur das Zeichen dessen, was
+noch folgen wird.“
+</p>
+
+<p>
+Auf seine Weigerung nicht achtend, langte ich energisch nach seinem
+Bein. Aber ich tappte in die leere Luft. Etwas verwirrt sah ich auf, und ich
+nahm wahr, daß der Mann noch einen Schritt weiter zurückgegangen
+war. Lächerlich, wie leicht man sich täuschen läßt, ich konnte schwören,
+daß meine zupackende Hand an derselben Stelle gewesen war, wo sein
+Bein stand.
+</p>
+
+<p>
+Ich gab meinen ärztlichen Beistand auf und ging zum Tisch, wo ich
+stehenblieb und ihn beobachtete.
+</p>
+
+<p>
+„Das sind ganz wundervolle Schmucksachen, die Sie da tragen“, sagte
+ich. „Wo haben Sie die erhalten?“
+</p>
+
+<p>
+„Mein Neffe hing sie über mich, als ich ihn verlassen mußte.“
+</p>
+
+<p>
+„Scheinen sehr alt zu sein. Antike Arbeit.“
+</p>
+
+<p>
+„Sind sehr alt“, bestätigte er. „Sie gehören zum Schatze meiner königlichen
+Familie.“
+</p>
+
+<p>
+Ich konnte es nicht vermeiden, zu lächeln, was er aber nicht zu bemerken
+schien, oder er war zu höflich, es zu sehen. Spaßhafte Leutchen, diese
+Indianer. In Lumpen gekleidet, wohnend in elenden Grashütten, selten
+im Besitz der paar notwendigen Münzen, um sich rohes Leder für Sandalen
+zu kaufen, tragen sie dennoch Diamantringe an den Fingern.
+</p>
+
+<p>
+Wieder begann ich nüchterne Wirklichkeit und den Inhalt der Bücher,
+die mich in Atem hielten, miteinander zu verwirren. „Mein Neffe gab
+sie mir.“ Aber das war ja ein Brauch bei den Azteken, bei den Panukesen,
+bei vielen anderen indianischen Völkern, wo nie der Sohn, sondern der
+Bruder oder der Neffe Thronerbe war. So ging das nicht weiter. Ich
+mußte unter Menschen gehen; die Einsamkeit des tropischen Busches
+bekam mir nicht, ganz besonders nicht, wenn ich nichts tat, als derartige
+Bücher zu lesen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
+„Nun muß ich gehen!“ Er unterbrach meine wandernden Gedanken.
+„Vergessen Sie nicht, daß es die Schweine sind, mein Herr. Einige große
+schwere Steine werden genügen. Es ist so hart, um Hilfe bitten zu müssen,
+aber ich kann mich nicht verteidigen. Ich bin ja so sehr hilflos.“
+</p>
+
+<p>
+Aus seinen traurigen Augen rollten Tränen langsam an seinem Gesicht
+herunter, obgleich er sich bemühte, ihnen Einhalt zu gebieten.
+</p>
+
+<p>
+Dann erhob er seine Hand, führte sie an seine Lippen, hob sie hoch über
+sein Haupt und hielt die innere Handfläche eine kleine Weile gegen mich
+gekehrt. Und ich erkannte, daß seine Hand von einer edlen Form war, die
+ich irgendwo gesehen hatte. Wo aber, konnte ich mich nicht erinnern.
+Auch bemerkte ich zum ersten Male, daß er einen Bart trug, der zwar
+Kinn und Backen hinreichend umrahmte, aber doch sehr dünn erschien.
+Und obgleich einen solchen Bart gesehen zu haben ich mich nicht erinnerte,
+rief er doch etwas, das mit merkwürdig gesprochenen Sätzen
+verknüpft war, in mir wach, über das ich nachzugrübeln begann, ohne es
+finden zu können.
+</p>
+
+<p>
+Ich riß mich von dieser verwirrenden Gedankenkette los, um den Mann
+nach seiner Wohnung zu fragen, was zu wissen mir plötzlich und ganz
+ohne Grund ungemein wichtig erschien.
+</p>
+
+<p>
+Aber er war bereits gegangen.
+</p>
+
+<p>
+Ich sprang zur Tür.
+</p>
+
+<p>
+„Wahrlich! Er schreitet wie ein König!“ sagte ich zu mir selbst, als ich
+ihn den Pfad dahingehen sah.
+</p>
+
+<p>
+Wie wunderschön war die Nacht! Sie war gekleidet in den magischen
+Silberschimmer des Vollmondes, der steil über meinem Scheitel stand.
+Die zauberhafte Sonne der Tropennacht. Die Dinge standen in diesem
+Lichte da in einer so unheimlichen Schärfe, als müsse sich in jeder Minute
+etwas Unerhörtes ereignen. Es lag ein Warten in diesem Lichte, als würden
+diese grellbeleuchteten, schreckhaft lebendig erscheinenden Dinge mit dem
+nächsten Atemzuge einen gellenden Schrei ausstoßen, um den Schatten
+aufzujagen, der schwer und schwarz und wuchtig auf ihren Füßen lastete.
+Und der in der Luft hängende Schrei fiel auf mein Herz und machte es
+stocken, als der Indianer stehenblieb, sich umwandte und mir sein Gesicht
+zukehrte, in dem ich jede Linie, ja selbst jede Pore deutlich sehen konnte,
+obgleich er dreihundert Schritte beinahe entfernt war. Nun erhob er den
+Arm und deutete nach jenem Hügel, wohin sich die drei Schweine verzogen
+hatten, nachdem ich sie mit Steinen fortgejagt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Dann verließ er den Pfad und ging auf den Hügel zu. Das Gebüsch
+<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
+reichte ihm zur Schulter. Langsam stieg er den Hügel hinauf, bis er die
+Höhe erreicht hatte, wo das dichte Gebüsch so hoch stand, daß es ihm
+weit über den Kopf reichte und es auf mich den Eindruck machte, als
+habe ihn das Gestrüpp verschluckt; denn ich sah ihn nicht mehr.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-8">
+Eine Entdeckung
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Sobald die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen war, nahm ich mein
+Buschmesser und schlug mir einen Pfad durch zu jenem Hügel. So sorgfältig
+ich auch das Gebüsch untersuchte, ich konnte den Weg nicht
+finden, den der Indianer in der verflossenen Nacht gegangen war. Nichts
+war niedergetreten, kein Zweig abgebrochen. Es war eine harte Aufgabe,
+ihm auf seinem Wege zu folgen. Ich hatte mir vorgenommen, ihn
+in seiner Hütte aufzusuchen. Vielleicht konnte ich eines seiner einzigartigen
+Schmuckstücke gegen ein Paar Stiefel oder ein Hemd oder
+Sattelzeug eintauschen.
+</p>
+
+<p>
+Als ich endlich den Hügel erreichte, machte ich eine merkwürdige Entdeckung:
+Der Hügel war nicht ein natürlicher Haufen Erde oder ein
+Felsblock, wie ich geglaubt hatte, sondern er war künstlich aus gehauenen
+Steinen und Mörtel aufgebaut. Dem Anschein nach zu urteilen war er
+einige hundert Jahre alt. Das dornige dichte Gebüsch hatte ihn völlig
+bedeckt und sich in das Mauerwerk festgewurzelt und eingefressen.
+Diese unerwartete Entdeckung ließ mich ganz vergessen, dem Indianer
+nachzulaufen.
+</p>
+
+<p>
+Ich hieb das Gebüsch nieder und machte eine weitere Entdeckung: Steinstufen
+führten in östlicher Richtung auf die Oberfläche des Hügels. Der
+Hügel selbst war etwas mehr als drei Meter hoch. Oben hatte er eine
+viereckige ebene Fläche, die wohl drei Meter im Geviert war.
+</p>
+
+<p>
+Eine Seite des Hügels war durchwühlt, und da hier das Buschwerk
+niedergetrampelt war, schien diese Wühlerei ganz kürzlich getan worden
+zu sein. Kein Zweifel, die Schweine hatten das neulich verübt, als sie
+hier herumlungerten. Als ich dieser Wühlerei nachging, fand ich, daß
+die Schweine sich durch das Mauerwerk gearbeitet hatten, das an dieser
+Stelle zu zerfallen begann und bloßlag.
+</p>
+
+<p>
+Wenn irgendwo, dann lag hier das Geheimnis verborgen, das mich
+beschäftigte. Hier war die Erklärung zu suchen für alles, was in den
+letzten Tagen geschehen war.
+</p>
+
+<p>
+Ich eilte zurück zum Hause und holte mir Pickhacke und Schaufel.
+<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
+Stein um Stein, Brocken um Brocken brach ich heraus, bis das Loch groß
+genug war, um meinen Oberkörper hindurchzuzwängen. Ich zündete
+ein Streichholz an.
+</p>
+
+<p>
+Doch kaum flammte es auf, als ich es mit einem unartikulierten Schrei
+fallen ließ und mich so rasch hinausquetschte, daß sich Schultern, Brust
+und Rücken mit blutenden Schrammen bedeckten. Dann, im hellen
+Sonnenlichte vor dem Loche sitzend und meinen Atem wiederfindend,
+dachte ich, daß Augen doch recht unzuverlässig sein können.
+</p>
+
+<p>
+Ursprünglich hatte ich die Absicht gehabt, den Hügel unberührt in jener
+Form zu lassen, in der ich ihn gefunden hatte. Doch nun blieb mir keine
+andere Wahl. Ich hatte den Kopf des Hügels aufzubrechen, um das
+blendende Tageslicht hineinfluten zu lassen und dem Innern der Höhle
+die unerträgliche Geisterhaftigkeit zu rauben.
+</p>
+
+<p>
+Harmlosere Dinge als das, verborgen in dieser Höhle, können einem
+im Dschungel oder im tropischen Busch ein tieferes Grauen einjagen.
+Eine zwanzig Zentimeter große behaarte Spinne, die einem über das
+Gesicht läuft, oder ein fünfunddreißig Zentimeter großer schwarzer
+Skorpion, der sich ins Zelt oder in die Hütte geschlichen hat, erfüllen
+einen häufig genug mit größerem Entsetzen als das Begegnen mit einem
+Tiger, wenn man nichts weiter in der Hand hat als einen Stock.
+</p>
+
+<p>
+Ich beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen. Das Unbestimmte mochte
+sich in meiner Einsamkeit, besonders zur Nachtzeit, vielleicht schwerer
+auf die Nerven legen als das klare festumgrenzte Wissen, wenn es auch
+noch so Grauenhaftes aufweisen sollte.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-9">
+Der Panukese ist tot
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Gegen Mittag war ich, trotz der Gluthitze, so weit mit meinem Ausgraben
+gekommen, daß der Inhalt der Höhle offen im hellen Licht des
+Tages lag.
+</p>
+
+<p>
+Es ist ganz gewißlich wahr, ich war weder geistesgestört noch träumte
+ich. Wäre ich im Zweifel gewesen, die Blasen an meinen Händen und
+die Müdigkeit meines Körpers hätten mich eines Besseren belehrt.
+</p>
+
+<p>
+Da, in jener Höhle, deren Mauerwerk so fest gefügt war, als wäre es
+beste Betonarbeit, befand sich mein Besucher, jener Indianer, der mich
+zweimal des Nachts in meinem Hause gesprochen hatte. Er saß auf dem
+Boden der Höhle in hockender Stellung. Die Ellbogen ruhten auf den
+Knien. Sein niedergebeugtes Antlitz war verborgen in seinen Händen.
+</p>
+
+<p>
+Er war tot. Tot seit vier-, fünfhundert Jahren, vielleicht viel länger,
+<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
+und er war begraben worden mit unnennbarer Sorgfalt, aus der Liebe
+sprach und Ehrfurcht zugleich. Die Höhle war durchaus luftdicht abgeschlossen
+gewesen bis vor wenigen Tagen, wo die Schweine angefangen
+hatten, dort herumzuwühlen. Sein Aussehen war nicht das
+einer ägyptischen Mumie. Vielmehr sah er ganz so aus, als wäre er vor
+drei Tagen erst gestorben.
+</p>
+
+<p>
+Die Lumpen, in die er gekleidet war, erschienen im hellen Tageslicht
+noch bei weitem kostbarer und reicher in ihrer ursprünglichen Herkunft
+als in der Nacht. Die Schmucksachen, die er trug, waren Meisterstücke
+hochentwickelter Goldschmiedekunst, und ich hatte nie zuvor irgendwo
+Arbeiten von solcher Vollendung gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich bemerkte ich, daß seine Wade angefressen war, und gerade an
+jener Stelle, die er mir in der vergangenen Nacht gezeigt hatte. Kein
+Blut war zu sehen, trotzdem die Schweine bereits bis auf den Knochen
+gekommen waren. Das Fleisch seiner Brust, seines Gesichts und das
+seiner Waden war hart und fühlte sich an wie Holz. Ich konnte mir
+nicht erklären, welche Anziehungskraft dieses holzartige Fleisch, das
+augenscheinlich auch nicht den allergeringsten Nährwert enthielt, auf
+Schweine ausüben konnte. Aber es war ja immerhin möglich, daß
+Schweine hinsichtlich dessen, was gut schmeckt, eine andere Meinung
+haben, als wir gemeinhin annehmen. Warum sich der Körper so frisch
+erhalten hatte, war leicht zu erklären: Die Höhle war luftdicht abgeschlossen,
+und die Erde rundherum enthielt chemische Substanzen,
+die auf den Körper konservierend einwirkten, nachdem sie in feinen
+Partikelchen das Mauerwerk durchsetzt hatten. Wahrscheinlich war
+auch das Konservierungsmittel, das beim Einbalsamieren des Körpers
+gebraucht worden war, von anderer Beschaffenheit und Wirkung als
+jenes, das die Ägypter verwandten.
+</p>
+
+<p>
+Immer wieder und wieder betrachtete ich meinen Fund. So lebensfrisch
+hockte er da, daß ich jeden Augenblick erwartete, er würde den
+Kopf erheben, aufstehen und mit mir zu sprechen anfangen.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-10">
+Von Erde bist du gemacht
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Mitleidlos schleuderte die Sonne ihre feurigen Wogen hinunter, und
+es kam mir der Gedanke, daß diese Gluthitze meinem kostbaren Funde
+von Nachteil sein könne, wenn er zu lange dem grellen Sonnenlichte
+ausgesetzt sei.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
+Ich holte aus dem Hause eine große Kiste, um den Körper hineinzulegen
+und ihn dann in Sicherheit zu bringen. Ehrlich gesagt, es war mir nicht
+ganz klar, warum ich das alles tat, weshalb ich nicht den Körper da
+lassen wollte, wo er seit vielen hundert Jahren geruht hatte. Aber diese
+Krankheit, die schon soviel Unheil angerichtet hat, soviel Seelenlosigkeit
+in unsre Kultur gebracht hat, die Museumswut packte mich. Ich sah
+meinen Namen in wissenschaftlichen Zeitschriften gedruckt, sah mich am
+Rednertisch stehen, zur Seite eine weiße Leinenwand, sah die Briefe
+von Redaktionen großer Zeitungen auf mich einregnen, die mich um
+Aufsätze anflehten und mir die Freiheit ließen, das Honorar zu bestimmen,
+sah die Museumsdirektoren mit fabulösen Summen um meinen
+Fund kämpfen und sah Dollarmillionäre bescheiden vor meiner Tür
+stehen und mir Blankoschecks anbieten, um ihre Privatsammlungen
+auf den ersten Seiten der New-Yorker Blätter erwähnt zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Und doch wieder ließen mich diese materiellen Aussichten ganz kühl,
+und sie verflogen so rasch aus meinem Geiste, wie sie, kaum eine Spur
+zurücklassend, gekommen waren. Noch jetzt weiß ich ganz genau, daß
+mein Handeln, ohne einen bestimmten Gedanken über das Warum zu
+haben, sich so mechanisch abwickelte, als hätte es gar nicht anders sein
+können. Dennoch wußte ich, daß ich unter keiner Suggestion, von welcher
+Art und Herkunft sie auch immer sein mochte, handelte.
+</p>
+
+<p>
+Mit Sorgfalt ging ich ans Werk. Da die Höhle nicht weit genug war, um
+die Kiste neben den Körper in die Vertiefung zu setzen, sprang ich
+hinunter, um den Körper auf den Rand der Höhle zu heben.
+</p>
+
+<p>
+Doch kaum hatte ich zugepackt, als meine Hände auch schon zusammenklatschten,
+als hätten sie Luft umarmen wollen, denn zwischen meinen
+Händen fiel der Körper zusammen, und übrigblieb nichts weiter von
+ihm als ein kleines, ganz kleines Häuflein Staub, das, wenn ich es zusammenscharrte,
+nicht größer war als eine Faust.
+</p>
+
+<p>
+Es waren nicht mehr als zwanzig Minuten vergangen, seit ich den Körper
+abgetastet und gefunden hatte, daß er hart war und sich anfühlte wie
+Holz. Alles, selbst die kostbaren Gewebe, das schwarze Haar des Kopfes
+und des Bartes, die Fingernägel hatten sich so überraschend in zarte
+Flugasche verwandelt, als habe ein gewaltiges Feuer mit der Raschheit
+und der Konzentriertheit des Blitzes einen Strohhalm aufgebrannt.
+</p>
+
+<p>
+Ich starrte auf das winzige Häuflein Asche, das noch während meines
+Hinsehens der Erde, die beim Ausgraben auf den Boden der Höhle
+<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
+gefallen war, immer ähnlicher wurde, und ich hätte schon nicht mehr mit
+Gewißheit sagen können, was Sand und was jene Asche war.
+</p>
+
+<p>
+Es war zwecklos, noch länger da in der Mittagssonne zu stehen. Ein
+Traum äffte mich; ich begann aufzuwachen und bemühte mich, klar und
+ruhig auf ein Mittel zu denken, das mich von diesen Wahnbildern, die
+mich herumjagten, befreien könnte. Ich fühlte deutlich, daß ich anfing,
+krank zu werden. Der Busch stand unheimlich drohend um mich herum,
+ebenso drohend stand über mir die glühende Sonne, einer erbarmungslosen
+Feindin gleich, sich in mein Hirn bohrend, fressend und nagend.
+Die Menschen hatten seit hundert Jahren die Erde verlassen, mich
+hatten sie vergessen zu rufen und mitzunehmen, weil ich zu tief im
+Busch war, weil sie mich tot geglaubt hatten.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-11">
+Aber ...
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Oh, Sonne, Mond und alle Sterne, erlöst mich von meinen Qualen! Was,
+um aller Lebenden und Toten willen, ist Wahrheit? Dort, vor meinen
+Füßen funkelt und glitzert es so lustig im Sonnenlicht, so verheißungsvoll
+und so beruhigend: Die Schmuckstücke des Indianers. Sie zerfielen
+nicht zu Asche, und wenn sie da sind – und sie sind wirklich und wahrhaftig
+da, denn ich fühle sie in meinen Händen –, dann ist auch der
+Indianer dagewesen, und ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue.
+Ich eile zum Hause. Mit der Freude im Herzen über das neugeschenkte
+Leben betrachtete und studierte ich die kleinen Kunstwerke. Dieses
+Studium erfüllte mich mit Andacht und mit Ehrfurcht gegenüber den
+Künstlern, die so Wundervolles schaffen konnten, und die ihre Namen
+nicht zurückließen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich wickelte ich die Sachen in Papier, machte ein kleines Paketchen,
+das ich verschnürte, und legte es in eine leere Blechbüchse, die ich oben
+auf das Bücherbrett stellte.
+</p>
+
+<p>
+Noch vor Sonnenuntergang ging ich abermals zur Höhle und füllte sie
+mit Erde und Steinen zu. Ich tat es, um zu verhindern, daß sich herumtreibende
+Pferde und Maultiere hineinstürzen, die Glieder brechen und
+dann hilflos darin liegenbleiben sollten.
+</p>
+
+<p>
+Den ganzen Abend verbrachte ich damit, mir alle Geschehnisse der
+letzten Tage, und besonders des heutigen, ins Gedächtnis zurückzurufen
+und sie zu ordnen, damit es ihnen nicht gelänge, mich zu verwirren.
+Denn da ich niemand hatte, mit dem ich hätte sprechen, auf den ich einen
+Teil meiner Erregung hätte abladen können, war ich genötigt, alle
+<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
+Widersprüche, Einwendungen, Erklärungen und Vermutungen gegen
+mich allein zu führen, um eine Unterhaltung in Fluß zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Mitternacht war längst vorüber, als ich zu Bett ging, erregt wie ein Kind
+am Weihnachtsabend. Erschöpft und übermüdet, als eine Folge der
+harten Tagesarbeit und der seelischen Aufregungen der letzten zwanzig
+Stunden, fiel ich sofort in Schlaf.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-12">
+Träume
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Mein Schlaf war alles andere, nur nicht sanft und ruhig. Aus einem
+schweren und wüsten Traum wurde ich in einen andern gejagt. Keiner
+meiner Träume war süß, ja nicht einmal indifferent oder alltäglich. Aber
+jeder hatte seinen Höhepunkt, und wenn dieser Höhepunkt erreicht war,
+schoß ich auf, nur um sofort wieder in Schlaf zu fallen mit keinem
+andern Sinn, als sogleich einen neuen Traum herunterzuhetzen. Es war
+ganz natürlich, daß jeder Traum mit den Dingen, die mich in den letzten
+Tagen so außerordentlich beschäftigt hatten, in naher Verbindung stand.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ich sah mich über die lebhaften Märkte der alten indianischen Städte
+wandern, aber es war mir nicht möglich, das zu finden, was ich so bitter
+notwendig haben mußte. Und immer, wenn ich glaubte, es nun gefunden
+zu haben, machte ich die Entdeckung, daß ich vergessen hatte, was es
+war. Nun begann mein Geist angestrengt zu arbeiten, um das, was ich
+brauchte, in mein Gedächtnis zurückzurufen. Dann ging ich an einen
+Verkaufsstand und kaufte etwas. Wenn ich es aber in der Hand hatte,
+kam mir zum Bewußtsein, daß ich ganz etwas anderes hatte kaufen
+wollen. Ich steckte den Gegenstand, den ich plötzlich gar nicht kannte, in
+die Tasche, aber ich fand, daß ich keine Tasche an meinen Kleidern
+besaß. Nun sollte ich bezahlen, und so sehr ich auch suchte, ich konnte
+die Kakaobohnen nicht finden, die das Geld waren, mit dem ich zu
+zahlen hatte. Denn was immer ich in die Hand nahm, waren Pfefferkörner
+oder Ameisen oder Fingernägel. Und dann wurde ich von halbnackten
+Marktpolizisten gejagt und als Marktbetrüger verfolgt. Ich
+raste durch den Busch, wo mich die Schlingpflanzen und Kaktusstauden
+festzuhalten suchten, meine Haut mir in Fetzen vom Leibe gerissen
+wurde durch die Dornen und Stacheln, die sich mir überall in den Weg
+drängten. Und wohin ich trat waren Schlangen, Riesenspinnen, gigantische
+Skorpione, große Eidechsen, deren Maul halb so weit offen war
+wie ihr Körper lang war, während hinter mir die nackten Polizisten
+<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
+wie Wölfe heulten und brüllten und Polizeitiger auf meine Fährte
+setzten. Nun hatte ich einen hohen Felsen zu erklimmen, und als ich
+oben war und eine Meute von Berglöwen und Geiern mich gerade packen
+wollte, fiel ich in eine tiefe Schlucht hinunter. Der Fall dauerte viele
+Stunden, und während des Falles sah ich, wie die Polizisten, die in
+Papageienfedern gekleidet waren, die Possums, die ihnen als Polizeihunde
+gedient hatten, herbeipfiffen, dann mit Musik heimmarschierten,
+den Kaufmann, dem ich drei und eine halbe Kakaobohne schuldete, verhafteten
+und am Nebenstand als Sklaven verkauften. Inzwischen kam
+ich unten in der Schlucht an. Ich schlug so heftig auf, daß ich aufwachte
+und die Schlucht hell erleuchtet fand. Es war aber der Mond, der in
+meinem Zimmer war. Und darüber beruhigt, schlief ich sofort wieder ein.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nun kämpfte ich auf seiten der spanischen Eroberer, und die Azteken
+nahmen mich gefangen. Ich wurde in den Tempel gebracht, um geopfert
+zu werden. Priester legten mich auf den Opferstein und hielten mich
+fest. Der Hohepriester kam heran, um mir das Herz aus der Brust zu
+reißen und es dem fürchterlich aussehenden Gotte vor die goldenen Füße
+zu werfen. Ich sah, wie der Gott mich angrinste und mit den Augen
+blinkte, obgleich er von Stein war. Dann streifte der Hohepriester den
+Ärmel seines Rockes zurück, packte mich mit der linken Hand brutal
+am Kinn und riß mir den Kopf zurück, während er mit der rechten
+Hand das Messer aus Obsidian in meine Brust schlug, wobei ich
+aufwachte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Aber gleich fiel ich wieder in Schlaf und kämpfte nun auf seiten der
+Tabascaner. Ich fiel in Gefangenschaft der Spanier, kam vor ihr Kriegsgericht
+und wurde zum Verlust beider Hände verurteilt, die mit einem
+stumpfen Taschenmesser abgeschnitten wurden. Die Arme fühlten sich
+darauf ganz dumpf an, ich erwachte, und meine Hände, die seitlich aus
+dem Bett hingen, waren eingeschlafen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nun besaß ich ein Atelier für Kunstgewerbe in Tenochtitlan, und ich
+hatte den Befehl bekommen, den Krönungsmantel für den neugewählten
+Monarchen aus den schönsten Federn tropischer Vögel anzufertigen.
+Aber die Federn flogen mir alle fort, und ich hatte hinter jeder einzelnen
+herzujagen, während nur eine knappe Viertelstunde noch fehlte, bis die
+Krönung beginnen sollte. Alle Fürsten und die Gesandten fremder
+<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
+Herrscher waren schon versammelt; die Volksmenge summte vor dem
+Krönungspalaste und in den Straßen, die zum Tempel führten. Ganze
+Scharen von Dienern und hohen Beamten kamen angejagt, um den
+Mantel zu holen; aber wenn ich eine Feder angenäht hatte und die
+nächste danebenheftete, flog die vorher angenähte schon wieder fort. Ich
+hörte die Trompeten schmettern und die großen Pauken dröhnen, die
+gigantischen Bronzeplatten von den Tempeln klingen und die Priester
+ihre schrillen Gesänge anstimmen, während mein Haus von Tausenden
+von wütenden Dienern und Hofmarschällen umstellt war, die schrien:
+„Den Krönungsmantel! Den Federmantel! Wir müssen alle sterben!
+Zum Tode verurteilt! Zum Tode geflogen!“ In meiner Hast, den Mantel
+doch noch fertigzustellen, schlüpfte er mir aus den Fingern, und alle
+Federn, die ich in wochenlanger mühseliger Arbeit angenäht hatte, flogen
+zwitschernd zum Fenster hinaus. Ich erwachte und hörte die Millionen
+Grillen und Graspferdchen im Busch zirpen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+* * *
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und wieder schlief ich gleich darauf ein mit dem sicheren und beruhigenden
+Bewußtsein, daß ich im Bett liege und mir die Krönung des Kaisers
+von Anahuac ganz gleichgültig sei, noch gleichgültiger sein Mantel. Da
+öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer. Ich wunderte mich darüber, wie
+das geschehen könne; denn ich wußte genau, daß ich vor dem Zubettgehen,
+wie es meine Gewohnheit war, den schweren Vorlegebalken sorgfältig
+in die Hintschen geschoben hatte. Aber die Tür öffnete sich trotzdem,
+und herein kam mein indianischer Besucher, derselbe, den ich, wie
+ich genau wußte, am Tage vorher hatte zu Staub zerfallen sehen. Das
+Zimmer war durch ein merkwürdig bleiches und flutendes Licht erhellt,
+dessen Quelle ich nicht ergründen konnte. Es war weder Sonne noch
+Mond, es war vielmehr ein weißer, in sich leuchtender Nebel, der aber
+nicht dicht genug war, daß er irgend etwas verbergen oder auch nur
+verschleiern konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Indianer kam nahe zu meinem Bett. Dort stand er ruhig und sah
+mich lange an. Ich hatte meine Augen weit geöffnet, konnte mich aber
+nicht bewegen. Besser gesagt, es kam mir von nirgendwoher der Wille,
+mich zu bewegen, und ich fühlte, daß ich mich nicht bewegen könne,
+wenn ich nicht irgendwo den Willen fände, der mir fortgelaufen war.
+Doch ich fühlte keinerlei Furcht, dagegen war in mir ein wohltuendes
+Empfinden brüderlicher Liebe oder Freundschaft. Mein Besucher hob mit
+ruhigen Bewegungen den Moskitoschleier auf und schlug die Seite, an der
+<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
+er stand, oben über die Bandleiste. Dann grüßte er mich in seiner feierlichen
+Weise. Wieder betrachtete er mich eine Weile mit tiefem Ernst,
+und dann begann er zu reden. Er sprach sehr langsam, jedem einzelnen
+Worte das volle Gewicht der auszudrückenden Meinung gebend:
+</p>
+
+<p>
+„Ich frage Sie, mein Freund, wie Sie fühlen würden, wenn man Sie in
+einem Zustande völliger Hilflosigkeit jener kleinen Gaben beraubte, die
+Ihnen mitgegeben wurden als Begleiter auf jene lange Reise durch das
+Land der Schatten? Wer gab sie mir, jene kleinen Geschenke? Sie wurden
+mir gegeben von jenen, die mich liebten und die ich liebte, von jenen, die
+heiße Tränen weinten, als ich sie verließ. Nichts sonst als diese geringfügigen
+Gaben sind es, die meinen Weg erleuchten durch die Nacht. Für
+Liebe allein ist es, daß Menschen geboren wurden, und nur der Liebe
+wegen ist es, daß sie leben. Was man auch immer an Würden, Ehren,
+Verdiensten, Ruhm und Reichtümern erworben haben mag, verglichen
+mit der Liebe zählen sie nichts. Vor dem großen Tor, durch das wir alle
+zu gehen haben, werden selbst die innigsten Gebete, die zum Himmel
+hinaufgesandt wurden, nur als Bestechungsgelder angesehen, nicht mehr
+wert als eine kleine Kupfermünze. Im Angesicht der Ewigkeit zählt nur
+die Liebe, die wir gaben, die Liebe, die wir empfingen, und vergolten
+wird uns nur in dem Maße, als wir liebten. Darum, Freund, geben Sie
+mir zurück, was Sie mir nahmen, so daß, wenn am Ende meiner langen
+Wanderung vor dem Tore stehend ich gefragt werde: ‚Wo sind deine
+Beglaubigungen?‘, ich sagen kann: ‚Siehe, o mein Schöpfer, hier in
+meinen Händen halte ich meine Beglaubigungen. Klein sind die Gaben
+nur und unscheinbar, aber daß ich sie tragen durfte auf meiner Wanderung
+ist das Zeichen, daß auch ich einst geliebt wurde, und also bin ich
+nicht ganz ohne Wert.‘“
+</p>
+
+<p>
+Die Stimme des Indianers verhauchte in ein Schweigen.
+</p>
+
+<p>
+Es war nicht seine wogende Beredsamkeit, es war vielmehr sein
+Schweigen, in eherner Urgewalt den Raum anfüllend, Dingen, Worten
+und Taten wortlos befehlend, das mein Handeln bestimmte. Ich stand
+auf, kleidete mich notdürftig an, zog die Stiefel über die Füße und eilte
+zum Bücherbrett. Ich öffnete das Paketchen, hing dem Indianer die
+goldene Kette über den Hals, schob den schweren Ring an seinen Finger
+und kniete endlich vor ihm nieder, um ihm die Reifen um die Knöchel
+der Beine zu legen. Als ich mich von den Knien erhob, hatte er den Raum
+verlassen. Die Tür war verschlossen und der Balken vorgeschoben. Ich
+kehrte zu meinem Bett zurück und fiel sofort in einen Schlaf, der so tief,
+<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
+so gesund, so traumlos war, wie ich seit Wochen keinen gehabt hatte. Er
+war wie der erste erfrischende, wohltätige Schlaf nach einer schweren
+Krankheit.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-13">
+Das Erwachen
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Spät am folgenden Morgen wachte ich auf, wundervoll ausgeruht und
+mich so kräftig fühlend wie seit langer Zeit nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Bettrand sitzend und mich lässig ankleidend, fiel mir der letzte
+Traum ein, und ich mußte gestehen, daß ich mich keines Traumes erinnern
+konnte, der so klar und so logisch sich abgewickelt hatte wie dieser.
+Ich langte nach meinen Stiefeln, und ich fand es höchst merkwürdig, daß
+sie nicht auf dem Stuhle standen und nicht mit Papier ausgestopft waren.
+Durch Erfahrung gewitzigt, hatte ich mir angewöhnt, wenn ich im Busch
+oder im Dschungel lebte und die Stiefel des Abends ausziehen konnte,
+sie auszustopfen und hoch zu stellen, um zu verhindern, daß Skorpione
+darin versteckt waren, wenn ich mich des Morgens eilig anzukleiden
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Stiefel standen nicht auf dem Stuhle, sondern unter dem Bett,
+und als ich das bemerkte, fiel mir ein, daß ich sie dorthin hatte fallen
+lassen, als ich wieder ins Bett zurückkehrte, nachdem der Indianer gegangen
+war und ich mich so müde fühlte, daß ich nicht die Kraft mehr
+aufbringen konnte, die Stiefel auszustopfen, während ich, halb schon
+wieder schlafend, ins Bett rollte.
+</p>
+
+<p>
+Nun sprang ich sofort zum Bücherbrett. Die Blechbüchse stand nicht mehr
+dort. Ich sah mich um und fand, daß sie auf dem Tische stand. Leer. Das
+Papier, in das die Schmuckstücke gewickelt waren, lag zerrissen auf dem
+Fußboden. Kein Anzeichen war zu entdecken, wo die Sachen sein mochten
+und auf welche Weise sie verschwunden sein konnten. Die Tür war noch
+immer sorgfältig verschlossen, von innen, mit dem schweren Querbalken
+davor, genau so, wie ich die Tür gestern abend und alle Abende vorher
+gesichert hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ich stürmte hinüber zum Hügel. In fieberhafter Eile räumte ich die zugeschüttete
+Höhle aus, fand es aber völlig aussichtslos, zwischen den
+Steinen, der Erde und dem Gebüsch, womit ich gestern nachmittag die
+Höhle aufgefüllt hatte, irgend etwas zu entdecken, das mich auf die Spur
+meiner verlorenen Schätze bringen möchte.
+</p>
+
+<p>
+Wo, um aller törichten Träume willen, hatte ich nur in meiner Schlaftrunkenheit
+dieses Zeug hingeschleppt?
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
+Vergeblich marterte ich mein Hirn und hämmerte in meinem Gedächtnis
+herum. Nicht eine einzige Idee kam mir, der nachzugehen sich hätte
+lohnen können. Vielleicht die Schweine? Es war zwar lächerlich, das in
+Erwägung zu ziehen, aber versuchen konnte ich es ja, ich brauchte ja
+niemand etwas von diesem Aberglauben erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch die Schweine sah ich niemals wieder.
+</p>
+
+<h3 class="section" id="chapter-22-14">
+Der Doktor kehrt zurück
+</h3>
+
+<p class="noindent">
+Zehn Tage später kam der Doktor zurück.
+</p>
+
+<p>
+Meine erste Frage war: „Sagen Sie, Doktor, haben Sie jemals drei Hogs
+(Schweine) hier in der Nähe des Bungalows oder in der Nachbarschaft
+gesehen? Zwei schwarze und ein gelbes?“
+</p>
+
+<p>
+„Hogs?“ fragte er, mich dabei scharf beobachtend. „Hogs?“ wiederholte
+er nach einer Weile noch einmal, und ich hatte das Empfinden, als ob er
+in seine Stimme und in seinen mich festhaltenden Blick eine Färbung
+legte, die ganz gut eine unauffällige Prüfung meines Geisteszustandes
+sein konnte. „Hogs? Nein! Sie meinen ganz bestimmt Dogs (Hunde). Sie
+verwechseln nur die Worte. Ich habe hier allerdings verschiedene Male
+drei Hunde herumlaufen sehen, zwei schwarze und ein gelber, die sich
+etwas sonderbar benahmen. Ich habe herumgefragt, aber niemand kannte
+die Hunde. Schließlich, was habe ich mich um herumtreibende Indianerhunde
+zu kümmern?“
+</p>
+
+<p>
+Nun erzählte ich ihm meine Geschichte. Ich glaubte, er würde in Ekstase
+geraten.
+</p>
+
+<p>
+„Einen toten Indianer, sagen Sie? Einer, der Sie besuchte, in zwei
+Nächten?“ Er löste meine lange ausführliche und begeistert vorgetragene
+Erzählung in so trockene Worte auf, preßte meine Ausrufe des Entzückens
+in so winzige und klapperdürre Fragezeichen zusammen, daß es
+mir leid tat, zu diesem zynischen Skeptiker überhaupt von meinem Erlebnis
+gesprochen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Wie mit einer Sonde in einer Wunde, so bohrte er mit seinen Augen in
+meinem Gesicht herum und sagte: „Schmucksachen? Antike aztekische
+Arbeit? In der Hand gehabt? Verschwunden? Wissen nicht wo und wie?“
+Seine Ironie empörte mich, und ich sagte lauter und rascher, als nötig
+war: „Wenn Sie es nicht glauben, ich kann Ihnen den Hügel zeigen mit
+den Steinstufen und auch die Höhle, die ich gegraben habe.“
+</p>
+
+<p>
+Immer noch die Augen auf mich geheftet, als ob er einem Krankheitsbericht
+zuhöre, dann die Stirne hochziehend, nahm er endlich ruhig seine
+<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
+Pfeife aus der Tasche, griente mich unverschämt an und sagte knochentrocken:
+„Ich kann Ihnen auch eine Höhle zeigen, die ich gegraben habe
+im Busch, vor – achtundzwanzig Jahren. Passiert mir heute nicht mehr.
+Ich lasse die toten Indianer und ihre Könige ruhig schlafen in ihren
+Gräbern.“
+</p>
+
+<p>
+Er reichte mir ein großes Paket Tabak über den Tisch: „Habe ich Ihnen
+von der Reise mitgebracht.“
+</p>
+
+<p>
+Dann tat er zwei Züge aus seiner kleinen Pfeife.
+</p>
+
+<p>
+Er blies den Rauch mit einem langen Atem und spitzen Munde aus. Er
+tat es sehr philosophisch und nachdenklich.
+</p>
+
+<p>
+Als der Rauch sich verflogen hatte, betrachtete er seine Tabakspfeife von
+allen Seiten, und während er wieder einen Zug nahm, heftete er seine
+Augen auf mich und ließ mein Gesicht nicht mehr los.
+</p>
+
+<p>
+Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, sah mich von unten herauf an,
+griente ganz niederträchtig, pfiff abermals den Rauch in einem langen
+Stoß aus und sagte nun, das unverschämte Grienen beibehaltend und die
+Augen halb zugekniffen: „Ja, was ich Ihnen raten möchte: Nehmen Sie
+sich ein nettes, nicht zu dreckiges Indianermädel in Ihre Strohbude. Als
+Köchin. Dann erscheinen Ihnen keine toten Indianer mehr.“
+</p>
+
+<div class="table">
+<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
+<table class="toc">
+<tbody>
+ <tr>
+ <td class="col1">Die Auferweckung eines Toten</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Indianertanz im Dschungel</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-16">16</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Die Geburt eines Gottes</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-23">23</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Der aufgefangene Blitz</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-28">28</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Spießgesellen</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Die Geschichte einer Bombe</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-52">52</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Die Dynamitpatrone</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Die Wohlfahrtseinrichtung</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-61">61</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Der Wachtposten</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-66">66</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Der ausgewanderte Antonio</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-68">68</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Familienehre</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-78">78</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Ein Hundegeschäft</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-84">84</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Der Eselskauf</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-91">91</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Diplomaten</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-98">98</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Bändigung</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-116">116</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Der Großindustrielle</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-146">146</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Die Medizin</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-152">152</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Der Banditendoktor</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-157">157</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Indianerbekehrung</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-189">189</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">Der Nachtbesuch im Busch</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-195">195</a></td>
+ </tr>
+</tbody>
+</table>
+</div>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen, zum Teil basiert auf anderen Ausgaben,
+sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... Plateau, und sie lag wie <span class="underline">flimmender</span> Lichtnebel auf dem weiten ...<br>
+... Plateau, und sie lag wie <a href="#corr-0"><span class="underline">flimmernder</span></a> Lichtnebel auf dem weiten ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">Hemden</span>? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein ...<br>
+... <a href="#corr-7"><span class="underline">Hosen</span></a>? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein ...<br>
+</li>
+</ul>
+</div>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79066 ***</div>
+</body>
+</html>
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Binary files differ
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--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
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+status under the laws that apply to them.
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+++ b/README.md
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+[Project Gutenberg](https://www.gutenberg.org) public repository for eBook [#79066](https://www.gutenberg.org/ebooks/79066)