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Die Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind +stillschweigend korrigiert worden. + +======================================================================= + + + Die Reaktion in Frankreich. + + + + + Die Hauptströmungen + + der + + Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. + + Vorlesungen, + + gehalten an der Kopenhagener Universität + + von + + G. Brandes. + + Uebersetzt und eingeleitet von + + Adolf Strodtmann. + + + + ~Dritter Band~: =Die Reaktion in Frankreich=. + + Einzig autorisirte deutsche Ausgabe. + + [Illustration] + + Leipzig + H. Barsdorf. + + + + + Die Reaktion in Frankreich + + von + + G. Brandes. + + Uebersetzt und eingeleitet + + von + + Adolf Strodtmann. + + Einzig autorisirte deutsche Ausgabe. + + [Illustration] + + Leipzig. + H. Barsdorf. + + + + + Paul Heyse + + gewidmet + + vom + + Verfasser. + + + + +Inhalt. + + + Die Reaktion in Frankreich. Seite + + Einleitung 1 + + 1. Die Revolution 5 + + 2. Das Konkordat 41 + + 3. Das Autoritätsprincip. -- Bonald's Theorien 57 + + 4. Die Tradition in Religion, Staat und Familie. -- Bonald's + Theorien, Fortsetzung 83 + + 5. Ein Pilgrim und seine seraphische Epopöe. -- Chateaubriand's + »Märtyrer« 110 + + 6. Eine Prophetin und ihr heiliges Werk. -- Frau von Krüdener, + ihre Romane, und die heilige Allianz 138 + + 7. Lyrik und Erotik der Restaurationszeit. -- Larmartine's + »Meditationen« und »Rafael«. -- Die Liebe in Frau von Krüdener's + »Valérie« und Chateaubriand's »Märtyrern« 163 + + 8. Die Auflösung des formellen Autoritätsprincips. -- Victor + Hugo's Jugendgedichte. -- Alfred de Vigny 186 + + 9. Die Auflösung des reellen Autoritätsprincips. -- Lamennais' + Kampf für den Katholicismus. -- Schlußbetrachtungen 203 + + + + +Einleitung. + + +Ein gewisser Inbegriff von Ideen und Werken, Persönlichkeiten, +Handlungen, Gefühlen und Stimmungen, welche zu Anfang des neunzehnten +Jahrhunderts in Frankreich auftreten oder wirken, bildet für mein Auge +eine naturgemäß zusammen hängende Gruppe socialer und literarischer +Phänomene, die sich alle um die Wiederaufrichtung einer gefallenen +Größe ordnen. Diese gefallene Größe ist das Autoritätsprincip. + +Unter dem Autoritätsprinzip verstehe ich das Prinzip, kraft dessen +das Leben des einzelnen Menschen und der Völker auf dem Respekt vor +der Tradition basirt. Die Autorität ist eine Macht und wirkt als +Macht durch ihre bloße Existenz, nicht durch Gründe. Sie benutzt als +Wirkungsmittel Zwang und Furcht. Sie beruht auf der freiwilligen oder +unfreiwilligen Unterwerfung der Gemüther unter das Gegebene. + +Das Autoritätsprinzip kann in Kirche und Staat, in der Gesellschaft und +in der Familie, ja in der menschlichen Erkenntnis als das Prinzip der +Erkenntnis und Gewißheit, geltend gemacht werden. Es wurde zu der Zeit, +deren Geistesleben ich schildern will, auf all' diesen Gebieten zur +Geltung gebracht. Es war zu der Zeit, deren Geistesleben ich schildern +will, auf ihnen allen gestürzt und über den Haufen geworfen. Um zu +verstehen, wie es von Neuem hervorgeholt und befestigt, und wie es noch +ein Mal gesprengt wurde, müssen wir erst sehen, wie und kraft welcher +Principien es während der Revolution zertrümmert ward. + +Es war nicht auf ~ein~ Mal auf allen geistigen Gebieten +angegriffen worden; aber es hatte sich gezeigt, daß sein Bestehen in +all' den verschiedenen Lebenssphären von seinem Bestehen in der Sphäre, +die als die höchste betrachtet ward, -- die Kirche nämlich, -- abhing. +Denn die Kirche war's, welche als Autorität ihre Autorität allen +übrigen Gebieten mittheilte (z. B. dem Königthume von Gottes Gnaden, +der Ehe als Sakrament u. s. w.). Mit der Autorität der Kirche stand und +fiel daher das Autoritätsprinzip in all' den abgeleiteten Autoritäten. +Als die kirchliche Autorität untergraben war, zog sie alle anderen +Autoritäten bei ihrem Falle nach. + +Nicht daß der einzelne Mann, welcher im achtzehnten Jahrhundert +kraftvoller und erfolgreicher, als irgend ein Anderer, für die +Emancipation des Gedankens von Kirche und Dogmen gewirkt, eine solche +Wirkung seines Strebens vorausgesehen hätte. Weit entfernt! Voltaire +wollte gar keinen äußeren Umsturz. In seiner kleinen Erzählung »+Le +monde comme il va+« wird der weise Babouc freilich sehr entrüstet +beim Anblick der Verderbnis in der großen Stadt Persepolis, und erkennt +sehr klar, wie weit alles davon entfernt ist, so zu sein, wie es +sollte, allein nach und nach gewinnt er auch ein Auge für die guten +Seiten der schlechten Zustände, und als es von seinem Berichte an den +Engel Ituriel abhängt, ob die Stadt vernichtet oder verschont werden +soll, ist er durchaus wider ihre Zerstörung, ja, auch der Engel denkt +zuletzt nicht einmal an irgend eine Reform der Sitten von Persepolis, +da, »wenn auch Alles nicht gut ist, es doch jedenfalls erträglich ist«. +Man kann dies Raisonnement kaum revolutionair nennen, und Voltaire ist, +wenigstens zu Zeiten, derselben Meinung wie Babouc. Man erinnere sich +auch, daß Voltaire sich beständig an die Fürsten, nicht an die Völker +wandte, um seine Ideen in Handlung umgesetzt zu sehen, und daß er oft +genug erklärte, die Sache der Könige und der Philosophen sei eine und +dieselbe. Als daher Holbach und seine Mitarbeiter verlautbaren ließen, +daß »unter jenen Machthabern von Gottes Gnaden, jenen Repräsentanten +der Gottheit, kaum ein Mal alle tausend Jahre einer zu finden sei, +der das gewöhnlichste Rechtlichkeits- oder Mitleidsgefühl oder die +einfachsten Talente und Tugenden besäße«, vermochte Voltaire nicht +seinen Groll zu bezähmen. Sein Briefwechsel mit dem König von Preußen +enthält auch die heftigsten Zornausbrüche wider das »+Système de +la nature+«. Er erkannte sich selbst in diesen Schülern und ihren +Konsequenzen nicht wieder. + +Nichts desto weniger ist es Voltaire, welcher während der ganzen +Revolution das umstürzende Princip vertritt, gleichwie Rousseau der +vereinigende und sammelnde Geist ist. Denn Voltaire hatte kraft der +Freiheit des individuellen Gedankens das Autoritätsprincip zerbrochen, +Rousseau hatte es durch das allgemeine Gefühl der Brüderlichkeit und +Solidarität verdrängt und ersetzt. Die Revolution setzte Punkt für +Punkt Alles ins Werk, was diese zwei großen Geister vorbereitet hatten; +sie vollstreckte ihr Testament; der individuelle Gedanke wurde zur +umstürzenden That und das sociale Gefühl zur sammelnden Konstitution. +Voltaire war die Entrüstung, Rousseau die Begeisterung. + + + + +Die Reaktion in Frankreich. + +1. + + On accuse la génération de tout renverser et de ne rien édifier. Mais + ne faut-il pas avoir détruit la Bastille avant de rien éléver sur son + emplacement? Déjà maint architecte s'évertue à imaginer un palais + digne des augustes représentants de la nation. Bientôt vous le verrez + sortir de dessous les ruines de cette Bastille. + + Camille Desmoulins: Discours de la lanterne. + + +Da die Autorität principiell kirchlich und religiös ist, so ist eine +Charakteristik des Verhältnisses der Revolution zu Kirche und Religion +während der verschiedenen Phasen dieses Verhältnisses unentbehrlich, um +die geistige Reaktion zu verstehen, welche ihr folgte. Denn da diese +die Wiederaufrichtung des Autoritätsprincips bezweckt, beginnt sie +sowohl historisch wie logisch mit der Restauration der Kirche. + +Die Revolution war ihrem Wesen nach eben so sehr religiöser wie +politischer Natur. Sie war die Krone des großen philosophischen Werks, +das die freigeistigen Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts +errichtet hatten. Der Revolution von 1789 verdanken wir jene größte +Eroberung des Menschengeistes aus der Herrschaft von Vorurtheil +und Gewalt, die Gewissensfreiheit, die religiöse Toleranz. Keine +Behauptung ist unwahrer, als die, welche oftmals von katholischen +Schriftstellern vorgebracht worden ist, daß es die christliche Kirche +sei, welcher die Menschheit dies unschätzbare Gut verdanke. Die +Wahrheit ist, daß die Kirche sich aufs Aeußerste jedem Anspruch auf +Gewissensfreiheit widersetzte. In dem Augenblicke, da die Revolution +beginnt, sind alle Vorbereitungen zu dem großen Zusammenstoße zwischen +dem Autoritätsprincip auf der einen und den Individualitäts- und +Solidaritätsprincipien auf der andern Seite getroffen. Die zwei +Hauptkämpfer, die Philosophie und die Kirche, rüsten sich zum Kampf. +Alle Führer, alle Ritter und Knappen, welche das große Turnier +ausfechten sollen, stehen auf ihren Posten, unbekannt unter einander, +unbekannt der Welt, die sie bald mit dem Schall ihrer Namen erfüllen +sollen. Sie sind von ganz verschiedenartiger Herkunft und haben eine +ganz verschiedenartige Vergangenheit. Da sind Adlige wie Mirabeau, +Geistliche wie Maury, Fauchet und Talleyrand, Aerzte wie Marat, +Advokaten wie Robespierre, Dichter, Philosophen, Redner, Schriftsteller +wie Chénier, Condorcet, Danton und Desmoulins, eine ganze Heerschar +von Talenten und Charakteren. Die Kirche rüstet ihre Waffen zu einem +verzweifelten Kampfe, der im Voraus verloren ist, die Revolution rückt +vor, erst unsicher und schwankend, dann dräuend, dann unwiderstehlich, +und bald siegestrunken. Sobald die Reichsstände berufen werden, ist der +Kampfplatz offen, die Schranken fallen auf beiden Seiten, und der große +Kampfrichter, die Weltgeschichte, giebt das Signal zum Zusammenstoß. + +Was ist gleich nach dem Zusammentritt der Stände das erste und +einstimmige Verlangen des geistlichen Standes? Die Anerkennung der +»katholischen, apostolischen und römischen Religion« als Staatsreligion +zu erwirken, als der einzigen, welcher ein öffentlicher Cultus +gestattet werden solle. Und doch waren Republikaner in gar nicht +so geringer Anzahl unter der niederen Geistlichkeit; aber zu der +Freiheit, welche sie forderten, rechneten sie nicht die religiöse. +Die demokratischen Aebte deklamirten wohl gegen die Inquisition, +nannten sie menschenfresserisch und tigerhaft, aber sie warnten vor +der Toleranz. Der revolutionäre Abt Fauchet, derselbe, welcher nach +der Einnahme der Bastille die dreifarbige Uniform der Nationalgarde +segnete, und die Trikolore als Nationalfahne schuf, bezeichnet die +Toleranz höhnisch als »den allgemeinen Tolerantismus« und weissagt, +wenn sie eingeführt würde, so würde sie nur zum vollständigen Verfall +aller guten Sitten führen. Er geht so weit, daß er Denjenigen, die +sich zu keiner Religionsgemeinschaft bekennen, das Recht, sich zu +verheirathen, verwehren will, »da man derlei Menschen nicht als durch +ihr Wort gebunden erachten kann«. + +Wie die Stände als Nationalversammlung zusammentreten, wird die +Geistlichkeit bald zu Koncessionen genöthigt, aber selbst wenn die +Mißstimmung gegen sie zu Worte gelangt, endet die Opposition stets +damit, sich in die mildesten und rücksichtsvollsten Formen zu hüllen. +Als z. B. im Februar 1790 Garat von der Priesterweihe den Ausdruck +gebraucht hatte, daß sie ein bürgerlicher Selbstmord sei, und eine +Anzahl Geistlicher, worunter der Abt Maury und die Bischöfe von Nancy +und Clermont, erbittert hierüber auffuhr, über Gotteslästerung schrie, +und den Antrag stellte, die katholische Religion zur Nationalreligion +zu erklären, ward der Antrag zwar verworfen, aber auf solche Art, +daß man die Aengstlichkeit und Unsicherheit der Demokratie in der +Motivirung dieses Schrittes empfindet. Es würde, heißt es, eine +Verletzung der Religion und der Gefühle sein, welche die Versammlung +Betreffs derselben beseelten, nur einen Zweifel daran vorauszusetzen. +Man wagte noch nicht zu sagen, was man meinte, und so sah man noch eine +Versammlung, deren Mehrzahl aus Freidenkern bestand, an Processionen +theilnehmen und dem katholischen Gottesdienste beiwohnen. Nur zwei +Monate später wurde der Antrag, den Katholicismus zur Nationalreligion +zu erklären, abermals eingereicht, diesmal nach Maury's wüthenden +Invektiven gegen den Antrag auf Einziehung der Kirchengüter durch den +Staat. Er wurde diesmal von einem Geistlichen, Dom Gerle, gestellt, +welcher später als Jakobiner sich sehr eifrig bemüht zeigte, dies sein +erstes öffentliches Auftreten in Vergessenheit zu bringen. Mirabeau +antwortete mit einer Apostrophe an das Fenster im Louvre, das er von +der Tribüne aus vor Augen hatte, »dasselbe«, rief er, »aus welchem +ein französischer Monarch, welcher die weltlichen Interessen mit den +geistigen Interessen der Religion vermengte, die Flinte abschoß, +welche das Signal zur Bartholomäusnacht gab«. Und doch wich man +diesmal wieder aus und umging die Sache, indem man erklärte, daß die +Majestät der Religion und die Ehrfurcht, welche man ihr schuldig sei, +nicht gestatte, sie zum Gegenstande einer Verhandlung zu machen. Die +ganze Rechte enthielt sich der Abstimmung, und obendrein wurde ein +Protest eingereicht, der von 297 Mitgliedern, worunter 144 von der +Klerisei, unterschrieben war. Man schwankte und widersprach sich +selbst. Der Adel, welcher hundert Jahre vorher Ludwig +XIV.+ +Beifall zugejauchzt hatte, als er das Edikt von Nantes widerrief, +war durch die Einwirkung der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts +so umgestimmt worden, daß er, da er als Stand verhandelte, in rein +voltairianischem Geiste sich für allgemeine Toleranz ausgesprochen +hatte; aber doch hatte er halb unsicher hinzugefügt, die katholische +Kirche müsse Volkskirche sein. Der Bürgerstand, welcher zum Theil +jansenistisch und deshalb in Wahrheit viel weniger freisinnig war, +hatte sich als Stand auf ähnliche ausweichende Art ausgesprochen. Aber +nachdem die Nationalversammlung zusammengetreten, war der Standpunkt +principiell ein so bestimmter, daß jede Ungewißheit im Grunde von +vornherein ausgeschlossen war. Denn einer der ersten Schritte dieser +Versammlung war, wie bekannt, die Erklärung der Menschenrechte, und +unter diesen Menschenrechten ist ausdrücklich die Freiheit, zu denken, +selbst in religiösen Dingen, aufgeführt. Artikel 10 der Erklärung +lautet nämlich: »Niemand darf wegen seiner Ansichten, auch nicht +wegen seiner religiösen Ansichten, behelligt werden, vorausgesetzt, +daß seine Aeußerung derselben die gesetzliche Ordnung nicht stört«. +Der Papst antwortete damit, diese Freiheit als »ein ungeheuerliches +und wahnwitziges Recht, das die Vernunft (+sic!+) erstickt«, zu +bezeichnen, und damit, sollte man meinen, war die Stellung der beiden +Lager zu einander bestimmt. + +Man spürt, wie die Situation sich klärt, als in der constituirenden +Versammlung die Rede auf die Toleranz kommt. In dem Antrage auf die +Erklärung der Menschenrechte war ein Artikel folgendermaßen gefaßt: +»Die Gottesverehrung gehört zur Pflege der Polizei; folglich kommt es +der Gesellschaft zu, sie zu reguliren, ~einen~ Kultus zu gestatten +und einen andern zu verbieten«. Mirabeau greift diesen Artikel auf's +Heftigste an: + +»Ich will nicht Toleranz predigen«, sagt er. »Die uneingeschränkteste +Religionsfreiheit ist in meinen Augen ein so heiliges Recht, daß selbst +das Wort Toleranz als Ausdruck dafür fast tyrannisch erscheint, da +die bloße Existenz einer Autorität, welche die Macht, zu toleriren, +also auch es nicht zu thun, besitzt, ein Attentat auf die Freiheit +des Gedankens ist«. In einer der folgenden Sitzungen geht er noch +weiter: »Man hat von einem herrschenden Kultus gesprochen; was +versteht man unter herrschendem? ich verstehe dies Wort nicht und +bitte mir eine Definition davon aus. Meint man einen Kultus, welcher +die anderen unterdrückt? Aber, hat die Versammlung denn nicht das +Wort Unterdrückung geächtet? Oder ist es die Religion des Fürsten, +welche man meint? Der Fürst hat nicht das Recht, über die Gewissen zu +herrschen oder die Meinungen zu reguliren. Oder meint man den Kultus +der Mehrzahl? Ein Kultus ist eine Meinung. Dieser oder jener Kultus ist +ein Resultat dieser oder jener Meinung. Aber eine Meinung bildet sich +nicht durch Zusammenzählung der Stimmen. Der Gedanke gehört uns, ist +unabhängig und läßt sich nicht fesseln«. + +Man sieht, wie der Muth, seine Ansicht in religiösen Dingen +auszusprechen, seine Schwingen zu prüfen begann. + +Sehen wir an einem anderen Beispiel, mit welcher Schnelligkeit man +sowohl in wie außerhalb der Versammlung von einem schüchternen +Anfange sich zum Bewußtsein der großen geistigen Revolution erhob, +welche vorging. Zum rechten Verständnisse wolle man sich erinnern, +daß in dieser Versammlung die Partei der Vergangenheit, welche aus +Erzbischöfen und Bischöfen, Prinzen, Herzögen, Marquis und Baronen im +Verein mit einigen Deserteuren des dritten Standes bestand, noch sehr +mächtig war. All' diese Männer, welche auf der rechten Seite des Saales +verweilten, glaubten noch kaum an die Revolution und fertigten oft und +wiederholt die ernsthaftesten Angriffe mit einem Bonmot ab. + +Im Oktober 1789 steht vor den Schranken der Nationalversammlung eine +seltsam aussehende Deputation in langen Kleidern und orientalischer +Tracht. Es sind Juden aus Elsaß und Lothringen. Sie flehen im Namen +ihrer Glaubensgenossen um Barmherzigkeit. »Hochgeborene Versammlung«, +sprachen sie, »im Namen des Ewigen, welcher der Ursprung aller +Gerechtigkeit und Wahrheit ist, im Namen Gottes, welcher allen Menschen +gleiche Rechte und Pflichten verlieh, im Namen der Menschheit, die +Jahrhunderte lang durch die entehrende Behandlung beleidigt worden, +welche die unglücklichen Nachkommen des ältesten aller Völker in fast +allen Erdgegenden erlitten, erscheinen wir, um Euch zu beschwören, +unser bedauerliches Schicksal der Erwägung zu würdigen. Die, welche +überall verfolgt, überall erniedrigt, und doch stets unterthänig, nie +aufrührerisch sind, Die, welche bei allen Völkern ein Gegenstand des +Unwillens und der Verachtung sind, während sie Duldung und Mitleid +genießen sollten, die Juden werfen sich Euch zu Füßen und schmeicheln +sich der Hoffnung, daß Ihr inmitten der wichtigen Arbeiten welche Euch +in Anspruch nehmen, ihre Klagen nicht gering schätzen, daß Ihr mit +einigem Interesse die schüchternen Einsprüche hören werdet, welche +sie aus der Tiefe der Erniedrigung, worin sie begraben sind, vor Euch +niederzulegen wagen.... Möchte eine Reform, die wir bisher fruchtlos +ersehnt haben und die wir mit Thränen in den Augen erflehen, Eure +Wohlthat und Euer Werk sein«! + +Clermont-Tonnerre nimmt sich mit Wärme dieser rührenden Bittschrift +an. Aber man glaubt nicht, auf welcherlei Ausflüchte die Geistlichkeit +verfiel, um ein Recht zu verweigern, das eigentlich als schon ertheilt +gelten mußte. Der Abt Maury erhebt sich. Er hat ein breites verwogenes +Gesicht, die sieben Todsünden im Gesicht, wie man von ihm sagte, einen +festen Mund, Augen, die von Verstand, Falschheit und Sophisterei +blitzen, derjenigen Art von Sophisterei, welche das Erstaunen darüber +ausspricht, daß irgend Jemand ~dies~ Sophisterei nennen kann. Er +ist frech und kaltblütig. Er ist es, der wenig Monate nachher, als +man ihn auf der Straße mit dem Geschrei: »An den Laternenpfahl mit +ihm!« umdrängte, die Antwort gab: »Meint Ihr, liebe Freunde, daß Ihr +dadurch heller sehen werdet?« Er sagt: »Wer wird in unsern Tagen noch +von Verfolgung oder Intoleranz reden! Die Juden sind unsere Brüder. +Aber die Juden Bürger nennen, würde Dasselbe sein, wie einzuräumen, daß +Engländer und Dänen, ohne das Indigenatsrecht erlangt zu haben und ohne +aufzuhören, Engländer und Dänen zu sein, Franzosen werden könnten.« +Er verweilt bei dem Wucherhange der Juden und den übrigen Lastern, +welche man ihnen zuschrieb. »Dies Volk«, fährt er fort, »hat siebzehn +Jahrhunderte durchlebt, ohne sich mit den andern Völkerstämmen zu +vermischen; sie haben nur Geldschacher getrieben; kein Einziger unter +ihnen hat es verstanden, seine Hände dadurch zu adeln, daß er seine +Pflugschar geführt, oder ein Stück Land bebaut hätte«. + +Wenn man weiß, daß es den Juden auf's strengste verboten war, das +geringste Stück Grundeigenthum zu besitzen, ja daß sie, wenn sie in +eine Stadt hineinkamen, dieselbe Accise wie die Schweine bezahlen +mußten, so wird man begreifen, daß diese Argumentation nicht +unwiderleglich ist. Aber der Haß gegen die Juden war noch so groß, daß +Niemand an derselben Etwas auszusetzen fand. Man fürchtete, die Juden +würden ganz Elsaß zu einer jüdischen Kolonie machen, wenn man ihnen +Bürgerrechte gäbe. Ja, ein sonst sehr revolutionärer Deputirter aus dem +Elsaß bemerkte sogar, er könne nicht für die Ruhe in seiner Provinz +einstehen, falls der Antrag auf Gleichstellung der Juden durchgehe. + +Die Stimmung war flau. Man fühlte, daß das Schicksal des Antrages +entschieden sei. Nur ein einziger Deputirter wagt Protest zu erheben. +Es ist ein noch ganz unbekannter Mann, Advokat von Fache, einer von +Denen, welche sich damals noch in der zweiten Reihe hielten und hinter +den hervortretenden Persönlichkeiten versteckt saßen, die noch zum +größten Theil den früher privilegirten Ständen angehörten. Sein Gesicht +ist gewöhnlich und nicht sehr lebhaft, allein unheimlich blaß. Er ist +einfach, aber auffallend sauber und sorgfältig gekleidet, und sein Haar +sitzt gut. Schon sein Aeußeres verräth seine Achtung vor sich selbst +und seine Leidenschaft für die Ordnung. Der Präsident nennt seinen +Namen, auf den Niemand Gewicht legt: »Maximilian Robespierre.« Er +besteigt die Tribüne und sagt kurz und scharf: »Die Laster der Juden +sind eine Folge der Erniedrigung, in welcher Ihr sie erhalten habt. Sie +werden gute Menschen werden, sobald es ihnen irgendwie nützt, es zu +sein.« + +Aber er ist der Einzige in der ganzen Versammlung, welcher für den +Antrag spricht. Charakteristisch genug, begriff derselbe Protestanten, +Schauspieler und Juden unter einer Kategorie. Die Menschenrechte +der ersten beiden Klassen wurden anerkannt; aber da Mirabeau die +Unmöglichkeit der Förderung des Antrages in Betreff der Juden einsah, +ließ er die Verhandlung über diesen Punkt auf unbestimmte Zeit +vertagen. Zwei Jahre verstreichen. Im Jahre 1791 erneuern die Juden ihr +Gesuch. Aber welch' eine Veränderung im Tone! Die demüthige Bitte des +Sklaven ist zur bestimmten und scharfen Forderung des Mannes geworden. +Man appellirt nicht mehr an die Gnade der Herrschenden, sondern stützt +sich auf eine Beweisführung. Ich führe den Schlußsatz an: + +»Wenn es eine Religion gäbe, deren Bekenner nicht Bürger sein könnten, +während die Bekenner anderer Religionen es sein könnten, so würden +diese herrschende Religionen sein; aber es giebt keine herrschende +Religion, da alle gleiche Rechte haben. Wenn man den Juden die +Bürgerrechte verweigert, weil sie Juden sind, so straft man sie, +weil sie in einer bestimmten Religion geboren sind. Aber in solchem +Falle existirt keine Religionsfreiheit, da Verlust der Bürgerrechte +mit dieser Freiheit verknüpft ist. So Viel ist gewiß: indem man die +Menschen zur religiösen Freiheit erhoben hat, hat man auch die Absicht +gehabt, sie zur bürgerlichen Freiheit zu erheben; es giebt keine halbe +Freiheit, so wenig wie es eine halbe Gerechtigkeit giebt.« + +Wenige Jahre, in der Atmosphäre der Revolution verlebt, hatten diesen +Parias Selbstgefühl und Stolz verliehen. Diesmal ging der Antrag ohne +Debatte durch. + +In der constituirenden Versammlung kam der Haß gegen die positive +Religion und ihre Priester, den die Philosophen ihrem Zeitalter +eingeflößt hatten, noch nicht in Worten zum Ausbruch. Das bekannte +Wort: »Ihr Herren von der Klerisei! jetzt barbiert man Euch, und +wenn Ihr allzu arg strampelt, wird man Euch die Kehle abschneiden«, +erscholl aus dem Zuschauerraume, nicht aus dem Saale. Die Erbitterung +gab sich vorläufig in Handlungen kund. Alles Kirchen- und Klostergut +wurde für Staatseigenthum erklärt. Voltaire hatte seinen Schülern +die Aufgabe gestellt, »+d'écraser l'infâme+«. Die gläubigen +Katholiken sahen in den Beschlüssen der constituirenden Versammlung +einen Versuch, auszuführen, was er mit dieser Aufgabe gemeint hatte. +In einer rechtgläubigen Schrift von 1792: »+Conjuration contre +la religion catholique et les souverains+« heißt es: »Niemals +hat Christi Kirche so viel' Feinde auf einmal zu bekämpfen gehabt. +Es scheint, als ob die ganze Hölle losgelassen sei, um ihren Ruin +herbeizuführen.... Die Philosophen wollen die christliche Religion +nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa, ja im ganzen Universum +abschaffen.« In diesen Worten liegt keine Uebertreibung. Nur ist es +interessant, sich zu erinnern, daß die Philosophen, um dies Resultat +zu erreichen, sich an die Regenten der großen Länder, an Friedrich +von Preußen, an Katharina von Rußland und Andere gewandt hatten, daß +aber der Schlag selber vom Volke geführt wurde, wenn man unter dem +Volke den Mittelstand verstehen will. Der Papst irrte sich daher +nicht, als er von der constituirenden Versammlung in einer Ansprache +an seine Kardinäle sagte, die Franzosen hätten sich zu Sklaven einer +Versammlung von Philosophen gemacht, und vergessen, daß die Nationen +die glücklichsten seien, welche ihren Königen gehorchen. + +Die Priester, welche, wie bekannt, gefunden haben, woran es dem +Archimedes gebrach: den Punkt außerhalb der Erde, in der anderen Welt, +von wo aus sie jene bewegen können, begannen schon jetzt die Provinzen +zu fanatisiren. In Arras wurde ein Bild umhergetragen, auf welchem +Maury und die Royalisten zur rechten Seite des Gekreuzigten, die +Revolutionäre auf der andern Seite unter dem bösen Schächer abgemalt +waren. Ein wahrer Aufruhr fand in Nîmes bei der Nachricht statt, daß +ein Protestant, Saint-Etienne, zum Präsidenten der Nationalversammlung +erwählt worden sei. + +Die verfassungsmäßige Ordnung der Kirchenverhältnisse wurde durch +eine Allianz zwischen den Voltairianern und den Jansenisten der +Versammlung erreicht. Letztere waren sicherlich gute Christen, +allein die politische Aeußerung des jansenistischen Fatalismus war +in keiner Hinsicht verschieden von den politischen Konsequenzen des +Voltairianismus. Die Jansenisten haßten als religiöse Leute die +irdische Größe und hießen als Fatalisten das menschliche Elend gut, +sie hatten als echte Bourgeois das Gleichheitsgefühl nach oben und das +Ungleichheitsgefühl nach unten, ganz wie die Voltairianer. Sie stimmten +daher vollkommen mit Diesen betreffs der Einziehung der Kirchenschätze +überein. Dazu kam, daß die Masse Skandale, zu denen das Leben der +höheren Geistlichen Anlaß gab, ihren moralischen Sinn empörte. So war +es z. B. bekannt, daß Mademoiselle Guimard, die Geliebte des Bischofs +Jarantes, geistliche Pfründe hinter den Opernkoulissen verschenkte, +daß der Erzbischof von Narbonne in einer seiner Abteien einen ganzen +Harem unterhielt, daß der Kardinal von Montmorency öffentlich mit einer +Aebtissin zusammenlebte, ja daß die Bernhardiner in der Abtei Granselve +eine ganze kleine Stadt mit einem eigenen Damenquartier und mit allzeit +gedeckten Tischen für ihre Orgien eingerichtet hatten. (Das Leben +daselbst ist von einem Augenzeugen, dem royalistischen und klerikalen +Schriftsteller Montgaillard im zweiten Bande seiner +Histoire de +France+ beschrieben worden.) Hätte man sich nun damit begnügt, die +Schätze der Kirchenhäupter einzuziehen, so hätte man sie gezwungen, +entweder nachzugeben oder einzugestehen, daß ihrer Opposition Habgier +zu Grunde lag. Aber man tastete ihre Disciplin an und schuf ihnen +solchergestalt einen Vorwand zum Widerstande. Jede Modifikation der +äußeren Formen des Kultus gab ihnen Anlaß zu dem lauten Geschrei, +daß die Religion in ihren Grundfesten erschüttert sei. Die niederen +Geistlichen wagten daher fast niemals den Eid auf die Verfassung +abzulegen. That Einer es, so ward der geringe Lohn, den er vom Staate +empfing, mit dem Blutgelde des Judas verglichen, obschon man es früher +ganz in der Ordnung fand, daß die Bischöfe Paläste und Gärten besaßen, +und in jeglicher Art Lebensgenuß schwelgten, während die niedere +Geistlichkeit zur selben Zeit förmlich ausgehungert ward. + +Der Einzige, welcher, ohne Voltairianer oder Jansenist zu sein, an der +Diskussion über die Kirchenverfassung Theil nahm, war Robespierre. +Er hob Rousseau's »bürgerliche Religion« (+Contrat social+ +4,_{8}) hervor, bereit Dogmen »die Existenz einer mächtigen, +intelligenten und allwissenden Gottheit, ein künftiges Leben, die +Belohnung der Gerechten, die Bestrafung der Bösen, die Heiligkeit +des gesellschaftlichen Vertrages und die Staatsgesetze« sind. Er war +ein Mann der Ordnung, kein Gläubiger. Die Religiosität bestand für +ihn in der Erfüllung der gesellschaftlichen Pflichten. Die Klerisei +betrachtete er als Magistratspersonen, als weltliche Beamten. Mit +Rousseau'scher Empfindsamkeit rief er die Versammlung an, die alten und +schwachen Priester zu unterstützen, und bat namentlich für diejenigen +zu sorgen, welche über siebzig Jahre alt seien und weder eine Pension +noch Sporteln hätten; aber der Antrag wurde abgelehnt. Robespierre's +Zeit war noch nicht gekommen. + +Die neue Ordnung der Dinge gab auf dem Lande Anlaß zu possierlichen +sowohl wie brutalen Scenen. Man findet in Camille Desmoulins' +Journalartikeln eine sehr humoristische Schilderung des unfreiwilligen +Abschiedes eines Dorfpredigers von seiner Gemeinde. An der Kirchenthür +findet er eines Sonntags nach dem Gottesdienste zu seiner Ueberraschung +einen riesigen, hochbepackten Möbelwagen mit all' seinen Effekten, +oben auf dem Wagen sitzt weinend seine Javotte, die »Gouvernante«, +welcher der Schulmeister mit einer Thräne im Auge Lebewohl sagt. Er +wird unter dem Rufe: »Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Hochehrwürden!« +auf den Wagen gehoben, und fort geht's, obschon er schilt und schimpft, +so lange er noch seinen Glockenthurm erblicken kann. An anderen Orten +jedoch wurde der Eid dem Priester mit dem Bajonett auf der Brust +abgezwungen, ja in einem vereinzelten Falle wurde er, als er auf +der Kanzel stand, durch einen Flintenschuß getödtet. Beging man nun +auch solchergestalt einzelne Ausschreitungen wider die eidweigernden +Priester, so war dies doch als sehr gering zu achten gegen Das, was +von ihrer Seite geschah. Sie schilderten der Landbevölkerung die +bürgerliche Verfassung, welche in Wirklichkeit die Religion gar nicht +angetastet hatte, als ein Werk des Teufels. Sie lehrten, daß es eine +Todsünde sei, das Sakrament von einem Priester zu nehmen, welcher der +Regierung den Eid geleistet, daß die Kinder, welche den von diesen +Priestern eingesegneten Ehen entsprängen, als Bastarde zu betrachten +seien, ja daß der Fluch Gottes auf der Wiege jedes solchen Kindes +laste. Bald wurde ein verfassungsmäßiger Priester mit Steinwürfen in +der Kirche verfolgt, bald ein anderer an dem Kronleuchter des Chores +erhängt. Die Kirchen, welche die Nationalversammlung hatte schließen +lassen, wurden mit Axthieben geöffnet. In einzelnen Departements zogen +mörderische Banden von Pilgern unter der Führung von Priestern über +die Felder, mit Flinten und Spießen bewaffnet. Am schlimmsten ging +es in der Bretagne zu. Wenn dort der schlichte Bauer viele Meilen +weit von seinem Kirchspiele fortgewandert war, um einen echten, d. +h. unbeeidigten Priester zu hören, und dann bei seiner Heimkehr ein +Dutzend seiner Dorfgenossen aus der eigenen Kirche herauskommen sah, +wo sie in aller Gemächlichkeit den neuen Priester gehört hatten, war +sein Haß so unbändig, daß er sich zu jeder Gewaltthätigkeit berechtigt +glaubte, zu der er von kirchlicher Seite aufgehetzt wurde. + +Als jetzt die gesetzgebende Versammlung zusammentrat, gab es +keine Stände mehr. Der Adel war ausgewandert, und die höhere +Geistlichkeit rief im Exil den Beistand der fremden Höfe an. Die +niedere Geistlichkeit war fanatisch kontrarevolutionär und hetzte +die unwissende Menge gegen die Freiheit auf. Die Sprache, welche +jetzt in der Versammlung geführt wird, ist himmelweit verschieden +von der früheren. Die stehende Anklage wider die Religion ist die +naiv formulirte, daß sie nicht mit der Verfassung übereinstimme, und +wider die Geistlichkeit, daß sie ausschließlich darauf ausgehe, ihre +Güter und Schätze zurück zu erlangen. Die Lügen und Gewaltthaten der +Pfaffen haben die Stimmung aufs Aeußerste gereizt. Wenn sich ein paar +versöhnliche Stimmen vernehmen lassen, wie die des Dichters André +Chénier, welcher äußerte, daß die Priester den Staat nicht störten, +wenn dieser sich nicht mit ihnen beschäftige, oder wie diejenige +Talleyrand's, welcher sagte, da keine Religion ein Gesetz sei, dürfe +auch keine Religion ein Verbrechen sein, so ist es doch jetzt die +Voltaire'sche Entrüstung, welche für eine lange Zeit allein das Wort +hat. + +Diese Zeit ist die Periode der Girondisten, und der Girondismus ist +der historische Ausdruck für Voltaire's Geist. Der Girondist ist +Individualist bis zum Aeußersten, liberal im modernen Sinne dieses +Wortes, nämlich in sofern, als er das von der Gesellschaft abgesonderte +Individuum und dessen Vernunft zum einzigen Richter über seine +Umgebungen und sich selber macht. Die individuelle Vernunft fühlt sich +nicht veranlaßt, der Gesellschaftsreligion und ihren Vertretern irgend +eine Rücksicht zu erweisen. + +Der berühmte Führer der Girondisten, Vergniaud, redigirt eine +Proklamation, worin es heißt: »Aufrührerische Priester bereiten +eine Erhebung wider die Verfassung vor, diese frechen Trabanten des +Despotismus rufen alle Throne um Gold und Soldaten an, um das Scepter +Frankreichs zurück zu erobern«. Als Minister des Innern sagt Roland: +»Aufrührerische und heuchlerische Priester, welche ihre Pläne und +Leidenschaften mit dem heiligen Schleier der Religion bedecken, tragen +keinen Anstand, den Fanatismus aufzustacheln und ihre irregeleiteten +Mitbürger mit dem Schwerte der Intoleranz zu bewaffnen«. Ja, bei dem +Antrag, die Priester des Landes zu verweisen, spricht Vergniaud, halb +im Scherz, halb im Ernst, als könnte man doch schicklicher Weise dem +Auslande nicht ein so arges Unheil zufügen, ihm dies Geschenk auf +den Hals zu schicken. »Im Allgemeinen«, sagt er, »giebt es nichts +Unmoralischeres, als einem Nachbarvolke die Verbrecher aufzubürden, +von welchen ein Gemeinwesen sich selbst befreien will«. Er tröstet +sich indessen damit, daß sie in Italien als wahre Heilige empfangen +werden würden, und »daß der Papst in dem Geschenk so vieler lebendigen +Heiligen, die wir ihm senden, einen bescheidenen Versuch sehen wird, +ihm unsere Erkenntlichkeit für all' die Arme, die Beine und die +Reliquien todter Heiligen auszudrücken, mit welchen er Jahrhunderte +hindurch unsere fromme Leichtgläubigkeit so reich bedacht hat«. + +Ja, fügt der Girondist Isnard, der spätere Präsident des Konvents, +hinzu: »Laßt uns diese Pestkranken in die Lazarethe Rom's und Italiens +senden«. Er entwickelt, wenn ein Priester verderbt sei, sei er es +niemals halb; das Verbrechen verzeihen, sei Dasselbe, wie daran Theil +nehmen; dem gegenwärtigen Zustand der Dinge müsse ein Ende gemacht +werden, und es seien die Feinde der Revolution selbst, welche dieselbe +zwängen, sie zu zermalmen. Er ruft zum ersten Mal das fürchterliche +Wort, welches später ein so vielfältiges Echo fand: »Es bedarf keiner +Beweise«. Es bedarf keiner Beweise, d. h. der Priester muß aus +Frankreich verjagt werden, sobald über ihn geklagt wird. + +Und da jetzt die Befürchtung laut wird, durch diese Maßregeln den +Bürgerkrieg herauf zu beschwören, hält der bekannte Girondist Guadet, +ein Schüler Holbach's, eine beruhigende Rede, worin er u. A. sagt: +»Jedermann weiß, daß der Priester eben so feig wie habgierig ist, daß +er keine Waffe als die des Aberglaubens kennt, und daß er, nur an +theologische Klopffechtereien gewöhnt, auf einem Schlachtfelde für +Nichts zu rechnen ist«. Es zeigte sich bald, wie vollständig der gute +Mann und seine Gesinnungsgenossen in diesem Punkte sich irrten, und mit +welcher Leidenschaft die Priester bei dem nachfolgenden Bürgerkriege +an der Spitze marschirten. -- Bald kommt es so weit, daß die Redner +sich förmlich entschuldigen, wenn sie genöthigt sind, die Versammlung +von diesen Gegenständen zu unterhalten. In einer Rede von François +de Nantes, in welcher er, wohl gemerkt, als Wortführer eines Komités +auftritt, heißt es: »Wir können uns über die Nothwendigkeit, in der wir +uns befinden, Sie von dem Priesterkultus zu unterhalten, nur durch die +Hoffnung trösten, daß die Maßregeln, welche Sie ergreifen werden, Sie +bald in den Stand setzen werden, nie wieder davon reden zu hören«. Die +ganze Rede ist ein Gewebe von Derbheiten, die ich übergehe. Hoch und +Niedrig theilt diese Stimmung. Einer der Minister Ludwig's +XVI.+, +der grobe und gewaltthätige, leidenschaftlich revolutionäre Cahier +de Gerville, sagte eines Tages, als er aus dem Staatsrathe kam, zu +seinem Collegen Molleville, der uns in seinen Memoiren das Wort +aufbewahrt hat: »Ich wollte, ich hätte das verwünschte Ungeziefer von +Priestern aller Länder zwischen meinen Fingern, um sie alle auf einmal +zu zermalmen«. Mit stiller Würde jedoch kam der Revolutionsgeist zu +Worte in einem Sendschreiben, das die Republik an den Papst sandte, +und dessen Abfassung man einer Frau übertragen hatte. Dasselbe ist an +den »Fürst-Bischof von Rom« adressirt. Im Namen der Republik schreibt +Madame Roland an den Papst: »Du oberster Priester der römischen Kirche, +Du Fürst eines Staates, welcher Deinen Händen entschlüpft, wisse, +daß Du Staat und Kirche nur durch ein uneigennütziges Bekenntnis +jener evangelischen Grundsätze bewahren kannst, welche die reinste +Demokratie, die zärtlichste Menschenliebe und die vollkommenste +Gleichheit athmen, und mit welchen die Statthalter Christi sich nur +zu schmücken gewußt haben, um eine Herrschermacht zu vermehren, die +jetzt vor Alter zusammen bricht. Die Jahrhunderte der Unwissenheit sind +dahin«. + +Worte gleich diesen nehmen sich wie Perlen zwischen Bleikugeln aus, +wenn man sie neben das Uebrige hält, was geschrieben und gesagt wurde. +Die Zeit der ruhigen Ueberzeugung ist um, die Zeit der entfesselten +Leidenschaften hat begonnen. Und die Leidenschaften folgen der Spur +der Ueberzeugungen. Der Haß gegen den Katholicismus erreicht seinen +Höhepunkt. Dieser Haß flammt wie eine einzige Lohe über Frankreich. Es +ist die goldene Zeit der Klubs. + +Die Cordeliers hatten ihren Klub in einer Klosterkirche. Chateaubriand +hat denselben als Augenzeuge in seinen Memoiren beschrieben. Alle +Gemälde, alles Schnitzwerk, Tapeten und Bilder waren herabgerissen, nur +das bloße Skelett der Kirche blieb zurück. Im Chor der Kirche, wo Regen +und Wind durch die zerschlagenen Scheiben der Rose hereindrangen, war +der Sitz des Präsidenten. Seinen Tisch bildeten ein paar Hobelbänke, +die neben einander gestellt waren. Auf ihnen lag eine Anzahl rother +Mützen, und Jeder, der sprechen wollte, setzte erst eine rothe Mütze +auf. Hinter dem Präsidenten stand eine Statue der Freiheit mit +zerbrochenen Foltergeräthschaften in der Hand. Zimmerholz, zertrümmerte +Bänke und Kirchenstühle, Fragmente zerschlagener Heiligen bildeten +Sitze und Schemel für den großen Haufen bestaubter und wild aussehender +Zuschauer in durchlöcherten Carmagnolen (so nannte man ihre Jacken) +und mit Hellebarden auf den Schultern, oder die nackten Arme über der +Brust gekreuzt. Die Redner sprachen sich derb und unverblümt aus, +jedes Ding wurde bei seinem rechten Namen genannt, ein cynisches +Wort und ein cynischer Gestus erweckten Beifall. Gegner unterbrachen +sie; zuweilen wurden sie auch von den kleinen, dunklen, kreischenden +Eulen unterbrochen, welche unter dem Klosterdache gewohnt hatten, und +jetzt durch die zertrümmerten Fensterscheiben aus und ein flogen, in +der Hoffnung, irgendwo Futter zu finden. Die Glocke des Präsidenten +vermochte sie nicht zum Schweigen zu bringen, bisweilen schoß man nach +ihnen, und sie fielen blutend und zappelnd auf die Versammlung herab. +Hier sprachen Danton, Marat und Camille Desmoulins, der liebenswürdige +und witzige Camille, welcher für so gemäßigt galt, daß er sich gegen +die Anklage der Scheinheiligkeit vertheidigen mußte, und welcher +noch vor dem Revolutionstribunal den Sansculotten Jesus im Munde +führte. Er hatte seine Privatgründe, die Priester zu hassen. Als er +im Dezember 1790 sich mit seiner geliebten Lucile -- unzweifelhaft +eine der schönsten und reinsten Frauengestalten der Revolution -- +verheirathen wollte, und als seiner Vereinigung mit ihr nur noch die +priesterliche Bestätigung fehlte, war kein Priester zu finden, der +ihn trauen wollte, weil er in einem Zeitungsartikel gesagt hatte, +Mahomed's Religion sei gerade so einleuchtend wie Jesu Religion. Er +mußte daher seinen Ausspruch widerrufen und zur Beichte gehen, um sich +verheirathen zu können. Aber jetzt nahm er seine Revanche. In seinem +Blatte »+Le vieux Cordelier+« schrieb er: »Man hat das Kapitel von +den Priestern und von allen Religionen geschlossen, wenn man gesagt +hat, daß sie einander darin gleichen, daß sie alle gleich lächerlich +sind, und wenn man angeführt hat, daß die Tataren die Exkremente des +großen Lamas als die größten Leckerbissen verspeisen. Es giebt keine so +jämmerliche Zwiebel, daß sie nicht als Jupiters Gleichen verehrt worden +wäre. Die Mongolen beten eine Kuh an, welche der Gegenstand eben so +vieler Kniefälle ist, wie der Gott Apis ... Wir haben kein Recht, uns +über all' diese Dummheiten zu ärgern, wir, die wir so lange in unserer +Einfalt uns haben bethören lassen, zu glauben, +que l'on gobait un +dieu comme on avale un huître+«. Bei den Cordeliers ging Loustalot's +einflußreiche Zeitung »+Les révolutions de Paris+« von Hand zu +Hand. Zur Fastnachtszeit 1792 stand in Veranlassung der Marktpossen +in derselben zu lesen: »Zu der Zeit, als es eine herrschende Religion +in Frankreich gab, duldeten die gekrönten Gaukler keine Konkurrenz +in der stillen Woche. Es war damals nur ihnen erlaubt, Vorstellungen +zu geben. Jetzt ist die Konkurrenz frei. Wenn der Taschenspieler +indeß sein Brettergerüste besteigt, ist er mit einem possierlichen +Kopfputz und einer Mantille bekleidet, die ihn der Volksmenge um ihn +her bemerkbar macht; aber wenn die Vorstellung aus ist, legt er sein +Kostüm ab. Der Priester dagegen setzt seine Rolle außerhalb der Scene +fort und behält die Maske zum täglichen Gebrauch ... Wann werden +sie erröthen, die Harlekine des Menschengeschlechts zu sein?« Von +jetzt an wird die stehende revolutionäre Bezeichnung der Priester +Theophagen (Gottesfresser). Kurz darauf bringt dasselbe Blatt einen +Artikel, worin dieselbe Maßregel gegen die Priester vorgeschlagen wird, +welche Johanna von Neapel für berüchtigte Frauenzimmer einführte: +»Man muß sie in ein Haus einschließen, wo sie Denen, welche sie +besuchen, so viel vorpredigen und beten können, wie sie Lust haben; +aber es muß ihnen verboten werden, auszugehen, damit sie nicht die +Bevölkerung verpesten«. Dies wurde im April gedruckt. Im März hatte +die gesetzgebende Versammlung, in der übrigens menschenfreundlichen +Absicht, den zum Tode Verurtheilten jegliche Art physischer Tortur zu +ersparen, eine gewisse Maschine zur Vollstreckung der Todesurtheile +adoptirt, welche zuerst an Leichen versucht, bald aber bei den Lebenden +zur Anwendung gebracht wurde. Sie wurde Guillotine genannt, und man +spürt etwas von ihrem scharfen Beil in dem zuletzt angeführten Artikel. +Voltaire's Wein ist hier zu Gift und Galle geworden. + +Dem Klub der Cordeliers stand der Jakobinerklub von einem sehr +verschiedenartigen Charakter entgegen. Seine Geistesrichtung war +schwerfällig, ernst und pedantisch. Er stellte sich unter Rousseau's, +wie der Klub der Cordeliers unter Voltaire's Auspicien. Er war +organisatorisch und formalistisch, deshalb fühlten unabhängige Naturen, +wie Camille Desmoulins, oder unbesonnene Naturen, wie Danton, sich in +demselben nicht heimisch. Das erste Programm der Jakobiner war völlig +rousseauisch: Liebe zur Gleichheit, Haß gegen die konventionellen +Ungleichheiten der Vergangenheit; dazu kamen kalter und berechneter +revolutionärer Fanatismus, Herrschgier, und hinter dem Allen Liebe zur +Regel, d. h. zur Ordnung der Gesellschaft nach Rousseau's Principien. + +Für Den, welcher die geschichtlichen Phänomene literarisch betrachtet, +ist in der Geschichte der Revolution nichts auffälliger, als die +Klarheit, mit welcher alle handelnden und auftretenden Personen +ihre Aeußerungen oder Handlungen auf die Literatur des achtzehnten +Jahrhunderts zurückführen. Man sollte meinen, daß sie keine andere +Ehre erstrebten, als die, fertige Theorien in Praxis umzuwandeln. +An Mirabeau's Grabe wurde zu seinem Ruhme gesagt, daß er über die +Philosophen den Ausspruch gethan: »Sie haben das Licht erschaffen, +ich will die Bewegung schaffen«, und es giebt kaum eine Stelle im +»+Contrat social+«, die nicht während der Revolution entweder +in ein Gesetz, oder in eine öffentliche Erklärung, oder in einen +Zeitungsartikel, oder in eine Nationalversammlungsrede, oder endlich in +die Verfassung der Republik übergegangen wäre. + +Die wichtigsten Definitionen dieses Rousseau'schen Werkes (die Macht +als vom Volke ausgehend, das Gesetz als Produkt des allgemeinen +Willens) kommen wörtlich in der Erklärung der Menschenrechte vor. +Sobald bei den Jakobinern der Associationsgedanke auftaucht, führen +sie ihn augenblicklich auf Rousseau zurück, und gebrauchen alle +seine Stichwörter. In einem Artikel in »+La bouche de fer+« +schreibt der Abt Fauchet: »Erhabener Rousseau! gefühlvoller und +wahrheitsliebender Geist! Du bist einer der Ersten, der die ewige +Ordnung der Gerechtigkeit verstanden hat. Ja, jeder Mensch hat Recht +an die Erde und muß zu eigen haben, was er zu seiner Existenz bedarf. +In dem associativen Vertrag, welcher den souveränen Dekreten der +Natur und der Billigkeit gemäß ein Volk erschafft, giebt der Mensch +sich ganz seinem Vaterlande hin und empfängt sich ganz aus der Hand +desselben«. Und mit fast ganz derselben Wendung drückt Saint-Just +sich so in seiner Rede für den Tod Ludwig's +XVI.+ aus: »Der +Gesellschaftsvertrag ist ein Vertrag zwischen den Bürgern und nicht ein +Vertrag mit der Regierung. Man hat keine Verpflichtungen hinsichtlich +eines Vertrages, den man nicht geschlossen hat«. Allein Robespierre ist +Derjenige, welcher als Chef der Jakobiner überall der Rousseau'schen +Geistesrichtung ihren typischen Ausdruck giebt. Sein erster +öffentlicher Schritt war die Beantwortung der Preisfrage, welche die +Akademie von Metz gestellt hatte: »Ueber das Vorurtheil, welches die +Familie der gesetzlich Verurtheilten an deren Schande theilhaftig +macht«; er hatte den Preis gewonnen, und nicht zufrieden damit, die +Zufälle der Todesstrafe bekämpft zu haben, hatte er bei Gelegenheit der +Einführung der Guillotine sich auf's Heftigste gegen die Todesstrafe +selbst erklärt. Wie man sieht, konnte Niemand in der Theorie dem Gefühl +mehr Spielraum geben, als er. Er war der erste Feind des Rationalismus +der Girondisten, und deshalb sehen wir ihn zu dem Zeitpunkte, als Diese +in der Voltaire'schen Richtung am weitesten gingen, eine Adresse an die +Jakobiner einreichen, in welcher er erklärt, daß die Revolution unter +Gottes Leitung stehe, ja in Wirklichkeit eine That der Vorsehung sei. +Er empfindet den Drang, seinem revolutionären Pathos einen Ausdruck +zu geben, welcher denselben zu der sogenannten natürlichen Religion +hinführt. Rousseau hatte in dem »Glaubensbekenntnis eines savoyischen +Priesters« gesagt: möge nun die Materie ewig oder erschaffen sein, +möge ein passives Princip existiren oder nicht, so viel sei doch +gewiß, daß Alles Eins sei und eine einzige Intelligenz verkünde, und +er hatte hinzugefügt: »Dies Wesen, welches will und welches kann, +welches selbstthätig das Universum bewegt und alle Dinge ordnet, +nenne ich Gott«. Robespierre schreibt 1792: »Ich verabscheue so sehr +wie Jemand all' die gottlosen Sekten, welche Ehrgeiz, Fanatismus +und alle Leidenschaften mit dem Namen des Ewigen bedecken, der die +Natur und die Menschheit erschuf. Aber ich bin weit entfernt davon, +ihn mit jenen Schwachköpfen zu vermengen, welche der Despotismus als +Werkzeuge gebraucht hat. Die Vorsehung anzurufen und die Idee von +einem ewigen Wesen auszusprechen, das wesentlich auf die Geschicke der +Nationen einwirkt, und das mir auf eine ganz besondere Weise über die +französische Revolution zu wachen scheint, ist kein zufälliger Einfall +von mir, sondern der Drang meines Herzens, die Aeußerung eines Gefühls, +das mir nothwendig ist, und das in der Versammlung, wo ich jeglicher +Art von Leidenschaften und schändlichen Intriguen preisgegeben und von +so zahlreichen Feinden umringt bin, mich jederzeit aufrecht erhalten +hat. Wie hätte ich, allein mit meiner Seele, in Kämpfen bestehen +können, die mehr als menschliche Kraft erfordern, wenn ich nicht meine +Seele zu Gott erhoben hätte!« Worte wie diese lassen keinen Zweifel +daran, daß seine Religiosität aufrichtig war, und beständig beruft er +sich auf denselben Mann als seinen Lehrer. Als er in der Versammlung +von seinen Feinden zum Selbst-Ostracismus aufgefordert wurde, streckte +er seine Arme gegen Rousseau's Büste aus, welche den Saal schmückte. +»Wohin sollte ich mich begeben!« rief er aus. »Bei welchem Volke fände +ich die Freiheit errichtet, und welcher Despot gäbe mir ein Asyl! Der +Himmel hat es mir vielleicht zugedacht, daß ich mit meinem Blute die +Bahn bezeichnen soll, welche mein Land zum Glücke führt. Ich werde es +dann mit Schwärmerei thun«. + +Es war nicht diese schwärmerische Stimmung, sondern die Voltaire'sche +Entrüstung, welche um die Mitte des Jahres 1792 in der gesetzgebenden +Versammlung und in Frankreich die herrschende ward. Am 19. August +1792 wurde das Dekret erlassen, welches über jeden Geistlichen, +der den Eid nicht geleistet, die Deportation verhängte. Jeden Tag +fanden Verhaftungen solcher Geistlichen statt, und dann folgten die +Septembermetzeleien. Sie betrafen zuerst und vor Allem die gefangenen +Priester und hatten in letzter Instanz den erbitterten Haß gegen den +Katholicismus zum Grunde. Der Abt Barruel schreibt: »Diese Büttel +gehörten nicht alle zur Hefe des Volkes. Den Priestern, welche +man ermordete, rief ein Mann zu: >Spitzbuben, Mörder, Ungeheuer, +schändliche Heuchler! Der Tag der Rache ist endlich gekommen. Ihr +sollt nicht mehr das Volk mit Euren Messen und Euren Oblätlein auf +den Altären betrügen.<« Bewundernswerth sind indessen der Muth und +die Standhaftigkeit, welche die meisten dieser Priester bewiesen. +Im Karmelitergefängniß zogen 172 Priester es unbedenklich vor, sich +erschießen zu lassen, statt den Eid auf die Verfassung abzulegen. +Rührend ist es, die Schilderung von der Resignation der Priester zu +lesen, welche in der Abtei eingesperrt waren: »Wir sandten von Zeit +zu Zeit einige unserer Kameraden an das Thurmfenster, um zu erfahren, +welche Stellung die Unglücklichen, die man im Hofe niedermetzelte, +einnähmen, um nach ihrem Bericht zu berechnen, welche wir selbst +am besten einnehmen würden. Sie theilten uns mit, daß Die, welche +die Hände ausstreckten, am längsten litten, weil die Säbelhiebe +geschwächt würden, ehe sie das Haupt erreichten.« (+Jourgniac de +Saint-Méard+). -- Im Ganzen wurden 1480 Menschen ermordet. Die Zahl +ist sicherlich groß; allein andererseits ist es nicht ohne Interesse, +zu bemerken, daß die Anzahl aller Menschen, welche von Anfang der +Revolution bis zu ihrem Ende hingerichtet wurden, nach Michelet's +Berechnung nicht den vierzigsten Theil von der Zahl Derjenigen +ausmacht, welche allein in der Schlacht bei Moskau fielen. + +Der Haß, welcher sich so fanatisch in den Septembertagen äußerte, hatte +sich nicht gelegt, als der Konvent zusammentrat. Sehen wir, was ein +Konventsmitglied schreibt, liest und spricht hinsichtlich der Frage +von den Priestern und der Religion. Das Konventsmitglied Lequinio +schenkt seinen Kollegen ein Buch, das er verfaßt und dem Papste +gewidmet hat. Der Titel desselben ist »+Les préjuges détruits+«. +Darin heißt es: »Die Religion ist eine politische Fessel, erfunden um +die Menschen zu lenken, und hat nur dazu gedient, die Genüsse einiger +Individuen dadurch zu sichern, daß sie alle andern im Zaume hielt.« +Die Ausfälle gegen die Priester überbieten hier an Gewaltsamkeit +und Unziemlichkeit Alles, was früher gehört worden war. Unter den +schwächsten Dingen, die von ihnen gesagt werden, ist der zu jener +Zeit in unzähligen Formen variirte Ausspruch: »Wenn sie ehrlich sind, +sind sie Schwachköpfe und Tollhäusler; meistens sind sie freche +Betrüger, wahre Mörder des Menschengeschlechts«. Das ist die Literatur +der damaligen Zeit. Und man darf Lequinio nicht für eine Ausnahme +halten, wenn er auch seinen Krieg gegen die Vorurtheile zuletzt so +weit trieb, daß er den Scharfrichter zu einem Familienessen bei sich +einlud, um die Vorurtheile wider den Henker zu überwinden. Denn was +steht in der Zeitung, welche das Konventsmitglied Morgens liest, +ehe es sich in die Versammlung verfügt? In »+Les Revolutions de +Paris+« im December 1792 heißt es bei Gelegenheit des Umstandes, +daß die Mitternachtsmesse in Paris celebrirt worden ist: »Wenn man am +helllichten Tage auf unsern öffentlichen Plätzen tanzende Marionetten +oder Taschenspielerkünste der verschiedensten Art vorzeigt, so ist +nicht sonderlich viel Böses dabei; es muß ja erlaubt sein, Kinder +und Ammen zu amüsiren. Aber sich zur Nachtzeit in finsteren Kammern +zu versammeln, um zur Ehre eines Bastards und einer treulosen Gattin +Hymnen zu singen, Wachskerzen anzuzünden und Weihrauch zu verbrennen, +Das ist ein Skandal, ein Attentat auf die öffentliche Sittlichkeit, +welches die Aufmerksamkeit der Polizei und ein strenges Einschreiten +verdient.«[1] Die vorhin angeführten Aussprüche glühten zwar von +Erbitterung, Haß und Hohn, aber sie waren noch nicht roh. Sie waren +Racheschreie, ausgestoßen von der so lange gefesselten und gemarterten +menschlichen Vernunft. In Worten wie diesen aber kreischt die Rohheit. +Und noch eine Veränderung ist eingetreten. Der früher Unterdrückte +verräth große Lust, jetzt seinerseits als Unterdrücker aufzutreten. +Die That folgte hier dem Vorsatz auf dem Fuße. »Man ergab sich,« sagt +Mercier in »+Le nouveau Paris+«, »der Zertrümmerung des alten +Kultus nicht mit der Wuth des Fanatismus, sondern mit einem Spotte, +einer Ironie, einer saturnalischen Lustigkeit, welche den Beobachter +in Erstaunen setzen mußte.« Es ward in allen Kirchen förmlich Razzia +gehalten. Eine Deputation theilte dem Konvente mit, daß sie der +»braunen Maria« (ein wunderthätiges Bild) gestattet habe, nach all' der +Mühe, die sie gehabt, achtzehnhundert Jahre lang die Welt zum Besten zu +halten, sich endlich zur Ruhe zu begeben. Die Altäre wurden zu Gunsten +des Nationalschatzes der Republik geplündert. Hier ist das Bruchstück +eines Rapports: »Im Nièvre-Departement findet man keine Priester mehr. +Man hat die Altäre von den Goldhaufen befreit, welche die priesterliche +Eitelkeit nährten. Dreißig Millionen werthvoller Effekten werden nach +Paris geführt werden. Schon sind zwei, mit Kreuzen, mit goldenen +Bischofsstäben und mit zwei Millionen gemünzten Goldes beladene Wagen +vor der Münze angelangt. Drei Mal so viel folgt noch der ersten +Sendung«. + +Zuweilen hielten die Wagen vor der Thür des Konvents an, und Säcke und +Beutel voll Gold und Silber wurden im Verhandlungssaale aufgestellt. In +einem andern Rapporte heißt es ironisch: »Man hat mich angeklagt, mich +mit der Religion brouillirt zu haben. Ich habe doch hübsch angefragt, +ehe ich handelte, und drei- bis vierhundert Heilige baten um Erlaubnis, +in die Münze wandern zu dürfen.« Bei dieser Gelegenheit fielen Worte +wie folgende: »Ihr, die Ihr früher Werkzeuge des Fanatismus wart, Ihr +Heiligen beiderlei Geschlechts, Ihr Seligen aller Arten, zeigt Euch +endlich als Patrioten, kommt dem Vaterlande zu Hilfe, und marsch mit +Euch in die Münze!« + +In einem dritten Rapport wünschen die Kommissäre sich Glück zu dem +Resultate »ihres philosophischen Apostolats« im Departement Gers. +»Das Volk war reif, und der letzte Tag der dritten Dekade wurde +dazu bestimmt, die Abschaffung des Fanatismus zu feiern. Die ganze +Bevölkerung war auf einem ländlichen Platze zu einem brüderlichen +Schmause versammelt. Nach einer spartanischen Mahlzeit eilte man in +der Stadt umher, riß alle Symbole des Fanatismus herab und trat sie +unter die Füße. Dann ließ man einen Mistwagen heranfahren mit zwei +wunderthätigen Jungfrauen, mit Kreuzen und Heiligen, welche unlängst +den Weihrauch des Aberglaubens empfangen hatten. Dies lächerliche +Gerümpel ward auf einen Scheiterhaufen geworfen, der mit Adelsbriefen +bedeckt war, und das Feuer ward unter dem Jubel einer unzähligen +Volksmenge angezündet. Die Carmagnole erscholl die ganze Nacht +um diesen philosophischen Scheiterhaufen, der so viele Irrthümer +verzehrte«. + +In einem vierten Rapporte heißt es: »Vierundsechzig unbeeidigte +Priester lebten in einem Hause zusammen, welches dem Volke gehört. +Ich ließ sie durch die Stadt ins Gefängniß spazieren. Diese Ungeheuer +von neuer Art, welche man noch nicht den Blicken der Bevölkerung +ausgesetzt hatte, thaten eine vortreffliche Wirkung. Die Rufe »Es lebe +die Republik!« erschollen rings um diese Heerde Vieh (+ce troupeau +de bêtes+). Haben Sie die Güte, mich zu benachrichtigen, was ich +mit diesen fünf Dutzend Bestien anfangen soll, die ich dem allgemeinen +Gelächter zur Schau gestellt habe. Ich ließ sie von Schauspielern +eskortiren.« + +Die Verhandlungen Betreffs des Gesetzes über Religionsfreiheit, +welches am 3. Ventôse des Jahres +III.+ erschien, waren alle in +demselben Tone gehalten. Wie sehr auch die Mitglieder des Konvents in +Betreff anderer Fragen differirten, über den Katholicismus waren sie +ausnahmsweise einig. Wie groß auch die Kluft zwischen der Stimmung +während und nach der Schreckensregierung war, hinsichtlich des +Katholicismus existirt kein Unterschied in der Stimmung. Als kraft +des Gesetzes einige Kirchen wieder geöffnet worden waren, theilte das +Wochenblatt »Die philosophische Dekade« dies unter der Ueberschrift +»Schauspiele« in folgenden Ausdrücken mit: »Am 18. und 25. dieses +Monats wurde an mehreren Orten in Paris eine Komödie aufgeführt, +deren Hauptperson, mit einer grotesken Tracht ausstaffirt, allerlei +Extravaganzen vor den Zuschauern vollführt, welche nicht darüber +lachen. Da wir von den Stücken, welche auf dem Theater wieder +einstudirt werden, nicht zu reden pflegen, wenn sie nichts Nützliches +oder Interessantes darbieten, wollen wir auch über dieses schweigen«. + +Mirabeau hatte gesagt, es gelte Frankreich zu »dekatholisiren«. Man +sieht, diese Arbeit nahm ihren Fortgang. Von den Kommünen lief ein +Gesuch nach dem andern ein, von ihren Namen befreit zu werden, welche +durchgehends diejenigen des einen oder andern Heiligen waren, und +einen selbstgewählten annehmen zu dürfen. So wurde Saint-Denis, dessen +kopfloser Heiliger niemals existirt hat, Franciade genannt. Ringsum +in den Provinzen folgte man dem Beispiele von Paris. Nichts was an +das Königthum von Gottes Gnaden erinnern konnte, wurde verschont. +Ein ehrwürdiger, weißbärtiger Elsässer, Namens Ruhl, Mitglied des +Wohlfahrtsausschusses, hatte sich im Jahre 1793 in den Besitz des +wunderthätigen heiligen Fläschchens mit dem himmlischen Salböl gesetzt, +daß eine Taube bei der Krönung Chlodwig's vom Himmel herniedergebracht +hatte, und verfügte sich mit demselben im Triumphe, von einer großen +Schaar Menschen gefolgt, zum Königsplatze in Reims, wo die Obrigkeit +und die Beamten sich schon um die Statue Ludwig's +XV.+ versammelt +hatten. Dort hielt er eine Rede wider Tyrannei und Tyrannen und +endigte damit, daß er das heilige Fläschchen +Louis le bien-aimé+ +so heftig an den Kopf warf, daß es in hundert Stücke zersprang und +das heilige Oel nochmals von den Wangen des Gesalbten des Herrn +heruntertroff. + +Züge wie diese, Worte wie die angeführten zeigen hinlänglich und +mit der Anschaulichkeit, welche +ipsissima verba+ haben, wie +vollständig es der Revolution in diesem Stadium gelungen war, das +Autoritätsprincip zu zermalmen. Es ist nicht ohne tiefe Bedeutung, +daß die Adelsbriefe auf demselben Scheiterhaufen wie die Heiligen +der Kirche verbrannt wurden, oder daß der Unglaube an das heilige +Fläschchen die Verhöhnung der Königsmacht nach sich zieht. Von dem +Augenblick an, wo die religiöse Autorität gestürzt ist, ist die +Zauberkraft des Autoritätsprincips in allen Sphären gebrochen. + +Es ist zertrümmert; aber wodurch wird man es ersetzen? Welches Princip +soll es ablösen? Wird Voltaire oder Rousseau, das Princip der Freiheit +oder der Brüderlichkeit siegen? Jedes für sich umfaßt das Princip +der Gleichheit, nur in verschiedenem Verstande. Als der Mystiker +Saint-Martin kurz vor der Revolution seine geheimnisvolle Lehre von +der heiligen Dreieinigkeit (+Ternaire+) aufstellte: Freiheit, +Gleichheit und Brüderlichkeit, die immer existirt hätten und ewig +existiren würden, ahnte er nicht, daß sich zwischen diesen Principien +eine Spaltung und ein Kampf entwickeln könne. Voltaire sagt irgendwo: +»Man hat ganz recht gethan, die Dreieinigkeit Einen Gott bilden zu +lassen, denn wären es drei, so würden sie sich mit einander raufen«. +Saint-Martin's +Ternaire+ entlud 1793 die Gegensätze, welche er in +seinem Schooße barg. + +Im Aprilmonat 1793 erschien die neue Erklärung der Menschenrechte, +welche Robespierre verfaßt und bei den Jakobinern als ihr Programm zur +Anerkennung gebracht hatte, und in demselben Monat erschien mitten +unter dem heftigen Streite zwischen Robespierre und Vergniaud das +Projekt des entgegengesetzten Lagers zu einer Verfassung, welches +von Condorcet, Barrère, Thomas Payne, Pétion, Barbaroux, Sièyes und +mehreren Andern verfaßt, und von Condorcet redigirt war. + +Legt man diese beiden Entwürfe neben einander, so hat man im Keime +die beiden Doktrinen, denen in Zukunft der Kampf um die Herrschaft +vorbehalten war: -- der Liberalismus und der Socialismus, jener von +Voltaire, dieser von Rousseau stammend. Da die beiden Programme Punkt +für Punkt dieselben Gegenstände definiren, fällt der Gegensatz mit +einer Klarheit, wie nirgendwo sonst, in die Augen. + +Um Mißverständnissen zu entgehen, muß gleich bemerkt werden, daß +von eigentlichem Socialismus während der Revolution nicht die Rede +ist. Ihre That war, das Kapital von ungerechten Lasten und Bürden zu +befreien, nicht die Last des Kapitals zu begrenzen. Dies zeigt sich am +schärfsten in der Thatsache, daß das erste Zeugnis, durch welches nach +Eroberung der Bastille die siegreiche Bourgeoisie ihre neue Herrschaft +bezeichnete, der Erlaß einer Verordnung ist, wonach die Buchdrucker die +Verantwortung für jede Broschüre und jedes Flugblatt tragen sollen, +die von Schriftstellern »+sans existence connue+«, ohne notorisch +bekannte Subsistenzmittel, veröffentlicht werden. Diese Verordnung +wird am 24. Juli 1789, also genau zehn Tage nach Erstürmung der +Bastille, erlassen; man sieht also, daß die Bourgeoisie dafür sorgte, +die Leiter hinter sich hinauf zu ziehen, sobald sie oben war. Nachdem +sie sich selbst ihren Platz mit Hilfe der Feder erobert hat, ist +ihre erste That, dem Proletariat die Feder aus der Hand zu schlagen. +(Vergl. Lassalle's »Arbeiterprogramm«.) Allein während der Entwurf der +Girondisten zuerst und vor Allem das individuelle Recht zu schützen +sucht: das Gewissen, die freien Gedanken, (+les franchises de la +pensée+, wie man damals sagte), die Unverletzlichkeit des häuslichen +Heerdes, die Gleichheit vor dem Gesetz, das richtige Verhältnis +zwischen Vergehen und Strafe, betonen die Jakobiner auf allen Punkten +die Solidarität der Menschen und die Pflicht der Brüderlichkeit. +Condorcet sagt: »Freiheit besteht in der Macht, Alles zu thun, was +nicht den Rechten Anderer widerstreitet«. Robespierre fügt seiner +Definition: »Die Freiheit ist die dem Menschen zukommende Macht, nach +Gutdünken all' seine Fähigkeiten zu üben«, die Worte hinzu: »Sie hat +~die Gerechtigkeit zur Norm~, die Rechte Anderer zur Grenze, +die Natur zum Princip und das Gesetz zum Beschützer«. Während die +Girondisten das Eigenthumsrecht zu einem absoluten und individuellen +Rechte machen, machen die Jakobiner es zu einem relativen und socialen, +ohne sich jedoch im Geringsten praktisch an demselben zu vergreifen. +Robespierre sagt sogar: »Ich will Euch erst einige Artikel vorschlagen, +welche nothwendig sind, um Eure Theorie vom Eigenthumsrechte zu +vervollständigen. Möge dies Wort Niemanden erschrecken! Ihr Kothseelen, +die Ihr nur das Gold achtet, ich will Eure Schätze nicht antasten, +wie unrein ihre Quelle auch sein möge. Ihr solltet wissen, daß das +agrarische Gesetz, vor welchem Ihr solche Angst hegt, ein Schreckbild +ist, das Buben aufgestellt haben, um Dummköpfe damit zu schrecken. Man +bedurfte wahrlich nicht einer Revolution, um zu lernen, daß ein hoher +Grad von Mißverhältnis zwischen Dem, was der Eine, und Dem, was der +Andere besitzt, die Quelle vieler Uebel und vieler Verbrechen sei; aber +wir sind nichts desto weniger davon überzeugt, daß Vermögensgleichheit +nur eine Chimäre ist«. Der Gegensatz ist trotzdem deutlich genug. +Für Condorcet ist die Gesellschaft ein System von Garantien, für +Robespierre ein sympathetisches Band zwischen den Individuen. +Ersterer sagt: »Es findet Unterdrückung statt, wenn ein Gesetz die +~Rechte~ verletzt, welche es garantiren soll«. Der Andere sagt: +»Es findet Unterdrückung gegen die ganze Gesellschaft statt, wenn +ein einzelnes seiner Mitglieder unterdrückt wird«. Die Girondisten +stellen das Nicht-Interventionsprincip auf. Die Jakobiner lehren: »Die +Menschen aller Länder sind Brüder, und die verschiedenen Völker müssen +einander nach all' ihrer Kraft wie Brüder desselben Staates helfen. +Derjenige, welcher eine einzige Nation unterdrückt, erklärt sich für +einen Feind aller. Diejenigen, welche Krieg gegen ein Volk führen, +um den Fortschritt der Freiheit zu hemmen und die Menschenrechte zu +vernichten, müssen von allen Völkerstämmen verfolgt werden, nicht wie +allgemeine Feinde, sondern wie Mörder und aufrührerische Briganten«. + +Der Entwurf der Girondisten ist der reine Rationalismus; man erkennt +Voltaire wieder in dem Werk seiner Söhne. In der Erklärung des Berges +dagegen schlägt ein Herz. Es heißt z. B. darin: »Franzose ist jeder +Fremde, mag er auch nur ein Jahr lang in Frankreich gewohnt haben, +falls er ein Kind adoptirt oder die Sorge für einen Greis übernimmt«. +Selbst der Stil erinnert an Rousseau. + +Die Girondisten bekämpften jeden Despotismus, der ein menschliches +Antlitz trug, aber sie gewährten andererseits keinen Schutz wider die +Despotie der Verhältnisse. Sie gingen beständig nur negativ, niemals +positiv zu Werke. Für Robespierre dagegen war es klar, daß es Nichts +nütze, dem Gichtbrüchigen das Recht einzuräumen, geheilt zu werden, +wenn man ihn nicht heile, und daß es ein Hohn sei, dem Lahmen feierlich +das Recht zuzusichern, sich seiner Beine zu bedienen. Er ahnte, daß die +freie Konkurrenz in dem Augenblick eine Lüge sei, wo die Theilnehmer an +derselben bei Beginn des Wettrennens so gestellt seien, daß der Eine +auf einem stattlichen Roß sitze, während der Andere barfuß einherlaufen +müsse. + +Es ist dies selbe »Sociabilitäts-Gefühl« (wie Rousseau es bestimmte), +was Robespierre's bedeutungsvolles Eingreifen in den Kampf zwischen der +Revolution und der positiven Religion veranlaßt. Als die Revolution +erst einmal mit der Axt in der Hand in die Kirchen gedrungen war, +schien die Bewegung unwiderstehlich werden zu sollen. Man bestieg +die gebrechlichsten Stellagen oben unter dem Kirchengewölbe, um +Papstgesichter auszukratzen, die unter hundertjährigem Spinngewebe +verborgen gewesen. Die Heiligen wurden aus ihren Nischen herabgestoßen, +die Lampe des Kommissairs flackerte in den Kellern umher und warf ihr +Licht auf die bleichen Gesichter der Todten, während die Altarsplitter +aufgehäuft wurden »wie unförmliche Steine in einem Steinbruch«. Die +Vorsitzenden der revolutionären Ausschüsse trugen Sammethosen, die +aus Bischofsmänteln geschnitten, und Hemden, die aus den Meßgewändern +der Chorknaben verfertigt waren. Merkwürdig genug, treten plötzlich +einige wenige atheistische Schwärmer auf (Anacharsis Clootz von +deutscher Herkunft, Chaumette, Hébert) und reißen die ganze Menge +zur Kirchenstürmerei mit fort. Merkwürdig genug, sage ich, weil man +im Ganzen während der Revolution eben so wenig Etwas von Atheismus +wie von Socialismus hört. Im Allgemeinen findet man bei den +revolutionären Abgeordneten in stereotyp sich wiederholenden Wendungen +Voltaire's und Rousseau's gemeinsame Religion: den Glauben an Gott +und Unsterblichkeit. So auch in allen Schriften der Zeitgenossen. +Thomas Payne's »Zeitalter der Vernunft« ist ein gutes Beispiel davon. +Selbst ein so rücksichtslos frivoles Gedicht wie Parny's »Götterkrieg« +predigt dieselbe Lehre. Camille Desmoulins schreibt in einem Briefe: +»Mein lieber Manuel! Die Könige sind reif (+mûrs+), aber der +gute Gott (+le bon Dieu+) ist es noch nicht. Beachte, daß ich +der gute Gott, nicht Gott sage, welcher ganz verschieden von Jenem +ist«. Dieser Standpunkt ist der Standpunkt der Zeit; ihre Aufgabe war +nicht, den Gottesbegriff einer Kritik zu unterwerfen, sondern ihn +von den Legenden der positiven Religionen zu befreien. Daher kommt +es, daß das Auftreten der Atheisten in der Nationalversammlung die +revolutionäre Bewegung über ihr eigentliches Ziel hinausführt und +Ausschreitungen veranlaßt, welche der Revolution schaden und sie in +den Augen der Zeitgenossen herabsetzen mußten. Um den Katholicismus +auf recht nachdrückliche Weise zu treffen, veranlaßte Clootz einen +Bischof, Namens Gobel, in einem Briefe an den Konvent eine Erklärung +abzugeben, welche mit den Worten begann: »Bürger Repräsentanten! ich +bin ein Priester, d. h. ein Charlatan. Bisher war ich ein ehrlicher +Charlatan, ich habe nur betrogen, weil ich selber betrogen war« u. s. +w. Dieselbe endete natürlich damit, daß er sich jetzt zur Philosophie +bekehrt habe. Chaumette, der schwärmerische Enthusiast, welcher die +Abschaffung der Peitschenstrafe in den Erziehungsanstalten und die +Aufhebung der Prostitution durchgesetzt hatte, war es, welcher die +Kommüne bewog, zu dekretiren, daß die Notre-dame-Kirche in Zukunft +dem »Kultus der Vernunft« geheiligt sei. In der Kirche wurde ein +Tempel errichtet mit der Inschrift: »+A la philosophie+«, +dessen Eingang mit Büsten von Philosophen geschmückt war. Als er +zum ersten Mal geöffnet wurde, trat eine, die Freiheit vorstellende +junge Schauspielerin, Mademoiselle Candeille, aus demselben hervor, +und eine Hymne an die Freiheit von Marie-Joseph Chénier, zu welcher +der Komponist der Republik, Gossec, die Musik geliefert hatte ward zu +ihrer Ehre gesungen. Ein andermal wurde Mademoiselle Maillard von der +Oper, ein schönes stattliches Weib, mit der rothen Jakobinermütze auf +dem aufgelösten Haare und mit einem himmelblauen Mantel um die weißen +Schultern, als Göttin der Vernunft auf einer mit Eichenguirlanden +umkränzten Bahre, begleitet von Hornmusik, Männern mit rothen Mützen +und zahlreichen Konventsmitgliedern, aus der ehemaligen Kathedralkirche +in die Konventsversammlung getragen, wo der Präsident ihr einen Kuß auf +die Stirn drückte. Allein diese, an und für sich harmlosen Ceremonien +wurden travestirt, indem der Pöbel sie auf pöbelhafte Weise nachäffte. +Kourtisanen ließen sich als Vernunftgöttinnen im Triumph einhertragen. +Die Kirchen wurden Stätten der Trunkenheit und wilder Orgien. Die +Kirche Saint-Eustache wurde geradezu in eine Schenke verwandelt. +Verkleidete Priester hetzten, wie Abbé de Montgaillard mittheilt, +zu Ausschreitungen auf. Die Reliquien der heiligen Genoveva wurden +verbrannt; Heilige von Holz, Breviere, Gebetbücher, alte und neue +Testamente wurden auf dem Grèveplatze in solchen Massen verbrannt, daß +der Scheiterhaufen bis zum zweiten Stockwerk der Häuser emporstieg. +Von dem Taumel ergriffen, ernannten sogar die Jakobiner Clootz zum +Präsidenten ihres Klubs. Da protestirt Robespierre und treibt durch +seine persönliche Ueberlegenheit die Revolution aus der Bahn, welche +sie eingeschlagen hatte, heraus. Eben weil er fast in keiner Beziehung +seiner Zeit voraus ist, versteht er sie wie kein Anderer, und weil er +sie versteht, ergreift er das politisch Richtige, das, was von der +Zeit ~verstanden~ werden kann. Er ist es, welcher, den Blick +auf Europa geheftet, den Konvent bewegt, das Dekret zu erlassen, daß +das französische Volk die Existenz des höchsten Wesens anerkenne, so +wie auch er es war, welcher die Jakobiner veranlaßte, eine Adresse +an den Konvent einzureichen, daß die Versammlung das Ihrige thun +solle, um den Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele +wieder herzustellen. Robespierre ist es, welcher die heftigen Kämpfe +für diese beiden Ideen führt, gleichzeitig sich polemisch gegen das +Christenthum und den Pantheismus wendend, den er stets fürchtete und +niemals verstand. Zuerst greift er die Kirchenstürmer an. »Derjenige«, +sagt er, »welcher verhindern will, daß Messe gelesen werde, ist ebenso +fanatisch, wie Der, welcher sie liest. Es giebt Menschen, welche +glauben, aus dem Atheismus eine Religion bilden zu können. Jeder +Philosoph, jedes Individuum kann in dieser Hinsicht jegliche Meinung +hegen, die ihm beliebt; wer ihm dieselbe zur Last legen wollte, +wäre verrückt; aber noch verrückter wäre der Gesetzgeber, welcher +ein solches System annehmen wollte. Der Nationalkonvent verabscheut +dasselbe. Der Konvent ist kein Buchfabrikant, kein Verfasser +metaphysischer Systeme. Er ist ein politischer und volksthümlicher +Körper.« Er richtet gegen die Schüler der Encyklopädisten seinen Satz, +daß die Ideen Vorsehung und Gerechtigkeit eine und dieselbe Idee +seien; er schleudert wider sie das zu jener Zeit furchtbare Wort, daß +der Atheismus aristokratisch sei! Und als er im Mai 1794 die Tribüne +besteigt, um den Konvent aufzufordern, das Fest für das höchste Wesen +zu feiern, wendet er sich nach einigen begeisterten Worten zu Ehren +Rousseau's eben so bestimmt gegen das Christenthum. »Fanatiker, hoffet +nichts von uns! Die Menschen zur reinen Verehrung des höchsten Wesens +zurück rufen, heißt dem Fanatismus den Todesstoß versetzen. Alle +Fiktionen verschwinden gegenüber der Wahrheit, und alle Tollheiten +sinken dahin vor der Vernunft ... Was haben die Priester mit Gott zu +thun? Die Priester verhalten sich zur Moral, wie die Charlatane sich +zur Medicin verhalten«. In Uebereinstimmung mit der Vorstellung des +ganzen Jahrhunderts, daß die Priester die Religionen erfunden hätten, +sagt er: »Die Priester haben Gott zu einem Feuerballe, einem Ochsen, +einem Stück Holz, einem Menschen, einem Könige gemacht. Der wahre +Priester des höchsten Wesens ist die Natur, sein Tempel das Universum, +sein Kultus die Tugend«. Er weist besonders nach, daß die Priester +überall den Despotismus gestützt haben. »Ihr seid es, die zu den +Königen gesagt haben: Ihr seid die Bilder Gottes auf Erden, ihr habt +von ihm eure Macht, und die Könige haben Euch geantwortet: Ja, ihr seid +in Wahrheit die Sendboten Gottes; lasset uns vereinigen, um die Beute +und den Weihrauch zu theilen«. + +Die Folge dieser Doppelbestrebungen war das Manifest des Konvents +an alle Völker der Erde, daß derselbe eine freie Gottesverehrung +anerkenne, und daß er »die Extravaganzen der Philosophie eben so sehr +wie die Verbrechen des Fanatismus« verdamme. Es heißt darin: »Eure +Herren werden euch sagen, das französische Volk habe alle Religionen +geächtet und es habe die Verehrung einiger Menschen an die Stelle der +Verehrung der Gottheit gesetzt; sie schildern uns in euren Augen als +ein abgöttisches und wahnwitziges Volk. Sie lügen. Das französische +Volk und seine Vertreter achten die Freiheit zu jederlei Art von Kultus +und ächten keinerlei Art davon«. So wird nun eine bestimmte Anzahl +religiöser Feste dekretirt. Robespierre hält die Rede darüber. Er sagt: + +»Du sollst deinen Namen einem der schönsten dieser Feste schenken, +du o Tochter der Natur, du Mutter des Glücks und der Ehre, du einzig +legitime Herrscherin der Welt, welche das Verbrechen vom Thron +gestoßen, du, welcher das französische Volk ihre Macht zurückgegeben +hat, und welche ihm dafür ein Vaterland und sittlichen Ernst verleiht, +ehrwürdige ~Freiheit!~ Und du sollst unser Opfer mit deiner +unsterblichen Schwester und Begleiterin theilen, du sanfte und heilige +~Gleichheit!~ Wir wollen auch die Menschheit feiern, welche von +den Feinden der französischen Republik herabgewürdigt und unter die +Füße getreten wird. Ein schöner Tag wird es sein, an welchem wir das +Fest für das Menschengeschlecht feiern können, wenn das französische +Volk aus dem Schooße des Sieges die ungeheure Menschenfamilie zu sich +einladen kann, deren Ehre und deren unveräußerliche Rechte es verficht. +Wir wollen auch alle die großen Männer verherrlichen, aus welcher +Zeit und welchem Lande immer sie stammen mögen, die ihr Vaterland vom +Joche der Tyrannen erlöst und die Freiheit durch verständige Gesetze +begründet haben«. + +In Folge Dessen wurde das Fest für das höchste Wesen, welches +Robespierre den schönsten Tag seines Lebens nannte, gefeiert. Hier +auf der Zinne seiner Macht, aber von seinen Todfeinden umringt, +unmittelbar vor seinem Falle, trat er als Prophet auf. Die Naivetät +des ganzen Arrangements hat etwas rührend Burleskes. Mit einem Bouquet +von Blumen und Weizenähren in der Hand, schritt er, für diesen Tag zum +Präsidenten ernannt, an der Spitze des ganzen Konventes durch Paris zum +Festhügel auf dem Marsfelde. Der Konvent war auf seinem Marsche von +einem dreifarbigen Bande umgeben, das von Kindern, Jünglingen, Männern +und Greisen getragen ward, welche je nach ihrem Alter mit Veilchen, +Myrthen, Eichen- oder Weinlaub geschmückt waren. Jedes Konventsmitglied +trug eine dreifarbige Schärpe und ein Bouquet von Aehren, Blumen und +Früchten. Als der Konvent seinen Platz auf der Spitze des Hügels +eingenommen hatte, erfolgte eine nach der Aussage aller Augenzeugen +zwar theatralische, aber höchst imponirende Scene. Die Anrufung des +Ewigen ward von Tausenden von Stimmen laut in die Luft gesungen. Die +jungen Mädchen streuten Blumen, die jungen Männer schwangen ihre +Waffen und schworen, Frankreich und die Freiheit zu retten. Eine +Ceremonie im naiven Geschmacke der Zeit krönte das Fest. Der Maler +David hatte auf dem Festplatze eine Gruppe von Ungeheuern ausgeführt: +der Atheismus, der Egoismus, die Zwietracht und der Ehrgeiz, welche +garstigen Geschöpfe von nun an bis in Ewigkeit aus der Welt vertilgt +sein sollten. Robespierre ergriff eine Fackel und schwang sie wider die +terpentinbestrichenen Monstra, sie loderten in Flammen auf, und eine +unverbrennliche Statue der Weisheit zeigte sich an ihrer Stelle. Durch +eine absonderliche Ironie des Schicksals war diese Statue von Flammen +und Rauch vollständig geschwärzt worden. + +Das Fest für das höchste Wesen ist ein naiver, aber ungeheuchelter +Ausdruck der Religiosität des achtzehnten Jahrhunderts. Robespierre +hatte vollkommen Recht, zu beklagen, daß Rousseau diesen Tag nicht +erlebt habe; es wäre ein Fest nach seinem Herzen gewesen. Und einen +so festen Grund hatten diese Ideen in der Versammlung gefaßt, daß sie +stehen blieben, als Robespierre fiel. Die bürgerliche Religion, welche +der Konvent dekretirte, war nicht ihm zu verdanken. Man ging, weit +entfernt, nach seinem Tode umzukehren, stets weiter auf dem begonnenen +Wege. Der republikanische Kalender ward eingeführt. Da, wie es in der +Motivirung hieß, die christliche Aera »die Zeit der Lüge, des Betruges +und der Charlatanerie« gewesen sei, wurde der christliche Kalender +abgeschafft, die Zeit von 1792 an gerechnet, die Woche in zehn Tage +eingetheilt, und der Vorschlag gemacht, die Heiligennamen der Tage +durch die Namen von Ackerbaugeräthschaften und nützlichen Hausthieren +zu ersetzen. + +Bald erschienen direkte Katechismen der neuen Religion. Es heißt in +einem solchen (+Office des décades en discours, hymnes et prières +en usage dans les temples de la Raison+): »Freiheit, Du höchstes +Glück des Menschen auf Erden, geheiliget werde Deine Name bei allen +Völkern der Erde! Zu uns komme Dein glückbringendes Reich und stürze +die Herrschaft der Tyrannen! Dein heiliger Kultus ersetze die Verehrung +jener verächtlichen Götzen, deren Altar Du zertrümmert hast!... Ich +~glaube~ an ein höchstes Wesen, das die Menschen frei und gleich +erschaffen hat, das sie gebildet hat, einander zu lieben und nicht +einander zu hassen, das durch Tugenden und nicht durch Fanatismus +geehrt werden will, und in dessen Augen die schönste Gottesverehrung +die Verehrung der Wahrheit und Vernunft ist. -- Ich glaube an den +nahen Untergang aller Tyrannen, an die Wiedergeburt der Sitten, an die +zunehmende Verbreitung aller Tugenden und an den ewigen Triumph der +Freiheit«. + +Ein Glaubensbekenntnis wie dies ist nicht ohne Größe. Aber leider +bekannte man gleichzeitig seinen neuen Glauben auf andere Weisen. Man +wollte die Kirchen für die neue Religion aufräumen, und die Abschaffung +des Sonntags ward aus praktischen Gründen bald die große Lebensfrage. +Man kam rasch dahin, daß Jeder, der den Sonntag feierte, als verdächtig +erschien, und es war damals gefährlich, in Verdacht zu gerathen. +Gewaltsame Versuche, die Sonntagsfeier zu verhindern, bildeten unter +dem Konvente eine neue Form der Tyrannei, die, obwohl harmloser als die +Tyrannei, welche sie ablöste, derselben an Roheit und Unverstand nichts +nachgab. + +Noch unter dem Direktorium, das die ersten Spuren einer reaktionären +Bewegung in den unteren Schichten der Gesellschaft empfand, gab es, +wie man aus den Memoiren eines Zeitgenossen ersieht, Deputirte, +welche Nervenzufälle bekamen, wenn sie nur das Wort Priester hörten, +und das Werk des Niederreißens wurde mit Leidenschaft fortgesetzt. +»Jeder«, sagt Laurent, »der einen Tropfen revolutionären Blutes in den +Adern hatte, arbeitete mit fieberhaftem Eifer an der Zerstörung des +Christenthums«. Man nahm keinen Anstand, in officiellen Berichten die +Gläubigen als »Schwachköpfe« (+imbeciles+) zu bezeichnen. Das +Direktorium selbst sagt in einer Proklamation des Jahres ~VI~ über +die Wahlen, man müsse »die unglücklichen Fanatisirten entfernen, welche +die Leichtgläubigkeit verblendet, und welche auf den Einfall gerathen +könnten, sich aufs Neue den Priestern zu Füßen zu werfen«. + +In Wirklichkeit hatte die Geistlichkeit nicht aufgehört, der +furchtbarste Feind der Revolution zu sein. Der blutige Krieg in der +Vendée war zum großen Theile ihr Werk. Die Gräuel dort überstiegen +jedes Maaß. An einem Orte ward der konstitutionelle Priester durch +Steinwürfe heulender Weiber getödtet, an einem andern Orte ward er +ebenfalls von Weibern zerrissen. Dem republikanischen Präsidenten +Joubert sägte man die Hände ab, ehe man ihn erschlug. In einer Stadt +begrub man seine Feinde lebendig, so daß die republikanischen Truppen, +als sie einzogen, Arme, welche sich um den Rasen krampften, aus der +Erde hervorragen sahen. Selbstverständlich herrschte Unrecht auf beiden +Seiten; nur darf man nicht vergessen, daß es der rasende Widerstand der +Anhänger der verurtheilten Vergangenheit war, welcher Frankreich in das +Schreckensregiment stürzte, und daß die Bischöfe, wenn sie das Volk +zu den Waffen riefen, viel ärger als die Revolutionsmänner handelten, +da sie alles Das wieder einführen wollten, was die Revolution nöthig +gemacht hatte. Wie dem Allen auch sei, so sahen die Revolutionsmänner +bald ein, daß ihr Verfahren das entgegengesetzte Resultat Dessen, +was man gewünscht und erwartet hatte, herbei führte. Bezeichnend +genug, sind es die Kommissaire, die nach der Vendée gesandt wurden, +welche zuerst für vollständige Trennung von Kirche und Staat das +Wort nahmen. In ihren Augen war diese das einzige Mittel, um die +Gemüther zu beruhigen und dem Lande den Frieden zu Schenken. Schon der +gesetzgebenden Versammlung hatte ein Priester den Antrag eingereicht, +daß der Staat keinerlei Kultus mehr besolden solle. Aber man war +damals zu leidenschaftlich, um nicht Partei ergreifen zu wollen. Man +hoffte, wie es oftmals ausgesprochen ward, mit Hilfe des allgemeinen +Unterrichts »alle Sekten zu vernichten«. Man bildete sich ein, daß +die Zeit der Dogmen vorüber, daß die Zeit erschienen sei, wo, wie der +Amerikaner Jefferson geschrieben hat, die wunderbare Empfängnis Christi +im Schooße einer Jungfrau in dieselbe Kategorie mit der wunderbaren +Empfängnis Minerva's im Haupte Jupiter's gesetzt werden würde. In +einem Bericht aus der Zeit des Konventes hieß es: »Bald wird man jene +absurden Dogmen, jene Ausgeburten der Furcht und des Irrthums, nur noch +kennen lehren, damit man sie geringschätze. Bald wird die Religion +des Sokrates, des Mark Aurel und Cicero die Weltreligion sein.« Und +als Madame Roland in ihren Memoiren einmal das Wort Katechismus +gebraucht, hält sie es für nöthig, dasselbe der Nachwelt zu erklären. +Sie schreibt: »Bei der Schnelligkeit, mit welcher jetzt Alles vorwärts +geht, werden Diejenigen, welche Dies lesen werden, vielleicht fragen, +was dies Wort bedeute; ich will es ihnen daher erklären«. + +Man hatte nicht bedacht, daß die Masse des Volkes in ihrer Unwissenheit +für die Aufrufe der Revolutionsmänner nicht empfänglich und aus alter +Gewohnheit geneigt war, sobald sich wieder Gelegenheit dazu bot, +unter die Gewalt der Geistlichkeit zurück zu sinken. Das fühlte man +bald. General Clarke schreibt um das Jahr 1800 in einem Briefe an +Bonaparte: »Unsere Religionsrevolution ist uns mißlungen. Man ist in +Frankreich wieder römisch-katholisch geworden. Es sind dreißig Jahre +Preßfreiheit erforderlich, um die geistige Macht des römischen Bischofs +zu stürzen«. Diese Worte treffen den Nagel auf den Kopf; nur daß man +dreihundert statt dreißig setzen und der Preßfreiheit obligatorischen, +unentgeltlichen und absolut weltlichen Unterricht hinzufügen muß. + +Daß hierin durchaus keine Entschuldigung für die religiöse Restauration +liegt, ist jedoch eben so gewiß. Welcherlei Ausschreitungen auch +noch hin und wieder in der Praxis stattfanden: gesetzmäßig herrschte +in Frankreich zu der Zeit, als das Konkordat abgeschlossen ward, +vollkommene Religionsfreiheit. Auf die Priesterverbannungen des +Konvents und die mangelhafte Toleranz des Direktoriums war rechtlich +eine vollkommene Sicherheit für alle Religionsbekenntnisse gefolgt, +indem der Priestereid weggefallen und durch ein einfaches Versprechen, +dem Gesetze gehorchen zu wollen, ersetzt worden war, und indem jeder +Priester durch freiwillige Beiträge seiner Gemeinde unterhalten ward, +ohne daß der Staat sich darein mischte. Selbstverständlich fielen +diese Beiträge nicht allzureichlich aus, und mancher Priester sehnte +sich nach den fetten Fleischtöpfen früherer Zeit und nach der Allianz +zwischen dem Scepter und dem Weihrauchfasse zurück, welche Robespierre +einmal geschildert. Bonaparte hatte die Wahl, den Keim zu religiöser +Freisinnigkeit und Freiheit, welcher so kräftig emporgeschossen war, zu +entwickeln, oder den religiösen Fanatismus und die geistliche Herrsch- +und Gewinnsucht als ein Werkzeug seiner Macht zu benutzen. Zwischen +einen sicheren Vortheil auf der einen, und ein großes und edles Princip +auf der andern Seite gestellt, besann er sich nicht lange. Seine +Herrschgier wählte für ihn. + + [+Laurent: Histoire du droit de gens, Tome XIV. -- Carlyle: History + of the French revolution, Vol. I-III. -- Louis Blanc: Histoire de + la révolution française, Tome I-XII. -- Chateaubriand: Mémoires + d'outre-tombe, Tome I-II.+] + + +2. + +In einer Oktobernacht des Jahres 1801 ward ein verschlossener, von +einer Wache eskortirter Wagen heimlich nach Paris hereingebracht. Was +mochte in diesem Wagen verborgen sein? War es ein Verbrecher? War es +Schmugglerwaare? In dem Wagen saß ein alter Mann, ein Priester, der +Legat des Papstes an den General Bonaparte (Caprara war sein Name), und +die Schmugglerwaare, welche aus diese Weise im Dunkel der Nacht nach +Paris gebracht wurde, war das Konkordat mit Rom, die Wiederaufrichtung +des christlichen Kultus in Frankreich. Man wagte nicht, einen Priester +in solcher Mission seinen Einzug bei helllichtem Tage halten zu +lassen. Durch die bedachtsame und vorsichtige Veranstaltung des ersten +Konsuls wurde die Sache bis zur Nachtzeit verschoben. Nicht daß man +Gewaltthätigkeiten befürchtet hätte, man fürchtete nur Gelächter. »Man +wagte nicht die lachlustige Bevölkerung von Paris auf eine solche Probe +zu stellen«. (+Thiers: Histoire du consulat et de l'empire, Tome III, +pag. 211+). + +Als nach unzähligen Versuchen, eine Uebereinkunft zu erzielen, während +welcher es jeden Augenblick geschienen hatte, als sollte der Faden +der Unterhandlungen für immer abreißen, das Konkordat endlich seinem +Abschlusse so nahe war, daß Bonaparte im April 1802 den Kardinal +officiell empfangen konnte, stieß man auf eine ähnliche Schwierigkeit. +Es ist kirchlicher Gebrauch, daß einem Legaten in außerordentlicher +Mission ein goldenes Kreuz vorangetragen wird. Der Kardinal bat sich +daher aus, daß das Kreuz an dem Tage, wo er sich nach den Tuilerien +begebe, ihm von einem rothgekleideten Officier zu Pferde vorangetragen +werde. Aber man fürchtete, sagt Thiers, der Pariser Bevölkerung ein +solches Schauspiel zu geben (Thiers, ebendaselbst, Seite 342). Man kam +überein, es mit dem Kreuze zu machen, wie man es ein halbes Jahr zuvor +mit dem Kardinal gemacht hatte, nämlich es in einem verschlossenen +Wagen ihm voran zu fahren. + +Endlich, acht Tage darauf, am Ostertage den 18. April 1802 (am 28. +Germinal des Jahres +X+) wurde, nachdem das Konkordat am Morgen +an allen Straßenecken von Paris angeschlagen worden war, und nachdem +der erste Konsul an demselben Morgen, um den Tag zu verherrlichen, +den Frieden von Amiens unterzeichnet hatte, das große Tedeum in +der Notre-dame-Kirche zur Verherrlichung der Wiedereinführung des +christlichen Kultus, oder, wie es in der officiellen Sprache hieß, +zur Versöhnung der Revolution mit dem Himmel, gesungen. Die Programme +für die Ceremonie waren zum Voraus vertheilt. Mit einem großen und +gewaltigen Gefolge verfügte der erste Konsul sich zur Kirche; er +hatte vorher persönlich die Frauen aller höheren Beamten auffordern +lassen, sich in großer Toilette einzufinden. Sie folgten der Madame +Bonaparte; er selbst war von seinem ganzen Stabe, von allen seinen +Generalen und von allen Männern begleitet, welche bedeutendere Aemter +inne hatten. Die Wagen, welche dem alten Hofe gehört hatten, wurden +bei dieser Gelegenheit wieder in Gebrauch genommen. Bonaparte fuhr in +den Equipagen der alten Monarchie und mit ihrer ganzen Etikette zur +Kirche. Artilleriesalven verkündeten der Welt dies Wiederauferstehen +der Privilegien von den Todten und diesen ersten Versuch zur +Wiederaufrichtung der königlichen Macht und Herrlichkeit. Truppen der +ersten Militairdivision bildeten Spalier von den Tuilerien bis zur +Notre-dame. Der Erzbischof von Paris empfing den ersten Konsul an +der Kirchenthür und reichte ihm das Weihwasser. Er wurde unter einen +Thronhimmel auf einen für ihn reservirten Platz geführt. Der Senat, +der gesetzgebende Körper und das Tribunat waren zu beiden Seiten des +Altares aufgestellt. Die Kirche war bald von Uniformen, Toiletten +und Livreen erfüllt. Die Livreen, welche während der Revolution +verschwunden gewesen, kehrten mit den Ornaten zurück. Hinter dem +ersten Konsul standen seine Generale in Gala-Uniform »mehr gehorchend, +als bekehrt«, wie Thiers sie schildert. Sie gaben sich Mühe, durch +ihr Aeußeres zu zeigen, was wirklich der Fall war, nämlich daß sie +sich wider ihren Willen dort befanden, und daß die ganze Ceremonie +ihnen lächerlich und unwürdig erschien. Ihre Haltung war, was man von +entgegengesetzter Seite als »wenig geziemend« bezeichnet hat. Gegen +sie stach die Haltung des ersten Konsuls ab. Er stand in seiner rothen +Konsulsuniform, unbeweglich, mit strenger und verschlossener Miene, +ernst und kalt, ohne weder die Zerstreutheit der Widerhaarigen, noch +die Andacht der Gläubigen zu theilen. An seinem Degengehenk blitzte der +berühmte Diamant, »der Regent«. Er hatte ihn zu dieser Feierlichkeit +dort fassen lassen, als Symbol, daß die Insignien der Macht jetzt von +der Krone auf das Schwert übergegangen seien. Man sah ihm an, daß diese +seine Handlung nicht ein Glaubens-, sondern ein Willensakt, und daß er +fest entschlossen sei, seinen Willen durchzusetzen. + +Am selben Morgen, als das Tedeum abgehalten ward, brachte der Moniteur +auf ausdrücklichen Befehl Bonaparte's die Anzeige eines Werkes, das +in der zweiten Ausgabe ihm selbst als dem Wiederaufrichter der Kirche +gewidmet war. Es war Chateaubriand's »Genius des Christenthums«. +Der Artikel war von Fontanes und hatte schon drei Tage vorher im +»Mercure« gestanden, ward aber jetzt auf Veranstaltung der Regierung +in dem officiellen Blatte wieder abgedruckt. Man sieht, daß »Der +Genius des Christenthums« ein Glied in der Festdekoration bei jenem +Tedeum ausmachte, so gut wie die weit ausgeschnittenen Kleider und +die Livreen. Die religiöse Reaktion in der Gesellschaft und in der +Literatur läßt sich fast von derselben Stunde, von derselben Ceremonie +an datiren. In einem Briefe von Joubert an Chateaubriand's Freundin +Madame de Beaumont kommt der schlagende Ausdruck vor: »Unser Freund +ist ausdrücklich +pour les circonstances+ erschaffen und zur Welt +gebracht worden«. Man kann sich übrigens denken, daß die Inswerksetzung +dieser Ceremonie Bonaparte Mühe gekostet hatte. Was frommte es, daß an +den Straßenecken zu lesen stand: »es sei der päpstliche Souverain, zu +welchem das Beispiel der Jahrhunderte nicht minder als die Vernunft +uns die Zuflucht nehmen hieße, um die verschiedenen Meinungen zu +verschmelzen und die Sitten zu versöhnen«. Was frommte es, daß ein +Koncert in den Tuilerien und eine Illumination zur Ehre der Ceremonie +stattfand! Dieselbe ward mit eben so großem Unwillen aufgenommen, wie +das Fest für das höchste Wesen mit Enthusiasmus aufgenommen worden war. +Als Bonaparte, nachdem es vorüber war, sich in den Tuilerien zu einem +seiner Officiere, dem General Delmas, wandte und ihn frug, wie ihm +die Festlichkeit gefallen habe, erhielt er die Antwort: »Es war eine +hübsche Kapuzinade, es fehlte nur die Million Menschen, die sich hat +todtschlagen lassen, um Das niederzureißen, was Sie wiederaufrichten«. +Und Delmas sprach mit diesen Worten nur die allgemeine Stimmung der +Generale aus. Schon im November 1801 hatte sich bei dem Gedanken +einer Versöhnung mit der Kirche allgemeine Erbitterung im Heere +gezeigt; Männer, welche Bonaparte sehr nahe standen, wie Lannes und +Augereau, hatten in den derbsten Ausdrücken ihrem Grolle über die +Aussicht, daß sie ihre Uniformen in einer Kirche zeigen sollten, +gegen ihn Luft gemacht, und unter den Soldaten hieß es allgemein, daß +die französischen Fahnen noch nie mit so vielen Lorbeeren bedeckt +worden seien, wie seit der Zeit, daß sie nicht mehr gesegnet würden. +Als die Generale jetzt eine bestimmte Ordre empfingen, sich in der +Notre-dame-Kirche einzufinden, sandten sie Augereau als ihren +Vertreter in die Tuilerien, um inständig zu bitten, daß man sie mit +dieser Schaustellung verschone; aber umsonst. + +Und bei allen öffentlichen Behörden war die Stimmung dieselbe. Das +Konkordatsprojekt war auf einstimmigen Widerstand gestoßen. Der +Minister des Aeußern, Talleyrand, widerrieth Bonaparte hartnäckig +diesen Schritt. Als ehemaliger Prälat wurde er persönlich von dem +Konkordate betroffen, und bei seinem politischen Scharfblick sah er +die unheilvollen, entsetzlichen Folgen für den Staat voraus. Ein +kaltes Schweigen beantwortete im Staatsrathe die Mittheilung, welche +der erste Konsul von dem Traktate machte, den er unterzeichnet hatte, +und doch hatte Bonaparte in dieser Versammlung seine entschiedensten +Anhänger. Selbst Thiers, den ich anführe, weil er in seiner Bewunderung +für Bonaparte nur äußerst mangelhaften Bericht über die Geschichte des +Konkordats erstattet und gern Alles verschweigt, was diese Begebenheit +in ihr wahres und scharfes Licht stellen kann, muß sich Worte wie +dieser bedienen: »Die Mitglieder saßen stumm und finster da, als hätten +sie eines der heilbringendsten Werke der Revolution vor ihren Augen +zu Grunde gehen sehn. Nichts unterbrach das kalte Schweigen dieser +Scene. Man schwieg, man trennte sich, ohne ein Wort zu reden, ohne eine +Meinung auszusprechen«. Noch schlimmer erging es im gesetzgebenden +Körper; derselbe legte seinen Protest wider die Restauration ein, +indem er zum Präsidenten der Versammlung Dupuis, den Verfasser des +bekannten Werkes »Ueber den Ursprung der Kulte« wählte, welches darauf +ausgeht, das Christenthum als eine auf der Astronomie begründete Fabel +(dieselbe, welche in dem bekannten kleinen Scherze von Vinet über +Napoleon als Allegorie auf die Sonne parodirt worden ist) darzustellen. +Napoleon, welcher sich doch schon in seiner fast unumschränkten Macht +fühlte, wagte nicht, das Konkordat allein dem gesetzgebenden Körper zu +überreichen; er begleitete dasselbe mit den sogenannten organischen +Gesetzen, deren ausgeprägt gallikanischer Geist demselben die Stimmen +Derjenigen verschaffen sollte, welche den ultramontanen Einfluß von Rom +fürchteten. Nichtsdestoweniger nahm der gesetzgebende Körper es erst +an, als alle seine entschiedensten Mitglieder ausgestoßen worden waren. +Was das Tribunat betrifft, so fand dort ein wahrer Aufruhr statt, und +es war nichts Geringeres, als ein neuer Staatsstreich, eine Reduktion +der Anzahl seiner Mitglieder auf 80, erforderlich, um seinen Widerstand +zu brechen. Die einzigen Zufriedenen waren im ersten Augenblicke +die jubelnde Klerisei, jedoch mit Ausnahme aller in Folge des neuen +Zustandes der Dinge verabschiedeten Bischöfe und Priester, die den +Eid auf die republikanische Verfassung abgelegt hatten, und die große +unwissende Bauernbevölkerung, welche weder lesen noch schreiben konnte +und sich nach ihrem Sonntag und ihrem Kirchenstuhl sehnte. + +Selbst in denjenigen Kreisen, welche dem ersten Konsul am allernächsten +standen, wurde ein Versuch nach dem andern gemacht, um seinen Beschluß +zu erschüttern, als derselbe ruchbar ward. Der Geist des achtzehnten +Jahrhunderts regte sich am mächtigsten in den Männern, welche durch +Genie und Talent die Ersten im Lande waren, und sie gerade waren es, +welche den täglichen und beständigen Umgang Bonaparte's ausmachten. +Sie gehörten Alle zu den gemäßigten Revolutionären und waren Alle +Schüler Voltaire's. Gelehrte, wie der berühmte Astronom Laplace, +wie die Mathematiker Lagrange und Monge, sagten täglich Bonaparte, +daß er im Begriff stehe, seine Regierung und sein Jahrhundert +herabzuwürdigen. Seine alten Waffenbrüder, gesteht Thiers, fürchteten, +obschon so geehrt von Allen, die Lächerlichkeit, welche sie am Fuße +des Altars zu erwarten schien. Selbst seine Brüder, die mit den besten +Schriftstellern der Zeit verkehrten, bestürmten ihn mit Bitten, +nicht durch einen Schritt, welcher in solchem Grade dem Zeitgeiste +widerstreite, seine ungeheure Macht aufs Spiel zu setzen. + +So starke Ausdrücke zeigen, wie gewiß man war, daß das Christenthum als +todt gelten dürfe, was auch die früher citirten Worte der Madame Roland +beweisen. + +War es religiöse Ueberzeugung, die einen Geist wie den Bonaparte's +bewog, trotz aller berechtigten Rücksichten und Vorstellungen, in +diesem Hauptpunkte dem ganzen intelligenten Frankreich zuwider zu +handeln? Sicherlich nicht. Zahlreiche Aeußerungen von ihm beweisen, daß +er sich selbst gerade auf der Seite Derjenigen befand, die er bekämpfen +wollte, indem er dem sogenannten aufgeklärten Deismus Voltaire's und +des ganzen achtzehnten Jahrhunderts huldigte. Man hat, um Bonaparte +als gläubig zu schildern, seine Aeußerungen gegen Monge angeführt. +»Meine Religion ist sehr einfach«, sagte er zu ihm, »ich betrachte +dies so große, so zusammengesetzte, so herrliche Universum, und sage +mir selbst, daß es nicht ein Produkt des Zufalls sein kann, sondern +das Werk eines unbekannten, allmächtigen Wesens sein muß, welches so +hoch über dem Menschen steht, wie das Universum über unseren schönsten +Maschinen«. Aber Voltaire selbst würde sich ganz eben so ausgedrückt +haben. Bonaparte fuhr fort: »Allein diese Wahrheit ist für den Menschen +allzu karg ausgedrückt; er will von sich selbst und von seiner Zukunft +eine Menge Geheimnisse wissen, welche das Universum ihm nicht sagt. +Die Religion erzählt daher jedem Einzelnen, was zu wissen er Drang +verspürt. Unzweifelhaft leugnet die eine Religion, was die andere +feststellt. Aber ich schließe hieraus nicht, wie Volney, daß keine +aller Religionen etwas taugt, sondern vielmehr, daß sie alle gut sind«. +Lessing's Nathan führt ganz dieselbe Sprache. Es stimmt hiemit überein, +wenn Bonaparte zu Monge sagte: »In Aegypten war ich Muselmann, in +Frankreich muß ich Katholik sein. Ich glaube nicht an die Religionen, +sondern an die Idee von einem Gotte«. + +Er hatte früher in einer Rede, die er im December 1797 in Gegenwart des +Direktoriums und der öffentlichen Behörden hielt, »die Religion« nebst +der Königsmacht und der Lehnsmacht zu den »Vorurtheilen« gerechnet, +welche »das französische Volk zu überwinden habe«. Er war ohne Skrupel +in Aegypten als Muselmann aufgetreten; in seiner Proklamation an die +ägyptische Bevölkerung heißt es: »Auch wir sind echte Muselmänner. +Sind wir es nicht, die den Papst vernichtet haben, welcher sagte, +man solle Krieg gegen die Muselmänner führen?« Nun bediente er sich +zwar wohl über denselben Papst solcher Ausdrücke, wie »der heilige +Vater« (officiell) oder »das gute Lamm« (privatim), aber wenn die +Unterhandlungen durch die römischen Chikanen scheiterten, so nannte +er den Papst in seinen Briefen »den alten Fuchs« und titulirte die +Priester -- oder, wie er damals sagte, »+la prêtraille+« -- +»schwachköpfige Faselhänse«. + +Sein Auftreten während der Verhandlungen mit Rom zeugt in eben so hohem +Grade für seine politische Schlauheit, wie gegen seine Orthodoxie. Als +Consalvi im Juni 1801 nach Paris reisen sollte, war er unvorsichtig +genug, in einem Privatbriefe auszusprechen, wie ängstlich ihm zu Muthe +sei, daß er sich so in den Rachen des Löwen, den jüngst wider die +Religion und den Priesterstand so feindseligen Herd der Revolution, +hineinwagen solle. Es gab jedoch eine Art von Odins-Raben, welcher +Bonaparten alle derartigen Privatbeichten wiederholte. Dieser Rabe +befand sich im Postamte, wo der Brief geöffnet wurde. Bonaparte +richtete den Empfang des Kardinals in genauer Uebereinstimmung mit dem +Eindrucke ein, den er hierdurch von seiner Persönlichkeit empfing. Es +war Abend, als Consalvi in Paris anlangte; aber schon auf den nächsten +Morgen ward seine Audienz angesetzt, so daß er weder Zeit finden +konnte, sich von den Anstrengungen der Reise zu erholen, noch sich mit +den Sendlingen des Papstes zu beraten. Er ward frühmorgens nach den +Tuilerien geholt und in ein großes leeres Zimmer geführt, das wie das +Vorgemach zum Audienzzimmer des ersten Konsuls aussah. Nach ziemlich +langem Warten wird ihm eine kleine Thür geöffnet, und durch diese +tritt er zu seinem Erstaunen in eine lange Reihe prachtvoller Säle, wo +alle höheren Staatsbeamten, der Senat, die gesetzgebende Versammlung, +die Generale und der Generalstab versammelt sind. Im Hofe sieht er +eine ganze Reihe von Regimentern zur Revue aufgestellt. Es war, nach +seinem eigenen Ausdruck, der plötzliche Uebergang von einer Hütte in +einen Palast. All' die blendende Pracht und all' die furchteinjagende +Gewalt, welche die Konsularmacht in das imponirendste Licht stellen +konnte, war hier mit Ostentation entfaltet, und als der Kardinal +endlich im letzten Saale die drei Konsuln erreichte, welche von einem +glänzenden Gefolge umgeben waren, schritt Bonaparte ihm entgegen und +sagte in einem gebietenden Tone: »Ich weiß, weshalb Sie gekommen sind. +Sie haben fünf Tage zu Unterhandlungen. Wenn der Traktat bis dahin +nicht unterzeichnet ist, so ist Alles aus«. Im ersten Augenblick wurde +Consalvi gewiß verwirrt, aber bald gelang es ihm, Zeit zu gewinnen und +mit der ganzen Feinheit und List der römischen Staatskunst Bonaparte +so viele Schwierigkeiten in den Weg zu legen, daß Dieser während einer +der stürmischen Audienzen, welche der ersten folgten, mit eben so viel +Heftigkeit wie Hochmuth ausrief: »Wenn Heinrich +VIII.+, welcher +nicht den zwanzigsten Theil meiner Macht besaß, die Religion in seinem +Lande hat verändern können, um wie viel mehr kann ich es dann thun! Ich +will sie verändern, nicht allein in Frankreich, sondern in ganz Europa. +Rom wird blutige Thränen weinen, wenn es zu spät ist!« + +Mit solcher Geringschätzung sprach selbst der Wiederaufrichter der +Religion sich über die Macht aus, welche er wieder aufrichten wollte. + +Kann man sich also darüber wundern, daß das Gelächter und abermals +das Gelächter, gerade wie damals, als Julianus Apostata 1500 Jahre +vorher einen ähnlichen Versuch gemacht hatte, überall der gefürchtete +oder wirkliche, in der Regel aber unzertrennliche Begleiter jeder +Handlung war, welche zu der Restauration des alten Kultus in Beziehung +stand? Als Bonaparte im Staatsrathe das erste Breve Pius +VII.+ +verlas, in welchem der »Papst seinen lieben Sohn Talleyrand« wieder +zu Gnaden aufnahm, erscholl ein halb ersticktes Lachen von allen +Anwesenden. Ja, Bonaparte vermochte bisweilen nicht einmal selbst +seinen Ernst zu bewahren. An dem Tage, als Kardinal Consalvi, mit +dem römischen Purpur bekleidet, ihm eine Abschrift des Konkordates +während einer öffentlichen Audienz übergab, bekam der erste Konsul +plötzlich einen so konvulsivischen Lachanfall, daß die ganze +Versammlung wie blitzgetroffen dastand. Ja, noch mehrere Jahre später +war er so wenig von kirchlichen Handlungen erbaut und so wenig im +Stande, ihnen gegenüber sein Antlitz zu beherrschen -- er, welcher +sonst in so ungewöhnlichem Grade seine Mienen im Zaume zu halten +verstand -- daß er, als der Papst ihn 1804 zum Kaiser salbte, während +der ganzen Ceremonie zur Verwunderung der Umstehenden unaufhörlich +gähnte. Da verstand Karl +X.+ als echter Bourbon es besser, den +Ernst zu bewahren, als er 1825 gesalbt wurde. Ohne eine Miene oder +nur den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, ließ er sich den ganzen +Oberkörper entblößen und erst den Scheitel, dann die Brust, dann die +Stelle zwischen den beiden Schulterblättern, dann diese selbst und +beide Armgelenke salben. Man spürt den Fortschritt seit den Tagen des +Kaiserthums. + +Alles, was mit der Wiederaufrichtung der geistlichen Gewalt und +der Wiedereinsetzung des katholischen Kultus in Verbindung stand, +widerstritt so schroff den Sitten und Ideen, welche durch die +Revolution die herrschenden in Frankreich geworden waren, daß man bei +solchen Ceremonien kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagte; die +Unwahrscheinlichkeit ihres Stattfindens schien so groß, daß man sich +nicht entschließen konnte, sie für Ernst zu halten. Ich führe als +Beweis dafür die Worte eines Augenzeugen an, und zwar eines solchen, +den man gewiß nicht voreingenommen gegen die Religion nennen kann, +nämlich de Pradt's, des Erzbischofs von Malines. Er sagt: »Wenn das +Lachen eines einzigen Menschen das Signal gegeben hätte, wären wir +in Gefahr gewesen, das unauslöschliche Gelächter der homerischen +Götter anzustimmen. Hier lag die Klippe, an der man scheitern konnte. +Glücklicherweise hatte der Polizeiminister Fouché für Alles gesorgt, +und Paris behielt, Dank ihm, seine ernsthafte Miene«. (+De Pradt: +Histoire des quatre concordats. Tome II., pag. 212.+) + +Konnte in Wirklichkeit etwas burlesker sein, als die Situation, deren +Gipfelpunkt in den Worten liegt: der Besuch des Papstes in Paris. +Ein Papst in Paris! Das war, sagt der Erzbischof, ein kitzliches Ding +nach Allem, was in den letzten fünfzehn Jahren vorgefallen war, und +inmitten »einer lustigen, von der Philosophie noch stark beeinflußten +Bevölkerung«. Um den Papst von der Reise abzuhalten, hatte man ihm noch +im letzten Augenblick die vorerwähnte Proklamation aus Aegypten auf +den Tisch gelegt. Aber es war zu spät, seinen Beschluß zu erschüttern. +Man stelle sich nur die Zusammenkunft zwischen den beiden Gewalthabern +lebendig vor Augen. Napoleon begab sich nach Fontainebleau, um +den Papst zu empfangen. Nachdem die ersten Höflichkeits- und +Herzlichkeitsäußerungen ausgetauscht waren, fuhren sie Beide in +demselben Wagen zum Schlosse. Die Freude strahlte aus Napoleon's Zügen, +und als er mit dem Papste an der Hand die Treppenstufen hinaufstieg, +schien jeder seiner ungewöhnlich lebhaften Blicke zu sagen: »Seht ihr +meine Beute? ich hab' ihn!« Durch eine possierliche Unaufmerksamkeit +wurde der Festzug von einer Abtheilung berittener Mamelucken eröffnet. +Der Anblick der dunkelbraunen Gesichter dieser muhamedanischen Reiter +versetzte Einen in der Phantasie nach Mekka. Man hätte eher glauben +sollen, daß ein muhamedanischer als ein christlicher Oberpriester +seinen Einzug hielt. Selbst das Antlitz des Papstes verrieth die +Verlegenheit, welche er darüber empfand, mit einem Male in einen +Weltwinkel versetzt worden zu sein, wo Alles ihm neu war. Man sah +wohl, daß sein Fuß, obwohl er von vielen Menschen geküßt wurde, nicht +recht sicher auf die Erde trat. Der vollkommen geistliche Hof, den +er mitbrachte, strahlend in allerlei bischöflichen Gewändern, und +der vollständig militärische, welcher ihm entgegenkam, blitzend in +Harnischen und Panzern, bildeten einen eigenthümlichen Kontrast. Man +hätte glauben können, sagt der Erzbischof de Pradt, daß man plötzlich +nach Japan versetzt worden sei, in dem Augenblick, wo der geistliche +Kaiser dem weltlichen Kaiser einen Besuch abstattet. + +Was war die Ursache, daß der erste Konsul einen Plan festhielt und +durchführte, der auf den ersten Blick so unpopulär und so unpolitisch +erscheinen konnte? Die Antwort ist einfach. Die Pläne, mit welchen +Bonaparte sich trug, ließen sich nicht mit der Aufrechterhaltung der +republikanischen Ordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche +vereinigen. Er, welcher eben jetzt darauf ausging, der Republik +den Todesstoß zu versetzen, mußte dieselbe ins Herz treffen, sie +in ihren Grundprincipien verwunden. Er sah ein, daß es ihm niemals +völlig gelingen würde, die bürgerliche Freiheit zu zerbrechen, wenn +man nicht zugleich die geistige und Gedankenfreiheit zerbräche, und +er kümmerte sich wenig darum, ob er die Entwicklung Frankreichs um +ein Jahrhundert in der Zeit zurücksetzte oder nicht, wenn er dadurch +seine Alleinherrschaft möglich machte oder seine egoistischen Zwecke +förderte. Mit der kirchlichen Autorität war die monarchische Autorität +unter der Revolution gestürzt worden. Es galt das Autoritätsprincip +wieder aufzurichten. Die Etikette der alten Monarchie kehrte in dem +Augenblicke von selbst zurück, wo die Religion wieder eine Macht im +Staate ward. Man hat es als Napoleon's größte und schwierigste That +bezeichnet, daß er in Frankreich die Machtidee, welche die Revolution +verkannt und verhöhnt hatte, wieder herstellte (vgl. Guizot in der +»+Revue des deux mondes+« vom 15. Februar 1863). Man hat gesagt, +daß Keiner so natürlich und kühn, wie er, den Instinkt und die Gabe, +zu herrschen, entwickelt habe. Man hat ihn die personificirte Macht +genannt. Aber man müßte hinzufügen, daß er von dem Augenblicke an, wo +er sich nicht damit begnügen wollte, die Macht kraft seines Genies +und des neuen Gesellschaftszustandes zu sein, welcher dem Genie den +Vorrang vor dem Privilegium gab, sondern die absolute Monarchie +wieder aufrichten wollte, sich nicht mehr auf die Machtidee stützte, +welche mit der Rechtsidee verschmilzt und ein Ausdruck der Vernunft +ist, sondern auf die Autoritätsidee, welche dadurch wirkt, daß sie +blendet und blind angenommen wird, und daß er von diesem Augenblick +an die Kirche mit sich haben mußte. Als Wieland im Jahre 1808 den +Kaiser frug, weshalb er den von ihm restaurirten Kultus nicht dem +Zeitgeiste mehr angepaßt habe, lachte der Kaiser und antwortete: +»Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er freilich nicht +gemacht. Die Philosophen glauben ~weder an mich, noch an meinen +Kultus~, und für die Leute, welche daran glauben, kann man nicht +Mirakel genug thun, so wenig wie man ihnen zu viele lassen kann«. Es +ist kaum möglich, die Autorität deutlicher als »+prestige+« zu +charakterisiren. Bei anderen Gelegenheiten gebrauchte er das Wort, +welches in der nachfolgenden Literaturperiode das Stichwort ward, indem +er die Religion als die ~Ordnung~ bezeichnete. Johannes Müller +schreibt 1806 an seinen Bruder: »Der Kaiser sprach von dem Grund aller +Religionen und von ihrer Nothwendigkeit und sagte, der Mensch empfinde +das Bedürfnis, in Ordnung gehalten zu werden«. + +Hinsichtlich dieser Auffassung der Religion als Ordnung scheint einige +Aehnlichkeit zwischen Napoleon und den Jakobinern stattzufinden, wie +überhaupt Napoleon's Restaurationsversuch eine bestimmte Analogie mit +Robespierre's Bestrebungen zur Wiederbelebung des religiösen Gefühls +darbietet. Als Politiker glaubt Robespierre an die ordnende und +regulirende Macht der Religion, und als Politiker in einem Zeitalter, +wo die ungeheure Mehrzahl der Gebildeten auf dem Grunde des Deismus +steht, fürchtet er den Atheismus als ein den Ideen der Zeit fremdes +Princip. Aber die Ordnung, welche er wünscht, ist nur diejenige der +uneingeschränkten Toleranz, und die Ordnung, für welche er kämpft, ist +diejenige, an welche er glaubt. Er war ehrlich. Wer möchte Aehnliches +von Bonaparte behaupten wollen? + +Bonaparte begriff, was für ein unschätzbares Werkzeug in der Hand des +Regierenden die überlieferte Religion und der Kultus sei, und beschloß +daher eine Allianz mit dem Priesterstande, dem er für alle Fälle schon +als Sieger in Italien geschmeichelt und den Hof gemacht hatte. Er +wußte recht wohl, daß die große unwissende Mehrzahl in Frankreich, wie +in allen anderen Ländern, noch immer an der ererbten Religion hangen +mußte, und daß die Lehren, welche die Philosophen des achtzehnten +Jahrhunderts verbreitet hatten, unmöglich schon in die untersten und +breitesten Schichten der Bevölkerung eingedrungen sein konnten. Er +hat in früherer Zeit selbst offen seine Ziele bekannt. Im Jahre 1800 +brach er inmitten seines Staatsraths in die Worte aus: »Mit meinen +Präfekten, meinen Gendarmen und meinen Priestern bin ich im Stande, +Alles zu thun, was ich will.« Der Priester ist ihm ein Polizeibeamter +wie die übrigen, nur in anderer Uniform. In den Notizen, welche er +Montholon diktirte, leitet er ohne Weiteres das Konkordat aus dem +Wunsche ab, den er hegte, die Geistlichkeit an die neue Ordnung der +Dinge zu knüpfen und das letzte Band zu zerreißen, welches sie und +damit das Land an die alte bourbonische Dynastie knüpfte. Er hatte +die Wahl gründlich überlegt, welche ihm zwischen dem Katholicismus +und dem Protestantismus offen stand. Er räumte seinen Rathgebern ein, +daß die Tendenzen des Augenblicks vollständig in der Richtung des +Protestantismus lägen. »Aber«, sagte er, »ist der Protestantismus +Frankreichs alte Religion? Wie kann man in einem Volke Gewohnheiten, +Geschmacksrichtungen, Erinnerungen erschaffen, die es nicht hat? Der +Hauptreiz einer Religion liegt in der Erinnerung. Ich höre niemals in +Malmaison die Kirchenglocken des nächsten Dorfes, ohne davon bewegt zu +werden. Und wer könnte in Frankreich sich in einer protestantischen +Kirche ergriffen fühlen, die Niemand als Kind besucht hat, und deren +kaltes und strenges Aeußere so wenig zu den Sitten des Volkes paßt?« +-- »Außerdem«, sagte er zu Las Cases, »erreichte ich durch den +Katholicismus weit sicherer alle meine großen Resultate. Nach außen hin +erhielt der Katholicismus mir den Papst, und mit meinem Einflusse in +Italien und meinen Streitkräften dort, zweifelte ich gar nicht, früher +oder später durch das eine oder andere Mittel die Herrschaft über +diesen Papst zu erlangen, -- und welchen ungeheuren Einfluß von diesem +Augenblicke an, welchen Hebel für die öffentliche Meinung rings in der +Welt!... Wenn ich als Sieger von Moskau zurückgekehrt wäre, würde ich +den Papst leicht den Verlust seiner weltlichen Macht vergessen, ich +würde ihn zu einem Götzenbilde gemacht haben; er hätte immer bei mir +bleiben sollen. Paris wäre dann zur Hauptstadt der christlichen Welt +geworden -- und ich hätte die religiöse Welt eben so vollständig wie +die politische Welt gelenkt ... ~Meine~ Koncilien hätten dann +die Christenheit repräsentirt, die Päpste wären nur ihre Präsidenten +gewesen.« + +Man beachte auch die Argumentation, deren Portalis, der officielle +Vertheidiger und Fürsprecher des Konkordats, sich bedient. Um zu +beweisen, daß es nicht möglich sei, eine neue Religion einzuführen, +sondern daß man die alte wieder aufnehmen müsse, sagt er: »In +ganz alten Tagen, in Zeiten der Unwissenheit und Barbarei, haben +außerordentliche Menschen sich inspirirt nennen und nach Prometheus' +Beispiel das Feuer vom Himmel herabholen können, um mit demselben +eine Neue Welt zu beseelen. Aber was bei einem entstehenden Volke +möglich ist, ist es nicht bei alten vielgeprüften Nationen, deren +Gewohnheiten und Ideen schwer zu verändern sind«. Er beginnt, wie man +sieht, damit, an die Autorität der Gewohnheiten zu appelliren. Und er +fährt fort: »Man glaubt nur an eine Religion, weil man sie für ein +Werk Gottes hält. Alles ist verloren, sobald man die Menschenhand +durchblicken läßt«. Daß diese Sprache nicht die des Glaubens ist, +bedarf keiner Beweisführung. Worauf Portalis sich beruft, Das sind die +mißlungenen Versuche, die positive Religion durch eine revolutionäre, +eine »Vernunftreligion« wie diejenige Rousseau's und Robespierre's, zu +ersetzen. Diese Versuche waren mißlungen, obschon die neue Lehre nicht +erst erfunden zu werden brauchte, sondern in Wirklichkeit im Gemüth der +gebildeten Klassen lebte; sie waren mißlungen, weil es unmittelbar, +nachdem man alle äußere Autorität gestürzt hatte, unmöglich war, der +Ueberzeugung, welche von der Mehrzahl der Gebildeten getheilt wurde, +eine rein äußerliche Autorität, wie die zertrümmerte, zu geben. Sie +trugen jene Frucht, weil ihre Urheber die Wahrheit verkannten, daß +der Menschengeist unaufhörlich seine religiösen und sittlichen Ideen +umwandelt, und nicht begriffen, daß der befreite Geist nothwendig +jetzt noch schneller, als vorher, sich in der Fortschrittsströmung +zu einer vollkommneren Klarheit befand, welche ihn nöthigen mußte, +gleich von Neuem jede dogmatisch fixirte und begrenzte Form zu +zerbrechen. Aber nun, weil die von innen gewählte Form sich als +unhaltbar gezeigt, wieder die noch viel unhaltbareren alten erstarrten +Traditionsformen aufnehmen zu wollen. Das war sicherlich eine sehr +seltsame Argumentation. Es blieb also Nichts anders übrig, als sich +auf den unmittelbaren Nutzen zu berufen, welcher sich daraus ziehen +ließe. Aber- und abermals kommt daher Portalis darauf zurück, nicht daß +die Religion wahr, sondern daß sie nothwendig sei, daß man ohne sie +nicht regieren könne, daß die Moral ohne religiöse Dogmen »wie eine +Justiz ohne Gerichte« sein würde. Es ist wahr, daß das Dogma vom ewigen +Höllenfeuer, so lange dasselbe Glauben findet, ein kräftiges Werkzeug +in der Hand des Herrschenden ist. Ja, Portalis ist offen genug, mit +dürren Worten zu sagen: »Die Frage nach der Wahrheit oder Falschheit +dieser oder jener positiven Religion ist nur ein rein theologisches +Problem, das uns fremd ist. Die Religionen haben, selbst wenn sie +falsch sind, wenigstens den Vortheil, der Einführung willkürlicher +Lehren eine Schranke zu setzen. Die Individuen haben in ihr ein +Glaubenscentrum, die Regierungen sind beruhigt hinsichtlich der einmal +bekannten Dogmen, die sich nicht verändern. Der Aberglaube ist, so zu +sagen, regularisirt, eingezäunt und in Schranken gebannt, die er weder +zu überschreiten vermag, noch wagt«. + +Mit seiner Zweizüngigkeit suchte Bonaparte die Restauration den +verschiedenen Parteien in verschiedenem Lichte darzustellen. Den +Katholiken wurde sie als eine That geschildert, mit welcher sich +nur Konstantin's und Karl's des Großen Verdienste um die Kirche +vergleichen ließen; den Philosophen als ein Akt, durch welchen die +Kirche vollständig dem Staate, den weltlichen Behörden unterworfen +würde. »Es ist eine Schutzpocke gegen die Religion«, sagte Napoleon +zu dem Philosophen Cabanis; »in fünfzig Jahren wird es in Frankreich +keine Religion mehr geben«. So Viel ist ausgemacht, daß er nicht +daran gezweifelt hat, durch die Versöhnung zwischen Kirche und Staat +sich einen gehorsamen und untergebenen Bundesgenossen zu sichern. In +welchem Grade er sich hierin täuschte, ist bekannt. Allein Das hat +nur wenig zu sagen. In welchem Grade er jedoch durch diesen seinen +Trotz gegen den Zeitgeist, durch diese herausfordernde That gegen +die Revolution, welcher er Alles verdankte, durch diesen Hohn gegen +alles Größte und Beste, was sie gebracht oder errungen hatte, das +Geistesleben seines Vaterlandes vergiftete und dadurch die, durch so +heldenmüthige Anstrengungen errungene Kultur desselben lähmte, Das hat +erst die spätere Zeit verspürt, und Das spüren wir mit jedem Tage mehr, +heute vielleicht tiefer, als jemals. Bitterlich mußte er bald selbst +bereuen, daß er, von einer kurzsichtigen Politik geleitet, sich mit den +niedrigsten und unwissendsten Elementen im Volke wider die edelsten +und besten verbündet hatte. De Pradt erzählt, er habe Napoleon ein Mal +über das andere wiederholen hören, daß »das Konkordat der größte Fehler +seiner Regierung sei«. Von dem Justizmorde des Herzogs von Enghien hat +man den bekannten Ausdruck gebraucht: »Er war mehr als ein Verbrechen, +er war ein Fehler«. In Betreff des Konkordates kann man das Wort +umkehren. Dasselbe war mehr als Napoleon's größter Regierungsfehler, +es war das größte Verbrechen, welches dies gewaltige Genie in seinem +rücksichtslosen Despotismus verübt hat. + + [+Thiers: Histoire du Consulat. -- Lanfrey: Histoire de Napoléon I. + -- Mignet: Histoire de la Révolution, Tome II. -- De Pradt: Histoire + des quatre concordats. -- Portalis: Discours et rapports sur le + concordat.+] + + +3. + +Kann man begreifen, daß alles Geschehene für ungeschehen gelten, daß +all' die ungeheuren Anstrengungen verschwendet sein sollten? Wenn man +bedenkt, was zu vollbringen gelungen war, so muß man erstaunen. Eine +Emancipationsbewegung, die während der Renaissancezeit mit der warmen +Begeisterung für das klassische Alterthum begonnen, die in England +durch Newton's Genie eine neue Anschauung von der äußeren Welt zur +Grundlage erhalten und allmählich die Naturwissenschaften erobert, +die eine neue Philosophie als ihr Produkt und die Freimauererei als +ihr Zeugnis hinterlassen hatte, war wie ein sprühender Funke durch +Voltaire's Geist nach Frankreich herübergeführt worden. Hier war dann +das Wunder geschehen, daß, wenige Jahrzehnte nachdem Corneille seinen +»+Polyeucte+« und Racine seine »+Athalie+« gedichtet, wenige +Jahre nachdem Bossuet den absoluten Gehorsam gepredigt und Pascal +mit Feuerbuchstaben das Bekenntnis seines Glaubens an die absolute +Absurdität aufgezeichnet hatte, unter dem unbestrittensten Absolutismus +eine Handvoll Männer, meist landflüchtig oder verfolgt, es vermocht +hatte, erst die höheren Stände, die Elite der Nation, dann Prinzen +und Prinzessinnen, die bald Könige und Kaiserinnen wurden, endlich +den ganzen Mittelstand zu gewinnen, so daß die neue Wahrheit, welche +in Niedrigkeit geboren, aber welcher schon in der Wiege von mächtigen +Königen, von Preußens Friedrich, Oesterreichs Joseph und Rußlands +Katharina, gehuldigt wurde, bald das ganze inzwischen herangewachsene +Geschlecht beherrschte, ja sich Anhänger unter Aebten und Priestern +gewann. + +Mit athletischer Kraft hatte der menschliche Gedanke sich in seiner +Freiheit erhoben. Alles, was bestand, mußte sein Existenzrecht +beweisen. Man forschte nach Ursachen, wo man früher um ein Mirakel +gebetet. Man fand ein Gesetz, wo man früher an ein Wunder geglaubt +hatte. Niemals zuvor war solchermaßen in der Welt gezweifelt, +gearbeitet, untersucht und aufgeklärt worden. Man besaß nicht die +Waffe der Macht, sondern die Waffe des Spottes, und mit Hohn und +Spott griff man daher zuerst an. Auf Voltaire's raffinirten Hohn +folgte dann Rousseau's plebejischer Zorn. Niemals zuvor war noch in +der Welt solchermaßen gespottet, unterwühlt und deklamirt worden. Der +menschliche Gedanke, welcher Jahrhunderte hindurch auf allen Gebieten +wie ein Leibeigener hatte frohnen müssen, welchen man mit Legenden +berauscht und mit geistlichen Liedern und Redensarten in Schlaf +gelullt hatte, vernahm gleichsam den Ruf des Hahnes und sprang völlig +erwacht empor. Und jetzt sollte Alles, was die Heroen des Geistes +gedacht und wofür seine Märtyrer gelitten hatten, wie unnützes und +unbrauchbares Gerümpel bei Seite gekehrt werden können! Wofür so viele +der edelsten Herzen geschlagen, was ihnen Muth auf dem Schlachtfelde +und auf dem Schafotte eingehaucht hatte, all' diese Begeisterung +sollte jetzt wieder, wie der Geist in dem Märchen, in einen eisernen +Schrein zusammengepreßt, und dieser Schrein sollte für immer mit dem +gemeinsamen Siegel eines Kaisers und eines Papstes verschlossen werden +können! + +Die bestimmten Ursachen, welche Dies möglich machten, lassen sich +nachweisen. Ringsum in den vornehmen Familien auf dem Lande waren +während der Revolution die Mütter mit ihren Töchtern katholisch +geblieben, da der Vater, wie er sonst auch gesinnt sein mochte, mit der +bekannten moralischen Feigheit der Franzosen immer die Religion für +eine heilsame Fessel des Weibes hielt. Die Damen hatten eine Altardecke +gestickt, den Priester protegirt, ihm Geld für seine Armen und Kranken +gegeben und nie eine Messe versäumt. Jetzt war die Messe verboten. +Der arbeitsame und stille französische Bauer und seine Hausgenossen +waren, bis die Revolution erschien, gewohnt gewesen, zum Priester, zu ++Monsieur le Curé+, wie zu einer Art irdischer Vorsehung empor +zu blicken, ihn tief zu grüßen, wenn er vorüberging und ihn bei Allem +um Rath zu fragen; er hatte die Kinder getauft, er hatte ihnen das +erste Abendmahl ertheilt, er hatte Jacques mit Fanchette getraut, er +hatte der alten Mutter die letzte Oelung gebracht. Man las nicht im +Bauernhause, man pflegte dort weder Literatur, noch Philosophie, noch +Musik. Jedes Gefühl in der Seele, das sich über die Pflugschaar und +die aufgewühlten Schollen erhob, schlug den Weg zur Kirche ein. Wie +klein sie sein mochte, so war sie doch ein Festsaal im Vergleich mit +der Dorfhütte; sie war heilig, man kniete in ihr. Jetzt war die Kirche +geschlossen. Wer den gemeinen Mann in Frankreich oder Italien beten +gesehen, wer die rührende Andacht in Augen erblickt hat, die so ernst +und hell wie die eines Hundes sind, Der begreift, was es für den Bauern +hieß, daß es weder Messe noch Priester mehr geben sollte. Endlich der +Sonntag. Der Bauer ist gegen jede Veränderung, deren Nutzen ihm nicht +augenblicklich einleuchtet. Und jetzt sollte der Sonntag abgeschafft +werden. Hatte man je so Etwas gehört? Wer war je auf Dergleichen +verfallen? Wer konnte darauf verfallen, außer jenen Herren in Paris! +Länger als tausend Jahre, vielleicht seit Erschaffung der Welt, +hatte man den Sonntag gefeiert, unser Herrgott selbst hatte ihn ja +gefeiert, und nun sollte die Woche zehn Tage haben und Dekade heißen, +wovon Niemand wußte, was Das sei. Man wollte also gar den lieben Gott +abschaffen! + +Hiezu füge man die Wirkung auf die jüngeren, noch unverdorbenen +Priester. Frayssinous, der als katholischer Apologet während der +Restauration so berühmt wurde, erzählt, wie er selbst und einer seiner +Freunde, der ebenfalls Priester war, inmitten der Schreckensperiode, +trotz aller Proskriptionsdrohungen, fortfuhren, ihre priesterlichen +Funktionen zu verrichten, und, um sich zu prüfen und zu stärken, um +sich mit dem Tode vertraut zu machen, der im Entdeckungsfall ihrer +harrte, abwechselnd den Hinrichtungen auf dem permanenten Schafotte zu +Rhodez beiwohnten. + +Man denke sich junge, begeisterte Priester, wie diese, oder wie sie +in Lamartine's »Jocelyn« geschildert werden, in aller Stille mit +ihrer Gemeinde Sonntagmorgens sich in Höhlen unter der Erde, in +kalten und feuchten Kellern versammeln, die fast an die Katakomben +der ersten Christen erinnern konnten. Man sprach mit einander von +den schweren Zeiten für die Kirche, man tröstete einander, man hörte +eine Predigt, man empfing die geweihte Hostie, und ging mit feuchten +Augen und erbautem Gemüth wieder von dannen. Die vornehme Dame und +die schlichteste Bauerfrau hatten sich hier als Mitglieder derselben +Gemeinde in ganz anderer Weise gefühlt, als da sie durch die ganze +Entfernung geschieden waren, welche den vordersten Kirchenstuhl von dem +hintersten trennt. + +Selbst die Einziehung der Kirchengüter kam vorherrschend der Kirche +zu Statten. Mancher Priester, den das Wohlleben verderbt hatte, +sah sich plötzlich auf die evangelische Armuth beschränkt. Wenn +der Verlust Viele reizte und verbitterte, so läuterte er Andere. +Die Sache, für welche ein Mensch leidet, wird ihm theuer. Der +schwankende, halb philosophische Priester, welcher früher (wie +Barante von der Geistlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts erzählt) +im Grunde erröthete, die christlichen Dogmen zu bekennen, fühlte +seine Selbstachtung in dem Grade steigen, in welchem die Sache, der +er diente, verfolgt wurde. Bischof Lecoz schreibt im Jahr 1801: »Die +Religion, welche der Heiland ohne Hilfe des Reichthums stiftete, +wird er auch ohne diese Hilfe, die seiner unwürdig ist, erhalten. Als +er seine zwölf Apostel berief, wozu berief er sie! Zum Genusse von +Besitzthum oder Ehre? Nein, sondern zu Arbeit, Mühe und Leiden. Wenn +also wir Diener Jesu Christi jetzt nahe daran sind, uns in diesem +apostolischen Zustande zu befinden, dürfen wir wohl darüber murren? +Nein, lasset uns vielmehr froh sein über diese köstliche Beraubung +äußerer Güter, und lasset uns dem Herrn danken, der wieder jenen alten +Zustand der Dinge erweckt hat, den die frömmsten seiner Kinder allezeit +zurück ersehnt haben!« + +Dann vergesse man nicht die ungeheure Allianz, welche die Kirche +dadurch erhielt, daß sie jetzt plötzlich das eigene Princip der +Revolution sich aneignen und in ihrem Namen sich Sympathien erobern +konnte. Die ganze Situation war von dem Augenblicke an verändert, +wo die so lange wie möglich freiheitsfeindliche Kirche, durch die +Nothwendigkeit gezwungen, das Wort Freiheit auf ihre Fahne schrieb. +Jetzt, da sie selbst der Freiheit wider die Unterdrückung benöthigt +war, jetzt sprach sie im Namen der Freiheit, und so beweglich, daß +Alle, welche das Krokodil greinen hörten, es für ein kleines, wehrloses +Kind hielten. Der liberale Katholicismus entstand, so seltsam auch +diese Worte wider einander kreischen und zischen. Die Kirche entwand +der Revolution ihre beste Waffe und gab dieselbe ihren Anhängern in +die Hand -- vorläufig, wohlgemerkt, bis sie ihre alte Macht wieder +zurück erobert hätte; denn dann wehe der Freiheit! Aber jetzt war der +Papst plötzlich liberal geworden: Religionsfreiheit hieß die Parole. +Selbst als der Jesuitenorden wieder hergestellt ward, wollten die +Jesuiten, wie alle sogenannten Liberalen unserer Zeit, »die rechte und +wahre Freiheit«, d. h. natürlich Freiheit für sich selbst. Wie ehrlich +man es mit dieser Berufung auf die Freiheit meinte, Das zeigte sich, +sobald man zur Macht gelangt war. Als Napoleon 1808 die Forderung +erhob, daß der Papst Religionsfreiheit gewähren solle, antwortete er: +»Da dieser Artikel mit dem Kanon und den Koncilien der Kirche und mit +der katholischen Religion, und wegen der entsetzlichen Folgen, welche +daraus entspringen würden, mit der Ruhe und dem Glück des Staates in +Widerspruch steht, so haben wir ihn verworfen«. Die naiven Katholiken, +welche dies Gerede von Freiheit buchstäblich nahmen, wie Lamennais zum +Exempel, sollten bald die Liebe erproben. Aber selbst als Lamennais +1832 von einer päpstlichen Bulle betroffen ward, gab man seinem +Schüler Montalembert, welcher sich von ihm trennte und der kräftigste +Vertheidiger des Katholicismus in der Mitte dieses Jahrhunderts ward, +Erlaubnis, fortdauernd den liberalen Katholicismus vorzutragen, welchen +man erst voriges Jahr, als man ihn zu gar Nichts mehr brauchen konnte, +in einer der zornwüthigsten Bullen, die jemals erlassen worden sind, +mit dem Bannfluche belegte. Wenige von Allen, welche sie damals in +der Zeitung lasen, haben vielleicht verstanden, wie Viel diese Bulle +eigentlich sagte. + +Man erwarb sich also durch den Aufruf im Namen der Freiheit Beistand +und Hilfe. Allein zu den vielen Besseren, die im Augenblick des +Umschlags unter dem Konsulate hievon beeinflußt wurden, und denen die +brutale Behandlung, welche der Papst später unter dem Kaiserthume +erlitt, vermehrte Sympathien für die Kirche einflößte, gesellten +sich unter der nachfolgenden Entwicklung der Ereignisse, als die +bourbonische Restauration stattfand, alle die Vielen, welche zu +allen Zeiten der Religion der Gewalthaber huldigen, alle Anhänger +der Moral des Fuchses bei Holberg: »Grübele nicht über die Religion, +sondern halte dich blind an den herrschenden Glauben!« Von Seiten der +Herrschenden wird in religiösen Angelegenheiten ja niemals der Kampf +mit Gründen wider Gründe geführt. Man beantwortete die Argumente der +Gegner nicht mit Argumenten, sondern mit der Entziehung des täglichen +Brotes. Die Mehrzahl der Männer, welche ohne Vermögen sich auf die +Beamtenlaufbahn vorbereitet hatten, und welche eine unwiderstehliche +Lust, jeden Tag gut zu frühstücken und zu Mittag zu speisen, nicht +zu überwinden vermochten, waren geborene oder gewonnene, jedenfalls +aber durchaus zuverlässige Stützen für die Restauration der Kirche. +Niemand, der über 25 Jahre alt ist, wird sich darüber wundern, wie +viele Anhänger die Orthodoxie von dem Augenblicke an erhielt, wo sie +aus einer Lächerlichkeit zu einer Versorgung ward. + +Füge man hierzu die große Partei der Furcht, alle Diejenigen hinzu, +welche in Angst vor der rothen Republik lebten, und welche in der +Wiederaufrichtung der Religion zuerst und vor Allem ein Bollwerk +gegen dies Schreckbild sahen. Aus ihnen rekrutirte das Heer des +Autoritätsprincips sich am allerstärksten. Die Katholiken wurden +plötzlich aus einer kirchlichen Gemeinschaft zu einer politischen +Partei. + +Ein Umschlag der Zustände wird immer vorbereitet durch einen Umschlag +der Stimmung und ruft noch gewisser Stimmungen hervor, welche dem neuen +Zustand entsprechen. Die Stimmungen und Ideen, welche das Konkordat +vorbereiteten, erhielten durch den Abschluß desselben volle Freiheit, +zu Worte zu gelangen; andere gleichartige waren eine Folge davon, und +indem diese Stimmungen und Ideen sich jetzt in der Literatur äußerten, +entstand eine literarische Bewegung, welche dem Konkordat entspricht +und dasselbe, so zu sagen, in die Sprache der Literatur übersetzt. +Dieser literarischen Bewegung wollen wir jetzt folgen. Was ich in +dieser Reihenfolge von Studien geben möchte, ist eine einigermaßen +vollständige Psychologie der ersten Hälfte unsres Jahrhunderts. +Diese Psychologie würde eine empfindliche Lücke haben, wenn wir die +literarische Bewegung der Restauration übersprängen. Mag der Stoff +nicht sehr lohnend, nicht sehr einladend oder reichhaltig sein, er hat +von unserem Gesichtspunkte aus trotzdem seinen großen Werth und seine +hohe Bedeutung. + +Von welchem Kreise ging die literarische Bewegung aus? Wenn sie hätte +von der Landbevölkerung ausgehen können, würde sie vielleicht etwas +Naives und Rührendes gehabt haben; und wäre sie von der in Leiden +geprüften Geistlichkeit ausgegangen, so hätte sie vielleicht durch +Innigkeit und Gefühl Aufmerksamkeit erweckt; hätte sie endlich von +denen ausgehen können, welche nach dem Beispiel des Alleinherrschers +aus weltlichen Rücksichten sich der Kirche anschlossen, so hätte sie +das Gepräge der Ideenlosigkeit getragen. Aber Nichts von Allediesem ist +der Fall. Alle jene Gruppen bildeten das Publikum der neuen Literatur, +gaben ihren Resonanzboden und ihr Echo ab, aber keine von ihnen war +produktiv. Die neue katholische Richtung in der Literatur war eine +Richtung ohne Naivetät und ohne Gefühlsinnigkeit. Aber sie war nicht +ideenlos. Mit großer Sicherheit und Entschlossenheit bringt sie die +Idee, welche die Revolution absolut gestürzt hatte, die Autoritätsidee, +wieder zur Geltung. Die Führer sind viel mehr politische als religiöse +Geister, sie wollen nicht so sehr die Seelen wie die Tradition retten. +Man verlangt in ihrem Kreise die Religion als Mittel wider die +Anarchie. Man beruft sich so hartnäckig auf die Autorität, weil man an +allem Andern, als an äußerer Autorität, bankerott ist. + +Die literarische Bewegung geht von verschiedenen Punkten aus, und +von den Männern, welche sie einleiten, kennt anfänglich Keiner den +Andern. Während der Revolution schweift z. B. Chateaubriand in Amerika, +de Maistre in der Schweiz umher, und Bonald entwirft seine erste +Schrift in Heidelberg. Sobald die geistige Reaktion beginnt, kehren +die Emigranten heim, und die Autoritätsidee wird in der Literatur +von Männern zur Geltung gebracht, welche Napoleon's Uebernahme der +Herrschaft nach Frankreich zurückberuft und welche, wie Chateaubriand +und Bonald, vorläufig an ihn als den Restaurator der Kirche sich +anschließen, aber nur um kurz darauf, entweder schon unter seiner +Regierung oder nach seinem Falle, sich mit weit größerer Wärme und +weit mehr Ueberzeugung an die Bourbonen anzuschließen, zu welchen ihr +eigenes Princip sie mit aller Macht der Konsequenz hinzieht. Napoleon's +Plan, durch das Konkordat die Kirche für sich zu gewinnen und den +Bourbonen die Sympathie der Geistlichkeit zu entziehen, schlug ihm +vollständig fehl und mußte fehlschlagen. Bald kam es zum offenen Kriege +zwischen dem Papste und ihm, und bald zeigt die literarische Bewegung, +deren Entstehen mit dem Konkordate zusammenfällt, sich als offenbar +bourbonisch und legitimistisch. + +Ihre ersten Urheber fühlen sich naturgemäß zu einander hingezogen, +machen Bekanntschaft mit einander, und stiften bald eine förmliche +Schule. Sie haben verschiedene wichtige gemeinsame Charakterzüge, +welche man auch selbst bei den spätesten Anhängern der Schule, wie +Lamennais, de Vigny, Lamartine und Hugo findet. Sie sind alle ohne +Ausnahme Adlige und durch persönliche Bande an die legitime Dynastie +geknüpft. De Maistre war Gesandter (Vergl. Bd. +II.+, S. 250 +ff.). Bonald hatte als Jüngling zu den Musketieren Ludwig's +XV.+ +gehört und war in den letzten Tagen des Königs Derjenige gewesen, +welcher täglich an das Bett des Königs kam, um das Feldgeschrei zu +erfahren. Er hatte nämlich selbst die Blattern gehabt und stand +daher nicht so sehr in Gefahr, angesteckt zu werden. Das erste Mal, +als er nach dem Tode Ludwig's +XV.+ erschien, um sich das +Feldgeschrei vom neuen König auszubitten, warf Marie Antoinette ihm +einen wohlwollenden Blick zu und richtete einige Worte an ihn. Jener +letzte Blick eines sterbenden Königs, der eine fast vernichtete +Monarchie hinterließ, und dieser erste Blick einer jungen, schönen und +hoffnungsvollen Königin, die so großen Leiden entgegenging, entschwand +niemals aus Bonald's Erinnerung. Diese Blicke wurden Leitsterne für +sein Leben. -- Was Chateaubriand anbelangt, so reichte er Napoleon +in dem Augenblick seine Entlassung ein, als er die Verurtheilung des +Herzogs von Enghien erfuhr, und übernahm von da an die Rolle, welche +er bis zum Jahre 1824 durchführte, der treue Diener der Bourbonen zu +sein; es war eine Rolle, die er so ernsthaft spielte und die ihm von +den Umständen solchermaßen aufgedrängt worden war, daß er sie bis +zur Vollkommenheit agirte. Was die folgende Generation betrifft, so +hat Lamartine in der Vorrede zu seinen »Meditationen« erzählt, wie +er als junger Garde-Officier neben dem Wagen Ludwig's +XVIII.+ +galoppirte, wenn Dieser von Paris nach Versailles oder St. Germain +fuhr; De Vigny war gleichfalls königlicher Officier und eifriger +Royalist und wurde nach 1830, als ein von der Juli-Revolution +überraschter royalistischer Dichter, der enttäuschte Konservative, als +welchen seine späteren Schriften ihn zeigen.[2] Victor Hugo endlich +hat oft genug geschildert, einen wie großen Einfluß royalistische +Kindheitseindrücke und besonders die Einwirkung seiner Mutter als einer +leidenschaftlichen »Vendéerin« auf sein erstes Auftreten übten. + +Talente ersten Ranges sind die theoretischen Leiter dieser Schule +nicht. Sie sind kräftig despotische Naturen, welche, weil sie +Gehorsam fordern, die Gewalt, und weil sie Unterwerfung verlangen, +die Autorität lieben, oder eitle Geistesaristokraten, welche lieber +einem Paradox huldigen, als mit der ganzen Schaar von Schriftstellern, +welche der Vernunft gehuldigt haben, in Reih und Glied gehen wollen, +oder endlich ausnahmsweis Romantiker, welche durch den Gedanken +an den Glauben, den sie nicht mehr besitzen, aber den sie mit +verzweifelter Anstrengung sich anzueignen suchen, bis zu Thränen +bewegt werden. Sie sind Kampfhähne, wie De Maistre und Lamennais, +Inquisitoren- und Prälatennaturen, die Hartnäckigkeit selbst, wie +Bonald und Chateaubriand, und reden so, wie sie reden, mehr aus +Hartnäckigkeit, als aus Ueberzeugung. »+Moi catholique entêté+«, +sagte Chateaubriand von sich selbst. Das ist das Wort: verstockt, nicht +herzergriffen. + +Ihre Stärke ihren Zeitgenossen gegenüber liegt in ihrem Talente; denn +leider ist das Talent ein solcher Zauberer, daß es geraume Zeit jede +beliebige Sache zu stützen vermag. Chateaubriand ist der Kolorist der +Schule, De Maistre ihr Paradoxienschmied, Bonald ihr dogmatischer und +schematischer Doktrinär. Bald zieht sie das Beste, was Frankreich an +jungen aufstrebenden poetischen Talenten besaß, an sich. Sie hält sie +freilich nur kurze Zeit in ihrem Banne fest, aber sie beginnen ihre +Laufbahn unter ihren Auspicien. Die Schule erhält also ihre Dichter und +mit ihnen ihre Popularität, welche neben der Autorität, die ihre Denker +besaßen, wohl für eine kurze Weile den Schein erregen konnte, als sei +ihre Sache die siegreiche geworden, um so mehr, als die bourbonische +Restauration ihre politischen Ideale verwirklichte. Nach Verlauf +weniger Jahre geschah es dann, daß all' ihre besten Männer mit Fahnen +und klingendem Spiel in das Lager der Gegner hinüber gingen. Die Schule +löste sich vermöge ihrer inneren Unnatur auf. Das Princip, welches sie +zusammenhielt, das Princip der Tradition und Autorität, das als eine +unüberwindliche Festung erschienen war, erwies sich als unterminirt, +hohl, einen ungeahnten Sprengstoff in seinem Schooße bergend; man +entdeckte, daß man auf einem Pulverthurme stand. Man beeilte sich, ihn +zu verlassen, ehe er in die Luft flog. + +Sylvain Maréchal schreibt in einem Buche, das im Jahre 1800 erschien +(»+Pour et contre la Bible+«): »Eine ausgeprägt religiöse +Reaktion charakterisirt das erste Jahr des neunzehnten Jahrhunderts«. +Sie charakterisirt mehr als zwanzig der folgenden, und in langsam +entwickelten, etwas stagnirenden Ländern volle siebzig Jahre. + +Die schriftstellerische Reaktion wider den Geist des achtzehnten +Jahrhunderts beginnt nicht als specifisch-religiös. Ich habe im ersten +Bande dieses Werkes in einer Reihe von Abschnitten nachzuweisen +gesucht, was sie in ihrem Keime war. Ich sagte dort (S. 153), daß +die Reaktion in derjenigen Gruppe schriftstellerischer Erzeugnisse, +welche ich als Emigrantenliteratur bezeichnete, »noch nicht eine +blinde Unterwerfung unter Autoritäten, sondern das natürliche und +berechtigte Sichgeltendmachen von Gefühl, Seele, Leidenschaft und +Poesie im Gegensatze zu Verstandeskälte, exakter Berechnung und einer +von todten Ueberlieferungen umschnürten Literatur war«. Dies ist das +erste Stadium der Literaturreaction, welches ich ebendaselbst mit den +Worten charakterisirte: »Der erste Zug ist nur der, daß man Rousseau's +Waffen ergreift, und sie wider seinen Gegner Voltaire richtet«. Man +begnügt sich hier nicht mit Voltaire's kaltem Deismus, man stellt +wider denselben Rousseau's warme und unbestimmte Sentimentalität auf. +Man wandelt auf seiner Spur, man baut weiter auf dem Fundament seiner +Gefühlswärme und Einbildungskraft. Ein Blick auf den Entwickelungsgang +der Revolution hat uns gezeigt, daß diese Literaturbewegung schon +während der Revolution geschichtlich gleichsam im Voraus angedeutet ist +durch Robespierre's Versuch, Rousseau als Damm wider die Vernichtung +jenes Gefühlslebens aufzustellen, welches so stark an die Tradition +und Autorität der Kirche geknüpft gewesen war, daß es mit der Kirche +zu Grunde zu gehen drohte. Ich möchte besonders die Aufmerksamkeit auf +die Einfachheit der Elemente lenken, auf welche ich bei Besprechung der +Emigrantenliteratur diese Bewegung zurückführte: auf die Reaktion des +Gefühls wider den Verstand. In ihrem Ursprunge war die große religiöse +Umkehr eben nur diese. Nicht die Göttlichkeit des Christenthums +erzeugte die Reaktion, sondern der rein abstrakte Drang, zu glauben, +und dieser Drang war in seinem Keime der noch abstraktere Drang, zu +fühlen und das Gefühl zu Worte kommen zu lassen. Die Geschichte dieser +Bewegung ist die Geschichte der entsetzlichen Verirrungen, welche +dieser Drang allmählich erfuhr. + +Wie es nun das erste Stadium der Reaktion war, ~Rousseau reagiren +zu lassen~, so ward es das zweite Stadium der Bewegung, ~wider +Rousseau zu reagiren~. Fast jedes Buch von Bonald, De Maistre oder +Lamennais, das man in die Hand nimmt, geht von dem leidenschaftlichen +Bestreben aus, Rousseau zu widerlegen, oder vielmehr ihn zu verhöhnen +und zu vernichten. Im ersten Stadium stellte man ~das Princip des +Gefühls~ wider die Verstandesherrschaft auf; in dieser zweiten +Phase stellt man ~das Autoritätsprincip~ als das absolute wider +alle früheren Principien, das Gefühlsprincip eingeschlossen, auf. Der +Uebergang von der einen dieser Phasen zur anderen geschieht in solcher +Weise, daß man die Autorität durch einen Appell an das Gefühl geltend +zu machen und wieder einzusetzen sucht. Dies geschieht in Ballanche's +»+Du sentiment considéré dans ses rapports avec la littérature et +les arts+« 1801, und namentlich in Chateaubriand's »Genius des +Christenthums« 1802. + +Man findet jetzt in Rousseau den gefährlichsten Typus für den Geist des +achtzehnten Jahrhunderts. Eine kurze Charakteristik der Angriffe gegen +ihn, welche sich nach allen Richtungen erstreckten, wird zeigen, was +wahr und was falsch in ihnen war. + +Zuerst der politische Angriff. Es ist in unserm Jahrhundert oft +wiederholt worden und darf nicht vergessen werden, daß es dem vorigen +Jahrhundert an allem historischen Sinne gebrach. Einer seiner +berühmtesten Repräsentanten, d'Alembert, wünschte sogar das Gedächtnis +aller früheren Zeiten ausgerottet zu sehen. Wider Rousseau's und des +achtzehnten Jahrhunderts naiven Glauben, daß der abstrakte Gedanke ohne +Rücksicht auf Geschichte und Wirklichkeit das Dasein reformiren könne, +wandte man sich jetzt polemisch auf allen Gebieten. Die vorige Periode +hatte geglaubt, daß Alles gut sei, wenn man nur eine geschriebene +Verfassung bekäme, die alles aufhebe, was man für Mißbrauch hielt, +und feststelle, was man für Recht hielt. Sie hatte dies Blatt Papier, +oder, wie man es damals nannte, diese Gesetztafeln, als die wirkliche +Verfassung des Landes betrachtet. Hiegegen richtet De Maistre seinen +Satz: »Der Mensch kann keine Verfassung fabriciren, und eine legitime +Verfassung kann nicht geschrieben sein«. Er hat hierin zur Hälfte das +sonnenklarste Recht und zur Hälfte das lächerlichste Unrecht. + +Er ahnt die große Wahrheit, welche als eine Errungenschaft der modernen +Politik gelten kann, daß die wahre Verfassung eines Landes aus den +wirklichen Machtverhältnissen des Landes, wie sie vorliegen, besteht, +Machtverhältnisse, die nicht dadurch geändert werden, daß politische +Dilettanten sie auf einem Blatte Papier ummodeln, -- eine Wahrheit, +die mit genialer Anschaulichkeit in Lassalle's Broschüren »Ueber +Verfassungswesen« und »Was nun?« entwickelt wird. Für De Maistre hat +die Autorität selbstverständlich immer eine unbedingte Souverainetät. +Jeder Aufstand erscheint ihm als ein Verbrechen, aber bei seinem +scharfen Blick für Realitäten glaubt er nicht an die geschriebene +Verfassung als Schranke. Von der Schranke gegen die Zügellosigkeit sagt +er: »Sie ist die Gewohnheit, oder das Gewissen, oder eine Papstkrone, +oder ein Dolch, aber sie ist immer ein Etwas;« die geschriebene +Verfassung allein ist ihm nichts Reelles. + +Sein lächerlicher Irrthum liegt in der Art und Weise, wie er seinen +Haß gegen die Verfassung motivirt. Er meint, was geschrieben sei, was +durch menschliche Klugheit vorausgesehen und festgestellt worden, sei +als ein Eingriff in das Gebiet der Vorsehung zu betrachten. »Es ist +Naseweisheit wider Gott, kein Zutrauen zu dem Unvorhergesehenen zu +haben, und jede Regierung, welche durch positive Gesetze konstituirt +ist, ist eine Usurpation der Autorität des göttlichen Gesetzgebers.« +Die faktisch existirende Verfassung ist ihm dagegen von göttlicher +Natur, da er von seinem orthodoxen Standpunkte aus geltend macht, +daß es Gott sei, welcher den Völkern ihre Art und Weise der Existenz +verleihe. Gegen die Souverainetät des Volkes stellt er daher, gerade +wie Bonald und Lamennais, die Souverainetät Gottes auf und steuert +solchergestalt in den Hafen der Theokratie. + +Rousseau's politische Ideen waren gewiß höchst unvollkommen, und es +war leicht zu erkennen, welche Gefahren in ihnen verborgen lagen. +Sein Grundsatz, daß Niemand verpflichtet sei, Gesetzen zu gehorchen, +zu denen er nicht seine Einwilligung gegeben habe, vernichtet nicht +nur die Autorität als Autorität, sondern auch diejenige Autorität, +welche nur die Form der Vernunft ist, und macht alles Regieren +unmöglich. Sein zweiter Grundsatz, daß die Souverainetät beim Volke +liege, kann, wenn man das Volk auf einseitige Weise definirt, zur +Majoritätstyrannei führen und alle Freiheit unmöglich machen. Sein +dritter großer Grundsatz, daß »alle Menschen gleich sind«, kann, +mißverstanden, zur Nivellirung statt zur Gerechtigkeit führen. Es +waren daher Angriffspunkte genug für eine Diskussion vorhanden, die +von den Principien der modernen Zeit ausgeführt wurde. Hegel ließ sich +seiner Zeit auf eine solche ein, indem er eine neue Definition der +Volkssouverainetät gab, welche nach Innen als die Souverainetät des +Staates bestimmt wurde (Hegel's Werke, Band +VIII.+, Philosophie +des Rechts, S. 367), und Heiberg, welcher gern die Hegel'schen Gedanken +auf die Spitze treibt, hat in seiner Abhandlung »Ueber Autorität« +(Prosaische Schriften, Bd. +X.+, S. 335) der Idee Hegel's die +paradoxe und reactionäre Form gegeben, daß »es äußerst gleichgültig +ist, ob die Bürger durch die Entwicklung des Staates in den Besitz von +mehr Gütern gelangen oder nicht, denn der Staat ist nicht um der Bürger +willen, sondern die Bürger sind um des Staates willen da«. Selbst wenn +man einen ausgeprägten Abscheu gegen Sätze dieser Art empfindet, hat +man doch diejenige Sympathie mit solchen Einreden, welche ein moderner +Gedankengang erwarten darf. Die Opposition jener Zeit wider Rousseau +ist dagegen nicht auf Denken oder Vernunft gegründet, sondern auf den +reinen Autoritätsglauben, und dieselbe ist obendrein von so unredlicher +Art, daß sie stets einen oder den andern losgerissenen Satz Rousseau's +aufsucht, der, mit gutem Willen gelesen, sich verstehen, der aber +seiner kühnen Form halber ziemlich leicht sich zu Wahnwitz verdrehen +läßt. + +Bonald verhöhnt z. B. Rousseau, weil er gesagt hat: »Ein Volk hat +immer Recht, seine Gesetze, selbst die besten, zu ändern; denn wenn es +sich selbst schaden will, wer hat ein Recht, es daran zu hindern?« Der +Satz ist unvorsichtig, aber er scheint mir richtig zu sein; er heißt +in Wirklichkeit nicht den Rückschritt gut, er weist nur die fremde +Einmischung ab, welche denselben als Vorwand ergreifen möchte, und +man fühlt sich peinlich überrascht, wenn man sieht, daß die Ursache, +weshalb Bonald so erbittert auf diese Worte ist, keine andere als die +ist, daß die Macht der Gesetzgebung nicht dem Volke, sondern Gott +gehöre. + +Ferner greift man mit viel Eifer und Hitze Rousseau's +Gesellschaftsbegriff an. Es läßt sich verstehen, daß Rousseau, wenn er +seinen Blick auf diejenige Gesellschaft, welche er vor Augen hatte, +richtete, zu dem Wahne gelangen konnte, daß man einer Gesellschaft +überhaupt entbehren könne; allein dieser Irrthum, im Verein mit seiner +Phantasterei von einem verloren gegangenen glücklichen Naturzustande, +hatte ihn zu Sätzen wie diesen geführt: »Der Mensch ist als gut +geboren, und die Gesellschaft verdirbt ihn«, und zu dem komischen +Paradoxon, das in allen Büchern der Restaurationszeit paradirt, von +so vielen Argumenten durchbohrt, wie sich Nadeln in ein Nadelkissen +stecken lassen: »Der Mensch, welcher denkt, ist ein verderbtes Thier«. +Auf solchen Punkten hat der Angreifer freilich in der Regel ein +leichtes Spiel. + +In seinem Eifern wider die Gesellschaft ließ sich Rousseau zu der +Behauptung verleiten: »Die Gesellschaft geht nicht aus der Natur +des Menschen hervor. -- Alles, was nicht in der Natur liegt, führt +Unzuträglichkeiten mit sich, und die bürgerliche Gesellschaft mehr +als alles Uebrige«. -- »Die Gesellschaft«, ruft Bonald nicht ohne +Beredsamkeit aus; »als bestünde die Gesellschaft in den Mauern +unserer Häuser oder den Wällen unserer Städte, und als wären nicht +überall, wo ein Mensch geboren wird, ein Vater, eine Mutter, ein Kind, +eine Sprache, der Himmel, die Erde, Gott und die Gesellschaft!« Er +belehrt seine Zeitgenossen, daß die erste Gesellschaft eine Familie +war, und daß in der Familie die Macht nicht durch Wahl erkoren ist, +sondern aus der Natur der Dinge hervorgeht. Wider die Lehre, daß +die Gesellschaft durch freiwillige Uebereinkunft entstehe und das +Produkt eines Vertrages sei, stellt er die seinige auf, daß die +Gesellschaft uns auferlegt (+obligée+) und das Resultat einer +Macht sei, möge es nun die Macht der Ueberredung oder der Waffen sein. +Der Behauptung, daß die Macht von Ursprung an das Gesetz vom Volke +empfangen habe, stellt er die gegenüber, daß nicht einmal ein Volk +existire, ehe eine Macht da sei. Dem revolutionären Grundsatz, daß die +Gesellschaft eine Brüderlichkeit und Gleichheit sei, stellt er seine +patriarchalisch-despotische Lehre gegenüber, daß die Gesellschaft ein +Väterlichkeits- und Abhängigkeits-Verhältniß sei; die Macht sei bei +Gott und werde von ihm ertheilt. -- Hier ist abermals die energische +Berufung auf die geschichtliche Wirklichkeit und ihre Machtverhältnisse +treffend wahr, während gleichzeitig durch einen Sophismus ohne Gleichen +das legitime Königthum von Gottes Gnaden aus dem Respekt vor der +Geschichte und der Wirklichkeit abgeleitet wird. + +Man richtet endlich aus allen Kräften einen Hieb gegen Rousseau's +Auffassung des Staates als eines Vertrages. Man stellte diese +Auffassung als eine Thorheit, ja als eine verbrecherische Erfindung +dar. Und doch geht sie so naturnothwendig, wie irgend Etwas, aus +des achtzehnten Jahrhunderts ganzer Ueberschätzung des Bewußten im +Menschenleben und seinem Mangel an Blick für das Unbewußte hervor. Um +wie viel gerechter hat später Hegel Rousseau beurtheilt! Er hebt das +Verdienst Rousseau's hervor, ein Princip aufgestellt zu haben, »dessen +Inhalt der Gedanke selber«, nämlich der Wille, als Princip des Staates +war, und bemerkt, daß sein Fehler lediglich darin bestand, unter dem +Willen nur den einzelnen, den bewußten und willkürlichen Willen zu +verstehen, was dann »zu den weiteren, blos verständigen, das an und +für sich seiende Göttliche und dessen absolute Autorität und Majestät +zerstörenden Konsequenzen führt« (Hegel's Werke, Band +VIII+, S. +314). -- Im »+Contrat social+« hatte Jean-Jacques die Principien +der Regierung und der Gesetze in der Natur des Menschen und der +Gesellschaft, diese in rein abstrakter Allgemeinheit genommen, zu +finden gesucht. Aber schon Montesquieu sagte: »Ich habe niemals von +öffentlichem Recht reden hören, ohne daß man sich sorgfältig bemüht +hat, zu ergründen, was der Ursprung der Gesellschaften sei, Etwas, das +mir als durchaus lächerlich erscheint. Wenn die Menschen nicht eine +Gesellschaft bildeten, wenn sie einander mieden oder flöhen, müßte +man nach dem Grunde fragen und erforschen, weshalb sie sich getrennt +hielten; aber jetzt werden sie alle als an einander geknüpft geboren. +Ein Sohn wird bei seinem Vater geboren und hält sich an ihn; Das ist +die Gesellschaft und die Ursache der Gesellschaft.« + +Wenn man nur, statt des Verhältnisses zum Vater, das noch nähere +Verhältnis des Kindes zur Mutter setzt, so scheint die ganze +Argumentation mir vollkommen richtig zu sein. Rousseau wollte jedoch, +ohne Rücksichtnahme hierauf, zeigen, kraft welcher Principien die +Menschen sich mit einander vereinigt, welches Ziel sie sich bei +dieser Vereinigung gesetzt hätten, und welches die besten Mittel zur +Errichtung dieses Ziels wären. Nun ist es sicherlich unbestreitbar, daß +die Gesellschaft nur durch Uebereinkunft ihrer Mitglieder existirt. +Diese Uebereinkunft oder dieser Vertrag ist also ganz gewiß das +~rationelle~ Princip ihrer Existenz, allein dieser Vertrag wird +stillschweigends geschlossen, hat sich immer von selbst verstanden, +hat immer existirt, ist also nicht ~reell~. Ganz auf dieselbe +Art heißt es in der Geometrie, eine Kugel entstehe dadurch, daß man +einen Halbkreis um seine Achse bewege. Diese Definition ist vollkommen +richtig, hat aber Nichts mit den materiellen Bedingungen der Existenz +einer bestimmten Kugel zu schaffen. Niemals in der Welt ist eine Kugel +dadurch verfertigt worden, das man einen Halbkreis um seinen Radius +drehe. + +Will man dies Bild festhalten, so hat man in einem bestimmten +Beispiel die Eigenthümlichkeit des Gedankenganges des achtzehnten +Jahrhunderts auf socialem Gebiete, ja seines ganzen Geisteslebens. Dies +Geistesleben ist analytisch und abstrakt, es hat eine Tendenz nach der +Seite der Geometrie und der Algebra und sucht die schwierigsten und +komplicirtesten Verhältnisse der Wirklichkeit mit Hilfe der Abstraktion +zu begreifen. Dieser Schwäche gegenüber erringt Bonald einen leichten +Sieg, indem er sich auf das Machtprincip beruft. Er stellt Rousseau's +auflösenden Theorien seine absolutistischen Postulate gegenüber: »Gott +ist die souveraine ~Macht~ über alle Wesen, der Gottmensch ist die +~Macht~ über die ganze Menschheit, das Staatsoberhaupt ist die +~Macht~ über all' seine Unterthanen, das Familienoberhaupt ist +die ~Macht~ in seinem Hause. Da alle Macht nach dem Bilde Gottes +geschaffen ist und von Gott stammt, ist alle Macht absolut«.[3] + +Sodann bekämpft man Rousseau auf dem moralischen Gebiete. Rousseau +hatte sich bestrebt, in der Moral »das innere, ungeschriebene Gesetz«, +von welchem Antigone spricht, zur Quelle der Gesetzgebung zu machen. +Er hatte gesagt: »Was der Mensch nach dem Willen Gottes thun soll, Das +giebt er dem Menschen nicht durch einen anderen Menschen kund; Das +sagt er ihm selbst und schreibt es ihm tief ins Herz«. Wäre dem so, +was bedeuteten dann Tradition und Autorität und durch dritte Personen +mitgetheilte Offenbarungen! »Wenn der Mensch«, entgegnet daher Bonald, +»diesem inneren Gesetz durchaus folgen müßte, so wäre er willenlos wie +ein Stein, den das Gesetz der Schwere lenkt; braucht er ihm dagegen +nicht nothwendig zu folgen, so bedarf es hier einer ~Autorität~, +welche ihn auf jene Gesetze aufmerksam machen kann und ihn lehrt, +denselben gehorsam zu sein«. So wird auch in der Moral das Princip also +von dem inneren Gefühle in die äußere Autorität verlegt. + +Die Polemik wider Rousseau geht so weit, daß Bonald z. B. über die +Ermahnung des Philosophen an die Mütter, selbst ihre Kinder zu stillen, +ganze Seiten lang declamirt. Man sollte glauben, hier wenigstens hätte +Rousseau es den strengen Moralisten recht gemacht. Weit gefehlt! +Jene Ermahnung beweist, daß Jean-Jacques die Menschen nur als Thiere +betrachtet habe. »J. J. Rousseau machte es im ~Namen der Natur~ +den Frauen zur Pflicht, selbst ihren Kindern die Brust zu reichen, +gerade wie es die Weibchen bei den Thieren, und aus dem nämlichen +Grunde, thun..... Die Väter und Mütter, welche von der Philosophie nur +als Männchen und Weibchen betracht wurden, betrachteten also die Kinder +nur als ihre Jungen« (+Bonald: du divorce considéré au 19me siècle +relativement à l'état domestique et à l'état public de société+, +Ausgabe von 1817, S. 29 und 31). Und weshalb ist Bonald so erbittert? +Augenscheinlich weil er fürchtet, Rousseau möge der Religion Etwas von +ihrer Autorität rauben, indem er ein Vernunftgebot erläßt, welches +sie nicht direkt gegeben hat. »Rousseau«, sagt er, »hat vermuthlich +gedacht, die Religion dabei zu ertappen, daß sie eine Pflicht übersehen +hätte; aber vielleicht hat eben die Religion, welche weiter als er sah, +Alles gescheut, was jungen Eheleuten als Grund oder Vorwand dienen +könnte, wenn auch nur für den Augenblick, getrennt von einander zu +leben«. Die mütterliche Sorge der katholischen Kirche für das Glück der +Eheleute und die Vermehrung des Menschengeschlechts soll also durch die +Polemik wider Rousseau sich in ihrem glänzendsten Lichte zeigen. + +Wir sahen, zu welchen Mißverständnissen der Gesellschaftsidee der +abstrakte und mathematische Gedankengang des achtzehnten Jahrhunderts +führte. Eines ganz ähnlichen Mißverständnisses hatte man sich durch +denselben Gedankengang der Poesie gegenüber schuldig gemacht. In seiner +Bewunderung des mathematischen Raisonnements und der Sicherheit, +mit welcher man auf dem Wege der mathematischen Schlußfolgerung zur +Entdeckung abstrakter Wahrheiten gelangte, wünschte man, der Sprache, +so weit möglich, den Charakter des mathematisch-exakten Ausdrucks +mitzutheilen. Ich brauche nur an Condillac's bekannte Definition +einer Wissenschaft als einer »+langue bien faite+«, d. h. einer +vollständig klaren und vollständig genauen Sprache, zu erinnern. +Man beachtete viel zu wenig, daß, sobald es Eindrücke wiederzugeben +gilt, welche nicht dieselben bei Allen sind, und welche bei derselben +Person von einem Augenblicke zum andern wechseln können, eine +schmiegsame, leicht umzuprägende Sprache erforderlich ist, welche +ihren Geist und Charakter von Dem, welcher sie spricht, empfängt. +Die Männer der Wissenschaft begannen damals Das, was man die Poesie +und den Stil nannte, zu verhöhnen, und versicherten, daß die Gedanken +Alles und die Form so gut wie Nichts sei. Barante, welcher beim +Beginn des neuen Jahrhunderts zum ersten Mal seinem Zeitalter in +einer literaturgeschichtlichen Schrift die Spitze bietet, bemerkt +hiergegen schlagend: »Wenn Ximene zu Rodrigo sagt: ›Geh, ich hasse +Dich nicht‹, so ist es klar, daß, wenn man diese Worte einer kalten +Analyse unterwirft, es das Gleiche ist, als wenn sie sagte: ›Geh, +ich liebe Dich‹, und doch würde sie, wenn sie diese letzteren Worte +sagte, ein ganz anderer Charakter sein, würde die Rücksicht auf ihren +Vater vergessen und sowohl ihre Schamhaftigkeit wie ihren Liebreiz +verlieren«. Die Dichter, welche im Grunde von derselben Auffassung +wie die Männer der Wissenschaft ausgingen und eben so weit, wie jene, +davon entfernt waren, den Stil als das unmittelbare Produkt des +Gedankens zu begreifen, machten sich daran, »Stil« an und für sich zu +fabriciren, und sprachen von dem Stil, wie man von der Musik zu einem +Texte spricht. Sie betrachteten die Kunst, zu schreiben, als eine rein +mechanische Kunst, und man sah die deskriptive Schule, mit Delille +an der Spitze, den Versuch machen, die allerpoesielosesten Sujets, +wie die Botanik, die Astronomie, die Physik und die Seefahrt, in Stil +zu setzen. Ich deute hiemit auf wirklich existirende Dichtungen von +Boisjolin, Gudin, Aimé Martin und Esménard hin. Ja, Cournand schrieb +sogar ein Gedicht in vier Gesängen vom »Stil« und den Stilarten. Man +betrachtete die Poesie als eine künstliche Form, welche dem abstrakt +fertigen Gedanken mitgetheilt wurde. Hiergegen hatte schon Buffon +seinen treffenden Satz »+Le style c'est l'homme+«, -- »der Stil +ist der Mann« -- gerichtet, ein Satz, welcher seitdem, so oft das Wort +Stil genannt wird, als stehende Trivialität zum Vorschein kommt, und +niemals öfter als Denen citirt wird, welche weder Männer sind noch +einen Stil haben.[4] Die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts gingen +in ihrer Auffassung von der Natur des poetischen Stils von ihrem +eigenen Verfahren aus. Da ihre eigene Poesie kein Naturprodukt, sondern +ihre Sprache das Produkt einer Arbeit nach gewissen Regeln von der +Noblesse des Ausdrucks, von der Wahl der Metaphern und der Anwendung +der Mythologie war, so glaubten sie, daß die Sprache und der Gedanke +von Ursprung an unabhängig von einander entstünden. + +Wenn daher Bonald seine Lehre wider sie richtet, daß Sprache und +Gedanke sich nicht trennen lassen -- der Grundsatz, auf welchem er in +seinem Hauptwerke »+La législation primitive+« sein ganzes System +erbaut, -- so hat er selbstverständlich Recht. Aber es geht mit diesem +Satze wie mit allen andern der Restauratoren: die orthodoxe Manie, an +welcher der Verfasser leidet, veranlaßt ihn, jeden wahren Gedanken so +zu recken und zu strecken, daß ein förmliches Monstrum daraus wird. +»Die Lösung des Problemes der Intelligenz«, sagt Bonald, »läßt sich +in dieser Formel geben: Es ist nothwendig, daß der Mensch sein Wort +denke, bevor er seinen Gedanken ausspricht. Das will sagen, es ist +nothwendig, daß der Mensch das Wort wisse, bevor er es spricht, welcher +einleuchtende Satz jede Möglichkeit ausschließt, daß der Mensch selbst +das Wort erfunden haben könnte«. Da hat man's! Auf solche Art gelangt +Bonald zu jenem Lieblingssatze der Reaktionäre in diesem Jahrhundert, +daß die Sprache ursprünglich von Gott den Menschen gegeben sei. Man +findet ihn bei uns in der Aeußerung Sören Kierkegaard's (»Ueber den +Begriff Angst«), daß keinesfalls der Mensch die Sprache selbst erfunden +haben könne. Weshalb nicht? Weil Gott sie fix und fertig offenbart hat. + +Wider Locke's und Condillac's gesunde Lehre von der successiven +Erwerbung der Sprache und der Ideen stellt Bonald dies sein Axiom von +der Nothwendigkeit der primitiven Offenbarung der Sprache und der Ideen +auf. Auf dieser Grundlage beruht bei ihm nichts Geringeres, als das +Dogma von der Existenz Gottes, woraus alle übrigen folgen. Wohin man +sich auch wende, man endet immer fort. Da keiner der Restauratoren +einen Begriff von der Wissenschaft hat, da sie alle gute Köpfe mit +derjenigen Bildung sind, welche man in einem Jesuitenkollegium erlangt, +läßt sich kein wissenschaftliches Tollhausgeschwätz denken, das sie +nicht im Munde führten. Die Philologie wird nicht minder, als die +Politik und Gesellschaftslehre, auf dem Altare der Theokratie geopfert. +Ein merkwürdiger Beweis des Zusammenhanges der Restauratoren ist +der Umstand, daß Bonald im Jahre 1814 De Maistre's Werk »+Sur le +principe générateur des constitutions politiques+« in neuer Auflage +herausgab, also sich eines Werkes annahm, das wider geschriebene +Verfassungen eiferte, während er doch in Folge seiner Theorie von der +direkten Offenbarung des Wortes zu der Ueberzeugung gekommen war, daß +jedes Gebot von den zehn Geboten an und bis auf uns herab schwarz +auf weiß aufgezeichnet sein müsse. Aber die Hauptsache war für ihn, +wie für De Maistre, daß die Verfassung dem modernen Geiste keine +Koncessionen mache, und daß die Autorität von keinem Freiheitshauch +angefochten werde; so nahm man es nicht so genau damit, sich mit +einem principiellen Gegner zu verbünden. Wie hätte man auch im +Jesuitenkollegium nicht ein bischen Jesuitismus gelernt! + +Nicht genug, daß man selbst dort in die Schule gegangen war, man wollte +auch das ganze Geschlecht dorthin senden. Der dritte Theil von Bonald's +»+Législation primitive+« behandelt speciell die Erziehung und +ist speciell gegen Rousseau's »Emil« gerichtet. Er kann es diesem +Buche nicht verzeihen, gelehrt zu haben, daß man der Jugend keine +religiöse Erziehung geben solle. Er citirt mit heiligem Ernste als +Beispiel der unheilvollen Wirkungen von Rousseau's Erziehungstheorien, +daß »75 Kinder im Laufe der letzten fünf Monate wegen verschiedener +Verbrechen polizeilich verurtheilt worden sind«, und giebt nun seine +eigenen Erziehungsgrundsätze zum Besten. Sie laufen, wie zu erwarten +stand, darauf hinaus, alle Individualität zu ersticken. »Wir bedürfen +eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Unterrichts und folglich +eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Lehrers (+perpétuel+, ++universel+, +uniforme+); man bedarf also eines Corps, +denn ohne Corps giebt es weder Stetigkeit, noch Allgemeinheit, noch +Gleichförmigkeit.« Er zeigt auch, wie man von verheiratheten Lehrern +nicht annehmen könne, daß sie sich ganz ihrer Aufgabe widmen werden, +wie es aber eben so wenig nütze, unverheirathete zu wählen, wenn +sie nicht unter einer religiösen Disciplin stünden; »denn wenn die +öffentlichen Lehrer zwar unverheirathet, aber zugleich weltlich sind, +können sie kein wirkliches Corps ausmachen, da sie nach Lust und Laune +in dasselbe ein- und aus demselben austreten, und da kein Familienvater +außerdem seine Kinder einem unverheiratheten Manne anzuvertrauen wagen +könnte, für dessen Sitten nicht eine religiöse Disciplin bürgte«. Durch +dies herrliche Raisonnement ist es denn klar und deutlich gemacht, daß +der ganze Unterricht in die Hände der Geistlichkeit gelegt werden, +vorzugsweise religiös sein und die Kinder frühzeitig an Respekt vor der +Autorität, der sie ihr Leben hindurch gehorchen sollen, gewöhnen müsse. + +Das hartnäckige Hervorkehren des Autoritätsprincips ist also der +entscheidende, der herrschende Zug in dieser ganzen Literaturgruppe. +Die französischen Restauratoren betonten es so viel leidenschaftlicher, +als die deutschen, zum Theil aus Raceneigenthümlichkeit, zum Theil +in Folge des konfessionellen Unterschiedes. Dir reaktionäre deutsche +Literaturbewegung beruht, wie ich es im vorigen Bande (S. 16 ff.) +gezeigt habe, auf dem Subjektivismus; ihr Princip ist der Eigenwille. +So mit Haut und Haar katholisch, so autoritätsdienerisch wie die +französische Reaktion, ward die deutsche Romantik, trotz all ihrer +katholischen Thorheit und Affenschande, doch niemals. Der germanische +und protestantische Individualismus setzte sich beständig dagegen zur +Wehr. Die französische Sociabilität gab ohne Widerstand nach. Dagegen +ist die radikale Vollblut-Reaktion reichlich so interessant, wie die +unsichere und halbe. + +Noch in dem Augenblick, wo der Umschlag nahe und die Auflösung der +ganzen Schule nicht mehr fern ist, sehen wir Lamennais in seinem +Buche über den religiösen Indifferentismus behaupten, daß nicht das +Gefühl, und ebensowenig die Forschung, sondern die ~Autorität~ +das Kennzeichen der wahren Religion sei, »so daß die wahre Religion +unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen +~sichtbaren Autorität~ beruht«. Und gleich vom Anfange der +Bewegung an werden alle Definitionen in demselben Geiste gegeben. Für +Bonald ist die Religion die pure Ordnungspolizei. Ich führe als Beweis +einige Sätze an, die ich aus seinen Schriften zusammen gelesen: + +»Die Religion, welche das allgemeine ~Band~ in jeder Gesellschaft +ist, zieht vorherrschend den Knoten der politischen Gesellschaft +straffer an; selbst das Wort Religion (+religare+) deutet +hinlänglich an, daß sie das natürliche und nothwendige ~Band~ +der menschlichen Gesellschaft, der Familien und Staaten ist. -- Die +Religion bringt die ~Ordnung~ in die Gesellschaft, weil sie +die Gesellschaft lehrt, woher die Macht und die Pflichten stammen. +-- Die Religion enthält im Wesentlichen die Grundsätze ~für alle +Ordnung~. -- Die Religion wird triumphiren, weil die ~Ordnung~, +wie Malebranche sagt, das unverbrüchliche Gesetz der Geister ist.« -- +Ja, in seiner Freude über die steigende Reaktion ruft er aus: »Schon +sehen wir rings in Europa alle mit Recht berühmten Schriftsteller die +Nothwendigkeit der christlichen Religion einräumen oder vertheidigen +und ihre Werke mit dem Siegel ihrer Unsterblichkeit stempeln; denn, +mögen die Schriftsteller es merken: alle Werke, in welchen die +Grundsätze der ~Ordnung~ geleugnet oder bekämpft werden, werden +spurlos verschwinden, und nur die, in denen sie vertheidigt oder +respektirt werden, werden mit Ehren auf die Nachwelt gelangen«. Man +sieht, daß von Glaubensinbrunst, von Religiosität, von Gefühl hier +nicht die Rede ist, die Religion ist das Band, die Ordnung, das +Autoritätsprincip. Welcher Kontrast gegen Deutschland, wo selbst die +Mondscheinschwärmerei Religion wurde! Seltsam genug, erhält Bonald +sogar durch das starke Hervorheben der Religion als Ordnung eine ihm +sicherlich sehr unerwünschte Aehnlichkeit mit dem Manne, den er von +Allen so ziemlich am meisten verabscheute, nämlich mit Robespierre, +der ja ebenfalls die Ordnung leidenschaftlich liebte und ihretwegen +einen öffentlichen Kultus verlangte. Aber welcher Unterschied bei der +Aehnlichkeit, da Robespierre keine andere Ordnung wünschte, als die, +welche die Eroberungen der Revolution bewahre und ein Ausdruck des +Gedankens in seiner Freiheit sei, während Bonald unter der Ordnung den +Inbegriff aller alten Traditionen versteht. + +De Maistre trifft mit ihm in diesem Punkte zusammen. Er sagt: »Ohne +Papst keine Souverainetät, ohne Souverainetät keine Einheit, ohne +Einheit keine ~Autorität~, ohne Autorität kein Glaube«. Er stellt +die Monarchie über alle Kritik und Forschung, indem er lehrt, daß sie +ein ~Mirakel~ sei. Er verherrlicht, wie wir es im vorhergehenden +Bande (S. 10 und 250) sahen, die brutale Gewalt als solche, indem er +theoretisch die militairische Gesellschaft unter den Korporalstock, die +bürgerliche unter das Beil des Scharfrichters stellt. Letzteres that +Robespierre praktisch, aber nur weil er kein Heil für die Revolution +außer in einer Diktatur sah. So begegnet sich denn auch De Maistre mit +Robespierre. Er setzt dem Werk die Krone auf, indem er die Inquisition +verherrlicht. Was es diesen Schriftstellern zu fördern gilt, ist also +Autorität und Macht. Die Macht wird im Staate durch »volksthümliche +Institutionen« zertrümmert, welche einen gezwungenen Ministerwechsel +herbeiführen können, sie wird in der Religion bedroht, wenn der +Priesterstand eine freie Stellung erhält, oder, wie Bonald es nennt, +»durch den Presbyterianismus«, sie wird in der Familie umgestürzt, +sobald Ehescheidung unter irgend einer Bedingung gestattet wird. Nein! +König, Minister und Unterthan, Papst, Priester und Gemeinde, Mann, +Frau und Kind sind das unzertrennliche Kleeblatt, nach dem Bilde der +Dreieinigkeit. Als unzertrennlich sichern sie die großen Grundgedanken +der Autorität und Ordnung. + +So haben wir denn, indem wir an so vielen verschiedenen Punkten unsere +Sonde hinabstießen und überall denselben Grundgedanken trafen, die +herrschende Idee der neuen Periode gefunden. Wir können sie mit vielen +Namen benennen: Es ist das große Princip der ~Selbstentäußerung~ +im Gegensatze zu dem Princip des individuellen Gefühls und der +persönlichen Forschung. Es ist das große Princip der ~Theokratie~, +der Souverainetät Gottes im Gegensatze zu derjenigen des Volkes, das +Princip der ~Autorität~ und ~Macht~ im Gegensatze zu den +Principien der Freiheit, der Menschenrechte und der solidarischen +Pflichten. Und wenn wir jetzt einen Blick auf die verschiedenen Gebiete +des Menschenlebens werfen, so treffen wir auch dort überall dieselbe +Losung und dieselbe weiße Fahne. Die Idee prägt sich nach allen +Richtungen aus. + +Im Staate, bewirkt sie, daß das Rechtsprincip dem Machtprincipe +weicht, welches nun als göttliche Macht bestimmt und zum Königthume +von Gottes Gnaden wird. In der Gesellschaft verdrängt sie die Idee der +Brüderlichkeit und ersetzt sie durch ein halb patriarchalisches, halb +tyrannisches Vaterverhältnis, wie die Idee der Gleichheit der Idee der +Abhängigkeit Platz macht. In der Moral löscht sie das innere Gesetz aus +und weist auf Koncilien und Bullen. Sie definirt die Religion nicht als +den Glauben, sondern als das Band, als jene »politische Fessel«, als +welche die Revolutionsmänner sie eben gescholten hatten. Sie betont die +Unauflöslichkeit in der Ehe sowohl wie im Staate. Sie lehrt, daß der +Mensch die Sprache direkt von Gott erhalten habe, und erstickt dadurch +in der Geburt die Philologie, um eine theologische Pyramide über ihrer +Leiche zu errichten. Sie macht die Erkenntnislehre unmöglich, indem sie +der Forschung die größtmögliche sichtbare Autorität zur Richtschnur +giebt. Sie vergiftet das heranwachsende Geschlecht, indem sie die +Erziehung desselben einem, den Befehlen eines Jesuitengenerals blind +gehorchenden Halbmanns-Corps anvertraut. + +Und als diese Richtung nicht lange nach ihrem kräftigen Hervortreten +ihre Poesie erhält, stempelt sie bald ebenfalls die Epopöe, den Roman, +das Lied, die Ode, ja das Theater mit ihrem Charakterzeichen. Auch in +der Poesie herrschen die Lilien. Die neue Dichterschule erhält den +Namen der seraphischen. Ihre Helden, ihre typischen Persönlichkeiten +werden der Märtyrer, wie bei Chateaubriand, oder der Prophet, +wie bei De Vigny (Moses). Die Dichter suchen ihre Inspirationen +in der Bibel und bei Milton. Dichterinnen, wie Frau von Krüdener, +treten als Prophetinnen auf, und greifen als solche wirksam in den +Entwicklungsgang der Zeit ein. Oden und Meditationen drehen sich, +wie bei Victor Hugo und Lamartine, um die Salbung von Königen und +die Geburt von Kronprinzen. Die Geburt des Grafen von Chambord ist +kaum weniger als ein Mirakel, und wird in ganz Frankreich besungen. +Mit dem Kreuz in der Hand verjagen Lamartine und Hugo die heidnische +Mythologie aus der Lyrik. Auf dem Theater treten die Tempelherren +und die Makkabäer auf, welche wir aus Zacharias Werner's »Söhnen des +Thals« und der »Mutter der Makkabäer« kennen. Das erste Sujet wird von +Raynouard, das zweite von Guiraud behandelt. -- Es giebt kein Gefühl +im Menschenherzen, kein Gebiet im menschlichen Geiste, keine Abart der +Literatur, welchen diese, so rasch wieder mißlingende Restauration +nicht vor ihrem Verschwinden ihr Geistesgepräge aufdrückte. + +[+Bonald: Théorie du pouvoir, Tome I-III. La Législation primitive. +Essai analytique sur les lois naturelles. Du divorce. -- Barante: +Tableau de la littérature française au 18me siècle. -- Lamennais: Essai +sur l'indifférence en matière de réligion. -- Laurent: Histoire du +droit des gens, Tome XVI.+] + + +4. + +Chateaubriand's »Genius des Christenthums« bezeichnet den Uebergang +vom ersten Stadium der Reaktion zu seinem zweiten, indem dies Werk, +wie schon bemerkt worden ist, die Autorität durch einen Appell an das +Gefühl zu fördern und wieder einzusetzen suchte. + +Die Vertheidigung des Christenthums, welche hier geliefert wurde, war +von einer bisher unbekannten Art, weil sie sich an das Gefühl und die +Einbildungskraft, nicht an die Intelligenz und den Glauben wandte. Das +Buch spricht gleichsam die Ueberzeugung aus, daß die Intelligenz jetzt +antichristlich und der Glaube verschwunden sei. + +Der Verfasser selbst war wenige Jahre zuvor Freidenker, ja Materialist +gewesen. In einem ihm zu gehörenden Buche fand Sainte-Beuve nach +seinem Tode eigenhändige Randbemerkungen, welche den Beweis dafür +liefern. Bei den Worten: »Gott, die Materie und das Schicksal sind +Eins«, hat er hinzugefügt: »Dies ist mein System, Dies ist Das, woran +ich glaube«. An der Stelle, wo im Texte folgendes Raisonnement steht: +»Du sagst, Gott habe dich frei erschaffen. Das ist nicht die Frage. +Hat er vorausgesehen, daß ich fallen, daß ich ewig unglücklich werden +würde? Ja, unzweifelhaft. In solchem Falle ist Euer Gott nur ein +furchtbarer und absurder Tyrann«, bei diesen Worten hat er am Rande +bemerkt: »Dieser Einwand ist unwiderleglich und stürzt das ganze +christliche System vollständig über den Haufen. Uebrigens glaubt Keiner +mehr daran«. + +Dies ist Chateaubriand's Jugendstandpunkt; aber seine Mutter stirbt, +und hinterläßt ihm die Bitte, an ihrem Glauben festzuhalten. »Ich +weinte und glaubte,« sagt er. + +Selbst bekehrt oder halbwegs bekehrt auf dem Wege des Gefühls, versucht +er jetzt, in derselben Weise auf Andere zu wirken. Konnte man nicht +mehr erwarten, intellektuelle Empfänglichkeit für die Dogmen des +Christenthums zu finden, so konnte man doch immer Sympathien für +dessen rührende und erhabene Poesie erwarten. Es war eine originelle +und zeitgemäße Idee, die Apologie in Poetik zu verwandeln. Er weiht +dem melancholischen Klange der Kirchenglocken ein ganzes Kapitel. Er +schildert die idyllische Ruhe der schlichten Dorfkirche. Er giebt +Bilder und Gleichnisse, wo man Beweise erwartet. Bonald gebraucht +den Ausdruck: in Büchern, die ein Werk des Raisonnements, wie seine +eigenen seien, zeige die Wahrheit sich wie ein König an der Spitze +seines Heeres an einem Schlachttage, aber in Büchern wie denjenigen +Chateaubriand's gleiche sie vielmehr einer Königin auf ihrem +Krönungszuge, umgeben von allem Prachtvollen und Reizenden, was man +irgend habe auftreiben können. Der Sinn ist, daß Chateaubriand viel +mehr rühren, als überzeugen will. Im Privatgespräch drückte Bonald sich +Uebrigens unumwundener aus. Er sagte: »Ich gab meine Pillen, wie sie +waren, er gab die seinigen überzuckert«. + +Kein Buch giebt sicherlich einen bessern Maßstab dafür ab, wie wenig +tief die religiöse Renaissance war, als dieses. Sein Gesichtspunkt ist +derjenige, welchen man nach allgemeinem Uebereinkommen den romantischen +zu nennen pflegt. Es wendet sich der Vergangenheit zu, und da der +Romantiker ein Phantasiemensch ist, so erblickt er die Vergangenheit +in einem phantastischen Lichte. Die Religion des Romantikers ist eine +Paradereligion, ein Werkzeug für den Politiker, ein Saitenspiel für +den Dichter, ein Symbol für den Philosophen und eine Modesache für den +Weltmann. + +Wie die deutschen, dänischen und französischen Romantiker, schwärmt +Chateaubriand für das Mysteriöse und beginnt seine Vertheidigung des +Autoritätsglaubens damit, sich ganz allgemein auf das Mysteriöse im +Leben zu berufen. »Es giebt nichts Schönes, Süßes und Großes im Leben, +als das Geheimnisvolle. Die wunderbarsten Gefühle sind diejenigen, +welche uns zugleich bewegen und verwirren. Schamhaftigkeit, keusche +Liebe, reine Freundschaft sind voller Geheimnisse ... Ist die Unschuld, +welche ihrem Wesen nach nur eine heilige Unwissenheit ist, nicht das +unaussprechlichste Mysterium? -- Die Frauen, die schönere Hälfte des +Menschengeschlechts, können nicht ohne Mysterien leben«. Der Sprung von +hier bis zu den Dogmen einer positiven Religion erscheint groß. + +Ganz auf dieselbe Art bedient sich De Maistre des Mysteriums. Es +gilt für ihn nur zu beweisen, daß die eine oder andere Institution +unerklärlich sei, so glaubt er bewiesen zu haben, daß sie göttlich +sei. So läßt sich für die erbliche Monarchie und den Erbadel kein +rationeller Grund anführen -- Beweis genug, daß sie von Gottes Gnaden +sind. Was läßt sich zur Vertheidigung des Krieges vorbringen? Nicht +Viel, folglich ist der Krieg ein Mysterium. Sieht man genauer zu, so +begreift man, daß diese Wendung nothwendig ist. Die Autorität fordert +als ihr nothwendiges Gegenstück das Mysterium. So sagt Michaud in der +Dedikation des Gedichtes; »+Le printemps d'un proscrit+« 1803: +»Die Gesellschaft muß ihre mysteriöse Seite haben, eben so wohl wie +die Religion, und ich habe stets gedacht, man müsse bisweilen an die +Gesetze des Vaterlandes glauben, wie man an Gottes Gebote glaubt. +Sowohl im täglichen Leben wie in der Politik giebt es Dinge, die man +besser ausführt, wenn man ~nicht~ an die Ursache ~denkt~, +welche Einen veranlaßt, zu handeln«. + +Chateaubriand's Werk war glänzend und blendend durch seine Form. Ohne +diese Eigenschaften hätte es nicht das Aufsehen gemacht, welches es +erregte. Es enthält Naturschilderungen, Stimmungsergüsse und ganz +vereinzelte gute Bemerkungen. Aber sein literarischer und poetischer +Werth ist doch in seinen Episoden »Atala« und »René« zusammengedrängt, +die als Versuchsballons lange vorher dem Werke vorausgesandt wurden, +und mit denen wir es hier nicht zu thun haben: diese haben wir ihrer +Zeit (Band I, Seite 43-49) in ihrer historischen Bedeutung betrachtet. + +Hier wollen wir nur in dem Charakter der Vertheidigungsmethode den +Beweis für die Unwahrheit der ganzen Richtung, welche dies Buch +einleitet, suchen und liefern. Dem ästhetischen Theile des Werkes ist +ein dogmatischer vorangestellt, welcher, übereinstimmend mit der ganzen +Manier des Buches, darauf ausgeht, die Schönheit der christlichen +Dogmen aufzuweisen. Hier einige Beispiele der ungereimten Konsequenzen, +zu welchen dieser »Wie schön!«-Stil führte. + +Vom Abendmahle sagte er: »Wir wissen nicht, was man gegen ein Sakrament +einwenden könnte, das Einen veranlaßt, einen solchen Kreis poetischer, +moralischer, historischer und metaphysischer Ideen zu durchlaufen, +gegen ein Sakrament, das mit Blumen, Jugend und Lieblichkeit beginnt, +und das damit endet, Gott zur Erde herabsteigen zu lassen, um sich den +Menschen als geistige Nahrung hinzugeben«. Was man dagegen einwenden +könnte? Nicht das Mindeste, wenn es wahr ist. + +Trotz der Schönseligkeit, geht Chateaubriand mit der größten Pedanterie +zu Werke. Das Cölibat wird zuerst vom moralischen Gesichtspunkte +betrachtet und, solchergestalt untersucht, sogar die moralischste +Institution von allen genannt; dann wird demselben wiederum ein neues +Kapitel gewidmet mit dem halbkomischen Titel: »Untersuchung der +Jungfräulichkeit, vom poetischen Gesichtspunkte betrachtet«. Dies +schließt mit folgender unglaublichen Tirade: »So sieht man, daß die +Jungfräulichkeit, welche sich vom untersten Glied in der Kette der +Wesen emporhebt (ihre Bedeutung wird nämlich auch bei den Thieren +untersucht), sich zum Menschen, vom Menschen zu den Engeln und von den +Engeln zu Gott hinauf erstreckt, bei welchem sie sich verliert«. Und in +der Originalausgabe war, als sei Dies nicht genug, noch hinzugefügt: +»Gott ist selber der große Einsame des Universums, der ewige Junggesell +(+célibataire+) der Welten«. + +Man wundert sich vielleicht, daß das Vaterverhältnis zur zweiten Person +der Dreieinigkeit gar nicht in Betracht kommt. Mit um so größerem +Nachdruck kann der Verfasser die Jungfräulichkeit des Heilandes +betonen. Er sagt: + +»Der Gesetzgeber der Christen wurde von einer Jungfrau geboren und +starb als Jungfrau (+vierge+)«. Und dann fügt er folgende Worte +hinzu: »Hat er uns hiedurch nicht lehren wollen, daß die Erde in +politischer und natürlicher Hinsicht die Vollzahl ihrer menschlichen +Bewohner erreicht habe, und daß wir nun, weit entfernt davon, das +Geschlecht vermehren zu sollen, vielmehr von jetzt an darauf achten +müssen, die Einwohnerzahl zu beschränken?« + +Man erstaunt, die Theorie des Malthus als Facit dieser christlichen +Romantik zu erblicken. Wer hätte gedacht, daß so viel Nationalökonomie +in den Evangelien stecke! + +Bei Gelegenheit der Dreieinigkeit steht dort zu lesen: »Die Zahl 3 +scheint in der Natur die Zahl vor allen zu sein; sie ist nicht erzeugt, +weshalb Pythagoras sie die Zahl ohne Mutter nannte. Selbst in den +Lehren der Vielgötterei kann man die eine und andere dunkle Tradition +von der Dreieinigkeit erkennen. Die Grazien haben sie zur Grenze ihrer +Zahl genommen«. + +So wird bei Chateaubriand die Dreieinigkeit von den Grazien als +Karyatiden getragen. + +Dieser Vertheidigung der christlichen Dogmen entspricht eine +Vertheidigung des christlichen Ritus, wie folgende: »Im Allgemeinen +kann man erwidern, daß der ganze christliche Ritus von der höchsten +Moralität ist, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil er von unsern +Vätern ausgeübt worden ist, weil unsere Mütter als christliche Frauen +an unserer Wiege gestanden haben, und weil die Religion ihre Psalmen +über den Särgen unserer Väter gesungen und ihnen Frieden in ihren +Gräbern gewünscht hat«. Wäre es nicht schon an und für sich klar, daß +diese Vertheidigung sich auf jede beliebige Religion anwenden läßt, so +käme bei dieser Gelegenheit noch hinzu, daß sie gerade in einem Falle +wie diesem am allerwenigsten paßt, wo es galt, das Geschlecht der Söhne +dahin zu bringen, sich von der antichristlichen Lebensanschauung ihrer +Väter loszusagen. + +Nicht minder burlesk sind die Beweise zu Gunsten einer Theodicee, +welche bei Chateaubriand von der Naturbetrachtung hergeleitet wird. Er +sagt: »Sind ein Krokodil, eine Schlange, ein Tiger weniger zärtlich, +gegen ihre Jungen, als eine Nachtigall, ein Huhn, ja ein Weib? ... Ist +es nicht eben so wunderbar wie rührend, ein Krokodil sein Nest bauen +und Eier legen, wie ein Huhn, und ein kleines Ungeheuer, ganz wie ein +Küchlein, aus der Schale hervorkommen zu sehen? Wie viele rührende +Wahrheiten enthält dieser Kontrast! Wie veranlaßt er uns, Gottes +Allgüte zu lieben!« + +Wo die Männer der Restauration auf irgend Etwas eingehen, was die +Natur oder Naturwissenschaft betrifft, da werden sie allemal höchst +komisch. Wer Lust hat, mag in Chateaubriand's Besprechung von Bonald's +»+Législation primitive+« seinen Ausruf des Erschreckens darüber +nachlesen, daß er einen kleinen Jungen auf die Frage des Lehrers: +»Was ist der Mensch?« hat antworten hören: »Ein Säugethier«. Und im +selben Geiste äußert De Maistre oftmals, die ganze Chemie bedürfe +einer Reorganisation von Seiten der Theologie, und es werde wohl dem +einen oder andern ehrlichen Gelehrten der Nachweis gelingen, daß +nicht der Mond, sondern Gott an der Ebbe und Fluth Schuld sei, sowie +daß das Wasser, welches ein Element sei, sich nicht in Sauerstoff +und Wasserstoff zerlegen lasse. Ja, er meint, die Vögel seien ein +lebendiger Beweis gegen das Gesetz der Schwere. Eine der Personen +in seinen »+Soirées de Saint-Petersbourg+« bemerkt in dieser +Hinsicht, daß die Vögel überhaupt übernatürlicher als andere Thiere +seien, was sich schon darin zeige, daß die Taube die ausgewählte Ehre +habe, den heiligen Geist vorzustellen. Daß das Krokodil Eier legt, daß +die Vögel fliegen, sind Mirakel für diese Männer. + +Auf den dogmatischen Theil des Werkes folgt der ästhetische, welcher +den Kern desselben bildet. Hier bestrebt sich Chateaubriand, +nachzuweisen, daß »von allen Religionen, die jemals existirt haben, +die christliche Religion die poetischste, die menschlichste, die für +Freiheit, Kunst und Literatur günstigste sei, daß die moderne Welt ihr +Alles verdanke, vom Ackerbau bis zu den abstrakten Wissenschaften, +von den Asylen für Unglückliche bis zu den Tempeln, welche von +Michel Angelo erbaut und von Rafael verziert wurden, daß es nichts +Göttlicheres gebe, als seine Moral, nichts Liebenswürdigeres und +Prächtigeres als seine Dogmen, seine Lehre und seinen Kultus, daß +es das Genie begünstige, den Geschmack läutere, die tugendhaften +Leidenschaften entwickle, dem Gedanken Kraft gebe, dem Schriftsteller +und Künstler die edelsten Formen verleihe« u. s. w. + +Zweihundert Jahre lang hatte der große Streit, ob der literarische +Vorzug den Alten oder den Modernen gebühre, sich durch die ganze +neuere Literatur erstreckt, eine Streitfrage, welche schon Corneille +und Racine beschäftigte, welche Anlaß zu den Ersten Uebersetzungen +der klassischen Vorzeitsdichtungen gab, und deren Erörterung +allmählich dahin geführt hatte, daß der moderne Geist nach dem +ersten überwältigenden Eindruck von der Herrlichkeit der Antike sich +selbstvertrauend zusammenfaßte. Es war diese zweihundertjährige +Debatte, welche Chateaubriand jetzt in einer bisher nicht angewandten +Form als Diskussion über den Werth des Christenthums für die Poesie +und Kunst, im Vergleich mit dem Werthe der alten Mythologien, wiederum +aufnahm. Auf die seltsamste Weise verwahrt er sich dagegen, daß es doch +nicht darauf ankomme, ob und in welchem Grade eine Religion poetisch +sei, sondern, ob sie die Wahrheit für sich habe, oder nicht. Und zu +welchen Mitteln muß Chateaubriand seine Zuflucht nehmen, um seine +Behauptungen zu beweisen! Er vergleicht z. B. den heidnischen Tartarus +ästhetisch mit der christlichen Hölle. Wie Viel hat nicht diese voraus! +»Die Poesie der Qualen und die Hymnen des Fleisches und Blutes«. + +So klirrt er poetisch mit den Marterwerkzeugen der Hölle, benutzt +sie als ästhetische Klappern für die alten und stumpfen Kinder +des neuen Jahrhunderts, und bringt ein Salonchristenthum in Mode, +zum Gebrauch der höheren und abgespannten Gesellschaftsklassen in +Frankreich. Im siebzehnten Jahrhundert hatte man an das Christenthum +geglaubt, im achtzehnten hatte man es verleugnet und ausgerottet, im +neunzehnten begann jetzt diejenige Art von Religiosität, welche darin +bestand, wehmüthig um das Christenthum herumzugehen, wie man um einen +Museumsgegenstand herumgeht, und auszurufen: »Wie poetisch! wie rührend +und wie schön!« Man brachte eine Klosterruine in seinem Garten an und +setzte einen Automaten in Eremitentracht hinein. Das goldne Kreuz ward +wieder ein Toilettengegenstand für Damen der guten Gesellschaft, und +man wurde durch Kirchenkoncerte zu Thränen gerührt. Man fühlte sich +ergriffen von dem Gedanken, welch ein Trost die Religion für den Armen +und Nothleidenden sei. Man hatte den einfältigen Glauben der alten Zeit +verloren und hielt sich an das Aeußere, an den poetischen, socialen +und politischen Einfluß der katholischen Kirche. Man putzte das +Autoritätsprincip, so veraltet und abgenutzt es war, mit sentimentaler +und poetischer Schminke auf, damit es jung und einladend aussähe, aber +man erreichte Nichts weiter, als das einst so furchtbare Princip zum +Gespötte zu machen. + +Und wie Constant jetzt sein Buch über die Religionen im Hause seiner +Freundin Madame de Charrière schrieb, so schrieb Chateaubriand dies +Werk bei seiner aufopfernden und vertrauten Freundin Madame de +Beaumont. Sie half ihm beim Zusammensuchen der Citate, deren er für +dasselbe benöthigt war. Für etwas Weltlichkeit scheint das Buch also +doch Raum in seiner Seele gelassen zu haben. + +Wie deklamirte Chateaubriand später unter Ludwig XVIII. wider die +verheiratheten Priester, mit welcher Entrüstung hetzte er die ganze +royalistische und katholische Partei gegen sie auf, wie eifrig sorgte +er dafür, ihnen jeden Heller ihrer Besoldung zur Strafe dafür zu +entziehen, daß sie sich die Gesetze der Republik zu Nutze gemacht und +sich wie jeder andere Bürger verheirathet hatten! Und war denn nicht +er selbst, »der demüthige Levit«, wie er sich als Verfasser des +»Genius des Christenthums« nennt, eine Art Priester, ja mehr als ein +gewöhnlicher Priester, und war er nicht verheirathet, und mehr als +verheirathet? Ich erwähne diesen Zug, weil er eins der tausend Symptome +von Etwas ist, das sich überall in der kirchlichen Restauration zeigt, +und für das mir das Wort Heuchelei als kein zu gehässiges und derbes +Wort erscheint. + +Von solcher Art ist dies Buch, und so ist es entstanden. Sein +kolossaler Succeß und sein ungeheurer Einfluß geben ihm eine Bedeutung, +die es durch sich selbst nicht haben würde. Es war das Buch des +Augenblicks, das in einer Umhüllung von Empfindsamkeit eingeschmuggelte +Autoritätsprincip, welches bald den Thron besteigen sollte. -- +Betrachten wir denn dies Princip, all' seiner Hüllen entkleidet, +in einem anderen Hauptwerke der Zeit, in Bonald's berühmtem Buche +»+Le divorce+«, -- meiner Ansicht nach das originellste und +interessanteste seiner Werke. + +Dasselbe wird durch eine lange Jeremiade darüber eingeleitet, wie +es in der Welt aussehe, seit die Autorität über den Haufen gestürzt +worden sei. Die moderne Philosophie, sagt er, welche in Griechenland +geboren ward, unter jenem Volke, das ewig ein Kind blieb, und das immer +die Weisheit außerhalb der Wege der Vernunft [+sic!+] suchte, +begann damit, atheistisch oder deistisch [!] Gott zu leugnen. Hume's +und Condillac's sensualistische Lehre hat jetzt den Menschen, der +»eine von Organen bediente Intelligenz« ist, zu einem Thiere, zu einem +bloßen Naturwesen gemacht. Die allgemeine gesellschaftsauflösende +Geistesrichtung ist in das häusliche Leben eingedrungen, und statt +des Verhältnisses, das in früherer Zeit zwischen Eltern und Kindern +bestand: Autorität und Unterwerfung, haben Insubordination in +die jungen Herzen und Gleichheitsideen in die jungen Hirne sich +eingeschlichen, so daß die Kinder sich für ihrer Eltern Gleichen +halten, ja sogar sich gestatten, dieselben zu duzen. Die Eltern, +welche ihrerseits das Bewußtsein ihrer Schwäche haben, wagen nicht +mehr Herren zu sein, sondern streben darnach, die »Freunde« oder +»Vertrauten« ihrer Kinder, allzu oft ihre Mitschuldigen zu sein. Die +weichherzige Betrachtung des Lebens spiegelt sich in einer ebenso +weichherzigen Betrachtung des Todes ab. Man hat vorgeschlagen, Vasen +von Glas oder Porzellan zur Aufbewahrung der Asche seiner Väter +zu verfertigen, und -- o Grausen! -- eine Polizeiverordnung hat +einer Mutter gestattet, nach Heidenart die Leiche ihrer Tochter zu +verbrennen. Ueberall hat man die Abschaffung der Todesstrafe, dieses +Kleinods, dieses hauptsächlichsten Mittels zur Aufrechterhaltung der +Gesellschaft (+ce premier moyen de conservation de la société+), +vorgeschlagen und in einigen Staaten durchgeführt. Man hat Regierungen +von »der plötzlichen Manie, welche man Philanthropie nennt«, ergriffen +werden sehn. Die sogenannten Naturwissenschaften -- [man beachte das +»sogenannt!«] --, welche vielmehr die materiellen Wissenschaften +heißen müßten, da sie nur von der Körperwelt handeln, verdrängen die +höheren, die geistigen Wissenschaften, zumal die »hohe Metaphysik« +der alten Zeit. In der Poesie hat das scherzende und lustige Genre +die heroische Tragödie abgelöst. In den Romanen, welche so deutlich +den Charakter eines Zeitalters spiegeln, wurde früher regelmäßig die +Liebe der Pflicht geopfert. Jetzt ist es umgekehrt, und Rousseau hat +den Roman geschrieben, welcher von allen am meisten die Phantasie der +Frauen auf Irrwege geführt und ihre Herzen verderbt hat, nämlich »Die +neue Heloise«. Sogar in der Gartenkunst hat das Autoritätsprincip sich +verloren: »Die ländliche und rohe Natur der englischen Gärten hat die +prachtvolle Symmetrie in Le Nôtre's Anlagen verdrängt.« + +Wider all' diese empörenden Schrecklichkeiten richtet nun Bonald seine +schwere Artillerie. All' diesen Versuchen, die Gesellschaft aufzulösen, +stellt er seinen Versuch, die Gesellschaft zu retten, gegenüber. Und +hier ist es ein Hauptpunkt, den es zu erobern gilt. Die Gesellschaft +beruht auf der Ehe, sie steht und fällt mit ihr. Die Revolution hat die +Ehescheidung zugelassen. Aber wo Scheidung möglich ist, da existirt die +Ehe nicht mehr. Es gilt daher, mit ~einer~ großen Kraftanstrengung +die Aufhebung des Scheidungsrechtes zu erzielen. Diese Anstrengung +gelang ihm nur allzu gut. + +Hören wir daher Bonald's eigene Theorie. Es verlohnt sich, sie kennen +zu lernen. Ist eine Philosophie recht mager, so ist sie desto kurioser. + +Eine entwickelte Vernunft, sagt Bonald, begreift alle Wesen und ihre +Verhältnisse unter diesen drei allgemeinen Ideen: Ursache, Mittel +und Wirkung, den abstraktesten, welche die Vernunft fassen kann. +Sie liegen jedem Urtheil zu Grunde und bilden die Grundlage aller +socialen Ordnung. Jede Gesellschaft besteht solchermaßen aus drei von +einander unterschiedenen Personen, welche man als die socialen Personen +bezeichnen kann. Die Vernunft erblickt in Gott, welcher will, die +erste ~Ursache~, im Menschen, welcher diesen Willen ausführt, das +~Mittel~, den Minister, den Vermittler, und in derjenigen Ordnung +der Dinge, welche Gesellschaft heißt, die ~Wirkung~, welche aus +dem Willen Gottes und der Thätigkeit des Menschen resultirt. Diese +Vernunft herrscht nach Bonald's Ansicht nur im Katholicismus: Er sagt: +»Die Religion, welche Gott an die Spitze der Gesellschaft stellt, +verleiht dem Menschen eine hohe Idee von der menschlichen Würde und +ein tiefes Gefühl von der Unabhängigkeit des Menschen, während die +Philosophie, welche überall den Menschen am höchsten stellt, beständig +zu Füßen des einen oder andern Götzenbildes kriecht, in Asien zu Füßen +Muhamed's, in Europa zu Füßen Luther's, Rousseau's oder Voltaire's« +(+Le divorce, pag. 42+). + +Man sieht, daß Luther von Bonald ohne Weiteres mit Antichristen wie +Muhamed oder Voltaire zusammengestellt wird. Dies ist ein stehender +Zug in der ganzen Periode, gerade wie derjenige, daß Protestantismus +und Unsittlichkeit für Eins erklärt werden. Wenn De Maistre von der +Reformation spricht, so erzählt er mit der ernsthaftesten Miene, daß +das halbe Europa seine Religion gewechselt habe, damit ein zügelloser +Mönch sich mit einer Nonne verheirathen konnte. In seiner »+Théorie +du pouvoir+« (+Tome II., pag. 305+) sagt Bonald: »Ein hitziger +und sinnlicher Mönch hatte die Religion in Deutschland reformirt, +ein wollüstiger und grausamer Fürst reformirte sie in England ... +Charakteristisch ist es, daß die Kirchenreform in Deutschland vom +Landgrafen von Hessen, der sich noch bei Lebzeiten seiner Gemahlin +mit Margaretha von Saale verheirathen wollte, in England von Heinrich +VIII., der sich von Katharina von Arragonien scheiden lassen wollte, +um sich mit Anna von Boleyn zu vermählen, und in Frankreich von +Margaretha von Navarra, einer Fürstin von mehr als zweifelhaften +Sitten, beschützt wurde. So ging der Occident durch die Ehescheidung +zu Grunde, wie der Orient durch die Polygamie.« In seiner englischen +Literaturgeschichte (+Oeuvres, Tome VI., pag. 75+) sagt +Chateaubriand über Luther's Ehe: »Er verheirathete sich sowohl um ein +gutes Beispiel zu geben, als auch, um sich von seinen Anfechtungen zu +befreien. Wer die Regeln übertreten hat, sucht stets den Schwachen +nach sich zu ziehen und sich mit der Menge zu decken; denn durch die +Uebereinstimmung der großen Anzahl schmeichelt man sich Andere zu dem +Glauben an die Rechtlichkeit und Richtigkeit einer Handlung zu bewegen, +die oft nur das Resultat eines Zufalls oder einer Leidenschaft war. +Heilige Gelübde wurden auf zwiefache Weise verletzt: Luther ehelichte +eine Nonne.« + +Was diese heftigen Ausfälle wider Luther und den Lutheranismus +verständlich macht, ist, daß man, wie die deutschen Romantiker, mit +großer Klarheit erkennt, wie der Protestantismus mit nothwendiger +Konsequenz zu der modernen Geistesrichtung hinführt, vor welcher +man zurück schaudert. So heißt es in Lamennais' »+Essai sur +l'indifférence+«: »Man hat jetzt erkannt, daß die Kirche und +ihre Dogmen auf der Autorität wie auf einem unerschütterlichen +Felsen beruhen. Deshalb vereinigt sich die ganze Mannigfaltigkeit +von Sektirern, welche in Betreff aller übrigen Punkte uneinig sind, +um diesen Grundpfeiler aller Wahrheiten zu zersägen. Lutheraner, +Socinianer, Deisten, Atheisten sind die verschiedenen Namen, welche +die successiven Entwicklungsstufen derselben Lehre bezeichnen; sie +verfolgen alle mit unermüdlicher Ausdauer ihren Angriffsplan wider die +Autorität.« + +Die einzige echte, katholische Vernunft bei Bonald erblickt daher +überall die drei socialen Personen: Die Macht, den Minister und den +Unterthan. Sie erhalten in den verschiedenen Gesellschaftssphären +verschiedene Namen. In der religiösen Gesellschaft heißen sie Gott, +Priester und Gläubige, in der politischen Gesellschaft König, Adel +~oder~ Beamtenstand, Volk ~oder~ gemeiner Mann; in der +häuslichen Gesellschaft endlich heißen sie Vater, Mutter und Kind. + +Wer noch nicht mit Bonald's Denkweise vertraut ist, wird wahrscheinlich +bei dieser letzten Zusammenstellung stutzen; allein es ist Bonald ein +so vollkommener Ernst damit, den Vater mit der Macht, die Mutter mit +dem Ministerium und das Kind mit dem Unterthan zu parallelisiren, daß +er sogar die letzte Reihe der Bezeichnungen durchgehends statt der +ersten gebraucht; denn, sagt er, Vater, Mutter, Kind passen für die +Thiere so gut wie für die Menschen, die Bezeichnung Macht, Minister, +Unterthan dagegen ausschließlich für intelligente Wesen; außerdem, +sagt er an einer andern Stelle, muß man so viel wie möglich bemüht +sein, den Menschen und seine Verhältnisse zu spiritualisiren, gegenüber +den Bestrebungen, welche von anderer Seite gemacht werden, das +Menschenleben zu materialisiren. + +Er begründet seine Lehre mit seinen gewöhnlichen Formeln. Der Mann +und das Weib, sagt er, existiren beide; aber sie existiren nicht +auf dieselbe Weise. Sie sind einander ~ähnlich~, aber sie sind +einander nicht ~gleich~. Die Vereinigung der Geschlechter ist der +Grund ihres Unterschieds. Die Hervorbringung eines Menschen ist das +Ziel ihrer Vereinigung. Der Vater ist stark, das Kind ist schwach, der +Vater aktiv, das Kind passiv. Die Mutter bildet das Zwischenglied. +Weshalb? Ja, sagt Bonald, der Vater ist ein bewußtes Wesen und kann +nicht Vater werden, außer mit seinem Willen; die Mutter kann dagegen, +selbst mit vollem Bewußtsein, Mutter werden ~wider ihren Willen~ +[also passiv]. Das Kind hat weder den Willen, geboren zu werden, noch +Bewußtsein davon, daß es geboren wird. + +Auf dies widerwärtige und tragische Naturverhältnis, daß das Weib +unfreiwillig Mutter werden kann, basirt also Bonald seine empörende +Rangordnung der Geschlechter. Ja, er sagt wörtlich (Fünfte Ausgabe, +Seite 71): »In dieser Abstufung ihres Verhältnisses liegt allein +die Lösung der Ehescheidungsfrage«, nämlich daß keine Scheidung zu +gestatten ist. + +Und wäre nun Dies eine wahnwitzige Theorie geblieben, wie so viele +andere unsinnige Theorien, die kein Mensch zu verwirklichen gedenkt, +wer würde sich dann darüber erbosen! Aber man denke sich, daß auf +Grundlage dieses Buches die Ehe- und Scheidungsgesetze in Frankreich +zwölf Jahre nach dem Erscheinen des Buches erlassen wurden.[5] Damals, +gleich nach der Rückkehr der Bourbonen, war Bonald's Einfluß so +unwiderstehlich, daß die stupide und klerikale Nationalversammlung mit +225 Stimmen gegen 11 die Ehescheidung aufhob. + +Man kann also sagen, fährt Bonald rücksichtlich der Erziehung fort, +daß der Vater die Macht hat oder ist, durch die Mutter als Minister +oder Mittel die reproduktive und aufrechterhaltende Handlung auszuüben, +deren Zweck oder Unterthan das Kind ist. + +Das Verhältnis zwischen Mann und Weib in der Ehe wird daher einfach +folgendermaßen bestimmt: Der Mann ist le pouvoir, die Macht, das Weib +ist +le devoir+, die Pflicht. Selbst die heilige Schrift nennt ja +den Mann das Haupt oder die Vernunft des Weibes, das Weib die Hülfe +oder den Handlanger des Mannes, und bezeichnet das Kind als Unterthan, +indem sie ihm stets einprägt, gehorsam zu sein. + +Das Weib ist also dem Manne ähnlich, wie der Mann Gott ähnlich ist. +Der Mann ist nach Gottes Bilde erschaffen, aber er ist deshalb nicht +seines Gleichen. Das Weib ist aus dem Fleische und Blute des Mannes +erschaffen, aber es ist ihm untergeordnet. Man sieht, daß Bonald's +Theorie mit derjenigen Milton's in seinem »Paradiese« übereinstimmt.[6] +»Die häusliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, wo der Mann die +beschützende Gabe der Stärke, das Weib die Bedürfnisse der Schwäche +mitbringt, ~er die Macht, sie die Pflicht~«. So entstellt Bonald +die Lehre des Paulus, welche zu ihrer Zeit der gewaltigste und +bewunderungswürdigste Fortschritt auf dem Wege der Befreiung des Weibes +war. + +Was ist hienach für Bonald die Ehe? Die Ehe ist die Verpflichtung, +welche zwei Personen verschiedenen Geschlechts übernehmen, eine +Gesellschaft zu begründen, eine Gesellschaft, welche Familie heißt. +Dies unterscheidet die Ehe von jedem andern Zusammenleben zwischen +Mann und Weib. Mit tiefer Entrüstung bespricht Bonald das Witzwort +Condorcet's: »Wenn die Menschen eine Verpflichtung gegen die noch +nicht existirenden Wesen hätten, so könnte es nicht die sein, ihnen +die Existenz zu schenken.« Im Gegentheil! die Ehe besteht eben, +damit das Geschlecht erhalten werde. Hieraus darf man nach Bonald's +Anschauung jedoch keineswegs schließen, daß eine kinderlose Ehe, eine +solche, die also ihre Bestimmung verfehlt zu haben scheint, aufgelöst +werden dürfe; denn, sagt er, indem man die erste Ehe aufhebt, um eine +andere zu schließen, wird die Erzeugung von Kindern in der ersten Ehe +unmöglich, ohne deshalb in der zweiten sicher zu sein. So lange Mann +und Frau keine Kinder haben, ist doch eine Möglichkeit für das Kommen +derselben vorhanden, und da die Ehe nur der Kinder halber, welche +kommen können, gestiftet ist, so ist kein Grund, sie aufzuheben. Die +Ehe ist für Bonald die eventuelle Gesellschaft, welcher die Familie +als die aktuelle Gesellschaft entspricht: »~Der Zweck der Ehe~«, +lehrt er, »~ist nicht das Glück der Ehegatten~.« Was ist denn +dieser Zweck? Die Ehe, antwortet er, ist der Gesellschaft wegen da. Die +Religion und der Staat haben bei der Ehe nur die Pflichten im Auge, +welche sie auferlegt. Aber wenn die Ehe nur der Gesellschaft halber da +ist, was ist denn der Zweck der Gesellschaft? Jeder wird einräumen, +daß man höchst gespannt auf die Beantwortung dieser Frage sein muß. +Und was antwortet uns Bonald? Er antwortet mit der ganzen gelassenen +Impertinenz eines konservativen Klerikalen: Der Zweck der Gesellschaft +ist ihre Selbsterhaltung. (+La société a pour parvenir à sa fin, +~qui est sa conservation~, des lois. Pag. 107.+) + +Welch eine Lehre für alle Anhänger der Nützlichkeitsphilosophie, die +sich naiv einbilden, daß der Zweck der Gesellschaft das Glück ihrer +Mitglieder sei, und die ebenso kindlich in der Illusion gelebt haben, +daß Institutionen überhaupt der Individuen halber da seien, daß z. B. +die Gatten nicht der Ehe halber, sondern die Ehe umgekehrt der Gatten +halber da sei, und die ~alle~ Konsequenzen dieses Gedankens +ziehen! + +Indem die Rücksicht auf die Kinder als die absolute aufgestellt wird, +erscheinen Polygamie, Verstoßung der Gattin und Ehescheidung als +gleich verwerflich für Bonald. Er bemerkt auch, daß die Einführung +der Polygamie und die Einführung der Ehescheidung Hand in Hand mit +einander zu gehen schienen, da Luther -- diese Anekdote spukt in +jedem Buche aus der Restaurationszeit, -- welcher die Scheidung +zuließ, auch, wiewohl in tiefster Heimlichkeit, dem Landgrafen von +Hessen Polygamie gestattete (S. 195). Ihn bedünke es, sagt er, +nicht moralischer, mehrere Frauen nach einander, als mehrere Frauen +gleichzeitig zu heirathen; dabei vergißt er jedoch, daß sich dieser +Einwand eben so gut gegen die Schließung einer neuen Ehe nach dem +Tode des einen Gatten, wie gegen die Wiederverheirathung nach einer +Scheidung erheben läßt. Ueberall, meint er, wo die Scheidung erlaubt +sei und wo die Frau also in jeder Mannsperson ihren möglichen Gatten +sehen könne, seien die Weiber ohne Keuschheit, oder mindestens ohne +Schamhaftigkeit. Er führt als Beispiel England an, -- England! Den +Zustand in England, wo die Scheidung in gewissen Fällen gestattet ist, +vergleicht er mit den Zuständen bei gewissen wilden Völkerstämmen, wo +der Ehemann sich von dem Mitschuldigen seiner Frau, wenn er denselben +ertappt, ein gebratenes Schwein als Buße geben läßt, daß sie dann +alle Drei mit einander verzehren. Ueberhaupt ist England mit seinen +verhältnismäßig liberalen Institutionen für ihn, wie für Lamennais, die +wahre +bête noire+. Lamennais sagt z. B. von England (+Progrès +de la révolution et de la guerre contre l'église, pag. 35+), daß man +nirgendwo anders eine Bevölkerung finde, die so stumpfsinnig, so ohne +allen moralischen Sinn, so fremd den intellektuellen Ideen und Allem +sei, was das Gemüth erhebt und das Dasein des Menschen adelt. + +Alles Dies sind Uebertreibungen ohne Wahrheit und ohne Logik. +Worin aber sowohl Logik als Wahrheit liegt, und weshalb ich diese +Einzelnheiten hervorhebe. Das ist Bonald's Auffassung des innerlichen +Zusammenhanges der Ehefrage mit der ganzen politischen Frage. Er sieht +ein, daß die Republik oder die Demokratie (denn er ist so erbittert +auf die Republik, daß er sich ausdrücklich weigert, dies Wort zu +gebrauchen) nothwendig zur Auflösbarkeit der Ehe führen mußte. + +Er sagt: »Die Ehescheidung wurde 1792 dekretirt und verwunderte +Niemand, weil sie eine unvermeidliche und lange vorhergesehene +Konsequenz des Niederreißungssystemes war, das man zu jener Zeit so +leidenschaftlich befolgte; allein heutigen Tags, wo man wieder aufbauen +will, tritt die Ehescheidung als Princip in das Gesellschaftsgebäude +ein und erschüttert dies Gebäude bis auf den Grund. Die Scheidung stand +in Einklang mit der Demokratie, welche unter verschiedenen Namen und +Formen allzu lange in Frankreich geherrscht hat. Sowohl die häusliche +wie die öffentliche Macht war den Leidenschaften der ~Unterthanen~ +überlassen, es herrschte Unordnung in der Familie und Unordnung im +Staate; zwischen beiden Unordnungen fand Aehnlichkeit und Analogie +statt. Aber Das sieht Jeder, daß die Scheidung in direktem Widerspruche +mit dem Geiste der erblichen und unauflöslichen Monarchie steht. +Behalten wir die Scheidung bei, so haben wir Ordnung im Staate, und +Unordnung in der Familie, Unauflöslichkeit dort, Auflöslichkeit hier, +also keine Harmonie. Von der Seite, zu welcher der Mensch sich neigt, +muß das Gesetz ihn emporheben, und es muß heutigen Tags aufgelösten +Naturen die Auflösung verbieten, wie früher halbwilden Barbaren die +Blutrache.« + +So gelingt es Bonald, von seinem legitimistischen Staatsprincip +aus seine Ehe-Theorie durchzuführen. Er schließt damit, daß die +Scheidung absolut untersagt werden müsse, und daß die bloße Trennung +ohne Erlaubnis zur Eingehung einer neuen Ehe hinlänglich allen +Unzuträglichkeiten abhelfe, die aus disharmonischen Verbindungen +hervorgehen könnten. Da diese Ideen Bonald's Gesetzeskraft erlangten, +bildete sich in Frankreich der Zustand aus, welcher dort bis jetzt +herrschte, und welcher die französische Ehe zum Spott für die ganze +Erde gemacht hat, ein Zustand, der es z. B. dem jungen Mädchen +unmöglich macht, falls ihr Gatte sich am Hochzeitstage mit ihrer ganzen +Mitgift absentirt, sich je wieder zu verheirathen oder legitime Kinder +zu bekommen. Während das Gesetz mildernde Umstände bei Mordbrennern +und Mördern zugelassen hat, und man ihnen, wenn sie sich eine gewisse +Anzahl von Jahren gut aufgeführt haben, die vollständige Freiheit +schenken kann, hat das betrogene junge Mädchen nach Bonald's Theorie +und Frankreichs Gesetzen keine Hoffnung auf Freiheit, wie Derjenige, +welcher eine Familie durch Brandstiftung ums Leben gebracht oder seinen +Vater erschlagen hat. + +In dem Entwurf des Konventes zu einem Civilrechte hieß es: + +»Die Ehe ist eine Sache der Freiheit, d. h. des Gewissens. + +»Sie errichtet ein Bündnis, bei welchem Mann und Frau auf gleichem Fuße +stehen. + +»Die Ehegatten ordnen frei die Bedingungen ihrer Verbindung. + +»Die Ehegatten besitzen oder üben gleiches Recht aus in Betreff der +Verwaltung ihres Eigenthums. + +»Scheidung findet statt auf Wunsch beider Ehegatten oder eines der +Ehegatten. + +»Das Gesetz untersagt es, irgend eine Einschränkung des +Scheidungsrechtes zu stipuliren«. + +Es scheint, daß die große Scheidungsfreiheit, welche so plötzlich +erstattet ward, wie jede andere plötzlich erworbene Freiheit, +Anfangs mißbraucht wurde, und daß man z. B. mit großem Leichtsinn +und ohne besondere Rücksicht auf die Kinder flüchtigen Neigungen +folgte, die weder das Recht noch die Würde wirklicher Liebe haben. +Analogen Erscheinungen begegnet man überall in der Geschichte, wo +Fesseln zerbrochen werden. Aber Das war genug für Diejenigen, welche, +wie Bonald, keinen Glauben an die Freiheit besaßen, und an keine +andere moralisirende Macht glaubten, als an den Zwang, Alles zu dem +traditionellen Zustande zurückzuführen. Was kann gewisser sein, als daß +das Ideal, welches nie vergessen und zuweilen erreicht werden wird, +darin besteht, daß zwei Menschen, die sich mit einander verbunden +haben, einander bis zum Tode lieben, ja mit einer Liebe, die den +Tod überdauert; allein dies Ideal ist die Folge einer richtigen und +glücklichen Wahl, nicht irgend welcher Zwangsmaßregeln. Der Vorwand zu +diesen war natürlich die Rücksicht auf die Kinder, und Betreffs dieses +Punktes hat Bonald seine Theorie in den prägnanten und wohl stilisirten +Satz zusammen gefaßt: »Da die eheliche Verbindung drei Personen, Vater, +Mutter und Kind, betrifft, kann sie nicht aufgehoben werden, weil +zwei darüber einig sind. Da das Kind unmündig ist, so vertritt die +Gesellschaft den Ehegatten gegenüber das Kind, und erhebt als Vertreter +des Kindes ihren Einspruch wider die Auflöslichkeit der Ehe.« Man +sieht leicht, daß diese Argumentation es zum ersten als feststehend +betrachtet, daß die Aufrechthaltung der Ehe um jeden Preis unbedingt +dem Kinde am besten diene, was selbstverständlich durchaus nicht +feststeht, -- zum zweiten die Rücksicht auf das Kind zur absoluten +und einzig entscheidenden macht, was selbstverständlich ein nur auf +dem die Vernunft proskribirenden Standpunkte des Autoritätsprincips +mögliches Postulat ist, -- zum dritten nur auf das innerhalb der Ehe +geborene Kind Rücksicht nimmt, und die übrigen als nicht existirend +betrachtet, während eine der traurigsten Folgen der traditionellen +Ordnung gerade diejenige ist, daß nicht alle Kinder mit gleichen +Rechten ihren Eltern und dadurch der Gesellschaft gegenüber stehen. +Bonald's Gesellschaftsordnung, welche die Rücksicht auf das Kind als +die absolute betrachtet, hat in unseren Tagen dahin geführt, daß mehr +als 2,800,000 Franzosen als unechte Kinder in einer unverschuldeten +Rechtsungleichheit den Eltern gegenüber geboren werden, welche in +Frankreich noch größer als anderswo ist. + +Wie inkonsequent jedoch in Einzelheiten Bonald's Theorie sein möge, +sie ist werthvoll, ja kostbar als eine in allen Grundzügen konsequente +Durchführung des Autoritätsprincips auf dem Gebiet der Familie. Er hat, +was die Halbliberalen niemals haben, einen klaren und durchdringenden +Blick für den Zusammenhang zwischen den politischen und den socialen +Principien der Revolution. Er könnte niemals, wie Diejenigen, deren +Princip das Geschwätz ist, erstere von letzteren trennen und übersehen, +daß die traditionelle Auffassung von der Ehe, welche man zum Theil +heute noch festhält, auf das Innigste mit der traditionellen Auffassung +vom Staate zusammenhängt, welche man heutigen Tags aufgegeben hat. Der +Zusammenhang tritt überall hervor, wo die Frage diskutirt wird. Als +die Abolitionisten in Amerika ihre Theorien vorbrachten, vertheidigten +die Sklavenbesitzer sich damit, daß Alles, was im Sklavereiverhältnis +stattfinde, in keiner Hinsicht von Demjenigen verschieden sei, was in +der Familie und in der Ehe stattfinde. Man sieht auch, daß dort eben so +viel leere Deklamation wider das Recht der Scheidung überhaupt gehört +worden ist, wie man heutigen Tags gegen erweiterte Scheidungsfreiheit +oder überhaupt gegen eine veränderte Auffassung Dessen, was die Ehe +heilig und werthvoll macht, zu hören bekäme. + +Dem Autoritätsprincip steht auf diesem wie auf allen andern Gebieten +das Freiheitsprincip in seinen verschiedenen Formen als Liberalismus +und Socialismus gegenüber. Wenn wir die socialistischen Theorien, +die uns später bei den Saint-Simonisten begegnen werden, ganz außer +Betracht lassen, so steht dem Autoritätsprincip hier die liberale +Theorie mit ihrem Princip, dem Individualismus, gegenüber, wie dasselbe +von englischen und französischen, besonders aber von amerikanischen +Denkern entwickelt worden ist. Es ist dies Princip, welches dem +vorhin angeführten Entwurfe des Konventes zu Grunde liegt. Der +Grundgedanke ist der, daß nicht die Familie, wie gewöhnlich gesagt +wird, sondern das Individuum der Grundpfeiler der Gesellschaft, und +daß das Individuum souverain sei. An die Stelle der legitimistischen +Theorie von der Souverainetät Gottes und der zweideutigen Lehre von +der Volkssouverainetät tritt die Lehre von der Souverainetät des +Individuums. (Dieser Ausdruck ist zuerst von dem Amerikaner Samuel +Warren gebraucht worden, von welchem ihn selbst John Stuart Mill, +wie er in seiner Autobiographie, S. 256, berichtet, entlehnte.) +Die Souverainetät des Individuums sichert, wie das Wort besagt, +die absolute Freiheit jedes Menschen, sie untersagt Jedem, irgend +eine Herrschaft oder irgend eine Kontrolle über einen Andern an +sich zu reißen. Die Anhänger dieser Lehre sagen: ~entweder~ +Bevormundung des Individuums, d. h. Censuraufsicht über die Presse, +Polizeiorganisation von Hausspionen, Paßsystem, Schutztarife, Verbot +der Scheidung, Gesetze, welche das Gefühlsleben der Männer und +Frauen reguliren, und das ganze System eines willkürlichen Zwanges, +welcher auf die Freiheit des Individuums geübt wird, ~oder~ +Souverainetät des Individuums, d. h. Preßfreiheit, Redefreiheit, +Freizügigkeit, Freihandel, Freiheit der Forschung und der Gefühle. +Von diesem Gesichtspunkte aus ist die einzig mögliche Vertheidigung +eines die Freiheit beschränkenden Gesetzes die, daß eine vorläufig +aufgezwungene Ordnung nur der nächste Weg zu einer vollkommneren +Ordnung mit vollständiger Freiheit sei, denn Freiheit ist das Ideal des +Individualismus. Die Männer dieser Schule halten die Einmischung des +Staates in die Gefühlsverhältnisse der Individuen für unberechtigt; sie +betonen, daß das gesetzliche Band, welches zwei Wesen von verschiedenem +Geschlecht zusammenzwinge, entweder ~überflüssig~ -- falls das +Zusammenbleiben ihr eigner Wunsch ist, -- oder ~empörend~ sei +-- falls es umgekehrt ihrem Wunsche widerstreitet. Sie finden, daß +die Gesellschaft ein entsetzliches Unrecht wider Individuen begeht, +von welchen eins das andere verabscheut, wenn sie dieselben nöthigt, +beisammen zu bleiben und Kinder aus der Neigung des Einen und dem +Widerwillen des Andern zu zeugen. Sie finden es empörend, daß die +Gesellschaft eine Frau wider ihren Wunsch zwinge, einem Trunkenbolde +ein Kind zu gebären, ein Kind, das von dem Augenblick an, wo es zum +Leben erwacht, die verderbten Triebe und Lüste seines Vaters besitzt. +Sie nehmen also eben so viel Rücksicht auf die noch ungeborenen Kinder, +wie Bonald auf die geborenen; sie sehen nicht, wie er, einen Beweis +der Unvollkommenheit des Weibes, sondern einen Beweis der Rohheit der +Gesellschaftsordnung darin, daß das Weib wider seinen Willen Mutter +werden kann. Sie behaupten, vermöge des Abhängigkeitsverhältnisses, +worin alle Lebenssphären von einander stehen, die Unwahrscheinlichkeit, +daß ein einziges Gebiet des Menschenlebens durchaus richtig auf dem +traditionellen Fundamente geordnet sein könne, während die Ordnung +aller übrigen Gebiete als durchaus verkehrt erfunden und deshalb in +den letzten hundert Jahren von oben bis unten verändert worden ist. +Dies ist die Argumentation, welche am häufigsten von den Männern +dieser Schule angewandt wird. (Siehe z. B. +Stephen Pearl Andrews: +Love, marriage and divorce. New-York.+ Vergl. auch +Emile de +Girardin: L'homme et la femme.+) Es ist in diesen wie in vielen +andern Fällen zweifelhaft, wie weit der reine Liberalismus den rechten +Weg zum Ziele angiebt. Ich charakterisire hier nur das Princip als +Gegensatz zu demjenigen der Autorität. Nichts liegt mir ferner, als +in einer historischen Schilderung zu versuchen, selbst eine Theorie +aufzustellen. Was ich für meine Person geltend machen will, ist auf +diesem wie auf allen andern Punkten nur die unbedingte Freiheit der +Forschung. + +Wenn ein Denker in einem katholischen Lande sich frei über die Messe +oder andere Kirchenceremonien äußert, wird er in der Regel als ein +Religionsspötter oder gar als ein Atheist bezeichnet. Der Rechtgläubige +meint nämlich, daß die Religion in gewissen bestimmten Ceremonien +bestehe oder nur im Zusammenhang mit ihnen bestehen könne, da sie in +seinem Bewußtsein immer mit demselben associirt gewesen ist. Er ahnt +nicht, daß der Angreifer eine viel höhere und reinere Auffassung von +der Idee der Religion, als er selbst, besitzt. Weshalb nicht? Weil +er bemerkt hat, daß Die, welche er bisher dem äußeren Kultus, an den +er selbst geknüpft ist, die geringste Achtung hat erweisen sehn, +unordentliche und unsittliche Menschen, ja fast jedes Verbrechens +fähig waren. Er zieht nun hieraus vorschnell einen allgemeinen Schluß +auf alle Diejenigen, welche nicht den Kultus und die Priester der +Kirche anerkennen, und da er also nicht entwickelt genug ist, um die +verschiedenen Klassen der Angreifer von einander zu unterscheiden, +schlägt er den religiösen Philosophen und Enthusiasten über einen +Leisten mit der gewöhnlichen Sippschaft gottvergessener Schelme. Er +vermengt Den, welcher über ihm steht, mit Denen, welche unter ihm +stehen. Ganz eben so geht es, wenn von der herkömmlichen Auffassung +des Verhältnisses zwischen Mann und Weib die Rede ist. Die Ordnung +dieses Verhältnisses in einem bestimmten Lande zu einer bestimmten +Zeit ist nicht mehr die Ehe, als der Katholicismus in Spanien im +siebzehnten Jahrhundert die Religion ist. Einige stehen ~unter~ +der Ehe-Institution, wie sie ~ist~, Andere stehen ~über~ +ihr, während die Mehrzahl in den civilisirten Ländern sich ganz auf +dem Niveau dieser Institution, wie sie ist, befindet, die öffentliche +Meinung in Uebereinstimmung mit ihrer Anschauungsweise bearbeitet, und +beide Gruppen Andersdenkender zu einer zusammenschweißt, welche dann +der allgemeinen Verachtung preisgegeben wird. + +Das Selbe, was zur Aufstellung des Autoritätsprincips auf den Gebieten +der Religion und des Staates führt, veranlaßt auch die Aufstellung +desselben in Betreff der Ordnung des Verhältnisses zwischen den +Geschlechtern. + +Der Fehlschluß in religiöser Beziehung besteht in der Annahme, daß die +Kirche, weil sie Jahrhunderte hindurch einen civilisatorischen Beruf +gehabt hat, von wesentlicher Bedeutung für die Existenz erhabener +Gefühle und Gedanken, und daß die Liebe zu geistigen Wahrheiten +nicht den Menschen natürlich sei und mit der ganzen Entwicklung der +Menschheit zunehme, sondern daß sie ihnen durch eine beständige +Thätigkeit von Bischöfen und Priestern, Kirchen, Kirchenversammlungen +&c. beigebracht und erhalten werden müsse. + +In Betreff des Verhältnisses zwischen Mann und Weib ist die +entsprechende Thorheit die, zu wähnen, daß die Menschen nicht von +Natur Ordnung und Harmonie in diesem Verhältnisse lieben, und in um +so höherem Grade, je entwickelter und feinfühlender sie sind, daß die +Männer nicht von Natur ihre Kinder und die Mutter ihrer Kinder lieben, +nicht von Natur Achtung für das andere Geschlecht und für sittliche +Reinheit hegen, sondern daß all diese Tugenden und Eigenschaften +erst mittels der Gesetzgebung in der menschlichen Seele fabricirt +und erhalten werden müssen, obendrein während die Gesetze, seltsam +genug, nur durch die vereinigte Thätigkeit all' dieser Individuen +hervorgebracht werden, welche, jedes für sich betrachtet, all' dieser +Eigenschaften und Tugenden baar sein sollen. Nein, so sehr ist vielmehr +das Entgegengesetzte wahr, daß nur die Liebe zu all' diesen Tugenden +und Gütern die Menschen bewegt, oftmals schmerzlich genug, all' die +künstlichen Ordnungen und Systeme, unter denen sie seufzen, mit Geduld +zu ertragen und sich ihnen zu unterwerfen, weil sie von Kindesbeinen an +gelernt haben, daß eine Ordnung wie die gebotene die einzige Sicherheit +für die Aufrechterhaltung der Tugenden und Güter sei, die sie vor Augen +haben. + +Da in Folge Dessen jedes Studium der Natur und der menschlichen Seele +zurückgedrängt oder unmöglich gemacht wird, werden die Gemüther dazu +erzogen, ohne Prüfung oder Untersuchung Dasjenige für wahr anzunehmen, +was sich auf Tradition oder Autorität stützt, während die Gegner des +Autoritätsprincips beschuldigt werden, die Unsittlichkeit zu bezwecken +und zu begünstigen. + +Wäre man darauf ausgegangen, das erniedrigendste und verdummendste +Princip aller Principien auf Erden zu finden, so hätte man zu keinem +anderen als dem Autoritätsprincip gelangen können. + +Das Autoritätsprincip führt konsequent zu Sätzen wie diesen: Die Ehe +ist um der Gesellschaft willen da, und der Zweck der Gesellschaft ist, +sich selbst zu erhalten, -- oder, mit einer kleinen Nuance: Die Ehe in +ihrer traditionellen Form ist heilig, weil sie zur Bewahrung sittlicher +Reinheit unentbehrlich ist. Und worin besteht sittliche Reinheit? In +der Beobachtung der Ehe in ihrer traditionellen Form. + +Auf diesem Wege kommt man nicht weiter. Man dreht sich im Kreise und +bleibt beständig auf demselben Fleck. + +Wenn die Gegner des Autoritätsprincips dagegen sagen: Der Zweck der +Gesellschaft ist das höchste Glück ihrer Mitglieder, der Zweck der +Ehe ist das Wohl der Familie, so ist die Untersuchung freigegeben +rücksichtlich Dessen, was dies Wohl und jenes höchste Glück ist. Und +wenn sie weiter sagen: »Sittliche Reinheit besteht in derjenigen +Art von Verhältnis zwischen Wesen verschiedenen Geschlechts, welche +im höchsten Grade zum gegenseitigen Wohl und Glück Beider beiträgt, +die entferntesten Resultate dieser Verbindung eben so wohl wie +die unmittelbaren in Betracht gezogen«, und wenn diese Definition +angenommen oder geprüft wird, so sehen wir den Horizont vor uns +offen und das Feld frei für eine neue radikale und wissenschaftliche +Forschung, sowohl physiologisch wie psychologisch und ökonomisch, in +einem Umfange, wie die Welt sie niemals zuvor gekannt hat. + +Ordnung und Harmonie! Das sind die Stichwörter bei den Verfechtern +des Autoritätsprinzips. Ja gewiß, Ordnung und Harmonie! Aber was +die Welt jetzt lernen muß und wird, selbst wenn es Jahrhunderte +beanspruchen sollte, ist, daß Ordnung und Harmonie das Werk der +Wissenschaft sind und niemals das Werk willkürlicher Gesetzgebung +oder eines Kriminalkodex und einer öffentlichen Meinung sein können, +die sich auf Tradition und Autorität stützen. Es giebt keine andere +vernünftige Einrichtung und Ordnung der Gesellschaft, als die, welche +auf dem wissenschaftlichen Einblick in die Organisation des Menschen +beruht. Alle Gesellschaften, die der Familie sowohl wie des Staates, +existiren nicht um ihrer selbst, sondern um der Individuen willen, +damit die Individuen gewisse große Zwecke und Güter erreichen können. +Solche Zwecke sind sittliche Reinheit, Erziehung der Kinder, Schutz +des Weibes. Falls nun diese Zwecke sich nur auf dem Wege, den das +Autoritätsprincip anweist, erreichen lassen, dann muß man Freiheit +auf diesen Gebieten selbstverständlich -- im Gegensatze zu Dem, +wofür man sie auf so vielen anderen Gebieten hält -- für einen Fluch +halten, sie verfolgen und ausrotten. Falls diese Zwecke hingegen sich +~möglicherweise~ auf anderen Wegen, möglicherweise ~besser~ +auf anderen Weg erreichen lassen -- und eine solche Möglichkeit zu +leugnen ist schwer, -- falls sie endlich auf dem traditionellen Wege +so gut wie ~gar nicht~ erreicht worden sind, so muß eine durch +keine Rücksicht beschränkte freie Untersuchung ohne die geringste +Menschenfurcht vor irgend einer Autorität stattfinden. Was ich für +mein Theil konstatiren will, ist nur Das, daß das Autoritätsprincip +als ein solches, welches jeder Diskussion den Weg versperrt, das +schlechteste, dümmste, erniedrigendste von allen ist, und sich selbst +verurtheilt hat. Wer dadurch, daß er die freie Untersuchung auf irgend +einem socialen Gebiete verhöhnt oder verwehrt, Ursache davon ist -- +wie er es unzweifelhaft werden muß, -- daß die eine oder andere seinen +Mitmenschen nützliche Hypothese -- und wäre es nur eine einzige -- sich +nicht ans Tageslicht getraut oder der Wirklichkeit gegenüber nicht +geprüft wird, ist ein Verbrecher, für den man die härteste Strafe, +wenn es Recht und Gerechtigkeit in der Welt gäbe, nicht zu hart finden +würde. Leider besteht die Mehrzahl aller civilisirten Menschen aus +Verbrechern dieser Art, so daß die Aussicht, sie bestraft zu sehen, +freilich gering ist. + +Bonald war ein solcher Verbrecher. Seine äußeren Lebensverhältnisse +waren indeß nicht der Art, daß man in seiner Lebensbahn eine Spur +von der Rache der Eumeniden erblicken kann. Er wurde im Jahre 1754 +geboren und starb erst 1840, satt an Ehren, und müd seines Lebens. +Er war erst Militair, verheirathete sich früh, wurde dann zum +Verwaltungspräsidenten im Departement Aveyron erwählt; er reichte seine +Entlassung ein, als Ludwig XVI. sich genöthigt sah, die bürgerliche +Verfassung der Geistlichkeit zu bestätigen, und emigrirte dann 1791. +Als er in Heidelberg seine »Theorie der Macht« geschrieben hatte, wurde +fast die ganze Auflage durch die Polizei des Direktoriums vernichtet. +Ein vereinzeltes Exemplar, das er an Bonaparte gesandt hatte, +erreichte zum Glück für den Verfasser doch seine Bestimmung und wurde +Veranlassung, daß ihn Dieser von der Emigrantenliste strich. + +Er hatte nicht umsonst die Welt gelehrt, daß jede Revolution durch +den Unterthan begonnen, aber durch die Macht beendigt wird, daß sie +aus der Ursache entsteht, weil die Autorität schwach gewesen ist und +nachgegeben hat, und damit endet, daß die Autorität wieder zu Kräften +gelangt. Er hatte gezeigt, daß alle Unruhen nur die Macht stärken, +und geweissagt, daß die Revolution, welche mit der Erklärung der +Menschenrechte begann, mit der Erklärung der Rechte Gottes enden werde. +Da Bonaparte nun eben diese durch das Konkordat erklärte, so erlangte +Bonald bald eine angesehene Stelle. Er fuhr zwar fort, nur für die +Bourbonen zu schwärmen und von ihnen zu träumen, aber er traf vorläufig +die Wahl, diesen Träumen in einer Anstellung nachzuhängen, welche der +Kaiser ihm gab. Er wurde +conseiller tutélaire+ an der Universität +mit einem Jahrgehalte von 12000 Franks, wofür er nichts zu thun hatte. +Chateaubriand bespricht seine Bücher mit tiefer Bewunderung, De +Maistre schreibt ihm nach der Veröffentlichung seiner »+Recherches +philosophiques+«: Ist es zu glauben, daß die Natur sich damit +amüsirt hat, zwei Saiten auszuspannen, die so völlig übereinstimmen, +wie Ihr Geist und der meine! Wenn man jemals gewisse Sachen druckt, +werden Sie fast die gleichen Ausdrücke finden, die Sie selbst gebraucht +haben, und doch habe ich wahrlich nichts geändert.« Sie waren +geschaffen, einander zu verstehen. Welches Ansehen Bonald genoß, sieht +man z. B. aus dem rührenden Briefe, den Napoleon's Bruder, Ludwig von +Holland, ihm schrieb, um ihn zu bitten, daß er die Erziehung seines +ältesten Sohnes übernehme. Er schildert darin zuerst, wie krank er +beständig sei, wie innig er seinen Sohn liebe, wie sehr es Diesem noth +thue, von einem Manne in der vollen Bedeutung dieses Wortes gebildet +zu werden, damit er selbst ein Mann werde. Dann sagt er: »Nachdem ich +überall gesucht, habe ich, obschon ich Sie nicht persönlich kenne, +gedacht, daß Sie einer der Männer seien, die ich am höchsten achte. Sie +werden mir daher verzeihen, daß ich jetzt, wo ich Einen wählen soll, +dem ich mehr als mein Leben anzuvertrauen gedenke, mich an Sie wende. +Wenn das Glück, dessen Sie sich unzweifelhaft in einer friedliebenden +Häuslichkeit erfreuen, Sie nicht unempfindlich für das Gute gemacht +hat, das Sie, ich sage nicht für mich, ein Individuum, sondern für +ein ganzes Volk zu vollbringen vermögen, welches noch achtungswerther +als unglücklich ist, und Das will Viel sagen, -- so übernehmen Sie +die Aufgabe, der Erzieher meines Sohnes zu sein«. Und er schließt in +demselben Tone, indem er sich gegen die Verleumdungen seiner Person +vertheidigt, die nach seiner Meinung Bonald zu Ohren gekommen sein +könnten. Mit solcher Demuth näherte ein König sich diesem Manne -- und +vergebens, er lehnte die Aufforderung ab. + +Ein anderer, noch auffallenderer Zug beweist, welchen Einfluß und +welches Gewicht man damals so despotisch gesinnten Autoritätsmännern, +wie ihm, beimaß. Eines Tages empfing Bonald ein Billet mit dem +Ersuchen, sich bei dem Kardinal Maury einzufinden. Dieser war jetzt +unter dem Kaiserthume ein anders mächtiger Mann geworden, als da er in +der Nationalversammlung Reden wider die Bürgerrechte der Juden hielt. +Als Bonald allein mit dem Kardinal war, richtete Dieser die Frage +an ihn, was er sagen würde, wenn der Kaiser ihn ersuchen ließe, die +Erziehung des Königs von Rom zu übernehmen? Einen Augenblick stand +Bonald verwirrt über so viel Ehre; dann gab er, wie man berichtet, +die ablehnende Antwort: »Ich bekenne, wenn ich ihn jemals lehrte, zu +herrschen, so sollte es eher an jedem anderen Orte als in Rom sein.« +Unter der Restauration wurde er dann einer der Haupturheber davon, daß +Rom und dessen Geist: das Autoritätsprincip, zur Herrschaft gelangten, +statt beherrscht zu werden. Er hatte sein ganzes Leben hindurch die +Preßfreiheit bekämpft. Er endete damit, daß die ganze Censur ihm +unterstellt war. + + + + +5. + + +Es gab in Frankreich unter dem Kaiserthum keine Poesie. Napoleon war +der einzige Dichter der Zeit. Die Reihe seiner Kriege und Siege war +~eine~ große Iliade, der Feldzug nach Rußland eine gigantische +Tragödie, mit der keine, die man am Pult ausgearbeitet, sich messen +konnte. Schon unter der Revolution war aus verwandten Ursachen die +Poesie verschwunden. Einzelne Dichter schrieben zwar noch Tragödien +im alten Stil, nur daß sie Voltaire's philosophische Tragödie in +eine politische verwandelt hatten und die Republiken von Rom und +Griechenland für die neue französische Republik zurecht stutzten, +welche die Vorbilder ihrer Helden in Rom's und Athen's sogenannten +Sanskulotten fand; aber das Interesse, welches sich an diese +Schauspiele knüpfte, war gering im Vergleich zu demjenigen, welches die +großen Dramen der Nationalversammlung und des Konvents darboten. Wie in +der alten Zeit die Gladiatorenkämpfe das Interesse für die Schauspiele +vernichteten, in denen Keiner wirklich getödtet ward, so machten die +Schlußscenen der Debatten des Konvents, in welchen die Besiegten +zum Schafotte abgeführt wurden, dem fünften Akt der Tragödien eine +furchtbare Konkurrenz. Der Dolch Melpomenens konnte auf die Dauer an +Interesse nicht mit der Guillotine wetteifern. Wer vermochte poetisch +eine Gemüthserregung hervorzurufen, welche derjenigen entsprach, die +die Zuschauer bei der Anklage, Verurtheilung und dem Tode des Königs +und der Königin empfanden! Wer konnte auf der Bühne eine Intrigue +anspinnen, die so gut geschürzt war, wie diejenige Robespierre's und +Danton's gegen Vergniaud und die Gironde, oder wie diejenige der +Kontrerevolution gegen Robespierre! Man hat Zeugnisse dafür, daß +die Zeitgenossen diese Empfindung besaßen. Der bekannte Uebersetzer +Shakspeare's, Ducis, schreibt an einen Freund, der ihn aufforderte, +für das Theater zu arbeiten: »Was sprichst Du mir von Tragödien! Die +Tragödie ist rings umher auf der Gasse. Sobald ich den Fuß vor die Thür +setze, schreite ich in Blut bis zu den Knöcheln.« Daß in diesen Worten +keine Uebertreibung lag, beweist ein Brief, den Chaumette 1793 an den +Magistrat von Paris sendet, worin besonders darüber geklagt wird, daß +Kurzsichtige beständig der Fatalität ausgesetzt seien, in Menschenblut +zu treten. + +Unter Napoleon kam noch der Umstand hinzu, daß man einen Herrn hatte. +Versuchte ein einzelner Schriftsteller, wie Raynouard, sich ein +wenig von der gewöhnlichen Bahn zu entfernen, so wurde er in seinen +Bestrebungen gehemmt. Sein Stück »Die Stände von Blois«, das in +Saint-Cloud gespielt worden war, wurde auf ausdrücklichen Befehl des +Kaisers selbst in Paris verboten. Die Kanonen allein hatten das Wort. +Die Kanone, welche, vor dem Invaliden-Hotel aufgepflanzt, beständig +Siege auf Siege verkündete, übertäubte alle anderen Stimmen. Und +alle jugendlich begeisterten Herzen, alle Feuerseelen, die sich zu +anderen Zeiten in der Poesie Luft gemacht hatten, alle Die, welche am +wärmsten für die Freiheit und die Ideen der Revolution entflammt waren, +eilten jetzt zu den Fahnen und suchten, indem sie sich in Kriegsruhm +berauschten, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Poesie zu vergessen. Wie +ein seelenvolles Lied in einem Zimmer abgebrochen wird und endet, wenn +ein ununterbrochenes Gerassel schwerer Wagen die Straße erschüttert, +so wurde das geistige Leben ausgelöscht. Ein paar Anekdoten aus der +Zeit des Kaiserthums schildern den Lärm und den Druck. Man frug den +Metaphysiker Sièyes: »Was denken Sie in dieser Zeit?« Er erwiderte: +»Ich denke gar nicht«. Man frug den General Lafayette: »Was haben Sie +während des Kaiserreichs für Ihre Ueberzeugung gethan?« Er antwortete: +»Ich erhielt mich aufrecht«. + +Nur einzelne Kunstarten ließen sich von der Epoche inspiriren: die +Malerei und die Schauspielkunst. Gérard malte die Schlacht bei +Austerlitz, Gros die Pestkranken in Jaffa, die Schlachten bei Abukir +und bei den Pyramiden. Talma, der nach seiner eigenen Erzählung eines +Abends, als er mit den Führern der Girondistenpartei zusammen war, +zum ersten Male verstanden und gelernt hatte, die Republikaner Rom's +zu spielen, nicht wie Knaben in der lateinischen Schule sie sich +vorstellen, sondern als Männer, -- Talma lernte von Napoleon, Cäsaren +und Könige spielen. Nach der bekannten Tradition ließ Bonaparte sich +von Talma darin unterrichten, kaiserliche Stellungen anzunehmen. Das +Umgekehrte ist die Wahrheit. Talma lernte von Napoleon das Imponirende +seines Auftretens, den kurzen befehlenden Ton, die gebieterischen +Handbewegungen, welche er später auf die Bühne brachte. Während seiner +letzten Krankheit lag er noch vom Fieber gequält und halb wahnsinnig da +und erforschte im Spiegel die Spuren von Wahnsinn und Grausen in seinem +Antlitz. »Da hab' ich sie!« rief er und schlug sich vor die Stirn; +falls ich wieder die Bühne betrete, werde ich es genau so machen, wenn +ich Karl +VI.+ als toll darstelle«. So leidenschaftlich liebte +er seine Kunst. Er erhob sich jedoch nicht wieder, und mit ihm starb +die einzige unter den Künsten des Wortes, die während des Kaiserreichs +geblüht hatte. + +Nur eine Abart der Literatur gewinnt einen Einfluß, wie sie ihn niemals +zuvor gehabt hatte, die jüngste von all' ihren Arten, welche, bis +jetzt unbedeutend, bald eine Macht wird, nämlich die Journalistik. +Das bekannte Tagesblatt »+Journal des Débats+« wird gegründet, +um den Kampf gegen Voltaire einzuleiten und den herrschenden Ideen +der Zeit ein Organ zu schaffen. Man bediente sich aller Mittel. Ganz +wie heutigen Tags die klerikale Presse in Frankreich Voltaire als +»den elenden Preußen« bezeichnet, so suchte man damals in Voltaire's +Briefen die Stellen auf, welche ihn zum Vaterlandsverräther stempeln +konnten. Man fand in seinen Briefen an den König von Preußen das +platte Kompliment: »Jedesmal, wenn ich an Ew. Majestät schreibe, +zittere ich wie unsere Regimenter bei Roßbach«, und man hoffte mit +Hilfe solcher Citate den Sieger von Jena gegen die Philosophen dieser +Schule aufzuhetzen. Man machte auch besonders geltend, daß nach dem +Zeugnis von Zeitgenossen die Hauptursache der Muthlosigkeit des +französischen Heeres im Kampfe gegen Friedrich die gewesen sei, daß +die Officiere eine Art phantastischer Bewunderung für den König von +Preußen hegten, welche so weit ging, daß sie sich nicht einmal die +Möglichkeit denken konnten, einen Feldherrn zu schlagen, der all' die +Ideen repräsentirte, welche sie selbst beseelten. Anstatt nun hieraus +einen Schluß zu Gunsten jener Ideen zu ziehen, zog man im Gegentheil +einen ungünstigen Schluß Betreffs der Personen, welche, wie Voltaire, +dieselben in Frankreich ausgebreitet hatten, und stempelte sie zu +Vaterlandsverräthern. Um einen Begriff von dem Tone des Blattes zu +geben, citire ich folgende Worte des Hauptredakteurs. »Wenn ich sage +die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, so meine ich Alles, was +falsch ist in Gesetzgebung, Moral und Politik«. -- Noch ein zweites +Organ war in Händen der neukatholischen Schule, der »+Mercure+«, +dessen Hauptredakteure Chateaubriand und Bonald waren. Gegen diese +mächtigen Organe versuchten die Schriftsteller, welche die Trümmer der +Armee des achtzehnten Jahrhunderts bildeten, einen Kampf, aber die Zeit +brachte ihnen keinen günstigen Fahrwind. + +Wie früher der ganze Eifer der kämpfenden Mächte darauf gerichtet +gewesen war, das Publikum oder das Volk für sich und ihre Ideen zu +gewinnen, so gingen jetzt unter der Despotie alle Anstrengungen +dahin, die Poesie des Gewalthabers zu gewinnen. Das »+Journal des +Débats+« suchte den Kaiser gegen die Philosophie einzunehmen. +Die Philosophen suchten ihn gegen das »+Journal des Débats+« +aufzubringen. Die Klerikalen wiesen auf die Philosophen und sagten: +»Nimm Dich in Acht vor den Männern, welche so schreiben! Sie sind +Niederreißer von Fach, sie hassen Dich, wenn auch nur weil Du +ein Baumeister bist, und wollen das Gebäude niederreißen, das Du +aufführst«. Die Philosophen zischeln ihm von der anderen Seite ins Ohr: +»Weißt Du, was die Menschen dort in dem anderen Lager wollen? Sie +wollen Dich bethören, ein Haus zu errichten, dessen Schlüssel sie sich +dann für einen Andern ausbitten werden. Wenn Du ihrem Rathe folgst, so +arbeitest Du dafür, Dich selbst überflüssig zu machen. Hörst Du nicht, +wie sie beständig nach Ordnung schreien? Bald wirst Du die einzige +Unordnung sein, die es noch in Frankreich giebt. Man wird Dich dann +zwingen, auszuziehen, wie der Baumeister sich entfernt, wenn der Herr +des Hauses sein Eigenthum in Besitz nimmt«. + +Es waren unzweifelhaft, wie ja auch die Zukunft bewies, die +Philosophen, welche hier Recht hatten. Die Anhänger der neukatholischen +Schule waren und blieben innerlich an die alte Dynastie geknüpft. Ihre +Methode war die, Delille, weil er in Ungnade war, und Chateaubriand, +welcher besonders seit der Erschießung des Herzogs von Enghien +eine feindliche Haltung gegen Napoleon annahm, zu rühmen, kurz die +politische Frage in die literarische Debatte zu mischen. Man pries +Racine, aber auf solche Weise, daß leicht zu sehen war, Ludwig ++XIV.+ sei gemeint; man schmähte Voltaire, aber so, daß man die +revolutionäre Partei hinter seinem Rücken traf; man hob die Lichtseiten +der früheren Regierung hervor, unter dem Vorwande, die Geschichte der +Vergangenheit zu schreiben, und bewies, so gut man vermochte, daß sie +auf den Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit geruht habe, unter +dem Vorwande, einen Kursus in der Philosophie zu geben. + +Napoleon, der aufs sorgsamste der Zeitungsliteratur folgte, verlor +zuletzt die Geduld. Ein Billet ist uns aufbewahrt geblieben, das einem +Beamten Napoleon's zugestellt ward, um den Privatkorrespondenten +des Kaisers, dem Herausgeber des »+Mercure+« Fiévée, übergeben +zu werden, worin jedes Wort charakteristisch ist. Vor Allem ist +hier jedoch der Uebergang von der unpersönlichen zur persönlichen +Ausdrucksweise interessant. Wer der Verfasser des Billets sei, wird +gar nicht in demselben gesagt; Anfangs spricht das unbestimmte anonyme +Wesen, welches man die Regierung nennt; plötzlich fühlt man, wer die +Feder lenkt, der Löwe weist seine Krallen. Das Billet lautet: »Mr. de +Lavalette soll sich zu Mr. Fiévée begeben und ihm sagen, ~man~ +lese das »+Journal des Débats+« mit mehr Aufmerksamkeit, als +die anderen Blätter, weil es zehnmal so viel Abonnenten habe, und +~man~ bemerke darin Artikel, die in einem den Bourbonen günstigen +Geiste, also mit großer Gleichgültigkeit für das Wohl des Staates +geschrieben seien; ~man~ habe beschlossen, Alles zu unterdrücken, +was in diesem Blatte von allzu schlechter Gesinnung sei; das System +sei, mit großer Langmuth zu warten; es sei jedoch jetzt nicht genug, +nicht direkt feindlich zu sein; ~man~ habe das Recht, zu +verlangen, daß sie der herrschenden Dynastie ganz ergeben seien, und +daß sie Alles, was den Bourbonen Glanz verleihe oder ihnen günstige +Erinnerungen heraufbeschwören könne, nicht dulden, sondern bekämpfen; +~man~ habe indessen noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt; aber +~man~ sei geneigt, das »+Journal des Débats+« forterscheinen +zu lassen, wenn man mir Männer vorschlägt, zu denen ~ich~ Zutrauen +haben und welche ~ich~ an die Spitze dieses Blattes stellen kann«. +Man sieht, wie die Verhältnisse sich entwickelten. Im Verlauf der +Regierung des Kaisers wurde der Neukatholicismus mehr und mehr aus der +Gunst und Gewogenheit verdrängt, deren er sich von Anfang an erfreuen +durfte, und erst unter den Bourbonen triumphirte er wieder gänzlich. +Gleich nach Napoleon's Thronbesteigung schreiben Chateaubriand, +Bonald und De Maistre frei, das »+Journal des Débats+« wird +aufgefordert, seinen Kreuzzug wider die Philosophie des achtzehnten +Jahrhunderts zu unternehmen, der Papst besucht Napoleon in Paris, +die Geistlichkeit wird geehrt, Frayssinous predigt ungehindert. +Gegen das Ende des Kaiserreichs müssen die Führer der katholischen +Partei verstummen, das »+Journal des Débats+« ist konfiscirt, +der Papst ein Gefangener, die Klerisei dem Kaiser verhaßt, und die +Kanzel Frayssinous verschlossen. Erst 1814 wird gleichzeitig mit der +politischen Restauration eine Erneuerung der religiösen unternommen, +welche vollständig befestigt, was durch das Konkordat begonnen war. + +Ist es nun auch nicht zu Viel gesagt, daß es unter Napoleon keine +eigentliche Poesie gab, so ist doch nicht minder gewiß, daß unter +seiner Herrschaft ein nicht bedeutungsloser Versuch gemacht wurde, dem +Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts zu geben, was Voltaire dem +vorhergehenden in seiner Henriade zu geben versucht hatte: nicht mehr +noch minder als eine große nationale Epopöe. + +Die Aufgabe war bedenklich, Das läßt sich nicht leugnen. Zu einer +Zeit, wo Frankreich Europa mit Helden wie Ney und Murat und all' +den Marschällen des neuen Kaiserreichs erfüllte, wo Napoleon alle +offenen Wunden Frankreichs mit eroberten feindlichen Fahnen verband, +wo die Thaten der Gegenwart alle Thaten der Vergangenheit in Schatten +stellten, -- wo sollte man da einen geeigneten Helden für ein Epos und +wo sollte man Thaten finden, welche die Lesewelt fesseln konnten? + +Der Mann, welcher sich an ein solches Beginnen wagte, war kein Anderer, +als Der, welcher von Anfang an auf eine Aufsehen erregende Art die +literarische Bewegun] der Periode eingeleitet hatte, Derjenige, welcher +von Allen am meisten »+en vue+« war, nämlich Chateaubriand. +Er empfand nicht allein Lust, sondern eine Art Verpflichtung, eine +Epopöe zu schreiben. Er hatte ja in seinen ersten Werken behauptet, +daß die Legenden der christlichen Religion die heidnischen Mythen an +Schönheit weit überträfen, daß dieselben dem Dichter mehr böten, daß +alle Charaktere: Vater, Gatte, Liebhaber und Braut, als christliche +Menschen schöner und poetischer, denn als natürliche, seien. Es galt +für ihn, das Beispiel der Regel, den Beweis dem Lehrsatze hinzuzufügen, +und um die Wahrheit seiner Behauptung und die Stärke seines Talentes +darzuthun, beschloß er, ein christliches Epos zu verfassen. Er suchte +daher seine Helden nicht auf einem der großen Schlachtfelder Europa's; +Namen wie Marengo und Austerlitz machten keinen Eindruck auf ihn. In +Uebereinstimmung mit der ganzen Geistesrichtung, die er eingeschlagen +hatte, wählte er sich nicht aktive, sondern passive Helden, +überhaupt nicht Helden, sondern Märtyrer, zum Gegenstande seines +Darstellungstalents und betitelte solchermaßen sein Epos, das für uns +übrigens mehr einem gewöhnlichen zweibändigen Romane gleicht, da es in +Prosa geschrieben ist: »Die Märtyrer, oder der Triumph der Religion«. +Um diese Wahl des Stoffes recht zu verstehen, muß man bedenken, +daß der Ideenkreis, in welchem die Männer dieser Schule lebten, in +Wirklichkeit nicht derjenige des Kaiserthums, sondern der nach +rückwärts gerichteten Emigranten war. Man hatte sich noch nicht von +seinem Grausen über die Thaten der Revolution erholt. Man sah in den +Führern der Revolution lauter Blutmenschen, in der niedergeschlagenen +Partei lauter Opfer. Der eigentliche Held war für diese Männer nicht +Napoleon, der unternehmungslustige Krieger, sondern Ludwig +XVI.+, +der unschuldige Märtyrer. Was waren sie anders, als Märtyrer, alle +die christlichen Priester, die um ihres Glaubens willen in den +Septembertagen niedergemetzelt worden waren, alle die der Königsmacht +von Gottes Gnaden treu ergebenen Männer und Frauen, welche den Tod in +der Vendée erlitten hatten! So schuldlose Opfer, wie die Prinzessin +Lamballe oder die jungen Mädchen in Verdun während der Revolution und +wie der Herzog von Enghien in der jüngsten Zeit, waren Heldinnen, und +Helden, die einer Verherrlichung werth erschienen, tausendmal mehr als +Die, welche sich auf allen Schlachtfeldern Europas mit Blut befleckten. + +Schon im Jahre 1802 hatte Chateaubriand die Idee zu seinem Epos +gefaßt, 1806 waren die ersten Gesänge fertig. Aber die Handlung sollte +sich über die ganze in der alten Zeit bekannte Welt erstrecken. +Chateaubriand war keine bequeme Natur, er fühlte sich nicht geneigt, +das Werk so rasch wie möglich zu vollenden, um so leicht wie +möglich auf seinen Lorbeern zu ruhen. Er unterbrach daher seine +Arbeit und reiste im Juli 1806 ab, um Griechenland, den Orient, +Jerusalem, Aegypten, Karthago zu besuchen und über Spanien nach Paris +heimzukehren. Der nächste Zweck dieser Reise war, wie er in der Vorrede +zu seinem später veröffentlichten »+Itinéraire+« offen bekennt, +das begonnene Gedicht zu vervollkommnen. Er sagt: »Ich habe diese Reise +nicht unternommen, um sie zu beschreiben. Ich hatte einen bestimmten +Zweck bei derselben; diesen Zweck habe ich in den Märtyrern erfüllt, +ich suchte Bilder, das war Alles«. + +Das war jedoch nicht Alles, weder Alles, was Chateaubriand mit seiner +Reise bezweckte, noch Alles, was man nach seinem Wunsche in derselben +erblicken sollte. Chateaubriand ist +Childe Harold+ vor dem +wirklichen; Chateaubriand ist der Byron der Restauration. Gerade wie +sein René ein Vorläufer der Byron'schen Helden ist, so ist er selbst +auf seinen Pilgerfahrten ein Vorgänger jenes halb erdichteten, halb +wirklichen Harold, den die Lust nach Abenteuern und die Sehnsucht +nach Eindrücken von Land zu Lande jagt. Aber als ein Byron der +Restaurationszeit kann er nicht, wie der englische Lord, der noch +Vikingerblut in seinen Adern empfand, sich damit begnügen, ein so +vereinzeltes Motiv seiner Fahrten ehrlich zu bekennen. Es wäre wenig im +Geiste der Restaurationszeit gewesen, es hätte wenig zu Chateaubriand's +Rolle in jener Zeit gestimmt, nach Jerusalem zu ziehen, um Landschaften +zu studiren, seine Palette mit Farben und sein Skizzenbuch mit +Entwürfen zu füllen. Wenn Childe Harold von seiner Pilgerfahrt spricht, +nimmt er das Wort in figürlicher Bedeutung, Chateaubriand gebraucht +es ganz buchstäblich. Er theilt Allen mit, daß er nach dem heiligen +Lande reise, um sich durch den Anblick der heiligen Stätten zu erbauen. +Er bringt Wasser aus dem Jordanflusse mit heim, und als später der +Graf von Chambord geboren wird, hat er es bei der Hand, um das +königliche Kind damit taufen zu lassen. Er sagt selbst: »Es mag seltsam +erscheinen, heutigen Tages von heiligen Gelübden und Pilgerfahrten zu +reden; aber in diesem Punkte bin ich, wie bekannt, ohne Scham und habe +mich schon längst selber in die Reihe der Abergläubischen und Schwachen +gestellt. Ich werde vielleicht der letzte Franzose sein, der mit den +Ideen, Zwecken und Gefühlen eines mittelalterlichen Pilgrims aus seiner +Heimat zum heiligen Lande gezogen ist. Aber besitze ich auch nicht die +Tugenden, welche vordem bei den Herren von Coucy, Nesles, Chastillon +und Montfort glänzten, so habe ich doch wenigstens noch den Glauben, +und an diesem Zeichen würden sogar die alten Kreuzfahrer mich als einen +ihres Gleichen erkennen.« + +Ist es nun schon ein starkes Stück von einem rein modernen Geiste, wie +Chateaubriand, sich Pilgrimsgefühle und Pilgrimszwecke beizulegen, da +die alten Pilgrime, so viel bekannt, nicht nach Bildern und Eindrücken +für literarische Produktionen umherreisten, was soll man gar sagen, +wenn man in Chateaubriand's hinterlassenen Memoiren ein Geständnis +über den ferneren Zweck dieses Aufsuchens von Bildern findet, welche +das grellste Licht auf jene zuletzt angeführten Worte wirft? Durch +seine Anstrengungen, Ruhm zu erreichen, durch seine Studien und Reisen +hoffte er die Gunst einer Dame zu gewinnen, in die er verliebt war. +An und für sich ist ja Nichts natürlicher. Er war noch jung. Er besaß +einen glühenden Ehrgeiz und liebte mit Leidenschaft. Was Wunder, +daß er sich selbst zurief: »Ruhm, größeren Ruhm, mit vollerem Recht +erworbenen Ruhm, um sie besser zu verdienen, um ihr meinen ernsten +Vorsatz zu beweisen, mich ihrer Gunst würdig zu machen!« Sie scheint +außerdem ehrgeizig für ihn gewesen zu sein, ihm ihren Besitz in weiter +Ferne als Lohn neuer Anstrengungen in Aussicht gestellt zu haben. +Mag sogar etwas Mittelalterliches, an die Ritterzeit Erinnerndes in +diesem Verhältnisse gewesen sein! aber was für eine Prälatenseele muß +man besitzen, um hier von Kreuzzug und Pilgerfahrt reden zu wollen! +Chateaubriand sagt in seinen +Mémoires d'outre-tombe+: »Aber +habe ich auch in der Reisebeschreibung Alles von dieser Reise gesagt, +welche in der Hafenstadt Desdemona's und Othello's begann? Wallfahrtete +ich mit reuigem Gemüth zu Christi Grabe? ~Ein einziger Gedanke~ +verzehrte mich; ich zählte mit Ungeduld die Augenblicke. Vom Verdeck +meines Schiffes, die Augen auf den Abendstern geheftet, bat ich ihn um +günstigen Wind, der mich rasch von dannen führe, um Ruhm, damit ich +geliebt würde. Ich hoffte mir Ruhm in Sparta, in Zion, in Memphis, in +Karthago zu erwerben und ihn nach der Alhambra mitzubringen. Würde man +die Erinnerung an mich mit so ausdauernder Treue bewahrt haben, wie ich +meine Proben ablegte?... Wenn ich heimlich einen Augenblick des Glücks +genieße, so ist dasselbe verwirrt durch die Erinnerung an jene Tage der +Verführung, der Bezauberung und des holden Wahnsinns.« + +So spricht Tannhäuser, als er dem Venusberge entronnen ist, aber +Peter der Einsiedler führte nicht diese Sprache, als er vom heiligen +Grabe zurückkehrte. Die Dame, welche Chateaubriand ein Rendezvous in +der Alhambra bestimmt hatte, war die junge Madame De Mouchy, welche +von Zeitgenossen als ein Wunder von Schönheit, Anmuth und Feinheit +geschildert wird. Sie starb im Wahnsinn. -- Chateaubriand war seit +1792 vermählt. Seine Ehe war vielleicht eine Unbesonnenheit, aber +hätte er als ein so eifriger Fürsprecher der christlichen Moral sie +nicht respektiren müssen, auf welche Art sie auch geschlossen sein +mochte? Er schildert ihr Zustandekommen folgendermaßen in seinen +Memoiren: »Die Sache ward ohne mein Wissen betrieben ... Ich fühlte +mich in keiner Beziehung zum Ehemanne geeignet. Alle meine Illusionen +lebten noch, Nichts in mir war erschöpft; die Energie meines Lebens +war sogar verdoppelt durch meine Reisen. Ich wurde beständig von der +Muse geplagt. Meine Schwester hielt viel von Mademoiselle De Lavigne +und sah in dieser Ehe für mich eine unabhängige Stellung. Bringe sie +denn zu Stande, sagte ich. Bei mir ist die öffentliche Persönlichkeit +unerschütterlich, aber die Privatperson ist die Beute eines Jeden, +der sich ihrer bemächtigen will, und um den Verdrießlichkeiten einer +Stunde zu entgehen, könnte ich mich für ein Jahrhundert zum Sklaven +machen.« Glücklicherweise fühlte er sich nicht allzu sehr gebunden. Als +heimgekehrter Pilgrim schrieb er nun seine Epopöe. + +Eine Epopöe im neunzehnten Jahrhundert! Es giebt in unseren Tagen +Niemand mehr, der an die Möglichkeit einer solchen glaubt. Eine klarere +Einsicht in die historischen Bedingungen des Entstehens der großen +Vorzeits-Epopöen, als irgend eine frühere Zeit sie besaß, hat uns +von der Nutzlosigkeit überzeugt, heutigen Tages mit Werken von der +Frische und Naivetät der Ilias und der Odyssee wetteifern zu wollen. +Eben so wenig, wie ein wirklicher Dichter in jetziger Zeit darauf +verfallen könnte, die Veda-Hymnen, die Psalmen David's oder Völuspà +nachahmen zu wollen, eben so wenig versucht Jemand in heutiger Zeit +mit den unvergänglichen Werken zu rivalisiren, in welchen am Morgen +der Zeiten ein Volk kindlich seine ganze Götter- und Sagenwelt dem +Zuhörer vorübergleiten ließ, wie die Griechen es in ihren nationalen +Heldengedichten, die Deutschen im Nibelungenliede und die Finnen im +Kalewala gethan haben. Die Epopöen, welche, wie diejenigen Virgil's und +Tasso's, Camoens', Klopstock's und Voltaire's, jene alten Volksgedichte +mit Bewußtsein und Studium nachahmen, und welche das Mirakulöse in +ihnen in eine todte epische Maschinerie verwandelten, haben niemals +den Rang ihrer Vorbilder erreichen können, und besitzen nur Werth in +dem Grade, in welchem sie ihnen der Zeit und dem Geiste nach innerlich +nahe stehen. Je weniger Naivetät sie besitzen, desto kälter stehen +wir ihnen gegenüber. Die nicht mißlungenen epischen Gedichte welche +in neuerer Zeit geschrieben sind -- ich nenne als Beispiel Goethe's +Hermann und Dorothea oder aus jüngsten Tagen Hamerling's König von Zion +-- haben den epischen Apparat ganz aufgegeben. Aber Das war keineswegs +Chateaubriand's Absicht. Im Gegentheil! Es galt ja eben denselben zu +verdoppeln, den christlichen Apparat in seiner Ueberlegenheit über den +antiken strahlen zu lassen. + +Da er kein Versdichter ist, beschließt er sein Werk in Prosa zu +schreiben; aber ein wie großer Meister er auch in dieser Kunstart ist, +so ahnt man doch schon, wie er nach einem Stile umhertasten wird. + +Alle möglichen Einwirkungen durchkreuzen sich bei ihm: Homer und die +Offenbarung Johannis, Dante und Milton, die Kirchenväter und Sueton. +Die Handlung ereignet sich zur Zeit Diokletian's, die Hälfte der +auftretenden Personen sind Heiden, die Hälfte Christen. Der Held +Eudorus gewinnt das Herz eines jungen heidnischen Mädchens, bekehrt sie +und stirbt mit ihr als Märtyrer im Kollosseum zu Rom. Ihr Vater ist +Grieche und begeisterter Apostel Homer's. Die Episoden spielen in dem +alten Gallien. + +Ich will ein paar Beispiele davon geben, zu welcher Manierirtheit +und welchen Uebertreibungen die Nachahmung des homerischen Stils den +Verfasser verlockt hat. Zuerst stellt er seine Griechen als allzu +gläubig dar, sie drücken sich mit eben so viel kindlichem Glauben +an die Götter aus, wie die homerischen Helden, von denen sie durch +mindestens elfhundert Jahre geschieden sind. Wer weiß nicht, daß die +Griechen jener Zeit ihren Göttern gegenüber vollkommene Skeptiker und +mehr als halbwegs Rationalisten waren, selbst wenn sie an dieselben +glaubten. Das junge griechische Mädchen findet den Helden Eudorus unter +einem Baume ruhen. Er ist jung und schön. Er erhebt sich rasch, als +er sie bemerkt. »Wie?« sagte sie verwirrt zu ihm, »bist Du nicht der +Jäger Endymion?« -- »Und Du,« versetzte der junge Mann, nicht weniger +verwundert, »bist Du nicht ein Engel?« Das sind keine Komplimente, +sondern die Fragen sind völlig ernst gemeint. So leicht haben jedoch +kaum jemals junge Liebende einander buchstäblich für Sagengestalten +angesehen. -- Der Vater Cymodoce's spricht in demselben Stile zu dem +jungen Manne: »Mein Gast, vergieb mir meinen Freimuth, ich habe immer +der Wahrheit gehorcht, der Tochter Saturn's und der Mutter der Tugend.« +Schon zur Zeit Platon's vermochte ein Grieche sehr wohl der Wahrheit zu +erwähnen, ohne von ihren Eltern oder den Großeltern der Tugend zu reden. + +Noch ein paar Wendungen, die sich wie Uebersetzungen aus dem Homer +ausnehmen: Als das junge Mädchen verwundert ist, Eudorus, den sie nicht +kennt, zu erblicken, und als sie wissen will, wer er ist, frägt sie: +»In welchen Hafen ist Dein Schiff eingelaufen? Kommst Du von Tyrus, +das wegen des Reichthums seiner Kaufleute so berühmt ist? Oder von dem +lieblichen Korinth, nachdem Du reiche Gaben von Deinen Gastfreunden +empfangen hast?« &c. + +Alles Dies möchte im Dialog allenfalls noch passiren, aber was +soll man sagen, wenn der Erzähler selbst, bald die fünfzehnhundert +Jahre vergessend, welche ihn von seinen Personen scheiden, dieselbe +Redeweise wie sie anstimmt, bald wieder Wendungen gebraucht, welche den +Ritterromanzen des Mittelalters entnommen sind? In rein homerischem +Stil sagt er z. B.: »Nichts würde die Freude des Demodocus gestört +haben, wenn er einen Gatten für seine Tochter hätte finden können, +der sie mit aller schuldigen Rücksicht behandelt hätte, ~nachdem er +sie in ein von Reichthümern erfülltes Haus geführt~.« Und im Ton +der mittelalterlichen Romanzen heißt es von Velleda, der gallischen +Druidin: »+fille de roi à moins de beauté, de noblesse et de +grandeur+«. + +Und spricht nun der Dichter zuweilen in einem Stile, als wäre er +selbst der letzte Homeride, so sprechen dagegen seine Personen +oftmals, als ahnten sie die ganze moderne Bildung voraus. So sagt der +christliche Bischof Cyrillus von den heidnischen Mythen: »Eine Zeit +wird vielleicht kommen, wo diese Unwahrheiten der kindlichen Vorzeit +nur noch sinnreiche Fabeln, Gegenstände für die Gesänge der Dichter +sein werden. Aber in unsern Tagen verwirren sie die Geister.« Welch ein +aufgeklärter Mann! + +Das ganze Gedicht durchzugehen, liegt nicht in meinem Plane. Es +liegt sogar außerhalb meines Planes, das bedeutende Talent, welches +der Verfasser hier entfaltet, in sein volles Licht zu stellen. +Ich kann höchstens den Leser auf die Schönheit einzelner Scenen +aufmerksam machen, z. B. auf diejenige, wo die griechische Familie der +christlichen, welche gerade auf dem Felde Garben bindet, einen Besuch +macht, oder auf Episoden wie Velleda's Tod. Ueber der ersten Stelle +schwebt ein eigenthümlicher religiös-idyllischer Reiz; sie erinnert +an das Buch Ruth und hat einen rein evangelischen Duft. Velleda +hat Chateaubriand als Dichter mit dem ganzen Feuer, mit dem ganzen +göttlichen Wahnsinn seines Genies gezeichnet. Ich kann nur einige +Tropfen von dem Safte des Werkes geben; man möge von ihnen auf die +ganze Frucht schließen. + +Ich wende mich direkt zu Chateaubriand's These, der Verwendbarkeit +der christlichen Wunderwelt für die Poesie. Man bedürfte keines +besseren Beweises, als seines Gedichtes, dafür, daß die ganze +christliche Poesie in unseren Tagen ~ein~ großer Anachronismus +ist. Ich betrachte zuerst seine Hölle, weil diese im Allgemeinen den +Dichtern besser gelungen ist, als die Schilderung des Zustandes der +Seligen. Jeder kennt Dante's Hölle, Jeder weiß, wie bei ihm eine +ganze Heerschaar verwegener Häupter aus den Gewässern und Flammen +des Grausens emportaucht, so kräftig gezeichnet, daß sie das ganze +Gedicht beherrschen. Diejenigen unter seinen Verdammten, welche man +in der Erinnerung behält, sind die fast übermenschlich trotzigen und +stolzen italiänischen Adligen aus seiner eigenen Zeit, Farinata z. B. +Was Milton betrifft, so ist, wie bekannt, keine Gestalt ihm besser +gelungen, als sein Satan, und nicht ohne Grund hat man das Vorbild +desselben in den energischen puritanischen Rebellen seines Zeitalters +gefunden, die selbst besiegt nicht aufhörten, der Königsmacht +Trotz zu bieten. Jede Zeit dichtet ihren Lucifer nach ihrem Bilde. +Chateaubriand's Empörer ist daher auch nicht der Teufel der Tradition; +nein, es ist ein Teufel, der die französische Revolution gemacht hat. +Sobald er und sein Hofstaat den Mund öffnen, fahren alle Stichwörter +von den Zeiten der Republik aus demselben heraus. Hält Satan eine Rede +an seine Heerschaaren, so erstaunt der Leser, Töne von 1790 darin +wiederklingen zu hören. Nach ein paar einleitenden biblischen Phrasen +verfällt er in den Stil der Freiheitshymnen der Revolution, welche +Chateaubriand zur Freude des mißrathenen Geschlechts der Nachkommen zu +verhöhnen sich nicht entblödet hat. + +Satan sagt: »Ihr Götter der Nationen, ihr Throne, ihr Eifrigen, ihr +unüberwindlichen Kriegerschaaren, ihr hochherzigen Söhne dieses starken +Vaterlandes, der Tag des Ruhms ist erschienen!« (+Magnanimes enfants +de cette forte patrie, le jour de gloire est arrivé!+) So tief also +war die französische Literatur gesunken, daß die Marseillaise von dem +größten Dichter des Landes dem Teufel in den Mund gelegt wurde. + +Und was ist er denn, dieser Teufel? Einen Funken von Leben erhält +er nur dadurch, daß er Rouget de Lisle parodirt. Sonst ist er die +fleisch- und blutloseste Allegorie, die man sich denken kann. Man sehe +ihn in sein Reich hinabfahren: »Schneller als der Gedanke durchfährt +er den ganzen Raum, welcher dereinst verschwinden wird (Welches +Gedankenexperiment!); jenseits der brüllenden Trümmer des Chaos +erreicht er die Grenzen jener Regionen, die unvergänglich wie die Rache +sind, welche sie schuf, verdammte Regionen, das Grab und die Wiege +des Todes, wo die Zeit nicht die Ordnung ausmacht, und welche noch +existiren werden, wenn das Universum wie ein Zelt fortgeräumt worden +ist, daß für einen Tag errichtet ward ... er folgt keinem Weg durch +das Dunkel, sondern von dem Gewicht seiner Verbrechen herabgezogen [!] +sinkt er ~naturgemäß~ zur Hölle hinab.« Es heißt »naturgemäß«; +mir scheint er am naturgemäßesten an Holberg's Niels Klim zu erinnern. +Alle Umgebungen seines Reiches sind entweder Allegorien, welche um +so komischer wirken, je mehr der Dichter durch sie hat schrecken +wollen, oder Karikaturen von Voltaire und den Voltairianern, die sich +inmitten der Epopöe als Bruchstücke verbissener Zeitungsartikel +ausnehmen, welche durch ein Versehen hierher gelangt sind. Der Tod wird +folgendermaßen geschildert: »Ein Gespenst springt an der Schwelle des +unerbittlichen Thores hervor. Es erscheint wie ein dunkler Fleck auf +den Flammen des Kerkers hinter ihm. Man erblickt die gelben Strahlen +des Höllenlichtes zwischen den Rippen des Skeletts. Es ist der Tod. +Von Grausen erfaßt, wendet Satan das Antlitz ab, um dem Kusse des +Geripps zu entfliehen.« Hier noch zwei andere Dämonen: »Mit hundert +Diamant-Knoten [!] gebunden, sitzt der Dämon der Verzweiflung auf einem +bronzenen Throne und beherrscht das Reich der Sorgen; am Eingang des +ersten Vorsaales liegt die Ewigkeit der Schmerzen auf einem eisernen +Bette; sie ist reglos, selbst ihr Herz klopft nicht. Sie hält ein nie +sich leerendes Stundenglas in ihrer Hand, sie kennt und spricht nur das +Wort ›Niemals‹«. -- Ungefähr eben so sitzt ein Automat auf einer Uhr +und spricht nur das Wort »Kuckuck«. + +Hat Dies nun mit Nichts auf der Welt rechte Aehnlichkeit, so haben +die Dämonen der falschen Weisheit eine allzu lächerliche Aehnlichkeit +damit. Wir sahen, daß alle religiösen Ideen der Zeit sich in dem +Worte ~Ordnung~ begreifen lassen. Deshalb wird auch die Ordnung +hier in der Hölle sowohl wie im Himmelreiche hervorgehoben. Bei +Gelegenheit eines inneren Streites in der Hölle heißt es: »Man hätte +einen fürchterlichen Kampf erblickt, wenn nicht Gott, welcher allein +der Urheber aller ~Ordnung~, selbst in der Hölle, ist, den +Aufruhr zum Schweigen gebracht hätte.« Und von dem Dämon der falschen +Weisheit heißt es dort: »Er tadelte die Werke des Allmächtigen, er +wollte in seinem Hochmuth eine andere ~Ordnung~ unter den Engeln +und im Reiche der höchsten Weisheit stiften; er wurde der Vater des +Atheismus, des schauerlichen Gespenstes, das Satan selber nicht erzeugt +hatte, und das sich in den Tod verliebte.« Es erscheint mir als höchst +eigenthümlich, daß es gerade eine Veränderung der Ordnung, ja der +Rangordnung am göttlichen Hofe ist, welche dieser allerbrandgelbste +Teufel hat ins Werk setzen wollen. + +Er spricht. »Die falsche Energie seiner Stimme, seine anscheinende +Ruhe bethören die verblendete Masse: Monarchen der Hölle! Ihr wißt +es, ich bin immer wider Gewaltthätigkeiten gewesen, wir vermögen +nur durch Gedankenentwicklung, Sanftmuth und Ueberredung zu siegen. +Laßt mich unter meinen Verehrern, ja unter den Christen jene +gesellschaftsauflösenden Principien ausbreiten, welche die Grundveste +der Reiche unterwühlen.« Man vergleiche nun diese Ausdrücke nur mit +denjenigen, mit welchen in der Epopöe die Philosophen der damaligen +Zeit geschildert werden: »Diese Jünger einer leeren Wissenschaft +greifen die Christen an, preisen ein stilles Leben, leben zu Füßen +der Großen und betteln um Gold. Einige von ihnen beschäftigen sich +ernstlich damit, eine Art von platonischem Staat zu bilden, wo lauter +verständige Menschen ihre Tage als Freunde und Brüder verleben +sollen. Sie grübeln tief nach über die Geheimnisse der Natur. Einige +von ihnen sehen Alles in dem Gedanken, Andere Alles in der Materie, +Andere predigen die Republik, obschon sie in einer Monarchie leben. +Sie behaupten, man müsse die ganze Gesellschaft umstürzen, um sie +nach einem neuen Plane zu errichten. Wieder Andere wollen, gleich den +Gläubigen, das Volk Moral lehren ... Zwiespältig in Betreff des Guten, +einig über das Böse, lächerlich eingebildet, sich selbst für erhabene +Genies haltend, erfinden diese Sophisten alle möglichen bizarren Ideen +und Systeme. Hierokles marschirt an ihrer Spitze, und er ist fürwahr +würdig, ein solches Bataillon anzuführen ... Es liegt etwas Cynisches +und Verruchtes in all' seinen Zügen; man sieht, daß seine unedlen Hände +nur schlecht dazu taugen werden, den Degen des Krieges zu führen, daß +sie aber leicht die Feder des Atheisten oder das Schwert des Henkers +handhaben könnten.« Die Rede ist von Rom und von Hierokles. Aber daß +Paris und Voltaire gemeint sind, bedarf keiner näheren Andeutung. + +So weit war es mit der französischen Literatur gekommen, daß man +Voltaire, der nicht ~ein~, sondern zehn Mal den katholischen +Henkern das Schwert aus der Hand geschlagen und sie in effigie auf den +Scheiterhaufen geschleudert hatte, wo sie arme Unschuldige verbrennen +wollten, beschuldigte, sich besonders zum Henkergeschäfte zu eignen. So +dumm war man geworden, daß man, um den Teufel recht schwarz zu malen, +ihn als Atheisten abbildete. Aber was in aller Welt auch Satan und +seine Gesellen sein mögen, Atheisten sind sie weder, noch können sie es +sein. Sie haben doch wahrlich den Zorn des Herrn bitter genug kosten +müssen. Paul Heyse hat das treffende Epigramm geschrieben: + + »Bist Du schon gut, weil Du gläubig bist? + Der Teufel ist sicher kein Atheist«. + +und hiegegen läßt sich füglich Nichts sagen. + +Wenden wir jetzt den Blick von Chateaubriand's Hölle zu seinem +Paradiese. Es ist immer ein schwierig Ding, das Paradies schildern +zu sollen; was die Hölle ist, wissen wir Alle; was aber das Paradies +betrifft, so fehlt es uns darüber an Aufklärung; +on manque des +renseignements+, wie eine französische Dame sagte. Es war doppelt +schwierig in einer Zeit wie jener, wo Parny, so zu sagen, im Voraus +eine Parodie auf jeden Versuch nach dieser Richtung in seinem +»Götterkrieg« geschrieben hatte, und wo alle gebildeten Menschen +noch den Kopf voller Stellen aus diesem gottlosen Gedicht hatten, +das man kaum in dänischen Landen zu nennen wagen dürfte, wenn nicht +N. M. Petersen, durch die hübsche Rolle, welche Parny den nordischen +Göttern zugetheilt hat, verlockt, und im blinden Vertrauen darauf, +daß Niemand den wahren Inhalt des Gedichts ahne, dasselbe gerühmt und +einige Stellen daraus am Schlusse seiner nordischen Mythologie citirt +hätte. Die Glanzscenen darin, wie die Ankunft der Dreieinigkeit auf dem +Olymp oder der Wiederbesuch der griechischen Götter im christlichen +Himmel, gehören zu dem Trefflichsten, was irgend ein komisches Gedicht +aufzuweisen vermag, obschon die Behandlung nicht dem grandiosen +Titel entspricht, sondern zierlich und sammetartig in der Manier der +Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts, oder genauer in der Manier +Sammet-Breughel's ist. Und doch bezweifle ich, daß es selbst Parny's +Muthwillen gelungen ist, den orthodoxen Himmel so lächerlich zu +machen, wie Chateaubriand's Begeisterung ihn macht. Hier einige Proben: + +»Im Mittelpunkt der erschaffenen Welten, inmitten der unzähligen +Sterne, welche den Dienst von Wällen, Alleen und Wegen versehen, +schwimmt die Stadt des unermeßlichen Gottes, deren Wunder keine +sterbliche Zunge zu erzählen vermag. Der Ewige legte selbst ihre +zwölf Fundamente und umgürtete sie mit jener Jaspismauer, welche der +hochgeliebte Jünger den Engel mit der goldenen Elle ausmessen sah. Mit +der Ehre des Höchsten bekleidet, ist Jerusalem wie eine Braut für ihren +Bräutigam geschmückt ... Der Reichthum des Stoffes ringt hier um den +Preis mit der Vollkommenheit der Formen. Hier hängen unzählige Galerien +von Saphiren und Diamanten, welche das Genie des Menschen in Babylon's +Gärten schwach nachgeahmt hat, hier erheben sich Triumphbogen, von +den funkelndsten Sternen gebildet, hier verketten sich Bogengänge +von Sonnen miteinander, welche sich unaufhörlich durch den Raum des +Firmamentes fortsetzen ...« + +Der Himmel verzeihe einem schwachen Menschenkind seine Sünde! aber +einen armen geborenen Kopenhagener erinnert Dies zumeist an die +Pracht und Herrlichkeit, in welcher sich ihm als Kind das Tivoli an +einem Abend zeigte, wenn daselbst Vauxhall war. -- Wir werfen einen +Blick in die heilige Stadt. Hier versammelt und drängt sich der Chor +der Cherubim und Seraphim, der Engel und Erzengel, der Throne und +Fürstenthümer; denn diese Wesen, welche doch dem Spotte verfallen zu +sein schienen, seit sie bei Parny so arg durchgebläut worden, halten +aufs Neue ihren feierlichen Einzug.[7] Ja, sie fühlen sich von jetzt +an so heimisch auf dem Parnasse, daß wir die ganze Heerschaar noch +in De Vigny's »+Eloa+« (1823) und in Victor Hugo's Oden (z. B. +Buch I, Ode 5, Ode 9, Ode 10) versammelt finden. Wir erfahren, was +sie zu thun haben: »Einige bewachen die 20000 Streitwagen Zebaoth's +und Elohim's, andere wachen über den Pfeilköcher des Herrn und über +seine unentrinnbaren Blitze, seine schrecklichen Rosse, welche Pest, +Krieg, Hungersnoth und Tod bringen. Eine Million dieser eifrigen Genien +regelt den Lauf der Gestirne, und sie lösen einander in diesen hehren +Beschäftigungen der Reihe nach wie Schildwachen ab, welche über eine +große Armee wachen.[8] + +Alle Gegenstände, welche die Engel bewachen, liegen wie in einer +großen Rüstkammer, um bei sich darbietender Gelegenheit benutzt zu +werden. Wir sehen sie in einer späteren Schilderung zur Verwendung +kommen. Dies geschieht nämlich, als die Dreieinigkeit den Seligen das +Martyrium des Eudorus geweissagt hat: »Als diese Schicksale der Kirche +den Auserwählten durch ein einziges Wort des Allmächtigen mitgetheilt +wurden, ward der Gesang unterbrochen und die Thätigkeit der Engel hörte +auf. Es herrschte ~eine halbe Stunde lang Schweigen~ im Himmel. +Alle die Himmlischen wandten ihre Augen zur Erde hinab, Maria ließ von +der Höhe des Firmamentes einen Blick erster Liebe auf das zarte Opfer +hinab fallen, das ihrer Milde anvertraut war. Die Palmen der Bekenner +ergrünten wieder in ihren Händen. Die feurige Heerschaar öffnete ihre +glorreichen Reihen, um für die neuen Märtyrer Platz zu machen. Der +Besieger des alten Drachen, Michael, schwingt seine furchtbare Lanze, +rings um ihn rüsten seine unsterblichen Begleiter sich mit glänzenden +Harnischen, die Schilde von Diamant und Gold, der Pfeilköcher des +Herrn, die flammenden Schwerter werden aus den ewigen Bogengängen +herabgelangt, Immanuel's Wagen bebt auf seiner Achse von Feuer und +Blitzen, die Cherubim entfalten ihre vorwärts stürmenden Schwingen +und entzünden die Wuth ihrer Augen (+et allument la fureur de leurs +yeux+).« Es ist halb Maskerade, halb Ballet. + +Blicken wir von den Attributen auf die Seligkeit selbst, so wird diese +folgendermaßen beschrieben: »Das höchste Gut der Auserwählten ist, zu +wissen, daß dies unermeßliche Gut grenzenlos ist, sie befinden sich +unaufhörlich in dem lieblichen Zustande, worin sich ein Sterblicher +befindet, wenn er so eben eine tugendhafte oder heldenmüthige Handlung +vollbracht hat, worin ein erhabenes Genie sich befindet, daß einen +großen Gedanken faßt, oder ein Mensch, der entweder das Entzücken einer +legitimen [!] Liebe oder einer Freundschaft empfindet, welche lange im +Unglück geprüft worden ist. Die Schönheit und Allmacht des Höchsten ist +der Gegenstand ihrer beständigen Unterhaltung: »O Gott«, sagen sie, +»wie groß bist Du!« + +Es ist Chateaubriand kaum gelungen, die Seligkeit besonders faßlich zu +machen. Man empfindet vielmehr Mitleid mit dem armen Gotte, welcher +die ganze Zeit hindurch seinen eigenen Lobgesang hören muß. Er wird +folgendermaßen geschildert: »Weit entfernt von den Augen der Engel +im Raume des Feuers und des Lichtes vollzieht sich das Mysterium der +Dreieinigkeit. Der Geist, welcher beständig vom Sohne zum Vater und +vom Vater zum Sohne auf und nieder steigt, vereinigt sich mit ihnen +in diesen undurchdringlichen Tiefen. Ein Dreieck von Feuer zeigt +sich am Eingang zum Allerheiligsten, die Weltkugeln stehen still +vor Ehrfurcht und Schreck, das Hosianna der Engel verstummt ... das +Feuerdreieck verschwindet, das Orakel öffnet sich und man erblickt die +drei Mächte. Von einem Wolkenthrone getragen, hält der Vater einen +Kompaß in der Hand, ein Zirkel liegt unter seinen Füßen, der Sohn +sitzt zu seiner Rechten, mit dem Blitze bewehrt, und der Geist erhebt +sich wie eine Lichtsäule zur Linken. Jehovah giebt ein Zeichen, und +die beruhigten Zeiten beginnen wieder ihren Lauf.« Es wird nicht +gesagt, wie oftmals täglich, wöchentlich oder monatlich diese pompöse +Ceremonie stattfindet. Vielleicht in den Zwischenräumen zwischen diesen +Vollziehungen des Mysteriums der Dreieinigkeit, geschieht es, daß die +Gottheit sich theilt. Denn bisweilen scheint sie getheilt zu sein: +»Vom Gott der Milde und des Friedens zum Besten der bedrohten Kirche +angerufen, ließ der starke und furchtbare Gott den Himmel seine Pläne +erfahren.«[9] + +Für gewöhnlich sitzt der Sohn ununterbrochen an einem mystischen +Tische, und 24 Greise, in weiße Gewänder gekleidet und mit Goldkronen +auf den Häuptern, sitzen auf Thronen zu seiner Seite. In seiner Nähe +steht sein lebendiger Wagen, dessen Räder Feuer speien. »Wenn der +Erharrte der Völker gewürdigt wird, sich den Auserkorenen in einer +vollständig klaren Vision zu zeigen, so stürzen Diese wie todt vor +seinem Antlitz nieder, aber er streckt seine Rechte aus und spricht zu +ihnen: ›Erhebt euch, ihr Gesegneten meines Vaters! Schauet mich an, ich +bin der Erste und der Letzte.‹« + +Man sollte fast meinen, wenn auch diese Gymnastik das erste Mal etwas +Anziehendes oder Ueberraschendes für die Auserkorenen haben mag, so +müßte das Vergnügen, wie todt hinzustürzen und dann wieder sich erheben +zu dürfen, um beständig ein und dasselbe Antlitz zu betrachten, in +hohem Grade durch die Gewohnheit abgestumpft werden. Aber vielleicht +ist zu bedenken, daß wir unsern endlichen Erfahrungsmaßstab nicht an +diese überirdischen Freuden legen dürfen. + +Und damit überlassen wir Herrn Chateaubriand sein Himmelreich. Ich +glaube nicht, daß man es weniger sonderbar, als das Parny's, nennen +kann. Oder was ist sonderbarer, daß das Lamm, wie bei Parny, blökend +hereinkommt, oder daß, wie bei unserem Dichter, die Gewänder der +heiligen Greise durch das Blut des Lammes ~weiß~ werden? Es mag +jedoch der Beispiele von den Unnatürlichkeiten dieses Himmels genug +sein. Ich will lieber ein paar Züge hervorheben, durch welche derselbe +sich als ein modernes Fabrikat verräth. In psychologischer Hinsicht +ist es solchermaßen interessant, daß, wie toll und willkürlich Alles +in diesem Himmelreiche auch zugeht, als könnte es durch ein Niesen +auseinander gestiebt werden, der Dichter sich doch nicht der Einwirkung +der Zeit, in welcher er lebt, zu entziehen vermag. Selbst in diesem +Himmelreich giebt es Naturgesetze. So heißt es ausdrücklich von den +Seligen, daß sie Freude daran empfinden, die ~Gesetze~ kennen zu +lernen, nach welchen die schweren Körper mit so großer Leichtigkeit +durch den Aether kreisen. Dieser Zug antecipirt gleichsam den +Standpunkt in Byron's »Kain«. Sodann ist es in ästhetischer Hinsicht +interessant zu sehen, wie Chateaubriand an den Stellen, wo er keine +Anleihe bei der Apokalypse oder Milton macht, seine Bilder formt, die +Bilder, mittels derer er eine Vorstellung von der Pracht des Paradieses +geben will. Während Dante, um einen Begriff von dem Lichtmeere des +Himmelreichs zu geben, seine Zuflucht zu den ~Offenbarungen der +religiösen Vision~, zu der Pracht der mystischen Rose nimmt, +welche die Rose in der gothischen Kirche schwach nachzuahmen sucht, +muß der moderne, vielgereiste, in der Welt der positiven Erfahrungen +aufgewachsene Chateaubriand seine Zuflucht zu den Eindrücken von seinen +~Reisen ins Ausland~ nehmen. Die himmlischen Bogengänge werden +mit den Gärten in Babylon, mit den Säulen von Palmyra im Wüstensande +verglichen. Als die Seligen die erschaffene Welt durcheilen, wird von +dem Schauspiel, das sich ihnen darbietet, gesagt: »So zeigen sich den +Augen der Reisenden Indiens stolze Ebenen, Delhi's und Cochinchina's +reiche Thäler, jene Küsten, welche mit Perlen bedeckt sind und von +Ambra duften, wo die stillen Wogen zu Füßen blühender Zimmetbäume zur +Ruhe gehen.« Das Bild ist etwas zu natürlich und realistisch für ein so +spiritualistisches Sujet. Man stellt sich ungern all' diese Erzengel in +cochinchinesischer Umgebung vor. Durch solche Züge rächt die Natur sich +an Demjenigen, welcher wähnt, sich über sie hinwegsetzen oder etwas +Höheres als sie hervorbringen zu können. Als diese Richtung später in +der Literatur weiter fortgesetzt wird, sehen wir bei De Vigny, der +ebenso sehr unter Ossian's wie unter Milton's Einflusse steht, den +Aether des Himmelsraumes mit den Nebeln der schottischen Felsgebirge +verglichen; ja, als Lucifer's Gestalt fern draußen im Raume von Engel +Eloa erblickt wird, wird diese undeutliche Gestalt mit dem flatternden +Plaid einer umherstreifenden Schottländerin verglichen, wie man ihn +durch das schwebende Netz der Wolken gewahrt, die sich über die Spitzen +der Berge herabsenken. Es scheint doch ein weiter Abstand zwischen +einem Engel und einem Plaid zu sein. + +Die Scenerie und die Landschaften, welche dieser Gruppe von Dichtern +als die idealen vorschweben, sind nicht, wie für die deutschen +Romantiker, die Potpourri- oder Frikassee-Landschaft (Band II., S. +118 u. ff.), sondern umgekehrt, in Uebereinstimmung mit dem ganzen +Geist der Periode, die paradiesische Landschaft, worin die strengste +Ordnung herrscht, symmetrisch, architektonisch, von einer Abstraktion +Claude Lorrain's abstrahirt. Man sehe z. B. den Anfang von De Vigny's +»Sündfluth«. Ich übersetze die Verse in Prosa: + +»Die Erde war lächelnd und in ihrer ersten Blüthe -- der Tag hatte +noch dasselbe Licht, welches die Höhen des Himmels krönte -- als +Gott ihn aus seinen schaffenden Händen fallen ließ, um sein Werk zu +verschönen. -- Nichts hatte die Formen der Natur entstellt, -- und +die ungeheure Architektur der ~regelmäßigen~ Berge -- erhob sich +in ~gleichen~ Stufen gen Himmel, -- ohne das Etwas einen Ring in +ihrer Kette zerbrochen hätte ... Der Lauf der Flüsse zum Meere war +~geregelt~ -- in einer vollkommenen ~Ordnung~, welche nicht +gestört war. -- Nie würde ein Reisender unter dem Laub des Baumes -- +fern vom Flusse die blanke Muschelschale gefunden haben -- und die +Perle bewohnte ihren Krystallpalast; -- jeder Schatz ruhte in dem +Elemente, wo er entstand, -- ohne jemals das himmlische Verbot zu +überschreiten.« + +In Uebereinstimmung mit dieser Tendenz zum Idealen und Abstrakten in +der Landschaft wird die Scenerie mehr und mehr in den Himmelsraum +verlegt. Chateaubriand ist noch Meister darin, die irdische Scenerie +eben so gut wie die himmlische zu schildern; De Vigny pflegt in seinen +ältesten Gedichten echt seraphisch die Handlung zwischen Himmel und +Erde zu verlegen; Viktor Hugo's Ode »Ludwig +XVII.+« ereignet +sich am Himmelsthore, seine »Vision« im Himmelsraume, im himmlischen +Jerusalem, und »der Wagen der treuen Seraphim, mit funkensprühenden +Augen besäet, mit den lärmenden Flammenrädern und den vier sich +drehenden Flügeln«, spielt auch hier eine Rolle, »wo die Heiligen +und die glorreichen Märtyrer, welche die unbekannte Wesenheit +(+Essence+) anbeten, unter einem brennenden Himmel das mysteriöse +Dreieck anschauen« &c. Lord Byron, welcher auch den Aether, wiewohl +einen minder theologischen Aether, als Scenerie liebt, und welcher, +wie De Vigny, eine Sündfluthstudie geschrieben hat, zieht doch sonst +unruhige Landschaften vor, und hat erst als Maler der See seinen +rechten Horizont. Er führt die Poesie aus den luftigen Regionen in dies +frische und salzige Element hinab. + +Es ist daher Chateaubriand kaum geglückt, zu beweisen, was er beweisen +wollte, die dichterische Ueberlegenheit der christlichen Inspiration +über die bloß poetische. Ueberall, wo er den Versuch dazu macht, giebt +er sich eine Blöße oder richtet sich selbst. Ich will noch ein, aber +ein entscheidendes Beispiel erwähnen. + +Als sein Held Eudorus durch den Golf von Megara fährt, während Aegina +vor ihm, der Piräus zur Rechten, Korinth zur Linken liegen, und alle +diese einst so blühenden Städte jetzt in Ruinen erblickt, vergießt ein +Grieche, der an Bord des Schiffes ist, Thränen bei der Erinnerung an +die ehemalige Größe seines Vaterlandes, und es wird schön geschildert, +wie der Einzelne beim Anblick des großen überwältigenden Unglücks, das +ganze Völker zermalmt, gleichsam seine Privattrauer verschwinden fühlt. +Eudorus sagt darauf: »Diese Lehre schien über meine junge Vernunft +hinaus zu liegen, und doch verstand ich sie, während die anderen jungen +Männer, welche mit an Bord waren, für dieselbe unempfänglich blieben. +Woher kam dieser Unterschied? Aus unseren Religionen. Sie waren Heiden, +ich war ein Christ«. So versucht Chateaubriand, dem christlichen Gefühl +diesen auserlesenen Sinn für die Naturumgebungen und für die Lehre, +welche sich aus ihnen entnehmen läßt, zu vindiciren -- ein Sinn, +welcher dem Heiden als Heiden abgehen soll. + +Aber nun trifft sich's so unglücklich für die Theorie, daß diese +ganze Stelle Nichts anderes als die Uebersetzung eines berühmten, uns +aufbewahrten Briefes aus dem Alterthume von Sulpicius an Cicero (+Ad +familiares, lib. IV., epist. 5+), also von einem Heiden verfaßt +ist. Sie ist daher nicht geeignet, einen Beweis dafür zu liefern, daß +solcherlei poetische Gefühle dem Heiden abgehen. Aber dieser Zug ist +symbolisch. So wird beständig behauptet, daß die positiven Religionen +im Besitz gewisser übernatürlicher Schönheiten und Eigenschaften seien, +welche der Natur als Natur fehlen sollen, und doch ist Alles in ihnen, +was poetischen oder sittlichen Werth besitzt, nur abgeschrieben, nur +übersetzt aus der unveränderlichen und unverbesserlichen Heidin, der +Natur selbst. Wie Feuerbach sagte: Das wahre Wesen der Theologie ist +Anthropologie. + +Werfen wir nun einen Rückblick auf diese verwegene Dichtung, diesen +tollkühnen Versuch, den literarischen Geschmack des neunzehnten +Jahrhunderts auf den Standpunkt der Offenbarung Johannis und Dante's +zurückzuschrauben, so läßt sich nicht leugnen, daß dieser Versuch, den +»Triumph der Religion« zu feiern, gescheitert ist. Was davon Werth +hat, sind eben die rein menschlichen Partien, von welchen wir später +eine näher betrachten wollen. Die eigene religiöse Begeisterung des +Dichters war allzu schwankend, als daß der Zweifel und die Kälte des +Jahrhunderts der Mirakelwelt gegenüber nicht seinem Erzeugnisse ihre +Spur hätten aufprägen sollen. + +Er heuchelte keineswegs direkt; aber er betrog sich selbst. Ein Beweis +davon, wie gerührt er selbst durch die Lektüre seiner »Märtyrer« werden +konnte, ist neulich in der feinen und liebenswürdigen (pseudonymen, +posthumen?) Schrift: »+Les enchantements de Prudence+« von +Madame De Saman ans Licht gekommen, -- der letzten jungen Frau, +welche von Chateaubriand geliebt wurde und ihn wieder liebte. +Sie erzählt hier zuerst, wie sie im Sommer 1828 einander auf dem ++Pont d'Austerlitz+ zu treffen und mit einander im +Jardin +des plantes+ in einem einsamen Zimmer zu diniren pflegten. »Er +verlangte Champagner, um, wie er sagte, meine Kälte zu beleben, +und ich sang ihm dann einige Lieder von Béranger: +Mon âme, la +bonne vieille, le Dieu des bons gens etc.+ vor. Er hörte sie mit +Entzücken«. Sie schildert mit warmen Farben diese Rendezvous[10], und +erzählt dann, wie es zu Chateaubriand's größten Freuden gehörte, sich +von ihr, welche in dem ganzen Büchlein den feinsten poetischen Sinn +beweist, seine poetischen Arbeiten laut vorlesen zu lassen. Besonders +freute es ihn, seine Landschaftsschilderungen von ihren Lippen zu +vernehmen. »Aber zuweilen«, sagt sie, »nahm ich, um ihn inniger zu +rühren, die »Märtyrer« zur Hand und las die Reden und Lobgesänge der +weisen Bekenner, die poetischen Scenen des Kerkers und der Qualen. +Er vermochte nicht seine Thränen zurückzuhalten; eines Tages weinte +er; ich fuhr fort zu lesen; sein Weinen stieg zu Schluchzen; ich fuhr +fort, und sein Schluchzen brach gewaltsam hervor, als ich zu der Stelle +kam, wo Eudorus sich heimlich erboten hat, zur Rettung seiner Mutter, +die mit allzu großer Schwäche ihre Kinder geliebt hatte, sich opfern +zu lassen. Bei diesen Worten konnte er sich nicht mehr beherrschen. +Es waren Gemüthsbewegungen, welche zu ihrer Quelle zurückkehrten. Er +war aufgelöst in Thränen, hingerissen, von allen Seiten getroffen in +seiner exaltirten Seele. Er zeigte sich gerührt und dankbar. Er sagte +mir, daß er noch nie einen solchen Genuß empfunden habe. Er gab mir +all' die süßen Namen, welche man den Musen giebt. Er fand mich schön. +Er pries besonders meine Augen, meinen Blick. Er bildete sich in +seiner Leidenschaft ein, nie etwas Aehnliches gesehen zu haben«. Sie +war damals 20, er gerade 60 Jahre alt. Man sieht aus den angeführten +Worten, daß selbst so kalte Stellen aus den »Märtyrern« wie die Reden +der weißgekleideten Greise vom Dichter selbst empfunden worden sind; +man wird durch die schwärmerische Bewunderung dieser jungen und +edlen Frau für den Greis gerührt; er gewinnt dadurch, daß er selbst +in diesem Alter die Liebe einer solchen Frau zu gewinnen vermochte, +gleichsam an Werth für den Leser; aber in welcher seltsam gemischten +Gesellschaft tritt doch in diesem Falle die Herzergriffenheit hervor, +welche so selten bei Chateaubriand ist, daß sie hier fast als ein +Unicum bezeichnet werden kann; Champagner, Béranger's Lieder, +Liebeserklärungen und Liebkosungen, Schluchzen über die »Märtyrer«, +Aufgelöstheit in Thränen, und neue Liebeserklärungen! Welche Umgebungen +für eine orthodoxe Epopöe! Welche nur allzu menschliche Schwächen bei +einem seraphischen Dichter, Exminister und ehemaligen Pilger nach +Jerusalem! + +[+Chateaubriand: Les martyrs, besonders Livre III und VIII. Mémoires +d'outre-tombe. -- Sainte-Beuve: Chateaubriand et son groupe littéraire +sous l'empire. -- Nettement: Histoire de la littérature française sous +la Restauration, Tome I-II.+] + + + + +6. + +Unter den Persönlichkeiten der Restaurationszeit giebt es eine +eigene Klasse, welche besonders scharf die Periode charakterisirt, +nämlich die Bekehrten. Diese Race mußte natürlicher Weise ziemlich +zahlreich vorkommen, da eine so angestrengt gläubige Zeit einer so +wenig gläubigen folgte. Laharpe's Bekehrung hatte schon während +der Revolution viel Aufsehen erregt. Chateaubriand selbst war ein +Bekehrter. Bei den Bekehrten sieht man vielleicht am schärfsten, von +welcher Art der neue Geist war, da er bei ihnen mit dem alten kämpft +und ihn überwindet. Endlich ist der Bekehrte stets leidenschaftlich, +ganz erfüllt von seiner Lehre, und hat daher die ausgeprägteste +Physiognomie. Gilt es als Regel, daß der Geist eines Zeitalters sich +in seinen hervortretendsten Charakteren typisch abspiegelt, so gilt +Dies doppelt von Demjenigen, dessen Charakter darin besteht, ein +Bekehrter zu sein, zumal wenn diese Persönlichkeit ein Weib ist. Ist +es wegen der receptiven Natur des Weibes seltner der Fall, daß sie ihr +Zeitalter weiter führt, so sieht man dagegen jeden Augenblick, daß sie +das ausgeprägteste und ausdruckvollste Bild seines Geistes liefert. Wie +die Emigranten sich um Frau von Staël, wie die Führer der romantischen +Schule sich um Caroline Schlegel gruppiren, so findet der Geist der +Restaurationszeit seinen poetisch-religiösen Ausdruck in Frau von +Krüdener. + +In Frau von Staël's Roman »Delphine« kommt eine Scene vor, wo die +Heldin eine ganze Gesellschaft durch ihre graciöse und beredte +Ausführung eines fremdartigen Tanzes, des Shawltanzes, bezaubert. +Dieser Zug beruhte auf einem Erlebnisse. Es war die junge und reizende +Baronesse von Krüdener, welche sich unter Anderem durch ihren Tanz +auszeichnete. Es heißt in »Delphine«: »Nie hat Liebreiz und Schönheit +eine außerordentlichere Wirkung auf eine zahlreiche Gesellschaft +hervorgebracht. Dieser fremde Tanz hat einen Reiz, von welchem Nichts, +was wir gesehen haben, eine Vorstellung zu geben vermag. Es ist eine +rein asiatische Mischung von Indolenz und Munterkeit, von Melancholie +und Lebenslust. Zuweilen, wenn die Melodie sanfter ward, ging Delphine +mit vornüber gebeugtem Haupte, mit verschränkten Armen einige Schritte +vor, als ob gewisse Erinnerungen oder Verluste sich plötzlich in die +ganze Pracht eines Festes gemischt hätten, aber bald begann sie wieder +ihren munteren und leichten Tanz, in einen indischen Shawl gehüllt, +der ihre Figur hervorhob, mit ihrem langen Haare zurückfiel, und ihre +ganze Gestalt zu einem entzückenden Bilde schuf«. Ich glaube, daß das +Wort ~asiatisch~ hier das bezeichnende Wort ist. Joubert schreibt +1803 über Frau von Krüdener: »Sie besitzt Anmuth und etwas Asiatisches, +Natur in der Uebertreibung. Die nach außen gewandte Sensibilität +existirt nicht leicht ohne Exaltation«. + +Juliane von Vietinghoff war 1764 zu Riga in Livland geboren und +gleichzeitig deutsch und französisch erzogen. Achtzehn Jahre alt, +wurde sie mit dem zwanzig Jahre älteren Freiherrn von Krüdener, einem +russischen Diplomaten, vermählt, der zweimal verheirathet gewesen +war und sich beide Male von seiner Frau hatte scheiden lassen. Ihr +Herz hatte keinen Antheil an dieser Verbindung, aber die Partie galt +für glänzend, und ihre Eitelkeit fühlte sich befriedigt, während +zugleich ihr Gatte ihr nicht zuwider war. Er scheint verständig, brav, +gebildet und kalt gewesen zu sein, schon durch seine Stellung an alle +Konvenienzen der Gesellschaft gebunden. Rasch wird sie an seiner +Seite in die glänzendste Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts +eingeführt. Nach einem Besuch am Hofe Joseph's +II.+ in Wien +begiebt das Paar sich nach Venedig und durchreist dann ganz Italien, +bis Herr von Krüdener als russischer Gesandter nach Kopenhagen berufen +wird. Gleich nach der Hochzeit hatte ein junger und talentvoller +Mann, Alexander Stakiew, der Privatsekretair ihres Gemahls, sich +leidenschaftlich in sie verliebt: aber so groß war seine Bewunderung +für Herrn von Krüdener und für den Gegenstand seiner Liebe, daß +keine Silbe über seine Lippen kam. Als er endlich seine Leidenschaft +beichtete, that er es gegen den Mann. Dieser war so unvorsichtig, den +Brief seiner Frau zu zeigen, welche hiedurch zum ersten Male Gewißheit +über die Gefühle Stakiew's gegen sie erlangte, -- Gefühle, die sie +zwar nicht erwiedert, aber doch vielleicht mit angeborener Koketterie +genährt hatte. Die Gewißheit, eine solche Leidenschaft hervorrufen +zu können, stieg ihr zu Kopfe. Stakiew hatte sich entfernt, aber all' +die Unruhe, welche in ihrem jungen weiblichen Herzen gährte, kam jetzt +zum Ausbruch. Von einem glühenden Drange, zu lieben und geliebt zu +werden, erfüllt, hatte sie zuerst das Ideal, von welchem sie träumte, +in ihrem Manne zu finden gesucht. Da er, mehr väterlich als verliebt, +nur ihre Exaltation im Zaume zu halten bemüht war, wurde ihr Wesen +in sich selber zurückgescheucht, und sie trauerte darüber, daß sie, +wie man es später genannt hat, unverstanden, oder, wie sie es nannte, +»ungefühlt« sei. Stakiew's Leidenschaft war wie ein Gluthhauch an ihr +vorübergefahren und hatte gleichsam die äußere Kälte aufgethaut, welche +ihre Empfindsamkeit band. Diese mußte einen Abfluß haben, und kaum in +Kopenhagen angelangt, das ihr als der schrecklichste Aufenthaltsort von +allen erschien -- man bedenke, daß es vor 100 Jahren war! -- stürzte +sie sich in einen Strudel gesellschaftlicher, zeitvergeudender und +geisttödtender Vergnügungen, womit die leichtsinnigste Koketterie +nach rechts und links Hand in Hand ging. Die Folge all' dieser +Ballabende und Liebhabertheater-Aufführungen waren angegriffene Nerven +und angegriffene Brust, so daß die Aerzte einen Winteraufenthalt in +Südfrankreich verordneten. Aber schon in Paris lebt Frau von Krüdener +wieder auf; in dieser Stadt der Intelligenz empfindet sie plötzlich den +Mangel ihres Wissens, bekommt literarische Interessen und sucht die +großen Schriftsteller ihrer Zeit auf: Barthélemy, den Verfasser des +»jungen Anacharsis«, und Bernardin de Saint-Pierre, für dessen »Paul +und Virginie« sie beständig geschwärmt hatte. Sie verehrt Saint-Pierre +und die Natur, aber sie hat gleichzeitig bei ihrer Modehändlerin eine +Rechnung von 20,000 Franks. In Südfrankreich verliebt sich ein junger +Officier in sie, und nach einigem Kampfe erwiedert sie, jetzt minder +unerfahren als in Kopenhagen, seine Liebe. Während der Verfolgungen +der ersten Revolutionszeit führt Herr de Frègeville (so hieß der +Officier), als ihr Kutscher verkleidet, sie aus Frankreich hinaus. Ehe +sie ihren Gemahl wiedersieht, theilt sie ihm mit, daß das eheliche +Band zwischen ihnen gebrochen sei. Er ist bereit, zu vergeben. In den +folgenden Jahren hält sie sich bald hier, bald dort in Europa auf, +von ihrem Manne und nicht minder von Herrn de Frègeville getrennt, +aber ein Leben führend, wie es die galantesten Damen gegen Ende des +achtzehnten Jahrhunderts sich erlaubten; es genügt zu sagen, daß ihr +Mann in seinen vertrautesten Briefen von 1793 bis 1794 niemals seiner +Frau erwähnt. Es dauerte jedoch nicht lange, so waren die Gatten wieder +vereint. Herr von Krüdener, der bald russischer Gesandter in Berlin +ward, erwies seiner Frau die größte Freundschaft und die gewählteste +Aufmerksamkeit. Von jetzt an findet man bei Frau von Krüdener die +ersten Spuren jener eigenthümlichen Art von Frömmigkeit, die sich +bald so kräftig bei ihr entwickeln sollte. Sie war nie eine Schönheit +gewesen, aber doch stets eine Persönlichkeit von seltenem Ausdruck und +seltener Anmuth. Die Einfachheit im Geschmack und Auftreten, welche +sie zehn Jahre früher so verführerisch gemacht hatte, war jetzt einer +Lust gewichen, sich mehr eigenthümlich und bizarr als schön und einfach +zu kleiden; sie bedeckte ihr immer noch schönes aschblondes Haar +nach der Mode der Zeit mit einer Perrücke. Ihre Züge und ihr Teint +hatten nicht mehr die Frische der Jugend. Zu diesem Zeitpunkte öffnet +sich, wie gesagt, ihr unruhiges, noch immer starker Gemüthserregungen +bedürftiges Herz den ersten Strahlen religiöser Schwärmerei. Man findet +in einem ihrer Briefe an ihre intimste Freundin folgende Worte: »Soll +ich's Dir bekennen, ich rede in der Demuth meines Herzens, Du weißt, +daß ich nicht hoffährtig bin, wie könnte der Christ Das sein? Ich +glaube, daß Gott meinen Mann von dem Augenblick an hat segnen wollen, +da ich wieder zu ihm zurückgekehrt bin. Es giebt keine Art von Gütern +oder Gunstbezeugungen, die ihm nicht zufielen. Weshalb sollte ich +nicht glauben, daß ein frommes Herz, das schlicht und vertrauensvoll +zum Himmel betet, ihm behülflich zu sein, zum Glück eines Andern +beizutragen, seine Bitte erhört sehen kann?« -- Ja, weshalb sollte +man Das nicht glauben? Ich für mein Theil würde gerne glauben, daß +es die Gegenwart der Frau von Krüdener sei, welche die Vorsehung +bewegt, den Baron mit Orden zu überhäufen, wenn man nicht mit großer +Sicherheit wüßte, daß eine andere, minder romantische Ursache den +Kaiser Paul I. dazu veranlaßt hatte. Die Sache war die, daß inmitten +eines Festes, welches der Baron in Berlin dem preußischen Königshause +und der Großfürstin Helene gab, eine Depesche des Selbstherrschers +aller Reußen ankam, welche Krüdener befahl, augenblicklich Preußen den +Krieg zu erklären. Die Majestäten befanden sich noch in seinem Hause. +Statt jedoch das Fest dadurch zu stören, daß er den Tanzenden dies +Medusenhaupt zeigte, ließ der Gesandte seine Gäste ruhig tanzen, und da +er als Politiker einsah, wie unheilvoll und unklug ein solcher Krieg +für Rußland sein würde, schrieb er, statt dem Befehl zu gehorchen, +einen abmahnenden Brief an seinen Kaiser, wohl wissend, daß ihm nach +aller menschlichen Berechnung von jetzt ab Sibirien bis an seinen Tod +gewiß sei. Selbstverständlich sagte er hievon kein Wort an seine Frau. +Das Unwahrscheinliche geschah, Paul wurde umgestimmt, und in seiner +Bewunderung des Muthes und der Klugheit seines Gesandten überhäufte +er Denselben mit Beweisen seiner Gunst. Man sieht also, daß es eine +andere Erklärung, als die der Frau von Krüdener, giebt. -- Von jetzt ab +nehmen ihre Briefe einen immer religiöseren und erbaulicheren Charakter +an. Sie bezeichnet jetzt die Religion als ihre Zufluchtsstatt gegen +Melancholie, sie spricht von den tausend Quellen zur Freude, welche +derselben entsprängen. Mitten in Allediesem ein neues Liebesverhältnis +und ein neuer Bruch. Sie hat wieder ihren Mann verlassen, diesmal gegen +seinen Wunsch, und wohnt nun in Paris. Chateaubriand verehrt ihr das +erste Exemplar seines »Genius des Christenthums«, das Frau von Staël +auf ihrem Tische findet. -- In Paris wird sie durch die Nachricht von +Krüdener's plötzlichem Tod überrascht. Sie schließt sich ein, sie +trauert und bereut. Es war »ihr Lieblingstraum gewesen, einmal wieder +zu ihm zurückzukehren, ihm die Last der Jahre zu erleichtern, und +seine unendliche Güte zu vergelten.« Es dauerte jedoch nicht lange, so +gab Frau von Krüdener ihr eingezogenes Leben wieder auf. Nachdem sie +zuerst in einer kleinen Erzählung Saint-Pierre's Manier nachgeahmt, +hatte sie jetzt nichts Geringeres unternommen, als einen Roman zu +schreiben. Der Name desselben war »Valerie«. Ihr Jugendverhältnis zu +Alexander Stakiew bildete den Inhalt; ich komme später auf denselben +zurück. Er ist durch »Werther« inspirirt, seelenvoll, fein und +trefflich geschrieben. Es war jedoch Frau von Krüdener nicht genug, +einen Roman zu schreiben, es galt denselben gelesen und allgemein +bemerkt zu sehen. Die Art und Weise, wie sie Dies angriff, zeigt, daß +sie zu diesem Zeitpunkt, trotz ihrer religiösen Anläufe, der Welt noch +nicht ganz entsagt hatte. Sie begnügte sich nicht mit den gewöhnlichen +Kunstgriffen, als z. E. das Buch im Manuskripte der Beurtheilung des +einen Kritikers nach dem andern zu unterwerfen, es in Gesellschaften +ganz oder theilweise vorzulesen, nein, es lag ihr daran, ihren Succeß +gründlich vorzubereiten. Sie schrieb also erst an einen Freund in +Paris, +Dr.+ Gai, einen unbekannten und eitlen Arzt, dessen +Karrière sie mit der Zeit zu fördern gedachte: + +... »Ich habe noch eine andere Bitte an Sie zu richten: Lassen Sie +einen guten Versdichter einige Verse an unsere Freundin Sidonie +schreiben (Sidonie ist die Heldin in Frau von Krüdener's erster +Erzählung). Ueber diesen Versen, die ich Ihnen nicht erst zu empfehlen +brauche, und die so geschmackvoll wie möglich sein müssen, soll nur die +Ueberschrift »An Sidonie« stehen. Man soll ihr sagen: Weshalb wohnst +Du in der Provinz, weshalb beraubt Dein zurückgezogenes Leben uns +Deiner Anmuth und Deines Witzes? Ruft das Glück, welches Du machst, +Dich nicht nach Paris? Deine Reize, Deine Talente werden nur dort +bewundert werden, wie sie bewundert werden müssen. Man hat Deinen +bezaubernden Tanz geschildert, aber wer kann Alles schildern, was +Dich auszeichnet! -- Mein Freund, ich vertraue Dies der Freundschaft +an, ich schäme mich wahrhaft Sidoniens halber, denn ich kenne ihre +Bescheidenheit. Sie wissen, daß sie nicht eitel ist, ich habe daher +wesentlichere Gründe als eine elende Eitelkeit, sowohl dazu, Sie zu +bitten, diese Verse anfertigen zu lassen, als auch noch zu etwas +Anderem: Sagen Sie besonders, daß sie so zurückgezogen lebe, und daß +man nur in Paris anerkannt werde. Sorgen Sie dafür, daß man nicht auf +Sie rathe. Lassen Sie diese Verse in der Abendzeitung abdrucken. Es ist +wahr, daß Sidonie in Delphine als Tanzende geschildert worden ist. +Lesen Sie's, es wird Sie amüsiren. Aber es darf nicht gesagt werden, +daß man sie in Delphine geschildert habe. Nur aus der Ueberschrift »An +Sidonie« darf man ersehen können, an wen die Verse gerichtet sind. +Haben Sie die Güte, den Abdruck in der Zeitung zu bezahlen. Ich hoffe, +Ihnen meine Beweggründe erklären zu können. Senden Sie mir rasch die +Zeitung, in welcher der Abdruck erfolgt. Wenn die Zeitung sich nicht +darauf einlassen will oder wenn es zu lange dauert, so schicken Sie +mir das Manuskript, man wird es dann in eine hiesige Zeitung einrücken +lassen. Sie verpflichten dadurch in hohem Grade Ihre Freundin. Sie +wird Ihnen mündlich sagen, weshalb sie Sie darum gebeten hat. Sie +kennen ihre Schüchternheit, ihren Hang zur Einsamkeit und ihre geringe +Neigung, gelobt zu werden, aber es gilt ihr einen wesentlichen Dienst +zu erweisen.« + +Vierzehn Tage später ein neuer Brief über denselben Gegenstand, neue +Anfragen, ob der Doktor »Delphine« gelesen habe. Immer noch dasselbe +Thema: »Frau von Staël hat Sidonien gesagt, daß sie ihren Tanz habe +schildern wollen, und Sie finden die Stelle im ersten Bande. Sie +hat nach der Meinung Mehrerer dort Sidoniens Antlitz, ihre Weise zu +reden und ihre Phantasie gemalt, und dann ihre eigenen religiösen und +politischen Ansichten hineingemischt, denn Sidonie hat eine tiefe +~Religiosität~ und mengt sich äußerst wenig in die Politik.« Nun +folgen neue Andeutungen in Betreff des Gedichtes: »Es darf wohl gesagt +werden, daß man ihr Talent zu tanzen geschildert habe, aber es darf +nicht heißen: ~man~, sondern einfach: ein gewandter Pinsel malte +Deinen Tanz; das Glück, das Du überall machst, ist bekannt; Deine Reize +sind eben sowohl wie Dein Witz besungen worden, und doch verbirgst Du +sie unaufhörlich vor der Welt. Eingezogenheit, einsames Leben ziehst Du +vor. Dort suchst Du das Glück in Deiner Frömmigkeit, in der Natur und +in Studien &c. Sehen Sie, lieber Freund, Das ist's, was ich von Ihnen +begehre, ich werde Ihnen später erklären, weshalb.« + +Die Elegie trifft ein, Frau von Krüdener quittirt für den Empfang in +folgendem Briefe: »Es ist nicht mehr als billig, lieber Doktor, daß +Sie selbst eine Abschrift der reizenden Elegie erhalten, welche Sie für +mich gedichtet haben, ich sende Ihnen eine solche hieneben, ich wünsche +selbst die Ihrige zu behalten.« Die Elegie lautet: + +»Was suchst Du in Deinem einsamen Leben? Paris, das bethört ist von der +Bezauberung, die Du ausübst, von Deinem Liebreiz, von den glänzenden +Gaben, die der Himmel Dir schenkte, bietet Dir ja doch Herzen genug, +welche Dein feinfühlender Geist in Fesseln gelegt hat. Wir sahen Dich, +wir schaarten uns um Dich, an jenem Tage, als Du die verführerische +Macht der Eleganz, die bezwingende Macht der Schönheit ausübtest, an +jenem Tage, als Du, der Palme des Genies sicher, nicht die Lobsprüche +verschmähtest, welche dem Talente gebühren. Schon damals entlockte ein +geistreicher Sänger Dir ein Lächeln, als er wagte, seine zarte Stimme +zu dem Chor der Weisen zu gesellen, und ein Bild Deines magischen +Tanzes entwarf; aber entschwindet nicht die Erinnerung an jene Festtage +vor dem Donnerschlag, mit welchem der Himmel Dich jetzt getroffen +hat? Vereinigen unsere Herzen sich nicht mit Deinen melancholischen +Gedanken, haben sie nicht in stummer Andacht bei Deinem Schmerze +geseufzt? Wir wollen Dich nicht durch ohnmächtigen Trost, diesen +prunkenden Tribut, den man einer prunkenden Trauer zollt, verletzen: +wir hörten Dich seufzen und wir seufzten mit. -- Wir seufzten mit, und +Du fliehst? Weshalb fliehst Du! Der Trauerflor umhüllt uns, die Künste +verstummen rings um Dich her, die Liebe verbirgt sich, und mit ihr +das ganze lebensvolle Gefolge, das vordem Deine Lust und Deinen Ruhm +ausmachte.« + +Dies ist erst die Hälfte der Elegie, aber ich breche ab. Der Brief +schließt folgendermaßen: »Ich sende Ihnen diese Elegie, deren antike +Farbe [!] und Schönheit ich bewundere. Ohne mir etwas anderes davon als +den Schmerz zueignen zu wollen, den Sie richtig bei mir wahrgenommen +und den Sie zu mildern gewünscht haben, hab' ich Ihnen so viel Anderes, +lieber Doktor, für Sie weit Schmeichelhafteres zu sagen, aber hier ist +kein Platz mehr dafür, und mein erkenntliches Herz kann Ihrer erhabenen +und der Menschheit so nützlichen Kunst [!] nur meinen Dank sagen.« + ++Dr.+ Gay ließ es nicht hiebei bewenden, sondern er begann +seine Prosa zu reimen. Seine Freundin schreibt ihm: »Sidonie hat mir +aufgetragen, dem liebenswürdigsten aller Freunde ihren zärtlichsten +Dank zu bezeugen. Die Verse waren reizend, sie sind schon gedruckt. +Welch glückliche Gabe besitzt Der, welcher sie geschrieben! Wie sieht +man, daß er Sidoniens Freund ist! wie malt er, was er sagen will! Die +Seele selbst hat bei jedem Striche den Pinsel geführt, und welch' hohe +Seele!... Sidonie hat auch eine Elegie in Prosa erhalten, die Sie +kennen müssen, und die sie äußerst schön findet. Welches schöne Talent +liegt in dieser erhabenen und einfachen Manier, und wie muß man den +Geist lieben, der eine solche Sprache zu reden versteht! Man hat einige +Verse verändert, sehr wenig, sie sind vorzüglich gelungen, und haben +ihren Zweck erfüllt.« + +Man sieht, daß Sidonie sich nicht damit begnügte, die Kladden zu den +Lobliedern auf sich selbst zu schreiben, sondern auch die Reinschrift +durchsah. Uebrigens denke ich, daß es hier keines Kommentares bedarf. +Der unermüdliche Doktor verfaßt noch mehrere Gedichte, und neue +Zumuthungen, alle möglichen Kritiker zu plagen, sind die Folge davon. +Was den religiös gestimmten Historiker Michaud betrifft, welcher +dreißig Jahre seines Lebens darauf verwandte, die Geschichte der +Kreuzzüge zu schreiben, so machte sein sehr intimes Verhältnis zur +Dichterin jede Aufforderung überflüssig. Er schrieb eine warme Kritik. +Endlich ist Frau von Krüdener so weit, daß sie ihrer Freundin schreiben +kann: »Mit meiner Gesundheit geht es viel besser, ich war acht Nächte +hindurch auf Bällen, ohne mich dadurch angegriffen zu fühlen. Welches +Glück, meine Freundin! Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich gefeiert +werde, und es regnet Verse auf mich herab; die Ehrenbezeugungen +überwältigen mich, man kämpft um ein Wort von mir wie um eine Gunst. +Es ist tausendmal mehr, als ich verdiene, aber die ~Vorsehung +liebt es, ihre Kinder mit Wohlthaten zu überhäufen~, selbst wenn +sie es nicht verdienen ... Ich würde es als eine Feigheit ansehen, +nicht mit einem Werke hervorzutreten, daß ich für nützlich halte, ich +betrachte daher meine Reise nach Paris als eine Pflicht, während +mein Herz, meine Phantasie, Alles mich nach dem Genfersee zieht.« So +reist sie denn nach Paris, und im December 1803 erscheint »Valérie«. +Alle Batterien der Frau von Krüdener waren bereit, dem Buche ihre +Salutschüsse zu geben. Kein einziger Effekt ging verloren, alle Glocken +der Kritik läuteten. Wie ein tüchtiger General fehlte sie selbst nicht +auf dem Schlachtfelde; sie fuhr aus einem Modemagazin in das andere, +um inkognito bald Schärpen, bald Hüte, bald Federn, bald Guirlanden, +bald Bänder +à la Valérie+ zu verlangen. Da nun die Putzhändler +diese fremde, noch hübsche und sehr elegante Dame in ihrer Equipage +heranrollen sahen, um mit solcher Sicherheit die von ihr erfundenen +Phantasiegegenstände zu fordern, thaten sie ihr Aeußerstes, um darüber +ins Klare zu gelangen, was sie wünsche, um sie zu befriedigen. Wenn die +jungen Mädchen in den Magazinen über dies Begehren unerhörter Dinge +ganz erstaunt waren und die Existenz derselben in Abrede stellten, +lächelte Frau von Krüdener mit so viel Gutmüthigkeit und bedauerte sie +so aufrichtig, daß sie den Roman »Valérie« noch nicht kannten, daß sie +sie bald zu eifrigen Proselyten ihres Buches gemacht hatte. Mit ihren +Einkäufen fuhr sie dann nach einem anderen Laden und bewirkte dadurch +in wenigen Tagen unter den Geschäftsleuten eine so tolle Konkurrenz +Betreffs der Putzsachen +à la Valérie+, daß ihre Freundinnen, +wenn sie sich nach ihrer Anweisung in die Läden begaben, und sich +nach diesen Gegenständen erkundigten, unschuldige Mitschuldige ihres +Kunstgriffs wurden und nicht umhin konnten, ein weiteres Zeugnis für +ihren Triumph abzugeben. + +Frau von Krüdener schreibt jetzt an ihre Freundin: »Der Erfolg von +Valérie ist vollständig und unerhört. Man sagte mir noch neulich: Es +ist etwas ~Uebernatürliches~ in diesem Glück. Ja, meine Freundin, +der Himmel hat gewollt, daß diese Ideen, diese reinere Moral sich in +Frankreich, wo sie noch weniger bekannt sind, ausbreiten sollten.« + +Kaum ist dieser fieberhafte Drang, sich geltend zu machen, befriedigt +worden, kaum hat diese raffinirte Heuchelei Zeit gefunden, sich in +ihrer vollen Blüthe zu entfalten, als Frau von Krüdener's wirkliche +Bekehrung eintritt. Hiemit ging es folgendermaßen zu. Im Jahre 1805 +ereignete es sich, daß, als sie in Riga an ihrem Fenster saß und einen +aus dem Schwarm ihrer zahlreichen Anbeter, den sie ausgezeichnet hatte, +grüßte, dieser Mann von einem plötzlichen Schlaganfalle getroffen ward +und todt niederstürzte. Dies Ereignis versetzte sie in die tiefste +Schwermuth. Während dieses ihres melancholischen Zustandes geschah es, +daß sie, welche ja doch nicht aus Melancholie sich der unabweislichen +Bedürfnisse des Erdenlebens entschlagen konnte, eines Tages zu einem +Schuhmacher sandte, damit ihr derselbe Maß für ein Paar Schuhe nehme. +Der Mann kam, sie sah ihn gar nicht an, während er ihr Maß nahm. +Plötzlich wird sie über den fröhlichen Ausdruck seiner Züge betroffen. +»Sind Sie glücklich?« fragt sie ihn. »Ich bin der glücklichste Mensch +von der Welt,« war die Antwort. Dieser Schuhmacher war ein »Erweckter«, +er gehörte zu der Gemeinde der mährischen Brüder. Der Anblick seines +Glückes wirkte so stark auf ihr leicht erregbares Herz, daß sie +ihn immer wieder besuchte, bei ihm mehr und mehr mährische Brüder +kennen lernte, und bald eben so von der Wahrheit des Christenthums +erfüllt war, wie er. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher sie alle +Gegenstände der Liebe ihrer Jugend erfaßt hatte, erfaßte sie jetzt den +Gegenstand der Gefühle ihres reiferen Alters. Von jetzt an zeigt die +religiöse Schwärmerei sich gleichmäßig in ihren Worten und Handlungen. +Ihr ganzes früheres Leben erscheint ihr als Irrthum und Thorheit. +Sie geht gänzlich auf in der Liebe zu ihrem Erlöser. »Es ist kein +Gedanke in mir, der nicht Ihm gefallen, Ihm dienen, Ihm Alles opfern +möchte, Ihm, der es mir vergönnt, nur Liebe für all' meine Mitmenschen +ausathmen zu wollen, und der in der Zukunft mir nur den Schimmer der +Seligkeit weist. O, wenn die Menschen nur wüßten, welches Glücks man in +der Religion genießt, wie würden sie sich dann vor aller anderen Sorge +hüten, als der für ihre Seele!« + +In diesem Gemüthszustande macht sie kurz nach der Schlacht bei Jena +die nähere Bekanntschaft der Königin Louise von Preußen. Gebeugt von +den Unglücksfällen, die über sie hereingebrochen waren, zeigte sie +sich empfänglich für die glühende religiöse Beredtsamkeit der Frau +von Krüdener. Diese erlangte den größten Einfluß auf sie, und durch +sie auf den König. Als Beweis führe ich folgende Worte aus einem viel +späteren Briefe der Königin an sie an: »Ich bin Ihrem trefflichen +Herzen ein Geständnis schuldig, das, wie ich sicher weiß, Ihnen +Freudenthränen entlocken wird, nämlich, daß Sie mich besser gemacht +haben, als ich war. Ihre aufrichtige Sprache, die Unterredungen, +welche wir über Religion und Christenthum führten, haben den tiefsten +Eindruck auf mich gemacht.« Mit der Königin besuchte sie die Kranken +und Verwundeten in den Spitälern. Kurz darauf begegnete sie der Königin +Hortense, die sich ebenfalls stark zu ihr hingezogen fühlte, so stark, +daß sie sie sogar jeden Morgen als ihren täglichen Gast empfing. Gleich +nachher macht sie die Bekanntschaft Jung-Stilling's. Seine religiöse +Begeisterung stimmt mit der ihrigen überein. Sie beginnt jetzt, ein +Beispiel von jeglicher Art christlicher Demuth zu geben. In Karlsruhe +steigt sie in die schmutzigsten Dachkammern hinauf, um Liebeswerke zu +verrichten. Als sie eines Tags ein junges Dienstmädchen darüber weinen +sieht, daß sie die Straße fegen soll, nimmt sie ihr den Besen aus +der Hand, und fegt für sie. Sie schließt sich jetzt einem Priester, +Namens Frédéric Fontaine an, welcher in der Gegend als Wunderthäter +bekannt ist, und tritt durch ihn gleichfalls in Verbindung mit einem +ekstatischen Bauermädchen, Maria Kummrin, die in beständigem Verkehre +mit Seraphim und Cherubim stand, und die in ihrem clairvoyanten +Zustande Orakelsprüche ertheilte und Prophezeiungen aussprach. Dies +Mädchen weissagte der Frau von Krüdener eine hohe Sendung im Reiche +Gottes und bezeichnete Fontaine, der sich übrigens bald als einen +ungewöhnlichen Heuchler und Gauner erwies, als ihren Apostel. Frau von +Krüdener schreibt daher jetzt mit voller Ueberzeugung an ihre Freundin: +»Denke Dir, daß ich im buchstäblichen Sinne des Wortes ~Mirakel +erlebt~ habe. Du hast keine Ahnung von dem Glück, daß Diejenigen +empfinden, welche sich ganz Jesu Christo ergeben. Ich habe von seiner +Güte und Barmherzigkeit das bestimmte Versprechen erhalten, daß er die +Gebete, welche ich für meine Verwandten und Freunde an ihn richte, +erfüllen will.« + +Es läßt sich nicht leugnen, daß die Ausdrücke, mit denen sie die neue +Flamme in ihrem Inneren schildert, eine bedenkliche Aehnlichkeit mit +den Ausdrücken einer durchaus nicht himmlischen Liebe haben. Von Gott +heißt es: »Wie könnte ich wohl sagen, welche Zärtlichkeit in meinem +Herzen brennt, wie meine Thränen fließen, was für Worte mein ganzes +Sein durchbeben, wenn ich mich so geliebt fühle, ich armer Erdenwurm! +Neulich sprach ich zu Gott: Was kann ich Dir sagen, o Du mein +Geliebtester! (+o mon bien aimé!+) O könnte ich es über die ganze +Welt rufen, durch alle Himmel, wie heiß ich Dich liebe! O könnte ich +nicht nur alle Menschen, sondern alle aufrührerischen Geister zu Dir +zurückführen!« + +Es giebt im Vatikan ein Bild von einem modernen Italiäner, auf welchem +eine Nonne vor Christo kniet, der ihr schmachtendes Aeugeln mit den +zärtlichsten Blicken erwiedert. Dies Bild fiel mir unwillkürlich ein, +als ich die Ergüsse der Frau von Krüdener während ihres religiösen +Rausches las. An einer anderen Stelle heißt es: »Es kommt darauf an, +zu lieben, und Andere den liebenswürdigsten (+le plus aimable+), +besten, zärtlichsten aller Väter lieben zu lehren«. Bei ihren +religiösen Rundreisen, auf denen sie überall predigt und bekehrt, hat +ein junger Missionair sich ihr angeschlossen, einer von den Vielen, von +denen sie getäuscht wurde; aber gleich nach seiner Ankunft schildert +sie ihren gemeinschaftlichen Gottesdienst in Worten wie diesen: »Welch +ein Geist! Können Sie sich die Glückseligkeit unserer Kommunionen +vorstellen? Nichts schildert sie; wir vermochten nicht einmal zu hören, +was gesagt wurde«. Es ist unmöglich, Dies zu lesen, ohne sich der +Worte eines ihrer Jugendanbeter zu erinnern. »Lezay behauptet«, sagt +Chênedollé, »daß Frau von Krüdener in den entscheidendsten Augenblicken +bei ihrem Liebhaber ein Gebet an Gott richte und sage: »Mein Gott, +wie glücklich bin ich! Ich bitte Dich um Vergebung für dies Uebermaß +von Glück!« Und er fügt hinzu: »+Elle reçoit ce sacrifice comme une +personne qui va recevoir sa communion+«. (Manuskript Chênedollé's, +dessen Sainte-Beuve in seinen »+Derniers Portraits+«, S. 290, +erwähnt). Analoge religiöse Stimmungen findet man übrigens bei den +Mystikern aller Zeiten. + +Daß sie persönlich von der Reinheit ihres Willens überzeugt und +durchaus aufrichtig in ihrer ganzen Art und Weise des Lebens war, ist +jedoch über allen Zweifel erhaben. Nicht nur, daß sie selbst bekehrt +ist, nein, die Bekehrungs-Leidenschaft kocht in ihrem Innern. Aber- +und abermals kommt ihr der Gedanke wieder, sogar den Teufel und die +Bewohner der Hölle zu bekehren (+Je ne puis m'empêcher de désirer +que l'enfer vienne à ce Dieu qui est si bon, etc.+) Es versteht +sich, daß sie bitter und hart von Denen verkannt wurde, welche an die +Umwandlung, die mit ihr vorgegangen, nicht zu glauben vermochten. Sogar +ihre eigene Mutter verachtete sie, und hörte auf, ihr zu schreiben. +Aber keine Verkennung erschütterte ihre religiöse Begeisterung. In der +Regel von den Weissagungen, Gesichten und Erscheinungen Maria Kummrin's +geleitet, zieht sie von Stadt zu Stadt. In Basel theilt sie religiöse +Traktätlein an die Soldaten aus und bekehrt nach ihrer eigenen Meinung +die halbe Garnison. + +Bald bekommt sie auch die Weissagungsgabe. Die Weissagungsgabe ist in +jener Zeit häufig. Sowohl De Maistre wie Bonald weissagten viele Jahre +vorher die Restauration und standen deshalb in hohem Ansehn. Wo ihre +Prophezeiungen jedoch ein bestimmteres Gepräge annehmen, da ergeht +es ihnen wie denen des Alten Testamentes: sie treffen nicht ein. Um +nur einige Beispiele zu nennen, so sagt De Maistre bei Gelegenheit +der Pläne zur Errichtung eines Regierungssitzes in Nordamerika: »Man +kann Zehn gegen Eins darauf wetten, daß die Stadt nicht erbaut werden, +oder daß sie nicht Washington heißen, oder daß der Kongreß nicht dort +residiren wird«, und all' diese drei Dinge geschahen. So weissagte +er auch, daß die Restauration der Bourbonen in tiefstem Frieden +ohne Hilfe der Fremden erfolgen, daß die Souverainetätsidee und die +Adelsmacht gestärkt aus der Revolution hervorgehen würden. Wenn mehrere +von Bonald's Prophezeiungen (in der »+Théorie du pouvoir+«) +etwas besser eintrafen, so kommt das einfach daher, weil Derjenige, +welcher das Ende des Vergänglichen weissagt, nothwendigerweise einmal +recht bekommt, und weil es Dinge in Betreff der Zukunft giebt, wegen +derer, wie Hamlet sagt, kein Geist sich aus dem Grabe herauf zu +bemühen braucht, um sie uns zu verkünden. Die Weissagungen der Frau +von Krüdener erlangten indeß eine höhere Bedeutung, als die irgend +eines anderen Propheten aus der Restaurationszeit. In einem Briefe +aus Straßburg an eine russische Hofdame hatte sie im Oktober 1814 +geschrieben: »Wir werden bald das schuldige Frankreich gezüchtigt +sehen, das nach der Bestimmung des Ewigen hätte verschont werden +sollen, wenn es fortgefahren hätte, sich dem Kreuze zu unterwerfen«. +Wie konnte man Dies später, nach Napoleon's Rückkehr von Elba anders +auslegen, denn als ein mystisches Vorherwissen der Ereignisse! Sie +hatte ferner geschrieben: »Das Gewitter nähert sich, die Lilien, welche +der Ewige bewahrt hatte, jenes Symbol, das in einer reinen, zarten +Blume besteht, die ein Eisenscepter geknickt hat, weil der Ewige es +also wollte, diese Lilien, welche an Gottes Reinheit und Liebe hätten +appelliren müssen, haben sich nur gezeigt, um zu verschwinden«. Was +konnte Dies anders sein, als eine Weissagung der Flucht Ludwig's XVIII. +vor Napoleon! Die Kunde von diesen Prophezeiungen durchflog ganz +Europa, zuerst aber erreichten sie den Kaiser Alexander, auf welchen +sie den tiefsten Eindruck machten. Sehr von Gewissensbissen gequält, +sehr geschwächt von mancherlei Ausschweifungen, war er für eine +Einwirkung religiöser Mystik in hohem Grade prädisponirt. Auf der Reise +von Wien machte er in Heidelberg die persönliche Bekanntschaft der Frau +von Krüdener. Bald war ihr Einfluß auf ihn allmächtig. Sie schlossen +sich halbe Tage lang mit einander ein, beteten gemeinschaftlich, lasen +mit einander in der Bibel, und diskutirten theologische Probleme. Die +Zeit vor der Schlacht bei Waterloo verbringen sie in Heidelberg mit +der Lektüre von Psalmen. Die Nachricht von den verlorenen Gefechten +bei Ligny und Quatre-Bras am 16. und 17. Juni trifft Alexander mitten +in David's Psalmen, die ihn über die Niederlage trösten und ihn der +Gerechtigkeit seiner Sache vergewissern. Er betet und fastet. Am 18. +Juni wird die Schlacht bei Waterloo geliefert: auf die Kunde davon +reist Alexander nach Paris, verlangt aber, daß Frau von Krüdener +ihm gleich dahin folge. Seine höchste Sorge in diesem Augenblick +ist die, daß sein Bruder Konstantin nicht ebenfalls bekehrt ist. +Unsere Prophetin besucht, ehe sie von Heidelberg abreist, die zum +Tode Verurtheilten im dortigen Gefängnisse, predigt ihnen mit großer +Wirkung, und folgt dann dem Kaiser, über dessen christliche Absichten +sie in der höchsten Ekstase ist. In Paris erreicht ihr Einfluß seinen +Höhepunkt. Der Kaiser besucht sie noch am Abend ihrer Ankunft; ihre +Wohnung wird so eingerichtet, daß der Kaiser zu jeder Tagesstunde +mittels einer heimlichen Thür aus seinem Palaste in ihr Haus gelangen +kann. Im Uebrigen führte ihn keine Zerstreuung, kein Vergnügen in +Versuchung, obschon die Franzosen ihn wenige Jahre zuvor als sehr +weltlich gekannt hatten. »Ich bin Christi Jünger«, sagte er, »ich trage +das Evangelium in der Hand und kenne nur dieses«. Und seine Freundin +schreibt über ihn: »Alexander ist Gottes Auserwählter. Er wandelt die +Wege der Entsagung«. Man müßte schon seine Zuflucht zu Ausdrücken aus +der Offenbarung Johannis nehmen, um zu bezeichnen, was sie eigentlich +in ihm sah: Etwas wie einen Errichter des tausendjährigen Reiches, +einen Engel des Friedens mit dem flammenden Schwerte der Macht, den +blonden Fürsten des Lichts oder Dergleichen, während Napoleon für sie, +wie für Adam Müller und Konsorten, der leibhaftige Teufel war (Vgl. +Band II., S. 248). Alexander sollte das Christenthum wieder auf Erden +errichten, sollte die Revolution und ihre Thaten bis auf die letzte +Spur verlöschen. Zum Ersatz dafür kannten Alexander's Ehrfurcht und +Dankbarkeit keine Grenzen. Anfangs September fand eine großartige +Revue über 150000 Mann russischer Truppen vor Alexander's Augen zu +Camps des Vertus in der Champagne statt. Frau von Krüdener konnte dort +nicht fehlen. Schon Morgens früh holte die Equipage des Kaisers sie +ab, und er empfing sie nicht wie einen Günstling, sondern wie einen +Sendboten des Himmels, der seine Truppen zum Sieg führen sollte. »Meist +entblößten Hauptes oder mit einem kleinen Strohhut auf dem Kopfe, den +sie jedoch gern über den Arm hängte, mit ihrem immer noch blonden Haar, +das in Flechten über ihre Schultern herabhing, während ein Löckchen +noch hie und da über die Stirn fiel, in einem dunklen und einfachen +Gewande, das durch die Weise, wie sie es trug, elegant erschien und +durch einen schlichten Gürtel zusammengehalten ward, -- so erschien +sie bei Tagesanbruch, so stand sie im Augenblick des Gebetes vor der +Front der verwunderten Truppen«. (Sainte-Beuve nach dem Bericht eines +Augenzeugen.) + + * * * * * + +Während dieses Zusammenlebens mit Alexander faßt nun Frau von Krüdener +eine Idee, die man empörend nennen könnte, wenn sie nicht aus dem +durch alte Galanterie und neue Religiosität verschrobenen Hirn einer +armen närrischen Frau käme, -- die Idee zur »heiligen Allianz«. Es ist +jetzt unwiderleglich bewiesen, daß Europa und die Civilisation ihr die +Idee zu derselben verdankten. Ein Mann, der geneigt ist, ihren Einfluß +weit zu unterschätzen, und der Unrecht hat, wo er ihn leugnet, der +hochgeliebte Bruder der Königin Louise von Preußen, der Großherzog von +Mecklenburg-Strelitz, schreibt: »Frau von Krüdener hat niemals den +geringsten Einfluß auf meine engelgleiche Schwester von Preußen geübt, +eben so wenig auf den König, ihren Gemahl, welcher diese zu trauriger +Berühmtheit gelangte Frau vollkommen richtig beurtheilte. Was dagegen +den Kaiser Alexander betrifft, so hatte sie sich seiner so vollständig +bemächtigt, daß die heilige Allianz, welche der Kaiser vorschlug und +durchsetzte, einzig als das Werk dieser Frau betrachtet werden muß; +sei überzeugt, daß ich Dies nicht sagen würde, wenn ich es nicht ganz +bestimmt wüßte«. + + * * * * * + +Einige Tage nach der Ankunft in Paris sagte Alexander zu seiner +Freundin: »Ich verlasse Frankreich, aber vor meiner Abreise will ich +in einem öffentlichen Aktenstücke Gott dem Vater, Gott dem Sohne, und +Gott dem heiligen Geiste die Ehre geben, welche wir ihm für den Schutz +schuldig sind, den er uns erwiesen hat, und alle Welt einladen, sich +in Demuth unter dem Evangelium zu vereinen«. Damit überreichte er +ihr ein Papier -- es war der Entwurf des Traktates zwischen den drei +Monarchen. Capefigue, welcher das Dokument gesehen hat, schreibt: +»Ich habe das Original jenes Traktats vor mir liegen, ganz von Kaiser +Alexander's Hand geschrieben, mit Berichtigungen der Frau von Krüdener. +Das Wort »die heilige Allianz« ist von dieser außerordentlichen Frau +eingeschaltet«. -- Also selbst der Name ist ihre Erfindung. Sie wählte +ihn mit einer Anspielung auf die Weissagungen über die letzten Tage +beim Propheten Daniel. + +Wenn man nun der Vergangenheit dieser Frau gefolgt ist, wenn man +gesehen hat, wer und was sie war, und wenn man auf der andern Seite +einen Begriff hat von der Revolution und was diese war, so dünkt es +Einen nicht wahrscheinlich, daß all' jene apokalyptischen Reminiscenzen +und heiligen Principien, von derselben Frauenhand formulirt, die +elf Jahre zuvor Schärpen und Hüte +à la Valérie+ kaufte, und +von derselben Feder, welche die Elegie an Sidonie verfaßte, auf die +Dauer Kraft haben sollten, den erneuten Brandungen der Revolution zu +widerstehen. Denn man wähne nicht, daß die Revolution vorüber ist. Wir +sind und leben noch mitten in ihr. Wo Drei in ihrem Namen versammelt +sind, da ist sie mitten unter ihnen. + +Im Traktat erklären »im Namen der hochheiligen und untheilbaren +Dreieinigkeit« die drei Monarchen »feierlich, daß gegenwärtiges +Aktenstück den Zweck hat, vor dem Angesichte des Universums ihren +unerschütterlichen Entschluß zu offenbaren, zur Richtschnur ihres +Handelns, sei es in der Leitung ihrer respektiven Staaten oder in +ihren politischen Verhältnissen zu jeder anderen Regierung, nur die +Vorschriften der heiligen Religion über Gerechtigkeit, Liebe und +Frieden zu nehmen, die, weit davon entfernt, nur im Privatleben +anwendbar zu sein, im Gegentheil direkten Einfluß auf die Entschlüsse +der Fürsten üben müssen, als das einzige Mittel, die menschlichen +Institutionen fest zu begründen und ihren Unvollkommenheiten +abzuhelfen.« + +Das war der Wortlaut. Was ursprünglich die aufrichtige und +wohlgemeinte Sprache des kaiserlichen Schwachkopfes war, Das wurde +mit heuchlerischer Klugheit von seinen gekrönten Brüdern angenommen. ++Cetera quis nescit!+ Wer weiß nicht, welche Bedeutung die +heilige Allianz erlangte, wie sie die allgemeine europäische Reaktion +mit der Brutalität als Inhalt und der Lüge als Form herauf beschwor. +In ihrem Namen wurde im traurigsten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts +jedes, selbst das schwächste Streben nach geistiger und politischer +Freiheit verfolgt oder erstickt. Freiwillig schloß sich an die +Allianz die Macht an, welche das größte Interesse daran hatte, nämlich +der Papst. Ohne kleinliche Rücksichtsnahme auf seine Stellung als +das Haupt der römisch-katholischen Kirche, erhob der Papst seine +Kollegen in den Himmel: Alexander, den griechischen Papst, den König +von Preußen, den lutherischen Papst, und den König von England, den +anglikanischen Papst. Auf dem Wiener Kongresse legte dann Pius ein +Restaurationsprojekt vor, in Vergleich mit welchem alle Träume der +Restauratoren der Vergangenheit erblichen und alle früheren Versuche, +die vorrevolutionären Zustände wieder heraufzuführen, auf Nichts +reducirt wurden. Mit einem Federstriche war die Existenz der Revolution +und des Kaiserreiches ausgelöscht. Das heilige römische Reich sollte +wieder hergestellt werden, außerdem die ganze Gesellschaftsordnung +des Mittelalters: Zehnten, Kirchengüter, Steuerfreiheit für die +Geistlichkeit, und Inquisition. + +Der Rest des Lebens der Frau von Krüdener bietet kein +weltgeschichtliches Interesse. Sie ward immer aufrichtiger und immer +fanatischer in ihrem Glauben; ihr Trieb, denselben durch Handlungen +an den Tag zu legen, ward immer glühender. Den Armen und Kranken +zu helfen, ward ihr eine Herzens- und Lebenssache. Allein von dem +Augenblick an, wo sie versucht, das Christenthum praktisch zu nehmen, +verändert sich der Charakter ihrer ganzen Stellung. Die Gewalthaber, +die Behörden, alle die Großen, welche ihr, so lange sie sich an die +Höfe hielt, ihre Aufwartung gemacht hatten, erblickten, so bald sie +sich an die Volksmassen wandte, mit sicherem Instinkte in ihr einen +Feind. Bald durchzog sie die Schweiz in einem heilig-wahnwitzigen +Fest- und Triumphzuge, bald wurde sie als Verfolgte von Stadt zu +Stadt gehetzt. In Basel wütheten die Priester gegen sie und bewirkten +ihre Ausweisung; in Baden, wo sie während einer Hungersnoth einen +großartigen Wohlthätigkeitssinn bewies, wurde ihr Haus von Gensdarmen +umringt, und Die, welche bei ihr Zuflucht gesucht hatten, wurden +verjagt; aus Luzern wurde sie von der Polizei vertrieben; als sie +versuchte, durch das Elsaß nach Frankreich zu gelangen, wurde ihr +der Eintritt verboten und die Rückreise nach Baden ihr gleichfalls +untersagt. Unter polizeilicher Eskorte wurde sie endlich nach Rußland +zurückgeschafft, und zwar so, daß sie von der württembergischen +Polizei an die bairische, von dieser an die sächsische, von dieser +an die preußische, und von letzterer endlich an die Polizei ihres +eigenen Landes abgeliefert wurde. Alexander's Gnade hatte sie für +immer verscherzt. Die Schilderungen, welche sie in ihren religiösen +Zeitschriften und Broschüren von dem Unrechte der Gesellschaft, von +der grenzenlosen Noth der Armen und den ungerechten Unterdrückungen +der Gewalthaber gemacht hatte, waren überall als Socialismus und +Kommunismus bezeichnet worden; das Christenthum, wie sie es verstand, +konnte den Autoritäten nicht genehm sein. Zugleich war sie naiv +genug, unvorsichtigerweise ihre Begeisterung für den Freiheitskampf +der Griechen auszusprechen, und auf eine für den Kaiser förmlich +kompromittirende Art zu äußern, daß er als Stifter der heiligen Allianz +sich an die Spitze eines Kreuzzuges gegen die Türkei stellen sollte +und müßte. Von Alexander verstoßen, verließ sie St. Petersburg und +lebte von jetzt an als Selbstquälerin und Missionairin. Sie litt Noth, +bisweilen sogar Hunger, quälte sich selbst, linderte die Noth Anderer, +wo sie's vermochte, und starb 1824 während einer Missionsreise in der +Krim. + +Einen interessanten Gegensatz zu der französisch-russischen Frau von +Krüdener bildet die deutsch-russische Schwärmerin, Fürstin Gallitzin, +deren Auftreten an den Schluß des achtzehnten Jahrhunderts fällt, wie +das Auftreten der Frau von Krüdener in den Anfang des neunzehnten. +Man erkennt die Eigenthümlichkeit der Letzteren schärfer, wenn man +einen Blick auf das Leben der Fürstin wirft. Sie ist als Geist ein +rein deutsches Phänomen, ebenso einfach, wie ihre jüngere Zeitgenossin +raffinirt und komplicirt ist, zugleich naiv und sentimental, eine +schöne Seele und ein schwacher Kopf. Ihr Gemahl ist, wie Herr von +Krüdener, sehr weltlich, ein Freund und Bewunderer Diderot's, der +zuerst die Fürstin zu ihren Studien ermuntert und ihr Muth zu +denselben einflößt, aber später eine eifrige Gegnerin in ihr findet. +Eben so gleichgültig gegen die Vorzüge ihres Geschlechtes, wie Frau +von Krüdener kokett war, läßt die Fürstin sich das Haar scheeren, +um sich die Theilnahme am Gesellschaftsleben unmöglich zu machen, +und zieht sich schon mit vierundzwanzig Jahren von der Welt zurück. +Um sich ganz von aller Selbstsucht loszureißen, »brachte sie Gott +aus Liebe das Opfer ihres Verstandes.« Ihre Unbekanntschaft mit der +Welt zeigt sich in solch einem kleinen Zuge wie dem, daß sie, als +ihr Sohn in fremde Kriegsdienste zu treten wünscht, sich erst an den +preußischen, dann an den österreichischen Obergeneral wendet, um die +Erlaubnis zu erlangen, ihm einen Begleiter mitgeben zu dürfen, der +ihn gegen die unregelmäßigen Sitten des Militairlebens schütze, und +zu ihrer Verwunderung beide Male die Antwort erhält, daß ein Officier +nicht solch eine männliche Gouvernante zur Armee mitbringen könne. +Ihre religiöse Schwärmerei wird am besten durch ein Erzeugnis wie das +nachstehende charakterisirt: + +~Gebet der Liebe~. + + Liebe! lehre uns beten, daß uns erhöre die Liebe. + O der Liebe vereintes Gebet ist Quelle der Liebe, + Quelle des ewigen Lebens und unaussprechlicher Wonne! + Schwester, rufe mir zu: »O Bruder! Bitten der Liebe + Sende dem Vater für mich -- ich sende Bitten der Liebe + Täglich dem Vater für Dich.« O Schwester! der Bitten nicht eine + Kann an die Liebe, von Liebe für Liebe gesendet, umsonst sein. + +Der Ton ist bei ihr, trotz all' ihrer Innigkeit, doch eben so +pietistisch-abstrakt, wie bei Frau von Krüdener mystisch-sensuell[11]. + +Was wir in Frau von Krüdener vor uns haben, ist also ein Geist, der +von Anfang an so ausgerüstet ist, daß er dazu geschaffen scheint, +etwas Bedeutendes zu vollbringen. Denn er hat einen Fond lebhaften +Gefühls, eine Summe von Lebenskraft, die für ein Paar Menschenleben +ausreichen zu können scheint, nicht in gesundem Vegetiren, sondern +kraft der inneren Unruhe, die ihr Princip ist, und des inneren Feuers, +das nach allen Seiten unaufhörlich Funken versprühen zu können scheint. +Es liegt in ihr ein ursprünglicher Fond russischer Flüchtigkeit und +Schmiegsamkeit, deutscher Sentimentalität, französischen Formensinns, +und »asiatisch«-sinnlicher Anmuth. Sie tritt in das Leben hinaus, ohne +eine solide Erziehung hinter sich und einen ernsten Vorsatz vor sich +zu haben, mit einem starken Drange nach Glück, mit etwas poetischer +Anlage, also im Voraus für ein Leben in Illusionen bestimmt. Da +sie sich von Bewunderern umgeben sieht, genießt sie taumelnd diese +Befriedigung. Dann beginnt sie sich selbst als ein höheres Wesen zu +betrachten. So lange sie ihrem Manne äußerlich die Treue bewahrt, +lebt sie in der Illusion, daß sie eine Heldin der Pflicht sei. Als +sie dieselbe bricht, wechselt sie ihr Ideal, und verwandelt sich vor +sich selbst in das Ideal der schönen Sünderin. Sie äußert einmal von +den Genfer Damen, daß sie weder den Reiz der Unschuld noch die »Grazie +der Sünde« besäßen. Sie hat sich letztere angeeignet. Sie fuhr ja doch +fort, den Theil des Ideals zu besitzen, welcher darin besteht, die +Erste in ihrer Art, +unique+ zu sein. Hierin liegt es, daß sie +sich einbildete, ihrem Gemahl das Glück (Orden und Titel) zu bringen. +Alle Illusion besteht in einer unrichtigen Verknüpfung von Ursache +und Wirkung, die religiöse Illusion so gut wie die andern. Aber die +religiöse Illusion ist eine doppelte, sie führt die Wirkung nicht auf +ihre Ursache, sondern direkt auf einen unbestimmten Ursprung, den +Mittelpunkt des Seins, zurück -- erste Illusion, -- und im Mittelpunkt +des Seins wird sodann nicht, wie man sich vorzustellen pflegt, die +Gottheit, sondern das Individuum selber placirt -- zweite Illusion. +Unsere Heldin glaubt, ihr Gemahl erhielte die Orden direkt von Gott, +aber die Ursache, weshalb Gott ihm dieselben verleiht, ist sie selbst +und kein Anderer. Sie ist die wahre Ursache, und Gott nur das Mittel, +durch das sie wirkt. Sie fährt fort, ihr weltliches Leben zu führen, +so lange dasselbe ihr noch Illusionen zu schenken vermag. Allein eine +Dame von Geist und Nerven wird dieses Lebens, wird der zurückblickenden +Eifersucht des neuen Anbeters auf den früheren mit der Zeit müde, und +es ekelt sie zuletzt, zum zehnten Male sich selbst und einen Andern +mit den Worten zu täuschen: »Ich liebe Dich und habe nie einen Andern +geliebt!« Als alle Illusionen des Lebens entschwunden sind, eröffnet +sich der Lebensmüden die Möglichkeit einer neuen Illusion, welche +sogar über das Grab hinausweist. Den Schlaganfall, der ihren Anbeter +trifft, betrachtet sie mit denselben Augen, womit der heilige Augustin, +Pascal oder Luther ähnliche Ereignisse betrachtet haben. Er ist ein +Wink, eine Warnung für sie. Der fröhliche Schuster ist überzeugt, +zu den Auserwählten Gottes zu gehören. Als sie das Geheimnis seiner +Fröhlichkeit erfährt, will sie nicht hinter ihm zurückstehen, sondern +auch zu ihnen gehören. Der Glaube an Gott ist für sie die Befriedigung +des Wunsches, auserwählt und Anderen vorgezogen zu sein. Sie hält +sich für bekehrt, und ist im Grund ihrer Seele Dieselbe, die sie +war. Indem sie der Gottheit die Worte in den Mund legt, mit welchen +diese sie ihrer Zärtlichkeit versichert: was thut sie anders, als die +Episteln und Elegien an Sidonie in eine andere Form bringen! Das Echo +ihrer Selbstanbetung kommt zu ihr wie eine Stimme aus den Wolken, und +jetzt, wie früher, dankt sie Gott, solchermaßen -- durch sich selbst +ausgezeichnet worden zu sein. Was sie begehrt, ist, jetzt wie ehemals, +geliebt zu werden. Aber wie Chateaubriand auf einem Umweg über das +irdische Jerusalem nach seiner irdischen Alhambra reist, so bahnt sie +sich den Weg zu ihrer himmlischen Alhambra über das himmlische Zion. +Der Unterschied ist nur der, daß er die Andern betrügen will, sie aber +sich selbst betrügt. Sie ist eine Kokette, so gut wie er und Lamartine; +nur daß Diese stolze Koketten sind, während sie demüthig ist. + +Doch der entscheidende Zug, welcher sie im Gegensatze zu ihnen +kennzeichnet, liegt nicht im Charakter, sondern in der Intelligenz und +in ihrer weiblichen Natur selber. Chateaubriand hat als Mann wenigstens +einen schwachen Begriff von Wissenschaftlichkeit, der es ihm unmöglich +macht, sich von Mirakelmännern und Dorfsibyllen bethören zu lassen. Sie +dagegen ist ein Weib, und in Reaktionsperioden lautet die Definition +eines Weibes so: Ein Weib ist eine Pfaffenbeute. Ohne wissenschaftliche +Voraussetzungen wird man, wenn nicht ganz vereinzelte, ungewöhnlich +günstige Zufälle eintreten, etwas früher oder etwas später, aber in +der Regel unvermeidlich, eine Beute seiner Begeisterung, die nicht +weiß, wohin sie will, seiner unbestimmten Sehnsucht, die nicht weiß, +was sie begehrt, seiner Feigheit, die von den Unglücksfällen des +Lebens geängstigt wird, endlich all' seiner Illusionen, und all' diese +Mächte: Begeisterung, Sehnsucht, Furcht und Träumerei, überliefern +ihr Opfer, an Händen und Füßen gebunden, als Beute der Kirche, deren +Autorität ja außerdem von frühester Kindheit an durch die Erziehung +der Seele eingeprägt worden ist. So erging es Frau von Krüdener. Von +dem geistigen Leben, das sie tangirt, gehen die bedeutungsvollen +Freiheitskämpfe, die unabhängige Forschung, der Aufklärungseifer, +die Denkerbegeisterung unverstanden an ihr vorüber; was sie vom +Zeitalter versteht und sich aneignet, ist nur die eine Seite desselben: +die Frivolität. Als die Reaktion wider das achtzehnte Jahrhundert +beginnt, und selbstredend damit beginnt, der abgelaufenen Periode ihre +Ungöttlichkeit und Frivolität vorzurücken, giebt Frau von Krüdener ihr +augenblicklich Recht, weil sie sich getroffen fühlt, weil sie selbst in +ihrem ganzen Zeitalter Nichts anders gesehen, für Nichts Auge gehabt +hat, als für die Leichtfertigkeit und die rücksichtslosen Sitten. + +Die Reaktion nimmt zu, und sie erhält ihre Poesie, eine Poesie all' +des Uebernatürlichen, an das zu glauben der Dichter seinem Leser +vorspiegelt. Die Bücher werden mit Thronen und Fürstenthümern, Cherubim +und Seraphim angefüllt; es ist den Dichtern anscheinend heiliger +Ernst damit; nur fällt es ihnen freilich nicht ein, daß irgend ein +Mensch es wirklich für Ernst nehmen könne. Welch ein Epigramm auf den +ganzen Kampf für die Tradition, als endlich eine Frau erscheint, die +naiv genug ist, Alles buchstäblich zu nehmen, die dem jungen Mädchen +glaubt, welches ihr erzählt, daß sie mit Engeln Verkehr pflege, und +dem Manne, welcher die übernatürlichen Visionen erlebt haben will, +von denen zu singen die höchste Mode der Zeit war! Die Dichter +hatten das Mirakel und den Propheten zu verherrlichen begonnen. Da +kommt nun eine arme naive Magdalena, und nimmt sie beim Worte, und +glaubt an die Mirakel, die man ihr weist, und versucht sich selbst +in Prophezeiungen. Man steht eben im Begriffe, über sie den Kopf zu +schütteln und zu lächeln, als es sich zeigt, daß die Mächtigen ihrer +Zeit sie für voll nehmen. Sie wird eine Macht. Chateaubriand, der nicht +an sie oder mit ihr glaubt, aber der an ihren Einfluß glaubt, sucht +sie für seine politischen Pläne zu gewinnen, wird aber abgewiesen. Sie +will nur Eins, dem Christenthum seine durch die Revolution gestürzte +Autorität wiedergeben. Für sie hat die Revolution nur ~eine~ That +vollbracht, nämlich die, die heilige Tradition zu stürzen; sie will +ihrerseits nur ~eine~ That, die entgegengesetzte, vollbringen, +dem Christenthum seine weltüberschattende Herrschaft wiederzugeben. +Alexander faßt den Gedanken auf, die Mächte adoptiren ihn als ein +kluges politisches Mittel. So lange Sie nur die ~Autorität~ +des Christenthumes zur Geltung bringen, so lange sie nur die Leute +von ~oben herab~, und im Bunde mit den Fürsten, reformiren und +bekehren will, steht sie auf dem Gipfel der Ehre und Vergötterung. +Aber der Umschlag erfolgt. Die religiöse Konsequenz zwingt sie, eine +Bekehrung der Leute ~von unten her~ zu versuchen, indem sie +sich mitten unter sie begiebt, indem sie das Christenthum praktisch, +statt theoretisch, und nach Art der alten Apostel betreibt. Welche +Naivetät! Sie ist so naiv, daß sie meint, die Gewalthaber müßten +diese Versuche mit eben so günstigen Augen wie ihre früheren +Bestrebungen ansehen. Sie begreift freilich nicht, daß die Autorität +jede ernstliche Beschäftigung mit ihrem eigenen Princip fürchtet, +wenn diese Beschäftigung nicht die ~officielle~ ist. Von dem +Augenblick an, wo sie wirklich als Christin auftritt, wird sie als +Revolutionairin behandelt. Die Kämpfer für das Autoritätsprinzip sehen +in dem Gefühl von der allgemeinen Brüderlichkeit der Menschen, das +sie leitet, und in der Ekstase, mit welcher sie der Sache der Armen +und Unterdrückten das Wort redet, einen Beweis dafür, daß sie -- +Socialistin und Kommunistin sei. Und so wurde es ihr Loos, praktisch +zu zeigen, was die Wiedereinsetzung des Christenthums als Autorität +zu bedeuten hat. Man wollte dasselbe eben nur als ~Autorität~, +als ~Macht~, als ~Ordnung~ gebrauchen. Man benutzte es, wie +man die Polizei, die Armee, die Gefängnisse benutzte, um Alles in Ruhe +und das Autoritätsprincip aufrecht zu erhalten. Von dem Augenblick an, +wo es persönlich und individuell genommen und solchermaßen ins Werk +gesetzt wurde, daß man befürchten mußte, es werde sociale Bewegungen +verursachen, von dem Augenblick an war es die ~Unordnung~, und +die Autoritäten spedirten es in der Person der Frau von Krüdener so +schnell wie möglich von Grenze zu Grenze. + + +[Charles Eynard: Vie de Madame de Krüdener, Tome I-II. -- + Sainte-Beuve: Portraits de femmes. Derniers Portraits.+ + + Ich entwarf diesen Abschnitt vorigen Sommer im Auslande, und hatte + damals nur Eynard's Biographie zur Hand. Bei meiner Heimkehr sah ich, + daß ein paar Stellen in den Briefen der Frau von Krüdener, die mich am + meisten frappirt hatten, auch von Sainte-Beuve bemerkt worden waren, + ohne daß sonst eine Uebereinstimmung in der Behandlung stattfand. + Es giebt in jedem Buche drei oder vier Stellen, die jeder Kritiker, + der sein Fach versteht, immer beachten und citiren wird. So entsteht + zuweilen der Anschein, als habe der Eine den Andern benutzt, ohne daß + Solches der Fall ist. Stuart Mill schrieb einmal über diesen Punkt: + »Coleridge erinnerte einen seiner Recensenten daran, daß es Dinge in + der Welt giebt, die man Quellen nennt, und daß das Wasser, das Jemand + schöpft, nicht nothwendig aus dem Loche zu kommen braucht, das er in + die Cisterne eines Andern gemacht hat.«] + + + + +7. + + +Als die hundert Tage vorüber waren, und Ludwig XVIII. zum zweiten +Male zurückkehrte, verbreitete eine seltsam gemischte und wehmüthige +Stimmung sich über Frankreich. Die Restauration zeigte eine doppelte +Physiognomie: sie war die Wiederaufrichtung einer Dynastie, von +der man geglaubt, daß die Revolution sie für ewige Zeit vom Throne +Frankreichs ausgeschlossen hätte, sie führte Zustände zurück, von denen +man gemeint, daß sie ausschließlich der Vergangenheit angehörten, +und auf der anderen Seite war sie die Wiederaufrichtung gesetzlicher +Freiheit im Gegensatze zu der furchtbaren Militairdespotie, die so +viele Jahre hindurch Frankreich unter ihrer Gewaltherrschaft hatte +erseufzen lassen. Für die Literatur war sie anscheinend wenigstens ein +Freiheitsbote. Nach Verlauf von fünfzehn Jahren war eine freie Debatte +über Ideen wieder möglich. Die schwere Hand, welche zermalmend auf der +Presse geruht hatte, zog sich zurück. Das Siegel wurde von dem Schreine +gelöst, in welchem die kämpfenden Geister und Systeme gebunden +lagen, man hatte Erlaubnis, Alles zu diskutiren: die Revolution +und das Kaiserthum, das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert, +Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. + +Man hatte Erlaubnis, aber hatte man Lust dazu? Nein, die Lust +war gering. Die Stimmung Frankreichs war die Stimmung nach einer +langwierigen Krankheit oder nach einer verlorenen Schlacht. Nicht daß +man sich nach Siegen gesehnt hätte. Am Ende der Regierung Napoleon's +hatte schon die Kanone vor dem Invalidenhotel keinen Widerhall in +den Herzen mehr erweckt. Man sagte zu einander: Ach, es ist nur ein +Sieg! Nein, man sehnte sich nach Frieden, wie der zur Ader Gelassene +und Erschöpfte sich nach Ruhe sehnt. Man freute sich, wie wenn eine +Choleraepidemie, die eine Stadt aufs äußerste verheert hat, endlich +vorüber ist. Man begann sich wieder an den Gedanken des Lebens zu +gewöhnen. Die Mütter hatten bisher mit einem gewissen Grauen ihre +Kinder sich dem Jünglingsalter, d. h. dem Alter, wo sie Soldaten, +und bald darauf Leichen wurden, nähern sehen. Sie begannen jetzt zu +hoffen, daß diese Kinder das Leben vor sich hätten. Die Kinder, welche +unter Trommelwirbeln und kriegerischen Fanfaren aufgewachsen waren, +und sich schon in der Schule an den Gedanken früh erworbenen Ruhmes +und eines frühen Todes gewöhnt hatten, mußten sich nun gleichfalls +an den Gedanken eines friedlichen Lebens gewöhnen. Der Tod im Bette, +der ihnen bevorstand, erschien ihnen widerwärtig im Vergleich mit dem +Tode, der sich ihnen jüngst so strahlend schön in seinem rauchenden +Purpur gezeigt hatte, sie fühlten sich gleichsam getäuscht, und +begannen zu grübeln. Die jungen Männer endlich, welche so lange +nothgedrungen alles persönliche Leben im Staatsleben, Kriegsleben und +den gemeinsamen Interessen des Vaterlandes hatten aufgehen lassen +müssen, vernahmen großentheils mit Entzücken die Botschaft, daß sie +jetzt die Reihen durchbrechen dürften, und nicht mehr in Schritt und +Tritt nach dem Kalbsfell zu marschiren brauchten; sie schüttelten den +Staub der Heerstraße von ihren Füßen, warfen die Uniform in den Winkel, +und suchten jede Erinnerung an die Disciplin auszulöschen. Da sie +geradeswegs von den Schlachtfeldern des Kaiserreichs, aus dem Getöse +und Blutbad der Schlachten kommen, nehmen sie ihre Zuflucht zum ruhigen +Naturleben, fern von der lärmenden Menschenwelt. So ist die Stimmung +der Periode: müde, aber komplicirt, voller Täuschungen, Hoffnungen und +Drang zu persönlichen Träumereien, keine Stimmung zur That, sondern zum +Meditiren und zur Kontemplation. + +Diese Volksstimmung erklärt es, wie Lamartine's »Meditationen« die +Lieblingsdichtung der Zeit werden konnten. Nach Chateaubriand's »Genius +des Christenthums« hatte kein Buch solches Aufsehen in Frankreich +erweckt; in vier Jahren wurden 45000 Exemplare abgesetzt. In diesem +Buche fand die Periode, so seltsam es uns jetzt erscheinen mag, einen +Dolmetscher für ihre Gefühle und für Alles, was sich in ihrem tiefsten +Gemüth regte, ein Bild ihrer idealen Sehnsucht, das in den reinsten und +schönsten Farben des Traumes schillerte. Diese Gedichte klangen wie +Aeolsharfentöne, aber es war der Zeitgeist, welcher in die Saiten der +Harfe griff. Freilich waren es nicht sowohl Gesänge, wie Betrachtungen, +nicht sowohl Herzens- wie Geistes-Harmonien; aber man hatte so +lange Zeit hindurch im Leben genug der Bestimmtheit, der bestimmten +Formen, festen Gestalten, und herzergreifenden Gefühle gehabt. Es +wurde durchaus nicht als ein Mangel verspürt, daß man hier keine +zugespitzte Leidenschaft oder irgend eine Neigung fand, die finstere +und schreckliche Seite des Menschenlebens, überhaupt das Leben, wie +es ist, zu sehen. Davon hatte man in der Wirklichkeit genug gehabt. +Nach einer Zeit, in welcher so viele Instinkte hatten erstickt werden +müssen, freute man sich dieses rein poetischen Instinktes, dieses so +melodiösen Dichters, der, wie er sagte, einen Accord für jedes Gefühl +und jede Stimmung hatte. Man sehnte sich nach einer solchen Ruhe in der +Lyrik nach der Philosophie, der Revolution und endlosen Kriegen. Das +Gedicht »Der See« machte die Runde durch Europa, weil es so lange her +war, seit man überhaupt die Natur empfunden und sie anders als taktisch +mit Rücksicht auf ihre Terrainbildung betrachtet hatte. Lamartine trat +jedoch im Geiste der Zeit nicht bloß als Stimmungsdichter, sondern +als Gläubiger und Christ auf. Der Grundton in seinen Gedichten war +christlich-monarchisch und bourbonistisch. + +Für uns, die wir später einen Lamartine, welcher Präsident der Republik +und Apostel des Humanismus war, gekannt haben, ist es interessant, +die geistigen Ausgangspunkte des Dichters wahrzunehmen. Im Vaterhause +ist die Bibel seine stete Kindheitslektüre. Er wird im Glauben an +das Königthum von Gottes Gnaden erzogen. Als Jüngling lebt er unter +dem Einflusse der Frau von Staël und Chateaubriand's, besonders des +Letzteren. Er liest mit Bewunderung Tasso's »Befreites Jerusalem«; +Ossian giebt ihm die Ueberzeugung, daß wahre Poesie unbestimmt und +neblig sein könne; Bernardin de Saint-Pierre ist für ihn, wie für Frau +von Krüdener, durch die friedliche Milde und Harmonie seiner Natur +das besondere Vorbild. Oeffentlich tritt er dann zuerst als Schüler +Chateaubriand's und Bonald's auf. In seinem »Rafael« erzählt er selbst, +wie er dazu kam, Bonald's Bekanntschaft zu machen. Zu jener Zeit, als +er in Chambéry am Fuße der Alpen die junge, schöne Creolin anbetete, +welche er in seinen Gedichten unter den Namen Elvire verherrlicht +hat, wurde er von seiner Freundin aufgefordert, eine Ode an Bonald +zu schreiben, der ein naher Bekannter ihres Hauses war. Lamartine +behauptet, daß er nur den Namen Desselben und den Nimbus gekannt habe, +von welchem dieser Name, als der eines christlichen Gesetzgebers, +umstrahlt war. »Ich stellte mir vor, daß ich zu einem modernen Moses +reden solle, der aus den Strahlen eines neuen Sinai das göttliche Licht +schöpfte, mit welchem er die menschlichen Gesetze erhellte.« Vielleicht +hat Bonald auch De Vigny vorgeschwebt, als Dieser kurz darauf sein +Gedicht »Moses« verfaßte. Lamartine schrieb damals an Bonald die Ode, +welche in seiner Sammlung den Titel »Das Genie« trägt, und worin auf +Treu und Glauben erzählt wird, daß Bonald die falsche Klarheit der +berühmten Sophisten verscheuche &c. und die moralische Welt von der +Unordnung zur Ordnung selber führe. Dieser magere Begriff des Guten: +»die Ordnung«, kehrt überall wieder. Bonald antwortete damit, daß er +dem jungen Dichter ein Exemplar seiner sämmtlichen Werke übersandte. +Lamartine las sie mit Begeisterung, und wenn er später in der +Anmerkung zu dieser Ode es leugnen zu wollen scheint, daß er so tief +von denselben ergriffen wurde, wie es der Fall war, so muß man Das +auf Rechnung der späteren Erkenntnis setzen. Er sagt dort: »Ich las +diese Schriften mit der poetischen Schwärmerei für die Vergangenheit +und mit dem innigen Mitleid für das Gefallene, welche so leicht in +der Phantasie eines Knaben sich in Dogma und System verwandeln. Ich +bemühte mich einige Monate lang, auf Chateaubriand's und Bonald's Wort +an geoffenbarte Regierungen zu glauben. Später entrissen die Zeit +und die menschliche Vernunft mich, wie alle Anderen, diesen schönen +Illusionen, und ich begriff, daß Gott dem Menschen Nichts anders +als seine socialen Neigungen offenbart, und daß die verschiedenen +Regierungssysteme Offenbarungen des Zeitalters, der Situation, des +Jahrhunderts und der Laster und Tugenden des Menschengeschlechtes +sind.« Lamartine antedatirt sehr beträchtlich diese seine Einsicht. +Seine »Meditationen« verfolgen in der Regel alle dieselbe Richtung, +wie die Ode an Bonald. Diejenige, welche »Gott« betitelt ist, ist +Lamennais, die Dithyrambe über die heilige Poesie ist dem Uebersetzer +der Bibel, Genoude, gewidmet. Er selbst ist Mitglied der Redaktion +des »+Conservateur+«, von dessen Begründung Chateaubriand die +ausgeprägte Reaktion in Europa datirt. Als dies Blatt eingeht, wird er, +nebst Lamennais und Bonald, Begründer des neuen gleichartigen Organs +»+Le défenseur+«, welches darauf ausgeht, den Konstitutionalismus +zu bekämpfen. Es fällt ihm die Aufgabe zu, De Maistre zu Beiträgen +auffordern zu sollen. Höchst interessant ist es zu sehen, in welchem +Tone der jetzt schon dreißigjährige Lamartine den Verfasser des Buches +»Ueber den Papst« anredet: »Herr Graf! ich war sehr krank, als ich +Ihre freundliche und schmeichelhafte Zuschrift nebst ihrem Werke +empfing. Ich benutze die ersten rückkehrenden Kräfte dazu, Ihnen +gleichzeitig für den Brief und das Buch zu danken, besonders aber für +die schmeichelhafte Benennung +Neveu+, derer ich mich gegen all' +ihre Bekannten rühme; diese Benennung allein ist so gut wie ein Ruf, so +hoch steht Ihr Name bei Allen angeschrieben, die ein wahres und tiefes +Genie in diesem irregehenden und kleinlichen Jahrhundert verstehen +... Herr Bonald und Sie, Herr Graf, und noch einige Männer, die in +großer Entfernung Ihrer Spur folgen, haben eine unvergängliche Schule +hoher Philosophie und christlicher Politik begründet, die besonders in +der jungen Generation Wurzeln schlägt.« In diesem Briefe bezeichnet +Lamartine die Stellung De Maistre's in der Literatur dahin, daß er +das Haupt der ersten Schriftsteller sei, und leitet die Opposition +wider ihn aus den »lächerlichen gallikanischen Prätensionen« her, die +er so bewunderungswürdig vernichtet habe. Sein Standpunkt ist also +der reine unverfälschte Ultramontanismus, -- jedoch, wohlgemerkt, nur +sein theoretischer Standpunkt. In seiner Poesie ist er nicht ganz so +dogmatisch. Wenn er es z. B. für seine, des christlichen Dichters, +Aufgabe hält, die heidnische Mythologie vom Parnasse zu verjagen, so +leitet ihn in Wirklichkeit kein religiöser, sondern ein rein poetischer +Instinkt. Die alten Mythen waren in der Lyrik längst zu bloßen +Umschreibungen eingeschrumpft, und allzu lächerlich, um schädlich auf +die Religiosität irgend Jemandes wirken zu können. Es war doch fürwahr +nicht nöthig, einen religiösen Protest wider den Glauben an Apollo und +Amor zu erheben. Nein, Das, wodurch Lamartine wirkte, war, daß er bald +die melancholischen, bald die beruhigenden, bald die begeisternden +Worte aussprach, welche Alle zu hören begehrten. Man entdeckte nicht, +daß er eigentlich etwas Neues gefunden oder gesagt hätte, man erkannte +sich selbst wieder in dieser sympathetischen Stimme. Man fühlte wieder +gewisse Fibern sich regen und aufleben, die während der allgemeinen +Niedergeschlagenheit empfindungslos geschienen hatten. Er ließ die +Saiten, welche lange verstummt gewesen, wieder erklingen, und man war +entzückt über das Neue, welches darin lag, jene alten Erinnerungen +ins Leben zurück zu rufen. In der Begrüßungsrede, welche der große +Naturforscher Cuvier 1830 bei der Aufnahme Lamartine's in die Akademie +hielt, zeigt er, wie der Mensch in der tiefen Nacht, die seine Vernunft +umgebe, eines Führers bedürfe, welcher ihn dem schwarzen Labyrinthe +des Zweifels zu entreißen und ihn zu den Regionen des Lichts und der +Sicherheit hinzuführen vermöge. Er beschuldigt Byron, im Universum nur +einen Tempel für den Gott des Bösen erblickt zu haben, und begrüßt in +Lamartine den Sänger der Hoffnung. So vermengte Frankreich, wie ein +armer Rekonvalescent, die Hoffnung mit dem Glauben, den Trost mit den +Dogmen, den Lebensmuth mit dem Ultramontanismus zu ~einer~ großen +Unklarheit, bis die Macht der Verhältnisse die Nebel zerstreute und +sowohl die Schriftsteller wie das Publikum zwang, bestimmte Standpunkte +einzunehmen. Vorläufig war es für Lamartine eine Zeit des Triumphes und +des beginnenden Ruhmes; dieser Ruhm kam für ihn nicht zu früh, er war +dreißig Jahre alt, aber derselbe fiel gleich den ersten Strahlen der +aufgehenden Sonne in seine ehrsüchtige Existenz. Man stelle sich recht +lebhaft einen Salon aus jener Zeit vor, wie er uns von Zeitgenossen +geschildert worden ist,[12] eine Reihe von Gesellschaftssälen bei einem +der ersten Würdenträger des Königthums, General Foy z. B., wo gegen +hundert Personen versammelt sind, und wo Lamartine, damals Gesandter +in Florenz, bei einem seiner kurzen Besuche in Paris zugegen ist. Ein +Geflüster der Bewunderung geht durch den Saal, als er eintritt, jung, +schlank und schön, aristokratisch in Geberde und Haltung. Man schaart +sich um ihn, besonders die Damen; reizende Gesichter, prachtvolle +Toiletten, Lächeln und Schmeichelei begegnen ihm von allen Seiten. Man +vergißt einen Augenblick, den anwesenden Deputirten Komplimente für +ihre letzten Kammerreden zu sagen. Er, den man, ohne ihn früher gesehen +zu haben, sofort erkennen kann, überstrahlt Alle. General Foy tritt an +ihn heran, drückt ihm mit Begeisterung die Hand und versichert ihn, daß +er, wenn er will, eine Zierde der Kammer werden kann, die lange eines +so talentvollen Vertheidigers der echt monarchischen Principien bedurft +hat. Dann deklamirt er mit seiner melodischen Stimme, die noch nie ein +politisches Stichwort ausgesprochen hat, eine oder zwei seiner ersten +Meditationen, »Die Erinnerung«, »Die Begeisterung«, »Die Verzweiflung«, +»Das Gebet«, »Der Glaube« oder eine andere Abstraktion, und ruft ein +Entzücken ohne Gleichen und Ausbrüche der Begeisterung und des Dankes +in allen Nuancen hervor. Benjamin Constant nähert sich ihm mit seiner +undurchdringlichen, ernsthaft ironischen Miene, beglückwünscht ihn, +diese neue Quelle der Poesie entdeckt zu haben, und versichert ihn, +daß er nur in Schiller's reflektirenden Gedichten dieser Hoheit und +Reinheit des Gefühls und Ausdrucks begegnet sei. Die Damen finden +diesen Vergleich überaus schmeichelhaft für Schiller, einen obskuren +deutschen bürgerlichen Poeten, dessen Namen einmal gehört zu haben +sie sich flüchtig erinnern. Was ist er gegen Lamartine! Verschiedene +Umstände vermehren den Reiz, den seine Gedichte ausüben: zuerst des +Verfassers seltene und fast weibliche Schönheit, dann die Gerüchte von +Ihr, die sie vor Allem, und mit einer so seraphischen Schwärmerei, +mit einer so überirdischen Reinheit besingen. Er soll sie geliebt, +und seine Geliebte durch den Tod verloren haben. Man forscht nach +allen Seiten, um Etwas über den wirklichen Zusammenhang der Sache zu +erfahren. Wer war jene Elvire, wie war ihr wirklicher Name? + + * * * * * + +All' jene Fragen sind von geringem Interesse für uns die wir uns +jetzt in diese Erinnerungen vertiefen, um jene Zeit und ihren Geist +vollständig zu begreifen. Aber sie berühren einen Punkt, der auch +für uns das höchste Interesse besitzt, nämlich den: Von welcher +Beschaffenheit ist das erotische Gefühl in jenen Gedichten und bei +Lamartine überhaupt? von welcher Beschaffenheit ist es in der ganzen +Literaturgruppe, von welcher er beeinflußt wird, und in welcher er ein +Glied bildet? + + * * * * * + +Von allen Gefühlen, welche die Dichtkunst behandelt, spielt das +erotische die größte Rolle. Wie es aufgefaßt und dargestellt wird, +ist ein Moment von der höchsten Bedeutung zum Verständnisse des +Zeitgeistes. An der Auffassung des Erotischen kann man, wie an dem +feinsten Meßinstrumente, die Stärke, die Art und den Wärmegrad des +Gefühlslebens einer ganzen Zeit erkennen. Ich habe früher (Band +I, S. 24 ff.) den Uebergang der Galanterie zur Leidenschaft bei +Rousseau geschildert. Bei Deutschlands großen Dichtern wird diese +Leidenschaft geläutert und humanisirt. Bei den Romantikern wird sie +zum Mondscheinschmachten. In revolutionären Zeiten wird sie im Kampfe +mit bestehenden und geordneten Gesellschaftsverhältnissen dargestellt; +bei modernen skeptischen Dichtern, wie Heine, ist die Liebe durch den +Zweifel an ihrer Existenz unterhöhlt: + + Doch wenn Du sagst: Ich liebe Dich, + Dann muß ich weinen bitterlich. + +In einer verschrobenen, spiritualistischen, autoritätsgläubigen +und ordnungstollen Periode, wie dieser, wird die Liebe unmöglich +natürlich und gesund auftreten können. Sehen wir uns die namhaftesten +Liebesschilderungen, welche jene Zeit hinterlassen hat, näher an -- wir +halten damit gleichzeitig eine kurze Revue über die Haupttypen von Mann +und Weib. + +Das erste Paar sind Eudorus und Velleda in den »Märtyrern«. + +Der Held in den »Märtyrern« ist um so interessanter, als Chateaubriand +Demselben manchen Zug seiner eigenen ausdrucksvollen Physiognomie +verliehen hat. Dies geht so weit, daß Chateaubriand und Eudorus die +Erzählung ihres Lebens fast mit denselben Worten und mit derselben +Betrachtung beginnen. Eudorus sagt: »Als ich am Fuße des Berges +Taygetus geboren ward, war das traurige Gemurmel des Meeres der erste +Laut, der mein Ohr berührte. An wie vielen Ufern sah ich seitdem die +Wogen sich brechen, die ich hier erschaue! Wer hätte mir vor einigen +Jahren sagen können, daß ich die Wogen, die ich an Messeniens schönen +Sand rollen sah, an Italiens Küsten, an den Ufer der Bataver, der +Britten und der Gallier seufzen hören sollte.« Und ganz eben so sagt +Chateaubriand in seiner italiänischen Reise: »Als ich auf den Felsen +der Bretagne geboren ward, war der erste Laut, der mein Ohr berührte, +da ich zur Welt kam, der Laut des Meeres, und an wie vielen Ufern +hab' ich seitdem die Wogen sich brechen sehen, die ich hier finde! +Wer hätte vor einigen Jahren mir sagen können, daß ich an den Gräbern +Scipio's und Virgil's die Wogen seufzen hören sollte, die an Englands +Küsten und Marylands Stranden zu meinen Füßen heranrollten,« &c. +Beide sind weitgewanderte und vielgeprüfte Männer, wie Odysseus und +Aeneas; der gemeinsame Zug ist das Staunen über die Abenteuer des +eigenen Lebens, die Bewunderung des eigenen Ich, das höhere Mächte +durch so viele Schicksale geleitet haben. Allein noch ein Zug, und +ein bedeutungsvollerer, ist ihnen gemeinsam: wie Chateaubriand, so +ist Eudorus der Held, welcher den Triumph des Christenthumes auf +Erden herbeiführt. Chateaubriand wiederholt nur unter Napoleon, was +Eudorus unter Galerius that, und es ist nicht seine Schuld, daß er +kein Märtyrer ward. Der Gedanke an ein Martyrium beschäftigte ihn +schon in seiner Jugend; er sprach öfters gegen seine Freunde aus, daß +er vor einem solchen nicht zurückgeschreckt sein würde, wenn man es +von ihm gefordert hätte. Der Heros, welcher ihm als Ideal vorschwebt, +ist also nichts Geringeres, als das Opfer, das für die Irreligiosität +und den Abfall der Zeit sich zur Sühne bringt, und durch seine That +und seine Leiden den erzürnten Gott versöhnt. In der ersten Ausgabe +der »Märtyrer« wird Eudorus sogar geradezu als ein Christus zweiten +Ranges bezeichnet. Der Ausdruck wird von ihm gebraucht, daß der Ewige +»eine ganze Hostie« zu sehen begehrte. Aus theologischer Rücksicht +wurde dies Wort freilich in den späteren Ausgaben ausgemerzt. Aber am +Schlusse blieb die Vorstellung vermuthlich aus Unachtsamkeit stehen +und macht dort eine fast komische Wirkung. An der Stelle, wo Eudorus +gemartert wird, heißt es: »Der Feuersitz war bereit. Der Lehrer der +Christen predigt das Evangelium mit größter Beredtsamkeit, während er +auf einem glühenden Sessel sitzt. Die Seraphim verbreiten über Eudorus +einen himmlischen Thau, und sein Schutzengel entfaltet über ihm seine +Schwingen. Er erschien in der Flamme wie ein liebliches Brot des Herrn, +das für die himmlische Tafel bereitet ist.« + +Hier haben wir also die Grundvorstellung des Typus. Das erste +Sühnopfer, der erste Erlöser, die erste Hostie ist nicht ausreichend. +Obschon Christ, findet Chateaubriand nicht, daß Christi Märtyrertod +hinlänglich gewirkt und gesühnt habe. Zum Triumphe der Religion sind +noch beständig Erlöser kleineren Formats, wie Chateaubriand selbst +oder sein Held Eudorus, erforderlich. Ganz wie bei den deutschen +Romantikern sogar ein Bösewicht wie Golo in Tieck's »Genoveva« eine +Aehnlichkeit mit Christus haben soll[13], so hier der Held. Dieser +Held kann in seiner Jugend Fehltritte begehen und kurze Zeit z. B. in +dem schönen Neapel auf den Wegen des Verderbens wandeln (Chateaubriand +wußte aus eigener Erfahrung, daß selbst feste Grundsätze hiegegen nicht +schützten), aber er bekehrt sich, er besteht alle Prüfungen und stirbt +als ein leuchtendes Exempel. + +Sein Liebesverhältnis zu Velleda ist eine dieser Prüfungen. + +Velleda ist sicherlich die originellste und bedeutendste weibliche +Gestalt, welche die Restaurationsperiode erschaffen hat. Velleda +ist ein junges gallisches Mädchen aus dem dritten Jahrhundert, und +Chateaubriand hat den französischen Typus in ihr schildern wollen: »Sie +war ein außerordentliches Weib. Sie hatte, wie alle gallischen Weiber, +etwas Launenhaftes und Anziehendes. Ihr Blick war schnell, der Ausdruck +um ihren Mund ein wenig spöttisch, und ihr Lächeln eigenthümlich sanft +und geistvoll. Ihr Wesen war bald stolz, bald wollüstig. Ihre ganze +Persönlichkeit war ein Gemisch von Hingebung und Würde, von Unschuld +und Kunst.« -- Aber Velleda ist nicht allein national-französisch, +sie trägt in hohem Grade das Gepräge der Zeit, wo sie gedichtet ward, +sie ist ein Ideal von 1809. Velleda ist Priesterin, sie gehört zu +der Familie des Erzdruiden. Für diese Zeit ist die Weiblichkeit erst +vollkommen, wenn sie den Stempel einer religiösen Begeisterung trägt. +Als echte Tochter des achtzehnten Jahrhunderts ist Velleda daher auch +kein reines Naturkind. Sie ist ein Naturkind, wie die anderen Töchter +der Revolution es waren. Es wird ausdrücklich -- nicht ohne einen +kleinen Anstrich von Pedanterie -- von ihr bemerkt, das sie in der +Familie des Erzdruiden »gründlich in der griechischen Literatur und +in der Geschichte ihres Landes unterrichtet« worden sei; Velleda ist +die letzte Priesterin der Druiden, wie Cymodoce die letzte Priesterin +Homer's. Wie Corinna kurz vorher das Ideal der jungen ehrgeizigen +Frauen war, so wird Velleda es jetzt, und da die Literatur nicht nur +ein Ausdruck für die Gesellschaft ist, sondern auch gewaltig dazu +beiträgt, die Gesellschaft umzubilden, so sehen wir Velleda aus der +Welt der Phantasie in die Welt der Wirklichkeit übergehen. Was ist +Frau von Krüdener vor der Front des russischen Heeres anders, als eine +christliche Velleda! + +Wir lernen die junge Priesterin kennen, als sie in einem Nachen auf +dem Meere während eines Sturmes Beschwörungslieder an das Meer und +den Sturm singt, über welche sie, ungefähr wie Fouqués Undine, eine +Art Herrschaft übt oder zu üben glaubt. Dann hören wir sie in einer +feurigen Rede ihre Landsleute auffordern, ihre Freiheit zurück zu +erobern und die Waffen wider das Römerheer zu ergreifen. Wir sehen sie +als Priesterin des Teutates die Sichel zum Menschenopfer wetzen. Sie +wird als schön, hoch und schlank geschildert, kaum bedeckt von einer +schwarzen Tunika, die kurz und ohne Aermel ist, während die goldene +Sichel an ihrem Stahlgürtel hängt. Ihre Augen sind blau, ihre Lippen +purpurroth, um ihr freiwallendes blondes Haar trägt sie bald einen +Eichenzweig, bald einen Kranz von Eisenkraut. + +Sie hat kaum Eudorus erblickt, als sie ihn liebt. Aber eine so +einfache und natürliche Leidenschaft reicht für diese Zeit nicht aus. +Velleda muß noch eine Art von Vestalin sein und das Gelübde ewiger +Jungfräulichkeit abgelegt haben. »Ich bin Jungfrau, Jungfrau der +Seine-Insel; mag ich mein Gelübde halten oder brechen, so sterbe ich +dadurch, und Du bist Schuld daran.« Sie gefällt zwar Eudorus, aber +er liebt sie nicht. Er steht ihr gegenüber, ungefähr wie der fromme +Aeneas der Dido gegenübersteht, an welchen der Dichter sogar Eudorus +seine Zuhörer erinnern läßt. Die Unglückliche versucht jegliche Art von +Zauberei. Sie will sich mit den Mondesstrahlen zu ihm hinschleichen. +Sie will in den Thurm fliegen, den er bewohnt, seine Liebe unter einer +fremden Gestalt gewinnen, und sträubt sich doch selbst aus Eifersucht +gegen den Gedanken. Eudorus theilt nicht diese Leidenschaft, aber +er fühlt sich in ihrer Nähe gleichsam von der Atmosphäre derselben +angesteckt. Als Christ schaudert er vor der Versuchung zurück. »Wohl +zwanzigmal war ich, während Velleda mir so traurige und so zärtliche +Gefühle aussprach, nahe daran, mich ihr zu Füßen zu werfen, ihr ihren +Sieg zu verkünden und sie durch das Geständnis meiner Niederlage +glücklich zu machen. In dem Augenblick, wo ich im Begriffe stand, +zu unterliegen, verdankte ich nur dem Mitleid, das die Unglückliche +mir einflößte, meine Rettung. Allein dies Mitleid, das mich Anfangs +rettete, wurde zuletzt die Ursache meines Untergangs; denn es raubte +mir den Rest meiner Kraft.« Es liegt, rein ästhetisch betrachtet, etwas +sehr Unschönes darin, einen Mann sich solchermaßen über die harten +Kämpfe äußern zu hören, die er zur Behauptung seiner Tugend bestanden +hat, und Eudorus' Ausbrüche von Scham und Reue kleiden ihn schlecht. +»O Cyrillus,« sagt er, »wie soll ich diese Erzählung fortsetzen? ich +erröthe vor Scham und Verwirrung.« Als endlich dieser Ritter von der +traurigen Gestalt so weit gekommen ist, daß er, nachdem Velleda einen +Selbstmord versucht hat, zu ihren Füßen liegt, kann er sich nicht +mit weniger begnügen, als die ganze Hölle um dieses Anlasses willen +in Bewegung zu setzen. »Ich stürze zu Velleda's Füßen ... Die Hölle +giebt das Signal zu dieser entsetzlichen Hochzeit; die Geister der +Finsternis heulten im Abgrunde, die keuschen Ehefrauen der Patriarchen +wandten ihre Häupter ab, und mein Schutzengel verhüllte das Antlitz +mit seinen Flügeln und stieg gen Himmel empor.« Nicht einmal einen +Augenblick vermag dieser triste Held sich hinzugeben. Er schämt sich +wie ein Junge, der einen gestohlenen Apfel mit einem Gemisch von Gier +und Angst vor Prügeln verzehrt. »Mein Glück glich der Verzweiflung, und +wer uns inmitten unserer Wonne gesehn hätte, Der hätte uns für zwei +Schuldige gehalten, denen man eben das Todesurtheil verkündete. Von +diesem Augenblick an fühlte ich mich mit dem Stempel des göttlichen +Zornes gezeichnet. Eine dichte Finsternis erhob sich gleich einer +Rauchwolke in meinem Geiste, von welchem eine Schaar aufrührerischer +Geister plötzlich Besitz ergriffen zu haben schien. Ideen, die mir +bisher unbekannt gewesen, stellten sich bei mir ein, die Sprache der +Hölle strömte von meiner Zunge, und ich sprach die Gotteslästerungen +aus, welche man an jenen Orten vernimmt, wo da ist Heulen und +Zähneklappern.« + +So wird dies Liebesverhältniß des christlichen Häuptlings zu der +heidnischen Prophetin mit Scheiterhaufen und Flammen als Hintergrund +geschildert. In »Atala«, wo sich etwas Verwandtes in der Association +von Leiden und Lust findet, war doch dies so wenig beabsichtigte und +gefühlte Anathem noch nicht auf die irdische Liebe geschleudert. + +Man findet diese Auffassung in De Vigny's bedeutender und schöner +Jugenddichtung »Eloa« wieder, welche schildert, wie der Fürst der +Finsternis einen jungen und schönen weiblichen Engel verführt. War +Satan in den »Märtyrern« ein Revolutionair, so ist er hier nicht sehr +verschieden von dem Eros der Alten. Ohne zu sagen, wer er ist, bethört +er durch seine Schönheit und Beredtsamkeit den Engel, und reißt ihn mit +sich in den Abgrund hinab. Er schildert selbst seine Macht in folgenden +Worten, die man in den Versen des Originals nachlesen muß: + + Ich bin Der, den man liebt und den man nicht kennt, + Meine Flammenherrschaft über den Menschen hab' ich begründet + In der Sehnsucht des Herzens und den Träumen der Seele, + In dem Verlangen und den geheimnisvollen Sympathien des Leibes, + In den Schätzen des Bluts, in dem Blicke der Augen. + Ich bin's, der die Gattin veranlaßt, in Träumen zu reden, + Und das junge, glückliche Mädchen eine glückliche Illusion zu empfinden, + Ich schenk' ihnen Nächte, die sie trösten für ihre Tage, + Ich bin der heimliche König heimlicher Liebe. + +So ungefähr lautet der Gesang des Chores an Eros in der »Antigone« des +Sophokles: + + O Eros, Sieger im Kampf, + Die Beute gewaltig umschlingend + Der heimlich versteckt auf der Jungfrau + Holdblühenden Wange lauscht! + Du wandelst auf Wogen des Meeres, + Du schweifest in Fluren und Wald! + Dir entrinnet der Ewigen Keiner, + Und Keiner der Menschen, der Söhne des Tages, + Und wen du ergriffen, Der raset. + Du lockst verderbend in Schuld + Die Sinne des edelen Mannes. + +Da die Zeit sich jetzt auf der schiefen Ebene befindet, welche dahin +führt, Eros als Satan selbst aufzufassen, so versteht es sich, daß +keine Zeit die »wahre« Liebe so eiskalt, so seraphisch, so platonisch +und so ohnmächtig geschildert hat, wie diese in der Darstellung +derselben excellirt. Sehen wir, wie die Velleda jener Zeit, Frau von +Krüdener selbst, sie in ihrer »Valérie« auffaßt. + +Obschon Valérie eine Nachahmung Werther's ist, ist sie zugleich ein +Gegenstück zu Werther. Es ist die Erzählung von einem jungen Schweden, +Namens Gustav Linar, der von seiner Mutter früh gelernt hat, »die +Tugend zu lieben«, und der fortfährt, sie bis an seinen Tod zu lieben. +Außer der Tugend liebt er zugleich Valérie, aber Valérie ist mit dem +Grafen, seinem Herrn und Ideal, verheirathet, und er selbst ist ein +solcher Inbegriff aller Vollkommenheiten, daß er seine Augen nicht +anders zu ihr erheben kann, als mit einem Respekte, der jedes Verlangen +unmöglich macht. Alexander Stakiew hatte Herrn von Krüdener seine +Gefühle gestanden, Gustav schweigt gänzlich dem Manne gegenüber,[14] +und theilt eben so wenig seiner Geliebten jemals mit, was er leidet. +Er wird von einer unverstandenen und unausgesprochenen Liebe verzehrt, +und da er allzu wohlerzogen ist, um sich todtzuschießen, so stirbt er +an der Schwindsucht. Sein Stil ist folgender: »O mein Freund, welch' +ein Frevel von mir, mich einer Leidenschaft ergeben zu haben, die mich +vernichten muß! Aber ich will wenigstens sterben, indem ich die Tugend +und die heilige Wahrheit liebe, ich will nicht den Himmel wegen meines +Unglücks anklagen, wie es so viele meines Gleichen thun [Welch artiges +Kind!]; ich will, ohne mich zu beklagen, den Schmerz erleiden, an dem +ich selber Schuld bin und den ich liebe, obschon er mich tödtet. Ich +will herantreten, wenn der Ewige mich ruft, mit vielen Fehlern, aber +nicht mit Selbstmord belastet.« (Valérie, Bd. II, S. 63.) Dieser Gustav +ist kein Mann; weibliche Schriftsteller excelliren bekanntlich nicht +darin, Männer zu schildern. Sie lassen Dieselben fast immer in der +Rücksicht auf das Weib aufgehen. Gustav ist, wie gesagt, Skandinav, +aber wir haben keine Ursache, stolz auf diesen Landsmann zu sein, +der sich am wenigsten von Allem durch nordische Kraft auszeichnet. +Die Nationalfarbe in dem Buche beschränkt sich denn auch zumeist auf +die allgemein germanische Sentimentalität, in welche die Schilderung +getaucht ist, und auf eine Anzahl schwedischer Namen, die natürlich +auf das possirlichste falsch buchstabirt sind. So veranstaltet Gustav +für Valérie in Venedig ein Fest, dessen Dekoration sie an ihre +Jugendheimstatt unter Birken und Tannen erinnern soll. Ueberrascht ruft +Valérie bei dem Anblick aus: »+Ah! c'est Dronigor+«. Mit einiger +Mühe ermittelte ich, das es »Dronninggaard« bedeuten soll. -- Besonders +schwedisch kann Gustav nicht genannt werden. Schön in der Schilderung +seines Charakters ist der Schimmer der humanitären Schwärmerei des +ersten Jünglingsalters, welcher über seinen Bekenntnissen liegt. Ist +es nicht schön und tief empfunden, wenn er, welcher beobachtet zu +haben glaubt, daß bei den meisten Menschen auf die Periode der Liebe +die des Ehrgeizes folge, bemerkt, daß der Ruhm, den die Andern sich +wünschen, nicht der sei, welcher ihm als begehrenswerth vorgeschwebt +habe. »Der Ruhm, von dem ich geträumt, beschäftigte sich mit dem Glück +Aller, wie die Liebe sich mit dem Glück eines einzelnen Gegenstandes +beschäftigt. Er war eine Tugend bei Dem, welcher ihn in seinem Herzen +trug, bis die Menschen rings um ihn her ihn Ruhm nannten.« Und er +fügt hinzu: »Was hat der Ruhm gemein mit der kleinlichen Eitelkeit +des großen Haufens, mit der elenden Prätension, Etwas zu sein, weil +man ihm nachjagt?« Ist es nicht seltsam zu denken, daß Dies in dem +Buche steht, dessen Ruf durch solche Mittel bewerkstelligt ward, +welche angewandt wurden, um »Valérie« in Schwung zu bringen? -- Gustav +gegenüber ist Valérie mit all dem Reiz ausgestattet, den eine Dame, +welche so leidenschaftlich in sich selbst verliebt war, wie Frau von +Krüdener, ihrem eigenen Konterfei mitzutheilen vermochte. Sie ist ganz +und gar Weib, während der unmännliche Gustav, der selbst die Unvernunft +und Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft einsieht, vollkommen außer +Stande ist, sich seinen Fesseln zu entreißen, dieselben zu zerbrechen +und das Leben eines Mannes zu beginnen. + +So muß er sich denn mit so demüthigenden Aeußerungen seiner Anbetung +begnügen, wie z. B. ein Kind, dem sie erst einen Kuß gegeben hat, an +der Stelle, die von ihren Lippen berührt ward, zu küssen, oder, als sie +auf dem Balle drinnen im Saale ihren bloßen Arm an die Fensterscheibe +lehnt, draußen vor dem Hause stehend das Fensterglas von der anderen +Seite zu küssen, oder endlich ihre Hand zu drücken und den Ring zu +fühlen, den sie von ihrem Manne erhalten hat, oder in ihrer Nähe +ohnmächtig zu werden, so daß sie seine Stirn mit Eau de Cologne +benetzen muß. + + * * * * * + +Es liegt überhaupt ein leichter Parfum von Eau de Cologne über der +ganzen Erzählung. Wie charakteristisch ist es z. B., daß der erste +Dienst, um welchen Valérie Gustav im Vertrauen bittet, der ist, ihr +heimlich etwas ~Schminke~ zu besorgen, da ihr Mann nicht gern +sieht, daß sie sich derselben bedient. Mit dem Eau de Cologne-Duft +vermischt sich ein Duft von Anstand und Respekt, der so stark ist, +daß er Einem fast zuwider wird, und ein überirdischer Charakter des +Gefühls, der albern und unschön ist. Man denke sich z. B., daß Valérie +guter Hoffnung ist, als Gustav's Leidenschaft beginnt, ohne daß dieser +Umstand irgend eine heilende Wirkung auf dieselbe übt, obschon er in +ihrer Nähe lebt, bis ihr Sohn geboren wird. Man schwärmt mit einander +für Ossian und Clarissa Harlowe. Niemals empfindet Gustav die geringste +Spur von Eifersucht auf den Grafen, so wenig wie Dieser eine Spur +von Eifersucht auf ihn. Ja, Gustav stirbt mit der Hand des Grafen +in der seinen. Kurz, die Liebe ist hier so geläutert, so naturlos +und seraphisch, daß sie mit ihrer Gewaltsamkeit auch ihre Poesie +verloren hat. Dies ist, wie mir scheint, von doppeltem psychologischen +Interesse, wenn man weiß, durch eine wie wenig seraphische Existenz +diese Dichterin der Liebe sich dafür vorbereitet hatte, ihren Roman zu +schreiben, und wie gut sie selbst es verstanden hatte, die heilige mit +der profanen Seite der Liebe zu versöhnen. + + * * * * * + +Lamartine und Elvire veranlaßten uns zu dieser Abschweifung. Betrachten +wir nun doch dies Paar und dies Verhältnis. + +Die Gedichte handelten von Liebe, aber von einer so reinen Liebe, +daß sie als +une prière à deux+, ein Zwiegebet, definirt wurde. +Sie war mit all' der idealen Verklärung ausgemalt, welche der Tod +dem Gegenstande der Liebe verleiht: der Dichter preßt seine Lippen +auf das Crucifix, das seine sterbende Geliebte in ihrem letzten +Augenblicke geküßt hat. Werfen wir nun von den »Meditationen« einen +Blick auf »Rafael«, dasjenige Werk Lamartine's, in welchem er die wahre +Geschichte seiner Liebe geschildert hat, so fällt ein neues Licht auf +diese vielgefeierten Gedichte. + +Elvire oder, wie sie wirklich hieß, Julie ist eine junge, elternlose +Dame, Kreolin, achtundzwanzig Jahre alt, die »einen in der Geschichte +der Wissenschaft berühmten Greis« geheirathet hat, um einen +Beschützer im Leben zu haben, aber ohne in einem andern Verhältnis +zu ihrem Manne zu stehen, als dem, worin eine Tochter zu ihrem Vater +steht. Er ist brustschwach, und leidet an der Schwindsucht. Die +Schwindsuchts-Poesie beginnt in die Mode zu kommen. In Savoyen, in +der Nähe des Bourget-Sees, den Lamartine so schön besungen hat, wo +sie ihrer Gesundheit halber einige Herbstmonate verweilt, trifft sie +den jungen Helden des Buches, Rafael, welcher sich übrigens nur durch +den Namen von seinem Verfasser unterscheidet, der hier all' seine +wirklichen Verhältnisse, ja seine Freunde und Bekannten unter Nennung +ihres vollen Namens geschildert hat. Man kann übrigens nicht sagen, daß +er sich selbst allzu arg in der Schilderung mitgenommen hätte. Es heißt +von Rafael, sein Gefühlsleben sei so zart gewesen, daß seine Kameraden +scherzend von ihm sagten, er leide an Heimweh nach dem Himmel. »Hätte +er den Pinsel geführt, so hätte er die Madonna di Foligno gemalt, und +hätte er den Meißel geführt, so würde er Canova's Psyche modellirt +haben. Als Dichter hätte er Hiob's Klagerufe gegen Jehova, Herminia's +Stanzen in Tasso, Romeo's und Julia's Zwiegespräch im Mondenscheine von +Shakspeare und Lord Byrons' Schilderung von Haydee geschrieben.« Das +war nun glücklicherweise nicht nöthig, da es von Andren geschehen war. +Es läßt sich indessen kaum leugnen, daß er, als er sich später auf dem +einen dieser Felder, nämlich als Dichter, versuchte, doch im Vergleich +mit seinen Vorbildern, deren Leben allerdings nicht wie das seine vor +dem Spiegel verbracht wurde, Manches zu wünschen übrig ließ. Aber sehen +wir ihn lieben, sehen wir, wen und wie er liebt! + +Zuerst einige Präliminarien. Es versteht sich, daß ein Zeitalter, +wie dies, das Erotische nicht ganz ohne Einmischung der Theologie +behandeln kann. Während ein moderner Dichter, wie Turgéniew z. B., +niemals ein Wort an theologische Materien verschwendet, höchstens, +wie in »Eine seltsame Geschichte«, den religiösen Fanatismus als +eine Art des Wahnsinns schildert, läßt ein Dichter wie Lamartine +seine Liebenden einen ganzen theologisch-philosophischen Kursus mit +einander durchmachen. Sie sind verschiedener Ansicht, und sie ist ihm +geistig überlegen; sie scheint auch zwei oder drei Jahre älter gewesen +zu sein, was in diesem Falle sehr Viel bedeutet, besonders da sie +mit einem so viel älteren Manne verheirathet ist; denn es besagt in +Wirklichkeit, daß sie zwei verschiedenen Generationen angehören, sie +dem Revolutions-, er dem Restaurations-Zeitalter. Während in der alten +großen Zeit Faust, wenn er von seinem Gretchen katechisirt wurde, einen +Bekehrungsversuch abwehren und sich bemühen mußte, der Geliebten seinen +Unglauben durch mildernde Umschreibungen zu erklären, ist hier das +Umgekehrte der Fall. Hier ist es Faust, der fruchtlose Versuche machen +muß, sein Gretchen zur Orthodoxie zu bekehren. Elvire sagt (Rafael, S. +55): »Ich, die ich von einem Philosophen erzogen worden bin, und im +Hause meines Mannes inmitten einer Gesellschaft von freien Geistern +lebte, welche sich von den Dogmen und Ceremonien einer Religion, die +sie gestürzt, loßgerissen haben, -- ich hege keinen Aberglauben, keine +Geistesschwäche, keinen der Skrupel, welche die Stirn anderer Weiber +unter ein anderes Joch als dasjenige beugen, welches das Gewissen uns +auferlegt.« Ist er es nicht, welcher die Mädchenrolle spielt, wenn er +an einen Geist wie diesen eine Mahnung nach der andern richtet, in den +Mutterschoß des Katholicismus zurück zu kehren? »Ich beschwor sie, in +einer zärtlichen und liebevollen Religion, in Dunkel der Kirchen, im +geheimnisvollen Glauben an jenen Christus, welcher der Gott der Thränen +ist, in Knieen und Gebet die Linderung und die Trostgründe zu suchen, +welche ich selbst in meiner Kindheit darin gefunden hatte.« Es gelingt +Rafael nur halb, die Bekehrung zu vollbringen; indeß ist er mit dem +Resultate zufrieden. Ein strengerer Orthodoxer, als er, würde dasselbe +kaum beruhigend finden. Das Buch stellt die Bewegung in Juliens Innern +so dar, daß es die Liebe ist, welche sie den Glauben an Gott lehrt. +»Es ist ein Gott, sagt sie, es giebt eine ewige Liebe, von welcher +die unsrige nur ein Tropfen ist. Dieser Tropfen strömt zurück in den +göttlichen Ocean, aus dem wir ihn geschöpft haben. Aber dieser Ocean +ist Gott. Ich hab' ihn gesehen, ich hab' ihn gefühlt, ich hab' ihn +verstanden in diesem Augenblicke durch mein Glück ... Ja, fügte sie mit +noch mehr Leidenschaft im Blick und Tone hinzu, mögen die vergänglichen +Namen sterben, mit denen wir früher die Anziehung benannt, die wir zu +einander empfinden. Nur ~ein~ Name ist der Ausdruck dafür, nämlich +Gott, er ist's, der sich mir jetzt in Deinen Augen offenbart hat. +Gott! Gott! Gott! rief sie aus, als habe sie sich eine neue Sprache +lehren wollen. Gott, Das bist Du. Gott, Das ist's, was ich für Dich +bin. Gott, Das sind wir.« Wenn Elvirens Mann, der alte Philosoph, bei +diesen Herzensergießungen zugegen wäre, würde er die Liebenden haben +unterrichten können, daß diese Schwärmerei so weit davon entfernt sei, +christlich zu sein, daß sie vielmehr als reiner Pantheismus bezeichnet +werden müsse. Ich bezweifle nicht, daß er Gemüthsruhe genug dazu gehabt +hätte; denn auch er hegt nicht den geringsten Grad von Eifersucht. +Er weiß, daß Julie und Rafael täglich Briefe wechseln, und kennt die +überirdische Natur ihrer Liebe. Als Rafael nach Paris kommt, sagt er +ihm nur: »Sehen Sie's an, als hätten Sie zwei Freunde in diesem Hause, +statt eines. Julie hätte keine bessere Wahl eines Bruders, noch ich +eines Sohnes treffen können.« + +In gewisser Weise hat er auch keinen rechten Grund zur Eifersucht, +aber Das ist ein Kapitel für sich. Gleich nachdem Rafael zum ersten +Mal seine Liebe gestanden hat, ertheilt Julie ihm eine Antwort, die +für immer die Grenzen ihres Verhältnisses angiebt. Sie sagt: »Ich +glaube nur an einen unsichtbaren Gott, welcher sein Symbol in der +Natur, sein Gesetz in unseren Instinkten, seine Moral in unserer +Vernunft geschrieben hat. Vernunft, Gefühl und Gewissen sind für mich +die einzigen Offenbarungen. Keines dieser drei Orakel meines Lebens +würde mir verbieten, Ihnen anzugehören [Man erinnere sich, daß sie nur ++pro forma+ die Frau eines Andern ist], meine ganze Seele würde +sich Ihnen zu Füßen werfen, wenn Sie nur um diesen Preis glücklich sein +könnten. Aber sollten wir nicht mehr an die Geistigkeit und Ewigkeit +unserer Liebe glauben, wenn sie in der Höhe des reinen Gedankens, in +Regionen verbleibt, welche der Veränderung und dem Tode unzugänglich +sind, als wenn sie sich selbst herabwürdigt und profanirt, indem sie +zur verächtlichen Region der vulgären Sinne hinabsteigt?« Es ist, +wie man sieht, die Theorie der sogenannten platonischen Liebe, von +welcher Plato nie etwas gewußt hat, und welche unsere Zeit nicht +sonderlich zu bewundern pflegt. Als die religiöse Reaktion in Dänemark +beginnt, docirt Ingemann sie in seinen Jugendwerken. Ob Julie sie +ausgesprochen hat, oder sie nicht viel mehr Lamartine zu verdanken +ist, der sie in all' seinen früheren Liebesverhältnissen praktisirt +hat, mag dahin gestellt sein. Wir kennen dieselben alle, denn er, +der nach seiner eigenen Behauptung immer in so hohem Grade Herr über +sein Herz und seine Sinne gewesen ist, ist es sehr wenig über seine +Feder gewesen. Wir wissen daher aus seinen »Konfessionen«, wie er +bei Frostwetter seine Rendezvous mit der schönen sechzehnjährigen +Lucie hatte und kalt wie die Winternacht war; wir erinnern uns des +Satzes aus »Graziella«: »Wir schliefen zwei Schritte von einander, +ich war durch meine kalte Gleichgültigkeit beschützt«. Allein, ist +es ungewiß, ob Julie die Theorie ausgesprochen hat, so tragen ihre +folgenden Worte ganz das Gepräge der Echtheit. Sie fügt hocherröthend +hinzu, daß das Opfer, welches sie von ihm fordere, nothwendig sei, aus +Gesundheitsrücksichten, wegen einer ärztlichen Vorschrift, sie würde +als ein Schatten, als eine Leiche aus seinen Armen hervorgehn: »Dies +Opfer würde nicht allein das Opfer meiner Würde, sondern auch das Opfer +meiner Existenz sein«. + +Es läßt sich nicht leugnen, daß dieser letzte Passus in +seltsamem Widerspruche zu dem Vorhergehenden steht, und daß das +spiritualistische Verhältnis durch diese überaus materialistische +Motivirung ein gut Theil seines überirdischen Charakters verliert. Es +ist einem zu Muthe, als sei man aus dem siebenten Himmel herabgestiegen +und fühle wieder festen Grund unter den Füßen. Dann folgen Scenen, wie +in »Valérie«, Selbstmordspläne, die nicht ausgeführt werden, Nächte, +in zärtlichen Gesprächen verbracht, während Jedes sich auf der andern +Seite einer verschlossenen Eichenthür befindet. Das Peinliche, das +Anstößige und Unnatürliche liegt nur in der besonderen Aufmerksamkeit, +welche in dieser Liebesgeschichte wieder unablässig darauf gerichtet +ist, daß die Liebenden ihren Gelübden treu bleiben, und daß kein +reelles Liebesverhältnis zwischen ihnen zuwege kommt. Ein einziges Mal, +als wirklich Gefahr droht, erscheint -- wer? kein Anderer, als der +ehrwürdige Greis, Herr Bonald, dessen Theorien vom Weibe und von der +Ehe wir kennen, gerade im entscheidenden Augenblick zum Besuche bei +Julien um zwölf Uhr Nachts, und erlebt solchermaßen nicht die Trauer, +seine Schüler als Rebellen wider die Ordnung zu erblicken. So oft Julie +Rafael beklagt, antwortet er resignirt mit Aeußerungen, in welchen er +sie und sich mit Abélard und Héloise vergleicht: »Habe ich je etwas +Anderes zu begehren geschienen, als dies Leiden mit Dir theilen zu +dürfen? Macht es uns Beide nicht zu freiwilligen und reinen Opfern? Ist +dies nicht das ewige Brandopfer der Liebe, das von Héloisens Zeit bis +auf die unsrige vielleicht niemals den Engeln zur Schau geboten ward?« + +Wenn man, nachdem man »Rafael« studirt hat, wieder Lamartine's +Meditationen an Elvire liest, so hat man einen neuen Schlüssel zum +Verständnis des Abstrakten und Vaguen dieser poetischen Liebe, die +platonisch auf Vorschrift des Arztes ist, während sie sich gebahrt, als +existire die Körperwelt nicht für sie. Nur muß man von den Meditationen +an Elvire diejenigen abziehen, welche postdatirt, und welche in einem +ganz anderen Tone, der an das achtzehnte Jahrhundert gemahnt, in +früheren Stadien von Lamartine's Leben geschrieben sind, wie z. B. die +Meditation »An Elvire«, die in Wirklichkeit an Graziella gerichtet ist, +ferner »Sappho« und mehrere andere. + +Hiemit sei es genug der Beispiele; ziehen wir jetzt das Resultat, und +sehen, was wir gefunden haben. Wir nahmen ein ganz einzelnes Gefühl, +aber eins von denen, welche jede Literaturgruppe darzustellen sucht, +und welche jede in eigenthümlicher Form darstellt, und prüften an +einer Anzahl verschiedener Punkte kritisch die Schilderung desselben, +um zu sehen, wie es wiedergegeben sei. Was fanden wir? Wir fanden +hier, wie auf allen anderen Gebieten, die wir untersucht haben, die +Naturseite des Lebens geleugnet oder versteckt oder angeschwärzt oder +als Etwas, dessen man sich schämen müsse, dargestellt. Chateaubriand +und Frau von Krüdener suchen Fälle auf, in welchen die Liebe als +verbrecherisch und sündig erscheint, und schildern dann bald das +Geheul der Geister darüber, daß der Held erliegt, bald den Jubel +der Throne und Fürstenthümer darüber, daß das Entsetzliche nicht +geschieht. De Vigny läßt Satan wie Eros, d. h. Eros wie Satan reden. +Lamartine setzt die Liebe als seraphisch, als befreit vom Verlangen +der Zeitlichkeit, in seinen Dichtungen auf den Thron, schildert sie +aber später in »Rafael«, wie sie in Wirklichkeit war, als platonisch +wider Willen, was jedoch das Verdienst der Liebenden erhöht und den +Engeln ein Brandopfer gewährt, wie sie es seit den Tagen des armen +Abélard so süß nicht gerochen. Unter alle Diesem dann ein Unterstrom +von Heuchelei. Eudorus, der sich so untröstlich über Velleda's +Leidenschaft gebärdet, fühlt sich heimlich dadurch geschmeichelt, daß +sie sich ihren weißen Hals um seinetwillen durchschnitten hat. Er +beweint seinen Sündenfall in Ausdrücken, als fühlte er sich versucht, +denselben nochmals zu wiederholen. Die Verfasserin der »Valérie« +bringt die sittliche Reinheit ihrer Heldin zu Markte und deklamirt von +Keuschheit und Entsagung in allen Journalen, während sie zu der Zeit, +wo das Buch erscheint, ganz besonders ungeeignet ist, eine Lehrerin der +Moral abzugeben. Lamartine hat privatim eine andere Erklärung seines +Verhältnisses zu Elvire, als die, welche das Publikum sich nach der +ätherischen Schwärmerei der »Meditationen« nothwendig bilden mußte. + +Man ging hier, wie überall, darauf aus, übernatürlich zu sein, +und erreichte bei diesem Bestreben nur, daß man die Natur bald +verstümmelte, bald wegleugnete. + + [+Lamartine+: +Méditations poétiques.+ +Nouvelles + méditations poétiques.+ +Graziella.+ +Raphael.+ +Les + confidences.+ +Confessions.+ -- +Mme. de Krüdener+: + +Valérie.+ -- +Chateaubriand+: +Les martyrs+, besonders + Buch IX und X. -- +Nettement+: +Histoire de la littérature + française sous la Restauration+.] + + + + +8. + + +Unter den ungünstigsten Auspicien dieser Ideen errang auch der +Dichter, welcher der größte Frankreichs in diesem Jahrhundert werden +sollte, sich zuerst einen Namen. Die Macht des Zeitgeistes reißt ihn +fort von der gewaltsamen, fast an die vorshakspearischen Dichter +erinnernden Manier seiner frühesten Romane (Bug Jargal, Han d'Islande), +und er beginnt seine poetische Laufbahn als klerikaler Royalist in +demselben christlich-monarchischen Geiste, wie Lamartine. Es macht +einen sonderbaren Eindruck auf das jüngere Geschlecht, das in der +Begeisterung für Victor Hugo als das literarisch-revolutionäre Haupt +des Romantismus und als den großen verbannten Republikaner aufgewachsen +ist, und Strophen aus den »Orientalen« und aus den in rein ästhetischer +Hinsicht lange nicht nach Gebühr bewunderten »+Châtiments+« auf +den Lippen und im Herzen trägt, auch ihn in diesem Lager zu treffen und +die Losung und das Stichwort desselben in seinen ersten Jugendpoesien +wiederzufinden. Nicht daß das Wechseln des Standpunktes ihm irgendwie +zur Schande gereichte, nicht daß es, wie Unverstand und niedrige +Gesinnung so oft haben insinuiren wollen, unreine oder nur zufällige +Motive gehabt hätte. Hugo's Leben bezeichnet die historische Bewegung, +welche die französische Literatur überhaupt in der ersten Hälfte des +Jahrhunderts unternommen hat. + +Er hat sich selbst auf befriedigendste Weise in der letzten Vorrede +zu seinen »Oden und Balladen« darüber ausgesprochen. Er sagt: »Die +Geschichte verfällt gern in Ekstase über Michel Ney, der, ein +geborener Böttcher, Marschall von Frankreich, und über Murat, der, ein +geborener Stalljunge, König ward. Daß ihr Ausgangspunkt so dunkel war, +wird als ein Anspruch mehr auf Achtung angesehen und erhöht den Glanz +des Punktes, welchen sie erreicht haben. Von allen Treppen, die vom +Dunkel zum Licht führen, ist die schwierigste und verdienstvollste zu +erklimmen, sicherlich die, geborener Aristokrat und Royalist zu sein +und Demokrat zu werden. Aus einer ärmlichen Hütte zu einem Palaste +empor zu steigen, ist selten und schön, wenn man will; vom Irrthume +zur Wahrheit empor zu steigen, ist seltener und schöner. Bei dem +ersterwähnten Emporsteigen hat man bei jedem Schritte, den man gethan, +Etwas gewonnen und sein Wohlbefinden, seine Macht, seinen Reichthum +vermehrt; bei dem anderen Emporsteigen ist das Entgegengesetzte der +Fall, ... da muß man beständig mit materiellen Opfern sein geistiges +Wachsthum bezahlen, ... und wenn es wahr ist, daß Murat mit einigem +Stolz seine Postillonspeitsche neben sein königliches Scepter legen +und sagen konnte: »Damit hab' ich begonnen«, so darf man gewiß mit +einem billigeren Stolze und mit größerer innerer Befriedigung auf die +royalistischen Oden deuten, die man als Knabe und Jüngling geschrieben +hat, und sie neben die demokratischen Gedichte und Werke legen, die man +als erwachsener Mann verfaßt hat. Dieser Stolz ist vielleicht besonders +berechtigt, wenn man, nachdem das Emporsteigen zu Ende war, auf der +höchsten Stufe der Treppe des Lichts die Verbannung aus dem Vaterlande +gefunden hat, und wenn man diese Vorrede aus dem Exil datiren kann«. + +Studiren wir denn in diesen ersten Oden Victor Hugo's weniger den +Dichter, als das Zeitalter, in welchem sie entstanden. Sie erstrecken +sich über die ganze Geschichte Frankreichs von 1789 bis gegen 1825 +und enthalten das ganze System von Gesichtspunkten, welches unter der +Restauration das officielle war. In denjenigen von ihnen, welche die +Restauration behandeln, kommen, wie in den entsprechenden Gedichten +Lamartine's, zwei Worte häufiger als alle andern vor, die Worte: +~Henker~ und ~Opfer~. Man sieht in der Geschichte der Revolution +nichts Anderes. Für die leitenden Geister der Revolution giebt es +nur ~eine~ Bezeichnung: ~Henker~, der Konvent wird eine Schöpfung +des Teufels genannt (Buch I, Ode 4), und wie wenig Hugo sonst auch +die heidnische Mythologie liebt, kann er doch nicht die »Hydra« der +Anarchie entbehren, wenn es gilt, die Schwärze der Revolutionszustände +zu schildern. Für die Feinde der Revolution dagegen ist die Bezeichnung +~Opfer~ die stehende, der Aufstand in der Vendée wird in jedem zweiten +dieser Gedichte verherrlicht, und seinen Helden und Heldinnen sind +ganze Oden gewidmet (z. B. +La Vendée+, +Quiberon+, +Mlle. Sombreuil+). +Das Schafott schwebt beständig der Phantasie des Dichters vor und ist +der stete Gegenstand seiner Verwünschungen, wenn er nicht selbst, wie +in der Ode »+Le Dévouement+« (Buch IV, Ode 4), sich hinreißen läßt, in +eigner Person das Martyrium zu wünschen, »da der Engel des Märtyrers +der schönste der Engel ist, welche die Seelen zum Himmel geleiten.« In +Chateaubriand's Spuren geht Hugo dann zu den christlichen Märtyrern des +römischen Alterthums zurück und schildert in nicht weniger als vier +Oden (+Le repas libre+, +l'homme heureux+, +Le chant du Cirque+, +Un +chant de fête de Néron+) die qualvollen Triumphe der Märtyrer über die +rohe und wollüstige Grausamkeit, welcher sie äußerlich unterliegen, +und die Symbolik ist hier dieselbe, wie bei Chateaubriand. Es ist der +rechtgläubige Adlige und Priester, dessen Tod auf dem Schlachtfelde +oder der Guillotine bildlich dargestellt wird unter der Form der +Metzeleien im antiken Cirkus. Zu den schönsten dieser Gedichte gehört +dasjenige, welches eine kleine Schaar schuldloser junger Mädchen +besingt, die nach jahrelanger Einkerkerung ohne Gesetz und Urtheil +während des Schreckensregiments hingerichtet wurden auf Grund des +höchst oberflächlichen Verdachtes, beim Einrücken der Preußen in ihre +Stadt Freude bezeigt zu haben (+Les vierges de Verdun+). Hugo sucht +das Tribunal des Konvents schwärzer als nöthig zu malen, indem er +dem Ankläger Fouquier Tinville eine unreine Neigung für seine Opfer +andichtet und ihn denselben verletzende Anträge machen läßt; aber +auch ohne unhistorische Zusätze war der Tod dieser jungen Mädchen so +empörend, ihr Schicksal so tragisch und ihr Benehmen so anmuthig und +würdevoll, daß sie wohl ein poetisches Denkmal, ja ein noch besseres +als das verdient hätten, welches Hugo ihnen errichtete[15]. Aber ist +das Pathos des Dichters nun auch vollständig berechtigt in einem +Falle wie diesem, wo die Revolution der Jugend und Unschuld gegenüber +von ihrer finstern und ungerechten Seite erschien, so wird dasselbe +widerwärtig und falsch, sobald seine Doktrinen mit ins Spiel kommen. +Der Ton, in welchem er vom Königthum und der Königsherrlichkeit redet, +ist wahrhaft unleidlich. In der Ode »Ludwig XVII.« fordert Gott die +Seraphim, Propheten und Erzengel auf, sich vor dem neugeborenen +Thronfolger zu verneigen: »+Courbez-vous, c'est un Roi!+« -- ja, nicht +genug damit, redet Gott selbst ihn bei seinem Titel, nicht bei seinem +Namen an: »+O Roi!+« und erinnert ihn daran, daß Gottes eingeborener +Sohn ein König mit einer Dornenkrone, wie er, gewesen sei. In dem +Gedichte bei Anlaß der Taufe des Grafen von Chambord heißt es noch +stärker: »Gott hat uns einen seiner Engel gegeben, ~wie er in alten +Tagen uns seinen Sohn gab~,« und es wird daran erinnert, daß das +Wasser aus dem Jordanflusse, welches Chateaubriand mit heimgebracht +hat, und mit welchem das Kind getauft wird, dasselbe sei, mit dem +Christus getauft wurde; der Himmel hat, heißt es, gewollt, »daß die +beruhigte Welt schon an dem Taufwasser einen ~Heiland~ erkennen solle.« +In dem Gedichte »Die Vision« wird endlich das achtzehnte Jahrhundert +vor Gottes Richterstuhl geladen, wird angeklagt, weil es, »stolz auf +seine Wissenschaften, die Dogmen verlacht hat, welche die Gesetze +und die guten Sitten bewahren,« und als es eine schüchterne Hoffnung +ausspricht, daß die Zukunft es in ein milderes Licht stellen werde, +wird das Verdammungsurtheil über dasselbe gesprochen, und das schuldige +Jahrhundert wird in den Abgrund geschleudert, noch bei seinem Sturze +von der unerbittlichen Stimme des Richters verfolgt. + +Die Urtheile über Napoleon, welcher Buonaparte genannt wird, +entsprechen dem Standpunkte, unter welchem die Revolution erblickt +wird; er ist der Despot, der blutige Soldat, welcher Enghien ermordet +hat, und aber- und abermals wird mit Anspielung auf das Wappen der +Bourbons wiederholt, daß »Lilien besser als Lorbeern sind«. Als Freund +Enghien's und vertriebener Königssohn wird der Sohn Gustav's IV. Adolf +verherrlicht, der als vertriebener Repräsentant der gefallenen Throne +während der Restauration in Frankreich lebte (Buch III, Ode 5). Endlich +werden natürlich die Bourbonen selbst bis zu den Wolken erhoben. Alle +ihre Familienereignisse (Geburt, Taufe, Tod, Thronbesteigung, Salbung +eines Bourbons) werden als welterschütternde Begebenheiten behandelt. +Bei Gelegenheit des verwerflichen Krieges, den Frankreich im Dienste +der europäischen Reaktion und unter Chateaubriand's Einflusse in +Spanien führte, wird die Königsmacht nicht allein an und für sich +als ein Wunder verherrlicht, sondern der König wird ausdrücklich als +Kriegsherr geschildert, der sich auf die Macht des Schwertes stütze, +und es heißt, daß die Königsmacht unvermeidlich den Krieg zum Begleiter +habe: + + +Il faut comme un soldat, qu'un prince ait une épée, + Il faut des factions quand l'astre impur a lui, + Que nuit et jour, bravant leur attente trompée, + Un glaive veille auprès de lui; + Ou que de son armée il se fasse un cortége, + Que son fier palais se protége + D'un camp au front étincelant; + ~Car de la Royauté la Guerre est la compagne~, + On ne peut te briser, sceptre de Charlemagne, + Sans briser le fer de Roland!+ + +Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß all' diese Oden Mottos aus der +Bibel, aus religiösen Gedichten, vor Allem aber aus Chateaubriand's +»Märtyrern« haben, welch' letztere Komposition ihre Zeit so stark +beherrscht, daß die jüngeren Dichter sogar eine Ehre darin setzen, +ganze Seiten daraus in Verse zu bringen (vgl. z. B. +Emile +Deschamps+: +Poésies+, Ausgabe von 1841, Seite 124, »+Une +page des martyrs+«, »+Autre+« +etc.+). Und wie Lamartine +seine Ode »Das Genie« an Bonald richtete, so widmet Hugo Chateaubriand +eine Ode gleichen Titels, worin es von ihm heißt, daß er »das doppelte +Martyrium des Genies und der Tugend« erleide. An Lamartine sind +mehrere Gedichte gerichtet -- Hugo schreibt, er wolle auf demselben +Streitwagen wie Dieser stehen, Lamartine solle die Lanze führen, +er wolle die Rosse lenken, -- und diese Gedichte gehören zu den +interessantesten, theils weil sie außerordentlich schön sind und von +Hugo's zugleich ehrerbietigem und brüderlichem Verhältnisse zu dem +älteren Dichter zeugen, theils weil in ihnen neben den religiösen und +socialen Erscheinungen ~ästhetische~ Gesichtspunkte hervortreten. +In all' diesen Gedichten zeigt sich, wie ernsthaft der junge Dichter +seinen Beruf aufgefaßt hat. Dieser Beruf wird überall als der des +Propheten bezeichnet. Ein Seher, ein Völkerhirt ist der Dichter, ja, +von Lamartine heißt es, man sollte glauben, Gott habe sich ihm von +Angesicht zu Angesicht offenbart. Aber in den Gedichten an Letzteren +sieht man am schärfsten, wie Hugo die Stellung und das Verhältnis +der neuen Poesie zu derjenigen des achtzehnten Jahrhunderts auffaßt. +Diese seine Auffassung hat eine überraschende Analogie mit der Art und +Weise, in welcher zu Anfang dieses Jahrhunderts Oehlenschläger und +seine Freunde ihre Stellung Baggesen gegenüber auffaßten. Man lese z. +B. das Gedicht »Die Lyra und die Harfe« (Buch IV, Ode 2). Die Lyra +bezeichnet die leichtsinnige und leichtfertige Poesie der vergangenen +Epoche, welche zum Lebensgenuß auffordert, Jupiter, Mars, Apollo und +Eros besingt und einen geistigen Epikuräismus lehrt; in den Tönen der +Harfe dagegen klingt die Ermahnung, zu wachen und zu beten, an den +Ernst des Lebens und an den Tod zu denken, seinen wankenden Bruder +zu unterstützen und ihm zu helfen. Das Gedicht ist »+M. Alph. de +L.+« gewidmet; schon das Wort Harfe mußte den Gedanken auf Lamartine +hinlenken. Man sieht hier in künstlerischen Formen und mit größerer +Bildung dieselbe geistige Bewegung, welche sich bei uns in Grundtvig's +frühesten Gedichten offenbart. + + * * * * * + +Aber diese Opposition wider die Vergangenheit führt uns zu einem +Punkte, bei dem wir etwas verweilen müssen, nämlich zu der Stellung +der neuen Schule zum Autoritätsprincip in der ~Literatur~, die ja +gerade Respekt für die Vergangenheit, für ihre Männer und ihre Formen +forderte. + +Ich habe an früherer Stelle (Band I, S. 19.) bemerkt, daß die große +politische und sociale Revolution der Franzosen sich nicht auf die +schriftstellerische ~Form~ erstreckt habe. Was die Formen der +Literatur betrifft, so war dort keine Nothwendigkeit vorhanden, das +Autoritätsprincip wieder aufzurichten; denn es war dort niemals +gestürzt worden. In keiner Beziehung sind die Franzosen weniger +revolutionär, als auf dem literarischen Gebiete. Die französische +Akademie ist die einzige Institution im Lande, welche sich von +Richelieu's bis auf unsere Tage erhalten hat, und sie hat sich mit +demselben Namen und demselben Zweck, ja mit derselben Mitgliederzahl +erhalten. In der Literatur hieß das Autoritätsprincip die Klassicität, +und weit entfernt davon, durch die Revolution geschwächt zu werden, +hatte die Klassicität vielmehr neue Stärke während derselben gewonnen. +Die Revolution ist eine klassisch-französische Tragödie. Wie alle +andern französischen Trauerspiele, drapirt sie ihre Helden nach +griechischer und römischer Art; Dieselben ahmen in Stil und Sprache die +Republikaner der römischen Vorzeit nach, und es sind, charakteristisch +genug, die literarisch entwickeltsten und gebildetsten Helden der +Revolution, die Girondisten, welche das antike »Du« und die antike +Benennung »Bürger« wieder aufnehmen. Der Jakobiner stammt in direkter +Linie von Corneille und Racine ab: derselbe Toga-Stil, derselbe +oratorische Schwung, dieselbe Vorliebe für das Lakonische und Erhabene. +Der Jakobiner ist, wie er irgendwo, ich glaube, in einem französischen +Zeitungsartikel, scherzweise genannt worden ist, »ein klassisches +Thier«. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher Cromwell's Soldaten +sich in alte Hebräer verwandelten, ihre Namen annahmen und ihre Psalmen +sangen, schufen die Franzosen der Revolutionszeit sich in antike Römer +um, und wenn der Jakobiner David, Robespierre's intimer Freund, seinen +Platz in der gesetzgebenden Versammlung verließ, um auf der Leinwand +die Horatier oder Brutus darzustellen, welche 1791 ausgestellt wurden, +so konnte er ohne Weiteres seine Umgebungen als Modell benutzen; er +brauchte als Maler keinen Schritt aus seiner Zeit herauszugehen. + +Ganz wie die klassische französische Tragödie, als sie entstand, es +verschmähte, auf dem eigenen historischen Grunde des Landes zu bauen, +und durch einen Bruch mit der ganzen historischen Tradition Frankreichs +ihre Scene nach dem fernen Rom in dem fernen, abstrakt aufgefaßten +Alterthume verlegte, so hatte die Revolution ohne Rücksicht auf die +gegebenen historischen Voraussetzungen, auf Frankreich, wie es war +und vorlag, das ferne, abstrakt aufgefaßte Alterthum und dessen unter +so ganz andern Verhältnissen entstandene Republiken zum unmittelbaren +Muster genommen. Die neuen Gracchen und Horatier kopirten die alten. +Madame Roland's Briefe an Buzot haben, wie oft bemerkt worden ist, eine +römische Hoheit in ihrem Stile. Die Damen des Direktoriums nahmen, +selbst in ihrer Tracht, bald Cornelia, bald Aspasia zum Muster. In +Napoleon's ersten Briefen an Josephine fühlt man die sprachliche +Einwirkung römischer Vorbilder, und selbst als er keines Vorbildes mehr +bedarf, ist seine Ausdrucksweise klassisch, wie sein Profil. Auch sein +Geschmack war klassisch: man kennt seine Vorliebe für »die Regeln« +und für Corneille. Selbst die Schriftsteller, welche unter seiner +Regierung, wie Raynouard, einen Anlauf zu einer Art von Opposition +nehmen, halten sich streng an die klassische Spur. Wer Werner's »Söhne +des Thales« mit seinen »+Les templiers+« vergleicht, wird erstaunen, +wie verschiedenartig ein und derselbe Stoff aufgefaßt werden kann. Eben +so mystisch und unverständlich, ebenso überspannt und phantastisch, +wie der deutsche Dichter in der Behandlung seines Gegenstandes ist, +ebenso ordentlich und regelrecht ist der französische mit seinen +reglementirten Alexandrinern, seinem König und seiner Königin, seinen +fünf Akten und seinen drei Einheiten. Das Stück ist eine Art von +Proceß zwischen Staat und Kirche; der König plaidirt ganz regelrecht +seine Sache, die Tempelherren dann ganz regelrecht die ihrige, worauf +sie ganz regelrecht verbrannt werden -- regelrecht, denn wir sehen +selbstverständlich so Wenig, wie möglich, davon und von Dem, was +ihm vorausgeht, und hören es nur in einem der langen Schlußberichte +mittheilen, welche schon bei Euripides die Katastrophe enthalten. Und +die Versform ist hier noch dieselbe, welche von jenem Unheilstifter +Boileau dekretirt wurde. Der Sinn des Satzes, welcher durch die Cäsur +in zwei Hälften getheilt wird, endigt mit dem Verse, und die Verse +gleichen einander, wie eine Dreierbretzel einer andern Dreierbretzel +gleicht. Sie haben weder Harmonie, noch Fluß, noch Rhythmus, noch Reim; +denn »+l'armes+« und »+armes+«, »+époux+« und »+coups+«, »+souffrir+« +und »+mourir+« sind keine Reime. Die Verse sind wirbellose Weichthiere, +und haben auch das mit den Weichthieren gemein, daß sie, wenn man sie +mittendurch schneidet, dadurch kaum minder lebendig erscheinen. + +Einige der hervorragendsten Prosa-Schriftsteller haben denn auch in +ihrer Form eine vollständige Aehnlichkeit mit ihren verhaßtesten +Gegnern. Bonald's kalte, demonstrirende Sprachform, seine Sucht, +Alles auf Formeln zurückführen zu wollen, seine Prätensionen einer +mathematisch sichern Beweisführung kennzeichnen ihn deutlich genug als +ein Kind desselben achtzehnten Jahrhunderts, das Condillac erzogen +hat, und als Produkt desselben Zeitgeistes, den er bekämpfen wollte. +Der Unterschied ist nur, daß Condillac eben so klar und logisch, +wie Bonald willkürlich und inkonsequent ist. Aber sowohl diese +Prosa, wie jene Poesie hat einen gemeinsamen Charakterzug, welcher +die ganze Form beherrscht, nämlich das ~Raisonnement~. Gegen +diesen Herrscher macht die Literatur zum ersten Male Revolution durch +Frau von Staël's Stimmungsstil und Chateaubriand's farbige Prosa. +Stimmung und Farbe, Das waren die zwei großen Verbannten, welche +lange fern gewesen waren und erst jetzt zurückkehrten. Und seltsam +genug gelangt Chateaubriand nicht nur durch sein Talent, sondern +selbst durch sein System dazu, sich wider das Autoritätsprincip in +der Literatur zu empören, das Princip, welches er eben durch die +Literatur zur Geltung bringen wollte. Denn seit der Zeit Ludwig's XIV. +hatte die Poesie ihre Inspirationen im heidnischen Alterthum und der +heidnischen Mythologie gesucht, und dies Heidenthum war hier klassisch +geworden. Jetzt dagegen forderte er die Dichter auf, ihre eigenen und +die Augen und Ohren ihrer Landsleute für die ganz entgegengesetzte +Poesie des Christenthumes zu öffnen, und kam solchermaßen ~von +wegen der religiösen Ueberlieferung in Streit mit der literarischen +Tradition~. Er ist zu gleicher Zeit neu durch seine literarischen +Principien und veraltet durch seine socialen und politischen Ideen, +eine Gestalt mit einem Doppelantlitz, bei der alle modernen Stimmungen +in poetischem Ausdruck hervorbrechen unter einer unbeweglichen Maske +des Respekts vor allen officiellen Autoritäten der Vergangenheit. +Besonders durch seine Form ist er ein Romantiker vor der Romantik. Als +daher zuerst Lamartine, dann Hugo nach seinem Beispiele die heidnische +Mythologie verlassen und ihren Stoff aus der christlichen entnehmen, +steht die Mitwelt ihnen eine Zeitlang zweifelnd gegenüber, ungewiß, +ob sie in diesen Bestrebungen, die Heiligkeit der Religion auf neuen +Wegen geltend zu machen, einen konservativen oder einen jeder Regel +trotzenden Geist erblicken soll, bis endlich nach und nach der Keim zu +einer Umstürzung des Autoritätsprincips, welcher in dem literarischen +Ausgangspunkte lag, sich so kräftig entfaltet, daß die neue Schule ganz +ihre Physiognomie verändert. + + * * * * * + +Es ist interessant, die Entwicklungsstadien in Victor Hugo's +verschiedenen Vorreden zu seinen Oden zu verfolgen. In der ersten (von +1822) erklärt der junge Dichter in wenigen Zeilen, daß wahre Poesie nur +von den monarchischen Ideen und dem religiösen Glauben aus beurtheilt +werden kann. Erst das neue Jahrhundert, meint er, hat der Welt die +Wahrheit offenbart, daß die Poesie ~nicht auf der Form der Ideen, +sondern auf den Ideen selber~ beruhe. In der zweiten Ausgabe (vom +selben Jahre) entwickelt er dann weiter, daß es gelte, die verblichenen +und falschen Farben der heidnischen Mythologie durch die neuen und +wahren Farben der christlichen Theogonie zu ersetzen. Es gilt, die Ode +die strenge, tröstende und religiöse Sprache reden zu lassen, deren +eine alte Gesellschaft, welche taumelnd »die Orgien des Atheismus und +der Anarchie« verläßt, so dringend bedarf. + + * * * * * + +Was er aber besonders wünscht, ist, daß man ihm nicht die Prätension +zutraue, »~eine Bahn brechen oder eine Kunstform schaffen zu +wollen~.« In der Vorrede von 1824 wird dieselbe Versicherung in +höchst bezeichnenden Ausdrücken wiederholt, aber man fühlt, daß der +junge Dichter einer Kritik gegenübersteht, welche mißtrauisch seinen +Weg verfolgt, und daß das Stichwort »romantisch« als gleichbedeutend +mit Uebertreter der Regeln der Klassicität schon ihm zum Vorwurfe +gemacht worden ist. Er bemüht sich eifrig, seine literarische +Orthodoxie darzuthun: Was man bedürfe, sei nicht Neuheit, sondern +Wahrheit. Dies Bedürfnis will er befriedigen. Der Geschmack, »welcher +Nichts anders ist, als die ~Autorität~ in der Literatur«, zeigt +ihm jedoch gerade, daß Werke, welche wahr in Betreff des Inhalts sind, +auch wahr sein müssen in Betreff der Form. Hiebei gelangt er zu dem +Begehren von »Lokalfarben«, welchem die klassischen Schriftsteller nur +unzureichend genügt haben.[16] Uebrigens müsse man selbstverständlich +die Regeln, welche Boileau der Sprache auferlegt habe, +»~religiös~« befolgen. -- Vom Dichter lehrt er, daß er den Völkern +wie eine Lichtsäule voranschreiten und sie zu den großen Principien der +~Ordnung~, Moral und Ehre ~zurück~ führen müsse. Der Mangel +im Jahrhundert Ludwig's des »Großen« sei der, daß die Schriftsteller +damals nicht das Christenthum statt der heidnischen Götter anriefen. +Hätten sie es gethan, so würde, meint er naiv, »der Triumph der +sophistischen Schriften« im achtzehnten Jahrhundert weit schwieriger +gewesen sein. Was würde aus der Philosophie geworden sein, wenn Gottes +Sache vom Genie, statt, wie jetzt, nur von der Tugend vertheidigt +worden wäre! Er verwahrt sich aus allen Kräften gegen die Bezeichnung +»romantisch«. Er bekennt, daß er für sein Theil »völlig unwissend +darüber sei, was man unter klassischer und romantischer Kunstform +verstehe,« und im Gegensatz zu all' dem Geschwätze, das zu jener Zeit +darüber vorgebracht wurde, erklärt er die ganze Eintheilung für leer +und bedeutungslos mit den gesunden Worten: »Es ist anerkannt, daß jede +Literatur ein stärkeres oder schwächeres Gepräge von dem Klima, den +Sitten und der Geschichte des Volkes empfängt, dessen Ausdruck sie +ist. David, Homer, Virgil, Tasso, Milton und Corneille, diese Männer, +von welchem jeder eine Poesie und ein Volk repräsentirt, haben Nichts +anders mit einander gemein, als das Genie«, lassen sich folglich nicht +in klassische und romantische Geister eintheilen. Er widerspricht der +Aeußerung, daß die literarische Revolution (augenscheinlich diejenige +Chateaubriand's) ein Resultat der politischen Revolution sei. »Die +gegenwärtige Literatur kann zum Theil das Resultat der Revolution sein, +ohne deshalb ihr Ausdruck zu sein. Die Gesellschaft der Revolutionszeit +hat ihre Literatur gehabt, ~so unschön und thöricht sie ist~. +Jene Literatur und jene Gesellschaft sind mit einander gestorben und +werden nicht wieder aufleben. Die ~Ordnung~ wird von allen Seiten +her in den Institutionen wiedergeboren, sie wird gleichfalls in der +Literatur wiedergeboren ... Wie die Revolution von schriftstellerischen +Erzeugnissen ausging, so ist die gegenwärtige Literatur ~der +antecipirte Ausdruck für die religiöse und monarchische +Gesellschaft~, die ohne Zweifel aus jenen Ruinen erstehen wird.« +Hugo täuschte sich: jene Literatur war eben der genaueste Ausdruck des +Geisteslebens ihrer Zeit, und die literarischen Reformversuche, welche +so große Bekümmernis erweckten, waren in Wirklichkeit die Vorläufer +einer literarischen Umwälzung. Denn sie vernichteten den Glauben an die +Autorität als Autorität, d. h. an Boileau. Von dem Augenblick an, wo +man einmal entdeckt hatte, daß es selbst in dieser Sonne Flecken gebe, +konnte der Zweifel nicht mehr auf die wenigen Punkte eingeschränkt +werden, auf denen er sich zuerst bescheiden und vorsichtig hervorgewagt +hatte. Die literarische Tradition war ein Princip; man mußte dasselbe +annehmen oder verwerfen. In der vorletzten Vorrede Hugo's zu den Oden +(aus dem Jahre 1826) fühlt man, wie seine Reflexion, die sich beständig +um den Lieblingsbegriff jener Zeit, »die Ordnung«, dreht, auf dem +Sprunge steht, ihn von den literarischen Ufern hinweg und aufs offene +Meer hinaus zu treiben. Er hat jetzt entdeckt, daß die Ordnung doch +etwas Anderes ist, als diejenige Regelmäßigkeit, welche durch Zucht und +Zwang erzielt wird. In einem Vergleich, der für einen Jüngling nahe +liegt, welcher, wie er, in der Nähe von Versailles erzogen worden ist, +und dessen Kindheitslektüre die Schilderungen Chateaubriand's von +den reichen Landschaften Nordamerikas gewesen sind, denkt er sich den +Garten von Versailles mit seinen zu regelmäßigen Figuren geschorenen +Bäumen neben einem Urwalde in der neuen Welt und ruft aus: »Wir wollen +nicht fragen: wo ist hier die Pracht, wo die Größe oder die Schönheit? +sondern einfach: wo ist die ~Ordnung~ und wo die Unordnung?« Er +sieht jetzt ein, daß die Regelmäßigkeit nur die äußere Form betrifft, +daß aber die Ordnung aus dem Grunde der Dinge selbst hervorgeht und +eine Folge der intelligenten Vertheilung ihrer Elemente ist. »Man ist,« +sagt er, »nicht klassisch, weil man sklavisch den Spuren folgt, welche +Andere dem Wege aufgedrückt haben.« + + * * * * * + +Schritt für Schritt sind wir ihm solchermaßen auf dem Wege gefolgt, der +ihn zum Bruche mit dem literarischen Autoritätsprincip führt. Noch ein +Jahr, und er schüttelt das Joch ab, weiht die romantische Schule in +Frankreich ein, und erklärt in ihrem ersten Manifest, der Vorrede zu +»Cromwell«, daß es ein +ancien régime+ in der Literatur so gut wie +in der Politik gebe, und daß das alte Regiment dem jungen Geschlechte +wie ein Alp auf der Brust liege. »Die Schleppe des achtzehnten +Jahrhunderts erstreckt sich noch in dies Jahrhundert hinein; aber +sollten wir junge Männer, die wir Bonaparte gesehen haben, uns nicht +für zu gut halten, diese Schleppe zu tragen?« und er spricht von jener +geschminkten, gepuderten, mit Schönheitspflästerchen bedeckten Poesie, +von jener Literatur mit Fischbeinkorsetts und Falbeln. Jetzt richtet +er seine ersten Keulenschläge wider Boileau. In den Oden hatte er noch +die alte sprachliche Etikette beobachtet (er bezeichnet z. B. den +Konvent mit dem Worte »Senat«) und nur einzelne schüchterne Versuche +einer metrischen Erneuerung der alten Formen gewagt, deren Absicht +es war, den Odenstil minder steif und schwerfällig zu machen. Jetzt +geht er rücksichtsloser zu Werke, als nöthig war. Wer weiß nicht, +was jene Etikette zu bedeuten hatte! Man besaß eine kleine Sammlung +edler Ausdrücke, auserlesener Worte, eine Art von Elite der Sprache, +welche allein Zutritt zur Poesie hatte. Man sagte nicht Degen, sondern +Schwert, nicht Soldat, sondern Krieger, und man sprach nicht von +Flinten und Messern, ungefähr wie man in unserer dänischen Poesie +kaum mehr als Rosen und Lilien, Veilchen und Waldmeister und, wenn es +hoch kommt, noch ein Dutzend Blumen als Repräsentanten der unzähligen +Pflanzenarten anerkennt. Die Folge davon war, daß der Wortvorrath +äußerst beschränkt blieb, daß es nur einige Hundert edler Reimpaare +gab, und daß dieselben Wendungen, welche stets wiederholt werden +mußten, dieselben Ideen und Gefühle mit sich brachten. Die poetische +Rhetorik war etwa das Seitenstück zu Dem, was die geistliche Rhetorik +in unserer Zeit ist. Erhaben nannte man die feierliche Tirade, welche, +so weit möglich, von den Dingen sprach, ohne sie jemals bei ihrem +rechten Namen zu nennen, und wieder nur von den Dingen, die so wenig, +wie möglich, den Menschen an seine irdische Natur, an die leibliche +und körperliche Seite seines Wesens erinnerten. Komisch war in Folge +dessen jede direkte und unzweideutige Bezeichnung der Dinge, wenn sie +in einer Kunstform vorkam, die das Privilegium des hohen Stils zu haben +glaubte. Deshalb erregte der gleichzeitig mit dem ersten Auftreten der +Romantik unternommene Versuch, Shakspeare in Frankreich einzuführen, +so großes Entsetzen. Es ist bekannt, daß »Othello«, als das Stück +in Alfred de Vigny's Uebersetzung im Odeontheater, also vor einem +Studentenpublikum, dem liberalsten und am wenigsten prüden in Paris, +aufgeführt wurde, durchfiel, weil das Wort »Schnupftuch« genannt wurde. +Bei der Aufführung von Lebrun's »Cid« rief das Wort »+chambre+« +(Schlafzimmer) ein Mißfallsgemurmel hervor, und Mlle. Mars weigerte +sich noch viel später, die Rolle der Donna Sol in »Hernani« zu +übernehmen, wenn nicht einzelne derartige Wörter gestrichen würden. Es +war also nicht zu verwundern, daß Hugo in einer Zeit, wo die Autorität +von allen Seiten gestützt und aufrecht erhalten wurde, damit begann, +sich nach all' diesen Regeln zu richten, ja an dieselben als wirkliche +Gesetze für die Poesie und die Sprache zu glauben. Dann begann er +ein wenig an ihnen zu rütteln, sie ein wenig zu umgehen, sie ein +klein wenig, jedoch mit tiefstem Respekte, zu bezweifeln oder anders +auszulegen, bis es ihm nicht mehr möglich war, sie zu beobachten, und +er sie über Bord warf. Mit treffenden Worten hat er in einem seiner +Gedichte[17], das sich hier leider nur höchst unvollkommen in Prosa +wiedergeben läßt, die Revolution charakterisirt, welche er schließlich +unternahm: + +»Ja ich bin der fürchterliche Demagog, der barbarische Verwüster des +alten ABC, von welchem Du so viel Schlimmes gehört hast. Als ich +blasses, von Lektüre überreiztes Kind aus der Schule kam und zum ersten +Mal meine Augen öffnete, um die Natur und die Kunst zu betrachten, war +die Sprache ein Bild der Monarchie. Die Sprache war der Staat vor 1789. +Da gab es Adel und gemeines Volk. Ein Wort war Herzog und Pair von +Frankreich, ein anderes war ein armer Schlucker. Sie schieden sich von +einander, wie die Fußgänger und die Reiter, welche in zwei getrennten +Reihen den Pont-Neuf passiren. Die Worte waren in Kasten eingetheilt. +Einige, die feinen, verkehrten mit Phädra, Jokaste, Merope, +beobachteten das Dekorum und hatten Erlaubnis, in den Karossen des +Königs nach Versailles zu fahren; andre, der Bettlerschwarm, der Pöbel, +das gemeine Volk, waren heimisch in den Dialekten, ja lebten auf den +Galeeren in der Diebssprache, und trugen weder Perücke noch Strümpfe. +-- Da erschien ich Räuber und rief: Weshalb sollen die da immer voran +und diese anderen immer hinterdrein gehen? Und mit der vollen Kraft +meiner Lungen blies ich auf die alte ehrwürdige Akademie, welche all' +die ängstlichen Gleichnisse unter ihren Talaren verbarg und blies +auf die Alexandriner-Bataillone, die in Karrés aufgestellt standen, +daß Wort und Vers durcheinander wirbelten. Ich stülpte dem alten +Lexikon eine rothe Mütze auf und rief: Kein Wort ist mehr Senator, +kein Wort ist mehr bürgerlich. Ich rief einen Sturm auf dem Grunde des +Dintenfasses hervor und vermischte die schwarzen Schaaren der Worte mit +den weißen Schwärmen der Ideen, und sprach: Es giebt kein Wort, auf +welchem die Idee in ihrem reinen Fluge, noch frisch und feucht vom Azur +des Himmels, nicht verweilen und rasten kann«. + +Aber noch ist Hugo, selbst wenn er zweifelt, nicht so weit. Er nennt +noch selbst seine Poesie »Kavalier-Poesie« und stempelt mit diesem, +an die englische Restauration erinnernden Worte sich selbst zum +privilegirten Dichter der Restauration. Aber er scheitert an der +Unmöglichkeit, die religiöse und die literarische Tradition dahin +zu bringen, daß sie einander decken. In den Balladen fühlt man dies +besonders. Hugo zieht die alten Erinnerungen aus dem Mittelalter und +der Lehnszeit hervor. Was kann loyaler sein! Aber die Literatur aus +der Zeit Ludwig's XIV. hatte vollständig mit dem Mittelalter und ihren +Erinnerungen gebrochen. Was kann also weniger klassisch sein! Eine der +Balladen schildert einen Hexentanz (+La ronde du sabbat+), eine +andere spricht von Sylphen und Feen, der ganze farbenreiche Aberglaube +der alten Legenden lebt wieder auf, man ist nicht weit von der Romantik +entfernt. Endlich ist der Ton in diesen Gedichten nicht klassisch, es +ist hier, wie in Deutschland und Dänemark, der Ton der Volkslieder, +welcher den vornehmen und gelehrten Buchstil ablöst. Diese Poesie +hat außerdem ein neues ~nationales Element~ (+Le géant+, ++Le pas d'armes du roi Jean+), sie wendet sich von der Antike +zu dem alten ~Frankreich~. Auch in Betreff des Nationalen war +Chateaubriand vorangegangen, seine Schilderungen der alten Gallier in +den »Märtyrern« waren die ersten Versuche dieser Art und beeinflußten, +nach Augustin Thierry's eigenem Geständnisse, sogar noch den späteren +Verfasser des »Zeitalters der Merowinger«; aber selbst dies Element des +Heimatlichen war neu und fremd in der französischen Dichtung und mußte +sich aufrührerisch gegen die Tradition verhalten. Bald wurden mit dem +altfranzösischen Inhalte alle altfranzösischen Versformen erneuert. +Hier hatte abermals Chateaubriand den Anfang gemacht mit dem entzückend +lieblichen Liede: + + +Combien j'ai douce souvenance + Du joli lieu de ma naissance!+ + +welches auch an dem Grabe, das er sich in dem Granitfelsen bei St. Malo +mit dem Blick aufs Meer hatte aushöhlen lassen, gesungen ward, als man +seine Hülle dort bestattete. Und plötzlich klingen die Töne aus der +Zeit Ronsard's und der Plejade wieder bei De Vigny, bei den Brüdern +Deschamps, bei Sainte-Beuve und bei Hugo. Im Mai 1828 hat De Vigny +in seinem Gedichte »+Madame de Soubise+« Strophen wie folgende +geschrieben: + + +La voyez-vous croìtre, + La tour du vieux cloìtre? + Et le grand mur noir + Du royal manoir? + Entrons dans le Louvre, + Vous tremblez, je crois, + Au son du beffroi? + La fenêtre s'ouvre, + Saluez le roi!+ + +Im Juni desselben Jahres überbietet ihn Hugo mit den meisterhaften +Versen im »Turnier des Königs Johann«: + + +Cette ville + Aux longs cris, + Qui profile + Son front gris, + Des toits frêles, + Cent tourelles, + Clochers grêles, + C'est Paris!+ + +Welche Kunstform! welche malerische Klarheit! welche Kürze und Kraft! +Die Alexandriner verschwinden fern am Horizonte; noch ein Schritt, und +die Farbenpracht der »Orientalen« entfaltet sich vor unserm Auge. + +Von dem Augenblick an, wo die religiöse und monarchische Tradition +wieder der Literatur eingepfropft wurde, schien das Autoritätsprincip +eine große und wesentliche Unterstützung erlangt zu haben. Aber bald +zeigte es sich, daß die christliche Tradition nicht in Gemeinschaft +mit der literarischen gedeihen konnte. Sie entwickelte sich innerhalb +derselben und unter ihren Flügeln, gleichsam in ihrem Schooße; aber +bald enthüllt sie sich als ein oppositionelles Princip, und das +Autoritätsprincip in der literarischen Form wird durch die Macht der +Konsequenz von dem neuen Geiste, welcher nur das reelle, d. h. das +religiös-politische Autoritätsprincip geltend machen zu wollen schien, +bei Seite gedrängt, ja in die Luft gesprengt. + +Es bleibt uns nun noch übrig, zu sehen, wie die Autorität als +reelles Princip das Schicksal des formellen und literarischen +Autoritätsprincips theilen mußte. + + [+Victor Hugo: Odes et Ballades. Cromwell. -- Alfred de Vigny: + Poésies complètes. -- Emile Deschamps: Poésies. -- Antoni Deschamps: + Poésies. -- Raynouard: Les templiers.+] + + + + +9. + + +An einem finstern und nebligen Tage vor ungefähr zwanzig Jahren folgte +in Paris eine kleine Schaar von Freunden einem der berühmtesten Männer +Frankreichs zum Grabe. Zwischen zwei Reihen Soldaten, die zugegen +waren, nicht um dem Todten das Ehrengeleite zu geben, sondern um +Ordnung zu halten, bewegte sich der Zug nach dem Armenkirchhofe, zu der +gemeinschaftlichen Gruft. Der Verstorbene hatte es so gewollt. Als man +die Erde auf den Sarg geworfen hatte, frug der Todtengräber: »Ist kein +Kreuz da?« -- »Nein«, lautete die Antwort. + + * * * * * + +Kein Erinnerungszeichen verkündet also, wo der Todte gebettet liegt, +obschon sein Name über ganz Europa bekannt war, und kein Kreuz +bezeichnet die Gruft, obschon der Todte Abbé und Priester, ja lange +Zeit hindurch der erste Vorkämpfer der Kirche gewesen war. Es war +Lamennais, der nach seinem eigenen Wunsche so zur Erde bestattet war. + + * * * * * + +Félicité de la Mennais (erst später demokratisirte er seinen Namen) +war, wie Chateaubriand, Bretagner und besaß von Geburt an die +Hartnäckigkeit seiner Race in Wesen und Charakter. Die Männer aus +dieser Provinz bilden gleichsam die Vendée der Literatur, indem sie +mit dem Worte den Kampf fortsetzen, den ihre Väter mit Waffengewalt +geführt hatten. Er war als Jüngling schmächtig, hager und fieberhaft +lebendig; er verlor früh seine Mutter, und wurde dadurch noch härter +und entschiedener. Sein religiöser Beruf war lange zweifelhaft; +als Jüngling ergötzte er sich zumeist an Musik und Mathematik, an +Flötenspiel und Waffenübungen, ja, er hatte ein ernstliches Duell, +das sich später als ein Hindernis auf der von ihm beschrittenen Bahn +erwies. Er hatte Liebesabenteuer und schrieb Verse[18]. Er war so wenig +geneigt, sich der religiösen Dogmenlehre zu unterwerfen, daß er erst +in seinem zweiundzwanzigsten Jahre, als seine religiöse Ueberzeugung +gereift war, zum ersten Male zur Kommunion ging. Er beginnt jetzt sich +mit theologischen Studien zu beschäftigen, und 1808, sechsundzwanzig +Jahre alt, empfängt er die Tonsur. Aber als er zum Priester geweiht +werden soll, erfaßt ihn ein solches Grausen vor dem Gelübde, das +er abzulegen im Begriffe steht, daß er den entscheidenden Schritt +aufschiebt, und in seiner Melancholie und seinen Zweifeln ihn immer +und immer wieder so lange aufschiebt, daß er erst mit fünfunddreißig +Jahren die Ordination empfängt. Seine Briefe schildern den zerrissenen +Zustand seiner Seele in der ganzen Zwischenzeit; dies stolze Herz wand +und krümmte sich bei dem Gedanken, die Herrschaft über sich fremden +Händen zu überliefern. Und wurde es besser, als Alles entschieden und +das Gelübde endlich unwiderruflich abgelegt war? Nein, weit gefehlt! +Der erste Brief, den er seinem Bruder sendet, gleich nachdem es fremder +Ueberredung gelungen war, ihm die Einwilligung zu jener Priesterweihe, +vor der er sich so sehr scheute, abzulocken, schildert mit schwarzen +Farben seinen Gemüthszustand: + +»Ich glaube, obschon man mir Schweigen auferlegt hat, Dir ein für alle +Mal eine Erklärung geben zu dürfen und zu sollen. Ich bin äußerst +unglücklich und kann von jetzt an nur noch äußerst unglücklich +sein. Man mag darüber raisonniren, so viel man will, man mag sich +winden und drehen, so viel man Lust hat, um mir zu beweisen, +daß das Entgegengesetzte der Fall sei, so ist es doch ziemlich +unwahrscheinlich, daß es gelingen wird, mich zu überzeugen, daß +eine Thatsache, die ich empfinde, nicht vorhanden sei. Aller Trost, +den ich empfangen kann, besteht daher in dem wohlfeilen Rathe, aus +der Noth eine Tugend zu machen ... Ich begehre nur Vergessenheit in +jeder Bedeutung dieses Wortes, und gebe Gott, ich könnte mich selbst +vergessen!« + +Unter so schmerzlichen Geburtswehen wurde bei Lamennais der Glaube +an seinen religiösen Beruf geboren. Er besiegte seine Verzweiflung; +er, der immer etwas ~Ganzes~ sein mußte, wenn Dies auch noch so +verschieden von seinem früheren Standpunkte war, wurde ganz und mit +ganzer Seele Priester. Er fühlte sich so sehr als Solcher, daß sein +erster Zornausruf, als Rom ihn 1832 im Stiche ließ, dieser war: »Ich +werde sie lehren, was es heißt, einen Priester herauszufordern!« +Er hatte eine starke Seele und einen beschränkten Geist, er war +ein geborener Parteimann, dazu geschaffen, heftig und blind Partei +zu ergreifen, mit leidenschaftlicher Liebe und beredtem Hasse zu +verfechten, was er im Augenblick für die absolute Wahrheit hielt. +Als er daher der herrschenden Idee des Zeitalters begegnet, wird +er ein Streiter für dieselbe wie kein Anderer, der eifrigste, der +konsequenteste, der aufrichtigste und unerschrockenste Vorkämpfer +des absoluten Autoritätsprincips und der absoluten Unterwerfung, +welche dasselbe verlangt. Er, der selbst unter einer so schmerzlichen +Gemüthsaufregung seine Vernunft und Selbstbestimmung in die Hände +der Kirche gelegt hatte, er, der einzige wirkliche Geistliche der +neukatholischen Schule, scheint gleichsam den anderen Menschen keine +besseren Lebensverhältnisse gönnen zu wollen, als er selber gekannt +hat. Wenn er in einer Sprache, die den Sturm in sich birgt, das +Evangelium der Autorität und des Gehorsams verkündet, fühlt man bei ihm +noch mehr, als bei irgend einem Andern, die persönliche Leidenschaft +sich in der allgemeinen Forderung sättigen, und man merkt, wie das Ich +gleichsam sich selbst dadurch zur Geltung bringt, daß es, da es sich +selbst ein für alle Mal hat unter die Autorität beugen müssen, jetzt +die Willen und Gedanken aller anderen Individuen zerbricht und sie +unter die Regel beugt, welche es zu der seinigen macht, indem es als +ihr Organ auftritt. + +Gewaltsam und trotzig-selbständig, wie er war, anerkannte er im eigenen +Lager fürwahr keine Autorität. Seine Aeußerungen über die anderen +Mitglieder der Schule würden eine artige Anthologie von Schmähwörtern +abgeben. Ueber Bonald z. B. ein Ausspruch wie dieser: »Arme Menschheit! +-- ich weiß nicht, wie bei dem Worte »Mensch« Herr Bonald mir einfällt. +Der Uebergang ist jäh. Man sagt, der arme Mensch sei in der letzten +Zeit äußerst schwach an Geist geworden.« Ueber Chateaubriand: »Der +König und er, er und der König. Das ist Frankreichs ganze Geschichte +... Man begreift nicht, und er weniger als irgend Jemand, daß Europa +seine Talente entrathen kann. Er weissagt, daß es Europa schlecht +bekommen werde.« Ueber Frayssinous, der als Haupt des Gallikanismus +sein Widersacher war: »Sie halten ihn für gemäßigt: weshalb? Weil man +Sie auf eine gewisse Kälte bei ihm aufmerksam gemacht hat, die Sie für +Mäßigung hielten, und doch war es nur geronnener Haß.« Das ist der Ton +in seinen Briefen. Aber gleichwohl lag in seiner kräftigen und blind +nicht drauf los platzenden, sondern einher brausenden Seele der Stoff, +aus welchem sich ein Kämpfer ohne Gleichen für die absolute Autorität +der Kirche bilden ließ, freilich, wie es sich am Ende erwies, ein +Kämpfer, der es besser verstand, Andern die Disciplin aufzuzwingen, +als sich selbst zu Dem discipliniren zu lassen, was seine redlichste +Ueberzeugung verwerfen mußte. + +In der Zeit von 1817 bis 1823 erschien dann in Frankreich ein Werk, das +während all' dieser Jahre die Gemüther in Bewegung zu setzen vermochte, +und über das sich eine heftige Polemik erhob, ja dessen Verfasser +zwischen dem Erscheinen des zweiten und dritten Bandes das Wort zu +seiner Vertheidigung ergreifen mußte; es war das Buch »+Essai sur +l'indifférence en matière de réligion+« vom Abbé de la Mennais. In +diesem Werke sammelt die Restaurationsperiode gleichsam zum letzten +Mal ihre Kräfte zu einem Hauptschlage. Hier finden wir alle leitenden +Principien der Zeit mit einer Bestimmtheit und mit einer letzten +Konsequenz ausgesprochen, welche darauf hindeutet, daß der Umschlag +nahe ist. + +Durch seine Geistesrichtung, ja selbst durch seinen Titel, bildet +dies Werk eine interessante Parallele zu dem Buche, durch welches +in Deutschland die religiöse Renaissance im neunzehnten Jahrhundert +eingeleitet wurde: zu Schleiermacher's (im Jahre 1799 erschienenen) +berühmten »Reden über die Religion, an die Gebildeten unter ihren +Verächtern.« Beide Schriften sind wider dieselbe Erscheinung +gerichtet, wider die bei den Gebildeten herrschende Geringschätzung +und Gleichgültigkeit gegen die Religion. Beide versuchen jetzt, da der +Glaube erschlafft ist, die Religiosität auf einem neuen Fundamente +wieder zu errichten. Aber hier tritt der Nationalitätsunterschied +der Verfasser scharf hervor. Der sentimentale und gemüthsinnige +Schleiermacher sieht kein anderes Heil für die Religion, als das, sie +mit Aufgebung all' ihres äußeren Beiwerks auf ihren innersten Kern, auf +das rein persönliche ~Gefühl~ des Individuums, zurück zu führen. +Er versucht, auf den Grund des Menschenlebens, auf die Tiefe, aus der +sowohl das Erkennen wie das Handeln entspringt, auf die innersten +Quellen des persönlichen Lebens zurück zu gehen. Er fordert seinen +Leser auf, sich über den primitiven Zustand der Seele Rechenschaft zu +geben, in welchem das Ich und der Gegenstand in einander verschmelzen, +und wo folglich noch weder von einem Anschauen des Gegenstandes, noch +von dem Empfinden eines von dem Gegenstande verschiedenen Ich die Rede +ist. Er bezeichnet denselben als einen Zustand, den man jedes Mal +erlebt, und doch nicht erlebt, da das ganze Leben in dem beständigen +Aufhören und Zurückkehren desselben besteht. Derselbe ist, sagt er, +flüchtig und unsichtbar wie der Duft thaubenetzter Blumen und Früchte, +keusch und zart wie ein jungfräulicher Kuß, und heilig und fruchtbar +wie die Umarmung eines Bräutigams, ja er ist nicht nur ~wie~ +alles Dies, sondern alles Dies selber; denn in diesem Zustande des +Menschen wird die Vermählung des Universums mit der inkarnirten +Vernunft gefeiert; in diesem Zustande ist das Individuum einen +Augenblick die Seele der Welt und empfindet deren unendliches Leben +als ihr eigenes. »So,« sagt Schleiermacher, »ist die erste Empfängnis +jedes lebendigen und ursprünglichen Momentes in Eurem Leben beschaffen, +welchem Gebiet es auch angehöre, und aus einem solchen erwächst auch +jede religiöse Gemüthsbewegung.« (Reden über die Religion, fünfte +Auflage, S. 50, 54 und 56.) + +In Folge Dessen bezeichnet er nun das Gefühl, in so weit es das +gemeinsame Leben des Individuums und des Alls auf die geschilderte +Weise ausdrückt, als Frömmigkeit. Die Gefühle bilden »ausschließlich +die Elemente der Religion«. Es giebt daher für ihn kein Gefühl, das +nicht fromm ist, es sei denn, daß dasselbe aus einem krankhaften und +verderbten Zustand entspränge. Ja, er fügt in einer Anmerkung hinzu, +daß Dies sogar von allen Gefühlen des sinnlichen Lebensgenusses gelte, +in so weit sie nicht naturwidrig oder verirrt seien. So sucht also +Schleiermacher die Religion aus ihrem Streit mit der Bildung dadurch +zu retten, daß er sie zum Inbegriff aller höheren, ja aller gesunden +Gefühle macht. Als echter Deutscher betont er pantheistisch den breiten +Lebensstrom durch alle Wesen als die heilige Fluth, welche die Quelle +aller Religiosität und aller Religionen sei. So hebt er jedes bestimmte +Glaubenssystem auf; selbst der Glaube an Gott und Unsterblichkeit +scheint ihm nicht wesentlich für die Religion, und mit Begeisterung +ruft er aus: »Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke für die Manen des +heiligen verstoßenen Spinoza! Er durchdrang den hohen Weltgeist, das +Unendliche war ihm Eins und Alles, das Universum seine einzige und +ewige Liebe; in heiliger Unschuld und tiefer Demuth spiegelte er sich +in der ewigen Welt, deren liebenswürdigster Spiegel er wiederum war; +voller Religion war er und voll des heiligen Geistes.« + +Man sieht, daß selbst die Aufklärungsperiode der positiven Religion +keinen härteren Stoß versetzt hatte, als diese Gefühlsschwärmerei. -- +Und indem Schleiermacher nun solchermaßen die Religion in das Gefühl +auflöst, zersplittert er zugleich ihre Autorität, indem er sie der +unendlichen Mannigfaltigkeit der Individualitäten preisgiebt. Alle +Dogmen, Regeln, Vorschriften und Grundsätze verschwinden, indem er +fordert, daß die einzelne Persönlichkeit sich Alles auf eigenthümliche +Art aneigne. Er hebt nämlich hervor: »wenn Einer noch so vollkommen +jene Grundsätze verstehe und sie mit noch so großer Klarheit inne +zu haben glaube, aber nicht wisse und nicht beweisen könne, daß sie +in ihm selbst als Aeußerungen seines eigenen Gemüths entstanden +und ursprünglich seine eigenen seien, so müsse man sich nicht etwa +überreden lassen, zu wähnen, daß ein solcher Mensch fromm sei, oder ihn +als religiös schildern; denn er sei es nicht, seine Seele habe niemals +religiös empfangen, und seine Begriffe seien nur untergeschobene, von +anderen Seelen erzeugte Kinder, die er im heimlichen Gefühl eigener +Schwäche adoptirt habe.« + +So tief protestantisch im guten (nicht konfessionellen) Sinne dieses +Wortes ist die religiöse Wiedergeburt Deutschlands in ihrem Ursprunge. +Sie proklamirt die persönliche Ursprünglichkeit als das einzige +religiöse Werthzeichen, und sie bestimmt das ganze weite Gebiet der +Gefühlsinnigkeit als das Reich der Religiosität. Das Gefühl, als +natürlich und gesund, ist immer heilig, nie vorzugsweise heilig. + +Im schroffsten und lehrreichsten Gegensatze hiezu stehen die Grundsätze +in dem erwähnten Hauptwerke von Lamennais, welches das romanische und +katholische Seitenstück zu Schleiermacher's Reden bildet, als das reine +Programm der Selbstentäußerung. Sie lauten: + +Daß das ~Gefühl~ oder die unmittelbare Offenbarung nicht das +Mittel ist, welches dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion +ausfindig zu machen. + +Daß der Weg der ~Forschung~ oder Diskussion nicht das Mittel ist, +das dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion ausfindig zu +machen. + +Daß die ~Autorität~ das Mittel ist, das dem Menschen geschenkt +ist, um die wahre Religion ausfindig zu machen, so daß die wahre +Religion unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen +sichtbaren [!] Autorität beruht. + +Um diese drei seltsamen und kuriosen Postulate zu beweisen, hat +Lamennais seine vier dicken Bände geschrieben, deren entsetzlich hohler +Gedankengang folgender ist: + +Worauf es für uns Menschen ankommt, ist, ein unfehlbares +Kennzeichen des Wahren und Falschen zu finden. Was wir suchen, ist +~Gewißheit~. Aber wo sollen wir diese finden? Aus unseren +Sinneswahrnehmungen können wir sie nicht herleiten; denn unsere +Sinne betrügen uns, sagt Lamennais. Daß sie selbst wechselseitig die +Illusionen berichtigen, welche sie jeder für sich hervorrufen, ist +ein Faktum, dessen er nicht erwähnt. Wir sind nach seiner Anschauung +um so weniger Dessen gewiß, daß ein nothwendiges Verhältnis zwischen +unseren sinnlichen Wahrnehmungen und der Realität der Dinge existirt, +als wir nicht einmal unserer eigenen Existenz sicher sind. Wie wir, +wenn wir derselben nicht sicher sind, überhaupt irgend eines Anderen +sicher werden können, ist eine Frage, die er nicht beantwortet. +Das Gefühl, die innere Ueberzeugung von der Evidenz einer Sache, +soll eben so täuschend wie die sinnliche Wahrnehmung sein. Die +unüberwindliche Stärke, mit welcher ein Princip sich unserm Geiste +aufdrängt, liefert ja keinen Beweis dafür, daß dies Princip wahr ist, +ein Irrthum ist immer möglich. Daß man recht wohl im Allgemeinen seine +Fehlbarkeit einräumen und sich nichtsdestoweniger in einer Menge +einzelner bestimmter Fälle der Wahrheit gewiß erachten kann, wird +selbstverständlich nicht berührt. -- Jetzt kommt die Reihe an die +Forschung. Es wird behauptet, daß sie zum Zweifel an Allem führe, daß +die höchsten Axiome unbeweisbar seien, und es wird betont, wie wir +überhaupt keine Sicherheit dafür hätten, daß die Erinnerung uns nicht +täusche. Dieser Angriff auf die menschliche Forschung läßt sich in so +fern freilich nicht abwehren, als es natürlich ja unmöglich ist, die +Zuverlässigkeit der Erinnerung anders als dadurch zu beweisen, daß man +sie voraussetzt. Aber von dem indirekten Beweise, den alle menschliche +Erfahrung, Bestätigung und Voraussicht für diese Hypothese liefern, +sagt Lamennais nicht ein Wort. So gelangt er vorläufig zu einem +vollkommenen Skepticismus. Aber ein vollständiger Skepticismus würde +ja zu vollkommenem Wahnwitz führen. Schon der Selbsterhaltungstrieb +nöthigt uns, zu glauben, und in Uebereinstimmung mit unserem Glauben zu +handeln. Dieser Mangel an Fähigkeit, zu zweifeln, oder die Gewißheit, +daß man, wenn man zweifelt, von allen anderen Menschen für unwissend, +wahnwitzig oder toll erklärt werden wird, bildet nun nach Lamennais' +Anschauung die Grundveste aller menschlichen Gewißheit. Die allgemeine +Uebereinstimmung +(sensus communis)+ wird also für uns das Siegel +der Wahrheit, und es giebt kein anderes. Mangel an Einigkeit erzeugt +sofort Unsicherheit und Ungewißheit. Ein Princip oder ein Faktum ist +mehr oder minder zweifelhaft, je nachdem es mehr oder minder allgemein +angenommen und bezeugt ist. Was ist somit für Lamennais die Definition +einer Wissenschaft? Eine Wissenschaft ist ein Konglomerat von Ideen +und Thatsachen, über die man einig ist. Wie die Erfahrungsphilosophen +unserer Zeit, aber von einem anderen Ausgangspunkte her, gesteht er +selbst der Geometrie kein anderes Fundament als die Einigkeit zu. +Wenn mancher Irrthum in der Wissenschaft als wahr angenommen worden +ist, so liegt Das nach seiner Ansicht darin, weil die Wissenschaft +sich nur auf eine im Vergleich mit der Menschheit geringe Zahl von +Personen erstreckt. Was sind, ruft er aus, einige hundert Gelehrte +gegen das Menschengeschlecht! und er vergißt seltsam genug, daß das +Menschengeschlecht nie über eine einzige wissenschaftliche Wahrheit +übereingestimmt hat, ehe die Männer der Wissenschaft sie entdeckten, +und überhaupt nie ursprünglich über irgend einen Glauben einig gewesen +ist. + +Dann frägt er: Wenn zwei Personen mit einander uneins sind, was thun +sie, nachdem sie vergebens einander zu überzeugen gesucht haben? und +er antwortet: sie suchen ein ~Schiedsgericht~. Aber was ist ein +Schiedsgericht? Es ist eine ~Autorität~, und diese stellt, wenn +nicht die Gewißheit, so doch die Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der +einen der bestrittenen Anschauungen fest. Da die Vernunfterwägung als +solche nur Zweifel erschafft, da der stärkste Beweis wider die Annahme +irgend eines Satzes immer der ist: »Du bist der Einzige, der so denkt«, +so kommen wir zu dem Autoritätsprincip als dem einzig wahren und +entscheidenden. + +Folgerichtig würde diese Anschauung dahin führen, in einer +Majoritätsabstimmung das letzte Zeugnis für die Wahrheit zu sehen. +Aber wir sollen ja, wie man begreift, im Hafen der katholischen Kirche +landen. Es ist ganz lehrreich, den Volten zu folgen, mittels welcher +das Autoritätsprincip, so wie hier aufgefaßt, uns direkt in die Arme +derselben führt. + + * * * * * + +Lamennais beginnt damit, alles Lernen und Erkennen als das Gehorchen +einer Autorität zu definiren. Wir stoßen hier wieder auf die Theorien +Bonald's, daß wir die Sprache auf die Autorität Derer, die sie uns +lehren, und daß wir mit ihr die Wahrheiten annehmen, welche zur +Selbsterhaltung nöthig sind, -- Wahrheiten, die Gott in seinem +mächtigen Worte jedem Volke offenbart hat. Das intellectuelle Leben, +~dessen Gesetz Gehorsam ist~, ist also nur ein Theilnehmen an +der höchsten Vernunft, ein vollkommenes Uebereinstimmen mit dem +Zeugnisse, daß das unendliche Wesen von sich selbst gegeben hat. Die +göttliche Vernunft, welche sich mittels des Wortes mittheilt, ist der +~Existenzgrund~ der erschaffenen Intelligenzen, wie der Glaube +ihre wesentliche ~Existenzform~ ist. Das Gewißheitsprincip und das +Lebensprincip sind folglich eins. + +Da die Menschheit nun zur Wahrheit erschaffen ist, kann die allgemeine +Vernunft nicht irren. Anders die individuelle Vernunft; die kann vom +Zweifel überschwemmt werden. Trennt sie sich von der Gesellschaft, so +stirbt sie. +Vae soli!+ ruft Lamennais aus, wehe dem Einzelnen! +Der Hochmüthige, sagt er, bildet sich ein, daß man verlange, er +solle seine Vernunft aufgeben, wenn man fordert, er solle sich vor +der Autorität beugen. Weit gefehlt! Die ~Autorität~ ist nur die +allgemeine, durch Zeugnisse offenbarte Vernunft; »sie beseelt und +erhält das Universum, das sie erschaffen hat. Ohne sie keine Existenz, +keine Wahrheit, keine Ordnung.« + + * * * * * + +Es ist also nur die Autorität, welche uns Gewißheit in Betreff der +Religion giebt. »Die Religion ist nicht nur ein System von Kenntnissen, +-- sie ist außerdem, sie ist vorzugsweise ein Gesetz.« Aber kein Gesetz +ohne Autorität, diese zwei Ideen entsprechen einander. So beruht die +Religion nothwendigerweise auf der Autorität, und die wahre Religion +auf der größten Autorität. Sie wird als »das System der Gesetze, welche +aus der Natur der Vernunftwesen folgen«, definirt, und diese kennen zu +lernen soll die Autorität also das einzige Mittel sein. + + * * * * * + +Folgen wir einmal der Verknotung dieses Netzes von Sophismen, um es +dann auseinander zu zupfen. + + * * * * * + +Der Faden ist der: Die Intelligenz entwickelt sich nur mit Hilfe +des Wortes oder des Zeugnisses. Das Zeugnis existirt nur in der +Gemeinschaft. Also kann der Mensch nur in der Gemeinschaft leben. Also +fand nothwendig eine Gemeinschaft zwischen Gott und dem ersten Menschen +statt. [Man beachte das Postulat eines Adam, Bonald's Theorie, daß Gott +Adam die Sprache gegeben habe, -- überhaupt der positiven Religion +als Autorität entnommene Elemente, als Beweis dafür gebraucht, daß +die positive Religion auf Autorität beruhe.] Die Nothwendigkeit des +Zeugnisses enthält die Nothwendigkeit des Glaubens, ohne welchen das +Zeugnis wirkungslos sein würde. Also liegt der Glaube in der Natur +des Menschen und ist die erste Lebensbedingung. Die Gewißheit des +Glaubens hängt von seiner Uebereinstimmung mit der Vernunft, d. h. +von der Größe der Autorität ab, welche das Zeugnis ertheilt. Also ist +das Zeugnis Gottes unendlich gewiß, da es Nichts anders ist, als die +Offenbarung der unendlichen Vernunft oder der größten Autorität. Es +ist kein Zeugnis möglich, außer in der Gemeinschaft. Also ist keine +Autorität und Gewißheit möglich, außer in der Gemeinschaft. Keine +menschliche Gemeinschaft kann existiren, außer kraft der Gemeinschaft, +die ursprünglich zwischen Gott und dem Menschen kraft der Wahrheiten +oder Gesetze errichtet ward, welche sein Wort ursprünglich offenbart +hat. Also können diese Wahrheiten in keiner Gemeinschaft verloren +gehen, ohne daß diese Gemeinschaft zu Grunde geht. Sie müssen sich +folglich in allen Gemeinschaften wiederfinden lassen. Diese für eine +Gemeinschaft nothwendigen Wahrheiten werden nur durch das Zeugnis +bewahrt, das keine Kraft oder Wirkung hat außer durch die Autorität. +Also: wie keine Autorität außer in der Gemeinschaft existirt, so +existirt die Gemeinschaft nicht außer durch die Autorität, und wo keine +Autorität ist, da ist auch nirgends eine Gemeinschaft. Aber nun giebt +es zwei Arten von Gemeinschaft, denn der Mensch steht einerseits in +zeitlichem Verhältnisse zu seines Gleichen, andererseits in ewigem +Verhältnisse zu Gott und seinen Mitmenschen. Diese zwei Gemeinschaften +sind die politische oder bürgerliche (zeitliche) und die geistige +(ewige) Gemeinschaft. Folglich giebt es zwei Autoritäten, und diese +zwei Autoritäten sind jede in ihrer Ordnung ~unfehlbar~. + + * * * * * + +Das sieht ja über die Maßen logisch aus; wenn +Ergo+ genug für +einen Beweis wäre, fehlte es nicht an Beweisen. Aber prüfen wir die +Argumentation an einigen Punkten. + + * * * * * + +Das Ich, sagt Lamennais, kann sich nicht allein zum Selbstbewußtsein +entwickeln. Das ist wahr, und wir schließen daraus, was man daraus +schließen kann, wenn wir sagen, daß das Ich sich folglich durch ein +Du entwickelt habe. Das ist ein Gedanke, den vor Allen Feuerbach +eindringlich ausgesprochen und variirt hat. Aber Lamennais, welcher die +alttestamentarische Annahme von einem einzigen Einzelmenschen, der vor +dem ganzen Geschlechte existirt habe, zum Ausgangspunkte nimmt, erbaut +die Lehre von der Unterhaltung dieses Menschen mit Gott und Alles, was +daraus erfolgt, auf diesem Grunde, der mit dem Gebäude fällt. + + * * * * * + +Lamennais will ferner das unfehlbare Kennzeichen der Wahrheit +nachweisen. Dies Kennzeichen soll die allgemeine Uebereinstimmung sein. +~Aber worauf beruht die Autorität dieser Uebereinstimmung?~ Hat +sie einen Grund, oder ist sie ein Faktum? + + * * * * * + +Wenn sie einen Grund hat, wenn die allgemeine Vernunft die Regel für +die individuelle Vernunft abgeben ~muß~, so ist ja diese von +Lamennais so verschmähte und verachtete individuelle Vernunft in +letzter Instanz der höchste Richter über die Wahrheit. Denn einerseits +ist sie es, welche der allgemeinen Uebereinstimmung diesen so hohen +Werth beilegt, andererseits ist sie es, welche entscheidet, wie weit in +jedem einzelnen Falle allgemeine Uebereinstimmung vorhanden sei, oder +nicht. + +Wenn die Autorität der allgemeinen Uebereinstimmung dagegen ein Faktum +ist, d. h. eine Sache, die schlechthin aus unserer Natur folgt, so +ist die Gewißheit, welche sie uns einflößt, in keiner Hinsicht von +aller anderen Gewißheit verschieden. Aber nun hat Lamennais ja eben +selbst dagegen protestirt, die Gewißheit von einem inneren Gefühl +herzuleiten, ja sogar unsere Gewißheit von unserer Existenz bekämpft, +da die Gewißheit, deren wir bedürfen, die ~unfehlbare~ ist -- +was in aller Welt soll denn nun den unreflektirten Autoritätsglauben +unfehlbarer machen, als jede andere Gewißheit? + +Lamennais' Argumentation mündete schließlich in zwei unfehlbaren +Autoritäten. Man hört schon an dem Worte »unfehlbar«, daß die +katholische Kirche nicht fern ist. Es brennt schon. Die Unfehlbarkeit +wird als eine direkte Konsequenz der Autorität insinuirt. Es giebt +einen Punkt, wo alle Theoretiker der kirchlichen Restauration einander +begegnen, einen Punkt, worüber De Maistre, der ihn einleitet, +vollkommen einig mit Lamennais ist, der ihn abschließt, wie bedingt +sonst auch (was seine Korrespondenz beweist) die Zustimmung war, +welche er den übrigen Paradoxien seines jüngsten Schülers gewährte. +Man muß sich erinnern, daß im vorigen Jahrhundert die päpstliche Macht +todt zu sein schien. Ein Papst hatte mit Voltaire korrespondirt und +die Dedikation seines »Mahomet« angenommen. Der Papst hatte selber +seine getreuen Janitscharen, die Jesuiten, abgeschafft. Die religiöse +Reaktion wird also dadurch herauf beschworen, daß man wieder die +Bedeutung des Papstes geltend macht, ja sie, sogar von katholischem +Standpunkte betrachtet, übertreibt. De Maistre hatte gesagt: Ohne Papst +keine Autorität; ohne Autorität kein Glaube, d. h. ohne Papst kein +Glaube. So wird die Oberhoheit des Papstes zum eigentlichen Kern und +Princip des Christenthumes, bis der Papst in unseren Tagen (bei Bischof +Ségur) zu einem Sakramente, zu »Jesu wirklicher Anwesenheit auf Erden«, +verwandelt wird. + +Der Gedankengang bei De Maistre war dieser: Es giebt keine Religion +ohne eine sichtbare Kirche, es giebt keine Kirche ohne Regierung, +keine Regierung ohne Souverainetät, und keine Souverainetät ohne +Unfehlbarkeit. Er appellirt an das Princip von der Unverantwortlichkeit +des Königs. Diese ist für ihn ganz Dasselbe, wie die Unfehlbarkeit in +Betreff der Päpste. Jede Regierung, sagt er, ist ihrem Wesen zufolge +absolut, duldet keine Widersetzlichkeit; von dem Augenblick an, wo man +sich unter dem Vorwande, daß sie ungerecht oder im Irrthum sei, wider +sie auflehnen darf, existirt Nichts mehr, was Regierung genannt werden +kann. Ja, er sucht durch Analogien zu zeigen, wie vertraut man in +allen andern Lebenssphären mit dem Unfehlbarkeitsgedanken sei, während +es zum guten Ton gehöre, an demselben Anstoß zu nehmen, wenn es sich +um den Papst handle. Ist der Seekapitain nicht Souverain auf seinem +Schiffe, und in Folge Dessen als unfehlbar zu betrachten? Giebt es eine +Appellation von ihm, oder giebt es eine Appellation von irgend einem +anderen höchsten Gerichte? + + * * * * * + +Diese scharfsinnige Vertheidigung hat gewiß alle Vorzüge, welche die +Vertheidigung einer im Voraus verlorenen Sache besitzen kann. Aber daß +man den Souverain als unfehlbar betrachten muß, obschon er es nicht +ist, beweist Das, daß der Papst als Souverain der Kirche wirklich +unfehlbar ist? Daß es immer eine höchste Macht geben muß, welche die +äußerliche Unterwerfung verlangen kann, beweist Das, daß diese Macht +auch mit Recht die Zustimmung der Gemüther fordern kann? Oder ist +vielleicht die äußerliche Unterwerfung genug? De Maistre räumt Das im +Grunde ein. Er sagt: »Was das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes +selber betrifft, so haben wir kein ~Interesse~, es in Zweifel +zu stellen. Wenn sich eine jener theologischen Fragen darbietet, die +absolut einem höchsten Richterspruche unterworfen werden muß, so ist +es für uns nicht von Interesse, daß sie auf diese oder jene Weise +entschieden wird, wohl aber, daß sie unverzüglich und ohne Appellation +entschieden wird.« + + * * * * * + +Lamennais, der, wie De Maistre, zu zwei unfehlbaren Autoritäten, +der des Staates und der der Kirche, gelangt, geht als der um eine +Generation jüngere Schüler seines Lehrers noch einen großen Schritt +weiter auf der begonnenen Bahn. Wie es sich auf die Dauer als +unmöglich zeigt, die zwei Unfehlbarkeiten jede in ihrer Sphäre +festzuhalten, besinnt er sich nicht, zu entscheiden, welche von ihnen +im Kollisionsfalle weichen muß. Er zieht selbst die letzte Konsequenz, +indem er sagt: »Die geistige Autorität repräsentirt das unveränderliche +Gesetz der Gerechtigkeit und Wahrheit, die weltliche Macht dagegen +die Stärke, welche die aufrührerischen Willen zwingt, sich diesem +Gesetz zu unterwerfen. ~Die Stärke ist nothwendigerweise dem Gesetz, +der Staat der Kirche untergeordnet.~ Im entgegengesetzten Falle +müßte man zwei unabhängige Mächte annehmen, die Eine der Erhalter der +Gerechtigkeit und Wahrheit, die andere blind, und deshalb ihrer Natur +nach verderblich für Gerechtigkeit und Wahrheit.« (+Du progrès de la +révolution et de la guerre contre l'église.+) Eine stolze und des +neunzehnten Jahrhunderts würdige Konsequenz! + +Man lernt hieraus, welche Macht Lamennais der katholischen Kirche +beigelegt haben wollte. Es erübrigt noch, den Schlußsprung zu sehen, +durch welchen bewiesen wird, daß die katholische Kirche selber die +Autorität ~ist~, von der so viel und so weitschweifig gesprochen +ward. Lamennais sagt: »Bei der Wahl einer Religion reducirt sich also +Alles darauf, zu wissen, ob irgendwo eine solche Autorität, wie wir sie +definirt haben, existirt, oder mit anderen Worten, ob eine geistige und +sichtbare Gemeinschaft existirt, welche erklärt [!!], daß sie diese +Autorität besitze. Wir sagen: eine sichtbare Gemeinschaft, weil jedes +Zeugnis äußerlich ist [Man erinnere sich, daß das Urtheil der inneren +Stimme verworfen ward]; wir sagen ferner, daß dies Zeugnis den gewissen +Beweis für die Autorität, von der hier gesprochen wird, liefern würde, +weil es ein Ausdruck der allgemeinsten Vernunft wäre.« + +»Wenn es keine solche Gemeinschaft gäbe, so würde die einzige wahre +Religion die überlieferte Religion des Menschengeschlechtes, d. h. der +Inbegriff von Dogmen und Vorschriften sein, welche durch die Tradition +aller Völker geheiligt und ursprünglich von Gott offenbart sind.« + +»Wenn es dagegen eine solche Gemeinschaft giebt, so bilden ihre Dogmen +und Vorschriften die wahre Religion.« -- Von dem jetzt erreichten +Höhepunkte ergiebt sich der Rest der Beweisführung von selbst.« + +»Seit der Zeit Jesu Christi hat die religiöse Gemeinschaft +unbestreitbar immer die größte Autorität besessen. Unter den +verschiedenen Glaubensgemeinschaften kommt das Gepräge größter +Autorität sichtbarlich der katholischen Kirche zu. So erhellt, daß sich +in ihr allein alle Wahrheiten finden, welche dem Menschen nöthig sind, +in ihr allein die vollständige Kenntnis der Pflichten oder Gesetze der +Vernunft, in ihr allein Gewißheit, Heil und Leben.« + +So sind wir glücklich in den Hafen eingelaufen. Aber nicht genug, daß +wir als Wrack angelangt sind, -- noch im letzten Augenblick erleiden +wir Schiffbruch im Hafen. Denn Lamennais gesteht am Schlusse des +Werkes ganz offen, daß alle Religionen auf Autorität beruhen, und daß +nichtsdestoweniger die ursprünglichen Traditionen in ihnen allen, mit +Ausnahme einer einzigen, mehr oder minder durch Hinzufügungen, welche +man als Irrthümer bezeichnen muß, entstellt worden sind; »aber,« sagt +er, »selbst diese Irrthümer sind wieder nur kraft der Autorität als +gültig angenommen worden, und existiren nur durch diese.« Welches +Zugeständnis! Es stürzt die ganze Argumentation über den Haufen. + +Lamennais merkt jedoch Nichts davon. Beifällig citirt er die Worte +eines andern katholischen Schriftstellers: »Die katholische Religion +ist eine Religion der Autorität, und deshalb ist sie allein eine +Religion der Gewißheit und Ruhe«. Triumphirend beruft er sich auch auf +den Ausspruch Rousseau's: »Wenn ihm Jemand am Sonntag beweisen könne, +daß er verpflichtet sei, in Glaubenssachen sich der Entscheidung eines +Andern zu unterwerfen, so würde er sich am Montag zum Katholiken machen +lassen, und jeder konsequente und wahrheitsliebende Mensch würde es +machen, wie er«. Lamennais applaudirt, da er überzeugt ist, diesen +Beweis geliefert zu haben, daß das Individuum in Glaubenssachen sich +der Autorität unterwerfen müsse. Lieber Himmel, welcher Beweis! Ein +einziger Hauch, und er fällt zusammen. + +Eins von Beiden: Entweder beruht die katholische Kirche auf der +allgemeinen Anerkennung ihrer Wahrheit, oder sie thut es nicht. Beruht +sie darauf, so ~ist~ sie ja allgemein anerkannt und bedarf keiner +Vertheidigung, da Niemand sie leugnet. Beruht sie hingegen nicht +darauf, so ist sie der Theorie zufolge falsch, und keine Vertheidigung +kann ihr frommen. + +Allein damit nicht genug: selbst diese Lehre, daß die allgemeine +Uebereinstimmung das Kennzeichen des Wahren abgebe, selbst sie muß +ja ebenfalls ihre Wahrheit dadurch beweisen, daß sie allgemeine +Anerkennung findet. Läßt sich nun eine bitterere Ironie des Schicksals +denken, als die, daß sie nicht nur allgemein bestritten ward, sondern +daß die Kirche selbst 1832 diese Lehre verwarf? So stand also Lamennais +plötzlich ~allein~ mit der Lehre, daß es die Summe aller Anderen +sei, welche Recht habe. Läßt sich ein lächerlicherer Widerspruch +denken? Ja, es läßt sich einer denken, nämlich der, welcher gleich +nachher eintrat: daß Lamennais als gehorsamer Sohn der Kirche, sich +unter die Autorität derselben beugend, selbst diese seine Lehre von +der Autorität der Kirche als unfehlbarem Kennzeichen der Wahrheit +verleugnete und widerrief. + +Aber wir brauchen nicht so weit wie bis 1832 zurück zu blicken, um +zu sehen, wie die Männer des Autoritätsprincips in Streit mit ihrem +eigenen Princip kamen. Was man auch verfechte, man muß zuerst und vor +Allem Freiheit haben, zu reden. Das ist das Göttliche der Freiheit, +daß selbst Die, welche sie hassen, ihrer bedürfen und genöthigt sind, +sie zu verlangen. Das Journal +»Le conservateur«+ begann damit, +aufs eifrigste die Preßfreiheit zu befürworten, und fühlte sich später +sehr durch dieselbe genirt. Man konnte nicht gut Andern eine Freiheit +verweigern, die man für sich selbst gefordert hatte; man konnte Das +nicht gut -- aber man that es. Ganz ebenso erging es in Betreff der +Frage einer parlamentarischen Regierung oder, wie man es damals nannte, +der parlamentarischen Prärogative. Bei Beginn der Restauration ist es +die katholische und monarchische Schule in Frankreich, welche durch +ihre Journalartikel und ihre Redner das erste Ministerium stürzt, das +aus der freien Wahl der Königsmacht hervorgegangen war. Man wollte +selbst ans Ruder. So war es also die Schule des Autoritätsprincips, die +in Frankreich zuerst die ganz entgegengesetzten Principien aufstellte: +die Preßfreiheit in der ausgedehntesten Bedeutung des Wortes und den +entscheidenden Einfluß der parlamentarischen Majorität. Man untergrub +selber den Grund, auf welchem die Autorität beruhte. + +Bei dem stolzen und leidenschaftlichen Priester Lamennais ist die +Entwicklung in dieser Richtung Punkt für Punkt zu kontrolliren. +Die Charte, welche aufs innigste mit der Königsmacht zusammenhing, +sicherte wenigstens auf dem Papier die Religionsfreiheit. Aber diese +Religionsfreiheit erzürnt Lamennais, der ja weiß, daß nur ~eine~ +Religion die wahre ist. Zu jener Zeit kommt das klägliche Wortspiel +in Mode, daß das Recht der Gewissensfreiheit das Recht sei, frei vom +Gewissen zu sein. Er und seine Anhänger betonen daher, daß man seinem +Gewissen folgen müsse. Das thun nach ihrer Meinung die Gegner nicht. +Aber sie vergessen, daß der Pflicht, seinem Gewissen zu folgen, eine +andere Pflicht vorausgehen muß: die, sein Gewissen aufzuklären. Wenn +es unmoralisch ist, wider sein Gewissen zu handeln, so ist es nicht +minder unmoralisch, sich ein Gewissen nach falschen und willkürlichen +Principien zu bilden. Im Namen des Gewissens und der Autorität +protestirt also Lamennais gegen die Konfessionslosigkeit des Staates, +die er als »den politischen Atheismus« bezeichnet. Er schleudert das +Stichwort in die Welt: »In Frankreich ist das Gesetz Atheist«. Ja, +er geht weiter. Er zeigt in einem berüchtigten Briefe, den er in das +Journal »Die weiße Fahne« einrücken ließ, und den er an den Bischof +Frayssinous richtete, daß, da das Volk, das es jetzt zu erziehen +gelte, in Blut geboren sei am Schafott Ludwig's XVI. und am Altare der +Vernunftgöttin, nur Christus es retten und das Christenthum es erziehen +könne. Aber alle Erziehung in Frankreich war nach seiner Behauptung +atheistisch. »Uebertreibe ich, Monseigneur, wenn ich sage, daß es in +Frankreich Erziehungsanstalten giebt, die in mehr oder minder direkter +Verbindung mit der Universität stehen, wo die Kinder in praktischem +Atheismus und Haß gegen das Christenthum erzogen werden? In einer +dieser schauerlichen Höhlen des Lasters und der Irreligiosität hat man +dreißig Zöglinge zum Tische des Herrn gehen, die geweihte Hostie im +Munde behalten und eine Entweihung des Heiligsten verüben sehen, die +das Gesetz früher bestraft haben würde, indem sie mit denselben die +Briefe verschlossen, die sie an ihre Eltern geschrieben hatten ... +Eine gottlose, verderbte, revolutionaire Race bildet sich unter dem +Einflusse der Universität.« + +Man war sehr mißgestimmt über diese indiskreten Enthüllungen und fühlte +sich in hohem Grade genirt durch diese Angriffe auf das Grundgesetz des +Staates aus einem Lager, auf dessen warme Unterstützung man glaubte +rechnen zu dürfen. Als Lamennais in Folge Dessen auf eine große Kälte +stieß und Verweise statt Dank erntete, ging er noch einen Schritt +weiter. + +Ich habe schon gezeigt, wie seine Lehre dahin führte, im +Kollisionsfalle die weltliche Unfehlbarkeit der geistlichen +Oberunfehlbarkeit aufzuopfern. Aber Das hieß in Wirklichkeit Dasselbe, +wie der revolutionären und philosophischen Schule einräumen, daß sie +Recht habe, den unverletzlichen und unwiderruflichen Charakter zu +verwerfen, welchen die monarchische Schule dem legitimen Königthume +beilegen wollte. Es hieß außerdem, die ganze weltliche Macht abhängig +vom Papste machen. Alle Bischöfe Frankreichs antworteten mit einer +Erklärung, in welcher sie die Unabhängigkeit der weltlichen Macht vom +päpstlichen Stuhle betonten. + +So hatte jetzt Lamennais, der Mann der Autorität, sich sowohl mit den +geistlichen wie mit den weltlichen Autoritäten überworfen. + +Sein Auftreten als Demokrat liegt für diesmal außerhalb des Rahmens +unserer Schilderung.[19] Wir wollen hier nur auf die Keime seiner +neuen Richtung achten, welche sich in seiner alten Autoritätstheorie +vorfanden. Denn es ist das höchst Interessante an dieser Theorie, +daß sie keineswegs von der guten, alten, brutalen Art ist, wie die +Theorien, die bei Bonald und De Maistre gleich nach der Revolution +entstanden. Die Reaktion ist hier weit rationeller, also weit +minder principienfest. Jeder ernste Versuch, das Autoritätsprincip +zu begründen, versetzt ihm +eo ipso+ den Todesstoß; denn die +Autorität beruht nicht auf Gründen. Lamennais' Theorie, die auf den +ersten Blick so absolutistisch erscheinen konnte, war bei näherer +Betrachtung in hohem Grade populär. Das ganze Gebäude beruhte auf +der Lehre von der Autorität des Menschengeschlechts. Allein unter +jenem Princip von der Autorität des Menschengeschlechts regte sich +ein anderes, und zwar kein anderes, als jenes alte Rousseau'sche, +von den Männern der Reaktion so energisch bekämpfte Princip der +~Volkssouverainetät~. Die Leser merkten das nicht sogleich; Der +Verfasser fühlte es auch nicht; aber es lag dort, es schlummerte, und +eines schönen Tages erwachte es und wurde von Allen wiedererkannt. -- +Lamennais wollte die Monarchie durch die Theokratie ersetzen. Aber die +Theokratie war nicht populär, jedenfalls nur populär, wenn man das +Wort nach dem alten Spruche: +Vox populi, vox dei+ umschrieb, +wenn Gottes Stimme die Stimme des Volkes hieß. Das praktische Resultat +seiner Lehre war also nur die Schwächung der weltlichen Obrigkeit, +welche dem Urtheil der allgemeinen Vernunft unterworfen werden sollte; +denn ~die allgemeine Vernunft~, welche zuerst in der souverainen +Kirche personificirt worden war, ~wurde sehr bald in dem souverainen +Volke personificirt~. Als Lamennais damit endigte, in seinen +»+Paroles d'un croyant+« die Geister zur Empörung aufzurufen, +zeigte es sich, daß er nur die Frontveränderung gemacht hatte, jetzt +die Theokratie zu Gunsten der Völker, statt früher zu Gunsten des +Fürsten, zu erstreben. + +Die Julirevolution sichert ihm Preßfreiheit, und der erste Gebrauch, +den er davon macht, ist, die Unterrichtsfreiheit und die Trennung der +Kirche vom Staate zu verlangen. Er hofft, so den ganzen Unterricht +in die Hände der Kirche bringen zu können und ihn seines weltlichen +Gepräges beraubt zu sehen. Als er gegen Ende des Jahres 1830 das +Journal »+Avenir+« gründet, ist das Programm desselben die +Trennung der Kirche vom Staate. Alle Angriffe erwidert er mit dem +Appell an Rom, dessen Programm nothwendig mit dem seines Blattes +zusammenfallen soll und muß; aber der Vatikan schweigt hartnäckig. +Die Sache war die, daß die päpstliche Gewalt nicht im Allergeringsten +mit Lamennais' Liberalismus einverstanden war, und sich durchaus +nicht geneigt fühlte, auf den Zuschuß des Staates an die Kirche zu +verzichten. Als nun die Gegner fortfuhren, zu behaupten, daß die +Ansichten Lamennais' und seiner Mitarbeiter nicht mit der katholischen +Rechtgläubigkeit übereinstimmten, reiste Lamennais im Februar 1831 +nach Rom, um den Papst zu fragen, ob es, wie er sich ausdrückte, ein +Verbrechen sei, für Gott, Gerechtigkeit und Wahrheit zu kämpfen, und +ob er überhaupt seine Bestrebungen fortsetzen solle. Man hielt ihn in +Rom mit allerlei Ausflüchten bis zum August 1832 hin. Dann erschien +die Bulle, in welcher er, der Verfolger des Indifferentismus, des +religiösen Indifferentismus beschuldigt ward. Es heißt dort: »Aus +diesem unreinsten Quell des ~Indifferentismus~ entspringt auch +der absurde und irrthümliche Satz, oder vielmehr der Wahnsinn, man +müsse die ~Gewissensfreiheit~ für einen Jeden geltend machen, +und in Anspruch nehmen ... ~Aber welchen schlimmeren Tod der Seele +giebt es, als die Freiheit des Irrthumes~? frug schon Augustinus. +Denn wenn man den Menschen jeden Zügel nimmt, der sie auf den Pfaden +der Wahrheit erhalten kann, so stürzt ihre zum Bösen geneigte Natur in +den Abgrund hinab ... Hieher gehört auch jene verruchte, niemals genug +zu verwünschende und verabscheuende Freiheit des Buchhandels, jede +beliebige Schrift zu veröffentlichen, eine Freiheit, welche Einige mit +so viel Eifer zu verfechten und zu fördern wagen.«[20] Das war eine +offene Sprache; Lamennais unterwarf sich, und sein Blatt ging ein. Es +ist leicht zu begreifen, daß er den Kelch, der ihm gereicht wurde, als +einen Wermuthskelch empfand, und daß es jetzt nur noch eines Tropfens +bedurfte, um denselben überfließen zu machen. Er stand von jetzt an +auf dem Sprunge, sich der Revolution in die Arme zu werfen, und er that +bald darauf diesen Sprung. + +Was aber für uns, die wir uns jetzt nur mit dem ersten +Entwicklungsstadium Lamennais' beschäftigen, psychologisch interessant +ist, Das ist die Wahrnehmung, wie sein naiver Autoritätsglaube +untergraben wird, sobald er in Rom Gelegenheit erhält, die Heiligkeit +in der Nähe zu betrachten. Er schreibt in einem Privatbriefe aus Rom: + +»Der Papst ist fromm und möchte gern das Gute; allein fremd der Welt, +ist er völlig unwissend in Betreff des Zustandes der Kirche sowohl wie +der Gesellschaft; unbeweglich in der Finsternis, die sich mehr und +mehr um ihn verdichtet, sitzt er und weint und betet; seine Rolle, +seine Mission ist, das letzte Niederreißungswerk vorzubereiten und zu +beschleunigen, welches der socialen Wiedergeburt vorhergehen muß, und +ohne welches diese entweder unmöglich oder doch unvollständig sein +würde; deshalb hat Gott ihn in die Hände von Menschen gegeben, welche +so niedrig stehen, wie man überhaupt stehen kann; ehrsüchtig, geizig, +verderbt, wie sie sind, möchten sie in ihrer viehischen Raserei die +Hilfe der Tartaren anrufen, um in Europa Das, was sie ~Ordnung~ +nennen, zu errichten«. + +Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, daß auch Lamennais damit +enden muß, wider dies Wort anzustoßen, das die ganze Generation so +vollständig erbaut hatte? Wie Victor Hugo bei seinen Versuchen, die +Geschmacksautorität geltend zu machen, sich zuletzt gezwungen sieht, +den Begriff Ordnung zu kritisiren und zu erweitern, so wird Lamennais +während seines Kampfes für den Katholicismus zu eben dem Selben +genöthigt. Mit welcher Wehmuth und welcher Leidenschaft schildert er +in seinen Briefen die Korruption, die er unter jenen Pfeilern der +»Ordnung« in Rom gefunden hat: + +»Der Katholicismus war mein Leben, weil er das Leben der Menschheit +ist; ich wollte ihn vertheidigen, ich wollte ihn aus dem Abgrunde +hervorziehen, in den er mit jedem Tage tiefer hinabsinkt. Nichts war +leichter. Die Bischöfe haben gefunden, daß ihnen Das nicht gelegen +war. So blieb denn Rom zurück. Ich reiste dorthin, und ich sah die +verruchteste Kloake, die jemals menschliche Blicke befleckt hat. +Die riesige Abflußrinne der Tarquinier würde zu eng sein für so viel +Unrath. Dort herrscht kein anderer Gott, als der Eigennutz; man würde +dort gern die Völker, das Menschengeschlecht, die drei Personen der +heiligen Dreieinigkeit, jede für sich oder alle in Einem, für ein Stück +Erde und für einige Piaster verschachern«. + +So zeigte sich in der Nähe betrachtet, Lamennais die Macht, zu deren +unerschrockenstem Ritter er sich gemacht hatte. Was Wunder, daß er die +Front veränderte; was Wunder, daß er, wie die heidnischen Priester der +alten Sachsen, mit denen Renan ihn verglichen hat, selbst mit einem +sicher treffenden Axthiebe die Gottheit fällte, zu deren Altar er die +widerstrebende Welt gerufen hatte! + +Interessanter jedoch, als dieser klare Blick in einem einzelnen Punkte, +ist der Schimmer einer höheren Erkenntnis im Allgemeinen, den man jetzt +in Lamennais' Briefen verspürt. Bis jetzt hat er die absolute Wahrheit +gesucht, und es war die Autorität, welche ihm dieselbe garantiren +sollte. Jetzt gelangt er auf einmal zur Relativetätsidee, der Idee, +welche am gründlichsten und vollständigsten dem Autoritätsprincip den +Garaus macht. »Je älter ich werde, desto mehr wundere ich mich darüber, +zu sehen, daß die Ansichten, welche am tiefsten in uns wurzeln, von der +Zeit, in der wir lebten, von der Gesellschaft, in der wir geboren sind, +und von tausend ebenso vorübergehenden Umständen abhängen. Denke nur, +was für Ansichten wir haben würden, wenn wir zehn Jahrhunderte früher, +oder in demselben Jahrhundert zu Teheran, zu Benares, auf Otaheiti zur +Welt gekommen wären!«[21] Es liegt mehr wahre Philosophie in diesen +paar Worten, als in dem ganzen berühmten Hauptwerke von Lamennais. + +Wir sind ein paar Jahre zu weit in der Zeit vorangeeilt, indem wir +Lamennais bis zu dem Punkte folgten, wo er den Uebergang zur Demokratie +vollzog. Als im Jahre 1823 der »+Essai sur l'indifférence+« +vollständig vorliegt, will er noch, wie alle anderen Theokraten der +Restaurationszeit, durch die Autorität der Kirche die des Fürsten +stärken. + + * * * * * + +Mittlerweile stirbt dieser Fürst, und Karl X. besteigt den Thron. Er +besteigt ihn mit allem möglichen Aufwand von Pomp und Pracht. Man +führt ihn nach Reims, um ihn dort zu salben. Am 20. Mai 1825 fand +die Ceremonie statt, und es schien, als ob aller alte monarchische +und klerikale Aberglaube bei dieser Gelegenheit aus dem Grabe +hervorgestiegen sei. So war es ein alter Glaube, daß gekrönte +Häupter im Stande seien, die Skropheln zu heilen. Diese Meinung war +so unbezweifelt, daß unter Ludwig XV., der auch von diesem alten +Privilegium Gebrauch machte, eine Dame aus Valenciennes, die sich von +den Händen des Königs hatte berühren lassen, und die in der Absicht, +ihr Glück zu machen, ein ärztliches Attest eingesandt hatte, daß +sie jetzt ganz von Skropheln befreit sei, die Antwort empfing: »Die +Prärogative, deren sich die Könige von Frankreich in Betreff der +Heilung von Skropheln erfreuen, sind durch so authentische Beweise +dargethan worden, daß sie nicht durch neue Zeugnisse bestätigt zu +werden brauchen«. + + * * * * * + +Das war unter Ludwig XV. Unter Karl X. zeigte man sich nicht minder +rechtgläubig. Ich habe erzählt, wie es während der Revolution dem +Fläschchen mit dem heiligen Salböl erging. Es wurde zertrümmert. +Nichtsdestoweniger fand sich jetzt ein Gläubiger, der behauptete, daß +er damals, als der lästerliche Frevel verübt wurde, einige Scherben mit +Tropfen des heiligen Oeles aufgelesen und sie bis jetzt bewahrt habe. +Priester und Kirchenvorsteher anerkannten diese Scherben als echt. Karl +X. beglückte daher eines schönen Tages sein Land mit der Botschaft, daß +er sich mit Chlodwig's heiligem Oele salben lassen wolle. Die Scherben +wurden in ein neues, mit Gold und Edelsteinen besetztes Fläschchen +eingefügt, und die kostbaren Tropfen mit anderen verdünnt. Ich habe +bei Gelegenheit von Napoleon's Krönung erwähnt, wie die Salbung vor +sich ging. Um zehn Uhr des folgenden Morgens bestieg der König einen +prächtigen Schimmel und ritt mit einem glänzenden Gefolge, von einem +Trupp Gardehusaren eskortirt, zum St. Marculphs-Hospitale. Dort +erwarteten ihn der erste Leibarzt und der erste Leibchirurg an der +Spitze von 121 Skrophelkranken. Der König verrichtete ein kurzes Gebet +in der Hospitalskapelle, und machte sich dann tapfer an die Arbeit des +Kurirens. Der berühmte Chirurg Dupuytren schämte sich nicht, dabei +behilflich zu sein, indem er bei der Komödie den Kranken die Köpfe +emporhielt. + + * * * * * + +Die Festlichkeit wurde von Lamartine in einem ganzen Cyklus von +Gedichten (+Chant du sacre+) und von Victor Hugo in einer +begeisterten Ode besungen. Aber bei Gelegenheit dieses denkwürdigen +Ereignisses wurde zugleich ein kleines Lied geschrieben, welches dem +Dichter bald einen Proceß und eine Verurtheilung zuziehen sollte. Das +Gedicht hieß »Die Salbung Karl's des Einfältigen« und war von Béranger +verfaßt. + +In Victor Hugo's Ode »+Le sacre de Charles X.+« war der Ton, wie +aus folgender Strophe erhellt, gläubig, biblisch und monarchisch: + + +Mais trompant des vautours la fureur criminelle + Dieu garda sa colombe au lis abandonné. + Elle va sur un Roi poser encor son aile: + Ce bonheur à Charles est donné! + Charles sera sacré suivant l'ancien usage. + Comme Salomon, le roi sage, + Qui goûta les célestes mets, + Quand Sadoch et Nathan d'un baume l'arrosèrent + Et, s'approchant de lui, sur le front le baisèrent, + En disant: »Qu'il vive à jamais!«+ + +Bei Béranger dagegen war der Ton respektwidrig bis zum Aeußersten. Ich +citire ein Paar Strophen als Probe: + + +Le sacre de Charles le Simple.+ + + +Français, que Reims a réunis, + Criez: Montjoie et Saint-Denis! + On a refait la sainte-ampoule. + Et comme au temps de nos aïeux + Des passereaux lâchés en foule + Dans l'église volent joyeux. + D'un joug brisé ces vains présages + Font sourire sa majesté. + Le peuple s'écrie: Oiseaux, plus que nous soyez sages; + Gardez bien, gardez bien votre liberté.+ + + +Aux pieds des prélats cousus d'or, + Charles dit son ~Confiteor~. + On l'habille, on le baise, on l'huile, + Puis, au bruit des hymnes sacrés, + Il met la main sur l'Evangile. + Son confesseur lui dit: »Jurez. + »Rome, que l'article concerne, + »Relève d'un serment prêté,« + Le peuple s'écrie: Oiseaux, voilà comme on gouverne; + Gardez bien, gardez bien votre liberté.+ + + +De Charlemagne en vrai luron, + Dès qu'il a mis le ceinturon, + Charles s'étend sur la poussière. + Roi, crie un soldat, levez-vous! + »Non, dit l'évêque; et, par saint Pierre + »Je te couronne: enrichis-nous. + »Ce qui vient de Dieu vient des prêtres. + »Vive la légitimité!« + Le peuple s'écrie: Oiseaux, notre maître a des maîtres; + Gardez bien, gardez bien votre liberté.+ + + +Oiseaux, ce roi miraculeux + Va guérir tous les scrofuleux. + Fuyez, vous qui de son cortége + Dissipez seuls l'ennui mortel. + Vous pourriez faire un sacrilége + En voltigeant sur cet autel. + Des bourreaux sont les sentinelles + Que pose ici la piété. + Le peuple s'écrie: Oiseaux, nous envions vos ailes; + Gardez bien, gardez bien votre liberté.+ + +Mit Ausnahme von Delavigne, welcher direkt von dem achtzehnten +Jahrhundert abstammt, und welcher in seinen »+Messéniennes+« die +Principien der Revolution niemals vom Nationalgefühl trennte, war +Béranger der einzige Dichter, welcher sich außerhalb der herrschenden +Gruppe von Geistern und Talenten gehalten hatte. Er war 1780 geboren, +erlebte als neunjähriger Knabe die Erstürmung der Bastille, und verwand +nie diesen Eindruck, so wenig wie die Eindrücke seiner Jugendlektüre, +der Schriften Voltaire's. Eine Anekdote aus seiner Kindheit zeigt, wie +früh er sich seine Lebensanschauungen gebildet hatte. Eines Tages, +als Béranger dreizehn Jahre alt war, und eben sehr spöttisch über +seine Tante lachte, die während eines heftigen Gewitters die Stube +mit Weihwasser besprengte, ereignete es sich, daß der Blitz plötzlich +dicht neben ihm in die Stube einschlug, so daß er eine Zeit lang völlig +gelähmt lag. Man hielt ihn für todt. Als er die Augen aufschlägt, ist +das erste Wort an seine gute und fromme Tante der triumphirende Ausruf: +»Nun, was nützt also Dein Weihwasser!« Die Anekdote ist wahr und mit +großer Indignation von klerikalen Schriftstellern erzählt worden. In +demselben Geiste griff er jetzt die Bourbonen an, und ihr Weihwasser +nützte ihnen auch Nichts. + +Aber zur selben Zeit, wie sie sich lächerlich machten, zeigte sich das +seltsame Phänomen, daß Napoleon aus einer verhaßten eine poetische, +aus einer historischen eine mythische Gestalt geworden war. Noch +bei Lebzeiten war er zu einem Sagenhelden geworden. Die plötzliche +Reglosigkeit, die bei ihm nothgedrungen einer Thätigkeit gefolgt +war, welche ganz Europa in Athem erhalten hatte, wirkte mächtig auf +die Gemüther. Die ferne, einsame Felseninsel draußen im großen Ocean +schien gleichsam nur das Postament des Helden zu sein. Der wirkliche +Bonaparte wurde in einen idealen Bonaparte verwandelt. Die Geschichte +trat ihn der Ode, der Meditation, der Dithyrambe, der kriegerischen +Chanson und dem Heldengedichte, kurz, der Legende ab. Selbst seine +ehemaligen Feinde konnten nicht einen Ausruf der Bewunderung des Mannes +zurückhalten, auf den Alle beständig die Augen gerichtet hielten. +Chateaubriand sprach damals die bekannten Worte, daß »Napoleon's Hut +und grauer Rock auf der Spitze eines Stockes an der Küste bei Brest +genügen würden, um ganz Europa zu den Waffen greifen zu lassen.« Und +die Jugend, welche unlängst froh gewesen war, die Reihen durchbrechen +und die tyrannische Disciplin abschütteln zu dürfen, sehnte sich jetzt +wieder nach der Sonne von Austerlitz. Sie hatte, sagt Musset, von +Moskau's Eis und der Sonne der Pyramiden geträumt. Jetzt erschien die +Erde ihr leer. »Der König von Frankreich saß auf dem Throne, und Einige +hielten ihm ihren Hut hin, und er warf ein Almosen hinein, und Andere +hielten ihm ein Crucifix hin, und er küßte es. Und wenn die Jungen von +Ruhm sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von +Ehre sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von +Hoffnung, von Liebe, von Kraft und Leben sprachen, immer nur: Werdet +Priester!« (+Alfred de Musset+: +Confessions d'un enfant du +siècle+.)[22] + + * * * * * + +So wurden sie denn Priester. Weshalb und wie sie es wurden, kann man +in den Romanen sehen, welche die Zeit schildern, z. B. in Beyle's +»+Rouge et noir+«. Aber es war die goldene Zeit der Priester. +Schon am 7. Juni 1814, drei Tage nach der Charte, war die berüchtigte +Ordonnanz erschienen, welche die erzwungene Sonn- und Festtagsfeier +anordnete. Man sollte jetzt bei Strafe einer Geldbuße katholisch sein. +Selbst Nichtkatholiken wurden genöthigt, ihre Häuser zu schmücken, +wenn das Allerheiligste vorüber getragen ward. Am 7. August 1814 wurde +der Jesuitenorden feierlich wieder hergestellt. Aller Unterricht +wurde in die Hände der Geistlichkeit gelegt. Man ging darauf aus, +die Universität zu zermalmen, schon aus dem Grunde, weil ein großer +Theil der studirenden Jugend an der Vertheidigung von Paris gegen die +Fremden, also an einem Unabhängigkeitskampfe theilgenommen hatte. + +Von jetzt an beginnt in der katholischen Kirche eine kurzdauernde +Gährung, zu welcher Lamennais' Kampf gegen den Gallikanismus gehört, +der nach Verlauf von zwanzig Jahren zu einer bis dahin unbekannten +Erscheinung führt, zu der Erscheinung, daß die Katholiken einig, +Katholicismus und Ultramontanismus Eins geworden sind. Und noch +eine Erscheinung von verwandter Art, die keine frühere Zeit gesehen +hatte, erlebt unser Jahrhundert. Die kirchliche Einigkeit erstreckt +sich noch weiter, als auf die eigentlichen Glaubensgenossen. Die +protestantische Kirche bietet der katholischen, welche sie einst als +die babylonische Hure bekämpft hatte, die Hand. Werfen wir einen +Blick auf die spätere Entwicklung der Kirche, so finden wir, daß in +unseren Tagen der Unterschied zwischen dem orthodoxen Protestantismus +und Katholicismus nur ein Schein, nur der Unterschied zwischen der +Unfehlbarkeit der Bibel oder des Papstes ist. Die Protestanten +verwerfen den Rationalismus des achtzehnten und die Kritik des +neunzehnten Jahrhunderts, gehen auf die Bekenntnisse des sechzehnten +und siebzehnten Jahrhunderts zurück und finden sie nicht orthodox +genug; Luther ist ihnen zu weit gegangen. Schleiermacher gilt für +ungläubig in dem orthodoxen Deutschland, Bossuet wird nie mehr von +den Katholiken Frankreichs erwähnt. Er gilt für einen Ketzer, weil +er nicht ultramontan ist. Selbst Montalembert nennt ihn in seinem +Buche »+Des intérêts catholiques au 19me siècle+« mit einer +gewissen Mißbilligung. Damit noch nicht genug: die katholischen +Polemiker ergeben sich Betrachtungen über die Weltgeschichte, die +zu einer Art Kreuzzug wider die großen heidnischen Geister führen, +welche die Civilisation Europa's begründet haben, wie z. B. Pindar, +Plato, Virgil[23], eine Polemik, zu welcher Grundtvig's früheste +welthistorische Verdammungsurtheile in unserer dänischen Literatur +ein Seitenstück liefern. Mit Jubel ruft daher Montalembert in der +erwähnten Schrift aus: »Die Lügengeschichte, die Parodiegeschichte, die +Deklamationsgeschichte, wie sie von Voltaire, Dulaure und Schiller, die +unsere Väter erzogen, verfaßt wurden, würden heut zu Tage kaum in einem +Feuilleton geduldet werden«. Man braucht nur Lamennais' Korrespondenz +zu durchblättern, um den Eindruck zu erhalten, daß die Julirevolution +großentheils durch das Gebahren der Priesterpartei verursacht ward. +Namentlich zeigten die Jesuiten sich als Grenadiere der Tollheit. +Missionaire wurden durch ganz Frankreich ausgesandt. Ihr brünstiger +Glaube war ihrer groben Unwissenheit zu verdanken. Sie bekehrten +zuweilen ganze Regimenter auf einmal, welche dann von ihren Officieren +an die Altäre geführt wurden. + +Der Marienkultus nahm einen Aufschwung, wie niemals zuvor. Dieselbe +Bewegung vollzieht sich (nur schneller) in unseren Tagen mit dem +Glauben an Maria, wie im Mittelalter mit dem Glauben an Christus. Sie +verwandelt sich allmählich aus einem menschlichen in ein göttliches +Wesen. + +Folgen wir einen Augenblick der Bewegung der religiösen Reaktion +über die hier behandelte Periode hinaus, so sehen wir, wie man mit +Riesenschritten auf dem betretenen Wege weiter geht. Das Dogma von der +unbefleckten Empfängnis Mariä, vor welchem das Mittelalter im zwölften +Jahrhundert zurückgescheut war, wird in unseren Tagen festgestellt. +Maria verdrängt unmerklich Christum und wird Frankreichs Göttin, wie +sie früher die Göttin Italiens und Spaniens war. Mit Stolz verkünden +die Katholiken, daß das Jahrhundert Maria's auf das Jahrhundert +Voltaire's gefolgt sei. In einem Lehrbuche, nach welchem die +katholischen Priester unterrichtet werden (+Manuel de piété à l'usage +des séminaires, 7me édition.+ +Paris 1835+), heißt es: »Man +muß die heilige Jungfrau als die Gattin des ewigen Vaters verehren, +da er mit ihr und in ihr unsern Herrn Jesum Christum gezeugt hat; man +muß in ihr all' die göttlichen und anbetungswürdigen Vollkommenheiten +verehren, die Gott auf ihre Person hat übergehen lassen, indem er +mit außerordentlichem Ueberflusse ihr seine Fruchtbarkeit, seine +Weisheit, seine Heiligkeit und seine göttliche Lebensfülle mitgetheilt +hat«. In einem vom Erzbischofe Malou herausgegebenen Buche über die +unbefleckte Empfängnis wird Maria als die gleichzeitige Tochter, Gattin +und Mutter Gottes geschildert. Die Verwandtschaftsverhältnisse der +Dreieinigkeit werden hier so verwickelt, daß Maria u. A. die Tochter +ihres eigenen Sohnes wird. In einem Buche des Abtes Guillon »+Le Mois +de Marie+« wird sie sogar als eine Art Obergöttin dargestellt, an +welche man daher am liebsten sein Gebet richten solle: »Gottes Mutter +sein, Das heißt eine Art Allmacht über Gott selber haben, und, wenn +man so sagen darf, eine Art ~Autorität~ über ihn bewahren«. So +legt sich die Autorität zuletzt bei der Madonna vor Anker. Nach Art +der alten Scholastiker beginnt man bei den Kirchenvätern Beweisstellen +für die unbefleckte Empfängnis aufzusuchen. Ein einziger Geistlicher, +Namens Passaglia, hat allein 8000 gesammelt. Ja, Erzbischof Malou +erklärt, nicht weniger als 800000 Beweise dafür liefern zu können. +Man schwindelt. Fügen wir den Reliquienkultus hinzu, welcher gegen +die Mitte unsres Jahrhunderts sich einstellt; denn die Reliquien, die +während der Revolution aufgehört hatten Wunder zu thun, thun wieder +Wunder für die Generation, welche von den Jesuiten erzogen ist. Man +findet Jesu heiligen Rock. Aber zwei Städte machen Anspruch darauf, ihn +zu besitzen, und der Rock beider ist von einem Papste als der einzige +echte anerkannt worden. Man wallfahrtet also zu beiden. Görres jubelt +in seinen »Historisch-politischen Blättern« über die Pilgerfahrt zu dem +heiligen Rocke von Trier. Als die heilige Jungfrau sich zu La Salette +offenbart, wandern nicht weniger als 300000 Pilger zu der Stätte. + + * * * * * + +Endlich mündet die religiöse Reaktion in Pius IX. Syllabus, jener +berühmten Bulle, welche den freien Gedanken zu einem Wahnsinn der +Freiheit stempelt, die bürgerliche Ehe, die Trennung der Kirche vom +Staate, die Religionsfreiheit, Preßfreiheit und Redefreiheit, so wie +den Irrthum verdammt, daß die Kirche sich mit »dem Fortschritt, dem +Liberalismus und der modernen Civilisation« versöhnen müsse. Aber fast +noch kurioser, als der Syllabus, sind die Vertheidigungsschriften +dafür: die des deutschen Bischofs Ketteler, betitelt »Die falsche und +die wahre Freiheit«, und die des französischen Bischofs Dupanloup +»+La convention du 15. décember et l'Encyclique du 8. septembre+«, +welche den Kampf des Papstes wider »die freche Behauptung all' der +großen Wahrheiten, welche die Grundveste der menschlichen Gesellschaft +bilden«, erläutert und rechtfertigt. Nur glaube man nicht, daß diese +Broschüren sehr auffällig in ihrer Form oder voll in die Augen +springender Albernheiten wären. Sie ähneln an Ton und Inhalt zumeist +einem gemäßigten Artikel in einer liberalen dänischen Zeitung. + + * * * * * + +Ich habe die Resultate angegeben, zu denen die neukatholische Richtung +führte. Aber, wohlgemerkt, diese Resultate gehören nur der Geschichte, +nicht mehr der Literaturgeschichte an. ~Jede Richtung ist immer noch +historisch, lange nachdem sie aufgehört hat, literaturhistorisch~ +zu sein. Letzteres ist sie nur, so lange sie nicht allein die +Gewalthaber, Herzöge und Bischöfe, sondern auch Geister und Talente +in ihrem Dienste hat. Das hat die religiöse Reaktion nach 1830 nicht +mehr in Frankreich. Der Unterschied zwischen der Reaktion im Jahre +1820 und der widerwärtigen und empörenden Reaktion, welche jetzt dem +geschwächten und unglücklichen Frankreich das Mark aussaugt, ist der, +daß, während die damals blühende Reaktion fast Alles, was Frankreich an +Geist und Talent besaß, in ihrem Dienst und in ihrem Heerbann hatte, +sie jetzt ~nicht einen einzigen schriftstellerisch bedeutenden +Namen~ aufzuweisen hat. Deshalb braucht man nicht an der Zukunft zu +verzweifeln. + + * * * * * + +Sehen wir nun also, wie die Reaktion der damaligen Zeit besiegt wurde. +Sie wird zum ersten von außenher angegriffen: die Tagespresse bekämpfte +den Obskurantismus, Béranger sang seine Weisen wider denselben, ein +einziger betriebsamer Verleger, Touquet, gab von 1817 bis 1824 allein +31600 Exemplare von Voltaire (1598000 Bände) und 24500 Exemplare von +Rousseau heraus. Touquet wurde zwar von der Polizei verurtheilt; allein +Das weckte solche Erbitterung, daß der »Globe« mit einem Massenabfall +vom Katholicismus drohte. Die Touquet-Ausgaben überschwemmten daher +aufs Neue das Land. Der klassische Pamphletist Paul Louis Courier +verhöhnte die Regierung bis aufs Blut. Er faßte seine politische +Theorie in den Satz zusammen: »Das Volk soll der Regierung den Weg +weisen, den sie gehen soll, wie man den Weg einem Kutscher vorschreibt, +den man bezahlt, und der uns nicht fahren soll, wohin oder wie er +will, sondern wohin wir fahren wollen, und auf dem Wege, den wir ihm +bezeichnen«. Die Regierung verlor einen Proceß nach dem andern gegen +Courier. + + * * * * * + +Eins der ergötzlichsten und gegenwärtig für uns interessantesten +seiner Pamphlete ist das, in welchem er sich gegen den Kauf von +Chambord erklärt. Der junge Herzog von Bordeaux, jetziger Graf von +Chambord, wurde so lange nach dem Tode seines Vaters geboren, daß +seine Geburt wie eine Fügung des Himmels betrachtet ward. Lamartine, +Victor Hugo und Musset besingen das wunderbare Ereignis, und die +beiden Ersten vergleichen Henri mit dem Joas der Bibel. Es wird der +Vorschlag gemacht, eine Nationalsubskription zum Ankauf des Schlosses +Chambord zu eröffnen, und seinem Princip, zu chikaniren, getreu, +schreibt Courier vom Standpunkte eines Bauern dagegen. Bald wirken +alle Geschichtschreiber, mit Ausnahme Michaud's, für die Sache des +Fortschritts. Thiers beginnt 1823 seine Geschichte, welche dieselbe +Wirkung, wie Béranger's Lieder, übt. + + * * * * * + +Es war bisher immer Sitte in Frankreich gewesen, daß die Regierung die +Literatur unterstützte. Mit Ausnahme Napoleon's hatten alle Regenten +Frankreichs Dies gethan. Man erwartete es von den Bourbonen, aber es +geschah nicht, mit einer wie schwärmerischen Sympathie auch die Dichter +und Schriftsteller ihnen Anfangs entgegenkamen. An den Wenigen, welche +antidynastisch gesinnt waren, rächte man sich, so gut man konnte; +um Béranger zu bestrafen, zog man seinen Nebenbuhler Dèsaugiers +an den Hof; um Delavigne zu bestrafen, entsetzte man ihn seiner +Bibliothekarstelle. + + * * * * * + +Allein schlimmer, als die Angriffe von außen, waren die Keime der +Auflösung, welche sich innerhalb der Autoritätsschule selber zeigten. +Wir haben schon gesehen, daß Lamennais auf dem Sprunge zum Abfalle +stand. Und wie bei ihm, so entdeckte man bald bei allen Uebrigen die +Keime des Neuen inmitten ihrer Vertheidigung des Alten. Lamartine +fuhr allerdings fort, seine religiösen Hymnen zu singen; aber der +strenge Genfer Priester Vinet entdeckte bald, daß diese Religiosität +nur scheinbar Christenthum war, und daß sich unter den christlichen +Redensarten ein sehr wenig orthodoxer Pantheismus verbarg.[24] + +Victor Hugo, den man nach seinem ersten Auftreten für zuverlässiger +halten sollte, erwies sich bald, nicht nur durch die Form seiner +Gedichte, sondern auch durch ihren Inhalt, als eine unsichere +Acquisition. Nachdem der Einfluß seiner königlich gesinnten +Mutter lange bei ihm überwiegend gewesen war, taucht, gerade als +die napoleonische Legende sich zu bilden im Begriffe steht, die +Einwirkung des Vaters wieder auf, und er, welcher damit begonnen +hatte, Buonaparte's Namen italiänisch zu buchstabiren, schreibt 1827 +seine erste Ode an die Vendômesäule, in welcher sich die glühende +Begeisterung für den Kaiser und die Kaiserzeit zum ersten Male bei ihm +Luft macht; sie erweckte viel Aufsehen und große Verwunderung. Man +ahnte von jetzt an in ihm den Dichter, welcher drei Jahre später in +der Vorrede zu »Hernani« den Romantismus als »den Liberalismus in der +Literatur« definiren sollte. + +Was aber am allermeisten die Auflösung der Autoritätsschule beförderte, +war der Umstand, daß die Bourbonen im Jahre 1824 ihre große und +entscheidende Thorheit der Literatur gegenüber begangen hatten. +Chateaubriand war auf die höhnischste Weise aus dem Ministerium Villèle +ausgestoßen worden, obendrein gerade in dem Augenblick, wo er dem +bourbonischen Namen durch den glücklich beendeten spanischen Krieg, den +er seinen politischen »René«, d. h. sein Meisterstück auf dem Felde +der Politik, zu nennen pflegte, einen Triumph verschafft hatte[25]. +Man verhöhnte Chateaubriand, den Mann, welchem man gewissermaßen Alles +verdankte, ihn, welcher den Grundstein zu dem ganzen Gebäude, das man +aufgeführt, gelegt hatte. Christliche Demuth war nicht der Grundzug +seines Charakters, und er hielt nicht die rechte Wange hin, wenn man +ihn auf die linke schlug. Im Juni 1824 ging er offen zur Opposition +über, wurde ihr Führer, und übernahm die Leitung des »+Journal des +Débats+«. Er zog bald die ganze seraphische Dichterschule, deren +Patriarch er war, nach sich. Lafayette sandte ihm ein Lorbeerblatt, +Constant schmeichelte ihm. Er begann mit Béranger zu fraternisiren +und wurde von Diesem besungen. Victor Hugo schrieb eine Ode an ihn +(Buch III, Ode 2), die ihn zugleich verherrlichen und trösten sollte, +und worin Worte wie diese vorkamen: »Was wolltest ~Du~ auch an +einem Hofe?« oder: »Es giebt nichts Schöneres, als einen Lorbeerbaum, +den der Blitz getroffen hat«. Sein Abfall war für die Restauration +ein Stoß ins Herz. So lange die Täuschungen der Restaurationszeit +gewährt hatten, war die Dichterschule Frankreichs »immanuelisch« +gewesen und hatte einen Schutzengel an der Wiege und an der Bahre jedes +Menschen erblickt. Mit Chateaubriand's Illusionen fielen auch die +aller Andern, und an die Stelle jener Schule trat eine andere, welcher +Southey den Namen »satanisch« gab, und welche denselben annahm, eine +Schule mit scharfem Blick für das Böse und für alle Schrecknisse, mit +pessimistischer Geistesrichtung und revolutionairen Sympathien. + + * * * * * + +Aber in die Gemüthserregung, welche dies unvorhergesehene und +bedeutungsvolle Ereignis verursachte, griff ein anderes, noch +bedeutungsvolleres und folgenschwereres Ereignis ein, das seine Wirkung +über die ganze Welt erstreckte: die Kunde von Byron's Tod. + + * * * * * + +Diese Kunde wirkte um so mächtiger, als sie die Sympathien für den +ersten Freiheitskampf, der seit der Revolution stattgefunden hatte, +in helle Flammen emporschlagen ließ. Ein neues Ideal bildete sich im +menschlichen Herzen. Mit Napoleon war die positive Größe gefallen, +die wirklichen Helden für eine Zeitlang von der Erde verschwunden. +Die menschliche Bewunderung war leer, wie ein Piedestal, das seiner +Statue beraubt worden ist. Lord Byron besetzte wieder den leeren Platz +mit der phantastischen Größe seiner Helden. Napoleon hatte Werther, +René und Faust abgelöst; Byron's prometheische und desperate Helden +lösten Napoleon ab. Er stimmte wunderbar mit dem Drange der Zeit +überein. Der orthodoxe Dogmatismus hatte am Anfange des Jahrhunderts +den revolutionair-freidenkerischen Dogmatismus überwunden, und war +jetzt seinerseits unterhöhlt und veraltet. Weder die systematische +Verneinung, noch die systematische Religiosität hatte in diesem +Augenblick eine Zukunft. Es blieb also der Zweifel als Zweifel übrig, +der ~poetische~ Radikalismus, die tausend schmerzlichen und +unruhigen Fragen nach dem Zweck und Werth des Menschenlebens. Das war +es, was Byron brachte. + +Aber er frug nicht neutral. Es war der Empörungsgeist, der aus ihm +frug, und der durch seinen Mund die jungen Geschlechter zu einer +weltbürgerlichen Gemeinschaft vereinigte. Sie stimmten mit ihm in das +ominöse Wort ein: + + +revolution + alone can save the world from hell's pollution.+ + +Sein Tod wurde für die allgemeine Sache der Freiheit weit wirksamer, +als sein Leben. Die Restauration hatte die Menschen zu einem Höhepunkt +thierischer Unterwerfung unter die Autorität, sklavischer Unterwerfung +unter die Theologie, unterthäniger Unterwerfung unter die Macht, +zu einem Höhepunkte der Schlaffheit und Heuchelei geführt. Sie +war faul bis ins Mark hinein, aber von außenher durch Aberglauben +und Bajonette gestützt. In England hatte Bentham, der radikale +Philosoph, schamentbrannt, die Reaktion selbst in diesem, am weitesten +vorgeschrittenen Lande siegreich zu sehen, sie dadurch zu untergraben +gesucht, daß er sich an die ~Interessen~ der Menschen wandte. Byron +entfesselte alle ~Leidenschaften~. Ihm galt es nicht, auf einen +einzigen Punkt zu wirken, sondern die Gemüther zu revolutioniren, +das Gefühl der Tyrannei zu wecken. Die Allianz-Politik wähnte, für +immer den Revolutionsgeist gefesselt, für ewig das Band zerschnitten +zu haben, welches unser Jahrhundert an das achtzehnte knüpfte. »Da +knüpfte dieser eine Mann den Faden wieder an, den eine Million +Soldaten zerrissen hatte. Amerikanischer Republikanismus, deutsche +Freidenkerei, französische Umsturzlust, angelsächsischer Radikalismus, +Alles schien in diesem einen Geiste vereinigt. Nach der Unterdrückung +der Revolutionen, der Knebelung der Presse, der Selbstunterwerfung der +Wissenschaft, trat der Sohn der Phantasie, der vogelfreie Dichter vor +die Bresche,« und rief alle kräftigen Geister noch einmal wider den +gemeinsamen Feind zu den Waffen[26]. Die Restauration überlebt ihn im +Grunde nicht. Das Autoritätsprincip hat nie einen rücksichtsloseren +Gegner gehabt. -- + +Die Reaktion im französischen Geistesleben beginnt literarisch +im Namen des ~Gefühls~ mit Frau von Staël und der ganzen Gruppe +von Schriftstellern, die sich ihr anschließen, social im +Namen der ~Ordnung~ mit Robespierre, und der ganzen Schaar von +Revolutionsmännern, die sich um ihn gruppiren. Das Gemeinschaftliche +bei Frau von Staël und Robespierre ist, daß sie beide Schüler +Rousseau's sind. Nach der Reaktion gegen Voltaire folgt dann die +Reaktion gegen Rousseau. Auf das Fest für das höchste Wesen folgt das +große Einweihungs-Tedeum in Notre-Dame, und auf Frau von Staël folgt +Bonald. Das Gefühlsprincip wird verdrängt, oder, wie bei Chateaubriand, +zur Stütze der Autorität benutzt. Das Princip der Ordnung wird mit dem +~Autoritätsprincip~ indentificirt, welches bald alle Sphären des Lebens +und der Literatur beherrscht. Dies Princip ist gleichsam inkarnirt in +der ersten Abtheilung von Reaktionären, deren Häupter De Maistre und +Bonald sind. Es empfängt sein Heldengedicht in den »Märtyrern«, und die +Idee der Ordnung beherrscht die Schilderung des Himmels, der Hölle, +und zuweilen selbst der irdischen Landschaft. Das Princip erhält sein +politisches Denkmal in der »heiligen Allianz«. Das Uebernatürliche +verdrängt das Natürliche aus der Poesie. Dem seraphischen Epos +entspricht eine seraphische Lyrik und Erotik, daneben seraphische +Pilgerfahrten und seraphische Weissagungen und Gedichte. + +In keinem Lande war das Autoritätsprincip in Betreff der literarischen +Form so respektirt gewesen, wie in Frankreich. Es wird daher auch +von der neuen Dichterschule geltend gemacht. Aber leider erkennt man +bald, daß das neue reelle Princip, die christliche Tradition, in +lebhaftem Widerstreite mit den herkömmlichen Principien der Literatur +steht, und die Autorität geräth hier ins Schwanken. Auf ähnliche Art +wurde die Erfinderin der heiligen Allianz von den Machthabern für +legitim erklärt, so lange es schien, daß ihre Grundsätze völlig mit +denen der Macht übereinstimmten. In dem Augenblick, wo man wahrnimmt, +daß die christliche Tradition als ein unruhestiftendes Princip den +Autoritäten gegenüber treten kann, sehen diese sich gezwungen, das +Werkzeug, dessen sie sich unlängst bedient hatten, zu zerbrechen, und +der Gedanke der religiösen Brüderlichkeit steht in der folgenden Zeit +als ein revolutionaires Princip der Macht gegenüber und unterwühlt +sie theoretisch. Am entschlossensten und zusammenhängendsten wird in +der Restaurationszeit das politisch-religiöse Autoritätsprincip von +Lamennais entwickelt und vertheidigt; aber es zeigt sich bald, daß +unter seiner Lehre von der Souverainetät der allgemeinen Vernunft sich +die revolutionaire Theorie von der Volkssouverainetät verbirgt, und das +Princip löst sich selber auf. Zu gleicher Zeit werden die Feinde der +Preßfreiheit genöthigt, dieselbe als Mittel zu benutzen, während die +Gegner des parlamentarischen Regimentes dieses selber verfechten, um +ein Ministerium zu stürzen, das sie verhindert, zur Macht zu gelangen. +Bald stehen alle Persönlichkeiten, die wir haben auftreten sehen, von +Chateaubriand bis zu Frau von Krüdener, von Hugo bis zu Lamennais, im +Kampfe mit den Gewalthabern, deren Sache sie so eifrig dienten, und +im Kampfe mit dem Autoritätsprincip, das sie und die Zeit beherrscht +hatte. So fällt dies Princip, um sich nie wieder zu erheben. + + [+Lamennais: Essai sur l'indifférence. Progrès de la révolution et + de la guerre contre l'église. Correspondance par M. Forgues. Oeuvres + inédits par M. Blaize.+ -- Schleiermacher: Reden über die Religion. + -- +Renan: Essais de morale et de critique. -- Schérer: Mélanges + de critique religieuse.+ -- Gervinus: Geschichte des neunzehnten + Jahrhunderts. -- +Béranger: Oeuvres complètes.+] + + +Druck von Fr. Stollberg, Merseburg. + + + + +Fußnoten: + +[1] Louis Blanc hat in seiner Revolutionsgeschichte, Bd. +VIII.+, +S. 35, diesen Artikel dahin mißverstanden, als sollten die treulose +Gattin und der Bastard Marie Antoinette und den Dauphin bedeuten. +Er übersah, daß im Originaltext eine Note hinzugefügt ist, worin es +heißt, daß »die Begründer der drei wichtigsten Religionen Bastarde +gewesen sind«. + +[2] Vergl. Stuart Mill's Abhandlung über De Vigny in »+Dissertations +and discussions+«. +Vol. 1.+ + +[3] Ganz eben so, wie Bonald, begründet der bekannte Haller +seine Angriffe auf den »+Contrat social+« in seiner »Restauration +der Staatswissenschaft«. + +[4] Das einzige witzige Wort, welches über Buffon's Satz gesagt worden +ist, verdankt man der Madame de Girardin. Sie zeigt, wie jeder von +George Sand's Romanen das Gepräge der einen oder andern Persönlichkeit +trägt, für welche die Verfasserin geschwärmt hat. »George Sand's +Natur, welche sich abwechselnd kalt und aller Illusionen beraubt +mit den Salonhelden, frisch und lächelnd mit dem Sänger der Quellen +und der Haide, poetisch mit dem Dichter, republikanisch mit dem +Advokaten gezeigt hat, zeigt sich jetzt moralisch und religiös mit dem +politischen Priester [Lamennais], was dieser Tage einem Spottvogel +Anlaß zu der Bemerkung gab: Besonders wenn die Rede von den Werken +weiblicher Schriftsteller ist, muß man mit Buffon ausrufen: ›Der Stil +ist ~der Mann~‹.« +Le Vicomte de Launay: Lettres parisiennes, Tome I, +pag. 89.+ + +[5] +Louis de Viel-Castel: Histoire de la Restauration, Tome +IV, pag. 487.+ + +[6] »+He for God only, she for God in him.+« +Paradise lost+, IV. + +[7] + + +O honte! ô crime! on rosse les Puissances, + On jette à bas six mille Intelligences + Qui figuraient dans les processions; + De leurs gradins les Trônes on renverse, + On foule aux pieds les Dominations, + Et des Vertus le troupeau se disperse. + ..... l'on jette à leurs nez, + Devinez quoi? les têtes chérubines + Aux frais mentons, aux lèvres purpurines.+ + + +~Parny~: La guerre des dieux, Chant X.+ + +[8] Bei Parny sind sie weit minder mit Arbeit geplagt: + + +Viennent après les Dominations, + Trônes, Vertus, Principautés, Puissances, + Esprits pesants, grosses intelligences, + Qu'on charge peu de saintes missions; + Regardant tout, mais à tout inhabiles, + Les bras croisés, ils sont là sur deux files; + Propres sans plus à garnir les gradins, + A cet emploi se borne leur génie, + C'est ce qu'au bal nous autres sots humains + Nous appelons: faire tapisserie.+ + + +[9] Man vergleiche hiemit Parny: + + +Étaient-ils trois, ou bien n'étaient-ils qu'un? + Trois en un seul; vous comprenez, j'espère? + Figurez-vous un vénérable père, + Au front serein à l'air un peu commun. + Ni beau, ni laid, assez vert pour son âge + Et bien assis sur le dos d'un nuage ... + De son bras droit à son bras gauche vole + Certain pigeon coiffé d'un auréole ... + Sur ses genoux un bel agneau repose, + Qui bien lavé, bien frais, bien délicat, + Portant au cou ruban couleur de rose + De l'auréole emprunt aussi l'éclat. + Ainsi parut le triple personnage ... + .... »Je fais ce que je veux. + Je fais n'est pas le mot propre et technique, + Triple je suis sans cesser être unique. + Et je faisons vaudrait peut-être mieux. + Mais vous cédez quelque chose au plus vieux; + Plus vieux? non pas, nous sommes du même âge, + De moi pourtant tous deux vous procédez; + Je vous ai donc d'un moment précédé? + On le croirait, c'est assez là l'usage. + Point; mes enfants se trouvent mes jumeaux. + Notre amalgame est un plaisant chaos, + Et je m'y perds.« ...+ + + +[10] +Dans cet état, il était plus amoureux, plus vif: il me +disait que je lui donnais les plaisirs les plus charmants, m'appelait +séductrice, etc., et dans cet endroit solitaire, il faisait ce qu'il +voulait.+ + ++Madame de Saman: Les enchantements de Prudence, avec préface de George +Sand. 1873. Pag. 166 ff.+ + +[11] Vgl. Katerkamp: Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Fürstin Amalia +von Gallitzin. Münster 1828. + +[12] +Villemain: M. de Féletz et les salons de son temps.+ + +[13] Vgl. F. L. Liebenberg: Beiträge zur Geschichte der +Oehlenschläger'schen Literatur, Bd. I, S. 183. Genoveva »sieht Christus +in ihm.« + +[14] In zwei auf einander folgenden Ausgaben seiner französischen +Literaturgeschichte hat Julian Schmidt in der Inhaltsangabe von Valérie +den Irrthum begangen, Gustav dem Manne beichten zu lassen. + +[15] Wer sich für die wirklichen Thatsachen ihrer Geschichte +interessirt, findet sie nach Originalmanuskripten berichtet in ++Cuvillier-Fleury's Portraits politiques, 1851, pag. 377+ ff.) + +[16] Vergleiche G. Brandes: »Die französische Aesthetik der +Gegenwart«, S. 22, und »Kritiken und Portraits«, S. 227. + +[17] + + +Je suis le démagogue et débordé + Et le dévastateur du vieil ABCD, + Causons, etc.+ + +[18] Hier ein Paar aus seiner frühesten Jugend: + + +On a vu souvent des maris + Jaloux d'une épouse légère, + On en a vu même à Paris; + Mais ce n'est pas le tien, ma chère.+ + + +On a vu des amants transis, + Ainsi qu'une faveur bien chère + Implorer un simple souris; + Mais ce n'est pas le tien, ma chère.+ + +[19] Siehe Band 5: »Die romantische Schule in Frankreich«, +S. 322 u. ff. + +[20] + + +Atque ex hoc putidissimo ~indifferentismi~ fonte absurda + illa fluit ac erronea sententia, seu potius deliramentum, asserendam + esse ac vindicandam cuilibet ~libertatem conscientiae~ ... + ~At quae pejor mors animae quam libertas erroris~? inquiebat + Augustinus. Freno quippe omni adempto, quo homines contineantur in + semitiis veritatis, proruit jam in praeceps ipsorum natura ad malum + inclinata ... Huc spectat deterrima illa ac nunquam satis execranda + et detestabilis libertas artis librariae ad scripta quaelibet edenda + in vulgus, quam tanto convicio audent nonnulli efflagitare ac + promovere.+ + +[21] Vergl. G. Brandes: Die französische Aesthetik der Gegenwart, +Seite 97. + +[22] Siehe auch Band 5: »Die romantische Schule in Frankreich«, S. 195. + +[23] Vgl. +Saisset+: +La philosophie et la rénaissance réligieuse+. ++Revue des deux mondes 1853.+ +Tome I.+ + +[24] Vgl. Vinet's interessante Studien über die neuere lyrische +Poesie Frankreichs. + +[25] Die Einzelheiten dieser Verabschiedung lese man nach bei Guizot: ++Mémoires pour servir à l'histoire de mon temps+, Ausgabe für das +Ausland, S. 263 ff. + +[26] Gervinus: Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, Bd. VIII, +S. 172. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79048 *** diff --git a/79048-h/79048-h.htm b/79048-h/79048-h.htm new file mode 100644 index 0000000..d6c3061 --- /dev/null +++ b/79048-h/79048-h.htm @@ -0,0 +1,9084 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Die Reaktion In Frankreich | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3 { + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; } + +h1 {font-size: 170%;} +h2,.s2 {font-size: 155%;} +h3,.s3 {font-size: 120%;} +.s4 {font-size: 115%;} +.s5 {font-size: 90%;} +.s5a {font-size: 55%;} + +h1 {page-break-before: always; + margin-top: 1.8em; } + +h2.nobreak { margin-top: 1.2em; + margin-bottom: 1.5em; } + +h3 { + margin-top: 1.5em; + page-break-before: avoid;} + +p { text-indent: 1em; + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em;} + +.p0 {text-indent: 0em;} +.p1 {margin-top: 1.8em;} +.p2 {margin-top: 2em;} +.p3 {margin-top: 3em;} +.p4 {margin-top: 4em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both;} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.r10 {width: 10%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 45%; margin-right: 45%;} +hr.r10 {width: 10%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 45%; margin-right: 45%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} +table.autotable { border-collapse: collapse; } + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.blockquot { + margin-left: 5%; + margin-right: 10%;} + +div.titel_r { + margin: 2em 0 1em 60%; + font-size: 85%;} + +.center {text-align: center;} + +.right {text-align: right;} + +.mright3 {text-align: right; + margin-right: 3em;} + +.mright10 {text-align: right; + margin-right: 10em;} + +.mright17 {text-align: right; + margin-right: 17em;} + +.mleft3 {text-align: left; + margin-left: 3em;} + +.mbot3 {margin-bottom: 3em; } + +.padtop2 {padding-top: 2em; } +.padbot2 {padding-bottom: 2em; } + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +em.gesperrt +{ + font-style: normal; +} + +.antiqua { font-style: italic;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%; +} + +/* Footnotes */ +.footnotes {border: 1px dashed; + background-color: #E6E6FA; } + +.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + +.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: + none; +} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ +/* .poetry-container {display: flex; justify-content: center;} */ +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif;} + +/* Poetry indents */ +.poetry .indent2 {text-indent: -2em;} +.poetry .indent4 {text-indent: -1em;} +.poetry .indent6 {text-indent: 0em;} +.poetry .indent8 {text-indent: 1em;} + +/* Illustration classes */ + +.x-ebookmaker +.illowe7 {width: 14%; margin: auto 43%;} +.illowe11 {width: 22%;margin: auto 39%;} +.illowe7 {width: 7em;} + +.illowp49 {width: 49%;} + + </style> +</head> + +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79048 ***</div> + + +<div class="transnote"> +<p class="s3">Anmerkungen zur Transkription.</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind +stillschweigend korrigiert worden.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp49" id="cover" style="max-width: 105em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover"> +</figure> + +<div class="chapter"> +<p class="s2 p2 mleft3">Die Reaktion in Frankreich.</p> +</div> + +<div class="chapter"> +<p class="s3 p3 center">Die Hauptströmungen<br> +<span class="s5">der</span><br> +<span class="s4"><b>Literatur des neunzehnten Jahrhunderts.</b></span></p> + +<p class="p1 s3 center">Vorlesungen,<br> +<span class="s5">gehalten an der Kopenhagener Universität</span><br> +<span class="s5a">von</span><br> +<span class="s4"><b>G. Brandes.</b></span></p> + +<hr class="r10"> + +<p class="p2 s5 center">Uebersetzt und eingeleitet von<br> +<b>Adolf Strodtmann.</b></p> + +<hr class="r10"> + +<p class="p2 center"><em class="gesperrt">Dritter Band</em>: <b>Die Reaktion in Frankreich</b>.</p> + +<hr class="r10"> + +<p class="s5 center">Einzig autorisirte deutsche Ausgabe.</p> + +<figure class="figcenter illowe11" id="a0005_pic1"> + <img class="w100" src="images/a0005_pic1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p class="p2 mbot3 center">Leipzig<br> +<b>H. Barsdorf.</b></p> + +</div> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> + +<h1>Die Reaktion in Frankreich<br> +<span class="s5a">von</span><br> +<span class="s2"><b>G. Brandes.</b></span></h1> + +<p class="s5 p2 center">Uebersetzt und eingeleitet</p> +<p class="s5a center">von</p> +<p class="s4 center"><b>Adolf Strodtmann.</b></p> + +<p class="s5 p4 center">Einzig autorisirte deutsche Ausgabe.</p> + + +<figure class="figcenter illowe11" id="a0005_pic2"> + <img class="w100" src="images/a0005_pic2.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p class="s5 center">Leipzig.<br> +<b>H. Barsdorf.</b></p> +</div> + +<figure class="figcenter padtop2 illowe7" id="a0006_pic1"> + <img class="w100" src="images/a0006_pic1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="chapter"> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<p class="s3 p4 center"><b>Paul Heyse</b></p> +<p class="center">gewidmet</p> +<p class="s5 mright17">vom</p> +<p class="mright10"><b>Verfasser.</b></p> +</div> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> +</div> + +<table class="autotable"> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Die Reaktion in Frankreich.</td> +<td class="tdl">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Einleitung</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_1">1</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">1. Die Revolution</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">2. Das Konkordat</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_41">41</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">3. Das Autoritätsprincip. -- Bonald's Theorien</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_57">57</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">4. Die Tradition in Religion, Staat und Familie. -- Bonald's</td> +<td></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Theorien, Fortsetzung</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_83">83</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">5. Ein Pilgrim und seine seraphische Epopöe. -- Chateaubriand's</td> +<td></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">»Märtyrer«</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_110">110</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">6. Eine Prophetin und ihr heiliges Werk. -- Frau von Krüdener,</td> +<td></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">ihre Romane, und die heilige Allianz</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_138">138</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">7. Lyrik und Erotik der Restaurationszeit. -- Larmartine's</td> +<td></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">»Meditationen« und »Rafael«. -- Die Liebe in Frau von Krüdener's</td> +<td></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">»Valérie« und Chateaubriand's »Märtyrern«</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_163">163</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">8. Die Auflösung des formellen Autoritätsprincips. -- Victor</td> +<td></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Hugo's Jugendgedichte. -- Alfred de Vigny</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_186">186</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">9. Die Auflösung des reellen Autoritätsprincips. -- Lamennais'</td> +<td></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdl">Kampf für den Katholicismus. -- Schlußbetrachtungen</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_203">203</a></td> +</tr> +</table> + + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2> +</div> + + +<p>Ein gewisser Inbegriff von Ideen und Werken, Persönlichkeiten, +Handlungen, Gefühlen und Stimmungen, welche zu Anfang des neunzehnten +Jahrhunderts in Frankreich auftreten oder wirken, bildet für mein Auge +eine naturgemäß zusammen hängende Gruppe socialer und literarischer +Phänomene, die sich alle um die Wiederaufrichtung einer gefallenen +Größe ordnen. Diese gefallene Größe ist das Autoritätsprincip.</p> + +<p>Unter dem Autoritätsprinzip verstehe ich das Prinzip, kraft dessen +das Leben des einzelnen Menschen und der Völker auf dem Respekt vor +der Tradition basirt. Die Autorität ist eine Macht und wirkt als +Macht durch ihre bloße Existenz, nicht durch Gründe. Sie benutzt als +Wirkungsmittel Zwang und Furcht. Sie beruht auf der freiwilligen oder +unfreiwilligen Unterwerfung der Gemüther unter das Gegebene.</p> + +<p>Das Autoritätsprinzip kann in Kirche und Staat, in der Gesellschaft und +in der Familie, ja in der menschlichen Erkenntnis als das Prinzip der +Erkenntnis und Gewißheit, geltend gemacht werden. Es wurde zu der Zeit, +deren Geistesleben ich schildern will, auf all' diesen Gebieten zur +Geltung gebracht. Es war zu der Zeit, deren Geistesleben ich schildern +will, auf ihnen allen gestürzt und über den Haufen geworfen. Um zu +verstehen, wie es von Neuem hervorgeholt und befestigt, und wie es noch +ein Mal gesprengt wurde, müssen wir erst sehen, wie und kraft welcher +Principien es während der Revolution zertrümmert ward.</p> + +<p>Es war nicht auf <em class="gesperrt">ein</em> Mal auf allen geistigen Gebieten +angegriffen worden; aber es hatte sich gezeigt, daß sein Bestehen in +all' den verschiedenen Lebenssphären von seinem Bestehen in der Sphäre, +die als die höchste betrachtet ward, — die Kirche nämlich, — abhing. +Denn die Kirche war's, welche<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> als Autorität ihre Autorität allen +übrigen Gebieten mittheilte (z. B. dem Königthume von Gottes Gnaden, +der Ehe als Sakrament u. s. w.). Mit der Autorität der Kirche stand und +fiel daher das Autoritätsprinzip in all' den abgeleiteten Autoritäten. +Als die kirchliche Autorität untergraben war, zog sie alle anderen +Autoritäten bei ihrem Falle nach.</p> + +<p>Nicht daß der einzelne Mann, welcher im achtzehnten Jahrhundert +kraftvoller und erfolgreicher, als irgend ein Anderer, für die +Emancipation des Gedankens von Kirche und Dogmen gewirkt, eine solche +Wirkung seines Strebens vorausgesehen hätte. Weit entfernt! Voltaire +wollte gar keinen äußeren Umsturz. In seiner kleinen Erzählung »<span class="antiqua">Le +monde comme il va</span>« wird der weise Babouc freilich sehr entrüstet +beim Anblick der Verderbnis in der großen Stadt Persepolis, und erkennt +sehr klar, wie weit alles davon entfernt ist, so zu sein, wie es +sollte, allein nach und nach gewinnt er auch ein Auge für die guten +Seiten der schlechten Zustände, und als es von seinem Berichte an den +Engel Ituriel abhängt, ob die Stadt vernichtet oder verschont werden +soll, ist er durchaus wider ihre Zerstörung, ja, auch der Engel denkt +zuletzt nicht einmal an irgend eine Reform der Sitten von Persepolis, +da, »wenn auch Alles nicht gut ist, es doch jedenfalls erträglich ist«. +Man kann dies Raisonnement kaum revolutionair nennen, und Voltaire ist, +wenigstens zu Zeiten, derselben Meinung wie Babouc. Man erinnere sich +auch, daß Voltaire sich beständig an die Fürsten, nicht an die Völker +wandte, um seine Ideen in Handlung umgesetzt zu sehen, und daß er oft +genug erklärte, die Sache der Könige und der Philosophen sei eine und +dieselbe. Als daher Holbach und seine Mitarbeiter verlautbaren ließen, +daß »unter jenen Machthabern von Gottes Gnaden, jenen Repräsentanten +der Gottheit, kaum ein Mal alle tausend Jahre einer zu finden sei, +der das gewöhnlichste Rechtlichkeits- oder Mitleidsgefühl oder die +einfachsten Talente und Tugenden besäße«, vermochte Voltaire nicht +seinen Groll zu bezähmen. Sein Briefwechsel mit dem König von Preußen +enthält auch die heftigsten Zornausbrüche wider das »<span class="antiqua">Système de +la nature</span>«. Er erkannte sich selbst in diesen Schülern und ihren +Konsequenzen nicht wieder.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p> + +<p>Nichts desto weniger ist es Voltaire, welcher während der ganzen +Revolution das umstürzende Princip vertritt, gleichwie Rousseau der +vereinigende und sammelnde Geist ist. Denn Voltaire hatte kraft der +Freiheit des individuellen Gedankens das Autoritätsprincip zerbrochen, +Rousseau hatte es durch das allgemeine Gefühl der Brüderlichkeit und +Solidarität verdrängt und ersetzt. Die Revolution setzte Punkt für +Punkt Alles ins Werk, was diese zwei großen Geister vorbereitet hatten; +sie vollstreckte ihr Testament; der individuelle Gedanke wurde zur +umstürzenden That und das sociale Gefühl zur sammelnden Konstitution. +Voltaire war die Entrüstung, Rousseau die Begeisterung.</p> +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Die_Reaktion_in_Frankreich">Die Reaktion in Frankreich.</h2> +<h3>1.</h3> +</div> + +<div class="titel_r s4"> +<p>On accuse la génération de tout renverser et de ne rien édifier. Mais +ne faut-il pas avoir détruit la Bastille avant de rien éléver sur son +emplacement? Déjà maint architecte s'évertue à imaginer un palais +digne des augustes représentants de la nation. Bientôt vous le verrez +sortir de dessous les ruines de cette Bastille.</p> + +<p>Camille Desmoulins: Discours de la lanterne.</p> +</div> + +<p>Da die Autorität principiell kirchlich und religiös ist, so ist eine +Charakteristik des Verhältnisses der Revolution zu Kirche und Religion +während der verschiedenen Phasen dieses Verhältnisses unentbehrlich, um +die geistige Reaktion zu verstehen, welche ihr folgte. Denn da diese +die Wiederaufrichtung des Autoritätsprincips bezweckt, beginnt sie +sowohl historisch wie logisch mit der Restauration der Kirche.</p> + +<p>Die Revolution war ihrem Wesen nach eben so sehr religiöser wie +politischer Natur. Sie war die Krone des großen philosophischen Werks, +das die freigeistigen Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts +errichtet hatten. Der Revolution von 1789 verdanken wir jene größte +Eroberung des Menschengeistes aus der Herrschaft von Vorurtheil +und Gewalt, die Gewissensfreiheit, die religiöse Toleranz. Keine +Behauptung ist unwahrer, als die, welche oftmals von katholischen +Schriftstellern vorgebracht worden ist, daß es die christliche Kirche +sei, welcher die Menschheit dies unschätzbare Gut verdanke. Die +Wahrheit ist, daß die Kirche sich aufs Aeußerste jedem Anspruch auf +Gewissensfreiheit widersetzte. In dem Augenblicke, da die Revolution +beginnt, sind alle Vorbereitungen zu dem großen Zusammenstoße zwischen +dem Autoritätsprincip auf der einen und den Individualitäts- und +Solidaritätsprincipien auf der andern Seite getroffen. Die zwei +Hauptkämpfer,<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> die Philosophie und die Kirche, rüsten sich zum Kampf. +Alle Führer, alle Ritter und Knappen, welche das große Turnier +ausfechten sollen, stehen auf ihren Posten, unbekannt unter einander, +unbekannt der Welt, die sie bald mit dem Schall ihrer Namen erfüllen +sollen. Sie sind von ganz verschiedenartiger Herkunft und haben eine +ganz verschiedenartige Vergangenheit. Da sind Adlige wie Mirabeau, +Geistliche wie Maury, Fauchet und Talleyrand, Aerzte wie Marat, +Advokaten wie Robespierre, Dichter, Philosophen, Redner, Schriftsteller +wie Chénier, Condorcet, Danton und Desmoulins, eine ganze Heerschar +von Talenten und Charakteren. Die Kirche rüstet ihre Waffen zu einem +verzweifelten Kampfe, der im Voraus verloren ist, die Revolution rückt +vor, erst unsicher und schwankend, dann dräuend, dann unwiderstehlich, +und bald siegestrunken. Sobald die Reichsstände berufen werden, ist der +Kampfplatz offen, die Schranken fallen auf beiden Seiten, und der große +Kampfrichter, die Weltgeschichte, giebt das Signal zum Zusammenstoß.</p> + +<p>Was ist gleich nach dem Zusammentritt der Stände das erste und +einstimmige Verlangen des geistlichen Standes? Die Anerkennung der +»katholischen, apostolischen und römischen Religion« als Staatsreligion +zu erwirken, als der einzigen, welcher ein öffentlicher Cultus +gestattet werden solle. Und doch waren Republikaner in gar nicht +so geringer Anzahl unter der niederen Geistlichkeit; aber zu der +Freiheit, welche sie forderten, rechneten sie nicht die religiöse. +Die demokratischen Aebte deklamirten wohl gegen die Inquisition, +nannten sie menschenfresserisch und tigerhaft, aber sie warnten vor +der Toleranz. Der revolutionäre Abt Fauchet, derselbe, welcher nach +der Einnahme der Bastille die dreifarbige Uniform der Nationalgarde +segnete, und die Trikolore als Nationalfahne schuf, bezeichnet die +Toleranz höhnisch als »den allgemeinen Tolerantismus« und weissagt, +wenn sie eingeführt würde, so würde sie nur zum vollständigen Verfall +aller guten Sitten führen. Er geht so weit, daß er Denjenigen, die +sich zu keiner Religionsgemeinschaft bekennen, das Recht, sich zu +verheirathen, verwehren will, »da man derlei Menschen nicht als durch +ihr Wort gebunden erachten kann«.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p> + +<p>Wie die Stände als Nationalversammlung zusammentreten, wird die +Geistlichkeit bald zu Koncessionen genöthigt, aber selbst wenn die +Mißstimmung gegen sie zu Worte gelangt, endet die Opposition stets +damit, sich in die mildesten und rücksichtsvollsten Formen zu hüllen. +Als z. B. im Februar 1790 Garat von der Priesterweihe den Ausdruck +gebraucht hatte, daß sie ein bürgerlicher Selbstmord sei, und eine +Anzahl Geistlicher, worunter der Abt Maury und die Bischöfe von Nancy +und Clermont, erbittert hierüber auffuhr, über Gotteslästerung schrie, +und den Antrag stellte, die katholische Religion zur Nationalreligion +zu erklären, ward der Antrag zwar verworfen, aber auf solche Art, +daß man die Aengstlichkeit und Unsicherheit der Demokratie in der +Motivirung dieses Schrittes empfindet. Es würde, heißt es, eine +Verletzung der Religion und der Gefühle sein, welche die Versammlung +Betreffs derselben beseelten, nur einen Zweifel daran vorauszusetzen. +Man wagte noch nicht zu sagen, was man meinte, und so sah man noch eine +Versammlung, deren Mehrzahl aus Freidenkern bestand, an Processionen +theilnehmen und dem katholischen Gottesdienste beiwohnen. Nur zwei +Monate später wurde der Antrag, den Katholicismus zur Nationalreligion +zu erklären, abermals eingereicht, diesmal nach Maury's wüthenden +Invektiven gegen den Antrag auf Einziehung der Kirchengüter durch den +Staat. Er wurde diesmal von einem Geistlichen, Dom Gerle, gestellt, +welcher später als Jakobiner sich sehr eifrig bemüht zeigte, dies sein +erstes öffentliches Auftreten in Vergessenheit zu bringen. Mirabeau +antwortete mit einer Apostrophe an das Fenster im Louvre, das er von +der Tribüne aus vor Augen hatte, »dasselbe«, rief er, »aus welchem +ein französischer Monarch, welcher die weltlichen Interessen mit den +geistigen Interessen der Religion vermengte, die Flinte abschoß, +welche das Signal zur Bartholomäusnacht gab«. Und doch wich man +diesmal wieder aus und umging die Sache, indem man erklärte, daß die +Majestät der Religion und die Ehrfurcht, welche man ihr schuldig sei, +nicht gestatte, sie zum Gegenstande einer Verhandlung zu machen. Die +ganze Rechte enthielt sich der Abstimmung, und obendrein wurde ein +Protest eingereicht, der von 297 Mitgliedern, worunter 144 von der +Klerisei,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> unterschrieben war. Man schwankte und widersprach sich +selbst. Der Adel, welcher hundert Jahre vorher Ludwig <span class="antiqua">XIV.</span> +Beifall zugejauchzt hatte, als er das Edikt von Nantes widerrief, +war durch die Einwirkung der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts +so umgestimmt worden, daß er, da er als Stand verhandelte, in rein +voltairianischem Geiste sich für allgemeine Toleranz ausgesprochen +hatte; aber doch hatte er halb unsicher hinzugefügt, die katholische +Kirche müsse Volkskirche sein. Der Bürgerstand, welcher zum Theil +jansenistisch und deshalb in Wahrheit viel weniger freisinnig war, +hatte sich als Stand auf ähnliche ausweichende Art ausgesprochen. Aber +nachdem die Nationalversammlung zusammengetreten, war der Standpunkt +principiell ein so bestimmter, daß jede Ungewißheit im Grunde von +vornherein ausgeschlossen war. Denn einer der ersten Schritte dieser +Versammlung war, wie bekannt, die Erklärung der Menschenrechte, und +unter diesen Menschenrechten ist ausdrücklich die Freiheit, zu denken, +selbst in religiösen Dingen, aufgeführt. Artikel 10 der Erklärung +lautet nämlich: »Niemand darf wegen seiner Ansichten, auch nicht +wegen seiner religiösen Ansichten, behelligt werden, vorausgesetzt, +daß seine Aeußerung derselben die gesetzliche Ordnung nicht stört«. +Der Papst antwortete damit, diese Freiheit als »ein ungeheuerliches +und wahnwitziges Recht, das die Vernunft (<span class="antiqua">sic!</span>) erstickt«, zu +bezeichnen, und damit, sollte man meinen, war die Stellung der beiden +Lager zu einander bestimmt.</p> + +<p>Man spürt, wie die Situation sich klärt, als in der constituirenden +Versammlung die Rede auf die Toleranz kommt. In dem Antrage auf die +Erklärung der Menschenrechte war ein Artikel folgendermaßen gefaßt: +»Die Gottesverehrung gehört zur Pflege der Polizei; folglich kommt es +der Gesellschaft zu, sie zu reguliren, <em class="gesperrt">einen</em> Kultus zu gestatten +und einen andern zu verbieten«. Mirabeau greift diesen Artikel auf's +Heftigste an:</p> + +<p>»Ich will nicht Toleranz predigen«, sagt er. »Die uneingeschränkteste +Religionsfreiheit ist in meinen Augen ein so heiliges Recht, daß selbst +das Wort Toleranz als Ausdruck dafür fast tyrannisch erscheint, da +die bloße Existenz einer Autorität, welche die Macht, zu toleriren, +also auch es nicht zu thun, besitzt, ein Attentat auf die Freiheit +des Gedankens<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> ist«. In einer der folgenden Sitzungen geht er noch +weiter: »Man hat von einem herrschenden Kultus gesprochen; was +versteht man unter herrschendem? ich verstehe dies Wort nicht und +bitte mir eine Definition davon aus. Meint man einen Kultus, welcher +die anderen unterdrückt? Aber, hat die Versammlung denn nicht das +Wort Unterdrückung geächtet? Oder ist es die Religion des Fürsten, +welche man meint? Der Fürst hat nicht das Recht, über die Gewissen zu +herrschen oder die Meinungen zu reguliren. Oder meint man den Kultus +der Mehrzahl? Ein Kultus ist eine Meinung. Dieser oder jener Kultus ist +ein Resultat dieser oder jener Meinung. Aber eine Meinung bildet sich +nicht durch Zusammenzählung der Stimmen. Der Gedanke gehört uns, ist +unabhängig und läßt sich nicht fesseln«.</p> + +<p>Man sieht, wie der Muth, seine Ansicht in religiösen Dingen +auszusprechen, seine Schwingen zu prüfen begann.</p> + +<p>Sehen wir an einem anderen Beispiel, mit welcher Schnelligkeit man +sowohl in wie außerhalb der Versammlung von einem schüchternen +Anfange sich zum Bewußtsein der großen geistigen Revolution erhob, +welche vorging. Zum rechten Verständnisse wolle man sich erinnern, +daß in dieser Versammlung die Partei der Vergangenheit, welche aus +Erzbischöfen und Bischöfen, Prinzen, Herzögen, Marquis und Baronen im +Verein mit einigen Deserteuren des dritten Standes bestand, noch sehr +mächtig war. All' diese Männer, welche auf der rechten Seite des Saales +verweilten, glaubten noch kaum an die Revolution und fertigten oft und +wiederholt die ernsthaftesten Angriffe mit einem Bonmot ab.</p> + +<p>Im Oktober 1789 steht vor den Schranken der Nationalversammlung eine +seltsam aussehende Deputation in langen Kleidern und orientalischer +Tracht. Es sind Juden aus Elsaß und Lothringen. Sie flehen im Namen +ihrer Glaubensgenossen um Barmherzigkeit. »Hochgeborene Versammlung«, +sprachen sie, »im Namen des Ewigen, welcher der Ursprung aller +Gerechtigkeit und Wahrheit ist, im Namen Gottes, welcher allen Menschen +gleiche Rechte und Pflichten verlieh, im Namen der Menschheit, die +Jahrhunderte lang durch die entehrende Behandlung beleidigt worden, +welche die unglücklichen<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Nachkommen des ältesten aller Völker in fast +allen Erdgegenden erlitten, erscheinen wir, um Euch zu beschwören, +unser bedauerliches Schicksal der Erwägung zu würdigen. Die, welche +überall verfolgt, überall erniedrigt, und doch stets unterthänig, nie +aufrührerisch sind, Die, welche bei allen Völkern ein Gegenstand des +Unwillens und der Verachtung sind, während sie Duldung und Mitleid +genießen sollten, die Juden werfen sich Euch zu Füßen und schmeicheln +sich der Hoffnung, daß Ihr inmitten der wichtigen Arbeiten welche Euch +in Anspruch nehmen, ihre Klagen nicht gering schätzen, daß Ihr mit +einigem Interesse die schüchternen Einsprüche hören werdet, welche +sie aus der Tiefe der Erniedrigung, worin sie begraben sind, vor Euch +niederzulegen wagen.... Möchte eine Reform, die wir bisher fruchtlos +ersehnt haben und die wir mit Thränen in den Augen erflehen, Eure +Wohlthat und Euer Werk sein«!</p> + +<p>Clermont-Tonnerre nimmt sich mit Wärme dieser rührenden Bittschrift +an. Aber man glaubt nicht, auf welcherlei Ausflüchte die Geistlichkeit +verfiel, um ein Recht zu verweigern, das eigentlich als schon ertheilt +gelten mußte. Der Abt Maury erhebt sich. Er hat ein breites verwogenes +Gesicht, die sieben Todsünden im Gesicht, wie man von ihm sagte, einen +festen Mund, Augen, die von Verstand, Falschheit und Sophisterei +blitzen, derjenigen Art von Sophisterei, welche das Erstaunen darüber +ausspricht, daß irgend Jemand <em class="gesperrt">dies</em> Sophisterei nennen kann. Er +ist frech und kaltblütig. Er ist es, der wenig Monate nachher, als +man ihn auf der Straße mit dem Geschrei: »An den Laternenpfahl mit +ihm!« umdrängte, die Antwort gab: »Meint Ihr, liebe Freunde, daß Ihr +dadurch heller sehen werdet?« Er sagt: »Wer wird in unsern Tagen noch +von Verfolgung oder Intoleranz reden! Die Juden sind unsere Brüder. +Aber die Juden Bürger nennen, würde Dasselbe sein, wie einzuräumen, daß +Engländer und Dänen, ohne das Indigenatsrecht erlangt zu haben und ohne +aufzuhören, Engländer und Dänen zu sein, Franzosen werden könnten.« +Er verweilt bei dem Wucherhange der Juden und den übrigen Lastern, +welche man ihnen zuschrieb. »Dies Volk«, fährt er fort, »hat siebzehn +Jahrhunderte durchlebt, ohne sich mit den andern Völkerstämmen zu<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> +vermischen; sie haben nur Geldschacher getrieben; kein Einziger unter +ihnen hat es verstanden, seine Hände dadurch zu adeln, daß er seine +Pflugschar geführt, oder ein Stück Land bebaut hätte«.</p> + +<p>Wenn man weiß, daß es den Juden auf's strengste verboten war, das +geringste Stück Grundeigenthum zu besitzen, ja daß sie, wenn sie in +eine Stadt hineinkamen, dieselbe Accise wie die Schweine bezahlen +mußten, so wird man begreifen, daß diese Argumentation nicht +unwiderleglich ist. Aber der Haß gegen die Juden war noch so groß, daß +Niemand an derselben Etwas auszusetzen fand. Man fürchtete, die Juden +würden ganz Elsaß zu einer jüdischen Kolonie machen, wenn man ihnen +Bürgerrechte gäbe. Ja, ein sonst sehr revolutionärer Deputirter aus dem +Elsaß bemerkte sogar, er könne nicht für die Ruhe in seiner Provinz +einstehen, falls der Antrag auf Gleichstellung der Juden durchgehe.</p> + +<p>Die Stimmung war flau. Man fühlte, daß das Schicksal des Antrages +entschieden sei. Nur ein einziger Deputirter wagt Protest zu erheben. +Es ist ein noch ganz unbekannter Mann, Advokat von Fache, einer von +Denen, welche sich damals noch in der zweiten Reihe hielten und hinter +den hervortretenden Persönlichkeiten versteckt saßen, die noch zum +größten Theil den früher privilegirten Ständen angehörten. Sein Gesicht +ist gewöhnlich und nicht sehr lebhaft, allein unheimlich blaß. Er ist +einfach, aber auffallend sauber und sorgfältig gekleidet, und sein Haar +sitzt gut. Schon sein Aeußeres verräth seine Achtung vor sich selbst +und seine Leidenschaft für die Ordnung. Der Präsident nennt seinen +Namen, auf den Niemand Gewicht legt: »Maximilian Robespierre.« Er +besteigt die Tribüne und sagt kurz und scharf: »Die Laster der Juden +sind eine Folge der Erniedrigung, in welcher Ihr sie erhalten habt. Sie +werden gute Menschen werden, sobald es ihnen irgendwie nützt, es zu +sein.«</p> + +<p>Aber er ist der Einzige in der ganzen Versammlung, welcher für den +Antrag spricht. Charakteristisch genug, begriff derselbe Protestanten, +Schauspieler und Juden unter einer Kategorie. Die Menschenrechte +der ersten beiden Klassen wurden anerkannt; aber da Mirabeau die +Unmöglichkeit der Förderung<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> des Antrages in Betreff der Juden einsah, +ließ er die Verhandlung über diesen Punkt auf unbestimmte Zeit +vertagen. Zwei Jahre verstreichen. Im Jahre 1791 erneuern die Juden ihr +Gesuch. Aber welch' eine Veränderung im Tone! Die demüthige Bitte des +Sklaven ist zur bestimmten und scharfen Forderung des Mannes geworden. +Man appellirt nicht mehr an die Gnade der Herrschenden, sondern stützt +sich auf eine Beweisführung. Ich führe den Schlußsatz an:</p> + +<p>»Wenn es eine Religion gäbe, deren Bekenner nicht Bürger sein könnten, +während die Bekenner anderer Religionen es sein könnten, so würden +diese herrschende Religionen sein; aber es giebt keine herrschende +Religion, da alle gleiche Rechte haben. Wenn man den Juden die +Bürgerrechte verweigert, weil sie Juden sind, so straft man sie, +weil sie in einer bestimmten Religion geboren sind. Aber in solchem +Falle existirt keine Religionsfreiheit, da Verlust der Bürgerrechte +mit dieser Freiheit verknüpft ist. So Viel ist gewiß: indem man die +Menschen zur religiösen Freiheit erhoben hat, hat man auch die Absicht +gehabt, sie zur bürgerlichen Freiheit zu erheben; es giebt keine halbe +Freiheit, so wenig wie es eine halbe Gerechtigkeit giebt.«</p> + +<p>Wenige Jahre, in der Atmosphäre der Revolution verlebt, hatten diesen +Parias Selbstgefühl und Stolz verliehen. Diesmal ging der Antrag ohne +Debatte durch.</p> + +<p>In der constituirenden Versammlung kam der Haß gegen die positive +Religion und ihre Priester, den die Philosophen ihrem Zeitalter +eingeflößt hatten, noch nicht in Worten zum Ausbruch. Das bekannte +Wort: »Ihr Herren von der Klerisei! jetzt barbiert man Euch, und +wenn Ihr allzu arg strampelt, wird man Euch die Kehle abschneiden,« +erscholl aus dem Zuschauerraume, nicht aus dem Saale. Die Erbitterung +gab sich vorläufig in Handlungen kund. Alles Kirchen- und Klostergut +wurde für Staatseigenthum erklärt. Voltaire hatte seinen Schülern +die Aufgabe gestellt, <span class="antiqua">»d'écraser l'infâme</span>.« Die gläubigen +Katholiken sahen in den Beschlüssen der constituirenden Versammlung +einen Versuch, auszuführen, was er mit dieser Aufgabe gemeint hatte. +In einer rechtgläubigen Schrift von 1792: »<span class="antiqua">Conjuration contre +la religion catholique et<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> les souverains</span>« heißt es: »Niemals +hat Christi Kirche so viel' Feinde auf einmal zu bekämpfen gehabt. +Es scheint, als ob die ganze Hölle losgelassen sei, um ihren Ruin +herbeizuführen.... Die Philosophen wollen die christliche Religion +nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa, ja im ganzen Universum +abschaffen.« In diesen Worten liegt keine Uebertreibung. Nur ist es +interessant, sich zu erinnern, daß die Philosophen, um dies Resultat +zu erreichen, sich an die Regenten der großen Länder, an Friedrich +von Preußen, an Katharina von Rußland und Andere gewandt hatten, daß +aber der Schlag selber vom Volke geführt wurde, wenn man unter dem +Volke den Mittelstand verstehen will. Der Papst irrte sich daher +nicht, als er von der constituirenden Versammlung in einer Ansprache +an seine Kardinäle sagte, die Franzosen hätten sich zu Sklaven einer +Versammlung von Philosophen gemacht, und vergessen, daß die Nationen +die glücklichsten seien, welche ihren Königen gehorchen.</p> + +<p>Die Priester, welche, wie bekannt, gefunden haben, woran es dem +Archimedes gebrach: den Punkt außerhalb der Erde, in der anderen Welt, +von wo aus sie jene bewegen können, begannen schon jetzt die Provinzen +zu fanatisiren. In Arras wurde ein Bild umhergetragen, auf welchem +Maury und die Royalisten zur rechten Seite des Gekreuzigten, die +Revolutionäre auf der andern Seite unter dem bösen Schächer abgemalt +waren. Ein wahrer Aufruhr fand in Nîmes bei der Nachricht statt, daß +ein Protestant, Saint-Etienne, zum Präsidenten der Nationalversammlung +erwählt worden sei.</p> + +<p>Die verfassungsmäßige Ordnung der Kirchenverhältnisse wurde durch +eine Allianz zwischen den Voltairianern und den Jansenisten der +Versammlung erreicht. Letztere waren sicherlich gute Christen, +allein die politische Aeußerung des jansenistischen Fatalismus war +in keiner Hinsicht verschieden von den politischen Konsequenzen des +Voltairianismus. Die Jansenisten haßten als religiöse Leute die +irdische Größe und hießen als Fatalisten das menschliche Elend gut, +sie hatten als echte Bourgeois das Gleichheitsgefühl nach oben und das +Ungleichheitsgefühl nach unten, ganz wie die Voltairianer. Sie stimmten +daher vollkommen mit Diesen betreffs der Einziehung<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> der Kirchenschätze +überein. Dazu kam, daß die Masse Skandale, zu denen das Leben der +höheren Geistlichen Anlaß gab, ihren moralischen Sinn empörte. So war +es z. B. bekannt, daß Mademoiselle Guimard, die Geliebte des Bischofs +Jarantes, geistliche Pfründe hinter den Opernkoulissen verschenkte, +daß der Erzbischof von Narbonne in einer seiner Abteien einen ganzen +Harem unterhielt, daß der Kardinal von Montmorency öffentlich mit einer +Aebtissin zusammenlebte, ja daß die Bernhardiner in der Abtei Granselve +eine ganze kleine Stadt mit einem eigenen Damenquartier und mit allzeit +gedeckten Tischen für ihre Orgien eingerichtet hatten. (Das Leben +daselbst ist von einem Augenzeugen, dem royalistischen und klerikalen +Schriftsteller Montgaillard im zweiten Bande seiner <span class="antiqua">Histoire de +France</span> beschrieben worden.) Hätte man sich nun damit begnügt, die +Schätze der Kirchenhäupter einzuziehen, so hätte man sie gezwungen, +entweder nachzugeben oder einzugestehen, daß ihrer Opposition Habgier +zu Grunde lag. Aber man tastete ihre Disciplin an und schuf ihnen +solchergestalt einen Vorwand zum Widerstande. Jede Modifikation der +äußeren Formen des Kultus gab ihnen Anlaß zu dem lauten Geschrei, +daß die Religion in ihren Grundfesten erschüttert sei. Die niederen +Geistlichen wagten daher fast niemals den Eid auf die Verfassung +abzulegen. That Einer es, so ward der geringe Lohn, den er vom Staate +empfing, mit dem Blutgelde des Judas verglichen, obschon man es früher +ganz in der Ordnung fand, daß die Bischöfe Paläste und Gärten besaßen, +und in jeglicher Art Lebensgenuß schwelgten, während die niedere +Geistlichkeit zur selben Zeit förmlich ausgehungert ward.</p> + +<p>Der Einzige, welcher, ohne Voltairianer oder Jansenist zu sein, an der +Diskussion über die Kirchenverfassung Theil nahm, war Robespierre. +Er hob Rousseau's »bürgerliche Religion« (<span class="antiqua">Contrat social</span> +4,<sub>8</sub>) hervor, bereit Dogmen »die Existenz einer mächtigen, +intelligenten und allwissenden Gottheit, ein künftiges Leben, die +Belohnung der Gerechten, die Bestrafung der Bösen, die Heiligkeit +des gesellschaftlichen Vertrages und die Staatsgesetze« sind. Er war +ein Mann der Ordnung, kein Gläubiger. Die Religiosität bestand für +ihn<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> in der Erfüllung der gesellschaftlichen Pflichten. Die Klerisei +betrachtete er als Magistratspersonen, als weltliche Beamten. Mit +Rousseau'scher Empfindsamkeit rief er die Versammlung an, die alten und +schwachen Priester zu unterstützen, und bat namentlich für diejenigen +zu sorgen, welche über siebzig Jahre alt seien und weder eine Pension +noch Sporteln hätten; aber der Antrag wurde abgelehnt. Robespierre's +Zeit war noch nicht gekommen.</p> + +<p>Die neue Ordnung der Dinge gab auf dem Lande Anlaß zu possierlichen +sowohl wie brutalen Scenen. Man findet in Camille Desmoulins' +Journalartikeln eine sehr humoristische Schilderung des unfreiwilligen +Abschiedes eines Dorfpredigers von seiner Gemeinde. An der Kirchenthür +findet er eines Sonntags nach dem Gottesdienste zu seiner Ueberraschung +einen riesigen, hochbepackten Möbelwagen mit all' seinen Effekten, +oben auf dem Wagen sitzt weinend seine Javotte, die »Gouvernante«, +welcher der Schulmeister mit einer Thräne im Auge Lebewohl sagt. Er +wird unter dem Rufe: »Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Hochehrwürden!« +auf den Wagen gehoben, und fort geht's, obschon er schilt und schimpft, +so lange er noch seinen Glockenthurm erblicken kann. An anderen Orten +jedoch wurde der Eid dem Priester mit dem Bajonett auf der Brust +abgezwungen, ja in einem vereinzelten Falle wurde er, als er auf +der Kanzel stand, durch einen Flintenschuß getödtet. Beging man nun +auch solchergestalt einzelne Ausschreitungen wider die eidweigernden +Priester, so war dies doch als sehr gering zu achten gegen Das, was +von ihrer Seite geschah. Sie schilderten der Landbevölkerung die +bürgerliche Verfassung, welche in Wirklichkeit die Religion gar nicht +angetastet hatte, als ein Werk des Teufels. Sie lehrten, daß es eine +Todsünde sei, das Sakrament von einem Priester zu nehmen, welcher der +Regierung den Eid geleistet, daß die Kinder, welche den von diesen +Priestern eingesegneten Ehen entsprängen, als Bastarde zu betrachten +seien, ja daß der Fluch Gottes auf der Wiege jedes solchen Kindes +laste. Bald wurde ein verfassungsmäßiger Priester mit Steinwürfen in +der Kirche verfolgt, bald ein anderer an dem Kronleuchter des Chores +erhängt. Die Kirchen,<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> welche die Nationalversammlung hatte schließen +lassen, wurden mit Axthieben geöffnet. In einzelnen Departements zogen +mörderische Banden von Pilgern unter der Führung von Priestern über +die Felder, mit Flinten und Spießen bewaffnet. Am schlimmsten ging +es in der Bretagne zu. Wenn dort der schlichte Bauer viele Meilen +weit von seinem Kirchspiele fortgewandert war, um einen echten, d. +h. unbeeidigten Priester zu hören, und dann bei seiner Heimkehr ein +Dutzend seiner Dorfgenossen aus der eigenen Kirche herauskommen sah, +wo sie in aller Gemächlichkeit den neuen Priester gehört hatten, war +sein Haß so unbändig, daß er sich zu jeder Gewaltthätigkeit berechtigt +glaubte, zu der er von kirchlicher Seite aufgehetzt wurde.</p> + +<p>Als jetzt die gesetzgebende Versammlung zusammentrat, gab es +keine Stände mehr. Der Adel war ausgewandert, und die höhere +Geistlichkeit rief im Exil den Beistand der fremden Höfe an. Die +niedere Geistlichkeit war fanatisch kontrarevolutionär und hetzte +die unwissende Menge gegen die Freiheit auf. Die Sprache, welche +jetzt in der Versammlung geführt wird, ist himmelweit verschieden +von der früheren. Die stehende Anklage wider die Religion ist die +naiv formulirte, daß sie nicht mit der Verfassung übereinstimme, und +wider die Geistlichkeit, daß sie ausschließlich darauf ausgehe, ihre +Güter und Schätze zurück zu erlangen. Die Lügen und Gewaltthaten der +Pfaffen haben die Stimmung aufs Aeußerste gereizt. Wenn sich ein paar +versöhnliche Stimmen vernehmen lassen, wie die des Dichters André +Chénier, welcher äußerte, daß die Priester den Staat nicht störten, +wenn dieser sich nicht mit ihnen beschäftige, oder wie diejenige +Talleyrand's, welcher sagte, da keine Religion ein Gesetz sei, dürfe +auch keine Religion ein Verbrechen sein, so ist es doch jetzt die +Voltaire'sche Entrüstung, welche für eine lange Zeit allein das Wort +hat.</p> + +<p>Diese Zeit ist die Periode der Girondisten, und der Girondismus ist +der historische Ausdruck für Voltaire's Geist. Der Girondist ist +Individualist bis zum Aeußersten, liberal im modernen Sinne dieses +Wortes, nämlich in sofern, als er das von der Gesellschaft abgesonderte +Individuum und dessen Vernunft zum einzigen Richter über seine +Umgebungen und<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> sich selber macht. Die individuelle Vernunft fühlt sich +nicht veranlaßt, der Gesellschaftsreligion und ihren Vertretern irgend +eine Rücksicht zu erweisen.</p> + +<p>Der berühmte Führer der Girondisten, Vergniaud, redigirt eine +Proklamation, worin es heißt: »Aufrührerische Priester bereiten +eine Erhebung wider die Verfassung vor, diese frechen Trabanten des +Despotismus rufen alle Throne um Gold und Soldaten an, um das Scepter +Frankreichs zurück zu erobern«. Als Minister des Innern sagt Roland: +»Aufrührerische und heuchlerische Priester, welche ihre Pläne und +Leidenschaften mit dem heiligen Schleier der Religion bedecken, tragen +keinen Anstand, den Fanatismus aufzustacheln und ihre irregeleiteten +Mitbürger mit dem Schwerte der Intoleranz zu bewaffnen«. Ja, bei dem +Antrag, die Priester des Landes zu verweisen, spricht Vergniaud, halb +im Scherz, halb im Ernst, als könnte man doch schicklicher Weise dem +Auslande nicht ein so arges Unheil zufügen, ihm dies Geschenk auf +den Hals zu schicken. »Im Allgemeinen«, sagt er, »giebt es nichts +Unmoralischeres, als einem Nachbarvolke die Verbrecher aufzubürden, +von welchen ein Gemeinwesen sich selbst befreien will«. Er tröstet +sich indessen damit, daß sie in Italien als wahre Heilige empfangen +werden würden, und »daß der Papst in dem Geschenk so vieler lebendigen +Heiligen, die wir ihm senden, einen bescheidenen Versuch sehen wird, +ihm unsere Erkenntlichkeit für all' die Arme, die Beine und die +Reliquien todter Heiligen auszudrücken, mit welchen er Jahrhunderte +hindurch unsere fromme Leichtgläubigkeit so reich bedacht hat«.</p> + +<p>Ja, fügt der Girondist Isnard, der spätere Präsident des Konvents, +hinzu: »Laßt uns diese Pestkranken in die Lazarethe Rom's und Italiens +senden«. Er entwickelt, wenn ein Priester verderbt sei, sei er es +niemals halb; das Verbrechen verzeihen, sei Dasselbe, wie daran Theil +nehmen; dem gegenwärtigen Zustand der Dinge müsse ein Ende gemacht +werden, und es seien die Feinde der Revolution selbst, welche dieselbe +zwängen, sie zu zermalmen. Er ruft zum ersten Mal das fürchterliche +Wort, welches später ein so vielfältiges Echo fand: »Es bedarf keiner +Beweise«. Es bedarf keiner Beweise,<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> d. h. der Priester muß aus +Frankreich verjagt werden, sobald über ihn geklagt wird.</p> + +<p>Und da jetzt die Befürchtung laut wird, durch diese Maßregeln den +Bürgerkrieg herauf zu beschwören, hält der bekannte Girondist Guadet, +ein Schüler Holbach's, eine beruhigende Rede, worin er u. A. sagt: +»Jedermann weiß, daß der Priester eben so feig wie habgierig ist, daß +er keine Waffe als die des Aberglaubens kennt, und daß er, nur an +theologische Klopffechtereien gewöhnt, auf einem Schlachtfelde für +Nichts zu rechnen ist«. Es zeigte sich bald, wie vollständig der gute +Mann und seine Gesinnungsgenossen in diesem Punkte sich irrten, und mit +welcher Leidenschaft die Priester bei dem nachfolgenden Bürgerkriege +an der Spitze marschirten. — Bald kommt es so weit, daß die Redner +sich förmlich entschuldigen, wenn sie genöthigt sind, die Versammlung +von diesen Gegenständen zu unterhalten. In einer Rede von François +de Nantes, in welcher er, wohl gemerkt, als Wortführer eines Komités +auftritt, heißt es: »Wir können uns über die Nothwendigkeit, in der wir +uns befinden, Sie von dem Priesterkultus zu unterhalten, nur durch die +Hoffnung trösten, daß die Maßregeln, welche Sie ergreifen werden, Sie +bald in den Stand setzen werden, nie wieder davon reden zu hören«. Die +ganze Rede ist ein Gewebe von Derbheiten, die ich übergehe. Hoch und +Niedrig theilt diese Stimmung. Einer der Minister Ludwig's <span class="antiqua">XVI.</span>, +der grobe und gewaltthätige, leidenschaftlich revolutionäre Cahier +de Gerville, sagte eines Tages, als er aus dem Staatsrathe kam, zu +seinem Collegen Molleville, der uns in seinen Memoiren das Wort +aufbewahrt hat: »Ich wollte, ich hätte das verwünschte Ungeziefer von +Priestern aller Länder zwischen meinen Fingern, um sie alle auf einmal +zu zermalmen«. Mit stiller Würde jedoch kam der Revolutionsgeist zu +Worte in einem Sendschreiben, das die Republik an den Papst sandte, +und dessen Abfassung man einer Frau übertragen hatte. Dasselbe ist an +den »Fürst-Bischof von Rom« adressirt. Im Namen der Republik schreibt +Madame Roland an den Papst: »Du oberster Priester der römischen Kirche, +Du Fürst eines Staates, welcher Deinen Händen entschlüpft, wisse, +daß Du Staat und Kirche nur durch<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> ein uneigennütziges Bekenntnis +jener evangelischen Grundsätze bewahren kannst, welche die reinste +Demokratie, die zärtlichste Menschenliebe und die vollkommenste +Gleichheit athmen, und mit welchen die Statthalter Christi sich nur +zu schmücken gewußt haben, um eine Herrschermacht zu vermehren, die +jetzt vor Alter zusammen bricht. Die Jahrhunderte der Unwissenheit sind +dahin«.</p> + +<p>Worte gleich diesen nehmen sich wie Perlen zwischen Bleikugeln aus, +wenn man sie neben das Uebrige hält, was geschrieben und gesagt wurde. +Die Zeit der ruhigen Ueberzeugung ist um, die Zeit der entfesselten +Leidenschaften hat begonnen. Und die Leidenschaften folgen der Spur +der Ueberzeugungen. Der Haß gegen den Katholicismus erreicht seinen +Höhepunkt. Dieser Haß flammt wie eine einzige Lohe über Frankreich. Es +ist die goldene Zeit der Klubs.</p> + +<p>Die Cordeliers hatten ihren Klub in einer Klosterkirche. Chateaubriand +hat denselben als Augenzeuge in seinen Memoiren beschrieben. Alle +Gemälde, alles Schnitzwerk, Tapeten und Bilder waren herabgerissen, nur +das bloße Skelett der Kirche blieb zurück. Im Chor der Kirche, wo Regen +und Wind durch die zerschlagenen Scheiben der Rose hereindrangen, war +der Sitz des Präsidenten. Seinen Tisch bildeten ein paar Hobelbänke, +die neben einander gestellt waren. Auf ihnen lag eine Anzahl rother +Mützen, und Jeder, der sprechen wollte, setzte erst eine rothe Mütze +auf. Hinter dem Präsidenten stand eine Statue der Freiheit mit +zerbrochenen Foltergeräthschaften in der Hand. Zimmerholz, zertrümmerte +Bänke und Kirchenstühle, Fragmente zerschlagener Heiligen bildeten +Sitze und Schemel für den großen Haufen bestaubter und wild aussehender +Zuschauer in durchlöcherten Carmagnolen (so nannte man ihre Jacken) +und mit Hellebarden auf den Schultern, oder die nackten Arme über der +Brust gekreuzt. Die Redner sprachen sich derb und unverblümt aus, +jedes Ding wurde bei seinem rechten Namen genannt, ein cynisches +Wort und ein cynischer Gestus erweckten Beifall. Gegner unterbrachen +sie; zuweilen wurden sie auch von den kleinen, dunklen, kreischenden +Eulen unterbrochen, welche unter dem Klosterdache gewohnt hatten, und +jetzt durch die zertrümmerten Fensterscheiben<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> aus und ein flogen, in +der Hoffnung, irgendwo Futter zu finden. Die Glocke des Präsidenten +vermochte sie nicht zum Schweigen zu bringen, bisweilen schoß man nach +ihnen, und sie fielen blutend und zappelnd auf die Versammlung herab. +Hier sprachen Danton, Marat und Camille Desmoulins, der liebenswürdige +und witzige Camille, welcher für so gemäßigt galt, daß er sich gegen +die Anklage der Scheinheiligkeit vertheidigen mußte, und welcher +noch vor dem Revolutionstribunal den Sansculotten Jesus im Munde +führte. Er hatte seine Privatgründe, die Priester zu hassen. Als er +im Dezember 1790 sich mit seiner geliebten Lucile — unzweifelhaft +eine der schönsten und reinsten Frauengestalten der Revolution — +verheirathen wollte, und als seiner Vereinigung mit ihr nur noch die +priesterliche Bestätigung fehlte, war kein Priester zu finden, der +ihn trauen wollte, weil er in einem Zeitungsartikel gesagt hatte, +Mahomed's Religion sei gerade so einleuchtend wie Jesu Religion. Er +mußte daher seinen Ausspruch widerrufen und zur Beichte gehen, um sich +verheirathen zu können. Aber jetzt nahm er seine Revanche. In seinem +Blatte »<span class="antiqua">Le vieux Cordelier</span>« schrieb er: »Man hat das Kapitel von +den Priestern und von allen Religionen geschlossen, wenn man gesagt +hat, daß sie einander darin gleichen, daß sie alle gleich lächerlich +sind, und wenn man angeführt hat, daß die Tataren die Exkremente des +großen Lamas als die größten Leckerbissen verspeisen. Es giebt keine so +jämmerliche Zwiebel, daß sie nicht als Jupiters Gleichen verehrt worden +wäre. Die Mongolen beten eine Kuh an, welche der Gegenstand eben so +vieler Kniefälle ist, wie der Gott Apis ... Wir haben kein Recht, uns +über all' diese Dummheiten zu ärgern, wir, die wir so lange in unserer +Einfalt uns haben bethören lassen, zu glauben, <span class="antiqua">que l'on gobait un +dieu comme on avale un huître</span>«. Bei den Cordeliers ging Loustalot's +einflußreiche Zeitung »<span class="antiqua">Les révolutions de Paris</span>« von Hand zu +Hand. Zur Fastnachtszeit 1792 stand in Veranlassung der Marktpossen +in derselben zu lesen: »Zu der Zeit, als es eine herrschende Religion +in Frankreich gab, duldeten die gekrönten Gaukler keine Konkurrenz +in der stillen Woche. Es war damals nur ihnen erlaubt, Vorstellungen +zu geben.<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Jetzt ist die Konkurrenz frei. Wenn der Taschenspieler +indeß sein Brettergerüste besteigt, ist er mit einem possierlichen +Kopfputz und einer Mantille bekleidet, die ihn der Volksmenge um ihn +her bemerkbar macht; aber wenn die Vorstellung aus ist, legt er sein +Kostüm ab. Der Priester dagegen setzt seine Rolle außerhalb der Scene +fort und behält die Maske zum täglichen Gebrauch ... Wann werden +sie erröthen, die Harlekine des Menschengeschlechts zu sein?« Von +jetzt an wird die stehende revolutionäre Bezeichnung der Priester +Theophagen (Gottesfresser). Kurz darauf bringt dasselbe Blatt einen +Artikel, worin dieselbe Maßregel gegen die Priester vorgeschlagen wird, +welche Johanna von Neapel für berüchtigte Frauenzimmer einführte: +»Man muß sie in ein Haus einschließen, wo sie Denen, welche sie +besuchen, so viel vorpredigen und beten können, wie sie Lust haben; +aber es muß ihnen verboten werden, auszugehen, damit sie nicht die +Bevölkerung verpesten«. Dies wurde im April gedruckt. Im März hatte +die gesetzgebende Versammlung, in der übrigens menschenfreundlichen +Absicht, den zum Tode Verurtheilten jegliche Art physischer Tortur zu +ersparen, eine gewisse Maschine zur Vollstreckung der Todesurtheile +adoptirt, welche zuerst an Leichen versucht, bald aber bei den Lebenden +zur Anwendung gebracht wurde. Sie wurde Guillotine genannt, und man +spürt etwas von ihrem scharfen Beil in dem zuletzt angeführten Artikel. +Voltaire's Wein ist hier zu Gift und Galle geworden.</p> + +<p>Dem Klub der Cordeliers stand der Jakobinerklub von einem sehr +verschiedenartigen Charakter entgegen. Seine Geistesrichtung war +schwerfällig, ernst und pedantisch. Er stellte sich unter Rousseau's, +wie der Klub der Cordeliers unter Voltaire's Auspicien. Er war +organisatorisch und formalistisch, deshalb fühlten unabhängige Naturen, +wie Camille Desmoulins, oder unbesonnene Naturen, wie Danton, sich in +demselben nicht heimisch. Das erste Programm der Jakobiner war völlig +rousseauisch: Liebe zur Gleichheit, Haß gegen die konventionellen +Ungleichheiten der Vergangenheit; dazu kamen kalter und berechneter +revolutionärer Fanatismus, Herrschgier, und hinter dem Allen Liebe zur +Regel, d. h. zur Ordnung der Gesellschaft nach Rousseau's Principien.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p> + +<p>Für Den, welcher die geschichtlichen Phänomene literarisch betrachtet, +ist in der Geschichte der Revolution nichts auffälliger, als die +Klarheit, mit welcher alle handelnden und auftretenden Personen +ihre Aeußerungen oder Handlungen auf die Literatur des achtzehnten +Jahrhunderts zurückführen. Man sollte meinen, daß sie keine andere +Ehre erstrebten, als die, fertige Theorien in Praxis umzuwandeln. +An Mirabeau's Grabe wurde zu seinem Ruhme gesagt, daß er über die +Philosophen den Ausspruch gethan: »Sie haben das Licht erschaffen, +ich will die Bewegung schaffen«, und es giebt kaum eine Stelle im +»<span class="antiqua">Contrat social</span>«, die nicht während der Revolution entweder +in ein Gesetz, oder in eine öffentliche Erklärung, oder in einen +Zeitungsartikel, oder in eine Nationalversammlungsrede, oder endlich in +die Verfassung der Republik übergegangen wäre.</p> + +<p>Die wichtigsten Definitionen dieses Rousseau'schen Werkes (die Macht +als vom Volke ausgehend, das Gesetz als Produkt des allgemeinen +Willens) kommen wörtlich in der Erklärung der Menschenrechte vor. +Sobald bei den Jakobinern der Associationsgedanke auftaucht, führen +sie ihn augenblicklich auf Rousseau zurück, und gebrauchen alle +seine Stichwörter. In einem Artikel in »<span class="antiqua">La bouche de fer</span>« +schreibt der Abt Fauchet: »Erhabener Rousseau! gefühlvoller und +wahrheitsliebender Geist! Du bist einer der Ersten, der die ewige +Ordnung der Gerechtigkeit verstanden hat. Ja, jeder Mensch hat Recht +an die Erde und muß zu eigen haben, was er zu seiner Existenz bedarf. +In dem associativen Vertrag, welcher den souveränen Dekreten der +Natur und der Billigkeit gemäß ein Volk erschafft, giebt der Mensch +sich ganz seinem Vaterlande hin und empfängt sich ganz aus der Hand +desselben«. Und mit fast ganz derselben Wendung drückt Saint-Just +sich so in seiner Rede für den Tod Ludwig's <span class="antiqua">XVI.</span> aus: »Der +Gesellschaftsvertrag ist ein Vertrag zwischen den Bürgern und nicht ein +Vertrag mit der Regierung. Man hat keine Verpflichtungen hinsichtlich +eines Vertrages, den man nicht geschlossen hat«. Allein Robespierre ist +Derjenige, welcher als Chef der Jakobiner überall der Rousseau'schen +Geistesrichtung ihren typischen Ausdruck giebt. Sein erster +öffentlicher Schritt war<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> die Beantwortung der Preisfrage, welche die +Akademie von Metz gestellt hatte: »Ueber das Vorurtheil, welches die +Familie der gesetzlich Verurtheilten an deren Schande theilhaftig +macht«; er hatte den Preis gewonnen, und nicht zufrieden damit, die +Zufälle der Todesstrafe bekämpft zu haben, hatte er bei Gelegenheit der +Einführung der Guillotine sich auf's Heftigste gegen die Todesstrafe +selbst erklärt. Wie man sieht, konnte Niemand in der Theorie dem Gefühl +mehr Spielraum geben, als er. Er war der erste Feind des Rationalismus +der Girondisten, und deshalb sehen wir ihn zu dem Zeitpunkte, als Diese +in der Voltaire'schen Richtung am weitesten gingen, eine Adresse an die +Jakobiner einreichen, in welcher er erklärt, daß die Revolution unter +Gottes Leitung stehe, ja in Wirklichkeit eine That der Vorsehung sei. +Er empfindet den Drang, seinem revolutionären Pathos einen Ausdruck +zu geben, welcher denselben zu der sogenannten natürlichen Religion +hinführt. Rousseau hatte in dem »Glaubensbekenntnis eines savoyischen +Priesters« gesagt: möge nun die Materie ewig oder erschaffen sein, +möge ein passives Princip existiren oder nicht, so viel sei doch +gewiß, daß Alles Eins sei und eine einzige Intelligenz verkünde, und +er hatte hinzugefügt: »Dies Wesen, welches will und welches kann, +welches selbstthätig das Universum bewegt und alle Dinge ordnet, +nenne ich Gott«. Robespierre schreibt 1792: »Ich verabscheue so sehr +wie Jemand all' die gottlosen Sekten, welche Ehrgeiz, Fanatismus +und alle Leidenschaften mit dem Namen des Ewigen bedecken, der die +Natur und die Menschheit erschuf. Aber ich bin weit entfernt davon, +ihn mit jenen Schwachköpfen zu vermengen, welche der Despotismus als +Werkzeuge gebraucht hat. Die Vorsehung anzurufen und die Idee von +einem ewigen Wesen auszusprechen, das wesentlich auf die Geschicke der +Nationen einwirkt, und das mir auf eine ganz besondere Weise über die +französische Revolution zu wachen scheint, ist kein zufälliger Einfall +von mir, sondern der Drang meines Herzens, die Aeußerung eines Gefühls, +das mir nothwendig ist, und das in der Versammlung, wo ich jeglicher +Art von Leidenschaften und schändlichen Intriguen preisgegeben und von +so zahlreichen Feinden umringt bin, mich jederzeit<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> aufrecht erhalten +hat. Wie hätte ich, allein mit meiner Seele, in Kämpfen bestehen +können, die mehr als menschliche Kraft erfordern, wenn ich nicht meine +Seele zu Gott erhoben hätte!« Worte wie diese lassen keinen Zweifel +daran, daß seine Religiosität aufrichtig war, und beständig beruft er +sich auf denselben Mann als seinen Lehrer. Als er in der Versammlung +von seinen Feinden zum Selbst-Ostracismus aufgefordert wurde, streckte +er seine Arme gegen Rousseau's Büste aus, welche den Saal schmückte. +»Wohin sollte ich mich begeben!« rief er aus. »Bei welchem Volke fände +ich die Freiheit errichtet, und welcher Despot gäbe mir ein Asyl! Der +Himmel hat es mir vielleicht zugedacht, daß ich mit meinem Blute die +Bahn bezeichnen soll, welche mein Land zum Glücke führt. Ich werde es +dann mit Schwärmerei thun«.</p> + +<p>Es war nicht diese schwärmerische Stimmung, sondern die Voltaire'sche +Entrüstung, welche um die Mitte des Jahres 1792 in der gesetzgebenden +Versammlung und in Frankreich die herrschende ward. Am 19. August +1792 wurde das Dekret erlassen, welches über jeden Geistlichen, +der den Eid nicht geleistet, die Deportation verhängte. Jeden Tag +fanden Verhaftungen solcher Geistlichen statt, und dann folgten die +Septembermetzeleien. Sie betrafen zuerst und vor Allem die gefangenen +Priester und hatten in letzter Instanz den erbitterten Haß gegen den +Katholicismus zum Grunde. Der Abt Barruel schreibt: »Diese Büttel +gehörten nicht alle zur Hefe des Volkes. Den Priestern, welche +man ermordete, rief ein Mann zu: >Spitzbuben, Mörder, Ungeheuer, +schändliche Heuchler! Der Tag der Rache ist endlich gekommen. Ihr +sollt nicht mehr das Volk mit Euren Messen und Euren Oblätlein auf +den Altären betrügen.<« Bewundernswerth sind indessen der Muth und +die Standhaftigkeit, welche die meisten dieser Priester bewiesen. +Im Karmelitergefängniß zogen 172 Priester es unbedenklich vor, sich +erschießen zu lassen, statt den Eid auf die Verfassung abzulegen. +Rührend ist es, die Schilderung von der Resignation der Priester zu +lesen, welche in der Abtei eingesperrt waren: »Wir sandten von Zeit +zu Zeit einige unserer Kameraden an das Thurmfenster, um zu erfahren, +welche Stellung die Unglücklichen, die man im Hofe niedermetzelte,<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span> +einnähmen, um nach ihrem Bericht zu berechnen, welche wir selbst +am besten einnehmen würden. Sie theilten uns mit, daß Die, welche +die Hände ausstreckten, am längsten litten, weil die Säbelhiebe +geschwächt würden, ehe sie das Haupt erreichten.« (<span class="antiqua">Jourgniac de +Saint-Méard</span>). — Im Ganzen wurden 1480 Menschen ermordet. Die Zahl +ist sicherlich groß; allein andererseits ist es nicht ohne Interesse, +zu bemerken, daß die Anzahl aller Menschen, welche von Anfang der +Revolution bis zu ihrem Ende hingerichtet wurden, nach Michelet's +Berechnung nicht den vierzigsten Theil von der Zahl Derjenigen +ausmacht, welche allein in der Schlacht bei Moskau fielen.</p> + +<p>Der Haß, welcher sich so fanatisch in den Septembertagen äußerte, hatte +sich nicht gelegt, als der Konvent zusammentrat. Sehen wir, was ein +Konventsmitglied schreibt, liest und spricht hinsichtlich der Frage +von den Priestern und der Religion. Das Konventsmitglied Lequinio +schenkt seinen Kollegen ein Buch, das er verfaßt und dem Papste +gewidmet hat. Der Titel desselben ist »<span class="antiqua">Les préjuges détruits</span>«. +Darin heißt es: »Die Religion ist eine politische Fessel, erfunden um +die Menschen zu lenken, und hat nur dazu gedient, die Genüsse einiger +Individuen dadurch zu sichern, daß sie alle andern im Zaume hielt.« +Die Ausfälle gegen die Priester überbieten hier an Gewaltsamkeit +und Unziemlichkeit Alles, was früher gehört worden war. Unter den +schwächsten Dingen, die von ihnen gesagt werden, ist der zu jener +Zeit in unzähligen Formen variirte Ausspruch: »Wenn sie ehrlich sind, +sind sie Schwachköpfe und Tollhäusler; meistens sind sie freche +Betrüger, wahre Mörder des Menschengeschlechts«. Das ist die Literatur +der damaligen Zeit. Und man darf Lequinio nicht für eine Ausnahme +halten, wenn er auch seinen Krieg gegen die Vorurtheile zuletzt so +weit trieb, daß er den Scharfrichter zu einem Familienessen bei sich +einlud, um die Vorurtheile wider den Henker zu überwinden. Denn was +steht in der Zeitung, welche das Konventsmitglied Morgens liest, +ehe es sich in die Versammlung verfügt? In »<span class="antiqua">Les Revolutions de +Paris</span>« im December 1792 heißt es bei Gelegenheit des Umstandes, +daß die Mitternachtsmesse in Paris<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> celebrirt worden ist: »Wenn man am +helllichten Tage auf unsern öffentlichen Plätzen tanzende Marionetten +oder Taschenspielerkünste der verschiedensten Art vorzeigt, so ist +nicht sonderlich viel Böses dabei; es muß ja erlaubt sein, Kinder +und Ammen zu amüsiren. Aber sich zur Nachtzeit in finsteren Kammern +zu versammeln, um zur Ehre eines Bastards und einer treulosen Gattin +Hymnen zu singen, Wachskerzen anzuzünden und Weihrauch zu verbrennen, +Das ist ein Skandal, ein Attentat auf die öffentliche Sittlichkeit, +welches die Aufmerksamkeit der Polizei und ein strenges Einschreiten +verdient.«<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> Die vorhin angeführten Aussprüche glühten zwar von +Erbitterung, Haß und Hohn, aber sie waren noch nicht roh. Sie waren +Racheschreie, ausgestoßen von der so lange gefesselten und gemarterten +menschlichen Vernunft. In Worten wie diesen aber kreischt die Rohheit. +Und noch eine Veränderung ist eingetreten. Der früher Unterdrückte +verräth große Lust, jetzt seinerseits als Unterdrücker aufzutreten. +Die That folgte hier dem Vorsatz auf dem Fuße. »Man ergab sich,« sagt +Mercier in »<span class="antiqua">Le nouveau Paris</span>«, »der Zertrümmerung des alten +Kultus nicht mit der Wuth des Fanatismus, sondern mit einem Spotte, +einer Ironie, einer saturnalischen Lustigkeit, welche den Beobachter +in Erstaunen setzen mußte.« Es ward in allen Kirchen förmlich Razzia +gehalten. Eine Deputation theilte dem Konvente mit, daß sie der +»braunen Maria« (ein wunderthätiges Bild) gestattet habe, nach all' der +Mühe, die sie gehabt, achtzehnhundert Jahre lang die Welt zum Besten zu +halten, sich endlich zur Ruhe zu begeben. Die Altäre wurden zu Gunsten +des Nationalschatzes der Republik geplündert. Hier ist das Bruchstück +eines Rapports: »Im Nièvre-Departement findet man keine Priester mehr. +Man hat die Altäre von den Goldhaufen befreit, welche die priesterliche +Eitelkeit nährten. Dreißig Millionen werthvoller Effekten werden nach +Paris geführt werden. Schon sind zwei, mit<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Kreuzen, mit goldenen +Bischofsstäben und mit zwei Millionen gemünzten Goldes beladene Wagen +vor der Münze angelangt. Drei Mal so viel folgt noch der ersten +Sendung«.</p> + +<p>Zuweilen hielten die Wagen vor der Thür des Konvents an, und Säcke und +Beutel voll Gold und Silber wurden im Verhandlungssaale aufgestellt. In +einem andern Rapporte heißt es ironisch: »Man hat mich angeklagt, mich +mit der Religion brouillirt zu haben. Ich habe doch hübsch angefragt, +ehe ich handelte, und drei- bis vierhundert Heilige baten um Erlaubnis, +in die Münze wandern zu dürfen.« Bei dieser Gelegenheit fielen Worte +wie folgende: »Ihr, die Ihr früher Werkzeuge des Fanatismus wart, Ihr +Heiligen beiderlei Geschlechts, Ihr Seligen aller Arten, zeigt Euch +endlich als Patrioten, kommt dem Vaterlande zu Hilfe, und marsch mit +Euch in die Münze!«</p> + +<p>In einem dritten Rapport wünschen die Kommissäre sich Glück zu dem +Resultate »ihres philosophischen Apostolats« im Departement Gers. +»Das Volk war reif, und der letzte Tag der dritten Dekade wurde +dazu bestimmt, die Abschaffung des Fanatismus zu feiern. Die ganze +Bevölkerung war auf einem ländlichen Platze zu einem brüderlichen +Schmause versammelt. Nach einer spartanischen Mahlzeit eilte man in +der Stadt umher, riß alle Symbole des Fanatismus herab und trat sie +unter die Füße. Dann ließ man einen Mistwagen heranfahren mit zwei +wunderthätigen Jungfrauen, mit Kreuzen und Heiligen, welche unlängst +den Weihrauch des Aberglaubens empfangen hatten. Dies lächerliche +Gerümpel ward auf einen Scheiterhaufen geworfen, der mit Adelsbriefen +bedeckt war, und das Feuer ward unter dem Jubel einer unzähligen +Volksmenge angezündet. Die Carmagnole erscholl die ganze Nacht +um diesen philosophischen Scheiterhaufen, der so viele Irrthümer +verzehrte«.</p> + +<p>In einem vierten Rapporte heißt es: »Vierundsechzig unbeeidigte +Priester lebten in einem Hause zusammen, welches dem Volke gehört. +Ich ließ sie durch die Stadt ins Gefängniß spazieren. Diese Ungeheuer +von neuer Art, welche man noch nicht den Blicken der Bevölkerung +ausgesetzt hatte, thaten eine vortreffliche Wirkung. Die Rufe »Es lebe +die Republik!«<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> erschollen rings um diese Heerde Vieh (<span class="antiqua">ce troupeau +de bêtes</span>). Haben Sie die Güte, mich zu benachrichtigen, was ich +mit diesen fünf Dutzend Bestien anfangen soll, die ich dem allgemeinen +Gelächter zur Schau gestellt habe. Ich ließ sie von Schauspielern +eskortiren.«</p> + +<p>Die Verhandlungen Betreffs des Gesetzes über Religionsfreiheit, +welches am 3. Ventôse des Jahres <span class="antiqua">III.</span> erschien, waren alle in +demselben Tone gehalten. Wie sehr auch die Mitglieder des Konvents in +Betreff anderer Fragen differirten, über den Katholicismus waren sie +ausnahmsweise einig. Wie groß auch die Kluft zwischen der Stimmung +während und nach der Schreckensregierung war, hinsichtlich des +Katholicismus existirt kein Unterschied in der Stimmung. Als kraft +des Gesetzes einige Kirchen wieder geöffnet worden waren, theilte das +Wochenblatt »Die philosophische Dekade« dies unter der Ueberschrift +»Schauspiele« in folgenden Ausdrücken mit: »Am 18. und 25. dieses +Monats wurde an mehreren Orten in Paris eine Komödie aufgeführt, +deren Hauptperson, mit einer grotesken Tracht ausstaffirt, allerlei +Extravaganzen vor den Zuschauern vollführt, welche nicht darüber +lachen. Da wir von den Stücken, welche auf dem Theater wieder +einstudirt werden, nicht zu reden pflegen, wenn sie nichts Nützliches +oder Interessantes darbieten, wollen wir auch über dieses schweigen«.</p> + +<p>Mirabeau hatte gesagt, es gelte Frankreich zu »dekatholisiren«. Man +sieht, diese Arbeit nahm ihren Fortgang. Von den Kommünen lief ein +Gesuch nach dem andern ein, von ihren Namen befreit zu werden, welche +durchgehends diejenigen des einen oder andern Heiligen waren, und +einen selbstgewählten annehmen zu dürfen. So wurde Saint-Denis, dessen +kopfloser Heiliger niemals existirt hat, Franciade genannt. Ringsum +in den Provinzen folgte man dem Beispiele von Paris. Nichts was an +das Königthum von Gottes Gnaden erinnern konnte, wurde verschont. +Ein ehrwürdiger, weißbärtiger Elsässer, Namens Ruhl, Mitglied des +Wohlfahrtsausschusses, hatte sich im Jahre 1793 in den Besitz des +wunderthätigen heiligen Fläschchens mit dem himmlischen Salböl gesetzt, +daß eine Taube bei der Krönung Chlodwig's vom<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Himmel herniedergebracht +hatte, und verfügte sich mit demselben im Triumphe, von einer großen +Schaar Menschen gefolgt, zum Königsplatze in Reims, wo die Obrigkeit +und die Beamten sich schon um die Statue Ludwig's <span class="antiqua">XV.</span> versammelt +hatten. Dort hielt er eine Rede wider Tyrannei und Tyrannen und +endigte damit, daß er das heilige Fläschchen <span class="antiqua">Louis le bien-aimé</span> +so heftig an den Kopf warf, daß es in hundert Stücke zersprang und +das heilige Oel nochmals von den Wangen des Gesalbten des Herrn +heruntertroff.</p> + +<p>Züge wie diese, Worte wie die angeführten zeigen hinlänglich und +mit der Anschaulichkeit, welche <span class="antiqua">ipsissima verba</span> haben, wie +vollständig es der Revolution in diesem Stadium gelungen war, das +Autoritätsprincip zu zermalmen. Es ist nicht ohne tiefe Bedeutung, +daß die Adelsbriefe auf demselben Scheiterhaufen wie die Heiligen +der Kirche verbrannt wurden, oder daß der Unglaube an das heilige +Fläschchen die Verhöhnung der Königsmacht nach sich zieht. Von dem +Augenblick an, wo die religiöse Autorität gestürzt ist, ist die +Zauberkraft des Autoritätsprincips in allen Sphären gebrochen.</p> + +<p>Es ist zertrümmert; aber wodurch wird man es ersetzen? Welches Princip +soll es ablösen? Wird Voltaire oder Rousseau, das Princip der Freiheit +oder der Brüderlichkeit siegen? Jedes für sich umfaßt das Princip +der Gleichheit, nur in verschiedenem Verstande. Als der Mystiker +Saint-Martin kurz vor der Revolution seine geheimnisvolle Lehre von +der heiligen Dreieinigkeit (<span class="antiqua">Ternaire</span>) aufstellte: Freiheit, +Gleichheit und Brüderlichkeit, die immer existirt hätten und ewig +existiren würden, ahnte er nicht, daß sich zwischen diesen Principien +eine Spaltung und ein Kampf entwickeln könne. Voltaire sagt irgendwo: +»Man hat ganz recht gethan, die Dreieinigkeit Einen Gott bilden zu +lassen, denn wären es drei, so würden sie sich mit einander raufen«. +Saint-Martin's <span class="antiqua">Ternaire</span> entlud 1793 die Gegensätze, welche er in +seinem Schooße barg.</p> + +<p>Im Aprilmonat 1793 erschien die neue Erklärung der Menschenrechte, +welche Robespierre verfaßt und bei den Jakobinern als ihr Programm zur +Anerkennung gebracht hatte, und in demselben Monat erschien mitten +unter dem heftigen<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Streite zwischen Robespierre und Vergniaud das +Projekt des entgegengesetzten Lagers zu einer Verfassung, welches +von Condorcet, Barrère, Thomas Payne, Pétion, Barbaroux, Sièyes und +mehreren Andern verfaßt, und von Condorcet redigirt war.</p> + +<p>Legt man diese beiden Entwürfe neben einander, so hat man im Keime +die beiden Doktrinen, denen in Zukunft der Kampf um die Herrschaft +vorbehalten war: — der Liberalismus und der Socialismus, jener von +Voltaire, dieser von Rousseau stammend. Da die beiden Programme Punkt +für Punkt dieselben Gegenstände definiren, fällt der Gegensatz mit +einer Klarheit, wie nirgendwo sonst, in die Augen.</p> + +<p>Um Mißverständnissen zu entgehen, muß gleich bemerkt werden, daß +von eigentlichem Socialismus während der Revolution nicht die Rede +ist. Ihre That war, das Kapital von ungerechten Lasten und Bürden zu +befreien, nicht die Last des Kapitals zu begrenzen. Dies zeigt sich am +schärfsten in der Thatsache, daß das erste Zeugnis, durch welches nach +Eroberung der Bastille die siegreiche Bourgeoisie ihre neue Herrschaft +bezeichnete, der Erlaß einer Verordnung ist, wonach die Buchdrucker die +Verantwortung für jede Broschüre und jedes Flugblatt tragen sollen, +die von Schriftstellern »<span class="antiqua">sans existence connue</span>«, ohne notorisch +bekannte Subsistenzmittel, veröffentlicht werden. Diese Verordnung +wird am 24. Juli 1789, also genau zehn Tage nach Erstürmung der +Bastille, erlassen; man sieht also, daß die Bourgeoisie dafür sorgte, +die Leiter hinter sich hinauf zu ziehen, sobald sie oben war. Nachdem +sie sich selbst ihren Platz mit Hilfe der Feder erobert hat, ist +ihre erste That, dem Proletariat die Feder aus der Hand zu schlagen. +(Vergl. Lassalle's »Arbeiterprogramm«.) Allein während der Entwurf der +Girondisten zuerst und vor Allem das individuelle Recht zu schützen +sucht: das Gewissen, die freien Gedanken, (<span class="antiqua">les franchises de la +pensée</span>, wie man damals sagte), die Unverletzlichkeit des häuslichen +Heerdes, die Gleichheit vor dem Gesetz, das richtige Verhältnis +zwischen Vergehen und Strafe, betonen die Jakobiner auf allen Punkten +die Solidarität der Menschen und die Pflicht der Brüderlichkeit. +Condorcet sagt: »Freiheit besteht in der Macht, Alles zu thun,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> was +nicht den Rechten Anderer widerstreitet«. Robespierre fügt seiner +Definition: »Die Freiheit ist die dem Menschen zukommende Macht, nach +Gutdünken all' seine Fähigkeiten zu üben«, die Worte hinzu: »Sie hat +<em class="gesperrt">die Gerechtigkeit zur Norm</em>, die Rechte Anderer zur Grenze, +die Natur zum Princip und das Gesetz zum Beschützer«. Während die +Girondisten das Eigenthumsrecht zu einem absoluten und individuellen +Rechte machen, machen die Jakobiner es zu einem relativen und socialen, +ohne sich jedoch im Geringsten praktisch an demselben zu vergreifen. +Robespierre sagt sogar: »Ich will Euch erst einige Artikel vorschlagen, +welche nothwendig sind, um Eure Theorie vom Eigenthumsrechte zu +vervollständigen. Möge dies Wort Niemanden erschrecken! Ihr Kothseelen, +die Ihr nur das Gold achtet, ich will Eure Schätze nicht antasten, +wie unrein ihre Quelle auch sein möge. Ihr solltet wissen, daß das +agrarische Gesetz, vor welchem Ihr solche Angst hegt, ein Schreckbild +ist, das Buben aufgestellt haben, um Dummköpfe damit zu schrecken. Man +bedurfte wahrlich nicht einer Revolution, um zu lernen, daß ein hoher +Grad von Mißverhältnis zwischen Dem, was der Eine, und Dem, was der +Andere besitzt, die Quelle vieler Uebel und vieler Verbrechen sei; aber +wir sind nichts desto weniger davon überzeugt, daß Vermögensgleichheit +nur eine Chimäre ist«. Der Gegensatz ist trotzdem deutlich genug. +Für Condorcet ist die Gesellschaft ein System von Garantien, für +Robespierre ein sympathetisches Band zwischen den Individuen. +Ersterer sagt: »Es findet Unterdrückung statt, wenn ein Gesetz die +<em class="gesperrt">Rechte</em> verletzt, welche es garantiren soll«. Der Andere sagt: +»Es findet Unterdrückung gegen die ganze Gesellschaft statt, wenn +ein einzelnes seiner Mitglieder unterdrückt wird«. Die Girondisten +stellen das Nicht-Interventionsprincip auf. Die Jakobiner lehren: »Die +Menschen aller Länder sind Brüder, und die verschiedenen Völker müssen +einander nach all' ihrer Kraft wie Brüder desselben Staates helfen. +Derjenige, welcher eine einzige Nation unterdrückt, erklärt sich für +einen Feind aller. Diejenigen, welche Krieg gegen ein Volk führen, +um den Fortschritt der Freiheit zu hemmen und die Menschenrechte zu +vernichten, müssen von allen Völkerstämmen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> verfolgt werden, nicht wie +allgemeine Feinde, sondern wie Mörder und aufrührerische Briganten«.</p> + +<p>Der Entwurf der Girondisten ist der reine Rationalismus; man erkennt +Voltaire wieder in dem Werk seiner Söhne. In der Erklärung des Berges +dagegen schlägt ein Herz. Es heißt z. B. darin: »Franzose ist jeder +Fremde, mag er auch nur ein Jahr lang in Frankreich gewohnt haben, +falls er ein Kind adoptirt oder die Sorge für einen Greis übernimmt«. +Selbst der Stil erinnert an Rousseau.</p> + +<p>Die Girondisten bekämpften jeden Despotismus, der ein menschliches +Antlitz trug, aber sie gewährten andererseits keinen Schutz wider die +Despotie der Verhältnisse. Sie gingen beständig nur negativ, niemals +positiv zu Werke. Für Robespierre dagegen war es klar, daß es Nichts +nütze, dem Gichtbrüchigen das Recht einzuräumen, geheilt zu werden, +wenn man ihn nicht heile, und daß es ein Hohn sei, dem Lahmen feierlich +das Recht zuzusichern, sich seiner Beine zu bedienen. Er ahnte, daß die +freie Konkurrenz in dem Augenblick eine Lüge sei, wo die Theilnehmer an +derselben bei Beginn des Wettrennens so gestellt seien, daß der Eine +auf einem stattlichen Roß sitze, während der Andere barfuß einherlaufen +müsse.</p> + +<p>Es ist dies selbe »Sociabilitäts-Gefühl« (wie Rousseau es bestimmte), +was Robespierre's bedeutungsvolles Eingreifen in den Kampf zwischen der +Revolution und der positiven Religion veranlaßt. Als die Revolution +erst einmal mit der Axt in der Hand in die Kirchen gedrungen war, +schien die Bewegung unwiderstehlich werden zu sollen. Man bestieg +die gebrechlichsten Stellagen oben unter dem Kirchengewölbe, um +Papstgesichter auszukratzen, die unter hundertjährigem Spinngewebe +verborgen gewesen. Die Heiligen wurden aus ihren Nischen herabgestoßen, +die Lampe des Kommissairs flackerte in den Kellern umher und warf ihr +Licht auf die bleichen Gesichter der Todten, während die Altarsplitter +aufgehäuft wurden »wie unförmliche Steine in einem Steinbruch«. Die +Vorsitzenden der revolutionären Ausschüsse trugen Sammethosen, die +aus Bischofsmänteln geschnitten, und Hemden, die aus den Meßgewändern +der Chorknaben verfertigt waren. Merkwürdig genug, treten plötzlich +einige wenige atheistische Schwärmer<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> auf (Anacharsis Clootz von +deutscher Herkunft, Chaumette, Hébert) und reißen die ganze Menge +zur Kirchenstürmerei mit fort. Merkwürdig genug, sage ich, weil man +im Ganzen während der Revolution eben so wenig Etwas von Atheismus +wie von Socialismus hört. Im Allgemeinen findet man bei den +revolutionären Abgeordneten in stereotyp sich wiederholenden Wendungen +Voltaire's und Rousseau's gemeinsame Religion: den Glauben an Gott +und Unsterblichkeit. So auch in allen Schriften der Zeitgenossen. +Thomas Payne's »Zeitalter der Vernunft« ist ein gutes Beispiel davon. +Selbst ein so rücksichtslos frivoles Gedicht wie Parny's »Götterkrieg« +predigt dieselbe Lehre. Camille Desmoulins schreibt in einem Briefe: +»Mein lieber Manuel! Die Könige sind reif (<span class="antiqua">mûrs</span>), aber der +gute Gott (<span class="antiqua">le bon Dieu</span>) ist es noch nicht. Beachte, daß ich +der gute Gott, nicht Gott sage, welcher ganz verschieden von Jenem +ist«. Dieser Standpunkt ist der Standpunkt der Zeit; ihre Aufgabe war +nicht, den Gottesbegriff einer Kritik zu unterwerfen, sondern ihn +von den Legenden der positiven Religionen zu befreien. Daher kommt +es, daß das Auftreten der Atheisten in der Nationalversammlung die +revolutionäre Bewegung über ihr eigentliches Ziel hinausführt und +Ausschreitungen veranlaßt, welche der Revolution schaden und sie in +den Augen der Zeitgenossen herabsetzen mußten. Um den Katholicismus +auf recht nachdrückliche Weise zu treffen, veranlaßte Clootz einen +Bischof, Namens Gobel, in einem Briefe an den Konvent eine Erklärung +abzugeben, welche mit den Worten begann: »Bürger Repräsentanten! ich +bin ein Priester, d. h. ein Charlatan. Bisher war ich ein ehrlicher +Charlatan, ich habe nur betrogen, weil ich selber betrogen war« u. s. +w. Dieselbe endete natürlich damit, daß er sich jetzt zur Philosophie +bekehrt habe. Chaumette, der schwärmerische Enthusiast, welcher die +Abschaffung der Peitschenstrafe in den Erziehungsanstalten und die +Aufhebung der Prostitution durchgesetzt hatte, war es, welcher die +Kommüne bewog, zu dekretiren, daß die Notre-dame-Kirche in Zukunft +dem »Kultus der Vernunft« geheiligt sei. In der Kirche wurde ein +Tempel errichtet mit der Inschrift: »<span class="antiqua">A la philosophie</span>«, +dessen Eingang mit Büsten von Philosophen geschmückt war. Als er<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> +zum ersten Mal geöffnet wurde, trat eine, die Freiheit vorstellende +junge Schauspielerin, Mademoiselle Candeille, aus demselben hervor, +und eine Hymne an die Freiheit von Marie-Joseph Chénier, zu welcher +der Komponist der Republik, Gossec, die Musik geliefert hatte ward zu +ihrer Ehre gesungen. Ein andermal wurde Mademoiselle Maillard von der +Oper, ein schönes stattliches Weib, mit der rothen Jakobinermütze auf +dem aufgelösten Haare und mit einem himmelblauen Mantel um die weißen +Schultern, als Göttin der Vernunft auf einer mit Eichenguirlanden +umkränzten Bahre, begleitet von Hornmusik, Männern mit rothen Mützen +und zahlreichen Konventsmitgliedern, aus der ehemaligen Kathedralkirche +in die Konventsversammlung getragen, wo der Präsident ihr einen Kuß auf +die Stirn drückte. Allein diese, an und für sich harmlosen Ceremonien +wurden travestirt, indem der Pöbel sie auf pöbelhafte Weise nachäffte. +Kourtisanen ließen sich als Vernunftgöttinnen im Triumph einhertragen. +Die Kirchen wurden Stätten der Trunkenheit und wilder Orgien. Die +Kirche Saint-Eustache wurde geradezu in eine Schenke verwandelt. +Verkleidete Priester hetzten, wie Abbé de Montgaillard mittheilt, +zu Ausschreitungen auf. Die Reliquien der heiligen Genoveva wurden +verbrannt; Heilige von Holz, Breviere, Gebetbücher, alte und neue +Testamente wurden auf dem Grèveplatze in solchen Massen verbrannt, daß +der Scheiterhaufen bis zum zweiten Stockwerk der Häuser emporstieg. +Von dem Taumel ergriffen, ernannten sogar die Jakobiner Clootz zum +Präsidenten ihres Klubs. Da protestirt Robespierre und treibt durch +seine persönliche Ueberlegenheit die Revolution aus der Bahn, welche +sie eingeschlagen hatte, heraus. Eben weil er fast in keiner Beziehung +seiner Zeit voraus ist, versteht er sie wie kein Anderer, und weil er +sie versteht, ergreift er das politisch Richtige, das, was von der +Zeit <em class="gesperrt">verstanden</em> werden kann. Er ist es, welcher, den Blick +auf Europa geheftet, den Konvent bewegt, das Dekret zu erlassen, daß +das französische Volk die Existenz des höchsten Wesens anerkenne, so +wie auch er es war, welcher die Jakobiner veranlaßte, eine Adresse +an den Konvent einzureichen, daß die Versammlung das Ihrige thun +solle, um den Glauben<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele +wieder herzustellen. Robespierre ist es, welcher die heftigen Kämpfe +für diese beiden Ideen führt, gleichzeitig sich polemisch gegen das +Christenthum und den Pantheismus wendend, den er stets fürchtete und +niemals verstand. Zuerst greift er die Kirchenstürmer an. »Derjenige«, +sagt er, »welcher verhindern will, daß Messe gelesen werde, ist ebenso +fanatisch, wie Der, welcher sie liest. Es giebt Menschen, welche +glauben, aus dem Atheismus eine Religion bilden zu können. Jeder +Philosoph, jedes Individuum kann in dieser Hinsicht jegliche Meinung +hegen, die ihm beliebt; wer ihm dieselbe zur Last legen wollte, +wäre verrückt; aber noch verrückter wäre der Gesetzgeber, welcher +ein solches System annehmen wollte. Der Nationalkonvent verabscheut +dasselbe. Der Konvent ist kein Buchfabrikant, kein Verfasser +metaphysischer Systeme. Er ist ein politischer und volksthümlicher +Körper.« Er richtet gegen die Schüler der Encyklopädisten seinen Satz, +daß die Ideen Vorsehung und Gerechtigkeit eine und dieselbe Idee +seien; er schleudert wider sie das zu jener Zeit furchtbare Wort, daß +der Atheismus aristokratisch sei! Und als er im Mai 1794 die Tribüne +besteigt, um den Konvent aufzufordern, das Fest für das höchste Wesen +zu feiern, wendet er sich nach einigen begeisterten Worten zu Ehren +Rousseau's eben so bestimmt gegen das Christenthum. »Fanatiker, hoffet +nichts von uns! Die Menschen zur reinen Verehrung des höchsten Wesens +zurück rufen, heißt dem Fanatismus den Todesstoß versetzen. Alle +Fiktionen verschwinden gegenüber der Wahrheit, und alle Tollheiten +sinken dahin vor der Vernunft ... Was haben die Priester mit Gott zu +thun? Die Priester verhalten sich zur Moral, wie die Charlatane sich +zur Medicin verhalten«. In Uebereinstimmung mit der Vorstellung des +ganzen Jahrhunderts, daß die Priester die Religionen erfunden hätten, +sagt er: »Die Priester haben Gott zu einem Feuerballe, einem Ochsen, +einem Stück Holz, einem Menschen, einem Könige gemacht. Der wahre +Priester des höchsten Wesens ist die Natur, sein Tempel das Universum, +sein Kultus die Tugend«. Er weist besonders nach, daß die Priester +überall den Despotismus gestützt haben. »Ihr seid es, die zu den +Königen gesagt haben:<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Ihr seid die Bilder Gottes auf Erden, ihr habt +von ihm eure Macht, und die Könige haben Euch geantwortet: Ja, ihr seid +in Wahrheit die Sendboten Gottes; lasset uns vereinigen, um die Beute +und den Weihrauch zu theilen«.</p> + +<p>Die Folge dieser Doppelbestrebungen war das Manifest des Konvents +an alle Völker der Erde, daß derselbe eine freie Gottesverehrung +anerkenne, und daß er »die Extravaganzen der Philosophie eben so sehr +wie die Verbrechen des Fanatismus« verdamme. Es heißt darin: »Eure +Herren werden euch sagen, das französische Volk habe alle Religionen +geächtet und es habe die Verehrung einiger Menschen an die Stelle der +Verehrung der Gottheit gesetzt; sie schildern uns in euren Augen als +ein abgöttisches und wahnwitziges Volk. Sie lügen. Das französische +Volk und seine Vertreter achten die Freiheit zu jederlei Art von Kultus +und ächten keinerlei Art davon«. So wird nun eine bestimmte Anzahl +religiöser Feste dekretirt. Robespierre hält die Rede darüber. Er sagt:</p> + +<p>»Du sollst deinen Namen einem der schönsten dieser Feste schenken, +du o Tochter der Natur, du Mutter des Glücks und der Ehre, du einzig +legitime Herrscherin der Welt, welche das Verbrechen vom Thron +gestoßen, du, welcher das französische Volk ihre Macht zurückgegeben +hat, und welche ihm dafür ein Vaterland und sittlichen Ernst verleiht, +ehrwürdige <em class="gesperrt">Freiheit!</em> Und du sollst unser Opfer mit deiner +unsterblichen Schwester und Begleiterin theilen, du sanfte und heilige +<em class="gesperrt">Gleichheit!</em> Wir wollen auch die Menschheit feiern, welche von +den Feinden der französischen Republik herabgewürdigt und unter die +Füße getreten wird. Ein schöner Tag wird es sein, an welchem wir das +Fest für das Menschengeschlecht feiern können, wenn das französische +Volk aus dem Schooße des Sieges die ungeheure Menschenfamilie zu sich +einladen kann, deren Ehre und deren unveräußerliche Rechte es verficht. +Wir wollen auch alle die großen Männer verherrlichen, aus welcher +Zeit und welchem Lande immer sie stammen mögen, die ihr Vaterland vom +Joche der Tyrannen erlöst und die Freiheit durch verständige Gesetze +begründet haben«.</p> + +<p>In Folge Dessen wurde das Fest für das höchste Wesen, welches +Robespierre den schönsten Tag seines Lebens nannte,<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> gefeiert. Hier +auf der Zinne seiner Macht, aber von seinen Todfeinden umringt, +unmittelbar vor seinem Falle, trat er als Prophet auf. Die Naivetät +des ganzen Arrangements hat etwas rührend Burleskes. Mit einem Bouquet +von Blumen und Weizenähren in der Hand, schritt er, für diesen Tag zum +Präsidenten ernannt, an der Spitze des ganzen Konventes durch Paris zum +Festhügel auf dem Marsfelde. Der Konvent war auf seinem Marsche von +einem dreifarbigen Bande umgeben, das von Kindern, Jünglingen, Männern +und Greisen getragen ward, welche je nach ihrem Alter mit Veilchen, +Myrthen, Eichen- oder Weinlaub geschmückt waren. Jedes Konventsmitglied +trug eine dreifarbige Schärpe und ein Bouquet von Aehren, Blumen und +Früchten. Als der Konvent seinen Platz auf der Spitze des Hügels +eingenommen hatte, erfolgte eine nach der Aussage aller Augenzeugen +zwar theatralische, aber höchst imponirende Scene. Die Anrufung des +Ewigen ward von Tausenden von Stimmen laut in die Luft gesungen. Die +jungen Mädchen streuten Blumen, die jungen Männer schwangen ihre +Waffen und schworen, Frankreich und die Freiheit zu retten. Eine +Ceremonie im naiven Geschmacke der Zeit krönte das Fest. Der Maler +David hatte auf dem Festplatze eine Gruppe von Ungeheuern ausgeführt: +der Atheismus, der Egoismus, die Zwietracht und der Ehrgeiz, welche +garstigen Geschöpfe von nun an bis in Ewigkeit aus der Welt vertilgt +sein sollten. Robespierre ergriff eine Fackel und schwang sie wider die +terpentinbestrichenen Monstra, sie loderten in Flammen auf, und eine +unverbrennliche Statue der Weisheit zeigte sich an ihrer Stelle. Durch +eine absonderliche Ironie des Schicksals war diese Statue von Flammen +und Rauch vollständig geschwärzt worden.</p> + +<p>Das Fest für das höchste Wesen ist ein naiver, aber ungeheuchelter +Ausdruck der Religiosität des achtzehnten Jahrhunderts. Robespierre +hatte vollkommen Recht, zu beklagen, daß Rousseau diesen Tag nicht +erlebt habe; es wäre ein Fest nach seinem Herzen gewesen. Und einen +so festen Grund hatten diese Ideen in der Versammlung gefaßt, daß sie +stehen blieben, als Robespierre fiel. Die bürgerliche Religion, welche +der Konvent dekretirte, war nicht ihm zu verdanken. Man<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ging, weit +entfernt, nach seinem Tode umzukehren, stets weiter auf dem begonnenen +Wege. Der republikanische Kalender ward eingeführt. Da, wie es in der +Motivirung hieß, die christliche Aera »die Zeit der Lüge, des Betruges +und der Charlatanerie« gewesen sei, wurde der christliche Kalender +abgeschafft, die Zeit von 1792 an gerechnet, die Woche in zehn Tage +eingetheilt, und der Vorschlag gemacht, die Heiligennamen der Tage +durch die Namen von Ackerbaugeräthschaften und nützlichen Hausthieren +zu ersetzen.</p> + +<p>Bald erschienen direkte Katechismen der neuen Religion. Es heißt in +einem solchen (<span class="antiqua">Office des décades en discours, hymnes et prières +en usage dans les temples de la Raison</span>): »Freiheit, Du höchstes +Glück des Menschen auf Erden, geheiliget werde Deine Name bei allen +Völkern der Erde! Zu uns komme Dein glückbringendes Reich und stürze +die Herrschaft der Tyrannen! Dein heiliger Kultus ersetze die Verehrung +jener verächtlichen Götzen, deren Altar Du zertrümmert hast!... Ich +<em class="gesperrt">glaube</em> an ein höchstes Wesen, das die Menschen frei und gleich +erschaffen hat, das sie gebildet hat, einander zu lieben und nicht +einander zu hassen, das durch Tugenden und nicht durch Fanatismus +geehrt werden will, und in dessen Augen die schönste Gottesverehrung +die Verehrung der Wahrheit und Vernunft ist. — Ich glaube an den +nahen Untergang aller Tyrannen, an die Wiedergeburt der Sitten, an die +zunehmende Verbreitung aller Tugenden und an den ewigen Triumph der +Freiheit«.</p> + +<p>Ein Glaubensbekenntnis wie dies ist nicht ohne Größe. Aber leider +bekannte man gleichzeitig seinen neuen Glauben auf andere Weisen. Man +wollte die Kirchen für die neue Religion aufräumen, und die Abschaffung +des Sonntags ward aus praktischen Gründen bald die große Lebensfrage. +Man kam rasch dahin, daß Jeder, der den Sonntag feierte, als verdächtig +erschien, und es war damals gefährlich, in Verdacht zu gerathen. +Gewaltsame Versuche, die Sonntagsfeier zu verhindern, bildeten unter +dem Konvente eine neue Form der Tyrannei, die, obwohl harmloser als die +Tyrannei, welche sie ablöste, derselben an Roheit und Unverstand nichts +nachgab.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p> + +<p>Noch unter dem Direktorium, das die ersten Spuren einer reaktionären +Bewegung in den unteren Schichten der Gesellschaft empfand, gab es, +wie man aus den Memoiren eines Zeitgenossen ersieht, Deputirte, +welche Nervenzufälle bekamen, wenn sie nur das Wort Priester hörten, +und das Werk des Niederreißens wurde mit Leidenschaft fortgesetzt. +»Jeder«, sagt Laurent, »der einen Tropfen revolutionären Blutes in den +Adern hatte, arbeitete mit fieberhaftem Eifer an der Zerstörung des +Christenthums«. Man nahm keinen Anstand, in officiellen Berichten die +Gläubigen als »Schwachköpfe« (<span class="antiqua">imbeciles</span>) zu bezeichnen. Das +Direktorium selbst sagt in einer Proklamation des Jahres <em class="gesperrt">VI</em> über +die Wahlen, man müsse »die unglücklichen Fanatisirten entfernen, welche +die Leichtgläubigkeit verblendet, und welche auf den Einfall gerathen +könnten, sich aufs Neue den Priestern zu Füßen zu werfen«.</p> + +<p>In Wirklichkeit hatte die Geistlichkeit nicht aufgehört, der +furchtbarste Feind der Revolution zu sein. Der blutige Krieg in der +Vendée war zum großen Theile ihr Werk. Die Gräuel dort überstiegen +jedes Maaß. An einem Orte ward der konstitutionelle Priester durch +Steinwürfe heulender Weiber getödtet, an einem andern Orte ward er +ebenfalls von Weibern zerrissen. Dem republikanischen Präsidenten +Joubert sägte man die Hände ab, ehe man ihn erschlug. In einer Stadt +begrub man seine Feinde lebendig, so daß die republikanischen Truppen, +als sie einzogen, Arme, welche sich um den Rasen krampften, aus der +Erde hervorragen sahen. Selbstverständlich herrschte Unrecht auf beiden +Seiten; nur darf man nicht vergessen, daß es der rasende Widerstand der +Anhänger der verurtheilten Vergangenheit war, welcher Frankreich in das +Schreckensregiment stürzte, und daß die Bischöfe, wenn sie das Volk +zu den Waffen riefen, viel ärger als die Revolutionsmänner handelten, +da sie alles Das wieder einführen wollten, was die Revolution nöthig +gemacht hatte. Wie dem Allen auch sei, so sahen die Revolutionsmänner +bald ein, daß ihr Verfahren das entgegengesetzte Resultat Dessen, +was man gewünscht und erwartet hatte, herbei führte. Bezeichnend +genug, sind es die Kommissaire, die nach der Vendée gesandt<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> wurden, +welche zuerst für vollständige Trennung von Kirche und Staat das +Wort nahmen. In ihren Augen war diese das einzige Mittel, um die +Gemüther zu beruhigen und dem Lande den Frieden zu Schenken. Schon der +gesetzgebenden Versammlung hatte ein Priester den Antrag eingereicht, +daß der Staat keinerlei Kultus mehr besolden solle. Aber man war +damals zu leidenschaftlich, um nicht Partei ergreifen zu wollen. Man +hoffte, wie es oftmals ausgesprochen ward, mit Hilfe des allgemeinen +Unterrichts »alle Sekten zu vernichten«. Man bildete sich ein, daß +die Zeit der Dogmen vorüber, daß die Zeit erschienen sei, wo, wie der +Amerikaner Jefferson geschrieben hat, die wunderbare Empfängnis Christi +im Schooße einer Jungfrau in dieselbe Kategorie mit der wunderbaren +Empfängnis Minerva's im Haupte Jupiter's gesetzt werden würde. In +einem Bericht aus der Zeit des Konventes hieß es: »Bald wird man jene +absurden Dogmen, jene Ausgeburten der Furcht und des Irrthums, nur noch +kennen lehren, damit man sie geringschätze. Bald wird die Religion +des Sokrates, des Mark Aurel und Cicero die Weltreligion sein.« Und +als Madame Roland in ihren Memoiren einmal das Wort Katechismus +gebraucht, hält sie es für nöthig, dasselbe der Nachwelt zu erklären. +Sie schreibt: »Bei der Schnelligkeit, mit welcher jetzt Alles vorwärts +geht, werden Diejenigen, welche Dies lesen werden, vielleicht fragen, +was dies Wort bedeute; ich will es ihnen daher erklären«.</p> + +<p>Man hatte nicht bedacht, daß die Masse des Volkes in ihrer Unwissenheit +für die Aufrufe der Revolutionsmänner nicht empfänglich und aus alter +Gewohnheit geneigt war, sobald sich wieder Gelegenheit dazu bot, +unter die Gewalt der Geistlichkeit zurück zu sinken. Das fühlte man +bald. General Clarke schreibt um das Jahr 1800 in einem Briefe an +Bonaparte: »Unsere Religionsrevolution ist uns mißlungen. Man ist in +Frankreich wieder römisch-katholisch geworden. Es sind dreißig Jahre +Preßfreiheit erforderlich, um die geistige Macht des römischen Bischofs +zu stürzen«. Diese Worte treffen den Nagel auf den Kopf; nur daß man +dreihundert statt dreißig setzen und der Preßfreiheit obligatorischen, +unentgeltlichen und absolut weltlichen Unterricht hinzufügen muß.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p> + +<p>Daß hierin durchaus keine Entschuldigung für die religiöse Restauration +liegt, ist jedoch eben so gewiß. Welcherlei Ausschreitungen auch +noch hin und wieder in der Praxis stattfanden: gesetzmäßig herrschte +in Frankreich zu der Zeit, als das Konkordat abgeschlossen ward, +vollkommene Religionsfreiheit. Auf die Priesterverbannungen des +Konvents und die mangelhafte Toleranz des Direktoriums war rechtlich +eine vollkommene Sicherheit für alle Religionsbekenntnisse gefolgt, +indem der Priestereid weggefallen und durch ein einfaches Versprechen, +dem Gesetze gehorchen zu wollen, ersetzt worden war, und indem jeder +Priester durch freiwillige Beiträge seiner Gemeinde unterhalten ward, +ohne daß der Staat sich darein mischte. Selbstverständlich fielen +diese Beiträge nicht allzureichlich aus, und mancher Priester sehnte +sich nach den fetten Fleischtöpfen früherer Zeit und nach der Allianz +zwischen dem Scepter und dem Weihrauchfasse zurück, welche Robespierre +einmal geschildert. Bonaparte hatte die Wahl, den Keim zu religiöser +Freisinnigkeit und Freiheit, welcher so kräftig emporgeschossen war, zu +entwickeln, oder den religiösen Fanatismus und die geistliche Herrsch- +und Gewinnsucht als ein Werkzeug seiner Macht zu benutzen. Zwischen +einen sicheren Vortheil auf der einen, und ein großes und edles Princip +auf der andern Seite gestellt, besann er sich nicht lange. Seine +Herrschgier wählte für ihn.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>[<span class="antiqua">Laurent: Histoire du droit de gens, Tome XIV. — Carlyle: History +of the French revolution, Vol. I-III. — Louis Blanc: Histoire de +la révolution française, Tome I-XII. — Chateaubriand: Mémoires +d'outre-tombe, Tome I-II.</span>]</p> +</div> + + +<h3>2.</h3> + +<p>In einer Oktobernacht des Jahres 1801 ward ein verschlossener, von +einer Wache eskortirter Wagen heimlich nach Paris hereingebracht. Was +mochte in diesem Wagen verborgen sein? War es ein Verbrecher? War es +Schmugglerwaare? In dem Wagen saß ein alter Mann, ein Priester, der +Legat des Papstes an den General Bonaparte (Caprara war sein Name), und +die Schmugglerwaare, welche aus diese<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Weise im Dunkel der Nacht nach +Paris gebracht wurde, war das Konkordat mit Rom, die Wiederaufrichtung +des christlichen Kultus in Frankreich. Man wagte nicht, einen Priester +in solcher Mission seinen Einzug bei helllichtem Tage halten zu +lassen. Durch die bedachtsame und vorsichtige Veranstaltung des ersten +Konsuls wurde die Sache bis zur Nachtzeit verschoben. Nicht daß man +Gewaltthätigkeiten befürchtet hätte, man fürchtete nur Gelächter. »Man +wagte nicht die lachlustige Bevölkerung von Paris auf eine solche Probe +zu stellen«. (<span class="antiqua">Thiers: Histoire du consulat et de l'empire, Tome III, +pag. 211</span>).</p> + +<p>Als nach unzähligen Versuchen, eine Uebereinkunft zu erzielen, während +welcher es jeden Augenblick geschienen hatte, als sollte der Faden +der Unterhandlungen für immer abreißen, das Konkordat endlich seinem +Abschlusse so nahe war, daß Bonaparte im April 1802 den Kardinal +officiell empfangen konnte, stieß man auf eine ähnliche Schwierigkeit. +Es ist kirchlicher Gebrauch, daß einem Legaten in außerordentlicher +Mission ein goldenes Kreuz vorangetragen wird. Der Kardinal bat sich +daher aus, daß das Kreuz an dem Tage, wo er sich nach den Tuilerien +begebe, ihm von einem rothgekleideten Officier zu Pferde vorangetragen +werde. Aber man fürchtete, sagt Thiers, der Pariser Bevölkerung ein +solches Schauspiel zu geben (Thiers, ebendaselbst, Seite 342). Man kam +überein, es mit dem Kreuze zu machen, wie man es ein halbes Jahr zuvor +mit dem Kardinal gemacht hatte, nämlich es in einem verschlossenen +Wagen ihm voran zu fahren.</p> + +<p>Endlich, acht Tage darauf, am Ostertage den 18. April 1802 (am 28. +Germinal des Jahres <span class="antiqua">X</span>) wurde, nachdem das Konkordat am Morgen +an allen Straßenecken von Paris angeschlagen worden war, und nachdem +der erste Konsul an demselben Morgen, um den Tag zu verherrlichen, +den Frieden von Amiens unterzeichnet hatte, das große Tedeum in +der Notre-dame-Kirche zur Verherrlichung der Wiedereinführung des +christlichen Kultus, oder, wie es in der officiellen Sprache hieß, +zur Versöhnung der Revolution mit dem Himmel, gesungen. Die Programme +für die Ceremonie waren zum Voraus vertheilt. Mit einem großen und +gewaltigen Gefolge<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> verfügte der erste Konsul sich zur Kirche; er +hatte vorher persönlich die Frauen aller höheren Beamten auffordern +lassen, sich in großer Toilette einzufinden. Sie folgten der Madame +Bonaparte; er selbst war von seinem ganzen Stabe, von allen seinen +Generalen und von allen Männern begleitet, welche bedeutendere Aemter +inne hatten. Die Wagen, welche dem alten Hofe gehört hatten, wurden +bei dieser Gelegenheit wieder in Gebrauch genommen. Bonaparte fuhr in +den Equipagen der alten Monarchie und mit ihrer ganzen Etikette zur +Kirche. Artilleriesalven verkündeten der Welt dies Wiederauferstehen +der Privilegien von den Todten und diesen ersten Versuch zur +Wiederaufrichtung der königlichen Macht und Herrlichkeit. Truppen der +ersten Militairdivision bildeten Spalier von den Tuilerien bis zur +Notre-dame. Der Erzbischof von Paris empfing den ersten Konsul an +der Kirchenthür und reichte ihm das Weihwasser. Er wurde unter einen +Thronhimmel auf einen für ihn reservirten Platz geführt. Der Senat, +der gesetzgebende Körper und das Tribunat waren zu beiden Seiten des +Altares aufgestellt. Die Kirche war bald von Uniformen, Toiletten +und Livreen erfüllt. Die Livreen, welche während der Revolution +verschwunden gewesen, kehrten mit den Ornaten zurück. Hinter dem +ersten Konsul standen seine Generale in Gala-Uniform »mehr gehorchend, +als bekehrt«, wie Thiers sie schildert. Sie gaben sich Mühe, durch +ihr Aeußeres zu zeigen, was wirklich der Fall war, nämlich daß sie +sich wider ihren Willen dort befanden, und daß die ganze Ceremonie +ihnen lächerlich und unwürdig erschien. Ihre Haltung war, was man von +entgegengesetzter Seite als »wenig geziemend« bezeichnet hat. Gegen +sie stach die Haltung des ersten Konsuls ab. Er stand in seiner rothen +Konsulsuniform, unbeweglich, mit strenger und verschlossener Miene, +ernst und kalt, ohne weder die Zerstreutheit der Widerhaarigen, noch +die Andacht der Gläubigen zu theilen. An seinem Degengehenk blitzte der +berühmte Diamant, »der Regent«. Er hatte ihn zu dieser Feierlichkeit +dort fassen lassen, als Symbol, daß die Insignien der Macht jetzt von +der Krone auf das Schwert übergegangen seien. Man sah ihm an, daß diese +seine Handlung nicht ein<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Glaubens-, sondern ein Willensakt, und daß er +fest entschlossen sei, seinen Willen durchzusetzen.</p> + +<p>Am selben Morgen, als das Tedeum abgehalten ward, brachte der Moniteur +auf ausdrücklichen Befehl Bonaparte's die Anzeige eines Werkes, das +in der zweiten Ausgabe ihm selbst als dem Wiederaufrichter der Kirche +gewidmet war. Es war Chateaubriand's »Genius des Christenthums«. +Der Artikel war von Fontanes und hatte schon drei Tage vorher im +»Mercure« gestanden, ward aber jetzt auf Veranstaltung der Regierung +in dem officiellen Blatte wieder abgedruckt. Man sieht, daß »Der +Genius des Christenthums« ein Glied in der Festdekoration bei jenem +Tedeum ausmachte, so gut wie die weit ausgeschnittenen Kleider und +die Livreen. Die religiöse Reaktion in der Gesellschaft und in der +Literatur läßt sich fast von derselben Stunde, von derselben Ceremonie +an datiren. In einem Briefe von Joubert an Chateaubriand's Freundin +Madame de Beaumont kommt der schlagende Ausdruck vor: »Unser Freund +ist ausdrücklich <span class="antiqua">pour les circonstances</span> erschaffen und zur Welt +gebracht worden«. Man kann sich übrigens denken, daß die Inswerksetzung +dieser Ceremonie Bonaparte Mühe gekostet hatte. Was frommte es, daß an +den Straßenecken zu lesen stand: »es sei der päpstliche Souverain, zu +welchem das Beispiel der Jahrhunderte nicht minder als die Vernunft +uns die Zuflucht nehmen hieße, um die verschiedenen Meinungen zu +verschmelzen und die Sitten zu versöhnen«. Was frommte es, daß ein +Koncert in den Tuilerien und eine Illumination zur Ehre der Ceremonie +stattfand! Dieselbe ward mit eben so großem Unwillen aufgenommen, wie +das Fest für das höchste Wesen mit Enthusiasmus aufgenommen worden war. +Als Bonaparte, nachdem es vorüber war, sich in den Tuilerien zu einem +seiner Officiere, dem General Delmas, wandte und ihn frug, wie ihm +die Festlichkeit gefallen habe, erhielt er die Antwort: »Es war eine +hübsche Kapuzinade, es fehlte nur die Million Menschen, die sich hat +todtschlagen lassen, um Das niederzureißen, was Sie wiederaufrichten«. +Und Delmas sprach mit diesen Worten nur die allgemeine Stimmung der +Generale aus. Schon im November 1801 hatte sich bei dem Gedanken +einer Versöhnung<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> mit der Kirche allgemeine Erbitterung im Heere +gezeigt; Männer, welche Bonaparte sehr nahe standen, wie Lannes und +Augereau, hatten in den derbsten Ausdrücken ihrem Grolle über die +Aussicht, daß sie ihre Uniformen in einer Kirche zeigen sollten, +gegen ihn Luft gemacht, und unter den Soldaten hieß es allgemein, daß +die französischen Fahnen noch nie mit so vielen Lorbeeren bedeckt +worden seien, wie seit der Zeit, daß sie nicht mehr gesegnet würden. +Als die Generale jetzt eine bestimmte Ordre empfingen, sich in der +Notre-dame-Kirche einzufinden, sandten sie Augereau als ihren +Vertreter in die Tuilerien, um inständig zu bitten, daß man sie mit +dieser Schaustellung verschone; aber umsonst.</p> + +<p>Und bei allen öffentlichen Behörden war die Stimmung dieselbe. Das +Konkordatsprojekt war auf einstimmigen Widerstand gestoßen. Der +Minister des Aeußern, Talleyrand, widerrieth Bonaparte hartnäckig +diesen Schritt. Als ehemaliger Prälat wurde er persönlich von dem +Konkordate betroffen, und bei seinem politischen Scharfblick sah er +die unheilvollen, entsetzlichen Folgen für den Staat voraus. Ein +kaltes Schweigen beantwortete im Staatsrathe die Mittheilung, welche +der erste Konsul von dem Traktate machte, den er unterzeichnet hatte, +und doch hatte Bonaparte in dieser Versammlung seine entschiedensten +Anhänger. Selbst Thiers, den ich anführe, weil er in seiner Bewunderung +für Bonaparte nur äußerst mangelhaften Bericht über die Geschichte des +Konkordats erstattet und gern Alles verschweigt, was diese Begebenheit +in ihr wahres und scharfes Licht stellen kann, muß sich Worte wie +dieser bedienen: »Die Mitglieder saßen stumm und finster da, als hätten +sie eines der heilbringendsten Werke der Revolution vor ihren Augen +zu Grunde gehen sehn. Nichts unterbrach das kalte Schweigen dieser +Scene. Man schwieg, man trennte sich, ohne ein Wort zu reden, ohne eine +Meinung auszusprechen«. Noch schlimmer erging es im gesetzgebenden +Körper; derselbe legte seinen Protest wider die Restauration ein, +indem er zum Präsidenten der Versammlung Dupuis, den Verfasser des +bekannten Werkes »Ueber den Ursprung der Kulte« wählte, welches darauf +ausgeht, das Christenthum als eine auf der<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Astronomie begründete Fabel +(dieselbe, welche in dem bekannten kleinen Scherze von Vinet über +Napoleon als Allegorie auf die Sonne parodirt worden ist) darzustellen. +Napoleon, welcher sich doch schon in seiner fast unumschränkten Macht +fühlte, wagte nicht, das Konkordat allein dem gesetzgebenden Körper zu +überreichen; er begleitete dasselbe mit den sogenannten organischen +Gesetzen, deren ausgeprägt gallikanischer Geist demselben die Stimmen +Derjenigen verschaffen sollte, welche den ultramontanen Einfluß von Rom +fürchteten. Nichtsdestoweniger nahm der gesetzgebende Körper es erst +an, als alle seine entschiedensten Mitglieder ausgestoßen worden waren. +Was das Tribunat betrifft, so fand dort ein wahrer Aufruhr statt, und +es war nichts Geringeres, als ein neuer Staatsstreich, eine Reduktion +der Anzahl seiner Mitglieder auf 80, erforderlich, um seinen Widerstand +zu brechen. Die einzigen Zufriedenen waren im ersten Augenblicke +die jubelnde Klerisei, jedoch mit Ausnahme aller in Folge des neuen +Zustandes der Dinge verabschiedeten Bischöfe und Priester, die den +Eid auf die republikanische Verfassung abgelegt hatten, und die große +unwissende Bauernbevölkerung, welche weder lesen noch schreiben konnte +und sich nach ihrem Sonntag und ihrem Kirchenstuhl sehnte.</p> + +<p>Selbst in denjenigen Kreisen, welche dem ersten Konsul am allernächsten +standen, wurde ein Versuch nach dem andern gemacht, um seinen Beschluß +zu erschüttern, als derselbe ruchbar ward. Der Geist des achtzehnten +Jahrhunderts regte sich am mächtigsten in den Männern, welche durch +Genie und Talent die Ersten im Lande waren, und sie gerade waren es, +welche den täglichen und beständigen Umgang Bonaparte's ausmachten. +Sie gehörten Alle zu den gemäßigten Revolutionären und waren Alle +Schüler Voltaire's. Gelehrte, wie der berühmte Astronom Laplace, +wie die Mathematiker Lagrange und Monge, sagten täglich Bonaparte, +daß er im Begriff stehe, seine Regierung und sein Jahrhundert +herabzuwürdigen. Seine alten Waffenbrüder, gesteht Thiers, fürchteten, +obschon so geehrt von Allen, die Lächerlichkeit, welche sie am Fuße +des Altars zu erwarten schien. Selbst seine Brüder, die mit den besten +Schriftstellern der Zeit verkehrten, bestürmten<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> ihn mit Bitten, +nicht durch einen Schritt, welcher in solchem Grade dem Zeitgeiste +widerstreite, seine ungeheure Macht aufs Spiel zu setzen.</p> + +<p>So starke Ausdrücke zeigen, wie gewiß man war, daß das Christenthum als +todt gelten dürfe, was auch die früher citirten Worte der Madame Roland +beweisen.</p> + +<p>War es religiöse Ueberzeugung, die einen Geist wie den Bonaparte's +bewog, trotz aller berechtigten Rücksichten und Vorstellungen, in +diesem Hauptpunkte dem ganzen intelligenten Frankreich zuwider zu +handeln? Sicherlich nicht. Zahlreiche Aeußerungen von ihm beweisen, daß +er sich selbst gerade auf der Seite Derjenigen befand, die er bekämpfen +wollte, indem er dem sogenannten aufgeklärten Deismus Voltaire's und +des ganzen achtzehnten Jahrhunderts huldigte. Man hat, um Bonaparte +als gläubig zu schildern, seine Aeußerungen gegen Monge angeführt. +»Meine Religion ist sehr einfach«, sagte er zu ihm, »ich betrachte +dies so große, so zusammengesetzte, so herrliche Universum, und sage +mir selbst, daß es nicht ein Produkt des Zufalls sein kann, sondern +das Werk eines unbekannten, allmächtigen Wesens sein muß, welches so +hoch über dem Menschen steht, wie das Universum über unseren schönsten +Maschinen«. Aber Voltaire selbst würde sich ganz eben so ausgedrückt +haben. Bonaparte fuhr fort: »Allein diese Wahrheit ist für den Menschen +allzu karg ausgedrückt; er will von sich selbst und von seiner Zukunft +eine Menge Geheimnisse wissen, welche das Universum ihm nicht sagt. +Die Religion erzählt daher jedem Einzelnen, was zu wissen er Drang +verspürt. Unzweifelhaft leugnet die eine Religion, was die andere +feststellt. Aber ich schließe hieraus nicht, wie Volney, daß keine +aller Religionen etwas taugt, sondern vielmehr, daß sie alle gut sind«. +Lessing's Nathan führt ganz dieselbe Sprache. Es stimmt hiemit überein, +wenn Bonaparte zu Monge sagte: »In Aegypten war ich Muselmann, in +Frankreich muß ich Katholik sein. Ich glaube nicht an die Religionen, +sondern an die Idee von einem Gotte«.</p> + +<p>Er hatte früher in einer Rede, die er im December 1797 in Gegenwart des +Direktoriums und der öffentlichen Behörden hielt, »die Religion« nebst +der Königsmacht und<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> der Lehnsmacht zu den »Vorurtheilen« gerechnet, +welche »das französische Volk zu überwinden habe«. Er war ohne Skrupel +in Aegypten als Muselmann aufgetreten; in seiner Proklamation an die +ägyptische Bevölkerung heißt es: »Auch wir sind echte Muselmänner. +Sind wir es nicht, die den Papst vernichtet haben, welcher sagte, +man solle Krieg gegen die Muselmänner führen?« Nun bediente er sich +zwar wohl über denselben Papst solcher Ausdrücke, wie »der heilige +Vater« (officiell) oder »das gute Lamm« (privatim), aber wenn die +Unterhandlungen durch die römischen Chikanen scheiterten, so nannte +er den Papst in seinen Briefen »den alten Fuchs« und titulirte die +Priester — oder, wie er damals sagte, »<span class="antiqua">la prêtraille</span>« — +»schwachköpfige Faselhänse«.</p> + +<p>Sein Auftreten während der Verhandlungen mit Rom zeugt in eben so hohem +Grade für seine politische Schlauheit, wie gegen seine Orthodoxie. Als +Consalvi im Juni 1801 nach Paris reisen sollte, war er unvorsichtig +genug, in einem Privatbriefe auszusprechen, wie ängstlich ihm zu Muthe +sei, daß er sich so in den Rachen des Löwen, den jüngst wider die +Religion und den Priesterstand so feindseligen Herd der Revolution, +hineinwagen solle. Es gab jedoch eine Art von Odins-Raben, welcher +Bonaparten alle derartigen Privatbeichten wiederholte. Dieser Rabe +befand sich im Postamte, wo der Brief geöffnet wurde. Bonaparte +richtete den Empfang des Kardinals in genauer Uebereinstimmung mit dem +Eindrucke ein, den er hierdurch von seiner Persönlichkeit empfing. Es +war Abend, als Consalvi in Paris anlangte; aber schon auf den nächsten +Morgen ward seine Audienz angesetzt, so daß er weder Zeit finden +konnte, sich von den Anstrengungen der Reise zu erholen, noch sich mit +den Sendlingen des Papstes zu beraten. Er ward frühmorgens nach den +Tuilerien geholt und in ein großes leeres Zimmer geführt, das wie das +Vorgemach zum Audienzzimmer des ersten Konsuls aussah. Nach ziemlich +langem Warten wird ihm eine kleine Thür geöffnet, und durch diese +tritt er zu seinem Erstaunen in eine lange Reihe prachtvoller Säle, wo +alle höheren Staatsbeamten, der Senat, die gesetzgebende Versammlung, +die Generale und der Generalstab versammelt sind. Im Hofe sieht er +eine ganze Reihe von<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> Regimentern zur Revue aufgestellt. Es war, nach +seinem eigenen Ausdruck, der plötzliche Uebergang von einer Hütte in +einen Palast. All' die blendende Pracht und all' die furchteinjagende +Gewalt, welche die Konsularmacht in das imponirendste Licht stellen +konnte, war hier mit Ostentation entfaltet, und als der Kardinal +endlich im letzten Saale die drei Konsuln erreichte, welche von einem +glänzenden Gefolge umgeben waren, schritt Bonaparte ihm entgegen und +sagte in einem gebietenden Tone: »Ich weiß, weshalb Sie gekommen sind. +Sie haben fünf Tage zu Unterhandlungen. Wenn der Traktat bis dahin +nicht unterzeichnet ist, so ist Alles aus«. Im ersten Augenblick wurde +Consalvi gewiß verwirrt, aber bald gelang es ihm, Zeit zu gewinnen und +mit der ganzen Feinheit und List der römischen Staatskunst Bonaparte +so viele Schwierigkeiten in den Weg zu legen, daß Dieser während einer +der stürmischen Audienzen, welche der ersten folgten, mit eben so viel +Heftigkeit wie Hochmuth ausrief: »Wenn Heinrich <span class="antiqua">VIII.</span>, welcher +nicht den zwanzigsten Theil meiner Macht besaß, die Religion in seinem +Lande hat verändern können, um wie viel mehr kann ich es dann thun! Ich +will sie verändern, nicht allein in Frankreich, sondern in ganz Europa. +Rom wird blutige Thränen weinen, wenn es zu spät ist!«</p> + +<p>Mit solcher Geringschätzung sprach selbst der Wiederaufrichter der +Religion sich über die Macht aus, welche er wieder aufrichten wollte.</p> + +<p>Kann man sich also darüber wundern, daß das Gelächter und abermals +das Gelächter, gerade wie damals, als Julianus Apostata 1500 Jahre +vorher einen ähnlichen Versuch gemacht hatte, überall der gefürchtete +oder wirkliche, in der Regel aber unzertrennliche Begleiter jeder +Handlung war, welche zu der Restauration des alten Kultus in Beziehung +stand? Als Bonaparte im Staatsrathe das erste Breve Pius <span class="antiqua">VII.</span> +verlas, in welchem der »Papst seinen lieben Sohn Talleyrand« wieder +zu Gnaden aufnahm, erscholl ein halb ersticktes Lachen von allen +Anwesenden. Ja, Bonaparte vermochte bisweilen nicht einmal selbst +seinen Ernst zu bewahren. An dem Tage, als Kardinal Consalvi, mit +dem römischen Purpur bekleidet, ihm<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> eine Abschrift des Konkordates +während einer öffentlichen Audienz übergab, bekam der erste Konsul +plötzlich einen so konvulsivischen Lachanfall, daß die ganze +Versammlung wie blitzgetroffen dastand. Ja, noch mehrere Jahre später +war er so wenig von kirchlichen Handlungen erbaut und so wenig im +Stande, ihnen gegenüber sein Antlitz zu beherrschen — er, welcher +sonst in so ungewöhnlichem Grade seine Mienen im Zaume zu halten +verstand — daß er, als der Papst ihn 1804 zum Kaiser salbte, während +der ganzen Ceremonie zur Verwunderung der Umstehenden unaufhörlich +gähnte. Da verstand Karl <span class="antiqua">X.</span> als echter Bourbon es besser, den +Ernst zu bewahren, als er 1825 gesalbt wurde. Ohne eine Miene oder +nur den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, ließ er sich den ganzen +Oberkörper entblößen und erst den Scheitel, dann die Brust, dann die +Stelle zwischen den beiden Schulterblättern, dann diese selbst und +beide Armgelenke salben. Man spürt den Fortschritt seit den Tagen des +Kaiserthums.</p> + +<p>Alles, was mit der Wiederaufrichtung der geistlichen Gewalt und +der Wiedereinsetzung des katholischen Kultus in Verbindung stand, +widerstritt so schroff den Sitten und Ideen, welche durch die +Revolution die herrschenden in Frankreich geworden waren, daß man bei +solchen Ceremonien kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagte; die +Unwahrscheinlichkeit ihres Stattfindens schien so groß, daß man sich +nicht entschließen konnte, sie für Ernst zu halten. Ich führe als +Beweis dafür die Worte eines Augenzeugen an, und zwar eines solchen, +den man gewiß nicht voreingenommen gegen die Religion nennen kann, +nämlich de Pradt's, des Erzbischofs von Malines. Er sagt: »Wenn das +Lachen eines einzigen Menschen das Signal gegeben hätte, wären wir +in Gefahr gewesen, das unauslöschliche Gelächter der homerischen +Götter anzustimmen. Hier lag die Klippe, an der man scheitern konnte. +Glücklicherweise hatte der Polizeiminister Fouché für Alles gesorgt, +und Paris behielt, Dank ihm, seine ernsthafte Miene«. (<span class="antiqua">De Pradt: +Histoire des quatre concordats. Tome II., pag. 212.</span>)</p> + +<p>Konnte in Wirklichkeit etwas burlesker sein, als die Situation, deren +Gipfelpunkt in den Worten liegt: der Besuch<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> des Papstes in Paris. +Ein Papst in Paris! Das war, sagt der Erzbischof, ein kitzliches Ding +nach Allem, was in den letzten fünfzehn Jahren vorgefallen war, und +inmitten »einer lustigen, von der Philosophie noch stark beeinflußten +Bevölkerung«. Um den Papst von der Reise abzuhalten, hatte man ihm noch +im letzten Augenblick die vorerwähnte Proklamation aus Aegypten auf +den Tisch gelegt. Aber es war zu spät, seinen Beschluß zu erschüttern. +Man stelle sich nur die Zusammenkunft zwischen den beiden Gewalthabern +lebendig vor Augen. Napoleon begab sich nach Fontainebleau, um +den Papst zu empfangen. Nachdem die ersten Höflichkeits- und +Herzlichkeitsäußerungen ausgetauscht waren, fuhren sie Beide in +demselben Wagen zum Schlosse. Die Freude strahlte aus Napoleon's Zügen, +und als er mit dem Papste an der Hand die Treppenstufen hinaufstieg, +schien jeder seiner ungewöhnlich lebhaften Blicke zu sagen: »Seht ihr +meine Beute? ich hab' ihn!« Durch eine possierliche Unaufmerksamkeit +wurde der Festzug von einer Abtheilung berittener Mamelucken eröffnet. +Der Anblick der dunkelbraunen Gesichter dieser muhamedanischen Reiter +versetzte Einen in der Phantasie nach Mekka. Man hätte eher glauben +sollen, daß ein muhamedanischer als ein christlicher Oberpriester +seinen Einzug hielt. Selbst das Antlitz des Papstes verrieth die +Verlegenheit, welche er darüber empfand, mit einem Male in einen +Weltwinkel versetzt worden zu sein, wo Alles ihm neu war. Man sah +wohl, daß sein Fuß, obwohl er von vielen Menschen geküßt wurde, nicht +recht sicher auf die Erde trat. Der vollkommen geistliche Hof, den +er mitbrachte, strahlend in allerlei bischöflichen Gewändern, und +der vollständig militärische, welcher ihm entgegenkam, blitzend in +Harnischen und Panzern, bildeten einen eigenthümlichen Kontrast. Man +hätte glauben können, sagt der Erzbischof de Pradt, daß man plötzlich +nach Japan versetzt worden sei, in dem Augenblick, wo der geistliche +Kaiser dem weltlichen Kaiser einen Besuch abstattet.</p> + +<p>Was war die Ursache, daß der erste Konsul einen Plan festhielt und +durchführte, der auf den ersten Blick so unpopulär und so unpolitisch +erscheinen konnte? Die Antwort ist<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> einfach. Die Pläne, mit welchen +Bonaparte sich trug, ließen sich nicht mit der Aufrechterhaltung der +republikanischen Ordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche +vereinigen. Er, welcher eben jetzt darauf ausging, der Republik +den Todesstoß zu versetzen, mußte dieselbe ins Herz treffen, sie +in ihren Grundprincipien verwunden. Er sah ein, daß es ihm niemals +völlig gelingen würde, die bürgerliche Freiheit zu zerbrechen, wenn +man nicht zugleich die geistige und Gedankenfreiheit zerbräche, und +er kümmerte sich wenig darum, ob er die Entwicklung Frankreichs um +ein Jahrhundert in der Zeit zurücksetzte oder nicht, wenn er dadurch +seine Alleinherrschaft möglich machte oder seine egoistischen Zwecke +förderte. Mit der kirchlichen Autorität war die monarchische Autorität +unter der Revolution gestürzt worden. Es galt das Autoritätsprincip +wieder aufzurichten. Die Etikette der alten Monarchie kehrte in dem +Augenblicke von selbst zurück, wo die Religion wieder eine Macht im +Staate ward. Man hat es als Napoleon's größte und schwierigste That +bezeichnet, daß er in Frankreich die Machtidee, welche die Revolution +verkannt und verhöhnt hatte, wieder herstellte (vgl. Guizot in der +»<span class="antiqua">Revue des deux mondes</span>« vom 15. Februar 1863). Man hat gesagt, +daß Keiner so natürlich und kühn, wie er, den Instinkt und die Gabe, +zu herrschen, entwickelt habe. Man hat ihn die personificirte Macht +genannt. Aber man müßte hinzufügen, daß er von dem Augenblicke an, wo +er sich nicht damit begnügen wollte, die Macht kraft seines Genies +und des neuen Gesellschaftszustandes zu sein, welcher dem Genie den +Vorrang vor dem Privilegium gab, sondern die absolute Monarchie +wieder aufrichten wollte, sich nicht mehr auf die Machtidee stützte, +welche mit der Rechtsidee verschmilzt und ein Ausdruck der Vernunft +ist, sondern auf die Autoritätsidee, welche dadurch wirkt, daß sie +blendet und blind angenommen wird, und daß er von diesem Augenblick +an die Kirche mit sich haben mußte. Als Wieland im Jahre 1808 den +Kaiser frug, weshalb er den von ihm restaurirten Kultus nicht dem +Zeitgeiste mehr angepaßt habe, lachte der Kaiser und antwortete: +»Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er freilich nicht +gemacht. Die Philosophen glauben <em class="gesperrt">weder an mich, noch<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> an meinen +Kultus</em>, und für die Leute, welche daran glauben, kann man nicht +Mirakel genug thun, so wenig wie man ihnen zu viele lassen kann«. Es +ist kaum möglich, die Autorität deutlicher als »<span class="antiqua">prestige</span>« zu +charakterisiren. Bei anderen Gelegenheiten gebrauchte er das Wort, +welches in der nachfolgenden Literaturperiode das Stichwort ward, indem +er die Religion als die <em class="gesperrt">Ordnung</em> bezeichnete. Johannes Müller +schreibt 1806 an seinen Bruder: »Der Kaiser sprach von dem Grund aller +Religionen und von ihrer Nothwendigkeit und sagte, der Mensch empfinde +das Bedürfnis, in Ordnung gehalten zu werden«.</p> + +<p>Hinsichtlich dieser Auffassung der Religion als Ordnung scheint einige +Aehnlichkeit zwischen Napoleon und den Jakobinern stattzufinden, wie +überhaupt Napoleon's Restaurationsversuch eine bestimmte Analogie mit +Robespierre's Bestrebungen zur Wiederbelebung des religiösen Gefühls +darbietet. Als Politiker glaubt Robespierre an die ordnende und +regulirende Macht der Religion, und als Politiker in einem Zeitalter, +wo die ungeheure Mehrzahl der Gebildeten auf dem Grunde des Deismus +steht, fürchtet er den Atheismus als ein den Ideen der Zeit fremdes +Princip. Aber die Ordnung, welche er wünscht, ist nur diejenige der +uneingeschränkten Toleranz, und die Ordnung, für welche er kämpft, ist +diejenige, an welche er glaubt. Er war ehrlich. Wer möchte Aehnliches +von Bonaparte behaupten wollen?</p> + +<p>Bonaparte begriff, was für ein unschätzbares Werkzeug in der Hand des +Regierenden die überlieferte Religion und der Kultus sei, und beschloß +daher eine Allianz mit dem Priesterstande, dem er für alle Fälle schon +als Sieger in Italien geschmeichelt und den Hof gemacht hatte. Er +wußte recht wohl, daß die große unwissende Mehrzahl in Frankreich, wie +in allen anderen Ländern, noch immer an der ererbten Religion hangen +mußte, und daß die Lehren, welche die Philosophen des achtzehnten +Jahrhunderts verbreitet hatten, unmöglich schon in die untersten und +breitesten Schichten der Bevölkerung eingedrungen sein konnten. Er +hat in früherer Zeit selbst offen seine Ziele bekannt. Im Jahre 1800 +brach er inmitten seines Staatsraths in die Worte aus: »Mit<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> meinen +Präfekten, meinen Gendarmen und meinen Priestern bin ich im Stande, +Alles zu thun, was ich will.« Der Priester ist ihm ein Polizeibeamter +wie die übrigen, nur in anderer Uniform. In den Notizen, welche er +Montholon diktirte, leitet er ohne Weiteres das Konkordat aus dem +Wunsche ab, den er hegte, die Geistlichkeit an die neue Ordnung der +Dinge zu knüpfen und das letzte Band zu zerreißen, welches sie und +damit das Land an die alte bourbonische Dynastie knüpfte. Er hatte +die Wahl gründlich überlegt, welche ihm zwischen dem Katholicismus +und dem Protestantismus offen stand. Er räumte seinen Rathgebern ein, +daß die Tendenzen des Augenblicks vollständig in der Richtung des +Protestantismus lägen. »Aber«, sagte er, »ist der Protestantismus +Frankreichs alte Religion? Wie kann man in einem Volke Gewohnheiten, +Geschmacksrichtungen, Erinnerungen erschaffen, die es nicht hat? Der +Hauptreiz einer Religion liegt in der Erinnerung. Ich höre niemals in +Malmaison die Kirchenglocken des nächsten Dorfes, ohne davon bewegt zu +werden. Und wer könnte in Frankreich sich in einer protestantischen +Kirche ergriffen fühlen, die Niemand als Kind besucht hat, und deren +kaltes und strenges Aeußere so wenig zu den Sitten des Volkes paßt?« +— »Außerdem«, sagte er zu Las Cases, »erreichte ich durch den +Katholicismus weit sicherer alle meine großen Resultate. Nach außen hin +erhielt der Katholicismus mir den Papst, und mit meinem Einflusse in +Italien und meinen Streitkräften dort, zweifelte ich gar nicht, früher +oder später durch das eine oder andere Mittel die Herrschaft über +diesen Papst zu erlangen, — und welchen ungeheuren Einfluß von diesem +Augenblicke an, welchen Hebel für die öffentliche Meinung rings in der +Welt!... Wenn ich als Sieger von Moskau zurückgekehrt wäre, würde ich +den Papst leicht den Verlust seiner weltlichen Macht vergessen, ich +würde ihn zu einem Götzenbilde gemacht haben; er hätte immer bei mir +bleiben sollen. Paris wäre dann zur Hauptstadt der christlichen Welt +geworden — und ich hätte die religiöse Welt eben so vollständig wie +die politische Welt gelenkt ... <em class="gesperrt">Meine</em> Koncilien hätten dann +die Christenheit repräsentirt, die Päpste wären nur ihre Präsidenten +gewesen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p> + +<p>Man beachte auch die Argumentation, deren Portalis, der officielle +Vertheidiger und Fürsprecher des Konkordats, sich bedient. Um zu +beweisen, daß es nicht möglich sei, eine neue Religion einzuführen, +sondern daß man die alte wieder aufnehmen müsse, sagt er: »In +ganz alten Tagen, in Zeiten der Unwissenheit und Barbarei, haben +außerordentliche Menschen sich inspirirt nennen und nach Prometheus' +Beispiel das Feuer vom Himmel herabholen können, um mit demselben +eine Neue Welt zu beseelen. Aber was bei einem entstehenden Volke +möglich ist, ist es nicht bei alten vielgeprüften Nationen, deren +Gewohnheiten und Ideen schwer zu verändern sind«. Er beginnt, wie man +sieht, damit, an die Autorität der Gewohnheiten zu appelliren. Und er +fährt fort: »Man glaubt nur an eine Religion, weil man sie für ein +Werk Gottes hält. Alles ist verloren, sobald man die Menschenhand +durchblicken läßt«. Daß diese Sprache nicht die des Glaubens ist, +bedarf keiner Beweisführung. Worauf Portalis sich beruft, Das sind die +mißlungenen Versuche, die positive Religion durch eine revolutionäre, +eine »Vernunftreligion« wie diejenige Rousseau's und Robespierre's, zu +ersetzen. Diese Versuche waren mißlungen, obschon die neue Lehre nicht +erst erfunden zu werden brauchte, sondern in Wirklichkeit im Gemüth der +gebildeten Klassen lebte; sie waren mißlungen, weil es unmittelbar, +nachdem man alle äußere Autorität gestürzt hatte, unmöglich war, der +Ueberzeugung, welche von der Mehrzahl der Gebildeten getheilt wurde, +eine rein äußerliche Autorität, wie die zertrümmerte, zu geben. Sie +trugen jene Frucht, weil ihre Urheber die Wahrheit verkannten, daß +der Menschengeist unaufhörlich seine religiösen und sittlichen Ideen +umwandelt, und nicht begriffen, daß der befreite Geist nothwendig +jetzt noch schneller, als vorher, sich in der Fortschrittsströmung +zu einer vollkommneren Klarheit befand, welche ihn nöthigen mußte, +gleich von Neuem jede dogmatisch fixirte und begrenzte Form zu +zerbrechen. Aber nun, weil die von innen gewählte Form sich als +unhaltbar gezeigt, wieder die noch viel unhaltbareren alten erstarrten +Traditionsformen aufnehmen zu wollen. Das war sicherlich eine sehr +seltsame Argumentation. Es blieb also Nichts anders übrig,<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> als sich +auf den unmittelbaren Nutzen zu berufen, welcher sich daraus ziehen +ließe. Aber- und abermals kommt daher Portalis darauf zurück, nicht daß +die Religion wahr, sondern daß sie nothwendig sei, daß man ohne sie +nicht regieren könne, daß die Moral ohne religiöse Dogmen »wie eine +Justiz ohne Gerichte« sein würde. Es ist wahr, daß das Dogma vom ewigen +Höllenfeuer, so lange dasselbe Glauben findet, ein kräftiges Werkzeug +in der Hand des Herrschenden ist. Ja, Portalis ist offen genug, mit +dürren Worten zu sagen: »Die Frage nach der Wahrheit oder Falschheit +dieser oder jener positiven Religion ist nur ein rein theologisches +Problem, das uns fremd ist. Die Religionen haben, selbst wenn sie +falsch sind, wenigstens den Vortheil, der Einführung willkürlicher +Lehren eine Schranke zu setzen. Die Individuen haben in ihr ein +Glaubenscentrum, die Regierungen sind beruhigt hinsichtlich der einmal +bekannten Dogmen, die sich nicht verändern. Der Aberglaube ist, so zu +sagen, regularisirt, eingezäunt und in Schranken gebannt, die er weder +zu überschreiten vermag, noch wagt«.</p> + +<p>Mit seiner Zweizüngigkeit suchte Bonaparte die Restauration den +verschiedenen Parteien in verschiedenem Lichte darzustellen. Den +Katholiken wurde sie als eine That geschildert, mit welcher sich +nur Konstantin's und Karl's des Großen Verdienste um die Kirche +vergleichen ließen; den Philosophen als ein Akt, durch welchen die +Kirche vollständig dem Staate, den weltlichen Behörden unterworfen +würde. »Es ist eine Schutzpocke gegen die Religion«, sagte Napoleon +zu dem Philosophen Cabanis; »in fünfzig Jahren wird es in Frankreich +keine Religion mehr geben«. So Viel ist ausgemacht, daß er nicht +daran gezweifelt hat, durch die Versöhnung zwischen Kirche und Staat +sich einen gehorsamen und untergebenen Bundesgenossen zu sichern. In +welchem Grade er sich hierin täuschte, ist bekannt. Allein Das hat +nur wenig zu sagen. In welchem Grade er jedoch durch diesen seinen +Trotz gegen den Zeitgeist, durch diese herausfordernde That gegen +die Revolution, welcher er Alles verdankte, durch diesen Hohn gegen +alles Größte und Beste, was sie gebracht oder errungen hatte, das +Geistesleben seines Vaterlandes vergiftete<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> und dadurch die, durch so +heldenmüthige Anstrengungen errungene Kultur desselben lähmte, Das hat +erst die spätere Zeit verspürt, und Das spüren wir mit jedem Tage mehr, +heute vielleicht tiefer, als jemals. Bitterlich mußte er bald selbst +bereuen, daß er, von einer kurzsichtigen Politik geleitet, sich mit den +niedrigsten und unwissendsten Elementen im Volke wider die edelsten +und besten verbündet hatte. De Pradt erzählt, er habe Napoleon ein Mal +über das andere wiederholen hören, daß »das Konkordat der größte Fehler +seiner Regierung sei«. Von dem Justizmorde des Herzogs von Enghien hat +man den bekannten Ausdruck gebraucht: »Er war mehr als ein Verbrechen, +er war ein Fehler«. In Betreff des Konkordates kann man das Wort +umkehren. Dasselbe war mehr als Napoleon's größter Regierungsfehler, +es war das größte Verbrechen, welches dies gewaltige Genie in seinem +rücksichtslosen Despotismus verübt hat.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>[<span class="antiqua">Thiers: Histoire du Consulat. — Lanfrey: Histoire de Napoléon I. +— Mignet: Histoire de la Révolution, Tome II. — De Pradt: Histoire +des quatre concordats. — Portalis: Discours et rapports sur le +concordat.</span>]</p> +</div> + +<h3>3.</h3> + +<p>Kann man begreifen, daß alles Geschehene für ungeschehen gelten, daß +all' die ungeheuren Anstrengungen verschwendet sein sollten? Wenn man +bedenkt, was zu vollbringen gelungen war, so muß man erstaunen. Eine +Emancipationsbewegung, die während der Renaissancezeit mit der warmen +Begeisterung für das klassische Alterthum begonnen, die in England +durch Newton's Genie eine neue Anschauung von der äußeren Welt zur +Grundlage erhalten und allmählich die Naturwissenschaften erobert, +die eine neue Philosophie als ihr Produkt und die Freimauererei als +ihr Zeugnis hinterlassen hatte, war wie ein sprühender Funke durch +Voltaire's Geist nach Frankreich herübergeführt worden. Hier war dann<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> +das Wunder geschehen, daß, wenige Jahrzehnte nachdem Corneille seinen +»<span class="antiqua">Polyeucte</span>« und Racine seine »<span class="antiqua">Athalie</span>« gedichtet, wenige +Jahre nachdem Bossuet den absoluten Gehorsam gepredigt und Pascal +mit Feuerbuchstaben das Bekenntnis seines Glaubens an die absolute +Absurdität aufgezeichnet hatte, unter dem unbestrittensten Absolutismus +eine Handvoll Männer, meist landflüchtig oder verfolgt, es vermocht +hatte, erst die höheren Stände, die Elite der Nation, dann Prinzen +und Prinzessinnen, die bald Könige und Kaiserinnen wurden, endlich +den ganzen Mittelstand zu gewinnen, so daß die neue Wahrheit, welche +in Niedrigkeit geboren, aber welcher schon in der Wiege von mächtigen +Königen, von Preußens Friedrich, Oesterreichs Joseph und Rußlands +Katharina, gehuldigt wurde, bald das ganze inzwischen herangewachsene +Geschlecht beherrschte, ja sich Anhänger unter Aebten und Priestern +gewann.</p> + +<p>Mit athletischer Kraft hatte der menschliche Gedanke sich in seiner +Freiheit erhoben. Alles, was bestand, mußte sein Existenzrecht +beweisen. Man forschte nach Ursachen, wo man früher um ein Mirakel +gebetet. Man fand ein Gesetz, wo man früher an ein Wunder geglaubt +hatte. Niemals zuvor war solchermaßen in der Welt gezweifelt, +gearbeitet, untersucht und aufgeklärt worden. Man besaß nicht die +Waffe der Macht, sondern die Waffe des Spottes, und mit Hohn und +Spott griff man daher zuerst an. Auf Voltaire's raffinirten Hohn +folgte dann Rousseau's plebejischer Zorn. Niemals zuvor war noch in +der Welt solchermaßen gespottet, unterwühlt und deklamirt worden. Der +menschliche Gedanke, welcher Jahrhunderte hindurch auf allen Gebieten +wie ein Leibeigener hatte frohnen müssen, welchen man mit Legenden +berauscht und mit geistlichen Liedern und Redensarten in Schlaf +gelullt hatte, vernahm gleichsam den Ruf des Hahnes und sprang völlig +erwacht empor. Und jetzt sollte Alles, was die Heroen des Geistes +gedacht und wofür seine Märtyrer gelitten hatten, wie unnützes und +unbrauchbares Gerümpel bei Seite gekehrt werden können! Wofür so viele +der edelsten Herzen geschlagen, was ihnen Muth auf dem Schlachtfelde +und auf dem Schafotte eingehaucht hatte, all' diese Begeisterung<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> +sollte jetzt wieder, wie der Geist in dem Märchen, in einen eisernen +Schrein zusammengepreßt, und dieser Schrein sollte für immer mit dem +gemeinsamen Siegel eines Kaisers und eines Papstes verschlossen werden +können!</p> + +<p>Die bestimmten Ursachen, welche Dies möglich machten, lassen sich +nachweisen. Ringsum in den vornehmen Familien auf dem Lande waren +während der Revolution die Mütter mit ihren Töchtern katholisch +geblieben, da der Vater, wie er sonst auch gesinnt sein mochte, mit der +bekannten moralischen Feigheit der Franzosen immer die Religion für +eine heilsame Fessel des Weibes hielt. Die Damen hatten eine Altardecke +gestickt, den Priester protegirt, ihm Geld für seine Armen und Kranken +gegeben und nie eine Messe versäumt. Jetzt war die Messe verboten. +Der arbeitsame und stille französische Bauer und seine Hausgenossen +waren, bis die Revolution erschien, gewohnt gewesen, zum Priester, zu +<span class="antiqua">Monsieur le Curé</span>, wie zu einer Art irdischer Vorsehung empor +zu blicken, ihn tief zu grüßen, wenn er vorüberging und ihn bei Allem +um Rath zu fragen; er hatte die Kinder getauft, er hatte ihnen das +erste Abendmahl ertheilt, er hatte Jacques mit Fanchette getraut, er +hatte der alten Mutter die letzte Oelung gebracht. Man las nicht im +Bauernhause, man pflegte dort weder Literatur, noch Philosophie, noch +Musik. Jedes Gefühl in der Seele, das sich über die Pflugschaar und +die aufgewühlten Schollen erhob, schlug den Weg zur Kirche ein. Wie +klein sie sein mochte, so war sie doch ein Festsaal im Vergleich mit +der Dorfhütte; sie war heilig, man kniete in ihr. Jetzt war die Kirche +geschlossen. Wer den gemeinen Mann in Frankreich oder Italien beten +gesehen, wer die rührende Andacht in Augen erblickt hat, die so ernst +und hell wie die eines Hundes sind, Der begreift, was es für den Bauern +hieß, daß es weder Messe noch Priester mehr geben sollte. Endlich der +Sonntag. Der Bauer ist gegen jede Veränderung, deren Nutzen ihm nicht +augenblicklich einleuchtet. Und jetzt sollte der Sonntag abgeschafft +werden. Hatte man je so Etwas gehört? Wer war je auf Dergleichen +verfallen? Wer konnte darauf verfallen, außer jenen Herren in Paris! +Länger als tausend Jahre, vielleicht seit Erschaffung der Welt, +hatte man den Sonntag<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> gefeiert, unser Herrgott selbst hatte ihn ja +gefeiert, und nun sollte die Woche zehn Tage haben und Dekade heißen, +wovon Niemand wußte, was Das sei. Man wollte also gar den lieben Gott +abschaffen!</p> + +<p>Hiezu füge man die Wirkung auf die jüngeren, noch unverdorbenen +Priester. Frayssinous, der als katholischer Apologet während der +Restauration so berühmt wurde, erzählt, wie er selbst und einer seiner +Freunde, der ebenfalls Priester war, inmitten der Schreckensperiode, +trotz aller Proskriptionsdrohungen, fortfuhren, ihre priesterlichen +Funktionen zu verrichten, und, um sich zu prüfen und zu stärken, um +sich mit dem Tode vertraut zu machen, der im Entdeckungsfall ihrer +harrte, abwechselnd den Hinrichtungen auf dem permanenten Schafotte zu +Rhodez beiwohnten.</p> + +<p>Man denke sich junge, begeisterte Priester, wie diese, oder wie sie +in Lamartine's »Jocelyn« geschildert werden, in aller Stille mit +ihrer Gemeinde Sonntagmorgens sich in Höhlen unter der Erde, in +kalten und feuchten Kellern versammeln, die fast an die Katakomben +der ersten Christen erinnern konnten. Man sprach mit einander von +den schweren Zeiten für die Kirche, man tröstete einander, man hörte +eine Predigt, man empfing die geweihte Hostie, und ging mit feuchten +Augen und erbautem Gemüth wieder von dannen. Die vornehme Dame und +die schlichteste Bauerfrau hatten sich hier als Mitglieder derselben +Gemeinde in ganz anderer Weise gefühlt, als da sie durch die ganze +Entfernung geschieden waren, welche den vordersten Kirchenstuhl von dem +hintersten trennt.</p> + +<p>Selbst die Einziehung der Kirchengüter kam vorherrschend der Kirche +zu Statten. Mancher Priester, den das Wohlleben verderbt hatte, +sah sich plötzlich auf die evangelische Armuth beschränkt. Wenn +der Verlust Viele reizte und verbitterte, so läuterte er Andere. +Die Sache, für welche ein Mensch leidet, wird ihm theuer. Der +schwankende, halb philosophische Priester, welcher früher (wie +Barante von der Geistlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts erzählt) +im Grunde erröthete, die christlichen Dogmen zu bekennen, fühlte +seine Selbstachtung in dem Grade steigen, in welchem die Sache, der +er diente, verfolgt wurde. Bischof Lecoz schreibt im Jahr 1801: »Die +Religion,<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> welche der Heiland ohne Hilfe des Reichthums stiftete, +wird er auch ohne diese Hilfe, die seiner unwürdig ist, erhalten. Als +er seine zwölf Apostel berief, wozu berief er sie! Zum Genusse von +Besitzthum oder Ehre? Nein, sondern zu Arbeit, Mühe und Leiden. Wenn +also wir Diener Jesu Christi jetzt nahe daran sind, uns in diesem +apostolischen Zustande zu befinden, dürfen wir wohl darüber murren? +Nein, lasset uns vielmehr froh sein über diese köstliche Beraubung +äußerer Güter, und lasset uns dem Herrn danken, der wieder jenen alten +Zustand der Dinge erweckt hat, den die frömmsten seiner Kinder allezeit +zurück ersehnt haben!«</p> + +<p>Dann vergesse man nicht die ungeheure Allianz, welche die Kirche +dadurch erhielt, daß sie jetzt plötzlich das eigene Princip der +Revolution sich aneignen und in ihrem Namen sich Sympathien erobern +konnte. Die ganze Situation war von dem Augenblicke an verändert, +wo die so lange wie möglich freiheitsfeindliche Kirche, durch die +Nothwendigkeit gezwungen, das Wort Freiheit auf ihre Fahne schrieb. +Jetzt, da sie selbst der Freiheit wider die Unterdrückung benöthigt +war, jetzt sprach sie im Namen der Freiheit, und so beweglich, daß +Alle, welche das Krokodil greinen hörten, es für ein kleines, wehrloses +Kind hielten. Der liberale Katholicismus entstand, so seltsam auch +diese Worte wider einander kreischen und zischen. Die Kirche entwand +der Revolution ihre beste Waffe und gab dieselbe ihren Anhängern in +die Hand — vorläufig, wohlgemerkt, bis sie ihre alte Macht wieder +zurück erobert hätte; denn dann wehe der Freiheit! Aber jetzt war der +Papst plötzlich liberal geworden: Religionsfreiheit hieß die Parole. +Selbst als der Jesuitenorden wieder hergestellt ward, wollten die +Jesuiten, wie alle sogenannten Liberalen unserer Zeit, »die rechte und +wahre Freiheit«, d. h. natürlich Freiheit für sich selbst. Wie ehrlich +man es mit dieser Berufung auf die Freiheit meinte, Das zeigte sich, +sobald man zur Macht gelangt war. Als Napoleon 1808 die Forderung +erhob, daß der Papst Religionsfreiheit gewähren solle, antwortete er: +»Da dieser Artikel mit dem Kanon und den Koncilien der Kirche und mit +der katholischen Religion, und wegen der entsetzlichen Folgen, welche +daraus entspringen würden, mit der Ruhe und dem<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Glück des Staates in +Widerspruch steht, so haben wir ihn verworfen«. Die naiven Katholiken, +welche dies Gerede von Freiheit buchstäblich nahmen, wie Lamennais zum +Exempel, sollten bald die Liebe erproben. Aber selbst als Lamennais +1832 von einer päpstlichen Bulle betroffen ward, gab man seinem +Schüler Montalembert, welcher sich von ihm trennte und der kräftigste +Vertheidiger des Katholicismus in der Mitte dieses Jahrhunderts ward, +Erlaubnis, fortdauernd den liberalen Katholicismus vorzutragen, welchen +man erst voriges Jahr, als man ihn zu gar Nichts mehr brauchen konnte, +in einer der zornwüthigsten Bullen, die jemals erlassen worden sind, +mit dem Bannfluche belegte. Wenige von Allen, welche sie damals in +der Zeitung lasen, haben vielleicht verstanden, wie Viel diese Bulle +eigentlich sagte.</p> + +<p>Man erwarb sich also durch den Aufruf im Namen der Freiheit Beistand +und Hilfe. Allein zu den vielen Besseren, die im Augenblick des +Umschlags unter dem Konsulate hievon beeinflußt wurden, und denen die +brutale Behandlung, welche der Papst später unter dem Kaiserthume +erlitt, vermehrte Sympathien für die Kirche einflößte, gesellten +sich unter der nachfolgenden Entwicklung der Ereignisse, als die +bourbonische Restauration stattfand, alle die Vielen, welche zu +allen Zeiten der Religion der Gewalthaber huldigen, alle Anhänger +der Moral des Fuchses bei Holberg: »Grübele nicht über die Religion, +sondern halte dich blind an den herrschenden Glauben!« Von Seiten der +Herrschenden wird in religiösen Angelegenheiten ja niemals der Kampf +mit Gründen wider Gründe geführt. Man beantwortete die Argumente der +Gegner nicht mit Argumenten, sondern mit der Entziehung des täglichen +Brotes. Die Mehrzahl der Männer, welche ohne Vermögen sich auf die +Beamtenlaufbahn vorbereitet hatten, und welche eine unwiderstehliche +Lust, jeden Tag gut zu frühstücken und zu Mittag zu speisen, nicht +zu überwinden vermochten, waren geborene oder gewonnene, jedenfalls +aber durchaus zuverlässige Stützen für die Restauration der Kirche. +Niemand, der über 25 Jahre alt ist, wird sich darüber wundern, wie +viele Anhänger die Orthodoxie von dem Augenblicke an erhielt, wo sie +aus einer Lächerlichkeit zu einer Versorgung ward.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p> + +<p>Füge man hierzu die große Partei der Furcht, alle Diejenigen hinzu, +welche in Angst vor der rothen Republik lebten, und welche in der +Wiederaufrichtung der Religion zuerst und vor Allem ein Bollwerk +gegen dies Schreckbild sahen. Aus ihnen rekrutirte das Heer des +Autoritätsprincips sich am allerstärksten. Die Katholiken wurden +plötzlich aus einer kirchlichen Gemeinschaft zu einer politischen +Partei.</p> + +<p>Ein Umschlag der Zustände wird immer vorbereitet durch einen Umschlag +der Stimmung und ruft noch gewisser Stimmungen hervor, welche dem neuen +Zustand entsprechen. Die Stimmungen und Ideen, welche das Konkordat +vorbereiteten, erhielten durch den Abschluß desselben volle Freiheit, +zu Worte zu gelangen; andere gleichartige waren eine Folge davon, und +indem diese Stimmungen und Ideen sich jetzt in der Literatur äußerten, +entstand eine literarische Bewegung, welche dem Konkordat entspricht +und dasselbe, so zu sagen, in die Sprache der Literatur übersetzt. +Dieser literarischen Bewegung wollen wir jetzt folgen. Was ich in +dieser Reihenfolge von Studien geben möchte, ist eine einigermaßen +vollständige Psychologie der ersten Hälfte unsres Jahrhunderts. +Diese Psychologie würde eine empfindliche Lücke haben, wenn wir die +literarische Bewegung der Restauration übersprängen. Mag der Stoff +nicht sehr lohnend, nicht sehr einladend oder reichhaltig sein, er hat +von unserem Gesichtspunkte aus trotzdem seinen großen Werth und seine +hohe Bedeutung.</p> + +<p>Von welchem Kreise ging die literarische Bewegung aus? Wenn sie hätte +von der Landbevölkerung ausgehen können, würde sie vielleicht etwas +Naives und Rührendes gehabt haben; und wäre sie von der in Leiden +geprüften Geistlichkeit ausgegangen, so hätte sie vielleicht durch +Innigkeit und Gefühl Aufmerksamkeit erweckt; hätte sie endlich von +denen ausgehen können, welche nach dem Beispiel des Alleinherrschers +aus weltlichen Rücksichten sich der Kirche anschlossen, so hätte sie +das Gepräge der Ideenlosigkeit getragen. Aber Nichts von Allediesem ist +der Fall. Alle jene Gruppen bildeten das Publikum der neuen Literatur, +gaben ihren Resonanzboden und ihr Echo ab, aber keine von ihnen war +produktiv. Die neue katholische Richtung in der Literatur war eine +Richtung<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> ohne Naivetät und ohne Gefühlsinnigkeit. Aber sie war nicht +ideenlos. Mit großer Sicherheit und Entschlossenheit bringt sie die +Idee, welche die Revolution absolut gestürzt hatte, die Autoritätsidee, +wieder zur Geltung. Die Führer sind viel mehr politische als religiöse +Geister, sie wollen nicht so sehr die Seelen wie die Tradition retten. +Man verlangt in ihrem Kreise die Religion als Mittel wider die +Anarchie. Man beruft sich so hartnäckig auf die Autorität, weil man an +allem Andern, als an äußerer Autorität, bankerott ist.</p> + +<p>Die literarische Bewegung geht von verschiedenen Punkten aus, und +von den Männern, welche sie einleiten, kennt anfänglich Keiner den +Andern. Während der Revolution schweift z. B. Chateaubriand in Amerika, +de Maistre in der Schweiz umher, und Bonald entwirft seine erste +Schrift in Heidelberg. Sobald die geistige Reaktion beginnt, kehren +die Emigranten heim, und die Autoritätsidee wird in der Literatur +von Männern zur Geltung gebracht, welche Napoleon's Uebernahme der +Herrschaft nach Frankreich zurückberuft und welche, wie Chateaubriand +und Bonald, vorläufig an ihn als den Restaurator der Kirche sich +anschließen, aber nur um kurz darauf, entweder schon unter seiner +Regierung oder nach seinem Falle, sich mit weit größerer Wärme und +weit mehr Ueberzeugung an die Bourbonen anzuschließen, zu welchen ihr +eigenes Princip sie mit aller Macht der Konsequenz hinzieht. Napoleon's +Plan, durch das Konkordat die Kirche für sich zu gewinnen und den +Bourbonen die Sympathie der Geistlichkeit zu entziehen, schlug ihm +vollständig fehl und mußte fehlschlagen. Bald kam es zum offenen Kriege +zwischen dem Papste und ihm, und bald zeigt die literarische Bewegung, +deren Entstehen mit dem Konkordate zusammenfällt, sich als offenbar +bourbonisch und legitimistisch.</p> + +<p>Ihre ersten Urheber fühlen sich naturgemäß zu einander hingezogen, +machen Bekanntschaft mit einander, und stiften bald eine förmliche +Schule. Sie haben verschiedene wichtige gemeinsame Charakterzüge, +welche man auch selbst bei den spätesten Anhängern der Schule, wie +Lamennais, de Vigny, Lamartine und Hugo findet. Sie sind alle ohne +Ausnahme Adlige und durch persönliche Bande an die legitime Dynastie +geknüpft.<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> De Maistre war Gesandter (Vergl. Bd. <span class="antiqua">II.</span>, S. 250 +ff.). Bonald hatte als Jüngling zu den Musketieren Ludwig's <span class="antiqua">XV.</span> +gehört und war in den letzten Tagen des Königs Derjenige gewesen, +welcher täglich an das Bett des Königs kam, um das Feldgeschrei zu +erfahren. Er hatte nämlich selbst die Blattern gehabt und stand +daher nicht so sehr in Gefahr, angesteckt zu werden. Das erste Mal, +als er nach dem Tode Ludwig's <span class="antiqua">XV.</span> erschien, um sich das +Feldgeschrei vom neuen König auszubitten, warf Marie Antoinette ihm +einen wohlwollenden Blick zu und richtete einige Worte an ihn. Jener +letzte Blick eines sterbenden Königs, der eine fast vernichtete +Monarchie hinterließ, und dieser erste Blick einer jungen, schönen und +hoffnungsvollen Königin, die so großen Leiden entgegenging, entschwand +niemals aus Bonald's Erinnerung. Diese Blicke wurden Leitsterne für +sein Leben. — Was Chateaubriand anbelangt, so reichte er Napoleon +in dem Augenblick seine Entlassung ein, als er die Verurtheilung des +Herzogs von Enghien erfuhr, und übernahm von da an die Rolle, welche +er bis zum Jahre 1824 durchführte, der treue Diener der Bourbonen zu +sein; es war eine Rolle, die er so ernsthaft spielte und die ihm von +den Umständen solchermaßen aufgedrängt worden war, daß er sie bis +zur Vollkommenheit agirte. Was die folgende Generation betrifft, so +hat Lamartine in der Vorrede zu seinen »Meditationen« erzählt, wie +er als junger Garde-Officier neben dem Wagen Ludwig's <span class="antiqua">XVIII.</span> +galoppirte, wenn Dieser von Paris nach Versailles oder St. Germain +fuhr; De Vigny war gleichfalls königlicher Officier und eifriger +Royalist und wurde nach 1830, als ein von der Juli-Revolution +überraschter royalistischer Dichter, der enttäuschte Konservative, als +welchen seine späteren Schriften ihn zeigen.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> Victor Hugo endlich +hat oft genug geschildert, einen wie großen Einfluß royalistische +Kindheitseindrücke und besonders die Einwirkung seiner Mutter als einer +leidenschaftlichen »Vendéerin« auf sein erstes Auftreten übten.</p> + +<p>Talente ersten Ranges sind die theoretischen Leiter dieser<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Schule +nicht. Sie sind kräftig despotische Naturen, welche, weil sie +Gehorsam fordern, die Gewalt, und weil sie Unterwerfung verlangen, +die Autorität lieben, oder eitle Geistesaristokraten, welche lieber +einem Paradox huldigen, als mit der ganzen Schaar von Schriftstellern, +welche der Vernunft gehuldigt haben, in Reih und Glied gehen wollen, +oder endlich ausnahmsweis Romantiker, welche durch den Gedanken +an den Glauben, den sie nicht mehr besitzen, aber den sie mit +verzweifelter Anstrengung sich anzueignen suchen, bis zu Thränen +bewegt werden. Sie sind Kampfhähne, wie De Maistre und Lamennais, +Inquisitoren- und Prälatennaturen, die Hartnäckigkeit selbst, wie +Bonald und Chateaubriand, und reden so, wie sie reden, mehr aus +Hartnäckigkeit, als aus Ueberzeugung. »<span class="antiqua">Moi catholique entêté</span>«, +sagte Chateaubriand von sich selbst. Das ist das Wort: verstockt, nicht +herzergriffen.</p> + +<p>Ihre Stärke ihren Zeitgenossen gegenüber liegt in ihrem Talente; denn +leider ist das Talent ein solcher Zauberer, daß es geraume Zeit jede +beliebige Sache zu stützen vermag. Chateaubriand ist der Kolorist der +Schule, De Maistre ihr Paradoxienschmied, Bonald ihr dogmatischer und +schematischer Doktrinär. Bald zieht sie das Beste, was Frankreich an +jungen aufstrebenden poetischen Talenten besaß, an sich. Sie hält sie +freilich nur kurze Zeit in ihrem Banne fest, aber sie beginnen ihre +Laufbahn unter ihren Auspicien. Die Schule erhält also ihre Dichter und +mit ihnen ihre Popularität, welche neben der Autorität, die ihre Denker +besaßen, wohl für eine kurze Weile den Schein erregen konnte, als sei +ihre Sache die siegreiche geworden, um so mehr, als die bourbonische +Restauration ihre politischen Ideale verwirklichte. Nach Verlauf +weniger Jahre geschah es dann, daß all' ihre besten Männer mit Fahnen +und klingendem Spiel in das Lager der Gegner hinüber gingen. Die Schule +löste sich vermöge ihrer inneren Unnatur auf. Das Princip, welches sie +zusammenhielt, das Princip der Tradition und Autorität, das als eine +unüberwindliche Festung erschienen war, erwies sich als unterminirt, +hohl, einen ungeahnten Sprengstoff in seinem Schooße bergend; man +entdeckte, daß man auf einem Pulverthurme stand. Man beeilte sich, ihn +zu verlassen, ehe er in die Luft flog.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p> + +<p>Sylvain Maréchal schreibt in einem Buche, das im Jahre 1800 erschien +(»<span class="antiqua">Pour et contre la Bible</span>«): »Eine ausgeprägt religiöse +Reaktion charakterisirt das erste Jahr des neunzehnten Jahrhunderts«. +Sie charakterisirt mehr als zwanzig der folgenden, und in langsam +entwickelten, etwas stagnirenden Ländern volle siebzig Jahre.</p> + +<p>Die schriftstellerische Reaktion wider den Geist des achtzehnten +Jahrhunderts beginnt nicht als specifisch-religiös. Ich habe im ersten +Bande dieses Werkes in einer Reihe von Abschnitten nachzuweisen +gesucht, was sie in ihrem Keime war. Ich sagte dort (S. 153), daß +die Reaktion in derjenigen Gruppe schriftstellerischer Erzeugnisse, +welche ich als Emigrantenliteratur bezeichnete, »noch nicht eine +blinde Unterwerfung unter Autoritäten, sondern das natürliche und +berechtigte Sichgeltendmachen von Gefühl, Seele, Leidenschaft und +Poesie im Gegensatze zu Verstandeskälte, exakter Berechnung und einer +von todten Ueberlieferungen umschnürten Literatur war«. Dies ist das +erste Stadium der Literaturreaction, welches ich ebendaselbst mit den +Worten charakterisirte: »Der erste Zug ist nur der, daß man Rousseau's +Waffen ergreift, und sie wider seinen Gegner Voltaire richtet«. Man +begnügt sich hier nicht mit Voltaire's kaltem Deismus, man stellt +wider denselben Rousseau's warme und unbestimmte Sentimentalität auf. +Man wandelt auf seiner Spur, man baut weiter auf dem Fundament seiner +Gefühlswärme und Einbildungskraft. Ein Blick auf den Entwickelungsgang +der Revolution hat uns gezeigt, daß diese Literaturbewegung schon +während der Revolution geschichtlich gleichsam im Voraus angedeutet ist +durch Robespierre's Versuch, Rousseau als Damm wider die Vernichtung +jenes Gefühlslebens aufzustellen, welches so stark an die Tradition +und Autorität der Kirche geknüpft gewesen war, daß es mit der Kirche +zu Grunde zu gehen drohte. Ich möchte besonders die Aufmerksamkeit auf +die Einfachheit der Elemente lenken, auf welche ich bei Besprechung der +Emigrantenliteratur diese Bewegung zurückführte: auf die Reaktion des +Gefühls wider den Verstand. In ihrem Ursprunge war die große religiöse +Umkehr eben nur diese. Nicht die Göttlichkeit des<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Christenthums +erzeugte die Reaktion, sondern der rein abstrakte Drang, zu glauben, +und dieser Drang war in seinem Keime der noch abstraktere Drang, zu +fühlen und das Gefühl zu Worte kommen zu lassen. Die Geschichte dieser +Bewegung ist die Geschichte der entsetzlichen Verirrungen, welche +dieser Drang allmählich erfuhr.</p> + +<p>Wie es nun das erste Stadium der Reaktion war, <em class="gesperrt">Rousseau reagiren +zu lassen</em>, so ward es das zweite Stadium der Bewegung, <em class="gesperrt">wider +Rousseau zu reagiren</em>. Fast jedes Buch von Bonald, De Maistre oder +Lamennais, das man in die Hand nimmt, geht von dem leidenschaftlichen +Bestreben aus, Rousseau zu widerlegen, oder vielmehr ihn zu verhöhnen +und zu vernichten. Im ersten Stadium stellte man <em class="gesperrt">das Princip des +Gefühls</em> wider die Verstandesherrschaft auf; in dieser zweiten +Phase stellt man <em class="gesperrt">das Autoritätsprincip</em> als das absolute wider +alle früheren Principien, das Gefühlsprincip eingeschlossen, auf. Der +Uebergang von der einen dieser Phasen zur anderen geschieht in solcher +Weise, daß man die Autorität durch einen Appell an das Gefühl geltend +zu machen und wieder einzusetzen sucht. Dies geschieht in Ballanche's +»<span class="antiqua">Du sentiment considéré dans ses rapports avec la littérature et +les arts</span>« 1801, und namentlich in Chateaubriand's »Genius des +Christenthums« 1802.</p> + +<p>Man findet jetzt in Rousseau den gefährlichsten Typus für den Geist des +achtzehnten Jahrhunderts. Eine kurze Charakteristik der Angriffe gegen +ihn, welche sich nach allen Richtungen erstreckten, wird zeigen, was +wahr und was falsch in ihnen war.</p> + +<p>Zuerst der politische Angriff. Es ist in unserm Jahrhundert oft +wiederholt worden und darf nicht vergessen werden, daß es dem vorigen +Jahrhundert an allem historischen Sinne gebrach. Einer seiner +berühmtesten Repräsentanten, d'Alembert, wünschte sogar das Gedächtnis +aller früheren Zeiten ausgerottet zu sehen. Wider Rousseau's und des +achtzehnten Jahrhunderts naiven Glauben, daß der abstrakte Gedanke ohne +Rücksicht auf Geschichte und Wirklichkeit das Dasein reformiren könne, +wandte man sich jetzt polemisch auf allen Gebieten. Die vorige Periode +hatte geglaubt, daß Alles gut sei, wenn<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> man nur eine geschriebene +Verfassung bekäme, die alles aufhebe, was man für Mißbrauch hielt, +und feststelle, was man für Recht hielt. Sie hatte dies Blatt Papier, +oder, wie man es damals nannte, diese Gesetztafeln, als die wirkliche +Verfassung des Landes betrachtet. Hiegegen richtet De Maistre seinen +Satz: »Der Mensch kann keine Verfassung fabriciren, und eine legitime +Verfassung kann nicht geschrieben sein«. Er hat hierin zur Hälfte das +sonnenklarste Recht und zur Hälfte das lächerlichste Unrecht.</p> + +<p>Er ahnt die große Wahrheit, welche als eine Errungenschaft der modernen +Politik gelten kann, daß die wahre Verfassung eines Landes aus den +wirklichen Machtverhältnissen des Landes, wie sie vorliegen, besteht, +Machtverhältnisse, die nicht dadurch geändert werden, daß politische +Dilettanten sie auf einem Blatte Papier ummodeln, — eine Wahrheit, +die mit genialer Anschaulichkeit in Lassalle's Broschüren »Ueber +Verfassungswesen« und »Was nun?« entwickelt wird. Für De Maistre hat +die Autorität selbstverständlich immer eine unbedingte Souverainetät. +Jeder Aufstand erscheint ihm als ein Verbrechen, aber bei seinem +scharfen Blick für Realitäten glaubt er nicht an die geschriebene +Verfassung als Schranke. Von der Schranke gegen die Zügellosigkeit sagt +er: »Sie ist die Gewohnheit, oder das Gewissen, oder eine Papstkrone, +oder ein Dolch, aber sie ist immer ein Etwas;« die geschriebene +Verfassung allein ist ihm nichts Reelles.</p> + +<p>Sein lächerlicher Irrthum liegt in der Art und Weise, wie er seinen +Haß gegen die Verfassung motivirt. Er meint, was geschrieben sei, was +durch menschliche Klugheit vorausgesehen und festgestellt worden, sei +als ein Eingriff in das Gebiet der Vorsehung zu betrachten. »Es ist +Naseweisheit wider Gott, kein Zutrauen zu dem Unvorhergesehenen zu +haben, und jede Regierung, welche durch positive Gesetze konstituirt +ist, ist eine Usurpation der Autorität des göttlichen Gesetzgebers.« +Die faktisch existirende Verfassung ist ihm dagegen von göttlicher +Natur, da er von seinem orthodoxen Standpunkte aus geltend macht, +daß es Gott sei, welcher den Völkern ihre Art und Weise der Existenz +verleihe. Gegen die Souverainetät des Volkes stellt er daher, gerade +wie Bonald<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> und Lamennais, die Souverainetät Gottes auf und steuert +solchergestalt in den Hafen der Theokratie.</p> + +<p>Rousseau's politische Ideen waren gewiß höchst unvollkommen, und es +war leicht zu erkennen, welche Gefahren in ihnen verborgen lagen. +Sein Grundsatz, daß Niemand verpflichtet sei, Gesetzen zu gehorchen, +zu denen er nicht seine Einwilligung gegeben habe, vernichtet nicht +nur die Autorität als Autorität, sondern auch diejenige Autorität, +welche nur die Form der Vernunft ist, und macht alles Regieren +unmöglich. Sein zweiter Grundsatz, daß die Souverainetät beim Volke +liege, kann, wenn man das Volk auf einseitige Weise definirt, zur +Majoritätstyrannei führen und alle Freiheit unmöglich machen. Sein +dritter großer Grundsatz, daß »alle Menschen gleich sind«, kann, +mißverstanden, zur Nivellirung statt zur Gerechtigkeit führen. Es +waren daher Angriffspunkte genug für eine Diskussion vorhanden, die +von den Principien der modernen Zeit ausgeführt wurde. Hegel ließ sich +seiner Zeit auf eine solche ein, indem er eine neue Definition der +Volkssouverainetät gab, welche nach Innen als die Souverainetät des +Staates bestimmt wurde (Hegel's Werke, Band <span class="antiqua">VIII.</span>, Philosophie +des Rechts, S. 367), und Heiberg, welcher gern die Hegel'schen Gedanken +auf die Spitze treibt, hat in seiner Abhandlung »Ueber Autorität« +(Prosaische Schriften, Bd. <span class="antiqua">X.</span>, S. 335) der Idee Hegel's die +paradoxe und reactionäre Form gegeben, daß »es äußerst gleichgültig +ist, ob die Bürger durch die Entwicklung des Staates in den Besitz von +mehr Gütern gelangen oder nicht, denn der Staat ist nicht um der Bürger +willen, sondern die Bürger sind um des Staates willen da«. Selbst wenn +man einen ausgeprägten Abscheu gegen Sätze dieser Art empfindet, hat +man doch diejenige Sympathie mit solchen Einreden, welche ein moderner +Gedankengang erwarten darf. Die Opposition jener Zeit wider Rousseau +ist dagegen nicht auf Denken oder Vernunft gegründet, sondern auf den +reinen Autoritätsglauben, und dieselbe ist obendrein von so unredlicher +Art, daß sie stets einen oder den andern losgerissenen Satz Rousseau's +aufsucht, der, mit gutem Willen gelesen, sich verstehen, der aber +seiner kühnen Form halber ziemlich leicht sich zu Wahnwitz verdrehen +läßt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p> + +<p>Bonald verhöhnt z. B. Rousseau, weil er gesagt hat: »Ein Volk hat +immer Recht, seine Gesetze, selbst die besten, zu ändern; denn wenn es +sich selbst schaden will, wer hat ein Recht, es daran zu hindern?« Der +Satz ist unvorsichtig, aber er scheint mir richtig zu sein; er heißt +in Wirklichkeit nicht den Rückschritt gut, er weist nur die fremde +Einmischung ab, welche denselben als Vorwand ergreifen möchte, und +man fühlt sich peinlich überrascht, wenn man sieht, daß die Ursache, +weshalb Bonald so erbittert auf diese Worte ist, keine andere als die +ist, daß die Macht der Gesetzgebung nicht dem Volke, sondern Gott +gehöre.</p> + +<p>Ferner greift man mit viel Eifer und Hitze Rousseau's +Gesellschaftsbegriff an. Es läßt sich verstehen, daß Rousseau, wenn er +seinen Blick auf diejenige Gesellschaft, welche er vor Augen hatte, +richtete, zu dem Wahne gelangen konnte, daß man einer Gesellschaft +überhaupt entbehren könne; allein dieser Irrthum, im Verein mit seiner +Phantasterei von einem verloren gegangenen glücklichen Naturzustande, +hatte ihn zu Sätzen wie diesen geführt: »Der Mensch ist als gut +geboren, und die Gesellschaft verdirbt ihn«, und zu dem komischen +Paradoxon, das in allen Büchern der Restaurationszeit paradirt, von +so vielen Argumenten durchbohrt, wie sich Nadeln in ein Nadelkissen +stecken lassen: »Der Mensch, welcher denkt, ist ein verderbtes Thier«. +Auf solchen Punkten hat der Angreifer freilich in der Regel ein +leichtes Spiel.</p> + +<p>In seinem Eifern wider die Gesellschaft ließ sich Rousseau zu der +Behauptung verleiten: »Die Gesellschaft geht nicht aus der Natur +des Menschen hervor. — Alles, was nicht in der Natur liegt, führt +Unzuträglichkeiten mit sich, und die bürgerliche Gesellschaft mehr +als alles Uebrige«. — »Die Gesellschaft«, ruft Bonald nicht ohne +Beredsamkeit aus; »als bestünde die Gesellschaft in den Mauern +unserer Häuser oder den Wällen unserer Städte, und als wären nicht +überall, wo ein Mensch geboren wird, ein Vater, eine Mutter, ein Kind, +eine Sprache, der Himmel, die Erde, Gott und die Gesellschaft!« Er +belehrt seine Zeitgenossen, daß die erste Gesellschaft eine Familie +war, und daß in der Familie die Macht nicht durch Wahl erkoren ist, +sondern aus der Natur der Dinge<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> hervorgeht. Wider die Lehre, daß +die Gesellschaft durch freiwillige Uebereinkunft entstehe und das +Produkt eines Vertrages sei, stellt er die seinige auf, daß die +Gesellschaft uns auferlegt (<span class="antiqua">obligée</span>) und das Resultat einer +Macht sei, möge es nun die Macht der Ueberredung oder der Waffen sein. +Der Behauptung, daß die Macht von Ursprung an das Gesetz vom Volke +empfangen habe, stellt er die gegenüber, daß nicht einmal ein Volk +existire, ehe eine Macht da sei. Dem revolutionären Grundsatz, daß die +Gesellschaft eine Brüderlichkeit und Gleichheit sei, stellt er seine +patriarchalisch-despotische Lehre gegenüber, daß die Gesellschaft ein +Väterlichkeits- und Abhängigkeits-Verhältniß sei; die Macht sei bei +Gott und werde von ihm ertheilt. — Hier ist abermals die energische +Berufung auf die geschichtliche Wirklichkeit und ihre Machtverhältnisse +treffend wahr, während gleichzeitig durch einen Sophismus ohne Gleichen +das legitime Königthum von Gottes Gnaden aus dem Respekt vor der +Geschichte und der Wirklichkeit abgeleitet wird.</p> + +<p>Man richtet endlich aus allen Kräften einen Hieb gegen Rousseau's +Auffassung des Staates als eines Vertrages. Man stellte diese +Auffassung als eine Thorheit, ja als eine verbrecherische Erfindung +dar. Und doch geht sie so naturnothwendig, wie irgend Etwas, aus +des achtzehnten Jahrhunderts ganzer Ueberschätzung des Bewußten im +Menschenleben und seinem Mangel an Blick für das Unbewußte hervor. Um +wie viel gerechter hat später Hegel Rousseau beurtheilt! Er hebt das +Verdienst Rousseau's hervor, ein Princip aufgestellt zu haben, »dessen +Inhalt der Gedanke selber«, nämlich der Wille, als Princip des Staates +war, und bemerkt, daß sein Fehler lediglich darin bestand, unter dem +Willen nur den einzelnen, den bewußten und willkürlichen Willen zu +verstehen, was dann »zu den weiteren, blos verständigen, das an und +für sich seiende Göttliche und dessen absolute Autorität und Majestät +zerstörenden Konsequenzen führt« (Hegel's Werke, Band <span class="antiqua">VIII</span>, S. +314). — Im »<span class="antiqua">Contrat social</span>« hatte Jean-Jacques die Principien +der Regierung und der Gesetze in der Natur des Menschen und der +Gesellschaft, diese in rein abstrakter Allgemeinheit genommen, zu<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> +finden gesucht. Aber schon Montesquieu sagte: »Ich habe niemals von +öffentlichem Recht reden hören, ohne daß man sich sorgfältig bemüht +hat, zu ergründen, was der Ursprung der Gesellschaften sei, Etwas, das +mir als durchaus lächerlich erscheint. Wenn die Menschen nicht eine +Gesellschaft bildeten, wenn sie einander mieden oder flöhen, müßte +man nach dem Grunde fragen und erforschen, weshalb sie sich getrennt +hielten; aber jetzt werden sie alle als an einander geknüpft geboren. +Ein Sohn wird bei seinem Vater geboren und hält sich an ihn; Das ist +die Gesellschaft und die Ursache der Gesellschaft.«</p> + +<p>Wenn man nur, statt des Verhältnisses zum Vater, das noch nähere +Verhältnis des Kindes zur Mutter setzt, so scheint die ganze +Argumentation mir vollkommen richtig zu sein. Rousseau wollte jedoch, +ohne Rücksichtnahme hierauf, zeigen, kraft welcher Principien die +Menschen sich mit einander vereinigt, welches Ziel sie sich bei +dieser Vereinigung gesetzt hätten, und welches die besten Mittel zur +Errichtung dieses Ziels wären. Nun ist es sicherlich unbestreitbar, daß +die Gesellschaft nur durch Uebereinkunft ihrer Mitglieder existirt. +Diese Uebereinkunft oder dieser Vertrag ist also ganz gewiß das +<em class="gesperrt">rationelle</em> Princip ihrer Existenz, allein dieser Vertrag wird +stillschweigends geschlossen, hat sich immer von selbst verstanden, +hat immer existirt, ist also nicht <em class="gesperrt">reell</em>. Ganz auf dieselbe +Art heißt es in der Geometrie, eine Kugel entstehe dadurch, daß man +einen Halbkreis um seine Achse bewege. Diese Definition ist vollkommen +richtig, hat aber Nichts mit den materiellen Bedingungen der Existenz +einer bestimmten Kugel zu schaffen. Niemals in der Welt ist eine Kugel +dadurch verfertigt worden, das man einen Halbkreis um seinen Radius +drehe.</p> + +<p>Will man dies Bild festhalten, so hat man in einem bestimmten +Beispiel die Eigenthümlichkeit des Gedankenganges des achtzehnten +Jahrhunderts auf socialem Gebiete, ja seines ganzen Geisteslebens. Dies +Geistesleben ist analytisch und abstrakt, es hat eine Tendenz nach der +Seite der Geometrie und der Algebra und sucht die schwierigsten und +komplicirtesten Verhältnisse der Wirklichkeit mit Hilfe der Abstraktion +zu begreifen.<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Dieser Schwäche gegenüber erringt Bonald einen leichten +Sieg, indem er sich auf das Machtprincip beruft. Er stellt Rousseau's +auflösenden Theorien seine absolutistischen Postulate gegenüber: »Gott +ist die souveraine <em class="gesperrt">Macht</em> über alle Wesen, der Gottmensch ist die +<em class="gesperrt">Macht</em> über die ganze Menschheit, das Staatsoberhaupt ist die +<em class="gesperrt">Macht</em> über all' seine Unterthanen, das Familienoberhaupt ist +die <em class="gesperrt">Macht</em> in seinem Hause. Da alle Macht nach dem Bilde Gottes +geschaffen ist und von Gott stammt, ist alle Macht absolut«.<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></p> + +<p>Sodann bekämpft man Rousseau auf dem moralischen Gebiete. Rousseau +hatte sich bestrebt, in der Moral »das innere, ungeschriebene Gesetz«, +von welchem Antigone spricht, zur Quelle der Gesetzgebung zu machen. +Er hatte gesagt: »Was der Mensch nach dem Willen Gottes thun soll, Das +giebt er dem Menschen nicht durch einen anderen Menschen kund; Das +sagt er ihm selbst und schreibt es ihm tief ins Herz«. Wäre dem so, +was bedeuteten dann Tradition und Autorität und durch dritte Personen +mitgetheilte Offenbarungen! »Wenn der Mensch«, entgegnet daher Bonald, +»diesem inneren Gesetz durchaus folgen müßte, so wäre er willenlos wie +ein Stein, den das Gesetz der Schwere lenkt; braucht er ihm dagegen +nicht nothwendig zu folgen, so bedarf es hier einer <em class="gesperrt">Autorität</em>, +welche ihn auf jene Gesetze aufmerksam machen kann und ihn lehrt, +denselben gehorsam zu sein«. So wird auch in der Moral das Princip also +von dem inneren Gefühle in die äußere Autorität verlegt.</p> + +<p>Die Polemik wider Rousseau geht so weit, daß Bonald z. B. über die +Ermahnung des Philosophen an die Mütter, selbst ihre Kinder zu stillen, +ganze Seiten lang declamirt. Man sollte glauben, hier wenigstens hätte +Rousseau es den strengen Moralisten recht gemacht. Weit gefehlt! +Jene Ermahnung beweist, daß Jean-Jacques die Menschen nur als Thiere +betrachtet habe. »J. J. Rousseau machte es im <em class="gesperrt">Namen der Natur</em> +den Frauen zur Pflicht, selbst ihren<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> Kindern die Brust zu reichen, +gerade wie es die Weibchen bei den Thieren, und aus dem nämlichen +Grunde, thun..... Die Väter und Mütter, welche von der Philosophie nur +als Männchen und Weibchen betracht wurden, betrachteten also die Kinder +nur als ihre Jungen« (<span class="antiqua">Bonald: du divorce considéré au 19me siècle +relativement à l'état domestique et à l'état public de société</span>, +Ausgabe von 1817, S. 29 und 31). Und weshalb ist Bonald so erbittert? +Augenscheinlich weil er fürchtet, Rousseau möge der Religion Etwas von +ihrer Autorität rauben, indem er ein Vernunftgebot erläßt, welches +sie nicht direkt gegeben hat. »Rousseau«, sagt er, »hat vermuthlich +gedacht, die Religion dabei zu ertappen, daß sie eine Pflicht übersehen +hätte; aber vielleicht hat eben die Religion, welche weiter als er sah, +Alles gescheut, was jungen Eheleuten als Grund oder Vorwand dienen +könnte, wenn auch nur für den Augenblick, getrennt von einander zu +leben«. Die mütterliche Sorge der katholischen Kirche für das Glück der +Eheleute und die Vermehrung des Menschengeschlechts soll also durch die +Polemik wider Rousseau sich in ihrem glänzendsten Lichte zeigen.</p> + +<p>Wir sahen, zu welchen Mißverständnissen der Gesellschaftsidee der +abstrakte und mathematische Gedankengang des achtzehnten Jahrhunderts +führte. Eines ganz ähnlichen Mißverständnisses hatte man sich durch +denselben Gedankengang der Poesie gegenüber schuldig gemacht. In seiner +Bewunderung des mathematischen Raisonnements und der Sicherheit, +mit welcher man auf dem Wege der mathematischen Schlußfolgerung zur +Entdeckung abstrakter Wahrheiten gelangte, wünschte man, der Sprache, +so weit möglich, den Charakter des mathematisch-exakten Ausdrucks +mitzutheilen. Ich brauche nur an Condillac's bekannte Definition +einer Wissenschaft als einer »<span class="antiqua">langue bien faite</span>«, d. h. einer +vollständig klaren und vollständig genauen Sprache, zu erinnern. +Man beachtete viel zu wenig, daß, sobald es Eindrücke wiederzugeben +gilt, welche nicht dieselben bei Allen sind, und welche bei derselben +Person von einem Augenblicke zum andern wechseln können, eine +schmiegsame, leicht umzuprägende Sprache erforderlich ist, welche +ihren Geist und Charakter von Dem, welcher sie spricht,<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> empfängt. +Die Männer der Wissenschaft begannen damals Das, was man die Poesie +und den Stil nannte, zu verhöhnen, und versicherten, daß die Gedanken +Alles und die Form so gut wie Nichts sei. Barante, welcher beim +Beginn des neuen Jahrhunderts zum ersten Mal seinem Zeitalter in +einer literaturgeschichtlichen Schrift die Spitze bietet, bemerkt +hiergegen schlagend: »Wenn Ximene zu Rodrigo sagt: ›Geh, ich hasse +Dich nicht‹, so ist es klar, daß, wenn man diese Worte einer kalten +Analyse unterwirft, es das Gleiche ist, als wenn sie sagte: ›Geh, +ich liebe Dich‹, und doch würde sie, wenn sie diese letzteren Worte +sagte, ein ganz anderer Charakter sein, würde die Rücksicht auf ihren +Vater vergessen und sowohl ihre Schamhaftigkeit wie ihren Liebreiz +verlieren«. Die Dichter, welche im Grunde von derselben Auffassung +wie die Männer der Wissenschaft ausgingen und eben so weit, wie jene, +davon entfernt waren, den Stil als das unmittelbare Produkt des +Gedankens zu begreifen, machten sich daran, »Stil« an und für sich zu +fabriciren, und sprachen von dem Stil, wie man von der Musik zu einem +Texte spricht. Sie betrachteten die Kunst, zu schreiben, als eine rein +mechanische Kunst, und man sah die deskriptive Schule, mit Delille +an der Spitze, den Versuch machen, die allerpoesielosesten Sujets, +wie die Botanik, die Astronomie, die Physik und die Seefahrt, in Stil +zu setzen. Ich deute hiemit auf wirklich existirende Dichtungen von +Boisjolin, Gudin, Aimé Martin und Esménard hin. Ja, Cournand schrieb +sogar ein Gedicht in vier Gesängen vom »Stil« und den Stilarten. Man +betrachtete die Poesie als eine künstliche Form, welche dem abstrakt +fertigen Gedanken mitgetheilt wurde. Hiergegen hatte schon Buffon +seinen treffenden Satz »<span class="antiqua">Le style c'est l'homme</span>«, — »der Stil +ist der Mann« — gerichtet, ein Satz, welcher seitdem, so oft das Wort +Stil genannt wird, als stehende Trivialität zum Vorschein kommt, und +niemals öfter als Denen citirt wird, welche weder Männer sind noch +einen Stil haben.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts gingen +in ihrer Auffassung von der Natur des poetischen Stils von ihrem +eigenen Verfahren aus. Da ihre eigene Poesie kein Naturprodukt, sondern +ihre Sprache das Produkt einer Arbeit nach gewissen Regeln von der +Noblesse des Ausdrucks, von der Wahl der Metaphern und der Anwendung +der Mythologie war, so glaubten sie, daß die Sprache und der Gedanke +von Ursprung an unabhängig von einander entstünden.</p> + +<p>Wenn daher Bonald seine Lehre wider sie richtet, daß Sprache und +Gedanke sich nicht trennen lassen — der Grundsatz, auf welchem er in +seinem Hauptwerke »<span class="antiqua">La législation primitive</span>« sein ganzes System +erbaut, — so hat er selbstverständlich Recht. Aber es geht mit diesem +Satze wie mit allen andern der Restauratoren: die orthodoxe Manie, an +welcher der Verfasser leidet, veranlaßt ihn, jeden wahren Gedanken so +zu recken und zu strecken, daß ein förmliches Monstrum daraus wird. +»Die Lösung des Problemes der Intelligenz«, sagt Bonald, »läßt sich +in dieser Formel geben: Es ist nothwendig, daß der Mensch sein Wort +denke, bevor er seinen Gedanken ausspricht. Das will sagen, es ist +nothwendig, daß der Mensch das Wort wisse, bevor er es spricht, welcher +einleuchtende Satz jede Möglichkeit ausschließt, daß der Mensch selbst +das Wort erfunden haben könnte«. Da hat man's! Auf solche Art gelangt +Bonald zu jenem Lieblingssatze der Reaktionäre in diesem Jahrhundert, +daß die Sprache ursprünglich von Gott den Menschen gegeben sei. Man +findet ihn bei uns in der Aeußerung Sören Kierkegaard's (»Ueber den +Begriff Angst«), daß keinesfalls der Mensch die Sprache selbst erfunden +haben könne. Weshalb nicht? Weil Gott sie fix und fertig offenbart hat.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p> + +<p>Wider Locke's und Condillac's gesunde Lehre von der successiven +Erwerbung der Sprache und der Ideen stellt Bonald dies sein Axiom von +der Nothwendigkeit der primitiven Offenbarung der Sprache und der Ideen +auf. Auf dieser Grundlage beruht bei ihm nichts Geringeres, als das +Dogma von der Existenz Gottes, woraus alle übrigen folgen. Wohin man +sich auch wende, man endet immer fort. Da keiner der Restauratoren +einen Begriff von der Wissenschaft hat, da sie alle gute Köpfe mit +derjenigen Bildung sind, welche man in einem Jesuitenkollegium erlangt, +läßt sich kein wissenschaftliches Tollhausgeschwätz denken, das sie +nicht im Munde führten. Die Philologie wird nicht minder, als die +Politik und Gesellschaftslehre, auf dem Altare der Theokratie geopfert. +Ein merkwürdiger Beweis des Zusammenhanges der Restauratoren ist +der Umstand, daß Bonald im Jahre 1814 De Maistre's Werk »<span class="antiqua">Sur le +principe générateur des constitutions politiques</span>« in neuer Auflage +herausgab, also sich eines Werkes annahm, das wider geschriebene +Verfassungen eiferte, während er doch in Folge seiner Theorie von der +direkten Offenbarung des Wortes zu der Ueberzeugung gekommen war, daß +jedes Gebot von den zehn Geboten an und bis auf uns herab schwarz +auf weiß aufgezeichnet sein müsse. Aber die Hauptsache war für ihn, +wie für De Maistre, daß die Verfassung dem modernen Geiste keine +Koncessionen mache, und daß die Autorität von keinem Freiheitshauch +angefochten werde; so nahm man es nicht so genau damit, sich mit +einem principiellen Gegner zu verbünden. Wie hätte man auch im +Jesuitenkollegium nicht ein bischen Jesuitismus gelernt!</p> + +<p>Nicht genug, daß man selbst dort in die Schule gegangen war, man wollte +auch das ganze Geschlecht dorthin senden. Der dritte Theil von Bonald's +»<span class="antiqua">Législation primitive</span>« behandelt speciell die Erziehung und +ist speciell gegen Rousseau's »Emil« gerichtet. Er kann es diesem +Buche nicht verzeihen, gelehrt zu haben, daß man der Jugend keine +religiöse Erziehung geben solle. Er citirt mit heiligem Ernste als +Beispiel der unheilvollen Wirkungen von Rousseau's Erziehungstheorien, +daß »75 Kinder im Laufe der letzten fünf Monate wegen verschiedener +Verbrechen polizeilich verurtheilt<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> worden sind«, und giebt nun seine +eigenen Erziehungsgrundsätze zum Besten. Sie laufen, wie zu erwarten +stand, darauf hinaus, alle Individualität zu ersticken. »Wir bedürfen +eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Unterrichts und folglich +eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Lehrers (<span class="antiqua">perpétuel</span>, +<span class="antiqua">universel</span>, <span class="antiqua">uniforme</span>); man bedarf also eines Corps, +denn ohne Corps giebt es weder Stetigkeit, noch Allgemeinheit, noch +Gleichförmigkeit.« Er zeigt auch, wie man von verheiratheten Lehrern +nicht annehmen könne, daß sie sich ganz ihrer Aufgabe widmen werden, +wie es aber eben so wenig nütze, unverheirathete zu wählen, wenn +sie nicht unter einer religiösen Disciplin stünden; »denn wenn die +öffentlichen Lehrer zwar unverheirathet, aber zugleich weltlich sind, +können sie kein wirkliches Corps ausmachen, da sie nach Lust und Laune +in dasselbe ein- und aus demselben austreten, und da kein Familienvater +außerdem seine Kinder einem unverheiratheten Manne anzuvertrauen wagen +könnte, für dessen Sitten nicht eine religiöse Disciplin bürgte«. Durch +dies herrliche Raisonnement ist es denn klar und deutlich gemacht, daß +der ganze Unterricht in die Hände der Geistlichkeit gelegt werden, +vorzugsweise religiös sein und die Kinder frühzeitig an Respekt vor der +Autorität, der sie ihr Leben hindurch gehorchen sollen, gewöhnen müsse.</p> + +<p>Das hartnäckige Hervorkehren des Autoritätsprincips ist also der +entscheidende, der herrschende Zug in dieser ganzen Literaturgruppe. +Die französischen Restauratoren betonten es so viel leidenschaftlicher, +als die deutschen, zum Theil aus Raceneigenthümlichkeit, zum Theil +in Folge des konfessionellen Unterschiedes. Dir reaktionäre deutsche +Literaturbewegung beruht, wie ich es im vorigen Bande (S. 16 ff.) +gezeigt habe, auf dem Subjektivismus; ihr Princip ist der Eigenwille. +So mit Haut und Haar katholisch, so autoritätsdienerisch wie die +französische Reaktion, ward die deutsche Romantik, trotz all ihrer +katholischen Thorheit und Affenschande, doch niemals. Der germanische +und protestantische Individualismus setzte sich beständig dagegen zur +Wehr. Die französische Sociabilität gab ohne Widerstand nach. Dagegen +ist die radikale Vollblut-Reaktion reichlich so interessant, wie die +unsichere und halbe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p> + +<p>Noch in dem Augenblick, wo der Umschlag nahe und die Auflösung der +ganzen Schule nicht mehr fern ist, sehen wir Lamennais in seinem +Buche über den religiösen Indifferentismus behaupten, daß nicht das +Gefühl, und ebensowenig die Forschung, sondern die <em class="gesperrt">Autorität</em> +das Kennzeichen der wahren Religion sei, »so daß die wahre Religion +unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen +<em class="gesperrt">sichtbaren Autorität</em> beruht«. Und gleich vom Anfange der +Bewegung an werden alle Definitionen in demselben Geiste gegeben. Für +Bonald ist die Religion die pure Ordnungspolizei. Ich führe als Beweis +einige Sätze an, die ich aus seinen Schriften zusammen gelesen:</p> + +<p>»Die Religion, welche das allgemeine <em class="gesperrt">Band</em> in jeder Gesellschaft +ist, zieht vorherrschend den Knoten der politischen Gesellschaft +straffer an; selbst das Wort Religion (<span class="antiqua">religare</span>) deutet +hinlänglich an, daß sie das natürliche und nothwendige <em class="gesperrt">Band</em> +der menschlichen Gesellschaft, der Familien und Staaten ist. — Die +Religion bringt die <em class="gesperrt">Ordnung</em> in die Gesellschaft, weil sie +die Gesellschaft lehrt, woher die Macht und die Pflichten stammen. +— Die Religion enthält im Wesentlichen die Grundsätze <em class="gesperrt">für alle +Ordnung</em>. — Die Religion wird triumphiren, weil die <em class="gesperrt">Ordnung</em>, +wie Malebranche sagt, das unverbrüchliche Gesetz der Geister ist.« — +Ja, in seiner Freude über die steigende Reaktion ruft er aus: »Schon +sehen wir rings in Europa alle mit Recht berühmten Schriftsteller die +Nothwendigkeit der christlichen Religion einräumen oder vertheidigen +und ihre Werke mit dem Siegel ihrer Unsterblichkeit stempeln; denn, +mögen die Schriftsteller es merken: alle Werke, in welchen die +Grundsätze der <em class="gesperrt">Ordnung</em> geleugnet oder bekämpft werden, werden +spurlos verschwinden, und nur die, in denen sie vertheidigt oder +respektirt werden, werden mit Ehren auf die Nachwelt gelangen«. Man +sieht, daß von Glaubensinbrunst, von Religiosität, von Gefühl hier +nicht die Rede ist, die Religion ist das Band, die Ordnung, das +Autoritätsprincip. Welcher Kontrast gegen Deutschland, wo selbst die +Mondscheinschwärmerei Religion wurde! Seltsam genug, erhält Bonald +sogar durch das starke Hervorheben der Religion als Ordnung eine ihm +sicherlich sehr unerwünschte<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Aehnlichkeit mit dem Manne, den er von +Allen so ziemlich am meisten verabscheute, nämlich mit Robespierre, +der ja ebenfalls die Ordnung leidenschaftlich liebte und ihretwegen +einen öffentlichen Kultus verlangte. Aber welcher Unterschied bei der +Aehnlichkeit, da Robespierre keine andere Ordnung wünschte, als die, +welche die Eroberungen der Revolution bewahre und ein Ausdruck des +Gedankens in seiner Freiheit sei, während Bonald unter der Ordnung den +Inbegriff aller alten Traditionen versteht.</p> + +<p>De Maistre trifft mit ihm in diesem Punkte zusammen. Er sagt: »Ohne +Papst keine Souverainetät, ohne Souverainetät keine Einheit, ohne +Einheit keine <em class="gesperrt">Autorität</em>, ohne Autorität kein Glaube«. Er stellt +die Monarchie über alle Kritik und Forschung, indem er lehrt, daß sie +ein <em class="gesperrt">Mirakel</em> sei. Er verherrlicht, wie wir es im vorhergehenden +Bande (S. 10 und 250) sahen, die brutale Gewalt als solche, indem er +theoretisch die militairische Gesellschaft unter den Korporalstock, die +bürgerliche unter das Beil des Scharfrichters stellt. Letzteres that +Robespierre praktisch, aber nur weil er kein Heil für die Revolution +außer in einer Diktatur sah. So begegnet sich denn auch De Maistre mit +Robespierre. Er setzt dem Werk die Krone auf, indem er die Inquisition +verherrlicht. Was es diesen Schriftstellern zu fördern gilt, ist also +Autorität und Macht. Die Macht wird im Staate durch »volksthümliche +Institutionen« zertrümmert, welche einen gezwungenen Ministerwechsel +herbeiführen können, sie wird in der Religion bedroht, wenn der +Priesterstand eine freie Stellung erhält, oder, wie Bonald es nennt, +»durch den Presbyterianismus«, sie wird in der Familie umgestürzt, +sobald Ehescheidung unter irgend einer Bedingung gestattet wird. Nein! +König, Minister und Unterthan, Papst, Priester und Gemeinde, Mann, +Frau und Kind sind das unzertrennliche Kleeblatt, nach dem Bilde der +Dreieinigkeit. Als unzertrennlich sichern sie die großen Grundgedanken +der Autorität und Ordnung.</p> + +<p>So haben wir denn, indem wir an so vielen verschiedenen Punkten unsere +Sonde hinabstießen und überall denselben Grundgedanken trafen, die +herrschende Idee der neuen Periode gefunden. Wir können sie mit vielen +Namen benennen:<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Es ist das große Princip der <em class="gesperrt">Selbstentäußerung</em> +im Gegensatze zu dem Princip des individuellen Gefühls und der +persönlichen Forschung. Es ist das große Princip der <em class="gesperrt">Theokratie</em>, +der Souverainetät Gottes im Gegensatze zu derjenigen des Volkes, das +Princip der <em class="gesperrt">Autorität</em> und <em class="gesperrt">Macht</em> im Gegensatze zu den +Principien der Freiheit, der Menschenrechte und der solidarischen +Pflichten. Und wenn wir jetzt einen Blick auf die verschiedenen Gebiete +des Menschenlebens werfen, so treffen wir auch dort überall dieselbe +Losung und dieselbe weiße Fahne. Die Idee prägt sich nach allen +Richtungen aus.</p> + +<p>Im Staate, bewirkt sie, daß das Rechtsprincip dem Machtprincipe +weicht, welches nun als göttliche Macht bestimmt und zum Königthume +von Gottes Gnaden wird. In der Gesellschaft verdrängt sie die Idee der +Brüderlichkeit und ersetzt sie durch ein halb patriarchalisches, halb +tyrannisches Vaterverhältnis, wie die Idee der Gleichheit der Idee der +Abhängigkeit Platz macht. In der Moral löscht sie das innere Gesetz aus +und weist auf Koncilien und Bullen. Sie definirt die Religion nicht als +den Glauben, sondern als das Band, als jene »politische Fessel«, als +welche die Revolutionsmänner sie eben gescholten hatten. Sie betont die +Unauflöslichkeit in der Ehe sowohl wie im Staate. Sie lehrt, daß der +Mensch die Sprache direkt von Gott erhalten habe, und erstickt dadurch +in der Geburt die Philologie, um eine theologische Pyramide über ihrer +Leiche zu errichten. Sie macht die Erkenntnislehre unmöglich, indem sie +der Forschung die größtmögliche sichtbare Autorität zur Richtschnur +giebt. Sie vergiftet das heranwachsende Geschlecht, indem sie die +Erziehung desselben einem, den Befehlen eines Jesuitengenerals blind +gehorchenden Halbmanns-Corps anvertraut.</p> + +<p>Und als diese Richtung nicht lange nach ihrem kräftigen Hervortreten +ihre Poesie erhält, stempelt sie bald ebenfalls die Epopöe, den Roman, +das Lied, die Ode, ja das Theater mit ihrem Charakterzeichen. Auch in +der Poesie herrschen die Lilien. Die neue Dichterschule erhält den +Namen der seraphischen. Ihre Helden, ihre typischen Persönlichkeiten +werden der Märtyrer, wie bei Chateaubriand, oder der Prophet, +wie<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> bei De Vigny (Moses). Die Dichter suchen ihre Inspirationen +in der Bibel und bei Milton. Dichterinnen, wie Frau von Krüdener, +treten als Prophetinnen auf, und greifen als solche wirksam in den +Entwicklungsgang der Zeit ein. Oden und Meditationen drehen sich, +wie bei Victor Hugo und Lamartine, um die Salbung von Königen und +die Geburt von Kronprinzen. Die Geburt des Grafen von Chambord ist +kaum weniger als ein Mirakel, und wird in ganz Frankreich besungen. +Mit dem Kreuz in der Hand verjagen Lamartine und Hugo die heidnische +Mythologie aus der Lyrik. Auf dem Theater treten die Tempelherren +und die Makkabäer auf, welche wir aus Zacharias Werner's »Söhnen des +Thals« und der »Mutter der Makkabäer« kennen. Das erste Sujet wird von +Raynouard, das zweite von Guiraud behandelt. — Es giebt kein Gefühl +im Menschenherzen, kein Gebiet im menschlichen Geiste, keine Abart der +Literatur, welchen diese, so rasch wieder mißlingende Restauration +nicht vor ihrem Verschwinden ihr Geistesgepräge aufdrückte.</p> + +<p>[<span class="antiqua">Bonald: Théorie du pouvoir, Tome I-III. La Législation primitive. +Essai analytique sur les lois naturelles. Du divorce. — Barante: +Tableau de la littérature française au 18me siècle. — Lamennais: Essai +sur l'indifférence en matière de réligion. — Laurent: Histoire du +droit des gens, Tome XVI.</span>]</p> + + +<h3>4.</h3> + + +<p>Chateaubriand's »Genius des Christenthums« bezeichnet den Uebergang +vom ersten Stadium der Reaktion zu seinem zweiten, indem dies Werk, +wie schon bemerkt worden ist, die Autorität durch einen Appell an das +Gefühl zu fördern und wieder einzusetzen suchte.</p> + +<p>Die Vertheidigung des Christenthums, welche hier geliefert wurde, war +von einer bisher unbekannten Art, weil sie sich an das Gefühl und die +Einbildungskraft, nicht an die Intelligenz und den Glauben wandte. Das +Buch spricht gleichsam die Ueberzeugung aus, daß die Intelligenz jetzt +antichristlich und der Glaube verschwunden sei.</p> + +<p>Der Verfasser selbst war wenige Jahre zuvor Freidenker, ja Materialist +gewesen. In einem ihm zu gehörenden Buche<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> fand Sainte-Beuve nach +seinem Tode eigenhändige Randbemerkungen, welche den Beweis dafür +liefern. Bei den Worten: »Gott, die Materie und das Schicksal sind +Eins«, hat er hinzugefügt: »Dies ist mein System, Dies ist Das, woran +ich glaube«. An der Stelle, wo im Texte folgendes Raisonnement steht: +»Du sagst, Gott habe dich frei erschaffen. Das ist nicht die Frage. +Hat er vorausgesehen, daß ich fallen, daß ich ewig unglücklich werden +würde? Ja, unzweifelhaft. In solchem Falle ist Euer Gott nur ein +furchtbarer und absurder Tyrann«, bei diesen Worten hat er am Rande +bemerkt: »Dieser Einwand ist unwiderleglich und stürzt das ganze +christliche System vollständig über den Haufen. Uebrigens glaubt Keiner +mehr daran«.</p> + +<p>Dies ist Chateaubriand's Jugendstandpunkt; aber seine Mutter stirbt, +und hinterläßt ihm die Bitte, an ihrem Glauben festzuhalten. »Ich +weinte und glaubte,« sagt er.</p> + +<p>Selbst bekehrt oder halbwegs bekehrt auf dem Wege des Gefühls, versucht +er jetzt, in derselben Weise auf Andere zu wirken. Konnte man nicht +mehr erwarten, intellektuelle Empfänglichkeit für die Dogmen des +Christenthums zu finden, so konnte man doch immer Sympathien für +dessen rührende und erhabene Poesie erwarten. Es war eine originelle +und zeitgemäße Idee, die Apologie in Poetik zu verwandeln. Er weiht +dem melancholischen Klange der Kirchenglocken ein ganzes Kapitel. Er +schildert die idyllische Ruhe der schlichten Dorfkirche. Er giebt +Bilder und Gleichnisse, wo man Beweise erwartet. Bonald gebraucht +den Ausdruck: in Büchern, die ein Werk des Raisonnements, wie seine +eigenen seien, zeige die Wahrheit sich wie ein König an der Spitze +seines Heeres an einem Schlachttage, aber in Büchern wie denjenigen +Chateaubriand's gleiche sie vielmehr einer Königin auf ihrem +Krönungszuge, umgeben von allem Prachtvollen und Reizenden, was man +irgend habe auftreiben können. Der Sinn ist, daß Chateaubriand viel +mehr rühren, als überzeugen will. Im Privatgespräch drückte Bonald sich +Uebrigens unumwundener aus. Er sagte: »Ich gab meine Pillen, wie sie +waren, er gab die seinigen überzuckert«.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p> + +<p>Kein Buch giebt sicherlich einen bessern Maßstab dafür ab, wie wenig +tief die religiöse Renaissance war, als dieses. Sein Gesichtspunkt ist +derjenige, welchen man nach allgemeinem Uebereinkommen den romantischen +zu nennen pflegt. Es wendet sich der Vergangenheit zu, und da der +Romantiker ein Phantasiemensch ist, so erblickt er die Vergangenheit +in einem phantastischen Lichte. Die Religion des Romantikers ist eine +Paradereligion, ein Werkzeug für den Politiker, ein Saitenspiel für +den Dichter, ein Symbol für den Philosophen und eine Modesache für den +Weltmann.</p> + +<p>Wie die deutschen, dänischen und französischen Romantiker, schwärmt +Chateaubriand für das Mysteriöse und beginnt seine Vertheidigung des +Autoritätsglaubens damit, sich ganz allgemein auf das Mysteriöse im +Leben zu berufen. »Es giebt nichts Schönes, Süßes und Großes im Leben, +als das Geheimnisvolle. Die wunderbarsten Gefühle sind diejenigen, +welche uns zugleich bewegen und verwirren. Schamhaftigkeit, keusche +Liebe, reine Freundschaft sind voller Geheimnisse ... Ist die Unschuld, +welche ihrem Wesen nach nur eine heilige Unwissenheit ist, nicht das +unaussprechlichste Mysterium? — Die Frauen, die schönere Hälfte des +Menschengeschlechts, können nicht ohne Mysterien leben«. Der Sprung von +hier bis zu den Dogmen einer positiven Religion erscheint groß.</p> + +<p>Ganz auf dieselbe Art bedient sich De Maistre des Mysteriums. Es +gilt für ihn nur zu beweisen, daß die eine oder andere Institution +unerklärlich sei, so glaubt er bewiesen zu haben, daß sie göttlich +sei. So läßt sich für die erbliche Monarchie und den Erbadel kein +rationeller Grund anführen — Beweis genug, daß sie von Gottes Gnaden +sind. Was läßt sich zur Vertheidigung des Krieges vorbringen? Nicht +Viel, folglich ist der Krieg ein Mysterium. Sieht man genauer zu, so +begreift man, daß diese Wendung nothwendig ist. Die Autorität fordert +als ihr nothwendiges Gegenstück das Mysterium. So sagt Michaud in der +Dedikation des Gedichtes; »<span class="antiqua">Le printemps d'un proscrit</span>« 1803: +»Die Gesellschaft muß ihre mysteriöse Seite haben, eben so wohl wie +die Religion, und ich habe stets gedacht, man müsse bisweilen an die +Gesetze des Vaterlandes glauben, wie man an Gottes<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Gebote glaubt. +Sowohl im täglichen Leben wie in der Politik giebt es Dinge, die man +besser ausführt, wenn man <em class="gesperrt">nicht</em> an die Ursache <em class="gesperrt">denkt</em>, +welche Einen veranlaßt, zu handeln«.</p> + +<p>Chateaubriand's Werk war glänzend und blendend durch seine Form. Ohne +diese Eigenschaften hätte es nicht das Aufsehen gemacht, welches es +erregte. Es enthält Naturschilderungen, Stimmungsergüsse und ganz +vereinzelte gute Bemerkungen. Aber sein literarischer und poetischer +Werth ist doch in seinen Episoden »Atala« und »René« zusammengedrängt, +die als Versuchsballons lange vorher dem Werke vorausgesandt wurden, +und mit denen wir es hier nicht zu thun haben: diese haben wir ihrer +Zeit (Band I, Seite 43-49) in ihrer historischen Bedeutung betrachtet.</p> + +<p>Hier wollen wir nur in dem Charakter der Vertheidigungsmethode den +Beweis für die Unwahrheit der ganzen Richtung, welche dies Buch +einleitet, suchen und liefern. Dem ästhetischen Theile des Werkes ist +ein dogmatischer vorangestellt, welcher, übereinstimmend mit der ganzen +Manier des Buches, darauf ausgeht, die Schönheit der christlichen +Dogmen aufzuweisen. Hier einige Beispiele der ungereimten Konsequenzen, +zu welchen dieser »Wie schön!«-Stil führte.</p> + +<p>Vom Abendmahle sagte er: »Wir wissen nicht, was man gegen ein Sakrament +einwenden könnte, das Einen veranlaßt, einen solchen Kreis poetischer, +moralischer, historischer und metaphysischer Ideen zu durchlaufen, +gegen ein Sakrament, das mit Blumen, Jugend und Lieblichkeit beginnt, +und das damit endet, Gott zur Erde herabsteigen zu lassen, um sich den +Menschen als geistige Nahrung hinzugeben«. Was man dagegen einwenden +könnte? Nicht das Mindeste, wenn es wahr ist.</p> + +<p>Trotz der Schönseligkeit, geht Chateaubriand mit der größten Pedanterie +zu Werke. Das Cölibat wird zuerst vom moralischen Gesichtspunkte +betrachtet und, solchergestalt untersucht, sogar die moralischste +Institution von allen genannt; dann wird demselben wiederum ein neues +Kapitel gewidmet mit dem halbkomischen Titel: »Untersuchung der +Jungfräulichkeit, vom poetischen Gesichtspunkte betrachtet«. Dies +schließt mit folgender unglaublichen Tirade: »So sieht man,<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> daß die +Jungfräulichkeit, welche sich vom untersten Glied in der Kette der +Wesen emporhebt (ihre Bedeutung wird nämlich auch bei den Thieren +untersucht), sich zum Menschen, vom Menschen zu den Engeln und von den +Engeln zu Gott hinauf erstreckt, bei welchem sie sich verliert«. Und in +der Originalausgabe war, als sei Dies nicht genug, noch hinzugefügt: +»Gott ist selber der große Einsame des Universums, der ewige Junggesell +(<span class="antiqua">célibataire</span>) der Welten«.</p> + +<p>Man wundert sich vielleicht, daß das Vaterverhältnis zur zweiten Person +der Dreieinigkeit gar nicht in Betracht kommt. Mit um so größerem +Nachdruck kann der Verfasser die Jungfräulichkeit des Heilandes +betonen. Er sagt:</p> + +<p>»Der Gesetzgeber der Christen wurde von einer Jungfrau geboren und +starb als Jungfrau (<span class="antiqua">vierge</span>)«. Und dann fügt er folgende Worte +hinzu: »Hat er uns hiedurch nicht lehren wollen, daß die Erde in +politischer und natürlicher Hinsicht die Vollzahl ihrer menschlichen +Bewohner erreicht habe, und daß wir nun, weit entfernt davon, das +Geschlecht vermehren zu sollen, vielmehr von jetzt an darauf achten +müssen, die Einwohnerzahl zu beschränken?«</p> + +<p>Man erstaunt, die Theorie des Malthus als Facit dieser christlichen +Romantik zu erblicken. Wer hätte gedacht, daß so viel Nationalökonomie +in den Evangelien stecke!</p> + +<p>Bei Gelegenheit der Dreieinigkeit steht dort zu lesen: »Die Zahl 3 +scheint in der Natur die Zahl vor allen zu sein; sie ist nicht erzeugt, +weshalb Pythagoras sie die Zahl ohne Mutter nannte. Selbst in den +Lehren der Vielgötterei kann man die eine und andere dunkle Tradition +von der Dreieinigkeit erkennen. Die Grazien haben sie zur Grenze ihrer +Zahl genommen«.</p> + +<p>So wird bei Chateaubriand die Dreieinigkeit von den Grazien als +Karyatiden getragen.</p> + +<p>Dieser Vertheidigung der christlichen Dogmen entspricht eine +Vertheidigung des christlichen Ritus, wie folgende: »Im Allgemeinen +kann man erwidern, daß der ganze christliche Ritus von der höchsten +Moralität ist, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil er von unsern +Vätern ausgeübt worden ist, weil unsere Mütter als christliche Frauen +an unserer Wiege<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> gestanden haben, und weil die Religion ihre Psalmen +über den Särgen unserer Väter gesungen und ihnen Frieden in ihren +Gräbern gewünscht hat«. Wäre es nicht schon an und für sich klar, daß +diese Vertheidigung sich auf jede beliebige Religion anwenden läßt, so +käme bei dieser Gelegenheit noch hinzu, daß sie gerade in einem Falle +wie diesem am allerwenigsten paßt, wo es galt, das Geschlecht der Söhne +dahin zu bringen, sich von der antichristlichen Lebensanschauung ihrer +Väter loszusagen.</p> + +<p>Nicht minder burlesk sind die Beweise zu Gunsten einer Theodicee, +welche bei Chateaubriand von der Naturbetrachtung hergeleitet wird. Er +sagt: »Sind ein Krokodil, eine Schlange, ein Tiger weniger zärtlich, +gegen ihre Jungen, als eine Nachtigall, ein Huhn, ja ein Weib? ... Ist +es nicht eben so wunderbar wie rührend, ein Krokodil sein Nest bauen +und Eier legen, wie ein Huhn, und ein kleines Ungeheuer, ganz wie ein +Küchlein, aus der Schale hervorkommen zu sehen? Wie viele rührende +Wahrheiten enthält dieser Kontrast! Wie veranlaßt er uns, Gottes +Allgüte zu lieben!«</p> + +<p>Wo die Männer der Restauration auf irgend Etwas eingehen, was die +Natur oder Naturwissenschaft betrifft, da werden sie allemal höchst +komisch. Wer Lust hat, mag in Chateaubriand's Besprechung von Bonald's +»<span class="antiqua">Législation primitive</span>« seinen Ausruf des Erschreckens darüber +nachlesen, daß er einen kleinen Jungen auf die Frage des Lehrers: +»Was ist der Mensch?« hat antworten hören: »Ein Säugethier«. Und im +selben Geiste äußert De Maistre oftmals, die ganze Chemie bedürfe +einer Reorganisation von Seiten der Theologie, und es werde wohl dem +einen oder andern ehrlichen Gelehrten der Nachweis gelingen, daß +nicht der Mond, sondern Gott an der Ebbe und Fluth Schuld sei, sowie +daß das Wasser, welches ein Element sei, sich nicht in Sauerstoff +und Wasserstoff zerlegen lasse. Ja, er meint, die Vögel seien ein +lebendiger Beweis gegen das Gesetz der Schwere. Eine der Personen +in seinen »<span class="antiqua">Soirées de Saint-Petersbourg</span>« bemerkt in dieser +Hinsicht, daß die Vögel überhaupt übernatürlicher als andere Thiere +seien, was sich schon darin zeige, daß die Taube die ausgewählte Ehre +habe, den heiligen Geist vorzustellen.<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Daß das Krokodil Eier legt, daß +die Vögel fliegen, sind Mirakel für diese Männer.</p> + +<p>Auf den dogmatischen Theil des Werkes folgt der ästhetische, welcher +den Kern desselben bildet. Hier bestrebt sich Chateaubriand, +nachzuweisen, daß »von allen Religionen, die jemals existirt haben, +die christliche Religion die poetischste, die menschlichste, die für +Freiheit, Kunst und Literatur günstigste sei, daß die moderne Welt ihr +Alles verdanke, vom Ackerbau bis zu den abstrakten Wissenschaften, +von den Asylen für Unglückliche bis zu den Tempeln, welche von +Michel Angelo erbaut und von Rafael verziert wurden, daß es nichts +Göttlicheres gebe, als seine Moral, nichts Liebenswürdigeres und +Prächtigeres als seine Dogmen, seine Lehre und seinen Kultus, daß +es das Genie begünstige, den Geschmack läutere, die tugendhaften +Leidenschaften entwickle, dem Gedanken Kraft gebe, dem Schriftsteller +und Künstler die edelsten Formen verleihe« u. s. w.</p> + +<p>Zweihundert Jahre lang hatte der große Streit, ob der literarische +Vorzug den Alten oder den Modernen gebühre, sich durch die ganze +neuere Literatur erstreckt, eine Streitfrage, welche schon Corneille +und Racine beschäftigte, welche Anlaß zu den Ersten Uebersetzungen +der klassischen Vorzeitsdichtungen gab, und deren Erörterung +allmählich dahin geführt hatte, daß der moderne Geist nach dem +ersten überwältigenden Eindruck von der Herrlichkeit der Antike sich +selbstvertrauend zusammenfaßte. Es war diese zweihundertjährige +Debatte, welche Chateaubriand jetzt in einer bisher nicht angewandten +Form als Diskussion über den Werth des Christenthums für die Poesie +und Kunst, im Vergleich mit dem Werthe der alten Mythologien, wiederum +aufnahm. Auf die seltsamste Weise verwahrt er sich dagegen, daß es doch +nicht darauf ankomme, ob und in welchem Grade eine Religion poetisch +sei, sondern, ob sie die Wahrheit für sich habe, oder nicht. Und zu +welchen Mitteln muß Chateaubriand seine Zuflucht nehmen, um seine +Behauptungen zu beweisen! Er vergleicht z. B. den heidnischen Tartarus +ästhetisch mit der christlichen Hölle. Wie Viel hat nicht diese voraus! +»Die Poesie der Qualen und die Hymnen des Fleisches und Blutes«.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span></p> + +<p>So klirrt er poetisch mit den Marterwerkzeugen der Hölle, benutzt +sie als ästhetische Klappern für die alten und stumpfen Kinder +des neuen Jahrhunderts, und bringt ein Salonchristenthum in Mode, +zum Gebrauch der höheren und abgespannten Gesellschaftsklassen in +Frankreich. Im siebzehnten Jahrhundert hatte man an das Christenthum +geglaubt, im achtzehnten hatte man es verleugnet und ausgerottet, im +neunzehnten begann jetzt diejenige Art von Religiosität, welche darin +bestand, wehmüthig um das Christenthum herumzugehen, wie man um einen +Museumsgegenstand herumgeht, und auszurufen: »Wie poetisch! wie rührend +und wie schön!« Man brachte eine Klosterruine in seinem Garten an und +setzte einen Automaten in Eremitentracht hinein. Das goldne Kreuz ward +wieder ein Toilettengegenstand für Damen der guten Gesellschaft, und +man wurde durch Kirchenkoncerte zu Thränen gerührt. Man fühlte sich +ergriffen von dem Gedanken, welch ein Trost die Religion für den Armen +und Nothleidenden sei. Man hatte den einfältigen Glauben der alten Zeit +verloren und hielt sich an das Aeußere, an den poetischen, socialen +und politischen Einfluß der katholischen Kirche. Man putzte das +Autoritätsprincip, so veraltet und abgenutzt es war, mit sentimentaler +und poetischer Schminke auf, damit es jung und einladend aussähe, aber +man erreichte Nichts weiter, als das einst so furchtbare Princip zum +Gespötte zu machen.</p> + +<p>Und wie Constant jetzt sein Buch über die Religionen im Hause seiner +Freundin Madame de Charrière schrieb, so schrieb Chateaubriand dies +Werk bei seiner aufopfernden und vertrauten Freundin Madame de +Beaumont. Sie half ihm beim Zusammensuchen der Citate, deren er für +dasselbe benöthigt war. Für etwas Weltlichkeit scheint das Buch also +doch Raum in seiner Seele gelassen zu haben.</p> + +<p>Wie deklamirte Chateaubriand später unter Ludwig XVIII. wider die +verheiratheten Priester, mit welcher Entrüstung hetzte er die ganze +royalistische und katholische Partei gegen sie auf, wie eifrig sorgte +er dafür, ihnen jeden Heller ihrer Besoldung zur Strafe dafür zu +entziehen, daß sie sich die Gesetze der Republik zu Nutze gemacht und +sich wie jeder andere Bürger verheirathet hatten! Und war denn nicht +er selbst, »der demüthige<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Levit«, wie er sich als Verfasser des +»Genius des Christenthums« nennt, eine Art Priester, ja mehr als ein +gewöhnlicher Priester, und war er nicht verheirathet, und mehr als +verheirathet? Ich erwähne diesen Zug, weil er eins der tausend Symptome +von Etwas ist, das sich überall in der kirchlichen Restauration zeigt, +und für das mir das Wort Heuchelei als kein zu gehässiges und derbes +Wort erscheint.</p> + +<p>Von solcher Art ist dies Buch, und so ist es entstanden. Sein +kolossaler Succeß und sein ungeheurer Einfluß geben ihm eine Bedeutung, +die es durch sich selbst nicht haben würde. Es war das Buch des +Augenblicks, das in einer Umhüllung von Empfindsamkeit eingeschmuggelte +Autoritätsprincip, welches bald den Thron besteigen sollte. — +Betrachten wir denn dies Princip, all' seiner Hüllen entkleidet, +in einem anderen Hauptwerke der Zeit, in Bonald's berühmtem Buche +»<span class="antiqua">Le divorce</span>«, — meiner Ansicht nach das originellste und +interessanteste seiner Werke.</p> + +<p>Dasselbe wird durch eine lange Jeremiade darüber eingeleitet, wie +es in der Welt aussehe, seit die Autorität über den Haufen gestürzt +worden sei. Die moderne Philosophie, sagt er, welche in Griechenland +geboren ward, unter jenem Volke, das ewig ein Kind blieb, und das immer +die Weisheit außerhalb der Wege der Vernunft [<span class="antiqua">sic!</span>] suchte, +begann damit, atheistisch oder deistisch [!] Gott zu leugnen. Hume's +und Condillac's sensualistische Lehre hat jetzt den Menschen, der +»eine von Organen bediente Intelligenz« ist, zu einem Thiere, zu einem +bloßen Naturwesen gemacht. Die allgemeine gesellschaftsauflösende +Geistesrichtung ist in das häusliche Leben eingedrungen, und statt +des Verhältnisses, das in früherer Zeit zwischen Eltern und Kindern +bestand: Autorität und Unterwerfung, haben Insubordination in +die jungen Herzen und Gleichheitsideen in die jungen Hirne sich +eingeschlichen, so daß die Kinder sich für ihrer Eltern Gleichen +halten, ja sogar sich gestatten, dieselben zu duzen. Die Eltern, +welche ihrerseits das Bewußtsein ihrer Schwäche haben, wagen nicht +mehr Herren zu sein, sondern streben darnach, die »Freunde« oder +»Vertrauten« ihrer Kinder, allzu oft ihre Mitschuldigen zu sein. Die +weichherzige Betrachtung des<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Lebens spiegelt sich in einer ebenso +weichherzigen Betrachtung des Todes ab. Man hat vorgeschlagen, Vasen +von Glas oder Porzellan zur Aufbewahrung der Asche seiner Väter +zu verfertigen, und — o Grausen! — eine Polizeiverordnung hat +einer Mutter gestattet, nach Heidenart die Leiche ihrer Tochter zu +verbrennen. Ueberall hat man die Abschaffung der Todesstrafe, dieses +Kleinods, dieses hauptsächlichsten Mittels zur Aufrechterhaltung der +Gesellschaft (<span class="antiqua">ce premier moyen de conservation de la société</span>), +vorgeschlagen und in einigen Staaten durchgeführt. Man hat Regierungen +von »der plötzlichen Manie, welche man Philanthropie nennt«, ergriffen +werden sehn. Die sogenannten Naturwissenschaften — [man beachte das +»sogenannt!«] —, welche vielmehr die materiellen Wissenschaften +heißen müßten, da sie nur von der Körperwelt handeln, verdrängen die +höheren, die geistigen Wissenschaften, zumal die »hohe Metaphysik« +der alten Zeit. In der Poesie hat das scherzende und lustige Genre +die heroische Tragödie abgelöst. In den Romanen, welche so deutlich +den Charakter eines Zeitalters spiegeln, wurde früher regelmäßig die +Liebe der Pflicht geopfert. Jetzt ist es umgekehrt, und Rousseau hat +den Roman geschrieben, welcher von allen am meisten die Phantasie der +Frauen auf Irrwege geführt und ihre Herzen verderbt hat, nämlich »Die +neue Heloise«. Sogar in der Gartenkunst hat das Autoritätsprincip sich +verloren: »Die ländliche und rohe Natur der englischen Gärten hat die +prachtvolle Symmetrie in Le Nôtre's Anlagen verdrängt.«</p> + +<p>Wider all' diese empörenden Schrecklichkeiten richtet nun Bonald seine +schwere Artillerie. All' diesen Versuchen, die Gesellschaft aufzulösen, +stellt er seinen Versuch, die Gesellschaft zu retten, gegenüber. Und +hier ist es ein Hauptpunkt, den es zu erobern gilt. Die Gesellschaft +beruht auf der Ehe, sie steht und fällt mit ihr. Die Revolution hat die +Ehescheidung zugelassen. Aber wo Scheidung möglich ist, da existirt die +Ehe nicht mehr. Es gilt daher, mit <em class="gesperrt">einer</em> großen Kraftanstrengung +die Aufhebung des Scheidungsrechtes zu erzielen. Diese Anstrengung +gelang ihm nur allzu gut.</p> + +<p>Hören wir daher Bonald's eigene Theorie. Es verlohnt sich, sie kennen +zu lernen. Ist eine Philosophie recht mager, so ist sie desto kurioser.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p> + +<p>Eine entwickelte Vernunft, sagt Bonald, begreift alle Wesen und ihre +Verhältnisse unter diesen drei allgemeinen Ideen: Ursache, Mittel +und Wirkung, den abstraktesten, welche die Vernunft fassen kann. +Sie liegen jedem Urtheil zu Grunde und bilden die Grundlage aller +socialen Ordnung. Jede Gesellschaft besteht solchermaßen aus drei von +einander unterschiedenen Personen, welche man als die socialen Personen +bezeichnen kann. Die Vernunft erblickt in Gott, welcher will, die +erste <em class="gesperrt">Ursache</em>, im Menschen, welcher diesen Willen ausführt, das +<em class="gesperrt">Mittel</em>, den Minister, den Vermittler, und in derjenigen Ordnung +der Dinge, welche Gesellschaft heißt, die <em class="gesperrt">Wirkung</em>, welche aus +dem Willen Gottes und der Thätigkeit des Menschen resultirt. Diese +Vernunft herrscht nach Bonald's Ansicht nur im Katholicismus: Er sagt: +»Die Religion, welche Gott an die Spitze der Gesellschaft stellt, +verleiht dem Menschen eine hohe Idee von der menschlichen Würde und +ein tiefes Gefühl von der Unabhängigkeit des Menschen, während die +Philosophie, welche überall den Menschen am höchsten stellt, beständig +zu Füßen des einen oder andern Götzenbildes kriecht, in Asien zu Füßen +Muhamed's, in Europa zu Füßen Luther's, Rousseau's oder Voltaire's« +(<span class="antiqua">Le divorce, pag. 42</span>).</p> + +<p>Man sieht, daß Luther von Bonald ohne Weiteres mit Antichristen wie +Muhamed oder Voltaire zusammengestellt wird. Dies ist ein stehender +Zug in der ganzen Periode, gerade wie derjenige, daß Protestantismus +und Unsittlichkeit für Eins erklärt werden. Wenn De Maistre von der +Reformation spricht, so erzählt er mit der ernsthaftesten Miene, daß +das halbe Europa seine Religion gewechselt habe, damit ein zügelloser +Mönch sich mit einer Nonne verheirathen konnte. In seiner »<span class="antiqua">Théorie +du pouvoir</span>« (<span class="antiqua">Tome II., pag. 305</span>) sagt Bonald: »Ein hitziger +und sinnlicher Mönch hatte die Religion in Deutschland reformirt, +ein wollüstiger und grausamer Fürst reformirte sie in England ... +Charakteristisch ist es, daß die Kirchenreform in Deutschland vom +Landgrafen von Hessen, der sich noch bei Lebzeiten seiner Gemahlin +mit Margaretha von Saale verheirathen wollte, in England von Heinrich +VIII., der sich von Katharina von Arragonien<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> scheiden lassen wollte, +um sich mit Anna von Boleyn zu vermählen, und in Frankreich von +Margaretha von Navarra, einer Fürstin von mehr als zweifelhaften +Sitten, beschützt wurde. So ging der Occident durch die Ehescheidung +zu Grunde, wie der Orient durch die Polygamie.« In seiner englischen +Literaturgeschichte (<span class="antiqua">Oeuvres, Tome VI., pag. 75</span>) sagt +Chateaubriand über Luther's Ehe: »Er verheirathete sich sowohl um ein +gutes Beispiel zu geben, als auch, um sich von seinen Anfechtungen zu +befreien. Wer die Regeln übertreten hat, sucht stets den Schwachen +nach sich zu ziehen und sich mit der Menge zu decken; denn durch die +Uebereinstimmung der großen Anzahl schmeichelt man sich Andere zu dem +Glauben an die Rechtlichkeit und Richtigkeit einer Handlung zu bewegen, +die oft nur das Resultat eines Zufalls oder einer Leidenschaft war. +Heilige Gelübde wurden auf zwiefache Weise verletzt: Luther ehelichte +eine Nonne.«</p> + +<p>Was diese heftigen Ausfälle wider Luther und den Lutheranismus +verständlich macht, ist, daß man, wie die deutschen Romantiker, mit +großer Klarheit erkennt, wie der Protestantismus mit nothwendiger +Konsequenz zu der modernen Geistesrichtung hinführt, vor welcher +man zurück schaudert. So heißt es in Lamennais' »<span class="antiqua">Essai sur +l'indifférence</span>«: »Man hat jetzt erkannt, daß die Kirche und +ihre Dogmen auf der Autorität wie auf einem unerschütterlichen +Felsen beruhen. Deshalb vereinigt sich die ganze Mannigfaltigkeit +von Sektirern, welche in Betreff aller übrigen Punkte uneinig sind, +um diesen Grundpfeiler aller Wahrheiten zu zersägen. Lutheraner, +Socinianer, Deisten, Atheisten sind die verschiedenen Namen, welche +die successiven Entwicklungsstufen derselben Lehre bezeichnen; sie +verfolgen alle mit unermüdlicher Ausdauer ihren Angriffsplan wider die +Autorität.«</p> + +<p>Die einzige echte, katholische Vernunft bei Bonald erblickt daher +überall die drei socialen Personen: Die Macht, den Minister und den +Unterthan. Sie erhalten in den verschiedenen Gesellschaftssphären +verschiedene Namen. In der religiösen Gesellschaft heißen sie Gott, +Priester und Gläubige, in der politischen Gesellschaft König, Adel +<em class="gesperrt">oder</em> Beamtenstand, Volk <em class="gesperrt">oder</em> gemeiner Mann; in der +häuslichen Gesellschaft endlich heißen sie Vater, Mutter und Kind.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p> + +<p>Wer noch nicht mit Bonald's Denkweise vertraut ist, wird wahrscheinlich +bei dieser letzten Zusammenstellung stutzen; allein es ist Bonald ein +so vollkommener Ernst damit, den Vater mit der Macht, die Mutter mit +dem Ministerium und das Kind mit dem Unterthan zu parallelisiren, daß +er sogar die letzte Reihe der Bezeichnungen durchgehends statt der +ersten gebraucht; denn, sagt er, Vater, Mutter, Kind passen für die +Thiere so gut wie für die Menschen, die Bezeichnung Macht, Minister, +Unterthan dagegen ausschließlich für intelligente Wesen; außerdem, +sagt er an einer andern Stelle, muß man so viel wie möglich bemüht +sein, den Menschen und seine Verhältnisse zu spiritualisiren, gegenüber +den Bestrebungen, welche von anderer Seite gemacht werden, das +Menschenleben zu materialisiren.</p> + +<p>Er begründet seine Lehre mit seinen gewöhnlichen Formeln. Der Mann +und das Weib, sagt er, existiren beide; aber sie existiren nicht +auf dieselbe Weise. Sie sind einander <em class="gesperrt">ähnlich</em>, aber sie sind +einander nicht <em class="gesperrt">gleich</em>. Die Vereinigung der Geschlechter ist der +Grund ihres Unterschieds. Die Hervorbringung eines Menschen ist das +Ziel ihrer Vereinigung. Der Vater ist stark, das Kind ist schwach, der +Vater aktiv, das Kind passiv. Die Mutter bildet das Zwischenglied. +Weshalb? Ja, sagt Bonald, der Vater ist ein bewußtes Wesen und kann +nicht Vater werden, außer mit seinem Willen; die Mutter kann dagegen, +selbst mit vollem Bewußtsein, Mutter werden <em class="gesperrt">wider ihren Willen</em> +[also passiv]. Das Kind hat weder den Willen, geboren zu werden, noch +Bewußtsein davon, daß es geboren wird.</p> + +<p>Auf dies widerwärtige und tragische Naturverhältnis, daß das Weib +unfreiwillig Mutter werden kann, basirt also Bonald seine empörende +Rangordnung der Geschlechter. Ja, er sagt wörtlich (Fünfte Ausgabe, +Seite 71): »In dieser Abstufung ihres Verhältnisses liegt allein +die Lösung der Ehescheidungsfrage«, nämlich daß keine Scheidung zu +gestatten ist.</p> + +<p>Und wäre nun Dies eine wahnwitzige Theorie geblieben, wie so viele +andere unsinnige Theorien, die kein Mensch zu verwirklichen gedenkt, +wer würde sich dann darüber erbosen!<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Aber man denke sich, daß auf +Grundlage dieses Buches die Ehe- und Scheidungsgesetze in Frankreich +zwölf Jahre nach dem Erscheinen des Buches erlassen wurden.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> Damals, +gleich nach der Rückkehr der Bourbonen, war Bonald's Einfluß so +unwiderstehlich, daß die stupide und klerikale Nationalversammlung mit +225 Stimmen gegen 11 die Ehescheidung aufhob.</p> + +<p>Man kann also sagen, fährt Bonald rücksichtlich der Erziehung fort, +daß der Vater die Macht hat oder ist, durch die Mutter als Minister +oder Mittel die reproduktive und aufrechterhaltende Handlung auszuüben, +deren Zweck oder Unterthan das Kind ist.</p> + +<p>Das Verhältnis zwischen Mann und Weib in der Ehe wird daher einfach +folgendermaßen bestimmt: Der Mann ist le pouvoir, die Macht, das Weib +ist <span class="antiqua">le devoir</span>, die Pflicht. Selbst die heilige Schrift nennt ja +den Mann das Haupt oder die Vernunft des Weibes, das Weib die Hülfe +oder den Handlanger des Mannes, und bezeichnet das Kind als Unterthan, +indem sie ihm stets einprägt, gehorsam zu sein.</p> + +<p>Das Weib ist also dem Manne ähnlich, wie der Mann Gott ähnlich ist. +Der Mann ist nach Gottes Bilde erschaffen, aber er ist deshalb nicht +seines Gleichen. Das Weib ist aus dem Fleische und Blute des Mannes +erschaffen, aber es ist ihm untergeordnet. Man sieht, daß Bonald's +Theorie mit derjenigen Milton's in seinem »Paradiese« übereinstimmt.<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a> +»Die häusliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, wo der Mann die +beschützende Gabe der Stärke, das Weib die Bedürfnisse der Schwäche +mitbringt, <em class="gesperrt">er die Macht, sie die Pflicht</em>«. So entstellt Bonald +die Lehre des Paulus, welche zu ihrer Zeit der gewaltigste und +bewunderungswürdigste Fortschritt auf dem Wege der Befreiung des Weibes +war.</p> + +<p>Was ist hienach für Bonald die Ehe? Die Ehe ist die Verpflichtung, +welche zwei Personen verschiedenen Geschlechts übernehmen, eine +Gesellschaft zu begründen, eine Gesellschaft,<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> welche Familie heißt. +Dies unterscheidet die Ehe von jedem andern Zusammenleben zwischen +Mann und Weib. Mit tiefer Entrüstung bespricht Bonald das Witzwort +Condorcet's: »Wenn die Menschen eine Verpflichtung gegen die noch +nicht existirenden Wesen hätten, so könnte es nicht die sein, ihnen +die Existenz zu schenken.« Im Gegentheil! die Ehe besteht eben, +damit das Geschlecht erhalten werde. Hieraus darf man nach Bonald's +Anschauung jedoch keineswegs schließen, daß eine kinderlose Ehe, eine +solche, die also ihre Bestimmung verfehlt zu haben scheint, aufgelöst +werden dürfe; denn, sagt er, indem man die erste Ehe aufhebt, um eine +andere zu schließen, wird die Erzeugung von Kindern in der ersten Ehe +unmöglich, ohne deshalb in der zweiten sicher zu sein. So lange Mann +und Frau keine Kinder haben, ist doch eine Möglichkeit für das Kommen +derselben vorhanden, und da die Ehe nur der Kinder halber, welche +kommen können, gestiftet ist, so ist kein Grund, sie aufzuheben. Die +Ehe ist für Bonald die eventuelle Gesellschaft, welcher die Familie +als die aktuelle Gesellschaft entspricht: »<em class="gesperrt">Der Zweck der Ehe</em>«, +lehrt er, »<em class="gesperrt">ist nicht das Glück der Ehegatten</em>.« Was ist denn +dieser Zweck? Die Ehe, antwortet er, ist der Gesellschaft wegen da. Die +Religion und der Staat haben bei der Ehe nur die Pflichten im Auge, +welche sie auferlegt. Aber wenn die Ehe nur der Gesellschaft halber da +ist, was ist denn der Zweck der Gesellschaft? Jeder wird einräumen, +daß man höchst gespannt auf die Beantwortung dieser Frage sein muß. +Und was antwortet uns Bonald? Er antwortet mit der ganzen gelassenen +Impertinenz eines konservativen Klerikalen: Der Zweck der Gesellschaft +ist ihre Selbsterhaltung. (<span class="antiqua">La société a pour parvenir à sa fin, +<em class="gesperrt">qui est sa conservation</em>, des lois. Pag. 107.</span>)</p> + +<p>Welch eine Lehre für alle Anhänger der Nützlichkeitsphilosophie, die +sich naiv einbilden, daß der Zweck der Gesellschaft das Glück ihrer +Mitglieder sei, und die ebenso kindlich in der Illusion gelebt haben, +daß Institutionen überhaupt der Individuen halber da seien, daß z. B. +die Gatten nicht der Ehe halber, sondern die Ehe umgekehrt der Gatten +halber da sei, und die <em class="gesperrt">alle</em> Konsequenzen dieses Gedankens +ziehen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p> + +<p>Indem die Rücksicht auf die Kinder als die absolute aufgestellt wird, +erscheinen Polygamie, Verstoßung der Gattin und Ehescheidung als +gleich verwerflich für Bonald. Er bemerkt auch, daß die Einführung +der Polygamie und die Einführung der Ehescheidung Hand in Hand mit +einander zu gehen schienen, da Luther — diese Anekdote spukt in +jedem Buche aus der Restaurationszeit, — welcher die Scheidung +zuließ, auch, wiewohl in tiefster Heimlichkeit, dem Landgrafen von +Hessen Polygamie gestattete (S. 195). Ihn bedünke es, sagt er, +nicht moralischer, mehrere Frauen nach einander, als mehrere Frauen +gleichzeitig zu heirathen; dabei vergißt er jedoch, daß sich dieser +Einwand eben so gut gegen die Schließung einer neuen Ehe nach dem +Tode des einen Gatten, wie gegen die Wiederverheirathung nach einer +Scheidung erheben läßt. Ueberall, meint er, wo die Scheidung erlaubt +sei und wo die Frau also in jeder Mannsperson ihren möglichen Gatten +sehen könne, seien die Weiber ohne Keuschheit, oder mindestens ohne +Schamhaftigkeit. Er führt als Beispiel England an, — England! Den +Zustand in England, wo die Scheidung in gewissen Fällen gestattet ist, +vergleicht er mit den Zuständen bei gewissen wilden Völkerstämmen, wo +der Ehemann sich von dem Mitschuldigen seiner Frau, wenn er denselben +ertappt, ein gebratenes Schwein als Buße geben läßt, daß sie dann +alle Drei mit einander verzehren. Ueberhaupt ist England mit seinen +verhältnismäßig liberalen Institutionen für ihn, wie für Lamennais, die +wahre <span class="antiqua">bête noire</span>. Lamennais sagt z. B. von England (<span class="antiqua">Progrès +de la révolution et de la guerre contre l'église, pag. 35</span>), daß man +nirgendwo anders eine Bevölkerung finde, die so stumpfsinnig, so ohne +allen moralischen Sinn, so fremd den intellektuellen Ideen und Allem +sei, was das Gemüth erhebt und das Dasein des Menschen adelt.</p> + +<p>Alles Dies sind Uebertreibungen ohne Wahrheit und ohne Logik. +Worin aber sowohl Logik als Wahrheit liegt, und weshalb ich diese +Einzelnheiten hervorhebe. Das ist Bonald's Auffassung des innerlichen +Zusammenhanges der Ehefrage mit der ganzen politischen Frage. Er sieht +ein, daß die Republik oder die Demokratie (denn er ist so erbittert +auf die<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Republik, daß er sich ausdrücklich weigert, dies Wort zu +gebrauchen) nothwendig zur Auflösbarkeit der Ehe führen mußte.</p> + +<p>Er sagt: »Die Ehescheidung wurde 1792 dekretirt und verwunderte +Niemand, weil sie eine unvermeidliche und lange vorhergesehene +Konsequenz des Niederreißungssystemes war, das man zu jener Zeit so +leidenschaftlich befolgte; allein heutigen Tags, wo man wieder aufbauen +will, tritt die Ehescheidung als Princip in das Gesellschaftsgebäude +ein und erschüttert dies Gebäude bis auf den Grund. Die Scheidung stand +in Einklang mit der Demokratie, welche unter verschiedenen Namen und +Formen allzu lange in Frankreich geherrscht hat. Sowohl die häusliche +wie die öffentliche Macht war den Leidenschaften der <em class="gesperrt">Unterthanen</em> +überlassen, es herrschte Unordnung in der Familie und Unordnung im +Staate; zwischen beiden Unordnungen fand Aehnlichkeit und Analogie +statt. Aber Das sieht Jeder, daß die Scheidung in direktem Widerspruche +mit dem Geiste der erblichen und unauflöslichen Monarchie steht. +Behalten wir die Scheidung bei, so haben wir Ordnung im Staate, und +Unordnung in der Familie, Unauflöslichkeit dort, Auflöslichkeit hier, +also keine Harmonie. Von der Seite, zu welcher der Mensch sich neigt, +muß das Gesetz ihn emporheben, und es muß heutigen Tags aufgelösten +Naturen die Auflösung verbieten, wie früher halbwilden Barbaren die +Blutrache.«</p> + +<p>So gelingt es Bonald, von seinem legitimistischen Staatsprincip +aus seine Ehe-Theorie durchzuführen. Er schließt damit, daß die +Scheidung absolut untersagt werden müsse, und daß die bloße Trennung +ohne Erlaubnis zur Eingehung einer neuen Ehe hinlänglich allen +Unzuträglichkeiten abhelfe, die aus disharmonischen Verbindungen +hervorgehen könnten. Da diese Ideen Bonald's Gesetzeskraft erlangten, +bildete sich in Frankreich der Zustand aus, welcher dort bis jetzt +herrschte, und welcher die französische Ehe zum Spott für die ganze +Erde gemacht hat, ein Zustand, der es z. B. dem jungen Mädchen +unmöglich macht, falls ihr Gatte sich am Hochzeitstage mit ihrer ganzen +Mitgift absentirt, sich je wieder zu verheirathen oder legitime Kinder +zu bekommen. Während das Gesetz mildernde Umstände bei Mordbrennern<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> +und Mördern zugelassen hat, und man ihnen, wenn sie sich eine gewisse +Anzahl von Jahren gut aufgeführt haben, die vollständige Freiheit +schenken kann, hat das betrogene junge Mädchen nach Bonald's Theorie +und Frankreichs Gesetzen keine Hoffnung auf Freiheit, wie Derjenige, +welcher eine Familie durch Brandstiftung ums Leben gebracht oder seinen +Vater erschlagen hat.</p> + +<p>In dem Entwurf des Konventes zu einem Civilrechte hieß es:</p> + +<p>»Die Ehe ist eine Sache der Freiheit, d. h. des Gewissens.</p> + +<p>»Sie errichtet ein Bündnis, bei welchem Mann und Frau auf gleichem Fuße +stehen.</p> + +<p>»Die Ehegatten ordnen frei die Bedingungen ihrer Verbindung.</p> + +<p>»Die Ehegatten besitzen oder üben gleiches Recht aus in Betreff der +Verwaltung ihres Eigenthums.</p> + +<p>»Scheidung findet statt auf Wunsch beider Ehegatten oder eines der +Ehegatten.</p> + +<p>»Das Gesetz untersagt es, irgend eine Einschränkung des +Scheidungsrechtes zu stipuliren«.</p> + +<p>Es scheint, daß die große Scheidungsfreiheit, welche so plötzlich +erstattet ward, wie jede andere plötzlich erworbene Freiheit, +Anfangs mißbraucht wurde, und daß man z. B. mit großem Leichtsinn +und ohne besondere Rücksicht auf die Kinder flüchtigen Neigungen +folgte, die weder das Recht noch die Würde wirklicher Liebe haben. +Analogen Erscheinungen begegnet man überall in der Geschichte, wo +Fesseln zerbrochen werden. Aber Das war genug für Diejenigen, welche, +wie Bonald, keinen Glauben an die Freiheit besaßen, und an keine +andere moralisirende Macht glaubten, als an den Zwang, Alles zu dem +traditionellen Zustande zurückzuführen. Was kann gewisser sein, als daß +das Ideal, welches nie vergessen und zuweilen erreicht werden wird, +darin besteht, daß zwei Menschen, die sich mit einander verbunden +haben, einander bis zum Tode lieben, ja mit einer Liebe, die den +Tod überdauert; allein dies Ideal ist die Folge einer richtigen und +glücklichen Wahl, nicht irgend welcher Zwangsmaßregeln.<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Der Vorwand zu +diesen war natürlich die Rücksicht auf die Kinder, und Betreffs dieses +Punktes hat Bonald seine Theorie in den prägnanten und wohl stilisirten +Satz zusammen gefaßt: »Da die eheliche Verbindung drei Personen, Vater, +Mutter und Kind, betrifft, kann sie nicht aufgehoben werden, weil +zwei darüber einig sind. Da das Kind unmündig ist, so vertritt die +Gesellschaft den Ehegatten gegenüber das Kind, und erhebt als Vertreter +des Kindes ihren Einspruch wider die Auflöslichkeit der Ehe.« Man +sieht leicht, daß diese Argumentation es zum ersten als feststehend +betrachtet, daß die Aufrechthaltung der Ehe um jeden Preis unbedingt +dem Kinde am besten diene, was selbstverständlich durchaus nicht +feststeht, — zum zweiten die Rücksicht auf das Kind zur absoluten +und einzig entscheidenden macht, was selbstverständlich ein nur auf +dem die Vernunft proskribirenden Standpunkte des Autoritätsprincips +mögliches Postulat ist, — zum dritten nur auf das innerhalb der Ehe +geborene Kind Rücksicht nimmt, und die übrigen als nicht existirend +betrachtet, während eine der traurigsten Folgen der traditionellen +Ordnung gerade diejenige ist, daß nicht alle Kinder mit gleichen +Rechten ihren Eltern und dadurch der Gesellschaft gegenüber stehen. +Bonald's Gesellschaftsordnung, welche die Rücksicht auf das Kind als +die absolute betrachtet, hat in unseren Tagen dahin geführt, daß mehr +als 2,800,000 Franzosen als unechte Kinder in einer unverschuldeten +Rechtsungleichheit den Eltern gegenüber geboren werden, welche in +Frankreich noch größer als anderswo ist.</p> + +<p>Wie inkonsequent jedoch in Einzelheiten Bonald's Theorie sein möge, +sie ist werthvoll, ja kostbar als eine in allen Grundzügen konsequente +Durchführung des Autoritätsprincips auf dem Gebiet der Familie. Er hat, +was die Halbliberalen niemals haben, einen klaren und durchdringenden +Blick für den Zusammenhang zwischen den politischen und den socialen +Principien der Revolution. Er könnte niemals, wie Diejenigen, deren +Princip das Geschwätz ist, erstere von letzteren trennen und übersehen, +daß die traditionelle Auffassung von der Ehe, welche man zum Theil +heute noch festhält, auf das Innigste mit der traditionellen Auffassung +vom Staate zusammenhängt, welche man heutigen Tags aufgegeben hat. Der +Zusammenhang<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> tritt überall hervor, wo die Frage diskutirt wird. Als +die Abolitionisten in Amerika ihre Theorien vorbrachten, vertheidigten +die Sklavenbesitzer sich damit, daß Alles, was im Sklavereiverhältnis +stattfinde, in keiner Hinsicht von Demjenigen verschieden sei, was in +der Familie und in der Ehe stattfinde. Man sieht auch, daß dort eben so +viel leere Deklamation wider das Recht der Scheidung überhaupt gehört +worden ist, wie man heutigen Tags gegen erweiterte Scheidungsfreiheit +oder überhaupt gegen eine veränderte Auffassung Dessen, was die Ehe +heilig und werthvoll macht, zu hören bekäme.</p> + +<p>Dem Autoritätsprincip steht auf diesem wie auf allen andern Gebieten +das Freiheitsprincip in seinen verschiedenen Formen als Liberalismus +und Socialismus gegenüber. Wenn wir die socialistischen Theorien, +die uns später bei den Saint-Simonisten begegnen werden, ganz außer +Betracht lassen, so steht dem Autoritätsprincip hier die liberale +Theorie mit ihrem Princip, dem Individualismus, gegenüber, wie dasselbe +von englischen und französischen, besonders aber von amerikanischen +Denkern entwickelt worden ist. Es ist dies Princip, welches dem +vorhin angeführten Entwurfe des Konventes zu Grunde liegt. Der +Grundgedanke ist der, daß nicht die Familie, wie gewöhnlich gesagt +wird, sondern das Individuum der Grundpfeiler der Gesellschaft, und +daß das Individuum souverain sei. An die Stelle der legitimistischen +Theorie von der Souverainetät Gottes und der zweideutigen Lehre von +der Volkssouverainetät tritt die Lehre von der Souverainetät des +Individuums. (Dieser Ausdruck ist zuerst von dem Amerikaner Samuel +Warren gebraucht worden, von welchem ihn selbst John Stuart Mill, +wie er in seiner Autobiographie, S. 256, berichtet, entlehnte.) +Die Souverainetät des Individuums sichert, wie das Wort besagt, +die absolute Freiheit jedes Menschen, sie untersagt Jedem, irgend +eine Herrschaft oder irgend eine Kontrolle über einen Andern an +sich zu reißen. Die Anhänger dieser Lehre sagen: <em class="gesperrt">entweder</em> +Bevormundung des Individuums, d. h. Censuraufsicht über die Presse, +Polizeiorganisation von Hausspionen, Paßsystem, Schutztarife, Verbot +der Scheidung, Gesetze, welche das Gefühlsleben der Männer und +Frauen reguliren, und das ganze System eines willkürlichen<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Zwanges, +welcher auf die Freiheit des Individuums geübt wird, <em class="gesperrt">oder</em> +Souverainetät des Individuums, d. h. Preßfreiheit, Redefreiheit, +Freizügigkeit, Freihandel, Freiheit der Forschung und der Gefühle. +Von diesem Gesichtspunkte aus ist die einzig mögliche Vertheidigung +eines die Freiheit beschränkenden Gesetzes die, daß eine vorläufig +aufgezwungene Ordnung nur der nächste Weg zu einer vollkommneren +Ordnung mit vollständiger Freiheit sei, denn Freiheit ist das Ideal des +Individualismus. Die Männer dieser Schule halten die Einmischung des +Staates in die Gefühlsverhältnisse der Individuen für unberechtigt; sie +betonen, daß das gesetzliche Band, welches zwei Wesen von verschiedenem +Geschlecht zusammenzwinge, entweder <em class="gesperrt">überflüssig</em> — falls das +Zusammenbleiben ihr eigner Wunsch ist, — oder <em class="gesperrt">empörend</em> sei +— falls es umgekehrt ihrem Wunsche widerstreitet. Sie finden, daß +die Gesellschaft ein entsetzliches Unrecht wider Individuen begeht, +von welchen eins das andere verabscheut, wenn sie dieselben nöthigt, +beisammen zu bleiben und Kinder aus der Neigung des Einen und dem +Widerwillen des Andern zu zeugen. Sie finden es empörend, daß die +Gesellschaft eine Frau wider ihren Wunsch zwinge, einem Trunkenbolde +ein Kind zu gebären, ein Kind, das von dem Augenblick an, wo es zum +Leben erwacht, die verderbten Triebe und Lüste seines Vaters besitzt. +Sie nehmen also eben so viel Rücksicht auf die noch ungeborenen Kinder, +wie Bonald auf die geborenen; sie sehen nicht, wie er, einen Beweis +der Unvollkommenheit des Weibes, sondern einen Beweis der Rohheit der +Gesellschaftsordnung darin, daß das Weib wider seinen Willen Mutter +werden kann. Sie behaupten, vermöge des Abhängigkeitsverhältnisses, +worin alle Lebenssphären von einander stehen, die Unwahrscheinlichkeit, +daß ein einziges Gebiet des Menschenlebens durchaus richtig auf dem +traditionellen Fundamente geordnet sein könne, während die Ordnung +aller übrigen Gebiete als durchaus verkehrt erfunden und deshalb in +den letzten hundert Jahren von oben bis unten verändert worden ist. +Dies ist die Argumentation, welche am häufigsten von den Männern +dieser Schule angewandt wird. (Siehe z. B. <span class="antiqua">Stephen Pearl Andrews: +Love, marriage and divorce. New-York.</span> Vergl. auch <span class="antiqua">Emile<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> de +Girardin: L'homme et la femme.</span>) Es ist in diesen wie in vielen +andern Fällen zweifelhaft, wie weit der reine Liberalismus den rechten +Weg zum Ziele angiebt. Ich charakterisire hier nur das Princip als +Gegensatz zu demjenigen der Autorität. Nichts liegt mir ferner, als +in einer historischen Schilderung zu versuchen, selbst eine Theorie +aufzustellen. Was ich für meine Person geltend machen will, ist auf +diesem wie auf allen andern Punkten nur die unbedingte Freiheit der +Forschung.</p> + +<p>Wenn ein Denker in einem katholischen Lande sich frei über die Messe +oder andere Kirchenceremonien äußert, wird er in der Regel als ein +Religionsspötter oder gar als ein Atheist bezeichnet. Der Rechtgläubige +meint nämlich, daß die Religion in gewissen bestimmten Ceremonien +bestehe oder nur im Zusammenhang mit ihnen bestehen könne, da sie in +seinem Bewußtsein immer mit demselben associirt gewesen ist. Er ahnt +nicht, daß der Angreifer eine viel höhere und reinere Auffassung von +der Idee der Religion, als er selbst, besitzt. Weshalb nicht? Weil +er bemerkt hat, daß Die, welche er bisher dem äußeren Kultus, an den +er selbst geknüpft ist, die geringste Achtung hat erweisen sehn, +unordentliche und unsittliche Menschen, ja fast jedes Verbrechens +fähig waren. Er zieht nun hieraus vorschnell einen allgemeinen Schluß +auf alle Diejenigen, welche nicht den Kultus und die Priester der +Kirche anerkennen, und da er also nicht entwickelt genug ist, um die +verschiedenen Klassen der Angreifer von einander zu unterscheiden, +schlägt er den religiösen Philosophen und Enthusiasten über einen +Leisten mit der gewöhnlichen Sippschaft gottvergessener Schelme. Er +vermengt Den, welcher über ihm steht, mit Denen, welche unter ihm +stehen. Ganz eben so geht es, wenn von der herkömmlichen Auffassung +des Verhältnisses zwischen Mann und Weib die Rede ist. Die Ordnung +dieses Verhältnisses in einem bestimmten Lande zu einer bestimmten +Zeit ist nicht mehr die Ehe, als der Katholicismus in Spanien im +siebzehnten Jahrhundert die Religion ist. Einige stehen <em class="gesperrt">unter</em> +der Ehe-Institution, wie sie <em class="gesperrt">ist</em>, Andere stehen <em class="gesperrt">über</em> +ihr, während die Mehrzahl in den civilisirten Ländern sich ganz auf +dem Niveau dieser Institution, wie sie ist, befindet, die<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> öffentliche +Meinung in Uebereinstimmung mit ihrer Anschauungsweise bearbeitet, und +beide Gruppen Andersdenkender zu einer zusammenschweißt, welche dann +der allgemeinen Verachtung preisgegeben wird.</p> + +<p>Das Selbe, was zur Aufstellung des Autoritätsprincips auf den Gebieten +der Religion und des Staates führt, veranlaßt auch die Aufstellung +desselben in Betreff der Ordnung des Verhältnisses zwischen den +Geschlechtern.</p> + +<p>Der Fehlschluß in religiöser Beziehung besteht in der Annahme, daß die +Kirche, weil sie Jahrhunderte hindurch einen civilisatorischen Beruf +gehabt hat, von wesentlicher Bedeutung für die Existenz erhabener +Gefühle und Gedanken, und daß die Liebe zu geistigen Wahrheiten +nicht den Menschen natürlich sei und mit der ganzen Entwicklung der +Menschheit zunehme, sondern daß sie ihnen durch eine beständige +Thätigkeit von Bischöfen und Priestern, Kirchen, Kirchenversammlungen +&c. beigebracht und erhalten werden müsse.</p> + +<p>In Betreff des Verhältnisses zwischen Mann und Weib ist die +entsprechende Thorheit die, zu wähnen, daß die Menschen nicht von +Natur Ordnung und Harmonie in diesem Verhältnisse lieben, und in um +so höherem Grade, je entwickelter und feinfühlender sie sind, daß die +Männer nicht von Natur ihre Kinder und die Mutter ihrer Kinder lieben, +nicht von Natur Achtung für das andere Geschlecht und für sittliche +Reinheit hegen, sondern daß all diese Tugenden und Eigenschaften +erst mittels der Gesetzgebung in der menschlichen Seele fabricirt +und erhalten werden müssen, obendrein während die Gesetze, seltsam +genug, nur durch die vereinigte Thätigkeit all' dieser Individuen +hervorgebracht werden, welche, jedes für sich betrachtet, all' dieser +Eigenschaften und Tugenden baar sein sollen. Nein, so sehr ist vielmehr +das Entgegengesetzte wahr, daß nur die Liebe zu all' diesen Tugenden +und Gütern die Menschen bewegt, oftmals schmerzlich genug, all' die +künstlichen Ordnungen und Systeme, unter denen sie seufzen, mit Geduld +zu ertragen und sich ihnen zu unterwerfen, weil sie von Kindesbeinen an +gelernt haben, daß eine Ordnung wie die gebotene die einzige Sicherheit +für die Aufrechterhaltung der Tugenden und Güter sei, die sie vor Augen +haben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> + +<p>Da in Folge Dessen jedes Studium der Natur und der menschlichen Seele +zurückgedrängt oder unmöglich gemacht wird, werden die Gemüther dazu +erzogen, ohne Prüfung oder Untersuchung Dasjenige für wahr anzunehmen, +was sich auf Tradition oder Autorität stützt, während die Gegner des +Autoritätsprincips beschuldigt werden, die Unsittlichkeit zu bezwecken +und zu begünstigen.</p> + +<p>Wäre man darauf ausgegangen, das erniedrigendste und verdummendste +Princip aller Principien auf Erden zu finden, so hätte man zu keinem +anderen als dem Autoritätsprincip gelangen können.</p> + +<p>Das Autoritätsprincip führt konsequent zu Sätzen wie diesen: Die Ehe +ist um der Gesellschaft willen da, und der Zweck der Gesellschaft ist, +sich selbst zu erhalten, — oder, mit einer kleinen Nuance: Die Ehe in +ihrer traditionellen Form ist heilig, weil sie zur Bewahrung sittlicher +Reinheit unentbehrlich ist. Und worin besteht sittliche Reinheit? In +der Beobachtung der Ehe in ihrer traditionellen Form.</p> + +<p>Auf diesem Wege kommt man nicht weiter. Man dreht sich im Kreise und +bleibt beständig auf demselben Fleck.</p> + +<p>Wenn die Gegner des Autoritätsprincips dagegen sagen: Der Zweck der +Gesellschaft ist das höchste Glück ihrer Mitglieder, der Zweck der +Ehe ist das Wohl der Familie, so ist die Untersuchung freigegeben +rücksichtlich Dessen, was dies Wohl und jenes höchste Glück ist. Und +wenn sie weiter sagen: »Sittliche Reinheit besteht in derjenigen +Art von Verhältnis zwischen Wesen verschiedenen Geschlechts, welche +im höchsten Grade zum gegenseitigen Wohl und Glück Beider beiträgt, +die entferntesten Resultate dieser Verbindung eben so wohl wie +die unmittelbaren in Betracht gezogen«, und wenn diese Definition +angenommen oder geprüft wird, so sehen wir den Horizont vor uns +offen und das Feld frei für eine neue radikale und wissenschaftliche +Forschung, sowohl physiologisch wie psychologisch und ökonomisch, in +einem Umfange, wie die Welt sie niemals zuvor gekannt hat.</p> + +<p>Ordnung und Harmonie! Das sind die Stichwörter bei den Verfechtern +des Autoritätsprinzips. Ja gewiß, Ordnung und Harmonie! Aber was +die Welt jetzt lernen muß und<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> wird, selbst wenn es Jahrhunderte +beanspruchen sollte, ist, daß Ordnung und Harmonie das Werk der +Wissenschaft sind und niemals das Werk willkürlicher Gesetzgebung +oder eines Kriminalkodex und einer öffentlichen Meinung sein können, +die sich auf Tradition und Autorität stützen. Es giebt keine andere +vernünftige Einrichtung und Ordnung der Gesellschaft, als die, welche +auf dem wissenschaftlichen Einblick in die Organisation des Menschen +beruht. Alle Gesellschaften, die der Familie sowohl wie des Staates, +existiren nicht um ihrer selbst, sondern um der Individuen willen, +damit die Individuen gewisse große Zwecke und Güter erreichen können. +Solche Zwecke sind sittliche Reinheit, Erziehung der Kinder, Schutz +des Weibes. Falls nun diese Zwecke sich nur auf dem Wege, den das +Autoritätsprincip anweist, erreichen lassen, dann muß man Freiheit +auf diesen Gebieten selbstverständlich — im Gegensatze zu Dem, +wofür man sie auf so vielen anderen Gebieten hält — für einen Fluch +halten, sie verfolgen und ausrotten. Falls diese Zwecke hingegen sich +<em class="gesperrt">möglicherweise</em> auf anderen Wegen, möglicherweise <em class="gesperrt">besser</em> +auf anderen Weg erreichen lassen — und eine solche Möglichkeit zu +leugnen ist schwer, — falls sie endlich auf dem traditionellen Wege +so gut wie <em class="gesperrt">gar nicht</em> erreicht worden sind, so muß eine durch +keine Rücksicht beschränkte freie Untersuchung ohne die geringste +Menschenfurcht vor irgend einer Autorität stattfinden. Was ich für +mein Theil konstatiren will, ist nur Das, daß das Autoritätsprincip +als ein solches, welches jeder Diskussion den Weg versperrt, das +schlechteste, dümmste, erniedrigendste von allen ist, und sich selbst +verurtheilt hat. Wer dadurch, daß er die freie Untersuchung auf irgend +einem socialen Gebiete verhöhnt oder verwehrt, Ursache davon ist — +wie er es unzweifelhaft werden muß, — daß die eine oder andere seinen +Mitmenschen nützliche Hypothese — und wäre es nur eine einzige — sich +nicht ans Tageslicht getraut oder der Wirklichkeit gegenüber nicht +geprüft wird, ist ein Verbrecher, für den man die härteste Strafe, +wenn es Recht und Gerechtigkeit in der Welt gäbe, nicht zu hart finden +würde. Leider besteht die Mehrzahl aller civilisirten Menschen aus +Verbrechern dieser Art, so daß die Aussicht, sie bestraft zu sehen, +freilich gering ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p> + +<p>Bonald war ein solcher Verbrecher. Seine äußeren Lebensverhältnisse +waren indeß nicht der Art, daß man in seiner Lebensbahn eine Spur +von der Rache der Eumeniden erblicken kann. Er wurde im Jahre 1754 +geboren und starb erst 1840, satt an Ehren, und müd seines Lebens. +Er war erst Militair, verheirathete sich früh, wurde dann zum +Verwaltungspräsidenten im Departement Aveyron erwählt; er reichte seine +Entlassung ein, als Ludwig XVI. sich genöthigt sah, die bürgerliche +Verfassung der Geistlichkeit zu bestätigen, und emigrirte dann 1791. +Als er in Heidelberg seine »Theorie der Macht« geschrieben hatte, wurde +fast die ganze Auflage durch die Polizei des Direktoriums vernichtet. +Ein vereinzeltes Exemplar, das er an Bonaparte gesandt hatte, +erreichte zum Glück für den Verfasser doch seine Bestimmung und wurde +Veranlassung, daß ihn Dieser von der Emigrantenliste strich.</p> + +<p>Er hatte nicht umsonst die Welt gelehrt, daß jede Revolution durch +den Unterthan begonnen, aber durch die Macht beendigt wird, daß sie +aus der Ursache entsteht, weil die Autorität schwach gewesen ist und +nachgegeben hat, und damit endet, daß die Autorität wieder zu Kräften +gelangt. Er hatte gezeigt, daß alle Unruhen nur die Macht stärken, +und geweissagt, daß die Revolution, welche mit der Erklärung der +Menschenrechte begann, mit der Erklärung der Rechte Gottes enden werde. +Da Bonaparte nun eben diese durch das Konkordat erklärte, so erlangte +Bonald bald eine angesehene Stelle. Er fuhr zwar fort, nur für die +Bourbonen zu schwärmen und von ihnen zu träumen, aber er traf vorläufig +die Wahl, diesen Träumen in einer Anstellung nachzuhängen, welche der +Kaiser ihm gab. Er wurde <span class="antiqua">conseiller tutélaire</span> an der Universität +mit einem Jahrgehalte von 12000 Franks, wofür er nichts zu thun hatte. +Chateaubriand bespricht seine Bücher mit tiefer Bewunderung, De +Maistre schreibt ihm nach der Veröffentlichung seiner »<span class="antiqua">Recherches +philosophiques</span>«: Ist es zu glauben, daß die Natur sich damit +amüsirt hat, zwei Saiten auszuspannen, die so völlig übereinstimmen, +wie Ihr Geist und der meine! Wenn man jemals gewisse Sachen druckt, +werden Sie fast die gleichen Ausdrücke finden, die Sie selbst gebraucht +haben, und doch habe ich wahrlich nichts geändert.« Sie<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> waren +geschaffen, einander zu verstehen. Welches Ansehen Bonald genoß, sieht +man z. B. aus dem rührenden Briefe, den Napoleon's Bruder, Ludwig von +Holland, ihm schrieb, um ihn zu bitten, daß er die Erziehung seines +ältesten Sohnes übernehme. Er schildert darin zuerst, wie krank er +beständig sei, wie innig er seinen Sohn liebe, wie sehr es Diesem noth +thue, von einem Manne in der vollen Bedeutung dieses Wortes gebildet +zu werden, damit er selbst ein Mann werde. Dann sagt er: »Nachdem ich +überall gesucht, habe ich, obschon ich Sie nicht persönlich kenne, +gedacht, daß Sie einer der Männer seien, die ich am höchsten achte. Sie +werden mir daher verzeihen, daß ich jetzt, wo ich Einen wählen soll, +dem ich mehr als mein Leben anzuvertrauen gedenke, mich an Sie wende. +Wenn das Glück, dessen Sie sich unzweifelhaft in einer friedliebenden +Häuslichkeit erfreuen, Sie nicht unempfindlich für das Gute gemacht +hat, das Sie, ich sage nicht für mich, ein Individuum, sondern für +ein ganzes Volk zu vollbringen vermögen, welches noch achtungswerther +als unglücklich ist, und Das will Viel sagen, — so übernehmen Sie +die Aufgabe, der Erzieher meines Sohnes zu sein«. Und er schließt in +demselben Tone, indem er sich gegen die Verleumdungen seiner Person +vertheidigt, die nach seiner Meinung Bonald zu Ohren gekommen sein +könnten. Mit solcher Demuth näherte ein König sich diesem Manne — und +vergebens, er lehnte die Aufforderung ab.</p> + +<p>Ein anderer, noch auffallenderer Zug beweist, welchen Einfluß und +welches Gewicht man damals so despotisch gesinnten Autoritätsmännern, +wie ihm, beimaß. Eines Tages empfing Bonald ein Billet mit dem +Ersuchen, sich bei dem Kardinal Maury einzufinden. Dieser war jetzt +unter dem Kaiserthume ein anders mächtiger Mann geworden, als da er in +der Nationalversammlung Reden wider die Bürgerrechte der Juden hielt. +Als Bonald allein mit dem Kardinal war, richtete Dieser die Frage +an ihn, was er sagen würde, wenn der Kaiser ihn ersuchen ließe, die +Erziehung des Königs von Rom zu übernehmen? Einen Augenblick stand +Bonald verwirrt über so viel Ehre; dann gab er, wie man berichtet, +die ablehnende Antwort: »Ich bekenne, wenn ich ihn jemals lehrte,<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> zu +herrschen, so sollte es eher an jedem anderen Orte als in Rom sein.« +Unter der Restauration wurde er dann einer der Haupturheber davon, daß +Rom und dessen Geist: das Autoritätsprincip, zur Herrschaft gelangten, +statt beherrscht zu werden. Er hatte sein ganzes Leben hindurch die +Preßfreiheit bekämpft. Er endete damit, daß die ganze Censur ihm +unterstellt war.</p> + +<h3>5.</h3> + + +<p>Es gab in Frankreich unter dem Kaiserthum keine Poesie. Napoleon war +der einzige Dichter der Zeit. Die Reihe seiner Kriege und Siege war +<em class="gesperrt">eine</em> große Iliade, der Feldzug nach Rußland eine gigantische +Tragödie, mit der keine, die man am Pult ausgearbeitet, sich messen +konnte. Schon unter der Revolution war aus verwandten Ursachen die +Poesie verschwunden. Einzelne Dichter schrieben zwar noch Tragödien +im alten Stil, nur daß sie Voltaire's philosophische Tragödie in +eine politische verwandelt hatten und die Republiken von Rom und +Griechenland für die neue französische Republik zurecht stutzten, +welche die Vorbilder ihrer Helden in Rom's und Athen's sogenannten +Sanskulotten fand; aber das Interesse, welches sich an diese +Schauspiele knüpfte, war gering im Vergleich zu demjenigen, welches die +großen Dramen der Nationalversammlung und des Konvents darboten. Wie in +der alten Zeit die Gladiatorenkämpfe das Interesse für die Schauspiele +vernichteten, in denen Keiner wirklich getödtet ward, so machten die +Schlußscenen der Debatten des Konvents, in welchen die Besiegten +zum Schafotte abgeführt wurden, dem fünften Akt der Tragödien eine +furchtbare Konkurrenz. Der Dolch Melpomenens konnte auf die Dauer an +Interesse nicht mit der Guillotine wetteifern. Wer vermochte poetisch +eine Gemüthserregung hervorzurufen, welche derjenigen entsprach, die +die Zuschauer bei der Anklage, Verurtheilung und dem Tode des Königs +und der Königin empfanden! Wer konnte auf<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> der Bühne eine Intrigue +anspinnen, die so gut geschürzt war, wie diejenige Robespierre's und +Danton's gegen Vergniaud und die Gironde, oder wie diejenige der +Kontrerevolution gegen Robespierre! Man hat Zeugnisse dafür, daß +die Zeitgenossen diese Empfindung besaßen. Der bekannte Uebersetzer +Shakspeare's, Ducis, schreibt an einen Freund, der ihn aufforderte, +für das Theater zu arbeiten: »Was sprichst Du mir von Tragödien! Die +Tragödie ist rings umher auf der Gasse. Sobald ich den Fuß vor die Thür +setze, schreite ich in Blut bis zu den Knöcheln.« Daß in diesen Worten +keine Uebertreibung lag, beweist ein Brief, den Chaumette 1793 an den +Magistrat von Paris sendet, worin besonders darüber geklagt wird, daß +Kurzsichtige beständig der Fatalität ausgesetzt seien, in Menschenblut +zu treten.</p> + +<p>Unter Napoleon kam noch der Umstand hinzu, daß man einen Herrn hatte. +Versuchte ein einzelner Schriftsteller, wie Raynouard, sich ein +wenig von der gewöhnlichen Bahn zu entfernen, so wurde er in seinen +Bestrebungen gehemmt. Sein Stück »Die Stände von Blois«, das in +Saint-Cloud gespielt worden war, wurde auf ausdrücklichen Befehl des +Kaisers selbst in Paris verboten. Die Kanonen allein hatten das Wort. +Die Kanone, welche, vor dem Invaliden-Hotel aufgepflanzt, beständig +Siege auf Siege verkündete, übertäubte alle anderen Stimmen. Und +alle jugendlich begeisterten Herzen, alle Feuerseelen, die sich zu +anderen Zeiten in der Poesie Luft gemacht hatten, alle Die, welche am +wärmsten für die Freiheit und die Ideen der Revolution entflammt waren, +eilten jetzt zu den Fahnen und suchten, indem sie sich in Kriegsruhm +berauschten, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Poesie zu vergessen. Wie +ein seelenvolles Lied in einem Zimmer abgebrochen wird und endet, wenn +ein ununterbrochenes Gerassel schwerer Wagen die Straße erschüttert, +so wurde das geistige Leben ausgelöscht. Ein paar Anekdoten aus der +Zeit des Kaiserthums schildern den Lärm und den Druck. Man frug den +Metaphysiker Sièyes: »Was denken Sie in dieser Zeit?« Er erwiderte: +»Ich denke gar nicht«. Man frug den General Lafayette: »Was haben Sie +während des Kaiserreichs für<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Ihre Ueberzeugung gethan?« Er antwortete: +»Ich erhielt mich aufrecht«.</p> + +<p>Nur einzelne Kunstarten ließen sich von der Epoche inspiriren: die +Malerei und die Schauspielkunst. Gérard malte die Schlacht bei +Austerlitz, Gros die Pestkranken in Jaffa, die Schlachten bei Abukir +und bei den Pyramiden. Talma, der nach seiner eigenen Erzählung eines +Abends, als er mit den Führern der Girondistenpartei zusammen war, +zum ersten Male verstanden und gelernt hatte, die Republikaner Rom's +zu spielen, nicht wie Knaben in der lateinischen Schule sie sich +vorstellen, sondern als Männer, — Talma lernte von Napoleon, Cäsaren +und Könige spielen. Nach der bekannten Tradition ließ Bonaparte sich +von Talma darin unterrichten, kaiserliche Stellungen anzunehmen. Das +Umgekehrte ist die Wahrheit. Talma lernte von Napoleon das Imponirende +seines Auftretens, den kurzen befehlenden Ton, die gebieterischen +Handbewegungen, welche er später auf die Bühne brachte. Während seiner +letzten Krankheit lag er noch vom Fieber gequält und halb wahnsinnig da +und erforschte im Spiegel die Spuren von Wahnsinn und Grausen in seinem +Antlitz. »Da hab' ich sie!« rief er und schlug sich vor die Stirn; +falls ich wieder die Bühne betrete, werde ich es genau so machen, wenn +ich Karl <span class="antiqua">VI.</span> als toll darstelle«. So leidenschaftlich liebte +er seine Kunst. Er erhob sich jedoch nicht wieder, und mit ihm starb +die einzige unter den Künsten des Wortes, die während des Kaiserreichs +geblüht hatte.</p> + +<p>Nur eine Abart der Literatur gewinnt einen Einfluß, wie sie ihn niemals +zuvor gehabt hatte, die jüngste von all' ihren Arten, welche, bis +jetzt unbedeutend, bald eine Macht wird, nämlich die Journalistik. +Das bekannte Tagesblatt »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>« wird gegründet, +um den Kampf gegen Voltaire einzuleiten und den herrschenden Ideen +der Zeit ein Organ zu schaffen. Man bediente sich aller Mittel. Ganz +wie heutigen Tags die klerikale Presse in Frankreich Voltaire als +»den elenden Preußen« bezeichnet, so suchte man damals in Voltaire's +Briefen die Stellen auf, welche ihn zum Vaterlandsverräther stempeln +konnten. Man fand in seinen Briefen an den König von Preußen das +platte Kompliment: »Jedesmal,<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> wenn ich an Ew. Majestät schreibe, +zittere ich wie unsere Regimenter bei Roßbach«, und man hoffte mit +Hilfe solcher Citate den Sieger von Jena gegen die Philosophen dieser +Schule aufzuhetzen. Man machte auch besonders geltend, daß nach dem +Zeugnis von Zeitgenossen die Hauptursache der Muthlosigkeit des +französischen Heeres im Kampfe gegen Friedrich die gewesen sei, daß +die Officiere eine Art phantastischer Bewunderung für den König von +Preußen hegten, welche so weit ging, daß sie sich nicht einmal die +Möglichkeit denken konnten, einen Feldherrn zu schlagen, der all' die +Ideen repräsentirte, welche sie selbst beseelten. Anstatt nun hieraus +einen Schluß zu Gunsten jener Ideen zu ziehen, zog man im Gegentheil +einen ungünstigen Schluß Betreffs der Personen, welche, wie Voltaire, +dieselben in Frankreich ausgebreitet hatten, und stempelte sie zu +Vaterlandsverräthern. Um einen Begriff von dem Tone des Blattes zu +geben, citire ich folgende Worte des Hauptredakteurs. »Wenn ich sage +die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, so meine ich Alles, was +falsch ist in Gesetzgebung, Moral und Politik«. — Noch ein zweites +Organ war in Händen der neukatholischen Schule, der »<span class="antiqua">Mercure</span>«, +dessen Hauptredakteure Chateaubriand und Bonald waren. Gegen diese +mächtigen Organe versuchten die Schriftsteller, welche die Trümmer der +Armee des achtzehnten Jahrhunderts bildeten, einen Kampf, aber die Zeit +brachte ihnen keinen günstigen Fahrwind.</p> + +<p>Wie früher der ganze Eifer der kämpfenden Mächte darauf gerichtet +gewesen war, das Publikum oder das Volk für sich und ihre Ideen zu +gewinnen, so gingen jetzt unter der Despotie alle Anstrengungen +dahin, die Poesie des Gewalthabers zu gewinnen. Das »<span class="antiqua">Journal des +Débats</span>« suchte den Kaiser gegen die Philosophie einzunehmen. +Die Philosophen suchten ihn gegen das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>« +aufzubringen. Die Klerikalen wiesen auf die Philosophen und sagten: +»Nimm Dich in Acht vor den Männern, welche so schreiben! Sie sind +Niederreißer von Fach, sie hassen Dich, wenn auch nur weil Du +ein Baumeister bist, und wollen das Gebäude niederreißen, das Du +aufführst«. Die Philosophen zischeln ihm von der anderen Seite ins Ohr: +»Weißt Du,<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> was die Menschen dort in dem anderen Lager wollen? Sie +wollen Dich bethören, ein Haus zu errichten, dessen Schlüssel sie sich +dann für einen Andern ausbitten werden. Wenn Du ihrem Rathe folgst, so +arbeitest Du dafür, Dich selbst überflüssig zu machen. Hörst Du nicht, +wie sie beständig nach Ordnung schreien? Bald wirst Du die einzige +Unordnung sein, die es noch in Frankreich giebt. Man wird Dich dann +zwingen, auszuziehen, wie der Baumeister sich entfernt, wenn der Herr +des Hauses sein Eigenthum in Besitz nimmt«.</p> + +<p>Es waren unzweifelhaft, wie ja auch die Zukunft bewies, die +Philosophen, welche hier Recht hatten. Die Anhänger der neukatholischen +Schule waren und blieben innerlich an die alte Dynastie geknüpft. Ihre +Methode war die, Delille, weil er in Ungnade war, und Chateaubriand, +welcher besonders seit der Erschießung des Herzogs von Enghien +eine feindliche Haltung gegen Napoleon annahm, zu rühmen, kurz die +politische Frage in die literarische Debatte zu mischen. Man pries +Racine, aber auf solche Weise, daß leicht zu sehen war, Ludwig +<span class="antiqua">XIV.</span> sei gemeint; man schmähte Voltaire, aber so, daß man die +revolutionäre Partei hinter seinem Rücken traf; man hob die Lichtseiten +der früheren Regierung hervor, unter dem Vorwande, die Geschichte der +Vergangenheit zu schreiben, und bewies, so gut man vermochte, daß sie +auf den Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit geruht habe, unter +dem Vorwande, einen Kursus in der Philosophie zu geben.</p> + +<p>Napoleon, der aufs sorgsamste der Zeitungsliteratur folgte, verlor +zuletzt die Geduld. Ein Billet ist uns aufbewahrt geblieben, das einem +Beamten Napoleon's zugestellt ward, um den Privatkorrespondenten +des Kaisers, dem Herausgeber des »<span class="antiqua">Mercure</span>« Fiévée, übergeben +zu werden, worin jedes Wort charakteristisch ist. Vor Allem ist +hier jedoch der Uebergang von der unpersönlichen zur persönlichen +Ausdrucksweise interessant. Wer der Verfasser des Billets sei, wird +gar nicht in demselben gesagt; Anfangs spricht das unbestimmte anonyme +Wesen, welches man die Regierung nennt; plötzlich fühlt man, wer die +Feder lenkt, der Löwe weist seine Krallen. Das Billet lautet: »Mr. de +Lavalette soll sich zu Mr. Fiévée begeben und ihm sagen, <em class="gesperrt">man</em> +lese das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>«<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> mit mehr Aufmerksamkeit, als +die anderen Blätter, weil es zehnmal so viel Abonnenten habe, und +<em class="gesperrt">man</em> bemerke darin Artikel, die in einem den Bourbonen günstigen +Geiste, also mit großer Gleichgültigkeit für das Wohl des Staates +geschrieben seien; <em class="gesperrt">man</em> habe beschlossen, Alles zu unterdrücken, +was in diesem Blatte von allzu schlechter Gesinnung sei; das System +sei, mit großer Langmuth zu warten; es sei jedoch jetzt nicht genug, +nicht direkt feindlich zu sein; <em class="gesperrt">man</em> habe das Recht, zu +verlangen, daß sie der herrschenden Dynastie ganz ergeben seien, und +daß sie Alles, was den Bourbonen Glanz verleihe oder ihnen günstige +Erinnerungen heraufbeschwören könne, nicht dulden, sondern bekämpfen; +<em class="gesperrt">man</em> habe indessen noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt; aber +<em class="gesperrt">man</em> sei geneigt, das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>« forterscheinen +zu lassen, wenn man mir Männer vorschlägt, zu denen <em class="gesperrt">ich</em> Zutrauen +haben und welche <em class="gesperrt">ich</em> an die Spitze dieses Blattes stellen kann«. +Man sieht, wie die Verhältnisse sich entwickelten. Im Verlauf der +Regierung des Kaisers wurde der Neukatholicismus mehr und mehr aus der +Gunst und Gewogenheit verdrängt, deren er sich von Anfang an erfreuen +durfte, und erst unter den Bourbonen triumphirte er wieder gänzlich. +Gleich nach Napoleon's Thronbesteigung schreiben Chateaubriand, +Bonald und De Maistre frei, das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>« wird +aufgefordert, seinen Kreuzzug wider die Philosophie des achtzehnten +Jahrhunderts zu unternehmen, der Papst besucht Napoleon in Paris, +die Geistlichkeit wird geehrt, Frayssinous predigt ungehindert. +Gegen das Ende des Kaiserreichs müssen die Führer der katholischen +Partei verstummen, das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>« ist konfiscirt, +der Papst ein Gefangener, die Klerisei dem Kaiser verhaßt, und die +Kanzel Frayssinous verschlossen. Erst 1814 wird gleichzeitig mit der +politischen Restauration eine Erneuerung der religiösen unternommen, +welche vollständig befestigt, was durch das Konkordat begonnen war.</p> + +<p>Ist es nun auch nicht zu Viel gesagt, daß es unter Napoleon keine +eigentliche Poesie gab, so ist doch nicht minder gewiß, daß unter +seiner Herrschaft ein nicht bedeutungsloser Versuch gemacht wurde, dem +Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts zu geben, was Voltaire dem +vorhergehenden in seiner<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> Henriade zu geben versucht hatte: nicht mehr +noch minder als eine große nationale Epopöe.</p> + +<p>Die Aufgabe war bedenklich, Das läßt sich nicht leugnen. Zu einer +Zeit, wo Frankreich Europa mit Helden wie Ney und Murat und all' +den Marschällen des neuen Kaiserreichs erfüllte, wo Napoleon alle +offenen Wunden Frankreichs mit eroberten feindlichen Fahnen verband, +wo die Thaten der Gegenwart alle Thaten der Vergangenheit in Schatten +stellten, — wo sollte man da einen geeigneten Helden für ein Epos und +wo sollte man Thaten finden, welche die Lesewelt fesseln konnten?</p> + +<p>Der Mann, welcher sich an ein solches Beginnen wagte, war kein Anderer, +als Der, welcher von Anfang an auf eine Aufsehen erregende Art die +literarische Bewegun] der Periode eingeleitet hatte, Derjenige, welcher +von Allen am meisten »<span class="antiqua">en vue</span>« war, nämlich Chateaubriand. +Er empfand nicht allein Lust, sondern eine Art Verpflichtung, eine +Epopöe zu schreiben. Er hatte ja in seinen ersten Werken behauptet, +daß die Legenden der christlichen Religion die heidnischen Mythen an +Schönheit weit überträfen, daß dieselben dem Dichter mehr böten, daß +alle Charaktere: Vater, Gatte, Liebhaber und Braut, als christliche +Menschen schöner und poetischer, denn als natürliche, seien. Es galt +für ihn, das Beispiel der Regel, den Beweis dem Lehrsatze hinzuzufügen, +und um die Wahrheit seiner Behauptung und die Stärke seines Talentes +darzuthun, beschloß er, ein christliches Epos zu verfassen. Er suchte +daher seine Helden nicht auf einem der großen Schlachtfelder Europa's; +Namen wie Marengo und Austerlitz machten keinen Eindruck auf ihn. In +Uebereinstimmung mit der ganzen Geistesrichtung, die er eingeschlagen +hatte, wählte er sich nicht aktive, sondern passive Helden, +überhaupt nicht Helden, sondern Märtyrer, zum Gegenstande seines +Darstellungstalents und betitelte solchermaßen sein Epos, das für uns +übrigens mehr einem gewöhnlichen zweibändigen Romane gleicht, da es in +Prosa geschrieben ist: »Die Märtyrer, oder der Triumph der Religion«. +Um diese Wahl des Stoffes recht zu verstehen, muß man bedenken, +daß der Ideenkreis, in welchem die Männer dieser Schule lebten, in +Wirklichkeit nicht derjenige des Kaiserthums,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> sondern der nach +rückwärts gerichteten Emigranten war. Man hatte sich noch nicht von +seinem Grausen über die Thaten der Revolution erholt. Man sah in den +Führern der Revolution lauter Blutmenschen, in der niedergeschlagenen +Partei lauter Opfer. Der eigentliche Held war für diese Männer nicht +Napoleon, der unternehmungslustige Krieger, sondern Ludwig <span class="antiqua">XVI.</span>, +der unschuldige Märtyrer. Was waren sie anders, als Märtyrer, alle +die christlichen Priester, die um ihres Glaubens willen in den +Septembertagen niedergemetzelt worden waren, alle die der Königsmacht +von Gottes Gnaden treu ergebenen Männer und Frauen, welche den Tod in +der Vendée erlitten hatten! So schuldlose Opfer, wie die Prinzessin +Lamballe oder die jungen Mädchen in Verdun während der Revolution und +wie der Herzog von Enghien in der jüngsten Zeit, waren Heldinnen, und +Helden, die einer Verherrlichung werth erschienen, tausendmal mehr als +Die, welche sich auf allen Schlachtfeldern Europas mit Blut befleckten.</p> + +<p>Schon im Jahre 1802 hatte Chateaubriand die Idee zu seinem Epos +gefaßt, 1806 waren die ersten Gesänge fertig. Aber die Handlung sollte +sich über die ganze in der alten Zeit bekannte Welt erstrecken. +Chateaubriand war keine bequeme Natur, er fühlte sich nicht geneigt, +das Werk so rasch wie möglich zu vollenden, um so leicht wie +möglich auf seinen Lorbeern zu ruhen. Er unterbrach daher seine +Arbeit und reiste im Juli 1806 ab, um Griechenland, den Orient, +Jerusalem, Aegypten, Karthago zu besuchen und über Spanien nach Paris +heimzukehren. Der nächste Zweck dieser Reise war, wie er in der Vorrede +zu seinem später veröffentlichten »<span class="antiqua">Itinéraire</span>« offen bekennt, +das begonnene Gedicht zu vervollkommnen. Er sagt: »Ich habe diese Reise +nicht unternommen, um sie zu beschreiben. Ich hatte einen bestimmten +Zweck bei derselben; diesen Zweck habe ich in den Märtyrern erfüllt, +ich suchte Bilder, das war Alles«.</p> + +<p>Das war jedoch nicht Alles, weder Alles, was Chateaubriand mit seiner +Reise bezweckte, noch Alles, was man nach seinem Wunsche in derselben +erblicken sollte. Chateaubriand ist <span class="antiqua">Childe Harold</span> vor dem +wirklichen; Chateaubriand ist der Byron der Restauration. Gerade wie +sein René ein Vorläufer<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> der Byron'schen Helden ist, so ist er selbst +auf seinen Pilgerfahrten ein Vorgänger jenes halb erdichteten, halb +wirklichen Harold, den die Lust nach Abenteuern und die Sehnsucht +nach Eindrücken von Land zu Lande jagt. Aber als ein Byron der +Restaurationszeit kann er nicht, wie der englische Lord, der noch +Vikingerblut in seinen Adern empfand, sich damit begnügen, ein so +vereinzeltes Motiv seiner Fahrten ehrlich zu bekennen. Es wäre wenig im +Geiste der Restaurationszeit gewesen, es hätte wenig zu Chateaubriand's +Rolle in jener Zeit gestimmt, nach Jerusalem zu ziehen, um Landschaften +zu studiren, seine Palette mit Farben und sein Skizzenbuch mit +Entwürfen zu füllen. Wenn Childe Harold von seiner Pilgerfahrt spricht, +nimmt er das Wort in figürlicher Bedeutung, Chateaubriand gebraucht +es ganz buchstäblich. Er theilt Allen mit, daß er nach dem heiligen +Lande reise, um sich durch den Anblick der heiligen Stätten zu erbauen. +Er bringt Wasser aus dem Jordanflusse mit heim, und als später der +Graf von Chambord geboren wird, hat er es bei der Hand, um das +königliche Kind damit taufen zu lassen. Er sagt selbst: »Es mag seltsam +erscheinen, heutigen Tages von heiligen Gelübden und Pilgerfahrten zu +reden; aber in diesem Punkte bin ich, wie bekannt, ohne Scham und habe +mich schon längst selber in die Reihe der Abergläubischen und Schwachen +gestellt. Ich werde vielleicht der letzte Franzose sein, der mit den +Ideen, Zwecken und Gefühlen eines mittelalterlichen Pilgrims aus seiner +Heimat zum heiligen Lande gezogen ist. Aber besitze ich auch nicht die +Tugenden, welche vordem bei den Herren von Coucy, Nesles, Chastillon +und Montfort glänzten, so habe ich doch wenigstens noch den Glauben, +und an diesem Zeichen würden sogar die alten Kreuzfahrer mich als einen +ihres Gleichen erkennen.«</p> + +<p>Ist es nun schon ein starkes Stück von einem rein modernen Geiste, wie +Chateaubriand, sich Pilgrimsgefühle und Pilgrimszwecke beizulegen, da +die alten Pilgrime, so viel bekannt, nicht nach Bildern und Eindrücken +für literarische Produktionen umherreisten, was soll man gar sagen, +wenn man in Chateaubriand's hinterlassenen Memoiren ein Geständnis +über den ferneren Zweck dieses Aufsuchens von Bildern findet,<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> welche +das grellste Licht auf jene zuletzt angeführten Worte wirft? Durch +seine Anstrengungen, Ruhm zu erreichen, durch seine Studien und Reisen +hoffte er die Gunst einer Dame zu gewinnen, in die er verliebt war. +An und für sich ist ja Nichts natürlicher. Er war noch jung. Er besaß +einen glühenden Ehrgeiz und liebte mit Leidenschaft. Was Wunder, +daß er sich selbst zurief: »Ruhm, größeren Ruhm, mit vollerem Recht +erworbenen Ruhm, um sie besser zu verdienen, um ihr meinen ernsten +Vorsatz zu beweisen, mich ihrer Gunst würdig zu machen!« Sie scheint +außerdem ehrgeizig für ihn gewesen zu sein, ihm ihren Besitz in weiter +Ferne als Lohn neuer Anstrengungen in Aussicht gestellt zu haben. +Mag sogar etwas Mittelalterliches, an die Ritterzeit Erinnerndes in +diesem Verhältnisse gewesen sein! aber was für eine Prälatenseele muß +man besitzen, um hier von Kreuzzug und Pilgerfahrt reden zu wollen! +Chateaubriand sagt in seinen <span class="antiqua">Mémoires d'outre-tombe</span>: »Aber +habe ich auch in der Reisebeschreibung Alles von dieser Reise gesagt, +welche in der Hafenstadt Desdemona's und Othello's begann? Wallfahrtete +ich mit reuigem Gemüth zu Christi Grabe? <em class="gesperrt">Ein einziger Gedanke</em> +verzehrte mich; ich zählte mit Ungeduld die Augenblicke. Vom Verdeck +meines Schiffes, die Augen auf den Abendstern geheftet, bat ich ihn um +günstigen Wind, der mich rasch von dannen führe, um Ruhm, damit ich +geliebt würde. Ich hoffte mir Ruhm in Sparta, in Zion, in Memphis, in +Karthago zu erwerben und ihn nach der Alhambra mitzubringen. Würde man +die Erinnerung an mich mit so ausdauernder Treue bewahrt haben, wie ich +meine Proben ablegte?... Wenn ich heimlich einen Augenblick des Glücks +genieße, so ist dasselbe verwirrt durch die Erinnerung an jene Tage der +Verführung, der Bezauberung und des holden Wahnsinns.«</p> + +<p>So spricht Tannhäuser, als er dem Venusberge entronnen ist, aber +Peter der Einsiedler führte nicht diese Sprache, als er vom heiligen +Grabe zurückkehrte. Die Dame, welche Chateaubriand ein Rendezvous in +der Alhambra bestimmt hatte, war die junge Madame De Mouchy, welche +von Zeitgenossen als ein Wunder von Schönheit, Anmuth und Feinheit +geschildert wird. Sie starb im Wahnsinn. — Chateaubriand<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> war seit +1792 vermählt. Seine Ehe war vielleicht eine Unbesonnenheit, aber +hätte er als ein so eifriger Fürsprecher der christlichen Moral sie +nicht respektiren müssen, auf welche Art sie auch geschlossen sein +mochte? Er schildert ihr Zustandekommen folgendermaßen in seinen +Memoiren: »Die Sache ward ohne mein Wissen betrieben ... Ich fühlte +mich in keiner Beziehung zum Ehemanne geeignet. Alle meine Illusionen +lebten noch, Nichts in mir war erschöpft; die Energie meines Lebens +war sogar verdoppelt durch meine Reisen. Ich wurde beständig von der +Muse geplagt. Meine Schwester hielt viel von Mademoiselle De Lavigne +und sah in dieser Ehe für mich eine unabhängige Stellung. Bringe sie +denn zu Stande, sagte ich. Bei mir ist die öffentliche Persönlichkeit +unerschütterlich, aber die Privatperson ist die Beute eines Jeden, +der sich ihrer bemächtigen will, und um den Verdrießlichkeiten einer +Stunde zu entgehen, könnte ich mich für ein Jahrhundert zum Sklaven +machen.« Glücklicherweise fühlte er sich nicht allzu sehr gebunden. Als +heimgekehrter Pilgrim schrieb er nun seine Epopöe.</p> + +<p>Eine Epopöe im neunzehnten Jahrhundert! Es giebt in unseren Tagen +Niemand mehr, der an die Möglichkeit einer solchen glaubt. Eine klarere +Einsicht in die historischen Bedingungen des Entstehens der großen +Vorzeits-Epopöen, als irgend eine frühere Zeit sie besaß, hat uns +von der Nutzlosigkeit überzeugt, heutigen Tages mit Werken von der +Frische und Naivetät der Ilias und der Odyssee wetteifern zu wollen. +Eben so wenig, wie ein wirklicher Dichter in jetziger Zeit darauf +verfallen könnte, die Veda-Hymnen, die Psalmen David's oder Völuspà +nachahmen zu wollen, eben so wenig versucht Jemand in heutiger Zeit +mit den unvergänglichen Werken zu rivalisiren, in welchen am Morgen +der Zeiten ein Volk kindlich seine ganze Götter- und Sagenwelt dem +Zuhörer vorübergleiten ließ, wie die Griechen es in ihren nationalen +Heldengedichten, die Deutschen im Nibelungenliede und die Finnen im +Kalewala gethan haben. Die Epopöen, welche, wie diejenigen Virgil's und +Tasso's, Camoens', Klopstock's und Voltaire's, jene alten Volksgedichte +mit Bewußtsein und Studium nachahmen, und welche das Mirakulöse in +ihnen in eine todte epische Maschinerie<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> verwandelten, haben niemals +den Rang ihrer Vorbilder erreichen können, und besitzen nur Werth in +dem Grade, in welchem sie ihnen der Zeit und dem Geiste nach innerlich +nahe stehen. Je weniger Naivetät sie besitzen, desto kälter stehen +wir ihnen gegenüber. Die nicht mißlungenen epischen Gedichte welche +in neuerer Zeit geschrieben sind — ich nenne als Beispiel Goethe's +Hermann und Dorothea oder aus jüngsten Tagen Hamerling's König von Zion +— haben den epischen Apparat ganz aufgegeben. Aber Das war keineswegs +Chateaubriand's Absicht. Im Gegentheil! Es galt ja eben denselben zu +verdoppeln, den christlichen Apparat in seiner Ueberlegenheit über den +antiken strahlen zu lassen.</p> + +<p>Da er kein Versdichter ist, beschließt er sein Werk in Prosa zu +schreiben; aber ein wie großer Meister er auch in dieser Kunstart ist, +so ahnt man doch schon, wie er nach einem Stile umhertasten wird.</p> + +<p>Alle möglichen Einwirkungen durchkreuzen sich bei ihm: Homer und die +Offenbarung Johannis, Dante und Milton, die Kirchenväter und Sueton. +Die Handlung ereignet sich zur Zeit Diokletian's, die Hälfte der +auftretenden Personen sind Heiden, die Hälfte Christen. Der Held +Eudorus gewinnt das Herz eines jungen heidnischen Mädchens, bekehrt sie +und stirbt mit ihr als Märtyrer im Kollosseum zu Rom. Ihr Vater ist +Grieche und begeisterter Apostel Homer's. Die Episoden spielen in dem +alten Gallien.</p> + +<p>Ich will ein paar Beispiele davon geben, zu welcher Manierirtheit +und welchen Uebertreibungen die Nachahmung des homerischen Stils den +Verfasser verlockt hat. Zuerst stellt er seine Griechen als allzu +gläubig dar, sie drücken sich mit eben so viel kindlichem Glauben +an die Götter aus, wie die homerischen Helden, von denen sie durch +mindestens elfhundert Jahre geschieden sind. Wer weiß nicht, daß die +Griechen jener Zeit ihren Göttern gegenüber vollkommene Skeptiker und +mehr als halbwegs Rationalisten waren, selbst wenn sie an dieselben +glaubten. Das junge griechische Mädchen findet den Helden Eudorus unter +einem Baume ruhen. Er ist jung und schön. Er erhebt sich rasch, als +er sie bemerkt. »Wie?« sagte sie verwirrt zu ihm, »bist Du nicht der +Jäger Endymion?« —<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> »Und Du,« versetzte der junge Mann, nicht weniger +verwundert, »bist Du nicht ein Engel?« Das sind keine Komplimente, +sondern die Fragen sind völlig ernst gemeint. So leicht haben jedoch +kaum jemals junge Liebende einander buchstäblich für Sagengestalten +angesehen. — Der Vater Cymodoce's spricht in demselben Stile zu dem +jungen Manne: »Mein Gast, vergieb mir meinen Freimuth, ich habe immer +der Wahrheit gehorcht, der Tochter Saturn's und der Mutter der Tugend.« +Schon zur Zeit Platon's vermochte ein Grieche sehr wohl der Wahrheit zu +erwähnen, ohne von ihren Eltern oder den Großeltern der Tugend zu reden.</p> + +<p>Noch ein paar Wendungen, die sich wie Uebersetzungen aus dem Homer +ausnehmen: Als das junge Mädchen verwundert ist, Eudorus, den sie nicht +kennt, zu erblicken, und als sie wissen will, wer er ist, frägt sie: +»In welchen Hafen ist Dein Schiff eingelaufen? Kommst Du von Tyrus, +das wegen des Reichthums seiner Kaufleute so berühmt ist? Oder von dem +lieblichen Korinth, nachdem Du reiche Gaben von Deinen Gastfreunden +empfangen hast?« &c.</p> + +<p>Alles Dies möchte im Dialog allenfalls noch passiren, aber was +soll man sagen, wenn der Erzähler selbst, bald die fünfzehnhundert +Jahre vergessend, welche ihn von seinen Personen scheiden, dieselbe +Redeweise wie sie anstimmt, bald wieder Wendungen gebraucht, welche den +Ritterromanzen des Mittelalters entnommen sind? In rein homerischem +Stil sagt er z. B.: »Nichts würde die Freude des Demodocus gestört +haben, wenn er einen Gatten für seine Tochter hätte finden können, +der sie mit aller schuldigen Rücksicht behandelt hätte, <em class="gesperrt">nachdem er +sie in ein von Reichthümern erfülltes Haus geführt</em>.« Und im Ton +der mittelalterlichen Romanzen heißt es von Velleda, der gallischen +Druidin: »<span class="antiqua">fille de roi à moins de beauté, de noblesse et de +grandeur</span>«.</p> + +<p>Und spricht nun der Dichter zuweilen in einem Stile, als wäre er +selbst der letzte Homeride, so sprechen dagegen seine Personen +oftmals, als ahnten sie die ganze moderne Bildung voraus. So sagt der +christliche Bischof Cyrillus von den heidnischen Mythen: »Eine Zeit +wird vielleicht kommen, wo diese Unwahrheiten der kindlichen Vorzeit +nur noch sinnreiche<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> Fabeln, Gegenstände für die Gesänge der Dichter +sein werden. Aber in unsern Tagen verwirren sie die Geister.« Welch ein +aufgeklärter Mann!</p> + +<p>Das ganze Gedicht durchzugehen, liegt nicht in meinem Plane. Es +liegt sogar außerhalb meines Planes, das bedeutende Talent, welches +der Verfasser hier entfaltet, in sein volles Licht zu stellen. +Ich kann höchstens den Leser auf die Schönheit einzelner Scenen +aufmerksam machen, z. B. auf diejenige, wo die griechische Familie der +christlichen, welche gerade auf dem Felde Garben bindet, einen Besuch +macht, oder auf Episoden wie Velleda's Tod. Ueber der ersten Stelle +schwebt ein eigenthümlicher religiös-idyllischer Reiz; sie erinnert +an das Buch Ruth und hat einen rein evangelischen Duft. Velleda +hat Chateaubriand als Dichter mit dem ganzen Feuer, mit dem ganzen +göttlichen Wahnsinn seines Genies gezeichnet. Ich kann nur einige +Tropfen von dem Safte des Werkes geben; man möge von ihnen auf die +ganze Frucht schließen.</p> + +<p>Ich wende mich direkt zu Chateaubriand's These, der Verwendbarkeit +der christlichen Wunderwelt für die Poesie. Man bedürfte keines +besseren Beweises, als seines Gedichtes, dafür, daß die ganze +christliche Poesie in unseren Tagen <em class="gesperrt">ein</em> großer Anachronismus +ist. Ich betrachte zuerst seine Hölle, weil diese im Allgemeinen den +Dichtern besser gelungen ist, als die Schilderung des Zustandes der +Seligen. Jeder kennt Dante's Hölle, Jeder weiß, wie bei ihm eine +ganze Heerschaar verwegener Häupter aus den Gewässern und Flammen +des Grausens emportaucht, so kräftig gezeichnet, daß sie das ganze +Gedicht beherrschen. Diejenigen unter seinen Verdammten, welche man +in der Erinnerung behält, sind die fast übermenschlich trotzigen und +stolzen italiänischen Adligen aus seiner eigenen Zeit, Farinata z. B. +Was Milton betrifft, so ist, wie bekannt, keine Gestalt ihm besser +gelungen, als sein Satan, und nicht ohne Grund hat man das Vorbild +desselben in den energischen puritanischen Rebellen seines Zeitalters +gefunden, die selbst besiegt nicht aufhörten, der Königsmacht +Trotz zu bieten. Jede Zeit dichtet ihren Lucifer nach ihrem Bilde. +Chateaubriand's Empörer ist daher auch nicht der Teufel der Tradition; +nein, es ist ein Teufel, der die französische<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Revolution gemacht hat. +Sobald er und sein Hofstaat den Mund öffnen, fahren alle Stichwörter +von den Zeiten der Republik aus demselben heraus. Hält Satan eine Rede +an seine Heerschaaren, so erstaunt der Leser, Töne von 1790 darin +wiederklingen zu hören. Nach ein paar einleitenden biblischen Phrasen +verfällt er in den Stil der Freiheitshymnen der Revolution, welche +Chateaubriand zur Freude des mißrathenen Geschlechts der Nachkommen zu +verhöhnen sich nicht entblödet hat.</p> + +<p>Satan sagt: »Ihr Götter der Nationen, ihr Throne, ihr Eifrigen, ihr +unüberwindlichen Kriegerschaaren, ihr hochherzigen Söhne dieses starken +Vaterlandes, der Tag des Ruhms ist erschienen!« (<span class="antiqua">Magnanimes enfants +de cette forte patrie, le jour de gloire est arrivé!</span>) So tief also +war die französische Literatur gesunken, daß die Marseillaise von dem +größten Dichter des Landes dem Teufel in den Mund gelegt wurde.</p> + +<p>Und was ist er denn, dieser Teufel? Einen Funken von Leben erhält +er nur dadurch, daß er Rouget de Lisle parodirt. Sonst ist er die +fleisch- und blutloseste Allegorie, die man sich denken kann. Man sehe +ihn in sein Reich hinabfahren: »Schneller als der Gedanke durchfährt +er den ganzen Raum, welcher dereinst verschwinden wird (Welches +Gedankenexperiment!); jenseits der brüllenden Trümmer des Chaos +erreicht er die Grenzen jener Regionen, die unvergänglich wie die Rache +sind, welche sie schuf, verdammte Regionen, das Grab und die Wiege +des Todes, wo die Zeit nicht die Ordnung ausmacht, und welche noch +existiren werden, wenn das Universum wie ein Zelt fortgeräumt worden +ist, daß für einen Tag errichtet ward ... er folgt keinem Weg durch +das Dunkel, sondern von dem Gewicht seiner Verbrechen herabgezogen [!] +sinkt er <em class="gesperrt">naturgemäß</em> zur Hölle hinab.« Es heißt »naturgemäß«; +mir scheint er am naturgemäßesten an Holberg's Niels Klim zu erinnern. +Alle Umgebungen seines Reiches sind entweder Allegorien, welche um +so komischer wirken, je mehr der Dichter durch sie hat schrecken +wollen, oder Karikaturen von Voltaire und den Voltairianern, die sich +inmitten<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> der Epopöe als Bruchstücke verbissener Zeitungsartikel +ausnehmen, welche durch ein Versehen hierher gelangt sind. Der Tod wird +folgendermaßen geschildert: »Ein Gespenst springt an der Schwelle des +unerbittlichen Thores hervor. Es erscheint wie ein dunkler Fleck auf +den Flammen des Kerkers hinter ihm. Man erblickt die gelben Strahlen +des Höllenlichtes zwischen den Rippen des Skeletts. Es ist der Tod. +Von Grausen erfaßt, wendet Satan das Antlitz ab, um dem Kusse des +Geripps zu entfliehen.« Hier noch zwei andere Dämonen: »Mit hundert +Diamant-Knoten [!] gebunden, sitzt der Dämon der Verzweiflung auf einem +bronzenen Throne und beherrscht das Reich der Sorgen; am Eingang des +ersten Vorsaales liegt die Ewigkeit der Schmerzen auf einem eisernen +Bette; sie ist reglos, selbst ihr Herz klopft nicht. Sie hält ein nie +sich leerendes Stundenglas in ihrer Hand, sie kennt und spricht nur das +Wort ›Niemals‹«. — Ungefähr eben so sitzt ein Automat auf einer Uhr +und spricht nur das Wort »Kuckuck«.</p> + +<p>Hat Dies nun mit Nichts auf der Welt rechte Aehnlichkeit, so haben +die Dämonen der falschen Weisheit eine allzu lächerliche Aehnlichkeit +damit. Wir sahen, daß alle religiösen Ideen der Zeit sich in dem +Worte <em class="gesperrt">Ordnung</em> begreifen lassen. Deshalb wird auch die Ordnung +hier in der Hölle sowohl wie im Himmelreiche hervorgehoben. Bei +Gelegenheit eines inneren Streites in der Hölle heißt es: »Man hätte +einen fürchterlichen Kampf erblickt, wenn nicht Gott, welcher allein +der Urheber aller <em class="gesperrt">Ordnung</em>, selbst in der Hölle, ist, den +Aufruhr zum Schweigen gebracht hätte.« Und von dem Dämon der falschen +Weisheit heißt es dort: »Er tadelte die Werke des Allmächtigen, er +wollte in seinem Hochmuth eine andere <em class="gesperrt">Ordnung</em> unter den Engeln +und im Reiche der höchsten Weisheit stiften; er wurde der Vater des +Atheismus, des schauerlichen Gespenstes, das Satan selber nicht erzeugt +hatte, und das sich in den Tod verliebte.« Es erscheint mir als höchst +eigenthümlich, daß es gerade eine Veränderung der Ordnung, ja der +Rangordnung am göttlichen Hofe ist, welche dieser allerbrandgelbste +Teufel hat ins Werk setzen wollen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p> + +<p>Er spricht. »Die falsche Energie seiner Stimme, seine anscheinende +Ruhe bethören die verblendete Masse: Monarchen der Hölle! Ihr wißt +es, ich bin immer wider Gewaltthätigkeiten gewesen, wir vermögen +nur durch Gedankenentwicklung, Sanftmuth und Ueberredung zu siegen. +Laßt mich unter meinen Verehrern, ja unter den Christen jene +gesellschaftsauflösenden Principien ausbreiten, welche die Grundveste +der Reiche unterwühlen.« Man vergleiche nun diese Ausdrücke nur mit +denjenigen, mit welchen in der Epopöe die Philosophen der damaligen +Zeit geschildert werden: »Diese Jünger einer leeren Wissenschaft +greifen die Christen an, preisen ein stilles Leben, leben zu Füßen +der Großen und betteln um Gold. Einige von ihnen beschäftigen sich +ernstlich damit, eine Art von platonischem Staat zu bilden, wo lauter +verständige Menschen ihre Tage als Freunde und Brüder verleben +sollen. Sie grübeln tief nach über die Geheimnisse der Natur. Einige +von ihnen sehen Alles in dem Gedanken, Andere Alles in der Materie, +Andere predigen die Republik, obschon sie in einer Monarchie leben. +Sie behaupten, man müsse die ganze Gesellschaft umstürzen, um sie +nach einem neuen Plane zu errichten. Wieder Andere wollen, gleich den +Gläubigen, das Volk Moral lehren ... Zwiespältig in Betreff des Guten, +einig über das Böse, lächerlich eingebildet, sich selbst für erhabene +Genies haltend, erfinden diese Sophisten alle möglichen bizarren Ideen +und Systeme. Hierokles marschirt an ihrer Spitze, und er ist fürwahr +würdig, ein solches Bataillon anzuführen ... Es liegt etwas Cynisches +und Verruchtes in all' seinen Zügen; man sieht, daß seine unedlen Hände +nur schlecht dazu taugen werden, den Degen des Krieges zu führen, daß +sie aber leicht die Feder des Atheisten oder das Schwert des Henkers +handhaben könnten.« Die Rede ist von Rom und von Hierokles. Aber daß +Paris und Voltaire gemeint sind, bedarf keiner näheren Andeutung.</p> + +<p>So weit war es mit der französischen Literatur gekommen, daß man +Voltaire, der nicht <em class="gesperrt">ein</em>, sondern zehn Mal den katholischen +Henkern das Schwert aus der Hand geschlagen und sie in effigie auf den +Scheiterhaufen geschleudert<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> hatte, wo sie arme Unschuldige verbrennen +wollten, beschuldigte, sich besonders zum Henkergeschäfte zu eignen. So +dumm war man geworden, daß man, um den Teufel recht schwarz zu malen, +ihn als Atheisten abbildete. Aber was in aller Welt auch Satan und +seine Gesellen sein mögen, Atheisten sind sie weder, noch können sie es +sein. Sie haben doch wahrlich den Zorn des Herrn bitter genug kosten +müssen. Paul Heyse hat das treffende Epigramm geschrieben:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Bist Du schon gut, weil Du gläubig bist?</div> + <div class="verse indent2">Der Teufel ist sicher kein Atheist«.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>und hiegegen läßt sich füglich Nichts sagen.</p> + +<p>Wenden wir jetzt den Blick von Chateaubriand's Hölle zu seinem +Paradiese. Es ist immer ein schwierig Ding, das Paradies schildern +zu sollen; was die Hölle ist, wissen wir Alle; was aber das Paradies +betrifft, so fehlt es uns darüber an Aufklärung; <span class="antiqua">on manque des +renseignements</span>, wie eine französische Dame sagte. Es war doppelt +schwierig in einer Zeit wie jener, wo Parny, so zu sagen, im Voraus +eine Parodie auf jeden Versuch nach dieser Richtung in seinem +»Götterkrieg« geschrieben hatte, und wo alle gebildeten Menschen +noch den Kopf voller Stellen aus diesem gottlosen Gedicht hatten, +das man kaum in dänischen Landen zu nennen wagen dürfte, wenn nicht +N. M. Petersen, durch die hübsche Rolle, welche Parny den nordischen +Göttern zugetheilt hat, verlockt, und im blinden Vertrauen darauf, +daß Niemand den wahren Inhalt des Gedichts ahne, dasselbe gerühmt und +einige Stellen daraus am Schlusse seiner nordischen Mythologie citirt +hätte. Die Glanzscenen darin, wie die Ankunft der Dreieinigkeit auf dem +Olymp oder der Wiederbesuch der griechischen Götter im christlichen +Himmel, gehören zu dem Trefflichsten, was irgend ein komisches Gedicht +aufzuweisen vermag, obschon die Behandlung nicht dem grandiosen +Titel entspricht, sondern zierlich und sammetartig in der Manier der +Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts, oder genauer in der Manier +Sammet-Breughel's ist. Und doch bezweifle ich, daß es selbst Parny's +Muthwillen gelungen ist,<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> den orthodoxen Himmel so lächerlich zu +machen, wie Chateaubriand's Begeisterung ihn macht. Hier einige Proben:</p> + +<p>»Im Mittelpunkt der erschaffenen Welten, inmitten der unzähligen +Sterne, welche den Dienst von Wällen, Alleen und Wegen versehen, +schwimmt die Stadt des unermeßlichen Gottes, deren Wunder keine +sterbliche Zunge zu erzählen vermag. Der Ewige legte selbst ihre +zwölf Fundamente und umgürtete sie mit jener Jaspismauer, welche der +hochgeliebte Jünger den Engel mit der goldenen Elle ausmessen sah. Mit +der Ehre des Höchsten bekleidet, ist Jerusalem wie eine Braut für ihren +Bräutigam geschmückt ... Der Reichthum des Stoffes ringt hier um den +Preis mit der Vollkommenheit der Formen. Hier hängen unzählige Galerien +von Saphiren und Diamanten, welche das Genie des Menschen in Babylon's +Gärten schwach nachgeahmt hat, hier erheben sich Triumphbogen, von +den funkelndsten Sternen gebildet, hier verketten sich Bogengänge +von Sonnen miteinander, welche sich unaufhörlich durch den Raum des +Firmamentes fortsetzen ...«</p> + +<p>Der Himmel verzeihe einem schwachen Menschenkind seine Sünde! aber +einen armen geborenen Kopenhagener erinnert Dies zumeist an die +Pracht und Herrlichkeit, in welcher sich ihm als Kind das Tivoli an +einem Abend zeigte, wenn daselbst Vauxhall war. — Wir werfen einen +Blick in die heilige Stadt. Hier versammelt und drängt sich der Chor +der Cherubim und Seraphim, der Engel und Erzengel, der Throne und +Fürstenthümer; denn diese Wesen, welche doch dem Spotte verfallen zu +sein schienen, seit sie bei Parny so arg durchgebläut worden, halten +aufs Neue ihren feierlichen Einzug.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Ja, sie fühlen sich von jetzt +an so heimisch auf<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> dem Parnasse, daß wir die ganze Heerschaar noch +in De Vigny's »<span class="antiqua">Eloa</span>« (1823) und in Victor Hugo's Oden (z. B. +Buch I, Ode 5, Ode 9, Ode 10) versammelt finden. Wir erfahren, was +sie zu thun haben: »Einige bewachen die 20000 Streitwagen Zebaoth's +und Elohim's, andere wachen über den Pfeilköcher des Herrn und über +seine unentrinnbaren Blitze, seine schrecklichen Rosse, welche Pest, +Krieg, Hungersnoth und Tod bringen. Eine Million dieser eifrigen Genien +regelt den Lauf der Gestirne, und sie lösen einander in diesen hehren +Beschäftigungen der Reihe nach wie Schildwachen ab, welche über eine +große Armee wachen.<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p> + +<p>Alle Gegenstände, welche die Engel bewachen, liegen wie in einer +großen Rüstkammer, um bei sich darbietender Gelegenheit benutzt zu +werden. Wir sehen sie in einer späteren Schilderung zur Verwendung +kommen. Dies geschieht nämlich, als die Dreieinigkeit den Seligen das +Martyrium des Eudorus geweissagt hat: »Als diese Schicksale der Kirche +den Auserwählten durch ein einziges Wort des Allmächtigen mitgetheilt +wurden, ward der Gesang unterbrochen und die Thätigkeit der Engel hörte +auf. Es herrschte <em class="gesperrt">eine halbe Stunde lang Schweigen</em> im Himmel. +Alle die Himmlischen wandten ihre Augen zur Erde hinab, Maria ließ von +der Höhe des Firmamentes einen Blick erster Liebe auf das zarte Opfer +hinab fallen, das ihrer Milde anvertraut war. Die Palmen der Bekenner +ergrünten wieder in ihren Händen. Die feurige Heerschaar öffnete ihre +glorreichen Reihen, um für die neuen Märtyrer Platz zu machen. Der +Besieger des alten Drachen, Michael, schwingt seine furchtbare Lanze, +rings um<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> ihn rüsten seine unsterblichen Begleiter sich mit glänzenden +Harnischen, die Schilde von Diamant und Gold, der Pfeilköcher des +Herrn, die flammenden Schwerter werden aus den ewigen Bogengängen +herabgelangt, Immanuel's Wagen bebt auf seiner Achse von Feuer und +Blitzen, die Cherubim entfalten ihre vorwärts stürmenden Schwingen +und entzünden die Wuth ihrer Augen (<span class="antiqua">et allument la fureur de leurs +yeux</span>).« Es ist halb Maskerade, halb Ballet.</p> + +<p>Blicken wir von den Attributen auf die Seligkeit selbst, so wird diese +folgendermaßen beschrieben: »Das höchste Gut der Auserwählten ist, zu +wissen, daß dies unermeßliche Gut grenzenlos ist, sie befinden sich +unaufhörlich in dem lieblichen Zustande, worin sich ein Sterblicher +befindet, wenn er so eben eine tugendhafte oder heldenmüthige Handlung +vollbracht hat, worin ein erhabenes Genie sich befindet, daß einen +großen Gedanken faßt, oder ein Mensch, der entweder das Entzücken einer +legitimen [!] Liebe oder einer Freundschaft empfindet, welche lange im +Unglück geprüft worden ist. Die Schönheit und Allmacht des Höchsten ist +der Gegenstand ihrer beständigen Unterhaltung: »O Gott«, sagen sie, +»wie groß bist Du!«</p> + +<p>Es ist Chateaubriand kaum gelungen, die Seligkeit besonders faßlich zu +machen. Man empfindet vielmehr Mitleid mit dem armen Gotte, welcher +die ganze Zeit hindurch seinen eigenen Lobgesang hören muß. Er wird +folgendermaßen geschildert: »Weit entfernt von den Augen der Engel +im Raume des Feuers und des Lichtes vollzieht sich das Mysterium der +Dreieinigkeit. Der Geist, welcher beständig vom Sohne zum Vater und +vom Vater zum Sohne auf und nieder steigt, vereinigt sich mit ihnen +in diesen undurchdringlichen Tiefen. Ein Dreieck von Feuer zeigt +sich am Eingang zum Allerheiligsten, die Weltkugeln stehen still +vor Ehrfurcht und Schreck, das Hosianna der Engel verstummt ... das +Feuerdreieck verschwindet, das Orakel öffnet sich und man erblickt die +drei Mächte. Von einem Wolkenthrone getragen, hält der Vater einen +Kompaß in der Hand, ein Zirkel liegt unter seinen Füßen, der Sohn +sitzt zu seiner Rechten, mit dem Blitze bewehrt, und der Geist erhebt +sich wie eine Lichtsäule zur Linken. Jehovah giebt ein<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Zeichen, und +die beruhigten Zeiten beginnen wieder ihren Lauf.« Es wird nicht +gesagt, wie oftmals täglich, wöchentlich oder monatlich diese pompöse +Ceremonie stattfindet. Vielleicht in den Zwischenräumen zwischen diesen +Vollziehungen des Mysteriums der Dreieinigkeit, geschieht es, daß die +Gottheit sich theilt. Denn bisweilen scheint sie getheilt zu sein: +»Vom Gott der Milde und des Friedens zum Besten der bedrohten Kirche +angerufen, ließ der starke und furchtbare Gott den Himmel seine Pläne +erfahren.«<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a></p> + +<p>Für gewöhnlich sitzt der Sohn ununterbrochen an einem mystischen +Tische, und 24 Greise, in weiße Gewänder gekleidet und mit Goldkronen +auf den Häuptern, sitzen auf Thronen zu seiner Seite. In seiner Nähe +steht sein lebendiger Wagen, dessen Räder Feuer speien. »Wenn der +Erharrte der Völker gewürdigt wird, sich den Auserkorenen in einer +vollständig<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> klaren Vision zu zeigen, so stürzen Diese wie todt vor +seinem Antlitz nieder, aber er streckt seine Rechte aus und spricht zu +ihnen: ›Erhebt euch, ihr Gesegneten meines Vaters! Schauet mich an, ich +bin der Erste und der Letzte.‹«</p> + +<p>Man sollte fast meinen, wenn auch diese Gymnastik das erste Mal etwas +Anziehendes oder Ueberraschendes für die Auserkorenen haben mag, so +müßte das Vergnügen, wie todt hinzustürzen und dann wieder sich erheben +zu dürfen, um beständig ein und dasselbe Antlitz zu betrachten, in +hohem Grade durch die Gewohnheit abgestumpft werden. Aber vielleicht +ist zu bedenken, daß wir unsern endlichen Erfahrungsmaßstab nicht an +diese überirdischen Freuden legen dürfen.</p> + +<p>Und damit überlassen wir Herrn Chateaubriand sein Himmelreich. Ich +glaube nicht, daß man es weniger sonderbar, als das Parny's, nennen +kann. Oder was ist sonderbarer, daß das Lamm, wie bei Parny, blökend +hereinkommt, oder daß, wie bei unserem Dichter, die Gewänder der +heiligen Greise durch das Blut des Lammes <em class="gesperrt">weiß</em> werden? Es mag +jedoch der Beispiele von den Unnatürlichkeiten dieses Himmels genug +sein. Ich will lieber ein paar Züge hervorheben, durch welche derselbe +sich als ein modernes Fabrikat verräth. In psychologischer Hinsicht +ist es solchermaßen interessant, daß, wie toll und willkürlich Alles +in diesem Himmelreiche auch zugeht, als könnte es durch ein Niesen +auseinander gestiebt werden, der Dichter sich doch nicht der Einwirkung +der Zeit, in welcher er lebt, zu entziehen vermag. Selbst in diesem +Himmelreich giebt es Naturgesetze. So heißt es ausdrücklich von den +Seligen, daß sie Freude daran empfinden, die <em class="gesperrt">Gesetze</em> kennen zu +lernen, nach welchen die schweren Körper mit so großer Leichtigkeit +durch den Aether kreisen. Dieser Zug antecipirt gleichsam den +Standpunkt in Byron's »Kain«. Sodann ist es in ästhetischer Hinsicht +interessant zu sehen, wie Chateaubriand an den Stellen, wo er keine +Anleihe bei der Apokalypse oder Milton macht, seine Bilder formt, die +Bilder, mittels derer er eine Vorstellung von der Pracht des Paradieses +geben will. Während Dante, um einen Begriff von dem Lichtmeere des +Himmelreichs zu geben, seine Zuflucht zu den<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> <em class="gesperrt">Offenbarungen der +religiösen Vision</em>, zu der Pracht der mystischen Rose nimmt, +welche die Rose in der gothischen Kirche schwach nachzuahmen sucht, +muß der moderne, vielgereiste, in der Welt der positiven Erfahrungen +aufgewachsene Chateaubriand seine Zuflucht zu den Eindrücken von seinen +<em class="gesperrt">Reisen ins Ausland</em> nehmen. Die himmlischen Bogengänge werden +mit den Gärten in Babylon, mit den Säulen von Palmyra im Wüstensande +verglichen. Als die Seligen die erschaffene Welt durcheilen, wird von +dem Schauspiel, das sich ihnen darbietet, gesagt: »So zeigen sich den +Augen der Reisenden Indiens stolze Ebenen, Delhi's und Cochinchina's +reiche Thäler, jene Küsten, welche mit Perlen bedeckt sind und von +Ambra duften, wo die stillen Wogen zu Füßen blühender Zimmetbäume zur +Ruhe gehen.« Das Bild ist etwas zu natürlich und realistisch für ein so +spiritualistisches Sujet. Man stellt sich ungern all' diese Erzengel in +cochinchinesischer Umgebung vor. Durch solche Züge rächt die Natur sich +an Demjenigen, welcher wähnt, sich über sie hinwegsetzen oder etwas +Höheres als sie hervorbringen zu können. Als diese Richtung später in +der Literatur weiter fortgesetzt wird, sehen wir bei De Vigny, der +ebenso sehr unter Ossian's wie unter Milton's Einflusse steht, den +Aether des Himmelsraumes mit den Nebeln der schottischen Felsgebirge +verglichen; ja, als Lucifer's Gestalt fern draußen im Raume von Engel +Eloa erblickt wird, wird diese undeutliche Gestalt mit dem flatternden +Plaid einer umherstreifenden Schottländerin verglichen, wie man ihn +durch das schwebende Netz der Wolken gewahrt, die sich über die Spitzen +der Berge herabsenken. Es scheint doch ein weiter Abstand zwischen +einem Engel und einem Plaid zu sein.</p> + +<p>Die Scenerie und die Landschaften, welche dieser Gruppe von Dichtern +als die idealen vorschweben, sind nicht, wie für die deutschen +Romantiker, die Potpourri- oder Frikassee-Landschaft (Band II., S. +118 u. ff.), sondern umgekehrt, in Uebereinstimmung mit dem ganzen +Geist der Periode, die paradiesische Landschaft, worin die strengste +Ordnung herrscht, symmetrisch, architektonisch, von einer Abstraktion +Claude Lorrain's<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> abstrahirt. Man sehe z. B. den Anfang von De Vigny's +»Sündfluth«. Ich übersetze die Verse in Prosa:</p> + +<p>»Die Erde war lächelnd und in ihrer ersten Blüthe — der Tag hatte +noch dasselbe Licht, welches die Höhen des Himmels krönte — als +Gott ihn aus seinen schaffenden Händen fallen ließ, um sein Werk zu +verschönen. — Nichts hatte die Formen der Natur entstellt, — und +die ungeheure Architektur der <em class="gesperrt">regelmäßigen</em> Berge — erhob sich +in <em class="gesperrt">gleichen</em> Stufen gen Himmel, — ohne das Etwas einen Ring in +ihrer Kette zerbrochen hätte ... Der Lauf der Flüsse zum Meere war +<em class="gesperrt">geregelt</em> — in einer vollkommenen <em class="gesperrt">Ordnung</em>, welche nicht +gestört war. — Nie würde ein Reisender unter dem Laub des Baumes — +fern vom Flusse die blanke Muschelschale gefunden haben — und die +Perle bewohnte ihren Krystallpalast; — jeder Schatz ruhte in dem +Elemente, wo er entstand, — ohne jemals das himmlische Verbot zu +überschreiten.«</p> + +<p>In Uebereinstimmung mit dieser Tendenz zum Idealen und Abstrakten in +der Landschaft wird die Scenerie mehr und mehr in den Himmelsraum +verlegt. Chateaubriand ist noch Meister darin, die irdische Scenerie +eben so gut wie die himmlische zu schildern; De Vigny pflegt in seinen +ältesten Gedichten echt seraphisch die Handlung zwischen Himmel und +Erde zu verlegen; Viktor Hugo's Ode »Ludwig <span class="antiqua">XVII.</span>« ereignet +sich am Himmelsthore, seine »Vision« im Himmelsraume, im himmlischen +Jerusalem, und »der Wagen der treuen Seraphim, mit funkensprühenden +Augen besäet, mit den lärmenden Flammenrädern und den vier sich +drehenden Flügeln«, spielt auch hier eine Rolle, »wo die Heiligen +und die glorreichen Märtyrer, welche die unbekannte Wesenheit +(<span class="antiqua">Essence</span>) anbeten, unter einem brennenden Himmel das mysteriöse +Dreieck anschauen« &c. Lord Byron, welcher auch den Aether, wiewohl +einen minder theologischen Aether, als Scenerie liebt, und welcher, +wie De Vigny, eine Sündfluthstudie geschrieben hat, zieht doch sonst +unruhige Landschaften vor, und hat erst als Maler der See seinen +rechten Horizont. Er führt die Poesie aus den luftigen Regionen in dies +frische und salzige Element hinab.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p> + +<p>Es ist daher Chateaubriand kaum geglückt, zu beweisen, was er beweisen +wollte, die dichterische Ueberlegenheit der christlichen Inspiration +über die bloß poetische. Ueberall, wo er den Versuch dazu macht, giebt +er sich eine Blöße oder richtet sich selbst. Ich will noch ein, aber +ein entscheidendes Beispiel erwähnen.</p> + +<p>Als sein Held Eudorus durch den Golf von Megara fährt, während Aegina +vor ihm, der Piräus zur Rechten, Korinth zur Linken liegen, und alle +diese einst so blühenden Städte jetzt in Ruinen erblickt, vergießt ein +Grieche, der an Bord des Schiffes ist, Thränen bei der Erinnerung an +die ehemalige Größe seines Vaterlandes, und es wird schön geschildert, +wie der Einzelne beim Anblick des großen überwältigenden Unglücks, das +ganze Völker zermalmt, gleichsam seine Privattrauer verschwinden fühlt. +Eudorus sagt darauf: »Diese Lehre schien über meine junge Vernunft +hinaus zu liegen, und doch verstand ich sie, während die anderen jungen +Männer, welche mit an Bord waren, für dieselbe unempfänglich blieben. +Woher kam dieser Unterschied? Aus unseren Religionen. Sie waren Heiden, +ich war ein Christ«. So versucht Chateaubriand, dem christlichen Gefühl +diesen auserlesenen Sinn für die Naturumgebungen und für die Lehre, +welche sich aus ihnen entnehmen läßt, zu vindiciren — ein Sinn, +welcher dem Heiden als Heiden abgehen soll.</p> + +<p>Aber nun trifft sich's so unglücklich für die Theorie, daß diese +ganze Stelle Nichts anderes als die Uebersetzung eines berühmten, uns +aufbewahrten Briefes aus dem Alterthume von Sulpicius an Cicero (<span class="antiqua">Ad +familiares, lib. IV., epist. 5</span>), also von einem Heiden verfaßt +ist. Sie ist daher nicht geeignet, einen Beweis dafür zu liefern, daß +solcherlei poetische Gefühle dem Heiden abgehen. Aber dieser Zug ist +symbolisch. So wird beständig behauptet, daß die positiven Religionen +im Besitz gewisser übernatürlicher Schönheiten und Eigenschaften seien, +welche der Natur als Natur fehlen sollen, und doch ist Alles in ihnen, +was poetischen oder sittlichen Werth besitzt, nur abgeschrieben, nur +übersetzt aus der unveränderlichen und unverbesserlichen Heidin, der +Natur selbst. Wie Feuerbach sagte: Das wahre Wesen der Theologie ist +Anthropologie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p> + +<p>Werfen wir nun einen Rückblick auf diese verwegene Dichtung, diesen +tollkühnen Versuch, den literarischen Geschmack des neunzehnten +Jahrhunderts auf den Standpunkt der Offenbarung Johannis und Dante's +zurückzuschrauben, so läßt sich nicht leugnen, daß dieser Versuch, den +»Triumph der Religion« zu feiern, gescheitert ist. Was davon Werth +hat, sind eben die rein menschlichen Partien, von welchen wir später +eine näher betrachten wollen. Die eigene religiöse Begeisterung des +Dichters war allzu schwankend, als daß der Zweifel und die Kälte des +Jahrhunderts der Mirakelwelt gegenüber nicht seinem Erzeugnisse ihre +Spur hätten aufprägen sollen.</p> + +<p>Er heuchelte keineswegs direkt; aber er betrog sich selbst. Ein Beweis +davon, wie gerührt er selbst durch die Lektüre seiner »Märtyrer« werden +konnte, ist neulich in der feinen und liebenswürdigen (pseudonymen, +posthumen?) Schrift: »<span class="antiqua">Les enchantements de Prudence</span>« von +Madame De Saman ans Licht gekommen, — der letzten jungen Frau, +welche von Chateaubriand geliebt wurde und ihn wieder liebte. +Sie erzählt hier zuerst, wie sie im Sommer 1828 einander auf dem +<span class="antiqua">Pont d'Austerlitz</span> zu treffen und mit einander im <span class="antiqua">Jardin +des plantes</span> in einem einsamen Zimmer zu diniren pflegten. »Er +verlangte Champagner, um, wie er sagte, meine Kälte zu beleben, +und ich sang ihm dann einige Lieder von Béranger: <span class="antiqua">Mon âme, la +bonne vieille, le Dieu des bons gens etc.</span> vor. Er hörte sie mit +Entzücken«. Sie schildert mit warmen Farben diese Rendezvous<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>, und +erzählt dann, wie es zu Chateaubriand's größten Freuden gehörte, sich +von ihr, welche in dem ganzen Büchlein den feinsten poetischen Sinn +beweist, seine poetischen Arbeiten laut vorlesen zu lassen. Besonders +freute es ihn, seine Landschaftsschilderungen von ihren Lippen zu +vernehmen. »Aber zuweilen«, sagt sie, »nahm ich, um ihn inniger zu +rühren, die »Märtyrer« zur Hand und las die<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Reden und Lobgesänge der +weisen Bekenner, die poetischen Scenen des Kerkers und der Qualen. +Er vermochte nicht seine Thränen zurückzuhalten; eines Tages weinte +er; ich fuhr fort zu lesen; sein Weinen stieg zu Schluchzen; ich fuhr +fort, und sein Schluchzen brach gewaltsam hervor, als ich zu der Stelle +kam, wo Eudorus sich heimlich erboten hat, zur Rettung seiner Mutter, +die mit allzu großer Schwäche ihre Kinder geliebt hatte, sich opfern +zu lassen. Bei diesen Worten konnte er sich nicht mehr beherrschen. +Es waren Gemüthsbewegungen, welche zu ihrer Quelle zurückkehrten. Er +war aufgelöst in Thränen, hingerissen, von allen Seiten getroffen in +seiner exaltirten Seele. Er zeigte sich gerührt und dankbar. Er sagte +mir, daß er noch nie einen solchen Genuß empfunden habe. Er gab mir +all' die süßen Namen, welche man den Musen giebt. Er fand mich schön. +Er pries besonders meine Augen, meinen Blick. Er bildete sich in +seiner Leidenschaft ein, nie etwas Aehnliches gesehen zu haben«. Sie +war damals 20, er gerade 60 Jahre alt. Man sieht aus den angeführten +Worten, daß selbst so kalte Stellen aus den »Märtyrern« wie die Reden +der weißgekleideten Greise vom Dichter selbst empfunden worden sind; +man wird durch die schwärmerische Bewunderung dieser jungen und +edlen Frau für den Greis gerührt; er gewinnt dadurch, daß er selbst +in diesem Alter die Liebe einer solchen Frau zu gewinnen vermochte, +gleichsam an Werth für den Leser; aber in welcher seltsam gemischten +Gesellschaft tritt doch in diesem Falle die Herzergriffenheit hervor, +welche so selten bei Chateaubriand ist, daß sie hier fast als ein +Unicum bezeichnet werden kann; Champagner, Béranger's Lieder, +Liebeserklärungen und Liebkosungen, Schluchzen über die »Märtyrer«, +Aufgelöstheit in Thränen, und neue Liebeserklärungen! Welche Umgebungen +für eine orthodoxe Epopöe! Welche nur allzu menschliche Schwächen bei +einem seraphischen Dichter, Exminister und ehemaligen Pilger nach +Jerusalem!</p> + +<p>[<span class="antiqua">Chateaubriand: Les martyrs, besonders Livre III und VIII. Mémoires +d'outre-tombe. — Sainte-Beuve: Chateaubriand et son groupe littéraire +sous l'empire. — Nettement: Histoire de la littérature française sous +la Restauration, Tome I-II.</span>]</p> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p> + +<h3>6.</h3> +</div> + +<p>Unter den Persönlichkeiten der Restaurationszeit giebt es eine +eigene Klasse, welche besonders scharf die Periode charakterisirt, +nämlich die Bekehrten. Diese Race mußte natürlicher Weise ziemlich +zahlreich vorkommen, da eine so angestrengt gläubige Zeit einer so +wenig gläubigen folgte. Laharpe's Bekehrung hatte schon während +der Revolution viel Aufsehen erregt. Chateaubriand selbst war ein +Bekehrter. Bei den Bekehrten sieht man vielleicht am schärfsten, von +welcher Art der neue Geist war, da er bei ihnen mit dem alten kämpft +und ihn überwindet. Endlich ist der Bekehrte stets leidenschaftlich, +ganz erfüllt von seiner Lehre, und hat daher die ausgeprägteste +Physiognomie. Gilt es als Regel, daß der Geist eines Zeitalters sich +in seinen hervortretendsten Charakteren typisch abspiegelt, so gilt +Dies doppelt von Demjenigen, dessen Charakter darin besteht, ein +Bekehrter zu sein, zumal wenn diese Persönlichkeit ein Weib ist. Ist +es wegen der receptiven Natur des Weibes seltner der Fall, daß sie ihr +Zeitalter weiter führt, so sieht man dagegen jeden Augenblick, daß sie +das ausgeprägteste und ausdruckvollste Bild seines Geistes liefert. Wie +die Emigranten sich um Frau von Staël, wie die Führer der romantischen +Schule sich um Caroline Schlegel gruppiren, so findet der Geist der +Restaurationszeit seinen poetisch-religiösen Ausdruck in Frau von +Krüdener.</p> + +<p>In Frau von Staël's Roman »Delphine« kommt eine Scene vor, wo die +Heldin eine ganze Gesellschaft durch ihre graciöse und beredte +Ausführung eines fremdartigen Tanzes, des Shawltanzes, bezaubert. +Dieser Zug beruhte auf einem Erlebnisse. Es war die junge und reizende +Baronesse von Krüdener, welche sich unter Anderem durch ihren Tanz +auszeichnete. Es heißt in »Delphine«: »Nie hat Liebreiz und Schönheit +eine außerordentlichere Wirkung auf eine zahlreiche Gesellschaft +hervorgebracht. Dieser fremde Tanz hat einen Reiz, von welchem Nichts, +was wir gesehen haben, eine Vorstellung zu geben vermag. Es ist eine +rein asiatische Mischung von Indolenz und Munterkeit, von Melancholie +und Lebenslust. Zuweilen, wenn die Melodie sanfter ward, ging Delphine +mit<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> vornüber gebeugtem Haupte, mit verschränkten Armen einige Schritte +vor, als ob gewisse Erinnerungen oder Verluste sich plötzlich in die +ganze Pracht eines Festes gemischt hätten, aber bald begann sie wieder +ihren munteren und leichten Tanz, in einen indischen Shawl gehüllt, +der ihre Figur hervorhob, mit ihrem langen Haare zurückfiel, und ihre +ganze Gestalt zu einem entzückenden Bilde schuf«. Ich glaube, daß das +Wort <em class="gesperrt">asiatisch</em> hier das bezeichnende Wort ist. Joubert schreibt +1803 über Frau von Krüdener: »Sie besitzt Anmuth und etwas Asiatisches, +Natur in der Uebertreibung. Die nach außen gewandte Sensibilität +existirt nicht leicht ohne Exaltation«.</p> + +<p>Juliane von Vietinghoff war 1764 zu Riga in Livland geboren und +gleichzeitig deutsch und französisch erzogen. Achtzehn Jahre alt, +wurde sie mit dem zwanzig Jahre älteren Freiherrn von Krüdener, einem +russischen Diplomaten, vermählt, der zweimal verheirathet gewesen +war und sich beide Male von seiner Frau hatte scheiden lassen. Ihr +Herz hatte keinen Antheil an dieser Verbindung, aber die Partie galt +für glänzend, und ihre Eitelkeit fühlte sich befriedigt, während +zugleich ihr Gatte ihr nicht zuwider war. Er scheint verständig, brav, +gebildet und kalt gewesen zu sein, schon durch seine Stellung an alle +Konvenienzen der Gesellschaft gebunden. Rasch wird sie an seiner +Seite in die glänzendste Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts +eingeführt. Nach einem Besuch am Hofe Joseph's <span class="antiqua">II.</span> in Wien +begiebt das Paar sich nach Venedig und durchreist dann ganz Italien, +bis Herr von Krüdener als russischer Gesandter nach Kopenhagen berufen +wird. Gleich nach der Hochzeit hatte ein junger und talentvoller +Mann, Alexander Stakiew, der Privatsekretair ihres Gemahls, sich +leidenschaftlich in sie verliebt: aber so groß war seine Bewunderung +für Herrn von Krüdener und für den Gegenstand seiner Liebe, daß +keine Silbe über seine Lippen kam. Als er endlich seine Leidenschaft +beichtete, that er es gegen den Mann. Dieser war so unvorsichtig, den +Brief seiner Frau zu zeigen, welche hiedurch zum ersten Male Gewißheit +über die Gefühle Stakiew's gegen sie erlangte, — Gefühle, die sie +zwar nicht erwiedert, aber doch vielleicht mit angeborener Koketterie +genährt hatte. Die Gewißheit, eine<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> solche Leidenschaft hervorrufen +zu können, stieg ihr zu Kopfe. Stakiew hatte sich entfernt, aber all' +die Unruhe, welche in ihrem jungen weiblichen Herzen gährte, kam jetzt +zum Ausbruch. Von einem glühenden Drange, zu lieben und geliebt zu +werden, erfüllt, hatte sie zuerst das Ideal, von welchem sie träumte, +in ihrem Manne zu finden gesucht. Da er, mehr väterlich als verliebt, +nur ihre Exaltation im Zaume zu halten bemüht war, wurde ihr Wesen +in sich selber zurückgescheucht, und sie trauerte darüber, daß sie, +wie man es später genannt hat, unverstanden, oder, wie sie es nannte, +»ungefühlt« sei. Stakiew's Leidenschaft war wie ein Gluthhauch an ihr +vorübergefahren und hatte gleichsam die äußere Kälte aufgethaut, welche +ihre Empfindsamkeit band. Diese mußte einen Abfluß haben, und kaum in +Kopenhagen angelangt, das ihr als der schrecklichste Aufenthaltsort von +allen erschien — man bedenke, daß es vor 100 Jahren war! — stürzte +sie sich in einen Strudel gesellschaftlicher, zeitvergeudender und +geisttödtender Vergnügungen, womit die leichtsinnigste Koketterie +nach rechts und links Hand in Hand ging. Die Folge all' dieser +Ballabende und Liebhabertheater-Aufführungen waren angegriffene Nerven +und angegriffene Brust, so daß die Aerzte einen Winteraufenthalt in +Südfrankreich verordneten. Aber schon in Paris lebt Frau von Krüdener +wieder auf; in dieser Stadt der Intelligenz empfindet sie plötzlich den +Mangel ihres Wissens, bekommt literarische Interessen und sucht die +großen Schriftsteller ihrer Zeit auf: Barthélemy, den Verfasser des +»jungen Anacharsis«, und Bernardin de Saint-Pierre, für dessen »Paul +und Virginie« sie beständig geschwärmt hatte. Sie verehrt Saint-Pierre +und die Natur, aber sie hat gleichzeitig bei ihrer Modehändlerin eine +Rechnung von 20,000 Franks. In Südfrankreich verliebt sich ein junger +Officier in sie, und nach einigem Kampfe erwiedert sie, jetzt minder +unerfahren als in Kopenhagen, seine Liebe. Während der Verfolgungen +der ersten Revolutionszeit führt Herr de Frègeville (so hieß der +Officier), als ihr Kutscher verkleidet, sie aus Frankreich hinaus. Ehe +sie ihren Gemahl wiedersieht, theilt sie ihm mit, daß das eheliche +Band zwischen ihnen gebrochen sei. Er ist bereit, zu vergeben. In den +folgenden<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> Jahren hält sie sich bald hier, bald dort in Europa auf, +von ihrem Manne und nicht minder von Herrn de Frègeville getrennt, +aber ein Leben führend, wie es die galantesten Damen gegen Ende des +achtzehnten Jahrhunderts sich erlaubten; es genügt zu sagen, daß ihr +Mann in seinen vertrautesten Briefen von 1793 bis 1794 niemals seiner +Frau erwähnt. Es dauerte jedoch nicht lange, so waren die Gatten wieder +vereint. Herr von Krüdener, der bald russischer Gesandter in Berlin +ward, erwies seiner Frau die größte Freundschaft und die gewählteste +Aufmerksamkeit. Von jetzt an findet man bei Frau von Krüdener die +ersten Spuren jener eigenthümlichen Art von Frömmigkeit, die sich +bald so kräftig bei ihr entwickeln sollte. Sie war nie eine Schönheit +gewesen, aber doch stets eine Persönlichkeit von seltenem Ausdruck und +seltener Anmuth. Die Einfachheit im Geschmack und Auftreten, welche +sie zehn Jahre früher so verführerisch gemacht hatte, war jetzt einer +Lust gewichen, sich mehr eigenthümlich und bizarr als schön und einfach +zu kleiden; sie bedeckte ihr immer noch schönes aschblondes Haar +nach der Mode der Zeit mit einer Perrücke. Ihre Züge und ihr Teint +hatten nicht mehr die Frische der Jugend. Zu diesem Zeitpunkte öffnet +sich, wie gesagt, ihr unruhiges, noch immer starker Gemüthserregungen +bedürftiges Herz den ersten Strahlen religiöser Schwärmerei. Man findet +in einem ihrer Briefe an ihre intimste Freundin folgende Worte: »Soll +ich's Dir bekennen, ich rede in der Demuth meines Herzens, Du weißt, +daß ich nicht hoffährtig bin, wie könnte der Christ Das sein? Ich +glaube, daß Gott meinen Mann von dem Augenblick an hat segnen wollen, +da ich wieder zu ihm zurückgekehrt bin. Es giebt keine Art von Gütern +oder Gunstbezeugungen, die ihm nicht zufielen. Weshalb sollte ich +nicht glauben, daß ein frommes Herz, das schlicht und vertrauensvoll +zum Himmel betet, ihm behülflich zu sein, zum Glück eines Andern +beizutragen, seine Bitte erhört sehen kann?« — Ja, weshalb sollte +man Das nicht glauben? Ich für mein Theil würde gerne glauben, daß +es die Gegenwart der Frau von Krüdener sei, welche die Vorsehung +bewegt, den Baron mit Orden zu überhäufen, wenn man nicht mit großer +Sicherheit wüßte, daß eine andere,<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> minder romantische Ursache den +Kaiser Paul I. dazu veranlaßt hatte. Die Sache war die, daß inmitten +eines Festes, welches der Baron in Berlin dem preußischen Königshause +und der Großfürstin Helene gab, eine Depesche des Selbstherrschers +aller Reußen ankam, welche Krüdener befahl, augenblicklich Preußen den +Krieg zu erklären. Die Majestäten befanden sich noch in seinem Hause. +Statt jedoch das Fest dadurch zu stören, daß er den Tanzenden dies +Medusenhaupt zeigte, ließ der Gesandte seine Gäste ruhig tanzen, und da +er als Politiker einsah, wie unheilvoll und unklug ein solcher Krieg +für Rußland sein würde, schrieb er, statt dem Befehl zu gehorchen, +einen abmahnenden Brief an seinen Kaiser, wohl wissend, daß ihm nach +aller menschlichen Berechnung von jetzt ab Sibirien bis an seinen Tod +gewiß sei. Selbstverständlich sagte er hievon kein Wort an seine Frau. +Das Unwahrscheinliche geschah, Paul wurde umgestimmt, und in seiner +Bewunderung des Muthes und der Klugheit seines Gesandten überhäufte +er Denselben mit Beweisen seiner Gunst. Man sieht also, daß es eine +andere Erklärung, als die der Frau von Krüdener, giebt. — Von jetzt ab +nehmen ihre Briefe einen immer religiöseren und erbaulicheren Charakter +an. Sie bezeichnet jetzt die Religion als ihre Zufluchtsstatt gegen +Melancholie, sie spricht von den tausend Quellen zur Freude, welche +derselben entsprängen. Mitten in Allediesem ein neues Liebesverhältnis +und ein neuer Bruch. Sie hat wieder ihren Mann verlassen, diesmal gegen +seinen Wunsch, und wohnt nun in Paris. Chateaubriand verehrt ihr das +erste Exemplar seines »Genius des Christenthums«, das Frau von Staël +auf ihrem Tische findet. — In Paris wird sie durch die Nachricht von +Krüdener's plötzlichem Tod überrascht. Sie schließt sich ein, sie +trauert und bereut. Es war »ihr Lieblingstraum gewesen, einmal wieder +zu ihm zurückzukehren, ihm die Last der Jahre zu erleichtern, und +seine unendliche Güte zu vergelten.« Es dauerte jedoch nicht lange, so +gab Frau von Krüdener ihr eingezogenes Leben wieder auf. Nachdem sie +zuerst in einer kleinen Erzählung Saint-Pierre's Manier nachgeahmt, +hatte sie jetzt nichts Geringeres unternommen, als einen Roman zu +schreiben. Der Name desselben<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> war »Valerie«. Ihr Jugendverhältnis zu +Alexander Stakiew bildete den Inhalt; ich komme später auf denselben +zurück. Er ist durch »Werther« inspirirt, seelenvoll, fein und +trefflich geschrieben. Es war jedoch Frau von Krüdener nicht genug, +einen Roman zu schreiben, es galt denselben gelesen und allgemein +bemerkt zu sehen. Die Art und Weise, wie sie Dies angriff, zeigt, daß +sie zu diesem Zeitpunkt, trotz ihrer religiösen Anläufe, der Welt noch +nicht ganz entsagt hatte. Sie begnügte sich nicht mit den gewöhnlichen +Kunstgriffen, als z. E. das Buch im Manuskripte der Beurtheilung des +einen Kritikers nach dem andern zu unterwerfen, es in Gesellschaften +ganz oder theilweise vorzulesen, nein, es lag ihr daran, ihren Succeß +gründlich vorzubereiten. Sie schrieb also erst an einen Freund in +Paris, <span class="antiqua">Dr.</span> Gai, einen unbekannten und eitlen Arzt, dessen +Karrière sie mit der Zeit zu fördern gedachte:</p> + +<p>... » ich habe noch eine andere Bitte an Sie zu richten: Lassen Sie +einen guten Versdichter einige Verse an unsere Freundin Sidonie +schreiben (Sidonie ist die Heldin in Frau von Krüdener's erster +Erzählung). Ueber diesen Versen, die ich Ihnen nicht erst zu empfehlen +brauche, und die so geschmackvoll wie möglich sein müssen, soll nur die +Ueberschrift »An Sidonie« stehen. Man soll ihr sagen: Weshalb wohnst +Du in der Provinz, weshalb beraubt Dein zurückgezogenes Leben uns +Deiner Anmuth und Deines Witzes? Ruft das Glück, welches Du machst, +Dich nicht nach Paris? Deine Reize, Deine Talente werden nur dort +bewundert werden, wie sie bewundert werden müssen. Man hat Deinen +bezaubernden Tanz geschildert, aber wer kann Alles schildern, was +Dich auszeichnet! — Mein Freund, ich vertraue Dies der Freundschaft +an, ich schäme mich wahrhaft Sidoniens halber, denn ich kenne ihre +Bescheidenheit. Sie wissen, daß sie nicht eitel ist, ich habe daher +wesentlichere Gründe als eine elende Eitelkeit, sowohl dazu, Sie zu +bitten, diese Verse anfertigen zu lassen, als auch noch zu etwas +Anderem: Sagen Sie besonders, daß sie so zurückgezogen lebe, und daß +man nur in Paris anerkannt werde. Sorgen Sie dafür, daß man nicht auf +Sie rathe. Lassen Sie diese Verse in der Abendzeitung abdrucken. Es ist +wahr, daß Sidonie in Delphine als Tanzende<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> geschildert worden ist. +Lesen Sie's, es wird Sie amüsiren. Aber es darf nicht gesagt werden, +daß man sie in Delphine geschildert habe. Nur aus der Ueberschrift »An +Sidonie« darf man ersehen können, an wen die Verse gerichtet sind. +Haben Sie die Güte, den Abdruck in der Zeitung zu bezahlen. Ich hoffe, +Ihnen meine Beweggründe erklären zu können. Senden Sie mir rasch die +Zeitung, in welcher der Abdruck erfolgt. Wenn die Zeitung sich nicht +darauf einlassen will oder wenn es zu lange dauert, so schicken Sie +mir das Manuskript, man wird es dann in eine hiesige Zeitung einrücken +lassen. Sie verpflichten dadurch in hohem Grade Ihre Freundin. Sie +wird Ihnen mündlich sagen, weshalb sie Sie darum gebeten hat. Sie +kennen ihre Schüchternheit, ihren Hang zur Einsamkeit und ihre geringe +Neigung, gelobt zu werden, aber es gilt ihr einen wesentlichen Dienst +zu erweisen.«</p> + +<p>Vierzehn Tage später ein neuer Brief über denselben Gegenstand, neue +Anfragen, ob der Doktor »Delphine« gelesen habe. Immer noch dasselbe +Thema: »Frau von Staël hat Sidonien gesagt, daß sie ihren Tanz habe +schildern wollen, und Sie finden die Stelle im ersten Bande. Sie +hat nach der Meinung Mehrerer dort Sidoniens Antlitz, ihre Weise zu +reden und ihre Phantasie gemalt, und dann ihre eigenen religiösen und +politischen Ansichten hineingemischt, denn Sidonie hat eine tiefe +<em class="gesperrt">Religiosität</em> und mengt sich äußerst wenig in die Politik.« Nun +folgen neue Andeutungen in Betreff des Gedichtes: »Es darf wohl gesagt +werden, daß man ihr Talent zu tanzen geschildert habe, aber es darf +nicht heißen: <em class="gesperrt">man</em>, sondern einfach: ein gewandter Pinsel malte +Deinen Tanz; das Glück, das Du überall machst, ist bekannt; Deine Reize +sind eben sowohl wie Dein Witz besungen worden, und doch verbirgst Du +sie unaufhörlich vor der Welt. Eingezogenheit, einsames Leben ziehst Du +vor. Dort suchst Du das Glück in Deiner Frömmigkeit, in der Natur und +in Studien &c. Sehen Sie, lieber Freund, Das ist's, was ich von Ihnen +begehre, ich werde Ihnen später erklären, weshalb.«</p> + +<p>Die Elegie trifft ein, Frau von Krüdener quittirt für den Empfang in +folgendem Briefe: »Es ist nicht mehr als<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> billig, lieber Doktor, daß +Sie selbst eine Abschrift der reizenden Elegie erhalten, welche Sie für +mich gedichtet haben, ich sende Ihnen eine solche hieneben, ich wünsche +selbst die Ihrige zu behalten.« Die Elegie lautet:</p> + +<p>»Was suchst Du in Deinem einsamen Leben? Paris, das bethört ist von der +Bezauberung, die Du ausübst, von Deinem Liebreiz, von den glänzenden +Gaben, die der Himmel Dir schenkte, bietet Dir ja doch Herzen genug, +welche Dein feinfühlender Geist in Fesseln gelegt hat. Wir sahen Dich, +wir schaarten uns um Dich, an jenem Tage, als Du die verführerische +Macht der Eleganz, die bezwingende Macht der Schönheit ausübtest, an +jenem Tage, als Du, der Palme des Genies sicher, nicht die Lobsprüche +verschmähtest, welche dem Talente gebühren. Schon damals entlockte ein +geistreicher Sänger Dir ein Lächeln, als er wagte, seine zarte Stimme +zu dem Chor der Weisen zu gesellen, und ein Bild Deines magischen +Tanzes entwarf; aber entschwindet nicht die Erinnerung an jene Festtage +vor dem Donnerschlag, mit welchem der Himmel Dich jetzt getroffen +hat? Vereinigen unsere Herzen sich nicht mit Deinen melancholischen +Gedanken, haben sie nicht in stummer Andacht bei Deinem Schmerze +geseufzt? Wir wollen Dich nicht durch ohnmächtigen Trost, diesen +prunkenden Tribut, den man einer prunkenden Trauer zollt, verletzen: +wir hörten Dich seufzen und wir seufzten mit. — Wir seufzten mit, und +Du fliehst? Weshalb fliehst Du! Der Trauerflor umhüllt uns, die Künste +verstummen rings um Dich her, die Liebe verbirgt sich, und mit ihr +das ganze lebensvolle Gefolge, das vordem Deine Lust und Deinen Ruhm +ausmachte.«</p> + +<p>Dies ist erst die Hälfte der Elegie, aber ich breche ab. Der Brief +schließt folgendermaßen: »Ich sende Ihnen diese Elegie, deren antike +Farbe [!] und Schönheit ich bewundere. Ohne mir etwas anderes davon als +den Schmerz zueignen zu wollen, den Sie richtig bei mir wahrgenommen +und den Sie zu mildern gewünscht haben, hab' ich Ihnen so viel Anderes, +lieber Doktor, für Sie weit Schmeichelhafteres zu sagen, aber hier ist +kein Platz mehr dafür, und mein erkenntliches Herz kann Ihrer erhabenen +und der Menschheit so nützlichen Kunst [!] nur meinen Dank sagen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p> + +<p><span class="antiqua">Dr.</span> Gay ließ es nicht hiebei bewenden, sondern er begann +seine Prosa zu reimen. Seine Freundin schreibt ihm: »Sidonie hat mir +aufgetragen, dem liebenswürdigsten aller Freunde ihren zärtlichsten +Dank zu bezeugen. Die Verse waren reizend, sie sind schon gedruckt. +Welch glückliche Gabe besitzt Der, welcher sie geschrieben! Wie sieht +man, daß er Sidoniens Freund ist! wie malt er, was er sagen will! Die +Seele selbst hat bei jedem Striche den Pinsel geführt, und welch' hohe +Seele!... Sidonie hat auch eine Elegie in Prosa erhalten, die Sie +kennen müssen, und die sie äußerst schön findet. Welches schöne Talent +liegt in dieser erhabenen und einfachen Manier, und wie muß man den +Geist lieben, der eine solche Sprache zu reden versteht! Man hat einige +Verse verändert, sehr wenig, sie sind vorzüglich gelungen, und haben +ihren Zweck erfüllt.«</p> + +<p>Man sieht, daß Sidonie sich nicht damit begnügte, die Kladden zu den +Lobliedern auf sich selbst zu schreiben, sondern auch die Reinschrift +durchsah. Uebrigens denke ich, daß es hier keines Kommentares bedarf. +Der unermüdliche Doktor verfaßt noch mehrere Gedichte, und neue +Zumuthungen, alle möglichen Kritiker zu plagen, sind die Folge davon. +Was den religiös gestimmten Historiker Michaud betrifft, welcher +dreißig Jahre seines Lebens darauf verwandte, die Geschichte der +Kreuzzüge zu schreiben, so machte sein sehr intimes Verhältnis zur +Dichterin jede Aufforderung überflüssig. Er schrieb eine warme Kritik. +Endlich ist Frau von Krüdener so weit, daß sie ihrer Freundin schreiben +kann: »Mit meiner Gesundheit geht es viel besser, ich war acht Nächte +hindurch auf Bällen, ohne mich dadurch angegriffen zu fühlen. Welches +Glück, meine Freundin! Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich gefeiert +werde, und es regnet Verse auf mich herab; die Ehrenbezeugungen +überwältigen mich, man kämpft um ein Wort von mir wie um eine Gunst. +Es ist tausendmal mehr, als ich verdiene, aber die <em class="gesperrt">Vorsehung +liebt es, ihre Kinder mit Wohlthaten zu überhäufen</em>, selbst wenn +sie es nicht verdienen ... Ich würde es als eine Feigheit ansehen, +nicht mit einem Werke hervorzutreten, daß ich für nützlich halte, ich +betrachte daher meine Reise nach Paris als eine<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Pflicht, während +mein Herz, meine Phantasie, Alles mich nach dem Genfersee zieht.« So +reist sie denn nach Paris, und im December 1803 erscheint »Valérie«. +Alle Batterien der Frau von Krüdener waren bereit, dem Buche ihre +Salutschüsse zu geben. Kein einziger Effekt ging verloren, alle Glocken +der Kritik läuteten. Wie ein tüchtiger General fehlte sie selbst nicht +auf dem Schlachtfelde; sie fuhr aus einem Modemagazin in das andere, +um inkognito bald Schärpen, bald Hüte, bald Federn, bald Guirlanden, +bald Bänder <span class="antiqua">à la Valérie</span> zu verlangen. Da nun die Putzhändler +diese fremde, noch hübsche und sehr elegante Dame in ihrer Equipage +heranrollen sahen, um mit solcher Sicherheit die von ihr erfundenen +Phantasiegegenstände zu fordern, thaten sie ihr Aeußerstes, um darüber +ins Klare zu gelangen, was sie wünsche, um sie zu befriedigen. Wenn die +jungen Mädchen in den Magazinen über dies Begehren unerhörter Dinge +ganz erstaunt waren und die Existenz derselben in Abrede stellten, +lächelte Frau von Krüdener mit so viel Gutmüthigkeit und bedauerte sie +so aufrichtig, daß sie den Roman »Valérie« noch nicht kannten, daß sie +sie bald zu eifrigen Proselyten ihres Buches gemacht hatte. Mit ihren +Einkäufen fuhr sie dann nach einem anderen Laden und bewirkte dadurch +in wenigen Tagen unter den Geschäftsleuten eine so tolle Konkurrenz +Betreffs der Putzsachen <span class="antiqua">à la Valérie</span>, daß ihre Freundinnen, +wenn sie sich nach ihrer Anweisung in die Läden begaben, und sich +nach diesen Gegenständen erkundigten, unschuldige Mitschuldige ihres +Kunstgriffs wurden und nicht umhin konnten, ein weiteres Zeugnis für +ihren Triumph abzugeben.</p> + +<p>Frau von Krüdener schreibt jetzt an ihre Freundin: »Der Erfolg von +Valérie ist vollständig und unerhört. Man sagte mir noch neulich: Es +ist etwas <em class="gesperrt">Uebernatürliches</em> in diesem Glück. Ja, meine Freundin, +der Himmel hat gewollt, daß diese Ideen, diese reinere Moral sich in +Frankreich, wo sie noch weniger bekannt sind, ausbreiten sollten.«</p> + +<p>Kaum ist dieser fieberhafte Drang, sich geltend zu machen, befriedigt +worden, kaum hat diese raffinirte Heuchelei Zeit gefunden, sich in +ihrer vollen Blüthe zu entfalten, als Frau von Krüdener's wirkliche +Bekehrung eintritt. Hiemit ging es<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> folgendermaßen zu. Im Jahre 1805 +ereignete es sich, daß, als sie in Riga an ihrem Fenster saß und einen +aus dem Schwarm ihrer zahlreichen Anbeter, den sie ausgezeichnet hatte, +grüßte, dieser Mann von einem plötzlichen Schlaganfalle getroffen ward +und todt niederstürzte. Dies Ereignis versetzte sie in die tiefste +Schwermuth. Während dieses ihres melancholischen Zustandes geschah es, +daß sie, welche ja doch nicht aus Melancholie sich der unabweislichen +Bedürfnisse des Erdenlebens entschlagen konnte, eines Tages zu einem +Schuhmacher sandte, damit ihr derselbe Maß für ein Paar Schuhe nehme. +Der Mann kam, sie sah ihn gar nicht an, während er ihr Maß nahm. +Plötzlich wird sie über den fröhlichen Ausdruck seiner Züge betroffen. +»Sind Sie glücklich?« fragt sie ihn. »Ich bin der glücklichste Mensch +von der Welt,« war die Antwort. Dieser Schuhmacher war ein »Erweckter«, +er gehörte zu der Gemeinde der mährischen Brüder. Der Anblick seines +Glückes wirkte so stark auf ihr leicht erregbares Herz, daß sie +ihn immer wieder besuchte, bei ihm mehr und mehr mährische Brüder +kennen lernte, und bald eben so von der Wahrheit des Christenthums +erfüllt war, wie er. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher sie alle +Gegenstände der Liebe ihrer Jugend erfaßt hatte, erfaßte sie jetzt den +Gegenstand der Gefühle ihres reiferen Alters. Von jetzt an zeigt die +religiöse Schwärmerei sich gleichmäßig in ihren Worten und Handlungen. +Ihr ganzes früheres Leben erscheint ihr als Irrthum und Thorheit. +Sie geht gänzlich auf in der Liebe zu ihrem Erlöser. »Es ist kein +Gedanke in mir, der nicht Ihm gefallen, Ihm dienen, Ihm Alles opfern +möchte, Ihm, der es mir vergönnt, nur Liebe für all' meine Mitmenschen +ausathmen zu wollen, und der in der Zukunft mir nur den Schimmer der +Seligkeit weist. O, wenn die Menschen nur wüßten, welches Glücks man in +der Religion genießt, wie würden sie sich dann vor aller anderen Sorge +hüten, als der für ihre Seele!«</p> + +<p>In diesem Gemüthszustande macht sie kurz nach der Schlacht bei Jena +die nähere Bekanntschaft der Königin Louise von Preußen. Gebeugt von +den Unglücksfällen, die über sie hereingebrochen waren, zeigte sie +sich empfänglich für die glühende religiöse Beredtsamkeit der Frau +von Krüdener. Diese<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> erlangte den größten Einfluß auf sie, und durch +sie auf den König. Als Beweis führe ich folgende Worte aus einem viel +späteren Briefe der Königin an sie an: »Ich bin Ihrem trefflichen +Herzen ein Geständnis schuldig, das, wie ich sicher weiß, Ihnen +Freudenthränen entlocken wird, nämlich, daß Sie mich besser gemacht +haben, als ich war. Ihre aufrichtige Sprache, die Unterredungen, +welche wir über Religion und Christenthum führten, haben den tiefsten +Eindruck auf mich gemacht.« Mit der Königin besuchte sie die Kranken +und Verwundeten in den Spitälern. Kurz darauf begegnete sie der Königin +Hortense, die sich ebenfalls stark zu ihr hingezogen fühlte, so stark, +daß sie sie sogar jeden Morgen als ihren täglichen Gast empfing. Gleich +nachher macht sie die Bekanntschaft Jung-Stilling's. Seine religiöse +Begeisterung stimmt mit der ihrigen überein. Sie beginnt jetzt, ein +Beispiel von jeglicher Art christlicher Demuth zu geben. In Karlsruhe +steigt sie in die schmutzigsten Dachkammern hinauf, um Liebeswerke zu +verrichten. Als sie eines Tags ein junges Dienstmädchen darüber weinen +sieht, daß sie die Straße fegen soll, nimmt sie ihr den Besen aus +der Hand, und fegt für sie. Sie schließt sich jetzt einem Priester, +Namens Frédéric Fontaine an, welcher in der Gegend als Wunderthäter +bekannt ist, und tritt durch ihn gleichfalls in Verbindung mit einem +ekstatischen Bauermädchen, Maria Kummrin, die in beständigem Verkehre +mit Seraphim und Cherubim stand, und die in ihrem clairvoyanten +Zustande Orakelsprüche ertheilte und Prophezeiungen aussprach. Dies +Mädchen weissagte der Frau von Krüdener eine hohe Sendung im Reiche +Gottes und bezeichnete Fontaine, der sich übrigens bald als einen +ungewöhnlichen Heuchler und Gauner erwies, als ihren Apostel. Frau von +Krüdener schreibt daher jetzt mit voller Ueberzeugung an ihre Freundin: +»Denke Dir, daß ich im buchstäblichen Sinne des Wortes <em class="gesperrt">Mirakel +erlebt</em> habe. Du hast keine Ahnung von dem Glück, daß Diejenigen +empfinden, welche sich ganz Jesu Christo ergeben. Ich habe von seiner +Güte und Barmherzigkeit das bestimmte Versprechen erhalten, daß er die +Gebete, welche ich für meine Verwandten und Freunde an ihn richte, +erfüllen will.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> + +<p>Es läßt sich nicht leugnen, daß die Ausdrücke, mit denen sie die neue +Flamme in ihrem Inneren schildert, eine bedenkliche Aehnlichkeit mit +den Ausdrücken einer durchaus nicht himmlischen Liebe haben. Von Gott +heißt es: »Wie könnte ich wohl sagen, welche Zärtlichkeit in meinem +Herzen brennt, wie meine Thränen fließen, was für Worte mein ganzes +Sein durchbeben, wenn ich mich so geliebt fühle, ich armer Erdenwurm! +Neulich sprach ich zu Gott: Was kann ich Dir sagen, o Du mein +Geliebtester! (<span class="antiqua">o mon bien aimé!</span>) O könnte ich es über die ganze +Welt rufen, durch alle Himmel, wie heiß ich Dich liebe! O könnte ich +nicht nur alle Menschen, sondern alle aufrührerischen Geister zu Dir +zurückführen!«</p> + +<p>Es giebt im Vatikan ein Bild von einem modernen Italiäner, auf welchem +eine Nonne vor Christo kniet, der ihr schmachtendes Aeugeln mit den +zärtlichsten Blicken erwiedert. Dies Bild fiel mir unwillkürlich ein, +als ich die Ergüsse der Frau von Krüdener während ihres religiösen +Rausches las. An einer anderen Stelle heißt es: »Es kommt darauf an, +zu lieben, und Andere den liebenswürdigsten (<span class="antiqua">le plus aimable</span>), +besten, zärtlichsten aller Väter lieben zu lehren«. Bei ihren +religiösen Rundreisen, auf denen sie überall predigt und bekehrt, hat +ein junger Missionair sich ihr angeschlossen, einer von den Vielen, von +denen sie getäuscht wurde; aber gleich nach seiner Ankunft schildert +sie ihren gemeinschaftlichen Gottesdienst in Worten wie diesen: »Welch +ein Geist! Können Sie sich die Glückseligkeit unserer Kommunionen +vorstellen? Nichts schildert sie; wir vermochten nicht einmal zu hören, +was gesagt wurde«. Es ist unmöglich, Dies zu lesen, ohne sich der +Worte eines ihrer Jugendanbeter zu erinnern. »Lezay behauptet«, sagt +Chênedollé, »daß Frau von Krüdener in den entscheidendsten Augenblicken +bei ihrem Liebhaber ein Gebet an Gott richte und sage: »Mein Gott, +wie glücklich bin ich! Ich bitte Dich um Vergebung für dies Uebermaß +von Glück!« Und er fügt hinzu: »<span class="antiqua">Elle reçoit ce sacrifice comme une +personne qui va recevoir sa communion</span>«. (Manuskript Chênedollé's, +dessen Sainte-Beuve in seinen »<span class="antiqua">Derniers Portraits</span>«, S. 290, +erwähnt). Analoge religiöse Stimmungen findet man übrigens bei den +Mystikern aller Zeiten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p> + +<p>Daß sie persönlich von der Reinheit ihres Willens überzeugt und +durchaus aufrichtig in ihrer ganzen Art und Weise des Lebens war, ist +jedoch über allen Zweifel erhaben. Nicht nur, daß sie selbst bekehrt +ist, nein, die Bekehrungs-Leidenschaft kocht in ihrem Innern. Aber- +und abermals kommt ihr der Gedanke wieder, sogar den Teufel und die +Bewohner der Hölle zu bekehren (<span class="antiqua">Je ne puis m'empêcher de désirer +que l'enfer vienne à ce Dieu qui est si bon, etc.</span>) Es versteht +sich, daß sie bitter und hart von Denen verkannt wurde, welche an die +Umwandlung, die mit ihr vorgegangen, nicht zu glauben vermochten. Sogar +ihre eigene Mutter verachtete sie, und hörte auf, ihr zu schreiben. +Aber keine Verkennung erschütterte ihre religiöse Begeisterung. In der +Regel von den Weissagungen, Gesichten und Erscheinungen Maria Kummrin's +geleitet, zieht sie von Stadt zu Stadt. In Basel theilt sie religiöse +Traktätlein an die Soldaten aus und bekehrt nach ihrer eigenen Meinung +die halbe Garnison.</p> + +<p>Bald bekommt sie auch die Weissagungsgabe. Die Weissagungsgabe ist in +jener Zeit häufig. Sowohl De Maistre wie Bonald weissagten viele Jahre +vorher die Restauration und standen deshalb in hohem Ansehn. Wo ihre +Prophezeiungen jedoch ein bestimmteres Gepräge annehmen, da ergeht +es ihnen wie denen des Alten Testamentes: sie treffen nicht ein. Um +nur einige Beispiele zu nennen, so sagt De Maistre bei Gelegenheit +der Pläne zur Errichtung eines Regierungssitzes in Nordamerika: »Man +kann Zehn gegen Eins darauf wetten, daß die Stadt nicht erbaut werden, +oder daß sie nicht Washington heißen, oder daß der Kongreß nicht dort +residiren wird«, und all' diese drei Dinge geschahen. So weissagte +er auch, daß die Restauration der Bourbonen in tiefstem Frieden +ohne Hilfe der Fremden erfolgen, daß die Souverainetätsidee und die +Adelsmacht gestärkt aus der Revolution hervorgehen würden. Wenn mehrere +von Bonald's Prophezeiungen (in der »<span class="antiqua">Théorie du pouvoir</span>«) +etwas besser eintrafen, so kommt das einfach daher, weil Derjenige, +welcher das Ende des Vergänglichen weissagt, nothwendigerweise einmal +recht bekommt, und weil es Dinge in Betreff der Zukunft giebt, wegen +derer, wie Hamlet sagt, kein Geist sich aus dem Grabe herauf zu +bemühen<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> braucht, um sie uns zu verkünden. Die Weissagungen der Frau +von Krüdener erlangten indeß eine höhere Bedeutung, als die irgend +eines anderen Propheten aus der Restaurationszeit. In einem Briefe +aus Straßburg an eine russische Hofdame hatte sie im Oktober 1814 +geschrieben: »Wir werden bald das schuldige Frankreich gezüchtigt +sehen, das nach der Bestimmung des Ewigen hätte verschont werden +sollen, wenn es fortgefahren hätte, sich dem Kreuze zu unterwerfen«. +Wie konnte man Dies später, nach Napoleon's Rückkehr von Elba anders +auslegen, denn als ein mystisches Vorherwissen der Ereignisse! Sie +hatte ferner geschrieben: »Das Gewitter nähert sich, die Lilien, welche +der Ewige bewahrt hatte, jenes Symbol, das in einer reinen, zarten +Blume besteht, die ein Eisenscepter geknickt hat, weil der Ewige es +also wollte, diese Lilien, welche an Gottes Reinheit und Liebe hätten +appelliren müssen, haben sich nur gezeigt, um zu verschwinden«. Was +konnte Dies anders sein, als eine Weissagung der Flucht Ludwig's XVIII. +vor Napoleon! Die Kunde von diesen Prophezeiungen durchflog ganz +Europa, zuerst aber erreichten sie den Kaiser Alexander, auf welchen +sie den tiefsten Eindruck machten. Sehr von Gewissensbissen gequält, +sehr geschwächt von mancherlei Ausschweifungen, war er für eine +Einwirkung religiöser Mystik in hohem Grade prädisponirt. Auf der Reise +von Wien machte er in Heidelberg die persönliche Bekanntschaft der Frau +von Krüdener. Bald war ihr Einfluß auf ihn allmächtig. Sie schlossen +sich halbe Tage lang mit einander ein, beteten gemeinschaftlich, lasen +mit einander in der Bibel, und diskutirten theologische Probleme. Die +Zeit vor der Schlacht bei Waterloo verbringen sie in Heidelberg mit +der Lektüre von Psalmen. Die Nachricht von den verlorenen Gefechten +bei Ligny und Quatre-Bras am 16. und 17. Juni trifft Alexander mitten +in David's Psalmen, die ihn über die Niederlage trösten und ihn der +Gerechtigkeit seiner Sache vergewissern. Er betet und fastet. Am 18. +Juni wird die Schlacht bei Waterloo geliefert: auf die Kunde davon +reist Alexander nach Paris, verlangt aber, daß Frau von Krüdener +ihm gleich dahin folge. Seine höchste Sorge in diesem Augenblick +ist die, daß sein Bruder Konstantin nicht ebenfalls bekehrt ist. +Unsere Prophetin<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> besucht, ehe sie von Heidelberg abreist, die zum +Tode Verurtheilten im dortigen Gefängnisse, predigt ihnen mit großer +Wirkung, und folgt dann dem Kaiser, über dessen christliche Absichten +sie in der höchsten Ekstase ist. In Paris erreicht ihr Einfluß seinen +Höhepunkt. Der Kaiser besucht sie noch am Abend ihrer Ankunft; ihre +Wohnung wird so eingerichtet, daß der Kaiser zu jeder Tagesstunde +mittels einer heimlichen Thür aus seinem Palaste in ihr Haus gelangen +kann. Im Uebrigen führte ihn keine Zerstreuung, kein Vergnügen in +Versuchung, obschon die Franzosen ihn wenige Jahre zuvor als sehr +weltlich gekannt hatten. »Ich bin Christi Jünger«, sagte er, »ich trage +das Evangelium in der Hand und kenne nur dieses«. Und seine Freundin +schreibt über ihn: »Alexander ist Gottes Auserwählter. Er wandelt die +Wege der Entsagung«. Man müßte schon seine Zuflucht zu Ausdrücken aus +der Offenbarung Johannis nehmen, um zu bezeichnen, was sie eigentlich +in ihm sah: Etwas wie einen Errichter des tausendjährigen Reiches, +einen Engel des Friedens mit dem flammenden Schwerte der Macht, den +blonden Fürsten des Lichts oder Dergleichen, während Napoleon für sie, +wie für Adam Müller und Konsorten, der leibhaftige Teufel war (Vgl. +Band II., S. 248). Alexander sollte das Christenthum wieder auf Erden +errichten, sollte die Revolution und ihre Thaten bis auf die letzte +Spur verlöschen. Zum Ersatz dafür kannten Alexander's Ehrfurcht und +Dankbarkeit keine Grenzen. Anfangs September fand eine großartige +Revue über 150000 Mann russischer Truppen vor Alexander's Augen zu +Camps des Vertus in der Champagne statt. Frau von Krüdener konnte dort +nicht fehlen. Schon Morgens früh holte die Equipage des Kaisers sie +ab, und er empfing sie nicht wie einen Günstling, sondern wie einen +Sendboten des Himmels, der seine Truppen zum Sieg führen sollte. »Meist +entblößten Hauptes oder mit einem kleinen Strohhut auf dem Kopfe, den +sie jedoch gern über den Arm hängte, mit ihrem immer noch blonden Haar, +das in Flechten über ihre Schultern herabhing, während ein Löckchen +noch hie und da über die Stirn fiel, in einem dunklen und einfachen +Gewande, das durch die Weise, wie sie es trug, elegant erschien und +durch einen schlichten Gürtel zusammengehalten<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> ward, — so erschien +sie bei Tagesanbruch, so stand sie im Augenblick des Gebetes vor der +Front der verwunderten Truppen«. (Sainte-Beuve nach dem Bericht eines +Augenzeugen.)</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Während dieses Zusammenlebens mit Alexander faßt nun Frau von Krüdener +eine Idee, die man empörend nennen könnte, wenn sie nicht aus dem +durch alte Galanterie und neue Religiosität verschrobenen Hirn einer +armen närrischen Frau käme, — die Idee zur »heiligen Allianz«. Es ist +jetzt unwiderleglich bewiesen, daß Europa und die Civilisation ihr die +Idee zu derselben verdankten. Ein Mann, der geneigt ist, ihren Einfluß +weit zu unterschätzen, und der Unrecht hat, wo er ihn leugnet, der +hochgeliebte Bruder der Königin Louise von Preußen, der Großherzog von +Mecklenburg-Strelitz, schreibt: »Frau von Krüdener hat niemals den +geringsten Einfluß auf meine engelgleiche Schwester von Preußen geübt, +eben so wenig auf den König, ihren Gemahl, welcher diese zu trauriger +Berühmtheit gelangte Frau vollkommen richtig beurtheilte. Was dagegen +den Kaiser Alexander betrifft, so hatte sie sich seiner so vollständig +bemächtigt, daß die heilige Allianz, welche der Kaiser vorschlug und +durchsetzte, einzig als das Werk dieser Frau betrachtet werden muß; +sei überzeugt, daß ich Dies nicht sagen würde, wenn ich es nicht ganz +bestimmt wüßte«.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Einige Tage nach der Ankunft in Paris sagte Alexander zu seiner +Freundin: »Ich verlasse Frankreich, aber vor meiner Abreise will ich +in einem öffentlichen Aktenstücke Gott dem Vater, Gott dem Sohne, und +Gott dem heiligen Geiste die Ehre geben, welche wir ihm für den Schutz +schuldig sind, den er uns erwiesen hat, und alle Welt einladen, sich +in Demuth unter dem Evangelium zu vereinen«. Damit überreichte er +ihr ein Papier — es war der Entwurf des Traktates zwischen den drei +Monarchen. Capefigue, welcher das Dokument gesehen hat, schreibt: +»Ich habe das Original jenes Traktats vor mir liegen, ganz von Kaiser +Alexander's Hand geschrieben, mit Berichtigungen der Frau von Krüdener. +Das Wort »die heilige Allianz« ist von dieser außerordentlichen Frau +eingeschaltet«. — Also selbst der Name ist ihre Erfindung.<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Sie wählte +ihn mit einer Anspielung auf die Weissagungen über die letzten Tage +beim Propheten Daniel.</p> + +<p>Wenn man nun der Vergangenheit dieser Frau gefolgt ist, wenn man +gesehen hat, wer und was sie war, und wenn man auf der andern Seite +einen Begriff hat von der Revolution und was diese war, so dünkt es +Einen nicht wahrscheinlich, daß all' jene apokalyptischen Reminiscenzen +und heiligen Principien, von derselben Frauenhand formulirt, die +elf Jahre zuvor Schärpen und Hüte <span class="antiqua">à la Valérie</span> kaufte, und +von derselben Feder, welche die Elegie an Sidonie verfaßte, auf die +Dauer Kraft haben sollten, den erneuten Brandungen der Revolution zu +widerstehen. Denn man wähne nicht, daß die Revolution vorüber ist. Wir +sind und leben noch mitten in ihr. Wo Drei in ihrem Namen versammelt +sind, da ist sie mitten unter ihnen.</p> + +<p>Im Traktat erklären »im Namen der hochheiligen und untheilbaren +Dreieinigkeit« die drei Monarchen »feierlich, daß gegenwärtiges +Aktenstück den Zweck hat, vor dem Angesichte des Universums ihren +unerschütterlichen Entschluß zu offenbaren, zur Richtschnur ihres +Handelns, sei es in der Leitung ihrer respektiven Staaten oder in +ihren politischen Verhältnissen zu jeder anderen Regierung, nur die +Vorschriften der heiligen Religion über Gerechtigkeit, Liebe und +Frieden zu nehmen, die, weit davon entfernt, nur im Privatleben +anwendbar zu sein, im Gegentheil direkten Einfluß auf die Entschlüsse +der Fürsten üben müssen, als das einzige Mittel, die menschlichen +Institutionen fest zu begründen und ihren Unvollkommenheiten +abzuhelfen.«</p> + +<p>Das war der Wortlaut. Was ursprünglich die aufrichtige und +wohlgemeinte Sprache des kaiserlichen Schwachkopfes war, Das wurde +mit heuchlerischer Klugheit von seinen gekrönten Brüdern angenommen. +<span class="antiqua">Cetera quis nescit!</span> Wer weiß nicht, welche Bedeutung die +heilige Allianz erlangte, wie sie die allgemeine europäische Reaktion +mit der Brutalität als Inhalt und der Lüge als Form herauf beschwor. +In ihrem Namen wurde im traurigsten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts +jedes, selbst das schwächste Streben nach geistiger und politischer +Freiheit verfolgt oder erstickt. Freiwillig schloß<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> sich an die +Allianz die Macht an, welche das größte Interesse daran hatte, nämlich +der Papst. Ohne kleinliche Rücksichtsnahme auf seine Stellung als +das Haupt der römisch-katholischen Kirche, erhob der Papst seine +Kollegen in den Himmel: Alexander, den griechischen Papst, den König +von Preußen, den lutherischen Papst, und den König von England, den +anglikanischen Papst. Auf dem Wiener Kongresse legte dann Pius ein +Restaurationsprojekt vor, in Vergleich mit welchem alle Träume der +Restauratoren der Vergangenheit erblichen und alle früheren Versuche, +die vorrevolutionären Zustände wieder heraufzuführen, auf Nichts +reducirt wurden. Mit einem Federstriche war die Existenz der Revolution +und des Kaiserreiches ausgelöscht. Das heilige römische Reich sollte +wieder hergestellt werden, außerdem die ganze Gesellschaftsordnung +des Mittelalters: Zehnten, Kirchengüter, Steuerfreiheit für die +Geistlichkeit, und Inquisition.</p> + +<p>Der Rest des Lebens der Frau von Krüdener bietet kein +weltgeschichtliches Interesse. Sie ward immer aufrichtiger und immer +fanatischer in ihrem Glauben; ihr Trieb, denselben durch Handlungen +an den Tag zu legen, ward immer glühender. Den Armen und Kranken +zu helfen, ward ihr eine Herzens- und Lebenssache. Allein von dem +Augenblick an, wo sie versucht, das Christenthum praktisch zu nehmen, +verändert sich der Charakter ihrer ganzen Stellung. Die Gewalthaber, +die Behörden, alle die Großen, welche ihr, so lange sie sich an die +Höfe hielt, ihre Aufwartung gemacht hatten, erblickten, so bald sie +sich an die Volksmassen wandte, mit sicherem Instinkte in ihr einen +Feind. Bald durchzog sie die Schweiz in einem heilig-wahnwitzigen +Fest- und Triumphzuge, bald wurde sie als Verfolgte von Stadt zu +Stadt gehetzt. In Basel wütheten die Priester gegen sie und bewirkten +ihre Ausweisung; in Baden, wo sie während einer Hungersnoth einen +großartigen Wohlthätigkeitssinn bewies, wurde ihr Haus von Gensdarmen +umringt, und Die, welche bei ihr Zuflucht gesucht hatten, wurden +verjagt; aus Luzern wurde sie von der Polizei vertrieben; als sie +versuchte, durch das Elsaß nach Frankreich zu gelangen, wurde ihr +der Eintritt verboten und die Rückreise nach Baden ihr gleichfalls +untersagt. Unter<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> polizeilicher Eskorte wurde sie endlich nach Rußland +zurückgeschafft, und zwar so, daß sie von der württembergischen +Polizei an die bairische, von dieser an die sächsische, von dieser +an die preußische, und von letzterer endlich an die Polizei ihres +eigenen Landes abgeliefert wurde. Alexander's Gnade hatte sie für +immer verscherzt. Die Schilderungen, welche sie in ihren religiösen +Zeitschriften und Broschüren von dem Unrechte der Gesellschaft, von +der grenzenlosen Noth der Armen und den ungerechten Unterdrückungen +der Gewalthaber gemacht hatte, waren überall als Socialismus und +Kommunismus bezeichnet worden; das Christenthum, wie sie es verstand, +konnte den Autoritäten nicht genehm sein. Zugleich war sie naiv +genug, unvorsichtigerweise ihre Begeisterung für den Freiheitskampf +der Griechen auszusprechen, und auf eine für den Kaiser förmlich +kompromittirende Art zu äußern, daß er als Stifter der heiligen Allianz +sich an die Spitze eines Kreuzzuges gegen die Türkei stellen sollte +und müßte. Von Alexander verstoßen, verließ sie St. Petersburg und +lebte von jetzt an als Selbstquälerin und Missionairin. Sie litt Noth, +bisweilen sogar Hunger, quälte sich selbst, linderte die Noth Anderer, +wo sie's vermochte, und starb 1824 während einer Missionsreise in der +Krim.</p> + +<p>Einen interessanten Gegensatz zu der französisch-russischen Frau von +Krüdener bildet die deutsch-russische Schwärmerin, Fürstin Gallitzin, +deren Auftreten an den Schluß des achtzehnten Jahrhunderts fällt, wie +das Auftreten der Frau von Krüdener in den Anfang des neunzehnten. +Man erkennt die Eigenthümlichkeit der Letzteren schärfer, wenn man +einen Blick auf das Leben der Fürstin wirft. Sie ist als Geist ein +rein deutsches Phänomen, ebenso einfach, wie ihre jüngere Zeitgenossin +raffinirt und komplicirt ist, zugleich naiv und sentimental, eine +schöne Seele und ein schwacher Kopf. Ihr Gemahl ist, wie Herr von +Krüdener, sehr weltlich, ein Freund und Bewunderer Diderot's, der +zuerst die Fürstin zu ihren Studien ermuntert und ihr Muth zu +denselben einflößt, aber später eine eifrige Gegnerin in ihr findet. +Eben so gleichgültig gegen die Vorzüge ihres Geschlechtes, wie Frau +von Krüdener kokett war, läßt die Fürstin sich das Haar scheeren,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> +um sich die Theilnahme am Gesellschaftsleben unmöglich zu machen, +und zieht sich schon mit vierundzwanzig Jahren von der Welt zurück. +Um sich ganz von aller Selbstsucht loszureißen, »brachte sie Gott +aus Liebe das Opfer ihres Verstandes.« Ihre Unbekanntschaft mit der +Welt zeigt sich in solch einem kleinen Zuge wie dem, daß sie, als +ihr Sohn in fremde Kriegsdienste zu treten wünscht, sich erst an den +preußischen, dann an den österreichischen Obergeneral wendet, um die +Erlaubnis zu erlangen, ihm einen Begleiter mitgeben zu dürfen, der +ihn gegen die unregelmäßigen Sitten des Militairlebens schütze, und +zu ihrer Verwunderung beide Male die Antwort erhält, daß ein Officier +nicht solch eine männliche Gouvernante zur Armee mitbringen könne. +Ihre religiöse Schwärmerei wird am besten durch ein Erzeugnis wie das +nachstehende charakterisirt:</p> + +<p><em class="gesperrt">Gebet der Liebe</em>.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Liebe! lehre uns beten, daß uns erhöre die Liebe.</div> + <div class="verse indent2">O der Liebe vereintes Gebet ist Quelle der Liebe,</div> + <div class="verse indent2">Quelle des ewigen Lebens und unaussprechlicher Wonne!</div> + <div class="verse indent2">Schwester, rufe mir zu: »O Bruder! Bitten der Liebe</div> + <div class="verse indent2">Sende dem Vater für mich — ich sende Bitten der Liebe</div> + <div class="verse indent2">Täglich dem Vater für Dich.« O Schwester! der Bitten nicht eine</div> + <div class="verse indent2">Kann an die Liebe, von Liebe für Liebe gesendet, umsonst sein.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Der Ton ist bei ihr, trotz all' ihrer Innigkeit, doch eben so +pietistisch-abstrakt, wie bei Frau von Krüdener mystisch-sensuell<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>.</p> + +<p>Was wir in Frau von Krüdener vor uns haben, ist also ein Geist, der +von Anfang an so ausgerüstet ist, daß er dazu geschaffen scheint, +etwas Bedeutendes zu vollbringen. Denn er hat einen Fond lebhaften +Gefühls, eine Summe von Lebenskraft, die für ein Paar Menschenleben +ausreichen zu können scheint, nicht in gesundem Vegetiren, sondern +kraft der inneren Unruhe, die ihr Princip ist, und des inneren Feuers, +das nach allen Seiten unaufhörlich Funken versprühen zu können scheint. +Es liegt in ihr ein ursprünglicher Fond russischer Flüchtigkeit und +Schmiegsamkeit, deutscher Sentimentalität,<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> französischen Formensinns, +und »asiatisch«-sinnlicher Anmuth. Sie tritt in das Leben hinaus, ohne +eine solide Erziehung hinter sich und einen ernsten Vorsatz vor sich +zu haben, mit einem starken Drange nach Glück, mit etwas poetischer +Anlage, also im Voraus für ein Leben in Illusionen bestimmt. Da +sie sich von Bewunderern umgeben sieht, genießt sie taumelnd diese +Befriedigung. Dann beginnt sie sich selbst als ein höheres Wesen zu +betrachten. So lange sie ihrem Manne äußerlich die Treue bewahrt, +lebt sie in der Illusion, daß sie eine Heldin der Pflicht sei. Als +sie dieselbe bricht, wechselt sie ihr Ideal, und verwandelt sich vor +sich selbst in das Ideal der schönen Sünderin. Sie äußert einmal von +den Genfer Damen, daß sie weder den Reiz der Unschuld noch die »Grazie +der Sünde« besäßen. Sie hat sich letztere angeeignet. Sie fuhr ja doch +fort, den Theil des Ideals zu besitzen, welcher darin besteht, die +Erste in ihrer Art, <span class="antiqua">unique</span> zu sein. Hierin liegt es, daß sie +sich einbildete, ihrem Gemahl das Glück (Orden und Titel) zu bringen. +Alle Illusion besteht in einer unrichtigen Verknüpfung von Ursache +und Wirkung, die religiöse Illusion so gut wie die andern. Aber die +religiöse Illusion ist eine doppelte, sie führt die Wirkung nicht auf +ihre Ursache, sondern direkt auf einen unbestimmten Ursprung, den +Mittelpunkt des Seins, zurück — erste Illusion, — und im Mittelpunkt +des Seins wird sodann nicht, wie man sich vorzustellen pflegt, die +Gottheit, sondern das Individuum selber placirt — zweite Illusion. +Unsere Heldin glaubt, ihr Gemahl erhielte die Orden direkt von Gott, +aber die Ursache, weshalb Gott ihm dieselben verleiht, ist sie selbst +und kein Anderer. Sie ist die wahre Ursache, und Gott nur das Mittel, +durch das sie wirkt. Sie fährt fort, ihr weltliches Leben zu führen, +so lange dasselbe ihr noch Illusionen zu schenken vermag. Allein eine +Dame von Geist und Nerven wird dieses Lebens, wird der zurückblickenden +Eifersucht des neuen Anbeters auf den früheren mit der Zeit müde, und +es ekelt sie zuletzt, zum zehnten Male sich selbst und einen Andern +mit den Worten zu täuschen: »Ich liebe Dich und habe nie einen Andern +geliebt!« Als alle Illusionen des Lebens entschwunden sind, eröffnet +sich der Lebensmüden die<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Möglichkeit einer neuen Illusion, welche +sogar über das Grab hinausweist. Den Schlaganfall, der ihren Anbeter +trifft, betrachtet sie mit denselben Augen, womit der heilige Augustin, +Pascal oder Luther ähnliche Ereignisse betrachtet haben. Er ist ein +Wink, eine Warnung für sie. Der fröhliche Schuster ist überzeugt, +zu den Auserwählten Gottes zu gehören. Als sie das Geheimnis seiner +Fröhlichkeit erfährt, will sie nicht hinter ihm zurückstehen, sondern +auch zu ihnen gehören. Der Glaube an Gott ist für sie die Befriedigung +des Wunsches, auserwählt und Anderen vorgezogen zu sein. Sie hält +sich für bekehrt, und ist im Grund ihrer Seele Dieselbe, die sie +war. Indem sie der Gottheit die Worte in den Mund legt, mit welchen +diese sie ihrer Zärtlichkeit versichert: was thut sie anders, als die +Episteln und Elegien an Sidonie in eine andere Form bringen! Das Echo +ihrer Selbstanbetung kommt zu ihr wie eine Stimme aus den Wolken, und +jetzt, wie früher, dankt sie Gott, solchermaßen — durch sich selbst +ausgezeichnet worden zu sein. Was sie begehrt, ist, jetzt wie ehemals, +geliebt zu werden. Aber wie Chateaubriand auf einem Umweg über das +irdische Jerusalem nach seiner irdischen Alhambra reist, so bahnt sie +sich den Weg zu ihrer himmlischen Alhambra über das himmlische Zion. +Der Unterschied ist nur der, daß er die Andern betrügen will, sie aber +sich selbst betrügt. Sie ist eine Kokette, so gut wie er und Lamartine; +nur daß Diese stolze Koketten sind, während sie demüthig ist.</p> + +<p>Doch der entscheidende Zug, welcher sie im Gegensatze zu ihnen +kennzeichnet, liegt nicht im Charakter, sondern in der Intelligenz und +in ihrer weiblichen Natur selber. Chateaubriand hat als Mann wenigstens +einen schwachen Begriff von Wissenschaftlichkeit, der es ihm unmöglich +macht, sich von Mirakelmännern und Dorfsibyllen bethören zu lassen. Sie +dagegen ist ein Weib, und in Reaktionsperioden lautet die Definition +eines Weibes so: Ein Weib ist eine Pfaffenbeute. Ohne wissenschaftliche +Voraussetzungen wird man, wenn nicht ganz vereinzelte, ungewöhnlich +günstige Zufälle eintreten, etwas früher oder etwas später, aber in +der Regel unvermeidlich, eine Beute seiner Begeisterung, die nicht +weiß, wohin sie will, seiner unbestimmten Sehnsucht, die nicht weiß, +was sie begehrt,<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> seiner Feigheit, die von den Unglücksfällen des +Lebens geängstigt wird, endlich all' seiner Illusionen, und all' diese +Mächte: Begeisterung, Sehnsucht, Furcht und Träumerei, überliefern +ihr Opfer, an Händen und Füßen gebunden, als Beute der Kirche, deren +Autorität ja außerdem von frühester Kindheit an durch die Erziehung +der Seele eingeprägt worden ist. So erging es Frau von Krüdener. Von +dem geistigen Leben, das sie tangirt, gehen die bedeutungsvollen +Freiheitskämpfe, die unabhängige Forschung, der Aufklärungseifer, +die Denkerbegeisterung unverstanden an ihr vorüber; was sie vom +Zeitalter versteht und sich aneignet, ist nur die eine Seite desselben: +die Frivolität. Als die Reaktion wider das achtzehnte Jahrhundert +beginnt, und selbstredend damit beginnt, der abgelaufenen Periode ihre +Ungöttlichkeit und Frivolität vorzurücken, giebt Frau von Krüdener ihr +augenblicklich Recht, weil sie sich getroffen fühlt, weil sie selbst in +ihrem ganzen Zeitalter Nichts anders gesehen, für Nichts Auge gehabt +hat, als für die Leichtfertigkeit und die rücksichtslosen Sitten.</p> + +<p>Die Reaktion nimmt zu, und sie erhält ihre Poesie, eine Poesie all' +des Uebernatürlichen, an das zu glauben der Dichter seinem Leser +vorspiegelt. Die Bücher werden mit Thronen und Fürstenthümern, Cherubim +und Seraphim angefüllt; es ist den Dichtern anscheinend heiliger +Ernst damit; nur fällt es ihnen freilich nicht ein, daß irgend ein +Mensch es wirklich für Ernst nehmen könne. Welch ein Epigramm auf den +ganzen Kampf für die Tradition, als endlich eine Frau erscheint, die +naiv genug ist, Alles buchstäblich zu nehmen, die dem jungen Mädchen +glaubt, welches ihr erzählt, daß sie mit Engeln Verkehr pflege, und +dem Manne, welcher die übernatürlichen Visionen erlebt haben will, +von denen zu singen die höchste Mode der Zeit war! Die Dichter +hatten das Mirakel und den Propheten zu verherrlichen begonnen. Da +kommt nun eine arme naive Magdalena, und nimmt sie beim Worte, und +glaubt an die Mirakel, die man ihr weist, und versucht sich selbst +in Prophezeiungen. Man steht eben im Begriffe, über sie den Kopf zu +schütteln und zu lächeln, als es sich zeigt, daß die Mächtigen ihrer +Zeit sie für voll nehmen. Sie wird eine Macht. Chateaubriand, der nicht +an<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> sie oder mit ihr glaubt, aber der an ihren Einfluß glaubt, sucht +sie für seine politischen Pläne zu gewinnen, wird aber abgewiesen. Sie +will nur Eins, dem Christenthum seine durch die Revolution gestürzte +Autorität wiedergeben. Für sie hat die Revolution nur <em class="gesperrt">eine</em> That +vollbracht, nämlich die, die heilige Tradition zu stürzen; sie will +ihrerseits nur <em class="gesperrt">eine</em> That, die entgegengesetzte, vollbringen, +dem Christenthum seine weltüberschattende Herrschaft wiederzugeben. +Alexander faßt den Gedanken auf, die Mächte adoptiren ihn als ein +kluges politisches Mittel. So lange Sie nur die <em class="gesperrt">Autorität</em> +des Christenthumes zur Geltung bringen, so lange sie nur die Leute +von <em class="gesperrt">oben herab</em>, und im Bunde mit den Fürsten, reformiren und +bekehren will, steht sie auf dem Gipfel der Ehre und Vergötterung. +Aber der Umschlag erfolgt. Die religiöse Konsequenz zwingt sie, eine +Bekehrung der Leute <em class="gesperrt">von unten her</em> zu versuchen, indem sie +sich mitten unter sie begiebt, indem sie das Christenthum praktisch, +statt theoretisch, und nach Art der alten Apostel betreibt. Welche +Naivetät! Sie ist so naiv, daß sie meint, die Gewalthaber müßten +diese Versuche mit eben so günstigen Augen wie ihre früheren +Bestrebungen ansehen. Sie begreift freilich nicht, daß die Autorität +jede ernstliche Beschäftigung mit ihrem eigenen Princip fürchtet, +wenn diese Beschäftigung nicht die <em class="gesperrt">officielle</em> ist. Von dem +Augenblick an, wo sie wirklich als Christin auftritt, wird sie als +Revolutionairin behandelt. Die Kämpfer für das Autoritätsprinzip sehen +in dem Gefühl von der allgemeinen Brüderlichkeit der Menschen, das +sie leitet, und in der Ekstase, mit welcher sie der Sache der Armen +und Unterdrückten das Wort redet, einen Beweis dafür, daß sie — +Socialistin und Kommunistin sei. Und so wurde es ihr Loos, praktisch +zu zeigen, was die Wiedereinsetzung des Christenthums als Autorität +zu bedeuten hat. Man wollte dasselbe eben nur als <em class="gesperrt">Autorität</em>, +als <em class="gesperrt">Macht</em>, als <em class="gesperrt">Ordnung</em> gebrauchen. Man benutzte es, wie +man die Polizei, die Armee, die Gefängnisse benutzte, um Alles in Ruhe +und das Autoritätsprincip aufrecht zu erhalten. Von dem Augenblick an, +wo es persönlich und individuell genommen und solchermaßen ins Werk +gesetzt wurde, daß man befürchten mußte, es werde sociale Bewegungen +verursachen, von dem<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Augenblick an war es die <em class="gesperrt">Unordnung</em>, und +die Autoritäten spedirten es in der Person der Frau von Krüdener so +schnell wie möglich von Grenze zu Grenze.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p><span class="antiqua">[Charles Eynard: Vie de Madame de Krüdener, Tome I-II. — +Sainte-Beuve: Portraits de femmes. Derniers Portraits.</span></p> +</div> + +<div class="blockquot"> + +<p>Ich entwarf diesen Abschnitt vorigen Sommer im Auslande, und hatte +damals nur Eynard's Biographie zur Hand. Bei meiner Heimkehr sah ich, +daß ein paar Stellen in den Briefen der Frau von Krüdener, die mich am +meisten frappirt hatten, auch von Sainte-Beuve bemerkt worden waren, +ohne daß sonst eine Uebereinstimmung in der Behandlung stattfand. +Es giebt in jedem Buche drei oder vier Stellen, die jeder Kritiker, +der sein Fach versteht, immer beachten und citiren wird. So entsteht +zuweilen der Anschein, als habe der Eine den Andern benutzt, ohne daß +Solches der Fall ist. Stuart Mill schrieb einmal über diesen Punkt: +»Coleridge erinnerte einen seiner Recensenten daran, daß es Dinge in +der Welt giebt, die man Quellen nennt, und daß das Wasser, das Jemand +schöpft, nicht nothwendig aus dem Loche zu kommen braucht, das er in +die Cisterne eines Andern gemacht hat.«]</p> +</div> + +<h3>7</h3> + + + +<p>Als die hundert Tage vorüber waren, und Ludwig XVIII. zum zweiten +Male zurückkehrte, verbreitete eine seltsam gemischte und wehmüthige +Stimmung sich über Frankreich. Die Restauration zeigte eine doppelte +Physiognomie: sie war die Wiederaufrichtung einer Dynastie, von +der man geglaubt, daß die Revolution sie für ewige Zeit vom Throne +Frankreichs ausgeschlossen hätte, sie führte Zustände zurück, von denen +man gemeint, daß sie ausschließlich der Vergangenheit angehörten, +und auf der anderen Seite war sie die Wiederaufrichtung gesetzlicher +Freiheit im Gegensatze zu der furchtbaren Militairdespotie, die so +viele Jahre hindurch Frankreich unter ihrer Gewaltherrschaft hatte +erseufzen lassen. Für die Literatur war sie anscheinend wenigstens ein +Freiheitsbote. Nach Verlauf von fünfzehn Jahren war eine freie Debatte +über Ideen wieder möglich. Die schwere Hand, welche zermalmend auf der +Presse geruht hatte, zog sich zurück. Das Siegel wurde von dem Schreine +gelöst, in welchem die kämpfenden Geister und Systeme<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> gebunden +lagen, man hatte Erlaubnis, Alles zu diskutiren: die Revolution +und das Kaiserthum, das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert, +Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.</p> + +<p>Man hatte Erlaubnis, aber hatte man Lust dazu? Nein, die Lust +war gering. Die Stimmung Frankreichs war die Stimmung nach einer +langwierigen Krankheit oder nach einer verlorenen Schlacht. Nicht daß +man sich nach Siegen gesehnt hätte. Am Ende der Regierung Napoleon's +hatte schon die Kanone vor dem Invalidenhotel keinen Widerhall in +den Herzen mehr erweckt. Man sagte zu einander: Ach, es ist nur ein +Sieg! Nein, man sehnte sich nach Frieden, wie der zur Ader Gelassene +und Erschöpfte sich nach Ruhe sehnt. Man freute sich, wie wenn eine +Choleraepidemie, die eine Stadt aufs äußerste verheert hat, endlich +vorüber ist. Man begann sich wieder an den Gedanken des Lebens zu +gewöhnen. Die Mütter hatten bisher mit einem gewissen Grauen ihre +Kinder sich dem Jünglingsalter, d. h. dem Alter, wo sie Soldaten, +und bald darauf Leichen wurden, nähern sehen. Sie begannen jetzt zu +hoffen, daß diese Kinder das Leben vor sich hätten. Die Kinder, welche +unter Trommelwirbeln und kriegerischen Fanfaren aufgewachsen waren, +und sich schon in der Schule an den Gedanken früh erworbenen Ruhmes +und eines frühen Todes gewöhnt hatten, mußten sich nun gleichfalls +an den Gedanken eines friedlichen Lebens gewöhnen. Der Tod im Bette, +der ihnen bevorstand, erschien ihnen widerwärtig im Vergleich mit dem +Tode, der sich ihnen jüngst so strahlend schön in seinem rauchenden +Purpur gezeigt hatte, sie fühlten sich gleichsam getäuscht, und +begannen zu grübeln. Die jungen Männer endlich, welche so lange +nothgedrungen alles persönliche Leben im Staatsleben, Kriegsleben und +den gemeinsamen Interessen des Vaterlandes hatten aufgehen lassen +müssen, vernahmen großentheils mit Entzücken die Botschaft, daß sie +jetzt die Reihen durchbrechen dürften, und nicht mehr in Schritt und +Tritt nach dem Kalbsfell zu marschiren brauchten; sie schüttelten den +Staub der Heerstraße von ihren Füßen, warfen die Uniform in den Winkel, +und suchten jede Erinnerung an die Disciplin auszulöschen. Da sie +geradeswegs von den Schlachtfeldern des<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Kaiserreichs, aus dem Getöse +und Blutbad der Schlachten kommen, nehmen sie ihre Zuflucht zum ruhigen +Naturleben, fern von der lärmenden Menschenwelt. So ist die Stimmung +der Periode: müde, aber komplicirt, voller Täuschungen, Hoffnungen und +Drang zu persönlichen Träumereien, keine Stimmung zur That, sondern zum +Meditiren und zur Kontemplation.</p> + +<p>Diese Volksstimmung erklärt es, wie Lamartine's »Meditationen« die +Lieblingsdichtung der Zeit werden konnten. Nach Chateaubriand's »Genius +des Christenthums« hatte kein Buch solches Aufsehen in Frankreich +erweckt; in vier Jahren wurden 45000 Exemplare abgesetzt. In diesem +Buche fand die Periode, so seltsam es uns jetzt erscheinen mag, einen +Dolmetscher für ihre Gefühle und für Alles, was sich in ihrem tiefsten +Gemüth regte, ein Bild ihrer idealen Sehnsucht, das in den reinsten und +schönsten Farben des Traumes schillerte. Diese Gedichte klangen wie +Aeolsharfentöne, aber es war der Zeitgeist, welcher in die Saiten der +Harfe griff. Freilich waren es nicht sowohl Gesänge, wie Betrachtungen, +nicht sowohl Herzens- wie Geistes-Harmonien; aber man hatte so +lange Zeit hindurch im Leben genug der Bestimmtheit, der bestimmten +Formen, festen Gestalten, und herzergreifenden Gefühle gehabt. Es +wurde durchaus nicht als ein Mangel verspürt, daß man hier keine +zugespitzte Leidenschaft oder irgend eine Neigung fand, die finstere +und schreckliche Seite des Menschenlebens, überhaupt das Leben, wie +es ist, zu sehen. Davon hatte man in der Wirklichkeit genug gehabt. +Nach einer Zeit, in welcher so viele Instinkte hatten erstickt werden +müssen, freute man sich dieses rein poetischen Instinktes, dieses so +melodiösen Dichters, der, wie er sagte, einen Accord für jedes Gefühl +und jede Stimmung hatte. Man sehnte sich nach einer solchen Ruhe in der +Lyrik nach der Philosophie, der Revolution und endlosen Kriegen. Das +Gedicht »Der See« machte die Runde durch Europa, weil es so lange her +war, seit man überhaupt die Natur empfunden und sie anders als taktisch +mit Rücksicht auf ihre Terrainbildung betrachtet hatte. Lamartine trat +jedoch im Geiste der Zeit nicht bloß als Stimmungsdichter,<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> sondern +als Gläubiger und Christ auf. Der Grundton in seinen Gedichten war +christlich-monarchisch und bourbonistisch.</p> + +<p>Für uns, die wir später einen Lamartine, welcher Präsident der Republik +und Apostel des Humanismus war, gekannt haben, ist es interessant, +die geistigen Ausgangspunkte des Dichters wahrzunehmen. Im Vaterhause +ist die Bibel seine stete Kindheitslektüre. Er wird im Glauben an +das Königthum von Gottes Gnaden erzogen. Als Jüngling lebt er unter +dem Einflusse der Frau von Staël und Chateaubriand's, besonders des +Letzteren. Er liest mit Bewunderung Tasso's »Befreites Jerusalem«; +Ossian giebt ihm die Ueberzeugung, daß wahre Poesie unbestimmt und +neblig sein könne; Bernardin de Saint-Pierre ist für ihn, wie für Frau +von Krüdener, durch die friedliche Milde und Harmonie seiner Natur +das besondere Vorbild. Oeffentlich tritt er dann zuerst als Schüler +Chateaubriand's und Bonald's auf. In seinem »Rafael« erzählt er selbst, +wie er dazu kam, Bonald's Bekanntschaft zu machen. Zu jener Zeit, als +er in Chambéry am Fuße der Alpen die junge, schöne Creolin anbetete, +welche er in seinen Gedichten unter den Namen Elvire verherrlicht +hat, wurde er von seiner Freundin aufgefordert, eine Ode an Bonald +zu schreiben, der ein naher Bekannter ihres Hauses war. Lamartine +behauptet, daß er nur den Namen Desselben und den Nimbus gekannt habe, +von welchem dieser Name, als der eines christlichen Gesetzgebers, +umstrahlt war. »Ich stellte mir vor, daß ich zu einem modernen Moses +reden solle, der aus den Strahlen eines neuen Sinai das göttliche Licht +schöpfte, mit welchem er die menschlichen Gesetze erhellte.« Vielleicht +hat Bonald auch De Vigny vorgeschwebt, als Dieser kurz darauf sein +Gedicht »Moses« verfaßte. Lamartine schrieb damals an Bonald die Ode, +welche in seiner Sammlung den Titel »Das Genie« trägt, und worin auf +Treu und Glauben erzählt wird, daß Bonald die falsche Klarheit der +berühmten Sophisten verscheuche &c. und die moralische Welt von der +Unordnung zur Ordnung selber führe. Dieser magere Begriff des Guten: +»die Ordnung«, kehrt überall wieder. Bonald antwortete damit, daß er +dem jungen Dichter ein Exemplar seiner sämmtlichen Werke übersandte. +Lamartine las sie mit<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> Begeisterung, und wenn er später in der +Anmerkung zu dieser Ode es leugnen zu wollen scheint, daß er so tief +von denselben ergriffen wurde, wie es der Fall war, so muß man Das +auf Rechnung der späteren Erkenntnis setzen. Er sagt dort: »Ich las +diese Schriften mit der poetischen Schwärmerei für die Vergangenheit +und mit dem innigen Mitleid für das Gefallene, welche so leicht in +der Phantasie eines Knaben sich in Dogma und System verwandeln. Ich +bemühte mich einige Monate lang, auf Chateaubriand's und Bonald's Wort +an geoffenbarte Regierungen zu glauben. Später entrissen die Zeit +und die menschliche Vernunft mich, wie alle Anderen, diesen schönen +Illusionen, und ich begriff, daß Gott dem Menschen Nichts anders +als seine socialen Neigungen offenbart, und daß die verschiedenen +Regierungssysteme Offenbarungen des Zeitalters, der Situation, des +Jahrhunderts und der Laster und Tugenden des Menschengeschlechtes +sind.« Lamartine antedatirt sehr beträchtlich diese seine Einsicht. +Seine »Meditationen« verfolgen in der Regel alle dieselbe Richtung, +wie die Ode an Bonald. Diejenige, welche »Gott« betitelt ist, ist +Lamennais, die Dithyrambe über die heilige Poesie ist dem Uebersetzer +der Bibel, Genoude, gewidmet. Er selbst ist Mitglied der Redaktion +des »<span class="antiqua">Conservateur</span>«, von dessen Begründung Chateaubriand die +ausgeprägte Reaktion in Europa datirt. Als dies Blatt eingeht, wird er, +nebst Lamennais und Bonald, Begründer des neuen gleichartigen Organs +»<span class="antiqua">Le défenseur</span>«, welches darauf ausgeht, den Konstitutionalismus +zu bekämpfen. Es fällt ihm die Aufgabe zu, De Maistre zu Beiträgen +auffordern zu sollen. Höchst interessant ist es zu sehen, in welchem +Tone der jetzt schon dreißigjährige Lamartine den Verfasser des Buches +»Ueber den Papst« anredet: »Herr Graf! ich war sehr krank, als ich +Ihre freundliche und schmeichelhafte Zuschrift nebst ihrem Werke +empfing. Ich benutze die ersten rückkehrenden Kräfte dazu, Ihnen +gleichzeitig für den Brief und das Buch zu danken, besonders aber für +die schmeichelhafte Benennung <span class="antiqua">Neveu</span>, derer ich mich gegen all' +ihre Bekannten rühme; diese Benennung allein ist so gut wie ein Ruf, so +hoch steht Ihr Name bei Allen angeschrieben, die ein wahres und tiefes +Genie in diesem irregehenden und kleinlichen Jahrhundert verstehen<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> +... Herr Bonald und Sie, Herr Graf, und noch einige Männer, die in +großer Entfernung Ihrer Spur folgen, haben eine unvergängliche Schule +hoher Philosophie und christlicher Politik begründet, die besonders in +der jungen Generation Wurzeln schlägt.« In diesem Briefe bezeichnet +Lamartine die Stellung De Maistre's in der Literatur dahin, daß er +das Haupt der ersten Schriftsteller sei, und leitet die Opposition +wider ihn aus den »lächerlichen gallikanischen Prätensionen« her, die +er so bewunderungswürdig vernichtet habe. Sein Standpunkt ist also +der reine unverfälschte Ultramontanismus, — jedoch, wohlgemerkt, nur +sein theoretischer Standpunkt. In seiner Poesie ist er nicht ganz so +dogmatisch. Wenn er es z. B. für seine, des christlichen Dichters, +Aufgabe hält, die heidnische Mythologie vom Parnasse zu verjagen, so +leitet ihn in Wirklichkeit kein religiöser, sondern ein rein poetischer +Instinkt. Die alten Mythen waren in der Lyrik längst zu bloßen +Umschreibungen eingeschrumpft, und allzu lächerlich, um schädlich auf +die Religiosität irgend Jemandes wirken zu können. Es war doch fürwahr +nicht nöthig, einen religiösen Protest wider den Glauben an Apollo und +Amor zu erheben. Nein, Das, wodurch Lamartine wirkte, war, daß er bald +die melancholischen, bald die beruhigenden, bald die begeisternden +Worte aussprach, welche Alle zu hören begehrten. Man entdeckte nicht, +daß er eigentlich etwas Neues gefunden oder gesagt hätte, man erkannte +sich selbst wieder in dieser sympathetischen Stimme. Man fühlte wieder +gewisse Fibern sich regen und aufleben, die während der allgemeinen +Niedergeschlagenheit empfindungslos geschienen hatten. Er ließ die +Saiten, welche lange verstummt gewesen, wieder erklingen, und man war +entzückt über das Neue, welches darin lag, jene alten Erinnerungen +ins Leben zurück zu rufen. In der Begrüßungsrede, welche der große +Naturforscher Cuvier 1830 bei der Aufnahme Lamartine's in die Akademie +hielt, zeigt er, wie der Mensch in der tiefen Nacht, die seine Vernunft +umgebe, eines Führers bedürfe, welcher ihn dem schwarzen Labyrinthe +des Zweifels zu entreißen und ihn zu den Regionen des Lichts und der +Sicherheit hinzuführen vermöge. Er beschuldigt Byron, im Universum nur +einen Tempel für den Gott des Bösen erblickt zu<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> haben, und begrüßt in +Lamartine den Sänger der Hoffnung. So vermengte Frankreich, wie ein +armer Rekonvalescent, die Hoffnung mit dem Glauben, den Trost mit den +Dogmen, den Lebensmuth mit dem Ultramontanismus zu <em class="gesperrt">einer</em> großen +Unklarheit, bis die Macht der Verhältnisse die Nebel zerstreute und +sowohl die Schriftsteller wie das Publikum zwang, bestimmte Standpunkte +einzunehmen. Vorläufig war es für Lamartine eine Zeit des Triumphes und +des beginnenden Ruhmes; dieser Ruhm kam für ihn nicht zu früh, er war +dreißig Jahre alt, aber derselbe fiel gleich den ersten Strahlen der +aufgehenden Sonne in seine ehrsüchtige Existenz. Man stelle sich recht +lebhaft einen Salon aus jener Zeit vor, wie er uns von Zeitgenossen +geschildert worden ist,<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> eine Reihe von Gesellschaftssälen bei einem +der ersten Würdenträger des Königthums, General Foy z. B., wo gegen +hundert Personen versammelt sind, und wo Lamartine, damals Gesandter +in Florenz, bei einem seiner kurzen Besuche in Paris zugegen ist. Ein +Geflüster der Bewunderung geht durch den Saal, als er eintritt, jung, +schlank und schön, aristokratisch in Geberde und Haltung. Man schaart +sich um ihn, besonders die Damen; reizende Gesichter, prachtvolle +Toiletten, Lächeln und Schmeichelei begegnen ihm von allen Seiten. Man +vergißt einen Augenblick, den anwesenden Deputirten Komplimente für +ihre letzten Kammerreden zu sagen. Er, den man, ohne ihn früher gesehen +zu haben, sofort erkennen kann, überstrahlt Alle. General Foy tritt an +ihn heran, drückt ihm mit Begeisterung die Hand und versichert ihn, daß +er, wenn er will, eine Zierde der Kammer werden kann, die lange eines +so talentvollen Vertheidigers der echt monarchischen Principien bedurft +hat. Dann deklamirt er mit seiner melodischen Stimme, die noch nie ein +politisches Stichwort ausgesprochen hat, eine oder zwei seiner ersten +Meditationen, »Die Erinnerung«, »Die Begeisterung«, »Die Verzweiflung«, +»Das Gebet«, »Der Glaube« oder eine andere Abstraktion, und ruft ein +Entzücken ohne Gleichen und Ausbrüche der Begeisterung und des Dankes +in allen Nuancen hervor. Benjamin Constant nähert sich ihm<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> mit seiner +undurchdringlichen, ernsthaft ironischen Miene, beglückwünscht ihn, +diese neue Quelle der Poesie entdeckt zu haben, und versichert ihn, +daß er nur in Schiller's reflektirenden Gedichten dieser Hoheit und +Reinheit des Gefühls und Ausdrucks begegnet sei. Die Damen finden +diesen Vergleich überaus schmeichelhaft für Schiller, einen obskuren +deutschen bürgerlichen Poeten, dessen Namen einmal gehört zu haben +sie sich flüchtig erinnern. Was ist er gegen Lamartine! Verschiedene +Umstände vermehren den Reiz, den seine Gedichte ausüben: zuerst des +Verfassers seltene und fast weibliche Schönheit, dann die Gerüchte von +Ihr, die sie vor Allem, und mit einer so seraphischen Schwärmerei, +mit einer so überirdischen Reinheit besingen. Er soll sie geliebt, +und seine Geliebte durch den Tod verloren haben. Man forscht nach +allen Seiten, um Etwas über den wirklichen Zusammenhang der Sache zu +erfahren. Wer war jene Elvire, wie war ihr wirklicher Name?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>All' jene Fragen sind von geringem Interesse für uns die wir uns +jetzt in diese Erinnerungen vertiefen, um jene Zeit und ihren Geist +vollständig zu begreifen. Aber sie berühren einen Punkt, der auch +für uns das höchste Interesse besitzt, nämlich den: Von welcher +Beschaffenheit ist das erotische Gefühl in jenen Gedichten und bei +Lamartine überhaupt? von welcher Beschaffenheit ist es in der ganzen +Literaturgruppe, von welcher er beeinflußt wird, und in welcher er ein +Glied bildet?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Von allen Gefühlen, welche die Dichtkunst behandelt, spielt das +erotische die größte Rolle. Wie es aufgefaßt und dargestellt wird, +ist ein Moment von der höchsten Bedeutung zum Verständnisse des +Zeitgeistes. An der Auffassung des Erotischen kann man, wie an dem +feinsten Meßinstrumente, die Stärke, die Art und den Wärmegrad des +Gefühlslebens einer ganzen Zeit erkennen. Ich habe früher (Band +I, S. 24 ff.) den Uebergang der Galanterie zur Leidenschaft bei +Rousseau geschildert. Bei Deutschlands großen Dichtern wird diese +Leidenschaft geläutert und humanisirt. Bei den Romantikern wird sie +zum Mondscheinschmachten. In revolutionären Zeiten<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> wird sie im Kampfe +mit bestehenden und geordneten Gesellschaftsverhältnissen dargestellt; +bei modernen skeptischen Dichtern, wie Heine, ist die Liebe durch den +Zweifel an ihrer Existenz unterhöhlt:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Doch wenn Du sagst: Ich liebe Dich,</div> + <div class="verse indent2">Dann muß ich weinen bitterlich.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>In einer verschrobenen, spiritualistischen, autoritätsgläubigen +und ordnungstollen Periode, wie dieser, wird die Liebe unmöglich +natürlich und gesund auftreten können. Sehen wir uns die namhaftesten +Liebesschilderungen, welche jene Zeit hinterlassen hat, näher an — wir +halten damit gleichzeitig eine kurze Revue über die Haupttypen von Mann +und Weib.</p> + +<p>Das erste Paar sind Eudorus und Velleda in den »Märtyrern«.</p> + +<p>Der Held in den »Märtyrern« ist um so interessanter, als Chateaubriand +Demselben manchen Zug seiner eigenen ausdrucksvollen Physiognomie +verliehen hat. Dies geht so weit, daß Chateaubriand und Eudorus die +Erzählung ihres Lebens fast mit denselben Worten und mit derselben +Betrachtung beginnen. Eudorus sagt: »Als ich am Fuße des Berges +Taygetus geboren ward, war das traurige Gemurmel des Meeres der erste +Laut, der mein Ohr berührte. An wie vielen Ufern sah ich seitdem die +Wogen sich brechen, die ich hier erschaue! Wer hätte mir vor einigen +Jahren sagen können, daß ich die Wogen, die ich an Messeniens schönen +Sand rollen sah, an Italiens Küsten, an den Ufer der Bataver, der +Britten und der Gallier seufzen hören sollte.« Und ganz eben so sagt +Chateaubriand in seiner italiänischen Reise: »Als ich auf den Felsen +der Bretagne geboren ward, war der erste Laut, der mein Ohr berührte, +da ich zur Welt kam, der Laut des Meeres, und an wie vielen Ufern +hab' ich seitdem die Wogen sich brechen sehen, die ich hier finde! +Wer hätte vor einigen Jahren mir sagen können, daß ich an den Gräbern +Scipio's und Virgil's die Wogen seufzen hören sollte, die an Englands +Küsten und Marylands Stranden zu meinen Füßen heranrollten,« &c. +Beide sind weitgewanderte und vielgeprüfte Männer, wie Odysseus und +Aeneas; der gemeinsame Zug ist das Staunen über die Abenteuer des +eigenen Lebens, die Bewunderung<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> des eigenen Ich, das höhere Mächte +durch so viele Schicksale geleitet haben. Allein noch ein Zug, und +ein bedeutungsvollerer, ist ihnen gemeinsam: wie Chateaubriand, so +ist Eudorus der Held, welcher den Triumph des Christenthumes auf +Erden herbeiführt. Chateaubriand wiederholt nur unter Napoleon, was +Eudorus unter Galerius that, und es ist nicht seine Schuld, daß er +kein Märtyrer ward. Der Gedanke an ein Martyrium beschäftigte ihn +schon in seiner Jugend; er sprach öfters gegen seine Freunde aus, daß +er vor einem solchen nicht zurückgeschreckt sein würde, wenn man es +von ihm gefordert hätte. Der Heros, welcher ihm als Ideal vorschwebt, +ist also nichts Geringeres, als das Opfer, das für die Irreligiosität +und den Abfall der Zeit sich zur Sühne bringt, und durch seine That +und seine Leiden den erzürnten Gott versöhnt. In der ersten Ausgabe +der »Märtyrer« wird Eudorus sogar geradezu als ein Christus zweiten +Ranges bezeichnet. Der Ausdruck wird von ihm gebraucht, daß der Ewige +»eine ganze Hostie« zu sehen begehrte. Aus theologischer Rücksicht +wurde dies Wort freilich in den späteren Ausgaben ausgemerzt. Aber am +Schlusse blieb die Vorstellung vermuthlich aus Unachtsamkeit stehen +und macht dort eine fast komische Wirkung. An der Stelle, wo Eudorus +gemartert wird, heißt es: »Der Feuersitz war bereit. Der Lehrer der +Christen predigt das Evangelium mit größter Beredtsamkeit, während er +auf einem glühenden Sessel sitzt. Die Seraphim verbreiten über Eudorus +einen himmlischen Thau, und sein Schutzengel entfaltet über ihm seine +Schwingen. Er erschien in der Flamme wie ein liebliches Brot des Herrn, +das für die himmlische Tafel bereitet ist.«</p> + +<p>Hier haben wir also die Grundvorstellung des Typus. Das erste +Sühnopfer, der erste Erlöser, die erste Hostie ist nicht ausreichend. +Obschon Christ, findet Chateaubriand nicht, daß Christi Märtyrertod +hinlänglich gewirkt und gesühnt habe. Zum Triumphe der Religion sind +noch beständig Erlöser kleineren Formats, wie Chateaubriand selbst +oder sein Held Eudorus, erforderlich. Ganz wie bei den deutschen +Romantikern sogar ein Bösewicht wie Golo in Tieck's »Genoveva« eine<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> +Aehnlichkeit mit Christus haben soll<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>, so hier der Held. Dieser +Held kann in seiner Jugend Fehltritte begehen und kurze Zeit z. B. in +dem schönen Neapel auf den Wegen des Verderbens wandeln (Chateaubriand +wußte aus eigener Erfahrung, daß selbst feste Grundsätze hiegegen nicht +schützten), aber er bekehrt sich, er besteht alle Prüfungen und stirbt +als ein leuchtendes Exempel.</p> + +<p>Sein Liebesverhältnis zu Velleda ist eine dieser Prüfungen.</p> + +<p>Velleda ist sicherlich die originellste und bedeutendste weibliche +Gestalt, welche die Restaurationsperiode erschaffen hat. Velleda +ist ein junges gallisches Mädchen aus dem dritten Jahrhundert, und +Chateaubriand hat den französischen Typus in ihr schildern wollen: »Sie +war ein außerordentliches Weib. Sie hatte, wie alle gallischen Weiber, +etwas Launenhaftes und Anziehendes. Ihr Blick war schnell, der Ausdruck +um ihren Mund ein wenig spöttisch, und ihr Lächeln eigenthümlich sanft +und geistvoll. Ihr Wesen war bald stolz, bald wollüstig. Ihre ganze +Persönlichkeit war ein Gemisch von Hingebung und Würde, von Unschuld +und Kunst.« — Aber Velleda ist nicht allein national-französisch, +sie trägt in hohem Grade das Gepräge der Zeit, wo sie gedichtet ward, +sie ist ein Ideal von 1809. Velleda ist Priesterin, sie gehört zu +der Familie des Erzdruiden. Für diese Zeit ist die Weiblichkeit erst +vollkommen, wenn sie den Stempel einer religiösen Begeisterung trägt. +Als echte Tochter des achtzehnten Jahrhunderts ist Velleda daher auch +kein reines Naturkind. Sie ist ein Naturkind, wie die anderen Töchter +der Revolution es waren. Es wird ausdrücklich — nicht ohne einen +kleinen Anstrich von Pedanterie — von ihr bemerkt, das sie in der +Familie des Erzdruiden »gründlich in der griechischen Literatur und +in der Geschichte ihres Landes unterrichtet« worden sei; Velleda ist +die letzte Priesterin der Druiden, wie Cymodoce die letzte Priesterin +Homer's. Wie Corinna kurz vorher das Ideal der jungen ehrgeizigen +Frauen war, so wird Velleda es jetzt, und da die Literatur nicht nur<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> +ein Ausdruck für die Gesellschaft ist, sondern auch gewaltig dazu +beiträgt, die Gesellschaft umzubilden, so sehen wir Velleda aus der +Welt der Phantasie in die Welt der Wirklichkeit übergehen. Was ist +Frau von Krüdener vor der Front des russischen Heeres anders, als eine +christliche Velleda!</p> + +<p>Wir lernen die junge Priesterin kennen, als sie in einem Nachen auf +dem Meere während eines Sturmes Beschwörungslieder an das Meer und +den Sturm singt, über welche sie, ungefähr wie Fouqués Undine, eine +Art Herrschaft übt oder zu üben glaubt. Dann hören wir sie in einer +feurigen Rede ihre Landsleute auffordern, ihre Freiheit zurück zu +erobern und die Waffen wider das Römerheer zu ergreifen. Wir sehen sie +als Priesterin des Teutates die Sichel zum Menschenopfer wetzen. Sie +wird als schön, hoch und schlank geschildert, kaum bedeckt von einer +schwarzen Tunika, die kurz und ohne Aermel ist, während die goldene +Sichel an ihrem Stahlgürtel hängt. Ihre Augen sind blau, ihre Lippen +purpurroth, um ihr freiwallendes blondes Haar trägt sie bald einen +Eichenzweig, bald einen Kranz von Eisenkraut.</p> + +<p>Sie hat kaum Eudorus erblickt, als sie ihn liebt. Aber eine so +einfache und natürliche Leidenschaft reicht für diese Zeit nicht aus. +Velleda muß noch eine Art von Vestalin sein und das Gelübde ewiger +Jungfräulichkeit abgelegt haben. »Ich bin Jungfrau, Jungfrau der +Seine-Insel; mag ich mein Gelübde halten oder brechen, so sterbe ich +dadurch, und Du bist Schuld daran.« Sie gefällt zwar Eudorus, aber +er liebt sie nicht. Er steht ihr gegenüber, ungefähr wie der fromme +Aeneas der Dido gegenübersteht, an welchen der Dichter sogar Eudorus +seine Zuhörer erinnern läßt. Die Unglückliche versucht jegliche Art von +Zauberei. Sie will sich mit den Mondesstrahlen zu ihm hinschleichen. +Sie will in den Thurm fliegen, den er bewohnt, seine Liebe unter einer +fremden Gestalt gewinnen, und sträubt sich doch selbst aus Eifersucht +gegen den Gedanken. Eudorus theilt nicht diese Leidenschaft, aber +er fühlt sich in ihrer Nähe gleichsam von der Atmosphäre derselben +angesteckt. Als Christ schaudert er vor der Versuchung zurück. »Wohl +zwanzigmal war ich, während Velleda mir so traurige und so zärtliche +Gefühle aussprach, nahe daran, mich ihr zu Füßen<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> zu werfen, ihr ihren +Sieg zu verkünden und sie durch das Geständnis meiner Niederlage +glücklich zu machen. In dem Augenblick, wo ich im Begriffe stand, +zu unterliegen, verdankte ich nur dem Mitleid, das die Unglückliche +mir einflößte, meine Rettung. Allein dies Mitleid, das mich Anfangs +rettete, wurde zuletzt die Ursache meines Untergangs; denn es raubte +mir den Rest meiner Kraft.« Es liegt, rein ästhetisch betrachtet, etwas +sehr Unschönes darin, einen Mann sich solchermaßen über die harten +Kämpfe äußern zu hören, die er zur Behauptung seiner Tugend bestanden +hat, und Eudorus' Ausbrüche von Scham und Reue kleiden ihn schlecht. +»O Cyrillus,« sagt er, »wie soll ich diese Erzählung fortsetzen? ich +erröthe vor Scham und Verwirrung.« Als endlich dieser Ritter von der +traurigen Gestalt so weit gekommen ist, daß er, nachdem Velleda einen +Selbstmord versucht hat, zu ihren Füßen liegt, kann er sich nicht +mit weniger begnügen, als die ganze Hölle um dieses Anlasses willen +in Bewegung zu setzen. »Ich stürze zu Velleda's Füßen ... Die Hölle +giebt das Signal zu dieser entsetzlichen Hochzeit; die Geister der +Finsternis heulten im Abgrunde, die keuschen Ehefrauen der Patriarchen +wandten ihre Häupter ab, und mein Schutzengel verhüllte das Antlitz +mit seinen Flügeln und stieg gen Himmel empor.« Nicht einmal einen +Augenblick vermag dieser triste Held sich hinzugeben. Er schämt sich +wie ein Junge, der einen gestohlenen Apfel mit einem Gemisch von Gier +und Angst vor Prügeln verzehrt. »Mein Glück glich der Verzweiflung, und +wer uns inmitten unserer Wonne gesehn hätte, Der hätte uns für zwei +Schuldige gehalten, denen man eben das Todesurtheil verkündete. Von +diesem Augenblick an fühlte ich mich mit dem Stempel des göttlichen +Zornes gezeichnet. Eine dichte Finsternis erhob sich gleich einer +Rauchwolke in meinem Geiste, von welchem eine Schaar aufrührerischer +Geister plötzlich Besitz ergriffen zu haben schien. Ideen, die mir +bisher unbekannt gewesen, stellten sich bei mir ein, die Sprache der +Hölle strömte von meiner Zunge, und ich sprach die Gotteslästerungen +aus, welche man an jenen Orten vernimmt, wo da ist Heulen und +Zähneklappern.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<p>So wird dies Liebesverhältniß des christlichen Häuptlings zu der +heidnischen Prophetin mit Scheiterhaufen und Flammen als Hintergrund +geschildert. In »Atala«, wo sich etwas Verwandtes in der Association +von Leiden und Lust findet, war doch dies so wenig beabsichtigte und +gefühlte Anathem noch nicht auf die irdische Liebe geschleudert.</p> + +<p>Man findet diese Auffassung in De Vigny's bedeutender und schöner +Jugenddichtung »Eloa« wieder, welche schildert, wie der Fürst der +Finsternis einen jungen und schönen weiblichen Engel verführt. War +Satan in den »Märtyrern« ein Revolutionair, so ist er hier nicht sehr +verschieden von dem Eros der Alten. Ohne zu sagen, wer er ist, bethört +er durch seine Schönheit und Beredtsamkeit den Engel, und reißt ihn mit +sich in den Abgrund hinab. Er schildert selbst seine Macht in folgenden +Worten, die man in den Versen des Originals nachlesen muß:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent8">Ich bin Der, den man liebt und den man nicht kennt,</div> + <div class="verse indent2">Meine Flammenherrschaft über den Menschen hab' ich begründet</div> + <div class="verse indent2">In der Sehnsucht des Herzens und den Träumen der Seele,</div> + <div class="verse indent2">In dem Verlangen und den geheimnisvollen Sympathien des Leibes,</div> + <div class="verse indent2">In den Schätzen des Bluts, in dem Blicke der Augen.</div> + <div class="verse indent2">Ich bin's, der die Gattin veranlaßt, in Träumen zu reden,</div> + <div class="verse indent2">Und das junge, glückliche Mädchen eine glückliche Illusion zu empfinden,</div> + <div class="verse indent2">Ich schenk' ihnen Nächte, die sie trösten für ihre Tage,</div> + <div class="verse indent2">Ich bin der heimliche König heimlicher Liebe.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>So ungefähr lautet der Gesang des Chores an Eros in der »Antigone« des +Sophokles:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent6">O Eros, Sieger im Kampf,</div> + <div class="verse indent2">Die Beute gewaltig umschlingend</div> + <div class="verse indent2">Der heimlich versteckt auf der Jungfrau</div> + <div class="verse indent2">Holdblühenden Wange lauscht!</div> + <div class="verse indent2">Du wandelst auf Wogen des Meeres,</div> + <div class="verse indent2">Du schweifest in Fluren und Wald!</div> + <div class="verse indent2">Dir entrinnet der Ewigen Keiner,</div> + <div class="verse indent2">Und Keiner der Menschen, der Söhne des Tages,</div> + <div class="verse indent2">Und wen du ergriffen, Der raset.</div> + <div class="verse indent2">Du lockst verderbend in Schuld</div> + <div class="verse indent2">Die Sinne des edelen Mannes.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Da die Zeit sich jetzt auf der schiefen Ebene befindet, welche dahin +führt, Eros als Satan selbst aufzufassen, so versteht<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> es sich, daß +keine Zeit die »wahre« Liebe so eiskalt, so seraphisch, so platonisch +und so ohnmächtig geschildert hat, wie diese in der Darstellung +derselben excellirt. Sehen wir, wie die Velleda jener Zeit, Frau von +Krüdener selbst, sie in ihrer »Valérie« auffaßt.</p> + +<p>Obschon Valérie eine Nachahmung Werther's ist, ist sie zugleich ein +Gegenstück zu Werther. Es ist die Erzählung von einem jungen Schweden, +Namens Gustav Linar, der von seiner Mutter früh gelernt hat, »die +Tugend zu lieben«, und der fortfährt, sie bis an seinen Tod zu lieben. +Außer der Tugend liebt er zugleich Valérie, aber Valérie ist mit dem +Grafen, seinem Herrn und Ideal, verheirathet, und er selbst ist ein +solcher Inbegriff aller Vollkommenheiten, daß er seine Augen nicht +anders zu ihr erheben kann, als mit einem Respekte, der jedes Verlangen +unmöglich macht. Alexander Stakiew hatte Herrn von Krüdener seine +Gefühle gestanden, Gustav schweigt gänzlich dem Manne gegenüber,<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> +und theilt eben so wenig seiner Geliebten jemals mit, was er leidet. +Er wird von einer unverstandenen und unausgesprochenen Liebe verzehrt, +und da er allzu wohlerzogen ist, um sich todtzuschießen, so stirbt er +an der Schwindsucht. Sein Stil ist folgender: »O mein Freund, welch' +ein Frevel von mir, mich einer Leidenschaft ergeben zu haben, die mich +vernichten muß! Aber ich will wenigstens sterben, indem ich die Tugend +und die heilige Wahrheit liebe, ich will nicht den Himmel wegen meines +Unglücks anklagen, wie es so viele meines Gleichen thun [Welch artiges +Kind!]; ich will, ohne mich zu beklagen, den Schmerz erleiden, an dem +ich selber Schuld bin und den ich liebe, obschon er mich tödtet. Ich +will herantreten, wenn der Ewige mich ruft, mit vielen Fehlern, aber +nicht mit Selbstmord belastet.« (Valérie, Bd. II, S. 63.) Dieser Gustav +ist kein Mann; weibliche Schriftsteller excelliren bekanntlich nicht +darin, Männer zu schildern. Sie lassen Dieselben fast immer in der +Rücksicht auf das Weib aufgehen. Gustav ist, wie gesagt,<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> Skandinav, +aber wir haben keine Ursache, stolz auf diesen Landsmann zu sein, +der sich am wenigsten von Allem durch nordische Kraft auszeichnet. +Die Nationalfarbe in dem Buche beschränkt sich denn auch zumeist auf +die allgemein germanische Sentimentalität, in welche die Schilderung +getaucht ist, und auf eine Anzahl schwedischer Namen, die natürlich +auf das possirlichste falsch buchstabirt sind. So veranstaltet Gustav +für Valérie in Venedig ein Fest, dessen Dekoration sie an ihre +Jugendheimstatt unter Birken und Tannen erinnern soll. Ueberrascht ruft +Valérie bei dem Anblick aus: »<span class="antiqua">Ah! c'est Dronigor</span>«. Mit einiger +Mühe ermittelte ich, das es »Dronninggaard« bedeuten soll. — Besonders +schwedisch kann Gustav nicht genannt werden. Schön in der Schilderung +seines Charakters ist der Schimmer der humanitären Schwärmerei des +ersten Jünglingsalters, welcher über seinen Bekenntnissen liegt. Ist +es nicht schön und tief empfunden, wenn er, welcher beobachtet zu +haben glaubt, daß bei den meisten Menschen auf die Periode der Liebe +die des Ehrgeizes folge, bemerkt, daß der Ruhm, den die Andern sich +wünschen, nicht der sei, welcher ihm als begehrenswerth vorgeschwebt +habe. »Der Ruhm, von dem ich geträumt, beschäftigte sich mit dem Glück +Aller, wie die Liebe sich mit dem Glück eines einzelnen Gegenstandes +beschäftigt. Er war eine Tugend bei Dem, welcher ihn in seinem Herzen +trug, bis die Menschen rings um ihn her ihn Ruhm nannten.« Und er +fügt hinzu: »Was hat der Ruhm gemein mit der kleinlichen Eitelkeit +des großen Haufens, mit der elenden Prätension, Etwas zu sein, weil +man ihm nachjagt?« Ist es nicht seltsam zu denken, daß Dies in dem +Buche steht, dessen Ruf durch solche Mittel bewerkstelligt ward, +welche angewandt wurden, um »Valérie« in Schwung zu bringen? — Gustav +gegenüber ist Valérie mit all dem Reiz ausgestattet, den eine Dame, +welche so leidenschaftlich in sich selbst verliebt war, wie Frau von +Krüdener, ihrem eigenen Konterfei mitzutheilen vermochte. Sie ist ganz +und gar Weib, während der unmännliche Gustav, der selbst die Unvernunft +und Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft einsieht, vollkommen außer +Stande ist, sich seinen Fesseln zu entreißen, dieselben zu zerbrechen +und das Leben eines Mannes zu beginnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> + +<p>So muß er sich denn mit so demüthigenden Aeußerungen seiner Anbetung +begnügen, wie z. B. ein Kind, dem sie erst einen Kuß gegeben hat, an +der Stelle, die von ihren Lippen berührt ward, zu küssen, oder, als sie +auf dem Balle drinnen im Saale ihren bloßen Arm an die Fensterscheibe +lehnt, draußen vor dem Hause stehend das Fensterglas von der anderen +Seite zu küssen, oder endlich ihre Hand zu drücken und den Ring zu +fühlen, den sie von ihrem Manne erhalten hat, oder in ihrer Nähe +ohnmächtig zu werden, so daß sie seine Stirn mit Eau de Cologne +benetzen muß.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es liegt überhaupt ein leichter Parfum von Eau de Cologne über der +ganzen Erzählung. Wie charakteristisch ist es z. B., daß der erste +Dienst, um welchen Valérie Gustav im Vertrauen bittet, der ist, ihr +heimlich etwas <em class="gesperrt">Schminke</em> zu besorgen, da ihr Mann nicht gern +sieht, daß sie sich derselben bedient. Mit dem Eau de Cologne-Duft +vermischt sich ein Duft von Anstand und Respekt, der so stark ist, +daß er Einem fast zuwider wird, und ein überirdischer Charakter des +Gefühls, der albern und unschön ist. Man denke sich z. B., daß Valérie +guter Hoffnung ist, als Gustav's Leidenschaft beginnt, ohne daß dieser +Umstand irgend eine heilende Wirkung auf dieselbe übt, obschon er in +ihrer Nähe lebt, bis ihr Sohn geboren wird. Man schwärmt mit einander +für Ossian und Clarissa Harlowe. Niemals empfindet Gustav die geringste +Spur von Eifersucht auf den Grafen, so wenig wie Dieser eine Spur +von Eifersucht auf ihn. Ja, Gustav stirbt mit der Hand des Grafen +in der seinen. Kurz, die Liebe ist hier so geläutert, so naturlos +und seraphisch, daß sie mit ihrer Gewaltsamkeit auch ihre Poesie +verloren hat. Dies ist, wie mir scheint, von doppeltem psychologischen +Interesse, wenn man weiß, durch eine wie wenig seraphische Existenz +diese Dichterin der Liebe sich dafür vorbereitet hatte, ihren Roman zu +schreiben, und wie gut sie selbst es verstanden hatte, die heilige mit +der profanen Seite der Liebe zu versöhnen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Lamartine und Elvire veranlaßten uns zu dieser Abschweifung. Betrachten +wir nun doch dies Paar und dies Verhältnis.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p> + +<p>Die Gedichte handelten von Liebe, aber von einer so reinen Liebe, +daß sie als <span class="antiqua">une prière à deux</span>, ein Zwiegebet, definirt wurde. +Sie war mit all' der idealen Verklärung ausgemalt, welche der Tod +dem Gegenstande der Liebe verleiht: der Dichter preßt seine Lippen +auf das Crucifix, das seine sterbende Geliebte in ihrem letzten +Augenblicke geküßt hat. Werfen wir nun von den »Meditationen« einen +Blick auf »Rafael«, dasjenige Werk Lamartine's, in welchem er die wahre +Geschichte seiner Liebe geschildert hat, so fällt ein neues Licht auf +diese vielgefeierten Gedichte.</p> + +<p>Elvire oder, wie sie wirklich hieß, Julie ist eine junge, elternlose +Dame, Kreolin, achtundzwanzig Jahre alt, die »einen in der Geschichte +der Wissenschaft berühmten Greis« geheirathet hat, um einen +Beschützer im Leben zu haben, aber ohne in einem andern Verhältnis +zu ihrem Manne zu stehen, als dem, worin eine Tochter zu ihrem Vater +steht. Er ist brustschwach, und leidet an der Schwindsucht. Die +Schwindsuchts-Poesie beginnt in die Mode zu kommen. In Savoyen, in +der Nähe des Bourget-Sees, den Lamartine so schön besungen hat, wo +sie ihrer Gesundheit halber einige Herbstmonate verweilt, trifft sie +den jungen Helden des Buches, Rafael, welcher sich übrigens nur durch +den Namen von seinem Verfasser unterscheidet, der hier all' seine +wirklichen Verhältnisse, ja seine Freunde und Bekannten unter Nennung +ihres vollen Namens geschildert hat. Man kann übrigens nicht sagen, daß +er sich selbst allzu arg in der Schilderung mitgenommen hätte. Es heißt +von Rafael, sein Gefühlsleben sei so zart gewesen, daß seine Kameraden +scherzend von ihm sagten, er leide an Heimweh nach dem Himmel. »Hätte +er den Pinsel geführt, so hätte er die Madonna di Foligno gemalt, und +hätte er den Meißel geführt, so würde er Canova's Psyche modellirt +haben. Als Dichter hätte er Hiob's Klagerufe gegen Jehova, Herminia's +Stanzen in Tasso, Romeo's und Julia's Zwiegespräch im Mondenscheine von +Shakspeare und Lord Byrons' Schilderung von Haydee geschrieben.« Das +war nun glücklicherweise nicht nöthig, da es von Andren geschehen war. +Es läßt sich indessen kaum leugnen, daß er, als er sich später auf dem +einen dieser Felder, nämlich als Dichter, versuchte, doch im Vergleich<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> +mit seinen Vorbildern, deren Leben allerdings nicht wie das seine vor +dem Spiegel verbracht wurde, Manches zu wünschen übrig ließ. Aber sehen +wir ihn lieben, sehen wir, wen und wie er liebt!</p> + +<p>Zuerst einige Präliminarien. Es versteht sich, daß ein Zeitalter, +wie dies, das Erotische nicht ganz ohne Einmischung der Theologie +behandeln kann. Während ein moderner Dichter, wie Turgéniew z. B., +niemals ein Wort an theologische Materien verschwendet, höchstens, +wie in »Eine seltsame Geschichte«, den religiösen Fanatismus als +eine Art des Wahnsinns schildert, läßt ein Dichter wie Lamartine +seine Liebenden einen ganzen theologisch-philosophischen Kursus mit +einander durchmachen. Sie sind verschiedener Ansicht, und sie ist ihm +geistig überlegen; sie scheint auch zwei oder drei Jahre älter gewesen +zu sein, was in diesem Falle sehr Viel bedeutet, besonders da sie +mit einem so viel älteren Manne verheirathet ist; denn es besagt in +Wirklichkeit, daß sie zwei verschiedenen Generationen angehören, sie +dem Revolutions-, er dem Restaurations-Zeitalter. Während in der alten +großen Zeit Faust, wenn er von seinem Gretchen katechisirt wurde, einen +Bekehrungsversuch abwehren und sich bemühen mußte, der Geliebten seinen +Unglauben durch mildernde Umschreibungen zu erklären, ist hier das +Umgekehrte der Fall. Hier ist es Faust, der fruchtlose Versuche machen +muß, sein Gretchen zur Orthodoxie zu bekehren. Elvire sagt (Rafael, S. +55): »Ich, die ich von einem Philosophen erzogen worden bin, und im +Hause meines Mannes inmitten einer Gesellschaft von freien Geistern +lebte, welche sich von den Dogmen und Ceremonien einer Religion, die +sie gestürzt, loßgerissen haben, — ich hege keinen Aberglauben, keine +Geistesschwäche, keinen der Skrupel, welche die Stirn anderer Weiber +unter ein anderes Joch als dasjenige beugen, welches das Gewissen uns +auferlegt.« Ist er es nicht, welcher die Mädchenrolle spielt, wenn er +an einen Geist wie diesen eine Mahnung nach der andern richtet, in den +Mutterschoß des Katholicismus zurück zu kehren? »Ich beschwor sie, in +einer zärtlichen und liebevollen Religion, in Dunkel der Kirchen, im +geheimnisvollen Glauben an jenen Christus, welcher der Gott der Thränen +ist, in Knieen und Gebet die<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> Linderung und die Trostgründe zu suchen, +welche ich selbst in meiner Kindheit darin gefunden hatte.« Es gelingt +Rafael nur halb, die Bekehrung zu vollbringen; indeß ist er mit dem +Resultate zufrieden. Ein strengerer Orthodoxer, als er, würde dasselbe +kaum beruhigend finden. Das Buch stellt die Bewegung in Juliens Innern +so dar, daß es die Liebe ist, welche sie den Glauben an Gott lehrt. +»Es ist ein Gott, sagt sie, es giebt eine ewige Liebe, von welcher +die unsrige nur ein Tropfen ist. Dieser Tropfen strömt zurück in den +göttlichen Ocean, aus dem wir ihn geschöpft haben. Aber dieser Ocean +ist Gott. Ich hab' ihn gesehen, ich hab' ihn gefühlt, ich hab' ihn +verstanden in diesem Augenblicke durch mein Glück ... Ja, fügte sie mit +noch mehr Leidenschaft im Blick und Tone hinzu, mögen die vergänglichen +Namen sterben, mit denen wir früher die Anziehung benannt, die wir zu +einander empfinden. Nur <em class="gesperrt">ein</em> Name ist der Ausdruck dafür, nämlich +Gott, er ist's, der sich mir jetzt in Deinen Augen offenbart hat. +Gott! Gott! Gott! rief sie aus, als habe sie sich eine neue Sprache +lehren wollen. Gott, Das bist Du. Gott, Das ist's, was ich für Dich +bin. Gott, Das sind wir.« Wenn Elvirens Mann, der alte Philosoph, bei +diesen Herzensergießungen zugegen wäre, würde er die Liebenden haben +unterrichten können, daß diese Schwärmerei so weit davon entfernt sei, +christlich zu sein, daß sie vielmehr als reiner Pantheismus bezeichnet +werden müsse. Ich bezweifle nicht, daß er Gemüthsruhe genug dazu gehabt +hätte; denn auch er hegt nicht den geringsten Grad von Eifersucht. +Er weiß, daß Julie und Rafael täglich Briefe wechseln, und kennt die +überirdische Natur ihrer Liebe. Als Rafael nach Paris kommt, sagt er +ihm nur: »Sehen Sie's an, als hätten Sie zwei Freunde in diesem Hause, +statt eines. Julie hätte keine bessere Wahl eines Bruders, noch ich +eines Sohnes treffen können.«</p> + +<p>In gewisser Weise hat er auch keinen rechten Grund zur Eifersucht, +aber Das ist ein Kapitel für sich. Gleich nachdem Rafael zum ersten +Mal seine Liebe gestanden hat, ertheilt Julie ihm eine Antwort, die +für immer die Grenzen ihres Verhältnisses angiebt. Sie sagt: »Ich +glaube nur an einen unsichtbaren Gott, welcher sein Symbol in der +Natur, sein Gesetz in<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> unseren Instinkten, seine Moral in unserer +Vernunft geschrieben hat. Vernunft, Gefühl und Gewissen sind für mich +die einzigen Offenbarungen. Keines dieser drei Orakel meines Lebens +würde mir verbieten, Ihnen anzugehören [Man erinnere sich, daß sie nur +<span class="antiqua">pro forma</span> die Frau eines Andern ist], meine ganze Seele würde +sich Ihnen zu Füßen werfen, wenn Sie nur um diesen Preis glücklich sein +könnten. Aber sollten wir nicht mehr an die Geistigkeit und Ewigkeit +unserer Liebe glauben, wenn sie in der Höhe des reinen Gedankens, in +Regionen verbleibt, welche der Veränderung und dem Tode unzugänglich +sind, als wenn sie sich selbst herabwürdigt und profanirt, indem sie +zur verächtlichen Region der vulgären Sinne hinabsteigt?« Es ist, +wie man sieht, die Theorie der sogenannten platonischen Liebe, von +welcher Plato nie etwas gewußt hat, und welche unsere Zeit nicht +sonderlich zu bewundern pflegt. Als die religiöse Reaktion in Dänemark +beginnt, docirt Ingemann sie in seinen Jugendwerken. Ob Julie sie +ausgesprochen hat, oder sie nicht viel mehr Lamartine zu verdanken +ist, der sie in all' seinen früheren Liebesverhältnissen praktisirt +hat, mag dahin gestellt sein. Wir kennen dieselben alle, denn er, +der nach seiner eigenen Behauptung immer in so hohem Grade Herr über +sein Herz und seine Sinne gewesen ist, ist es sehr wenig über seine +Feder gewesen. Wir wissen daher aus seinen »Konfessionen«, wie er +bei Frostwetter seine Rendezvous mit der schönen sechzehnjährigen +Lucie hatte und kalt wie die Winternacht war; wir erinnern uns des +Satzes aus »Graziella«: »Wir schliefen zwei Schritte von einander, +ich war durch meine kalte Gleichgültigkeit beschützt«. Allein, ist +es ungewiß, ob Julie die Theorie ausgesprochen hat, so tragen ihre +folgenden Worte ganz das Gepräge der Echtheit. Sie fügt hocherröthend +hinzu, daß das Opfer, welches sie von ihm fordere, nothwendig sei, aus +Gesundheitsrücksichten, wegen einer ärztlichen Vorschrift, sie würde +als ein Schatten, als eine Leiche aus seinen Armen hervorgehn: »Dies +Opfer würde nicht allein das Opfer meiner Würde, sondern auch das Opfer +meiner Existenz sein«.</p> + +<p>Es läßt sich nicht leugnen, daß dieser letzte Passus in +seltsamem Widerspruche zu dem Vorhergehenden steht, und daß<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> das +spiritualistische Verhältnis durch diese überaus materialistische +Motivirung ein gut Theil seines überirdischen Charakters verliert. Es +ist einem zu Muthe, als sei man aus dem siebenten Himmel herabgestiegen +und fühle wieder festen Grund unter den Füßen. Dann folgen Scenen, wie +in »Valérie«, Selbstmordspläne, die nicht ausgeführt werden, Nächte, +in zärtlichen Gesprächen verbracht, während Jedes sich auf der andern +Seite einer verschlossenen Eichenthür befindet. Das Peinliche, das +Anstößige und Unnatürliche liegt nur in der besonderen Aufmerksamkeit, +welche in dieser Liebesgeschichte wieder unablässig darauf gerichtet +ist, daß die Liebenden ihren Gelübden treu bleiben, und daß kein +reelles Liebesverhältnis zwischen ihnen zuwege kommt. Ein einziges Mal, +als wirklich Gefahr droht, erscheint — wer? kein Anderer, als der +ehrwürdige Greis, Herr Bonald, dessen Theorien vom Weibe und von der +Ehe wir kennen, gerade im entscheidenden Augenblick zum Besuche bei +Julien um zwölf Uhr Nachts, und erlebt solchermaßen nicht die Trauer, +seine Schüler als Rebellen wider die Ordnung zu erblicken. So oft Julie +Rafael beklagt, antwortet er resignirt mit Aeußerungen, in welchen er +sie und sich mit Abélard und Héloise vergleicht: »Habe ich je etwas +Anderes zu begehren geschienen, als dies Leiden mit Dir theilen zu +dürfen? Macht es uns Beide nicht zu freiwilligen und reinen Opfern? Ist +dies nicht das ewige Brandopfer der Liebe, das von Héloisens Zeit bis +auf die unsrige vielleicht niemals den Engeln zur Schau geboten ward?«</p> + +<p>Wenn man, nachdem man »Rafael« studirt hat, wieder Lamartine's +Meditationen an Elvire liest, so hat man einen neuen Schlüssel zum +Verständnis des Abstrakten und Vaguen dieser poetischen Liebe, die +platonisch auf Vorschrift des Arztes ist, während sie sich gebahrt, als +existire die Körperwelt nicht für sie. Nur muß man von den Meditationen +an Elvire diejenigen abziehen, welche postdatirt, und welche in einem +ganz anderen Tone, der an das achtzehnte Jahrhundert gemahnt, in +früheren Stadien von Lamartine's Leben geschrieben sind, wie z. B. die +Meditation »An Elvire«, die in Wirklichkeit an Graziella gerichtet ist, +ferner »Sappho« und mehrere andere.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p> + +<p>Hiemit sei es genug der Beispiele; ziehen wir jetzt das Resultat, und +sehen, was wir gefunden haben. Wir nahmen ein ganz einzelnes Gefühl, +aber eins von denen, welche jede Literaturgruppe darzustellen sucht, +und welche jede in eigenthümlicher Form darstellt, und prüften an +einer Anzahl verschiedener Punkte kritisch die Schilderung desselben, +um zu sehen, wie es wiedergegeben sei. Was fanden wir? Wir fanden +hier, wie auf allen anderen Gebieten, die wir untersucht haben, die +Naturseite des Lebens geleugnet oder versteckt oder angeschwärzt oder +als Etwas, dessen man sich schämen müsse, dargestellt. Chateaubriand +und Frau von Krüdener suchen Fälle auf, in welchen die Liebe als +verbrecherisch und sündig erscheint, und schildern dann bald das +Geheul der Geister darüber, daß der Held erliegt, bald den Jubel +der Throne und Fürstenthümer darüber, daß das Entsetzliche nicht +geschieht. De Vigny läßt Satan wie Eros, d. h. Eros wie Satan reden. +Lamartine setzt die Liebe als seraphisch, als befreit vom Verlangen +der Zeitlichkeit, in seinen Dichtungen auf den Thron, schildert sie +aber später in »Rafael«, wie sie in Wirklichkeit war, als platonisch +wider Willen, was jedoch das Verdienst der Liebenden erhöht und den +Engeln ein Brandopfer gewährt, wie sie es seit den Tagen des armen +Abélard so süß nicht gerochen. Unter alle Diesem dann ein Unterstrom +von Heuchelei. Eudorus, der sich so untröstlich über Velleda's +Leidenschaft gebärdet, fühlt sich heimlich dadurch geschmeichelt, daß +sie sich ihren weißen Hals um seinetwillen durchschnitten hat. Er +beweint seinen Sündenfall in Ausdrücken, als fühlte er sich versucht, +denselben nochmals zu wiederholen. Die Verfasserin der »Valérie« +bringt die sittliche Reinheit ihrer Heldin zu Markte und deklamirt von +Keuschheit und Entsagung in allen Journalen, während sie zu der Zeit, +wo das Buch erscheint, ganz besonders ungeeignet ist, eine Lehrerin der +Moral abzugeben. Lamartine hat privatim eine andere Erklärung seines +Verhältnisses zu Elvire, als die, welche das Publikum sich nach der +ätherischen Schwärmerei der »Meditationen« nothwendig bilden mußte.</p> + +<p>Man ging hier, wie überall, darauf aus, übernatürlich zu sein, +und erreichte bei diesem Bestreben nur, daß man die<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Natur bald +verstümmelte, bald wegleugnete.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>[<span class="antiqua">Lamartine</span>: <span class="antiqua">Méditations poétiques.</span> <span class="antiqua">Nouvelles +méditations poétiques.</span> <span class="antiqua">Graziella.</span> <span class="antiqua">Raphael.</span> <span class="antiqua">Les +confidences.</span> <span class="antiqua">Confessions.</span> — <span class="antiqua">Mme. de Krüdener</span>: +<span class="antiqua">Valérie.</span> — <span class="antiqua">Chateaubriand</span>: <span class="antiqua">Les martyrs</span>, besonders +Buch IX und X. — <span class="antiqua">Nettement</span>: <span class="antiqua">Histoire de la littérature +française sous la Restauration</span>.]</p> +</div> + +<h3>8.</h3> + +<p>Unter den ungünstigsten Auspicien dieser Ideen errang auch der +Dichter, welcher der größte Frankreichs in diesem Jahrhundert werden +sollte, sich zuerst einen Namen. Die Macht des Zeitgeistes reißt ihn +fort von der gewaltsamen, fast an die vorshakspearischen Dichter +erinnernden Manier seiner frühesten Romane (Bug Jargal, Han d'Islande), +und er beginnt seine poetische Laufbahn als klerikaler Royalist in +demselben christlich-monarchischen Geiste, wie Lamartine. Es macht +einen sonderbaren Eindruck auf das jüngere Geschlecht, das in der +Begeisterung für Victor Hugo als das literarisch-revolutionäre Haupt +des Romantismus und als den großen verbannten Republikaner aufgewachsen +ist, und Strophen aus den »Orientalen« und aus den in rein ästhetischer +Hinsicht lange nicht nach Gebühr bewunderten »<span class="antiqua">Châtiments</span>« auf +den Lippen und im Herzen trägt, auch ihn in diesem Lager zu treffen und +die Losung und das Stichwort desselben in seinen ersten Jugendpoesien +wiederzufinden. Nicht daß das Wechseln des Standpunktes ihm irgendwie +zur Schande gereichte, nicht daß es, wie Unverstand und niedrige +Gesinnung so oft haben insinuiren wollen, unreine oder nur zufällige +Motive gehabt hätte. Hugo's Leben bezeichnet die historische Bewegung, +welche die französische Literatur überhaupt in der ersten Hälfte des +Jahrhunderts unternommen hat.</p> + +<p>Er hat sich selbst auf befriedigendste Weise in der letzten Vorrede +zu seinen »Oden und Balladen« darüber ausgesprochen. Er sagt: »Die +Geschichte verfällt gern in Ekstase über Michel<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Ney, der, ein +geborener Böttcher, Marschall von Frankreich, und über Murat, der, ein +geborener Stalljunge, König ward. Daß ihr Ausgangspunkt so dunkel war, +wird als ein Anspruch mehr auf Achtung angesehen und erhöht den Glanz +des Punktes, welchen sie erreicht haben. Von allen Treppen, die vom +Dunkel zum Licht führen, ist die schwierigste und verdienstvollste zu +erklimmen, sicherlich die, geborener Aristokrat und Royalist zu sein +und Demokrat zu werden. Aus einer ärmlichen Hütte zu einem Palaste +empor zu steigen, ist selten und schön, wenn man will; vom Irrthume +zur Wahrheit empor zu steigen, ist seltener und schöner. Bei dem +ersterwähnten Emporsteigen hat man bei jedem Schritte, den man gethan, +Etwas gewonnen und sein Wohlbefinden, seine Macht, seinen Reichthum +vermehrt; bei dem anderen Emporsteigen ist das Entgegengesetzte der +Fall, ... da muß man beständig mit materiellen Opfern sein geistiges +Wachsthum bezahlen, ... und wenn es wahr ist, daß Murat mit einigem +Stolz seine Postillonspeitsche neben sein königliches Scepter legen +und sagen konnte: »Damit hab' ich begonnen«, so darf man gewiß mit +einem billigeren Stolze und mit größerer innerer Befriedigung auf die +royalistischen Oden deuten, die man als Knabe und Jüngling geschrieben +hat, und sie neben die demokratischen Gedichte und Werke legen, die man +als erwachsener Mann verfaßt hat. Dieser Stolz ist vielleicht besonders +berechtigt, wenn man, nachdem das Emporsteigen zu Ende war, auf der +höchsten Stufe der Treppe des Lichts die Verbannung aus dem Vaterlande +gefunden hat, und wenn man diese Vorrede aus dem Exil datiren kann«.</p> + +<p>Studiren wir denn in diesen ersten Oden Victor Hugo's weniger den +Dichter, als das Zeitalter, in welchem sie entstanden. Sie erstrecken +sich über die ganze Geschichte Frankreichs von 1789 bis gegen 1825 +und enthalten das ganze System von Gesichtspunkten, welches unter der +Restauration das officielle war. In denjenigen von ihnen, welche die +Restauration behandeln, kommen, wie in den entsprechenden Gedichten +Lamartine's, zwei Worte häufiger als alle andern vor, die Worte: +<em class="gesperrt">Henker</em> und <em class="gesperrt">Opfer</em>. Man sieht in der Geschichte der +Revolution nichts Anderes. Für die leitenden<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Geister der Revolution +giebt es nur <em class="gesperrt">eine</em> Bezeichnung: <em class="gesperrt">Henker</em>, der Konvent wird +eine Schöpfung des Teufels genannt (Buch I, Ode 4), und wie wenig +Hugo sonst auch die heidnische Mythologie liebt, kann er doch nicht +die »Hydra« der Anarchie entbehren, wenn es gilt, die Schwärze der +Revolutionszustände zu schildern. Für die Feinde der Revolution dagegen +ist die Bezeichnung <em class="gesperrt">Opfer</em> die stehende, der Aufstand in der +Vendée wird in jedem zweiten dieser Gedichte verherrlicht, und seinen +Helden und Heldinnen sind ganze Oden gewidmet (z. B. <span class="antiqua">La Vendée</span>, +<span class="antiqua">Quiberon</span>, <span class="antiqua">Mlle. Sombreuil</span>). Das Schafott schwebt +beständig der Phantasie des Dichters vor und ist der stete Gegenstand +seiner Verwünschungen, wenn er nicht selbst, wie in der Ode »<span class="antiqua">Le +Dévouement</span>« (Buch IV, Ode 4), sich hinreißen läßt, in eigner Person +das Martyrium zu wünschen, »da der Engel des Märtyrers der schönste der +Engel ist, welche die Seelen zum Himmel geleiten.« In Chateaubriand's +Spuren geht Hugo dann zu den christlichen Märtyrern des römischen +Alterthums zurück und schildert in nicht weniger als vier Oden (<span class="antiqua">Le +repas libre</span>, <span class="antiqua">l'homme heureux</span>, <span class="antiqua">Le chant du Cirque</span>, +<span class="antiqua">Un chant de fête de Néron</span>) die qualvollen Triumphe der Märtyrer +über die rohe und wollüstige Grausamkeit, welcher sie äußerlich +unterliegen, und die Symbolik ist hier dieselbe, wie bei Chateaubriand. +Es ist der rechtgläubige Adlige und Priester, dessen Tod auf dem +Schlachtfelde oder der Guillotine bildlich dargestellt wird unter +der Form der Metzeleien im antiken Cirkus. Zu den schönsten dieser +Gedichte gehört dasjenige, welches eine kleine Schaar schuldloser +junger Mädchen besingt, die nach jahrelanger Einkerkerung ohne Gesetz +und Urtheil während des Schreckensregiments hingerichtet wurden auf +Grund des höchst oberflächlichen Verdachtes, beim Einrücken der Preußen +in ihre Stadt Freude bezeigt zu haben (<span class="antiqua">Les vierges de Verdun</span>). +Hugo sucht das Tribunal des Konvents schwärzer als nöthig zu malen, +indem er dem Ankläger Fouquier Tinville eine unreine Neigung für seine +Opfer andichtet und ihn denselben verletzende Anträge machen läßt; +aber auch ohne unhistorische Zusätze war der Tod dieser jungen Mädchen +so empörend, ihr Schicksal so tragisch und ihr Benehmen so anmuthig +und würdevoll, daß sie wohl ein poetisches Denkmal,<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> ja ein noch +besseres als das verdient hätten, welches Hugo ihnen errichtete<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a>. +Aber ist das Pathos des Dichters nun auch vollständig berechtigt in +einem Falle wie diesem, wo die Revolution der Jugend und Unschuld +gegenüber von ihrer finstern und ungerechten Seite erschien, so wird +dasselbe widerwärtig und falsch, sobald seine Doktrinen mit ins Spiel +kommen. Der Ton, in welchem er vom Königthum und der Königsherrlichkeit +redet, ist wahrhaft unleidlich. In der Ode »Ludwig XVII.« fordert Gott +die Seraphim, Propheten und Erzengel auf, sich vor dem neugeborenen +Thronfolger zu verneigen: »<span class="antiqua">Courbez-vous, c'est un Roi!</span>« — ja, +nicht genug damit, redet Gott selbst ihn bei seinem Titel, nicht bei +seinem Namen an: »<span class="antiqua">O Roi!</span>« und erinnert ihn daran, daß Gottes +eingeborener Sohn ein König mit einer Dornenkrone, wie er, gewesen sei. +In dem Gedichte bei Anlaß der Taufe des Grafen von Chambord heißt es +noch stärker: »Gott hat uns einen seiner Engel gegeben, <em class="gesperrt">wie er in +alten Tagen uns seinen Sohn gab</em>,« und es wird daran erinnert, daß +das Wasser aus dem Jordanflusse, welches Chateaubriand mit heimgebracht +hat, und mit welchem das Kind getauft wird, dasselbe sei, mit dem +Christus getauft wurde; der Himmel hat, heißt es, gewollt, »daß die +beruhigte Welt schon an dem Taufwasser einen <em class="gesperrt">Heiland</em> erkennen +solle.« In dem Gedichte »Die Vision« wird endlich das achtzehnte +Jahrhundert vor Gottes Richterstuhl geladen, wird angeklagt, weil es, +»stolz auf seine Wissenschaften, die Dogmen verlacht hat, welche die +Gesetze und die guten Sitten bewahren,« und als es eine schüchterne +Hoffnung ausspricht, daß die Zukunft es in ein milderes Licht stellen +werde, wird das Verdammungsurtheil über dasselbe gesprochen, und das +schuldige Jahrhundert wird in den Abgrund geschleudert, noch bei seinem +Sturze von der unerbittlichen Stimme des Richters verfolgt.</p> + +<p>Die Urtheile über Napoleon, welcher Buonaparte genannt wird, +entsprechen dem Standpunkte, unter welchem die Revolution<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> erblickt +wird; er ist der Despot, der blutige Soldat, welcher Enghien ermordet +hat, und aber- und abermals wird mit Anspielung auf das Wappen der +Bourbons wiederholt, daß »Lilien besser als Lorbeern sind«. Als Freund +Enghien's und vertriebener Königssohn wird der Sohn Gustav's IV. Adolf +verherrlicht, der als vertriebener Repräsentant der gefallenen Throne +während der Restauration in Frankreich lebte (Buch III, Ode 5). Endlich +werden natürlich die Bourbonen selbst bis zu den Wolken erhoben. Alle +ihre Familienereignisse (Geburt, Taufe, Tod, Thronbesteigung, Salbung +eines Bourbons) werden als welterschütternde Begebenheiten behandelt. +Bei Gelegenheit des verwerflichen Krieges, den Frankreich im Dienste +der europäischen Reaktion und unter Chateaubriand's Einflusse in +Spanien führte, wird die Königsmacht nicht allein an und für sich +als ein Wunder verherrlicht, sondern der König wird ausdrücklich als +Kriegsherr geschildert, der sich auf die Macht des Schwertes stütze, +und es heißt, daß die Königsmacht unvermeidlich den Krieg zum Begleiter +habe:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Il faut comme un soldat, qu'un prince ait une épée</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Il faut des factions quand l'astre impur a lui</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Que nuit et jour, bravant leur attente trompée</span>,</div> + <div class="verse indent8"><span class="antiqua">Un glaive veille auprès de lui</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Ou que de son armée il se fasse un cortége</span>,</div> + <div class="verse indent8"><span class="antiqua">Que son fier palais se protége</span></div> + <div class="verse indent8"><span class="antiqua">D'un camp au front étincelant</span>;</div> + <div class="verse indent2"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Car de la Royauté la Guerre est la compagne</span></em>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On ne peut te briser, sceptre de Charlemagne</span>,</div> + <div class="verse indent8"><span class="antiqua">Sans briser le fer de Roland!</span></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß all' diese Oden Mottos aus der +Bibel, aus religiösen Gedichten, vor Allem aber aus Chateaubriand's +»Märtyrern« haben, welch' letztere Komposition ihre Zeit so stark +beherrscht, daß die jüngeren Dichter sogar eine Ehre darin setzen, +ganze Seiten daraus in Verse zu bringen (vgl. z. B. <span class="antiqua">Emile +Deschamps</span>: <span class="antiqua">Poésies</span>, Ausgabe von 1841, Seite 124, »<span class="antiqua">Une +page des martyrs</span>«, »<span class="antiqua">Autre</span>« <span class="antiqua">etc.</span>). Und wie Lamartine +seine Ode »Das Genie« an Bonald richtete, so widmet Hugo Chateaubriand +eine Ode gleichen Titels, worin es von ihm heißt, daß er »das doppelte +Martyrium des Genies und der Tugend« erleide. An Lamartine<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> sind +mehrere Gedichte gerichtet — Hugo schreibt, er wolle auf demselben +Streitwagen wie Dieser stehen, Lamartine solle die Lanze führen, +er wolle die Rosse lenken, — und diese Gedichte gehören zu den +interessantesten, theils weil sie außerordentlich schön sind und von +Hugo's zugleich ehrerbietigem und brüderlichem Verhältnisse zu dem +älteren Dichter zeugen, theils weil in ihnen neben den religiösen und +socialen Erscheinungen <em class="gesperrt">ästhetische</em> Gesichtspunkte hervortreten. +In all' diesen Gedichten zeigt sich, wie ernsthaft der junge Dichter +seinen Beruf aufgefaßt hat. Dieser Beruf wird überall als der des +Propheten bezeichnet. Ein Seher, ein Völkerhirt ist der Dichter, ja, +von Lamartine heißt es, man sollte glauben, Gott habe sich ihm von +Angesicht zu Angesicht offenbart. Aber in den Gedichten an Letzteren +sieht man am schärfsten, wie Hugo die Stellung und das Verhältnis +der neuen Poesie zu derjenigen des achtzehnten Jahrhunderts auffaßt. +Diese seine Auffassung hat eine überraschende Analogie mit der Art und +Weise, in welcher zu Anfang dieses Jahrhunderts Oehlenschläger und +seine Freunde ihre Stellung Baggesen gegenüber auffaßten. Man lese z. +B. das Gedicht »Die Lyra und die Harfe« (Buch IV, Ode 2). Die Lyra +bezeichnet die leichtsinnige und leichtfertige Poesie der vergangenen +Epoche, welche zum Lebensgenuß auffordert, Jupiter, Mars, Apollo und +Eros besingt und einen geistigen Epikuräismus lehrt; in den Tönen der +Harfe dagegen klingt die Ermahnung, zu wachen und zu beten, an den +Ernst des Lebens und an den Tod zu denken, seinen wankenden Bruder +zu unterstützen und ihm zu helfen. Das Gedicht ist »<span class="antiqua">M. Alph. de +L.</span>« gewidmet; schon das Wort Harfe mußte den Gedanken auf Lamartine +hinlenken. Man sieht hier in künstlerischen Formen und mit größerer +Bildung dieselbe geistige Bewegung, welche sich bei uns in Grundtvig's +frühesten Gedichten offenbart.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Aber diese Opposition wider die Vergangenheit führt uns zu einem +Punkte, bei dem wir etwas verweilen müssen, nämlich zu der Stellung +der neuen Schule zum Autoritätsprincip in der <em class="gesperrt">Literatur</em>, die ja +gerade Respekt für die Vergangenheit, für ihre Männer und ihre Formen +forderte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p> + +<p>Ich habe an früherer Stelle (Band I, S. 19.) bemerkt, daß die große +politische und sociale Revolution der Franzosen sich nicht auf die +schriftstellerische <em class="gesperrt">Form</em> erstreckt habe. Was die Formen der +Literatur betrifft, so war dort keine Nothwendigkeit vorhanden, das +Autoritätsprincip wieder aufzurichten; denn es war dort niemals +gestürzt worden. In keiner Beziehung sind die Franzosen weniger +revolutionär, als auf dem literarischen Gebiete. Die französische +Akademie ist die einzige Institution im Lande, welche sich von +Richelieu's bis auf unsere Tage erhalten hat, und sie hat sich mit +demselben Namen und demselben Zweck, ja mit derselben Mitgliederzahl +erhalten. In der Literatur hieß das Autoritätsprincip die Klassicität, +und weit entfernt davon, durch die Revolution geschwächt zu werden, +hatte die Klassicität vielmehr neue Stärke während derselben gewonnen. +Die Revolution ist eine klassisch-französische Tragödie. Wie alle +andern französischen Trauerspiele, drapirt sie ihre Helden nach +griechischer und römischer Art; Dieselben ahmen in Stil und Sprache die +Republikaner der römischen Vorzeit nach, und es sind, charakteristisch +genug, die literarisch entwickeltsten und gebildetsten Helden der +Revolution, die Girondisten, welche das antike »Du« und die antike +Benennung »Bürger« wieder aufnehmen. Der Jakobiner stammt in direkter +Linie von Corneille und Racine ab: derselbe Toga-Stil, derselbe +oratorische Schwung, dieselbe Vorliebe für das Lakonische und Erhabene. +Der Jakobiner ist, wie er irgendwo, ich glaube, in einem französischen +Zeitungsartikel, scherzweise genannt worden ist, »ein klassisches +Thier«. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher Cromwell's Soldaten +sich in alte Hebräer verwandelten, ihre Namen annahmen und ihre Psalmen +sangen, schufen die Franzosen der Revolutionszeit sich in antike Römer +um, und wenn der Jakobiner David, Robespierre's intimer Freund, seinen +Platz in der gesetzgebenden Versammlung verließ, um auf der Leinwand +die Horatier oder Brutus darzustellen, welche 1791 ausgestellt wurden, +so konnte er ohne Weiteres seine Umgebungen als Modell benutzen; er +brauchte als Maler keinen Schritt aus seiner Zeit herauszugehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p> + +<p>Ganz wie die klassische französische Tragödie, als sie entstand, +es verschmähte, auf dem eigenen historischen Grunde des Landes zu +bauen, und durch einen Bruch mit der ganzen historischen Tradition +Frankreichs ihre Scene nach dem fernen Rom in dem fernen, abstrakt +aufgefaßten Alterthume verlegte, so hatte die Revolution ohne Rücksicht +auf die gegebenen historischen Voraussetzungen, auf Frankreich, wie +es war und vorlag, das ferne, abstrakt aufgefaßte Alterthum und +dessen unter so ganz andern Verhältnissen entstandene Republiken +zum unmittelbaren Muster genommen. Die neuen Gracchen und Horatier +kopirten die alten. Madame Roland's Briefe an Buzot haben, wie oft +bemerkt worden ist, eine römische Hoheit in ihrem Stile. Die Damen +des Direktoriums nahmen, selbst in ihrer Tracht, bald Cornelia, bald +Aspasia zum Muster. In Napoleon's ersten Briefen an Josephine fühlt +man die sprachliche Einwirkung römischer Vorbilder, und selbst als +er keines Vorbildes mehr bedarf, ist seine Ausdrucksweise klassisch, +wie sein Profil. Auch sein Geschmack war klassisch: man kennt seine +Vorliebe für »die Regeln« und für Corneille. Selbst die Schriftsteller, +welche unter seiner Regierung, wie Raynouard, einen Anlauf zu einer +Art von Opposition nehmen, halten sich streng an die klassische Spur. +Wer Werner's »Söhne des Thales« mit seinen »<span class="antiqua">Les templiers</span>« +vergleicht, wird erstaunen, wie verschiedenartig ein und derselbe Stoff +aufgefaßt werden kann. Eben so mystisch und unverständlich, ebenso +überspannt und phantastisch, wie der deutsche Dichter in der Behandlung +seines Gegenstandes ist, ebenso ordentlich und regelrecht ist der +französische mit seinen reglementirten Alexandrinern, seinem König und +seiner Königin, seinen fünf Akten und seinen drei Einheiten. Das Stück +ist eine Art von Proceß zwischen Staat und Kirche; der König plaidirt +ganz regelrecht seine Sache, die Tempelherren dann ganz regelrecht die +ihrige, worauf sie ganz regelrecht verbrannt werden — regelrecht, denn +wir sehen selbstverständlich so Wenig, wie möglich, davon und von Dem, +was ihm vorausgeht, und hören es nur in einem der langen Schlußberichte +mittheilen, welche schon bei Euripides die Katastrophe enthalten. Und +die Versform ist hier noch dieselbe, welche von jenem<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Unheilstifter +Boileau dekretirt wurde. Der Sinn des Satzes, welcher durch die Cäsur +in zwei Hälften getheilt wird, endigt mit dem Verse, und die Verse +gleichen einander, wie eine Dreierbretzel einer andern Dreierbretzel +gleicht. Sie haben weder Harmonie, noch Fluß, noch Rhythmus, noch +Reim; denn »<span class="antiqua">l'armes</span>« und »<span class="antiqua">armes</span>«, »<span class="antiqua">époux</span>« und +»<span class="antiqua">coups</span>«, »<span class="antiqua">souffrir</span>« und »<span class="antiqua">mourir</span>« sind keine +Reime. Die Verse sind wirbellose Weichthiere, und haben auch das mit +den Weichthieren gemein, daß sie, wenn man sie mittendurch schneidet, +dadurch kaum minder lebendig erscheinen.</p> + +<p>Einige der hervorragendsten Prosa-Schriftsteller haben denn auch in +ihrer Form eine vollständige Aehnlichkeit mit ihren verhaßtesten +Gegnern. Bonald's kalte, demonstrirende Sprachform, seine Sucht, +Alles auf Formeln zurückführen zu wollen, seine Prätensionen einer +mathematisch sichern Beweisführung kennzeichnen ihn deutlich genug als +ein Kind desselben achtzehnten Jahrhunderts, das Condillac erzogen +hat, und als Produkt desselben Zeitgeistes, den er bekämpfen wollte. +Der Unterschied ist nur, daß Condillac eben so klar und logisch, +wie Bonald willkürlich und inkonsequent ist. Aber sowohl diese +Prosa, wie jene Poesie hat einen gemeinsamen Charakterzug, welcher +die ganze Form beherrscht, nämlich das <em class="gesperrt">Raisonnement</em>. Gegen +diesen Herrscher macht die Literatur zum ersten Male Revolution durch +Frau von Staël's Stimmungsstil und Chateaubriand's farbige Prosa. +Stimmung und Farbe, Das waren die zwei großen Verbannten, welche +lange fern gewesen waren und erst jetzt zurückkehrten. Und seltsam +genug gelangt Chateaubriand nicht nur durch sein Talent, sondern +selbst durch sein System dazu, sich wider das Autoritätsprincip in +der Literatur zu empören, das Princip, welches er eben durch die +Literatur zur Geltung bringen wollte. Denn seit der Zeit Ludwig's XIV. +hatte die Poesie ihre Inspirationen im heidnischen Alterthum und der +heidnischen Mythologie gesucht, und dies Heidenthum war hier klassisch +geworden. Jetzt dagegen forderte er die Dichter auf, ihre eigenen und +die Augen und Ohren ihrer Landsleute für die ganz entgegengesetzte +Poesie des Christenthumes zu öffnen, und kam solchermaßen <em class="gesperrt">von +wegen der religiösen Ueberlieferung<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> in Streit mit der literarischen +Tradition</em>. Er ist zu gleicher Zeit neu durch seine literarischen +Principien und veraltet durch seine socialen und politischen Ideen, +eine Gestalt mit einem Doppelantlitz, bei der alle modernen Stimmungen +in poetischem Ausdruck hervorbrechen unter einer unbeweglichen Maske +des Respekts vor allen officiellen Autoritäten der Vergangenheit. +Besonders durch seine Form ist er ein Romantiker vor der Romantik. Als +daher zuerst Lamartine, dann Hugo nach seinem Beispiele die heidnische +Mythologie verlassen und ihren Stoff aus der christlichen entnehmen, +steht die Mitwelt ihnen eine Zeitlang zweifelnd gegenüber, ungewiß, +ob sie in diesen Bestrebungen, die Heiligkeit der Religion auf neuen +Wegen geltend zu machen, einen konservativen oder einen jeder Regel +trotzenden Geist erblicken soll, bis endlich nach und nach der Keim zu +einer Umstürzung des Autoritätsprincips, welcher in dem literarischen +Ausgangspunkte lag, sich so kräftig entfaltet, daß die neue Schule ganz +ihre Physiognomie verändert.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es ist interessant, die Entwicklungsstadien in Victor Hugo's +verschiedenen Vorreden zu seinen Oden zu verfolgen. In der ersten (von +1822) erklärt der junge Dichter in wenigen Zeilen, daß wahre Poesie nur +von den monarchischen Ideen und dem religiösen Glauben aus beurtheilt +werden kann. Erst das neue Jahrhundert, meint er, hat der Welt die +Wahrheit offenbart, daß die Poesie <em class="gesperrt">nicht auf der Form der Ideen, +sondern auf den Ideen selber</em> beruhe. In der zweiten Ausgabe (vom +selben Jahre) entwickelt er dann weiter, daß es gelte, die verblichenen +und falschen Farben der heidnischen Mythologie durch die neuen und +wahren Farben der christlichen Theogonie zu ersetzen. Es gilt, die Ode +die strenge, tröstende und religiöse Sprache reden zu lassen, deren +eine alte Gesellschaft, welche taumelnd »die Orgien des Atheismus und +der Anarchie« verläßt, so dringend bedarf.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Was er aber besonders wünscht, ist, daß man ihm nicht die Prätension +zutraue, »<em class="gesperrt">eine Bahn brechen oder eine Kunstform schaffen zu +wollen</em>.« In der Vorrede von 1824 wird dieselbe Versicherung in +höchst bezeichnenden Ausdrücken<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> wiederholt, aber man fühlt, daß der +junge Dichter einer Kritik gegenübersteht, welche mißtrauisch seinen +Weg verfolgt, und daß das Stichwort »romantisch« als gleichbedeutend +mit Uebertreter der Regeln der Klassicität schon ihm zum Vorwurfe +gemacht worden ist. Er bemüht sich eifrig, seine literarische +Orthodoxie darzuthun: Was man bedürfe, sei nicht Neuheit, sondern +Wahrheit. Dies Bedürfnis will er befriedigen. Der Geschmack, »welcher +Nichts anders ist, als die <em class="gesperrt">Autorität</em> in der Literatur«, zeigt +ihm jedoch gerade, daß Werke, welche wahr in Betreff des Inhalts sind, +auch wahr sein müssen in Betreff der Form. Hiebei gelangt er zu dem +Begehren von »Lokalfarben«, welchem die klassischen Schriftsteller nur +unzureichend genügt haben.<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> Uebrigens müsse man selbstverständlich +die Regeln, welche Boileau der Sprache auferlegt habe, +»<em class="gesperrt">religiös</em>« befolgen. — Vom Dichter lehrt er, daß er den Völkern +wie eine Lichtsäule voranschreiten und sie zu den großen Principien der +<em class="gesperrt">Ordnung</em>, Moral und Ehre <em class="gesperrt">zurück</em> führen müsse. Der Mangel +im Jahrhundert Ludwig's des »Großen« sei der, daß die Schriftsteller +damals nicht das Christenthum statt der heidnischen Götter anriefen. +Hätten sie es gethan, so würde, meint er naiv, »der Triumph der +sophistischen Schriften« im achtzehnten Jahrhundert weit schwieriger +gewesen sein. Was würde aus der Philosophie geworden sein, wenn Gottes +Sache vom Genie, statt, wie jetzt, nur von der Tugend vertheidigt +worden wäre! Er verwahrt sich aus allen Kräften gegen die Bezeichnung +»romantisch«. Er bekennt, daß er für sein Theil »völlig unwissend +darüber sei, was man unter klassischer und romantischer Kunstform +verstehe,« und im Gegensatz zu all' dem Geschwätze, das zu jener Zeit +darüber vorgebracht wurde, erklärt er die ganze Eintheilung für leer +und bedeutungslos mit den gesunden Worten: »Es ist anerkannt, daß jede +Literatur ein stärkeres oder schwächeres Gepräge von dem Klima, den +Sitten und der Geschichte des Volkes empfängt, dessen Ausdruck sie +ist. David, Homer, Virgil, Tasso, Milton und Corneille, diese<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Männer, +von welchem jeder eine Poesie und ein Volk repräsentirt, haben Nichts +anders mit einander gemein, als das Genie«, lassen sich folglich nicht +in klassische und romantische Geister eintheilen. Er widerspricht der +Aeußerung, daß die literarische Revolution (augenscheinlich diejenige +Chateaubriand's) ein Resultat der politischen Revolution sei. »Die +gegenwärtige Literatur kann zum Theil das Resultat der Revolution sein, +ohne deshalb ihr Ausdruck zu sein. Die Gesellschaft der Revolutionszeit +hat ihre Literatur gehabt, <em class="gesperrt">so unschön und thöricht sie ist</em>. +Jene Literatur und jene Gesellschaft sind mit einander gestorben und +werden nicht wieder aufleben. Die <em class="gesperrt">Ordnung</em> wird von allen Seiten +her in den Institutionen wiedergeboren, sie wird gleichfalls in der +Literatur wiedergeboren ... Wie die Revolution von schriftstellerischen +Erzeugnissen ausging, so ist die gegenwärtige Literatur <em class="gesperrt">der +antecipirte Ausdruck für die religiöse und monarchische +Gesellschaft</em>, die ohne Zweifel aus jenen Ruinen erstehen wird.« +Hugo täuschte sich: jene Literatur war eben der genaueste Ausdruck des +Geisteslebens ihrer Zeit, und die literarischen Reformversuche, welche +so große Bekümmernis erweckten, waren in Wirklichkeit die Vorläufer +einer literarischen Umwälzung. Denn sie vernichteten den Glauben an die +Autorität als Autorität, d. h. an Boileau. Von dem Augenblick an, wo +man einmal entdeckt hatte, daß es selbst in dieser Sonne Flecken gebe, +konnte der Zweifel nicht mehr auf die wenigen Punkte eingeschränkt +werden, auf denen er sich zuerst bescheiden und vorsichtig hervorgewagt +hatte. Die literarische Tradition war ein Princip; man mußte dasselbe +annehmen oder verwerfen. In der vorletzten Vorrede Hugo's zu den Oden +(aus dem Jahre 1826) fühlt man, wie seine Reflexion, die sich beständig +um den Lieblingsbegriff jener Zeit, »die Ordnung«, dreht, auf dem +Sprunge steht, ihn von den literarischen Ufern hinweg und aufs offene +Meer hinaus zu treiben. Er hat jetzt entdeckt, daß die Ordnung doch +etwas Anderes ist, als diejenige Regelmäßigkeit, welche durch Zucht und +Zwang erzielt wird. In einem Vergleich, der für einen Jüngling nahe +liegt, welcher, wie er, in der Nähe von Versailles erzogen worden ist, +und dessen Kindheitslektüre die<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> Schilderungen Chateaubriand's von +den reichen Landschaften Nordamerikas gewesen sind, denkt er sich den +Garten von Versailles mit seinen zu regelmäßigen Figuren geschorenen +Bäumen neben einem Urwalde in der neuen Welt und ruft aus: »Wir wollen +nicht fragen: wo ist hier die Pracht, wo die Größe oder die Schönheit? +sondern einfach: wo ist die <em class="gesperrt">Ordnung</em> und wo die Unordnung?« Er +sieht jetzt ein, daß die Regelmäßigkeit nur die äußere Form betrifft, +daß aber die Ordnung aus dem Grunde der Dinge selbst hervorgeht und +eine Folge der intelligenten Vertheilung ihrer Elemente ist. »Man ist,« +sagt er, »nicht klassisch, weil man sklavisch den Spuren folgt, welche +Andere dem Wege aufgedrückt haben.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Schritt für Schritt sind wir ihm solchermaßen auf dem Wege gefolgt, der +ihn zum Bruche mit dem literarischen Autoritätsprincip führt. Noch ein +Jahr, und er schüttelt das Joch ab, weiht die romantische Schule in +Frankreich ein, und erklärt in ihrem ersten Manifest, der Vorrede zu +»Cromwell«, daß es ein <span class="antiqua">ancien régime</span> in der Literatur so gut wie +in der Politik gebe, und daß das alte Regiment dem jungen Geschlechte +wie ein Alp auf der Brust liege. »Die Schleppe des achtzehnten +Jahrhunderts erstreckt sich noch in dies Jahrhundert hinein; aber +sollten wir junge Männer, die wir Bonaparte gesehen haben, uns nicht +für zu gut halten, diese Schleppe zu tragen?« und er spricht von jener +geschminkten, gepuderten, mit Schönheitspflästerchen bedeckten Poesie, +von jener Literatur mit Fischbeinkorsetts und Falbeln. Jetzt richtet +er seine ersten Keulenschläge wider Boileau. In den Oden hatte er noch +die alte sprachliche Etikette beobachtet (er bezeichnet z. B. den +Konvent mit dem Worte »Senat«) und nur einzelne schüchterne Versuche +einer metrischen Erneuerung der alten Formen gewagt, deren Absicht +es war, den Odenstil minder steif und schwerfällig zu machen. Jetzt +geht er rücksichtsloser zu Werke, als nöthig war. Wer weiß nicht, +was jene Etikette zu bedeuten hatte! Man besaß eine kleine Sammlung +edler Ausdrücke, auserlesener Worte, eine Art von Elite der Sprache, +welche allein Zutritt zur Poesie hatte. Man sagte nicht Degen, sondern +Schwert, nicht Soldat, sondern Krieger, und man sprach<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> nicht von +Flinten und Messern, ungefähr wie man in unserer dänischen Poesie +kaum mehr als Rosen und Lilien, Veilchen und Waldmeister und, wenn es +hoch kommt, noch ein Dutzend Blumen als Repräsentanten der unzähligen +Pflanzenarten anerkennt. Die Folge davon war, daß der Wortvorrath +äußerst beschränkt blieb, daß es nur einige Hundert edler Reimpaare +gab, und daß dieselben Wendungen, welche stets wiederholt werden +mußten, dieselben Ideen und Gefühle mit sich brachten. Die poetische +Rhetorik war etwa das Seitenstück zu Dem, was die geistliche Rhetorik +in unserer Zeit ist. Erhaben nannte man die feierliche Tirade, welche, +so weit möglich, von den Dingen sprach, ohne sie jemals bei ihrem +rechten Namen zu nennen, und wieder nur von den Dingen, die so wenig, +wie möglich, den Menschen an seine irdische Natur, an die leibliche +und körperliche Seite seines Wesens erinnerten. Komisch war in Folge +dessen jede direkte und unzweideutige Bezeichnung der Dinge, wenn sie +in einer Kunstform vorkam, die das Privilegium des hohen Stils zu haben +glaubte. Deshalb erregte der gleichzeitig mit dem ersten Auftreten der +Romantik unternommene Versuch, Shakspeare in Frankreich einzuführen, +so großes Entsetzen. Es ist bekannt, daß »Othello«, als das Stück +in Alfred de Vigny's Uebersetzung im Odeontheater, also vor einem +Studentenpublikum, dem liberalsten und am wenigsten prüden in Paris, +aufgeführt wurde, durchfiel, weil das Wort »Schnupftuch« genannt wurde. +Bei der Aufführung von Lebrun's »Cid« rief das Wort »<span class="antiqua">chambre</span>« +(Schlafzimmer) ein Mißfallsgemurmel hervor, und Mlle. Mars weigerte +sich noch viel später, die Rolle der Donna Sol in »Hernani« zu +übernehmen, wenn nicht einzelne derartige Wörter gestrichen würden. Es +war also nicht zu verwundern, daß Hugo in einer Zeit, wo die Autorität +von allen Seiten gestützt und aufrecht erhalten wurde, damit begann, +sich nach all' diesen Regeln zu richten, ja an dieselben als wirkliche +Gesetze für die Poesie und die Sprache zu glauben. Dann begann er +ein wenig an ihnen zu rütteln, sie ein wenig zu umgehen, sie ein +klein wenig, jedoch mit tiefstem Respekte, zu bezweifeln oder anders +auszulegen, bis es ihm nicht mehr möglich war, sie zu beobachten, und +er sie über Bord warf. Mit treffenden Worten<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> hat er in einem seiner +Gedichte<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>, das sich hier leider nur höchst unvollkommen in Prosa +wiedergeben läßt, die Revolution charakterisirt, welche er schließlich +unternahm:</p> + +<p>»Ja ich bin der fürchterliche Demagog, der barbarische Verwüster des +alten ABC, von welchem Du so viel Schlimmes gehört hast. Als ich +blasses, von Lektüre überreiztes Kind aus der Schule kam und zum ersten +Mal meine Augen öffnete, um die Natur und die Kunst zu betrachten, war +die Sprache ein Bild der Monarchie. Die Sprache war der Staat vor 1789. +Da gab es Adel und gemeines Volk. Ein Wort war Herzog und Pair von +Frankreich, ein anderes war ein armer Schlucker. Sie schieden sich von +einander, wie die Fußgänger und die Reiter, welche in zwei getrennten +Reihen den Pont-Neuf passiren. Die Worte waren in Kasten eingetheilt. +Einige, die feinen, verkehrten mit Phädra, Jokaste, Merope, +beobachteten das Dekorum und hatten Erlaubnis, in den Karossen des +Königs nach Versailles zu fahren; andre, der Bettlerschwarm, der Pöbel, +das gemeine Volk, waren heimisch in den Dialekten, ja lebten auf den +Galeeren in der Diebssprache, und trugen weder Perücke noch Strümpfe. +— Da erschien ich Räuber und rief: Weshalb sollen die da immer voran +und diese anderen immer hinterdrein gehen? Und mit der vollen Kraft +meiner Lungen blies ich auf die alte ehrwürdige Akademie, welche all' +die ängstlichen Gleichnisse unter ihren Talaren verbarg und blies +auf die Alexandriner-Bataillone, die in Karrés aufgestellt standen, +daß Wort und Vers durcheinander wirbelten. Ich stülpte dem alten +Lexikon eine rothe Mütze auf und rief: Kein Wort ist mehr Senator, +kein Wort ist mehr bürgerlich. Ich rief einen Sturm auf dem Grunde des +Dintenfasses hervor und vermischte die schwarzen Schaaren der Worte mit +den weißen Schwärmen der Ideen, und sprach: Es giebt kein Wort, auf +welchem die Idee in ihrem reinen Fluge, noch frisch und feucht vom Azur +des Himmels, nicht verweilen und rasten kann«.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p> + +<p>Aber noch ist Hugo, selbst wenn er zweifelt, nicht so weit. Er nennt +noch selbst seine Poesie »Kavalier-Poesie« und stempelt mit diesem, +an die englische Restauration erinnernden Worte sich selbst zum +privilegirten Dichter der Restauration. Aber er scheitert an der +Unmöglichkeit, die religiöse und die literarische Tradition dahin +zu bringen, daß sie einander decken. In den Balladen fühlt man dies +besonders. Hugo zieht die alten Erinnerungen aus dem Mittelalter und +der Lehnszeit hervor. Was kann loyaler sein! Aber die Literatur aus +der Zeit Ludwig's XIV. hatte vollständig mit dem Mittelalter und ihren +Erinnerungen gebrochen. Was kann also weniger klassisch sein! Eine der +Balladen schildert einen Hexentanz (<span class="antiqua">La ronde du sabbat</span>), eine +andere spricht von Sylphen und Feen, der ganze farbenreiche Aberglaube +der alten Legenden lebt wieder auf, man ist nicht weit von der Romantik +entfernt. Endlich ist der Ton in diesen Gedichten nicht klassisch, es +ist hier, wie in Deutschland und Dänemark, der Ton der Volkslieder, +welcher den vornehmen und gelehrten Buchstil ablöst. Diese Poesie +hat außerdem ein neues <em class="gesperrt">nationales Element</em> (<span class="antiqua">Le géant</span>, +<span class="antiqua">Le pas d'armes du roi Jean</span>), sie wendet sich von der Antike +zu dem alten <em class="gesperrt">Frankreich</em>. Auch in Betreff des Nationalen war +Chateaubriand vorangegangen, seine Schilderungen der alten Gallier in +den »Märtyrern« waren die ersten Versuche dieser Art und beeinflußten, +nach Augustin Thierry's eigenem Geständnisse, sogar noch den späteren +Verfasser des »Zeitalters der Merowinger«; aber selbst dies Element des +Heimatlichen war neu und fremd in der französischen Dichtung und mußte +sich aufrührerisch gegen die Tradition verhalten. Bald wurden mit dem +altfranzösischen Inhalte alle altfranzösischen Versformen erneuert. +Hier hatte abermals Chateaubriand den Anfang gemacht mit dem entzückend +lieblichen Liede:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Combien j'ai douce souvenance</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Du joli lieu de ma naissance!</span></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>welches auch an dem Grabe, das er sich in dem Granitfelsen bei St. Malo +mit dem Blick aufs Meer hatte aushöhlen lassen, gesungen ward, als man +seine Hülle dort bestattete. Und plötzlich klingen die Töne aus der +Zeit Ronsard's und<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> der Plejade wieder bei De Vigny, bei den Brüdern +Deschamps, bei Sainte-Beuve und bei Hugo. Im Mai 1828 hat De Vigny +in seinem Gedichte »<span class="antiqua">Madame de Soubise</span>« Strophen wie folgende +geschrieben:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">La voyez-vous croìtre</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">La tour du vieux cloìtre?</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et le grand mur noir</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Du royal manoir?</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Entrons dans le Louvre</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Vous tremblez, je crois</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Au son du beffroi?</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">La fenêtre s'ouvre</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Saluez le roi!</span></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Im Juni desselben Jahres überbietet ihn Hugo mit den meisterhaften +Versen im »Turnier des Königs Johann«:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Cette ville</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Aux longs cris</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Qui profile</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Son front gris</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Des toits frêles</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Cent tourelles</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Clochers grêles</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">C'est Paris!</span></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Welche Kunstform! welche malerische Klarheit! welche Kürze und Kraft! +Die Alexandriner verschwinden fern am Horizonte; noch ein Schritt, und +die Farbenpracht der »Orientalen« entfaltet sich vor unserm Auge.</p> + +<p>Von dem Augenblick an, wo die religiöse und monarchische Tradition +wieder der Literatur eingepfropft wurde, schien das Autoritätsprincip +eine große und wesentliche Unterstützung erlangt zu haben. Aber bald +zeigte es sich, daß die christliche Tradition nicht in Gemeinschaft +mit der literarischen gedeihen konnte. Sie entwickelte sich innerhalb +derselben und unter ihren Flügeln, gleichsam in ihrem Schooße; aber +bald enthüllt sie sich als ein oppositionelles Princip, und das +Autoritätsprincip in der literarischen Form wird durch die Macht der +Konsequenz von dem neuen Geiste, welcher nur das reelle, d. h. das +religiös-politische Autoritätsprincip geltend<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> machen zu wollen schien, +bei Seite gedrängt, ja in die Luft gesprengt.</p> + +<p>Es bleibt uns nun noch übrig, zu sehen, wie die Autorität als +reelles Princip das Schicksal des formellen und literarischen +Autoritätsprincips theilen mußte.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>[<span class="antiqua">Victor Hugo: Odes et Ballades. Cromwell. — Alfred de Vigny: +Poésies complètes. — Emile Deschamps: Poésies. — Antoni Deschamps: +Poésies. — Raynouard: Les templiers.</span>]</p> +</div> + +<h3>9.</h3> + + +<p>An einem finstern und nebligen Tage vor ungefähr zwanzig Jahren folgte +in Paris eine kleine Schaar von Freunden einem der berühmtesten Männer +Frankreichs zum Grabe. Zwischen zwei Reihen Soldaten, die zugegen +waren, nicht um dem Todten das Ehrengeleite zu geben, sondern um +Ordnung zu halten, bewegte sich der Zug nach dem Armenkirchhofe, zu der +gemeinschaftlichen Gruft. Der Verstorbene hatte es so gewollt. Als man +die Erde auf den Sarg geworfen hatte, frug der Todtengräber: »Ist kein +Kreuz da?« — »Nein«, lautete die Antwort.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Kein Erinnerungszeichen verkündet also, wo der Todte gebettet liegt, +obschon sein Name über ganz Europa bekannt war, und kein Kreuz +bezeichnet die Gruft, obschon der Todte Abbé und Priester, ja lange +Zeit hindurch der erste Vorkämpfer der Kirche gewesen war. Es war +Lamennais, der nach seinem eigenen Wunsche so zur Erde bestattet war.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Félicité de la Mennais (erst später demokratisirte er seinen Namen) +war, wie Chateaubriand, Bretagner und besaß von Geburt an die +Hartnäckigkeit seiner Race in Wesen und Charakter. Die Männer aus +dieser Provinz bilden gleichsam die Vendée der Literatur, indem sie +mit dem Worte den Kampf fortsetzen, den ihre Väter mit Waffengewalt +geführt hatten. Er war als Jüngling schmächtig, hager und fieberhaft +lebendig;<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> er verlor früh seine Mutter, und wurde dadurch noch härter +und entschiedener. Sein religiöser Beruf war lange zweifelhaft; +als Jüngling ergötzte er sich zumeist an Musik und Mathematik, an +Flötenspiel und Waffenübungen, ja, er hatte ein ernstliches Duell, +das sich später als ein Hindernis auf der von ihm beschrittenen Bahn +erwies. Er hatte Liebesabenteuer und schrieb Verse<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>. Er war so wenig +geneigt, sich der religiösen Dogmenlehre zu unterwerfen, daß er erst +in seinem zweiundzwanzigsten Jahre, als seine religiöse Ueberzeugung +gereift war, zum ersten Male zur Kommunion ging. Er beginnt jetzt sich +mit theologischen Studien zu beschäftigen, und 1808, sechsundzwanzig +Jahre alt, empfängt er die Tonsur. Aber als er zum Priester geweiht +werden soll, erfaßt ihn ein solches Grausen vor dem Gelübde, das +er abzulegen im Begriffe steht, daß er den entscheidenden Schritt +aufschiebt, und in seiner Melancholie und seinen Zweifeln ihn immer +und immer wieder so lange aufschiebt, daß er erst mit fünfunddreißig +Jahren die Ordination empfängt. Seine Briefe schildern den zerrissenen +Zustand seiner Seele in der ganzen Zwischenzeit; dies stolze Herz wand +und krümmte sich bei dem Gedanken, die Herrschaft über sich fremden +Händen zu überliefern. Und wurde es besser, als Alles entschieden und +das Gelübde endlich unwiderruflich abgelegt war? Nein, weit gefehlt! +Der erste Brief, den er seinem Bruder sendet, gleich nachdem es fremder +Ueberredung gelungen war, ihm die Einwilligung zu jener Priesterweihe, +vor der er sich so sehr scheute, abzulocken, schildert mit schwarzen +Farben seinen Gemüthszustand:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p> + +<p>»Ich glaube, obschon man mir Schweigen auferlegt hat, Dir ein für alle +Mal eine Erklärung geben zu dürfen und zu sollen. Ich bin äußerst +unglücklich und kann von jetzt an nur noch äußerst unglücklich +sein. Man mag darüber raisonniren, so viel man will, man mag sich +winden und drehen, so viel man Lust hat, um mir zu beweisen, +daß das Entgegengesetzte der Fall sei, so ist es doch ziemlich +unwahrscheinlich, daß es gelingen wird, mich zu überzeugen, daß +eine Thatsache, die ich empfinde, nicht vorhanden sei. Aller Trost, +den ich empfangen kann, besteht daher in dem wohlfeilen Rathe, aus +der Noth eine Tugend zu machen ... Ich begehre nur Vergessenheit in +jeder Bedeutung dieses Wortes, und gebe Gott, ich könnte mich selbst +vergessen!«</p> + +<p>Unter so schmerzlichen Geburtswehen wurde bei Lamennais der Glaube +an seinen religiösen Beruf geboren. Er besiegte seine Verzweiflung; +er, der immer etwas <em class="gesperrt">Ganzes</em> sein mußte, wenn Dies auch noch so +verschieden von seinem früheren Standpunkte war, wurde ganz und mit +ganzer Seele Priester. Er fühlte sich so sehr als Solcher, daß sein +erster Zornausruf, als Rom ihn 1832 im Stiche ließ, dieser war: »Ich +werde sie lehren, was es heißt, einen Priester herauszufordern!« +Er hatte eine starke Seele und einen beschränkten Geist, er war +ein geborener Parteimann, dazu geschaffen, heftig und blind Partei +zu ergreifen, mit leidenschaftlicher Liebe und beredtem Hasse zu +verfechten, was er im Augenblick für die absolute Wahrheit hielt. +Als er daher der herrschenden Idee des Zeitalters begegnet, wird +er ein Streiter für dieselbe wie kein Anderer, der eifrigste, der +konsequenteste, der aufrichtigste und unerschrockenste Vorkämpfer +des absoluten Autoritätsprincips und der absoluten Unterwerfung, +welche dasselbe verlangt. Er, der selbst unter einer so schmerzlichen +Gemüthsaufregung seine Vernunft und Selbstbestimmung in die Hände +der Kirche gelegt hatte, er, der einzige wirkliche Geistliche der +neukatholischen Schule, scheint gleichsam den anderen Menschen keine +besseren Lebensverhältnisse gönnen zu wollen, als er selber gekannt +hat. Wenn er in einer Sprache, die den Sturm in sich birgt, das +Evangelium der Autorität und des Gehorsams verkündet, fühlt man bei ihm +noch mehr, als bei irgend einem<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Andern, die persönliche Leidenschaft +sich in der allgemeinen Forderung sättigen, und man merkt, wie das Ich +gleichsam sich selbst dadurch zur Geltung bringt, daß es, da es sich +selbst ein für alle Mal hat unter die Autorität beugen müssen, jetzt +die Willen und Gedanken aller anderen Individuen zerbricht und sie +unter die Regel beugt, welche es zu der seinigen macht, indem es als +ihr Organ auftritt.</p> + +<p>Gewaltsam und trotzig-selbständig, wie er war, anerkannte er im eigenen +Lager fürwahr keine Autorität. Seine Aeußerungen über die anderen +Mitglieder der Schule würden eine artige Anthologie von Schmähwörtern +abgeben. Ueber Bonald z. B. ein Ausspruch wie dieser: »Arme Menschheit! +— ich weiß nicht, wie bei dem Worte »Mensch« Herr Bonald mir einfällt. +Der Uebergang ist jäh. Man sagt, der arme Mensch sei in der letzten +Zeit äußerst schwach an Geist geworden.« Ueber Chateaubriand: »Der +König und er, er und der König. Das ist Frankreichs ganze Geschichte +... Man begreift nicht, und er weniger als irgend Jemand, daß Europa +seine Talente entrathen kann. Er weissagt, daß es Europa schlecht +bekommen werde.« Ueber Frayssinous, der als Haupt des Gallikanismus +sein Widersacher war: »Sie halten ihn für gemäßigt: weshalb? Weil man +Sie auf eine gewisse Kälte bei ihm aufmerksam gemacht hat, die Sie für +Mäßigung hielten, und doch war es nur geronnener Haß.« Das ist der Ton +in seinen Briefen. Aber gleichwohl lag in seiner kräftigen und blind +nicht drauf los platzenden, sondern einher brausenden Seele der Stoff, +aus welchem sich ein Kämpfer ohne Gleichen für die absolute Autorität +der Kirche bilden ließ, freilich, wie es sich am Ende erwies, ein +Kämpfer, der es besser verstand, Andern die Disciplin aufzuzwingen, +als sich selbst zu Dem discipliniren zu lassen, was seine redlichste +Ueberzeugung verwerfen mußte.</p> + +<p>In der Zeit von 1817 bis 1823 erschien dann in Frankreich ein Werk, das +während all' dieser Jahre die Gemüther in Bewegung zu setzen vermochte, +und über das sich eine heftige Polemik erhob, ja dessen Verfasser +zwischen dem Erscheinen des zweiten und dritten Bandes das Wort zu +seiner Vertheidigung ergreifen mußte; es war das Buch »<span class="antiqua">Essai<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> sur +l'indifférence en matière de réligion</span>« vom Abbé de la Mennais. In +diesem Werke sammelt die Restaurationsperiode gleichsam zum letzten +Mal ihre Kräfte zu einem Hauptschlage. Hier finden wir alle leitenden +Principien der Zeit mit einer Bestimmtheit und mit einer letzten +Konsequenz ausgesprochen, welche darauf hindeutet, daß der Umschlag +nahe ist.</p> + +<p>Durch seine Geistesrichtung, ja selbst durch seinen Titel, bildet +dies Werk eine interessante Parallele zu dem Buche, durch welches +in Deutschland die religiöse Renaissance im neunzehnten Jahrhundert +eingeleitet wurde: zu Schleiermacher's (im Jahre 1799 erschienenen) +berühmten »Reden über die Religion, an die Gebildeten unter ihren +Verächtern.« Beide Schriften sind wider dieselbe Erscheinung +gerichtet, wider die bei den Gebildeten herrschende Geringschätzung +und Gleichgültigkeit gegen die Religion. Beide versuchen jetzt, da der +Glaube erschlafft ist, die Religiosität auf einem neuen Fundamente +wieder zu errichten. Aber hier tritt der Nationalitätsunterschied +der Verfasser scharf hervor. Der sentimentale und gemüthsinnige +Schleiermacher sieht kein anderes Heil für die Religion, als das, sie +mit Aufgebung all' ihres äußeren Beiwerks auf ihren innersten Kern, auf +das rein persönliche <em class="gesperrt">Gefühl</em> des Individuums, zurück zu führen. +Er versucht, auf den Grund des Menschenlebens, auf die Tiefe, aus der +sowohl das Erkennen wie das Handeln entspringt, auf die innersten +Quellen des persönlichen Lebens zurück zu gehen. Er fordert seinen +Leser auf, sich über den primitiven Zustand der Seele Rechenschaft zu +geben, in welchem das Ich und der Gegenstand in einander verschmelzen, +und wo folglich noch weder von einem Anschauen des Gegenstandes, noch +von dem Empfinden eines von dem Gegenstande verschiedenen Ich die Rede +ist. Er bezeichnet denselben als einen Zustand, den man jedes Mal +erlebt, und doch nicht erlebt, da das ganze Leben in dem beständigen +Aufhören und Zurückkehren desselben besteht. Derselbe ist, sagt er, +flüchtig und unsichtbar wie der Duft thaubenetzter Blumen und Früchte, +keusch und zart wie ein jungfräulicher Kuß, und heilig und fruchtbar +wie die Umarmung eines Bräutigams, ja er ist nicht nur <em class="gesperrt">wie</em> +alles<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> Dies, sondern alles Dies selber; denn in diesem Zustande des +Menschen wird die Vermählung des Universums mit der inkarnirten +Vernunft gefeiert; in diesem Zustande ist das Individuum einen +Augenblick die Seele der Welt und empfindet deren unendliches Leben +als ihr eigenes. »So,« sagt Schleiermacher, »ist die erste Empfängnis +jedes lebendigen und ursprünglichen Momentes in Eurem Leben beschaffen, +welchem Gebiet es auch angehöre, und aus einem solchen erwächst auch +jede religiöse Gemüthsbewegung.« (Reden über die Religion, fünfte +Auflage, S. 50, 54 und 56.)</p> + +<p>In Folge Dessen bezeichnet er nun das Gefühl, in so weit es das +gemeinsame Leben des Individuums und des Alls auf die geschilderte +Weise ausdrückt, als Frömmigkeit. Die Gefühle bilden »ausschließlich +die Elemente der Religion«. Es giebt daher für ihn kein Gefühl, das +nicht fromm ist, es sei denn, daß dasselbe aus einem krankhaften und +verderbten Zustand entspränge. Ja, er fügt in einer Anmerkung hinzu, +daß Dies sogar von allen Gefühlen des sinnlichen Lebensgenusses gelte, +in so weit sie nicht naturwidrig oder verirrt seien. So sucht also +Schleiermacher die Religion aus ihrem Streit mit der Bildung dadurch +zu retten, daß er sie zum Inbegriff aller höheren, ja aller gesunden +Gefühle macht. Als echter Deutscher betont er pantheistisch den breiten +Lebensstrom durch alle Wesen als die heilige Fluth, welche die Quelle +aller Religiosität und aller Religionen sei. So hebt er jedes bestimmte +Glaubenssystem auf; selbst der Glaube an Gott und Unsterblichkeit +scheint ihm nicht wesentlich für die Religion, und mit Begeisterung +ruft er aus: »Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke für die Manen des +heiligen verstoßenen Spinoza! Er durchdrang den hohen Weltgeist, das +Unendliche war ihm Eins und Alles, das Universum seine einzige und +ewige Liebe; in heiliger Unschuld und tiefer Demuth spiegelte er sich +in der ewigen Welt, deren liebenswürdigster Spiegel er wiederum war; +voller Religion war er und voll des heiligen Geistes.«</p> + +<p>Man sieht, daß selbst die Aufklärungsperiode der positiven Religion +keinen härteren Stoß versetzt hatte, als diese Gefühlsschwärmerei. — +Und indem Schleiermacher nun solchermaßen<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> die Religion in das Gefühl +auflöst, zersplittert er zugleich ihre Autorität, indem er sie der +unendlichen Mannigfaltigkeit der Individualitäten preisgiebt. Alle +Dogmen, Regeln, Vorschriften und Grundsätze verschwinden, indem er +fordert, daß die einzelne Persönlichkeit sich Alles auf eigenthümliche +Art aneigne. Er hebt nämlich hervor: »wenn Einer noch so vollkommen +jene Grundsätze verstehe und sie mit noch so großer Klarheit inne +zu haben glaube, aber nicht wisse und nicht beweisen könne, daß sie +in ihm selbst als Aeußerungen seines eigenen Gemüths entstanden +und ursprünglich seine eigenen seien, so müsse man sich nicht etwa +überreden lassen, zu wähnen, daß ein solcher Mensch fromm sei, oder ihn +als religiös schildern; denn er sei es nicht, seine Seele habe niemals +religiös empfangen, und seine Begriffe seien nur untergeschobene, von +anderen Seelen erzeugte Kinder, die er im heimlichen Gefühl eigener +Schwäche adoptirt habe.«</p> + +<p>So tief protestantisch im guten (nicht konfessionellen) Sinne dieses +Wortes ist die religiöse Wiedergeburt Deutschlands in ihrem Ursprunge. +Sie proklamirt die persönliche Ursprünglichkeit als das einzige +religiöse Werthzeichen, und sie bestimmt das ganze weite Gebiet der +Gefühlsinnigkeit als das Reich der Religiosität. Das Gefühl, als +natürlich und gesund, ist immer heilig, nie vorzugsweise heilig.</p> + +<p>Im schroffsten und lehrreichsten Gegensatze hiezu stehen die Grundsätze +in dem erwähnten Hauptwerke von Lamennais, welches das romanische und +katholische Seitenstück zu Schleiermacher's Reden bildet, als das reine +Programm der Selbstentäußerung. Sie lauten:</p> + +<p>Daß das <em class="gesperrt">Gefühl</em> oder die unmittelbare Offenbarung nicht das +Mittel ist, welches dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion +ausfindig zu machen.</p> + +<p>Daß der Weg der <em class="gesperrt">Forschung</em> oder Diskussion nicht das Mittel ist, +das dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion ausfindig zu +machen.</p> + +<p>Daß die <em class="gesperrt">Autorität</em> das Mittel ist, das dem Menschen geschenkt +ist, um die wahre Religion ausfindig zu machen, so daß die wahre +Religion unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen +sichtbaren [!] Autorität beruht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> + +<p>Um diese drei seltsamen und kuriosen Postulate zu beweisen, hat +Lamennais seine vier dicken Bände geschrieben, deren entsetzlich hohler +Gedankengang folgender ist:</p> + +<p>Worauf es für uns Menschen ankommt, ist, ein unfehlbares +Kennzeichen des Wahren und Falschen zu finden. Was wir suchen, ist +<em class="gesperrt">Gewißheit</em>. Aber wo sollen wir diese finden? Aus unseren +Sinneswahrnehmungen können wir sie nicht herleiten; denn unsere +Sinne betrügen uns, sagt Lamennais. Daß sie selbst wechselseitig die +Illusionen berichtigen, welche sie jeder für sich hervorrufen, ist +ein Faktum, dessen er nicht erwähnt. Wir sind nach seiner Anschauung +um so weniger Dessen gewiß, daß ein nothwendiges Verhältnis zwischen +unseren sinnlichen Wahrnehmungen und der Realität der Dinge existirt, +als wir nicht einmal unserer eigenen Existenz sicher sind. Wie wir, +wenn wir derselben nicht sicher sind, überhaupt irgend eines Anderen +sicher werden können, ist eine Frage, die er nicht beantwortet. +Das Gefühl, die innere Ueberzeugung von der Evidenz einer Sache, +soll eben so täuschend wie die sinnliche Wahrnehmung sein. Die +unüberwindliche Stärke, mit welcher ein Princip sich unserm Geiste +aufdrängt, liefert ja keinen Beweis dafür, daß dies Princip wahr ist, +ein Irrthum ist immer möglich. Daß man recht wohl im Allgemeinen seine +Fehlbarkeit einräumen und sich nichtsdestoweniger in einer Menge +einzelner bestimmter Fälle der Wahrheit gewiß erachten kann, wird +selbstverständlich nicht berührt. — Jetzt kommt die Reihe an die +Forschung. Es wird behauptet, daß sie zum Zweifel an Allem führe, daß +die höchsten Axiome unbeweisbar seien, und es wird betont, wie wir +überhaupt keine Sicherheit dafür hätten, daß die Erinnerung uns nicht +täusche. Dieser Angriff auf die menschliche Forschung läßt sich in so +fern freilich nicht abwehren, als es natürlich ja unmöglich ist, die +Zuverlässigkeit der Erinnerung anders als dadurch zu beweisen, daß man +sie voraussetzt. Aber von dem indirekten Beweise, den alle menschliche +Erfahrung, Bestätigung und Voraussicht für diese Hypothese liefern, +sagt Lamennais nicht ein Wort. So gelangt er vorläufig zu einem +vollkommenen Skepticismus. Aber ein vollständiger Skepticismus würde +ja zu vollkommenem Wahnwitz<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> führen. Schon der Selbsterhaltungstrieb +nöthigt uns, zu glauben, und in Uebereinstimmung mit unserem Glauben zu +handeln. Dieser Mangel an Fähigkeit, zu zweifeln, oder die Gewißheit, +daß man, wenn man zweifelt, von allen anderen Menschen für unwissend, +wahnwitzig oder toll erklärt werden wird, bildet nun nach Lamennais' +Anschauung die Grundveste aller menschlichen Gewißheit. Die allgemeine +Uebereinstimmung <span class="antiqua">(sensus communis)</span> wird also für uns das Siegel +der Wahrheit, und es giebt kein anderes. Mangel an Einigkeit erzeugt +sofort Unsicherheit und Ungewißheit. Ein Princip oder ein Faktum ist +mehr oder minder zweifelhaft, je nachdem es mehr oder minder allgemein +angenommen und bezeugt ist. Was ist somit für Lamennais die Definition +einer Wissenschaft? Eine Wissenschaft ist ein Konglomerat von Ideen +und Thatsachen, über die man einig ist. Wie die Erfahrungsphilosophen +unserer Zeit, aber von einem anderen Ausgangspunkte her, gesteht er +selbst der Geometrie kein anderes Fundament als die Einigkeit zu. +Wenn mancher Irrthum in der Wissenschaft als wahr angenommen worden +ist, so liegt Das nach seiner Ansicht darin, weil die Wissenschaft +sich nur auf eine im Vergleich mit der Menschheit geringe Zahl von +Personen erstreckt. Was sind, ruft er aus, einige hundert Gelehrte +gegen das Menschengeschlecht! und er vergißt seltsam genug, daß das +Menschengeschlecht nie über eine einzige wissenschaftliche Wahrheit +übereingestimmt hat, ehe die Männer der Wissenschaft sie entdeckten, +und überhaupt nie ursprünglich über irgend einen Glauben einig gewesen +ist.</p> + +<p>Dann frägt er: Wenn zwei Personen mit einander uneins sind, was thun +sie, nachdem sie vergebens einander zu überzeugen gesucht haben? und +er antwortet: sie suchen ein <em class="gesperrt">Schiedsgericht</em>. Aber was ist ein +Schiedsgericht? Es ist eine <em class="gesperrt">Autorität</em>, und diese stellt, wenn +nicht die Gewißheit, so doch die Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der +einen der bestrittenen Anschauungen fest. Da die Vernunfterwägung als +solche nur Zweifel erschafft, da der stärkste Beweis wider die Annahme +irgend eines Satzes immer der ist: »Du bist der Einzige, der so denkt«, +so kommen wir zu dem Autoritätsprincip als dem einzig wahren und +entscheidenden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p> + +<p>Folgerichtig würde diese Anschauung dahin führen, in einer +Majoritätsabstimmung das letzte Zeugnis für die Wahrheit zu sehen. +Aber wir sollen ja, wie man begreift, im Hafen der katholischen Kirche +landen. Es ist ganz lehrreich, den Volten zu folgen, mittels welcher +das Autoritätsprincip, so wie hier aufgefaßt, uns direkt in die Arme +derselben führt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Lamennais beginnt damit, alles Lernen und Erkennen als das Gehorchen +einer Autorität zu definiren. Wir stoßen hier wieder auf die Theorien +Bonald's, daß wir die Sprache auf die Autorität Derer, die sie uns +lehren, und daß wir mit ihr die Wahrheiten annehmen, welche zur +Selbsterhaltung nöthig sind, — Wahrheiten, die Gott in seinem +mächtigen Worte jedem Volke offenbart hat. Das intellectuelle Leben, +<em class="gesperrt">dessen Gesetz Gehorsam ist</em>, ist also nur ein Theilnehmen an +der höchsten Vernunft, ein vollkommenes Uebereinstimmen mit dem +Zeugnisse, daß das unendliche Wesen von sich selbst gegeben hat. Die +göttliche Vernunft, welche sich mittels des Wortes mittheilt, ist der +<em class="gesperrt">Existenzgrund</em> der erschaffenen Intelligenzen, wie der Glaube +ihre wesentliche <em class="gesperrt">Existenzform</em> ist. Das Gewißheitsprincip und das +Lebensprincip sind folglich eins.</p> + +<p>Da die Menschheit nun zur Wahrheit erschaffen ist, kann die allgemeine +Vernunft nicht irren. Anders die individuelle Vernunft; die kann vom +Zweifel überschwemmt werden. Trennt sie sich von der Gesellschaft, so +stirbt sie. <span class="antiqua">Vae soli!</span> ruft Lamennais aus, wehe dem Einzelnen! +Der Hochmüthige, sagt er, bildet sich ein, daß man verlange, er +solle seine Vernunft aufgeben, wenn man fordert, er solle sich vor +der Autorität beugen. Weit gefehlt! Die <em class="gesperrt">Autorität</em> ist nur die +allgemeine, durch Zeugnisse offenbarte Vernunft; »sie beseelt und +erhält das Universum, das sie erschaffen hat. Ohne sie keine Existenz, +keine Wahrheit, keine Ordnung.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es ist also nur die Autorität, welche uns Gewißheit in Betreff der +Religion giebt. »Die Religion ist nicht nur ein System von Kenntnissen, +— sie ist außerdem, sie ist vorzugsweise ein Gesetz.« Aber kein Gesetz +ohne Autorität, diese zwei Ideen entsprechen einander. So beruht die +Religion<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> nothwendigerweise auf der Autorität, und die wahre Religion +auf der größten Autorität. Sie wird als »das System der Gesetze, welche +aus der Natur der Vernunftwesen folgen«, definirt, und diese kennen zu +lernen soll die Autorität also das einzige Mittel sein.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Folgen wir einmal der Verknotung dieses Netzes von Sophismen, um es +dann auseinander zu zupfen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Faden ist der: Die Intelligenz entwickelt sich nur mit Hilfe +des Wortes oder des Zeugnisses. Das Zeugnis existirt nur in der +Gemeinschaft. Also kann der Mensch nur in der Gemeinschaft leben. Also +fand nothwendig eine Gemeinschaft zwischen Gott und dem ersten Menschen +statt. [Man beachte das Postulat eines Adam, Bonald's Theorie, daß Gott +Adam die Sprache gegeben habe, — überhaupt der positiven Religion +als Autorität entnommene Elemente, als Beweis dafür gebraucht, daß +die positive Religion auf Autorität beruhe.] Die Nothwendigkeit des +Zeugnisses enthält die Nothwendigkeit des Glaubens, ohne welchen das +Zeugnis wirkungslos sein würde. Also liegt der Glaube in der Natur +des Menschen und ist die erste Lebensbedingung. Die Gewißheit des +Glaubens hängt von seiner Uebereinstimmung mit der Vernunft, d. h. +von der Größe der Autorität ab, welche das Zeugnis ertheilt. Also ist +das Zeugnis Gottes unendlich gewiß, da es Nichts anders ist, als die +Offenbarung der unendlichen Vernunft oder der größten Autorität. Es +ist kein Zeugnis möglich, außer in der Gemeinschaft. Also ist keine +Autorität und Gewißheit möglich, außer in der Gemeinschaft. Keine +menschliche Gemeinschaft kann existiren, außer kraft der Gemeinschaft, +die ursprünglich zwischen Gott und dem Menschen kraft der Wahrheiten +oder Gesetze errichtet ward, welche sein Wort ursprünglich offenbart +hat. Also können diese Wahrheiten in keiner Gemeinschaft verloren +gehen, ohne daß diese Gemeinschaft zu Grunde geht. Sie müssen sich +folglich in allen Gemeinschaften wiederfinden lassen. Diese für eine +Gemeinschaft nothwendigen Wahrheiten werden nur durch das Zeugnis +bewahrt, das keine Kraft oder Wirkung hat außer durch die Autorität. +Also: wie keine Autorität außer in der<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> Gemeinschaft existirt, so +existirt die Gemeinschaft nicht außer durch die Autorität, und wo keine +Autorität ist, da ist auch nirgends eine Gemeinschaft. Aber nun giebt +es zwei Arten von Gemeinschaft, denn der Mensch steht einerseits in +zeitlichem Verhältnisse zu seines Gleichen, andererseits in ewigem +Verhältnisse zu Gott und seinen Mitmenschen. Diese zwei Gemeinschaften +sind die politische oder bürgerliche (zeitliche) und die geistige +(ewige) Gemeinschaft. Folglich giebt es zwei Autoritäten, und diese +zwei Autoritäten sind jede in ihrer Ordnung <em class="gesperrt">unfehlbar</em>.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das sieht ja über die Maßen logisch aus; wenn <span class="antiqua">Ergo</span> genug für +einen Beweis wäre, fehlte es nicht an Beweisen. Aber prüfen wir die +Argumentation an einigen Punkten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das Ich, sagt Lamennais, kann sich nicht allein zum Selbstbewußtsein +entwickeln. Das ist wahr, und wir schließen daraus, was man daraus +schließen kann, wenn wir sagen, daß das Ich sich folglich durch ein +Du entwickelt habe. Das ist ein Gedanke, den vor Allen Feuerbach +eindringlich ausgesprochen und variirt hat. Aber Lamennais, welcher die +alttestamentarische Annahme von einem einzigen Einzelmenschen, der vor +dem ganzen Geschlechte existirt habe, zum Ausgangspunkte nimmt, erbaut +die Lehre von der Unterhaltung dieses Menschen mit Gott und Alles, was +daraus erfolgt, auf diesem Grunde, der mit dem Gebäude fällt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Lamennais will ferner das unfehlbare Kennzeichen der Wahrheit +nachweisen. Dies Kennzeichen soll die allgemeine Uebereinstimmung sein. +<em class="gesperrt">Aber worauf beruht die Autorität dieser Uebereinstimmung?</em> Hat +sie einen Grund, oder ist sie ein Faktum?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wenn sie einen Grund hat, wenn die allgemeine Vernunft die Regel für +die individuelle Vernunft abgeben <em class="gesperrt">muß</em>, so ist ja diese von +Lamennais so verschmähte und verachtete individuelle Vernunft in +letzter Instanz der höchste Richter über die Wahrheit. Denn einerseits +ist sie es, welche der allgemeinen Uebereinstimmung diesen so hohen +Werth beilegt, andererseits ist sie es, welche entscheidet, wie weit in +jedem<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> einzelnen Falle allgemeine Uebereinstimmung vorhanden sei, oder +nicht.</p> + +<p>Wenn die Autorität der allgemeinen Uebereinstimmung dagegen ein Faktum +ist, d. h. eine Sache, die schlechthin aus unserer Natur folgt, so +ist die Gewißheit, welche sie uns einflößt, in keiner Hinsicht von +aller anderen Gewißheit verschieden. Aber nun hat Lamennais ja eben +selbst dagegen protestirt, die Gewißheit von einem inneren Gefühl +herzuleiten, ja sogar unsere Gewißheit von unserer Existenz bekämpft, +da die Gewißheit, deren wir bedürfen, die <em class="gesperrt">unfehlbare</em> ist — +was in aller Welt soll denn nun den unreflektirten Autoritätsglauben +unfehlbarer machen, als jede andere Gewißheit?</p> + +<p>Lamennais' Argumentation mündete schließlich in zwei unfehlbaren +Autoritäten. Man hört schon an dem Worte »unfehlbar«, daß die +katholische Kirche nicht fern ist. Es brennt schon. Die Unfehlbarkeit +wird als eine direkte Konsequenz der Autorität insinuirt. Es giebt +einen Punkt, wo alle Theoretiker der kirchlichen Restauration einander +begegnen, einen Punkt, worüber De Maistre, der ihn einleitet, +vollkommen einig mit Lamennais ist, der ihn abschließt, wie bedingt +sonst auch (was seine Korrespondenz beweist) die Zustimmung war, +welche er den übrigen Paradoxien seines jüngsten Schülers gewährte. +Man muß sich erinnern, daß im vorigen Jahrhundert die päpstliche Macht +todt zu sein schien. Ein Papst hatte mit Voltaire korrespondirt und +die Dedikation seines »Mahomet« angenommen. Der Papst hatte selber +seine getreuen Janitscharen, die Jesuiten, abgeschafft. Die religiöse +Reaktion wird also dadurch herauf beschworen, daß man wieder die +Bedeutung des Papstes geltend macht, ja sie, sogar von katholischem +Standpunkte betrachtet, übertreibt. De Maistre hatte gesagt: Ohne Papst +keine Autorität; ohne Autorität kein Glaube, d. h. ohne Papst kein +Glaube. So wird die Oberhoheit des Papstes zum eigentlichen Kern und +Princip des Christenthumes, bis der Papst in unseren Tagen (bei Bischof +Ségur) zu einem Sakramente, zu »Jesu wirklicher Anwesenheit auf Erden«, +verwandelt wird.</p> + +<p>Der Gedankengang bei De Maistre war dieser: Es giebt keine Religion +ohne eine sichtbare Kirche, es giebt keine<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Kirche ohne Regierung, +keine Regierung ohne Souverainetät, und keine Souverainetät ohne +Unfehlbarkeit. Er appellirt an das Princip von der Unverantwortlichkeit +des Königs. Diese ist für ihn ganz Dasselbe, wie die Unfehlbarkeit in +Betreff der Päpste. Jede Regierung, sagt er, ist ihrem Wesen zufolge +absolut, duldet keine Widersetzlichkeit; von dem Augenblick an, wo man +sich unter dem Vorwande, daß sie ungerecht oder im Irrthum sei, wider +sie auflehnen darf, existirt Nichts mehr, was Regierung genannt werden +kann. Ja, er sucht durch Analogien zu zeigen, wie vertraut man in +allen andern Lebenssphären mit dem Unfehlbarkeitsgedanken sei, während +es zum guten Ton gehöre, an demselben Anstoß zu nehmen, wenn es sich +um den Papst handle. Ist der Seekapitain nicht Souverain auf seinem +Schiffe, und in Folge Dessen als unfehlbar zu betrachten? Giebt es eine +Appellation von ihm, oder giebt es eine Appellation von irgend einem +anderen höchsten Gerichte?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Diese scharfsinnige Vertheidigung hat gewiß alle Vorzüge, welche die +Vertheidigung einer im Voraus verlorenen Sache besitzen kann. Aber daß +man den Souverain als unfehlbar betrachten muß, obschon er es nicht +ist, beweist Das, daß der Papst als Souverain der Kirche wirklich +unfehlbar ist? Daß es immer eine höchste Macht geben muß, welche die +äußerliche Unterwerfung verlangen kann, beweist Das, daß diese Macht +auch mit Recht die Zustimmung der Gemüther fordern kann? Oder ist +vielleicht die äußerliche Unterwerfung genug? De Maistre räumt Das im +Grunde ein. Er sagt: »Was das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes +selber betrifft, so haben wir kein <em class="gesperrt">Interesse</em>, es in Zweifel +zu stellen. Wenn sich eine jener theologischen Fragen darbietet, die +absolut einem höchsten Richterspruche unterworfen werden muß, so ist +es für uns nicht von Interesse, daß sie auf diese oder jene Weise +entschieden wird, wohl aber, daß sie unverzüglich und ohne Appellation +entschieden wird.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Lamennais, der, wie De Maistre, zu zwei unfehlbaren Autoritäten, +der des Staates und der der Kirche, gelangt, geht als der um eine +Generation jüngere Schüler seines Lehrers noch einen großen Schritt +weiter auf der begonnenen<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> Bahn. Wie es sich auf die Dauer als +unmöglich zeigt, die zwei Unfehlbarkeiten jede in ihrer Sphäre +festzuhalten, besinnt er sich nicht, zu entscheiden, welche von ihnen +im Kollisionsfalle weichen muß. Er zieht selbst die letzte Konsequenz, +indem er sagt: »Die geistige Autorität repräsentirt das unveränderliche +Gesetz der Gerechtigkeit und Wahrheit, die weltliche Macht dagegen +die Stärke, welche die aufrührerischen Willen zwingt, sich diesem +Gesetz zu unterwerfen. <em class="gesperrt">Die Stärke ist nothwendigerweise dem Gesetz, +der Staat der Kirche untergeordnet.</em> Im entgegengesetzten Falle +müßte man zwei unabhängige Mächte annehmen, die Eine der Erhalter der +Gerechtigkeit und Wahrheit, die andere blind, und deshalb ihrer Natur +nach verderblich für Gerechtigkeit und Wahrheit.« (<span class="antiqua">Du progrès de la +révolution et de la guerre contre l'église.</span>) Eine stolze und des +neunzehnten Jahrhunderts würdige Konsequenz!</p> + +<p>Man lernt hieraus, welche Macht Lamennais der katholischen Kirche +beigelegt haben wollte. Es erübrigt noch, den Schlußsprung zu sehen, +durch welchen bewiesen wird, daß die katholische Kirche selber die +Autorität <em class="gesperrt">ist</em>, von der so viel und so weitschweifig gesprochen +ward. Lamennais sagt: »Bei der Wahl einer Religion reducirt sich also +Alles darauf, zu wissen, ob irgendwo eine solche Autorität, wie wir sie +definirt haben, existirt, oder mit anderen Worten, ob eine geistige und +sichtbare Gemeinschaft existirt, welche erklärt [!!], daß sie diese +Autorität besitze. Wir sagen: eine sichtbare Gemeinschaft, weil jedes +Zeugnis äußerlich ist [Man erinnere sich, daß das Urtheil der inneren +Stimme verworfen ward]; wir sagen ferner, daß dies Zeugnis den gewissen +Beweis für die Autorität, von der hier gesprochen wird, liefern würde, +weil es ein Ausdruck der allgemeinsten Vernunft wäre.«</p> + +<p>»Wenn es keine solche Gemeinschaft gäbe, so würde die einzige wahre +Religion die überlieferte Religion des Menschengeschlechtes, d. h. der +Inbegriff von Dogmen und Vorschriften sein, welche durch die Tradition +aller Völker geheiligt und ursprünglich von Gott offenbart sind.«</p> + +<p>»Wenn es dagegen eine solche Gemeinschaft giebt, so bilden ihre Dogmen +und Vorschriften die wahre Religion.« —<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Von dem jetzt erreichten +Höhepunkte ergiebt sich der Rest der Beweisführung von selbst.«</p> + +<p>»Seit der Zeit Jesu Christi hat die religiöse Gemeinschaft +unbestreitbar immer die größte Autorität besessen. Unter den +verschiedenen Glaubensgemeinschaften kommt das Gepräge größter +Autorität sichtbarlich der katholischen Kirche zu. So erhellt, daß sich +in ihr allein alle Wahrheiten finden, welche dem Menschen nöthig sind, +in ihr allein die vollständige Kenntnis der Pflichten oder Gesetze der +Vernunft, in ihr allein Gewißheit, Heil und Leben.«</p> + +<p>So sind wir glücklich in den Hafen eingelaufen. Aber nicht genug, daß +wir als Wrack angelangt sind, — noch im letzten Augenblick erleiden +wir Schiffbruch im Hafen. Denn Lamennais gesteht am Schlusse des +Werkes ganz offen, daß alle Religionen auf Autorität beruhen, und daß +nichtsdestoweniger die ursprünglichen Traditionen in ihnen allen, mit +Ausnahme einer einzigen, mehr oder minder durch Hinzufügungen, welche +man als Irrthümer bezeichnen muß, entstellt worden sind; »aber,« sagt +er, »selbst diese Irrthümer sind wieder nur kraft der Autorität als +gültig angenommen worden, und existiren nur durch diese.« Welches +Zugeständnis! Es stürzt die ganze Argumentation über den Haufen.</p> + +<p>Lamennais merkt jedoch Nichts davon. Beifällig citirt er die Worte +eines andern katholischen Schriftstellers: »Die katholische Religion +ist eine Religion der Autorität, und deshalb ist sie allein eine +Religion der Gewißheit und Ruhe«. Triumphirend beruft er sich auch auf +den Ausspruch Rousseau's: »Wenn ihm Jemand am Sonntag beweisen könne, +daß er verpflichtet sei, in Glaubenssachen sich der Entscheidung eines +Andern zu unterwerfen, so würde er sich am Montag zum Katholiken machen +lassen, und jeder konsequente und wahrheitsliebende Mensch würde es +machen, wie er«. Lamennais applaudirt, da er überzeugt ist, diesen +Beweis geliefert zu haben, daß das Individuum in Glaubenssachen sich +der Autorität unterwerfen müsse. Lieber Himmel, welcher Beweis! Ein +einziger Hauch, und er fällt zusammen.</p> + +<p>Eins von Beiden: Entweder beruht die katholische Kirche auf der +allgemeinen Anerkennung ihrer Wahrheit, oder<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> sie thut es nicht. Beruht +sie darauf, so <em class="gesperrt">ist</em> sie ja allgemein anerkannt und bedarf keiner +Vertheidigung, da Niemand sie leugnet. Beruht sie hingegen nicht +darauf, so ist sie der Theorie zufolge falsch, und keine Vertheidigung +kann ihr frommen.</p> + +<p>Allein damit nicht genug: selbst diese Lehre, daß die allgemeine +Uebereinstimmung das Kennzeichen des Wahren abgebe, selbst sie muß +ja ebenfalls ihre Wahrheit dadurch beweisen, daß sie allgemeine +Anerkennung findet. Läßt sich nun eine bitterere Ironie des Schicksals +denken, als die, daß sie nicht nur allgemein bestritten ward, sondern +daß die Kirche selbst 1832 diese Lehre verwarf? So stand also Lamennais +plötzlich <em class="gesperrt">allein</em> mit der Lehre, daß es die Summe aller Anderen +sei, welche Recht habe. Läßt sich ein lächerlicherer Widerspruch +denken? Ja, es läßt sich einer denken, nämlich der, welcher gleich +nachher eintrat: daß Lamennais als gehorsamer Sohn der Kirche, sich +unter die Autorität derselben beugend, selbst diese seine Lehre von +der Autorität der Kirche als unfehlbarem Kennzeichen der Wahrheit +verleugnete und widerrief.</p> + +<p>Aber wir brauchen nicht so weit wie bis 1832 zurück zu blicken, um +zu sehen, wie die Männer des Autoritätsprincips in Streit mit ihrem +eigenen Princip kamen. Was man auch verfechte, man muß zuerst und vor +Allem Freiheit haben, zu reden. Das ist das Göttliche der Freiheit, +daß selbst Die, welche sie hassen, ihrer bedürfen und genöthigt sind, +sie zu verlangen. Das Journal <span class="antiqua">»Le conservateur«</span> begann damit, +aufs eifrigste die Preßfreiheit zu befürworten, und fühlte sich später +sehr durch dieselbe genirt. Man konnte nicht gut Andern eine Freiheit +verweigern, die man für sich selbst gefordert hatte; man konnte Das +nicht gut — aber man that es. Ganz ebenso erging es in Betreff der +Frage einer parlamentarischen Regierung oder, wie man es damals nannte, +der parlamentarischen Prärogative. Bei Beginn der Restauration ist es +die katholische und monarchische Schule in Frankreich, welche durch +ihre Journalartikel und ihre Redner das erste Ministerium stürzt, das +aus der freien Wahl der Königsmacht hervorgegangen war. Man wollte +selbst ans Ruder. So war es also die Schule des Autoritätsprincips, die +in<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Frankreich zuerst die ganz entgegengesetzten Principien aufstellte: +die Preßfreiheit in der ausgedehntesten Bedeutung des Wortes und den +entscheidenden Einfluß der parlamentarischen Majorität. Man untergrub +selber den Grund, auf welchem die Autorität beruhte.</p> + +<p>Bei dem stolzen und leidenschaftlichen Priester Lamennais ist die +Entwicklung in dieser Richtung Punkt für Punkt zu kontrolliren. +Die Charte, welche aufs innigste mit der Königsmacht zusammenhing, +sicherte wenigstens auf dem Papier die Religionsfreiheit. Aber diese +Religionsfreiheit erzürnt Lamennais, der ja weiß, daß nur <em class="gesperrt">eine</em> +Religion die wahre ist. Zu jener Zeit kommt das klägliche Wortspiel +in Mode, daß das Recht der Gewissensfreiheit das Recht sei, frei vom +Gewissen zu sein. Er und seine Anhänger betonen daher, daß man seinem +Gewissen folgen müsse. Das thun nach ihrer Meinung die Gegner nicht. +Aber sie vergessen, daß der Pflicht, seinem Gewissen zu folgen, eine +andere Pflicht vorausgehen muß: die, sein Gewissen aufzuklären. Wenn +es unmoralisch ist, wider sein Gewissen zu handeln, so ist es nicht +minder unmoralisch, sich ein Gewissen nach falschen und willkürlichen +Principien zu bilden. Im Namen des Gewissens und der Autorität +protestirt also Lamennais gegen die Konfessionslosigkeit des Staates, +die er als »den politischen Atheismus« bezeichnet. Er schleudert das +Stichwort in die Welt: »In Frankreich ist das Gesetz Atheist«. Ja, +er geht weiter. Er zeigt in einem berüchtigten Briefe, den er in das +Journal »Die weiße Fahne« einrücken ließ, und den er an den Bischof +Frayssinous richtete, daß, da das Volk, das es jetzt zu erziehen +gelte, in Blut geboren sei am Schafott Ludwig's XVI. und am Altare der +Vernunftgöttin, nur Christus es retten und das Christenthum es erziehen +könne. Aber alle Erziehung in Frankreich war nach seiner Behauptung +atheistisch. »Uebertreibe ich, Monseigneur, wenn ich sage, daß es in +Frankreich Erziehungsanstalten giebt, die in mehr oder minder direkter +Verbindung mit der Universität stehen, wo die Kinder in praktischem +Atheismus und Haß gegen das Christenthum erzogen werden? In einer +dieser schauerlichen Höhlen des Lasters und der Irreligiosität hat man +dreißig Zöglinge zum Tische des Herrn gehen,<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> die geweihte Hostie im +Munde behalten und eine Entweihung des Heiligsten verüben sehen, die +das Gesetz früher bestraft haben würde, indem sie mit denselben die +Briefe verschlossen, die sie an ihre Eltern geschrieben hatten ... +Eine gottlose, verderbte, revolutionaire Race bildet sich unter dem +Einflusse der Universität.«</p> + +<p>Man war sehr mißgestimmt über diese indiskreten Enthüllungen und fühlte +sich in hohem Grade genirt durch diese Angriffe auf das Grundgesetz des +Staates aus einem Lager, auf dessen warme Unterstützung man glaubte +rechnen zu dürfen. Als Lamennais in Folge Dessen auf eine große Kälte +stieß und Verweise statt Dank erntete, ging er noch einen Schritt +weiter.</p> + +<p>Ich habe schon gezeigt, wie seine Lehre dahin führte, im +Kollisionsfalle die weltliche Unfehlbarkeit der geistlichen +Oberunfehlbarkeit aufzuopfern. Aber Das hieß in Wirklichkeit Dasselbe, +wie der revolutionären und philosophischen Schule einräumen, daß sie +Recht habe, den unverletzlichen und unwiderruflichen Charakter zu +verwerfen, welchen die monarchische Schule dem legitimen Königthume +beilegen wollte. Es hieß außerdem, die ganze weltliche Macht abhängig +vom Papste machen. Alle Bischöfe Frankreichs antworteten mit einer +Erklärung, in welcher sie die Unabhängigkeit der weltlichen Macht vom +päpstlichen Stuhle betonten.</p> + +<p>So hatte jetzt Lamennais, der Mann der Autorität, sich sowohl mit den +geistlichen wie mit den weltlichen Autoritäten überworfen.</p> + +<p>Sein Auftreten als Demokrat liegt für diesmal außerhalb des Rahmens +unserer Schilderung.<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a> Wir wollen hier nur auf die Keime seiner +neuen Richtung achten, welche sich in seiner alten Autoritätstheorie +vorfanden. Denn es ist das höchst Interessante an dieser Theorie, +daß sie keineswegs von der guten, alten, brutalen Art ist, wie die +Theorien, die bei Bonald und De Maistre gleich nach der Revolution +entstanden. Die Reaktion ist hier weit rationeller, also weit +minder principienfest. Jeder ernste Versuch, das Autoritätsprincip +zu begründen, versetzt ihm <span class="antiqua">eo ipso</span> den Todesstoß; denn die +Autorität<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> beruht nicht auf Gründen. Lamennais' Theorie, die auf den +ersten Blick so absolutistisch erscheinen konnte, war bei näherer +Betrachtung in hohem Grade populär. Das ganze Gebäude beruhte auf +der Lehre von der Autorität des Menschengeschlechts. Allein unter +jenem Princip von der Autorität des Menschengeschlechts regte sich +ein anderes, und zwar kein anderes, als jenes alte Rousseau'sche, +von den Männern der Reaktion so energisch bekämpfte Princip der +<em class="gesperrt">Volkssouverainetät</em>. Die Leser merkten das nicht sogleich; Der +Verfasser fühlte es auch nicht; aber es lag dort, es schlummerte, und +eines schönen Tages erwachte es und wurde von Allen wiedererkannt. — +Lamennais wollte die Monarchie durch die Theokratie ersetzen. Aber die +Theokratie war nicht populär, jedenfalls nur populär, wenn man das +Wort nach dem alten Spruche: <span class="antiqua">Vox populi, vox dei</span> umschrieb, +wenn Gottes Stimme die Stimme des Volkes hieß. Das praktische Resultat +seiner Lehre war also nur die Schwächung der weltlichen Obrigkeit, +welche dem Urtheil der allgemeinen Vernunft unterworfen werden sollte; +denn <em class="gesperrt">die allgemeine Vernunft</em>, welche zuerst in der souverainen +Kirche personificirt worden war, <em class="gesperrt">wurde sehr bald in dem souverainen +Volke personificirt</em>. Als Lamennais damit endigte, in seinen +»<span class="antiqua">Paroles d'un croyant</span>« die Geister zur Empörung aufzurufen, +zeigte es sich, daß er nur die Frontveränderung gemacht hatte, jetzt +die Theokratie zu Gunsten der Völker, statt früher zu Gunsten des +Fürsten, zu erstreben.</p> + +<p>Die Julirevolution sichert ihm Preßfreiheit, und der erste Gebrauch, +den er davon macht, ist, die Unterrichtsfreiheit und die Trennung der +Kirche vom Staate zu verlangen. Er hofft, so den ganzen Unterricht +in die Hände der Kirche bringen zu können und ihn seines weltlichen +Gepräges beraubt zu sehen. Als er gegen Ende des Jahres 1830 das +Journal »<span class="antiqua">Avenir</span>« gründet, ist das Programm desselben die +Trennung der Kirche vom Staate. Alle Angriffe erwidert er mit dem +Appell an Rom, dessen Programm nothwendig mit dem seines Blattes +zusammenfallen soll und muß; aber der Vatikan schweigt hartnäckig. +Die Sache war die, daß die päpstliche Gewalt nicht im Allergeringsten +mit Lamennais' Liberalismus einverstanden<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> war, und sich durchaus +nicht geneigt fühlte, auf den Zuschuß des Staates an die Kirche zu +verzichten. Als nun die Gegner fortfuhren, zu behaupten, daß die +Ansichten Lamennais' und seiner Mitarbeiter nicht mit der katholischen +Rechtgläubigkeit übereinstimmten, reiste Lamennais im Februar 1831 +nach Rom, um den Papst zu fragen, ob es, wie er sich ausdrückte, ein +Verbrechen sei, für Gott, Gerechtigkeit und Wahrheit zu kämpfen, und +ob er überhaupt seine Bestrebungen fortsetzen solle. Man hielt ihn in +Rom mit allerlei Ausflüchten bis zum August 1832 hin. Dann erschien +die Bulle, in welcher er, der Verfolger des Indifferentismus, des +religiösen Indifferentismus beschuldigt ward. Es heißt dort: »Aus +diesem unreinsten Quell des <em class="gesperrt">Indifferentismus</em> entspringt auch +der absurde und irrthümliche Satz, oder vielmehr der Wahnsinn, man +müsse die <em class="gesperrt">Gewissensfreiheit</em> für einen Jeden geltend machen, +und in Anspruch nehmen ... <em class="gesperrt">Aber welchen schlimmeren Tod der Seele +giebt es, als die Freiheit des Irrthumes</em>? frug schon Augustinus. +Denn wenn man den Menschen jeden Zügel nimmt, der sie auf den Pfaden +der Wahrheit erhalten kann, so stürzt ihre zum Bösen geneigte Natur in +den Abgrund hinab ... Hieher gehört auch jene verruchte, niemals genug +zu verwünschende und verabscheuende Freiheit des Buchhandels, jede +beliebige Schrift zu veröffentlichen, eine Freiheit, welche Einige mit +so viel Eifer zu verfechten und zu fördern wagen.«<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> Das war eine +offene Sprache; Lamennais unterwarf sich, und sein Blatt ging ein. Es +ist leicht zu begreifen, daß er den Kelch, der ihm gereicht wurde, als +einen Wermuthskelch empfand, und daß es jetzt nur noch eines Tropfens +bedurfte, um denselben überfließen zu<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> machen. Er stand von jetzt an +auf dem Sprunge, sich der Revolution in die Arme zu werfen, und er that +bald darauf diesen Sprung.</p> + +<p>Was aber für uns, die wir uns jetzt nur mit dem ersten +Entwicklungsstadium Lamennais' beschäftigen, psychologisch interessant +ist, Das ist die Wahrnehmung, wie sein naiver Autoritätsglaube +untergraben wird, sobald er in Rom Gelegenheit erhält, die Heiligkeit +in der Nähe zu betrachten. Er schreibt in einem Privatbriefe aus Rom:</p> + +<p>»Der Papst ist fromm und möchte gern das Gute; allein fremd der Welt, +ist er völlig unwissend in Betreff des Zustandes der Kirche sowohl wie +der Gesellschaft; unbeweglich in der Finsternis, die sich mehr und +mehr um ihn verdichtet, sitzt er und weint und betet; seine Rolle, +seine Mission ist, das letzte Niederreißungswerk vorzubereiten und zu +beschleunigen, welches der socialen Wiedergeburt vorhergehen muß, und +ohne welches diese entweder unmöglich oder doch unvollständig sein +würde; deshalb hat Gott ihn in die Hände von Menschen gegeben, welche +so niedrig stehen, wie man überhaupt stehen kann; ehrsüchtig, geizig, +verderbt, wie sie sind, möchten sie in ihrer viehischen Raserei die +Hilfe der Tartaren anrufen, um in Europa Das, was sie <em class="gesperrt">Ordnung</em> +nennen, zu errichten«.</p> + +<p>Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, daß auch Lamennais damit +enden muß, wider dies Wort anzustoßen, das die ganze Generation so +vollständig erbaut hatte? Wie Victor Hugo bei seinen Versuchen, die +Geschmacksautorität geltend zu machen, sich zuletzt gezwungen sieht, +den Begriff Ordnung zu kritisiren und zu erweitern, so wird Lamennais +während seines Kampfes für den Katholicismus zu eben dem Selben +genöthigt. Mit welcher Wehmuth und welcher Leidenschaft schildert er +in seinen Briefen die Korruption, die er unter jenen Pfeilern der +»Ordnung« in Rom gefunden hat:</p> + +<p>»Der Katholicismus war mein Leben, weil er das Leben der Menschheit +ist; ich wollte ihn vertheidigen, ich wollte ihn aus dem Abgrunde +hervorziehen, in den er mit jedem Tage tiefer hinabsinkt. Nichts war +leichter. Die Bischöfe haben gefunden, daß ihnen Das nicht gelegen +war. So blieb denn Rom zurück. Ich reiste dorthin, und ich sah die +verruchteste<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Kloake, die jemals menschliche Blicke befleckt hat. +Die riesige Abflußrinne der Tarquinier würde zu eng sein für so viel +Unrath. Dort herrscht kein anderer Gott, als der Eigennutz; man würde +dort gern die Völker, das Menschengeschlecht, die drei Personen der +heiligen Dreieinigkeit, jede für sich oder alle in Einem, für ein Stück +Erde und für einige Piaster verschachern«.</p> + +<p>So zeigte sich in der Nähe betrachtet, Lamennais die Macht, zu deren +unerschrockenstem Ritter er sich gemacht hatte. Was Wunder, daß er die +Front veränderte; was Wunder, daß er, wie die heidnischen Priester der +alten Sachsen, mit denen Renan ihn verglichen hat, selbst mit einem +sicher treffenden Axthiebe die Gottheit fällte, zu deren Altar er die +widerstrebende Welt gerufen hatte!</p> + +<p>Interessanter jedoch, als dieser klare Blick in einem einzelnen Punkte, +ist der Schimmer einer höheren Erkenntnis im Allgemeinen, den man jetzt +in Lamennais' Briefen verspürt. Bis jetzt hat er die absolute Wahrheit +gesucht, und es war die Autorität, welche ihm dieselbe garantiren +sollte. Jetzt gelangt er auf einmal zur Relativetätsidee, der Idee, +welche am gründlichsten und vollständigsten dem Autoritätsprincip den +Garaus macht. »Je älter ich werde, desto mehr wundere ich mich darüber, +zu sehen, daß die Ansichten, welche am tiefsten in uns wurzeln, von der +Zeit, in der wir lebten, von der Gesellschaft, in der wir geboren sind, +und von tausend ebenso vorübergehenden Umständen abhängen. Denke nur, +was für Ansichten wir haben würden, wenn wir zehn Jahrhunderte früher, +oder in demselben Jahrhundert zu Teheran, zu Benares, auf Otaheiti zur +Welt gekommen wären!«<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a> Es liegt mehr wahre Philosophie in diesen +paar Worten, als in dem ganzen berühmten Hauptwerke von Lamennais.</p> + +<p>Wir sind ein paar Jahre zu weit in der Zeit vorangeeilt, indem wir +Lamennais bis zu dem Punkte folgten, wo er den Uebergang zur Demokratie +vollzog. Als im Jahre 1823 der »<span class="antiqua">Essai sur l'indifférence</span>« +vollständig vorliegt, will er<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> noch, wie alle anderen Theokraten der +Restaurationszeit, durch die Autorität der Kirche die des Fürsten +stärken.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Mittlerweile stirbt dieser Fürst, und Karl X. besteigt den Thron. Er +besteigt ihn mit allem möglichen Aufwand von Pomp und Pracht. Man +führt ihn nach Reims, um ihn dort zu salben. Am 20. Mai 1825 fand +die Ceremonie statt, und es schien, als ob aller alte monarchische +und klerikale Aberglaube bei dieser Gelegenheit aus dem Grabe +hervorgestiegen sei. So war es ein alter Glaube, daß gekrönte +Häupter im Stande seien, die Skropheln zu heilen. Diese Meinung war +so unbezweifelt, daß unter Ludwig XV., der auch von diesem alten +Privilegium Gebrauch machte, eine Dame aus Valenciennes, die sich von +den Händen des Königs hatte berühren lassen, und die in der Absicht, +ihr Glück zu machen, ein ärztliches Attest eingesandt hatte, daß +sie jetzt ganz von Skropheln befreit sei, die Antwort empfing: »Die +Prärogative, deren sich die Könige von Frankreich in Betreff der +Heilung von Skropheln erfreuen, sind durch so authentische Beweise +dargethan worden, daß sie nicht durch neue Zeugnisse bestätigt zu +werden brauchen«.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Das war unter Ludwig XV. Unter Karl X. zeigte man sich nicht minder +rechtgläubig. Ich habe erzählt, wie es während der Revolution dem +Fläschchen mit dem heiligen Salböl erging. Es wurde zertrümmert. +Nichtsdestoweniger fand sich jetzt ein Gläubiger, der behauptete, daß +er damals, als der lästerliche Frevel verübt wurde, einige Scherben mit +Tropfen des heiligen Oeles aufgelesen und sie bis jetzt bewahrt habe. +Priester und Kirchenvorsteher anerkannten diese Scherben als echt. Karl +X. beglückte daher eines schönen Tages sein Land mit der Botschaft, daß +er sich mit Chlodwig's heiligem Oele salben lassen wolle. Die Scherben +wurden in ein neues, mit Gold und Edelsteinen besetztes Fläschchen +eingefügt, und die kostbaren Tropfen mit anderen verdünnt. Ich habe +bei Gelegenheit von Napoleon's Krönung erwähnt, wie die Salbung vor +sich ging. Um zehn Uhr des folgenden Morgens bestieg der König einen +prächtigen Schimmel und ritt mit einem glänzenden Gefolge, von einem +Trupp Gardehusaren<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> eskortirt, zum St. Marculphs-Hospitale. Dort +erwarteten ihn der erste Leibarzt und der erste Leibchirurg an der +Spitze von 121 Skrophelkranken. Der König verrichtete ein kurzes Gebet +in der Hospitalskapelle, und machte sich dann tapfer an die Arbeit des +Kurirens. Der berühmte Chirurg Dupuytren schämte sich nicht, dabei +behilflich zu sein, indem er bei der Komödie den Kranken die Köpfe +emporhielt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Festlichkeit wurde von Lamartine in einem ganzen Cyklus von +Gedichten (<span class="antiqua">Chant du sacre</span>) und von Victor Hugo in einer +begeisterten Ode besungen. Aber bei Gelegenheit dieses denkwürdigen +Ereignisses wurde zugleich ein kleines Lied geschrieben, welches dem +Dichter bald einen Proceß und eine Verurtheilung zuziehen sollte. Das +Gedicht hieß »Die Salbung Karl's des Einfältigen« und war von Béranger +verfaßt.</p> + +<p>In Victor Hugo's Ode »<span class="antiqua">Le sacre de Charles X.</span>« war der Ton, wie +aus folgender Strophe erhellt, gläubig, biblisch und monarchisch:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Mais trompant des vautours la fureur criminelle</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Dieu garda sa colombe au lis abandonné</span>.</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Elle va sur un Roi poser encor son aile</span>:</div> + <div class="verse indent6"><span class="antiqua">Ce bonheur à Charles est donné!</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Charles sera sacré suivant l'ancien usage</span>.</div> + <div class="verse indent6"><span class="antiqua">Comme Salomon, le roi sage</span>,</div> + <div class="verse indent6"><span class="antiqua">Qui goûta les célestes mets</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Quand Sadoch et Nathan d'un baume l'arrosèrent</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et, s'approchant de lui, sur le front le baisèrent</span>,</div> + <div class="verse indent6"><span class="antiqua">En disant: »Qu'il vive à jamais!«</span></div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Bei Béranger dagegen war der Ton respektwidrig bis zum Aeußersten. Ich +citire ein Paar Strophen als Probe:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le sacre de Charles le Simple.</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Français, que Reims a réunis</span>,</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Criez: Montjoie et Saint-Denis!</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">On a refait la sainte-ampoule</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Et comme au temps de nos aïeux</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Des passereaux lâchés en foule</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Dans l'église volent joyeux</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">D'un joug brisé ces vains présages</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Font sourire sa majesté</span>.</div><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le peuple s'écrie: Oiseaux, plus que nous soyez sages</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Gardez bien, gardez bien votre liberté.</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Aux pieds des prélats cousus d'or</span>,</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Charles dit son <em class="gesperrt">Confiteor</em></span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">On l'habille, on le baise, on l'huile</span>,</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Puis, au bruit des hymnes sacrés</span>,</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Il met la main sur l'Evangile</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Son confesseur lui dit: »Jurez</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Rome, que l'article concerne</span>,</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Relève d'un serment prêté</span>,«</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le peuple s'écrie: Oiseaux, voilà comme on gouverne</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Gardez bien, gardez bien votre liberté.</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">De Charlemagne en vrai luron</span>,</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Dès qu'il a mis le ceinturon</span>,</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">>Charles s'étend sur la poussière</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">>Roi, crie un soldat, levez-vous!</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">>»Non, dit l'évêque; et, par saint Pierre</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Je te couronne: enrichis-nous</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Ce qui vient de Dieu vient des prêtres</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Vive la légitimité!</span>«</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le peuple s'écrie: Oiseaux, notre maître a des maîtres</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Gardez bien, gardez bien votre liberté.</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Oiseaux, ce roi miraculeux</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Va guérir tous les scrofuleux</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Fuyez, vous qui de son cortége</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Dissipez seuls l'ennui mortel</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Vous pourriez faire un sacrilége</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">En voltigeant sur cet autel</span>.</div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Des bourreaux sont les sentinelles</span></div> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Que pose ici la piété</span>.</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le peuple s'écrie: Oiseaux, nous envions vos ailes</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Gardez bien, gardez bien votre liberté</span>.</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Mit Ausnahme von Delavigne, welcher direkt von dem achtzehnten +Jahrhundert abstammt, und welcher in seinen »<span class="antiqua">Messéniennes</span>« die +Principien der Revolution niemals vom Nationalgefühl trennte, war +Béranger der einzige Dichter, welcher sich außerhalb der herrschenden +Gruppe von Geistern und Talenten gehalten hatte. Er war 1780 geboren, +erlebte als neunjähriger Knabe die Erstürmung der Bastille, und verwand +nie diesen Eindruck, so wenig wie die Eindrücke seiner Jugendlektüre, +der Schriften Voltaire's. Eine Anekdote aus seiner Kindheit zeigt, wie +früh er sich seine Lebensanschauungen<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> gebildet hatte. Eines Tages, +als Béranger dreizehn Jahre alt war, und eben sehr spöttisch über +seine Tante lachte, die während eines heftigen Gewitters die Stube +mit Weihwasser besprengte, ereignete es sich, daß der Blitz plötzlich +dicht neben ihm in die Stube einschlug, so daß er eine Zeit lang völlig +gelähmt lag. Man hielt ihn für todt. Als er die Augen aufschlägt, ist +das erste Wort an seine gute und fromme Tante der triumphirende Ausruf: +»Nun, was nützt also Dein Weihwasser!« Die Anekdote ist wahr und mit +großer Indignation von klerikalen Schriftstellern erzählt worden. In +demselben Geiste griff er jetzt die Bourbonen an, und ihr Weihwasser +nützte ihnen auch Nichts.</p> + +<p>Aber zur selben Zeit, wie sie sich lächerlich machten, zeigte sich das +seltsame Phänomen, daß Napoleon aus einer verhaßten eine poetische, +aus einer historischen eine mythische Gestalt geworden war. Noch +bei Lebzeiten war er zu einem Sagenhelden geworden. Die plötzliche +Reglosigkeit, die bei ihm nothgedrungen einer Thätigkeit gefolgt +war, welche ganz Europa in Athem erhalten hatte, wirkte mächtig auf +die Gemüther. Die ferne, einsame Felseninsel draußen im großen Ocean +schien gleichsam nur das Postament des Helden zu sein. Der wirkliche +Bonaparte wurde in einen idealen Bonaparte verwandelt. Die Geschichte +trat ihn der Ode, der Meditation, der Dithyrambe, der kriegerischen +Chanson und dem Heldengedichte, kurz, der Legende ab. Selbst seine +ehemaligen Feinde konnten nicht einen Ausruf der Bewunderung des Mannes +zurückhalten, auf den Alle beständig die Augen gerichtet hielten. +Chateaubriand sprach damals die bekannten Worte, daß »Napoleon's Hut +und grauer Rock auf der Spitze eines Stockes an der Küste bei Brest +genügen würden, um ganz Europa zu den Waffen greifen zu lassen.« Und +die Jugend, welche unlängst froh gewesen war, die Reihen durchbrechen +und die tyrannische Disciplin abschütteln zu dürfen, sehnte sich jetzt +wieder nach der Sonne von Austerlitz. Sie hatte, sagt Musset, von +Moskau's Eis und der Sonne der Pyramiden geträumt. Jetzt erschien die +Erde ihr leer. »Der König von Frankreich saß auf dem Throne, und Einige +hielten ihm ihren Hut hin, und er warf ein Almosen hinein, und Andere +hielten ihm ein<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> Crucifix hin, und er küßte es. Und wenn die Jungen von +Ruhm sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von +Ehre sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von +Hoffnung, von Liebe, von Kraft und Leben sprachen, immer nur: Werdet +Priester!« (<span class="antiqua">Alfred de Musset</span>: <span class="antiqua">Confessions d'un enfant du +siècle</span>.)<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a></p> + +<hr class="tb"> + +<p>So wurden sie denn Priester. Weshalb und wie sie es wurden, kann man +in den Romanen sehen, welche die Zeit schildern, z. B. in Beyle's +»<span class="antiqua">Rouge et noir</span>«. Aber es war die goldene Zeit der Priester. +Schon am 7. Juni 1814, drei Tage nach der Charte, war die berüchtigte +Ordonnanz erschienen, welche die erzwungene Sonn- und Festtagsfeier +anordnete. Man sollte jetzt bei Strafe einer Geldbuße katholisch sein. +Selbst Nichtkatholiken wurden genöthigt, ihre Häuser zu schmücken, +wenn das Allerheiligste vorüber getragen ward. Am 7. August 1814 wurde +der Jesuitenorden feierlich wieder hergestellt. Aller Unterricht +wurde in die Hände der Geistlichkeit gelegt. Man ging darauf aus, +die Universität zu zermalmen, schon aus dem Grunde, weil ein großer +Theil der studirenden Jugend an der Vertheidigung von Paris gegen die +Fremden, also an einem Unabhängigkeitskampfe theilgenommen hatte.</p> + +<p>Von jetzt an beginnt in der katholischen Kirche eine kurzdauernde +Gährung, zu welcher Lamennais' Kampf gegen den Gallikanismus gehört, +der nach Verlauf von zwanzig Jahren zu einer bis dahin unbekannten +Erscheinung führt, zu der Erscheinung, daß die Katholiken einig, +Katholicismus und Ultramontanismus Eins geworden sind. Und noch +eine Erscheinung von verwandter Art, die keine frühere Zeit gesehen +hatte, erlebt unser Jahrhundert. Die kirchliche Einigkeit erstreckt +sich noch weiter, als auf die eigentlichen Glaubensgenossen. Die +protestantische Kirche bietet der katholischen, welche sie einst als +die babylonische Hure bekämpft hatte, die Hand. Werfen wir einen +Blick auf die spätere Entwicklung der Kirche, so finden wir, daß in +unseren Tagen der Unterschied zwischen dem orthodoxen Protestantismus +und Katholicismus nur ein Schein, nur der Unterschied zwischen der +Unfehlbarkeit der Bibel oder<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> des Papstes ist. Die Protestanten +verwerfen den Rationalismus des achtzehnten und die Kritik des +neunzehnten Jahrhunderts, gehen auf die Bekenntnisse des sechzehnten +und siebzehnten Jahrhunderts zurück und finden sie nicht orthodox +genug; Luther ist ihnen zu weit gegangen. Schleiermacher gilt für +ungläubig in dem orthodoxen Deutschland, Bossuet wird nie mehr von +den Katholiken Frankreichs erwähnt. Er gilt für einen Ketzer, weil +er nicht ultramontan ist. Selbst Montalembert nennt ihn in seinem +Buche »<span class="antiqua">Des intérêts catholiques au 19me siècle</span>« mit einer +gewissen Mißbilligung. Damit noch nicht genug: die katholischen +Polemiker ergeben sich Betrachtungen über die Weltgeschichte, die +zu einer Art Kreuzzug wider die großen heidnischen Geister führen, +welche die Civilisation Europa's begründet haben, wie z. B. Pindar, +Plato, Virgil<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>, eine Polemik, zu welcher Grundtvig's früheste +welthistorische Verdammungsurtheile in unserer dänischen Literatur +ein Seitenstück liefern. Mit Jubel ruft daher Montalembert in der +erwähnten Schrift aus: »Die Lügengeschichte, die Parodiegeschichte, die +Deklamationsgeschichte, wie sie von Voltaire, Dulaure und Schiller, die +unsere Väter erzogen, verfaßt wurden, würden heut zu Tage kaum in einem +Feuilleton geduldet werden«. Man braucht nur Lamennais' Korrespondenz +zu durchblättern, um den Eindruck zu erhalten, daß die Julirevolution +großentheils durch das Gebahren der Priesterpartei verursacht ward. +Namentlich zeigten die Jesuiten sich als Grenadiere der Tollheit. +Missionaire wurden durch ganz Frankreich ausgesandt. Ihr brünstiger +Glaube war ihrer groben Unwissenheit zu verdanken. Sie bekehrten +zuweilen ganze Regimenter auf einmal, welche dann von ihren Officieren +an die Altäre geführt wurden.</p> + +<p>Der Marienkultus nahm einen Aufschwung, wie niemals zuvor. Dieselbe +Bewegung vollzieht sich (nur schneller) in unseren Tagen mit dem +Glauben an Maria, wie im Mittelalter mit dem Glauben an Christus. Sie +verwandelt sich allmählich aus einem menschlichen in ein göttliches +Wesen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p> + +<p>Folgen wir einen Augenblick der Bewegung der religiösen Reaktion +über die hier behandelte Periode hinaus, so sehen wir, wie man mit +Riesenschritten auf dem betretenen Wege weiter geht. Das Dogma von der +unbefleckten Empfängnis Mariä, vor welchem das Mittelalter im zwölften +Jahrhundert zurückgescheut war, wird in unseren Tagen festgestellt. +Maria verdrängt unmerklich Christum und wird Frankreichs Göttin, wie +sie früher die Göttin Italiens und Spaniens war. Mit Stolz verkünden +die Katholiken, daß das Jahrhundert Maria's auf das Jahrhundert +Voltaire's gefolgt sei. In einem Lehrbuche, nach welchem die +katholischen Priester unterrichtet werden (<span class="antiqua">Manuel de piété à l'usage +des séminaires, 7me édition.</span> <span class="antiqua">Paris 1835</span>), heißt es: »Man +muß die heilige Jungfrau als die Gattin des ewigen Vaters verehren, +da er mit ihr und in ihr unsern Herrn Jesum Christum gezeugt hat; man +muß in ihr all' die göttlichen und anbetungswürdigen Vollkommenheiten +verehren, die Gott auf ihre Person hat übergehen lassen, indem er +mit außerordentlichem Ueberflusse ihr seine Fruchtbarkeit, seine +Weisheit, seine Heiligkeit und seine göttliche Lebensfülle mitgetheilt +hat«. In einem vom Erzbischofe Malou herausgegebenen Buche über die +unbefleckte Empfängnis wird Maria als die gleichzeitige Tochter, Gattin +und Mutter Gottes geschildert. Die Verwandtschaftsverhältnisse der +Dreieinigkeit werden hier so verwickelt, daß Maria u. A. die Tochter +ihres eigenen Sohnes wird. In einem Buche des Abtes Guillon »<span class="antiqua">Le Mois +de Marie</span>« wird sie sogar als eine Art Obergöttin dargestellt, an +welche man daher am liebsten sein Gebet richten solle: »Gottes Mutter +sein, Das heißt eine Art Allmacht über Gott selber haben, und, wenn +man so sagen darf, eine Art <em class="gesperrt">Autorität</em> über ihn bewahren«. So +legt sich die Autorität zuletzt bei der Madonna vor Anker. Nach Art +der alten Scholastiker beginnt man bei den Kirchenvätern Beweisstellen +für die unbefleckte Empfängnis aufzusuchen. Ein einziger Geistlicher, +Namens Passaglia, hat allein 8000 gesammelt. Ja, Erzbischof Malou +erklärt, nicht weniger als 800000 Beweise dafür liefern zu können. +Man schwindelt. Fügen wir den Reliquienkultus hinzu, welcher gegen +die Mitte unsres Jahrhunderts sich einstellt; denn die Reliquien, die +während<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> der Revolution aufgehört hatten Wunder zu thun, thun wieder +Wunder für die Generation, welche von den Jesuiten erzogen ist. Man +findet Jesu heiligen Rock. Aber zwei Städte machen Anspruch darauf, ihn +zu besitzen, und der Rock beider ist von einem Papste als der einzige +echte anerkannt worden. Man wallfahrtet also zu beiden. Görres jubelt +in seinen »Historisch-politischen Blättern« über die Pilgerfahrt zu dem +heiligen Rocke von Trier. Als die heilige Jungfrau sich zu La Salette +offenbart, wandern nicht weniger als 300000 Pilger zu der Stätte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Endlich mündet die religiöse Reaktion in Pius IX. Syllabus, jener +berühmten Bulle, welche den freien Gedanken zu einem Wahnsinn der +Freiheit stempelt, die bürgerliche Ehe, die Trennung der Kirche vom +Staate, die Religionsfreiheit, Preßfreiheit und Redefreiheit, so wie +den Irrthum verdammt, daß die Kirche sich mit »dem Fortschritt, dem +Liberalismus und der modernen Civilisation« versöhnen müsse. Aber fast +noch kurioser, als der Syllabus, sind die Vertheidigungsschriften +dafür: die des deutschen Bischofs Ketteler, betitelt »Die falsche und +die wahre Freiheit«, und die des französischen Bischofs Dupanloup +»<span class="antiqua">La convention du 15. décember et l'Encyclique du 8. septembre</span>«, +welche den Kampf des Papstes wider »die freche Behauptung all' der +großen Wahrheiten, welche die Grundveste der menschlichen Gesellschaft +bilden«, erläutert und rechtfertigt. Nur glaube man nicht, daß diese +Broschüren sehr auffällig in ihrer Form oder voll in die Augen +springender Albernheiten wären. Sie ähneln an Ton und Inhalt zumeist +einem gemäßigten Artikel in einer liberalen dänischen Zeitung.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Ich habe die Resultate angegeben, zu denen die neukatholische Richtung +führte. Aber, wohlgemerkt, diese Resultate gehören nur der Geschichte, +nicht mehr der Literaturgeschichte an. <em class="gesperrt">Jede Richtung ist immer noch +historisch, lange nachdem sie aufgehört hat, literaturhistorisch</em> +zu sein. Letzteres ist sie nur, so lange sie nicht allein die +Gewalthaber, Herzöge und Bischöfe, sondern auch Geister und Talente +in ihrem Dienste hat. Das hat die religiöse Reaktion nach<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> 1830 nicht +mehr in Frankreich. Der Unterschied zwischen der Reaktion im Jahre +1820 und der widerwärtigen und empörenden Reaktion, welche jetzt dem +geschwächten und unglücklichen Frankreich das Mark aussaugt, ist der, +daß, während die damals blühende Reaktion fast Alles, was Frankreich an +Geist und Talent besaß, in ihrem Dienst und in ihrem Heerbann hatte, +sie jetzt <em class="gesperrt">nicht einen einzigen schriftstellerisch bedeutenden +Namen</em> aufzuweisen hat. Deshalb braucht man nicht an der Zukunft zu +verzweifeln.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sehen wir nun also, wie die Reaktion der damaligen Zeit besiegt wurde. +Sie wird zum ersten von außenher angegriffen: die Tagespresse bekämpfte +den Obskurantismus, Béranger sang seine Weisen wider denselben, ein +einziger betriebsamer Verleger, Touquet, gab von 1817 bis 1824 allein +31600 Exemplare von Voltaire (1598000 Bände) und 24500 Exemplare von +Rousseau heraus. Touquet wurde zwar von der Polizei verurtheilt; allein +Das weckte solche Erbitterung, daß der »Globe« mit einem Massenabfall +vom Katholicismus drohte. Die Touquet-Ausgaben überschwemmten daher +aufs Neue das Land. Der klassische Pamphletist Paul Louis Courier +verhöhnte die Regierung bis aufs Blut. Er faßte seine politische +Theorie in den Satz zusammen: »Das Volk soll der Regierung den Weg +weisen, den sie gehen soll, wie man den Weg einem Kutscher vorschreibt, +den man bezahlt, und der uns nicht fahren soll, wohin oder wie er +will, sondern wohin wir fahren wollen, und auf dem Wege, den wir ihm +bezeichnen«. Die Regierung verlor einen Proceß nach dem andern gegen +Courier.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eins der ergötzlichsten und gegenwärtig für uns interessantesten +seiner Pamphlete ist das, in welchem er sich gegen den Kauf von +Chambord erklärt. Der junge Herzog von Bordeaux, jetziger Graf von +Chambord, wurde so lange nach dem Tode seines Vaters geboren, daß +seine Geburt wie eine Fügung des Himmels betrachtet ward. Lamartine, +Victor Hugo und Musset besingen das wunderbare Ereignis, und die +beiden Ersten vergleichen Henri mit dem Joas der Bibel. Es wird der +Vorschlag gemacht, eine Nationalsubskription zum<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> Ankauf des Schlosses +Chambord zu eröffnen, und seinem Princip, zu chikaniren, getreu, +schreibt Courier vom Standpunkte eines Bauern dagegen. Bald wirken +alle Geschichtschreiber, mit Ausnahme Michaud's, für die Sache des +Fortschritts. Thiers beginnt 1823 seine Geschichte, welche dieselbe +Wirkung, wie Béranger's Lieder, übt.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Es war bisher immer Sitte in Frankreich gewesen, daß die Regierung die +Literatur unterstützte. Mit Ausnahme Napoleon's hatten alle Regenten +Frankreichs Dies gethan. Man erwartete es von den Bourbonen, aber es +geschah nicht, mit einer wie schwärmerischen Sympathie auch die Dichter +und Schriftsteller ihnen Anfangs entgegenkamen. An den Wenigen, welche +antidynastisch gesinnt waren, rächte man sich, so gut man konnte; +um Béranger zu bestrafen, zog man seinen Nebenbuhler Dèsaugiers +an den Hof; um Delavigne zu bestrafen, entsetzte man ihn seiner +Bibliothekarstelle.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Allein schlimmer, als die Angriffe von außen, waren die Keime der +Auflösung, welche sich innerhalb der Autoritätsschule selber zeigten. +Wir haben schon gesehen, daß Lamennais auf dem Sprunge zum Abfalle +stand. Und wie bei ihm, so entdeckte man bald bei allen Uebrigen die +Keime des Neuen inmitten ihrer Vertheidigung des Alten. Lamartine +fuhr allerdings fort, seine religiösen Hymnen zu singen; aber der +strenge Genfer Priester Vinet entdeckte bald, daß diese Religiosität +nur scheinbar Christenthum war, und daß sich unter den christlichen +Redensarten ein sehr wenig orthodoxer Pantheismus verbarg.<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a></p> + +<p>Victor Hugo, den man nach seinem ersten Auftreten für zuverlässiger +halten sollte, erwies sich bald, nicht nur durch die Form seiner +Gedichte, sondern auch durch ihren Inhalt, als eine unsichere +Acquisition. Nachdem der Einfluß seiner königlich gesinnten +Mutter lange bei ihm überwiegend gewesen war, taucht, gerade als +die napoleonische Legende sich zu bilden im Begriffe steht, die +Einwirkung des Vaters wieder auf, und<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> er, welcher damit begonnen +hatte, Buonaparte's Namen italiänisch zu buchstabiren, schreibt 1827 +seine erste Ode an die Vendômesäule, in welcher sich die glühende +Begeisterung für den Kaiser und die Kaiserzeit zum ersten Male bei ihm +Luft macht; sie erweckte viel Aufsehen und große Verwunderung. Man +ahnte von jetzt an in ihm den Dichter, welcher drei Jahre später in +der Vorrede zu »Hernani« den Romantismus als »den Liberalismus in der +Literatur« definiren sollte.</p> + +<p>Was aber am allermeisten die Auflösung der Autoritätsschule beförderte, +war der Umstand, daß die Bourbonen im Jahre 1824 ihre große und +entscheidende Thorheit der Literatur gegenüber begangen hatten. +Chateaubriand war auf die höhnischste Weise aus dem Ministerium Villèle +ausgestoßen worden, obendrein gerade in dem Augenblick, wo er dem +bourbonischen Namen durch den glücklich beendeten spanischen Krieg, den +er seinen politischen »René«, d. h. sein Meisterstück auf dem Felde +der Politik, zu nennen pflegte, einen Triumph verschafft hatte<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>. +Man verhöhnte Chateaubriand, den Mann, welchem man gewissermaßen Alles +verdankte, ihn, welcher den Grundstein zu dem ganzen Gebäude, das man +aufgeführt, gelegt hatte. Christliche Demuth war nicht der Grundzug +seines Charakters, und er hielt nicht die rechte Wange hin, wenn man +ihn auf die linke schlug. Im Juni 1824 ging er offen zur Opposition +über, wurde ihr Führer, und übernahm die Leitung des »<span class="antiqua">Journal des +Débats</span>«. Er zog bald die ganze seraphische Dichterschule, deren +Patriarch er war, nach sich. Lafayette sandte ihm ein Lorbeerblatt, +Constant schmeichelte ihm. Er begann mit Béranger zu fraternisiren +und wurde von Diesem besungen. Victor Hugo schrieb eine Ode an ihn +(Buch III, Ode 2), die ihn zugleich verherrlichen und trösten sollte, +und worin Worte wie diese vorkamen: »Was wolltest <em class="gesperrt">Du</em> auch an +einem Hofe?« oder: »Es giebt nichts Schöneres, als einen Lorbeerbaum, +den der Blitz getroffen hat«. Sein Abfall war für die Restauration +ein Stoß ins Herz.<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> So lange die Täuschungen der Restaurationszeit +gewährt hatten, war die Dichterschule Frankreichs »immanuelisch« +gewesen und hatte einen Schutzengel an der Wiege und an der Bahre jedes +Menschen erblickt. Mit Chateaubriand's Illusionen fielen auch die +aller Andern, und an die Stelle jener Schule trat eine andere, welcher +Southey den Namen »satanisch« gab, und welche denselben annahm, eine +Schule mit scharfem Blick für das Böse und für alle Schrecknisse, mit +pessimistischer Geistesrichtung und revolutionairen Sympathien.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Aber in die Gemüthserregung, welche dies unvorhergesehene und +bedeutungsvolle Ereignis verursachte, griff ein anderes, noch +bedeutungsvolleres und folgenschwereres Ereignis ein, das seine Wirkung +über die ganze Welt erstreckte: die Kunde von Byron's Tod.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Diese Kunde wirkte um so mächtiger, als sie die Sympathien für den +ersten Freiheitskampf, der seit der Revolution stattgefunden hatte, +in helle Flammen emporschlagen ließ. Ein neues Ideal bildete sich im +menschlichen Herzen. Mit Napoleon war die positive Größe gefallen, +die wirklichen Helden für eine Zeitlang von der Erde verschwunden. +Die menschliche Bewunderung war leer, wie ein Piedestal, das seiner +Statue beraubt worden ist. Lord Byron besetzte wieder den leeren Platz +mit der phantastischen Größe seiner Helden. Napoleon hatte Werther, +René und Faust abgelöst; Byron's prometheische und desperate Helden +lösten Napoleon ab. Er stimmte wunderbar mit dem Drange der Zeit +überein. Der orthodoxe Dogmatismus hatte am Anfange des Jahrhunderts +den revolutionair-freidenkerischen Dogmatismus überwunden, und war +jetzt seinerseits unterhöhlt und veraltet. Weder die systematische +Verneinung, noch die systematische Religiosität hatte in diesem +Augenblick eine Zukunft. Es blieb also der Zweifel als Zweifel übrig, +der <em class="gesperrt">poetische</em> Radikalismus, die tausend schmerzlichen und +unruhigen Fragen nach dem Zweck und Werth des Menschenlebens. Das war +es, was Byron brachte.</p> + +<p>Aber er frug nicht neutral. Es war der Empörungsgeist, der aus ihm +frug, und der durch seinen Mund die jungen<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> Geschlechter zu einer +weltbürgerlichen Gemeinschaft vereinigte. Sie stimmten mit ihm in das +ominöse Wort ein:</p> + +<p class="mright3"><span class="antiqua">revolution</span></p> +<p class="right"><span class="antiqua">alone can save the world from hell's pollution</span>.</p> + +<p>Sein Tod wurde für die allgemeine Sache der Freiheit weit wirksamer, +als sein Leben. Die Restauration hatte die Menschen zu einem Höhepunkt +thierischer Unterwerfung unter die Autorität, sklavischer Unterwerfung +unter die Theologie, unterthäniger Unterwerfung unter die Macht, +zu einem Höhepunkte der Schlaffheit und Heuchelei geführt. Sie +war faul bis ins Mark hinein, aber von außenher durch Aberglauben +und Bajonette gestützt. In England hatte Bentham, der radikale +Philosoph, schamentbrannt, die Reaktion selbst in diesem, am weitesten +vorgeschrittenen Lande siegreich zu sehen, sie dadurch zu untergraben +gesucht, daß er sich an die <em class="gesperrt">Interessen</em> der Menschen wandte. +Byron entfesselte alle <em class="gesperrt">Leidenschaften</em>. Ihm galt es nicht, auf +einen einzigen Punkt zu wirken, sondern die Gemüther zu revolutioniren, +das Gefühl der Tyrannei zu wecken. Die Allianz-Politik wähnte, für +immer den Revolutionsgeist gefesselt, für ewig das Band zerschnitten +zu haben, welches unser Jahrhundert an das achtzehnte knüpfte. »Da +knüpfte dieser eine Mann den Faden wieder an, den eine Million +Soldaten zerrissen hatte. Amerikanischer Republikanismus, deutsche +Freidenkerei, französische Umsturzlust, angelsächsischer Radikalismus, +Alles schien in diesem einen Geiste vereinigt. Nach der Unterdrückung +der Revolutionen, der Knebelung der Presse, der Selbstunterwerfung der +Wissenschaft, trat der Sohn der Phantasie, der vogelfreie Dichter vor +die Bresche,« und rief alle kräftigen Geister noch einmal wider den +gemeinsamen Feind zu den Waffen<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>. Die Restauration überlebt ihn im +Grunde nicht. Das Autoritätsprincip hat nie einen rücksichtsloseren +Gegner gehabt. —</p> + +<p>Die Reaktion im französischen Geistesleben beginnt literarisch im +Namen des <em class="gesperrt">Gefühls</em> mit Frau von Staël und der ganzen Gruppe +von Schriftstellern, die sich ihr anschließen,<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> social im Namen +der <em class="gesperrt">Ordnung</em> mit Robespierre, und der ganzen Schaar von +Revolutionsmännern, die sich um ihn gruppiren. Das Gemeinschaftliche +bei Frau von Staël und Robespierre ist, daß sie beide Schüler +Rousseau's sind. Nach der Reaktion gegen Voltaire folgt dann die +Reaktion gegen Rousseau. Auf das Fest für das höchste Wesen folgt das +große Einweihungs-Tedeum in Notre-Dame, und auf Frau von Staël folgt +Bonald. Das Gefühlsprincip wird verdrängt, oder, wie bei Chateaubriand, +zur Stütze der Autorität benutzt. Das Princip der Ordnung wird mit +dem <em class="gesperrt">Autoritätsprincip</em> indentificirt, welches bald alle Sphären +des Lebens und der Literatur beherrscht. Dies Princip ist gleichsam +inkarnirt in der ersten Abtheilung von Reaktionären, deren Häupter +De Maistre und Bonald sind. Es empfängt sein Heldengedicht in den +»Märtyrern«, und die Idee der Ordnung beherrscht die Schilderung des +Himmels, der Hölle, und zuweilen selbst der irdischen Landschaft. Das +Princip erhält sein politisches Denkmal in der »heiligen Allianz«. +Das Uebernatürliche verdrängt das Natürliche aus der Poesie. Dem +seraphischen Epos entspricht eine seraphische Lyrik und Erotik, daneben +seraphische Pilgerfahrten und seraphische Weissagungen und Gedichte.</p> + +<p>In keinem Lande war das Autoritätsprincip in Betreff der literarischen +Form so respektirt gewesen, wie in Frankreich. Es wird daher auch +von der neuen Dichterschule geltend gemacht. Aber leider erkennt man +bald, daß das neue reelle Princip, die christliche Tradition, in +lebhaftem Widerstreite mit den herkömmlichen Principien der Literatur +steht, und die Autorität geräth hier ins Schwanken. Auf ähnliche Art +wurde die Erfinderin der heiligen Allianz von den Machthabern für +legitim erklärt, so lange es schien, daß ihre Grundsätze völlig mit +denen der Macht übereinstimmten. In dem Augenblick, wo man wahrnimmt, +daß die christliche Tradition als ein unruhestiftendes Princip den +Autoritäten gegenüber treten kann, sehen diese sich gezwungen, das +Werkzeug, dessen sie sich unlängst bedient hatten, zu zerbrechen, und +der Gedanke der religiösen Brüderlichkeit steht in der folgenden Zeit +als ein revolutionaires Princip der Macht gegenüber und unterwühlt<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> +sie theoretisch. Am entschlossensten und zusammenhängendsten wird in +der Restaurationszeit das politisch-religiöse Autoritätsprincip von +Lamennais entwickelt und vertheidigt; aber es zeigt sich bald, daß +unter seiner Lehre von der Souverainetät der allgemeinen Vernunft sich +die revolutionaire Theorie von der Volkssouverainetät verbirgt, und das +Princip löst sich selber auf. Zu gleicher Zeit werden die Feinde der +Preßfreiheit genöthigt, dieselbe als Mittel zu benutzen, während die +Gegner des parlamentarischen Regimentes dieses selber verfechten, um +ein Ministerium zu stürzen, das sie verhindert, zur Macht zu gelangen. +Bald stehen alle Persönlichkeiten, die wir haben auftreten sehen, von +Chateaubriand bis zu Frau von Krüdener, von Hugo bis zu Lamennais, im +Kampfe mit den Gewalthabern, deren Sache sie so eifrig dienten, und +im Kampfe mit dem Autoritätsprincip, das sie und die Zeit beherrscht +hatte. So fällt dies Princip, um sich nie wieder zu erheben.</p> + +<div class="blockquot"> + +<p>[<span class="antiqua">Lamennais: Essai sur l'indifférence. Progrès de la révolution et +de la guerre contre l'église. Correspondance par M. Forgues. Oeuvres +inédits par M. Blaize.</span> — Schleiermacher: Reden über die Religion. +— <span class="antiqua">Renan: Essais de morale et de critique. — Schérer: Mélanges +de critique religieuse.</span> — Gervinus: Geschichte des neunzehnten +Jahrhunderts. — <span class="antiqua">Béranger: Oeuvres complètes.</span>]</p> +</div> + +<p class="p2 center">Druck von Fr. Stollberg, Merseburg.</p> + + +<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowe7" id="p0240_pic1"> + <img class="w100" src="images/p0240_pic1.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="footnotes"><h2>Fußnoten:</h2> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Louis Blanc hat in seiner Revolutionsgeschichte, Bd. +<span class="antiqua">VIII.</span>, S. 35, diesen Artikel dahin mißverstanden, als sollten +die treulose Gattin und der Bastard Marie Antoinette und den Dauphin +bedeuten. Er übersah, daß im Originaltext eine Note hinzugefügt ist, +worin es heißt, daß »die Begründer der drei wichtigsten Religionen +Bastarde gewesen sind«.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Vergl. Stuart Mill's Abhandlung über De Vigny in +»<span class="antiqua">Dissertations and discussions</span>«. <span class="antiqua">Vol. 1.</span></p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Ganz eben so, wie Bonald, begründet der bekannte Haller +seine Angriffe auf den »<span class="antiqua">Contrat social</span>« in seiner »Restauration +der Staatswissenschaft«.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Das einzige witzige Wort, welches über Buffon's Satz +gesagt worden ist, verdankt man der Madame de Girardin. Sie zeigt, +wie jeder von George Sand's Romanen das Gepräge der einen oder andern +Persönlichkeit trägt, für welche die Verfasserin geschwärmt hat. +»George Sand's Natur, welche sich abwechselnd kalt und aller Illusionen +beraubt mit den Salonhelden, frisch und lächelnd mit dem Sänger der +Quellen und der Haide, poetisch mit dem Dichter, republikanisch mit +dem Advokaten gezeigt hat, zeigt sich jetzt moralisch und religiös mit +dem politischen Priester [Lamennais], was dieser Tage einem Spottvogel +Anlaß zu der Bemerkung gab: Besonders wenn die Rede von den Werken +weiblicher Schriftsteller ist, muß man mit Buffon ausrufen: ›Der Stil +ist <em class="gesperrt">der Mann</em>‹.« <span class="antiqua">Le Vicomte de Launay: Lettres parisiennes, +Tome I, pag. 89.</span></p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> <span class="antiqua">Louis de Viel-Castel: Histoire de la Restauration, Tome +IV, pag. 487.</span></p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> »<span class="antiqua">He for God only, she for God in him.</span>« <span class="antiqua">Paradise +lost</span>, IV.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">O honte! ô crime! on rosse les Puissances</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On jette à bas six mille Intelligences</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Qui figuraient dans les processions</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">De leurs gradins les Trônes on renverse</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On foule aux pieds les Dominations</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et des Vertus le troupeau se disperse</span>.</div> + <div class="verse indent2">..... <span class="antiqua">l'on jette à leurs nez</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Devinez quoi? les têtes chérubines</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Aux frais mentons, aux lèvres purpurines.</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua"><em class="gesperrt">Parny</em>: La guerre des dieux, Chant X.</span></div> + </div> +</div> +</div> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Bei Parny sind sie weit minder mit Arbeit geplagt:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Viennent après les Dominations</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Trônes, Vertus, Principautés, Puissances</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Esprits pesants, grosses intelligences</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Qu'on charge peu de saintes missions</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Regardant tout, mais à tout inhabiles</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Les bras croisés, ils sont là sur deux files</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Propres sans plus à garnir les gradins</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">A cet emploi se borne leur génie</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">C'est ce qu'au bal nous autres sots humains</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nous appelons: faire tapisserie.</span></div> + </div> +</div> +</div> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Man vergleiche hiemit Parny:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Étaient-ils trois, ou bien n'étaient-ils qu'un?</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Trois en un seul; vous comprenez, j'espère?</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Figurez-vous un vénérable père</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Au front serein à l'air un peu commun</span>.</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Ni beau, ni laid, assez vert pour son âge</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et bien assis sur le dos d'un nuage</span> ...</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">De son bras droit à son bras gauche vole</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Certain pigeon coiffé d'un auréole</span> ...</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Sur ses genoux un bel agneau repose</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Qui bien lavé, bien frais, bien délicat</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Portant au cou ruban couleur de rose</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">De l'auréole emprunt aussi l'éclat</span>.</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Ainsi parut le triple personnage</span> ...</div> + <div class="verse indent2">.... »<span class="antiqua">Je fais ce que je veux</span>.</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Je fais n'est pas le mot propre et technique</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Triple je suis sans cesser être unique</span>.</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et je faisons vaudrait peut-être mieux</span>.</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Mais vous cédez quelque chose au plus vieux</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Plus vieux? non pas, nous sommes du même âge</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">De moi pourtant tous deux vous procédez</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Je vous ai donc d'un moment précédé?</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On le croirait, c'est assez là l'usage</span>.</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Point; mes enfants se trouvent mes jumeaux</span>.</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Notre amalgame est un plaisant chaos</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et je m'y perds.« ...</span></div> + </div> +</div> +</div> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> <span class="antiqua">Dans cet état, il était plus amoureux, plus vif: il me +disait que je lui donnais les plaisirs les plus charmants, m'appelait +séductrice, etc., et dans cet endroit solitaire, il faisait ce qu'il +voulait.</span></p> + +<p><span class="antiqua">Madame de Saman: Les enchantements de Prudence, avec préface de +George Sand. 1873. Pag. 166 ff.</span></p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Vgl. Katerkamp: Denkwürdigkeiten aus dem Leben der +Fürstin Amalia von Gallitzin. Münster 1828.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> <span class="antiqua">Villemain: M. de Féletz et les salons de son +temps.</span></p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Vgl. F. L. Liebenberg: Beiträge zur Geschichte der +Oehlenschläger'schen Literatur, Bd. I, S. 183. Genoveva »sieht Christus +in ihm.«</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> In zwei auf einander folgenden Ausgaben seiner +französischen Literaturgeschichte hat Julian Schmidt in der +Inhaltsangabe von Valérie den Irrthum begangen, Gustav dem Manne +beichten zu lassen.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Wer sich für die wirklichen Thatsachen ihrer Geschichte +interessirt, findet sie nach Originalmanuskripten berichtet in +<span class="antiqua">Cuvillier-Fleury's Portraits politiques, 1851, pag. 377</span> ff.)</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Vergleiche G. Brandes: »Die französische Aesthetik der +Gegenwart«, S. 22, und »Kritiken und Portraits«, S. 227.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a></p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Je suis le démagogue et débordé</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et le dévastateur du vieil ABCD</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Causons, etc.</span></div> + </div> +</div> +</div> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Hier ein Paar aus seiner frühesten Jugend:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">On a vu souvent des maris</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Jaloux d'une épouse légère</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On en a vu même à Paris</span>;</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Mais ce n'est pas le tien, ma chère.</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent4"><span class="antiqua">On a vu des amants transis</span>,</div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Ainsi qu'une faveur bien chère</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Implorer un simple souris;</span></div> + <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Mais ce n'est pas le tien, ma chère.</span></div> + </div> +</div> +</div> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Siehe Band 5: »Die romantische Schule in Frankreich«, S. +322 u. ff.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a></p> + +<div class="blockquot"> + +<p><span class="antiqua">Atque ex hoc putidissimo <em class="gesperrt">indifferentismi</em> fonte absurda +illa fluit ac erronea sententia, seu potius deliramentum, asserendam +esse ac vindicandam cuilibet <em class="gesperrt">libertatem conscientiae</em> ... +<em class="gesperrt">At quae pejor mors animae quam libertas erroris</em>? inquiebat +Augustinus. Freno quippe omni adempto, quo homines contineantur in +semitiis veritatis, proruit jam in praeceps ipsorum natura ad malum +inclinata ... Huc spectat deterrima illa ac nunquam satis execranda +et detestabilis libertas artis librariae ad scripta quaelibet edenda +in vulgus, quam tanto convicio audent nonnulli efflagitare ac +promovere.</span></p> +</div> + + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Vergl. G. Brandes: Die französische Aesthetik der +Gegenwart, Seite 97.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Siehe auch Band 5: »Die romantische Schule in +Frankreich«, S. 195.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Vgl. <span class="antiqua">Saisset</span>: <span class="antiqua">La philosophie et la rénaissance +réligieuse</span>. <span class="antiqua">Revue des deux mondes 1853.</span> <span class="antiqua">Tome I.</span></p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Vgl. Vinet's interessante Studien über die neuere +lyrische Poesie Frankreichs.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Die Einzelheiten dieser Verabschiedung lese man nach bei +Guizot: <span class="antiqua">Mémoires pour servir à l'histoire de mon temps</span>, Ausgabe +für das Ausland, S. 263 ff.</p> + +</div> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Gervinus: Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, Bd. +VIII, S. 172.</p> + +</div> +</div> +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79048 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/79048-h/images/a0005_pic1.jpg b/79048-h/images/a0005_pic1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..346eb9f --- /dev/null +++ b/79048-h/images/a0005_pic1.jpg diff --git a/79048-h/images/a0005_pic2.jpg b/79048-h/images/a0005_pic2.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..07b762f --- /dev/null +++ b/79048-h/images/a0005_pic2.jpg diff --git a/79048-h/images/a0006_pic1.jpg b/79048-h/images/a0006_pic1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3d32f88 --- /dev/null +++ b/79048-h/images/a0006_pic1.jpg diff --git a/79048-h/images/cover.jpg b/79048-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..eea2e26 --- /dev/null +++ b/79048-h/images/cover.jpg diff --git a/79048-h/images/p0240_pic1.jpg b/79048-h/images/p0240_pic1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..eb5d230 --- /dev/null +++ b/79048-h/images/p0240_pic1.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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