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Traven, Tamaulipas, Mexico / +Ausstattung und Einbandzeichnung von Georg Hempel / Druck der +Buchdruckwerkstätte GmbH., Berlin + + + + + PALS IN THE BUSH IN MEXICO. + AMERICAN SONG + + + Down I came from Illinois + Singing with two other boys + In the bush in Mexico. + + Shorty Greg he was the first, + He could not survive the thirst + In the bush in Mexico. + + Buried him near a maguey plant + With bare hands in boiling sand + In the bush in Mexico. + + Then, a snake got Kid all right, + Could not help him, so he died + In the bush in Mexico. + + I was down with delirium + While the vultures picked my chum + In the bush in Mexico. + + Can’t return to Illinois + Feel as if I’d slain the boys + In the bush in Mexico. + + Have to stay forever here + Where their voices I may hear + In the bush in Mexico. + + + + + IM BUSCH IN MEXIKO. + AMERIKANISCHES LIED + + + Von Illinois kamen wir herunter, + Drei lustige Burschen, singend und munter + In den Busch in Mexiko. + + Der kleine Greg ging am Durst zugrunde, + Die Zunge hing ihm wie ’ne Faust im Munde + Im Busch in Mexiko. + + An einem Maguey mit nackter Hand + Gruben wir ihn in den heißen Sand + Im Busch in Mexiko. + + Eine Schlange biß Kid in die Hände, + Am Abend war’s schon mit ihm zu Ende + Im Busch in Mexiko. + + Ich lag im Fieber-Delirium, + Die Geier pickten an Kid herum + Im Busch in Mexiko. + + Ihre Mütter würden mich weinend fragen, + Fühl’ so, als hätt’ ich die Jungen erschlagen + Im Busch in Mexiko. + + Kann nicht zurück in die Heimat mehr gehn, + Ich muß bei den toten Kameraden stehn + Im Busch in Mexiko. + + + + + DIE AUFERWECKUNG EINES TOTEN + + +„Wir müssen zwölf Mules von der Weide haben“, sagte der Farmer, Mr. +Hilbert, zu seinem Foreman Toribio. „Wir wollen morgen mit dem +Durchpflügen der Tomatenfelder anfangen. Reiten Sie rauf auf die Prärie +und fangen Sie die zwölf Mules ein.“ + +Das war sehr früh am Morgen. + +Als Toribio auf dem Wege war, traf er den Indianerburschen Elfego. +Elfego war achtzehn Jahre alt und wohnte mit seinen Eltern im Dorfe. Er +hatte seine Kühe auf die Prärie getrieben und war jetzt auf dem +Heimwege. „Wo reitest du denn hin?“ fragte er Toribio. + +„Ich soll für den Patron zwölf Mules einfangen und runterbringen, wir +brauchen sie zum Pflügen.“ + +„Das würde mir gerade Freude machen“, sagte Elfego darauf, „dir bei dem +Einfangen zu helfen. Ich habe jetzt doch weiter nichts zu tun.“ + +Er wendete sein Pferd und ritt nun mit Toribio hinauf auf die Weide des +Amerikaners. Die Weide lag über dem Tal, auf einer Hochebene, wo auch +ein angelegter Teich genügend Wasser hielt, um die Tiere auf der Weide +zu tränken. Mr. Hilbert hatte hier gutes Guinea-Gras angebaut, das +vorzügliches Futter für seine Viehherden und für seine Mules und Pferde +gab, die hier hinaufgetrieben wurden, wenn unten auf den Feldern keine +Arbeit für sie war. Die Weide war ringsum von dichtem Ur-Busch umgeben. +An der Nordseite war die Weide durch einen steilen Abhang begrenzt, der +aus sehr grobem felsigem Gestein bestand. Das Einfangen der Mules würde +Toribio schwergefallen sein, wenn er nicht Elfego zur Hilfe gehabt +hätte; denn die Mules waren lange nicht in Arbeit gewesen und waren +darum ziemlich verwildert. Endlich hatten sie zehn Mules beisammen. +Toribio hatte sie gekoppelt, und es fehlten nur noch zwei, die er +herauszufangen hatte. + +Toribio trieb dem Elfego ein Mule entgegen. Elfego schwang den Lasso +weit aus, um es zu fangen. Aber das Mule brach durch eine rasche Wendung +unter dem Lasso aus. Nun versuchte Elfego das Mule zu umgehen und es +Toribio zuzutreiben, der den andern Halbkreis hielt, auf den das Mule +zujagen mußte. + +Als Elfego in rasendem Ritt innerhalb seines Halbkreises das Mule +beinahe abgedrängt hatte und den Bogen noch um einige Längen zu +erweitern suchte, um das Tier überraschend von hinten zu packen, hielt, +mitten im rasendsten Lauf, sein Pferd mit einem Ruck an. Denn vor sich +hatte das Pferd plötzlich den felsigen Abhang entdeckt, auf den Elfego +sein Pferd zu dicht gejagt hatte, weil er infolge des hohen Grases die +Entfernung von dem Abhang unterschätzt hatte. Durch den plötzlichen Ruck +des Haltens wurde Elfego, dessen Körper sich im Zeitmaß des rasenden +Galopps befand, kopfüber aus dem Sattel geschleudert. Er sauste über dem +Kopf seines Pferdes über den Rand des Abhangs. Er fiel nicht tief. +Vielleicht nur drei Meter. Aber er traf mit dem Kopf zuerst auf und +blieb bewußtlos liegen. + +Toribio hatte gesehen, wie Elfego hoch über den Hals des Pferdes ging. +Aber er glaubte, es sei nur ein gewöhnlicher Fall, wie er häufig beim +Reiten vorkommen kann, und er war überzeugt, daß Elfego nur in das Gras +gefallen sei, weil auch Toribio der Meinung war, daß dort der Abhang +noch nicht beginne; denn er hielt Elfego, der ja die Weide gut kannte, +nicht für so unvorsichtig, daß er so dicht an den Abhang reiten würde. +Freilich war Elfego im Eifer des Fangens, und er war auch schon darum +nicht zu tadeln, weil hier der Abhang eine Bucht in die Weide hineinbog, +die durch das hohe Gras nicht zu erkennen war. + +Toribio richtete jetzt auch sein ganzes Augenmerk auf das umkreiste +Mule, das auf ihn zugejagt kam, weil es sich noch immer von Elfego +verfolgt dachte. Toribio schwang den Lasso, der Lasso fing, und er ritt +nun auf das keuchende Tier zu, das jetzt stillstand, um es zu den +übrigen zu bringen und dort zu koppeln, bis alle zum Abtreiben bereit +waren. + +Ob Elfego inzwischen aufgestanden war oder nicht, konnte Toribio infolge +des hohen Grases, das an vielen Stellen den Kopf des Reiters überragte, +nicht sehen. Als er sich rückwärts wandte, bemerkte er ein weidendes +Mule in der Nähe eines großen schattigen Baumes. Er stieg vom Pferde, +nahm den Lasso mit und schlich sich vorsichtig durch das hohe Gras an +das weidende Tier, dem er sich unauffällig so weit nähern konnte, daß er +es vom Boden aus lassote. Er hatte jetzt alle zwölf Mules beisammen. + +Nun pfiff er hinüber zu Elfego. Aber er bekam keine Antwort. Dann rief +er, aber auch jetzt hörte er nichts. Endlich stieg er aufs Pferd und +ritt hinüber zu der Stelle, wo er Elfego hatte fallen sehen. Das Pferd +Elfegos stand ruhig da und weidete. + +Toribio kam zu der Bucht und sah dort Elfego unter sich. Er kletterte +hinab, hob Elfego auf und setzte ihn aufrecht auf den Stein. Er +schüttelte ihn, und nach einer Weile kam Elfego zu sich, verstört und +ungewiß, wie aus einem langen Schlafe erwachend. + +Toribio untersuchte ihn, aber er fand keine Verwundung. Dann fragte er: +„Tut dir etwas weh, Elfego?“ + +„Nein“, sagte Elfego. „Es tut mir nichts weh. Der Kopf tut mir ein wenig +weh. Ich glaube, daß ich eine Beule habe.“ + +Toribio untersuchte den Kopf, aber er fand keine Beule. + +„Kannst du heimreiten?“ fragte Toribio. + +„Ja, natürlich kann ich heimreiten.“ + +Er stand nun auf und kletterte an dem Abhang hinauf, ohne daß er der +Unterstützung Toribios bedurfte. Toribio holte die Pferde heran. Elfego +stellte den Fuß in den Bügel, schwang sich hoch und wollte sich gerade +in den Sattel setzen, als er sagte: „Mir wird schlecht, auch schwindlig +im Kopf. Ich werde mich lieber dort noch eine Weile in den Schatten des +Baumes setzen und ein wenig ausruhen.“ + +„Gut“, sagte Toribio. „Ich setze mich mit dir dorthin. Wir haben Zeit. +Wenn ich erst am Nachmittag mit den Mules hinunterkomme, macht es auch +nichts.“ + +Sie gingen beide hinüber zu dem Baum. + +Hier stand Elfego eine Weile, dann tastete er nach dem Baumstamm, weil +er fürchtete, nach vorn zu fallen, hierauf schüttelte er mit dem Kopfe, +als ob ihm der Kopf lose auf dem Halse sitze, dann erbrach er sich +heftig, hierauf sank er in die Knie, endlich fiel er mit dem Kopfe +vornüber, kollerte langsam rollend auf die Seite, streckte sich aus und +war tot. + +Toribio schüttelte ihn heftig, klopfte ihm auf die Handflächen und auf +den Puls sowie auf den Nacken, aber er kam nicht mehr zu sich. Er atmete +nicht mehr, und sein Herzschlag war nicht mehr zu hören. + +Toribio zog ihm sein Taschentuch aus der Tasche und deckte es über sein +Gesicht, dann lüftete er den Sattel an dem Pferde des Verunglückten, zog +die Säcke hervor, die als Satteldecken dienten, und deckte den Toten +damit zu, um die Geier fernzuhalten. + +Dann setzte er sich auf sein eigenes Pferd. Und als er aufgesessen war, +dachte er eine Weile nach, ob er die Mules erst hinuntertreiben oder ob +er besser schnell ins Dorf reiten solle, um den Eltern Elfegos zu sagen, +was geschehen sei. Er kam nach kurzem Nachdenken zu dem Entschluß, +sofort im schnellsten Trab heimzureiten und die Mules später +abzutreiben, weil er ja doch mit dem Vater Elfegos wieder heraufreiten +würde, um ihm zu zeigen, wo der Junge läge. + +Er fand den Vater nicht daheim. Der Vater war in der +Departementshauptstadt, wo er mit einem Holzhändler wegen Holzlieferung +verhandelte. + +Nur die Mutter war daheim. Elfego war ihr einziges Kind. Sie schrie auf +in einem schrillen Kreischen. + +Die Nachbarn kamen gleich herbei, und einige Männer und Burschen gingen +zu Mrs. Hilbert und baten sie um einen leichten Wagen, mit dem man bis +dicht an den Berg fahren könne, um den Leichnam heimzuholen. Nachmittags +um drei Uhr waren die Leute mit dem Wagen und mit dem Verunglückten im +Dorf. Am Eingang des Dorfes hielten sie an. Sie banden rasch ein Gestell +zusammen, legten Elfego darauf, deckten eine Decke über ihn und trugen +ihn so, in einem feierlichen Aufzuge, alle Träger und Begleiter +entblößten Hauptes, der Mutter ins Haus. + +Als die Träger vor dem Stacheldrahtzaun, der das kleine Anwesen der +Eltern Elfegos einzäunte, erschienen, schrie die Mutter gellend auf, und +alle ihre Nachbarinnen und weiblichen Verwandten, die im Hause auf den +Verunglückten warteten, fielen in das gellende Schreien mit ein. + +Die Mutter hatte sich einen Tisch ausgeliehen und den Tisch mit ihrem +eigenen zusammengestellt, ein weißes Laken darübergebreitet, Blumen +daraufgestreut, am Kopfende ein großes grellfarbiges Bild der Jungfrau +Maria aufgestellt und sechs Kerzen angezündet, die vor dem Bilde +standen. + +Der Verunglückte wurde auf den Tisch gelegt, und die Mutter warf sich +über ihn hin. + +Die schlichte Stube in dem dünnwandigen Holzhause war gedrängt voll +Menschen. Mrs. Hilbert war auch anwesend und bemühte sich zu helfen oder +die weinende Mutter zu beruhigen. + +Es war wohl etwa während dieser Zeit, als ich am Hause des Mr. Hilbert +vorritt, vom Pferde stieg, ins Haus kam, um Mr. Hilbert um einige +Zeitschriften zu ersuchen und eine halbe Stunde mit ihm zu schwatzen. +Wir saßen schon eine gute Weile zusammen, da kam Toribio ins Haus und +erzählte die Geschichte. Bisher wußte Mr. Hilbert nichts davon, weil er +soeben erst von einem seiner fernen Außenfelder hereingeritten gekommen +war und seine Frau sich ja im Hause des Verunglückten befand. Er hatte +die Mädchen nicht gefragt, wo sie sei. + +„Dann lassen Sie uns nur einmal hingehen und zusehen, was da vor sich +geht“, sagte Mr. Hilbert. + +Wir kamen in das Haus und fanden das ganze Dorf versammelt. Die Leute, +die nicht im Hause Platz fanden, standen draußen herum. Alle +betrachteten sich den Toten und gingen dann wieder hinaus, um draußen +herumzustehen. Die Frauen beschäftigten sich unausgesetzt, meist mit +ganz überflüssigen Dingen, aber sie taten es, um der Mutter zu zeigen, +daß sie ihr hilfeleistend zur Seite stünden. + +Mr. Hilbert und ich, wir traten nun ganz dicht heran an den Leichnam und +sahen ihn uns an. + +„Wann ist er denn gestorben?“ fragte ich. „Welche Zeit?“ + +„Früh um neun ungefähr.“ + +Ich sah nach der Uhr. + +„Und jetzt ist es fünf.“ + +Ich hob die Augendeckel des Toten auf, fühlte an seine Backen, fühlte +die Schädeldecke ab, tastete auf die Brust, nahm die Hände auf und +bewegte die Finger. + +Mr. Hilbert stand hinter mir. Ich drehte mich zu ihm und sagte: „Der +Junge ist nicht tot, der lebt noch. Angeblich soll er seit neun Uhr tot +sein. Das sind acht Stunden bereits. Die Finger sind noch genau so +gelenkig, wie bei mir und wie bei Ihnen, die Augen sind starr, aber +nicht gebrochen. Fühlen Sie die Schädeldecke an. Na? Die ist doch ganz +heiß. Wenn der Bursche acht Stunden tot wäre, dann dürfte nichts mehr +heiß sein, und die Finger würden bereits erstarren. Wir haben gestern +schweren Regen gehabt. Es war heute ein ungemein heißer Tag. Der Bursche +müßte schon stinken. Aber er stinkt nicht. Nicht eine Spur.“ + +„Es scheint in der Tat, als ob Sie recht hätten“, sagte Mr. Hilbert. +„Wir wollen ihn einmal bearbeiten.“ + +Die Mutter, die interesselos in einer Ecke saß und nur gelegentlich +einmal gellend aufschrie, sah jetzt auf, als ich den Burschen so +eingehend untersuchte und dann mit Mr. Hilbert den Fall besprach. + +„Geben Sie mir einen Spiegel“, sagte ich zu einer Frau. Der Spiegel +wurde gebracht, und ich hielt ihn gegen den Mund des Verunglückten. Ein +ganz leiser Hauch war auf dem Glase sichtbar, als ich den Spiegel +betrachtete. + +Alle Anwesenden, auch die Mutter, hatten mich während dieses Vorganges +fortgesetzt beobachtet. Sie erweckten den Eindruck, als wagten sie nicht +zu atmen. Sie erwarteten zweifellos, daß ich jetzt den Burschen bei der +Hand nehmen und sagen würde: „Stehe auf und wandle!“, und er würde dann +wandeln. Aber das ließ ich doch besser bleiben. + +Ich sah nun auf und sagte: „Der Junge lebt noch; ich vermute, er hört +jedes Wort, das wir hier sprechen. Er hat nur eine sehr schwere +Gehirnerschütterung.“ + +Die Mutter sprang auf. Sie wollte einen Freudenschrei ausstoßen, aber +sie besann sich noch rechtzeitig und preßte ihre Hand gegen den Mund. + +„Freilich“, fügte ich nun hinzu, „ob der Junge wieder zu sich kommt, +oder ob er bewußtlos bleibt und doch noch stirbt, das läßt sich nicht +sagen. Er hängt genau in der Mitte.“ + +„Sagen Sie, was wir tun sollen“, wisperte die Mutter, „wir wollen alles +tun, was Sie für richtig halten.“ + +Die Mutter wurde geschäftig und vergaß all ihren Schmerz. Von diesem +Augenblick an betrachtete sie den Jungen nur noch wie einen +Fieberkranken, den man mit aller Sorgfalt pflegen müsse. + +Ich ordnete an, daß man Steine heiß mache und gegen die Fußsohlen lege. +Dann ließ ich gleichzeitig heiße Umschläge auf den Leib machen. In der +Tienda wurde Eis geholt, und ich ließ Eis auf die Schädeldecke legen und +gegen den Hinterkopf. Ich sagte mir, der Kopf ist heiß, also muß im Kopf +ein starker Blutandrang sein, und den müssen wir zum Leibe und zu den +Füßen führen, damit das Blut wieder zirkuliert. Wir klopften den Puls, +klopften die Brust an der Stelle des Herzens, und wir klopften die Waden +und die Füße. Zuweilen machten wir noch künstliche Atembewegungen. Es +wurde Ammoniak besorgt, und ich hielt es unter die Nase des Burschen, +und dann flößte ich ihm einige Löffel voll starken Branntweins in den +Mund. + +Ich sprach etwa zwei Stunden später mit Mr. Hilbert, der inzwischen +fortgegangen, aber jetzt wiedergekommen war, und ich machte den +Vorschlag, dem Burschen am Puls eine Ader zu öffnen. + +Durch diese Aderöffnung würde vielleicht das Blut zu laufen beginnen, +und die Blutstockung im Hirn würde geringer werden. Eine Gefahr der +Verblutung lag nicht vor, weil wir ja zur Hand waren und den Oberarm +rechtzeitig abbinden konnten. + +„Das erscheint mir sehr gut“, sagte Mr. Hilbert. „Aber ich rate Ihnen, +tun Sie es nicht. Wenn auch die Mutter gesagt hat, daß sie Ihnen den +Körper ihres Jungen bedingungslos überantwortet – geht es schief, können +die Leute Sie anzeigen, daß Sie hier operiert haben, und die Sache kann +so gedreht werden, daß behauptet wird, Sie haben den Jungen durch die +Aderöffnung getötet. Das kann eine unangenehme Sache werden. Solange wir +rein äußerlich hier arbeiten, mit heißen Steinen, Umschlägen und +Eisauflagen, das schadet nichts; aber wenn Sie schneiden, dann kann man +Ihnen etwas anhängen, was Sie nicht mehr loswerden.“ + +Das war ein guter Rat. Man ist ein Fremder, und man befindet sich unter +einer fremden Rasse, die anders denkt und anders urteilt. + +So unterließ ich die Aderöffnung. + +Nun war es elf Uhr nachts. Ein Teil der Leute war gegangen, dafür aber +waren andere erschienen, die aus entfernter liegenden Dörfern gekommen +waren, sei es auf der Durchreise, oder sei es aus Neugierde. + +An dem Verunglückten hatte sich nichts geändert. Die Finger und Zehen, +wie alle Gelenke, waren weich und beweglich, die Augen waren nicht +gebrochen, die Schädeldecke war noch immer heiß, wenn auch nicht mehr so +heiß wie am Nachmittag, die Lippen waren bläulich mit einem rötlichen +Schimmer; und die Fingernägel waren kalkweiß, aber wenn man sie ganz +heftig preßte und dann losließ, nahmen sie einen ganz dünnen, rosigen +Hauch an. Ich hielt ein brennendes Zündholz auf den Unterarm. Die Haut +rötete sich leicht, zog aber keine Blase. Ich kühlte den Spiegel mit Eis +und hielt ihn gegen den leicht geöffneten Mund. Ein kaum sichtbarer +Schleier zeigte sich auf dem Spiegel. Die Augenlider waren dicht +geschlossen, und wenn man sie hob, schlossen sie sich nach einer Weile +langsam wieder. Der Bursche lebte noch immer. Da war kein Zweifel. + +Das braune Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, der sich von dem +Ausdruck, den das Gesicht am frühen Nachmittag gezeigt hatte, völlig +unterschied. Am Nachmittag trug das Gesicht den starren Ausdruck eines +Toten. Jetzt dagegen hatte das Gesicht den Ausdruck eines Menschen, der +tief schläft wie in einem schwer narkotischen Rausch. Man gewann den +Eindruck, daß der Bursche jeden Augenblick die Augen aufschlagen müsse, +einen Eindruck, den man am Nachmittag nicht hatte. + +Mit den Neuangekommenen war ein Spanier ins Haus getreten. Ich kannte +ihn. Er war ein Aufkäufer von Holzkohle. + +Sobald er in den Raum getreten war, tat er sich sofort wichtig. Er warf +seinen Hut in die Ecke, drängte sich durch die Leute, kam auf den +Verunglückten zu, packte ihn brutal an, als ob er damit zeigen wolle, +daß er allein wisse, wie man einen solchen Fall zu behandeln habe. Er +tat sehr geräuschvoll. Weil bisher alles sehr ruhig hier zugegangen war, +alle Handlungen, das Auswechseln der Steine und Umschläge sowie die +immer wieder aufgenommenen Atembewegungen und Massierungen, wohl +energisch und sicher, aber doch schweigend oder nur flüsternd gehandhabt +wurden, wirkte das Gebaren des Spaniers ungemein lästig und +aufdringlich. + +Er fühlte die Backen des Verunglückten an, hob die Augenlider auf und +sagte dann sehr laut und kommandierend: „Der ist nicht tot, wir werden +ihn gleich hoch haben. Das ist ja alles verkehrt, was hier gemacht wird. +Umgekehrt. Das Eis mal sofort auf die Füße und Eisumschläge auf den +Leib. Auf den Kopf und auf den Nacken müssen die heißen Steine.“ + +Die Mutter des Verunglückten, die bisher alles, wie ich es anordnete, +willig getan hatte und meinen Ratschlägen auf das Wort vertraute, blieb +mitten im Zimmer stehen. Sie trug gerade einen heißen Stein in einem +Stück Sackleinwand in der Hand, um ihn gegen den kaltgewordenen Stein an +den Füßen auszuwechseln. Sie wurde völlig verwirrt und sah mich mit +aufgerissenen Augen an, was ich dazu sage. + +Ich zuckte mit den Schultern, trat zurück von dem Verunglückten und ging +in den Hintergrund, das Feld dem Spanier überlassend. Hier hatte allein +die Mutter zu entscheiden, welchen Anordnungen gefolgt werden sollte. + +Ich sah, daß sie sprechen wollte, und ich fühlte, daß sie sagen würde, +der Spanier möge seiner Wege gehen. Aber der Spanier ließ ihr keine +Zeit, irgend etwas zu denken oder zu sagen. Er riß ihr den Stein beinahe +aus der Hand, packte mit harten Griffen das Eis unter dem Nacken und auf +dem Kopfe fort, legte es zu den Füßen und stopfte alle heißen Steine, +die er bekommen konnte, unter den Nacken und unter den Hinterkopf. + +Die Mutter stand jetzt regungslos im Zimmer. Sie kümmerte sich um nichts +mehr. Sie tat nichts mehr. Sie erschlaffte völlig. Alle Aufregung, die +sie seit zwölf Stunden oder länger gehabt hatte, zeigte sich nun ganz +plötzlich in einer Ermüdung, der sie nicht mehr widerstehen konnte. Das +rasche brutale Gebaren des Spaniers wirkte auf sie wie ein harter +Schlag, der ihren Willen, ihr Hoffen und alle ihre Widerstandskraft +lähmte. Sie schleppte sich zu einem Stuhl in der Ecke des Zimmers, wo +sie niedersank und ganz in sich zusammenfiel. + +Der Spanier arbeitete laut und lärmend, kommandierend und unausgesetzt +schwätzend um den Verunglückten herum. Alles war verkehrt, die Beine +müßten viel höher liegen als der Kopf, und wenn er nicht +glücklicherweise vorbeigekommen wäre, hätte man den armen Burschen gar +lebendig eingegraben. Mr. Hilbert und ich, wir hatten während dieser +Zeit im Hintergrunde gestanden. Als jetzt einige Leute das Zimmer +verließen, kamen wir wieder näher zu dem Tische, auf dem der +Verunglückte lag. + +In der halben Stunde, in der wir den Körper nicht gesehen hatten, hatte +sich nun etwas Merkwürdiges ereignet. Der Ausdruck des Gesichts hatte +sich völlig verändert. + +Der Mund hatte sich zu einem sonderbaren ironischen Grinsen verzogen, +das die volle ungeschminkte Antwort auf die Frage enthielt: „Wißt ihr, +was ihr alle mir mal könnt?“ + +Ich betrachtete den Burschen so eine Weile, dann stieß ich Mr. Hilbert +leicht an. Auch er sah es. Der Unterkiefer sank langsam herab, und die +kräftigen gesunden Zähne des Burschen traten scharf hervor. + +Das war um halb eins in der Nacht. Und ich ging heim. + +Am nächsten Morgen gegen acht Uhr ging ich wieder zu dem Hause. Das Haus +war leer, alle Türen standen offen. Ich ging in das Nachbarhaus. Ich +traf eine alte Indianerin, die da hockte und rauchte. + +„Elfego?“ sagte die Frau. „Ja, wissen Sie das nicht? Die sind doch mit +ihm auf den Friedhof gegangen. Heute morgen um sechs stank er, und die +Finger waren hart, und da sind sie um sieben mit ihm losgegangen. Das +wissen Sie doch aber, Senjor, der Spanier hat den armen Jungen +ermordet.“ + +Das ist die Ursache, warum seitdem in jenem Dorfe behauptet wird, ich +könne Tote erwecken, obgleich ich noch nie einen Toten erweckt habe. + +Aber der Beweis, daß ich Tote erwecken kann, ist zweifelfrei erbracht, +nach Meinung jener Leute. Denn selbst der einfachste und schlichteste +Indianer wird die Tatsache begreifen: Wenn ich in allen Dingen genau das +Gegenteil tue von dem, was einen Menschen tötet, so muß das Resultat +immer sein: Eine Auferweckung des Toten. + + + + + INDIANERTANZ IM DSCHUNGEL + + +Seit mehreren Monaten bewohnte ich eine primitive Hütte im Dschungel. +Bis zur nächsten Siedelung, wo eine weiße Familie wohnte, hatte ich etwa +drei Stunden zu reiten. Alle Menschen meiner Nachbarschaft waren +Indianer. Aber selbst der nächste von ihnen war eine halbe Stunde von +meinem Platze entfernt. + +Es war an einem Spätnachmittag im November, gegen Ende des Monats und +sehr heiß. Ich saß halbnackt vor meiner Hütte und las. Da plötzlich +kommt ein Indianer, mein Nachbar, gemächlich angeritten, setzt sich zu +mir, und wir reden eine Weile über die viele Arbeit, die wir haben. +Vorgeblich haben, denn wir taten alle eigentlich nichts, weder die +Indianer noch ich. + +Nach dieser Vorrede über die viele Arbeit und das wenige Geld, das es +dafür gebe, kam mein rothäutiger Nachbar zum Kernpunkt seines Besuches. + +„Senjor“, sagte er lachend, „wir machen heute abend tanzen, wir haben +musica, muy bonita, auch ich werde schön spielen, guitarra, ich habe es +gelernt fünf Tage.“ + +Damit meinte er, daß er vor fünf Tagen angefangen habe es zu lernen. + +„Wir machen viel Spaß“, redete er weiter, „Sie sind hier so allein und +so sehr traurig, Senjor.“ + +Ich war keineswegs traurig, ganz im Gegenteil, ich war überaus +glücklich, weder Straßenbahnen, noch Autos, noch Telephongeklingel zu +hören. Aber wenn man keine indianische Köchin in die Hütte nimmt, so ist +man, nach Ansicht der Indianer, unbedingt traurig. Ist man auch. Aber +ich konnte die acht Pesos Lohn nicht aufbringen, die eine Köchin +monatlich haben möchte. + +„Darum möchte ich Sie einladen, Senjor, kommen Sie rüber zu unserm Tanz; +Sie können bei mir zu Nacht essen.“ + +„Kommen hübsche Mädchen hin?“ fragte ich. + +„Senjor, verflucht noch mal, die allerhübschesten, die hier herum +wohnen.“ + +Gleich nach Sonnenuntergang machte ich mich auf den Weg. Wenn ich nicht +in rabenschwarzer Nacht durch den Busch zockeln wollte, mußte ich mich +beeilen; denn sobald die Sonne am Horizont verschwunden ist, hat man +gerade Zeit genug, sich mal umzudrehen, und die Nacht ist da, ohne daß +man sagen könnte, wo sie so schnell hergekommen ist. + +Die Hütte meines Nachbars lag auf demselben Höhenzuge, auf dem meine +Bärenhöhle lag, aber er wohnte noch abgeschiedener im Dickicht als ich. +Warum er sich so tief verkrochen hatte, ist eine andere Geschichte, die +zu erzählen wäre. + +Der Platz war idyllisch. Etwa ein Dutzend gigantische Ebenholzbäume +standen verstreut über der Buschlichtung, die eine Art Plateau bildete, +von dem aus man weit über das flache Dschungelland blicken konnte. Diese +herrlichen Bäume standen nicht da wie uninteressierte Säulen. Mit den +langen grauen Moosbärten, die von den Ästen hingen, erweckten sie den +Eindruck, als wären sie alte, jedoch sehr lustige Herren, die mit großem +Behagen darauf warteten, daß der Tanz beginne. + +Zwei Indianer mit ihren Frauen waren bereits anwesend. Nachdem die sehr +höfliche Begrüßung vorüber war, wurde ich aufgefordert, in die Hütte zu +kommen und zu Abend zu essen. Es gab schwarze Bohnen, Tortillas und +Kaffee. + +Inzwischen kamen weitere Gäste, nur Indianer; ich war der einzige Weiße +und war nur darum wohl eingeladen worden, weil ich ein Mitbewohner in +diesem wilden Dschungelbezirk war. Die Indianer kamen geritten, auf +Pferden, Maultieren oder Eseln. Viele hatten keine Sättel. Alle brachten +ihre Frauen und Kinder mit. Manchmal saßen Mann, Frau und zwei Kinder +auf demselben Pferd, während die Frau noch einen Säugling im Arme hielt. +In einem Basttäschchen hatten sie Tortillas, falls sie Hunger bekommen +sollten, denn getanzt wird bis Sonnenaufgang. + +In einem Sack hatten die Frauen ihre flimsigen Musselinkleider und +lacklederne Halbschuhe. Bei der Ankunft waren sie entweder barfuß oder +trugen selbstgemachte schlichte Sandalen, und gekleidet waren sie in +ihre billigen Kattunkleider. + +Sobald sie von den Reittieren abgesessen hatten, wobei ihnen ihre Männer +mit höflichem Anstand halfen, verkrochen sie sich in einen Winkel der +Schilfhütte oder hinter die Hütte und zogen sich um. Sie wuschen sich +noch einmal, wobei sie stark nach Patschuli und Moschus riechende Seife +benutzten. Dann lösten sie ihr langes rabenschwarzes Haar und kämmten es +sorgfältig. + +Der Mond war aufgegangen, ein runder, glänzender, satter Vollmond. Und +er glitt in majestätischer Ruhe über den klingend klaren Nachthimmel. + +Nach und nach kamen die Frauen schüchtern hervor, an ihren hauchdünnen +Gewändern die Falten herunterstreichend. Die Kleider waren kurz, nach +der Mode, hatten kurze Ärmel und ließen Hals und Nacken frei. In das +offen hängende Haar hatten die Frauen Blumen gesteckt. Manche der Frauen +waren kaum fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, hatten aber schon ihre +Säuglinge mit; alle übrigen Frauen, die keine Säuglinge hatten, standen +in der Erwartung, bald welche zu bekommen. + +Der Gastgeber hatte einige Bretter über ein paar morsche Kisten gelegt, +damit die Damen sitzen konnten. Die Männer standen schwatzend herum. Sie +hatten sich nicht umgekleidet, weil sie nichts zum Umkleiden hatten. Sie +trugen ihre üblichen gelben oder blauen Zwirnhosen, ein weißes oder +farbiges Baumwollhemd, Sandalen oder Schuhe und ihren großen spitzen +Strohhut. Jacke oder Weste hatten sie keine. An Stelle dessen hatten +manche braune, rote oder bunte Wolldecken mitgebracht, für den Fall, daß +es in der Nacht kühl werden sollte. Die Frauen hatten große schwarze +Baumwolltücher, die sie um die Schultern legten. Diese Tücher dienen als +Hut, als Schleier, als wärmendes Umschlagetuch, als Schal, häufig auch +als Taschentuch und zuweilen als Windel für die Säuglinge und, wenn +zusammengefaltet, als Kissen für den Scheitel, wenn die schweren +Wasserkrüge vom Flusse herauf geschleppt werden müssen. + +Die Musiker hatten gleichfalls ihre schwarzen Bohnen und ihren Kaffee +bekommen. Darauf hatten sie sich eine Zigarette gedreht, und als sie +aufgeraucht war, begann die Musik. Eine Geige und eine Gitarre. Mein +Nachbar spielte noch nicht, er wollte erst tanzen. + +Er hatte eine hübsche Frau, ungetrübtes indianisches Vollblut. Von allen +Frauen war sie am hübschesten angezogen, hatte die Blumen auf sehr +geschmackvolle Weise ins Haar gesteckt. Außerdem hatte sie sich +parfümiert. Sie war noch nicht ganz zwanzig Jahre alt; ihr ältester +Sohn, ungefähr fünf Jahre alt, zeigte sich im Laufe der Nacht als +ausgezeichneter Solotänzer und als Konsument von wenigstens zwanzig +Zigaretten. Seine Mutter war die einzige unter den anwesenden Frauen, +Männern, Mädchen und Kindern, die nicht rauchte. Alles, was sonst auf +menschlichen Beinen stand, die älter als drei Jahre waren, rauchte wie +besessen. Wenn alles das, was Nichtraucher und Mucker über die +Schädlichkeit des Rauchens erzählen, nur zu einem Fünftel wahr wäre, +würde die indianische Rasse längst ausgestorben, erblindet oder +geistesgestört sein; denn die Indianer rauchen Tabak schätzungsweise +elftausend Jahre länger als die übrigen Völker. + +Als die Musik zu spielen begann, wurde sofort getanzt. Dieses Zögern, +das die erste Stunde einer Tanzfestlichkeit oft wie eine +Begräbnisfeierlichkeit erscheinen läßt, kennen die Leute nicht. Ihnen +ist Tanzen keine Verführung Beelzebubs, noch viel weniger etwas, das +sich mit der Würde des Menschen nicht verträgt. Es waren Frauen da mit +ihren Kindern und mit Enkelkindern, die auch bereits in Hoffnung waren, +während die werdende Urgroßmutter selbst noch einen Säugling an der +Brust liegen hatte. Und diese lebenstrotzende Urgroßmutter tanzte nicht +weniger oft und nicht weniger graziös als die fünfzehnjährigen Mädchen. + +Die Frauen säugten ihre Kleinen, ohne irgendwelche Prüderei dabei zu +zeigen. Das geschah so natürlich, so unverhüllt, als ob dem Kindchen +eine Milchflasche gereicht würde. Hatten sich die Kleinen satt +getrunken, dann wurden sie in das schwarze Baumwolltuch gehüllt und +glatt auf die Erde gelegt, direkt unter die Bank, ein wenig nach hinten +geschoben, damit man sie nicht mit den Absätzen der Schuhe treffen +konnte. Die Kleinen schliefen dann lustig drauflos bis gegen +Mitternacht, wo sie sich meldeten und abermals ihre beiden Flaschen +gefüllt vorfanden, trotzdem die Mütter keinen Tanz versäumten. + +Wenn man aus Erfahrung weiß, was auf dem Erdboden im tropischen Busch, +auch wenn er in der Größe eines Hofes gelichtet ist, herumkriecht, +besonders zur Nachtzeit, so überläuft es einen eiskalt, wenn man die +kleinen Würmchen auf die Erde gebettet sieht. Die größeren Kinder +tummelten eine Weile herum, dann wurden sie müde, legten sich auf die +blanke Erde neben die Säuglinge, zogen die Knie so hoch sie konnten und +schliefen wie kleine Ratten. Wenn der Vater eine Decke hatte, wurde sie +dem Kinde untergeschoben, und es wurde wie ein Baumstamm eingewickelt, +bis das nächstältere auch müde ankam und hinzugewickelt wurde. + +Bis gegen neun Uhr kamen immer noch weitere Gäste angeritten. Auf mich +machte es einen unheimlichen Eindruck, wenn plötzlich eine Frau, +seltener ein Mann, mitten in der Musik oder im Tanzen anhielt, einige +Sekunden in die Nacht hinauslauschte und dann sagte: „Es kommt wieder +ein Paar. Wer mag es sein?“ + +Der Weg zog sich in langen, verwachsenen Windungen durch den Busch. +Selbst bei Tage konnte man niemand in größerer Entfernung sehen als +hundert Meter an den günstigsten Stellen. Infolge der Musik und des +Geplauders der Leute konnte man nichts hören, was in einiger Entfernung +vor sich gehen mochte. Wenn jemand gesagt hatte: „Es kommt ein Paar auf +einem Maultier“, so dauerte es gut zehn Minuten, wenn nicht oftmals +mehr, ehe die Angemeldeten sichtbar wurden. Diese Gabe der Fernmeldung +ist bei Stämmen, die mehr im Süden wohnen, viel höher ausgebildet und +wirkt wahrhaft gespenstisch. + +Die Musik spielte alles nach Gehör. Ab und zu spielte der Geiger die +Gitarre und der Gitarrespieler die Geige. Wenn die Musiker selbst tanzen +wollten, ergriff einer der Indianer das Instrument und spielte, +vielleicht nicht ganz so gut wie die Musiker, die natürlich keine +Berufsmusiker waren, sondern wie alle übrigen Indianer Holzhauer und +Köhler. Auch mein Nachbar beeilte sich, zu zeigen, was er in den fünf +Tagen gelernt hatte. Ich wußte, daß er die Gitarre nicht länger im Hause +gehabt hatte, denn ich hatte ihn damit ankommen sehen, als er sie sich +ausgeliehen hatte. Jemand hatte ihm gezeigt, wie man das Instrument +anzupacken hat, ihm einige Griffe klargemacht, und das war alles. Was er +jetzt leistete, war in der Tat erstaunlich. Er hatte zwar nur die Geige +zu begleiten, aber auch das muß gekonnt sein. Ein paarmal vergriff er +sich wohl, fand aber immer von selbst die richtige Tonart wieder. + +Der Geiger, ein kleines schmächtiges Bürschchen, tanzte seltener mit den +Mädchen. Er zog es vor, Solo-Grotesktänze zu veranstalten. Diese +Solotänze waren so urkomisch, daß nicht nur die Indianer zum Bersten +lachten, sondern daß auch ich so lachen mußte, daß mir der Leib weh tat. +Die Kunst des Tanzes läßt sich nicht schildern, noch viel weniger die +des Grotesktanzes. + +Gespielt wurden amerikanische Onesteps und Foxtrotts, ferner Walzer, die +im altväterlichen Polkaschritt, nur viel langsamer, getanzt wurden, +ähnlich wie der sogenannte „Boston“. Der Rundwalzer oder Wiener Walzer +ist ganz unbekannt. Dann tanzte man eine Art Rheinländer. Diese Tänze +interessierten mich wenig. + +Jedoch jeder vierte Tanz etwa war das, was ich sehen wollte: Ein +Originaltanz. + +Ich habe denselben Tanz hier bei Vögeln gesehen in der Balzzeit. Dann +tanzen sie in der gleichen Weise voreinander, was ungemein drollig ist. + +Während des Tanzes nähern sich die Paare und entfernen sich, berühren +sich aber nie, nicht einmal bei den Händen. In bestimmten Intervallen +setzt die Musik aus und die Musiker sowie diejenigen Männer, die keine +Tänzerinnen haben, ersetzen die Musik durch Singen. Dieses Singen +geschieht auf der höchsten Spitze der menschlichen Stimme und ist ein +sehr taktmäßiges, jedoch schrilles und kreischendes Modulieren von +Tönen, die kaum etwas Menschliches an sich haben. (Der Kriegsschrei der +Azteken war ein ganz hoher schriller Schrei, der die Spanier, als sie +ihn zum ersten Male hörten, mit Grauen erfüllte.) Ein Hauch von diesem +Grauen überkommt einen sogar dann, wenn dieser Gesang rein freudigen +Zwecken dient. Nur bei diesem Tanz, sonst nicht, fühlte ich, daß ich in +einer andern Welt lebte, daß Jahrhunderte mich von meiner Zeit, Tausende +von Meilen mich von meiner Rasse trennten, daß ich auf einem andern +Erdball lebte als dem, auf dem ich geboren worden war. + +Der Mond stand jetzt steil über mir. Der tropische Nachthimmel war von +so glänzender Klarheit wie eine große schwarze Perle. Eine weiße +schimmernde Helle lag wie ein flutender dünner Seidenschleier auf dem +Plateau, und sie lag wie flimmernder Lichtnebel auf dem weiten +Dschungel. Es war die blendende Helle des Tages, gehüllt in eine dicke +weiße Wolke. Myriaden und Myriaden von Graspferdchen, Grillen, Käferchen +sangen den urewigen gleichförmigen Gesang der tropischen Nacht, während +in dem nahen Busch und dem Dschungel ein mitleidloses Kämpfen um Leben +und Liebe war. Ein leichter Wind wehte um die grauen Bärte der +Ebenholzbäume, und das war, als ob die alten Herren, die Hunderte von +Jahren zählten, einander zunickten und sich lustige Dinge erzählten. Die +angebundenen Pferde scharrten und schnüfften, während die Esel arme +dürre Strünke abknabberten, kauten und hin und wieder kläglich +trompeteten, um die Tiger, die durch den Busch schlichen, zu +erschrecken. Ab und zu lief ein Schwein den Tanzenden zwischen die +Beine, während ein anderes sich an einem Holzsattel, der auf der Erde +lag, den Rücken schabte und ein drittes sich behaglich grunzend in dem +Schlamme wälzte, der sich von den ausgeschütteten Kaffeeresten gebildet +hatte. + +Ein Kindchen begann leise zu weinen, und die Mutter ließ ihren Tänzer +los, lief zu dem winzigen Bündelchen, das auf der Erde kollerte, hob es +auf, wickelte es aus, knöpfte sich das Kleid weit auf, setzte sich auf +die Bank, gab dem Kinde zu trinken und sah dabei belustigt den Tanzenden +zu. + +Jeder Tanz wurde so lange gespielt, bis die Tänzer so ermattet waren, +daß sie ihre Damen zu der Bank führen mußten. Getrunken wurde nur +Wasser, und das in großen Mengen. Zwei Burschen hatten alle Augenblicke +mit einem Eimer zu einem Regenpfuhl zu laufen, der im Busch lag und zur +Nachtzeit allerlei gefährliche Gäste einlud, die vom Durst hingetrieben +wurden. + +Und ich tanzte und tanzte. Die jüngeren Frauen und Mädchen waren anfangs +ein wenig scheu mir gegenüber; aber als sie sahen, daß ich nicht bissig +war und beim Tanzen die Beine genau so bewegte wie ihre Stammesgenossen, +auch nur Hose, Hemd und Hut hatte und meine Zigaretten verschenkte, +bekamen sie Zutrauen. Bald konnte ich den Indianertanz tanzen, worüber +die Leute sich nicht wenig wunderten. Singen freilich konnte ich ihn +nicht und werde es auch nie lernen, dazu ist eine Vorübung notwendig, +die bei den Meistern zehntausend Jahre gedauert hat. + +Bald hatte ich die beste Tänzerin entdeckt, die ich für die zweite +Hälfte der Nacht mit nur wenigen Ausnahmen Tanz für Tanz heranholte, was +mir niemand übelzunehmen schien. Es war die Urgroßmutter. Ihr Gesicht +war zerknülltes und zerknittertes schwarzbraunes Leder, ihre Augen waren +schwarz, ihr geöltes, langes strähniges Haar noch schwärzer, und ihre +Haut strömte einen nicht angenehmen scharfen Geruch aus. Möglich, daß +man sie, wenn man sie in Mitteleuropa anträfe, für des Teufels +Großmutter ansehen würde. Aber sie tanzte wie eine Göttin, und ihre +Grazie und ihre Anmut beim Tanzen waren von großer Schönheit. + +Mit Sonnenaufgang verblaßte der Mond, verblaßte die Musik. Unauffällig +zog sich eine Frau nach der andern hinter die Hütte zurück, kam nach +einer Weile wieder vor in ihren Lümpchen und mit einem Bündelchen. +Ebenso unauffällig, ohne Abschiedsszenen, setzten sie sich auf ihre +Pferde und Esel und verschwanden lautlos. Die aufgegangene Sonne fand +einen kahlen Platz, auf dem niemals getanzt, vielleicht von Tanzen +geträumt worden war. + + + + + DIE GEBURT EINES GOTTES + + +Bei vielen alten Völkern, und nicht immer nur bei den barbarischen, +wurden die Götter nach dem Ebenbilde des Menschen gemacht; man gab den +Göttern alle Charaktereigenschaften, alle Laster und Tugenden eines +Menschen. Die Fabrikanten der jüdischen und der christlichen Religion, +um eine Ausnahme zu machen, machten den Menschen nach dem Ebenbilde +Gottes. Das Endergebnis ist in beiden Fällen das gleiche, und der +erreichte Zweck entspricht dem, der beabsichtigt war: es sollte gezeigt +werden, daß der Mensch ein göttliches oder gottähnliches Wesen sei und +er darum das Recht habe, alles das und alle die zu beherrschen, die +keine gottähnlichen Wesen seien. Alle Götter, heidnische, jüdische und +christliche, sind Schöpfungen von Menschen. Nur in ganz seltenen Fällen +läßt sich die Geburt oder die Fabrikation eines Gottes auf den wahren, +schlichten und einfachen Vorgang des In-die-Welt-Kommens zurückführen, +weil diejenigen, die durch die Religion ihre Vorteile finden, den +Ursprung Gottes mit Mystizismus verräuchern. Ein Stern führt Könige aus +fernen Landen zum Geburtsplatz, und unmittelbar nach der Geburt klafft +der Himmel auseinander, und Trompetenbläser und ein gut eingedrillter +Opernchor geben ein Freikonzert für Schafhirten. In vielen christlichen +Ländern, besonders in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wird +wegen Gotteslästerung bestraft, wer versucht, die wahre +Entstehungsgeschichte der jüdischen oder christlichen Religion +aufzudecken. Dagegen ist es keine Gotteslästerung, wenn man die +Entstehung sogenannter heidnischer Götter erforscht und die Ergebnisse +der Forschung bekanntgibt. Und weil man bei der Erforschung heidnischer +Religionen nicht behindert, sondern sogar noch oft reichlich unterstützt +wird, so kommt man hierbei den wahren Dingen leichter auf den Grund. +Wenn ich hier die Geschichte der Geburt eines indianischen Gottes +erzähle, so geschieht es mit der wohlbegründeten Überzeugung, daß es auf +Erden keine einzige Religion gibt, und nie gab, bei der nicht die Geburt +des Gottes oder der Götter, und damit die ganze Entstehung der Religion, +auf einen ähnlichen schlichten und natürlichen Vorgang zurückgeführt +werden kann. + +Nachdem Hernan Cortes Mexiko erobert hatte, unternahm er eine Expedition +nach Honduras. Diese Expedition wurde unternommen, um einen Wasserweg +vom Atlantischen nach dem Pazifischen Ozean zu finden; denn zu jener +frühen Zeit glaubte man, daß der nordamerikanische und der +südamerikanische Kontinent nur zwei große Inseln seien, zwischen denen +ein gewaltiger Meeresarm hindurchführe. + +Mit dieser Expedition kam Cortes an den Peten-See, einen sehr großen See +im heutigen Guatemala. Auf den Inseln dieses Sees sowie an seinen Ufern +fand Cortes Indianer, die den Spaniern eine rührende Gastfreundschaft +entgegenbrachten. + +Infolge des langen Marsches über unwegsame Dschungelbezirke, über +Gebirge, über Sümpfe, durch Flüsse und durch wüstenhaftes Gelände war +die Armee des Cortes völlig heruntergekommen. Sie schleppte sich nur +noch darum weiter, weil sie ein Zurück durch das gleiche Gebiet nicht +überlebt haben würde. Hätte Cortes hier nicht diese gastfreundlichen +Indianer getroffen, die ihr Bestes taten, der verhungernden und +zusammenbrechenden Expeditionsarmee wieder auf die Beine zu helfen, so +wäre der ganze Trupp elend in den Dschungeln und Sümpfen zugrunde +gegangen. An sich hat jene Expedition sehr wenig Erfolg gehabt, und sie +zählt mit zu den größten katastrophalen Fehlschlägen der spanischen +Eroberer in Amerika. + +Die Indianer des Peten-Sees fütterten die Spanier wieder hoch, +versorgten sie reichlich für den Weitermarsch und taten für sie, was +wirklich gastfreundliche Menschen nur immer tun können für die, die +einer Hilfe benötigen. + +Um den Fremden noch mehr zu Gefallen zu sein und ihnen keinen Wunsch zu +versagen, willigten die Eingeborenen leichten Herzens ein, sich taufen +zu lassen und alle Christen zu werden. Innerhalb von zwei Tagen wurden +alle Indianer, die hier zu einem großen Feste zusammengekommen waren, +getauft, und in ihrer großen Güte und Friedensliebe gestatteten sie den +Weißen, ihre Götter und Tempel zu zerstören, und als sie bemerkten, daß +diese Zerstörung den Weißen so viel Freude machte, sahen sie dem +aufgeregten Treiben und Wüten der Spanier belustigt zu. Sie betrachteten +das als eine Art von Komödie. + +Die Indianer jener Region, die ihr Leben schlicht fristeten von den +vielfachen Gaben, die ihnen der große See und die umgebenden Wälder +boten, besaßen weder Gold, noch Silber, noch Edelsteine, noch hatten sie +irgendwelche Kenntnis von Gold- oder Silberminen. Aus diesen Gründen +hatte Cortes nicht viel Interesse für sie übrig. Er betrachtete die +Zeit, die er bei ihnen zubrachte, im Grunde als verloren. Er beeilte +sich, so schnell als möglich die Gegend wieder zu verlassen, und trieb +die Mönche, die seine Armee begleiteten, an, sich mit ihrem Geschäft der +Heidenbekehrung zu beeilen, weil es hier nichts zu verdienen gäbe. + +Um das glorreiche Fest der Massenbekehrung mit dem gehörigen Pomp zu +begleiten und gleichzeitig den erforderlichen Eindruck der Macht der +Weißen bei den Indianern zurückzulassen, ordnete Cortes an, daß an dem +Tage der Massentaufe die Kanonen abgefeuert werden und daß seine Reiter +einige militärische Übungen vorführen sollten. + +Für die Indianer, die so etwas nie gesehen hatten, war das natürlich +eine große Sache. Das Donnern und Feuern der Kanonen, die Turniere der +Reiter und das ganze Getue der Mönche machte auch wirklich auf die +Neubekehrten den Eindruck, den die Mönche so sehr wünschten. Die +Indianer sollten davon überzeugt werden, daß die Leute, die alle diese +merkwürdigen Kunststücke ausführen konnten, einen Gott haben mußten, der +mehr konnte als ihr alter indianischer Gott, und der deshalb ihren alten +Göttern überlegen sein mußte. + +Den tiefsten Eindruck auf die Indianer aber machten nicht die donnernden +und feuerspuckenden Kanonen, sondern die Reiter und die Pferde. Da es +auf dem amerikanischen Kontinent keine Pferde gab, so hatten die +Indianer niemals Pferde gesehen. Sie betrachteten den Reiter und das +Pferd als ein gemeinsames Wesen. Und es erschien ihnen als das +gräßlichste aller Ungetüme, das sich nur vorstellen läßt. Es hatte vier +Beine, konnte rascher laufen als der schnellste Läufer, es hatte zwei +Köpfe, einen Menschenkopf und einen seltsamen langen Kopf mit großen +runden Augen, es hatte einen langen Stachel, die Lanze des Reiters, und +ein kurzes Messer, das Schwert, mit dem es nach allen Seiten Hiebe +austeilen konnte. + +Cortes ließ diese gastfreundlichen Indianer völlig ausgebeutet zurück, +ohne ihnen irgendeine andere Bezahlung für ihre gastfreundliche Hilfe zu +hinterlassen, als ihnen gezeigt zu haben, wie sie ihre Sünden abwaschen +könnten, von deren Vorhandensein sie bisher gar nichts gewußt hatten. + +Jedoch am Tage seiner Abreise beschloß er, ihnen etwas zurückzulassen, +was sie als genügende Bezahlung anerkennen würden, ohne die Weißen als +gar zu große Knicker in Erinnerung zu behalten. Deshalb, um seine +Dankbarkeit zu beweisen, bot er den Eingeborenen bei seiner Abreise als +Zeichen der guten Freundschaft ein fußlahmes Pferd an, das für seine +Weiterreise nur ein Hindernis war. + +Die Indianer nahmen diese Gabe in Empfang mit den aufgeregten Gesten und +Reden von Leuten, die eine so fürstliche Bezahlung für erwiesene Dienste +nie erwartet haben. + +Dann verschwanden Cortes und seine Armee ebenso mysteriös, wie sie +gekommen waren. Allein nur das lahme Pferd, das die Eingeborenen jetzt +im Besitz hatten, bewies ihnen, daß alles das, was sie in den +vergangenen Tagen erlebt und gesehen hatten, kein Traum, sondern +Wirklichkeit gewesen war. + +Nun wohl, Cortes hatte seinen freundlichen Wirten ein Pferd als Geschenk +hinterlassen. Was er ihnen aber nicht hinterlassen hatte, das war eine +genügende Kenntnis von der Nahrung und der Pflege eines Pferdes. +Tausende und aber Tausende von Indianern aus den benachbarten Regionen +waren inzwischen erschienen, um das Pferd zu sehen und zu bewundern. Da +das Pferd so intim verknüpft war mit diesen mysteriösen weißen bärtigen +Leuten, die Donner und Blitz erzeugen konnten, so fühlten die Indianer +die tiefste Ehrfurcht gegenüber diesem Tier. Sie boten ihm die schönsten +Blumen und Blüten als Opfergabe an. + +Jedoch dieses göttliche Tier schnüffelte nur stolz an diesen Opfergaben +herum und wendete dann seinen Kopf verächtlich hinweg. + +Darüber waren die unschuldigen Kinder dieses sonnigen Landes recht +betrübt. Sie beteten und sangen, tanzten und hielten feierliche +Prozessionen ab, um diese göttliche Kreatur wieder zu versöhnen. + +Endlich sagte ein alter Medizinmann: „Seht ihr denn nicht, das göttliche +Wesen ist verwundet am Fuß. Behandelt es entsprechend.“ + +Die Indianer häuften nun vor dem Rößlein Riesenberge von gebratenen +wilden Truthühnern auf; denn gebratene Truthühner werden bei den +Indianern als die Nahrung für Verwundete angesehen. + +Trotzdem die Truthühner auf schön geschliffenen Kupferplatten, mit +Blumen, Früchten und köstlichen Kräutern, vorgesetzt wurden, das +Pferdlein schüttelte nur seine Mähne und trampelte ungeduldig mit den +Füßen. + +Dieses Trampeln mit den Füßen gab den Indianern eine andere Idee. Es +wurde eine schöne Jungfrau erwählt, die man nun dem Pferde anbot. Aber +das Roß war viel zu stolz, diese liebliche Gabe auch nur zu +beschnüffeln. Das war ja auch ganz verständlich. Das Mädchen war +bronzebraun, während das Pferdchen nur an weiße Jungfrauen gewöhnt war. + +Obgleich hier ein lahmes Pferdchen die seltene Gelegenheit hatte, das +glücklichste Leben zu führen, das einem Pferd auf Erden und im Besitz +von Menschen je gegönnt war, obgleich dieses himmlische Geschöpf nur +wenige hundert Schritte entfernt war von den schönsten Weiden, bewachsen +mit saftigem und immergrünem Grase, trotzdem die Felder der Indianer +reich standen mit dem herrlichsten Mais, so mußte dieses unschuldige +Tier qualvoll verhungern. Es legte sich eines Tages hin und starb. + +Voll von Schrecken und abergläubischer Furcht standen die Indianer um +den toten Körper des göttlichen Tieres. Und da sie seine Rache +fürchteten, weil sie es so schlecht behandelt hatten, daß es vorzog, zu +sterben, wurde ein geschickter Steinhauer unter ihnen beauftragt, eine +Skulptur des Pferdes anzufertigen, die im Haupttempel aufgestellt wurde. + +Dreiundneunzig Jahre später, im Jahre 1618, kamen zwei +Franziskaner-Mönche an jenen See, um Heiden zu bekehren. Seit Cortes die +Gegend verlassen hatte, war nie wieder ein weißer Mann in jenem fernen +Winkel des Landes aufgetaucht. + +Die beiden Mönche traten in den Tempel, und sie waren aufs höchste +erstaunt, als sie hier eine riesenhafte steinerne Skulptur eines Pferdes +vorfanden, in einer Gegend der Erde, wo Pferde völlig unbekannt waren. + +Aber dann glaubten sie ihren Sinnen nicht mehr trauen zu dürfen, als sie +sahen, daß die Indianer diese steinerne Skulptur als höchsten Gott +anbeteten. Und die Mönche wurden völlig verwirrt, nachdem sie fanden, +daß hinter dem steinernen Pferde ein gewaltiges hölzernes Kreuz +aufgerichtet war. Es stellte sich heraus, daß jenes steinerne Pferd als +der allein wahre Gott des Donners und des Blitzes angebetet wurde. + +Es ist erklärlich, daß der Bericht jener Mönche viel Aufregung unter den +Leuten, die sich mit der Erforschung des Landes und mit der Geschichte +der Indianer befaßten, hervorrief. Die wildesten Gerüchte und +Vermutungen tauchten auf, wie die Indianer in diesem fernen Gebiete des +Kontinents dazu gekommen seien, ein Pferd in Verbindung mit einem Kreuz +als Gott zu verehren. Diese Vermutungen und Spekulationen würden +vielleicht die Erforscher der indianischen Geschichte auf die +verwirrtesten Abwege geführt haben, wenn man nicht in einem der Briefe, +die Cortes an den Kaiser Karl V. schrieb, eine Notiz gefunden hätte, die +den Sachverhalt völlig aufklärte. + + + + + DER AUFGEFANGENE BLITZ + + +Der Pfarrer eines indianischen Dorfes hatte eine Reise nach der +Hauptstadt des Staates zu machen, wo der Bischof eine Konvention +angeordnet hatte. Eine Eisenbahn war nicht vorhanden, darum war der +Pfarrer genötigt, die Reise auf einem Mule zu machen. Da er sich nicht +sehr anstrengen wollte, ritt er jeden Tag gerade nur so weit, bis er zur +nächsten Hazienda kam. Er wurde überall gut bewirtet, und so betrachtete +er – wie es auch alle seine Brüder im Amt des Herrn taten – jene +Dienstreise gleichzeitig als Erholungsreise, die er infolge seiner +schweren Tätigkeit als Dorfpfarrer indianischer Bauern auch gewiß +redlich verdient hatte. Er wußte, daß die Reise vier bis sechs Wochen +dauern würde. Und nachdem er alle Schäfchen gut eingesegnet hatte, damit +während seiner Abwesenheit nicht etwa Satanas hier eine gute Ernte +halten könnte oder gar die alten indianischen Götter – mehr gefürchtet +als Satanas, dessen Schliche und Wege man ja kennt und wissenschaftlich +erforscht hat – sich hier wieder einnisten könnten, rief er seinen +Kirchendiener herbei, um dessen Wachsamkeit und Treue die Kirche mit +allem, was drin und drum war, feierlichst zu übergeben. + +Cipriano, der Kirchendiener, war, wie alle Mitglieder der Gemeinde, +Indianer. Er war Holzfäller und Kohlenbrenner von Beruf, und als Mensch +war er weder besser noch schlechter als irgendein anderer Mann des +Dorfes. Aber er war sehr stolz auf sein Amt als Kirchendiener, und er +hatte mehrfach im Dorfe zu verstehen gegeben, daß es auf Erden nur zwei +wirklich wichtige Personen gebe: Pfarrer und Kirchendiener; der Pfarrer +könne ohne Kirchendiener kein Amt halten, und der Kirchendiener sei so +wichtig wie der Pfarrer. Vertraulich hatte Cipriano sogar seinen +Freunden gegenüber durchblicken lassen, daß er, Cipriano, vielleicht gar +noch wichtiger sei als – aber das wolle er nicht aussprechen, weil das +sicher eine Sünde sei, so etwas zu sagen. + +Es muß nun freilich berichtet werden, daß der Pfarrer in seiner Gemeinde +wohl geachtet war in geziemender Weise; aber respektiert und gefürchtet +war nicht der Pfarrer, sondern Cipriano. Der Pfarrer war Mestize, mit +wenig indianischem Blut. Cipriano jedoch war Vollblut-Indianer. Er nahm +darum unter seinen Leuten den Rang eines Medizinmannes ein. Das war auch +zu verstehen. Er war den Göttern ebenso nahe wie der Pfarrer, er kannte +alle Geheimnisse der Religion so gut wie der Pfarrer, hatte ungehindert +Zutritt zu dem Allerheiligsten, und er konnte die gesamte Zeremonie der +Messe heruntersingen und herunterbeten, viel besser als der Pfarrer, der +zuweilen steckenblieb und von dem aufgeschlagenen Messebuch die +Litaneien ablesen mußte. Denn Cipriano war beinahe dreißig Jahre +Kirchendiener, hatte unter den drei Pfarrern gedient, die vor dem +jetzigen hier amtiert hatten. Er konnte alles auswendig von dem langen +andächtigen Zuhören, kannte jedes einzelne Glasperlchen an den +zahlreichen Heiligenfiguren der Kirche, kannte jedes Stückchen Stuck und +jede noch so kleine Holzschnitzerei der Kirche, wußte jeden Feiertag und +jeden Tag der Heiligen auswendig. Die indianischen Gemeindemitglieder, +insbesondere aber die Kinder und die Halberwachsenen, hielten in der Tat +Cipriano für viel wichtiger für die Religion und deren zahlreiche und +verzwickte Zeremonien als den Pfarrer. + +So wie sich die Indianer immer erst an die Heiligen wenden, wenn sie +etwas von dem lieben Gott haben wollen, so wendeten sich hier die +Gemeindemitglieder immer erst an Cipriano, wenn sie etwas vom Pfarrer +wollten. Ob es eine Heirat war, oder eine Kindtaufe, oder ein Begräbnis, +zuerst wurde Cipriano um Rat gefragt. Sogar wenn die Burschen oder +Mädchen zur Beichte zu gehen hatten, wendeten sie sich erst an Cipriano, +um von ihm zu hören, ob dies oder das eine Todsünde sei, wenn man es +nicht beichte, oder wenn man es vergäße, und in welcher Form man das +oder jenes ausdrücken könnte, ohne direkt zu sagen, was es sei. + +Cipriano wußte für alle Rat und hatte für alle Hilfe. Er war der +Vertraute aller Gemeindemitglieder in einem viel höheren Maße, als es +der beste Pfarrer je werden könnte. Aus diesem Grunde ging es Cipriano +verhältnismäßig gut. Er bekam hier ein Hühnchen, dort ein Hähnchen, hier +einen Tequila, dort einen Habanero; und wenn er Namenstag hatte, bekam +er so viel aufgehäuft, daß er davon einen vollen Monat in Freuden leben +konnte. + +Als der Pfarrer nun reisefertig war, sagte er zu Cipriano: „Mit dem +Läuten weißt du ja gut Bescheid, da brauche ich dir nichts zu sagen. +Tags ist die Kirche offen, und nachts schließt du sie gut zu, wie wir +das immer machen. Und des Sonntags früh und Samstag abend und Mittwoch +abend, wenn die Gemeinde in der Kirche ist, dann singst du vor. Hier +sage ich dir die Lieder und die Aves, die gesungen werden. Die kennst du +ja alle. Und vergiß nicht, die Weihwasserbecken zu füllen, wenn sie leer +sind. Das weißt du ja auch. Und dann ist da etwas Wichtiges. Du gehst in +die Stadt und kaufst Farben und Goldbronzen. Dann reinigst du einmal +alle die Figuren von dem Staub und von dem vielen Dreck, den die Vögel +draufgemacht haben. Es ist eine Sünde, wie die Figuren aussehen, es ist +fürwahr eine Gotteslästerung. Wo die Farbe abgeblättert ist, da malst du +neue Farbe auf. Die Gnadenmutter über dem Altar aber bemalst du nicht. +Du wäschst sie nur gut, und dann lackierst du sie schön mit farblosem +Lack, den man dir in der Botica in der Stadt verkaufen wird. Nein, kaufe +das nicht. Ich werde das alles in der Stadt kaufen und bezahlen, und du +holst es ab. Kannst gleich mit mir kommen, und dann sage ich dir alle +Farben und wie du sie gebrauchst. Wenn ich dann zurückkomme, haben wir +eine schöne reine Kirche.“ + +Mit dieser Anordnung war Cipriano außerordentlich zufrieden. Es machte +ihm Freude, die Kirche schön herzurichten und die Figuren zu bemalen. +Und diese Freude wurde erhöht, als ihm der Pfarrer versprach, daß er +ihm, wenn alles gut und schön getan sei, acht Pesos geben wolle, so daß +er also nicht im Busch zu arbeiten brauche, sondern hier die ganze Zeit +hindurch sich in der Kirche beschäftigen könne. + +Cipriano begleitete den Pfarrer am nächsten Tage in das kleine +Städtchen, wo er die Farben in Empfang nahm und die Gebrauchsanweisungen +für die Anwendung der Farben erhielt. + +Nachdem er sich einen Kleinen eingehoben hatte, um den Tag festlich zu +beschließen, ritt er, zufrieden mit sich und zufrieden mit der Religion +und aller Welt, gemächlich auf seinem Esel heim. + +Er kam gerade recht zum Abendläuten, das die Jungen schon begonnen +hatten, noch ehe er das erste Haus des Dorfes erreicht hatte. + +Am nächsten Morgen begann er seine Arbeit der Kirchenverschönerung. + +Wenngleich Cipriano keineswegs Maler war, so hatte er doch genügend +Klugheit – angeboren oder durch Erfahrung erworben, das weiß man nicht +–, mit dem Abwaschen von bemalten Heiligenfiguren vorsichtig zu sein. Er +war nicht allzu reich mit Farben versorgt worden, und darum mußte er mit +dem Abwaschen sorgsam umgehen, um nicht zuviel Farbe zu verlieren. Er +wollte auch erst wissen, wie die Farben annehmen; denn die Anweisungen +des Drogisten waren sehr allgemein gehalten gewesen. So nahm er sich +zuerst einmal den Judas Ischariot vor. Judas Ischariot war ja eigentlich +nur ein Halbheiliger, dessen wahres Verhältnis zu dem Herrn bis heute +nicht völlig aufgeklärt ist. Die einen sagen, er hat den Herrn verraten +und verkauft und darum ist er ein Schurke, der in der Hölle seit beinahe +zweitausend Jahren bereits schmort. Andere dagegen aber, die +wissenschaftlich in die Heilslehre eingedrungen sind, behaupten, Judas +Ischariot war von Gott dem Herrn bestimmt, den Heiland zu verraten; denn +hätte Judas Ischariot den Herrn nicht verraten, so wäre der Herr nicht +gefangengenommen worden, und hätte man ihn nicht gefangen, so hätte er +nicht gekreuzigt werden können, und der Heiland hätte nicht, mit den +Sünden aller Welt beladen, sterben können, um die armen Menschen zu +erlösen. Da also Judas Ischariot als das Werkzeug Gottes nötig war, um +das Heilswunder zu vollbringen, darum betrachtet ihn der Indianer als +einen Halbheiligen, wie er auch den bösen Schächer am Kreuz als +Halbheiligen betrachtet, der unter Umständen oben im Himmel ein gutes +Wort für den geplagten Indianer einlegen kann. Es ist überhaupt und +immer gut, sich mit niemand ernstlich zu verfeinden, dessen Name in den +biblischen Geschichten oder in den Legenden erwähnt wird. Denn man kann +nicht wissen, ob sie nicht Werkzeuge Gottes sind, auch wenn sie sich +scheinbar recht unchristlich hier auf Erden benommen haben. + +Der Judas Ischariot steht gewöhnlich wie ein Schuljunge, der was +verbrochen hat, in einer dunklen Ecke in der Kirche, wo er von niemand +sonderlich beachtet wird. Da steht der Arme das ganze Jahr hindurch. In +der Semana Santa, in der Heiligen Woche, wird er dann aus seiner Ecke +herausgenommen, abgestaubt und aufgefrischt, und er wird dann an die +Abendmahlstafel gesetzt, die in der Kirche aufgebaut wird. An dieser +Tafel darf Judas Ischariot nicht fehlen, wenn auch vielleicht die Hälfte +der übrigen Jünger fehlen sollten oder einige doppelt oder dreifach +vorhanden sein sollten. Es kommt auch vor, daß, um die Zahl zwölf oder +dreizehn voll zu machen, irgendeine Figur mit an die Tafel gesetzt wird, +die ursprünglich nicht die Ehre hatte, bei der Abendmahlsfeier zugegen +zu sein, also vielleicht der Heilige Antonio oder der Heilige Jeronimo. +Man muß sich zu helfen wissen. + +In diesem Falle, den Cipriano jetzt zu besorgen hat, ist kein einziger +Heiliger besser zu gebrauchen als Judas Ischariot. An ihm erprobt nun +Cipriano, wie weit er mit dem Waschen gehen darf, ohne zuviel Farbe +einzubüßen, an ihm kann er herummalen und herumlackieren nach +Herzensfreude, um zu sehen, wie die Farben annehmen und wie sie +herauskommen auf diesem alten wurmzerfressenen Holz. Denn wird am Judas +Ischariot etwas verdorben, so ist das nicht so wichtig und wird wohl +kaum auch als Sünde im Himmel gebucht werden. Judas Ischariot wird nach +der Wasch- und Anstrichprobe wieder in seine dunkle Ecke gestellt, und +bis zur Semana Santa ist mehr als ein halbes Jahr Zeit. Dann liegt +genügend frischer Staub drauf, so daß man die Künstlerversuche des +Cipriano nicht mehr so genau erforschen kann. Die Hauptsache ist, daß +der Bart und der Geldbeutel des Judas Ischariot erhalten bleiben, damit +man ihn erkennt und damit man weiß, mit wem man es zu tun hat; denn +sonst könnte es geschehen – und es muß gesagt werden, es ist geschehen +–, daß er verwechselt wird mit dem Heiligen Joseph, auf dem Joseph-Altar +aufgebaut und dort angebetet, angebettelt und mit Kerzen und Gaben +beschenkt wird. + +Der Judas Ischariot, nachdem er von Cipriano mit Andacht und Sorgfalt +behandelt worden ist, nachdem er hier einen Tupfen Goldbronze, dort +einen Flapp Silberbronze, hier wieder einen Klecks grelles Rot, dort +wieder ein paar Striche Grün mit Braun aufgepinselt erhalten hat, sieht +bald so schön und königlich aus, daß sich Cipriano kaum noch von ihm +trennen kann. Er bedauert und lamentiert, daß der Judas Ischariot nur +ein Halbheiliger ist und daß er ihn darum wieder ins Eckchen stellen +muß, wo niemand die Kunst des Cipriano bewundern kann. Es ist fürwahr +traurig, so redet Cipriano im stillen in sich hinein, daß Judas +Ischariot sich bestechen ließ und den Heiland so schmählich verriet; +hätte er es doch besser nicht getan, dann könnte ihn Cipriano jetzt in +den Vordergrund stellen und dort leuchten lassen. Aber es läßt sich nun +nicht mehr ändern. Es steht schon alles in den biblischen Geschichten, +und Cipriano kann nicht die Sünde auf sich nehmen, jene Geschichten zu +fälschen, nur um Judas Ischariot dicht am Eingang der Kirche, gleich +nahe beim Weihwasserbecken aufzustellen, wo ihn alle Leute sehen müßten +und alle Leute natürlich die Kunst Ciprianos bewundern könnten. Dann +überlegt Cipriano eine Weile, ob er nicht den Bart des Judas Ischariot +beschneiden und ihm den Geldbeutel aus den Fingern winden könnte, dann +den Geldbeutel dem Heiligen Antonio oder dem Heiligen Joseph in die Hand +drücken und dessen Bart so zurechtstutzen könnte, daß er das Aussehen +des Judas Ischariot bekommen würde. Dann wäre Cipriano vielleicht in der +Lage, aus dem ursprünglichen Judas Ischariot einen Joseph zu machen, der +im Vordergrunde stehen darf, wo er von allen Leuten bewundert werden +kann. Aber er fürchtet doch, das könnte herauskommen; denn die grimmigen +Gesichtszüge des Judas Ischariot sind jedem einzelnen Mitgliede der +Gemeinde zu gut bekannt, und die Indianer haben ein zu gutes Auge für +solche Dinge, um nicht sofort den Tausch zu erkennen. + +Warum Cipriano überhaupt auf solche Gedanken kommt, einen Vertausch +vorzunehmen, kann leicht begründet werden. Er weiß, wie das jeder echte +Künstler weiß, daß er ein zweites Kunstwerk gleicher Art nicht schaffen +kann. Hier, bei dem Judas Ischariot, hat Cipriano alle Farben +angewendet, um deren Brauchbarkeit zu erforschen. Das kann er nun bei +keiner anderen Figur mehr tun, weil er sonst mit den Farben nicht +auskommen würde. Die eine Figur braucht mehr Braun, die andere mehr +Gelb, wieder eine andere mehr Grün und die nächste mehr Rot, von der +Goldbronze und der Silberbronze gar nicht zu sprechen, denn etwas Gold +und Silber müssen alle bekommen. Bei den übrigen Figuren muß er sich +genau an die ursprünglichen Grundfarben halten, damit die Figuren auch +von den Gemeindemitgliedern wiedererkannt werden. Es könnte geschehen, +daß sich selbst der Pfarrer nicht mehr auskennen würde. Allein beim +Judas Ischariot, bei dem es nicht so genau darauf ankommt, ob er sich +sehr verändert oder nicht, konnte und durfte Cipriano alle seine Talente +spielen lassen. Bei den übrigen, nun ganz besonders beim Christus und +bei der Heiligen Jungfrau, darf er nicht das geringste an den Grundtönen +ändern. + +Cipriano stellt endlich schweren Herzens den so herrlich geglückten +Judas Ischariot in dessen dunkles Brummeckchen. Aber während er sich nun +in den folgenden Tagen mit den übrigen Figuren redlich abgibt, kann er +seine Gedanken von jenem vortrefflichen Kunstwerk, das er schuf, nicht +mehr abwenden. Ob er nun die Heilige Anna bemalt, oder den Heiligen +Pablo, oder den Heiligen Francisco, seine Gedanken sind bei Judas +Ischariot. + +Daß Cipriano derart hart in die Klauen und Fänge des Erzverräters aller +Erzverräter, die je auf Erden gelebt haben, fallen konnte, war, kein +Zweifel darüber, das Werk des Teufels, der es darauf abgesehen hatte, +die Abwesenheit des Pfarrers zu benützen, um die reine und treue Seele +des Kirchendieners Cipriano zu erhaschen. Denn alles, was nun geschah, +konnte in seinen Urgründen darauf zurückgeführt werden, daß Cipriano +seine höchsten Talente, die nur den wahren Heiligen dienen sollten, in +einem so verschwenderischen Maße auf den Erzschurken Judas Ischariot +ausgegeben hatte. Judas Ischariot ließ die Gedanken des armen Cipriano +nicht mehr los. Und darum beging Cipriano Fahrlässigkeiten, die böse +Folgen hatten. + +Was nun geschah, beweist erneut, in welch geschickter Weise Satanas zu +arbeiten weiß, um das Reich des Antichrist auf Erden aufzubauen. + +Cipriano war endlich zu der großen Aufgabe gekommen, die Heilige +Jungfrau, die über dem Altar thronte, zu reinigen und aufzufrischen. Er +wußte, daß diese Arbeit die heiligste war, die ihm auf Erden beschieden +werden konnte. + +Mit den verschiedenen Christusfiguren, am Kreuz hängend, oder mit dem +Kreuz auf der blutigen Schulter, oder hingelagert in der Felsenhöhle +(aus gestärkter und zerknitterter Sackleinwand), war er genau so leicht +umgegangen wie mit den Heiligenfiguren. Das war ja sowieso kein großer +Unterschied. + +Aber die Heilige Jungfrau war das Allerheiligste, war der Sinn und +Inhalt der ganzen Religion. Wichtiger als Gottvater selbst. + +Ehe Cipriano die Heilige Jungfrau berührte, um sie von ihrem hohen Stand +herunterzuheben, kniete er nieder und betete ein halbes Hundert Aves. Er +machte alle Kreuze, die er kannte. Und endlich hatte er die hölzerne +Figur auf dem Kirchenboden. Er stellte sie aber nicht auf den nackten +Boden, sondern breitete seine Tilma unter den Füßen der Gottesmutter +aus. + +Er begann die Figur sorgfältig zu waschen, zart, als wäre sie ein +neugeborenes Kind. Dann rieb und polierte er sie mit weichgezupften +Läppchen. Er nahm ihre Kleider ab, um sie auszustauben und auszuwaschen. +Sie hatte keinen eigentlichen nackten Körper unter ihren Gewändern. +Sondern der Körper war so geschnitzt, daß die inneren Gewänder ebenfalls +Holzschnitzwerk waren, so daß selbst die respektloseste Person nichts +hätte finden können, daß darüber die Heilige Gottesmutter hätte schamrot +werden müssen. + +Auf dem Steinboden der Kirche hatte Cipriano ein kleines Feuer brennen. +Das Feuer diente dazu, das Wasser zum Abwaschen der Figuren ein wenig +anzuwärmen, es diente ferner dazu, Leim zu kochen und flüssig zu halten, +um Bruchstellen der Figuren auszuheilen. + +An diesem Feuer hockte jetzt Cipriano und wärmte sich seinen Kaffee und +seine Tortillas, weil er keine Zeit damit verlieren wollte, zu seiner +Hütte zu gehen. Die Kleider der Gottesmutter hatte er draußen, im Garten +der Kirche, auf Sträucher gehängt, damit sie trocknen sollten. + +Als er seinen Kaffee getrunken und seine Tortillas mit Chile gegessen +hatte, ging er hinaus in den Kirchengarten, um der Sonne zuzusehen, wie +sie die Kleider der Heiligen Jungfrau trockne. + +Dieser Arbeit zusehend, drehte er sich eine Zigarette und rauchte. + +Die Sonne trocknete nicht nur die Kleider der Heiligen Jungfrau, sondern +sie spielte gleichzeitig wechselnde Farben über den Kirchengarten hin. +Und das lenkte abermals die Gedanken Ciprianos auf sein großes +Kunstwerk, auf die so herrlich geglückte Verschönerung des Judas +Ischariot. Er begann darüber nachzudenken, daß er vielleicht, wenn alles +übrige in der Kirche getan sei und er noch Farben übrigbehalten haben +sollte, was ja sehr wahrscheinlich war, weil er sehr sparsam mit den +Farben umgegangen war, er noch mehr für Judas Ischariot tun könnte. Er +dachte darüber nach, daß es vielleicht gar möglich werden könnte, daß +selbst der Senjor Pfarrer Gefallen und Freude an jenem Kunstwerk finden +könnte, und daß vielleicht die Möglichkeit bestünde, Judas Ischariot zu +erlösen und ihm, wenn auch keinen Ehrenplatz, so doch einen besseren +Platz anzubieten, wo er schon leichter gesehen werden könnte. Immer mehr +in seinem Nachdenken kam Cipriano zu der Ansicht, daß eigentlich und +überhaupt dem Judas Ischariot ein großes Unrecht zugefügt worden sei, +ihn zweitausend lange Jahre dafür büßen zu lassen, daß er einmal dreißig +Silberlinge verdienen wollte, die er ganz sicher für irgend etwas sehr +Notwendiges gebraucht haben muß, vielleicht gar für die Medizin eines +kranken Kindes, jedenfalls für etwas, worüber uns nichts berichtet +worden ist, um seine Tat nur um so ruchloser erscheinen zu lassen. +Überhaupt sei dem Judas Ischariot auch darum ein großes Unrecht zugefügt +worden, daß man ihn dauernd und für ewig aus der Erlösung ausgeschlossen +habe, während doch sogar Pedro, der den Herrn ebenfalls verleugnete, +vergeben wurde, ihm auch noch die Schlüssel des Himmelstores anvertraut +wurden, und man ihn zum Heiligen machte. + +In diesem angestrengten Nachdenken über das zweierlei Maß, mit dem +selbst im Himmel gemessen wird, und über die verwickelten Ansichten und +Fragen der Religion überhaupt und im allgemeinen, und im Nachdenken +darüber, daß die Beziehungen des Senjor Pfarrer mit Senjora Elodia und +mit Senjora Roberta recht gut, ohne fahrlässig zu sein, nach zwei +verschiedenen Seiten hin ausgelegt werden könnten, dröselte Cipriano so +nach und nach und so langsam ein. Zu tun hatte er augenblicklich nichts, +weil er der Sonne beim Trocknen ja doch nicht helfen konnte. + +Er wachte darüber auf, daß ihm im Traume die Beziehungen zwischen Mann +und Frau deutlich wurden, ohne daß sie sich diesmal auf den Senjor +Pfarrer und auf Senjora Elodia ausdehnten, an die Cipriano in den +letzten Phasen seines Träumens gerade nicht gedacht hatte. Eigentlich +aber wachte er wohl darüber auf, daß sich drei Hunde prügelten, die sich +innerhalb der Kirche um einige Tortillas zankten, die Cipriano von +seinem Mahle übriggelassen hatte. + +Cipriano hatte, weil er ja nur für einen kurzen Augenblick in den +Kirchgarten gehen wollte, um dort eine Zigarette zu rauchen, die hintere +Kirchentür offen gelassen. Und durch jene Tür waren die Hunde in die +Kirche eingedrungen. + +Als Cipriano in die Kirche trat, noch ein wenig im Schlaf, wischten die +Hunde hinaus. + +Nach einigen Sekunden hatte sich Cipriano von dem hellen Sonnenlicht an +die Dämmerung in der Kirche gewöhnt, und als er nun zu der Figur der +Gottesmutter kam, faßte ihn ein kalter Schrecken. Er mußte mehrere Male +genau hinsehen, ehe er wußte, daß er richtig gesehen hatte. + +Die Hunde hatten bei ihrem Herumbalgen die Gottesmutter in das Feuer +gestoßen, wo die Figur genau so hilflos und unbeschützt war, wie auch +jedes andere gewöhnliche Stück Holz zu sein pflegt, das ins Feuer +geworfen wird. + +Hunde wissen das ja nicht besser, und man soll sie dafür nicht anklagen. +Cipriano jedoch wußte sofort, daß die Hunde von Satanas geschickt worden +waren, um jenes Unheil anzustiften. + +Er hob mit einem raschen Griff, diesmal ohne auch nur ein einziges Ave +zu beten, die Gottesmutter aus dem Fegefeuer. + +Die Gottesmutter hatte die linke Hand auf das Herz gepreßt, von dem +goldbronzierte Strahlen nach allen Seiten ausgingen. Ihre rechte Hand +hatte sie segnend erhoben, etwa in der Höhe ihres Mundes. Die Handfläche +dieser Hand war flach nach unten gerichtet und nicht, wie das häufig bei +segnenden Händen geschieht, dem Betenden zugekehrt. + +Diese Hand war völlig verkohlt, die Form jedoch war erhalten geblieben. +Auch die rechte Seite der Figur war angekohlt. + +Cipriano löschte die noch kohlenden Stellen rasch mit dem Rest von +Kaffee, den er noch in seinem Tonkrügchen fand; und als das allein nicht +ganz half, vergaß er sich soweit, die übrigen kohlenden Stellen mit +seiner Spucke zu löschen. Daß hierin eine Respektlosigkeit gefunden +werden möchte, darüber dachte Cipriano auch nicht einen Augenblick lang +nach. Gegenüber harter Wirklichkeit wurde er trotz aller christlichen +Erziehung stets sofort wieder heidnischer Indianer. Nicht nur in einem +solchen Ding, wie das, was hier geschehen war. + +Und er wurde erst recht heidnischer Indianer, als er damit begann, zu +überlegen, was nun zu tun sei. + +Er vergaß völlig, daß er eine Gottesmutter in der Hand hatte, die +verehrt und angebetet wurde, als wäre sie die wirklich lebende +Gottesmutter in Person. + +Zuerst einmal schloß er sofort die Kirchentür, so daß niemand +hereinkommen konnte, um Zeuge des Unheils zu sein, das hier geschehen +war. Er wußte, daß es für diese Fahrlässigkeit keine Entschuldigung gab. +Wenngleich er sich darauf berufen konnte, daß die Hunde Werkzeuge des +Bösen gewesen seien, so hatte er dennoch durch eine lange Reihe von +Unbedachtsamkeiten dem Bösen das Handwerk erleichtert. + +Dieses Unheil würde die Ursache sein, daß er seinen Posten verlöre. Das +wäre zu verschmerzen gewesen, denn das Amt an sich brachte nicht viel +ein. Fünf oder zehn Centavos bei einer Taufe, fünfundzwanzig Centavos +bei einer guten Hochzeit, bei einer kleinen Hochzeit entweder nichts +oder fünf oder gar nur zwei Centavos. Auch das kam vor. Und von +Begräbnissen war besser nicht zu reden. Das Dorf hatte nicht einen +einzigen Wohlhabenden. Und daß der Senjor Pfarrer eine fette Pfründe +hier gehabt hätte, konnte man auch nicht sagen. Es war eine ziemliche +Last für diese arme Gemeinde, den Pfarrer überhaupt durchzubringen; und +hätten die Leute nicht die sichere Überzeugung gehabt, daß sie dereinst +im Himmel reich belohnt werden würden, und daß der Pfarrer nötig sei, +Regen und Sonnenschein herbeizubeten, die Fruchtbarkeit der Ziegen und +Schafe zu besegnen, so hätten sie ihn überhaupt nicht mit durchfüttern +können. Für gute Medizinangelegenheiten war er sowieso nicht zu +gebrauchen. In solchen Dingen hielt man sich sicherer an die eigenen +Medizinmänner und Medizinfrauen. + +Es war also nicht das Amt, das Geld hätte einbringen können, um das +Cipriano besorgt war. Er war vielmehr und beinahe einzig darum besorgt, +daß er seine respektgebietende Stellung in der Gemeinde verlieren +könnte. Er konnte, wenn dieser Vorfall hier bekannt wurde, nicht länger +mehr der Mann sein, der dem Pfarrer am nächsten stand, er konnte nicht +länger mehr als einziger neben dem Pfarrer das Allerheiligste versorgen, +er konnte nicht länger mehr während der Abwesenheit des Pfarrers die +Aves und Litaneien in den Andachten vorsingen, er konnte nicht länger +mehr vor den Augen der ganzen Gemeinde die Kerzen anzünden, dem Pfarrer +Waschbecken und Handtuch reichen, das Messebuch vorhalten, ihm die +Meßgewänder anlegen oder abnehmen. Niemand würde mehr seinen Rat +verlangen, und an seinem Namenstage würden die Hühnchen und Hähnchen +ausfallen, und das ganze Jahr hindurch würden alle die kleinen +Aufmerksamkeiten fortfallen, hier ein Gläschen Tequila und dort ein in +wildem Honig gekochter Kürbis. Das Leben wäre nicht länger mehr wert +gewesen, gelebt zu werden. Er war in den dreißig Jahren so eins geworden +mit der Kirche und dem Dienst in der Kirche, daß kein Mitglied der +Gemeinde sich die Kirche ohne ihn denken konnte; denn die gegenwärtige +Generation war geboren worden und aufgewachsen in dem Glauben an die +Unersetzlichkeit seiner Person. Er hätte nun vielleicht wacker beten +können, und es wäre vielleicht das große Wunder geschehen, daß der +Gottesmutter die Hand wieder nachgewachsen wäre. Aber soweit ging der +Glaube des Cipriano denn doch nicht. Er war viel zu sehr Indianer, um +nicht zu wissen, daß totes Holz unter keinen Umständen nachwächst, auch +wenn man noch so viele Aves abbetet. + +So kam er schließlich auf die einzige Idee, auf die ein Indianer in +einem so verzweifelten Falle kommen kann. Er nahm sich vor, den +verkohlten Handstumpf der Gottesmutter einfach abzusägen, eine neue Hand +zu schnitzen und sie an dem Armstumpf anzuleimen. Er würde das dann +alles schön dick bemalen, und wenn die Jungfrau endlich wieder hoch über +dem Altar aufgestellt ist, wird niemand den Schaden bemerken. + +Nun würde freilich das Schnitzen der Hand einen Tag in Anspruch nehmen. +Während dieser Zeit mußte freilich die Gottesmutter an ihrem alten +Platze stehen, weil die Gemeindemitglieder, die zum Beten in die Kirche +kamen, die Gottesmutter sofort vermißt haben würden, und weil das Beten +ohne die Gottesmutter über dem Altar zwecklos und resultatlos gewesen +wäre. Die Indianer müssen das leibhaftig vor sich sehen können, was sie +anbeten sollen, andernfalls können sie sich auf ihre Gebete nicht +konzentrieren und denken statt dessen an ihren Mais und an ihre Ziegen +und Schafe. Dadurch wird nur das Heidentum gefördert. + +Cipriano kleidete also die Gottesmutter wieder an. Als das vollendet +war, stellte er sie auf ihrem Platze über dem Altar wieder auf. Er +ordnete die Kerzen so an, daß man in der Dämmerung der Kirche die +verbrannte Hand nicht leicht sehen konnte, es wäre denn, daß man +ziemlich dicht vor dem Altar stünde. Außerdem drapierte er eine Falte +des Gewandes so, daß die Hand zum Teil bedeckt wurde; und weil das +Gewand dunkelblau war, so war in der Tat der Schaden nicht leicht zu +bemerken. Ehe der Pfarrer zurückkam, war die neue Hand angeleimt. +Obgleich Cipriano wohl wußte, daß er damit eine Sünde begehe, so nahm er +sich vor, seine sündhafte Fahrlässigkeit dem Pfarrer nicht zu beichten. +Er würde die Sache einfach vergessen, und das, woran man sich nicht +erinnert, braucht man ja nicht zu beichten. Weder hier noch anderswo. +Würde ein Indianer überhaupt alles beichten, was er getan hat, so könnte +ihm kein noch so gütiger Pfarrer die Absolution erteilen, und selbst +Gott der Herr würde es sich noch sehr überlegen, ob er einem solchen +Sünder derartige Untaten vergeben kann, und er, der Herr, wahrscheinlich +zu der Überzeugung kommen, daß hier jede Hoffnung aufgegeben werden muß +und es besser ist, die Indianer zu lassen, wie sie sind, und sich mit +dem zu begnügen, was man bekommen kann. + +Die Gottesmutter stand auf ihrem Platze. Inzwischen war es Abend +geworden. Cipriano öffnete die Kirche, und es kamen einige Frauen, um in +Andacht zu schwelgen. + +Als dann die Stunde gekommen war, schloß Cipriano die Kirche und ging +heim in seine Hütte, beruhigt in dem Bewußtsein, daß während der Nacht +bestimmt nichts herauskommen würde. + +Er suchte sich ein passendes Stück Holz aus, und bei dem trüben Licht +eines rußenden Blechlämpchens begann er, das Holz in die rohe Form einer +Hand zurechtzuschnitzen. Die Feinheiten würde er dann bei hellem +Tageslicht machen. Er war sicher, daß er die Hand vielleicht gar schon +vor Mittag des nächsten Tages fertig haben würde. Die Figur brauchte ja +nur während der Frühandacht an ihrem Platze zu stehen. Und am Abend war +alles vielleicht schon angeleimt und sorgfältig bepinselt und bemalt. Es +ging viel schneller, als er das in seiner ersten Bestürzung ausgerechnet +hatte. + +Als er nun beim Schnitzen hockte und es weiter in die Nacht ging, erhob +sich ein gewaltiges Unwetter. Der Donner rasselte von allen Seiten, und +es dröhnte, als ob alle Himmel einstürzen wollten. Die Blitze fegten +über das Firmament dahin und rissen die schwarze Nacht in gellende +Fetzen auseinander. + +Ein frommerer Mann, als es Cipriano war, würde jenes Unwetter sofort in +Verbindung mit der geschändeten Gottesmutter gebracht haben. Und der +Pfarrer würde ganz sicher gesagt haben: „Na, da siehst du es ja, +Cipriano, was du angerichtet hast. Die Strafe des Himmels ist über dir. +Tue Buße und beuge dich unter der Allmacht des Höchsten.“ + +Cipriano war gewiß recht fromm. Aber so fromm war er doch nicht, daß er +auch nur für einen Augenblick lang geglaubt haben würde, daß jenes +Unwetter die Folge seiner Fahrlässigkeit sein könnte. Er war ein viel zu +guter Beobachter der Natur, als daß er sich zu einer so kindlichen +Frömmigkeit hätte emporschwingen können. Denn er hatte bereits am frühen +Nachmittag gesehen, daß sich schwere Gewitterwolken weit hinten am +Horizont bilden, und er hatte zu Mateo und zu Panfilo, als sie eine +Weile mit ihm im Kirchgarten schwatzten, gesagt: „Gebt gut acht, +Muchachos, heute nacht bekommen wir ein verdammt schweres Gewitter, wie +wir lange nicht gehabt haben; wer weiß, ob nicht ein paar Hütten brennen +werden.“ + +Und das hatte sich ein paar Stunden vorher zugetragen, ehe der +Gottesmutter die Hand verbrannt wurde. + +Der Pfarrer freilich – Cipriano war lange genug im Dienst, um das zu +wissen – würde gesagt haben: „Das hat die Gottesmutter alles +vorausgewußt, was geschehen würde, darum hat sie das Gewitter +rechtzeitig vorbereitet.“ + +Darauf würde Cipriano, wie er das immer tat, geantwortet haben: „Si, +Senjor Cura, das ist so, das ist wahr.“ Denn mit dem Senjor Pfarrer darf +man nicht herumstreiten, das ist gegen die Religion; was der Senjor +Pfarrer sagt, ist die Wahrheit. Bei sich würde Cipriano aber gesagt +haben – und was man bei sich sagt, hört der Senjor Pfarrer ja nicht –, +ja, bei sich würde er gesagt haben: „Gut, wenn die Gottesmutter das +alles vorher gewußt hat, und sie hat es vorher gewußt, denn der Senjor +Pfarrer sagt es ja, dann hat sie doch auch gewußt, daß sie von einigen +schmutzigen Dorfhunden in das Feuer gestoßen werden wird. Sie wird doch +das nicht etwa getan haben mit der Absicht, mir Unannehmlichkeiten zu +bereiten. Man kann sich eben auf nichts mehr verlassen und man findet +gar nicht mehr heraus. Am besten, man läßt alles, wie es ist.“ + +Cipriano drehte sich eine Zigarette und rauchte. Er unterließ es, einige +Dutzend Aves zu beten, damit das Unwetter vorübergehe, ohne hier Schaden +anzustiften. Er wußte aus Erfahrung, daß das nicht viel hilft, und daß +man am besten tut, das Unwetter sich austoben zu lassen, dann hört es +von selbst auf. Er kennt einen Fall, es handelt sich um Lucina, die Frau +des Pancho Lazcano, die vom Blitz erschlagen wurde, während sie den +Rosenkranz betete. Also ist es besser, eine Zigarette zu rauchen und +sich, in der offenen Tür der Hütte stehend, die Herrlichkeit des +Unwetters anzusehen. + +Und während er eine Stelle am Himmel beobachtet, wo es sich aufzuklären +beginnt und die Sterne bereits funkeln, kracht ein gewaltiger +Donnerschlag über ihm, der ihn so erschüttert, daß er sich fest gegen +einen Pfosten des Einganges halten muß, um nicht umzufallen. +Gleichzeitig sieht er einen dicken Blitzstrahl herunterfegen, und, wie +er genau sehen kann, direkt in das Kirchdach hinein. Er hört die +Dachziegeln deutlich prasseln, und er wartet, daß im nächsten Augenblick +die Kirche in hellem Feuer auflodern wird. + +Aber nichts geschieht. Die Kirche steht wieder vergraben in der tiefen +Nacht. Der Donner ebbt ab. Die Blitze verzucken sich. Ein heftiger Regen +setzt ein. Nach einer kleinen halben Stunde läßt der Regen nach, das +Unwetter hat sich verzogen, und nur fern am Himmel schwebt hin und +wieder ein Leuchten durch die Nacht. + +Cipriano steht noch in dem Eingang seiner Hütte. Da kommen einige Männer +auf sein Haus zu, und sie fangen gleich an zu reden: „Hast du das +gesehen, Cipriano, der Blitz hat in die Kirche eingeschlagen. Komm mit +den Schlüsseln und öffne die Kirche. Wir wollen sehen, ob es nicht etwa +drinnen irgendwo brennt. Jetzt ist noch Zeit, zu löschen.“ + +Als die Männer zur Kirche kommen, sind dort schon viele Leute +versammelt, und immer mehr kommen herbei, Männer, Frauen und Kinder. Sie +kommen mit brennenden Tannenspänen und mit verräucherten Laternen. Alle +Leute haben gesehen, wie der Blitz in die Kirche einschlug, und alle +möchten sehen, ob er Unheil angerichtet hat. + +Cipriano schließt die Kirche auf, und die Männer suchen herum, ob sie +irgendwo Feuer entdecken können. Aber nichts wird gefunden. Der Blitz +ist offenbar kalt gewesen. + +Bis gegen Mitternacht bleiben die Leute vor der Kirche. Und ehe Cipriano +die Kirche endgültig abschließt, suchen noch einmal alle Männer +sorgfältig in der Kirche herum, ob nicht doch vielleicht irgendwo ein +Feuer glimmt. Sie sind endlich überzeugt, daß keine Gefahr vorliegt. Und +alle gehen heim, um sich niederzulegen. + +Am Morgen schließt Cipriano zu gewohnter Stunde die Kirche auf. Die +Jungen bemühen sich um das Frühläuten. Cipriano zündet die Kerzen an. +Frühe Beter kommen. Beinahe ohne Ausnahme Frauen und einige Kinder mit +ihnen. + +Schnell wird es heller Tag. + +Zwei Frauen kommen nahe zum Altar, um dort ein besonderes Gebet zur +Gottesmutter hinaufzusenden. + +Cipriano steht nahe der Tür, um Wasser in die Weihwasserbecken +nachzufüllen. + +Plötzlich schreien die beiden Frauen vor dem Altar gellend auf, während +sie sich gleichzeitig, wie rasend geworden, bekreuzigen. + +Cipriano wendet sich um und bekommt einen ungeheuerlichen Schreck. Auch +er bekreuzigt sich jetzt und murmelt einige Ave-Marias schnell herunter. +Er weiß, daß nunmehr alles entdeckt ist und daß er nur noch auf die +Rückkehr des Pfarrers warten kann, um in allen Unehren seinen Abschied +zu erhalten. + +Die Frauen vor dem Altar werden immer lauter, und alle übrigen Frauen, +die in der Kirche sind, laufen hinzu, um zu sehen, was geschehen ist. +Auch sie fallen sofort nieder und bekreuzigen sich. + +Die Kirche ist ja nicht so sehr groß. Und so kann Cipriano am andern +Ende gut verstehen, was hier aufgeregt geredet wird. Um so leichter kann +er es verstehen, weil die Frauen beinahe schreien. Er will nicht +hinhören, weil er ja weiß, daß er nur seine Schande hören wird. Aber er +fängt doch die Worte auf, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie +zusammenzureimen. + +„Un milagro! Un gra-a-a-n mi-laaagro le paso! Por Santa Purisima! +Virgencita! Senjora Nuestra! O Heilige, Allerreinste! O Heiliges +Jungferchen! Ein Wunder ist geschehen! Ein großes Wunder!“ + +Alle Frauen wenden sich um zu Cipriano, der noch immer an der Tür steht +bei den Weihwasserbecken. Er weiß immer weniger, was er tun soll. Am +besten ist es, er geht nach Hause, legt sich auf seinen Petate und sagt, +er ist todkrank. + +Aber die Frauen lassen ihm keine Zeit, irgend etwas zu beschließen. Sie +kommen auf ihn zugeeilt und zerren ihn zum Altar. + +Ihm ist nun alles gleichgültig geworden. + +Die Frauen packen ihn bei den Armen und schreien alle gleichzeitig auf +ihn ein: „Siehst du das nicht, Cipriano? Hast du keine Augen für das +große Wunder, das hier geschehen ist? Der Blitz hat in der vergangenen +Nacht eingeschlagen, hier in die Kirche. Siehst du dort oben die +durchgeschlagenen Dachziegel?“ + +Cipriano blickt nach oben und nickt und nickt. + +„Ein Wunder! Ein großes Wunder ist uns aus Gnaden gegeben worden. Der +Blitz wurde aufgefangen von der Hand des Jüngferleins. Ihre Hand hat die +Heilige Jungfrau geopfert, um das Geheiligte Fleisch des Herrn in der +Monstranz zu schützen und die Kirche vor dem Feuer zu bewahren. Ein +Wunder! Un gran milagro!“ + +Es vergingen keine drei Tage, da war die Kirche von Tausenden umlagert, +von Indianern, von Mestizen, von Weißen. + +Cipriano konnte nun nichts mehr an der Sache ändern. Er kam zu der +Überzeugung, daß vielleicht doch ein höherer Wille obwaltet, der die +Geschicke auf Erden bestimmt. + +Die Kirche wurde eine fette Pfründe. Und eine fette Pfründe ist sie +heute noch. + +Es ist menschlich durchaus zu verstehen, daß Cipriano niemals etwas +sagte. Denn wie durfte er, der einfache Indianer, der weder lesen noch +schreiben konnte, den Bischöfen und anderen großen Herren der Kirche, +die hierherkamen, um Messe zu lesen und zu firmen, in das Gesicht hinein +sagen, daß hier ein kleiner Irrtum unterlaufen sei. Die Bischöfe würden +ihn ausgelacht haben, und sie würden gesagt haben, er sei zu alt +geworden und darum schwach im Geist. Und als echter Vollblut-Indianer +wußte er wohl zu schweigen, wo es nicht notwendig schien zu reden und wo +gar kein Vorteil für irgend jemand darin lag, Dinge zu verwirren, die +große geistliche Herren, tausendmal klüger als er, als zu göttlichem +Recht bestehend betrachteten. Es war nicht seine Aufgabe, Religionen zu +reformieren. Nach guter Indianerlebensauffassung dachte er, daß man die +Dinge am besten läßt, wie sie sind, solange sie einem selbst keine +Unbequemlichkeiten bereiten. Und daß er Unbequemlichkeiten durch seine +Schweigsamkeit zu erdulden gehabt hätte, konnte nicht behauptet werden. +Denn der Kirchendiener einer fetten Pfründe kann ein beschaulicheres +Dasein führen als der einer armen indianischen Dorfgemeinde. Cipriano +brauchte kein Holz mehr zu fällen und keine Holzkohle mehr zu brennen; +und er brauchte sich nicht länger mehr mit den Aufkäufern der Holzkohle +herumzuzanken, die für ewig das Gewicht der Waage fälschen und für ewig +an den Preisen heruntergeizen. Und daß Hartholzfällen im Busch und +Kohlebrennen in tropischer Glut eine große Freude sei und ein angenehmes +Schicksal für einen Indianer, von dieser Lebensauffassung war Cipriano +frühzeitig in seinem Dasein geheilt worden, viele, viele Jahre vorher, +ehe er ein leises Mitleid für Judas Ischariot zu fühlen begann. + +Daß nicht alle Wundergottesbilder in dieser oder ähnlicher Weise +entstanden sind, beweist nichts gegen die Wahrheit dieser Geschichte; +denn es ist ganz und gar zwecklos, sich mit einem Islamiten der +prophetischen Fähigkeiten Mohammeds wegen herumzustreiten. + + + + + SPIESSGESELLEN + + +In Jalisco, wo er mehrere Male mit der Polizei in Berührung gekommen +war, konnte sich Vicente Pliego nicht mehr halten, weil ein neuer +Polizeidirektor eingesetzt worden war, der schnell und gründlich mit den +kleinen Spitzbuben aufzuräumen begann. Mit den großen Spitzbuben war das +nicht so leicht, weil sie teils Mitglieder der eigenen Familie des +Polizeidirektors waren, und teils waren sie Diputados, die genügend +Einfluß hatten, dem Polizeidirektor zur Absetzung zu verhelfen. Und weil +Vicente Pliego mit den Großen nicht konkurrieren konnte, schob er sich +für eine Zeit aus dem Licht und ging nach Mexiko City, wo er noch +unbekannt war. + +Vicente Pliego war Mestize. Sein ordentlicher Beruf war Spitzbube. Er +hatte nie einen andern Beruf gehabt und hoffte, nie genötigt zu werden, +einen andern Beruf ergreifen zu müssen. + +In Mexiko hielt er sich eine Zeitlang mit Taschendiebstählen reichlich +über Wasser. Er war ein guter Katholik, und darum machte er seine besten +Geschäfte innerhalb der Kirchen. Er kniete sich andächtig, mit vielen +geschlagenen Kreuzen beladend, neben kniende und inbrünstig betende +Frauen und stahl ihnen die Handtaschen leer. Den knienden Männern zog er +die Börsen aus den hinteren Hosentaschen und erleichterte sie um ihre +Uhren. Die Opferstöcke zu berauben, hielt er für unkatholisch und +schamlos, weil es andere erfolgreich besorgten, die geschickter waren +als er und ihm mit Dolchstößen gedroht hatten, falls er versuchen +sollte, ihnen in das Geschäft, das sie als ihr Privileg betrachteten, +hineinzumanschen. + +Vicente hatte ein Mädchen kennengelernt, und ihretwegen brauchte er eine +größere Summe; denn sie machte Ansprüche auf elegante Kleider, goldene +Ohrringe, Armbänder und was ein Mädchen sonst gern haben will. + +Durch einen Chauffeur hörte er von einer sehr wohlhabenden Familie, die +in einer der eleganten Avenidas der Condesa wohnte; und er beschloß, +sich bei dieser Familie die Summe, die er benötigte, zu verschaffen. Er +besuchte seinen Freund, den Chauffeur, und hierbei sah er sich im Hause +um mit der klugen Vorsicht, das Betriebsfeld zu studieren. + + * * * * * + +Überall in Mexiko gibt es Kirchen, in denen sich bestimmte Heilige +befinden, die in langer Erfahrung sich den Ruf erworben haben, +Spitzbuben, Einbrechern, Straßenräubern und Raubmördern freundlich +gesinnt zu sein und ihnen ihren göttlichen Schutz nicht zu versagen, +vorausgesetzt natürlich, daß man sie genügend anbetet und ihnen Kerzen +und andere besonders gut klingende Opfergaben zu Füßen legt. Außerdem +erwarten jene Heiligen, daß ihr Ruhm der Welt verkündet wird. Da der +ungeweihte und der uneingeweihte Mensch keine Befugnis hat, solche +Lobreden auf Heilige öffentlich oder gar in der Kirche zu halten, so ist +der schlichte Gläubige genötigt, einen Brief zu schreiben und in dem +Briefe dem Heiligen seinen Dank für die gewährte Hilfe auszusprechen, +dabei zu erwähnen, welcher Art die Hilfe war, und dann diesen Brief +offen, für jeden anderen Gläubigen sichtbar, dem Heiligen mit einer +Stecknadel an die Kutte oder den Samtmantel anzupicken. + +Vicente hatte in der Nähe des Marktes Merced eine Wahrsagerin +angetroffen, der er fünfzig Centavos bezahlte, um von ihr zu erfahren, +welcher Heilige ihm wohl für seine besonderen Geschäfte am günstigsten +gesinnt sei. Die Wahrsagerin kannte ihren Mann sofort – warum wäre sie +sonst Wahrsagerin? –, und sie gab ihm den Namen der Kirche und den Namen +des Heiligen, der für seine speziellen Bedürfnisse in Frage käme, sagte +ihm, in welcher Nische der Heilige zu finden sei, wie er aussehe und +wieviel er für seine Mitwirkung erwarte. + +Die Kirche befand sich nahe dem Barrio de la Bolsa, jenem Stadtviertel +in Mexiko, das als das gefährlichste Räuber-, Mörder- und +Spitzbubenstadtviertel in der ganzen Welt berüchtigt und verrufen ist. +Es gilt als verwegener denn irgendein ähnliches Stadtviertel in New +York, Chikago, San Franzisko, London oder Paris. Fremde und Touristen, +die nach Mexiko kommen, werden stets dringend gewarnt, jenes +Stadtviertel weder bei Tage noch bei Nacht aufzusuchen, weil für ihr +Geld und ihre Kleidung, einschließlich Hemd, gar nicht und für ihr Leben +so gut wie nicht gebürgt werden kann. Hier pflegen die Mörder für +politische und private Angelegenheiten gemietet zu werden. Hier werden, +laut Polizeibericht, kleine Mädchen von sechs Jahren öffentlich in den +Pulquerias an den Meistbietenden versteigert und meist von ihren eigenen +Eltern oder ihren nächsten Anverwandten. Hier werden, ebenfalls laut +Polizeibericht, einjährige Kinder gebraten und ihr Fleisch verkauft und +gekauft als „Carne del Ninjo“, Kinderfleisch. Und alle die Menschen, die +hier leben, haben ihren Rosenkranz in der Tasche und ein von dem Pfaffen +geweihtes Amulett um den Hals hängen; und jeden Tag, ohne einen +auszulassen, gehen sie wenigstens einmal für zehn Minuten in eine der +zahlreichen Kirchen des Distrikts, um sich mit Weihwasser zu besprengen +und ihre Kniebeugen vor der Gottesmutter und ihre Pflichtbekreuzigungen +zu machen. Das Stadtviertel ist heute umgetauft, damit die Touristen es +nicht finden sollen; denn alle Reiseführer tragen noch die frühere +richtige Benennung. Ein Mann in Würden in Mexiko, der den mexikanischen +Proletariern und ihrem heldenhaften Kampf um ihre geistige und +wirtschaftliche Befreiung offenbar nicht freundlich gesinnt ist, hat der +Hauptstraße in jenem verrufenen Viertel jetzt offiziell den Namen +„Avenue der Arbeit“ verliehen, wie er dem schmutzigsten Stadtviertel, in +dem nicht eine Straße gepflastert ist, wo weder Kanalisation noch +Wasserspülung ist und wo infolgedessen der widerwärtigste Unrat offen in +den Straßen liegt und offen von bedürfnisgedrängten Männern und Frauen +und Kindern zu jeder Tageszeit hingelegt wird, weil jede andere +Ablagerungsgelegenheit fehlt, den Namen „Colony der Arbeiter“ gab. Durch +eine Veränderung des Namens allein kann man aber aus einem Mädchen +keinen Jungen machen. Und so, wenn heute neugierige Touristen in Mexiko +fragen: Wo ist denn das verrufenste Verbrecherviertel hier?, so wird +ihnen wahrheitsgemäß geantwortet: Das ist die Avenue der Arbeit. Und +fragen die Touristen: Wo ist hier das schmutzigste, das verwahrloseste +und das stinkigste Stadtviertel?, so heißt die wahrheitsgetreue Antwort: +Das ist die Colony der Arbeiter. Damit ist erreicht, was jener +Straßenumtaufer in seinem Haß und in seiner Verachtung gegen das +mexikanische Proletariat erreichen wollte; und er bewies dadurch, daß es +viele wirksame Methoden gibt, mit denen selbst unter einer ehrlich +arbeiterfreundlichen Regierung konservative Bürokraten erfolgreich +arbeiten können. + + * * * * * + +Vicente machte sich sofort auf, um sich mit seinem neugewonnenen +Heiligen anzufreunden. Er fand ihn offenbar willig und bereit, ihm +seinen himmlischen Beistand nicht zu versagen. Vicente kniete nieder, +sagte andächtig alle die Gebete herunter, die jenem Heiligen laut +Gebetbuch zustehen, und erklärte ihm, was er vorhabe und in welcher Form +er die Mithilfe erwarte. „Wenn alles gut geht, wenn ich mit allem gut +herauskomme und ich nicht erwischt werde, will ich dir zwanzig Kerzen +opfern und fünfundzwanzig Prozent des Geschäfts“, versprach Vicente, im +Gebete flüsternd, dem Heiligen. Dann fügte er noch eine Reihe Gebete +hinzu, stellte dem Heiligen vier neue Kerzen auf den Altar, bekreuzigte +sich und ging. Ging mit der Überzeugung, daß er jetzt den geplanten +Einbruch erfolgreich begehen könne, auch wenn zwei Polizisten vor dem +Hause stehen sollten. + +Zwei Tage darauf erhielt er von seinem Freunde, dem Chauffeur, die +Mitteilung, daß er, der Chauffeur, seine Herrschaften zu einer +Geburtstagsfeier nach San Angel zu fahren habe und daß die Herrschaften +ganz bestimmt nicht vor zwei Uhr morgens zurück sein würden; das +Hauspersonal habe Urlaub für die Lichtspiele und komme nicht zurück vor +zwölf Uhr. + +Vicente machte das alles allein, ohne jegliche Mithilfe. + +Am Morgen darauf sah sich Vicente im Besitze von etwa +zweitausendvierhundert Pesos, zwei Uhren, einigen Ringen, einem goldenen +Zigarettenbehälter und noch so einigen Kleinigkeiten, wie sie bei einem +solchen Besuch gewöhnlich als Dreingabe mit abzufallen pflegen. + +Es war alles gut gegangen. Ein Polizist hatte ihn herauskommen sehen, +aber nichts gesagt und gewiß auch nichts vermutet. Und weil alles so +vortrefflich und ruhig und ohne Revolverschießerei abgegangen war, +erinnerte sich Vicente des Versprechens, das er dem Heiligen gegeben +hatte. + +Er ging zu einem Evangelisten in den Kolonaden der Plaza del Santo +Domingo und ließ sich den Danksagebrief an den Heiligen mit der +Schreibmaschine schreiben, und er bestand darauf, daß die wichtigen +Stellen des Briefes mit rotem Band getippt werden sollten. Der +Evangelist berechnete dafür, obgleich er keine besondere Arbeit hatte, +weil das Band zweiteilig war, einen Peso extra. + +Aber Vicente konnte nicht sofort zu dem Heiligen gehen, weil er eine +Verabredung mit seinem Mädchen hatte, und diese Verabredung verzögerte +sich immer mehr und mehr, bis es endlich zu spät war, zu jener Kirche +hinauszugehen. Dagegen bezahlte er am selben Abend noch seinem Freunde, +dem Chauffeur, die ausgemachte Belohnung. + +Als endlich, am nächsten Nachmittag, sich Vicente aufs neue seiner +Pflicht gegenüber dem Heiligen erinnerte, fand er, daß die Verabredungen +mit seinem Mädchen und den damit verknüpften Einkäufen so viel gekostet +hatten, daß er dem Heiligen auf keinen Fall die fünfundzwanzig Prozent +vom Reingewinn bezahlen konnte, also etwa sechshundert Pesos, die in den +Opferstock gelegt werden sollten. Er hatte zwar noch etwa siebenhundert +Pesos, aber wenn er davon dem Heiligen sechshundert abgab, dann war es +morgen schon aus mit weiteren Verabredungen mit seinem Mädchen. Er kam +zu der Überzeugung, daß der Heilige ja von großer Güte sei und von einem +großen Verständnis für die Schwächen der Menschen, und daß er sich gewiß +mit zweihundert Pesos, vielleicht mit hundertfünfzig Pesos durchaus +begnügen werde. + +Vicente schob also am folgenden Vormittag hinaus zu der Kirche, kniete +nieder, verrichtete seine Gebete, hängte dem Heiligen den schönen rot +und blau geschriebenen Danksagebrief an und begann nun die Pesos, je ein +silbernes Ein-Peso-Stück nach dem andern, in den Schlitz des +Opferkastens zu stecken. Das dauerte eine gute Weile. + +Er war nicht der einzige Mensch, der vor dem Heiligen kniete; denn es +gab ja mehr Spitzbuben in Mexiko als nur einen. Die Nicht-Spitzbuben +hatten wieder andere Heilige, je nach ihren Bedürfnissen. Oft wußten +freilich auch die Nicht-Spitzbuben nicht ganz genau, ob die Sache, für +die sie ihren Heiligen um Beistand anflehten, nicht eigentlich mehr in +das Spezialgebiet jenes anderen Heiligen, den sich Vicente erwählt +hatte, gehört hätte. + +Weil nun Vicente nicht der einzige Betende war, so achtete er wenig +darauf, wer die andern waren, die vor demselben Heiligen knieten und +beteten. Er sah da einen Mann knien, der gleichfalls zum selben Handwerk +zu gehören schien. Der Mann stand auf und sah sich oberflächlich die +Briefe an, die dem Heiligen angeheftet waren. Er schien die Briefe alle +gut zu kennen, denn er sah sofort, daß ein neuer Brief angehängt war, +und er hatte auch gesehen, wer ihn angehängt hatte. Und er sah ferner, +daß Vicente dort einen Peso nach dem andern in den Kastenschlitz +steckte. Er war wieder niedergekniet und betete mit tiefer Inbrunst und +mit unzähligen Bekreuzigungen. + +Vicente war inzwischen mit dem Bezahlen zu Ende gekommen. Er hatte noch +einige zwanzig Pesos von der Belohnung heruntergehandelt, weil es ihm +zuletzt dumm vorkam, die schönen Pesos dort nur immer so +hineinzuschieben. + +Nun kniete er wieder nieder, um die Abschiedsgebete herunterzuflöten. Er +zischte sie mit großer Schnelligkeit von dannen, weil er sich erinnerte, +daß er mit seinem Mädchen eine frühere Verabredung getroffen hatte, was +ihm gerade in diesem Augenblick einfiel. + +Jener Mann, der zum selben Handwerk gehörte und ebenso dringend seine +Angelegenheiten dem Heiligen ans Herz legte, wie Vicente es getan hatte, +kniete noch immer. Aber jetzt endlich schien er fertig zu sein. Er +machte noch eine Anzahl Kreuze über sich her, dann stand er auf und ging +hinaus. Draußen vor der Kirche winkte er einen Mann heran, der dort +gelangweilt herumstand, eine Zigarre rauchte und einen Spazierstock +trug, von dem er anscheinend nicht wußte, was er damit machen sollte, +denn er warf ihn von einem Arm in den andern, schleuderte ihn in der +Luft herum, hielt ihn wie ein Gewehr, dann wie einen Besen, dann kratzte +er damit auf den Steinen herum, dann schabte er sich mit ihm hinter den +Ohren, und was man sonst noch so alles mit einem Spazierstock machen +kann, wenn man nicht als Kind schon gelernt hat, daß ein Spazierstock +nur einen Zweck hat: ihn irgendwo stehenzulassen und schnell +auszurücken, daß er einem nicht etwa nachgebracht werden kann. Also so +war der Mann da draußen. Er hatte einen Spazierstock. Und er rauchte +eine Zigarre. Diese Art Leute sind auf der ganzen Welt völlig gleich. +Man erkennt sie auf zweihundert Schritt, und man erkennt sie leichter +als die uniformierten Polizisten, von denen man oft nicht weiß, ob sie +von einem Maskenball übriggeblieben sind oder ob sie als die neue +Schutz- und Ordnungstruppe nach dem oberen Kongo geschickt werden +sollen. + +Aber, und das ist der Punkt, der Mann, der auch zum Handwerk gehörte, +auch vor dem Heiligen andächtig kniete und Kreuze machte, versteht alle +Danksagebriefe, die dem Heiligen an seinen Plüschmantel gepickt werden, +viel besser zu lesen, als der geschickteste Spitzbube mit Hilfe des +besten Evangelisten sie je wird schreiben können. Der Spitzbube muß doch +wenigstens, wenn auch noch so umschrieben und geheimnisvoll, andeuten, +was der Heilige für ihn getan hat, denn andernfalls weiß der Heilige ja +gar nicht, was los ist, und er verwechselt die Briefe, die Gelder und +die Namen und hilft aus reinem Versehen nicht dem, der am besten zahlt +und die schönsten Ruhmbriefe schreibt, sondern dem, der am schäbigsten +mit den Kerzen, mit den Lobesbriefen und mit den Geldern ist. Die +Polizei betet auch zu dem Heiligen, so gut wie die Spitzbuben. Und wenn +der Polizei gemeldet wird, vorgestern nacht wurde in einem bestimmten +Hause eingebrochen und das und jenes gestohlen, und der Spitzbube wurde +nicht erwischt, dann geht ein Polizist in Zivil auf den Volador, auf den +Diebsmarkt, wo die gestohlenen Sachen gehandelt werden. Ein zweiter +Polizist geht in bestimmte Kirchen, wo er seine Heiligen alle kennt. +Wurde der Spitzbube nicht erwischt, dann kommt er sich beim Heiligen +bedanken, wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Aber er kommt, +denn er ist ein guter Katholik, der an die Hilfsbereitschaft seiner +Heiligen glaubt und ihnen zu Dank verpflichtet ist. + +Der Chauffeur war gestern schon in Haft genommen worden, weil die +Polizei ja sehr dumm sein mag, aber doch nicht so dumm, daß sie nicht +nach wenigen Stunden weiß, daß jemand, der zum Hause gehört, jemandem, +der nicht zum Hause gehört, etwas erzählt haben muß, wann das Haus +verlassen ist und wo das laufende Geld aufbewahrt wird. + +Und Vicente, der treue Gläubige, schreibt in seinem Danksagebrief in +roter Schrift und vertrauensvoll und kameradschaftlich: – – und ich +küsse Dich, Santito mio, auf Dein Herz aus Dankbarkeit, daß Du mir einen +so guten Freund in den Weg sandtest wie meinen Freund, der Ch...r Pancho +L., und ich bitte Dich aus tiefstem Herzen, auch ihn zu schützen und mit +Deinen Gnaden zu überhäufen, und ich preise – –. Selbst wenn die Polizei +gar kein Interesse daran hat, ob die Spitzbuben gefangen werden oder +nicht, denn das Geld ist ja auf alle Fälle fort, so kann sie doch nicht, +wenn sie auch nur einen Funken von Berufsstolz hat, sich einen +derartigen Brief direkt vor die Nase kleben lassen und dann sagen: wir +bedauern, mit der Verhaftung des Chauffeurs einen groben Irrtum begangen +zu haben. Polizei und Richter begehen keine Irrtümer. Wenn jemand +hingerichtet wurde, und es stellt sich später heraus, daß er unschuldig +hingerichtet wurde, so war es seine eigene Schuld; warum hatte er sich +so nahe hingestellt, daß man glauben mußte, er sei schuldig. Wo ein +Verbrechen geschieht, geht man rechtzeitig fort, dann kann man nie +unschuldig verhaftet werden. + +Alle diese so wunderbaren Untersuchungen und Erwägungen und tiefen +Gedanken aus dem Gebiete der Justizpflege waren weder Vicente bekannt +noch seinem treuen Freunde, dem Chauffeur. Sie beide werden beim +nächsten Male alles ganz genau wieder so machen, wieder Briefe an den +Heiligen schreiben und wieder vor dem Heiligen knien. + +Es war ihnen bald klar, warum der Heilige versagt hatte. + +Im Belen-Gefängnis trafen sich Vicente und der Chauffeur. Keiner hatte +den andern verraten. Sie waren bessere Freunde als vorher. + +„Ich verstehe nicht“, sagte der Chauffeur, „wenn dich dein Santo so ganz +und gar im Stich gelassen hat.“ + +„Ich weiß es, warum“, sagte Vicente gedrückt. „Ich bin doch glänzend aus +dem Hause gekommen. Aber verflucht, dann habe ich eben die große +Dummheit gemacht. Ich hatte dem Santo fünfundzwanzig Prozent +versprochen. Weißt du, wieviel ich ihm gegeben habe, Chato? Achtzig +Pesos, und davon habe ich ihm auch noch zwanzig Pesos abgezogen, und die +zwanzig Kerzen habe ich ihm auch nicht gebracht.“ + +„Da freilich“, sagte der Chauffeur, „wundert’s mich nicht mehr, warum +wir hier sitzen. Für das Geld konnte er das mit dem allerbesten Willen +nicht machen. Das hättest du doch wirklich wissen können. Wenn ich es +dafür nicht gemacht habe, wie kannst du es denn dann von deinem Santo +erwarten? Einen solchen Dummkopf, wie du bist, habe ich lange nicht +gesehen.“ + + + + + DIE GESCHICHTE EINER BOMBE + + +Der Indianer Eduardo Llaca hatte drei hübsche Töchter. Alle drei +heiratsfähig, die jüngste dreizehn, die älteste sechzehn Jahre alt. +Eines Tages kam zu ihm der Indianer Guido Salvatorres, der hier am Orte +mehrere Wochen im Busch gearbeitet und für etwa fünfzig Pesos Holzkohle +gebrannt hatte. Nachdem er sich ein neues Hemd, eine neue Hose und einen +neuen Hut gekauft sowie der alten Negerin, wo er in Kost gewesen war, +die Rechnung bezahlt hatte, blieb ihm nicht viel übrig. + +Am Samstag war Tanz gewesen, der bis zum Morgen dauerte und bei dem +Salvatorres die drei hübschen Mädel kennengelernt hatte, aber sehr wenig +Gelegenheit bekam, mit ihnen zu tanzen, weil die andern Burschen immer +viel flinker waren als er. + +Den Sonntag hatte er gebraucht, um einen Gedanken zu bekommen. Und +dieser Gedanke arbeitete an ihm Montag, Dienstag und Mittwoch. Am +Donnerstag war der Gedanke so reif geworden, daß er am Freitag klare +Gestalt annehmen konnte und seinen Erzeuger am Samstag zu jenem Vater +führte. – „Welche willst du denn haben?“ fragte Llaca. + +„Diese da!“ sagte Salvatorres, wobei er auf Bianca zeigte, die gerade +vierzehn Jahre alt war und die das hübscheste Gesicht hatte. + +„Das glaube ich dir, die würde dir wohl schmecken. Wie heißt du denn +übrigens?“ + +Nachdem Salvatorres seinen vollen Namen, den er wohl nennen, aber nicht +buchstabieren konnte, hergesagt hatte, fragte ihn der Vater, wieviel +Geld er habe. + +„Achtzehn Pesos“, sagte er. Das war doppelt soviel, als er wirklich +besaß. „Da kannst du Bianca nicht haben, ich brauche eine neue Hose, und +die Alte hat keine Schuhe. Wenn du so hoch hinaus willst und es auf +Bianca abgesehen hast, können wir nicht in Lumpen herumlaufen. Eine Hose +für mich und ein Paar neue Schuhe für die Alte, oder wir können dich in +der Familie nicht gebrauchen. Gib mir mal Tabak.“ + +Nachdem die Zigaretten gerollt und angezündet waren, sagte Salvatorres: +„Ich kann auch die da nehmen!“ Diesmal zeigte er auf Elvira, die älteste +unter den dreien. + +„Du bist nicht dumm, Salvatorres. Sage, hast du denn Arbeit?“ + +„Ich habe einen Esel.“ + +„Kein Pferd?“ + +Diese Fragen nach seinem Vermögen setzten Salvatorres ein wenig in +Verlegenheit. Er spuckte ein paarmal aus und sagte dann: „Ich habe einen +Onkel, der arbeitet in einer Mine bei Torreon. Da gehe ich rauf, wenn +ich eine Frau habe, und warte, bis auch ich in der Mine arbeiten kann. +Man kann dort leicht drei Pesos den Tag verdienen.“ + +„Drei Pesos ist hübsches Geld“, sagte der Alte. „Aber die achtzehn +Pesos, die du hast – damit können wir nicht einmal die Hochzeit machen.“ + +„Soviel kann doch die gewiß nicht kosten. Einen Pfarrer können wir nicht +nehmen, und die Lizenz für das Standesamt können wir auch nicht +bezahlen.“ + +„Freilich nicht“, sagte der Alte, „soviel Geld gibt es gar nicht. Aber +wir müssen doch wenigstens zwei Musikanten haben für den Tanz und zwei +Flaschen Tequila, sonst sagen die Leute uns nach, Elvira sei überhaupt +gar nicht verheiratet, sondern sei nur mit dir davongelaufen. Und so +etwas machen meine Töchter nicht. Warte nur ja darauf nicht, dann kannst +du alt werden.“ + +Es wurde dann hin und her gerechnet, daß Salvatorres noch drei Wochen +oder vier im Busch Kohle brennen solle, um das Geld zusammenzuhaben für +die Musikanten, den Tequila, ein Kilo Kaffee, drei Kilo Zucker, ein Paar +Schuhe für die Mutter und eine Hose für den Vater. Als er damit +einverstanden war, wurde ihm erlaubt, daß er hier in Kost gehen könne +bei den zukünftigen Schwiegereltern, wofür er ein Drittel weniger zu +bezahlen habe als bei der Negerin; man wolle ihn inzwischen schon als +Sohn anerkennen, er möge sich dort in der freien Ecke ein Schlafgestell +einrammen, und wenn er eine zweite Decke kaufen wolle für Elvira, so +könne sie schon bei ihm schlafen, damit nicht so viele Umstände gemacht +zu werden brauchen, denn verhindern ließe es sich ja doch nicht. Nachdem +Salvatorres auch diese Decke für Elvira zugestanden hatte, wurde Elvira +selbst, die wie alle Familienmitglieder der ganzen Verhandlung +beigewohnt hatte, gefragt, ob sie etwas einzuwenden habe. „Ich würde +ganz gern nach Torreon gehen“, war ihre Antwort, und damit war diese +wichtige Familienangelegenheit erledigt. + +Auf alle Fälle fehlten Salvatorres jene neun Pesos, die er sich in die +Tasche gelogen hatte. In den vier Wochen, die er zu arbeiten hatte, ging +auch das Hemd in die Brüche, und für die Hochzeit mußte er unbedingt ein +neues haben. Diese beiden Tatsachen waren die Ursache, daß einem in der +Nähe wohnenden amerikanischen Farmer eines Tages zwei Kühe fehlten, die +nie wiederkamen. + +Nachdem der Tanz gewesen war, der alte Llaca sich betrunken hatte, er +eine neue gelbe Zwirnhose und seine Senjora ein Paar neue Schuhe +besaßen, war Elvira die rechtmäßige Gattin des Salvatorres, die ihm +niemand entführen oder verführen durfte, ohne seine Ehre zu verletzen +und seinen Zorn hervorzurufen. Salvatorres packte seine beiden Decken, +einen Kaffeekessel, seinen Machete, seine Axt und seine Elvira auf den +Esel und wanderte in die Minengebiete von Torreon. + +Nur eine Woche lungerte er herum, dann bekam er Arbeit in einer +Kupfergrube. Die Arbeit war schwer, aber er fürchtete sich nicht davor. +In der freien Zeit, die er hatte, baute er sich eine Hütte, in der er +mit seiner Elvira ein glückliches Leben führte. Sie kochte ihm das +Essen, wusch seine Wäsche, flickte ihm seine Hosen, prickte ihm die +Sandflöhe aus den Füßen und wärmte ihm in den kalten Nächten, die in +jener Berggegend so häufig sind, das Bett. Er fühlte sich wohl, betrank +sich nie, und sie hatte keinen Grund zu irgendwelcher Klage. + +Vielleicht wäre das ein ganzes Menschenleben so geblieben, wenn nicht +eines Tages ein Bursche mehr in Elvira entdeckt hätte, als Salvatorres +je fähig war, in ihr auch nur zu ahnen. Als Salvatorres jenes Abends +heimkam, war Elvira ausgeflogen. Und da sie die schöne Decke, ihr +zweites Hemd, ihre beiden Kleider und den Kamm mitgenommen hatte, wußte +Salvatorres, daß es für immer war, daß sie nicht daran dachte, die +eheliche Gemeinschaft mit ihm fortzusetzen. + +Die Hütten der eingeborenen Bevölkerung sind nicht imstande, +irgendwelche Geheimnisse zu verbergen. Nachdem Salvatorres etwa zwei +Dutzend Hütten abgesucht hatte, fand er die richtige. Er hörte seine +Elvira darin lachen und schwatzen. Er spähte durch die Wände und +erblickte Elvira schmeichelnd an der Seite ihres Neuerwählten sitzen. +Sie war in vortrefflicher Laune. Außer diesem Paar waren noch zwei +andere junge Paare in derselben Hütte. Alle waren lustig und guter +Dinge, und sie hatten sich zu einem gemütlichen Abendschwätzchen +zusammengefunden. Der Name Salvatorres wurde gar nicht erwähnt, sein +Träger war ausgelöscht aus dem Gedächtnis dieser lustigen Leutchen. + +Die wahren Motive einer Handlung zu ergründen, die der Angehörige einer +Rasse begeht, die nicht die unserige ist, ist ein törichtes Beginnen. +Vielleicht finden wir das Motiv, oder wir mögen glauben, daß wir es +gefunden haben, aber wenn wir versuchen, es zu begreifen, es unserer +Welt- und Seeleneinstellung nahezubringen, stehen wir ebenso +hoffnungslos da – vorausgesetzt, wir sind ehrlich genug, es +einzugestehen –, genau so, als wenn wir in Stein eingegrabene +Schriftzeichen eines verschollenen Volkes entziffern sollen. Der +Angehörige der kaukasischen Rasse wird, wenn als Richter über die +Handlung des Angehörigen einer andern Rasse gesetzt, immer ungerecht +sein. + +Was Salvatorres jetzt tat, kann lediglich in der Handlung und in der +Wirkung mitgeteilt werden. Eine Erklärung für seine Handlung zu geben, +würde eine Untersuchung nötig machen, die ein dickes Buch füllen würde. + +Als er sich davon überzeugt hatte, daß seine Elvira sehr glücklich war, +offenbar viel glücklicher und viel verliebter, als er sie jemals gesehen +hatte, solange sie seine Frau war, daß also keine Hoffnung blieb, sie je +wieder als Ehegesponst zu haben, beschloß er, einen dicken Strich unter +diesen Abschnitt seines Lebens zu ziehen. + +Mit der ganzen Geschicklichkeit und Intelligenz, die den mexikanischen +Indianern eigen ist, fabrizierte er in überraschend kurzer Zeit eine +ausgezeichnete Bombe aus den denkbar primitivsten Mitteln. Um ihre +Wirkung ganz sicher zu machen, arbeitete er sich mit großer Mühe in die +Werkzeugbude, verschaffte sich das Dynamit, das Hütchen und die +Zündschnur. Als alles fertig war, schlich er sich wieder zu jener Hütte, +wo die lustige Gesellschaft noch immer beisammen war und wahrscheinlich +im Sinne hatte, dort zu übernachten. Türen haben diese Hütten ja nicht, +und so war es eine einfache Sache, die Bombe, nachdem die Zündschnur gut +Feuer gepackt hatte, in die Hütte zu schleudern. + +Nachdem das geschehen war, verließ Salvatorres die Nähe der Hütte und +ging ruhig nach Hause, um sich zu Bett zu legen. Was ein Mensch nur tun +konnte, um eine Bombe wirkungsvoll zu machen, das hatte er getan. Das +Resultat kümmerte ihn nicht. Ging die Bombe auf, war es recht, ging sie +nicht auf, war es auch recht. Nachdem die Bombe verfertigt und sachgemäß +an die richtige Stelle gebracht worden war, hatte die ganze +Ehegeschichte jegliches Interesse für ihn verloren. Morgen und für den +Rest ihres ganzen Lebens waren Elvira und ihr neuer Gatte und alle, die +bei diesem Drama bewußt oder unbewußt helfend mitgewirkt hatten, vor dem +Zorn Salvatorres so sicher, als ob er nicht existierte. Für ihn war der +Fall Elvira gänzlich abgetan. + +Nicht aber so für die lachende Gesellschaft in der Hütte. + +In den Bergwerksgegenden Mexikos weiß jeder Indianer und jede +Indianerin, was es zu bedeuten hat, wenn sie plötzlich eine alte +Konservenbüchse sehen, an der eine schmökende Zündschnur hängt. Die +Bombe sehen und raus aus der Hütte, ohne ein Wort zu sagen, ohne auch +nur einen Warnungsschrei auszustoßen, dauerte nur den Bruchteil einer +Sekunde. Dann erfolgte eine fürchterliche Explosion, die die Hütte +splitterweise einige hundert Meter weiter fortschleuderte. + +Elvira und ihre neue Liebe waren mit dem Schrecken, der keine ernste +Folgen bei ihnen zurückließ, davongekommen. Auch die übrigen Leutchen +waren heil, bis auf eine der anderen beiden jungen Frauen, die in dem +Augenblick, als die Bombe auf der Bildfläche erschien, sich in einer +Ecke gerade mit den Kaffeetassen beschäftigte und deshalb weder die +Bombe noch den wortlosen Abschied ihrer Gäste bemerken konnte. Diese +bedauernswerte Tochter Mexikos machte die Reise der Hütte mit, und da +sie sich in der kurzen Zeit nicht so rasch entscheiden konnte, mit +welchem Teil der Hütte sie die Fahrt machen möchte, landete sie +stückweise an zwanzig verschiedenen Stellen der Umgegend. + +Zwei Tage später erschien auf dem Arbeitsplatze des Salvatorres ein +Polizeibeamter. Das Verhör ging vor sich, ohne daß sich Salvatorres in +seiner Arbeit viel stören ließ. Nur dann gerade, wenn er sich sowieso +die Zeit nahm, um sich eine Zigarette zu rollen, gab er genügend +Auskunft. + +„Sie haben da in die Hütte des Juan Guennel eine Bombe geworfen?“ + +„Das ist richtig. Das geht aber Sie gar nichts an. Das ist eine reine +Familienangelegenheit.“ Salvatorres ist in seinem guten Recht. + +„Bei dieser Bombengeschichte ist aber eine Frau getötet worden.“ + +„Das weiß ich, das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das ist meine Frau, +und ich denke doch, daß ich mit meiner Frau machen kann, was ich will, +denn sie kriegt doch von mir das Essen und die Kleider, und die Musik +für die Hochzeit habe ich auch bezahlt.“ Salvatorres ist abermals in +seinem guten Recht. + +„Es ist aber nicht Ihre Frau Elvira, die getötet wurde, sondern die Frau +des Juan Guennel.“ + +„Dann geht mich die ganze Geschichte überhaupt gar nichts an. Die Frau +des Juan kenne ich gar nicht, die hat mir gar nichts getan, und wenn die +dabei draufgegangen ist, dann war das nicht meine Absicht, das ist dann +ein Unglücksfall. Und für Unglücksfälle bin ich nicht verantwortlich. +Die Guennel Frau konnte ja besser achtgeben.“ + +Damit ist für Salvatorres die Angelegenheit erledigt. Seine Zigarette +ist aufgeraucht, er wirft den Stummel fort, nimmt eine Pickhacke und +wütet gegen den Berg. + +Acht Tage darauf ist die Gerichtsverhandlung. Salvatorres hat sich wegen +Mord zu verantworten. Die Geschworenen sind indianische Arbeiter, wie er +einer ist. Irgend jemand hat ihm gesagt: „Im Gerichtssaal hältst du +einfach die ganze Zeit das Maul. Entweder du sagst kein einziges Wort +oder, wenn du schon was sagst, antwortest du immer nur ‚Das weiß ich +nicht‘.“ Daran hält sich Salvatorres. Im großen und ganzen ist ihm das +alles ganz egal. Wird er verurteilt, ist es ihm recht, wird er +freigesprochen, ist es ihm auch recht. Er rollt sich seine Zigaretten +und macht sich in dem Gerichtssaal einen faulen Tag. Auch die +Geschworenen rauchen frischweg; wenn man es ihnen verböte, würden sie +nach Hause gehen, und man hätte keine Geschworenen. + +„Der Angeschuldigte hat den Mord eingestanden. Der hier als Zeuge +anwesende Beamte hat den Angeschuldigten an seinem Arbeitsplatze +vernommen, und die Tat ist ohne weiteres zugegeben worden.“ + +Der öffentliche Ankläger vertritt eine klare, sichere Sache; er hat so +gut wie gar keine Arbeit. + +Ein Geschworener läßt Salvatorres durch den Vorsitzenden fragen, ob er +den Mord eingestanden habe. + +„Das weiß ich nicht“, sagt Salvatorres. Darauf setzt er sich wieder und +raucht weiter. + +Ein anderer Geschworener wünscht das Protokoll zu sehen, in dem +Salvatorres unterschrieben hat, daß er dem Beamten gegenüber die Tat +nicht geleugnet habe. + +„Das Protokoll ist nur von dem Beamten unterzeichnet, da Salvatorres +weder lesen noch schreiben kann. Er hat aber gestanden, und dafür haben +wir das Wort und das Protokoll des Beamten, eines ehrenhaften Mannes.“ + +Der öffentliche Ankläger wird ein wenig nervös. + +Ein dritter Geschworener will wissen, warum sie, die Geschworenen, dem +Beamten, der im Dienste und Lohn des Staates stehe, mehr Glauben und +Vertrauen schenken sollen als Salvatorres, der sich seinen +Lebensunterhalt verdiene, ohne von den Steuern der Leute zu leben. + +Ein vierter Geschworener verlangt, daß Salvatorres hier in Gegenwart der +Geschworenen erklären soll, ob er den Mord begangen habe, da er nicht +sehe, auf Grund welcher Beweise er Salvatorres schuldig sprechen könne. + +„Bekennen Sie sich schuldig?“ + +„Das weiß ich nicht.“ Salvatorres setzt sich wieder und beginnt an einer +neuen Zigarette zu rollen. + +Der Vertreter der Anklage spielt seine letzte Karte aus. Er läßt die +Zeugen aufmarschieren: Elvira, ihren Geliebten und die anderen drei +Leutchen, die an jenem Abend in der Hütte waren. Sie alle wissen, was +der ganze Ort weiß und worüber gar kein Zweifel herrscht, da Salvatorres +viel zuviel auf seine Ehre hält, als daß er irgend jemand darüber im +unklaren ließe, wie er eine ungetreue Frau behandelt. + +Die Zeugen erklären einmütig, daß sie nicht gesehen haben, wer die Bombe +geworfen habe. Und auf die Frage, ob sie glauben, daß Salvatorres es +gewesen sein könne, erklären sie wieder einmütig, es könne auch +ebensogut der frühere Liebhaber der Frau des Guennel gewesen sein; er +wohne zwar seit einem halben Jahr in Parral mit einer Frau, aber er sei +sehr eifersüchtig. Elvira fügt hinzu, sie kenne Salvatorres sehr gut, da +sie seine Frau gewesen sei, und eine Bombe würde er nie werfen, sicher +nicht gegen eine Frau, die er gar nicht kenne. + +Dem öffentlichen Vertreter der Anklage ist sein wunderschöner Kuchen +zerkrümelt. Die Geschworenen ziehen sich zurück, und nach einer +Viertelstunde Anstandsberatung geben sie ihr Urteil ab: „Salvatorres ist +unschuldig mit allen Stimmen.“ + +Salvatorres wird sofort auf freien Fuß gesetzt. Er geht mit den Zeugen, +Elvira und ihren Neuerwählten eingeschlossen, in den nächsten Saloon, wo +sie eine Flasche Tequila leeren, wobei sie der Reihe nach die Flasche an +den Mund führen. Am Nachmittag desselben Tages ist Salvatorres bereits +wieder in der Grube. + +Am Abend des nächsten Tages ist Tanz. Salvatorres ist auch da. Er findet +eine neue Frau, die sehr hübsch ist und noch in der Nacht in sein Haus +einzieht. + +Nachmittags geht sie aus, um ihre Habseligkeiten, die sie in einem +Schilfkorbe aufbewahrt, von ihrer bisherigen Unterkunftsstelle zu holen +und in das neue Heim zu bringen. + +Am Abend – Salvatorres ist schon längst von der Arbeit heimgekehrt – +sieht sie plötzlich, während sie die Frijoles auf den Tisch stellen +will, eine alte Konservenbüchse mit einer schmökenden Zündschnur daran, +mitten auf dem Fußboden liegen. + +Sie konnte noch rechtzeitig entweichen. Aber von Salvatorres ist nicht +einmal mehr ein Hosenknopf übriggeblieben, den sie als trauernde Witwe +hätte beweinen können. + + + + + DIE DYNAMIT-PATRONE + + +Eine Anzahl indianischer Arbeiter, die in den Bergwerken von Chihuahua +gearbeitet hatten und sich jetzt in dem Vorort der Stadt herumtrieben, +stritten sich eines Tages über die Wirksamkeit der Dynamitpatronen, die +beim Sprengen der Gesteinsmassen verwendet werden. Die Mehrzahl stimmte +darin überein, daß die Wirkung auf den menschlichen Körper +unbeschreiblich vernichtend sei; einige wenige dagegen behaupteten, die +Wirkung komme nur Gesteinsmassen gegenüber zum vollen Ausdruck, während +sie gegenüber dem menschlichen Körper beinahe harmlos zu nennen sei. + +Als eine Einigung hierüber nicht erzielt werden konnte, erbot sich der +Vertreter der „harmlosen Wirkung“, an seiner eigenen Person die +Richtigkeit seiner Meinung zu beweisen. + +Es dauerte nicht lange, da war eine Patrone besorgt, das Hütchen wurde +aufgesteckt und die Zündschnur angehängt. Der mutige Kämpfer für seine +Überzeugung ließ sich aber doch von der Gegenpartei überreden, daß er +Vorsicht üben möge, denn es wäre ja immerhin möglich, daß die Majorität +recht habe, und es wäre doch jammerschade, wenn er sich nicht davon +überzeugen könne, daß er unrecht habe, um für sein ferneres Leben daraus +eine Lehre zu ziehen. Er sah das schließlich auch ein, und er begab sich +mit der Schar streitsüchtiger Genossen zu einem steinernen Eckhause. +Nachdem die „Wirkungsgläubigen“ sich in respektvolle Entfernung +zurückgezogen hatten, ging der Mann zu der Ecke, entzündete die +Zündschnur und hielt die Patrone mit seiner rechten Hand um die +Hausecke. + +Wenige Augenblicke später erzitterte die ganze Stadt. Die Bevölkerung, +ein Erdbeben oder eine Minenexplosion befürchtend, eilte auf die Straße. +Als sie sah, daß es sich nur um zwei Eckwände eines Hauses handelte, die +auf unerklärliche Weise eingestürzt waren, zog sich jeder wieder in +seine ruhige Häuslichkeit zurück. + +Die Freunde des Opfers gingen tüchtig an die Arbeit. Sie räumten den +Schutt der beiden Wände fort, um festzustellen, welche Partei recht +habe, denn bis jetzt war das noch nicht entschieden. Die Wirkung auf +Gesteinsmassen war ja von keiner Seite bestritten worden. Und richtig, +nachdem sie eine Weile gebuddelt hatten, kroch der Ungläubige ganz ruhig +und mit der Miene eines Mannes, der das Recht auf seiner Seite hat, +hervor und schüttelte sich den Schutt aus den Kleidern. + +Ganz vollständig war er allerdings nicht mehr. Das hatte er ja auch gar +nicht behauptet, daß dies der Fall sein würde. Jedenfalls war ihm die +rechte Hand bis zum halben Unterarm fortgerissen. Daraus machte er sich +aber nicht viel. Er bestand darauf, daß man nun die Hand auch noch +suche, damit man sehen könne, daß sie nicht allzusehr beschädigt sei. +Aber von der Hand war nichts zu finden. + +„Und ich sage euch ganz bestimmt“, so begann sofort wieder der Streit, +„es war nicht die Patrone, die meine Hand abgerissen hat. Die Patronen +sind ganz und gar harmlos. Es war das Hütchen; denn was da die +nichtswürdigen Fabrikanten hineinstecken, das weiß man nie. Das sind +alles Schwindler und Betrüger.“ + +Der Indianer bedauerte später nie, daß er seine Hand hergegeben hatte. +An Stelle der Hand bekam er einen eisernen Haken, einen Arbeitshaken. Er +arbeitete aber nie damit, sondern wurde mit diesem Haken einer der +gefürchtetsten Raufbolde unter der Arbeiterschaft, die ihm mit an +Ehrfurcht grenzender Scheu begegnete und sich geschmeichelt fühlte, +seine Wünsche erfüllen zu dürfen. + + + + + DIE WOHLFAHRTS-EINRICHTUNG + + +Eine amerikanische Bergwerksgesellschaft in Sonora, Nordwest-Mexiko, +hatte für ihre Arbeiter und deren Frauen und Kinder ein kleines Hospital +eingerichtet, wo die Arbeiter in Unglücks- und Krankheitsfällen +ärztliche Hilfe fanden. Um die Arbeiter für dieses Hospital zu +interessieren und sie dadurch zur Beachtung hygienischer +Vorsichtsmaßregeln zu erziehen, wurde ihnen ein kleiner, kaum +nennenswerter Betrag vom Lohn abgezogen. Die Gesamtsumme dieses Betrages +machte aber so wenig aus, daß mit ihr lange nicht einmal das Gehalt für +die beiden Schwestern, die im Hospital tätig waren, bezahlt werden +konnte. + +Die Arbeiter, die ausnahmslos Indianer waren, hielten jedoch den Betrag, +den sie beisteuerten, für so wesentlich, daß sie behaupteten, der Arzt +und die beiden Schwestern führten ein faules Leben auf Kosten der +Arbeiter, und die Company erziele aus dem Hospitalbeitrag einen +erheblichen Nebengewinn. + +Jede Gelegenheit nun, die sich bot, den drei Hospitalangestellten das +Leben zu erschweren, wurde mit Freuden ergriffen. Die Erfindungsgabe der +Arbeiter war unausgesetzt tätig, neue Pläne auszuhecken, um das Hospital +nicht müßig gehen zu lassen. Wenn die Leute krank wurden, so ging keiner +von ihnen in das Hospital, sondern sie gingen, wie auch früher, zu ihren +„weisen“ Männern und Frauen, zu den Medizinmännern, die das Handwerk +besser verstanden als die Doktoren, deren Hände immer nach Gift stanken. +Um aber dem Hospital nichts zu schenken, wurden die Frauen und Kinder +hingeschickt, um die Beiträge „abzuarbeiten“. Und da sie mit wichtigen +Krankheiten nicht kamen, so kamen sie mit solchen Fällen, die von den +Arbeitern in ihren abendlichen Besprechungen ausgeheckt waren. + +Eines Morgens erscheint eine hübsche Indianerin im Hospital und wünscht, +einen Zahn gezogen zu haben. + +Der Arzt untersucht die Zähne und findet, daß die Frau Zähne hat, so +gesund, so kräftig und so schön wie die eines jungen Pferdes. + +„Welcher Zahn tut Ihnen denn weh?“ + +„Mir tut kein Zahn weh. Mir hat noch nie ein Zahn weh getan.“ + +„Was wollen Sie denn da eigentlich hier?“ + +„Sie sollen mir einen Zahn ziehen.“ + +„Aber warum denn?“ + +„Weil ich keine andere Krankheit habe“, antwortete die junge Frau. + +„Ich ziehe Ihnen keinen Zahn“, sagte nun der Arzt. „Ich bin doch nicht +verrückt. Danken Sie Gott, daß Sie solche Zähne haben; ich würde ein +Jahr meines Lebens geben, wenn ich solche Zähne hätte.“ + +„Wollen Sie mir jetzt den Zahn ziehen oder nicht? Ich kann mit meinen +Zähnen machen, was ich will. Das geht Sie gar nichts an. Oder denken Sie +vielleicht, mein Mann zahlt seine guten blanken Pesos (es waren in +Wahrheit nur kupferne Centavos) für das Hospital für überhaupt nichts? +Wir müssen auch arbeiten, da brauchen Sie nicht den ganzen Tag zum +Fenster hinauszusehen oder auf der Veranda zu sitzen und Bücher zu +lesen, und die Frauenzimmer könnten auch was Besseres tun, als sich von +unserm Gelde immerfort neue Kleider zu kaufen.“ + +Inzwischen hatte der Arzt begriffen, was los ist; denn er kennt ja seine +Leute, und er kennt die schwarzen Pläne, die gegen das Hospital +ausgeheckt werden. Er zieht also der Frau einen prachtvollen Molar, +wobei er sich die denkbar größte Mühe gibt, die Operation mit +„absolutester Nichtschmerzlosigkeit“ auszuführen. Aber die Frau verzieht +keine Miene und läßt nicht das leiseste Wimmern hören. + +Als die Schwester ihr ein Glas Wasser gereicht und sie es ausgetrunken +hat, wirft sie sich in den Rücken, sieht den Arzt triumphierend an und +geht. Ihr Blick, dank der natürlichen Ausdrucksweise in den Gesten jener +Rasse, sagt schärfer als Worte: „Wenn ich komme, Herr Doktor, dann haben +Sie zu springen, verstehen Sie mich! Mein Mann bezahlt Sie.“ + +Drei Tage darauf kommt die Frau wieder. Und wieder will sie einen ihrer +prachtvollen Zähne gezogen haben. Und wieder bleibt dem Arzt aus +politischen Gründen nichts anderes übrig, als der Frau abermals einen +Zahn zu ziehen. + +Wie beim ersten Male, so läßt sich auch diesmal die Frau den gezogenen +Zahn geben, um ihn mit nach Hause zu nehmen und ihn ihrem Manne zu +zeigen. + +Nachdem die Zeit erfüllet war, waren der Frau sämtliche Zähne des +Oberkiefers ausgezogen. Während dem Arzt bald das Weinen ankam, als er +nun den leeren Oberkiefer noch einmal untersuchte, um irgendwelche +Infektion zu finden, war die Frau durchaus zufrieden mit dem Ergebnis. + +Eine Woche, nachdem der letzte Zahn des Oberkiefers gezogen worden war, +erschien die Frau wieder im Hospital. Der Arzt, ohne zu fragen und ohne +mit ihr zu handeln, nahm die Zange zur Hand und begann, den ersten +Backzahn des Unterkiefers anzusetzen, als die Frau ihn heftig am Arm +packte und schrie: „Was wollen Sie denn da eigentlich mit mir machen? +Ich glaube gar, Sie wollen die andere Hälfte meines Mundes auch noch +schänden.“ + +Verblüfft fragte der Arzt: „Ja, sind Sie denn nicht hergekommen, um +wieder einen Zahn gezogen zu haben?“ + +„Aber ich denke ja nicht an so etwas. Habe ich Ihnen vielleicht den +Auftrag gegeben, mir einen Zahn zu ziehen? Ich bin hier, daß Sie mir den +Zahn, den Sie mir zuerst gezogen haben, wieder einsetzen. Denn ich kann +doch nicht mein ganzes Leben lang ohne Zähne herumlaufen.“ + +Und sie überreichte dem Arzt jenen Zahn, der ihr zuerst gezogen worden +war. Der Doktor machte ihr nun klar, daß Zähne wohl gezogen, aber nicht +wieder eingesetzt werden könnten, so weit habe es die medizinische +Wissenschaft noch nicht gebracht. + +„Was?“ schrie die Frau nun in heller Empörung. „Sie können mir die Zähne +nicht wieder einsetzen? Also nicht einmal das können Sie? Und Sie nennen +sich Doktor? Und Sie sitzen hier den ganzen Tag faul auf der Veranda? +Und mein Mann muß das ganze Hospital bezahlen? Aber so seid ihr +verdammten Gringos (Spottname der Amerikaner in Latein-Amerika)! Pfui +Teufel noch mal, schämen Sie sich denn gar nicht, Sie Hurensohn, mir +meine wunderschönen Zähne auszuziehen und dann zu sagen, Sie könnten sie +nicht wieder einsetzen! Cabron! Grrrrringooooo!“ + +Nachdem durch eine saftstrotzende – und wie! – Schlußwendung des +Gesprächs der beabsichtigte Zweck dieses Besuches erreicht war, verließ +die Frau das Hospital stolz wie die frischgeadelte Frau von Flohknicker, +die soeben einen Kaiser gebackpfeift hat. + +Obgleich das Hospital allen Anforderungen entspricht, die man an ein +modernes Krankenhaus stellt, so stand es dennoch bei den indianischen +Arbeitern jener Bergwerksgesellschaft nie in hoher Achtung. Durch die +Zahngeschichte verlor es auch noch den Rest von Würde, der ihm +verblieben war. + +In den umliegenden Dörfern wurde die Frau als lebendes Beispiel der +Unfähigkeit des Arztes und der Schädlichkeit des Hospitals herumgezeigt. +Wohin sie kam, mußte sie ihre traurige Geschichte erzählen. Die Gringos +wurden verflucht nach allen Regeln, die im Gebrauch sind, seit der liebe +Gott Adam, Eva und die Schlange verfluchte. Und die Leute hatten ganz +recht. Denn es ist eine Ausräuberei sondergleichen, daß die Arbeiter von +ihrem kleinen Lohn ein Hospital unterhalten müssen, das sich nicht +scheut, arme und unwissende Indianerfrauen zu schänden und sie für den +Rest ihres Lebens zu schimpfieren, so daß der eigene Mann sie nicht mehr +ansehen mag. Der Doktor ist ein Irrsinniger; denn hätte sich die +unglückliche Frau nicht mutig zur Wehr gesetzt, so würde dieser Unhold +der Frau auch alle Zähne des Unterkiefers ausgezogen haben. + +Das alles konnte nicht bestritten werden; denn in einem Stück alten +Hemdes eingewickelt, trug die Frau ja ihre Zähne, und ein Kind konnte +sehen, daß die Zähne alle kerngesund waren. + +Eine Weile ging das so fort, und eines Tages war der Tumult da. + +Die Arbeiter kamen in Haufen zu dem Bürogebäude und schrien und +gestikulierten und regten sich furchtbar auf. Was sie wollten, verstand +niemand, denn in Einzelunterhaltungen ließen sie sich nicht ein. + +Man hörte nur immer Schreie aus dem Gewoge der Haufen: „Kein Hospital! +Kein Doktor! Alle Zähne! Arme Frauen geschändet! Bezahlen! Doktor +bezahlen! Schwestern schöne Kleider! Zeitung lesen! Alles bezahlen!“ + +Um Spanisch zu verstehen, genügt es nicht, es gelernt zu haben. Und um +das Spanisch zu verstehen, das die indianischen Arbeiter in den +Bergdistrikten sprechen, muß man schon eine Indianerin zur Mutter gehabt +haben. + +Die Manager der Company, die nicht eingestehen dürfen, daß sie die +Sprache ihrer Arbeiter nicht verstehen, verstanden aber doch das +Wesentliche des Geschreies. Sie redeten sich wenigstens ein, daß sie +alles gut und richtig verstünden, und weil sie die Arbeitgeber waren +oder deren legitime Vertreter, so reimten sie sich die Schreie +entsprechend ihrer eigenen sozialen und wirtschaftlichen Stellung +zusammen. In ihrem Report an die Zentralverwaltung der Company kam es +später heraus, was sie sich zusammengereimt hatten. Nach jenem Report zu +lesen hatten die Arbeiter geschrien: „Wir verdienen nicht einmal so +viel, daß wir in ein Hospital gehen können. Nicht einmal so viel, daß +wir zu einem Doktor gehen können. Wir verdienen so wenig, daß wir nichts +zwischen die Zähne zu beißen kriegen. Wir haben so wenig Lohn, daß +unsere Frauen zur Schande herumlaufen, weil sie nichts zum Anziehen +haben. Und unsere Schwestern wollen Kleider haben!“ + +Als der Tumult vor dem Bürogebäude nicht nachließ und die Schreie und +Rufe der Leute immer heftiger wurden, ohne daß ein Wechsel des Inhalts +der Worte sich zeigte, trat endlich der Manager auf die Veranda und +hielt mit seinen paar Brocken Spanisch eine Ansprache, die darin +gipfelte: „Jawohl, jawohl, wir bewilligen. Jeder Mann erhält +fünfundzwanzig Centavos den Tag mehr von Montag dieser Woche an. Geht an +die Arbeit. Es ist alles gut. Muy bueno, amigos!“ + +Von der Frau und ihren Zähnen wurde nicht mehr gesprochen. + + + + + DER WACHTPOSTEN + + +In einem Bergwerk in der Nähe von Chihuahua meldete eines Morgens der +Vorarbeiter, ein Mestize, dem diensthabenden Ingenieur, daß in einem der +Hauptstollen „etwas im Gange sei“. + +An der Decke des Stollens, so berichtete der Vorarbeiter, befände sich +ein gewaltiger Stein, dessen Gewicht schätzungsweise drei bis vier +Tonnen habe. Rund um diesen Stein beginne, so war die Meldung, seit +einigen Stunden Sand und Kleinkiesel herunterzuregnen, ein sicheres +Zeichen, daß der Stein am Lösen sei und bald kommen dürfte, was in einer +Stunde, vielleicht aber auch erst in sechs Tagen geschehen könnte, so +genau ließe sich der Zeitpunkt nicht bestimmen. + +Zahlreiche Arbeiter hatten diesen Stollen zu begehen, und weil der +Ingenieur deren Leben nicht aufs Spiel setzen wollte, rief er einen +indianischen Bergarbeiter herbei und sagte zu ihm: + +„Sehen Sie den Stein dort, Augustin?“ + +„Natürlich sehe ich ihn, ich bin doch nicht blind, Senjor.“ + +„Gut, dieser Stein ist los und wird bald herunterkommen.“ + +„Kein Wunder, wenn er los ist; man sieht ja bereits, wie es bröckelt.“ + +„Wenn der Stein runterkommt, und es ist gerade zufällig jemand darunter, +dann ist er breitgequetscht wie eine Tortilla.“ + +„Das ist doch mal bombensicher, Senjor. So schlau bin ich selbst.“ + +„Gut. Ich stelle Sie jetzt hier als Wachtposten auf. Sie haben nichts +weiter zu tun, als jeden Mann, der hier drunter hergehen will, auf die +Gefahr aufmerksam zu machen und ihn durch den Stollen 14 zu schicken, +ihm jedenfalls nicht zu erlauben, daß er diesen Stollen benutzt. Sie +sehen ein, wie gefährlich dieser Stollen ist.“ + +„Das sehe ich, man kann es ja schon riechen, Senjor.“ + +Eine Stunde später ging der Ingenieur die Stollen ab, und auf seinem +Wege kam er auch zu dem Gefahrstollen. + +Der Wachtposten saß mitten unter dem losen Stein, rauchte gemütlich +seine Zigarette und war die Seligkeit selbst, daß er einen so angenehmen +Posten gefunden hatte, wo er nichts zu tun brauchte. + +Pflichtgemäß berichtete er dem Ingenieur, daß er jedem untersage, hier +unter dem Stein durchzugehen, weil der Stein jeden Augenblick kommen +könne, und es sei auch noch keiner darunter hergegangen, seit er hier +hergesetzt worden sei, um aufzupassen, der Senjor Ingenieur könne sich +auf ihn durchaus verlassen. + +„Ich würde mich an Ihrer Stelle aber nicht gerade mitten unter den losen +Stein setzen“, riet der Ingenieur, „der Platz ist keineswegs zu +empfehlen.“ + +„Warum, Senjor?“ sagte der Mann. „Lassen Sie das nur meine Sorge sein, +wo ich sitze. Dieser Platz ist sehr bequem für mich. Ich brauche mich +dann nicht so anzustrengen, brauche nicht so sehr zu schreien, habe es +nach jeder Seite hin gleich weit und kann so ohne große Mühe am besten +verhindern, daß nicht doch noch jemand hier drunter herzugehen versucht. +Denn es ist sehr gefährlich, Senjor, wenn da gerade jemand drunter wäre, +wenn der Stein kommt.“ + +Dabei drehte er sich seelenruhig eine neue Zigarette und zündete sie mit +großem Behagen an. + +Vier Stunden später war der Mann zermalmt. Alles, was man seiner Frau +von seinen sterblichen Überresten bringen konnte, war die Sandale seines +linken Fußes, der unter dem Steinkoloß hervorlugte. + + + + + DER AUSGEWANDERTE ANTONIO + + +Der Minenarbeiter Silvestre, ein Indianer, hatte es in seinem Leben +endlich so weit gebracht, daß er sich eine Taschenuhr kaufen konnte. Die +Uhr war aus Nickel und kostete acht Pesos fünfzig Centavos. Sie war eine +gute und brauchbare Uhr, denn sie zeigte vierundzwanzig Stunden. In +Mexiko, wo im gesamten öffentlichen Verkehr, insbesondere bei der +Eisenbahn, bei der Post, beim Gericht und in allen sonstigen Ämtern wie +auch im Theaterleben die Vierundzwanzig-Stunden-Uhr gilt, ist es sehr +gut und sehr wertvoll, eine Taschenuhr zu haben, die Ziffern für +vierundzwanzig Stunden trägt. Silvestre war natürlich sehr stolz auf +seine Uhr; und weil er in seiner Arbeitskolonne wie auch in seinen +Nachbarkolonnen der einzige war, der eine Uhr besaß, die er mit in die +Mine brachte, so wurde er nicht nur von seinen Arbeitskameraden, sondern +zuweilen auch von seinem Kolonnenforeman wie von denen der +Nachbarkolonnen gelegentlich nach der Zeit gefragt. Das machte ihn zu +einer wichtigen Person. Und weil hier die Uhr es war, die ihn zu einer +wichtigen Person erhob, so hielt er die Uhr in großen Ehren. Er trug sie +in der Mine stets in Papier eingewickelt, damit sie nicht durch den +Staub der Erze leiden sollte. + +Eines Tages entdeckte er, daß die Uhr verschwunden war. Er hatte sie +verloren, entweder bei der Arbeit oder beim Einfahren. Denn daß sie +gestohlen sein könnte, das hielt er für sehr unwahrscheinlich. Sie hätte +auch wohl kaum von dem, der sie gestohlen hatte, getragen oder verkauft +werden können, weil Silvestre, als er die Uhr in der nächsten Stadt +gekauft hatte, sich vom Uhrmacher seinen Namen dick hatte eingravieren +lassen. Dafür hatte er einen Peso extra bezahlen müssen; aber der +Uhrmacher – wie die Mehrzahl der Uhrmacher in Mexiko und in den Staaten +war er von Beruf Wagenschmied – hatte ihm die Gravierung dringend +angeraten und ihm den großen Schutzwert einer kräftigen Gravierung so +überzeugend geschildert, daß Silvestre einsah, daß eine Uhr ohne +Gravierung am selben Tage schon aus seiner Tasche gestohlen sein würde. + +Silvestre hatte dann noch die Uhr in der Kirche segnen lassen, was auch +nicht umsonst getan wurde, und endlich hatte er sie noch persönlich mit +Weihwasser besprengt. Aber obgleich durch alle diese Schutzmittel die +Uhr beinahe auf den doppelten Preis gekommen war, so hatten jene Mittel +nicht genügt, daß die Uhr bis an sein Lebensende in seiner Tasche blieb. +Vielleicht hatte er etwas übersehen bei dem Einsegnenlassen, oder er +hatte sie neben die Uhrtasche seiner Hose gesteckt, oder sie war von +selbst herausgerutscht. Wie dem auch sei, die Uhr war jetzt fort. + +Er suchte eine volle Schicht in der Mine herum, aber die Uhr kam nicht +wieder, und sie war nirgends zu sehen. + +Es blieb Silvestre also nichts anderes übrig, als bis zum Sonntag zu +warten, um die Angelegenheit mit Hilfe der Kirche und ihrer Heiligen in +Ordnung zu bringen. Als guter Katholik wußte er, wie alle Indianer, +recht geschickt sich zu bekreuzigen und kannte auswendig alle die +Heiligen, die für irgendeine Sache mit Erfolg zu gebrauchen sind. Für +verlorengegangene Dinge, jedoch nicht für gestohlene, ist San Antonio +derjenige Heilige, der immer weiß, wo sich der verlorene Gegenstand +befindet. + +So ging Silvestre am Sonntag in die Stadt zur Kirche, suchte hier die +hölzerne Figur des San Antonio auf, opferte ihm eine Kerze, bekreuzigte +sich unzählige Male und flehte San Antonio an, ihm die Uhr +wiederzubringen. Silvestre wußte aus reicher und kostspieliger +Erfahrung, daß in der Kirche nichts umsonst getan wird, und darum +versprach er dem San Antonio drei Fünf-Centavos-Kerzen und ein silbernes +Zehn-Centavos-Händchen, wenn er ihm die Uhr wieder verschaffen würde, +spätestens jedoch bis zum nächsten Sonntag, wenn er, Silvestre, wieder +zur Kirche kommen würde, um zu sehen, was San Antonio inzwischen für ihn +erwirkt hat. + +Die Uhr fand sich im Laufe der Woche nicht ein. Und Silvestre, als er am +nächsten Sonntag zur Kirche kam, sah auch nicht, so sorgsam er auch +alles untersuchte, daß die Uhr zu Füßen des San Antonio lag, oder in +einer Falte der braunen Mönchskutte der Figur hing oder irgendwo unter +dem Gewande der Figur, das Silvestre respektlos aufhob, verborgen war. +Aber die Uhr war nicht da, und Silvestre erkannte, daß er seine Kerze, +seine Gebete und Bekreuzigungen umsonst verschwendet habe. + +Er ging nun wieder eine Kerze kaufen. Er brauchte nicht weit zu laufen; +denn die Kerzen, Heiligenbildchen und silbernen Ärmchen und Beinchen +wurden auf zahlreichen Tischen innerhalb der Kirche verhandelt und +verschachtert, wo es lebhaft zuging wie auf einem Jahrmarkt, mit +Feilschen, Verschwören der hohen Preise wegen, Herunterhandeln vom +Preise und Umtauschen der gekauften Gegenstände. Am Altar wurde zu +gleicher Zeit, unbekümmert um die feilschende Welt entlang der inneren +Wände der Kirche, die Messe gelesen. Silvestre hatte diese Art +christlicher Religion nicht erfunden und war darum nicht verantwortlich +dafür; aber er glaubte, daß er ein unzerbrechliches Recht darauf habe, +von San Antonio seine Uhr zurückzuerhalten, wenn er ihm Kerzen, +Bekreuzigungen und Gebete opfere. Denn wozu brauchte man sich alle die +Mühen und Ausgaben zu machen, wenn es doch nichts nützt! + +Silvestre, der in einer Welt lebte, wo jede Kreatur für das Essen oder +für den Lohn, den sie empfängt, arbeiten muß, auch wenn es ihr noch so +schwerfällt und sie vielleicht gar am Zusammenbrechen ist, hatte weder +Verständnis noch Mitleid mit einem Heiligen, der sich mit Kerzen und +Gebeten bezahlen läßt, ohne dafür zu arbeiten. + +Als Silvestre seine Kerze aufgestellt hatte auf dem Altar des San +Antonio, kniete er nieder, bekreuzigte sich mehrere Male und begann zu +beten. Er hatte kein Gebetbuch, und wenn er eines gehabt hätte, so hätte +es ihm nichts genützt, weil er nicht lesen konnte. So war er genötigt, +aus dem Stegreif zu beten und so, wie es ihm sein Gott ins Herz legte. +Das Wort Gotteslästerung kannte er nicht, weil ihm der Begriff hierfür +fehlte, und in Mexiko gibt es keine Gotteslästerung, weil das Gesetz ein +solches Vergehen nicht kennt. In Mexiko hat das jeder mit seinem +Gewissen und mit seinem Gotte abzumachen; denn der mexikanische +Gesetzgeber und der mexikanische Richter fühlen sich nicht berufen, in +die unerforschlichen Wege und Gesetze Gottes mit ihrem menschlichen +Urteilsvermögen und ihren menschlichen Rechtsirrtümern hineinzupfuschen. +Wenn Gott im Himmel nicht mächtig genug ist oder nicht willens ist, +Beleidigungen und Lästerungen gegen seine Majestät zu bestrafen, warum +soll der kleine irdische Staatsanwalt dem lieben Gott vorschreiben, +wieviel Monate diese Gotteslästerung und wieviel Wochen jene wert ist? + +Darum muß man Silvestre verstehen und vergeben. Er weiß es nicht besser. +Was er aber gut wußte, war, daß er seine Uhr so rasch wie möglich +wiederhaben wollte, und daß er nicht zu warten gedachte, bis sie ihm +nach seinem Tode im Paradiese ausgehändigt werden würde. Er brauchte die +Uhr hier auf Erden; denn zu welcher Stunde man im Paradiese in die +Erzminen einzufahren habe, wird ihm der Foreman dann schon sagen, wenn +es so weit ist. + +Silvestre betete darum schlichtweg darauflos: „Oye, querido, San +Antonio, tenga buen cuidad, hombre! Jetzt hör einmal gut zu, geliebter +Antonio, und gib wohl acht, was ich dir jetzt erzählen werde, denn ich +bin jetzt ziemlich fertig mit dir. Ich habe eine Uhr verloren. Das habe +ich dir bereits vorigen Sonntag gesagt. Du kannst die Uhr gar nicht +verwechseln. Es ist ein S und ein G dick eingraviert. Ich kann hier auch +nicht jeden Sonntag herkommen. Die Kerzen kosten auch Geld. Und ich habe +dir doch wirklich genug versprochen. Du mußt nicht etwa denken, daß ich +das Geld auf dem Wege auflese, da liegt keins herum. Ich muß verflucht +kräftig dafür arbeiten und habe es nicht so gut wie du, hier faul +herumzustehen und dich an den Kerzen schön zu wärmen. Der Spaß hat auch +einmal ein Ende. Wir müssen alle arbeiten, da kannst du auch meine Uhr +suchen gehen. Und nun sage ich dir noch etwas, mein lieber San Antonio. +Ich warte noch eine Woche, und wenn die Uhr dann nicht da ist, stecke +ich dich, bei der Heiligen Jungfrau, in den Brunnen ins Wasser, und ich +lasse dich so lange da drin, bis du die Uhr wieder herbeigeschafft hast +oder mir im Traum gesagt hast, wo sie ist. Du weißt nun Bescheid, und +meine Geduld ist fertig.“ + +Silvestre bekreuzigte sich wieder, stand auf, verneigte sich vor dem +Altar und verließ die Kirche, überzeugt, daß sein inniges Gebet in +Erfüllung gehen werde, getreu dem Worte folgend: Bittet, so wird euch +gegeben, und vergeßt nicht die Armut des Heiligen Vaters in Rom. + +Auch in dieser Woche kam die Uhr nicht zum Vorschein. + +Es ist darum nicht zu verwundern, daß Silvestre die Geduld nun endgültig +verlor. Er wollte auch keine Zeit mehr mit Beten vergeuden, denn er +hatte eingesehen, daß es nutzlos war. Gegen San Antonio, der sich nicht +die Mühe zu machen schien, einem armen Indianer zu helfen, auch wenn er +noch so sehr angebetet wurde, halfen offenbar nur ganz kräftige Mittel, +um ihn an seine Pflichten zu erinnern. Und diese Mittel wandte er jetzt +an. + +Er besaß keine große Erfindungsgabe, sich neue Zuchtmittel auszudenken. +Darum gebrauchte er eines von denen, die gegen ihn und seine Mit-Peones +angewandt wurden, als er noch auf der Hazienda arbeitete und noch nicht +den Mut aufgebracht hatte, in die Minendistrikte zu fliehen. + +Am Samstagnachmittag verschaffte er sich einen alten Zuckersack und +trabte damit zur Stadt. Als er zur Kirche kam, war es bereits finster. +Seine Bekreuzigungen und Verbeugungen machte er jetzt nur, vom +Hintergrunde der Kirche aus, zu dem Altar, wo die Heilige Jungfrau +stand, die ihm bis jetzt ja noch nichts Übles zugefügt hatte. Dagegen +verweigerte er diesmal dem San Antonio jegliche Bekreuzigung und +jegliche Kniebeuge. Er gab gut acht; und als er bemerkte, daß er von +niemand aus den Reihen der andächtig betenden Leute beobachtet wurde, +warf er dem San Antonio den Sack über den Kopf, nahm die Figur rasch +herunter von ihrem Altar und schlich sich mit seiner Beute gewandt zur +nächsten Tür hinaus. Die Stadt war klein, und es dauerte keine zehn +Minuten, da war Silvestre im Freien und auf dem Wege zu dem +Minenarbeiterdorfe, wo er lebte. + +Silvestre ging jedoch nicht in das Dorf mit seinem Heiligen, sondern +noch ehe er die ersten Hütten erreichte, bog er von der Straße ab und +wanderte auf den Busch los. Silvestre konnte seinen Weg nicht verfehlen, +denn erstens kannte er ihn gut, und zweitens war heller Mondschein. + +Nur etwa einen halben Kilometer in den Busch hinein, da befand sich eine +Lichtung, die zwar schon völlig wieder ausgewachsen war, die aber doch +noch als eine ehemalige Lichtung erkannt werden konnte. Hier in dieser +Lichtung war ein alter ausgemauerter Brunnen, der noch aus der +Kolonialzeit herstammte und wohl von einem Spanier gegraben worden sein +mochte, der hier eine Farm hatte errichten wollen. + +Dieser Brunnen wurde von niemand gebraucht, selbst die Kohlenbrenner im +Busch tranken kein Wasser daraus. Das Wasser, das in dem Brunnen stand, +war verschlammt und grün verfilzt von Pflanzen und Blättern und Wurzeln. +Der Brunnen war voll von Fröschen, Kaulquappen, Wasserkäfern, Moskitos, +Schlangen, Eidechsen und allem anderen Getier, das in einem verlassenen +Brunnen sich nur ansammeln kann. Seiner Lage, seines uralten Aussehens +und des phantastischen Getiers, das in ihm lebte, wegen war der Brunnen +der Sagenschreck aller Indianerkinder des Dorfes, die zu dem Brunnen +kamen, wenn sie sich einen gruseligen Tag machen wollten, und er war der +Mittelpunkt zahlreicher Geister- und Spukgeschichten der erwachsenen +Indianer der Gegend. + +Silvestre ging nicht sehr leichten Herzens mit seinem eingesackten +Heiligen auf der Schulter zu jenem Brunnen. Jeden Augenblick glaubte er, +daß hinter einem Baume eine Spukgestalt hervorspringen würde, um ihm +etwas Übles und Grausiges anzutun. Und er erwartete auch, daß vielleicht +Gott seinen Donner rollen und seinen Blitz zucken lassen würde, um ihn +für solche Freveltat, die zu begehen er im Sinne hatte, zu bestrafen. +Aber es war Samstagabend, und Silvestre wußte recht gut, daß an einem +Samstagabend der liebe Gott keine Zeit hat, sich um einen indianischen +Minenarbeiter zu kümmern, der seine Uhr wiederhaben möchte. Samstag ist +großes Reinemachen, und am Abend Wochenabschluß und Vorbereitung für den +Sonntag. Nicht nur auf Erden. Darum hatte Silvestre ja auch gerade den +Samstagabend für seine ruchlose Tat gewählt. Man möge doch nie +vergessen, daß auch ein indianischer Arbeiter Intelligenz hat. + +Vor den Spukgestalten des Brunnens hatte Silvestre nicht ganz so viel +Furcht wie alle übrigen Bewohner des Dorfes; denn da er nicht aus der +Gegend stammte, so waren ihm alle die grausigen Geschichten, die über +den Brunnen erzählt wurden, nicht so in Fleisch und Einbildung von +Jugend auf übergegangen wie den Leuten, die hier in diesem Distrikte +geboren und aufgewachsen waren. Wenn man nicht weiß, daß hinter der +nächsten hölzernen Wand ein gestorbener oder gar ermordeter Mann liegt, +schläft man genau so ruhig, friedlich und ungestört wie in dem Zimmer +eines Hotels, das noch zu neu ist, als daß sich in ihm schon ein +Selbstmord hätte ereignen können. + +Auch wer vor Verliebtheit bebt, vor Eifersucht schäumt, vor Wut sich +zerfetzen möchte, vor Ärger grün wird, der sieht und hört nie +Spukgestalten. Und Silvestre war wütend und verärgert, wie nur ein +Mensch sein kann, der an die Nützlichkeit von Heiligen glaubt und so +bitter enttäuscht wird, wie es ihm geschah. Einem Indianer kann man +nicht mit der billigen Ausrede kommen, Gott und die Heiligen haben es in +ihrem hohen Ratschluß anders beschlossen. Ein Medizinmann, der nicht +hilft, wird abgesetzt. Faulenzer werden nicht unterhalten. Wenn von den +paar Pesos Lohn, die man sich mit schwerer Arbeit verdienen muß, dem +Heiligen Kerzen geopfert werden, damit er sich Hände und Nase daran +wärmen kann, dann muß er dafür auch etwas tun. Man bezahlt den Pfarrer +für das Lesen einer Messe, und er hat die Messe zu lesen; man bezahlt +den Pfarrer für die Taufe des Kindes, und er hat das Kind zu taufen, ob +ihm das Kind gefällt oder nicht. Warum soll man mit dem San Antonio eine +Ausnahme machen? Vielleicht weil er Heiliger ist? Dann braucht er auch +keine Kerzen, Bekreuzigungen, Kniebeugen und Gebete anzunehmen, wenn er +gar so heilig sein will. Aber wenn er das alles verlangt und annimmt wie +ein syrischer Kattunhändler in Puebla, dann hat er dafür auch zu zeigen, +was er kann. Silvestre kann sich in der Erzmine auch nicht damit +herausreden, daß er es heute einmal in seinem Ratschluß anders +beschlossen habe und daß er heute einmal nicht arbeiten werde, aber den +Lohn dennoch verlange und annehme. So etwas gibt es nicht. Und bei dem +Philosophieren über die Rechtmäßigkeit der Handlung, die er vorzunehmen +gewillt ist, denkt Silvestre sehr wenig an Spukgestalten, die in der +Nähe des Brunnens auf ihn warten könnten. + +Silvestre vollzog die Folterung an seinem Heiligen nun nicht etwa so +unvermittelt, ohne dem Heiligen noch genügend Zeit zu geben, seine +Pflicht zu tun. Darum hielt er, als er beim Brunnen angelangt war, eine +Ansprache an San Antonio. Er zog die Figur aus dem Sack heraus, stellte +sie auf den gemauerten Brunnenrand, glättete die braune Mönchskutte, die +San Antonio trug, und sagte zu ihm: „Freundchen, ich habe dich jetzt +hier, wir sind ganz unter uns, und wir wollen nun einmal ein sehr +deutliches Wort miteinander sprechen. Du kannst jeden Gegenstand, der +verlorenging, wiederfinden. Das weiß ich. Der Cura, der Pfaffe, hat es +gesagt. Ich habe dich angebetet und habe dir Kerzen angezündet und dir +genügend versprochen. Aber du hältst es nur mit den reichen Leuten, die +dir dicke Pesokerzen opfern können. Das kann ich nicht. Dazu habe ich +nicht Geld genug. Du siehst ja den Brunnen hier, Freundchen. Es ist +nicht angenehm, darinnen zu liegen, da sind Schlangen drin – Lagarto! +Lagarto! –“, unterbrach er sich, „und da ist noch vieles andere drin, +schrecklich und grausig. Und wenn du mir nicht die Uhr wiederschaffst, +kommst du in den Brunnen und bleibst drin, bis du die Uhr +herbeigeschafft hast. Ich kann nicht jede Woche zur Stadt laufen. Ich +habe andere Dinge zu tun. Und Kerzen gibt es auch nicht mehr für dich. +Und ich werde dir gleich einmal zeigen, daß ich es ganz ernst mit dir +meine.“ + +Silvestre brachte einen starken Bindfaden aus der Tasche und band dem +San Antonio eine Schlinge um den Hals. Dann hob er die Figur über den +Brunnenrand und ließ sie hier eine Weile hängen und zappeln. + +„Wo ist die Uhr, San Antonio?“ fragte Silvestre. + +San Antonio war entweder zu heilig oder zu eigensinnig, den Mund zu +öffnen, vielleicht war er auch an Folterungen des ersten Grades zu sehr +gewöhnt, als daß er jetzt schon, aus Furcht, den Ort, wo sich die Uhr +befand, verraten haben würde. + +Aber so wenig wie irgend jemand bisher Mitleid für Silvestre im Leben +gezeigt hatte, so wenig Mitleid zeigte er nun für San Antonio. Er ließ, +als San Antonio nicht antworten wollte, ihn an dem Bindfaden weiter +hinunter in den Brunnen, bis die nackten Füße des Heiligen das Wasser +berührten. + +„Wo ist meine Uhr?“ fragte Silvestre wieder. Und wieder fühlte sich San +Antonio zu erhaben, zu antworten. + +Da ließ ihn Silvestre nun völlig untertauchen, tauchte ihn einigemal auf +und nieder in dem Wasser, zog ihn hinauf und stellte ihn auf den +Brunnenrand. + +„So“, sagte er, „nun weißt du, wie es unten im Brunnen aussieht. Ich +gebe dir jetzt Zeit bis morgen. Dann komme ich hier zurück. Und wenn du +dann die Uhr nicht hast und mir auch nicht sagst, wo sie ist, lasse ich +dich für eine volle Woche unten im Brunnen. Dann wirst du wohl endlich +deine Widerspenstigkeit aufgeben.“ + +Silvestre hatte es gut erfahren, wie ihm und seinen Mit-Peones auf den +Haziendas der Groß-Grundherren Widerspenstigkeit und angebliche Faulheit +ausgetrieben wurden; so durfte sich der Heilige nicht darüber beklagen, +daß an ihm nun verübt wurde, was weder er noch alle Pfaffen je verhütet +hatten, daß es an indianischen Landarbeitern regelmäßig getan wurde. Und +es darf als sicher angenommen werden, würde man an allen Göttern, +Heiligen und Pfaffen das gleiche tun, was man an Arbeitern tut, ganz +gleich ob es indianische oder europäische sind, so würde die Religion, +die derartige Dinge in zweitausend Jahren nicht zu verhüten vermochte, +wohl schnell abgeändert werden. In Mexiko hängt man unzufriedene +Landarbeiter vierundzwanzig Stunden in den Brunnen, und in Europa hängt +man unzufriedene Arbeiter auf die Verhungerungsliste oder hinter +Gefängnisgitter. + +Silvestre gab seinem Heiligen Zeit, sich zu besinnen. Er nahm ihn +herunter vom Brunnenrand, steckte ihn wieder in den Zuckersack und +verbarg ihn unter einem dichten Dornenstrauch im Busch. Die Mönchskutte +des Heiligen war sehr naß geworden; aber Silvestre hatte jegliches +Mitleid mit seinem widerspenstigen San Antonio verloren und ließ ihn in +der nassen Kutte frieren. + +Am nächsten Tag war Sonntag, und Silvestre hatte Zeit genug, die +Folterung seines Heiligen fortzusetzen. + +Er machte sich frühzeitig auf den Weg, um zu sehen, ob San Antonio +inzwischen die Uhr herbeigeschafft habe. Die Uhr war natürlich nicht zur +Stelle. San Antonio hatte sie nicht auf sich und nicht unter sich +liegen, und in einer Falte seiner jetzt naß und modrig riechenden Kutte +war die Uhr auch nicht verborgen. Silvestre hatte die Uhr auch nicht in +seiner Hütte unter der Schilfmatte, auf der er schlief, gefunden, wie er +bestimmt gehofft hatte. + +Silvestre nahm infolgedessen seinen Heiligen wieder vor. + +„Immer noch widerspenstig, querido Santo?“ sagte er zu ihm. „Warte nur, +ich werde dich schon kriegen.“ + +Und ohne weitere Ansprachen oder gar Gebete zu vergeuden, ließ er den +Heiligen wieder hinunter in den Brunnen, so tief, bis er mit den Füßen +auf dem Grunde aufzustehen schien. Er knüpfte den Bindfaden an einem +Strauch, der in dem Mauerwerk des Brunnens Wurzel gefaßt hatte, fest, um +den Heiligen auch wieder aus dem Brunnen ziehen zu können, wenn er die +Uhr unter seiner Matte gefunden haben würde. + +Diese Arbeit getan, überließ er es dem Heiligen, sich zu befreien, oder +wenn er sich nicht selbst befreien konnte, seine Befreiung dadurch zu +erwirken, daß die Uhr unter die Matte, auf der Silvestre schlief, gelegt +würde. + +Silvestre hatte während der ganzen Woche keine Zeit, zum Brunnen zu +gehen; denn er hatte in der Kupfermine zu arbeiten. Und abends war er zu +müde, den weiten Weg in den Busch zu tun, um zu sehen, wie es dem +Heiligen ginge. + +Am Freitag nachmittag, als sie ausfuhren aus der Mine, sagte sein +Arbeitskamerad Lozano zu ihm: „Oye, Silvestre, wieviel gibst du mir +Findervergütung für deine Uhr, die ich beim Aufkehren heute im Tunnel +gefunden habe?“ + +„Hombre, das ist gut von dir“, sagte Silvestre; „ich gebe dir ganz gern +einen Toston, fünfzig Centavos, als Vergütung.“ + +„Das ist mir recht, Silvestre, gib her den Toston und hier hast du deine +Uhr. Es ist nichts daran, sie geht wie neu. Nicht einmal das Glas ist +gebrochen; denn als ich es blinken sah im Kehricht, da war ich +vorsichtig, und darum ist gar nichts daran zerbrochen. Ich wußte gleich, +daß es deine Uhr ist. Ist ja doch dein Name drin, und du hast es ja auch +allen gesagt, daß du die Uhr verloren hast.“ + +Silvestre bezahlte die fünfzig Centavos – sein Arbeitskamerad tat es +billiger als der Heilige – und empfing seine Uhr. + +Am Sonntag ging er zum Brunnen, den Heiligen zu erlösen, weil es nun +keinen Zweck mehr hatte, ihn zu foltern. + +Aber von dem Hinundherscheuern des Strauches im Winde war der Bindfaden, +an dem San Antonio im Brunnen hing, am Mauerwerk abgeschliffen worden +und endlich gerissen. Silvestre konnte deshalb den Heiligen nicht mehr +heraufziehen, und die Mühe, seinetwegen in den Brunnen zu klettern, war +der Heilige nach Meinung des Silvestre nicht wert. + +„Geschieht dir ganz recht, Santito“, rief Silvestre hinunter in den +Brunnen, „daß du da drin liegst. Wenn Lozano meine Uhr nicht gefunden +hätte, du hättest sie nie, in deinem ganzen Leben nicht, gefunden. Ich +brauchte Lozano nicht so viel zu bezahlen, als ich dir für deine Arbeit +versprochen habe. Du bist zu nichts zu gebrauchen. Und es ist gar nichts +an dir verloren, wenn du da unten liegenbleibst, wo du bist. Dein gut +verdientes Los.“ + +Gott läßt keinen Sperling verhungern, wenn es nicht in seiner, Gottes, +Absicht liegt. Noch viel weniger läßt er einen seiner Heiligen in einem +grausigen Brunnen vermodern. Darum sandte er zwei indianische +Kohlenbrenner zufällig einen Weg so durch den Busch, daß sie an dem +Brunnen nah vorübergehen mußten. Um sich auszuruhen, setzten sie sich +eine Weile auf den Brunnenrand und drehten sich eine Zigarette. + +Und als sie rauchten und gelegentlich hinunter in den Brunnen blickten, +sagte der eine von ihnen: „Da ist ein Mann drin im Brunnen, ich sehe +seinen Kopf und das Haar, das er auf dem Kopfe hat.“ + +Erschreckt sagte der andere: „Wo? Ja, jetzt sehe ich ihn auch. Du, +Hombre, das ist ein Pfaffe, er hat eine Tonsur auf dem Schädel.“ + +Sie liefen ins Dorf und erzählten, daß im Busch ein Pfarrer in den +Brunnen gefallen sei. Die Einwohner machten sich gleich auf mit einer +Baumleiter und mit Lassos, um den verunglückten Cura aus dem Brunnen zu +ziehen. + +Und als sie ihn hoch hatten, erkannten sie, daß es der San Antonio war, +der seit dem vorigen Samstag auf so geheimnisvolle Weise von seinem +Altar fort auf die Wanderung gegangen war. + +Zu welchem Zweck und mit welchen heiligen Absichten San Antonio auf eine +so ferne Reise gezogen war, verriet der Senjor Cura nicht. Er tat sehr +geheimnisvoll und sprach von göttlicher Weisheit und göttlicher Fügung, +die zu erforschen der gewöhnliche Mensch kein Recht habe. + +Der Pfarrer wollte Zeit gewinnen, um sich zu überlegen, welche Deutung +und welche Auslegung er dieser geheimnisvollen Wanderung des Heiligen +geben könne, um den verdammenswerten Unglauben, der sich besonders unter +den Arbeitern in den nahe gelegenen Kupferminen breit zu machen suchte, +von Grund auf und mit energischen Mitteln zu zerstören. Denn das war +seine Pflicht, und diese Pflicht zu erfüllen war er ausgesiebt worden +aus der Spreu der Verlorenen und Verdammten. + + + + + FAMILIENEHRE + + +Konsul Revelsen war der glänzend bezahlte Generalvertreter einer +europäischen Firma, die Weltruf hatte. Jedes Kind kannte ihn. Aus +hundert verschiedenen Gründen stand er bei der eingeborenen Bevölkerung +in derselben hohen Achtung wie der Gouverneur. Er war ein stattlicher +Mann und außerordentlich wohlbeleibt, was zu seinem Ansehen unter den +Indianern, die alle sehr mager sind, nicht wenig beitrug. + +Seine Gattin hielt auf eine gute – ach, was sage ich da! – hielt auf +eine unvergleichliche Küche, die Konsul Revelsen, um seine Frau nicht zu +kränken, so sehr schätzte, daß seine Leibesfülle beängstigend wurde. + +Die gute Küche verlangte gute Köchinnen, und Senjora Revelsen besaß die +seltene Gabe, unter ihren indianischen Mädchen die talentierteste +herauszufinden, die dann, wenn sie zur Oberpriesterin im Allerheiligsten +geweiht worden war, wie eine kostbare Kristallvase behandelt wurde. +Diese beneidete und von ihren Stammesangehörigen mit Ehrfurcht +betrachtete Stellung hatte jetzt Teofilia inne. + +Teofilia hatte sich als Kind eines Tages elternlos gefunden. Ob die +Eltern gestorben oder abgewandert oder zwei neue Familien gegründet +hatten, ist nie bekannt geworden. Teofilia wurde in die Hütte ihres +kinderlosen Onkels aufgenommen. Trotzdem weder Onkel noch Tante in die +Arbeit sehr verliebt waren und infolgedessen in Verhältnissen lebten, +die selbst unter diesen Leuten als sehr bescheidene angesehen werden, +fand Teofilia hier eine wahre Heimat. Sie liebte Onkel und Tante und +deren Freundeskreis mehr, als sie je ihre Eltern geliebt hatte. Mit +dreizehn Jahren kam Teofilia zur Stadt und fand in einem europäischen +Hause Stellung. Sie arbeitete sich immer höher hinauf, bis sie es zur +höchsten Würde gebracht hatte, die einem Mädchen ihrer Herkunft nur +unter den allerglücklichsten Voraussetzungen offenstand: Köchin bei +Senjora Revelsen. + +Onkel und Tante zogen in ein Dorf ganz nahe der Stadt, um sich am Glanze +ihrer Nichte zu sonnen, noch weniger zu arbeiten als bisher und die +Krümelchen, die von den zahlreichen Seitentischen des großen Mannes +fielen, als unzerstörbare Basis ihres Lebensunterhaltes zu betrachten. + +Eines Vormittags kam Senjora Revelsen in die Küche, und sie fand +Teofilia auf einem Stuhl zusammengebrochen, in Tränen zerfließend. + +Mit einem Aufschrei, in den die weiblichen Angehörigen dieses Volkes +eine Welt voll Seelenstimmung legen können, fiel Teofilia ihrer Herrin +zu Füßen. + +„Oh, geliebte Senjora, oh, angebetete Herrin, warum stürzt nicht der +Himmel herunter! Oh, warum berstet nicht die Erde, mich in meinem +Unglück zu verschlucken! Warum haben die Heiligen, die ich anspeie – oh, +heilige Maria Mutter Gottes, vergib mir diese Todsünde –, oh, warum +haben diese mir das angetan!“ + +Dabei wandte sich Teofilia auf dem blanken Küchenboden herum, als ob sie +in der Tat sich zum Mittelpunkt der Erde hindurcharbeiten wolle, um von +ihrer Qual erlöst zu werden. + +Um einen Fehltritt mit Folgen handelte es sich nicht. Senjora Revelsen +wußte aus reicher Erfahrung, das wird nicht tragisch genommen, sondern +wird abgemacht mit derselben Geste, mit der man eine unvorsichtig +beigebrachte Schnittwunde am Finger behandelt. + +„Was ist es denn?“ fragte sie mütterlich. „Ist Mariano – hat er sich +eine andere genommen?“ + +„Zur Hölle mit dem eiterbeuligen Hund! Er war gestern wieder besoffen. +Ich hasse ihn und spucke ihn an, diesen aussätzigen Coyote.“ + +Also eine Liebesgeschichte war es auch nicht. + +„Wollen Sie es mir nicht sagen, Teofilia, was ist es denn? Vielleicht +kann ich helfen.“ + +In dem Schluchzen und Stöhnen Teofilias entstand plötzlich eine +effektvolle Kunstpause, die wie eine beängstigende Stille etwas +Grausiges vorbereitet, das mit einem gewaltigen Donnerschlag beginnt. + +Und in der Tat, es erfolgte ein Donnerschlag, wie ihn in solcher +Ursprünglichkeit Himmel und Erde nicht hervorbringen können. Teofilia +richtete sich halb vom Boden auf, als ob sie erst die Lungen ganz +vollpumpen müsse. Dann warf sie die Arme hoch in die Luft und den Kopf +in den Nacken und schrie: „Mein Onkel ist mu–errrrrr–tooooooooo!“ + +Instinktiv ging Senjora Revelsen einen Schritt zurück, lehnte sich fest +gegen den Türrahmen und hielt sich mit nach hinten geworfenen Händen an +den Türpfosten fest. Sie hatte das Empfinden, als ob das Haus in seinen +Grundfesten erschüttere, und mit einem verstörten Blick sah sie rasch +nach den Fensterscheiben. Es überkam sie ein so träumendes dumpfes +Gefühl, als müßten wenigstens die Fensterscheiben gesprungen sein. Denn +der Schrei Teofilias kam nicht von dieser Welt, in denen die Gefühle und +Empfindungen der kaukasischen Rasse wurzeln. + +Man falle nicht in den Irrtum, anzunehmen, daß diese Gefühlserregung +Teofilias Komödie oder Verstellung war, um vielleicht das Mitleid ihrer +Herrin wachzurufen. Dieses Stadium der Zivilisation, wo man mit +vorgetäuschten Gefühlen Geschäfte macht, Geldgeschäfte oder +Gefühlsgeschäfte, haben die Indianer noch nicht erklommen. Ihre +Äußerungen des Schmerzes oder der Freude sind noch echt, wenn sie uns +auch manchmal gekünstelt oder übertrieben erscheinen, weil sie in andern +Instinkten wurzeln. + +Teofilia erhielt sofort zwei Tage Urlaub, um ihren Onkel sicher und +angemessen unter die Erde zu bringen; denn die Verstorbenen werden des +Klimas wegen meist sofort am selben Tage oder am nächsten Morgen +beerdigt. + +Teofilia erhielt ferner zehn Pesos Vorschuß. Trotz ihres hohen Lohnes +war sie immer in Geldnöten, weil sie all ihr Geld in seidenen Strümpfen, +modernen Halbschuhen, Ohrringen, Halskettchen, Stierkämpfen, +Lotterielosen und einer Unmasse kostspieliger Parfüme und Seifen +anlegte. + +Wenn einem Familien- oder Stammesangehörigen von einem der vielen +Dienstboten des Konsuls Revelsen irgend etwas zustieß, was immer es auch +sein mochte, so wandte er sich, um das Unheil abzuwenden oder wenigstens +abzuschwächen, naturgemäß zuerst an die Heiligen, dann an die Heilige +Jungfrau, und wenn die nicht helfen konnten oder nicht mochten, dann an +Gottvater selbst. Wenn auch der in der Sache nichts tun konnte, dann +wendeten sie sich vertrauensvoll an den, der allmächtiger war als alles, +was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist. Und das war – kein +Zweifel darüber – Senjor Konsul Revelsen. Es gab nur einen Fall im +Erdendasein jener Indianer, die in naher oder ferner, oft in nebelhaft +ferner Beziehung zu seinem Hause standen, wo auch Senjor Revelsen nicht +mehr helfen konnte, und das war, wenn ein Indianer tot war, so tot war, +daß man es bereits zwei Straßen weit roch. Solange er noch nicht roch, +konnte Senjor Konsul immer noch erfolgreich eingreifen. + +Teofilias Onkel roch noch nicht, denn er war erst vier Stunden tot. Aber +kein Gott und kein Senjor Revelsen konnte ihn mehr erwecken; denn er +hatte das Schilfdach seiner Hütte ausbessern wollen, war durch das Dach +gestürzt, mit dem Fuß in einer Sparre hängengeblieben, dann +runtergefallen und hatte sich dabei das Genick gebrochen. + +Am nächsten Morgen, noch lange vor Frühstück, erschien Teofilia schon +wieder in der Küche. Als Senjora Revelsen sie fand, weinte das Mädchen +herzzerbrechend und war nicht zu beruhigen. + +„Wie war das Begräbnis, Teofilia?“ erkundigte sie sich teilnehmend. + +Und von Schluchzen und Tränenströmen unausgesetzt unterbrochen, erzählte +Teofilia: „Oh, geliebte Senjora, wir haben ihn nicht begraben können, +meinen armen guten Onkel. Seine Hose ist so alt und hat so viele +verschiedenfarbige Flicken, und er hat kein ganzes Hemd. Wir können ja +niemand von den Bekannten hereinlassen und ihn sehen lassen, wir müßten +uns ja zu Tode schämen. Wie könnte ich meinem lieben guten Onkel, der +immer so gut zu mir war, eine solche Schande antun? Das würde er mir in +der Ewigkeit nicht vergessen, daß ich ihm gegenüber eine solche +Undankbarkeit gezeigt habe. Und wenn wir ihn heimlich begraben, ohne daß +alle Bekannten ihn gesehen haben, würde er keine Ruhe finden in seinem +Grabe.“ + +Wie sich Teofilia den Ausgang der Angelegenheit dachte, war nicht +festzustellen. Irgendeinen Gedanken oder Plan hatte sie nicht. Aber in +ihrer Hilflosigkeit hatte sie, wie in einem Dämmerzustande, den Weg zu +jenem Hause gefunden, wo Hilfe und Rat aufgespeichert lagen, von deren +Art sie keine Vorstellung hatte. Es war wie ein rührendes Gottvertrauen, +das sie zu der Küche trieb. + +Senjora Revelsen wußte sofort, was zu tun sei. Sie ließ die +verzweifelnde Teofilia für einen Augenblick allein und eilte zu ihrem +Gemahl, mit dessen Hilfe der Rat zur Tat wurde. Es dauerte keine zehn +Minuten, da war Senjora Revelsen wieder in der Küche; und nach weiteren +zehn Minuten verließ Teofilia so strahlend und so leicht beschwingt das +Haus, als hätte sie das sichere Mittel in der Hand, ihren Onkel in das +rauhe Leben zurückzurufen. Ob sie es in diesem Überschwang ihrer +Seligkeit getan hätte, ist freilich sehr in Frage zu stellen, denn die +Wiedererweckung des Onkels hätte eine grandiose Begebenheit unmöglich +gemacht. Unter ihrem Arm trug sie, sauber verschnürt, einen fast noch +neuen Frackanzug des Konsuls Revelsen, dem seine Anzüge immer sehr rasch +zu eng wurden. Teofilia hatte nicht nur den vollständigen Frackanzug, +sondern alles, was dazu gehörte: Lackschuhe, seidene Socken, ein +seidenes Frackhemd, einen blendendweißen Kragen, einen weißen seidenen +Schlips und weiße Handschuhe. Auf dem ganzen Wege hatte Teofilia nur +einen Gedanken: Wenn doch das nur der Onkel sehen könnte, wenn er nur +für zwei Minuten die Augen aufmachen könnte, um die unvergleichlich +schöne Leiche zu sehen, die er darstellt, und alles, was seine Teofilia +für ihn getan hat! Aber das Leben geht andere Wege, als wir armen +Menschen denken. + +Am späten Nachmittag war Teofilia wieder in der Küche, verweinter und +verzweifelter als je. Senjora Revelsen setzte das auf Kosten der +Nachwehen des soeben stattgefundenen Begräbnisses, und sie sagte +mitleidig zu Teofilia: „Nun hat der gute arme Onkel seine verdiente +Ruhe, Gott wird ihm seinen Frieden geben!“ + +Jedoch ein aus tiefster Tiefe kommender Schrei des Schmerzes einer zur +Verzweiflung treibenden Menschenseele leitete eine Erzählung ein, die +man nur denen der antiken Tragödien als ebenbürtig an die Seite stellen +kann: „Oh, angebetete Senjora, wie reich haben Sie mich beschenkt! Wie +hoch haben Sie, holde Senjora, meinen guten Onkel geehrt mit jenem +wundervollen Anzug! Aber der Anzug paßt ihm nicht! Der Onkel ist ja so +sehr mager, und Ihr Senjor ist so sehr fett. Wir haben ihm den schönen +Anzug angezogen, haben dann aber den Onkel nicht mehr wiedergefunden. +Wir hätten die Tante und meinen andern Onkel noch dazupacken können und +immer noch Platz übrigbehalten. Ich habe für einen Peso +Sicherheitsnadeln gekauft, und wir haben den Anzug überall gesteckt, +aber als es fertig war, konnte niemand sehen, was für einen schönen +Anzug der Onkel hatte. Nun haben wir die Bekannten nicht hereinlassen +können, und wir wissen nicht, was wir mit dem Onkel machen sollen, weil +wir ihn nicht begraben können, ohne daß ihn die Leute gesehen haben.“ + +Senjora Revelsen fragte sofort bei bekannten Familien an. Es war jedoch +kein anderer Anzug aufzutreiben, der die Wünsche Teofilias befriedigt +hätte. + +Vollständig gebrochen, den Todesstachel scheinbar tief im Herzen +sitzend, schleppte sich Teofilia in die heimatliche Hütte zurück. Da +auch der Allmächtigste der Allmächtigen hier keine Hilfe spenden konnte, +bestand für Teofilia kein Zweifel, daß das Ende der Welt noch vor morgen +früh erfolgen würde. + +Die nächsten drei Tage hörte Senjora Revelsen nichts mehr von ihrer +Köchin. Sie setzte infolgedessen Teofilia auf die Verlustliste. Jedoch +als Senjora Revelsen am folgenden Morgen sehr frühzeitig in der Küche +erschien, fand sie Teofilia bereits anwesend und arbeitend, als wolle +sie in einer Stunde alles einholen, was sie in den verflossenen Tagen +versäumt hatte. Das Frühstück war beinahe fertig, und es hatte alle jene +kleinen Raffiniertheiten, die Senjor Revelsen so sehr liebte. + +Teofilia strahlte und blühte. Die Seligkeit, die in ihr brannte, schien +sie zersprengen zu wollen: „Oh, angebetete, oh, allergnädigste und +huldreichste Senjora, das war ein Begräbnis! Das – war – ein – +Begräbnis! Alles spricht davon. Ich habe doch hier so geweint, weil der +herrliche Anzug nicht paßte. Da habe ich Ihnen doch recht große +Undankbarkeit gezeigt. Ich bin wert, daß Sie mich gleich auf der Stelle +verfluchen. Am nächsten Morgen, als wir so recht traurig waren und nicht +wußten, was wir machen sollten, sahen wir auf einmal, daß der Onkel +angefangen hatte, aufzuschwellen. Wir warteten, und am darauffolgenden +Tage war er noch viel mehr geschwollen, und endlich war er so dick, daß +ihm der Anzug paßte, als ob er für ihn gemacht worden sei. Da haben wir +alle Verwandten und Bekannten hereingerufen, und die haben nur immer +gestaunt und gestaunt über die wunderschöne Leiche, und sie haben +gesagt, so eine schöne Leiche habe noch nie jemand gesehen. Und alle, +die Onkel sahen, sagten, er sehe genau so aus wie Ihr Mann, Senjora, und +wenn man ihn so ruhig, so fett und so schön daliegen sehe, könne man +wahrhaftig meinen, es sei der Konsul Revelsen persönlich, der da +aufgebahrt liege.“ + + + + + EIN HUNDEGESCHÄFT + + +Eines Tages kam der Indianer Ascension zu mir und fragte mich, ob er +denn nicht einen von meinen kleinen jungen Hunden haben könne. Ich hatte +fünf und wäre froh gewesen, wenn ich drei hätte loswerden können. + +„Sie können ganz gewiß einen haben“, sagte ich. „Welchen möchten Sie +denn?“ + +Die kleinen Hunde spielten mit ihrer Mutter gerade vor uns im Sande. + +„No le hace, das ist mir ganz gleich“, sagte Ascension. „Geben Sie mir +einen, welchen Sie wollen, Senjor.“ + +Ich nahm so einen kleinen Wicht beim Wickel und reichte ihn Ascension. +Er hätschelte ihn gleich und freundete sich mit ihm an. Ich hatte ja +nicht die Absicht, viel für den Hund zu verlangen. Aber mit dem +Wegschenken muß man sehr vorsichtig sein. Das wird immer falsch +verstanden. Hätte ich ihm den Hund geschenkt, dann wären eine halbe +Stunde darauf alle Männer und Jungen des Dorfes gekommen, um einen Hund +von mir geschenkt zu erhalten. Diejenigen nun, denen ich keinen hätte +geben können, weil ich ja nur drei hergeben wollte, würden mich gefragt +haben, warum ich denn den Hund gerade Juan gegeben habe und nicht Pedro, +warum Elicio und nicht Atanasio, was mir denn Elicio je Gutes getan +hätte, daß ich ihm den Hund gegeben hätte, während mir doch Nazario +gestern erst einen halben gekochten Kürbis gebracht habe. Und wenn ich +schon damit begann, einen kleinen Hund wegzuschenken, so kam morgen +vielleicht ein Mann und sagte mir, ich könnte ihm doch gut eine von den +kleinen Ziegen geben oder eins der kleinen Schweinchen. Es sind solche +Erfahrungen, die einen lehren, alle Handlungen und Geschäfte, die man +vorhat, klug zu überlegen. + +„Das Hündchen kostet einen Peso“, sagte ich nun zu Ascension. + +„Das ist viel zu teuer für so einen kleinen Hund“, sagte darauf der +Indianer. „Er kann ja noch gar nicht richtig bellen.“ + +„Wenn Ihnen der Perrito zu teuer ist, dann mögen Sie den dort haben“, +ich packte einen andern von den kleinen Burschen, „der kostet nur +achtzig Centavos, vier mal zwanzig Centavos.“ + +Der Hund war genau so gut wie der für einen Peso. + +„Oder“, ich ergriff wieder einen andern, „Sie können auch den hier +haben, der kostet nur acht Reales.“ Acht Reales sind ein Peso. + +„Nur acht Reales?“ fragte Ascension erstaunt. „Das ist aber einmal +billig. Wie können Sie nur so billig einen so schönen Hund hergeben?“ + +„Ich tu das auch nur für Sie, Ascension, ein anderer Mann müßte mir +wenigstens zwölf Reales dafür bezahlen.“ + +Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Ich nehme aber doch +lieber den Hund für einen Peso. Das ist ja sehr teuer, mucho dinero, +aber er ist der beste Hund, der tapferste. Er macht einen guten Beller, +das sehe ich jetzt schon.“ + +Er nahm den Hund auf, nestelte ihn in seinen Arm, sagte „Adios, Senjor!“ +und wollte gehen. + +„Oiga, Ascension, hören Sie einmal, was ist denn mit dem Peso? Ich habe +Ihnen doch gesagt, der Hund kostet einen Peso.“ + +Ascension blieb ganz unschuldig stehen: „Einen Peso? Ja, das ist ganz +richtig, seguro, einen Peso. Sie haben das gesagt, einen Peso.“ + +„Und den Peso müssen Sie mir jetzt geben, Ascension, oder Sie können den +Hund nicht mitnehmen.“ + +„Was sind Sie denn nun eigentlich?“ fragte Ascension, ohne den Hund +niederzusetzen. „Sind Sie denn nun eigentlich ein Christ, oder sind Sie +ein böser Heide? Das glaube ich doch nicht von Ihnen. Sie sehen doch, +wie sehr der Hund mich liebt.“ + +Das war nicht ganz richtig. Das Hündchen strampelte und wehrte sich und +wollte wieder zurück zu seiner Mutter. + +„Sehen Sie denn nicht, Senjor, daß der tapfere Hund immer an mein +Gesicht heran will, weil er mich liebt und nicht mehr von mir fort +will?“ + +Ich mußte das Gespräch wieder auf den Kernpunkt zurückführen, denn ich +erkannte seine Absicht, die Rechtslage zu verwirren und sie zu jenem +Punkt zu führen, wo er von mir einen Peso verlangen wird, daß er den +Hund überhaupt zu sich nach Hause trägt. + +„Haben Sie einen Peso bei sich?“ fragte ich ihn nun. + +„Nein, ich habe natürlich keinen Peso bei mir.“ + +„Dann müssen Sie den Hund wieder hergeben und erst einen Peso bringen“, +sagte ich und nahm ihm das Hündchen wieder ab. + +Er war keineswegs gekränkt. Er blieb noch eine Weile stehen, sah den +spielenden Hunden zu, redete noch einige nebensächliche Dinge und +trottete dann seiner Wege. + +Am nächsten Morgen, sehr frühzeitig, war Ascension wieder bei mir. + +„Wer kocht Ihnen denn Ihre Frijoles?“ fragte er. + +„Die koche ich mir selbst.“ + +„Wer macht Ihnen denn die Tortillas?“ + +„Die mache ich mir auch selbst.“ + +Er schüttelte den Kopf. Er stand einer ihm völlig fremden Welt +gegenüber. Für ihn war es unbegreiflich, daß ein Mann allein leben +konnte, daß ein Mann sich sein Essen selbst kochte, seine Wäsche selbst +wusch. Selbst die indianischen Soldaten der Armee haben alle ihre Frauen +in der Nähe, und bei Truppentransporten müssen die Frauen alle +mitgenommen werden. + +Nun sah er mich eine Weile an und sagte dann: „Sie sehen gar nicht gut +aus, Senjor. Sie haben gar kein Fett an sich. Wie ein ganz mageres +Hähnchen. Ich glaube nicht, daß Ihnen das gut tut. Wissen Sie, Sie +können sehr leicht krank werden, wissen Sie das auch?“ + +„Krank? Ich? Warum?“ + +Er wartete und schien zu überlegen, was oder wie er das Was sagen +sollte. + +Endlich war er mit der Form, in der er seinen Gedanken ausdrücken +wollte, einig: „Ja, krank, das meine ich. Man kann sehr leicht krank +werden, wenn man ganz allein wohnt wie Sie. Das geht nicht. Ich will +Ihnen auch sagen, was Ihnen fehlt. Es fehlt Ihnen jemand, der Ihnen die +Frijoles kocht und die Tortillas klatscht. Das fehlt Ihnen, amigo.“ + +„Ich werde ganz gut allein fertig“, sagte ich. + +„Das werden Sie nicht, Senjor. Mir können Sie so etwas nicht erzählen. +Ich bin ein ausgewachsener Mann. Kennen Sie meine Tochter Feliciana?“ + +„Nein.“ + +„Meine Feliciana ist siebzehn Jahre, ein starkes und gesundes Mädchen, +meine Feliciana. Das ist sie. Und sie ist ein sehr hübsches Mädchen. Sie +badet sich zweimal in der Woche in der großen Tonne. Das tut sie. Sie +hat sehr schönes langes und dickes Haar. Das kämmt sie jeden Tag +zweimal, und sie nimmt sich sehr viel Zeit dazu.“ + +„Das ist Ihre Feliciana? Bueno, aber warum erzählen Sie –?“ + +Er ließ mich meine Frage nicht beenden: „Meine Feliciana kocht die +Frijoles und überhaupt alles viel besser als meine Frau. Sie kann viel +mehr kochen. Sie kann auch viel besser zählen als ich. Und Sie werden es +gewiß nicht glauben, aber es ist die reine Wahrheit, sie kann sogar +ihren Namen schreiben. Ja, das kann die Feliciana.“ + +Die Hunde spielten dicht vor unsern Füßen herum. Ascension bückte sich +nun und hob einen der kleinen auf, den er gestern schon in der Hand +gehabt hatte. + +„Das ist der kleine Beller, den Sie mir für einen Peso verkaufen +wollen?“ fragte er nun. + +„Ja, das ist er. Der kostet einen Peso und nicht einen einzigen +Centavito weniger. Der ist sehr tapfer und kann gut bellen.“ + +„Das glaube ich auch jetzt beinahe, er hat einen guten starken Mund, und +die Zähne sind schon tüchtig spitz und scharf. Ich glaube, daß er schon +bald einen Banditen beißen kann. Einen Peso, sagen Sie, Senjor, einen +Peso und nicht einen Centavito weniger? Das ist teuer, sehr teuer.“ + +„Sie dürfen den Hund ruhig hierlassen, ich will ihn gar nicht +verkaufen“, sagte ich. + +„Was die Feliciana ist, meine Tochter“, begann er nun wieder, „die macht +eine sehr gute Köchin. Ich kann Ihnen das schwören bei Corpus Christi. +Sie verlangt nicht viel Lohn. Sechs Pesos den Monat. Und sie kocht gut, +und sie tut alle Arbeit. Sie läuft auch nicht fort. Freilich, drei Pesos +Lohn muß ich voraushaben, sonst kommt sie nicht. Ich habe eine Menge +Ausgaben für sie. Wenn Sie mir jetzt diese drei Pesos hier bezahlen, +dann schicke ich sie rauf. Sie kann tüchtig arbeiten.“ + +„Nein“, sagte ich, „die drei Pesos gebe ich Ihnen nicht. Ich kenne die +Feliciana gar nicht, weiß auch nicht, ob sie arbeiten will. Aber wenn +Sie denken, daß Sie eine gute Köchin ist, dann will ich sie für einen +Monat zur Probe nehmen. Aber ich zahle nicht voraus. Nach zehn Tagen +bekommt sie ihre zwei Pesos, und nach weiteren zehn Tagen wieder zwei +Pesos. Viel Arbeit hat sie ja gar nicht zu tun, ich bin ja auch den +ganzen Tag draußen auf meinem Acker.“ + +„Das weiß ich alles sehr gut“, sagte Ascension, „sonst könnte sie auch +nicht für sechs Pesos arbeiten, und sie müßte wenigstens sieben Pesos +haben. Also Sie wollen mir nicht die zwei Pesos vorausgeben, Senjor?“ + +„Nein.“ + +„Aber vielleicht einen Peso, Senjor. Ahora! Mire! Nun sehen Sie doch +einmal hier, ein Peso ist doch ganz wenig, gerade nur ein kleines +Stückchen Geld. Das können Sie mir doch leicht vorausgeben. Feliciana +kann auch tüchtig waschen. Sie versteht das gut, sie spart auch sehr mit +dem Fett, wenn sie kocht. Für ein paar Centavos kann sie ein gutes Essen +kochen. Die kann für einen Peso, nun warten Sie einmal, also sie kann +für einen Peso zwanzig Comidas, denken Sie nur, zwanzig Mittagessen +kochen. Wissen Sie, was Senjora Porragas in ihrer Fonda für ein einziges +Mittagessen verlangt? Das wissen Sie nicht. Aber ich weiß es ganz genau, +Jacinto hat es mir erzählt; sie verlangt für ein einziges Mittagessen +fünfunddreißig Centavos. Von solchem Gelde kann Feliciana mehr als zwölf +Mittagessen kochen.“ + +Während ich vorher nie an eine Köchin gedacht hatte, so war es mir +während der langen Unterredung doch so nach und nach in den Sinn +gekommen, daß ich unbedingt eine Köchin brauchte. Sie würde mir eine +ganze Menge Arbeit abnehmen, und ich könnte meine Gedanken auf andere +Dinge lenken als auf Hausarbeit, die mir viel Zeit wegnahm. So sagte ich +denn schließlich: „Gut, ich werde Feliciana als Köchin annehmen.“ + +„Das habe ich doch gewußt, daß Sie eine Köchin brauchen, Senjor“, sagte +nun Ascension mit großer und überlegener Sicherheit. „Denken Sie denn +nicht, daß es nun anständig wäre, mir wenigstens einen Peso zu geben als +Vorausbezahlung für den Lohn?“ + +Ascension hatte im Grunde recht, dachte ich. Es ist nur billig, daß man +bei Anstellung einer Arbeitskraft ein Handgeld gibt. Man tut es ja +sogar, wenn man einen Esel kauft oder eine Ziege, warum soll man es dann +nicht mit gleicher Berechtigung tun, wenn man einen Menschen zur Arbeit +annimmt? Durch den Platzwechsel hat ja der Mensch gewisse Ausgaben +nötig. + +„Oiga, Ascension“, sagte ich nun, „gut, ich will Ihnen einen Peso +vorausgeben auf den Lohn der Feliciana. Aber Sie müssen die Feliciana +nun auch gleich sofort heraufschicken, damit sie schon das Mittagessen +für heute kochen kann.“ + +„Auf der Stelle schicke ich sie rauf, die Feliciana“, sagte Ascension +mit einer Gebärde, als ob ich etwa an seiner Ehrlichkeit gezweifelt +hätte; „aber gleich sofort sage ich ihr, daß sie zu Ihnen hinaufgehen +soll. Ich werde ihr helfen, ihre Kleider und Schuhe in den Sack zu +packen, damit sie auch ganz schnell kommen kann.“ + +Ich ging ins Haus und brachte einen Peso heraus. Ich gab den Peso +Ascension und sagte noch einmal: „Also schicken Sie die Feliciana rauf +und sagen Sie ihr, daß ich auf sie warte im Hause und nicht auf das Feld +vorher hinausgehe.“ + +Ascension nahm den Peso, sagte: „Muchas gracias, Senjor!“, schob den +Peso in seine Hosentasche, drehte sich um und ging einige Schritte weit. + +Als er etwa zehn Schritte gegangen war, blieb er stehen, drehte sich +wieder um und kam zurück. + +Er ging auf die spielenden Hunde zu, hob den kleinen Hund, den er sich +ausgesucht hatte, auf und sagte: „Das ist doch der kleine tapfere +Beller, nicht wahr, Senjor?“ + +„Ja“, sagte ich zustimmend, „das ist ein kleiner tapferer Bursche, der +sicher einmal den Banditen das Fell tüchtig zerfetzen wird.“ + +„So sieht er aus“, sagte Ascension und nestelte das Hündchen in seinen +Arm. „Was sagten Sie, Senjor, wieviel das kleine winzige Hündchen kosten +soll? Er wiegt doch noch nicht einmal ein Kilo.“ + +„Der kostet einen Peso; ich kann nichts herunterhandeln lassen.“ + +„Das ist viel Geld für einen so kleinen Hund. Ich weiß nicht, wie ich +das machen soll. So viel Geld für einen kleinen Hund. Gut denn, Senjor, +ich will Ihnen einen Peso für den Hund bezahlen. Ich glaube nicht, daß +er einen Peso wert ist.“ + +Er suchte jetzt umständlich in seiner Hosentasche herum und brachte +endlich meinen Peso hervor. + +„Hier ist der Peso, Senjor, für das kleine Hündchen“, sagte er. „Den +Hund habe ich nun von Ihnen gekauft. Adios, Senjor!“ + +Und fort ging er, mit dem Hund im Arm. + +Ich wartete auf Feliciana. Aber sie kam nicht. Es waren nur etwa +fünfzehn Minuten bis zu ihrem Hause, und jetzt wartete ich bereits drei +Stunden. Ich mochte nun auch nicht aufs Feld hinaustrotten, weil sie ja +inzwischen vielleicht kommen konnte und mich dann nicht im Hause +antreffen würde. Endlich ging ich hinunter ins Dorf. + +Als ich zu der Hütte des Ascension kam, spielte er mit dem Hunde. + +„Pase, Senjor!“ sagte er sorglos, als er mich in der Tür stehen sah. Ich +trat näher, aber er schien nicht zu wissen, was ich von ihm wollte. + +„Hören Sie, Ascension“, sagte ich ohne weitere Einleitung, „Sie haben +mir doch versprochen, die Feliciana sofort hinaufzuschicken.“ + +„Freilich habe ich das versprochen“, gab er unbekümmert zu, „und was ich +verspreche, das halte ich stets. Ich habe Feliciana sofort +hinaufgeschickt zu Ihnen.“ + +„Sie ist aber nicht gekommen.“ + +„Dafür kann ich nicht, Senjor“, sagte er achselzuckend, „ich habe die +Feliciana sofort hinaufgeschickt. Aber sie ist nicht gegangen. Sie sagt +mir dreist: ‚Du hast mir gar nichts zu sagen!‘ Was will ich denn da +machen! Ich habe sie sofort hinaufgeschickt.“ + +„Also dann scheint es mir, daß Ihre Feliciana nicht als Köchin zu mir +kommen will“, sagte ich. + +„Ich habe sie sofort hinaufgeschickt, wie ich versprochen habe, ich bin +ein grundehrlicher Mensch.“ + +Ascension blieb bei seiner Rede und brachte keinen Wechsel hinein. + +„Das nützt mir nichts“, behauptete ich, „sie ist nicht gekommen.“ + +„Aber, Senjor, ich kann sie doch nicht zu Ihnen ins Haus schleppen wie +eine kleine Ziege. Sie ist doch eine erwachsene Frau. Ich habe sie +sofort hinaufgeschickt.“ + +„Gut, dann müssen Sie mir sofort den Hund wieder zurückgeben, +Ascension.“ + +„Den Hund, Senjor?“ Ascension machte ein erstauntes Gesicht. „Aber haben +Sie denn ganz vergessen, daß ich Ihnen den Hund für einen Peso abgekauft +habe? Das ist jetzt mein Hund, den habe ich für einen Peso von Ihnen +gekauft.“ + +„Dann müssen Sie mir den Peso wieder zurückgeben, den ich Ihnen +vorausbezahlte auf den Lohn der Feliciana“, sagte ich. + +„Den Peso, den Sie mir für die Feliciana bezahlt haben?“ + +„Ja, den Peso meine ich.“ + +„Aber, Senjor“, lachte nun Ascension, „den Peso habe ich Ihnen doch +zurückgegeben, als ich den Hund von Ihnen kaufte. Wissen Sie denn das +nicht mehr?“ + +Der Mann hatte recht. Er hatte mir den Hund abgekauft, und er hatte mir +auch den Peso, den ich vorausbezahlt hatte auf den Lohn der Feliciana, +zurückgegeben. + +Ich konnte das nicht gut bestreiten, denn ich hatte ja den Peso in +meiner Hosentasche. + + + + + DER ESELSKAUF + + +In dem Indianerdorfe, in dem ich lebte, lief alles Getier, Rinder, +Ziegen, Schweine, Hühner und unzählige Hunde, frei herum. Irgendeinem +Tier einen Stall zu bauen, hielt man für überflüssige Arbeit. Die Tiere +fühlen sich hier alle viel wohler ohne Stall. Jeder Indianer kennt zudem +sein Vieh ganz genau, auch wenn es keine Brandmarke trägt. + +Unter diesem Getier befanden sich viele Esel; denn jede Indianerfamilie +hatte wenigstens zwei Esel. Der Esel ist in Zentralamerika wichtiger als +eine gute Kuh. Das sah ich bald selbst ein, und ich beschloß, mir einen +Esel anzuschaffen, auf dem ich zu meinem Felde reiten konnte, und der +mir half, Holz und Feldfrüchte heimzuschaffen. + +Ich bemerkte unter den herumlaufenden Eseln einen, der sicher keinen +Besitzer hatte. Er wurde nie geritten, nie beladen, und wenn er sich in +der Nähe einer Hütte sehen ließ, trieben ihn die Jungen fort oder +hetzten die Hunde auf ihn. + +Man konnte es leicht verstehen, warum niemand von den Indianern sein +Besitzer sein wollte. Denn er war sehr häßlich. Das rechte Ohr stand +waagerecht heraus, und das linke Ohr hing schlaff herunter, weil es, +offenbar in des Esels weit zurückliegender Jugend, bei irgendeiner +Gelegenheit gebrochen war. An dem einen Hinterbein hatte er eine dicke +verhärtete Geschwulst, die von dem Biß einer Giftschlange oder dem Stich +eines Skorpions herrühren mochte. Infolge der merkwürdigen Stellung der +Ohren sah der Kopf sehr ähnlich dem eines Pariser Kunststudierenden. + +Seine Unabhängigkeit und sein Vagabundenleben machten den Esel, der +männlichen Geschlechts war, zum Herrscher über alle andern Esel im +Dorfe, und er verfügte über die weiblichen Esel wie ein Despot. +Natürlich immer zu seinen Gunsten und immer mit Erfolg. Rücksichtslos +kämpfte er jeden Nebenbuhler nieder, und bei diesen Kämpfen machte er +nicht nur von seinen Hufen, sondern auch von seinen Zähnen brutalen +Gebrauch. + +Einmal wurde er von zwei Indianerburschen mit Holz beladen, das der Esel +der beiden Burschen abgeworfen hatte, weil er glaubte, die Last sei zu +schwer für ihn, und er sich deshalb nicht verpflichtet fühlte, sie zu +schleppen. Der häßliche Esel jedoch nahm die Last auf, als sei sie nur +gerade Spielerei für ihn. Als er bei der Hütte der Burschen abgeladen +war, wollte er nicht mehr fort von der Hütte. Seine Sehnsucht war, einen +Herrn zu haben und eine Hütte, wo er das Recht hatte, während der +Mittagsglut im Schatten zu stehen, ohne daß ihn jemand mit Steinen +forttrieb. Die Jungen aber trieben ihn hinweg, nachdem er seine +Gelegenheitsarbeit getan hatte, weil sie nicht Besitzer eines so +grundhäßlichen Esels sein wollten. + +Ich hatte den ganzen Vorgang mit angesehen, und ich wußte auch, daß +niemand im Dorfe den Esel haben wollte und niemand sich als seinen +Besitzer erklärte. Nun ging ich in die Hütte und fand den Vater der +beiden Burschen auf dem Boden hocken, einen Mango mit den Zähnen +abschälend. + +„He, Boleo“, fragte ich, „wem gehört denn eigentlich der Hängeohresel?“ + +„Der gehört niemand, Senjor. Niemand im ganzen Dorfe. Auch mir nicht. +Der ist hier einmal zugelaufen oder vielleicht auch von einer +durchziehenden Karawane zurückgelassen worden. Quien sabe! Was weiß ich. +Der gehört niemand. Auch mir nicht.“ + +„Dann könnte ich doch eigentlich den Esel haben. Ich brauche notwendig +einen, und niemand hat einen volljährigen Esel zu verkaufen“, sagte ich +nun. + +„Natürlich können Sie ihn haben, como no“, antwortete Boleo, „wir sind +alle recht froh, wenn der Esel jemanden kriegt. Dann bricht er uns +wenigstens nicht mehr in die Felder. Aber er ist sehr häßlich, muy feo. +Ich möchte ihn nicht anfassen, so häßlich ist er.“ + +„Da mache ich mir nichts daraus. Er ist stark und läßt sich gut reiten“, +erwiderte ich. + +Dann ging ich heim, holte einen Lasso, fing mir den Esel ein und brachte +ihn zu meiner Behausung. Darauf lief ich zur Tienda, kaufte fünf Kilo +Mais und gab meinem neuen Arbeitsgefährten ein paar Hände voll Mais zu +essen. Er nahm den Mais – wohl den ersten seit langer Zeit – freudig und +dankbar entgegen und fühlte sich von jenem Augenblick an bei mir zu +Hause. + +Am nächsten Tage ritt ich stolz auf meinem Esel auf mein Feld hinaus, +und auf dem Heimwege belud ich ihn mit einer schönen Last Kürbisse für +meine Ziegen. Der gute Esel wurde mir durch seine willigen Dienste nach +wenigen Tagen schon unentbehrlich. Dadurch, daß ich auf das Feld +hinausreiten konnte, war ich in der Lage, mehr zu arbeiten, und weil mir +das starke Tier solche Lasten von Feldfrüchten heimschleppen konnte, +bekamen die Ziegen besseres Futter und gaben mehr Milch. + +So ging eine Woche vorüber. + +Es war an einem Sonntagnachmittag, als ein Indianer zu meiner Hütte kam, +mich begrüßte und um Feuer für seine Zigarette bat. Dann sagte er mir, +daß es sehr heiß sei, daß er schwer zu arbeiten habe, daß sein jüngstes +Kind an Husten litte und daß seine beiden Kühe recht wenig Milch gäben. +Um mir das alles zu erzählen, war er nicht gekommen. Nach einer Weile +deutete er zu meinem Esel hinüber, der an Maiskolben kaute, und sagte: +„Das wissen Sie doch wohl, Senjor, daß dies da mein Esel ist?“ + +„Ihr Esel?“ fragte ich erstaunt. „Das ist nicht Ihr Esel. Der Esel +gehört niemand.“ + +„Da sind Sie aber doch im Irrtum, Senjor. Das ist wirklich und +wahrhaftig mein Esel, beim heiligen San Antonio. Aber wenn Sie ihn gern +haben wollen, will ich Ihnen den Burro verkaufen. Billig, muy barato, +fünf Pesos nur, hier in die Hand.“ + +Das war allerdings billig. Unter zwölf Pesos bekommt man schwerlich +einen Esel; häufig kosten sie sogar fünfundzwanzig bis dreißig Pesos. +Ich dachte, das beste ist, ich bezahle die fünf Pesos, dann bin ich +rechtmäßiger Besitzer des Esels und habe mit niemand etwas zu tun. Ich +handelte noch einen Peso herunter, und dann zog der Mann ab mit dem +Gelde und mit den Versicherungen, daß ich sein Haus und alles, was er +habe, als mein betrachten dürfe. + +Es vergingen anderthalb Wochen, und als ich eines Spätnachmittags mit +meinem schwerbeladenen Esel müde vom Felde heimwanderte, begegnete ich +dem Indianer Rocio auf dem Wege. + +Er sagte: „Buenas tardes, Senjor, viel Arbeit, mucho trabajo, verdad?“ + +„Gewiß“, antwortete ich und wollte weitergehen. Aber Rocio hielt mich an +und sagte: „Morgen brauche ich den Esel. Ich habe Holzkohle draußen im +Busch und muß sie hereinschaffen.“ + +„Welchen Esel meinen Sie denn, Rocio?“ + +„Den da.“ Dabei deutete er auf meinen Esel. + +„Den können Sie morgen nicht haben“, gab ich zur Antwort. „Den brauche +ich morgen selbst.“ + +Rocio sah mich ruhig und unverwirrt an und sagte: „Das ist mein Esel. +Und ich denke doch nicht von Ihnen, Senjor, daß Sie, ein so vornehmer +und kluger Mann, einem armen Indianer, der nicht lesen und schreiben +kann, den Esel stehlen wollen.“ + +„Das ist aber mein Esel, Rocio. Den habe ich von Felipe für vier Pesos +gekauft.“ + +„Von Felipe, Senjor? Da will ich Ihnen nur sagen, der Felipe ist ein +gemeiner Schurke, ein Hurensohn, ein Lügner, ein Schwindler, ein Bandit, +ein Mörder und ein großer Hausanzünder. Der hat Sie betrogen und +belogen. Der hat keinen Funken Scham und gar keine Ehre. Der hat Ihnen +den Esel verkauft, und er hat doch ganz genau gewußt, daß dies mein Esel +ist, den ich selbst aufgezogen habe. Aber ich will Ihnen etwas sagen, +Senjor, ich bin ein ehrlicher und ein anständiger Mann, die Heilige +Jungfrau soll mich auf der Stelle mit den Pocken schlagen, wenn es nicht +wahr ist. Und ich will Ihnen gern den Esel für sechs Pesos verkaufen. Er +ist ja mehr als zwanzig wert; aber weil ich nicht ein solcher +niederträchtiger Schurke bin wie der Felipe, so will ich Ihnen den Esel +billig verkaufen, für zehn Pesos.“ + +„Sie haben doch soeben gesagt, für sechs Pesos.“ + +„Habe ich gesagt sechs? Wenn ich sechs gesagt habe, dann sollen Sie den +Esel auch für sechs Pesos haben. Ich bin kein Betrüger.“ + +Nun dachte ich aber doch, daß es vielleicht besser sei, erst einmal +genau festzustellen, ob Rocio nun auch wirklich der Besitzer sei, damit +nicht vielleicht morgen ein anderer Besitzer auftauche. Dazu ließ mir +aber Rocio keine Zeit. Er wollte sofort wissen, ob ich den Esel kaufe +oder nicht. Wenn nicht, dann würde er ihn hier auf der Stelle sofort +abladen und mich auch noch bei der Ortsbehörde wegen Viehdiebstahls +anzeigen, und dann käme ich ganz bestimmt in die Carcel, in das +Gefängnis. + +Während wir uns noch herumstritten, kam ein anderer Indianer vorbei, den +ich ebenfalls kannte. + +Rocio fiel ihn sofort an und fragte: „Hombre, Mensch, das ist doch mein +Burro hier? Ist das nicht mein rechtmäßiger Esel?“ + +„Freilich ist das dein Esel“, sagte der Mann, „claro, seguro, das kann +ich gut beschwören.“ + +Also da waren Zeugen. Rocio war im Recht. Ich handelte. Und als es +anfing, dunkel zu werden, waren wir auf drei Pesos und fünfzig Centavos +herunter. Er begleitete mich zu meinem Wohnbereich, wo er das Geld in +Empfang nahm und dann mit seinem Zeugen abwanderte, immerwährend +beteuernd und lamentierend, daß ich ihn bei dem Kauf schmählich übers +Ohr gehauen hätte, der Esel sei zehnmal mehr wert, aber gegen die +schlauen Weißen könne sich so ein armer unwissender Indianer ja nicht +verteidigen. + +Es vergingen wieder mehrere Tage. + +Als ich an einem Sonntagnachmittag an dem Hause des Bürgermeisters +vorüberkam, saß der Alkalde, der Bürgermeister, ebenfalls ein Indianer, +vor der Tür. Er rief mich an und bat mich, einen Augenblick näher zu +treten. + +Er bot mir einen wackligen Korbstuhl an und erzählte mir einige Sachen +aus seiner Familie. Dann, als ich endlich gehen wollte, sagte er: „Wie +ist das eigentlich mit dem Esel?“ + +„Mit welchem Esel?“ fragte ich. + +„Mit dem Gemeindeesel, den Sie da in Ihrem Hofe haben, und den Sie +reiten und arbeiten lassen.“ + +„Das ist mein Esel. Den habe ich gekauft“, sagte ich protestierend. + +Der Alkalde lachte und antwortete: „Den Esel kann Ihnen niemand +verkaufen. Das ist der Gemeindeesel. Wenn Ihnen jemand den Esel +verkaufen kann, so bin das nur ich allein und niemand sonst.“ + +Ich begann zu erstarren. + +Aber der Bürgermeister machte sich nichts daraus. Er sagte: „Der Felipe +und der Rocio, das sind die größten und die gemeinsten Spitzbuben und +Banditen. Das sind doch Mörder und Cabrones. Ich warte jetzt nur, bis +die Soldaten von der Municipalidad demnächst wieder hier vorbeikommen. +Dann lasse ich die beiden aber gleich verhaften, und da werde ich schon +schnell dafür sorgen, daß sie sofort erschossen werden. Solch ein +Gesindel habe ich hier im Dorfe.“ + +„Aber Rocio brachte einen Zeugen, der beschwören konnte, daß der Esel +dem Rocio gehörte“, verteidigte ich meinen Besitz. + +„Das war der Capillo“, sagte der Bürgermeister. „Der ist der +allergefährlichste Bandit. Der hat Stacheldraht gestohlen. Den lasse ich +auch erschießen. Gleich zuerst. Ich warte nur auf die Soldaten. Wie +können denn diese Mörder und Hausanzünder und Frauenräuber den +Gemeindeesel an Sie verkaufen! Ich habe doch gedacht, daß Sie als ein +weißer Mann etwas klüger sein könnten. Gemeindeesel dürfen gar nicht +verkauft werden. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Senjor. Sie haben den +Esel gern, das weiß ich. Und wir haben keinen einzigen Centavito in der +Gemeindekasse. Und da darf ich Ihnen schon den Esel verkaufen, damit wir +etwas Geld in die Gemeindekasse bekommen. Ich will Ihnen den Esel, der +ganz gut und ganz sicher zweimal zwanzig Pesos wert ist, für zehn Pesos +verkaufen, weil Sie ja schon diesen Halunken so viel Geld gegeben +haben.“ + +Schließlich einigten wir uns auf vier Pesos. Ich bezahlte das Geld, und +nun war ich endlich rechtmäßiger Besitzer des Esels. Für das Geld, das +ich bereits ausgegeben hatte, würde ich auch einen guten und schönen +Esel irgendwo bekommen haben. Von den beiden Halunken war natürlich +nichts wiederzukriegen. + +Dann kam Senjora Sanchez, eine ältere Frau, Halbblut, wieder heim ins +Dorf. Sie war mehrere Wochen in Saltillo zum Besuch ihrer verheirateten +Tochter gewesen. Im Dorfe besaß sie eine kleine Fonda, in der +vorbeiziehende Karawanentreiber und Reisende zu übernachten und zu essen +pflegten. Sie war keine zwei Stunden anwesend, da kam sie vor meine +Hütte gerast wie eine Wahnsinnige. Am Stacheldrahtzaun stand sie und +schrie: „Kommen Sie sofort einmal heraus, Senjor, ich habe ernsthaft mit +Ihnen zu sprechen.“ + +Nach kurzer Überlegung hielt ich es für gut, sofort zu erscheinen. + +Ohne „Guten Tag“ zu sagen, schrie sie: „Wo ist mein Esel? Sofort meinen +Esel her, oder ich schicke gleich zur Municipalidad, damit die Soldaten +kommen und Sie erschossen werden. Sie haben mir meinen Esel gestohlen!“ + +„Das ist der Gemeindeesel, den hat mir der Alkalde verkauft.“ + +„Der Spitzbube, der infame, wie kann Ihnen denn der Kindermörder und +Holzräuber meinen Esel verkaufen! Sofort will ich meinen Esel.“ + +Was soll man gegen eine halb wahnsinnige Frau machen? Ich gab ihr den +Esel. Sie nahm ihn in Empfang, schrie noch einmal: „Eine solche +Unverschämtheit!“, und dann gab sie dem Esel einen Tritt und ließ ihn +seiner Wege ins Freie ziehen. Sie hatte keine Verwendung für den Esel, +und sie gebrauchte ihn nie. + +Ich wollte wenigstens das retten, was ich schon gezahlt hatte, und ich +fragte zaghaft, ob sie mir nicht den Esel verkaufen wolle. Denn sie war +der rechtmäßige Besitzer. So konnte nur der auftreten, der zweifelsohne +im vollen Recht war. + +„Einem solchen Viehräuber, wie Sie einer sind, verkaufe ich meinen Esel +nicht einmal für tausend Pesos. Spitzbubengesindel, Ihr!“ Und fort war +sie. + +Ich trabte zum Bürgermeister. Er wußte schon, was los war. Das geht +schneller als mit Telephon. + +„Das ist, glaube ich, richtig“, sagte der Mann. „Der Esel gehört der +Senjora Sanchez. Aber sie war ja nicht hier. Sie war verreist. Und dann +war das doch der Gemeindeesel, weil sie ja nicht hier war.“ + +„So genau kenne ich Ihre Spezialgesetze nicht“, erwiderte ich. „Aber ich +möchte doch meine vier Pesos wiederhaben, die in der Gemeindekasse +sind.“ + +„Die stehen Ihnen nun auch rechtmäßig zu“, sagte darauf der +Bürgermeister. „Aber die vier Pesos sind nicht mehr drin in der +Gemeindekasse. Ich habe sie ausgegeben. Für Gemeindezwecke.“ + +Gemeindezwecke? Ich hatte nichts davon gesehen, daß eine Straße geebnet +oder eine Brücke gebaut oder sonst etwas getan worden war, seit ich das +Geld in die Gemeindekasse gezahlt hatte. + +Der Bürgermeister aber ersparte mir das Raten und sagte unschuldig: „Ich +brauchte ein neues Hemd, sehen Sie, Senjor, und ein Stück Leder für +meine Sandalen.“ + +Dagegen ließ sich nichts sagen. Da er der Bürgermeister war, so waren +das in der Tat Gemeindezwecke, für die er das Geld verausgabt hatte. +Denn ein Bürgermeister muß doch schließlich ein Hemd und ein Paar +Sandalen haben. + +Ich hoffe zuversichtlich, daß diese Geschichte hier mich endlich +reinwäscht von der Beschuldigung, ich hätte irgendwo südlich des Rio +Grande einen Esel gestohlen. Jenes Gerücht geht von der Senjora Sanchez +aus, die mir nicht wohlgesinnt ist, weil ich nicht in ihrer Fonda +verkehre. + + + + + DIPLOMATEN + + +Während der Regentschaft des Diktators Porfirio Diaz gab es in Mexiko +weder Banditen, noch Rebellen, noch Eisenbahnüberfälle. Porfirio Diaz +hatte das Land von den Banditen auf eine sehr einfache und gut +diktatorische Weise befreit. Er hatte allen Zeitungen verboten, über +Banditenüberfälle auch nur ein Wort zu berichten, es wäre denn, daß der +Bericht von der Regierung selbst eingeschickt sei. Zuweilen hatte +Porfirio Diaz ein Interesse daran, daß über Banditen- und +Eisenbahnüberfälle berichtet wurde. Er wollte dann einem General, den er +für bestimmte politische Zwecke brauchte, um sich in der Herrschaft zu +erhalten, guten Verdienst zukommen lassen dadurch, daß er ihn mit seinen +Truppen in die Banditenregion schickte. Das brachte für den so +begünstigten General kleine Nebeneinnahmen von einigen zehntausend +Dollar. Wenn der General sein Geschäft abgeschlossen und das Geld in der +Tasche hatte – einkassiert bei allen Geschäftsleuten der Region, die den +Kampf gegen die Banditen zu bezahlen hatten auf Grund der Rechnungen +jenes Generals –, dann erschienen in aller Welt Berichte, daß der große +Staatsmann Porfirio Diaz abermals das Land von Banditen mit eiserner +Hand gesäubert habe, und daß fremdes Kapital in Mexiko so sicher sei, +als läge es in den Gewölben der Bank von England. Einige Dutzend +Banditen waren erschossen worden, darunter viele, die nicht Banditen +waren, sondern Landarbeiter, die sich zu rühren begannen, um das +grausame Joch der Latifundienbesitzer abzuschütteln. Ein halbes hundert +Namen anderer Banditen, die erschossen worden waren, wurden in den +Zeitungen veröffentlicht, um dem General das Einkassieren der Rechnungen +zu erleichtern. Jene Namen erschienen glaubhaft. Sie hatten nur den +Nachteil, daß sie keine Träger hatten, sondern daß sie der Sekretär des +Generals von Grabsteinen abgeschrieben oder sie sich einfach ausgedacht +hatte. Es wurden damals, mehr als heute, Zahlmeister, Manager und +Ingenieure der großen amerikanischen Kompanien in Mexiko in die Berge +verschleppt mit der Androhung, daß sie stückweise zu Tode gehackt +würden, falls nicht das Lösegeld für sie innerhalb von sechs Tagen zur +Stelle sei. Porfirio Diaz zahlte das Lösegeld an die Banditen, damit die +amerikanischen Zeitungen nichts erfahren sollten und so das fremde +Kapital abgeschreckt werden möchte. Dem befreiten Manne wurde noch ein +Sümmchen außerdem in die Hand gedrückt als Schmerzensgeld und +Schweigegeld. Aber Porfirio Diaz bezahlte das Lösegeld und das +Schweigegeld nicht aus eigener Tasche. Hätte er das getan, so hätte er +sich nicht den Ruhm verdienen können, daß er den Staatsschatz +außerordentlich ökonomisch verwalte. Darum kassierte er das verauslagte +Lösegeld und Schweigegeld von denselben amerikanischen Kompanien ein, zu +deren Gunsten – richtiger zugunsten des befreiten Angestellten jener +Kompanie – er es bezahlt hatte. Er verkaufte jenen Kompanien für teures +schweres Geld besondere Konzessionen und Kommuneland, das er den +Indianern wegnahm. Dadurch gewann er zwei neue Freunde, die an seiner +Diktatorschaft interessiert waren. Der eine neue Freund war die +begünstigte amerikanische Kompanie, der andere neue Freund war ein +mexikanischer Großgrundbesitzer, der dadurch, daß den Indianern das +Kommuneland weggenommen wurde, einen neuen Trupp von Heloten bekam, die +für drei Centavos arbeiteten – „del sol hasta sol“ – von Sonnenaufgang +bis Sonnenuntergang. + +Was Zeitungen nicht berichten, existiert nicht. Besonders nicht für das +Ausland. So erhält ein Land immer seinen guten Ruf. Alle Diktatoren +arbeiten nach demselben Rezept. + +Wie damals, so sind auch heute noch die Zeitungen in Mexiko – ohne +Ausnahme – in konservativen Händen, in den Händen der Angehörigen jener +Klasse, die die Diktatorschaft des Porfirio Diaz als das „Goldene +Zeitalter Mexikos“ preist. Und weil diese Klasse in Mexiko vor dem +Ansturm des indianischen und halbindianischen Proletariats zu wanken +beginnt, so sind heute die Zeitungen jener Klasse voll von Geschichten +über Banditen, Rebellen und Eisenbahnüberfällen; sie feiert jeden +schäbigen Meuchelmörder und jeden ehrlosen General, wenn es sich um +Individuen handelt, die der gegenwärtigen Regierung Schwierigkeiten +bereiten. Heute ist in Mexiko – nach der Aussage jener Zeitungen – +täglich die unbeschränkte Pressefreiheit in Gefahr. Unter der +Diktatorschaft des Porfirio Diaz wurde jedoch, trotz der strengen +Verbote, über Banditen zu berichten, von bedrohter Pressefreiheit nie +gesprochen. Denn damals gab es die wahre und allein richtige +Pressefreiheit, jene gepriesene Pressefreiheit, die im Interesse der +kapitalistischen Klasse wirkt und nur in deren Interesse Pressefreiheit +gestattet. + +Trotzdem Porfirio Diaz alle Banditen nach seiner einfachen und wirksamen +Weise völlig ausgerottet hatte, kamen dennoch zuweilen Dinge vor, die +höchst peinlich wirkten und seinen schönen goldbronzierten Aufbau – +schöner und geschickter, als ein Potemkin es je vermocht hätte – in +Erschütterung zu bringen drohten. + + * * * * * + +Es sollte ein neuer Handelsvertrag zwischen Mexiko und den Vereinigten +Staaten abgeschlossen werden, oder der alte sollte erweitert werden. Bei +allen solchen Verträgen glaubte Porfirio Diaz stets, daß er der schlaue +Fuchs sei und der große Staatsmann; aber wenn es zum Ende kam und man +den Vertrag mit allen seinen Folgerungen genauer betrachtete, fand sich +immer, daß Mexiko gründlich geleimt worden war. + +Die Regierung der Vereinigten Staaten sandte einen ihrer besten +Handelsdiplomaten; denn Mexiko ist von den Vereinigten Staaten immer als +eines der wichtigsten Länder in handelspolitischer Beziehung mit den +Vereinigten Staaten angesehen worden. Und Mexiko wird für ewig – in +Zukunft bei weitem mehr als in der Vergangenheit – das wichtigste Land +für die Vereinigten Staaten bleiben. Wichtiger als ganz Europa. + +Porfirio Diaz, um den Diplomaten der nordamerikanischen Regierung gut +einzuseifen, um – wie er dachte – ihn nachher um so besser barbieren zu +können, und um ihm gleichzeitig zu zeigen, wie reich Mexiko sei und wie +reich seine Bevölkerung – die obere Klasse, weniger als ein halb Prozent +des Volkes – sei und wie kultiviert und zivilisiert, veranstaltete ein +luxuriöses Fest zu Ehren des nordamerikanischen Handelsdiplomaten. + +Feste zu geben war etwas, was wohl selten ein Mann so gut verstanden hat +wie Porfirio Diaz. Das Fest, das er im Jahre 1910 der Welt gab, die +sogenannte Centenariofeier, die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit +Mexikos von Spanien, gehört zweifellos zu den größten öffentlichen +Festen, die bis heute auf dem amerikanischen Kontinent, um nicht zu +sagen auf Erden, gegeben worden sind. Das strotzte und strahlte nur +alles so in Gold, mit dem die Besucher aus fremden Ländern geblendet +wurden. Die Millionen an Dollars, die jenes Fest das mexikanische Volk +gekostet haben, sind nie gezählt worden. Die Besucher sahen nur jene +goldstrotzenden Fassaden. Es war in außerordentlich geschickter Weise +Vorsorge getroffen worden, daß kein fremder Besucher eine Möglichkeit +hatte, zu sehen, was eigentlich hinter den goldenen Fassaden war. Hinter +jenen Fassaden kauerten fünfundneunzig Prozent des mexikanischen Volkes +in Lumpen und Fetzen, hatten fünfundneunzig Prozent des Volkes keine +Schuhe oder Stiefel, lebten fünfundneunzig Prozent des Volkes nur von +Tortillas, Frijoles, Chile, Pulque und Tee aus Baumblättern, lebten mehr +als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht lesen, und mehr als +fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht einmal ihren Namen +schreiben konnten. Wo in aller zivilisierten und unzivilisierten Welt +ist je ein solches Fest gefeiert worden! Und was für ein kleiner +mickriger Dorfmusikante war ein Fürst Potemkin gegenüber diesem großen +Fanfarenbläser Porfirio Diaz, dem anläßlich jenes Festes von allen +Königen und Kaisern die Brust so voll mit Orden und Kreuzen gehängt +wurde, daß sechzig vollbeladene Eisenbahnfrachtwagen nicht ausreichten, +jene Orden und Ehrenzeichen zu transportieren. So sieht ein goldenes +Zeitalter aus. + +Man wird zugeben müssen, daß Porfirio Diaz Feste zu geben verstand. Und +das Fest, das er einige Jahre vorher jenem nordamerikanischen Diplomaten +gab, war eine angemessene Vorfeier jener gloriosen Fassadenbeleuchtung. + +Das Fest zu Ehren des Diplomaten wurde gegeben im Schloß zu Chapultepec +in Mexiko City. Seit der Revolution ist jenes Schloß ziemlich verödet. +Feste werden dort nur sehr selten noch gegeben, weil das mexikanische +Volk heute wichtigere Dinge zu tun hat, als glänzende Feste zu feiern. +Das Schloß ist in der Hauptsache nur noch ein Museum für fremde +Touristen, die das Bett der Kaiserin Charlotte sehen wollen und es +abtasten, ob Charlotte auch weich genug darin geschlafen hat. Hier war +auch die Sommerresidenz des Kaisers der Azteken, dessen Bad noch zu +sehen ist und gut erhalten wurde. Obgleich das Schloß die offizielle +Wohnung des Präsidenten der mexikanischen Republik ist, so wohnen doch +die revolutionären Präsidenten selten dort. Präsident Calles hat nie im +Schloß gewohnt, sondern in einem schlichten Hause in der Nähe. + +Aber unter Porfirio Diaz ging es lustig und herrlich im Schloß von +Chapultepec zu. Er mußte sich die kleine, aber sehr fette Aristokratie +des Landes warm und vergnügt halten, um an der Regierung bleiben zu +können, so wie andere Diktatoren sich den Papst warm halten, wenn die +Kapitalisten durch Geschäfte, die immer schlechter gehen, anfangen +einzusehen, daß eine Diktatur auch ihre Nachteile hat. Zu dem Feste, das +zu Ehren jenes Diplomaten gegeben wurde, war nur die Sahne der oberen +Gesellschaft Mexikos geladen worden, um den Eindruck auf den Diplomaten +zu vertiefen, wie elegant, wie zivilisiert, wie kultiviert und wie reich +die Mexikaner seien. Es strotzte von glänzenden Generalsuniformen. Und +Porfirio Diaz selbst, über und über mit Goldtressen und +Goldverschnürungen beklebt, beleimt und behangen, sah aus wie ein +Zirkusaffe, der die Hauptrolle in einer burlesken Operette spielt, deren +Geschehnisse sich in irgendeinem fabulösen Balkanlande abwickeln. Die +Damen waren mit Juwelen belastet wie das Hauptauslegebrett in dem +Schaufenster eines Juwelenhändlers in einer der elegantesten Straßen von +Paris zwischen zwei und sechs Uhr nachmittags. Alles in allem gesagt, es +war die erlesenste Gesellschaft, die Porfirio Diaz nur aufbringen +konnte. + +Der nordamerikanische Diplomat war nicht zum ersten Male in seinem Leben +von seiner Regierung damit beauftragt worden, Handelsverträge mit +fremden Ländern durchzuberaten und abzuschließen. Nur wenige Zeit vorher +hatte er einen Handelsvertrag zwischen seinem Lande und England +geschickt zu Ende geführt. Bei diesem Vertrag hatte England, ohne daß er +oder die amerikanische Regierung das begriffen, den fetteren Bissen +erwischt, wie das England bei allen solchen oder ähnlichen Vorfällen +immer gelingt. Um den nordamerikanischen Diplomaten für diese gute +Arbeit auszuzeichnen und zu ehren und ihn so lange zu hypnotisieren, bis +der Handelsvertrag unterzeichnet und von den Parlamenten beider Länder +ratifiziert worden war, empfing ihn der König von England in +Privataudienz, und da er ihn nicht zum Ritter erheben konnte – ein guter +republikanischer Amerikaner läßt sich so etwas nicht gefallen –, verlieh +er ihm eine goldene Taschenuhr, reich mit Brillanten gespickt und +versehen mit schellenläutender und ehrenvoller Widmung und mit dem +eingravierten Namenszug Edward VII., König von England und Kaiser von +Indien. + +Auf diese Uhr war der Diplomat natürlich sehr stolz, wie jeder gute +republikanische nordamerikanische Mann stolz darauf ist, wenn ihm ein +europäischer König oder Großherzog am Rockknopf gedreht hat. Denn es +kommt auf die erste Seite aller amerikanischen Zeitungen. + +Es war ganz natürlich, daß der Diplomat auf jenem Feste diese Uhr Don +Porfirio zeigte. Don Porfirio fühlte sich außerordentlich geschmeichelt, +daß die nordamerikanische Regierung ihn für so wichtig hielt, einen so +bedeutenden Diplomaten, der vom König von England ausgezeichnet worden +war, nach Mexiko zu schicken, um mit ihm, mit Don Porfirio, einen neuen +Handelsvertrag zu beraten und zu beschließen. Dadurch fühlte sich +Porfirio Diaz hochgeehrt, denn er wurde ebenso wichtig betrachtet wie +der König von England. Solches Gleichstellen mit Königen und Kaisern +machte Porfirio Diaz für alles gefügig, eine Tatsache, die den +Regierungen aller fremden Länder und allen Diplomaten wohlbekannt war +und rücksichtslos, zum Unheil des mexikanischen Volkes, von allen +Regierungen und Diplomaten ausgenutzt wurde. Denn Porfirio Diaz war ja, +wie die Mehrzahl aller Diktatoren, nur ein Emporkömmling, der weder +durch seine Herkunft, noch durch seine Familie, noch durch seine +Erziehung, noch durch sein Geld, noch durch seine Begabungen ein +begründetes Recht hatte, von der Aristokratie des Landes zu den Ihrigen +gezählt zu werden. Die Eigenschaft, die am höchsten bei ihm entwickelt +war, hieß Eitelkeit. + +Als er die Uhr betrachtete, überlegte er bereits, wie er das Geschenk +des Königs von England überbieten könne und in welcher Form, so daß alle +Länder der Erde davon hören und berichten konnten. + +Die Uhr wurde natürlich auch von allen anwesenden Generalen betrachtet +und gebührend bewundert. + +Nachdem die Begrüßungszeremonien und die Vorstellungsformalitäten +vorüber waren, begab man sich zu dem großen Bankett, wo viele gute Reden +über die vorzüglichen Beziehungen zwischen Mexiko und den Vereinigten +Staaten und zwischen Mexiko und allen anderen Ländern gehalten wurden +und wo jeder anwesende Diplomat sich seine Pflichtrede dadurch +erleichterte, daß er das goldene Zeitalter Mexikos pries, und besonders +den pries, der für das goldene Zeitalter Mexikos allein verantwortlich +war, und das war kein anderer als Don Porfirio. + +Als nun auch das vorüber war, rüstete sich alles für den großen Ball, +der im Stil der Gesandtenempfänge in Paris heruntergetanzt wurde. Denn +Don Porfirio war ein Verächter alles dessen, was mexikanisch oder gar +indianisch war, und ein Bewunderer alles dessen, was französisch roch +oder dem Hofleben von Wien ähnlich sein konnte. Diese Bewunderung +reichte zuweilen hinan zu vollständiger Idiotie. Beweis: Das Opernhaus +in Mexiko. + +Während einer Pause des Balls bemerkte der nordamerikanische Diplomat +plötzlich, daß seine wertvolle Ehrenuhr nicht mehr da war, wo sie +ursprünglich gewesen war. Bei längerem aufgeregtem Suchen fand er sie +auch in keiner anderen Tasche seines Frackanzuges. Und als er nachher +zusah, entdeckte er, daß die Uhr von der goldenen Kette, an der sie +gehangen hatte, sehr elegant abgeknipst worden war, und zwar, wie später +die Detektive feststellten, mit Hilfe einer Nagelschere. + +Der amerikanische Diplomat hatte Takt genug, zu wissen, daß man so etwas +nicht erwähnt, wenn es sich um eine gewöhnliche goldene Uhr handelt, die +bei einem derart hochgeschraubten diplomatischen Fest verlorengeht. Man +gibt vielleicht dem Zeremonienmeister einen kleinen Wink. Wird die Uhr +gefunden, ist es recht; wird sie nicht gefunden, dann kommt sie auf die +Rechnung des Auswärtigen Amtes. Solche Vorfälle sind viel häufiger, als +der kleine Mann, der nie Zutritt zu Diplomatenbällen hat, glauben würde; +denn auch Diplomaten sind, mehr als man glaubt, häufig in +Geldschwierigkeiten, die sich oft nur in einer Weise beheben lassen, die +sich nicht ganz mit der guten Sitte, die man auf Gesandtschaftsbällen +erwartet, decken dürfte. Aber auch Diplomaten sind Menschen. Und wo der +ganze Beruf des Menschen darin besteht, einen anderen – meist ein ganzes +Volk – geschickt zu übervorteilen, schleicht sich leicht ein Manöver +ein, das rein persönlichen Zwecken dient. Es kommen auf diplomatischen +Empfängen genügend Perlenhalsbänder, Brillantenarmbänder und goldene +Uhren abhanden, daß die hohen Ausgaben für „besondere diskrete“ Budgets +der Auswärtigen Ämter gerechtfertigt erscheinen. Nicht jede Frau eines +Diplomaten hat Takt und besonders Geld und Laune genug, ihr +Perlenhalsband zu verschmerzen. Sie pfeift auf die Karriere ihres +Gatten, wenn das Halsband zehntausend Dollar gekostet hat, und sie droht +ernsthaft, Skandal zu machen und die Zeitungen zu unterrichten. Was +bleibt dem Auswärtigen Amt übrig? Das Halsband wird ersetzt. + +Diese Uhr aber ließ sich nicht ersetzen. Daß ein Diplomat das +eigenhändige Geschenk des Königs von England so wenig schätzt, daß er +das Geschenk verliert, ist beinahe eine Beleidigung des Königs von +England. Es kann den Diplomaten Ruf und diplomatische Stellung kosten. +Nun darf man von einem amerikanischen Diplomaten ja auch nicht den Takt +erwarten, den ein französischer, englischer oder russischer Diplomat +besitzt. Der französische Diplomat würde eine geistreiche Ausrede dafür +finden, wie und auf welche Weise ihm die Uhr abhanden gekommen ist, eine +Ausrede, so fein und elegant, daß sie ihm in seiner diplomatischen +Karriere eher förderlich als hinderlich sein würde. Aber wir sind auf +diesem Gebiete noch Bauern und Schüler und machen darum Lärm. Der +Diplomat wünschte ja auch in seinen Klubs mit jener Uhr zu protzen. Und +wenn ihm die Uhr fehlte, so blieben ihm nicht viel andere Dinge, mit +denen er protzen konnte, und mit deren Hilfe er Gold auf Hand beweisen +konnte, daß er eine Privataudienz mit dem Könige von England gehabt +habe. Denn niemand gibt sich die Mühe, alte Zeitungen aufzuheben oder +durchzustöbern, um die Wahrheit jener Behauptung festzustellen. +Jedenfalls niemand im Klub. Und ein Zeitungsausschnitt kann von jedem +Druckerlehrling für zwei Dollar Entschädigung hergestellt werden. + +Der amerikanische Diplomat, mit der unbekümmerten Robustheit in +Taktfragen, die seinem Volke eigen ist, ging sofort auf Don Porfirio zu +und bat ihn um eine kurze Unterredung mit Hilfe seines Sekretärs, der +Spanisch sprach. + +„Entschuldigen Sie, Don Porfirio“, sagte der Diplomat, „es tut mir +aufrichtig leid, daß ich Sie belästigen muß, aber mir ist soeben meine +Uhr, die ich vom König von England geschenkt bekommen habe, hier im Saal +gestohlen worden.“ + +Porfirio Diaz verzog keine Miene. Er sagte nicht: „Das ist nicht +möglich!“ oder „Sollte das nicht ein Irrtum sein?“ Er kannte ja seine +Leute, und keiner wußte es besser als er, daß die Banditen nur in den +Zeitungsberichten ausgerottet seien, nicht aber im Lande; denn er hätte +ja zuerst einmal alle seine Generale und Gouverneure und Bürgermeister +und Steuerverwalter und Staatssekretäre erschießen müssen, wenn er alle +Banditen hätte ausrotten wollen. Und hätte er wirklich alle Banditen, +die es während seiner Regentschaft gab, erschossen, so wäre +wahrscheinlich kein einziger Mexikaner mehr übriggeblieben, den er hätte +regieren können. Die regierende Klasse raubte aus unersättlicher Habgier +und die nichtregierende Klasse aus bitterem Hunger. + +So sagte Porfirio Diaz als Antwort zu jenem Diplomaten nur: „Seien Sie +nicht in Sorge, Exzellenz, es liegt hier offenbar nur ein kleiner Scherz +vor. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie die Uhr innerhalb von +achtundvierzig Stunden wieder in Ihrem Besitz haben werden.“ + +Das Ehrenwort des Präsidenten. Porfirio Diaz konnte sein Ehrenwort +beruhigt geben. Denn wer Meister aller Banditen und Spitzbuben ist, wer +alle Banditen und Spitzbuben und deren Schliche und Wege so gut kannte +wie Porfirio Diaz, er selbst ein Meisterspitzbube in allen solchen +Dingen, wo es sich nicht gerade um gewöhnlichen Taschendiebstahl +handelte, der würde die Uhr schon entdecken. + +Mit den höflichsten Worten verabschiedete endlich zu gegebener Stunde +Porfirio Diaz den nordamerikanischen Diplomaten, ohne daß hierbei auch +nur mit einem Wörtchen das kleine Mißgeschick erwähnt wurde. + +Aber, wenngleich es nur seine nächsten Vertrauten bemerkten, Don +Porfirio raste, wie nur er zu rasen vermochte. Das Rasen eines +Diktators, dessen Schwindel vor der Entdeckung steht. + +„Der Alte hat wieder einmal die Tollwut“, flüsterten sich die Diener +erschreckt zu und zitterten in Furcht vor dem, was geschehen würde, wenn +der Ball vorüber sein wird. Die Anfälle von Tollwut des Diktators waren +gefürchtet, mehr als Erdbeben. Denn er wurde dann bestialisch wie eine +alte verärgerte Wildkatze. + +Was er einmal gleich zuerst und durchaus sicher wußte, das war, daß die +Uhr ein Mexikaner hatte, nur ein Mexikaner haben konnte. Und mit +mexikanischen Spitzbuben wußte er ja umzugehen. + +Hatte die Uhr ein Mitglied der Dienerschaft genommen, so war es jetzt +bereits zu spät, den zahlreichen Detektiven den Auftrag zu geben, keinem +von der Dienerschaft zu gestatten, das Schloß zu verlassen. Denn war die +Uhr wirklich von einem der Bediensteten gestohlen worden, so waren die +Detektive augenblicklich nicht zu gebrauchen, weil die Uhr inzwischen +schon aus dem Schlosse hinausgeschmuggelt war. Freilich, ein Detektiv +konnte die Uhr auch haben. So sicher war das nicht, daß die Detektive +nicht nehmen würden, was sie auf leichte Weise kriegen konnten. Porfirio +Diaz hatte ja genügend Spitzbuben, Taschendiebe, Einbrecher und +Wegelagerer in die Polizei eingereiht, weil Spitzbuben häufig bessere +Spitzbubenjäger machen als anständige Menschen. + +Daß die Diamanten aus der Uhr herausgebrochen werden könnten, daß das +Gehäuse der Uhr vielleicht zerhämmert werden möchte, um die Uhr +stückweise leichter und unverdächtiger verkaufen zu können, das würde +wohl kaum geschehen. Die Uhr würde zuviel an Wert verlieren. Eher war +schon anzunehmen, daß die Gravierung ausgeschliffen sein wird, ehe die +Uhr irgendwo zum Verkauf angeboten wieder zum Vorschein kommt. Ohne +Gravierung aber war die Uhr natürlich wertlos für den Diplomaten. Eine +goldene Uhr an sich, ganz gleich mit wie vielen Diamanten bespickt, +hätte Don Porfirio sofort beschafft, wenn damit dem Diplomaten hätte +gedient werden können. Aber wie die Dinge sich vorfanden, mußte es ganz +genau die gleiche Uhr sein, die herangeschafft werden mußte. + +Nicht darum verfiel Porfirio Diaz in Raserei, weil er befürchtete, er +könnte vielleicht die Uhr nicht wieder herbeischaffen. Sie zu bekommen, +betrachtete er als eine Aufgabe, die zu lösen für ihn möglich war. Nein, +was ihn in jene schäumende Wut versetzte, war etwas anderes. + +Durch das Stehlen der Uhr bei einer solchen Gelegenheit war von einer +seiner glänzenden Fassaden die Goldtünche abgeblättert worden. Der +gewöhnliche nackte und wahre Gipsverputz kam zum Vorschein. + +Alle Welt war klein geschlagen worden mit der Mär, daß der große +mexikanische Staatsmann Porfirio Diaz mit eiserner Hand und mit +stählernem Besen das Land von Banditen und Spitzbuben so völlig und so +dauernd gesäubert habe, wie das nie vorher ein anderer Mann in +irgendeinem anderen Lande mit gleichem Erfolge zuwege gebracht habe. In +Mexiko konnte man damals, nach den Berichten, die Porfirio Diaz in der +Welt verbreitet hatte, mit einem Sack voll Goldstücke zur Rechten und +einem Sack voll Goldstücke zur Linken auf einem Pferde sitzend von einem +Ende der Republik zum andern reisen, und wenn man an dem andern Ende +ankam, so hatte man zur Rechten sowie zur Linken je einen Sack voll +Goldstücke mehr, als man hatte an dem Tage, an dem man auszog. In +gewissem Sinne war das richtig. Ein amerikanischer Kapitalist, der mit +fünfzigtausend Dollar in Schecks in El Paso nach Mexiko einreiste, +konnte sechs Wochen später über Nogales aus Mexiko wieder ausreisen mit +hunderttausend Dollar in Schecks, einem Überschuß, den er mit Hilfe des +Porfirio Diaz in jener kurzen Zeit aus dem mexikanischen Lande und Volke +herausprofitiert hatte. Aber im buchstäblichen Sinne genommen, war es +unter Porfirio Diaz bei weitem unsicherer, mit Geld oder anderen Werten +beladen ohne militärische Bedeckung durch das Land zu reisen, als heute. +Die militärische Bedeckung begann nicht selten auf dem Marsche +auszurechnen, daß es weiser sei, sich selbst mit dem Gelde zu bedecken, +das von ihnen bedeckt werden sollte. Dann erschien ein Bericht – falls +die Angelegenheit nicht von der Regierung auf privatem Wege zu aller +Zufriedenheit erledigt werden konnte –, daß der Transport in einen Sumpf +geraten oder von einem Erdrutsch verschüttet worden sei. + +Aber daß einem so wichtigen nordamerikanischen Diplomaten auf einem +diplomatischen Fest innerhalb der Wände eines Saales im Schloß von +Chapultepec eine goldene Uhr aus der Tasche gestohlen werden konnte, daß +also selbst ein diplomatischer Würdenträger selbst auf einem +diplomatischen Fest in Mexiko seines Eigentums nicht sicher war, brachte +das ganze schöne Lügengewebe, in das sich der Diktator eingekuschelt +hatte, zum Zerreißen. Wenn die Banditen dem Throne des Diktators so nahe +waren, wie mußte es dann im Lande aussehen? Kam dieser Vorfall in die +amerikanischen Zeitungen, dann lernte die ganze Welt, daß die eiserne +Hand des großen Staatsmannes Porfirio Diaz nur aus Pappe war und daß die +fremden Großkapitalisten klug tun, Mexiko gegenüber vorsichtig zu sein +mit Kapitalsanlagen. + +Der Diplomat hatte das Ehrenwort des Diktators mit der Erklärung, daß es +sich hier nur um einen kleinen Scherz handle. Und darum sagte der +Diplomat kein Wort von dem Vorfall zu den Zeitungsleuten, weil er ja nun +erst einmal die Pflicht hatte, abzuwarten, ob und in welcher Weise +Porfirio Diaz sein Ehrenwort einlösen werde. Porfirio Diaz wußte, daß +nach den Sitten in diplomatischen Kreisen der Amerikaner nichts der +Presse seines Landes mitteilen durfte, solange das Ehrenwort des +Diktators den Vorfall deckte. + +Noch in derselben Nacht befahl Porfirio Diaz den Polizeichef zu sich, um +mit ihm zu besprechen, wie man die Uhr wiedererlangen könnte, ohne sich +der Zeitungsinserate zu bedienen. + +Wie der Fall nun behandelt wurde, zeigt den Unterschied der Männer, die +während der Diktatorschaft des Porfirio Diaz wirtschafteten, und der +Männer, die nach der Revolution das mexikanische Schiff recht und +schlecht durch Stürme und Klippen ruderten. + +Der spätere Präsident Calles würde dem Polizeichef sechs Stunden Zeit +gegeben haben, die Uhr heranzuschaffen. Oder – und das ist +wahrscheinlicher, denn er hat es in vielen Fällen mit Generalen getan – +er würde den Polizeichef wie einen Schuljungen heruntergerotzt und +vielleicht gar rechts und links gebackpfeift haben, hätte ihn dann aus +seinem Amte gefeuert und würde, wenn der Mann noch etwas wert gewesen +wäre, ihn in eine ferne Ecke der Republik strafversetzt haben, oder er +hätte ihm das Reisegeld für eine Erholungsreise nach Europa gegeben mit +der ernsten Warnung, sich nicht mehr in Mexiko sehen zu lassen. + +Auch Porfirio Diaz feuerte zuweilen Generale und andere hohe +Würdenträger ohne Zeremonie; aber er tat es nur dann, wenn er genau +wußte, daß der Mann keinen Anhang hatte, daß er ihm also nicht schaden +konnte. Wie alle Diktatoren, so war auch Porfirio Diaz ein furchtsamer +Mann. Er bevorzugte es, weit von hinten aus an den Leinen zu ziehen, mit +Intrigen zu wirtschaften und andere vorzuschieben, auf die er abladen +konnte. + +Calles würde nicht einen Augenblick darum besorgt gewesen sein, wenn der +Vorfall am nächsten Tage in den Zeitungen gestanden hätte. Er hätte +darüber genau so gelacht wie das ganze mexikanische und amerikanische +Volk. Er hätte in seiner trockenen Art gesagt: „Warum läßt sich denn der +Esel von einem Gringo seine Uhr aus der Tasche stehlen? Er ist doch in +Mexiko, wo er auf jeder Eisenbahnstation die Zettel angeklebt sieht: +‚Hütet euch vor Taschendieben!‘ Und wenn der Hammel Mexiko nicht besser +kennt, soll er raus bleiben, dann kann ich überhaupt keinen Vertrag mit +ihm abschließen.“ Und zu den Zeitungsleuten würde er gesagt haben: „Da +seht ihr, was für ein Spitzbubengesindel wir hier in Mexiko haben. Alles +aufgezüchtet von dem Gauner Porfirio. Ich werde nun doch mal wieder mit +einem himmelkreuzgottverfluchten Donnerwetter dazwischenfahren!“ Dann +hätte er alle Distriktspolizeigewaltigen, ein Dutzend Staatsanwälte und +zwei Dutzend Richter gefeuert, daß die Funken spritzten. + +Diese rücksichtslose, unbekümmerte, offensiv-geladene, immer mit einem +grimmen Witz gepfefferte amerikanische Faustschlagmethode war dem +mickrigen Wesen des Porfirio Diaz ebenso fremd, wie einem +Presbyterianpfarrer alle die verschiedenen Marken von schottischem +Whisky so gut bekannt sind wie die vier Evangelien. + +Am nächsten Morgen begann die Umpflügung des mexikanischen Landes nach +der gestohlenen Uhr des amerikanischen Diplomaten. + +Der Polizeichef erschien in Belen. Belen ist das große +Untersuchungsgefängnis in Mexiko City, wo alle männlichen und weiblichen +Missetäter gehalten werden, bis ihr Urteil gesprochen wird. + +Der Polizeichef ließ alle männlichen und weiblichen Gefangenen antreten, +und er hielt folgende Ansprache: „Gestern abend ist eine goldene Uhr +gestohlen worden. Die Uhr ist mit Brillanten besetzt. Auf der Innenseite +des Deckels ist eine Widmung in englischer Sprache eingraviert. Die +Widmung hat einen geschriebenen Namenszug Edward VII. Es ist jetzt +sieben Uhr morgens. Wenn die Uhr bis heute abend um sieben Uhr bei dem +Direktor des Gefängnisses abgeliefert wird, dann werdet ihr alle heute +abend auf freien Fuß gesetzt, und niemand wird verfolgt für die Tat, +derentwegen er sich heute hier in Belen befindet. Der Überbringer der +Uhr wird nicht um seinen Namen gefragt; er darf frei gehen, wie er +gekommen ist; er wird nicht gefragt, auf welche Weise er in den Besitz +der Uhr gelangt ist; und er wird weder der Uhr wegen noch wegen +irgendeiner andern Sache, die er vor heute morgen um sieben Uhr verübt +haben sollte, verfolgt werden oder in Haft behalten. Außerdem erhält er +vom Direktor eine Belohnung von zweihundert Pesos in Gold. Ihr alle +bekommt jetzt einen Briefbogen und einen Briefumschlag und Bleistifte. +Ihr dürft in jene Briefe schreiben, was ihr wollt. Die Briefe werden von +der Inspektion nicht gelesen. Und niemand von der Direktion darf die +Adressen lesen. Eine Stunde später kommen hier Briefträger, denen ihr +die Briefe persönlich übergebt. Die Briefträger werden die Briefe an +ihre Adressen befördern unter Amtsgeheimnis. Hier habe ich das +Zertifikat, unterzeichnet von Don Porfirio, von mir und dem Direktor des +Gefängnisses hier. Das Zertifikat hat Gesetzeskraft bis heute abend um +sieben Uhr dreißig.“ + +Die Ansprache des Polizeichefs und das Zertifikat, das die Ansprache +wörtlich niedergeschrieben enthielt, bewiesen, wie gut Don Porfirio +seine Spitzbuben und Banditen kannte. War die Uhr wirklich in den Händen +der gewöhnlichen Taschendiebe und Hehler, so wurde die Uhr um sieben Uhr +oder noch früher abgeliefert. + +Wie in anderen Ländern so auch in Mexiko kennen sich alle Spitzbuben und +Hehler gegenseitig recht gut. Wenn einer allein auch nicht alle übrigen +kennt, so kennt er doch wenigstens etwa zwanzig, kennt deren +Schlupfwinkel, kennt die Kantinen und Pulquerias und Quartiere, wo jene +zwanzig verkehren, kennt ihre Liebchen und weiß, was jeder von ihnen auf +dem Kerbholz hat. Jeder einzelne von diesen zwanzig kennt wieder eine +Anzahl andere, die der erste nicht kennt. So ist – und hier verrechneten +sich weder Don Porfirio noch der Polizeichef – die Sicherheit gegeben, +daß der Inhalt jener Ansprache allen Spitzbuben in Mexiko City sowie +auch allen Hehlern in wenigen Stunden bekannt wird. Die Briefe, die von +den Gefangenen nun an die Spießgesellen draußen geschrieben werden, ohne +Aufsicht und ohne Inspektion, enthalten alles, was der Gefangene dem +draußen in Freiheit lebenden Spießgesellen schon lange einmal gründlich +sagen wollte. Die Briefe enthalten Zeilen etwa von dieser Art: „Höre +einmal, querido Pedro, wenn Du nicht zu dem Schuft von Hehler, dem +Gomez, gehst und ihn mit dem Revolver in der Hand fragst, wo die Uhr ist +und daß er sie herzubringen hat, dann sage ich hier dem Staatsanwalt, +daß Du bei dem Einbruch bei Senjor Balsa mit dabei gewesen bist und das +meiste davon eingesackt hast. Ich sehe nicht ein, warum ich das alles +allein ausfressen soll, wo ich doch nur den einen lausigen Anzug +abbekommen habe, mit dem sie mich auf dem Volador – dem sogenannten +Diebsmarkt – erwischt haben.“ + +Ein anderer Brief heißt so: „Liebste und allerliebste Josefina. Du +weißt, wie sehr ich mich nach Dir sehne. Ich habe doch dem Burschen da +in der Bucareli-Straße in der Nacht nur darum eins über den Schädel +gehämmert, weil ich sein Geld haben wollte und weil ich doch das Geld +haben wollte und weil ich doch das Geld haben mußte und weil ich Dir +doch von dem Geld das grüne Seidenkleid und die schönen Lackschuhe +gekauft habe, damit Du hübsch aussehen solltest, wenn wir in den +Mexiko-Saal bei der Maria Redonda zum Tanzen gehen. Ich hab’ eine solche +Sehnsucht nach Dir, liebe Josefina, das kannst Du Dir überhaupt gar +nicht denken und wenn die Uhr kommt, dann bin ich heute abend schon +raus. Geh nun gleich einmal hin zur Jeronima, sie ist eine ganz +gewöhnliche Hure die in der Peru-Straße auf die Fangleine geht aber das +macht jetzt nichts. Sie lebt mit dem Patrote da mit dem Emilio der weiß +bestimmt wo die Uhr ist und da kannst Du dem Emilio auch nur gleich +sagen wenn er die Uhr nicht um vier Uhr herangeschafft hat dann sage ich +hier daß ich es gesehen habe wie er dem Tecolote, dem Polizisten, zwei +in den Bauch gebrannt hat in der Moneda wo der Tecolote noch immer im +Hospital liegt und niemand weiß wer ihm die zwei gebrannt hat aber ich +sage es wenn er die Uhr nicht bis um vier Uhr hergebracht hat und er +kriegt zweihundert Pesos vom Direktor für die Uhr. Wenn Emilio die Uhr +nicht weiß dann gehe gleich einmal hin zu der Angelica die auch eine +kräftige Hure ist und die wird Dir schon gleich sagen wer die Uhr hat.“ + +Ein anderer Brief: „Querido Lorenzo Du weißt recht gut wer die Uhr hat +die dem glattgeleckten Urschfucker abgeknipst worden ist denn weil Du ja +auch in der Kegelbahn in Chapultepec Schloß die Kegel aufstellst und +Dein Vetter Carlos der im Billardsaal in Chapultepec Schloß bedient hat +ganz bestimmt die Uhr und wenn Du mir hier nicht raushilfst ist nichts +mit meiner Schwester Anita und ich schlage Dir so Deine fetten Knochen +ineinander, daß Du liegen bleibst wo Du bist denn Du weißt recht gut wo +die Uhr ist weil Du es ja gesehen hast und ich werde auch meiner +Schwester Anita sagen daß Du ein guter Junge bist und nicht hinter den +Mädchen hinterher bist was ich gut weiß.“ + +Alle Gefangenen ohne Ausnahme schrieben ihre Briefe, und alle Briefe +wurden, genau dem Versprechen gemäß, ungesehen von der Inspektion, von +den Briefträgern noch in derselben Stunde an ihre Adressen befördert. + +Zum großen Leidwesen der Gefangenen und wohl noch zu einem größeren +Leidwesen des Porfirio Diaz war die Uhr zu gegebener Stunde nicht +abgeliefert. Das Mittel, dessen sich Porfirio Diaz in hoffnungslos +erscheinenden Fällen so oft mit Erfolg bedient hatte, versagte hier. + +Es ist später in Mexiko erzählt worden, daß die Uhr wirklich auf diesem +Wege, mit Hilfe der Gefangenen, herbeigeschafft wurde, und daß alle +Gefangenen ihre Freiheit erhalten hätten, wie ihnen versprochen worden +war. Aber das ist nicht ganz richtig. Dieses Gerücht wurde nur +verbreitet, um die Wahrheit zu verschleiern. + +Als die Uhr abends um sieben Uhr nicht abgeliefert worden war, wußte +Porfirio Diaz sicher, daß die Uhr nicht von den gewöhnlichen Spitzbuben +gestohlen worden war und daß sie auch noch nicht in den Händen der +Hehler war. Er schloß daraus, und durchaus richtig, daß die Uhr jemand +hatte, der zwar das Geld brauchte, aber doch nicht so dringend brauchte, +daß er sich mit dem Verkauf der Uhr hätte beeilen müssen. Es war jemand, +der den Wert der Uhr richtig einzuschätzen verstand und seine Zeit +abwartete, bis er die Uhr so günstig verkaufen konnte, wie das überhaupt +nur bei einer Uhr aus zweiter Hand möglich war. + +Da die gewöhnlichen Spitzbuben ausgeschaltet waren, kannte nun Porfirio +Diaz sofort die nächste Schicht von Spitzbuben, die in Betracht kam. Es +war nicht die letzte Reihe, aber diejenige Reihe, die den gewöhnlichen +Spitzbuben und Wegelagerern am nächsten stand, in Moral und in ewigen +Geldnöten, sowie in Unverfrorenheit im Nehmen, wo sich eine Gelegenheit +bot. + +Don Porfirio ließ also nun alle Generale, die bei dem diplomatischen +Feste zugegen gewesen waren, um es durch goldstrotzende Uniformen zu +beleben, am Abend zur Audienz laden. Er hatte eine Liste der Generale, +die im Schloß gewesen waren, und er sah zu, daß auch alle zur Audienz +kamen. + +Es fand sich aber, daß einer der Generale fehlte, ein Divisions-General. +Der Divisionär hatte sich entschuldigen lassen. Eine Entschuldigung, die +Don Porfirio gelten ließ, weil es sich um einen dringenden Dienst +handelte, der nicht aufgeschoben werden konnte. + +Porfirio Diaz hielt eine Ansprache an die versammelten Generale: +„Caballeros, Sie alle haben wohl gestern im Schloß die Uhr gesehen, die +der amerikanische Diplomat mir zeigte. Diese Uhr ist im Schloß abhanden +gekommen. Ich vermute, daß einer der wachhabenden Soldaten oder einer +der Burschen, die Sie begleiteten, die Uhr gefunden hat. Die Uhr muß bis +morgen früh um zehn Uhr in meinem Besitz sein. Ist die Uhr um die +angegebene Zeit in meinen Händen, dann erhalten Sie, Caballeros, jeder +eine Sondervergütung von eintausend Dollar für Ihre Bemühungen. Ich +werde auch sonst noch versuchen, mich Ihnen erkenntlich zu zeigen. Es +ist natürlich, daß Sie den Vorfall so unauffällig behandeln, wie das nur +in Ihren Kräften steht; denn ich wünsche nicht, daß auch nur ein leises +Fleckchen auf unsere ruhmreiche Armee fällt. Mit dem Missetäter wollen +Sie nach Ihrem eigenen Ermessen verfahren. Ich danke Ihnen, Caballeros!“ + +Jeder, der Mexiko kennt, weiß, daß ein mexikanischer Soldat der unteren +Grade alle möglichen Untugenden und Laster haben mag, daß er – besonders +in seinen Liebesangelegenheiten – unbekümmert seinen Nebenbuhler +ermordet. Der mexikanische Soldat stiehlt. Das ist wahr. Er stiehlt aber +nur das und nichts mehr, was seine Generale und seine zahlreichen +anderen Vorgesetzten ihm zum Stehlen übriglassen. In seiner Moral, in +seiner Tapferkeit, in seiner Ehre, in seiner Liebe zu seinem Lande, in +seiner Loyalität steht er bei weitem höher als seine Generale. Er wird +von den treulosen und ehrlosen Generalen gebraucht, seine Brüder, seine +Väter, seine Söhne, seine Mütter, seine Kameraden in andern Regimentern, +zu bekämpfen und zu ermorden. Er weiß nie, ob er in Wahrheit auf seiten +der Rebellengenerale ist oder auf seiten der treu gebliebenen Truppen. +Er kämpft, weil er seinem General die Treue hält, weil er eine Treue in +sich trägt, die sein General nicht kennt. Seine Generale verüben eine +Militärrevolte unter dem Ruf, das geplagte Land von den Tyrannen und von +den Bolsches zu befreien, während sie in der Praxis die Revolte nur +verüben, um die Banken und die wohlhabenden Geschäftsleute zu plündern, +und das geraubte Gut nach den Vereinigten Staaten in Sicherheit gebracht +haben, ehe die treu gebliebenen Truppen ihnen in den fernliegenden +Distrikten des weiten Landes auf den Fersen sein können. Unter solchen +Generalen ist der Mensch gezwungen, zu dienen und zu gehorchen, der als +der tapferste, der treueste und der bedürfnisloseste Soldat aller Armeen +der Erde angesehen werden darf. + +Porfirio Diaz wußte gut, wie auch die versammelten Generale es wußten, +daß die beschuldigten gemeinen Soldaten alle möglichen Untugenden und +Laster haben mochten, aber daß sie eins ganz bestimmt nicht waren: +Taschendiebe. + +Und darum wußte Porfirio Diaz ja auch recht gut, daß er den Sack wohl +prügelte, aber den Esel meinte. Es wird ja auch in verlorenen Kriegen +immer den gemeinen Soldaten die Schuld an dem Verlust des Krieges +gegeben, immer den gemeinen Soldaten, den Proletariern, die nicht länger +standhalten wollten, deren Moral gebrochen war, die Verführern und +Friedensaposteln ein williges Ohr schenkten, die keine Vaterlandsliebe +besaßen. Nie wird die Schuld den unfähigen Generalen zur Last gelegt, +nie den aderverkalkten Politikern, nie den rückenmarksschwachen und +entnervten Diplomaten, nie den habgierigen Profitjägern. Immer hat der +Soldat, der Prolet, die Schuld. Und wenn der Krieg gewonnen wird, dann +ist es nur den befähigten Generalen zu verdanken, den weisen +Staatsmännern, den geschickten Diplomaten. Die Generale, Staatsmänner +und Diplomaten bekommen alle Ehren aufgehäuft in Weltgeschichten und in +Schullesebüchern. Der gemeine Soldat bekommt als Belohnung einen +Parademarsch, den sich der verhungerte, verlauste und verkrüppelte +Munitionsarbeiter hinter einer dicht verrammelten Kette von Polizisten, +die ihre Knüttel schwingen, schafsgeduldig ansehen darf, damit die +Generale auch genügend Hurraschreier und Winker rotweißblauer +Sternen-Fähnchen zur Verfügung haben. + +Es wußten auch die Generale hier recht gut, daß Porfirio Diaz nicht +einen Augenblick im Ernst meinte, daß einer der wachhabenden Soldaten +oder einer der Burschen der Generale die Uhr hätte gestohlen haben +können. Freilich wußten alle Generale, was Porfirio Diaz von ihnen in +Wahrheit dachte, wie auch Porfirio Diaz recht wohl wußte, was alle seine +Generale von ihm dachten. Meister und Spießgesellen, die ihre Füße, +Fäuste und Krallen auf dem armen reichen Lande wuchten ließen. + +Am nächsten Morgen um zehn Uhr war die Uhr nicht abgeliefert. + +Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick lang, wurde Porfirio +Diaz verwirrt, weil es schien, als habe er sich verrechnet. + +Dann aber dachte er an den Divisions-General, der sich gestern abend +hatte entschuldigen lassen, weil er in wichtiger dienstlicher +Angelegenheit außerhalb der Stadt, in Tlalpam, zu sein hatte. + +Diesen Divisions-General befahl nun Porfirio Diaz eiligst zu sich. + +Als der General vor ihm stand, sah ihn Porfirio Diaz eine Weile an und +sagte dann kurz und hart: „Divisionario, geben Sie mir die Uhr des +amerikanischen Diplomaten.“ + +Ohne eine Miene zu verziehen, ohne irgendwie verlegen zu werden, griff +der General unter seinen Uniformrock, nestelte ein wenig in einer Tasche +unter dem Uniformrock herum und brachte die Uhr hervor. + +Er trat zwei Schritte näher auf den Diktator zu und überreichte ihm die +Uhr mit den Worten: „A sus apreciables ordenes, Don Porfirio, zu Ihren +hochgeschätzten Diensten.“ + +Porfirio Diaz nahm die Uhr und legte sie vor sich auf den Tisch. + +Er fühlte, daß er etwas sagen müßte. Und darum sagte er: „Divisionario, +ich verstehe nicht – eh – warum?“ + +Darauf antwortete der Divisionario nüchtern: „Ich befürchtete, Porfirio, +daß du sie nehmen würdest, und da dachte ich, es ist vielleicht besser, +ich nehme sie; denn du kannst dir leichter eine kaufen als ich.“ + +Daß aber doch wieder Porfirio Diaz klüger war als viele derjenigen, die +ihn durch und durch verdammen, zugeben wollen, bewies er am besten +dadurch, daß er auf die Antwort des Divisionarios schwieg. Es ist ja +wohl auch schwerlich anzunehmen, daß sich Porfirio Diaz mit gewöhnlichem +Taschendiebstahl abgegeben haben würde. Auf keinen Fall wohl in den +letzten fünf Jahren seiner Regentschaft, wo er schon ein wenig klapprig +wurde. + +Aber eines muß doch gesagt werden. + +Porfirio Diaz mußte den Diplomaten freundlich stimmen und ihn in +freundlicher Laune erhalten, damit der Vorfall nicht bekannt würde. Denn +Porfirio Diaz war mehr besorgt um den guten Ruf seines Hofes als mancher +europäische Potentat. Und um den Diplomaten zu besänftigen und vergnügt +zu stimmen, war er gezwungen, ihm beim Abschluß des Handelsvertrages +Zugeständnisse zu machen, die zwar das mexikanische Volk zu bezahlen +hatte, die aber dem Diplomaten die Ehre einbrachten, als einer der +geschicktesten Diplomaten der Vereinigten Staaten bezeichnet zu werden. + + + + + BÄNDIGUNG + + +In einer kleinen Stadt im Staate Michoacan lebte ein junges +Mestizomädchen, von dem man mit gutem Recht sagen durfte, daß eine +gütige Natur ihr gegenüber wahrhaft verschwenderisch gewesen sei mit +allen den Gaben, die eine jede Frau immer nur glücklich machen kann. + +Die Eltern jenes jungen Mädchens waren vor einigen Jahren kurz +nacheinander gestorben, und das Mädchen lebte in dem Hause ihrer +verstorbenen Eltern mit ihrer Großmutter und mit ihrer Tante. Ihr Vater +besaß ein gutgehendes Sattelzeuggeschäft, das ihn durch seine +Tüchtigkeit zu einem wohlhabenden Manne gemacht hatte. Luisa Bravo war +das einzige Kind ihrer Eltern gewesen. Sie war durch die Erbschaft von +ihren Eltern ein reiches Mädchen geworden, und sie hatte alle Aussicht, +nach dem Ableben ihrer Großmutter und ihrer Tante, die beide gleichfalls +ein kleines Vermögen besaßen, zu gegebener Zeit noch reicher zu werden. +Es war darum kein Wunder, daß Donja Luisa, sowohl ihrer auffallenden +Schönheit als erst recht ihrer Wohlhabenheit wegen, unter den jungen +Männern der Stadt, die sich zu verheiraten gedachten, eine begehrte +Partie war. + +Die Freier flogen auf sie zu wie Bienen auf Honigbonbons. Aber keiner +der Freier, so sehr er auch in Geldnöten sein mochte oder so sehr er +auch das schöne, gutgebaute Mädchen als seine Bettgenossin wünschte, +hielt lange genug aus, um es mit ihr bis zu einer veröffentlichten +Verlobung zu bringen. + +Es war ganz gewiß nicht die Schuld der Freier; denn wo so viel Geld, +verbunden mit so viel Schönheit, zu erwarten ist, nimmt ein jeder eine +große Menge von Unbequemlichkeiten sauersüß mit in Kauf; +Unbequemlichkeiten, von denen, bei weniger rosig erscheinenden Fällen, +zwei vollauf genügen können, um einen jungen Mann davon abzuschrecken, +ein Mädchen auch nur zu einem Tanze aufzufordern. + +Donja Luisa hatte alle Unarten, die eine Frau nur haben kann. Und zwei +Dutzend mehr. + +Sie hatte zuerst einmal von Natur aus ein zügelloses Temperament, das, +wenn es ausbrach, durch nichts, aber auch durch gar nichts zu +besänftigen war. Da sie das einzige Kind ihrer Eltern war und die Eltern +in ewiger Sorge und Furcht lebten, das Kind möchte ihnen fortsterben – +obgleich sie gesund und munter war wie ein Verpflegungsoffizier fünfzig +Meilen hinter der Front –, so war sie von Säuglingszeit an so verzogen +und so verhätschelt worden wie ein Kaiser, der soeben mündig geworden +ist, nach seiner Thronbesteigung von den Höflingen und Schranzen +verhätschelt und verpäppelt wird. + +Jeder Wille wurde ihr getan, und jeder Wunsch wurde ihr erfüllt. Und +weil sie von Kindheit an sehr schön war, so wurde sie nicht allein von +ihren Eltern bewundert und verhimmelt, sondern von allen Leuten, die mit +ihr in Berührung kamen. Das Wort Gehorchen kannte sie nur von andern, +ihre Eltern, ihre Großmutter und ihre Tante eingeschlossen. Sie +gehorchte nie, und es drang auch nie jemand darauf, daß sie irgendwem zu +gehorchen habe. + +Ein solcher Fall ist ja nun in Mexiko, wo das Kind bis zu seinem +Lebensende einen tiefen Respekt gegen seine Eltern und seine älteren +Verwandten hat und über Gehorsam gar nicht gesprochen wird, weil er +einfach vorhanden ist, sehr selten. Aber, wie Donja Luisa bewies, gibt +es auch hier Ausnahmefälle. + +Sie war von ihren Eltern in ein mexikanisches und später in ein +amerikanisches Colegio zur Erziehung geschickt worden, wo sie sich zwar +zu einem beschränkten Gehorsam zwang, ohne jedoch dadurch ihren +Grundcharakter auch nur im geringsten beeinflussen zu lassen. Hier, im +Colegio, waren es ihr eitler Stolz und ihr berstender Ehrgeiz, allen +übrigen Schülern überlegen und voran zu sein, daß sie sich zum Gehorchen +herabließ. Kam sie jedoch während der Ferien nach Hause, so machte sie +alles doppelt gut, was sie inzwischen versäumt hatte, und sie war +widerspenstiger als zuvor. + +Hinzu kam, um ihren Charakter noch ungefügiger und starrer zu gestalten, +ein unbändiger Jähzorn, der durch lächerlich geringfügige Anlässe zu +einem so verheerenden Ausbruch kam, daß die Indianermädchen, die im +Hause dienten, und die Indianerburschen, die in der Werkstatt ihres +Vaters arbeiteten, davonliefen und sich stundenlang nicht im Hause sehen +ließen. Bei solchen Anfällen ungehemmter Wut geschah es nicht selten, +daß sich sogar ihr Vater und ihre Mutter vor ihr versteckten und +einschlossen. Daß sie Töpfe, Tassen, Gläser und Pfannen den Bediensteten +an den Kopf warf, war noch das geringste; es waren auch Messer und +Beile, mit denen sie warf oder mit denen sie auf ein Mädchen losging. +Sie würde vielleicht der Möglichkeit sehr nahe gekommen sein, daß man +sie für verrückt erklärt und in ein Irrenhaus gesperrt hätte, wenn nicht +ihre Eltern eben sehr wohlhabend gewesen wären und zu den angesehensten +und einflußreichsten Familien des Städtchens gehört hätten. Die +Jähzornsanfälle blieben ja auch meist innerhalb des Hauses und trafen +nicht die Öffentlichkeit und deren Sicherheit. Wenn wirklich irgendein +Schaden angerichtet wurde, so heilten ihn die Eltern durch Geschenke und +durch verdoppelte Freundlichkeit gegenüber den Bediensteten. In Mexiko +gehören die Bediensteten ja auch viel mehr zur eigentlichen +Familiengemeinschaft als in den meisten anderen Ländern. + +Donja Luisa hätte auch schon darum nicht als verrückt erklärt werden +können, weil sie sehr intelligent war. Außerdem konnte sie, wenn sie +wirklich wollte, von einem Liebreiz sein, der alle Leute bezwang, die in +ihrer Nähe waren. Das glich vieles wieder aus und trug dazu bei, daß die +Bediensteten, sowie andere Leute, die gelegentlich im Hause zu tun +hatten, wie Lieferanten, Händler, Maultiertreiber und Handwerker, nie +ernstlich daran dachten, sich dem Hause fernzuhalten oder dauernd in +einem Zustand der Beschwerde zu bleiben. + +Denn neben den unzähligen Fehlern, die Donja Luisa hatte, besaß sie auch +wieder einige Vorzüge, die versöhnten. Darunter den Vorzug, daß sie sehr +generös, sehr freigebig sein konnte. Und einem freigebigen Menschen, der +niemand verhungern läßt, der hier mit einem Peso und dort mit einem +abgelegten Paar Schuhe oder einem noch sehr guten Kleid oder einem +aufgefärbten Unterrock oder einer Spieluhr, deren Melodien er endlich +müde geworden ist, anderen Menschen gelegentlich Freude macht oder ihnen +aus bitterer Not hilft, sieht man viele, beinahe alle Untugenden und +Laster nach. + +Das Studium in den Colegios fügte aber einen Zug dem Charakter der +jungen Dame bei, der ihren Gesamtcharakter weiter verschlechterte. Sie +bestand alle Examen in den Colegios mit Auszeichnung. Dadurch aber wurde +sie noch stolzer und hochmütiger, als sie vorher schon gewesen war. Sie +wußte alles besser als andere Leute. Niemand konnte ihr etwas über ein +Buch, über eine Philosophie, über ein politisches System, über eine +Kunstanschauung, über ein astronomisches Problem sagen, ohne daß sie es +nicht besser gewußt hätte. Sie mußte allem und jedem widersprechen. Sie +war immer im Recht. Und wenn es jemand gelang, sie zweifelfrei zu +überzeugen, daß sie im Unrecht war oder im Irrtum, so bekam sie einen +ihrer gefürchteten Anfälle von Jähzorn. Sie spielte vorzüglich Schach, +aber sie durfte nicht verlieren. Dann konnte es nur zu leicht geschehen, +daß ihrem Gegenspieler alle Figuren und das Brett hinterher an den Kopf +flogen. + +Aber es muß wiederholt werden, daß sie Tage hatte, wo sie nicht nur +durchaus zu ertragen war, sondern so bezaubernd sein konnte, daß man ihr +lachend alles vergab, was sie je getan hatte. + +Alles in allem erwogen, wird man aber nun doch wohl verstehen, warum +jeder Freier früher oder später vom Kuchen abrückte, auch wenn er noch +so ernste Absichten ihr gegenüber hatte, wenn er auch noch so willig +war, sie zu erdulden und sich – Geld und Schönheit sind auch in Mexiko +sehr starke Anziehungskräfte – mit den zahlreichen Charakterfehlern des +jungen Mädchens abzufinden. Jeder Mann, auch wenn ihn das Wasser dicht +an den Nasenlöchern kitzeln sollte, vergißt doch nicht im letzten +Augenblick vor der endgültigen Entscheidung, daß er eben mit der +geheirateten Frau auf Gnade und Ungnade verbunden bleibt, bis „der Tod +sie von ihm scheidet“. Und in Mexiko, vor der Revolution, wo die +katholische Kirche unumschränkte Macht besaß, gab es keine andere +Ehescheidung als die, die vom Richter Sensenmann vorgenommen wurde. Wo +es keine Ehescheidung gibt, prüft man viele andere Dinge sorgfältiger +als das eine und einfältige Ding, ob sich das Herz zum Herzen findet. +Sich gefundene Herzen allein genügen nicht und nirgends auf Erden. So +leicht und elegant, wie sich zwei Herzen für die Ewigkeit finden, und so +oft, wie zwei Herzen vor Anbeginn der Welt schon füreinander bestimmt +waren, so leicht können sich die schönen Herzen auch wieder verlieren, +ob Ewigkeit oder nicht Ewigkeit. Wenn das Salz zur Suppe fehlt und ein +heiler Stiefel im Regenwetter, dann bedauern die Herzen merkwürdig +rasch, daß sie von Ewigkeit her füreinander bestimmt gewesen sind. + +Nun fehlte ja hier kein Salz in der Suppe. Es war sogar genügend Pfeffer +und Öl als Zugabe noch vorhanden. Aber ein Mann, der vorher schon weiß, +daß ihm die Pfannen und Töpfe um die Ohren fliegen werden, muß doch nun +schon ganz und gar vertrottelt sein, wenn er sich freiwillig dazu +hergibt, in die Gefahrzone kommandiert zu werden. + +Manch einer der jungen Männer, dem die Schönheit des Mädchens gefiel und +deren Geld erst recht gefiel, dachte ja bei sich, daß er Mann genug sei, +und wenn er es nicht sei, werden würde, um nach der geschlossenen Heirat +sich zum Herrn und Meister der jungen Frau aufzuschwingen. Das dachten +und hofften aber nur die, die Donja Luisa zum ersten oder zum zweiten +Male sahen. Wenn sie aber dreimal im Hause gewesen waren, wenn sie +glaubten, dem Mädchen etwas nähergekommen zu sein und ein wenig mehr +vertraut mit ihr geworden waren, dann gaben sie jene kühne Hoffnung auf. +Und hatten sie die Hoffnung erst einmal aufgegeben, so war es für immer. +Sie alle lernten sehr schnell, daß eine Zähmung der Widerspenstigen nur +versucht werden konnte mit dem sicheren und unausbleiblichen Tode des +Bändigers. + +Es gab auch genügend Freier anderer Art im Städtchen, Witwer, die +Erfahrung hatten, Witwer, die Duldung und Unterwerfung gelernt hatten, +alte und alternde Junggesellen, die für einen ehrlichen und normalen +Kampf nicht mehr in Frage kamen, die, was immer es auch kosten möchte, +dennoch zufrieden gewesen wären, völlig zufrieden gewesen wären mit den +wenigen erfolgreichen Viertelstunden, die sie mit einem so schönen und +jungen Mädchen in einem gemeinsamen Bett hätten verbringen dürfen. Und +es gab genügend junge und alte Männer, die willig und widerstandslos +bereit waren, bedingungslos zu gehorchen und untertan zu sein und sich, +ohne zu zucken, hingestellt hätten, um mit ihrem Kopfe Messer, Beile, +Stühle und Revolverkugeln lächelnd und aufopferungsfreudig aufzufangen. +Das waren jene, denen das Wasser nicht nur an den Nasenlöchern kitzelte, +sondern denen es schon zehn Fuß über dem Scheitel stand, also Männer, +die nichts mehr zu verlieren hatten als ihre Schulden und ihre +Gläubiger. Und es waren auch Männer bereit, das Mädchen zu heiraten, die +nichts anderes waren als Faulenzer oder Spieler, und wieder andere +Männer, die ihrem ganzen Wesen nach der Gattung Patrote oder Zuhälter +angehören, auch wenn sie sich in Wahrheit nie mit einem Mädchen, das +geschickt ihr Handtäschchen zu schwingen versteht, einlassen oder +eingelassen haben. + +Aber keiner von allen diesen Männern hatte auch nur die geringste +Aussicht, Donja Luisa zu heiraten. Denn gegen solche Männer war Donja +Luisa geschützt. Hier schützte sie ihre Intelligenz. Und sie war nicht +von der Art, daß sie Hals über Kopf sich hätte verlieben können; so sehr +und so unerwartet verlieben können, daß sie blind geworden wäre und den +Mann und seine Absichten nicht mehr hätte durchschauen können. + +So weit ihre Heirat in Frage kam, wußte sie schon, was sie wollte. Sie +wollte einen richtigen und vollwertigen Mann. Er durfte ruhig seine +Jahre haben, wenn er sonst noch genügend Antlitz besaß, ihr das zu +verschaffen, was sie nötig zu haben glaubte. Sie war auch gar nicht so +wild darauf, sich zu verheiraten unter allen Umständen. Obgleich ein +älteres, unverheiratetes Mädchen in Mexiko keine sehr glückliche Figur +darstellt, so war sie sich doch genügend bewußt, daß sie aus +wirtschaftlichen Gründen jedenfalls keinen Mann brauchte. Und aus +anderen Gründen war sie auch noch nicht einmal so sehr davon überzeugt, +daß sie ohne Mann etwa nicht leben könnte. Wenn es wirklich unbedingt +nötig werden sollte, dann konnte sie – wenn auch nicht in Mexiko, so +doch in Paris oder in Madrid oder in Berlin – genügend Gelegenheit +finden, ohne die Verpflichtung zu haben, sich nun auch gleich deshalb zu +verheiraten. Sie hatte ja nicht ohne Erfolg im amerikanischen College +studiert, wo man außer Geographie und Englisch auch noch andere Dinge +lernt, die im Leben von Wert und Nutzen sind. + +Dies alles waren gute Gründe, warum sie sich nicht ernstlich bemühte, +Freiern zu Gefallen zu leben und ihnen ein Gesicht zu zeigen, das bis zu +den letzten Akkorden des Hochzeitsmarsches ausreichte. Frauen besitzen +ja auf diesem Felde besondere Gaben und Fähigkeiten, die in der Hölle +ausgeheckt werden, lange ehe es einen Apfelbaum und ausgebrochene Rippen +gab. Aber Donja Luisa nahm es nicht tragisch, wenn wieder ein Freier, +der an sich sehr sympathisch erschien, abgesprungen war. Sie machte sich +keinen Schnipper daraus und weinte sicher keinem einen gesalzenen +Tropfen nach. + +Die jungen Männer der Stadt, die als ernst zu nehmende Freier in +Betracht kamen, sowohl ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen, als auch +ihrer sonstigen persönlichen Vorzüge wegen, strichen Donja Luisa nach +einigen Jahren endgültig von der Liste heiratsmöglicher Damen. Donja +Luisa wurde zwar zu allen Festlichkeiten, die von den verschiedenen +Klubs der Staats-Landsmannschaften wie von den zahlreichen anderen +gesellschaftlichen Sociedades und Centros veranstaltet wurden, stets +eingeladen; und sie erschien auch immer und benahm sich hier genau so +lustig wie andere junge Mädchen. Aber auf jedem Fest wurde jeder +Neuankommer, sobald er einmal mit Donja Luisa getanzt hatte und eine +Minute frei war, sofort von den eingeweihten jungen Herren in eine Ecke +gezogen und dringend vor den bevorstehenden Gefahren gewarnt. Manche +dieser frisch hinzugekommenen Herren glaubten natürlich, daß Eifersucht +vorläge oder ein geheimer Boykott. Und wenn sie hörten, daß neben der +Schönheit auch reichlich Geld vorhanden sei, so ließen sie sich durch +jene Warnung nicht einschüchtern und begaben sich auf das Schlachtfeld, +aus dem sie innerhalb von zwei Wochen flügellahm und zerschunden +zurückkehrten und unaufgefordert den Verteidigungstrupp der Warner +verstärkten. + +Wie jedes andere Mädchen, so wurde auch Donja Luisa mit den Jahren immer +älter. Sie hatte jetzt vierundzwanzig Jahre zu verbuchen, ein Alter, das +für ein Mädchen in Mexiko als hoffnungslos betrachtet werden muß, soweit +eine Heirat in Frage kommt, bei der sie noch ein Wort mitsprechen +möchte. Bei diesem Alter nimmt in Mexiko eine Dame, was sie kriegen +kann, und sie fragt nicht länger mehr nach Titel, Würden, Geld und +Lendenkraft. + +Nicht so Donja Luisa. Ob sie aus der Reihe der Heiratsmöglichkeiten +heraus war oder noch mitten drin, das berührte sie nicht. Sie kam immer +mehr zu der Überzeugung, daß es vielleicht überhaupt besser sei, sich +nicht zu verheiraten, weil sie dann viel weniger Schwierigkeiten haben +würde darin, niemand zu gehorchen, niemand zu Gefallen zu sein, niemals +Widerspruch zu finden und immer recht zu behalten, ohne sich deswegen +herumstreiten und aufregen zu müssen. Sie wurde sich immer mehr bewußt – +besonders wenn sie ihre verheirateten Freundinnen und Schulkolleginnen +ansah –, daß für eine Frau mit genügend Geld das Leben bequemer und +angenehmer ist, wenn sie sich nicht verheiratet. + + * * * * * + +Und es begab sich, daß da lebte im selben Staate Michoacan ein Mann, +nicht mit Namen Abraham, wohl aber mit dem guten, wenn auch schlichteren +Namen Juvencio Cosio. + +Don Juvencio eignete eine kleine Hazienda nicht weit von der Stadt, in +der Donja Luisa lebte. Die Entfernung war nur eine Stunde Ritt. Don +Juvencio war nicht gerade reich, aber er war von genügendem Wohlstand, +denn er verstand seine Hazienda gut und vorteilhaft zu bewirtschaften. + +Er war damals etwa fünfunddreißig Jahre alt, gleichmäßig und normal +gewachsen, nicht gerade schön und nicht gerade häßlich, na und gut, wie +Männer, die nicht besonders auffallen und keinen Weltrekord auf +irgendeinem Gebiete des Sports geschlagen haben, eben für gewöhnlich +auszusehen pflegen. + +Ob er jemals vorher von Donja Luisa gehört hatte, ist nie klar geworden. +Er sagte hierzu weder ja noch nein, und wenn er, das geschah später +recht häufig, direkt gefragt wurde, so sagte er einfach nein. Es sei +hier gesagt, daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß er Donja +Luisa vorher nicht gekannt hat und daß er auf keinen Fall, von niemand, +gegen sie verwarnt worden war. Nicht gerade häufig, aber doch zuweilen +war auch er auf Festen der Centros erschienen, denn er hatte von seiner +Schulzeit her eine gute Anzahl von Freunden in der Stadt. In den letzten +Jahren war er freilich dem rasch aufrückenden Nachwuchs junger Männer, +die er nicht kannte, etwas fremd geworden; und er wurde gelegentlich +schon einmal bei Einladungen, die von den jungen Männern ausgegeben +wurden, übersehen. So kann es durchaus möglich sein, daß er +wahrscheinlich Donja Luisa nie auf einem jener Feste gesehen oder +getroffen hat, und als sicher darf angenommen werden, daß er nie mit ihr +getanzt hatte. Da er sich in den letzten Jahren auch immer mehr und mehr +mit seiner Hazienda zu schaffen machte, weil er mehr und mehr Freude an +ihr bekam, so ritt er immer seltener zur Stadt und nur dann, wenn er den +Auftrag nicht durch einen seiner Leute erledigen konnte. + +Eines Tages nun dachte er, daß er sich endlich einmal einen neuen +schönen Reitsattel kaufen müßte, weil der alte schon recht schäbig +geworden war. Don Juvencio ritt zur Stadt. Beim Herumsuchen nach einem +Sattel kam er zur Talabarteria der Donja Luisa und fand, daß hier in der +Auslage die schönsten und bestgearbeiteten Sättel seien. + +Donja Luisa hatte das Geschäft ihres Vaters nicht verkauft, weil sie +nicht den Preis dafür erhalten konnte, den das Geschäft wert war. So +hatte sie beschlossen, das Geschäft zu behalten und es mit Hilfe des +alten Meisters, der mehr als zwanzig Jahre schon mit ihrem Vater +gearbeitet hatte, und mit den beiden verheirateten Gehilfen, die +gleichfalls schon seit Jahren hier arbeiteten, weiter zu führen. Es ging +viel leichter, als sie gedacht hatte. Sie war im Laden tätig und hielt +die Bücher in Ordnung, während die Tante und die Großmutter das Haus +versorgten. Das Geschäft blühte, und weil die Arbeiten gleich gut +geblieben waren und die Kundschaft sich noch vermehrt hatte, waren die +Einnahmen aus dem Geschäft besser geworden, als sie zu Lebzeiten des +Vaters waren. + +Luisa war im Laden, als Don Juvencio sich die Sättel besah, die im +Ladeneingang, im Fenster und an den Außenwänden des Hauses zur Schau +ausgelegt und aufgehängt waren. + +Luisa trat in die Tür und beobachtete für eine Weile Don Juvencio, der +mit der Miene des Kenners und Gebrauchers die Sättel sorgfältig auf +ihren Wert, ihre Arbeit und ihre Haltbarkeit prüfte. Er sah plötzlich +auf, und sein Blick traf unerwartet das auf ihn gerichtete Gesicht der +Donja Luisa. Und Donja Luisa – sie hat sich später nie erklären können, +warum – lachte den Mann offen an. Aber sie sagte nichts, sie lud ihn +nicht ein, in den Laden zu kommen, um sich die Sättel anzusehen, die +drinnen auf Lager seien, sie drängte mit keinem Worte auf ihn ein, und +sie pries mit keiner Silbe die Ware an, wie es in Mexiko die Regel ist, +sobald man vor einem Schaufenster stehenbleibt. + +Das freie offene Lachen fing Don Juvencio ein; und er wurde etwas +verlegen. Noch vor der Tür stehend, sagte er: „Buenos dias, Senjorita, +ich habe die Absicht, mir einen neuen Sattel zu kaufen.“ + +„So viel Sie wollen, Senjor“, antwortete darauf Donja Luisa, „Pase, +Usted, Senjor, und sehen Sie sich auch die Sättel an, die ich drinnen im +Laden habe, vielleicht gefällt Ihnen einer von denen noch besser, denn +die sehr guten lege ich nicht da aus, wo sie von der Sonne und dem Staub +verdorben werden können.“ + +„Con su permiso“, sagte Don Juvencio, und er folgte Donja Luisa in den +Laden. + +Er sah sich alle Sättel an. Aber merkwürdigerweise hatte er nun die +Fähigkeit verloren, die Sättel nüchtern und vorurteilsfrei zu prüfen. Er +klopfte zwar an den Sattelstöcken herum, kratzte am Leder und zupfte die +Riemen knallend auseinander, aber seine Gedanken waren nur oberflächlich +bei den Sätteln. Er sagte wenig, und das wenige, was er sagte, bezog +sich nur auf die Sättel. Dann aber blickte er einmal rasch auf, als ob +er etwas fragen wollte. Obgleich Donja Luisa sofort wegsah, hatte er +dennoch so viel noch von ihrem Blick aufgefangen, daß er wohl wußte, daß +sie ihn während der ganzen Zeit aufmerksam angesehen hatte, ebenso +prüfend, wie er vorher die Sättel angesehen hatte. + +Und als Donja Luisa fühlte, daß sie von ihm überrascht worden war, +während noch ihr Blick für einen kurzen Moment auf seinem Gesicht geruht +hatte, wurde diesmal sie verlegen. Ihr Gesicht rötete sich ein wenig. +Aber sie gewann sich gleich wieder zurück, lachte ihn an und +beantwortete sachlich und geschäftsmäßig den gefragten Preis für den +Sattel, den er gerade aufgenommen hatte und hin und her drehte. + +Er fragte nach den Preisen einiger anderer Sättel, aber sie fühlte, daß +er jetzt nur fragte, um etwas zu sagen. + +Dann fragte er nach einigen anderen Dingen, fragte, wo das Leder +herkomme, das hier verwendet sei, wie die Geschäfte gingen und noch so +einiges ohne Bedeutung. + +Dann fragte sie, wo er herkomme und wie seine Geschäfte gingen. Er sagte +ihr seinen Namen, erzählte ihr, wie groß seine Hazienda sei, wieviel +Vieh er habe, wieviel Pferde und Maultiere, wieviel Mais er im letzten +Jahre verkauft habe und wieviel Schweine, und wie die Preise gewesen +seien. + +Von einem Sattel wurde vorläufig nicht mehr gesprochen. + +Als er dann nach einer halben Stunde, oder es war vielleicht eine ganze +Stunde – beide hatten die Zeit nicht beachtet – fühlte, daß er nun doch +wieder auf den Sattel zurückkommen müßte, um nicht aufdringlich zu +erscheinen, sagte er endlich: „Ich denke, daß ich diesen Sattel hier +nehme.“ Dabei wies er auf den schönsten und teuersten Sattel hin. „Aber +ich werde es mir doch noch ein wenig bedenken und mir noch andere in der +Stadt ansehen gehen. Ich möchte wohl, daß Sie mir diesen Sattel hier bis +morgen zurückhalten, Senjorita. Morgen werde ich dann kommen und +bestimmt sagen, ob ich ihn kaufe oder nicht. Dann, hasta manjana, +Senjorita.“ + +„Hasta manjana, Senjor“, sagte Donja Luisa, und er verließ den Laden. +Nun kauft man ja in Mexiko kein Ding überrasch, ganz gleich, ob es sich +um einen Esel, ein Pferd, ein Haus, einen Sattel, eine Hose oder ein +Taschenmesser handelt. Darum war die Tatsache, daß er sich nicht sofort +zum Kaufe entschloß, für sie in keiner Weise auffallend. Aber mit dem +guten Instinkt der Frau wußte sie, daß er seine Entscheidung +hinsichtlich des Sattels getroffen hatte und daß er den Kauf nur darum +aufschob, um morgen wiederkommen zu können. Sie hatte sich hierin nicht +getäuscht. Das war wirklich der Grund gewesen, warum er nicht gekauft +hatte. + +Er sah sich natürlich keinen anderen Sattel in einem nächsten Geschäft +an, sondern er schlenderte zu dem Platze, wo sein Pferd an einen Pfosten +gebunden war, setzte sich auf und ritt langsam heim. + +Auf dem Heimwege dachte er nur an das Mädchen und an ihr Lachen. Und als +er auf seiner Hazienda angelangt war, da war er verliebt bis zu völliger +Hilflosigkeit. + +Er war drei- oder viermal vorher in seinem Leben verliebt gewesen; aber +es war nie etwas daraus geworden. Jetzt war er freilich vollkommen davon +überzeugt, daß er noch nie in seinem Leben verliebt gewesen sei und daß +alle früheren Liebschaften nichts weiter gewesen waren als zufällige +Bekanntschaften. + +Am nächsten Morgen war er schon um neun Uhr wieder im Laden. + +Diesmal war die Tante im Laden. Das enttäuschte ihn. Er wußte sich aber +zu helfen. Er sagte: „Perdoneme, Senjora, ich habe mir gestern hier +einige Sättel angesehen. Aber die junge Frau, die hier im Laden war, +wollte mir noch einige andere Sättel zeigen, die sie zurückgelegt habe.“ + +„Ja, das war meine Nichte Luisa. Hören Sie, Senjor, ich weiß nun nicht, +welche Sättel sie gemeint haben könnte. Luisa ist irgend etwas einkaufen +gegangen. Wenn Sie zehn Minuten warten können, dann ist sie zurück, und +sie kann Ihnen die Sättel gern zeigen.“ + +Juvencio brauchte aber keine volle zehn Minuten zu warten, und da kam +Luisa heim. + +Sie lachten sich beide an wie alte Bekannte. + +Als nun Luisa sofort die Tante mit einem Auftrag ins Haus schickte, +wußte Juvencio – ein Mann begreift ja schwer und sehr langsam in +gewissen Dingen, aber zuweilen hat ja auch er den richtigen Instinkt –, +ja, da wußte Juvencio, daß Luisa ihm nicht ganz abgeneigt war, denn sie +wollte mit ihm allein sein. + +Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen und ohne es durch einen Kauf +zu rasch abschließen zu müssen, begann er aufs neue, sich alle übrigen +Sättel anzusehen. Das Gespräch schweifte jedoch sehr bald, wohl dem +Wunsche beider folgend, von den Sätteln ab und wandte sich anderen +Dingen zu. + +Er wurde ein wenig dreister und fragte geradeswegs, ob sie sich nicht +bald verheiraten werde. + +„Ich wüßte nicht gegen wen“, sagte Donja Luisa, ihn anlachend, „ich habe +keinen Novio, ich habe keinen einzigen Liebhaber.“ + +„Ha“, sagte er nun, „ein so schönes Mädchen wie Sie sind, Senjorita, und +keinen Liebhaber, das glaube ich nicht.“ + +„Es ist aber doch so, Senjor.“ Sie brachte ihre Fingerspitzen hoch und +klopfte sich damit beteuernd und verschwörend gegen die Lippen und +sagte: „Bei der Heiligen Allerreinsten Jungfrau nicht, Senjor.“ + +„Ja, dann muß ich es wohl glauben“, sagte darauf Don Juvencio lachend. + +Es verging wieder eine Stunde des Hinundherredens, und als er endlich +abermals einsah, daß er gehen müßte, entschied er sich nun, den Sattel +zu kaufen. Er zählte das Geld auf den Tisch einzeln auf, nachdem er es +aus seinem Ledergurt ausgeschüttet hatte. + +Als sie das Geld genommen hatte und sein Geschäft eigentlich nun +abgeschlossen war, hielt er sich die Tür zur Rückkehr offen und sagte: +„Ich werde wohl noch verschiedene Dinge brauchen, Senjorita, und ich +werde in den nächsten Tagen wiederkommen müssen, mit Ihrer Erlaubnis.“ + +„Das ist Ihr Haus, Cabellero, kommen Sie wieder, so oft Sie wollen, Sie +sind immer gern gesehen.“ + +„Ist das so ernst gemeint, Senjorita?“ fragte er. „Oder sagen Sie das +nur zugunsten des Geschäfts?“ + +„Nein“, lachte Donja Luisa, „ich meine es im wahren Ernst. Und damit Sie +sehen, wie sehr ernst ich es meine – wollen Sie uns nicht die Ehre +erweisen, ins Haus zu kommen und mit uns zu frühstücken? Wir sind gerade +beim Frühstück, und wenn Sie nicht gekommen wären, dann wäre ich nun +schon damit fertig.“ + +Der Mexikaner trinkt frühmorgens, gleich nachdem er aufgestanden und +sich gewaschen hat, eine oder zwei Tassen Kaffee und ißt dazu nur einen +Bissen oder meist gar nichts. Das nennt er Desayuno. Dann zwischen acht +und zehn Uhr morgens setzt er sich zu einem Frühstück nieder, das den +doppelten Umfang eines Mittagessens in Schweden hat. Darum ist das +Frühstück, das Almuerzo heißt, eine Angelegenheit, die ohne besondere +Mühe sich über eine Stunde Zeit hinziehen kann, ehe man damit völlig +durch ist. + +Als Donja Luisa und Don Juvencio in den Comidor, in das Eßzimmer, kamen, +schienen die Tante und die Großmutter soeben mit dem Frühstück fertig +geworden zu sein, weil sie so lange nicht hatten warten wollen und +übrigens daran gewöhnt waren, daß Luisa aß, wenn es ihr gefiel, und +nicht, wenn andere es wünschten oder gar kommandierten. + +Aus Höflichkeit blieben aber die beiden älteren Frauen noch so lange +sitzen, bis der erste Gang vorüber war. Sie sagten ein paar freundliche +Worte zu ihrem Gast, standen dann auf vom Tische und verließen das +Zimmer. + +Das Frühstück der beiden Leute dehnte sich bis gegen elf Uhr aus. + + * * * * * + +Nicht am nächsten Morgen, wohl aber am übernächsten, kam Don Juvencio +schon wieder, diesmal um Gurten zu kaufen. + +Und von dem Tage an kam er jeden zweiten Tag, um etwas zu kaufen oder +etwas umzutauschen, oder um etwas zu bestellen nach besonderer +Anordnung. Daß er sich jedesmal, wenn er kam, zum Frühstück niedersetzen +mußte, wurde zur Regel. Dann kam es auch schon vor, daß er noch weitere +Dinge in der Stadt zu ordnen hatte, die sich bis über den Mittag +hinzogen; und so wurde er auch zum Mittagessen eingeladen. Und dann +geschah es einmal, daß er erst am Nachmittag zur Stadt kommen konnte. Es +begann zu regnen, als er im Hause der Donja Luisa war, und er blieb zum +Abendessen. Aber es regnete immer heftiger, und die Nacht war +undurchsichtig und der Regen wuchs an, anstatt nachzulassen. Was sollte +er in ein Hotel gehen, sagten die Frauen, und dort das Geld unnötig +ausgeben, er könne auch hier im Hause schlafen, man habe genügend freie +Zimmer, und wenn das Bett, das man ihm anbieten könnte, auch nicht +gerade sehr gut sei, so sei es doch auf keinen Fall schlechter, als die +Betten in dem Hotel seien. Und so verbrachte er einen langen Abend mit +Donja Luisa im Hause und nahm die Gastfreundschaft für die Nacht +bereitwillig an. + +So vergingen zwei Wochen, und er lud die Frauen für den Sonntag auf +seine Hazienda ein. Donja Luisa und die Tante kamen hinausgeritten mit +Pferden, die er sehr frühzeitig zur Stadt geschickt hatte, und mit zwei +seiner Leute zur Begleitung. Die Großmutter war daheim geblieben, um das +Haus nicht allein zu lassen. + +Nun geschah alles Weitere genau so, wie es immer geschieht, wenn ein +Mädchen und ein Mann glauben, daß sie sich mit einer Heirat abfinden +könnten, um dem ewigen Hinundherrennen, das nur ermüdet, ein Ende zu +machen. + +So kamen die beiden endlich überein, sich die Ehe zu versprechen. Er +hatte bei der Großmutter und der Tante, höflich und den Sitten +gehorchend, angefragt; und die beiden hatten nichts gegen die Heirat +einzuwenden, denn Don Juvencio war ein anständiger Mensch, von +ehrenhafter Familie, hatte einen mäßigen Wohlstand, war nüchtern und +arbeitsam, und er hatte alle sonstigen Tugenden, um einen guten Ehemann +für Luisa zu machen. + +Juvencio hatte natürlich auch Luisa selbst gefragt; und weil sie schon +zwei Wochen vorher gewußt hatte, welche Antwort sie geben würde, falls +er fragen sollte, so erfolgte von ihrer Seite aus die Zusage ohne lange +Ziererei und mit Bestimmtheit. + +Bis zu dieser Phase einer Heiratsmöglichkeit war Donja Luisa auch mit +einigen anderen ihrer Freier gelangt. Mit zweien von denen sogar schon, +ehe vier Wochen vergangen waren. Damit soll hier gleich gesagt werden, +daß diese Vorverlobung innerhalb der engsten Familie für niemand +irgendeine Gewißheit bot, daß diese Heirat, die jetzt in Aussicht stand, +auch wirklich vollzogen werden würde. Die Großmutter und die Tante, +durch frühere Erfahrungen weise geworden, zweifelten sehr daran, daß es +diesmal Ernst werden würde, obgleich Don Juvencio mehr ein vollwertiger +Mann war als einer seiner Vorgänger. Don Juvencio war sehr ruhig, sehr +verträglich, nicht streitsüchtig und nicht rechthaberisch. Darum waren +bis jetzt keinerlei Zwistigkeiten zwischen den beiden vorgekommen. + +Dennoch hielt es die Großmutter für wohl geraten, gelegentlich zur Tante +zu sagen: „Die sind noch lange nicht verheiratet, und ehe sie nicht +beide im selben Bett sind, glaube ich es auch nicht, daß etwas daraus +wird. Jedenfalls kümmere dich vorläufig weder um Kleider noch um sonst +etwas, und am besten ist es, du sagst zu keiner Seele in der ganzen +Stadt auch nur eine Silbe von der Sache.“ + +Die Tante folgte diesem guten Rate, denn sie war genau so voller +berechtigter Zweifel wie die Großmutter. + +Die Vorfälle, die eine Heiratsaussicht endgültig zerstörten, hatten +sich, in allen früheren Fällen, stets immer erst in ihrer vernichtenden +Wirkung gezeigt, nachdem die Vorverlobung stattgefunden hatte; also in +jener Periode des Verlöbnisses, die nun folgte. Das war ja auch +erklärlich. Die beiden Leute verkehrten vertraulicher miteinander, und +dadurch geschah es ganz natürlich, daß sie gelegentlich ihre wahre Natur +gegeneinander entschleierten und sich nicht immer die unbequeme Mühe +machten, einen Ausbruch ihrer wirklichen Meinungen und Gefühle durch +Zurückhaltung und Selbstbeherrschung dauernd zu unterdrücken. + +Und es geschah deshalb immer während dieser Periode, daß die Freier zur +Besinnung kamen und rechtzeitig absprangen. Es soll aber auch gesagt +werden, daß nicht immer nur die Freier absprangen, sondern daß ebenso +häufig auch Donja Luisa absprang und den Freier einfach aus dem Hause +warf, oder ihn so behandelte, daß er wußte, er könne nicht wiederkommen, +ohne daß ihm in rücksichtslosester Weise die Tür gewiesen werden würde. +Dieses Streiten und Rechthabenwollen begann schon eine Woche nach dem +Gelöbnis. + +Don Juvencio stand eines Morgens im Laden, um mit Donja Luisa eine Weile +sprechen zu können. Sie kamen auf Sättel zu reden, und Don Juvencio +sagte ganz frei heraus: „Das will ich dir nur einmal sagen, Licha, von +Sätteln verstehst du gar nichts. Obgleich du eine Talabarteria hast, +weiß ich mehr über Sättel und Leder als du. Kannst du mir ruhig +glauben.“ + +Diese Äußerung hatte Donja Luisa hervorgerufen dadurch, daß sie über die +Güte und den Wert einer bestimmten Ledersorte durchaus recht haben +wollte; während Don Juvencio ihr einfach nicht recht geben konnte, weil +es gegen sein besseres Wissen ging. Als Ranchero hatte er genug mit +Leder, Sätteln und Geschirren praktisch zu tun, um aus Erfahrung zu +lernen, welches Leder sich für bestimmte Zwecke besser eigne und welches +sich weniger gut dauerhaft oder brauchbar erweise. + +Donja Luisa fuhr wild auf und schrie aufs höchste erbost: „Ich bin seit +meiner Windelzeit hier in der Talabarteria zwischen Sätteln, Gurten, +Riemen und Geschirren, und du willst mir in das Gesicht hinein sagen, +daß ich nichts von Sätteln und Leder verstünde!“ + +„Ja, das will ich, weil das meine Meinung ist“, sagte Don Juvencio +ruhig. + +„Glaub nur ja nicht, daß du mich kommandieren kannst, auch wenn wir +verheiratet sein sollten, was ich überhaupt noch gar nicht einmal so +sicher annehme. Ich lasse mich nicht kommandieren, auch von dir nicht. +Und damit du das nur gleich weißt, mach, daß du hier rauskommst, und laß +dich hier nicht mehr blicken, oder es fliegt dir etwas an den Kopf, daß +du lange genug daran denken und doktern kannst, um zu wissen, daß ich +der bin, der kommandiert.“ + +Er sagte: „Gut, ganz wie du denkst.“ Dann ging er, und sie warf wütend +die Tür hinter ihm zu. + +Sie lief ins Haus und sagte zu ihrer Tante: „Den habe ich rausgefegt. +Der dachte, daß er kommandieren könnte. Ich brauche keinen Mann, und ich +will keinen.“ + +Weder die Tante noch die Großmutter sagten etwas dazu, denn es war ja +für sie keine Neuigkeit. Sie seufzten nicht einmal. Im Grunde war es +ihnen überhaupt gleichgültig, ob Luisa heiratete oder nicht; denn sie +wußten, daß Luisa auf alle Fälle doch tun würde, was ihr beliebte, ob es +den beiden Frauen gefiel oder nicht. + + * * * * * + +Nun war Don Juvencio wohl wirklich ernstlich verliebt in das Mädchen. Er +zog sich nicht zurück, wie es seine Vorgänger nach einigen +Unterhaltungen dieser Art gewöhnlich getan hatten. Nach drei oder vier +Tagen war er eines Morgens wieder im Laden. Darüber war Donja Luisa +nicht wenig erstaunt. Aber er war vielleicht noch mehr erstaunt darüber, +als er sich plötzlich ihr gegenüber im Laden wiederfand. Er hatte in der +Tat den Hinauswurf vergessen, und er war in den Laden gekommen aus +reiner Gewohnheit. + +Es mochte wohl sein, daß Donja Luisa gleichfalls ihm gegenüber etwas +tiefer empfand, als sie je gegen einen ihrer früheren Freier empfunden +hatte. Sie war nicht gerade freundlich zu ihm, aber doch auch nicht +abweisend. So erschien es als nichts anderes als eine Form der +Höflichkeit, daß sie ihn zum Frühstück einlud. + +Einige Tage ging es gut. + +Dann aber kam ein Abend, wo sie behauptete, daß eine Kuh auch Milch +geben könne, ohne ein Kalb gehabt zu haben. Sie behauptete, diese +Tatsache in dem amerikanischen College gelernt zu haben. + +Darauf sagte er: „Wenn du das in dem amerikanischen College gelernt +hast, Licha, dann sind die Lehrer und Professoren des College alte Esel, +und dann ist es nicht weit her mit der Bildung und dem Wissen, das du +dort erworben hast.“ + +„Du willst doch nicht etwa sagen, daß du klüger bist als die +Professoren, Bauer, der du bist!“ sagte sie. + +„Klüger oder nicht klüger“, gab er zurück, „aber gerade als Bauer weiß +ich, daß eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, keine Milch geben kann, ob +du sie nun von hinten oder von vorne melkst. Wo keine Milch ist, da +kannst du keine rausmelken.“ + +„So, da willst du also sagen, daß ich nichts gelernt habe, daß ich eine +dumme Henne bin, daß ich kein Examen gemacht habe. Und ich will dir auch +gleich noch mehr sagen, ob du nun ein Bauer bist oder nicht: Hühner +können Eier legen, ohne daß sie einen Hahn dazu brauchen.“ + +„Richtig“, sagte er, „ganz richtig, und Hähne legen zuweilen auch Eier, +wenn die Hennen keine Zeit dazu haben, und Maultiere werfen +Maultierfüllen, und es ist auch ganz richtig, daß viele Kinder geboren +werden, die keinen Vater haben.“ + +„So, du willst mir widersprechen, mir, die ich studiert habe, während du +die Schweine gefüttert hast!“ + +„Wenn wir, das ist ich und meinesgleichen, die Schweine nicht füttern, +dann verhungern alle deine überklugen amerikanischen Professoren.“ + +Sie wurde von einer Wut gepackt, wie er bisher nicht geglaubt hatte, daß +ein Mensch einer solchen Wut fähig sein könnte. + +Sie schrie: „Gibst du zu, daß ich recht habe, oder nicht?“ + +„Du hast recht. Aber eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, gibt keine +Milch. Und wenn es eine solche Kuh gibt, dann ist es ein Wunder. Und +Wunder sind Ausnahmen. In der Landwirtschaft aber kann man sich weder +auf Wunder noch auf Ausnahmen verlassen.“ + +„So, du verhöhnst mich und beschimpfst mich noch obendrein?“ + +„Ich beschimpfe dich nicht, aber Kühe, die kein Kalb gehabt haben, geben +keine Milch, und einen brauchbaren Sattelgurt aus Ziegenleder kann man +auch nicht machen.“ + +Die Ruhe, mit der er das sagte, brachte sie in größere Raserei, als das +ein aufgeregter Widerspruch von ihm getan haben könnte. + +Auf dem Tisch stand ein steinerner Wasserkrug. Mit einem Ruck war sie +hoch, ergriff den Krug und pfefferte ihn ihrem Widersacher an den Kopf. +Die Kopfhaut platzte, und das Blut lief in einem dicken Strom dem Don +Juvencio über das Gesicht. + +In einem Film oder in einem guten Roman würde jetzt das Mädchen ihre +rasche Tat bedauert haben, sie würde ihr Seidentüchelchen genommen +haben, hätte es auf die Wunde gepreßt, dann die Wunde mit zarten Händen +ausgewaschen, dann den armen Kopf in ihre Arme gepreßt und ihn mit +Küssen bedeckt, und am nächsten Morgen wären beide zur Kirche +marschiert, hätten sich verheiratet und hätten von nun an für den Rest +ihres Lebens in eitel Glück und Zufriedenheit gelebt. Da es sich aber +hier weder um einen Film noch um einen Roman handelte, so lachte Donja +Luisa nur höhnisch auf, als sie den blutenden Freier sah, und schrie: +„So, nun wirst du wohl endlich genug haben mit deiner Rechthaberei und +mit deinem ewigen Besserwissenwollen. Und wenn du wirklich noch im Sinne +haben solltest, mich zu heiraten, dann ist das jetzt ausgemacht einmal +für allemal: Ich habe recht, und ich kommandiere. Wenn du damit +einverstanden bist, gut. Wenn nicht, dann wird nichts daraus, und du +kannst meinetwegen zur Hölle gehen mit deinem Rechthaben und mit deinem +Herumkommandieren. Such dir ein dummes Indianermädchen zur Frau, mit der +kannst du solche Dinge machen. Nicht mit mir. Du kennst mich nun.“ + +Sie ging in ihr Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen. + +Er ging zum Doktor. + + * * * * * + +Es war in den letzten Wochen in der Stadt schon ein wenig bekannt +geworden, daß Donja Luisa einen neuen Freier habe. Es war auch bekannt +geworden, wer der neue Freier war. Denn in einer kleinen Stadt, auch in +Mexiko, kann ein unverheirateter Mann nicht mehr als dreimal in ein Haus +gehen, wo ein heiratsfähiges Mädchen mit ihrer Familie lebt, ohne daß +jeder weiß, warum der Mann so häufig in jenes Haus auf Besuch geht. + +Als Don Juvencio zwei Tage später mit verbundenem Kopf in der Stadt +gesehen wurde, wußte man, daß die beiden sehr nahe vor der Heirat +gestanden hatten, daß aber jetzt die Sache aus und vorbei sei. + +Don Juvencio hatte auch gleich Freunde um sich herum. + +„Aber, Hombre, Vencho, warum hast du denn nichts gesagt? Wir hätten dir +doch die Augen aufknöpfen können. Die ist doch bekannt, daß sie ein +Teufel ist. Schlimmer als ein Teufel. Die ist die Hölle und das +Fegefeuer schon vor der Heirat. Was sie nach der Heirat sein wird, dafür +gibt es kein Beispiel. Wie kannst du denn nur auf diese Tigerin so +reinfallen! Weißt du denn, wie viele Bewerber sie in derselben Weise +heimgeblasen hat wie dich? Ein halbes Dutzend langt nicht. Wer sie +kennt, läßt die Finger weit davon. Hier kriegt sie keinen. Hier ist sie +durch. Sie konnte nur noch einen erwischen wie dich, der von Welt und +Hund nichts weiß, der nicht reinkommt von seinem Windfang da draußen. +Danke deinem Schöpfer, daß du den Kopf noch zur rechten Zeit bekommen +hast, ehe es zu spät war. Dir wird ja jetzt das Hirn da oben wieder +zurechtgerückt worden sein. Wenn du heiraten mußt, heirate, was dir in +den Weg gelaufen kommt, ganz gleich woher sie kommt und wie sie kommt; +aber laß diese Dynamitpatrone allein. Wir sind uns bis heute noch nicht +ganz sicher darüber, ob sie nicht ihren Vater und ihre Mutter erschlagen +hat. Die sind beide merkwürdig rasch gestorben, und sie waren gar nicht +krank. Und der Doktor, der das Attest ausgeschrieben hat, na, da weiß +man ja auch nicht so recht, er war der Familiendoktor, und er muß ja +auch leben und will keinen Gestank haben und mit den Gerichten seine +Zeit verlieren. Die könnte zehn Millionen haben und noch zwanzigmal eine +hübschere Fratze vorgebunden haben, einer, der sie kennt, nimmt sie +nicht in einen Sack gebunden und umsonst.“ + + * * * * * + +Zwei Monate später waren Don Juvencio und Donja Luisa verheiratet. Er +hatte wohl zugestanden, daß er nicht darauf bestehen würde, recht zu +haben, wenn sie anderer Meinung war, und er hatte wohl auch zugestanden, +daß sie in der Ehe die Zügel führen dürfe. Das muß als sicher angenommen +werden, weil ja sonst diese Heirat gewiß nicht möglich gewesen wäre. + +Die Meinung der Männer in der Stadt war geteilt. Die einen sagten, Don +Juvencio müsse ein ungemein mutiger Mann sein, weil er sich zwischen die +Tatzen des Tigers gelegt habe. Andere glaubten, er sei in eine gewisse +sexuelle Abhängigkeit geraten, die ihn blind gemacht habe, und er würde +wahrscheinlich aufwachen, sobald er seine Wünsche nach der Verheiratung +gekühlt habe. Wieder andere meinten, daß er sich in einer unüberlegten +Fahrlässigkeit ihr gegenüber habe etwas zuschulden kommen lassen, das +ihn zwang, sich wider bessere Einsicht zu verheiraten. Abermals andere +sagten, er sei wohl doch im Grunde sehr geldgierig, daß er alles übrige +darüber vergessen konnte. Wieder andere meinten, er sei vielleicht ein +wenig anormal veranlagt und liebe es, unter dem Joch und der brutalen +Gewalt einer Frau zu stehen. Und endlich waren da genug, die sagten, daß +er wohl mehr auf eine hübsche Außenwand sehe als auf das, was dahinter +ist. + +Aber was die Männer auch in ihren einzelnen Parteien gedacht haben +mögen, alle, ohne Ausnahme, sahen den kommenden Geschehnissen, die sich +aus dieser Ehe entwickeln würden, mit einer erregten Spannung entgegen +wie der Fortsetzung in einem guten Mörderfilm. Und die Wahrheit ist, daß +niemand, selbst nicht jene Freier, die gern das Vermögen der Donja Luisa +gehabt hätten, Don Juvencio beneideten oder es nachträglich bedauerten, +daß sie nicht doch das Mädchen unter allen Umständen genommen hatten, +als Gelegenheit dazu war. Jeder sagte zu sich und zu seinen Bekannten, +daß er nicht im Fell des Don Juvencio stecken möchte. + +Es kann nicht angenommen werden, daß Don Juvencio jemals von einem Manne +gehört hatte, dessen Name Shakespeare war; noch viel weniger darf +angenommen werden, daß Don Juvencio je davon gehört hatte, wie man, nach +dem Bericht jenes Mr. Shakespeare, rabiate Tigerinnen in England zähmt. +Und hätte Don Juvencio wirklich jenen Bericht gelesen, so war er doch +Mexikaner genug, um zu wissen, daß in Mexiko die Zähmung nicht nach +englischen Rezepten vorgenommen werden kann, um Wirkung zu haben, +sondern nach Erfahrungen, die einen hier der Busch lehrt. + +Bei der Hochzeitsfeierlichkeit hatte er ein Gesicht aufgesetzt, aus dem +niemand schließen konnte, ob er zufrieden mit sich und der Welt sei oder +nicht. Aber allen Gästen fiel es auf, daß er seiner jungen Frau immer +recht gab, ihr in allem, was sie sagte, zustimmte; und wenn im Laufe der +langen Sitzung wiederholt das Gespräch darauf kam, besonders von den +anwesenden Damen, wie die beiden Leute dieses oder jenes in ihrem Hause +und in ihrem künftigen Leben halten würden, da sagte er, das wird getan, +wie Donja Luisa das anordnet. Als in vorgerückten Stunden nicht nur die +Männer, sondern auch die Damen angeregter wurden durch die Getränke, +fielen mehr und mehr Anzüglichkeiten über die starke junge Frau und den +schwächlichen und nachgiebigen Mann, und daß nun eine neue Zeit auch in +Mexiko angebrochen sei, in der endlich die Frau das Kommando übernehme. +Zu allen solchen Neckereien, die zuweilen hart so dicht gingen, daß er +offen lächerlich gemacht wurde, blieb er gleichgültig wie eine +vertrocknete Speckkruste. + +Einer seiner alten Freunde, sehr angetrunken, stand auf und rief über +den ganzen Tisch hin: „Vencho, wir besser schicken morgen früh die +Ambulance hinaus, um deine Knochenreste abzuholen.“ + +Es folgte ein brüllendes Gelächter. + +Das war ein sehr gewagter Scherz. Bei viel schwächeren Scherzen wird in +Mexiko, sei es bei einem Begräbnis oder bei einer Kindtaufe oder bei +einer Hochzeit, nach solchen oder ähnlichen nackten Bemerkungen sofort +gezogen und geschossen. Selbst bei einer Festlichkeit in den vornehmeren +Kreisen. Hunderte von Hochzeiten enden mit drei oder vier Toten, +darunter häufig der junge Ehemann und nicht selten – wenn auch nur durch +fehlgegangene Schüsse – die Braut. Denn bei dem heißen Blute der +Mexikaner und bei der Zimperlichkeit, mit der sie das betrachten, was +sie Su Honor, ihre Ehre, nennen, weiß man nie, in welcher Weise eine +Neckerei aufgenommen werden wird. + +Aber hier lief alles friedfertig ab. + +Die Hochzeit dauerte bis weit in den folgenden Tag hinein. Sie war im +Hause der jungen Frau gehalten worden. Und als die Feier als beendet +angesehen wurde, waren alle hundemüde und alle genügend alkoholisiert, +daß niemand, das junge Ehepaar eingeschlossen, an irgend etwas anderes +dachte als daran, nun einmal recht tüchtig zu schlafen. + +Es war ganz natürlich und niemand sah darin irgendeine Sache, die gegen +hergebrachte Regeln verstieß, daß Donja Luisa in ihr altes Zimmer ging, +um zu schlafen, und Don Juvencio sich in jenem Zimmer ins Bett legte, wo +er einige Male schon geschlafen hatte, wenn er zur Nachtzeit nicht +zurückreiten konnte zu seiner Hazienda. Es hatte auch in der Tat keiner +von den Gästen irgendein Interesse daran, sich darum zu kümmern, was die +beiden jungen Leute nun taten und wo und wie sie die folgenden Stunden +verbrachten. Denn der Übermüdung wegen und unter dem Eindruck voller +Mägen und betäubter Hirne hatte jeder einzelne so viel mit sich selbst +zu tun, daß er keinen Gedanken mehr übrighatte, den er auf das Tun und +Lassen seiner Mitmenschen verschwenden konnte. + +Am nächsten Morgen frühstückten Don Juvencio, Donja Luisa, die Tante und +die Großmutter gemeinschaftlich. Es wurde dabei nicht viel geredet. Die +beiden älteren Frauen waren in einer gerührten Stimmung, weil Luisa nun +das Haus verließ; und das Ehepaar redete gleichgültige Worte über die +Art und Weise des Heimritts und was man in der Hazienda wohl zuerst tun +müßte, um sie für die neuen Verhältnisse einzurichten. + +Dann kamen die Burschen von der Hazienda mit den Reitpferden und mit den +Maultieren. Es wurde den Maultieren nur gerade das Allerwichtigste +aufgepackt, das Donja Luisa am notwendigsten für die ersten Tage +brauchte. Alles übrige würde dann in den nächsten Tagen +nachtransportiert werden. + + * * * * * + +Auf der Hazienda angekommen, hatte Don Juvencio nicht viel Zeit, sich um +seine junge Frau zu kümmern; denn es hatte sich in den vergangenen Tagen +reichlich Arbeit angehäuft, die er zu besorgen hatte. + +Donja Luisa ordnete mit der alten indianischen Haushälterin und den +Mädchen die Zimmer an. + +Dann wurde es Abend, und Donja Luisa legte sich in das schöne weiche +neue und sehr breite Ehebett. Aber wer nicht kam, sich zu ihr zu legen, +das war Don Juvencio, ihr kürzlich erworbener Ehemann. + +Ob sie erwartete, daß er kommen würde, um mit ihr zu schlafen, weiß man +nicht. Es hat sie nie jemand darum gefragt, was sie sich gedacht hat in +jener Nacht und was sie erwartet haben mag. Es ist aber wohl sicher, daß +sie geglaubt hat, daß diese Hochzeitsnacht nicht ganz vollständig sei; +denn sie war ja eine Frau, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte Romane +gelesen, war in höhere Schulen gegangen und hatte Freundinnen, die +längst verheiratet waren und Kinder besaßen. + +Daß ihre Hochzeitsnacht vorüberging, wie jede Nacht in ihrem +unverheirateten Bett vorübergegangen war, machte sie verwirrt. Sie war +überzeugt gewesen, daß zwischen Verheiratetsein und Nichtverheiratetsein +auf jeden Fall ein Unterschied bestehen müsse, der, je nach den +Verhältnissen, die teils in der Psychologie, teils in der Physiologie +begründet liegen, angenehm, für die Gesundheit und das allgemeine +Wohlergehen nützlich, unangenehm, peinlich, schwierig, unbefriedigt, +unerfreulich, langweilig, widerwärtig, ermüdend, erfrischend oder +pflichtschuldig sein kann. + +Aber Donja Luisa bekam keine Gelegenheit, persönlich zu prüfen, in +welcher Form und Weise der Unterschied zwischen Verheiratetsein und +Nichtverheiratetsein sich bei ihr geltend machen würde. Denn in der +folgenden Nacht blieb sie gleichfalls allein. + +„Dios mio“, sagte sie zu sich, „mein Gott im Himmel, er wird doch nicht +etwa nicht mehr können, oder sollte er etwa gar so unschuldig sein, daß +er nicht weiß, wo es fehlt? Aber er ist doch Mexikaner. Er wäre der +erste Mexikaner, der je gelebt hat, der das nicht wüßte. Und das glaube +ich nicht. Er hat doch Kühe und Stiere und Hengste und Mähren und was +weiß ich. Unterricht genügend. Heilige Maria, Mutter Gottes, +allerreinstes Himmelsjüngferlein, ich werde doch nicht etwa aufklären +müssen! Himmel, was mache ich nur da? Ich kann ihm doch nicht die Tante +herschicken! Wenn er wenigstens ins Bett kommen wollte, dann würde sich +das ja alles von allein geben. Aber so –. Und wenn ich mir ihn ansehe, +er ist ein angenehmer und kräftiger Muchacho. Der Beste der ganzen +verfluchten Bande, die ich kenne. Ich will gar keinen andern haben.“ + +Das Einschlafen wurde ihr schwer. Sie wälzte sich hin und her in dem +weichen, schönen, neuen, breiten Ehebett. + +Es war am folgenden Nachmittag. + +Don Juvencio war seit dem frühen Morgen auf den Feldern gewesen. Er war +ziemlich ermüdet zum Essen heimgekommen. Er saß jetzt in einem +Schaukelstuhl im Portico des Hauses. Vor sich hatte er ein Tischchen +stehen, auf dem die Zeitung lag, in der er herumgeblättert hatte. + +Im selben Portico, etwa zwölf Schritte entfernt von Don Juvencio, lag +Donja Luisa in einer Hängematte. Sie hatte ein Kissen unter ihrem Kopfe, +und sie las in einem Buche. + +Sie war in den paar Tagen, seit sie auf der Hazienda war, durchaus nicht +müßig gewesen. Sie hatte ihren Teil zur Arbeit, zur Einrichtung, +Umänderung und Führung des Haushalts reichlich beigetragen. In einem +mexikanischen Hause ist ja auch eine Frau bei weitem nicht ein solches +Arbeitstier wie die Frau in Europa. Selbst in wenig bemittelten Kreisen +läßt ihr Mann es nicht zu, daß sie mehr tut, als den Haushalt zu leiten, +also die Einkäufe zu besorgen oder anzuordnen, und das Arbeitsprogramm +für die Köchin und für die Mädchen zu bestimmen. Da die Mexikaner sehr +gesellschaftlich sind, sich ständig gegenseitig besuchen, hat die Frau +genügend gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen, die in einem Hause +nicht vernachlässigt werden dürfen, wenn der Mann einen Beruf oder eine +Stellung hat, wo er darauf angewiesen ist, im Verkehr mit seinen +Mitbürgern und Geschäftsfreunden zu bleiben. Es lag also hierin nichts +besonders Auffallendes, daß Donja Luisa lässig in der Hängematte ruhte +und in einem Buche las. „Du könntest auch lieber etwas Nützlicheres +tun“, sagt ein Mexikaner zu seiner Frau wohl nur dann, wenn er einen +deutschen Großvater gehabt haben sollte. + + * * * * * + +Seit Donja Luisa auf der Hazienda eingezogen war, hatten die beiden +Eheleute sehr wenig miteinander geredet. Von dem albernen und zärtlich +gemeinten Geschwätz, das jungverheiratete Leute in den ersten zwei +Wochen zu führen pflegen, war hier nichts zu hören. Die Ursache war wohl +nur bei ihm zu suchen. Er hatte nicht die Absicht, ein tobendes +Ungewitter heraufzubeschwören, solange es vermieden werden konnte. Sie +aber hatte im Gefühl, daß sich etwas vorbereite; denn daß er nun drei +Nächte schon ihr aus dem Wege gegangen war, als wäre sie hier nur ein +gelegentlicher Gast, war denn doch zu merkwürdig, als daß sie sich keine +Gedanken darüber hätte machen sollen. + +Gestern morgen hatte er, als er zum Frühstück in das Eßzimmer kam, +gefragt: „Wo ist der Kaffee?“ Darauf hatte sie gesagt: „Frage Anita, ich +bin nicht dein Dienstmädchen.“ Dann war er selbst in die Küche gegangen +und hatte den Kaffee selbst hereingebracht, ohne ein Wort darüber zu +verlieren. Sie hatte später freilich in der Küche gewaltig mit Anita +aufgedonnert dieses Vorfalls wegen; aber Anita hatte sich damit +entschuldigt, daß sie den Kaffee immer erst aufgetragen habe, nachdem +die Eier gegessen seien, und wenn der Patron das jetzt anders haben +wolle, so müsse er es ihr sagen. + +Es war ein heißer tropischer Frühnachmittag. Der Portico lag zwar im +Schatten, aber es ruhte dennoch in ihm, wie auf dem grasbewachsenen +weiten Vorplatz, der von einer flirrenden Glut bedeckt war, eine +lastende unbewegte schwere Wärme, die sich nur ertragen ließ, wenn man +stillsaß oder sich in einem Schaukelstuhl oder in der Hängematte wiegte, +ohne mehr zu denken, als was unbedingt notwendig war, um sich noch von +einem Tier zu unterscheiden. + +Auch die Tiere des Hauses, die in der Nähe waren, dröselten schläfrig +ihre Zeit dahin, und sie bewegten sich nur, wenn die summenden Fliegen +sie allzusehr belästigten. + +Über dem Geländer des Portico, auf einer kleinen Schaukel, hockte der +Papagei. Er träumte dahin, wachte gelegentlich auf, krächzte oder +rasselte einige Worte und brütete dann wieder in sich hinein, wenn ihm +niemand eine Antwort gab. + +Auf der obersten Stufe der kurzen Treppe, die in den Portico führte, lag +schlafend die Katze. Sie hatte gut gegessen, und sie lag nun, beinahe +völlig auf dem Rücken, mit dem Kopfe weit zurückgelehnt auf der heißen +Stufe, mit jener satten Unbekümmertheit, die nur denjenigen irdischen +Geschöpfen eigen wird, die um die Sicherheit ihres Lebens und um die +Pünktlichkeit reichlicher Mahlzeiten nie in Sorge zu sein brauchen. +Unter einem schattigen Baum in dem grünen Vorplatze des Hauses, im +Patio, stand das bevorzugte Reitpferd des Don Juvencio angebunden. Der +Sattel lag einige Schritte neben dem Pferde. Als Don Juvencio von den +Feldern heimgekehrt war, hatte er das Pferd nicht auf die nahe kleine +Weide führen lassen, sondern es war dem Tier hier auf dem Vorplatze sein +Sacate vorgeworfen worden, denn Juvencio wollte später noch einmal zu +seiner Trapiche, seiner Zuckermühle, hinunterreiten. + +Auch das Pferd, ein prachtvolles Tier, dröselte in der Nachmittagshitze +seine Zeit dahin. Es ließ den Kopf sinken und sinken, bis die Nase +beinahe die übriggebliebenen, breit gestreuten Halme auf dem Erdboden +berührte. Und wenn der Kopf endlich so tief gesunken war, daß das Pferd +sich gegen die Nase stieß, dann warf es mit einem raschen Ruck den Kopf +hoch, riß die Augen weit auf, und wenn es sah, daß sich inzwischen +nichts von besonderer Bedeutung in der Welt ereignet hatte, schloß es +die Augen wieder langsam, und der Kopf begann abermals Zoll bei Zoll +herunterzusinken. + +Don Juvencio hatte seinen Schaukelstuhl so stehen, daß er den Hof +übersehen konnte. Er hob jetzt seine Arme hoch, reckte sich ein wenig +aus, gähnte leicht und ergriff die Zeitung, die vor ihm auf dem +Tischchen lag. Er las einige Minuten, und dann legte er die Zeitung +wieder hin. + +Nun sah er zu dem Papagei, der vor ihm in seiner Schaukel hockte. + +„He, Loro“, rief nun Don Juvencio befehlend, „hole mir eine Kanne mit +Kaffee und eine Tasse aus der Küche, ich habe Durst.“ + +Der Papagei, durch die Worte aus seinem Dahindämmern aufgeweckt, kratzte +sich mit dem Fuß am Nacken, rutschte ein kleines Stück weiter auf seiner +Schaukel, krächzte ein paar Laute und bemühte sich, sein unterbrochenes +Dröseln wieder aufzunehmen. + +Don Juvencio griff nach hinten, zog seinen Revolver aus dem Gurt, zielte +auf den Papagei und schoß. Der Papagei tat einen Krächzer, es flogen +Federn in der Luft herum, der Vogel schwankte, wollte sich festkrallen, +die Krallen ließen los, und der Papagei fiel auf den Boden des Portico, +schlug ein paarmal um sich und war tot. + +Juvencio legte den Revolver vor sich auf den Tisch, nachdem er ihn +einige Male in der Hand geschwenkt hatte, als ob er sein Gewicht prüfen +wolle. + +Nun blickte er hinüber zur Katze, die so fest schlief, daß sie nicht +einmal im Traume schnurrte. + +„Gato“, rief jetzt Don Juvencio, „he, Kater, hole mir Kaffee aus der +Küche, ich habe Durst.“ + +Donja Luisa hatte sich umgewandt zu ihrem Manne, als er den Papagei +angerufen hatte. Sie hatte das, was er zu dem Papagei sagte, so +angenommen, als ob er mit dem Papagei schäkern wolle, und sie hatte +darum nicht weiter darauf geachtet. Als dann der Schuß krachte, drehte +sie sich völlig um in ihrer Hängematte und hob den Kopf leicht. + +Sie sah den Papagei von seiner Schaukel fallen, und sie wußte, daß +Juvencio ihn erschossen hatte. + +„Hay no“, sagte sie halblaut, „lächerlich.“ + +Jetzt, als Don Juvencio die Katze anrief, sagte Donja Luisa laut zu ihm +herüber: „Warum rufst du denn nicht Anita, daß sie dir den Kaffee +bringt?“ + +„Wenn ich will, daß mir Anita den Kaffee bringen soll, dann rufe ich +Anita, und wenn ich will, daß mir die Katze den Kaffee bringen soll, +dann rufe ich die Katze.“ + +„Meinetwegen“, sagte darauf Donja Luisa, und sie rekelte sich wieder in +ihre Hängematte ein. + +„He, Gato, hast du nicht gehört, was ich dir befohlen habe?“ wiederholte +Don Juvencio seine Anordnung. + +Die Katze schlief weiter, in dem sicheren Bewußtsein, daß sie, wie alle +Katzen, solange es Menschen gibt, ein verbrieftes Anrecht darauf habe, +ihren Lebensunterhalt vorgesetzt zu bekommen, ohne irgendeine +Verpflichtung zu haben, sich dafür durch Arbeit erkenntlich zu zeigen; +denn selbst wenn sie sich doch so weit herablassen sollte, gelegentlich +eine Maus zu erjagen, so tut sie es nicht, um dem Menschen eine +Gefälligkeit zu erweisen, sondern sie tut es, weil ja schließlich selbst +eine Katze ein Recht darauf hat, hin und wieder einmal ein Vergnügen zu +genießen, das im gewöhnlichen Wochenprogramm nicht vorgesehen ist. + +Don Juvencio aber dachte anders über die Pflichten einer Katze, die auf +seiner Hazienda lebte. Als die Katze sich nicht regte, um dem Befehle +nachzukommen und den Kaffee aus der Küche zu holen, hob er wieder den +Revolver, zielte und schoß. Die Katze versuchte hochzuspringen, aber sie +brach zusammen, rollte sich einmal über und war tot. + +„Belario“, rief Don Juvencio jetzt über den Hof. + +„Si, Patron, estoy“, rief der Bursche aus einem Winkel des Hofes hervor. +„Hier bin ich, was ist zu tun?“ + +Als der Bursche auf der untersten Stufe der Treppe stand, mit dem Hute +in der Hand, sagte Don Juvencio zu ihm: „Binde das Pferd los und führe +es hierher, hier dicht an die Stufen.“ + +„Soll ich es auch gleich satteln?“ fragte der Bursche. + +„Ich werde dich dann rufen“, antwortete Don Juvencio. + +Der Bursche brachte das Pferd und entfernte sich. + +Das Pferd stand eine Weile vor dem Portico. Don Juvencio sah das Tier +an, wie eben nur ein Mann ein Pferd anzusehen vermag, der auf gute +Reittiere angewiesen ist und sich darum mit einigen dieser Tiere so +verbunden fühlen kann wie mit einem guten Freunde. + +Das Pferd scharrte ein wenig, und dann, als es fühlte, daß man nichts +von ihm wollte, begann es, mit kleinen Schrittchen lässig fortzutorkeln, +wieder den Schatten des Baumes aufsuchend. + +„Caballo, olla“, rief nun Don Juvencio das Pferd an, das inzwischen die +Mitte des Hofes erreicht hatte, „trabe einmal rasch in die Küche und +bringe mir eine Kanne mit Kaffee und eine Tasse, ich habe Durst.“ + +Bei dem Anruf „Caballo“ hatte das Pferd den Kopf gewandt, weil es die +Stimme seines Herrn wohl kannte und auf diesen Zuruf zu hören pflegte. +Als es aber sah, daß der Herr nicht aufstand und nicht in den Hof trat, +wußte es, daß es sein Herr weder streicheln noch satteln wollte. Es +machte Geste, auf seinem Wege zu jenem Baum weiter fortzutrotten. + +„Ja, du bist wohl verrückt geworden, loco enteramente“, sagte da Donja +Luisa von ihrer Hängematte her, mit einer Stimme, die halb erstaunt und +halb erbost klang. + +„Verrückt? Ich?“ erwiderte Don Juvencio. „Ich weiß nicht, warum ich +verrückt sein sollte. Das ist mein Pferd, und das Pferd ist auf meiner +Hazienda, und ich darf meinem Pferde auf meiner Hazienda befehlen, was +ich will, genau so gut, wie du deinen Mädchen befehlen darfst, was du +willst.“ + +„Meinetwegen“, sagte Donja Luisa, während sie wieder in ihrem Buche +weiterzulesen begann. + +„Caballo“, rief nun Don Juvencio wieder über den Hof. „Wo ist der +Kaffee? Bist du noch nicht fort?“ + +Das Pferd hatte wieder für einen Augenblick den Kopf gewendet und auf +den Ruf gehört; und als es wieder seinen Herrn nicht näher kommen sah, +wendete es sich ab und nahm seinen Weg zum Baum abermals auf. Don +Juvencio nahm den Revolver auf, stützte den Ellbogen auf den Tisch, um +einen ruhigeren Arm zu haben, zielte und schoß. + +Das Pferd ruckte zusammen, stand dann wohl eine ganze Minute still auf +einem Fleck, begann hierauf heftig zu zittern und brach plötzlich +zusammen wie gefällt. + +„Wahnsinn! So ein Prachttier!“ schrie jetzt Donja Luisa auf. Ihre +Erbostheit war zum vollen Ausbruch gekommen. Es war mit untrüglicher +Sicherheit vorauszusehen, daß nunmehr das erste schwere Gefecht, das man +Don Juvencio von allen Seiten mit allen seinen Schrecken vorausgekündigt +hatte, geliefert werden würde und daß jetzt, wäre einer der Freunde des +Don Juvencio anwesend gewesen, er raschest zur Stadt geritten wäre, um +die Ambulance zu bestellen und ein Bett im Hospital zu mieten. + +Donja Luisa warf das Buch, das sie gelesen hatte, mit einer solchen +Heftigkeit auf den Boden, daß es in allen seinen Blättern +auseinanderflog. Sie begann sich innerlich einzuheizen, um überkochen zu +können. + +Don Juvencio sagte nichts. Ohne aufzustehen, drehte er sich mit seinem +Schaukelstuhl so um, daß er nun mit dem Gesicht zur Hängematte gerichtet +saß. + +Er legte den Revolver nicht aus der Hand, sondern schwenkte ihn einige +Male auf und nieder. Dann prüfte er die Trommel, und hierauf hauchte er +auf den polierten Schaft und putzte ihn mit dem Hemdärmel sauber. + +Und gerade im selben Augenblick, als Donja Luisa aus der Hängematte +springen wollte, um sich in die Tigerin zu verwandeln, sagte Don +Juvencio mit sterbensruhiger Stimme, aber laut und hart: „Luisa, hole +mir eine Kanne Kaffee aus der Küche und eine Tasse, ich habe Durst.“ + +Als er das sagte, hielt er die Augen gesenkt. Jetzt aber sah er auf und +blickte seine Frau kalt und gerade an. Er nahm den Revolver ein wenig +höher und schwenkte ihn einmal auf und nieder. + +Donja Luisa fing den Blick auf, als sie aus der Hängematte hatte +springen wollen. Sie sprang aber nicht, sondern sie begann ganz langsam +aus der Hängematte wie von selbst herauszurutschen. + +Juvencio hob den Revolver mit genau der gleichen Ruhe und +Selbstverständlichkeit, wie er ihn erhoben hatte, als er auf seine Tiere +geschossen hatte. + +Donja Luisa wurde totenbleich, riß die Augen weit auf und sagte mit +einem Schluck in ihrer Stimme: „Orito, Juvencio, sofort!“ + +Als kaum eine Viertelminute später Donja Luisa den Kaffee vor ihm auf +den Tisch stellte, nahm er das hin und saß da in der Haltung eines +Mannes, der jeden Tag in seinem Restaurant seinen Kaffee hingesetzt +bekommt von einer Kellnerin, die ihm ebenso gleichgültig ist wie der +Preis der Druckerschwärze, mit der die Zeitung gedruckt wird, die er +liest. Er sagte kurz: „Gracias, danke!“, trank schluckweise den Kaffee +und begann die Zeitung da weiter zu lesen, wo er aufgehört hatte, als er +zum erstenmal Durst fühlte und den Papagei in die Küche schickte. + +„Belario“, rief er dann über den Hof, „sattle mir den Prieto, ich will +zur Trapiche hinunterreiten, sehen was die Muchachos tun.“ + +Als das Pferd gesattelt vor der Treppe stand, schob Don Juvencio den +Revolver in den Gurt, richtete sich auf, ging zu dem Pferde und klopfte +es auf den Hals. + +Donja Luisa hatte sich, nachdem sie den Kaffee gebracht hatte, nicht +mehr in die Hängematte gelegt, sie hatte sich auch nicht einmal auf +einen Stuhl gesetzt. Sie stand da wie in einem Zustand der Lähmung. Es +schien, daß sie Stunden oder gar Tage brauche, um in sich klar zu +werden, was geschehen war. Daß ihr Charakter sich in den wenigen Minuten +so vollständig geändert hatte, daß sie das Bewußtsein ihres eigenen +Selbst verlor und empfand, daß sie mit ihrem eigenen früheren Menschen +keine Verwandtschaft mehr hatte, das ist ihr erst viele Monate später +klar geworden. Jetzt jedenfalls stand sie nur da wie eine, die auf +Befehle wartet und die auf dem Sprunge steht, die erhaltenen Befehle mit +blitzgleicher Schnelligkeit auszuführen. + +Ehe sich Don Juvencio aufs Pferd setzte, drehte er sich noch einmal um. +Er sah das in Blättern zerfallene Buch auf dem Boden liegen. Und er +sagte, mit einem leichten Ton von Freundlichkeit: „Licha, heb das Buch +da auf, ich nehme es übermorgen mit zur Stadt, zum Neueinbinden.“ + +Während er davonritt, bückte sie sich nieder; und auf ihren Knien +rutschend, suchte sie die Blätter zusammen. + + * * * * * + +Den Kosenamen Licha für Luisa hatte er nicht mehr gebraucht seit jenem +Abend, als ihm der Kopf aufgeschlagen wurde. Und dieser kritische +Augenblick, der bewies, daß Don Juvencio von praktisch angewandter +Psychologie mehr wußte als Donja Luisa je in ihren Colegios gelernt +hatte, sie mit Licha anredete und den Befehl zum Aufsammeln der Blätter +in einem Tonfall gab, der zwischen den Lauten ein „Bitte!“ einschwingen +ließ, war der Anlaß, daß in dem Charakter der jungen Frau noch eine +andere entscheidende Wandlung vor sich ging. Und es war diese zweite +Wandlung, die Donja Luisa plötzlich, wie mit einem Ruck unerwarteten +Aufwachens, eine bestimmte Empfindung gab, die sie nie vorher gefühlt +hatte. Sie bekam eine brennende Sehnsucht, daß Juvencio bald +zurückkommen möchte, weil sie wünschte in seiner Nähe zu sein. + +Beim Abendessen sprachen sie nicht viel. + +Als sich Donja Luisa dann niedergelegt hatte, klopfte ein wenig später +Don Juvencio an ihre Tür. + +„Adelante!“ sagte Donja Luisa aufgeregt. + +Don Juvencio kam herein. Er setzte sich auf den Rand des schönen weichen +breiten Bettes und streichelte ihr Haar. + +Dann stand er wieder auf und fragte: „Licha, wer befiehlt in diesem +Hause?“ + +„Du, Vencho“, sagte Donja Luisa lachend und sich in die Kissen +kuschelnd. „Du!“ + +„Und wenn ich nicht daheim bin, du, Licha!“ + +Dieser Tag schien für Donja Luisa nicht enden zu wollen mit neuen +Erfahrungen. Denn zwei Stunden später war sie zu jener neuen Erfahrung – +für sie neu – gelangt, daß, wenn auch oft in einem Hause oder in einer +Ehe es nicht ganz zweifelfrei feststeht, wer kommandiert, dann aber doch +in einem Bett, in dem ein Mann und eine Frau nebeneinander liegen, die +Frage, wer kommandiert und wer zu gehorchen hat, nicht erörtert wird, +weil sie nicht besteht, solange die Gesetze der Natur nicht durch höhere +Verfügung abgeändert werden. Denn an diesem Ort kann ein +zufriedenstellendes Resultat nur dann erreicht werden, wenn der Mann +befiehlt und sich die Frau dem Befehle willig und erwartungsvoll +unterwirft. Und man darf ganz sicher gehen, wenn in irgendeiner Ehe die +Frau kommandiert, so ist es nur darum, weil dem Manne die Fähigkeit +fehlt, im Bett mit so starker Stimme zu befehlen, daß der Frau nichts +anderes übrigbleibt als zu gehorchen und zuzugeben, daß sie die +Untergebene und Unterliegende ist. + +Trotz dieser, mit viel Freude und wohltuender Zufriedenheit reich +gesättigten neuen Erfahrung, die sich Donja Luisa in jener Nacht erwarb, +vermochte sie doch nicht so rasch einzuschlafen, als sie das wünschte. +Denn sie wurde von einer Frage gequält, die sie erst beantwortet haben +mußte, um Ruhe in ihrem Kopf zu finden. Und weil Frauen selten etwas auf +sich beruhen lassen können, das an sich unwichtig für das Leben im +allgemeinen ist, so entschloß sich endlich auch Donja Luisa, zu fragen, +um in einer bestimmten Sache für dauernd von allem Zweifel erlöst zu +sein. + +Sie sagte: „Venchito, hättest du mich wirklich erschossen, wenn ich dir +den Kaffee nicht gebracht hätte? Hättest du das wirklich mit deiner +Licha, die dich so sehr liebt, tun können?“ + +Don Juvencio, weniger von derartigen Zweifeln belästigt, war schon +dreiviertel Stück im Schlaf gewesen, als er mit dieser Frage wieder +aufgescheucht wurde. + +Aber er vergaß dennoch nicht, daß er auch in Zukunft der Mann hier zu +bleiben gedachte. Er sagte ruhig: „Ich hätte dich mit viel größerer +Bestimmtheit und Sicherheit erschossen als mein Pferd, por Santa +Purisima. Denn deinetwegen wäre ich nur zum Tode verurteilt und +erschossen worden; aber ich werde lange und weit und breit suchen +müssen, ehe ich ein zweites Pferd finde, wie das, mein bestes Pferd, +gewesen ist, das ich erschießen mußte, um dir zu zeigen, wie sehr ich im +Ernst war. Buenas noches, hasta manjana! Gute Nacht!“ + +Jeder Mensch, der ein gutes Pferd schätzen und aufrichtig lieben kann, +wie es ein Mexikaner tut, der wird ohne viel Worte verstehen, daß dies +das innigste Liebesgeständnis war, das ein Mann einer Frau nur machen +kann. + + + + + DER GROSS-INDUSTRIELLE + + +In ein kleines indianisches Dorf im Staate Oaxaca kam ein Amerikaner, +der das Land sehen wollte. Er kam zur Hütte eines Indianers, der sich +seinen Lebensunterhalt dadurch verbesserte, daß er in der freien Zeit, +die ihm von seiner Tätigkeit auf seinem Maisfeld blieb, kleine Körbchen +flocht. + +Diese Körbchen wurden aus Bast geflochten, der in verschiedenen Farben, +die der Indianer aus Pflanzen und Hölzern zog, gefärbt war. Der Mann +verstand diese vielfarbigen Baststrähnen so künstlerisch zu verflechten, +daß, wenn das Körbchen fertig war, es aussah, als wäre es mit Figuren, +Ornamenten, Blumen und Tieren bedeckt. Daß diese Ornamente nicht auf das +Körbchen etwa aufgemalt waren, sondern als Ganzes sehr geschickt +hineingewebt waren, konnte auch einer, der nichts davon verstand, sofort +erkennen, wenn er das Körbchen innen betrachtete. Denn innen kamen alle +die Ornamente an der gleichen Stelle wie außen zur Ansicht. Die Körbchen +mochten verwandt werden als Nähkörbchen oder als Schmuckkörbchen. + +Wenn der Indianer etwa zwanzig Stück dieser kleinen Kunstwerke +geschaffen hatte, und er war in der Lage, sein Feld für einen Tag allein +zu lassen, dann machte er sich frühmorgens um zwei Uhr auf den Weg zur +Stadt Oaxaca, wo er die Körbchen auf dem Markte feilbot. Die Marktgebühr +kostete ihn zehn Centavos. + +Obgleich er an jedem einzelnen Körbchen beinahe einen Tag arbeitete, so +verlangte er für ein Körbchen nie mehr als fünfzig Centavos. Wenn der +Käufer jedoch erklärte, das sei viel zu teuer, und er begann zu handeln, +dann ging der Indianer auf fünfunddreißig, auf dreißig und selbst auf +fünfundzwanzig Centavos herunter, ohne je zu wissen, daß dies das Los +vieler, vielleicht der meisten Künstler ist. + +Es kam oft genug vor, daß der Indianer nicht alle seine Körbchen, die er +auf den Markt gebracht hatte, verkaufen konnte; denn viele Mexikaner, +die betonen zu müssen glauben, daß sie gebildet sind, kaufen bei weitem +lieber einen Gegenstand, der in einer Massenindustrie von zwanzigtausend +Stück täglich hergestellt wird, aber den Stempel Paris oder Wien oder +Dresdner Kunstwerkstatt trägt, als daß sie die Arbeit eines Indianers +ihres eigenen Landes, der nicht zwei Stücke ganz genau gleich anfertigt, +in ihrem Einzigkeitswert zu schätzen verstünden. + +So, wenn der Indianer seine Körbchen nicht alle verkaufen konnte, dann +ging er mit dem Rest von Ladentür zu Ladentür hausieren, wo er, je +nachdem, mit barscher, mit gleichgültiger, mit wegwerfender, mit +gelangweilter Geste behandelt wurde, wie Hausierer, Buch- und +Einrahmungsagenten behandelt zu werden pflegen. + +Der Indianer nahm diese Behandlung hin wie alle Künstler, die den +wirklichen Wert ihrer Arbeit allein zu schätzen wissen, derartige +Behandlung hinnehmen. Er war nicht traurig, nicht verärgert und nicht +mißgestimmt darüber. + +Bei diesem Forthausieren des Restes wurden ihm oft nur zwanzig, ja sogar +fünfzehn und zehn Centavos für das Körbchen geboten. Und wenn er es +selbst für diese Nichtigkeit verkaufte, so sah er häufig genug, daß die +Frau das Körbchen nahm, kaum richtig ansah, und dann, noch in seiner +Gegenwart, das Körbchen auf den nächsten Tisch warf, als wollte sie +damit sagen: „Das Geld ist ja völlig unnütz ausgegeben, aber ich will +doch den armen Indianer etwas verdienen lassen, er hat ja einen so +weiten Weg gehabt. Wo bist du denn her? – So, von Tlacotepec. Weißt du, +kannst du mir nicht ein paar Truthühner bringen? Müssen aber sehr billig +sein, sonst nehme ich sie nicht.“ + +Die Amerikaner sind ja nun mit solchen kleinen Wunderwerken nicht so +verwöhnt wie die Mexikaner, die nicht wissen und nicht schätzen, was sie +in ihrem Lande an Gütern haben. Und wenn nun auch der allgemeine +Amerikaner den wirklichen Wert an unvergleichlicher Schönheit dieser +Arbeiten nicht abzuschätzen versteht, so sieht er doch in den meisten +Fällen sofort, daß hier eine Volkskunst vorliegt, die er würdigt und um +so rascher erkennt und schätzt, als sie in seinem Lande völlig fehlt. + +Der Indianer hockte vor seiner Hütte auf dem Erdboden und flocht die +Körbchen. + +Sagte der Amerikaner: „Was kostet so ein Körbchen, Freund?“ + +„Fünfzig Centavos, Senjor“, antwortete der Indianer. + +„Gut, ich kaufe eines, ich weiß schon, wem ich damit eine Freude machen +kann.“ Er hatte erwartet, daß das Körbchen zwei Pesos kosten würde. + +Als ihm das klar zum Bewußtsein kam, dachte er sofort an Geschäfte. + +Er fragte: „Wenn ich Ihnen nun zehn dieser Körbchen abkaufe, was kostet +dann das Stück?“ + +Der Indianer dachte eine Weile und sagte: „Dann kostet das Stück +fünfundvierzig Centavos.“ + +„All right, muy bien, und wenn ich hundert kaufe, wieviel kostet dann +das Stück?“ + +Der Indianer rechnete wieder eine Weile: „Dann kostet das Stück vierzig +Centavos.“ + +Der Amerikaner kaufte vierzehn Körbchen. Das war alles, was der Indianer +auf Vorrat hatte. + +Als der Amerikaner nun glaubte, Mexiko gesehen zu haben und gut zu +kennen, reiste er zurück nach New York. Und als er wieder mitten drin +war in seinen Geschäften, dachte er an die Körbchen. + +Er ging zu einem Großschokoladenhändler und sagte zu ihm: „Ich kann +Ihnen hier ein Körbchen anbieten, das sich als sehr originelle +Geschenkpackung für feine Schokoladen verwenden läßt.“ + +Der Schokoladenhändler besah sich das Körbchen mit großer Sachkenntnis. +Er rief seinen Teilhaber herbei und endlich auch noch seinen Manager. +Sie besprachen sich, und dann sagte der Händler: „Ich werde Ihnen morgen +den Preis sagen, den ich zu zahlen gewillt bin. Oder wieviel verlangen +Sie?“ + +„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich mich nur nach Ihrem Angebot +richten kann, ob Sie die Körbchen erhalten. Ich verkaufe diese Körbchen +nur an das Haus, das am meisten dafür bietet.“ + +Nächsten Tag kam der Mexikokenner wieder zu jenem Händler. + +Sagte der Händler: „Ich kann für das Körbchen vier, vielleicht gar fünf +Dollar bekommen. Es ist die originellste und schönste Packung, die wir +dem Markte anbieten können. Ich zahle zwei und einen halben Dollar das +Stück, Hafen New York, Zoll und Fracht auf meine Lasten, Verpackung zu +Ihren Lasten.“ + +Der Mexikoreisende rechnete nach. Der Indianer hatte ihm bei einer +Abnahme von hundert das Stück für vierzig Centavos angeboten, das waren +zwanzig Cents. Er verkaufte das Stück für zwei und einen halben Dollar. +Dadurch verdiente er am Stück zwei Dollar dreißig Cent oder ungefähr +zwölfhundert Prozent. + +„Ich denke, ich kann es für diesen Preis tun“, sagte er. + +Worauf der Händler antwortete: + +„Aber unter einer wichtigen Bedingung. Sie müssen mir fünftausend Stück +dieser Körbchen liefern können. Weniger hat für mich gar keinen Wert, +weil sich sonst die Reklame nicht bezahlt, die ich für diese Neuheit +machen muß. Und ohne Reklame kann ich den Preis nicht herausholen.“ + +„Abgeschlossen“, sagte der Mexikokenner. Er hatte rund etwa zwölftausend +Dollar verdient, von welchem Betrage nur die Reise abging und der +Transport bis zur nächsten Bahnstation. + +Er reiste sofort zurück nach Mexiko und suchte den Indianer auf. + +„Ich habe ein großes Geschäft für Sie“, sagte der Amerikaner. „Können +Sie fünftausend dieser Körbchen anfertigen?“ + +„Ja, das kann ich gut. Soviel wie Sie haben wollen. Es dauert eine Zeit. +Der Bast muß vorsichtig behandelt werden, das kostet Zeit. Aber ich kann +so viele Körbchen machen, wie Sie wollen.“ + +Der Amerikaner hatte erwartet, daß der Indianer, als er von dem großen +Geschäft hörte, halbtoll werden würde, etwa wie ein amerikanischer +Automobilhändler, der auf einen Schlag fünfzig Dodge Brothers verkauft +hat. Aber der Indianer regte sich nicht auf. Er stand nicht einmal hoch +von seiner Arbeit. Er flocht ruhig weiter an seinem Körbchen, das er +gerade in den Händen hatte. + +Es waren vielleicht noch fünfhundert Dollar extra zu verdienen, womit +die Reisekosten hätten gedeckt werden können, dachte der Amerikaner; +denn bei einem so großen Auftrag konnte der Preis für das einzelne +Körbchen sicher noch ein wenig herabgedrückt werden. + +„Sie haben mir gesagt, daß Sie mir die Körbchen das Stück für vierzig +Centavos verkaufen können, wenn ich hundert Stück bestelle“, sagte der +Amerikaner nun. + +„Ja, das habe ich gesagt“, bestätigte der Indianer. „Was ich gesagt +habe, dabei bleibt es.“ + +„Gut dann“, redete der Amerikaner weiter, „aber Sie haben mir nicht +gesagt, wieviel ein Körbchen kostet, wenn ich tausend Stück bestelle.“ + +„Sie haben mich nicht darum befragt, Senjor.“ + +„Das ist richtig. Aber ich möchte Sie jetzt um den Preis für das Stück +fragen, wenn ich tausend Stück bestelle und wenn ich fünftausend Stück +bestelle.“ + +Der Indianer unterbrach jetzt seine Arbeit, um nachrechnen zu können. +Nach einer Weile sagte er: „Das ist zu viel, das kann ich so schnell +nicht ausrechnen. Das muß ich mir erst gut überlegen. Ich werde darüber +schlafen und es Ihnen morgen sagen.“ + +Der Amerikaner kam am nächsten Morgen zum Indianer, um über den neuen +Preis zu hören. + +Er fragte: „Haben Sie den Preis für tausend und für fünftausend Stück +ausgerechnet?“ + +„Ja, das habe ich, Senjor. Und ich habe mir viel Mühe und Sorge gemacht, +das gut und genau auszurechnen, um nicht zu betrügen. Der Preis ist ganz +genau ausgerechnet. Also wenn ich tausend Stück machen soll, dann kostet +das Stück zwei Pesos, und wenn ich fünftausend Stück machen soll, dann +kostet das Stück vier Pesos.“ + +Der Amerikaner war sicher, nicht richtig verstanden zu haben. Vielleicht +war sein schlechtes Spanisch daran schuld. + +Um den Irrtum richtigzustellen, fragte er: „Zwei Pesos für das Stück bei +tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend? Aber Sie haben mir +doch gesagt, daß bei hundert das Stück vierzig Centavos kostet.“ + +„Das ist auch die Wahrheit. Ich verkaufe Ihnen hundert das Stück für +vierzig Centavos.“ Der Indianer blieb sehr ruhig, denn er hatte sich +alles ausgerechnet, und es lag kein Grund vor, zu streiten. „Senjor, Sie +müssen das doch selbst einsehen, daß ich bei tausend Stück viel mehr +Arbeit habe als mit hundert, und mit fünftausend habe ich noch viel mehr +Arbeit als mit tausend. Das ist gewiß jedem vernünftigen Menschen klar. +Ich brauche für tausend viel mehr Bast, habe viel länger nach den Farben +zu suchen und sie auszukochen. Der Bast liegt nicht gleich so fertig da. +Der muß gut und sorgfältig getrocknet werden. Und wenn ich so viele +tausend Körbchen machen soll, was wird denn dann aus meinem Maisfeld und +aus meinem Vieh? Und dann müssen mir meine Söhne, meine Brüder und meine +Neffen und Onkel helfen beim Flechten. Was wird denn da aus deren +Maisfeldern und aus deren Vieh? Das wird dann alles sehr teuer. Ich habe +gewiß gedacht, Ihnen sehr gefällig zu sein und so billig wie möglich. +Aber das ist mein letztes Wort, Senjor, verdad, ultima palabra, zwei +Pesos das Stück bei tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend.“ + +Der Amerikaner redete und handelte mit dem Indianer den halben Tag, um +ihm klarzumachen, daß hier Rechenfehler vorliegen. Er gebrauchte ein +neues Notizbuch voll von Blättern, um an Ziffern zu beweisen, wie der +Indianer für sich ein Vermögen verdienen könne, bei einem Preis von +vierzig Centavos für das Stück, und wie man Unkosten und Materialkosten +und Löhne verrechnet. + +Der Indianer sah sich die Ziffern verständnisvoll an, und er bewunderte +die Schnelligkeit, mit der der Amerikaner die Ziffern niederschreiben +und aufsummieren, zerdividieren und durchmultiplizieren konnte. Aber im +Grunde machte es wenig Eindruck auf ihn, weil er Ziffern und Buchstaben +nicht zu lesen vermochte und aus der klugen, volkswirtschaftlich sehr +bedeutenden Vorlesung des Amerikaners keinen anderen Nutzen zog als den, +daß er lernte, daß ein Amerikaner stundenlang reden kann, ohne etwas zu +sagen. + +Als der Amerikaner dann endlich erkannte, daß er den Indianer von seinen +Rechenfehlern überzeugt hatte, klopfte er ihm auf die Schulter und +fragte: „Also, mein guter Freund, wie steht nun der Preis?“ + +„Zwei Pesos das Stück für tausend, und vier Pesos das Stück für +fünftausend.“ Der Indianer hockte sich nieder und fügte hinzu: „Ich muß +jetzt aber doch wieder an meine Arbeit gehen, entschuldigen Sie mich, +Senjor.“ + +Der Amerikaner reiste in Wut zurück nach New York, und alles, was er zu +dem Schokoladenhändler sagen konnte, um seinen Vertrag lösen zu können, +war: „Mit den Mexikanern kann man kein Geschäft machen, für diese Leute +ist keine Hoffnung.“ + +So wurde New York davor bewahrt, von Tausenden dieser köstlichen kleinen +Kunstwerke überschwemmt zu werden. Und so wurde es möglich, zu verhüten, +daß diese Ausdrücke der Seele eines mexikanischen Indianers in den +Kehrichttonnen von Fifth Avenue gefunden wurden, weil sie keinen Wert +mehr hatten, nachdem die Schokoladen herausgeknabbert waren. + +Ich habe sowohl den Amerikaner getroffen als auch den Indianer. Der +Amerikaner ließ mich nicht zu Worte kommen, um zu hören, was ich darüber +dachte; er hatte zuviel zu erzählen, um mir klarzumachen, daß Mexiko ein +hoffnungsloses Land ist. + +Der Indianer dahingegen ließ mir Zeit, ihn zu fragen: „Warum haben Sie +denn das Geschäft nicht getan, es war gewiß gut daran zu verdienen?“ + +Sagte der Indianer: „Da war gut daran zu verdienen; und ich hätte mir +die Jerseykuh kaufen können, die ich im Sinne habe. Aber sehen Sie, +Senjor, tausend Körbchen kann ich nicht so schön machen wie zwanzig. Die +hätten alle ausgesehen eines wie das andere. Das hätte mir nicht +gefallen. Aber ich konnte dem Senjor ja nicht sagen, daß ich so viele +Körbchen nicht machen wolle. Er hätte geglaubt, ich wolle ihn +beleidigen, und ich wollte ihn gewiß nicht beleidigen. Und darum habe +ich gesagt zwei Pesos und vier Pesos, weil ich wußte, daß er für diesen +Preis nicht so viele bestellen wird. Ich habe auch genug Arbeit zu tun +und wünsche gar nicht, noch mehr zu haben.“ + + + + + DIE MEDIZIN + + +Es war in einem Indianerdorfe. In seinem Bezirke hatte ich eine kleine +Farm gepachtet, auf der ich Baumwolle pflanzte. Das Haus auf jener Farm +war bei der letzten Revolution eingeäschert worden. Ich wohnte deshalb +in einer schlichten Hütte im Dorf. Da ich in der ganzen weiten Gegend +der einzige Weiße war, so kannten mich alle Indianer auf dreißig Meilen +im Umkreise. + +Die Indianer dort können weder lesen noch schreiben, und alles, was über +zwanzig ist – alle Finger und alle Zehen – das ist „Mil“ oder Tausend. +Aber was Tausend ist, wieviel es ist und wie es sich in die Welt der +Begriffe einordnet, dafür fehlt dem Indianer jedes Verständnis. + +Jedoch ich konnte eine Zeitung lesen, hatte ein paar alte Schmöker, +einige amerikanische Zeitschriften mit Bildern und Ansichten aus einer +andern Welt, ich konnte Briefe schreiben und lesen, und ich bekam sogar +Briefe aus einem Lande, das sicher auf der andern Seite des Mondes +liegen mußte, weil nie jemand von einem solchen Lande je gehört hatte. + +Kein Wunder, daß ich als ein gelehrter Mann angesehen wurde, dem kein +Geheimnis der Welt verborgen ist. Manchmal hat das seine guten Seiten. +Ebenso häufig aber hat es auch seine Nachteile, die keineswegs angenehm +sind. + +Ich kam eines Nachmittags auf meinem treuen Esel, die gute Bala war es, +heimgeritten, als ich vor dem Stacheldrahtzaun, der den Platz um meine +Hütte einfriedigte, einen Indianer hocken sah. + +Ich kannte ihn nicht, weil er aus einem andern Dorfe war. + +Wie die Mehrzahl der Indianer war er bitterarm und völlig zerlumpt. + +Er begrüßte mich sehr höflich und wartete, bis ich abgestiegen war. Dann +begann er sofort zu erzählen. In einem wirren Durcheinander redete er +auf mich ein. Je weiter er in seiner Geschichte kam, je mehr ging sie +ihm selbst zu Herzen, bis er endlich zu weinen anfing und seine +Erzählung vor lauter Schluchzen abgebrochen werden mußte. + +Im Verlaufe seiner Rede hatte er das, was er mir sagen wollte, etwa +zwanzigmal wiederholt. Immer mit den gleichen Worten, die ihm zur +Verfügung standen, und immer in den gleichen einfachen Sätzen. Lediglich +seine innere Bewegung änderte sich. Er begann gleichgültig, als ob es +die Geschichte eines andern wäre, und er endete mit einem schreienden +Weinkrampf. + +„Das ist so, Senjor, verdad, wahrhaftig. Ich komme in mein Haus. Ich +habe Holz gefällt. Im Busch. Ich komme in mein Haus. In meinen Jacalito. +Ich habe Hunger. Keine Tortillas stehen da und keine Frijoles. Ich rufe +mein Weib. Meine Mujer. Keine Antwort. Sie ist nicht in meinem Hause. +Ihr Sack mit ihrem Kleide und den Strümpfen und den Schuhen hängt nicht +am Sprossen. Die Decke ist auch fort. Meine Mujer ist mir fortgelaufen. +Kommt nicht wieder. Ich habe keine Tortillas, und ich habe keine +Frijoles. Und ich habe Hunger. Sie ist fort. Mit dem Sohn einer Hure. +Mit einem stinkenden Coyote, dessen verfluchte Mutter eine Hure ist. Die +Rattenpest und die Blattern auf den verfluchten Hurensohn der Hölle!“ + +Nachdem ich dieselbe Geschichte nun wohl zwanzigmal mit angehört hatte, +sagte ich: „Oiga, Hombre, hören Sie, lieber Mann, bei mir ist Ihre Mujer +nicht.“ + +„Das weiß ich“, sagte er, „so ein kluger Mann wie Sie, Senjor, würde +diese dreckige alte Hexe nicht ins Bett nehmen.“ + +Nun begann er genau dieselbe Geschichte von neuem zu erzählen. Aber da +es anfing, langweilig zu werden, immer dasselbe zu hören, und tiefere +Ausbrüche seiner inneren Erregung nicht zu erwarten waren, sagte ich: +„Warum erzählen Sie mir das alles? Gehen Sie zum Alkalden, dem +Ortsschulzen, und lassen Sie Ihre Frau einfangen.“ + +„Der Alkalde ist ein Dummkopf. Aber Sie wissen alles, Senjor. Sie wissen +auch, wo meine Mujer ist. Das sollen Sie mir jetzt sagen. Sie muß mir +Tortillas machen und Frijoles kochen. Ich habe Hunger.“ + +„Hören Sie zu, lieber Nachbar. Ich habe Ihre Frau nicht fortgehen sehen. +Und wenn ich nicht habe sehen können, in welche Richtung sie ging, so +kann ich auch nicht wissen, wo sie jetzt ist.“ + +Er sah mich erstaunt an. Sein Glaube an die Unfehlbarkeit und an die +Vollkommenheit der weißen Rasse erlitt die erste Erschütterung. Zugleich +aber kam die Erinnerung an etwas anderes, das mit der weißen Rasse innig +verknüpft ist. + +„Ich bin nicht reich, Senjor“, sagte er. „Ich kann Ihnen nicht viel +bezahlen. Ich habe nur zwei Pesos und fünfzig Centavos. Das ist mein +ganzes Vermögen. Und das gebe ich Ihnen für Ihre Arbeit.“ + +„Ihr Geld will ich nicht haben. Aber wenn Sie mir auch ‚Mil‘ Goldpesos +geben würden, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich weiß nicht, wo Ihre +Esposa ist.“ + +Wieder sah er mich mißtrauisch an, ob es die geringe Summe sei, die er +besitze, oder ob es wirklich wahr sei, daß ich, der weiße Medizinmann, +nicht wisse, wo seine entlaufene Frau in diesem Augenblick sich +aufhalte. Voller Zweifel ging er fort, nachdem ich ihm gesagt hatte, daß +ich mir Kaffee kochen wolle, und zu diesem Zweck dann in meine Hütte +ging. + +Er lief nun in die Hütten der Dorfbewohner, wo er offenbar seine +Geschichte auftischte und gleichzeitig berichtete, daß der weiße +Medizinmann ein armer Tropf sei, der weniger wisse als ein Indianer. Die +Dorfbewohner fühlten sich dadurch persönlich beleidigt; denn ich war der +Stolz und der Ruhm des Dorfes. Was in den Hütten alles über mich +geprahlt wurde und was dem Manne alles angeraten wurde, was er tun +solle, um meine geheimen Kräfte zu seinen Gunsten wirken zu machen, weiß +ich nicht. Aber ich könnte es wortgetreu berichten, und es würde aufs +Wort stimmen. + +Jedenfalls kam der Mann vor Sonnenuntergang wieder, blieb am Zaun +geduldig stehen, bis ich gelegentlich aus der Hütte trat, um dem Esel +Mais zu geben. + +Sofort rief mich der Indianer an: „Un momento, Senjor, por favor!“ + +Ich kam zum Zaun. Ich sah, daß der Mann jetzt ein Machete, ein langes, +schwertartiges, scharfes Buschmesser in der Hand trug. + +„Sie wissen nicht, wo meine Mujer ist?“ fragte er. + +„Nein.“ + +„Aber Sie können sie finden. Ich kann Ihnen keine ‚Mil‘ Goldpesos geben. +Die habe ich nicht. Aber wenn Sie mir nicht sagen, wo meine Mujer ist, +schlage ich Ihnen den Kopf ab.“ + +Er hob die furchtbare Waffe hoch. + +Nun saß ich fest. Die Drohung mit dem Kopfabschlagen ist ernst. Was +schiert sich der Indianer darum, wenn er mich umbringt! Er verkriecht +sich in den Dschungel. Wird er gefangen und ohne Gerichtsverhandlung von +den Soldaten erschossen, so nimmt er das mit Gleichmut hin. Dann hat er +eben Pech gehabt. Augenblicklich ist er verzweifelt und macht sich keine +Gedanken über die Folgen. + +Ich versuche dieselbe Ausrede wie vorher: „Ich habe nicht gesehen, in +welche Richtung Ihre Frau gegangen ist.“ + +Auf diese meine Entschuldigung hat er inzwischen von den andern +Eingeborenen eine gute Antwort gelernt: „Wenn ich die Richtung gesehen +hätte, finde ich meine Mujer allein. Da brauche ich keinen Medizinmann. +Die Männer haben mir alle gesagt, Sie sind ein Weitseher. Sie haben zwei +zusammengenähte Rohre. Wenn Sie da hindurchsehen, dann können Sie da +weit hinten auf dem Berge einen Mann gehen sehen. Sie haben gesagt, daß +auf den Sternen am Himmel Leute leben. Sie können das sehen mit Ihren +Rohren. Sie sehen oft in der Nacht mit den Rohren zu den Sternen und +sehen sich die Leute an. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer +mit Rohren alles sehen können, was inwendig von einem Menschen ist, ohne +ihn aufzuschneiden. Sie haben auch gesagt, daß die weißen Männer mit +Leuten sprechen können, die ‚Mil‘ Kilometros weit fort sind. Ich will +jetzt, daß Sie mit meiner Mujer sprechen und ihr sagen, daß ich keine +Tortillas habe und keine Frijoles, und daß sie sofort in mein Haus +kommen soll mit dem Luftwagen, den die weißen Männer haben.“ + +Er schwang sein Machete deutlich genug, um zu zeigen, daß er wisse, wie +er seinen Willen durchzusetzen habe. + +Ich kann hier nicht breit klarlegen, warum ich gegen eine solche +ernsthafte Drohung machtlos war. Erschießen konnte ich ihn nicht. Dann +wären mir alle Indianer und auch die Soldaten auf den Hals gekommen. Was +soll man vor Gericht sagen? Wie soll man es beweisen, daß man in Notwehr +war? Fliehen? Wohin? Der Indianer kennt die Wege besser als ich. Ich +konnte mich also nur durch Medizin retten. + +Ich holte mein bescheidenes Feldglas und guckte lange nach allen +Richtungen. Endlich tat ich einen Aufschrei: „Ich sehe sie. Ich sehe +sie. Der Hurensohn hat einen schwarzen Bart und schlägt sie. Sie +schreit: Mein Mann, mein lieber Mann, hilf mir, hole mich!“ + +In höchster Aufregung hatte der Indianer meine Handlungen verfolgt. Nun +rief er: „Caramba, das habe ich mir doch gleich gedacht, daß es der +Hundesohn Gonzales sein muß. Der hat einen schwarzen Bart. Nun will ich +aber laufen und sie holen. Dem werde ich aber ganz gewiß tüchtig eins +über den Kopf geben. Wo ist sie? Fragen Sie sie gleich, Senjor.“ + +„Sie ist ‚Mil‘ Kilometros weit. Der Mann mit dem schwarzen Bart hat sie +mit einem Luftwagen fortgeschleppt. Sie ist jetzt in dem Dorfe Chicolco. +Das liegt bei Iguala in Guerrero. ‚Mil‘ Kilometros weit.“ + +„Da will ich aber gleich gehen und sie holen“, sagte er nun aufgeregt. + +„Gehen Sie sofort. Es sind ‚Mil‘ Tage zu laufen. Halten Sie sich auf dem +Wege nicht auf, sonst schleppt der Indio mit dem schwarzen Barte sie +noch viel weiter.“ + +„Ich gehe noch jetzt“, sagte er, im heftigsten Reisefieber zitternd. +„Und vielen, vielen Dank, mil gracias, Senjor. Sie sind ein Weiser, +verdad, wahrhaftig. Sie haben sie so schnell gefunden. Aber die zwei +Pesos und fünfzig Centavos kann ich Ihnen jetzt nicht geben. Die brauche +ich für die Reise. Adios, Senjor, leben Sie wohl!“ + +Und fort ging er, ohne mir die Medizin zu bezahlen. Ich brauche nicht +sehr besorgt zu sein, daß er mir so rasch wieder auf den Hals rückt. Es +sind sechshundert Meilen, die er zu machen hat. Und da ihm das Reisegeld +fehlt, muß er zu Fuß gehen. + +Aber die Medizin, die ich ihm gab, ist wirklich gut. Er ist ein starker +und gesunder Bursche. Er wird keine fünfzig Meilen gehen und dann +irgendeine Arbeit finden. Oder er stiehlt einem Farmer eine Kuh. +Inzwischen hat er Tortillas gegessen und Frijoles. Und wenn er Arbeit +hat, hängt ihm am nächsten Tage eine neue Mujer ihren Sack mit dem +Sonntagskleide, den Strümpfen und den Schuhen in seine Hütte. + + + + + DER BANDITEN-DOKTOR + + +Eines Nachts wurde an die dünne Bretterwand des Bungalows geklopft, in +dem ich wohnte. Eine Uhr besaß ich nicht, aber nach der Stellung des +Mondes schätzte ich, daß es kurz nach zwölf Uhr sein müsse. Es war in +einem indianischen Dorfe, und der Ort stand im ganzen Distrikt in dem +Rufe, ein Nest von Banditen zu sein. + +Auf dem Lande in Mexiko ist man nirgends sicherer, als wenn man mitten +drin zwischen Banditen wohnt, weder Indianer noch Mestizo ist und sich +um nichts kümmert, was die Leute um einen herum tun und auf welche Weise +sie ihr Leben fristen. Und außerdem habe ich erfahren, daß man in +solcher Umgebung friedlich und zufrieden lebt, wenn jedem Bewohner des +Dorfes bekannt ist, daß man nur ein paar durchlöcherte Stiefel, einige +abgetragene Hemden und eine Hose besitzt, die nicht einmal mehr gut +genug dazu ist, eine andere Hose damit auszuflicken. Man darf auch ruhig +noch obendrein einige Pesos haben, einige Bücher und eine klickernde und +aus allen Nähten fallende Schreibmaschine mit amerikanischen Typen. + +Die Leute, die in jenem Dorfe wohnten, Banditen oder Nichtbanditen, +ließen mich nicht verhungern. Als ich mit meiner Baumwollfarm elend +zusammengesunken war, weil mir meine schöne Baumwolle der Boll-Weevil +geholt hatte, der neun Monate Arbeit und Hoffnung in weniger als +vierundzwanzig Stunden vernichtet hatte, stand ich da, zerknittert und +zerknüllt ins Blaue blickend. Aber kaum hatte ich für mich die Fragen +aufgeworfen: „Was werden wir essen?“, „Was werden wir trinken?“, „Wohin +werden wir uns nun wenden?“, da erschienen in meinem Bungalow zwei +Männer des Dorfes mit dem Wunsche, daß sie Englisch gelehrt haben +möchten. Und sie wollten wissen, wieviel ich dafür berechne. Ich sagte, +zwanzig Centavos für jeden und für jede Stunde. Sie zahlten mir jeder +zehn Stunden im voraus, und so konnte ich Saat für Mais kaufen, um in +dem Baumwollfelde, das zugrunde gerichtet war, Mais anzupflanzen, für +den die Zeit günstig war, weil die erste Periode der Regenzeit dicht +bevorstand. + +Durch jene zwei Schüler bekam ich in kurzer Zeit zehn weitere Schüler; +denn aus irgendeinem Grunde, mir damals nicht klar, wollten alle Männer +des Ortes mit einem Male Englisch lernen. Die Männer kamen beinahe +regelmäßig, aber sie bezahlten ihre Stunden durchaus regelmäßig. Und wir +alle waren miteinander höchst zufrieden. Also was werde ich mich darum +bekümmern, ob Banditen oder Nichtbanditen! Sie ließen mich leben und ich +sie. + +Wird auf dem Lande in Mexiko des Nachts an die Tür geklopft, so gebieten +einem Erfahrung und gute Lehren, sich ruhig zu verhalten, nicht zu +antworten und soviel wie möglich zu versuchen, den Atem zu unterdrücken. +Es kommt vor, daß man nach dem Anklopfen die Tür öffnet, um nachzusehen, +wer es ist, und ob es vielleicht der Telegraphenbote sein könnte, der +einem hundert Dollar bringen möchte. Sobald man die Tür öffnet, kracht +dann ein Schuß oder es krachen ein halbes Dutzend, und man zieht sich +wieder zurück, entweder allein oder von einem halben Dutzend Männer +gefolgt, entweder gesund und unbeschädigt oder mit einigen Bleikernen +beschwert. + +Tapferkeit mag ja vielleicht eine große Tugend sein, auf dem +Schlachtfelde, wo die befleckten Ehrenschilder der Nationen wieder +reinpoliert werden sollen; aber Tapferkeit an gewissen Orten und zu +gewissen Zeiten und in Mexiko ist meist ein Zeichen von unheilbarer und +angeborener Dummheit. Es ist hier niemand verpflichtet, Jongleur zu sein +und herumflitzende Revolverkugeln mit den Zähnen aufzufangen. Dafür ist +ja der Zirkus da. + +Und da es nun schon mehrere Jahre her war, daß ich mit Wanderzirkussen +herumgezogen war, so hatte ich die Gelenkigkeit verloren, und ich hielt +mich, als ich das Anklopfen hörte, so still wie eine vergrabene +Geldtruhe. Es klopfte wieder und diesmal stärker und nachhaltiger. Ob +ich nun zu zittern begann und mir der kalte Schweiß ausbrach, weiß ich +jetzt nicht mehr; aber ich glaube, daß es nicht geschah. Denn wenn es +schon so weit ist, daß nachts heftig an die Tür geklopft wird und das +Klopfen sich verstärkt, nützt es gar nichts mehr, vor Angst zu +schwitzen; denn dann ist das, was geschehen wird, auf alle Fälle schon +entschieden, ganz gleich, was es ist. Man kann sich dann also ruhig +Schweiß, Angst und Hoffnungsbrühe sparen und diese Dinger für die Würmer +aufbewahren, damit man nicht nachträglich von denen noch beleidigt wird, +daß man ihnen nicht genug Fett und Muskelfleisch hinterlassen hat. + +Nachdem nun abermals heftig geklopft worden war, hörte ich halblaut +draußen reden. Es waren, wie ich aus den verschiedenen Stimmen hören +konnte, wenigstens drei Männer. Die Stimmen hatten einen kräftigen und +mitleidlosen Tonfall. Die Männer wußten, was sie wollten. + +Dann hörte ich, wie die Männer zur Tür schuffelten. Ich hörte die +schweren Tritte auf der sandigen Erde. Zwei schienen Halbstiefel +anzuhaben und einer Sandalen. Auf alle Fälle wurde mein Leben um die +Zahl der Schritte verlängert, die bis zur Tür waren. Ich überlegte, ob +ich fliehen könnte. + +Der Bungalow hatte, wie alle solche Holzhäuser in Mexiko und im Süden +der Staaten, an jeder Seite eine Tür. Aber die Türen hatte ich mit +Vorlegebalken verrammelt. Das Abwuchten des Balkens konnte nicht ohne +Geräusch getan werden, und beim leisesten Geräusch wären die Männer an +der Tür gewesen, wo ich ausbrechen wollte. Ich dachte natürlich auch +sofort an Medizin, durch die ich mich vielleicht retten könnte. Aber in +diesem kurzen Augenblicke – ich war aus tiefem Schlaf geklopft worden – +fiel mir keine Medizin ein, die brauchbar hätte sein mögen. Ich mußte +wohl auch erst einmal zusehen, wie die Männer, denen ich eine mich +heilende Medizin zu verabreichen gedachte, aussahen und was sie wollten. +Einen Revolver oder eine sonstige schießende Spritze hatte ich auch +nicht. Hilft auch nicht viel, wenn man so etwas hat. Es kann glücken, +daß man alle drei erschießt. Das ist das geringste. Viel wichtiger und +viel schwieriger ist, aus dem Dorfe fortzukommen, nachdem man drei +seiner Bürger erschossen hat, aus einem Dorfe heil fortzukommen, von dem +man weiß, daß es eine Burg voll von Banditen ist. Ich habe überhaupt oft +gefunden, daß es eine der größten Sicherheiten ist, wenn man keinen +Revolver hat. Dann hat man keine Verpflichtung, tapfer zu sein. +Tapferkeit wird immer und überall schlecht belohnt. Es sind immer die +Leisegänger, die den Krieg überleben; die wahrhaft Tapferen bleiben +draußen für den Ruhm derer, die unter Triumphbogen heimmarschieren. + +Die Männer waren nun zur Tür gekommen. Der Bungalow war auf Pfosten +gebaut, der schweren tropischen Regengüsse wegen. Infolgedessen führten +hier einige Stufen hinauf zur Tür. + +Ich hörte die Leute die Stufen hinauftrampeln. Da die Treppe nicht sehr +breit war, schien nur einer an der Tür zu sein, während die beiden +andern auf den unteren Stufen standen. + +Der Mann an der Tür klopfte nun heftiger an, und er gebrauchte wohl, +nach dem harten Ton zu schätzen, den Knauf seines Revolvers oder seines +Gewehrs. + +Als das Klopfen nichts fruchtete, begann er zu rufen: „Oiga, Hombre, +machen Sie auf, stehen Sie auf. Wir wollen mit Ihnen reden.“ + +Das gab mir nun den Beweis, daß sie genau wußten, daß ich im Hause sei, +denn andernfalls würden sie nicht rufen. + +Sie waren hartnäckig sowohl mit dem Klopfen als auch mit dem Rufen. Aber +ich rührte mich nicht, mit keiner Wimper. + +Nun redeten sie wieder untereinander. Dann hörte ich, wie sie die Stufen +hinabpolterten und über den Sand dahinschlurften. Ich glaubte, daß sie +endlich eingesehen hätten, ich sei nicht zu Hause. Aber ich hatte mich +verrechnet, wie es immer geht, wenn man etwas glaubt. + +Sie gingen einige Schritte weiter und blieben dann stehen, genau an der +Wand, die meinem Brettergestell, auf dem ich schlief, am nächsten war. +Und nun begannen sie hier gegen diese Wand mit aller Kraft zu klopfen +und zu rufen. Jetzt wußte ich aber auch, daß unter den Männern einer +sein mußte, der mein Haus genau kannte; denn sonst wäre es für jene +Leute nicht möglich gewesen, zu wissen, in welchem Teil des Bungalows +ich schlief. + +Es blieb mir nun nichts weiter übrig, als zuzugeben, daß ich im Hause +sei. Und ich machte mich auf, dem Tode gefaßt und ohne mit einem Härchen +zu wackeln, in das kalte Auge zu sehen. Ruhmvoll war ein solcher Tod +nicht, denn niemand würde Notiz davon nehmen, wie kaltlächelnd und +höhnisch ich den Tod hinnahm; denn erstens war es finster, und zweitens +war weder ein Zeitungsreporter noch ein Geschichtsschreiber zugegen, der +der Nachwelt hätte verkünden können, wie edel meine Haltung in der +letzten Stunde meines Lebens war. Banditen scheren sich nicht viel +darum, ob man eine edle Haltung einnimmt, oder ob man vor kalter Angst +mit den Kinnbacken bibbelt. Auch Henker kümmern sich nicht darum. Es ist +Geschäft, nüchtern und sachlich wie jedes Geschäft, und darum +uninteressiert für jede Phrase, die nichts mit dem Geschäft unmittelbar +zu tun hat. + +So schnell stand ich ja nun nicht auf von meiner Bretterlage, wie +vielleicht erwartet worden war. Denn jede Minute, die ich gewann, war +dem Tode abgerungen. So sagte ich schläfrig: „He, ihr da draußen, was +ist denn los? Caray, zum gottverfluchten Maultierschwengel, kann man +denn in diesem Nest, bebrütet von Teufelsfratzen und Geierfedern, nicht +eine einzige Nacht in Ruhe schlafen? Was ist denn das für ein besoffenes +Gesindel, das sich vor meiner Hütte herumbalgt? Ich habe keinen Tequila +hier im Hause. Zur Hölle mit euch verschwefelter Brut, ich will +schlafen.“ + +Ich war immer lauter geworden, mich absichtlich in Wut und Ärger +hineinredend; denn wenn es schon meine letzten Worte auf dieser Erde +sein sollten, so wollte ich doch, daß sie mit Inbrunst, Kraft und Saft +mein letztes Gebet verschönern möchten, damit die Ewigkeit weniger +langweilig sei. + +Einem schlaftrunkenen Menschen nimmt man nichts übel, wenn man sein +rasches Aufstehen dringend benötigt. Und diese Männer hier schienen mein +Wachwerden wirklich sehr zu wünschen. Denn als sie hörten, daß ich +antwortete, wurde ihr harter Ton ein wenig milder. Vielleicht hatten sie +geglaubt, ich sei in der Tat nicht daheim, und daß sie deshalb +unverrichtetersache hätten abziehen müssen. + +Einer nahm nun das Wort allein: „Hören Sie, Senjor, kommen Sie doch für +einen Augenblick zur Tür, ich muß dringend mit Ihnen sprechen, es ist +eine ernste Sache.“ Es lag viel Bitten in dem Klang seiner Worte. + +Indianer und Halbindianer haben keinen Begriff für Zeit. Wenn sie etwas +auf dem Herzen haben, kommen sie zu jeder beliebigen Zeit des Tages oder +des Nachts. + +Mich an die Tür zu locken, konnte nun aber doch vielleicht nur ein Trick +sein, um das, was sie mit mir vorhatten, leichter und bequemer +auszuführen. Aber was immer es auch sein mochte, was die Männer zu tun +gedachten, ich mußte nun doch endlich die Tür öffnen. Sie hätten die Tür +ja sowieso einschlagen können, wenn sie gewollt hätten. + +„Hallo, Senjores“, sagte ich nun, mich dabei schläfrig gegen den +Türpfosten lehnend, „womit kann ich Ihnen helfen?“ + +Es war Mondschein, und ich konnte die Männer, die da vor den Stufen +standen, deutlich sehen, wenngleich ich ihre Gesichter nicht erkennen +konnte, weil sie von großen Hüten beschattet waren. Die Männer waren +sehr robuste Gestalten, ohne Jacken, nur Hosen an und Baumwollhemden, +die am Hals offenstanden. Einer trug Ledergamaschen und gelbe Stiefel +mit hohen Absätzen, die aber völlig schiefgelaufen waren. Ein anderer +trug ledergraue Stiefel, die an mehreren Stellen aufgeplatzt waren. Der +dritte trug, wie ich schon früher aus seinem leichten Tritt geschlossen +hatte, Sandalen an nackten Füßen. + +Zwei der Männer, die mit Stiefeln bekleidet, hatten jeder ein Gewehr, +das sie in der Hand trugen. Der eine von diesen beiden hatte außerdem +noch einen Revolver hinten im Ledergurt stecken. Beide hatten ihre +Gürtel voll mit Patronen gespickt. Der Mann mit den Sandalen trug nur +einen Machete in der Hand. + +Es war dieser Mann mit dem Machete, der mich zu kennen schien. Ich +glaubte auch, daß ich ihn schon verschiedene Male im Dorfe gesehen +hatte, während mir die andern beiden durchaus fremd waren. + +Man hat zuweilen etwas im Instinkt. Und nirgends entwickelt sich der +Instinkt besser als bei einem Leben, wo man auf guten Instinkt +fortwährend angewiesen ist, und wo der Instinkt oft nur das einzige +Schutzmittel ist, das man zur Verfügung hat. Dieser Instinkt gab mir +merkwürdig rasch die Gewißheit, daß der Mann mit dem Machete mir +gegenüber friedliche Absichten hat, und daß die beiden anderen Männer +nicht mein Leben und meine Reichtümer verlangten, sondern irgendeine +Hilfeleistung. + +Es war dann vielleicht doch nicht mein Instinkt, der mir die Absicht der +Männer verriet, sondern es war wohl nur, daß ich die Gedanken des +Mannes, der mit dem Machete, auffing in demselben Augenblicke, als er +sich bemühte, seine Gedanken in Worte umzusetzen. Er sagte: „Senjor, +tenga la bondad, por favor, möchten Sie nicht die große Freundlichkeit +haben, mit uns zu meinem Hause zu kommen. Ich habe da meinen Neffen +liegen. Ich weiß nicht, was er hat. Man hat mir ihn krank ins Haus +gebracht. Er will nicht aufwachen. Und wir möchten Sie doch recht sehr +bitten, mit uns zu gehen und zu sehen, ob Sie ihm nicht helfen können.“ + +„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich. + +„Das wissen wir eben nicht, und darum möchten wir Sie ja so sehr bitten, +nachzusehen, was mit ihm ist.“ + +Der nächste Doktor wohnte etwa vierzig Meilen weit. Er würde für den +Besuch, der nur zu Pferde zu machen war und drei Tage Zeit aufbrauchte, +sicher wenigstens hundert Pesos verlangen, eine Summe, die auf den Tisch +gelegt werden mußte, ehe sich der Doktor auf das Pferd setzte. Und wer +von diesen Leuten kann hundert Pesos bezahlen? Umsonst kommt der Doktor +nicht, weder dieser noch ein anderer. In erster Linie ist er +Geschäftsmann und in zweiter Linie noch lange nicht nur Doktor; denn es +stundet ihm niemand die Miete, und wenn er seine Rechnung beim Bäcker +und beim Gemüsehändler nicht pünktlich bezahlt, dann wird ihm im zweiten +Monat nicht einmal mehr ein Kilogramm Kartoffeln geborgt. Wer nicht +zahlen kann, hat kein Recht zum Leben, er muß entweder sterben oder +versuchen, ohne Doktor am Leben zu bleiben. Darum bleiben die meisten +Mexikaner so lange am Leben, bis sie mehr als neunzig Jahre alt sind und +kein Kirchenbuch sich mehr darauf besinnen kann, wann sie geboren +wurden, vorausgesetzt natürlich, daß ihnen nicht in einer Schießerei der +Atem fortgeblasen wurde und gleich so weit, daß sie ihn nicht mehr +einfangen können. + +Ich besaß eine wacklige Pappschachtel, in der einmal, in längst +vergessenen Zeiten, Schuhe eingepackt gewesen sein mögen, die sicher +nicht meine Schuhe waren, denn meine Schuhe waren viel älter. Diese +Pappschachtel, was immer ihr einstiger und erster Zweck gewesen sein +mochte, diente mir als Medizinkasten. Man darf sich natürlich meinen +Medizinkasten nicht so vorstellen wie einen First-Aid-Kasten der +Henry-Ford-Automobil-Fabrik, Dearborn. Er war nicht ganz so vollkommen. +Meine Medizin-Pappschachtel enthielt auch einige Medizin. Aber außer +dieser Medizin war noch darin: Nähzeug, Hosenknöpfe, ein morsches +Farbband, einige abgebrauchte Sicherheits-Rasierklingen, eine +ausgepreßte Zahnkremtube, ein großer Angelhaken, zwei kleine Angelhaken, +fünf Zeitungsausschnitte, ein Taschenmesser mit zerbrochener +Hauptklinge, die andere kleine Klinge war zwar sehr verrostet, war aber +sonst noch gut erhalten, Bindfaden in verschiedenen Stärken, vier +verschiedene Schrauben, einige Nägel, ein Bleistiftstümmelchen, ein +undichter Füllfederhalter, der ausgebrochene Zahn eines Eselfüllens, die +Rattel einer Klapperschlange und noch einige andere Sachen, auf deren +Art und Gebrauchswert ich mich nicht genau erinnere. + +In meiner Jungenzeit hatte ich stets all mein irdisches Hab und Gut in +meinen Hosentaschen und Jackentaschen, weil ich immer fahrtbereit und +reisefertig sein mußte, wo immer ich auch war. Da ich inzwischen +wohlhabender geworden war, trug ich nunmehr alle meine irdischen +Reichtümer in jener wackligen Pappschachtel, die im Augenblick +zugeschnürt sein konnte. Denn meine Lebensweise hatte sich seit meiner +Jungenzeit wohl vorübergehend, aber nicht dauernd geändert. Auch jetzt +noch mußte ich immer, zu jeder Tageszeit und Nachtstunde, reisefertig +sein. + +Auch wenn mir jene Herren mit schußbereiten Gewehren nicht gesagt haben +würden, daß meine medizinischen Kenntnisse augenblicklich sehr dringend +gewünscht seien, so hätte ich dennoch meinen Medizinkasten mit mir +genommen. Das geschah instinktiv und aus Erfahrung. Denn es war +vorgekommen, in Mexiko wie auch erst recht anderswo, daß ich glaubte, +mich nur für eine Stunde von meinem gegenwärtigen Aufenthaltsorte zu +entfernen; und wenn ich zur Besinnung kam, war ich auf einem anderen +Kontinent gelandet, zuweilen gestrandet. Durch solche Erfahrungen wird +man vorsichtig, und Zahnbürste, Rasierzeug und ein kleiner Taschenkompaß +waren Tag und Nacht gut eingeknöpft in meiner linken hinteren +Hosentasche als ständiges Notgepäck. + +Was wußte ich, wo ich landen würde, wenn ich jetzt mit diesen drei +Nachtvögeln davonflog. + +„Ist das Ihr Doktorkasten?“ fragte mich nun einer der Männer, während er +dabei sein Gewehr so über die Schulter warf, daß er den Lauf vorn in der +Hand behielt und der Kolben hinten über dem Rücken war. + +„Ja, das ist mein Medizinkasten“, bestätigte ich, und die Männer +murmelten etwas, das wie Zufriedenheit klang. + +„Dann wollen wir uns nun aufmachen“, sagte ein zweiter. + +Ich schob den hölzernen Riegel vor die Tür. Und dann zockelten wir los. + +Ich hatte auch nicht die leiseste Idee, wohin wir gehen würden. Denn +darüber war nichts gesagt worden. Es hatte keinen Zweck für mich, zu +fragen, wohin wir gehen würden; denn ob wir nach Honduras marschierten +oder nach Alberta in Kanada, das hatte ja nicht ich zu entscheiden, +sondern das wurde, ob es mir nun gefiel oder nicht, von denen +diktatorisch entschieden, die Gewehre hatten. Immer wer das Gewehr hat, +der hat das Recht zu kommandieren, und immer der, der das Gewehr nicht +hat, hat die Pflicht zu gehorchen. Das ist nun schon so seit dem +flammenden Schwert des Erzengels an der quietschenden Gartentür des +Paradieses. Weltgeschichtliche Leistung, zwei nackte Menschen aus dem +Gemüsegarten hinauszujagen, wenn der Feldhüter ein flammendes Schwert +schwingt und die beiden durch Schuld geknickten Leutchen nichts weiter +als Waffe in den Händen halten als ihre Scham, ein abgetrenntes Blatt +von ihrer flimsigen Kleidung und die abgeknabberte Rinde ihres +Apfelstrudels, der an allem Unheil schuld war. Was blieb ihnen übrig, +sie mußten gehorchen, und es half ihnen gar nichts, daß sie zwei +Mustermodelle aus den Privatkunstwerkstätten für künstlerische +Lehmarbeiten waren. Hätten sie ebenfalls ein Schwert oder ein +Maschinengewehr gehabt, wäre alles anders gekommen, und unsere Ansichten +über Befehlen und Gehorchen hätten eine andere Richtung eingenommen. +Darum wird man wohl verstehen, warum ich mit den drei Männern durch die +Nacht wanderte, ohne mit einer Silbe mich zu beschweren oder gar zu +fragen, wohin wir gehen würden. Wo man nichts dreinzureden hat, läßt man +alles gehen, wie es will. + +Wir trotteten nicht mitten durch das Dorf, sondern hielten uns nahe der +Hütten, die mehr am Rande lagen. Die Hunde bellten entsetzlich von allen +Seiten. Und jene Hunde, die uns nicht sahen und uns nicht hörten, +bellten sich heiser, um den übrigen Hunden nicht alles Vergnügen allein +zu lassen. Es war ein Höllenlärm im Dorfe. Denn von dem anhaltenden +Bellen der Hunde wachten auch die Hähne auf und krähten, und die Esel +fielen mit ein. Aber von den Bewohnern kam niemand vor seine Hütte, um +zu sehen, was los sei. Denn Indianerhunde, wenn erst einmal einer damit +anfängt, bellen die halbe Nacht, ob da ein Trupp von Banditen die Häuser +umschleicht, oder ob ein Esel schläfrig durch das Dorf wandert, oder +eine Katze hinter einer Maus her ist, oder ob der Mond scheint oder ob +gar nichts geschieht. + +Nachdem wir die letzten Häuser hinter uns hatten, marschierten wir eine +gute lange Strecke durch niedriges Dschungelgestrüpp, dann durch ein +Stück Busch und erreichten endlich ein Bretterhaus. + +Das Haus hatte vorn einen eingezäunten Blumengarten und an beiden Seiten +gutgepflegte Gemüsegärten, wie ich leicht und sicher in dem hellen +Mondlicht erkennen konnte. Das Haus sah nicht von alten Brettern +zerflickt aus und war nicht mit Lumpen, alten Schilfmatten und Fellen +behängt und benagelt, wie die meisten Häuser des Dorfes auszusehen +pflegten. Es machte von außen schon einen sehr reinlichen Eindruck. Auf +der Porch, der Veranda, standen zahlreiche Blumen eingepflanzt in +Töpfen, und da waren kleine Palmen und tropische Blättergewächse in +Kasten und ausgebrauchten Eimern und Petroleumbüchsen. Der gute +Eindruck, den ich von außen empfing, wurde um ein Vielfaches verstärkt, +als ich in den Wohnraum kam. Nicht nur in dem Dorfe selbst, sondern im +ganzen Bezirk hatte ich ein ähnlich sauberes und gut möbliertes Haus nie +vorher gesehen. Das Haus eines gutsituierten amerikanischen Farmers, der +Reinlichkeit und Behäbigkeit liebt, konnte weder in Texas, noch in +Arizona, noch in Coahuila oder Sonora besser und freundlicher aussehen +als dieses Haus. Ich hatte nicht gewußt, und ich hätte es auch nicht +geglaubt, daß hier in dieser Gegend eine so wohldeftige Familie lebte, +die fähig war, ein Haus so in Ordnung und Wohnlichkeit zu halten, wie +ich es hier sah. + +Die Leute hatten eiserne weißlackierte Bettstellen; sie hatten richtige +Stühle, einige Schaukelstühle, eine gute Decke auf dem Tisch, große +eingerahmte Bilder an der Wand: Lohengrin mit seiner Elsa auf dem +Bettrand sitzend; Othello, seine großen Bombastreden von fernen Ländern +und wilden Ungeheuern haltend; Porfirio Diaz in glänzender +Generalsuniform; der Ausmarsch des mexikanischen Freiheitshelden Hidalgo +aus dem Dorfe Dolores; die Heilige Jungfrau von Guadeloupe; und eine +Anzahl von kleinen und vergrößerten Photographien von Onkeln, Tanten, +Großvätern, Ehepaaren, Kindern und Kommunionskerzenträgern, die wohl +alle zur Familie gehörten. + +Man vermochte sich nichts zu denken, das friedlicher hätte sein können, +wohlanständiger und ehrenwerter als das Haus und die Familie, die es +bewohnte. Wer in einem solchen Hause wohnte und ein Haus so in Ordnung +und Sauberkeit halten konnte, waren Bürger, die einen Staat wohl in +seinen Fundamenten stützen und erhalten konnten. + +Aber ein erfahrungsreiches Leben lehrt einen in harter, wenn auch in +erfolgreicher Schulung, Dinge nicht blindlings so zu nehmen, wie sie +aussehen. Es gibt wunderschöne Pflanzen im mexikanischen Busch, die +einen verführen, sie näher anzusehen, aber wenn man sie anfaßt oder auch +nur unvorsichtig mit dem nackten Arm streift, bekommt man einen +Hautausschlag, an dem man zwölf Monate doktern und salben kann und man +selbst dann noch nicht einmal sicher ist, wann man ihn los sein wird. + +Trotz des wohlanständigen und ehrenwerten Hauses vergaß ich doch nicht +einen Augenblick lang, daß mich drei Männer hierhergelockt hatten, die +auch dann noch genügend verdächtig hätten sein müssen, wenn sie nicht +mit schußbereiten Gewehren und gespickten Patronengürteln beladen +gewesen wären. + +Mit keinem Wort und mit keiner Geste ließ ich erkennen, daß mir der +Zwischenreim für das wohlanständige Haus und die drei Burschen bereits +klargeworden war. Ich sah das alles so an, als ob es gar nicht anders +sein könnte. Ich betrachtete mir die Bilder an den Wänden, als ob sie +große Meisterwerke einer Galerie seien, und um die Leute glauben zu +machen, daß ich die Bilder bewundere, sagte ich: „Sehr schöne Bilder, +von berühmten Meistern gemalt.“ Aber während ich das sagte, sah ich mir +doch alles, was es in dem Raum zu sehen gab, sehr sorgfältig an. Ich +betrachtete mir die Fenster genau, dadurch, daß ich die Augen senkte, +während ich den Kopf hoch hielt, als betrachte ich die Bilder. Aber die +Fenster waren gut verrammelt, kein Lichtstrahl drang hinaus in die +Nacht, und es war wenig Hoffnung, aus einem der Fenster zu entspringen, +wenn es hätte nötig werden sollen. Es führten zwei Türen aus dem Raume, +aber beide führten nur in zwei andere Räume. + +Die beiden Männer mit den Gewehren setzten sich auf Stühle so an die +Tür, daß an jedem Pfosten einer saß. Sie stellten ihre Gewehre zwischen +die Knie und drehten sich Zigaretten. + +„Setzen Sie sich doch, Senjor“, sagte jetzt einer der Männer, während er +mit dem Fuße auf einen leeren Stuhl deutete und dabei das Maisblatt, in +das er den Tabak eindrehte, mit der Zunge beleckte. + +Ich setzte mich und sah mich nun weiter in dem Raume um, aber in einer +Weise, als ob ich mich eben nur umsehe, weil sonst nichts weiter zu tun +oder zu sehen war. + +Der Fußboden war mit dicken Petates reich belegt. Die Matten waren gelb +und frisch. An den Stellen, wo die Matten nicht ganz zusammentrafen, +konnte ich sehen, daß der Fußboden knochenbleich gescheuert war und rein +wie frischgewaschenes Linnen. In einer Ecke war ein kleiner Altar, auf +dem ein Muttergottesbild stand, mit einem brennenden dünnen Lichtchen, +in einem Wasserglase mit Öl schwimmend. Über den Ecken des +Muttergottesbildes hingen drei billige Rosenkränze. Zu beiden Seiten des +Muttergottesbildes standen ein halbes Dutzend von Heiligenbildchen in +sehr billigen und geschmacklosen Rähmchen. + +Auf dem Tische, auf dem eine reine buntfarbige Baumwolldecke gebreitet +lag, stand eine richtige Petroleumlampe. Eine richtige Petroleumlampe +hatte ich wohl seit vierzehn Monaten nicht zu Gesicht bekommen; denn im +ganzen Dorfe hatte niemand eine und ich am wenigsten. Und es war wohl +diese Petroleumlampe, die mir, gleich bei meinem Eintritt in das Zimmer, +am stärksten den Eindruck übermittelt hatte, daß ich mich im Hause von +wohlhabenden Leuten befinde. Auf dem Tische stand noch eine Fruchtschale +aus rötlichem Glase, deren Rand blumenartig verbogen war, mit einem +verschnörkelten Fuße aus einem blechernen Metall. Eine Schale, wie man +sie gelegentlich in einem Zelt gewinnen kann, in dem man für zehn Cents +mit fünf Bällen auf einen Knopf werfen kann, bis ein lebendiger Neger +hinten in ein mit Wasser gefülltes Faß fällt, oder in einem anderen +Zelt, wo man für zehn Cents zwei rohe Eier einem lebendigen Neger ins +Gesicht werfen darf. + +Der Mann mit dem Machete war gleich bei unserem Eintritt in eines der +Nachbarzimmer gegangen, und er hatte die Tür hinter sich fest zugemacht. +Zuweilen hörte ich – das ganze Haus war ja nur, wie alle Häuser hier, +aus dünnen Brettern gebaut –, daß im Nebenraum halblaut gesprochen +wurde. + +Endlich kam jener Mann wieder zurück in das große Zimmer, wo wir saßen. +Er hatte eine Flasche und ein Gläschen. + +„Wollen wir erst einmal einen nehmen“, sagte er und goß das Gläschen +voll. Er bot es mir an; ich sagte „Salud!“ und schwenkte den Tequila +hinunter. Er rann mir warm und mollig durch die Kehle, und ich dachte, +wo man so guten Tequila hat und anbietet, da kann nicht pure Mörderei +und Feindschaft auf dich warten, denn einen so guten Anjejo verschwendet +man nicht auf jemand, den man aus der Welt zaubern will. + +Das Gläschen wurde nachgefüllt und machte seine Runde. + +„Noch einen ganz, ganz Kleinen, damit die Ohren nicht wackeln?“ fragte +der Mann gutmütig. + +„Como no“, sagte ich, und er schenkte mir noch einen gesunden Tropfen +ein. Aber ich war der einzige, der zweimal nippen durfte. Weder bekamen +die beiden Türwächter noch einen nachgeschlürft, noch zog der gute Mann +selbst sich einen kleinen Ohrenberuhiger hinterher. + +„He, ja“, sagte der Mann nun, während er die Flasche zukorkte, den +Korken mit Andacht fest eindrehte und Flasche und Gläschen auf den Tisch +stellte, „ja, nun wollen wir doch einmal an das Geschäft gehen.“ Er +stand auf, öffnete leise die Tür, durch die er gekommen war, und winkte +mir, zu folgen. + +Die beiden Männer, mit den Gewehren zwischen ihren Knien, blieben bei +der Tür sitzen. Merkwürdig war es, daß ich jetzt wie plötzlich das +Gefühl bekam, daß die beiden Männer nicht mich bewachten oder mich +verhindern wollten zu entspringen, sondern daß sie dort dicht an der Tür +bewaffnet saßen, um diejenigen, die im Hause waren, zu schützen gegen +jemand, der von draußen kommen könnte. Davon wurde ich um so mehr +überzeugt, als sich die beiden etwas zuflüsterten und der eine aufstand, +hinausging und sich draußen auf eine Stufe setzte, während der andere, +der im Raume blieb, sich so setzte, daß er von jemand, der hereinkam, +nicht sofort gesehen werden konnte, während er selbst den +Hereinkommenden völlig unter der Gewalt seines Gewehres hatte. + +Ich folgte nun jenem Manne, der die Tür zu dem zweiten Raum geöffnet +hatte. + +In dem Raume brannte ein kleineres Lämpchen, das wenig Licht +verbreitete. Der Mann ging zurück in den ersten Raum, nahm die Lampe vom +Tisch und leuchtete mir nun in jenes Zimmer hinein. + +Zwei Frauen saßen auf Schaukelstühlen. Beide hatten den Rebozo um Kopf +und Hals gelegt, weil es nun kühl in der Nacht wurde. Beide Frauen waren +Indianerinnen, sauber gekleidet und in Sprache und Benehmen – wie ich +bald lernte – durchaus gleich den Frauen eines mexikanischen +Ranchobesitzers von mittlerem Wohlstand. + +Die eine der Frauen war verhältnismäßig jung. Sie war, wie ich gleich +hörte, die Frau des Mannes mit dem Machete. Die andere Frau war älter; +sie konnte wohl gut die Mutter der Frau oder des Mannes sein. Das Zimmer +war das Schlafzimmer des Ehepaares. Da in dem ersten Raum gleichfalls +zwei Betten waren, schien es, daß hier mehrere Personen wohnten, +vorausgesetzt daß jene Betten im Gebrauch waren, was ich ja nicht +erraten konnte. + +Beide Frauen standen auf aus ihren Stühlen und sagten freundlich und +höflich: „Guten Abend, Senjor!“ Sie gaben mir die Hand und setzten sich +wieder. + +Ich sah mich im Raume um, und ich bemerkte zur Seite auf einer +Schilfmatte einen jungen Mann liegen, der bis zum Kinn mit einer +halbwollenen Decke zugedeckt war. Sein Gesicht war bleich; bleich wie +das Gesicht eines Indianers eben werden kann. Aber das Gesicht war voll, +und daraus schloß ich, daß der Mann nicht lange krank sein konnte, daß +er wohl nur schwer verwundet sei. Er rührte sich nicht und lag da wie +tot. + +„Das ist der Junge, von dem ich Ihnen gesagt habe“, sagte der Mann und +stellte die Lampe auf einen Stuhl, den er dicht an das Lager des Kranken +rückte. + +„Sie können dem Jungen gewiß helfen, Senjor“, sagte nun die jüngere +Frau. „Er ist mein Neffe, und wir würden recht traurig sein, wenn er uns +fortstürbe. Seit unser eigener und einziger Sohn in einer dummen +Schießerei sein Leben verlor, haben wir diesen hier wie unseren Sohn +angesehen. Wir würden Ihnen wirklich von ganzem Herzen danken, wenn Sie +etwas tun könnten, daß er uns erhalten bleibt. Es ist der letzte, der +uns bleibt von allen Jungen aus unserer Familie. Alle übrigen sind +erschossen oder erstochen worden bei den Wahlen, und keiner hat doch je +ein Amt für sich haben wollen. Es war nur immer der anderen wegen, daß +sie sich in die politischen Händeleien hineinmischten.“ + +Die Frau weinte nicht, aber sie hatte eine echte Rührung in ihren +Worten. Die ältere Frau seufzte einige Male auf. + +In den letzten Monaten hatte hier im Distrikt keine einzige Wahl +stattgefunden. Die Wahlhändel wurden auch nicht hier im Dorfe +ausgefochten, sondern in der Distriktsstadt, wo alle die Burschen und +Männer der umliegenden Dörfer natürlich hinritten, um ihre Schießerei, +ihr Vivatschreien in den Straßen und das Händeschütteln der Kandidaten, +die sie auf ihren Schultern durch die Straßen schleppten, genießen zu +können. Es kamen niemals alle die lebend wieder heim, die zu den +Wahlreden ritten. Jedesmal blieben zwei, drei oder ein Dutzend auf dem +Felde der Wahlkämpfe. + +Da aber lange keine Wahl gewesen war – denn die gegenwärtigen Behörden +des Distrikts waren von der Federalregierung provisionell eingesetzt +worden, um die ewigen Wahlmördereien zu verhindern –, so konnte der +Bursche hier nicht gut bei einer Wahl etwas abbekommen haben. + +Ich kniete mich nieder an die Seite des jungen Mannes und begann ihn zu +untersuchen. Die Augen waren geschlossen. Als ich die Augendeckel hob, +sah ich, daß die Augen wohl schläfrig waren, aber nicht trüb, und die +Pupillen reagierten auf das Licht. Das Herz schlug regelmäßig, aber sehr +leicht, nur wie ein Tippen. Der Atem war sehr leise; aber auch er ging +ziemlich gleichmäßig. + +„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich aufblickend. + +Die Frau antwortete mir und sagte: „Das wissen wir eben nicht. Sie haben +uns den Jungen so ins Haus gebracht, und er ist noch nicht einmal +aufgewacht. Denken Sie, daß er uns wegsterben kann, Senjor?“ + +„Das kann ich nicht sagen. Vorläufig stirbt er nicht. Hat er nicht etwas +gesagt zu den anderen, was ihm fehlt oder wo es ihm weh tut?“ fragte +ich. + +Niemand antwortete mir, und ich sah auf, um zu sehen, warum ich keine +Antwort bekam. Ich bemerkte, daß der Mann die Frau rasch ansah, den +Finger auf den Mund drückte und mit dem Kopf schüttelte. Sofort sah ich +wieder weg und wandte mich dem Kranken zu. Dann dehnte ich ein langes +„Ja“ von mir, schluckte vernehmlich und richtete mich halb auf. Die +Leute hatten genügend Zeit gehabt, ihre Geheimsprache zu vollenden, und +sie sahen mich an und zuckten die Schultern. + +„Hat er denn etwas gegessen, das ihm nicht bekam?“ fragte ich nun. + +„Ich glaube nicht“, antwortete der Mann. + +Ich setzte mich auf den Stuhl, machte tiefe Gedanken und tat alles genau +so, wie es auch andere große Doktoren und berühmte Ärzte tun. Das will +sagen, ich wußte nichts, solange mir nicht der Kranke selbst sagen +konnte, was ihm weh tat und wo es ihm fehlte. Ich war ja kein +Viehdoktor. + +Dann sagte ich das, was alle Ärzte sagen: „Es ist sehr ernst. Aber ich +werde mein Bestes tun, vielleicht bringen wir ihn durch.“ + +In dem Augenblick kamen die beiden Männer mit den Gewehren herein. Sie +waren neugierig geworden und wollten sehen, wie tüchtig ich war. „Wo ist +mein Medizinkasten?“ fragte ich. + +Sofort sprang einer der Männer in den Nebenraum und brachte meine +Pappschachtel. Was ich damit tun wollte, wußte ich im Augenblick +natürlich nicht. Aber ich war gewiß, daß mir schon etwas einfallen +würde. Tun mußte ich auf alle Fälle etwas, ganz gleich was es war; denn +ich war hierhergeschafft worden als Doktor, man erwartete von mir, mich +als Doktor zu benehmen und zu betragen, und so blieb mir nichts anderes +übrig, als den Leuten gefällig zu sein. + +Welche Folgen es haben würde, wenn ich als Doktor versagte, darüber +bestanden keine Zweifel. Die Tatsache, daß beide Männer mit den Gewehren +jetzt im Raume waren, bewies mir, daß meine Vermutung, sie möchten +jemand von draußen verhindern, in das Haus einzubrechen, unrichtig war. +Sie waren jetzt hier hereingekommen, um zu sehen, was ich leisten +könnte. Und da sie die Gewehre selbst hier in diesem Raume, wo ein +Sterbender lag, nicht aus der Hand stellten, das gab mir die Gewißheit, +daß sie sehr bald die Gewehre auf mich richten würden und sagen: „Du +rettest jetzt den Burschen da, und zwar sofort; und wenn er nicht in +wenigen Minuten auf und gesund ist wie ein junger Hahn, dann knallen +diese Gewehre, und du kannst dich danebenlegen in dieselbe Grube.“ + +So etwas geschieht Ärzten in der Tat, und wenn ich schon hier als Arzt +tätig bin, warum soll man mit mir eine Ausnahme machen? + +Aber als geschickter Arzt, der seine Medizin gut studiert hat, kann man +das Sterben eines Sterbenden recht gut in die Länge ziehen. Dann kann +man sich noch immer damit entschuldigen, daß Gott das eben anders +bestimmt habe. Und das wird einem geglaubt. Vielleicht wird man es auch +mir glauben. Die Leute sind ja Christen, gute Christen, mit Rosenkränzen +und allen notwendigen Heiligenbildern gut versorgt. + +So beginne ich meine verantwortungsvolle Tätigkeit. + +„Haben Sie Cafion im Hause?“ frage ich die Frau. + +„Ja, wir haben eine ganze Glastube voll.“ + +„Geben Sie mir drei Pastillen und ein Glas mit Wasser.“ + +Ich löse die Pastillen in dem Wasser auf, und mit Hilfe des Onkels und +des einen Mannes öffne ich dem Kranken den Mund, hebe den Kopf hoch und +lasse ihn die Lösung schlucken. Er schluckt auch, und es kommt nichts in +die Luftröhre. + +Ich wartete zehn Minuten, rauchte eine Zigarette, erbat mir einen neuen +guten Schluck von dem alten Tequila, und als ich nun den Kranken wieder +untersuchte, fand ich, daß die Medizin, die ich ihm gegeben hatte, +vorzüglich wirkte. Das Herz hatte begonnen, kräftiger zu arbeiten. Die +Medizin konnte zwar das Herz so heftig anregen, daß es übersetzte und +aufhörte zu schlagen. Aber ich hatte wieder einmal Glück, was jeder +Doktor haben muß, wenn er Erfolg sucht. Ich weiß gut, daß ein richtig +abgestempelter Doktor das alles ganz anders machen würde. Aus diesem +Grunde ist er ja abgestempelt und stiller Teilhaber der +Beerdigungsinstitute. Aber ich muß mich mit den Kenntnissen und +Medizinen behelfen, die ich zur Verfügung habe. Ich kann keine +Kampferinjektion in das Herz machen, weil mir die Maschinerie dazu +fehlt. + +Das Herz schlug nun kräftig und zufrieden, aber der Bursche wollte nicht +aufwachen. Am Kopfe konnte ich nichts finden. Ich schlug ihm die Backen, +die Handflächen und die Handgelenke. Ohne irgendwelchen sichtbaren +Erfolg. + +Ich schnürte nun meine Medizinschachtel auf. Die Leute sahen natürlich +den Inhalt. Ob sie über die merkwürdigen Medizinen, die ich in der +Pappschachtel hatte, erstaunt waren oder nicht, konnte ich nicht +feststellen, denn sie ließen kein Wort verlauten. Sie mochten wohl +überzeugt sein, daß die Angelhaken dazu dienten, irgend jemand etwas aus +dem Magen zu fischen, das er unvorsichtigerweise verschluckt hatte, und +das abgebrochene halbverrostete Taschenmesser diente nach ihrer Meinung +gewiß als chirurgisches Instrument zur Amputation von Füßen und Armen +oder zum Herausnehmen des Blinddarms. Auf jeden Fall wurde angesichts +des Inhalts meiner Medizinschachtel die Achtung vor mir und das Zutrauen +zu meinen Fähigkeiten nicht geringer, sondern, wie ich wohl sehen und +fühlen konnte, erheblich verstärkt. + +Ich nahm eine halbaufgebrauchte Tube Mentholatum heraus und schmierte +eine dünne Schicht der Salbe dem Burschen an die inneren Nasenwände, um +ihm das Atmen zu erleichtern durch Erweichen des Schleims. Dann fragte +ich die Leute, ob sie Ammoniak im Hause hätten. Sie hatten ein +Fläschchen zur Hand, und nach einigen heftigen Dosen nieste sich der +Junge munter. Ich fächelte ihm kräftig Luft zu, und er begann bald +tüchtig und tief zu atmen. Aber als er nun zum Bewußtsein kam, begann er +aus vollem Herzen zu stöhnen. + +Jetzt wußte ich, was los war und was mir nicht verraten werden sollte. +Ich überlegte eine gute Weile, was ich tun sollte. Denn mir war nun +alles völlig klargeworden. Sagte ich offen heraus, was ich jetzt wußte, +so konnte das eintreten, was ich erwartet hatte, seit ich das erste +Anklopfen an meinen Bungalow hörte. Die Kenntnis, die ich jetzt auf +einem Umwege erlangt hatte, machte mich zu einem sehr unbequemen Zeugen. +Und das konnte die Männer leicht verpflichten, mich aus der Welt zu +schaffen. + +Aber dann sah ich die jüngere Frau, die Tante des Burschen, an. Die +Tränen standen ihr dick in den Augen, und ich wußte, daß sie im tiefen +Ernst sei, dem Jungen gegenüber wie eine leibliche Mutter zu fühlen. Der +Junge konnte sich vielleicht auch ohne meine Hilfe wieder hochbringen, +aber nicht vor zwei Tagen. Und inzwischen kamen die Soldaten; und er, +der sich nicht in Sicherheit bringen konnte, wurde draußen am +Gartenzaun, nach einer Vernehmung von fünf Minuten, erschossen. Daß er +erschossen wurde, war sicher; daß ich hier von den Männern meiner +unbequemen Mitwisserschaft wegen erschossen wurde, mochte zweifelhaft +sein. + +Wieder sah ich die Frau an, und wieder sah ich ihren wehen Blick auf +mich gerichtet. Ich will nicht sagen, daß ich nun aus übergroßer +Menschenliebe mich entschied. Das wäre ungenau. Ich möchte auch nicht +besser und edler erscheinen, als ich wirklich bin. Denn um die volle +Wahrheit einzugestehen, ich bin wie jeder andere gewöhnliche Mensch, +mit Bosheiten, Niederträchtigkeiten, Hilfsbereitschaft, +Menschenfreundlichkeit und Liebe zu meinen Mitmenschen in so gleichem +Maße in mir verteilt, daß nicht immer mein Wille, sondern oft, wenn +nicht meist, eine reine Nebensächlichkeit entscheidet, ob ich in einem +bestimmten Falle eine niederträchtige Handlung begehe oder eine Tat +ausübe, die alle Menschen glauben macht, ich sei der edelmütigste und +selbstloseste Mensch. Daß man so wird, das macht der Busch, und das +macht das Herumschlagen mit allen Sorten von Menschen, und das macht die +Aufgabe, fertig werden zu müssen mit Umständen, die einem selten Zeit +lassen, lange darüber nachdenken zu können, ob das, was man tun muß, +edelmütig oder nichtswürdig ist. + +Hier, in diesem Falle, entschied, wie so häufig vorher, die Neugierde, +zu erfahren, was wohl mit mir geschehen würde, falls ich das tue, was +nach meinem Urteil als das Dümmste und Unvorsichtigste angesehen werden +muß. Wissentlich tat ich das, was man mir nicht als große Klugheit +anrechnen mag. Wenn ich mich aber dennoch durch den bittenden und wehen +Blick in den Augen jener Frau vielleicht endgültig entschied, so will +ich es nicht auf meine Rechnung gesetzt haben als einen Posten, der +zugunsten eines edelmütigen Charakters verbucht werden kann. Denn das +wäre eine Unwahrheit. + +Ich blickte den Onkel des Burschen, also jenen Mann, der mit dem Machete +gekommen war, an, hielt meinen Blick eine Weile auf ihn gerichtet und +sagte dann kurz und laut: „Wo hat er denn das Loch? Wie kann ich ihn +denn hochbringen, wenn Sie mir nicht sagen, was er abgekriegt hat.“ + +Alle Anwesenden, selbst die ältere Frau, fuhren erschreckt zusammen, +stießen kurze Ausrufe aus, wurden bleich, und ihre Blicke flogen von +einem zum anderen, bis sie alle auf meinem Gesicht haftenblieben. + +Der Onkel bekam seine Ruhe am ersten zurück. Er sagte in einem Ton, als +ob er bereit sei, alles aufzugeben, dabei die beiden Männer mit den +Gewehren ansehend: „Ich habe es euch ja vorher gesagt, ihr wolltet es ja +nicht glauben, dem Gringo können wir nichts vormachen, der ist Doktor +durch und durch.“ + +Ich wartete nun auf nichts mehr. Ich zog die Decke herunter, sah rasch +hin über die Brust und den Leib, und dann sah ich bereits den weiten +Blutfleck auf dem Petate. Ich schob die Decke bis zu den Füßen und fand +zwei kräftige Schußwunden, eine am Oberschenkel, die andere an der Wade. +Die Wunde an der Wade war nicht schwer. Hier hatte eine Kugel nur +tüchtig gestreift. Dagegen war die Wunde am Oberschenkel eine sehr +heftige Fleischwunde. Die Kugel war heraus, denn ich fand Einschuß und +Auslauf. Das Kaliber war heftig, sicher nicht weniger als 4,5; außerdem +war die Kugel offenbar oben abgefeilt und eingekerbt gewesen, wie das +hier mit Vorliebe getan wird. Wäre sie auf den Knochen gestoßen, dann +wäre das Bein zu kleinen Splittern zersprengt worden. Aber der Knochen +war nicht verletzt, wie ich aus dem Verlauf des Schußkanals sehen +konnte. Dagegen hatte die Kugel wohl eine oder gar mehrere Adern +aufgerissen, was einen großen Blutverlust zur Folge gehabt haben mußte +und zweifellos die alleinige Ursache war, daß der Bursche so weit +herunterkommen konnte. + +Die Adern schienen sich aber bereits ausgeblutet zu haben, oder sie +waren von dem trocknenden Blute schon gut verklebt; denn um die +Wundränder hatten sich schwache Krusten gebildet. Es waren auf die +Wunden sehr schmutzige Hemdenlappen gewickelt. Die einzige Gefahr, die +für den Burschen bestand, war die einer Infektion und damit die +Möglichkeit, daß er den Brand bekam. Nun ist ja das Blut der Indianer im +allgemeinen so gesund, daß nur dann eine wirklich schwere Infektion +ihrer Wunden eintritt, wenn alle Vorsichtsmaßregeln außer acht gelassen +werden. + +Ich ließ rasch alte Leinenfetzen auskochen. Die Leute hatten eine +reichliche Packung reiner Baumwolle im Hause, und ich hatte einige +sterilisierte unberührte Gazebinden. + +Ich wusch die Wunden mit heißem Wasser und Seife gut aus. Aus meinem +Medizinkasten brachte ich eine Flasche Zonite hervor, ein sehr starkes +Desinfektionsmittel, das wir während des Krieges mit viel Erfolg +verwendeten. Die Flasche war mir übriggeblieben von einem Ölkamp, wo ich +gearbeitet hatte. Ich goß das Zeug gleich so rein in die Wunden. Der +arme Junge sauste halb in die Höhe; denn er mußte sicher ein Gefühl +haben, als bohre man ihm einen weißglühenden Eisenstab durch die +Schußkanäle. Aber er durfte sicher sein, daß es ihn rettete. Ich ließ +ein wenig nachtrocknen, streute eine dicke Schicht von Bismut-Jodoform +auf die Wunden, legte Gaze darauf und verband. Der Junge seufzte tief +auf, aber jetzt mit einem gewissen Wohlgefühl. Gleich darauf fiel er in +einen tiefen, ruhigen Schlaf, nachdem ich ihm einen heftigen Tequila +eingeschwenkt hatte. Der Tequila wird ja vielleicht seinen Narben nicht +sehr dienlich sein; aber Schönheitsfehler an den Oberschenkeln spielen +ja nur eine Rolle, wenn er beim Mädchen liegt, und bei solcher +Gelegenheit helfen sie ihm beim Prahlen und vertiefen die Liebe seines +Mädchens, das ja, wie jedes Mädchen, lieber mit einem Helden schläft als +mit einem Nußknacker. + +Die Frage, die jetzt kommen mußte, kannte ich. Darum sagte ich gleich, +ohne zu warten: „Wenn Sie ihn morgen aufs Pferd heben, um +weiterzureiten, werden Sie gut tun, ihm einen kräftigen Verband aus +einem alten Gummischlauch oder Gummigürtel oder elastischen Hosenträgern +über der Wunde am Oberschenkel anzulegen, damit er nicht aufs neue +ausblutet und vielleicht gar fortblutet.“ + +Ich zeigte den Männern, wie sie das machen sollten, sagte ihnen, daß sie +jeden neuen Verband, den sie auf die Wunde brächten, erst auskochen +müßten, gab ihnen den Rest meines Zonite und meines Bismutpulvers, erbat +mir einen weiteren kräftigen Tequila, sagte: „Gute Nacht!“ zu allen, gab +dabei allen die Hand – die Tante des Jungen beugte sich nieder und küßte +meine Hand –, und dann ging ich auf die Tür los. + +Scheinbar tat ich das alles so, als ob das, was ich hier gesehen und +getan hatte, etwas gewesen wäre, das ich jeden Tag zwölfmal in genau +derselben geschäftsmäßigen Weise sähe und täte. In Wahrheit aber tat ich +das alles sehr bedacht, jeden Augenblick darauf wartend, daß einer der +Männer sagen würde: „Sie können nicht so ohne weiteres fortgehen, +Senjor, wir wollen erst noch ein Wort miteinander sprechen; wir wollen +das draußen hinter dem Hause bei den Gemüsebeeten erledigen.“ + +Aber daß ich kein Wort darüber verlor, wie der Junge zu den Wunden +gekommen war, daß ich nicht einmal andeutete, daß ich wußte, es sind +Schußwunden, daß ich mich benahm, als gehöre ich zu der Bande und als +wäre ich ein uralter Freund des Hauses, der nichts sagt aus Freundschaft +und noch weniger etwas sagt aus Geschäftsklugheit, daß ich klar sehen +ließ, es sei mir vollkommen gleichgültig, was meine Mitmenschen tun, +solange sie mich ungeschoren und mich friedlich meiner Wege gehen +lassen, brachte sie aus allen Plänen hinaus. Und um das alles noch zu +verstärken, sagte ich, als ich bei der Tür war: „Wenn es schlimmer +werden sollte, rufen Sie mich ruhig; ich komme ganz gern, auch in der +Nacht. Überhaupt immer können Sie mich rufen, wenn ich Ihnen helfen +kann, ich tue es gern und mit Freude.“ + +Die letzten Worte gaben wohl den entscheidenden Ausschlag. Man wird doch +nicht den einzigen Doktor erschlagen, den man hat, und den einzigen, +der, wenn herumgefragt wird, keine berufliche Verpflichtung hat, +Behörden Auskunft zu geben über Schußwunden, die er behandelt hat und +die ihm verdächtig erschienen sind. + +Aber so leicht kam ich nicht davon. Als ich an der Tür stand, kam der +Onkel auf mich zu und sagte: „Entschuldigen Sie, Senjor, wir können Sie +nicht allein zu Ihrem Hause gehen lassen; es könnte Ihnen etwas zustoßen +auf dem Wege. Ich glaube auch nicht, daß Sie den Weg allein heimfinden. +Sie verlaufen sich sicher im Busch. Und zur Nachtzeit allein im Busch +sein und ohne den Weg zu kennen, möchte ich Ihnen nicht raten. Der Weg +hierher ist nicht gut bekannt. Wir haben Sie hierhergebracht, und es +wäre unhöflich, wenn wir Sie nicht wieder zu Ihrem Hause brächten.“ + +Ja, da war ich wieder. Eine Stunde Weg durch Busch und Dschungelgestrüpp +mit den drei Männern, zwei mit Gewehren, der eine außerdem einen +Revolver und der dritte einen Machete, scharf gefeilt wie ein +Schlachtmesser. Mit drei Männern, die trotz aller guten Meinung, die sie +von dem Doktor und seiner Hilfsbereitschaft haben mögen, sich doch bei +weitem sicherer fühlen, wenn einer, der etwas wissen könnte, weniger auf +der Welt ist. Und von den dreien braucht ja nur einer auf dem Wege einen +dummen Gedanken zu bekommen. Ehe die beiden andern es verhindern können, +ist es schon geschehen. Ob sie sich nachher darum streiten, ob es +richtig und ob es dankbar war, ändert nichts an der alleinigen Sache, +die mich betrifft. + +Ich sehe wieder auf die Tante. Sie steht noch da im Zimmer. Aus +Höflichkeit mir gegenüber hat sie sich nicht wieder in ihren +Schaukelstuhl gesetzt. Sie wartet, bis ich das Haus verlassen habe. Sie +sieht mich an, mit aufrichtiger Dankbarkeit in den Augen. Sie kommt, von +einem inneren Gefühl plötzlich getrieben, auf mich zu, ergreift meine +Hand und küßt sie nochmals. Dann lächelt sie und nickt, dreht sich um, +geht zu einem Schränkchen, nimmt eine Flasche mit Honig heraus und gibt +mir den Honig. „Ist sehr gut für die Mehlkuchen, die Sie sich backen, +sind dann nicht gar so sehr trocken. Morgen schicke ich Ihnen zwei +Dutzend Eier hinunter und ein paar Kilo Ochsenfleisch. Und nochmals +vielen Dank, daß Sie gekommen sind.“ + +„Nicht des Redens wert“, sage ich. „Geben Sie dem Jungen, wenn er +aufwacht, mehrere Tassen gute Fleischbrühe mit tüchtig Eier darinnen +eingerührt. Wird ihm rasch hochhelfen. Gute Nacht, Senjora.“ + +Die Frau wußte recht gut, was mir auf dem Wege geschehen könnte und +sicher geschehen würde, wenn die Männer zur Überzeugung kamen, es sei +für ihre eigene Sicherheit besser, ein Maul, das wacklig werden kann, +rechtzeitig und gut zu stopfen. Aber ich hatte die Sympathie und die +Dankbarkeit der Frau gewonnen. Die Frau war nicht so nebensächlich in +dem Geschäft der Männer, wie es vielleicht erschien. Sie war durch die +Verwundung ihres Neffen heftig aus ihrer Fassung gebracht worden. Das +ist wohl richtig. Und oberflächlich gesehen, mochte es den Eindruck +erwecken, daß sie eben nur eine Frau war wie andere. Aber wenn ich ein +Haus sehe, wie dieses war, dann weiß ich, wer der Kommandant ist. Und +weil die Frau mehr Intelligenz besaß als einer der drei Männer, ihr +eigener Mann eingeschlossen, so wußte ich auch, wer das Hirn +des Unternehmens war. Nur die mickrigen Spitzbuben und die +Centavos-Wegelagerer sind verdreckt, verlaust und mit Lumpen behangen. +Zwischen einer intelligent geführten Räuberbande und einer gewissen +Sorte von Bankgeschäften, wo der Präsident im eleganten Automobil fährt, +ist der Unterschied nicht so groß, wie man meint. Innerhalb der modernen +Zivilisation ist das beste Schutzmittel für alle Handlungen und Dinge +ein wohlanständiges Äußere und ein gutbürgerliches Gesicht. Ehrlichkeit +und Ehrbarkeit müssen nach allen Seiten ausstrahlen, dann kann man im +Schatten tun, was man will, ohne je Verdacht auf sich zu laden. Und wenn +die Frau mir in Gegenwart der Männer sagte: „Morgen schicke ich Ihnen +Eier und Fleisch hinunter!“ so sagte sie damit: „Wehe den Knechten hier, +wenn du morgen nicht in voller Gesundheit in deinem Hause bist, um dich +an dem zu laben, was ich dir schicken werde.“ + +Die Männer hatten das Kommando verstanden. Der Doktor mußte dem Geschäft +erhalten bleiben. Wir kamen friedlich zu meinem Bungalow. Als wir uns +„Buenas noches!“ sagten, fühlte ich, daß mir der Onkel drei Pesos in die +Hand drückte. „Nehmen Sie“, sagte er, „eine kleine Vergütung.“ + +„Entschuldigen Sie“, erwiderte ich, „von meinen Freunden nehme ich kein +Geld für eine Hilfeleistung, die ich aus rein menschlichen Gründen getan +habe und immer zu tun bereit bin, wenn ich dazu Gelegenheit habe.“ + +Er hielt das Geld noch eine Weile hin, als ob er glaubte, es sei nur +eine Höflichkeit von mir, so zu sprechen, und ich würde das Geld dann +doch schon nehmen. Denn er, wie jeder im Dorfe, wußte recht gut, wie +nötig ich drei Pesos hätte brauchen können. Aber ich lehnte noch einmal +ganz entschieden ab und sagte: „Sie werden mich doch nicht etwa +beleidigen wollen, Senjor!“ + +„Ganz gewiß nicht“, sagte er und schob das Geld wieder in seine Tasche +zurück. Dann fügte er hinzu: „Ich werde sehen, ich kann Ihnen gewiß +morgen zwei Burschen schicken, die Englisch lernen wollen.“ + +„Das ist schon besser“, meinte ich darauf. „Ich werde morgen früh zu +Ihnen kommen, um zu sehen, wie es dem Jungen geht.“ + +Er druckste, als ob er sagen wollte, das sei nicht nötig, und auch die +beiden anderen Männer taten, als ob sie etwas dagegen einwenden wollten. +Aber es mochte ihm wohl gleichzeitig einfallen, daß es vielleicht nötig +sein könnte, noch mal nach dem Jungen zu sehen. + +„Gut, gut“, sagte er dann nach einer Sekunde. „Und nochmals ‚Gute +Nacht!‘ und vielen, vielen Dank.“ + +Am nächsten Morgen um neun Uhr machte ich mich auf, den Jungen noch +einmal zu besuchen. Das ist ja so etwa die richtige Besuchszeit für +tüchtige Doktoren. + +Ich hatte kaum das letzte Haus des Dorfes hinter mir gelassen, da traf +ich auf den Onkel. Gleich hatte ich das bestimmte Gefühl, daß der Mann +auf mich am Wege gewartet hatte, weil er vermeiden wollte, daß ich zu +ihm ins Haus käme bei Tage. Ich war nicht einmal sicher, ob ich das Haus +überhaupt wiedergefunden hätte. In der Tat, um es gleich jetzt zu sagen, +als ich eine Woche später versuchte, das Haus zu finden, aus purer +Neugierde, erlebte ich, daß ich mich so völlig im Busch verlief, daß ich +erst nach Stunden und erst nach Einbruch der Dunkelheit meinen Weg ins +Dorf zurückfand und auch nur dadurch, daß ich zu meinem Glück einen +Kohlenbrenner antraf, der auf dem Heimwege war. Die Männer hatten mich +in jener Nacht sehr geschickt so im Gestrüpp und im Busch herumgeführt, +daß ich geglaubt hatte, die Richtung genau zu wissen, während sie +durchaus falsch war. + +Der Onkel sagte mir: „Der Junge ist auf. Er ist heute mit den übrigen +schon sehr früh fortgeritten. Es ging recht gut. Wir haben ihm den +Verband so angelegt, wie Sie uns gesagt haben. Die Wunde war schon gut +am Heilen. Und hier sind auch die Eier und das Ochsenfleisch, das Ihnen +die Senjora gestern nacht versprochen hat. Es ist auch nicht gerade +nötig, daß Sie im Dorf viel darüber reden. Die Leute denken dann gleich, +daß da eine Schlägerei gewesen sein könnte, und das bringt den Jungen +nur in einen schlechten Ruf. Verstehen Sie, Senjor?“ + +„Ich verstehe, und ich habe auch gar keinen Grund, darüber zu sprechen. +Jeder kann in eine solche Lage kommen.“ Dann brachte ich einen Zettel +hervor: „Ich möchte Sie aber bitten, wenn Sie zur Stadt kommen sollten, +mir die Medizinen zu kaufen, die ich hier aufgeschrieben habe und die +ich in der Nacht alle aufbrauchen mußte.“ + +„Natürlich, Senjor“, sagte der Mann und nahm den Zettel. Dann gingen wir +unserer Wege. + +Als ich zu meinem Bungalow kam, saßen auf den Stufen die beiden neuen +Burschen, die Englisch lernen wollten und es auch gleich versuchten. Sie +bezahlten mir jeder zehn Stunden im voraus. + +Zwei Tage später, sehr früh am Morgen, fand ich, daß das Dorf von +Soldaten umzingelt war. Keiner konnte hinaus aus dem Dorfe, aber wer +draußen war, durfte hinein. Ein paar Häuser wurden oberflächlich +durchsucht. Und eine große Anzahl von Einwohnern, Männer, Frauen und +Kinder, wurden zusammengetrieben und auf dem Dorfplatze von Offizieren +und einigen Beamten der Distriktpolizei vernommen. + +Ich hörte bald, was los sei. Einige Nächte vorher waren drei Haziendas +von Banditen überfallen worden. Die Besitzer waren gebunden worden, und +es war alles Geld, das gefunden oder erpreßt werden konnte, gestohlen +worden. Dreißigtausend Pesos waren geraubt worden. Jedes Kind wußte, daß +dies eine Lüge sei, denn kein Haziendabesitzer hält so viel Geld im +Hause, und wenn er es vergraben hat, so sagt er es nicht und gesteht es +auch nicht. Aber zweitausend Pesos alles in allem mochte richtig sein. + +Die Soldaten waren den Banditen gut auf der Spur. Die Spur führte hier +in das Dorf. Und weil das Dorf als Banditennest berüchtigt war im ganzen +Staate, so wären die Soldaten auch ohne Spur hierher gekommen. + +Ich schlenderte ruhig meiner Wege und wollte zum Dorfplatz gehen, um mir +das Schauspiel anzusehen. Da kam mir einer der Bewohner entgegen. + +„Es ist nicht viel los, die Soldaten werden wohl am Nachmittag wieder +abziehen müssen, ohne die Banditen hier gefangen zu haben. Sie suchen +auch hier nur nach einem Burschen, der einem verwundeten Banditen +fortgeholfen und ihn zur Flucht unterstützt hat. Wenn die Soldaten den +Mann kriegen, dann wird er sofort vernommen und gleich auf dem Platze +erschossen. Die Offiziere sagen, daß diese Art Leute schlimmer und +gefährlicher seien als die Banditen selbst.“ + +„Was hat denn der Mann getan? Wie kann er denn den Banditen zur Flucht +verhelfen?“ fragte ich. „Die Banditen sind doch groß genug und schlau +genug, sich allein fortzuhelfen. Die brauchen keine Hilfe.“ + +„Hier liegt der Fall anders“, sagte nun wieder der Mann. Wir waren +stehengeblieben. Er schien sehr froh zu sein, mich gefunden zu haben, um +mir recht heiß alles das zu erzählen, was von den Offizieren und von den +Soldaten erzählt worden war, was die Leute unter sich im Dorfe +tuschelten, welche wilden Gerüchte herumschwirrten, und was er sich +selbst dachte. Wäre alles das, was die Offiziere errieten, was die Leute +im Dorf sich erzählten, was der eine vermutete und was hier mein +Berichterstatter sich ausdachte, wäre das alles schön vereint und gut +geordnet den Offizieren bekannt gewesen, so hätten sie damit einen +Erfolg vielleicht erzielen können. Aber alle diese Zeugenansichten waren +verstreut und darum wertlos. + +„Ja, hier liegt der Fall anders“, sagte der Nachbar. „Das ist so, sehen +Sie, Senjor. Auf der letzten Hazienda, wo die Banditen waren, hat einer +der Burschen, ein ganz junger noch, einen mächtigen Schuß ins Bein +abgekriegt, vielleicht gar zwei Schüsse. Der Bursche hat tüchtig +geblutet. Seine Freunde haben ihn aber doch fortgekriegt. Und sie sind +bis hierher in dieses Dorf gekommen. Man hat sie hier gesehen, wie sie +den Jungen auf dem Pferde weiterschleppten. Wo sie ihn hingetragen +haben, weiß man nicht. Aber sie haben einen Doktor geholt. Keinen +richtigen Doktor, sehen Sie, Senjor, aber einen, der das auch gut kann. +Das hat man auch gesehen. Und gestern morgen war der Junge wieder +gesund, und darum konnte er fortgeschleppt werden. Die Banditen sind +gesehen worden von Männern, die im Busch arbeiten. Ohne den Mann, der +kuriert hat, hätten die Banditen den Jungen nicht weiterschleppen +können. Der Junge wäre gefunden worden von den Soldaten, die Soldaten +hätten so erfahren können, wer er ist und zu welcher Familie er gehört. +Dann hätten sie bald die ganze Bande gehabt.“ + +„Und nun“, fragte ich, „ist keine Hoffnung mehr, die Banditen zu +fangen?“ + +„Wenig“, sagte der Mann. „Die Offiziere, seit sie wissen, daß der +geschossene Bursche entflohen ist, suchen jetzt nur noch nach dem Manne, +der kuriert hat und so den Banditen fortgeholfen hat. Die Offiziere +sagen, sie wissen genau, daß er hier im Dorfe ist. Sie haben das ganze +Dorf umstellt, er kann nicht fort. Sie suchen die Häuser ab, und wenn +sie die Medizin finden, wissen sie gleich, wer es ist. Der Mann wird +dann sofort hier abgeurteilt und auch gleich darauf erschossen wegen +Banditenbeteiligung.“ + +„Geschieht ihm ganz recht“, sagte ich. „Ein anständiger Mensch hilft +keinem Banditen fort.“ + +„Sie haben doch auch Medizin im Hause, nicht wahr?“ fragte mich nun mein +Nachbar. + +„Ja, etwas, für den Notbehelf.“ + +„Das ist nicht genug, was Sie haben“, sagte er darauf. + +In diesem Augenblick kam aus dem gegenüberliegenden Hause ein Offizier +heraus mit einem Sergeanten und drei Soldaten, die in jenem Hause nach +Medizin oder nach sonstigen Spuren gesucht hatten. + +Ich hatte in jener Minute auch nicht die geringste Neigung, mir Soldaten +anzusehen, und ich wollte weiterschlendern. Aber mein Nachbar hielt mich +am Arm und sagte: „Bleiben Sie ruhig stehen, Senjor, die tun uns +nichts.“ + +Ich hielt es auch für besser, stehenzubleiben, denn jetzt kam der +Offizier auf mich zu, gefolgt von seinen Leuten. + +Da ich völlig unschuldig war, niemals verwundete Banditen kuriert hatte, +niemals fliehende Banditen unterstützt hatte, so hatte ich keinen Grund, +verlegen zu werden. + +„Welches ist Ihr Haus, Senjor?“ fragte der Offizier. + +„Da hinten, der Bungalow“, antwortete ich. + +„Haben Sie Medizin im Hause?“ fragte der Offizier sehr gleichgültig. + +„Ja, etwas.“ + +„Was für welche?“ + +„Eine halb aufgebrauchte Tube Mentholatum, Senjor“, sagte ich. + +„Können Sie Schußwunden kurieren?“ fragte er mich. + +„Ist jemand von Ihren Leuten geschossen worden?“ Ich fragte sehr +erschreckt und mitleidig zugleich. + +„Ja“, sagte der Offizier. + +„Das tut mir so aufrichtig leid“, sagte ich traurig werdend. „Aber ich, +ich kann kein Blut sehen, dann wird mir sofort schlecht, daß ich +umfalle.“ + +„So sehen Sie auch aus, Senjor“, sagte der Offizier laut auflachend. +„Das ist mit euch Amerikanern allen so. Habt nicht die gesunden Nerven, +die wir Mexikaner haben. Wir können Blut sehen, und wie! Natürlich keine +Beleidigung gemeint, Senjor. Adios, und entschuldigen Sie mich, wenn ich +Sie belästigen mußte. Wir sind hier im Dienst. Adios.“ Er schüttelte mir +die Hand und ging. + +Mein Nachbar trottete hinter dem Offizier her, der ein weiteres Haus +absuchen ging. + +Als ich jetzt allein stand und gerade überlegte, ob ich in mein Haus +gehen sollte oder weiter im Dorfe herumstreifen, kam ein Junge auf mich +zu, schon rufend, als er noch einige Schritte entfernt war: „Oiga, +Senjor, ich bringe die Medizinen aus der Stadt; der Senjor sagt, es ist +alles richtig bezahlt.“ Ich nahm ihm das Paket ab und schob es in meine +Tasche. + + * * * * * + +Sobald mein Mais eingebracht und verkauft war, hielt ich es für besser, +die Gegend zu verlassen, ohne Weiteres abzuwarten. + +Es war einige Monate später, und ich saß im Eisenbahnzuge nach Mexiko +City. Die Fahrt brachte, wie das oft vorkommt, Bekanntschaften zusammen, +die eigentlich nicht zueinander gehören. Es war zwischen den Stationen +Silao und Celaya, als zwei Herren, beide Mexikaner, die schon eine +beträchtliche Strecke mit mir im selben Wagen fuhren, sich in meine +Abteilung setzten und mich höflich fragten, ob ich nicht mit Ihnen +einige Partien Domino spielen möchte. Ich sagte zu. Wir spielten um +Bier, das wir im Zuge kauften, und das schon immer viel früher +ausgetrunken war, ehe das Spiel entschieden hatte, wer das Bier zu +bezahlen hatte. Die Bezahlung ging ziemlich gleichwertig herum, und wir +regten uns nicht sonderlich auf. + +Der Zug bekam Verspätung, und wir wurden des Spiels überdrüssig. Die +beiden Herren blieben in meiner Abteilung sitzen, und wir begannen zu +schwätzen. Was man so in einem Eisenbahnzuge schwätzt. + +Es war ganz natürlich, daß wir auch auf die Amerikaner in Mexiko zu +sprechen kamen. Immer, wenn irgendeine Bemerkung fiel, die wie eine +Beleidigung gegenüber Amerikanern aufgefaßt werden mochte, setzten die +Herren sofort höflich hinzu: „Sie verstehen, Senjor, das meine ich nur +so im allgemeinen; ich habe keineswegs die Absicht, Sie oder irgend +jemand von Ihren Freunden zu verletzen. Es ist ja auch nur der +Unterhaltung wegen.“ Darauf lachten sie, und wenn ich vorsichtig etwas +gegen die Mexikaner sagte, dann fügte ich auch hinzu, daß es nur der +Unterhaltung wegen sei, und daß mir die Mexikaner ebenso lieb seien wie +meine eigenen Landsleute, die auch nicht alle von Engeln ausgebrütet +worden seien, und daß wir alle miteinander unsere tiefen Schattenseiten +haben, ganz gleich welcher Nation wir angehören. + +„Das ist ganz richtig“, sagte der eine der Herren, „da haben Sie aber +durchaus recht. Wir haben hier eine gute Anzahl von Amerikanern im +Lande, die nichts als Unheil stiften.“ + +„Weiß ich, Senjor“, fiel ich ein, „da sind die großen Ölmagnaten und die +Minenkompanien und die Chiclekompanien und die großen Bankiers, die +einen mexikanischen Staat nach dem andern annektieren wollen.“ + +„Ja, die auch“, sagte der Herr, „aber an die habe ich gerade im +Augenblick nicht gedacht. Ich meine eine andere Sorte von Amerikanern. +Es kommt mir sehr oft so vor, als ob alles Gesindel von den Staaten, dem +es dort oben zu heiß unter den Füßen wird, hier nach Mexiko kommt, um +allen möglichen Unfug zu verrichten.“ + +„Solche Leute gibt es“, bestätigte ich. „Wir haben wirklich viel +Gesindel. Das ist wahr. Und Mexiko ist das nächste fremde Land, wo diese +Burschen glauben, sicher zu sein.“ + +„Aber nicht mit mir, Caballero, nicht mit mir“, ereiferte sich der +kleine, etwas fette Herr. „Mit mir können diese Ihre Landsleute – +entschuldigen Sie, daß ich sage paisanos, Landsleute, aber ich meine Sie +ja nicht –, ja, also mit mir können diese Sträflinge nichts ausrichten. +Ich bin ihnen heiß dahinter, si, Senjor. In meinem Distrikt können diese +Burschen sich nicht halten, oder ich habe sie gleich am Kragen; und wenn +sie hier etwas ausgenascht haben, dann sacke ich sie gehörig ein. Aber +gehörig und dick. Und dann werden sie ausgeliefert, um daheim den Rest +abzumachen, den sie sich dort aufgeknallt haben.“ + +„Dann sind Sie wohl Staatsanwalt, Senjor?“ fragte ich. + +„Noch nicht, aber vielleicht eines Tages. Wer weiß. Probablemente. Nein, +ich bin Polizeichef in dem Distrikt Conitaclapam. Kennen Sie den +Distrikt, Senjor? Waren Sie da schon einmal oben?“ + +„Nie in meinem Leben“, sagte ich, der Wahrheit gemäß. Einem Polizeichef +gegenüber muß man immer die Wahrheit sagen, wie einem Richter, wie einem +Staatsanwalt. Nur dann kommt man ungeschoren und fröhlich durchs Leben. +Conitaclapam war jener Distrikt, wo ich meine abgefressene Baumwollfarm +gehabt hatte, wo das Dorf, in dem ich wohnte, mit Banditen so +vollgepfropft war, daß ich der einzige Bewohner war, auf den ich +schwören konnte, daß er bestimmt kein Bandit war. Ich glaube, ich lasse +das lieber sein, mit dem Schwören, und begnüge mich damit, zu sagen, daß +jenes Dorf eine gute Anzahl von Banditen beherbergte, die alle +miteinander so unschuldig aussahen wie Sir Austen Chamberlain auf einer +Abrüstungskonferenz. + +Der Polizeichef wußte sofort, daß ich jene Gegend nicht kannte und nie +gesehen hatte. Darum konnte er frischweg und freiheraus reden: „Ich habe +da in meinem Distrikt eine gute Anzahl von Amerikanern leben, Farmer, +Viehzüchter, Baumwollpflanzer, Ladeninhaber. Durchweg sehr anständige, +ordnungsliebende Leute, die das Gesetz achten, pünktlich ihre Steuern +und Abgaben entrichten und mir nie auch nur die geringste Sorge oder +Schererei machen. Leute mit Bildung, fleißig, arbeitsam, sparsam, +fortschrittlich. Ja, wie ich gestehen möchte, Leute, auf die Sie, +Senjor, stolz sein dürfen. Landsleute von Ihnen, gegen die ich einen +tiefen Respekt fühle, die mir jeden Tag willkommen sein würden als +mexikanische Bürger.“ + +„Ja, ich treffe hier in Mexiko genug solche tüchtigen Leute von uns. +Wackere Pioniere, um die es schade ist, daß sie nicht daheim bleiben“, +sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung. + +Der Polizeichef schien sich nicht viel aus meiner Meinung zu machen. Er +war im Fluß und wollte reden. Was konnte ich dagegen tun? Ich ließ ihn +weiterreden. Die größte Freude, die man Menschen machen kann, ist die, +sie reden zu lassen, solange sie wollen, bis ihnen das Maul ausfranst. +Man wird viel mehr geachtet, wenn man andere reden läßt, als wenn man +selbst redet; denn kein Mensch hat auch nur das geringste Interesse +daran, die Meinung eines andern zu hören. + +So redete der Polizeichef immer darauflos: „Aber außer solchen achtbaren +Amerikanern, die in meinem Distrikt zu haben ich mich glücklich schätze, +habe ich auch einiges Gesindel darunter. Und auch gleich das +gefährlichste, das Ihr Land auszuspeien vermag. Entschuldigen Sie, +Senjor, das ist natürlich nicht persönlich gemeint, in keiner Weise. Ich +habe da in meinem Distrikt eine gute Zeit lang einen Burschen gehabt, +der Ihrem Lande sicher keine Ehre macht, ein Bursche, von dem ich +zehnmal schwören will, daß er in zwanzig Städten Ihres Landes gesucht +wird wegen Raubmords, Postdiebstahls, Bankeinbruchs, Geldfälschung, +Bigamie, Scheckradierung, Mädchenraubs, Gefängnissprengung, +Opiumschmuggels und mehr solcher Dinge. Was er eigentlich in meinem +Distrikt gemacht hat, oder wie er dahin gekommen ist, habe ich nie +richtig erfahren können. Er hat da so getan, als ob er Baumwolle farmen +wollte oder Öl bohren oder Kupferminen entdecken. Aber die Wahrheit ist, +er ist nichts weiter gewesen als ein Landstreicher und Vagabund. Keinen +ganzen Fetzen auf dem Leibe, wie mir die Leute sagen. Er hat weder die +Pacht für das Land bezahlt noch die Miete für das Haus, in dem er +wohnte.“ + +„Vielleicht hatte der arme Bursche kein Geld“, wandte ich ein, meinen +vom Unglück gejagten Landsmann verteidigend. + +„Mag sein“, sagte der Polizeichef. „Das will ich ihm ja auch nicht +anrechnen. Dios mio, es kann ja jedem Menschen einmal eine Zeitlang das +Feuer verregnen. Wenn er sonst anständig ist, habe ich gar nichts +dagegen einzuwenden, wie er sich durchklammert durchs Leben. Aber was +hat dieser Bursche dort getan, und das in meinem Distrikt –“ + +„Was denn, Senjor?“ fragte ich, gespannt seiner Rede folgend. + +„Er hat gedoktert. Das würde ich ihm ja auch gar nicht so übelnehmen. +Solange er die Leute nicht im Bauche herumoperiert, geht es mich gar +nichts an, und ich frage kein Wort nach der Lizenz. Aber er hat alle +Banditen, die wir anschossen, und die uns sicher in die Hände gefallen +wären, wenn er nicht gewesen wäre, gesund kuriert, so daß sie uns alle +entwischten und wir nie einen einzigen kriegen konnten. Er hat sie alle +beschützt. Er hat jedes Haus gewußt, wo die Banditen sich versteckten, +wenn wir hinter ihnen her waren. Er hat sie nicht nur kuriert, das wäre +auch nicht das Schlimmste, aber er war so gerissen, so durch und durch +getränkt mit allen Kniffen und Schlichen, daß er ihnen Zaubermittel gab, +wodurch den Banditen da jeder Überfall glückte. Er hat mit +Radioapparaten gearbeitet und mit Lichtsignalen, so daß jede Ankunft von +Soldaten den Banditen lange vorher verraten war, ehe wir noch fünf +Meilen vom Dorfe entfernt waren. Und was hat der Mann verdient! Die +Banditen haben ihm die Tausende von Pesos nur immer so hingeschleppt ins +Haus, ein Tausend Pesos nach dem andern. Der Mann hat mehr verdient als +ich in meiner Stellung als Polizeichef. Dann hat dieser Vagabund alle +Banditen englisch sprechen gelehrt, so daß sie bald darauf auch die +amerikanischen Farmer überfallen konnten und den Farmern auf englisch +das Geld auspressen konnten. Was bin ich hinter diesem Mann hinterher +gewesen. Viermal war ich mit einer Kompanie Soldaten da, ihn zu fangen. +Hat unserer Regierung sehr schwer Geld gekostet. Können Sie sich denken, +Senjor. Denn wir können das nicht umsonst machen. Es ist alles sehr +teuer. Und auch ein Polizeichef muß leben, er kann nicht alles nur aus +reiner Liebe zu seinem Berufe tun. Man hat mir von der Regierung schwere +Vorwürfe gemacht wegen der Banditen und mir dreimal mit Absetzung +gedroht, wenn ich da nicht Ordnung schaffe. Aber ich habe das alles an +die Regierung berichtet. Ein Bericht von sechzig Maschinenschriftseiten. +Es wird jetzt bei der Regierung auch eingesehen, daß ich alles tat, was +nur in der Macht eines sterblichen Menschen liegt, und man hat +eingesehen, daß dieser Amerikaner die alleinige Schuld trägt, daß wir +die Banditen nicht fangen können.“ + +„Haben Sie ihn denn nicht einfangen können?“ fragte ich. + +„Nie“, sagte der Herr empört. „Nie zu fangen gewesen. Ist viel zu +schlau. Gut gedrillt in den Strafgefängnissen seines Landes. Und dann +hatte er doch auch alle die Banditen da im Bunde. Wie war denn da etwas +zu erreichen? Ich kann gegen Menschen alles ausrichten, aber gegen +Teufel bin ich machtlos. Das hat man bei der Regierung auch eingesehen. +Wir werden ihn ja auch noch kriegen. Wir haben alle seine Personalien. +Sind eingetragen in allen Ämtern der Republik.“ + +„Wieviel kann er denn abbekommen, wenn er gekriegt wird?“ + +„Entweder erschossen oder zwanzig Jahre nach den Maria-Inseln.“ + +„Ist er denn nicht mehr in deinem Distrikt?“ fragte jetzt der andere der +Herren, der halb zugehört, halb geschlafen hatte. + +„Nein, er hat sich fortgestaubt. Richtig ist, wir haben ihm den Distrikt +so eingeheizt, daß er eines Nachts auf und davon gegangen ist. Und was +soll ich Ihnen sagen, Senjor“, wandte er sich wieder an mich, „seitdem +der Bursche hinaus ist aus meinem Distrikt, herrscht dort tiefe Ruhe, +keine Banditenüberfälle. Die Zivilisation ist wieder eingekehrt in den +an sich so friedlichen Distrikt. Sie dürfen mir aufs Wort glauben, +Senjor, unsere Leute in jenem Distrikt sind alle friedliche und +anständige Bürger, die in Ordnung ihrer Arbeit nachgehen. Freilich, wenn +so ein Erzvagabund diese Leute unter seine unheilvolle Macht bekommt, +dann – unsere Bürger sind ja auch nichts weiter als gewöhnliche Menschen +–, was dann geschehen kann und geschieht, haben wir ja gesehen.“ + +Wir waren inzwischen nach Juan del Rio gekommen, wo wir alle ausstiegen, +um im Restaurant zu Mittag zu essen. Hier traf der Polizeichef zwei +Diputados, zwei Abgeordnete, die er kannte, und die den gleichen Zug +benutzten, um gleichfalls nach Mexiko City zu fahren. Als der Zug +weiterfuhr, betrachteten die beiden Herren, die mit mir Domino gespielt +hatten, es als angenehmer, sich für den Rest der Reise mit den Diputados +zu unterhalten. Dadurch gelang es mir, mich unauffällig in einen andern +Wagen zu schieben, so daß der Polizeichef mich nicht mehr sah und mich +ebenso leicht und schnell vergaß, wie er mich kennengelernt hatte. + +Aber da mir alle Schliche und Kniffe wohl vertraut waren, wie mir +amtlich bestätigt worden war, hielt ich es für gesünder, in der ersten +Vorstadt von Mexiko City, wo der Zug hielt, auszusteigen und von dort +mit der Straßenbahn nach der City zu fahren. Denn wenngleich ich +unschuldig war wie ein frischgebadeter Cherubim, ist man erst einmal in +den Schlingen des Gesetzes, dann ist es meist immer zu spät, seine +Unschuld zu beweisen. Auf alle Fälle hat man einige Monate abzusitzen, +und entschädigt wird man weder für das schlechte Essen, noch für das +harte Bett, noch für die Läuse, die man bekommt. + + * * * * * + +Hier kann ich ja nun in aller Ruhe erzählen, daß da einmal ein +Polizeichef war, der sich so unfähig erwies, daß er selbst dann noch +keinen Banditen erwischt haben würde, wenn er mit ihm Karten am selben +Tisch gespielt hätte, und daß da ein Polizeichef war, der wohl wußte, +daß er zu Unrecht Gehalt von der Nation bezog, der aber, um jenes Gehalt +nicht zu verlieren, und um die Aussicht behalten zu können, weiter in +den Ämtern hinaufzurücken, seine Unfähigkeit und seine Stupidität +dadurch zu verdecken suchte, daß er einen Amerikaner in seinen Berichten +anschuldigte, der Anführer von Banditen zu sein. Die Erde an den +Stiefelsohlen jenes Amerikaners mag ja nicht ganz so unverdächtig sein, +wie das hier dargestellt wird – denn jeder Mensch wünscht von sich nur +Gutes zu berichten –, aber ganz so schlimm, wie es in den Berichten an +die Regierung geschildert wurde, in sechzig Seiten Maschinenschrift, ist +es doch nicht gewesen. Das soll keine Verteidigung sein, sondern nur die +bleiche unbemalte Wahrheit. + +Außerdem ist es Wahrheit, daß die Banditenüberfälle in jenem Distrikt, +von dem hier die Rede war, in letzter Zeit erheblich zugenommen haben. +Das berichten die Zeitungen. Und die Regierung berichtet, daß sie drei +Kompanien Soldaten in den Distrikt schicken wird, um Ordnung zu +schaffen. + +Aber was auch alle berichten und sagen mögen, Zeitungen, Regierung und +der Polizeichef, kümmert mich wenig. Was ich berichtet und gesagt habe, +das ist die Wahrheit. Ich muß es wissen; denn ich war dabei. Alle +übrigen, die berichten, waren nicht dabei. Und insbesondere die Tausende +von Pesos, die mir in die Tasche berichtet wurden, habe ich nie gesehen +und noch viel weniger gehabt. Mein ganzer Verdienst an jenen Geschäften +war: sechzehn Eier, es können auch zwanzig gewesen sein, ich will um die +Zahl nicht streiten; zwei Kilogramm gutes Ochsenfleisch, ich habe es +nicht nachgewogen, weil man einer geschenkten Katze die Flöhe nicht +berechnet, aber das Fleisch war gut; und ferner habe ich meine Medizinen +ersetzt bekommen, die mir einen heißen Schrecken bereiteten, als sie mir +laut entgegengeschrien wurden; und endlich bekam ich zwei Schüler in +Englisch. Aber die kann ich als Lohn nicht zählen, denn ich mußte hart +mit ihnen arbeiten, sie haben nichts bei mir gelernt, verließen mich +nach zwei Tagen und wurden auf der Farm eines Amerikaners erwischt, als +sie sechs Kühe in Englisch davon überzeugen wollten, ihnen lieber +freiwillig zu folgen, als gezwungen, und mexikanisch mit ihnen zu +ziehen. Aber auch daran war ich völlig unschuldig. Denn wenn jemand +Englisch lernen will, ist es unhöflich, ihn zu fragen, ob er vielleicht +die Absicht habe, amerikanischen Farmern in Mexiko in englischer Sprache +Geld auszupressen. Wenn das Geld den Farmern erst einmal mit Erfolg +ausgepreßt wurde, ist es ihnen ganz gleich, ob es ihnen in Englisch, in +Spanisch oder in Chinesisch abgepreßt wurde. Es kommt auf keinen Fall +wieder, selbst dann nicht, wenn ein geschickter Polizeichef es +erfolgreich zurückerobern sollte. Was fort ist, das ist fort. In Mexiko +so gut wie in den Staaten. + + + + + INDIANER-BEKEHRUNG + + +Ein indianischer Häuptling kam eines Tages zu dem spanischen Mönch +Balverde, der in Mexiko als Missionar tätig war, um den Indianern die +wahre Lehre des Heils zu verkünden. + +Der Häuptling kam mit zwei Männern seines Stammes, die zu dem Rate +gehörten, also Älteste oder Edle waren. + +Pater Balverde empfing den Häuptling höflich und ohne jegliche +Überhebung. Es sei hier gesagt, daß die spanischen Mönche und Priester +während der ersten drei Jahrhunderte spanischer Herrschaft in Mexiko die +einzigen wahren und aufrichtigen Freunde der Indianer waren. Die Mönche +und Priester haben in Wahrheit, von Ausnahmen abgesehen, die Indianer +gegen die Brutalität der spanischen Ausbeuter und Goldjäger in einer +Weise beschützt, die der katholischen Kirche hoch zu ihren Gunsten +angerechnet werden muß. Meist freilich waren die Mönche und Missionare +gezwungen, sich gegen ihre eigenen Bischöfe aufzulehnen, die, wenn es +galt, die Indianer zu berauben, auszubeuten und zu versklaven, sich auf +Seite der Krone und der Großgrundbesitzer stellten. Bischöfe waren und +sind ja immer der Krone und dem Großkapital näher als die Mönche und +Kapläne. Der große Zwiespalt zwischen katholischer Kirche und dem +Indianer in Mexiko kam erst, seit Mexiko unabhängig wurde und als große +indianische Schichten des mexikanischen Volkes, die intelligentesten +indianischen Schichten, zu einem entschiedenen Fortschritt in Bildung +und allgemeiner Zivilisation drängten, während die katholische Kirche in +ihrer mittelalterlichen Macht über Geist und Erziehung gewaltsam +beharrte, nicht ein Stück ihrer Macht und ihres Einflusses preisgeben +wollte und sich im Zeitalter hochentwickelter Technik der notwendigen +Bildung des Indianers widersetzte. + +Aber das, was hier erzählt wird, trug sich zu, als die katholischen +Missionare noch unter den Indianern in Mexiko wirkten nicht mit dem +Gedanken an eine Stärkung der irdischen und politischen Macht der +Kirche, sondern mit dem aufrichtigen und durchaus ehrlichen Wunsche, den +Indianer zu erlösen und ihm in brüderlicher Weise in das Paradies zu +helfen. Die Mönche arbeiteten unter den Indianern so selbstlos und so +interesselos zu jener Zeit, wie wohl selten irgendwo Missionare gewirkt +haben. Sie brachten den Indianern nicht nur die Lehre des Heils, sondern +sie brachten ihnen viel mehr Dinge, die dem Indianer schon hier auf +Erden sehr nützlich waren und vielen von ihnen eine gewisse ökonomische +Befreiung verliehen. Sie lehrten ihnen Hunderte von nützlichen +Handwerken und Künsten; das Züchten von Seidenraupen, das Sticken feiner +Handarbeiten, das Glasieren von Töpferwaren, um einiges zu nennen. + +So erscheint es durchaus natürlich, daß Indianer ganz freiwillig zu den +Mönchen zuweilen kamen, um von der neuen Religion zu hören. + +Und das war es, was jenen Häuptling mit seinen beiden Begleitern zu dem +Mönch Balverde führte. + +Der Häuptling sagte zu dem Mönch: „Mit unseren Göttern, besonders mit +den großen, sind wir ganz zufrieden. Nur mit unseren Nebengöttern haben +wir oft viel Sorge. Wenn wir Regen gebrauchen, dann schickt uns der +Regengott keinen Tropfen, und wenn wir Trockenheit haben müssen, dann +können wir tun, was wir wollen, und der Gott der trocknenden Winde ist +nicht daheim für uns. So ist es mit manchen unserer kleinen Götter. Nun +haben die Ältesten meines Stammes beraten und beschlossen, daß ich zu +dir komme, Verkünder einer neuen Religion, zu hören, ob du uns bessere +Götter anbieten kannst. Wenn wir lernen, daß deine Götter besser sind +als unsere, dann sind wir willens, deine Götter anzunehmen und die +unsrigen zu vergessen. Erzähle uns, mir und meinen beiden Beratern, von +deiner Religion. Wir wollen dir gut zuhören und alles, was du uns von +deinen Göttern sagst, wollen wir getreulich unserem Volke daheim +berichten und dir dann zu gelegener Zeit unseren Entschluß mitteilen.“. + +Der Pater Balverde, ohne viel unnötigen Pomp zu machen, erzählte in +schlichter Weise die Grundgeschichten des Evangeliums auf, in klaren +unverbrämten Sätzen, so wie man die Geschichte einem Kinde erzählen +würde. Alles das, was verwirren könnte, ließ er vorläufig aus. Darin tat +er recht, und er bewies damit, daß er es wohl verstand, mit den +einfachen Menschen, wie seine Besucher waren, gut umzugehen. + +Der Häuptling hörte stundenlang zu, ohne den Mönch auch nur ein einziges +Mal zu unterbrechen. + +Als der Mönch geendet hatte, sagte der Häuptling: „Mein guter Freund, +ich habe vernommen, was du mir und meinen Beratern erzählt hast. Ich +könnte dir gleich jetzt darauf antworten. Aber du hast so ehrlich +erzählt, daß es meinem Herzen weh tun würde, dir sofort zu antworten, +denn ich könnte voreilig reden und damit dir und deinen Göttern Schmerz +zufügen. Das ist ganz gewiß nicht mein Wille. Ich werde nun zur Nacht +schlafen gehen, hier in diesem Ort, und ich werde im Schlafe wohl +überdenken, was du mir gesagt hast. Und morgen früh will ich kommen und +dir sagen, was ich denke und was ich in mir beschlossen habe. Dann ist +es nicht länger mehr voreilig, sondern wohl bedacht, und es sind dann +meine wahren Worte. So kann es dann weder dich noch deine Götter +schmerzen, weil es meines ruhigen Denkens klare Frucht ist. Und wenn man +wohlüberdacht und ehrlich seine Wahrheit sagt, so kann kein Gott zürnen, +denn es ist Gott selbst, der diese Wahrheit in mein Herz legt. Bist du +dessen zufrieden, mein Freund?“ + +„Gewiß, mein Bruder“, sagte der Pater, „ich bin dessen durchaus +zufrieden. Gott und die Heilige Jungfrau werden deine Gedanken lenken +und dich und die Deinen zu dem alleinigen Heil führen. Gehe mit Gott!“ + +Am nächsten Morgen, als der Pater die Messe in der Kapelle des Ortes +gelesen hatte und sich gerade zum Frühstück hinsetzte, kam der Häuptling +mit seinen beiden Beratern, um seine Antwort zu bringen. + +Der Mönch wollte sofort mit dem Häuptling sprechen. Aber der Häuptling +sagte: „Ich sehe, daß du bereit bist, zu essen. Es ist für dich besser, +du ißt ruhig dein Mahl, denn du bist gewiß hungrig. Das würde dich +eilfertig machen. Und Religion ist nichts in Eile, nicht meine und gewiß +auch nicht die deine. Iß, und wenn du gut gegessen hast, werden wir +sprechen.“ + +Als der Mönch nun gegessen hatte, kam er hinaus; und er, der Häuptling +und dessen beide Berater, setzten sich unter einen Baum, der dicht bei +der Kapelle stand. + +Der Mönch fragte nicht und drängte nicht. Er wartete ruhig, bis der +Häuptling zu reden begann. + +Sagte der Häuptling: „Ich habe wohl überlegt in meinem Herzen alle +Worte, die du mir gesagt hast. – Dein Gott ließ sich auspeitschen. Ist +das so?“ + +„Ja, um die Sünden der Welt auf sich zu laden“, sagte der Pater. + +„Er ließ sich bespucken, beschimpfen, mit Schmutz bewerfen, ließ sich +verhöhnen als ein närrischer König, ließ sich in Verhöhnung einen Hut +aus Dornen aufsetzen. Ist das so?“ + +„Ja, um die Sünden der Menschen auf sich zu laden“, sagte der Pater +wieder. + +„Er ließ sich an einen Balken nageln und starb dort schmählich wie ein +kranker Hund. Ist das so?“ + +„Ja, um die Menschen von allen Sünden zu erlösen“, sagte der Pater. + +Darauf sagte der Häuptling sehr ruhig: „Das ist es, was mir Gott ins +Herz gab in der Nacht: Jemand, der nicht durch seine Person den Menschen +genügend Respekt einflößen kann, daß sie nicht wagen, ihn zu bespucken, +zu beschimpfen, zu verhöhnen und mit Kot zu bewerfen, kann kein Gott für +einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht wehren kann und nicht +wehren mag, hat kein rotes Blut und keinen Mut. Eine solche Person kann +kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht befreien +kann und nicht befreien will von dem Balken, auf den sie genagelt ist, +kann keine Menschen erlösen und kann darum kein Gott für einen Indianer +sein. Eine Person, die auf einen Balken genagelt, jammert und winselt +wie ein altes Weib, kann kein Gott für einen Indianer sein.“ + +Der Häuptling wollte fortfahren in seiner Rede; aber eine solche tiefe +Ruhe, wie der Häuptling gestern während der Rede des Mönches gezeigt +hatte, konnte der Mönch nicht bewahren. + +Er fiel dem Indianer in die beginnende neue Rede: „Das alles tat mein +Gott mit Absicht, um die Menschen zu erlösen; er wollte leiden, um für +alle Menschen zu leiden.“ + +Darauf sagte der Häuptling: „Du sagst, er ist ein allmächtiger Gott, +dein Gott, und ein Gott unendlicher Liebe. Ist das so?“ + +„Ja, das ist wahr.“ + +„Ist er wahrhaft allmächtig, dein Gott, warum nimmt er nicht alle Sünden +und Missetaten von den Menschen, ohne zu leiden, ohne sich verhöhnen zu +lassen, ohne jämmerlich winselnd zu sterben? Und wenn er wahrhaft ein +Gott unendlicher Liebe ist, warum läßt er die Menschen in ihren Sünden +leiden, und warum läßt er sie Sünden überhaupt begehen? Nur um dieses +große, so jämmerlich vorübergehende Schauspiel aufführen zu können? Ein +Gaukler kann kein Gott für einen Indianer sein.“ + +„Aber“, unterbrach der Mönch wieder, „das tat Gott, damit die Menschen +durch eigenes Verdienst und durch Glauben sich das ewige Leben verdienen +sollen.“ + +Sagte der Indianer ruhig: „Warum der Umweg, mein Freund? Warum verdienen +müssen, was ein Gott unendlicher Liebe und unendlicher Allmacht den +Menschen umsonst geben kann, wie meine Mutter mir alles und alles +umsonst gibt aus Liebe, und nicht darum fragt, ob ich es verdiene, ob +ich an sie glaube, ob ich sie anbete. Sie würde mir alles in Liebe +geben, ohne zu rechten und ohne zu handeln, selbst dann, wenn ich sie – +mein Gott möge mich davor behüten –, selbst dann, wenn ich sie +beschimpfen, verspotten oder gar schlagen würde. Meine Mutter ist größer +als dein Gott; denn sie hat mehr unendliche Liebe, mehr unendliche +Vergebung und weniger Verlangen für Glauben und Gebete als dein Gott.“ + +Der Pater wich aus und führte das Gespräch hinweg nach einer anderen +Lehre, von der er aus Erfahrung wußte, daß sie einen großen Eindruck auf +die Indianer, die er bisher getroffen hatte, zu machen pflegte. + +Er sagte: „Aber mein Gott ist nicht gestorben, wie du meinst und wie du +gewiß gestern überhört hast. Mein Gott ist nach drei Tagen von den Toten +auferstanden und in großer Pracht hinauf zum Himmel gefahren.“ + +„Wie oft?“ fragte der Häuptling kurz und trocken. + +Ein wenig erstaunt antwortete der Pater: „Aber – natürlich nur einmal.“ + +„Und ist er, ich meine dein Gott, seitdem schon einmal wieder +zurückgekommen?“ Auch das fragte der Häuptling ebenso kurz und trocken +wie vorher. + +„Nein“, sagte der Mönch, „er ist nicht wiedergekommen seitdem, aber er +hat verheißen, er wird dereinst wiederkommen, zu richten und zu –“ + +Diesmal fiel der Häuptling ihm in das Wort: „– und zu verdammen.“ + +„Ja“, sagte der Mönch, nun ein wenig erregt werdend, „ja, um zu +verdammen alle und alle, die nicht an ihn glauben und die an seinen +Worten herumkratzen und die Lehre des wahren Heils nicht erkennen +wollen, wenn sie ihnen mit offenen Händen dargebracht wird und für +nichts zu haben ist.“ + +Der Häuptling ließ sich von der Erregung des Mönches nicht mit +fortreißen. Als der Pater geendet hatte, sagte der Indianer ruhig: „Und +das ist es, was Gott mir als letztes Wort ins Herz gelegt hat: Mein Gott +stirbt jeden Abend für uns, seine indianischen Kinder, um ihnen Kühle zu +bringen, Ruhe und Frieden. Er stirbt in tiefer, goldener Schönheit, +nicht verhöhnt, nicht angespeit, nicht mit Kot beworfen. Er stirbt schön +wie ein wahrhaft großer Gott. Aber am Morgen steht er wieder auf von den +Toten, zuerst von den Schleiern des Todes noch umhüllt, dann aber +glitzern seine goldenen Speere über das blaue Firmament, und endlich +steht er da groß, golden und mächtig, Licht, Wärme, Schönheit und +Fruchtbarkeit spendend, den Blumen Duft und Farben gebend, den Vögeln +süße Lieder lehrend, dem Mais Kraft und Gesundheit in die Kolben +flößend, den Früchten Süßigkeit und heilende Säfte einhauchend, mit den +Wolken spielend jagen im Meer der blauen Lüfte. Und gleich meiner +geliebten Mutter ist mein Gott, gebend und gebend und gebend, keine +Gebete verlangend, keine Gebete erwartend, keinen Glauben gebietend und +niemals verdammend. Und wenn der Abend kommt, stirbt er wieder dahin in +rot-goldener Pracht, nicht verhöhnt, nicht winselnd, sondern in einem +ruhigen, tiefen Frieden verheißenden Lächeln; mit dem letzten Zucken +seiner müde werdenden Augen seine indianischen Kinder segnend. Und am +Morgen ist er wieder da am Firmament, der ewig junge, ewig strahlende, +ewig schenkende, ewig sich neugebärende, ewig wiederkehrende, große, +goldene Gott der Indianer. Und so sagte mir Gott als letztes Wort in +mein Herz: Tausche deinen Gott nicht, mein guter Sohn, denn es ist kein +größerer Gott als dein Gott, der lachende Gott, der in seinen Strahlen +jauchzt und singt, kein schönerer und kein edlerer Gott ist in der +weiten Welt, als der im flutenden Golde badende Gott, als der herrliche +strahlende Gott des Indianers.“ + +Und als der Häuptling das gesagt hatte, dankte er dem Pater Balverde für +die Freundlichkeit, die er ihm erzeigt hatte. Dann rollte er seine +Decke, auf die er gesessen hatte, zusammen, warf sie sich über die +Schulter, und er ging, gefolgt von seinen Begleitern, zurück zu seinem +Volke. + +Der Stamm wohnt in der nördlichen Hälfte der Sierra Madre. Er ist bis +zum heutigen Tage ohne die Lehre des wahren Heils geblieben. Bei dem +raschen Zerfall der katholischen Kirche in Mexiko ist nunmehr jegliche +Hoffnung für uns geschwunden, jenen Stamm und einige zwanzig andere +Indianerstämme in Mexiko dereinst im Paradiese als geflügelte +Harfenschläger und Posaunenbläser begrüßen zu können. Wir werden es als +gute Christen in tiefer Demut und völliger Unterwerfung unter dem Willen +anderer geziemend zu ertragen wissen. Halleluja! + + + + + DER NACHTBESUCH IM BUSCH + + + Der Doktor + +Undurchdringlicher Dschungel bedeckt die weiten Ebenen der Flußgebiete +des Panuco und des Tamesi. Zwei Bahnlinien nur durchziehen diesen +neunzigtausend Quadratkilometer großen Teil der Tierra Caliente. Wo sich +Ansiedelungen befinden, haben sie sich dicht und ängstlich an die +wenigen Eisenbahnstationen gedrängt. Europäer wohnen hier nur ganz +vereinzelt und wie verloren. Die ermüdende Gleichförmigkeit des +Dschungels wird von einigen sich langhinstreckenden Höhenzügen +unterbrochen, die mit tropischem Urbusch bewachsen sind, der ebenso +undurchdringlich ist wie der Dschungel, und in dessen Tiefen, wo immer +Dämmerung herrscht, alle Mysterien und Grauen der Welt zu lauern +scheinen. An einigen günstigen Stellen, wo Wasser ist, sind kleine +Indianerdörfer über die Höhen verstreut; Wohnplätze, die schon dort +waren, ehe der erste Weiße das Land betrat. Sie liegen fernab der +Eisenbahn. Auf Eselskarawanen werden die Waren, die hier gebraucht +werden, hauptsächlich Salz, Tabak, billige Baumwollhemden, Zwirnhosen, +Musselinkleider, spitze Strohhüte für die Männer und schwarze +Baumwolltücher für die Frauen herbeigebracht. Als Tausch werden Hühner, +Eier, Eselsfüllen, Ziegen, Papageien und wilde Truthähne gegeben. + +Dort wohnte ich, tief im tropischen Busch, allein, in einer primitiven +Hütte, die ich mir selbst gebaut hatte, nach Indianerart, ohne einen +Nagel zu gebrauchen. + +Vierzig Minuten Ritt brachte mich zu meinem nächsten weißen Nachbar, +einem Arzt aus Arkansas, namens Wilshed. Alle übrigen Menschen meiner +Nachbarschaft, von denen keiner näher wohnte als dreißig Minuten, waren +Vollblutindianer. Das nächste Dorf war elf Meilen entfernt, die nächste +Eisenbahnstation, wo zwei weiße Familien wohnten, siebzig Meilen. + +Doktor Wilshed wohnte in einem Bungalow, einem einfachen Bretterhaus, +das zwei Räume hatte. Er lebte dort mutterseelenallein, betrieb ein +wenig Landwirtschaft, hatte drei Kühe, hundert Hühner, zwanzig +Bienenstöcke, zwei Pferde und drei Maultiere. Zwei Indianerfamilien, die +etwa eine Meile entfernt wohnten, auf dem Abhange des Höhenzuges, waren +seine nächsten Nachbarn. Die Männer jener beiden Familien waren bei ihm +als Farmarbeiter beschäftigt. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte +der Doktor mit Lesen. Wenn er nicht las, dann saß er auf der Veranda +seines Bungalows und sah unverwandt hinunter auf die unermeßlich weite +Ebene, die sich vom Fuße des Höhenzuges an bis fern hinter den Horizont +hinzog. Dschungel, Dschungel, nichts als Dschungel. Zuweilen fiel mir +die Einsamkeit des Busches heftig auf die Nerven; denn es kam vor, daß +ich zwei volle Wochen kein menschliches Antlitz sah. Wenn es gar zu +unerträglich wurde, wanderte ich hinauf zum Doktor, nur um einen +Menschen zu sehen, eine menschliche Stimme zu hören und zu fühlen, daß +ich nicht allein sei auf der großen Welt. Aber der Doktor war +schweigsam. Der tropische Busch macht schweigsam und denkend, und der +Doktor lebte hier ein Menschenalter, hatte sich hierher verkrochen, +wahrscheinlich weil er die Menschen nicht ertragen konnte, oder weil er +eine Enttäuschung erlebt hatte, aus der seine Seele zu retten eine +Flucht in den tropischen Busch die einzige Lösung gewesen war. + +Wir konnten oftmals Stunden nebeneinander auf der Holzbank seiner +Veranda sitzen, ohne daß wir ein Wort sprachen. Über uns selbst hatten +wir nichts zu reden, über andere wollten wir nicht reden; und da auch +keiner von uns so närrisch war, dem andern seine Ansichten über Welt und +Geschehen aufzudrängen, wußten wir in der Tat nicht, was und worüber wir +hätten reden sollen. Aber die Schweigsamkeit des Doktors war doch +oftmals beängstigend. Es kam vor, daß er einen Satz begann, in dem er +ein Erlebnis, das er hier in den Tropen gehabt hatte, zu erzählen +gedachte. Aber wenn der Satz zur Hälfte gesprochen war, zündete er sich +seine Pfeife an und vergaß, den Satz zu beenden. Entweder es reute ihn +plötzlich, irgendeines seiner zahlreichen Abenteuer mitzuteilen und es +dadurch aus seinem Privatbesitz fortzugeben, oder aber er hatte seinen +Satz im stillen zu Ende gedacht, während er glaubte, er habe ihn +gesprochen. Er konnte häufig nicht entscheiden, ob er etwas gesagt oder +nur gedacht hatte. + +„Haben Sie jemals ein Buch geschrieben?“ fragte ich ihn eines Tages. + +„Ein Buch?“ gab er zur Antwort. „Ein Buch? Viele.“ + +„Worüber, Doktor?“ + +„Über – was ich hier gesehen habe, was ich hier in den Jahren gedacht +habe, was Tiere taten, was Tiere mögen gedacht und gesagt haben, was der +Busch mir erzählte und die Musik, die ich hier gehört habe.“ + +„Veröffentlicht?“ + +„Niemals. Jedesmal, wenn ich ein Buch vollendet hatte, las ich es, fand +es gut und zerriß es. Warum sollte ich denn meine Bücher +veröffentlichen? Ich hatte meine Freude und meinen Genuß, wenn ich sie +schrieb. Für die Leute? Ich möchte wissen, warum? Die haben so viele +gute Bücher, die sie nicht lesen. Warum sollte ich ihnen noch mehr +geben? Zudem würden die Leute meine Bücher gar nicht glauben. Sie würden +mich für unsinnig erklären, und ich müßte mich vielleicht gar noch mit +ihnen herumstreiten, um sie zu überzeugen, daß ich recht habe und daß +ich die Wahrheit sprach. Immerhin, es ist mir ganz gleichgültig. Ich bin +auch der Meinung, daß die besten Bücher, die jemals geschrieben wurden, +entweder auf Papier oder im Geist, diejenigen sind, die niemals +veröffentlicht wurden. Hinter jedem veröffentlichten Buche liegt etwas +auf der Lauer, das nicht zugunsten des Werkes spricht und das den +Menschen hindert, das Beste zu schaffen, dessen er fähig ist.“ + +Ich hatte zuweilen das Empfinden, daß der Doktor vor langer Zeit schon +gestorben sei, daß er es selbst nicht wisse, daß er tot sei, und daß er +darum hier noch sitze, weil niemand da sei, der sehen könne, daß er tot +sei, und niemand komme, ihn zu begraben. Wenn man sorgfältig um sich +blickt, wird man leicht finden, daß eigentlich nur die Menschen sterben +und begraben werden, die Erben haben oder für die jemand zu sorgen hat. + +Wenn der Doktor mir erzählt hätte, er säße hier bereits vierhundert +Jahre und sei mit den ersten Weißen hier angekommen, ich würde es ihm +ohne weiteres geglaubt haben. + + + Des Doktors Bibliothek + +Eines Morgens kam ich zum Doktor, und er empfing mich so: „Hören Sie +einmal, Gale! Sie wissen, ich habe für die States nicht viel übrig. Das +Land hat aufgehört, jenes freie Land der Vorkriegszeit zu sein. Der +Krieg für die Freiheit anderer Völker hat es völlig verdorben. Da ist +zuviel Regieren, zuviel Kommandieren, zuviel Verbieten, zuviel Gesetze, +und es wimmelt von Beamten. Es ist eine große Kinderbewahranstalt +geworden. Ein Grund mehr unter vielen, warum ich nie zurückkehre. Aber +jetzt habe ich eine wichtige Reise dorthin zu unternehmen, ich habe +etwas zu kaufen, ein paar Bücher, hinter denen ich seit Jahren herjage. +Seien Sie doch so gut und ziehen Sie während meiner Abwesenheit in meine +Höhle. Wenn ich die Bude unbewohnt lasse, finde ich weder ein Dach noch +eine Kaffeetasse wieder, wenn ich heimkomme. Die guten Leute können +keinen Nagel sehen, ohne ihn rauszuziehen und mitzunehmen, wenn sie +Gelegenheit dazu haben.“ + +„Gar keine Frage, Doktor, natürlich ziehe ich rüber“, sagte ich. + +„Das ist recht. Nehmen Sie mein Pferd und holen Sie Ihr winziges Gelumpe +her. Bei Ihnen bricht man nicht ein, da ist nicht viel zu holen.“ Er +lächelte. Mein Haus hatte er zwar nie gesehen, aber ein Indianer hatte +ihm offenbar erzählt, daß es nur eine Grashütte war. + +Nachdem ich meine Krümel herübergebracht hatte, setzte er sich aufs +Pferd und trabte zur Station, wo er das Pferd bei einem Farmer +unterstellen konnte. Als er etwa fünfzig Schritte geritten war, drehte +er sich um und rief: „Vergessen Sie nicht, die Eier aus den Nistkörben +zu nehmen, und melken Sie die Kühe. Sie können nicht verhungern. Sie +finden alles, was Sie benötigen, in den Kisten.“ + +Ein paar Stunden lungerte ich um das Haus herum, um mich zurechtzufinden +für alle Fälle. Im Laufe des Spätnachmittags kam ich an seine +Bibliothek, die sich in einem roh gearbeiteten Schranke befand. + +Die Mehrzahl der Bücher handelte von den alten mexikanischen Völkern, +deren Geschichte, Zivilisation und Religion. Viele der Bücher waren mit +Bildern und Karten ausgestattet. Da waren Bücher und unveröffentlichte +Handschriften, die bis zum sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert +zurückreichten. Diese Bibliothek war ein Vermögen wert, und der Doktor +ließ sie in meiner Obhut, ohne sie auch nur zu erwähnen, als ob es sich +um Werke handele, die man in jedem Laden kaufen könne. + +Ich lebte nun in diesem Wunderlande seit vielen Jahren. Ich hatte mit +Indianern gelebt, die nicht wußten, was eine Geldmünze bedeutet, die mir +zwei große schwarze Diamanten anboten für meinen Jagdrevolver, den ich +aber nicht entbehren konnte und ihnen statt dessen zweihundert Pesos in +blankem Golde bot. Das lehnten sie ab und erklärten das Geld für +wertlos. Viel hatte ich in jenen Jahren gelernt über das Land, seine +Reichtümer, seine weißen und kupferfarbenen Bewohner, deren +Zukunftsaussichten und Entwicklungsmöglichkeiten. + +Doch von der Vergangenheit des Landes und seiner Bewohner wußte ich +nichts. + + + Eine neue Welt steigt auf + +Ich stürzte über jene Bücher her, wie man es nur kann, wenn man Monate +und Monate kein Buch gesehen hat und man plötzlich Bücher zur +unbeschränkten Verfügung hat, die zu lesen man seit Jahren ersehnte. + +In kürzerer Zeit, als ich gedacht hatte, lag ich in den festen Banden +jener Bücher. Sie hielten mich so gefesselt, daß ich vergaß, mir mein +Essen zu kochen. Ich trank die Milch, wie ich sie molk, und schluckte +die Eier roh, um nur keine Zeit für meine Bücher zu verlieren. Den +ganzen Tag, während die Sonne herunterglühte, man sich wie in einem +Backofen fühlte, und mehr als die halbe Nacht saß ich über den Bänden, +von der Furcht gejagt, der Doktor könnte zurückkommen, ehe ich die +Bücher zu Ende gelesen hätte. + +War es möglich, daß Menschen und Völker dieser Art hier auf dieser Erde, +wo ich jetzt stand, gelebt, geliebt und gelitten hatten? Konnte es +wirklich wahr sein, daß auf diesem Kontinent Menschen und Völker von +hoher Kultur gelebt hatten sechstausend Jahre vor jener dunklen +Fabelzeit, die wir als den Anfang der menschlichen Geschichte +bezeichnen? + +Von nun an betrachtete ich das Land mit anderen Augen als zuvor. Wenn +ein Indianer zufällig vorüberkam oder vor dem Hause um einen Trunk +Wasser bat, dann forschte ich sorgfältig in seinem Antlitz nach einer +Ähnlichkeit mit jenen alten Königen, Fürsten und Häuptlingen, deren +Bilder ich in jenen Büchern gesehen hatte. Und in der Tat, ich fand +überraschende Ähnlichkeiten. Jedoch nicht zufrieden damit, ihre +Gesichter, ihre Gesten, die Art ihres Ganges, den Tonfall ihrer Stimme +zu studieren, ich begann, die Leute gelegentlich auszufragen. Ich war +nicht wenig erstaunt, als ich vernahm, daß diese Leute die Vergangenheit +ihres Volkes gut kannten, daß sie die Geschichte ihres Volkes, ihre +Balladen, die Taten ihrer großen Männer, ihre Religionslegenden durch +mündliche Überlieferung von Generation zu Generation erhalten hatten. +Viele jener Indianer beteten noch ihre alten Götter an, während alle +übrigen die Hunderte von Heiligen, die ihnen ganz unbegreiflich +erscheinende unbefleckte Empfängnis sowie die ihnen ebenso +unverständliche Dreieinigkeit derart mit ihrer alten Religion verwirrt +hatten, daß sie in ihren Herzen und ihren Vorstellungen die alten Götter +hatten, während sie auf den Lippen die Namen der unzähligen Heiligen +trugen. + + + Die Begegnung im Busch + +Um mich ein wenig wieder in dieser Welt zurechtzufinden, mein Hirn ein +wenig zu entlasten und meine Beine nicht steif werden zu lassen, machte +ich mich eines Morgens auf den Weg, um eine lange Wanderung durch den +Busch zu unternehmen. + +In weiter Tiefe des Busches, in einer Umgebung, die wegen der Entfernung +von jeglicher menschlichen Behausung und wegen der Abgelegenheit selbst +von den primitiven Buschpfaden beklemmend unheimlich wirkte, traf ich +einen Indianer an, der dort Holzkohle brannte. Ich würde nie an jene +Stelle gekommen sein, wenn ich nicht Rauch hätte aufsteigen sehen, +dessen Ursache ich finden wollte. + +Es war gewiß ein hartes Leben, das dieser Mann führte. Wochenlang in der +Tiefe des Busches lebend, ganz allein, unzähligen Gefahren, an denen der +tropische Busch so reich ist, ausgesetzt, um einige Ladungen Holzkohle +abliefern zu können, die er auf seinem Esel zu den weitverstreuten +Siedelungen schleppte, um einen lächerlich kleinen Geldbetrag dafür zu +erhalten. + +Der Indianer saß vor dem rauchenden Erdhügel und starrte bewegungslos +den ruhig aufsteigenden Rauchfähnchen nach. Er war ein schmächtiger +Mann, dem man aber achtunggebietende Kräfte zugestehen durfte; denn die +Ebenholzbäume zu fällen und sie für den Verkohlungshügel zuzuhacken, +verlangt alles an Kraft, was ein Mensch hergeben kann, und diese harte +Arbeit in tropischer Sonnenglut zu verrichten, setzt eine Zähigkeit des +Körpers voraus, die eine schwächliche oder untergehende Rasse nicht +aufbringen kann. Was mir an diesem Manne eigentümlicherweise sofort +auffiel, waren der merkwürdig traurige Ausdruck seiner Augen und die +feine Gliederung seiner schönen schmalen Hände, deren rassiger Bau so +ehern unverwüstlich war, daß die harte Arbeit des Holzfällens ihre edle +Form nicht beeinflussen konnte. Er trug einen dünnen Schnurrbart und am +Kinn dünne Flusen, die er wahrscheinlich für einen Vollbart hielt. Ich +setzte mich zu ihm nieder, gab ihm Tabak, und wir kamen nach und nach +ins Erzählen. + +„Sie haben richtig geraten, Senjor, meine Vorfahren sind einst stolze +Fürsten unter den Panukesen gewesen, angesehen weit über die Grenzen der +benachbarten Stämme hinaus. Der letzte jener Tapferen wurde von den +Spaniern gehenkt wegen Rebellion gegen die Fremdherrschaft. Wäre es +seiner Frau und seinen Kindern nicht rechtzeitig geglückt, in die Berge +zu flüchten, wohin zu folgen die Spanier sich fürchteten, säße ich nicht +hier. Das war in jener Woche, in der die Spanier ein Blutbad unter +meinem Volke mit dem Hängen von fünfhundert Häuptlingen, unter denen +mein Vorfahr sich befand, würdig feierten.“ + +„Glauben Sie, daß dieses Land jemals wieder zu solcher Macht gelangen +wird wie damals, ehe die Spanier kamen?“ + +„Das Gehen unseres Volkes ist langsam. Wir haben Zeit. Die weißen Männer +haben keine Zeit. Aber können Sie nicht hören, Senjor, wie alle +nichtweißen Völker der Erde ihre Glieder regen und strecken, daß man das +Knacken der Gelenke über die ganze Welt vernehmen kann?“ + +Etwas unsicher sagte ich: „Dagegen werden wir uns zu wehren wissen.“ + +„Womit?“ fragte er ruhig und ohne jede Ironie. „Womit? Mit Ihrer +Zivilisation? Die ist nicht stark genug, Senjor. Sie hat ja keine +tragende Idee. Ihre Zivilisation wird nur von einem einzigen Gedanken +geleitet, und der heißt: Geld. Mit Geld kann man Geschäfte machen, aber +keine Seelen erwärmen.“ + +Ich jagte heim und stürzte wieder über die Bücher her. Neue Fragen +hatten sich mir aufgedrängt, und ich suchte nach Lösungen, suchte nach +einer Andeutung dessen, was uns bevorstand. Wenn irgendwo, dann war in +diesen Büchern der Schlüssel zu finden zu jenem großen Tor, dessen +Öffnung mich die Zukunft unserer Rasse sehen ließ. + +Wie im Fieber las ich und las, fiel nach Mitternacht wie mit Blei +ausgefüllt in mein Bett und stand auf bei den ersten Strahlen der Sonne +mit dumpfen Gliedern. Doch als meine Schläfen zu hämmern begannen, mein +Blut durch die Adern raste, als wolle es jeden Augenblick überkochen, +zwang ich mich gewaltsam zur Ruhe und zu mehr gleichmäßigem Studium. Auf +diese Weise zog ich einen erheblich größeren Gewinn aus meinem Lesen. +Ich fing an, ernsthaft zu studieren anstatt nur zu lesen. + +Nichtsdestoweniger aber lebte ich in einem andern Zeitalter. Keine +Gelegenheit, zu einem Menschen zu sprechen oder eine menschliche Stimme +zu hören, vergaß ich Zeit und Ort und meine eigene Person. Ich konnte +sprechen wie jene Personen, die in den Büchern erschienen, oder glaubte +wenigstens, es zu können; ich konnte deren Gedanken denken, ich konnte +in meiner Vorstellung deren Ideen über Welt und Leben wachrufen, ohne +daß mir der Vorgang selbst zum Bewußtsein kam. + +Diese Gefühle waren besonders stark am Abend und in den frühen +Nachtstunden, wenn alle Türen des Bungalows weit offen standen und der +ewig-singende Busch mir im Ohr summte. + + + Der Nachtbesuch + +Es war eines Abends zwischen zehn und elf etwa, als ich meine Augen +erhob von einem Buche über die Zivilisation der Tezkuken. Nein, um genau +zu sein, ich war gezwungen, meine Augen zu erheben; denn ich hatte das +Empfinden, daß jemand im selben Zimmer sei mit mir, und daß ich seit +einiger Zeit aufmerksam beobachtet würde. + +Wie ich zu diesem Empfinden kam, ist seltsam genug. Mein aktiver, mein +handelnder Sinn war voll beschäftigt mit dem Buche, das ich las. Dagegen +hatte mein inaktiver Sinn, der unbewußte, die Vorgänge, die sich während +meines Lesens abspielten, sorgfältig aufgenommen und festgehalten. +Dieser unbewußte Sinn, hier als Schutzinstinkt wirkend, wurde stärker +mit jeder Sekunde und zeigte einen unzweifelhaften Drang, meine +Aufmerksamkeit von dem Buche abzulenken und mich auf irgend etwas +aufmerksam zu machen, das für mich eine Gefahr bedeuten könne. Immerhin +lag eine unmittelbare Gefahr nicht vor, was ich auffallend klar im +Unterbewußtsein fühlte und was mich auch veranlaßt hatte, das Rufen des +inaktiven Sinnes für ein Anklopfen überarbeiteter Hirnzellen, die sich +nach Ruhe sehnten, zu halten. Aber der inaktive Sinn zeigte sich endlich +doch als der stärkere, und mit einem letzten heftigen Anprall zerbrach +er meine Konzentration, und mein aktiver Sinn gehorchte dem zähen Ruf. + +Ich wendete den Kopf. In der Mitte des Raumes stand ein Indianer. Kein +Zweifel, er stand dort seit einer geraumen Weile. Sein Blick ruhte auf +meinem Gesicht, und taktvoll und geduldig wartete er darauf, daß ich ihn +anreden möchte. + +In diesem Augenblick war ich fähig, genau die Zeile, ja das Wort zu +zeigen, das ich in dem Augenblicke las, als der Mann das Zimmer betreten +hatte. + +Augenscheinlich war der Mann die Holztreppe, die zur Veranda führte, +heraufgekommen und geräuschlos eingetreten. + +Es ist hier nicht Sitte, irgendein Haus, und sei es noch so primitiv, zu +betreten, ehe man sich nicht durch einen Gruß oder ein Rufen bemerkbar +gemacht und der Inwohner gesagt hat: „Pase!“ Die Mehrzahl der Häuser, +die der Indianer alle, haben keine Türen, und wenn sie welche haben, +werden sie mit Bast oder einem Bindfaden geschlossen. Ginge man auch nur +bis vor die offene Tür, ohne daß man sich durch ein Geräusch ankündigte, +würde man die Hausbewohner oftmals in die allerpeinlichste Verlegenheit +bringen, weil die Hütten meist ja nur einen Raum haben. Dieser Mann +hatte sicherlich verschiedene Male gerufen, um meine Aufmerksamkeit auf +sich zu lenken. Da ich so versunken in meinem Studium war, hatte ich es +nicht gehört, und er, mich am offenen Fenster lesen sehend, war dann +zögernd ins Haus gekommen, weil er mich aus irgendeinem Grunde sprechen +mußte und er keine andere Möglichkeit sah, sich bemerkbar zu machen. + +Da stand er, bewegungslos wie eine Säule. Als ich ihn ansah, beugte er +ein Knie, berührte mit der flachen Hand den Fußboden, erhob dann die +Hand bis zu seinem Scheitel, das Innere der Hand mir zugekehrt, und mit +dieser Geste stand er gleichzeitig auf. + +Eine seltsame Form der Begrüßung, dachte ich, eine Art des Grußes, wie +ich sie bisher von einem Eingeborenen nicht gesehen hatte. + +„Guten Abend!“ sagte ich zu ihm in Spanisch. + +„Nacht ist kalt und lang“, begann er zu reden. „Schweine stören mich. +Entsetzlich ist es, o Herr, sich nicht verteidigen zu können. Gebaut mit +heiliger Sorgfalt, sicher zu sein für die Ewigkeit. Doch es zerfällt und +bricht. Lang ist die Nacht, dunkel und kalt. Denken Sie, o Herr, die +Schweine. Schweine sind das Grauen.“ + +Er erhob seinen Arm und deutete nach einer bestimmten Richtung. + +Nicht wissend, was für eine Antwort ich ihm geben sollte, da ich nicht +verstand, wovon er überhaupt redete, beugte ich mich über mein Buch, um +einen Augenblick Zeit zu gewinnen, meine Gedanken, die offenbar in +Verwirrung geraten waren, zu ordnen. Es war in der Tat für mich nicht +ganz klar, ob mein Geist sich in einem Zustand fieberischer Erregung +befand als eine Folge des unaufhörlichen Lesens, oder ob ich wirkliches +Geschehen erlebte. Die Gedanken fingen an, in meinem Hirn so +durcheinanderzuwirbeln, daß ich nicht in der Lage war, zu entscheiden, +wo die Wirklichkeit aufhörte und die Einbildung begann. + +Nur um etwas zu reden, sagte ich: „Was meinen Sie eigentlich? Um die +Wahrheit zu sagen, ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Reden +Sie im Zusammenhang, lieber Mann.“ + +Er aber war bereits gegangen, ebenso geräuschlos, wie er gekommen war. +Mit einem Satze war ich an der Tür. Ich wollte gewiß sein, ob meine +Sinne bereits so weit herunter waren, daß sie mir Erscheinungen +vorgaukeln konnten, oder ob ich wirklich soeben einen Menschen gesehen +und gesprochen hatte. + +Dank den Göttern, ich war gesund, mein Geist war klar: Dort, im bleichen +Licht des zunehmenden Mondes, sah ich ihn dahinschreiten, +schattengleich. Groß war er nicht, mehr von knabenhafter Gestalt, +schlank gebaut, reines unvermischtes Indianerblut. + +Ich kehrte zurück zu meinem Tisch und versuchte, mich seiner Worte zu +erinnern. Seltsam genug, ich konnte seine Worte nicht wiederfinden. Und +es kam mir zu Sinn, daß er nicht Spanisch gesprochen hatte, daß er keine +Sprache gebraucht hatte, die ich kannte; aber dennoch hatte ich ihn +vollkommen verstanden, der Inhalt seiner Sätze war mir deutlich, nur der +Zusammenhang fehlte mir. + +War sein Gruß nicht der gleiche gewesen, wie er bei den alten +indianischen Völkern im Gebrauch war? Aber das war ja offenkundiger +Unsinn. Meine Bücher hatten meine Gedanken verwirrt. + +Dagegen wenn ich nun seine Erscheinung in mein Gedächtnis zurückrief: Er +war in Lumpen gekleidet. Das wieder war nichts Auffallendes, denn die +Mehrzahl der Indianer laufen in zerfetzten Hosen und Hemden herum. +Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein +richtiges Hemd angehabt. Die Lumpen, mit denen er behangen war, hatten +ausgesehen wie die verrotteten Überreste eines sehr kostbaren uralten +Stoffes; ein merkwürdiges phantastisches Gewebe, wie ich mich kaum +erinnerte, irgendwo gesehen zu haben, es wäre denn in einem Museum. + +Jedoch kein Zweifel bestand darüber, daß seine Oberarme sowie die Enkel +seiner Füße mit Goldreifen geschmückt gewesen waren, daß er eine +Halskette trug, die ein Goldschmied verfertigt hatte, der ein großer +Künstler war. + +Und dennoch, je deutlicher alle die Einzelheiten in mein Gedächtnis +zurückkehrten, je klarer wurde mir, daß ich nichts von alledem gesehen +hatte, was ich glaubte, bemerkt zu haben. Ich hatte den armen Indianer +lediglich mit all jenen Äußerlichkeiten ausgestattet, die ein Merkmal +jener Völker waren, über die ich gerade las. Die höchste Zeit, sagte ich +zu mir selbst, mit diesen Dingen nun ernsthaft Schluß zu machen und den +Weg zu meinem Jahrhundert und zur nüchternen Wirklichkeit, in der die +Postsäcke ratternd einige tausend Meilen weit durch die Lüfte geworfen +werden, zurückzukehren. + +Ich klappte mein Buch zu und ging zu Bett. + + + Die drei Schweine + +Am nächsten Morgen bemerkte ich drei Schweine, zwei schwarze und ein +gelbes, die sich um das Haus herumtrieben. Ich hatte sie bereits bei +zwei, drei anderen Gelegenheiten gesehen. Jetzt aber betrachtete ich sie +mit Interesse, denn sie erinnerten mich an meinen Besucher in der +vergangenen Nacht, der von Schweinen gesprochen hatte. Was diese +Schweine jedoch mit ihm zu tun hatten, konnte ich nicht herausfinden. + +Sicher waren sie das Eigentum einer der Indianerfamilien, die weiter +unten am Abhang des Höhenzuges wohnten. Die Schweine werden hier kaum +gefüttert, haben auch keinen Stall, deshalb müssen sie herumlaufen und +sich ihr Futter selbst suchen. Ihren Besitzer erkennen sie nur daran, +daß er ihnen Wasser gibt, sie ab und zu an einen Baum bindet und sie +endlich, nachdem er ihnen zwei Wochen lang täglich einen Sack voll +Maiskolben vorgeworfen hat, dem Zweck ihrer Bestimmung zuführt. Aber es +kommt nicht vor, daß Schweine sich so weit von ihrem Besitzer entfernt +herumtreiben, weil in seiner Nähe schon immer einmal ein Löffel voll +gekochter Bohnen vor die Tür fallen könnte, die ein Schwein nicht gern +missen möchte. + +Jedenfalls konnte ich keinen Zusammenhang mit diesen sehr natürlich +aussehenden Schweinen und meinem Besucher sehen. Wenn es seine Schweine +waren und er nicht wünschte, daß sie sich hier oben herumtrieben, so war +es sein Geschäft und nicht meines, sich um sein Viehzeug zu kümmern. +Überdies, wenn ich es recht bedachte, war es höchst eigentümlich, daß +mich der Mann mitten in der Nacht seiner Schweine wegen belästigte. + +Etwas konnte ich immerhin für den Mann tun. Ich warf mehrere Steine nach +den Schweinen, und sie verließen den Vorplatz vor dem Bungalow. Sie +liefen aber nicht den Pfad hinunter, der zu ihren Eigentümern führen +mußte, sondern sie bogen nach einer Weile von dem Pfade ab und trotteten +auf einen Hügel zu, der sich in etwa dreihundert Schritt Entfernung vom +Hause befand und der völlig mit dichtem Buschwerk bewachsen war. + +Es schien, daß sie dort in der Nähe reichlich Futter fanden, denn ich +bemerkte, daß sie durch das Gebüsch hin und her krochen für eine Weile, +bis ich jegliches Interesse an ihnen verlor und die Hühnernester +absuchen ging, weil ich Hunger bekam. + + + Der zweite Besuch + +Drei Tage später, wie gewöhnlich über meinen Büchern sitzend, gegen elf +Uhr nachts, hatte ich plötzlich dasselbe seltsame Gefühl, das mich in +jener Nacht aufgescheucht hatte, als der Indianer in mein Haus gekommen +war. + +Ein Frösteln lief mir über den Rücken, als ich, zur Seite blickend, +meinen indianischen Besucher im Zimmer stehend fand, mich schweigend, +aber unverwandt beobachtend. + +Doch dieses Gefühl des Unbehagens verflog sofort, weil mich die Wut +packte, die zu verbergen ich mich keineswegs bemühte, als ich den Mann +fragte: „Wie sind Sie denn hier hereingekommen? Was denken Sie sich denn +eigentlich, daß Sie sich solche Freiheiten erlauben? Das ist doch hier +kein öffentliches Gebäude. Das ist ein Privathaus, verstehen Sie? Und +ich wünsche, daß Sie es als ein Privathaus respektieren. Was, zum +Teufel, wollen Sie denn eigentlich? Wenn Sie einen Schweinehirten +suchen, dann sehen Sie sich anderswo um. Ich mag Schweine nicht.“ + +Ich polterte die Sätze heraus, mehr um mein Sicherheitsgefühl +wiederzugewinnen und jenes Frösteln loszuwerden, als um dem Manne wehe +zu tun. + +Er starrte mich an mit weit geöffneten Augen und mit einem Ausdruck des +Gesichts, als müsse er vorsichtig den Sinn meiner Sätze erst ergründen, +ehe er darauf antworten könne. + +Dann sagte er: „Auch ich fürchte Schweine. Sie sind so grauenhaft! Oh, +so sehr grauenhaft!“ + +Kurz angebunden erklärte ich: „Das geht mich nichts an. Schlagen Sie die +Biester tot und kochen Sie das Fett aus, wenn sie Ihnen unbequem sind. +Aber lassen Sie mich nun endlich damit in Ruhe.“ + +Ich sah ihm ins Angesicht. Seine Augen blickten so traurig, daß ich +plötzlich heißes Mitleid mit ihm empfand. + +„Sehen Sie hier, o Herr!“ Er deutete auf seine Wade. Gräßlich! Einige +Zoll über dem Knöchel befand sich eine furchtbar aussehende Wunde. + +„Das haben die Schweine getan.“ Durch seine Stimme klang jetzt ein Ton, +der es mir schwer machte, nicht anzufangen zu weinen. Mein übermüdetes +Hirn begann sich zu rächen. + +„O grauenhaft! O grauenhaft! Und gleichzeitig zu wissen, daß man ganz +hilflos ist, daß man sich nicht einmal gegen solch wüstes Getier +schützen kann. Flehen Sie alle Schicksalsmächte an, daß Ihnen nicht ein +gleiches Los beschieden werde. Es wird nicht lange währen und diese +entsetzlichen Tiere werden an meinem Herzen nagen, und sie werden mir +die Augen ausfressen, bis jener Tag des Grausens kommen wird, wo sie +mein Hirn schlürfen werden. Oh, Herr und Freund, bei allem, was Ihnen +heilig ist, helfen Sie mir, erretten Sie mich aus meiner namenlosen +Pein. Ich leide mehr, als ein Mensch ertragen kann. Was mehr noch kann +ich sagen, um Sie von meinen Qualen zu überzeugen!“ + +Nun endlich wußte ich, was der Zweck seines Besuches war. Der Mann +glaubte, ich sei der Doktor. Es war allgemein bekannt, daß der Doktor +nicht praktizierte; da aber der nächste Arzt etwa fünfundachtzig Meilen +entfernt wohnte, leistete Doktor Wilshed auf Verlangen in sehr +dringenden Fällen erste Hilfe. Augenscheinlich litt der Mann +entsetzliche Schmerzen. + +Nach langem Suchen fand ich in einer Kiste die Medikamente. Ich nahm +eine Binde heraus, Baumwolle und Salbe. + +Als ich mich nun dem Manne näherte, ihm die Binde anzulegen, trat er +zwei Schritte zurück und sagte: „Das ist nutzlos. Es sind die Schweine, +die ich fürchte und die mir Qualen bereiten, nicht die Wunde, die ich +kaum beachte. Diese Wunde ist für mich nur das Zeichen dessen, was noch +folgen wird.“ + +Auf seine Weigerung nicht achtend, langte ich energisch nach seinem +Bein. Aber ich tappte in die leere Luft. Etwas verwirrt sah ich auf, und +ich nahm wahr, daß der Mann noch einen Schritt weiter zurückgegangen +war. Lächerlich, wie leicht man sich täuschen läßt, ich konnte schwören, +daß meine zupackende Hand an derselben Stelle gewesen war, wo sein Bein +stand. + +Ich gab meinen ärztlichen Beistand auf und ging zum Tisch, wo ich +stehenblieb und ihn beobachtete. + +„Das sind ganz wundervolle Schmucksachen, die Sie da tragen“, sagte ich. +„Wo haben Sie die erhalten?“ + +„Mein Neffe hing sie über mich, als ich ihn verlassen mußte.“ + +„Scheinen sehr alt zu sein. Antike Arbeit.“ + +„Sind sehr alt“, bestätigte er. „Sie gehören zum Schatze meiner +königlichen Familie.“ + +Ich konnte es nicht vermeiden, zu lächeln, was er aber nicht zu bemerken +schien, oder er war zu höflich, es zu sehen. Spaßhafte Leutchen, diese +Indianer. In Lumpen gekleidet, wohnend in elenden Grashütten, selten im +Besitz der paar notwendigen Münzen, um sich rohes Leder für Sandalen zu +kaufen, tragen sie dennoch Diamantringe an den Fingern. + +Wieder begann ich nüchterne Wirklichkeit und den Inhalt der Bücher, die +mich in Atem hielten, miteinander zu verwirren. „Mein Neffe gab sie +mir.“ Aber das war ja ein Brauch bei den Azteken, bei den Panukesen, bei +vielen anderen indianischen Völkern, wo nie der Sohn, sondern der Bruder +oder der Neffe Thronerbe war. So ging das nicht weiter. Ich mußte unter +Menschen gehen; die Einsamkeit des tropischen Busches bekam mir nicht, +ganz besonders nicht, wenn ich nichts tat, als derartige Bücher zu +lesen. + +„Nun muß ich gehen!“ Er unterbrach meine wandernden Gedanken. „Vergessen +Sie nicht, daß es die Schweine sind, mein Herr. Einige große schwere +Steine werden genügen. Es ist so hart, um Hilfe bitten zu müssen, aber +ich kann mich nicht verteidigen. Ich bin ja so sehr hilflos.“ + +Aus seinen traurigen Augen rollten Tränen langsam an seinem Gesicht +herunter, obgleich er sich bemühte, ihnen Einhalt zu gebieten. + +Dann erhob er seine Hand, führte sie an seine Lippen, hob sie hoch über +sein Haupt und hielt die innere Handfläche eine kleine Weile gegen mich +gekehrt. Und ich erkannte, daß seine Hand von einer edlen Form war, die +ich irgendwo gesehen hatte. Wo aber, konnte ich mich nicht erinnern. +Auch bemerkte ich zum ersten Male, daß er einen Bart trug, der zwar Kinn +und Backen hinreichend umrahmte, aber doch sehr dünn erschien. Und +obgleich einen solchen Bart gesehen zu haben ich mich nicht erinnerte, +rief er doch etwas, das mit merkwürdig gesprochenen Sätzen verknüpft +war, in mir wach, über das ich nachzugrübeln begann, ohne es finden zu +können. + +Ich riß mich von dieser verwirrenden Gedankenkette los, um den Mann nach +seiner Wohnung zu fragen, was zu wissen mir plötzlich und ganz ohne +Grund ungemein wichtig erschien. + +Aber er war bereits gegangen. + +Ich sprang zur Tür. + +„Wahrlich! Er schreitet wie ein König!“ sagte ich zu mir selbst, als ich +ihn den Pfad dahingehen sah. + +Wie wunderschön war die Nacht! Sie war gekleidet in den magischen +Silberschimmer des Vollmondes, der steil über meinem Scheitel stand. Die +zauberhafte Sonne der Tropennacht. Die Dinge standen in diesem Lichte da +in einer so unheimlichen Schärfe, als müsse sich in jeder Minute etwas +Unerhörtes ereignen. Es lag ein Warten in diesem Lichte, als würden +diese grellbeleuchteten, schreckhaft lebendig erscheinenden Dinge mit +dem nächsten Atemzuge einen gellenden Schrei ausstoßen, um den Schatten +aufzujagen, der schwer und schwarz und wuchtig auf ihren Füßen lastete. +Und der in der Luft hängende Schrei fiel auf mein Herz und machte es +stocken, als der Indianer stehenblieb, sich umwandte und mir sein +Gesicht zukehrte, in dem ich jede Linie, ja selbst jede Pore deutlich +sehen konnte, obgleich er dreihundert Schritte beinahe entfernt war. Nun +erhob er den Arm und deutete nach jenem Hügel, wohin sich die drei +Schweine verzogen hatten, nachdem ich sie mit Steinen fortgejagt hatte. + +Dann verließ er den Pfad und ging auf den Hügel zu. Das Gebüsch reichte +ihm zur Schulter. Langsam stieg er den Hügel hinauf, bis er die Höhe +erreicht hatte, wo das dichte Gebüsch so hoch stand, daß es ihm weit +über den Kopf reichte und es auf mich den Eindruck machte, als habe ihn +das Gestrüpp verschluckt; denn ich sah ihn nicht mehr. + + + Eine Entdeckung + +Sobald die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen war, nahm ich mein +Buschmesser und schlug mir einen Pfad durch zu jenem Hügel. So +sorgfältig ich auch das Gebüsch untersuchte, ich konnte den Weg nicht +finden, den der Indianer in der verflossenen Nacht gegangen war. Nichts +war niedergetreten, kein Zweig abgebrochen. Es war eine harte Aufgabe, +ihm auf seinem Wege zu folgen. Ich hatte mir vorgenommen, ihn in seiner +Hütte aufzusuchen. Vielleicht konnte ich eines seiner einzigartigen +Schmuckstücke gegen ein Paar Stiefel oder ein Hemd oder Sattelzeug +eintauschen. + +Als ich endlich den Hügel erreichte, machte ich eine merkwürdige +Entdeckung: Der Hügel war nicht ein natürlicher Haufen Erde oder ein +Felsblock, wie ich geglaubt hatte, sondern er war künstlich aus +gehauenen Steinen und Mörtel aufgebaut. Dem Anschein nach zu urteilen +war er einige hundert Jahre alt. Das dornige dichte Gebüsch hatte ihn +völlig bedeckt und sich in das Mauerwerk festgewurzelt und eingefressen. +Diese unerwartete Entdeckung ließ mich ganz vergessen, dem Indianer +nachzulaufen. + +Ich hieb das Gebüsch nieder und machte eine weitere Entdeckung: +Steinstufen führten in östlicher Richtung auf die Oberfläche des Hügels. +Der Hügel selbst war etwas mehr als drei Meter hoch. Oben hatte er eine +viereckige ebene Fläche, die wohl drei Meter im Geviert war. + +Eine Seite des Hügels war durchwühlt, und da hier das Buschwerk +niedergetrampelt war, schien diese Wühlerei ganz kürzlich getan worden +zu sein. Kein Zweifel, die Schweine hatten das neulich verübt, als sie +hier herumlungerten. Als ich dieser Wühlerei nachging, fand ich, daß die +Schweine sich durch das Mauerwerk gearbeitet hatten, das an dieser +Stelle zu zerfallen begann und bloßlag. + +Wenn irgendwo, dann lag hier das Geheimnis verborgen, das mich +beschäftigte. Hier war die Erklärung zu suchen für alles, was in den +letzten Tagen geschehen war. + +Ich eilte zurück zum Hause und holte mir Pickhacke und Schaufel. Stein +um Stein, Brocken um Brocken brach ich heraus, bis das Loch groß genug +war, um meinen Oberkörper hindurchzuzwängen. Ich zündete ein Streichholz +an. + +Doch kaum flammte es auf, als ich es mit einem unartikulierten Schrei +fallen ließ und mich so rasch hinausquetschte, daß sich Schultern, Brust +und Rücken mit blutenden Schrammen bedeckten. Dann, im hellen +Sonnenlichte vor dem Loche sitzend und meinen Atem wiederfindend, dachte +ich, daß Augen doch recht unzuverlässig sein können. + +Ursprünglich hatte ich die Absicht gehabt, den Hügel unberührt in jener +Form zu lassen, in der ich ihn gefunden hatte. Doch nun blieb mir keine +andere Wahl. Ich hatte den Kopf des Hügels aufzubrechen, um das +blendende Tageslicht hineinfluten zu lassen und dem Innern der Höhle die +unerträgliche Geisterhaftigkeit zu rauben. + +Harmlosere Dinge als das, verborgen in dieser Höhle, können einem im +Dschungel oder im tropischen Busch ein tieferes Grauen einjagen. Eine +zwanzig Zentimeter große behaarte Spinne, die einem über das Gesicht +läuft, oder ein fünfunddreißig Zentimeter großer schwarzer Skorpion, der +sich ins Zelt oder in die Hütte geschlichen hat, erfüllen einen häufig +genug mit größerem Entsetzen als das Begegnen mit einem Tiger, wenn man +nichts weiter in der Hand hat als einen Stock. + +Ich beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen. Das Unbestimmte mochte sich +in meiner Einsamkeit, besonders zur Nachtzeit, vielleicht schwerer auf +die Nerven legen als das klare festumgrenzte Wissen, wenn es auch noch +so Grauenhaftes aufweisen sollte. + + + Der Panukese ist tot + +Gegen Mittag war ich, trotz der Gluthitze, so weit mit meinem Ausgraben +gekommen, daß der Inhalt der Höhle offen im hellen Licht des Tages lag. + +Es ist ganz gewißlich wahr, ich war weder geistesgestört noch träumte +ich. Wäre ich im Zweifel gewesen, die Blasen an meinen Händen und die +Müdigkeit meines Körpers hätten mich eines Besseren belehrt. + +Da, in jener Höhle, deren Mauerwerk so fest gefügt war, als wäre es +beste Betonarbeit, befand sich mein Besucher, jener Indianer, der mich +zweimal des Nachts in meinem Hause gesprochen hatte. Er saß auf dem +Boden der Höhle in hockender Stellung. Die Ellbogen ruhten auf den +Knien. Sein niedergebeugtes Antlitz war verborgen in seinen Händen. + +Er war tot. Tot seit vier-, fünfhundert Jahren, vielleicht viel länger, +und er war begraben worden mit unnennbarer Sorgfalt, aus der Liebe +sprach und Ehrfurcht zugleich. Die Höhle war durchaus luftdicht +abgeschlossen gewesen bis vor wenigen Tagen, wo die Schweine angefangen +hatten, dort herumzuwühlen. Sein Aussehen war nicht das einer +ägyptischen Mumie. Vielmehr sah er ganz so aus, als wäre er vor drei +Tagen erst gestorben. + +Die Lumpen, in die er gekleidet war, erschienen im hellen Tageslicht +noch bei weitem kostbarer und reicher in ihrer ursprünglichen Herkunft +als in der Nacht. Die Schmucksachen, die er trug, waren Meisterstücke +hochentwickelter Goldschmiedekunst, und ich hatte nie zuvor irgendwo +Arbeiten von solcher Vollendung gesehen. + +Plötzlich bemerkte ich, daß seine Wade angefressen war, und gerade an +jener Stelle, die er mir in der vergangenen Nacht gezeigt hatte. Kein +Blut war zu sehen, trotzdem die Schweine bereits bis auf den Knochen +gekommen waren. Das Fleisch seiner Brust, seines Gesichts und das seiner +Waden war hart und fühlte sich an wie Holz. Ich konnte mir nicht +erklären, welche Anziehungskraft dieses holzartige Fleisch, das +augenscheinlich auch nicht den allergeringsten Nährwert enthielt, auf +Schweine ausüben konnte. Aber es war ja immerhin möglich, daß Schweine +hinsichtlich dessen, was gut schmeckt, eine andere Meinung haben, als +wir gemeinhin annehmen. Warum sich der Körper so frisch erhalten hatte, +war leicht zu erklären: Die Höhle war luftdicht abgeschlossen, und die +Erde rundherum enthielt chemische Substanzen, die auf den Körper +konservierend einwirkten, nachdem sie in feinen Partikelchen das +Mauerwerk durchsetzt hatten. Wahrscheinlich war auch das +Konservierungsmittel, das beim Einbalsamieren des Körpers gebraucht +worden war, von anderer Beschaffenheit und Wirkung als jenes, das die +Ägypter verwandten. + +Immer wieder und wieder betrachtete ich meinen Fund. So lebensfrisch +hockte er da, daß ich jeden Augenblick erwartete, er würde den Kopf +erheben, aufstehen und mit mir zu sprechen anfangen. + + + Von Erde bist du gemacht + +Mitleidlos schleuderte die Sonne ihre feurigen Wogen hinunter, und es +kam mir der Gedanke, daß diese Gluthitze meinem kostbaren Funde von +Nachteil sein könne, wenn er zu lange dem grellen Sonnenlichte +ausgesetzt sei. + +Ich holte aus dem Hause eine große Kiste, um den Körper hineinzulegen +und ihn dann in Sicherheit zu bringen. Ehrlich gesagt, es war mir nicht +ganz klar, warum ich das alles tat, weshalb ich nicht den Körper da +lassen wollte, wo er seit vielen hundert Jahren geruht hatte. Aber diese +Krankheit, die schon soviel Unheil angerichtet hat, soviel +Seelenlosigkeit in unsre Kultur gebracht hat, die Museumswut packte +mich. Ich sah meinen Namen in wissenschaftlichen Zeitschriften gedruckt, +sah mich am Rednertisch stehen, zur Seite eine weiße Leinenwand, sah die +Briefe von Redaktionen großer Zeitungen auf mich einregnen, die mich um +Aufsätze anflehten und mir die Freiheit ließen, das Honorar zu +bestimmen, sah die Museumsdirektoren mit fabulösen Summen um meinen Fund +kämpfen und sah Dollarmillionäre bescheiden vor meiner Tür stehen und +mir Blankoschecks anbieten, um ihre Privatsammlungen auf den ersten +Seiten der New-Yorker Blätter erwähnt zu sehen. + +Und doch wieder ließen mich diese materiellen Aussichten ganz kühl, und +sie verflogen so rasch aus meinem Geiste, wie sie, kaum eine Spur +zurücklassend, gekommen waren. Noch jetzt weiß ich ganz genau, daß mein +Handeln, ohne einen bestimmten Gedanken über das Warum zu haben, sich so +mechanisch abwickelte, als hätte es gar nicht anders sein können. +Dennoch wußte ich, daß ich unter keiner Suggestion, von welcher Art und +Herkunft sie auch immer sein mochte, handelte. + +Mit Sorgfalt ging ich ans Werk. Da die Höhle nicht weit genug war, um +die Kiste neben den Körper in die Vertiefung zu setzen, sprang ich +hinunter, um den Körper auf den Rand der Höhle zu heben. + +Doch kaum hatte ich zugepackt, als meine Hände auch schon +zusammenklatschten, als hätten sie Luft umarmen wollen, denn zwischen +meinen Händen fiel der Körper zusammen, und übrigblieb nichts weiter von +ihm als ein kleines, ganz kleines Häuflein Staub, das, wenn ich es +zusammenscharrte, nicht größer war als eine Faust. + +Es waren nicht mehr als zwanzig Minuten vergangen, seit ich den Körper +abgetastet und gefunden hatte, daß er hart war und sich anfühlte wie +Holz. Alles, selbst die kostbaren Gewebe, das schwarze Haar des Kopfes +und des Bartes, die Fingernägel hatten sich so überraschend in zarte +Flugasche verwandelt, als habe ein gewaltiges Feuer mit der Raschheit +und der Konzentriertheit des Blitzes einen Strohhalm aufgebrannt. + +Ich starrte auf das winzige Häuflein Asche, das noch während meines +Hinsehens der Erde, die beim Ausgraben auf den Boden der Höhle gefallen +war, immer ähnlicher wurde, und ich hätte schon nicht mehr mit Gewißheit +sagen können, was Sand und was jene Asche war. + +Es war zwecklos, noch länger da in der Mittagssonne zu stehen. Ein Traum +äffte mich; ich begann aufzuwachen und bemühte mich, klar und ruhig auf +ein Mittel zu denken, das mich von diesen Wahnbildern, die mich +herumjagten, befreien könnte. Ich fühlte deutlich, daß ich anfing, krank +zu werden. Der Busch stand unheimlich drohend um mich herum, ebenso +drohend stand über mir die glühende Sonne, einer erbarmungslosen Feindin +gleich, sich in mein Hirn bohrend, fressend und nagend. Die Menschen +hatten seit hundert Jahren die Erde verlassen, mich hatten sie vergessen +zu rufen und mitzunehmen, weil ich zu tief im Busch war, weil sie mich +tot geglaubt hatten. + + + Aber ... + +Oh, Sonne, Mond und alle Sterne, erlöst mich von meinen Qualen! Was, um +aller Lebenden und Toten willen, ist Wahrheit? Dort, vor meinen Füßen +funkelt und glitzert es so lustig im Sonnenlicht, so verheißungsvoll und +so beruhigend: Die Schmuckstücke des Indianers. Sie zerfielen nicht zu +Asche, und wenn sie da sind – und sie sind wirklich und wahrhaftig da, +denn ich fühle sie in meinen Händen –, dann ist auch der Indianer +dagewesen, und ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue. Ich eile +zum Hause. Mit der Freude im Herzen über das neugeschenkte Leben +betrachtete und studierte ich die kleinen Kunstwerke. Dieses Studium +erfüllte mich mit Andacht und mit Ehrfurcht gegenüber den Künstlern, die +so Wundervolles schaffen konnten, und die ihre Namen nicht zurückließen. + +Endlich wickelte ich die Sachen in Papier, machte ein kleines Paketchen, +das ich verschnürte, und legte es in eine leere Blechbüchse, die ich +oben auf das Bücherbrett stellte. + +Noch vor Sonnenuntergang ging ich abermals zur Höhle und füllte sie mit +Erde und Steinen zu. Ich tat es, um zu verhindern, daß sich +herumtreibende Pferde und Maultiere hineinstürzen, die Glieder brechen +und dann hilflos darin liegenbleiben sollten. + +Den ganzen Abend verbrachte ich damit, mir alle Geschehnisse der letzten +Tage, und besonders des heutigen, ins Gedächtnis zurückzurufen und sie +zu ordnen, damit es ihnen nicht gelänge, mich zu verwirren. Denn da ich +niemand hatte, mit dem ich hätte sprechen, auf den ich einen Teil meiner +Erregung hätte abladen können, war ich genötigt, alle Widersprüche, +Einwendungen, Erklärungen und Vermutungen gegen mich allein zu führen, +um eine Unterhaltung in Fluß zu bringen. + +Mitternacht war längst vorüber, als ich zu Bett ging, erregt wie ein +Kind am Weihnachtsabend. Erschöpft und übermüdet, als eine Folge der +harten Tagesarbeit und der seelischen Aufregungen der letzten zwanzig +Stunden, fiel ich sofort in Schlaf. + + + Träume + +Mein Schlaf war alles andere, nur nicht sanft und ruhig. Aus einem +schweren und wüsten Traum wurde ich in einen andern gejagt. Keiner +meiner Träume war süß, ja nicht einmal indifferent oder alltäglich. Aber +jeder hatte seinen Höhepunkt, und wenn dieser Höhepunkt erreicht war, +schoß ich auf, nur um sofort wieder in Schlaf zu fallen mit keinem +andern Sinn, als sogleich einen neuen Traum herunterzuhetzen. Es war +ganz natürlich, daß jeder Traum mit den Dingen, die mich in den letzten +Tagen so außerordentlich beschäftigt hatten, in naher Verbindung stand. + + * * * * * + +Ich sah mich über die lebhaften Märkte der alten indianischen Städte +wandern, aber es war mir nicht möglich, das zu finden, was ich so bitter +notwendig haben mußte. Und immer, wenn ich glaubte, es nun gefunden zu +haben, machte ich die Entdeckung, daß ich vergessen hatte, was es war. +Nun begann mein Geist angestrengt zu arbeiten, um das, was ich brauchte, +in mein Gedächtnis zurückzurufen. Dann ging ich an einen Verkaufsstand +und kaufte etwas. Wenn ich es aber in der Hand hatte, kam mir zum +Bewußtsein, daß ich ganz etwas anderes hatte kaufen wollen. Ich steckte +den Gegenstand, den ich plötzlich gar nicht kannte, in die Tasche, aber +ich fand, daß ich keine Tasche an meinen Kleidern besaß. Nun sollte ich +bezahlen, und so sehr ich auch suchte, ich konnte die Kakaobohnen nicht +finden, die das Geld waren, mit dem ich zu zahlen hatte. Denn was immer +ich in die Hand nahm, waren Pfefferkörner oder Ameisen oder Fingernägel. +Und dann wurde ich von halbnackten Marktpolizisten gejagt und als +Marktbetrüger verfolgt. Ich raste durch den Busch, wo mich die +Schlingpflanzen und Kaktusstauden festzuhalten suchten, meine Haut mir +in Fetzen vom Leibe gerissen wurde durch die Dornen und Stacheln, die +sich mir überall in den Weg drängten. Und wohin ich trat waren +Schlangen, Riesenspinnen, gigantische Skorpione, große Eidechsen, deren +Maul halb so weit offen war wie ihr Körper lang war, während hinter mir +die nackten Polizisten wie Wölfe heulten und brüllten und Polizeitiger +auf meine Fährte setzten. Nun hatte ich einen hohen Felsen zu erklimmen, +und als ich oben war und eine Meute von Berglöwen und Geiern mich gerade +packen wollte, fiel ich in eine tiefe Schlucht hinunter. Der Fall +dauerte viele Stunden, und während des Falles sah ich, wie die +Polizisten, die in Papageienfedern gekleidet waren, die Possums, die +ihnen als Polizeihunde gedient hatten, herbeipfiffen, dann mit Musik +heimmarschierten, den Kaufmann, dem ich drei und eine halbe Kakaobohne +schuldete, verhafteten und am Nebenstand als Sklaven verkauften. +Inzwischen kam ich unten in der Schlucht an. Ich schlug so heftig auf, +daß ich aufwachte und die Schlucht hell erleuchtet fand. Es war aber der +Mond, der in meinem Zimmer war. Und darüber beruhigt, schlief ich sofort +wieder ein. + + * * * * * + +Nun kämpfte ich auf seiten der spanischen Eroberer, und die Azteken +nahmen mich gefangen. Ich wurde in den Tempel gebracht, um geopfert zu +werden. Priester legten mich auf den Opferstein und hielten mich fest. +Der Hohepriester kam heran, um mir das Herz aus der Brust zu reißen und +es dem fürchterlich aussehenden Gotte vor die goldenen Füße zu werfen. +Ich sah, wie der Gott mich angrinste und mit den Augen blinkte, obgleich +er von Stein war. Dann streifte der Hohepriester den Ärmel seines Rockes +zurück, packte mich mit der linken Hand brutal am Kinn und riß mir den +Kopf zurück, während er mit der rechten Hand das Messer aus Obsidian in +meine Brust schlug, wobei ich aufwachte. + + * * * * * + +Aber gleich fiel ich wieder in Schlaf und kämpfte nun auf seiten der +Tabascaner. Ich fiel in Gefangenschaft der Spanier, kam vor ihr +Kriegsgericht und wurde zum Verlust beider Hände verurteilt, die mit +einem stumpfen Taschenmesser abgeschnitten wurden. Die Arme fühlten sich +darauf ganz dumpf an, ich erwachte, und meine Hände, die seitlich aus +dem Bett hingen, waren eingeschlafen. + + * * * * * + +Nun besaß ich ein Atelier für Kunstgewerbe in Tenochtitlan, und ich +hatte den Befehl bekommen, den Krönungsmantel für den neugewählten +Monarchen aus den schönsten Federn tropischer Vögel anzufertigen. Aber +die Federn flogen mir alle fort, und ich hatte hinter jeder einzelnen +herzujagen, während nur eine knappe Viertelstunde noch fehlte, bis die +Krönung beginnen sollte. Alle Fürsten und die Gesandten fremder +Herrscher waren schon versammelt; die Volksmenge summte vor dem +Krönungspalaste und in den Straßen, die zum Tempel führten. Ganze +Scharen von Dienern und hohen Beamten kamen angejagt, um den Mantel zu +holen; aber wenn ich eine Feder angenäht hatte und die nächste +danebenheftete, flog die vorher angenähte schon wieder fort. Ich hörte +die Trompeten schmettern und die großen Pauken dröhnen, die gigantischen +Bronzeplatten von den Tempeln klingen und die Priester ihre schrillen +Gesänge anstimmen, während mein Haus von Tausenden von wütenden Dienern +und Hofmarschällen umstellt war, die schrien: „Den Krönungsmantel! Den +Federmantel! Wir müssen alle sterben! Zum Tode verurteilt! Zum Tode +geflogen!“ In meiner Hast, den Mantel doch noch fertigzustellen, +schlüpfte er mir aus den Fingern, und alle Federn, die ich in +wochenlanger mühseliger Arbeit angenäht hatte, flogen zwitschernd zum +Fenster hinaus. Ich erwachte und hörte die Millionen Grillen und +Graspferdchen im Busch zirpen. + + * * * * * + +Und wieder schlief ich gleich darauf ein mit dem sicheren und +beruhigenden Bewußtsein, daß ich im Bett liege und mir die Krönung des +Kaisers von Anahuac ganz gleichgültig sei, noch gleichgültiger sein +Mantel. Da öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer. Ich wunderte mich +darüber, wie das geschehen könne; denn ich wußte genau, daß ich vor dem +Zubettgehen, wie es meine Gewohnheit war, den schweren Vorlegebalken +sorgfältig in die Hintschen geschoben hatte. Aber die Tür öffnete sich +trotzdem, und herein kam mein indianischer Besucher, derselbe, den ich, +wie ich genau wußte, am Tage vorher hatte zu Staub zerfallen sehen. Das +Zimmer war durch ein merkwürdig bleiches und flutendes Licht erhellt, +dessen Quelle ich nicht ergründen konnte. Es war weder Sonne noch Mond, +es war vielmehr ein weißer, in sich leuchtender Nebel, der aber nicht +dicht genug war, daß er irgend etwas verbergen oder auch nur +verschleiern konnte. + +Der Indianer kam nahe zu meinem Bett. Dort stand er ruhig und sah mich +lange an. Ich hatte meine Augen weit geöffnet, konnte mich aber nicht +bewegen. Besser gesagt, es kam mir von nirgendwoher der Wille, mich zu +bewegen, und ich fühlte, daß ich mich nicht bewegen könne, wenn ich +nicht irgendwo den Willen fände, der mir fortgelaufen war. Doch ich +fühlte keinerlei Furcht, dagegen war in mir ein wohltuendes Empfinden +brüderlicher Liebe oder Freundschaft. Mein Besucher hob mit ruhigen +Bewegungen den Moskitoschleier auf und schlug die Seite, an der er +stand, oben über die Bandleiste. Dann grüßte er mich in seiner +feierlichen Weise. Wieder betrachtete er mich eine Weile mit tiefem +Ernst, und dann begann er zu reden. Er sprach sehr langsam, jedem +einzelnen Worte das volle Gewicht der auszudrückenden Meinung gebend: + +„Ich frage Sie, mein Freund, wie Sie fühlen würden, wenn man Sie in +einem Zustande völliger Hilflosigkeit jener kleinen Gaben beraubte, die +Ihnen mitgegeben wurden als Begleiter auf jene lange Reise durch das +Land der Schatten? Wer gab sie mir, jene kleinen Geschenke? Sie wurden +mir gegeben von jenen, die mich liebten und die ich liebte, von jenen, +die heiße Tränen weinten, als ich sie verließ. Nichts sonst als diese +geringfügigen Gaben sind es, die meinen Weg erleuchten durch die Nacht. +Für Liebe allein ist es, daß Menschen geboren wurden, und nur der Liebe +wegen ist es, daß sie leben. Was man auch immer an Würden, Ehren, +Verdiensten, Ruhm und Reichtümern erworben haben mag, verglichen mit der +Liebe zählen sie nichts. Vor dem großen Tor, durch das wir alle zu gehen +haben, werden selbst die innigsten Gebete, die zum Himmel hinaufgesandt +wurden, nur als Bestechungsgelder angesehen, nicht mehr wert als eine +kleine Kupfermünze. Im Angesicht der Ewigkeit zählt nur die Liebe, die +wir gaben, die Liebe, die wir empfingen, und vergolten wird uns nur in +dem Maße, als wir liebten. Darum, Freund, geben Sie mir zurück, was Sie +mir nahmen, so daß, wenn am Ende meiner langen Wanderung vor dem Tore +stehend ich gefragt werde: ‚Wo sind deine Beglaubigungen?‘, ich sagen +kann: ‚Siehe, o mein Schöpfer, hier in meinen Händen halte ich meine +Beglaubigungen. Klein sind die Gaben nur und unscheinbar, aber daß ich +sie tragen durfte auf meiner Wanderung ist das Zeichen, daß auch ich +einst geliebt wurde, und also bin ich nicht ganz ohne Wert.‘“ + +Die Stimme des Indianers verhauchte in ein Schweigen. + +Es war nicht seine wogende Beredsamkeit, es war vielmehr sein Schweigen, +in eherner Urgewalt den Raum anfüllend, Dingen, Worten und Taten wortlos +befehlend, das mein Handeln bestimmte. Ich stand auf, kleidete mich +notdürftig an, zog die Stiefel über die Füße und eilte zum Bücherbrett. +Ich öffnete das Paketchen, hing dem Indianer die goldene Kette über den +Hals, schob den schweren Ring an seinen Finger und kniete endlich vor +ihm nieder, um ihm die Reifen um die Knöchel der Beine zu legen. Als ich +mich von den Knien erhob, hatte er den Raum verlassen. Die Tür war +verschlossen und der Balken vorgeschoben. Ich kehrte zu meinem Bett +zurück und fiel sofort in einen Schlaf, der so tief, so gesund, so +traumlos war, wie ich seit Wochen keinen gehabt hatte. Er war wie der +erste erfrischende, wohltätige Schlaf nach einer schweren Krankheit. + + + Das Erwachen + +Spät am folgenden Morgen wachte ich auf, wundervoll ausgeruht und mich +so kräftig fühlend wie seit langer Zeit nicht mehr. + +Auf dem Bettrand sitzend und mich lässig ankleidend, fiel mir der letzte +Traum ein, und ich mußte gestehen, daß ich mich keines Traumes erinnern +konnte, der so klar und so logisch sich abgewickelt hatte wie dieser. +Ich langte nach meinen Stiefeln, und ich fand es höchst merkwürdig, daß +sie nicht auf dem Stuhle standen und nicht mit Papier ausgestopft waren. +Durch Erfahrung gewitzigt, hatte ich mir angewöhnt, wenn ich im Busch +oder im Dschungel lebte und die Stiefel des Abends ausziehen konnte, sie +auszustopfen und hoch zu stellen, um zu verhindern, daß Skorpione darin +versteckt waren, wenn ich mich des Morgens eilig anzukleiden hatte. + +Aber die Stiefel standen nicht auf dem Stuhle, sondern unter dem Bett, +und als ich das bemerkte, fiel mir ein, daß ich sie dorthin hatte fallen +lassen, als ich wieder ins Bett zurückkehrte, nachdem der Indianer +gegangen war und ich mich so müde fühlte, daß ich nicht die Kraft mehr +aufbringen konnte, die Stiefel auszustopfen, während ich, halb schon +wieder schlafend, ins Bett rollte. + +Nun sprang ich sofort zum Bücherbrett. Die Blechbüchse stand nicht mehr +dort. Ich sah mich um und fand, daß sie auf dem Tische stand. Leer. Das +Papier, in das die Schmuckstücke gewickelt waren, lag zerrissen auf dem +Fußboden. Kein Anzeichen war zu entdecken, wo die Sachen sein mochten +und auf welche Weise sie verschwunden sein konnten. Die Tür war noch +immer sorgfältig verschlossen, von innen, mit dem schweren Querbalken +davor, genau so, wie ich die Tür gestern abend und alle Abende vorher +gesichert hatte. + +Ich stürmte hinüber zum Hügel. In fieberhafter Eile räumte ich die +zugeschüttete Höhle aus, fand es aber völlig aussichtslos, zwischen den +Steinen, der Erde und dem Gebüsch, womit ich gestern nachmittag die +Höhle aufgefüllt hatte, irgend etwas zu entdecken, das mich auf die Spur +meiner verlorenen Schätze bringen möchte. + +Wo, um aller törichten Träume willen, hatte ich nur in meiner +Schlaftrunkenheit dieses Zeug hingeschleppt? + +Vergeblich marterte ich mein Hirn und hämmerte in meinem Gedächtnis +herum. Nicht eine einzige Idee kam mir, der nachzugehen sich hätte +lohnen können. Vielleicht die Schweine? Es war zwar lächerlich, das in +Erwägung zu ziehen, aber versuchen konnte ich es ja, ich brauchte ja +niemand etwas von diesem Aberglauben erzählen. + +Jedoch die Schweine sah ich niemals wieder. + + + Der Doktor kehrt zurück + +Zehn Tage später kam der Doktor zurück. + +Meine erste Frage war: „Sagen Sie, Doktor, haben Sie jemals drei Hogs +(Schweine) hier in der Nähe des Bungalows oder in der Nachbarschaft +gesehen? Zwei schwarze und ein gelbes?“ + +„Hogs?“ fragte er, mich dabei scharf beobachtend. „Hogs?“ wiederholte er +nach einer Weile noch einmal, und ich hatte das Empfinden, als ob er in +seine Stimme und in seinen mich festhaltenden Blick eine Färbung legte, +die ganz gut eine unauffällige Prüfung meines Geisteszustandes sein +konnte. „Hogs? Nein! Sie meinen ganz bestimmt Dogs (Hunde). Sie +verwechseln nur die Worte. Ich habe hier allerdings verschiedene Male +drei Hunde herumlaufen sehen, zwei schwarze und ein gelber, die sich +etwas sonderbar benahmen. Ich habe herumgefragt, aber niemand kannte die +Hunde. Schließlich, was habe ich mich um herumtreibende Indianerhunde zu +kümmern?“ + +Nun erzählte ich ihm meine Geschichte. Ich glaubte, er würde in Ekstase +geraten. + +„Einen toten Indianer, sagen Sie? Einer, der Sie besuchte, in zwei +Nächten?“ Er löste meine lange ausführliche und begeistert vorgetragene +Erzählung in so trockene Worte auf, preßte meine Ausrufe des Entzückens +in so winzige und klapperdürre Fragezeichen zusammen, daß es mir leid +tat, zu diesem zynischen Skeptiker überhaupt von meinem Erlebnis +gesprochen zu haben. + +Wie mit einer Sonde in einer Wunde, so bohrte er mit seinen Augen in +meinem Gesicht herum und sagte: „Schmucksachen? Antike aztekische +Arbeit? In der Hand gehabt? Verschwunden? Wissen nicht wo und wie?“ +Seine Ironie empörte mich, und ich sagte lauter und rascher, als nötig +war: „Wenn Sie es nicht glauben, ich kann Ihnen den Hügel zeigen mit den +Steinstufen und auch die Höhle, die ich gegraben habe.“ + +Immer noch die Augen auf mich geheftet, als ob er einem +Krankheitsbericht zuhöre, dann die Stirne hochziehend, nahm er endlich +ruhig seine Pfeife aus der Tasche, griente mich unverschämt an und sagte +knochentrocken: „Ich kann Ihnen auch eine Höhle zeigen, die ich gegraben +habe im Busch, vor – achtundzwanzig Jahren. Passiert mir heute nicht +mehr. Ich lasse die toten Indianer und ihre Könige ruhig schlafen in +ihren Gräbern.“ + +Er reichte mir ein großes Paket Tabak über den Tisch: „Habe ich Ihnen +von der Reise mitgebracht.“ + +Dann tat er zwei Züge aus seiner kleinen Pfeife. + +Er blies den Rauch mit einem langen Atem und spitzen Munde aus. Er tat +es sehr philosophisch und nachdenklich. + +Als der Rauch sich verflogen hatte, betrachtete er seine Tabakspfeife +von allen Seiten, und während er wieder einen Zug nahm, heftete er seine +Augen auf mich und ließ mein Gesicht nicht mehr los. + +Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, sah mich von unten herauf an, +griente ganz niederträchtig, pfiff abermals den Rauch in einem langen +Stoß aus und sagte nun, das unverschämte Grienen beibehaltend und die +Augen halb zugekniffen: „Ja, was ich Ihnen raten möchte: Nehmen Sie sich +ein nettes, nicht zu dreckiges Indianermädel in Ihre Strohbude. Als +Köchin. Dann erscheinen Ihnen keine toten Indianer mehr.“ + + + + + Die Auferweckung eines Toten 7 + Indianertanz im Dschungel 16 + Die Geburt eines Gottes 23 + Der aufgefangene Blitz 28 + Spießgesellen 44 + Die Geschichte einer Bombe 52 + Die Dynamitpatrone 59 + Die Wohlfahrtseinrichtung 61 + Der Wachtposten 66 + Der ausgewanderte Antonio 68 + Familienehre 78 + Ein Hundegeschäft 84 + Der Eselskauf 91 + Diplomaten 98 + Bändigung 116 + Der Großindustrielle 146 + Die Medizin 152 + Der Banditendoktor 157 + Indianerbekehrung 189 + Der Nachtbesuch im Busch 195 + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen, zum Teil basiert auf anderen Ausgaben, sind hier aufgeführt +(vorher/nachher): + + [S. 21]: + ... Plateau, und sie lag wie flimmender Lichtnebel auf dem weiten ... + ... Plateau, und sie lag wie flimmernder Lichtnebel auf dem + weiten ... + + [S. 204]: + ... Hemden? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch + ein ... + ... Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch + ein ... + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79066 *** diff --git a/79066-h/79066-h.htm b/79066-h/79066-h.htm new file mode 100644 index 0000000..4437eb8 --- /dev/null +++ b/79066-h/79066-h.htm @@ -0,0 +1,12680 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1"> +<title>Der Busch | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Der Busch" --> + <!-- AUTHOR="B. Traven" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Büchergilde Gutenberg, Berlin" --> + <!-- DATE="1930" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; max-width:30em; } +.pub { text-indent:0; text-align:center; font-size:2em; margin-bottom:4em; } +.pub .line3{ font-size:0.5em; font-style:italic; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin:0; padding-top:2em; + margin-bottom:0em; } +.aut { text-indent:0; text-align:center; font-size:1.5em; margin-bottom:6em; } +.cop { text-indent:0; text-align:left; margin-bottom:2em; + font-size:0.8em; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:right; padding-top:4em; + margin-top:0; margin-bottom:2em; } +h2.epi { text-align:center; font-style:italic; } +h2.epi .line2 { font-size:0.8em; } +h2.chapter { margin-bottom:0; } +h3 { text-indent:0; text-align:right; font-style:italic; + margin-top:2em; margin-bottom:1em; } +h3.section1{ margin-bottom:0; } +div.chapter h2 { padding-top:4em; } /* undo pgepub.css */ + +p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } +p.noindent { text-indent:0; } +p.dropart { text-indent:0; } + +span.firstchar img { height:7em; margin:0; padding:0; } +span.prefirstchar { display:none; } +span.postfirstchar.drop-w { margin-left:-4em; } +span.postfirstchar.drop-d { margin-left:-1em; } +span.postfirstchar.drop-u { margin-left:-2em; } + +p.ibr { /* guessed para-break */ } +p.tb { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; } + +/* "emphasis"--used for spaced out text */ +.underline { text-decoration: underline; } +.hidden { display:none; } + +/* poetry */ +div.poem-container { text-align:center; } +div.poem-container div.poem { display:inline-block; } +div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; + font-style:italic; } +.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } +.stanza .verse1{ text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:3em; } + +/* TOC table */ +div.table { text-align:center; margin-top:4em; } +table { margin-left:auto; margin-right:auto; border-collapse:collapse; } +table td { padding-left:0em; padding-right:0em; vertical-align:top; text-align:left; + text-indent:0; } +table.toc td.col1 { text-align:left; padding-left:2em; text-indent:-2em; } +table.toc td.col_page { padding-left:3em; text-align:right; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +/* Transcriber's note */ +.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; + color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; + page-break-before:always; margin-top:3em; } +span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc; + color: #000; border:0; margin:0; padding:0; + page-break-before:avoid; margin-top:0em; } +.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } +.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } +.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } + +/* page numbers */ +a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } +a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; + letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; + font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; + border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; + display: inline; } + +div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; } +img { max-width:100%; } +div.centerpic.logo { padding-top:1em; margin-bottom:1em; } +div.centerpic.logo img { max-width:6em; } + +body.x-ebookmaker { margin-left:0; margin-right:0; } +.x-ebookmaker div.frontmatter { max-width:inherit;} +.x-ebookmaker div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; } +.x-ebookmaker a.pagenum { display:none; } +.x-ebookmaker a.pagenum:after { display:none; } +.x-ebookmaker .trnote { margin:0; } + +</style> +</head> + + +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79066 ***</div> + + +<div class="frontmatter chapter"> +<div class="centerpic"> +<img src="images/cover.jpg" alt=""></div> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<div class="centerpic logo"> +<img src="images/logo.jpg" alt=""></div> + +<p class="pub"> +<span class="line1">BÜCHERGILDE</span><br> +<span class="line2">GUTENBERG</span><br> +<span class="line3">BERLIN 1930</span> +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<h1 class="title"> +DER BUSCH +</h1> + +<p class="aut"> +von B. TRAVEN +</p> + +<p class="cop"> +Nachdruck verboten / Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten +Copyright 1930 by B. Traven, Tamaulipas, Mexico / Ausstattung und Einbandzeichnung +von Georg Hempel / Druck der Buchdruckwerkstätte GmbH., Berlin +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="epi" id="part-1"> +<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> +<span class="line1">PALS IN THE BUSH IN MEXICO.</span><br> +<span class="line2">AMERICAN SONG</span> +</h2> + +</div> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Down I came from Illinois</p> + <p class="verse">Singing with two other boys</p> + <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Shorty Greg he was the first,</p> + <p class="verse">He could not survive the thirst</p> + <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Buried him near a maguey plant</p> + <p class="verse">With bare hands in boiling sand</p> + <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Then, a snake got Kid all right,</p> + <p class="verse">Could not help him, so he died</p> + <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">I was down with delirium</p> + <p class="verse">While the vultures picked my chum</p> + <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Can’t return to Illinois</p> + <p class="verse">Feel as if I’d slain the boys</p> + <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Have to stay forever here</p> + <p class="verse">Where their voices I may hear</p> + <p class="verse1">In the bush in Mexico.</p> + </div> + </div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="epi" id="part-2"> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +<span class="line1">IM BUSCH IN MEXIKO.</span><br> +<span class="line2">AMERIKANISCHES LIED</span> +</h2> + +</div> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Von Illinois kamen wir herunter,</p> + <p class="verse">Drei lustige Burschen, singend und munter</p> + <p class="verse1">In den Busch in Mexiko.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Der kleine Greg ging am Durst zugrunde,</p> + <p class="verse">Die Zunge hing ihm wie ’ne Faust im Munde</p> + <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">An einem Maguey mit nackter Hand</p> + <p class="verse">Gruben wir ihn in den heißen Sand</p> + <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Eine Schlange biß Kid in die Hände,</p> + <p class="verse">Am Abend war’s schon mit ihm zu Ende</p> + <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ich lag im Fieber-Delirium,</p> + <p class="verse">Die Geier pickten an Kid herum</p> + <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Ihre Mütter würden mich weinend fragen,</p> + <p class="verse">Fühl’ so, als hätt’ ich die Jungen erschlagen</p> + <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p> + </div> + <div class="stanza"> + <p class="verse">Kann nicht zurück in die Heimat mehr gehn,</p> + <p class="verse">Ich muß bei den toten Kameraden stehn</p> + <p class="verse1">Im Busch in Mexiko.</p> + </div> + </div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-3"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +DIE AUFERWECKUNG +EINES TOTEN +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-w"><span class="prefirstchar">„</span><img src="images/drop_w.jpg" alt="W"><span class="hidden">W</span></span><span class="postfirstchar drop-w">ir</span> müssen zwölf Mules von der Weide haben“, sagte der +Farmer, Mr. Hilbert, zu seinem Foreman Toribio. „Wir wollen morgen +mit dem Durchpflügen der Tomatenfelder anfangen. Reiten Sie rauf auf +die Prärie und fangen Sie die zwölf Mules ein.“ +</p> + +<p> +Das war sehr früh am Morgen. +</p> + +<p> +Als Toribio auf dem Wege war, traf er den Indianerburschen Elfego. +Elfego war achtzehn Jahre alt und wohnte mit seinen Eltern im Dorfe. +Er hatte seine Kühe auf die Prärie getrieben und war jetzt auf dem +Heimwege. „Wo reitest du denn hin?“ fragte er Toribio. +</p> + +<p> +„Ich soll für den Patron zwölf Mules einfangen und runterbringen, wir +brauchen sie zum Pflügen.“ +</p> + +<p> +„Das würde mir gerade Freude machen“, sagte Elfego darauf, „dir bei +dem Einfangen zu helfen. Ich habe jetzt doch weiter nichts zu tun.“ +</p> + +<p> +Er wendete sein Pferd und ritt nun mit Toribio hinauf auf die Weide +des Amerikaners. Die Weide lag über dem Tal, auf einer Hochebene, wo +auch ein angelegter Teich genügend Wasser hielt, um die Tiere auf der +Weide zu tränken. Mr. Hilbert hatte hier gutes Guinea-Gras angebaut, +das vorzügliches Futter für seine Viehherden und für seine Mules und +Pferde gab, die hier hinaufgetrieben wurden, wenn unten auf den Feldern +keine Arbeit für sie war. Die Weide war ringsum von dichtem Ur-Busch +umgeben. An der Nordseite war die Weide durch einen steilen Abhang +begrenzt, der aus sehr grobem felsigem Gestein bestand. Das Einfangen +der Mules würde Toribio schwergefallen sein, wenn er nicht Elfego zur +Hilfe gehabt hätte; denn die Mules waren lange nicht in Arbeit gewesen +und waren darum ziemlich verwildert. Endlich hatten sie zehn Mules +beisammen. Toribio hatte sie gekoppelt, und es fehlten nur noch zwei, +die er herauszufangen hatte. +</p> + +<p> +Toribio trieb dem Elfego ein Mule entgegen. Elfego schwang den Lasso +weit aus, um es zu fangen. Aber das Mule brach durch eine rasche +Wendung unter dem Lasso aus. Nun versuchte Elfego das Mule zu umgehen +und es Toribio zuzutreiben, der den andern Halbkreis hielt, auf +den das Mule zujagen mußte. +</p> + +<p> +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +Als Elfego in rasendem Ritt innerhalb seines Halbkreises das Mule beinahe +abgedrängt hatte und den Bogen noch um einige Längen zu erweitern +suchte, um das Tier überraschend von hinten zu packen, hielt, +mitten im rasendsten Lauf, sein Pferd mit einem Ruck an. Denn vor sich +hatte das Pferd plötzlich den felsigen Abhang entdeckt, auf den Elfego +sein Pferd zu dicht gejagt hatte, weil er infolge des hohen Grases die +Entfernung von dem Abhang unterschätzt hatte. Durch den plötzlichen +Ruck des Haltens wurde Elfego, dessen Körper sich im Zeitmaß des +rasenden Galopps befand, kopfüber aus dem Sattel geschleudert. Er +sauste über dem Kopf seines Pferdes über den Rand des Abhangs. Er +fiel nicht tief. Vielleicht nur drei Meter. Aber er traf mit dem Kopf +zuerst auf und blieb bewußtlos liegen. +</p> + +<p> +Toribio hatte gesehen, wie Elfego hoch über den Hals des Pferdes ging. +Aber er glaubte, es sei nur ein gewöhnlicher Fall, wie er häufig beim +Reiten vorkommen kann, und er war überzeugt, daß Elfego nur in das +Gras gefallen sei, weil auch Toribio der Meinung war, daß dort der +Abhang noch nicht beginne; denn er hielt Elfego, der ja die Weide gut +kannte, nicht für so unvorsichtig, daß er so dicht an den Abhang reiten +würde. Freilich war Elfego im Eifer des Fangens, und er war auch schon +darum nicht zu tadeln, weil hier der Abhang eine Bucht in die Weide +hineinbog, die durch das hohe Gras nicht zu erkennen war. +</p> + +<p> +Toribio richtete jetzt auch sein ganzes Augenmerk auf das umkreiste +Mule, das auf ihn zugejagt kam, weil es sich noch immer von Elfego +verfolgt dachte. Toribio schwang den Lasso, der Lasso fing, und er ritt +nun auf das keuchende Tier zu, das jetzt stillstand, um es zu den übrigen +zu bringen und dort zu koppeln, bis alle zum Abtreiben bereit waren. +</p> + +<p> +Ob Elfego inzwischen aufgestanden war oder nicht, konnte Toribio infolge +des hohen Grases, das an vielen Stellen den Kopf des Reiters +überragte, nicht sehen. Als er sich rückwärts wandte, bemerkte er ein +weidendes Mule in der Nähe eines großen schattigen Baumes. Er stieg +vom Pferde, nahm den Lasso mit und schlich sich vorsichtig durch das +hohe Gras an das weidende Tier, dem er sich unauffällig so weit nähern +konnte, daß er es vom Boden aus lassote. Er hatte jetzt alle zwölf Mules +beisammen. +</p> + +<p> +Nun pfiff er hinüber zu Elfego. Aber er bekam keine Antwort. Dann +rief er, aber auch jetzt hörte er nichts. Endlich stieg er aufs Pferd und ritt +hinüber zu der Stelle, wo er Elfego hatte fallen sehen. Das Pferd Elfegos +stand ruhig da und weidete. +</p> + +<p> +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +Toribio kam zu der Bucht und sah dort Elfego unter sich. Er kletterte +hinab, hob Elfego auf und setzte ihn aufrecht auf den Stein. Er schüttelte +ihn, und nach einer Weile kam Elfego zu sich, verstört und ungewiß, wie +aus einem langen Schlafe erwachend. +</p> + +<p> +Toribio untersuchte ihn, aber er fand keine Verwundung. Dann fragte +er: „Tut dir etwas weh, Elfego?“ +</p> + +<p> +„Nein“, sagte Elfego. „Es tut mir nichts weh. Der Kopf tut mir ein +wenig weh. Ich glaube, daß ich eine Beule habe.“ +</p> + +<p> +Toribio untersuchte den Kopf, aber er fand keine Beule. +</p> + +<p> +„Kannst du heimreiten?“ fragte Toribio. +</p> + +<p> +„Ja, natürlich kann ich heimreiten.“ +</p> + +<p> +Er stand nun auf und kletterte an dem Abhang hinauf, ohne daß er der +Unterstützung Toribios bedurfte. Toribio holte die Pferde heran. Elfego +stellte den Fuß in den Bügel, schwang sich hoch und wollte sich gerade +in den Sattel setzen, als er sagte: „Mir wird schlecht, auch schwindlig im +Kopf. Ich werde mich lieber dort noch eine Weile in den Schatten des +Baumes setzen und ein wenig ausruhen.“ +</p> + +<p> +„Gut“, sagte Toribio. „Ich setze mich mit dir dorthin. Wir haben Zeit. +Wenn ich erst am Nachmittag mit den Mules hinunterkomme, macht es +auch nichts.“ +</p> + +<p> +Sie gingen beide hinüber zu dem Baum. +</p> + +<p> +Hier stand Elfego eine Weile, dann tastete er nach dem Baumstamm, +weil er fürchtete, nach vorn zu fallen, hierauf schüttelte er mit dem +Kopfe, als ob ihm der Kopf lose auf dem Halse sitze, dann erbrach er +sich heftig, hierauf sank er in die Knie, endlich fiel er mit dem Kopfe +vornüber, kollerte langsam rollend auf die Seite, streckte sich aus und +war tot. +</p> + +<p> +Toribio schüttelte ihn heftig, klopfte ihm auf die Handflächen und auf +den Puls sowie auf den Nacken, aber er kam nicht mehr zu sich. Er +atmete nicht mehr, und sein Herzschlag war nicht mehr zu hören. +</p> + +<p> +Toribio zog ihm sein Taschentuch aus der Tasche und deckte es über sein +Gesicht, dann lüftete er den Sattel an dem Pferde des Verunglückten, +zog die Säcke hervor, die als Satteldecken dienten, und deckte den Toten +damit zu, um die Geier fernzuhalten. +</p> + +<p> +Dann setzte er sich auf sein eigenes Pferd. Und als er aufgesessen war, +dachte er eine Weile nach, ob er die Mules erst hinuntertreiben oder ob +er besser schnell ins Dorf reiten solle, um den Eltern Elfegos zu sagen, +was geschehen sei. Er kam nach kurzem Nachdenken zu dem Entschluß, +<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> +sofort im schnellsten Trab heimzureiten und die Mules später abzutreiben, +weil er ja doch mit dem Vater Elfegos wieder heraufreiten +würde, um ihm zu zeigen, wo der Junge läge. +</p> + +<p> +Er fand den Vater nicht daheim. Der Vater war in der Departementshauptstadt, +wo er mit einem Holzhändler wegen Holzlieferung verhandelte. +</p> + +<p> +Nur die Mutter war daheim. Elfego war ihr einziges Kind. Sie schrie +auf in einem schrillen Kreischen. +</p> + +<p> +Die Nachbarn kamen gleich herbei, und einige Männer und Burschen +gingen zu Mrs. Hilbert und baten sie um einen leichten Wagen, mit dem +man bis dicht an den Berg fahren könne, um den Leichnam heimzuholen. +Nachmittags um drei Uhr waren die Leute mit dem Wagen und mit dem +Verunglückten im Dorf. Am Eingang des Dorfes hielten sie an. Sie +banden rasch ein Gestell zusammen, legten Elfego darauf, deckten eine +Decke über ihn und trugen ihn so, in einem feierlichen Aufzuge, alle +Träger und Begleiter entblößten Hauptes, der Mutter ins Haus. +</p> + +<p> +Als die Träger vor dem Stacheldrahtzaun, der das kleine Anwesen der +Eltern Elfegos einzäunte, erschienen, schrie die Mutter gellend auf, und +alle ihre Nachbarinnen und weiblichen Verwandten, die im Hause auf +den Verunglückten warteten, fielen in das gellende Schreien mit ein. +</p> + +<p> +Die Mutter hatte sich einen Tisch ausgeliehen und den Tisch mit ihrem +eigenen zusammengestellt, ein weißes Laken darübergebreitet, Blumen +daraufgestreut, am Kopfende ein großes grellfarbiges Bild der Jungfrau +Maria aufgestellt und sechs Kerzen angezündet, die vor dem Bilde +standen. +</p> + +<p> +Der Verunglückte wurde auf den Tisch gelegt, und die Mutter warf sich +über ihn hin. +</p> + +<p> +Die schlichte Stube in dem dünnwandigen Holzhause war gedrängt voll +Menschen. Mrs. Hilbert war auch anwesend und bemühte sich zu helfen +oder die weinende Mutter zu beruhigen. +</p> + +<p> +Es war wohl etwa während dieser Zeit, als ich am Hause des Mr. Hilbert +vorritt, vom Pferde stieg, ins Haus kam, um Mr. Hilbert um einige +Zeitschriften zu ersuchen und eine halbe Stunde mit ihm zu schwatzen. +Wir saßen schon eine gute Weile zusammen, da kam Toribio ins Haus +und erzählte die Geschichte. Bisher wußte Mr. Hilbert nichts davon, weil +er soeben erst von einem seiner fernen Außenfelder hereingeritten gekommen +war und seine Frau sich ja im Hause des Verunglückten befand. +Er hatte die Mädchen nicht gefragt, wo sie sei. +</p> + +<p> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +„Dann lassen Sie uns nur einmal hingehen und zusehen, was da vor sich +geht“, sagte Mr. Hilbert. +</p> + +<p> +Wir kamen in das Haus und fanden das ganze Dorf versammelt. Die +Leute, die nicht im Hause Platz fanden, standen draußen herum. Alle +betrachteten sich den Toten und gingen dann wieder hinaus, um draußen +herumzustehen. Die Frauen beschäftigten sich unausgesetzt, meist mit +ganz überflüssigen Dingen, aber sie taten es, um der Mutter zu zeigen, +daß sie ihr hilfeleistend zur Seite stünden. +</p> + +<p> +Mr. Hilbert und ich, wir traten nun ganz dicht heran an den Leichnam +und sahen ihn uns an. +</p> + +<p> +„Wann ist er denn gestorben?“ fragte ich. „Welche Zeit?“ +</p> + +<p> +„Früh um neun ungefähr.“ +</p> + +<p> +Ich sah nach der Uhr. +</p> + +<p> +„Und jetzt ist es fünf.“ +</p> + +<p> +Ich hob die Augendeckel des Toten auf, fühlte an seine Backen, fühlte +die Schädeldecke ab, tastete auf die Brust, nahm die Hände auf und +bewegte die Finger. +</p> + +<p> +Mr. Hilbert stand hinter mir. Ich drehte mich zu ihm und sagte: „Der +Junge ist nicht tot, der lebt noch. Angeblich soll er seit neun Uhr tot +sein. Das sind acht Stunden bereits. Die Finger sind noch genau so gelenkig, +wie bei mir und wie bei Ihnen, die Augen sind starr, aber nicht +gebrochen. Fühlen Sie die Schädeldecke an. Na? Die ist doch ganz heiß. +Wenn der Bursche acht Stunden tot wäre, dann dürfte nichts mehr heiß +sein, und die Finger würden bereits erstarren. Wir haben gestern schweren +Regen gehabt. Es war heute ein ungemein heißer Tag. Der Bursche müßte +schon stinken. Aber er stinkt nicht. Nicht eine Spur.“ +</p> + +<p> +„Es scheint in der Tat, als ob Sie recht hätten“, sagte Mr. Hilbert. „Wir +wollen ihn einmal bearbeiten.“ +</p> + +<p> +Die Mutter, die interesselos in einer Ecke saß und nur gelegentlich einmal +gellend aufschrie, sah jetzt auf, als ich den Burschen so eingehend +untersuchte und dann mit Mr. Hilbert den Fall besprach. +</p> + +<p> +„Geben Sie mir einen Spiegel“, sagte ich zu einer Frau. Der Spiegel +wurde gebracht, und ich hielt ihn gegen den Mund des Verunglückten. +Ein ganz leiser Hauch war auf dem Glase sichtbar, als ich den Spiegel +betrachtete. +</p> + +<p> +Alle Anwesenden, auch die Mutter, hatten mich während dieses Vorganges +fortgesetzt beobachtet. Sie erweckten den Eindruck, als wagten +sie nicht zu atmen. Sie erwarteten zweifellos, daß ich jetzt den Burschen +<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> +bei der Hand nehmen und sagen würde: „Stehe auf und wandle!“, und +er würde dann wandeln. Aber das ließ ich doch besser bleiben. +</p> + +<p> +Ich sah nun auf und sagte: „Der Junge lebt noch; ich vermute, er +hört jedes Wort, das wir hier sprechen. Er hat nur eine sehr schwere +Gehirnerschütterung.“ +</p> + +<p> +Die Mutter sprang auf. Sie wollte einen Freudenschrei ausstoßen, aber +sie besann sich noch rechtzeitig und preßte ihre Hand gegen den Mund. +</p> + +<p> +„Freilich“, fügte ich nun hinzu, „ob der Junge wieder zu sich kommt, +oder ob er bewußtlos bleibt und doch noch stirbt, das läßt sich nicht sagen. +Er hängt genau in der Mitte.“ +</p> + +<p> +„Sagen Sie, was wir tun sollen“, wisperte die Mutter, „wir wollen alles +tun, was Sie für richtig halten.“ +</p> + +<p> +Die Mutter wurde geschäftig und vergaß all ihren Schmerz. Von diesem +Augenblick an betrachtete sie den Jungen nur noch wie einen Fieberkranken, +den man mit aller Sorgfalt pflegen müsse. +</p> + +<p> +Ich ordnete an, daß man Steine heiß mache und gegen die Fußsohlen +lege. Dann ließ ich gleichzeitig heiße Umschläge auf den Leib machen. +In der Tienda wurde Eis geholt, und ich ließ Eis auf die Schädeldecke +legen und gegen den Hinterkopf. Ich sagte mir, der Kopf ist heiß, also +muß im Kopf ein starker Blutandrang sein, und den müssen wir zum +Leibe und zu den Füßen führen, damit das Blut wieder zirkuliert. Wir +klopften den Puls, klopften die Brust an der Stelle des Herzens, und wir +klopften die Waden und die Füße. Zuweilen machten wir noch künstliche +Atembewegungen. Es wurde Ammoniak besorgt, und ich hielt es unter +die Nase des Burschen, und dann flößte ich ihm einige Löffel voll starken +Branntweins in den Mund. +</p> + +<p> +Ich sprach etwa zwei Stunden später mit Mr. Hilbert, der inzwischen +fortgegangen, aber jetzt wiedergekommen war, und ich machte den Vorschlag, +dem Burschen am Puls eine Ader zu öffnen. +</p> + +<p> +Durch diese Aderöffnung würde vielleicht das Blut zu laufen beginnen, +und die Blutstockung im Hirn würde geringer werden. Eine Gefahr der +Verblutung lag nicht vor, weil wir ja zur Hand waren und den Oberarm +rechtzeitig abbinden konnten. +</p> + +<p> +„Das erscheint mir sehr gut“, sagte Mr. Hilbert. „Aber ich rate Ihnen, +tun Sie es nicht. Wenn auch die Mutter gesagt hat, daß sie Ihnen den +Körper ihres Jungen bedingungslos überantwortet – geht es schief, +können die Leute Sie anzeigen, daß Sie hier operiert haben, und die +Sache kann so gedreht werden, daß behauptet wird, Sie haben den +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +Jungen durch die Aderöffnung getötet. Das kann eine unangenehme +Sache werden. Solange wir rein äußerlich hier arbeiten, mit heißen +Steinen, Umschlägen und Eisauflagen, das schadet nichts; aber wenn Sie +schneiden, dann kann man Ihnen etwas anhängen, was Sie nicht mehr +loswerden.“ +</p> + +<p> +Das war ein guter Rat. Man ist ein Fremder, und man befindet sich unter +einer fremden Rasse, die anders denkt und anders urteilt. +</p> + +<p> +So unterließ ich die Aderöffnung. +</p> + +<p> +Nun war es elf Uhr nachts. Ein Teil der Leute war gegangen, dafür aber +waren andere erschienen, die aus entfernter liegenden Dörfern gekommen +waren, sei es auf der Durchreise, oder sei es aus Neugierde. +</p> + +<p> +An dem Verunglückten hatte sich nichts geändert. Die Finger und Zehen, +wie alle Gelenke, waren weich und beweglich, die Augen waren nicht gebrochen, +die Schädeldecke war noch immer heiß, wenn auch nicht mehr +so heiß wie am Nachmittag, die Lippen waren bläulich mit einem rötlichen +Schimmer; und die Fingernägel waren kalkweiß, aber wenn man +sie ganz heftig preßte und dann losließ, nahmen sie einen ganz dünnen, +rosigen Hauch an. Ich hielt ein brennendes Zündholz auf den Unterarm. +Die Haut rötete sich leicht, zog aber keine Blase. Ich kühlte den Spiegel +mit Eis und hielt ihn gegen den leicht geöffneten Mund. Ein kaum sichtbarer +Schleier zeigte sich auf dem Spiegel. Die Augenlider waren dicht +geschlossen, und wenn man sie hob, schlossen sie sich nach einer Weile +langsam wieder. Der Bursche lebte noch immer. Da war kein Zweifel. +</p> + +<p> +Das braune Gesicht hatte einen Ausdruck angenommen, der sich von dem +Ausdruck, den das Gesicht am frühen Nachmittag gezeigt hatte, völlig +unterschied. Am Nachmittag trug das Gesicht den starren Ausdruck eines +Toten. Jetzt dagegen hatte das Gesicht den Ausdruck eines Menschen, der +tief schläft wie in einem schwer narkotischen Rausch. Man gewann den +Eindruck, daß der Bursche jeden Augenblick die Augen aufschlagen müsse, +einen Eindruck, den man am Nachmittag nicht hatte. +</p> + +<p> +Mit den Neuangekommenen war ein Spanier ins Haus getreten. Ich +kannte ihn. Er war ein Aufkäufer von Holzkohle. +</p> + +<p> +Sobald er in den Raum getreten war, tat er sich sofort wichtig. Er warf +seinen Hut in die Ecke, drängte sich durch die Leute, kam auf den Verunglückten +zu, packte ihn brutal an, als ob er damit zeigen wolle, daß +er allein wisse, wie man einen solchen Fall zu behandeln habe. Er tat sehr +geräuschvoll. Weil bisher alles sehr ruhig hier zugegangen war, alle +Handlungen, das Auswechseln der Steine und Umschläge sowie die +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +immer wieder aufgenommenen Atembewegungen und Massierungen, +wohl energisch und sicher, aber doch schweigend oder nur flüsternd +gehandhabt wurden, wirkte das Gebaren des Spaniers ungemein lästig +und aufdringlich. +</p> + +<p> +Er fühlte die Backen des Verunglückten an, hob die Augenlider auf und +sagte dann sehr laut und kommandierend: „Der ist nicht tot, wir werden +ihn gleich hoch haben. Das ist ja alles verkehrt, was hier gemacht wird. +Umgekehrt. Das Eis mal sofort auf die Füße und Eisumschläge auf den +Leib. Auf den Kopf und auf den Nacken müssen die heißen Steine.“ +</p> + +<p> +Die Mutter des Verunglückten, die bisher alles, wie ich es anordnete, +willig getan hatte und meinen Ratschlägen auf das Wort vertraute, +blieb mitten im Zimmer stehen. Sie trug gerade einen heißen Stein in +einem Stück Sackleinwand in der Hand, um ihn gegen den kaltgewordenen +Stein an den Füßen auszuwechseln. Sie wurde völlig verwirrt und +sah mich mit aufgerissenen Augen an, was ich dazu sage. +</p> + +<p> +Ich zuckte mit den Schultern, trat zurück von dem Verunglückten und +ging in den Hintergrund, das Feld dem Spanier überlassend. Hier hatte +allein die Mutter zu entscheiden, welchen Anordnungen gefolgt werden +sollte. +</p> + +<p> +Ich sah, daß sie sprechen wollte, und ich fühlte, daß sie sagen würde, der +Spanier möge seiner Wege gehen. Aber der Spanier ließ ihr keine Zeit, +irgend etwas zu denken oder zu sagen. Er riß ihr den Stein beinahe aus +der Hand, packte mit harten Griffen das Eis unter dem Nacken und auf +dem Kopfe fort, legte es zu den Füßen und stopfte alle heißen Steine, die +er bekommen konnte, unter den Nacken und unter den Hinterkopf. +</p> + +<p> +Die Mutter stand jetzt regungslos im Zimmer. Sie kümmerte sich um +nichts mehr. Sie tat nichts mehr. Sie erschlaffte völlig. Alle Aufregung, +die sie seit zwölf Stunden oder länger gehabt hatte, zeigte sich nun ganz +plötzlich in einer Ermüdung, der sie nicht mehr widerstehen konnte. Das +rasche brutale Gebaren des Spaniers wirkte auf sie wie ein harter Schlag, +der ihren Willen, ihr Hoffen und alle ihre Widerstandskraft lähmte. Sie +schleppte sich zu einem Stuhl in der Ecke des Zimmers, wo sie niedersank +und ganz in sich zusammenfiel. +</p> + +<p> +Der Spanier arbeitete laut und lärmend, kommandierend und unausgesetzt +schwätzend um den Verunglückten herum. Alles war verkehrt, die +Beine müßten viel höher liegen als der Kopf, und wenn er nicht glücklicherweise +vorbeigekommen wäre, hätte man den armen Burschen gar +lebendig eingegraben. Mr. Hilbert und ich, wir hatten während dieser +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Zeit im Hintergrunde gestanden. Als jetzt einige Leute das Zimmer verließen, +kamen wir wieder näher zu dem Tische, auf dem der Verunglückte +lag. +</p> + +<p> +In der halben Stunde, in der wir den Körper nicht gesehen hatten, hatte +sich nun etwas Merkwürdiges ereignet. Der Ausdruck des Gesichts hatte +sich völlig verändert. +</p> + +<p> +Der Mund hatte sich zu einem sonderbaren ironischen Grinsen verzogen, +das die volle ungeschminkte Antwort auf die Frage enthielt: „Wißt ihr, +was ihr alle mir mal könnt?“ +</p> + +<p> +Ich betrachtete den Burschen so eine Weile, dann stieß ich Mr. Hilbert +leicht an. Auch er sah es. Der Unterkiefer sank langsam herab, und die +kräftigen gesunden Zähne des Burschen traten scharf hervor. +</p> + +<p> +Das war um halb eins in der Nacht. Und ich ging heim. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen gegen acht Uhr ging ich wieder zu dem Hause. Das +Haus war leer, alle Türen standen offen. Ich ging in das Nachbarhaus. +Ich traf eine alte Indianerin, die da hockte und rauchte. +</p> + +<p> +„Elfego?“ sagte die Frau. „Ja, wissen Sie das nicht? Die sind doch mit +ihm auf den Friedhof gegangen. Heute morgen um sechs stank er, und +die Finger waren hart, und da sind sie um sieben mit ihm losgegangen. +Das wissen Sie doch aber, Senjor, der Spanier hat den armen Jungen +ermordet.“ +</p> + +<p> +Das ist die Ursache, warum seitdem in jenem Dorfe behauptet wird, ich +könne Tote erwecken, obgleich ich noch nie einen Toten erweckt habe. +</p> + +<p> +Aber der Beweis, daß ich Tote erwecken kann, ist zweifelfrei erbracht, +nach Meinung jener Leute. Denn selbst der einfachste und schlichteste +Indianer wird die Tatsache begreifen: Wenn ich in allen Dingen genau +das Gegenteil tue von dem, was einen Menschen tötet, so muß das +Resultat immer sein: Eine Auferweckung des Toten. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-4"> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +INDIANERTANZ IM DSCHUNGEL +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-s"><img src="images/drop_s.jpg" alt="S"><span class="hidden">S</span></span><span class="postfirstchar drop-s">eit</span> mehreren Monaten bewohnte ich eine primitive Hütte im +Dschungel. Bis zur nächsten Siedelung, wo eine weiße Familie wohnte, +hatte ich etwa drei Stunden zu reiten. Alle Menschen meiner Nachbarschaft +waren Indianer. Aber selbst der nächste von ihnen war eine halbe +Stunde von meinem Platze entfernt. +</p> + +<p> +Es war an einem Spätnachmittag im November, gegen Ende des Monats +und sehr heiß. Ich saß halbnackt vor meiner Hütte und las. Da plötzlich +kommt ein Indianer, mein Nachbar, gemächlich angeritten, setzt sich zu +mir, und wir reden eine Weile über die viele Arbeit, die wir haben. Vorgeblich +haben, denn wir taten alle eigentlich nichts, weder die Indianer +noch ich. +</p> + +<p> +Nach dieser Vorrede über die viele Arbeit und das wenige Geld, das es +dafür gebe, kam mein rothäutiger Nachbar zum Kernpunkt seines +Besuches. +</p> + +<p> +„Senjor“, sagte er lachend, „wir machen heute abend tanzen, wir haben +musica, muy bonita, auch ich werde schön spielen, guitarra, ich habe es +gelernt fünf Tage.“ +</p> + +<p> +Damit meinte er, daß er vor fünf Tagen angefangen habe es zu lernen. +</p> + +<p> +„Wir machen viel Spaß“, redete er weiter, „Sie sind hier so allein und +so sehr traurig, Senjor.“ +</p> + +<p> +Ich war keineswegs traurig, ganz im Gegenteil, ich war überaus glücklich, +weder Straßenbahnen, noch Autos, noch Telephongeklingel zu hören. +Aber wenn man keine indianische Köchin in die Hütte nimmt, so ist man, +nach Ansicht der Indianer, unbedingt traurig. Ist man auch. Aber ich +konnte die acht Pesos Lohn nicht aufbringen, die eine Köchin monatlich +haben möchte. +</p> + +<p> +„Darum möchte ich Sie einladen, Senjor, kommen Sie rüber zu unserm +Tanz; Sie können bei mir zu Nacht essen.“ +</p> + +<p> +„Kommen hübsche Mädchen hin?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Senjor, verflucht noch mal, die allerhübschesten, die hier herum +wohnen.“ +</p> + +<p> +Gleich nach Sonnenuntergang machte ich mich auf den Weg. Wenn ich +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +nicht in rabenschwarzer Nacht durch den Busch zockeln wollte, mußte +ich mich beeilen; denn sobald die Sonne am Horizont verschwunden ist, +hat man gerade Zeit genug, sich mal umzudrehen, und die Nacht ist da, +ohne daß man sagen könnte, wo sie so schnell hergekommen ist. +</p> + +<p> +Die Hütte meines Nachbars lag auf demselben Höhenzuge, auf dem +meine Bärenhöhle lag, aber er wohnte noch abgeschiedener im Dickicht +als ich. Warum er sich so tief verkrochen hatte, ist eine andere Geschichte, +die zu erzählen wäre. +</p> + +<p> +Der Platz war idyllisch. Etwa ein Dutzend gigantische Ebenholzbäume +standen verstreut über der Buschlichtung, die eine Art Plateau bildete, +von dem aus man weit über das flache Dschungelland blicken konnte. Diese +herrlichen Bäume standen nicht da wie uninteressierte Säulen. Mit den +langen grauen Moosbärten, die von den Ästen hingen, erweckten sie den +Eindruck, als wären sie alte, jedoch sehr lustige Herren, die mit großem +Behagen darauf warteten, daß der Tanz beginne. +</p> + +<p> +Zwei Indianer mit ihren Frauen waren bereits anwesend. Nachdem die +sehr höfliche Begrüßung vorüber war, wurde ich aufgefordert, in die +Hütte zu kommen und zu Abend zu essen. Es gab schwarze Bohnen, +Tortillas und Kaffee. +</p> + +<p> +Inzwischen kamen weitere Gäste, nur Indianer; ich war der einzige +Weiße und war nur darum wohl eingeladen worden, weil ich ein Mitbewohner +in diesem wilden Dschungelbezirk war. Die Indianer kamen +geritten, auf Pferden, Maultieren oder Eseln. Viele hatten keine Sättel. +Alle brachten ihre Frauen und Kinder mit. Manchmal saßen Mann, Frau +und zwei Kinder auf demselben Pferd, während die Frau noch einen +Säugling im Arme hielt. In einem Basttäschchen hatten sie Tortillas, falls +sie Hunger bekommen sollten, denn getanzt wird bis Sonnenaufgang. +</p> + +<p> +In einem Sack hatten die Frauen ihre flimsigen Musselinkleider und lacklederne +Halbschuhe. Bei der Ankunft waren sie entweder barfuß oder +trugen selbstgemachte schlichte Sandalen, und gekleidet waren sie in ihre +billigen Kattunkleider. +</p> + +<p> +Sobald sie von den Reittieren abgesessen hatten, wobei ihnen ihre +Männer mit höflichem Anstand halfen, verkrochen sie sich in einen +Winkel der Schilfhütte oder hinter die Hütte und zogen sich um. Sie +wuschen sich noch einmal, wobei sie stark nach Patschuli und Moschus +riechende Seife benutzten. Dann lösten sie ihr langes rabenschwarzes +Haar und kämmten es sorgfältig. +</p> + +<p> +Der Mond war aufgegangen, ein runder, glänzender, satter Vollmond. +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +Und er glitt in majestätischer Ruhe über den klingend klaren Nachthimmel. +</p> + +<p> +Nach und nach kamen die Frauen schüchtern hervor, an ihren hauchdünnen +Gewändern die Falten herunterstreichend. Die Kleider waren +kurz, nach der Mode, hatten kurze Ärmel und ließen Hals und Nacken +frei. In das offen hängende Haar hatten die Frauen Blumen gesteckt. +Manche der Frauen waren kaum fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, +hatten aber schon ihre Säuglinge mit; alle übrigen Frauen, die keine +Säuglinge hatten, standen in der Erwartung, bald welche zu bekommen. +</p> + +<p> +Der Gastgeber hatte einige Bretter über ein paar morsche Kisten gelegt, +damit die Damen sitzen konnten. Die Männer standen schwatzend +herum. Sie hatten sich nicht umgekleidet, weil sie nichts zum Umkleiden +hatten. Sie trugen ihre üblichen gelben oder blauen Zwirnhosen, ein +weißes oder farbiges Baumwollhemd, Sandalen oder Schuhe und ihren +großen spitzen Strohhut. Jacke oder Weste hatten sie keine. An Stelle +dessen hatten manche braune, rote oder bunte Wolldecken mitgebracht, +für den Fall, daß es in der Nacht kühl werden sollte. Die Frauen hatten +große schwarze Baumwolltücher, die sie um die Schultern legten. Diese +Tücher dienen als Hut, als Schleier, als wärmendes Umschlagetuch, als +Schal, häufig auch als Taschentuch und zuweilen als Windel für die +Säuglinge und, wenn zusammengefaltet, als Kissen für den Scheitel, +wenn die schweren Wasserkrüge vom Flusse herauf geschleppt werden +müssen. +</p> + +<p> +Die Musiker hatten gleichfalls ihre schwarzen Bohnen und ihren Kaffee +bekommen. Darauf hatten sie sich eine Zigarette gedreht, und als sie aufgeraucht +war, begann die Musik. Eine Geige und eine Gitarre. Mein +Nachbar spielte noch nicht, er wollte erst tanzen. +</p> + +<p> +Er hatte eine hübsche Frau, ungetrübtes indianisches Vollblut. Von allen +Frauen war sie am hübschesten angezogen, hatte die Blumen auf sehr +geschmackvolle Weise ins Haar gesteckt. Außerdem hatte sie sich parfümiert. +Sie war noch nicht ganz zwanzig Jahre alt; ihr ältester Sohn, +ungefähr fünf Jahre alt, zeigte sich im Laufe der Nacht als ausgezeichneter +Solotänzer und als Konsument von wenigstens zwanzig Zigaretten. +Seine Mutter war die einzige unter den anwesenden Frauen, Männern, +Mädchen und Kindern, die nicht rauchte. Alles, was sonst auf menschlichen +Beinen stand, die älter als drei Jahre waren, rauchte wie besessen. +Wenn alles das, was Nichtraucher und Mucker über die Schädlichkeit des +Rauchens erzählen, nur zu einem Fünftel wahr wäre, würde die +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +indianische Rasse längst ausgestorben, erblindet oder geistesgestört sein; +denn die Indianer rauchen Tabak schätzungsweise elftausend Jahre +länger als die übrigen Völker. +</p> + +<p> +Als die Musik zu spielen begann, wurde sofort getanzt. Dieses Zögern, +das die erste Stunde einer Tanzfestlichkeit oft wie eine Begräbnisfeierlichkeit +erscheinen läßt, kennen die Leute nicht. Ihnen ist Tanzen keine Verführung +Beelzebubs, noch viel weniger etwas, das sich mit der Würde +des Menschen nicht verträgt. Es waren Frauen da mit ihren Kindern und +mit Enkelkindern, die auch bereits in Hoffnung waren, während die +werdende Urgroßmutter selbst noch einen Säugling an der Brust liegen +hatte. Und diese lebenstrotzende Urgroßmutter tanzte nicht weniger +oft und nicht weniger graziös als die fünfzehnjährigen Mädchen. +</p> + +<p> +Die Frauen säugten ihre Kleinen, ohne irgendwelche Prüderei dabei zu +zeigen. Das geschah so natürlich, so unverhüllt, als ob dem Kindchen eine +Milchflasche gereicht würde. Hatten sich die Kleinen satt getrunken, dann +wurden sie in das schwarze Baumwolltuch gehüllt und glatt auf die Erde +gelegt, direkt unter die Bank, ein wenig nach hinten geschoben, damit +man sie nicht mit den Absätzen der Schuhe treffen konnte. Die Kleinen +schliefen dann lustig drauflos bis gegen Mitternacht, wo sie sich meldeten +und abermals ihre beiden Flaschen gefüllt vorfanden, trotzdem die +Mütter keinen Tanz versäumten. +</p> + +<p> +Wenn man aus Erfahrung weiß, was auf dem Erdboden im tropischen +Busch, auch wenn er in der Größe eines Hofes gelichtet ist, herumkriecht, +besonders zur Nachtzeit, so überläuft es einen eiskalt, wenn man die +kleinen Würmchen auf die Erde gebettet sieht. Die größeren Kinder +tummelten eine Weile herum, dann wurden sie müde, legten sich auf +die blanke Erde neben die Säuglinge, zogen die Knie so hoch sie konnten +und schliefen wie kleine Ratten. Wenn der Vater eine Decke hatte, +wurde sie dem Kinde untergeschoben, und es wurde wie ein Baumstamm +eingewickelt, bis das nächstältere auch müde ankam und hinzugewickelt +wurde. +</p> + +<p> +Bis gegen neun Uhr kamen immer noch weitere Gäste angeritten. Auf +mich machte es einen unheimlichen Eindruck, wenn plötzlich eine Frau, +seltener ein Mann, mitten in der Musik oder im Tanzen anhielt, einige +Sekunden in die Nacht hinauslauschte und dann sagte: „Es kommt +wieder ein Paar. Wer mag es sein?“ +</p> + +<p> +Der Weg zog sich in langen, verwachsenen Windungen durch den Busch. +Selbst bei Tage konnte man niemand in größerer Entfernung sehen als +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +hundert Meter an den günstigsten Stellen. Infolge der Musik und des +Geplauders der Leute konnte man nichts hören, was in einiger Entfernung +vor sich gehen mochte. Wenn jemand gesagt hatte: „Es kommt +ein Paar auf einem Maultier“, so dauerte es gut zehn Minuten, wenn +nicht oftmals mehr, ehe die Angemeldeten sichtbar wurden. Diese Gabe +der Fernmeldung ist bei Stämmen, die mehr im Süden wohnen, viel +höher ausgebildet und wirkt wahrhaft gespenstisch. +</p> + +<p> +Die Musik spielte alles nach Gehör. Ab und zu spielte der Geiger die +Gitarre und der Gitarrespieler die Geige. Wenn die Musiker selbst +tanzen wollten, ergriff einer der Indianer das Instrument und spielte, +vielleicht nicht ganz so gut wie die Musiker, die natürlich keine Berufsmusiker +waren, sondern wie alle übrigen Indianer Holzhauer und +Köhler. Auch mein Nachbar beeilte sich, zu zeigen, was er in den fünf +Tagen gelernt hatte. Ich wußte, daß er die Gitarre nicht länger im Hause +gehabt hatte, denn ich hatte ihn damit ankommen sehen, als er sie sich +ausgeliehen hatte. Jemand hatte ihm gezeigt, wie man das Instrument +anzupacken hat, ihm einige Griffe klargemacht, und das war alles. Was +er jetzt leistete, war in der Tat erstaunlich. Er hatte zwar nur die Geige +zu begleiten, aber auch das muß gekonnt sein. Ein paarmal vergriff er +sich wohl, fand aber immer von selbst die richtige Tonart wieder. +</p> + +<p> +Der Geiger, ein kleines schmächtiges Bürschchen, tanzte seltener mit den +Mädchen. Er zog es vor, Solo-Grotesktänze zu veranstalten. Diese Solotänze +waren so urkomisch, daß nicht nur die Indianer zum Bersten +lachten, sondern daß auch ich so lachen mußte, daß mir der Leib weh tat. +Die Kunst des Tanzes läßt sich nicht schildern, noch viel weniger die +des Grotesktanzes. +</p> + +<p> +Gespielt wurden amerikanische Onesteps und Foxtrotts, ferner Walzer, +die im altväterlichen Polkaschritt, nur viel langsamer, getanzt wurden, +ähnlich wie der sogenannte „Boston“. Der Rundwalzer oder Wiener +Walzer ist ganz unbekannt. Dann tanzte man eine Art Rheinländer. +Diese Tänze interessierten mich wenig. +</p> + +<p> +Jedoch jeder vierte Tanz etwa war das, was ich sehen wollte: Ein +Originaltanz. +</p> + +<p> +Ich habe denselben Tanz hier bei Vögeln gesehen in der Balzzeit. Dann +tanzen sie in der gleichen Weise voreinander, was ungemein drollig ist. +</p> + +<p> +Während des Tanzes nähern sich die Paare und entfernen sich, berühren +sich aber nie, nicht einmal bei den Händen. In bestimmten Intervallen +setzt die Musik aus und die Musiker sowie diejenigen Männer, die keine +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +Tänzerinnen haben, ersetzen die Musik durch Singen. Dieses Singen +geschieht auf der höchsten Spitze der menschlichen Stimme und ist ein +sehr taktmäßiges, jedoch schrilles und kreischendes Modulieren von +Tönen, die kaum etwas Menschliches an sich haben. (Der Kriegsschrei +der Azteken war ein ganz hoher schriller Schrei, der die Spanier, als sie +ihn zum ersten Male hörten, mit Grauen erfüllte.) Ein Hauch von diesem +Grauen überkommt einen sogar dann, wenn dieser Gesang rein freudigen +Zwecken dient. Nur bei diesem Tanz, sonst nicht, fühlte ich, daß ich in +einer andern Welt lebte, daß Jahrhunderte mich von meiner Zeit, Tausende +von Meilen mich von meiner Rasse trennten, daß ich auf einem +andern Erdball lebte als dem, auf dem ich geboren worden war. +</p> + +<p> +Der Mond stand jetzt steil über mir. Der tropische Nachthimmel war +von so glänzender Klarheit wie eine große schwarze Perle. Eine weiße +schimmernde Helle lag wie ein flutender dünner Seidenschleier auf dem +Plateau, und sie lag wie <a id="corr-0"></a>flimmernder Lichtnebel auf dem weiten +Dschungel. Es war die blendende Helle des Tages, gehüllt in eine dicke +weiße Wolke. Myriaden und Myriaden von Graspferdchen, Grillen, +Käferchen sangen den urewigen gleichförmigen Gesang der tropischen +Nacht, während in dem nahen Busch und dem Dschungel ein mitleidloses +Kämpfen um Leben und Liebe war. Ein leichter Wind wehte um die +grauen Bärte der Ebenholzbäume, und das war, als ob die alten Herren, +die Hunderte von Jahren zählten, einander zunickten und sich lustige +Dinge erzählten. Die angebundenen Pferde scharrten und schnüfften, +während die Esel arme dürre Strünke abknabberten, kauten und hin und +wieder kläglich trompeteten, um die Tiger, die durch den Busch +schlichen, zu erschrecken. Ab und zu lief ein Schwein den Tanzenden +zwischen die Beine, während ein anderes sich an einem Holzsattel, der +auf der Erde lag, den Rücken schabte und ein drittes sich behaglich +grunzend in dem Schlamme wälzte, der sich von den ausgeschütteten +Kaffeeresten gebildet hatte. +</p> + +<p> +Ein Kindchen begann leise zu weinen, und die Mutter ließ ihren Tänzer +los, lief zu dem winzigen Bündelchen, das auf der Erde kollerte, hob es +auf, wickelte es aus, knöpfte sich das Kleid weit auf, setzte sich auf die +Bank, gab dem Kinde zu trinken und sah dabei belustigt den Tanzenden +zu. +</p> + +<p> +Jeder Tanz wurde so lange gespielt, bis die Tänzer so ermattet waren, +daß sie ihre Damen zu der Bank führen mußten. Getrunken wurde nur +Wasser, und das in großen Mengen. Zwei Burschen hatten alle Augenblicke +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +mit einem Eimer zu einem Regenpfuhl zu laufen, der im Busch +lag und zur Nachtzeit allerlei gefährliche Gäste einlud, die vom Durst +hingetrieben wurden. +</p> + +<p> +Und ich tanzte und tanzte. Die jüngeren Frauen und Mädchen waren +anfangs ein wenig scheu mir gegenüber; aber als sie sahen, daß ich nicht +bissig war und beim Tanzen die Beine genau so bewegte wie ihre +Stammesgenossen, auch nur Hose, Hemd und Hut hatte und meine +Zigaretten verschenkte, bekamen sie Zutrauen. Bald konnte ich den Indianertanz +tanzen, worüber die Leute sich nicht wenig wunderten. Singen +freilich konnte ich ihn nicht und werde es auch nie lernen, dazu ist eine +Vorübung notwendig, die bei den Meistern zehntausend Jahre gedauert +hat. +</p> + +<p> +Bald hatte ich die beste Tänzerin entdeckt, die ich für die zweite Hälfte +der Nacht mit nur wenigen Ausnahmen Tanz für Tanz heranholte, was +mir niemand übelzunehmen schien. Es war die Urgroßmutter. Ihr Gesicht +war zerknülltes und zerknittertes schwarzbraunes Leder, ihre Augen +waren schwarz, ihr geöltes, langes strähniges Haar noch schwärzer, und +ihre Haut strömte einen nicht angenehmen scharfen Geruch aus. Möglich, +daß man sie, wenn man sie in Mitteleuropa anträfe, für des Teufels +Großmutter ansehen würde. Aber sie tanzte wie eine Göttin, und ihre +Grazie und ihre Anmut beim Tanzen waren von großer Schönheit. +</p> + +<p> +Mit Sonnenaufgang verblaßte der Mond, verblaßte die Musik. Unauffällig +zog sich eine Frau nach der andern hinter die Hütte zurück, kam +nach einer Weile wieder vor in ihren Lümpchen und mit einem Bündelchen. +Ebenso unauffällig, ohne Abschiedsszenen, setzten sie sich auf ihre +Pferde und Esel und verschwanden lautlos. Die aufgegangene Sonne +fand einen kahlen Platz, auf dem niemals getanzt, vielleicht von Tanzen +geträumt worden war. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-5"> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +DIE GEBURT EINES GOTTES +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-b"><img src="images/drop_b.jpg" alt="B"><span class="hidden">B</span></span><span class="postfirstchar drop-b">ei</span> vielen alten Völkern, und nicht immer nur bei den barbarischen, +wurden die Götter nach dem Ebenbilde des Menschen gemacht; man +gab den Göttern alle Charaktereigenschaften, alle Laster und Tugenden +eines Menschen. Die Fabrikanten der jüdischen und der christlichen Religion, +um eine Ausnahme zu machen, machten den Menschen nach dem Ebenbilde +Gottes. Das Endergebnis ist in beiden Fällen das gleiche, und der +erreichte Zweck entspricht dem, der beabsichtigt war: es sollte gezeigt +werden, daß der Mensch ein göttliches oder gottähnliches Wesen sei und +er darum das Recht habe, alles das und alle die zu beherrschen, die keine +gottähnlichen Wesen seien. Alle Götter, heidnische, jüdische und christliche, +sind Schöpfungen von Menschen. Nur in ganz seltenen Fällen läßt +sich die Geburt oder die Fabrikation eines Gottes auf den wahren, +schlichten und einfachen Vorgang des In-die-Welt-Kommens zurückführen, +weil diejenigen, die durch die Religion ihre Vorteile finden, den +Ursprung Gottes mit Mystizismus verräuchern. Ein Stern führt Könige +aus fernen Landen zum Geburtsplatz, und unmittelbar nach der Geburt +klafft der Himmel auseinander, und Trompetenbläser und ein gut eingedrillter +Opernchor geben ein Freikonzert für Schafhirten. In vielen +christlichen Ländern, besonders in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, +wird wegen Gotteslästerung bestraft, wer versucht, die wahre +Entstehungsgeschichte der jüdischen oder christlichen Religion aufzudecken. +Dagegen ist es keine Gotteslästerung, wenn man die Entstehung +sogenannter heidnischer Götter erforscht und die Ergebnisse der +Forschung bekanntgibt. Und weil man bei der Erforschung heidnischer +Religionen nicht behindert, sondern sogar noch oft reichlich unterstützt +wird, so kommt man hierbei den wahren Dingen leichter auf den Grund. +Wenn ich hier die Geschichte der Geburt eines indianischen Gottes erzähle, +so geschieht es mit der wohlbegründeten Überzeugung, daß es auf +Erden keine einzige Religion gibt, und nie gab, bei der nicht die Geburt +des Gottes oder der Götter, und damit die ganze Entstehung der Religion, +auf einen ähnlichen schlichten und natürlichen Vorgang zurückgeführt +werden kann. +</p> + +<p> +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +Nachdem Hernan Cortes Mexiko erobert hatte, unternahm er eine +Expedition nach Honduras. Diese Expedition wurde unternommen, um +einen Wasserweg vom Atlantischen nach dem Pazifischen Ozean zu +finden; denn zu jener frühen Zeit glaubte man, daß der nordamerikanische +und der südamerikanische Kontinent nur zwei große Inseln seien, +zwischen denen ein gewaltiger Meeresarm hindurchführe. +</p> + +<p> +Mit dieser Expedition kam Cortes an den Peten-See, einen sehr großen +See im heutigen Guatemala. Auf den Inseln dieses Sees sowie an seinen +Ufern fand Cortes Indianer, die den Spaniern eine rührende Gastfreundschaft +entgegenbrachten. +</p> + +<p> +Infolge des langen Marsches über unwegsame Dschungelbezirke, über +Gebirge, über Sümpfe, durch Flüsse und durch wüstenhaftes Gelände war +die Armee des Cortes völlig heruntergekommen. Sie schleppte sich nur +noch darum weiter, weil sie ein Zurück durch das gleiche Gebiet nicht +überlebt haben würde. Hätte Cortes hier nicht diese gastfreundlichen +Indianer getroffen, die ihr Bestes taten, der verhungernden und zusammenbrechenden +Expeditionsarmee wieder auf die Beine zu helfen, so +wäre der ganze Trupp elend in den Dschungeln und Sümpfen zugrunde +gegangen. An sich hat jene Expedition sehr wenig Erfolg gehabt, und sie +zählt mit zu den größten katastrophalen Fehlschlägen der spanischen Eroberer +in Amerika. +</p> + +<p> +Die Indianer des Peten-Sees fütterten die Spanier wieder hoch, versorgten +sie reichlich für den Weitermarsch und taten für sie, was wirklich gastfreundliche +Menschen nur immer tun können für die, die einer Hilfe +benötigen. +</p> + +<p> +Um den Fremden noch mehr zu Gefallen zu sein und ihnen keinen +Wunsch zu versagen, willigten die Eingeborenen leichten Herzens ein, +sich taufen zu lassen und alle Christen zu werden. Innerhalb von zwei +Tagen wurden alle Indianer, die hier zu einem großen Feste zusammengekommen +waren, getauft, und in ihrer großen Güte und Friedensliebe +gestatteten sie den Weißen, ihre Götter und Tempel zu zerstören, und +als sie bemerkten, daß diese Zerstörung den Weißen so viel Freude +machte, sahen sie dem aufgeregten Treiben und Wüten der Spanier +belustigt zu. Sie betrachteten das als eine Art von Komödie. +</p> + +<p> +Die Indianer jener Region, die ihr Leben schlicht fristeten von den vielfachen +Gaben, die ihnen der große See und die umgebenden Wälder +boten, besaßen weder Gold, noch Silber, noch Edelsteine, noch hatten sie +irgendwelche Kenntnis von Gold- oder Silberminen. Aus diesen Gründen +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +hatte Cortes nicht viel Interesse für sie übrig. Er betrachtete die Zeit, +die er bei ihnen zubrachte, im Grunde als verloren. Er beeilte sich, so +schnell als möglich die Gegend wieder zu verlassen, und trieb die Mönche, +die seine Armee begleiteten, an, sich mit ihrem Geschäft der Heidenbekehrung +zu beeilen, weil es hier nichts zu verdienen gäbe. +</p> + +<p> +Um das glorreiche Fest der Massenbekehrung mit dem gehörigen Pomp +zu begleiten und gleichzeitig den erforderlichen Eindruck der Macht der +Weißen bei den Indianern zurückzulassen, ordnete Cortes an, daß an +dem Tage der Massentaufe die Kanonen abgefeuert werden und daß +seine Reiter einige militärische Übungen vorführen sollten. +</p> + +<p> +Für die Indianer, die so etwas nie gesehen hatten, war das natürlich +eine große Sache. Das Donnern und Feuern der Kanonen, die Turniere +der Reiter und das ganze Getue der Mönche machte auch wirklich auf die +Neubekehrten den Eindruck, den die Mönche so sehr wünschten. Die +Indianer sollten davon überzeugt werden, daß die Leute, die alle diese +merkwürdigen Kunststücke ausführen konnten, einen Gott haben mußten, +der mehr konnte als ihr alter indianischer Gott, und der deshalb +ihren alten Göttern überlegen sein mußte. +</p> + +<p> +Den tiefsten Eindruck auf die Indianer aber machten nicht die donnernden +und feuerspuckenden Kanonen, sondern die Reiter und die Pferde. +Da es auf dem amerikanischen Kontinent keine Pferde gab, so hatten +die Indianer niemals Pferde gesehen. Sie betrachteten den Reiter und das +Pferd als ein gemeinsames Wesen. Und es erschien ihnen als das gräßlichste +aller Ungetüme, das sich nur vorstellen läßt. Es hatte vier Beine, +konnte rascher laufen als der schnellste Läufer, es hatte zwei Köpfe, einen +Menschenkopf und einen seltsamen langen Kopf mit großen runden +Augen, es hatte einen langen Stachel, die Lanze des Reiters, und ein +kurzes Messer, das Schwert, mit dem es nach allen Seiten Hiebe austeilen +konnte. +</p> + +<p> +Cortes ließ diese gastfreundlichen Indianer völlig ausgebeutet zurück, +ohne ihnen irgendeine andere Bezahlung für ihre gastfreundliche Hilfe +zu hinterlassen, als ihnen gezeigt zu haben, wie sie ihre Sünden abwaschen +könnten, von deren Vorhandensein sie bisher gar nichts gewußt +hatten. +</p> + +<p> +Jedoch am Tage seiner Abreise beschloß er, ihnen etwas zurückzulassen, +was sie als genügende Bezahlung anerkennen würden, ohne die Weißen +als gar zu große Knicker in Erinnerung zu behalten. Deshalb, um seine +Dankbarkeit zu beweisen, bot er den Eingeborenen bei seiner Abreise +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +als Zeichen der guten Freundschaft ein fußlahmes Pferd an, das für seine +Weiterreise nur ein Hindernis war. +</p> + +<p> +Die Indianer nahmen diese Gabe in Empfang mit den aufgeregten Gesten +und Reden von Leuten, die eine so fürstliche Bezahlung für erwiesene +Dienste nie erwartet haben. +</p> + +<p> +Dann verschwanden Cortes und seine Armee ebenso mysteriös, wie sie +gekommen waren. Allein nur das lahme Pferd, das die Eingeborenen +jetzt im Besitz hatten, bewies ihnen, daß alles das, was sie in den vergangenen +Tagen erlebt und gesehen hatten, kein Traum, sondern Wirklichkeit +gewesen war. +</p> + +<p> +Nun wohl, Cortes hatte seinen freundlichen Wirten ein Pferd als Geschenk +hinterlassen. Was er ihnen aber nicht hinterlassen hatte, das war +eine genügende Kenntnis von der Nahrung und der Pflege eines Pferdes. +Tausende und aber Tausende von Indianern aus den benachbarten +Regionen waren inzwischen erschienen, um das Pferd zu sehen und zu +bewundern. Da das Pferd so intim verknüpft war mit diesen mysteriösen +weißen bärtigen Leuten, die Donner und Blitz erzeugen konnten, so +fühlten die Indianer die tiefste Ehrfurcht gegenüber diesem Tier. Sie +boten ihm die schönsten Blumen und Blüten als Opfergabe an. +</p> + +<p> +Jedoch dieses göttliche Tier schnüffelte nur stolz an diesen Opfergaben +herum und wendete dann seinen Kopf verächtlich hinweg. +</p> + +<p> +Darüber waren die unschuldigen Kinder dieses sonnigen Landes recht +betrübt. Sie beteten und sangen, tanzten und hielten feierliche Prozessionen +ab, um diese göttliche Kreatur wieder zu versöhnen. +</p> + +<p> +Endlich sagte ein alter Medizinmann: „Seht ihr denn nicht, das göttliche +Wesen ist verwundet am Fuß. Behandelt es entsprechend.“ +</p> + +<p> +Die Indianer häuften nun vor dem Rößlein Riesenberge von gebratenen +wilden Truthühnern auf; denn gebratene Truthühner werden bei den +Indianern als die Nahrung für Verwundete angesehen. +</p> + +<p> +Trotzdem die Truthühner auf schön geschliffenen Kupferplatten, mit +Blumen, Früchten und köstlichen Kräutern, vorgesetzt wurden, das +Pferdlein schüttelte nur seine Mähne und trampelte ungeduldig mit den +Füßen. +</p> + +<p> +Dieses Trampeln mit den Füßen gab den Indianern eine andere Idee. Es +wurde eine schöne Jungfrau erwählt, die man nun dem Pferde anbot. Aber +das Roß war viel zu stolz, diese liebliche Gabe auch nur zu beschnüffeln. +Das war ja auch ganz verständlich. Das Mädchen war bronzebraun, +während das Pferdchen nur an weiße Jungfrauen gewöhnt war. +</p> + +<p> +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +Obgleich hier ein lahmes Pferdchen die seltene Gelegenheit hatte, das +glücklichste Leben zu führen, das einem Pferd auf Erden und im Besitz +von Menschen je gegönnt war, obgleich dieses himmlische Geschöpf nur +wenige hundert Schritte entfernt war von den schönsten Weiden, bewachsen +mit saftigem und immergrünem Grase, trotzdem die Felder der +Indianer reich standen mit dem herrlichsten Mais, so mußte dieses unschuldige +Tier qualvoll verhungern. Es legte sich eines Tages hin und +starb. +</p> + +<p> +Voll von Schrecken und abergläubischer Furcht standen die Indianer +um den toten Körper des göttlichen Tieres. Und da sie seine Rache +fürchteten, weil sie es so schlecht behandelt hatten, daß es vorzog, zu +sterben, wurde ein geschickter Steinhauer unter ihnen beauftragt, eine +Skulptur des Pferdes anzufertigen, die im Haupttempel aufgestellt +wurde. +</p> + +<p> +Dreiundneunzig Jahre später, im Jahre 1618, kamen zwei Franziskaner-Mönche +an jenen See, um Heiden zu bekehren. Seit Cortes die Gegend +verlassen hatte, war nie wieder ein weißer Mann in jenem fernen Winkel +des Landes aufgetaucht. +</p> + +<p> +Die beiden Mönche traten in den Tempel, und sie waren aufs höchste +erstaunt, als sie hier eine riesenhafte steinerne Skulptur eines Pferdes +vorfanden, in einer Gegend der Erde, wo Pferde völlig unbekannt +waren. +</p> + +<p> +Aber dann glaubten sie ihren Sinnen nicht mehr trauen zu dürfen, als +sie sahen, daß die Indianer diese steinerne Skulptur als höchsten Gott +anbeteten. Und die Mönche wurden völlig verwirrt, nachdem sie fanden, +daß hinter dem steinernen Pferde ein gewaltiges hölzernes Kreuz aufgerichtet +war. Es stellte sich heraus, daß jenes steinerne Pferd als der +allein wahre Gott des Donners und des Blitzes angebetet wurde. +</p> + +<p> +Es ist erklärlich, daß der Bericht jener Mönche viel Aufregung unter den +Leuten, die sich mit der Erforschung des Landes und mit der Geschichte +der Indianer befaßten, hervorrief. Die wildesten Gerüchte und Vermutungen +tauchten auf, wie die Indianer in diesem fernen Gebiete des +Kontinents dazu gekommen seien, ein Pferd in Verbindung mit einem +Kreuz als Gott zu verehren. Diese Vermutungen und Spekulationen +würden vielleicht die Erforscher der indianischen Geschichte auf die verwirrtesten +Abwege geführt haben, wenn man nicht in einem der Briefe, +die Cortes an den Kaiser Karl V. schrieb, eine Notiz gefunden hätte, die +den Sachverhalt völlig aufklärte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-6"> +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +DER AUFGEFANGENE BLITZ +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-d"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar drop-d">er</span> Pfarrer eines indianischen Dorfes hatte eine Reise nach +der Hauptstadt des Staates zu machen, wo der Bischof eine Konvention angeordnet +hatte. Eine Eisenbahn war nicht vorhanden, darum war der +Pfarrer genötigt, die Reise auf einem Mule zu machen. Da er sich nicht sehr +anstrengen wollte, ritt er jeden Tag gerade nur so weit, bis er zur nächsten +Hazienda kam. Er wurde überall gut bewirtet, und so betrachtete er +– wie es auch alle seine Brüder im Amt des Herrn taten – jene Dienstreise +gleichzeitig als Erholungsreise, die er infolge seiner schweren Tätigkeit +als Dorfpfarrer indianischer Bauern auch gewiß redlich verdient +hatte. Er wußte, daß die Reise vier bis sechs Wochen dauern würde. Und +nachdem er alle Schäfchen gut eingesegnet hatte, damit während seiner +Abwesenheit nicht etwa Satanas hier eine gute Ernte halten könnte oder +gar die alten indianischen Götter – mehr gefürchtet als Satanas, dessen +Schliche und Wege man ja kennt und wissenschaftlich erforscht hat – +sich hier wieder einnisten könnten, rief er seinen Kirchendiener herbei, +um dessen Wachsamkeit und Treue die Kirche mit allem, was drin und +drum war, feierlichst zu übergeben. +</p> + +<p> +Cipriano, der Kirchendiener, war, wie alle Mitglieder der Gemeinde, +Indianer. Er war Holzfäller und Kohlenbrenner von Beruf, und als +Mensch war er weder besser noch schlechter als irgendein anderer Mann +des Dorfes. Aber er war sehr stolz auf sein Amt als Kirchendiener, und +er hatte mehrfach im Dorfe zu verstehen gegeben, daß es auf Erden nur +zwei wirklich wichtige Personen gebe: Pfarrer und Kirchendiener; der +Pfarrer könne ohne Kirchendiener kein Amt halten, und der Kirchendiener +sei so wichtig wie der Pfarrer. Vertraulich hatte Cipriano sogar +seinen Freunden gegenüber durchblicken lassen, daß er, Cipriano, vielleicht +gar noch wichtiger sei als – aber das wolle er nicht aussprechen, +weil das sicher eine Sünde sei, so etwas zu sagen. +</p> + +<p> +Es muß nun freilich berichtet werden, daß der Pfarrer in seiner Gemeinde +wohl geachtet war in geziemender Weise; aber respektiert und gefürchtet +war nicht der Pfarrer, sondern Cipriano. Der Pfarrer war Mestize, mit +wenig indianischem Blut. Cipriano jedoch war Vollblut-Indianer. Er nahm +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +darum unter seinen Leuten den Rang eines Medizinmannes ein. Das war +auch zu verstehen. Er war den Göttern ebenso nahe wie der Pfarrer, er +kannte alle Geheimnisse der Religion so gut wie der Pfarrer, hatte ungehindert +Zutritt zu dem Allerheiligsten, und er konnte die gesamte Zeremonie +der Messe heruntersingen und herunterbeten, viel besser als der +Pfarrer, der zuweilen steckenblieb und von dem aufgeschlagenen Messebuch +die Litaneien ablesen mußte. Denn Cipriano war beinahe dreißig +Jahre Kirchendiener, hatte unter den drei Pfarrern gedient, die vor dem +jetzigen hier amtiert hatten. Er konnte alles auswendig von dem langen +andächtigen Zuhören, kannte jedes einzelne Glasperlchen an den zahlreichen +Heiligenfiguren der Kirche, kannte jedes Stückchen Stuck und +jede noch so kleine Holzschnitzerei der Kirche, wußte jeden Feiertag und +jeden Tag der Heiligen auswendig. Die indianischen Gemeindemitglieder, +insbesondere aber die Kinder und die Halberwachsenen, hielten in der +Tat Cipriano für viel wichtiger für die Religion und deren zahlreiche +und verzwickte Zeremonien als den Pfarrer. +</p> + +<p> +So wie sich die Indianer immer erst an die Heiligen wenden, wenn sie +etwas von dem lieben Gott haben wollen, so wendeten sich hier die Gemeindemitglieder +immer erst an Cipriano, wenn sie etwas vom Pfarrer +wollten. Ob es eine Heirat war, oder eine Kindtaufe, oder ein Begräbnis, +zuerst wurde Cipriano um Rat gefragt. Sogar wenn die Burschen oder +Mädchen zur Beichte zu gehen hatten, wendeten sie sich erst an Cipriano, +um von ihm zu hören, ob dies oder das eine Todsünde sei, wenn man es +nicht beichte, oder wenn man es vergäße, und in welcher Form man das +oder jenes ausdrücken könnte, ohne direkt zu sagen, was es sei. +</p> + +<p> +Cipriano wußte für alle Rat und hatte für alle Hilfe. Er war der Vertraute +aller Gemeindemitglieder in einem viel höheren Maße, als es der +beste Pfarrer je werden könnte. Aus diesem Grunde ging es Cipriano verhältnismäßig +gut. Er bekam hier ein Hühnchen, dort ein Hähnchen, +hier einen Tequila, dort einen Habanero; und wenn er Namenstag hatte, +bekam er so viel aufgehäuft, daß er davon einen vollen Monat in Freuden +leben konnte. +</p> + +<p> +Als der Pfarrer nun reisefertig war, sagte er zu Cipriano: „Mit dem +Läuten weißt du ja gut Bescheid, da brauche ich dir nichts zu sagen. Tags +ist die Kirche offen, und nachts schließt du sie gut zu, wie wir das immer +machen. Und des Sonntags früh und Samstag abend und Mittwoch abend, +wenn die Gemeinde in der Kirche ist, dann singst du vor. Hier sage ich +dir die Lieder und die Aves, die gesungen werden. Die kennst du ja alle. +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +Und vergiß nicht, die Weihwasserbecken zu füllen, wenn sie leer sind. +Das weißt du ja auch. Und dann ist da etwas Wichtiges. Du gehst in die +Stadt und kaufst Farben und Goldbronzen. Dann reinigst du einmal alle +die Figuren von dem Staub und von dem vielen Dreck, den die Vögel +draufgemacht haben. Es ist eine Sünde, wie die Figuren aussehen, es ist +fürwahr eine Gotteslästerung. Wo die Farbe abgeblättert ist, da malst du +neue Farbe auf. Die Gnadenmutter über dem Altar aber bemalst du +nicht. Du wäschst sie nur gut, und dann lackierst du sie schön mit farblosem +Lack, den man dir in der Botica in der Stadt verkaufen wird. +Nein, kaufe das nicht. Ich werde das alles in der Stadt kaufen und bezahlen, +und du holst es ab. Kannst gleich mit mir kommen, und dann sage +ich dir alle Farben und wie du sie gebrauchst. Wenn ich dann zurückkomme, +haben wir eine schöne reine Kirche.“ +</p> + +<p> +Mit dieser Anordnung war Cipriano außerordentlich zufrieden. Es +machte ihm Freude, die Kirche schön herzurichten und die Figuren zu +bemalen. Und diese Freude wurde erhöht, als ihm der Pfarrer versprach, +daß er ihm, wenn alles gut und schön getan sei, acht Pesos geben +wolle, so daß er also nicht im Busch zu arbeiten brauche, sondern hier die +ganze Zeit hindurch sich in der Kirche beschäftigen könne. +</p> + +<p> +Cipriano begleitete den Pfarrer am nächsten Tage in das kleine Städtchen, +wo er die Farben in Empfang nahm und die Gebrauchsanweisungen +für die Anwendung der Farben erhielt. +</p> + +<p> +Nachdem er sich einen Kleinen eingehoben hatte, um den Tag festlich zu +beschließen, ritt er, zufrieden mit sich und zufrieden mit der Religion +und aller Welt, gemächlich auf seinem Esel heim. +</p> + +<p> +Er kam gerade recht zum Abendläuten, das die Jungen schon begonnen +hatten, noch ehe er das erste Haus des Dorfes erreicht hatte. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen begann er seine Arbeit der Kirchenverschönerung. +</p> + +<p> +Wenngleich Cipriano keineswegs Maler war, so hatte er doch genügend +Klugheit – angeboren oder durch Erfahrung erworben, das weiß man +nicht –, mit dem Abwaschen von bemalten Heiligenfiguren vorsichtig zu +sein. Er war nicht allzu reich mit Farben versorgt worden, und darum +mußte er mit dem Abwaschen sorgsam umgehen, um nicht zuviel Farbe +zu verlieren. Er wollte auch erst wissen, wie die Farben annehmen; denn +die Anweisungen des Drogisten waren sehr allgemein gehalten gewesen. +So nahm er sich zuerst einmal den Judas Ischariot vor. Judas Ischariot +war ja eigentlich nur ein Halbheiliger, dessen wahres Verhältnis zu dem +Herrn bis heute nicht völlig aufgeklärt ist. Die einen sagen, er hat den +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +Herrn verraten und verkauft und darum ist er ein Schurke, der in der +Hölle seit beinahe zweitausend Jahren bereits schmort. Andere dagegen +aber, die wissenschaftlich in die Heilslehre eingedrungen sind, behaupten, +Judas Ischariot war von Gott dem Herrn bestimmt, den Heiland zu verraten; +denn hätte Judas Ischariot den Herrn nicht verraten, so wäre der +Herr nicht gefangengenommen worden, und hätte man ihn nicht gefangen, +so hätte er nicht gekreuzigt werden können, und der Heiland hätte nicht, +mit den Sünden aller Welt beladen, sterben können, um die armen Menschen +zu erlösen. Da also Judas Ischariot als das Werkzeug Gottes nötig +war, um das Heilswunder zu vollbringen, darum betrachtet ihn der +Indianer als einen Halbheiligen, wie er auch den bösen Schächer am +Kreuz als Halbheiligen betrachtet, der unter Umständen oben im Himmel +ein gutes Wort für den geplagten Indianer einlegen kann. Es ist +überhaupt und immer gut, sich mit niemand ernstlich zu verfeinden, +dessen Name in den biblischen Geschichten oder in den Legenden erwähnt +wird. Denn man kann nicht wissen, ob sie nicht Werkzeuge Gottes +sind, auch wenn sie sich scheinbar recht unchristlich hier auf Erden benommen +haben. +</p> + +<p> +Der Judas Ischariot steht gewöhnlich wie ein Schuljunge, der was verbrochen +hat, in einer dunklen Ecke in der Kirche, wo er von niemand +sonderlich beachtet wird. Da steht der Arme das ganze Jahr hindurch. In +der Semana Santa, in der Heiligen Woche, wird er dann aus seiner Ecke +herausgenommen, abgestaubt und aufgefrischt, und er wird dann an die +Abendmahlstafel gesetzt, die in der Kirche aufgebaut wird. An dieser +Tafel darf Judas Ischariot nicht fehlen, wenn auch vielleicht die Hälfte +der übrigen Jünger fehlen sollten oder einige doppelt oder dreifach vorhanden +sein sollten. Es kommt auch vor, daß, um die Zahl zwölf oder +dreizehn voll zu machen, irgendeine Figur mit an die Tafel gesetzt wird, +die ursprünglich nicht die Ehre hatte, bei der Abendmahlsfeier zugegen +zu sein, also vielleicht der Heilige Antonio oder der Heilige Jeronimo. +Man muß sich zu helfen wissen. +</p> + +<p> +In diesem Falle, den Cipriano jetzt zu besorgen hat, ist kein einziger +Heiliger besser zu gebrauchen als Judas Ischariot. An ihm erprobt nun +Cipriano, wie weit er mit dem Waschen gehen darf, ohne zuviel Farbe +einzubüßen, an ihm kann er herummalen und herumlackieren nach +Herzensfreude, um zu sehen, wie die Farben annehmen und wie sie herauskommen +auf diesem alten wurmzerfressenen Holz. Denn wird am +Judas Ischariot etwas verdorben, so ist das nicht so wichtig und wird +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +wohl kaum auch als Sünde im Himmel gebucht werden. Judas Ischariot +wird nach der Wasch- und Anstrichprobe wieder in seine dunkle Ecke +gestellt, und bis zur Semana Santa ist mehr als ein halbes Jahr Zeit. Dann +liegt genügend frischer Staub drauf, so daß man die Künstlerversuche +des Cipriano nicht mehr so genau erforschen kann. Die Hauptsache ist, +daß der Bart und der Geldbeutel des Judas Ischariot erhalten bleiben, +damit man ihn erkennt und damit man weiß, mit wem man es zu tun +hat; denn sonst könnte es geschehen – und es muß gesagt werden, es ist +geschehen –, daß er verwechselt wird mit dem Heiligen Joseph, auf dem +Joseph-Altar aufgebaut und dort angebetet, angebettelt und mit Kerzen +und Gaben beschenkt wird. +</p> + +<p> +Der Judas Ischariot, nachdem er von Cipriano mit Andacht und Sorgfalt +behandelt worden ist, nachdem er hier einen Tupfen Goldbronze, dort +einen Flapp Silberbronze, hier wieder einen Klecks grelles Rot, dort +wieder ein paar Striche Grün mit Braun aufgepinselt erhalten hat, sieht +bald so schön und königlich aus, daß sich Cipriano kaum noch von ihm +trennen kann. Er bedauert und lamentiert, daß der Judas Ischariot nur +ein Halbheiliger ist und daß er ihn darum wieder ins Eckchen stellen +muß, wo niemand die Kunst des Cipriano bewundern kann. Es ist fürwahr +traurig, so redet Cipriano im stillen in sich hinein, daß Judas +Ischariot sich bestechen ließ und den Heiland so schmählich verriet; hätte +er es doch besser nicht getan, dann könnte ihn Cipriano jetzt in den +Vordergrund stellen und dort leuchten lassen. Aber es läßt sich nun nicht +mehr ändern. Es steht schon alles in den biblischen Geschichten, und +Cipriano kann nicht die Sünde auf sich nehmen, jene Geschichten zu +fälschen, nur um Judas Ischariot dicht am Eingang der Kirche, gleich +nahe beim Weihwasserbecken aufzustellen, wo ihn alle Leute sehen +müßten und alle Leute natürlich die Kunst Ciprianos bewundern könnten. +Dann überlegt Cipriano eine Weile, ob er nicht den Bart des Judas +Ischariot beschneiden und ihm den Geldbeutel aus den Fingern winden +könnte, dann den Geldbeutel dem Heiligen Antonio oder dem Heiligen +Joseph in die Hand drücken und dessen Bart so zurechtstutzen könnte, +daß er das Aussehen des Judas Ischariot bekommen würde. Dann wäre +Cipriano vielleicht in der Lage, aus dem ursprünglichen Judas Ischariot +einen Joseph zu machen, der im Vordergrunde stehen darf, wo er von +allen Leuten bewundert werden kann. Aber er fürchtet doch, das könnte +herauskommen; denn die grimmigen Gesichtszüge des Judas Ischariot +sind jedem einzelnen Mitgliede der Gemeinde zu gut bekannt, und die +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +Indianer haben ein zu gutes Auge für solche Dinge, um nicht sofort den +Tausch zu erkennen. +</p> + +<p> +Warum Cipriano überhaupt auf solche Gedanken kommt, einen Vertausch +vorzunehmen, kann leicht begründet werden. Er weiß, wie das +jeder echte Künstler weiß, daß er ein zweites Kunstwerk gleicher Art +nicht schaffen kann. Hier, bei dem Judas Ischariot, hat Cipriano alle +Farben angewendet, um deren Brauchbarkeit zu erforschen. Das kann er +nun bei keiner anderen Figur mehr tun, weil er sonst mit den Farben nicht +auskommen würde. Die eine Figur braucht mehr Braun, die andere mehr +Gelb, wieder eine andere mehr Grün und die nächste mehr Rot, von der +Goldbronze und der Silberbronze gar nicht zu sprechen, denn etwas +Gold und Silber müssen alle bekommen. Bei den übrigen Figuren muß er +sich genau an die ursprünglichen Grundfarben halten, damit die Figuren +auch von den Gemeindemitgliedern wiedererkannt werden. Es könnte +geschehen, daß sich selbst der Pfarrer nicht mehr auskennen würde. Allein +beim Judas Ischariot, bei dem es nicht so genau darauf ankommt, ob er +sich sehr verändert oder nicht, konnte und durfte Cipriano alle seine +Talente spielen lassen. Bei den übrigen, nun ganz besonders beim Christus +und bei der Heiligen Jungfrau, darf er nicht das geringste an den Grundtönen +ändern. +</p> + +<p> +Cipriano stellt endlich schweren Herzens den so herrlich geglückten +Judas Ischariot in dessen dunkles Brummeckchen. Aber während er sich +nun in den folgenden Tagen mit den übrigen Figuren redlich abgibt, +kann er seine Gedanken von jenem vortrefflichen Kunstwerk, das er +schuf, nicht mehr abwenden. Ob er nun die Heilige Anna bemalt, oder +den Heiligen Pablo, oder den Heiligen Francisco, seine Gedanken sind +bei Judas Ischariot. +</p> + +<p> +Daß Cipriano derart hart in die Klauen und Fänge des Erzverräters aller +Erzverräter, die je auf Erden gelebt haben, fallen konnte, war, kein +Zweifel darüber, das Werk des Teufels, der es darauf abgesehen hatte, +die Abwesenheit des Pfarrers zu benützen, um die reine und treue Seele +des Kirchendieners Cipriano zu erhaschen. Denn alles, was nun geschah, +konnte in seinen Urgründen darauf zurückgeführt werden, daß Cipriano +seine höchsten Talente, die nur den wahren Heiligen dienen sollten, in +einem so verschwenderischen Maße auf den Erzschurken Judas Ischariot +ausgegeben hatte. Judas Ischariot ließ die Gedanken des armen Cipriano +nicht mehr los. Und darum beging Cipriano Fahrlässigkeiten, die böse +Folgen hatten. +</p> + +<p> +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +Was nun geschah, beweist erneut, in welch geschickter Weise Satanas zu +arbeiten weiß, um das Reich des Antichrist auf Erden aufzubauen. +</p> + +<p> +Cipriano war endlich zu der großen Aufgabe gekommen, die Heilige +Jungfrau, die über dem Altar thronte, zu reinigen und aufzufrischen. Er +wußte, daß diese Arbeit die heiligste war, die ihm auf Erden beschieden +werden konnte. +</p> + +<p> +Mit den verschiedenen Christusfiguren, am Kreuz hängend, oder mit +dem Kreuz auf der blutigen Schulter, oder hingelagert in der Felsenhöhle +(aus gestärkter und zerknitterter Sackleinwand), war er genau so leicht +umgegangen wie mit den Heiligenfiguren. Das war ja sowieso kein +großer Unterschied. +</p> + +<p> +Aber die Heilige Jungfrau war das Allerheiligste, war der Sinn und +Inhalt der ganzen Religion. Wichtiger als Gottvater selbst. +</p> + +<p> +Ehe Cipriano die Heilige Jungfrau berührte, um sie von ihrem hohen +Stand herunterzuheben, kniete er nieder und betete ein halbes Hundert +Aves. Er machte alle Kreuze, die er kannte. Und endlich hatte er die +hölzerne Figur auf dem Kirchenboden. Er stellte sie aber nicht auf den +nackten Boden, sondern breitete seine Tilma unter den Füßen der Gottesmutter +aus. +</p> + +<p> +Er begann die Figur sorgfältig zu waschen, zart, als wäre sie ein neugeborenes +Kind. Dann rieb und polierte er sie mit weichgezupften Läppchen. +Er nahm ihre Kleider ab, um sie auszustauben und auszuwaschen. +Sie hatte keinen eigentlichen nackten Körper unter ihren Gewändern. +Sondern der Körper war so geschnitzt, daß die inneren Gewänder ebenfalls +Holzschnitzwerk waren, so daß selbst die respektloseste Person +nichts hätte finden können, daß darüber die Heilige Gottesmutter hätte +schamrot werden müssen. +</p> + +<p> +Auf dem Steinboden der Kirche hatte Cipriano ein kleines Feuer brennen. +Das Feuer diente dazu, das Wasser zum Abwaschen der Figuren ein +wenig anzuwärmen, es diente ferner dazu, Leim zu kochen und flüssig +zu halten, um Bruchstellen der Figuren auszuheilen. +</p> + +<p> +An diesem Feuer hockte jetzt Cipriano und wärmte sich seinen Kaffee +und seine Tortillas, weil er keine Zeit damit verlieren wollte, zu seiner +Hütte zu gehen. Die Kleider der Gottesmutter hatte er draußen, im +Garten der Kirche, auf Sträucher gehängt, damit sie trocknen sollten. +</p> + +<p> +Als er seinen Kaffee getrunken und seine Tortillas mit Chile gegessen +hatte, ging er hinaus in den Kirchengarten, um der Sonne zuzusehen, +wie sie die Kleider der Heiligen Jungfrau trockne. +</p> + +<p> +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +Dieser Arbeit zusehend, drehte er sich eine Zigarette und rauchte. +</p> + +<p> +Die Sonne trocknete nicht nur die Kleider der Heiligen Jungfrau, sondern +sie spielte gleichzeitig wechselnde Farben über den Kirchengarten hin. +Und das lenkte abermals die Gedanken Ciprianos auf sein großes Kunstwerk, +auf die so herrlich geglückte Verschönerung des Judas Ischariot. +Er begann darüber nachzudenken, daß er vielleicht, wenn alles übrige in +der Kirche getan sei und er noch Farben übrigbehalten haben sollte, +was ja sehr wahrscheinlich war, weil er sehr sparsam mit den Farben +umgegangen war, er noch mehr für Judas Ischariot tun könnte. Er dachte +darüber nach, daß es vielleicht gar möglich werden könnte, daß selbst +der Senjor Pfarrer Gefallen und Freude an jenem Kunstwerk finden +könnte, und daß vielleicht die Möglichkeit bestünde, Judas Ischariot zu +erlösen und ihm, wenn auch keinen Ehrenplatz, so doch einen besseren +Platz anzubieten, wo er schon leichter gesehen werden könnte. Immer +mehr in seinem Nachdenken kam Cipriano zu der Ansicht, daß eigentlich +und überhaupt dem Judas Ischariot ein großes Unrecht zugefügt worden +sei, ihn zweitausend lange Jahre dafür büßen zu lassen, daß er einmal +dreißig Silberlinge verdienen wollte, die er ganz sicher für irgend etwas +sehr Notwendiges gebraucht haben muß, vielleicht gar für die Medizin +eines kranken Kindes, jedenfalls für etwas, worüber uns nichts berichtet +worden ist, um seine Tat nur um so ruchloser erscheinen zu lassen. Überhaupt +sei dem Judas Ischariot auch darum ein großes Unrecht zugefügt +worden, daß man ihn dauernd und für ewig aus der Erlösung ausgeschlossen +habe, während doch sogar Pedro, der den Herrn ebenfalls +verleugnete, vergeben wurde, ihm auch noch die Schlüssel des Himmelstores +anvertraut wurden, und man ihn zum Heiligen machte. +</p> + +<p> +In diesem angestrengten Nachdenken über das zweierlei Maß, mit dem +selbst im Himmel gemessen wird, und über die verwickelten Ansichten +und Fragen der Religion überhaupt und im allgemeinen, und im Nachdenken +darüber, daß die Beziehungen des Senjor Pfarrer mit Senjora +Elodia und mit Senjora Roberta recht gut, ohne fahrlässig zu sein, nach +zwei verschiedenen Seiten hin ausgelegt werden könnten, dröselte +Cipriano so nach und nach und so langsam ein. Zu tun hatte er augenblicklich +nichts, weil er der Sonne beim Trocknen ja doch nicht helfen +konnte. +</p> + +<p> +Er wachte darüber auf, daß ihm im Traume die Beziehungen zwischen +Mann und Frau deutlich wurden, ohne daß sie sich diesmal auf den +Senjor Pfarrer und auf Senjora Elodia ausdehnten, an die Cipriano in +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +den letzten Phasen seines Träumens gerade nicht gedacht hatte. Eigentlich +aber wachte er wohl darüber auf, daß sich drei Hunde prügelten, die +sich innerhalb der Kirche um einige Tortillas zankten, die Cipriano von +seinem Mahle übriggelassen hatte. +</p> + +<p> +Cipriano hatte, weil er ja nur für einen kurzen Augenblick in den Kirchgarten +gehen wollte, um dort eine Zigarette zu rauchen, die hintere +Kirchentür offen gelassen. Und durch jene Tür waren die Hunde in die +Kirche eingedrungen. +</p> + +<p> +Als Cipriano in die Kirche trat, noch ein wenig im Schlaf, wischten die +Hunde hinaus. +</p> + +<p> +Nach einigen Sekunden hatte sich Cipriano von dem hellen Sonnenlicht +an die Dämmerung in der Kirche gewöhnt, und als er nun zu der Figur +der Gottesmutter kam, faßte ihn ein kalter Schrecken. Er mußte mehrere +Male genau hinsehen, ehe er wußte, daß er richtig gesehen hatte. +</p> + +<p> +Die Hunde hatten bei ihrem Herumbalgen die Gottesmutter in das Feuer +gestoßen, wo die Figur genau so hilflos und unbeschützt war, wie auch +jedes andere gewöhnliche Stück Holz zu sein pflegt, das ins Feuer geworfen +wird. +</p> + +<p> +Hunde wissen das ja nicht besser, und man soll sie dafür nicht anklagen. +Cipriano jedoch wußte sofort, daß die Hunde von Satanas geschickt +worden waren, um jenes Unheil anzustiften. +</p> + +<p> +Er hob mit einem raschen Griff, diesmal ohne auch nur ein einziges Ave +zu beten, die Gottesmutter aus dem Fegefeuer. +</p> + +<p> +Die Gottesmutter hatte die linke Hand auf das Herz gepreßt, von dem +goldbronzierte Strahlen nach allen Seiten ausgingen. Ihre rechte Hand +hatte sie segnend erhoben, etwa in der Höhe ihres Mundes. Die Handfläche +dieser Hand war flach nach unten gerichtet und nicht, wie das +häufig bei segnenden Händen geschieht, dem Betenden zugekehrt. +</p> + +<p> +Diese Hand war völlig verkohlt, die Form jedoch war erhalten geblieben. +Auch die rechte Seite der Figur war angekohlt. +</p> + +<p> +Cipriano löschte die noch kohlenden Stellen rasch mit dem Rest von +Kaffee, den er noch in seinem Tonkrügchen fand; und als das allein nicht +ganz half, vergaß er sich soweit, die übrigen kohlenden Stellen mit seiner +Spucke zu löschen. Daß hierin eine Respektlosigkeit gefunden werden +möchte, darüber dachte Cipriano auch nicht einen Augenblick lang nach. +Gegenüber harter Wirklichkeit wurde er trotz aller christlichen Erziehung +stets sofort wieder heidnischer Indianer. Nicht nur in einem +solchen Ding, wie das, was hier geschehen war. +</p> + +<p> +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +Und er wurde erst recht heidnischer Indianer, als er damit begann, zu +überlegen, was nun zu tun sei. +</p> + +<p> +Er vergaß völlig, daß er eine Gottesmutter in der Hand hatte, die verehrt +und angebetet wurde, als wäre sie die wirklich lebende Gottesmutter +in Person. +</p> + +<p> +Zuerst einmal schloß er sofort die Kirchentür, so daß niemand hereinkommen +konnte, um Zeuge des Unheils zu sein, das hier geschehen war. +Er wußte, daß es für diese Fahrlässigkeit keine Entschuldigung gab. +Wenngleich er sich darauf berufen konnte, daß die Hunde Werkzeuge +des Bösen gewesen seien, so hatte er dennoch durch eine lange Reihe von +Unbedachtsamkeiten dem Bösen das Handwerk erleichtert. +</p> + +<p> +Dieses Unheil würde die Ursache sein, daß er seinen Posten verlöre. Das +wäre zu verschmerzen gewesen, denn das Amt an sich brachte nicht viel +ein. Fünf oder zehn Centavos bei einer Taufe, fünfundzwanzig Centavos +bei einer guten Hochzeit, bei einer kleinen Hochzeit entweder nichts +oder fünf oder gar nur zwei Centavos. Auch das kam vor. Und von Begräbnissen +war besser nicht zu reden. Das Dorf hatte nicht einen einzigen +Wohlhabenden. Und daß der Senjor Pfarrer eine fette Pfründe hier +gehabt hätte, konnte man auch nicht sagen. Es war eine ziemliche Last +für diese arme Gemeinde, den Pfarrer überhaupt durchzubringen; und +hätten die Leute nicht die sichere Überzeugung gehabt, daß sie dereinst +im Himmel reich belohnt werden würden, und daß der Pfarrer nötig sei, +Regen und Sonnenschein herbeizubeten, die Fruchtbarkeit der Ziegen +und Schafe zu besegnen, so hätten sie ihn überhaupt nicht mit durchfüttern +können. Für gute Medizinangelegenheiten war er sowieso nicht +zu gebrauchen. In solchen Dingen hielt man sich sicherer an die eigenen +Medizinmänner und Medizinfrauen. +</p> + +<p> +Es war also nicht das Amt, das Geld hätte einbringen können, um das +Cipriano besorgt war. Er war vielmehr und beinahe einzig darum +besorgt, daß er seine respektgebietende Stellung in der Gemeinde verlieren +könnte. Er konnte, wenn dieser Vorfall hier bekannt wurde, nicht +länger mehr der Mann sein, der dem Pfarrer am nächsten stand, er +konnte nicht länger mehr als einziger neben dem Pfarrer das Allerheiligste +versorgen, er konnte nicht länger mehr während der Abwesenheit +des Pfarrers die Aves und Litaneien in den Andachten vorsingen, +er konnte nicht länger mehr vor den Augen der ganzen Gemeinde die +Kerzen anzünden, dem Pfarrer Waschbecken und Handtuch reichen, das +Messebuch vorhalten, ihm die Meßgewänder anlegen oder abnehmen. +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +Niemand würde mehr seinen Rat verlangen, und an seinem Namenstage +würden die Hühnchen und Hähnchen ausfallen, und das ganze Jahr hindurch +würden alle die kleinen Aufmerksamkeiten fortfallen, hier ein +Gläschen Tequila und dort ein in wildem Honig gekochter Kürbis. Das +Leben wäre nicht länger mehr wert gewesen, gelebt zu werden. Er war +in den dreißig Jahren so eins geworden mit der Kirche und dem Dienst +in der Kirche, daß kein Mitglied der Gemeinde sich die Kirche ohne ihn +denken konnte; denn die gegenwärtige Generation war geboren worden +und aufgewachsen in dem Glauben an die Unersetzlichkeit seiner Person. +Er hätte nun vielleicht wacker beten können, und es wäre vielleicht das +große Wunder geschehen, daß der Gottesmutter die Hand wieder nachgewachsen +wäre. Aber soweit ging der Glaube des Cipriano denn doch +nicht. Er war viel zu sehr Indianer, um nicht zu wissen, daß totes Holz +unter keinen Umständen nachwächst, auch wenn man noch so viele Aves +abbetet. +</p> + +<p> +So kam er schließlich auf die einzige Idee, auf die ein Indianer in einem +so verzweifelten Falle kommen kann. Er nahm sich vor, den verkohlten +Handstumpf der Gottesmutter einfach abzusägen, eine neue Hand zu +schnitzen und sie an dem Armstumpf anzuleimen. Er würde das dann +alles schön dick bemalen, und wenn die Jungfrau endlich wieder hoch +über dem Altar aufgestellt ist, wird niemand den Schaden bemerken. +</p> + +<p> +Nun würde freilich das Schnitzen der Hand einen Tag in Anspruch +nehmen. Während dieser Zeit mußte freilich die Gottesmutter an ihrem +alten Platze stehen, weil die Gemeindemitglieder, die zum Beten in die +Kirche kamen, die Gottesmutter sofort vermißt haben würden, und weil +das Beten ohne die Gottesmutter über dem Altar zwecklos und resultatlos +gewesen wäre. Die Indianer müssen das leibhaftig vor sich sehen können, +was sie anbeten sollen, andernfalls können sie sich auf ihre Gebete nicht +konzentrieren und denken statt dessen an ihren Mais und an ihre Ziegen +und Schafe. Dadurch wird nur das Heidentum gefördert. +</p> + +<p> +Cipriano kleidete also die Gottesmutter wieder an. Als das vollendet +war, stellte er sie auf ihrem Platze über dem Altar wieder auf. Er ordnete +die Kerzen so an, daß man in der Dämmerung der Kirche die verbrannte +Hand nicht leicht sehen konnte, es wäre denn, daß man ziemlich dicht +vor dem Altar stünde. Außerdem drapierte er eine Falte des Gewandes +so, daß die Hand zum Teil bedeckt wurde; und weil das Gewand +dunkelblau war, so war in der Tat der Schaden nicht leicht zu bemerken. +Ehe der Pfarrer zurückkam, war die neue Hand angeleimt. Obgleich +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +Cipriano wohl wußte, daß er damit eine Sünde begehe, so nahm er sich +vor, seine sündhafte Fahrlässigkeit dem Pfarrer nicht zu beichten. Er +würde die Sache einfach vergessen, und das, woran man sich nicht erinnert, +braucht man ja nicht zu beichten. Weder hier noch anderswo. +Würde ein Indianer überhaupt alles beichten, was er getan hat, so könnte +ihm kein noch so gütiger Pfarrer die Absolution erteilen, und selbst +Gott der Herr würde es sich noch sehr überlegen, ob er einem solchen +Sünder derartige Untaten vergeben kann, und er, der Herr, wahrscheinlich +zu der Überzeugung kommen, daß hier jede Hoffnung aufgegeben +werden muß und es besser ist, die Indianer zu lassen, wie sie sind, und sich +mit dem zu begnügen, was man bekommen kann. +</p> + +<p> +Die Gottesmutter stand auf ihrem Platze. Inzwischen war es Abend geworden. +Cipriano öffnete die Kirche, und es kamen einige Frauen, um +in Andacht zu schwelgen. +</p> + +<p> +Als dann die Stunde gekommen war, schloß Cipriano die Kirche und ging +heim in seine Hütte, beruhigt in dem Bewußtsein, daß während der Nacht +bestimmt nichts herauskommen würde. +</p> + +<p> +Er suchte sich ein passendes Stück Holz aus, und bei dem trüben Licht +eines rußenden Blechlämpchens begann er, das Holz in die rohe Form +einer Hand zurechtzuschnitzen. Die Feinheiten würde er dann bei hellem +Tageslicht machen. Er war sicher, daß er die Hand vielleicht gar schon +vor Mittag des nächsten Tages fertig haben würde. Die Figur brauchte +ja nur während der Frühandacht an ihrem Platze zu stehen. Und am +Abend war alles vielleicht schon angeleimt und sorgfältig bepinselt und +bemalt. Es ging viel schneller, als er das in seiner ersten Bestürzung ausgerechnet +hatte. +</p> + +<p> +Als er nun beim Schnitzen hockte und es weiter in die Nacht ging, erhob +sich ein gewaltiges Unwetter. Der Donner rasselte von allen Seiten, und +es dröhnte, als ob alle Himmel einstürzen wollten. Die Blitze fegten +über das Firmament dahin und rissen die schwarze Nacht in gellende +Fetzen auseinander. +</p> + +<p> +Ein frommerer Mann, als es Cipriano war, würde jenes Unwetter sofort +in Verbindung mit der geschändeten Gottesmutter gebracht haben. Und +der Pfarrer würde ganz sicher gesagt haben: „Na, da siehst du es ja, +Cipriano, was du angerichtet hast. Die Strafe des Himmels ist über dir. +Tue Buße und beuge dich unter der Allmacht des Höchsten.“ +</p> + +<p> +Cipriano war gewiß recht fromm. Aber so fromm war er doch nicht, daß +er auch nur für einen Augenblick lang geglaubt haben würde, daß jenes +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +Unwetter die Folge seiner Fahrlässigkeit sein könnte. Er war ein viel +zu guter Beobachter der Natur, als daß er sich zu einer so kindlichen +Frömmigkeit hätte emporschwingen können. Denn er hatte bereits am +frühen Nachmittag gesehen, daß sich schwere Gewitterwolken weit +hinten am Horizont bilden, und er hatte zu Mateo und zu Panfilo, als +sie eine Weile mit ihm im Kirchgarten schwatzten, gesagt: „Gebt gut +acht, Muchachos, heute nacht bekommen wir ein verdammt schweres +Gewitter, wie wir lange nicht gehabt haben; wer weiß, ob nicht ein paar +Hütten brennen werden.“ +</p> + +<p> +Und das hatte sich ein paar Stunden vorher zugetragen, ehe der Gottesmutter +die Hand verbrannt wurde. +</p> + +<p> +Der Pfarrer freilich – Cipriano war lange genug im Dienst, um das zu +wissen – würde gesagt haben: „Das hat die Gottesmutter alles vorausgewußt, +was geschehen würde, darum hat sie das Gewitter rechtzeitig +vorbereitet.“ +</p> + +<p> +Darauf würde Cipriano, wie er das immer tat, geantwortet haben: „Si, +Senjor Cura, das ist so, das ist wahr.“ Denn mit dem Senjor Pfarrer +darf man nicht herumstreiten, das ist gegen die Religion; was der Senjor +Pfarrer sagt, ist die Wahrheit. Bei sich würde Cipriano aber gesagt +haben – und was man bei sich sagt, hört der Senjor Pfarrer ja nicht –, +ja, bei sich würde er gesagt haben: „Gut, wenn die Gottesmutter das alles +vorher gewußt hat, und sie hat es vorher gewußt, denn der Senjor +Pfarrer sagt es ja, dann hat sie doch auch gewußt, daß sie von einigen +schmutzigen Dorfhunden in das Feuer gestoßen werden wird. Sie wird +doch das nicht etwa getan haben mit der Absicht, mir Unannehmlichkeiten +zu bereiten. Man kann sich eben auf nichts mehr verlassen und +man findet gar nicht mehr heraus. Am besten, man läßt alles, wie es ist.“ +</p> + +<p class="ibr"> +Cipriano drehte sich eine Zigarette und rauchte. Er unterließ es, einige +Dutzend Aves zu beten, damit das Unwetter vorübergehe, ohne hier +Schaden anzustiften. Er wußte aus Erfahrung, daß das nicht viel hilft, +und daß man am besten tut, das Unwetter sich austoben zu lassen, dann +hört es von selbst auf. Er kennt einen Fall, es handelt sich um Lucina, +die Frau des Pancho Lazcano, die vom Blitz erschlagen wurde, während +sie den Rosenkranz betete. Also ist es besser, eine Zigarette zu rauchen +und sich, in der offenen Tür der Hütte stehend, die Herrlichkeit des Unwetters +anzusehen. +</p> + +<p> +Und während er eine Stelle am Himmel beobachtet, wo es sich aufzuklären +beginnt und die Sterne bereits funkeln, kracht ein gewaltiger +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +Donnerschlag über ihm, der ihn so erschüttert, daß er sich fest gegen +einen Pfosten des Einganges halten muß, um nicht umzufallen. Gleichzeitig +sieht er einen dicken Blitzstrahl herunterfegen, und, wie er genau +sehen kann, direkt in das Kirchdach hinein. Er hört die Dachziegeln +deutlich prasseln, und er wartet, daß im nächsten Augenblick die Kirche +in hellem Feuer auflodern wird. +</p> + +<p> +Aber nichts geschieht. Die Kirche steht wieder vergraben in der tiefen +Nacht. Der Donner ebbt ab. Die Blitze verzucken sich. Ein heftiger Regen +setzt ein. Nach einer kleinen halben Stunde läßt der Regen nach, das +Unwetter hat sich verzogen, und nur fern am Himmel schwebt hin und +wieder ein Leuchten durch die Nacht. +</p> + +<p> +Cipriano steht noch in dem Eingang seiner Hütte. Da kommen einige +Männer auf sein Haus zu, und sie fangen gleich an zu reden: „Hast du +das gesehen, Cipriano, der Blitz hat in die Kirche eingeschlagen. Komm +mit den Schlüsseln und öffne die Kirche. Wir wollen sehen, ob es nicht +etwa drinnen irgendwo brennt. Jetzt ist noch Zeit, zu löschen.“ +</p> + +<p> +Als die Männer zur Kirche kommen, sind dort schon viele Leute +versammelt, und immer mehr kommen herbei, Männer, Frauen und +Kinder. Sie kommen mit brennenden Tannenspänen und mit verräucherten +Laternen. Alle Leute haben gesehen, wie der Blitz in die Kirche +einschlug, und alle möchten sehen, ob er Unheil angerichtet hat. +</p> + +<p> +Cipriano schließt die Kirche auf, und die Männer suchen herum, ob sie +irgendwo Feuer entdecken können. Aber nichts wird gefunden. Der +Blitz ist offenbar kalt gewesen. +</p> + +<p> +Bis gegen Mitternacht bleiben die Leute vor der Kirche. Und ehe +Cipriano die Kirche endgültig abschließt, suchen noch einmal alle +Männer sorgfältig in der Kirche herum, ob nicht doch vielleicht irgendwo +ein Feuer glimmt. Sie sind endlich überzeugt, daß keine Gefahr vorliegt. +Und alle gehen heim, um sich niederzulegen. +</p> + +<p> +Am Morgen schließt Cipriano zu gewohnter Stunde die Kirche auf. Die +Jungen bemühen sich um das Frühläuten. Cipriano zündet die Kerzen +an. Frühe Beter kommen. Beinahe ohne Ausnahme Frauen und einige +Kinder mit ihnen. +</p> + +<p> +Schnell wird es heller Tag. +</p> + +<p> +Zwei Frauen kommen nahe zum Altar, um dort ein besonderes Gebet +zur Gottesmutter hinaufzusenden. +</p> + +<p> +Cipriano steht nahe der Tür, um Wasser in die Weihwasserbecken nachzufüllen. +</p> + +<p> +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +Plötzlich schreien die beiden Frauen vor dem Altar gellend auf, während +sie sich gleichzeitig, wie rasend geworden, bekreuzigen. +</p> + +<p> +Cipriano wendet sich um und bekommt einen ungeheuerlichen Schreck. +Auch er bekreuzigt sich jetzt und murmelt einige Ave-Marias schnell +herunter. Er weiß, daß nunmehr alles entdeckt ist und daß er nur noch +auf die Rückkehr des Pfarrers warten kann, um in allen Unehren seinen +Abschied zu erhalten. +</p> + +<p> +Die Frauen vor dem Altar werden immer lauter, und alle übrigen +Frauen, die in der Kirche sind, laufen hinzu, um zu sehen, was geschehen +ist. Auch sie fallen sofort nieder und bekreuzigen sich. +</p> + +<p> +Die Kirche ist ja nicht so sehr groß. Und so kann Cipriano am andern +Ende gut verstehen, was hier aufgeregt geredet wird. Um so leichter +kann er es verstehen, weil die Frauen beinahe schreien. Er will nicht hinhören, +weil er ja weiß, daß er nur seine Schande hören wird. Aber er +fängt doch die Worte auf, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie zusammenzureimen. +</p> + +<p> +„Un milagro! Un gra-a-a-n mi-laaagro le paso! Por Santa Purisima! +Virgencita! Senjora Nuestra! O Heilige, Allerreinste! O Heiliges +Jungferchen! Ein Wunder ist geschehen! Ein großes Wunder!“ +</p> + +<p> +Alle Frauen wenden sich um zu Cipriano, der noch immer an der Tür +steht bei den Weihwasserbecken. Er weiß immer weniger, was er tun +soll. Am besten ist es, er geht nach Hause, legt sich auf seinen Petate und +sagt, er ist todkrank. +</p> + +<p> +Aber die Frauen lassen ihm keine Zeit, irgend etwas zu beschließen. Sie +kommen auf ihn zugeeilt und zerren ihn zum Altar. +</p> + +<p> +Ihm ist nun alles gleichgültig geworden. +</p> + +<p> +Die Frauen packen ihn bei den Armen und schreien alle gleichzeitig auf +ihn ein: „Siehst du das nicht, Cipriano? Hast du keine Augen für das +große Wunder, das hier geschehen ist? Der Blitz hat in der vergangenen +Nacht eingeschlagen, hier in die Kirche. Siehst du dort oben die durchgeschlagenen +Dachziegel?“ +</p> + +<p> +Cipriano blickt nach oben und nickt und nickt. +</p> + +<p> +„Ein Wunder! Ein großes Wunder ist uns aus Gnaden gegeben worden. +Der Blitz wurde aufgefangen von der Hand des Jüngferleins. Ihre Hand +hat die Heilige Jungfrau geopfert, um das Geheiligte Fleisch des Herrn +in der Monstranz zu schützen und die Kirche vor dem Feuer zu bewahren. +Ein Wunder! Un gran milagro!“ +</p> + +<p> +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +Es vergingen keine drei Tage, da war die Kirche von Tausenden umlagert, +von Indianern, von Mestizen, von Weißen. +</p> + +<p> +Cipriano konnte nun nichts mehr an der Sache ändern. Er kam zu der +Überzeugung, daß vielleicht doch ein höherer Wille obwaltet, der die +Geschicke auf Erden bestimmt. +</p> + +<p> +Die Kirche wurde eine fette Pfründe. Und eine fette Pfründe ist sie +heute noch. +</p> + +<p> +Es ist menschlich durchaus zu verstehen, daß Cipriano niemals etwas +sagte. Denn wie durfte er, der einfache Indianer, der weder lesen noch +schreiben konnte, den Bischöfen und anderen großen Herren der Kirche, +die hierherkamen, um Messe zu lesen und zu firmen, in das Gesicht +hinein sagen, daß hier ein kleiner Irrtum unterlaufen sei. Die Bischöfe +würden ihn ausgelacht haben, und sie würden gesagt haben, er sei zu alt +geworden und darum schwach im Geist. Und als echter Vollblut-Indianer +wußte er wohl zu schweigen, wo es nicht notwendig schien zu reden und +wo gar kein Vorteil für irgend jemand darin lag, Dinge zu verwirren, +die große geistliche Herren, tausendmal klüger als er, als zu göttlichem +Recht bestehend betrachteten. Es war nicht seine Aufgabe, Religionen +zu reformieren. Nach guter Indianerlebensauffassung dachte er, daß +man die Dinge am besten läßt, wie sie sind, solange sie einem selbst keine +Unbequemlichkeiten bereiten. Und daß er Unbequemlichkeiten durch +seine Schweigsamkeit zu erdulden gehabt hätte, konnte nicht behauptet +werden. Denn der Kirchendiener einer fetten Pfründe kann ein beschaulicheres +Dasein führen als der einer armen indianischen Dorfgemeinde. +Cipriano brauchte kein Holz mehr zu fällen und keine Holzkohle +mehr zu brennen; und er brauchte sich nicht länger mehr mit den +Aufkäufern der Holzkohle herumzuzanken, die für ewig das Gewicht der +Waage fälschen und für ewig an den Preisen heruntergeizen. Und daß +Hartholzfällen im Busch und Kohlebrennen in tropischer Glut eine +große Freude sei und ein angenehmes Schicksal für einen Indianer, von +dieser Lebensauffassung war Cipriano frühzeitig in seinem Dasein geheilt +worden, viele, viele Jahre vorher, ehe er ein leises Mitleid für Judas +Ischariot zu fühlen begann. +</p> + +<p> +Daß nicht alle Wundergottesbilder in dieser oder ähnlicher Weise entstanden +sind, beweist nichts gegen die Wahrheit dieser Geschichte; denn +es ist ganz und gar zwecklos, sich mit einem Islamiten der prophetischen +Fähigkeiten Mohammeds wegen herumzustreiten. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-7"> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +SPIESSGESELLEN +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> Jalisco, wo er mehrere Male mit der Polizei in Berührung gekommen +war, konnte sich Vicente Pliego nicht mehr halten, weil ein +neuer Polizeidirektor eingesetzt worden war, der schnell und gründlich +mit den kleinen Spitzbuben aufzuräumen begann. Mit den großen +Spitzbuben war das nicht so leicht, weil sie teils Mitglieder der eigenen +Familie des Polizeidirektors waren, und teils waren sie Diputados, die +genügend Einfluß hatten, dem Polizeidirektor zur Absetzung zu verhelfen. +Und weil Vicente Pliego mit den Großen nicht konkurrieren +konnte, schob er sich für eine Zeit aus dem Licht und ging nach Mexiko +City, wo er noch unbekannt war. +</p> + +<p> +Vicente Pliego war Mestize. Sein ordentlicher Beruf war Spitzbube. Er +hatte nie einen andern Beruf gehabt und hoffte, nie genötigt zu werden, +einen andern Beruf ergreifen zu müssen. +</p> + +<p> +In Mexiko hielt er sich eine Zeitlang mit Taschendiebstählen reichlich +über Wasser. Er war ein guter Katholik, und darum machte er seine +besten Geschäfte innerhalb der Kirchen. Er kniete sich andächtig, +mit vielen geschlagenen Kreuzen beladend, neben kniende und +inbrünstig betende Frauen und stahl ihnen die Handtaschen leer. Den +knienden Männern zog er die Börsen aus den hinteren Hosentaschen +und erleichterte sie um ihre Uhren. Die Opferstöcke zu berauben, hielt +er für unkatholisch und schamlos, weil es andere erfolgreich besorgten, +die geschickter waren als er und ihm mit Dolchstößen gedroht hatten, +falls er versuchen sollte, ihnen in das Geschäft, das sie als ihr Privileg +betrachteten, hineinzumanschen. +</p> + +<p> +Vicente hatte ein Mädchen kennengelernt, und ihretwegen brauchte er +eine größere Summe; denn sie machte Ansprüche auf elegante Kleider, +goldene Ohrringe, Armbänder und was ein Mädchen sonst gern haben +will. +</p> + +<p> +Durch einen Chauffeur hörte er von einer sehr wohlhabenden Familie, +die in einer der eleganten Avenidas der Condesa wohnte; und er beschloß, +sich bei dieser Familie die Summe, die er benötigte, zu verschaffen. +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +Er besuchte seinen Freund, den Chauffeur, und hierbei sah er +sich im Hause um mit der klugen Vorsicht, das Betriebsfeld zu studieren. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Überall in Mexiko gibt es Kirchen, in denen sich bestimmte Heilige befinden, +die in langer Erfahrung sich den Ruf erworben haben, Spitzbuben, +Einbrechern, Straßenräubern und Raubmördern freundlich gesinnt +zu sein und ihnen ihren göttlichen Schutz nicht zu versagen, vorausgesetzt +natürlich, daß man sie genügend anbetet und ihnen Kerzen und +andere besonders gut klingende Opfergaben zu Füßen legt. Außerdem +erwarten jene Heiligen, daß ihr Ruhm der Welt verkündet wird. Da +der ungeweihte und der uneingeweihte Mensch keine Befugnis hat, +solche Lobreden auf Heilige öffentlich oder gar in der Kirche zu halten, +so ist der schlichte Gläubige genötigt, einen Brief zu schreiben und in dem +Briefe dem Heiligen seinen Dank für die gewährte Hilfe auszusprechen, +dabei zu erwähnen, welcher Art die Hilfe war, und dann diesen Brief +offen, für jeden anderen Gläubigen sichtbar, dem Heiligen mit einer +Stecknadel an die Kutte oder den Samtmantel anzupicken. +</p> + +<p> +Vicente hatte in der Nähe des Marktes Merced eine Wahrsagerin angetroffen, +der er fünfzig Centavos bezahlte, um von ihr zu erfahren, +welcher Heilige ihm wohl für seine besonderen Geschäfte am günstigsten +gesinnt sei. Die Wahrsagerin kannte ihren Mann sofort – warum wäre +sie sonst Wahrsagerin? –, und sie gab ihm den Namen der Kirche und +den Namen des Heiligen, der für seine speziellen Bedürfnisse in Frage +käme, sagte ihm, in welcher Nische der Heilige zu finden sei, wie er +aussehe und wieviel er für seine Mitwirkung erwarte. +</p> + +<p> +Die Kirche befand sich nahe dem Barrio de la Bolsa, jenem Stadtviertel +in Mexiko, das als das gefährlichste Räuber-, Mörder- und Spitzbubenstadtviertel +in der ganzen Welt berüchtigt und verrufen ist. Es gilt als +verwegener denn irgendein ähnliches Stadtviertel in New York, Chikago, +San Franzisko, London oder Paris. Fremde und Touristen, die +nach Mexiko kommen, werden stets dringend gewarnt, jenes Stadtviertel +weder bei Tage noch bei Nacht aufzusuchen, weil für ihr Geld und ihre +Kleidung, einschließlich Hemd, gar nicht und für ihr Leben so gut wie +nicht gebürgt werden kann. Hier pflegen die Mörder für politische +und private Angelegenheiten gemietet zu werden. Hier werden, laut +Polizeibericht, kleine Mädchen von sechs Jahren öffentlich in den +Pulquerias an den Meistbietenden versteigert und meist von ihren +eigenen Eltern oder ihren nächsten Anverwandten. Hier werden, ebenfalls +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +laut Polizeibericht, einjährige Kinder gebraten und ihr Fleisch verkauft +und gekauft als „Carne del Ninjo“, Kinderfleisch. Und alle die +Menschen, die hier leben, haben ihren Rosenkranz in der Tasche und ein +von dem Pfaffen geweihtes Amulett um den Hals hängen; und jeden +Tag, ohne einen auszulassen, gehen sie wenigstens einmal für zehn +Minuten in eine der zahlreichen Kirchen des Distrikts, um sich mit Weihwasser +zu besprengen und ihre Kniebeugen vor der Gottesmutter und +ihre Pflichtbekreuzigungen zu machen. Das Stadtviertel ist heute umgetauft, +damit die Touristen es nicht finden sollen; denn alle Reiseführer +tragen noch die frühere richtige Benennung. Ein Mann in Würden in +Mexiko, der den mexikanischen Proletariern und ihrem heldenhaften +Kampf um ihre geistige und wirtschaftliche Befreiung offenbar nicht +freundlich gesinnt ist, hat der Hauptstraße in jenem verrufenen Viertel +jetzt offiziell den Namen „Avenue der Arbeit“ verliehen, wie er dem +schmutzigsten Stadtviertel, in dem nicht eine Straße gepflastert ist, wo +weder Kanalisation noch Wasserspülung ist und wo infolgedessen der +widerwärtigste Unrat offen in den Straßen liegt und offen von bedürfnisgedrängten +Männern und Frauen und Kindern zu jeder Tageszeit hingelegt +wird, weil jede andere Ablagerungsgelegenheit fehlt, den Namen +„Colony der Arbeiter“ gab. Durch eine Veränderung des Namens allein +kann man aber aus einem Mädchen keinen Jungen machen. Und so, wenn +heute neugierige Touristen in Mexiko fragen: Wo ist denn das verrufenste +Verbrecherviertel hier?, so wird ihnen wahrheitsgemäß geantwortet: +Das ist die Avenue der Arbeit. Und fragen die Touristen: Wo ist +hier das schmutzigste, das verwahrloseste und das stinkigste Stadtviertel?, +so heißt die wahrheitsgetreue Antwort: Das ist die Colony der Arbeiter. +Damit ist erreicht, was jener Straßenumtaufer in seinem Haß und in +seiner Verachtung gegen das mexikanische Proletariat erreichen wollte; +und er bewies dadurch, daß es viele wirksame Methoden gibt, mit denen +selbst unter einer ehrlich arbeiterfreundlichen Regierung konservative +Bürokraten erfolgreich arbeiten können. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Vicente machte sich sofort auf, um sich mit seinem neugewonnenen Heiligen +anzufreunden. Er fand ihn offenbar willig und bereit, ihm seinen +himmlischen Beistand nicht zu versagen. Vicente kniete nieder, sagte +andächtig alle die Gebete herunter, die jenem Heiligen laut Gebetbuch +zustehen, und erklärte ihm, was er vorhabe und in welcher Form er die +Mithilfe erwarte. „Wenn alles gut geht, wenn ich mit allem gut herauskomme +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +und ich nicht erwischt werde, will ich dir zwanzig Kerzen +opfern und fünfundzwanzig Prozent des Geschäfts“, versprach Vicente, +im Gebete flüsternd, dem Heiligen. Dann fügte er noch eine Reihe +Gebete hinzu, stellte dem Heiligen vier neue Kerzen auf den Altar, +bekreuzigte sich und ging. Ging mit der Überzeugung, daß er jetzt den +geplanten Einbruch erfolgreich begehen könne, auch wenn zwei Polizisten +vor dem Hause stehen sollten. +</p> + +<p> +Zwei Tage darauf erhielt er von seinem Freunde, dem Chauffeur, die +Mitteilung, daß er, der Chauffeur, seine Herrschaften zu einer Geburtstagsfeier +nach San Angel zu fahren habe und daß die Herrschaften ganz +bestimmt nicht vor zwei Uhr morgens zurück sein würden; das Hauspersonal +habe Urlaub für die Lichtspiele und komme nicht zurück vor +zwölf Uhr. +</p> + +<p> +Vicente machte das alles allein, ohne jegliche Mithilfe. +</p> + +<p> +Am Morgen darauf sah sich Vicente im Besitze von etwa zweitausendvierhundert +Pesos, zwei Uhren, einigen Ringen, einem goldenen Zigarettenbehälter +und noch so einigen Kleinigkeiten, wie sie bei einem +solchen Besuch gewöhnlich als Dreingabe mit abzufallen pflegen. +</p> + +<p> +Es war alles gut gegangen. Ein Polizist hatte ihn herauskommen sehen, +aber nichts gesagt und gewiß auch nichts vermutet. Und weil alles so +vortrefflich und ruhig und ohne Revolverschießerei abgegangen war, erinnerte +sich Vicente des Versprechens, das er dem Heiligen gegeben +hatte. +</p> + +<p> +Er ging zu einem Evangelisten in den Kolonaden der Plaza del Santo +Domingo und ließ sich den Danksagebrief an den Heiligen mit der +Schreibmaschine schreiben, und er bestand darauf, daß die wichtigen +Stellen des Briefes mit rotem Band getippt werden sollten. Der Evangelist +berechnete dafür, obgleich er keine besondere Arbeit hatte, weil das Band +zweiteilig war, einen Peso extra. +</p> + +<p> +Aber Vicente konnte nicht sofort zu dem Heiligen gehen, weil er eine +Verabredung mit seinem Mädchen hatte, und diese Verabredung verzögerte +sich immer mehr und mehr, bis es endlich zu spät war, zu jener +Kirche hinauszugehen. Dagegen bezahlte er am selben Abend noch +seinem Freunde, dem Chauffeur, die ausgemachte Belohnung. +</p> + +<p> +Als endlich, am nächsten Nachmittag, sich Vicente aufs neue seiner Pflicht +gegenüber dem Heiligen erinnerte, fand er, daß die Verabredungen mit +seinem Mädchen und den damit verknüpften Einkäufen so viel gekostet +hatten, daß er dem Heiligen auf keinen Fall die fünfundzwanzig Prozent +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +vom Reingewinn bezahlen konnte, also etwa sechshundert Pesos, die in +den Opferstock gelegt werden sollten. Er hatte zwar noch etwa siebenhundert +Pesos, aber wenn er davon dem Heiligen sechshundert abgab, +dann war es morgen schon aus mit weiteren Verabredungen mit seinem +Mädchen. Er kam zu der Überzeugung, daß der Heilige ja von großer +Güte sei und von einem großen Verständnis für die Schwächen der +Menschen, und daß er sich gewiß mit zweihundert Pesos, vielleicht mit +hundertfünfzig Pesos durchaus begnügen werde. +</p> + +<p> +Vicente schob also am folgenden Vormittag hinaus zu der Kirche, kniete +nieder, verrichtete seine Gebete, hängte dem Heiligen den schönen rot +und blau geschriebenen Danksagebrief an und begann nun die Pesos, +je ein silbernes Ein-Peso-Stück nach dem andern, in den Schlitz des +Opferkastens zu stecken. Das dauerte eine gute Weile. +</p> + +<p> +Er war nicht der einzige Mensch, der vor dem Heiligen kniete; denn es +gab ja mehr Spitzbuben in Mexiko als nur einen. Die Nicht-Spitzbuben +hatten wieder andere Heilige, je nach ihren Bedürfnissen. Oft wußten +freilich auch die Nicht-Spitzbuben nicht ganz genau, ob die Sache, für +die sie ihren Heiligen um Beistand anflehten, nicht eigentlich mehr in +das Spezialgebiet jenes anderen Heiligen, den sich Vicente erwählt hatte, +gehört hätte. +</p> + +<p> +Weil nun Vicente nicht der einzige Betende war, so achtete er wenig +darauf, wer die andern waren, die vor demselben Heiligen knieten und +beteten. Er sah da einen Mann knien, der gleichfalls zum selben Handwerk +zu gehören schien. Der Mann stand auf und sah sich oberflächlich +die Briefe an, die dem Heiligen angeheftet waren. Er schien die Briefe +alle gut zu kennen, denn er sah sofort, daß ein neuer Brief angehängt +war, und er hatte auch gesehen, wer ihn angehängt hatte. Und er sah +ferner, daß Vicente dort einen Peso nach dem andern in den Kastenschlitz +steckte. Er war wieder niedergekniet und betete mit tiefer Inbrunst +und mit unzähligen Bekreuzigungen. +</p> + +<p> +Vicente war inzwischen mit dem Bezahlen zu Ende gekommen. Er hatte +noch einige zwanzig Pesos von der Belohnung heruntergehandelt, weil +es ihm zuletzt dumm vorkam, die schönen Pesos dort nur immer so +hineinzuschieben. +</p> + +<p> +Nun kniete er wieder nieder, um die Abschiedsgebete herunterzuflöten. +Er zischte sie mit großer Schnelligkeit von dannen, weil er sich erinnerte, +daß er mit seinem Mädchen eine frühere Verabredung getroffen hatte, +was ihm gerade in diesem Augenblick einfiel. +</p> + +<p> +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +Jener Mann, der zum selben Handwerk gehörte und ebenso dringend +seine Angelegenheiten dem Heiligen ans Herz legte, wie Vicente es getan +hatte, kniete noch immer. Aber jetzt endlich schien er fertig zu sein. Er +machte noch eine Anzahl Kreuze über sich her, dann stand er auf und +ging hinaus. Draußen vor der Kirche winkte er einen Mann heran, der +dort gelangweilt herumstand, eine Zigarre rauchte und einen Spazierstock +trug, von dem er anscheinend nicht wußte, was er damit machen +sollte, denn er warf ihn von einem Arm in den andern, schleuderte ihn +in der Luft herum, hielt ihn wie ein Gewehr, dann wie einen Besen, dann +kratzte er damit auf den Steinen herum, dann schabte er sich mit ihm +hinter den Ohren, und was man sonst noch so alles mit einem Spazierstock +machen kann, wenn man nicht als Kind schon gelernt hat, daß ein +Spazierstock nur einen Zweck hat: ihn irgendwo stehenzulassen und +schnell auszurücken, daß er einem nicht etwa nachgebracht werden kann. +Also so war der Mann da draußen. Er hatte einen Spazierstock. Und er +rauchte eine Zigarre. Diese Art Leute sind auf der ganzen Welt völlig +gleich. Man erkennt sie auf zweihundert Schritt, und man erkennt sie +leichter als die uniformierten Polizisten, von denen man oft nicht weiß, +ob sie von einem Maskenball übriggeblieben sind oder ob sie als die neue +Schutz- und Ordnungstruppe nach dem oberen Kongo geschickt werden +sollen. +</p> + +<p> +Aber, und das ist der Punkt, der Mann, der auch zum Handwerk gehörte, +auch vor dem Heiligen andächtig kniete und Kreuze machte, versteht +alle Danksagebriefe, die dem Heiligen an seinen Plüschmantel gepickt +werden, viel besser zu lesen, als der geschickteste Spitzbube mit Hilfe des +besten Evangelisten sie je wird schreiben können. Der Spitzbube muß +doch wenigstens, wenn auch noch so umschrieben und geheimnisvoll, andeuten, +was der Heilige für ihn getan hat, denn andernfalls weiß der +Heilige ja gar nicht, was los ist, und er verwechselt die Briefe, die Gelder +und die Namen und hilft aus reinem Versehen nicht dem, der am besten +zahlt und die schönsten Ruhmbriefe schreibt, sondern dem, der am schäbigsten +mit den Kerzen, mit den Lobesbriefen und mit den Geldern ist. +Die Polizei betet auch zu dem Heiligen, so gut wie die Spitzbuben. Und +wenn der Polizei gemeldet wird, vorgestern nacht wurde in einem bestimmten +Hause eingebrochen und das und jenes gestohlen, und der Spitzbube +wurde nicht erwischt, dann geht ein Polizist in Zivil auf den +Volador, auf den Diebsmarkt, wo die gestohlenen Sachen gehandelt +werden. Ein zweiter Polizist geht in bestimmte Kirchen, wo er seine +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +Heiligen alle kennt. Wurde der Spitzbube nicht erwischt, dann kommt +er sich beim Heiligen bedanken, wenn nicht heute, dann morgen oder +übermorgen. Aber er kommt, denn er ist ein guter Katholik, der an +die Hilfsbereitschaft seiner Heiligen glaubt und ihnen zu Dank verpflichtet +ist. +</p> + +<p> +Der Chauffeur war gestern schon in Haft genommen worden, weil die +Polizei ja sehr dumm sein mag, aber doch nicht so dumm, daß sie nicht +nach wenigen Stunden weiß, daß jemand, der zum Hause gehört, +jemandem, der nicht zum Hause gehört, etwas erzählt haben muß, wann +das Haus verlassen ist und wo das laufende Geld aufbewahrt wird. +</p> + +<p> +Und Vicente, der treue Gläubige, schreibt in seinem Danksagebrief in +roter Schrift und vertrauensvoll und kameradschaftlich: – – und ich +küsse Dich, Santito mio, auf Dein Herz aus Dankbarkeit, daß Du mir +einen so guten Freund in den Weg sandtest wie meinen Freund, der +Ch...r Pancho L., und ich bitte Dich aus tiefstem Herzen, auch ihn +zu schützen und mit Deinen Gnaden zu überhäufen, und ich preise – –. +Selbst wenn die Polizei gar kein Interesse daran hat, ob die Spitzbuben +gefangen werden oder nicht, denn das Geld ist ja auf alle Fälle fort, so +kann sie doch nicht, wenn sie auch nur einen Funken von Berufsstolz hat, +sich einen derartigen Brief direkt vor die Nase kleben lassen und dann +sagen: wir bedauern, mit der Verhaftung des Chauffeurs einen groben +Irrtum begangen zu haben. Polizei und Richter begehen keine Irrtümer. +Wenn jemand hingerichtet wurde, und es stellt sich später heraus, daß er +unschuldig hingerichtet wurde, so war es seine eigene Schuld; warum +hatte er sich so nahe hingestellt, daß man glauben mußte, er sei schuldig. +Wo ein Verbrechen geschieht, geht man rechtzeitig fort, dann kann man +nie unschuldig verhaftet werden. +</p> + +<p> +Alle diese so wunderbaren Untersuchungen und Erwägungen und tiefen +Gedanken aus dem Gebiete der Justizpflege waren weder Vicente bekannt +noch seinem treuen Freunde, dem Chauffeur. Sie beide werden +beim nächsten Male alles ganz genau wieder so machen, wieder Briefe +an den Heiligen schreiben und wieder vor dem Heiligen knien. +</p> + +<p> +Es war ihnen bald klar, warum der Heilige versagt hatte. +</p> + +<p> +Im Belen-Gefängnis trafen sich Vicente und der Chauffeur. Keiner hatte +den andern verraten. Sie waren bessere Freunde als vorher. +</p> + +<p> +„Ich verstehe nicht“, sagte der Chauffeur, „wenn dich dein Santo so +ganz und gar im Stich gelassen hat.“ +</p> + +<p> +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +„Ich weiß es, warum“, sagte Vicente gedrückt. „Ich bin doch glänzend +aus dem Hause gekommen. Aber verflucht, dann habe ich eben die große +Dummheit gemacht. Ich hatte dem Santo fünfundzwanzig Prozent versprochen. +Weißt du, wieviel ich ihm gegeben habe, Chato? Achtzig Pesos, +und davon habe ich ihm auch noch zwanzig Pesos abgezogen, und die +zwanzig Kerzen habe ich ihm auch nicht gebracht.“ +</p> + +<p> +„Da freilich“, sagte der Chauffeur, „wundert’s mich nicht mehr, warum +wir hier sitzen. Für das Geld konnte er das mit dem allerbesten Willen +nicht machen. Das hättest du doch wirklich wissen können. Wenn ich es +dafür nicht gemacht habe, wie kannst du es denn dann von deinem Santo +erwarten? Einen solchen Dummkopf, wie du bist, habe ich lange nicht +gesehen.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-8"> +<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> +DIE GESCHICHTE EINER BOMBE +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-d"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar drop-d">er</span> Indianer Eduardo Llaca hatte drei hübsche Töchter. Alle +drei heiratsfähig, die jüngste dreizehn, die älteste sechzehn Jahre alt. Eines +Tages kam zu ihm der Indianer Guido Salvatorres, der hier am Orte +mehrere Wochen im Busch gearbeitet und für etwa fünfzig Pesos Holzkohle +gebrannt hatte. Nachdem er sich ein neues Hemd, eine neue Hose +und einen neuen Hut gekauft sowie der alten Negerin, wo er in Kost +gewesen war, die Rechnung bezahlt hatte, blieb ihm nicht viel übrig. +</p> + +<p> +Am Samstag war Tanz gewesen, der bis zum Morgen dauerte und bei +dem Salvatorres die drei hübschen Mädel kennengelernt hatte, aber sehr +wenig Gelegenheit bekam, mit ihnen zu tanzen, weil die andern Burschen +immer viel flinker waren als er. +</p> + +<p> +Den Sonntag hatte er gebraucht, um einen Gedanken zu bekommen. Und +dieser Gedanke arbeitete an ihm Montag, Dienstag und Mittwoch. Am +Donnerstag war der Gedanke so reif geworden, daß er am Freitag klare +Gestalt annehmen konnte und seinen Erzeuger am Samstag zu jenem +Vater führte. – „Welche willst du denn haben?“ fragte Llaca. +</p> + +<p> +„Diese da!“ sagte Salvatorres, wobei er auf Bianca zeigte, die gerade +vierzehn Jahre alt war und die das hübscheste Gesicht hatte. +</p> + +<p> +„Das glaube ich dir, die würde dir wohl schmecken. Wie heißt du denn +übrigens?“ +</p> + +<p> +Nachdem Salvatorres seinen vollen Namen, den er wohl nennen, aber +nicht buchstabieren konnte, hergesagt hatte, fragte ihn der Vater, wieviel +Geld er habe. +</p> + +<p> +„Achtzehn Pesos“, sagte er. Das war doppelt soviel, als er wirklich besaß. +„Da kannst du Bianca nicht haben, ich brauche eine neue Hose, und die +Alte hat keine Schuhe. Wenn du so hoch hinaus willst und es auf Bianca +abgesehen hast, können wir nicht in Lumpen herumlaufen. Eine Hose +für mich und ein Paar neue Schuhe für die Alte, oder wir können dich +in der Familie nicht gebrauchen. Gib mir mal Tabak.“ +</p> + +<p> +Nachdem die Zigaretten gerollt und angezündet waren, sagte Salvatorres: +„Ich kann auch die da nehmen!“ Diesmal zeigte er auf Elvira, die älteste +unter den dreien. +</p> + +<p> +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +„Du bist nicht dumm, Salvatorres. Sage, hast du denn Arbeit?“ +</p> + +<p> +„Ich habe einen Esel.“ +</p> + +<p> +„Kein Pferd?“ +</p> + +<p> +Diese Fragen nach seinem Vermögen setzten Salvatorres ein wenig in Verlegenheit. +Er spuckte ein paarmal aus und sagte dann: „Ich habe einen +Onkel, der arbeitet in einer Mine bei Torreon. Da gehe ich rauf, wenn +ich eine Frau habe, und warte, bis auch ich in der Mine arbeiten kann. +Man kann dort leicht drei Pesos den Tag verdienen.“ +</p> + +<p> +„Drei Pesos ist hübsches Geld“, sagte der Alte. „Aber die achtzehn Pesos, +die du hast – damit können wir nicht einmal die Hochzeit machen.“ +</p> + +<p> +„Soviel kann doch die gewiß nicht kosten. Einen Pfarrer können wir +nicht nehmen, und die Lizenz für das Standesamt können wir auch nicht +bezahlen.“ +</p> + +<p> +„Freilich nicht“, sagte der Alte, „soviel Geld gibt es gar nicht. Aber wir +müssen doch wenigstens zwei Musikanten haben für den Tanz und zwei +Flaschen Tequila, sonst sagen die Leute uns nach, Elvira sei überhaupt +gar nicht verheiratet, sondern sei nur mit dir davongelaufen. Und so +etwas machen meine Töchter nicht. Warte nur ja darauf nicht, dann +kannst du alt werden.“ +</p> + +<p> +Es wurde dann hin und her gerechnet, daß Salvatorres noch drei Wochen +oder vier im Busch Kohle brennen solle, um das Geld zusammenzuhaben +für die Musikanten, den Tequila, ein Kilo Kaffee, drei Kilo +Zucker, ein Paar Schuhe für die Mutter und eine Hose für den Vater. +Als er damit einverstanden war, wurde ihm erlaubt, daß er hier in Kost +gehen könne bei den zukünftigen Schwiegereltern, wofür er ein Drittel +weniger zu bezahlen habe als bei der Negerin; man wolle ihn inzwischen +schon als Sohn anerkennen, er möge sich dort in der freien Ecke ein +Schlafgestell einrammen, und wenn er eine zweite Decke kaufen wolle +für Elvira, so könne sie schon bei ihm schlafen, damit nicht so viele Umstände +gemacht zu werden brauchen, denn verhindern ließe es sich ja doch +nicht. Nachdem Salvatorres auch diese Decke für Elvira zugestanden +hatte, wurde Elvira selbst, die wie alle Familienmitglieder der ganzen +Verhandlung beigewohnt hatte, gefragt, ob sie etwas einzuwenden habe. +„Ich würde ganz gern nach Torreon gehen“, war ihre Antwort, und +damit war diese wichtige Familienangelegenheit erledigt. +</p> + +<p> +Auf alle Fälle fehlten Salvatorres jene neun Pesos, die er sich in die Tasche +gelogen hatte. In den vier Wochen, die er zu arbeiten hatte, ging auch +das Hemd in die Brüche, und für die Hochzeit mußte er unbedingt ein +<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> +neues haben. Diese beiden Tatsachen waren die Ursache, daß einem in +der Nähe wohnenden amerikanischen Farmer eines Tages zwei Kühe +fehlten, die nie wiederkamen. +</p> + +<p> +Nachdem der Tanz gewesen war, der alte Llaca sich betrunken hatte, er +eine neue gelbe Zwirnhose und seine Senjora ein Paar neue Schuhe besaßen, +war Elvira die rechtmäßige Gattin des Salvatorres, die ihm niemand +entführen oder verführen durfte, ohne seine Ehre zu verletzen und +seinen Zorn hervorzurufen. Salvatorres packte seine beiden Decken, einen +Kaffeekessel, seinen Machete, seine Axt und seine Elvira auf den Esel +und wanderte in die Minengebiete von Torreon. +</p> + +<p> +Nur eine Woche lungerte er herum, dann bekam er Arbeit in einer +Kupfergrube. Die Arbeit war schwer, aber er fürchtete sich nicht davor. +In der freien Zeit, die er hatte, baute er sich eine Hütte, in der er mit +seiner Elvira ein glückliches Leben führte. Sie kochte ihm das Essen, +wusch seine Wäsche, flickte ihm seine Hosen, prickte ihm die Sandflöhe +aus den Füßen und wärmte ihm in den kalten Nächten, die in jener Berggegend +so häufig sind, das Bett. Er fühlte sich wohl, betrank sich nie, und +sie hatte keinen Grund zu irgendwelcher Klage. +</p> + +<p> +Vielleicht wäre das ein ganzes Menschenleben so geblieben, wenn nicht +eines Tages ein Bursche mehr in Elvira entdeckt hätte, als Salvatorres +je fähig war, in ihr auch nur zu ahnen. Als Salvatorres jenes Abends +heimkam, war Elvira ausgeflogen. Und da sie die schöne Decke, ihr +zweites Hemd, ihre beiden Kleider und den Kamm mitgenommen hatte, +wußte Salvatorres, daß es für immer war, daß sie nicht daran dachte, +die eheliche Gemeinschaft mit ihm fortzusetzen. +</p> + +<p> +Die Hütten der eingeborenen Bevölkerung sind nicht imstande, irgendwelche +Geheimnisse zu verbergen. Nachdem Salvatorres etwa zwei +Dutzend Hütten abgesucht hatte, fand er die richtige. Er hörte seine +Elvira darin lachen und schwatzen. Er spähte durch die Wände und erblickte +Elvira schmeichelnd an der Seite ihres Neuerwählten sitzen. Sie +war in vortrefflicher Laune. Außer diesem Paar waren noch zwei andere +junge Paare in derselben Hütte. Alle waren lustig und guter Dinge, und +sie hatten sich zu einem gemütlichen Abendschwätzchen zusammengefunden. +Der Name Salvatorres wurde gar nicht erwähnt, sein Träger +war ausgelöscht aus dem Gedächtnis dieser lustigen Leutchen. +</p> + +<p> +Die wahren Motive einer Handlung zu ergründen, die der Angehörige +einer Rasse begeht, die nicht die unserige ist, ist ein törichtes Beginnen. +Vielleicht finden wir das Motiv, oder wir mögen glauben, daß wir es +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +gefunden haben, aber wenn wir versuchen, es zu begreifen, es unserer +Welt- und Seeleneinstellung nahezubringen, stehen wir ebenso hoffnungslos +da – vorausgesetzt, wir sind ehrlich genug, es einzugestehen –, genau +so, als wenn wir in Stein eingegrabene Schriftzeichen eines verschollenen +Volkes entziffern sollen. Der Angehörige der kaukasischen Rasse wird, +wenn als Richter über die Handlung des Angehörigen einer andern Rasse +gesetzt, immer ungerecht sein. +</p> + +<p> +Was Salvatorres jetzt tat, kann lediglich in der Handlung und in der +Wirkung mitgeteilt werden. Eine Erklärung für seine Handlung zu +geben, würde eine Untersuchung nötig machen, die ein dickes Buch füllen +würde. +</p> + +<p> +Als er sich davon überzeugt hatte, daß seine Elvira sehr glücklich war, +offenbar viel glücklicher und viel verliebter, als er sie jemals gesehen +hatte, solange sie seine Frau war, daß also keine Hoffnung blieb, sie je +wieder als Ehegesponst zu haben, beschloß er, einen dicken Strich unter +diesen Abschnitt seines Lebens zu ziehen. +</p> + +<p> +Mit der ganzen Geschicklichkeit und Intelligenz, die den mexikanischen +Indianern eigen ist, fabrizierte er in überraschend kurzer Zeit eine ausgezeichnete +Bombe aus den denkbar primitivsten Mitteln. Um ihre +Wirkung ganz sicher zu machen, arbeitete er sich mit großer Mühe in die +Werkzeugbude, verschaffte sich das Dynamit, das Hütchen und die Zündschnur. +Als alles fertig war, schlich er sich wieder zu jener Hütte, wo die +lustige Gesellschaft noch immer beisammen war und wahrscheinlich im +Sinne hatte, dort zu übernachten. Türen haben diese Hütten ja nicht, +und so war es eine einfache Sache, die Bombe, nachdem die Zündschnur +gut Feuer gepackt hatte, in die Hütte zu schleudern. +</p> + +<p> +Nachdem das geschehen war, verließ Salvatorres die Nähe der Hütte und +ging ruhig nach Hause, um sich zu Bett zu legen. Was ein Mensch nur +tun konnte, um eine Bombe wirkungsvoll zu machen, das hatte er getan. +Das Resultat kümmerte ihn nicht. Ging die Bombe auf, war es recht, +ging sie nicht auf, war es auch recht. Nachdem die Bombe verfertigt und +sachgemäß an die richtige Stelle gebracht worden war, hatte die ganze +Ehegeschichte jegliches Interesse für ihn verloren. Morgen und für den +Rest ihres ganzen Lebens waren Elvira und ihr neuer Gatte und alle, die +bei diesem Drama bewußt oder unbewußt helfend mitgewirkt hatten, +vor dem Zorn Salvatorres so sicher, als ob er nicht existierte. Für ihn war +der Fall Elvira gänzlich abgetan. +</p> + +<p> +Nicht aber so für die lachende Gesellschaft in der Hütte. +</p> + +<p> +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +In den Bergwerksgegenden Mexikos weiß jeder Indianer und jede Indianerin, +was es zu bedeuten hat, wenn sie plötzlich eine alte Konservenbüchse +sehen, an der eine schmökende Zündschnur hängt. Die Bombe +sehen und raus aus der Hütte, ohne ein Wort zu sagen, ohne auch nur +einen Warnungsschrei auszustoßen, dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. +Dann erfolgte eine fürchterliche Explosion, die die Hütte splitterweise +einige hundert Meter weiter fortschleuderte. +</p> + +<p> +Elvira und ihre neue Liebe waren mit dem Schrecken, der keine ernste +Folgen bei ihnen zurückließ, davongekommen. Auch die übrigen Leutchen +waren heil, bis auf eine der anderen beiden jungen Frauen, die in dem +Augenblick, als die Bombe auf der Bildfläche erschien, sich in einer Ecke +gerade mit den Kaffeetassen beschäftigte und deshalb weder die Bombe +noch den wortlosen Abschied ihrer Gäste bemerken konnte. Diese bedauernswerte +Tochter Mexikos machte die Reise der Hütte mit, und da +sie sich in der kurzen Zeit nicht so rasch entscheiden konnte, mit welchem +Teil der Hütte sie die Fahrt machen möchte, landete sie stückweise an +zwanzig verschiedenen Stellen der Umgegend. +</p> + +<p> +Zwei Tage später erschien auf dem Arbeitsplatze des Salvatorres ein +Polizeibeamter. Das Verhör ging vor sich, ohne daß sich Salvatorres in +seiner Arbeit viel stören ließ. Nur dann gerade, wenn er sich sowieso die +Zeit nahm, um sich eine Zigarette zu rollen, gab er genügend Auskunft. +</p> + +<p class="ibr"> +„Sie haben da in die Hütte des Juan Guennel eine Bombe geworfen?“ +</p> + +<p> +„Das ist richtig. Das geht aber Sie gar nichts an. Das ist eine reine +Familienangelegenheit.“ Salvatorres ist in seinem guten Recht. +</p> + +<p> +„Bei dieser Bombengeschichte ist aber eine Frau getötet worden.“ +</p> + +<p> +„Das weiß ich, das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Das ist meine Frau, +und ich denke doch, daß ich mit meiner Frau machen kann, was ich will, +denn sie kriegt doch von mir das Essen und die Kleider, und die Musik +für die Hochzeit habe ich auch bezahlt.“ Salvatorres ist abermals in +seinem guten Recht. +</p> + +<p> +„Es ist aber nicht Ihre Frau Elvira, die getötet wurde, sondern die Frau +des Juan Guennel.“ +</p> + +<p> +„Dann geht mich die ganze Geschichte überhaupt gar nichts an. Die Frau +des Juan kenne ich gar nicht, die hat mir gar nichts getan, und wenn die +dabei draufgegangen ist, dann war das nicht meine Absicht, das ist dann +ein Unglücksfall. Und für Unglücksfälle bin ich nicht verantwortlich. Die +Guennel Frau konnte ja besser achtgeben.“ +</p> + +<p> +Damit ist für Salvatorres die Angelegenheit erledigt. Seine Zigarette ist +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +aufgeraucht, er wirft den Stummel fort, nimmt eine Pickhacke und wütet +gegen den Berg. +</p> + +<p> +Acht Tage darauf ist die Gerichtsverhandlung. Salvatorres hat sich wegen +Mord zu verantworten. Die Geschworenen sind indianische Arbeiter, wie +er einer ist. Irgend jemand hat ihm gesagt: „Im Gerichtssaal hältst du +einfach die ganze Zeit das Maul. Entweder du sagst kein einziges Wort +oder, wenn du schon was sagst, antwortest du immer nur ‚Das weiß ich +nicht‘.“ Daran hält sich Salvatorres. Im großen und ganzen ist ihm das +alles ganz egal. Wird er verurteilt, ist es ihm recht, wird er freigesprochen, +ist es ihm auch recht. Er rollt sich seine Zigaretten und macht sich in dem +Gerichtssaal einen faulen Tag. Auch die Geschworenen rauchen frischweg; +wenn man es ihnen verböte, würden sie nach Hause gehen, und man +hätte keine Geschworenen. +</p> + +<p> +„Der Angeschuldigte hat den Mord eingestanden. Der hier als Zeuge +anwesende Beamte hat den Angeschuldigten an seinem Arbeitsplatze +vernommen, und die Tat ist ohne weiteres zugegeben worden.“ +</p> + +<p> +Der öffentliche Ankläger vertritt eine klare, sichere Sache; er hat so gut +wie gar keine Arbeit. +</p> + +<p> +Ein Geschworener läßt Salvatorres durch den Vorsitzenden fragen, ob er +den Mord eingestanden habe. +</p> + +<p> +„Das weiß ich nicht“, sagt Salvatorres. Darauf setzt er sich wieder und +raucht weiter. +</p> + +<p> +Ein anderer Geschworener wünscht das Protokoll zu sehen, in dem +Salvatorres unterschrieben hat, daß er dem Beamten gegenüber die Tat +nicht geleugnet habe. +</p> + +<p> +„Das Protokoll ist nur von dem Beamten unterzeichnet, da Salvatorres +weder lesen noch schreiben kann. Er hat aber gestanden, und dafür haben +wir das Wort und das Protokoll des Beamten, eines ehrenhaften Mannes.“ +</p> + +<p class="ibr"> +Der öffentliche Ankläger wird ein wenig nervös. +</p> + +<p> +Ein dritter Geschworener will wissen, warum sie, die Geschworenen, dem +Beamten, der im Dienste und Lohn des Staates stehe, mehr Glauben und +Vertrauen schenken sollen als Salvatorres, der sich seinen Lebensunterhalt +verdiene, ohne von den Steuern der Leute zu leben. +</p> + +<p> +Ein vierter Geschworener verlangt, daß Salvatorres hier in Gegenwart +der Geschworenen erklären soll, ob er den Mord begangen habe, da er +nicht sehe, auf Grund welcher Beweise er Salvatorres schuldig sprechen +könne. +</p> + +<p> +„Bekennen Sie sich schuldig?“ +</p> + +<p> +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +„Das weiß ich nicht.“ Salvatorres setzt sich wieder und beginnt an einer +neuen Zigarette zu rollen. +</p> + +<p> +Der Vertreter der Anklage spielt seine letzte Karte aus. Er läßt die +Zeugen aufmarschieren: Elvira, ihren Geliebten und die anderen drei +Leutchen, die an jenem Abend in der Hütte waren. Sie alle wissen, was +der ganze Ort weiß und worüber gar kein Zweifel herrscht, da Salvatorres +viel zuviel auf seine Ehre hält, als daß er irgend jemand darüber im +unklaren ließe, wie er eine ungetreue Frau behandelt. +</p> + +<p> +Die Zeugen erklären einmütig, daß sie nicht gesehen haben, wer die +Bombe geworfen habe. Und auf die Frage, ob sie glauben, daß Salvatorres +es gewesen sein könne, erklären sie wieder einmütig, es könne auch ebensogut +der frühere Liebhaber der Frau des Guennel gewesen sein; er +wohne zwar seit einem halben Jahr in Parral mit einer Frau, aber er sei +sehr eifersüchtig. Elvira fügt hinzu, sie kenne Salvatorres sehr gut, da sie +seine Frau gewesen sei, und eine Bombe würde er nie werfen, sicher +nicht gegen eine Frau, die er gar nicht kenne. +</p> + +<p> +Dem öffentlichen Vertreter der Anklage ist sein wunderschöner Kuchen +zerkrümelt. Die Geschworenen ziehen sich zurück, und nach einer Viertelstunde +Anstandsberatung geben sie ihr Urteil ab: „Salvatorres ist unschuldig +mit allen Stimmen.“ +</p> + +<p> +Salvatorres wird sofort auf freien Fuß gesetzt. Er geht mit den Zeugen, +Elvira und ihren Neuerwählten eingeschlossen, in den nächsten Saloon, +wo sie eine Flasche Tequila leeren, wobei sie der Reihe nach die Flasche +an den Mund führen. Am Nachmittag desselben Tages ist Salvatorres +bereits wieder in der Grube. +</p> + +<p> +Am Abend des nächsten Tages ist Tanz. Salvatorres ist auch da. Er findet +eine neue Frau, die sehr hübsch ist und noch in der Nacht in sein Haus +einzieht. +</p> + +<p> +Nachmittags geht sie aus, um ihre Habseligkeiten, die sie in einem +Schilfkorbe aufbewahrt, von ihrer bisherigen Unterkunftsstelle zu holen +und in das neue Heim zu bringen. +</p> + +<p> +Am Abend – Salvatorres ist schon längst von der Arbeit heimgekehrt – +sieht sie plötzlich, während sie die Frijoles auf den Tisch stellen will, eine +alte Konservenbüchse mit einer schmökenden Zündschnur daran, mitten +auf dem Fußboden liegen. +</p> + +<p> +Sie konnte noch rechtzeitig entweichen. Aber von Salvatorres ist nicht einmal +mehr ein Hosenknopf übriggeblieben, den sie als trauernde Witwe +hätte beweinen können. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-9"> +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +DIE DYNAMIT-PATRONE +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">ine</span> Anzahl indianischer Arbeiter, die in den Bergwerken +von Chihuahua gearbeitet hatten und sich jetzt in dem Vorort der Stadt +herumtrieben, stritten sich eines Tages über die Wirksamkeit der Dynamitpatronen, +die beim Sprengen der Gesteinsmassen verwendet werden. Die +Mehrzahl stimmte darin überein, daß die Wirkung auf den menschlichen +Körper unbeschreiblich vernichtend sei; einige wenige dagegen behaupteten, +die Wirkung komme nur Gesteinsmassen gegenüber zum vollen +Ausdruck, während sie gegenüber dem menschlichen Körper beinahe +harmlos zu nennen sei. +</p> + +<p> +Als eine Einigung hierüber nicht erzielt werden konnte, erbot sich der +Vertreter der „harmlosen Wirkung“, an seiner eigenen Person die Richtigkeit +seiner Meinung zu beweisen. +</p> + +<p> +Es dauerte nicht lange, da war eine Patrone besorgt, das Hütchen wurde +aufgesteckt und die Zündschnur angehängt. Der mutige Kämpfer für +seine Überzeugung ließ sich aber doch von der Gegenpartei überreden, +daß er Vorsicht üben möge, denn es wäre ja immerhin möglich, daß die +Majorität recht habe, und es wäre doch jammerschade, wenn er sich nicht +davon überzeugen könne, daß er unrecht habe, um für sein ferneres +Leben daraus eine Lehre zu ziehen. Er sah das schließlich auch ein, und er +begab sich mit der Schar streitsüchtiger Genossen zu einem steinernen +Eckhause. Nachdem die „Wirkungsgläubigen“ sich in respektvolle Entfernung +zurückgezogen hatten, ging der Mann zu der Ecke, entzündete +die Zündschnur und hielt die Patrone mit seiner rechten Hand um die +Hausecke. +</p> + +<p> +Wenige Augenblicke später erzitterte die ganze Stadt. Die Bevölkerung, +ein Erdbeben oder eine Minenexplosion befürchtend, eilte auf die Straße. +Als sie sah, daß es sich nur um zwei Eckwände eines Hauses handelte, die +auf unerklärliche Weise eingestürzt waren, zog sich jeder wieder in seine +ruhige Häuslichkeit zurück. +</p> + +<p> +Die Freunde des Opfers gingen tüchtig an die Arbeit. Sie räumten den +Schutt der beiden Wände fort, um festzustellen, welche Partei recht habe, +denn bis jetzt war das noch nicht entschieden. Die Wirkung auf Gesteinsmassen +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +war ja von keiner Seite bestritten worden. Und richtig, nachdem +sie eine Weile gebuddelt hatten, kroch der Ungläubige ganz ruhig und +mit der Miene eines Mannes, der das Recht auf seiner Seite hat, hervor +und schüttelte sich den Schutt aus den Kleidern. +</p> + +<p> +Ganz vollständig war er allerdings nicht mehr. Das hatte er ja auch gar +nicht behauptet, daß dies der Fall sein würde. Jedenfalls war ihm die +rechte Hand bis zum halben Unterarm fortgerissen. Daraus machte er +sich aber nicht viel. Er bestand darauf, daß man nun die Hand auch noch +suche, damit man sehen könne, daß sie nicht allzusehr beschädigt sei. +Aber von der Hand war nichts zu finden. +</p> + +<p> +„Und ich sage euch ganz bestimmt“, so begann sofort wieder der Streit, +„es war nicht die Patrone, die meine Hand abgerissen hat. Die Patronen +sind ganz und gar harmlos. Es war das Hütchen; denn was da die nichtswürdigen +Fabrikanten hineinstecken, das weiß man nie. Das sind alles +Schwindler und Betrüger.“ +</p> + +<p> +Der Indianer bedauerte später nie, daß er seine Hand hergegeben hatte. +An Stelle der Hand bekam er einen eisernen Haken, einen Arbeitshaken. +Er arbeitete aber nie damit, sondern wurde mit diesem Haken einer der +gefürchtetsten Raufbolde unter der Arbeiterschaft, die ihm mit an Ehrfurcht +grenzender Scheu begegnete und sich geschmeichelt fühlte, seine +Wünsche erfüllen zu dürfen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-10"> +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +DIE WOHLFAHRTS-EINRICHTUNG +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">ine</span> amerikanische Bergwerksgesellschaft in Sonora, Nordwest-Mexiko, +hatte für ihre Arbeiter und deren Frauen und Kinder ein +kleines Hospital eingerichtet, wo die Arbeiter in Unglücks- und Krankheitsfällen +ärztliche Hilfe fanden. Um die Arbeiter für dieses Hospital +zu interessieren und sie dadurch zur Beachtung hygienischer Vorsichtsmaßregeln +zu erziehen, wurde ihnen ein kleiner, kaum nennenswerter +Betrag vom Lohn abgezogen. Die Gesamtsumme dieses Betrages machte +aber so wenig aus, daß mit ihr lange nicht einmal das Gehalt für die beiden +Schwestern, die im Hospital tätig waren, bezahlt werden konnte. +</p> + +<p> +Die Arbeiter, die ausnahmslos Indianer waren, hielten jedoch den Betrag, +den sie beisteuerten, für so wesentlich, daß sie behaupteten, der Arzt und +die beiden Schwestern führten ein faules Leben auf Kosten der Arbeiter, +und die Company erziele aus dem Hospitalbeitrag einen erheblichen +Nebengewinn. +</p> + +<p> +Jede Gelegenheit nun, die sich bot, den drei Hospitalangestellten das +Leben zu erschweren, wurde mit Freuden ergriffen. Die Erfindungsgabe +der Arbeiter war unausgesetzt tätig, neue Pläne auszuhecken, um das +Hospital nicht müßig gehen zu lassen. Wenn die Leute krank wurden, so +ging keiner von ihnen in das Hospital, sondern sie gingen, wie auch +früher, zu ihren „weisen“ Männern und Frauen, zu den Medizinmännern, +die das Handwerk besser verstanden als die Doktoren, deren Hände +immer nach Gift stanken. Um aber dem Hospital nichts zu schenken, +wurden die Frauen und Kinder hingeschickt, um die Beiträge „abzuarbeiten“. +Und da sie mit wichtigen Krankheiten nicht kamen, so kamen +sie mit solchen Fällen, die von den Arbeitern in ihren abendlichen Besprechungen +ausgeheckt waren. +</p> + +<p> +Eines Morgens erscheint eine hübsche Indianerin im Hospital und +wünscht, einen Zahn gezogen zu haben. +</p> + +<p> +Der Arzt untersucht die Zähne und findet, daß die Frau Zähne hat, so +gesund, so kräftig und so schön wie die eines jungen Pferdes. +</p> + +<p> +„Welcher Zahn tut Ihnen denn weh?“ +</p> + +<p> +„Mir tut kein Zahn weh. Mir hat noch nie ein Zahn weh getan.“ +</p> + +<p> +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +„Was wollen Sie denn da eigentlich hier?“ +</p> + +<p> +„Sie sollen mir einen Zahn ziehen.“ +</p> + +<p> +„Aber warum denn?“ +</p> + +<p> +„Weil ich keine andere Krankheit habe“, antwortete die junge Frau. +</p> + +<p> +„Ich ziehe Ihnen keinen Zahn“, sagte nun der Arzt. „Ich bin doch nicht +verrückt. Danken Sie Gott, daß Sie solche Zähne haben; ich würde ein +Jahr meines Lebens geben, wenn ich solche Zähne hätte.“ +</p> + +<p> +„Wollen Sie mir jetzt den Zahn ziehen oder nicht? Ich kann mit meinen +Zähnen machen, was ich will. Das geht Sie gar nichts an. Oder denken +Sie vielleicht, mein Mann zahlt seine guten blanken Pesos (es waren in +Wahrheit nur kupferne Centavos) für das Hospital für überhaupt nichts? +Wir müssen auch arbeiten, da brauchen Sie nicht den ganzen Tag zum +Fenster hinauszusehen oder auf der Veranda zu sitzen und Bücher zu +lesen, und die Frauenzimmer könnten auch was Besseres tun, als sich +von unserm Gelde immerfort neue Kleider zu kaufen.“ +</p> + +<p> +Inzwischen hatte der Arzt begriffen, was los ist; denn er kennt ja seine +Leute, und er kennt die schwarzen Pläne, die gegen das Hospital ausgeheckt +werden. Er zieht also der Frau einen prachtvollen Molar, wobei +er sich die denkbar größte Mühe gibt, die Operation mit „absolutester +Nichtschmerzlosigkeit“ auszuführen. Aber die Frau verzieht keine Miene +und läßt nicht das leiseste Wimmern hören. +</p> + +<p> +Als die Schwester ihr ein Glas Wasser gereicht und sie es ausgetrunken +hat, wirft sie sich in den Rücken, sieht den Arzt triumphierend an und +geht. Ihr Blick, dank der natürlichen Ausdrucksweise in den Gesten +jener Rasse, sagt schärfer als Worte: „Wenn ich komme, Herr Doktor, +dann haben Sie zu springen, verstehen Sie mich! Mein Mann bezahlt Sie.“ +</p> + +<p class="ibr"> +Drei Tage darauf kommt die Frau wieder. Und wieder will sie einen +ihrer prachtvollen Zähne gezogen haben. Und wieder bleibt dem Arzt +aus politischen Gründen nichts anderes übrig, als der Frau abermals einen +Zahn zu ziehen. +</p> + +<p> +Wie beim ersten Male, so läßt sich auch diesmal die Frau den gezogenen +Zahn geben, um ihn mit nach Hause zu nehmen und ihn ihrem Manne +zu zeigen. +</p> + +<p> +Nachdem die Zeit erfüllet war, waren der Frau sämtliche Zähne des +Oberkiefers ausgezogen. Während dem Arzt bald das Weinen ankam, +als er nun den leeren Oberkiefer noch einmal untersuchte, um irgendwelche +Infektion zu finden, war die Frau durchaus zufrieden mit dem +Ergebnis. +</p> + +<p> +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Eine Woche, nachdem der letzte Zahn des Oberkiefers gezogen worden +war, erschien die Frau wieder im Hospital. Der Arzt, ohne zu fragen +und ohne mit ihr zu handeln, nahm die Zange zur Hand und begann, +den ersten Backzahn des Unterkiefers anzusetzen, als die Frau ihn heftig +am Arm packte und schrie: „Was wollen Sie denn da eigentlich mit mir +machen? Ich glaube gar, Sie wollen die andere Hälfte meines Mundes +auch noch schänden.“ +</p> + +<p> +Verblüfft fragte der Arzt: „Ja, sind Sie denn nicht hergekommen, um +wieder einen Zahn gezogen zu haben?“ +</p> + +<p> +„Aber ich denke ja nicht an so etwas. Habe ich Ihnen vielleicht den +Auftrag gegeben, mir einen Zahn zu ziehen? Ich bin hier, daß Sie mir +den Zahn, den Sie mir zuerst gezogen haben, wieder einsetzen. Denn ich +kann doch nicht mein ganzes Leben lang ohne Zähne herumlaufen.“ +</p> + +<p> +Und sie überreichte dem Arzt jenen Zahn, der ihr zuerst gezogen worden +war. Der Doktor machte ihr nun klar, daß Zähne wohl gezogen, aber +nicht wieder eingesetzt werden könnten, so weit habe es die medizinische +Wissenschaft noch nicht gebracht. +</p> + +<p> +„Was?“ schrie die Frau nun in heller Empörung. „Sie können mir die +Zähne nicht wieder einsetzen? Also nicht einmal das können Sie? Und +Sie nennen sich Doktor? Und Sie sitzen hier den ganzen Tag faul auf der +Veranda? Und mein Mann muß das ganze Hospital bezahlen? Aber so +seid ihr verdammten Gringos (Spottname der Amerikaner in Latein-Amerika)! +Pfui Teufel noch mal, schämen Sie sich denn gar nicht, Sie +Hurensohn, mir meine wunderschönen Zähne auszuziehen und dann zu +sagen, Sie könnten sie nicht wieder einsetzen! Cabron! Grrrrringooooo!“ +</p> + +<p class="ibr"> +Nachdem durch eine saftstrotzende – und wie! – Schlußwendung des +Gesprächs der beabsichtigte Zweck dieses Besuches erreicht war, verließ +die Frau das Hospital stolz wie die frischgeadelte Frau von Flohknicker, +die soeben einen Kaiser gebackpfeift hat. +</p> + +<p> +Obgleich das Hospital allen Anforderungen entspricht, die man an ein +modernes Krankenhaus stellt, so stand es dennoch bei den indianischen +Arbeitern jener Bergwerksgesellschaft nie in hoher Achtung. Durch die +Zahngeschichte verlor es auch noch den Rest von Würde, der ihm verblieben +war. +</p> + +<p> +In den umliegenden Dörfern wurde die Frau als lebendes Beispiel der +Unfähigkeit des Arztes und der Schädlichkeit des Hospitals herumgezeigt. +Wohin sie kam, mußte sie ihre traurige Geschichte erzählen. Die +Gringos wurden verflucht nach allen Regeln, die im Gebrauch sind, seit +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +der liebe Gott Adam, Eva und die Schlange verfluchte. Und die Leute +hatten ganz recht. Denn es ist eine Ausräuberei sondergleichen, daß die +Arbeiter von ihrem kleinen Lohn ein Hospital unterhalten müssen, das +sich nicht scheut, arme und unwissende Indianerfrauen zu schänden und +sie für den Rest ihres Lebens zu schimpfieren, so daß der eigene Mann +sie nicht mehr ansehen mag. Der Doktor ist ein Irrsinniger; denn hätte +sich die unglückliche Frau nicht mutig zur Wehr gesetzt, so würde dieser +Unhold der Frau auch alle Zähne des Unterkiefers ausgezogen haben. +</p> + +<p> +Das alles konnte nicht bestritten werden; denn in einem Stück alten +Hemdes eingewickelt, trug die Frau ja ihre Zähne, und ein Kind konnte +sehen, daß die Zähne alle kerngesund waren. +</p> + +<p> +Eine Weile ging das so fort, und eines Tages war der Tumult da. +</p> + +<p> +Die Arbeiter kamen in Haufen zu dem Bürogebäude und schrien und +gestikulierten und regten sich furchtbar auf. Was sie wollten, verstand +niemand, denn in Einzelunterhaltungen ließen sie sich nicht ein. +</p> + +<p> +Man hörte nur immer Schreie aus dem Gewoge der Haufen: „Kein +Hospital! Kein Doktor! Alle Zähne! Arme Frauen geschändet! Bezahlen! +Doktor bezahlen! Schwestern schöne Kleider! Zeitung lesen! +Alles bezahlen!“ +</p> + +<p> +Um Spanisch zu verstehen, genügt es nicht, es gelernt zu haben. Und um +das Spanisch zu verstehen, das die indianischen Arbeiter in den Bergdistrikten +sprechen, muß man schon eine Indianerin zur Mutter gehabt +haben. +</p> + +<p> +Die Manager der Company, die nicht eingestehen dürfen, daß sie die +Sprache ihrer Arbeiter nicht verstehen, verstanden aber doch das Wesentliche +des Geschreies. Sie redeten sich wenigstens ein, daß sie alles gut und +richtig verstünden, und weil sie die Arbeitgeber waren oder deren legitime +Vertreter, so reimten sie sich die Schreie entsprechend ihrer eigenen +sozialen und wirtschaftlichen Stellung zusammen. In ihrem Report an +die Zentralverwaltung der Company kam es später heraus, was sie sich +zusammengereimt hatten. Nach jenem Report zu lesen hatten die Arbeiter +geschrien: „Wir verdienen nicht einmal so viel, daß wir in ein +Hospital gehen können. Nicht einmal so viel, daß wir zu einem Doktor +gehen können. Wir verdienen so wenig, daß wir nichts zwischen die +Zähne zu beißen kriegen. Wir haben so wenig Lohn, daß unsere Frauen +zur Schande herumlaufen, weil sie nichts zum Anziehen haben. Und +unsere Schwestern wollen Kleider haben!“ +</p> + +<p> +Als der Tumult vor dem Bürogebäude nicht nachließ und die Schreie und +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +Rufe der Leute immer heftiger wurden, ohne daß ein Wechsel des Inhalts +der Worte sich zeigte, trat endlich der Manager auf die Veranda und +hielt mit seinen paar Brocken Spanisch eine Ansprache, die darin gipfelte: +„Jawohl, jawohl, wir bewilligen. Jeder Mann erhält fünfundzwanzig +Centavos den Tag mehr von Montag dieser Woche an. Geht an die +Arbeit. Es ist alles gut. Muy bueno, amigos!“ +</p> + +<p> +Von der Frau und ihren Zähnen wurde nicht mehr gesprochen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-11"> +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +DER WACHTPOSTEN +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> einem Bergwerk in der Nähe von Chihuahua meldete eines Morgens +der Vorarbeiter, ein Mestize, dem diensthabenden Ingenieur, daß in +einem der Hauptstollen „etwas im Gange sei“. +</p> + +<p> +An der Decke des Stollens, so berichtete der Vorarbeiter, befände sich +ein gewaltiger Stein, dessen Gewicht schätzungsweise drei bis vier Tonnen +habe. Rund um diesen Stein beginne, so war die Meldung, seit einigen +Stunden Sand und Kleinkiesel herunterzuregnen, ein sicheres Zeichen, daß +der Stein am Lösen sei und bald kommen dürfte, was in einer Stunde, +vielleicht aber auch erst in sechs Tagen geschehen könnte, so genau ließe +sich der Zeitpunkt nicht bestimmen. +</p> + +<p> +Zahlreiche Arbeiter hatten diesen Stollen zu begehen, und weil der Ingenieur +deren Leben nicht aufs Spiel setzen wollte, rief er einen indianischen +Bergarbeiter herbei und sagte zu ihm: +</p> + +<p> +„Sehen Sie den Stein dort, Augustin?“ +</p> + +<p> +„Natürlich sehe ich ihn, ich bin doch nicht blind, Senjor.“ +</p> + +<p> +„Gut, dieser Stein ist los und wird bald herunterkommen.“ +</p> + +<p> +„Kein Wunder, wenn er los ist; man sieht ja bereits, wie es bröckelt.“ +</p> + +<p> +„Wenn der Stein runterkommt, und es ist gerade zufällig jemand +darunter, dann ist er breitgequetscht wie eine Tortilla.“ +</p> + +<p> +„Das ist doch mal bombensicher, Senjor. So schlau bin ich selbst.“ +</p> + +<p> +„Gut. Ich stelle Sie jetzt hier als Wachtposten auf. Sie haben nichts weiter +zu tun, als jeden Mann, der hier drunter hergehen will, auf die Gefahr +aufmerksam zu machen und ihn durch den Stollen 14 zu schicken, ihm +jedenfalls nicht zu erlauben, daß er diesen Stollen benutzt. Sie sehen ein, +wie gefährlich dieser Stollen ist.“ +</p> + +<p> +„Das sehe ich, man kann es ja schon riechen, Senjor.“ +</p> + +<p> +Eine Stunde später ging der Ingenieur die Stollen ab, und auf seinem +Wege kam er auch zu dem Gefahrstollen. +</p> + +<p> +Der Wachtposten saß mitten unter dem losen Stein, rauchte gemütlich +seine Zigarette und war die Seligkeit selbst, daß er einen so angenehmen +Posten gefunden hatte, wo er nichts zu tun brauchte. +</p> + +<p> +Pflichtgemäß berichtete er dem Ingenieur, daß er jedem untersage, hier +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +unter dem Stein durchzugehen, weil der Stein jeden Augenblick kommen +könne, und es sei auch noch keiner darunter hergegangen, seit er hier +hergesetzt worden sei, um aufzupassen, der Senjor Ingenieur könne sich +auf ihn durchaus verlassen. +</p> + +<p> +„Ich würde mich an Ihrer Stelle aber nicht gerade mitten unter den losen +Stein setzen“, riet der Ingenieur, „der Platz ist keineswegs zu empfehlen.“ +</p> + +<p> +„Warum, Senjor?“ sagte der Mann. „Lassen Sie das nur meine Sorge +sein, wo ich sitze. Dieser Platz ist sehr bequem für mich. Ich brauche mich +dann nicht so anzustrengen, brauche nicht so sehr zu schreien, habe es +nach jeder Seite hin gleich weit und kann so ohne große Mühe am besten +verhindern, daß nicht doch noch jemand hier drunter herzugehen versucht. +Denn es ist sehr gefährlich, Senjor, wenn da gerade jemand drunter +wäre, wenn der Stein kommt.“ +</p> + +<p> +Dabei drehte er sich seelenruhig eine neue Zigarette und zündete sie mit +großem Behagen an. +</p> + +<p> +Vier Stunden später war der Mann zermalmt. Alles, was man seiner Frau +von seinen sterblichen Überresten bringen konnte, war die Sandale seines +linken Fußes, der unter dem Steinkoloß hervorlugte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-12"> +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +DER AUSGEWANDERTE ANTONIO +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-d"><img src="images/drop_d.jpg" alt="D"><span class="hidden">D</span></span><span class="postfirstchar drop-d">er</span> Minenarbeiter Silvestre, ein Indianer, hatte es in seinem +Leben endlich so weit gebracht, daß er sich eine Taschenuhr kaufen konnte. +Die Uhr war aus Nickel und kostete acht Pesos fünfzig Centavos. Sie war +eine gute und brauchbare Uhr, denn sie zeigte vierundzwanzig Stunden. +In Mexiko, wo im gesamten öffentlichen Verkehr, insbesondere bei der +Eisenbahn, bei der Post, beim Gericht und in allen sonstigen Ämtern wie +auch im Theaterleben die Vierundzwanzig-Stunden-Uhr gilt, ist es sehr +gut und sehr wertvoll, eine Taschenuhr zu haben, die Ziffern für vierundzwanzig +Stunden trägt. Silvestre war natürlich sehr stolz auf seine +Uhr; und weil er in seiner Arbeitskolonne wie auch in seinen Nachbarkolonnen +der einzige war, der eine Uhr besaß, die er mit in die Mine +brachte, so wurde er nicht nur von seinen Arbeitskameraden, sondern +zuweilen auch von seinem Kolonnenforeman wie von denen der Nachbarkolonnen +gelegentlich nach der Zeit gefragt. Das machte ihn zu einer +wichtigen Person. Und weil hier die Uhr es war, die ihn zu einer wichtigen +Person erhob, so hielt er die Uhr in großen Ehren. Er trug sie in der +Mine stets in Papier eingewickelt, damit sie nicht durch den Staub der +Erze leiden sollte. +</p> + +<p> +Eines Tages entdeckte er, daß die Uhr verschwunden war. Er hatte sie +verloren, entweder bei der Arbeit oder beim Einfahren. Denn daß sie +gestohlen sein könnte, das hielt er für sehr unwahrscheinlich. Sie hätte +auch wohl kaum von dem, der sie gestohlen hatte, getragen oder verkauft +werden können, weil Silvestre, als er die Uhr in der nächsten Stadt gekauft +hatte, sich vom Uhrmacher seinen Namen dick hatte eingravieren +lassen. Dafür hatte er einen Peso extra bezahlen müssen; aber der +Uhrmacher – wie die Mehrzahl der Uhrmacher in Mexiko und in den +Staaten war er von Beruf Wagenschmied – hatte ihm die Gravierung +dringend angeraten und ihm den großen Schutzwert einer kräftigen +Gravierung so überzeugend geschildert, daß Silvestre einsah, daß eine +Uhr ohne Gravierung am selben Tage schon aus seiner Tasche gestohlen +sein würde. +</p> + +<p> +Silvestre hatte dann noch die Uhr in der Kirche segnen lassen, was auch +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +nicht umsonst getan wurde, und endlich hatte er sie noch persönlich mit +Weihwasser besprengt. Aber obgleich durch alle diese Schutzmittel die +Uhr beinahe auf den doppelten Preis gekommen war, so hatten jene +Mittel nicht genügt, daß die Uhr bis an sein Lebensende in seiner Tasche +blieb. Vielleicht hatte er etwas übersehen bei dem Einsegnenlassen, oder +er hatte sie neben die Uhrtasche seiner Hose gesteckt, oder sie war von +selbst herausgerutscht. Wie dem auch sei, die Uhr war jetzt fort. +</p> + +<p> +Er suchte eine volle Schicht in der Mine herum, aber die Uhr kam nicht +wieder, und sie war nirgends zu sehen. +</p> + +<p> +Es blieb Silvestre also nichts anderes übrig, als bis zum Sonntag zu +warten, um die Angelegenheit mit Hilfe der Kirche und ihrer Heiligen +in Ordnung zu bringen. Als guter Katholik wußte er, wie alle Indianer, +recht geschickt sich zu bekreuzigen und kannte auswendig alle die +Heiligen, die für irgendeine Sache mit Erfolg zu gebrauchen sind. Für +verlorengegangene Dinge, jedoch nicht für gestohlene, ist San Antonio +derjenige Heilige, der immer weiß, wo sich der verlorene Gegenstand +befindet. +</p> + +<p> +So ging Silvestre am Sonntag in die Stadt zur Kirche, suchte hier die +hölzerne Figur des San Antonio auf, opferte ihm eine Kerze, bekreuzigte +sich unzählige Male und flehte San Antonio an, ihm die Uhr wiederzubringen. +Silvestre wußte aus reicher und kostspieliger Erfahrung, daß +in der Kirche nichts umsonst getan wird, und darum versprach er dem +San Antonio drei Fünf-Centavos-Kerzen und ein silbernes Zehn-Centavos-Händchen, +wenn er ihm die Uhr wieder verschaffen würde, +spätestens jedoch bis zum nächsten Sonntag, wenn er, Silvestre, wieder +zur Kirche kommen würde, um zu sehen, was San Antonio inzwischen +für ihn erwirkt hat. +</p> + +<p> +Die Uhr fand sich im Laufe der Woche nicht ein. Und Silvestre, als er +am nächsten Sonntag zur Kirche kam, sah auch nicht, so sorgsam er auch +alles untersuchte, daß die Uhr zu Füßen des San Antonio lag, oder in +einer Falte der braunen Mönchskutte der Figur hing oder irgendwo unter +dem Gewande der Figur, das Silvestre respektlos aufhob, verborgen war. +Aber die Uhr war nicht da, und Silvestre erkannte, daß er seine Kerze, +seine Gebete und Bekreuzigungen umsonst verschwendet habe. +</p> + +<p> +Er ging nun wieder eine Kerze kaufen. Er brauchte nicht weit zu laufen; +denn die Kerzen, Heiligenbildchen und silbernen Ärmchen und Beinchen +wurden auf zahlreichen Tischen innerhalb der Kirche verhandelt +und verschachtert, wo es lebhaft zuging wie auf einem Jahrmarkt, mit +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +Feilschen, Verschwören der hohen Preise wegen, Herunterhandeln vom +Preise und Umtauschen der gekauften Gegenstände. Am Altar wurde +zu gleicher Zeit, unbekümmert um die feilschende Welt entlang der +inneren Wände der Kirche, die Messe gelesen. Silvestre hatte diese Art +christlicher Religion nicht erfunden und war darum nicht verantwortlich +dafür; aber er glaubte, daß er ein unzerbrechliches Recht darauf habe, +von San Antonio seine Uhr zurückzuerhalten, wenn er ihm Kerzen, Bekreuzigungen +und Gebete opfere. Denn wozu brauchte man sich alle die +Mühen und Ausgaben zu machen, wenn es doch nichts nützt! +</p> + +<p> +Silvestre, der in einer Welt lebte, wo jede Kreatur für das Essen oder +für den Lohn, den sie empfängt, arbeiten muß, auch wenn es ihr noch +so schwerfällt und sie vielleicht gar am Zusammenbrechen ist, hatte +weder Verständnis noch Mitleid mit einem Heiligen, der sich mit Kerzen +und Gebeten bezahlen läßt, ohne dafür zu arbeiten. +</p> + +<p> +Als Silvestre seine Kerze aufgestellt hatte auf dem Altar des San Antonio, +kniete er nieder, bekreuzigte sich mehrere Male und begann zu beten. Er +hatte kein Gebetbuch, und wenn er eines gehabt hätte, so hätte es ihm +nichts genützt, weil er nicht lesen konnte. So war er genötigt, aus dem +Stegreif zu beten und so, wie es ihm sein Gott ins Herz legte. Das Wort +Gotteslästerung kannte er nicht, weil ihm der Begriff hierfür fehlte, und +in Mexiko gibt es keine Gotteslästerung, weil das Gesetz ein solches Vergehen +nicht kennt. In Mexiko hat das jeder mit seinem Gewissen und mit +seinem Gotte abzumachen; denn der mexikanische Gesetzgeber und der +mexikanische Richter fühlen sich nicht berufen, in die unerforschlichen +Wege und Gesetze Gottes mit ihrem menschlichen Urteilsvermögen und +ihren menschlichen Rechtsirrtümern hineinzupfuschen. Wenn Gott im +Himmel nicht mächtig genug ist oder nicht willens ist, Beleidigungen +und Lästerungen gegen seine Majestät zu bestrafen, warum soll der kleine +irdische Staatsanwalt dem lieben Gott vorschreiben, wieviel Monate diese +Gotteslästerung und wieviel Wochen jene wert ist? +</p> + +<p> +Darum muß man Silvestre verstehen und vergeben. Er weiß es nicht +besser. Was er aber gut wußte, war, daß er seine Uhr so rasch wie möglich +wiederhaben wollte, und daß er nicht zu warten gedachte, bis sie ihm +nach seinem Tode im Paradiese ausgehändigt werden würde. Er brauchte +die Uhr hier auf Erden; denn zu welcher Stunde man im Paradiese in die +Erzminen einzufahren habe, wird ihm der Foreman dann schon sagen, +wenn es so weit ist. +</p> + +<p> +Silvestre betete darum schlichtweg darauflos: „Oye, querido, San +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +Antonio, tenga buen cuidad, hombre! Jetzt hör einmal gut zu, geliebter +Antonio, und gib wohl acht, was ich dir jetzt erzählen werde, denn ich +bin jetzt ziemlich fertig mit dir. Ich habe eine Uhr verloren. Das habe +ich dir bereits vorigen Sonntag gesagt. Du kannst die Uhr gar nicht +verwechseln. Es ist ein S und ein G dick eingraviert. Ich kann hier auch +nicht jeden Sonntag herkommen. Die Kerzen kosten auch Geld. Und +ich habe dir doch wirklich genug versprochen. Du mußt nicht etwa +denken, daß ich das Geld auf dem Wege auflese, da liegt keins herum. +Ich muß verflucht kräftig dafür arbeiten und habe es nicht so gut wie +du, hier faul herumzustehen und dich an den Kerzen schön zu wärmen. +Der Spaß hat auch einmal ein Ende. Wir müssen alle arbeiten, da kannst +du auch meine Uhr suchen gehen. Und nun sage ich dir noch etwas, mein +lieber San Antonio. Ich warte noch eine Woche, und wenn die Uhr dann +nicht da ist, stecke ich dich, bei der Heiligen Jungfrau, in den Brunnen +ins Wasser, und ich lasse dich so lange da drin, bis du die Uhr wieder +herbeigeschafft hast oder mir im Traum gesagt hast, wo sie ist. Du weißt +nun Bescheid, und meine Geduld ist fertig.“ +</p> + +<p> +Silvestre bekreuzigte sich wieder, stand auf, verneigte sich vor dem Altar +und verließ die Kirche, überzeugt, daß sein inniges Gebet in Erfüllung +gehen werde, getreu dem Worte folgend: Bittet, so wird euch gegeben, +und vergeßt nicht die Armut des Heiligen Vaters in Rom. +</p> + +<p> +Auch in dieser Woche kam die Uhr nicht zum Vorschein. +</p> + +<p> +Es ist darum nicht zu verwundern, daß Silvestre die Geduld nun endgültig +verlor. Er wollte auch keine Zeit mehr mit Beten vergeuden, denn +er hatte eingesehen, daß es nutzlos war. Gegen San Antonio, der sich +nicht die Mühe zu machen schien, einem armen Indianer zu helfen, auch +wenn er noch so sehr angebetet wurde, halfen offenbar nur ganz kräftige +Mittel, um ihn an seine Pflichten zu erinnern. Und diese Mittel wandte +er jetzt an. +</p> + +<p> +Er besaß keine große Erfindungsgabe, sich neue Zuchtmittel auszudenken. +Darum gebrauchte er eines von denen, die gegen ihn und seine Mit-Peones +angewandt wurden, als er noch auf der Hazienda arbeitete und noch +nicht den Mut aufgebracht hatte, in die Minendistrikte zu fliehen. +</p> + +<p> +Am Samstagnachmittag verschaffte er sich einen alten Zuckersack und +trabte damit zur Stadt. Als er zur Kirche kam, war es bereits finster. +Seine Bekreuzigungen und Verbeugungen machte er jetzt nur, vom +Hintergrunde der Kirche aus, zu dem Altar, wo die Heilige Jungfrau +stand, die ihm bis jetzt ja noch nichts Übles zugefügt hatte. Dagegen +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +verweigerte er diesmal dem San Antonio jegliche Bekreuzigung und +jegliche Kniebeuge. Er gab gut acht; und als er bemerkte, daß er von +niemand aus den Reihen der andächtig betenden Leute beobachtet wurde, +warf er dem San Antonio den Sack über den Kopf, nahm die Figur rasch +herunter von ihrem Altar und schlich sich mit seiner Beute gewandt zur +nächsten Tür hinaus. Die Stadt war klein, und es dauerte keine zehn +Minuten, da war Silvestre im Freien und auf dem Wege zu dem Minenarbeiterdorfe, +wo er lebte. +</p> + +<p> +Silvestre ging jedoch nicht in das Dorf mit seinem Heiligen, sondern +noch ehe er die ersten Hütten erreichte, bog er von der Straße ab und +wanderte auf den Busch los. Silvestre konnte seinen Weg nicht verfehlen, +denn erstens kannte er ihn gut, und zweitens war heller Mondschein. +</p> + +<p> +Nur etwa einen halben Kilometer in den Busch hinein, da befand sich +eine Lichtung, die zwar schon völlig wieder ausgewachsen war, die aber +doch noch als eine ehemalige Lichtung erkannt werden konnte. Hier in +dieser Lichtung war ein alter ausgemauerter Brunnen, der noch aus der +Kolonialzeit herstammte und wohl von einem Spanier gegraben worden +sein mochte, der hier eine Farm hatte errichten wollen. +</p> + +<p> +Dieser Brunnen wurde von niemand gebraucht, selbst die Kohlenbrenner +im Busch tranken kein Wasser daraus. Das Wasser, das in dem Brunnen +stand, war verschlammt und grün verfilzt von Pflanzen und Blättern und +Wurzeln. Der Brunnen war voll von Fröschen, Kaulquappen, Wasserkäfern, +Moskitos, Schlangen, Eidechsen und allem anderen Getier, das +in einem verlassenen Brunnen sich nur ansammeln kann. Seiner Lage, +seines uralten Aussehens und des phantastischen Getiers, das in ihm lebte, +wegen war der Brunnen der Sagenschreck aller Indianerkinder des Dorfes, +die zu dem Brunnen kamen, wenn sie sich einen gruseligen Tag machen +wollten, und er war der Mittelpunkt zahlreicher Geister- und Spukgeschichten +der erwachsenen Indianer der Gegend. +</p> + +<p> +Silvestre ging nicht sehr leichten Herzens mit seinem eingesackten +Heiligen auf der Schulter zu jenem Brunnen. Jeden Augenblick glaubte +er, daß hinter einem Baume eine Spukgestalt hervorspringen würde, um +ihm etwas Übles und Grausiges anzutun. Und er erwartete auch, daß +vielleicht Gott seinen Donner rollen und seinen Blitz zucken lassen +würde, um ihn für solche Freveltat, die zu begehen er im Sinne hatte, +zu bestrafen. Aber es war Samstagabend, und Silvestre wußte recht gut, +daß an einem Samstagabend der liebe Gott keine Zeit hat, sich um einen +indianischen Minenarbeiter zu kümmern, der seine Uhr wiederhaben +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +möchte. Samstag ist großes Reinemachen, und am Abend Wochenabschluß +und Vorbereitung für den Sonntag. Nicht nur auf Erden. Darum +hatte Silvestre ja auch gerade den Samstagabend für seine ruchlose Tat +gewählt. Man möge doch nie vergessen, daß auch ein indianischer +Arbeiter Intelligenz hat. +</p> + +<p> +Vor den Spukgestalten des Brunnens hatte Silvestre nicht ganz so viel +Furcht wie alle übrigen Bewohner des Dorfes; denn da er nicht aus der +Gegend stammte, so waren ihm alle die grausigen Geschichten, die über +den Brunnen erzählt wurden, nicht so in Fleisch und Einbildung von +Jugend auf übergegangen wie den Leuten, die hier in diesem Distrikte +geboren und aufgewachsen waren. Wenn man nicht weiß, daß hinter +der nächsten hölzernen Wand ein gestorbener oder gar ermordeter Mann +liegt, schläft man genau so ruhig, friedlich und ungestört wie in dem +Zimmer eines Hotels, das noch zu neu ist, als daß sich in ihm schon ein +Selbstmord hätte ereignen können. +</p> + +<p> +Auch wer vor Verliebtheit bebt, vor Eifersucht schäumt, vor Wut sich +zerfetzen möchte, vor Ärger grün wird, der sieht und hört nie Spukgestalten. +Und Silvestre war wütend und verärgert, wie nur ein Mensch +sein kann, der an die Nützlichkeit von Heiligen glaubt und so bitter +enttäuscht wird, wie es ihm geschah. Einem Indianer kann man nicht mit +der billigen Ausrede kommen, Gott und die Heiligen haben es in ihrem +hohen Ratschluß anders beschlossen. Ein Medizinmann, der nicht hilft, +wird abgesetzt. Faulenzer werden nicht unterhalten. Wenn von den paar +Pesos Lohn, die man sich mit schwerer Arbeit verdienen muß, dem +Heiligen Kerzen geopfert werden, damit er sich Hände und Nase daran +wärmen kann, dann muß er dafür auch etwas tun. Man bezahlt den +Pfarrer für das Lesen einer Messe, und er hat die Messe zu lesen; man +bezahlt den Pfarrer für die Taufe des Kindes, und er hat das Kind zu +taufen, ob ihm das Kind gefällt oder nicht. Warum soll man mit dem +San Antonio eine Ausnahme machen? Vielleicht weil er Heiliger ist? Dann +braucht er auch keine Kerzen, Bekreuzigungen, Kniebeugen und Gebete +anzunehmen, wenn er gar so heilig sein will. Aber wenn er das alles +verlangt und annimmt wie ein syrischer Kattunhändler in Puebla, dann +hat er dafür auch zu zeigen, was er kann. Silvestre kann sich in der +Erzmine auch nicht damit herausreden, daß er es heute einmal in seinem +Ratschluß anders beschlossen habe und daß er heute einmal nicht arbeiten +werde, aber den Lohn dennoch verlange und annehme. So etwas gibt es +nicht. Und bei dem Philosophieren über die Rechtmäßigkeit der Handlung, +<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> +die er vorzunehmen gewillt ist, denkt Silvestre sehr wenig an +Spukgestalten, die in der Nähe des Brunnens auf ihn warten könnten. +</p> + +<p> +Silvestre vollzog die Folterung an seinem Heiligen nun nicht etwa so +unvermittelt, ohne dem Heiligen noch genügend Zeit zu geben, seine +Pflicht zu tun. Darum hielt er, als er beim Brunnen angelangt war, eine +Ansprache an San Antonio. Er zog die Figur aus dem Sack heraus, stellte +sie auf den gemauerten Brunnenrand, glättete die braune Mönchskutte, +die San Antonio trug, und sagte zu ihm: „Freundchen, ich habe dich jetzt +hier, wir sind ganz unter uns, und wir wollen nun einmal ein sehr deutliches +Wort miteinander sprechen. Du kannst jeden Gegenstand, der verlorenging, +wiederfinden. Das weiß ich. Der Cura, der Pfaffe, hat es gesagt. +Ich habe dich angebetet und habe dir Kerzen angezündet und dir genügend +versprochen. Aber du hältst es nur mit den reichen Leuten, die +dir dicke Pesokerzen opfern können. Das kann ich nicht. Dazu habe ich +nicht Geld genug. Du siehst ja den Brunnen hier, Freundchen. Es ist nicht +angenehm, darinnen zu liegen, da sind Schlangen drin – Lagarto! Lagarto! +–“, unterbrach er sich, „und da ist noch vieles andere drin, +schrecklich und grausig. Und wenn du mir nicht die Uhr wiederschaffst, +kommst du in den Brunnen und bleibst drin, bis du die Uhr herbeigeschafft +hast. Ich kann nicht jede Woche zur Stadt laufen. Ich habe +andere Dinge zu tun. Und Kerzen gibt es auch nicht mehr für dich. Und +ich werde dir gleich einmal zeigen, daß ich es ganz ernst mit dir meine.“ +</p> + +<p class="ibr"> +Silvestre brachte einen starken Bindfaden aus der Tasche und band dem +San Antonio eine Schlinge um den Hals. Dann hob er die Figur über den +Brunnenrand und ließ sie hier eine Weile hängen und zappeln. +</p> + +<p> +„Wo ist die Uhr, San Antonio?“ fragte Silvestre. +</p> + +<p> +San Antonio war entweder zu heilig oder zu eigensinnig, den Mund zu +öffnen, vielleicht war er auch an Folterungen des ersten Grades zu sehr +gewöhnt, als daß er jetzt schon, aus Furcht, den Ort, wo sich die Uhr +befand, verraten haben würde. +</p> + +<p> +Aber so wenig wie irgend jemand bisher Mitleid für Silvestre im Leben +gezeigt hatte, so wenig Mitleid zeigte er nun für San Antonio. Er ließ, +als San Antonio nicht antworten wollte, ihn an dem Bindfaden weiter +hinunter in den Brunnen, bis die nackten Füße des Heiligen das Wasser +berührten. +</p> + +<p> +„Wo ist meine Uhr?“ fragte Silvestre wieder. Und wieder fühlte sich +San Antonio zu erhaben, zu antworten. +</p> + +<p> +Da ließ ihn Silvestre nun völlig untertauchen, tauchte ihn einigemal auf +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +und nieder in dem Wasser, zog ihn hinauf und stellte ihn auf den +Brunnenrand. +</p> + +<p> +„So“, sagte er, „nun weißt du, wie es unten im Brunnen aussieht. Ich +gebe dir jetzt Zeit bis morgen. Dann komme ich hier zurück. Und wenn +du dann die Uhr nicht hast und mir auch nicht sagst, wo sie ist, lasse ich +dich für eine volle Woche unten im Brunnen. Dann wirst du wohl endlich +deine Widerspenstigkeit aufgeben.“ +</p> + +<p> +Silvestre hatte es gut erfahren, wie ihm und seinen Mit-Peones auf den +Haziendas der Groß-Grundherren Widerspenstigkeit und angebliche +Faulheit ausgetrieben wurden; so durfte sich der Heilige nicht darüber +beklagen, daß an ihm nun verübt wurde, was weder er noch alle Pfaffen +je verhütet hatten, daß es an indianischen Landarbeitern regelmäßig +getan wurde. Und es darf als sicher angenommen werden, würde man +an allen Göttern, Heiligen und Pfaffen das gleiche tun, was man an +Arbeitern tut, ganz gleich ob es indianische oder europäische sind, so +würde die Religion, die derartige Dinge in zweitausend Jahren nicht zu +verhüten vermochte, wohl schnell abgeändert werden. In Mexiko hängt +man unzufriedene Landarbeiter vierundzwanzig Stunden in den +Brunnen, und in Europa hängt man unzufriedene Arbeiter auf die Verhungerungsliste +oder hinter Gefängnisgitter. +</p> + +<p> +Silvestre gab seinem Heiligen Zeit, sich zu besinnen. Er nahm ihn +herunter vom Brunnenrand, steckte ihn wieder in den Zuckersack und +verbarg ihn unter einem dichten Dornenstrauch im Busch. Die Mönchskutte +des Heiligen war sehr naß geworden; aber Silvestre hatte jegliches +Mitleid mit seinem widerspenstigen San Antonio verloren und ließ ihn +in der nassen Kutte frieren. +</p> + +<p> +Am nächsten Tag war Sonntag, und Silvestre hatte Zeit genug, die Folterung +seines Heiligen fortzusetzen. +</p> + +<p> +Er machte sich frühzeitig auf den Weg, um zu sehen, ob San Antonio +inzwischen die Uhr herbeigeschafft habe. Die Uhr war natürlich nicht +zur Stelle. San Antonio hatte sie nicht auf sich und nicht unter sich liegen, +und in einer Falte seiner jetzt naß und modrig riechenden Kutte war die +Uhr auch nicht verborgen. Silvestre hatte die Uhr auch nicht in seiner +Hütte unter der Schilfmatte, auf der er schlief, gefunden, wie er bestimmt +gehofft hatte. +</p> + +<p> +Silvestre nahm infolgedessen seinen Heiligen wieder vor. +</p> + +<p> +„Immer noch widerspenstig, querido Santo?“ sagte er zu ihm. „Warte +nur, ich werde dich schon kriegen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +Und ohne weitere Ansprachen oder gar Gebete zu vergeuden, ließ er den +Heiligen wieder hinunter in den Brunnen, so tief, bis er mit den Füßen +auf dem Grunde aufzustehen schien. Er knüpfte den Bindfaden an einem +Strauch, der in dem Mauerwerk des Brunnens Wurzel gefaßt hatte, fest, +um den Heiligen auch wieder aus dem Brunnen ziehen zu können, wenn +er die Uhr unter seiner Matte gefunden haben würde. +</p> + +<p> +Diese Arbeit getan, überließ er es dem Heiligen, sich zu befreien, oder +wenn er sich nicht selbst befreien konnte, seine Befreiung dadurch zu +erwirken, daß die Uhr unter die Matte, auf der Silvestre schlief, gelegt +würde. +</p> + +<p> +Silvestre hatte während der ganzen Woche keine Zeit, zum Brunnen zu +gehen; denn er hatte in der Kupfermine zu arbeiten. Und abends war er +zu müde, den weiten Weg in den Busch zu tun, um zu sehen, wie es dem +Heiligen ginge. +</p> + +<p> +Am Freitag nachmittag, als sie ausfuhren aus der Mine, sagte sein Arbeitskamerad +Lozano zu ihm: „Oye, Silvestre, wieviel gibst du mir Findervergütung +für deine Uhr, die ich beim Aufkehren heute im Tunnel gefunden +habe?“ +</p> + +<p> +„Hombre, das ist gut von dir“, sagte Silvestre; „ich gebe dir ganz gern +einen Toston, fünfzig Centavos, als Vergütung.“ +</p> + +<p> +„Das ist mir recht, Silvestre, gib her den Toston und hier hast du deine +Uhr. Es ist nichts daran, sie geht wie neu. Nicht einmal das Glas ist +gebrochen; denn als ich es blinken sah im Kehricht, da war ich vorsichtig, +und darum ist gar nichts daran zerbrochen. Ich wußte gleich, daß es deine +Uhr ist. Ist ja doch dein Name drin, und du hast es ja auch allen gesagt, +daß du die Uhr verloren hast.“ +</p> + +<p> +Silvestre bezahlte die fünfzig Centavos – sein Arbeitskamerad tat es +billiger als der Heilige – und empfing seine Uhr. +</p> + +<p> +Am Sonntag ging er zum Brunnen, den Heiligen zu erlösen, weil es nun +keinen Zweck mehr hatte, ihn zu foltern. +</p> + +<p> +Aber von dem Hinundherscheuern des Strauches im Winde war der +Bindfaden, an dem San Antonio im Brunnen hing, am Mauerwerk abgeschliffen +worden und endlich gerissen. Silvestre konnte deshalb den +Heiligen nicht mehr heraufziehen, und die Mühe, seinetwegen in den +Brunnen zu klettern, war der Heilige nach Meinung des Silvestre nicht +wert. +</p> + +<p> +„Geschieht dir ganz recht, Santito“, rief Silvestre hinunter in den +Brunnen, „daß du da drin liegst. Wenn Lozano meine Uhr nicht gefunden +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +hätte, du hättest sie nie, in deinem ganzen Leben nicht, gefunden. Ich +brauchte Lozano nicht so viel zu bezahlen, als ich dir für deine Arbeit +versprochen habe. Du bist zu nichts zu gebrauchen. Und es ist gar nichts +an dir verloren, wenn du da unten liegenbleibst, wo du bist. Dein gut +verdientes Los.“ +</p> + +<p> +Gott läßt keinen Sperling verhungern, wenn es nicht in seiner, Gottes, +Absicht liegt. Noch viel weniger läßt er einen seiner Heiligen in einem +grausigen Brunnen vermodern. Darum sandte er zwei indianische Kohlenbrenner +zufällig einen Weg so durch den Busch, daß sie an dem Brunnen +nah vorübergehen mußten. Um sich auszuruhen, setzten sie sich eine +Weile auf den Brunnenrand und drehten sich eine Zigarette. +</p> + +<p> +Und als sie rauchten und gelegentlich hinunter in den Brunnen blickten, +sagte der eine von ihnen: „Da ist ein Mann drin im Brunnen, ich sehe +seinen Kopf und das Haar, das er auf dem Kopfe hat.“ +</p> + +<p> +Erschreckt sagte der andere: „Wo? Ja, jetzt sehe ich ihn auch. Du, +Hombre, das ist ein Pfaffe, er hat eine Tonsur auf dem Schädel.“ +</p> + +<p> +Sie liefen ins Dorf und erzählten, daß im Busch ein Pfarrer in den +Brunnen gefallen sei. Die Einwohner machten sich gleich auf mit einer +Baumleiter und mit Lassos, um den verunglückten Cura aus dem Brunnen +zu ziehen. +</p> + +<p> +Und als sie ihn hoch hatten, erkannten sie, daß es der San Antonio war, +der seit dem vorigen Samstag auf so geheimnisvolle Weise von seinem +Altar fort auf die Wanderung gegangen war. +</p> + +<p> +Zu welchem Zweck und mit welchen heiligen Absichten San Antonio auf +eine so ferne Reise gezogen war, verriet der Senjor Cura nicht. Er tat sehr +geheimnisvoll und sprach von göttlicher Weisheit und göttlicher Fügung, +die zu erforschen der gewöhnliche Mensch kein Recht habe. +</p> + +<p> +Der Pfarrer wollte Zeit gewinnen, um sich zu überlegen, welche +Deutung und welche Auslegung er dieser geheimnisvollen Wanderung +des Heiligen geben könne, um den verdammenswerten Unglauben, der +sich besonders unter den Arbeitern in den nahe gelegenen Kupferminen +breit zu machen suchte, von Grund auf und mit energischen Mitteln zu +zerstören. Denn das war seine Pflicht, und diese Pflicht zu erfüllen war +er ausgesiebt worden aus der Spreu der Verlorenen und Verdammten. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-13"> +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +FAMILIENEHRE +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-k"><img src="images/drop_k.jpg" alt="K"><span class="hidden">K</span></span><span class="postfirstchar drop-k">onsul</span> Revelsen war der glänzend bezahlte Generalvertreter +einer europäischen Firma, die Weltruf hatte. Jedes Kind kannte ihn. +Aus hundert verschiedenen Gründen stand er bei der eingeborenen Bevölkerung +in derselben hohen Achtung wie der Gouverneur. Er war ein stattlicher +Mann und außerordentlich wohlbeleibt, was zu seinem Ansehen +unter den Indianern, die alle sehr mager sind, nicht wenig beitrug. +</p> + +<p> +Seine Gattin hielt auf eine gute – ach, was sage ich da! – hielt auf eine +unvergleichliche Küche, die Konsul Revelsen, um seine Frau nicht zu +kränken, so sehr schätzte, daß seine Leibesfülle beängstigend wurde. +</p> + +<p> +Die gute Küche verlangte gute Köchinnen, und Senjora Revelsen besaß +die seltene Gabe, unter ihren indianischen Mädchen die talentierteste +herauszufinden, die dann, wenn sie zur Oberpriesterin im Allerheiligsten +geweiht worden war, wie eine kostbare Kristallvase behandelt wurde. +Diese beneidete und von ihren Stammesangehörigen mit Ehrfurcht betrachtete +Stellung hatte jetzt Teofilia inne. +</p> + +<p> +Teofilia hatte sich als Kind eines Tages elternlos gefunden. Ob die +Eltern gestorben oder abgewandert oder zwei neue Familien gegründet +hatten, ist nie bekannt geworden. Teofilia wurde in die Hütte ihres +kinderlosen Onkels aufgenommen. Trotzdem weder Onkel noch Tante +in die Arbeit sehr verliebt waren und infolgedessen in Verhältnissen +lebten, die selbst unter diesen Leuten als sehr bescheidene angesehen +werden, fand Teofilia hier eine wahre Heimat. Sie liebte Onkel und +Tante und deren Freundeskreis mehr, als sie je ihre Eltern geliebt hatte. +Mit dreizehn Jahren kam Teofilia zur Stadt und fand in einem europäischen +Hause Stellung. Sie arbeitete sich immer höher hinauf, bis sie es zur +höchsten Würde gebracht hatte, die einem Mädchen ihrer Herkunft nur +unter den allerglücklichsten Voraussetzungen offenstand: Köchin bei +Senjora Revelsen. +</p> + +<p> +Onkel und Tante zogen in ein Dorf ganz nahe der Stadt, um sich am +Glanze ihrer Nichte zu sonnen, noch weniger zu arbeiten als bisher und +die Krümelchen, die von den zahlreichen Seitentischen des großen Mannes +fielen, als unzerstörbare Basis ihres Lebensunterhaltes zu betrachten. +</p> + +<p> +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +Eines Vormittags kam Senjora Revelsen in die Küche, und sie fand +Teofilia auf einem Stuhl zusammengebrochen, in Tränen zerfließend. +</p> + +<p> +Mit einem Aufschrei, in den die weiblichen Angehörigen dieses Volkes +eine Welt voll Seelenstimmung legen können, fiel Teofilia ihrer Herrin +zu Füßen. +</p> + +<p> +„Oh, geliebte Senjora, oh, angebetete Herrin, warum stürzt nicht der +Himmel herunter! Oh, warum berstet nicht die Erde, mich in meinem +Unglück zu verschlucken! Warum haben die Heiligen, die ich anspeie +– oh, heilige Maria Mutter Gottes, vergib mir diese Todsünde –, oh, +warum haben diese mir das angetan!“ +</p> + +<p> +Dabei wandte sich Teofilia auf dem blanken Küchenboden herum, als ob +sie in der Tat sich zum Mittelpunkt der Erde hindurcharbeiten wolle, um +von ihrer Qual erlöst zu werden. +</p> + +<p> +Um einen Fehltritt mit Folgen handelte es sich nicht. Senjora Revelsen +wußte aus reicher Erfahrung, das wird nicht tragisch genommen, sondern +wird abgemacht mit derselben Geste, mit der man eine unvorsichtig beigebrachte +Schnittwunde am Finger behandelt. +</p> + +<p> +„Was ist es denn?“ fragte sie mütterlich. „Ist Mariano – hat er sich eine +andere genommen?“ +</p> + +<p> +„Zur Hölle mit dem eiterbeuligen Hund! Er war gestern wieder besoffen. +Ich hasse ihn und spucke ihn an, diesen aussätzigen Coyote.“ +</p> + +<p> +Also eine Liebesgeschichte war es auch nicht. +</p> + +<p> +„Wollen Sie es mir nicht sagen, Teofilia, was ist es denn? Vielleicht kann +ich helfen.“ +</p> + +<p> +In dem Schluchzen und Stöhnen Teofilias entstand plötzlich eine effektvolle +Kunstpause, die wie eine beängstigende Stille etwas Grausiges vorbereitet, +das mit einem gewaltigen Donnerschlag beginnt. +</p> + +<p> +Und in der Tat, es erfolgte ein Donnerschlag, wie ihn in solcher Ursprünglichkeit +Himmel und Erde nicht hervorbringen können. Teofilia +richtete sich halb vom Boden auf, als ob sie erst die Lungen ganz vollpumpen +müsse. Dann warf sie die Arme hoch in die Luft und den Kopf +in den Nacken und schrie: „Mein Onkel ist mu–errrrrr–tooooooooo!“ +</p> + +<p class="ibr"> +Instinktiv ging Senjora Revelsen einen Schritt zurück, lehnte sich fest +gegen den Türrahmen und hielt sich mit nach hinten geworfenen Händen +an den Türpfosten fest. Sie hatte das Empfinden, als ob das Haus in +seinen Grundfesten erschüttere, und mit einem verstörten Blick sah sie +rasch nach den Fensterscheiben. Es überkam sie ein so träumendes +dumpfes Gefühl, als müßten wenigstens die Fensterscheiben gesprungen +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +sein. Denn der Schrei Teofilias kam nicht von dieser Welt, in denen die +Gefühle und Empfindungen der kaukasischen Rasse wurzeln. +</p> + +<p> +Man falle nicht in den Irrtum, anzunehmen, daß diese Gefühlserregung +Teofilias Komödie oder Verstellung war, um vielleicht das Mitleid ihrer +Herrin wachzurufen. Dieses Stadium der Zivilisation, wo man mit vorgetäuschten +Gefühlen Geschäfte macht, Geldgeschäfte oder Gefühlsgeschäfte, +haben die Indianer noch nicht erklommen. Ihre Äußerungen +des Schmerzes oder der Freude sind noch echt, wenn sie uns auch manchmal +gekünstelt oder übertrieben erscheinen, weil sie in andern Instinkten +wurzeln. +</p> + +<p> +Teofilia erhielt sofort zwei Tage Urlaub, um ihren Onkel sicher und angemessen +unter die Erde zu bringen; denn die Verstorbenen werden des +Klimas wegen meist sofort am selben Tage oder am nächsten Morgen +beerdigt. +</p> + +<p> +Teofilia erhielt ferner zehn Pesos Vorschuß. Trotz ihres hohen Lohnes +war sie immer in Geldnöten, weil sie all ihr Geld in seidenen Strümpfen, +modernen Halbschuhen, Ohrringen, Halskettchen, Stierkämpfen, Lotterielosen +und einer Unmasse kostspieliger Parfüme und Seifen anlegte. +</p> + +<p> +Wenn einem Familien- oder Stammesangehörigen von einem der vielen +Dienstboten des Konsuls Revelsen irgend etwas zustieß, was immer es +auch sein mochte, so wandte er sich, um das Unheil abzuwenden oder +wenigstens abzuschwächen, naturgemäß zuerst an die Heiligen, dann an +die Heilige Jungfrau, und wenn die nicht helfen konnten oder nicht +mochten, dann an Gottvater selbst. Wenn auch der in der Sache nichts +tun konnte, dann wendeten sie sich vertrauensvoll an den, der allmächtiger +war als alles, was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist. +Und das war – kein Zweifel darüber – Senjor Konsul Revelsen. Es +gab nur einen Fall im Erdendasein jener Indianer, die in naher oder +ferner, oft in nebelhaft ferner Beziehung zu seinem Hause standen, wo +auch Senjor Revelsen nicht mehr helfen konnte, und das war, wenn ein +Indianer tot war, so tot war, daß man es bereits zwei Straßen weit roch. +Solange er noch nicht roch, konnte Senjor Konsul immer noch erfolgreich +eingreifen. +</p> + +<p> +Teofilias Onkel roch noch nicht, denn er war erst vier Stunden tot. Aber +kein Gott und kein Senjor Revelsen konnte ihn mehr erwecken; denn +er hatte das Schilfdach seiner Hütte ausbessern wollen, war durch das +Dach gestürzt, mit dem Fuß in einer Sparre hängengeblieben, dann +runtergefallen und hatte sich dabei das Genick gebrochen. +</p> + +<p> +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +Am nächsten Morgen, noch lange vor Frühstück, erschien Teofilia schon +wieder in der Küche. Als Senjora Revelsen sie fand, weinte das Mädchen +herzzerbrechend und war nicht zu beruhigen. +</p> + +<p> +„Wie war das Begräbnis, Teofilia?“ erkundigte sie sich teilnehmend. +</p> + +<p> +Und von Schluchzen und Tränenströmen unausgesetzt unterbrochen, erzählte +Teofilia: „Oh, geliebte Senjora, wir haben ihn nicht begraben +können, meinen armen guten Onkel. Seine Hose ist so alt und hat so viele +verschiedenfarbige Flicken, und er hat kein ganzes Hemd. Wir können ja +niemand von den Bekannten hereinlassen und ihn sehen lassen, wir +müßten uns ja zu Tode schämen. Wie könnte ich meinem lieben guten +Onkel, der immer so gut zu mir war, eine solche Schande antun? Das +würde er mir in der Ewigkeit nicht vergessen, daß ich ihm gegenüber +eine solche Undankbarkeit gezeigt habe. Und wenn wir ihn heimlich +begraben, ohne daß alle Bekannten ihn gesehen haben, würde er keine +Ruhe finden in seinem Grabe.“ +</p> + +<p> +Wie sich Teofilia den Ausgang der Angelegenheit dachte, war nicht festzustellen. +Irgendeinen Gedanken oder Plan hatte sie nicht. Aber in ihrer +Hilflosigkeit hatte sie, wie in einem Dämmerzustande, den Weg zu +jenem Hause gefunden, wo Hilfe und Rat aufgespeichert lagen, von +deren Art sie keine Vorstellung hatte. Es war wie ein rührendes Gottvertrauen, +das sie zu der Küche trieb. +</p> + +<p> +Senjora Revelsen wußte sofort, was zu tun sei. Sie ließ die verzweifelnde +Teofilia für einen Augenblick allein und eilte zu ihrem Gemahl, mit +dessen Hilfe der Rat zur Tat wurde. Es dauerte keine zehn Minuten, da +war Senjora Revelsen wieder in der Küche; und nach weiteren zehn +Minuten verließ Teofilia so strahlend und so leicht beschwingt das Haus, +als hätte sie das sichere Mittel in der Hand, ihren Onkel in das rauhe +Leben zurückzurufen. Ob sie es in diesem Überschwang ihrer Seligkeit +getan hätte, ist freilich sehr in Frage zu stellen, denn die Wiedererweckung +des Onkels hätte eine grandiose Begebenheit unmöglich gemacht. Unter +ihrem Arm trug sie, sauber verschnürt, einen fast noch neuen Frackanzug +des Konsuls Revelsen, dem seine Anzüge immer sehr rasch zu eng wurden. +Teofilia hatte nicht nur den vollständigen Frackanzug, sondern alles, was +dazu gehörte: Lackschuhe, seidene Socken, ein seidenes Frackhemd, einen +blendendweißen Kragen, einen weißen seidenen Schlips und weiße +Handschuhe. Auf dem ganzen Wege hatte Teofilia nur einen Gedanken: +Wenn doch das nur der Onkel sehen könnte, wenn er nur für zwei Minuten +die Augen aufmachen könnte, um die unvergleichlich schöne Leiche +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +zu sehen, die er darstellt, und alles, was seine Teofilia für ihn getan hat! +Aber das Leben geht andere Wege, als wir armen Menschen denken. +</p> + +<p> +Am späten Nachmittag war Teofilia wieder in der Küche, verweinter und +verzweifelter als je. Senjora Revelsen setzte das auf Kosten der Nachwehen +des soeben stattgefundenen Begräbnisses, und sie sagte mitleidig +zu Teofilia: „Nun hat der gute arme Onkel seine verdiente Ruhe, Gott +wird ihm seinen Frieden geben!“ +</p> + +<p> +Jedoch ein aus tiefster Tiefe kommender Schrei des Schmerzes einer zur +Verzweiflung treibenden Menschenseele leitete eine Erzählung ein, die +man nur denen der antiken Tragödien als ebenbürtig an die Seite stellen +kann: „Oh, angebetete Senjora, wie reich haben Sie mich beschenkt! Wie +hoch haben Sie, holde Senjora, meinen guten Onkel geehrt mit jenem +wundervollen Anzug! Aber der Anzug paßt ihm nicht! Der Onkel ist ja +so sehr mager, und Ihr Senjor ist so sehr fett. Wir haben ihm den schönen +Anzug angezogen, haben dann aber den Onkel nicht mehr wiedergefunden. +Wir hätten die Tante und meinen andern Onkel noch dazupacken +können und immer noch Platz übrigbehalten. Ich habe für einen +Peso Sicherheitsnadeln gekauft, und wir haben den Anzug überall gesteckt, +aber als es fertig war, konnte niemand sehen, was für einen schönen +Anzug der Onkel hatte. Nun haben wir die Bekannten nicht hereinlassen +können, und wir wissen nicht, was wir mit dem Onkel machen sollen, +weil wir ihn nicht begraben können, ohne daß ihn die Leute gesehen +haben.“ +</p> + +<p> +Senjora Revelsen fragte sofort bei bekannten Familien an. Es war jedoch +kein anderer Anzug aufzutreiben, der die Wünsche Teofilias befriedigt +hätte. +</p> + +<p> +Vollständig gebrochen, den Todesstachel scheinbar tief im Herzen sitzend, +schleppte sich Teofilia in die heimatliche Hütte zurück. Da auch der Allmächtigste +der Allmächtigen hier keine Hilfe spenden konnte, bestand +für Teofilia kein Zweifel, daß das Ende der Welt noch vor morgen früh +erfolgen würde. +</p> + +<p> +Die nächsten drei Tage hörte Senjora Revelsen nichts mehr von ihrer +Köchin. Sie setzte infolgedessen Teofilia auf die Verlustliste. Jedoch als +Senjora Revelsen am folgenden Morgen sehr frühzeitig in der Küche +erschien, fand sie Teofilia bereits anwesend und arbeitend, als wolle sie +in einer Stunde alles einholen, was sie in den verflossenen Tagen versäumt +hatte. Das Frühstück war beinahe fertig, und es hatte alle jene +kleinen Raffiniertheiten, die Senjor Revelsen so sehr liebte. +</p> + +<p> +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +Teofilia strahlte und blühte. Die Seligkeit, die in ihr brannte, schien sie +zersprengen zu wollen: „Oh, angebetete, oh, allergnädigste und huldreichste +Senjora, das war ein Begräbnis! Das – war – ein – Begräbnis! +Alles spricht davon. Ich habe doch hier so geweint, weil der herrliche +Anzug nicht paßte. Da habe ich Ihnen doch recht große Undankbarkeit +gezeigt. Ich bin wert, daß Sie mich gleich auf der Stelle verfluchen. Am +nächsten Morgen, als wir so recht traurig waren und nicht wußten, was +wir machen sollten, sahen wir auf einmal, daß der Onkel angefangen +hatte, aufzuschwellen. Wir warteten, und am darauffolgenden Tage war +er noch viel mehr geschwollen, und endlich war er so dick, daß ihm der +Anzug paßte, als ob er für ihn gemacht worden sei. Da haben wir alle +Verwandten und Bekannten hereingerufen, und die haben nur immer +gestaunt und gestaunt über die wunderschöne Leiche, und sie haben gesagt, +so eine schöne Leiche habe noch nie jemand gesehen. Und alle, die Onkel +sahen, sagten, er sehe genau so aus wie Ihr Mann, Senjora, und wenn +man ihn so ruhig, so fett und so schön daliegen sehe, könne man wahrhaftig +meinen, es sei der Konsul Revelsen persönlich, der da aufgebahrt +liege.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-14"> +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +EIN HUNDEGESCHÄFT +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">ines</span> Tages kam der Indianer Ascension zu mir und +fragte mich, ob er denn nicht einen von meinen kleinen jungen Hunden +haben könne. Ich hatte fünf und wäre froh gewesen, wenn ich drei hätte +loswerden können. +</p> + +<p> +„Sie können ganz gewiß einen haben“, sagte ich. „Welchen möchten Sie +denn?“ +</p> + +<p> +Die kleinen Hunde spielten mit ihrer Mutter gerade vor uns im Sande. +</p> + +<p> +„No le hace, das ist mir ganz gleich“, sagte Ascension. „Geben Sie mir +einen, welchen Sie wollen, Senjor.“ +</p> + +<p> +Ich nahm so einen kleinen Wicht beim Wickel und reichte ihn Ascension. +Er hätschelte ihn gleich und freundete sich mit ihm an. Ich hatte ja nicht +die Absicht, viel für den Hund zu verlangen. Aber mit dem Wegschenken +muß man sehr vorsichtig sein. Das wird immer falsch verstanden. Hätte +ich ihm den Hund geschenkt, dann wären eine halbe Stunde darauf alle +Männer und Jungen des Dorfes gekommen, um einen Hund von mir geschenkt +zu erhalten. Diejenigen nun, denen ich keinen hätte geben +können, weil ich ja nur drei hergeben wollte, würden mich gefragt haben, +warum ich denn den Hund gerade Juan gegeben habe und nicht Pedro, +warum Elicio und nicht Atanasio, was mir denn Elicio je Gutes getan +hätte, daß ich ihm den Hund gegeben hätte, während mir doch Nazario +gestern erst einen halben gekochten Kürbis gebracht habe. Und wenn ich +schon damit begann, einen kleinen Hund wegzuschenken, so kam morgen +vielleicht ein Mann und sagte mir, ich könnte ihm doch gut eine von den +kleinen Ziegen geben oder eins der kleinen Schweinchen. Es sind solche +Erfahrungen, die einen lehren, alle Handlungen und Geschäfte, die man +vorhat, klug zu überlegen. +</p> + +<p> +„Das Hündchen kostet einen Peso“, sagte ich nun zu Ascension. +</p> + +<p> +„Das ist viel zu teuer für so einen kleinen Hund“, sagte darauf der Indianer. +„Er kann ja noch gar nicht richtig bellen.“ +</p> + +<p> +„Wenn Ihnen der Perrito zu teuer ist, dann mögen Sie den dort haben“, +ich packte einen andern von den kleinen Burschen, „der kostet nur achtzig +Centavos, vier mal zwanzig Centavos.“ +</p> + +<p> +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +Der Hund war genau so gut wie der für einen Peso. +</p> + +<p> +„Oder“, ich ergriff wieder einen andern, „Sie können auch den hier +haben, der kostet nur acht Reales.“ Acht Reales sind ein Peso. +</p> + +<p> +„Nur acht Reales?“ fragte Ascension erstaunt. „Das ist aber einmal billig. +Wie können Sie nur so billig einen so schönen Hund hergeben?“ +</p> + +<p> +„Ich tu das auch nur für Sie, Ascension, ein anderer Mann müßte mir +wenigstens zwölf Reales dafür bezahlen.“ +</p> + +<p> +Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Ich nehme aber doch +lieber den Hund für einen Peso. Das ist ja sehr teuer, mucho dinero, aber +er ist der beste Hund, der tapferste. Er macht einen guten Beller, das sehe +ich jetzt schon.“ +</p> + +<p> +Er nahm den Hund auf, nestelte ihn in seinen Arm, sagte „Adios, +Senjor!“ und wollte gehen. +</p> + +<p> +„Oiga, Ascension, hören Sie einmal, was ist denn mit dem Peso? Ich habe +Ihnen doch gesagt, der Hund kostet einen Peso.“ +</p> + +<p> +Ascension blieb ganz unschuldig stehen: „Einen Peso? Ja, das ist ganz +richtig, seguro, einen Peso. Sie haben das gesagt, einen Peso.“ +</p> + +<p> +„Und den Peso müssen Sie mir jetzt geben, Ascension, oder Sie können +den Hund nicht mitnehmen.“ +</p> + +<p> +„Was sind Sie denn nun eigentlich?“ fragte Ascension, ohne den Hund +niederzusetzen. „Sind Sie denn nun eigentlich ein Christ, oder sind Sie +ein böser Heide? Das glaube ich doch nicht von Ihnen. Sie sehen doch, +wie sehr der Hund mich liebt.“ +</p> + +<p> +Das war nicht ganz richtig. Das Hündchen strampelte und wehrte sich +und wollte wieder zurück zu seiner Mutter. +</p> + +<p> +„Sehen Sie denn nicht, Senjor, daß der tapfere Hund immer an mein +Gesicht heran will, weil er mich liebt und nicht mehr von mir fort will?“ +</p> + +<p class="ibr"> +Ich mußte das Gespräch wieder auf den Kernpunkt zurückführen, denn +ich erkannte seine Absicht, die Rechtslage zu verwirren und sie zu jenem +Punkt zu führen, wo er von mir einen Peso verlangen wird, daß er den +Hund überhaupt zu sich nach Hause trägt. +</p> + +<p> +„Haben Sie einen Peso bei sich?“ fragte ich ihn nun. +</p> + +<p> +„Nein, ich habe natürlich keinen Peso bei mir.“ +</p> + +<p> +„Dann müssen Sie den Hund wieder hergeben und erst einen Peso +bringen“, sagte ich und nahm ihm das Hündchen wieder ab. +</p> + +<p> +Er war keineswegs gekränkt. Er blieb noch eine Weile stehen, sah den +spielenden Hunden zu, redete noch einige nebensächliche Dinge und +trottete dann seiner Wege. +</p> + +<p> +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +Am nächsten Morgen, sehr frühzeitig, war Ascension wieder bei mir. +</p> + +<p> +„Wer kocht Ihnen denn Ihre Frijoles?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Die koche ich mir selbst.“ +</p> + +<p> +„Wer macht Ihnen denn die Tortillas?“ +</p> + +<p> +„Die mache ich mir auch selbst.“ +</p> + +<p> +Er schüttelte den Kopf. Er stand einer ihm völlig fremden Welt gegenüber. +Für ihn war es unbegreiflich, daß ein Mann allein leben konnte, +daß ein Mann sich sein Essen selbst kochte, seine Wäsche selbst wusch. +Selbst die indianischen Soldaten der Armee haben alle ihre Frauen in der +Nähe, und bei Truppentransporten müssen die Frauen alle mitgenommen +werden. +</p> + +<p> +Nun sah er mich eine Weile an und sagte dann: „Sie sehen gar nicht gut +aus, Senjor. Sie haben gar kein Fett an sich. Wie ein ganz mageres +Hähnchen. Ich glaube nicht, daß Ihnen das gut tut. Wissen Sie, Sie können +sehr leicht krank werden, wissen Sie das auch?“ +</p> + +<p> +„Krank? Ich? Warum?“ +</p> + +<p> +Er wartete und schien zu überlegen, was oder wie er das Was sagen +sollte. +</p> + +<p> +Endlich war er mit der Form, in der er seinen Gedanken ausdrücken +wollte, einig: „Ja, krank, das meine ich. Man kann sehr leicht krank +werden, wenn man ganz allein wohnt wie Sie. Das geht nicht. Ich will +Ihnen auch sagen, was Ihnen fehlt. Es fehlt Ihnen jemand, der Ihnen die +Frijoles kocht und die Tortillas klatscht. Das fehlt Ihnen, amigo.“ +</p> + +<p> +„Ich werde ganz gut allein fertig“, sagte ich. +</p> + +<p> +„Das werden Sie nicht, Senjor. Mir können Sie so etwas nicht erzählen. +Ich bin ein ausgewachsener Mann. Kennen Sie meine Tochter Feliciana?“ +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Meine Feliciana ist siebzehn Jahre, ein starkes und gesundes Mädchen, +meine Feliciana. Das ist sie. Und sie ist ein sehr hübsches Mädchen. Sie +badet sich zweimal in der Woche in der großen Tonne. Das tut sie. Sie +hat sehr schönes langes und dickes Haar. Das kämmt sie jeden Tag zweimal, +und sie nimmt sich sehr viel Zeit dazu.“ +</p> + +<p> +„Das ist Ihre Feliciana? Bueno, aber warum erzählen Sie –?“ +</p> + +<p> +Er ließ mich meine Frage nicht beenden: „Meine Feliciana kocht die +Frijoles und überhaupt alles viel besser als meine Frau. Sie kann viel +mehr kochen. Sie kann auch viel besser zählen als ich. Und Sie werden +es gewiß nicht glauben, aber es ist die reine Wahrheit, sie kann sogar +ihren Namen schreiben. Ja, das kann die Feliciana.“ +</p> + +<p> +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +Die Hunde spielten dicht vor unsern Füßen herum. Ascension bückte sich +nun und hob einen der kleinen auf, den er gestern schon in der Hand +gehabt hatte. +</p> + +<p> +„Das ist der kleine Beller, den Sie mir für einen Peso verkaufen wollen?“ +fragte er nun. +</p> + +<p> +„Ja, das ist er. Der kostet einen Peso und nicht einen einzigen Centavito +weniger. Der ist sehr tapfer und kann gut bellen.“ +</p> + +<p> +„Das glaube ich auch jetzt beinahe, er hat einen guten starken Mund, +und die Zähne sind schon tüchtig spitz und scharf. Ich glaube, daß er +schon bald einen Banditen beißen kann. Einen Peso, sagen Sie, Senjor, +einen Peso und nicht einen Centavito weniger? Das ist teuer, sehr teuer.“ +</p> + +<p> +„Sie dürfen den Hund ruhig hierlassen, ich will ihn gar nicht verkaufen“, +sagte ich. +</p> + +<p> +„Was die Feliciana ist, meine Tochter“, begann er nun wieder, „die macht +eine sehr gute Köchin. Ich kann Ihnen das schwören bei Corpus Christi. +Sie verlangt nicht viel Lohn. Sechs Pesos den Monat. Und sie kocht gut, +und sie tut alle Arbeit. Sie läuft auch nicht fort. Freilich, drei Pesos Lohn +muß ich voraushaben, sonst kommt sie nicht. Ich habe eine Menge Ausgaben +für sie. Wenn Sie mir jetzt diese drei Pesos hier bezahlen, dann +schicke ich sie rauf. Sie kann tüchtig arbeiten.“ +</p> + +<p> +„Nein“, sagte ich, „die drei Pesos gebe ich Ihnen nicht. Ich kenne die +Feliciana gar nicht, weiß auch nicht, ob sie arbeiten will. Aber wenn Sie +denken, daß Sie eine gute Köchin ist, dann will ich sie für einen Monat +zur Probe nehmen. Aber ich zahle nicht voraus. Nach zehn Tagen bekommt +sie ihre zwei Pesos, und nach weiteren zehn Tagen wieder zwei +Pesos. Viel Arbeit hat sie ja gar nicht zu tun, ich bin ja auch den ganzen +Tag draußen auf meinem Acker.“ +</p> + +<p> +„Das weiß ich alles sehr gut“, sagte Ascension, „sonst könnte sie auch +nicht für sechs Pesos arbeiten, und sie müßte wenigstens sieben Pesos +haben. Also Sie wollen mir nicht die zwei Pesos vorausgeben, Senjor?“ +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Aber vielleicht einen Peso, Senjor. Ahora! Mire! Nun sehen Sie doch +einmal hier, ein Peso ist doch ganz wenig, gerade nur ein kleines Stückchen +Geld. Das können Sie mir doch leicht vorausgeben. Feliciana kann auch +tüchtig waschen. Sie versteht das gut, sie spart auch sehr mit dem Fett, +wenn sie kocht. Für ein paar Centavos kann sie ein gutes Essen kochen. +Die kann für einen Peso, nun warten Sie einmal, also sie kann für einen +Peso zwanzig Comidas, denken Sie nur, zwanzig Mittagessen kochen. +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +Wissen Sie, was Senjora Porragas in ihrer Fonda für ein einziges Mittagessen +verlangt? Das wissen Sie nicht. Aber ich weiß es ganz genau, Jacinto +hat es mir erzählt; sie verlangt für ein einziges Mittagessen fünfunddreißig +Centavos. Von solchem Gelde kann Feliciana mehr als zwölf +Mittagessen kochen.“ +</p> + +<p> +Während ich vorher nie an eine Köchin gedacht hatte, so war es mir +während der langen Unterredung doch so nach und nach in den Sinn +gekommen, daß ich unbedingt eine Köchin brauchte. Sie würde mir eine +ganze Menge Arbeit abnehmen, und ich könnte meine Gedanken auf +andere Dinge lenken als auf Hausarbeit, die mir viel Zeit wegnahm. So +sagte ich denn schließlich: „Gut, ich werde Feliciana als Köchin annehmen.“ +</p> + +<p class="ibr"> +„Das habe ich doch gewußt, daß Sie eine Köchin brauchen, Senjor“, sagte +nun Ascension mit großer und überlegener Sicherheit. „Denken Sie denn +nicht, daß es nun anständig wäre, mir wenigstens einen Peso zu geben als +Vorausbezahlung für den Lohn?“ +</p> + +<p> +Ascension hatte im Grunde recht, dachte ich. Es ist nur billig, daß man +bei Anstellung einer Arbeitskraft ein Handgeld gibt. Man tut es ja sogar, +wenn man einen Esel kauft oder eine Ziege, warum soll man es dann +nicht mit gleicher Berechtigung tun, wenn man einen Menschen zur Arbeit +annimmt? Durch den Platzwechsel hat ja der Mensch gewisse Ausgaben +nötig. +</p> + +<p> +„Oiga, Ascension“, sagte ich nun, „gut, ich will Ihnen einen Peso vorausgeben +auf den Lohn der Feliciana. Aber Sie müssen die Feliciana nun +auch gleich sofort heraufschicken, damit sie schon das Mittagessen für +heute kochen kann.“ +</p> + +<p> +„Auf der Stelle schicke ich sie rauf, die Feliciana“, sagte Ascension mit +einer Gebärde, als ob ich etwa an seiner Ehrlichkeit gezweifelt hätte; „aber +gleich sofort sage ich ihr, daß sie zu Ihnen hinaufgehen soll. Ich werde ihr +helfen, ihre Kleider und Schuhe in den Sack zu packen, damit sie auch +ganz schnell kommen kann.“ +</p> + +<p> +Ich ging ins Haus und brachte einen Peso heraus. Ich gab den Peso +Ascension und sagte noch einmal: „Also schicken Sie die Feliciana rauf +und sagen Sie ihr, daß ich auf sie warte im Hause und nicht auf das Feld +vorher hinausgehe.“ +</p> + +<p> +Ascension nahm den Peso, sagte: „Muchas gracias, Senjor!“, schob den +Peso in seine Hosentasche, drehte sich um und ging einige Schritte weit. +</p> + +<p> +Als er etwa zehn Schritte gegangen war, blieb er stehen, drehte sich +wieder um und kam zurück. +</p> + +<p> +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +Er ging auf die spielenden Hunde zu, hob den kleinen Hund, den er sich +ausgesucht hatte, auf und sagte: „Das ist doch der kleine tapfere Beller, +nicht wahr, Senjor?“ +</p> + +<p> +„Ja“, sagte ich zustimmend, „das ist ein kleiner tapferer Bursche, der +sicher einmal den Banditen das Fell tüchtig zerfetzen wird.“ +</p> + +<p> +„So sieht er aus“, sagte Ascension und nestelte das Hündchen in seinen +Arm. „Was sagten Sie, Senjor, wieviel das kleine winzige Hündchen +kosten soll? Er wiegt doch noch nicht einmal ein Kilo.“ +</p> + +<p> +„Der kostet einen Peso; ich kann nichts herunterhandeln lassen.“ +</p> + +<p> +„Das ist viel Geld für einen so kleinen Hund. Ich weiß nicht, wie ich das +machen soll. So viel Geld für einen kleinen Hund. Gut denn, Senjor, ich +will Ihnen einen Peso für den Hund bezahlen. Ich glaube nicht, daß er +einen Peso wert ist.“ +</p> + +<p> +Er suchte jetzt umständlich in seiner Hosentasche herum und brachte +endlich meinen Peso hervor. +</p> + +<p> +„Hier ist der Peso, Senjor, für das kleine Hündchen“, sagte er. „Den +Hund habe ich nun von Ihnen gekauft. Adios, Senjor!“ +</p> + +<p> +Und fort ging er, mit dem Hund im Arm. +</p> + +<p> +Ich wartete auf Feliciana. Aber sie kam nicht. Es waren nur etwa fünfzehn +Minuten bis zu ihrem Hause, und jetzt wartete ich bereits drei +Stunden. Ich mochte nun auch nicht aufs Feld hinaustrotten, weil sie ja +inzwischen vielleicht kommen konnte und mich dann nicht im Hause +antreffen würde. Endlich ging ich hinunter ins Dorf. +</p> + +<p> +Als ich zu der Hütte des Ascension kam, spielte er mit dem Hunde. +</p> + +<p> +„Pase, Senjor!“ sagte er sorglos, als er mich in der Tür stehen sah. Ich trat +näher, aber er schien nicht zu wissen, was ich von ihm wollte. +</p> + +<p> +„Hören Sie, Ascension“, sagte ich ohne weitere Einleitung, „Sie haben +mir doch versprochen, die Feliciana sofort hinaufzuschicken.“ +</p> + +<p> +„Freilich habe ich das versprochen“, gab er unbekümmert zu, „und was +ich verspreche, das halte ich stets. Ich habe Feliciana sofort hinaufgeschickt +zu Ihnen.“ +</p> + +<p> +„Sie ist aber nicht gekommen.“ +</p> + +<p> +„Dafür kann ich nicht, Senjor“, sagte er achselzuckend, „ich habe die +Feliciana sofort hinaufgeschickt. Aber sie ist nicht gegangen. Sie sagt mir +dreist: ‚Du hast mir gar nichts zu sagen!‘ Was will ich denn da machen! +Ich habe sie sofort hinaufgeschickt.“ +</p> + +<p> +„Also dann scheint es mir, daß Ihre Feliciana nicht als Köchin zu mir +kommen will“, sagte ich. +</p> + +<p> +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +„Ich habe sie sofort hinaufgeschickt, wie ich versprochen habe, ich bin ein +grundehrlicher Mensch.“ +</p> + +<p> +Ascension blieb bei seiner Rede und brachte keinen Wechsel hinein. +</p> + +<p> +„Das nützt mir nichts“, behauptete ich, „sie ist nicht gekommen.“ +</p> + +<p> +„Aber, Senjor, ich kann sie doch nicht zu Ihnen ins Haus schleppen wie +eine kleine Ziege. Sie ist doch eine erwachsene Frau. Ich habe sie sofort +hinaufgeschickt.“ +</p> + +<p> +„Gut, dann müssen Sie mir sofort den Hund wieder zurückgeben, +Ascension.“ +</p> + +<p> +„Den Hund, Senjor?“ Ascension machte ein erstauntes Gesicht. „Aber +haben Sie denn ganz vergessen, daß ich Ihnen den Hund für einen Peso +abgekauft habe? Das ist jetzt mein Hund, den habe ich für einen Peso +von Ihnen gekauft.“ +</p> + +<p> +„Dann müssen Sie mir den Peso wieder zurückgeben, den ich Ihnen vorausbezahlte +auf den Lohn der Feliciana“, sagte ich. +</p> + +<p> +„Den Peso, den Sie mir für die Feliciana bezahlt haben?“ +</p> + +<p> +„Ja, den Peso meine ich.“ +</p> + +<p> +„Aber, Senjor“, lachte nun Ascension, „den Peso habe ich Ihnen doch +zurückgegeben, als ich den Hund von Ihnen kaufte. Wissen Sie denn das +nicht mehr?“ +</p> + +<p> +Der Mann hatte recht. Er hatte mir den Hund abgekauft, und er hatte mir +auch den Peso, den ich vorausbezahlt hatte auf den Lohn der Feliciana, +zurückgegeben. +</p> + +<p> +Ich konnte das nicht gut bestreiten, denn ich hatte ja den Peso in meiner +Hosentasche. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-15"> +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +DER ESELSKAUF +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> dem Indianerdorfe, in dem ich lebte, lief alles Getier, Rinder, +Ziegen, Schweine, Hühner und unzählige Hunde, frei herum. Irgendeinem +Tier einen Stall zu bauen, hielt man für überflüssige Arbeit. Die +Tiere fühlen sich hier alle viel wohler ohne Stall. Jeder Indianer kennt +zudem sein Vieh ganz genau, auch wenn es keine Brandmarke trägt. +</p> + +<p> +Unter diesem Getier befanden sich viele Esel; denn jede Indianerfamilie +hatte wenigstens zwei Esel. Der Esel ist in Zentralamerika wichtiger als +eine gute Kuh. Das sah ich bald selbst ein, und ich beschloß, mir einen +Esel anzuschaffen, auf dem ich zu meinem Felde reiten konnte, und der +mir half, Holz und Feldfrüchte heimzuschaffen. +</p> + +<p> +Ich bemerkte unter den herumlaufenden Eseln einen, der sicher keinen +Besitzer hatte. Er wurde nie geritten, nie beladen, und wenn er sich in +der Nähe einer Hütte sehen ließ, trieben ihn die Jungen fort oder hetzten +die Hunde auf ihn. +</p> + +<p> +Man konnte es leicht verstehen, warum niemand von den Indianern sein +Besitzer sein wollte. Denn er war sehr häßlich. Das rechte Ohr stand +waagerecht heraus, und das linke Ohr hing schlaff herunter, weil es, offenbar +in des Esels weit zurückliegender Jugend, bei irgendeiner Gelegenheit +gebrochen war. An dem einen Hinterbein hatte er eine dicke verhärtete +Geschwulst, die von dem Biß einer Giftschlange oder dem Stich eines +Skorpions herrühren mochte. Infolge der merkwürdigen Stellung der +Ohren sah der Kopf sehr ähnlich dem eines Pariser Kunststudierenden. +</p> + +<p> +Seine Unabhängigkeit und sein Vagabundenleben machten den Esel, der +männlichen Geschlechts war, zum Herrscher über alle andern Esel im +Dorfe, und er verfügte über die weiblichen Esel wie ein Despot. Natürlich +immer zu seinen Gunsten und immer mit Erfolg. Rücksichtslos kämpfte +er jeden Nebenbuhler nieder, und bei diesen Kämpfen machte er nicht +nur von seinen Hufen, sondern auch von seinen Zähnen brutalen +Gebrauch. +</p> + +<p> +Einmal wurde er von zwei Indianerburschen mit Holz beladen, das der +Esel der beiden Burschen abgeworfen hatte, weil er glaubte, die Last sei +zu schwer für ihn, und er sich deshalb nicht verpflichtet fühlte, sie zu +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +schleppen. Der häßliche Esel jedoch nahm die Last auf, als sei sie nur +gerade Spielerei für ihn. Als er bei der Hütte der Burschen abgeladen +war, wollte er nicht mehr fort von der Hütte. Seine Sehnsucht war, +einen Herrn zu haben und eine Hütte, wo er das Recht hatte, während +der Mittagsglut im Schatten zu stehen, ohne daß ihn jemand mit Steinen +forttrieb. Die Jungen aber trieben ihn hinweg, nachdem er seine Gelegenheitsarbeit +getan hatte, weil sie nicht Besitzer eines so grundhäßlichen +Esels sein wollten. +</p> + +<p> +Ich hatte den ganzen Vorgang mit angesehen, und ich wußte auch, daß +niemand im Dorfe den Esel haben wollte und niemand sich als seinen +Besitzer erklärte. Nun ging ich in die Hütte und fand den Vater der +beiden Burschen auf dem Boden hocken, einen Mango mit den Zähnen +abschälend. +</p> + +<p> +„He, Boleo“, fragte ich, „wem gehört denn eigentlich der Hängeohresel?“ +</p> + +<p> +„Der gehört niemand, Senjor. Niemand im ganzen Dorfe. Auch mir +nicht. Der ist hier einmal zugelaufen oder vielleicht auch von einer durchziehenden +Karawane zurückgelassen worden. Quien sabe! Was weiß ich. +Der gehört niemand. Auch mir nicht.“ +</p> + +<p> +„Dann könnte ich doch eigentlich den Esel haben. Ich brauche notwendig +einen, und niemand hat einen volljährigen Esel zu verkaufen“, sagte +ich nun. +</p> + +<p> +„Natürlich können Sie ihn haben, como no“, antwortete Boleo, „wir sind +alle recht froh, wenn der Esel jemanden kriegt. Dann bricht er uns +wenigstens nicht mehr in die Felder. Aber er ist sehr häßlich, muy feo. Ich +möchte ihn nicht anfassen, so häßlich ist er.“ +</p> + +<p> +„Da mache ich mir nichts daraus. Er ist stark und läßt sich gut reiten“, +erwiderte ich. +</p> + +<p> +Dann ging ich heim, holte einen Lasso, fing mir den Esel ein und brachte +ihn zu meiner Behausung. Darauf lief ich zur Tienda, kaufte fünf Kilo +Mais und gab meinem neuen Arbeitsgefährten ein paar Hände voll Mais +zu essen. Er nahm den Mais – wohl den ersten seit langer Zeit – freudig +und dankbar entgegen und fühlte sich von jenem Augenblick an bei mir +zu Hause. +</p> + +<p> +Am nächsten Tage ritt ich stolz auf meinem Esel auf mein Feld hinaus, +und auf dem Heimwege belud ich ihn mit einer schönen Last Kürbisse +für meine Ziegen. Der gute Esel wurde mir durch seine willigen Dienste +nach wenigen Tagen schon unentbehrlich. Dadurch, daß ich auf das Feld +hinausreiten konnte, war ich in der Lage, mehr zu arbeiten, und weil +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +mir das starke Tier solche Lasten von Feldfrüchten heimschleppen konnte, +bekamen die Ziegen besseres Futter und gaben mehr Milch. +</p> + +<p> +So ging eine Woche vorüber. +</p> + +<p> +Es war an einem Sonntagnachmittag, als ein Indianer zu meiner Hütte +kam, mich begrüßte und um Feuer für seine Zigarette bat. Dann sagte er +mir, daß es sehr heiß sei, daß er schwer zu arbeiten habe, daß sein +jüngstes Kind an Husten litte und daß seine beiden Kühe recht wenig +Milch gäben. Um mir das alles zu erzählen, war er nicht gekommen. Nach +einer Weile deutete er zu meinem Esel hinüber, der an Maiskolben kaute, +und sagte: „Das wissen Sie doch wohl, Senjor, daß dies da mein Esel ist?“ +</p> + +<p class="ibr"> +„Ihr Esel?“ fragte ich erstaunt. „Das ist nicht Ihr Esel. Der Esel gehört +niemand.“ +</p> + +<p> +„Da sind Sie aber doch im Irrtum, Senjor. Das ist wirklich und wahrhaftig +mein Esel, beim heiligen San Antonio. Aber wenn Sie ihn gern +haben wollen, will ich Ihnen den Burro verkaufen. Billig, muy barato, +fünf Pesos nur, hier in die Hand.“ +</p> + +<p> +Das war allerdings billig. Unter zwölf Pesos bekommt man schwerlich +einen Esel; häufig kosten sie sogar fünfundzwanzig bis dreißig Pesos. Ich +dachte, das beste ist, ich bezahle die fünf Pesos, dann bin ich rechtmäßiger +Besitzer des Esels und habe mit niemand etwas zu tun. Ich handelte noch +einen Peso herunter, und dann zog der Mann ab mit dem Gelde und mit +den Versicherungen, daß ich sein Haus und alles, was er habe, als mein +betrachten dürfe. +</p> + +<p> +Es vergingen anderthalb Wochen, und als ich eines Spätnachmittags mit +meinem schwerbeladenen Esel müde vom Felde heimwanderte, begegnete +ich dem Indianer Rocio auf dem Wege. +</p> + +<p> +Er sagte: „Buenas tardes, Senjor, viel Arbeit, mucho trabajo, verdad?“ +</p> + +<p> +„Gewiß“, antwortete ich und wollte weitergehen. Aber Rocio hielt mich +an und sagte: „Morgen brauche ich den Esel. Ich habe Holzkohle draußen +im Busch und muß sie hereinschaffen.“ +</p> + +<p> +„Welchen Esel meinen Sie denn, Rocio?“ +</p> + +<p> +„Den da.“ Dabei deutete er auf meinen Esel. +</p> + +<p> +„Den können Sie morgen nicht haben“, gab ich zur Antwort. „Den +brauche ich morgen selbst.“ +</p> + +<p> +Rocio sah mich ruhig und unverwirrt an und sagte: „Das ist mein Esel. +Und ich denke doch nicht von Ihnen, Senjor, daß Sie, ein so vornehmer +und kluger Mann, einem armen Indianer, der nicht lesen und schreiben +kann, den Esel stehlen wollen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +„Das ist aber mein Esel, Rocio. Den habe ich von Felipe für vier Pesos +gekauft.“ +</p> + +<p> +„Von Felipe, Senjor? Da will ich Ihnen nur sagen, der Felipe ist ein +gemeiner Schurke, ein Hurensohn, ein Lügner, ein Schwindler, ein Bandit, +ein Mörder und ein großer Hausanzünder. Der hat Sie betrogen und +belogen. Der hat keinen Funken Scham und gar keine Ehre. Der hat +Ihnen den Esel verkauft, und er hat doch ganz genau gewußt, daß dies +mein Esel ist, den ich selbst aufgezogen habe. Aber ich will Ihnen etwas +sagen, Senjor, ich bin ein ehrlicher und ein anständiger Mann, die Heilige +Jungfrau soll mich auf der Stelle mit den Pocken schlagen, wenn es nicht +wahr ist. Und ich will Ihnen gern den Esel für sechs Pesos verkaufen. Er +ist ja mehr als zwanzig wert; aber weil ich nicht ein solcher niederträchtiger +Schurke bin wie der Felipe, so will ich Ihnen den Esel billig +verkaufen, für zehn Pesos.“ +</p> + +<p> +„Sie haben doch soeben gesagt, für sechs Pesos.“ +</p> + +<p> +„Habe ich gesagt sechs? Wenn ich sechs gesagt habe, dann sollen Sie den +Esel auch für sechs Pesos haben. Ich bin kein Betrüger.“ +</p> + +<p> +Nun dachte ich aber doch, daß es vielleicht besser sei, erst einmal genau +festzustellen, ob Rocio nun auch wirklich der Besitzer sei, damit nicht +vielleicht morgen ein anderer Besitzer auftauche. Dazu ließ mir aber +Rocio keine Zeit. Er wollte sofort wissen, ob ich den Esel kaufe oder +nicht. Wenn nicht, dann würde er ihn hier auf der Stelle sofort abladen +und mich auch noch bei der Ortsbehörde wegen Viehdiebstahls anzeigen, +und dann käme ich ganz bestimmt in die Carcel, in das Gefängnis. +</p> + +<p> +Während wir uns noch herumstritten, kam ein anderer Indianer vorbei, +den ich ebenfalls kannte. +</p> + +<p> +Rocio fiel ihn sofort an und fragte: „Hombre, Mensch, das ist doch mein +Burro hier? Ist das nicht mein rechtmäßiger Esel?“ +</p> + +<p> +„Freilich ist das dein Esel“, sagte der Mann, „claro, seguro, das kann ich +gut beschwören.“ +</p> + +<p> +Also da waren Zeugen. Rocio war im Recht. Ich handelte. Und als es +anfing, dunkel zu werden, waren wir auf drei Pesos und fünfzig Centavos +herunter. Er begleitete mich zu meinem Wohnbereich, wo er das Geld in +Empfang nahm und dann mit seinem Zeugen abwanderte, immerwährend +beteuernd und lamentierend, daß ich ihn bei dem Kauf schmählich übers +Ohr gehauen hätte, der Esel sei zehnmal mehr wert, aber gegen die +schlauen Weißen könne sich so ein armer unwissender Indianer ja nicht +verteidigen. +</p> + +<p> +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +Es vergingen wieder mehrere Tage. +</p> + +<p> +Als ich an einem Sonntagnachmittag an dem Hause des Bürgermeisters +vorüberkam, saß der Alkalde, der Bürgermeister, ebenfalls ein Indianer, +vor der Tür. Er rief mich an und bat mich, einen Augenblick näher zu +treten. +</p> + +<p> +Er bot mir einen wackligen Korbstuhl an und erzählte mir einige Sachen +aus seiner Familie. Dann, als ich endlich gehen wollte, sagte er: „Wie ist +das eigentlich mit dem Esel?“ +</p> + +<p> +„Mit welchem Esel?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Mit dem Gemeindeesel, den Sie da in Ihrem Hofe haben, und den Sie +reiten und arbeiten lassen.“ +</p> + +<p> +„Das ist mein Esel. Den habe ich gekauft“, sagte ich protestierend. +</p> + +<p> +Der Alkalde lachte und antwortete: „Den Esel kann Ihnen niemand verkaufen. +Das ist der Gemeindeesel. Wenn Ihnen jemand den Esel verkaufen +kann, so bin das nur ich allein und niemand sonst.“ +</p> + +<p> +Ich begann zu erstarren. +</p> + +<p> +Aber der Bürgermeister machte sich nichts daraus. Er sagte: „Der Felipe +und der Rocio, das sind die größten und die gemeinsten Spitzbuben und +Banditen. Das sind doch Mörder und Cabrones. Ich warte jetzt nur, bis +die Soldaten von der Municipalidad demnächst wieder hier vorbeikommen. +Dann lasse ich die beiden aber gleich verhaften, und da werde +ich schon schnell dafür sorgen, daß sie sofort erschossen werden. Solch ein +Gesindel habe ich hier im Dorfe.“ +</p> + +<p> +„Aber Rocio brachte einen Zeugen, der beschwören konnte, daß der Esel +dem Rocio gehörte“, verteidigte ich meinen Besitz. +</p> + +<p> +„Das war der Capillo“, sagte der Bürgermeister. „Der ist der allergefährlichste +Bandit. Der hat Stacheldraht gestohlen. Den lasse ich auch +erschießen. Gleich zuerst. Ich warte nur auf die Soldaten. Wie können +denn diese Mörder und Hausanzünder und Frauenräuber den Gemeindeesel +an Sie verkaufen! Ich habe doch gedacht, daß Sie als ein weißer Mann +etwas klüger sein könnten. Gemeindeesel dürfen gar nicht verkauft +werden. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Senjor. Sie haben den Esel +gern, das weiß ich. Und wir haben keinen einzigen Centavito in der +Gemeindekasse. Und da darf ich Ihnen schon den Esel verkaufen, damit +wir etwas Geld in die Gemeindekasse bekommen. Ich will Ihnen den +Esel, der ganz gut und ganz sicher zweimal zwanzig Pesos wert ist, für +zehn Pesos verkaufen, weil Sie ja schon diesen Halunken so viel Geld +gegeben haben.“ +</p> + +<p> +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +Schließlich einigten wir uns auf vier Pesos. Ich bezahlte das Geld, und +nun war ich endlich rechtmäßiger Besitzer des Esels. Für das Geld, das +ich bereits ausgegeben hatte, würde ich auch einen guten und schönen +Esel irgendwo bekommen haben. Von den beiden Halunken war natürlich +nichts wiederzukriegen. +</p> + +<p> +Dann kam Senjora Sanchez, eine ältere Frau, Halbblut, wieder heim ins +Dorf. Sie war mehrere Wochen in Saltillo zum Besuch ihrer verheirateten +Tochter gewesen. Im Dorfe besaß sie eine kleine Fonda, in der vorbeiziehende +Karawanentreiber und Reisende zu übernachten und zu essen +pflegten. Sie war keine zwei Stunden anwesend, da kam sie vor meine +Hütte gerast wie eine Wahnsinnige. Am Stacheldrahtzaun stand sie und +schrie: „Kommen Sie sofort einmal heraus, Senjor, ich habe ernsthaft mit +Ihnen zu sprechen.“ +</p> + +<p> +Nach kurzer Überlegung hielt ich es für gut, sofort zu erscheinen. +</p> + +<p> +Ohne „Guten Tag“ zu sagen, schrie sie: „Wo ist mein Esel? Sofort +meinen Esel her, oder ich schicke gleich zur Municipalidad, damit die +Soldaten kommen und Sie erschossen werden. Sie haben mir meinen Esel +gestohlen!“ +</p> + +<p> +„Das ist der Gemeindeesel, den hat mir der Alkalde verkauft.“ +</p> + +<p> +„Der Spitzbube, der infame, wie kann Ihnen denn der Kindermörder +und Holzräuber meinen Esel verkaufen! Sofort will ich meinen Esel.“ +</p> + +<p> +Was soll man gegen eine halb wahnsinnige Frau machen? Ich gab ihr den +Esel. Sie nahm ihn in Empfang, schrie noch einmal: „Eine solche Unverschämtheit!“, +und dann gab sie dem Esel einen Tritt und ließ ihn +seiner Wege ins Freie ziehen. Sie hatte keine Verwendung für den Esel, +und sie gebrauchte ihn nie. +</p> + +<p> +Ich wollte wenigstens das retten, was ich schon gezahlt hatte, und ich +fragte zaghaft, ob sie mir nicht den Esel verkaufen wolle. Denn sie war +der rechtmäßige Besitzer. So konnte nur der auftreten, der zweifelsohne +im vollen Recht war. +</p> + +<p> +„Einem solchen Viehräuber, wie Sie einer sind, verkaufe ich meinen +Esel nicht einmal für tausend Pesos. Spitzbubengesindel, Ihr!“ Und fort +war sie. +</p> + +<p> +Ich trabte zum Bürgermeister. Er wußte schon, was los war. Das geht +schneller als mit Telephon. +</p> + +<p> +„Das ist, glaube ich, richtig“, sagte der Mann. „Der Esel gehört der +Senjora Sanchez. Aber sie war ja nicht hier. Sie war verreist. Und dann +war das doch der Gemeindeesel, weil sie ja nicht hier war.“ +</p> + +<p> +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +„So genau kenne ich Ihre Spezialgesetze nicht“, erwiderte ich. „Aber ich +möchte doch meine vier Pesos wiederhaben, die in der Gemeindekasse +sind.“ +</p> + +<p> +„Die stehen Ihnen nun auch rechtmäßig zu“, sagte darauf der Bürgermeister. +„Aber die vier Pesos sind nicht mehr drin in der Gemeindekasse. +Ich habe sie ausgegeben. Für Gemeindezwecke.“ +</p> + +<p> +Gemeindezwecke? Ich hatte nichts davon gesehen, daß eine Straße geebnet +oder eine Brücke gebaut oder sonst etwas getan worden war, seit +ich das Geld in die Gemeindekasse gezahlt hatte. +</p> + +<p> +Der Bürgermeister aber ersparte mir das Raten und sagte unschuldig: +„Ich brauchte ein neues Hemd, sehen Sie, Senjor, und ein Stück Leder +für meine Sandalen.“ +</p> + +<p> +Dagegen ließ sich nichts sagen. Da er der Bürgermeister war, so waren +das in der Tat Gemeindezwecke, für die er das Geld verausgabt hatte. +Denn ein Bürgermeister muß doch schließlich ein Hemd und ein Paar +Sandalen haben. +</p> + +<p> +Ich hoffe zuversichtlich, daß diese Geschichte hier mich endlich reinwäscht +von der Beschuldigung, ich hätte irgendwo südlich des Rio Grande +einen Esel gestohlen. Jenes Gerücht geht von der Senjora Sanchez aus, +die mir nicht wohlgesinnt ist, weil ich nicht in ihrer Fonda verkehre. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-16"> +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +DIPLOMATEN +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-w"><img src="images/drop_w.jpg" alt="W"><span class="hidden">W</span></span><span class="postfirstchar drop-w">ährend</span> der Regentschaft des Diktators Porfirio Diaz gab +es in Mexiko weder Banditen, noch Rebellen, noch Eisenbahnüberfälle. +Porfirio Diaz hatte das Land von den Banditen auf eine sehr einfache und +gut diktatorische Weise befreit. Er hatte allen Zeitungen verboten, über +Banditenüberfälle auch nur ein Wort zu berichten, es wäre denn, daß +der Bericht von der Regierung selbst eingeschickt sei. Zuweilen hatte +Porfirio Diaz ein Interesse daran, daß über Banditen- und Eisenbahnüberfälle +berichtet wurde. Er wollte dann einem General, den er für +bestimmte politische Zwecke brauchte, um sich in der Herrschaft zu erhalten, +guten Verdienst zukommen lassen dadurch, daß er ihn mit seinen +Truppen in die Banditenregion schickte. Das brachte für den so begünstigten +General kleine Nebeneinnahmen von einigen zehntausend +Dollar. Wenn der General sein Geschäft abgeschlossen und das Geld in +der Tasche hatte – einkassiert bei allen Geschäftsleuten der Region, die +den Kampf gegen die Banditen zu bezahlen hatten auf Grund der +Rechnungen jenes Generals –, dann erschienen in aller Welt Berichte, +daß der große Staatsmann Porfirio Diaz abermals das Land von Banditen +mit eiserner Hand gesäubert habe, und daß fremdes Kapital in +Mexiko so sicher sei, als läge es in den Gewölben der Bank von England. +Einige Dutzend Banditen waren erschossen worden, darunter viele, die +nicht Banditen waren, sondern Landarbeiter, die sich zu rühren begannen, +um das grausame Joch der Latifundienbesitzer abzuschütteln. Ein halbes +hundert Namen anderer Banditen, die erschossen worden waren, wurden +in den Zeitungen veröffentlicht, um dem General das Einkassieren der +Rechnungen zu erleichtern. Jene Namen erschienen glaubhaft. Sie hatten +nur den Nachteil, daß sie keine Träger hatten, sondern daß sie der +Sekretär des Generals von Grabsteinen abgeschrieben oder sie sich einfach +ausgedacht hatte. Es wurden damals, mehr als heute, Zahlmeister, +Manager und Ingenieure der großen amerikanischen Kompanien in +Mexiko in die Berge verschleppt mit der Androhung, daß sie stückweise +zu Tode gehackt würden, falls nicht das Lösegeld für sie innerhalb von +sechs Tagen zur Stelle sei. Porfirio Diaz zahlte das Lösegeld an die +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +Banditen, damit die amerikanischen Zeitungen nichts erfahren sollten +und so das fremde Kapital abgeschreckt werden möchte. Dem befreiten +Manne wurde noch ein Sümmchen außerdem in die Hand gedrückt als +Schmerzensgeld und Schweigegeld. Aber Porfirio Diaz bezahlte das +Lösegeld und das Schweigegeld nicht aus eigener Tasche. Hätte er das +getan, so hätte er sich nicht den Ruhm verdienen können, daß er den +Staatsschatz außerordentlich ökonomisch verwalte. Darum kassierte er +das verauslagte Lösegeld und Schweigegeld von denselben amerikanischen +Kompanien ein, zu deren Gunsten – richtiger zugunsten des befreiten +Angestellten jener Kompanie – er es bezahlt hatte. Er verkaufte +jenen Kompanien für teures schweres Geld besondere Konzessionen und +Kommuneland, das er den Indianern wegnahm. Dadurch gewann er +zwei neue Freunde, die an seiner Diktatorschaft interessiert waren. Der +eine neue Freund war die begünstigte amerikanische Kompanie, der +andere neue Freund war ein mexikanischer Großgrundbesitzer, der dadurch, +daß den Indianern das Kommuneland weggenommen wurde, +einen neuen Trupp von Heloten bekam, die für drei Centavos arbeiteten +– „del sol hasta sol“ – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. +</p> + +<p> +Was Zeitungen nicht berichten, existiert nicht. Besonders nicht für das +Ausland. So erhält ein Land immer seinen guten Ruf. Alle Diktatoren +arbeiten nach demselben Rezept. +</p> + +<p> +Wie damals, so sind auch heute noch die Zeitungen in Mexiko – ohne +Ausnahme – in konservativen Händen, in den Händen der Angehörigen +jener Klasse, die die Diktatorschaft des Porfirio Diaz als das „Goldene +Zeitalter Mexikos“ preist. Und weil diese Klasse in Mexiko vor +dem Ansturm des indianischen und halbindianischen Proletariats zu +wanken beginnt, so sind heute die Zeitungen jener Klasse voll von +Geschichten über Banditen, Rebellen und Eisenbahnüberfällen; sie feiert +jeden schäbigen Meuchelmörder und jeden ehrlosen General, wenn es +sich um Individuen handelt, die der gegenwärtigen Regierung Schwierigkeiten +bereiten. Heute ist in Mexiko – nach der Aussage jener Zeitungen +– täglich die unbeschränkte Pressefreiheit in Gefahr. Unter der +Diktatorschaft des Porfirio Diaz wurde jedoch, trotz der strengen Verbote, +über Banditen zu berichten, von bedrohter Pressefreiheit nie +gesprochen. Denn damals gab es die wahre und allein richtige Pressefreiheit, +jene gepriesene Pressefreiheit, die im Interesse der kapitalistischen +Klasse wirkt und nur in deren Interesse Pressefreiheit gestattet. +</p> + +<p> +Trotzdem Porfirio Diaz alle Banditen nach seiner einfachen und wirksamen +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +Weise völlig ausgerottet hatte, kamen dennoch zuweilen Dinge +vor, die höchst peinlich wirkten und seinen schönen goldbronzierten +Aufbau – schöner und geschickter, als ein Potemkin es je vermocht +hätte – in Erschütterung zu bringen drohten. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Es sollte ein neuer Handelsvertrag zwischen Mexiko und den Vereinigten +Staaten abgeschlossen werden, oder der alte sollte erweitert werden. +Bei allen solchen Verträgen glaubte Porfirio Diaz stets, daß er der schlaue +Fuchs sei und der große Staatsmann; aber wenn es zum Ende kam und +man den Vertrag mit allen seinen Folgerungen genauer betrachtete, fand +sich immer, daß Mexiko gründlich geleimt worden war. +</p> + +<p> +Die Regierung der Vereinigten Staaten sandte einen ihrer besten Handelsdiplomaten; +denn Mexiko ist von den Vereinigten Staaten immer als +eines der wichtigsten Länder in handelspolitischer Beziehung mit den +Vereinigten Staaten angesehen worden. Und Mexiko wird für ewig – in +Zukunft bei weitem mehr als in der Vergangenheit – das wichtigste +Land für die Vereinigten Staaten bleiben. Wichtiger als ganz Europa. +</p> + +<p> +Porfirio Diaz, um den Diplomaten der nordamerikanischen Regierung +gut einzuseifen, um – wie er dachte – ihn nachher um so besser barbieren +zu können, und um ihm gleichzeitig zu zeigen, wie reich Mexiko +sei und wie reich seine Bevölkerung – die obere Klasse, weniger als ein +halb Prozent des Volkes – sei und wie kultiviert und zivilisiert, veranstaltete +ein luxuriöses Fest zu Ehren des nordamerikanischen Handelsdiplomaten. +</p> + +<p> +Feste zu geben war etwas, was wohl selten ein Mann so gut verstanden +hat wie Porfirio Diaz. Das Fest, das er im Jahre 1910 der Welt gab, die +sogenannte Centenariofeier, die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit +Mexikos von Spanien, gehört zweifellos zu den größten öffentlichen +Festen, die bis heute auf dem amerikanischen Kontinent, um nicht zu +sagen auf Erden, gegeben worden sind. Das strotzte und strahlte nur +alles so in Gold, mit dem die Besucher aus fremden Ländern geblendet +wurden. Die Millionen an Dollars, die jenes Fest das mexikanische Volk +gekostet haben, sind nie gezählt worden. Die Besucher sahen nur jene +goldstrotzenden Fassaden. Es war in außerordentlich geschickter Weise +Vorsorge getroffen worden, daß kein fremder Besucher eine Möglichkeit +hatte, zu sehen, was eigentlich hinter den goldenen Fassaden war. Hinter +jenen Fassaden kauerten fünfundneunzig Prozent des mexikanischen +Volkes in Lumpen und Fetzen, hatten fünfundneunzig Prozent des +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +Volkes keine Schuhe oder Stiefel, lebten fünfundneunzig Prozent des +Volkes nur von Tortillas, Frijoles, Chile, Pulque und Tee aus Baumblättern, +lebten mehr als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht +lesen, und mehr als fünfundachtzig Prozent des Volkes, die nicht einmal +ihren Namen schreiben konnten. Wo in aller zivilisierten und unzivilisierten +Welt ist je ein solches Fest gefeiert worden! Und was für ein +kleiner mickriger Dorfmusikante war ein Fürst Potemkin gegenüber +diesem großen Fanfarenbläser Porfirio Diaz, dem anläßlich jenes Festes +von allen Königen und Kaisern die Brust so voll mit Orden und Kreuzen +gehängt wurde, daß sechzig vollbeladene Eisenbahnfrachtwagen nicht +ausreichten, jene Orden und Ehrenzeichen zu transportieren. So sieht ein +goldenes Zeitalter aus. +</p> + +<p> +Man wird zugeben müssen, daß Porfirio Diaz Feste zu geben verstand. +Und das Fest, das er einige Jahre vorher jenem nordamerikanischen +Diplomaten gab, war eine angemessene Vorfeier jener gloriosen Fassadenbeleuchtung. +</p> + +<p> +Das Fest zu Ehren des Diplomaten wurde gegeben im Schloß zu +Chapultepec in Mexiko City. Seit der Revolution ist jenes Schloß +ziemlich verödet. Feste werden dort nur sehr selten noch gegeben, weil +das mexikanische Volk heute wichtigere Dinge zu tun hat, als glänzende +Feste zu feiern. Das Schloß ist in der Hauptsache nur noch ein Museum +für fremde Touristen, die das Bett der Kaiserin Charlotte sehen wollen +und es abtasten, ob Charlotte auch weich genug darin geschlafen hat. +Hier war auch die Sommerresidenz des Kaisers der Azteken, dessen Bad +noch zu sehen ist und gut erhalten wurde. Obgleich das Schloß die +offizielle Wohnung des Präsidenten der mexikanischen Republik ist, so +wohnen doch die revolutionären Präsidenten selten dort. Präsident +Calles hat nie im Schloß gewohnt, sondern in einem schlichten Hause +in der Nähe. +</p> + +<p> +Aber unter Porfirio Diaz ging es lustig und herrlich im Schloß +von Chapultepec zu. Er mußte sich die kleine, aber sehr fette Aristokratie +des Landes warm und vergnügt halten, um an der Regierung +bleiben zu können, so wie andere Diktatoren sich den Papst warm +halten, wenn die Kapitalisten durch Geschäfte, die immer schlechter +gehen, anfangen einzusehen, daß eine Diktatur auch ihre Nachteile hat. +Zu dem Feste, das zu Ehren jenes Diplomaten gegeben wurde, war nur +die Sahne der oberen Gesellschaft Mexikos geladen worden, um den +Eindruck auf den Diplomaten zu vertiefen, wie elegant, wie zivilisiert, +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +wie kultiviert und wie reich die Mexikaner seien. Es strotzte von +glänzenden Generalsuniformen. Und Porfirio Diaz selbst, über und über +mit Goldtressen und Goldverschnürungen beklebt, beleimt und behangen, +sah aus wie ein Zirkusaffe, der die Hauptrolle in einer burlesken Operette +spielt, deren Geschehnisse sich in irgendeinem fabulösen Balkanlande abwickeln. +Die Damen waren mit Juwelen belastet wie das Hauptauslegebrett +in dem Schaufenster eines Juwelenhändlers in einer der elegantesten +Straßen von Paris zwischen zwei und sechs Uhr nachmittags. Alles in +allem gesagt, es war die erlesenste Gesellschaft, die Porfirio Diaz nur +aufbringen konnte. +</p> + +<p> +Der nordamerikanische Diplomat war nicht zum ersten Male in seinem +Leben von seiner Regierung damit beauftragt worden, Handelsverträge +mit fremden Ländern durchzuberaten und abzuschließen. Nur wenige +Zeit vorher hatte er einen Handelsvertrag zwischen seinem Lande und +England geschickt zu Ende geführt. Bei diesem Vertrag hatte England, +ohne daß er oder die amerikanische Regierung das begriffen, den fetteren +Bissen erwischt, wie das England bei allen solchen oder ähnlichen Vorfällen +immer gelingt. Um den nordamerikanischen Diplomaten für diese +gute Arbeit auszuzeichnen und zu ehren und ihn so lange zu hypnotisieren, +bis der Handelsvertrag unterzeichnet und von den Parlamenten +beider Länder ratifiziert worden war, empfing ihn der König von +England in Privataudienz, und da er ihn nicht zum Ritter erheben +konnte – ein guter republikanischer Amerikaner läßt sich so etwas +nicht gefallen –, verlieh er ihm eine goldene Taschenuhr, reich mit +Brillanten gespickt und versehen mit schellenläutender und ehrenvoller +Widmung und mit dem eingravierten Namenszug Edward VII., König +von England und Kaiser von Indien. +</p> + +<p> +Auf diese Uhr war der Diplomat natürlich sehr stolz, wie jeder gute +republikanische nordamerikanische Mann stolz darauf ist, wenn ihm ein +europäischer König oder Großherzog am Rockknopf gedreht hat. Denn +es kommt auf die erste Seite aller amerikanischen Zeitungen. +</p> + +<p> +Es war ganz natürlich, daß der Diplomat auf jenem Feste diese +Uhr Don Porfirio zeigte. Don Porfirio fühlte sich außerordentlich +geschmeichelt, daß die nordamerikanische Regierung ihn für so wichtig +hielt, einen so bedeutenden Diplomaten, der vom König von England +ausgezeichnet worden war, nach Mexiko zu schicken, um mit ihm, mit +Don Porfirio, einen neuen Handelsvertrag zu beraten und zu beschließen. +Dadurch fühlte sich Porfirio Diaz hochgeehrt, denn er wurde ebenso +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +wichtig betrachtet wie der König von England. Solches Gleichstellen mit +Königen und Kaisern machte Porfirio Diaz für alles gefügig, eine Tatsache, +die den Regierungen aller fremden Länder und allen Diplomaten +wohlbekannt war und rücksichtslos, zum Unheil des mexikanischen +Volkes, von allen Regierungen und Diplomaten ausgenutzt wurde. Denn +Porfirio Diaz war ja, wie die Mehrzahl aller Diktatoren, nur ein Emporkömmling, +der weder durch seine Herkunft, noch durch seine Familie, +noch durch seine Erziehung, noch durch sein Geld, noch durch seine Begabungen +ein begründetes Recht hatte, von der Aristokratie des Landes +zu den Ihrigen gezählt zu werden. Die Eigenschaft, die am höchsten bei +ihm entwickelt war, hieß Eitelkeit. +</p> + +<p> +Als er die Uhr betrachtete, überlegte er bereits, wie er das Geschenk des +Königs von England überbieten könne und in welcher Form, so daß alle +Länder der Erde davon hören und berichten konnten. +</p> + +<p> +Die Uhr wurde natürlich auch von allen anwesenden Generalen betrachtet +und gebührend bewundert. +</p> + +<p> +Nachdem die Begrüßungszeremonien und die Vorstellungsformalitäten +vorüber waren, begab man sich zu dem großen Bankett, wo viele gute +Reden über die vorzüglichen Beziehungen zwischen Mexiko und den +Vereinigten Staaten und zwischen Mexiko und allen anderen Ländern +gehalten wurden und wo jeder anwesende Diplomat sich seine Pflichtrede +dadurch erleichterte, daß er das goldene Zeitalter Mexikos pries, und +besonders den pries, der für das goldene Zeitalter Mexikos allein verantwortlich +war, und das war kein anderer als Don Porfirio. +</p> + +<p> +Als nun auch das vorüber war, rüstete sich alles für den großen Ball, der +im Stil der Gesandtenempfänge in Paris heruntergetanzt wurde. Denn +Don Porfirio war ein Verächter alles dessen, was mexikanisch oder gar +indianisch war, und ein Bewunderer alles dessen, was französisch roch +oder dem Hofleben von Wien ähnlich sein konnte. Diese Bewunderung +reichte zuweilen hinan zu vollständiger Idiotie. Beweis: Das Opernhaus +in Mexiko. +</p> + +<p> +Während einer Pause des Balls bemerkte der nordamerikanische Diplomat +plötzlich, daß seine wertvolle Ehrenuhr nicht mehr da war, wo sie +ursprünglich gewesen war. Bei längerem aufgeregtem Suchen fand er sie +auch in keiner anderen Tasche seines Frackanzuges. Und als er nachher +zusah, entdeckte er, daß die Uhr von der goldenen Kette, an der sie +gehangen hatte, sehr elegant abgeknipst worden war, und zwar, wie +später die Detektive feststellten, mit Hilfe einer Nagelschere. +</p> + +<p> +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +Der amerikanische Diplomat hatte Takt genug, zu wissen, daß man so +etwas nicht erwähnt, wenn es sich um eine gewöhnliche goldene Uhr +handelt, die bei einem derart hochgeschraubten diplomatischen Fest +verlorengeht. Man gibt vielleicht dem Zeremonienmeister einen kleinen +Wink. Wird die Uhr gefunden, ist es recht; wird sie nicht gefunden, dann +kommt sie auf die Rechnung des Auswärtigen Amtes. Solche Vorfälle +sind viel häufiger, als der kleine Mann, der nie Zutritt zu Diplomatenbällen +hat, glauben würde; denn auch Diplomaten sind, mehr als man +glaubt, häufig in Geldschwierigkeiten, die sich oft nur in einer Weise +beheben lassen, die sich nicht ganz mit der guten Sitte, die man auf +Gesandtschaftsbällen erwartet, decken dürfte. Aber auch Diplomaten +sind Menschen. Und wo der ganze Beruf des Menschen darin besteht, +einen anderen – meist ein ganzes Volk – geschickt zu übervorteilen, +schleicht sich leicht ein Manöver ein, das rein persönlichen Zwecken +dient. Es kommen auf diplomatischen Empfängen genügend Perlenhalsbänder, +Brillantenarmbänder und goldene Uhren abhanden, daß die +hohen Ausgaben für „besondere diskrete“ Budgets der Auswärtigen +Ämter gerechtfertigt erscheinen. Nicht jede Frau eines Diplomaten hat +Takt und besonders Geld und Laune genug, ihr Perlenhalsband zu verschmerzen. +Sie pfeift auf die Karriere ihres Gatten, wenn das Halsband +zehntausend Dollar gekostet hat, und sie droht ernsthaft, Skandal zu +machen und die Zeitungen zu unterrichten. Was bleibt dem Auswärtigen +Amt übrig? Das Halsband wird ersetzt. +</p> + +<p> +Diese Uhr aber ließ sich nicht ersetzen. Daß ein Diplomat das eigenhändige +Geschenk des Königs von England so wenig schätzt, daß er das +Geschenk verliert, ist beinahe eine Beleidigung des Königs von England. +Es kann den Diplomaten Ruf und diplomatische Stellung kosten. Nun +darf man von einem amerikanischen Diplomaten ja auch nicht den Takt +erwarten, den ein französischer, englischer oder russischer Diplomat +besitzt. Der französische Diplomat würde eine geistreiche Ausrede dafür +finden, wie und auf welche Weise ihm die Uhr abhanden gekommen ist, +eine Ausrede, so fein und elegant, daß sie ihm in seiner diplomatischen +Karriere eher förderlich als hinderlich sein würde. Aber wir sind auf +diesem Gebiete noch Bauern und Schüler und machen darum Lärm. Der +Diplomat wünschte ja auch in seinen Klubs mit jener Uhr zu protzen. +Und wenn ihm die Uhr fehlte, so blieben ihm nicht viel andere Dinge, +mit denen er protzen konnte, und mit deren Hilfe er Gold auf Hand beweisen +konnte, daß er eine Privataudienz mit dem Könige von England +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +gehabt habe. Denn niemand gibt sich die Mühe, alte Zeitungen aufzuheben +oder durchzustöbern, um die Wahrheit jener Behauptung festzustellen. +Jedenfalls niemand im Klub. Und ein Zeitungsausschnitt kann +von jedem Druckerlehrling für zwei Dollar Entschädigung hergestellt +werden. +</p> + +<p> +Der amerikanische Diplomat, mit der unbekümmerten Robustheit in +Taktfragen, die seinem Volke eigen ist, ging sofort auf Don Porfirio +zu und bat ihn um eine kurze Unterredung mit Hilfe seines Sekretärs, +der Spanisch sprach. +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie, Don Porfirio“, sagte der Diplomat, „es tut mir +aufrichtig leid, daß ich Sie belästigen muß, aber mir ist soeben meine +Uhr, die ich vom König von England geschenkt bekommen habe, hier +im Saal gestohlen worden.“ +</p> + +<p> +Porfirio Diaz verzog keine Miene. Er sagte nicht: „Das ist nicht möglich!“ +oder „Sollte das nicht ein Irrtum sein?“ Er kannte ja seine Leute, und +keiner wußte es besser als er, daß die Banditen nur in den Zeitungsberichten +ausgerottet seien, nicht aber im Lande; denn er hätte ja zuerst +einmal alle seine Generale und Gouverneure und Bürgermeister und +Steuerverwalter und Staatssekretäre erschießen müssen, wenn er alle +Banditen hätte ausrotten wollen. Und hätte er wirklich alle Banditen, +die es während seiner Regentschaft gab, erschossen, so wäre wahrscheinlich +kein einziger Mexikaner mehr übriggeblieben, den er hätte regieren +können. Die regierende Klasse raubte aus unersättlicher Habgier und +die nichtregierende Klasse aus bitterem Hunger. +</p> + +<p> +So sagte Porfirio Diaz als Antwort zu jenem Diplomaten nur: „Seien +Sie nicht in Sorge, Exzellenz, es liegt hier offenbar nur ein kleiner +Scherz vor. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie die Uhr innerhalb +von achtundvierzig Stunden wieder in Ihrem Besitz haben werden.“ +</p> + +<p> +Das Ehrenwort des Präsidenten. Porfirio Diaz konnte sein Ehrenwort +beruhigt geben. Denn wer Meister aller Banditen und Spitzbuben +ist, wer alle Banditen und Spitzbuben und deren Schliche und Wege so +gut kannte wie Porfirio Diaz, er selbst ein Meisterspitzbube in allen +solchen Dingen, wo es sich nicht gerade um gewöhnlichen Taschendiebstahl +handelte, der würde die Uhr schon entdecken. +</p> + +<p> +Mit den höflichsten Worten verabschiedete endlich zu gegebener Stunde +Porfirio Diaz den nordamerikanischen Diplomaten, ohne daß hierbei +auch nur mit einem Wörtchen das kleine Mißgeschick erwähnt wurde. +</p> + +<p> +Aber, wenngleich es nur seine nächsten Vertrauten bemerkten, Don +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +Porfirio raste, wie nur er zu rasen vermochte. Das Rasen eines Diktators, +dessen Schwindel vor der Entdeckung steht. +</p> + +<p> +„Der Alte hat wieder einmal die Tollwut“, flüsterten sich die Diener +erschreckt zu und zitterten in Furcht vor dem, was geschehen würde, +wenn der Ball vorüber sein wird. Die Anfälle von Tollwut des Diktators +waren gefürchtet, mehr als Erdbeben. Denn er wurde dann +bestialisch wie eine alte verärgerte Wildkatze. +</p> + +<p> +Was er einmal gleich zuerst und durchaus sicher wußte, das war, daß die +Uhr ein Mexikaner hatte, nur ein Mexikaner haben konnte. Und mit +mexikanischen Spitzbuben wußte er ja umzugehen. +</p> + +<p> +Hatte die Uhr ein Mitglied der Dienerschaft genommen, so war es jetzt +bereits zu spät, den zahlreichen Detektiven den Auftrag zu geben, keinem +von der Dienerschaft zu gestatten, das Schloß zu verlassen. Denn war +die Uhr wirklich von einem der Bediensteten gestohlen worden, so +waren die Detektive augenblicklich nicht zu gebrauchen, weil die Uhr +inzwischen schon aus dem Schlosse hinausgeschmuggelt war. Freilich, ein +Detektiv konnte die Uhr auch haben. So sicher war das nicht, daß die +Detektive nicht nehmen würden, was sie auf leichte Weise kriegen +konnten. Porfirio Diaz hatte ja genügend Spitzbuben, Taschendiebe, +Einbrecher und Wegelagerer in die Polizei eingereiht, weil Spitzbuben +häufig bessere Spitzbubenjäger machen als anständige Menschen. +</p> + +<p> +Daß die Diamanten aus der Uhr herausgebrochen werden könnten, daß +das Gehäuse der Uhr vielleicht zerhämmert werden möchte, um die Uhr +stückweise leichter und unverdächtiger verkaufen zu können, das würde +wohl kaum geschehen. Die Uhr würde zuviel an Wert verlieren. Eher +war schon anzunehmen, daß die Gravierung ausgeschliffen sein wird, +ehe die Uhr irgendwo zum Verkauf angeboten wieder zum Vorschein +kommt. Ohne Gravierung aber war die Uhr natürlich wertlos für den +Diplomaten. Eine goldene Uhr an sich, ganz gleich mit wie vielen +Diamanten bespickt, hätte Don Porfirio sofort beschafft, wenn damit +dem Diplomaten hätte gedient werden können. Aber wie die Dinge sich +vorfanden, mußte es ganz genau die gleiche Uhr sein, die herangeschafft +werden mußte. +</p> + +<p> +Nicht darum verfiel Porfirio Diaz in Raserei, weil er befürchtete, er +könnte vielleicht die Uhr nicht wieder herbeischaffen. Sie zu bekommen, +betrachtete er als eine Aufgabe, die zu lösen für ihn möglich war. Nein, +was ihn in jene schäumende Wut versetzte, war etwas anderes. +</p> + +<p> +Durch das Stehlen der Uhr bei einer solchen Gelegenheit war von einer +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +seiner glänzenden Fassaden die Goldtünche abgeblättert worden. Der +gewöhnliche nackte und wahre Gipsverputz kam zum Vorschein. +</p> + +<p> +Alle Welt war klein geschlagen worden mit der Mär, daß der große +mexikanische Staatsmann Porfirio Diaz mit eiserner Hand und mit +stählernem Besen das Land von Banditen und Spitzbuben so völlig und +so dauernd gesäubert habe, wie das nie vorher ein anderer Mann in +irgendeinem anderen Lande mit gleichem Erfolge zuwege gebracht habe. +In Mexiko konnte man damals, nach den Berichten, die Porfirio Diaz +in der Welt verbreitet hatte, mit einem Sack voll Goldstücke zur +Rechten und einem Sack voll Goldstücke zur Linken auf einem Pferde +sitzend von einem Ende der Republik zum andern reisen, und wenn man +an dem andern Ende ankam, so hatte man zur Rechten sowie zur +Linken je einen Sack voll Goldstücke mehr, als man hatte an dem Tage, +an dem man auszog. In gewissem Sinne war das richtig. Ein amerikanischer +Kapitalist, der mit fünfzigtausend Dollar in Schecks in El Paso nach +Mexiko einreiste, konnte sechs Wochen später über Nogales aus Mexiko +wieder ausreisen mit hunderttausend Dollar in Schecks, einem Überschuß, +den er mit Hilfe des Porfirio Diaz in jener kurzen Zeit aus dem +mexikanischen Lande und Volke herausprofitiert hatte. Aber im buchstäblichen +Sinne genommen, war es unter Porfirio Diaz bei weitem +unsicherer, mit Geld oder anderen Werten beladen ohne militärische +Bedeckung durch das Land zu reisen, als heute. Die militärische Bedeckung +begann nicht selten auf dem Marsche auszurechnen, daß es +weiser sei, sich selbst mit dem Gelde zu bedecken, das von ihnen bedeckt +werden sollte. Dann erschien ein Bericht – falls die Angelegenheit nicht +von der Regierung auf privatem Wege zu aller Zufriedenheit erledigt +werden konnte –, daß der Transport in einen Sumpf geraten oder von +einem Erdrutsch verschüttet worden sei. +</p> + +<p> +Aber daß einem so wichtigen nordamerikanischen Diplomaten auf einem +diplomatischen Fest innerhalb der Wände eines Saales im Schloß von +Chapultepec eine goldene Uhr aus der Tasche gestohlen werden konnte, +daß also selbst ein diplomatischer Würdenträger selbst auf einem +diplomatischen Fest in Mexiko seines Eigentums nicht sicher war, brachte +das ganze schöne Lügengewebe, in das sich der Diktator eingekuschelt +hatte, zum Zerreißen. Wenn die Banditen dem Throne des Diktators so +nahe waren, wie mußte es dann im Lande aussehen? Kam dieser Vorfall +in die amerikanischen Zeitungen, dann lernte die ganze Welt, daß die +eiserne Hand des großen Staatsmannes Porfirio Diaz nur aus Pappe war +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +und daß die fremden Großkapitalisten klug tun, Mexiko gegenüber vorsichtig +zu sein mit Kapitalsanlagen. +</p> + +<p> +Der Diplomat hatte das Ehrenwort des Diktators mit der Erklärung, +daß es sich hier nur um einen kleinen Scherz handle. Und darum sagte +der Diplomat kein Wort von dem Vorfall zu den Zeitungsleuten, weil +er ja nun erst einmal die Pflicht hatte, abzuwarten, ob und in welcher +Weise Porfirio Diaz sein Ehrenwort einlösen werde. Porfirio Diaz wußte, +daß nach den Sitten in diplomatischen Kreisen der Amerikaner nichts +der Presse seines Landes mitteilen durfte, solange das Ehrenwort des +Diktators den Vorfall deckte. +</p> + +<p> +Noch in derselben Nacht befahl Porfirio Diaz den Polizeichef zu sich, +um mit ihm zu besprechen, wie man die Uhr wiedererlangen könnte, +ohne sich der Zeitungsinserate zu bedienen. +</p> + +<p> +Wie der Fall nun behandelt wurde, zeigt den Unterschied der Männer, +die während der Diktatorschaft des Porfirio Diaz wirtschafteten, und der +Männer, die nach der Revolution das mexikanische Schiff recht und +schlecht durch Stürme und Klippen ruderten. +</p> + +<p> +Der spätere Präsident Calles würde dem Polizeichef sechs Stunden Zeit +gegeben haben, die Uhr heranzuschaffen. Oder – und das ist wahrscheinlicher, +denn er hat es in vielen Fällen mit Generalen getan – er +würde den Polizeichef wie einen Schuljungen heruntergerotzt und vielleicht +gar rechts und links gebackpfeift haben, hätte ihn dann aus seinem +Amte gefeuert und würde, wenn der Mann noch etwas wert gewesen wäre, +ihn in eine ferne Ecke der Republik strafversetzt haben, oder er hätte ihm +das Reisegeld für eine Erholungsreise nach Europa gegeben mit der +ernsten Warnung, sich nicht mehr in Mexiko sehen zu lassen. +</p> + +<p> +Auch Porfirio Diaz feuerte zuweilen Generale und andere hohe Würdenträger +ohne Zeremonie; aber er tat es nur dann, wenn er genau wußte, +daß der Mann keinen Anhang hatte, daß er ihm also nicht schaden +konnte. Wie alle Diktatoren, so war auch Porfirio Diaz ein furchtsamer +Mann. Er bevorzugte es, weit von hinten aus an den Leinen zu ziehen, +mit Intrigen zu wirtschaften und andere vorzuschieben, auf die er abladen +konnte. +</p> + +<p> +Calles würde nicht einen Augenblick darum besorgt gewesen sein, wenn +der Vorfall am nächsten Tage in den Zeitungen gestanden hätte. Er +hätte darüber genau so gelacht wie das ganze mexikanische und amerikanische +Volk. Er hätte in seiner trockenen Art gesagt: „Warum läßt sich +denn der Esel von einem Gringo seine Uhr aus der Tasche stehlen? Er +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +ist doch in Mexiko, wo er auf jeder Eisenbahnstation die Zettel angeklebt +sieht: ‚Hütet euch vor Taschendieben!‘ Und wenn der Hammel Mexiko +nicht besser kennt, soll er raus bleiben, dann kann ich überhaupt keinen +Vertrag mit ihm abschließen.“ Und zu den Zeitungsleuten würde er +gesagt haben: „Da seht ihr, was für ein Spitzbubengesindel wir hier in +Mexiko haben. Alles aufgezüchtet von dem Gauner Porfirio. Ich werde +nun doch mal wieder mit einem himmelkreuzgottverfluchten Donnerwetter +dazwischenfahren!“ Dann hätte er alle Distriktspolizeigewaltigen, +ein Dutzend Staatsanwälte und zwei Dutzend Richter gefeuert, daß die +Funken spritzten. +</p> + +<p> +Diese rücksichtslose, unbekümmerte, offensiv-geladene, immer mit einem +grimmen Witz gepfefferte amerikanische Faustschlagmethode war dem +mickrigen Wesen des Porfirio Diaz ebenso fremd, wie einem Presbyterianpfarrer +alle die verschiedenen Marken von schottischem Whisky so gut +bekannt sind wie die vier Evangelien. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen begann die Umpflügung des mexikanischen Landes +nach der gestohlenen Uhr des amerikanischen Diplomaten. +</p> + +<p> +Der Polizeichef erschien in Belen. Belen ist das große Untersuchungsgefängnis +in Mexiko City, wo alle männlichen und weiblichen Missetäter +gehalten werden, bis ihr Urteil gesprochen wird. +</p> + +<p> +Der Polizeichef ließ alle männlichen und weiblichen Gefangenen antreten, +und er hielt folgende Ansprache: „Gestern abend ist eine goldene +Uhr gestohlen worden. Die Uhr ist mit Brillanten besetzt. Auf der +Innenseite des Deckels ist eine Widmung in englischer Sprache eingraviert. +Die Widmung hat einen geschriebenen Namenszug Edward VII. +Es ist jetzt sieben Uhr morgens. Wenn die Uhr bis heute abend um +sieben Uhr bei dem Direktor des Gefängnisses abgeliefert wird, dann +werdet ihr alle heute abend auf freien Fuß gesetzt, und niemand wird +verfolgt für die Tat, derentwegen er sich heute hier in Belen befindet. Der +Überbringer der Uhr wird nicht um seinen Namen gefragt; er darf frei +gehen, wie er gekommen ist; er wird nicht gefragt, auf welche Weise +er in den Besitz der Uhr gelangt ist; und er wird weder der Uhr wegen +noch wegen irgendeiner andern Sache, die er vor heute morgen um +sieben Uhr verübt haben sollte, verfolgt werden oder in Haft behalten. +Außerdem erhält er vom Direktor eine Belohnung von zweihundert +Pesos in Gold. Ihr alle bekommt jetzt einen Briefbogen und einen +Briefumschlag und Bleistifte. Ihr dürft in jene Briefe schreiben, was ihr +wollt. Die Briefe werden von der Inspektion nicht gelesen. Und niemand +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +von der Direktion darf die Adressen lesen. Eine Stunde später kommen +hier Briefträger, denen ihr die Briefe persönlich übergebt. Die Briefträger +werden die Briefe an ihre Adressen befördern unter Amtsgeheimnis. +Hier habe ich das Zertifikat, unterzeichnet von Don Porfirio, +von mir und dem Direktor des Gefängnisses hier. Das Zertifikat hat Gesetzeskraft +bis heute abend um sieben Uhr dreißig.“ +</p> + +<p> +Die Ansprache des Polizeichefs und das Zertifikat, das die Ansprache +wörtlich niedergeschrieben enthielt, bewiesen, wie gut Don Porfirio seine +Spitzbuben und Banditen kannte. War die Uhr wirklich in den Händen +der gewöhnlichen Taschendiebe und Hehler, so wurde die Uhr um sieben +Uhr oder noch früher abgeliefert. +</p> + +<p> +Wie in anderen Ländern so auch in Mexiko kennen sich alle Spitzbuben +und Hehler gegenseitig recht gut. Wenn einer allein auch nicht alle +übrigen kennt, so kennt er doch wenigstens etwa zwanzig, kennt deren +Schlupfwinkel, kennt die Kantinen und Pulquerias und Quartiere, wo +jene zwanzig verkehren, kennt ihre Liebchen und weiß, was jeder von +ihnen auf dem Kerbholz hat. Jeder einzelne von diesen zwanzig kennt +wieder eine Anzahl andere, die der erste nicht kennt. So ist – und hier +verrechneten sich weder Don Porfirio noch der Polizeichef – die Sicherheit +gegeben, daß der Inhalt jener Ansprache allen Spitzbuben in Mexiko +City sowie auch allen Hehlern in wenigen Stunden bekannt wird. Die +Briefe, die von den Gefangenen nun an die Spießgesellen draußen +geschrieben werden, ohne Aufsicht und ohne Inspektion, enthalten alles, +was der Gefangene dem draußen in Freiheit lebenden Spießgesellen +schon lange einmal gründlich sagen wollte. Die Briefe enthalten Zeilen +etwa von dieser Art: „Höre einmal, querido Pedro, wenn Du nicht zu +dem Schuft von Hehler, dem Gomez, gehst und ihn mit dem Revolver +in der Hand fragst, wo die Uhr ist und daß er sie herzubringen hat, dann +sage ich hier dem Staatsanwalt, daß Du bei dem Einbruch bei Senjor +Balsa mit dabei gewesen bist und das meiste davon eingesackt hast. Ich +sehe nicht ein, warum ich das alles allein ausfressen soll, wo ich doch nur +den einen lausigen Anzug abbekommen habe, mit dem sie mich auf dem +Volador – dem sogenannten Diebsmarkt – erwischt haben.“ +</p> + +<p> +Ein anderer Brief heißt so: „Liebste und allerliebste Josefina. Du weißt, +wie sehr ich mich nach Dir sehne. Ich habe doch dem Burschen da in der +Bucareli-Straße in der Nacht nur darum eins über den Schädel gehämmert, +weil ich sein Geld haben wollte und weil ich doch das Geld +haben wollte und weil ich doch das Geld haben mußte und weil ich Dir +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +doch von dem Geld das grüne Seidenkleid und die schönen Lackschuhe +gekauft habe, damit Du hübsch aussehen solltest, wenn wir in den +Mexiko-Saal bei der Maria Redonda zum Tanzen gehen. Ich hab’ eine +solche Sehnsucht nach Dir, liebe Josefina, das kannst Du Dir überhaupt +gar nicht denken und wenn die Uhr kommt, dann bin ich heute abend +schon raus. Geh nun gleich einmal hin zur Jeronima, sie ist eine ganz +gewöhnliche Hure die in der Peru-Straße auf die Fangleine geht aber +das macht jetzt nichts. Sie lebt mit dem Patrote da mit dem Emilio der +weiß bestimmt wo die Uhr ist und da kannst Du dem Emilio auch nur +gleich sagen wenn er die Uhr nicht um vier Uhr herangeschafft hat dann +sage ich hier daß ich es gesehen habe wie er dem Tecolote, dem Polizisten, +zwei in den Bauch gebrannt hat in der Moneda wo der Tecolote +noch immer im Hospital liegt und niemand weiß wer ihm die zwei gebrannt +hat aber ich sage es wenn er die Uhr nicht bis um vier Uhr hergebracht +hat und er kriegt zweihundert Pesos vom Direktor für die Uhr. +Wenn Emilio die Uhr nicht weiß dann gehe gleich einmal hin zu der +Angelica die auch eine kräftige Hure ist und die wird Dir schon gleich +sagen wer die Uhr hat.“ +</p> + +<p> +Ein anderer Brief: „Querido Lorenzo Du weißt recht gut wer die Uhr +hat die dem glattgeleckten Urschfucker abgeknipst worden ist denn weil +Du ja auch in der Kegelbahn in Chapultepec Schloß die Kegel aufstellst +und Dein Vetter Carlos der im Billardsaal in Chapultepec Schloß bedient +hat ganz bestimmt die Uhr und wenn Du mir hier nicht raushilfst +ist nichts mit meiner Schwester Anita und ich schlage Dir so Deine fetten +Knochen ineinander, daß Du liegen bleibst wo Du bist denn Du weißt +recht gut wo die Uhr ist weil Du es ja gesehen hast und ich werde auch +meiner Schwester Anita sagen daß Du ein guter Junge bist und nicht +hinter den Mädchen hinterher bist was ich gut weiß.“ +</p> + +<p> +Alle Gefangenen ohne Ausnahme schrieben ihre Briefe, und alle Briefe +wurden, genau dem Versprechen gemäß, ungesehen von der Inspektion, +von den Briefträgern noch in derselben Stunde an ihre Adressen befördert. +</p> + +<p> +Zum großen Leidwesen der Gefangenen und wohl noch zu einem +größeren Leidwesen des Porfirio Diaz war die Uhr zu gegebener Stunde +nicht abgeliefert. Das Mittel, dessen sich Porfirio Diaz in hoffnungslos +erscheinenden Fällen so oft mit Erfolg bedient hatte, versagte hier. +</p> + +<p> +Es ist später in Mexiko erzählt worden, daß die Uhr wirklich auf diesem +Wege, mit Hilfe der Gefangenen, herbeigeschafft wurde, und daß alle +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +Gefangenen ihre Freiheit erhalten hätten, wie ihnen versprochen worden +war. Aber das ist nicht ganz richtig. Dieses Gerücht wurde nur verbreitet, +um die Wahrheit zu verschleiern. +</p> + +<p> +Als die Uhr abends um sieben Uhr nicht abgeliefert worden war, wußte +Porfirio Diaz sicher, daß die Uhr nicht von den gewöhnlichen Spitzbuben +gestohlen worden war und daß sie auch noch nicht in den Händen der +Hehler war. Er schloß daraus, und durchaus richtig, daß die Uhr jemand +hatte, der zwar das Geld brauchte, aber doch nicht so dringend brauchte, +daß er sich mit dem Verkauf der Uhr hätte beeilen müssen. Es war +jemand, der den Wert der Uhr richtig einzuschätzen verstand und seine +Zeit abwartete, bis er die Uhr so günstig verkaufen konnte, wie das überhaupt +nur bei einer Uhr aus zweiter Hand möglich war. +</p> + +<p> +Da die gewöhnlichen Spitzbuben ausgeschaltet waren, kannte nun Porfirio +Diaz sofort die nächste Schicht von Spitzbuben, die in Betracht kam. Es +war nicht die letzte Reihe, aber diejenige Reihe, die den gewöhnlichen +Spitzbuben und Wegelagerern am nächsten stand, in Moral und in +ewigen Geldnöten, sowie in Unverfrorenheit im Nehmen, wo sich eine +Gelegenheit bot. +</p> + +<p> +Don Porfirio ließ also nun alle Generale, die bei dem diplomatischen +Feste zugegen gewesen waren, um es durch goldstrotzende Uniformen +zu beleben, am Abend zur Audienz laden. Er hatte eine Liste der +Generale, die im Schloß gewesen waren, und er sah zu, daß auch alle +zur Audienz kamen. +</p> + +<p> +Es fand sich aber, daß einer der Generale fehlte, ein Divisions-General. +Der Divisionär hatte sich entschuldigen lassen. Eine Entschuldigung, die +Don Porfirio gelten ließ, weil es sich um einen dringenden Dienst +handelte, der nicht aufgeschoben werden konnte. +</p> + +<p> +Porfirio Diaz hielt eine Ansprache an die versammelten Generale: +„Caballeros, Sie alle haben wohl gestern im Schloß die Uhr gesehen, die +der amerikanische Diplomat mir zeigte. Diese Uhr ist im Schloß abhanden +gekommen. Ich vermute, daß einer der wachhabenden Soldaten +oder einer der Burschen, die Sie begleiteten, die Uhr gefunden hat. Die +Uhr muß bis morgen früh um zehn Uhr in meinem Besitz sein. Ist die +Uhr um die angegebene Zeit in meinen Händen, dann erhalten Sie, +Caballeros, jeder eine Sondervergütung von eintausend Dollar für Ihre +Bemühungen. Ich werde auch sonst noch versuchen, mich Ihnen erkenntlich +zu zeigen. Es ist natürlich, daß Sie den Vorfall so unauffällig behandeln, +wie das nur in Ihren Kräften steht; denn ich wünsche nicht, daß +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +auch nur ein leises Fleckchen auf unsere ruhmreiche Armee fällt. Mit dem +Missetäter wollen Sie nach Ihrem eigenen Ermessen verfahren. Ich danke +Ihnen, Caballeros!“ +</p> + +<p> +Jeder, der Mexiko kennt, weiß, daß ein mexikanischer Soldat der unteren +Grade alle möglichen Untugenden und Laster haben mag, daß er – besonders +in seinen Liebesangelegenheiten – unbekümmert seinen Nebenbuhler +ermordet. Der mexikanische Soldat stiehlt. Das ist wahr. Er stiehlt +aber nur das und nichts mehr, was seine Generale und seine zahlreichen +anderen Vorgesetzten ihm zum Stehlen übriglassen. In seiner Moral, in +seiner Tapferkeit, in seiner Ehre, in seiner Liebe zu seinem Lande, in +seiner Loyalität steht er bei weitem höher als seine Generale. Er wird +von den treulosen und ehrlosen Generalen gebraucht, seine Brüder, seine +Väter, seine Söhne, seine Mütter, seine Kameraden in andern Regimentern, +zu bekämpfen und zu ermorden. Er weiß nie, ob er in Wahrheit +auf seiten der Rebellengenerale ist oder auf seiten der treu gebliebenen +Truppen. Er kämpft, weil er seinem General die Treue hält, weil er eine +Treue in sich trägt, die sein General nicht kennt. Seine Generale verüben +eine Militärrevolte unter dem Ruf, das geplagte Land von den +Tyrannen und von den Bolsches zu befreien, während sie in der Praxis +die Revolte nur verüben, um die Banken und die wohlhabenden Geschäftsleute +zu plündern, und das geraubte Gut nach den Vereinigten +Staaten in Sicherheit gebracht haben, ehe die treu gebliebenen Truppen +ihnen in den fernliegenden Distrikten des weiten Landes auf den Fersen +sein können. Unter solchen Generalen ist der Mensch gezwungen, zu +dienen und zu gehorchen, der als der tapferste, der treueste und der bedürfnisloseste +Soldat aller Armeen der Erde angesehen werden darf. +</p> + +<p> +Porfirio Diaz wußte gut, wie auch die versammelten Generale es wußten, +daß die beschuldigten gemeinen Soldaten alle möglichen Untugenden und +Laster haben mochten, aber daß sie eins ganz bestimmt nicht waren: +Taschendiebe. +</p> + +<p> +Und darum wußte Porfirio Diaz ja auch recht gut, daß er den Sack wohl +prügelte, aber den Esel meinte. Es wird ja auch in verlorenen Kriegen +immer den gemeinen Soldaten die Schuld an dem Verlust des Krieges +gegeben, immer den gemeinen Soldaten, den Proletariern, die nicht länger +standhalten wollten, deren Moral gebrochen war, die Verführern und +Friedensaposteln ein williges Ohr schenkten, die keine Vaterlandsliebe +besaßen. Nie wird die Schuld den unfähigen Generalen zur Last gelegt, +nie den aderverkalkten Politikern, nie den rückenmarksschwachen und +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +entnervten Diplomaten, nie den habgierigen Profitjägern. Immer hat der +Soldat, der Prolet, die Schuld. Und wenn der Krieg gewonnen wird, dann +ist es nur den befähigten Generalen zu verdanken, den weisen Staatsmännern, +den geschickten Diplomaten. Die Generale, Staatsmänner und +Diplomaten bekommen alle Ehren aufgehäuft in Weltgeschichten und in +Schullesebüchern. Der gemeine Soldat bekommt als Belohnung einen +Parademarsch, den sich der verhungerte, verlauste und verkrüppelte +Munitionsarbeiter hinter einer dicht verrammelten Kette von Polizisten, +die ihre Knüttel schwingen, schafsgeduldig ansehen darf, damit die +Generale auch genügend Hurraschreier und Winker rotweißblauer +Sternen-Fähnchen zur Verfügung haben. +</p> + +<p> +Es wußten auch die Generale hier recht gut, daß Porfirio Diaz nicht einen +Augenblick im Ernst meinte, daß einer der wachhabenden Soldaten oder +einer der Burschen der Generale die Uhr hätte gestohlen haben können. +Freilich wußten alle Generale, was Porfirio Diaz von ihnen in Wahrheit +dachte, wie auch Porfirio Diaz recht wohl wußte, was alle seine Generale +von ihm dachten. Meister und Spießgesellen, die ihre Füße, Fäuste und +Krallen auf dem armen reichen Lande wuchten ließen. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen um zehn Uhr war die Uhr nicht abgeliefert. +</p> + +<p> +Einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick lang, wurde Porfirio +Diaz verwirrt, weil es schien, als habe er sich verrechnet. +</p> + +<p> +Dann aber dachte er an den Divisions-General, der sich gestern abend +hatte entschuldigen lassen, weil er in wichtiger dienstlicher Angelegenheit +außerhalb der Stadt, in Tlalpam, zu sein hatte. +</p> + +<p> +Diesen Divisions-General befahl nun Porfirio Diaz eiligst zu sich. +</p> + +<p> +Als der General vor ihm stand, sah ihn Porfirio Diaz eine Weile an und +sagte dann kurz und hart: „Divisionario, geben Sie mir die Uhr des +amerikanischen Diplomaten.“ +</p> + +<p> +Ohne eine Miene zu verziehen, ohne irgendwie verlegen zu werden, griff +der General unter seinen Uniformrock, nestelte ein wenig in einer Tasche +unter dem Uniformrock herum und brachte die Uhr hervor. +</p> + +<p> +Er trat zwei Schritte näher auf den Diktator zu und überreichte ihm die +Uhr mit den Worten: „A sus apreciables ordenes, Don Porfirio, zu Ihren +hochgeschätzten Diensten.“ +</p> + +<p> +Porfirio Diaz nahm die Uhr und legte sie vor sich auf den Tisch. +</p> + +<p> +Er fühlte, daß er etwas sagen müßte. Und darum sagte er: „Divisionario, +ich verstehe nicht – eh – warum?“ +</p> + +<p> +Darauf antwortete der Divisionario nüchtern: „Ich befürchtete, Porfirio, +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +daß du sie nehmen würdest, und da dachte ich, es ist vielleicht besser, ich +nehme sie; denn du kannst dir leichter eine kaufen als ich.“ +</p> + +<p> +Daß aber doch wieder Porfirio Diaz klüger war als viele derjenigen, die +ihn durch und durch verdammen, zugeben wollen, bewies er am besten +dadurch, daß er auf die Antwort des Divisionarios schwieg. Es ist ja wohl +auch schwerlich anzunehmen, daß sich Porfirio Diaz mit gewöhnlichem +Taschendiebstahl abgegeben haben würde. Auf keinen Fall wohl in den +letzten fünf Jahren seiner Regentschaft, wo er schon ein wenig klapprig +wurde. +</p> + +<p> +Aber eines muß doch gesagt werden. +</p> + +<p> +Porfirio Diaz mußte den Diplomaten freundlich stimmen und ihn in +freundlicher Laune erhalten, damit der Vorfall nicht bekannt würde. +Denn Porfirio Diaz war mehr besorgt um den guten Ruf seines Hofes als +mancher europäische Potentat. Und um den Diplomaten zu besänftigen +und vergnügt zu stimmen, war er gezwungen, ihm beim Abschluß des +Handelsvertrages Zugeständnisse zu machen, die zwar das mexikanische +Volk zu bezahlen hatte, die aber dem Diplomaten die Ehre einbrachten, +als einer der geschicktesten Diplomaten der Vereinigten Staaten bezeichnet +zu werden. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-17"> +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +BÄNDIGUNG +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> einer kleinen Stadt im Staate Michoacan lebte ein junges +Mestizomädchen, von dem man mit gutem Recht sagen durfte, daß eine +gütige Natur ihr gegenüber wahrhaft verschwenderisch gewesen sei mit +allen den Gaben, die eine jede Frau immer nur glücklich machen kann. +</p> + +<p> +Die Eltern jenes jungen Mädchens waren vor einigen Jahren kurz +nacheinander gestorben, und das Mädchen lebte in dem Hause ihrer +verstorbenen Eltern mit ihrer Großmutter und mit ihrer Tante. Ihr +Vater besaß ein gutgehendes Sattelzeuggeschäft, das ihn durch seine +Tüchtigkeit zu einem wohlhabenden Manne gemacht hatte. Luisa +Bravo war das einzige Kind ihrer Eltern gewesen. Sie war durch die +Erbschaft von ihren Eltern ein reiches Mädchen geworden, und sie hatte +alle Aussicht, nach dem Ableben ihrer Großmutter und ihrer Tante, die +beide gleichfalls ein kleines Vermögen besaßen, zu gegebener Zeit noch +reicher zu werden. Es war darum kein Wunder, daß Donja Luisa, sowohl +ihrer auffallenden Schönheit als erst recht ihrer Wohlhabenheit wegen, +unter den jungen Männern der Stadt, die sich zu verheiraten gedachten, +eine begehrte Partie war. +</p> + +<p> +Die Freier flogen auf sie zu wie Bienen auf Honigbonbons. Aber keiner +der Freier, so sehr er auch in Geldnöten sein mochte oder so sehr er auch +das schöne, gutgebaute Mädchen als seine Bettgenossin wünschte, hielt +lange genug aus, um es mit ihr bis zu einer veröffentlichten Verlobung +zu bringen. +</p> + +<p> +Es war ganz gewiß nicht die Schuld der Freier; denn wo so viel Geld, +verbunden mit so viel Schönheit, zu erwarten ist, nimmt ein jeder eine +große Menge von Unbequemlichkeiten sauersüß mit in Kauf; Unbequemlichkeiten, +von denen, bei weniger rosig erscheinenden Fällen, zwei vollauf +genügen können, um einen jungen Mann davon abzuschrecken, ein +Mädchen auch nur zu einem Tanze aufzufordern. +</p> + +<p> +Donja Luisa hatte alle Unarten, die eine Frau nur haben kann. Und zwei +Dutzend mehr. +</p> + +<p> +Sie hatte zuerst einmal von Natur aus ein zügelloses Temperament, das, +wenn es ausbrach, durch nichts, aber auch durch gar nichts zu besänftigen +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +war. Da sie das einzige Kind ihrer Eltern war und die Eltern in ewiger +Sorge und Furcht lebten, das Kind möchte ihnen fortsterben – obgleich +sie gesund und munter war wie ein Verpflegungsoffizier fünfzig Meilen +hinter der Front –, so war sie von Säuglingszeit an so verzogen und so +verhätschelt worden wie ein Kaiser, der soeben mündig geworden ist, +nach seiner Thronbesteigung von den Höflingen und Schranzen verhätschelt +und verpäppelt wird. +</p> + +<p> +Jeder Wille wurde ihr getan, und jeder Wunsch wurde ihr erfüllt. Und +weil sie von Kindheit an sehr schön war, so wurde sie nicht allein von +ihren Eltern bewundert und verhimmelt, sondern von allen Leuten, die +mit ihr in Berührung kamen. Das Wort Gehorchen kannte sie nur von +andern, ihre Eltern, ihre Großmutter und ihre Tante eingeschlossen. Sie +gehorchte nie, und es drang auch nie jemand darauf, daß sie irgendwem +zu gehorchen habe. +</p> + +<p> +Ein solcher Fall ist ja nun in Mexiko, wo das Kind bis zu seinem Lebensende +einen tiefen Respekt gegen seine Eltern und seine älteren Verwandten +hat und über Gehorsam gar nicht gesprochen wird, weil er einfach +vorhanden ist, sehr selten. Aber, wie Donja Luisa bewies, gibt es +auch hier Ausnahmefälle. +</p> + +<p> +Sie war von ihren Eltern in ein mexikanisches und später in ein amerikanisches +Colegio zur Erziehung geschickt worden, wo sie sich zwar zu +einem beschränkten Gehorsam zwang, ohne jedoch dadurch ihren Grundcharakter +auch nur im geringsten beeinflussen zu lassen. Hier, im Colegio, +waren es ihr eitler Stolz und ihr berstender Ehrgeiz, allen übrigen +Schülern überlegen und voran zu sein, daß sie sich zum Gehorchen herabließ. +Kam sie jedoch während der Ferien nach Hause, so machte sie alles +doppelt gut, was sie inzwischen versäumt hatte, und sie war widerspenstiger +als zuvor. +</p> + +<p> +Hinzu kam, um ihren Charakter noch ungefügiger und starrer zu gestalten, +ein unbändiger Jähzorn, der durch lächerlich geringfügige Anlässe +zu einem so verheerenden Ausbruch kam, daß die Indianermädchen, +die im Hause dienten, und die Indianerburschen, die in der Werkstatt +ihres Vaters arbeiteten, davonliefen und sich stundenlang nicht im Hause +sehen ließen. Bei solchen Anfällen ungehemmter Wut geschah es nicht +selten, daß sich sogar ihr Vater und ihre Mutter vor ihr versteckten und +einschlossen. Daß sie Töpfe, Tassen, Gläser und Pfannen den Bediensteten +an den Kopf warf, war noch das geringste; es waren auch Messer und +Beile, mit denen sie warf oder mit denen sie auf ein Mädchen losging. +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +Sie würde vielleicht der Möglichkeit sehr nahe gekommen sein, daß man +sie für verrückt erklärt und in ein Irrenhaus gesperrt hätte, wenn nicht +ihre Eltern eben sehr wohlhabend gewesen wären und zu den angesehensten +und einflußreichsten Familien des Städtchens gehört hätten. Die Jähzornsanfälle +blieben ja auch meist innerhalb des Hauses und trafen nicht +die Öffentlichkeit und deren Sicherheit. Wenn wirklich irgendein Schaden +angerichtet wurde, so heilten ihn die Eltern durch Geschenke und durch +verdoppelte Freundlichkeit gegenüber den Bediensteten. In Mexiko gehören +die Bediensteten ja auch viel mehr zur eigentlichen Familiengemeinschaft +als in den meisten anderen Ländern. +</p> + +<p> +Donja Luisa hätte auch schon darum nicht als verrückt erklärt werden +können, weil sie sehr intelligent war. Außerdem konnte sie, wenn sie +wirklich wollte, von einem Liebreiz sein, der alle Leute bezwang, die in +ihrer Nähe waren. Das glich vieles wieder aus und trug dazu bei, daß die +Bediensteten, sowie andere Leute, die gelegentlich im Hause zu tun +hatten, wie Lieferanten, Händler, Maultiertreiber und Handwerker, nie +ernstlich daran dachten, sich dem Hause fernzuhalten oder dauernd in +einem Zustand der Beschwerde zu bleiben. +</p> + +<p> +Denn neben den unzähligen Fehlern, die Donja Luisa hatte, besaß sie +auch wieder einige Vorzüge, die versöhnten. Darunter den Vorzug, daß +sie sehr generös, sehr freigebig sein konnte. Und einem freigebigen +Menschen, der niemand verhungern läßt, der hier mit einem Peso und +dort mit einem abgelegten Paar Schuhe oder einem noch sehr guten Kleid +oder einem aufgefärbten Unterrock oder einer Spieluhr, deren Melodien +er endlich müde geworden ist, anderen Menschen gelegentlich Freude +macht oder ihnen aus bitterer Not hilft, sieht man viele, beinahe alle +Untugenden und Laster nach. +</p> + +<p> +Das Studium in den Colegios fügte aber einen Zug dem Charakter +der jungen Dame bei, der ihren Gesamtcharakter weiter verschlechterte. +Sie bestand alle Examen in den Colegios mit Auszeichnung. Dadurch +aber wurde sie noch stolzer und hochmütiger, als sie vorher schon gewesen +war. Sie wußte alles besser als andere Leute. Niemand konnte ihr etwas +über ein Buch, über eine Philosophie, über ein politisches System, über +eine Kunstanschauung, über ein astronomisches Problem sagen, ohne daß +sie es nicht besser gewußt hätte. Sie mußte allem und jedem widersprechen. +Sie war immer im Recht. Und wenn es jemand gelang, sie +zweifelfrei zu überzeugen, daß sie im Unrecht war oder im Irrtum, so +bekam sie einen ihrer gefürchteten Anfälle von Jähzorn. Sie spielte vorzüglich +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +Schach, aber sie durfte nicht verlieren. Dann konnte es nur zu +leicht geschehen, daß ihrem Gegenspieler alle Figuren und das Brett +hinterher an den Kopf flogen. +</p> + +<p> +Aber es muß wiederholt werden, daß sie Tage hatte, wo sie nicht nur +durchaus zu ertragen war, sondern so bezaubernd sein konnte, daß man +ihr lachend alles vergab, was sie je getan hatte. +</p> + +<p> +Alles in allem erwogen, wird man aber nun doch wohl verstehen, warum +jeder Freier früher oder später vom Kuchen abrückte, auch wenn er noch +so ernste Absichten ihr gegenüber hatte, wenn er auch noch so willig war, +sie zu erdulden und sich – Geld und Schönheit sind auch in Mexiko sehr +starke Anziehungskräfte – mit den zahlreichen Charakterfehlern des +jungen Mädchens abzufinden. Jeder Mann, auch wenn ihn das Wasser +dicht an den Nasenlöchern kitzeln sollte, vergißt doch nicht im letzten +Augenblick vor der endgültigen Entscheidung, daß er eben mit der +geheirateten Frau auf Gnade und Ungnade verbunden bleibt, bis +„der Tod sie von ihm scheidet“. Und in Mexiko, vor der Revolution, wo +die katholische Kirche unumschränkte Macht besaß, gab es keine andere +Ehescheidung als die, die vom Richter Sensenmann vorgenommen wurde. +Wo es keine Ehescheidung gibt, prüft man viele andere Dinge sorgfältiger +als das eine und einfältige Ding, ob sich das Herz zum Herzen findet. +Sich gefundene Herzen allein genügen nicht und nirgends auf Erden. So +leicht und elegant, wie sich zwei Herzen für die Ewigkeit finden, und so +oft, wie zwei Herzen vor Anbeginn der Welt schon füreinander bestimmt +waren, so leicht können sich die schönen Herzen auch wieder verlieren, ob +Ewigkeit oder nicht Ewigkeit. Wenn das Salz zur Suppe fehlt und ein +heiler Stiefel im Regenwetter, dann bedauern die Herzen merkwürdig +rasch, daß sie von Ewigkeit her füreinander bestimmt gewesen sind. +</p> + +<p> +Nun fehlte ja hier kein Salz in der Suppe. Es war sogar genügend Pfeffer +und Öl als Zugabe noch vorhanden. Aber ein Mann, der vorher schon +weiß, daß ihm die Pfannen und Töpfe um die Ohren fliegen werden, +muß doch nun schon ganz und gar vertrottelt sein, wenn er sich freiwillig +dazu hergibt, in die Gefahrzone kommandiert zu werden. +</p> + +<p> +Manch einer der jungen Männer, dem die Schönheit des Mädchens gefiel +und deren Geld erst recht gefiel, dachte ja bei sich, daß er Mann genug +sei, und wenn er es nicht sei, werden würde, um nach der geschlossenen +Heirat sich zum Herrn und Meister der jungen Frau aufzuschwingen. +Das dachten und hofften aber nur die, die Donja Luisa zum ersten oder +zum zweiten Male sahen. Wenn sie aber dreimal im Hause gewesen +<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> +waren, wenn sie glaubten, dem Mädchen etwas nähergekommen zu +sein und ein wenig mehr vertraut mit ihr geworden waren, dann gaben +sie jene kühne Hoffnung auf. Und hatten sie die Hoffnung erst einmal +aufgegeben, so war es für immer. Sie alle lernten sehr schnell, daß eine +Zähmung der Widerspenstigen nur versucht werden konnte mit dem +sicheren und unausbleiblichen Tode des Bändigers. +</p> + +<p> +Es gab auch genügend Freier anderer Art im Städtchen, Witwer, die Erfahrung +hatten, Witwer, die Duldung und Unterwerfung gelernt hatten, +alte und alternde Junggesellen, die für einen ehrlichen und normalen +Kampf nicht mehr in Frage kamen, die, was immer es auch kosten möchte, +dennoch zufrieden gewesen wären, völlig zufrieden gewesen wären mit +den wenigen erfolgreichen Viertelstunden, die sie mit einem so schönen +und jungen Mädchen in einem gemeinsamen Bett hätten verbringen +dürfen. Und es gab genügend junge und alte Männer, die willig und +widerstandslos bereit waren, bedingungslos zu gehorchen und untertan +zu sein und sich, ohne zu zucken, hingestellt hätten, um mit ihrem Kopfe +Messer, Beile, Stühle und Revolverkugeln lächelnd und aufopferungsfreudig +aufzufangen. Das waren jene, denen das Wasser nicht nur an den +Nasenlöchern kitzelte, sondern denen es schon zehn Fuß über dem +Scheitel stand, also Männer, die nichts mehr zu verlieren hatten als ihre +Schulden und ihre Gläubiger. Und es waren auch Männer bereit, das +Mädchen zu heiraten, die nichts anderes waren als Faulenzer oder +Spieler, und wieder andere Männer, die ihrem ganzen Wesen nach der +Gattung Patrote oder Zuhälter angehören, auch wenn sie sich in Wahrheit +nie mit einem Mädchen, das geschickt ihr Handtäschchen zu +schwingen versteht, einlassen oder eingelassen haben. +</p> + +<p> +Aber keiner von allen diesen Männern hatte auch nur die geringste Aussicht, +Donja Luisa zu heiraten. Denn gegen solche Männer war Donja +Luisa geschützt. Hier schützte sie ihre Intelligenz. Und sie war nicht von +der Art, daß sie Hals über Kopf sich hätte verlieben können; so sehr und +so unerwartet verlieben können, daß sie blind geworden wäre und den +Mann und seine Absichten nicht mehr hätte durchschauen können. +</p> + +<p> +So weit ihre Heirat in Frage kam, wußte sie schon, was sie wollte. Sie +wollte einen richtigen und vollwertigen Mann. Er durfte ruhig seine +Jahre haben, wenn er sonst noch genügend Antlitz besaß, ihr das zu verschaffen, +was sie nötig zu haben glaubte. Sie war auch gar nicht so wild +darauf, sich zu verheiraten unter allen Umständen. Obgleich ein älteres, +unverheiratetes Mädchen in Mexiko keine sehr glückliche Figur darstellt, +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +so war sie sich doch genügend bewußt, daß sie aus wirtschaftlichen Gründen +jedenfalls keinen Mann brauchte. Und aus anderen Gründen war sie +auch noch nicht einmal so sehr davon überzeugt, daß sie ohne Mann etwa +nicht leben könnte. Wenn es wirklich unbedingt nötig werden sollte, +dann konnte sie – wenn auch nicht in Mexiko, so doch in Paris oder in +Madrid oder in Berlin – genügend Gelegenheit finden, ohne die Verpflichtung +zu haben, sich nun auch gleich deshalb zu verheiraten. Sie hatte +ja nicht ohne Erfolg im amerikanischen College studiert, wo man außer +Geographie und Englisch auch noch andere Dinge lernt, die im Leben +von Wert und Nutzen sind. +</p> + +<p> +Dies alles waren gute Gründe, warum sie sich nicht ernstlich bemühte, +Freiern zu Gefallen zu leben und ihnen ein Gesicht zu zeigen, das bis zu +den letzten Akkorden des Hochzeitsmarsches ausreichte. Frauen besitzen +ja auf diesem Felde besondere Gaben und Fähigkeiten, die in der Hölle +ausgeheckt werden, lange ehe es einen Apfelbaum und ausgebrochene +Rippen gab. Aber Donja Luisa nahm es nicht tragisch, wenn wieder ein +Freier, der an sich sehr sympathisch erschien, abgesprungen war. Sie machte +sich keinen Schnipper daraus und weinte sicher keinem einen gesalzenen +Tropfen nach. +</p> + +<p> +Die jungen Männer der Stadt, die als ernst zu nehmende Freier in Betracht +kamen, sowohl ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen, als auch +ihrer sonstigen persönlichen Vorzüge wegen, strichen Donja Luisa nach +einigen Jahren endgültig von der Liste heiratsmöglicher Damen. Donja +Luisa wurde zwar zu allen Festlichkeiten, die von den verschiedenen +Klubs der Staats-Landsmannschaften wie von den zahlreichen anderen +gesellschaftlichen Sociedades und Centros veranstaltet wurden, stets eingeladen; +und sie erschien auch immer und benahm sich hier genau so +lustig wie andere junge Mädchen. Aber auf jedem Fest wurde jeder Neuankommer, +sobald er einmal mit Donja Luisa getanzt hatte und eine +Minute frei war, sofort von den eingeweihten jungen Herren in eine +Ecke gezogen und dringend vor den bevorstehenden Gefahren gewarnt. +Manche dieser frisch hinzugekommenen Herren glaubten natürlich, daß +Eifersucht vorläge oder ein geheimer Boykott. Und wenn sie hörten, +daß neben der Schönheit auch reichlich Geld vorhanden sei, so ließen +sie sich durch jene Warnung nicht einschüchtern und begaben sich auf das +Schlachtfeld, aus dem sie innerhalb von zwei Wochen flügellahm und +zerschunden zurückkehrten und unaufgefordert den Verteidigungstrupp +der Warner verstärkten. +</p> + +<p> +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +Wie jedes andere Mädchen, so wurde auch Donja Luisa mit den Jahren +immer älter. Sie hatte jetzt vierundzwanzig Jahre zu verbuchen, ein +Alter, das für ein Mädchen in Mexiko als hoffnungslos betrachtet werden +muß, soweit eine Heirat in Frage kommt, bei der sie noch ein Wort mitsprechen +möchte. Bei diesem Alter nimmt in Mexiko eine Dame, was sie +kriegen kann, und sie fragt nicht länger mehr nach Titel, Würden, Geld +und Lendenkraft. +</p> + +<p> +Nicht so Donja Luisa. Ob sie aus der Reihe der Heiratsmöglichkeiten +heraus war oder noch mitten drin, das berührte sie nicht. Sie kam immer +mehr zu der Überzeugung, daß es vielleicht überhaupt besser sei, sich +nicht zu verheiraten, weil sie dann viel weniger Schwierigkeiten haben +würde darin, niemand zu gehorchen, niemand zu Gefallen zu sein, niemals +Widerspruch zu finden und immer recht zu behalten, ohne sich +deswegen herumstreiten und aufregen zu müssen. Sie wurde sich immer +mehr bewußt – besonders wenn sie ihre verheirateten Freundinnen und +Schulkolleginnen ansah –, daß für eine Frau mit genügend Geld das +Leben bequemer und angenehmer ist, wenn sie sich nicht verheiratet. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Und es begab sich, daß da lebte im selben Staate Michoacan ein Mann, +nicht mit Namen Abraham, wohl aber mit dem guten, wenn auch schlichteren +Namen Juvencio Cosio. +</p> + +<p> +Don Juvencio eignete eine kleine Hazienda nicht weit von der Stadt, in +der Donja Luisa lebte. Die Entfernung war nur eine Stunde Ritt. Don +Juvencio war nicht gerade reich, aber er war von genügendem Wohlstand, +denn er verstand seine Hazienda gut und vorteilhaft zu bewirtschaften. +</p> + +<p> +Er war damals etwa fünfunddreißig Jahre alt, gleichmäßig und normal +gewachsen, nicht gerade schön und nicht gerade häßlich, na und gut, wie +Männer, die nicht besonders auffallen und keinen Weltrekord auf irgendeinem +Gebiete des Sports geschlagen haben, eben für gewöhnlich auszusehen +pflegen. +</p> + +<p> +Ob er jemals vorher von Donja Luisa gehört hatte, ist nie klar geworden. +Er sagte hierzu weder ja noch nein, und wenn er, das geschah später +recht häufig, direkt gefragt wurde, so sagte er einfach nein. Es sei hier +gesagt, daß alle Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß er Donja Luisa +vorher nicht gekannt hat und daß er auf keinen Fall, von niemand, gegen +sie verwarnt worden war. Nicht gerade häufig, aber doch zuweilen war +auch er auf Festen der Centros erschienen, denn er hatte von seiner Schulzeit +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +her eine gute Anzahl von Freunden in der Stadt. In den letzten +Jahren war er freilich dem rasch aufrückenden Nachwuchs junger +Männer, die er nicht kannte, etwas fremd geworden; und er wurde gelegentlich +schon einmal bei Einladungen, die von den jungen Männern +ausgegeben wurden, übersehen. So kann es durchaus möglich sein, daß +er wahrscheinlich Donja Luisa nie auf einem jener Feste gesehen oder +getroffen hat, und als sicher darf angenommen werden, daß er nie mit +ihr getanzt hatte. Da er sich in den letzten Jahren auch immer mehr und +mehr mit seiner Hazienda zu schaffen machte, weil er mehr und mehr +Freude an ihr bekam, so ritt er immer seltener zur Stadt und nur dann, +wenn er den Auftrag nicht durch einen seiner Leute erledigen konnte. +</p> + +<p> +Eines Tages nun dachte er, daß er sich endlich einmal einen neuen schönen +Reitsattel kaufen müßte, weil der alte schon recht schäbig geworden war. +Don Juvencio ritt zur Stadt. Beim Herumsuchen nach einem Sattel kam +er zur Talabarteria der Donja Luisa und fand, daß hier in der Auslage +die schönsten und bestgearbeiteten Sättel seien. +</p> + +<p> +Donja Luisa hatte das Geschäft ihres Vaters nicht verkauft, weil sie nicht +den Preis dafür erhalten konnte, den das Geschäft wert war. So hatte sie +beschlossen, das Geschäft zu behalten und es mit Hilfe des alten Meisters, +der mehr als zwanzig Jahre schon mit ihrem Vater gearbeitet hatte, und +mit den beiden verheirateten Gehilfen, die gleichfalls schon seit Jahren +hier arbeiteten, weiter zu führen. Es ging viel leichter, als sie gedacht +hatte. Sie war im Laden tätig und hielt die Bücher in Ordnung, während +die Tante und die Großmutter das Haus versorgten. Das Geschäft blühte, +und weil die Arbeiten gleich gut geblieben waren und die Kundschaft sich +noch vermehrt hatte, waren die Einnahmen aus dem Geschäft besser geworden, +als sie zu Lebzeiten des Vaters waren. +</p> + +<p> +Luisa war im Laden, als Don Juvencio sich die Sättel besah, die im +Ladeneingang, im Fenster und an den Außenwänden des Hauses zur +Schau ausgelegt und aufgehängt waren. +</p> + +<p> +Luisa trat in die Tür und beobachtete für eine Weile Don Juvencio, der +mit der Miene des Kenners und Gebrauchers die Sättel sorgfältig auf +ihren Wert, ihre Arbeit und ihre Haltbarkeit prüfte. Er sah plötzlich +auf, und sein Blick traf unerwartet das auf ihn gerichtete Gesicht der +Donja Luisa. Und Donja Luisa – sie hat sich später nie erklären können, +warum – lachte den Mann offen an. Aber sie sagte nichts, sie lud ihn +nicht ein, in den Laden zu kommen, um sich die Sättel anzusehen, die +drinnen auf Lager seien, sie drängte mit keinem Worte auf ihn ein, und +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +sie pries mit keiner Silbe die Ware an, wie es in Mexiko die Regel ist, +sobald man vor einem Schaufenster stehenbleibt. +</p> + +<p> +Das freie offene Lachen fing Don Juvencio ein; und er wurde etwas +verlegen. Noch vor der Tür stehend, sagte er: „Buenos dias, Senjorita, ich +habe die Absicht, mir einen neuen Sattel zu kaufen.“ +</p> + +<p> +„So viel Sie wollen, Senjor“, antwortete darauf Donja Luisa, „Pase, +Usted, Senjor, und sehen Sie sich auch die Sättel an, die ich drinnen im +Laden habe, vielleicht gefällt Ihnen einer von denen noch besser, denn +die sehr guten lege ich nicht da aus, wo sie von der Sonne und dem Staub +verdorben werden können.“ +</p> + +<p> +„Con su permiso“, sagte Don Juvencio, und er folgte Donja Luisa in den +Laden. +</p> + +<p> +Er sah sich alle Sättel an. Aber merkwürdigerweise hatte er nun die +Fähigkeit verloren, die Sättel nüchtern und vorurteilsfrei zu prüfen. Er +klopfte zwar an den Sattelstöcken herum, kratzte am Leder und zupfte +die Riemen knallend auseinander, aber seine Gedanken waren nur oberflächlich +bei den Sätteln. Er sagte wenig, und das wenige, was er sagte, +bezog sich nur auf die Sättel. Dann aber blickte er einmal rasch auf, als +ob er etwas fragen wollte. Obgleich Donja Luisa sofort wegsah, hatte er +dennoch so viel noch von ihrem Blick aufgefangen, daß er wohl wußte, +daß sie ihn während der ganzen Zeit aufmerksam angesehen hatte, +ebenso prüfend, wie er vorher die Sättel angesehen hatte. +</p> + +<p> +Und als Donja Luisa fühlte, daß sie von ihm überrascht worden war, +während noch ihr Blick für einen kurzen Moment auf seinem Gesicht +geruht hatte, wurde diesmal sie verlegen. Ihr Gesicht rötete sich ein +wenig. Aber sie gewann sich gleich wieder zurück, lachte ihn an und +beantwortete sachlich und geschäftsmäßig den gefragten Preis für den +Sattel, den er gerade aufgenommen hatte und hin und her drehte. +</p> + +<p> +Er fragte nach den Preisen einiger anderer Sättel, aber sie fühlte, daß er +jetzt nur fragte, um etwas zu sagen. +</p> + +<p> +Dann fragte er nach einigen anderen Dingen, fragte, wo das Leder +herkomme, das hier verwendet sei, wie die Geschäfte gingen und noch +so einiges ohne Bedeutung. +</p> + +<p> +Dann fragte sie, wo er herkomme und wie seine Geschäfte gingen. Er +sagte ihr seinen Namen, erzählte ihr, wie groß seine Hazienda sei, wieviel +Vieh er habe, wieviel Pferde und Maultiere, wieviel Mais er im letzten +Jahre verkauft habe und wieviel Schweine, und wie die Preise gewesen +seien. +</p> + +<p> +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +Von einem Sattel wurde vorläufig nicht mehr gesprochen. +</p> + +<p> +Als er dann nach einer halben Stunde, oder es war vielleicht eine ganze +Stunde – beide hatten die Zeit nicht beachtet – fühlte, daß er nun doch +wieder auf den Sattel zurückkommen müßte, um nicht aufdringlich zu +erscheinen, sagte er endlich: „Ich denke, daß ich diesen Sattel hier +nehme.“ Dabei wies er auf den schönsten und teuersten Sattel hin. „Aber +ich werde es mir doch noch ein wenig bedenken und mir noch andere in +der Stadt ansehen gehen. Ich möchte wohl, daß Sie mir diesen Sattel hier +bis morgen zurückhalten, Senjorita. Morgen werde ich dann kommen +und bestimmt sagen, ob ich ihn kaufe oder nicht. Dann, hasta manjana, +Senjorita.“ +</p> + +<p> +„Hasta manjana, Senjor“, sagte Donja Luisa, und er verließ den Laden. +Nun kauft man ja in Mexiko kein Ding überrasch, ganz gleich, ob es +sich um einen Esel, ein Pferd, ein Haus, einen Sattel, eine Hose oder ein +Taschenmesser handelt. Darum war die Tatsache, daß er sich nicht sofort +zum Kaufe entschloß, für sie in keiner Weise auffallend. Aber mit dem +guten Instinkt der Frau wußte sie, daß er seine Entscheidung hinsichtlich +des Sattels getroffen hatte und daß er den Kauf nur darum aufschob, +um morgen wiederkommen zu können. Sie hatte sich hierin nicht getäuscht. +Das war wirklich der Grund gewesen, warum er nicht gekauft +hatte. +</p> + +<p> +Er sah sich natürlich keinen anderen Sattel in einem nächsten Geschäft +an, sondern er schlenderte zu dem Platze, wo sein Pferd an einen Pfosten +gebunden war, setzte sich auf und ritt langsam heim. +</p> + +<p> +Auf dem Heimwege dachte er nur an das Mädchen und an ihr Lachen. +Und als er auf seiner Hazienda angelangt war, da war er verliebt bis +zu völliger Hilflosigkeit. +</p> + +<p> +Er war drei- oder viermal vorher in seinem Leben verliebt gewesen; +aber es war nie etwas daraus geworden. Jetzt war er freilich vollkommen +davon überzeugt, daß er noch nie in seinem Leben verliebt gewesen sei +und daß alle früheren Liebschaften nichts weiter gewesen waren als zufällige +Bekanntschaften. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen war er schon um neun Uhr wieder im Laden. +</p> + +<p> +Diesmal war die Tante im Laden. Das enttäuschte ihn. Er wußte sich +aber zu helfen. Er sagte: „Perdoneme, Senjora, ich habe mir gestern hier +einige Sättel angesehen. Aber die junge Frau, die hier im Laden war, +wollte mir noch einige andere Sättel zeigen, die sie zurückgelegt habe.“ +</p> + +<p class="ibr"> +„Ja, das war meine Nichte Luisa. Hören Sie, Senjor, ich weiß nun nicht, +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +welche Sättel sie gemeint haben könnte. Luisa ist irgend etwas einkaufen +gegangen. Wenn Sie zehn Minuten warten können, dann ist sie zurück, +und sie kann Ihnen die Sättel gern zeigen.“ +</p> + +<p> +Juvencio brauchte aber keine volle zehn Minuten zu warten, und da kam +Luisa heim. +</p> + +<p> +Sie lachten sich beide an wie alte Bekannte. +</p> + +<p> +Als nun Luisa sofort die Tante mit einem Auftrag ins Haus schickte, +wußte Juvencio – ein Mann begreift ja schwer und sehr langsam in +gewissen Dingen, aber zuweilen hat ja auch er den richtigen Instinkt –, +ja, da wußte Juvencio, daß Luisa ihm nicht ganz abgeneigt war, denn +sie wollte mit ihm allein sein. +</p> + +<p> +Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen und ohne es durch einen Kauf +zu rasch abschließen zu müssen, begann er aufs neue, sich alle übrigen +Sättel anzusehen. Das Gespräch schweifte jedoch sehr bald, wohl dem +Wunsche beider folgend, von den Sätteln ab und wandte sich anderen +Dingen zu. +</p> + +<p> +Er wurde ein wenig dreister und fragte geradeswegs, ob sie sich nicht +bald verheiraten werde. +</p> + +<p> +„Ich wüßte nicht gegen wen“, sagte Donja Luisa, ihn anlachend, „ich habe +keinen Novio, ich habe keinen einzigen Liebhaber.“ +</p> + +<p> +„Ha“, sagte er nun, „ein so schönes Mädchen wie Sie sind, Senjorita, und +keinen Liebhaber, das glaube ich nicht.“ +</p> + +<p> +„Es ist aber doch so, Senjor.“ Sie brachte ihre Fingerspitzen hoch und +klopfte sich damit beteuernd und verschwörend gegen die Lippen und +sagte: „Bei der Heiligen Allerreinsten Jungfrau nicht, Senjor.“ +</p> + +<p> +„Ja, dann muß ich es wohl glauben“, sagte darauf Don Juvencio +lachend. +</p> + +<p> +Es verging wieder eine Stunde des Hinundherredens, und als er +endlich abermals einsah, daß er gehen müßte, entschied er sich nun, den +Sattel zu kaufen. Er zählte das Geld auf den Tisch einzeln auf, nachdem +er es aus seinem Ledergurt ausgeschüttet hatte. +</p> + +<p> +Als sie das Geld genommen hatte und sein Geschäft eigentlich nun abgeschlossen +war, hielt er sich die Tür zur Rückkehr offen und sagte: +„Ich werde wohl noch verschiedene Dinge brauchen, Senjorita, und ich +werde in den nächsten Tagen wiederkommen müssen, mit Ihrer Erlaubnis.“ +</p> + +<p> +„Das ist Ihr Haus, Cabellero, kommen Sie wieder, so oft Sie wollen, Sie +sind immer gern gesehen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +„Ist das so ernst gemeint, Senjorita?“ fragte er. „Oder sagen Sie das +nur zugunsten des Geschäfts?“ +</p> + +<p> +„Nein“, lachte Donja Luisa, „ich meine es im wahren Ernst. Und damit +Sie sehen, wie sehr ernst ich es meine – wollen Sie uns nicht die Ehre +erweisen, ins Haus zu kommen und mit uns zu frühstücken? Wir sind +gerade beim Frühstück, und wenn Sie nicht gekommen wären, dann +wäre ich nun schon damit fertig.“ +</p> + +<p> +Der Mexikaner trinkt frühmorgens, gleich nachdem er aufgestanden +und sich gewaschen hat, eine oder zwei Tassen Kaffee und ißt dazu nur +einen Bissen oder meist gar nichts. Das nennt er Desayuno. Dann +zwischen acht und zehn Uhr morgens setzt er sich zu einem Frühstück +nieder, das den doppelten Umfang eines Mittagessens in Schweden hat. +Darum ist das Frühstück, das Almuerzo heißt, eine Angelegenheit, die +ohne besondere Mühe sich über eine Stunde Zeit hinziehen kann, ehe +man damit völlig durch ist. +</p> + +<p> +Als Donja Luisa und Don Juvencio in den Comidor, in das Eßzimmer, +kamen, schienen die Tante und die Großmutter soeben mit dem Frühstück +fertig geworden zu sein, weil sie so lange nicht hatten warten +wollen und übrigens daran gewöhnt waren, daß Luisa aß, wenn es ihr +gefiel, und nicht, wenn andere es wünschten oder gar kommandierten. +</p> + +<p> +Aus Höflichkeit blieben aber die beiden älteren Frauen noch so lange +sitzen, bis der erste Gang vorüber war. Sie sagten ein paar freundliche +Worte zu ihrem Gast, standen dann auf vom Tische und verließen das +Zimmer. +</p> + +<p> +Das Frühstück der beiden Leute dehnte sich bis gegen elf Uhr aus. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Nicht am nächsten Morgen, wohl aber am übernächsten, kam Don +Juvencio schon wieder, diesmal um Gurten zu kaufen. +</p> + +<p> +Und von dem Tage an kam er jeden zweiten Tag, um etwas zu kaufen +oder etwas umzutauschen, oder um etwas zu bestellen nach besonderer +Anordnung. Daß er sich jedesmal, wenn er kam, zum Frühstück niedersetzen +mußte, wurde zur Regel. Dann kam es auch schon vor, daß er +noch weitere Dinge in der Stadt zu ordnen hatte, die sich bis über +den Mittag hinzogen; und so wurde er auch zum Mittagessen eingeladen. +Und dann geschah es einmal, daß er erst am Nachmittag zur Stadt +kommen konnte. Es begann zu regnen, als er im Hause der Donja Luisa +war, und er blieb zum Abendessen. Aber es regnete immer heftiger, und +die Nacht war undurchsichtig und der Regen wuchs an, anstatt nachzulassen. +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +Was sollte er in ein Hotel gehen, sagten die Frauen, und dort das +Geld unnötig ausgeben, er könne auch hier im Hause schlafen, man habe +genügend freie Zimmer, und wenn das Bett, das man ihm anbieten +könnte, auch nicht gerade sehr gut sei, so sei es doch auf keinen Fall +schlechter, als die Betten in dem Hotel seien. Und so verbrachte er einen +langen Abend mit Donja Luisa im Hause und nahm die Gastfreundschaft +für die Nacht bereitwillig an. +</p> + +<p> +So vergingen zwei Wochen, und er lud die Frauen für den Sonntag auf +seine Hazienda ein. Donja Luisa und die Tante kamen hinausgeritten +mit Pferden, die er sehr frühzeitig zur Stadt geschickt hatte, und mit +zwei seiner Leute zur Begleitung. Die Großmutter war daheim geblieben, +um das Haus nicht allein zu lassen. +</p> + +<p> +Nun geschah alles Weitere genau so, wie es immer geschieht, wenn ein +Mädchen und ein Mann glauben, daß sie sich mit einer Heirat abfinden +könnten, um dem ewigen Hinundherrennen, das nur ermüdet, ein Ende +zu machen. +</p> + +<p> +So kamen die beiden endlich überein, sich die Ehe zu versprechen. Er +hatte bei der Großmutter und der Tante, höflich und den Sitten gehorchend, +angefragt; und die beiden hatten nichts gegen die Heirat +einzuwenden, denn Don Juvencio war ein anständiger Mensch, von +ehrenhafter Familie, hatte einen mäßigen Wohlstand, war nüchtern und +arbeitsam, und er hatte alle sonstigen Tugenden, um einen guten Ehemann +für Luisa zu machen. +</p> + +<p> +Juvencio hatte natürlich auch Luisa selbst gefragt; und weil sie schon zwei +Wochen vorher gewußt hatte, welche Antwort sie geben würde, falls er +fragen sollte, so erfolgte von ihrer Seite aus die Zusage ohne lange +Ziererei und mit Bestimmtheit. +</p> + +<p> +Bis zu dieser Phase einer Heiratsmöglichkeit war Donja Luisa auch mit +einigen anderen ihrer Freier gelangt. Mit zweien von denen sogar schon, +ehe vier Wochen vergangen waren. Damit soll hier gleich gesagt werden, +daß diese Vorverlobung innerhalb der engsten Familie für niemand +irgendeine Gewißheit bot, daß diese Heirat, die jetzt in Aussicht stand, +auch wirklich vollzogen werden würde. Die Großmutter und die Tante, +durch frühere Erfahrungen weise geworden, zweifelten sehr daran, daß es +diesmal Ernst werden würde, obgleich Don Juvencio mehr ein vollwertiger +Mann war als einer seiner Vorgänger. Don Juvencio war sehr ruhig, sehr +verträglich, nicht streitsüchtig und nicht rechthaberisch. Darum waren +bis jetzt keinerlei Zwistigkeiten zwischen den beiden vorgekommen. +</p> + +<p> +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +Dennoch hielt es die Großmutter für wohl geraten, gelegentlich zur +Tante zu sagen: „Die sind noch lange nicht verheiratet, und ehe sie +nicht beide im selben Bett sind, glaube ich es auch nicht, daß etwas +daraus wird. Jedenfalls kümmere dich vorläufig weder um Kleider noch +um sonst etwas, und am besten ist es, du sagst zu keiner Seele in der +ganzen Stadt auch nur eine Silbe von der Sache.“ +</p> + +<p> +Die Tante folgte diesem guten Rate, denn sie war genau so voller berechtigter +Zweifel wie die Großmutter. +</p> + +<p> +Die Vorfälle, die eine Heiratsaussicht endgültig zerstörten, hatten sich, +in allen früheren Fällen, stets immer erst in ihrer vernichtenden Wirkung +gezeigt, nachdem die Vorverlobung stattgefunden hatte; also in jener +Periode des Verlöbnisses, die nun folgte. Das war ja auch erklärlich. +Die beiden Leute verkehrten vertraulicher miteinander, und dadurch +geschah es ganz natürlich, daß sie gelegentlich ihre wahre Natur gegeneinander +entschleierten und sich nicht immer die unbequeme Mühe +machten, einen Ausbruch ihrer wirklichen Meinungen und Gefühle durch +Zurückhaltung und Selbstbeherrschung dauernd zu unterdrücken. +</p> + +<p> +Und es geschah deshalb immer während dieser Periode, daß die Freier +zur Besinnung kamen und rechtzeitig absprangen. Es soll aber auch +gesagt werden, daß nicht immer nur die Freier absprangen, sondern daß +ebenso häufig auch Donja Luisa absprang und den Freier einfach aus +dem Hause warf, oder ihn so behandelte, daß er wußte, er könne nicht +wiederkommen, ohne daß ihm in rücksichtslosester Weise die Tür gewiesen +werden würde. Dieses Streiten und Rechthabenwollen begann +schon eine Woche nach dem Gelöbnis. +</p> + +<p> +Don Juvencio stand eines Morgens im Laden, um mit Donja Luisa eine +Weile sprechen zu können. Sie kamen auf Sättel zu reden, und Don +Juvencio sagte ganz frei heraus: „Das will ich dir nur einmal sagen, +Licha, von Sätteln verstehst du gar nichts. Obgleich du eine Talabarteria +hast, weiß ich mehr über Sättel und Leder als du. Kannst du mir ruhig +glauben.“ +</p> + +<p> +Diese Äußerung hatte Donja Luisa hervorgerufen dadurch, daß sie über +die Güte und den Wert einer bestimmten Ledersorte durchaus recht +haben wollte; während Don Juvencio ihr einfach nicht recht geben +konnte, weil es gegen sein besseres Wissen ging. Als Ranchero hatte er +genug mit Leder, Sätteln und Geschirren praktisch zu tun, um aus Erfahrung +zu lernen, welches Leder sich für bestimmte Zwecke besser eigne +und welches sich weniger gut dauerhaft oder brauchbar erweise. +</p> + +<p> +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +Donja Luisa fuhr wild auf und schrie aufs höchste erbost: „Ich bin seit +meiner Windelzeit hier in der Talabarteria zwischen Sätteln, Gurten, +Riemen und Geschirren, und du willst mir in das Gesicht hinein sagen, +daß ich nichts von Sätteln und Leder verstünde!“ +</p> + +<p> +„Ja, das will ich, weil das meine Meinung ist“, sagte Don Juvencio +ruhig. +</p> + +<p> +„Glaub nur ja nicht, daß du mich kommandieren kannst, auch wenn wir +verheiratet sein sollten, was ich überhaupt noch gar nicht einmal so +sicher annehme. Ich lasse mich nicht kommandieren, auch von dir nicht. +Und damit du das nur gleich weißt, mach, daß du hier rauskommst, und +laß dich hier nicht mehr blicken, oder es fliegt dir etwas an den Kopf, +daß du lange genug daran denken und doktern kannst, um zu wissen, +daß ich der bin, der kommandiert.“ +</p> + +<p> +Er sagte: „Gut, ganz wie du denkst.“ Dann ging er, und sie warf +wütend die Tür hinter ihm zu. +</p> + +<p> +Sie lief ins Haus und sagte zu ihrer Tante: „Den habe ich rausgefegt. +Der dachte, daß er kommandieren könnte. Ich brauche keinen Mann, +und ich will keinen.“ +</p> + +<p> +Weder die Tante noch die Großmutter sagten etwas dazu, denn es war +ja für sie keine Neuigkeit. Sie seufzten nicht einmal. Im Grunde war +es ihnen überhaupt gleichgültig, ob Luisa heiratete oder nicht; denn sie +wußten, daß Luisa auf alle Fälle doch tun würde, was ihr beliebte, ob +es den beiden Frauen gefiel oder nicht. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Nun war Don Juvencio wohl wirklich ernstlich verliebt in das Mädchen. +Er zog sich nicht zurück, wie es seine Vorgänger nach einigen Unterhaltungen +dieser Art gewöhnlich getan hatten. Nach drei oder vier Tagen +war er eines Morgens wieder im Laden. Darüber war Donja Luisa nicht +wenig erstaunt. Aber er war vielleicht noch mehr erstaunt darüber, als +er sich plötzlich ihr gegenüber im Laden wiederfand. Er hatte in der +Tat den Hinauswurf vergessen, und er war in den Laden gekommen +aus reiner Gewohnheit. +</p> + +<p> +Es mochte wohl sein, daß Donja Luisa gleichfalls ihm gegenüber etwas +tiefer empfand, als sie je gegen einen ihrer früheren Freier empfunden +hatte. Sie war nicht gerade freundlich zu ihm, aber doch auch nicht +abweisend. So erschien es als nichts anderes als eine Form der Höflichkeit, +daß sie ihn zum Frühstück einlud. +</p> + +<p> +Einige Tage ging es gut. +</p> + +<p> +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +Dann aber kam ein Abend, wo sie behauptete, daß eine Kuh auch Milch +geben könne, ohne ein Kalb gehabt zu haben. Sie behauptete, diese Tatsache +in dem amerikanischen College gelernt zu haben. +</p> + +<p> +Darauf sagte er: „Wenn du das in dem amerikanischen College gelernt +hast, Licha, dann sind die Lehrer und Professoren des College alte Esel, +und dann ist es nicht weit her mit der Bildung und dem Wissen, das +du dort erworben hast.“ +</p> + +<p> +„Du willst doch nicht etwa sagen, daß du klüger bist als die Professoren, +Bauer, der du bist!“ sagte sie. +</p> + +<p> +„Klüger oder nicht klüger“, gab er zurück, „aber gerade als Bauer weiß +ich, daß eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, keine Milch geben kann, +ob du sie nun von hinten oder von vorne melkst. Wo keine Milch ist, da +kannst du keine rausmelken.“ +</p> + +<p> +„So, da willst du also sagen, daß ich nichts gelernt habe, daß ich eine +dumme Henne bin, daß ich kein Examen gemacht habe. Und ich will +dir auch gleich noch mehr sagen, ob du nun ein Bauer bist oder nicht: +Hühner können Eier legen, ohne daß sie einen Hahn dazu brauchen.“ +</p> + +<p> +„Richtig“, sagte er, „ganz richtig, und Hähne legen zuweilen auch Eier, +wenn die Hennen keine Zeit dazu haben, und Maultiere werfen Maultierfüllen, +und es ist auch ganz richtig, daß viele Kinder geboren werden, +die keinen Vater haben.“ +</p> + +<p> +„So, du willst mir widersprechen, mir, die ich studiert habe, während +du die Schweine gefüttert hast!“ +</p> + +<p> +„Wenn wir, das ist ich und meinesgleichen, die Schweine nicht füttern, +dann verhungern alle deine überklugen amerikanischen Professoren.“ +</p> + +<p> +Sie wurde von einer Wut gepackt, wie er bisher nicht geglaubt hatte, daß +ein Mensch einer solchen Wut fähig sein könnte. +</p> + +<p> +Sie schrie: „Gibst du zu, daß ich recht habe, oder nicht?“ +</p> + +<p> +„Du hast recht. Aber eine Kuh, die kein Kalb gehabt hat, gibt keine +Milch. Und wenn es eine solche Kuh gibt, dann ist es ein Wunder. Und +Wunder sind Ausnahmen. In der Landwirtschaft aber kann man sich +weder auf Wunder noch auf Ausnahmen verlassen.“ +</p> + +<p> +„So, du verhöhnst mich und beschimpfst mich noch obendrein?“ +</p> + +<p> +„Ich beschimpfe dich nicht, aber Kühe, die kein Kalb gehabt haben, geben +keine Milch, und einen brauchbaren Sattelgurt aus Ziegenleder kann man +auch nicht machen.“ +</p> + +<p> +Die Ruhe, mit der er das sagte, brachte sie in größere Raserei, als das ein +aufgeregter Widerspruch von ihm getan haben könnte. +</p> + +<p> +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +Auf dem Tisch stand ein steinerner Wasserkrug. Mit einem Ruck war sie +hoch, ergriff den Krug und pfefferte ihn ihrem Widersacher an den Kopf. +Die Kopfhaut platzte, und das Blut lief in einem dicken Strom dem Don +Juvencio über das Gesicht. +</p> + +<p> +In einem Film oder in einem guten Roman würde jetzt das Mädchen +ihre rasche Tat bedauert haben, sie würde ihr Seidentüchelchen genommen +haben, hätte es auf die Wunde gepreßt, dann die Wunde mit +zarten Händen ausgewaschen, dann den armen Kopf in ihre Arme gepreßt +und ihn mit Küssen bedeckt, und am nächsten Morgen wären beide +zur Kirche marschiert, hätten sich verheiratet und hätten von nun an +für den Rest ihres Lebens in eitel Glück und Zufriedenheit gelebt. Da es +sich aber hier weder um einen Film noch um einen Roman handelte, so +lachte Donja Luisa nur höhnisch auf, als sie den blutenden Freier sah, +und schrie: „So, nun wirst du wohl endlich genug haben mit deiner +Rechthaberei und mit deinem ewigen Besserwissenwollen. Und wenn du +wirklich noch im Sinne haben solltest, mich zu heiraten, dann ist das +jetzt ausgemacht einmal für allemal: Ich habe recht, und ich kommandiere. +Wenn du damit einverstanden bist, gut. Wenn nicht, dann wird +nichts daraus, und du kannst meinetwegen zur Hölle gehen mit deinem +Rechthaben und mit deinem Herumkommandieren. Such dir ein dummes +Indianermädchen zur Frau, mit der kannst du solche Dinge machen. +Nicht mit mir. Du kennst mich nun.“ +</p> + +<p> +Sie ging in ihr Zimmer, ohne ein weiteres Wort zu sagen. +</p> + +<p> +Er ging zum Doktor. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Es war in den letzten Wochen in der Stadt schon ein wenig bekannt +geworden, daß Donja Luisa einen neuen Freier habe. Es war auch bekannt +geworden, wer der neue Freier war. Denn in einer kleinen Stadt, +auch in Mexiko, kann ein unverheirateter Mann nicht mehr als dreimal in +ein Haus gehen, wo ein heiratsfähiges Mädchen mit ihrer Familie lebt, +ohne daß jeder weiß, warum der Mann so häufig in jenes Haus auf +Besuch geht. +</p> + +<p> +Als Don Juvencio zwei Tage später mit verbundenem Kopf in der Stadt +gesehen wurde, wußte man, daß die beiden sehr nahe vor der Heirat +gestanden hatten, daß aber jetzt die Sache aus und vorbei sei. +</p> + +<p> +Don Juvencio hatte auch gleich Freunde um sich herum. +</p> + +<p> +„Aber, Hombre, Vencho, warum hast du denn nichts gesagt? Wir hätten +dir doch die Augen aufknöpfen können. Die ist doch bekannt, daß sie +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +ein Teufel ist. Schlimmer als ein Teufel. Die ist die Hölle und das Fegefeuer +schon vor der Heirat. Was sie nach der Heirat sein wird, dafür +gibt es kein Beispiel. Wie kannst du denn nur auf diese Tigerin so reinfallen! +Weißt du denn, wie viele Bewerber sie in derselben Weise heimgeblasen +hat wie dich? Ein halbes Dutzend langt nicht. Wer sie kennt, +läßt die Finger weit davon. Hier kriegt sie keinen. Hier ist sie durch. +Sie konnte nur noch einen erwischen wie dich, der von Welt und Hund +nichts weiß, der nicht reinkommt von seinem Windfang da draußen. +Danke deinem Schöpfer, daß du den Kopf noch zur rechten Zeit bekommen +hast, ehe es zu spät war. Dir wird ja jetzt das Hirn da oben +wieder zurechtgerückt worden sein. Wenn du heiraten mußt, heirate, +was dir in den Weg gelaufen kommt, ganz gleich woher sie kommt und +wie sie kommt; aber laß diese Dynamitpatrone allein. Wir sind uns bis +heute noch nicht ganz sicher darüber, ob sie nicht ihren Vater und ihre +Mutter erschlagen hat. Die sind beide merkwürdig rasch gestorben, und +sie waren gar nicht krank. Und der Doktor, der das Attest ausgeschrieben +hat, na, da weiß man ja auch nicht so recht, er war der Familiendoktor, +und er muß ja auch leben und will keinen Gestank haben und mit den +Gerichten seine Zeit verlieren. Die könnte zehn Millionen haben und +noch zwanzigmal eine hübschere Fratze vorgebunden haben, einer, der sie +kennt, nimmt sie nicht in einen Sack gebunden und umsonst.“ +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Zwei Monate später waren Don Juvencio und Donja Luisa verheiratet. +Er hatte wohl zugestanden, daß er nicht darauf bestehen würde, recht zu +haben, wenn sie anderer Meinung war, und er hatte wohl auch zugestanden, +daß sie in der Ehe die Zügel führen dürfe. Das muß als sicher +angenommen werden, weil ja sonst diese Heirat gewiß nicht möglich +gewesen wäre. +</p> + +<p> +Die Meinung der Männer in der Stadt war geteilt. Die einen sagten, Don +Juvencio müsse ein ungemein mutiger Mann sein, weil er sich zwischen +die Tatzen des Tigers gelegt habe. Andere glaubten, er sei in eine gewisse +sexuelle Abhängigkeit geraten, die ihn blind gemacht habe, und er würde +wahrscheinlich aufwachen, sobald er seine Wünsche nach der Verheiratung +gekühlt habe. Wieder andere meinten, daß er sich in einer +unüberlegten Fahrlässigkeit ihr gegenüber habe etwas zuschulden kommen +lassen, das ihn zwang, sich wider bessere Einsicht zu verheiraten. +Abermals andere sagten, er sei wohl doch im Grunde sehr geldgierig, daß +er alles übrige darüber vergessen konnte. Wieder andere meinten, er sei +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +vielleicht ein wenig anormal veranlagt und liebe es, unter dem Joch und +der brutalen Gewalt einer Frau zu stehen. Und endlich waren da genug, +die sagten, daß er wohl mehr auf eine hübsche Außenwand sehe als auf +das, was dahinter ist. +</p> + +<p> +Aber was die Männer auch in ihren einzelnen Parteien gedacht haben +mögen, alle, ohne Ausnahme, sahen den kommenden Geschehnissen, die +sich aus dieser Ehe entwickeln würden, mit einer erregten Spannung entgegen +wie der Fortsetzung in einem guten Mörderfilm. Und die Wahrheit +ist, daß niemand, selbst nicht jene Freier, die gern das Vermögen +der Donja Luisa gehabt hätten, Don Juvencio beneideten oder es nachträglich +bedauerten, daß sie nicht doch das Mädchen unter allen Umständen +genommen hatten, als Gelegenheit dazu war. Jeder sagte zu sich +und zu seinen Bekannten, daß er nicht im Fell des Don Juvencio stecken +möchte. +</p> + +<p> +Es kann nicht angenommen werden, daß Don Juvencio jemals von einem +Manne gehört hatte, dessen Name Shakespeare war; noch viel weniger +darf angenommen werden, daß Don Juvencio je davon gehört hatte, wie +man, nach dem Bericht jenes Mr. Shakespeare, rabiate Tigerinnen in +England zähmt. Und hätte Don Juvencio wirklich jenen Bericht gelesen, +so war er doch Mexikaner genug, um zu wissen, daß in Mexiko die +Zähmung nicht nach englischen Rezepten vorgenommen werden kann, +um Wirkung zu haben, sondern nach Erfahrungen, die einen hier der +Busch lehrt. +</p> + +<p> +Bei der Hochzeitsfeierlichkeit hatte er ein Gesicht aufgesetzt, aus dem +niemand schließen konnte, ob er zufrieden mit sich und der Welt sei +oder nicht. Aber allen Gästen fiel es auf, daß er seiner jungen Frau immer +recht gab, ihr in allem, was sie sagte, zustimmte; und wenn im Laufe der +langen Sitzung wiederholt das Gespräch darauf kam, besonders von den +anwesenden Damen, wie die beiden Leute dieses oder jenes in ihrem +Hause und in ihrem künftigen Leben halten würden, da sagte er, das +wird getan, wie Donja Luisa das anordnet. Als in vorgerückten Stunden +nicht nur die Männer, sondern auch die Damen angeregter wurden durch +die Getränke, fielen mehr und mehr Anzüglichkeiten über die starke +junge Frau und den schwächlichen und nachgiebigen Mann, und daß nun +eine neue Zeit auch in Mexiko angebrochen sei, in der endlich die Frau +das Kommando übernehme. Zu allen solchen Neckereien, die zuweilen +hart so dicht gingen, daß er offen lächerlich gemacht wurde, blieb er +gleichgültig wie eine vertrocknete Speckkruste. +</p> + +<p> +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +Einer seiner alten Freunde, sehr angetrunken, stand auf und rief über den +ganzen Tisch hin: „Vencho, wir besser schicken morgen früh die Ambulance +hinaus, um deine Knochenreste abzuholen.“ +</p> + +<p> +Es folgte ein brüllendes Gelächter. +</p> + +<p> +Das war ein sehr gewagter Scherz. Bei viel schwächeren Scherzen wird in +Mexiko, sei es bei einem Begräbnis oder bei einer Kindtaufe oder bei +einer Hochzeit, nach solchen oder ähnlichen nackten Bemerkungen sofort +gezogen und geschossen. Selbst bei einer Festlichkeit in den vornehmeren +Kreisen. Hunderte von Hochzeiten enden mit drei oder vier Toten, +darunter häufig der junge Ehemann und nicht selten – wenn auch nur +durch fehlgegangene Schüsse – die Braut. Denn bei dem heißen Blute +der Mexikaner und bei der Zimperlichkeit, mit der sie das betrachten, +was sie Su Honor, ihre Ehre, nennen, weiß man nie, in welcher Weise +eine Neckerei aufgenommen werden wird. +</p> + +<p> +Aber hier lief alles friedfertig ab. +</p> + +<p> +Die Hochzeit dauerte bis weit in den folgenden Tag hinein. Sie war im +Hause der jungen Frau gehalten worden. Und als die Feier als beendet +angesehen wurde, waren alle hundemüde und alle genügend alkoholisiert, +daß niemand, das junge Ehepaar eingeschlossen, an irgend etwas anderes +dachte als daran, nun einmal recht tüchtig zu schlafen. +</p> + +<p> +Es war ganz natürlich und niemand sah darin irgendeine Sache, die gegen +hergebrachte Regeln verstieß, daß Donja Luisa in ihr altes Zimmer ging, +um zu schlafen, und Don Juvencio sich in jenem Zimmer ins Bett legte, +wo er einige Male schon geschlafen hatte, wenn er zur Nachtzeit nicht +zurückreiten konnte zu seiner Hazienda. Es hatte auch in der Tat keiner +von den Gästen irgendein Interesse daran, sich darum zu kümmern, was +die beiden jungen Leute nun taten und wo und wie sie die folgenden +Stunden verbrachten. Denn der Übermüdung wegen und unter dem +Eindruck voller Mägen und betäubter Hirne hatte jeder einzelne so viel +mit sich selbst zu tun, daß er keinen Gedanken mehr übrighatte, den er +auf das Tun und Lassen seiner Mitmenschen verschwenden konnte. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen frühstückten Don Juvencio, Donja Luisa, die +Tante und die Großmutter gemeinschaftlich. Es wurde dabei nicht viel +geredet. Die beiden älteren Frauen waren in einer gerührten Stimmung, +weil Luisa nun das Haus verließ; und das Ehepaar redete gleichgültige +Worte über die Art und Weise des Heimritts und was man in der +Hazienda wohl zuerst tun müßte, um sie für die neuen Verhältnisse +einzurichten. +</p> + +<p> +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +Dann kamen die Burschen von der Hazienda mit den Reitpferden und +mit den Maultieren. Es wurde den Maultieren nur gerade das Allerwichtigste +aufgepackt, das Donja Luisa am notwendigsten für die ersten +Tage brauchte. Alles übrige würde dann in den nächsten Tagen nachtransportiert +werden. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Auf der Hazienda angekommen, hatte Don Juvencio nicht viel Zeit, sich +um seine junge Frau zu kümmern; denn es hatte sich in den vergangenen +Tagen reichlich Arbeit angehäuft, die er zu besorgen hatte. +</p> + +<p> +Donja Luisa ordnete mit der alten indianischen Haushälterin und den +Mädchen die Zimmer an. +</p> + +<p> +Dann wurde es Abend, und Donja Luisa legte sich in das schöne weiche +neue und sehr breite Ehebett. Aber wer nicht kam, sich zu ihr zu legen, +das war Don Juvencio, ihr kürzlich erworbener Ehemann. +</p> + +<p> +Ob sie erwartete, daß er kommen würde, um mit ihr zu schlafen, weiß +man nicht. Es hat sie nie jemand darum gefragt, was sie sich gedacht hat +in jener Nacht und was sie erwartet haben mag. Es ist aber wohl sicher, +daß sie geglaubt hat, daß diese Hochzeitsnacht nicht ganz vollständig +sei; denn sie war ja eine Frau, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte +Romane gelesen, war in höhere Schulen gegangen und hatte Freundinnen, +die längst verheiratet waren und Kinder besaßen. +</p> + +<p> +Daß ihre Hochzeitsnacht vorüberging, wie jede Nacht in ihrem unverheirateten +Bett vorübergegangen war, machte sie verwirrt. Sie war überzeugt +gewesen, daß zwischen Verheiratetsein und Nichtverheiratetsein +auf jeden Fall ein Unterschied bestehen müsse, der, je nach den Verhältnissen, +die teils in der Psychologie, teils in der Physiologie begründet +liegen, angenehm, für die Gesundheit und das allgemeine Wohlergehen +nützlich, unangenehm, peinlich, schwierig, unbefriedigt, unerfreulich, +langweilig, widerwärtig, ermüdend, erfrischend oder pflichtschuldig sein +kann. +</p> + +<p> +Aber Donja Luisa bekam keine Gelegenheit, persönlich zu prüfen, in +welcher Form und Weise der Unterschied zwischen Verheiratetsein und +Nichtverheiratetsein sich bei ihr geltend machen würde. Denn in der +folgenden Nacht blieb sie gleichfalls allein. +</p> + +<p> +„Dios mio“, sagte sie zu sich, „mein Gott im Himmel, er wird doch nicht +etwa nicht mehr können, oder sollte er etwa gar so unschuldig sein, daß +er nicht weiß, wo es fehlt? Aber er ist doch Mexikaner. Er wäre der erste +Mexikaner, der je gelebt hat, der das nicht wüßte. Und das glaube ich +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +nicht. Er hat doch Kühe und Stiere und Hengste und Mähren und was +weiß ich. Unterricht genügend. Heilige Maria, Mutter Gottes, allerreinstes +Himmelsjüngferlein, ich werde doch nicht etwa aufklären müssen! +Himmel, was mache ich nur da? Ich kann ihm doch nicht die Tante herschicken! +Wenn er wenigstens ins Bett kommen wollte, dann würde sich +das ja alles von allein geben. Aber so –. Und wenn ich mir ihn ansehe, +er ist ein angenehmer und kräftiger Muchacho. Der Beste der ganzen verfluchten +Bande, die ich kenne. Ich will gar keinen andern haben.“ +</p> + +<p> +Das Einschlafen wurde ihr schwer. Sie wälzte sich hin und her in dem +weichen, schönen, neuen, breiten Ehebett. +</p> + +<p> +Es war am folgenden Nachmittag. +</p> + +<p> +Don Juvencio war seit dem frühen Morgen auf den Feldern gewesen. Er +war ziemlich ermüdet zum Essen heimgekommen. Er saß jetzt in einem +Schaukelstuhl im Portico des Hauses. Vor sich hatte er ein Tischchen +stehen, auf dem die Zeitung lag, in der er herumgeblättert hatte. +</p> + +<p> +Im selben Portico, etwa zwölf Schritte entfernt von Don Juvencio, lag +Donja Luisa in einer Hängematte. Sie hatte ein Kissen unter ihrem +Kopfe, und sie las in einem Buche. +</p> + +<p> +Sie war in den paar Tagen, seit sie auf der Hazienda war, durchaus nicht +müßig gewesen. Sie hatte ihren Teil zur Arbeit, zur Einrichtung, Umänderung +und Führung des Haushalts reichlich beigetragen. In einem +mexikanischen Hause ist ja auch eine Frau bei weitem nicht ein solches +Arbeitstier wie die Frau in Europa. Selbst in wenig bemittelten Kreisen +läßt ihr Mann es nicht zu, daß sie mehr tut, als den Haushalt zu leiten, +also die Einkäufe zu besorgen oder anzuordnen, und das Arbeitsprogramm +für die Köchin und für die Mädchen zu bestimmen. Da die +Mexikaner sehr gesellschaftlich sind, sich ständig gegenseitig besuchen, +hat die Frau genügend gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen, die in +einem Hause nicht vernachlässigt werden dürfen, wenn der Mann einen +Beruf oder eine Stellung hat, wo er darauf angewiesen ist, im Verkehr +mit seinen Mitbürgern und Geschäftsfreunden zu bleiben. Es lag also +hierin nichts besonders Auffallendes, daß Donja Luisa lässig in der +Hängematte ruhte und in einem Buche las. „Du könntest auch lieber +etwas Nützlicheres tun“, sagt ein Mexikaner zu seiner Frau wohl nur +dann, wenn er einen deutschen Großvater gehabt haben sollte. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Seit Donja Luisa auf der Hazienda eingezogen war, hatten die beiden +Eheleute sehr wenig miteinander geredet. Von dem albernen und zärtlich +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +gemeinten Geschwätz, das jungverheiratete Leute in den ersten zwei +Wochen zu führen pflegen, war hier nichts zu hören. Die Ursache war +wohl nur bei ihm zu suchen. Er hatte nicht die Absicht, ein tobendes +Ungewitter heraufzubeschwören, solange es vermieden werden konnte. +Sie aber hatte im Gefühl, daß sich etwas vorbereite; denn daß er nun +drei Nächte schon ihr aus dem Wege gegangen war, als wäre sie hier nur +ein gelegentlicher Gast, war denn doch zu merkwürdig, als daß sie sich +keine Gedanken darüber hätte machen sollen. +</p> + +<p> +Gestern morgen hatte er, als er zum Frühstück in das Eßzimmer kam, +gefragt: „Wo ist der Kaffee?“ Darauf hatte sie gesagt: „Frage Anita, ich +bin nicht dein Dienstmädchen.“ Dann war er selbst in die Küche gegangen +und hatte den Kaffee selbst hereingebracht, ohne ein Wort +darüber zu verlieren. Sie hatte später freilich in der Küche gewaltig mit +Anita aufgedonnert dieses Vorfalls wegen; aber Anita hatte sich damit +entschuldigt, daß sie den Kaffee immer erst aufgetragen habe, nachdem +die Eier gegessen seien, und wenn der Patron das jetzt anders haben +wolle, so müsse er es ihr sagen. +</p> + +<p> +Es war ein heißer tropischer Frühnachmittag. Der Portico lag zwar im +Schatten, aber es ruhte dennoch in ihm, wie auf dem grasbewachsenen +weiten Vorplatz, der von einer flirrenden Glut bedeckt war, eine lastende +unbewegte schwere Wärme, die sich nur ertragen ließ, wenn man stillsaß +oder sich in einem Schaukelstuhl oder in der Hängematte wiegte, +ohne mehr zu denken, als was unbedingt notwendig war, um sich noch +von einem Tier zu unterscheiden. +</p> + +<p> +Auch die Tiere des Hauses, die in der Nähe waren, dröselten schläfrig +ihre Zeit dahin, und sie bewegten sich nur, wenn die summenden Fliegen +sie allzusehr belästigten. +</p> + +<p> +Über dem Geländer des Portico, auf einer kleinen Schaukel, hockte der +Papagei. Er träumte dahin, wachte gelegentlich auf, krächzte oder rasselte +einige Worte und brütete dann wieder in sich hinein, wenn ihm niemand +eine Antwort gab. +</p> + +<p> +Auf der obersten Stufe der kurzen Treppe, die in den Portico führte, +lag schlafend die Katze. Sie hatte gut gegessen, und sie lag nun, beinahe +völlig auf dem Rücken, mit dem Kopfe weit zurückgelehnt auf der +heißen Stufe, mit jener satten Unbekümmertheit, die nur denjenigen +irdischen Geschöpfen eigen wird, die um die Sicherheit ihres Lebens und +um die Pünktlichkeit reichlicher Mahlzeiten nie in Sorge zu sein brauchen. +Unter einem schattigen Baum in dem grünen Vorplatze des Hauses, im +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +Patio, stand das bevorzugte Reitpferd des Don Juvencio angebunden. +Der Sattel lag einige Schritte neben dem Pferde. Als Don Juvencio +von den Feldern heimgekehrt war, hatte er das Pferd nicht auf die nahe +kleine Weide führen lassen, sondern es war dem Tier hier auf dem Vorplatze +sein Sacate vorgeworfen worden, denn Juvencio wollte später +noch einmal zu seiner Trapiche, seiner Zuckermühle, hinunterreiten. +</p> + +<p> +Auch das Pferd, ein prachtvolles Tier, dröselte in der Nachmittagshitze +seine Zeit dahin. Es ließ den Kopf sinken und sinken, bis die Nase +beinahe die übriggebliebenen, breit gestreuten Halme auf dem Erdboden +berührte. Und wenn der Kopf endlich so tief gesunken war, daß das Pferd +sich gegen die Nase stieß, dann warf es mit einem raschen Ruck den +Kopf hoch, riß die Augen weit auf, und wenn es sah, daß sich inzwischen +nichts von besonderer Bedeutung in der Welt ereignet hatte, schloß es die +Augen wieder langsam, und der Kopf begann abermals Zoll bei Zoll +herunterzusinken. +</p> + +<p> +Don Juvencio hatte seinen Schaukelstuhl so stehen, daß er den Hof übersehen +konnte. Er hob jetzt seine Arme hoch, reckte sich ein wenig aus, +gähnte leicht und ergriff die Zeitung, die vor ihm auf dem Tischchen lag. +Er las einige Minuten, und dann legte er die Zeitung wieder hin. +</p> + +<p> +Nun sah er zu dem Papagei, der vor ihm in seiner Schaukel hockte. +</p> + +<p> +„He, Loro“, rief nun Don Juvencio befehlend, „hole mir eine Kanne +mit Kaffee und eine Tasse aus der Küche, ich habe Durst.“ +</p> + +<p> +Der Papagei, durch die Worte aus seinem Dahindämmern aufgeweckt, +kratzte sich mit dem Fuß am Nacken, rutschte ein kleines Stück weiter +auf seiner Schaukel, krächzte ein paar Laute und bemühte sich, sein unterbrochenes +Dröseln wieder aufzunehmen. +</p> + +<p> +Don Juvencio griff nach hinten, zog seinen Revolver aus dem Gurt, +zielte auf den Papagei und schoß. Der Papagei tat einen Krächzer, es +flogen Federn in der Luft herum, der Vogel schwankte, wollte sich festkrallen, +die Krallen ließen los, und der Papagei fiel auf den Boden des +Portico, schlug ein paarmal um sich und war tot. +</p> + +<p> +Juvencio legte den Revolver vor sich auf den Tisch, nachdem er ihn +einige Male in der Hand geschwenkt hatte, als ob er sein Gewicht +prüfen wolle. +</p> + +<p> +Nun blickte er hinüber zur Katze, die so fest schlief, daß sie nicht einmal +im Traume schnurrte. +</p> + +<p> +„Gato“, rief jetzt Don Juvencio, „he, Kater, hole mir Kaffee aus der +Küche, ich habe Durst.“ +</p> + +<p> +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +Donja Luisa hatte sich umgewandt zu ihrem Manne, als er den Papagei +angerufen hatte. Sie hatte das, was er zu dem Papagei sagte, so angenommen, +als ob er mit dem Papagei schäkern wolle, und sie hatte +darum nicht weiter darauf geachtet. Als dann der Schuß krachte, drehte +sie sich völlig um in ihrer Hängematte und hob den Kopf leicht. +</p> + +<p> +Sie sah den Papagei von seiner Schaukel fallen, und sie wußte, daß +Juvencio ihn erschossen hatte. +</p> + +<p> +„Hay no“, sagte sie halblaut, „lächerlich.“ +</p> + +<p> +Jetzt, als Don Juvencio die Katze anrief, sagte Donja Luisa laut zu ihm +herüber: „Warum rufst du denn nicht Anita, daß sie dir den Kaffee +bringt?“ +</p> + +<p> +„Wenn ich will, daß mir Anita den Kaffee bringen soll, dann rufe ich +Anita, und wenn ich will, daß mir die Katze den Kaffee bringen soll, +dann rufe ich die Katze.“ +</p> + +<p> +„Meinetwegen“, sagte darauf Donja Luisa, und sie rekelte sich wieder +in ihre Hängematte ein. +</p> + +<p> +„He, Gato, hast du nicht gehört, was ich dir befohlen habe?“ wiederholte +Don Juvencio seine Anordnung. +</p> + +<p> +Die Katze schlief weiter, in dem sicheren Bewußtsein, daß sie, wie alle +Katzen, solange es Menschen gibt, ein verbrieftes Anrecht darauf habe, +ihren Lebensunterhalt vorgesetzt zu bekommen, ohne irgendeine Verpflichtung +zu haben, sich dafür durch Arbeit erkenntlich zu zeigen; denn +selbst wenn sie sich doch so weit herablassen sollte, gelegentlich eine Maus +zu erjagen, so tut sie es nicht, um dem Menschen eine Gefälligkeit zu +erweisen, sondern sie tut es, weil ja schließlich selbst eine Katze ein Recht +darauf hat, hin und wieder einmal ein Vergnügen zu genießen, das im +gewöhnlichen Wochenprogramm nicht vorgesehen ist. +</p> + +<p> +Don Juvencio aber dachte anders über die Pflichten einer Katze, die auf +seiner Hazienda lebte. Als die Katze sich nicht regte, um dem Befehle +nachzukommen und den Kaffee aus der Küche zu holen, hob er wieder +den Revolver, zielte und schoß. Die Katze versuchte hochzuspringen, +aber sie brach zusammen, rollte sich einmal über und war tot. +</p> + +<p> +„Belario“, rief Don Juvencio jetzt über den Hof. +</p> + +<p> +„Si, Patron, estoy“, rief der Bursche aus einem Winkel des Hofes hervor. +„Hier bin ich, was ist zu tun?“ +</p> + +<p> +Als der Bursche auf der untersten Stufe der Treppe stand, mit dem Hute +in der Hand, sagte Don Juvencio zu ihm: „Binde das Pferd los und +führe es hierher, hier dicht an die Stufen.“ +</p> + +<p> +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +„Soll ich es auch gleich satteln?“ fragte der Bursche. +</p> + +<p> +„Ich werde dich dann rufen“, antwortete Don Juvencio. +</p> + +<p> +Der Bursche brachte das Pferd und entfernte sich. +</p> + +<p> +Das Pferd stand eine Weile vor dem Portico. Don Juvencio sah das Tier +an, wie eben nur ein Mann ein Pferd anzusehen vermag, der auf gute +Reittiere angewiesen ist und sich darum mit einigen dieser Tiere so verbunden +fühlen kann wie mit einem guten Freunde. +</p> + +<p> +Das Pferd scharrte ein wenig, und dann, als es fühlte, daß man nichts von +ihm wollte, begann es, mit kleinen Schrittchen lässig fortzutorkeln, +wieder den Schatten des Baumes aufsuchend. +</p> + +<p> +„Caballo, olla“, rief nun Don Juvencio das Pferd an, das inzwischen +die Mitte des Hofes erreicht hatte, „trabe einmal rasch in die Küche und +bringe mir eine Kanne mit Kaffee und eine Tasse, ich habe Durst.“ +</p> + +<p> +Bei dem Anruf „Caballo“ hatte das Pferd den Kopf gewandt, weil es +die Stimme seines Herrn wohl kannte und auf diesen Zuruf zu hören +pflegte. Als es aber sah, daß der Herr nicht aufstand und nicht in den +Hof trat, wußte es, daß es sein Herr weder streicheln noch satteln wollte. +Es machte Geste, auf seinem Wege zu jenem Baum weiter fortzutrotten. +</p> + +<p class="ibr"> +„Ja, du bist wohl verrückt geworden, loco enteramente“, sagte da Donja +Luisa von ihrer Hängematte her, mit einer Stimme, die halb erstaunt +und halb erbost klang. +</p> + +<p> +„Verrückt? Ich?“ erwiderte Don Juvencio. „Ich weiß nicht, warum ich +verrückt sein sollte. Das ist mein Pferd, und das Pferd ist auf meiner +Hazienda, und ich darf meinem Pferde auf meiner Hazienda befehlen, +was ich will, genau so gut, wie du deinen Mädchen befehlen darfst, was +du willst.“ +</p> + +<p> +„Meinetwegen“, sagte Donja Luisa, während sie wieder in ihrem Buche +weiterzulesen begann. +</p> + +<p> +„Caballo“, rief nun Don Juvencio wieder über den Hof. „Wo ist der +Kaffee? Bist du noch nicht fort?“ +</p> + +<p> +Das Pferd hatte wieder für einen Augenblick den Kopf gewendet und +auf den Ruf gehört; und als es wieder seinen Herrn nicht näher kommen +sah, wendete es sich ab und nahm seinen Weg zum Baum abermals auf. +Don Juvencio nahm den Revolver auf, stützte den Ellbogen auf den +Tisch, um einen ruhigeren Arm zu haben, zielte und schoß. +</p> + +<p> +Das Pferd ruckte zusammen, stand dann wohl eine ganze Minute still +auf einem Fleck, begann hierauf heftig zu zittern und brach plötzlich zusammen +wie gefällt. +</p> + +<p> +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +„Wahnsinn! So ein Prachttier!“ schrie jetzt Donja Luisa auf. Ihre Erbostheit +war zum vollen Ausbruch gekommen. Es war mit untrüglicher +Sicherheit vorauszusehen, daß nunmehr das erste schwere Gefecht, das +man Don Juvencio von allen Seiten mit allen seinen Schrecken vorausgekündigt +hatte, geliefert werden würde und daß jetzt, wäre einer der +Freunde des Don Juvencio anwesend gewesen, er raschest zur Stadt +geritten wäre, um die Ambulance zu bestellen und ein Bett im Hospital +zu mieten. +</p> + +<p> +Donja Luisa warf das Buch, das sie gelesen hatte, mit einer solchen +Heftigkeit auf den Boden, daß es in allen seinen Blättern auseinanderflog. +Sie begann sich innerlich einzuheizen, um überkochen zu können. +</p> + +<p> +Don Juvencio sagte nichts. Ohne aufzustehen, drehte er sich mit seinem +Schaukelstuhl so um, daß er nun mit dem Gesicht zur Hängematte gerichtet +saß. +</p> + +<p> +Er legte den Revolver nicht aus der Hand, sondern schwenkte ihn +einige Male auf und nieder. Dann prüfte er die Trommel, und hierauf +hauchte er auf den polierten Schaft und putzte ihn mit dem Hemdärmel +sauber. +</p> + +<p> +Und gerade im selben Augenblick, als Donja Luisa aus der Hängematte +springen wollte, um sich in die Tigerin zu verwandeln, sagte Don +Juvencio mit sterbensruhiger Stimme, aber laut und hart: „Luisa, hole +mir eine Kanne Kaffee aus der Küche und eine Tasse, ich habe Durst.“ +</p> + +<p> +Als er das sagte, hielt er die Augen gesenkt. Jetzt aber sah er auf und +blickte seine Frau kalt und gerade an. Er nahm den Revolver ein wenig +höher und schwenkte ihn einmal auf und nieder. +</p> + +<p> +Donja Luisa fing den Blick auf, als sie aus der Hängematte hatte springen +wollen. Sie sprang aber nicht, sondern sie begann ganz langsam aus der +Hängematte wie von selbst herauszurutschen. +</p> + +<p> +Juvencio hob den Revolver mit genau der gleichen Ruhe und Selbstverständlichkeit, +wie er ihn erhoben hatte, als er auf seine Tiere geschossen +hatte. +</p> + +<p> +Donja Luisa wurde totenbleich, riß die Augen weit auf und sagte mit +einem Schluck in ihrer Stimme: „Orito, Juvencio, sofort!“ +</p> + +<p> +Als kaum eine Viertelminute später Donja Luisa den Kaffee vor ihm auf +den Tisch stellte, nahm er das hin und saß da in der Haltung eines +Mannes, der jeden Tag in seinem Restaurant seinen Kaffee hingesetzt +bekommt von einer Kellnerin, die ihm ebenso gleichgültig ist wie der +Preis der Druckerschwärze, mit der die Zeitung gedruckt wird, die er liest. +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +Er sagte kurz: „Gracias, danke!“, trank schluckweise den Kaffee und +begann die Zeitung da weiter zu lesen, wo er aufgehört hatte, als er zum +erstenmal Durst fühlte und den Papagei in die Küche schickte. +</p> + +<p> +„Belario“, rief er dann über den Hof, „sattle mir den Prieto, ich will +zur Trapiche hinunterreiten, sehen was die Muchachos tun.“ +</p> + +<p> +Als das Pferd gesattelt vor der Treppe stand, schob Don Juvencio den +Revolver in den Gurt, richtete sich auf, ging zu dem Pferde und klopfte +es auf den Hals. +</p> + +<p> +Donja Luisa hatte sich, nachdem sie den Kaffee gebracht hatte, nicht mehr +in die Hängematte gelegt, sie hatte sich auch nicht einmal auf einen Stuhl +gesetzt. Sie stand da wie in einem Zustand der Lähmung. Es schien, +daß sie Stunden oder gar Tage brauche, um in sich klar zu werden, was +geschehen war. Daß ihr Charakter sich in den wenigen Minuten so vollständig +geändert hatte, daß sie das Bewußtsein ihres eigenen Selbst verlor +und empfand, daß sie mit ihrem eigenen früheren Menschen keine Verwandtschaft +mehr hatte, das ist ihr erst viele Monate später klar geworden. +Jetzt jedenfalls stand sie nur da wie eine, die auf Befehle wartet und die +auf dem Sprunge steht, die erhaltenen Befehle mit blitzgleicher Schnelligkeit +auszuführen. +</p> + +<p> +Ehe sich Don Juvencio aufs Pferd setzte, drehte er sich noch einmal um. +Er sah das in Blättern zerfallene Buch auf dem Boden liegen. Und er +sagte, mit einem leichten Ton von Freundlichkeit: „Licha, heb das Buch +da auf, ich nehme es übermorgen mit zur Stadt, zum Neueinbinden.“ +</p> + +<p> +Während er davonritt, bückte sie sich nieder; und auf ihren Knien +rutschend, suchte sie die Blätter zusammen. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Den Kosenamen Licha für Luisa hatte er nicht mehr gebraucht seit +jenem Abend, als ihm der Kopf aufgeschlagen wurde. Und dieser +kritische Augenblick, der bewies, daß Don Juvencio von praktisch angewandter +Psychologie mehr wußte als Donja Luisa je in ihren Colegios +gelernt hatte, sie mit Licha anredete und den Befehl zum Aufsammeln +der Blätter in einem Tonfall gab, der zwischen den Lauten ein „Bitte!“ +einschwingen ließ, war der Anlaß, daß in dem Charakter der jungen +Frau noch eine andere entscheidende Wandlung vor sich ging. Und es +war diese zweite Wandlung, die Donja Luisa plötzlich, wie mit einem +Ruck unerwarteten Aufwachens, eine bestimmte Empfindung gab, die sie +nie vorher gefühlt hatte. Sie bekam eine brennende Sehnsucht, daß Juvencio +bald zurückkommen möchte, weil sie wünschte in seiner Nähe zu sein. +</p> + +<p> +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +Beim Abendessen sprachen sie nicht viel. +</p> + +<p> +Als sich Donja Luisa dann niedergelegt hatte, klopfte ein wenig später +Don Juvencio an ihre Tür. +</p> + +<p> +„Adelante!“ sagte Donja Luisa aufgeregt. +</p> + +<p> +Don Juvencio kam herein. Er setzte sich auf den Rand des schönen +weichen breiten Bettes und streichelte ihr Haar. +</p> + +<p> +Dann stand er wieder auf und fragte: „Licha, wer befiehlt in diesem +Hause?“ +</p> + +<p> +„Du, Vencho“, sagte Donja Luisa lachend und sich in die Kissen +kuschelnd. „Du!“ +</p> + +<p> +„Und wenn ich nicht daheim bin, du, Licha!“ +</p> + +<p> +Dieser Tag schien für Donja Luisa nicht enden zu wollen mit neuen +Erfahrungen. Denn zwei Stunden später war sie zu jener neuen Erfahrung +– für sie neu – gelangt, daß, wenn auch oft in einem Hause +oder in einer Ehe es nicht ganz zweifelfrei feststeht, wer kommandiert, +dann aber doch in einem Bett, in dem ein Mann und eine Frau nebeneinander +liegen, die Frage, wer kommandiert und wer zu gehorchen hat, +nicht erörtert wird, weil sie nicht besteht, solange die Gesetze der Natur +nicht durch höhere Verfügung abgeändert werden. Denn an diesem Ort +kann ein zufriedenstellendes Resultat nur dann erreicht werden, wenn +der Mann befiehlt und sich die Frau dem Befehle willig und erwartungsvoll +unterwirft. Und man darf ganz sicher gehen, wenn in irgendeiner +Ehe die Frau kommandiert, so ist es nur darum, weil dem Manne die +Fähigkeit fehlt, im Bett mit so starker Stimme zu befehlen, daß der +Frau nichts anderes übrigbleibt als zu gehorchen und zuzugeben, daß +sie die Untergebene und Unterliegende ist. +</p> + +<p> +Trotz dieser, mit viel Freude und wohltuender Zufriedenheit reich gesättigten +neuen Erfahrung, die sich Donja Luisa in jener Nacht erwarb, +vermochte sie doch nicht so rasch einzuschlafen, als sie das wünschte. +Denn sie wurde von einer Frage gequält, die sie erst beantwortet haben +mußte, um Ruhe in ihrem Kopf zu finden. Und weil Frauen selten etwas +auf sich beruhen lassen können, das an sich unwichtig für das Leben im +allgemeinen ist, so entschloß sich endlich auch Donja Luisa, zu fragen, +um in einer bestimmten Sache für dauernd von allem Zweifel erlöst +zu sein. +</p> + +<p> +Sie sagte: „Venchito, hättest du mich wirklich erschossen, wenn ich dir +den Kaffee nicht gebracht hätte? Hättest du das wirklich mit deiner +Licha, die dich so sehr liebt, tun können?“ +</p> + +<p> +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +Don Juvencio, weniger von derartigen Zweifeln belästigt, war schon +dreiviertel Stück im Schlaf gewesen, als er mit dieser Frage wieder aufgescheucht +wurde. +</p> + +<p> +Aber er vergaß dennoch nicht, daß er auch in Zukunft der Mann hier +zu bleiben gedachte. Er sagte ruhig: „Ich hätte dich mit viel größerer +Bestimmtheit und Sicherheit erschossen als mein Pferd, por Santa +Purisima. Denn deinetwegen wäre ich nur zum Tode verurteilt und erschossen +worden; aber ich werde lange und weit und breit suchen müssen, +ehe ich ein zweites Pferd finde, wie das, mein bestes Pferd, gewesen ist, +das ich erschießen mußte, um dir zu zeigen, wie sehr ich im Ernst war. +Buenas noches, hasta manjana! Gute Nacht!“ +</p> + +<p> +Jeder Mensch, der ein gutes Pferd schätzen und aufrichtig lieben kann, +wie es ein Mexikaner tut, der wird ohne viel Worte verstehen, daß +dies das innigste Liebesgeständnis war, das ein Mann einer Frau nur +machen kann. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-18"> +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +DER GROSS-INDUSTRIELLE +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-i"><img src="images/drop_i.jpg" alt="I"><span class="hidden">I</span></span><span class="postfirstchar drop-i">n</span> ein kleines indianisches Dorf im Staate Oaxaca kam ein +Amerikaner, der das Land sehen wollte. Er kam zur Hütte eines Indianers, +der sich seinen Lebensunterhalt dadurch verbesserte, daß er in der freien +Zeit, die ihm von seiner Tätigkeit auf seinem Maisfeld blieb, kleine +Körbchen flocht. +</p> + +<p> +Diese Körbchen wurden aus Bast geflochten, der in verschiedenen Farben, +die der Indianer aus Pflanzen und Hölzern zog, gefärbt war. Der Mann +verstand diese vielfarbigen Baststrähnen so künstlerisch zu verflechten, +daß, wenn das Körbchen fertig war, es aussah, als wäre es mit Figuren, +Ornamenten, Blumen und Tieren bedeckt. Daß diese Ornamente nicht +auf das Körbchen etwa aufgemalt waren, sondern als Ganzes sehr geschickt +hineingewebt waren, konnte auch einer, der nichts davon verstand, +sofort erkennen, wenn er das Körbchen innen betrachtete. Denn innen +kamen alle die Ornamente an der gleichen Stelle wie außen zur Ansicht. +Die Körbchen mochten verwandt werden als Nähkörbchen oder als +Schmuckkörbchen. +</p> + +<p> +Wenn der Indianer etwa zwanzig Stück dieser kleinen Kunstwerke geschaffen +hatte, und er war in der Lage, sein Feld für einen Tag allein +zu lassen, dann machte er sich frühmorgens um zwei Uhr auf den Weg +zur Stadt Oaxaca, wo er die Körbchen auf dem Markte feilbot. Die +Marktgebühr kostete ihn zehn Centavos. +</p> + +<p> +Obgleich er an jedem einzelnen Körbchen beinahe einen Tag arbeitete, so +verlangte er für ein Körbchen nie mehr als fünfzig Centavos. Wenn der +Käufer jedoch erklärte, das sei viel zu teuer, und er begann zu handeln, +dann ging der Indianer auf fünfunddreißig, auf dreißig und selbst auf +fünfundzwanzig Centavos herunter, ohne je zu wissen, daß dies das Los +vieler, vielleicht der meisten Künstler ist. +</p> + +<p> +Es kam oft genug vor, daß der Indianer nicht alle seine Körbchen, die +er auf den Markt gebracht hatte, verkaufen konnte; denn viele Mexikaner, +die betonen zu müssen glauben, daß sie gebildet sind, kaufen bei +weitem lieber einen Gegenstand, der in einer Massenindustrie von +zwanzigtausend Stück täglich hergestellt wird, aber den Stempel Paris +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +oder Wien oder Dresdner Kunstwerkstatt trägt, als daß sie die Arbeit +eines Indianers ihres eigenen Landes, der nicht zwei Stücke ganz genau +gleich anfertigt, in ihrem Einzigkeitswert zu schätzen verstünden. +</p> + +<p> +So, wenn der Indianer seine Körbchen nicht alle verkaufen konnte, dann +ging er mit dem Rest von Ladentür zu Ladentür hausieren, wo er, je +nachdem, mit barscher, mit gleichgültiger, mit wegwerfender, mit gelangweilter +Geste behandelt wurde, wie Hausierer, Buch- und Einrahmungsagenten +behandelt zu werden pflegen. +</p> + +<p> +Der Indianer nahm diese Behandlung hin wie alle Künstler, die den +wirklichen Wert ihrer Arbeit allein zu schätzen wissen, derartige Behandlung +hinnehmen. Er war nicht traurig, nicht verärgert und nicht +mißgestimmt darüber. +</p> + +<p> +Bei diesem Forthausieren des Restes wurden ihm oft nur zwanzig, ja +sogar fünfzehn und zehn Centavos für das Körbchen geboten. Und wenn +er es selbst für diese Nichtigkeit verkaufte, so sah er häufig genug, daß +die Frau das Körbchen nahm, kaum richtig ansah, und dann, noch in +seiner Gegenwart, das Körbchen auf den nächsten Tisch warf, als wollte +sie damit sagen: „Das Geld ist ja völlig unnütz ausgegeben, aber ich will +doch den armen Indianer etwas verdienen lassen, er hat ja einen so weiten +Weg gehabt. Wo bist du denn her? – So, von Tlacotepec. Weißt du, +kannst du mir nicht ein paar Truthühner bringen? Müssen aber sehr +billig sein, sonst nehme ich sie nicht.“ +</p> + +<p> +Die Amerikaner sind ja nun mit solchen kleinen Wunderwerken nicht so +verwöhnt wie die Mexikaner, die nicht wissen und nicht schätzen, was +sie in ihrem Lande an Gütern haben. Und wenn nun auch der allgemeine +Amerikaner den wirklichen Wert an unvergleichlicher Schönheit dieser +Arbeiten nicht abzuschätzen versteht, so sieht er doch in den meisten +Fällen sofort, daß hier eine Volkskunst vorliegt, die er würdigt und um +so rascher erkennt und schätzt, als sie in seinem Lande völlig fehlt. +</p> + +<p> +Der Indianer hockte vor seiner Hütte auf dem Erdboden und flocht die +Körbchen. +</p> + +<p> +Sagte der Amerikaner: „Was kostet so ein Körbchen, Freund?“ +</p> + +<p> +„Fünfzig Centavos, Senjor“, antwortete der Indianer. +</p> + +<p> +„Gut, ich kaufe eines, ich weiß schon, wem ich damit eine Freude machen +kann.“ Er hatte erwartet, daß das Körbchen zwei Pesos kosten würde. +</p> + +<p> +Als ihm das klar zum Bewußtsein kam, dachte er sofort an Geschäfte. +</p> + +<p> +Er fragte: „Wenn ich Ihnen nun zehn dieser Körbchen abkaufe, was +kostet dann das Stück?“ +</p> + +<p> +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +Der Indianer dachte eine Weile und sagte: „Dann kostet das Stück fünfundvierzig +Centavos.“ +</p> + +<p> +„All right, muy bien, und wenn ich hundert kaufe, wieviel kostet dann +das Stück?“ +</p> + +<p> +Der Indianer rechnete wieder eine Weile: „Dann kostet das Stück +vierzig Centavos.“ +</p> + +<p> +Der Amerikaner kaufte vierzehn Körbchen. Das war alles, was der +Indianer auf Vorrat hatte. +</p> + +<p> +Als der Amerikaner nun glaubte, Mexiko gesehen zu haben und gut zu +kennen, reiste er zurück nach New York. Und als er wieder mitten drin +war in seinen Geschäften, dachte er an die Körbchen. +</p> + +<p> +Er ging zu einem Großschokoladenhändler und sagte zu ihm: „Ich kann +Ihnen hier ein Körbchen anbieten, das sich als sehr originelle Geschenkpackung +für feine Schokoladen verwenden läßt.“ +</p> + +<p> +Der Schokoladenhändler besah sich das Körbchen mit großer Sachkenntnis. +Er rief seinen Teilhaber herbei und endlich auch noch seinen +Manager. Sie besprachen sich, und dann sagte der Händler: „Ich werde +Ihnen morgen den Preis sagen, den ich zu zahlen gewillt bin. Oder +wieviel verlangen Sie?“ +</p> + +<p> +„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich mich nur nach Ihrem Angebot +richten kann, ob Sie die Körbchen erhalten. Ich verkaufe diese Körbchen +nur an das Haus, das am meisten dafür bietet.“ +</p> + +<p> +Nächsten Tag kam der Mexikokenner wieder zu jenem Händler. +</p> + +<p> +Sagte der Händler: „Ich kann für das Körbchen vier, vielleicht gar fünf +Dollar bekommen. Es ist die originellste und schönste Packung, die wir +dem Markte anbieten können. Ich zahle zwei und einen halben Dollar +das Stück, Hafen New York, Zoll und Fracht auf meine Lasten, Verpackung +zu Ihren Lasten.“ +</p> + +<p> +Der Mexikoreisende rechnete nach. Der Indianer hatte ihm bei einer +Abnahme von hundert das Stück für vierzig Centavos angeboten, das +waren zwanzig Cents. Er verkaufte das Stück für zwei und einen halben +Dollar. Dadurch verdiente er am Stück zwei Dollar dreißig Cent oder +ungefähr zwölfhundert Prozent. +</p> + +<p> +„Ich denke, ich kann es für diesen Preis tun“, sagte er. +</p> + +<p> +Worauf der Händler antwortete: +</p> + +<p> +„Aber unter einer wichtigen Bedingung. Sie müssen mir fünftausend +Stück dieser Körbchen liefern können. Weniger hat für mich gar keinen +Wert, weil sich sonst die Reklame nicht bezahlt, die ich für diese +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +Neuheit machen muß. Und ohne Reklame kann ich den Preis nicht +herausholen.“ +</p> + +<p> +„Abgeschlossen“, sagte der Mexikokenner. Er hatte rund etwa zwölftausend +Dollar verdient, von welchem Betrage nur die Reise abging +und der Transport bis zur nächsten Bahnstation. +</p> + +<p> +Er reiste sofort zurück nach Mexiko und suchte den Indianer auf. +</p> + +<p> +„Ich habe ein großes Geschäft für Sie“, sagte der Amerikaner. „Können +Sie fünftausend dieser Körbchen anfertigen?“ +</p> + +<p> +„Ja, das kann ich gut. Soviel wie Sie haben wollen. Es dauert eine Zeit. +Der Bast muß vorsichtig behandelt werden, das kostet Zeit. Aber ich +kann so viele Körbchen machen, wie Sie wollen.“ +</p> + +<p> +Der Amerikaner hatte erwartet, daß der Indianer, als er von dem großen +Geschäft hörte, halbtoll werden würde, etwa wie ein amerikanischer +Automobilhändler, der auf einen Schlag fünfzig Dodge Brothers verkauft +hat. Aber der Indianer regte sich nicht auf. Er stand nicht einmal +hoch von seiner Arbeit. Er flocht ruhig weiter an seinem Körbchen, das +er gerade in den Händen hatte. +</p> + +<p> +Es waren vielleicht noch fünfhundert Dollar extra zu verdienen, womit +die Reisekosten hätten gedeckt werden können, dachte der Amerikaner; +denn bei einem so großen Auftrag konnte der Preis für das einzelne +Körbchen sicher noch ein wenig herabgedrückt werden. +</p> + +<p> +„Sie haben mir gesagt, daß Sie mir die Körbchen das Stück für vierzig +Centavos verkaufen können, wenn ich hundert Stück bestelle“, sagte der +Amerikaner nun. +</p> + +<p> +„Ja, das habe ich gesagt“, bestätigte der Indianer. „Was ich gesagt habe, +dabei bleibt es.“ +</p> + +<p> +„Gut dann“, redete der Amerikaner weiter, „aber Sie haben mir nicht +gesagt, wieviel ein Körbchen kostet, wenn ich tausend Stück bestelle.“ +</p> + +<p> +„Sie haben mich nicht darum befragt, Senjor.“ +</p> + +<p> +„Das ist richtig. Aber ich möchte Sie jetzt um den Preis für das Stück +fragen, wenn ich tausend Stück bestelle und wenn ich fünftausend Stück +bestelle.“ +</p> + +<p> +Der Indianer unterbrach jetzt seine Arbeit, um nachrechnen zu können. +Nach einer Weile sagte er: „Das ist zu viel, das kann ich so schnell nicht +ausrechnen. Das muß ich mir erst gut überlegen. Ich werde darüber +schlafen und es Ihnen morgen sagen.“ +</p> + +<p> +Der Amerikaner kam am nächsten Morgen zum Indianer, um über den +neuen Preis zu hören. +</p> + +<p> +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +Er fragte: „Haben Sie den Preis für tausend und für fünftausend Stück +ausgerechnet?“ +</p> + +<p> +„Ja, das habe ich, Senjor. Und ich habe mir viel Mühe und Sorge gemacht, +das gut und genau auszurechnen, um nicht zu betrügen. Der +Preis ist ganz genau ausgerechnet. Also wenn ich tausend Stück machen +soll, dann kostet das Stück zwei Pesos, und wenn ich fünftausend Stück +machen soll, dann kostet das Stück vier Pesos.“ +</p> + +<p> +Der Amerikaner war sicher, nicht richtig verstanden zu haben. Vielleicht +war sein schlechtes Spanisch daran schuld. +</p> + +<p> +Um den Irrtum richtigzustellen, fragte er: „Zwei Pesos für das Stück +bei tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend? Aber Sie haben +mir doch gesagt, daß bei hundert das Stück vierzig Centavos kostet.“ +</p> + +<p> +„Das ist auch die Wahrheit. Ich verkaufe Ihnen hundert das Stück für +vierzig Centavos.“ Der Indianer blieb sehr ruhig, denn er hatte sich alles +ausgerechnet, und es lag kein Grund vor, zu streiten. „Senjor, Sie müssen +das doch selbst einsehen, daß ich bei tausend Stück viel mehr Arbeit +habe als mit hundert, und mit fünftausend habe ich noch viel mehr Arbeit +als mit tausend. Das ist gewiß jedem vernünftigen Menschen klar. Ich +brauche für tausend viel mehr Bast, habe viel länger nach den Farben zu +suchen und sie auszukochen. Der Bast liegt nicht gleich so fertig da. +Der muß gut und sorgfältig getrocknet werden. Und wenn ich so viele +tausend Körbchen machen soll, was wird denn dann aus meinem Maisfeld +und aus meinem Vieh? Und dann müssen mir meine Söhne, meine +Brüder und meine Neffen und Onkel helfen beim Flechten. Was wird +denn da aus deren Maisfeldern und aus deren Vieh? Das wird dann +alles sehr teuer. Ich habe gewiß gedacht, Ihnen sehr gefällig zu sein und +so billig wie möglich. Aber das ist mein letztes Wort, Senjor, verdad, +ultima palabra, zwei Pesos das Stück bei tausend und vier Pesos das +Stück bei fünftausend.“ +</p> + +<p> +Der Amerikaner redete und handelte mit dem Indianer den halben Tag, +um ihm klarzumachen, daß hier Rechenfehler vorliegen. Er gebrauchte +ein neues Notizbuch voll von Blättern, um an Ziffern zu beweisen, wie +der Indianer für sich ein Vermögen verdienen könne, bei einem Preis +von vierzig Centavos für das Stück, und wie man Unkosten und Materialkosten +und Löhne verrechnet. +</p> + +<p> +Der Indianer sah sich die Ziffern verständnisvoll an, und er bewunderte +die Schnelligkeit, mit der der Amerikaner die Ziffern niederschreiben +und aufsummieren, zerdividieren und durchmultiplizieren konnte. Aber +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +im Grunde machte es wenig Eindruck auf ihn, weil er Ziffern und +Buchstaben nicht zu lesen vermochte und aus der klugen, volkswirtschaftlich +sehr bedeutenden Vorlesung des Amerikaners keinen anderen Nutzen +zog als den, daß er lernte, daß ein Amerikaner stundenlang reden kann, +ohne etwas zu sagen. +</p> + +<p> +Als der Amerikaner dann endlich erkannte, daß er den Indianer von +seinen Rechenfehlern überzeugt hatte, klopfte er ihm auf die Schulter +und fragte: „Also, mein guter Freund, wie steht nun der Preis?“ +</p> + +<p> +„Zwei Pesos das Stück für tausend, und vier Pesos das Stück für fünftausend.“ +Der Indianer hockte sich nieder und fügte hinzu: „Ich muß +jetzt aber doch wieder an meine Arbeit gehen, entschuldigen Sie mich, +Senjor.“ +</p> + +<p> +Der Amerikaner reiste in Wut zurück nach New York, und alles, was +er zu dem Schokoladenhändler sagen konnte, um seinen Vertrag lösen +zu können, war: „Mit den Mexikanern kann man kein Geschäft machen, +für diese Leute ist keine Hoffnung.“ +</p> + +<p> +So wurde New York davor bewahrt, von Tausenden dieser köstlichen +kleinen Kunstwerke überschwemmt zu werden. Und so wurde es möglich, +zu verhüten, daß diese Ausdrücke der Seele eines mexikanischen Indianers +in den Kehrichttonnen von Fifth Avenue gefunden wurden, weil +sie keinen Wert mehr hatten, nachdem die Schokoladen herausgeknabbert +waren. +</p> + +<p> +Ich habe sowohl den Amerikaner getroffen als auch den Indianer. Der +Amerikaner ließ mich nicht zu Worte kommen, um zu hören, was ich +darüber dachte; er hatte zuviel zu erzählen, um mir klarzumachen, daß +Mexiko ein hoffnungsloses Land ist. +</p> + +<p> +Der Indianer dahingegen ließ mir Zeit, ihn zu fragen: „Warum haben +Sie denn das Geschäft nicht getan, es war gewiß gut daran zu verdienen?“ +</p> + +<p class="ibr"> +Sagte der Indianer: „Da war gut daran zu verdienen; und ich hätte mir +die Jerseykuh kaufen können, die ich im Sinne habe. Aber sehen Sie, +Senjor, tausend Körbchen kann ich nicht so schön machen wie zwanzig. +Die hätten alle ausgesehen eines wie das andere. Das hätte mir nicht gefallen. +Aber ich konnte dem Senjor ja nicht sagen, daß ich so viele +Körbchen nicht machen wolle. Er hätte geglaubt, ich wolle ihn beleidigen, +und ich wollte ihn gewiß nicht beleidigen. Und darum habe +ich gesagt zwei Pesos und vier Pesos, weil ich wußte, daß er für diesen +Preis nicht so viele bestellen wird. Ich habe auch genug Arbeit zu tun +und wünsche gar nicht, noch mehr zu haben.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-19"> +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +DIE MEDIZIN +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">s</span> war in einem Indianerdorfe. In seinem Bezirke hatte +ich eine kleine Farm gepachtet, auf der ich Baumwolle pflanzte. Das +Haus auf jener Farm war bei der letzten Revolution eingeäschert worden. +Ich wohnte deshalb in einer schlichten Hütte im Dorf. Da ich in der +ganzen weiten Gegend der einzige Weiße war, so kannten mich alle +Indianer auf dreißig Meilen im Umkreise. +</p> + +<p> +Die Indianer dort können weder lesen noch schreiben, und alles, was +über zwanzig ist – alle Finger und alle Zehen – das ist „Mil“ oder +Tausend. Aber was Tausend ist, wieviel es ist und wie es sich in die Welt +der Begriffe einordnet, dafür fehlt dem Indianer jedes Verständnis. +</p> + +<p> +Jedoch ich konnte eine Zeitung lesen, hatte ein paar alte Schmöker, +einige amerikanische Zeitschriften mit Bildern und Ansichten aus einer +andern Welt, ich konnte Briefe schreiben und lesen, und ich bekam sogar +Briefe aus einem Lande, das sicher auf der andern Seite des Mondes +liegen mußte, weil nie jemand von einem solchen Lande je gehört hatte. +</p> + +<p> +Kein Wunder, daß ich als ein gelehrter Mann angesehen wurde, dem +kein Geheimnis der Welt verborgen ist. Manchmal hat das seine guten +Seiten. Ebenso häufig aber hat es auch seine Nachteile, die keineswegs +angenehm sind. +</p> + +<p> +Ich kam eines Nachmittags auf meinem treuen Esel, die gute Bala war +es, heimgeritten, als ich vor dem Stacheldrahtzaun, der den Platz um +meine Hütte einfriedigte, einen Indianer hocken sah. +</p> + +<p> +Ich kannte ihn nicht, weil er aus einem andern Dorfe war. +</p> + +<p> +Wie die Mehrzahl der Indianer war er bitterarm und völlig zerlumpt. +</p> + +<p> +Er begrüßte mich sehr höflich und wartete, bis ich abgestiegen war. Dann +begann er sofort zu erzählen. In einem wirren Durcheinander redete er +auf mich ein. Je weiter er in seiner Geschichte kam, je mehr ging sie ihm +selbst zu Herzen, bis er endlich zu weinen anfing und seine Erzählung +vor lauter Schluchzen abgebrochen werden mußte. +</p> + +<p> +Im Verlaufe seiner Rede hatte er das, was er mir sagen wollte, etwa +zwanzigmal wiederholt. Immer mit den gleichen Worten, die ihm zur +Verfügung standen, und immer in den gleichen einfachen Sätzen. Lediglich +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +seine innere Bewegung änderte sich. Er begann gleichgültig, als ob es +die Geschichte eines andern wäre, und er endete mit einem schreienden +Weinkrampf. +</p> + +<p> +„Das ist so, Senjor, verdad, wahrhaftig. Ich komme in mein Haus. Ich +habe Holz gefällt. Im Busch. Ich komme in mein Haus. In meinen +Jacalito. Ich habe Hunger. Keine Tortillas stehen da und keine Frijoles. +Ich rufe mein Weib. Meine Mujer. Keine Antwort. Sie ist nicht in meinem +Hause. Ihr Sack mit ihrem Kleide und den Strümpfen und den Schuhen +hängt nicht am Sprossen. Die Decke ist auch fort. Meine Mujer ist mir +fortgelaufen. Kommt nicht wieder. Ich habe keine Tortillas, und ich +habe keine Frijoles. Und ich habe Hunger. Sie ist fort. Mit dem Sohn +einer Hure. Mit einem stinkenden Coyote, dessen verfluchte Mutter eine +Hure ist. Die Rattenpest und die Blattern auf den verfluchten Hurensohn +der Hölle!“ +</p> + +<p> +Nachdem ich dieselbe Geschichte nun wohl zwanzigmal mit angehört +hatte, sagte ich: „Oiga, Hombre, hören Sie, lieber Mann, bei mir ist Ihre +Mujer nicht.“ +</p> + +<p> +„Das weiß ich“, sagte er, „so ein kluger Mann wie Sie, Senjor, würde +diese dreckige alte Hexe nicht ins Bett nehmen.“ +</p> + +<p> +Nun begann er genau dieselbe Geschichte von neuem zu erzählen. Aber +da es anfing, langweilig zu werden, immer dasselbe zu hören, und tiefere +Ausbrüche seiner inneren Erregung nicht zu erwarten waren, sagte ich: +„Warum erzählen Sie mir das alles? Gehen Sie zum Alkalden, dem +Ortsschulzen, und lassen Sie Ihre Frau einfangen.“ +</p> + +<p> +„Der Alkalde ist ein Dummkopf. Aber Sie wissen alles, Senjor. Sie +wissen auch, wo meine Mujer ist. Das sollen Sie mir jetzt sagen. Sie muß +mir Tortillas machen und Frijoles kochen. Ich habe Hunger.“ +</p> + +<p> +„Hören Sie zu, lieber Nachbar. Ich habe Ihre Frau nicht fortgehen sehen. +Und wenn ich nicht habe sehen können, in welche Richtung sie ging, so +kann ich auch nicht wissen, wo sie jetzt ist.“ +</p> + +<p> +Er sah mich erstaunt an. Sein Glaube an die Unfehlbarkeit und an die +Vollkommenheit der weißen Rasse erlitt die erste Erschütterung. Zugleich +aber kam die Erinnerung an etwas anderes, das mit der weißen +Rasse innig verknüpft ist. +</p> + +<p> +„Ich bin nicht reich, Senjor“, sagte er. „Ich kann Ihnen nicht viel bezahlen. +Ich habe nur zwei Pesos und fünfzig Centavos. Das ist mein +ganzes Vermögen. Und das gebe ich Ihnen für Ihre Arbeit.“ +</p> + +<p> +„Ihr Geld will ich nicht haben. Aber wenn Sie mir auch ‚Mil‘ Goldpesos +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +geben würden, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich weiß nicht, wo Ihre +Esposa ist.“ +</p> + +<p> +Wieder sah er mich mißtrauisch an, ob es die geringe Summe sei, die er +besitze, oder ob es wirklich wahr sei, daß ich, der weiße Medizinmann, +nicht wisse, wo seine entlaufene Frau in diesem Augenblick sich aufhalte. +Voller Zweifel ging er fort, nachdem ich ihm gesagt hatte, daß ich mir +Kaffee kochen wolle, und zu diesem Zweck dann in meine Hütte ging. +</p> + +<p> +Er lief nun in die Hütten der Dorfbewohner, wo er offenbar seine Geschichte +auftischte und gleichzeitig berichtete, daß der weiße Medizinmann +ein armer Tropf sei, der weniger wisse als ein Indianer. Die Dorfbewohner +fühlten sich dadurch persönlich beleidigt; denn ich war der +Stolz und der Ruhm des Dorfes. Was in den Hütten alles über mich +geprahlt wurde und was dem Manne alles angeraten wurde, was er tun +solle, um meine geheimen Kräfte zu seinen Gunsten wirken zu machen, +weiß ich nicht. Aber ich könnte es wortgetreu berichten, und es würde +aufs Wort stimmen. +</p> + +<p> +Jedenfalls kam der Mann vor Sonnenuntergang wieder, blieb am Zaun +geduldig stehen, bis ich gelegentlich aus der Hütte trat, um dem Esel +Mais zu geben. +</p> + +<p> +Sofort rief mich der Indianer an: „Un momento, Senjor, por favor!“ +</p> + +<p> +Ich kam zum Zaun. Ich sah, daß der Mann jetzt ein Machete, ein langes, +schwertartiges, scharfes Buschmesser in der Hand trug. +</p> + +<p> +„Sie wissen nicht, wo meine Mujer ist?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +„Aber Sie können sie finden. Ich kann Ihnen keine ‚Mil‘ Goldpesos geben. +Die habe ich nicht. Aber wenn Sie mir nicht sagen, wo meine Mujer ist, +schlage ich Ihnen den Kopf ab.“ +</p> + +<p> +Er hob die furchtbare Waffe hoch. +</p> + +<p> +Nun saß ich fest. Die Drohung mit dem Kopfabschlagen ist ernst. Was +schiert sich der Indianer darum, wenn er mich umbringt! Er verkriecht +sich in den Dschungel. Wird er gefangen und ohne Gerichtsverhandlung +von den Soldaten erschossen, so nimmt er das mit Gleichmut hin. Dann +hat er eben Pech gehabt. Augenblicklich ist er verzweifelt und macht sich +keine Gedanken über die Folgen. +</p> + +<p> +Ich versuche dieselbe Ausrede wie vorher: „Ich habe nicht gesehen, in +welche Richtung Ihre Frau gegangen ist.“ +</p> + +<p> +Auf diese meine Entschuldigung hat er inzwischen von den andern Eingeborenen +eine gute Antwort gelernt: „Wenn ich die Richtung gesehen +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +hätte, finde ich meine Mujer allein. Da brauche ich keinen Medizinmann. +Die Männer haben mir alle gesagt, Sie sind ein Weitseher. Sie haben zwei +zusammengenähte Rohre. Wenn Sie da hindurchsehen, dann können +Sie da weit hinten auf dem Berge einen Mann gehen sehen. Sie haben +gesagt, daß auf den Sternen am Himmel Leute leben. Sie können das +sehen mit Ihren Rohren. Sie sehen oft in der Nacht mit den Rohren zu +den Sternen und sehen sich die Leute an. Sie haben auch gesagt, daß die +weißen Männer mit Rohren alles sehen können, was inwendig von einem +Menschen ist, ohne ihn aufzuschneiden. Sie haben auch gesagt, daß die +weißen Männer mit Leuten sprechen können, die ‚Mil‘ Kilometros weit +fort sind. Ich will jetzt, daß Sie mit meiner Mujer sprechen und ihr sagen, +daß ich keine Tortillas habe und keine Frijoles, und daß sie sofort in +mein Haus kommen soll mit dem Luftwagen, den die weißen Männer +haben.“ +</p> + +<p> +Er schwang sein Machete deutlich genug, um zu zeigen, daß er wisse, wie +er seinen Willen durchzusetzen habe. +</p> + +<p> +Ich kann hier nicht breit klarlegen, warum ich gegen eine solche ernsthafte +Drohung machtlos war. Erschießen konnte ich ihn nicht. Dann +wären mir alle Indianer und auch die Soldaten auf den Hals gekommen. +Was soll man vor Gericht sagen? Wie soll man es beweisen, daß man in +Notwehr war? Fliehen? Wohin? Der Indianer kennt die Wege besser als +ich. Ich konnte mich also nur durch Medizin retten. +</p> + +<p> +Ich holte mein bescheidenes Feldglas und guckte lange nach allen Richtungen. +Endlich tat ich einen Aufschrei: „Ich sehe sie. Ich sehe sie. Der +Hurensohn hat einen schwarzen Bart und schlägt sie. Sie schreit: Mein +Mann, mein lieber Mann, hilf mir, hole mich!“ +</p> + +<p> +In höchster Aufregung hatte der Indianer meine Handlungen verfolgt. +Nun rief er: „Caramba, das habe ich mir doch gleich gedacht, daß es der +Hundesohn Gonzales sein muß. Der hat einen schwarzen Bart. Nun will +ich aber laufen und sie holen. Dem werde ich aber ganz gewiß tüchtig eins +über den Kopf geben. Wo ist sie? Fragen Sie sie gleich, Senjor.“ +</p> + +<p> +„Sie ist ‚Mil‘ Kilometros weit. Der Mann mit dem schwarzen Bart hat sie +mit einem Luftwagen fortgeschleppt. Sie ist jetzt in dem Dorfe Chicolco. +Das liegt bei Iguala in Guerrero. ‚Mil‘ Kilometros weit.“ +</p> + +<p> +„Da will ich aber gleich gehen und sie holen“, sagte er nun aufgeregt. +</p> + +<p> +„Gehen Sie sofort. Es sind ‚Mil‘ Tage zu laufen. Halten Sie sich auf dem +Wege nicht auf, sonst schleppt der Indio mit dem schwarzen Barte sie +noch viel weiter.“ +</p> + +<p> +<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> +„Ich gehe noch jetzt“, sagte er, im heftigsten Reisefieber zitternd. „Und +vielen, vielen Dank, mil gracias, Senjor. Sie sind ein Weiser, verdad, +wahrhaftig. Sie haben sie so schnell gefunden. Aber die zwei Pesos und +fünfzig Centavos kann ich Ihnen jetzt nicht geben. Die brauche ich für +die Reise. Adios, Senjor, leben Sie wohl!“ +</p> + +<p> +Und fort ging er, ohne mir die Medizin zu bezahlen. Ich brauche nicht +sehr besorgt zu sein, daß er mir so rasch wieder auf den Hals rückt. Es +sind sechshundert Meilen, die er zu machen hat. Und da ihm das Reisegeld +fehlt, muß er zu Fuß gehen. +</p> + +<p> +Aber die Medizin, die ich ihm gab, ist wirklich gut. Er ist ein starker und +gesunder Bursche. Er wird keine fünfzig Meilen gehen und dann irgendeine +Arbeit finden. Oder er stiehlt einem Farmer eine Kuh. Inzwischen +hat er Tortillas gegessen und Frijoles. Und wenn er Arbeit hat, hängt +ihm am nächsten Tage eine neue Mujer ihren Sack mit dem Sonntagskleide, +den Strümpfen und den Schuhen in seine Hütte. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-20"> +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +DER BANDITEN-DOKTOR +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">ines</span> Nachts wurde an die dünne Bretterwand des Bungalows +geklopft, in dem ich wohnte. Eine Uhr besaß ich nicht, aber nach der +Stellung des Mondes schätzte ich, daß es kurz nach zwölf Uhr sein +müsse. Es war in einem indianischen Dorfe, und der Ort stand im ganzen +Distrikt in dem Rufe, ein Nest von Banditen zu sein. +</p> + +<p> +Auf dem Lande in Mexiko ist man nirgends sicherer, als wenn man mitten +drin zwischen Banditen wohnt, weder Indianer noch Mestizo ist und sich +um nichts kümmert, was die Leute um einen herum tun und auf welche +Weise sie ihr Leben fristen. Und außerdem habe ich erfahren, daß man +in solcher Umgebung friedlich und zufrieden lebt, wenn jedem Bewohner +des Dorfes bekannt ist, daß man nur ein paar durchlöcherte +Stiefel, einige abgetragene Hemden und eine Hose besitzt, die nicht +einmal mehr gut genug dazu ist, eine andere Hose damit auszuflicken. +Man darf auch ruhig noch obendrein einige Pesos haben, einige Bücher +und eine klickernde und aus allen Nähten fallende Schreibmaschine mit +amerikanischen Typen. +</p> + +<p> +Die Leute, die in jenem Dorfe wohnten, Banditen oder Nichtbanditen, +ließen mich nicht verhungern. Als ich mit meiner Baumwollfarm elend +zusammengesunken war, weil mir meine schöne Baumwolle der Boll-Weevil +geholt hatte, der neun Monate Arbeit und Hoffnung in weniger +als vierundzwanzig Stunden vernichtet hatte, stand ich da, zerknittert +und zerknüllt ins Blaue blickend. Aber kaum hatte ich für mich die +Fragen aufgeworfen: „Was werden wir essen?“, „Was werden wir +trinken?“, „Wohin werden wir uns nun wenden?“, da erschienen in +meinem Bungalow zwei Männer des Dorfes mit dem Wunsche, daß sie +Englisch gelehrt haben möchten. Und sie wollten wissen, wieviel ich +dafür berechne. Ich sagte, zwanzig Centavos für jeden und für jede +Stunde. Sie zahlten mir jeder zehn Stunden im voraus, und so konnte ich +Saat für Mais kaufen, um in dem Baumwollfelde, das zugrunde gerichtet +war, Mais anzupflanzen, für den die Zeit günstig war, weil die erste +Periode der Regenzeit dicht bevorstand. +</p> + +<p> +Durch jene zwei Schüler bekam ich in kurzer Zeit zehn weitere Schüler; +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +denn aus irgendeinem Grunde, mir damals nicht klar, wollten alle +Männer des Ortes mit einem Male Englisch lernen. Die Männer kamen +beinahe regelmäßig, aber sie bezahlten ihre Stunden durchaus regelmäßig. +Und wir alle waren miteinander höchst zufrieden. Also was +werde ich mich darum bekümmern, ob Banditen oder Nichtbanditen! Sie +ließen mich leben und ich sie. +</p> + +<p> +Wird auf dem Lande in Mexiko des Nachts an die Tür geklopft, so +gebieten einem Erfahrung und gute Lehren, sich ruhig zu verhalten, +nicht zu antworten und soviel wie möglich zu versuchen, den Atem +zu unterdrücken. Es kommt vor, daß man nach dem Anklopfen die +Tür öffnet, um nachzusehen, wer es ist, und ob es vielleicht der Telegraphenbote +sein könnte, der einem hundert Dollar bringen möchte. +Sobald man die Tür öffnet, kracht dann ein Schuß oder es krachen ein +halbes Dutzend, und man zieht sich wieder zurück, entweder allein oder +von einem halben Dutzend Männer gefolgt, entweder gesund und unbeschädigt +oder mit einigen Bleikernen beschwert. +</p> + +<p> +Tapferkeit mag ja vielleicht eine große Tugend sein, auf dem Schlachtfelde, +wo die befleckten Ehrenschilder der Nationen wieder reinpoliert +werden sollen; aber Tapferkeit an gewissen Orten und zu gewissen +Zeiten und in Mexiko ist meist ein Zeichen von unheilbarer und angeborener +Dummheit. Es ist hier niemand verpflichtet, Jongleur zu sein +und herumflitzende Revolverkugeln mit den Zähnen aufzufangen. Dafür +ist ja der Zirkus da. +</p> + +<p> +Und da es nun schon mehrere Jahre her war, daß ich mit Wanderzirkussen +herumgezogen war, so hatte ich die Gelenkigkeit verloren, und ich hielt +mich, als ich das Anklopfen hörte, so still wie eine vergrabene Geldtruhe. +Es klopfte wieder und diesmal stärker und nachhaltiger. Ob ich nun zu +zittern begann und mir der kalte Schweiß ausbrach, weiß ich jetzt nicht +mehr; aber ich glaube, daß es nicht geschah. Denn wenn es schon so weit +ist, daß nachts heftig an die Tür geklopft wird und das Klopfen sich +verstärkt, nützt es gar nichts mehr, vor Angst zu schwitzen; denn dann +ist das, was geschehen wird, auf alle Fälle schon entschieden, ganz gleich, +was es ist. Man kann sich dann also ruhig Schweiß, Angst und Hoffnungsbrühe +sparen und diese Dinger für die Würmer aufbewahren, +damit man nicht nachträglich von denen noch beleidigt wird, daß man +ihnen nicht genug Fett und Muskelfleisch hinterlassen hat. +</p> + +<p> +Nachdem nun abermals heftig geklopft worden war, hörte ich halblaut +draußen reden. Es waren, wie ich aus den verschiedenen Stimmen hören +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +konnte, wenigstens drei Männer. Die Stimmen hatten einen kräftigen +und mitleidlosen Tonfall. Die Männer wußten, was sie wollten. +</p> + +<p> +Dann hörte ich, wie die Männer zur Tür schuffelten. Ich hörte die +schweren Tritte auf der sandigen Erde. Zwei schienen Halbstiefel anzuhaben +und einer Sandalen. Auf alle Fälle wurde mein Leben um die +Zahl der Schritte verlängert, die bis zur Tür waren. Ich überlegte, ob ich +fliehen könnte. +</p> + +<p> +Der Bungalow hatte, wie alle solche Holzhäuser in Mexiko und im +Süden der Staaten, an jeder Seite eine Tür. Aber die Türen hatte ich mit +Vorlegebalken verrammelt. Das Abwuchten des Balkens konnte nicht +ohne Geräusch getan werden, und beim leisesten Geräusch wären die +Männer an der Tür gewesen, wo ich ausbrechen wollte. Ich dachte +natürlich auch sofort an Medizin, durch die ich mich vielleicht retten +könnte. Aber in diesem kurzen Augenblicke – ich war aus tiefem +Schlaf geklopft worden – fiel mir keine Medizin ein, die brauchbar hätte +sein mögen. Ich mußte wohl auch erst einmal zusehen, wie die Männer, +denen ich eine mich heilende Medizin zu verabreichen gedachte, aussahen +und was sie wollten. Einen Revolver oder eine sonstige schießende +Spritze hatte ich auch nicht. Hilft auch nicht viel, wenn man so etwas +hat. Es kann glücken, daß man alle drei erschießt. Das ist das geringste. +Viel wichtiger und viel schwieriger ist, aus dem Dorfe fortzukommen, +nachdem man drei seiner Bürger erschossen hat, aus einem Dorfe heil +fortzukommen, von dem man weiß, daß es eine Burg voll von Banditen +ist. Ich habe überhaupt oft gefunden, daß es eine der größten Sicherheiten +ist, wenn man keinen Revolver hat. Dann hat man keine Verpflichtung, +tapfer zu sein. Tapferkeit wird immer und überall schlecht belohnt. Es +sind immer die Leisegänger, die den Krieg überleben; die wahrhaft +Tapferen bleiben draußen für den Ruhm derer, die unter Triumphbogen +heimmarschieren. +</p> + +<p> +Die Männer waren nun zur Tür gekommen. Der Bungalow war auf +Pfosten gebaut, der schweren tropischen Regengüsse wegen. Infolgedessen +führten hier einige Stufen hinauf zur Tür. +</p> + +<p> +Ich hörte die Leute die Stufen hinauftrampeln. Da die Treppe nicht sehr +breit war, schien nur einer an der Tür zu sein, während die beiden +andern auf den unteren Stufen standen. +</p> + +<p> +Der Mann an der Tür klopfte nun heftiger an, und er gebrauchte wohl, +nach dem harten Ton zu schätzen, den Knauf seines Revolvers oder +seines Gewehrs. +</p> + +<p> +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +Als das Klopfen nichts fruchtete, begann er zu rufen: „Oiga, Hombre, +machen Sie auf, stehen Sie auf. Wir wollen mit Ihnen reden.“ +</p> + +<p> +Das gab mir nun den Beweis, daß sie genau wußten, daß ich im Hause +sei, denn andernfalls würden sie nicht rufen. +</p> + +<p> +Sie waren hartnäckig sowohl mit dem Klopfen als auch mit dem Rufen. +Aber ich rührte mich nicht, mit keiner Wimper. +</p> + +<p> +Nun redeten sie wieder untereinander. Dann hörte ich, wie sie die Stufen +hinabpolterten und über den Sand dahinschlurften. Ich glaubte, daß sie +endlich eingesehen hätten, ich sei nicht zu Hause. Aber ich hatte mich +verrechnet, wie es immer geht, wenn man etwas glaubt. +</p> + +<p> +Sie gingen einige Schritte weiter und blieben dann stehen, genau an der +Wand, die meinem Brettergestell, auf dem ich schlief, am nächsten war. +Und nun begannen sie hier gegen diese Wand mit aller Kraft zu klopfen +und zu rufen. Jetzt wußte ich aber auch, daß unter den Männern einer +sein mußte, der mein Haus genau kannte; denn sonst wäre es für jene +Leute nicht möglich gewesen, zu wissen, in welchem Teil des Bungalows +ich schlief. +</p> + +<p> +Es blieb mir nun nichts weiter übrig, als zuzugeben, daß ich im Hause +sei. Und ich machte mich auf, dem Tode gefaßt und ohne mit einem +Härchen zu wackeln, in das kalte Auge zu sehen. Ruhmvoll war ein +solcher Tod nicht, denn niemand würde Notiz davon nehmen, wie kaltlächelnd +und höhnisch ich den Tod hinnahm; denn erstens war es finster, +und zweitens war weder ein Zeitungsreporter noch ein Geschichtsschreiber +zugegen, der der Nachwelt hätte verkünden können, wie edel +meine Haltung in der letzten Stunde meines Lebens war. Banditen +scheren sich nicht viel darum, ob man eine edle Haltung einnimmt, oder +ob man vor kalter Angst mit den Kinnbacken bibbelt. Auch Henker +kümmern sich nicht darum. Es ist Geschäft, nüchtern und sachlich wie +jedes Geschäft, und darum uninteressiert für jede Phrase, die nichts mit +dem Geschäft unmittelbar zu tun hat. +</p> + +<p> +So schnell stand ich ja nun nicht auf von meiner Bretterlage, wie vielleicht +erwartet worden war. Denn jede Minute, die ich gewann, war dem +Tode abgerungen. So sagte ich schläfrig: „He, ihr da draußen, was ist +denn los? Caray, zum gottverfluchten Maultierschwengel, kann man denn +in diesem Nest, bebrütet von Teufelsfratzen und Geierfedern, nicht eine +einzige Nacht in Ruhe schlafen? Was ist denn das für ein besoffenes +Gesindel, das sich vor meiner Hütte herumbalgt? Ich habe keinen Tequila +hier im Hause. Zur Hölle mit euch verschwefelter Brut, ich will schlafen.“ +</p> + +<p class="ibr"> +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +Ich war immer lauter geworden, mich absichtlich in Wut und Ärger +hineinredend; denn wenn es schon meine letzten Worte auf dieser Erde +sein sollten, so wollte ich doch, daß sie mit Inbrunst, Kraft und Saft +mein letztes Gebet verschönern möchten, damit die Ewigkeit weniger +langweilig sei. +</p> + +<p> +Einem schlaftrunkenen Menschen nimmt man nichts übel, wenn man sein +rasches Aufstehen dringend benötigt. Und diese Männer hier schienen +mein Wachwerden wirklich sehr zu wünschen. Denn als sie hörten, daß +ich antwortete, wurde ihr harter Ton ein wenig milder. Vielleicht hatten +sie geglaubt, ich sei in der Tat nicht daheim, und daß sie deshalb unverrichtetersache +hätten abziehen müssen. +</p> + +<p> +Einer nahm nun das Wort allein: „Hören Sie, Senjor, kommen Sie doch +für einen Augenblick zur Tür, ich muß dringend mit Ihnen sprechen, +es ist eine ernste Sache.“ Es lag viel Bitten in dem Klang seiner Worte. +</p> + +<p> +Indianer und Halbindianer haben keinen Begriff für Zeit. Wenn sie +etwas auf dem Herzen haben, kommen sie zu jeder beliebigen Zeit des +Tages oder des Nachts. +</p> + +<p> +Mich an die Tür zu locken, konnte nun aber doch vielleicht nur ein +Trick sein, um das, was sie mit mir vorhatten, leichter und bequemer +auszuführen. Aber was immer es auch sein mochte, was die Männer +zu tun gedachten, ich mußte nun doch endlich die Tür öffnen. Sie hätten +die Tür ja sowieso einschlagen können, wenn sie gewollt hätten. +</p> + +<p> +„Hallo, Senjores“, sagte ich nun, mich dabei schläfrig gegen den Türpfosten +lehnend, „womit kann ich Ihnen helfen?“ +</p> + +<p> +Es war Mondschein, und ich konnte die Männer, die da vor den Stufen +standen, deutlich sehen, wenngleich ich ihre Gesichter nicht erkennen +konnte, weil sie von großen Hüten beschattet waren. Die Männer waren +sehr robuste Gestalten, ohne Jacken, nur Hosen an und Baumwollhemden, +die am Hals offenstanden. Einer trug Ledergamaschen und +gelbe Stiefel mit hohen Absätzen, die aber völlig schiefgelaufen waren. +Ein anderer trug ledergraue Stiefel, die an mehreren Stellen aufgeplatzt +waren. Der dritte trug, wie ich schon früher aus seinem leichten Tritt +geschlossen hatte, Sandalen an nackten Füßen. +</p> + +<p> +Zwei der Männer, die mit Stiefeln bekleidet, hatten jeder ein Gewehr, +das sie in der Hand trugen. Der eine von diesen beiden hatte außerdem +noch einen Revolver hinten im Ledergurt stecken. Beide hatten ihre +Gürtel voll mit Patronen gespickt. Der Mann mit den Sandalen trug +nur einen Machete in der Hand. +</p> + +<p> +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +Es war dieser Mann mit dem Machete, der mich zu kennen schien. Ich +glaubte auch, daß ich ihn schon verschiedene Male im Dorfe gesehen +hatte, während mir die andern beiden durchaus fremd waren. +</p> + +<p> +Man hat zuweilen etwas im Instinkt. Und nirgends entwickelt sich der +Instinkt besser als bei einem Leben, wo man auf guten Instinkt fortwährend +angewiesen ist, und wo der Instinkt oft nur das einzige Schutzmittel +ist, das man zur Verfügung hat. Dieser Instinkt gab mir merkwürdig +rasch die Gewißheit, daß der Mann mit dem Machete mir gegenüber +friedliche Absichten hat, und daß die beiden anderen Männer nicht +mein Leben und meine Reichtümer verlangten, sondern irgendeine Hilfeleistung. +</p> + +<p> +Es war dann vielleicht doch nicht mein Instinkt, der mir die Absicht der +Männer verriet, sondern es war wohl nur, daß ich die Gedanken des +Mannes, der mit dem Machete, auffing in demselben Augenblicke, als er +sich bemühte, seine Gedanken in Worte umzusetzen. Er sagte: „Senjor, +tenga la bondad, por favor, möchten Sie nicht die große Freundlichkeit +haben, mit uns zu meinem Hause zu kommen. Ich habe da meinen Neffen +liegen. Ich weiß nicht, was er hat. Man hat mir ihn krank ins Haus gebracht. +Er will nicht aufwachen. Und wir möchten Sie doch recht sehr +bitten, mit uns zu gehen und zu sehen, ob Sie ihm nicht helfen können.“ +</p> + +<p> +„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Das wissen wir eben nicht, und darum möchten wir Sie ja so sehr bitten, +nachzusehen, was mit ihm ist.“ +</p> + +<p> +Der nächste Doktor wohnte etwa vierzig Meilen weit. Er würde für den +Besuch, der nur zu Pferde zu machen war und drei Tage Zeit aufbrauchte, +sicher wenigstens hundert Pesos verlangen, eine Summe, die +auf den Tisch gelegt werden mußte, ehe sich der Doktor auf das Pferd +setzte. Und wer von diesen Leuten kann hundert Pesos bezahlen? Umsonst +kommt der Doktor nicht, weder dieser noch ein anderer. In erster +Linie ist er Geschäftsmann und in zweiter Linie noch lange nicht nur +Doktor; denn es stundet ihm niemand die Miete, und wenn er seine +Rechnung beim Bäcker und beim Gemüsehändler nicht pünktlich bezahlt, +dann wird ihm im zweiten Monat nicht einmal mehr ein Kilogramm +Kartoffeln geborgt. Wer nicht zahlen kann, hat kein Recht zum Leben, +er muß entweder sterben oder versuchen, ohne Doktor am Leben zu +bleiben. Darum bleiben die meisten Mexikaner so lange am Leben, bis +sie mehr als neunzig Jahre alt sind und kein Kirchenbuch sich mehr +darauf besinnen kann, wann sie geboren wurden, vorausgesetzt natürlich, +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +daß ihnen nicht in einer Schießerei der Atem fortgeblasen wurde und +gleich so weit, daß sie ihn nicht mehr einfangen können. +</p> + +<p> +Ich besaß eine wacklige Pappschachtel, in der einmal, in längst vergessenen +Zeiten, Schuhe eingepackt gewesen sein mögen, die sicher +nicht meine Schuhe waren, denn meine Schuhe waren viel älter. Diese +Pappschachtel, was immer ihr einstiger und erster Zweck gewesen sein +mochte, diente mir als Medizinkasten. Man darf sich natürlich meinen +Medizinkasten nicht so vorstellen wie einen First-Aid-Kasten der +Henry-Ford-Automobil-Fabrik, Dearborn. Er war nicht ganz so vollkommen. +Meine Medizin-Pappschachtel enthielt auch einige Medizin. +Aber außer dieser Medizin war noch darin: Nähzeug, Hosenknöpfe, +ein morsches Farbband, einige abgebrauchte Sicherheits-Rasierklingen, +eine ausgepreßte Zahnkremtube, ein großer Angelhaken, zwei kleine +Angelhaken, fünf Zeitungsausschnitte, ein Taschenmesser mit zerbrochener +Hauptklinge, die andere kleine Klinge war zwar sehr verrostet, +war aber sonst noch gut erhalten, Bindfaden in verschiedenen +Stärken, vier verschiedene Schrauben, einige Nägel, ein Bleistiftstümmelchen, +ein undichter Füllfederhalter, der ausgebrochene Zahn eines +Eselfüllens, die Rattel einer Klapperschlange und noch einige andere +Sachen, auf deren Art und Gebrauchswert ich mich nicht genau erinnere. +</p> + +<p> +In meiner Jungenzeit hatte ich stets all mein irdisches Hab und Gut +in meinen Hosentaschen und Jackentaschen, weil ich immer fahrtbereit +und reisefertig sein mußte, wo immer ich auch war. Da ich inzwischen +wohlhabender geworden war, trug ich nunmehr alle meine +irdischen Reichtümer in jener wackligen Pappschachtel, die im Augenblick +zugeschnürt sein konnte. Denn meine Lebensweise hatte sich seit +meiner Jungenzeit wohl vorübergehend, aber nicht dauernd geändert. +Auch jetzt noch mußte ich immer, zu jeder Tageszeit und Nachtstunde, +reisefertig sein. +</p> + +<p> +Auch wenn mir jene Herren mit schußbereiten Gewehren nicht gesagt +haben würden, daß meine medizinischen Kenntnisse augenblicklich sehr +dringend gewünscht seien, so hätte ich dennoch meinen Medizinkasten +mit mir genommen. Das geschah instinktiv und aus Erfahrung. Denn +es war vorgekommen, in Mexiko wie auch erst recht anderswo, daß +ich glaubte, mich nur für eine Stunde von meinem gegenwärtigen +Aufenthaltsorte zu entfernen; und wenn ich zur Besinnung kam, war +ich auf einem anderen Kontinent gelandet, zuweilen gestrandet. Durch +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +solche Erfahrungen wird man vorsichtig, und Zahnbürste, Rasierzeug +und ein kleiner Taschenkompaß waren Tag und Nacht gut eingeknöpft +in meiner linken hinteren Hosentasche als ständiges Notgepäck. +</p> + +<p> +Was wußte ich, wo ich landen würde, wenn ich jetzt mit diesen drei +Nachtvögeln davonflog. +</p> + +<p> +„Ist das Ihr Doktorkasten?“ fragte mich nun einer der Männer, während +er dabei sein Gewehr so über die Schulter warf, daß er den Lauf +vorn in der Hand behielt und der Kolben hinten über dem Rücken +war. +</p> + +<p> +„Ja, das ist mein Medizinkasten“, bestätigte ich, und die Männer murmelten +etwas, das wie Zufriedenheit klang. +</p> + +<p> +„Dann wollen wir uns nun aufmachen“, sagte ein zweiter. +</p> + +<p> +Ich schob den hölzernen Riegel vor die Tür. Und dann zockelten +wir los. +</p> + +<p> +Ich hatte auch nicht die leiseste Idee, wohin wir gehen würden. Denn +darüber war nichts gesagt worden. Es hatte keinen Zweck für mich, +zu fragen, wohin wir gehen würden; denn ob wir nach Honduras +marschierten oder nach Alberta in Kanada, das hatte ja nicht ich zu +entscheiden, sondern das wurde, ob es mir nun gefiel oder nicht, von +denen diktatorisch entschieden, die Gewehre hatten. Immer wer das +Gewehr hat, der hat das Recht zu kommandieren, und immer der, der +das Gewehr nicht hat, hat die Pflicht zu gehorchen. Das ist nun schon +so seit dem flammenden Schwert des Erzengels an der quietschenden +Gartentür des Paradieses. Weltgeschichtliche Leistung, zwei nackte +Menschen aus dem Gemüsegarten hinauszujagen, wenn der Feldhüter +ein flammendes Schwert schwingt und die beiden durch Schuld geknickten +Leutchen nichts weiter als Waffe in den Händen halten als +ihre Scham, ein abgetrenntes Blatt von ihrer flimsigen Kleidung und +die abgeknabberte Rinde ihres Apfelstrudels, der an allem Unheil schuld +war. Was blieb ihnen übrig, sie mußten gehorchen, und es half ihnen +gar nichts, daß sie zwei Mustermodelle aus den Privatkunstwerkstätten +für künstlerische Lehmarbeiten waren. Hätten sie ebenfalls ein Schwert +oder ein Maschinengewehr gehabt, wäre alles anders gekommen, und +unsere Ansichten über Befehlen und Gehorchen hätten eine andere Richtung +eingenommen. Darum wird man wohl verstehen, warum ich mit +den drei Männern durch die Nacht wanderte, ohne mit einer Silbe mich +zu beschweren oder gar zu fragen, wohin wir gehen würden. Wo man +nichts dreinzureden hat, läßt man alles gehen, wie es will. +</p> + +<p> +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +Wir trotteten nicht mitten durch das Dorf, sondern hielten uns nahe +der Hütten, die mehr am Rande lagen. Die Hunde bellten entsetzlich +von allen Seiten. Und jene Hunde, die uns nicht sahen und uns nicht +hörten, bellten sich heiser, um den übrigen Hunden nicht alles Vergnügen +allein zu lassen. Es war ein Höllenlärm im Dorfe. Denn von +dem anhaltenden Bellen der Hunde wachten auch die Hähne auf und +krähten, und die Esel fielen mit ein. Aber von den Bewohnern kam +niemand vor seine Hütte, um zu sehen, was los sei. Denn Indianerhunde, +wenn erst einmal einer damit anfängt, bellen die halbe Nacht, +ob da ein Trupp von Banditen die Häuser umschleicht, oder ob ein +Esel schläfrig durch das Dorf wandert, oder eine Katze hinter einer +Maus her ist, oder ob der Mond scheint oder ob gar nichts geschieht. +</p> + +<p> +Nachdem wir die letzten Häuser hinter uns hatten, marschierten wir +eine gute lange Strecke durch niedriges Dschungelgestrüpp, dann durch +ein Stück Busch und erreichten endlich ein Bretterhaus. +</p> + +<p> +Das Haus hatte vorn einen eingezäunten Blumengarten und an beiden +Seiten gutgepflegte Gemüsegärten, wie ich leicht und sicher in dem +hellen Mondlicht erkennen konnte. Das Haus sah nicht von alten +Brettern zerflickt aus und war nicht mit Lumpen, alten Schilfmatten +und Fellen behängt und benagelt, wie die meisten Häuser des Dorfes +auszusehen pflegten. Es machte von außen schon einen sehr reinlichen +Eindruck. Auf der Porch, der Veranda, standen zahlreiche Blumen eingepflanzt +in Töpfen, und da waren kleine Palmen und tropische Blättergewächse +in Kasten und ausgebrauchten Eimern und Petroleumbüchsen. +Der gute Eindruck, den ich von außen empfing, wurde um ein Vielfaches +verstärkt, als ich in den Wohnraum kam. Nicht nur in dem +Dorfe selbst, sondern im ganzen Bezirk hatte ich ein ähnlich sauberes +und gut möbliertes Haus nie vorher gesehen. Das Haus eines gutsituierten +amerikanischen Farmers, der Reinlichkeit und Behäbigkeit +liebt, konnte weder in Texas, noch in Arizona, noch in Coahuila oder +Sonora besser und freundlicher aussehen als dieses Haus. Ich hatte nicht +gewußt, und ich hätte es auch nicht geglaubt, daß hier in dieser Gegend +eine so wohldeftige Familie lebte, die fähig war, ein Haus so in Ordnung +und Wohnlichkeit zu halten, wie ich es hier sah. +</p> + +<p> +Die Leute hatten eiserne weißlackierte Bettstellen; sie hatten richtige +Stühle, einige Schaukelstühle, eine gute Decke auf dem Tisch, große +eingerahmte Bilder an der Wand: Lohengrin mit seiner Elsa auf dem +Bettrand sitzend; Othello, seine großen Bombastreden von fernen +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +Ländern und wilden Ungeheuern haltend; Porfirio Diaz in glänzender +Generalsuniform; der Ausmarsch des mexikanischen Freiheitshelden +Hidalgo aus dem Dorfe Dolores; die Heilige Jungfrau von Guadeloupe; +und eine Anzahl von kleinen und vergrößerten Photographien von +Onkeln, Tanten, Großvätern, Ehepaaren, Kindern und Kommunionskerzenträgern, +die wohl alle zur Familie gehörten. +</p> + +<p> +Man vermochte sich nichts zu denken, das friedlicher hätte sein können, +wohlanständiger und ehrenwerter als das Haus und die Familie, die +es bewohnte. Wer in einem solchen Hause wohnte und ein Haus so +in Ordnung und Sauberkeit halten konnte, waren Bürger, die einen +Staat wohl in seinen Fundamenten stützen und erhalten konnten. +</p> + +<p> +Aber ein erfahrungsreiches Leben lehrt einen in harter, wenn auch in +erfolgreicher Schulung, Dinge nicht blindlings so zu nehmen, wie sie +aussehen. Es gibt wunderschöne Pflanzen im mexikanischen Busch, die +einen verführen, sie näher anzusehen, aber wenn man sie anfaßt oder +auch nur unvorsichtig mit dem nackten Arm streift, bekommt man +einen Hautausschlag, an dem man zwölf Monate doktern und salben +kann und man selbst dann noch nicht einmal sicher ist, wann man ihn +los sein wird. +</p> + +<p> +Trotz des wohlanständigen und ehrenwerten Hauses vergaß ich doch +nicht einen Augenblick lang, daß mich drei Männer hierhergelockt +hatten, die auch dann noch genügend verdächtig hätten sein müssen, +wenn sie nicht mit schußbereiten Gewehren und gespickten Patronengürteln +beladen gewesen wären. +</p> + +<p> +Mit keinem Wort und mit keiner Geste ließ ich erkennen, daß mir +der Zwischenreim für das wohlanständige Haus und die drei Burschen +bereits klargeworden war. Ich sah das alles so an, als ob es gar nicht +anders sein könnte. Ich betrachtete mir die Bilder an den Wänden, als +ob sie große Meisterwerke einer Galerie seien, und um die Leute glauben +zu machen, daß ich die Bilder bewundere, sagte ich: „Sehr schöne +Bilder, von berühmten Meistern gemalt.“ Aber während ich das sagte, +sah ich mir doch alles, was es in dem Raum zu sehen gab, sehr sorgfältig +an. Ich betrachtete mir die Fenster genau, dadurch, daß ich die Augen +senkte, während ich den Kopf hoch hielt, als betrachte ich die Bilder. +Aber die Fenster waren gut verrammelt, kein Lichtstrahl drang hinaus +in die Nacht, und es war wenig Hoffnung, aus einem der Fenster zu entspringen, +wenn es hätte nötig werden sollen. Es führten zwei Türen aus +dem Raume, aber beide führten nur in zwei andere Räume. +</p> + +<p> +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +Die beiden Männer mit den Gewehren setzten sich auf Stühle so an +die Tür, daß an jedem Pfosten einer saß. Sie stellten ihre Gewehre +zwischen die Knie und drehten sich Zigaretten. +</p> + +<p> +„Setzen Sie sich doch, Senjor“, sagte jetzt einer der Männer, während +er mit dem Fuße auf einen leeren Stuhl deutete und dabei das Maisblatt, +in das er den Tabak eindrehte, mit der Zunge beleckte. +</p> + +<p> +Ich setzte mich und sah mich nun weiter in dem Raume um, aber in +einer Weise, als ob ich mich eben nur umsehe, weil sonst nichts weiter +zu tun oder zu sehen war. +</p> + +<p> +Der Fußboden war mit dicken Petates reich belegt. Die Matten waren +gelb und frisch. An den Stellen, wo die Matten nicht ganz zusammentrafen, +konnte ich sehen, daß der Fußboden knochenbleich gescheuert +war und rein wie frischgewaschenes Linnen. In einer Ecke war ein +kleiner Altar, auf dem ein Muttergottesbild stand, mit einem brennenden +dünnen Lichtchen, in einem Wasserglase mit Öl schwimmend. +Über den Ecken des Muttergottesbildes hingen drei billige Rosenkränze. +Zu beiden Seiten des Muttergottesbildes standen ein halbes +Dutzend von Heiligenbildchen in sehr billigen und geschmacklosen +Rähmchen. +</p> + +<p> +Auf dem Tische, auf dem eine reine buntfarbige Baumwolldecke gebreitet +lag, stand eine richtige Petroleumlampe. Eine richtige Petroleumlampe +hatte ich wohl seit vierzehn Monaten nicht zu Gesicht bekommen; +denn im ganzen Dorfe hatte niemand eine und ich am wenigsten. +Und es war wohl diese Petroleumlampe, die mir, gleich bei meinem +Eintritt in das Zimmer, am stärksten den Eindruck übermittelt hatte, +daß ich mich im Hause von wohlhabenden Leuten befinde. Auf dem +Tische stand noch eine Fruchtschale aus rötlichem Glase, deren Rand +blumenartig verbogen war, mit einem verschnörkelten Fuße aus einem +blechernen Metall. Eine Schale, wie man sie gelegentlich in einem Zelt +gewinnen kann, in dem man für zehn Cents mit fünf Bällen auf einen +Knopf werfen kann, bis ein lebendiger Neger hinten in ein mit Wasser +gefülltes Faß fällt, oder in einem anderen Zelt, wo man für zehn Cents +zwei rohe Eier einem lebendigen Neger ins Gesicht werfen darf. +</p> + +<p> +Der Mann mit dem Machete war gleich bei unserem Eintritt in eines +der Nachbarzimmer gegangen, und er hatte die Tür hinter sich fest +zugemacht. Zuweilen hörte ich – das ganze Haus war ja nur, wie +alle Häuser hier, aus dünnen Brettern gebaut –, daß im Nebenraum +halblaut gesprochen wurde. +</p> + +<p> +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +Endlich kam jener Mann wieder zurück in das große Zimmer, wo wir +saßen. Er hatte eine Flasche und ein Gläschen. +</p> + +<p> +„Wollen wir erst einmal einen nehmen“, sagte er und goß das Gläschen +voll. Er bot es mir an; ich sagte „Salud!“ und schwenkte den Tequila +hinunter. Er rann mir warm und mollig durch die Kehle, und ich +dachte, wo man so guten Tequila hat und anbietet, da kann nicht +pure Mörderei und Feindschaft auf dich warten, denn einen so guten +Anjejo verschwendet man nicht auf jemand, den man aus der Welt +zaubern will. +</p> + +<p> +Das Gläschen wurde nachgefüllt und machte seine Runde. +</p> + +<p> +„Noch einen ganz, ganz Kleinen, damit die Ohren nicht wackeln?“ +fragte der Mann gutmütig. +</p> + +<p> +„Como no“, sagte ich, und er schenkte mir noch einen gesunden Tropfen +ein. Aber ich war der einzige, der zweimal nippen durfte. Weder +bekamen die beiden Türwächter noch einen nachgeschlürft, noch zog der +gute Mann selbst sich einen kleinen Ohrenberuhiger hinterher. +</p> + +<p> +„He, ja“, sagte der Mann nun, während er die Flasche zukorkte, den +Korken mit Andacht fest eindrehte und Flasche und Gläschen auf den +Tisch stellte, „ja, nun wollen wir doch einmal an das Geschäft gehen.“ +Er stand auf, öffnete leise die Tür, durch die er gekommen war, und +winkte mir, zu folgen. +</p> + +<p> +Die beiden Männer, mit den Gewehren zwischen ihren Knien, blieben +bei der Tür sitzen. Merkwürdig war es, daß ich jetzt wie plötzlich +das Gefühl bekam, daß die beiden Männer nicht mich bewachten oder +mich verhindern wollten zu entspringen, sondern daß sie dort dicht an +der Tür bewaffnet saßen, um diejenigen, die im Hause waren, zu +schützen gegen jemand, der von draußen kommen könnte. Davon +wurde ich um so mehr überzeugt, als sich die beiden etwas zuflüsterten +und der eine aufstand, hinausging und sich draußen auf eine Stufe setzte, +während der andere, der im Raume blieb, sich so setzte, daß er von +jemand, der hereinkam, nicht sofort gesehen werden konnte, während er +selbst den Hereinkommenden völlig unter der Gewalt seines Gewehres +hatte. +</p> + +<p> +Ich folgte nun jenem Manne, der die Tür zu dem zweiten Raum geöffnet +hatte. +</p> + +<p> +In dem Raume brannte ein kleineres Lämpchen, das wenig Licht verbreitete. +Der Mann ging zurück in den ersten Raum, nahm die Lampe +vom Tisch und leuchtete mir nun in jenes Zimmer hinein. +</p> + +<p> +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +Zwei Frauen saßen auf Schaukelstühlen. Beide hatten den Rebozo um +Kopf und Hals gelegt, weil es nun kühl in der Nacht wurde. Beide +Frauen waren Indianerinnen, sauber gekleidet und in Sprache und +Benehmen – wie ich bald lernte – durchaus gleich den Frauen eines +mexikanischen Ranchobesitzers von mittlerem Wohlstand. +</p> + +<p> +Die eine der Frauen war verhältnismäßig jung. Sie war, wie ich gleich +hörte, die Frau des Mannes mit dem Machete. Die andere Frau war +älter; sie konnte wohl gut die Mutter der Frau oder des Mannes sein. +Das Zimmer war das Schlafzimmer des Ehepaares. Da in dem ersten +Raum gleichfalls zwei Betten waren, schien es, daß hier mehrere Personen +wohnten, vorausgesetzt daß jene Betten im Gebrauch waren, +was ich ja nicht erraten konnte. +</p> + +<p> +Beide Frauen standen auf aus ihren Stühlen und sagten freundlich und +höflich: „Guten Abend, Senjor!“ Sie gaben mir die Hand und setzten +sich wieder. +</p> + +<p> +Ich sah mich im Raume um, und ich bemerkte zur Seite auf einer Schilfmatte +einen jungen Mann liegen, der bis zum Kinn mit einer halbwollenen +Decke zugedeckt war. Sein Gesicht war bleich; bleich wie das Gesicht +eines Indianers eben werden kann. Aber das Gesicht war voll, und +daraus schloß ich, daß der Mann nicht lange krank sein konnte, daß +er wohl nur schwer verwundet sei. Er rührte sich nicht und lag da +wie tot. +</p> + +<p> +„Das ist der Junge, von dem ich Ihnen gesagt habe“, sagte der Mann +und stellte die Lampe auf einen Stuhl, den er dicht an das Lager des +Kranken rückte. +</p> + +<p> +„Sie können dem Jungen gewiß helfen, Senjor“, sagte nun die jüngere +Frau. „Er ist mein Neffe, und wir würden recht traurig sein, wenn +er uns fortstürbe. Seit unser eigener und einziger Sohn in einer dummen +Schießerei sein Leben verlor, haben wir diesen hier wie unseren Sohn +angesehen. Wir würden Ihnen wirklich von ganzem Herzen danken, +wenn Sie etwas tun könnten, daß er uns erhalten bleibt. Es ist der +letzte, der uns bleibt von allen Jungen aus unserer Familie. Alle übrigen +sind erschossen oder erstochen worden bei den Wahlen, und keiner +hat doch je ein Amt für sich haben wollen. Es war nur immer der +anderen wegen, daß sie sich in die politischen Händeleien hineinmischten.“ +</p> + +<p> +Die Frau weinte nicht, aber sie hatte eine echte Rührung in ihren +Worten. Die ältere Frau seufzte einige Male auf. +</p> + +<p> +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +In den letzten Monaten hatte hier im Distrikt keine einzige Wahl +stattgefunden. Die Wahlhändel wurden auch nicht hier im Dorfe ausgefochten, +sondern in der Distriktsstadt, wo alle die Burschen und +Männer der umliegenden Dörfer natürlich hinritten, um ihre Schießerei, +ihr Vivatschreien in den Straßen und das Händeschütteln der +Kandidaten, die sie auf ihren Schultern durch die Straßen schleppten, +genießen zu können. Es kamen niemals alle die lebend wieder heim, +die zu den Wahlreden ritten. Jedesmal blieben zwei, drei oder ein +Dutzend auf dem Felde der Wahlkämpfe. +</p> + +<p> +Da aber lange keine Wahl gewesen war – denn die gegenwärtigen +Behörden des Distrikts waren von der Federalregierung provisionell +eingesetzt worden, um die ewigen Wahlmördereien zu verhindern –, +so konnte der Bursche hier nicht gut bei einer Wahl etwas abbekommen +haben. +</p> + +<p> +Ich kniete mich nieder an die Seite des jungen Mannes und begann +ihn zu untersuchen. Die Augen waren geschlossen. Als ich die Augendeckel +hob, sah ich, daß die Augen wohl schläfrig waren, aber nicht +trüb, und die Pupillen reagierten auf das Licht. Das Herz schlug regelmäßig, +aber sehr leicht, nur wie ein Tippen. Der Atem war sehr leise; +aber auch er ging ziemlich gleichmäßig. +</p> + +<p> +„Was fehlt ihm denn?“ fragte ich aufblickend. +</p> + +<p> +Die Frau antwortete mir und sagte: „Das wissen wir eben nicht. Sie +haben uns den Jungen so ins Haus gebracht, und er ist noch nicht einmal +aufgewacht. Denken Sie, daß er uns wegsterben kann, Senjor?“ +</p> + +<p> +„Das kann ich nicht sagen. Vorläufig stirbt er nicht. Hat er nicht etwas +gesagt zu den anderen, was ihm fehlt oder wo es ihm weh tut?“ +fragte ich. +</p> + +<p> +Niemand antwortete mir, und ich sah auf, um zu sehen, warum ich +keine Antwort bekam. Ich bemerkte, daß der Mann die Frau rasch +ansah, den Finger auf den Mund drückte und mit dem Kopf schüttelte. +Sofort sah ich wieder weg und wandte mich dem Kranken zu. Dann +dehnte ich ein langes „Ja“ von mir, schluckte vernehmlich und richtete +mich halb auf. Die Leute hatten genügend Zeit gehabt, ihre Geheimsprache +zu vollenden, und sie sahen mich an und zuckten die Schultern. +</p> + +<p class="ibr"> +„Hat er denn etwas gegessen, das ihm nicht bekam?“ fragte ich nun. +</p> + +<p> +„Ich glaube nicht“, antwortete der Mann. +</p> + +<p> +Ich setzte mich auf den Stuhl, machte tiefe Gedanken und tat alles +genau so, wie es auch andere große Doktoren und berühmte Ärzte tun. +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +Das will sagen, ich wußte nichts, solange mir nicht der Kranke selbst +sagen konnte, was ihm weh tat und wo es ihm fehlte. Ich war ja kein +Viehdoktor. +</p> + +<p> +Dann sagte ich das, was alle Ärzte sagen: „Es ist sehr ernst. Aber ich +werde mein Bestes tun, vielleicht bringen wir ihn durch.“ +</p> + +<p> +In dem Augenblick kamen die beiden Männer mit den Gewehren herein. +Sie waren neugierig geworden und wollten sehen, wie tüchtig +ich war. „Wo ist mein Medizinkasten?“ fragte ich. +</p> + +<p> +Sofort sprang einer der Männer in den Nebenraum und brachte meine +Pappschachtel. Was ich damit tun wollte, wußte ich im Augenblick +natürlich nicht. Aber ich war gewiß, daß mir schon etwas einfallen +würde. Tun mußte ich auf alle Fälle etwas, ganz gleich was es war; +denn ich war hierhergeschafft worden als Doktor, man erwartete von +mir, mich als Doktor zu benehmen und zu betragen, und so blieb mir +nichts anderes übrig, als den Leuten gefällig zu sein. +</p> + +<p> +Welche Folgen es haben würde, wenn ich als Doktor versagte, darüber +bestanden keine Zweifel. Die Tatsache, daß beide Männer mit den +Gewehren jetzt im Raume waren, bewies mir, daß meine Vermutung, +sie möchten jemand von draußen verhindern, in das Haus einzubrechen, +unrichtig war. Sie waren jetzt hier hereingekommen, um zu sehen, was +ich leisten könnte. Und da sie die Gewehre selbst hier in diesem Raume, +wo ein Sterbender lag, nicht aus der Hand stellten, das gab mir die +Gewißheit, daß sie sehr bald die Gewehre auf mich richten würden und +sagen: „Du rettest jetzt den Burschen da, und zwar sofort; und wenn +er nicht in wenigen Minuten auf und gesund ist wie ein junger Hahn, +dann knallen diese Gewehre, und du kannst dich danebenlegen in dieselbe +Grube.“ +</p> + +<p> +So etwas geschieht Ärzten in der Tat, und wenn ich schon hier als +Arzt tätig bin, warum soll man mit mir eine Ausnahme machen? +</p> + +<p> +Aber als geschickter Arzt, der seine Medizin gut studiert hat, kann man +das Sterben eines Sterbenden recht gut in die Länge ziehen. Dann kann +man sich noch immer damit entschuldigen, daß Gott das eben anders +bestimmt habe. Und das wird einem geglaubt. Vielleicht wird man es +auch mir glauben. Die Leute sind ja Christen, gute Christen, mit Rosenkränzen +und allen notwendigen Heiligenbildern gut versorgt. +</p> + +<p> +So beginne ich meine verantwortungsvolle Tätigkeit. +</p> + +<p> +„Haben Sie Cafion im Hause?“ frage ich die Frau. +</p> + +<p> +„Ja, wir haben eine ganze Glastube voll.“ +</p> + +<p> +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +„Geben Sie mir drei Pastillen und ein Glas mit Wasser.“ +</p> + +<p> +Ich löse die Pastillen in dem Wasser auf, und mit Hilfe des Onkels +und des einen Mannes öffne ich dem Kranken den Mund, hebe den +Kopf hoch und lasse ihn die Lösung schlucken. Er schluckt auch, und +es kommt nichts in die Luftröhre. +</p> + +<p> +Ich wartete zehn Minuten, rauchte eine Zigarette, erbat mir einen +neuen guten Schluck von dem alten Tequila, und als ich nun den +Kranken wieder untersuchte, fand ich, daß die Medizin, die ich ihm +gegeben hatte, vorzüglich wirkte. Das Herz hatte begonnen, kräftiger +zu arbeiten. Die Medizin konnte zwar das Herz so heftig anregen, +daß es übersetzte und aufhörte zu schlagen. Aber ich hatte wieder +einmal Glück, was jeder Doktor haben muß, wenn er Erfolg sucht. +Ich weiß gut, daß ein richtig abgestempelter Doktor das alles ganz +anders machen würde. Aus diesem Grunde ist er ja abgestempelt und +stiller Teilhaber der Beerdigungsinstitute. Aber ich muß mich mit den +Kenntnissen und Medizinen behelfen, die ich zur Verfügung habe. Ich +kann keine Kampferinjektion in das Herz machen, weil mir die Maschinerie +dazu fehlt. +</p> + +<p> +Das Herz schlug nun kräftig und zufrieden, aber der Bursche wollte +nicht aufwachen. Am Kopfe konnte ich nichts finden. Ich schlug ihm +die Backen, die Handflächen und die Handgelenke. Ohne irgendwelchen +sichtbaren Erfolg. +</p> + +<p> +Ich schnürte nun meine Medizinschachtel auf. Die Leute sahen natürlich +den Inhalt. Ob sie über die merkwürdigen Medizinen, die ich in der +Pappschachtel hatte, erstaunt waren oder nicht, konnte ich nicht feststellen, +denn sie ließen kein Wort verlauten. Sie mochten wohl überzeugt +sein, daß die Angelhaken dazu dienten, irgend jemand etwas +aus dem Magen zu fischen, das er unvorsichtigerweise verschluckt hatte, +und das abgebrochene halbverrostete Taschenmesser diente nach ihrer +Meinung gewiß als chirurgisches Instrument zur Amputation von Füßen +und Armen oder zum Herausnehmen des Blinddarms. Auf jeden Fall +wurde angesichts des Inhalts meiner Medizinschachtel die Achtung vor +mir und das Zutrauen zu meinen Fähigkeiten nicht geringer, sondern, +wie ich wohl sehen und fühlen konnte, erheblich verstärkt. +</p> + +<p> +Ich nahm eine halbaufgebrauchte Tube Mentholatum heraus und +schmierte eine dünne Schicht der Salbe dem Burschen an die inneren +Nasenwände, um ihm das Atmen zu erleichtern durch Erweichen des +Schleims. Dann fragte ich die Leute, ob sie Ammoniak im Hause hätten. +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +Sie hatten ein Fläschchen zur Hand, und nach einigen heftigen Dosen +nieste sich der Junge munter. Ich fächelte ihm kräftig Luft zu, und +er begann bald tüchtig und tief zu atmen. Aber als er nun zum Bewußtsein +kam, begann er aus vollem Herzen zu stöhnen. +</p> + +<p> +Jetzt wußte ich, was los war und was mir nicht verraten werden sollte. +Ich überlegte eine gute Weile, was ich tun sollte. Denn mir war nun +alles völlig klargeworden. Sagte ich offen heraus, was ich jetzt wußte, +so konnte das eintreten, was ich erwartet hatte, seit ich das erste Anklopfen +an meinen Bungalow hörte. Die Kenntnis, die ich jetzt auf +einem Umwege erlangt hatte, machte mich zu einem sehr unbequemen +Zeugen. Und das konnte die Männer leicht verpflichten, mich aus der +Welt zu schaffen. +</p> + +<p> +Aber dann sah ich die jüngere Frau, die Tante des Burschen, an. Die +Tränen standen ihr dick in den Augen, und ich wußte, daß sie im +tiefen Ernst sei, dem Jungen gegenüber wie eine leibliche Mutter zu +fühlen. Der Junge konnte sich vielleicht auch ohne meine Hilfe wieder +hochbringen, aber nicht vor zwei Tagen. Und inzwischen kamen die +Soldaten; und er, der sich nicht in Sicherheit bringen konnte, wurde +draußen am Gartenzaun, nach einer Vernehmung von fünf Minuten, +erschossen. Daß er erschossen wurde, war sicher; daß ich hier von den +Männern meiner unbequemen Mitwisserschaft wegen erschossen wurde, +mochte zweifelhaft sein. +</p> + +<p> +Wieder sah ich die Frau an, und wieder sah ich ihren wehen Blick auf +mich gerichtet. Ich will nicht sagen, daß ich nun aus übergroßer Menschenliebe +mich entschied. Das wäre ungenau. Ich möchte auch nicht +besser und edler erscheinen, als ich wirklich bin. Denn um die volle +Wahrheit einzugestehen, ich bin wie jeder andere gewöhnliche Mensch, +mit Bosheiten, Niederträchtigkeiten, Hilfsbereitschaft, Menschenfreundlichkeit +und Liebe zu meinen Mitmenschen in so gleichem Maße +in mir verteilt, daß nicht immer mein Wille, sondern oft, wenn nicht +meist, eine reine Nebensächlichkeit entscheidet, ob ich in einem bestimmten +Falle eine niederträchtige Handlung begehe oder eine Tat +ausübe, die alle Menschen glauben macht, ich sei der edelmütigste +und selbstloseste Mensch. Daß man so wird, das macht der Busch, und +das macht das Herumschlagen mit allen Sorten von Menschen, und das +macht die Aufgabe, fertig werden zu müssen mit Umständen, die einem +selten Zeit lassen, lange darüber nachdenken zu können, ob das, was +man tun muß, edelmütig oder nichtswürdig ist. +</p> + +<p> +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +Hier, in diesem Falle, entschied, wie so häufig vorher, die Neugierde, +zu erfahren, was wohl mit mir geschehen würde, falls ich das tue, was +nach meinem Urteil als das Dümmste und Unvorsichtigste angesehen +werden muß. Wissentlich tat ich das, was man mir nicht als große +Klugheit anrechnen mag. Wenn ich mich aber dennoch durch den +bittenden und wehen Blick in den Augen jener Frau vielleicht endgültig +entschied, so will ich es nicht auf meine Rechnung gesetzt haben als +einen Posten, der zugunsten eines edelmütigen Charakters verbucht +werden kann. Denn das wäre eine Unwahrheit. +</p> + +<p> +Ich blickte den Onkel des Burschen, also jenen Mann, der mit dem +Machete gekommen war, an, hielt meinen Blick eine Weile auf ihn +gerichtet und sagte dann kurz und laut: „Wo hat er denn das Loch? +Wie kann ich ihn denn hochbringen, wenn Sie mir nicht sagen, was +er abgekriegt hat.“ +</p> + +<p> +Alle Anwesenden, selbst die ältere Frau, fuhren erschreckt zusammen, +stießen kurze Ausrufe aus, wurden bleich, und ihre Blicke flogen von +einem zum anderen, bis sie alle auf meinem Gesicht haftenblieben. +</p> + +<p> +Der Onkel bekam seine Ruhe am ersten zurück. Er sagte in einem +Ton, als ob er bereit sei, alles aufzugeben, dabei die beiden Männer +mit den Gewehren ansehend: „Ich habe es euch ja vorher gesagt, ihr +wolltet es ja nicht glauben, dem Gringo können wir nichts vormachen, +der ist Doktor durch und durch.“ +</p> + +<p> +Ich wartete nun auf nichts mehr. Ich zog die Decke herunter, sah rasch +hin über die Brust und den Leib, und dann sah ich bereits den weiten +Blutfleck auf dem Petate. Ich schob die Decke bis zu den Füßen und +fand zwei kräftige Schußwunden, eine am Oberschenkel, die andere an +der Wade. Die Wunde an der Wade war nicht schwer. Hier hatte eine +Kugel nur tüchtig gestreift. Dagegen war die Wunde am Oberschenkel +eine sehr heftige Fleischwunde. Die Kugel war heraus, denn ich fand +Einschuß und Auslauf. Das Kaliber war heftig, sicher nicht weniger als +4,5; außerdem war die Kugel offenbar oben abgefeilt und eingekerbt +gewesen, wie das hier mit Vorliebe getan wird. Wäre sie auf den +Knochen gestoßen, dann wäre das Bein zu kleinen Splittern zersprengt +worden. Aber der Knochen war nicht verletzt, wie ich aus dem Verlauf +des Schußkanals sehen konnte. Dagegen hatte die Kugel wohl eine oder +gar mehrere Adern aufgerissen, was einen großen Blutverlust zur Folge +gehabt haben mußte und zweifellos die alleinige Ursache war, daß der +Bursche so weit herunterkommen konnte. +</p> + +<p> +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +Die Adern schienen sich aber bereits ausgeblutet zu haben, oder sie +waren von dem trocknenden Blute schon gut verklebt; denn um die +Wundränder hatten sich schwache Krusten gebildet. Es waren auf die +Wunden sehr schmutzige Hemdenlappen gewickelt. Die einzige Gefahr, +die für den Burschen bestand, war die einer Infektion und damit +die Möglichkeit, daß er den Brand bekam. Nun ist ja das Blut der +Indianer im allgemeinen so gesund, daß nur dann eine wirklich schwere +Infektion ihrer Wunden eintritt, wenn alle Vorsichtsmaßregeln außer +acht gelassen werden. +</p> + +<p> +Ich ließ rasch alte Leinenfetzen auskochen. Die Leute hatten eine reichliche +Packung reiner Baumwolle im Hause, und ich hatte einige sterilisierte +unberührte Gazebinden. +</p> + +<p> +Ich wusch die Wunden mit heißem Wasser und Seife gut aus. Aus +meinem Medizinkasten brachte ich eine Flasche Zonite hervor, ein sehr +starkes Desinfektionsmittel, das wir während des Krieges mit viel +Erfolg verwendeten. Die Flasche war mir übriggeblieben von einem +Ölkamp, wo ich gearbeitet hatte. Ich goß das Zeug gleich so rein in die +Wunden. Der arme Junge sauste halb in die Höhe; denn er mußte +sicher ein Gefühl haben, als bohre man ihm einen weißglühenden +Eisenstab durch die Schußkanäle. Aber er durfte sicher sein, daß es ihn +rettete. Ich ließ ein wenig nachtrocknen, streute eine dicke Schicht von +Bismut-Jodoform auf die Wunden, legte Gaze darauf und verband. +Der Junge seufzte tief auf, aber jetzt mit einem gewissen Wohlgefühl. +Gleich darauf fiel er in einen tiefen, ruhigen Schlaf, nachdem ich ihm +einen heftigen Tequila eingeschwenkt hatte. Der Tequila wird ja vielleicht +seinen Narben nicht sehr dienlich sein; aber Schönheitsfehler an +den Oberschenkeln spielen ja nur eine Rolle, wenn er beim Mädchen +liegt, und bei solcher Gelegenheit helfen sie ihm beim Prahlen und vertiefen +die Liebe seines Mädchens, das ja, wie jedes Mädchen, lieber mit +einem Helden schläft als mit einem Nußknacker. +</p> + +<p> +Die Frage, die jetzt kommen mußte, kannte ich. Darum sagte ich +gleich, ohne zu warten: „Wenn Sie ihn morgen aufs Pferd heben, um +weiterzureiten, werden Sie gut tun, ihm einen kräftigen Verband aus +einem alten Gummischlauch oder Gummigürtel oder elastischen Hosenträgern +über der Wunde am Oberschenkel anzulegen, damit er nicht +aufs neue ausblutet und vielleicht gar fortblutet.“ +</p> + +<p> +Ich zeigte den Männern, wie sie das machen sollten, sagte ihnen, daß +sie jeden neuen Verband, den sie auf die Wunde brächten, erst +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +auskochen müßten, gab ihnen den Rest meines Zonite und meines +Bismutpulvers, erbat mir einen weiteren kräftigen Tequila, sagte: +„Gute Nacht!“ zu allen, gab dabei allen die Hand – die Tante des +Jungen beugte sich nieder und küßte meine Hand –, und dann ging ich +auf die Tür los. +</p> + +<p> +Scheinbar tat ich das alles so, als ob das, was ich hier gesehen und getan +hatte, etwas gewesen wäre, das ich jeden Tag zwölfmal in genau derselben +geschäftsmäßigen Weise sähe und täte. In Wahrheit aber tat ich +das alles sehr bedacht, jeden Augenblick darauf wartend, daß einer +der Männer sagen würde: „Sie können nicht so ohne weiteres fortgehen, +Senjor, wir wollen erst noch ein Wort miteinander sprechen; wir wollen +das draußen hinter dem Hause bei den Gemüsebeeten erledigen.“ +</p> + +<p> +Aber daß ich kein Wort darüber verlor, wie der Junge zu den Wunden +gekommen war, daß ich nicht einmal andeutete, daß ich wußte, es sind +Schußwunden, daß ich mich benahm, als gehöre ich zu der Bande und +als wäre ich ein uralter Freund des Hauses, der nichts sagt aus Freundschaft +und noch weniger etwas sagt aus Geschäftsklugheit, daß ich klar +sehen ließ, es sei mir vollkommen gleichgültig, was meine Mitmenschen +tun, solange sie mich ungeschoren und mich friedlich meiner Wege +gehen lassen, brachte sie aus allen Plänen hinaus. Und um das alles noch +zu verstärken, sagte ich, als ich bei der Tür war: „Wenn es schlimmer +werden sollte, rufen Sie mich ruhig; ich komme ganz gern, auch in der +Nacht. Überhaupt immer können Sie mich rufen, wenn ich Ihnen +helfen kann, ich tue es gern und mit Freude.“ +</p> + +<p> +Die letzten Worte gaben wohl den entscheidenden Ausschlag. Man wird +doch nicht den einzigen Doktor erschlagen, den man hat, und den einzigen, +der, wenn herumgefragt wird, keine berufliche Verpflichtung +hat, Behörden Auskunft zu geben über Schußwunden, die er behandelt +hat und die ihm verdächtig erschienen sind. +</p> + +<p> +Aber so leicht kam ich nicht davon. Als ich an der Tür stand, kam der +Onkel auf mich zu und sagte: „Entschuldigen Sie, Senjor, wir können +Sie nicht allein zu Ihrem Hause gehen lassen; es könnte Ihnen etwas +zustoßen auf dem Wege. Ich glaube auch nicht, daß Sie den Weg allein +heimfinden. Sie verlaufen sich sicher im Busch. Und zur Nachtzeit allein +im Busch sein und ohne den Weg zu kennen, möchte ich Ihnen nicht +raten. Der Weg hierher ist nicht gut bekannt. Wir haben Sie hierhergebracht, +und es wäre unhöflich, wenn wir Sie nicht wieder zu Ihrem +Hause brächten.“ +</p> + +<p> +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +Ja, da war ich wieder. Eine Stunde Weg durch Busch und Dschungelgestrüpp +mit den drei Männern, zwei mit Gewehren, der eine außerdem +einen Revolver und der dritte einen Machete, scharf gefeilt wie ein +Schlachtmesser. Mit drei Männern, die trotz aller guten Meinung, die +sie von dem Doktor und seiner Hilfsbereitschaft haben mögen, sich +doch bei weitem sicherer fühlen, wenn einer, der etwas wissen könnte, +weniger auf der Welt ist. Und von den dreien braucht ja nur einer auf +dem Wege einen dummen Gedanken zu bekommen. Ehe die beiden +andern es verhindern können, ist es schon geschehen. Ob sie sich nachher +darum streiten, ob es richtig und ob es dankbar war, ändert nichts +an der alleinigen Sache, die mich betrifft. +</p> + +<p> +Ich sehe wieder auf die Tante. Sie steht noch da im Zimmer. Aus Höflichkeit +mir gegenüber hat sie sich nicht wieder in ihren Schaukelstuhl +gesetzt. Sie wartet, bis ich das Haus verlassen habe. Sie sieht mich an, +mit aufrichtiger Dankbarkeit in den Augen. Sie kommt, von einem +inneren Gefühl plötzlich getrieben, auf mich zu, ergreift meine Hand +und küßt sie nochmals. Dann lächelt sie und nickt, dreht sich um, geht +zu einem Schränkchen, nimmt eine Flasche mit Honig heraus und gibt +mir den Honig. „Ist sehr gut für die Mehlkuchen, die Sie sich backen, +sind dann nicht gar so sehr trocken. Morgen schicke ich Ihnen zwei +Dutzend Eier hinunter und ein paar Kilo Ochsenfleisch. Und nochmals +vielen Dank, daß Sie gekommen sind.“ +</p> + +<p> +„Nicht des Redens wert“, sage ich. „Geben Sie dem Jungen, wenn er +aufwacht, mehrere Tassen gute Fleischbrühe mit tüchtig Eier darinnen +eingerührt. Wird ihm rasch hochhelfen. Gute Nacht, Senjora.“ +</p> + +<p> +Die Frau wußte recht gut, was mir auf dem Wege geschehen könnte +und sicher geschehen würde, wenn die Männer zur Überzeugung +kamen, es sei für ihre eigene Sicherheit besser, ein Maul, das wacklig +werden kann, rechtzeitig und gut zu stopfen. Aber ich hatte die Sympathie +und die Dankbarkeit der Frau gewonnen. Die Frau war nicht +so nebensächlich in dem Geschäft der Männer, wie es vielleicht erschien. +Sie war durch die Verwundung ihres Neffen heftig aus ihrer Fassung +gebracht worden. Das ist wohl richtig. Und oberflächlich gesehen, +mochte es den Eindruck erwecken, daß sie eben nur eine Frau war +wie andere. Aber wenn ich ein Haus sehe, wie dieses war, dann weiß +ich, wer der Kommandant ist. Und weil die Frau mehr Intelligenz besaß +als einer der drei Männer, ihr eigener Mann eingeschlossen, so +wußte ich auch, wer das Hirn des Unternehmens war. Nur die mickrigen +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +Spitzbuben und die Centavos-Wegelagerer sind verdreckt, verlaust +und mit Lumpen behangen. Zwischen einer intelligent geführten +Räuberbande und einer gewissen Sorte von Bankgeschäften, wo der +Präsident im eleganten Automobil fährt, ist der Unterschied nicht so +groß, wie man meint. Innerhalb der modernen Zivilisation ist das beste +Schutzmittel für alle Handlungen und Dinge ein wohlanständiges +Äußere und ein gutbürgerliches Gesicht. Ehrlichkeit und Ehrbarkeit +müssen nach allen Seiten ausstrahlen, dann kann man im Schatten tun, +was man will, ohne je Verdacht auf sich zu laden. Und wenn die Frau +mir in Gegenwart der Männer sagte: „Morgen schicke ich Ihnen Eier +und Fleisch hinunter!“ so sagte sie damit: „Wehe den Knechten hier, +wenn du morgen nicht in voller Gesundheit in deinem Hause bist, um +dich an dem zu laben, was ich dir schicken werde.“ +</p> + +<p> +Die Männer hatten das Kommando verstanden. Der Doktor mußte dem +Geschäft erhalten bleiben. Wir kamen friedlich zu meinem Bungalow. Als +wir uns „Buenas noches!“ sagten, fühlte ich, daß mir der Onkel drei Pesos +in die Hand drückte. „Nehmen Sie“, sagte er, „eine kleine Vergütung.“ +</p> + +<p> +„Entschuldigen Sie“, erwiderte ich, „von meinen Freunden nehme ich +kein Geld für eine Hilfeleistung, die ich aus rein menschlichen Gründen +getan habe und immer zu tun bereit bin, wenn ich dazu Gelegenheit +habe.“ +</p> + +<p> +Er hielt das Geld noch eine Weile hin, als ob er glaubte, es sei nur eine +Höflichkeit von mir, so zu sprechen, und ich würde das Geld dann doch +schon nehmen. Denn er, wie jeder im Dorfe, wußte recht gut, wie +nötig ich drei Pesos hätte brauchen können. Aber ich lehnte noch einmal +ganz entschieden ab und sagte: „Sie werden mich doch nicht etwa +beleidigen wollen, Senjor!“ +</p> + +<p> +„Ganz gewiß nicht“, sagte er und schob das Geld wieder in seine Tasche +zurück. Dann fügte er hinzu: „Ich werde sehen, ich kann Ihnen gewiß +morgen zwei Burschen schicken, die Englisch lernen wollen.“ +</p> + +<p> +„Das ist schon besser“, meinte ich darauf. „Ich werde morgen früh +zu Ihnen kommen, um zu sehen, wie es dem Jungen geht.“ +</p> + +<p> +Er druckste, als ob er sagen wollte, das sei nicht nötig, und auch die +beiden anderen Männer taten, als ob sie etwas dagegen einwenden wollten. +Aber es mochte ihm wohl gleichzeitig einfallen, daß es vielleicht +nötig sein könnte, noch mal nach dem Jungen zu sehen. +</p> + +<p> +„Gut, gut“, sagte er dann nach einer Sekunde. „Und nochmals ‚Gute +Nacht!‘ und vielen, vielen Dank.“ +</p> + +<p> +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +Am nächsten Morgen um neun Uhr machte ich mich auf, den Jungen +noch einmal zu besuchen. Das ist ja so etwa die richtige Besuchszeit für +tüchtige Doktoren. +</p> + +<p> +Ich hatte kaum das letzte Haus des Dorfes hinter mir gelassen, da traf +ich auf den Onkel. Gleich hatte ich das bestimmte Gefühl, daß der +Mann auf mich am Wege gewartet hatte, weil er vermeiden wollte, +daß ich zu ihm ins Haus käme bei Tage. Ich war nicht einmal sicher, +ob ich das Haus überhaupt wiedergefunden hätte. In der Tat, um +es gleich jetzt zu sagen, als ich eine Woche später versuchte, das Haus zu +finden, aus purer Neugierde, erlebte ich, daß ich mich so völlig im +Busch verlief, daß ich erst nach Stunden und erst nach Einbruch der +Dunkelheit meinen Weg ins Dorf zurückfand und auch nur dadurch, +daß ich zu meinem Glück einen Kohlenbrenner antraf, der auf dem +Heimwege war. Die Männer hatten mich in jener Nacht sehr geschickt +so im Gestrüpp und im Busch herumgeführt, daß ich geglaubt hatte, +die Richtung genau zu wissen, während sie durchaus falsch war. +</p> + +<p> +Der Onkel sagte mir: „Der Junge ist auf. Er ist heute mit den übrigen +schon sehr früh fortgeritten. Es ging recht gut. Wir haben ihm den +Verband so angelegt, wie Sie uns gesagt haben. Die Wunde war schon +gut am Heilen. Und hier sind auch die Eier und das Ochsenfleisch, das +Ihnen die Senjora gestern nacht versprochen hat. Es ist auch nicht gerade +nötig, daß Sie im Dorf viel darüber reden. Die Leute denken dann +gleich, daß da eine Schlägerei gewesen sein könnte, und das bringt den +Jungen nur in einen schlechten Ruf. Verstehen Sie, Senjor?“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe, und ich habe auch gar keinen Grund, darüber zu +sprechen. Jeder kann in eine solche Lage kommen.“ Dann brachte ich +einen Zettel hervor: „Ich möchte Sie aber bitten, wenn Sie zur Stadt +kommen sollten, mir die Medizinen zu kaufen, die ich hier aufgeschrieben +habe und die ich in der Nacht alle aufbrauchen mußte.“ +</p> + +<p> +„Natürlich, Senjor“, sagte der Mann und nahm den Zettel. Dann gingen +wir unserer Wege. +</p> + +<p> +Als ich zu meinem Bungalow kam, saßen auf den Stufen die beiden +neuen Burschen, die Englisch lernen wollten und es auch gleich versuchten. +Sie bezahlten mir jeder zehn Stunden im voraus. +</p> + +<p> +Zwei Tage später, sehr früh am Morgen, fand ich, daß das Dorf von +Soldaten umzingelt war. Keiner konnte hinaus aus dem Dorfe, aber +wer draußen war, durfte hinein. Ein paar Häuser wurden oberflächlich +durchsucht. Und eine große Anzahl von Einwohnern, Männer, Frauen +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +und Kinder, wurden zusammengetrieben und auf dem Dorfplatze von +Offizieren und einigen Beamten der Distriktpolizei vernommen. +</p> + +<p> +Ich hörte bald, was los sei. Einige Nächte vorher waren drei Haziendas +von Banditen überfallen worden. Die Besitzer waren gebunden worden, +und es war alles Geld, das gefunden oder erpreßt werden konnte, +gestohlen worden. Dreißigtausend Pesos waren geraubt worden. Jedes +Kind wußte, daß dies eine Lüge sei, denn kein Haziendabesitzer hält +so viel Geld im Hause, und wenn er es vergraben hat, so sagt er es nicht +und gesteht es auch nicht. Aber zweitausend Pesos alles in allem mochte +richtig sein. +</p> + +<p> +Die Soldaten waren den Banditen gut auf der Spur. Die Spur führte +hier in das Dorf. Und weil das Dorf als Banditennest berüchtigt war +im ganzen Staate, so wären die Soldaten auch ohne Spur hierher gekommen. +</p> + +<p> +Ich schlenderte ruhig meiner Wege und wollte zum Dorfplatz gehen, +um mir das Schauspiel anzusehen. Da kam mir einer der Bewohner +entgegen. +</p> + +<p> +„Es ist nicht viel los, die Soldaten werden wohl am Nachmittag wieder +abziehen müssen, ohne die Banditen hier gefangen zu haben. Sie suchen +auch hier nur nach einem Burschen, der einem verwundeten Banditen +fortgeholfen und ihn zur Flucht unterstützt hat. Wenn die Soldaten +den Mann kriegen, dann wird er sofort vernommen und gleich auf dem +Platze erschossen. Die Offiziere sagen, daß diese Art Leute schlimmer +und gefährlicher seien als die Banditen selbst.“ +</p> + +<p> +„Was hat denn der Mann getan? Wie kann er denn den Banditen zur +Flucht verhelfen?“ fragte ich. „Die Banditen sind doch groß genug und +schlau genug, sich allein fortzuhelfen. Die brauchen keine Hilfe.“ +</p> + +<p> +„Hier liegt der Fall anders“, sagte nun wieder der Mann. Wir waren +stehengeblieben. Er schien sehr froh zu sein, mich gefunden zu haben, +um mir recht heiß alles das zu erzählen, was von den Offizieren und +von den Soldaten erzählt worden war, was die Leute unter sich im +Dorfe tuschelten, welche wilden Gerüchte herumschwirrten, und was +er sich selbst dachte. Wäre alles das, was die Offiziere errieten, was die +Leute im Dorf sich erzählten, was der eine vermutete und was hier +mein Berichterstatter sich ausdachte, wäre das alles schön vereint und +gut geordnet den Offizieren bekannt gewesen, so hätten sie damit einen +Erfolg vielleicht erzielen können. Aber alle diese Zeugenansichten +waren verstreut und darum wertlos. +</p> + +<p> +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +„Ja, hier liegt der Fall anders“, sagte der Nachbar. „Das ist so, sehen +Sie, Senjor. Auf der letzten Hazienda, wo die Banditen waren, hat einer +der Burschen, ein ganz junger noch, einen mächtigen Schuß ins Bein +abgekriegt, vielleicht gar zwei Schüsse. Der Bursche hat tüchtig geblutet. +Seine Freunde haben ihn aber doch fortgekriegt. Und sie sind +bis hierher in dieses Dorf gekommen. Man hat sie hier gesehen, wie sie +den Jungen auf dem Pferde weiterschleppten. Wo sie ihn hingetragen +haben, weiß man nicht. Aber sie haben einen Doktor geholt. Keinen +richtigen Doktor, sehen Sie, Senjor, aber einen, der das auch gut kann. +Das hat man auch gesehen. Und gestern morgen war der Junge wieder +gesund, und darum konnte er fortgeschleppt werden. Die Banditen +sind gesehen worden von Männern, die im Busch arbeiten. Ohne den +Mann, der kuriert hat, hätten die Banditen den Jungen nicht weiterschleppen +können. Der Junge wäre gefunden worden von den Soldaten, +die Soldaten hätten so erfahren können, wer er ist und zu +welcher Familie er gehört. Dann hätten sie bald die ganze Bande +gehabt.“ +</p> + +<p> +„Und nun“, fragte ich, „ist keine Hoffnung mehr, die Banditen zu +fangen?“ +</p> + +<p> +„Wenig“, sagte der Mann. „Die Offiziere, seit sie wissen, daß der geschossene +Bursche entflohen ist, suchen jetzt nur noch nach dem Manne, +der kuriert hat und so den Banditen fortgeholfen hat. Die Offiziere +sagen, sie wissen genau, daß er hier im Dorfe ist. Sie haben das ganze +Dorf umstellt, er kann nicht fort. Sie suchen die Häuser ab, und wenn +sie die Medizin finden, wissen sie gleich, wer es ist. Der Mann wird dann +sofort hier abgeurteilt und auch gleich darauf erschossen wegen Banditenbeteiligung.“ +</p> + +<p> +„Geschieht ihm ganz recht“, sagte ich. „Ein anständiger Mensch hilft +keinem Banditen fort.“ +</p> + +<p> +„Sie haben doch auch Medizin im Hause, nicht wahr?“ fragte mich nun +mein Nachbar. +</p> + +<p> +„Ja, etwas, für den Notbehelf.“ +</p> + +<p> +„Das ist nicht genug, was Sie haben“, sagte er darauf. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick kam aus dem gegenüberliegenden Hause ein Offizier +heraus mit einem Sergeanten und drei Soldaten, die in jenem Hause +nach Medizin oder nach sonstigen Spuren gesucht hatten. +</p> + +<p> +Ich hatte in jener Minute auch nicht die geringste Neigung, mir Soldaten +anzusehen, und ich wollte weiterschlendern. Aber mein Nachbar hielt +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +mich am Arm und sagte: „Bleiben Sie ruhig stehen, Senjor, die tun uns +nichts.“ +</p> + +<p> +Ich hielt es auch für besser, stehenzubleiben, denn jetzt kam der Offizier +auf mich zu, gefolgt von seinen Leuten. +</p> + +<p> +Da ich völlig unschuldig war, niemals verwundete Banditen kuriert hatte, +niemals fliehende Banditen unterstützt hatte, so hatte ich keinen Grund, +verlegen zu werden. +</p> + +<p> +„Welches ist Ihr Haus, Senjor?“ fragte der Offizier. +</p> + +<p> +„Da hinten, der Bungalow“, antwortete ich. +</p> + +<p> +„Haben Sie Medizin im Hause?“ fragte der Offizier sehr gleichgültig. +</p> + +<p> +„Ja, etwas.“ +</p> + +<p> +„Was für welche?“ +</p> + +<p> +„Eine halb aufgebrauchte Tube Mentholatum, Senjor“, sagte ich. +</p> + +<p> +„Können Sie Schußwunden kurieren?“ fragte er mich. +</p> + +<p> +„Ist jemand von Ihren Leuten geschossen worden?“ Ich fragte sehr erschreckt +und mitleidig zugleich. +</p> + +<p> +„Ja“, sagte der Offizier. +</p> + +<p> +„Das tut mir so aufrichtig leid“, sagte ich traurig werdend. „Aber ich, +ich kann kein Blut sehen, dann wird mir sofort schlecht, daß ich umfalle.“ +</p> + +<p> +„So sehen Sie auch aus, Senjor“, sagte der Offizier laut auflachend. „Das +ist mit euch Amerikanern allen so. Habt nicht die gesunden Nerven, die +wir Mexikaner haben. Wir können Blut sehen, und wie! Natürlich keine +Beleidigung gemeint, Senjor. Adios, und entschuldigen Sie mich, wenn +ich Sie belästigen mußte. Wir sind hier im Dienst. Adios.“ Er schüttelte +mir die Hand und ging. +</p> + +<p> +Mein Nachbar trottete hinter dem Offizier her, der ein weiteres Haus +absuchen ging. +</p> + +<p> +Als ich jetzt allein stand und gerade überlegte, ob ich in mein Haus gehen +sollte oder weiter im Dorfe herumstreifen, kam ein Junge auf mich zu, +schon rufend, als er noch einige Schritte entfernt war: „Oiga, Senjor, ich +bringe die Medizinen aus der Stadt; der Senjor sagt, es ist alles richtig +bezahlt.“ Ich nahm ihm das Paket ab und schob es in meine Tasche. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Sobald mein Mais eingebracht und verkauft war, hielt ich es für besser, +die Gegend zu verlassen, ohne Weiteres abzuwarten. +</p> + +<p> +Es war einige Monate später, und ich saß im Eisenbahnzuge nach Mexiko +City. Die Fahrt brachte, wie das oft vorkommt, Bekanntschaften zusammen, +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +die eigentlich nicht zueinander gehören. Es war zwischen den +Stationen Silao und Celaya, als zwei Herren, beide Mexikaner, die schon +eine beträchtliche Strecke mit mir im selben Wagen fuhren, sich in meine +Abteilung setzten und mich höflich fragten, ob ich nicht mit Ihnen einige +Partien Domino spielen möchte. Ich sagte zu. Wir spielten um Bier, das +wir im Zuge kauften, und das schon immer viel früher ausgetrunken +war, ehe das Spiel entschieden hatte, wer das Bier zu bezahlen hatte. Die +Bezahlung ging ziemlich gleichwertig herum, und wir regten uns nicht +sonderlich auf. +</p> + +<p> +Der Zug bekam Verspätung, und wir wurden des Spiels überdrüssig. +Die beiden Herren blieben in meiner Abteilung sitzen, und wir begannen +zu schwätzen. Was man so in einem Eisenbahnzuge schwätzt. +</p> + +<p> +Es war ganz natürlich, daß wir auch auf die Amerikaner in Mexiko zu +sprechen kamen. Immer, wenn irgendeine Bemerkung fiel, die wie eine +Beleidigung gegenüber Amerikanern aufgefaßt werden mochte, setzten +die Herren sofort höflich hinzu: „Sie verstehen, Senjor, das meine ich +nur so im allgemeinen; ich habe keineswegs die Absicht, Sie oder irgend +jemand von Ihren Freunden zu verletzen. Es ist ja auch nur der Unterhaltung +wegen.“ Darauf lachten sie, und wenn ich vorsichtig etwas gegen +die Mexikaner sagte, dann fügte ich auch hinzu, daß es nur der Unterhaltung +wegen sei, und daß mir die Mexikaner ebenso lieb seien wie +meine eigenen Landsleute, die auch nicht alle von Engeln ausgebrütet +worden seien, und daß wir alle miteinander unsere tiefen Schattenseiten +haben, ganz gleich welcher Nation wir angehören. +</p> + +<p> +„Das ist ganz richtig“, sagte der eine der Herren, „da haben Sie aber +durchaus recht. Wir haben hier eine gute Anzahl von Amerikanern im +Lande, die nichts als Unheil stiften.“ +</p> + +<p> +„Weiß ich, Senjor“, fiel ich ein, „da sind die großen Ölmagnaten und +die Minenkompanien und die Chiclekompanien und die großen Bankiers, +die einen mexikanischen Staat nach dem andern annektieren wollen.“ +</p> + +<p> +„Ja, die auch“, sagte der Herr, „aber an die habe ich gerade im Augenblick +nicht gedacht. Ich meine eine andere Sorte von Amerikanern. Es +kommt mir sehr oft so vor, als ob alles Gesindel von den Staaten, dem +es dort oben zu heiß unter den Füßen wird, hier nach Mexiko kommt, +um allen möglichen Unfug zu verrichten.“ +</p> + +<p> +„Solche Leute gibt es“, bestätigte ich. „Wir haben wirklich viel Gesindel. +Das ist wahr. Und Mexiko ist das nächste fremde Land, wo diese +Burschen glauben, sicher zu sein.“ +</p> + +<p> +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +„Aber nicht mit mir, Caballero, nicht mit mir“, ereiferte sich der kleine, +etwas fette Herr. „Mit mir können diese Ihre Landsleute – entschuldigen +Sie, daß ich sage paisanos, Landsleute, aber ich meine Sie ja nicht –, ja, +also mit mir können diese Sträflinge nichts ausrichten. Ich bin ihnen heiß +dahinter, si, Senjor. In meinem Distrikt können diese Burschen sich nicht +halten, oder ich habe sie gleich am Kragen; und wenn sie hier etwas ausgenascht +haben, dann sacke ich sie gehörig ein. Aber gehörig und dick. +Und dann werden sie ausgeliefert, um daheim den Rest abzumachen, den +sie sich dort aufgeknallt haben.“ +</p> + +<p> +„Dann sind Sie wohl Staatsanwalt, Senjor?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Noch nicht, aber vielleicht eines Tages. Wer weiß. Probablemente. +Nein, ich bin Polizeichef in dem Distrikt Conitaclapam. Kennen Sie den +Distrikt, Senjor? Waren Sie da schon einmal oben?“ +</p> + +<p> +„Nie in meinem Leben“, sagte ich, der Wahrheit gemäß. Einem Polizeichef +gegenüber muß man immer die Wahrheit sagen, wie einem Richter, +wie einem Staatsanwalt. Nur dann kommt man ungeschoren und fröhlich +durchs Leben. Conitaclapam war jener Distrikt, wo ich meine abgefressene +Baumwollfarm gehabt hatte, wo das Dorf, in dem ich wohnte, mit +Banditen so vollgepfropft war, daß ich der einzige Bewohner war, auf +den ich schwören konnte, daß er bestimmt kein Bandit war. Ich glaube, +ich lasse das lieber sein, mit dem Schwören, und begnüge mich damit, zu +sagen, daß jenes Dorf eine gute Anzahl von Banditen beherbergte, die +alle miteinander so unschuldig aussahen wie Sir Austen Chamberlain auf +einer Abrüstungskonferenz. +</p> + +<p> +Der Polizeichef wußte sofort, daß ich jene Gegend nicht kannte und nie +gesehen hatte. Darum konnte er frischweg und freiheraus reden: „Ich +habe da in meinem Distrikt eine gute Anzahl von Amerikanern leben, +Farmer, Viehzüchter, Baumwollpflanzer, Ladeninhaber. Durchweg sehr +anständige, ordnungsliebende Leute, die das Gesetz achten, pünktlich ihre +Steuern und Abgaben entrichten und mir nie auch nur die geringste Sorge +oder Schererei machen. Leute mit Bildung, fleißig, arbeitsam, sparsam, +fortschrittlich. Ja, wie ich gestehen möchte, Leute, auf die Sie, Senjor, +stolz sein dürfen. Landsleute von Ihnen, gegen die ich einen tiefen +Respekt fühle, die mir jeden Tag willkommen sein würden als mexikanische +Bürger.“ +</p> + +<p> +„Ja, ich treffe hier in Mexiko genug solche tüchtigen Leute von uns. +Wackere Pioniere, um die es schade ist, daß sie nicht daheim bleiben“, +sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung. +</p> + +<p> +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +Der Polizeichef schien sich nicht viel aus meiner Meinung zu machen. Er +war im Fluß und wollte reden. Was konnte ich dagegen tun? Ich ließ ihn +weiterreden. Die größte Freude, die man Menschen machen kann, ist die, +sie reden zu lassen, solange sie wollen, bis ihnen das Maul ausfranst. Man +wird viel mehr geachtet, wenn man andere reden läßt, als wenn man +selbst redet; denn kein Mensch hat auch nur das geringste Interesse daran, +die Meinung eines andern zu hören. +</p> + +<p> +So redete der Polizeichef immer darauflos: „Aber außer solchen achtbaren +Amerikanern, die in meinem Distrikt zu haben ich mich glücklich +schätze, habe ich auch einiges Gesindel darunter. Und auch gleich das +gefährlichste, das Ihr Land auszuspeien vermag. Entschuldigen Sie, +Senjor, das ist natürlich nicht persönlich gemeint, in keiner Weise. Ich +habe da in meinem Distrikt eine gute Zeit lang einen Burschen gehabt, +der Ihrem Lande sicher keine Ehre macht, ein Bursche, von dem ich zehnmal +schwören will, daß er in zwanzig Städten Ihres Landes gesucht wird +wegen Raubmords, Postdiebstahls, Bankeinbruchs, Geldfälschung, Bigamie, +Scheckradierung, Mädchenraubs, Gefängnissprengung, Opiumschmuggels +und mehr solcher Dinge. Was er eigentlich in meinem Distrikt gemacht +hat, oder wie er dahin gekommen ist, habe ich nie richtig erfahren können. +Er hat da so getan, als ob er Baumwolle farmen wollte oder Öl bohren +oder Kupferminen entdecken. Aber die Wahrheit ist, er ist nichts weiter +gewesen als ein Landstreicher und Vagabund. Keinen ganzen Fetzen auf +dem Leibe, wie mir die Leute sagen. Er hat weder die Pacht für das +Land bezahlt noch die Miete für das Haus, in dem er wohnte.“ +</p> + +<p> +„Vielleicht hatte der arme Bursche kein Geld“, wandte ich ein, meinen +vom Unglück gejagten Landsmann verteidigend. +</p> + +<p> +„Mag sein“, sagte der Polizeichef. „Das will ich ihm ja auch nicht anrechnen. +Dios mio, es kann ja jedem Menschen einmal eine Zeitlang das +Feuer verregnen. Wenn er sonst anständig ist, habe ich gar nichts dagegen +einzuwenden, wie er sich durchklammert durchs Leben. Aber was +hat dieser Bursche dort getan, und das in meinem Distrikt –“ +</p> + +<p> +„Was denn, Senjor?“ fragte ich, gespannt seiner Rede folgend. +</p> + +<p> +„Er hat gedoktert. Das würde ich ihm ja auch gar nicht so übelnehmen. +Solange er die Leute nicht im Bauche herumoperiert, geht es mich gar +nichts an, und ich frage kein Wort nach der Lizenz. Aber er hat alle +Banditen, die wir anschossen, und die uns sicher in die Hände gefallen +wären, wenn er nicht gewesen wäre, gesund kuriert, so daß sie uns alle +entwischten und wir nie einen einzigen kriegen konnten. Er hat sie alle +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +beschützt. Er hat jedes Haus gewußt, wo die Banditen sich versteckten, +wenn wir hinter ihnen her waren. Er hat sie nicht nur kuriert, das wäre +auch nicht das Schlimmste, aber er war so gerissen, so durch und durch +getränkt mit allen Kniffen und Schlichen, daß er ihnen Zaubermittel gab, +wodurch den Banditen da jeder Überfall glückte. Er hat mit Radioapparaten +gearbeitet und mit Lichtsignalen, so daß jede Ankunft von +Soldaten den Banditen lange vorher verraten war, ehe wir noch fünf +Meilen vom Dorfe entfernt waren. Und was hat der Mann verdient! +Die Banditen haben ihm die Tausende von Pesos nur immer so hingeschleppt +ins Haus, ein Tausend Pesos nach dem andern. Der Mann hat +mehr verdient als ich in meiner Stellung als Polizeichef. Dann hat dieser +Vagabund alle Banditen englisch sprechen gelehrt, so daß sie bald darauf +auch die amerikanischen Farmer überfallen konnten und den Farmern +auf englisch das Geld auspressen konnten. Was bin ich hinter diesem +Mann hinterher gewesen. Viermal war ich mit einer Kompanie Soldaten +da, ihn zu fangen. Hat unserer Regierung sehr schwer Geld gekostet. +Können Sie sich denken, Senjor. Denn wir können das nicht umsonst +machen. Es ist alles sehr teuer. Und auch ein Polizeichef muß leben, er +kann nicht alles nur aus reiner Liebe zu seinem Berufe tun. Man hat mir +von der Regierung schwere Vorwürfe gemacht wegen der Banditen und +mir dreimal mit Absetzung gedroht, wenn ich da nicht Ordnung schaffe. +Aber ich habe das alles an die Regierung berichtet. Ein Bericht von +sechzig Maschinenschriftseiten. Es wird jetzt bei der Regierung auch eingesehen, +daß ich alles tat, was nur in der Macht eines sterblichen Menschen +liegt, und man hat eingesehen, daß dieser Amerikaner die alleinige +Schuld trägt, daß wir die Banditen nicht fangen können.“ +</p> + +<p> +„Haben Sie ihn denn nicht einfangen können?“ fragte ich. +</p> + +<p> +„Nie“, sagte der Herr empört. „Nie zu fangen gewesen. Ist viel zu +schlau. Gut gedrillt in den Strafgefängnissen seines Landes. Und dann +hatte er doch auch alle die Banditen da im Bunde. Wie war denn da +etwas zu erreichen? Ich kann gegen Menschen alles ausrichten, aber gegen +Teufel bin ich machtlos. Das hat man bei der Regierung auch eingesehen. +Wir werden ihn ja auch noch kriegen. Wir haben alle seine Personalien. +Sind eingetragen in allen Ämtern der Republik.“ +</p> + +<p> +„Wieviel kann er denn abbekommen, wenn er gekriegt wird?“ +</p> + +<p> +„Entweder erschossen oder zwanzig Jahre nach den Maria-Inseln.“ +</p> + +<p> +„Ist er denn nicht mehr in deinem Distrikt?“ fragte jetzt der andere der +Herren, der halb zugehört, halb geschlafen hatte. +</p> + +<p> +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +„Nein, er hat sich fortgestaubt. Richtig ist, wir haben ihm den Distrikt +so eingeheizt, daß er eines Nachts auf und davon gegangen ist. Und was +soll ich Ihnen sagen, Senjor“, wandte er sich wieder an mich, „seitdem +der Bursche hinaus ist aus meinem Distrikt, herrscht dort tiefe Ruhe, +keine Banditenüberfälle. Die Zivilisation ist wieder eingekehrt in den +an sich so friedlichen Distrikt. Sie dürfen mir aufs Wort glauben, Senjor, +unsere Leute in jenem Distrikt sind alle friedliche und anständige Bürger, +die in Ordnung ihrer Arbeit nachgehen. Freilich, wenn so ein Erzvagabund +diese Leute unter seine unheilvolle Macht bekommt, dann +– unsere Bürger sind ja auch nichts weiter als gewöhnliche Menschen –, +was dann geschehen kann und geschieht, haben wir ja gesehen.“ +</p> + +<p> +Wir waren inzwischen nach Juan del Rio gekommen, wo wir alle ausstiegen, +um im Restaurant zu Mittag zu essen. Hier traf der Polizeichef +zwei Diputados, zwei Abgeordnete, die er kannte, und die den gleichen +Zug benutzten, um gleichfalls nach Mexiko City zu fahren. Als der Zug +weiterfuhr, betrachteten die beiden Herren, die mit mir Domino gespielt +hatten, es als angenehmer, sich für den Rest der Reise mit den Diputados +zu unterhalten. Dadurch gelang es mir, mich unauffällig in einen andern +Wagen zu schieben, so daß der Polizeichef mich nicht mehr sah und mich +ebenso leicht und schnell vergaß, wie er mich kennengelernt hatte. +</p> + +<p> +Aber da mir alle Schliche und Kniffe wohl vertraut waren, wie mir +amtlich bestätigt worden war, hielt ich es für gesünder, in der ersten +Vorstadt von Mexiko City, wo der Zug hielt, auszusteigen und von dort +mit der Straßenbahn nach der City zu fahren. Denn wenngleich ich +unschuldig war wie ein frischgebadeter Cherubim, ist man erst einmal in +den Schlingen des Gesetzes, dann ist es meist immer zu spät, seine Unschuld +zu beweisen. Auf alle Fälle hat man einige Monate abzusitzen, +und entschädigt wird man weder für das schlechte Essen, noch für das +harte Bett, noch für die Läuse, die man bekommt. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Hier kann ich ja nun in aller Ruhe erzählen, daß da einmal ein Polizeichef +war, der sich so unfähig erwies, daß er selbst dann noch keinen +Banditen erwischt haben würde, wenn er mit ihm Karten am selben Tisch +gespielt hätte, und daß da ein Polizeichef war, der wohl wußte, daß er +zu Unrecht Gehalt von der Nation bezog, der aber, um jenes Gehalt nicht +zu verlieren, und um die Aussicht behalten zu können, weiter in den +Ämtern hinaufzurücken, seine Unfähigkeit und seine Stupidität dadurch +zu verdecken suchte, daß er einen Amerikaner in seinen Berichten +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +anschuldigte, der Anführer von Banditen zu sein. Die Erde an den Stiefelsohlen +jenes Amerikaners mag ja nicht ganz so unverdächtig sein, wie +das hier dargestellt wird – denn jeder Mensch wünscht von sich nur +Gutes zu berichten –, aber ganz so schlimm, wie es in den Berichten an +die Regierung geschildert wurde, in sechzig Seiten Maschinenschrift, ist +es doch nicht gewesen. Das soll keine Verteidigung sein, sondern nur die +bleiche unbemalte Wahrheit. +</p> + +<p> +Außerdem ist es Wahrheit, daß die Banditenüberfälle in jenem Distrikt, +von dem hier die Rede war, in letzter Zeit erheblich zugenommen haben. +Das berichten die Zeitungen. Und die Regierung berichtet, daß sie drei +Kompanien Soldaten in den Distrikt schicken wird, um Ordnung zu +schaffen. +</p> + +<p> +Aber was auch alle berichten und sagen mögen, Zeitungen, Regierung +und der Polizeichef, kümmert mich wenig. Was ich berichtet und gesagt +habe, das ist die Wahrheit. Ich muß es wissen; denn ich war dabei. Alle +übrigen, die berichten, waren nicht dabei. Und insbesondere die Tausende +von Pesos, die mir in die Tasche berichtet wurden, habe ich nie gesehen und +noch viel weniger gehabt. Mein ganzer Verdienst an jenen Geschäften +war: sechzehn Eier, es können auch zwanzig gewesen sein, ich will um +die Zahl nicht streiten; zwei Kilogramm gutes Ochsenfleisch, ich habe es +nicht nachgewogen, weil man einer geschenkten Katze die Flöhe nicht +berechnet, aber das Fleisch war gut; und ferner habe ich meine Medizinen +ersetzt bekommen, die mir einen heißen Schrecken bereiteten, als sie mir +laut entgegengeschrien wurden; und endlich bekam ich zwei Schüler in +Englisch. Aber die kann ich als Lohn nicht zählen, denn ich mußte hart +mit ihnen arbeiten, sie haben nichts bei mir gelernt, verließen mich nach +zwei Tagen und wurden auf der Farm eines Amerikaners erwischt, als +sie sechs Kühe in Englisch davon überzeugen wollten, ihnen lieber freiwillig +zu folgen, als gezwungen, und mexikanisch mit ihnen zu ziehen. +Aber auch daran war ich völlig unschuldig. Denn wenn jemand Englisch +lernen will, ist es unhöflich, ihn zu fragen, ob er vielleicht die Absicht +habe, amerikanischen Farmern in Mexiko in englischer Sprache Geld auszupressen. +Wenn das Geld den Farmern erst einmal mit Erfolg ausgepreßt +wurde, ist es ihnen ganz gleich, ob es ihnen in Englisch, in +Spanisch oder in Chinesisch abgepreßt wurde. Es kommt auf keinen Fall +wieder, selbst dann nicht, wenn ein geschickter Polizeichef es erfolgreich +zurückerobern sollte. Was fort ist, das ist fort. In Mexiko so gut wie in +den Staaten. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-21"> +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +INDIANER-BEKEHRUNG +</h2> + +</div> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-e"><img src="images/drop_e.jpg" alt="E"><span class="hidden">E</span></span><span class="postfirstchar drop-e">in</span> indianischer Häuptling kam eines Tages zu dem +spanischen Mönch Balverde, der in Mexiko als Missionar tätig war, um +den Indianern die wahre Lehre des Heils zu verkünden. +</p> + +<p> +Der Häuptling kam mit zwei Männern seines Stammes, die zu dem Rate +gehörten, also Älteste oder Edle waren. +</p> + +<p> +Pater Balverde empfing den Häuptling höflich und ohne jegliche Überhebung. +Es sei hier gesagt, daß die spanischen Mönche und Priester +während der ersten drei Jahrhunderte spanischer Herrschaft in Mexiko +die einzigen wahren und aufrichtigen Freunde der Indianer waren. Die +Mönche und Priester haben in Wahrheit, von Ausnahmen abgesehen, die +Indianer gegen die Brutalität der spanischen Ausbeuter und Goldjäger +in einer Weise beschützt, die der katholischen Kirche hoch zu ihren +Gunsten angerechnet werden muß. Meist freilich waren die Mönche und +Missionare gezwungen, sich gegen ihre eigenen Bischöfe aufzulehnen, die, +wenn es galt, die Indianer zu berauben, auszubeuten und zu versklaven, +sich auf Seite der Krone und der Großgrundbesitzer stellten. Bischöfe +waren und sind ja immer der Krone und dem Großkapital näher als +die Mönche und Kapläne. Der große Zwiespalt zwischen katholischer +Kirche und dem Indianer in Mexiko kam erst, seit Mexiko unabhängig +wurde und als große indianische Schichten des mexikanischen Volkes, +die intelligentesten indianischen Schichten, zu einem entschiedenen +Fortschritt in Bildung und allgemeiner Zivilisation drängten, während +die katholische Kirche in ihrer mittelalterlichen Macht über Geist und +Erziehung gewaltsam beharrte, nicht ein Stück ihrer Macht und ihres +Einflusses preisgeben wollte und sich im Zeitalter hochentwickelter +Technik der notwendigen Bildung des Indianers widersetzte. +</p> + +<p> +Aber das, was hier erzählt wird, trug sich zu, als die katholischen Missionare +noch unter den Indianern in Mexiko wirkten nicht mit dem Gedanken +an eine Stärkung der irdischen und politischen Macht der Kirche, +sondern mit dem aufrichtigen und durchaus ehrlichen Wunsche, den +Indianer zu erlösen und ihm in brüderlicher Weise in das Paradies zu +helfen. Die Mönche arbeiteten unter den Indianern so selbstlos und so +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +interesselos zu jener Zeit, wie wohl selten irgendwo Missionare gewirkt +haben. Sie brachten den Indianern nicht nur die Lehre des Heils, +sondern sie brachten ihnen viel mehr Dinge, die dem Indianer schon +hier auf Erden sehr nützlich waren und vielen von ihnen eine gewisse +ökonomische Befreiung verliehen. Sie lehrten ihnen Hunderte von +nützlichen Handwerken und Künsten; das Züchten von Seidenraupen, +das Sticken feiner Handarbeiten, das Glasieren von Töpferwaren, um +einiges zu nennen. +</p> + +<p> +So erscheint es durchaus natürlich, daß Indianer ganz freiwillig zu den +Mönchen zuweilen kamen, um von der neuen Religion zu hören. +</p> + +<p> +Und das war es, was jenen Häuptling mit seinen beiden Begleitern +zu dem Mönch Balverde führte. +</p> + +<p> +Der Häuptling sagte zu dem Mönch: „Mit unseren Göttern, besonders +mit den großen, sind wir ganz zufrieden. Nur mit unseren Nebengöttern +haben wir oft viel Sorge. Wenn wir Regen gebrauchen, dann +schickt uns der Regengott keinen Tropfen, und wenn wir Trockenheit +haben müssen, dann können wir tun, was wir wollen, und der Gott der +trocknenden Winde ist nicht daheim für uns. So ist es mit manchen +unserer kleinen Götter. Nun haben die Ältesten meines Stammes beraten +und beschlossen, daß ich zu dir komme, Verkünder einer neuen +Religion, zu hören, ob du uns bessere Götter anbieten kannst. Wenn +wir lernen, daß deine Götter besser sind als unsere, dann sind wir +willens, deine Götter anzunehmen und die unsrigen zu vergessen. Erzähle +uns, mir und meinen beiden Beratern, von deiner Religion. Wir +wollen dir gut zuhören und alles, was du uns von deinen Göttern +sagst, wollen wir getreulich unserem Volke daheim berichten und dir +dann zu gelegener Zeit unseren Entschluß mitteilen.“. +</p> + +<p> +Der Pater Balverde, ohne viel unnötigen Pomp zu machen, erzählte +in schlichter Weise die Grundgeschichten des Evangeliums auf, in klaren +unverbrämten Sätzen, so wie man die Geschichte einem Kinde erzählen +würde. Alles das, was verwirren könnte, ließ er vorläufig aus. +Darin tat er recht, und er bewies damit, daß er es wohl verstand, mit +den einfachen Menschen, wie seine Besucher waren, gut umzugehen. +</p> + +<p> +Der Häuptling hörte stundenlang zu, ohne den Mönch auch nur ein +einziges Mal zu unterbrechen. +</p> + +<p> +Als der Mönch geendet hatte, sagte der Häuptling: „Mein guter Freund, +ich habe vernommen, was du mir und meinen Beratern erzählt hast. Ich +könnte dir gleich jetzt darauf antworten. Aber du hast so ehrlich erzählt, +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +daß es meinem Herzen weh tun würde, dir sofort zu antworten, denn ich +könnte voreilig reden und damit dir und deinen Göttern Schmerz zufügen. +Das ist ganz gewiß nicht mein Wille. Ich werde nun zur Nacht +schlafen gehen, hier in diesem Ort, und ich werde im Schlafe wohl überdenken, +was du mir gesagt hast. Und morgen früh will ich kommen und +dir sagen, was ich denke und was ich in mir beschlossen habe. Dann ist +es nicht länger mehr voreilig, sondern wohl bedacht, und es sind dann +meine wahren Worte. So kann es dann weder dich noch deine Götter +schmerzen, weil es meines ruhigen Denkens klare Frucht ist. Und wenn +man wohlüberdacht und ehrlich seine Wahrheit sagt, so kann kein Gott +zürnen, denn es ist Gott selbst, der diese Wahrheit in mein Herz legt. Bist +du dessen zufrieden, mein Freund?“ +</p> + +<p> +„Gewiß, mein Bruder“, sagte der Pater, „ich bin dessen durchaus zufrieden. +Gott und die Heilige Jungfrau werden deine Gedanken lenken +und dich und die Deinen zu dem alleinigen Heil führen. Gehe mit Gott!“ +</p> + +<p class="ibr"> +Am nächsten Morgen, als der Pater die Messe in der Kapelle des Ortes +gelesen hatte und sich gerade zum Frühstück hinsetzte, kam der Häuptling +mit seinen beiden Beratern, um seine Antwort zu bringen. +</p> + +<p> +Der Mönch wollte sofort mit dem Häuptling sprechen. Aber der Häuptling +sagte: „Ich sehe, daß du bereit bist, zu essen. Es ist für dich besser, +du ißt ruhig dein Mahl, denn du bist gewiß hungrig. Das würde dich +eilfertig machen. Und Religion ist nichts in Eile, nicht meine und gewiß +auch nicht die deine. Iß, und wenn du gut gegessen hast, werden wir +sprechen.“ +</p> + +<p> +Als der Mönch nun gegessen hatte, kam er hinaus; und er, der Häuptling +und dessen beide Berater, setzten sich unter einen Baum, der dicht bei der +Kapelle stand. +</p> + +<p> +Der Mönch fragte nicht und drängte nicht. Er wartete ruhig, bis der +Häuptling zu reden begann. +</p> + +<p> +Sagte der Häuptling: „Ich habe wohl überlegt in meinem Herzen alle +Worte, die du mir gesagt hast. – Dein Gott ließ sich auspeitschen. Ist +das so?“ +</p> + +<p> +„Ja, um die Sünden der Welt auf sich zu laden“, sagte der Pater. +</p> + +<p> +„Er ließ sich bespucken, beschimpfen, mit Schmutz bewerfen, ließ sich +verhöhnen als ein närrischer König, ließ sich in Verhöhnung einen Hut +aus Dornen aufsetzen. Ist das so?“ +</p> + +<p> +„Ja, um die Sünden der Menschen auf sich zu laden“, sagte der Pater +wieder. +</p> + +<p> +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +„Er ließ sich an einen Balken nageln und starb dort schmählich wie ein +kranker Hund. Ist das so?“ +</p> + +<p> +„Ja, um die Menschen von allen Sünden zu erlösen“, sagte der Pater. +</p> + +<p> +Darauf sagte der Häuptling sehr ruhig: „Das ist es, was mir Gott ins +Herz gab in der Nacht: Jemand, der nicht durch seine Person den +Menschen genügend Respekt einflößen kann, daß sie nicht wagen, ihn zu +bespucken, zu beschimpfen, zu verhöhnen und mit Kot zu bewerfen, +kann kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die sich nicht +wehren kann und nicht wehren mag, hat kein rotes Blut und keinen Mut. +Eine solche Person kann kein Gott für einen Indianer sein. Eine Person, +die sich nicht befreien kann und nicht befreien will von dem Balken, auf +den sie genagelt ist, kann keine Menschen erlösen und kann darum kein +Gott für einen Indianer sein. Eine Person, die auf einen Balken genagelt, +jammert und winselt wie ein altes Weib, kann kein Gott für einen +Indianer sein.“ +</p> + +<p> +Der Häuptling wollte fortfahren in seiner Rede; aber eine solche tiefe +Ruhe, wie der Häuptling gestern während der Rede des Mönches gezeigt +hatte, konnte der Mönch nicht bewahren. +</p> + +<p> +Er fiel dem Indianer in die beginnende neue Rede: „Das alles tat mein +Gott mit Absicht, um die Menschen zu erlösen; er wollte leiden, um für +alle Menschen zu leiden.“ +</p> + +<p> +Darauf sagte der Häuptling: „Du sagst, er ist ein allmächtiger Gott, dein +Gott, und ein Gott unendlicher Liebe. Ist das so?“ +</p> + +<p> +„Ja, das ist wahr.“ +</p> + +<p> +„Ist er wahrhaft allmächtig, dein Gott, warum nimmt er nicht alle +Sünden und Missetaten von den Menschen, ohne zu leiden, ohne sich +verhöhnen zu lassen, ohne jämmerlich winselnd zu sterben? Und wenn +er wahrhaft ein Gott unendlicher Liebe ist, warum läßt er die Menschen +in ihren Sünden leiden, und warum läßt er sie Sünden überhaupt begehen? +Nur um dieses große, so jämmerlich vorübergehende Schauspiel aufführen +zu können? Ein Gaukler kann kein Gott für einen Indianer sein.“ +</p> + +<p> +„Aber“, unterbrach der Mönch wieder, „das tat Gott, damit die Menschen +durch eigenes Verdienst und durch Glauben sich das ewige Leben +verdienen sollen.“ +</p> + +<p> +Sagte der Indianer ruhig: „Warum der Umweg, mein Freund? Warum +verdienen müssen, was ein Gott unendlicher Liebe und unendlicher Allmacht +den Menschen umsonst geben kann, wie meine Mutter mir alles +und alles umsonst gibt aus Liebe, und nicht darum fragt, ob ich es verdiene, +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +ob ich an sie glaube, ob ich sie anbete. Sie würde mir alles in Liebe +geben, ohne zu rechten und ohne zu handeln, selbst dann, wenn ich sie +– mein Gott möge mich davor behüten –, selbst dann, wenn ich sie beschimpfen, +verspotten oder gar schlagen würde. Meine Mutter ist größer +als dein Gott; denn sie hat mehr unendliche Liebe, mehr unendliche Vergebung +und weniger Verlangen für Glauben und Gebete als dein Gott.“ +</p> + +<p class="ibr"> +Der Pater wich aus und führte das Gespräch hinweg nach einer anderen +Lehre, von der er aus Erfahrung wußte, daß sie einen großen Eindruck +auf die Indianer, die er bisher getroffen hatte, zu machen pflegte. +</p> + +<p> +Er sagte: „Aber mein Gott ist nicht gestorben, wie du meinst und wie +du gewiß gestern überhört hast. Mein Gott ist nach drei Tagen von den +Toten auferstanden und in großer Pracht hinauf zum Himmel gefahren.“ +</p> + +<p> +„Wie oft?“ fragte der Häuptling kurz und trocken. +</p> + +<p> +Ein wenig erstaunt antwortete der Pater: „Aber – natürlich nur einmal.“ +</p> + +<p> +„Und ist er, ich meine dein Gott, seitdem schon einmal wieder zurückgekommen?“ +Auch das fragte der Häuptling ebenso kurz und trocken +wie vorher. +</p> + +<p> +„Nein“, sagte der Mönch, „er ist nicht wiedergekommen seitdem, aber +er hat verheißen, er wird dereinst wiederkommen, zu richten und zu –“ +</p> + +<p class="ibr"> +Diesmal fiel der Häuptling ihm in das Wort: „– und zu verdammen.“ +</p> + +<p class="ibr"> +„Ja“, sagte der Mönch, nun ein wenig erregt werdend, „ja, um zu verdammen +alle und alle, die nicht an ihn glauben und die an seinen Worten +herumkratzen und die Lehre des wahren Heils nicht erkennen wollen, +wenn sie ihnen mit offenen Händen dargebracht wird und für nichts zu +haben ist.“ +</p> + +<p> +Der Häuptling ließ sich von der Erregung des Mönches nicht mit fortreißen. +Als der Pater geendet hatte, sagte der Indianer ruhig: „Und das +ist es, was Gott mir als letztes Wort ins Herz gelegt hat: Mein Gott +stirbt jeden Abend für uns, seine indianischen Kinder, um ihnen Kühle +zu bringen, Ruhe und Frieden. Er stirbt in tiefer, goldener Schönheit, +nicht verhöhnt, nicht angespeit, nicht mit Kot beworfen. Er stirbt schön +wie ein wahrhaft großer Gott. Aber am Morgen steht er wieder auf von +den Toten, zuerst von den Schleiern des Todes noch umhüllt, dann aber +glitzern seine goldenen Speere über das blaue Firmament, und endlich +steht er da groß, golden und mächtig, Licht, Wärme, Schönheit und +Fruchtbarkeit spendend, den Blumen Duft und Farben gebend, den +Vögeln süße Lieder lehrend, dem Mais Kraft und Gesundheit in die +Kolben flößend, den Früchten Süßigkeit und heilende Säfte einhauchend, +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +mit den Wolken spielend jagen im Meer der blauen Lüfte. Und gleich +meiner geliebten Mutter ist mein Gott, gebend und gebend und gebend, +keine Gebete verlangend, keine Gebete erwartend, keinen Glauben gebietend +und niemals verdammend. Und wenn der Abend kommt, stirbt +er wieder dahin in rot-goldener Pracht, nicht verhöhnt, nicht winselnd, +sondern in einem ruhigen, tiefen Frieden verheißenden Lächeln; mit dem +letzten Zucken seiner müde werdenden Augen seine indianischen Kinder +segnend. Und am Morgen ist er wieder da am Firmament, der ewig +junge, ewig strahlende, ewig schenkende, ewig sich neugebärende, ewig +wiederkehrende, große, goldene Gott der Indianer. Und so sagte mir +Gott als letztes Wort in mein Herz: Tausche deinen Gott nicht, mein +guter Sohn, denn es ist kein größerer Gott als dein Gott, der lachende +Gott, der in seinen Strahlen jauchzt und singt, kein schönerer und kein +edlerer Gott ist in der weiten Welt, als der im flutenden Golde badende +Gott, als der herrliche strahlende Gott des Indianers.“ +</p> + +<p> +Und als der Häuptling das gesagt hatte, dankte er dem Pater Balverde +für die Freundlichkeit, die er ihm erzeigt hatte. Dann rollte er seine +Decke, auf die er gesessen hatte, zusammen, warf sie sich über die +Schulter, und er ging, gefolgt von seinen Begleitern, zurück zu seinem +Volke. +</p> + +<p> +Der Stamm wohnt in der nördlichen Hälfte der Sierra Madre. Er ist +bis zum heutigen Tage ohne die Lehre des wahren Heils geblieben. Bei +dem raschen Zerfall der katholischen Kirche in Mexiko ist nunmehr +jegliche Hoffnung für uns geschwunden, jenen Stamm und einige zwanzig +andere Indianerstämme in Mexiko dereinst im Paradiese als geflügelte +Harfenschläger und Posaunenbläser begrüßen zu können. Wir werden +es als gute Christen in tiefer Demut und völliger Unterwerfung unter +dem Willen anderer geziemend zu ertragen wissen. Halleluja! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-22"> +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +DER NACHTBESUCH IM BUSCH +</h2> + +</div> + +<h3 class="section section1" id="chapter-22-1"> +Der Doktor +</h3> + +<p class="dropart"> +<span class="firstchar drop-u"><img src="images/drop_u.jpg" alt="U"><span class="hidden">U</span></span><span class="postfirstchar drop-u">ndurchdringlicher</span> Dschungel bedeckt die weiten Ebenen der +Flußgebiete des Panuco und des Tamesi. Zwei Bahnlinien nur durchziehen +diesen neunzigtausend Quadratkilometer großen Teil der Tierra Caliente. +Wo sich Ansiedelungen befinden, haben sie sich dicht und ängstlich an die +wenigen Eisenbahnstationen gedrängt. Europäer wohnen hier nur ganz +vereinzelt und wie verloren. Die ermüdende Gleichförmigkeit des +Dschungels wird von einigen sich langhinstreckenden Höhenzügen unterbrochen, +die mit tropischem Urbusch bewachsen sind, der ebenso undurchdringlich +ist wie der Dschungel, und in dessen Tiefen, wo immer Dämmerung +herrscht, alle Mysterien und Grauen der Welt zu lauern scheinen. +An einigen günstigen Stellen, wo Wasser ist, sind kleine Indianerdörfer +über die Höhen verstreut; Wohnplätze, die schon dort waren, ehe der +erste Weiße das Land betrat. Sie liegen fernab der Eisenbahn. Auf Eselskarawanen +werden die Waren, die hier gebraucht werden, hauptsächlich +Salz, Tabak, billige Baumwollhemden, Zwirnhosen, Musselinkleider, +spitze Strohhüte für die Männer und schwarze Baumwolltücher für die +Frauen herbeigebracht. Als Tausch werden Hühner, Eier, Eselsfüllen, +Ziegen, Papageien und wilde Truthähne gegeben. +</p> + +<p> +Dort wohnte ich, tief im tropischen Busch, allein, in einer primitiven +Hütte, die ich mir selbst gebaut hatte, nach Indianerart, ohne einen Nagel +zu gebrauchen. +</p> + +<p> +Vierzig Minuten Ritt brachte mich zu meinem nächsten weißen Nachbar, +einem Arzt aus Arkansas, namens Wilshed. Alle übrigen Menschen +meiner Nachbarschaft, von denen keiner näher wohnte als dreißig +Minuten, waren Vollblutindianer. Das nächste Dorf war elf Meilen entfernt, +die nächste Eisenbahnstation, wo zwei weiße Familien wohnten, +siebzig Meilen. +</p> + +<p> +Doktor Wilshed wohnte in einem Bungalow, einem einfachen Bretterhaus, +das zwei Räume hatte. Er lebte dort mutterseelenallein, betrieb ein +wenig Landwirtschaft, hatte drei Kühe, hundert Hühner, zwanzig Bienenstöcke, +zwei Pferde und drei Maultiere. Zwei Indianerfamilien, die etwa +eine Meile entfernt wohnten, auf dem Abhange des Höhenzuges, waren +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +seine nächsten Nachbarn. Die Männer jener beiden Familien waren bei +ihm als Farmarbeiter beschäftigt. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte +der Doktor mit Lesen. Wenn er nicht las, dann saß er auf der Veranda +seines Bungalows und sah unverwandt hinunter auf die unermeßlich +weite Ebene, die sich vom Fuße des Höhenzuges an bis fern hinter den +Horizont hinzog. Dschungel, Dschungel, nichts als Dschungel. Zuweilen +fiel mir die Einsamkeit des Busches heftig auf die Nerven; denn es kam +vor, daß ich zwei volle Wochen kein menschliches Antlitz sah. Wenn es +gar zu unerträglich wurde, wanderte ich hinauf zum Doktor, nur um +einen Menschen zu sehen, eine menschliche Stimme zu hören und zu +fühlen, daß ich nicht allein sei auf der großen Welt. Aber der Doktor +war schweigsam. Der tropische Busch macht schweigsam und denkend, +und der Doktor lebte hier ein Menschenalter, hatte sich hierher verkrochen, +wahrscheinlich weil er die Menschen nicht ertragen konnte, oder +weil er eine Enttäuschung erlebt hatte, aus der seine Seele zu retten eine +Flucht in den tropischen Busch die einzige Lösung gewesen war. +</p> + +<p> +Wir konnten oftmals Stunden nebeneinander auf der Holzbank seiner +Veranda sitzen, ohne daß wir ein Wort sprachen. Über uns selbst hatten +wir nichts zu reden, über andere wollten wir nicht reden; und da auch +keiner von uns so närrisch war, dem andern seine Ansichten über Welt +und Geschehen aufzudrängen, wußten wir in der Tat nicht, was und +worüber wir hätten reden sollen. Aber die Schweigsamkeit des Doktors +war doch oftmals beängstigend. Es kam vor, daß er einen Satz begann, +in dem er ein Erlebnis, das er hier in den Tropen gehabt hatte, zu erzählen +gedachte. Aber wenn der Satz zur Hälfte gesprochen war, zündete +er sich seine Pfeife an und vergaß, den Satz zu beenden. Entweder es +reute ihn plötzlich, irgendeines seiner zahlreichen Abenteuer mitzuteilen +und es dadurch aus seinem Privatbesitz fortzugeben, oder aber er hatte +seinen Satz im stillen zu Ende gedacht, während er glaubte, er habe ihn +gesprochen. Er konnte häufig nicht entscheiden, ob er etwas gesagt oder +nur gedacht hatte. +</p> + +<p> +„Haben Sie jemals ein Buch geschrieben?“ fragte ich ihn eines Tages. +</p> + +<p> +„Ein Buch?“ gab er zur Antwort. „Ein Buch? Viele.“ +</p> + +<p> +„Worüber, Doktor?“ +</p> + +<p> +„Über – was ich hier gesehen habe, was ich hier in den Jahren gedacht +habe, was Tiere taten, was Tiere mögen gedacht und gesagt haben, was +der Busch mir erzählte und die Musik, die ich hier gehört habe.“ +</p> + +<p> +„Veröffentlicht?“ +</p> + +<p> +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +„Niemals. Jedesmal, wenn ich ein Buch vollendet hatte, las ich es, fand es +gut und zerriß es. Warum sollte ich denn meine Bücher veröffentlichen? +Ich hatte meine Freude und meinen Genuß, wenn ich sie schrieb. Für die +Leute? Ich möchte wissen, warum? Die haben so viele gute Bücher, die +sie nicht lesen. Warum sollte ich ihnen noch mehr geben? Zudem würden +die Leute meine Bücher gar nicht glauben. Sie würden mich für unsinnig +erklären, und ich müßte mich vielleicht gar noch mit ihnen herumstreiten, +um sie zu überzeugen, daß ich recht habe und daß ich die Wahrheit sprach. +Immerhin, es ist mir ganz gleichgültig. Ich bin auch der Meinung, daß +die besten Bücher, die jemals geschrieben wurden, entweder auf Papier +oder im Geist, diejenigen sind, die niemals veröffentlicht wurden. Hinter +jedem veröffentlichten Buche liegt etwas auf der Lauer, das nicht zugunsten +des Werkes spricht und das den Menschen hindert, das Beste zu +schaffen, dessen er fähig ist.“ +</p> + +<p> +Ich hatte zuweilen das Empfinden, daß der Doktor vor langer Zeit schon +gestorben sei, daß er es selbst nicht wisse, daß er tot sei, und daß er darum +hier noch sitze, weil niemand da sei, der sehen könne, daß er tot sei, und +niemand komme, ihn zu begraben. Wenn man sorgfältig um sich blickt, +wird man leicht finden, daß eigentlich nur die Menschen sterben und +begraben werden, die Erben haben oder für die jemand zu sorgen hat. +</p> + +<p> +Wenn der Doktor mir erzählt hätte, er säße hier bereits vierhundert +Jahre und sei mit den ersten Weißen hier angekommen, ich würde es ihm +ohne weiteres geglaubt haben. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-2"> +Des Doktors Bibliothek +</h3> + +<p class="noindent"> +Eines Morgens kam ich zum Doktor, und er empfing mich so: „Hören +Sie einmal, Gale! Sie wissen, ich habe für die States nicht viel übrig. Das +Land hat aufgehört, jenes freie Land der Vorkriegszeit zu sein. Der Krieg +für die Freiheit anderer Völker hat es völlig verdorben. Da ist zuviel +Regieren, zuviel Kommandieren, zuviel Verbieten, zuviel Gesetze, und +es wimmelt von Beamten. Es ist eine große Kinderbewahranstalt geworden. +Ein Grund mehr unter vielen, warum ich nie zurückkehre. Aber +jetzt habe ich eine wichtige Reise dorthin zu unternehmen, ich habe etwas +zu kaufen, ein paar Bücher, hinter denen ich seit Jahren herjage. Seien +Sie doch so gut und ziehen Sie während meiner Abwesenheit in meine +Höhle. Wenn ich die Bude unbewohnt lasse, finde ich weder ein Dach +noch eine Kaffeetasse wieder, wenn ich heimkomme. Die guten Leute +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +können keinen Nagel sehen, ohne ihn rauszuziehen und mitzunehmen, +wenn sie Gelegenheit dazu haben.“ +</p> + +<p> +„Gar keine Frage, Doktor, natürlich ziehe ich rüber“, sagte ich. +</p> + +<p> +„Das ist recht. Nehmen Sie mein Pferd und holen Sie Ihr winziges Gelumpe +her. Bei Ihnen bricht man nicht ein, da ist nicht viel zu holen.“ Er +lächelte. Mein Haus hatte er zwar nie gesehen, aber ein Indianer hatte +ihm offenbar erzählt, daß es nur eine Grashütte war. +</p> + +<p> +Nachdem ich meine Krümel herübergebracht hatte, setzte er sich aufs +Pferd und trabte zur Station, wo er das Pferd bei einem Farmer unterstellen +konnte. Als er etwa fünfzig Schritte geritten war, drehte er sich +um und rief: „Vergessen Sie nicht, die Eier aus den Nistkörben zu +nehmen, und melken Sie die Kühe. Sie können nicht verhungern. Sie +finden alles, was Sie benötigen, in den Kisten.“ +</p> + +<p> +Ein paar Stunden lungerte ich um das Haus herum, um mich zurechtzufinden +für alle Fälle. Im Laufe des Spätnachmittags kam ich an seine +Bibliothek, die sich in einem roh gearbeiteten Schranke befand. +</p> + +<p> +Die Mehrzahl der Bücher handelte von den alten mexikanischen Völkern, +deren Geschichte, Zivilisation und Religion. Viele der Bücher waren mit +Bildern und Karten ausgestattet. Da waren Bücher und unveröffentlichte +Handschriften, die bis zum sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert zurückreichten. +Diese Bibliothek war ein Vermögen wert, und der Doktor +ließ sie in meiner Obhut, ohne sie auch nur zu erwähnen, als ob es sich +um Werke handele, die man in jedem Laden kaufen könne. +</p> + +<p> +Ich lebte nun in diesem Wunderlande seit vielen Jahren. Ich hatte mit +Indianern gelebt, die nicht wußten, was eine Geldmünze bedeutet, die +mir zwei große schwarze Diamanten anboten für meinen Jagdrevolver, +den ich aber nicht entbehren konnte und ihnen statt dessen zweihundert +Pesos in blankem Golde bot. Das lehnten sie ab und erklärten das Geld +für wertlos. Viel hatte ich in jenen Jahren gelernt über das Land, seine +Reichtümer, seine weißen und kupferfarbenen Bewohner, deren Zukunftsaussichten +und Entwicklungsmöglichkeiten. +</p> + +<p> +Doch von der Vergangenheit des Landes und seiner Bewohner wußte +ich nichts. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-3"> +Eine neue Welt steigt auf +</h3> + +<p class="noindent"> +Ich stürzte über jene Bücher her, wie man es nur kann, wenn man Monate +und Monate kein Buch gesehen hat und man plötzlich Bücher zur unbeschränkten +Verfügung hat, die zu lesen man seit Jahren ersehnte. +</p> + +<p> +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +In kürzerer Zeit, als ich gedacht hatte, lag ich in den festen Banden jener +Bücher. Sie hielten mich so gefesselt, daß ich vergaß, mir mein Essen zu +kochen. Ich trank die Milch, wie ich sie molk, und schluckte die Eier roh, +um nur keine Zeit für meine Bücher zu verlieren. Den ganzen Tag, +während die Sonne herunterglühte, man sich wie in einem Backofen +fühlte, und mehr als die halbe Nacht saß ich über den Bänden, von der +Furcht gejagt, der Doktor könnte zurückkommen, ehe ich die Bücher zu +Ende gelesen hätte. +</p> + +<p> +War es möglich, daß Menschen und Völker dieser Art hier auf dieser +Erde, wo ich jetzt stand, gelebt, geliebt und gelitten hatten? Konnte es +wirklich wahr sein, daß auf diesem Kontinent Menschen und Völker von +hoher Kultur gelebt hatten sechstausend Jahre vor jener dunklen Fabelzeit, +die wir als den Anfang der menschlichen Geschichte bezeichnen? +</p> + +<p> +Von nun an betrachtete ich das Land mit anderen Augen als zuvor. +Wenn ein Indianer zufällig vorüberkam oder vor dem Hause um einen +Trunk Wasser bat, dann forschte ich sorgfältig in seinem Antlitz nach +einer Ähnlichkeit mit jenen alten Königen, Fürsten und Häuptlingen, +deren Bilder ich in jenen Büchern gesehen hatte. Und in der Tat, ich fand +überraschende Ähnlichkeiten. Jedoch nicht zufrieden damit, ihre Gesichter, +ihre Gesten, die Art ihres Ganges, den Tonfall ihrer Stimme zu +studieren, ich begann, die Leute gelegentlich auszufragen. Ich war nicht +wenig erstaunt, als ich vernahm, daß diese Leute die Vergangenheit ihres +Volkes gut kannten, daß sie die Geschichte ihres Volkes, ihre Balladen, +die Taten ihrer großen Männer, ihre Religionslegenden durch mündliche +Überlieferung von Generation zu Generation erhalten hatten. Viele jener +Indianer beteten noch ihre alten Götter an, während alle übrigen die +Hunderte von Heiligen, die ihnen ganz unbegreiflich erscheinende unbefleckte +Empfängnis sowie die ihnen ebenso unverständliche Dreieinigkeit +derart mit ihrer alten Religion verwirrt hatten, daß sie in ihren +Herzen und ihren Vorstellungen die alten Götter hatten, während sie auf +den Lippen die Namen der unzähligen Heiligen trugen. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-4"> +Die Begegnung im Busch +</h3> + +<p class="noindent"> +Um mich ein wenig wieder in dieser Welt zurechtzufinden, mein Hirn ein +wenig zu entlasten und meine Beine nicht steif werden zu lassen, machte +ich mich eines Morgens auf den Weg, um eine lange Wanderung durch +den Busch zu unternehmen. +</p> + +<p> +<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> +In weiter Tiefe des Busches, in einer Umgebung, die wegen der Entfernung +von jeglicher menschlichen Behausung und wegen der Abgelegenheit +selbst von den primitiven Buschpfaden beklemmend unheimlich +wirkte, traf ich einen Indianer an, der dort Holzkohle brannte. Ich +würde nie an jene Stelle gekommen sein, wenn ich nicht Rauch hätte +aufsteigen sehen, dessen Ursache ich finden wollte. +</p> + +<p> +Es war gewiß ein hartes Leben, das dieser Mann führte. Wochenlang in +der Tiefe des Busches lebend, ganz allein, unzähligen Gefahren, an denen +der tropische Busch so reich ist, ausgesetzt, um einige Ladungen Holzkohle +abliefern zu können, die er auf seinem Esel zu den weitverstreuten +Siedelungen schleppte, um einen lächerlich kleinen Geldbetrag dafür zu +erhalten. +</p> + +<p> +Der Indianer saß vor dem rauchenden Erdhügel und starrte bewegungslos +den ruhig aufsteigenden Rauchfähnchen nach. Er war ein schmächtiger +Mann, dem man aber achtunggebietende Kräfte zugestehen durfte; denn +die Ebenholzbäume zu fällen und sie für den Verkohlungshügel zuzuhacken, +verlangt alles an Kraft, was ein Mensch hergeben kann, und diese +harte Arbeit in tropischer Sonnenglut zu verrichten, setzt eine Zähigkeit +des Körpers voraus, die eine schwächliche oder untergehende Rasse nicht +aufbringen kann. Was mir an diesem Manne eigentümlicherweise sofort +auffiel, waren der merkwürdig traurige Ausdruck seiner Augen und die +feine Gliederung seiner schönen schmalen Hände, deren rassiger Bau so +ehern unverwüstlich war, daß die harte Arbeit des Holzfällens ihre edle +Form nicht beeinflussen konnte. Er trug einen dünnen Schnurrbart und +am Kinn dünne Flusen, die er wahrscheinlich für einen Vollbart hielt. +Ich setzte mich zu ihm nieder, gab ihm Tabak, und wir kamen nach und +nach ins Erzählen. +</p> + +<p> +„Sie haben richtig geraten, Senjor, meine Vorfahren sind einst stolze +Fürsten unter den Panukesen gewesen, angesehen weit über die Grenzen +der benachbarten Stämme hinaus. Der letzte jener Tapferen wurde von +den Spaniern gehenkt wegen Rebellion gegen die Fremdherrschaft. Wäre +es seiner Frau und seinen Kindern nicht rechtzeitig geglückt, in die Berge +zu flüchten, wohin zu folgen die Spanier sich fürchteten, säße ich nicht +hier. Das war in jener Woche, in der die Spanier ein Blutbad unter +meinem Volke mit dem Hängen von fünfhundert Häuptlingen, unter +denen mein Vorfahr sich befand, würdig feierten.“ +</p> + +<p> +„Glauben Sie, daß dieses Land jemals wieder zu solcher Macht gelangen +wird wie damals, ehe die Spanier kamen?“ +</p> + +<p> +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +„Das Gehen unseres Volkes ist langsam. Wir haben Zeit. Die weißen +Männer haben keine Zeit. Aber können Sie nicht hören, Senjor, wie alle +nichtweißen Völker der Erde ihre Glieder regen und strecken, daß man +das Knacken der Gelenke über die ganze Welt vernehmen kann?“ +</p> + +<p> +Etwas unsicher sagte ich: „Dagegen werden wir uns zu wehren wissen.“ +</p> + +<p> +„Womit?“ fragte er ruhig und ohne jede Ironie. „Womit? Mit Ihrer +Zivilisation? Die ist nicht stark genug, Senjor. Sie hat ja keine tragende +Idee. Ihre Zivilisation wird nur von einem einzigen Gedanken geleitet, +und der heißt: Geld. Mit Geld kann man Geschäfte machen, aber keine +Seelen erwärmen.“ +</p> + +<p> +Ich jagte heim und stürzte wieder über die Bücher her. Neue Fragen +hatten sich mir aufgedrängt, und ich suchte nach Lösungen, suchte nach +einer Andeutung dessen, was uns bevorstand. Wenn irgendwo, dann war +in diesen Büchern der Schlüssel zu finden zu jenem großen Tor, dessen +Öffnung mich die Zukunft unserer Rasse sehen ließ. +</p> + +<p> +Wie im Fieber las ich und las, fiel nach Mitternacht wie mit Blei ausgefüllt +in mein Bett und stand auf bei den ersten Strahlen der Sonne mit +dumpfen Gliedern. Doch als meine Schläfen zu hämmern begannen, mein +Blut durch die Adern raste, als wolle es jeden Augenblick überkochen, +zwang ich mich gewaltsam zur Ruhe und zu mehr gleichmäßigem +Studium. Auf diese Weise zog ich einen erheblich größeren Gewinn aus +meinem Lesen. Ich fing an, ernsthaft zu studieren anstatt nur zu lesen. +</p> + +<p> +Nichtsdestoweniger aber lebte ich in einem andern Zeitalter. Keine Gelegenheit, +zu einem Menschen zu sprechen oder eine menschliche Stimme +zu hören, vergaß ich Zeit und Ort und meine eigene Person. Ich konnte +sprechen wie jene Personen, die in den Büchern erschienen, oder glaubte +wenigstens, es zu können; ich konnte deren Gedanken denken, ich konnte +in meiner Vorstellung deren Ideen über Welt und Leben wachrufen, ohne +daß mir der Vorgang selbst zum Bewußtsein kam. +</p> + +<p> +Diese Gefühle waren besonders stark am Abend und in den frühen +Nachtstunden, wenn alle Türen des Bungalows weit offen standen und +der ewig-singende Busch mir im Ohr summte. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-5"> +Der Nachtbesuch +</h3> + +<p class="noindent"> +Es war eines Abends zwischen zehn und elf etwa, als ich meine Augen +erhob von einem Buche über die Zivilisation der Tezkuken. Nein, um +genau zu sein, ich war gezwungen, meine Augen zu erheben; denn ich +<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> +hatte das Empfinden, daß jemand im selben Zimmer sei mit mir, und daß +ich seit einiger Zeit aufmerksam beobachtet würde. +</p> + +<p> +Wie ich zu diesem Empfinden kam, ist seltsam genug. Mein aktiver, mein +handelnder Sinn war voll beschäftigt mit dem Buche, das ich las. Dagegen +hatte mein inaktiver Sinn, der unbewußte, die Vorgänge, die sich +während meines Lesens abspielten, sorgfältig aufgenommen und festgehalten. +Dieser unbewußte Sinn, hier als Schutzinstinkt wirkend, wurde +stärker mit jeder Sekunde und zeigte einen unzweifelhaften Drang, meine +Aufmerksamkeit von dem Buche abzulenken und mich auf irgend etwas +aufmerksam zu machen, das für mich eine Gefahr bedeuten könne. +Immerhin lag eine unmittelbare Gefahr nicht vor, was ich auffallend +klar im Unterbewußtsein fühlte und was mich auch veranlaßt hatte, das +Rufen des inaktiven Sinnes für ein Anklopfen überarbeiteter Hirnzellen, +die sich nach Ruhe sehnten, zu halten. Aber der inaktive Sinn zeigte sich +endlich doch als der stärkere, und mit einem letzten heftigen Anprall +zerbrach er meine Konzentration, und mein aktiver Sinn gehorchte dem +zähen Ruf. +</p> + +<p> +Ich wendete den Kopf. In der Mitte des Raumes stand ein Indianer. Kein +Zweifel, er stand dort seit einer geraumen Weile. Sein Blick ruhte auf +meinem Gesicht, und taktvoll und geduldig wartete er darauf, daß ich +ihn anreden möchte. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick war ich fähig, genau die Zeile, ja das Wort zu +zeigen, das ich in dem Augenblicke las, als der Mann das Zimmer betreten +hatte. +</p> + +<p> +Augenscheinlich war der Mann die Holztreppe, die zur Veranda führte, +heraufgekommen und geräuschlos eingetreten. +</p> + +<p> +Es ist hier nicht Sitte, irgendein Haus, und sei es noch so primitiv, zu +betreten, ehe man sich nicht durch einen Gruß oder ein Rufen bemerkbar +gemacht und der Inwohner gesagt hat: „Pase!“ Die Mehrzahl der Häuser, +die der Indianer alle, haben keine Türen, und wenn sie welche haben, +werden sie mit Bast oder einem Bindfaden geschlossen. Ginge man auch +nur bis vor die offene Tür, ohne daß man sich durch ein Geräusch ankündigte, +würde man die Hausbewohner oftmals in die allerpeinlichste +Verlegenheit bringen, weil die Hütten meist ja nur einen Raum haben. +Dieser Mann hatte sicherlich verschiedene Male gerufen, um meine Aufmerksamkeit +auf sich zu lenken. Da ich so versunken in meinem Studium +war, hatte ich es nicht gehört, und er, mich am offenen Fenster lesen +sehend, war dann zögernd ins Haus gekommen, weil er mich aus irgendeinem +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +Grunde sprechen mußte und er keine andere Möglichkeit sah, sich +bemerkbar zu machen. +</p> + +<p> +Da stand er, bewegungslos wie eine Säule. Als ich ihn ansah, beugte er +ein Knie, berührte mit der flachen Hand den Fußboden, erhob dann die +Hand bis zu seinem Scheitel, das Innere der Hand mir zugekehrt, und +mit dieser Geste stand er gleichzeitig auf. +</p> + +<p> +Eine seltsame Form der Begrüßung, dachte ich, eine Art des Grußes, wie +ich sie bisher von einem Eingeborenen nicht gesehen hatte. +</p> + +<p> +„Guten Abend!“ sagte ich zu ihm in Spanisch. +</p> + +<p> +„Nacht ist kalt und lang“, begann er zu reden. „Schweine stören mich. +Entsetzlich ist es, o Herr, sich nicht verteidigen zu können. Gebaut mit +heiliger Sorgfalt, sicher zu sein für die Ewigkeit. Doch es zerfällt und +bricht. Lang ist die Nacht, dunkel und kalt. Denken Sie, o Herr, die +Schweine. Schweine sind das Grauen.“ +</p> + +<p> +Er erhob seinen Arm und deutete nach einer bestimmten Richtung. +</p> + +<p> +Nicht wissend, was für eine Antwort ich ihm geben sollte, da ich nicht +verstand, wovon er überhaupt redete, beugte ich mich über mein Buch, +um einen Augenblick Zeit zu gewinnen, meine Gedanken, die offenbar +in Verwirrung geraten waren, zu ordnen. Es war in der Tat für mich +nicht ganz klar, ob mein Geist sich in einem Zustand fieberischer Erregung +befand als eine Folge des unaufhörlichen Lesens, oder ob ich wirkliches +Geschehen erlebte. Die Gedanken fingen an, in meinem Hirn so durcheinanderzuwirbeln, +daß ich nicht in der Lage war, zu entscheiden, wo die +Wirklichkeit aufhörte und die Einbildung begann. +</p> + +<p> +Nur um etwas zu reden, sagte ich: „Was meinen Sie eigentlich? Um die +Wahrheit zu sagen, ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie sprechen. Reden +Sie im Zusammenhang, lieber Mann.“ +</p> + +<p> +Er aber war bereits gegangen, ebenso geräuschlos, wie er gekommen war. +Mit einem Satze war ich an der Tür. Ich wollte gewiß sein, ob meine +Sinne bereits so weit herunter waren, daß sie mir Erscheinungen vorgaukeln +konnten, oder ob ich wirklich soeben einen Menschen gesehen +und gesprochen hatte. +</p> + +<p> +Dank den Göttern, ich war gesund, mein Geist war klar: Dort, im +bleichen Licht des zunehmenden Mondes, sah ich ihn dahinschreiten, +schattengleich. Groß war er nicht, mehr von knabenhafter Gestalt, schlank +gebaut, reines unvermischtes Indianerblut. +</p> + +<p> +Ich kehrte zurück zu meinem Tisch und versuchte, mich seiner Worte zu +erinnern. Seltsam genug, ich konnte seine Worte nicht wiederfinden. Und +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +es kam mir zu Sinn, daß er nicht Spanisch gesprochen hatte, daß er keine +Sprache gebraucht hatte, die ich kannte; aber dennoch hatte ich ihn vollkommen +verstanden, der Inhalt seiner Sätze war mir deutlich, nur der +Zusammenhang fehlte mir. +</p> + +<p> +War sein Gruß nicht der gleiche gewesen, wie er bei den alten indianischen +Völkern im Gebrauch war? Aber das war ja offenkundiger Unsinn. +Meine Bücher hatten meine Gedanken verwirrt. +</p> + +<p> +Dagegen wenn ich nun seine Erscheinung in mein Gedächtnis zurückrief: +Er war in Lumpen gekleidet. Das wieder war nichts Auffallendes, denn +die Mehrzahl der Indianer laufen in zerfetzten Hosen und Hemden herum. +<a id="corr-7"></a>Hosen? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein +richtiges Hemd angehabt. Die Lumpen, mit denen er behangen war, +hatten ausgesehen wie die verrotteten Überreste eines sehr kostbaren +uralten Stoffes; ein merkwürdiges phantastisches Gewebe, wie ich mich +kaum erinnerte, irgendwo gesehen zu haben, es wäre denn in einem +Museum. +</p> + +<p> +Jedoch kein Zweifel bestand darüber, daß seine Oberarme sowie die +Enkel seiner Füße mit Goldreifen geschmückt gewesen waren, daß er eine +Halskette trug, die ein Goldschmied verfertigt hatte, der ein großer +Künstler war. +</p> + +<p> +Und dennoch, je deutlicher alle die Einzelheiten in mein Gedächtnis +zurückkehrten, je klarer wurde mir, daß ich nichts von alledem gesehen +hatte, was ich glaubte, bemerkt zu haben. Ich hatte den armen Indianer +lediglich mit all jenen Äußerlichkeiten ausgestattet, die ein Merkmal +jener Völker waren, über die ich gerade las. Die höchste Zeit, sagte ich zu +mir selbst, mit diesen Dingen nun ernsthaft Schluß zu machen und den +Weg zu meinem Jahrhundert und zur nüchternen Wirklichkeit, in der +die Postsäcke ratternd einige tausend Meilen weit durch die Lüfte geworfen +werden, zurückzukehren. +</p> + +<p> +Ich klappte mein Buch zu und ging zu Bett. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-6"> +Die drei Schweine +</h3> + +<p class="noindent"> +Am nächsten Morgen bemerkte ich drei Schweine, zwei schwarze und ein +gelbes, die sich um das Haus herumtrieben. Ich hatte sie bereits bei zwei, +drei anderen Gelegenheiten gesehen. Jetzt aber betrachtete ich sie mit +Interesse, denn sie erinnerten mich an meinen Besucher in der vergangenen +Nacht, der von Schweinen gesprochen hatte. Was diese Schweine jedoch +mit ihm zu tun hatten, konnte ich nicht herausfinden. +</p> + +<p> +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +Sicher waren sie das Eigentum einer der Indianerfamilien, die weiter +unten am Abhang des Höhenzuges wohnten. Die Schweine werden hier +kaum gefüttert, haben auch keinen Stall, deshalb müssen sie herumlaufen +und sich ihr Futter selbst suchen. Ihren Besitzer erkennen sie nur daran, +daß er ihnen Wasser gibt, sie ab und zu an einen Baum bindet und sie +endlich, nachdem er ihnen zwei Wochen lang täglich einen Sack voll +Maiskolben vorgeworfen hat, dem Zweck ihrer Bestimmung zuführt. +Aber es kommt nicht vor, daß Schweine sich so weit von ihrem Besitzer +entfernt herumtreiben, weil in seiner Nähe schon immer einmal ein Löffel +voll gekochter Bohnen vor die Tür fallen könnte, die ein Schwein nicht +gern missen möchte. +</p> + +<p> +Jedenfalls konnte ich keinen Zusammenhang mit diesen sehr natürlich +aussehenden Schweinen und meinem Besucher sehen. Wenn es seine +Schweine waren und er nicht wünschte, daß sie sich hier oben herumtrieben, +so war es sein Geschäft und nicht meines, sich um sein Viehzeug +zu kümmern. Überdies, wenn ich es recht bedachte, war es höchst eigentümlich, +daß mich der Mann mitten in der Nacht seiner Schweine wegen +belästigte. +</p> + +<p> +Etwas konnte ich immerhin für den Mann tun. Ich warf mehrere Steine +nach den Schweinen, und sie verließen den Vorplatz vor dem Bungalow. +Sie liefen aber nicht den Pfad hinunter, der zu ihren Eigentümern führen +mußte, sondern sie bogen nach einer Weile von dem Pfade ab und +trotteten auf einen Hügel zu, der sich in etwa dreihundert Schritt Entfernung +vom Hause befand und der völlig mit dichtem Buschwerk bewachsen +war. +</p> + +<p> +Es schien, daß sie dort in der Nähe reichlich Futter fanden, denn ich bemerkte, +daß sie durch das Gebüsch hin und her krochen für eine Weile, +bis ich jegliches Interesse an ihnen verlor und die Hühnernester absuchen +ging, weil ich Hunger bekam. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-7"> +Der zweite Besuch +</h3> + +<p class="noindent"> +Drei Tage später, wie gewöhnlich über meinen Büchern sitzend, gegen +elf Uhr nachts, hatte ich plötzlich dasselbe seltsame Gefühl, das mich in +jener Nacht aufgescheucht hatte, als der Indianer in mein Haus gekommen +war. +</p> + +<p> +Ein Frösteln lief mir über den Rücken, als ich, zur Seite blickend, meinen +indianischen Besucher im Zimmer stehend fand, mich schweigend, aber +unverwandt beobachtend. +</p> + +<p> +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +Doch dieses Gefühl des Unbehagens verflog sofort, weil mich die Wut +packte, die zu verbergen ich mich keineswegs bemühte, als ich den Mann +fragte: „Wie sind Sie denn hier hereingekommen? Was denken Sie sich +denn eigentlich, daß Sie sich solche Freiheiten erlauben? Das ist doch +hier kein öffentliches Gebäude. Das ist ein Privathaus, verstehen Sie? +Und ich wünsche, daß Sie es als ein Privathaus respektieren. Was, zum +Teufel, wollen Sie denn eigentlich? Wenn Sie einen Schweinehirten +suchen, dann sehen Sie sich anderswo um. Ich mag Schweine nicht.“ +</p> + +<p> +Ich polterte die Sätze heraus, mehr um mein Sicherheitsgefühl wiederzugewinnen +und jenes Frösteln loszuwerden, als um dem Manne wehe +zu tun. +</p> + +<p> +Er starrte mich an mit weit geöffneten Augen und mit einem Ausdruck +des Gesichts, als müsse er vorsichtig den Sinn meiner Sätze erst ergründen, +ehe er darauf antworten könne. +</p> + +<p> +Dann sagte er: „Auch ich fürchte Schweine. Sie sind so grauenhaft! Oh, so +sehr grauenhaft!“ +</p> + +<p> +Kurz angebunden erklärte ich: „Das geht mich nichts an. Schlagen Sie +die Biester tot und kochen Sie das Fett aus, wenn sie Ihnen unbequem +sind. Aber lassen Sie mich nun endlich damit in Ruhe.“ +</p> + +<p> +Ich sah ihm ins Angesicht. Seine Augen blickten so traurig, daß ich plötzlich +heißes Mitleid mit ihm empfand. +</p> + +<p> +„Sehen Sie hier, o Herr!“ Er deutete auf seine Wade. Gräßlich! Einige +Zoll über dem Knöchel befand sich eine furchtbar aussehende Wunde. +</p> + +<p> +„Das haben die Schweine getan.“ Durch seine Stimme klang jetzt ein +Ton, der es mir schwer machte, nicht anzufangen zu weinen. Mein übermüdetes +Hirn begann sich zu rächen. +</p> + +<p> +„O grauenhaft! O grauenhaft! Und gleichzeitig zu wissen, daß man ganz +hilflos ist, daß man sich nicht einmal gegen solch wüstes Getier schützen +kann. Flehen Sie alle Schicksalsmächte an, daß Ihnen nicht ein gleiches +Los beschieden werde. Es wird nicht lange währen und diese entsetzlichen +Tiere werden an meinem Herzen nagen, und sie werden mir die +Augen ausfressen, bis jener Tag des Grausens kommen wird, wo sie mein +Hirn schlürfen werden. Oh, Herr und Freund, bei allem, was Ihnen heilig +ist, helfen Sie mir, erretten Sie mich aus meiner namenlosen Pein. Ich +leide mehr, als ein Mensch ertragen kann. Was mehr noch kann ich sagen, +um Sie von meinen Qualen zu überzeugen!“ +</p> + +<p> +Nun endlich wußte ich, was der Zweck seines Besuches war. Der Mann +glaubte, ich sei der Doktor. Es war allgemein bekannt, daß der Doktor +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +nicht praktizierte; da aber der nächste Arzt etwa fünfundachtzig Meilen +entfernt wohnte, leistete Doktor Wilshed auf Verlangen in sehr dringenden +Fällen erste Hilfe. Augenscheinlich litt der Mann entsetzliche +Schmerzen. +</p> + +<p> +Nach langem Suchen fand ich in einer Kiste die Medikamente. Ich nahm +eine Binde heraus, Baumwolle und Salbe. +</p> + +<p> +Als ich mich nun dem Manne näherte, ihm die Binde anzulegen, trat er +zwei Schritte zurück und sagte: „Das ist nutzlos. Es sind die Schweine, +die ich fürchte und die mir Qualen bereiten, nicht die Wunde, die ich +kaum beachte. Diese Wunde ist für mich nur das Zeichen dessen, was +noch folgen wird.“ +</p> + +<p> +Auf seine Weigerung nicht achtend, langte ich energisch nach seinem +Bein. Aber ich tappte in die leere Luft. Etwas verwirrt sah ich auf, und ich +nahm wahr, daß der Mann noch einen Schritt weiter zurückgegangen +war. Lächerlich, wie leicht man sich täuschen läßt, ich konnte schwören, +daß meine zupackende Hand an derselben Stelle gewesen war, wo sein +Bein stand. +</p> + +<p> +Ich gab meinen ärztlichen Beistand auf und ging zum Tisch, wo ich +stehenblieb und ihn beobachtete. +</p> + +<p> +„Das sind ganz wundervolle Schmucksachen, die Sie da tragen“, sagte +ich. „Wo haben Sie die erhalten?“ +</p> + +<p> +„Mein Neffe hing sie über mich, als ich ihn verlassen mußte.“ +</p> + +<p> +„Scheinen sehr alt zu sein. Antike Arbeit.“ +</p> + +<p> +„Sind sehr alt“, bestätigte er. „Sie gehören zum Schatze meiner königlichen +Familie.“ +</p> + +<p> +Ich konnte es nicht vermeiden, zu lächeln, was er aber nicht zu bemerken +schien, oder er war zu höflich, es zu sehen. Spaßhafte Leutchen, diese +Indianer. In Lumpen gekleidet, wohnend in elenden Grashütten, selten +im Besitz der paar notwendigen Münzen, um sich rohes Leder für Sandalen +zu kaufen, tragen sie dennoch Diamantringe an den Fingern. +</p> + +<p> +Wieder begann ich nüchterne Wirklichkeit und den Inhalt der Bücher, +die mich in Atem hielten, miteinander zu verwirren. „Mein Neffe gab +sie mir.“ Aber das war ja ein Brauch bei den Azteken, bei den Panukesen, +bei vielen anderen indianischen Völkern, wo nie der Sohn, sondern der +Bruder oder der Neffe Thronerbe war. So ging das nicht weiter. Ich +mußte unter Menschen gehen; die Einsamkeit des tropischen Busches +bekam mir nicht, ganz besonders nicht, wenn ich nichts tat, als derartige +Bücher zu lesen. +</p> + +<p> +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +„Nun muß ich gehen!“ Er unterbrach meine wandernden Gedanken. +„Vergessen Sie nicht, daß es die Schweine sind, mein Herr. Einige große +schwere Steine werden genügen. Es ist so hart, um Hilfe bitten zu müssen, +aber ich kann mich nicht verteidigen. Ich bin ja so sehr hilflos.“ +</p> + +<p> +Aus seinen traurigen Augen rollten Tränen langsam an seinem Gesicht +herunter, obgleich er sich bemühte, ihnen Einhalt zu gebieten. +</p> + +<p> +Dann erhob er seine Hand, führte sie an seine Lippen, hob sie hoch über +sein Haupt und hielt die innere Handfläche eine kleine Weile gegen mich +gekehrt. Und ich erkannte, daß seine Hand von einer edlen Form war, die +ich irgendwo gesehen hatte. Wo aber, konnte ich mich nicht erinnern. +Auch bemerkte ich zum ersten Male, daß er einen Bart trug, der zwar +Kinn und Backen hinreichend umrahmte, aber doch sehr dünn erschien. +Und obgleich einen solchen Bart gesehen zu haben ich mich nicht erinnerte, +rief er doch etwas, das mit merkwürdig gesprochenen Sätzen +verknüpft war, in mir wach, über das ich nachzugrübeln begann, ohne es +finden zu können. +</p> + +<p> +Ich riß mich von dieser verwirrenden Gedankenkette los, um den Mann +nach seiner Wohnung zu fragen, was zu wissen mir plötzlich und ganz +ohne Grund ungemein wichtig erschien. +</p> + +<p> +Aber er war bereits gegangen. +</p> + +<p> +Ich sprang zur Tür. +</p> + +<p> +„Wahrlich! Er schreitet wie ein König!“ sagte ich zu mir selbst, als ich +ihn den Pfad dahingehen sah. +</p> + +<p> +Wie wunderschön war die Nacht! Sie war gekleidet in den magischen +Silberschimmer des Vollmondes, der steil über meinem Scheitel stand. +Die zauberhafte Sonne der Tropennacht. Die Dinge standen in diesem +Lichte da in einer so unheimlichen Schärfe, als müsse sich in jeder Minute +etwas Unerhörtes ereignen. Es lag ein Warten in diesem Lichte, als würden +diese grellbeleuchteten, schreckhaft lebendig erscheinenden Dinge mit dem +nächsten Atemzuge einen gellenden Schrei ausstoßen, um den Schatten +aufzujagen, der schwer und schwarz und wuchtig auf ihren Füßen lastete. +Und der in der Luft hängende Schrei fiel auf mein Herz und machte es +stocken, als der Indianer stehenblieb, sich umwandte und mir sein Gesicht +zukehrte, in dem ich jede Linie, ja selbst jede Pore deutlich sehen konnte, +obgleich er dreihundert Schritte beinahe entfernt war. Nun erhob er den +Arm und deutete nach jenem Hügel, wohin sich die drei Schweine verzogen +hatten, nachdem ich sie mit Steinen fortgejagt hatte. +</p> + +<p> +Dann verließ er den Pfad und ging auf den Hügel zu. Das Gebüsch +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +reichte ihm zur Schulter. Langsam stieg er den Hügel hinauf, bis er die +Höhe erreicht hatte, wo das dichte Gebüsch so hoch stand, daß es ihm +weit über den Kopf reichte und es auf mich den Eindruck machte, als +habe ihn das Gestrüpp verschluckt; denn ich sah ihn nicht mehr. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-8"> +Eine Entdeckung +</h3> + +<p class="noindent"> +Sobald die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen war, nahm ich mein +Buschmesser und schlug mir einen Pfad durch zu jenem Hügel. So sorgfältig +ich auch das Gebüsch untersuchte, ich konnte den Weg nicht +finden, den der Indianer in der verflossenen Nacht gegangen war. Nichts +war niedergetreten, kein Zweig abgebrochen. Es war eine harte Aufgabe, +ihm auf seinem Wege zu folgen. Ich hatte mir vorgenommen, ihn +in seiner Hütte aufzusuchen. Vielleicht konnte ich eines seiner einzigartigen +Schmuckstücke gegen ein Paar Stiefel oder ein Hemd oder +Sattelzeug eintauschen. +</p> + +<p> +Als ich endlich den Hügel erreichte, machte ich eine merkwürdige Entdeckung: +Der Hügel war nicht ein natürlicher Haufen Erde oder ein +Felsblock, wie ich geglaubt hatte, sondern er war künstlich aus gehauenen +Steinen und Mörtel aufgebaut. Dem Anschein nach zu urteilen war er +einige hundert Jahre alt. Das dornige dichte Gebüsch hatte ihn völlig +bedeckt und sich in das Mauerwerk festgewurzelt und eingefressen. +Diese unerwartete Entdeckung ließ mich ganz vergessen, dem Indianer +nachzulaufen. +</p> + +<p> +Ich hieb das Gebüsch nieder und machte eine weitere Entdeckung: Steinstufen +führten in östlicher Richtung auf die Oberfläche des Hügels. Der +Hügel selbst war etwas mehr als drei Meter hoch. Oben hatte er eine +viereckige ebene Fläche, die wohl drei Meter im Geviert war. +</p> + +<p> +Eine Seite des Hügels war durchwühlt, und da hier das Buschwerk +niedergetrampelt war, schien diese Wühlerei ganz kürzlich getan worden +zu sein. Kein Zweifel, die Schweine hatten das neulich verübt, als sie +hier herumlungerten. Als ich dieser Wühlerei nachging, fand ich, daß +die Schweine sich durch das Mauerwerk gearbeitet hatten, das an dieser +Stelle zu zerfallen begann und bloßlag. +</p> + +<p> +Wenn irgendwo, dann lag hier das Geheimnis verborgen, das mich +beschäftigte. Hier war die Erklärung zu suchen für alles, was in den +letzten Tagen geschehen war. +</p> + +<p> +Ich eilte zurück zum Hause und holte mir Pickhacke und Schaufel. +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +Stein um Stein, Brocken um Brocken brach ich heraus, bis das Loch groß +genug war, um meinen Oberkörper hindurchzuzwängen. Ich zündete +ein Streichholz an. +</p> + +<p> +Doch kaum flammte es auf, als ich es mit einem unartikulierten Schrei +fallen ließ und mich so rasch hinausquetschte, daß sich Schultern, Brust +und Rücken mit blutenden Schrammen bedeckten. Dann, im hellen +Sonnenlichte vor dem Loche sitzend und meinen Atem wiederfindend, +dachte ich, daß Augen doch recht unzuverlässig sein können. +</p> + +<p> +Ursprünglich hatte ich die Absicht gehabt, den Hügel unberührt in jener +Form zu lassen, in der ich ihn gefunden hatte. Doch nun blieb mir keine +andere Wahl. Ich hatte den Kopf des Hügels aufzubrechen, um das +blendende Tageslicht hineinfluten zu lassen und dem Innern der Höhle +die unerträgliche Geisterhaftigkeit zu rauben. +</p> + +<p> +Harmlosere Dinge als das, verborgen in dieser Höhle, können einem +im Dschungel oder im tropischen Busch ein tieferes Grauen einjagen. +Eine zwanzig Zentimeter große behaarte Spinne, die einem über das +Gesicht läuft, oder ein fünfunddreißig Zentimeter großer schwarzer +Skorpion, der sich ins Zelt oder in die Hütte geschlichen hat, erfüllen +einen häufig genug mit größerem Entsetzen als das Begegnen mit einem +Tiger, wenn man nichts weiter in der Hand hat als einen Stock. +</p> + +<p> +Ich beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen. Das Unbestimmte mochte +sich in meiner Einsamkeit, besonders zur Nachtzeit, vielleicht schwerer +auf die Nerven legen als das klare festumgrenzte Wissen, wenn es auch +noch so Grauenhaftes aufweisen sollte. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-9"> +Der Panukese ist tot +</h3> + +<p class="noindent"> +Gegen Mittag war ich, trotz der Gluthitze, so weit mit meinem Ausgraben +gekommen, daß der Inhalt der Höhle offen im hellen Licht des +Tages lag. +</p> + +<p> +Es ist ganz gewißlich wahr, ich war weder geistesgestört noch träumte +ich. Wäre ich im Zweifel gewesen, die Blasen an meinen Händen und +die Müdigkeit meines Körpers hätten mich eines Besseren belehrt. +</p> + +<p> +Da, in jener Höhle, deren Mauerwerk so fest gefügt war, als wäre es +beste Betonarbeit, befand sich mein Besucher, jener Indianer, der mich +zweimal des Nachts in meinem Hause gesprochen hatte. Er saß auf dem +Boden der Höhle in hockender Stellung. Die Ellbogen ruhten auf den +Knien. Sein niedergebeugtes Antlitz war verborgen in seinen Händen. +</p> + +<p> +Er war tot. Tot seit vier-, fünfhundert Jahren, vielleicht viel länger, +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +und er war begraben worden mit unnennbarer Sorgfalt, aus der Liebe +sprach und Ehrfurcht zugleich. Die Höhle war durchaus luftdicht abgeschlossen +gewesen bis vor wenigen Tagen, wo die Schweine angefangen +hatten, dort herumzuwühlen. Sein Aussehen war nicht das +einer ägyptischen Mumie. Vielmehr sah er ganz so aus, als wäre er vor +drei Tagen erst gestorben. +</p> + +<p> +Die Lumpen, in die er gekleidet war, erschienen im hellen Tageslicht +noch bei weitem kostbarer und reicher in ihrer ursprünglichen Herkunft +als in der Nacht. Die Schmucksachen, die er trug, waren Meisterstücke +hochentwickelter Goldschmiedekunst, und ich hatte nie zuvor irgendwo +Arbeiten von solcher Vollendung gesehen. +</p> + +<p> +Plötzlich bemerkte ich, daß seine Wade angefressen war, und gerade an +jener Stelle, die er mir in der vergangenen Nacht gezeigt hatte. Kein +Blut war zu sehen, trotzdem die Schweine bereits bis auf den Knochen +gekommen waren. Das Fleisch seiner Brust, seines Gesichts und das +seiner Waden war hart und fühlte sich an wie Holz. Ich konnte mir +nicht erklären, welche Anziehungskraft dieses holzartige Fleisch, das +augenscheinlich auch nicht den allergeringsten Nährwert enthielt, auf +Schweine ausüben konnte. Aber es war ja immerhin möglich, daß +Schweine hinsichtlich dessen, was gut schmeckt, eine andere Meinung +haben, als wir gemeinhin annehmen. Warum sich der Körper so frisch +erhalten hatte, war leicht zu erklären: Die Höhle war luftdicht abgeschlossen, +und die Erde rundherum enthielt chemische Substanzen, +die auf den Körper konservierend einwirkten, nachdem sie in feinen +Partikelchen das Mauerwerk durchsetzt hatten. Wahrscheinlich war +auch das Konservierungsmittel, das beim Einbalsamieren des Körpers +gebraucht worden war, von anderer Beschaffenheit und Wirkung als +jenes, das die Ägypter verwandten. +</p> + +<p> +Immer wieder und wieder betrachtete ich meinen Fund. So lebensfrisch +hockte er da, daß ich jeden Augenblick erwartete, er würde den +Kopf erheben, aufstehen und mit mir zu sprechen anfangen. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-10"> +Von Erde bist du gemacht +</h3> + +<p class="noindent"> +Mitleidlos schleuderte die Sonne ihre feurigen Wogen hinunter, und +es kam mir der Gedanke, daß diese Gluthitze meinem kostbaren Funde +von Nachteil sein könne, wenn er zu lange dem grellen Sonnenlichte +ausgesetzt sei. +</p> + +<p> +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +Ich holte aus dem Hause eine große Kiste, um den Körper hineinzulegen +und ihn dann in Sicherheit zu bringen. Ehrlich gesagt, es war mir nicht +ganz klar, warum ich das alles tat, weshalb ich nicht den Körper da +lassen wollte, wo er seit vielen hundert Jahren geruht hatte. Aber diese +Krankheit, die schon soviel Unheil angerichtet hat, soviel Seelenlosigkeit +in unsre Kultur gebracht hat, die Museumswut packte mich. Ich sah +meinen Namen in wissenschaftlichen Zeitschriften gedruckt, sah mich am +Rednertisch stehen, zur Seite eine weiße Leinenwand, sah die Briefe +von Redaktionen großer Zeitungen auf mich einregnen, die mich um +Aufsätze anflehten und mir die Freiheit ließen, das Honorar zu bestimmen, +sah die Museumsdirektoren mit fabulösen Summen um meinen +Fund kämpfen und sah Dollarmillionäre bescheiden vor meiner Tür +stehen und mir Blankoschecks anbieten, um ihre Privatsammlungen +auf den ersten Seiten der New-Yorker Blätter erwähnt zu sehen. +</p> + +<p> +Und doch wieder ließen mich diese materiellen Aussichten ganz kühl, +und sie verflogen so rasch aus meinem Geiste, wie sie, kaum eine Spur +zurücklassend, gekommen waren. Noch jetzt weiß ich ganz genau, daß +mein Handeln, ohne einen bestimmten Gedanken über das Warum zu +haben, sich so mechanisch abwickelte, als hätte es gar nicht anders sein +können. Dennoch wußte ich, daß ich unter keiner Suggestion, von welcher +Art und Herkunft sie auch immer sein mochte, handelte. +</p> + +<p> +Mit Sorgfalt ging ich ans Werk. Da die Höhle nicht weit genug war, um +die Kiste neben den Körper in die Vertiefung zu setzen, sprang ich +hinunter, um den Körper auf den Rand der Höhle zu heben. +</p> + +<p> +Doch kaum hatte ich zugepackt, als meine Hände auch schon zusammenklatschten, +als hätten sie Luft umarmen wollen, denn zwischen meinen +Händen fiel der Körper zusammen, und übrigblieb nichts weiter von +ihm als ein kleines, ganz kleines Häuflein Staub, das, wenn ich es zusammenscharrte, +nicht größer war als eine Faust. +</p> + +<p> +Es waren nicht mehr als zwanzig Minuten vergangen, seit ich den Körper +abgetastet und gefunden hatte, daß er hart war und sich anfühlte wie +Holz. Alles, selbst die kostbaren Gewebe, das schwarze Haar des Kopfes +und des Bartes, die Fingernägel hatten sich so überraschend in zarte +Flugasche verwandelt, als habe ein gewaltiges Feuer mit der Raschheit +und der Konzentriertheit des Blitzes einen Strohhalm aufgebrannt. +</p> + +<p> +Ich starrte auf das winzige Häuflein Asche, das noch während meines +Hinsehens der Erde, die beim Ausgraben auf den Boden der Höhle +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +gefallen war, immer ähnlicher wurde, und ich hätte schon nicht mehr mit +Gewißheit sagen können, was Sand und was jene Asche war. +</p> + +<p> +Es war zwecklos, noch länger da in der Mittagssonne zu stehen. Ein +Traum äffte mich; ich begann aufzuwachen und bemühte mich, klar und +ruhig auf ein Mittel zu denken, das mich von diesen Wahnbildern, die +mich herumjagten, befreien könnte. Ich fühlte deutlich, daß ich anfing, +krank zu werden. Der Busch stand unheimlich drohend um mich herum, +ebenso drohend stand über mir die glühende Sonne, einer erbarmungslosen +Feindin gleich, sich in mein Hirn bohrend, fressend und nagend. +Die Menschen hatten seit hundert Jahren die Erde verlassen, mich +hatten sie vergessen zu rufen und mitzunehmen, weil ich zu tief im +Busch war, weil sie mich tot geglaubt hatten. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-11"> +Aber ... +</h3> + +<p class="noindent"> +Oh, Sonne, Mond und alle Sterne, erlöst mich von meinen Qualen! Was, +um aller Lebenden und Toten willen, ist Wahrheit? Dort, vor meinen +Füßen funkelt und glitzert es so lustig im Sonnenlicht, so verheißungsvoll +und so beruhigend: Die Schmuckstücke des Indianers. Sie zerfielen +nicht zu Asche, und wenn sie da sind – und sie sind wirklich und wahrhaftig +da, denn ich fühle sie in meinen Händen –, dann ist auch der +Indianer dagewesen, und ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue. +Ich eile zum Hause. Mit der Freude im Herzen über das neugeschenkte +Leben betrachtete und studierte ich die kleinen Kunstwerke. Dieses +Studium erfüllte mich mit Andacht und mit Ehrfurcht gegenüber den +Künstlern, die so Wundervolles schaffen konnten, und die ihre Namen +nicht zurückließen. +</p> + +<p> +Endlich wickelte ich die Sachen in Papier, machte ein kleines Paketchen, +das ich verschnürte, und legte es in eine leere Blechbüchse, die ich oben +auf das Bücherbrett stellte. +</p> + +<p> +Noch vor Sonnenuntergang ging ich abermals zur Höhle und füllte sie +mit Erde und Steinen zu. Ich tat es, um zu verhindern, daß sich herumtreibende +Pferde und Maultiere hineinstürzen, die Glieder brechen und +dann hilflos darin liegenbleiben sollten. +</p> + +<p> +Den ganzen Abend verbrachte ich damit, mir alle Geschehnisse der +letzten Tage, und besonders des heutigen, ins Gedächtnis zurückzurufen +und sie zu ordnen, damit es ihnen nicht gelänge, mich zu verwirren. +Denn da ich niemand hatte, mit dem ich hätte sprechen, auf den ich einen +Teil meiner Erregung hätte abladen können, war ich genötigt, alle +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +Widersprüche, Einwendungen, Erklärungen und Vermutungen gegen +mich allein zu führen, um eine Unterhaltung in Fluß zu bringen. +</p> + +<p> +Mitternacht war längst vorüber, als ich zu Bett ging, erregt wie ein Kind +am Weihnachtsabend. Erschöpft und übermüdet, als eine Folge der +harten Tagesarbeit und der seelischen Aufregungen der letzten zwanzig +Stunden, fiel ich sofort in Schlaf. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-12"> +Träume +</h3> + +<p class="noindent"> +Mein Schlaf war alles andere, nur nicht sanft und ruhig. Aus einem +schweren und wüsten Traum wurde ich in einen andern gejagt. Keiner +meiner Träume war süß, ja nicht einmal indifferent oder alltäglich. Aber +jeder hatte seinen Höhepunkt, und wenn dieser Höhepunkt erreicht war, +schoß ich auf, nur um sofort wieder in Schlaf zu fallen mit keinem +andern Sinn, als sogleich einen neuen Traum herunterzuhetzen. Es war +ganz natürlich, daß jeder Traum mit den Dingen, die mich in den letzten +Tagen so außerordentlich beschäftigt hatten, in naher Verbindung stand. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Ich sah mich über die lebhaften Märkte der alten indianischen Städte +wandern, aber es war mir nicht möglich, das zu finden, was ich so bitter +notwendig haben mußte. Und immer, wenn ich glaubte, es nun gefunden +zu haben, machte ich die Entdeckung, daß ich vergessen hatte, was es +war. Nun begann mein Geist angestrengt zu arbeiten, um das, was ich +brauchte, in mein Gedächtnis zurückzurufen. Dann ging ich an einen +Verkaufsstand und kaufte etwas. Wenn ich es aber in der Hand hatte, +kam mir zum Bewußtsein, daß ich ganz etwas anderes hatte kaufen +wollen. Ich steckte den Gegenstand, den ich plötzlich gar nicht kannte, in +die Tasche, aber ich fand, daß ich keine Tasche an meinen Kleidern +besaß. Nun sollte ich bezahlen, und so sehr ich auch suchte, ich konnte +die Kakaobohnen nicht finden, die das Geld waren, mit dem ich zu +zahlen hatte. Denn was immer ich in die Hand nahm, waren Pfefferkörner +oder Ameisen oder Fingernägel. Und dann wurde ich von halbnackten +Marktpolizisten gejagt und als Marktbetrüger verfolgt. Ich +raste durch den Busch, wo mich die Schlingpflanzen und Kaktusstauden +festzuhalten suchten, meine Haut mir in Fetzen vom Leibe gerissen +wurde durch die Dornen und Stacheln, die sich mir überall in den Weg +drängten. Und wohin ich trat waren Schlangen, Riesenspinnen, gigantische +Skorpione, große Eidechsen, deren Maul halb so weit offen war +wie ihr Körper lang war, während hinter mir die nackten Polizisten +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +wie Wölfe heulten und brüllten und Polizeitiger auf meine Fährte +setzten. Nun hatte ich einen hohen Felsen zu erklimmen, und als ich +oben war und eine Meute von Berglöwen und Geiern mich gerade packen +wollte, fiel ich in eine tiefe Schlucht hinunter. Der Fall dauerte viele +Stunden, und während des Falles sah ich, wie die Polizisten, die in +Papageienfedern gekleidet waren, die Possums, die ihnen als Polizeihunde +gedient hatten, herbeipfiffen, dann mit Musik heimmarschierten, +den Kaufmann, dem ich drei und eine halbe Kakaobohne schuldete, verhafteten +und am Nebenstand als Sklaven verkauften. Inzwischen kam +ich unten in der Schlucht an. Ich schlug so heftig auf, daß ich aufwachte +und die Schlucht hell erleuchtet fand. Es war aber der Mond, der in +meinem Zimmer war. Und darüber beruhigt, schlief ich sofort wieder ein. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Nun kämpfte ich auf seiten der spanischen Eroberer, und die Azteken +nahmen mich gefangen. Ich wurde in den Tempel gebracht, um geopfert +zu werden. Priester legten mich auf den Opferstein und hielten mich +fest. Der Hohepriester kam heran, um mir das Herz aus der Brust zu +reißen und es dem fürchterlich aussehenden Gotte vor die goldenen Füße +zu werfen. Ich sah, wie der Gott mich angrinste und mit den Augen +blinkte, obgleich er von Stein war. Dann streifte der Hohepriester den +Ärmel seines Rockes zurück, packte mich mit der linken Hand brutal +am Kinn und riß mir den Kopf zurück, während er mit der rechten +Hand das Messer aus Obsidian in meine Brust schlug, wobei ich +aufwachte. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Aber gleich fiel ich wieder in Schlaf und kämpfte nun auf seiten der +Tabascaner. Ich fiel in Gefangenschaft der Spanier, kam vor ihr Kriegsgericht +und wurde zum Verlust beider Hände verurteilt, die mit einem +stumpfen Taschenmesser abgeschnitten wurden. Die Arme fühlten sich +darauf ganz dumpf an, ich erwachte, und meine Hände, die seitlich aus +dem Bett hingen, waren eingeschlafen. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Nun besaß ich ein Atelier für Kunstgewerbe in Tenochtitlan, und ich +hatte den Befehl bekommen, den Krönungsmantel für den neugewählten +Monarchen aus den schönsten Federn tropischer Vögel anzufertigen. +Aber die Federn flogen mir alle fort, und ich hatte hinter jeder einzelnen +herzujagen, während nur eine knappe Viertelstunde noch fehlte, bis die +Krönung beginnen sollte. Alle Fürsten und die Gesandten fremder +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +Herrscher waren schon versammelt; die Volksmenge summte vor dem +Krönungspalaste und in den Straßen, die zum Tempel führten. Ganze +Scharen von Dienern und hohen Beamten kamen angejagt, um den +Mantel zu holen; aber wenn ich eine Feder angenäht hatte und die +nächste danebenheftete, flog die vorher angenähte schon wieder fort. Ich +hörte die Trompeten schmettern und die großen Pauken dröhnen, die +gigantischen Bronzeplatten von den Tempeln klingen und die Priester +ihre schrillen Gesänge anstimmen, während mein Haus von Tausenden +von wütenden Dienern und Hofmarschällen umstellt war, die schrien: +„Den Krönungsmantel! Den Federmantel! Wir müssen alle sterben! +Zum Tode verurteilt! Zum Tode geflogen!“ In meiner Hast, den Mantel +doch noch fertigzustellen, schlüpfte er mir aus den Fingern, und alle +Federn, die ich in wochenlanger mühseliger Arbeit angenäht hatte, flogen +zwitschernd zum Fenster hinaus. Ich erwachte und hörte die Millionen +Grillen und Graspferdchen im Busch zirpen. +</p> + +<p class="tb"> +* * * +</p> + +<p class="noindent"> +Und wieder schlief ich gleich darauf ein mit dem sicheren und beruhigenden +Bewußtsein, daß ich im Bett liege und mir die Krönung des Kaisers +von Anahuac ganz gleichgültig sei, noch gleichgültiger sein Mantel. Da +öffnete sich die Tür zu meinem Zimmer. Ich wunderte mich darüber, wie +das geschehen könne; denn ich wußte genau, daß ich vor dem Zubettgehen, +wie es meine Gewohnheit war, den schweren Vorlegebalken sorgfältig +in die Hintschen geschoben hatte. Aber die Tür öffnete sich trotzdem, +und herein kam mein indianischer Besucher, derselbe, den ich, wie +ich genau wußte, am Tage vorher hatte zu Staub zerfallen sehen. Das +Zimmer war durch ein merkwürdig bleiches und flutendes Licht erhellt, +dessen Quelle ich nicht ergründen konnte. Es war weder Sonne noch +Mond, es war vielmehr ein weißer, in sich leuchtender Nebel, der aber +nicht dicht genug war, daß er irgend etwas verbergen oder auch nur +verschleiern konnte. +</p> + +<p> +Der Indianer kam nahe zu meinem Bett. Dort stand er ruhig und sah +mich lange an. Ich hatte meine Augen weit geöffnet, konnte mich aber +nicht bewegen. Besser gesagt, es kam mir von nirgendwoher der Wille, +mich zu bewegen, und ich fühlte, daß ich mich nicht bewegen könne, +wenn ich nicht irgendwo den Willen fände, der mir fortgelaufen war. +Doch ich fühlte keinerlei Furcht, dagegen war in mir ein wohltuendes +Empfinden brüderlicher Liebe oder Freundschaft. Mein Besucher hob mit +ruhigen Bewegungen den Moskitoschleier auf und schlug die Seite, an der +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +er stand, oben über die Bandleiste. Dann grüßte er mich in seiner feierlichen +Weise. Wieder betrachtete er mich eine Weile mit tiefem Ernst, +und dann begann er zu reden. Er sprach sehr langsam, jedem einzelnen +Worte das volle Gewicht der auszudrückenden Meinung gebend: +</p> + +<p> +„Ich frage Sie, mein Freund, wie Sie fühlen würden, wenn man Sie in +einem Zustande völliger Hilflosigkeit jener kleinen Gaben beraubte, die +Ihnen mitgegeben wurden als Begleiter auf jene lange Reise durch das +Land der Schatten? Wer gab sie mir, jene kleinen Geschenke? Sie wurden +mir gegeben von jenen, die mich liebten und die ich liebte, von jenen, die +heiße Tränen weinten, als ich sie verließ. Nichts sonst als diese geringfügigen +Gaben sind es, die meinen Weg erleuchten durch die Nacht. Für +Liebe allein ist es, daß Menschen geboren wurden, und nur der Liebe +wegen ist es, daß sie leben. Was man auch immer an Würden, Ehren, +Verdiensten, Ruhm und Reichtümern erworben haben mag, verglichen +mit der Liebe zählen sie nichts. Vor dem großen Tor, durch das wir alle +zu gehen haben, werden selbst die innigsten Gebete, die zum Himmel +hinaufgesandt wurden, nur als Bestechungsgelder angesehen, nicht mehr +wert als eine kleine Kupfermünze. Im Angesicht der Ewigkeit zählt nur +die Liebe, die wir gaben, die Liebe, die wir empfingen, und vergolten +wird uns nur in dem Maße, als wir liebten. Darum, Freund, geben Sie +mir zurück, was Sie mir nahmen, so daß, wenn am Ende meiner langen +Wanderung vor dem Tore stehend ich gefragt werde: ‚Wo sind deine +Beglaubigungen?‘, ich sagen kann: ‚Siehe, o mein Schöpfer, hier in +meinen Händen halte ich meine Beglaubigungen. Klein sind die Gaben +nur und unscheinbar, aber daß ich sie tragen durfte auf meiner Wanderung +ist das Zeichen, daß auch ich einst geliebt wurde, und also bin ich +nicht ganz ohne Wert.‘“ +</p> + +<p> +Die Stimme des Indianers verhauchte in ein Schweigen. +</p> + +<p> +Es war nicht seine wogende Beredsamkeit, es war vielmehr sein +Schweigen, in eherner Urgewalt den Raum anfüllend, Dingen, Worten +und Taten wortlos befehlend, das mein Handeln bestimmte. Ich stand +auf, kleidete mich notdürftig an, zog die Stiefel über die Füße und eilte +zum Bücherbrett. Ich öffnete das Paketchen, hing dem Indianer die +goldene Kette über den Hals, schob den schweren Ring an seinen Finger +und kniete endlich vor ihm nieder, um ihm die Reifen um die Knöchel +der Beine zu legen. Als ich mich von den Knien erhob, hatte er den Raum +verlassen. Die Tür war verschlossen und der Balken vorgeschoben. Ich +kehrte zu meinem Bett zurück und fiel sofort in einen Schlaf, der so tief, +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +so gesund, so traumlos war, wie ich seit Wochen keinen gehabt hatte. Er +war wie der erste erfrischende, wohltätige Schlaf nach einer schweren +Krankheit. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-13"> +Das Erwachen +</h3> + +<p class="noindent"> +Spät am folgenden Morgen wachte ich auf, wundervoll ausgeruht und +mich so kräftig fühlend wie seit langer Zeit nicht mehr. +</p> + +<p> +Auf dem Bettrand sitzend und mich lässig ankleidend, fiel mir der letzte +Traum ein, und ich mußte gestehen, daß ich mich keines Traumes erinnern +konnte, der so klar und so logisch sich abgewickelt hatte wie dieser. +Ich langte nach meinen Stiefeln, und ich fand es höchst merkwürdig, daß +sie nicht auf dem Stuhle standen und nicht mit Papier ausgestopft waren. +Durch Erfahrung gewitzigt, hatte ich mir angewöhnt, wenn ich im Busch +oder im Dschungel lebte und die Stiefel des Abends ausziehen konnte, +sie auszustopfen und hoch zu stellen, um zu verhindern, daß Skorpione +darin versteckt waren, wenn ich mich des Morgens eilig anzukleiden +hatte. +</p> + +<p> +Aber die Stiefel standen nicht auf dem Stuhle, sondern unter dem Bett, +und als ich das bemerkte, fiel mir ein, daß ich sie dorthin hatte fallen +lassen, als ich wieder ins Bett zurückkehrte, nachdem der Indianer gegangen +war und ich mich so müde fühlte, daß ich nicht die Kraft mehr +aufbringen konnte, die Stiefel auszustopfen, während ich, halb schon +wieder schlafend, ins Bett rollte. +</p> + +<p> +Nun sprang ich sofort zum Bücherbrett. Die Blechbüchse stand nicht mehr +dort. Ich sah mich um und fand, daß sie auf dem Tische stand. Leer. Das +Papier, in das die Schmuckstücke gewickelt waren, lag zerrissen auf dem +Fußboden. Kein Anzeichen war zu entdecken, wo die Sachen sein mochten +und auf welche Weise sie verschwunden sein konnten. Die Tür war noch +immer sorgfältig verschlossen, von innen, mit dem schweren Querbalken +davor, genau so, wie ich die Tür gestern abend und alle Abende vorher +gesichert hatte. +</p> + +<p> +Ich stürmte hinüber zum Hügel. In fieberhafter Eile räumte ich die zugeschüttete +Höhle aus, fand es aber völlig aussichtslos, zwischen den +Steinen, der Erde und dem Gebüsch, womit ich gestern nachmittag die +Höhle aufgefüllt hatte, irgend etwas zu entdecken, das mich auf die Spur +meiner verlorenen Schätze bringen möchte. +</p> + +<p> +Wo, um aller törichten Träume willen, hatte ich nur in meiner Schlaftrunkenheit +dieses Zeug hingeschleppt? +</p> + +<p> +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +Vergeblich marterte ich mein Hirn und hämmerte in meinem Gedächtnis +herum. Nicht eine einzige Idee kam mir, der nachzugehen sich hätte +lohnen können. Vielleicht die Schweine? Es war zwar lächerlich, das in +Erwägung zu ziehen, aber versuchen konnte ich es ja, ich brauchte ja +niemand etwas von diesem Aberglauben erzählen. +</p> + +<p> +Jedoch die Schweine sah ich niemals wieder. +</p> + +<h3 class="section" id="chapter-22-14"> +Der Doktor kehrt zurück +</h3> + +<p class="noindent"> +Zehn Tage später kam der Doktor zurück. +</p> + +<p> +Meine erste Frage war: „Sagen Sie, Doktor, haben Sie jemals drei Hogs +(Schweine) hier in der Nähe des Bungalows oder in der Nachbarschaft +gesehen? Zwei schwarze und ein gelbes?“ +</p> + +<p> +„Hogs?“ fragte er, mich dabei scharf beobachtend. „Hogs?“ wiederholte +er nach einer Weile noch einmal, und ich hatte das Empfinden, als ob er +in seine Stimme und in seinen mich festhaltenden Blick eine Färbung +legte, die ganz gut eine unauffällige Prüfung meines Geisteszustandes +sein konnte. „Hogs? Nein! Sie meinen ganz bestimmt Dogs (Hunde). Sie +verwechseln nur die Worte. Ich habe hier allerdings verschiedene Male +drei Hunde herumlaufen sehen, zwei schwarze und ein gelber, die sich +etwas sonderbar benahmen. Ich habe herumgefragt, aber niemand kannte +die Hunde. Schließlich, was habe ich mich um herumtreibende Indianerhunde +zu kümmern?“ +</p> + +<p> +Nun erzählte ich ihm meine Geschichte. Ich glaubte, er würde in Ekstase +geraten. +</p> + +<p> +„Einen toten Indianer, sagen Sie? Einer, der Sie besuchte, in zwei +Nächten?“ Er löste meine lange ausführliche und begeistert vorgetragene +Erzählung in so trockene Worte auf, preßte meine Ausrufe des Entzückens +in so winzige und klapperdürre Fragezeichen zusammen, daß es +mir leid tat, zu diesem zynischen Skeptiker überhaupt von meinem Erlebnis +gesprochen zu haben. +</p> + +<p> +Wie mit einer Sonde in einer Wunde, so bohrte er mit seinen Augen in +meinem Gesicht herum und sagte: „Schmucksachen? Antike aztekische +Arbeit? In der Hand gehabt? Verschwunden? Wissen nicht wo und wie?“ +Seine Ironie empörte mich, und ich sagte lauter und rascher, als nötig +war: „Wenn Sie es nicht glauben, ich kann Ihnen den Hügel zeigen mit +den Steinstufen und auch die Höhle, die ich gegraben habe.“ +</p> + +<p> +Immer noch die Augen auf mich geheftet, als ob er einem Krankheitsbericht +zuhöre, dann die Stirne hochziehend, nahm er endlich ruhig seine +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +Pfeife aus der Tasche, griente mich unverschämt an und sagte knochentrocken: +„Ich kann Ihnen auch eine Höhle zeigen, die ich gegraben habe +im Busch, vor – achtundzwanzig Jahren. Passiert mir heute nicht mehr. +Ich lasse die toten Indianer und ihre Könige ruhig schlafen in ihren +Gräbern.“ +</p> + +<p> +Er reichte mir ein großes Paket Tabak über den Tisch: „Habe ich Ihnen +von der Reise mitgebracht.“ +</p> + +<p> +Dann tat er zwei Züge aus seiner kleinen Pfeife. +</p> + +<p> +Er blies den Rauch mit einem langen Atem und spitzen Munde aus. Er +tat es sehr philosophisch und nachdenklich. +</p> + +<p> +Als der Rauch sich verflogen hatte, betrachtete er seine Tabakspfeife von +allen Seiten, und während er wieder einen Zug nahm, heftete er seine +Augen auf mich und ließ mein Gesicht nicht mehr los. +</p> + +<p> +Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, sah mich von unten herauf an, +griente ganz niederträchtig, pfiff abermals den Rauch in einem langen +Stoß aus und sagte nun, das unverschämte Grienen beibehaltend und die +Augen halb zugekniffen: „Ja, was ich Ihnen raten möchte: Nehmen Sie +sich ein nettes, nicht zu dreckiges Indianermädel in Ihre Strohbude. Als +Köchin. Dann erscheinen Ihnen keine toten Indianer mehr.“ +</p> + +<div class="table"> +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +<table class="toc"> +<tbody> + <tr> + <td class="col1">Die Auferweckung eines Toten</td> + <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Indianertanz im Dschungel</td> + <td class="col_page"><a href="#page-16">16</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Die Geburt eines Gottes</td> + <td class="col_page"><a href="#page-23">23</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der aufgefangene Blitz</td> + <td class="col_page"><a href="#page-28">28</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Spießgesellen</td> + <td class="col_page"><a href="#page-44">44</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Die Geschichte einer Bombe</td> + <td class="col_page"><a href="#page-52">52</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Die Dynamitpatrone</td> + <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Die Wohlfahrtseinrichtung</td> + <td class="col_page"><a href="#page-61">61</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der Wachtposten</td> + <td class="col_page"><a href="#page-66">66</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der ausgewanderte Antonio</td> + <td class="col_page"><a href="#page-68">68</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Familienehre</td> + <td class="col_page"><a href="#page-78">78</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Ein Hundegeschäft</td> + <td class="col_page"><a href="#page-84">84</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der Eselskauf</td> + <td class="col_page"><a href="#page-91">91</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Diplomaten</td> + <td class="col_page"><a href="#page-98">98</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Bändigung</td> + <td class="col_page"><a href="#page-116">116</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der Großindustrielle</td> + <td class="col_page"><a href="#page-146">146</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Die Medizin</td> + <td class="col_page"><a href="#page-152">152</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der Banditendoktor</td> + <td class="col_page"><a href="#page-157">157</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Indianerbekehrung</td> + <td class="col_page"><a href="#page-189">189</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">Der Nachtbesuch im Busch</td> + <td class="col_page"><a href="#page-195">195</a></td> + </tr> +</tbody> +</table> +</div> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen, zum Teil basiert auf anderen Ausgaben, +sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... Plateau, und sie lag wie <span class="underline">flimmender</span> Lichtnebel auf dem weiten ...<br> +... Plateau, und sie lag wie <a href="#corr-0"><span class="underline">flimmernder</span></a> Lichtnebel auf dem weiten ...<br> +</li> + +<li> +... <span class="underline">Hemden</span>? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein ...<br> +... <a href="#corr-7"><span class="underline">Hosen</span></a>? Hemden? Nein, er hatte weder eine richtige Hose noch ein ...<br> +</li> +</ul> +</div> +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79066 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/79066-h/images/cover.jpg b/79066-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4df9b1c --- /dev/null +++ b/79066-h/images/cover.jpg diff --git a/79066-h/images/drop_b.jpg b/79066-h/images/drop_b.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d5b7e9d --- /dev/null +++ b/79066-h/images/drop_b.jpg diff --git a/79066-h/images/drop_d.jpg b/79066-h/images/drop_d.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..83bc187 --- /dev/null +++ b/79066-h/images/drop_d.jpg diff --git a/79066-h/images/drop_e.jpg b/79066-h/images/drop_e.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3c14605 --- /dev/null +++ b/79066-h/images/drop_e.jpg diff --git a/79066-h/images/drop_i.jpg b/79066-h/images/drop_i.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7cba204 --- /dev/null +++ b/79066-h/images/drop_i.jpg diff --git a/79066-h/images/drop_k.jpg b/79066-h/images/drop_k.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bc276a1 --- /dev/null +++ b/79066-h/images/drop_k.jpg diff --git a/79066-h/images/drop_s.jpg b/79066-h/images/drop_s.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..272ebba --- /dev/null +++ b/79066-h/images/drop_s.jpg diff --git a/79066-h/images/drop_u.jpg b/79066-h/images/drop_u.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a327fee --- /dev/null +++ b/79066-h/images/drop_u.jpg diff --git a/79066-h/images/drop_w.jpg b/79066-h/images/drop_w.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..77e9c19 --- /dev/null +++ b/79066-h/images/drop_w.jpg diff --git a/79066-h/images/logo.jpg b/79066-h/images/logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a0b09cc --- /dev/null +++ b/79066-h/images/logo.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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