summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes13
-rw-r--r--79048-0.txt8512
-rw-r--r--79048-h/79048-h.htm9084
-rw-r--r--79048-h/images/a0005_pic1.jpgbin0 -> 11377 bytes
-rw-r--r--79048-h/images/a0005_pic2.jpgbin0 -> 11419 bytes
-rw-r--r--79048-h/images/a0006_pic1.jpgbin0 -> 1672 bytes
-rw-r--r--79048-h/images/cover.jpgbin0 -> 802018 bytes
-rw-r--r--79048-h/images/p0240_pic1.jpgbin0 -> 1574 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md1
10 files changed, 17621 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..9f57f44
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,13 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
+*.htm text
+*.html text
+*.png binary
+*.jpg binary
+*.svg text
+*.pdf binary
+*.bmp binary
+*.zip binary
+*.midi binary
+*.mp3 binary
diff --git a/79048-0.txt b/79048-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..f9a0188
--- /dev/null
+++ b/79048-0.txt
@@ -0,0 +1,8512 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79048 ***
+
+
+=======================================================================
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind
+stillschweigend korrigiert worden.
+
+=======================================================================
+
+
+ Die Reaktion in Frankreich.
+
+
+
+
+ Die Hauptströmungen
+
+ der
+
+ Literatur des neunzehnten Jahrhunderts.
+
+ Vorlesungen,
+
+ gehalten an der Kopenhagener Universität
+
+ von
+
+ G. Brandes.
+
+ Uebersetzt und eingeleitet von
+
+ Adolf Strodtmann.
+
+
+
+ ~Dritter Band~: =Die Reaktion in Frankreich=.
+
+ Einzig autorisirte deutsche Ausgabe.
+
+ [Illustration]
+
+ Leipzig
+ H. Barsdorf.
+
+
+
+
+ Die Reaktion in Frankreich
+
+ von
+
+ G. Brandes.
+
+ Uebersetzt und eingeleitet
+
+ von
+
+ Adolf Strodtmann.
+
+ Einzig autorisirte deutsche Ausgabe.
+
+ [Illustration]
+
+ Leipzig.
+ H. Barsdorf.
+
+
+
+
+ Paul Heyse
+
+ gewidmet
+
+ vom
+
+ Verfasser.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Die Reaktion in Frankreich. Seite
+
+ Einleitung 1
+
+ 1. Die Revolution 5
+
+ 2. Das Konkordat 41
+
+ 3. Das Autoritätsprincip. -- Bonald's Theorien 57
+
+ 4. Die Tradition in Religion, Staat und Familie. -- Bonald's
+ Theorien, Fortsetzung 83
+
+ 5. Ein Pilgrim und seine seraphische Epopöe. -- Chateaubriand's
+ »Märtyrer« 110
+
+ 6. Eine Prophetin und ihr heiliges Werk. -- Frau von Krüdener,
+ ihre Romane, und die heilige Allianz 138
+
+ 7. Lyrik und Erotik der Restaurationszeit. -- Larmartine's
+ »Meditationen« und »Rafael«. -- Die Liebe in Frau von Krüdener's
+ »Valérie« und Chateaubriand's »Märtyrern« 163
+
+ 8. Die Auflösung des formellen Autoritätsprincips. -- Victor
+ Hugo's Jugendgedichte. -- Alfred de Vigny 186
+
+ 9. Die Auflösung des reellen Autoritätsprincips. -- Lamennais'
+ Kampf für den Katholicismus. -- Schlußbetrachtungen 203
+
+
+
+
+Einleitung.
+
+
+Ein gewisser Inbegriff von Ideen und Werken, Persönlichkeiten,
+Handlungen, Gefühlen und Stimmungen, welche zu Anfang des neunzehnten
+Jahrhunderts in Frankreich auftreten oder wirken, bildet für mein Auge
+eine naturgemäß zusammen hängende Gruppe socialer und literarischer
+Phänomene, die sich alle um die Wiederaufrichtung einer gefallenen
+Größe ordnen. Diese gefallene Größe ist das Autoritätsprincip.
+
+Unter dem Autoritätsprinzip verstehe ich das Prinzip, kraft dessen
+das Leben des einzelnen Menschen und der Völker auf dem Respekt vor
+der Tradition basirt. Die Autorität ist eine Macht und wirkt als
+Macht durch ihre bloße Existenz, nicht durch Gründe. Sie benutzt als
+Wirkungsmittel Zwang und Furcht. Sie beruht auf der freiwilligen oder
+unfreiwilligen Unterwerfung der Gemüther unter das Gegebene.
+
+Das Autoritätsprinzip kann in Kirche und Staat, in der Gesellschaft und
+in der Familie, ja in der menschlichen Erkenntnis als das Prinzip der
+Erkenntnis und Gewißheit, geltend gemacht werden. Es wurde zu der Zeit,
+deren Geistesleben ich schildern will, auf all' diesen Gebieten zur
+Geltung gebracht. Es war zu der Zeit, deren Geistesleben ich schildern
+will, auf ihnen allen gestürzt und über den Haufen geworfen. Um zu
+verstehen, wie es von Neuem hervorgeholt und befestigt, und wie es noch
+ein Mal gesprengt wurde, müssen wir erst sehen, wie und kraft welcher
+Principien es während der Revolution zertrümmert ward.
+
+Es war nicht auf ~ein~ Mal auf allen geistigen Gebieten
+angegriffen worden; aber es hatte sich gezeigt, daß sein Bestehen in
+all' den verschiedenen Lebenssphären von seinem Bestehen in der Sphäre,
+die als die höchste betrachtet ward, -- die Kirche nämlich, -- abhing.
+Denn die Kirche war's, welche als Autorität ihre Autorität allen
+übrigen Gebieten mittheilte (z. B. dem Königthume von Gottes Gnaden,
+der Ehe als Sakrament u. s. w.). Mit der Autorität der Kirche stand und
+fiel daher das Autoritätsprinzip in all' den abgeleiteten Autoritäten.
+Als die kirchliche Autorität untergraben war, zog sie alle anderen
+Autoritäten bei ihrem Falle nach.
+
+Nicht daß der einzelne Mann, welcher im achtzehnten Jahrhundert
+kraftvoller und erfolgreicher, als irgend ein Anderer, für die
+Emancipation des Gedankens von Kirche und Dogmen gewirkt, eine solche
+Wirkung seines Strebens vorausgesehen hätte. Weit entfernt! Voltaire
+wollte gar keinen äußeren Umsturz. In seiner kleinen Erzählung »+Le
+monde comme il va+« wird der weise Babouc freilich sehr entrüstet
+beim Anblick der Verderbnis in der großen Stadt Persepolis, und erkennt
+sehr klar, wie weit alles davon entfernt ist, so zu sein, wie es
+sollte, allein nach und nach gewinnt er auch ein Auge für die guten
+Seiten der schlechten Zustände, und als es von seinem Berichte an den
+Engel Ituriel abhängt, ob die Stadt vernichtet oder verschont werden
+soll, ist er durchaus wider ihre Zerstörung, ja, auch der Engel denkt
+zuletzt nicht einmal an irgend eine Reform der Sitten von Persepolis,
+da, »wenn auch Alles nicht gut ist, es doch jedenfalls erträglich ist«.
+Man kann dies Raisonnement kaum revolutionair nennen, und Voltaire ist,
+wenigstens zu Zeiten, derselben Meinung wie Babouc. Man erinnere sich
+auch, daß Voltaire sich beständig an die Fürsten, nicht an die Völker
+wandte, um seine Ideen in Handlung umgesetzt zu sehen, und daß er oft
+genug erklärte, die Sache der Könige und der Philosophen sei eine und
+dieselbe. Als daher Holbach und seine Mitarbeiter verlautbaren ließen,
+daß »unter jenen Machthabern von Gottes Gnaden, jenen Repräsentanten
+der Gottheit, kaum ein Mal alle tausend Jahre einer zu finden sei,
+der das gewöhnlichste Rechtlichkeits- oder Mitleidsgefühl oder die
+einfachsten Talente und Tugenden besäße«, vermochte Voltaire nicht
+seinen Groll zu bezähmen. Sein Briefwechsel mit dem König von Preußen
+enthält auch die heftigsten Zornausbrüche wider das »+Système de
+la nature+«. Er erkannte sich selbst in diesen Schülern und ihren
+Konsequenzen nicht wieder.
+
+Nichts desto weniger ist es Voltaire, welcher während der ganzen
+Revolution das umstürzende Princip vertritt, gleichwie Rousseau der
+vereinigende und sammelnde Geist ist. Denn Voltaire hatte kraft der
+Freiheit des individuellen Gedankens das Autoritätsprincip zerbrochen,
+Rousseau hatte es durch das allgemeine Gefühl der Brüderlichkeit und
+Solidarität verdrängt und ersetzt. Die Revolution setzte Punkt für
+Punkt Alles ins Werk, was diese zwei großen Geister vorbereitet hatten;
+sie vollstreckte ihr Testament; der individuelle Gedanke wurde zur
+umstürzenden That und das sociale Gefühl zur sammelnden Konstitution.
+Voltaire war die Entrüstung, Rousseau die Begeisterung.
+
+
+
+
+Die Reaktion in Frankreich.
+
+1.
+
+ On accuse la génération de tout renverser et de ne rien édifier. Mais
+ ne faut-il pas avoir détruit la Bastille avant de rien éléver sur son
+ emplacement? Déjà maint architecte s'évertue à imaginer un palais
+ digne des augustes représentants de la nation. Bientôt vous le verrez
+ sortir de dessous les ruines de cette Bastille.
+
+ Camille Desmoulins: Discours de la lanterne.
+
+
+Da die Autorität principiell kirchlich und religiös ist, so ist eine
+Charakteristik des Verhältnisses der Revolution zu Kirche und Religion
+während der verschiedenen Phasen dieses Verhältnisses unentbehrlich, um
+die geistige Reaktion zu verstehen, welche ihr folgte. Denn da diese
+die Wiederaufrichtung des Autoritätsprincips bezweckt, beginnt sie
+sowohl historisch wie logisch mit der Restauration der Kirche.
+
+Die Revolution war ihrem Wesen nach eben so sehr religiöser wie
+politischer Natur. Sie war die Krone des großen philosophischen Werks,
+das die freigeistigen Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts
+errichtet hatten. Der Revolution von 1789 verdanken wir jene größte
+Eroberung des Menschengeistes aus der Herrschaft von Vorurtheil
+und Gewalt, die Gewissensfreiheit, die religiöse Toleranz. Keine
+Behauptung ist unwahrer, als die, welche oftmals von katholischen
+Schriftstellern vorgebracht worden ist, daß es die christliche Kirche
+sei, welcher die Menschheit dies unschätzbare Gut verdanke. Die
+Wahrheit ist, daß die Kirche sich aufs Aeußerste jedem Anspruch auf
+Gewissensfreiheit widersetzte. In dem Augenblicke, da die Revolution
+beginnt, sind alle Vorbereitungen zu dem großen Zusammenstoße zwischen
+dem Autoritätsprincip auf der einen und den Individualitäts- und
+Solidaritätsprincipien auf der andern Seite getroffen. Die zwei
+Hauptkämpfer, die Philosophie und die Kirche, rüsten sich zum Kampf.
+Alle Führer, alle Ritter und Knappen, welche das große Turnier
+ausfechten sollen, stehen auf ihren Posten, unbekannt unter einander,
+unbekannt der Welt, die sie bald mit dem Schall ihrer Namen erfüllen
+sollen. Sie sind von ganz verschiedenartiger Herkunft und haben eine
+ganz verschiedenartige Vergangenheit. Da sind Adlige wie Mirabeau,
+Geistliche wie Maury, Fauchet und Talleyrand, Aerzte wie Marat,
+Advokaten wie Robespierre, Dichter, Philosophen, Redner, Schriftsteller
+wie Chénier, Condorcet, Danton und Desmoulins, eine ganze Heerschar
+von Talenten und Charakteren. Die Kirche rüstet ihre Waffen zu einem
+verzweifelten Kampfe, der im Voraus verloren ist, die Revolution rückt
+vor, erst unsicher und schwankend, dann dräuend, dann unwiderstehlich,
+und bald siegestrunken. Sobald die Reichsstände berufen werden, ist der
+Kampfplatz offen, die Schranken fallen auf beiden Seiten, und der große
+Kampfrichter, die Weltgeschichte, giebt das Signal zum Zusammenstoß.
+
+Was ist gleich nach dem Zusammentritt der Stände das erste und
+einstimmige Verlangen des geistlichen Standes? Die Anerkennung der
+»katholischen, apostolischen und römischen Religion« als Staatsreligion
+zu erwirken, als der einzigen, welcher ein öffentlicher Cultus
+gestattet werden solle. Und doch waren Republikaner in gar nicht
+so geringer Anzahl unter der niederen Geistlichkeit; aber zu der
+Freiheit, welche sie forderten, rechneten sie nicht die religiöse.
+Die demokratischen Aebte deklamirten wohl gegen die Inquisition,
+nannten sie menschenfresserisch und tigerhaft, aber sie warnten vor
+der Toleranz. Der revolutionäre Abt Fauchet, derselbe, welcher nach
+der Einnahme der Bastille die dreifarbige Uniform der Nationalgarde
+segnete, und die Trikolore als Nationalfahne schuf, bezeichnet die
+Toleranz höhnisch als »den allgemeinen Tolerantismus« und weissagt,
+wenn sie eingeführt würde, so würde sie nur zum vollständigen Verfall
+aller guten Sitten führen. Er geht so weit, daß er Denjenigen, die
+sich zu keiner Religionsgemeinschaft bekennen, das Recht, sich zu
+verheirathen, verwehren will, »da man derlei Menschen nicht als durch
+ihr Wort gebunden erachten kann«.
+
+Wie die Stände als Nationalversammlung zusammentreten, wird die
+Geistlichkeit bald zu Koncessionen genöthigt, aber selbst wenn die
+Mißstimmung gegen sie zu Worte gelangt, endet die Opposition stets
+damit, sich in die mildesten und rücksichtsvollsten Formen zu hüllen.
+Als z. B. im Februar 1790 Garat von der Priesterweihe den Ausdruck
+gebraucht hatte, daß sie ein bürgerlicher Selbstmord sei, und eine
+Anzahl Geistlicher, worunter der Abt Maury und die Bischöfe von Nancy
+und Clermont, erbittert hierüber auffuhr, über Gotteslästerung schrie,
+und den Antrag stellte, die katholische Religion zur Nationalreligion
+zu erklären, ward der Antrag zwar verworfen, aber auf solche Art,
+daß man die Aengstlichkeit und Unsicherheit der Demokratie in der
+Motivirung dieses Schrittes empfindet. Es würde, heißt es, eine
+Verletzung der Religion und der Gefühle sein, welche die Versammlung
+Betreffs derselben beseelten, nur einen Zweifel daran vorauszusetzen.
+Man wagte noch nicht zu sagen, was man meinte, und so sah man noch eine
+Versammlung, deren Mehrzahl aus Freidenkern bestand, an Processionen
+theilnehmen und dem katholischen Gottesdienste beiwohnen. Nur zwei
+Monate später wurde der Antrag, den Katholicismus zur Nationalreligion
+zu erklären, abermals eingereicht, diesmal nach Maury's wüthenden
+Invektiven gegen den Antrag auf Einziehung der Kirchengüter durch den
+Staat. Er wurde diesmal von einem Geistlichen, Dom Gerle, gestellt,
+welcher später als Jakobiner sich sehr eifrig bemüht zeigte, dies sein
+erstes öffentliches Auftreten in Vergessenheit zu bringen. Mirabeau
+antwortete mit einer Apostrophe an das Fenster im Louvre, das er von
+der Tribüne aus vor Augen hatte, »dasselbe«, rief er, »aus welchem
+ein französischer Monarch, welcher die weltlichen Interessen mit den
+geistigen Interessen der Religion vermengte, die Flinte abschoß,
+welche das Signal zur Bartholomäusnacht gab«. Und doch wich man
+diesmal wieder aus und umging die Sache, indem man erklärte, daß die
+Majestät der Religion und die Ehrfurcht, welche man ihr schuldig sei,
+nicht gestatte, sie zum Gegenstande einer Verhandlung zu machen. Die
+ganze Rechte enthielt sich der Abstimmung, und obendrein wurde ein
+Protest eingereicht, der von 297 Mitgliedern, worunter 144 von der
+Klerisei, unterschrieben war. Man schwankte und widersprach sich
+selbst. Der Adel, welcher hundert Jahre vorher Ludwig +XIV.+
+Beifall zugejauchzt hatte, als er das Edikt von Nantes widerrief,
+war durch die Einwirkung der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts
+so umgestimmt worden, daß er, da er als Stand verhandelte, in rein
+voltairianischem Geiste sich für allgemeine Toleranz ausgesprochen
+hatte; aber doch hatte er halb unsicher hinzugefügt, die katholische
+Kirche müsse Volkskirche sein. Der Bürgerstand, welcher zum Theil
+jansenistisch und deshalb in Wahrheit viel weniger freisinnig war,
+hatte sich als Stand auf ähnliche ausweichende Art ausgesprochen. Aber
+nachdem die Nationalversammlung zusammengetreten, war der Standpunkt
+principiell ein so bestimmter, daß jede Ungewißheit im Grunde von
+vornherein ausgeschlossen war. Denn einer der ersten Schritte dieser
+Versammlung war, wie bekannt, die Erklärung der Menschenrechte, und
+unter diesen Menschenrechten ist ausdrücklich die Freiheit, zu denken,
+selbst in religiösen Dingen, aufgeführt. Artikel 10 der Erklärung
+lautet nämlich: »Niemand darf wegen seiner Ansichten, auch nicht
+wegen seiner religiösen Ansichten, behelligt werden, vorausgesetzt,
+daß seine Aeußerung derselben die gesetzliche Ordnung nicht stört«.
+Der Papst antwortete damit, diese Freiheit als »ein ungeheuerliches
+und wahnwitziges Recht, das die Vernunft (+sic!+) erstickt«, zu
+bezeichnen, und damit, sollte man meinen, war die Stellung der beiden
+Lager zu einander bestimmt.
+
+Man spürt, wie die Situation sich klärt, als in der constituirenden
+Versammlung die Rede auf die Toleranz kommt. In dem Antrage auf die
+Erklärung der Menschenrechte war ein Artikel folgendermaßen gefaßt:
+»Die Gottesverehrung gehört zur Pflege der Polizei; folglich kommt es
+der Gesellschaft zu, sie zu reguliren, ~einen~ Kultus zu gestatten
+und einen andern zu verbieten«. Mirabeau greift diesen Artikel auf's
+Heftigste an:
+
+»Ich will nicht Toleranz predigen«, sagt er. »Die uneingeschränkteste
+Religionsfreiheit ist in meinen Augen ein so heiliges Recht, daß selbst
+das Wort Toleranz als Ausdruck dafür fast tyrannisch erscheint, da
+die bloße Existenz einer Autorität, welche die Macht, zu toleriren,
+also auch es nicht zu thun, besitzt, ein Attentat auf die Freiheit
+des Gedankens ist«. In einer der folgenden Sitzungen geht er noch
+weiter: »Man hat von einem herrschenden Kultus gesprochen; was
+versteht man unter herrschendem? ich verstehe dies Wort nicht und
+bitte mir eine Definition davon aus. Meint man einen Kultus, welcher
+die anderen unterdrückt? Aber, hat die Versammlung denn nicht das
+Wort Unterdrückung geächtet? Oder ist es die Religion des Fürsten,
+welche man meint? Der Fürst hat nicht das Recht, über die Gewissen zu
+herrschen oder die Meinungen zu reguliren. Oder meint man den Kultus
+der Mehrzahl? Ein Kultus ist eine Meinung. Dieser oder jener Kultus ist
+ein Resultat dieser oder jener Meinung. Aber eine Meinung bildet sich
+nicht durch Zusammenzählung der Stimmen. Der Gedanke gehört uns, ist
+unabhängig und läßt sich nicht fesseln«.
+
+Man sieht, wie der Muth, seine Ansicht in religiösen Dingen
+auszusprechen, seine Schwingen zu prüfen begann.
+
+Sehen wir an einem anderen Beispiel, mit welcher Schnelligkeit man
+sowohl in wie außerhalb der Versammlung von einem schüchternen
+Anfange sich zum Bewußtsein der großen geistigen Revolution erhob,
+welche vorging. Zum rechten Verständnisse wolle man sich erinnern,
+daß in dieser Versammlung die Partei der Vergangenheit, welche aus
+Erzbischöfen und Bischöfen, Prinzen, Herzögen, Marquis und Baronen im
+Verein mit einigen Deserteuren des dritten Standes bestand, noch sehr
+mächtig war. All' diese Männer, welche auf der rechten Seite des Saales
+verweilten, glaubten noch kaum an die Revolution und fertigten oft und
+wiederholt die ernsthaftesten Angriffe mit einem Bonmot ab.
+
+Im Oktober 1789 steht vor den Schranken der Nationalversammlung eine
+seltsam aussehende Deputation in langen Kleidern und orientalischer
+Tracht. Es sind Juden aus Elsaß und Lothringen. Sie flehen im Namen
+ihrer Glaubensgenossen um Barmherzigkeit. »Hochgeborene Versammlung«,
+sprachen sie, »im Namen des Ewigen, welcher der Ursprung aller
+Gerechtigkeit und Wahrheit ist, im Namen Gottes, welcher allen Menschen
+gleiche Rechte und Pflichten verlieh, im Namen der Menschheit, die
+Jahrhunderte lang durch die entehrende Behandlung beleidigt worden,
+welche die unglücklichen Nachkommen des ältesten aller Völker in fast
+allen Erdgegenden erlitten, erscheinen wir, um Euch zu beschwören,
+unser bedauerliches Schicksal der Erwägung zu würdigen. Die, welche
+überall verfolgt, überall erniedrigt, und doch stets unterthänig, nie
+aufrührerisch sind, Die, welche bei allen Völkern ein Gegenstand des
+Unwillens und der Verachtung sind, während sie Duldung und Mitleid
+genießen sollten, die Juden werfen sich Euch zu Füßen und schmeicheln
+sich der Hoffnung, daß Ihr inmitten der wichtigen Arbeiten welche Euch
+in Anspruch nehmen, ihre Klagen nicht gering schätzen, daß Ihr mit
+einigem Interesse die schüchternen Einsprüche hören werdet, welche
+sie aus der Tiefe der Erniedrigung, worin sie begraben sind, vor Euch
+niederzulegen wagen.... Möchte eine Reform, die wir bisher fruchtlos
+ersehnt haben und die wir mit Thränen in den Augen erflehen, Eure
+Wohlthat und Euer Werk sein«!
+
+Clermont-Tonnerre nimmt sich mit Wärme dieser rührenden Bittschrift
+an. Aber man glaubt nicht, auf welcherlei Ausflüchte die Geistlichkeit
+verfiel, um ein Recht zu verweigern, das eigentlich als schon ertheilt
+gelten mußte. Der Abt Maury erhebt sich. Er hat ein breites verwogenes
+Gesicht, die sieben Todsünden im Gesicht, wie man von ihm sagte, einen
+festen Mund, Augen, die von Verstand, Falschheit und Sophisterei
+blitzen, derjenigen Art von Sophisterei, welche das Erstaunen darüber
+ausspricht, daß irgend Jemand ~dies~ Sophisterei nennen kann. Er
+ist frech und kaltblütig. Er ist es, der wenig Monate nachher, als
+man ihn auf der Straße mit dem Geschrei: »An den Laternenpfahl mit
+ihm!« umdrängte, die Antwort gab: »Meint Ihr, liebe Freunde, daß Ihr
+dadurch heller sehen werdet?« Er sagt: »Wer wird in unsern Tagen noch
+von Verfolgung oder Intoleranz reden! Die Juden sind unsere Brüder.
+Aber die Juden Bürger nennen, würde Dasselbe sein, wie einzuräumen, daß
+Engländer und Dänen, ohne das Indigenatsrecht erlangt zu haben und ohne
+aufzuhören, Engländer und Dänen zu sein, Franzosen werden könnten.«
+Er verweilt bei dem Wucherhange der Juden und den übrigen Lastern,
+welche man ihnen zuschrieb. »Dies Volk«, fährt er fort, »hat siebzehn
+Jahrhunderte durchlebt, ohne sich mit den andern Völkerstämmen zu
+vermischen; sie haben nur Geldschacher getrieben; kein Einziger unter
+ihnen hat es verstanden, seine Hände dadurch zu adeln, daß er seine
+Pflugschar geführt, oder ein Stück Land bebaut hätte«.
+
+Wenn man weiß, daß es den Juden auf's strengste verboten war, das
+geringste Stück Grundeigenthum zu besitzen, ja daß sie, wenn sie in
+eine Stadt hineinkamen, dieselbe Accise wie die Schweine bezahlen
+mußten, so wird man begreifen, daß diese Argumentation nicht
+unwiderleglich ist. Aber der Haß gegen die Juden war noch so groß, daß
+Niemand an derselben Etwas auszusetzen fand. Man fürchtete, die Juden
+würden ganz Elsaß zu einer jüdischen Kolonie machen, wenn man ihnen
+Bürgerrechte gäbe. Ja, ein sonst sehr revolutionärer Deputirter aus dem
+Elsaß bemerkte sogar, er könne nicht für die Ruhe in seiner Provinz
+einstehen, falls der Antrag auf Gleichstellung der Juden durchgehe.
+
+Die Stimmung war flau. Man fühlte, daß das Schicksal des Antrages
+entschieden sei. Nur ein einziger Deputirter wagt Protest zu erheben.
+Es ist ein noch ganz unbekannter Mann, Advokat von Fache, einer von
+Denen, welche sich damals noch in der zweiten Reihe hielten und hinter
+den hervortretenden Persönlichkeiten versteckt saßen, die noch zum
+größten Theil den früher privilegirten Ständen angehörten. Sein Gesicht
+ist gewöhnlich und nicht sehr lebhaft, allein unheimlich blaß. Er ist
+einfach, aber auffallend sauber und sorgfältig gekleidet, und sein Haar
+sitzt gut. Schon sein Aeußeres verräth seine Achtung vor sich selbst
+und seine Leidenschaft für die Ordnung. Der Präsident nennt seinen
+Namen, auf den Niemand Gewicht legt: »Maximilian Robespierre.« Er
+besteigt die Tribüne und sagt kurz und scharf: »Die Laster der Juden
+sind eine Folge der Erniedrigung, in welcher Ihr sie erhalten habt. Sie
+werden gute Menschen werden, sobald es ihnen irgendwie nützt, es zu
+sein.«
+
+Aber er ist der Einzige in der ganzen Versammlung, welcher für den
+Antrag spricht. Charakteristisch genug, begriff derselbe Protestanten,
+Schauspieler und Juden unter einer Kategorie. Die Menschenrechte
+der ersten beiden Klassen wurden anerkannt; aber da Mirabeau die
+Unmöglichkeit der Förderung des Antrages in Betreff der Juden einsah,
+ließ er die Verhandlung über diesen Punkt auf unbestimmte Zeit
+vertagen. Zwei Jahre verstreichen. Im Jahre 1791 erneuern die Juden ihr
+Gesuch. Aber welch' eine Veränderung im Tone! Die demüthige Bitte des
+Sklaven ist zur bestimmten und scharfen Forderung des Mannes geworden.
+Man appellirt nicht mehr an die Gnade der Herrschenden, sondern stützt
+sich auf eine Beweisführung. Ich führe den Schlußsatz an:
+
+»Wenn es eine Religion gäbe, deren Bekenner nicht Bürger sein könnten,
+während die Bekenner anderer Religionen es sein könnten, so würden
+diese herrschende Religionen sein; aber es giebt keine herrschende
+Religion, da alle gleiche Rechte haben. Wenn man den Juden die
+Bürgerrechte verweigert, weil sie Juden sind, so straft man sie,
+weil sie in einer bestimmten Religion geboren sind. Aber in solchem
+Falle existirt keine Religionsfreiheit, da Verlust der Bürgerrechte
+mit dieser Freiheit verknüpft ist. So Viel ist gewiß: indem man die
+Menschen zur religiösen Freiheit erhoben hat, hat man auch die Absicht
+gehabt, sie zur bürgerlichen Freiheit zu erheben; es giebt keine halbe
+Freiheit, so wenig wie es eine halbe Gerechtigkeit giebt.«
+
+Wenige Jahre, in der Atmosphäre der Revolution verlebt, hatten diesen
+Parias Selbstgefühl und Stolz verliehen. Diesmal ging der Antrag ohne
+Debatte durch.
+
+In der constituirenden Versammlung kam der Haß gegen die positive
+Religion und ihre Priester, den die Philosophen ihrem Zeitalter
+eingeflößt hatten, noch nicht in Worten zum Ausbruch. Das bekannte
+Wort: »Ihr Herren von der Klerisei! jetzt barbiert man Euch, und
+wenn Ihr allzu arg strampelt, wird man Euch die Kehle abschneiden«,
+erscholl aus dem Zuschauerraume, nicht aus dem Saale. Die Erbitterung
+gab sich vorläufig in Handlungen kund. Alles Kirchen- und Klostergut
+wurde für Staatseigenthum erklärt. Voltaire hatte seinen Schülern
+die Aufgabe gestellt, »+d'écraser l'infâme+«. Die gläubigen
+Katholiken sahen in den Beschlüssen der constituirenden Versammlung
+einen Versuch, auszuführen, was er mit dieser Aufgabe gemeint hatte.
+In einer rechtgläubigen Schrift von 1792: »+Conjuration contre
+la religion catholique et les souverains+« heißt es: »Niemals
+hat Christi Kirche so viel' Feinde auf einmal zu bekämpfen gehabt.
+Es scheint, als ob die ganze Hölle losgelassen sei, um ihren Ruin
+herbeizuführen.... Die Philosophen wollen die christliche Religion
+nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa, ja im ganzen Universum
+abschaffen.« In diesen Worten liegt keine Uebertreibung. Nur ist es
+interessant, sich zu erinnern, daß die Philosophen, um dies Resultat
+zu erreichen, sich an die Regenten der großen Länder, an Friedrich
+von Preußen, an Katharina von Rußland und Andere gewandt hatten, daß
+aber der Schlag selber vom Volke geführt wurde, wenn man unter dem
+Volke den Mittelstand verstehen will. Der Papst irrte sich daher
+nicht, als er von der constituirenden Versammlung in einer Ansprache
+an seine Kardinäle sagte, die Franzosen hätten sich zu Sklaven einer
+Versammlung von Philosophen gemacht, und vergessen, daß die Nationen
+die glücklichsten seien, welche ihren Königen gehorchen.
+
+Die Priester, welche, wie bekannt, gefunden haben, woran es dem
+Archimedes gebrach: den Punkt außerhalb der Erde, in der anderen Welt,
+von wo aus sie jene bewegen können, begannen schon jetzt die Provinzen
+zu fanatisiren. In Arras wurde ein Bild umhergetragen, auf welchem
+Maury und die Royalisten zur rechten Seite des Gekreuzigten, die
+Revolutionäre auf der andern Seite unter dem bösen Schächer abgemalt
+waren. Ein wahrer Aufruhr fand in Nîmes bei der Nachricht statt, daß
+ein Protestant, Saint-Etienne, zum Präsidenten der Nationalversammlung
+erwählt worden sei.
+
+Die verfassungsmäßige Ordnung der Kirchenverhältnisse wurde durch
+eine Allianz zwischen den Voltairianern und den Jansenisten der
+Versammlung erreicht. Letztere waren sicherlich gute Christen,
+allein die politische Aeußerung des jansenistischen Fatalismus war
+in keiner Hinsicht verschieden von den politischen Konsequenzen des
+Voltairianismus. Die Jansenisten haßten als religiöse Leute die
+irdische Größe und hießen als Fatalisten das menschliche Elend gut,
+sie hatten als echte Bourgeois das Gleichheitsgefühl nach oben und das
+Ungleichheitsgefühl nach unten, ganz wie die Voltairianer. Sie stimmten
+daher vollkommen mit Diesen betreffs der Einziehung der Kirchenschätze
+überein. Dazu kam, daß die Masse Skandale, zu denen das Leben der
+höheren Geistlichen Anlaß gab, ihren moralischen Sinn empörte. So war
+es z. B. bekannt, daß Mademoiselle Guimard, die Geliebte des Bischofs
+Jarantes, geistliche Pfründe hinter den Opernkoulissen verschenkte,
+daß der Erzbischof von Narbonne in einer seiner Abteien einen ganzen
+Harem unterhielt, daß der Kardinal von Montmorency öffentlich mit einer
+Aebtissin zusammenlebte, ja daß die Bernhardiner in der Abtei Granselve
+eine ganze kleine Stadt mit einem eigenen Damenquartier und mit allzeit
+gedeckten Tischen für ihre Orgien eingerichtet hatten. (Das Leben
+daselbst ist von einem Augenzeugen, dem royalistischen und klerikalen
+Schriftsteller Montgaillard im zweiten Bande seiner +Histoire de
+France+ beschrieben worden.) Hätte man sich nun damit begnügt, die
+Schätze der Kirchenhäupter einzuziehen, so hätte man sie gezwungen,
+entweder nachzugeben oder einzugestehen, daß ihrer Opposition Habgier
+zu Grunde lag. Aber man tastete ihre Disciplin an und schuf ihnen
+solchergestalt einen Vorwand zum Widerstande. Jede Modifikation der
+äußeren Formen des Kultus gab ihnen Anlaß zu dem lauten Geschrei,
+daß die Religion in ihren Grundfesten erschüttert sei. Die niederen
+Geistlichen wagten daher fast niemals den Eid auf die Verfassung
+abzulegen. That Einer es, so ward der geringe Lohn, den er vom Staate
+empfing, mit dem Blutgelde des Judas verglichen, obschon man es früher
+ganz in der Ordnung fand, daß die Bischöfe Paläste und Gärten besaßen,
+und in jeglicher Art Lebensgenuß schwelgten, während die niedere
+Geistlichkeit zur selben Zeit förmlich ausgehungert ward.
+
+Der Einzige, welcher, ohne Voltairianer oder Jansenist zu sein, an der
+Diskussion über die Kirchenverfassung Theil nahm, war Robespierre.
+Er hob Rousseau's »bürgerliche Religion« (+Contrat social+
+4,_{8}) hervor, bereit Dogmen »die Existenz einer mächtigen,
+intelligenten und allwissenden Gottheit, ein künftiges Leben, die
+Belohnung der Gerechten, die Bestrafung der Bösen, die Heiligkeit
+des gesellschaftlichen Vertrages und die Staatsgesetze« sind. Er war
+ein Mann der Ordnung, kein Gläubiger. Die Religiosität bestand für
+ihn in der Erfüllung der gesellschaftlichen Pflichten. Die Klerisei
+betrachtete er als Magistratspersonen, als weltliche Beamten. Mit
+Rousseau'scher Empfindsamkeit rief er die Versammlung an, die alten und
+schwachen Priester zu unterstützen, und bat namentlich für diejenigen
+zu sorgen, welche über siebzig Jahre alt seien und weder eine Pension
+noch Sporteln hätten; aber der Antrag wurde abgelehnt. Robespierre's
+Zeit war noch nicht gekommen.
+
+Die neue Ordnung der Dinge gab auf dem Lande Anlaß zu possierlichen
+sowohl wie brutalen Scenen. Man findet in Camille Desmoulins'
+Journalartikeln eine sehr humoristische Schilderung des unfreiwilligen
+Abschiedes eines Dorfpredigers von seiner Gemeinde. An der Kirchenthür
+findet er eines Sonntags nach dem Gottesdienste zu seiner Ueberraschung
+einen riesigen, hochbepackten Möbelwagen mit all' seinen Effekten,
+oben auf dem Wagen sitzt weinend seine Javotte, die »Gouvernante«,
+welcher der Schulmeister mit einer Thräne im Auge Lebewohl sagt. Er
+wird unter dem Rufe: »Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Hochehrwürden!«
+auf den Wagen gehoben, und fort geht's, obschon er schilt und schimpft,
+so lange er noch seinen Glockenthurm erblicken kann. An anderen Orten
+jedoch wurde der Eid dem Priester mit dem Bajonett auf der Brust
+abgezwungen, ja in einem vereinzelten Falle wurde er, als er auf
+der Kanzel stand, durch einen Flintenschuß getödtet. Beging man nun
+auch solchergestalt einzelne Ausschreitungen wider die eidweigernden
+Priester, so war dies doch als sehr gering zu achten gegen Das, was
+von ihrer Seite geschah. Sie schilderten der Landbevölkerung die
+bürgerliche Verfassung, welche in Wirklichkeit die Religion gar nicht
+angetastet hatte, als ein Werk des Teufels. Sie lehrten, daß es eine
+Todsünde sei, das Sakrament von einem Priester zu nehmen, welcher der
+Regierung den Eid geleistet, daß die Kinder, welche den von diesen
+Priestern eingesegneten Ehen entsprängen, als Bastarde zu betrachten
+seien, ja daß der Fluch Gottes auf der Wiege jedes solchen Kindes
+laste. Bald wurde ein verfassungsmäßiger Priester mit Steinwürfen in
+der Kirche verfolgt, bald ein anderer an dem Kronleuchter des Chores
+erhängt. Die Kirchen, welche die Nationalversammlung hatte schließen
+lassen, wurden mit Axthieben geöffnet. In einzelnen Departements zogen
+mörderische Banden von Pilgern unter der Führung von Priestern über
+die Felder, mit Flinten und Spießen bewaffnet. Am schlimmsten ging
+es in der Bretagne zu. Wenn dort der schlichte Bauer viele Meilen
+weit von seinem Kirchspiele fortgewandert war, um einen echten, d.
+h. unbeeidigten Priester zu hören, und dann bei seiner Heimkehr ein
+Dutzend seiner Dorfgenossen aus der eigenen Kirche herauskommen sah,
+wo sie in aller Gemächlichkeit den neuen Priester gehört hatten, war
+sein Haß so unbändig, daß er sich zu jeder Gewaltthätigkeit berechtigt
+glaubte, zu der er von kirchlicher Seite aufgehetzt wurde.
+
+Als jetzt die gesetzgebende Versammlung zusammentrat, gab es
+keine Stände mehr. Der Adel war ausgewandert, und die höhere
+Geistlichkeit rief im Exil den Beistand der fremden Höfe an. Die
+niedere Geistlichkeit war fanatisch kontrarevolutionär und hetzte
+die unwissende Menge gegen die Freiheit auf. Die Sprache, welche
+jetzt in der Versammlung geführt wird, ist himmelweit verschieden
+von der früheren. Die stehende Anklage wider die Religion ist die
+naiv formulirte, daß sie nicht mit der Verfassung übereinstimme, und
+wider die Geistlichkeit, daß sie ausschließlich darauf ausgehe, ihre
+Güter und Schätze zurück zu erlangen. Die Lügen und Gewaltthaten der
+Pfaffen haben die Stimmung aufs Aeußerste gereizt. Wenn sich ein paar
+versöhnliche Stimmen vernehmen lassen, wie die des Dichters André
+Chénier, welcher äußerte, daß die Priester den Staat nicht störten,
+wenn dieser sich nicht mit ihnen beschäftige, oder wie diejenige
+Talleyrand's, welcher sagte, da keine Religion ein Gesetz sei, dürfe
+auch keine Religion ein Verbrechen sein, so ist es doch jetzt die
+Voltaire'sche Entrüstung, welche für eine lange Zeit allein das Wort
+hat.
+
+Diese Zeit ist die Periode der Girondisten, und der Girondismus ist
+der historische Ausdruck für Voltaire's Geist. Der Girondist ist
+Individualist bis zum Aeußersten, liberal im modernen Sinne dieses
+Wortes, nämlich in sofern, als er das von der Gesellschaft abgesonderte
+Individuum und dessen Vernunft zum einzigen Richter über seine
+Umgebungen und sich selber macht. Die individuelle Vernunft fühlt sich
+nicht veranlaßt, der Gesellschaftsreligion und ihren Vertretern irgend
+eine Rücksicht zu erweisen.
+
+Der berühmte Führer der Girondisten, Vergniaud, redigirt eine
+Proklamation, worin es heißt: »Aufrührerische Priester bereiten
+eine Erhebung wider die Verfassung vor, diese frechen Trabanten des
+Despotismus rufen alle Throne um Gold und Soldaten an, um das Scepter
+Frankreichs zurück zu erobern«. Als Minister des Innern sagt Roland:
+»Aufrührerische und heuchlerische Priester, welche ihre Pläne und
+Leidenschaften mit dem heiligen Schleier der Religion bedecken, tragen
+keinen Anstand, den Fanatismus aufzustacheln und ihre irregeleiteten
+Mitbürger mit dem Schwerte der Intoleranz zu bewaffnen«. Ja, bei dem
+Antrag, die Priester des Landes zu verweisen, spricht Vergniaud, halb
+im Scherz, halb im Ernst, als könnte man doch schicklicher Weise dem
+Auslande nicht ein so arges Unheil zufügen, ihm dies Geschenk auf
+den Hals zu schicken. »Im Allgemeinen«, sagt er, »giebt es nichts
+Unmoralischeres, als einem Nachbarvolke die Verbrecher aufzubürden,
+von welchen ein Gemeinwesen sich selbst befreien will«. Er tröstet
+sich indessen damit, daß sie in Italien als wahre Heilige empfangen
+werden würden, und »daß der Papst in dem Geschenk so vieler lebendigen
+Heiligen, die wir ihm senden, einen bescheidenen Versuch sehen wird,
+ihm unsere Erkenntlichkeit für all' die Arme, die Beine und die
+Reliquien todter Heiligen auszudrücken, mit welchen er Jahrhunderte
+hindurch unsere fromme Leichtgläubigkeit so reich bedacht hat«.
+
+Ja, fügt der Girondist Isnard, der spätere Präsident des Konvents,
+hinzu: »Laßt uns diese Pestkranken in die Lazarethe Rom's und Italiens
+senden«. Er entwickelt, wenn ein Priester verderbt sei, sei er es
+niemals halb; das Verbrechen verzeihen, sei Dasselbe, wie daran Theil
+nehmen; dem gegenwärtigen Zustand der Dinge müsse ein Ende gemacht
+werden, und es seien die Feinde der Revolution selbst, welche dieselbe
+zwängen, sie zu zermalmen. Er ruft zum ersten Mal das fürchterliche
+Wort, welches später ein so vielfältiges Echo fand: »Es bedarf keiner
+Beweise«. Es bedarf keiner Beweise, d. h. der Priester muß aus
+Frankreich verjagt werden, sobald über ihn geklagt wird.
+
+Und da jetzt die Befürchtung laut wird, durch diese Maßregeln den
+Bürgerkrieg herauf zu beschwören, hält der bekannte Girondist Guadet,
+ein Schüler Holbach's, eine beruhigende Rede, worin er u. A. sagt:
+»Jedermann weiß, daß der Priester eben so feig wie habgierig ist, daß
+er keine Waffe als die des Aberglaubens kennt, und daß er, nur an
+theologische Klopffechtereien gewöhnt, auf einem Schlachtfelde für
+Nichts zu rechnen ist«. Es zeigte sich bald, wie vollständig der gute
+Mann und seine Gesinnungsgenossen in diesem Punkte sich irrten, und mit
+welcher Leidenschaft die Priester bei dem nachfolgenden Bürgerkriege
+an der Spitze marschirten. -- Bald kommt es so weit, daß die Redner
+sich förmlich entschuldigen, wenn sie genöthigt sind, die Versammlung
+von diesen Gegenständen zu unterhalten. In einer Rede von François
+de Nantes, in welcher er, wohl gemerkt, als Wortführer eines Komités
+auftritt, heißt es: »Wir können uns über die Nothwendigkeit, in der wir
+uns befinden, Sie von dem Priesterkultus zu unterhalten, nur durch die
+Hoffnung trösten, daß die Maßregeln, welche Sie ergreifen werden, Sie
+bald in den Stand setzen werden, nie wieder davon reden zu hören«. Die
+ganze Rede ist ein Gewebe von Derbheiten, die ich übergehe. Hoch und
+Niedrig theilt diese Stimmung. Einer der Minister Ludwig's +XVI.+,
+der grobe und gewaltthätige, leidenschaftlich revolutionäre Cahier
+de Gerville, sagte eines Tages, als er aus dem Staatsrathe kam, zu
+seinem Collegen Molleville, der uns in seinen Memoiren das Wort
+aufbewahrt hat: »Ich wollte, ich hätte das verwünschte Ungeziefer von
+Priestern aller Länder zwischen meinen Fingern, um sie alle auf einmal
+zu zermalmen«. Mit stiller Würde jedoch kam der Revolutionsgeist zu
+Worte in einem Sendschreiben, das die Republik an den Papst sandte,
+und dessen Abfassung man einer Frau übertragen hatte. Dasselbe ist an
+den »Fürst-Bischof von Rom« adressirt. Im Namen der Republik schreibt
+Madame Roland an den Papst: »Du oberster Priester der römischen Kirche,
+Du Fürst eines Staates, welcher Deinen Händen entschlüpft, wisse,
+daß Du Staat und Kirche nur durch ein uneigennütziges Bekenntnis
+jener evangelischen Grundsätze bewahren kannst, welche die reinste
+Demokratie, die zärtlichste Menschenliebe und die vollkommenste
+Gleichheit athmen, und mit welchen die Statthalter Christi sich nur
+zu schmücken gewußt haben, um eine Herrschermacht zu vermehren, die
+jetzt vor Alter zusammen bricht. Die Jahrhunderte der Unwissenheit sind
+dahin«.
+
+Worte gleich diesen nehmen sich wie Perlen zwischen Bleikugeln aus,
+wenn man sie neben das Uebrige hält, was geschrieben und gesagt wurde.
+Die Zeit der ruhigen Ueberzeugung ist um, die Zeit der entfesselten
+Leidenschaften hat begonnen. Und die Leidenschaften folgen der Spur
+der Ueberzeugungen. Der Haß gegen den Katholicismus erreicht seinen
+Höhepunkt. Dieser Haß flammt wie eine einzige Lohe über Frankreich. Es
+ist die goldene Zeit der Klubs.
+
+Die Cordeliers hatten ihren Klub in einer Klosterkirche. Chateaubriand
+hat denselben als Augenzeuge in seinen Memoiren beschrieben. Alle
+Gemälde, alles Schnitzwerk, Tapeten und Bilder waren herabgerissen, nur
+das bloße Skelett der Kirche blieb zurück. Im Chor der Kirche, wo Regen
+und Wind durch die zerschlagenen Scheiben der Rose hereindrangen, war
+der Sitz des Präsidenten. Seinen Tisch bildeten ein paar Hobelbänke,
+die neben einander gestellt waren. Auf ihnen lag eine Anzahl rother
+Mützen, und Jeder, der sprechen wollte, setzte erst eine rothe Mütze
+auf. Hinter dem Präsidenten stand eine Statue der Freiheit mit
+zerbrochenen Foltergeräthschaften in der Hand. Zimmerholz, zertrümmerte
+Bänke und Kirchenstühle, Fragmente zerschlagener Heiligen bildeten
+Sitze und Schemel für den großen Haufen bestaubter und wild aussehender
+Zuschauer in durchlöcherten Carmagnolen (so nannte man ihre Jacken)
+und mit Hellebarden auf den Schultern, oder die nackten Arme über der
+Brust gekreuzt. Die Redner sprachen sich derb und unverblümt aus,
+jedes Ding wurde bei seinem rechten Namen genannt, ein cynisches
+Wort und ein cynischer Gestus erweckten Beifall. Gegner unterbrachen
+sie; zuweilen wurden sie auch von den kleinen, dunklen, kreischenden
+Eulen unterbrochen, welche unter dem Klosterdache gewohnt hatten, und
+jetzt durch die zertrümmerten Fensterscheiben aus und ein flogen, in
+der Hoffnung, irgendwo Futter zu finden. Die Glocke des Präsidenten
+vermochte sie nicht zum Schweigen zu bringen, bisweilen schoß man nach
+ihnen, und sie fielen blutend und zappelnd auf die Versammlung herab.
+Hier sprachen Danton, Marat und Camille Desmoulins, der liebenswürdige
+und witzige Camille, welcher für so gemäßigt galt, daß er sich gegen
+die Anklage der Scheinheiligkeit vertheidigen mußte, und welcher
+noch vor dem Revolutionstribunal den Sansculotten Jesus im Munde
+führte. Er hatte seine Privatgründe, die Priester zu hassen. Als er
+im Dezember 1790 sich mit seiner geliebten Lucile -- unzweifelhaft
+eine der schönsten und reinsten Frauengestalten der Revolution --
+verheirathen wollte, und als seiner Vereinigung mit ihr nur noch die
+priesterliche Bestätigung fehlte, war kein Priester zu finden, der
+ihn trauen wollte, weil er in einem Zeitungsartikel gesagt hatte,
+Mahomed's Religion sei gerade so einleuchtend wie Jesu Religion. Er
+mußte daher seinen Ausspruch widerrufen und zur Beichte gehen, um sich
+verheirathen zu können. Aber jetzt nahm er seine Revanche. In seinem
+Blatte »+Le vieux Cordelier+« schrieb er: »Man hat das Kapitel von
+den Priestern und von allen Religionen geschlossen, wenn man gesagt
+hat, daß sie einander darin gleichen, daß sie alle gleich lächerlich
+sind, und wenn man angeführt hat, daß die Tataren die Exkremente des
+großen Lamas als die größten Leckerbissen verspeisen. Es giebt keine so
+jämmerliche Zwiebel, daß sie nicht als Jupiters Gleichen verehrt worden
+wäre. Die Mongolen beten eine Kuh an, welche der Gegenstand eben so
+vieler Kniefälle ist, wie der Gott Apis ... Wir haben kein Recht, uns
+über all' diese Dummheiten zu ärgern, wir, die wir so lange in unserer
+Einfalt uns haben bethören lassen, zu glauben, +que l'on gobait un
+dieu comme on avale un huître+«. Bei den Cordeliers ging Loustalot's
+einflußreiche Zeitung »+Les révolutions de Paris+« von Hand zu
+Hand. Zur Fastnachtszeit 1792 stand in Veranlassung der Marktpossen
+in derselben zu lesen: »Zu der Zeit, als es eine herrschende Religion
+in Frankreich gab, duldeten die gekrönten Gaukler keine Konkurrenz
+in der stillen Woche. Es war damals nur ihnen erlaubt, Vorstellungen
+zu geben. Jetzt ist die Konkurrenz frei. Wenn der Taschenspieler
+indeß sein Brettergerüste besteigt, ist er mit einem possierlichen
+Kopfputz und einer Mantille bekleidet, die ihn der Volksmenge um ihn
+her bemerkbar macht; aber wenn die Vorstellung aus ist, legt er sein
+Kostüm ab. Der Priester dagegen setzt seine Rolle außerhalb der Scene
+fort und behält die Maske zum täglichen Gebrauch ... Wann werden
+sie erröthen, die Harlekine des Menschengeschlechts zu sein?« Von
+jetzt an wird die stehende revolutionäre Bezeichnung der Priester
+Theophagen (Gottesfresser). Kurz darauf bringt dasselbe Blatt einen
+Artikel, worin dieselbe Maßregel gegen die Priester vorgeschlagen wird,
+welche Johanna von Neapel für berüchtigte Frauenzimmer einführte:
+»Man muß sie in ein Haus einschließen, wo sie Denen, welche sie
+besuchen, so viel vorpredigen und beten können, wie sie Lust haben;
+aber es muß ihnen verboten werden, auszugehen, damit sie nicht die
+Bevölkerung verpesten«. Dies wurde im April gedruckt. Im März hatte
+die gesetzgebende Versammlung, in der übrigens menschenfreundlichen
+Absicht, den zum Tode Verurtheilten jegliche Art physischer Tortur zu
+ersparen, eine gewisse Maschine zur Vollstreckung der Todesurtheile
+adoptirt, welche zuerst an Leichen versucht, bald aber bei den Lebenden
+zur Anwendung gebracht wurde. Sie wurde Guillotine genannt, und man
+spürt etwas von ihrem scharfen Beil in dem zuletzt angeführten Artikel.
+Voltaire's Wein ist hier zu Gift und Galle geworden.
+
+Dem Klub der Cordeliers stand der Jakobinerklub von einem sehr
+verschiedenartigen Charakter entgegen. Seine Geistesrichtung war
+schwerfällig, ernst und pedantisch. Er stellte sich unter Rousseau's,
+wie der Klub der Cordeliers unter Voltaire's Auspicien. Er war
+organisatorisch und formalistisch, deshalb fühlten unabhängige Naturen,
+wie Camille Desmoulins, oder unbesonnene Naturen, wie Danton, sich in
+demselben nicht heimisch. Das erste Programm der Jakobiner war völlig
+rousseauisch: Liebe zur Gleichheit, Haß gegen die konventionellen
+Ungleichheiten der Vergangenheit; dazu kamen kalter und berechneter
+revolutionärer Fanatismus, Herrschgier, und hinter dem Allen Liebe zur
+Regel, d. h. zur Ordnung der Gesellschaft nach Rousseau's Principien.
+
+Für Den, welcher die geschichtlichen Phänomene literarisch betrachtet,
+ist in der Geschichte der Revolution nichts auffälliger, als die
+Klarheit, mit welcher alle handelnden und auftretenden Personen
+ihre Aeußerungen oder Handlungen auf die Literatur des achtzehnten
+Jahrhunderts zurückführen. Man sollte meinen, daß sie keine andere
+Ehre erstrebten, als die, fertige Theorien in Praxis umzuwandeln.
+An Mirabeau's Grabe wurde zu seinem Ruhme gesagt, daß er über die
+Philosophen den Ausspruch gethan: »Sie haben das Licht erschaffen,
+ich will die Bewegung schaffen«, und es giebt kaum eine Stelle im
+»+Contrat social+«, die nicht während der Revolution entweder
+in ein Gesetz, oder in eine öffentliche Erklärung, oder in einen
+Zeitungsartikel, oder in eine Nationalversammlungsrede, oder endlich in
+die Verfassung der Republik übergegangen wäre.
+
+Die wichtigsten Definitionen dieses Rousseau'schen Werkes (die Macht
+als vom Volke ausgehend, das Gesetz als Produkt des allgemeinen
+Willens) kommen wörtlich in der Erklärung der Menschenrechte vor.
+Sobald bei den Jakobinern der Associationsgedanke auftaucht, führen
+sie ihn augenblicklich auf Rousseau zurück, und gebrauchen alle
+seine Stichwörter. In einem Artikel in »+La bouche de fer+«
+schreibt der Abt Fauchet: »Erhabener Rousseau! gefühlvoller und
+wahrheitsliebender Geist! Du bist einer der Ersten, der die ewige
+Ordnung der Gerechtigkeit verstanden hat. Ja, jeder Mensch hat Recht
+an die Erde und muß zu eigen haben, was er zu seiner Existenz bedarf.
+In dem associativen Vertrag, welcher den souveränen Dekreten der
+Natur und der Billigkeit gemäß ein Volk erschafft, giebt der Mensch
+sich ganz seinem Vaterlande hin und empfängt sich ganz aus der Hand
+desselben«. Und mit fast ganz derselben Wendung drückt Saint-Just
+sich so in seiner Rede für den Tod Ludwig's +XVI.+ aus: »Der
+Gesellschaftsvertrag ist ein Vertrag zwischen den Bürgern und nicht ein
+Vertrag mit der Regierung. Man hat keine Verpflichtungen hinsichtlich
+eines Vertrages, den man nicht geschlossen hat«. Allein Robespierre ist
+Derjenige, welcher als Chef der Jakobiner überall der Rousseau'schen
+Geistesrichtung ihren typischen Ausdruck giebt. Sein erster
+öffentlicher Schritt war die Beantwortung der Preisfrage, welche die
+Akademie von Metz gestellt hatte: »Ueber das Vorurtheil, welches die
+Familie der gesetzlich Verurtheilten an deren Schande theilhaftig
+macht«; er hatte den Preis gewonnen, und nicht zufrieden damit, die
+Zufälle der Todesstrafe bekämpft zu haben, hatte er bei Gelegenheit der
+Einführung der Guillotine sich auf's Heftigste gegen die Todesstrafe
+selbst erklärt. Wie man sieht, konnte Niemand in der Theorie dem Gefühl
+mehr Spielraum geben, als er. Er war der erste Feind des Rationalismus
+der Girondisten, und deshalb sehen wir ihn zu dem Zeitpunkte, als Diese
+in der Voltaire'schen Richtung am weitesten gingen, eine Adresse an die
+Jakobiner einreichen, in welcher er erklärt, daß die Revolution unter
+Gottes Leitung stehe, ja in Wirklichkeit eine That der Vorsehung sei.
+Er empfindet den Drang, seinem revolutionären Pathos einen Ausdruck
+zu geben, welcher denselben zu der sogenannten natürlichen Religion
+hinführt. Rousseau hatte in dem »Glaubensbekenntnis eines savoyischen
+Priesters« gesagt: möge nun die Materie ewig oder erschaffen sein,
+möge ein passives Princip existiren oder nicht, so viel sei doch
+gewiß, daß Alles Eins sei und eine einzige Intelligenz verkünde, und
+er hatte hinzugefügt: »Dies Wesen, welches will und welches kann,
+welches selbstthätig das Universum bewegt und alle Dinge ordnet,
+nenne ich Gott«. Robespierre schreibt 1792: »Ich verabscheue so sehr
+wie Jemand all' die gottlosen Sekten, welche Ehrgeiz, Fanatismus
+und alle Leidenschaften mit dem Namen des Ewigen bedecken, der die
+Natur und die Menschheit erschuf. Aber ich bin weit entfernt davon,
+ihn mit jenen Schwachköpfen zu vermengen, welche der Despotismus als
+Werkzeuge gebraucht hat. Die Vorsehung anzurufen und die Idee von
+einem ewigen Wesen auszusprechen, das wesentlich auf die Geschicke der
+Nationen einwirkt, und das mir auf eine ganz besondere Weise über die
+französische Revolution zu wachen scheint, ist kein zufälliger Einfall
+von mir, sondern der Drang meines Herzens, die Aeußerung eines Gefühls,
+das mir nothwendig ist, und das in der Versammlung, wo ich jeglicher
+Art von Leidenschaften und schändlichen Intriguen preisgegeben und von
+so zahlreichen Feinden umringt bin, mich jederzeit aufrecht erhalten
+hat. Wie hätte ich, allein mit meiner Seele, in Kämpfen bestehen
+können, die mehr als menschliche Kraft erfordern, wenn ich nicht meine
+Seele zu Gott erhoben hätte!« Worte wie diese lassen keinen Zweifel
+daran, daß seine Religiosität aufrichtig war, und beständig beruft er
+sich auf denselben Mann als seinen Lehrer. Als er in der Versammlung
+von seinen Feinden zum Selbst-Ostracismus aufgefordert wurde, streckte
+er seine Arme gegen Rousseau's Büste aus, welche den Saal schmückte.
+»Wohin sollte ich mich begeben!« rief er aus. »Bei welchem Volke fände
+ich die Freiheit errichtet, und welcher Despot gäbe mir ein Asyl! Der
+Himmel hat es mir vielleicht zugedacht, daß ich mit meinem Blute die
+Bahn bezeichnen soll, welche mein Land zum Glücke führt. Ich werde es
+dann mit Schwärmerei thun«.
+
+Es war nicht diese schwärmerische Stimmung, sondern die Voltaire'sche
+Entrüstung, welche um die Mitte des Jahres 1792 in der gesetzgebenden
+Versammlung und in Frankreich die herrschende ward. Am 19. August
+1792 wurde das Dekret erlassen, welches über jeden Geistlichen,
+der den Eid nicht geleistet, die Deportation verhängte. Jeden Tag
+fanden Verhaftungen solcher Geistlichen statt, und dann folgten die
+Septembermetzeleien. Sie betrafen zuerst und vor Allem die gefangenen
+Priester und hatten in letzter Instanz den erbitterten Haß gegen den
+Katholicismus zum Grunde. Der Abt Barruel schreibt: »Diese Büttel
+gehörten nicht alle zur Hefe des Volkes. Den Priestern, welche
+man ermordete, rief ein Mann zu: >Spitzbuben, Mörder, Ungeheuer,
+schändliche Heuchler! Der Tag der Rache ist endlich gekommen. Ihr
+sollt nicht mehr das Volk mit Euren Messen und Euren Oblätlein auf
+den Altären betrügen.<« Bewundernswerth sind indessen der Muth und
+die Standhaftigkeit, welche die meisten dieser Priester bewiesen.
+Im Karmelitergefängniß zogen 172 Priester es unbedenklich vor, sich
+erschießen zu lassen, statt den Eid auf die Verfassung abzulegen.
+Rührend ist es, die Schilderung von der Resignation der Priester zu
+lesen, welche in der Abtei eingesperrt waren: »Wir sandten von Zeit
+zu Zeit einige unserer Kameraden an das Thurmfenster, um zu erfahren,
+welche Stellung die Unglücklichen, die man im Hofe niedermetzelte,
+einnähmen, um nach ihrem Bericht zu berechnen, welche wir selbst
+am besten einnehmen würden. Sie theilten uns mit, daß Die, welche
+die Hände ausstreckten, am längsten litten, weil die Säbelhiebe
+geschwächt würden, ehe sie das Haupt erreichten.« (+Jourgniac de
+Saint-Méard+). -- Im Ganzen wurden 1480 Menschen ermordet. Die Zahl
+ist sicherlich groß; allein andererseits ist es nicht ohne Interesse,
+zu bemerken, daß die Anzahl aller Menschen, welche von Anfang der
+Revolution bis zu ihrem Ende hingerichtet wurden, nach Michelet's
+Berechnung nicht den vierzigsten Theil von der Zahl Derjenigen
+ausmacht, welche allein in der Schlacht bei Moskau fielen.
+
+Der Haß, welcher sich so fanatisch in den Septembertagen äußerte, hatte
+sich nicht gelegt, als der Konvent zusammentrat. Sehen wir, was ein
+Konventsmitglied schreibt, liest und spricht hinsichtlich der Frage
+von den Priestern und der Religion. Das Konventsmitglied Lequinio
+schenkt seinen Kollegen ein Buch, das er verfaßt und dem Papste
+gewidmet hat. Der Titel desselben ist »+Les préjuges détruits+«.
+Darin heißt es: »Die Religion ist eine politische Fessel, erfunden um
+die Menschen zu lenken, und hat nur dazu gedient, die Genüsse einiger
+Individuen dadurch zu sichern, daß sie alle andern im Zaume hielt.«
+Die Ausfälle gegen die Priester überbieten hier an Gewaltsamkeit
+und Unziemlichkeit Alles, was früher gehört worden war. Unter den
+schwächsten Dingen, die von ihnen gesagt werden, ist der zu jener
+Zeit in unzähligen Formen variirte Ausspruch: »Wenn sie ehrlich sind,
+sind sie Schwachköpfe und Tollhäusler; meistens sind sie freche
+Betrüger, wahre Mörder des Menschengeschlechts«. Das ist die Literatur
+der damaligen Zeit. Und man darf Lequinio nicht für eine Ausnahme
+halten, wenn er auch seinen Krieg gegen die Vorurtheile zuletzt so
+weit trieb, daß er den Scharfrichter zu einem Familienessen bei sich
+einlud, um die Vorurtheile wider den Henker zu überwinden. Denn was
+steht in der Zeitung, welche das Konventsmitglied Morgens liest,
+ehe es sich in die Versammlung verfügt? In »+Les Revolutions de
+Paris+« im December 1792 heißt es bei Gelegenheit des Umstandes,
+daß die Mitternachtsmesse in Paris celebrirt worden ist: »Wenn man am
+helllichten Tage auf unsern öffentlichen Plätzen tanzende Marionetten
+oder Taschenspielerkünste der verschiedensten Art vorzeigt, so ist
+nicht sonderlich viel Böses dabei; es muß ja erlaubt sein, Kinder
+und Ammen zu amüsiren. Aber sich zur Nachtzeit in finsteren Kammern
+zu versammeln, um zur Ehre eines Bastards und einer treulosen Gattin
+Hymnen zu singen, Wachskerzen anzuzünden und Weihrauch zu verbrennen,
+Das ist ein Skandal, ein Attentat auf die öffentliche Sittlichkeit,
+welches die Aufmerksamkeit der Polizei und ein strenges Einschreiten
+verdient.«[1] Die vorhin angeführten Aussprüche glühten zwar von
+Erbitterung, Haß und Hohn, aber sie waren noch nicht roh. Sie waren
+Racheschreie, ausgestoßen von der so lange gefesselten und gemarterten
+menschlichen Vernunft. In Worten wie diesen aber kreischt die Rohheit.
+Und noch eine Veränderung ist eingetreten. Der früher Unterdrückte
+verräth große Lust, jetzt seinerseits als Unterdrücker aufzutreten.
+Die That folgte hier dem Vorsatz auf dem Fuße. »Man ergab sich,« sagt
+Mercier in »+Le nouveau Paris+«, »der Zertrümmerung des alten
+Kultus nicht mit der Wuth des Fanatismus, sondern mit einem Spotte,
+einer Ironie, einer saturnalischen Lustigkeit, welche den Beobachter
+in Erstaunen setzen mußte.« Es ward in allen Kirchen förmlich Razzia
+gehalten. Eine Deputation theilte dem Konvente mit, daß sie der
+»braunen Maria« (ein wunderthätiges Bild) gestattet habe, nach all' der
+Mühe, die sie gehabt, achtzehnhundert Jahre lang die Welt zum Besten zu
+halten, sich endlich zur Ruhe zu begeben. Die Altäre wurden zu Gunsten
+des Nationalschatzes der Republik geplündert. Hier ist das Bruchstück
+eines Rapports: »Im Nièvre-Departement findet man keine Priester mehr.
+Man hat die Altäre von den Goldhaufen befreit, welche die priesterliche
+Eitelkeit nährten. Dreißig Millionen werthvoller Effekten werden nach
+Paris geführt werden. Schon sind zwei, mit Kreuzen, mit goldenen
+Bischofsstäben und mit zwei Millionen gemünzten Goldes beladene Wagen
+vor der Münze angelangt. Drei Mal so viel folgt noch der ersten
+Sendung«.
+
+Zuweilen hielten die Wagen vor der Thür des Konvents an, und Säcke und
+Beutel voll Gold und Silber wurden im Verhandlungssaale aufgestellt. In
+einem andern Rapporte heißt es ironisch: »Man hat mich angeklagt, mich
+mit der Religion brouillirt zu haben. Ich habe doch hübsch angefragt,
+ehe ich handelte, und drei- bis vierhundert Heilige baten um Erlaubnis,
+in die Münze wandern zu dürfen.« Bei dieser Gelegenheit fielen Worte
+wie folgende: »Ihr, die Ihr früher Werkzeuge des Fanatismus wart, Ihr
+Heiligen beiderlei Geschlechts, Ihr Seligen aller Arten, zeigt Euch
+endlich als Patrioten, kommt dem Vaterlande zu Hilfe, und marsch mit
+Euch in die Münze!«
+
+In einem dritten Rapport wünschen die Kommissäre sich Glück zu dem
+Resultate »ihres philosophischen Apostolats« im Departement Gers.
+»Das Volk war reif, und der letzte Tag der dritten Dekade wurde
+dazu bestimmt, die Abschaffung des Fanatismus zu feiern. Die ganze
+Bevölkerung war auf einem ländlichen Platze zu einem brüderlichen
+Schmause versammelt. Nach einer spartanischen Mahlzeit eilte man in
+der Stadt umher, riß alle Symbole des Fanatismus herab und trat sie
+unter die Füße. Dann ließ man einen Mistwagen heranfahren mit zwei
+wunderthätigen Jungfrauen, mit Kreuzen und Heiligen, welche unlängst
+den Weihrauch des Aberglaubens empfangen hatten. Dies lächerliche
+Gerümpel ward auf einen Scheiterhaufen geworfen, der mit Adelsbriefen
+bedeckt war, und das Feuer ward unter dem Jubel einer unzähligen
+Volksmenge angezündet. Die Carmagnole erscholl die ganze Nacht
+um diesen philosophischen Scheiterhaufen, der so viele Irrthümer
+verzehrte«.
+
+In einem vierten Rapporte heißt es: »Vierundsechzig unbeeidigte
+Priester lebten in einem Hause zusammen, welches dem Volke gehört.
+Ich ließ sie durch die Stadt ins Gefängniß spazieren. Diese Ungeheuer
+von neuer Art, welche man noch nicht den Blicken der Bevölkerung
+ausgesetzt hatte, thaten eine vortreffliche Wirkung. Die Rufe »Es lebe
+die Republik!« erschollen rings um diese Heerde Vieh (+ce troupeau
+de bêtes+). Haben Sie die Güte, mich zu benachrichtigen, was ich
+mit diesen fünf Dutzend Bestien anfangen soll, die ich dem allgemeinen
+Gelächter zur Schau gestellt habe. Ich ließ sie von Schauspielern
+eskortiren.«
+
+Die Verhandlungen Betreffs des Gesetzes über Religionsfreiheit,
+welches am 3. Ventôse des Jahres +III.+ erschien, waren alle in
+demselben Tone gehalten. Wie sehr auch die Mitglieder des Konvents in
+Betreff anderer Fragen differirten, über den Katholicismus waren sie
+ausnahmsweise einig. Wie groß auch die Kluft zwischen der Stimmung
+während und nach der Schreckensregierung war, hinsichtlich des
+Katholicismus existirt kein Unterschied in der Stimmung. Als kraft
+des Gesetzes einige Kirchen wieder geöffnet worden waren, theilte das
+Wochenblatt »Die philosophische Dekade« dies unter der Ueberschrift
+»Schauspiele« in folgenden Ausdrücken mit: »Am 18. und 25. dieses
+Monats wurde an mehreren Orten in Paris eine Komödie aufgeführt,
+deren Hauptperson, mit einer grotesken Tracht ausstaffirt, allerlei
+Extravaganzen vor den Zuschauern vollführt, welche nicht darüber
+lachen. Da wir von den Stücken, welche auf dem Theater wieder
+einstudirt werden, nicht zu reden pflegen, wenn sie nichts Nützliches
+oder Interessantes darbieten, wollen wir auch über dieses schweigen«.
+
+Mirabeau hatte gesagt, es gelte Frankreich zu »dekatholisiren«. Man
+sieht, diese Arbeit nahm ihren Fortgang. Von den Kommünen lief ein
+Gesuch nach dem andern ein, von ihren Namen befreit zu werden, welche
+durchgehends diejenigen des einen oder andern Heiligen waren, und
+einen selbstgewählten annehmen zu dürfen. So wurde Saint-Denis, dessen
+kopfloser Heiliger niemals existirt hat, Franciade genannt. Ringsum
+in den Provinzen folgte man dem Beispiele von Paris. Nichts was an
+das Königthum von Gottes Gnaden erinnern konnte, wurde verschont.
+Ein ehrwürdiger, weißbärtiger Elsässer, Namens Ruhl, Mitglied des
+Wohlfahrtsausschusses, hatte sich im Jahre 1793 in den Besitz des
+wunderthätigen heiligen Fläschchens mit dem himmlischen Salböl gesetzt,
+daß eine Taube bei der Krönung Chlodwig's vom Himmel herniedergebracht
+hatte, und verfügte sich mit demselben im Triumphe, von einer großen
+Schaar Menschen gefolgt, zum Königsplatze in Reims, wo die Obrigkeit
+und die Beamten sich schon um die Statue Ludwig's +XV.+ versammelt
+hatten. Dort hielt er eine Rede wider Tyrannei und Tyrannen und
+endigte damit, daß er das heilige Fläschchen +Louis le bien-aimé+
+so heftig an den Kopf warf, daß es in hundert Stücke zersprang und
+das heilige Oel nochmals von den Wangen des Gesalbten des Herrn
+heruntertroff.
+
+Züge wie diese, Worte wie die angeführten zeigen hinlänglich und
+mit der Anschaulichkeit, welche +ipsissima verba+ haben, wie
+vollständig es der Revolution in diesem Stadium gelungen war, das
+Autoritätsprincip zu zermalmen. Es ist nicht ohne tiefe Bedeutung,
+daß die Adelsbriefe auf demselben Scheiterhaufen wie die Heiligen
+der Kirche verbrannt wurden, oder daß der Unglaube an das heilige
+Fläschchen die Verhöhnung der Königsmacht nach sich zieht. Von dem
+Augenblick an, wo die religiöse Autorität gestürzt ist, ist die
+Zauberkraft des Autoritätsprincips in allen Sphären gebrochen.
+
+Es ist zertrümmert; aber wodurch wird man es ersetzen? Welches Princip
+soll es ablösen? Wird Voltaire oder Rousseau, das Princip der Freiheit
+oder der Brüderlichkeit siegen? Jedes für sich umfaßt das Princip
+der Gleichheit, nur in verschiedenem Verstande. Als der Mystiker
+Saint-Martin kurz vor der Revolution seine geheimnisvolle Lehre von
+der heiligen Dreieinigkeit (+Ternaire+) aufstellte: Freiheit,
+Gleichheit und Brüderlichkeit, die immer existirt hätten und ewig
+existiren würden, ahnte er nicht, daß sich zwischen diesen Principien
+eine Spaltung und ein Kampf entwickeln könne. Voltaire sagt irgendwo:
+»Man hat ganz recht gethan, die Dreieinigkeit Einen Gott bilden zu
+lassen, denn wären es drei, so würden sie sich mit einander raufen«.
+Saint-Martin's +Ternaire+ entlud 1793 die Gegensätze, welche er in
+seinem Schooße barg.
+
+Im Aprilmonat 1793 erschien die neue Erklärung der Menschenrechte,
+welche Robespierre verfaßt und bei den Jakobinern als ihr Programm zur
+Anerkennung gebracht hatte, und in demselben Monat erschien mitten
+unter dem heftigen Streite zwischen Robespierre und Vergniaud das
+Projekt des entgegengesetzten Lagers zu einer Verfassung, welches
+von Condorcet, Barrère, Thomas Payne, Pétion, Barbaroux, Sièyes und
+mehreren Andern verfaßt, und von Condorcet redigirt war.
+
+Legt man diese beiden Entwürfe neben einander, so hat man im Keime
+die beiden Doktrinen, denen in Zukunft der Kampf um die Herrschaft
+vorbehalten war: -- der Liberalismus und der Socialismus, jener von
+Voltaire, dieser von Rousseau stammend. Da die beiden Programme Punkt
+für Punkt dieselben Gegenstände definiren, fällt der Gegensatz mit
+einer Klarheit, wie nirgendwo sonst, in die Augen.
+
+Um Mißverständnissen zu entgehen, muß gleich bemerkt werden, daß
+von eigentlichem Socialismus während der Revolution nicht die Rede
+ist. Ihre That war, das Kapital von ungerechten Lasten und Bürden zu
+befreien, nicht die Last des Kapitals zu begrenzen. Dies zeigt sich am
+schärfsten in der Thatsache, daß das erste Zeugnis, durch welches nach
+Eroberung der Bastille die siegreiche Bourgeoisie ihre neue Herrschaft
+bezeichnete, der Erlaß einer Verordnung ist, wonach die Buchdrucker die
+Verantwortung für jede Broschüre und jedes Flugblatt tragen sollen,
+die von Schriftstellern »+sans existence connue+«, ohne notorisch
+bekannte Subsistenzmittel, veröffentlicht werden. Diese Verordnung
+wird am 24. Juli 1789, also genau zehn Tage nach Erstürmung der
+Bastille, erlassen; man sieht also, daß die Bourgeoisie dafür sorgte,
+die Leiter hinter sich hinauf zu ziehen, sobald sie oben war. Nachdem
+sie sich selbst ihren Platz mit Hilfe der Feder erobert hat, ist
+ihre erste That, dem Proletariat die Feder aus der Hand zu schlagen.
+(Vergl. Lassalle's »Arbeiterprogramm«.) Allein während der Entwurf der
+Girondisten zuerst und vor Allem das individuelle Recht zu schützen
+sucht: das Gewissen, die freien Gedanken, (+les franchises de la
+pensée+, wie man damals sagte), die Unverletzlichkeit des häuslichen
+Heerdes, die Gleichheit vor dem Gesetz, das richtige Verhältnis
+zwischen Vergehen und Strafe, betonen die Jakobiner auf allen Punkten
+die Solidarität der Menschen und die Pflicht der Brüderlichkeit.
+Condorcet sagt: »Freiheit besteht in der Macht, Alles zu thun, was
+nicht den Rechten Anderer widerstreitet«. Robespierre fügt seiner
+Definition: »Die Freiheit ist die dem Menschen zukommende Macht, nach
+Gutdünken all' seine Fähigkeiten zu üben«, die Worte hinzu: »Sie hat
+~die Gerechtigkeit zur Norm~, die Rechte Anderer zur Grenze,
+die Natur zum Princip und das Gesetz zum Beschützer«. Während die
+Girondisten das Eigenthumsrecht zu einem absoluten und individuellen
+Rechte machen, machen die Jakobiner es zu einem relativen und socialen,
+ohne sich jedoch im Geringsten praktisch an demselben zu vergreifen.
+Robespierre sagt sogar: »Ich will Euch erst einige Artikel vorschlagen,
+welche nothwendig sind, um Eure Theorie vom Eigenthumsrechte zu
+vervollständigen. Möge dies Wort Niemanden erschrecken! Ihr Kothseelen,
+die Ihr nur das Gold achtet, ich will Eure Schätze nicht antasten,
+wie unrein ihre Quelle auch sein möge. Ihr solltet wissen, daß das
+agrarische Gesetz, vor welchem Ihr solche Angst hegt, ein Schreckbild
+ist, das Buben aufgestellt haben, um Dummköpfe damit zu schrecken. Man
+bedurfte wahrlich nicht einer Revolution, um zu lernen, daß ein hoher
+Grad von Mißverhältnis zwischen Dem, was der Eine, und Dem, was der
+Andere besitzt, die Quelle vieler Uebel und vieler Verbrechen sei; aber
+wir sind nichts desto weniger davon überzeugt, daß Vermögensgleichheit
+nur eine Chimäre ist«. Der Gegensatz ist trotzdem deutlich genug.
+Für Condorcet ist die Gesellschaft ein System von Garantien, für
+Robespierre ein sympathetisches Band zwischen den Individuen.
+Ersterer sagt: »Es findet Unterdrückung statt, wenn ein Gesetz die
+~Rechte~ verletzt, welche es garantiren soll«. Der Andere sagt:
+»Es findet Unterdrückung gegen die ganze Gesellschaft statt, wenn
+ein einzelnes seiner Mitglieder unterdrückt wird«. Die Girondisten
+stellen das Nicht-Interventionsprincip auf. Die Jakobiner lehren: »Die
+Menschen aller Länder sind Brüder, und die verschiedenen Völker müssen
+einander nach all' ihrer Kraft wie Brüder desselben Staates helfen.
+Derjenige, welcher eine einzige Nation unterdrückt, erklärt sich für
+einen Feind aller. Diejenigen, welche Krieg gegen ein Volk führen,
+um den Fortschritt der Freiheit zu hemmen und die Menschenrechte zu
+vernichten, müssen von allen Völkerstämmen verfolgt werden, nicht wie
+allgemeine Feinde, sondern wie Mörder und aufrührerische Briganten«.
+
+Der Entwurf der Girondisten ist der reine Rationalismus; man erkennt
+Voltaire wieder in dem Werk seiner Söhne. In der Erklärung des Berges
+dagegen schlägt ein Herz. Es heißt z. B. darin: »Franzose ist jeder
+Fremde, mag er auch nur ein Jahr lang in Frankreich gewohnt haben,
+falls er ein Kind adoptirt oder die Sorge für einen Greis übernimmt«.
+Selbst der Stil erinnert an Rousseau.
+
+Die Girondisten bekämpften jeden Despotismus, der ein menschliches
+Antlitz trug, aber sie gewährten andererseits keinen Schutz wider die
+Despotie der Verhältnisse. Sie gingen beständig nur negativ, niemals
+positiv zu Werke. Für Robespierre dagegen war es klar, daß es Nichts
+nütze, dem Gichtbrüchigen das Recht einzuräumen, geheilt zu werden,
+wenn man ihn nicht heile, und daß es ein Hohn sei, dem Lahmen feierlich
+das Recht zuzusichern, sich seiner Beine zu bedienen. Er ahnte, daß die
+freie Konkurrenz in dem Augenblick eine Lüge sei, wo die Theilnehmer an
+derselben bei Beginn des Wettrennens so gestellt seien, daß der Eine
+auf einem stattlichen Roß sitze, während der Andere barfuß einherlaufen
+müsse.
+
+Es ist dies selbe »Sociabilitäts-Gefühl« (wie Rousseau es bestimmte),
+was Robespierre's bedeutungsvolles Eingreifen in den Kampf zwischen der
+Revolution und der positiven Religion veranlaßt. Als die Revolution
+erst einmal mit der Axt in der Hand in die Kirchen gedrungen war,
+schien die Bewegung unwiderstehlich werden zu sollen. Man bestieg
+die gebrechlichsten Stellagen oben unter dem Kirchengewölbe, um
+Papstgesichter auszukratzen, die unter hundertjährigem Spinngewebe
+verborgen gewesen. Die Heiligen wurden aus ihren Nischen herabgestoßen,
+die Lampe des Kommissairs flackerte in den Kellern umher und warf ihr
+Licht auf die bleichen Gesichter der Todten, während die Altarsplitter
+aufgehäuft wurden »wie unförmliche Steine in einem Steinbruch«. Die
+Vorsitzenden der revolutionären Ausschüsse trugen Sammethosen, die
+aus Bischofsmänteln geschnitten, und Hemden, die aus den Meßgewändern
+der Chorknaben verfertigt waren. Merkwürdig genug, treten plötzlich
+einige wenige atheistische Schwärmer auf (Anacharsis Clootz von
+deutscher Herkunft, Chaumette, Hébert) und reißen die ganze Menge
+zur Kirchenstürmerei mit fort. Merkwürdig genug, sage ich, weil man
+im Ganzen während der Revolution eben so wenig Etwas von Atheismus
+wie von Socialismus hört. Im Allgemeinen findet man bei den
+revolutionären Abgeordneten in stereotyp sich wiederholenden Wendungen
+Voltaire's und Rousseau's gemeinsame Religion: den Glauben an Gott
+und Unsterblichkeit. So auch in allen Schriften der Zeitgenossen.
+Thomas Payne's »Zeitalter der Vernunft« ist ein gutes Beispiel davon.
+Selbst ein so rücksichtslos frivoles Gedicht wie Parny's »Götterkrieg«
+predigt dieselbe Lehre. Camille Desmoulins schreibt in einem Briefe:
+»Mein lieber Manuel! Die Könige sind reif (+mûrs+), aber der
+gute Gott (+le bon Dieu+) ist es noch nicht. Beachte, daß ich
+der gute Gott, nicht Gott sage, welcher ganz verschieden von Jenem
+ist«. Dieser Standpunkt ist der Standpunkt der Zeit; ihre Aufgabe war
+nicht, den Gottesbegriff einer Kritik zu unterwerfen, sondern ihn
+von den Legenden der positiven Religionen zu befreien. Daher kommt
+es, daß das Auftreten der Atheisten in der Nationalversammlung die
+revolutionäre Bewegung über ihr eigentliches Ziel hinausführt und
+Ausschreitungen veranlaßt, welche der Revolution schaden und sie in
+den Augen der Zeitgenossen herabsetzen mußten. Um den Katholicismus
+auf recht nachdrückliche Weise zu treffen, veranlaßte Clootz einen
+Bischof, Namens Gobel, in einem Briefe an den Konvent eine Erklärung
+abzugeben, welche mit den Worten begann: »Bürger Repräsentanten! ich
+bin ein Priester, d. h. ein Charlatan. Bisher war ich ein ehrlicher
+Charlatan, ich habe nur betrogen, weil ich selber betrogen war« u. s.
+w. Dieselbe endete natürlich damit, daß er sich jetzt zur Philosophie
+bekehrt habe. Chaumette, der schwärmerische Enthusiast, welcher die
+Abschaffung der Peitschenstrafe in den Erziehungsanstalten und die
+Aufhebung der Prostitution durchgesetzt hatte, war es, welcher die
+Kommüne bewog, zu dekretiren, daß die Notre-dame-Kirche in Zukunft
+dem »Kultus der Vernunft« geheiligt sei. In der Kirche wurde ein
+Tempel errichtet mit der Inschrift: »+A la philosophie+«,
+dessen Eingang mit Büsten von Philosophen geschmückt war. Als er
+zum ersten Mal geöffnet wurde, trat eine, die Freiheit vorstellende
+junge Schauspielerin, Mademoiselle Candeille, aus demselben hervor,
+und eine Hymne an die Freiheit von Marie-Joseph Chénier, zu welcher
+der Komponist der Republik, Gossec, die Musik geliefert hatte ward zu
+ihrer Ehre gesungen. Ein andermal wurde Mademoiselle Maillard von der
+Oper, ein schönes stattliches Weib, mit der rothen Jakobinermütze auf
+dem aufgelösten Haare und mit einem himmelblauen Mantel um die weißen
+Schultern, als Göttin der Vernunft auf einer mit Eichenguirlanden
+umkränzten Bahre, begleitet von Hornmusik, Männern mit rothen Mützen
+und zahlreichen Konventsmitgliedern, aus der ehemaligen Kathedralkirche
+in die Konventsversammlung getragen, wo der Präsident ihr einen Kuß auf
+die Stirn drückte. Allein diese, an und für sich harmlosen Ceremonien
+wurden travestirt, indem der Pöbel sie auf pöbelhafte Weise nachäffte.
+Kourtisanen ließen sich als Vernunftgöttinnen im Triumph einhertragen.
+Die Kirchen wurden Stätten der Trunkenheit und wilder Orgien. Die
+Kirche Saint-Eustache wurde geradezu in eine Schenke verwandelt.
+Verkleidete Priester hetzten, wie Abbé de Montgaillard mittheilt,
+zu Ausschreitungen auf. Die Reliquien der heiligen Genoveva wurden
+verbrannt; Heilige von Holz, Breviere, Gebetbücher, alte und neue
+Testamente wurden auf dem Grèveplatze in solchen Massen verbrannt, daß
+der Scheiterhaufen bis zum zweiten Stockwerk der Häuser emporstieg.
+Von dem Taumel ergriffen, ernannten sogar die Jakobiner Clootz zum
+Präsidenten ihres Klubs. Da protestirt Robespierre und treibt durch
+seine persönliche Ueberlegenheit die Revolution aus der Bahn, welche
+sie eingeschlagen hatte, heraus. Eben weil er fast in keiner Beziehung
+seiner Zeit voraus ist, versteht er sie wie kein Anderer, und weil er
+sie versteht, ergreift er das politisch Richtige, das, was von der
+Zeit ~verstanden~ werden kann. Er ist es, welcher, den Blick
+auf Europa geheftet, den Konvent bewegt, das Dekret zu erlassen, daß
+das französische Volk die Existenz des höchsten Wesens anerkenne, so
+wie auch er es war, welcher die Jakobiner veranlaßte, eine Adresse
+an den Konvent einzureichen, daß die Versammlung das Ihrige thun
+solle, um den Glauben an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele
+wieder herzustellen. Robespierre ist es, welcher die heftigen Kämpfe
+für diese beiden Ideen führt, gleichzeitig sich polemisch gegen das
+Christenthum und den Pantheismus wendend, den er stets fürchtete und
+niemals verstand. Zuerst greift er die Kirchenstürmer an. »Derjenige«,
+sagt er, »welcher verhindern will, daß Messe gelesen werde, ist ebenso
+fanatisch, wie Der, welcher sie liest. Es giebt Menschen, welche
+glauben, aus dem Atheismus eine Religion bilden zu können. Jeder
+Philosoph, jedes Individuum kann in dieser Hinsicht jegliche Meinung
+hegen, die ihm beliebt; wer ihm dieselbe zur Last legen wollte,
+wäre verrückt; aber noch verrückter wäre der Gesetzgeber, welcher
+ein solches System annehmen wollte. Der Nationalkonvent verabscheut
+dasselbe. Der Konvent ist kein Buchfabrikant, kein Verfasser
+metaphysischer Systeme. Er ist ein politischer und volksthümlicher
+Körper.« Er richtet gegen die Schüler der Encyklopädisten seinen Satz,
+daß die Ideen Vorsehung und Gerechtigkeit eine und dieselbe Idee
+seien; er schleudert wider sie das zu jener Zeit furchtbare Wort, daß
+der Atheismus aristokratisch sei! Und als er im Mai 1794 die Tribüne
+besteigt, um den Konvent aufzufordern, das Fest für das höchste Wesen
+zu feiern, wendet er sich nach einigen begeisterten Worten zu Ehren
+Rousseau's eben so bestimmt gegen das Christenthum. »Fanatiker, hoffet
+nichts von uns! Die Menschen zur reinen Verehrung des höchsten Wesens
+zurück rufen, heißt dem Fanatismus den Todesstoß versetzen. Alle
+Fiktionen verschwinden gegenüber der Wahrheit, und alle Tollheiten
+sinken dahin vor der Vernunft ... Was haben die Priester mit Gott zu
+thun? Die Priester verhalten sich zur Moral, wie die Charlatane sich
+zur Medicin verhalten«. In Uebereinstimmung mit der Vorstellung des
+ganzen Jahrhunderts, daß die Priester die Religionen erfunden hätten,
+sagt er: »Die Priester haben Gott zu einem Feuerballe, einem Ochsen,
+einem Stück Holz, einem Menschen, einem Könige gemacht. Der wahre
+Priester des höchsten Wesens ist die Natur, sein Tempel das Universum,
+sein Kultus die Tugend«. Er weist besonders nach, daß die Priester
+überall den Despotismus gestützt haben. »Ihr seid es, die zu den
+Königen gesagt haben: Ihr seid die Bilder Gottes auf Erden, ihr habt
+von ihm eure Macht, und die Könige haben Euch geantwortet: Ja, ihr seid
+in Wahrheit die Sendboten Gottes; lasset uns vereinigen, um die Beute
+und den Weihrauch zu theilen«.
+
+Die Folge dieser Doppelbestrebungen war das Manifest des Konvents
+an alle Völker der Erde, daß derselbe eine freie Gottesverehrung
+anerkenne, und daß er »die Extravaganzen der Philosophie eben so sehr
+wie die Verbrechen des Fanatismus« verdamme. Es heißt darin: »Eure
+Herren werden euch sagen, das französische Volk habe alle Religionen
+geächtet und es habe die Verehrung einiger Menschen an die Stelle der
+Verehrung der Gottheit gesetzt; sie schildern uns in euren Augen als
+ein abgöttisches und wahnwitziges Volk. Sie lügen. Das französische
+Volk und seine Vertreter achten die Freiheit zu jederlei Art von Kultus
+und ächten keinerlei Art davon«. So wird nun eine bestimmte Anzahl
+religiöser Feste dekretirt. Robespierre hält die Rede darüber. Er sagt:
+
+»Du sollst deinen Namen einem der schönsten dieser Feste schenken,
+du o Tochter der Natur, du Mutter des Glücks und der Ehre, du einzig
+legitime Herrscherin der Welt, welche das Verbrechen vom Thron
+gestoßen, du, welcher das französische Volk ihre Macht zurückgegeben
+hat, und welche ihm dafür ein Vaterland und sittlichen Ernst verleiht,
+ehrwürdige ~Freiheit!~ Und du sollst unser Opfer mit deiner
+unsterblichen Schwester und Begleiterin theilen, du sanfte und heilige
+~Gleichheit!~ Wir wollen auch die Menschheit feiern, welche von
+den Feinden der französischen Republik herabgewürdigt und unter die
+Füße getreten wird. Ein schöner Tag wird es sein, an welchem wir das
+Fest für das Menschengeschlecht feiern können, wenn das französische
+Volk aus dem Schooße des Sieges die ungeheure Menschenfamilie zu sich
+einladen kann, deren Ehre und deren unveräußerliche Rechte es verficht.
+Wir wollen auch alle die großen Männer verherrlichen, aus welcher
+Zeit und welchem Lande immer sie stammen mögen, die ihr Vaterland vom
+Joche der Tyrannen erlöst und die Freiheit durch verständige Gesetze
+begründet haben«.
+
+In Folge Dessen wurde das Fest für das höchste Wesen, welches
+Robespierre den schönsten Tag seines Lebens nannte, gefeiert. Hier
+auf der Zinne seiner Macht, aber von seinen Todfeinden umringt,
+unmittelbar vor seinem Falle, trat er als Prophet auf. Die Naivetät
+des ganzen Arrangements hat etwas rührend Burleskes. Mit einem Bouquet
+von Blumen und Weizenähren in der Hand, schritt er, für diesen Tag zum
+Präsidenten ernannt, an der Spitze des ganzen Konventes durch Paris zum
+Festhügel auf dem Marsfelde. Der Konvent war auf seinem Marsche von
+einem dreifarbigen Bande umgeben, das von Kindern, Jünglingen, Männern
+und Greisen getragen ward, welche je nach ihrem Alter mit Veilchen,
+Myrthen, Eichen- oder Weinlaub geschmückt waren. Jedes Konventsmitglied
+trug eine dreifarbige Schärpe und ein Bouquet von Aehren, Blumen und
+Früchten. Als der Konvent seinen Platz auf der Spitze des Hügels
+eingenommen hatte, erfolgte eine nach der Aussage aller Augenzeugen
+zwar theatralische, aber höchst imponirende Scene. Die Anrufung des
+Ewigen ward von Tausenden von Stimmen laut in die Luft gesungen. Die
+jungen Mädchen streuten Blumen, die jungen Männer schwangen ihre
+Waffen und schworen, Frankreich und die Freiheit zu retten. Eine
+Ceremonie im naiven Geschmacke der Zeit krönte das Fest. Der Maler
+David hatte auf dem Festplatze eine Gruppe von Ungeheuern ausgeführt:
+der Atheismus, der Egoismus, die Zwietracht und der Ehrgeiz, welche
+garstigen Geschöpfe von nun an bis in Ewigkeit aus der Welt vertilgt
+sein sollten. Robespierre ergriff eine Fackel und schwang sie wider die
+terpentinbestrichenen Monstra, sie loderten in Flammen auf, und eine
+unverbrennliche Statue der Weisheit zeigte sich an ihrer Stelle. Durch
+eine absonderliche Ironie des Schicksals war diese Statue von Flammen
+und Rauch vollständig geschwärzt worden.
+
+Das Fest für das höchste Wesen ist ein naiver, aber ungeheuchelter
+Ausdruck der Religiosität des achtzehnten Jahrhunderts. Robespierre
+hatte vollkommen Recht, zu beklagen, daß Rousseau diesen Tag nicht
+erlebt habe; es wäre ein Fest nach seinem Herzen gewesen. Und einen
+so festen Grund hatten diese Ideen in der Versammlung gefaßt, daß sie
+stehen blieben, als Robespierre fiel. Die bürgerliche Religion, welche
+der Konvent dekretirte, war nicht ihm zu verdanken. Man ging, weit
+entfernt, nach seinem Tode umzukehren, stets weiter auf dem begonnenen
+Wege. Der republikanische Kalender ward eingeführt. Da, wie es in der
+Motivirung hieß, die christliche Aera »die Zeit der Lüge, des Betruges
+und der Charlatanerie« gewesen sei, wurde der christliche Kalender
+abgeschafft, die Zeit von 1792 an gerechnet, die Woche in zehn Tage
+eingetheilt, und der Vorschlag gemacht, die Heiligennamen der Tage
+durch die Namen von Ackerbaugeräthschaften und nützlichen Hausthieren
+zu ersetzen.
+
+Bald erschienen direkte Katechismen der neuen Religion. Es heißt in
+einem solchen (+Office des décades en discours, hymnes et prières
+en usage dans les temples de la Raison+): »Freiheit, Du höchstes
+Glück des Menschen auf Erden, geheiliget werde Deine Name bei allen
+Völkern der Erde! Zu uns komme Dein glückbringendes Reich und stürze
+die Herrschaft der Tyrannen! Dein heiliger Kultus ersetze die Verehrung
+jener verächtlichen Götzen, deren Altar Du zertrümmert hast!... Ich
+~glaube~ an ein höchstes Wesen, das die Menschen frei und gleich
+erschaffen hat, das sie gebildet hat, einander zu lieben und nicht
+einander zu hassen, das durch Tugenden und nicht durch Fanatismus
+geehrt werden will, und in dessen Augen die schönste Gottesverehrung
+die Verehrung der Wahrheit und Vernunft ist. -- Ich glaube an den
+nahen Untergang aller Tyrannen, an die Wiedergeburt der Sitten, an die
+zunehmende Verbreitung aller Tugenden und an den ewigen Triumph der
+Freiheit«.
+
+Ein Glaubensbekenntnis wie dies ist nicht ohne Größe. Aber leider
+bekannte man gleichzeitig seinen neuen Glauben auf andere Weisen. Man
+wollte die Kirchen für die neue Religion aufräumen, und die Abschaffung
+des Sonntags ward aus praktischen Gründen bald die große Lebensfrage.
+Man kam rasch dahin, daß Jeder, der den Sonntag feierte, als verdächtig
+erschien, und es war damals gefährlich, in Verdacht zu gerathen.
+Gewaltsame Versuche, die Sonntagsfeier zu verhindern, bildeten unter
+dem Konvente eine neue Form der Tyrannei, die, obwohl harmloser als die
+Tyrannei, welche sie ablöste, derselben an Roheit und Unverstand nichts
+nachgab.
+
+Noch unter dem Direktorium, das die ersten Spuren einer reaktionären
+Bewegung in den unteren Schichten der Gesellschaft empfand, gab es,
+wie man aus den Memoiren eines Zeitgenossen ersieht, Deputirte,
+welche Nervenzufälle bekamen, wenn sie nur das Wort Priester hörten,
+und das Werk des Niederreißens wurde mit Leidenschaft fortgesetzt.
+»Jeder«, sagt Laurent, »der einen Tropfen revolutionären Blutes in den
+Adern hatte, arbeitete mit fieberhaftem Eifer an der Zerstörung des
+Christenthums«. Man nahm keinen Anstand, in officiellen Berichten die
+Gläubigen als »Schwachköpfe« (+imbeciles+) zu bezeichnen. Das
+Direktorium selbst sagt in einer Proklamation des Jahres ~VI~ über
+die Wahlen, man müsse »die unglücklichen Fanatisirten entfernen, welche
+die Leichtgläubigkeit verblendet, und welche auf den Einfall gerathen
+könnten, sich aufs Neue den Priestern zu Füßen zu werfen«.
+
+In Wirklichkeit hatte die Geistlichkeit nicht aufgehört, der
+furchtbarste Feind der Revolution zu sein. Der blutige Krieg in der
+Vendée war zum großen Theile ihr Werk. Die Gräuel dort überstiegen
+jedes Maaß. An einem Orte ward der konstitutionelle Priester durch
+Steinwürfe heulender Weiber getödtet, an einem andern Orte ward er
+ebenfalls von Weibern zerrissen. Dem republikanischen Präsidenten
+Joubert sägte man die Hände ab, ehe man ihn erschlug. In einer Stadt
+begrub man seine Feinde lebendig, so daß die republikanischen Truppen,
+als sie einzogen, Arme, welche sich um den Rasen krampften, aus der
+Erde hervorragen sahen. Selbstverständlich herrschte Unrecht auf beiden
+Seiten; nur darf man nicht vergessen, daß es der rasende Widerstand der
+Anhänger der verurtheilten Vergangenheit war, welcher Frankreich in das
+Schreckensregiment stürzte, und daß die Bischöfe, wenn sie das Volk
+zu den Waffen riefen, viel ärger als die Revolutionsmänner handelten,
+da sie alles Das wieder einführen wollten, was die Revolution nöthig
+gemacht hatte. Wie dem Allen auch sei, so sahen die Revolutionsmänner
+bald ein, daß ihr Verfahren das entgegengesetzte Resultat Dessen,
+was man gewünscht und erwartet hatte, herbei führte. Bezeichnend
+genug, sind es die Kommissaire, die nach der Vendée gesandt wurden,
+welche zuerst für vollständige Trennung von Kirche und Staat das
+Wort nahmen. In ihren Augen war diese das einzige Mittel, um die
+Gemüther zu beruhigen und dem Lande den Frieden zu Schenken. Schon der
+gesetzgebenden Versammlung hatte ein Priester den Antrag eingereicht,
+daß der Staat keinerlei Kultus mehr besolden solle. Aber man war
+damals zu leidenschaftlich, um nicht Partei ergreifen zu wollen. Man
+hoffte, wie es oftmals ausgesprochen ward, mit Hilfe des allgemeinen
+Unterrichts »alle Sekten zu vernichten«. Man bildete sich ein, daß
+die Zeit der Dogmen vorüber, daß die Zeit erschienen sei, wo, wie der
+Amerikaner Jefferson geschrieben hat, die wunderbare Empfängnis Christi
+im Schooße einer Jungfrau in dieselbe Kategorie mit der wunderbaren
+Empfängnis Minerva's im Haupte Jupiter's gesetzt werden würde. In
+einem Bericht aus der Zeit des Konventes hieß es: »Bald wird man jene
+absurden Dogmen, jene Ausgeburten der Furcht und des Irrthums, nur noch
+kennen lehren, damit man sie geringschätze. Bald wird die Religion
+des Sokrates, des Mark Aurel und Cicero die Weltreligion sein.« Und
+als Madame Roland in ihren Memoiren einmal das Wort Katechismus
+gebraucht, hält sie es für nöthig, dasselbe der Nachwelt zu erklären.
+Sie schreibt: »Bei der Schnelligkeit, mit welcher jetzt Alles vorwärts
+geht, werden Diejenigen, welche Dies lesen werden, vielleicht fragen,
+was dies Wort bedeute; ich will es ihnen daher erklären«.
+
+Man hatte nicht bedacht, daß die Masse des Volkes in ihrer Unwissenheit
+für die Aufrufe der Revolutionsmänner nicht empfänglich und aus alter
+Gewohnheit geneigt war, sobald sich wieder Gelegenheit dazu bot,
+unter die Gewalt der Geistlichkeit zurück zu sinken. Das fühlte man
+bald. General Clarke schreibt um das Jahr 1800 in einem Briefe an
+Bonaparte: »Unsere Religionsrevolution ist uns mißlungen. Man ist in
+Frankreich wieder römisch-katholisch geworden. Es sind dreißig Jahre
+Preßfreiheit erforderlich, um die geistige Macht des römischen Bischofs
+zu stürzen«. Diese Worte treffen den Nagel auf den Kopf; nur daß man
+dreihundert statt dreißig setzen und der Preßfreiheit obligatorischen,
+unentgeltlichen und absolut weltlichen Unterricht hinzufügen muß.
+
+Daß hierin durchaus keine Entschuldigung für die religiöse Restauration
+liegt, ist jedoch eben so gewiß. Welcherlei Ausschreitungen auch
+noch hin und wieder in der Praxis stattfanden: gesetzmäßig herrschte
+in Frankreich zu der Zeit, als das Konkordat abgeschlossen ward,
+vollkommene Religionsfreiheit. Auf die Priesterverbannungen des
+Konvents und die mangelhafte Toleranz des Direktoriums war rechtlich
+eine vollkommene Sicherheit für alle Religionsbekenntnisse gefolgt,
+indem der Priestereid weggefallen und durch ein einfaches Versprechen,
+dem Gesetze gehorchen zu wollen, ersetzt worden war, und indem jeder
+Priester durch freiwillige Beiträge seiner Gemeinde unterhalten ward,
+ohne daß der Staat sich darein mischte. Selbstverständlich fielen
+diese Beiträge nicht allzureichlich aus, und mancher Priester sehnte
+sich nach den fetten Fleischtöpfen früherer Zeit und nach der Allianz
+zwischen dem Scepter und dem Weihrauchfasse zurück, welche Robespierre
+einmal geschildert. Bonaparte hatte die Wahl, den Keim zu religiöser
+Freisinnigkeit und Freiheit, welcher so kräftig emporgeschossen war, zu
+entwickeln, oder den religiösen Fanatismus und die geistliche Herrsch-
+und Gewinnsucht als ein Werkzeug seiner Macht zu benutzen. Zwischen
+einen sicheren Vortheil auf der einen, und ein großes und edles Princip
+auf der andern Seite gestellt, besann er sich nicht lange. Seine
+Herrschgier wählte für ihn.
+
+ [+Laurent: Histoire du droit de gens, Tome XIV. -- Carlyle: History
+ of the French revolution, Vol. I-III. -- Louis Blanc: Histoire de
+ la révolution française, Tome I-XII. -- Chateaubriand: Mémoires
+ d'outre-tombe, Tome I-II.+]
+
+
+2.
+
+In einer Oktobernacht des Jahres 1801 ward ein verschlossener, von
+einer Wache eskortirter Wagen heimlich nach Paris hereingebracht. Was
+mochte in diesem Wagen verborgen sein? War es ein Verbrecher? War es
+Schmugglerwaare? In dem Wagen saß ein alter Mann, ein Priester, der
+Legat des Papstes an den General Bonaparte (Caprara war sein Name), und
+die Schmugglerwaare, welche aus diese Weise im Dunkel der Nacht nach
+Paris gebracht wurde, war das Konkordat mit Rom, die Wiederaufrichtung
+des christlichen Kultus in Frankreich. Man wagte nicht, einen Priester
+in solcher Mission seinen Einzug bei helllichtem Tage halten zu
+lassen. Durch die bedachtsame und vorsichtige Veranstaltung des ersten
+Konsuls wurde die Sache bis zur Nachtzeit verschoben. Nicht daß man
+Gewaltthätigkeiten befürchtet hätte, man fürchtete nur Gelächter. »Man
+wagte nicht die lachlustige Bevölkerung von Paris auf eine solche Probe
+zu stellen«. (+Thiers: Histoire du consulat et de l'empire, Tome III,
+pag. 211+).
+
+Als nach unzähligen Versuchen, eine Uebereinkunft zu erzielen, während
+welcher es jeden Augenblick geschienen hatte, als sollte der Faden
+der Unterhandlungen für immer abreißen, das Konkordat endlich seinem
+Abschlusse so nahe war, daß Bonaparte im April 1802 den Kardinal
+officiell empfangen konnte, stieß man auf eine ähnliche Schwierigkeit.
+Es ist kirchlicher Gebrauch, daß einem Legaten in außerordentlicher
+Mission ein goldenes Kreuz vorangetragen wird. Der Kardinal bat sich
+daher aus, daß das Kreuz an dem Tage, wo er sich nach den Tuilerien
+begebe, ihm von einem rothgekleideten Officier zu Pferde vorangetragen
+werde. Aber man fürchtete, sagt Thiers, der Pariser Bevölkerung ein
+solches Schauspiel zu geben (Thiers, ebendaselbst, Seite 342). Man kam
+überein, es mit dem Kreuze zu machen, wie man es ein halbes Jahr zuvor
+mit dem Kardinal gemacht hatte, nämlich es in einem verschlossenen
+Wagen ihm voran zu fahren.
+
+Endlich, acht Tage darauf, am Ostertage den 18. April 1802 (am 28.
+Germinal des Jahres +X+) wurde, nachdem das Konkordat am Morgen
+an allen Straßenecken von Paris angeschlagen worden war, und nachdem
+der erste Konsul an demselben Morgen, um den Tag zu verherrlichen,
+den Frieden von Amiens unterzeichnet hatte, das große Tedeum in
+der Notre-dame-Kirche zur Verherrlichung der Wiedereinführung des
+christlichen Kultus, oder, wie es in der officiellen Sprache hieß,
+zur Versöhnung der Revolution mit dem Himmel, gesungen. Die Programme
+für die Ceremonie waren zum Voraus vertheilt. Mit einem großen und
+gewaltigen Gefolge verfügte der erste Konsul sich zur Kirche; er
+hatte vorher persönlich die Frauen aller höheren Beamten auffordern
+lassen, sich in großer Toilette einzufinden. Sie folgten der Madame
+Bonaparte; er selbst war von seinem ganzen Stabe, von allen seinen
+Generalen und von allen Männern begleitet, welche bedeutendere Aemter
+inne hatten. Die Wagen, welche dem alten Hofe gehört hatten, wurden
+bei dieser Gelegenheit wieder in Gebrauch genommen. Bonaparte fuhr in
+den Equipagen der alten Monarchie und mit ihrer ganzen Etikette zur
+Kirche. Artilleriesalven verkündeten der Welt dies Wiederauferstehen
+der Privilegien von den Todten und diesen ersten Versuch zur
+Wiederaufrichtung der königlichen Macht und Herrlichkeit. Truppen der
+ersten Militairdivision bildeten Spalier von den Tuilerien bis zur
+Notre-dame. Der Erzbischof von Paris empfing den ersten Konsul an
+der Kirchenthür und reichte ihm das Weihwasser. Er wurde unter einen
+Thronhimmel auf einen für ihn reservirten Platz geführt. Der Senat,
+der gesetzgebende Körper und das Tribunat waren zu beiden Seiten des
+Altares aufgestellt. Die Kirche war bald von Uniformen, Toiletten
+und Livreen erfüllt. Die Livreen, welche während der Revolution
+verschwunden gewesen, kehrten mit den Ornaten zurück. Hinter dem
+ersten Konsul standen seine Generale in Gala-Uniform »mehr gehorchend,
+als bekehrt«, wie Thiers sie schildert. Sie gaben sich Mühe, durch
+ihr Aeußeres zu zeigen, was wirklich der Fall war, nämlich daß sie
+sich wider ihren Willen dort befanden, und daß die ganze Ceremonie
+ihnen lächerlich und unwürdig erschien. Ihre Haltung war, was man von
+entgegengesetzter Seite als »wenig geziemend« bezeichnet hat. Gegen
+sie stach die Haltung des ersten Konsuls ab. Er stand in seiner rothen
+Konsulsuniform, unbeweglich, mit strenger und verschlossener Miene,
+ernst und kalt, ohne weder die Zerstreutheit der Widerhaarigen, noch
+die Andacht der Gläubigen zu theilen. An seinem Degengehenk blitzte der
+berühmte Diamant, »der Regent«. Er hatte ihn zu dieser Feierlichkeit
+dort fassen lassen, als Symbol, daß die Insignien der Macht jetzt von
+der Krone auf das Schwert übergegangen seien. Man sah ihm an, daß diese
+seine Handlung nicht ein Glaubens-, sondern ein Willensakt, und daß er
+fest entschlossen sei, seinen Willen durchzusetzen.
+
+Am selben Morgen, als das Tedeum abgehalten ward, brachte der Moniteur
+auf ausdrücklichen Befehl Bonaparte's die Anzeige eines Werkes, das
+in der zweiten Ausgabe ihm selbst als dem Wiederaufrichter der Kirche
+gewidmet war. Es war Chateaubriand's »Genius des Christenthums«.
+Der Artikel war von Fontanes und hatte schon drei Tage vorher im
+»Mercure« gestanden, ward aber jetzt auf Veranstaltung der Regierung
+in dem officiellen Blatte wieder abgedruckt. Man sieht, daß »Der
+Genius des Christenthums« ein Glied in der Festdekoration bei jenem
+Tedeum ausmachte, so gut wie die weit ausgeschnittenen Kleider und
+die Livreen. Die religiöse Reaktion in der Gesellschaft und in der
+Literatur läßt sich fast von derselben Stunde, von derselben Ceremonie
+an datiren. In einem Briefe von Joubert an Chateaubriand's Freundin
+Madame de Beaumont kommt der schlagende Ausdruck vor: »Unser Freund
+ist ausdrücklich +pour les circonstances+ erschaffen und zur Welt
+gebracht worden«. Man kann sich übrigens denken, daß die Inswerksetzung
+dieser Ceremonie Bonaparte Mühe gekostet hatte. Was frommte es, daß an
+den Straßenecken zu lesen stand: »es sei der päpstliche Souverain, zu
+welchem das Beispiel der Jahrhunderte nicht minder als die Vernunft
+uns die Zuflucht nehmen hieße, um die verschiedenen Meinungen zu
+verschmelzen und die Sitten zu versöhnen«. Was frommte es, daß ein
+Koncert in den Tuilerien und eine Illumination zur Ehre der Ceremonie
+stattfand! Dieselbe ward mit eben so großem Unwillen aufgenommen, wie
+das Fest für das höchste Wesen mit Enthusiasmus aufgenommen worden war.
+Als Bonaparte, nachdem es vorüber war, sich in den Tuilerien zu einem
+seiner Officiere, dem General Delmas, wandte und ihn frug, wie ihm
+die Festlichkeit gefallen habe, erhielt er die Antwort: »Es war eine
+hübsche Kapuzinade, es fehlte nur die Million Menschen, die sich hat
+todtschlagen lassen, um Das niederzureißen, was Sie wiederaufrichten«.
+Und Delmas sprach mit diesen Worten nur die allgemeine Stimmung der
+Generale aus. Schon im November 1801 hatte sich bei dem Gedanken
+einer Versöhnung mit der Kirche allgemeine Erbitterung im Heere
+gezeigt; Männer, welche Bonaparte sehr nahe standen, wie Lannes und
+Augereau, hatten in den derbsten Ausdrücken ihrem Grolle über die
+Aussicht, daß sie ihre Uniformen in einer Kirche zeigen sollten,
+gegen ihn Luft gemacht, und unter den Soldaten hieß es allgemein, daß
+die französischen Fahnen noch nie mit so vielen Lorbeeren bedeckt
+worden seien, wie seit der Zeit, daß sie nicht mehr gesegnet würden.
+Als die Generale jetzt eine bestimmte Ordre empfingen, sich in der
+Notre-dame-Kirche einzufinden, sandten sie Augereau als ihren
+Vertreter in die Tuilerien, um inständig zu bitten, daß man sie mit
+dieser Schaustellung verschone; aber umsonst.
+
+Und bei allen öffentlichen Behörden war die Stimmung dieselbe. Das
+Konkordatsprojekt war auf einstimmigen Widerstand gestoßen. Der
+Minister des Aeußern, Talleyrand, widerrieth Bonaparte hartnäckig
+diesen Schritt. Als ehemaliger Prälat wurde er persönlich von dem
+Konkordate betroffen, und bei seinem politischen Scharfblick sah er
+die unheilvollen, entsetzlichen Folgen für den Staat voraus. Ein
+kaltes Schweigen beantwortete im Staatsrathe die Mittheilung, welche
+der erste Konsul von dem Traktate machte, den er unterzeichnet hatte,
+und doch hatte Bonaparte in dieser Versammlung seine entschiedensten
+Anhänger. Selbst Thiers, den ich anführe, weil er in seiner Bewunderung
+für Bonaparte nur äußerst mangelhaften Bericht über die Geschichte des
+Konkordats erstattet und gern Alles verschweigt, was diese Begebenheit
+in ihr wahres und scharfes Licht stellen kann, muß sich Worte wie
+dieser bedienen: »Die Mitglieder saßen stumm und finster da, als hätten
+sie eines der heilbringendsten Werke der Revolution vor ihren Augen
+zu Grunde gehen sehn. Nichts unterbrach das kalte Schweigen dieser
+Scene. Man schwieg, man trennte sich, ohne ein Wort zu reden, ohne eine
+Meinung auszusprechen«. Noch schlimmer erging es im gesetzgebenden
+Körper; derselbe legte seinen Protest wider die Restauration ein,
+indem er zum Präsidenten der Versammlung Dupuis, den Verfasser des
+bekannten Werkes »Ueber den Ursprung der Kulte« wählte, welches darauf
+ausgeht, das Christenthum als eine auf der Astronomie begründete Fabel
+(dieselbe, welche in dem bekannten kleinen Scherze von Vinet über
+Napoleon als Allegorie auf die Sonne parodirt worden ist) darzustellen.
+Napoleon, welcher sich doch schon in seiner fast unumschränkten Macht
+fühlte, wagte nicht, das Konkordat allein dem gesetzgebenden Körper zu
+überreichen; er begleitete dasselbe mit den sogenannten organischen
+Gesetzen, deren ausgeprägt gallikanischer Geist demselben die Stimmen
+Derjenigen verschaffen sollte, welche den ultramontanen Einfluß von Rom
+fürchteten. Nichtsdestoweniger nahm der gesetzgebende Körper es erst
+an, als alle seine entschiedensten Mitglieder ausgestoßen worden waren.
+Was das Tribunat betrifft, so fand dort ein wahrer Aufruhr statt, und
+es war nichts Geringeres, als ein neuer Staatsstreich, eine Reduktion
+der Anzahl seiner Mitglieder auf 80, erforderlich, um seinen Widerstand
+zu brechen. Die einzigen Zufriedenen waren im ersten Augenblicke
+die jubelnde Klerisei, jedoch mit Ausnahme aller in Folge des neuen
+Zustandes der Dinge verabschiedeten Bischöfe und Priester, die den
+Eid auf die republikanische Verfassung abgelegt hatten, und die große
+unwissende Bauernbevölkerung, welche weder lesen noch schreiben konnte
+und sich nach ihrem Sonntag und ihrem Kirchenstuhl sehnte.
+
+Selbst in denjenigen Kreisen, welche dem ersten Konsul am allernächsten
+standen, wurde ein Versuch nach dem andern gemacht, um seinen Beschluß
+zu erschüttern, als derselbe ruchbar ward. Der Geist des achtzehnten
+Jahrhunderts regte sich am mächtigsten in den Männern, welche durch
+Genie und Talent die Ersten im Lande waren, und sie gerade waren es,
+welche den täglichen und beständigen Umgang Bonaparte's ausmachten.
+Sie gehörten Alle zu den gemäßigten Revolutionären und waren Alle
+Schüler Voltaire's. Gelehrte, wie der berühmte Astronom Laplace,
+wie die Mathematiker Lagrange und Monge, sagten täglich Bonaparte,
+daß er im Begriff stehe, seine Regierung und sein Jahrhundert
+herabzuwürdigen. Seine alten Waffenbrüder, gesteht Thiers, fürchteten,
+obschon so geehrt von Allen, die Lächerlichkeit, welche sie am Fuße
+des Altars zu erwarten schien. Selbst seine Brüder, die mit den besten
+Schriftstellern der Zeit verkehrten, bestürmten ihn mit Bitten,
+nicht durch einen Schritt, welcher in solchem Grade dem Zeitgeiste
+widerstreite, seine ungeheure Macht aufs Spiel zu setzen.
+
+So starke Ausdrücke zeigen, wie gewiß man war, daß das Christenthum als
+todt gelten dürfe, was auch die früher citirten Worte der Madame Roland
+beweisen.
+
+War es religiöse Ueberzeugung, die einen Geist wie den Bonaparte's
+bewog, trotz aller berechtigten Rücksichten und Vorstellungen, in
+diesem Hauptpunkte dem ganzen intelligenten Frankreich zuwider zu
+handeln? Sicherlich nicht. Zahlreiche Aeußerungen von ihm beweisen, daß
+er sich selbst gerade auf der Seite Derjenigen befand, die er bekämpfen
+wollte, indem er dem sogenannten aufgeklärten Deismus Voltaire's und
+des ganzen achtzehnten Jahrhunderts huldigte. Man hat, um Bonaparte
+als gläubig zu schildern, seine Aeußerungen gegen Monge angeführt.
+»Meine Religion ist sehr einfach«, sagte er zu ihm, »ich betrachte
+dies so große, so zusammengesetzte, so herrliche Universum, und sage
+mir selbst, daß es nicht ein Produkt des Zufalls sein kann, sondern
+das Werk eines unbekannten, allmächtigen Wesens sein muß, welches so
+hoch über dem Menschen steht, wie das Universum über unseren schönsten
+Maschinen«. Aber Voltaire selbst würde sich ganz eben so ausgedrückt
+haben. Bonaparte fuhr fort: »Allein diese Wahrheit ist für den Menschen
+allzu karg ausgedrückt; er will von sich selbst und von seiner Zukunft
+eine Menge Geheimnisse wissen, welche das Universum ihm nicht sagt.
+Die Religion erzählt daher jedem Einzelnen, was zu wissen er Drang
+verspürt. Unzweifelhaft leugnet die eine Religion, was die andere
+feststellt. Aber ich schließe hieraus nicht, wie Volney, daß keine
+aller Religionen etwas taugt, sondern vielmehr, daß sie alle gut sind«.
+Lessing's Nathan führt ganz dieselbe Sprache. Es stimmt hiemit überein,
+wenn Bonaparte zu Monge sagte: »In Aegypten war ich Muselmann, in
+Frankreich muß ich Katholik sein. Ich glaube nicht an die Religionen,
+sondern an die Idee von einem Gotte«.
+
+Er hatte früher in einer Rede, die er im December 1797 in Gegenwart des
+Direktoriums und der öffentlichen Behörden hielt, »die Religion« nebst
+der Königsmacht und der Lehnsmacht zu den »Vorurtheilen« gerechnet,
+welche »das französische Volk zu überwinden habe«. Er war ohne Skrupel
+in Aegypten als Muselmann aufgetreten; in seiner Proklamation an die
+ägyptische Bevölkerung heißt es: »Auch wir sind echte Muselmänner.
+Sind wir es nicht, die den Papst vernichtet haben, welcher sagte,
+man solle Krieg gegen die Muselmänner führen?« Nun bediente er sich
+zwar wohl über denselben Papst solcher Ausdrücke, wie »der heilige
+Vater« (officiell) oder »das gute Lamm« (privatim), aber wenn die
+Unterhandlungen durch die römischen Chikanen scheiterten, so nannte
+er den Papst in seinen Briefen »den alten Fuchs« und titulirte die
+Priester -- oder, wie er damals sagte, »+la prêtraille+« --
+»schwachköpfige Faselhänse«.
+
+Sein Auftreten während der Verhandlungen mit Rom zeugt in eben so hohem
+Grade für seine politische Schlauheit, wie gegen seine Orthodoxie. Als
+Consalvi im Juni 1801 nach Paris reisen sollte, war er unvorsichtig
+genug, in einem Privatbriefe auszusprechen, wie ängstlich ihm zu Muthe
+sei, daß er sich so in den Rachen des Löwen, den jüngst wider die
+Religion und den Priesterstand so feindseligen Herd der Revolution,
+hineinwagen solle. Es gab jedoch eine Art von Odins-Raben, welcher
+Bonaparten alle derartigen Privatbeichten wiederholte. Dieser Rabe
+befand sich im Postamte, wo der Brief geöffnet wurde. Bonaparte
+richtete den Empfang des Kardinals in genauer Uebereinstimmung mit dem
+Eindrucke ein, den er hierdurch von seiner Persönlichkeit empfing. Es
+war Abend, als Consalvi in Paris anlangte; aber schon auf den nächsten
+Morgen ward seine Audienz angesetzt, so daß er weder Zeit finden
+konnte, sich von den Anstrengungen der Reise zu erholen, noch sich mit
+den Sendlingen des Papstes zu beraten. Er ward frühmorgens nach den
+Tuilerien geholt und in ein großes leeres Zimmer geführt, das wie das
+Vorgemach zum Audienzzimmer des ersten Konsuls aussah. Nach ziemlich
+langem Warten wird ihm eine kleine Thür geöffnet, und durch diese
+tritt er zu seinem Erstaunen in eine lange Reihe prachtvoller Säle, wo
+alle höheren Staatsbeamten, der Senat, die gesetzgebende Versammlung,
+die Generale und der Generalstab versammelt sind. Im Hofe sieht er
+eine ganze Reihe von Regimentern zur Revue aufgestellt. Es war, nach
+seinem eigenen Ausdruck, der plötzliche Uebergang von einer Hütte in
+einen Palast. All' die blendende Pracht und all' die furchteinjagende
+Gewalt, welche die Konsularmacht in das imponirendste Licht stellen
+konnte, war hier mit Ostentation entfaltet, und als der Kardinal
+endlich im letzten Saale die drei Konsuln erreichte, welche von einem
+glänzenden Gefolge umgeben waren, schritt Bonaparte ihm entgegen und
+sagte in einem gebietenden Tone: »Ich weiß, weshalb Sie gekommen sind.
+Sie haben fünf Tage zu Unterhandlungen. Wenn der Traktat bis dahin
+nicht unterzeichnet ist, so ist Alles aus«. Im ersten Augenblick wurde
+Consalvi gewiß verwirrt, aber bald gelang es ihm, Zeit zu gewinnen und
+mit der ganzen Feinheit und List der römischen Staatskunst Bonaparte
+so viele Schwierigkeiten in den Weg zu legen, daß Dieser während einer
+der stürmischen Audienzen, welche der ersten folgten, mit eben so viel
+Heftigkeit wie Hochmuth ausrief: »Wenn Heinrich +VIII.+, welcher
+nicht den zwanzigsten Theil meiner Macht besaß, die Religion in seinem
+Lande hat verändern können, um wie viel mehr kann ich es dann thun! Ich
+will sie verändern, nicht allein in Frankreich, sondern in ganz Europa.
+Rom wird blutige Thränen weinen, wenn es zu spät ist!«
+
+Mit solcher Geringschätzung sprach selbst der Wiederaufrichter der
+Religion sich über die Macht aus, welche er wieder aufrichten wollte.
+
+Kann man sich also darüber wundern, daß das Gelächter und abermals
+das Gelächter, gerade wie damals, als Julianus Apostata 1500 Jahre
+vorher einen ähnlichen Versuch gemacht hatte, überall der gefürchtete
+oder wirkliche, in der Regel aber unzertrennliche Begleiter jeder
+Handlung war, welche zu der Restauration des alten Kultus in Beziehung
+stand? Als Bonaparte im Staatsrathe das erste Breve Pius +VII.+
+verlas, in welchem der »Papst seinen lieben Sohn Talleyrand« wieder
+zu Gnaden aufnahm, erscholl ein halb ersticktes Lachen von allen
+Anwesenden. Ja, Bonaparte vermochte bisweilen nicht einmal selbst
+seinen Ernst zu bewahren. An dem Tage, als Kardinal Consalvi, mit
+dem römischen Purpur bekleidet, ihm eine Abschrift des Konkordates
+während einer öffentlichen Audienz übergab, bekam der erste Konsul
+plötzlich einen so konvulsivischen Lachanfall, daß die ganze
+Versammlung wie blitzgetroffen dastand. Ja, noch mehrere Jahre später
+war er so wenig von kirchlichen Handlungen erbaut und so wenig im
+Stande, ihnen gegenüber sein Antlitz zu beherrschen -- er, welcher
+sonst in so ungewöhnlichem Grade seine Mienen im Zaume zu halten
+verstand -- daß er, als der Papst ihn 1804 zum Kaiser salbte, während
+der ganzen Ceremonie zur Verwunderung der Umstehenden unaufhörlich
+gähnte. Da verstand Karl +X.+ als echter Bourbon es besser, den
+Ernst zu bewahren, als er 1825 gesalbt wurde. Ohne eine Miene oder
+nur den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, ließ er sich den ganzen
+Oberkörper entblößen und erst den Scheitel, dann die Brust, dann die
+Stelle zwischen den beiden Schulterblättern, dann diese selbst und
+beide Armgelenke salben. Man spürt den Fortschritt seit den Tagen des
+Kaiserthums.
+
+Alles, was mit der Wiederaufrichtung der geistlichen Gewalt und
+der Wiedereinsetzung des katholischen Kultus in Verbindung stand,
+widerstritt so schroff den Sitten und Ideen, welche durch die
+Revolution die herrschenden in Frankreich geworden waren, daß man bei
+solchen Ceremonien kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagte; die
+Unwahrscheinlichkeit ihres Stattfindens schien so groß, daß man sich
+nicht entschließen konnte, sie für Ernst zu halten. Ich führe als
+Beweis dafür die Worte eines Augenzeugen an, und zwar eines solchen,
+den man gewiß nicht voreingenommen gegen die Religion nennen kann,
+nämlich de Pradt's, des Erzbischofs von Malines. Er sagt: »Wenn das
+Lachen eines einzigen Menschen das Signal gegeben hätte, wären wir
+in Gefahr gewesen, das unauslöschliche Gelächter der homerischen
+Götter anzustimmen. Hier lag die Klippe, an der man scheitern konnte.
+Glücklicherweise hatte der Polizeiminister Fouché für Alles gesorgt,
+und Paris behielt, Dank ihm, seine ernsthafte Miene«. (+De Pradt:
+Histoire des quatre concordats. Tome II., pag. 212.+)
+
+Konnte in Wirklichkeit etwas burlesker sein, als die Situation, deren
+Gipfelpunkt in den Worten liegt: der Besuch des Papstes in Paris.
+Ein Papst in Paris! Das war, sagt der Erzbischof, ein kitzliches Ding
+nach Allem, was in den letzten fünfzehn Jahren vorgefallen war, und
+inmitten »einer lustigen, von der Philosophie noch stark beeinflußten
+Bevölkerung«. Um den Papst von der Reise abzuhalten, hatte man ihm noch
+im letzten Augenblick die vorerwähnte Proklamation aus Aegypten auf
+den Tisch gelegt. Aber es war zu spät, seinen Beschluß zu erschüttern.
+Man stelle sich nur die Zusammenkunft zwischen den beiden Gewalthabern
+lebendig vor Augen. Napoleon begab sich nach Fontainebleau, um
+den Papst zu empfangen. Nachdem die ersten Höflichkeits- und
+Herzlichkeitsäußerungen ausgetauscht waren, fuhren sie Beide in
+demselben Wagen zum Schlosse. Die Freude strahlte aus Napoleon's Zügen,
+und als er mit dem Papste an der Hand die Treppenstufen hinaufstieg,
+schien jeder seiner ungewöhnlich lebhaften Blicke zu sagen: »Seht ihr
+meine Beute? ich hab' ihn!« Durch eine possierliche Unaufmerksamkeit
+wurde der Festzug von einer Abtheilung berittener Mamelucken eröffnet.
+Der Anblick der dunkelbraunen Gesichter dieser muhamedanischen Reiter
+versetzte Einen in der Phantasie nach Mekka. Man hätte eher glauben
+sollen, daß ein muhamedanischer als ein christlicher Oberpriester
+seinen Einzug hielt. Selbst das Antlitz des Papstes verrieth die
+Verlegenheit, welche er darüber empfand, mit einem Male in einen
+Weltwinkel versetzt worden zu sein, wo Alles ihm neu war. Man sah
+wohl, daß sein Fuß, obwohl er von vielen Menschen geküßt wurde, nicht
+recht sicher auf die Erde trat. Der vollkommen geistliche Hof, den
+er mitbrachte, strahlend in allerlei bischöflichen Gewändern, und
+der vollständig militärische, welcher ihm entgegenkam, blitzend in
+Harnischen und Panzern, bildeten einen eigenthümlichen Kontrast. Man
+hätte glauben können, sagt der Erzbischof de Pradt, daß man plötzlich
+nach Japan versetzt worden sei, in dem Augenblick, wo der geistliche
+Kaiser dem weltlichen Kaiser einen Besuch abstattet.
+
+Was war die Ursache, daß der erste Konsul einen Plan festhielt und
+durchführte, der auf den ersten Blick so unpopulär und so unpolitisch
+erscheinen konnte? Die Antwort ist einfach. Die Pläne, mit welchen
+Bonaparte sich trug, ließen sich nicht mit der Aufrechterhaltung der
+republikanischen Ordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche
+vereinigen. Er, welcher eben jetzt darauf ausging, der Republik
+den Todesstoß zu versetzen, mußte dieselbe ins Herz treffen, sie
+in ihren Grundprincipien verwunden. Er sah ein, daß es ihm niemals
+völlig gelingen würde, die bürgerliche Freiheit zu zerbrechen, wenn
+man nicht zugleich die geistige und Gedankenfreiheit zerbräche, und
+er kümmerte sich wenig darum, ob er die Entwicklung Frankreichs um
+ein Jahrhundert in der Zeit zurücksetzte oder nicht, wenn er dadurch
+seine Alleinherrschaft möglich machte oder seine egoistischen Zwecke
+förderte. Mit der kirchlichen Autorität war die monarchische Autorität
+unter der Revolution gestürzt worden. Es galt das Autoritätsprincip
+wieder aufzurichten. Die Etikette der alten Monarchie kehrte in dem
+Augenblicke von selbst zurück, wo die Religion wieder eine Macht im
+Staate ward. Man hat es als Napoleon's größte und schwierigste That
+bezeichnet, daß er in Frankreich die Machtidee, welche die Revolution
+verkannt und verhöhnt hatte, wieder herstellte (vgl. Guizot in der
+»+Revue des deux mondes+« vom 15. Februar 1863). Man hat gesagt,
+daß Keiner so natürlich und kühn, wie er, den Instinkt und die Gabe,
+zu herrschen, entwickelt habe. Man hat ihn die personificirte Macht
+genannt. Aber man müßte hinzufügen, daß er von dem Augenblicke an, wo
+er sich nicht damit begnügen wollte, die Macht kraft seines Genies
+und des neuen Gesellschaftszustandes zu sein, welcher dem Genie den
+Vorrang vor dem Privilegium gab, sondern die absolute Monarchie
+wieder aufrichten wollte, sich nicht mehr auf die Machtidee stützte,
+welche mit der Rechtsidee verschmilzt und ein Ausdruck der Vernunft
+ist, sondern auf die Autoritätsidee, welche dadurch wirkt, daß sie
+blendet und blind angenommen wird, und daß er von diesem Augenblick
+an die Kirche mit sich haben mußte. Als Wieland im Jahre 1808 den
+Kaiser frug, weshalb er den von ihm restaurirten Kultus nicht dem
+Zeitgeiste mehr angepaßt habe, lachte der Kaiser und antwortete:
+»Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er freilich nicht
+gemacht. Die Philosophen glauben ~weder an mich, noch an meinen
+Kultus~, und für die Leute, welche daran glauben, kann man nicht
+Mirakel genug thun, so wenig wie man ihnen zu viele lassen kann«. Es
+ist kaum möglich, die Autorität deutlicher als »+prestige+« zu
+charakterisiren. Bei anderen Gelegenheiten gebrauchte er das Wort,
+welches in der nachfolgenden Literaturperiode das Stichwort ward, indem
+er die Religion als die ~Ordnung~ bezeichnete. Johannes Müller
+schreibt 1806 an seinen Bruder: »Der Kaiser sprach von dem Grund aller
+Religionen und von ihrer Nothwendigkeit und sagte, der Mensch empfinde
+das Bedürfnis, in Ordnung gehalten zu werden«.
+
+Hinsichtlich dieser Auffassung der Religion als Ordnung scheint einige
+Aehnlichkeit zwischen Napoleon und den Jakobinern stattzufinden, wie
+überhaupt Napoleon's Restaurationsversuch eine bestimmte Analogie mit
+Robespierre's Bestrebungen zur Wiederbelebung des religiösen Gefühls
+darbietet. Als Politiker glaubt Robespierre an die ordnende und
+regulirende Macht der Religion, und als Politiker in einem Zeitalter,
+wo die ungeheure Mehrzahl der Gebildeten auf dem Grunde des Deismus
+steht, fürchtet er den Atheismus als ein den Ideen der Zeit fremdes
+Princip. Aber die Ordnung, welche er wünscht, ist nur diejenige der
+uneingeschränkten Toleranz, und die Ordnung, für welche er kämpft, ist
+diejenige, an welche er glaubt. Er war ehrlich. Wer möchte Aehnliches
+von Bonaparte behaupten wollen?
+
+Bonaparte begriff, was für ein unschätzbares Werkzeug in der Hand des
+Regierenden die überlieferte Religion und der Kultus sei, und beschloß
+daher eine Allianz mit dem Priesterstande, dem er für alle Fälle schon
+als Sieger in Italien geschmeichelt und den Hof gemacht hatte. Er
+wußte recht wohl, daß die große unwissende Mehrzahl in Frankreich, wie
+in allen anderen Ländern, noch immer an der ererbten Religion hangen
+mußte, und daß die Lehren, welche die Philosophen des achtzehnten
+Jahrhunderts verbreitet hatten, unmöglich schon in die untersten und
+breitesten Schichten der Bevölkerung eingedrungen sein konnten. Er
+hat in früherer Zeit selbst offen seine Ziele bekannt. Im Jahre 1800
+brach er inmitten seines Staatsraths in die Worte aus: »Mit meinen
+Präfekten, meinen Gendarmen und meinen Priestern bin ich im Stande,
+Alles zu thun, was ich will.« Der Priester ist ihm ein Polizeibeamter
+wie die übrigen, nur in anderer Uniform. In den Notizen, welche er
+Montholon diktirte, leitet er ohne Weiteres das Konkordat aus dem
+Wunsche ab, den er hegte, die Geistlichkeit an die neue Ordnung der
+Dinge zu knüpfen und das letzte Band zu zerreißen, welches sie und
+damit das Land an die alte bourbonische Dynastie knüpfte. Er hatte
+die Wahl gründlich überlegt, welche ihm zwischen dem Katholicismus
+und dem Protestantismus offen stand. Er räumte seinen Rathgebern ein,
+daß die Tendenzen des Augenblicks vollständig in der Richtung des
+Protestantismus lägen. »Aber«, sagte er, »ist der Protestantismus
+Frankreichs alte Religion? Wie kann man in einem Volke Gewohnheiten,
+Geschmacksrichtungen, Erinnerungen erschaffen, die es nicht hat? Der
+Hauptreiz einer Religion liegt in der Erinnerung. Ich höre niemals in
+Malmaison die Kirchenglocken des nächsten Dorfes, ohne davon bewegt zu
+werden. Und wer könnte in Frankreich sich in einer protestantischen
+Kirche ergriffen fühlen, die Niemand als Kind besucht hat, und deren
+kaltes und strenges Aeußere so wenig zu den Sitten des Volkes paßt?«
+-- »Außerdem«, sagte er zu Las Cases, »erreichte ich durch den
+Katholicismus weit sicherer alle meine großen Resultate. Nach außen hin
+erhielt der Katholicismus mir den Papst, und mit meinem Einflusse in
+Italien und meinen Streitkräften dort, zweifelte ich gar nicht, früher
+oder später durch das eine oder andere Mittel die Herrschaft über
+diesen Papst zu erlangen, -- und welchen ungeheuren Einfluß von diesem
+Augenblicke an, welchen Hebel für die öffentliche Meinung rings in der
+Welt!... Wenn ich als Sieger von Moskau zurückgekehrt wäre, würde ich
+den Papst leicht den Verlust seiner weltlichen Macht vergessen, ich
+würde ihn zu einem Götzenbilde gemacht haben; er hätte immer bei mir
+bleiben sollen. Paris wäre dann zur Hauptstadt der christlichen Welt
+geworden -- und ich hätte die religiöse Welt eben so vollständig wie
+die politische Welt gelenkt ... ~Meine~ Koncilien hätten dann
+die Christenheit repräsentirt, die Päpste wären nur ihre Präsidenten
+gewesen.«
+
+Man beachte auch die Argumentation, deren Portalis, der officielle
+Vertheidiger und Fürsprecher des Konkordats, sich bedient. Um zu
+beweisen, daß es nicht möglich sei, eine neue Religion einzuführen,
+sondern daß man die alte wieder aufnehmen müsse, sagt er: »In
+ganz alten Tagen, in Zeiten der Unwissenheit und Barbarei, haben
+außerordentliche Menschen sich inspirirt nennen und nach Prometheus'
+Beispiel das Feuer vom Himmel herabholen können, um mit demselben
+eine Neue Welt zu beseelen. Aber was bei einem entstehenden Volke
+möglich ist, ist es nicht bei alten vielgeprüften Nationen, deren
+Gewohnheiten und Ideen schwer zu verändern sind«. Er beginnt, wie man
+sieht, damit, an die Autorität der Gewohnheiten zu appelliren. Und er
+fährt fort: »Man glaubt nur an eine Religion, weil man sie für ein
+Werk Gottes hält. Alles ist verloren, sobald man die Menschenhand
+durchblicken läßt«. Daß diese Sprache nicht die des Glaubens ist,
+bedarf keiner Beweisführung. Worauf Portalis sich beruft, Das sind die
+mißlungenen Versuche, die positive Religion durch eine revolutionäre,
+eine »Vernunftreligion« wie diejenige Rousseau's und Robespierre's, zu
+ersetzen. Diese Versuche waren mißlungen, obschon die neue Lehre nicht
+erst erfunden zu werden brauchte, sondern in Wirklichkeit im Gemüth der
+gebildeten Klassen lebte; sie waren mißlungen, weil es unmittelbar,
+nachdem man alle äußere Autorität gestürzt hatte, unmöglich war, der
+Ueberzeugung, welche von der Mehrzahl der Gebildeten getheilt wurde,
+eine rein äußerliche Autorität, wie die zertrümmerte, zu geben. Sie
+trugen jene Frucht, weil ihre Urheber die Wahrheit verkannten, daß
+der Menschengeist unaufhörlich seine religiösen und sittlichen Ideen
+umwandelt, und nicht begriffen, daß der befreite Geist nothwendig
+jetzt noch schneller, als vorher, sich in der Fortschrittsströmung
+zu einer vollkommneren Klarheit befand, welche ihn nöthigen mußte,
+gleich von Neuem jede dogmatisch fixirte und begrenzte Form zu
+zerbrechen. Aber nun, weil die von innen gewählte Form sich als
+unhaltbar gezeigt, wieder die noch viel unhaltbareren alten erstarrten
+Traditionsformen aufnehmen zu wollen. Das war sicherlich eine sehr
+seltsame Argumentation. Es blieb also Nichts anders übrig, als sich
+auf den unmittelbaren Nutzen zu berufen, welcher sich daraus ziehen
+ließe. Aber- und abermals kommt daher Portalis darauf zurück, nicht daß
+die Religion wahr, sondern daß sie nothwendig sei, daß man ohne sie
+nicht regieren könne, daß die Moral ohne religiöse Dogmen »wie eine
+Justiz ohne Gerichte« sein würde. Es ist wahr, daß das Dogma vom ewigen
+Höllenfeuer, so lange dasselbe Glauben findet, ein kräftiges Werkzeug
+in der Hand des Herrschenden ist. Ja, Portalis ist offen genug, mit
+dürren Worten zu sagen: »Die Frage nach der Wahrheit oder Falschheit
+dieser oder jener positiven Religion ist nur ein rein theologisches
+Problem, das uns fremd ist. Die Religionen haben, selbst wenn sie
+falsch sind, wenigstens den Vortheil, der Einführung willkürlicher
+Lehren eine Schranke zu setzen. Die Individuen haben in ihr ein
+Glaubenscentrum, die Regierungen sind beruhigt hinsichtlich der einmal
+bekannten Dogmen, die sich nicht verändern. Der Aberglaube ist, so zu
+sagen, regularisirt, eingezäunt und in Schranken gebannt, die er weder
+zu überschreiten vermag, noch wagt«.
+
+Mit seiner Zweizüngigkeit suchte Bonaparte die Restauration den
+verschiedenen Parteien in verschiedenem Lichte darzustellen. Den
+Katholiken wurde sie als eine That geschildert, mit welcher sich
+nur Konstantin's und Karl's des Großen Verdienste um die Kirche
+vergleichen ließen; den Philosophen als ein Akt, durch welchen die
+Kirche vollständig dem Staate, den weltlichen Behörden unterworfen
+würde. »Es ist eine Schutzpocke gegen die Religion«, sagte Napoleon
+zu dem Philosophen Cabanis; »in fünfzig Jahren wird es in Frankreich
+keine Religion mehr geben«. So Viel ist ausgemacht, daß er nicht
+daran gezweifelt hat, durch die Versöhnung zwischen Kirche und Staat
+sich einen gehorsamen und untergebenen Bundesgenossen zu sichern. In
+welchem Grade er sich hierin täuschte, ist bekannt. Allein Das hat
+nur wenig zu sagen. In welchem Grade er jedoch durch diesen seinen
+Trotz gegen den Zeitgeist, durch diese herausfordernde That gegen
+die Revolution, welcher er Alles verdankte, durch diesen Hohn gegen
+alles Größte und Beste, was sie gebracht oder errungen hatte, das
+Geistesleben seines Vaterlandes vergiftete und dadurch die, durch so
+heldenmüthige Anstrengungen errungene Kultur desselben lähmte, Das hat
+erst die spätere Zeit verspürt, und Das spüren wir mit jedem Tage mehr,
+heute vielleicht tiefer, als jemals. Bitterlich mußte er bald selbst
+bereuen, daß er, von einer kurzsichtigen Politik geleitet, sich mit den
+niedrigsten und unwissendsten Elementen im Volke wider die edelsten
+und besten verbündet hatte. De Pradt erzählt, er habe Napoleon ein Mal
+über das andere wiederholen hören, daß »das Konkordat der größte Fehler
+seiner Regierung sei«. Von dem Justizmorde des Herzogs von Enghien hat
+man den bekannten Ausdruck gebraucht: »Er war mehr als ein Verbrechen,
+er war ein Fehler«. In Betreff des Konkordates kann man das Wort
+umkehren. Dasselbe war mehr als Napoleon's größter Regierungsfehler,
+es war das größte Verbrechen, welches dies gewaltige Genie in seinem
+rücksichtslosen Despotismus verübt hat.
+
+ [+Thiers: Histoire du Consulat. -- Lanfrey: Histoire de Napoléon I.
+ -- Mignet: Histoire de la Révolution, Tome II. -- De Pradt: Histoire
+ des quatre concordats. -- Portalis: Discours et rapports sur le
+ concordat.+]
+
+
+3.
+
+Kann man begreifen, daß alles Geschehene für ungeschehen gelten, daß
+all' die ungeheuren Anstrengungen verschwendet sein sollten? Wenn man
+bedenkt, was zu vollbringen gelungen war, so muß man erstaunen. Eine
+Emancipationsbewegung, die während der Renaissancezeit mit der warmen
+Begeisterung für das klassische Alterthum begonnen, die in England
+durch Newton's Genie eine neue Anschauung von der äußeren Welt zur
+Grundlage erhalten und allmählich die Naturwissenschaften erobert,
+die eine neue Philosophie als ihr Produkt und die Freimauererei als
+ihr Zeugnis hinterlassen hatte, war wie ein sprühender Funke durch
+Voltaire's Geist nach Frankreich herübergeführt worden. Hier war dann
+das Wunder geschehen, daß, wenige Jahrzehnte nachdem Corneille seinen
+»+Polyeucte+« und Racine seine »+Athalie+« gedichtet, wenige
+Jahre nachdem Bossuet den absoluten Gehorsam gepredigt und Pascal
+mit Feuerbuchstaben das Bekenntnis seines Glaubens an die absolute
+Absurdität aufgezeichnet hatte, unter dem unbestrittensten Absolutismus
+eine Handvoll Männer, meist landflüchtig oder verfolgt, es vermocht
+hatte, erst die höheren Stände, die Elite der Nation, dann Prinzen
+und Prinzessinnen, die bald Könige und Kaiserinnen wurden, endlich
+den ganzen Mittelstand zu gewinnen, so daß die neue Wahrheit, welche
+in Niedrigkeit geboren, aber welcher schon in der Wiege von mächtigen
+Königen, von Preußens Friedrich, Oesterreichs Joseph und Rußlands
+Katharina, gehuldigt wurde, bald das ganze inzwischen herangewachsene
+Geschlecht beherrschte, ja sich Anhänger unter Aebten und Priestern
+gewann.
+
+Mit athletischer Kraft hatte der menschliche Gedanke sich in seiner
+Freiheit erhoben. Alles, was bestand, mußte sein Existenzrecht
+beweisen. Man forschte nach Ursachen, wo man früher um ein Mirakel
+gebetet. Man fand ein Gesetz, wo man früher an ein Wunder geglaubt
+hatte. Niemals zuvor war solchermaßen in der Welt gezweifelt,
+gearbeitet, untersucht und aufgeklärt worden. Man besaß nicht die
+Waffe der Macht, sondern die Waffe des Spottes, und mit Hohn und
+Spott griff man daher zuerst an. Auf Voltaire's raffinirten Hohn
+folgte dann Rousseau's plebejischer Zorn. Niemals zuvor war noch in
+der Welt solchermaßen gespottet, unterwühlt und deklamirt worden. Der
+menschliche Gedanke, welcher Jahrhunderte hindurch auf allen Gebieten
+wie ein Leibeigener hatte frohnen müssen, welchen man mit Legenden
+berauscht und mit geistlichen Liedern und Redensarten in Schlaf
+gelullt hatte, vernahm gleichsam den Ruf des Hahnes und sprang völlig
+erwacht empor. Und jetzt sollte Alles, was die Heroen des Geistes
+gedacht und wofür seine Märtyrer gelitten hatten, wie unnützes und
+unbrauchbares Gerümpel bei Seite gekehrt werden können! Wofür so viele
+der edelsten Herzen geschlagen, was ihnen Muth auf dem Schlachtfelde
+und auf dem Schafotte eingehaucht hatte, all' diese Begeisterung
+sollte jetzt wieder, wie der Geist in dem Märchen, in einen eisernen
+Schrein zusammengepreßt, und dieser Schrein sollte für immer mit dem
+gemeinsamen Siegel eines Kaisers und eines Papstes verschlossen werden
+können!
+
+Die bestimmten Ursachen, welche Dies möglich machten, lassen sich
+nachweisen. Ringsum in den vornehmen Familien auf dem Lande waren
+während der Revolution die Mütter mit ihren Töchtern katholisch
+geblieben, da der Vater, wie er sonst auch gesinnt sein mochte, mit der
+bekannten moralischen Feigheit der Franzosen immer die Religion für
+eine heilsame Fessel des Weibes hielt. Die Damen hatten eine Altardecke
+gestickt, den Priester protegirt, ihm Geld für seine Armen und Kranken
+gegeben und nie eine Messe versäumt. Jetzt war die Messe verboten.
+Der arbeitsame und stille französische Bauer und seine Hausgenossen
+waren, bis die Revolution erschien, gewohnt gewesen, zum Priester, zu
++Monsieur le Curé+, wie zu einer Art irdischer Vorsehung empor
+zu blicken, ihn tief zu grüßen, wenn er vorüberging und ihn bei Allem
+um Rath zu fragen; er hatte die Kinder getauft, er hatte ihnen das
+erste Abendmahl ertheilt, er hatte Jacques mit Fanchette getraut, er
+hatte der alten Mutter die letzte Oelung gebracht. Man las nicht im
+Bauernhause, man pflegte dort weder Literatur, noch Philosophie, noch
+Musik. Jedes Gefühl in der Seele, das sich über die Pflugschaar und
+die aufgewühlten Schollen erhob, schlug den Weg zur Kirche ein. Wie
+klein sie sein mochte, so war sie doch ein Festsaal im Vergleich mit
+der Dorfhütte; sie war heilig, man kniete in ihr. Jetzt war die Kirche
+geschlossen. Wer den gemeinen Mann in Frankreich oder Italien beten
+gesehen, wer die rührende Andacht in Augen erblickt hat, die so ernst
+und hell wie die eines Hundes sind, Der begreift, was es für den Bauern
+hieß, daß es weder Messe noch Priester mehr geben sollte. Endlich der
+Sonntag. Der Bauer ist gegen jede Veränderung, deren Nutzen ihm nicht
+augenblicklich einleuchtet. Und jetzt sollte der Sonntag abgeschafft
+werden. Hatte man je so Etwas gehört? Wer war je auf Dergleichen
+verfallen? Wer konnte darauf verfallen, außer jenen Herren in Paris!
+Länger als tausend Jahre, vielleicht seit Erschaffung der Welt,
+hatte man den Sonntag gefeiert, unser Herrgott selbst hatte ihn ja
+gefeiert, und nun sollte die Woche zehn Tage haben und Dekade heißen,
+wovon Niemand wußte, was Das sei. Man wollte also gar den lieben Gott
+abschaffen!
+
+Hiezu füge man die Wirkung auf die jüngeren, noch unverdorbenen
+Priester. Frayssinous, der als katholischer Apologet während der
+Restauration so berühmt wurde, erzählt, wie er selbst und einer seiner
+Freunde, der ebenfalls Priester war, inmitten der Schreckensperiode,
+trotz aller Proskriptionsdrohungen, fortfuhren, ihre priesterlichen
+Funktionen zu verrichten, und, um sich zu prüfen und zu stärken, um
+sich mit dem Tode vertraut zu machen, der im Entdeckungsfall ihrer
+harrte, abwechselnd den Hinrichtungen auf dem permanenten Schafotte zu
+Rhodez beiwohnten.
+
+Man denke sich junge, begeisterte Priester, wie diese, oder wie sie
+in Lamartine's »Jocelyn« geschildert werden, in aller Stille mit
+ihrer Gemeinde Sonntagmorgens sich in Höhlen unter der Erde, in
+kalten und feuchten Kellern versammeln, die fast an die Katakomben
+der ersten Christen erinnern konnten. Man sprach mit einander von
+den schweren Zeiten für die Kirche, man tröstete einander, man hörte
+eine Predigt, man empfing die geweihte Hostie, und ging mit feuchten
+Augen und erbautem Gemüth wieder von dannen. Die vornehme Dame und
+die schlichteste Bauerfrau hatten sich hier als Mitglieder derselben
+Gemeinde in ganz anderer Weise gefühlt, als da sie durch die ganze
+Entfernung geschieden waren, welche den vordersten Kirchenstuhl von dem
+hintersten trennt.
+
+Selbst die Einziehung der Kirchengüter kam vorherrschend der Kirche
+zu Statten. Mancher Priester, den das Wohlleben verderbt hatte,
+sah sich plötzlich auf die evangelische Armuth beschränkt. Wenn
+der Verlust Viele reizte und verbitterte, so läuterte er Andere.
+Die Sache, für welche ein Mensch leidet, wird ihm theuer. Der
+schwankende, halb philosophische Priester, welcher früher (wie
+Barante von der Geistlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts erzählt)
+im Grunde erröthete, die christlichen Dogmen zu bekennen, fühlte
+seine Selbstachtung in dem Grade steigen, in welchem die Sache, der
+er diente, verfolgt wurde. Bischof Lecoz schreibt im Jahr 1801: »Die
+Religion, welche der Heiland ohne Hilfe des Reichthums stiftete,
+wird er auch ohne diese Hilfe, die seiner unwürdig ist, erhalten. Als
+er seine zwölf Apostel berief, wozu berief er sie! Zum Genusse von
+Besitzthum oder Ehre? Nein, sondern zu Arbeit, Mühe und Leiden. Wenn
+also wir Diener Jesu Christi jetzt nahe daran sind, uns in diesem
+apostolischen Zustande zu befinden, dürfen wir wohl darüber murren?
+Nein, lasset uns vielmehr froh sein über diese köstliche Beraubung
+äußerer Güter, und lasset uns dem Herrn danken, der wieder jenen alten
+Zustand der Dinge erweckt hat, den die frömmsten seiner Kinder allezeit
+zurück ersehnt haben!«
+
+Dann vergesse man nicht die ungeheure Allianz, welche die Kirche
+dadurch erhielt, daß sie jetzt plötzlich das eigene Princip der
+Revolution sich aneignen und in ihrem Namen sich Sympathien erobern
+konnte. Die ganze Situation war von dem Augenblicke an verändert,
+wo die so lange wie möglich freiheitsfeindliche Kirche, durch die
+Nothwendigkeit gezwungen, das Wort Freiheit auf ihre Fahne schrieb.
+Jetzt, da sie selbst der Freiheit wider die Unterdrückung benöthigt
+war, jetzt sprach sie im Namen der Freiheit, und so beweglich, daß
+Alle, welche das Krokodil greinen hörten, es für ein kleines, wehrloses
+Kind hielten. Der liberale Katholicismus entstand, so seltsam auch
+diese Worte wider einander kreischen und zischen. Die Kirche entwand
+der Revolution ihre beste Waffe und gab dieselbe ihren Anhängern in
+die Hand -- vorläufig, wohlgemerkt, bis sie ihre alte Macht wieder
+zurück erobert hätte; denn dann wehe der Freiheit! Aber jetzt war der
+Papst plötzlich liberal geworden: Religionsfreiheit hieß die Parole.
+Selbst als der Jesuitenorden wieder hergestellt ward, wollten die
+Jesuiten, wie alle sogenannten Liberalen unserer Zeit, »die rechte und
+wahre Freiheit«, d. h. natürlich Freiheit für sich selbst. Wie ehrlich
+man es mit dieser Berufung auf die Freiheit meinte, Das zeigte sich,
+sobald man zur Macht gelangt war. Als Napoleon 1808 die Forderung
+erhob, daß der Papst Religionsfreiheit gewähren solle, antwortete er:
+»Da dieser Artikel mit dem Kanon und den Koncilien der Kirche und mit
+der katholischen Religion, und wegen der entsetzlichen Folgen, welche
+daraus entspringen würden, mit der Ruhe und dem Glück des Staates in
+Widerspruch steht, so haben wir ihn verworfen«. Die naiven Katholiken,
+welche dies Gerede von Freiheit buchstäblich nahmen, wie Lamennais zum
+Exempel, sollten bald die Liebe erproben. Aber selbst als Lamennais
+1832 von einer päpstlichen Bulle betroffen ward, gab man seinem
+Schüler Montalembert, welcher sich von ihm trennte und der kräftigste
+Vertheidiger des Katholicismus in der Mitte dieses Jahrhunderts ward,
+Erlaubnis, fortdauernd den liberalen Katholicismus vorzutragen, welchen
+man erst voriges Jahr, als man ihn zu gar Nichts mehr brauchen konnte,
+in einer der zornwüthigsten Bullen, die jemals erlassen worden sind,
+mit dem Bannfluche belegte. Wenige von Allen, welche sie damals in
+der Zeitung lasen, haben vielleicht verstanden, wie Viel diese Bulle
+eigentlich sagte.
+
+Man erwarb sich also durch den Aufruf im Namen der Freiheit Beistand
+und Hilfe. Allein zu den vielen Besseren, die im Augenblick des
+Umschlags unter dem Konsulate hievon beeinflußt wurden, und denen die
+brutale Behandlung, welche der Papst später unter dem Kaiserthume
+erlitt, vermehrte Sympathien für die Kirche einflößte, gesellten
+sich unter der nachfolgenden Entwicklung der Ereignisse, als die
+bourbonische Restauration stattfand, alle die Vielen, welche zu
+allen Zeiten der Religion der Gewalthaber huldigen, alle Anhänger
+der Moral des Fuchses bei Holberg: »Grübele nicht über die Religion,
+sondern halte dich blind an den herrschenden Glauben!« Von Seiten der
+Herrschenden wird in religiösen Angelegenheiten ja niemals der Kampf
+mit Gründen wider Gründe geführt. Man beantwortete die Argumente der
+Gegner nicht mit Argumenten, sondern mit der Entziehung des täglichen
+Brotes. Die Mehrzahl der Männer, welche ohne Vermögen sich auf die
+Beamtenlaufbahn vorbereitet hatten, und welche eine unwiderstehliche
+Lust, jeden Tag gut zu frühstücken und zu Mittag zu speisen, nicht
+zu überwinden vermochten, waren geborene oder gewonnene, jedenfalls
+aber durchaus zuverlässige Stützen für die Restauration der Kirche.
+Niemand, der über 25 Jahre alt ist, wird sich darüber wundern, wie
+viele Anhänger die Orthodoxie von dem Augenblicke an erhielt, wo sie
+aus einer Lächerlichkeit zu einer Versorgung ward.
+
+Füge man hierzu die große Partei der Furcht, alle Diejenigen hinzu,
+welche in Angst vor der rothen Republik lebten, und welche in der
+Wiederaufrichtung der Religion zuerst und vor Allem ein Bollwerk
+gegen dies Schreckbild sahen. Aus ihnen rekrutirte das Heer des
+Autoritätsprincips sich am allerstärksten. Die Katholiken wurden
+plötzlich aus einer kirchlichen Gemeinschaft zu einer politischen
+Partei.
+
+Ein Umschlag der Zustände wird immer vorbereitet durch einen Umschlag
+der Stimmung und ruft noch gewisser Stimmungen hervor, welche dem neuen
+Zustand entsprechen. Die Stimmungen und Ideen, welche das Konkordat
+vorbereiteten, erhielten durch den Abschluß desselben volle Freiheit,
+zu Worte zu gelangen; andere gleichartige waren eine Folge davon, und
+indem diese Stimmungen und Ideen sich jetzt in der Literatur äußerten,
+entstand eine literarische Bewegung, welche dem Konkordat entspricht
+und dasselbe, so zu sagen, in die Sprache der Literatur übersetzt.
+Dieser literarischen Bewegung wollen wir jetzt folgen. Was ich in
+dieser Reihenfolge von Studien geben möchte, ist eine einigermaßen
+vollständige Psychologie der ersten Hälfte unsres Jahrhunderts.
+Diese Psychologie würde eine empfindliche Lücke haben, wenn wir die
+literarische Bewegung der Restauration übersprängen. Mag der Stoff
+nicht sehr lohnend, nicht sehr einladend oder reichhaltig sein, er hat
+von unserem Gesichtspunkte aus trotzdem seinen großen Werth und seine
+hohe Bedeutung.
+
+Von welchem Kreise ging die literarische Bewegung aus? Wenn sie hätte
+von der Landbevölkerung ausgehen können, würde sie vielleicht etwas
+Naives und Rührendes gehabt haben; und wäre sie von der in Leiden
+geprüften Geistlichkeit ausgegangen, so hätte sie vielleicht durch
+Innigkeit und Gefühl Aufmerksamkeit erweckt; hätte sie endlich von
+denen ausgehen können, welche nach dem Beispiel des Alleinherrschers
+aus weltlichen Rücksichten sich der Kirche anschlossen, so hätte sie
+das Gepräge der Ideenlosigkeit getragen. Aber Nichts von Allediesem ist
+der Fall. Alle jene Gruppen bildeten das Publikum der neuen Literatur,
+gaben ihren Resonanzboden und ihr Echo ab, aber keine von ihnen war
+produktiv. Die neue katholische Richtung in der Literatur war eine
+Richtung ohne Naivetät und ohne Gefühlsinnigkeit. Aber sie war nicht
+ideenlos. Mit großer Sicherheit und Entschlossenheit bringt sie die
+Idee, welche die Revolution absolut gestürzt hatte, die Autoritätsidee,
+wieder zur Geltung. Die Führer sind viel mehr politische als religiöse
+Geister, sie wollen nicht so sehr die Seelen wie die Tradition retten.
+Man verlangt in ihrem Kreise die Religion als Mittel wider die
+Anarchie. Man beruft sich so hartnäckig auf die Autorität, weil man an
+allem Andern, als an äußerer Autorität, bankerott ist.
+
+Die literarische Bewegung geht von verschiedenen Punkten aus, und
+von den Männern, welche sie einleiten, kennt anfänglich Keiner den
+Andern. Während der Revolution schweift z. B. Chateaubriand in Amerika,
+de Maistre in der Schweiz umher, und Bonald entwirft seine erste
+Schrift in Heidelberg. Sobald die geistige Reaktion beginnt, kehren
+die Emigranten heim, und die Autoritätsidee wird in der Literatur
+von Männern zur Geltung gebracht, welche Napoleon's Uebernahme der
+Herrschaft nach Frankreich zurückberuft und welche, wie Chateaubriand
+und Bonald, vorläufig an ihn als den Restaurator der Kirche sich
+anschließen, aber nur um kurz darauf, entweder schon unter seiner
+Regierung oder nach seinem Falle, sich mit weit größerer Wärme und
+weit mehr Ueberzeugung an die Bourbonen anzuschließen, zu welchen ihr
+eigenes Princip sie mit aller Macht der Konsequenz hinzieht. Napoleon's
+Plan, durch das Konkordat die Kirche für sich zu gewinnen und den
+Bourbonen die Sympathie der Geistlichkeit zu entziehen, schlug ihm
+vollständig fehl und mußte fehlschlagen. Bald kam es zum offenen Kriege
+zwischen dem Papste und ihm, und bald zeigt die literarische Bewegung,
+deren Entstehen mit dem Konkordate zusammenfällt, sich als offenbar
+bourbonisch und legitimistisch.
+
+Ihre ersten Urheber fühlen sich naturgemäß zu einander hingezogen,
+machen Bekanntschaft mit einander, und stiften bald eine förmliche
+Schule. Sie haben verschiedene wichtige gemeinsame Charakterzüge,
+welche man auch selbst bei den spätesten Anhängern der Schule, wie
+Lamennais, de Vigny, Lamartine und Hugo findet. Sie sind alle ohne
+Ausnahme Adlige und durch persönliche Bande an die legitime Dynastie
+geknüpft. De Maistre war Gesandter (Vergl. Bd. +II.+, S. 250
+ff.). Bonald hatte als Jüngling zu den Musketieren Ludwig's +XV.+
+gehört und war in den letzten Tagen des Königs Derjenige gewesen,
+welcher täglich an das Bett des Königs kam, um das Feldgeschrei zu
+erfahren. Er hatte nämlich selbst die Blattern gehabt und stand
+daher nicht so sehr in Gefahr, angesteckt zu werden. Das erste Mal,
+als er nach dem Tode Ludwig's +XV.+ erschien, um sich das
+Feldgeschrei vom neuen König auszubitten, warf Marie Antoinette ihm
+einen wohlwollenden Blick zu und richtete einige Worte an ihn. Jener
+letzte Blick eines sterbenden Königs, der eine fast vernichtete
+Monarchie hinterließ, und dieser erste Blick einer jungen, schönen und
+hoffnungsvollen Königin, die so großen Leiden entgegenging, entschwand
+niemals aus Bonald's Erinnerung. Diese Blicke wurden Leitsterne für
+sein Leben. -- Was Chateaubriand anbelangt, so reichte er Napoleon
+in dem Augenblick seine Entlassung ein, als er die Verurtheilung des
+Herzogs von Enghien erfuhr, und übernahm von da an die Rolle, welche
+er bis zum Jahre 1824 durchführte, der treue Diener der Bourbonen zu
+sein; es war eine Rolle, die er so ernsthaft spielte und die ihm von
+den Umständen solchermaßen aufgedrängt worden war, daß er sie bis
+zur Vollkommenheit agirte. Was die folgende Generation betrifft, so
+hat Lamartine in der Vorrede zu seinen »Meditationen« erzählt, wie
+er als junger Garde-Officier neben dem Wagen Ludwig's +XVIII.+
+galoppirte, wenn Dieser von Paris nach Versailles oder St. Germain
+fuhr; De Vigny war gleichfalls königlicher Officier und eifriger
+Royalist und wurde nach 1830, als ein von der Juli-Revolution
+überraschter royalistischer Dichter, der enttäuschte Konservative, als
+welchen seine späteren Schriften ihn zeigen.[2] Victor Hugo endlich
+hat oft genug geschildert, einen wie großen Einfluß royalistische
+Kindheitseindrücke und besonders die Einwirkung seiner Mutter als einer
+leidenschaftlichen »Vendéerin« auf sein erstes Auftreten übten.
+
+Talente ersten Ranges sind die theoretischen Leiter dieser Schule
+nicht. Sie sind kräftig despotische Naturen, welche, weil sie
+Gehorsam fordern, die Gewalt, und weil sie Unterwerfung verlangen,
+die Autorität lieben, oder eitle Geistesaristokraten, welche lieber
+einem Paradox huldigen, als mit der ganzen Schaar von Schriftstellern,
+welche der Vernunft gehuldigt haben, in Reih und Glied gehen wollen,
+oder endlich ausnahmsweis Romantiker, welche durch den Gedanken
+an den Glauben, den sie nicht mehr besitzen, aber den sie mit
+verzweifelter Anstrengung sich anzueignen suchen, bis zu Thränen
+bewegt werden. Sie sind Kampfhähne, wie De Maistre und Lamennais,
+Inquisitoren- und Prälatennaturen, die Hartnäckigkeit selbst, wie
+Bonald und Chateaubriand, und reden so, wie sie reden, mehr aus
+Hartnäckigkeit, als aus Ueberzeugung. »+Moi catholique entêté+«,
+sagte Chateaubriand von sich selbst. Das ist das Wort: verstockt, nicht
+herzergriffen.
+
+Ihre Stärke ihren Zeitgenossen gegenüber liegt in ihrem Talente; denn
+leider ist das Talent ein solcher Zauberer, daß es geraume Zeit jede
+beliebige Sache zu stützen vermag. Chateaubriand ist der Kolorist der
+Schule, De Maistre ihr Paradoxienschmied, Bonald ihr dogmatischer und
+schematischer Doktrinär. Bald zieht sie das Beste, was Frankreich an
+jungen aufstrebenden poetischen Talenten besaß, an sich. Sie hält sie
+freilich nur kurze Zeit in ihrem Banne fest, aber sie beginnen ihre
+Laufbahn unter ihren Auspicien. Die Schule erhält also ihre Dichter und
+mit ihnen ihre Popularität, welche neben der Autorität, die ihre Denker
+besaßen, wohl für eine kurze Weile den Schein erregen konnte, als sei
+ihre Sache die siegreiche geworden, um so mehr, als die bourbonische
+Restauration ihre politischen Ideale verwirklichte. Nach Verlauf
+weniger Jahre geschah es dann, daß all' ihre besten Männer mit Fahnen
+und klingendem Spiel in das Lager der Gegner hinüber gingen. Die Schule
+löste sich vermöge ihrer inneren Unnatur auf. Das Princip, welches sie
+zusammenhielt, das Princip der Tradition und Autorität, das als eine
+unüberwindliche Festung erschienen war, erwies sich als unterminirt,
+hohl, einen ungeahnten Sprengstoff in seinem Schooße bergend; man
+entdeckte, daß man auf einem Pulverthurme stand. Man beeilte sich, ihn
+zu verlassen, ehe er in die Luft flog.
+
+Sylvain Maréchal schreibt in einem Buche, das im Jahre 1800 erschien
+(»+Pour et contre la Bible+«): »Eine ausgeprägt religiöse
+Reaktion charakterisirt das erste Jahr des neunzehnten Jahrhunderts«.
+Sie charakterisirt mehr als zwanzig der folgenden, und in langsam
+entwickelten, etwas stagnirenden Ländern volle siebzig Jahre.
+
+Die schriftstellerische Reaktion wider den Geist des achtzehnten
+Jahrhunderts beginnt nicht als specifisch-religiös. Ich habe im ersten
+Bande dieses Werkes in einer Reihe von Abschnitten nachzuweisen
+gesucht, was sie in ihrem Keime war. Ich sagte dort (S. 153), daß
+die Reaktion in derjenigen Gruppe schriftstellerischer Erzeugnisse,
+welche ich als Emigrantenliteratur bezeichnete, »noch nicht eine
+blinde Unterwerfung unter Autoritäten, sondern das natürliche und
+berechtigte Sichgeltendmachen von Gefühl, Seele, Leidenschaft und
+Poesie im Gegensatze zu Verstandeskälte, exakter Berechnung und einer
+von todten Ueberlieferungen umschnürten Literatur war«. Dies ist das
+erste Stadium der Literaturreaction, welches ich ebendaselbst mit den
+Worten charakterisirte: »Der erste Zug ist nur der, daß man Rousseau's
+Waffen ergreift, und sie wider seinen Gegner Voltaire richtet«. Man
+begnügt sich hier nicht mit Voltaire's kaltem Deismus, man stellt
+wider denselben Rousseau's warme und unbestimmte Sentimentalität auf.
+Man wandelt auf seiner Spur, man baut weiter auf dem Fundament seiner
+Gefühlswärme und Einbildungskraft. Ein Blick auf den Entwickelungsgang
+der Revolution hat uns gezeigt, daß diese Literaturbewegung schon
+während der Revolution geschichtlich gleichsam im Voraus angedeutet ist
+durch Robespierre's Versuch, Rousseau als Damm wider die Vernichtung
+jenes Gefühlslebens aufzustellen, welches so stark an die Tradition
+und Autorität der Kirche geknüpft gewesen war, daß es mit der Kirche
+zu Grunde zu gehen drohte. Ich möchte besonders die Aufmerksamkeit auf
+die Einfachheit der Elemente lenken, auf welche ich bei Besprechung der
+Emigrantenliteratur diese Bewegung zurückführte: auf die Reaktion des
+Gefühls wider den Verstand. In ihrem Ursprunge war die große religiöse
+Umkehr eben nur diese. Nicht die Göttlichkeit des Christenthums
+erzeugte die Reaktion, sondern der rein abstrakte Drang, zu glauben,
+und dieser Drang war in seinem Keime der noch abstraktere Drang, zu
+fühlen und das Gefühl zu Worte kommen zu lassen. Die Geschichte dieser
+Bewegung ist die Geschichte der entsetzlichen Verirrungen, welche
+dieser Drang allmählich erfuhr.
+
+Wie es nun das erste Stadium der Reaktion war, ~Rousseau reagiren
+zu lassen~, so ward es das zweite Stadium der Bewegung, ~wider
+Rousseau zu reagiren~. Fast jedes Buch von Bonald, De Maistre oder
+Lamennais, das man in die Hand nimmt, geht von dem leidenschaftlichen
+Bestreben aus, Rousseau zu widerlegen, oder vielmehr ihn zu verhöhnen
+und zu vernichten. Im ersten Stadium stellte man ~das Princip des
+Gefühls~ wider die Verstandesherrschaft auf; in dieser zweiten
+Phase stellt man ~das Autoritätsprincip~ als das absolute wider
+alle früheren Principien, das Gefühlsprincip eingeschlossen, auf. Der
+Uebergang von der einen dieser Phasen zur anderen geschieht in solcher
+Weise, daß man die Autorität durch einen Appell an das Gefühl geltend
+zu machen und wieder einzusetzen sucht. Dies geschieht in Ballanche's
+»+Du sentiment considéré dans ses rapports avec la littérature et
+les arts+« 1801, und namentlich in Chateaubriand's »Genius des
+Christenthums« 1802.
+
+Man findet jetzt in Rousseau den gefährlichsten Typus für den Geist des
+achtzehnten Jahrhunderts. Eine kurze Charakteristik der Angriffe gegen
+ihn, welche sich nach allen Richtungen erstreckten, wird zeigen, was
+wahr und was falsch in ihnen war.
+
+Zuerst der politische Angriff. Es ist in unserm Jahrhundert oft
+wiederholt worden und darf nicht vergessen werden, daß es dem vorigen
+Jahrhundert an allem historischen Sinne gebrach. Einer seiner
+berühmtesten Repräsentanten, d'Alembert, wünschte sogar das Gedächtnis
+aller früheren Zeiten ausgerottet zu sehen. Wider Rousseau's und des
+achtzehnten Jahrhunderts naiven Glauben, daß der abstrakte Gedanke ohne
+Rücksicht auf Geschichte und Wirklichkeit das Dasein reformiren könne,
+wandte man sich jetzt polemisch auf allen Gebieten. Die vorige Periode
+hatte geglaubt, daß Alles gut sei, wenn man nur eine geschriebene
+Verfassung bekäme, die alles aufhebe, was man für Mißbrauch hielt,
+und feststelle, was man für Recht hielt. Sie hatte dies Blatt Papier,
+oder, wie man es damals nannte, diese Gesetztafeln, als die wirkliche
+Verfassung des Landes betrachtet. Hiegegen richtet De Maistre seinen
+Satz: »Der Mensch kann keine Verfassung fabriciren, und eine legitime
+Verfassung kann nicht geschrieben sein«. Er hat hierin zur Hälfte das
+sonnenklarste Recht und zur Hälfte das lächerlichste Unrecht.
+
+Er ahnt die große Wahrheit, welche als eine Errungenschaft der modernen
+Politik gelten kann, daß die wahre Verfassung eines Landes aus den
+wirklichen Machtverhältnissen des Landes, wie sie vorliegen, besteht,
+Machtverhältnisse, die nicht dadurch geändert werden, daß politische
+Dilettanten sie auf einem Blatte Papier ummodeln, -- eine Wahrheit,
+die mit genialer Anschaulichkeit in Lassalle's Broschüren »Ueber
+Verfassungswesen« und »Was nun?« entwickelt wird. Für De Maistre hat
+die Autorität selbstverständlich immer eine unbedingte Souverainetät.
+Jeder Aufstand erscheint ihm als ein Verbrechen, aber bei seinem
+scharfen Blick für Realitäten glaubt er nicht an die geschriebene
+Verfassung als Schranke. Von der Schranke gegen die Zügellosigkeit sagt
+er: »Sie ist die Gewohnheit, oder das Gewissen, oder eine Papstkrone,
+oder ein Dolch, aber sie ist immer ein Etwas;« die geschriebene
+Verfassung allein ist ihm nichts Reelles.
+
+Sein lächerlicher Irrthum liegt in der Art und Weise, wie er seinen
+Haß gegen die Verfassung motivirt. Er meint, was geschrieben sei, was
+durch menschliche Klugheit vorausgesehen und festgestellt worden, sei
+als ein Eingriff in das Gebiet der Vorsehung zu betrachten. »Es ist
+Naseweisheit wider Gott, kein Zutrauen zu dem Unvorhergesehenen zu
+haben, und jede Regierung, welche durch positive Gesetze konstituirt
+ist, ist eine Usurpation der Autorität des göttlichen Gesetzgebers.«
+Die faktisch existirende Verfassung ist ihm dagegen von göttlicher
+Natur, da er von seinem orthodoxen Standpunkte aus geltend macht,
+daß es Gott sei, welcher den Völkern ihre Art und Weise der Existenz
+verleihe. Gegen die Souverainetät des Volkes stellt er daher, gerade
+wie Bonald und Lamennais, die Souverainetät Gottes auf und steuert
+solchergestalt in den Hafen der Theokratie.
+
+Rousseau's politische Ideen waren gewiß höchst unvollkommen, und es
+war leicht zu erkennen, welche Gefahren in ihnen verborgen lagen.
+Sein Grundsatz, daß Niemand verpflichtet sei, Gesetzen zu gehorchen,
+zu denen er nicht seine Einwilligung gegeben habe, vernichtet nicht
+nur die Autorität als Autorität, sondern auch diejenige Autorität,
+welche nur die Form der Vernunft ist, und macht alles Regieren
+unmöglich. Sein zweiter Grundsatz, daß die Souverainetät beim Volke
+liege, kann, wenn man das Volk auf einseitige Weise definirt, zur
+Majoritätstyrannei führen und alle Freiheit unmöglich machen. Sein
+dritter großer Grundsatz, daß »alle Menschen gleich sind«, kann,
+mißverstanden, zur Nivellirung statt zur Gerechtigkeit führen. Es
+waren daher Angriffspunkte genug für eine Diskussion vorhanden, die
+von den Principien der modernen Zeit ausgeführt wurde. Hegel ließ sich
+seiner Zeit auf eine solche ein, indem er eine neue Definition der
+Volkssouverainetät gab, welche nach Innen als die Souverainetät des
+Staates bestimmt wurde (Hegel's Werke, Band +VIII.+, Philosophie
+des Rechts, S. 367), und Heiberg, welcher gern die Hegel'schen Gedanken
+auf die Spitze treibt, hat in seiner Abhandlung »Ueber Autorität«
+(Prosaische Schriften, Bd. +X.+, S. 335) der Idee Hegel's die
+paradoxe und reactionäre Form gegeben, daß »es äußerst gleichgültig
+ist, ob die Bürger durch die Entwicklung des Staates in den Besitz von
+mehr Gütern gelangen oder nicht, denn der Staat ist nicht um der Bürger
+willen, sondern die Bürger sind um des Staates willen da«. Selbst wenn
+man einen ausgeprägten Abscheu gegen Sätze dieser Art empfindet, hat
+man doch diejenige Sympathie mit solchen Einreden, welche ein moderner
+Gedankengang erwarten darf. Die Opposition jener Zeit wider Rousseau
+ist dagegen nicht auf Denken oder Vernunft gegründet, sondern auf den
+reinen Autoritätsglauben, und dieselbe ist obendrein von so unredlicher
+Art, daß sie stets einen oder den andern losgerissenen Satz Rousseau's
+aufsucht, der, mit gutem Willen gelesen, sich verstehen, der aber
+seiner kühnen Form halber ziemlich leicht sich zu Wahnwitz verdrehen
+läßt.
+
+Bonald verhöhnt z. B. Rousseau, weil er gesagt hat: »Ein Volk hat
+immer Recht, seine Gesetze, selbst die besten, zu ändern; denn wenn es
+sich selbst schaden will, wer hat ein Recht, es daran zu hindern?« Der
+Satz ist unvorsichtig, aber er scheint mir richtig zu sein; er heißt
+in Wirklichkeit nicht den Rückschritt gut, er weist nur die fremde
+Einmischung ab, welche denselben als Vorwand ergreifen möchte, und
+man fühlt sich peinlich überrascht, wenn man sieht, daß die Ursache,
+weshalb Bonald so erbittert auf diese Worte ist, keine andere als die
+ist, daß die Macht der Gesetzgebung nicht dem Volke, sondern Gott
+gehöre.
+
+Ferner greift man mit viel Eifer und Hitze Rousseau's
+Gesellschaftsbegriff an. Es läßt sich verstehen, daß Rousseau, wenn er
+seinen Blick auf diejenige Gesellschaft, welche er vor Augen hatte,
+richtete, zu dem Wahne gelangen konnte, daß man einer Gesellschaft
+überhaupt entbehren könne; allein dieser Irrthum, im Verein mit seiner
+Phantasterei von einem verloren gegangenen glücklichen Naturzustande,
+hatte ihn zu Sätzen wie diesen geführt: »Der Mensch ist als gut
+geboren, und die Gesellschaft verdirbt ihn«, und zu dem komischen
+Paradoxon, das in allen Büchern der Restaurationszeit paradirt, von
+so vielen Argumenten durchbohrt, wie sich Nadeln in ein Nadelkissen
+stecken lassen: »Der Mensch, welcher denkt, ist ein verderbtes Thier«.
+Auf solchen Punkten hat der Angreifer freilich in der Regel ein
+leichtes Spiel.
+
+In seinem Eifern wider die Gesellschaft ließ sich Rousseau zu der
+Behauptung verleiten: »Die Gesellschaft geht nicht aus der Natur
+des Menschen hervor. -- Alles, was nicht in der Natur liegt, führt
+Unzuträglichkeiten mit sich, und die bürgerliche Gesellschaft mehr
+als alles Uebrige«. -- »Die Gesellschaft«, ruft Bonald nicht ohne
+Beredsamkeit aus; »als bestünde die Gesellschaft in den Mauern
+unserer Häuser oder den Wällen unserer Städte, und als wären nicht
+überall, wo ein Mensch geboren wird, ein Vater, eine Mutter, ein Kind,
+eine Sprache, der Himmel, die Erde, Gott und die Gesellschaft!« Er
+belehrt seine Zeitgenossen, daß die erste Gesellschaft eine Familie
+war, und daß in der Familie die Macht nicht durch Wahl erkoren ist,
+sondern aus der Natur der Dinge hervorgeht. Wider die Lehre, daß
+die Gesellschaft durch freiwillige Uebereinkunft entstehe und das
+Produkt eines Vertrages sei, stellt er die seinige auf, daß die
+Gesellschaft uns auferlegt (+obligée+) und das Resultat einer
+Macht sei, möge es nun die Macht der Ueberredung oder der Waffen sein.
+Der Behauptung, daß die Macht von Ursprung an das Gesetz vom Volke
+empfangen habe, stellt er die gegenüber, daß nicht einmal ein Volk
+existire, ehe eine Macht da sei. Dem revolutionären Grundsatz, daß die
+Gesellschaft eine Brüderlichkeit und Gleichheit sei, stellt er seine
+patriarchalisch-despotische Lehre gegenüber, daß die Gesellschaft ein
+Väterlichkeits- und Abhängigkeits-Verhältniß sei; die Macht sei bei
+Gott und werde von ihm ertheilt. -- Hier ist abermals die energische
+Berufung auf die geschichtliche Wirklichkeit und ihre Machtverhältnisse
+treffend wahr, während gleichzeitig durch einen Sophismus ohne Gleichen
+das legitime Königthum von Gottes Gnaden aus dem Respekt vor der
+Geschichte und der Wirklichkeit abgeleitet wird.
+
+Man richtet endlich aus allen Kräften einen Hieb gegen Rousseau's
+Auffassung des Staates als eines Vertrages. Man stellte diese
+Auffassung als eine Thorheit, ja als eine verbrecherische Erfindung
+dar. Und doch geht sie so naturnothwendig, wie irgend Etwas, aus
+des achtzehnten Jahrhunderts ganzer Ueberschätzung des Bewußten im
+Menschenleben und seinem Mangel an Blick für das Unbewußte hervor. Um
+wie viel gerechter hat später Hegel Rousseau beurtheilt! Er hebt das
+Verdienst Rousseau's hervor, ein Princip aufgestellt zu haben, »dessen
+Inhalt der Gedanke selber«, nämlich der Wille, als Princip des Staates
+war, und bemerkt, daß sein Fehler lediglich darin bestand, unter dem
+Willen nur den einzelnen, den bewußten und willkürlichen Willen zu
+verstehen, was dann »zu den weiteren, blos verständigen, das an und
+für sich seiende Göttliche und dessen absolute Autorität und Majestät
+zerstörenden Konsequenzen führt« (Hegel's Werke, Band +VIII+, S.
+314). -- Im »+Contrat social+« hatte Jean-Jacques die Principien
+der Regierung und der Gesetze in der Natur des Menschen und der
+Gesellschaft, diese in rein abstrakter Allgemeinheit genommen, zu
+finden gesucht. Aber schon Montesquieu sagte: »Ich habe niemals von
+öffentlichem Recht reden hören, ohne daß man sich sorgfältig bemüht
+hat, zu ergründen, was der Ursprung der Gesellschaften sei, Etwas, das
+mir als durchaus lächerlich erscheint. Wenn die Menschen nicht eine
+Gesellschaft bildeten, wenn sie einander mieden oder flöhen, müßte
+man nach dem Grunde fragen und erforschen, weshalb sie sich getrennt
+hielten; aber jetzt werden sie alle als an einander geknüpft geboren.
+Ein Sohn wird bei seinem Vater geboren und hält sich an ihn; Das ist
+die Gesellschaft und die Ursache der Gesellschaft.«
+
+Wenn man nur, statt des Verhältnisses zum Vater, das noch nähere
+Verhältnis des Kindes zur Mutter setzt, so scheint die ganze
+Argumentation mir vollkommen richtig zu sein. Rousseau wollte jedoch,
+ohne Rücksichtnahme hierauf, zeigen, kraft welcher Principien die
+Menschen sich mit einander vereinigt, welches Ziel sie sich bei
+dieser Vereinigung gesetzt hätten, und welches die besten Mittel zur
+Errichtung dieses Ziels wären. Nun ist es sicherlich unbestreitbar, daß
+die Gesellschaft nur durch Uebereinkunft ihrer Mitglieder existirt.
+Diese Uebereinkunft oder dieser Vertrag ist also ganz gewiß das
+~rationelle~ Princip ihrer Existenz, allein dieser Vertrag wird
+stillschweigends geschlossen, hat sich immer von selbst verstanden,
+hat immer existirt, ist also nicht ~reell~. Ganz auf dieselbe
+Art heißt es in der Geometrie, eine Kugel entstehe dadurch, daß man
+einen Halbkreis um seine Achse bewege. Diese Definition ist vollkommen
+richtig, hat aber Nichts mit den materiellen Bedingungen der Existenz
+einer bestimmten Kugel zu schaffen. Niemals in der Welt ist eine Kugel
+dadurch verfertigt worden, das man einen Halbkreis um seinen Radius
+drehe.
+
+Will man dies Bild festhalten, so hat man in einem bestimmten
+Beispiel die Eigenthümlichkeit des Gedankenganges des achtzehnten
+Jahrhunderts auf socialem Gebiete, ja seines ganzen Geisteslebens. Dies
+Geistesleben ist analytisch und abstrakt, es hat eine Tendenz nach der
+Seite der Geometrie und der Algebra und sucht die schwierigsten und
+komplicirtesten Verhältnisse der Wirklichkeit mit Hilfe der Abstraktion
+zu begreifen. Dieser Schwäche gegenüber erringt Bonald einen leichten
+Sieg, indem er sich auf das Machtprincip beruft. Er stellt Rousseau's
+auflösenden Theorien seine absolutistischen Postulate gegenüber: »Gott
+ist die souveraine ~Macht~ über alle Wesen, der Gottmensch ist die
+~Macht~ über die ganze Menschheit, das Staatsoberhaupt ist die
+~Macht~ über all' seine Unterthanen, das Familienoberhaupt ist
+die ~Macht~ in seinem Hause. Da alle Macht nach dem Bilde Gottes
+geschaffen ist und von Gott stammt, ist alle Macht absolut«.[3]
+
+Sodann bekämpft man Rousseau auf dem moralischen Gebiete. Rousseau
+hatte sich bestrebt, in der Moral »das innere, ungeschriebene Gesetz«,
+von welchem Antigone spricht, zur Quelle der Gesetzgebung zu machen.
+Er hatte gesagt: »Was der Mensch nach dem Willen Gottes thun soll, Das
+giebt er dem Menschen nicht durch einen anderen Menschen kund; Das
+sagt er ihm selbst und schreibt es ihm tief ins Herz«. Wäre dem so,
+was bedeuteten dann Tradition und Autorität und durch dritte Personen
+mitgetheilte Offenbarungen! »Wenn der Mensch«, entgegnet daher Bonald,
+»diesem inneren Gesetz durchaus folgen müßte, so wäre er willenlos wie
+ein Stein, den das Gesetz der Schwere lenkt; braucht er ihm dagegen
+nicht nothwendig zu folgen, so bedarf es hier einer ~Autorität~,
+welche ihn auf jene Gesetze aufmerksam machen kann und ihn lehrt,
+denselben gehorsam zu sein«. So wird auch in der Moral das Princip also
+von dem inneren Gefühle in die äußere Autorität verlegt.
+
+Die Polemik wider Rousseau geht so weit, daß Bonald z. B. über die
+Ermahnung des Philosophen an die Mütter, selbst ihre Kinder zu stillen,
+ganze Seiten lang declamirt. Man sollte glauben, hier wenigstens hätte
+Rousseau es den strengen Moralisten recht gemacht. Weit gefehlt!
+Jene Ermahnung beweist, daß Jean-Jacques die Menschen nur als Thiere
+betrachtet habe. »J. J. Rousseau machte es im ~Namen der Natur~
+den Frauen zur Pflicht, selbst ihren Kindern die Brust zu reichen,
+gerade wie es die Weibchen bei den Thieren, und aus dem nämlichen
+Grunde, thun..... Die Väter und Mütter, welche von der Philosophie nur
+als Männchen und Weibchen betracht wurden, betrachteten also die Kinder
+nur als ihre Jungen« (+Bonald: du divorce considéré au 19me siècle
+relativement à l'état domestique et à l'état public de société+,
+Ausgabe von 1817, S. 29 und 31). Und weshalb ist Bonald so erbittert?
+Augenscheinlich weil er fürchtet, Rousseau möge der Religion Etwas von
+ihrer Autorität rauben, indem er ein Vernunftgebot erläßt, welches
+sie nicht direkt gegeben hat. »Rousseau«, sagt er, »hat vermuthlich
+gedacht, die Religion dabei zu ertappen, daß sie eine Pflicht übersehen
+hätte; aber vielleicht hat eben die Religion, welche weiter als er sah,
+Alles gescheut, was jungen Eheleuten als Grund oder Vorwand dienen
+könnte, wenn auch nur für den Augenblick, getrennt von einander zu
+leben«. Die mütterliche Sorge der katholischen Kirche für das Glück der
+Eheleute und die Vermehrung des Menschengeschlechts soll also durch die
+Polemik wider Rousseau sich in ihrem glänzendsten Lichte zeigen.
+
+Wir sahen, zu welchen Mißverständnissen der Gesellschaftsidee der
+abstrakte und mathematische Gedankengang des achtzehnten Jahrhunderts
+führte. Eines ganz ähnlichen Mißverständnisses hatte man sich durch
+denselben Gedankengang der Poesie gegenüber schuldig gemacht. In seiner
+Bewunderung des mathematischen Raisonnements und der Sicherheit,
+mit welcher man auf dem Wege der mathematischen Schlußfolgerung zur
+Entdeckung abstrakter Wahrheiten gelangte, wünschte man, der Sprache,
+so weit möglich, den Charakter des mathematisch-exakten Ausdrucks
+mitzutheilen. Ich brauche nur an Condillac's bekannte Definition
+einer Wissenschaft als einer »+langue bien faite+«, d. h. einer
+vollständig klaren und vollständig genauen Sprache, zu erinnern.
+Man beachtete viel zu wenig, daß, sobald es Eindrücke wiederzugeben
+gilt, welche nicht dieselben bei Allen sind, und welche bei derselben
+Person von einem Augenblicke zum andern wechseln können, eine
+schmiegsame, leicht umzuprägende Sprache erforderlich ist, welche
+ihren Geist und Charakter von Dem, welcher sie spricht, empfängt.
+Die Männer der Wissenschaft begannen damals Das, was man die Poesie
+und den Stil nannte, zu verhöhnen, und versicherten, daß die Gedanken
+Alles und die Form so gut wie Nichts sei. Barante, welcher beim
+Beginn des neuen Jahrhunderts zum ersten Mal seinem Zeitalter in
+einer literaturgeschichtlichen Schrift die Spitze bietet, bemerkt
+hiergegen schlagend: »Wenn Ximene zu Rodrigo sagt: ›Geh, ich hasse
+Dich nicht‹, so ist es klar, daß, wenn man diese Worte einer kalten
+Analyse unterwirft, es das Gleiche ist, als wenn sie sagte: ›Geh,
+ich liebe Dich‹, und doch würde sie, wenn sie diese letzteren Worte
+sagte, ein ganz anderer Charakter sein, würde die Rücksicht auf ihren
+Vater vergessen und sowohl ihre Schamhaftigkeit wie ihren Liebreiz
+verlieren«. Die Dichter, welche im Grunde von derselben Auffassung
+wie die Männer der Wissenschaft ausgingen und eben so weit, wie jene,
+davon entfernt waren, den Stil als das unmittelbare Produkt des
+Gedankens zu begreifen, machten sich daran, »Stil« an und für sich zu
+fabriciren, und sprachen von dem Stil, wie man von der Musik zu einem
+Texte spricht. Sie betrachteten die Kunst, zu schreiben, als eine rein
+mechanische Kunst, und man sah die deskriptive Schule, mit Delille
+an der Spitze, den Versuch machen, die allerpoesielosesten Sujets,
+wie die Botanik, die Astronomie, die Physik und die Seefahrt, in Stil
+zu setzen. Ich deute hiemit auf wirklich existirende Dichtungen von
+Boisjolin, Gudin, Aimé Martin und Esménard hin. Ja, Cournand schrieb
+sogar ein Gedicht in vier Gesängen vom »Stil« und den Stilarten. Man
+betrachtete die Poesie als eine künstliche Form, welche dem abstrakt
+fertigen Gedanken mitgetheilt wurde. Hiergegen hatte schon Buffon
+seinen treffenden Satz »+Le style c'est l'homme+«, -- »der Stil
+ist der Mann« -- gerichtet, ein Satz, welcher seitdem, so oft das Wort
+Stil genannt wird, als stehende Trivialität zum Vorschein kommt, und
+niemals öfter als Denen citirt wird, welche weder Männer sind noch
+einen Stil haben.[4] Die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts gingen
+in ihrer Auffassung von der Natur des poetischen Stils von ihrem
+eigenen Verfahren aus. Da ihre eigene Poesie kein Naturprodukt, sondern
+ihre Sprache das Produkt einer Arbeit nach gewissen Regeln von der
+Noblesse des Ausdrucks, von der Wahl der Metaphern und der Anwendung
+der Mythologie war, so glaubten sie, daß die Sprache und der Gedanke
+von Ursprung an unabhängig von einander entstünden.
+
+Wenn daher Bonald seine Lehre wider sie richtet, daß Sprache und
+Gedanke sich nicht trennen lassen -- der Grundsatz, auf welchem er in
+seinem Hauptwerke »+La législation primitive+« sein ganzes System
+erbaut, -- so hat er selbstverständlich Recht. Aber es geht mit diesem
+Satze wie mit allen andern der Restauratoren: die orthodoxe Manie, an
+welcher der Verfasser leidet, veranlaßt ihn, jeden wahren Gedanken so
+zu recken und zu strecken, daß ein förmliches Monstrum daraus wird.
+»Die Lösung des Problemes der Intelligenz«, sagt Bonald, »läßt sich
+in dieser Formel geben: Es ist nothwendig, daß der Mensch sein Wort
+denke, bevor er seinen Gedanken ausspricht. Das will sagen, es ist
+nothwendig, daß der Mensch das Wort wisse, bevor er es spricht, welcher
+einleuchtende Satz jede Möglichkeit ausschließt, daß der Mensch selbst
+das Wort erfunden haben könnte«. Da hat man's! Auf solche Art gelangt
+Bonald zu jenem Lieblingssatze der Reaktionäre in diesem Jahrhundert,
+daß die Sprache ursprünglich von Gott den Menschen gegeben sei. Man
+findet ihn bei uns in der Aeußerung Sören Kierkegaard's (»Ueber den
+Begriff Angst«), daß keinesfalls der Mensch die Sprache selbst erfunden
+haben könne. Weshalb nicht? Weil Gott sie fix und fertig offenbart hat.
+
+Wider Locke's und Condillac's gesunde Lehre von der successiven
+Erwerbung der Sprache und der Ideen stellt Bonald dies sein Axiom von
+der Nothwendigkeit der primitiven Offenbarung der Sprache und der Ideen
+auf. Auf dieser Grundlage beruht bei ihm nichts Geringeres, als das
+Dogma von der Existenz Gottes, woraus alle übrigen folgen. Wohin man
+sich auch wende, man endet immer fort. Da keiner der Restauratoren
+einen Begriff von der Wissenschaft hat, da sie alle gute Köpfe mit
+derjenigen Bildung sind, welche man in einem Jesuitenkollegium erlangt,
+läßt sich kein wissenschaftliches Tollhausgeschwätz denken, das sie
+nicht im Munde führten. Die Philologie wird nicht minder, als die
+Politik und Gesellschaftslehre, auf dem Altare der Theokratie geopfert.
+Ein merkwürdiger Beweis des Zusammenhanges der Restauratoren ist
+der Umstand, daß Bonald im Jahre 1814 De Maistre's Werk »+Sur le
+principe générateur des constitutions politiques+« in neuer Auflage
+herausgab, also sich eines Werkes annahm, das wider geschriebene
+Verfassungen eiferte, während er doch in Folge seiner Theorie von der
+direkten Offenbarung des Wortes zu der Ueberzeugung gekommen war, daß
+jedes Gebot von den zehn Geboten an und bis auf uns herab schwarz
+auf weiß aufgezeichnet sein müsse. Aber die Hauptsache war für ihn,
+wie für De Maistre, daß die Verfassung dem modernen Geiste keine
+Koncessionen mache, und daß die Autorität von keinem Freiheitshauch
+angefochten werde; so nahm man es nicht so genau damit, sich mit
+einem principiellen Gegner zu verbünden. Wie hätte man auch im
+Jesuitenkollegium nicht ein bischen Jesuitismus gelernt!
+
+Nicht genug, daß man selbst dort in die Schule gegangen war, man wollte
+auch das ganze Geschlecht dorthin senden. Der dritte Theil von Bonald's
+»+Législation primitive+« behandelt speciell die Erziehung und
+ist speciell gegen Rousseau's »Emil« gerichtet. Er kann es diesem
+Buche nicht verzeihen, gelehrt zu haben, daß man der Jugend keine
+religiöse Erziehung geben solle. Er citirt mit heiligem Ernste als
+Beispiel der unheilvollen Wirkungen von Rousseau's Erziehungstheorien,
+daß »75 Kinder im Laufe der letzten fünf Monate wegen verschiedener
+Verbrechen polizeilich verurtheilt worden sind«, und giebt nun seine
+eigenen Erziehungsgrundsätze zum Besten. Sie laufen, wie zu erwarten
+stand, darauf hinaus, alle Individualität zu ersticken. »Wir bedürfen
+eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Unterrichts und folglich
+eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Lehrers (+perpétuel+,
++universel+, +uniforme+); man bedarf also eines Corps,
+denn ohne Corps giebt es weder Stetigkeit, noch Allgemeinheit, noch
+Gleichförmigkeit.« Er zeigt auch, wie man von verheiratheten Lehrern
+nicht annehmen könne, daß sie sich ganz ihrer Aufgabe widmen werden,
+wie es aber eben so wenig nütze, unverheirathete zu wählen, wenn
+sie nicht unter einer religiösen Disciplin stünden; »denn wenn die
+öffentlichen Lehrer zwar unverheirathet, aber zugleich weltlich sind,
+können sie kein wirkliches Corps ausmachen, da sie nach Lust und Laune
+in dasselbe ein- und aus demselben austreten, und da kein Familienvater
+außerdem seine Kinder einem unverheiratheten Manne anzuvertrauen wagen
+könnte, für dessen Sitten nicht eine religiöse Disciplin bürgte«. Durch
+dies herrliche Raisonnement ist es denn klar und deutlich gemacht, daß
+der ganze Unterricht in die Hände der Geistlichkeit gelegt werden,
+vorzugsweise religiös sein und die Kinder frühzeitig an Respekt vor der
+Autorität, der sie ihr Leben hindurch gehorchen sollen, gewöhnen müsse.
+
+Das hartnäckige Hervorkehren des Autoritätsprincips ist also der
+entscheidende, der herrschende Zug in dieser ganzen Literaturgruppe.
+Die französischen Restauratoren betonten es so viel leidenschaftlicher,
+als die deutschen, zum Theil aus Raceneigenthümlichkeit, zum Theil
+in Folge des konfessionellen Unterschiedes. Dir reaktionäre deutsche
+Literaturbewegung beruht, wie ich es im vorigen Bande (S. 16 ff.)
+gezeigt habe, auf dem Subjektivismus; ihr Princip ist der Eigenwille.
+So mit Haut und Haar katholisch, so autoritätsdienerisch wie die
+französische Reaktion, ward die deutsche Romantik, trotz all ihrer
+katholischen Thorheit und Affenschande, doch niemals. Der germanische
+und protestantische Individualismus setzte sich beständig dagegen zur
+Wehr. Die französische Sociabilität gab ohne Widerstand nach. Dagegen
+ist die radikale Vollblut-Reaktion reichlich so interessant, wie die
+unsichere und halbe.
+
+Noch in dem Augenblick, wo der Umschlag nahe und die Auflösung der
+ganzen Schule nicht mehr fern ist, sehen wir Lamennais in seinem
+Buche über den religiösen Indifferentismus behaupten, daß nicht das
+Gefühl, und ebensowenig die Forschung, sondern die ~Autorität~
+das Kennzeichen der wahren Religion sei, »so daß die wahre Religion
+unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen
+~sichtbaren Autorität~ beruht«. Und gleich vom Anfange der
+Bewegung an werden alle Definitionen in demselben Geiste gegeben. Für
+Bonald ist die Religion die pure Ordnungspolizei. Ich führe als Beweis
+einige Sätze an, die ich aus seinen Schriften zusammen gelesen:
+
+»Die Religion, welche das allgemeine ~Band~ in jeder Gesellschaft
+ist, zieht vorherrschend den Knoten der politischen Gesellschaft
+straffer an; selbst das Wort Religion (+religare+) deutet
+hinlänglich an, daß sie das natürliche und nothwendige ~Band~
+der menschlichen Gesellschaft, der Familien und Staaten ist. -- Die
+Religion bringt die ~Ordnung~ in die Gesellschaft, weil sie
+die Gesellschaft lehrt, woher die Macht und die Pflichten stammen.
+-- Die Religion enthält im Wesentlichen die Grundsätze ~für alle
+Ordnung~. -- Die Religion wird triumphiren, weil die ~Ordnung~,
+wie Malebranche sagt, das unverbrüchliche Gesetz der Geister ist.« --
+Ja, in seiner Freude über die steigende Reaktion ruft er aus: »Schon
+sehen wir rings in Europa alle mit Recht berühmten Schriftsteller die
+Nothwendigkeit der christlichen Religion einräumen oder vertheidigen
+und ihre Werke mit dem Siegel ihrer Unsterblichkeit stempeln; denn,
+mögen die Schriftsteller es merken: alle Werke, in welchen die
+Grundsätze der ~Ordnung~ geleugnet oder bekämpft werden, werden
+spurlos verschwinden, und nur die, in denen sie vertheidigt oder
+respektirt werden, werden mit Ehren auf die Nachwelt gelangen«. Man
+sieht, daß von Glaubensinbrunst, von Religiosität, von Gefühl hier
+nicht die Rede ist, die Religion ist das Band, die Ordnung, das
+Autoritätsprincip. Welcher Kontrast gegen Deutschland, wo selbst die
+Mondscheinschwärmerei Religion wurde! Seltsam genug, erhält Bonald
+sogar durch das starke Hervorheben der Religion als Ordnung eine ihm
+sicherlich sehr unerwünschte Aehnlichkeit mit dem Manne, den er von
+Allen so ziemlich am meisten verabscheute, nämlich mit Robespierre,
+der ja ebenfalls die Ordnung leidenschaftlich liebte und ihretwegen
+einen öffentlichen Kultus verlangte. Aber welcher Unterschied bei der
+Aehnlichkeit, da Robespierre keine andere Ordnung wünschte, als die,
+welche die Eroberungen der Revolution bewahre und ein Ausdruck des
+Gedankens in seiner Freiheit sei, während Bonald unter der Ordnung den
+Inbegriff aller alten Traditionen versteht.
+
+De Maistre trifft mit ihm in diesem Punkte zusammen. Er sagt: »Ohne
+Papst keine Souverainetät, ohne Souverainetät keine Einheit, ohne
+Einheit keine ~Autorität~, ohne Autorität kein Glaube«. Er stellt
+die Monarchie über alle Kritik und Forschung, indem er lehrt, daß sie
+ein ~Mirakel~ sei. Er verherrlicht, wie wir es im vorhergehenden
+Bande (S. 10 und 250) sahen, die brutale Gewalt als solche, indem er
+theoretisch die militairische Gesellschaft unter den Korporalstock, die
+bürgerliche unter das Beil des Scharfrichters stellt. Letzteres that
+Robespierre praktisch, aber nur weil er kein Heil für die Revolution
+außer in einer Diktatur sah. So begegnet sich denn auch De Maistre mit
+Robespierre. Er setzt dem Werk die Krone auf, indem er die Inquisition
+verherrlicht. Was es diesen Schriftstellern zu fördern gilt, ist also
+Autorität und Macht. Die Macht wird im Staate durch »volksthümliche
+Institutionen« zertrümmert, welche einen gezwungenen Ministerwechsel
+herbeiführen können, sie wird in der Religion bedroht, wenn der
+Priesterstand eine freie Stellung erhält, oder, wie Bonald es nennt,
+»durch den Presbyterianismus«, sie wird in der Familie umgestürzt,
+sobald Ehescheidung unter irgend einer Bedingung gestattet wird. Nein!
+König, Minister und Unterthan, Papst, Priester und Gemeinde, Mann,
+Frau und Kind sind das unzertrennliche Kleeblatt, nach dem Bilde der
+Dreieinigkeit. Als unzertrennlich sichern sie die großen Grundgedanken
+der Autorität und Ordnung.
+
+So haben wir denn, indem wir an so vielen verschiedenen Punkten unsere
+Sonde hinabstießen und überall denselben Grundgedanken trafen, die
+herrschende Idee der neuen Periode gefunden. Wir können sie mit vielen
+Namen benennen: Es ist das große Princip der ~Selbstentäußerung~
+im Gegensatze zu dem Princip des individuellen Gefühls und der
+persönlichen Forschung. Es ist das große Princip der ~Theokratie~,
+der Souverainetät Gottes im Gegensatze zu derjenigen des Volkes, das
+Princip der ~Autorität~ und ~Macht~ im Gegensatze zu den
+Principien der Freiheit, der Menschenrechte und der solidarischen
+Pflichten. Und wenn wir jetzt einen Blick auf die verschiedenen Gebiete
+des Menschenlebens werfen, so treffen wir auch dort überall dieselbe
+Losung und dieselbe weiße Fahne. Die Idee prägt sich nach allen
+Richtungen aus.
+
+Im Staate, bewirkt sie, daß das Rechtsprincip dem Machtprincipe
+weicht, welches nun als göttliche Macht bestimmt und zum Königthume
+von Gottes Gnaden wird. In der Gesellschaft verdrängt sie die Idee der
+Brüderlichkeit und ersetzt sie durch ein halb patriarchalisches, halb
+tyrannisches Vaterverhältnis, wie die Idee der Gleichheit der Idee der
+Abhängigkeit Platz macht. In der Moral löscht sie das innere Gesetz aus
+und weist auf Koncilien und Bullen. Sie definirt die Religion nicht als
+den Glauben, sondern als das Band, als jene »politische Fessel«, als
+welche die Revolutionsmänner sie eben gescholten hatten. Sie betont die
+Unauflöslichkeit in der Ehe sowohl wie im Staate. Sie lehrt, daß der
+Mensch die Sprache direkt von Gott erhalten habe, und erstickt dadurch
+in der Geburt die Philologie, um eine theologische Pyramide über ihrer
+Leiche zu errichten. Sie macht die Erkenntnislehre unmöglich, indem sie
+der Forschung die größtmögliche sichtbare Autorität zur Richtschnur
+giebt. Sie vergiftet das heranwachsende Geschlecht, indem sie die
+Erziehung desselben einem, den Befehlen eines Jesuitengenerals blind
+gehorchenden Halbmanns-Corps anvertraut.
+
+Und als diese Richtung nicht lange nach ihrem kräftigen Hervortreten
+ihre Poesie erhält, stempelt sie bald ebenfalls die Epopöe, den Roman,
+das Lied, die Ode, ja das Theater mit ihrem Charakterzeichen. Auch in
+der Poesie herrschen die Lilien. Die neue Dichterschule erhält den
+Namen der seraphischen. Ihre Helden, ihre typischen Persönlichkeiten
+werden der Märtyrer, wie bei Chateaubriand, oder der Prophet,
+wie bei De Vigny (Moses). Die Dichter suchen ihre Inspirationen
+in der Bibel und bei Milton. Dichterinnen, wie Frau von Krüdener,
+treten als Prophetinnen auf, und greifen als solche wirksam in den
+Entwicklungsgang der Zeit ein. Oden und Meditationen drehen sich,
+wie bei Victor Hugo und Lamartine, um die Salbung von Königen und
+die Geburt von Kronprinzen. Die Geburt des Grafen von Chambord ist
+kaum weniger als ein Mirakel, und wird in ganz Frankreich besungen.
+Mit dem Kreuz in der Hand verjagen Lamartine und Hugo die heidnische
+Mythologie aus der Lyrik. Auf dem Theater treten die Tempelherren
+und die Makkabäer auf, welche wir aus Zacharias Werner's »Söhnen des
+Thals« und der »Mutter der Makkabäer« kennen. Das erste Sujet wird von
+Raynouard, das zweite von Guiraud behandelt. -- Es giebt kein Gefühl
+im Menschenherzen, kein Gebiet im menschlichen Geiste, keine Abart der
+Literatur, welchen diese, so rasch wieder mißlingende Restauration
+nicht vor ihrem Verschwinden ihr Geistesgepräge aufdrückte.
+
+[+Bonald: Théorie du pouvoir, Tome I-III. La Législation primitive.
+Essai analytique sur les lois naturelles. Du divorce. -- Barante:
+Tableau de la littérature française au 18me siècle. -- Lamennais: Essai
+sur l'indifférence en matière de réligion. -- Laurent: Histoire du
+droit des gens, Tome XVI.+]
+
+
+4.
+
+Chateaubriand's »Genius des Christenthums« bezeichnet den Uebergang
+vom ersten Stadium der Reaktion zu seinem zweiten, indem dies Werk,
+wie schon bemerkt worden ist, die Autorität durch einen Appell an das
+Gefühl zu fördern und wieder einzusetzen suchte.
+
+Die Vertheidigung des Christenthums, welche hier geliefert wurde, war
+von einer bisher unbekannten Art, weil sie sich an das Gefühl und die
+Einbildungskraft, nicht an die Intelligenz und den Glauben wandte. Das
+Buch spricht gleichsam die Ueberzeugung aus, daß die Intelligenz jetzt
+antichristlich und der Glaube verschwunden sei.
+
+Der Verfasser selbst war wenige Jahre zuvor Freidenker, ja Materialist
+gewesen. In einem ihm zu gehörenden Buche fand Sainte-Beuve nach
+seinem Tode eigenhändige Randbemerkungen, welche den Beweis dafür
+liefern. Bei den Worten: »Gott, die Materie und das Schicksal sind
+Eins«, hat er hinzugefügt: »Dies ist mein System, Dies ist Das, woran
+ich glaube«. An der Stelle, wo im Texte folgendes Raisonnement steht:
+»Du sagst, Gott habe dich frei erschaffen. Das ist nicht die Frage.
+Hat er vorausgesehen, daß ich fallen, daß ich ewig unglücklich werden
+würde? Ja, unzweifelhaft. In solchem Falle ist Euer Gott nur ein
+furchtbarer und absurder Tyrann«, bei diesen Worten hat er am Rande
+bemerkt: »Dieser Einwand ist unwiderleglich und stürzt das ganze
+christliche System vollständig über den Haufen. Uebrigens glaubt Keiner
+mehr daran«.
+
+Dies ist Chateaubriand's Jugendstandpunkt; aber seine Mutter stirbt,
+und hinterläßt ihm die Bitte, an ihrem Glauben festzuhalten. »Ich
+weinte und glaubte,« sagt er.
+
+Selbst bekehrt oder halbwegs bekehrt auf dem Wege des Gefühls, versucht
+er jetzt, in derselben Weise auf Andere zu wirken. Konnte man nicht
+mehr erwarten, intellektuelle Empfänglichkeit für die Dogmen des
+Christenthums zu finden, so konnte man doch immer Sympathien für
+dessen rührende und erhabene Poesie erwarten. Es war eine originelle
+und zeitgemäße Idee, die Apologie in Poetik zu verwandeln. Er weiht
+dem melancholischen Klange der Kirchenglocken ein ganzes Kapitel. Er
+schildert die idyllische Ruhe der schlichten Dorfkirche. Er giebt
+Bilder und Gleichnisse, wo man Beweise erwartet. Bonald gebraucht
+den Ausdruck: in Büchern, die ein Werk des Raisonnements, wie seine
+eigenen seien, zeige die Wahrheit sich wie ein König an der Spitze
+seines Heeres an einem Schlachttage, aber in Büchern wie denjenigen
+Chateaubriand's gleiche sie vielmehr einer Königin auf ihrem
+Krönungszuge, umgeben von allem Prachtvollen und Reizenden, was man
+irgend habe auftreiben können. Der Sinn ist, daß Chateaubriand viel
+mehr rühren, als überzeugen will. Im Privatgespräch drückte Bonald sich
+Uebrigens unumwundener aus. Er sagte: »Ich gab meine Pillen, wie sie
+waren, er gab die seinigen überzuckert«.
+
+Kein Buch giebt sicherlich einen bessern Maßstab dafür ab, wie wenig
+tief die religiöse Renaissance war, als dieses. Sein Gesichtspunkt ist
+derjenige, welchen man nach allgemeinem Uebereinkommen den romantischen
+zu nennen pflegt. Es wendet sich der Vergangenheit zu, und da der
+Romantiker ein Phantasiemensch ist, so erblickt er die Vergangenheit
+in einem phantastischen Lichte. Die Religion des Romantikers ist eine
+Paradereligion, ein Werkzeug für den Politiker, ein Saitenspiel für
+den Dichter, ein Symbol für den Philosophen und eine Modesache für den
+Weltmann.
+
+Wie die deutschen, dänischen und französischen Romantiker, schwärmt
+Chateaubriand für das Mysteriöse und beginnt seine Vertheidigung des
+Autoritätsglaubens damit, sich ganz allgemein auf das Mysteriöse im
+Leben zu berufen. »Es giebt nichts Schönes, Süßes und Großes im Leben,
+als das Geheimnisvolle. Die wunderbarsten Gefühle sind diejenigen,
+welche uns zugleich bewegen und verwirren. Schamhaftigkeit, keusche
+Liebe, reine Freundschaft sind voller Geheimnisse ... Ist die Unschuld,
+welche ihrem Wesen nach nur eine heilige Unwissenheit ist, nicht das
+unaussprechlichste Mysterium? -- Die Frauen, die schönere Hälfte des
+Menschengeschlechts, können nicht ohne Mysterien leben«. Der Sprung von
+hier bis zu den Dogmen einer positiven Religion erscheint groß.
+
+Ganz auf dieselbe Art bedient sich De Maistre des Mysteriums. Es
+gilt für ihn nur zu beweisen, daß die eine oder andere Institution
+unerklärlich sei, so glaubt er bewiesen zu haben, daß sie göttlich
+sei. So läßt sich für die erbliche Monarchie und den Erbadel kein
+rationeller Grund anführen -- Beweis genug, daß sie von Gottes Gnaden
+sind. Was läßt sich zur Vertheidigung des Krieges vorbringen? Nicht
+Viel, folglich ist der Krieg ein Mysterium. Sieht man genauer zu, so
+begreift man, daß diese Wendung nothwendig ist. Die Autorität fordert
+als ihr nothwendiges Gegenstück das Mysterium. So sagt Michaud in der
+Dedikation des Gedichtes; »+Le printemps d'un proscrit+« 1803:
+»Die Gesellschaft muß ihre mysteriöse Seite haben, eben so wohl wie
+die Religion, und ich habe stets gedacht, man müsse bisweilen an die
+Gesetze des Vaterlandes glauben, wie man an Gottes Gebote glaubt.
+Sowohl im täglichen Leben wie in der Politik giebt es Dinge, die man
+besser ausführt, wenn man ~nicht~ an die Ursache ~denkt~,
+welche Einen veranlaßt, zu handeln«.
+
+Chateaubriand's Werk war glänzend und blendend durch seine Form. Ohne
+diese Eigenschaften hätte es nicht das Aufsehen gemacht, welches es
+erregte. Es enthält Naturschilderungen, Stimmungsergüsse und ganz
+vereinzelte gute Bemerkungen. Aber sein literarischer und poetischer
+Werth ist doch in seinen Episoden »Atala« und »René« zusammengedrängt,
+die als Versuchsballons lange vorher dem Werke vorausgesandt wurden,
+und mit denen wir es hier nicht zu thun haben: diese haben wir ihrer
+Zeit (Band I, Seite 43-49) in ihrer historischen Bedeutung betrachtet.
+
+Hier wollen wir nur in dem Charakter der Vertheidigungsmethode den
+Beweis für die Unwahrheit der ganzen Richtung, welche dies Buch
+einleitet, suchen und liefern. Dem ästhetischen Theile des Werkes ist
+ein dogmatischer vorangestellt, welcher, übereinstimmend mit der ganzen
+Manier des Buches, darauf ausgeht, die Schönheit der christlichen
+Dogmen aufzuweisen. Hier einige Beispiele der ungereimten Konsequenzen,
+zu welchen dieser »Wie schön!«-Stil führte.
+
+Vom Abendmahle sagte er: »Wir wissen nicht, was man gegen ein Sakrament
+einwenden könnte, das Einen veranlaßt, einen solchen Kreis poetischer,
+moralischer, historischer und metaphysischer Ideen zu durchlaufen,
+gegen ein Sakrament, das mit Blumen, Jugend und Lieblichkeit beginnt,
+und das damit endet, Gott zur Erde herabsteigen zu lassen, um sich den
+Menschen als geistige Nahrung hinzugeben«. Was man dagegen einwenden
+könnte? Nicht das Mindeste, wenn es wahr ist.
+
+Trotz der Schönseligkeit, geht Chateaubriand mit der größten Pedanterie
+zu Werke. Das Cölibat wird zuerst vom moralischen Gesichtspunkte
+betrachtet und, solchergestalt untersucht, sogar die moralischste
+Institution von allen genannt; dann wird demselben wiederum ein neues
+Kapitel gewidmet mit dem halbkomischen Titel: »Untersuchung der
+Jungfräulichkeit, vom poetischen Gesichtspunkte betrachtet«. Dies
+schließt mit folgender unglaublichen Tirade: »So sieht man, daß die
+Jungfräulichkeit, welche sich vom untersten Glied in der Kette der
+Wesen emporhebt (ihre Bedeutung wird nämlich auch bei den Thieren
+untersucht), sich zum Menschen, vom Menschen zu den Engeln und von den
+Engeln zu Gott hinauf erstreckt, bei welchem sie sich verliert«. Und in
+der Originalausgabe war, als sei Dies nicht genug, noch hinzugefügt:
+»Gott ist selber der große Einsame des Universums, der ewige Junggesell
+(+célibataire+) der Welten«.
+
+Man wundert sich vielleicht, daß das Vaterverhältnis zur zweiten Person
+der Dreieinigkeit gar nicht in Betracht kommt. Mit um so größerem
+Nachdruck kann der Verfasser die Jungfräulichkeit des Heilandes
+betonen. Er sagt:
+
+»Der Gesetzgeber der Christen wurde von einer Jungfrau geboren und
+starb als Jungfrau (+vierge+)«. Und dann fügt er folgende Worte
+hinzu: »Hat er uns hiedurch nicht lehren wollen, daß die Erde in
+politischer und natürlicher Hinsicht die Vollzahl ihrer menschlichen
+Bewohner erreicht habe, und daß wir nun, weit entfernt davon, das
+Geschlecht vermehren zu sollen, vielmehr von jetzt an darauf achten
+müssen, die Einwohnerzahl zu beschränken?«
+
+Man erstaunt, die Theorie des Malthus als Facit dieser christlichen
+Romantik zu erblicken. Wer hätte gedacht, daß so viel Nationalökonomie
+in den Evangelien stecke!
+
+Bei Gelegenheit der Dreieinigkeit steht dort zu lesen: »Die Zahl 3
+scheint in der Natur die Zahl vor allen zu sein; sie ist nicht erzeugt,
+weshalb Pythagoras sie die Zahl ohne Mutter nannte. Selbst in den
+Lehren der Vielgötterei kann man die eine und andere dunkle Tradition
+von der Dreieinigkeit erkennen. Die Grazien haben sie zur Grenze ihrer
+Zahl genommen«.
+
+So wird bei Chateaubriand die Dreieinigkeit von den Grazien als
+Karyatiden getragen.
+
+Dieser Vertheidigung der christlichen Dogmen entspricht eine
+Vertheidigung des christlichen Ritus, wie folgende: »Im Allgemeinen
+kann man erwidern, daß der ganze christliche Ritus von der höchsten
+Moralität ist, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil er von unsern
+Vätern ausgeübt worden ist, weil unsere Mütter als christliche Frauen
+an unserer Wiege gestanden haben, und weil die Religion ihre Psalmen
+über den Särgen unserer Väter gesungen und ihnen Frieden in ihren
+Gräbern gewünscht hat«. Wäre es nicht schon an und für sich klar, daß
+diese Vertheidigung sich auf jede beliebige Religion anwenden läßt, so
+käme bei dieser Gelegenheit noch hinzu, daß sie gerade in einem Falle
+wie diesem am allerwenigsten paßt, wo es galt, das Geschlecht der Söhne
+dahin zu bringen, sich von der antichristlichen Lebensanschauung ihrer
+Väter loszusagen.
+
+Nicht minder burlesk sind die Beweise zu Gunsten einer Theodicee,
+welche bei Chateaubriand von der Naturbetrachtung hergeleitet wird. Er
+sagt: »Sind ein Krokodil, eine Schlange, ein Tiger weniger zärtlich,
+gegen ihre Jungen, als eine Nachtigall, ein Huhn, ja ein Weib? ... Ist
+es nicht eben so wunderbar wie rührend, ein Krokodil sein Nest bauen
+und Eier legen, wie ein Huhn, und ein kleines Ungeheuer, ganz wie ein
+Küchlein, aus der Schale hervorkommen zu sehen? Wie viele rührende
+Wahrheiten enthält dieser Kontrast! Wie veranlaßt er uns, Gottes
+Allgüte zu lieben!«
+
+Wo die Männer der Restauration auf irgend Etwas eingehen, was die
+Natur oder Naturwissenschaft betrifft, da werden sie allemal höchst
+komisch. Wer Lust hat, mag in Chateaubriand's Besprechung von Bonald's
+»+Législation primitive+« seinen Ausruf des Erschreckens darüber
+nachlesen, daß er einen kleinen Jungen auf die Frage des Lehrers:
+»Was ist der Mensch?« hat antworten hören: »Ein Säugethier«. Und im
+selben Geiste äußert De Maistre oftmals, die ganze Chemie bedürfe
+einer Reorganisation von Seiten der Theologie, und es werde wohl dem
+einen oder andern ehrlichen Gelehrten der Nachweis gelingen, daß
+nicht der Mond, sondern Gott an der Ebbe und Fluth Schuld sei, sowie
+daß das Wasser, welches ein Element sei, sich nicht in Sauerstoff
+und Wasserstoff zerlegen lasse. Ja, er meint, die Vögel seien ein
+lebendiger Beweis gegen das Gesetz der Schwere. Eine der Personen
+in seinen »+Soirées de Saint-Petersbourg+« bemerkt in dieser
+Hinsicht, daß die Vögel überhaupt übernatürlicher als andere Thiere
+seien, was sich schon darin zeige, daß die Taube die ausgewählte Ehre
+habe, den heiligen Geist vorzustellen. Daß das Krokodil Eier legt, daß
+die Vögel fliegen, sind Mirakel für diese Männer.
+
+Auf den dogmatischen Theil des Werkes folgt der ästhetische, welcher
+den Kern desselben bildet. Hier bestrebt sich Chateaubriand,
+nachzuweisen, daß »von allen Religionen, die jemals existirt haben,
+die christliche Religion die poetischste, die menschlichste, die für
+Freiheit, Kunst und Literatur günstigste sei, daß die moderne Welt ihr
+Alles verdanke, vom Ackerbau bis zu den abstrakten Wissenschaften,
+von den Asylen für Unglückliche bis zu den Tempeln, welche von
+Michel Angelo erbaut und von Rafael verziert wurden, daß es nichts
+Göttlicheres gebe, als seine Moral, nichts Liebenswürdigeres und
+Prächtigeres als seine Dogmen, seine Lehre und seinen Kultus, daß
+es das Genie begünstige, den Geschmack läutere, die tugendhaften
+Leidenschaften entwickle, dem Gedanken Kraft gebe, dem Schriftsteller
+und Künstler die edelsten Formen verleihe« u. s. w.
+
+Zweihundert Jahre lang hatte der große Streit, ob der literarische
+Vorzug den Alten oder den Modernen gebühre, sich durch die ganze
+neuere Literatur erstreckt, eine Streitfrage, welche schon Corneille
+und Racine beschäftigte, welche Anlaß zu den Ersten Uebersetzungen
+der klassischen Vorzeitsdichtungen gab, und deren Erörterung
+allmählich dahin geführt hatte, daß der moderne Geist nach dem
+ersten überwältigenden Eindruck von der Herrlichkeit der Antike sich
+selbstvertrauend zusammenfaßte. Es war diese zweihundertjährige
+Debatte, welche Chateaubriand jetzt in einer bisher nicht angewandten
+Form als Diskussion über den Werth des Christenthums für die Poesie
+und Kunst, im Vergleich mit dem Werthe der alten Mythologien, wiederum
+aufnahm. Auf die seltsamste Weise verwahrt er sich dagegen, daß es doch
+nicht darauf ankomme, ob und in welchem Grade eine Religion poetisch
+sei, sondern, ob sie die Wahrheit für sich habe, oder nicht. Und zu
+welchen Mitteln muß Chateaubriand seine Zuflucht nehmen, um seine
+Behauptungen zu beweisen! Er vergleicht z. B. den heidnischen Tartarus
+ästhetisch mit der christlichen Hölle. Wie Viel hat nicht diese voraus!
+»Die Poesie der Qualen und die Hymnen des Fleisches und Blutes«.
+
+So klirrt er poetisch mit den Marterwerkzeugen der Hölle, benutzt
+sie als ästhetische Klappern für die alten und stumpfen Kinder
+des neuen Jahrhunderts, und bringt ein Salonchristenthum in Mode,
+zum Gebrauch der höheren und abgespannten Gesellschaftsklassen in
+Frankreich. Im siebzehnten Jahrhundert hatte man an das Christenthum
+geglaubt, im achtzehnten hatte man es verleugnet und ausgerottet, im
+neunzehnten begann jetzt diejenige Art von Religiosität, welche darin
+bestand, wehmüthig um das Christenthum herumzugehen, wie man um einen
+Museumsgegenstand herumgeht, und auszurufen: »Wie poetisch! wie rührend
+und wie schön!« Man brachte eine Klosterruine in seinem Garten an und
+setzte einen Automaten in Eremitentracht hinein. Das goldne Kreuz ward
+wieder ein Toilettengegenstand für Damen der guten Gesellschaft, und
+man wurde durch Kirchenkoncerte zu Thränen gerührt. Man fühlte sich
+ergriffen von dem Gedanken, welch ein Trost die Religion für den Armen
+und Nothleidenden sei. Man hatte den einfältigen Glauben der alten Zeit
+verloren und hielt sich an das Aeußere, an den poetischen, socialen
+und politischen Einfluß der katholischen Kirche. Man putzte das
+Autoritätsprincip, so veraltet und abgenutzt es war, mit sentimentaler
+und poetischer Schminke auf, damit es jung und einladend aussähe, aber
+man erreichte Nichts weiter, als das einst so furchtbare Princip zum
+Gespötte zu machen.
+
+Und wie Constant jetzt sein Buch über die Religionen im Hause seiner
+Freundin Madame de Charrière schrieb, so schrieb Chateaubriand dies
+Werk bei seiner aufopfernden und vertrauten Freundin Madame de
+Beaumont. Sie half ihm beim Zusammensuchen der Citate, deren er für
+dasselbe benöthigt war. Für etwas Weltlichkeit scheint das Buch also
+doch Raum in seiner Seele gelassen zu haben.
+
+Wie deklamirte Chateaubriand später unter Ludwig XVIII. wider die
+verheiratheten Priester, mit welcher Entrüstung hetzte er die ganze
+royalistische und katholische Partei gegen sie auf, wie eifrig sorgte
+er dafür, ihnen jeden Heller ihrer Besoldung zur Strafe dafür zu
+entziehen, daß sie sich die Gesetze der Republik zu Nutze gemacht und
+sich wie jeder andere Bürger verheirathet hatten! Und war denn nicht
+er selbst, »der demüthige Levit«, wie er sich als Verfasser des
+»Genius des Christenthums« nennt, eine Art Priester, ja mehr als ein
+gewöhnlicher Priester, und war er nicht verheirathet, und mehr als
+verheirathet? Ich erwähne diesen Zug, weil er eins der tausend Symptome
+von Etwas ist, das sich überall in der kirchlichen Restauration zeigt,
+und für das mir das Wort Heuchelei als kein zu gehässiges und derbes
+Wort erscheint.
+
+Von solcher Art ist dies Buch, und so ist es entstanden. Sein
+kolossaler Succeß und sein ungeheurer Einfluß geben ihm eine Bedeutung,
+die es durch sich selbst nicht haben würde. Es war das Buch des
+Augenblicks, das in einer Umhüllung von Empfindsamkeit eingeschmuggelte
+Autoritätsprincip, welches bald den Thron besteigen sollte. --
+Betrachten wir denn dies Princip, all' seiner Hüllen entkleidet,
+in einem anderen Hauptwerke der Zeit, in Bonald's berühmtem Buche
+»+Le divorce+«, -- meiner Ansicht nach das originellste und
+interessanteste seiner Werke.
+
+Dasselbe wird durch eine lange Jeremiade darüber eingeleitet, wie
+es in der Welt aussehe, seit die Autorität über den Haufen gestürzt
+worden sei. Die moderne Philosophie, sagt er, welche in Griechenland
+geboren ward, unter jenem Volke, das ewig ein Kind blieb, und das immer
+die Weisheit außerhalb der Wege der Vernunft [+sic!+] suchte,
+begann damit, atheistisch oder deistisch [!] Gott zu leugnen. Hume's
+und Condillac's sensualistische Lehre hat jetzt den Menschen, der
+»eine von Organen bediente Intelligenz« ist, zu einem Thiere, zu einem
+bloßen Naturwesen gemacht. Die allgemeine gesellschaftsauflösende
+Geistesrichtung ist in das häusliche Leben eingedrungen, und statt
+des Verhältnisses, das in früherer Zeit zwischen Eltern und Kindern
+bestand: Autorität und Unterwerfung, haben Insubordination in
+die jungen Herzen und Gleichheitsideen in die jungen Hirne sich
+eingeschlichen, so daß die Kinder sich für ihrer Eltern Gleichen
+halten, ja sogar sich gestatten, dieselben zu duzen. Die Eltern,
+welche ihrerseits das Bewußtsein ihrer Schwäche haben, wagen nicht
+mehr Herren zu sein, sondern streben darnach, die »Freunde« oder
+»Vertrauten« ihrer Kinder, allzu oft ihre Mitschuldigen zu sein. Die
+weichherzige Betrachtung des Lebens spiegelt sich in einer ebenso
+weichherzigen Betrachtung des Todes ab. Man hat vorgeschlagen, Vasen
+von Glas oder Porzellan zur Aufbewahrung der Asche seiner Väter
+zu verfertigen, und -- o Grausen! -- eine Polizeiverordnung hat
+einer Mutter gestattet, nach Heidenart die Leiche ihrer Tochter zu
+verbrennen. Ueberall hat man die Abschaffung der Todesstrafe, dieses
+Kleinods, dieses hauptsächlichsten Mittels zur Aufrechterhaltung der
+Gesellschaft (+ce premier moyen de conservation de la société+),
+vorgeschlagen und in einigen Staaten durchgeführt. Man hat Regierungen
+von »der plötzlichen Manie, welche man Philanthropie nennt«, ergriffen
+werden sehn. Die sogenannten Naturwissenschaften -- [man beachte das
+»sogenannt!«] --, welche vielmehr die materiellen Wissenschaften
+heißen müßten, da sie nur von der Körperwelt handeln, verdrängen die
+höheren, die geistigen Wissenschaften, zumal die »hohe Metaphysik«
+der alten Zeit. In der Poesie hat das scherzende und lustige Genre
+die heroische Tragödie abgelöst. In den Romanen, welche so deutlich
+den Charakter eines Zeitalters spiegeln, wurde früher regelmäßig die
+Liebe der Pflicht geopfert. Jetzt ist es umgekehrt, und Rousseau hat
+den Roman geschrieben, welcher von allen am meisten die Phantasie der
+Frauen auf Irrwege geführt und ihre Herzen verderbt hat, nämlich »Die
+neue Heloise«. Sogar in der Gartenkunst hat das Autoritätsprincip sich
+verloren: »Die ländliche und rohe Natur der englischen Gärten hat die
+prachtvolle Symmetrie in Le Nôtre's Anlagen verdrängt.«
+
+Wider all' diese empörenden Schrecklichkeiten richtet nun Bonald seine
+schwere Artillerie. All' diesen Versuchen, die Gesellschaft aufzulösen,
+stellt er seinen Versuch, die Gesellschaft zu retten, gegenüber. Und
+hier ist es ein Hauptpunkt, den es zu erobern gilt. Die Gesellschaft
+beruht auf der Ehe, sie steht und fällt mit ihr. Die Revolution hat die
+Ehescheidung zugelassen. Aber wo Scheidung möglich ist, da existirt die
+Ehe nicht mehr. Es gilt daher, mit ~einer~ großen Kraftanstrengung
+die Aufhebung des Scheidungsrechtes zu erzielen. Diese Anstrengung
+gelang ihm nur allzu gut.
+
+Hören wir daher Bonald's eigene Theorie. Es verlohnt sich, sie kennen
+zu lernen. Ist eine Philosophie recht mager, so ist sie desto kurioser.
+
+Eine entwickelte Vernunft, sagt Bonald, begreift alle Wesen und ihre
+Verhältnisse unter diesen drei allgemeinen Ideen: Ursache, Mittel
+und Wirkung, den abstraktesten, welche die Vernunft fassen kann.
+Sie liegen jedem Urtheil zu Grunde und bilden die Grundlage aller
+socialen Ordnung. Jede Gesellschaft besteht solchermaßen aus drei von
+einander unterschiedenen Personen, welche man als die socialen Personen
+bezeichnen kann. Die Vernunft erblickt in Gott, welcher will, die
+erste ~Ursache~, im Menschen, welcher diesen Willen ausführt, das
+~Mittel~, den Minister, den Vermittler, und in derjenigen Ordnung
+der Dinge, welche Gesellschaft heißt, die ~Wirkung~, welche aus
+dem Willen Gottes und der Thätigkeit des Menschen resultirt. Diese
+Vernunft herrscht nach Bonald's Ansicht nur im Katholicismus: Er sagt:
+»Die Religion, welche Gott an die Spitze der Gesellschaft stellt,
+verleiht dem Menschen eine hohe Idee von der menschlichen Würde und
+ein tiefes Gefühl von der Unabhängigkeit des Menschen, während die
+Philosophie, welche überall den Menschen am höchsten stellt, beständig
+zu Füßen des einen oder andern Götzenbildes kriecht, in Asien zu Füßen
+Muhamed's, in Europa zu Füßen Luther's, Rousseau's oder Voltaire's«
+(+Le divorce, pag. 42+).
+
+Man sieht, daß Luther von Bonald ohne Weiteres mit Antichristen wie
+Muhamed oder Voltaire zusammengestellt wird. Dies ist ein stehender
+Zug in der ganzen Periode, gerade wie derjenige, daß Protestantismus
+und Unsittlichkeit für Eins erklärt werden. Wenn De Maistre von der
+Reformation spricht, so erzählt er mit der ernsthaftesten Miene, daß
+das halbe Europa seine Religion gewechselt habe, damit ein zügelloser
+Mönch sich mit einer Nonne verheirathen konnte. In seiner »+Théorie
+du pouvoir+« (+Tome II., pag. 305+) sagt Bonald: »Ein hitziger
+und sinnlicher Mönch hatte die Religion in Deutschland reformirt,
+ein wollüstiger und grausamer Fürst reformirte sie in England ...
+Charakteristisch ist es, daß die Kirchenreform in Deutschland vom
+Landgrafen von Hessen, der sich noch bei Lebzeiten seiner Gemahlin
+mit Margaretha von Saale verheirathen wollte, in England von Heinrich
+VIII., der sich von Katharina von Arragonien scheiden lassen wollte,
+um sich mit Anna von Boleyn zu vermählen, und in Frankreich von
+Margaretha von Navarra, einer Fürstin von mehr als zweifelhaften
+Sitten, beschützt wurde. So ging der Occident durch die Ehescheidung
+zu Grunde, wie der Orient durch die Polygamie.« In seiner englischen
+Literaturgeschichte (+Oeuvres, Tome VI., pag. 75+) sagt
+Chateaubriand über Luther's Ehe: »Er verheirathete sich sowohl um ein
+gutes Beispiel zu geben, als auch, um sich von seinen Anfechtungen zu
+befreien. Wer die Regeln übertreten hat, sucht stets den Schwachen
+nach sich zu ziehen und sich mit der Menge zu decken; denn durch die
+Uebereinstimmung der großen Anzahl schmeichelt man sich Andere zu dem
+Glauben an die Rechtlichkeit und Richtigkeit einer Handlung zu bewegen,
+die oft nur das Resultat eines Zufalls oder einer Leidenschaft war.
+Heilige Gelübde wurden auf zwiefache Weise verletzt: Luther ehelichte
+eine Nonne.«
+
+Was diese heftigen Ausfälle wider Luther und den Lutheranismus
+verständlich macht, ist, daß man, wie die deutschen Romantiker, mit
+großer Klarheit erkennt, wie der Protestantismus mit nothwendiger
+Konsequenz zu der modernen Geistesrichtung hinführt, vor welcher
+man zurück schaudert. So heißt es in Lamennais' »+Essai sur
+l'indifférence+«: »Man hat jetzt erkannt, daß die Kirche und
+ihre Dogmen auf der Autorität wie auf einem unerschütterlichen
+Felsen beruhen. Deshalb vereinigt sich die ganze Mannigfaltigkeit
+von Sektirern, welche in Betreff aller übrigen Punkte uneinig sind,
+um diesen Grundpfeiler aller Wahrheiten zu zersägen. Lutheraner,
+Socinianer, Deisten, Atheisten sind die verschiedenen Namen, welche
+die successiven Entwicklungsstufen derselben Lehre bezeichnen; sie
+verfolgen alle mit unermüdlicher Ausdauer ihren Angriffsplan wider die
+Autorität.«
+
+Die einzige echte, katholische Vernunft bei Bonald erblickt daher
+überall die drei socialen Personen: Die Macht, den Minister und den
+Unterthan. Sie erhalten in den verschiedenen Gesellschaftssphären
+verschiedene Namen. In der religiösen Gesellschaft heißen sie Gott,
+Priester und Gläubige, in der politischen Gesellschaft König, Adel
+~oder~ Beamtenstand, Volk ~oder~ gemeiner Mann; in der
+häuslichen Gesellschaft endlich heißen sie Vater, Mutter und Kind.
+
+Wer noch nicht mit Bonald's Denkweise vertraut ist, wird wahrscheinlich
+bei dieser letzten Zusammenstellung stutzen; allein es ist Bonald ein
+so vollkommener Ernst damit, den Vater mit der Macht, die Mutter mit
+dem Ministerium und das Kind mit dem Unterthan zu parallelisiren, daß
+er sogar die letzte Reihe der Bezeichnungen durchgehends statt der
+ersten gebraucht; denn, sagt er, Vater, Mutter, Kind passen für die
+Thiere so gut wie für die Menschen, die Bezeichnung Macht, Minister,
+Unterthan dagegen ausschließlich für intelligente Wesen; außerdem,
+sagt er an einer andern Stelle, muß man so viel wie möglich bemüht
+sein, den Menschen und seine Verhältnisse zu spiritualisiren, gegenüber
+den Bestrebungen, welche von anderer Seite gemacht werden, das
+Menschenleben zu materialisiren.
+
+Er begründet seine Lehre mit seinen gewöhnlichen Formeln. Der Mann
+und das Weib, sagt er, existiren beide; aber sie existiren nicht
+auf dieselbe Weise. Sie sind einander ~ähnlich~, aber sie sind
+einander nicht ~gleich~. Die Vereinigung der Geschlechter ist der
+Grund ihres Unterschieds. Die Hervorbringung eines Menschen ist das
+Ziel ihrer Vereinigung. Der Vater ist stark, das Kind ist schwach, der
+Vater aktiv, das Kind passiv. Die Mutter bildet das Zwischenglied.
+Weshalb? Ja, sagt Bonald, der Vater ist ein bewußtes Wesen und kann
+nicht Vater werden, außer mit seinem Willen; die Mutter kann dagegen,
+selbst mit vollem Bewußtsein, Mutter werden ~wider ihren Willen~
+[also passiv]. Das Kind hat weder den Willen, geboren zu werden, noch
+Bewußtsein davon, daß es geboren wird.
+
+Auf dies widerwärtige und tragische Naturverhältnis, daß das Weib
+unfreiwillig Mutter werden kann, basirt also Bonald seine empörende
+Rangordnung der Geschlechter. Ja, er sagt wörtlich (Fünfte Ausgabe,
+Seite 71): »In dieser Abstufung ihres Verhältnisses liegt allein
+die Lösung der Ehescheidungsfrage«, nämlich daß keine Scheidung zu
+gestatten ist.
+
+Und wäre nun Dies eine wahnwitzige Theorie geblieben, wie so viele
+andere unsinnige Theorien, die kein Mensch zu verwirklichen gedenkt,
+wer würde sich dann darüber erbosen! Aber man denke sich, daß auf
+Grundlage dieses Buches die Ehe- und Scheidungsgesetze in Frankreich
+zwölf Jahre nach dem Erscheinen des Buches erlassen wurden.[5] Damals,
+gleich nach der Rückkehr der Bourbonen, war Bonald's Einfluß so
+unwiderstehlich, daß die stupide und klerikale Nationalversammlung mit
+225 Stimmen gegen 11 die Ehescheidung aufhob.
+
+Man kann also sagen, fährt Bonald rücksichtlich der Erziehung fort,
+daß der Vater die Macht hat oder ist, durch die Mutter als Minister
+oder Mittel die reproduktive und aufrechterhaltende Handlung auszuüben,
+deren Zweck oder Unterthan das Kind ist.
+
+Das Verhältnis zwischen Mann und Weib in der Ehe wird daher einfach
+folgendermaßen bestimmt: Der Mann ist le pouvoir, die Macht, das Weib
+ist +le devoir+, die Pflicht. Selbst die heilige Schrift nennt ja
+den Mann das Haupt oder die Vernunft des Weibes, das Weib die Hülfe
+oder den Handlanger des Mannes, und bezeichnet das Kind als Unterthan,
+indem sie ihm stets einprägt, gehorsam zu sein.
+
+Das Weib ist also dem Manne ähnlich, wie der Mann Gott ähnlich ist.
+Der Mann ist nach Gottes Bilde erschaffen, aber er ist deshalb nicht
+seines Gleichen. Das Weib ist aus dem Fleische und Blute des Mannes
+erschaffen, aber es ist ihm untergeordnet. Man sieht, daß Bonald's
+Theorie mit derjenigen Milton's in seinem »Paradiese« übereinstimmt.[6]
+»Die häusliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, wo der Mann die
+beschützende Gabe der Stärke, das Weib die Bedürfnisse der Schwäche
+mitbringt, ~er die Macht, sie die Pflicht~«. So entstellt Bonald
+die Lehre des Paulus, welche zu ihrer Zeit der gewaltigste und
+bewunderungswürdigste Fortschritt auf dem Wege der Befreiung des Weibes
+war.
+
+Was ist hienach für Bonald die Ehe? Die Ehe ist die Verpflichtung,
+welche zwei Personen verschiedenen Geschlechts übernehmen, eine
+Gesellschaft zu begründen, eine Gesellschaft, welche Familie heißt.
+Dies unterscheidet die Ehe von jedem andern Zusammenleben zwischen
+Mann und Weib. Mit tiefer Entrüstung bespricht Bonald das Witzwort
+Condorcet's: »Wenn die Menschen eine Verpflichtung gegen die noch
+nicht existirenden Wesen hätten, so könnte es nicht die sein, ihnen
+die Existenz zu schenken.« Im Gegentheil! die Ehe besteht eben,
+damit das Geschlecht erhalten werde. Hieraus darf man nach Bonald's
+Anschauung jedoch keineswegs schließen, daß eine kinderlose Ehe, eine
+solche, die also ihre Bestimmung verfehlt zu haben scheint, aufgelöst
+werden dürfe; denn, sagt er, indem man die erste Ehe aufhebt, um eine
+andere zu schließen, wird die Erzeugung von Kindern in der ersten Ehe
+unmöglich, ohne deshalb in der zweiten sicher zu sein. So lange Mann
+und Frau keine Kinder haben, ist doch eine Möglichkeit für das Kommen
+derselben vorhanden, und da die Ehe nur der Kinder halber, welche
+kommen können, gestiftet ist, so ist kein Grund, sie aufzuheben. Die
+Ehe ist für Bonald die eventuelle Gesellschaft, welcher die Familie
+als die aktuelle Gesellschaft entspricht: »~Der Zweck der Ehe~«,
+lehrt er, »~ist nicht das Glück der Ehegatten~.« Was ist denn
+dieser Zweck? Die Ehe, antwortet er, ist der Gesellschaft wegen da. Die
+Religion und der Staat haben bei der Ehe nur die Pflichten im Auge,
+welche sie auferlegt. Aber wenn die Ehe nur der Gesellschaft halber da
+ist, was ist denn der Zweck der Gesellschaft? Jeder wird einräumen,
+daß man höchst gespannt auf die Beantwortung dieser Frage sein muß.
+Und was antwortet uns Bonald? Er antwortet mit der ganzen gelassenen
+Impertinenz eines konservativen Klerikalen: Der Zweck der Gesellschaft
+ist ihre Selbsterhaltung. (+La société a pour parvenir à sa fin,
+~qui est sa conservation~, des lois. Pag. 107.+)
+
+Welch eine Lehre für alle Anhänger der Nützlichkeitsphilosophie, die
+sich naiv einbilden, daß der Zweck der Gesellschaft das Glück ihrer
+Mitglieder sei, und die ebenso kindlich in der Illusion gelebt haben,
+daß Institutionen überhaupt der Individuen halber da seien, daß z. B.
+die Gatten nicht der Ehe halber, sondern die Ehe umgekehrt der Gatten
+halber da sei, und die ~alle~ Konsequenzen dieses Gedankens
+ziehen!
+
+Indem die Rücksicht auf die Kinder als die absolute aufgestellt wird,
+erscheinen Polygamie, Verstoßung der Gattin und Ehescheidung als
+gleich verwerflich für Bonald. Er bemerkt auch, daß die Einführung
+der Polygamie und die Einführung der Ehescheidung Hand in Hand mit
+einander zu gehen schienen, da Luther -- diese Anekdote spukt in
+jedem Buche aus der Restaurationszeit, -- welcher die Scheidung
+zuließ, auch, wiewohl in tiefster Heimlichkeit, dem Landgrafen von
+Hessen Polygamie gestattete (S. 195). Ihn bedünke es, sagt er,
+nicht moralischer, mehrere Frauen nach einander, als mehrere Frauen
+gleichzeitig zu heirathen; dabei vergißt er jedoch, daß sich dieser
+Einwand eben so gut gegen die Schließung einer neuen Ehe nach dem
+Tode des einen Gatten, wie gegen die Wiederverheirathung nach einer
+Scheidung erheben läßt. Ueberall, meint er, wo die Scheidung erlaubt
+sei und wo die Frau also in jeder Mannsperson ihren möglichen Gatten
+sehen könne, seien die Weiber ohne Keuschheit, oder mindestens ohne
+Schamhaftigkeit. Er führt als Beispiel England an, -- England! Den
+Zustand in England, wo die Scheidung in gewissen Fällen gestattet ist,
+vergleicht er mit den Zuständen bei gewissen wilden Völkerstämmen, wo
+der Ehemann sich von dem Mitschuldigen seiner Frau, wenn er denselben
+ertappt, ein gebratenes Schwein als Buße geben läßt, daß sie dann
+alle Drei mit einander verzehren. Ueberhaupt ist England mit seinen
+verhältnismäßig liberalen Institutionen für ihn, wie für Lamennais, die
+wahre +bête noire+. Lamennais sagt z. B. von England (+Progrès
+de la révolution et de la guerre contre l'église, pag. 35+), daß man
+nirgendwo anders eine Bevölkerung finde, die so stumpfsinnig, so ohne
+allen moralischen Sinn, so fremd den intellektuellen Ideen und Allem
+sei, was das Gemüth erhebt und das Dasein des Menschen adelt.
+
+Alles Dies sind Uebertreibungen ohne Wahrheit und ohne Logik.
+Worin aber sowohl Logik als Wahrheit liegt, und weshalb ich diese
+Einzelnheiten hervorhebe. Das ist Bonald's Auffassung des innerlichen
+Zusammenhanges der Ehefrage mit der ganzen politischen Frage. Er sieht
+ein, daß die Republik oder die Demokratie (denn er ist so erbittert
+auf die Republik, daß er sich ausdrücklich weigert, dies Wort zu
+gebrauchen) nothwendig zur Auflösbarkeit der Ehe führen mußte.
+
+Er sagt: »Die Ehescheidung wurde 1792 dekretirt und verwunderte
+Niemand, weil sie eine unvermeidliche und lange vorhergesehene
+Konsequenz des Niederreißungssystemes war, das man zu jener Zeit so
+leidenschaftlich befolgte; allein heutigen Tags, wo man wieder aufbauen
+will, tritt die Ehescheidung als Princip in das Gesellschaftsgebäude
+ein und erschüttert dies Gebäude bis auf den Grund. Die Scheidung stand
+in Einklang mit der Demokratie, welche unter verschiedenen Namen und
+Formen allzu lange in Frankreich geherrscht hat. Sowohl die häusliche
+wie die öffentliche Macht war den Leidenschaften der ~Unterthanen~
+überlassen, es herrschte Unordnung in der Familie und Unordnung im
+Staate; zwischen beiden Unordnungen fand Aehnlichkeit und Analogie
+statt. Aber Das sieht Jeder, daß die Scheidung in direktem Widerspruche
+mit dem Geiste der erblichen und unauflöslichen Monarchie steht.
+Behalten wir die Scheidung bei, so haben wir Ordnung im Staate, und
+Unordnung in der Familie, Unauflöslichkeit dort, Auflöslichkeit hier,
+also keine Harmonie. Von der Seite, zu welcher der Mensch sich neigt,
+muß das Gesetz ihn emporheben, und es muß heutigen Tags aufgelösten
+Naturen die Auflösung verbieten, wie früher halbwilden Barbaren die
+Blutrache.«
+
+So gelingt es Bonald, von seinem legitimistischen Staatsprincip
+aus seine Ehe-Theorie durchzuführen. Er schließt damit, daß die
+Scheidung absolut untersagt werden müsse, und daß die bloße Trennung
+ohne Erlaubnis zur Eingehung einer neuen Ehe hinlänglich allen
+Unzuträglichkeiten abhelfe, die aus disharmonischen Verbindungen
+hervorgehen könnten. Da diese Ideen Bonald's Gesetzeskraft erlangten,
+bildete sich in Frankreich der Zustand aus, welcher dort bis jetzt
+herrschte, und welcher die französische Ehe zum Spott für die ganze
+Erde gemacht hat, ein Zustand, der es z. B. dem jungen Mädchen
+unmöglich macht, falls ihr Gatte sich am Hochzeitstage mit ihrer ganzen
+Mitgift absentirt, sich je wieder zu verheirathen oder legitime Kinder
+zu bekommen. Während das Gesetz mildernde Umstände bei Mordbrennern
+und Mördern zugelassen hat, und man ihnen, wenn sie sich eine gewisse
+Anzahl von Jahren gut aufgeführt haben, die vollständige Freiheit
+schenken kann, hat das betrogene junge Mädchen nach Bonald's Theorie
+und Frankreichs Gesetzen keine Hoffnung auf Freiheit, wie Derjenige,
+welcher eine Familie durch Brandstiftung ums Leben gebracht oder seinen
+Vater erschlagen hat.
+
+In dem Entwurf des Konventes zu einem Civilrechte hieß es:
+
+»Die Ehe ist eine Sache der Freiheit, d. h. des Gewissens.
+
+»Sie errichtet ein Bündnis, bei welchem Mann und Frau auf gleichem Fuße
+stehen.
+
+»Die Ehegatten ordnen frei die Bedingungen ihrer Verbindung.
+
+»Die Ehegatten besitzen oder üben gleiches Recht aus in Betreff der
+Verwaltung ihres Eigenthums.
+
+»Scheidung findet statt auf Wunsch beider Ehegatten oder eines der
+Ehegatten.
+
+»Das Gesetz untersagt es, irgend eine Einschränkung des
+Scheidungsrechtes zu stipuliren«.
+
+Es scheint, daß die große Scheidungsfreiheit, welche so plötzlich
+erstattet ward, wie jede andere plötzlich erworbene Freiheit,
+Anfangs mißbraucht wurde, und daß man z. B. mit großem Leichtsinn
+und ohne besondere Rücksicht auf die Kinder flüchtigen Neigungen
+folgte, die weder das Recht noch die Würde wirklicher Liebe haben.
+Analogen Erscheinungen begegnet man überall in der Geschichte, wo
+Fesseln zerbrochen werden. Aber Das war genug für Diejenigen, welche,
+wie Bonald, keinen Glauben an die Freiheit besaßen, und an keine
+andere moralisirende Macht glaubten, als an den Zwang, Alles zu dem
+traditionellen Zustande zurückzuführen. Was kann gewisser sein, als daß
+das Ideal, welches nie vergessen und zuweilen erreicht werden wird,
+darin besteht, daß zwei Menschen, die sich mit einander verbunden
+haben, einander bis zum Tode lieben, ja mit einer Liebe, die den
+Tod überdauert; allein dies Ideal ist die Folge einer richtigen und
+glücklichen Wahl, nicht irgend welcher Zwangsmaßregeln. Der Vorwand zu
+diesen war natürlich die Rücksicht auf die Kinder, und Betreffs dieses
+Punktes hat Bonald seine Theorie in den prägnanten und wohl stilisirten
+Satz zusammen gefaßt: »Da die eheliche Verbindung drei Personen, Vater,
+Mutter und Kind, betrifft, kann sie nicht aufgehoben werden, weil
+zwei darüber einig sind. Da das Kind unmündig ist, so vertritt die
+Gesellschaft den Ehegatten gegenüber das Kind, und erhebt als Vertreter
+des Kindes ihren Einspruch wider die Auflöslichkeit der Ehe.« Man
+sieht leicht, daß diese Argumentation es zum ersten als feststehend
+betrachtet, daß die Aufrechthaltung der Ehe um jeden Preis unbedingt
+dem Kinde am besten diene, was selbstverständlich durchaus nicht
+feststeht, -- zum zweiten die Rücksicht auf das Kind zur absoluten
+und einzig entscheidenden macht, was selbstverständlich ein nur auf
+dem die Vernunft proskribirenden Standpunkte des Autoritätsprincips
+mögliches Postulat ist, -- zum dritten nur auf das innerhalb der Ehe
+geborene Kind Rücksicht nimmt, und die übrigen als nicht existirend
+betrachtet, während eine der traurigsten Folgen der traditionellen
+Ordnung gerade diejenige ist, daß nicht alle Kinder mit gleichen
+Rechten ihren Eltern und dadurch der Gesellschaft gegenüber stehen.
+Bonald's Gesellschaftsordnung, welche die Rücksicht auf das Kind als
+die absolute betrachtet, hat in unseren Tagen dahin geführt, daß mehr
+als 2,800,000 Franzosen als unechte Kinder in einer unverschuldeten
+Rechtsungleichheit den Eltern gegenüber geboren werden, welche in
+Frankreich noch größer als anderswo ist.
+
+Wie inkonsequent jedoch in Einzelheiten Bonald's Theorie sein möge,
+sie ist werthvoll, ja kostbar als eine in allen Grundzügen konsequente
+Durchführung des Autoritätsprincips auf dem Gebiet der Familie. Er hat,
+was die Halbliberalen niemals haben, einen klaren und durchdringenden
+Blick für den Zusammenhang zwischen den politischen und den socialen
+Principien der Revolution. Er könnte niemals, wie Diejenigen, deren
+Princip das Geschwätz ist, erstere von letzteren trennen und übersehen,
+daß die traditionelle Auffassung von der Ehe, welche man zum Theil
+heute noch festhält, auf das Innigste mit der traditionellen Auffassung
+vom Staate zusammenhängt, welche man heutigen Tags aufgegeben hat. Der
+Zusammenhang tritt überall hervor, wo die Frage diskutirt wird. Als
+die Abolitionisten in Amerika ihre Theorien vorbrachten, vertheidigten
+die Sklavenbesitzer sich damit, daß Alles, was im Sklavereiverhältnis
+stattfinde, in keiner Hinsicht von Demjenigen verschieden sei, was in
+der Familie und in der Ehe stattfinde. Man sieht auch, daß dort eben so
+viel leere Deklamation wider das Recht der Scheidung überhaupt gehört
+worden ist, wie man heutigen Tags gegen erweiterte Scheidungsfreiheit
+oder überhaupt gegen eine veränderte Auffassung Dessen, was die Ehe
+heilig und werthvoll macht, zu hören bekäme.
+
+Dem Autoritätsprincip steht auf diesem wie auf allen andern Gebieten
+das Freiheitsprincip in seinen verschiedenen Formen als Liberalismus
+und Socialismus gegenüber. Wenn wir die socialistischen Theorien,
+die uns später bei den Saint-Simonisten begegnen werden, ganz außer
+Betracht lassen, so steht dem Autoritätsprincip hier die liberale
+Theorie mit ihrem Princip, dem Individualismus, gegenüber, wie dasselbe
+von englischen und französischen, besonders aber von amerikanischen
+Denkern entwickelt worden ist. Es ist dies Princip, welches dem
+vorhin angeführten Entwurfe des Konventes zu Grunde liegt. Der
+Grundgedanke ist der, daß nicht die Familie, wie gewöhnlich gesagt
+wird, sondern das Individuum der Grundpfeiler der Gesellschaft, und
+daß das Individuum souverain sei. An die Stelle der legitimistischen
+Theorie von der Souverainetät Gottes und der zweideutigen Lehre von
+der Volkssouverainetät tritt die Lehre von der Souverainetät des
+Individuums. (Dieser Ausdruck ist zuerst von dem Amerikaner Samuel
+Warren gebraucht worden, von welchem ihn selbst John Stuart Mill,
+wie er in seiner Autobiographie, S. 256, berichtet, entlehnte.)
+Die Souverainetät des Individuums sichert, wie das Wort besagt,
+die absolute Freiheit jedes Menschen, sie untersagt Jedem, irgend
+eine Herrschaft oder irgend eine Kontrolle über einen Andern an
+sich zu reißen. Die Anhänger dieser Lehre sagen: ~entweder~
+Bevormundung des Individuums, d. h. Censuraufsicht über die Presse,
+Polizeiorganisation von Hausspionen, Paßsystem, Schutztarife, Verbot
+der Scheidung, Gesetze, welche das Gefühlsleben der Männer und
+Frauen reguliren, und das ganze System eines willkürlichen Zwanges,
+welcher auf die Freiheit des Individuums geübt wird, ~oder~
+Souverainetät des Individuums, d. h. Preßfreiheit, Redefreiheit,
+Freizügigkeit, Freihandel, Freiheit der Forschung und der Gefühle.
+Von diesem Gesichtspunkte aus ist die einzig mögliche Vertheidigung
+eines die Freiheit beschränkenden Gesetzes die, daß eine vorläufig
+aufgezwungene Ordnung nur der nächste Weg zu einer vollkommneren
+Ordnung mit vollständiger Freiheit sei, denn Freiheit ist das Ideal des
+Individualismus. Die Männer dieser Schule halten die Einmischung des
+Staates in die Gefühlsverhältnisse der Individuen für unberechtigt; sie
+betonen, daß das gesetzliche Band, welches zwei Wesen von verschiedenem
+Geschlecht zusammenzwinge, entweder ~überflüssig~ -- falls das
+Zusammenbleiben ihr eigner Wunsch ist, -- oder ~empörend~ sei
+-- falls es umgekehrt ihrem Wunsche widerstreitet. Sie finden, daß
+die Gesellschaft ein entsetzliches Unrecht wider Individuen begeht,
+von welchen eins das andere verabscheut, wenn sie dieselben nöthigt,
+beisammen zu bleiben und Kinder aus der Neigung des Einen und dem
+Widerwillen des Andern zu zeugen. Sie finden es empörend, daß die
+Gesellschaft eine Frau wider ihren Wunsch zwinge, einem Trunkenbolde
+ein Kind zu gebären, ein Kind, das von dem Augenblick an, wo es zum
+Leben erwacht, die verderbten Triebe und Lüste seines Vaters besitzt.
+Sie nehmen also eben so viel Rücksicht auf die noch ungeborenen Kinder,
+wie Bonald auf die geborenen; sie sehen nicht, wie er, einen Beweis
+der Unvollkommenheit des Weibes, sondern einen Beweis der Rohheit der
+Gesellschaftsordnung darin, daß das Weib wider seinen Willen Mutter
+werden kann. Sie behaupten, vermöge des Abhängigkeitsverhältnisses,
+worin alle Lebenssphären von einander stehen, die Unwahrscheinlichkeit,
+daß ein einziges Gebiet des Menschenlebens durchaus richtig auf dem
+traditionellen Fundamente geordnet sein könne, während die Ordnung
+aller übrigen Gebiete als durchaus verkehrt erfunden und deshalb in
+den letzten hundert Jahren von oben bis unten verändert worden ist.
+Dies ist die Argumentation, welche am häufigsten von den Männern
+dieser Schule angewandt wird. (Siehe z. B. +Stephen Pearl Andrews:
+Love, marriage and divorce. New-York.+ Vergl. auch +Emile de
+Girardin: L'homme et la femme.+) Es ist in diesen wie in vielen
+andern Fällen zweifelhaft, wie weit der reine Liberalismus den rechten
+Weg zum Ziele angiebt. Ich charakterisire hier nur das Princip als
+Gegensatz zu demjenigen der Autorität. Nichts liegt mir ferner, als
+in einer historischen Schilderung zu versuchen, selbst eine Theorie
+aufzustellen. Was ich für meine Person geltend machen will, ist auf
+diesem wie auf allen andern Punkten nur die unbedingte Freiheit der
+Forschung.
+
+Wenn ein Denker in einem katholischen Lande sich frei über die Messe
+oder andere Kirchenceremonien äußert, wird er in der Regel als ein
+Religionsspötter oder gar als ein Atheist bezeichnet. Der Rechtgläubige
+meint nämlich, daß die Religion in gewissen bestimmten Ceremonien
+bestehe oder nur im Zusammenhang mit ihnen bestehen könne, da sie in
+seinem Bewußtsein immer mit demselben associirt gewesen ist. Er ahnt
+nicht, daß der Angreifer eine viel höhere und reinere Auffassung von
+der Idee der Religion, als er selbst, besitzt. Weshalb nicht? Weil
+er bemerkt hat, daß Die, welche er bisher dem äußeren Kultus, an den
+er selbst geknüpft ist, die geringste Achtung hat erweisen sehn,
+unordentliche und unsittliche Menschen, ja fast jedes Verbrechens
+fähig waren. Er zieht nun hieraus vorschnell einen allgemeinen Schluß
+auf alle Diejenigen, welche nicht den Kultus und die Priester der
+Kirche anerkennen, und da er also nicht entwickelt genug ist, um die
+verschiedenen Klassen der Angreifer von einander zu unterscheiden,
+schlägt er den religiösen Philosophen und Enthusiasten über einen
+Leisten mit der gewöhnlichen Sippschaft gottvergessener Schelme. Er
+vermengt Den, welcher über ihm steht, mit Denen, welche unter ihm
+stehen. Ganz eben so geht es, wenn von der herkömmlichen Auffassung
+des Verhältnisses zwischen Mann und Weib die Rede ist. Die Ordnung
+dieses Verhältnisses in einem bestimmten Lande zu einer bestimmten
+Zeit ist nicht mehr die Ehe, als der Katholicismus in Spanien im
+siebzehnten Jahrhundert die Religion ist. Einige stehen ~unter~
+der Ehe-Institution, wie sie ~ist~, Andere stehen ~über~
+ihr, während die Mehrzahl in den civilisirten Ländern sich ganz auf
+dem Niveau dieser Institution, wie sie ist, befindet, die öffentliche
+Meinung in Uebereinstimmung mit ihrer Anschauungsweise bearbeitet, und
+beide Gruppen Andersdenkender zu einer zusammenschweißt, welche dann
+der allgemeinen Verachtung preisgegeben wird.
+
+Das Selbe, was zur Aufstellung des Autoritätsprincips auf den Gebieten
+der Religion und des Staates führt, veranlaßt auch die Aufstellung
+desselben in Betreff der Ordnung des Verhältnisses zwischen den
+Geschlechtern.
+
+Der Fehlschluß in religiöser Beziehung besteht in der Annahme, daß die
+Kirche, weil sie Jahrhunderte hindurch einen civilisatorischen Beruf
+gehabt hat, von wesentlicher Bedeutung für die Existenz erhabener
+Gefühle und Gedanken, und daß die Liebe zu geistigen Wahrheiten
+nicht den Menschen natürlich sei und mit der ganzen Entwicklung der
+Menschheit zunehme, sondern daß sie ihnen durch eine beständige
+Thätigkeit von Bischöfen und Priestern, Kirchen, Kirchenversammlungen
+&c. beigebracht und erhalten werden müsse.
+
+In Betreff des Verhältnisses zwischen Mann und Weib ist die
+entsprechende Thorheit die, zu wähnen, daß die Menschen nicht von
+Natur Ordnung und Harmonie in diesem Verhältnisse lieben, und in um
+so höherem Grade, je entwickelter und feinfühlender sie sind, daß die
+Männer nicht von Natur ihre Kinder und die Mutter ihrer Kinder lieben,
+nicht von Natur Achtung für das andere Geschlecht und für sittliche
+Reinheit hegen, sondern daß all diese Tugenden und Eigenschaften
+erst mittels der Gesetzgebung in der menschlichen Seele fabricirt
+und erhalten werden müssen, obendrein während die Gesetze, seltsam
+genug, nur durch die vereinigte Thätigkeit all' dieser Individuen
+hervorgebracht werden, welche, jedes für sich betrachtet, all' dieser
+Eigenschaften und Tugenden baar sein sollen. Nein, so sehr ist vielmehr
+das Entgegengesetzte wahr, daß nur die Liebe zu all' diesen Tugenden
+und Gütern die Menschen bewegt, oftmals schmerzlich genug, all' die
+künstlichen Ordnungen und Systeme, unter denen sie seufzen, mit Geduld
+zu ertragen und sich ihnen zu unterwerfen, weil sie von Kindesbeinen an
+gelernt haben, daß eine Ordnung wie die gebotene die einzige Sicherheit
+für die Aufrechterhaltung der Tugenden und Güter sei, die sie vor Augen
+haben.
+
+Da in Folge Dessen jedes Studium der Natur und der menschlichen Seele
+zurückgedrängt oder unmöglich gemacht wird, werden die Gemüther dazu
+erzogen, ohne Prüfung oder Untersuchung Dasjenige für wahr anzunehmen,
+was sich auf Tradition oder Autorität stützt, während die Gegner des
+Autoritätsprincips beschuldigt werden, die Unsittlichkeit zu bezwecken
+und zu begünstigen.
+
+Wäre man darauf ausgegangen, das erniedrigendste und verdummendste
+Princip aller Principien auf Erden zu finden, so hätte man zu keinem
+anderen als dem Autoritätsprincip gelangen können.
+
+Das Autoritätsprincip führt konsequent zu Sätzen wie diesen: Die Ehe
+ist um der Gesellschaft willen da, und der Zweck der Gesellschaft ist,
+sich selbst zu erhalten, -- oder, mit einer kleinen Nuance: Die Ehe in
+ihrer traditionellen Form ist heilig, weil sie zur Bewahrung sittlicher
+Reinheit unentbehrlich ist. Und worin besteht sittliche Reinheit? In
+der Beobachtung der Ehe in ihrer traditionellen Form.
+
+Auf diesem Wege kommt man nicht weiter. Man dreht sich im Kreise und
+bleibt beständig auf demselben Fleck.
+
+Wenn die Gegner des Autoritätsprincips dagegen sagen: Der Zweck der
+Gesellschaft ist das höchste Glück ihrer Mitglieder, der Zweck der
+Ehe ist das Wohl der Familie, so ist die Untersuchung freigegeben
+rücksichtlich Dessen, was dies Wohl und jenes höchste Glück ist. Und
+wenn sie weiter sagen: »Sittliche Reinheit besteht in derjenigen
+Art von Verhältnis zwischen Wesen verschiedenen Geschlechts, welche
+im höchsten Grade zum gegenseitigen Wohl und Glück Beider beiträgt,
+die entferntesten Resultate dieser Verbindung eben so wohl wie
+die unmittelbaren in Betracht gezogen«, und wenn diese Definition
+angenommen oder geprüft wird, so sehen wir den Horizont vor uns
+offen und das Feld frei für eine neue radikale und wissenschaftliche
+Forschung, sowohl physiologisch wie psychologisch und ökonomisch, in
+einem Umfange, wie die Welt sie niemals zuvor gekannt hat.
+
+Ordnung und Harmonie! Das sind die Stichwörter bei den Verfechtern
+des Autoritätsprinzips. Ja gewiß, Ordnung und Harmonie! Aber was
+die Welt jetzt lernen muß und wird, selbst wenn es Jahrhunderte
+beanspruchen sollte, ist, daß Ordnung und Harmonie das Werk der
+Wissenschaft sind und niemals das Werk willkürlicher Gesetzgebung
+oder eines Kriminalkodex und einer öffentlichen Meinung sein können,
+die sich auf Tradition und Autorität stützen. Es giebt keine andere
+vernünftige Einrichtung und Ordnung der Gesellschaft, als die, welche
+auf dem wissenschaftlichen Einblick in die Organisation des Menschen
+beruht. Alle Gesellschaften, die der Familie sowohl wie des Staates,
+existiren nicht um ihrer selbst, sondern um der Individuen willen,
+damit die Individuen gewisse große Zwecke und Güter erreichen können.
+Solche Zwecke sind sittliche Reinheit, Erziehung der Kinder, Schutz
+des Weibes. Falls nun diese Zwecke sich nur auf dem Wege, den das
+Autoritätsprincip anweist, erreichen lassen, dann muß man Freiheit
+auf diesen Gebieten selbstverständlich -- im Gegensatze zu Dem,
+wofür man sie auf so vielen anderen Gebieten hält -- für einen Fluch
+halten, sie verfolgen und ausrotten. Falls diese Zwecke hingegen sich
+~möglicherweise~ auf anderen Wegen, möglicherweise ~besser~
+auf anderen Weg erreichen lassen -- und eine solche Möglichkeit zu
+leugnen ist schwer, -- falls sie endlich auf dem traditionellen Wege
+so gut wie ~gar nicht~ erreicht worden sind, so muß eine durch
+keine Rücksicht beschränkte freie Untersuchung ohne die geringste
+Menschenfurcht vor irgend einer Autorität stattfinden. Was ich für
+mein Theil konstatiren will, ist nur Das, daß das Autoritätsprincip
+als ein solches, welches jeder Diskussion den Weg versperrt, das
+schlechteste, dümmste, erniedrigendste von allen ist, und sich selbst
+verurtheilt hat. Wer dadurch, daß er die freie Untersuchung auf irgend
+einem socialen Gebiete verhöhnt oder verwehrt, Ursache davon ist --
+wie er es unzweifelhaft werden muß, -- daß die eine oder andere seinen
+Mitmenschen nützliche Hypothese -- und wäre es nur eine einzige -- sich
+nicht ans Tageslicht getraut oder der Wirklichkeit gegenüber nicht
+geprüft wird, ist ein Verbrecher, für den man die härteste Strafe,
+wenn es Recht und Gerechtigkeit in der Welt gäbe, nicht zu hart finden
+würde. Leider besteht die Mehrzahl aller civilisirten Menschen aus
+Verbrechern dieser Art, so daß die Aussicht, sie bestraft zu sehen,
+freilich gering ist.
+
+Bonald war ein solcher Verbrecher. Seine äußeren Lebensverhältnisse
+waren indeß nicht der Art, daß man in seiner Lebensbahn eine Spur
+von der Rache der Eumeniden erblicken kann. Er wurde im Jahre 1754
+geboren und starb erst 1840, satt an Ehren, und müd seines Lebens.
+Er war erst Militair, verheirathete sich früh, wurde dann zum
+Verwaltungspräsidenten im Departement Aveyron erwählt; er reichte seine
+Entlassung ein, als Ludwig XVI. sich genöthigt sah, die bürgerliche
+Verfassung der Geistlichkeit zu bestätigen, und emigrirte dann 1791.
+Als er in Heidelberg seine »Theorie der Macht« geschrieben hatte, wurde
+fast die ganze Auflage durch die Polizei des Direktoriums vernichtet.
+Ein vereinzeltes Exemplar, das er an Bonaparte gesandt hatte,
+erreichte zum Glück für den Verfasser doch seine Bestimmung und wurde
+Veranlassung, daß ihn Dieser von der Emigrantenliste strich.
+
+Er hatte nicht umsonst die Welt gelehrt, daß jede Revolution durch
+den Unterthan begonnen, aber durch die Macht beendigt wird, daß sie
+aus der Ursache entsteht, weil die Autorität schwach gewesen ist und
+nachgegeben hat, und damit endet, daß die Autorität wieder zu Kräften
+gelangt. Er hatte gezeigt, daß alle Unruhen nur die Macht stärken,
+und geweissagt, daß die Revolution, welche mit der Erklärung der
+Menschenrechte begann, mit der Erklärung der Rechte Gottes enden werde.
+Da Bonaparte nun eben diese durch das Konkordat erklärte, so erlangte
+Bonald bald eine angesehene Stelle. Er fuhr zwar fort, nur für die
+Bourbonen zu schwärmen und von ihnen zu träumen, aber er traf vorläufig
+die Wahl, diesen Träumen in einer Anstellung nachzuhängen, welche der
+Kaiser ihm gab. Er wurde +conseiller tutélaire+ an der Universität
+mit einem Jahrgehalte von 12000 Franks, wofür er nichts zu thun hatte.
+Chateaubriand bespricht seine Bücher mit tiefer Bewunderung, De
+Maistre schreibt ihm nach der Veröffentlichung seiner »+Recherches
+philosophiques+«: Ist es zu glauben, daß die Natur sich damit
+amüsirt hat, zwei Saiten auszuspannen, die so völlig übereinstimmen,
+wie Ihr Geist und der meine! Wenn man jemals gewisse Sachen druckt,
+werden Sie fast die gleichen Ausdrücke finden, die Sie selbst gebraucht
+haben, und doch habe ich wahrlich nichts geändert.« Sie waren
+geschaffen, einander zu verstehen. Welches Ansehen Bonald genoß, sieht
+man z. B. aus dem rührenden Briefe, den Napoleon's Bruder, Ludwig von
+Holland, ihm schrieb, um ihn zu bitten, daß er die Erziehung seines
+ältesten Sohnes übernehme. Er schildert darin zuerst, wie krank er
+beständig sei, wie innig er seinen Sohn liebe, wie sehr es Diesem noth
+thue, von einem Manne in der vollen Bedeutung dieses Wortes gebildet
+zu werden, damit er selbst ein Mann werde. Dann sagt er: »Nachdem ich
+überall gesucht, habe ich, obschon ich Sie nicht persönlich kenne,
+gedacht, daß Sie einer der Männer seien, die ich am höchsten achte. Sie
+werden mir daher verzeihen, daß ich jetzt, wo ich Einen wählen soll,
+dem ich mehr als mein Leben anzuvertrauen gedenke, mich an Sie wende.
+Wenn das Glück, dessen Sie sich unzweifelhaft in einer friedliebenden
+Häuslichkeit erfreuen, Sie nicht unempfindlich für das Gute gemacht
+hat, das Sie, ich sage nicht für mich, ein Individuum, sondern für
+ein ganzes Volk zu vollbringen vermögen, welches noch achtungswerther
+als unglücklich ist, und Das will Viel sagen, -- so übernehmen Sie
+die Aufgabe, der Erzieher meines Sohnes zu sein«. Und er schließt in
+demselben Tone, indem er sich gegen die Verleumdungen seiner Person
+vertheidigt, die nach seiner Meinung Bonald zu Ohren gekommen sein
+könnten. Mit solcher Demuth näherte ein König sich diesem Manne -- und
+vergebens, er lehnte die Aufforderung ab.
+
+Ein anderer, noch auffallenderer Zug beweist, welchen Einfluß und
+welches Gewicht man damals so despotisch gesinnten Autoritätsmännern,
+wie ihm, beimaß. Eines Tages empfing Bonald ein Billet mit dem
+Ersuchen, sich bei dem Kardinal Maury einzufinden. Dieser war jetzt
+unter dem Kaiserthume ein anders mächtiger Mann geworden, als da er in
+der Nationalversammlung Reden wider die Bürgerrechte der Juden hielt.
+Als Bonald allein mit dem Kardinal war, richtete Dieser die Frage
+an ihn, was er sagen würde, wenn der Kaiser ihn ersuchen ließe, die
+Erziehung des Königs von Rom zu übernehmen? Einen Augenblick stand
+Bonald verwirrt über so viel Ehre; dann gab er, wie man berichtet,
+die ablehnende Antwort: »Ich bekenne, wenn ich ihn jemals lehrte, zu
+herrschen, so sollte es eher an jedem anderen Orte als in Rom sein.«
+Unter der Restauration wurde er dann einer der Haupturheber davon, daß
+Rom und dessen Geist: das Autoritätsprincip, zur Herrschaft gelangten,
+statt beherrscht zu werden. Er hatte sein ganzes Leben hindurch die
+Preßfreiheit bekämpft. Er endete damit, daß die ganze Censur ihm
+unterstellt war.
+
+
+
+
+5.
+
+
+Es gab in Frankreich unter dem Kaiserthum keine Poesie. Napoleon war
+der einzige Dichter der Zeit. Die Reihe seiner Kriege und Siege war
+~eine~ große Iliade, der Feldzug nach Rußland eine gigantische
+Tragödie, mit der keine, die man am Pult ausgearbeitet, sich messen
+konnte. Schon unter der Revolution war aus verwandten Ursachen die
+Poesie verschwunden. Einzelne Dichter schrieben zwar noch Tragödien
+im alten Stil, nur daß sie Voltaire's philosophische Tragödie in
+eine politische verwandelt hatten und die Republiken von Rom und
+Griechenland für die neue französische Republik zurecht stutzten,
+welche die Vorbilder ihrer Helden in Rom's und Athen's sogenannten
+Sanskulotten fand; aber das Interesse, welches sich an diese
+Schauspiele knüpfte, war gering im Vergleich zu demjenigen, welches die
+großen Dramen der Nationalversammlung und des Konvents darboten. Wie in
+der alten Zeit die Gladiatorenkämpfe das Interesse für die Schauspiele
+vernichteten, in denen Keiner wirklich getödtet ward, so machten die
+Schlußscenen der Debatten des Konvents, in welchen die Besiegten
+zum Schafotte abgeführt wurden, dem fünften Akt der Tragödien eine
+furchtbare Konkurrenz. Der Dolch Melpomenens konnte auf die Dauer an
+Interesse nicht mit der Guillotine wetteifern. Wer vermochte poetisch
+eine Gemüthserregung hervorzurufen, welche derjenigen entsprach, die
+die Zuschauer bei der Anklage, Verurtheilung und dem Tode des Königs
+und der Königin empfanden! Wer konnte auf der Bühne eine Intrigue
+anspinnen, die so gut geschürzt war, wie diejenige Robespierre's und
+Danton's gegen Vergniaud und die Gironde, oder wie diejenige der
+Kontrerevolution gegen Robespierre! Man hat Zeugnisse dafür, daß
+die Zeitgenossen diese Empfindung besaßen. Der bekannte Uebersetzer
+Shakspeare's, Ducis, schreibt an einen Freund, der ihn aufforderte,
+für das Theater zu arbeiten: »Was sprichst Du mir von Tragödien! Die
+Tragödie ist rings umher auf der Gasse. Sobald ich den Fuß vor die Thür
+setze, schreite ich in Blut bis zu den Knöcheln.« Daß in diesen Worten
+keine Uebertreibung lag, beweist ein Brief, den Chaumette 1793 an den
+Magistrat von Paris sendet, worin besonders darüber geklagt wird, daß
+Kurzsichtige beständig der Fatalität ausgesetzt seien, in Menschenblut
+zu treten.
+
+Unter Napoleon kam noch der Umstand hinzu, daß man einen Herrn hatte.
+Versuchte ein einzelner Schriftsteller, wie Raynouard, sich ein
+wenig von der gewöhnlichen Bahn zu entfernen, so wurde er in seinen
+Bestrebungen gehemmt. Sein Stück »Die Stände von Blois«, das in
+Saint-Cloud gespielt worden war, wurde auf ausdrücklichen Befehl des
+Kaisers selbst in Paris verboten. Die Kanonen allein hatten das Wort.
+Die Kanone, welche, vor dem Invaliden-Hotel aufgepflanzt, beständig
+Siege auf Siege verkündete, übertäubte alle anderen Stimmen. Und
+alle jugendlich begeisterten Herzen, alle Feuerseelen, die sich zu
+anderen Zeiten in der Poesie Luft gemacht hatten, alle Die, welche am
+wärmsten für die Freiheit und die Ideen der Revolution entflammt waren,
+eilten jetzt zu den Fahnen und suchten, indem sie sich in Kriegsruhm
+berauschten, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Poesie zu vergessen. Wie
+ein seelenvolles Lied in einem Zimmer abgebrochen wird und endet, wenn
+ein ununterbrochenes Gerassel schwerer Wagen die Straße erschüttert,
+so wurde das geistige Leben ausgelöscht. Ein paar Anekdoten aus der
+Zeit des Kaiserthums schildern den Lärm und den Druck. Man frug den
+Metaphysiker Sièyes: »Was denken Sie in dieser Zeit?« Er erwiderte:
+»Ich denke gar nicht«. Man frug den General Lafayette: »Was haben Sie
+während des Kaiserreichs für Ihre Ueberzeugung gethan?« Er antwortete:
+»Ich erhielt mich aufrecht«.
+
+Nur einzelne Kunstarten ließen sich von der Epoche inspiriren: die
+Malerei und die Schauspielkunst. Gérard malte die Schlacht bei
+Austerlitz, Gros die Pestkranken in Jaffa, die Schlachten bei Abukir
+und bei den Pyramiden. Talma, der nach seiner eigenen Erzählung eines
+Abends, als er mit den Führern der Girondistenpartei zusammen war,
+zum ersten Male verstanden und gelernt hatte, die Republikaner Rom's
+zu spielen, nicht wie Knaben in der lateinischen Schule sie sich
+vorstellen, sondern als Männer, -- Talma lernte von Napoleon, Cäsaren
+und Könige spielen. Nach der bekannten Tradition ließ Bonaparte sich
+von Talma darin unterrichten, kaiserliche Stellungen anzunehmen. Das
+Umgekehrte ist die Wahrheit. Talma lernte von Napoleon das Imponirende
+seines Auftretens, den kurzen befehlenden Ton, die gebieterischen
+Handbewegungen, welche er später auf die Bühne brachte. Während seiner
+letzten Krankheit lag er noch vom Fieber gequält und halb wahnsinnig da
+und erforschte im Spiegel die Spuren von Wahnsinn und Grausen in seinem
+Antlitz. »Da hab' ich sie!« rief er und schlug sich vor die Stirn;
+falls ich wieder die Bühne betrete, werde ich es genau so machen, wenn
+ich Karl +VI.+ als toll darstelle«. So leidenschaftlich liebte
+er seine Kunst. Er erhob sich jedoch nicht wieder, und mit ihm starb
+die einzige unter den Künsten des Wortes, die während des Kaiserreichs
+geblüht hatte.
+
+Nur eine Abart der Literatur gewinnt einen Einfluß, wie sie ihn niemals
+zuvor gehabt hatte, die jüngste von all' ihren Arten, welche, bis
+jetzt unbedeutend, bald eine Macht wird, nämlich die Journalistik.
+Das bekannte Tagesblatt »+Journal des Débats+« wird gegründet,
+um den Kampf gegen Voltaire einzuleiten und den herrschenden Ideen
+der Zeit ein Organ zu schaffen. Man bediente sich aller Mittel. Ganz
+wie heutigen Tags die klerikale Presse in Frankreich Voltaire als
+»den elenden Preußen« bezeichnet, so suchte man damals in Voltaire's
+Briefen die Stellen auf, welche ihn zum Vaterlandsverräther stempeln
+konnten. Man fand in seinen Briefen an den König von Preußen das
+platte Kompliment: »Jedesmal, wenn ich an Ew. Majestät schreibe,
+zittere ich wie unsere Regimenter bei Roßbach«, und man hoffte mit
+Hilfe solcher Citate den Sieger von Jena gegen die Philosophen dieser
+Schule aufzuhetzen. Man machte auch besonders geltend, daß nach dem
+Zeugnis von Zeitgenossen die Hauptursache der Muthlosigkeit des
+französischen Heeres im Kampfe gegen Friedrich die gewesen sei, daß
+die Officiere eine Art phantastischer Bewunderung für den König von
+Preußen hegten, welche so weit ging, daß sie sich nicht einmal die
+Möglichkeit denken konnten, einen Feldherrn zu schlagen, der all' die
+Ideen repräsentirte, welche sie selbst beseelten. Anstatt nun hieraus
+einen Schluß zu Gunsten jener Ideen zu ziehen, zog man im Gegentheil
+einen ungünstigen Schluß Betreffs der Personen, welche, wie Voltaire,
+dieselben in Frankreich ausgebreitet hatten, und stempelte sie zu
+Vaterlandsverräthern. Um einen Begriff von dem Tone des Blattes zu
+geben, citire ich folgende Worte des Hauptredakteurs. »Wenn ich sage
+die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, so meine ich Alles, was
+falsch ist in Gesetzgebung, Moral und Politik«. -- Noch ein zweites
+Organ war in Händen der neukatholischen Schule, der »+Mercure+«,
+dessen Hauptredakteure Chateaubriand und Bonald waren. Gegen diese
+mächtigen Organe versuchten die Schriftsteller, welche die Trümmer der
+Armee des achtzehnten Jahrhunderts bildeten, einen Kampf, aber die Zeit
+brachte ihnen keinen günstigen Fahrwind.
+
+Wie früher der ganze Eifer der kämpfenden Mächte darauf gerichtet
+gewesen war, das Publikum oder das Volk für sich und ihre Ideen zu
+gewinnen, so gingen jetzt unter der Despotie alle Anstrengungen
+dahin, die Poesie des Gewalthabers zu gewinnen. Das »+Journal des
+Débats+« suchte den Kaiser gegen die Philosophie einzunehmen.
+Die Philosophen suchten ihn gegen das »+Journal des Débats+«
+aufzubringen. Die Klerikalen wiesen auf die Philosophen und sagten:
+»Nimm Dich in Acht vor den Männern, welche so schreiben! Sie sind
+Niederreißer von Fach, sie hassen Dich, wenn auch nur weil Du
+ein Baumeister bist, und wollen das Gebäude niederreißen, das Du
+aufführst«. Die Philosophen zischeln ihm von der anderen Seite ins Ohr:
+»Weißt Du, was die Menschen dort in dem anderen Lager wollen? Sie
+wollen Dich bethören, ein Haus zu errichten, dessen Schlüssel sie sich
+dann für einen Andern ausbitten werden. Wenn Du ihrem Rathe folgst, so
+arbeitest Du dafür, Dich selbst überflüssig zu machen. Hörst Du nicht,
+wie sie beständig nach Ordnung schreien? Bald wirst Du die einzige
+Unordnung sein, die es noch in Frankreich giebt. Man wird Dich dann
+zwingen, auszuziehen, wie der Baumeister sich entfernt, wenn der Herr
+des Hauses sein Eigenthum in Besitz nimmt«.
+
+Es waren unzweifelhaft, wie ja auch die Zukunft bewies, die
+Philosophen, welche hier Recht hatten. Die Anhänger der neukatholischen
+Schule waren und blieben innerlich an die alte Dynastie geknüpft. Ihre
+Methode war die, Delille, weil er in Ungnade war, und Chateaubriand,
+welcher besonders seit der Erschießung des Herzogs von Enghien
+eine feindliche Haltung gegen Napoleon annahm, zu rühmen, kurz die
+politische Frage in die literarische Debatte zu mischen. Man pries
+Racine, aber auf solche Weise, daß leicht zu sehen war, Ludwig
++XIV.+ sei gemeint; man schmähte Voltaire, aber so, daß man die
+revolutionäre Partei hinter seinem Rücken traf; man hob die Lichtseiten
+der früheren Regierung hervor, unter dem Vorwande, die Geschichte der
+Vergangenheit zu schreiben, und bewies, so gut man vermochte, daß sie
+auf den Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit geruht habe, unter
+dem Vorwande, einen Kursus in der Philosophie zu geben.
+
+Napoleon, der aufs sorgsamste der Zeitungsliteratur folgte, verlor
+zuletzt die Geduld. Ein Billet ist uns aufbewahrt geblieben, das einem
+Beamten Napoleon's zugestellt ward, um den Privatkorrespondenten
+des Kaisers, dem Herausgeber des »+Mercure+« Fiévée, übergeben
+zu werden, worin jedes Wort charakteristisch ist. Vor Allem ist
+hier jedoch der Uebergang von der unpersönlichen zur persönlichen
+Ausdrucksweise interessant. Wer der Verfasser des Billets sei, wird
+gar nicht in demselben gesagt; Anfangs spricht das unbestimmte anonyme
+Wesen, welches man die Regierung nennt; plötzlich fühlt man, wer die
+Feder lenkt, der Löwe weist seine Krallen. Das Billet lautet: »Mr. de
+Lavalette soll sich zu Mr. Fiévée begeben und ihm sagen, ~man~
+lese das »+Journal des Débats+« mit mehr Aufmerksamkeit, als
+die anderen Blätter, weil es zehnmal so viel Abonnenten habe, und
+~man~ bemerke darin Artikel, die in einem den Bourbonen günstigen
+Geiste, also mit großer Gleichgültigkeit für das Wohl des Staates
+geschrieben seien; ~man~ habe beschlossen, Alles zu unterdrücken,
+was in diesem Blatte von allzu schlechter Gesinnung sei; das System
+sei, mit großer Langmuth zu warten; es sei jedoch jetzt nicht genug,
+nicht direkt feindlich zu sein; ~man~ habe das Recht, zu
+verlangen, daß sie der herrschenden Dynastie ganz ergeben seien, und
+daß sie Alles, was den Bourbonen Glanz verleihe oder ihnen günstige
+Erinnerungen heraufbeschwören könne, nicht dulden, sondern bekämpfen;
+~man~ habe indessen noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt; aber
+~man~ sei geneigt, das »+Journal des Débats+« forterscheinen
+zu lassen, wenn man mir Männer vorschlägt, zu denen ~ich~ Zutrauen
+haben und welche ~ich~ an die Spitze dieses Blattes stellen kann«.
+Man sieht, wie die Verhältnisse sich entwickelten. Im Verlauf der
+Regierung des Kaisers wurde der Neukatholicismus mehr und mehr aus der
+Gunst und Gewogenheit verdrängt, deren er sich von Anfang an erfreuen
+durfte, und erst unter den Bourbonen triumphirte er wieder gänzlich.
+Gleich nach Napoleon's Thronbesteigung schreiben Chateaubriand,
+Bonald und De Maistre frei, das »+Journal des Débats+« wird
+aufgefordert, seinen Kreuzzug wider die Philosophie des achtzehnten
+Jahrhunderts zu unternehmen, der Papst besucht Napoleon in Paris,
+die Geistlichkeit wird geehrt, Frayssinous predigt ungehindert.
+Gegen das Ende des Kaiserreichs müssen die Führer der katholischen
+Partei verstummen, das »+Journal des Débats+« ist konfiscirt,
+der Papst ein Gefangener, die Klerisei dem Kaiser verhaßt, und die
+Kanzel Frayssinous verschlossen. Erst 1814 wird gleichzeitig mit der
+politischen Restauration eine Erneuerung der religiösen unternommen,
+welche vollständig befestigt, was durch das Konkordat begonnen war.
+
+Ist es nun auch nicht zu Viel gesagt, daß es unter Napoleon keine
+eigentliche Poesie gab, so ist doch nicht minder gewiß, daß unter
+seiner Herrschaft ein nicht bedeutungsloser Versuch gemacht wurde, dem
+Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts zu geben, was Voltaire dem
+vorhergehenden in seiner Henriade zu geben versucht hatte: nicht mehr
+noch minder als eine große nationale Epopöe.
+
+Die Aufgabe war bedenklich, Das läßt sich nicht leugnen. Zu einer
+Zeit, wo Frankreich Europa mit Helden wie Ney und Murat und all'
+den Marschällen des neuen Kaiserreichs erfüllte, wo Napoleon alle
+offenen Wunden Frankreichs mit eroberten feindlichen Fahnen verband,
+wo die Thaten der Gegenwart alle Thaten der Vergangenheit in Schatten
+stellten, -- wo sollte man da einen geeigneten Helden für ein Epos und
+wo sollte man Thaten finden, welche die Lesewelt fesseln konnten?
+
+Der Mann, welcher sich an ein solches Beginnen wagte, war kein Anderer,
+als Der, welcher von Anfang an auf eine Aufsehen erregende Art die
+literarische Bewegun] der Periode eingeleitet hatte, Derjenige, welcher
+von Allen am meisten »+en vue+« war, nämlich Chateaubriand.
+Er empfand nicht allein Lust, sondern eine Art Verpflichtung, eine
+Epopöe zu schreiben. Er hatte ja in seinen ersten Werken behauptet,
+daß die Legenden der christlichen Religion die heidnischen Mythen an
+Schönheit weit überträfen, daß dieselben dem Dichter mehr böten, daß
+alle Charaktere: Vater, Gatte, Liebhaber und Braut, als christliche
+Menschen schöner und poetischer, denn als natürliche, seien. Es galt
+für ihn, das Beispiel der Regel, den Beweis dem Lehrsatze hinzuzufügen,
+und um die Wahrheit seiner Behauptung und die Stärke seines Talentes
+darzuthun, beschloß er, ein christliches Epos zu verfassen. Er suchte
+daher seine Helden nicht auf einem der großen Schlachtfelder Europa's;
+Namen wie Marengo und Austerlitz machten keinen Eindruck auf ihn. In
+Uebereinstimmung mit der ganzen Geistesrichtung, die er eingeschlagen
+hatte, wählte er sich nicht aktive, sondern passive Helden,
+überhaupt nicht Helden, sondern Märtyrer, zum Gegenstande seines
+Darstellungstalents und betitelte solchermaßen sein Epos, das für uns
+übrigens mehr einem gewöhnlichen zweibändigen Romane gleicht, da es in
+Prosa geschrieben ist: »Die Märtyrer, oder der Triumph der Religion«.
+Um diese Wahl des Stoffes recht zu verstehen, muß man bedenken,
+daß der Ideenkreis, in welchem die Männer dieser Schule lebten, in
+Wirklichkeit nicht derjenige des Kaiserthums, sondern der nach
+rückwärts gerichteten Emigranten war. Man hatte sich noch nicht von
+seinem Grausen über die Thaten der Revolution erholt. Man sah in den
+Führern der Revolution lauter Blutmenschen, in der niedergeschlagenen
+Partei lauter Opfer. Der eigentliche Held war für diese Männer nicht
+Napoleon, der unternehmungslustige Krieger, sondern Ludwig +XVI.+,
+der unschuldige Märtyrer. Was waren sie anders, als Märtyrer, alle
+die christlichen Priester, die um ihres Glaubens willen in den
+Septembertagen niedergemetzelt worden waren, alle die der Königsmacht
+von Gottes Gnaden treu ergebenen Männer und Frauen, welche den Tod in
+der Vendée erlitten hatten! So schuldlose Opfer, wie die Prinzessin
+Lamballe oder die jungen Mädchen in Verdun während der Revolution und
+wie der Herzog von Enghien in der jüngsten Zeit, waren Heldinnen, und
+Helden, die einer Verherrlichung werth erschienen, tausendmal mehr als
+Die, welche sich auf allen Schlachtfeldern Europas mit Blut befleckten.
+
+Schon im Jahre 1802 hatte Chateaubriand die Idee zu seinem Epos
+gefaßt, 1806 waren die ersten Gesänge fertig. Aber die Handlung sollte
+sich über die ganze in der alten Zeit bekannte Welt erstrecken.
+Chateaubriand war keine bequeme Natur, er fühlte sich nicht geneigt,
+das Werk so rasch wie möglich zu vollenden, um so leicht wie
+möglich auf seinen Lorbeern zu ruhen. Er unterbrach daher seine
+Arbeit und reiste im Juli 1806 ab, um Griechenland, den Orient,
+Jerusalem, Aegypten, Karthago zu besuchen und über Spanien nach Paris
+heimzukehren. Der nächste Zweck dieser Reise war, wie er in der Vorrede
+zu seinem später veröffentlichten »+Itinéraire+« offen bekennt,
+das begonnene Gedicht zu vervollkommnen. Er sagt: »Ich habe diese Reise
+nicht unternommen, um sie zu beschreiben. Ich hatte einen bestimmten
+Zweck bei derselben; diesen Zweck habe ich in den Märtyrern erfüllt,
+ich suchte Bilder, das war Alles«.
+
+Das war jedoch nicht Alles, weder Alles, was Chateaubriand mit seiner
+Reise bezweckte, noch Alles, was man nach seinem Wunsche in derselben
+erblicken sollte. Chateaubriand ist +Childe Harold+ vor dem
+wirklichen; Chateaubriand ist der Byron der Restauration. Gerade wie
+sein René ein Vorläufer der Byron'schen Helden ist, so ist er selbst
+auf seinen Pilgerfahrten ein Vorgänger jenes halb erdichteten, halb
+wirklichen Harold, den die Lust nach Abenteuern und die Sehnsucht
+nach Eindrücken von Land zu Lande jagt. Aber als ein Byron der
+Restaurationszeit kann er nicht, wie der englische Lord, der noch
+Vikingerblut in seinen Adern empfand, sich damit begnügen, ein so
+vereinzeltes Motiv seiner Fahrten ehrlich zu bekennen. Es wäre wenig im
+Geiste der Restaurationszeit gewesen, es hätte wenig zu Chateaubriand's
+Rolle in jener Zeit gestimmt, nach Jerusalem zu ziehen, um Landschaften
+zu studiren, seine Palette mit Farben und sein Skizzenbuch mit
+Entwürfen zu füllen. Wenn Childe Harold von seiner Pilgerfahrt spricht,
+nimmt er das Wort in figürlicher Bedeutung, Chateaubriand gebraucht
+es ganz buchstäblich. Er theilt Allen mit, daß er nach dem heiligen
+Lande reise, um sich durch den Anblick der heiligen Stätten zu erbauen.
+Er bringt Wasser aus dem Jordanflusse mit heim, und als später der
+Graf von Chambord geboren wird, hat er es bei der Hand, um das
+königliche Kind damit taufen zu lassen. Er sagt selbst: »Es mag seltsam
+erscheinen, heutigen Tages von heiligen Gelübden und Pilgerfahrten zu
+reden; aber in diesem Punkte bin ich, wie bekannt, ohne Scham und habe
+mich schon längst selber in die Reihe der Abergläubischen und Schwachen
+gestellt. Ich werde vielleicht der letzte Franzose sein, der mit den
+Ideen, Zwecken und Gefühlen eines mittelalterlichen Pilgrims aus seiner
+Heimat zum heiligen Lande gezogen ist. Aber besitze ich auch nicht die
+Tugenden, welche vordem bei den Herren von Coucy, Nesles, Chastillon
+und Montfort glänzten, so habe ich doch wenigstens noch den Glauben,
+und an diesem Zeichen würden sogar die alten Kreuzfahrer mich als einen
+ihres Gleichen erkennen.«
+
+Ist es nun schon ein starkes Stück von einem rein modernen Geiste, wie
+Chateaubriand, sich Pilgrimsgefühle und Pilgrimszwecke beizulegen, da
+die alten Pilgrime, so viel bekannt, nicht nach Bildern und Eindrücken
+für literarische Produktionen umherreisten, was soll man gar sagen,
+wenn man in Chateaubriand's hinterlassenen Memoiren ein Geständnis
+über den ferneren Zweck dieses Aufsuchens von Bildern findet, welche
+das grellste Licht auf jene zuletzt angeführten Worte wirft? Durch
+seine Anstrengungen, Ruhm zu erreichen, durch seine Studien und Reisen
+hoffte er die Gunst einer Dame zu gewinnen, in die er verliebt war.
+An und für sich ist ja Nichts natürlicher. Er war noch jung. Er besaß
+einen glühenden Ehrgeiz und liebte mit Leidenschaft. Was Wunder,
+daß er sich selbst zurief: »Ruhm, größeren Ruhm, mit vollerem Recht
+erworbenen Ruhm, um sie besser zu verdienen, um ihr meinen ernsten
+Vorsatz zu beweisen, mich ihrer Gunst würdig zu machen!« Sie scheint
+außerdem ehrgeizig für ihn gewesen zu sein, ihm ihren Besitz in weiter
+Ferne als Lohn neuer Anstrengungen in Aussicht gestellt zu haben.
+Mag sogar etwas Mittelalterliches, an die Ritterzeit Erinnerndes in
+diesem Verhältnisse gewesen sein! aber was für eine Prälatenseele muß
+man besitzen, um hier von Kreuzzug und Pilgerfahrt reden zu wollen!
+Chateaubriand sagt in seinen +Mémoires d'outre-tombe+: »Aber
+habe ich auch in der Reisebeschreibung Alles von dieser Reise gesagt,
+welche in der Hafenstadt Desdemona's und Othello's begann? Wallfahrtete
+ich mit reuigem Gemüth zu Christi Grabe? ~Ein einziger Gedanke~
+verzehrte mich; ich zählte mit Ungeduld die Augenblicke. Vom Verdeck
+meines Schiffes, die Augen auf den Abendstern geheftet, bat ich ihn um
+günstigen Wind, der mich rasch von dannen führe, um Ruhm, damit ich
+geliebt würde. Ich hoffte mir Ruhm in Sparta, in Zion, in Memphis, in
+Karthago zu erwerben und ihn nach der Alhambra mitzubringen. Würde man
+die Erinnerung an mich mit so ausdauernder Treue bewahrt haben, wie ich
+meine Proben ablegte?... Wenn ich heimlich einen Augenblick des Glücks
+genieße, so ist dasselbe verwirrt durch die Erinnerung an jene Tage der
+Verführung, der Bezauberung und des holden Wahnsinns.«
+
+So spricht Tannhäuser, als er dem Venusberge entronnen ist, aber
+Peter der Einsiedler führte nicht diese Sprache, als er vom heiligen
+Grabe zurückkehrte. Die Dame, welche Chateaubriand ein Rendezvous in
+der Alhambra bestimmt hatte, war die junge Madame De Mouchy, welche
+von Zeitgenossen als ein Wunder von Schönheit, Anmuth und Feinheit
+geschildert wird. Sie starb im Wahnsinn. -- Chateaubriand war seit
+1792 vermählt. Seine Ehe war vielleicht eine Unbesonnenheit, aber
+hätte er als ein so eifriger Fürsprecher der christlichen Moral sie
+nicht respektiren müssen, auf welche Art sie auch geschlossen sein
+mochte? Er schildert ihr Zustandekommen folgendermaßen in seinen
+Memoiren: »Die Sache ward ohne mein Wissen betrieben ... Ich fühlte
+mich in keiner Beziehung zum Ehemanne geeignet. Alle meine Illusionen
+lebten noch, Nichts in mir war erschöpft; die Energie meines Lebens
+war sogar verdoppelt durch meine Reisen. Ich wurde beständig von der
+Muse geplagt. Meine Schwester hielt viel von Mademoiselle De Lavigne
+und sah in dieser Ehe für mich eine unabhängige Stellung. Bringe sie
+denn zu Stande, sagte ich. Bei mir ist die öffentliche Persönlichkeit
+unerschütterlich, aber die Privatperson ist die Beute eines Jeden,
+der sich ihrer bemächtigen will, und um den Verdrießlichkeiten einer
+Stunde zu entgehen, könnte ich mich für ein Jahrhundert zum Sklaven
+machen.« Glücklicherweise fühlte er sich nicht allzu sehr gebunden. Als
+heimgekehrter Pilgrim schrieb er nun seine Epopöe.
+
+Eine Epopöe im neunzehnten Jahrhundert! Es giebt in unseren Tagen
+Niemand mehr, der an die Möglichkeit einer solchen glaubt. Eine klarere
+Einsicht in die historischen Bedingungen des Entstehens der großen
+Vorzeits-Epopöen, als irgend eine frühere Zeit sie besaß, hat uns
+von der Nutzlosigkeit überzeugt, heutigen Tages mit Werken von der
+Frische und Naivetät der Ilias und der Odyssee wetteifern zu wollen.
+Eben so wenig, wie ein wirklicher Dichter in jetziger Zeit darauf
+verfallen könnte, die Veda-Hymnen, die Psalmen David's oder Völuspà
+nachahmen zu wollen, eben so wenig versucht Jemand in heutiger Zeit
+mit den unvergänglichen Werken zu rivalisiren, in welchen am Morgen
+der Zeiten ein Volk kindlich seine ganze Götter- und Sagenwelt dem
+Zuhörer vorübergleiten ließ, wie die Griechen es in ihren nationalen
+Heldengedichten, die Deutschen im Nibelungenliede und die Finnen im
+Kalewala gethan haben. Die Epopöen, welche, wie diejenigen Virgil's und
+Tasso's, Camoens', Klopstock's und Voltaire's, jene alten Volksgedichte
+mit Bewußtsein und Studium nachahmen, und welche das Mirakulöse in
+ihnen in eine todte epische Maschinerie verwandelten, haben niemals
+den Rang ihrer Vorbilder erreichen können, und besitzen nur Werth in
+dem Grade, in welchem sie ihnen der Zeit und dem Geiste nach innerlich
+nahe stehen. Je weniger Naivetät sie besitzen, desto kälter stehen
+wir ihnen gegenüber. Die nicht mißlungenen epischen Gedichte welche
+in neuerer Zeit geschrieben sind -- ich nenne als Beispiel Goethe's
+Hermann und Dorothea oder aus jüngsten Tagen Hamerling's König von Zion
+-- haben den epischen Apparat ganz aufgegeben. Aber Das war keineswegs
+Chateaubriand's Absicht. Im Gegentheil! Es galt ja eben denselben zu
+verdoppeln, den christlichen Apparat in seiner Ueberlegenheit über den
+antiken strahlen zu lassen.
+
+Da er kein Versdichter ist, beschließt er sein Werk in Prosa zu
+schreiben; aber ein wie großer Meister er auch in dieser Kunstart ist,
+so ahnt man doch schon, wie er nach einem Stile umhertasten wird.
+
+Alle möglichen Einwirkungen durchkreuzen sich bei ihm: Homer und die
+Offenbarung Johannis, Dante und Milton, die Kirchenväter und Sueton.
+Die Handlung ereignet sich zur Zeit Diokletian's, die Hälfte der
+auftretenden Personen sind Heiden, die Hälfte Christen. Der Held
+Eudorus gewinnt das Herz eines jungen heidnischen Mädchens, bekehrt sie
+und stirbt mit ihr als Märtyrer im Kollosseum zu Rom. Ihr Vater ist
+Grieche und begeisterter Apostel Homer's. Die Episoden spielen in dem
+alten Gallien.
+
+Ich will ein paar Beispiele davon geben, zu welcher Manierirtheit
+und welchen Uebertreibungen die Nachahmung des homerischen Stils den
+Verfasser verlockt hat. Zuerst stellt er seine Griechen als allzu
+gläubig dar, sie drücken sich mit eben so viel kindlichem Glauben
+an die Götter aus, wie die homerischen Helden, von denen sie durch
+mindestens elfhundert Jahre geschieden sind. Wer weiß nicht, daß die
+Griechen jener Zeit ihren Göttern gegenüber vollkommene Skeptiker und
+mehr als halbwegs Rationalisten waren, selbst wenn sie an dieselben
+glaubten. Das junge griechische Mädchen findet den Helden Eudorus unter
+einem Baume ruhen. Er ist jung und schön. Er erhebt sich rasch, als
+er sie bemerkt. »Wie?« sagte sie verwirrt zu ihm, »bist Du nicht der
+Jäger Endymion?« -- »Und Du,« versetzte der junge Mann, nicht weniger
+verwundert, »bist Du nicht ein Engel?« Das sind keine Komplimente,
+sondern die Fragen sind völlig ernst gemeint. So leicht haben jedoch
+kaum jemals junge Liebende einander buchstäblich für Sagengestalten
+angesehen. -- Der Vater Cymodoce's spricht in demselben Stile zu dem
+jungen Manne: »Mein Gast, vergieb mir meinen Freimuth, ich habe immer
+der Wahrheit gehorcht, der Tochter Saturn's und der Mutter der Tugend.«
+Schon zur Zeit Platon's vermochte ein Grieche sehr wohl der Wahrheit zu
+erwähnen, ohne von ihren Eltern oder den Großeltern der Tugend zu reden.
+
+Noch ein paar Wendungen, die sich wie Uebersetzungen aus dem Homer
+ausnehmen: Als das junge Mädchen verwundert ist, Eudorus, den sie nicht
+kennt, zu erblicken, und als sie wissen will, wer er ist, frägt sie:
+»In welchen Hafen ist Dein Schiff eingelaufen? Kommst Du von Tyrus,
+das wegen des Reichthums seiner Kaufleute so berühmt ist? Oder von dem
+lieblichen Korinth, nachdem Du reiche Gaben von Deinen Gastfreunden
+empfangen hast?« &c.
+
+Alles Dies möchte im Dialog allenfalls noch passiren, aber was
+soll man sagen, wenn der Erzähler selbst, bald die fünfzehnhundert
+Jahre vergessend, welche ihn von seinen Personen scheiden, dieselbe
+Redeweise wie sie anstimmt, bald wieder Wendungen gebraucht, welche den
+Ritterromanzen des Mittelalters entnommen sind? In rein homerischem
+Stil sagt er z. B.: »Nichts würde die Freude des Demodocus gestört
+haben, wenn er einen Gatten für seine Tochter hätte finden können,
+der sie mit aller schuldigen Rücksicht behandelt hätte, ~nachdem er
+sie in ein von Reichthümern erfülltes Haus geführt~.« Und im Ton
+der mittelalterlichen Romanzen heißt es von Velleda, der gallischen
+Druidin: »+fille de roi à moins de beauté, de noblesse et de
+grandeur+«.
+
+Und spricht nun der Dichter zuweilen in einem Stile, als wäre er
+selbst der letzte Homeride, so sprechen dagegen seine Personen
+oftmals, als ahnten sie die ganze moderne Bildung voraus. So sagt der
+christliche Bischof Cyrillus von den heidnischen Mythen: »Eine Zeit
+wird vielleicht kommen, wo diese Unwahrheiten der kindlichen Vorzeit
+nur noch sinnreiche Fabeln, Gegenstände für die Gesänge der Dichter
+sein werden. Aber in unsern Tagen verwirren sie die Geister.« Welch ein
+aufgeklärter Mann!
+
+Das ganze Gedicht durchzugehen, liegt nicht in meinem Plane. Es
+liegt sogar außerhalb meines Planes, das bedeutende Talent, welches
+der Verfasser hier entfaltet, in sein volles Licht zu stellen.
+Ich kann höchstens den Leser auf die Schönheit einzelner Scenen
+aufmerksam machen, z. B. auf diejenige, wo die griechische Familie der
+christlichen, welche gerade auf dem Felde Garben bindet, einen Besuch
+macht, oder auf Episoden wie Velleda's Tod. Ueber der ersten Stelle
+schwebt ein eigenthümlicher religiös-idyllischer Reiz; sie erinnert
+an das Buch Ruth und hat einen rein evangelischen Duft. Velleda
+hat Chateaubriand als Dichter mit dem ganzen Feuer, mit dem ganzen
+göttlichen Wahnsinn seines Genies gezeichnet. Ich kann nur einige
+Tropfen von dem Safte des Werkes geben; man möge von ihnen auf die
+ganze Frucht schließen.
+
+Ich wende mich direkt zu Chateaubriand's These, der Verwendbarkeit
+der christlichen Wunderwelt für die Poesie. Man bedürfte keines
+besseren Beweises, als seines Gedichtes, dafür, daß die ganze
+christliche Poesie in unseren Tagen ~ein~ großer Anachronismus
+ist. Ich betrachte zuerst seine Hölle, weil diese im Allgemeinen den
+Dichtern besser gelungen ist, als die Schilderung des Zustandes der
+Seligen. Jeder kennt Dante's Hölle, Jeder weiß, wie bei ihm eine
+ganze Heerschaar verwegener Häupter aus den Gewässern und Flammen
+des Grausens emportaucht, so kräftig gezeichnet, daß sie das ganze
+Gedicht beherrschen. Diejenigen unter seinen Verdammten, welche man
+in der Erinnerung behält, sind die fast übermenschlich trotzigen und
+stolzen italiänischen Adligen aus seiner eigenen Zeit, Farinata z. B.
+Was Milton betrifft, so ist, wie bekannt, keine Gestalt ihm besser
+gelungen, als sein Satan, und nicht ohne Grund hat man das Vorbild
+desselben in den energischen puritanischen Rebellen seines Zeitalters
+gefunden, die selbst besiegt nicht aufhörten, der Königsmacht
+Trotz zu bieten. Jede Zeit dichtet ihren Lucifer nach ihrem Bilde.
+Chateaubriand's Empörer ist daher auch nicht der Teufel der Tradition;
+nein, es ist ein Teufel, der die französische Revolution gemacht hat.
+Sobald er und sein Hofstaat den Mund öffnen, fahren alle Stichwörter
+von den Zeiten der Republik aus demselben heraus. Hält Satan eine Rede
+an seine Heerschaaren, so erstaunt der Leser, Töne von 1790 darin
+wiederklingen zu hören. Nach ein paar einleitenden biblischen Phrasen
+verfällt er in den Stil der Freiheitshymnen der Revolution, welche
+Chateaubriand zur Freude des mißrathenen Geschlechts der Nachkommen zu
+verhöhnen sich nicht entblödet hat.
+
+Satan sagt: »Ihr Götter der Nationen, ihr Throne, ihr Eifrigen, ihr
+unüberwindlichen Kriegerschaaren, ihr hochherzigen Söhne dieses starken
+Vaterlandes, der Tag des Ruhms ist erschienen!« (+Magnanimes enfants
+de cette forte patrie, le jour de gloire est arrivé!+) So tief also
+war die französische Literatur gesunken, daß die Marseillaise von dem
+größten Dichter des Landes dem Teufel in den Mund gelegt wurde.
+
+Und was ist er denn, dieser Teufel? Einen Funken von Leben erhält
+er nur dadurch, daß er Rouget de Lisle parodirt. Sonst ist er die
+fleisch- und blutloseste Allegorie, die man sich denken kann. Man sehe
+ihn in sein Reich hinabfahren: »Schneller als der Gedanke durchfährt
+er den ganzen Raum, welcher dereinst verschwinden wird (Welches
+Gedankenexperiment!); jenseits der brüllenden Trümmer des Chaos
+erreicht er die Grenzen jener Regionen, die unvergänglich wie die Rache
+sind, welche sie schuf, verdammte Regionen, das Grab und die Wiege
+des Todes, wo die Zeit nicht die Ordnung ausmacht, und welche noch
+existiren werden, wenn das Universum wie ein Zelt fortgeräumt worden
+ist, daß für einen Tag errichtet ward ... er folgt keinem Weg durch
+das Dunkel, sondern von dem Gewicht seiner Verbrechen herabgezogen [!]
+sinkt er ~naturgemäß~ zur Hölle hinab.« Es heißt »naturgemäß«;
+mir scheint er am naturgemäßesten an Holberg's Niels Klim zu erinnern.
+Alle Umgebungen seines Reiches sind entweder Allegorien, welche um
+so komischer wirken, je mehr der Dichter durch sie hat schrecken
+wollen, oder Karikaturen von Voltaire und den Voltairianern, die sich
+inmitten der Epopöe als Bruchstücke verbissener Zeitungsartikel
+ausnehmen, welche durch ein Versehen hierher gelangt sind. Der Tod wird
+folgendermaßen geschildert: »Ein Gespenst springt an der Schwelle des
+unerbittlichen Thores hervor. Es erscheint wie ein dunkler Fleck auf
+den Flammen des Kerkers hinter ihm. Man erblickt die gelben Strahlen
+des Höllenlichtes zwischen den Rippen des Skeletts. Es ist der Tod.
+Von Grausen erfaßt, wendet Satan das Antlitz ab, um dem Kusse des
+Geripps zu entfliehen.« Hier noch zwei andere Dämonen: »Mit hundert
+Diamant-Knoten [!] gebunden, sitzt der Dämon der Verzweiflung auf einem
+bronzenen Throne und beherrscht das Reich der Sorgen; am Eingang des
+ersten Vorsaales liegt die Ewigkeit der Schmerzen auf einem eisernen
+Bette; sie ist reglos, selbst ihr Herz klopft nicht. Sie hält ein nie
+sich leerendes Stundenglas in ihrer Hand, sie kennt und spricht nur das
+Wort ›Niemals‹«. -- Ungefähr eben so sitzt ein Automat auf einer Uhr
+und spricht nur das Wort »Kuckuck«.
+
+Hat Dies nun mit Nichts auf der Welt rechte Aehnlichkeit, so haben
+die Dämonen der falschen Weisheit eine allzu lächerliche Aehnlichkeit
+damit. Wir sahen, daß alle religiösen Ideen der Zeit sich in dem
+Worte ~Ordnung~ begreifen lassen. Deshalb wird auch die Ordnung
+hier in der Hölle sowohl wie im Himmelreiche hervorgehoben. Bei
+Gelegenheit eines inneren Streites in der Hölle heißt es: »Man hätte
+einen fürchterlichen Kampf erblickt, wenn nicht Gott, welcher allein
+der Urheber aller ~Ordnung~, selbst in der Hölle, ist, den
+Aufruhr zum Schweigen gebracht hätte.« Und von dem Dämon der falschen
+Weisheit heißt es dort: »Er tadelte die Werke des Allmächtigen, er
+wollte in seinem Hochmuth eine andere ~Ordnung~ unter den Engeln
+und im Reiche der höchsten Weisheit stiften; er wurde der Vater des
+Atheismus, des schauerlichen Gespenstes, das Satan selber nicht erzeugt
+hatte, und das sich in den Tod verliebte.« Es erscheint mir als höchst
+eigenthümlich, daß es gerade eine Veränderung der Ordnung, ja der
+Rangordnung am göttlichen Hofe ist, welche dieser allerbrandgelbste
+Teufel hat ins Werk setzen wollen.
+
+Er spricht. »Die falsche Energie seiner Stimme, seine anscheinende
+Ruhe bethören die verblendete Masse: Monarchen der Hölle! Ihr wißt
+es, ich bin immer wider Gewaltthätigkeiten gewesen, wir vermögen
+nur durch Gedankenentwicklung, Sanftmuth und Ueberredung zu siegen.
+Laßt mich unter meinen Verehrern, ja unter den Christen jene
+gesellschaftsauflösenden Principien ausbreiten, welche die Grundveste
+der Reiche unterwühlen.« Man vergleiche nun diese Ausdrücke nur mit
+denjenigen, mit welchen in der Epopöe die Philosophen der damaligen
+Zeit geschildert werden: »Diese Jünger einer leeren Wissenschaft
+greifen die Christen an, preisen ein stilles Leben, leben zu Füßen
+der Großen und betteln um Gold. Einige von ihnen beschäftigen sich
+ernstlich damit, eine Art von platonischem Staat zu bilden, wo lauter
+verständige Menschen ihre Tage als Freunde und Brüder verleben
+sollen. Sie grübeln tief nach über die Geheimnisse der Natur. Einige
+von ihnen sehen Alles in dem Gedanken, Andere Alles in der Materie,
+Andere predigen die Republik, obschon sie in einer Monarchie leben.
+Sie behaupten, man müsse die ganze Gesellschaft umstürzen, um sie
+nach einem neuen Plane zu errichten. Wieder Andere wollen, gleich den
+Gläubigen, das Volk Moral lehren ... Zwiespältig in Betreff des Guten,
+einig über das Böse, lächerlich eingebildet, sich selbst für erhabene
+Genies haltend, erfinden diese Sophisten alle möglichen bizarren Ideen
+und Systeme. Hierokles marschirt an ihrer Spitze, und er ist fürwahr
+würdig, ein solches Bataillon anzuführen ... Es liegt etwas Cynisches
+und Verruchtes in all' seinen Zügen; man sieht, daß seine unedlen Hände
+nur schlecht dazu taugen werden, den Degen des Krieges zu führen, daß
+sie aber leicht die Feder des Atheisten oder das Schwert des Henkers
+handhaben könnten.« Die Rede ist von Rom und von Hierokles. Aber daß
+Paris und Voltaire gemeint sind, bedarf keiner näheren Andeutung.
+
+So weit war es mit der französischen Literatur gekommen, daß man
+Voltaire, der nicht ~ein~, sondern zehn Mal den katholischen
+Henkern das Schwert aus der Hand geschlagen und sie in effigie auf den
+Scheiterhaufen geschleudert hatte, wo sie arme Unschuldige verbrennen
+wollten, beschuldigte, sich besonders zum Henkergeschäfte zu eignen. So
+dumm war man geworden, daß man, um den Teufel recht schwarz zu malen,
+ihn als Atheisten abbildete. Aber was in aller Welt auch Satan und
+seine Gesellen sein mögen, Atheisten sind sie weder, noch können sie es
+sein. Sie haben doch wahrlich den Zorn des Herrn bitter genug kosten
+müssen. Paul Heyse hat das treffende Epigramm geschrieben:
+
+ »Bist Du schon gut, weil Du gläubig bist?
+ Der Teufel ist sicher kein Atheist«.
+
+und hiegegen läßt sich füglich Nichts sagen.
+
+Wenden wir jetzt den Blick von Chateaubriand's Hölle zu seinem
+Paradiese. Es ist immer ein schwierig Ding, das Paradies schildern
+zu sollen; was die Hölle ist, wissen wir Alle; was aber das Paradies
+betrifft, so fehlt es uns darüber an Aufklärung; +on manque des
+renseignements+, wie eine französische Dame sagte. Es war doppelt
+schwierig in einer Zeit wie jener, wo Parny, so zu sagen, im Voraus
+eine Parodie auf jeden Versuch nach dieser Richtung in seinem
+»Götterkrieg« geschrieben hatte, und wo alle gebildeten Menschen
+noch den Kopf voller Stellen aus diesem gottlosen Gedicht hatten,
+das man kaum in dänischen Landen zu nennen wagen dürfte, wenn nicht
+N. M. Petersen, durch die hübsche Rolle, welche Parny den nordischen
+Göttern zugetheilt hat, verlockt, und im blinden Vertrauen darauf,
+daß Niemand den wahren Inhalt des Gedichts ahne, dasselbe gerühmt und
+einige Stellen daraus am Schlusse seiner nordischen Mythologie citirt
+hätte. Die Glanzscenen darin, wie die Ankunft der Dreieinigkeit auf dem
+Olymp oder der Wiederbesuch der griechischen Götter im christlichen
+Himmel, gehören zu dem Trefflichsten, was irgend ein komisches Gedicht
+aufzuweisen vermag, obschon die Behandlung nicht dem grandiosen
+Titel entspricht, sondern zierlich und sammetartig in der Manier der
+Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts, oder genauer in der Manier
+Sammet-Breughel's ist. Und doch bezweifle ich, daß es selbst Parny's
+Muthwillen gelungen ist, den orthodoxen Himmel so lächerlich zu
+machen, wie Chateaubriand's Begeisterung ihn macht. Hier einige Proben:
+
+»Im Mittelpunkt der erschaffenen Welten, inmitten der unzähligen
+Sterne, welche den Dienst von Wällen, Alleen und Wegen versehen,
+schwimmt die Stadt des unermeßlichen Gottes, deren Wunder keine
+sterbliche Zunge zu erzählen vermag. Der Ewige legte selbst ihre
+zwölf Fundamente und umgürtete sie mit jener Jaspismauer, welche der
+hochgeliebte Jünger den Engel mit der goldenen Elle ausmessen sah. Mit
+der Ehre des Höchsten bekleidet, ist Jerusalem wie eine Braut für ihren
+Bräutigam geschmückt ... Der Reichthum des Stoffes ringt hier um den
+Preis mit der Vollkommenheit der Formen. Hier hängen unzählige Galerien
+von Saphiren und Diamanten, welche das Genie des Menschen in Babylon's
+Gärten schwach nachgeahmt hat, hier erheben sich Triumphbogen, von
+den funkelndsten Sternen gebildet, hier verketten sich Bogengänge
+von Sonnen miteinander, welche sich unaufhörlich durch den Raum des
+Firmamentes fortsetzen ...«
+
+Der Himmel verzeihe einem schwachen Menschenkind seine Sünde! aber
+einen armen geborenen Kopenhagener erinnert Dies zumeist an die
+Pracht und Herrlichkeit, in welcher sich ihm als Kind das Tivoli an
+einem Abend zeigte, wenn daselbst Vauxhall war. -- Wir werfen einen
+Blick in die heilige Stadt. Hier versammelt und drängt sich der Chor
+der Cherubim und Seraphim, der Engel und Erzengel, der Throne und
+Fürstenthümer; denn diese Wesen, welche doch dem Spotte verfallen zu
+sein schienen, seit sie bei Parny so arg durchgebläut worden, halten
+aufs Neue ihren feierlichen Einzug.[7] Ja, sie fühlen sich von jetzt
+an so heimisch auf dem Parnasse, daß wir die ganze Heerschaar noch
+in De Vigny's »+Eloa+« (1823) und in Victor Hugo's Oden (z. B.
+Buch I, Ode 5, Ode 9, Ode 10) versammelt finden. Wir erfahren, was
+sie zu thun haben: »Einige bewachen die 20000 Streitwagen Zebaoth's
+und Elohim's, andere wachen über den Pfeilköcher des Herrn und über
+seine unentrinnbaren Blitze, seine schrecklichen Rosse, welche Pest,
+Krieg, Hungersnoth und Tod bringen. Eine Million dieser eifrigen Genien
+regelt den Lauf der Gestirne, und sie lösen einander in diesen hehren
+Beschäftigungen der Reihe nach wie Schildwachen ab, welche über eine
+große Armee wachen.[8]
+
+Alle Gegenstände, welche die Engel bewachen, liegen wie in einer
+großen Rüstkammer, um bei sich darbietender Gelegenheit benutzt zu
+werden. Wir sehen sie in einer späteren Schilderung zur Verwendung
+kommen. Dies geschieht nämlich, als die Dreieinigkeit den Seligen das
+Martyrium des Eudorus geweissagt hat: »Als diese Schicksale der Kirche
+den Auserwählten durch ein einziges Wort des Allmächtigen mitgetheilt
+wurden, ward der Gesang unterbrochen und die Thätigkeit der Engel hörte
+auf. Es herrschte ~eine halbe Stunde lang Schweigen~ im Himmel.
+Alle die Himmlischen wandten ihre Augen zur Erde hinab, Maria ließ von
+der Höhe des Firmamentes einen Blick erster Liebe auf das zarte Opfer
+hinab fallen, das ihrer Milde anvertraut war. Die Palmen der Bekenner
+ergrünten wieder in ihren Händen. Die feurige Heerschaar öffnete ihre
+glorreichen Reihen, um für die neuen Märtyrer Platz zu machen. Der
+Besieger des alten Drachen, Michael, schwingt seine furchtbare Lanze,
+rings um ihn rüsten seine unsterblichen Begleiter sich mit glänzenden
+Harnischen, die Schilde von Diamant und Gold, der Pfeilköcher des
+Herrn, die flammenden Schwerter werden aus den ewigen Bogengängen
+herabgelangt, Immanuel's Wagen bebt auf seiner Achse von Feuer und
+Blitzen, die Cherubim entfalten ihre vorwärts stürmenden Schwingen
+und entzünden die Wuth ihrer Augen (+et allument la fureur de leurs
+yeux+).« Es ist halb Maskerade, halb Ballet.
+
+Blicken wir von den Attributen auf die Seligkeit selbst, so wird diese
+folgendermaßen beschrieben: »Das höchste Gut der Auserwählten ist, zu
+wissen, daß dies unermeßliche Gut grenzenlos ist, sie befinden sich
+unaufhörlich in dem lieblichen Zustande, worin sich ein Sterblicher
+befindet, wenn er so eben eine tugendhafte oder heldenmüthige Handlung
+vollbracht hat, worin ein erhabenes Genie sich befindet, daß einen
+großen Gedanken faßt, oder ein Mensch, der entweder das Entzücken einer
+legitimen [!] Liebe oder einer Freundschaft empfindet, welche lange im
+Unglück geprüft worden ist. Die Schönheit und Allmacht des Höchsten ist
+der Gegenstand ihrer beständigen Unterhaltung: »O Gott«, sagen sie,
+»wie groß bist Du!«
+
+Es ist Chateaubriand kaum gelungen, die Seligkeit besonders faßlich zu
+machen. Man empfindet vielmehr Mitleid mit dem armen Gotte, welcher
+die ganze Zeit hindurch seinen eigenen Lobgesang hören muß. Er wird
+folgendermaßen geschildert: »Weit entfernt von den Augen der Engel
+im Raume des Feuers und des Lichtes vollzieht sich das Mysterium der
+Dreieinigkeit. Der Geist, welcher beständig vom Sohne zum Vater und
+vom Vater zum Sohne auf und nieder steigt, vereinigt sich mit ihnen
+in diesen undurchdringlichen Tiefen. Ein Dreieck von Feuer zeigt
+sich am Eingang zum Allerheiligsten, die Weltkugeln stehen still
+vor Ehrfurcht und Schreck, das Hosianna der Engel verstummt ... das
+Feuerdreieck verschwindet, das Orakel öffnet sich und man erblickt die
+drei Mächte. Von einem Wolkenthrone getragen, hält der Vater einen
+Kompaß in der Hand, ein Zirkel liegt unter seinen Füßen, der Sohn
+sitzt zu seiner Rechten, mit dem Blitze bewehrt, und der Geist erhebt
+sich wie eine Lichtsäule zur Linken. Jehovah giebt ein Zeichen, und
+die beruhigten Zeiten beginnen wieder ihren Lauf.« Es wird nicht
+gesagt, wie oftmals täglich, wöchentlich oder monatlich diese pompöse
+Ceremonie stattfindet. Vielleicht in den Zwischenräumen zwischen diesen
+Vollziehungen des Mysteriums der Dreieinigkeit, geschieht es, daß die
+Gottheit sich theilt. Denn bisweilen scheint sie getheilt zu sein:
+»Vom Gott der Milde und des Friedens zum Besten der bedrohten Kirche
+angerufen, ließ der starke und furchtbare Gott den Himmel seine Pläne
+erfahren.«[9]
+
+Für gewöhnlich sitzt der Sohn ununterbrochen an einem mystischen
+Tische, und 24 Greise, in weiße Gewänder gekleidet und mit Goldkronen
+auf den Häuptern, sitzen auf Thronen zu seiner Seite. In seiner Nähe
+steht sein lebendiger Wagen, dessen Räder Feuer speien. »Wenn der
+Erharrte der Völker gewürdigt wird, sich den Auserkorenen in einer
+vollständig klaren Vision zu zeigen, so stürzen Diese wie todt vor
+seinem Antlitz nieder, aber er streckt seine Rechte aus und spricht zu
+ihnen: ›Erhebt euch, ihr Gesegneten meines Vaters! Schauet mich an, ich
+bin der Erste und der Letzte.‹«
+
+Man sollte fast meinen, wenn auch diese Gymnastik das erste Mal etwas
+Anziehendes oder Ueberraschendes für die Auserkorenen haben mag, so
+müßte das Vergnügen, wie todt hinzustürzen und dann wieder sich erheben
+zu dürfen, um beständig ein und dasselbe Antlitz zu betrachten, in
+hohem Grade durch die Gewohnheit abgestumpft werden. Aber vielleicht
+ist zu bedenken, daß wir unsern endlichen Erfahrungsmaßstab nicht an
+diese überirdischen Freuden legen dürfen.
+
+Und damit überlassen wir Herrn Chateaubriand sein Himmelreich. Ich
+glaube nicht, daß man es weniger sonderbar, als das Parny's, nennen
+kann. Oder was ist sonderbarer, daß das Lamm, wie bei Parny, blökend
+hereinkommt, oder daß, wie bei unserem Dichter, die Gewänder der
+heiligen Greise durch das Blut des Lammes ~weiß~ werden? Es mag
+jedoch der Beispiele von den Unnatürlichkeiten dieses Himmels genug
+sein. Ich will lieber ein paar Züge hervorheben, durch welche derselbe
+sich als ein modernes Fabrikat verräth. In psychologischer Hinsicht
+ist es solchermaßen interessant, daß, wie toll und willkürlich Alles
+in diesem Himmelreiche auch zugeht, als könnte es durch ein Niesen
+auseinander gestiebt werden, der Dichter sich doch nicht der Einwirkung
+der Zeit, in welcher er lebt, zu entziehen vermag. Selbst in diesem
+Himmelreich giebt es Naturgesetze. So heißt es ausdrücklich von den
+Seligen, daß sie Freude daran empfinden, die ~Gesetze~ kennen zu
+lernen, nach welchen die schweren Körper mit so großer Leichtigkeit
+durch den Aether kreisen. Dieser Zug antecipirt gleichsam den
+Standpunkt in Byron's »Kain«. Sodann ist es in ästhetischer Hinsicht
+interessant zu sehen, wie Chateaubriand an den Stellen, wo er keine
+Anleihe bei der Apokalypse oder Milton macht, seine Bilder formt, die
+Bilder, mittels derer er eine Vorstellung von der Pracht des Paradieses
+geben will. Während Dante, um einen Begriff von dem Lichtmeere des
+Himmelreichs zu geben, seine Zuflucht zu den ~Offenbarungen der
+religiösen Vision~, zu der Pracht der mystischen Rose nimmt,
+welche die Rose in der gothischen Kirche schwach nachzuahmen sucht,
+muß der moderne, vielgereiste, in der Welt der positiven Erfahrungen
+aufgewachsene Chateaubriand seine Zuflucht zu den Eindrücken von seinen
+~Reisen ins Ausland~ nehmen. Die himmlischen Bogengänge werden
+mit den Gärten in Babylon, mit den Säulen von Palmyra im Wüstensande
+verglichen. Als die Seligen die erschaffene Welt durcheilen, wird von
+dem Schauspiel, das sich ihnen darbietet, gesagt: »So zeigen sich den
+Augen der Reisenden Indiens stolze Ebenen, Delhi's und Cochinchina's
+reiche Thäler, jene Küsten, welche mit Perlen bedeckt sind und von
+Ambra duften, wo die stillen Wogen zu Füßen blühender Zimmetbäume zur
+Ruhe gehen.« Das Bild ist etwas zu natürlich und realistisch für ein so
+spiritualistisches Sujet. Man stellt sich ungern all' diese Erzengel in
+cochinchinesischer Umgebung vor. Durch solche Züge rächt die Natur sich
+an Demjenigen, welcher wähnt, sich über sie hinwegsetzen oder etwas
+Höheres als sie hervorbringen zu können. Als diese Richtung später in
+der Literatur weiter fortgesetzt wird, sehen wir bei De Vigny, der
+ebenso sehr unter Ossian's wie unter Milton's Einflusse steht, den
+Aether des Himmelsraumes mit den Nebeln der schottischen Felsgebirge
+verglichen; ja, als Lucifer's Gestalt fern draußen im Raume von Engel
+Eloa erblickt wird, wird diese undeutliche Gestalt mit dem flatternden
+Plaid einer umherstreifenden Schottländerin verglichen, wie man ihn
+durch das schwebende Netz der Wolken gewahrt, die sich über die Spitzen
+der Berge herabsenken. Es scheint doch ein weiter Abstand zwischen
+einem Engel und einem Plaid zu sein.
+
+Die Scenerie und die Landschaften, welche dieser Gruppe von Dichtern
+als die idealen vorschweben, sind nicht, wie für die deutschen
+Romantiker, die Potpourri- oder Frikassee-Landschaft (Band II., S.
+118 u. ff.), sondern umgekehrt, in Uebereinstimmung mit dem ganzen
+Geist der Periode, die paradiesische Landschaft, worin die strengste
+Ordnung herrscht, symmetrisch, architektonisch, von einer Abstraktion
+Claude Lorrain's abstrahirt. Man sehe z. B. den Anfang von De Vigny's
+»Sündfluth«. Ich übersetze die Verse in Prosa:
+
+»Die Erde war lächelnd und in ihrer ersten Blüthe -- der Tag hatte
+noch dasselbe Licht, welches die Höhen des Himmels krönte -- als
+Gott ihn aus seinen schaffenden Händen fallen ließ, um sein Werk zu
+verschönen. -- Nichts hatte die Formen der Natur entstellt, -- und
+die ungeheure Architektur der ~regelmäßigen~ Berge -- erhob sich
+in ~gleichen~ Stufen gen Himmel, -- ohne das Etwas einen Ring in
+ihrer Kette zerbrochen hätte ... Der Lauf der Flüsse zum Meere war
+~geregelt~ -- in einer vollkommenen ~Ordnung~, welche nicht
+gestört war. -- Nie würde ein Reisender unter dem Laub des Baumes --
+fern vom Flusse die blanke Muschelschale gefunden haben -- und die
+Perle bewohnte ihren Krystallpalast; -- jeder Schatz ruhte in dem
+Elemente, wo er entstand, -- ohne jemals das himmlische Verbot zu
+überschreiten.«
+
+In Uebereinstimmung mit dieser Tendenz zum Idealen und Abstrakten in
+der Landschaft wird die Scenerie mehr und mehr in den Himmelsraum
+verlegt. Chateaubriand ist noch Meister darin, die irdische Scenerie
+eben so gut wie die himmlische zu schildern; De Vigny pflegt in seinen
+ältesten Gedichten echt seraphisch die Handlung zwischen Himmel und
+Erde zu verlegen; Viktor Hugo's Ode »Ludwig +XVII.+« ereignet
+sich am Himmelsthore, seine »Vision« im Himmelsraume, im himmlischen
+Jerusalem, und »der Wagen der treuen Seraphim, mit funkensprühenden
+Augen besäet, mit den lärmenden Flammenrädern und den vier sich
+drehenden Flügeln«, spielt auch hier eine Rolle, »wo die Heiligen
+und die glorreichen Märtyrer, welche die unbekannte Wesenheit
+(+Essence+) anbeten, unter einem brennenden Himmel das mysteriöse
+Dreieck anschauen« &c. Lord Byron, welcher auch den Aether, wiewohl
+einen minder theologischen Aether, als Scenerie liebt, und welcher,
+wie De Vigny, eine Sündfluthstudie geschrieben hat, zieht doch sonst
+unruhige Landschaften vor, und hat erst als Maler der See seinen
+rechten Horizont. Er führt die Poesie aus den luftigen Regionen in dies
+frische und salzige Element hinab.
+
+Es ist daher Chateaubriand kaum geglückt, zu beweisen, was er beweisen
+wollte, die dichterische Ueberlegenheit der christlichen Inspiration
+über die bloß poetische. Ueberall, wo er den Versuch dazu macht, giebt
+er sich eine Blöße oder richtet sich selbst. Ich will noch ein, aber
+ein entscheidendes Beispiel erwähnen.
+
+Als sein Held Eudorus durch den Golf von Megara fährt, während Aegina
+vor ihm, der Piräus zur Rechten, Korinth zur Linken liegen, und alle
+diese einst so blühenden Städte jetzt in Ruinen erblickt, vergießt ein
+Grieche, der an Bord des Schiffes ist, Thränen bei der Erinnerung an
+die ehemalige Größe seines Vaterlandes, und es wird schön geschildert,
+wie der Einzelne beim Anblick des großen überwältigenden Unglücks, das
+ganze Völker zermalmt, gleichsam seine Privattrauer verschwinden fühlt.
+Eudorus sagt darauf: »Diese Lehre schien über meine junge Vernunft
+hinaus zu liegen, und doch verstand ich sie, während die anderen jungen
+Männer, welche mit an Bord waren, für dieselbe unempfänglich blieben.
+Woher kam dieser Unterschied? Aus unseren Religionen. Sie waren Heiden,
+ich war ein Christ«. So versucht Chateaubriand, dem christlichen Gefühl
+diesen auserlesenen Sinn für die Naturumgebungen und für die Lehre,
+welche sich aus ihnen entnehmen läßt, zu vindiciren -- ein Sinn,
+welcher dem Heiden als Heiden abgehen soll.
+
+Aber nun trifft sich's so unglücklich für die Theorie, daß diese
+ganze Stelle Nichts anderes als die Uebersetzung eines berühmten, uns
+aufbewahrten Briefes aus dem Alterthume von Sulpicius an Cicero (+Ad
+familiares, lib. IV., epist. 5+), also von einem Heiden verfaßt
+ist. Sie ist daher nicht geeignet, einen Beweis dafür zu liefern, daß
+solcherlei poetische Gefühle dem Heiden abgehen. Aber dieser Zug ist
+symbolisch. So wird beständig behauptet, daß die positiven Religionen
+im Besitz gewisser übernatürlicher Schönheiten und Eigenschaften seien,
+welche der Natur als Natur fehlen sollen, und doch ist Alles in ihnen,
+was poetischen oder sittlichen Werth besitzt, nur abgeschrieben, nur
+übersetzt aus der unveränderlichen und unverbesserlichen Heidin, der
+Natur selbst. Wie Feuerbach sagte: Das wahre Wesen der Theologie ist
+Anthropologie.
+
+Werfen wir nun einen Rückblick auf diese verwegene Dichtung, diesen
+tollkühnen Versuch, den literarischen Geschmack des neunzehnten
+Jahrhunderts auf den Standpunkt der Offenbarung Johannis und Dante's
+zurückzuschrauben, so läßt sich nicht leugnen, daß dieser Versuch, den
+»Triumph der Religion« zu feiern, gescheitert ist. Was davon Werth
+hat, sind eben die rein menschlichen Partien, von welchen wir später
+eine näher betrachten wollen. Die eigene religiöse Begeisterung des
+Dichters war allzu schwankend, als daß der Zweifel und die Kälte des
+Jahrhunderts der Mirakelwelt gegenüber nicht seinem Erzeugnisse ihre
+Spur hätten aufprägen sollen.
+
+Er heuchelte keineswegs direkt; aber er betrog sich selbst. Ein Beweis
+davon, wie gerührt er selbst durch die Lektüre seiner »Märtyrer« werden
+konnte, ist neulich in der feinen und liebenswürdigen (pseudonymen,
+posthumen?) Schrift: »+Les enchantements de Prudence+« von
+Madame De Saman ans Licht gekommen, -- der letzten jungen Frau,
+welche von Chateaubriand geliebt wurde und ihn wieder liebte.
+Sie erzählt hier zuerst, wie sie im Sommer 1828 einander auf dem
++Pont d'Austerlitz+ zu treffen und mit einander im +Jardin
+des plantes+ in einem einsamen Zimmer zu diniren pflegten. »Er
+verlangte Champagner, um, wie er sagte, meine Kälte zu beleben,
+und ich sang ihm dann einige Lieder von Béranger: +Mon âme, la
+bonne vieille, le Dieu des bons gens etc.+ vor. Er hörte sie mit
+Entzücken«. Sie schildert mit warmen Farben diese Rendezvous[10], und
+erzählt dann, wie es zu Chateaubriand's größten Freuden gehörte, sich
+von ihr, welche in dem ganzen Büchlein den feinsten poetischen Sinn
+beweist, seine poetischen Arbeiten laut vorlesen zu lassen. Besonders
+freute es ihn, seine Landschaftsschilderungen von ihren Lippen zu
+vernehmen. »Aber zuweilen«, sagt sie, »nahm ich, um ihn inniger zu
+rühren, die »Märtyrer« zur Hand und las die Reden und Lobgesänge der
+weisen Bekenner, die poetischen Scenen des Kerkers und der Qualen.
+Er vermochte nicht seine Thränen zurückzuhalten; eines Tages weinte
+er; ich fuhr fort zu lesen; sein Weinen stieg zu Schluchzen; ich fuhr
+fort, und sein Schluchzen brach gewaltsam hervor, als ich zu der Stelle
+kam, wo Eudorus sich heimlich erboten hat, zur Rettung seiner Mutter,
+die mit allzu großer Schwäche ihre Kinder geliebt hatte, sich opfern
+zu lassen. Bei diesen Worten konnte er sich nicht mehr beherrschen.
+Es waren Gemüthsbewegungen, welche zu ihrer Quelle zurückkehrten. Er
+war aufgelöst in Thränen, hingerissen, von allen Seiten getroffen in
+seiner exaltirten Seele. Er zeigte sich gerührt und dankbar. Er sagte
+mir, daß er noch nie einen solchen Genuß empfunden habe. Er gab mir
+all' die süßen Namen, welche man den Musen giebt. Er fand mich schön.
+Er pries besonders meine Augen, meinen Blick. Er bildete sich in
+seiner Leidenschaft ein, nie etwas Aehnliches gesehen zu haben«. Sie
+war damals 20, er gerade 60 Jahre alt. Man sieht aus den angeführten
+Worten, daß selbst so kalte Stellen aus den »Märtyrern« wie die Reden
+der weißgekleideten Greise vom Dichter selbst empfunden worden sind;
+man wird durch die schwärmerische Bewunderung dieser jungen und
+edlen Frau für den Greis gerührt; er gewinnt dadurch, daß er selbst
+in diesem Alter die Liebe einer solchen Frau zu gewinnen vermochte,
+gleichsam an Werth für den Leser; aber in welcher seltsam gemischten
+Gesellschaft tritt doch in diesem Falle die Herzergriffenheit hervor,
+welche so selten bei Chateaubriand ist, daß sie hier fast als ein
+Unicum bezeichnet werden kann; Champagner, Béranger's Lieder,
+Liebeserklärungen und Liebkosungen, Schluchzen über die »Märtyrer«,
+Aufgelöstheit in Thränen, und neue Liebeserklärungen! Welche Umgebungen
+für eine orthodoxe Epopöe! Welche nur allzu menschliche Schwächen bei
+einem seraphischen Dichter, Exminister und ehemaligen Pilger nach
+Jerusalem!
+
+[+Chateaubriand: Les martyrs, besonders Livre III und VIII. Mémoires
+d'outre-tombe. -- Sainte-Beuve: Chateaubriand et son groupe littéraire
+sous l'empire. -- Nettement: Histoire de la littérature française sous
+la Restauration, Tome I-II.+]
+
+
+
+
+6.
+
+Unter den Persönlichkeiten der Restaurationszeit giebt es eine
+eigene Klasse, welche besonders scharf die Periode charakterisirt,
+nämlich die Bekehrten. Diese Race mußte natürlicher Weise ziemlich
+zahlreich vorkommen, da eine so angestrengt gläubige Zeit einer so
+wenig gläubigen folgte. Laharpe's Bekehrung hatte schon während
+der Revolution viel Aufsehen erregt. Chateaubriand selbst war ein
+Bekehrter. Bei den Bekehrten sieht man vielleicht am schärfsten, von
+welcher Art der neue Geist war, da er bei ihnen mit dem alten kämpft
+und ihn überwindet. Endlich ist der Bekehrte stets leidenschaftlich,
+ganz erfüllt von seiner Lehre, und hat daher die ausgeprägteste
+Physiognomie. Gilt es als Regel, daß der Geist eines Zeitalters sich
+in seinen hervortretendsten Charakteren typisch abspiegelt, so gilt
+Dies doppelt von Demjenigen, dessen Charakter darin besteht, ein
+Bekehrter zu sein, zumal wenn diese Persönlichkeit ein Weib ist. Ist
+es wegen der receptiven Natur des Weibes seltner der Fall, daß sie ihr
+Zeitalter weiter führt, so sieht man dagegen jeden Augenblick, daß sie
+das ausgeprägteste und ausdruckvollste Bild seines Geistes liefert. Wie
+die Emigranten sich um Frau von Staël, wie die Führer der romantischen
+Schule sich um Caroline Schlegel gruppiren, so findet der Geist der
+Restaurationszeit seinen poetisch-religiösen Ausdruck in Frau von
+Krüdener.
+
+In Frau von Staël's Roman »Delphine« kommt eine Scene vor, wo die
+Heldin eine ganze Gesellschaft durch ihre graciöse und beredte
+Ausführung eines fremdartigen Tanzes, des Shawltanzes, bezaubert.
+Dieser Zug beruhte auf einem Erlebnisse. Es war die junge und reizende
+Baronesse von Krüdener, welche sich unter Anderem durch ihren Tanz
+auszeichnete. Es heißt in »Delphine«: »Nie hat Liebreiz und Schönheit
+eine außerordentlichere Wirkung auf eine zahlreiche Gesellschaft
+hervorgebracht. Dieser fremde Tanz hat einen Reiz, von welchem Nichts,
+was wir gesehen haben, eine Vorstellung zu geben vermag. Es ist eine
+rein asiatische Mischung von Indolenz und Munterkeit, von Melancholie
+und Lebenslust. Zuweilen, wenn die Melodie sanfter ward, ging Delphine
+mit vornüber gebeugtem Haupte, mit verschränkten Armen einige Schritte
+vor, als ob gewisse Erinnerungen oder Verluste sich plötzlich in die
+ganze Pracht eines Festes gemischt hätten, aber bald begann sie wieder
+ihren munteren und leichten Tanz, in einen indischen Shawl gehüllt,
+der ihre Figur hervorhob, mit ihrem langen Haare zurückfiel, und ihre
+ganze Gestalt zu einem entzückenden Bilde schuf«. Ich glaube, daß das
+Wort ~asiatisch~ hier das bezeichnende Wort ist. Joubert schreibt
+1803 über Frau von Krüdener: »Sie besitzt Anmuth und etwas Asiatisches,
+Natur in der Uebertreibung. Die nach außen gewandte Sensibilität
+existirt nicht leicht ohne Exaltation«.
+
+Juliane von Vietinghoff war 1764 zu Riga in Livland geboren und
+gleichzeitig deutsch und französisch erzogen. Achtzehn Jahre alt,
+wurde sie mit dem zwanzig Jahre älteren Freiherrn von Krüdener, einem
+russischen Diplomaten, vermählt, der zweimal verheirathet gewesen
+war und sich beide Male von seiner Frau hatte scheiden lassen. Ihr
+Herz hatte keinen Antheil an dieser Verbindung, aber die Partie galt
+für glänzend, und ihre Eitelkeit fühlte sich befriedigt, während
+zugleich ihr Gatte ihr nicht zuwider war. Er scheint verständig, brav,
+gebildet und kalt gewesen zu sein, schon durch seine Stellung an alle
+Konvenienzen der Gesellschaft gebunden. Rasch wird sie an seiner
+Seite in die glänzendste Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts
+eingeführt. Nach einem Besuch am Hofe Joseph's +II.+ in Wien
+begiebt das Paar sich nach Venedig und durchreist dann ganz Italien,
+bis Herr von Krüdener als russischer Gesandter nach Kopenhagen berufen
+wird. Gleich nach der Hochzeit hatte ein junger und talentvoller
+Mann, Alexander Stakiew, der Privatsekretair ihres Gemahls, sich
+leidenschaftlich in sie verliebt: aber so groß war seine Bewunderung
+für Herrn von Krüdener und für den Gegenstand seiner Liebe, daß
+keine Silbe über seine Lippen kam. Als er endlich seine Leidenschaft
+beichtete, that er es gegen den Mann. Dieser war so unvorsichtig, den
+Brief seiner Frau zu zeigen, welche hiedurch zum ersten Male Gewißheit
+über die Gefühle Stakiew's gegen sie erlangte, -- Gefühle, die sie
+zwar nicht erwiedert, aber doch vielleicht mit angeborener Koketterie
+genährt hatte. Die Gewißheit, eine solche Leidenschaft hervorrufen
+zu können, stieg ihr zu Kopfe. Stakiew hatte sich entfernt, aber all'
+die Unruhe, welche in ihrem jungen weiblichen Herzen gährte, kam jetzt
+zum Ausbruch. Von einem glühenden Drange, zu lieben und geliebt zu
+werden, erfüllt, hatte sie zuerst das Ideal, von welchem sie träumte,
+in ihrem Manne zu finden gesucht. Da er, mehr väterlich als verliebt,
+nur ihre Exaltation im Zaume zu halten bemüht war, wurde ihr Wesen
+in sich selber zurückgescheucht, und sie trauerte darüber, daß sie,
+wie man es später genannt hat, unverstanden, oder, wie sie es nannte,
+»ungefühlt« sei. Stakiew's Leidenschaft war wie ein Gluthhauch an ihr
+vorübergefahren und hatte gleichsam die äußere Kälte aufgethaut, welche
+ihre Empfindsamkeit band. Diese mußte einen Abfluß haben, und kaum in
+Kopenhagen angelangt, das ihr als der schrecklichste Aufenthaltsort von
+allen erschien -- man bedenke, daß es vor 100 Jahren war! -- stürzte
+sie sich in einen Strudel gesellschaftlicher, zeitvergeudender und
+geisttödtender Vergnügungen, womit die leichtsinnigste Koketterie
+nach rechts und links Hand in Hand ging. Die Folge all' dieser
+Ballabende und Liebhabertheater-Aufführungen waren angegriffene Nerven
+und angegriffene Brust, so daß die Aerzte einen Winteraufenthalt in
+Südfrankreich verordneten. Aber schon in Paris lebt Frau von Krüdener
+wieder auf; in dieser Stadt der Intelligenz empfindet sie plötzlich den
+Mangel ihres Wissens, bekommt literarische Interessen und sucht die
+großen Schriftsteller ihrer Zeit auf: Barthélemy, den Verfasser des
+»jungen Anacharsis«, und Bernardin de Saint-Pierre, für dessen »Paul
+und Virginie« sie beständig geschwärmt hatte. Sie verehrt Saint-Pierre
+und die Natur, aber sie hat gleichzeitig bei ihrer Modehändlerin eine
+Rechnung von 20,000 Franks. In Südfrankreich verliebt sich ein junger
+Officier in sie, und nach einigem Kampfe erwiedert sie, jetzt minder
+unerfahren als in Kopenhagen, seine Liebe. Während der Verfolgungen
+der ersten Revolutionszeit führt Herr de Frègeville (so hieß der
+Officier), als ihr Kutscher verkleidet, sie aus Frankreich hinaus. Ehe
+sie ihren Gemahl wiedersieht, theilt sie ihm mit, daß das eheliche
+Band zwischen ihnen gebrochen sei. Er ist bereit, zu vergeben. In den
+folgenden Jahren hält sie sich bald hier, bald dort in Europa auf,
+von ihrem Manne und nicht minder von Herrn de Frègeville getrennt,
+aber ein Leben führend, wie es die galantesten Damen gegen Ende des
+achtzehnten Jahrhunderts sich erlaubten; es genügt zu sagen, daß ihr
+Mann in seinen vertrautesten Briefen von 1793 bis 1794 niemals seiner
+Frau erwähnt. Es dauerte jedoch nicht lange, so waren die Gatten wieder
+vereint. Herr von Krüdener, der bald russischer Gesandter in Berlin
+ward, erwies seiner Frau die größte Freundschaft und die gewählteste
+Aufmerksamkeit. Von jetzt an findet man bei Frau von Krüdener die
+ersten Spuren jener eigenthümlichen Art von Frömmigkeit, die sich
+bald so kräftig bei ihr entwickeln sollte. Sie war nie eine Schönheit
+gewesen, aber doch stets eine Persönlichkeit von seltenem Ausdruck und
+seltener Anmuth. Die Einfachheit im Geschmack und Auftreten, welche
+sie zehn Jahre früher so verführerisch gemacht hatte, war jetzt einer
+Lust gewichen, sich mehr eigenthümlich und bizarr als schön und einfach
+zu kleiden; sie bedeckte ihr immer noch schönes aschblondes Haar
+nach der Mode der Zeit mit einer Perrücke. Ihre Züge und ihr Teint
+hatten nicht mehr die Frische der Jugend. Zu diesem Zeitpunkte öffnet
+sich, wie gesagt, ihr unruhiges, noch immer starker Gemüthserregungen
+bedürftiges Herz den ersten Strahlen religiöser Schwärmerei. Man findet
+in einem ihrer Briefe an ihre intimste Freundin folgende Worte: »Soll
+ich's Dir bekennen, ich rede in der Demuth meines Herzens, Du weißt,
+daß ich nicht hoffährtig bin, wie könnte der Christ Das sein? Ich
+glaube, daß Gott meinen Mann von dem Augenblick an hat segnen wollen,
+da ich wieder zu ihm zurückgekehrt bin. Es giebt keine Art von Gütern
+oder Gunstbezeugungen, die ihm nicht zufielen. Weshalb sollte ich
+nicht glauben, daß ein frommes Herz, das schlicht und vertrauensvoll
+zum Himmel betet, ihm behülflich zu sein, zum Glück eines Andern
+beizutragen, seine Bitte erhört sehen kann?« -- Ja, weshalb sollte
+man Das nicht glauben? Ich für mein Theil würde gerne glauben, daß
+es die Gegenwart der Frau von Krüdener sei, welche die Vorsehung
+bewegt, den Baron mit Orden zu überhäufen, wenn man nicht mit großer
+Sicherheit wüßte, daß eine andere, minder romantische Ursache den
+Kaiser Paul I. dazu veranlaßt hatte. Die Sache war die, daß inmitten
+eines Festes, welches der Baron in Berlin dem preußischen Königshause
+und der Großfürstin Helene gab, eine Depesche des Selbstherrschers
+aller Reußen ankam, welche Krüdener befahl, augenblicklich Preußen den
+Krieg zu erklären. Die Majestäten befanden sich noch in seinem Hause.
+Statt jedoch das Fest dadurch zu stören, daß er den Tanzenden dies
+Medusenhaupt zeigte, ließ der Gesandte seine Gäste ruhig tanzen, und da
+er als Politiker einsah, wie unheilvoll und unklug ein solcher Krieg
+für Rußland sein würde, schrieb er, statt dem Befehl zu gehorchen,
+einen abmahnenden Brief an seinen Kaiser, wohl wissend, daß ihm nach
+aller menschlichen Berechnung von jetzt ab Sibirien bis an seinen Tod
+gewiß sei. Selbstverständlich sagte er hievon kein Wort an seine Frau.
+Das Unwahrscheinliche geschah, Paul wurde umgestimmt, und in seiner
+Bewunderung des Muthes und der Klugheit seines Gesandten überhäufte
+er Denselben mit Beweisen seiner Gunst. Man sieht also, daß es eine
+andere Erklärung, als die der Frau von Krüdener, giebt. -- Von jetzt ab
+nehmen ihre Briefe einen immer religiöseren und erbaulicheren Charakter
+an. Sie bezeichnet jetzt die Religion als ihre Zufluchtsstatt gegen
+Melancholie, sie spricht von den tausend Quellen zur Freude, welche
+derselben entsprängen. Mitten in Allediesem ein neues Liebesverhältnis
+und ein neuer Bruch. Sie hat wieder ihren Mann verlassen, diesmal gegen
+seinen Wunsch, und wohnt nun in Paris. Chateaubriand verehrt ihr das
+erste Exemplar seines »Genius des Christenthums«, das Frau von Staël
+auf ihrem Tische findet. -- In Paris wird sie durch die Nachricht von
+Krüdener's plötzlichem Tod überrascht. Sie schließt sich ein, sie
+trauert und bereut. Es war »ihr Lieblingstraum gewesen, einmal wieder
+zu ihm zurückzukehren, ihm die Last der Jahre zu erleichtern, und
+seine unendliche Güte zu vergelten.« Es dauerte jedoch nicht lange, so
+gab Frau von Krüdener ihr eingezogenes Leben wieder auf. Nachdem sie
+zuerst in einer kleinen Erzählung Saint-Pierre's Manier nachgeahmt,
+hatte sie jetzt nichts Geringeres unternommen, als einen Roman zu
+schreiben. Der Name desselben war »Valerie«. Ihr Jugendverhältnis zu
+Alexander Stakiew bildete den Inhalt; ich komme später auf denselben
+zurück. Er ist durch »Werther« inspirirt, seelenvoll, fein und
+trefflich geschrieben. Es war jedoch Frau von Krüdener nicht genug,
+einen Roman zu schreiben, es galt denselben gelesen und allgemein
+bemerkt zu sehen. Die Art und Weise, wie sie Dies angriff, zeigt, daß
+sie zu diesem Zeitpunkt, trotz ihrer religiösen Anläufe, der Welt noch
+nicht ganz entsagt hatte. Sie begnügte sich nicht mit den gewöhnlichen
+Kunstgriffen, als z. E. das Buch im Manuskripte der Beurtheilung des
+einen Kritikers nach dem andern zu unterwerfen, es in Gesellschaften
+ganz oder theilweise vorzulesen, nein, es lag ihr daran, ihren Succeß
+gründlich vorzubereiten. Sie schrieb also erst an einen Freund in
+Paris, +Dr.+ Gai, einen unbekannten und eitlen Arzt, dessen
+Karrière sie mit der Zeit zu fördern gedachte:
+
+... »Ich habe noch eine andere Bitte an Sie zu richten: Lassen Sie
+einen guten Versdichter einige Verse an unsere Freundin Sidonie
+schreiben (Sidonie ist die Heldin in Frau von Krüdener's erster
+Erzählung). Ueber diesen Versen, die ich Ihnen nicht erst zu empfehlen
+brauche, und die so geschmackvoll wie möglich sein müssen, soll nur die
+Ueberschrift »An Sidonie« stehen. Man soll ihr sagen: Weshalb wohnst
+Du in der Provinz, weshalb beraubt Dein zurückgezogenes Leben uns
+Deiner Anmuth und Deines Witzes? Ruft das Glück, welches Du machst,
+Dich nicht nach Paris? Deine Reize, Deine Talente werden nur dort
+bewundert werden, wie sie bewundert werden müssen. Man hat Deinen
+bezaubernden Tanz geschildert, aber wer kann Alles schildern, was
+Dich auszeichnet! -- Mein Freund, ich vertraue Dies der Freundschaft
+an, ich schäme mich wahrhaft Sidoniens halber, denn ich kenne ihre
+Bescheidenheit. Sie wissen, daß sie nicht eitel ist, ich habe daher
+wesentlichere Gründe als eine elende Eitelkeit, sowohl dazu, Sie zu
+bitten, diese Verse anfertigen zu lassen, als auch noch zu etwas
+Anderem: Sagen Sie besonders, daß sie so zurückgezogen lebe, und daß
+man nur in Paris anerkannt werde. Sorgen Sie dafür, daß man nicht auf
+Sie rathe. Lassen Sie diese Verse in der Abendzeitung abdrucken. Es ist
+wahr, daß Sidonie in Delphine als Tanzende geschildert worden ist.
+Lesen Sie's, es wird Sie amüsiren. Aber es darf nicht gesagt werden,
+daß man sie in Delphine geschildert habe. Nur aus der Ueberschrift »An
+Sidonie« darf man ersehen können, an wen die Verse gerichtet sind.
+Haben Sie die Güte, den Abdruck in der Zeitung zu bezahlen. Ich hoffe,
+Ihnen meine Beweggründe erklären zu können. Senden Sie mir rasch die
+Zeitung, in welcher der Abdruck erfolgt. Wenn die Zeitung sich nicht
+darauf einlassen will oder wenn es zu lange dauert, so schicken Sie
+mir das Manuskript, man wird es dann in eine hiesige Zeitung einrücken
+lassen. Sie verpflichten dadurch in hohem Grade Ihre Freundin. Sie
+wird Ihnen mündlich sagen, weshalb sie Sie darum gebeten hat. Sie
+kennen ihre Schüchternheit, ihren Hang zur Einsamkeit und ihre geringe
+Neigung, gelobt zu werden, aber es gilt ihr einen wesentlichen Dienst
+zu erweisen.«
+
+Vierzehn Tage später ein neuer Brief über denselben Gegenstand, neue
+Anfragen, ob der Doktor »Delphine« gelesen habe. Immer noch dasselbe
+Thema: »Frau von Staël hat Sidonien gesagt, daß sie ihren Tanz habe
+schildern wollen, und Sie finden die Stelle im ersten Bande. Sie
+hat nach der Meinung Mehrerer dort Sidoniens Antlitz, ihre Weise zu
+reden und ihre Phantasie gemalt, und dann ihre eigenen religiösen und
+politischen Ansichten hineingemischt, denn Sidonie hat eine tiefe
+~Religiosität~ und mengt sich äußerst wenig in die Politik.« Nun
+folgen neue Andeutungen in Betreff des Gedichtes: »Es darf wohl gesagt
+werden, daß man ihr Talent zu tanzen geschildert habe, aber es darf
+nicht heißen: ~man~, sondern einfach: ein gewandter Pinsel malte
+Deinen Tanz; das Glück, das Du überall machst, ist bekannt; Deine Reize
+sind eben sowohl wie Dein Witz besungen worden, und doch verbirgst Du
+sie unaufhörlich vor der Welt. Eingezogenheit, einsames Leben ziehst Du
+vor. Dort suchst Du das Glück in Deiner Frömmigkeit, in der Natur und
+in Studien &c. Sehen Sie, lieber Freund, Das ist's, was ich von Ihnen
+begehre, ich werde Ihnen später erklären, weshalb.«
+
+Die Elegie trifft ein, Frau von Krüdener quittirt für den Empfang in
+folgendem Briefe: »Es ist nicht mehr als billig, lieber Doktor, daß
+Sie selbst eine Abschrift der reizenden Elegie erhalten, welche Sie für
+mich gedichtet haben, ich sende Ihnen eine solche hieneben, ich wünsche
+selbst die Ihrige zu behalten.« Die Elegie lautet:
+
+»Was suchst Du in Deinem einsamen Leben? Paris, das bethört ist von der
+Bezauberung, die Du ausübst, von Deinem Liebreiz, von den glänzenden
+Gaben, die der Himmel Dir schenkte, bietet Dir ja doch Herzen genug,
+welche Dein feinfühlender Geist in Fesseln gelegt hat. Wir sahen Dich,
+wir schaarten uns um Dich, an jenem Tage, als Du die verführerische
+Macht der Eleganz, die bezwingende Macht der Schönheit ausübtest, an
+jenem Tage, als Du, der Palme des Genies sicher, nicht die Lobsprüche
+verschmähtest, welche dem Talente gebühren. Schon damals entlockte ein
+geistreicher Sänger Dir ein Lächeln, als er wagte, seine zarte Stimme
+zu dem Chor der Weisen zu gesellen, und ein Bild Deines magischen
+Tanzes entwarf; aber entschwindet nicht die Erinnerung an jene Festtage
+vor dem Donnerschlag, mit welchem der Himmel Dich jetzt getroffen
+hat? Vereinigen unsere Herzen sich nicht mit Deinen melancholischen
+Gedanken, haben sie nicht in stummer Andacht bei Deinem Schmerze
+geseufzt? Wir wollen Dich nicht durch ohnmächtigen Trost, diesen
+prunkenden Tribut, den man einer prunkenden Trauer zollt, verletzen:
+wir hörten Dich seufzen und wir seufzten mit. -- Wir seufzten mit, und
+Du fliehst? Weshalb fliehst Du! Der Trauerflor umhüllt uns, die Künste
+verstummen rings um Dich her, die Liebe verbirgt sich, und mit ihr
+das ganze lebensvolle Gefolge, das vordem Deine Lust und Deinen Ruhm
+ausmachte.«
+
+Dies ist erst die Hälfte der Elegie, aber ich breche ab. Der Brief
+schließt folgendermaßen: »Ich sende Ihnen diese Elegie, deren antike
+Farbe [!] und Schönheit ich bewundere. Ohne mir etwas anderes davon als
+den Schmerz zueignen zu wollen, den Sie richtig bei mir wahrgenommen
+und den Sie zu mildern gewünscht haben, hab' ich Ihnen so viel Anderes,
+lieber Doktor, für Sie weit Schmeichelhafteres zu sagen, aber hier ist
+kein Platz mehr dafür, und mein erkenntliches Herz kann Ihrer erhabenen
+und der Menschheit so nützlichen Kunst [!] nur meinen Dank sagen.«
+
++Dr.+ Gay ließ es nicht hiebei bewenden, sondern er begann
+seine Prosa zu reimen. Seine Freundin schreibt ihm: »Sidonie hat mir
+aufgetragen, dem liebenswürdigsten aller Freunde ihren zärtlichsten
+Dank zu bezeugen. Die Verse waren reizend, sie sind schon gedruckt.
+Welch glückliche Gabe besitzt Der, welcher sie geschrieben! Wie sieht
+man, daß er Sidoniens Freund ist! wie malt er, was er sagen will! Die
+Seele selbst hat bei jedem Striche den Pinsel geführt, und welch' hohe
+Seele!... Sidonie hat auch eine Elegie in Prosa erhalten, die Sie
+kennen müssen, und die sie äußerst schön findet. Welches schöne Talent
+liegt in dieser erhabenen und einfachen Manier, und wie muß man den
+Geist lieben, der eine solche Sprache zu reden versteht! Man hat einige
+Verse verändert, sehr wenig, sie sind vorzüglich gelungen, und haben
+ihren Zweck erfüllt.«
+
+Man sieht, daß Sidonie sich nicht damit begnügte, die Kladden zu den
+Lobliedern auf sich selbst zu schreiben, sondern auch die Reinschrift
+durchsah. Uebrigens denke ich, daß es hier keines Kommentares bedarf.
+Der unermüdliche Doktor verfaßt noch mehrere Gedichte, und neue
+Zumuthungen, alle möglichen Kritiker zu plagen, sind die Folge davon.
+Was den religiös gestimmten Historiker Michaud betrifft, welcher
+dreißig Jahre seines Lebens darauf verwandte, die Geschichte der
+Kreuzzüge zu schreiben, so machte sein sehr intimes Verhältnis zur
+Dichterin jede Aufforderung überflüssig. Er schrieb eine warme Kritik.
+Endlich ist Frau von Krüdener so weit, daß sie ihrer Freundin schreiben
+kann: »Mit meiner Gesundheit geht es viel besser, ich war acht Nächte
+hindurch auf Bällen, ohne mich dadurch angegriffen zu fühlen. Welches
+Glück, meine Freundin! Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich gefeiert
+werde, und es regnet Verse auf mich herab; die Ehrenbezeugungen
+überwältigen mich, man kämpft um ein Wort von mir wie um eine Gunst.
+Es ist tausendmal mehr, als ich verdiene, aber die ~Vorsehung
+liebt es, ihre Kinder mit Wohlthaten zu überhäufen~, selbst wenn
+sie es nicht verdienen ... Ich würde es als eine Feigheit ansehen,
+nicht mit einem Werke hervorzutreten, daß ich für nützlich halte, ich
+betrachte daher meine Reise nach Paris als eine Pflicht, während
+mein Herz, meine Phantasie, Alles mich nach dem Genfersee zieht.« So
+reist sie denn nach Paris, und im December 1803 erscheint »Valérie«.
+Alle Batterien der Frau von Krüdener waren bereit, dem Buche ihre
+Salutschüsse zu geben. Kein einziger Effekt ging verloren, alle Glocken
+der Kritik läuteten. Wie ein tüchtiger General fehlte sie selbst nicht
+auf dem Schlachtfelde; sie fuhr aus einem Modemagazin in das andere,
+um inkognito bald Schärpen, bald Hüte, bald Federn, bald Guirlanden,
+bald Bänder +à la Valérie+ zu verlangen. Da nun die Putzhändler
+diese fremde, noch hübsche und sehr elegante Dame in ihrer Equipage
+heranrollen sahen, um mit solcher Sicherheit die von ihr erfundenen
+Phantasiegegenstände zu fordern, thaten sie ihr Aeußerstes, um darüber
+ins Klare zu gelangen, was sie wünsche, um sie zu befriedigen. Wenn die
+jungen Mädchen in den Magazinen über dies Begehren unerhörter Dinge
+ganz erstaunt waren und die Existenz derselben in Abrede stellten,
+lächelte Frau von Krüdener mit so viel Gutmüthigkeit und bedauerte sie
+so aufrichtig, daß sie den Roman »Valérie« noch nicht kannten, daß sie
+sie bald zu eifrigen Proselyten ihres Buches gemacht hatte. Mit ihren
+Einkäufen fuhr sie dann nach einem anderen Laden und bewirkte dadurch
+in wenigen Tagen unter den Geschäftsleuten eine so tolle Konkurrenz
+Betreffs der Putzsachen +à la Valérie+, daß ihre Freundinnen,
+wenn sie sich nach ihrer Anweisung in die Läden begaben, und sich
+nach diesen Gegenständen erkundigten, unschuldige Mitschuldige ihres
+Kunstgriffs wurden und nicht umhin konnten, ein weiteres Zeugnis für
+ihren Triumph abzugeben.
+
+Frau von Krüdener schreibt jetzt an ihre Freundin: »Der Erfolg von
+Valérie ist vollständig und unerhört. Man sagte mir noch neulich: Es
+ist etwas ~Uebernatürliches~ in diesem Glück. Ja, meine Freundin,
+der Himmel hat gewollt, daß diese Ideen, diese reinere Moral sich in
+Frankreich, wo sie noch weniger bekannt sind, ausbreiten sollten.«
+
+Kaum ist dieser fieberhafte Drang, sich geltend zu machen, befriedigt
+worden, kaum hat diese raffinirte Heuchelei Zeit gefunden, sich in
+ihrer vollen Blüthe zu entfalten, als Frau von Krüdener's wirkliche
+Bekehrung eintritt. Hiemit ging es folgendermaßen zu. Im Jahre 1805
+ereignete es sich, daß, als sie in Riga an ihrem Fenster saß und einen
+aus dem Schwarm ihrer zahlreichen Anbeter, den sie ausgezeichnet hatte,
+grüßte, dieser Mann von einem plötzlichen Schlaganfalle getroffen ward
+und todt niederstürzte. Dies Ereignis versetzte sie in die tiefste
+Schwermuth. Während dieses ihres melancholischen Zustandes geschah es,
+daß sie, welche ja doch nicht aus Melancholie sich der unabweislichen
+Bedürfnisse des Erdenlebens entschlagen konnte, eines Tages zu einem
+Schuhmacher sandte, damit ihr derselbe Maß für ein Paar Schuhe nehme.
+Der Mann kam, sie sah ihn gar nicht an, während er ihr Maß nahm.
+Plötzlich wird sie über den fröhlichen Ausdruck seiner Züge betroffen.
+»Sind Sie glücklich?« fragt sie ihn. »Ich bin der glücklichste Mensch
+von der Welt,« war die Antwort. Dieser Schuhmacher war ein »Erweckter«,
+er gehörte zu der Gemeinde der mährischen Brüder. Der Anblick seines
+Glückes wirkte so stark auf ihr leicht erregbares Herz, daß sie
+ihn immer wieder besuchte, bei ihm mehr und mehr mährische Brüder
+kennen lernte, und bald eben so von der Wahrheit des Christenthums
+erfüllt war, wie er. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher sie alle
+Gegenstände der Liebe ihrer Jugend erfaßt hatte, erfaßte sie jetzt den
+Gegenstand der Gefühle ihres reiferen Alters. Von jetzt an zeigt die
+religiöse Schwärmerei sich gleichmäßig in ihren Worten und Handlungen.
+Ihr ganzes früheres Leben erscheint ihr als Irrthum und Thorheit.
+Sie geht gänzlich auf in der Liebe zu ihrem Erlöser. »Es ist kein
+Gedanke in mir, der nicht Ihm gefallen, Ihm dienen, Ihm Alles opfern
+möchte, Ihm, der es mir vergönnt, nur Liebe für all' meine Mitmenschen
+ausathmen zu wollen, und der in der Zukunft mir nur den Schimmer der
+Seligkeit weist. O, wenn die Menschen nur wüßten, welches Glücks man in
+der Religion genießt, wie würden sie sich dann vor aller anderen Sorge
+hüten, als der für ihre Seele!«
+
+In diesem Gemüthszustande macht sie kurz nach der Schlacht bei Jena
+die nähere Bekanntschaft der Königin Louise von Preußen. Gebeugt von
+den Unglücksfällen, die über sie hereingebrochen waren, zeigte sie
+sich empfänglich für die glühende religiöse Beredtsamkeit der Frau
+von Krüdener. Diese erlangte den größten Einfluß auf sie, und durch
+sie auf den König. Als Beweis führe ich folgende Worte aus einem viel
+späteren Briefe der Königin an sie an: »Ich bin Ihrem trefflichen
+Herzen ein Geständnis schuldig, das, wie ich sicher weiß, Ihnen
+Freudenthränen entlocken wird, nämlich, daß Sie mich besser gemacht
+haben, als ich war. Ihre aufrichtige Sprache, die Unterredungen,
+welche wir über Religion und Christenthum führten, haben den tiefsten
+Eindruck auf mich gemacht.« Mit der Königin besuchte sie die Kranken
+und Verwundeten in den Spitälern. Kurz darauf begegnete sie der Königin
+Hortense, die sich ebenfalls stark zu ihr hingezogen fühlte, so stark,
+daß sie sie sogar jeden Morgen als ihren täglichen Gast empfing. Gleich
+nachher macht sie die Bekanntschaft Jung-Stilling's. Seine religiöse
+Begeisterung stimmt mit der ihrigen überein. Sie beginnt jetzt, ein
+Beispiel von jeglicher Art christlicher Demuth zu geben. In Karlsruhe
+steigt sie in die schmutzigsten Dachkammern hinauf, um Liebeswerke zu
+verrichten. Als sie eines Tags ein junges Dienstmädchen darüber weinen
+sieht, daß sie die Straße fegen soll, nimmt sie ihr den Besen aus
+der Hand, und fegt für sie. Sie schließt sich jetzt einem Priester,
+Namens Frédéric Fontaine an, welcher in der Gegend als Wunderthäter
+bekannt ist, und tritt durch ihn gleichfalls in Verbindung mit einem
+ekstatischen Bauermädchen, Maria Kummrin, die in beständigem Verkehre
+mit Seraphim und Cherubim stand, und die in ihrem clairvoyanten
+Zustande Orakelsprüche ertheilte und Prophezeiungen aussprach. Dies
+Mädchen weissagte der Frau von Krüdener eine hohe Sendung im Reiche
+Gottes und bezeichnete Fontaine, der sich übrigens bald als einen
+ungewöhnlichen Heuchler und Gauner erwies, als ihren Apostel. Frau von
+Krüdener schreibt daher jetzt mit voller Ueberzeugung an ihre Freundin:
+»Denke Dir, daß ich im buchstäblichen Sinne des Wortes ~Mirakel
+erlebt~ habe. Du hast keine Ahnung von dem Glück, daß Diejenigen
+empfinden, welche sich ganz Jesu Christo ergeben. Ich habe von seiner
+Güte und Barmherzigkeit das bestimmte Versprechen erhalten, daß er die
+Gebete, welche ich für meine Verwandten und Freunde an ihn richte,
+erfüllen will.«
+
+Es läßt sich nicht leugnen, daß die Ausdrücke, mit denen sie die neue
+Flamme in ihrem Inneren schildert, eine bedenkliche Aehnlichkeit mit
+den Ausdrücken einer durchaus nicht himmlischen Liebe haben. Von Gott
+heißt es: »Wie könnte ich wohl sagen, welche Zärtlichkeit in meinem
+Herzen brennt, wie meine Thränen fließen, was für Worte mein ganzes
+Sein durchbeben, wenn ich mich so geliebt fühle, ich armer Erdenwurm!
+Neulich sprach ich zu Gott: Was kann ich Dir sagen, o Du mein
+Geliebtester! (+o mon bien aimé!+) O könnte ich es über die ganze
+Welt rufen, durch alle Himmel, wie heiß ich Dich liebe! O könnte ich
+nicht nur alle Menschen, sondern alle aufrührerischen Geister zu Dir
+zurückführen!«
+
+Es giebt im Vatikan ein Bild von einem modernen Italiäner, auf welchem
+eine Nonne vor Christo kniet, der ihr schmachtendes Aeugeln mit den
+zärtlichsten Blicken erwiedert. Dies Bild fiel mir unwillkürlich ein,
+als ich die Ergüsse der Frau von Krüdener während ihres religiösen
+Rausches las. An einer anderen Stelle heißt es: »Es kommt darauf an,
+zu lieben, und Andere den liebenswürdigsten (+le plus aimable+),
+besten, zärtlichsten aller Väter lieben zu lehren«. Bei ihren
+religiösen Rundreisen, auf denen sie überall predigt und bekehrt, hat
+ein junger Missionair sich ihr angeschlossen, einer von den Vielen, von
+denen sie getäuscht wurde; aber gleich nach seiner Ankunft schildert
+sie ihren gemeinschaftlichen Gottesdienst in Worten wie diesen: »Welch
+ein Geist! Können Sie sich die Glückseligkeit unserer Kommunionen
+vorstellen? Nichts schildert sie; wir vermochten nicht einmal zu hören,
+was gesagt wurde«. Es ist unmöglich, Dies zu lesen, ohne sich der
+Worte eines ihrer Jugendanbeter zu erinnern. »Lezay behauptet«, sagt
+Chênedollé, »daß Frau von Krüdener in den entscheidendsten Augenblicken
+bei ihrem Liebhaber ein Gebet an Gott richte und sage: »Mein Gott,
+wie glücklich bin ich! Ich bitte Dich um Vergebung für dies Uebermaß
+von Glück!« Und er fügt hinzu: »+Elle reçoit ce sacrifice comme une
+personne qui va recevoir sa communion+«. (Manuskript Chênedollé's,
+dessen Sainte-Beuve in seinen »+Derniers Portraits+«, S. 290,
+erwähnt). Analoge religiöse Stimmungen findet man übrigens bei den
+Mystikern aller Zeiten.
+
+Daß sie persönlich von der Reinheit ihres Willens überzeugt und
+durchaus aufrichtig in ihrer ganzen Art und Weise des Lebens war, ist
+jedoch über allen Zweifel erhaben. Nicht nur, daß sie selbst bekehrt
+ist, nein, die Bekehrungs-Leidenschaft kocht in ihrem Innern. Aber-
+und abermals kommt ihr der Gedanke wieder, sogar den Teufel und die
+Bewohner der Hölle zu bekehren (+Je ne puis m'empêcher de désirer
+que l'enfer vienne à ce Dieu qui est si bon, etc.+) Es versteht
+sich, daß sie bitter und hart von Denen verkannt wurde, welche an die
+Umwandlung, die mit ihr vorgegangen, nicht zu glauben vermochten. Sogar
+ihre eigene Mutter verachtete sie, und hörte auf, ihr zu schreiben.
+Aber keine Verkennung erschütterte ihre religiöse Begeisterung. In der
+Regel von den Weissagungen, Gesichten und Erscheinungen Maria Kummrin's
+geleitet, zieht sie von Stadt zu Stadt. In Basel theilt sie religiöse
+Traktätlein an die Soldaten aus und bekehrt nach ihrer eigenen Meinung
+die halbe Garnison.
+
+Bald bekommt sie auch die Weissagungsgabe. Die Weissagungsgabe ist in
+jener Zeit häufig. Sowohl De Maistre wie Bonald weissagten viele Jahre
+vorher die Restauration und standen deshalb in hohem Ansehn. Wo ihre
+Prophezeiungen jedoch ein bestimmteres Gepräge annehmen, da ergeht
+es ihnen wie denen des Alten Testamentes: sie treffen nicht ein. Um
+nur einige Beispiele zu nennen, so sagt De Maistre bei Gelegenheit
+der Pläne zur Errichtung eines Regierungssitzes in Nordamerika: »Man
+kann Zehn gegen Eins darauf wetten, daß die Stadt nicht erbaut werden,
+oder daß sie nicht Washington heißen, oder daß der Kongreß nicht dort
+residiren wird«, und all' diese drei Dinge geschahen. So weissagte
+er auch, daß die Restauration der Bourbonen in tiefstem Frieden
+ohne Hilfe der Fremden erfolgen, daß die Souverainetätsidee und die
+Adelsmacht gestärkt aus der Revolution hervorgehen würden. Wenn mehrere
+von Bonald's Prophezeiungen (in der »+Théorie du pouvoir+«)
+etwas besser eintrafen, so kommt das einfach daher, weil Derjenige,
+welcher das Ende des Vergänglichen weissagt, nothwendigerweise einmal
+recht bekommt, und weil es Dinge in Betreff der Zukunft giebt, wegen
+derer, wie Hamlet sagt, kein Geist sich aus dem Grabe herauf zu
+bemühen braucht, um sie uns zu verkünden. Die Weissagungen der Frau
+von Krüdener erlangten indeß eine höhere Bedeutung, als die irgend
+eines anderen Propheten aus der Restaurationszeit. In einem Briefe
+aus Straßburg an eine russische Hofdame hatte sie im Oktober 1814
+geschrieben: »Wir werden bald das schuldige Frankreich gezüchtigt
+sehen, das nach der Bestimmung des Ewigen hätte verschont werden
+sollen, wenn es fortgefahren hätte, sich dem Kreuze zu unterwerfen«.
+Wie konnte man Dies später, nach Napoleon's Rückkehr von Elba anders
+auslegen, denn als ein mystisches Vorherwissen der Ereignisse! Sie
+hatte ferner geschrieben: »Das Gewitter nähert sich, die Lilien, welche
+der Ewige bewahrt hatte, jenes Symbol, das in einer reinen, zarten
+Blume besteht, die ein Eisenscepter geknickt hat, weil der Ewige es
+also wollte, diese Lilien, welche an Gottes Reinheit und Liebe hätten
+appelliren müssen, haben sich nur gezeigt, um zu verschwinden«. Was
+konnte Dies anders sein, als eine Weissagung der Flucht Ludwig's XVIII.
+vor Napoleon! Die Kunde von diesen Prophezeiungen durchflog ganz
+Europa, zuerst aber erreichten sie den Kaiser Alexander, auf welchen
+sie den tiefsten Eindruck machten. Sehr von Gewissensbissen gequält,
+sehr geschwächt von mancherlei Ausschweifungen, war er für eine
+Einwirkung religiöser Mystik in hohem Grade prädisponirt. Auf der Reise
+von Wien machte er in Heidelberg die persönliche Bekanntschaft der Frau
+von Krüdener. Bald war ihr Einfluß auf ihn allmächtig. Sie schlossen
+sich halbe Tage lang mit einander ein, beteten gemeinschaftlich, lasen
+mit einander in der Bibel, und diskutirten theologische Probleme. Die
+Zeit vor der Schlacht bei Waterloo verbringen sie in Heidelberg mit
+der Lektüre von Psalmen. Die Nachricht von den verlorenen Gefechten
+bei Ligny und Quatre-Bras am 16. und 17. Juni trifft Alexander mitten
+in David's Psalmen, die ihn über die Niederlage trösten und ihn der
+Gerechtigkeit seiner Sache vergewissern. Er betet und fastet. Am 18.
+Juni wird die Schlacht bei Waterloo geliefert: auf die Kunde davon
+reist Alexander nach Paris, verlangt aber, daß Frau von Krüdener
+ihm gleich dahin folge. Seine höchste Sorge in diesem Augenblick
+ist die, daß sein Bruder Konstantin nicht ebenfalls bekehrt ist.
+Unsere Prophetin besucht, ehe sie von Heidelberg abreist, die zum
+Tode Verurtheilten im dortigen Gefängnisse, predigt ihnen mit großer
+Wirkung, und folgt dann dem Kaiser, über dessen christliche Absichten
+sie in der höchsten Ekstase ist. In Paris erreicht ihr Einfluß seinen
+Höhepunkt. Der Kaiser besucht sie noch am Abend ihrer Ankunft; ihre
+Wohnung wird so eingerichtet, daß der Kaiser zu jeder Tagesstunde
+mittels einer heimlichen Thür aus seinem Palaste in ihr Haus gelangen
+kann. Im Uebrigen führte ihn keine Zerstreuung, kein Vergnügen in
+Versuchung, obschon die Franzosen ihn wenige Jahre zuvor als sehr
+weltlich gekannt hatten. »Ich bin Christi Jünger«, sagte er, »ich trage
+das Evangelium in der Hand und kenne nur dieses«. Und seine Freundin
+schreibt über ihn: »Alexander ist Gottes Auserwählter. Er wandelt die
+Wege der Entsagung«. Man müßte schon seine Zuflucht zu Ausdrücken aus
+der Offenbarung Johannis nehmen, um zu bezeichnen, was sie eigentlich
+in ihm sah: Etwas wie einen Errichter des tausendjährigen Reiches,
+einen Engel des Friedens mit dem flammenden Schwerte der Macht, den
+blonden Fürsten des Lichts oder Dergleichen, während Napoleon für sie,
+wie für Adam Müller und Konsorten, der leibhaftige Teufel war (Vgl.
+Band II., S. 248). Alexander sollte das Christenthum wieder auf Erden
+errichten, sollte die Revolution und ihre Thaten bis auf die letzte
+Spur verlöschen. Zum Ersatz dafür kannten Alexander's Ehrfurcht und
+Dankbarkeit keine Grenzen. Anfangs September fand eine großartige
+Revue über 150000 Mann russischer Truppen vor Alexander's Augen zu
+Camps des Vertus in der Champagne statt. Frau von Krüdener konnte dort
+nicht fehlen. Schon Morgens früh holte die Equipage des Kaisers sie
+ab, und er empfing sie nicht wie einen Günstling, sondern wie einen
+Sendboten des Himmels, der seine Truppen zum Sieg führen sollte. »Meist
+entblößten Hauptes oder mit einem kleinen Strohhut auf dem Kopfe, den
+sie jedoch gern über den Arm hängte, mit ihrem immer noch blonden Haar,
+das in Flechten über ihre Schultern herabhing, während ein Löckchen
+noch hie und da über die Stirn fiel, in einem dunklen und einfachen
+Gewande, das durch die Weise, wie sie es trug, elegant erschien und
+durch einen schlichten Gürtel zusammengehalten ward, -- so erschien
+sie bei Tagesanbruch, so stand sie im Augenblick des Gebetes vor der
+Front der verwunderten Truppen«. (Sainte-Beuve nach dem Bericht eines
+Augenzeugen.)
+
+ * * * * *
+
+Während dieses Zusammenlebens mit Alexander faßt nun Frau von Krüdener
+eine Idee, die man empörend nennen könnte, wenn sie nicht aus dem
+durch alte Galanterie und neue Religiosität verschrobenen Hirn einer
+armen närrischen Frau käme, -- die Idee zur »heiligen Allianz«. Es ist
+jetzt unwiderleglich bewiesen, daß Europa und die Civilisation ihr die
+Idee zu derselben verdankten. Ein Mann, der geneigt ist, ihren Einfluß
+weit zu unterschätzen, und der Unrecht hat, wo er ihn leugnet, der
+hochgeliebte Bruder der Königin Louise von Preußen, der Großherzog von
+Mecklenburg-Strelitz, schreibt: »Frau von Krüdener hat niemals den
+geringsten Einfluß auf meine engelgleiche Schwester von Preußen geübt,
+eben so wenig auf den König, ihren Gemahl, welcher diese zu trauriger
+Berühmtheit gelangte Frau vollkommen richtig beurtheilte. Was dagegen
+den Kaiser Alexander betrifft, so hatte sie sich seiner so vollständig
+bemächtigt, daß die heilige Allianz, welche der Kaiser vorschlug und
+durchsetzte, einzig als das Werk dieser Frau betrachtet werden muß;
+sei überzeugt, daß ich Dies nicht sagen würde, wenn ich es nicht ganz
+bestimmt wüßte«.
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage nach der Ankunft in Paris sagte Alexander zu seiner
+Freundin: »Ich verlasse Frankreich, aber vor meiner Abreise will ich
+in einem öffentlichen Aktenstücke Gott dem Vater, Gott dem Sohne, und
+Gott dem heiligen Geiste die Ehre geben, welche wir ihm für den Schutz
+schuldig sind, den er uns erwiesen hat, und alle Welt einladen, sich
+in Demuth unter dem Evangelium zu vereinen«. Damit überreichte er
+ihr ein Papier -- es war der Entwurf des Traktates zwischen den drei
+Monarchen. Capefigue, welcher das Dokument gesehen hat, schreibt:
+»Ich habe das Original jenes Traktats vor mir liegen, ganz von Kaiser
+Alexander's Hand geschrieben, mit Berichtigungen der Frau von Krüdener.
+Das Wort »die heilige Allianz« ist von dieser außerordentlichen Frau
+eingeschaltet«. -- Also selbst der Name ist ihre Erfindung. Sie wählte
+ihn mit einer Anspielung auf die Weissagungen über die letzten Tage
+beim Propheten Daniel.
+
+Wenn man nun der Vergangenheit dieser Frau gefolgt ist, wenn man
+gesehen hat, wer und was sie war, und wenn man auf der andern Seite
+einen Begriff hat von der Revolution und was diese war, so dünkt es
+Einen nicht wahrscheinlich, daß all' jene apokalyptischen Reminiscenzen
+und heiligen Principien, von derselben Frauenhand formulirt, die
+elf Jahre zuvor Schärpen und Hüte +à la Valérie+ kaufte, und
+von derselben Feder, welche die Elegie an Sidonie verfaßte, auf die
+Dauer Kraft haben sollten, den erneuten Brandungen der Revolution zu
+widerstehen. Denn man wähne nicht, daß die Revolution vorüber ist. Wir
+sind und leben noch mitten in ihr. Wo Drei in ihrem Namen versammelt
+sind, da ist sie mitten unter ihnen.
+
+Im Traktat erklären »im Namen der hochheiligen und untheilbaren
+Dreieinigkeit« die drei Monarchen »feierlich, daß gegenwärtiges
+Aktenstück den Zweck hat, vor dem Angesichte des Universums ihren
+unerschütterlichen Entschluß zu offenbaren, zur Richtschnur ihres
+Handelns, sei es in der Leitung ihrer respektiven Staaten oder in
+ihren politischen Verhältnissen zu jeder anderen Regierung, nur die
+Vorschriften der heiligen Religion über Gerechtigkeit, Liebe und
+Frieden zu nehmen, die, weit davon entfernt, nur im Privatleben
+anwendbar zu sein, im Gegentheil direkten Einfluß auf die Entschlüsse
+der Fürsten üben müssen, als das einzige Mittel, die menschlichen
+Institutionen fest zu begründen und ihren Unvollkommenheiten
+abzuhelfen.«
+
+Das war der Wortlaut. Was ursprünglich die aufrichtige und
+wohlgemeinte Sprache des kaiserlichen Schwachkopfes war, Das wurde
+mit heuchlerischer Klugheit von seinen gekrönten Brüdern angenommen.
++Cetera quis nescit!+ Wer weiß nicht, welche Bedeutung die
+heilige Allianz erlangte, wie sie die allgemeine europäische Reaktion
+mit der Brutalität als Inhalt und der Lüge als Form herauf beschwor.
+In ihrem Namen wurde im traurigsten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts
+jedes, selbst das schwächste Streben nach geistiger und politischer
+Freiheit verfolgt oder erstickt. Freiwillig schloß sich an die
+Allianz die Macht an, welche das größte Interesse daran hatte, nämlich
+der Papst. Ohne kleinliche Rücksichtsnahme auf seine Stellung als
+das Haupt der römisch-katholischen Kirche, erhob der Papst seine
+Kollegen in den Himmel: Alexander, den griechischen Papst, den König
+von Preußen, den lutherischen Papst, und den König von England, den
+anglikanischen Papst. Auf dem Wiener Kongresse legte dann Pius ein
+Restaurationsprojekt vor, in Vergleich mit welchem alle Träume der
+Restauratoren der Vergangenheit erblichen und alle früheren Versuche,
+die vorrevolutionären Zustände wieder heraufzuführen, auf Nichts
+reducirt wurden. Mit einem Federstriche war die Existenz der Revolution
+und des Kaiserreiches ausgelöscht. Das heilige römische Reich sollte
+wieder hergestellt werden, außerdem die ganze Gesellschaftsordnung
+des Mittelalters: Zehnten, Kirchengüter, Steuerfreiheit für die
+Geistlichkeit, und Inquisition.
+
+Der Rest des Lebens der Frau von Krüdener bietet kein
+weltgeschichtliches Interesse. Sie ward immer aufrichtiger und immer
+fanatischer in ihrem Glauben; ihr Trieb, denselben durch Handlungen
+an den Tag zu legen, ward immer glühender. Den Armen und Kranken
+zu helfen, ward ihr eine Herzens- und Lebenssache. Allein von dem
+Augenblick an, wo sie versucht, das Christenthum praktisch zu nehmen,
+verändert sich der Charakter ihrer ganzen Stellung. Die Gewalthaber,
+die Behörden, alle die Großen, welche ihr, so lange sie sich an die
+Höfe hielt, ihre Aufwartung gemacht hatten, erblickten, so bald sie
+sich an die Volksmassen wandte, mit sicherem Instinkte in ihr einen
+Feind. Bald durchzog sie die Schweiz in einem heilig-wahnwitzigen
+Fest- und Triumphzuge, bald wurde sie als Verfolgte von Stadt zu
+Stadt gehetzt. In Basel wütheten die Priester gegen sie und bewirkten
+ihre Ausweisung; in Baden, wo sie während einer Hungersnoth einen
+großartigen Wohlthätigkeitssinn bewies, wurde ihr Haus von Gensdarmen
+umringt, und Die, welche bei ihr Zuflucht gesucht hatten, wurden
+verjagt; aus Luzern wurde sie von der Polizei vertrieben; als sie
+versuchte, durch das Elsaß nach Frankreich zu gelangen, wurde ihr
+der Eintritt verboten und die Rückreise nach Baden ihr gleichfalls
+untersagt. Unter polizeilicher Eskorte wurde sie endlich nach Rußland
+zurückgeschafft, und zwar so, daß sie von der württembergischen
+Polizei an die bairische, von dieser an die sächsische, von dieser
+an die preußische, und von letzterer endlich an die Polizei ihres
+eigenen Landes abgeliefert wurde. Alexander's Gnade hatte sie für
+immer verscherzt. Die Schilderungen, welche sie in ihren religiösen
+Zeitschriften und Broschüren von dem Unrechte der Gesellschaft, von
+der grenzenlosen Noth der Armen und den ungerechten Unterdrückungen
+der Gewalthaber gemacht hatte, waren überall als Socialismus und
+Kommunismus bezeichnet worden; das Christenthum, wie sie es verstand,
+konnte den Autoritäten nicht genehm sein. Zugleich war sie naiv
+genug, unvorsichtigerweise ihre Begeisterung für den Freiheitskampf
+der Griechen auszusprechen, und auf eine für den Kaiser förmlich
+kompromittirende Art zu äußern, daß er als Stifter der heiligen Allianz
+sich an die Spitze eines Kreuzzuges gegen die Türkei stellen sollte
+und müßte. Von Alexander verstoßen, verließ sie St. Petersburg und
+lebte von jetzt an als Selbstquälerin und Missionairin. Sie litt Noth,
+bisweilen sogar Hunger, quälte sich selbst, linderte die Noth Anderer,
+wo sie's vermochte, und starb 1824 während einer Missionsreise in der
+Krim.
+
+Einen interessanten Gegensatz zu der französisch-russischen Frau von
+Krüdener bildet die deutsch-russische Schwärmerin, Fürstin Gallitzin,
+deren Auftreten an den Schluß des achtzehnten Jahrhunderts fällt, wie
+das Auftreten der Frau von Krüdener in den Anfang des neunzehnten.
+Man erkennt die Eigenthümlichkeit der Letzteren schärfer, wenn man
+einen Blick auf das Leben der Fürstin wirft. Sie ist als Geist ein
+rein deutsches Phänomen, ebenso einfach, wie ihre jüngere Zeitgenossin
+raffinirt und komplicirt ist, zugleich naiv und sentimental, eine
+schöne Seele und ein schwacher Kopf. Ihr Gemahl ist, wie Herr von
+Krüdener, sehr weltlich, ein Freund und Bewunderer Diderot's, der
+zuerst die Fürstin zu ihren Studien ermuntert und ihr Muth zu
+denselben einflößt, aber später eine eifrige Gegnerin in ihr findet.
+Eben so gleichgültig gegen die Vorzüge ihres Geschlechtes, wie Frau
+von Krüdener kokett war, läßt die Fürstin sich das Haar scheeren,
+um sich die Theilnahme am Gesellschaftsleben unmöglich zu machen,
+und zieht sich schon mit vierundzwanzig Jahren von der Welt zurück.
+Um sich ganz von aller Selbstsucht loszureißen, »brachte sie Gott
+aus Liebe das Opfer ihres Verstandes.« Ihre Unbekanntschaft mit der
+Welt zeigt sich in solch einem kleinen Zuge wie dem, daß sie, als
+ihr Sohn in fremde Kriegsdienste zu treten wünscht, sich erst an den
+preußischen, dann an den österreichischen Obergeneral wendet, um die
+Erlaubnis zu erlangen, ihm einen Begleiter mitgeben zu dürfen, der
+ihn gegen die unregelmäßigen Sitten des Militairlebens schütze, und
+zu ihrer Verwunderung beide Male die Antwort erhält, daß ein Officier
+nicht solch eine männliche Gouvernante zur Armee mitbringen könne.
+Ihre religiöse Schwärmerei wird am besten durch ein Erzeugnis wie das
+nachstehende charakterisirt:
+
+~Gebet der Liebe~.
+
+ Liebe! lehre uns beten, daß uns erhöre die Liebe.
+ O der Liebe vereintes Gebet ist Quelle der Liebe,
+ Quelle des ewigen Lebens und unaussprechlicher Wonne!
+ Schwester, rufe mir zu: »O Bruder! Bitten der Liebe
+ Sende dem Vater für mich -- ich sende Bitten der Liebe
+ Täglich dem Vater für Dich.« O Schwester! der Bitten nicht eine
+ Kann an die Liebe, von Liebe für Liebe gesendet, umsonst sein.
+
+Der Ton ist bei ihr, trotz all' ihrer Innigkeit, doch eben so
+pietistisch-abstrakt, wie bei Frau von Krüdener mystisch-sensuell[11].
+
+Was wir in Frau von Krüdener vor uns haben, ist also ein Geist, der
+von Anfang an so ausgerüstet ist, daß er dazu geschaffen scheint,
+etwas Bedeutendes zu vollbringen. Denn er hat einen Fond lebhaften
+Gefühls, eine Summe von Lebenskraft, die für ein Paar Menschenleben
+ausreichen zu können scheint, nicht in gesundem Vegetiren, sondern
+kraft der inneren Unruhe, die ihr Princip ist, und des inneren Feuers,
+das nach allen Seiten unaufhörlich Funken versprühen zu können scheint.
+Es liegt in ihr ein ursprünglicher Fond russischer Flüchtigkeit und
+Schmiegsamkeit, deutscher Sentimentalität, französischen Formensinns,
+und »asiatisch«-sinnlicher Anmuth. Sie tritt in das Leben hinaus, ohne
+eine solide Erziehung hinter sich und einen ernsten Vorsatz vor sich
+zu haben, mit einem starken Drange nach Glück, mit etwas poetischer
+Anlage, also im Voraus für ein Leben in Illusionen bestimmt. Da
+sie sich von Bewunderern umgeben sieht, genießt sie taumelnd diese
+Befriedigung. Dann beginnt sie sich selbst als ein höheres Wesen zu
+betrachten. So lange sie ihrem Manne äußerlich die Treue bewahrt,
+lebt sie in der Illusion, daß sie eine Heldin der Pflicht sei. Als
+sie dieselbe bricht, wechselt sie ihr Ideal, und verwandelt sich vor
+sich selbst in das Ideal der schönen Sünderin. Sie äußert einmal von
+den Genfer Damen, daß sie weder den Reiz der Unschuld noch die »Grazie
+der Sünde« besäßen. Sie hat sich letztere angeeignet. Sie fuhr ja doch
+fort, den Theil des Ideals zu besitzen, welcher darin besteht, die
+Erste in ihrer Art, +unique+ zu sein. Hierin liegt es, daß sie
+sich einbildete, ihrem Gemahl das Glück (Orden und Titel) zu bringen.
+Alle Illusion besteht in einer unrichtigen Verknüpfung von Ursache
+und Wirkung, die religiöse Illusion so gut wie die andern. Aber die
+religiöse Illusion ist eine doppelte, sie führt die Wirkung nicht auf
+ihre Ursache, sondern direkt auf einen unbestimmten Ursprung, den
+Mittelpunkt des Seins, zurück -- erste Illusion, -- und im Mittelpunkt
+des Seins wird sodann nicht, wie man sich vorzustellen pflegt, die
+Gottheit, sondern das Individuum selber placirt -- zweite Illusion.
+Unsere Heldin glaubt, ihr Gemahl erhielte die Orden direkt von Gott,
+aber die Ursache, weshalb Gott ihm dieselben verleiht, ist sie selbst
+und kein Anderer. Sie ist die wahre Ursache, und Gott nur das Mittel,
+durch das sie wirkt. Sie fährt fort, ihr weltliches Leben zu führen,
+so lange dasselbe ihr noch Illusionen zu schenken vermag. Allein eine
+Dame von Geist und Nerven wird dieses Lebens, wird der zurückblickenden
+Eifersucht des neuen Anbeters auf den früheren mit der Zeit müde, und
+es ekelt sie zuletzt, zum zehnten Male sich selbst und einen Andern
+mit den Worten zu täuschen: »Ich liebe Dich und habe nie einen Andern
+geliebt!« Als alle Illusionen des Lebens entschwunden sind, eröffnet
+sich der Lebensmüden die Möglichkeit einer neuen Illusion, welche
+sogar über das Grab hinausweist. Den Schlaganfall, der ihren Anbeter
+trifft, betrachtet sie mit denselben Augen, womit der heilige Augustin,
+Pascal oder Luther ähnliche Ereignisse betrachtet haben. Er ist ein
+Wink, eine Warnung für sie. Der fröhliche Schuster ist überzeugt,
+zu den Auserwählten Gottes zu gehören. Als sie das Geheimnis seiner
+Fröhlichkeit erfährt, will sie nicht hinter ihm zurückstehen, sondern
+auch zu ihnen gehören. Der Glaube an Gott ist für sie die Befriedigung
+des Wunsches, auserwählt und Anderen vorgezogen zu sein. Sie hält
+sich für bekehrt, und ist im Grund ihrer Seele Dieselbe, die sie
+war. Indem sie der Gottheit die Worte in den Mund legt, mit welchen
+diese sie ihrer Zärtlichkeit versichert: was thut sie anders, als die
+Episteln und Elegien an Sidonie in eine andere Form bringen! Das Echo
+ihrer Selbstanbetung kommt zu ihr wie eine Stimme aus den Wolken, und
+jetzt, wie früher, dankt sie Gott, solchermaßen -- durch sich selbst
+ausgezeichnet worden zu sein. Was sie begehrt, ist, jetzt wie ehemals,
+geliebt zu werden. Aber wie Chateaubriand auf einem Umweg über das
+irdische Jerusalem nach seiner irdischen Alhambra reist, so bahnt sie
+sich den Weg zu ihrer himmlischen Alhambra über das himmlische Zion.
+Der Unterschied ist nur der, daß er die Andern betrügen will, sie aber
+sich selbst betrügt. Sie ist eine Kokette, so gut wie er und Lamartine;
+nur daß Diese stolze Koketten sind, während sie demüthig ist.
+
+Doch der entscheidende Zug, welcher sie im Gegensatze zu ihnen
+kennzeichnet, liegt nicht im Charakter, sondern in der Intelligenz und
+in ihrer weiblichen Natur selber. Chateaubriand hat als Mann wenigstens
+einen schwachen Begriff von Wissenschaftlichkeit, der es ihm unmöglich
+macht, sich von Mirakelmännern und Dorfsibyllen bethören zu lassen. Sie
+dagegen ist ein Weib, und in Reaktionsperioden lautet die Definition
+eines Weibes so: Ein Weib ist eine Pfaffenbeute. Ohne wissenschaftliche
+Voraussetzungen wird man, wenn nicht ganz vereinzelte, ungewöhnlich
+günstige Zufälle eintreten, etwas früher oder etwas später, aber in
+der Regel unvermeidlich, eine Beute seiner Begeisterung, die nicht
+weiß, wohin sie will, seiner unbestimmten Sehnsucht, die nicht weiß,
+was sie begehrt, seiner Feigheit, die von den Unglücksfällen des
+Lebens geängstigt wird, endlich all' seiner Illusionen, und all' diese
+Mächte: Begeisterung, Sehnsucht, Furcht und Träumerei, überliefern
+ihr Opfer, an Händen und Füßen gebunden, als Beute der Kirche, deren
+Autorität ja außerdem von frühester Kindheit an durch die Erziehung
+der Seele eingeprägt worden ist. So erging es Frau von Krüdener. Von
+dem geistigen Leben, das sie tangirt, gehen die bedeutungsvollen
+Freiheitskämpfe, die unabhängige Forschung, der Aufklärungseifer,
+die Denkerbegeisterung unverstanden an ihr vorüber; was sie vom
+Zeitalter versteht und sich aneignet, ist nur die eine Seite desselben:
+die Frivolität. Als die Reaktion wider das achtzehnte Jahrhundert
+beginnt, und selbstredend damit beginnt, der abgelaufenen Periode ihre
+Ungöttlichkeit und Frivolität vorzurücken, giebt Frau von Krüdener ihr
+augenblicklich Recht, weil sie sich getroffen fühlt, weil sie selbst in
+ihrem ganzen Zeitalter Nichts anders gesehen, für Nichts Auge gehabt
+hat, als für die Leichtfertigkeit und die rücksichtslosen Sitten.
+
+Die Reaktion nimmt zu, und sie erhält ihre Poesie, eine Poesie all'
+des Uebernatürlichen, an das zu glauben der Dichter seinem Leser
+vorspiegelt. Die Bücher werden mit Thronen und Fürstenthümern, Cherubim
+und Seraphim angefüllt; es ist den Dichtern anscheinend heiliger
+Ernst damit; nur fällt es ihnen freilich nicht ein, daß irgend ein
+Mensch es wirklich für Ernst nehmen könne. Welch ein Epigramm auf den
+ganzen Kampf für die Tradition, als endlich eine Frau erscheint, die
+naiv genug ist, Alles buchstäblich zu nehmen, die dem jungen Mädchen
+glaubt, welches ihr erzählt, daß sie mit Engeln Verkehr pflege, und
+dem Manne, welcher die übernatürlichen Visionen erlebt haben will,
+von denen zu singen die höchste Mode der Zeit war! Die Dichter
+hatten das Mirakel und den Propheten zu verherrlichen begonnen. Da
+kommt nun eine arme naive Magdalena, und nimmt sie beim Worte, und
+glaubt an die Mirakel, die man ihr weist, und versucht sich selbst
+in Prophezeiungen. Man steht eben im Begriffe, über sie den Kopf zu
+schütteln und zu lächeln, als es sich zeigt, daß die Mächtigen ihrer
+Zeit sie für voll nehmen. Sie wird eine Macht. Chateaubriand, der nicht
+an sie oder mit ihr glaubt, aber der an ihren Einfluß glaubt, sucht
+sie für seine politischen Pläne zu gewinnen, wird aber abgewiesen. Sie
+will nur Eins, dem Christenthum seine durch die Revolution gestürzte
+Autorität wiedergeben. Für sie hat die Revolution nur ~eine~ That
+vollbracht, nämlich die, die heilige Tradition zu stürzen; sie will
+ihrerseits nur ~eine~ That, die entgegengesetzte, vollbringen,
+dem Christenthum seine weltüberschattende Herrschaft wiederzugeben.
+Alexander faßt den Gedanken auf, die Mächte adoptiren ihn als ein
+kluges politisches Mittel. So lange Sie nur die ~Autorität~
+des Christenthumes zur Geltung bringen, so lange sie nur die Leute
+von ~oben herab~, und im Bunde mit den Fürsten, reformiren und
+bekehren will, steht sie auf dem Gipfel der Ehre und Vergötterung.
+Aber der Umschlag erfolgt. Die religiöse Konsequenz zwingt sie, eine
+Bekehrung der Leute ~von unten her~ zu versuchen, indem sie
+sich mitten unter sie begiebt, indem sie das Christenthum praktisch,
+statt theoretisch, und nach Art der alten Apostel betreibt. Welche
+Naivetät! Sie ist so naiv, daß sie meint, die Gewalthaber müßten
+diese Versuche mit eben so günstigen Augen wie ihre früheren
+Bestrebungen ansehen. Sie begreift freilich nicht, daß die Autorität
+jede ernstliche Beschäftigung mit ihrem eigenen Princip fürchtet,
+wenn diese Beschäftigung nicht die ~officielle~ ist. Von dem
+Augenblick an, wo sie wirklich als Christin auftritt, wird sie als
+Revolutionairin behandelt. Die Kämpfer für das Autoritätsprinzip sehen
+in dem Gefühl von der allgemeinen Brüderlichkeit der Menschen, das
+sie leitet, und in der Ekstase, mit welcher sie der Sache der Armen
+und Unterdrückten das Wort redet, einen Beweis dafür, daß sie --
+Socialistin und Kommunistin sei. Und so wurde es ihr Loos, praktisch
+zu zeigen, was die Wiedereinsetzung des Christenthums als Autorität
+zu bedeuten hat. Man wollte dasselbe eben nur als ~Autorität~,
+als ~Macht~, als ~Ordnung~ gebrauchen. Man benutzte es, wie
+man die Polizei, die Armee, die Gefängnisse benutzte, um Alles in Ruhe
+und das Autoritätsprincip aufrecht zu erhalten. Von dem Augenblick an,
+wo es persönlich und individuell genommen und solchermaßen ins Werk
+gesetzt wurde, daß man befürchten mußte, es werde sociale Bewegungen
+verursachen, von dem Augenblick an war es die ~Unordnung~, und
+die Autoritäten spedirten es in der Person der Frau von Krüdener so
+schnell wie möglich von Grenze zu Grenze.
+
+ +[Charles Eynard: Vie de Madame de Krüdener, Tome I-II. --
+ Sainte-Beuve: Portraits de femmes. Derniers Portraits.+
+
+ Ich entwarf diesen Abschnitt vorigen Sommer im Auslande, und hatte
+ damals nur Eynard's Biographie zur Hand. Bei meiner Heimkehr sah ich,
+ daß ein paar Stellen in den Briefen der Frau von Krüdener, die mich am
+ meisten frappirt hatten, auch von Sainte-Beuve bemerkt worden waren,
+ ohne daß sonst eine Uebereinstimmung in der Behandlung stattfand.
+ Es giebt in jedem Buche drei oder vier Stellen, die jeder Kritiker,
+ der sein Fach versteht, immer beachten und citiren wird. So entsteht
+ zuweilen der Anschein, als habe der Eine den Andern benutzt, ohne daß
+ Solches der Fall ist. Stuart Mill schrieb einmal über diesen Punkt:
+ »Coleridge erinnerte einen seiner Recensenten daran, daß es Dinge in
+ der Welt giebt, die man Quellen nennt, und daß das Wasser, das Jemand
+ schöpft, nicht nothwendig aus dem Loche zu kommen braucht, das er in
+ die Cisterne eines Andern gemacht hat.«]
+
+
+
+
+7.
+
+
+Als die hundert Tage vorüber waren, und Ludwig XVIII. zum zweiten
+Male zurückkehrte, verbreitete eine seltsam gemischte und wehmüthige
+Stimmung sich über Frankreich. Die Restauration zeigte eine doppelte
+Physiognomie: sie war die Wiederaufrichtung einer Dynastie, von
+der man geglaubt, daß die Revolution sie für ewige Zeit vom Throne
+Frankreichs ausgeschlossen hätte, sie führte Zustände zurück, von denen
+man gemeint, daß sie ausschließlich der Vergangenheit angehörten,
+und auf der anderen Seite war sie die Wiederaufrichtung gesetzlicher
+Freiheit im Gegensatze zu der furchtbaren Militairdespotie, die so
+viele Jahre hindurch Frankreich unter ihrer Gewaltherrschaft hatte
+erseufzen lassen. Für die Literatur war sie anscheinend wenigstens ein
+Freiheitsbote. Nach Verlauf von fünfzehn Jahren war eine freie Debatte
+über Ideen wieder möglich. Die schwere Hand, welche zermalmend auf der
+Presse geruht hatte, zog sich zurück. Das Siegel wurde von dem Schreine
+gelöst, in welchem die kämpfenden Geister und Systeme gebunden
+lagen, man hatte Erlaubnis, Alles zu diskutiren: die Revolution
+und das Kaiserthum, das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert,
+Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
+
+Man hatte Erlaubnis, aber hatte man Lust dazu? Nein, die Lust
+war gering. Die Stimmung Frankreichs war die Stimmung nach einer
+langwierigen Krankheit oder nach einer verlorenen Schlacht. Nicht daß
+man sich nach Siegen gesehnt hätte. Am Ende der Regierung Napoleon's
+hatte schon die Kanone vor dem Invalidenhotel keinen Widerhall in
+den Herzen mehr erweckt. Man sagte zu einander: Ach, es ist nur ein
+Sieg! Nein, man sehnte sich nach Frieden, wie der zur Ader Gelassene
+und Erschöpfte sich nach Ruhe sehnt. Man freute sich, wie wenn eine
+Choleraepidemie, die eine Stadt aufs äußerste verheert hat, endlich
+vorüber ist. Man begann sich wieder an den Gedanken des Lebens zu
+gewöhnen. Die Mütter hatten bisher mit einem gewissen Grauen ihre
+Kinder sich dem Jünglingsalter, d. h. dem Alter, wo sie Soldaten,
+und bald darauf Leichen wurden, nähern sehen. Sie begannen jetzt zu
+hoffen, daß diese Kinder das Leben vor sich hätten. Die Kinder, welche
+unter Trommelwirbeln und kriegerischen Fanfaren aufgewachsen waren,
+und sich schon in der Schule an den Gedanken früh erworbenen Ruhmes
+und eines frühen Todes gewöhnt hatten, mußten sich nun gleichfalls
+an den Gedanken eines friedlichen Lebens gewöhnen. Der Tod im Bette,
+der ihnen bevorstand, erschien ihnen widerwärtig im Vergleich mit dem
+Tode, der sich ihnen jüngst so strahlend schön in seinem rauchenden
+Purpur gezeigt hatte, sie fühlten sich gleichsam getäuscht, und
+begannen zu grübeln. Die jungen Männer endlich, welche so lange
+nothgedrungen alles persönliche Leben im Staatsleben, Kriegsleben und
+den gemeinsamen Interessen des Vaterlandes hatten aufgehen lassen
+müssen, vernahmen großentheils mit Entzücken die Botschaft, daß sie
+jetzt die Reihen durchbrechen dürften, und nicht mehr in Schritt und
+Tritt nach dem Kalbsfell zu marschiren brauchten; sie schüttelten den
+Staub der Heerstraße von ihren Füßen, warfen die Uniform in den Winkel,
+und suchten jede Erinnerung an die Disciplin auszulöschen. Da sie
+geradeswegs von den Schlachtfeldern des Kaiserreichs, aus dem Getöse
+und Blutbad der Schlachten kommen, nehmen sie ihre Zuflucht zum ruhigen
+Naturleben, fern von der lärmenden Menschenwelt. So ist die Stimmung
+der Periode: müde, aber komplicirt, voller Täuschungen, Hoffnungen und
+Drang zu persönlichen Träumereien, keine Stimmung zur That, sondern zum
+Meditiren und zur Kontemplation.
+
+Diese Volksstimmung erklärt es, wie Lamartine's »Meditationen« die
+Lieblingsdichtung der Zeit werden konnten. Nach Chateaubriand's »Genius
+des Christenthums« hatte kein Buch solches Aufsehen in Frankreich
+erweckt; in vier Jahren wurden 45000 Exemplare abgesetzt. In diesem
+Buche fand die Periode, so seltsam es uns jetzt erscheinen mag, einen
+Dolmetscher für ihre Gefühle und für Alles, was sich in ihrem tiefsten
+Gemüth regte, ein Bild ihrer idealen Sehnsucht, das in den reinsten und
+schönsten Farben des Traumes schillerte. Diese Gedichte klangen wie
+Aeolsharfentöne, aber es war der Zeitgeist, welcher in die Saiten der
+Harfe griff. Freilich waren es nicht sowohl Gesänge, wie Betrachtungen,
+nicht sowohl Herzens- wie Geistes-Harmonien; aber man hatte so
+lange Zeit hindurch im Leben genug der Bestimmtheit, der bestimmten
+Formen, festen Gestalten, und herzergreifenden Gefühle gehabt. Es
+wurde durchaus nicht als ein Mangel verspürt, daß man hier keine
+zugespitzte Leidenschaft oder irgend eine Neigung fand, die finstere
+und schreckliche Seite des Menschenlebens, überhaupt das Leben, wie
+es ist, zu sehen. Davon hatte man in der Wirklichkeit genug gehabt.
+Nach einer Zeit, in welcher so viele Instinkte hatten erstickt werden
+müssen, freute man sich dieses rein poetischen Instinktes, dieses so
+melodiösen Dichters, der, wie er sagte, einen Accord für jedes Gefühl
+und jede Stimmung hatte. Man sehnte sich nach einer solchen Ruhe in der
+Lyrik nach der Philosophie, der Revolution und endlosen Kriegen. Das
+Gedicht »Der See« machte die Runde durch Europa, weil es so lange her
+war, seit man überhaupt die Natur empfunden und sie anders als taktisch
+mit Rücksicht auf ihre Terrainbildung betrachtet hatte. Lamartine trat
+jedoch im Geiste der Zeit nicht bloß als Stimmungsdichter, sondern
+als Gläubiger und Christ auf. Der Grundton in seinen Gedichten war
+christlich-monarchisch und bourbonistisch.
+
+Für uns, die wir später einen Lamartine, welcher Präsident der Republik
+und Apostel des Humanismus war, gekannt haben, ist es interessant,
+die geistigen Ausgangspunkte des Dichters wahrzunehmen. Im Vaterhause
+ist die Bibel seine stete Kindheitslektüre. Er wird im Glauben an
+das Königthum von Gottes Gnaden erzogen. Als Jüngling lebt er unter
+dem Einflusse der Frau von Staël und Chateaubriand's, besonders des
+Letzteren. Er liest mit Bewunderung Tasso's »Befreites Jerusalem«;
+Ossian giebt ihm die Ueberzeugung, daß wahre Poesie unbestimmt und
+neblig sein könne; Bernardin de Saint-Pierre ist für ihn, wie für Frau
+von Krüdener, durch die friedliche Milde und Harmonie seiner Natur
+das besondere Vorbild. Oeffentlich tritt er dann zuerst als Schüler
+Chateaubriand's und Bonald's auf. In seinem »Rafael« erzählt er selbst,
+wie er dazu kam, Bonald's Bekanntschaft zu machen. Zu jener Zeit, als
+er in Chambéry am Fuße der Alpen die junge, schöne Creolin anbetete,
+welche er in seinen Gedichten unter den Namen Elvire verherrlicht
+hat, wurde er von seiner Freundin aufgefordert, eine Ode an Bonald
+zu schreiben, der ein naher Bekannter ihres Hauses war. Lamartine
+behauptet, daß er nur den Namen Desselben und den Nimbus gekannt habe,
+von welchem dieser Name, als der eines christlichen Gesetzgebers,
+umstrahlt war. »Ich stellte mir vor, daß ich zu einem modernen Moses
+reden solle, der aus den Strahlen eines neuen Sinai das göttliche Licht
+schöpfte, mit welchem er die menschlichen Gesetze erhellte.« Vielleicht
+hat Bonald auch De Vigny vorgeschwebt, als Dieser kurz darauf sein
+Gedicht »Moses« verfaßte. Lamartine schrieb damals an Bonald die Ode,
+welche in seiner Sammlung den Titel »Das Genie« trägt, und worin auf
+Treu und Glauben erzählt wird, daß Bonald die falsche Klarheit der
+berühmten Sophisten verscheuche &c. und die moralische Welt von der
+Unordnung zur Ordnung selber führe. Dieser magere Begriff des Guten:
+»die Ordnung«, kehrt überall wieder. Bonald antwortete damit, daß er
+dem jungen Dichter ein Exemplar seiner sämmtlichen Werke übersandte.
+Lamartine las sie mit Begeisterung, und wenn er später in der
+Anmerkung zu dieser Ode es leugnen zu wollen scheint, daß er so tief
+von denselben ergriffen wurde, wie es der Fall war, so muß man Das
+auf Rechnung der späteren Erkenntnis setzen. Er sagt dort: »Ich las
+diese Schriften mit der poetischen Schwärmerei für die Vergangenheit
+und mit dem innigen Mitleid für das Gefallene, welche so leicht in
+der Phantasie eines Knaben sich in Dogma und System verwandeln. Ich
+bemühte mich einige Monate lang, auf Chateaubriand's und Bonald's Wort
+an geoffenbarte Regierungen zu glauben. Später entrissen die Zeit
+und die menschliche Vernunft mich, wie alle Anderen, diesen schönen
+Illusionen, und ich begriff, daß Gott dem Menschen Nichts anders
+als seine socialen Neigungen offenbart, und daß die verschiedenen
+Regierungssysteme Offenbarungen des Zeitalters, der Situation, des
+Jahrhunderts und der Laster und Tugenden des Menschengeschlechtes
+sind.« Lamartine antedatirt sehr beträchtlich diese seine Einsicht.
+Seine »Meditationen« verfolgen in der Regel alle dieselbe Richtung,
+wie die Ode an Bonald. Diejenige, welche »Gott« betitelt ist, ist
+Lamennais, die Dithyrambe über die heilige Poesie ist dem Uebersetzer
+der Bibel, Genoude, gewidmet. Er selbst ist Mitglied der Redaktion
+des »+Conservateur+«, von dessen Begründung Chateaubriand die
+ausgeprägte Reaktion in Europa datirt. Als dies Blatt eingeht, wird er,
+nebst Lamennais und Bonald, Begründer des neuen gleichartigen Organs
+»+Le défenseur+«, welches darauf ausgeht, den Konstitutionalismus
+zu bekämpfen. Es fällt ihm die Aufgabe zu, De Maistre zu Beiträgen
+auffordern zu sollen. Höchst interessant ist es zu sehen, in welchem
+Tone der jetzt schon dreißigjährige Lamartine den Verfasser des Buches
+»Ueber den Papst« anredet: »Herr Graf! ich war sehr krank, als ich
+Ihre freundliche und schmeichelhafte Zuschrift nebst ihrem Werke
+empfing. Ich benutze die ersten rückkehrenden Kräfte dazu, Ihnen
+gleichzeitig für den Brief und das Buch zu danken, besonders aber für
+die schmeichelhafte Benennung +Neveu+, derer ich mich gegen all'
+ihre Bekannten rühme; diese Benennung allein ist so gut wie ein Ruf, so
+hoch steht Ihr Name bei Allen angeschrieben, die ein wahres und tiefes
+Genie in diesem irregehenden und kleinlichen Jahrhundert verstehen
+... Herr Bonald und Sie, Herr Graf, und noch einige Männer, die in
+großer Entfernung Ihrer Spur folgen, haben eine unvergängliche Schule
+hoher Philosophie und christlicher Politik begründet, die besonders in
+der jungen Generation Wurzeln schlägt.« In diesem Briefe bezeichnet
+Lamartine die Stellung De Maistre's in der Literatur dahin, daß er
+das Haupt der ersten Schriftsteller sei, und leitet die Opposition
+wider ihn aus den »lächerlichen gallikanischen Prätensionen« her, die
+er so bewunderungswürdig vernichtet habe. Sein Standpunkt ist also
+der reine unverfälschte Ultramontanismus, -- jedoch, wohlgemerkt, nur
+sein theoretischer Standpunkt. In seiner Poesie ist er nicht ganz so
+dogmatisch. Wenn er es z. B. für seine, des christlichen Dichters,
+Aufgabe hält, die heidnische Mythologie vom Parnasse zu verjagen, so
+leitet ihn in Wirklichkeit kein religiöser, sondern ein rein poetischer
+Instinkt. Die alten Mythen waren in der Lyrik längst zu bloßen
+Umschreibungen eingeschrumpft, und allzu lächerlich, um schädlich auf
+die Religiosität irgend Jemandes wirken zu können. Es war doch fürwahr
+nicht nöthig, einen religiösen Protest wider den Glauben an Apollo und
+Amor zu erheben. Nein, Das, wodurch Lamartine wirkte, war, daß er bald
+die melancholischen, bald die beruhigenden, bald die begeisternden
+Worte aussprach, welche Alle zu hören begehrten. Man entdeckte nicht,
+daß er eigentlich etwas Neues gefunden oder gesagt hätte, man erkannte
+sich selbst wieder in dieser sympathetischen Stimme. Man fühlte wieder
+gewisse Fibern sich regen und aufleben, die während der allgemeinen
+Niedergeschlagenheit empfindungslos geschienen hatten. Er ließ die
+Saiten, welche lange verstummt gewesen, wieder erklingen, und man war
+entzückt über das Neue, welches darin lag, jene alten Erinnerungen
+ins Leben zurück zu rufen. In der Begrüßungsrede, welche der große
+Naturforscher Cuvier 1830 bei der Aufnahme Lamartine's in die Akademie
+hielt, zeigt er, wie der Mensch in der tiefen Nacht, die seine Vernunft
+umgebe, eines Führers bedürfe, welcher ihn dem schwarzen Labyrinthe
+des Zweifels zu entreißen und ihn zu den Regionen des Lichts und der
+Sicherheit hinzuführen vermöge. Er beschuldigt Byron, im Universum nur
+einen Tempel für den Gott des Bösen erblickt zu haben, und begrüßt in
+Lamartine den Sänger der Hoffnung. So vermengte Frankreich, wie ein
+armer Rekonvalescent, die Hoffnung mit dem Glauben, den Trost mit den
+Dogmen, den Lebensmuth mit dem Ultramontanismus zu ~einer~ großen
+Unklarheit, bis die Macht der Verhältnisse die Nebel zerstreute und
+sowohl die Schriftsteller wie das Publikum zwang, bestimmte Standpunkte
+einzunehmen. Vorläufig war es für Lamartine eine Zeit des Triumphes und
+des beginnenden Ruhmes; dieser Ruhm kam für ihn nicht zu früh, er war
+dreißig Jahre alt, aber derselbe fiel gleich den ersten Strahlen der
+aufgehenden Sonne in seine ehrsüchtige Existenz. Man stelle sich recht
+lebhaft einen Salon aus jener Zeit vor, wie er uns von Zeitgenossen
+geschildert worden ist,[12] eine Reihe von Gesellschaftssälen bei einem
+der ersten Würdenträger des Königthums, General Foy z. B., wo gegen
+hundert Personen versammelt sind, und wo Lamartine, damals Gesandter
+in Florenz, bei einem seiner kurzen Besuche in Paris zugegen ist. Ein
+Geflüster der Bewunderung geht durch den Saal, als er eintritt, jung,
+schlank und schön, aristokratisch in Geberde und Haltung. Man schaart
+sich um ihn, besonders die Damen; reizende Gesichter, prachtvolle
+Toiletten, Lächeln und Schmeichelei begegnen ihm von allen Seiten. Man
+vergißt einen Augenblick, den anwesenden Deputirten Komplimente für
+ihre letzten Kammerreden zu sagen. Er, den man, ohne ihn früher gesehen
+zu haben, sofort erkennen kann, überstrahlt Alle. General Foy tritt an
+ihn heran, drückt ihm mit Begeisterung die Hand und versichert ihn, daß
+er, wenn er will, eine Zierde der Kammer werden kann, die lange eines
+so talentvollen Vertheidigers der echt monarchischen Principien bedurft
+hat. Dann deklamirt er mit seiner melodischen Stimme, die noch nie ein
+politisches Stichwort ausgesprochen hat, eine oder zwei seiner ersten
+Meditationen, »Die Erinnerung«, »Die Begeisterung«, »Die Verzweiflung«,
+»Das Gebet«, »Der Glaube« oder eine andere Abstraktion, und ruft ein
+Entzücken ohne Gleichen und Ausbrüche der Begeisterung und des Dankes
+in allen Nuancen hervor. Benjamin Constant nähert sich ihm mit seiner
+undurchdringlichen, ernsthaft ironischen Miene, beglückwünscht ihn,
+diese neue Quelle der Poesie entdeckt zu haben, und versichert ihn,
+daß er nur in Schiller's reflektirenden Gedichten dieser Hoheit und
+Reinheit des Gefühls und Ausdrucks begegnet sei. Die Damen finden
+diesen Vergleich überaus schmeichelhaft für Schiller, einen obskuren
+deutschen bürgerlichen Poeten, dessen Namen einmal gehört zu haben
+sie sich flüchtig erinnern. Was ist er gegen Lamartine! Verschiedene
+Umstände vermehren den Reiz, den seine Gedichte ausüben: zuerst des
+Verfassers seltene und fast weibliche Schönheit, dann die Gerüchte von
+Ihr, die sie vor Allem, und mit einer so seraphischen Schwärmerei,
+mit einer so überirdischen Reinheit besingen. Er soll sie geliebt,
+und seine Geliebte durch den Tod verloren haben. Man forscht nach
+allen Seiten, um Etwas über den wirklichen Zusammenhang der Sache zu
+erfahren. Wer war jene Elvire, wie war ihr wirklicher Name?
+
+ * * * * *
+
+All' jene Fragen sind von geringem Interesse für uns die wir uns
+jetzt in diese Erinnerungen vertiefen, um jene Zeit und ihren Geist
+vollständig zu begreifen. Aber sie berühren einen Punkt, der auch
+für uns das höchste Interesse besitzt, nämlich den: Von welcher
+Beschaffenheit ist das erotische Gefühl in jenen Gedichten und bei
+Lamartine überhaupt? von welcher Beschaffenheit ist es in der ganzen
+Literaturgruppe, von welcher er beeinflußt wird, und in welcher er ein
+Glied bildet?
+
+ * * * * *
+
+Von allen Gefühlen, welche die Dichtkunst behandelt, spielt das
+erotische die größte Rolle. Wie es aufgefaßt und dargestellt wird,
+ist ein Moment von der höchsten Bedeutung zum Verständnisse des
+Zeitgeistes. An der Auffassung des Erotischen kann man, wie an dem
+feinsten Meßinstrumente, die Stärke, die Art und den Wärmegrad des
+Gefühlslebens einer ganzen Zeit erkennen. Ich habe früher (Band
+I, S. 24 ff.) den Uebergang der Galanterie zur Leidenschaft bei
+Rousseau geschildert. Bei Deutschlands großen Dichtern wird diese
+Leidenschaft geläutert und humanisirt. Bei den Romantikern wird sie
+zum Mondscheinschmachten. In revolutionären Zeiten wird sie im Kampfe
+mit bestehenden und geordneten Gesellschaftsverhältnissen dargestellt;
+bei modernen skeptischen Dichtern, wie Heine, ist die Liebe durch den
+Zweifel an ihrer Existenz unterhöhlt:
+
+ Doch wenn Du sagst: Ich liebe Dich,
+ Dann muß ich weinen bitterlich.
+
+In einer verschrobenen, spiritualistischen, autoritätsgläubigen
+und ordnungstollen Periode, wie dieser, wird die Liebe unmöglich
+natürlich und gesund auftreten können. Sehen wir uns die namhaftesten
+Liebesschilderungen, welche jene Zeit hinterlassen hat, näher an -- wir
+halten damit gleichzeitig eine kurze Revue über die Haupttypen von Mann
+und Weib.
+
+Das erste Paar sind Eudorus und Velleda in den »Märtyrern«.
+
+Der Held in den »Märtyrern« ist um so interessanter, als Chateaubriand
+Demselben manchen Zug seiner eigenen ausdrucksvollen Physiognomie
+verliehen hat. Dies geht so weit, daß Chateaubriand und Eudorus die
+Erzählung ihres Lebens fast mit denselben Worten und mit derselben
+Betrachtung beginnen. Eudorus sagt: »Als ich am Fuße des Berges
+Taygetus geboren ward, war das traurige Gemurmel des Meeres der erste
+Laut, der mein Ohr berührte. An wie vielen Ufern sah ich seitdem die
+Wogen sich brechen, die ich hier erschaue! Wer hätte mir vor einigen
+Jahren sagen können, daß ich die Wogen, die ich an Messeniens schönen
+Sand rollen sah, an Italiens Küsten, an den Ufer der Bataver, der
+Britten und der Gallier seufzen hören sollte.« Und ganz eben so sagt
+Chateaubriand in seiner italiänischen Reise: »Als ich auf den Felsen
+der Bretagne geboren ward, war der erste Laut, der mein Ohr berührte,
+da ich zur Welt kam, der Laut des Meeres, und an wie vielen Ufern
+hab' ich seitdem die Wogen sich brechen sehen, die ich hier finde!
+Wer hätte vor einigen Jahren mir sagen können, daß ich an den Gräbern
+Scipio's und Virgil's die Wogen seufzen hören sollte, die an Englands
+Küsten und Marylands Stranden zu meinen Füßen heranrollten,« &c.
+Beide sind weitgewanderte und vielgeprüfte Männer, wie Odysseus und
+Aeneas; der gemeinsame Zug ist das Staunen über die Abenteuer des
+eigenen Lebens, die Bewunderung des eigenen Ich, das höhere Mächte
+durch so viele Schicksale geleitet haben. Allein noch ein Zug, und
+ein bedeutungsvollerer, ist ihnen gemeinsam: wie Chateaubriand, so
+ist Eudorus der Held, welcher den Triumph des Christenthumes auf
+Erden herbeiführt. Chateaubriand wiederholt nur unter Napoleon, was
+Eudorus unter Galerius that, und es ist nicht seine Schuld, daß er
+kein Märtyrer ward. Der Gedanke an ein Martyrium beschäftigte ihn
+schon in seiner Jugend; er sprach öfters gegen seine Freunde aus, daß
+er vor einem solchen nicht zurückgeschreckt sein würde, wenn man es
+von ihm gefordert hätte. Der Heros, welcher ihm als Ideal vorschwebt,
+ist also nichts Geringeres, als das Opfer, das für die Irreligiosität
+und den Abfall der Zeit sich zur Sühne bringt, und durch seine That
+und seine Leiden den erzürnten Gott versöhnt. In der ersten Ausgabe
+der »Märtyrer« wird Eudorus sogar geradezu als ein Christus zweiten
+Ranges bezeichnet. Der Ausdruck wird von ihm gebraucht, daß der Ewige
+»eine ganze Hostie« zu sehen begehrte. Aus theologischer Rücksicht
+wurde dies Wort freilich in den späteren Ausgaben ausgemerzt. Aber am
+Schlusse blieb die Vorstellung vermuthlich aus Unachtsamkeit stehen
+und macht dort eine fast komische Wirkung. An der Stelle, wo Eudorus
+gemartert wird, heißt es: »Der Feuersitz war bereit. Der Lehrer der
+Christen predigt das Evangelium mit größter Beredtsamkeit, während er
+auf einem glühenden Sessel sitzt. Die Seraphim verbreiten über Eudorus
+einen himmlischen Thau, und sein Schutzengel entfaltet über ihm seine
+Schwingen. Er erschien in der Flamme wie ein liebliches Brot des Herrn,
+das für die himmlische Tafel bereitet ist.«
+
+Hier haben wir also die Grundvorstellung des Typus. Das erste
+Sühnopfer, der erste Erlöser, die erste Hostie ist nicht ausreichend.
+Obschon Christ, findet Chateaubriand nicht, daß Christi Märtyrertod
+hinlänglich gewirkt und gesühnt habe. Zum Triumphe der Religion sind
+noch beständig Erlöser kleineren Formats, wie Chateaubriand selbst
+oder sein Held Eudorus, erforderlich. Ganz wie bei den deutschen
+Romantikern sogar ein Bösewicht wie Golo in Tieck's »Genoveva« eine
+Aehnlichkeit mit Christus haben soll[13], so hier der Held. Dieser
+Held kann in seiner Jugend Fehltritte begehen und kurze Zeit z. B. in
+dem schönen Neapel auf den Wegen des Verderbens wandeln (Chateaubriand
+wußte aus eigener Erfahrung, daß selbst feste Grundsätze hiegegen nicht
+schützten), aber er bekehrt sich, er besteht alle Prüfungen und stirbt
+als ein leuchtendes Exempel.
+
+Sein Liebesverhältnis zu Velleda ist eine dieser Prüfungen.
+
+Velleda ist sicherlich die originellste und bedeutendste weibliche
+Gestalt, welche die Restaurationsperiode erschaffen hat. Velleda
+ist ein junges gallisches Mädchen aus dem dritten Jahrhundert, und
+Chateaubriand hat den französischen Typus in ihr schildern wollen: »Sie
+war ein außerordentliches Weib. Sie hatte, wie alle gallischen Weiber,
+etwas Launenhaftes und Anziehendes. Ihr Blick war schnell, der Ausdruck
+um ihren Mund ein wenig spöttisch, und ihr Lächeln eigenthümlich sanft
+und geistvoll. Ihr Wesen war bald stolz, bald wollüstig. Ihre ganze
+Persönlichkeit war ein Gemisch von Hingebung und Würde, von Unschuld
+und Kunst.« -- Aber Velleda ist nicht allein national-französisch,
+sie trägt in hohem Grade das Gepräge der Zeit, wo sie gedichtet ward,
+sie ist ein Ideal von 1809. Velleda ist Priesterin, sie gehört zu
+der Familie des Erzdruiden. Für diese Zeit ist die Weiblichkeit erst
+vollkommen, wenn sie den Stempel einer religiösen Begeisterung trägt.
+Als echte Tochter des achtzehnten Jahrhunderts ist Velleda daher auch
+kein reines Naturkind. Sie ist ein Naturkind, wie die anderen Töchter
+der Revolution es waren. Es wird ausdrücklich -- nicht ohne einen
+kleinen Anstrich von Pedanterie -- von ihr bemerkt, das sie in der
+Familie des Erzdruiden »gründlich in der griechischen Literatur und
+in der Geschichte ihres Landes unterrichtet« worden sei; Velleda ist
+die letzte Priesterin der Druiden, wie Cymodoce die letzte Priesterin
+Homer's. Wie Corinna kurz vorher das Ideal der jungen ehrgeizigen
+Frauen war, so wird Velleda es jetzt, und da die Literatur nicht nur
+ein Ausdruck für die Gesellschaft ist, sondern auch gewaltig dazu
+beiträgt, die Gesellschaft umzubilden, so sehen wir Velleda aus der
+Welt der Phantasie in die Welt der Wirklichkeit übergehen. Was ist
+Frau von Krüdener vor der Front des russischen Heeres anders, als eine
+christliche Velleda!
+
+Wir lernen die junge Priesterin kennen, als sie in einem Nachen auf
+dem Meere während eines Sturmes Beschwörungslieder an das Meer und
+den Sturm singt, über welche sie, ungefähr wie Fouqués Undine, eine
+Art Herrschaft übt oder zu üben glaubt. Dann hören wir sie in einer
+feurigen Rede ihre Landsleute auffordern, ihre Freiheit zurück zu
+erobern und die Waffen wider das Römerheer zu ergreifen. Wir sehen sie
+als Priesterin des Teutates die Sichel zum Menschenopfer wetzen. Sie
+wird als schön, hoch und schlank geschildert, kaum bedeckt von einer
+schwarzen Tunika, die kurz und ohne Aermel ist, während die goldene
+Sichel an ihrem Stahlgürtel hängt. Ihre Augen sind blau, ihre Lippen
+purpurroth, um ihr freiwallendes blondes Haar trägt sie bald einen
+Eichenzweig, bald einen Kranz von Eisenkraut.
+
+Sie hat kaum Eudorus erblickt, als sie ihn liebt. Aber eine so
+einfache und natürliche Leidenschaft reicht für diese Zeit nicht aus.
+Velleda muß noch eine Art von Vestalin sein und das Gelübde ewiger
+Jungfräulichkeit abgelegt haben. »Ich bin Jungfrau, Jungfrau der
+Seine-Insel; mag ich mein Gelübde halten oder brechen, so sterbe ich
+dadurch, und Du bist Schuld daran.« Sie gefällt zwar Eudorus, aber
+er liebt sie nicht. Er steht ihr gegenüber, ungefähr wie der fromme
+Aeneas der Dido gegenübersteht, an welchen der Dichter sogar Eudorus
+seine Zuhörer erinnern läßt. Die Unglückliche versucht jegliche Art von
+Zauberei. Sie will sich mit den Mondesstrahlen zu ihm hinschleichen.
+Sie will in den Thurm fliegen, den er bewohnt, seine Liebe unter einer
+fremden Gestalt gewinnen, und sträubt sich doch selbst aus Eifersucht
+gegen den Gedanken. Eudorus theilt nicht diese Leidenschaft, aber
+er fühlt sich in ihrer Nähe gleichsam von der Atmosphäre derselben
+angesteckt. Als Christ schaudert er vor der Versuchung zurück. »Wohl
+zwanzigmal war ich, während Velleda mir so traurige und so zärtliche
+Gefühle aussprach, nahe daran, mich ihr zu Füßen zu werfen, ihr ihren
+Sieg zu verkünden und sie durch das Geständnis meiner Niederlage
+glücklich zu machen. In dem Augenblick, wo ich im Begriffe stand,
+zu unterliegen, verdankte ich nur dem Mitleid, das die Unglückliche
+mir einflößte, meine Rettung. Allein dies Mitleid, das mich Anfangs
+rettete, wurde zuletzt die Ursache meines Untergangs; denn es raubte
+mir den Rest meiner Kraft.« Es liegt, rein ästhetisch betrachtet, etwas
+sehr Unschönes darin, einen Mann sich solchermaßen über die harten
+Kämpfe äußern zu hören, die er zur Behauptung seiner Tugend bestanden
+hat, und Eudorus' Ausbrüche von Scham und Reue kleiden ihn schlecht.
+»O Cyrillus,« sagt er, »wie soll ich diese Erzählung fortsetzen? ich
+erröthe vor Scham und Verwirrung.« Als endlich dieser Ritter von der
+traurigen Gestalt so weit gekommen ist, daß er, nachdem Velleda einen
+Selbstmord versucht hat, zu ihren Füßen liegt, kann er sich nicht
+mit weniger begnügen, als die ganze Hölle um dieses Anlasses willen
+in Bewegung zu setzen. »Ich stürze zu Velleda's Füßen ... Die Hölle
+giebt das Signal zu dieser entsetzlichen Hochzeit; die Geister der
+Finsternis heulten im Abgrunde, die keuschen Ehefrauen der Patriarchen
+wandten ihre Häupter ab, und mein Schutzengel verhüllte das Antlitz
+mit seinen Flügeln und stieg gen Himmel empor.« Nicht einmal einen
+Augenblick vermag dieser triste Held sich hinzugeben. Er schämt sich
+wie ein Junge, der einen gestohlenen Apfel mit einem Gemisch von Gier
+und Angst vor Prügeln verzehrt. »Mein Glück glich der Verzweiflung, und
+wer uns inmitten unserer Wonne gesehn hätte, Der hätte uns für zwei
+Schuldige gehalten, denen man eben das Todesurtheil verkündete. Von
+diesem Augenblick an fühlte ich mich mit dem Stempel des göttlichen
+Zornes gezeichnet. Eine dichte Finsternis erhob sich gleich einer
+Rauchwolke in meinem Geiste, von welchem eine Schaar aufrührerischer
+Geister plötzlich Besitz ergriffen zu haben schien. Ideen, die mir
+bisher unbekannt gewesen, stellten sich bei mir ein, die Sprache der
+Hölle strömte von meiner Zunge, und ich sprach die Gotteslästerungen
+aus, welche man an jenen Orten vernimmt, wo da ist Heulen und
+Zähneklappern.«
+
+So wird dies Liebesverhältniß des christlichen Häuptlings zu der
+heidnischen Prophetin mit Scheiterhaufen und Flammen als Hintergrund
+geschildert. In »Atala«, wo sich etwas Verwandtes in der Association
+von Leiden und Lust findet, war doch dies so wenig beabsichtigte und
+gefühlte Anathem noch nicht auf die irdische Liebe geschleudert.
+
+Man findet diese Auffassung in De Vigny's bedeutender und schöner
+Jugenddichtung »Eloa« wieder, welche schildert, wie der Fürst der
+Finsternis einen jungen und schönen weiblichen Engel verführt. War
+Satan in den »Märtyrern« ein Revolutionair, so ist er hier nicht sehr
+verschieden von dem Eros der Alten. Ohne zu sagen, wer er ist, bethört
+er durch seine Schönheit und Beredtsamkeit den Engel, und reißt ihn mit
+sich in den Abgrund hinab. Er schildert selbst seine Macht in folgenden
+Worten, die man in den Versen des Originals nachlesen muß:
+
+ Ich bin Der, den man liebt und den man nicht kennt,
+ Meine Flammenherrschaft über den Menschen hab' ich begründet
+ In der Sehnsucht des Herzens und den Träumen der Seele,
+ In dem Verlangen und den geheimnisvollen Sympathien des Leibes,
+ In den Schätzen des Bluts, in dem Blicke der Augen.
+ Ich bin's, der die Gattin veranlaßt, in Träumen zu reden,
+ Und das junge, glückliche Mädchen eine glückliche Illusion zu empfinden,
+ Ich schenk' ihnen Nächte, die sie trösten für ihre Tage,
+ Ich bin der heimliche König heimlicher Liebe.
+
+So ungefähr lautet der Gesang des Chores an Eros in der »Antigone« des
+Sophokles:
+
+ O Eros, Sieger im Kampf,
+ Die Beute gewaltig umschlingend
+ Der heimlich versteckt auf der Jungfrau
+ Holdblühenden Wange lauscht!
+ Du wandelst auf Wogen des Meeres,
+ Du schweifest in Fluren und Wald!
+ Dir entrinnet der Ewigen Keiner,
+ Und Keiner der Menschen, der Söhne des Tages,
+ Und wen du ergriffen, Der raset.
+ Du lockst verderbend in Schuld
+ Die Sinne des edelen Mannes.
+
+Da die Zeit sich jetzt auf der schiefen Ebene befindet, welche dahin
+führt, Eros als Satan selbst aufzufassen, so versteht es sich, daß
+keine Zeit die »wahre« Liebe so eiskalt, so seraphisch, so platonisch
+und so ohnmächtig geschildert hat, wie diese in der Darstellung
+derselben excellirt. Sehen wir, wie die Velleda jener Zeit, Frau von
+Krüdener selbst, sie in ihrer »Valérie« auffaßt.
+
+Obschon Valérie eine Nachahmung Werther's ist, ist sie zugleich ein
+Gegenstück zu Werther. Es ist die Erzählung von einem jungen Schweden,
+Namens Gustav Linar, der von seiner Mutter früh gelernt hat, »die
+Tugend zu lieben«, und der fortfährt, sie bis an seinen Tod zu lieben.
+Außer der Tugend liebt er zugleich Valérie, aber Valérie ist mit dem
+Grafen, seinem Herrn und Ideal, verheirathet, und er selbst ist ein
+solcher Inbegriff aller Vollkommenheiten, daß er seine Augen nicht
+anders zu ihr erheben kann, als mit einem Respekte, der jedes Verlangen
+unmöglich macht. Alexander Stakiew hatte Herrn von Krüdener seine
+Gefühle gestanden, Gustav schweigt gänzlich dem Manne gegenüber,[14]
+und theilt eben so wenig seiner Geliebten jemals mit, was er leidet.
+Er wird von einer unverstandenen und unausgesprochenen Liebe verzehrt,
+und da er allzu wohlerzogen ist, um sich todtzuschießen, so stirbt er
+an der Schwindsucht. Sein Stil ist folgender: »O mein Freund, welch'
+ein Frevel von mir, mich einer Leidenschaft ergeben zu haben, die mich
+vernichten muß! Aber ich will wenigstens sterben, indem ich die Tugend
+und die heilige Wahrheit liebe, ich will nicht den Himmel wegen meines
+Unglücks anklagen, wie es so viele meines Gleichen thun [Welch artiges
+Kind!]; ich will, ohne mich zu beklagen, den Schmerz erleiden, an dem
+ich selber Schuld bin und den ich liebe, obschon er mich tödtet. Ich
+will herantreten, wenn der Ewige mich ruft, mit vielen Fehlern, aber
+nicht mit Selbstmord belastet.« (Valérie, Bd. II, S. 63.) Dieser Gustav
+ist kein Mann; weibliche Schriftsteller excelliren bekanntlich nicht
+darin, Männer zu schildern. Sie lassen Dieselben fast immer in der
+Rücksicht auf das Weib aufgehen. Gustav ist, wie gesagt, Skandinav,
+aber wir haben keine Ursache, stolz auf diesen Landsmann zu sein,
+der sich am wenigsten von Allem durch nordische Kraft auszeichnet.
+Die Nationalfarbe in dem Buche beschränkt sich denn auch zumeist auf
+die allgemein germanische Sentimentalität, in welche die Schilderung
+getaucht ist, und auf eine Anzahl schwedischer Namen, die natürlich
+auf das possirlichste falsch buchstabirt sind. So veranstaltet Gustav
+für Valérie in Venedig ein Fest, dessen Dekoration sie an ihre
+Jugendheimstatt unter Birken und Tannen erinnern soll. Ueberrascht ruft
+Valérie bei dem Anblick aus: »+Ah! c'est Dronigor+«. Mit einiger
+Mühe ermittelte ich, das es »Dronninggaard« bedeuten soll. -- Besonders
+schwedisch kann Gustav nicht genannt werden. Schön in der Schilderung
+seines Charakters ist der Schimmer der humanitären Schwärmerei des
+ersten Jünglingsalters, welcher über seinen Bekenntnissen liegt. Ist
+es nicht schön und tief empfunden, wenn er, welcher beobachtet zu
+haben glaubt, daß bei den meisten Menschen auf die Periode der Liebe
+die des Ehrgeizes folge, bemerkt, daß der Ruhm, den die Andern sich
+wünschen, nicht der sei, welcher ihm als begehrenswerth vorgeschwebt
+habe. »Der Ruhm, von dem ich geträumt, beschäftigte sich mit dem Glück
+Aller, wie die Liebe sich mit dem Glück eines einzelnen Gegenstandes
+beschäftigt. Er war eine Tugend bei Dem, welcher ihn in seinem Herzen
+trug, bis die Menschen rings um ihn her ihn Ruhm nannten.« Und er
+fügt hinzu: »Was hat der Ruhm gemein mit der kleinlichen Eitelkeit
+des großen Haufens, mit der elenden Prätension, Etwas zu sein, weil
+man ihm nachjagt?« Ist es nicht seltsam zu denken, daß Dies in dem
+Buche steht, dessen Ruf durch solche Mittel bewerkstelligt ward,
+welche angewandt wurden, um »Valérie« in Schwung zu bringen? -- Gustav
+gegenüber ist Valérie mit all dem Reiz ausgestattet, den eine Dame,
+welche so leidenschaftlich in sich selbst verliebt war, wie Frau von
+Krüdener, ihrem eigenen Konterfei mitzutheilen vermochte. Sie ist ganz
+und gar Weib, während der unmännliche Gustav, der selbst die Unvernunft
+und Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft einsieht, vollkommen außer
+Stande ist, sich seinen Fesseln zu entreißen, dieselben zu zerbrechen
+und das Leben eines Mannes zu beginnen.
+
+So muß er sich denn mit so demüthigenden Aeußerungen seiner Anbetung
+begnügen, wie z. B. ein Kind, dem sie erst einen Kuß gegeben hat, an
+der Stelle, die von ihren Lippen berührt ward, zu küssen, oder, als sie
+auf dem Balle drinnen im Saale ihren bloßen Arm an die Fensterscheibe
+lehnt, draußen vor dem Hause stehend das Fensterglas von der anderen
+Seite zu küssen, oder endlich ihre Hand zu drücken und den Ring zu
+fühlen, den sie von ihrem Manne erhalten hat, oder in ihrer Nähe
+ohnmächtig zu werden, so daß sie seine Stirn mit Eau de Cologne
+benetzen muß.
+
+ * * * * *
+
+Es liegt überhaupt ein leichter Parfum von Eau de Cologne über der
+ganzen Erzählung. Wie charakteristisch ist es z. B., daß der erste
+Dienst, um welchen Valérie Gustav im Vertrauen bittet, der ist, ihr
+heimlich etwas ~Schminke~ zu besorgen, da ihr Mann nicht gern
+sieht, daß sie sich derselben bedient. Mit dem Eau de Cologne-Duft
+vermischt sich ein Duft von Anstand und Respekt, der so stark ist,
+daß er Einem fast zuwider wird, und ein überirdischer Charakter des
+Gefühls, der albern und unschön ist. Man denke sich z. B., daß Valérie
+guter Hoffnung ist, als Gustav's Leidenschaft beginnt, ohne daß dieser
+Umstand irgend eine heilende Wirkung auf dieselbe übt, obschon er in
+ihrer Nähe lebt, bis ihr Sohn geboren wird. Man schwärmt mit einander
+für Ossian und Clarissa Harlowe. Niemals empfindet Gustav die geringste
+Spur von Eifersucht auf den Grafen, so wenig wie Dieser eine Spur
+von Eifersucht auf ihn. Ja, Gustav stirbt mit der Hand des Grafen
+in der seinen. Kurz, die Liebe ist hier so geläutert, so naturlos
+und seraphisch, daß sie mit ihrer Gewaltsamkeit auch ihre Poesie
+verloren hat. Dies ist, wie mir scheint, von doppeltem psychologischen
+Interesse, wenn man weiß, durch eine wie wenig seraphische Existenz
+diese Dichterin der Liebe sich dafür vorbereitet hatte, ihren Roman zu
+schreiben, und wie gut sie selbst es verstanden hatte, die heilige mit
+der profanen Seite der Liebe zu versöhnen.
+
+ * * * * *
+
+Lamartine und Elvire veranlaßten uns zu dieser Abschweifung. Betrachten
+wir nun doch dies Paar und dies Verhältnis.
+
+Die Gedichte handelten von Liebe, aber von einer so reinen Liebe,
+daß sie als +une prière à deux+, ein Zwiegebet, definirt wurde.
+Sie war mit all' der idealen Verklärung ausgemalt, welche der Tod
+dem Gegenstande der Liebe verleiht: der Dichter preßt seine Lippen
+auf das Crucifix, das seine sterbende Geliebte in ihrem letzten
+Augenblicke geküßt hat. Werfen wir nun von den »Meditationen« einen
+Blick auf »Rafael«, dasjenige Werk Lamartine's, in welchem er die wahre
+Geschichte seiner Liebe geschildert hat, so fällt ein neues Licht auf
+diese vielgefeierten Gedichte.
+
+Elvire oder, wie sie wirklich hieß, Julie ist eine junge, elternlose
+Dame, Kreolin, achtundzwanzig Jahre alt, die »einen in der Geschichte
+der Wissenschaft berühmten Greis« geheirathet hat, um einen
+Beschützer im Leben zu haben, aber ohne in einem andern Verhältnis
+zu ihrem Manne zu stehen, als dem, worin eine Tochter zu ihrem Vater
+steht. Er ist brustschwach, und leidet an der Schwindsucht. Die
+Schwindsuchts-Poesie beginnt in die Mode zu kommen. In Savoyen, in
+der Nähe des Bourget-Sees, den Lamartine so schön besungen hat, wo
+sie ihrer Gesundheit halber einige Herbstmonate verweilt, trifft sie
+den jungen Helden des Buches, Rafael, welcher sich übrigens nur durch
+den Namen von seinem Verfasser unterscheidet, der hier all' seine
+wirklichen Verhältnisse, ja seine Freunde und Bekannten unter Nennung
+ihres vollen Namens geschildert hat. Man kann übrigens nicht sagen, daß
+er sich selbst allzu arg in der Schilderung mitgenommen hätte. Es heißt
+von Rafael, sein Gefühlsleben sei so zart gewesen, daß seine Kameraden
+scherzend von ihm sagten, er leide an Heimweh nach dem Himmel. »Hätte
+er den Pinsel geführt, so hätte er die Madonna di Foligno gemalt, und
+hätte er den Meißel geführt, so würde er Canova's Psyche modellirt
+haben. Als Dichter hätte er Hiob's Klagerufe gegen Jehova, Herminia's
+Stanzen in Tasso, Romeo's und Julia's Zwiegespräch im Mondenscheine von
+Shakspeare und Lord Byrons' Schilderung von Haydee geschrieben.« Das
+war nun glücklicherweise nicht nöthig, da es von Andren geschehen war.
+Es läßt sich indessen kaum leugnen, daß er, als er sich später auf dem
+einen dieser Felder, nämlich als Dichter, versuchte, doch im Vergleich
+mit seinen Vorbildern, deren Leben allerdings nicht wie das seine vor
+dem Spiegel verbracht wurde, Manches zu wünschen übrig ließ. Aber sehen
+wir ihn lieben, sehen wir, wen und wie er liebt!
+
+Zuerst einige Präliminarien. Es versteht sich, daß ein Zeitalter,
+wie dies, das Erotische nicht ganz ohne Einmischung der Theologie
+behandeln kann. Während ein moderner Dichter, wie Turgéniew z. B.,
+niemals ein Wort an theologische Materien verschwendet, höchstens,
+wie in »Eine seltsame Geschichte«, den religiösen Fanatismus als
+eine Art des Wahnsinns schildert, läßt ein Dichter wie Lamartine
+seine Liebenden einen ganzen theologisch-philosophischen Kursus mit
+einander durchmachen. Sie sind verschiedener Ansicht, und sie ist ihm
+geistig überlegen; sie scheint auch zwei oder drei Jahre älter gewesen
+zu sein, was in diesem Falle sehr Viel bedeutet, besonders da sie
+mit einem so viel älteren Manne verheirathet ist; denn es besagt in
+Wirklichkeit, daß sie zwei verschiedenen Generationen angehören, sie
+dem Revolutions-, er dem Restaurations-Zeitalter. Während in der alten
+großen Zeit Faust, wenn er von seinem Gretchen katechisirt wurde, einen
+Bekehrungsversuch abwehren und sich bemühen mußte, der Geliebten seinen
+Unglauben durch mildernde Umschreibungen zu erklären, ist hier das
+Umgekehrte der Fall. Hier ist es Faust, der fruchtlose Versuche machen
+muß, sein Gretchen zur Orthodoxie zu bekehren. Elvire sagt (Rafael, S.
+55): »Ich, die ich von einem Philosophen erzogen worden bin, und im
+Hause meines Mannes inmitten einer Gesellschaft von freien Geistern
+lebte, welche sich von den Dogmen und Ceremonien einer Religion, die
+sie gestürzt, loßgerissen haben, -- ich hege keinen Aberglauben, keine
+Geistesschwäche, keinen der Skrupel, welche die Stirn anderer Weiber
+unter ein anderes Joch als dasjenige beugen, welches das Gewissen uns
+auferlegt.« Ist er es nicht, welcher die Mädchenrolle spielt, wenn er
+an einen Geist wie diesen eine Mahnung nach der andern richtet, in den
+Mutterschoß des Katholicismus zurück zu kehren? »Ich beschwor sie, in
+einer zärtlichen und liebevollen Religion, in Dunkel der Kirchen, im
+geheimnisvollen Glauben an jenen Christus, welcher der Gott der Thränen
+ist, in Knieen und Gebet die Linderung und die Trostgründe zu suchen,
+welche ich selbst in meiner Kindheit darin gefunden hatte.« Es gelingt
+Rafael nur halb, die Bekehrung zu vollbringen; indeß ist er mit dem
+Resultate zufrieden. Ein strengerer Orthodoxer, als er, würde dasselbe
+kaum beruhigend finden. Das Buch stellt die Bewegung in Juliens Innern
+so dar, daß es die Liebe ist, welche sie den Glauben an Gott lehrt.
+»Es ist ein Gott, sagt sie, es giebt eine ewige Liebe, von welcher
+die unsrige nur ein Tropfen ist. Dieser Tropfen strömt zurück in den
+göttlichen Ocean, aus dem wir ihn geschöpft haben. Aber dieser Ocean
+ist Gott. Ich hab' ihn gesehen, ich hab' ihn gefühlt, ich hab' ihn
+verstanden in diesem Augenblicke durch mein Glück ... Ja, fügte sie mit
+noch mehr Leidenschaft im Blick und Tone hinzu, mögen die vergänglichen
+Namen sterben, mit denen wir früher die Anziehung benannt, die wir zu
+einander empfinden. Nur ~ein~ Name ist der Ausdruck dafür, nämlich
+Gott, er ist's, der sich mir jetzt in Deinen Augen offenbart hat.
+Gott! Gott! Gott! rief sie aus, als habe sie sich eine neue Sprache
+lehren wollen. Gott, Das bist Du. Gott, Das ist's, was ich für Dich
+bin. Gott, Das sind wir.« Wenn Elvirens Mann, der alte Philosoph, bei
+diesen Herzensergießungen zugegen wäre, würde er die Liebenden haben
+unterrichten können, daß diese Schwärmerei so weit davon entfernt sei,
+christlich zu sein, daß sie vielmehr als reiner Pantheismus bezeichnet
+werden müsse. Ich bezweifle nicht, daß er Gemüthsruhe genug dazu gehabt
+hätte; denn auch er hegt nicht den geringsten Grad von Eifersucht.
+Er weiß, daß Julie und Rafael täglich Briefe wechseln, und kennt die
+überirdische Natur ihrer Liebe. Als Rafael nach Paris kommt, sagt er
+ihm nur: »Sehen Sie's an, als hätten Sie zwei Freunde in diesem Hause,
+statt eines. Julie hätte keine bessere Wahl eines Bruders, noch ich
+eines Sohnes treffen können.«
+
+In gewisser Weise hat er auch keinen rechten Grund zur Eifersucht,
+aber Das ist ein Kapitel für sich. Gleich nachdem Rafael zum ersten
+Mal seine Liebe gestanden hat, ertheilt Julie ihm eine Antwort, die
+für immer die Grenzen ihres Verhältnisses angiebt. Sie sagt: »Ich
+glaube nur an einen unsichtbaren Gott, welcher sein Symbol in der
+Natur, sein Gesetz in unseren Instinkten, seine Moral in unserer
+Vernunft geschrieben hat. Vernunft, Gefühl und Gewissen sind für mich
+die einzigen Offenbarungen. Keines dieser drei Orakel meines Lebens
+würde mir verbieten, Ihnen anzugehören [Man erinnere sich, daß sie nur
++pro forma+ die Frau eines Andern ist], meine ganze Seele würde
+sich Ihnen zu Füßen werfen, wenn Sie nur um diesen Preis glücklich sein
+könnten. Aber sollten wir nicht mehr an die Geistigkeit und Ewigkeit
+unserer Liebe glauben, wenn sie in der Höhe des reinen Gedankens, in
+Regionen verbleibt, welche der Veränderung und dem Tode unzugänglich
+sind, als wenn sie sich selbst herabwürdigt und profanirt, indem sie
+zur verächtlichen Region der vulgären Sinne hinabsteigt?« Es ist,
+wie man sieht, die Theorie der sogenannten platonischen Liebe, von
+welcher Plato nie etwas gewußt hat, und welche unsere Zeit nicht
+sonderlich zu bewundern pflegt. Als die religiöse Reaktion in Dänemark
+beginnt, docirt Ingemann sie in seinen Jugendwerken. Ob Julie sie
+ausgesprochen hat, oder sie nicht viel mehr Lamartine zu verdanken
+ist, der sie in all' seinen früheren Liebesverhältnissen praktisirt
+hat, mag dahin gestellt sein. Wir kennen dieselben alle, denn er,
+der nach seiner eigenen Behauptung immer in so hohem Grade Herr über
+sein Herz und seine Sinne gewesen ist, ist es sehr wenig über seine
+Feder gewesen. Wir wissen daher aus seinen »Konfessionen«, wie er
+bei Frostwetter seine Rendezvous mit der schönen sechzehnjährigen
+Lucie hatte und kalt wie die Winternacht war; wir erinnern uns des
+Satzes aus »Graziella«: »Wir schliefen zwei Schritte von einander,
+ich war durch meine kalte Gleichgültigkeit beschützt«. Allein, ist
+es ungewiß, ob Julie die Theorie ausgesprochen hat, so tragen ihre
+folgenden Worte ganz das Gepräge der Echtheit. Sie fügt hocherröthend
+hinzu, daß das Opfer, welches sie von ihm fordere, nothwendig sei, aus
+Gesundheitsrücksichten, wegen einer ärztlichen Vorschrift, sie würde
+als ein Schatten, als eine Leiche aus seinen Armen hervorgehn: »Dies
+Opfer würde nicht allein das Opfer meiner Würde, sondern auch das Opfer
+meiner Existenz sein«.
+
+Es läßt sich nicht leugnen, daß dieser letzte Passus in
+seltsamem Widerspruche zu dem Vorhergehenden steht, und daß das
+spiritualistische Verhältnis durch diese überaus materialistische
+Motivirung ein gut Theil seines überirdischen Charakters verliert. Es
+ist einem zu Muthe, als sei man aus dem siebenten Himmel herabgestiegen
+und fühle wieder festen Grund unter den Füßen. Dann folgen Scenen, wie
+in »Valérie«, Selbstmordspläne, die nicht ausgeführt werden, Nächte,
+in zärtlichen Gesprächen verbracht, während Jedes sich auf der andern
+Seite einer verschlossenen Eichenthür befindet. Das Peinliche, das
+Anstößige und Unnatürliche liegt nur in der besonderen Aufmerksamkeit,
+welche in dieser Liebesgeschichte wieder unablässig darauf gerichtet
+ist, daß die Liebenden ihren Gelübden treu bleiben, und daß kein
+reelles Liebesverhältnis zwischen ihnen zuwege kommt. Ein einziges Mal,
+als wirklich Gefahr droht, erscheint -- wer? kein Anderer, als der
+ehrwürdige Greis, Herr Bonald, dessen Theorien vom Weibe und von der
+Ehe wir kennen, gerade im entscheidenden Augenblick zum Besuche bei
+Julien um zwölf Uhr Nachts, und erlebt solchermaßen nicht die Trauer,
+seine Schüler als Rebellen wider die Ordnung zu erblicken. So oft Julie
+Rafael beklagt, antwortet er resignirt mit Aeußerungen, in welchen er
+sie und sich mit Abélard und Héloise vergleicht: »Habe ich je etwas
+Anderes zu begehren geschienen, als dies Leiden mit Dir theilen zu
+dürfen? Macht es uns Beide nicht zu freiwilligen und reinen Opfern? Ist
+dies nicht das ewige Brandopfer der Liebe, das von Héloisens Zeit bis
+auf die unsrige vielleicht niemals den Engeln zur Schau geboten ward?«
+
+Wenn man, nachdem man »Rafael« studirt hat, wieder Lamartine's
+Meditationen an Elvire liest, so hat man einen neuen Schlüssel zum
+Verständnis des Abstrakten und Vaguen dieser poetischen Liebe, die
+platonisch auf Vorschrift des Arztes ist, während sie sich gebahrt, als
+existire die Körperwelt nicht für sie. Nur muß man von den Meditationen
+an Elvire diejenigen abziehen, welche postdatirt, und welche in einem
+ganz anderen Tone, der an das achtzehnte Jahrhundert gemahnt, in
+früheren Stadien von Lamartine's Leben geschrieben sind, wie z. B. die
+Meditation »An Elvire«, die in Wirklichkeit an Graziella gerichtet ist,
+ferner »Sappho« und mehrere andere.
+
+Hiemit sei es genug der Beispiele; ziehen wir jetzt das Resultat, und
+sehen, was wir gefunden haben. Wir nahmen ein ganz einzelnes Gefühl,
+aber eins von denen, welche jede Literaturgruppe darzustellen sucht,
+und welche jede in eigenthümlicher Form darstellt, und prüften an
+einer Anzahl verschiedener Punkte kritisch die Schilderung desselben,
+um zu sehen, wie es wiedergegeben sei. Was fanden wir? Wir fanden
+hier, wie auf allen anderen Gebieten, die wir untersucht haben, die
+Naturseite des Lebens geleugnet oder versteckt oder angeschwärzt oder
+als Etwas, dessen man sich schämen müsse, dargestellt. Chateaubriand
+und Frau von Krüdener suchen Fälle auf, in welchen die Liebe als
+verbrecherisch und sündig erscheint, und schildern dann bald das
+Geheul der Geister darüber, daß der Held erliegt, bald den Jubel
+der Throne und Fürstenthümer darüber, daß das Entsetzliche nicht
+geschieht. De Vigny läßt Satan wie Eros, d. h. Eros wie Satan reden.
+Lamartine setzt die Liebe als seraphisch, als befreit vom Verlangen
+der Zeitlichkeit, in seinen Dichtungen auf den Thron, schildert sie
+aber später in »Rafael«, wie sie in Wirklichkeit war, als platonisch
+wider Willen, was jedoch das Verdienst der Liebenden erhöht und den
+Engeln ein Brandopfer gewährt, wie sie es seit den Tagen des armen
+Abélard so süß nicht gerochen. Unter alle Diesem dann ein Unterstrom
+von Heuchelei. Eudorus, der sich so untröstlich über Velleda's
+Leidenschaft gebärdet, fühlt sich heimlich dadurch geschmeichelt, daß
+sie sich ihren weißen Hals um seinetwillen durchschnitten hat. Er
+beweint seinen Sündenfall in Ausdrücken, als fühlte er sich versucht,
+denselben nochmals zu wiederholen. Die Verfasserin der »Valérie«
+bringt die sittliche Reinheit ihrer Heldin zu Markte und deklamirt von
+Keuschheit und Entsagung in allen Journalen, während sie zu der Zeit,
+wo das Buch erscheint, ganz besonders ungeeignet ist, eine Lehrerin der
+Moral abzugeben. Lamartine hat privatim eine andere Erklärung seines
+Verhältnisses zu Elvire, als die, welche das Publikum sich nach der
+ätherischen Schwärmerei der »Meditationen« nothwendig bilden mußte.
+
+Man ging hier, wie überall, darauf aus, übernatürlich zu sein,
+und erreichte bei diesem Bestreben nur, daß man die Natur bald
+verstümmelte, bald wegleugnete.
+
+ [+Lamartine+: +Méditations poétiques.+ +Nouvelles
+ méditations poétiques.+ +Graziella.+ +Raphael.+ +Les
+ confidences.+ +Confessions.+ -- +Mme. de Krüdener+:
+ +Valérie.+ -- +Chateaubriand+: +Les martyrs+, besonders
+ Buch IX und X. -- +Nettement+: +Histoire de la littérature
+ française sous la Restauration+.]
+
+
+
+
+8.
+
+
+Unter den ungünstigsten Auspicien dieser Ideen errang auch der
+Dichter, welcher der größte Frankreichs in diesem Jahrhundert werden
+sollte, sich zuerst einen Namen. Die Macht des Zeitgeistes reißt ihn
+fort von der gewaltsamen, fast an die vorshakspearischen Dichter
+erinnernden Manier seiner frühesten Romane (Bug Jargal, Han d'Islande),
+und er beginnt seine poetische Laufbahn als klerikaler Royalist in
+demselben christlich-monarchischen Geiste, wie Lamartine. Es macht
+einen sonderbaren Eindruck auf das jüngere Geschlecht, das in der
+Begeisterung für Victor Hugo als das literarisch-revolutionäre Haupt
+des Romantismus und als den großen verbannten Republikaner aufgewachsen
+ist, und Strophen aus den »Orientalen« und aus den in rein ästhetischer
+Hinsicht lange nicht nach Gebühr bewunderten »+Châtiments+« auf
+den Lippen und im Herzen trägt, auch ihn in diesem Lager zu treffen und
+die Losung und das Stichwort desselben in seinen ersten Jugendpoesien
+wiederzufinden. Nicht daß das Wechseln des Standpunktes ihm irgendwie
+zur Schande gereichte, nicht daß es, wie Unverstand und niedrige
+Gesinnung so oft haben insinuiren wollen, unreine oder nur zufällige
+Motive gehabt hätte. Hugo's Leben bezeichnet die historische Bewegung,
+welche die französische Literatur überhaupt in der ersten Hälfte des
+Jahrhunderts unternommen hat.
+
+Er hat sich selbst auf befriedigendste Weise in der letzten Vorrede
+zu seinen »Oden und Balladen« darüber ausgesprochen. Er sagt: »Die
+Geschichte verfällt gern in Ekstase über Michel Ney, der, ein
+geborener Böttcher, Marschall von Frankreich, und über Murat, der, ein
+geborener Stalljunge, König ward. Daß ihr Ausgangspunkt so dunkel war,
+wird als ein Anspruch mehr auf Achtung angesehen und erhöht den Glanz
+des Punktes, welchen sie erreicht haben. Von allen Treppen, die vom
+Dunkel zum Licht führen, ist die schwierigste und verdienstvollste zu
+erklimmen, sicherlich die, geborener Aristokrat und Royalist zu sein
+und Demokrat zu werden. Aus einer ärmlichen Hütte zu einem Palaste
+empor zu steigen, ist selten und schön, wenn man will; vom Irrthume
+zur Wahrheit empor zu steigen, ist seltener und schöner. Bei dem
+ersterwähnten Emporsteigen hat man bei jedem Schritte, den man gethan,
+Etwas gewonnen und sein Wohlbefinden, seine Macht, seinen Reichthum
+vermehrt; bei dem anderen Emporsteigen ist das Entgegengesetzte der
+Fall, ... da muß man beständig mit materiellen Opfern sein geistiges
+Wachsthum bezahlen, ... und wenn es wahr ist, daß Murat mit einigem
+Stolz seine Postillonspeitsche neben sein königliches Scepter legen
+und sagen konnte: »Damit hab' ich begonnen«, so darf man gewiß mit
+einem billigeren Stolze und mit größerer innerer Befriedigung auf die
+royalistischen Oden deuten, die man als Knabe und Jüngling geschrieben
+hat, und sie neben die demokratischen Gedichte und Werke legen, die man
+als erwachsener Mann verfaßt hat. Dieser Stolz ist vielleicht besonders
+berechtigt, wenn man, nachdem das Emporsteigen zu Ende war, auf der
+höchsten Stufe der Treppe des Lichts die Verbannung aus dem Vaterlande
+gefunden hat, und wenn man diese Vorrede aus dem Exil datiren kann«.
+
+Studiren wir denn in diesen ersten Oden Victor Hugo's weniger den
+Dichter, als das Zeitalter, in welchem sie entstanden. Sie erstrecken
+sich über die ganze Geschichte Frankreichs von 1789 bis gegen 1825
+und enthalten das ganze System von Gesichtspunkten, welches unter der
+Restauration das officielle war. In denjenigen von ihnen, welche die
+Restauration behandeln, kommen, wie in den entsprechenden Gedichten
+Lamartine's, zwei Worte häufiger als alle andern vor, die Worte:
+~Henker~ und ~Opfer~. Man sieht in der Geschichte der Revolution
+nichts Anderes. Für die leitenden Geister der Revolution giebt es
+nur ~eine~ Bezeichnung: ~Henker~, der Konvent wird eine Schöpfung
+des Teufels genannt (Buch I, Ode 4), und wie wenig Hugo sonst auch
+die heidnische Mythologie liebt, kann er doch nicht die »Hydra« der
+Anarchie entbehren, wenn es gilt, die Schwärze der Revolutionszustände
+zu schildern. Für die Feinde der Revolution dagegen ist die Bezeichnung
+~Opfer~ die stehende, der Aufstand in der Vendée wird in jedem zweiten
+dieser Gedichte verherrlicht, und seinen Helden und Heldinnen sind
+ganze Oden gewidmet (z. B. +La Vendée+, +Quiberon+, +Mlle. Sombreuil+).
+Das Schafott schwebt beständig der Phantasie des Dichters vor und ist
+der stete Gegenstand seiner Verwünschungen, wenn er nicht selbst, wie
+in der Ode »+Le Dévouement+« (Buch IV, Ode 4), sich hinreißen läßt, in
+eigner Person das Martyrium zu wünschen, »da der Engel des Märtyrers
+der schönste der Engel ist, welche die Seelen zum Himmel geleiten.« In
+Chateaubriand's Spuren geht Hugo dann zu den christlichen Märtyrern des
+römischen Alterthums zurück und schildert in nicht weniger als vier
+Oden (+Le repas libre+, +l'homme heureux+, +Le chant du Cirque+, +Un
+chant de fête de Néron+) die qualvollen Triumphe der Märtyrer über die
+rohe und wollüstige Grausamkeit, welcher sie äußerlich unterliegen,
+und die Symbolik ist hier dieselbe, wie bei Chateaubriand. Es ist der
+rechtgläubige Adlige und Priester, dessen Tod auf dem Schlachtfelde
+oder der Guillotine bildlich dargestellt wird unter der Form der
+Metzeleien im antiken Cirkus. Zu den schönsten dieser Gedichte gehört
+dasjenige, welches eine kleine Schaar schuldloser junger Mädchen
+besingt, die nach jahrelanger Einkerkerung ohne Gesetz und Urtheil
+während des Schreckensregiments hingerichtet wurden auf Grund des
+höchst oberflächlichen Verdachtes, beim Einrücken der Preußen in ihre
+Stadt Freude bezeigt zu haben (+Les vierges de Verdun+). Hugo sucht
+das Tribunal des Konvents schwärzer als nöthig zu malen, indem er
+dem Ankläger Fouquier Tinville eine unreine Neigung für seine Opfer
+andichtet und ihn denselben verletzende Anträge machen läßt; aber
+auch ohne unhistorische Zusätze war der Tod dieser jungen Mädchen so
+empörend, ihr Schicksal so tragisch und ihr Benehmen so anmuthig und
+würdevoll, daß sie wohl ein poetisches Denkmal, ja ein noch besseres
+als das verdient hätten, welches Hugo ihnen errichtete[15]. Aber ist
+das Pathos des Dichters nun auch vollständig berechtigt in einem
+Falle wie diesem, wo die Revolution der Jugend und Unschuld gegenüber
+von ihrer finstern und ungerechten Seite erschien, so wird dasselbe
+widerwärtig und falsch, sobald seine Doktrinen mit ins Spiel kommen.
+Der Ton, in welchem er vom Königthum und der Königsherrlichkeit redet,
+ist wahrhaft unleidlich. In der Ode »Ludwig XVII.« fordert Gott die
+Seraphim, Propheten und Erzengel auf, sich vor dem neugeborenen
+Thronfolger zu verneigen: »+Courbez-vous, c'est un Roi!+« -- ja, nicht
+genug damit, redet Gott selbst ihn bei seinem Titel, nicht bei seinem
+Namen an: »+O Roi!+« und erinnert ihn daran, daß Gottes eingeborener
+Sohn ein König mit einer Dornenkrone, wie er, gewesen sei. In dem
+Gedichte bei Anlaß der Taufe des Grafen von Chambord heißt es noch
+stärker: »Gott hat uns einen seiner Engel gegeben, ~wie er in alten
+Tagen uns seinen Sohn gab~,« und es wird daran erinnert, daß das
+Wasser aus dem Jordanflusse, welches Chateaubriand mit heimgebracht
+hat, und mit welchem das Kind getauft wird, dasselbe sei, mit dem
+Christus getauft wurde; der Himmel hat, heißt es, gewollt, »daß die
+beruhigte Welt schon an dem Taufwasser einen ~Heiland~ erkennen solle.«
+In dem Gedichte »Die Vision« wird endlich das achtzehnte Jahrhundert
+vor Gottes Richterstuhl geladen, wird angeklagt, weil es, »stolz auf
+seine Wissenschaften, die Dogmen verlacht hat, welche die Gesetze
+und die guten Sitten bewahren,« und als es eine schüchterne Hoffnung
+ausspricht, daß die Zukunft es in ein milderes Licht stellen werde,
+wird das Verdammungsurtheil über dasselbe gesprochen, und das schuldige
+Jahrhundert wird in den Abgrund geschleudert, noch bei seinem Sturze
+von der unerbittlichen Stimme des Richters verfolgt.
+
+Die Urtheile über Napoleon, welcher Buonaparte genannt wird,
+entsprechen dem Standpunkte, unter welchem die Revolution erblickt
+wird; er ist der Despot, der blutige Soldat, welcher Enghien ermordet
+hat, und aber- und abermals wird mit Anspielung auf das Wappen der
+Bourbons wiederholt, daß »Lilien besser als Lorbeern sind«. Als Freund
+Enghien's und vertriebener Königssohn wird der Sohn Gustav's IV. Adolf
+verherrlicht, der als vertriebener Repräsentant der gefallenen Throne
+während der Restauration in Frankreich lebte (Buch III, Ode 5). Endlich
+werden natürlich die Bourbonen selbst bis zu den Wolken erhoben. Alle
+ihre Familienereignisse (Geburt, Taufe, Tod, Thronbesteigung, Salbung
+eines Bourbons) werden als welterschütternde Begebenheiten behandelt.
+Bei Gelegenheit des verwerflichen Krieges, den Frankreich im Dienste
+der europäischen Reaktion und unter Chateaubriand's Einflusse in
+Spanien führte, wird die Königsmacht nicht allein an und für sich
+als ein Wunder verherrlicht, sondern der König wird ausdrücklich als
+Kriegsherr geschildert, der sich auf die Macht des Schwertes stütze,
+und es heißt, daß die Königsmacht unvermeidlich den Krieg zum Begleiter
+habe:
+
+ +Il faut comme un soldat, qu'un prince ait une épée,
+ Il faut des factions quand l'astre impur a lui,
+ Que nuit et jour, bravant leur attente trompée,
+ Un glaive veille auprès de lui;
+ Ou que de son armée il se fasse un cortége,
+ Que son fier palais se protége
+ D'un camp au front étincelant;
+ ~Car de la Royauté la Guerre est la compagne~,
+ On ne peut te briser, sceptre de Charlemagne,
+ Sans briser le fer de Roland!+
+
+Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß all' diese Oden Mottos aus der
+Bibel, aus religiösen Gedichten, vor Allem aber aus Chateaubriand's
+»Märtyrern« haben, welch' letztere Komposition ihre Zeit so stark
+beherrscht, daß die jüngeren Dichter sogar eine Ehre darin setzen,
+ganze Seiten daraus in Verse zu bringen (vgl. z. B. +Emile
+Deschamps+: +Poésies+, Ausgabe von 1841, Seite 124, »+Une
+page des martyrs+«, »+Autre+« +etc.+). Und wie Lamartine
+seine Ode »Das Genie« an Bonald richtete, so widmet Hugo Chateaubriand
+eine Ode gleichen Titels, worin es von ihm heißt, daß er »das doppelte
+Martyrium des Genies und der Tugend« erleide. An Lamartine sind
+mehrere Gedichte gerichtet -- Hugo schreibt, er wolle auf demselben
+Streitwagen wie Dieser stehen, Lamartine solle die Lanze führen,
+er wolle die Rosse lenken, -- und diese Gedichte gehören zu den
+interessantesten, theils weil sie außerordentlich schön sind und von
+Hugo's zugleich ehrerbietigem und brüderlichem Verhältnisse zu dem
+älteren Dichter zeugen, theils weil in ihnen neben den religiösen und
+socialen Erscheinungen ~ästhetische~ Gesichtspunkte hervortreten.
+In all' diesen Gedichten zeigt sich, wie ernsthaft der junge Dichter
+seinen Beruf aufgefaßt hat. Dieser Beruf wird überall als der des
+Propheten bezeichnet. Ein Seher, ein Völkerhirt ist der Dichter, ja,
+von Lamartine heißt es, man sollte glauben, Gott habe sich ihm von
+Angesicht zu Angesicht offenbart. Aber in den Gedichten an Letzteren
+sieht man am schärfsten, wie Hugo die Stellung und das Verhältnis
+der neuen Poesie zu derjenigen des achtzehnten Jahrhunderts auffaßt.
+Diese seine Auffassung hat eine überraschende Analogie mit der Art und
+Weise, in welcher zu Anfang dieses Jahrhunderts Oehlenschläger und
+seine Freunde ihre Stellung Baggesen gegenüber auffaßten. Man lese z.
+B. das Gedicht »Die Lyra und die Harfe« (Buch IV, Ode 2). Die Lyra
+bezeichnet die leichtsinnige und leichtfertige Poesie der vergangenen
+Epoche, welche zum Lebensgenuß auffordert, Jupiter, Mars, Apollo und
+Eros besingt und einen geistigen Epikuräismus lehrt; in den Tönen der
+Harfe dagegen klingt die Ermahnung, zu wachen und zu beten, an den
+Ernst des Lebens und an den Tod zu denken, seinen wankenden Bruder
+zu unterstützen und ihm zu helfen. Das Gedicht ist »+M. Alph. de
+L.+« gewidmet; schon das Wort Harfe mußte den Gedanken auf Lamartine
+hinlenken. Man sieht hier in künstlerischen Formen und mit größerer
+Bildung dieselbe geistige Bewegung, welche sich bei uns in Grundtvig's
+frühesten Gedichten offenbart.
+
+ * * * * *
+
+Aber diese Opposition wider die Vergangenheit führt uns zu einem
+Punkte, bei dem wir etwas verweilen müssen, nämlich zu der Stellung
+der neuen Schule zum Autoritätsprincip in der ~Literatur~, die ja
+gerade Respekt für die Vergangenheit, für ihre Männer und ihre Formen
+forderte.
+
+Ich habe an früherer Stelle (Band I, S. 19.) bemerkt, daß die große
+politische und sociale Revolution der Franzosen sich nicht auf die
+schriftstellerische ~Form~ erstreckt habe. Was die Formen der
+Literatur betrifft, so war dort keine Nothwendigkeit vorhanden, das
+Autoritätsprincip wieder aufzurichten; denn es war dort niemals
+gestürzt worden. In keiner Beziehung sind die Franzosen weniger
+revolutionär, als auf dem literarischen Gebiete. Die französische
+Akademie ist die einzige Institution im Lande, welche sich von
+Richelieu's bis auf unsere Tage erhalten hat, und sie hat sich mit
+demselben Namen und demselben Zweck, ja mit derselben Mitgliederzahl
+erhalten. In der Literatur hieß das Autoritätsprincip die Klassicität,
+und weit entfernt davon, durch die Revolution geschwächt zu werden,
+hatte die Klassicität vielmehr neue Stärke während derselben gewonnen.
+Die Revolution ist eine klassisch-französische Tragödie. Wie alle
+andern französischen Trauerspiele, drapirt sie ihre Helden nach
+griechischer und römischer Art; Dieselben ahmen in Stil und Sprache die
+Republikaner der römischen Vorzeit nach, und es sind, charakteristisch
+genug, die literarisch entwickeltsten und gebildetsten Helden der
+Revolution, die Girondisten, welche das antike »Du« und die antike
+Benennung »Bürger« wieder aufnehmen. Der Jakobiner stammt in direkter
+Linie von Corneille und Racine ab: derselbe Toga-Stil, derselbe
+oratorische Schwung, dieselbe Vorliebe für das Lakonische und Erhabene.
+Der Jakobiner ist, wie er irgendwo, ich glaube, in einem französischen
+Zeitungsartikel, scherzweise genannt worden ist, »ein klassisches
+Thier«. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher Cromwell's Soldaten
+sich in alte Hebräer verwandelten, ihre Namen annahmen und ihre Psalmen
+sangen, schufen die Franzosen der Revolutionszeit sich in antike Römer
+um, und wenn der Jakobiner David, Robespierre's intimer Freund, seinen
+Platz in der gesetzgebenden Versammlung verließ, um auf der Leinwand
+die Horatier oder Brutus darzustellen, welche 1791 ausgestellt wurden,
+so konnte er ohne Weiteres seine Umgebungen als Modell benutzen; er
+brauchte als Maler keinen Schritt aus seiner Zeit herauszugehen.
+
+Ganz wie die klassische französische Tragödie, als sie entstand, es
+verschmähte, auf dem eigenen historischen Grunde des Landes zu bauen,
+und durch einen Bruch mit der ganzen historischen Tradition Frankreichs
+ihre Scene nach dem fernen Rom in dem fernen, abstrakt aufgefaßten
+Alterthume verlegte, so hatte die Revolution ohne Rücksicht auf die
+gegebenen historischen Voraussetzungen, auf Frankreich, wie es war
+und vorlag, das ferne, abstrakt aufgefaßte Alterthum und dessen unter
+so ganz andern Verhältnissen entstandene Republiken zum unmittelbaren
+Muster genommen. Die neuen Gracchen und Horatier kopirten die alten.
+Madame Roland's Briefe an Buzot haben, wie oft bemerkt worden ist, eine
+römische Hoheit in ihrem Stile. Die Damen des Direktoriums nahmen,
+selbst in ihrer Tracht, bald Cornelia, bald Aspasia zum Muster. In
+Napoleon's ersten Briefen an Josephine fühlt man die sprachliche
+Einwirkung römischer Vorbilder, und selbst als er keines Vorbildes mehr
+bedarf, ist seine Ausdrucksweise klassisch, wie sein Profil. Auch sein
+Geschmack war klassisch: man kennt seine Vorliebe für »die Regeln«
+und für Corneille. Selbst die Schriftsteller, welche unter seiner
+Regierung, wie Raynouard, einen Anlauf zu einer Art von Opposition
+nehmen, halten sich streng an die klassische Spur. Wer Werner's »Söhne
+des Thales« mit seinen »+Les templiers+« vergleicht, wird erstaunen,
+wie verschiedenartig ein und derselbe Stoff aufgefaßt werden kann. Eben
+so mystisch und unverständlich, ebenso überspannt und phantastisch,
+wie der deutsche Dichter in der Behandlung seines Gegenstandes ist,
+ebenso ordentlich und regelrecht ist der französische mit seinen
+reglementirten Alexandrinern, seinem König und seiner Königin, seinen
+fünf Akten und seinen drei Einheiten. Das Stück ist eine Art von
+Proceß zwischen Staat und Kirche; der König plaidirt ganz regelrecht
+seine Sache, die Tempelherren dann ganz regelrecht die ihrige, worauf
+sie ganz regelrecht verbrannt werden -- regelrecht, denn wir sehen
+selbstverständlich so Wenig, wie möglich, davon und von Dem, was
+ihm vorausgeht, und hören es nur in einem der langen Schlußberichte
+mittheilen, welche schon bei Euripides die Katastrophe enthalten. Und
+die Versform ist hier noch dieselbe, welche von jenem Unheilstifter
+Boileau dekretirt wurde. Der Sinn des Satzes, welcher durch die Cäsur
+in zwei Hälften getheilt wird, endigt mit dem Verse, und die Verse
+gleichen einander, wie eine Dreierbretzel einer andern Dreierbretzel
+gleicht. Sie haben weder Harmonie, noch Fluß, noch Rhythmus, noch Reim;
+denn »+l'armes+« und »+armes+«, »+époux+« und »+coups+«, »+souffrir+«
+und »+mourir+« sind keine Reime. Die Verse sind wirbellose Weichthiere,
+und haben auch das mit den Weichthieren gemein, daß sie, wenn man sie
+mittendurch schneidet, dadurch kaum minder lebendig erscheinen.
+
+Einige der hervorragendsten Prosa-Schriftsteller haben denn auch in
+ihrer Form eine vollständige Aehnlichkeit mit ihren verhaßtesten
+Gegnern. Bonald's kalte, demonstrirende Sprachform, seine Sucht,
+Alles auf Formeln zurückführen zu wollen, seine Prätensionen einer
+mathematisch sichern Beweisführung kennzeichnen ihn deutlich genug als
+ein Kind desselben achtzehnten Jahrhunderts, das Condillac erzogen
+hat, und als Produkt desselben Zeitgeistes, den er bekämpfen wollte.
+Der Unterschied ist nur, daß Condillac eben so klar und logisch,
+wie Bonald willkürlich und inkonsequent ist. Aber sowohl diese
+Prosa, wie jene Poesie hat einen gemeinsamen Charakterzug, welcher
+die ganze Form beherrscht, nämlich das ~Raisonnement~. Gegen
+diesen Herrscher macht die Literatur zum ersten Male Revolution durch
+Frau von Staël's Stimmungsstil und Chateaubriand's farbige Prosa.
+Stimmung und Farbe, Das waren die zwei großen Verbannten, welche
+lange fern gewesen waren und erst jetzt zurückkehrten. Und seltsam
+genug gelangt Chateaubriand nicht nur durch sein Talent, sondern
+selbst durch sein System dazu, sich wider das Autoritätsprincip in
+der Literatur zu empören, das Princip, welches er eben durch die
+Literatur zur Geltung bringen wollte. Denn seit der Zeit Ludwig's XIV.
+hatte die Poesie ihre Inspirationen im heidnischen Alterthum und der
+heidnischen Mythologie gesucht, und dies Heidenthum war hier klassisch
+geworden. Jetzt dagegen forderte er die Dichter auf, ihre eigenen und
+die Augen und Ohren ihrer Landsleute für die ganz entgegengesetzte
+Poesie des Christenthumes zu öffnen, und kam solchermaßen ~von
+wegen der religiösen Ueberlieferung in Streit mit der literarischen
+Tradition~. Er ist zu gleicher Zeit neu durch seine literarischen
+Principien und veraltet durch seine socialen und politischen Ideen,
+eine Gestalt mit einem Doppelantlitz, bei der alle modernen Stimmungen
+in poetischem Ausdruck hervorbrechen unter einer unbeweglichen Maske
+des Respekts vor allen officiellen Autoritäten der Vergangenheit.
+Besonders durch seine Form ist er ein Romantiker vor der Romantik. Als
+daher zuerst Lamartine, dann Hugo nach seinem Beispiele die heidnische
+Mythologie verlassen und ihren Stoff aus der christlichen entnehmen,
+steht die Mitwelt ihnen eine Zeitlang zweifelnd gegenüber, ungewiß,
+ob sie in diesen Bestrebungen, die Heiligkeit der Religion auf neuen
+Wegen geltend zu machen, einen konservativen oder einen jeder Regel
+trotzenden Geist erblicken soll, bis endlich nach und nach der Keim zu
+einer Umstürzung des Autoritätsprincips, welcher in dem literarischen
+Ausgangspunkte lag, sich so kräftig entfaltet, daß die neue Schule ganz
+ihre Physiognomie verändert.
+
+ * * * * *
+
+Es ist interessant, die Entwicklungsstadien in Victor Hugo's
+verschiedenen Vorreden zu seinen Oden zu verfolgen. In der ersten (von
+1822) erklärt der junge Dichter in wenigen Zeilen, daß wahre Poesie nur
+von den monarchischen Ideen und dem religiösen Glauben aus beurtheilt
+werden kann. Erst das neue Jahrhundert, meint er, hat der Welt die
+Wahrheit offenbart, daß die Poesie ~nicht auf der Form der Ideen,
+sondern auf den Ideen selber~ beruhe. In der zweiten Ausgabe (vom
+selben Jahre) entwickelt er dann weiter, daß es gelte, die verblichenen
+und falschen Farben der heidnischen Mythologie durch die neuen und
+wahren Farben der christlichen Theogonie zu ersetzen. Es gilt, die Ode
+die strenge, tröstende und religiöse Sprache reden zu lassen, deren
+eine alte Gesellschaft, welche taumelnd »die Orgien des Atheismus und
+der Anarchie« verläßt, so dringend bedarf.
+
+ * * * * *
+
+Was er aber besonders wünscht, ist, daß man ihm nicht die Prätension
+zutraue, »~eine Bahn brechen oder eine Kunstform schaffen zu
+wollen~.« In der Vorrede von 1824 wird dieselbe Versicherung in
+höchst bezeichnenden Ausdrücken wiederholt, aber man fühlt, daß der
+junge Dichter einer Kritik gegenübersteht, welche mißtrauisch seinen
+Weg verfolgt, und daß das Stichwort »romantisch« als gleichbedeutend
+mit Uebertreter der Regeln der Klassicität schon ihm zum Vorwurfe
+gemacht worden ist. Er bemüht sich eifrig, seine literarische
+Orthodoxie darzuthun: Was man bedürfe, sei nicht Neuheit, sondern
+Wahrheit. Dies Bedürfnis will er befriedigen. Der Geschmack, »welcher
+Nichts anders ist, als die ~Autorität~ in der Literatur«, zeigt
+ihm jedoch gerade, daß Werke, welche wahr in Betreff des Inhalts sind,
+auch wahr sein müssen in Betreff der Form. Hiebei gelangt er zu dem
+Begehren von »Lokalfarben«, welchem die klassischen Schriftsteller nur
+unzureichend genügt haben.[16] Uebrigens müsse man selbstverständlich
+die Regeln, welche Boileau der Sprache auferlegt habe,
+»~religiös~« befolgen. -- Vom Dichter lehrt er, daß er den Völkern
+wie eine Lichtsäule voranschreiten und sie zu den großen Principien der
+~Ordnung~, Moral und Ehre ~zurück~ führen müsse. Der Mangel
+im Jahrhundert Ludwig's des »Großen« sei der, daß die Schriftsteller
+damals nicht das Christenthum statt der heidnischen Götter anriefen.
+Hätten sie es gethan, so würde, meint er naiv, »der Triumph der
+sophistischen Schriften« im achtzehnten Jahrhundert weit schwieriger
+gewesen sein. Was würde aus der Philosophie geworden sein, wenn Gottes
+Sache vom Genie, statt, wie jetzt, nur von der Tugend vertheidigt
+worden wäre! Er verwahrt sich aus allen Kräften gegen die Bezeichnung
+»romantisch«. Er bekennt, daß er für sein Theil »völlig unwissend
+darüber sei, was man unter klassischer und romantischer Kunstform
+verstehe,« und im Gegensatz zu all' dem Geschwätze, das zu jener Zeit
+darüber vorgebracht wurde, erklärt er die ganze Eintheilung für leer
+und bedeutungslos mit den gesunden Worten: »Es ist anerkannt, daß jede
+Literatur ein stärkeres oder schwächeres Gepräge von dem Klima, den
+Sitten und der Geschichte des Volkes empfängt, dessen Ausdruck sie
+ist. David, Homer, Virgil, Tasso, Milton und Corneille, diese Männer,
+von welchem jeder eine Poesie und ein Volk repräsentirt, haben Nichts
+anders mit einander gemein, als das Genie«, lassen sich folglich nicht
+in klassische und romantische Geister eintheilen. Er widerspricht der
+Aeußerung, daß die literarische Revolution (augenscheinlich diejenige
+Chateaubriand's) ein Resultat der politischen Revolution sei. »Die
+gegenwärtige Literatur kann zum Theil das Resultat der Revolution sein,
+ohne deshalb ihr Ausdruck zu sein. Die Gesellschaft der Revolutionszeit
+hat ihre Literatur gehabt, ~so unschön und thöricht sie ist~.
+Jene Literatur und jene Gesellschaft sind mit einander gestorben und
+werden nicht wieder aufleben. Die ~Ordnung~ wird von allen Seiten
+her in den Institutionen wiedergeboren, sie wird gleichfalls in der
+Literatur wiedergeboren ... Wie die Revolution von schriftstellerischen
+Erzeugnissen ausging, so ist die gegenwärtige Literatur ~der
+antecipirte Ausdruck für die religiöse und monarchische
+Gesellschaft~, die ohne Zweifel aus jenen Ruinen erstehen wird.«
+Hugo täuschte sich: jene Literatur war eben der genaueste Ausdruck des
+Geisteslebens ihrer Zeit, und die literarischen Reformversuche, welche
+so große Bekümmernis erweckten, waren in Wirklichkeit die Vorläufer
+einer literarischen Umwälzung. Denn sie vernichteten den Glauben an die
+Autorität als Autorität, d. h. an Boileau. Von dem Augenblick an, wo
+man einmal entdeckt hatte, daß es selbst in dieser Sonne Flecken gebe,
+konnte der Zweifel nicht mehr auf die wenigen Punkte eingeschränkt
+werden, auf denen er sich zuerst bescheiden und vorsichtig hervorgewagt
+hatte. Die literarische Tradition war ein Princip; man mußte dasselbe
+annehmen oder verwerfen. In der vorletzten Vorrede Hugo's zu den Oden
+(aus dem Jahre 1826) fühlt man, wie seine Reflexion, die sich beständig
+um den Lieblingsbegriff jener Zeit, »die Ordnung«, dreht, auf dem
+Sprunge steht, ihn von den literarischen Ufern hinweg und aufs offene
+Meer hinaus zu treiben. Er hat jetzt entdeckt, daß die Ordnung doch
+etwas Anderes ist, als diejenige Regelmäßigkeit, welche durch Zucht und
+Zwang erzielt wird. In einem Vergleich, der für einen Jüngling nahe
+liegt, welcher, wie er, in der Nähe von Versailles erzogen worden ist,
+und dessen Kindheitslektüre die Schilderungen Chateaubriand's von
+den reichen Landschaften Nordamerikas gewesen sind, denkt er sich den
+Garten von Versailles mit seinen zu regelmäßigen Figuren geschorenen
+Bäumen neben einem Urwalde in der neuen Welt und ruft aus: »Wir wollen
+nicht fragen: wo ist hier die Pracht, wo die Größe oder die Schönheit?
+sondern einfach: wo ist die ~Ordnung~ und wo die Unordnung?« Er
+sieht jetzt ein, daß die Regelmäßigkeit nur die äußere Form betrifft,
+daß aber die Ordnung aus dem Grunde der Dinge selbst hervorgeht und
+eine Folge der intelligenten Vertheilung ihrer Elemente ist. »Man ist,«
+sagt er, »nicht klassisch, weil man sklavisch den Spuren folgt, welche
+Andere dem Wege aufgedrückt haben.«
+
+ * * * * *
+
+Schritt für Schritt sind wir ihm solchermaßen auf dem Wege gefolgt, der
+ihn zum Bruche mit dem literarischen Autoritätsprincip führt. Noch ein
+Jahr, und er schüttelt das Joch ab, weiht die romantische Schule in
+Frankreich ein, und erklärt in ihrem ersten Manifest, der Vorrede zu
+»Cromwell«, daß es ein +ancien régime+ in der Literatur so gut wie
+in der Politik gebe, und daß das alte Regiment dem jungen Geschlechte
+wie ein Alp auf der Brust liege. »Die Schleppe des achtzehnten
+Jahrhunderts erstreckt sich noch in dies Jahrhundert hinein; aber
+sollten wir junge Männer, die wir Bonaparte gesehen haben, uns nicht
+für zu gut halten, diese Schleppe zu tragen?« und er spricht von jener
+geschminkten, gepuderten, mit Schönheitspflästerchen bedeckten Poesie,
+von jener Literatur mit Fischbeinkorsetts und Falbeln. Jetzt richtet
+er seine ersten Keulenschläge wider Boileau. In den Oden hatte er noch
+die alte sprachliche Etikette beobachtet (er bezeichnet z. B. den
+Konvent mit dem Worte »Senat«) und nur einzelne schüchterne Versuche
+einer metrischen Erneuerung der alten Formen gewagt, deren Absicht
+es war, den Odenstil minder steif und schwerfällig zu machen. Jetzt
+geht er rücksichtsloser zu Werke, als nöthig war. Wer weiß nicht,
+was jene Etikette zu bedeuten hatte! Man besaß eine kleine Sammlung
+edler Ausdrücke, auserlesener Worte, eine Art von Elite der Sprache,
+welche allein Zutritt zur Poesie hatte. Man sagte nicht Degen, sondern
+Schwert, nicht Soldat, sondern Krieger, und man sprach nicht von
+Flinten und Messern, ungefähr wie man in unserer dänischen Poesie
+kaum mehr als Rosen und Lilien, Veilchen und Waldmeister und, wenn es
+hoch kommt, noch ein Dutzend Blumen als Repräsentanten der unzähligen
+Pflanzenarten anerkennt. Die Folge davon war, daß der Wortvorrath
+äußerst beschränkt blieb, daß es nur einige Hundert edler Reimpaare
+gab, und daß dieselben Wendungen, welche stets wiederholt werden
+mußten, dieselben Ideen und Gefühle mit sich brachten. Die poetische
+Rhetorik war etwa das Seitenstück zu Dem, was die geistliche Rhetorik
+in unserer Zeit ist. Erhaben nannte man die feierliche Tirade, welche,
+so weit möglich, von den Dingen sprach, ohne sie jemals bei ihrem
+rechten Namen zu nennen, und wieder nur von den Dingen, die so wenig,
+wie möglich, den Menschen an seine irdische Natur, an die leibliche
+und körperliche Seite seines Wesens erinnerten. Komisch war in Folge
+dessen jede direkte und unzweideutige Bezeichnung der Dinge, wenn sie
+in einer Kunstform vorkam, die das Privilegium des hohen Stils zu haben
+glaubte. Deshalb erregte der gleichzeitig mit dem ersten Auftreten der
+Romantik unternommene Versuch, Shakspeare in Frankreich einzuführen,
+so großes Entsetzen. Es ist bekannt, daß »Othello«, als das Stück
+in Alfred de Vigny's Uebersetzung im Odeontheater, also vor einem
+Studentenpublikum, dem liberalsten und am wenigsten prüden in Paris,
+aufgeführt wurde, durchfiel, weil das Wort »Schnupftuch« genannt wurde.
+Bei der Aufführung von Lebrun's »Cid« rief das Wort »+chambre+«
+(Schlafzimmer) ein Mißfallsgemurmel hervor, und Mlle. Mars weigerte
+sich noch viel später, die Rolle der Donna Sol in »Hernani« zu
+übernehmen, wenn nicht einzelne derartige Wörter gestrichen würden. Es
+war also nicht zu verwundern, daß Hugo in einer Zeit, wo die Autorität
+von allen Seiten gestützt und aufrecht erhalten wurde, damit begann,
+sich nach all' diesen Regeln zu richten, ja an dieselben als wirkliche
+Gesetze für die Poesie und die Sprache zu glauben. Dann begann er
+ein wenig an ihnen zu rütteln, sie ein wenig zu umgehen, sie ein
+klein wenig, jedoch mit tiefstem Respekte, zu bezweifeln oder anders
+auszulegen, bis es ihm nicht mehr möglich war, sie zu beobachten, und
+er sie über Bord warf. Mit treffenden Worten hat er in einem seiner
+Gedichte[17], das sich hier leider nur höchst unvollkommen in Prosa
+wiedergeben läßt, die Revolution charakterisirt, welche er schließlich
+unternahm:
+
+»Ja ich bin der fürchterliche Demagog, der barbarische Verwüster des
+alten ABC, von welchem Du so viel Schlimmes gehört hast. Als ich
+blasses, von Lektüre überreiztes Kind aus der Schule kam und zum ersten
+Mal meine Augen öffnete, um die Natur und die Kunst zu betrachten, war
+die Sprache ein Bild der Monarchie. Die Sprache war der Staat vor 1789.
+Da gab es Adel und gemeines Volk. Ein Wort war Herzog und Pair von
+Frankreich, ein anderes war ein armer Schlucker. Sie schieden sich von
+einander, wie die Fußgänger und die Reiter, welche in zwei getrennten
+Reihen den Pont-Neuf passiren. Die Worte waren in Kasten eingetheilt.
+Einige, die feinen, verkehrten mit Phädra, Jokaste, Merope,
+beobachteten das Dekorum und hatten Erlaubnis, in den Karossen des
+Königs nach Versailles zu fahren; andre, der Bettlerschwarm, der Pöbel,
+das gemeine Volk, waren heimisch in den Dialekten, ja lebten auf den
+Galeeren in der Diebssprache, und trugen weder Perücke noch Strümpfe.
+-- Da erschien ich Räuber und rief: Weshalb sollen die da immer voran
+und diese anderen immer hinterdrein gehen? Und mit der vollen Kraft
+meiner Lungen blies ich auf die alte ehrwürdige Akademie, welche all'
+die ängstlichen Gleichnisse unter ihren Talaren verbarg und blies
+auf die Alexandriner-Bataillone, die in Karrés aufgestellt standen,
+daß Wort und Vers durcheinander wirbelten. Ich stülpte dem alten
+Lexikon eine rothe Mütze auf und rief: Kein Wort ist mehr Senator,
+kein Wort ist mehr bürgerlich. Ich rief einen Sturm auf dem Grunde des
+Dintenfasses hervor und vermischte die schwarzen Schaaren der Worte mit
+den weißen Schwärmen der Ideen, und sprach: Es giebt kein Wort, auf
+welchem die Idee in ihrem reinen Fluge, noch frisch und feucht vom Azur
+des Himmels, nicht verweilen und rasten kann«.
+
+Aber noch ist Hugo, selbst wenn er zweifelt, nicht so weit. Er nennt
+noch selbst seine Poesie »Kavalier-Poesie« und stempelt mit diesem,
+an die englische Restauration erinnernden Worte sich selbst zum
+privilegirten Dichter der Restauration. Aber er scheitert an der
+Unmöglichkeit, die religiöse und die literarische Tradition dahin
+zu bringen, daß sie einander decken. In den Balladen fühlt man dies
+besonders. Hugo zieht die alten Erinnerungen aus dem Mittelalter und
+der Lehnszeit hervor. Was kann loyaler sein! Aber die Literatur aus
+der Zeit Ludwig's XIV. hatte vollständig mit dem Mittelalter und ihren
+Erinnerungen gebrochen. Was kann also weniger klassisch sein! Eine der
+Balladen schildert einen Hexentanz (+La ronde du sabbat+), eine
+andere spricht von Sylphen und Feen, der ganze farbenreiche Aberglaube
+der alten Legenden lebt wieder auf, man ist nicht weit von der Romantik
+entfernt. Endlich ist der Ton in diesen Gedichten nicht klassisch, es
+ist hier, wie in Deutschland und Dänemark, der Ton der Volkslieder,
+welcher den vornehmen und gelehrten Buchstil ablöst. Diese Poesie
+hat außerdem ein neues ~nationales Element~ (+Le géant+,
++Le pas d'armes du roi Jean+), sie wendet sich von der Antike
+zu dem alten ~Frankreich~. Auch in Betreff des Nationalen war
+Chateaubriand vorangegangen, seine Schilderungen der alten Gallier in
+den »Märtyrern« waren die ersten Versuche dieser Art und beeinflußten,
+nach Augustin Thierry's eigenem Geständnisse, sogar noch den späteren
+Verfasser des »Zeitalters der Merowinger«; aber selbst dies Element des
+Heimatlichen war neu und fremd in der französischen Dichtung und mußte
+sich aufrührerisch gegen die Tradition verhalten. Bald wurden mit dem
+altfranzösischen Inhalte alle altfranzösischen Versformen erneuert.
+Hier hatte abermals Chateaubriand den Anfang gemacht mit dem entzückend
+lieblichen Liede:
+
+ +Combien j'ai douce souvenance
+ Du joli lieu de ma naissance!+
+
+welches auch an dem Grabe, das er sich in dem Granitfelsen bei St. Malo
+mit dem Blick aufs Meer hatte aushöhlen lassen, gesungen ward, als man
+seine Hülle dort bestattete. Und plötzlich klingen die Töne aus der
+Zeit Ronsard's und der Plejade wieder bei De Vigny, bei den Brüdern
+Deschamps, bei Sainte-Beuve und bei Hugo. Im Mai 1828 hat De Vigny
+in seinem Gedichte »+Madame de Soubise+« Strophen wie folgende
+geschrieben:
+
+ +La voyez-vous croìtre,
+ La tour du vieux cloìtre?
+ Et le grand mur noir
+ Du royal manoir?
+ Entrons dans le Louvre,
+ Vous tremblez, je crois,
+ Au son du beffroi?
+ La fenêtre s'ouvre,
+ Saluez le roi!+
+
+Im Juni desselben Jahres überbietet ihn Hugo mit den meisterhaften
+Versen im »Turnier des Königs Johann«:
+
+ +Cette ville
+ Aux longs cris,
+ Qui profile
+ Son front gris,
+ Des toits frêles,
+ Cent tourelles,
+ Clochers grêles,
+ C'est Paris!+
+
+Welche Kunstform! welche malerische Klarheit! welche Kürze und Kraft!
+Die Alexandriner verschwinden fern am Horizonte; noch ein Schritt, und
+die Farbenpracht der »Orientalen« entfaltet sich vor unserm Auge.
+
+Von dem Augenblick an, wo die religiöse und monarchische Tradition
+wieder der Literatur eingepfropft wurde, schien das Autoritätsprincip
+eine große und wesentliche Unterstützung erlangt zu haben. Aber bald
+zeigte es sich, daß die christliche Tradition nicht in Gemeinschaft
+mit der literarischen gedeihen konnte. Sie entwickelte sich innerhalb
+derselben und unter ihren Flügeln, gleichsam in ihrem Schooße; aber
+bald enthüllt sie sich als ein oppositionelles Princip, und das
+Autoritätsprincip in der literarischen Form wird durch die Macht der
+Konsequenz von dem neuen Geiste, welcher nur das reelle, d. h. das
+religiös-politische Autoritätsprincip geltend machen zu wollen schien,
+bei Seite gedrängt, ja in die Luft gesprengt.
+
+Es bleibt uns nun noch übrig, zu sehen, wie die Autorität als
+reelles Princip das Schicksal des formellen und literarischen
+Autoritätsprincips theilen mußte.
+
+ [+Victor Hugo: Odes et Ballades. Cromwell. -- Alfred de Vigny:
+ Poésies complètes. -- Emile Deschamps: Poésies. -- Antoni Deschamps:
+ Poésies. -- Raynouard: Les templiers.+]
+
+
+
+
+9.
+
+
+An einem finstern und nebligen Tage vor ungefähr zwanzig Jahren folgte
+in Paris eine kleine Schaar von Freunden einem der berühmtesten Männer
+Frankreichs zum Grabe. Zwischen zwei Reihen Soldaten, die zugegen
+waren, nicht um dem Todten das Ehrengeleite zu geben, sondern um
+Ordnung zu halten, bewegte sich der Zug nach dem Armenkirchhofe, zu der
+gemeinschaftlichen Gruft. Der Verstorbene hatte es so gewollt. Als man
+die Erde auf den Sarg geworfen hatte, frug der Todtengräber: »Ist kein
+Kreuz da?« -- »Nein«, lautete die Antwort.
+
+ * * * * *
+
+Kein Erinnerungszeichen verkündet also, wo der Todte gebettet liegt,
+obschon sein Name über ganz Europa bekannt war, und kein Kreuz
+bezeichnet die Gruft, obschon der Todte Abbé und Priester, ja lange
+Zeit hindurch der erste Vorkämpfer der Kirche gewesen war. Es war
+Lamennais, der nach seinem eigenen Wunsche so zur Erde bestattet war.
+
+ * * * * *
+
+Félicité de la Mennais (erst später demokratisirte er seinen Namen)
+war, wie Chateaubriand, Bretagner und besaß von Geburt an die
+Hartnäckigkeit seiner Race in Wesen und Charakter. Die Männer aus
+dieser Provinz bilden gleichsam die Vendée der Literatur, indem sie
+mit dem Worte den Kampf fortsetzen, den ihre Väter mit Waffengewalt
+geführt hatten. Er war als Jüngling schmächtig, hager und fieberhaft
+lebendig; er verlor früh seine Mutter, und wurde dadurch noch härter
+und entschiedener. Sein religiöser Beruf war lange zweifelhaft;
+als Jüngling ergötzte er sich zumeist an Musik und Mathematik, an
+Flötenspiel und Waffenübungen, ja, er hatte ein ernstliches Duell,
+das sich später als ein Hindernis auf der von ihm beschrittenen Bahn
+erwies. Er hatte Liebesabenteuer und schrieb Verse[18]. Er war so wenig
+geneigt, sich der religiösen Dogmenlehre zu unterwerfen, daß er erst
+in seinem zweiundzwanzigsten Jahre, als seine religiöse Ueberzeugung
+gereift war, zum ersten Male zur Kommunion ging. Er beginnt jetzt sich
+mit theologischen Studien zu beschäftigen, und 1808, sechsundzwanzig
+Jahre alt, empfängt er die Tonsur. Aber als er zum Priester geweiht
+werden soll, erfaßt ihn ein solches Grausen vor dem Gelübde, das
+er abzulegen im Begriffe steht, daß er den entscheidenden Schritt
+aufschiebt, und in seiner Melancholie und seinen Zweifeln ihn immer
+und immer wieder so lange aufschiebt, daß er erst mit fünfunddreißig
+Jahren die Ordination empfängt. Seine Briefe schildern den zerrissenen
+Zustand seiner Seele in der ganzen Zwischenzeit; dies stolze Herz wand
+und krümmte sich bei dem Gedanken, die Herrschaft über sich fremden
+Händen zu überliefern. Und wurde es besser, als Alles entschieden und
+das Gelübde endlich unwiderruflich abgelegt war? Nein, weit gefehlt!
+Der erste Brief, den er seinem Bruder sendet, gleich nachdem es fremder
+Ueberredung gelungen war, ihm die Einwilligung zu jener Priesterweihe,
+vor der er sich so sehr scheute, abzulocken, schildert mit schwarzen
+Farben seinen Gemüthszustand:
+
+»Ich glaube, obschon man mir Schweigen auferlegt hat, Dir ein für alle
+Mal eine Erklärung geben zu dürfen und zu sollen. Ich bin äußerst
+unglücklich und kann von jetzt an nur noch äußerst unglücklich
+sein. Man mag darüber raisonniren, so viel man will, man mag sich
+winden und drehen, so viel man Lust hat, um mir zu beweisen,
+daß das Entgegengesetzte der Fall sei, so ist es doch ziemlich
+unwahrscheinlich, daß es gelingen wird, mich zu überzeugen, daß
+eine Thatsache, die ich empfinde, nicht vorhanden sei. Aller Trost,
+den ich empfangen kann, besteht daher in dem wohlfeilen Rathe, aus
+der Noth eine Tugend zu machen ... Ich begehre nur Vergessenheit in
+jeder Bedeutung dieses Wortes, und gebe Gott, ich könnte mich selbst
+vergessen!«
+
+Unter so schmerzlichen Geburtswehen wurde bei Lamennais der Glaube
+an seinen religiösen Beruf geboren. Er besiegte seine Verzweiflung;
+er, der immer etwas ~Ganzes~ sein mußte, wenn Dies auch noch so
+verschieden von seinem früheren Standpunkte war, wurde ganz und mit
+ganzer Seele Priester. Er fühlte sich so sehr als Solcher, daß sein
+erster Zornausruf, als Rom ihn 1832 im Stiche ließ, dieser war: »Ich
+werde sie lehren, was es heißt, einen Priester herauszufordern!«
+Er hatte eine starke Seele und einen beschränkten Geist, er war
+ein geborener Parteimann, dazu geschaffen, heftig und blind Partei
+zu ergreifen, mit leidenschaftlicher Liebe und beredtem Hasse zu
+verfechten, was er im Augenblick für die absolute Wahrheit hielt.
+Als er daher der herrschenden Idee des Zeitalters begegnet, wird
+er ein Streiter für dieselbe wie kein Anderer, der eifrigste, der
+konsequenteste, der aufrichtigste und unerschrockenste Vorkämpfer
+des absoluten Autoritätsprincips und der absoluten Unterwerfung,
+welche dasselbe verlangt. Er, der selbst unter einer so schmerzlichen
+Gemüthsaufregung seine Vernunft und Selbstbestimmung in die Hände
+der Kirche gelegt hatte, er, der einzige wirkliche Geistliche der
+neukatholischen Schule, scheint gleichsam den anderen Menschen keine
+besseren Lebensverhältnisse gönnen zu wollen, als er selber gekannt
+hat. Wenn er in einer Sprache, die den Sturm in sich birgt, das
+Evangelium der Autorität und des Gehorsams verkündet, fühlt man bei ihm
+noch mehr, als bei irgend einem Andern, die persönliche Leidenschaft
+sich in der allgemeinen Forderung sättigen, und man merkt, wie das Ich
+gleichsam sich selbst dadurch zur Geltung bringt, daß es, da es sich
+selbst ein für alle Mal hat unter die Autorität beugen müssen, jetzt
+die Willen und Gedanken aller anderen Individuen zerbricht und sie
+unter die Regel beugt, welche es zu der seinigen macht, indem es als
+ihr Organ auftritt.
+
+Gewaltsam und trotzig-selbständig, wie er war, anerkannte er im eigenen
+Lager fürwahr keine Autorität. Seine Aeußerungen über die anderen
+Mitglieder der Schule würden eine artige Anthologie von Schmähwörtern
+abgeben. Ueber Bonald z. B. ein Ausspruch wie dieser: »Arme Menschheit!
+-- ich weiß nicht, wie bei dem Worte »Mensch« Herr Bonald mir einfällt.
+Der Uebergang ist jäh. Man sagt, der arme Mensch sei in der letzten
+Zeit äußerst schwach an Geist geworden.« Ueber Chateaubriand: »Der
+König und er, er und der König. Das ist Frankreichs ganze Geschichte
+... Man begreift nicht, und er weniger als irgend Jemand, daß Europa
+seine Talente entrathen kann. Er weissagt, daß es Europa schlecht
+bekommen werde.« Ueber Frayssinous, der als Haupt des Gallikanismus
+sein Widersacher war: »Sie halten ihn für gemäßigt: weshalb? Weil man
+Sie auf eine gewisse Kälte bei ihm aufmerksam gemacht hat, die Sie für
+Mäßigung hielten, und doch war es nur geronnener Haß.« Das ist der Ton
+in seinen Briefen. Aber gleichwohl lag in seiner kräftigen und blind
+nicht drauf los platzenden, sondern einher brausenden Seele der Stoff,
+aus welchem sich ein Kämpfer ohne Gleichen für die absolute Autorität
+der Kirche bilden ließ, freilich, wie es sich am Ende erwies, ein
+Kämpfer, der es besser verstand, Andern die Disciplin aufzuzwingen,
+als sich selbst zu Dem discipliniren zu lassen, was seine redlichste
+Ueberzeugung verwerfen mußte.
+
+In der Zeit von 1817 bis 1823 erschien dann in Frankreich ein Werk, das
+während all' dieser Jahre die Gemüther in Bewegung zu setzen vermochte,
+und über das sich eine heftige Polemik erhob, ja dessen Verfasser
+zwischen dem Erscheinen des zweiten und dritten Bandes das Wort zu
+seiner Vertheidigung ergreifen mußte; es war das Buch »+Essai sur
+l'indifférence en matière de réligion+« vom Abbé de la Mennais. In
+diesem Werke sammelt die Restaurationsperiode gleichsam zum letzten
+Mal ihre Kräfte zu einem Hauptschlage. Hier finden wir alle leitenden
+Principien der Zeit mit einer Bestimmtheit und mit einer letzten
+Konsequenz ausgesprochen, welche darauf hindeutet, daß der Umschlag
+nahe ist.
+
+Durch seine Geistesrichtung, ja selbst durch seinen Titel, bildet
+dies Werk eine interessante Parallele zu dem Buche, durch welches
+in Deutschland die religiöse Renaissance im neunzehnten Jahrhundert
+eingeleitet wurde: zu Schleiermacher's (im Jahre 1799 erschienenen)
+berühmten »Reden über die Religion, an die Gebildeten unter ihren
+Verächtern.« Beide Schriften sind wider dieselbe Erscheinung
+gerichtet, wider die bei den Gebildeten herrschende Geringschätzung
+und Gleichgültigkeit gegen die Religion. Beide versuchen jetzt, da der
+Glaube erschlafft ist, die Religiosität auf einem neuen Fundamente
+wieder zu errichten. Aber hier tritt der Nationalitätsunterschied
+der Verfasser scharf hervor. Der sentimentale und gemüthsinnige
+Schleiermacher sieht kein anderes Heil für die Religion, als das, sie
+mit Aufgebung all' ihres äußeren Beiwerks auf ihren innersten Kern, auf
+das rein persönliche ~Gefühl~ des Individuums, zurück zu führen.
+Er versucht, auf den Grund des Menschenlebens, auf die Tiefe, aus der
+sowohl das Erkennen wie das Handeln entspringt, auf die innersten
+Quellen des persönlichen Lebens zurück zu gehen. Er fordert seinen
+Leser auf, sich über den primitiven Zustand der Seele Rechenschaft zu
+geben, in welchem das Ich und der Gegenstand in einander verschmelzen,
+und wo folglich noch weder von einem Anschauen des Gegenstandes, noch
+von dem Empfinden eines von dem Gegenstande verschiedenen Ich die Rede
+ist. Er bezeichnet denselben als einen Zustand, den man jedes Mal
+erlebt, und doch nicht erlebt, da das ganze Leben in dem beständigen
+Aufhören und Zurückkehren desselben besteht. Derselbe ist, sagt er,
+flüchtig und unsichtbar wie der Duft thaubenetzter Blumen und Früchte,
+keusch und zart wie ein jungfräulicher Kuß, und heilig und fruchtbar
+wie die Umarmung eines Bräutigams, ja er ist nicht nur ~wie~
+alles Dies, sondern alles Dies selber; denn in diesem Zustande des
+Menschen wird die Vermählung des Universums mit der inkarnirten
+Vernunft gefeiert; in diesem Zustande ist das Individuum einen
+Augenblick die Seele der Welt und empfindet deren unendliches Leben
+als ihr eigenes. »So,« sagt Schleiermacher, »ist die erste Empfängnis
+jedes lebendigen und ursprünglichen Momentes in Eurem Leben beschaffen,
+welchem Gebiet es auch angehöre, und aus einem solchen erwächst auch
+jede religiöse Gemüthsbewegung.« (Reden über die Religion, fünfte
+Auflage, S. 50, 54 und 56.)
+
+In Folge Dessen bezeichnet er nun das Gefühl, in so weit es das
+gemeinsame Leben des Individuums und des Alls auf die geschilderte
+Weise ausdrückt, als Frömmigkeit. Die Gefühle bilden »ausschließlich
+die Elemente der Religion«. Es giebt daher für ihn kein Gefühl, das
+nicht fromm ist, es sei denn, daß dasselbe aus einem krankhaften und
+verderbten Zustand entspränge. Ja, er fügt in einer Anmerkung hinzu,
+daß Dies sogar von allen Gefühlen des sinnlichen Lebensgenusses gelte,
+in so weit sie nicht naturwidrig oder verirrt seien. So sucht also
+Schleiermacher die Religion aus ihrem Streit mit der Bildung dadurch
+zu retten, daß er sie zum Inbegriff aller höheren, ja aller gesunden
+Gefühle macht. Als echter Deutscher betont er pantheistisch den breiten
+Lebensstrom durch alle Wesen als die heilige Fluth, welche die Quelle
+aller Religiosität und aller Religionen sei. So hebt er jedes bestimmte
+Glaubenssystem auf; selbst der Glaube an Gott und Unsterblichkeit
+scheint ihm nicht wesentlich für die Religion, und mit Begeisterung
+ruft er aus: »Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke für die Manen des
+heiligen verstoßenen Spinoza! Er durchdrang den hohen Weltgeist, das
+Unendliche war ihm Eins und Alles, das Universum seine einzige und
+ewige Liebe; in heiliger Unschuld und tiefer Demuth spiegelte er sich
+in der ewigen Welt, deren liebenswürdigster Spiegel er wiederum war;
+voller Religion war er und voll des heiligen Geistes.«
+
+Man sieht, daß selbst die Aufklärungsperiode der positiven Religion
+keinen härteren Stoß versetzt hatte, als diese Gefühlsschwärmerei. --
+Und indem Schleiermacher nun solchermaßen die Religion in das Gefühl
+auflöst, zersplittert er zugleich ihre Autorität, indem er sie der
+unendlichen Mannigfaltigkeit der Individualitäten preisgiebt. Alle
+Dogmen, Regeln, Vorschriften und Grundsätze verschwinden, indem er
+fordert, daß die einzelne Persönlichkeit sich Alles auf eigenthümliche
+Art aneigne. Er hebt nämlich hervor: »wenn Einer noch so vollkommen
+jene Grundsätze verstehe und sie mit noch so großer Klarheit inne
+zu haben glaube, aber nicht wisse und nicht beweisen könne, daß sie
+in ihm selbst als Aeußerungen seines eigenen Gemüths entstanden
+und ursprünglich seine eigenen seien, so müsse man sich nicht etwa
+überreden lassen, zu wähnen, daß ein solcher Mensch fromm sei, oder ihn
+als religiös schildern; denn er sei es nicht, seine Seele habe niemals
+religiös empfangen, und seine Begriffe seien nur untergeschobene, von
+anderen Seelen erzeugte Kinder, die er im heimlichen Gefühl eigener
+Schwäche adoptirt habe.«
+
+So tief protestantisch im guten (nicht konfessionellen) Sinne dieses
+Wortes ist die religiöse Wiedergeburt Deutschlands in ihrem Ursprunge.
+Sie proklamirt die persönliche Ursprünglichkeit als das einzige
+religiöse Werthzeichen, und sie bestimmt das ganze weite Gebiet der
+Gefühlsinnigkeit als das Reich der Religiosität. Das Gefühl, als
+natürlich und gesund, ist immer heilig, nie vorzugsweise heilig.
+
+Im schroffsten und lehrreichsten Gegensatze hiezu stehen die Grundsätze
+in dem erwähnten Hauptwerke von Lamennais, welches das romanische und
+katholische Seitenstück zu Schleiermacher's Reden bildet, als das reine
+Programm der Selbstentäußerung. Sie lauten:
+
+Daß das ~Gefühl~ oder die unmittelbare Offenbarung nicht das
+Mittel ist, welches dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion
+ausfindig zu machen.
+
+Daß der Weg der ~Forschung~ oder Diskussion nicht das Mittel ist,
+das dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion ausfindig zu
+machen.
+
+Daß die ~Autorität~ das Mittel ist, das dem Menschen geschenkt
+ist, um die wahre Religion ausfindig zu machen, so daß die wahre
+Religion unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen
+sichtbaren [!] Autorität beruht.
+
+Um diese drei seltsamen und kuriosen Postulate zu beweisen, hat
+Lamennais seine vier dicken Bände geschrieben, deren entsetzlich hohler
+Gedankengang folgender ist:
+
+Worauf es für uns Menschen ankommt, ist, ein unfehlbares
+Kennzeichen des Wahren und Falschen zu finden. Was wir suchen, ist
+~Gewißheit~. Aber wo sollen wir diese finden? Aus unseren
+Sinneswahrnehmungen können wir sie nicht herleiten; denn unsere
+Sinne betrügen uns, sagt Lamennais. Daß sie selbst wechselseitig die
+Illusionen berichtigen, welche sie jeder für sich hervorrufen, ist
+ein Faktum, dessen er nicht erwähnt. Wir sind nach seiner Anschauung
+um so weniger Dessen gewiß, daß ein nothwendiges Verhältnis zwischen
+unseren sinnlichen Wahrnehmungen und der Realität der Dinge existirt,
+als wir nicht einmal unserer eigenen Existenz sicher sind. Wie wir,
+wenn wir derselben nicht sicher sind, überhaupt irgend eines Anderen
+sicher werden können, ist eine Frage, die er nicht beantwortet.
+Das Gefühl, die innere Ueberzeugung von der Evidenz einer Sache,
+soll eben so täuschend wie die sinnliche Wahrnehmung sein. Die
+unüberwindliche Stärke, mit welcher ein Princip sich unserm Geiste
+aufdrängt, liefert ja keinen Beweis dafür, daß dies Princip wahr ist,
+ein Irrthum ist immer möglich. Daß man recht wohl im Allgemeinen seine
+Fehlbarkeit einräumen und sich nichtsdestoweniger in einer Menge
+einzelner bestimmter Fälle der Wahrheit gewiß erachten kann, wird
+selbstverständlich nicht berührt. -- Jetzt kommt die Reihe an die
+Forschung. Es wird behauptet, daß sie zum Zweifel an Allem führe, daß
+die höchsten Axiome unbeweisbar seien, und es wird betont, wie wir
+überhaupt keine Sicherheit dafür hätten, daß die Erinnerung uns nicht
+täusche. Dieser Angriff auf die menschliche Forschung läßt sich in so
+fern freilich nicht abwehren, als es natürlich ja unmöglich ist, die
+Zuverlässigkeit der Erinnerung anders als dadurch zu beweisen, daß man
+sie voraussetzt. Aber von dem indirekten Beweise, den alle menschliche
+Erfahrung, Bestätigung und Voraussicht für diese Hypothese liefern,
+sagt Lamennais nicht ein Wort. So gelangt er vorläufig zu einem
+vollkommenen Skepticismus. Aber ein vollständiger Skepticismus würde
+ja zu vollkommenem Wahnwitz führen. Schon der Selbsterhaltungstrieb
+nöthigt uns, zu glauben, und in Uebereinstimmung mit unserem Glauben zu
+handeln. Dieser Mangel an Fähigkeit, zu zweifeln, oder die Gewißheit,
+daß man, wenn man zweifelt, von allen anderen Menschen für unwissend,
+wahnwitzig oder toll erklärt werden wird, bildet nun nach Lamennais'
+Anschauung die Grundveste aller menschlichen Gewißheit. Die allgemeine
+Uebereinstimmung +(sensus communis)+ wird also für uns das Siegel
+der Wahrheit, und es giebt kein anderes. Mangel an Einigkeit erzeugt
+sofort Unsicherheit und Ungewißheit. Ein Princip oder ein Faktum ist
+mehr oder minder zweifelhaft, je nachdem es mehr oder minder allgemein
+angenommen und bezeugt ist. Was ist somit für Lamennais die Definition
+einer Wissenschaft? Eine Wissenschaft ist ein Konglomerat von Ideen
+und Thatsachen, über die man einig ist. Wie die Erfahrungsphilosophen
+unserer Zeit, aber von einem anderen Ausgangspunkte her, gesteht er
+selbst der Geometrie kein anderes Fundament als die Einigkeit zu.
+Wenn mancher Irrthum in der Wissenschaft als wahr angenommen worden
+ist, so liegt Das nach seiner Ansicht darin, weil die Wissenschaft
+sich nur auf eine im Vergleich mit der Menschheit geringe Zahl von
+Personen erstreckt. Was sind, ruft er aus, einige hundert Gelehrte
+gegen das Menschengeschlecht! und er vergißt seltsam genug, daß das
+Menschengeschlecht nie über eine einzige wissenschaftliche Wahrheit
+übereingestimmt hat, ehe die Männer der Wissenschaft sie entdeckten,
+und überhaupt nie ursprünglich über irgend einen Glauben einig gewesen
+ist.
+
+Dann frägt er: Wenn zwei Personen mit einander uneins sind, was thun
+sie, nachdem sie vergebens einander zu überzeugen gesucht haben? und
+er antwortet: sie suchen ein ~Schiedsgericht~. Aber was ist ein
+Schiedsgericht? Es ist eine ~Autorität~, und diese stellt, wenn
+nicht die Gewißheit, so doch die Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der
+einen der bestrittenen Anschauungen fest. Da die Vernunfterwägung als
+solche nur Zweifel erschafft, da der stärkste Beweis wider die Annahme
+irgend eines Satzes immer der ist: »Du bist der Einzige, der so denkt«,
+so kommen wir zu dem Autoritätsprincip als dem einzig wahren und
+entscheidenden.
+
+Folgerichtig würde diese Anschauung dahin führen, in einer
+Majoritätsabstimmung das letzte Zeugnis für die Wahrheit zu sehen.
+Aber wir sollen ja, wie man begreift, im Hafen der katholischen Kirche
+landen. Es ist ganz lehrreich, den Volten zu folgen, mittels welcher
+das Autoritätsprincip, so wie hier aufgefaßt, uns direkt in die Arme
+derselben führt.
+
+ * * * * *
+
+Lamennais beginnt damit, alles Lernen und Erkennen als das Gehorchen
+einer Autorität zu definiren. Wir stoßen hier wieder auf die Theorien
+Bonald's, daß wir die Sprache auf die Autorität Derer, die sie uns
+lehren, und daß wir mit ihr die Wahrheiten annehmen, welche zur
+Selbsterhaltung nöthig sind, -- Wahrheiten, die Gott in seinem
+mächtigen Worte jedem Volke offenbart hat. Das intellectuelle Leben,
+~dessen Gesetz Gehorsam ist~, ist also nur ein Theilnehmen an
+der höchsten Vernunft, ein vollkommenes Uebereinstimmen mit dem
+Zeugnisse, daß das unendliche Wesen von sich selbst gegeben hat. Die
+göttliche Vernunft, welche sich mittels des Wortes mittheilt, ist der
+~Existenzgrund~ der erschaffenen Intelligenzen, wie der Glaube
+ihre wesentliche ~Existenzform~ ist. Das Gewißheitsprincip und das
+Lebensprincip sind folglich eins.
+
+Da die Menschheit nun zur Wahrheit erschaffen ist, kann die allgemeine
+Vernunft nicht irren. Anders die individuelle Vernunft; die kann vom
+Zweifel überschwemmt werden. Trennt sie sich von der Gesellschaft, so
+stirbt sie. +Vae soli!+ ruft Lamennais aus, wehe dem Einzelnen!
+Der Hochmüthige, sagt er, bildet sich ein, daß man verlange, er
+solle seine Vernunft aufgeben, wenn man fordert, er solle sich vor
+der Autorität beugen. Weit gefehlt! Die ~Autorität~ ist nur die
+allgemeine, durch Zeugnisse offenbarte Vernunft; »sie beseelt und
+erhält das Universum, das sie erschaffen hat. Ohne sie keine Existenz,
+keine Wahrheit, keine Ordnung.«
+
+ * * * * *
+
+Es ist also nur die Autorität, welche uns Gewißheit in Betreff der
+Religion giebt. »Die Religion ist nicht nur ein System von Kenntnissen,
+-- sie ist außerdem, sie ist vorzugsweise ein Gesetz.« Aber kein Gesetz
+ohne Autorität, diese zwei Ideen entsprechen einander. So beruht die
+Religion nothwendigerweise auf der Autorität, und die wahre Religion
+auf der größten Autorität. Sie wird als »das System der Gesetze, welche
+aus der Natur der Vernunftwesen folgen«, definirt, und diese kennen zu
+lernen soll die Autorität also das einzige Mittel sein.
+
+ * * * * *
+
+Folgen wir einmal der Verknotung dieses Netzes von Sophismen, um es
+dann auseinander zu zupfen.
+
+ * * * * *
+
+Der Faden ist der: Die Intelligenz entwickelt sich nur mit Hilfe
+des Wortes oder des Zeugnisses. Das Zeugnis existirt nur in der
+Gemeinschaft. Also kann der Mensch nur in der Gemeinschaft leben. Also
+fand nothwendig eine Gemeinschaft zwischen Gott und dem ersten Menschen
+statt. [Man beachte das Postulat eines Adam, Bonald's Theorie, daß Gott
+Adam die Sprache gegeben habe, -- überhaupt der positiven Religion
+als Autorität entnommene Elemente, als Beweis dafür gebraucht, daß
+die positive Religion auf Autorität beruhe.] Die Nothwendigkeit des
+Zeugnisses enthält die Nothwendigkeit des Glaubens, ohne welchen das
+Zeugnis wirkungslos sein würde. Also liegt der Glaube in der Natur
+des Menschen und ist die erste Lebensbedingung. Die Gewißheit des
+Glaubens hängt von seiner Uebereinstimmung mit der Vernunft, d. h.
+von der Größe der Autorität ab, welche das Zeugnis ertheilt. Also ist
+das Zeugnis Gottes unendlich gewiß, da es Nichts anders ist, als die
+Offenbarung der unendlichen Vernunft oder der größten Autorität. Es
+ist kein Zeugnis möglich, außer in der Gemeinschaft. Also ist keine
+Autorität und Gewißheit möglich, außer in der Gemeinschaft. Keine
+menschliche Gemeinschaft kann existiren, außer kraft der Gemeinschaft,
+die ursprünglich zwischen Gott und dem Menschen kraft der Wahrheiten
+oder Gesetze errichtet ward, welche sein Wort ursprünglich offenbart
+hat. Also können diese Wahrheiten in keiner Gemeinschaft verloren
+gehen, ohne daß diese Gemeinschaft zu Grunde geht. Sie müssen sich
+folglich in allen Gemeinschaften wiederfinden lassen. Diese für eine
+Gemeinschaft nothwendigen Wahrheiten werden nur durch das Zeugnis
+bewahrt, das keine Kraft oder Wirkung hat außer durch die Autorität.
+Also: wie keine Autorität außer in der Gemeinschaft existirt, so
+existirt die Gemeinschaft nicht außer durch die Autorität, und wo keine
+Autorität ist, da ist auch nirgends eine Gemeinschaft. Aber nun giebt
+es zwei Arten von Gemeinschaft, denn der Mensch steht einerseits in
+zeitlichem Verhältnisse zu seines Gleichen, andererseits in ewigem
+Verhältnisse zu Gott und seinen Mitmenschen. Diese zwei Gemeinschaften
+sind die politische oder bürgerliche (zeitliche) und die geistige
+(ewige) Gemeinschaft. Folglich giebt es zwei Autoritäten, und diese
+zwei Autoritäten sind jede in ihrer Ordnung ~unfehlbar~.
+
+ * * * * *
+
+Das sieht ja über die Maßen logisch aus; wenn +Ergo+ genug für
+einen Beweis wäre, fehlte es nicht an Beweisen. Aber prüfen wir die
+Argumentation an einigen Punkten.
+
+ * * * * *
+
+Das Ich, sagt Lamennais, kann sich nicht allein zum Selbstbewußtsein
+entwickeln. Das ist wahr, und wir schließen daraus, was man daraus
+schließen kann, wenn wir sagen, daß das Ich sich folglich durch ein
+Du entwickelt habe. Das ist ein Gedanke, den vor Allen Feuerbach
+eindringlich ausgesprochen und variirt hat. Aber Lamennais, welcher die
+alttestamentarische Annahme von einem einzigen Einzelmenschen, der vor
+dem ganzen Geschlechte existirt habe, zum Ausgangspunkte nimmt, erbaut
+die Lehre von der Unterhaltung dieses Menschen mit Gott und Alles, was
+daraus erfolgt, auf diesem Grunde, der mit dem Gebäude fällt.
+
+ * * * * *
+
+Lamennais will ferner das unfehlbare Kennzeichen der Wahrheit
+nachweisen. Dies Kennzeichen soll die allgemeine Uebereinstimmung sein.
+~Aber worauf beruht die Autorität dieser Uebereinstimmung?~ Hat
+sie einen Grund, oder ist sie ein Faktum?
+
+ * * * * *
+
+Wenn sie einen Grund hat, wenn die allgemeine Vernunft die Regel für
+die individuelle Vernunft abgeben ~muß~, so ist ja diese von
+Lamennais so verschmähte und verachtete individuelle Vernunft in
+letzter Instanz der höchste Richter über die Wahrheit. Denn einerseits
+ist sie es, welche der allgemeinen Uebereinstimmung diesen so hohen
+Werth beilegt, andererseits ist sie es, welche entscheidet, wie weit in
+jedem einzelnen Falle allgemeine Uebereinstimmung vorhanden sei, oder
+nicht.
+
+Wenn die Autorität der allgemeinen Uebereinstimmung dagegen ein Faktum
+ist, d. h. eine Sache, die schlechthin aus unserer Natur folgt, so
+ist die Gewißheit, welche sie uns einflößt, in keiner Hinsicht von
+aller anderen Gewißheit verschieden. Aber nun hat Lamennais ja eben
+selbst dagegen protestirt, die Gewißheit von einem inneren Gefühl
+herzuleiten, ja sogar unsere Gewißheit von unserer Existenz bekämpft,
+da die Gewißheit, deren wir bedürfen, die ~unfehlbare~ ist --
+was in aller Welt soll denn nun den unreflektirten Autoritätsglauben
+unfehlbarer machen, als jede andere Gewißheit?
+
+Lamennais' Argumentation mündete schließlich in zwei unfehlbaren
+Autoritäten. Man hört schon an dem Worte »unfehlbar«, daß die
+katholische Kirche nicht fern ist. Es brennt schon. Die Unfehlbarkeit
+wird als eine direkte Konsequenz der Autorität insinuirt. Es giebt
+einen Punkt, wo alle Theoretiker der kirchlichen Restauration einander
+begegnen, einen Punkt, worüber De Maistre, der ihn einleitet,
+vollkommen einig mit Lamennais ist, der ihn abschließt, wie bedingt
+sonst auch (was seine Korrespondenz beweist) die Zustimmung war,
+welche er den übrigen Paradoxien seines jüngsten Schülers gewährte.
+Man muß sich erinnern, daß im vorigen Jahrhundert die päpstliche Macht
+todt zu sein schien. Ein Papst hatte mit Voltaire korrespondirt und
+die Dedikation seines »Mahomet« angenommen. Der Papst hatte selber
+seine getreuen Janitscharen, die Jesuiten, abgeschafft. Die religiöse
+Reaktion wird also dadurch herauf beschworen, daß man wieder die
+Bedeutung des Papstes geltend macht, ja sie, sogar von katholischem
+Standpunkte betrachtet, übertreibt. De Maistre hatte gesagt: Ohne Papst
+keine Autorität; ohne Autorität kein Glaube, d. h. ohne Papst kein
+Glaube. So wird die Oberhoheit des Papstes zum eigentlichen Kern und
+Princip des Christenthumes, bis der Papst in unseren Tagen (bei Bischof
+Ségur) zu einem Sakramente, zu »Jesu wirklicher Anwesenheit auf Erden«,
+verwandelt wird.
+
+Der Gedankengang bei De Maistre war dieser: Es giebt keine Religion
+ohne eine sichtbare Kirche, es giebt keine Kirche ohne Regierung,
+keine Regierung ohne Souverainetät, und keine Souverainetät ohne
+Unfehlbarkeit. Er appellirt an das Princip von der Unverantwortlichkeit
+des Königs. Diese ist für ihn ganz Dasselbe, wie die Unfehlbarkeit in
+Betreff der Päpste. Jede Regierung, sagt er, ist ihrem Wesen zufolge
+absolut, duldet keine Widersetzlichkeit; von dem Augenblick an, wo man
+sich unter dem Vorwande, daß sie ungerecht oder im Irrthum sei, wider
+sie auflehnen darf, existirt Nichts mehr, was Regierung genannt werden
+kann. Ja, er sucht durch Analogien zu zeigen, wie vertraut man in
+allen andern Lebenssphären mit dem Unfehlbarkeitsgedanken sei, während
+es zum guten Ton gehöre, an demselben Anstoß zu nehmen, wenn es sich
+um den Papst handle. Ist der Seekapitain nicht Souverain auf seinem
+Schiffe, und in Folge Dessen als unfehlbar zu betrachten? Giebt es eine
+Appellation von ihm, oder giebt es eine Appellation von irgend einem
+anderen höchsten Gerichte?
+
+ * * * * *
+
+Diese scharfsinnige Vertheidigung hat gewiß alle Vorzüge, welche die
+Vertheidigung einer im Voraus verlorenen Sache besitzen kann. Aber daß
+man den Souverain als unfehlbar betrachten muß, obschon er es nicht
+ist, beweist Das, daß der Papst als Souverain der Kirche wirklich
+unfehlbar ist? Daß es immer eine höchste Macht geben muß, welche die
+äußerliche Unterwerfung verlangen kann, beweist Das, daß diese Macht
+auch mit Recht die Zustimmung der Gemüther fordern kann? Oder ist
+vielleicht die äußerliche Unterwerfung genug? De Maistre räumt Das im
+Grunde ein. Er sagt: »Was das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes
+selber betrifft, so haben wir kein ~Interesse~, es in Zweifel
+zu stellen. Wenn sich eine jener theologischen Fragen darbietet, die
+absolut einem höchsten Richterspruche unterworfen werden muß, so ist
+es für uns nicht von Interesse, daß sie auf diese oder jene Weise
+entschieden wird, wohl aber, daß sie unverzüglich und ohne Appellation
+entschieden wird.«
+
+ * * * * *
+
+Lamennais, der, wie De Maistre, zu zwei unfehlbaren Autoritäten,
+der des Staates und der der Kirche, gelangt, geht als der um eine
+Generation jüngere Schüler seines Lehrers noch einen großen Schritt
+weiter auf der begonnenen Bahn. Wie es sich auf die Dauer als
+unmöglich zeigt, die zwei Unfehlbarkeiten jede in ihrer Sphäre
+festzuhalten, besinnt er sich nicht, zu entscheiden, welche von ihnen
+im Kollisionsfalle weichen muß. Er zieht selbst die letzte Konsequenz,
+indem er sagt: »Die geistige Autorität repräsentirt das unveränderliche
+Gesetz der Gerechtigkeit und Wahrheit, die weltliche Macht dagegen
+die Stärke, welche die aufrührerischen Willen zwingt, sich diesem
+Gesetz zu unterwerfen. ~Die Stärke ist nothwendigerweise dem Gesetz,
+der Staat der Kirche untergeordnet.~ Im entgegengesetzten Falle
+müßte man zwei unabhängige Mächte annehmen, die Eine der Erhalter der
+Gerechtigkeit und Wahrheit, die andere blind, und deshalb ihrer Natur
+nach verderblich für Gerechtigkeit und Wahrheit.« (+Du progrès de la
+révolution et de la guerre contre l'église.+) Eine stolze und des
+neunzehnten Jahrhunderts würdige Konsequenz!
+
+Man lernt hieraus, welche Macht Lamennais der katholischen Kirche
+beigelegt haben wollte. Es erübrigt noch, den Schlußsprung zu sehen,
+durch welchen bewiesen wird, daß die katholische Kirche selber die
+Autorität ~ist~, von der so viel und so weitschweifig gesprochen
+ward. Lamennais sagt: »Bei der Wahl einer Religion reducirt sich also
+Alles darauf, zu wissen, ob irgendwo eine solche Autorität, wie wir sie
+definirt haben, existirt, oder mit anderen Worten, ob eine geistige und
+sichtbare Gemeinschaft existirt, welche erklärt [!!], daß sie diese
+Autorität besitze. Wir sagen: eine sichtbare Gemeinschaft, weil jedes
+Zeugnis äußerlich ist [Man erinnere sich, daß das Urtheil der inneren
+Stimme verworfen ward]; wir sagen ferner, daß dies Zeugnis den gewissen
+Beweis für die Autorität, von der hier gesprochen wird, liefern würde,
+weil es ein Ausdruck der allgemeinsten Vernunft wäre.«
+
+»Wenn es keine solche Gemeinschaft gäbe, so würde die einzige wahre
+Religion die überlieferte Religion des Menschengeschlechtes, d. h. der
+Inbegriff von Dogmen und Vorschriften sein, welche durch die Tradition
+aller Völker geheiligt und ursprünglich von Gott offenbart sind.«
+
+»Wenn es dagegen eine solche Gemeinschaft giebt, so bilden ihre Dogmen
+und Vorschriften die wahre Religion.« -- Von dem jetzt erreichten
+Höhepunkte ergiebt sich der Rest der Beweisführung von selbst.«
+
+»Seit der Zeit Jesu Christi hat die religiöse Gemeinschaft
+unbestreitbar immer die größte Autorität besessen. Unter den
+verschiedenen Glaubensgemeinschaften kommt das Gepräge größter
+Autorität sichtbarlich der katholischen Kirche zu. So erhellt, daß sich
+in ihr allein alle Wahrheiten finden, welche dem Menschen nöthig sind,
+in ihr allein die vollständige Kenntnis der Pflichten oder Gesetze der
+Vernunft, in ihr allein Gewißheit, Heil und Leben.«
+
+So sind wir glücklich in den Hafen eingelaufen. Aber nicht genug, daß
+wir als Wrack angelangt sind, -- noch im letzten Augenblick erleiden
+wir Schiffbruch im Hafen. Denn Lamennais gesteht am Schlusse des
+Werkes ganz offen, daß alle Religionen auf Autorität beruhen, und daß
+nichtsdestoweniger die ursprünglichen Traditionen in ihnen allen, mit
+Ausnahme einer einzigen, mehr oder minder durch Hinzufügungen, welche
+man als Irrthümer bezeichnen muß, entstellt worden sind; »aber,« sagt
+er, »selbst diese Irrthümer sind wieder nur kraft der Autorität als
+gültig angenommen worden, und existiren nur durch diese.« Welches
+Zugeständnis! Es stürzt die ganze Argumentation über den Haufen.
+
+Lamennais merkt jedoch Nichts davon. Beifällig citirt er die Worte
+eines andern katholischen Schriftstellers: »Die katholische Religion
+ist eine Religion der Autorität, und deshalb ist sie allein eine
+Religion der Gewißheit und Ruhe«. Triumphirend beruft er sich auch auf
+den Ausspruch Rousseau's: »Wenn ihm Jemand am Sonntag beweisen könne,
+daß er verpflichtet sei, in Glaubenssachen sich der Entscheidung eines
+Andern zu unterwerfen, so würde er sich am Montag zum Katholiken machen
+lassen, und jeder konsequente und wahrheitsliebende Mensch würde es
+machen, wie er«. Lamennais applaudirt, da er überzeugt ist, diesen
+Beweis geliefert zu haben, daß das Individuum in Glaubenssachen sich
+der Autorität unterwerfen müsse. Lieber Himmel, welcher Beweis! Ein
+einziger Hauch, und er fällt zusammen.
+
+Eins von Beiden: Entweder beruht die katholische Kirche auf der
+allgemeinen Anerkennung ihrer Wahrheit, oder sie thut es nicht. Beruht
+sie darauf, so ~ist~ sie ja allgemein anerkannt und bedarf keiner
+Vertheidigung, da Niemand sie leugnet. Beruht sie hingegen nicht
+darauf, so ist sie der Theorie zufolge falsch, und keine Vertheidigung
+kann ihr frommen.
+
+Allein damit nicht genug: selbst diese Lehre, daß die allgemeine
+Uebereinstimmung das Kennzeichen des Wahren abgebe, selbst sie muß
+ja ebenfalls ihre Wahrheit dadurch beweisen, daß sie allgemeine
+Anerkennung findet. Läßt sich nun eine bitterere Ironie des Schicksals
+denken, als die, daß sie nicht nur allgemein bestritten ward, sondern
+daß die Kirche selbst 1832 diese Lehre verwarf? So stand also Lamennais
+plötzlich ~allein~ mit der Lehre, daß es die Summe aller Anderen
+sei, welche Recht habe. Läßt sich ein lächerlicherer Widerspruch
+denken? Ja, es läßt sich einer denken, nämlich der, welcher gleich
+nachher eintrat: daß Lamennais als gehorsamer Sohn der Kirche, sich
+unter die Autorität derselben beugend, selbst diese seine Lehre von
+der Autorität der Kirche als unfehlbarem Kennzeichen der Wahrheit
+verleugnete und widerrief.
+
+Aber wir brauchen nicht so weit wie bis 1832 zurück zu blicken, um
+zu sehen, wie die Männer des Autoritätsprincips in Streit mit ihrem
+eigenen Princip kamen. Was man auch verfechte, man muß zuerst und vor
+Allem Freiheit haben, zu reden. Das ist das Göttliche der Freiheit,
+daß selbst Die, welche sie hassen, ihrer bedürfen und genöthigt sind,
+sie zu verlangen. Das Journal +»Le conservateur«+ begann damit,
+aufs eifrigste die Preßfreiheit zu befürworten, und fühlte sich später
+sehr durch dieselbe genirt. Man konnte nicht gut Andern eine Freiheit
+verweigern, die man für sich selbst gefordert hatte; man konnte Das
+nicht gut -- aber man that es. Ganz ebenso erging es in Betreff der
+Frage einer parlamentarischen Regierung oder, wie man es damals nannte,
+der parlamentarischen Prärogative. Bei Beginn der Restauration ist es
+die katholische und monarchische Schule in Frankreich, welche durch
+ihre Journalartikel und ihre Redner das erste Ministerium stürzt, das
+aus der freien Wahl der Königsmacht hervorgegangen war. Man wollte
+selbst ans Ruder. So war es also die Schule des Autoritätsprincips, die
+in Frankreich zuerst die ganz entgegengesetzten Principien aufstellte:
+die Preßfreiheit in der ausgedehntesten Bedeutung des Wortes und den
+entscheidenden Einfluß der parlamentarischen Majorität. Man untergrub
+selber den Grund, auf welchem die Autorität beruhte.
+
+Bei dem stolzen und leidenschaftlichen Priester Lamennais ist die
+Entwicklung in dieser Richtung Punkt für Punkt zu kontrolliren.
+Die Charte, welche aufs innigste mit der Königsmacht zusammenhing,
+sicherte wenigstens auf dem Papier die Religionsfreiheit. Aber diese
+Religionsfreiheit erzürnt Lamennais, der ja weiß, daß nur ~eine~
+Religion die wahre ist. Zu jener Zeit kommt das klägliche Wortspiel
+in Mode, daß das Recht der Gewissensfreiheit das Recht sei, frei vom
+Gewissen zu sein. Er und seine Anhänger betonen daher, daß man seinem
+Gewissen folgen müsse. Das thun nach ihrer Meinung die Gegner nicht.
+Aber sie vergessen, daß der Pflicht, seinem Gewissen zu folgen, eine
+andere Pflicht vorausgehen muß: die, sein Gewissen aufzuklären. Wenn
+es unmoralisch ist, wider sein Gewissen zu handeln, so ist es nicht
+minder unmoralisch, sich ein Gewissen nach falschen und willkürlichen
+Principien zu bilden. Im Namen des Gewissens und der Autorität
+protestirt also Lamennais gegen die Konfessionslosigkeit des Staates,
+die er als »den politischen Atheismus« bezeichnet. Er schleudert das
+Stichwort in die Welt: »In Frankreich ist das Gesetz Atheist«. Ja,
+er geht weiter. Er zeigt in einem berüchtigten Briefe, den er in das
+Journal »Die weiße Fahne« einrücken ließ, und den er an den Bischof
+Frayssinous richtete, daß, da das Volk, das es jetzt zu erziehen
+gelte, in Blut geboren sei am Schafott Ludwig's XVI. und am Altare der
+Vernunftgöttin, nur Christus es retten und das Christenthum es erziehen
+könne. Aber alle Erziehung in Frankreich war nach seiner Behauptung
+atheistisch. »Uebertreibe ich, Monseigneur, wenn ich sage, daß es in
+Frankreich Erziehungsanstalten giebt, die in mehr oder minder direkter
+Verbindung mit der Universität stehen, wo die Kinder in praktischem
+Atheismus und Haß gegen das Christenthum erzogen werden? In einer
+dieser schauerlichen Höhlen des Lasters und der Irreligiosität hat man
+dreißig Zöglinge zum Tische des Herrn gehen, die geweihte Hostie im
+Munde behalten und eine Entweihung des Heiligsten verüben sehen, die
+das Gesetz früher bestraft haben würde, indem sie mit denselben die
+Briefe verschlossen, die sie an ihre Eltern geschrieben hatten ...
+Eine gottlose, verderbte, revolutionaire Race bildet sich unter dem
+Einflusse der Universität.«
+
+Man war sehr mißgestimmt über diese indiskreten Enthüllungen und fühlte
+sich in hohem Grade genirt durch diese Angriffe auf das Grundgesetz des
+Staates aus einem Lager, auf dessen warme Unterstützung man glaubte
+rechnen zu dürfen. Als Lamennais in Folge Dessen auf eine große Kälte
+stieß und Verweise statt Dank erntete, ging er noch einen Schritt
+weiter.
+
+Ich habe schon gezeigt, wie seine Lehre dahin führte, im
+Kollisionsfalle die weltliche Unfehlbarkeit der geistlichen
+Oberunfehlbarkeit aufzuopfern. Aber Das hieß in Wirklichkeit Dasselbe,
+wie der revolutionären und philosophischen Schule einräumen, daß sie
+Recht habe, den unverletzlichen und unwiderruflichen Charakter zu
+verwerfen, welchen die monarchische Schule dem legitimen Königthume
+beilegen wollte. Es hieß außerdem, die ganze weltliche Macht abhängig
+vom Papste machen. Alle Bischöfe Frankreichs antworteten mit einer
+Erklärung, in welcher sie die Unabhängigkeit der weltlichen Macht vom
+päpstlichen Stuhle betonten.
+
+So hatte jetzt Lamennais, der Mann der Autorität, sich sowohl mit den
+geistlichen wie mit den weltlichen Autoritäten überworfen.
+
+Sein Auftreten als Demokrat liegt für diesmal außerhalb des Rahmens
+unserer Schilderung.[19] Wir wollen hier nur auf die Keime seiner
+neuen Richtung achten, welche sich in seiner alten Autoritätstheorie
+vorfanden. Denn es ist das höchst Interessante an dieser Theorie,
+daß sie keineswegs von der guten, alten, brutalen Art ist, wie die
+Theorien, die bei Bonald und De Maistre gleich nach der Revolution
+entstanden. Die Reaktion ist hier weit rationeller, also weit
+minder principienfest. Jeder ernste Versuch, das Autoritätsprincip
+zu begründen, versetzt ihm +eo ipso+ den Todesstoß; denn die
+Autorität beruht nicht auf Gründen. Lamennais' Theorie, die auf den
+ersten Blick so absolutistisch erscheinen konnte, war bei näherer
+Betrachtung in hohem Grade populär. Das ganze Gebäude beruhte auf
+der Lehre von der Autorität des Menschengeschlechts. Allein unter
+jenem Princip von der Autorität des Menschengeschlechts regte sich
+ein anderes, und zwar kein anderes, als jenes alte Rousseau'sche,
+von den Männern der Reaktion so energisch bekämpfte Princip der
+~Volkssouverainetät~. Die Leser merkten das nicht sogleich; Der
+Verfasser fühlte es auch nicht; aber es lag dort, es schlummerte, und
+eines schönen Tages erwachte es und wurde von Allen wiedererkannt. --
+Lamennais wollte die Monarchie durch die Theokratie ersetzen. Aber die
+Theokratie war nicht populär, jedenfalls nur populär, wenn man das
+Wort nach dem alten Spruche: +Vox populi, vox dei+ umschrieb,
+wenn Gottes Stimme die Stimme des Volkes hieß. Das praktische Resultat
+seiner Lehre war also nur die Schwächung der weltlichen Obrigkeit,
+welche dem Urtheil der allgemeinen Vernunft unterworfen werden sollte;
+denn ~die allgemeine Vernunft~, welche zuerst in der souverainen
+Kirche personificirt worden war, ~wurde sehr bald in dem souverainen
+Volke personificirt~. Als Lamennais damit endigte, in seinen
+»+Paroles d'un croyant+« die Geister zur Empörung aufzurufen,
+zeigte es sich, daß er nur die Frontveränderung gemacht hatte, jetzt
+die Theokratie zu Gunsten der Völker, statt früher zu Gunsten des
+Fürsten, zu erstreben.
+
+Die Julirevolution sichert ihm Preßfreiheit, und der erste Gebrauch,
+den er davon macht, ist, die Unterrichtsfreiheit und die Trennung der
+Kirche vom Staate zu verlangen. Er hofft, so den ganzen Unterricht
+in die Hände der Kirche bringen zu können und ihn seines weltlichen
+Gepräges beraubt zu sehen. Als er gegen Ende des Jahres 1830 das
+Journal »+Avenir+« gründet, ist das Programm desselben die
+Trennung der Kirche vom Staate. Alle Angriffe erwidert er mit dem
+Appell an Rom, dessen Programm nothwendig mit dem seines Blattes
+zusammenfallen soll und muß; aber der Vatikan schweigt hartnäckig.
+Die Sache war die, daß die päpstliche Gewalt nicht im Allergeringsten
+mit Lamennais' Liberalismus einverstanden war, und sich durchaus
+nicht geneigt fühlte, auf den Zuschuß des Staates an die Kirche zu
+verzichten. Als nun die Gegner fortfuhren, zu behaupten, daß die
+Ansichten Lamennais' und seiner Mitarbeiter nicht mit der katholischen
+Rechtgläubigkeit übereinstimmten, reiste Lamennais im Februar 1831
+nach Rom, um den Papst zu fragen, ob es, wie er sich ausdrückte, ein
+Verbrechen sei, für Gott, Gerechtigkeit und Wahrheit zu kämpfen, und
+ob er überhaupt seine Bestrebungen fortsetzen solle. Man hielt ihn in
+Rom mit allerlei Ausflüchten bis zum August 1832 hin. Dann erschien
+die Bulle, in welcher er, der Verfolger des Indifferentismus, des
+religiösen Indifferentismus beschuldigt ward. Es heißt dort: »Aus
+diesem unreinsten Quell des ~Indifferentismus~ entspringt auch
+der absurde und irrthümliche Satz, oder vielmehr der Wahnsinn, man
+müsse die ~Gewissensfreiheit~ für einen Jeden geltend machen,
+und in Anspruch nehmen ... ~Aber welchen schlimmeren Tod der Seele
+giebt es, als die Freiheit des Irrthumes~? frug schon Augustinus.
+Denn wenn man den Menschen jeden Zügel nimmt, der sie auf den Pfaden
+der Wahrheit erhalten kann, so stürzt ihre zum Bösen geneigte Natur in
+den Abgrund hinab ... Hieher gehört auch jene verruchte, niemals genug
+zu verwünschende und verabscheuende Freiheit des Buchhandels, jede
+beliebige Schrift zu veröffentlichen, eine Freiheit, welche Einige mit
+so viel Eifer zu verfechten und zu fördern wagen.«[20] Das war eine
+offene Sprache; Lamennais unterwarf sich, und sein Blatt ging ein. Es
+ist leicht zu begreifen, daß er den Kelch, der ihm gereicht wurde, als
+einen Wermuthskelch empfand, und daß es jetzt nur noch eines Tropfens
+bedurfte, um denselben überfließen zu machen. Er stand von jetzt an
+auf dem Sprunge, sich der Revolution in die Arme zu werfen, und er that
+bald darauf diesen Sprung.
+
+Was aber für uns, die wir uns jetzt nur mit dem ersten
+Entwicklungsstadium Lamennais' beschäftigen, psychologisch interessant
+ist, Das ist die Wahrnehmung, wie sein naiver Autoritätsglaube
+untergraben wird, sobald er in Rom Gelegenheit erhält, die Heiligkeit
+in der Nähe zu betrachten. Er schreibt in einem Privatbriefe aus Rom:
+
+»Der Papst ist fromm und möchte gern das Gute; allein fremd der Welt,
+ist er völlig unwissend in Betreff des Zustandes der Kirche sowohl wie
+der Gesellschaft; unbeweglich in der Finsternis, die sich mehr und
+mehr um ihn verdichtet, sitzt er und weint und betet; seine Rolle,
+seine Mission ist, das letzte Niederreißungswerk vorzubereiten und zu
+beschleunigen, welches der socialen Wiedergeburt vorhergehen muß, und
+ohne welches diese entweder unmöglich oder doch unvollständig sein
+würde; deshalb hat Gott ihn in die Hände von Menschen gegeben, welche
+so niedrig stehen, wie man überhaupt stehen kann; ehrsüchtig, geizig,
+verderbt, wie sie sind, möchten sie in ihrer viehischen Raserei die
+Hilfe der Tartaren anrufen, um in Europa Das, was sie ~Ordnung~
+nennen, zu errichten«.
+
+Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, daß auch Lamennais damit
+enden muß, wider dies Wort anzustoßen, das die ganze Generation so
+vollständig erbaut hatte? Wie Victor Hugo bei seinen Versuchen, die
+Geschmacksautorität geltend zu machen, sich zuletzt gezwungen sieht,
+den Begriff Ordnung zu kritisiren und zu erweitern, so wird Lamennais
+während seines Kampfes für den Katholicismus zu eben dem Selben
+genöthigt. Mit welcher Wehmuth und welcher Leidenschaft schildert er
+in seinen Briefen die Korruption, die er unter jenen Pfeilern der
+»Ordnung« in Rom gefunden hat:
+
+»Der Katholicismus war mein Leben, weil er das Leben der Menschheit
+ist; ich wollte ihn vertheidigen, ich wollte ihn aus dem Abgrunde
+hervorziehen, in den er mit jedem Tage tiefer hinabsinkt. Nichts war
+leichter. Die Bischöfe haben gefunden, daß ihnen Das nicht gelegen
+war. So blieb denn Rom zurück. Ich reiste dorthin, und ich sah die
+verruchteste Kloake, die jemals menschliche Blicke befleckt hat.
+Die riesige Abflußrinne der Tarquinier würde zu eng sein für so viel
+Unrath. Dort herrscht kein anderer Gott, als der Eigennutz; man würde
+dort gern die Völker, das Menschengeschlecht, die drei Personen der
+heiligen Dreieinigkeit, jede für sich oder alle in Einem, für ein Stück
+Erde und für einige Piaster verschachern«.
+
+So zeigte sich in der Nähe betrachtet, Lamennais die Macht, zu deren
+unerschrockenstem Ritter er sich gemacht hatte. Was Wunder, daß er die
+Front veränderte; was Wunder, daß er, wie die heidnischen Priester der
+alten Sachsen, mit denen Renan ihn verglichen hat, selbst mit einem
+sicher treffenden Axthiebe die Gottheit fällte, zu deren Altar er die
+widerstrebende Welt gerufen hatte!
+
+Interessanter jedoch, als dieser klare Blick in einem einzelnen Punkte,
+ist der Schimmer einer höheren Erkenntnis im Allgemeinen, den man jetzt
+in Lamennais' Briefen verspürt. Bis jetzt hat er die absolute Wahrheit
+gesucht, und es war die Autorität, welche ihm dieselbe garantiren
+sollte. Jetzt gelangt er auf einmal zur Relativetätsidee, der Idee,
+welche am gründlichsten und vollständigsten dem Autoritätsprincip den
+Garaus macht. »Je älter ich werde, desto mehr wundere ich mich darüber,
+zu sehen, daß die Ansichten, welche am tiefsten in uns wurzeln, von der
+Zeit, in der wir lebten, von der Gesellschaft, in der wir geboren sind,
+und von tausend ebenso vorübergehenden Umständen abhängen. Denke nur,
+was für Ansichten wir haben würden, wenn wir zehn Jahrhunderte früher,
+oder in demselben Jahrhundert zu Teheran, zu Benares, auf Otaheiti zur
+Welt gekommen wären!«[21] Es liegt mehr wahre Philosophie in diesen
+paar Worten, als in dem ganzen berühmten Hauptwerke von Lamennais.
+
+Wir sind ein paar Jahre zu weit in der Zeit vorangeeilt, indem wir
+Lamennais bis zu dem Punkte folgten, wo er den Uebergang zur Demokratie
+vollzog. Als im Jahre 1823 der »+Essai sur l'indifférence+«
+vollständig vorliegt, will er noch, wie alle anderen Theokraten der
+Restaurationszeit, durch die Autorität der Kirche die des Fürsten
+stärken.
+
+ * * * * *
+
+Mittlerweile stirbt dieser Fürst, und Karl X. besteigt den Thron. Er
+besteigt ihn mit allem möglichen Aufwand von Pomp und Pracht. Man
+führt ihn nach Reims, um ihn dort zu salben. Am 20. Mai 1825 fand
+die Ceremonie statt, und es schien, als ob aller alte monarchische
+und klerikale Aberglaube bei dieser Gelegenheit aus dem Grabe
+hervorgestiegen sei. So war es ein alter Glaube, daß gekrönte
+Häupter im Stande seien, die Skropheln zu heilen. Diese Meinung war
+so unbezweifelt, daß unter Ludwig XV., der auch von diesem alten
+Privilegium Gebrauch machte, eine Dame aus Valenciennes, die sich von
+den Händen des Königs hatte berühren lassen, und die in der Absicht,
+ihr Glück zu machen, ein ärztliches Attest eingesandt hatte, daß
+sie jetzt ganz von Skropheln befreit sei, die Antwort empfing: »Die
+Prärogative, deren sich die Könige von Frankreich in Betreff der
+Heilung von Skropheln erfreuen, sind durch so authentische Beweise
+dargethan worden, daß sie nicht durch neue Zeugnisse bestätigt zu
+werden brauchen«.
+
+ * * * * *
+
+Das war unter Ludwig XV. Unter Karl X. zeigte man sich nicht minder
+rechtgläubig. Ich habe erzählt, wie es während der Revolution dem
+Fläschchen mit dem heiligen Salböl erging. Es wurde zertrümmert.
+Nichtsdestoweniger fand sich jetzt ein Gläubiger, der behauptete, daß
+er damals, als der lästerliche Frevel verübt wurde, einige Scherben mit
+Tropfen des heiligen Oeles aufgelesen und sie bis jetzt bewahrt habe.
+Priester und Kirchenvorsteher anerkannten diese Scherben als echt. Karl
+X. beglückte daher eines schönen Tages sein Land mit der Botschaft, daß
+er sich mit Chlodwig's heiligem Oele salben lassen wolle. Die Scherben
+wurden in ein neues, mit Gold und Edelsteinen besetztes Fläschchen
+eingefügt, und die kostbaren Tropfen mit anderen verdünnt. Ich habe
+bei Gelegenheit von Napoleon's Krönung erwähnt, wie die Salbung vor
+sich ging. Um zehn Uhr des folgenden Morgens bestieg der König einen
+prächtigen Schimmel und ritt mit einem glänzenden Gefolge, von einem
+Trupp Gardehusaren eskortirt, zum St. Marculphs-Hospitale. Dort
+erwarteten ihn der erste Leibarzt und der erste Leibchirurg an der
+Spitze von 121 Skrophelkranken. Der König verrichtete ein kurzes Gebet
+in der Hospitalskapelle, und machte sich dann tapfer an die Arbeit des
+Kurirens. Der berühmte Chirurg Dupuytren schämte sich nicht, dabei
+behilflich zu sein, indem er bei der Komödie den Kranken die Köpfe
+emporhielt.
+
+ * * * * *
+
+Die Festlichkeit wurde von Lamartine in einem ganzen Cyklus von
+Gedichten (+Chant du sacre+) und von Victor Hugo in einer
+begeisterten Ode besungen. Aber bei Gelegenheit dieses denkwürdigen
+Ereignisses wurde zugleich ein kleines Lied geschrieben, welches dem
+Dichter bald einen Proceß und eine Verurtheilung zuziehen sollte. Das
+Gedicht hieß »Die Salbung Karl's des Einfältigen« und war von Béranger
+verfaßt.
+
+In Victor Hugo's Ode »+Le sacre de Charles X.+« war der Ton, wie
+aus folgender Strophe erhellt, gläubig, biblisch und monarchisch:
+
+ +Mais trompant des vautours la fureur criminelle
+ Dieu garda sa colombe au lis abandonné.
+ Elle va sur un Roi poser encor son aile:
+ Ce bonheur à Charles est donné!
+ Charles sera sacré suivant l'ancien usage.
+ Comme Salomon, le roi sage,
+ Qui goûta les célestes mets,
+ Quand Sadoch et Nathan d'un baume l'arrosèrent
+ Et, s'approchant de lui, sur le front le baisèrent,
+ En disant: »Qu'il vive à jamais!«+
+
+Bei Béranger dagegen war der Ton respektwidrig bis zum Aeußersten. Ich
+citire ein Paar Strophen als Probe:
+
+ +Le sacre de Charles le Simple.+
+
+ +Français, que Reims a réunis,
+ Criez: Montjoie et Saint-Denis!
+ On a refait la sainte-ampoule.
+ Et comme au temps de nos aïeux
+ Des passereaux lâchés en foule
+ Dans l'église volent joyeux.
+ D'un joug brisé ces vains présages
+ Font sourire sa majesté.
+ Le peuple s'écrie: Oiseaux, plus que nous soyez sages;
+ Gardez bien, gardez bien votre liberté.+
+
+ +Aux pieds des prélats cousus d'or,
+ Charles dit son ~Confiteor~.
+ On l'habille, on le baise, on l'huile,
+ Puis, au bruit des hymnes sacrés,
+ Il met la main sur l'Evangile.
+ Son confesseur lui dit: »Jurez.
+ »Rome, que l'article concerne,
+ »Relève d'un serment prêté,«
+ Le peuple s'écrie: Oiseaux, voilà comme on gouverne;
+ Gardez bien, gardez bien votre liberté.+
+
+ +De Charlemagne en vrai luron,
+ Dès qu'il a mis le ceinturon,
+ Charles s'étend sur la poussière.
+ Roi, crie un soldat, levez-vous!
+ »Non, dit l'évêque; et, par saint Pierre
+ »Je te couronne: enrichis-nous.
+ »Ce qui vient de Dieu vient des prêtres.
+ »Vive la légitimité!«
+ Le peuple s'écrie: Oiseaux, notre maître a des maîtres;
+ Gardez bien, gardez bien votre liberté.+
+
+ +Oiseaux, ce roi miraculeux
+ Va guérir tous les scrofuleux.
+ Fuyez, vous qui de son cortége
+ Dissipez seuls l'ennui mortel.
+ Vous pourriez faire un sacrilége
+ En voltigeant sur cet autel.
+ Des bourreaux sont les sentinelles
+ Que pose ici la piété.
+ Le peuple s'écrie: Oiseaux, nous envions vos ailes;
+ Gardez bien, gardez bien votre liberté.+
+
+Mit Ausnahme von Delavigne, welcher direkt von dem achtzehnten
+Jahrhundert abstammt, und welcher in seinen »+Messéniennes+« die
+Principien der Revolution niemals vom Nationalgefühl trennte, war
+Béranger der einzige Dichter, welcher sich außerhalb der herrschenden
+Gruppe von Geistern und Talenten gehalten hatte. Er war 1780 geboren,
+erlebte als neunjähriger Knabe die Erstürmung der Bastille, und verwand
+nie diesen Eindruck, so wenig wie die Eindrücke seiner Jugendlektüre,
+der Schriften Voltaire's. Eine Anekdote aus seiner Kindheit zeigt, wie
+früh er sich seine Lebensanschauungen gebildet hatte. Eines Tages,
+als Béranger dreizehn Jahre alt war, und eben sehr spöttisch über
+seine Tante lachte, die während eines heftigen Gewitters die Stube
+mit Weihwasser besprengte, ereignete es sich, daß der Blitz plötzlich
+dicht neben ihm in die Stube einschlug, so daß er eine Zeit lang völlig
+gelähmt lag. Man hielt ihn für todt. Als er die Augen aufschlägt, ist
+das erste Wort an seine gute und fromme Tante der triumphirende Ausruf:
+»Nun, was nützt also Dein Weihwasser!« Die Anekdote ist wahr und mit
+großer Indignation von klerikalen Schriftstellern erzählt worden. In
+demselben Geiste griff er jetzt die Bourbonen an, und ihr Weihwasser
+nützte ihnen auch Nichts.
+
+Aber zur selben Zeit, wie sie sich lächerlich machten, zeigte sich das
+seltsame Phänomen, daß Napoleon aus einer verhaßten eine poetische,
+aus einer historischen eine mythische Gestalt geworden war. Noch
+bei Lebzeiten war er zu einem Sagenhelden geworden. Die plötzliche
+Reglosigkeit, die bei ihm nothgedrungen einer Thätigkeit gefolgt
+war, welche ganz Europa in Athem erhalten hatte, wirkte mächtig auf
+die Gemüther. Die ferne, einsame Felseninsel draußen im großen Ocean
+schien gleichsam nur das Postament des Helden zu sein. Der wirkliche
+Bonaparte wurde in einen idealen Bonaparte verwandelt. Die Geschichte
+trat ihn der Ode, der Meditation, der Dithyrambe, der kriegerischen
+Chanson und dem Heldengedichte, kurz, der Legende ab. Selbst seine
+ehemaligen Feinde konnten nicht einen Ausruf der Bewunderung des Mannes
+zurückhalten, auf den Alle beständig die Augen gerichtet hielten.
+Chateaubriand sprach damals die bekannten Worte, daß »Napoleon's Hut
+und grauer Rock auf der Spitze eines Stockes an der Küste bei Brest
+genügen würden, um ganz Europa zu den Waffen greifen zu lassen.« Und
+die Jugend, welche unlängst froh gewesen war, die Reihen durchbrechen
+und die tyrannische Disciplin abschütteln zu dürfen, sehnte sich jetzt
+wieder nach der Sonne von Austerlitz. Sie hatte, sagt Musset, von
+Moskau's Eis und der Sonne der Pyramiden geträumt. Jetzt erschien die
+Erde ihr leer. »Der König von Frankreich saß auf dem Throne, und Einige
+hielten ihm ihren Hut hin, und er warf ein Almosen hinein, und Andere
+hielten ihm ein Crucifix hin, und er küßte es. Und wenn die Jungen von
+Ruhm sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von
+Ehre sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von
+Hoffnung, von Liebe, von Kraft und Leben sprachen, immer nur: Werdet
+Priester!« (+Alfred de Musset+: +Confessions d'un enfant du
+siècle+.)[22]
+
+ * * * * *
+
+So wurden sie denn Priester. Weshalb und wie sie es wurden, kann man
+in den Romanen sehen, welche die Zeit schildern, z. B. in Beyle's
+»+Rouge et noir+«. Aber es war die goldene Zeit der Priester.
+Schon am 7. Juni 1814, drei Tage nach der Charte, war die berüchtigte
+Ordonnanz erschienen, welche die erzwungene Sonn- und Festtagsfeier
+anordnete. Man sollte jetzt bei Strafe einer Geldbuße katholisch sein.
+Selbst Nichtkatholiken wurden genöthigt, ihre Häuser zu schmücken,
+wenn das Allerheiligste vorüber getragen ward. Am 7. August 1814 wurde
+der Jesuitenorden feierlich wieder hergestellt. Aller Unterricht
+wurde in die Hände der Geistlichkeit gelegt. Man ging darauf aus,
+die Universität zu zermalmen, schon aus dem Grunde, weil ein großer
+Theil der studirenden Jugend an der Vertheidigung von Paris gegen die
+Fremden, also an einem Unabhängigkeitskampfe theilgenommen hatte.
+
+Von jetzt an beginnt in der katholischen Kirche eine kurzdauernde
+Gährung, zu welcher Lamennais' Kampf gegen den Gallikanismus gehört,
+der nach Verlauf von zwanzig Jahren zu einer bis dahin unbekannten
+Erscheinung führt, zu der Erscheinung, daß die Katholiken einig,
+Katholicismus und Ultramontanismus Eins geworden sind. Und noch
+eine Erscheinung von verwandter Art, die keine frühere Zeit gesehen
+hatte, erlebt unser Jahrhundert. Die kirchliche Einigkeit erstreckt
+sich noch weiter, als auf die eigentlichen Glaubensgenossen. Die
+protestantische Kirche bietet der katholischen, welche sie einst als
+die babylonische Hure bekämpft hatte, die Hand. Werfen wir einen
+Blick auf die spätere Entwicklung der Kirche, so finden wir, daß in
+unseren Tagen der Unterschied zwischen dem orthodoxen Protestantismus
+und Katholicismus nur ein Schein, nur der Unterschied zwischen der
+Unfehlbarkeit der Bibel oder des Papstes ist. Die Protestanten
+verwerfen den Rationalismus des achtzehnten und die Kritik des
+neunzehnten Jahrhunderts, gehen auf die Bekenntnisse des sechzehnten
+und siebzehnten Jahrhunderts zurück und finden sie nicht orthodox
+genug; Luther ist ihnen zu weit gegangen. Schleiermacher gilt für
+ungläubig in dem orthodoxen Deutschland, Bossuet wird nie mehr von
+den Katholiken Frankreichs erwähnt. Er gilt für einen Ketzer, weil
+er nicht ultramontan ist. Selbst Montalembert nennt ihn in seinem
+Buche »+Des intérêts catholiques au 19me siècle+« mit einer
+gewissen Mißbilligung. Damit noch nicht genug: die katholischen
+Polemiker ergeben sich Betrachtungen über die Weltgeschichte, die
+zu einer Art Kreuzzug wider die großen heidnischen Geister führen,
+welche die Civilisation Europa's begründet haben, wie z. B. Pindar,
+Plato, Virgil[23], eine Polemik, zu welcher Grundtvig's früheste
+welthistorische Verdammungsurtheile in unserer dänischen Literatur
+ein Seitenstück liefern. Mit Jubel ruft daher Montalembert in der
+erwähnten Schrift aus: »Die Lügengeschichte, die Parodiegeschichte, die
+Deklamationsgeschichte, wie sie von Voltaire, Dulaure und Schiller, die
+unsere Väter erzogen, verfaßt wurden, würden heut zu Tage kaum in einem
+Feuilleton geduldet werden«. Man braucht nur Lamennais' Korrespondenz
+zu durchblättern, um den Eindruck zu erhalten, daß die Julirevolution
+großentheils durch das Gebahren der Priesterpartei verursacht ward.
+Namentlich zeigten die Jesuiten sich als Grenadiere der Tollheit.
+Missionaire wurden durch ganz Frankreich ausgesandt. Ihr brünstiger
+Glaube war ihrer groben Unwissenheit zu verdanken. Sie bekehrten
+zuweilen ganze Regimenter auf einmal, welche dann von ihren Officieren
+an die Altäre geführt wurden.
+
+Der Marienkultus nahm einen Aufschwung, wie niemals zuvor. Dieselbe
+Bewegung vollzieht sich (nur schneller) in unseren Tagen mit dem
+Glauben an Maria, wie im Mittelalter mit dem Glauben an Christus. Sie
+verwandelt sich allmählich aus einem menschlichen in ein göttliches
+Wesen.
+
+Folgen wir einen Augenblick der Bewegung der religiösen Reaktion
+über die hier behandelte Periode hinaus, so sehen wir, wie man mit
+Riesenschritten auf dem betretenen Wege weiter geht. Das Dogma von der
+unbefleckten Empfängnis Mariä, vor welchem das Mittelalter im zwölften
+Jahrhundert zurückgescheut war, wird in unseren Tagen festgestellt.
+Maria verdrängt unmerklich Christum und wird Frankreichs Göttin, wie
+sie früher die Göttin Italiens und Spaniens war. Mit Stolz verkünden
+die Katholiken, daß das Jahrhundert Maria's auf das Jahrhundert
+Voltaire's gefolgt sei. In einem Lehrbuche, nach welchem die
+katholischen Priester unterrichtet werden (+Manuel de piété à l'usage
+des séminaires, 7me édition.+ +Paris 1835+), heißt es: »Man
+muß die heilige Jungfrau als die Gattin des ewigen Vaters verehren,
+da er mit ihr und in ihr unsern Herrn Jesum Christum gezeugt hat; man
+muß in ihr all' die göttlichen und anbetungswürdigen Vollkommenheiten
+verehren, die Gott auf ihre Person hat übergehen lassen, indem er
+mit außerordentlichem Ueberflusse ihr seine Fruchtbarkeit, seine
+Weisheit, seine Heiligkeit und seine göttliche Lebensfülle mitgetheilt
+hat«. In einem vom Erzbischofe Malou herausgegebenen Buche über die
+unbefleckte Empfängnis wird Maria als die gleichzeitige Tochter, Gattin
+und Mutter Gottes geschildert. Die Verwandtschaftsverhältnisse der
+Dreieinigkeit werden hier so verwickelt, daß Maria u. A. die Tochter
+ihres eigenen Sohnes wird. In einem Buche des Abtes Guillon »+Le Mois
+de Marie+« wird sie sogar als eine Art Obergöttin dargestellt, an
+welche man daher am liebsten sein Gebet richten solle: »Gottes Mutter
+sein, Das heißt eine Art Allmacht über Gott selber haben, und, wenn
+man so sagen darf, eine Art ~Autorität~ über ihn bewahren«. So
+legt sich die Autorität zuletzt bei der Madonna vor Anker. Nach Art
+der alten Scholastiker beginnt man bei den Kirchenvätern Beweisstellen
+für die unbefleckte Empfängnis aufzusuchen. Ein einziger Geistlicher,
+Namens Passaglia, hat allein 8000 gesammelt. Ja, Erzbischof Malou
+erklärt, nicht weniger als 800000 Beweise dafür liefern zu können.
+Man schwindelt. Fügen wir den Reliquienkultus hinzu, welcher gegen
+die Mitte unsres Jahrhunderts sich einstellt; denn die Reliquien, die
+während der Revolution aufgehört hatten Wunder zu thun, thun wieder
+Wunder für die Generation, welche von den Jesuiten erzogen ist. Man
+findet Jesu heiligen Rock. Aber zwei Städte machen Anspruch darauf, ihn
+zu besitzen, und der Rock beider ist von einem Papste als der einzige
+echte anerkannt worden. Man wallfahrtet also zu beiden. Görres jubelt
+in seinen »Historisch-politischen Blättern« über die Pilgerfahrt zu dem
+heiligen Rocke von Trier. Als die heilige Jungfrau sich zu La Salette
+offenbart, wandern nicht weniger als 300000 Pilger zu der Stätte.
+
+ * * * * *
+
+Endlich mündet die religiöse Reaktion in Pius IX. Syllabus, jener
+berühmten Bulle, welche den freien Gedanken zu einem Wahnsinn der
+Freiheit stempelt, die bürgerliche Ehe, die Trennung der Kirche vom
+Staate, die Religionsfreiheit, Preßfreiheit und Redefreiheit, so wie
+den Irrthum verdammt, daß die Kirche sich mit »dem Fortschritt, dem
+Liberalismus und der modernen Civilisation« versöhnen müsse. Aber fast
+noch kurioser, als der Syllabus, sind die Vertheidigungsschriften
+dafür: die des deutschen Bischofs Ketteler, betitelt »Die falsche und
+die wahre Freiheit«, und die des französischen Bischofs Dupanloup
+»+La convention du 15. décember et l'Encyclique du 8. septembre+«,
+welche den Kampf des Papstes wider »die freche Behauptung all' der
+großen Wahrheiten, welche die Grundveste der menschlichen Gesellschaft
+bilden«, erläutert und rechtfertigt. Nur glaube man nicht, daß diese
+Broschüren sehr auffällig in ihrer Form oder voll in die Augen
+springender Albernheiten wären. Sie ähneln an Ton und Inhalt zumeist
+einem gemäßigten Artikel in einer liberalen dänischen Zeitung.
+
+ * * * * *
+
+Ich habe die Resultate angegeben, zu denen die neukatholische Richtung
+führte. Aber, wohlgemerkt, diese Resultate gehören nur der Geschichte,
+nicht mehr der Literaturgeschichte an. ~Jede Richtung ist immer noch
+historisch, lange nachdem sie aufgehört hat, literaturhistorisch~
+zu sein. Letzteres ist sie nur, so lange sie nicht allein die
+Gewalthaber, Herzöge und Bischöfe, sondern auch Geister und Talente
+in ihrem Dienste hat. Das hat die religiöse Reaktion nach 1830 nicht
+mehr in Frankreich. Der Unterschied zwischen der Reaktion im Jahre
+1820 und der widerwärtigen und empörenden Reaktion, welche jetzt dem
+geschwächten und unglücklichen Frankreich das Mark aussaugt, ist der,
+daß, während die damals blühende Reaktion fast Alles, was Frankreich an
+Geist und Talent besaß, in ihrem Dienst und in ihrem Heerbann hatte,
+sie jetzt ~nicht einen einzigen schriftstellerisch bedeutenden
+Namen~ aufzuweisen hat. Deshalb braucht man nicht an der Zukunft zu
+verzweifeln.
+
+ * * * * *
+
+Sehen wir nun also, wie die Reaktion der damaligen Zeit besiegt wurde.
+Sie wird zum ersten von außenher angegriffen: die Tagespresse bekämpfte
+den Obskurantismus, Béranger sang seine Weisen wider denselben, ein
+einziger betriebsamer Verleger, Touquet, gab von 1817 bis 1824 allein
+31600 Exemplare von Voltaire (1598000 Bände) und 24500 Exemplare von
+Rousseau heraus. Touquet wurde zwar von der Polizei verurtheilt; allein
+Das weckte solche Erbitterung, daß der »Globe« mit einem Massenabfall
+vom Katholicismus drohte. Die Touquet-Ausgaben überschwemmten daher
+aufs Neue das Land. Der klassische Pamphletist Paul Louis Courier
+verhöhnte die Regierung bis aufs Blut. Er faßte seine politische
+Theorie in den Satz zusammen: »Das Volk soll der Regierung den Weg
+weisen, den sie gehen soll, wie man den Weg einem Kutscher vorschreibt,
+den man bezahlt, und der uns nicht fahren soll, wohin oder wie er
+will, sondern wohin wir fahren wollen, und auf dem Wege, den wir ihm
+bezeichnen«. Die Regierung verlor einen Proceß nach dem andern gegen
+Courier.
+
+ * * * * *
+
+Eins der ergötzlichsten und gegenwärtig für uns interessantesten
+seiner Pamphlete ist das, in welchem er sich gegen den Kauf von
+Chambord erklärt. Der junge Herzog von Bordeaux, jetziger Graf von
+Chambord, wurde so lange nach dem Tode seines Vaters geboren, daß
+seine Geburt wie eine Fügung des Himmels betrachtet ward. Lamartine,
+Victor Hugo und Musset besingen das wunderbare Ereignis, und die
+beiden Ersten vergleichen Henri mit dem Joas der Bibel. Es wird der
+Vorschlag gemacht, eine Nationalsubskription zum Ankauf des Schlosses
+Chambord zu eröffnen, und seinem Princip, zu chikaniren, getreu,
+schreibt Courier vom Standpunkte eines Bauern dagegen. Bald wirken
+alle Geschichtschreiber, mit Ausnahme Michaud's, für die Sache des
+Fortschritts. Thiers beginnt 1823 seine Geschichte, welche dieselbe
+Wirkung, wie Béranger's Lieder, übt.
+
+ * * * * *
+
+Es war bisher immer Sitte in Frankreich gewesen, daß die Regierung die
+Literatur unterstützte. Mit Ausnahme Napoleon's hatten alle Regenten
+Frankreichs Dies gethan. Man erwartete es von den Bourbonen, aber es
+geschah nicht, mit einer wie schwärmerischen Sympathie auch die Dichter
+und Schriftsteller ihnen Anfangs entgegenkamen. An den Wenigen, welche
+antidynastisch gesinnt waren, rächte man sich, so gut man konnte;
+um Béranger zu bestrafen, zog man seinen Nebenbuhler Dèsaugiers
+an den Hof; um Delavigne zu bestrafen, entsetzte man ihn seiner
+Bibliothekarstelle.
+
+ * * * * *
+
+Allein schlimmer, als die Angriffe von außen, waren die Keime der
+Auflösung, welche sich innerhalb der Autoritätsschule selber zeigten.
+Wir haben schon gesehen, daß Lamennais auf dem Sprunge zum Abfalle
+stand. Und wie bei ihm, so entdeckte man bald bei allen Uebrigen die
+Keime des Neuen inmitten ihrer Vertheidigung des Alten. Lamartine
+fuhr allerdings fort, seine religiösen Hymnen zu singen; aber der
+strenge Genfer Priester Vinet entdeckte bald, daß diese Religiosität
+nur scheinbar Christenthum war, und daß sich unter den christlichen
+Redensarten ein sehr wenig orthodoxer Pantheismus verbarg.[24]
+
+Victor Hugo, den man nach seinem ersten Auftreten für zuverlässiger
+halten sollte, erwies sich bald, nicht nur durch die Form seiner
+Gedichte, sondern auch durch ihren Inhalt, als eine unsichere
+Acquisition. Nachdem der Einfluß seiner königlich gesinnten
+Mutter lange bei ihm überwiegend gewesen war, taucht, gerade als
+die napoleonische Legende sich zu bilden im Begriffe steht, die
+Einwirkung des Vaters wieder auf, und er, welcher damit begonnen
+hatte, Buonaparte's Namen italiänisch zu buchstabiren, schreibt 1827
+seine erste Ode an die Vendômesäule, in welcher sich die glühende
+Begeisterung für den Kaiser und die Kaiserzeit zum ersten Male bei ihm
+Luft macht; sie erweckte viel Aufsehen und große Verwunderung. Man
+ahnte von jetzt an in ihm den Dichter, welcher drei Jahre später in
+der Vorrede zu »Hernani« den Romantismus als »den Liberalismus in der
+Literatur« definiren sollte.
+
+Was aber am allermeisten die Auflösung der Autoritätsschule beförderte,
+war der Umstand, daß die Bourbonen im Jahre 1824 ihre große und
+entscheidende Thorheit der Literatur gegenüber begangen hatten.
+Chateaubriand war auf die höhnischste Weise aus dem Ministerium Villèle
+ausgestoßen worden, obendrein gerade in dem Augenblick, wo er dem
+bourbonischen Namen durch den glücklich beendeten spanischen Krieg, den
+er seinen politischen »René«, d. h. sein Meisterstück auf dem Felde
+der Politik, zu nennen pflegte, einen Triumph verschafft hatte[25].
+Man verhöhnte Chateaubriand, den Mann, welchem man gewissermaßen Alles
+verdankte, ihn, welcher den Grundstein zu dem ganzen Gebäude, das man
+aufgeführt, gelegt hatte. Christliche Demuth war nicht der Grundzug
+seines Charakters, und er hielt nicht die rechte Wange hin, wenn man
+ihn auf die linke schlug. Im Juni 1824 ging er offen zur Opposition
+über, wurde ihr Führer, und übernahm die Leitung des »+Journal des
+Débats+«. Er zog bald die ganze seraphische Dichterschule, deren
+Patriarch er war, nach sich. Lafayette sandte ihm ein Lorbeerblatt,
+Constant schmeichelte ihm. Er begann mit Béranger zu fraternisiren
+und wurde von Diesem besungen. Victor Hugo schrieb eine Ode an ihn
+(Buch III, Ode 2), die ihn zugleich verherrlichen und trösten sollte,
+und worin Worte wie diese vorkamen: »Was wolltest ~Du~ auch an
+einem Hofe?« oder: »Es giebt nichts Schöneres, als einen Lorbeerbaum,
+den der Blitz getroffen hat«. Sein Abfall war für die Restauration
+ein Stoß ins Herz. So lange die Täuschungen der Restaurationszeit
+gewährt hatten, war die Dichterschule Frankreichs »immanuelisch«
+gewesen und hatte einen Schutzengel an der Wiege und an der Bahre jedes
+Menschen erblickt. Mit Chateaubriand's Illusionen fielen auch die
+aller Andern, und an die Stelle jener Schule trat eine andere, welcher
+Southey den Namen »satanisch« gab, und welche denselben annahm, eine
+Schule mit scharfem Blick für das Böse und für alle Schrecknisse, mit
+pessimistischer Geistesrichtung und revolutionairen Sympathien.
+
+ * * * * *
+
+Aber in die Gemüthserregung, welche dies unvorhergesehene und
+bedeutungsvolle Ereignis verursachte, griff ein anderes, noch
+bedeutungsvolleres und folgenschwereres Ereignis ein, das seine Wirkung
+über die ganze Welt erstreckte: die Kunde von Byron's Tod.
+
+ * * * * *
+
+Diese Kunde wirkte um so mächtiger, als sie die Sympathien für den
+ersten Freiheitskampf, der seit der Revolution stattgefunden hatte,
+in helle Flammen emporschlagen ließ. Ein neues Ideal bildete sich im
+menschlichen Herzen. Mit Napoleon war die positive Größe gefallen,
+die wirklichen Helden für eine Zeitlang von der Erde verschwunden.
+Die menschliche Bewunderung war leer, wie ein Piedestal, das seiner
+Statue beraubt worden ist. Lord Byron besetzte wieder den leeren Platz
+mit der phantastischen Größe seiner Helden. Napoleon hatte Werther,
+René und Faust abgelöst; Byron's prometheische und desperate Helden
+lösten Napoleon ab. Er stimmte wunderbar mit dem Drange der Zeit
+überein. Der orthodoxe Dogmatismus hatte am Anfange des Jahrhunderts
+den revolutionair-freidenkerischen Dogmatismus überwunden, und war
+jetzt seinerseits unterhöhlt und veraltet. Weder die systematische
+Verneinung, noch die systematische Religiosität hatte in diesem
+Augenblick eine Zukunft. Es blieb also der Zweifel als Zweifel übrig,
+der ~poetische~ Radikalismus, die tausend schmerzlichen und
+unruhigen Fragen nach dem Zweck und Werth des Menschenlebens. Das war
+es, was Byron brachte.
+
+Aber er frug nicht neutral. Es war der Empörungsgeist, der aus ihm
+frug, und der durch seinen Mund die jungen Geschlechter zu einer
+weltbürgerlichen Gemeinschaft vereinigte. Sie stimmten mit ihm in das
+ominöse Wort ein:
+
+ +revolution
+ alone can save the world from hell's pollution.+
+
+Sein Tod wurde für die allgemeine Sache der Freiheit weit wirksamer,
+als sein Leben. Die Restauration hatte die Menschen zu einem Höhepunkt
+thierischer Unterwerfung unter die Autorität, sklavischer Unterwerfung
+unter die Theologie, unterthäniger Unterwerfung unter die Macht,
+zu einem Höhepunkte der Schlaffheit und Heuchelei geführt. Sie
+war faul bis ins Mark hinein, aber von außenher durch Aberglauben
+und Bajonette gestützt. In England hatte Bentham, der radikale
+Philosoph, schamentbrannt, die Reaktion selbst in diesem, am weitesten
+vorgeschrittenen Lande siegreich zu sehen, sie dadurch zu untergraben
+gesucht, daß er sich an die ~Interessen~ der Menschen wandte. Byron
+entfesselte alle ~Leidenschaften~. Ihm galt es nicht, auf einen
+einzigen Punkt zu wirken, sondern die Gemüther zu revolutioniren,
+das Gefühl der Tyrannei zu wecken. Die Allianz-Politik wähnte, für
+immer den Revolutionsgeist gefesselt, für ewig das Band zerschnitten
+zu haben, welches unser Jahrhundert an das achtzehnte knüpfte. »Da
+knüpfte dieser eine Mann den Faden wieder an, den eine Million
+Soldaten zerrissen hatte. Amerikanischer Republikanismus, deutsche
+Freidenkerei, französische Umsturzlust, angelsächsischer Radikalismus,
+Alles schien in diesem einen Geiste vereinigt. Nach der Unterdrückung
+der Revolutionen, der Knebelung der Presse, der Selbstunterwerfung der
+Wissenschaft, trat der Sohn der Phantasie, der vogelfreie Dichter vor
+die Bresche,« und rief alle kräftigen Geister noch einmal wider den
+gemeinsamen Feind zu den Waffen[26]. Die Restauration überlebt ihn im
+Grunde nicht. Das Autoritätsprincip hat nie einen rücksichtsloseren
+Gegner gehabt. --
+
+Die Reaktion im französischen Geistesleben beginnt literarisch
+im Namen des ~Gefühls~ mit Frau von Staël und der ganzen Gruppe
+von Schriftstellern, die sich ihr anschließen, social im
+Namen der ~Ordnung~ mit Robespierre, und der ganzen Schaar von
+Revolutionsmännern, die sich um ihn gruppiren. Das Gemeinschaftliche
+bei Frau von Staël und Robespierre ist, daß sie beide Schüler
+Rousseau's sind. Nach der Reaktion gegen Voltaire folgt dann die
+Reaktion gegen Rousseau. Auf das Fest für das höchste Wesen folgt das
+große Einweihungs-Tedeum in Notre-Dame, und auf Frau von Staël folgt
+Bonald. Das Gefühlsprincip wird verdrängt, oder, wie bei Chateaubriand,
+zur Stütze der Autorität benutzt. Das Princip der Ordnung wird mit dem
+~Autoritätsprincip~ indentificirt, welches bald alle Sphären des Lebens
+und der Literatur beherrscht. Dies Princip ist gleichsam inkarnirt in
+der ersten Abtheilung von Reaktionären, deren Häupter De Maistre und
+Bonald sind. Es empfängt sein Heldengedicht in den »Märtyrern«, und die
+Idee der Ordnung beherrscht die Schilderung des Himmels, der Hölle,
+und zuweilen selbst der irdischen Landschaft. Das Princip erhält sein
+politisches Denkmal in der »heiligen Allianz«. Das Uebernatürliche
+verdrängt das Natürliche aus der Poesie. Dem seraphischen Epos
+entspricht eine seraphische Lyrik und Erotik, daneben seraphische
+Pilgerfahrten und seraphische Weissagungen und Gedichte.
+
+In keinem Lande war das Autoritätsprincip in Betreff der literarischen
+Form so respektirt gewesen, wie in Frankreich. Es wird daher auch
+von der neuen Dichterschule geltend gemacht. Aber leider erkennt man
+bald, daß das neue reelle Princip, die christliche Tradition, in
+lebhaftem Widerstreite mit den herkömmlichen Principien der Literatur
+steht, und die Autorität geräth hier ins Schwanken. Auf ähnliche Art
+wurde die Erfinderin der heiligen Allianz von den Machthabern für
+legitim erklärt, so lange es schien, daß ihre Grundsätze völlig mit
+denen der Macht übereinstimmten. In dem Augenblick, wo man wahrnimmt,
+daß die christliche Tradition als ein unruhestiftendes Princip den
+Autoritäten gegenüber treten kann, sehen diese sich gezwungen, das
+Werkzeug, dessen sie sich unlängst bedient hatten, zu zerbrechen, und
+der Gedanke der religiösen Brüderlichkeit steht in der folgenden Zeit
+als ein revolutionaires Princip der Macht gegenüber und unterwühlt
+sie theoretisch. Am entschlossensten und zusammenhängendsten wird in
+der Restaurationszeit das politisch-religiöse Autoritätsprincip von
+Lamennais entwickelt und vertheidigt; aber es zeigt sich bald, daß
+unter seiner Lehre von der Souverainetät der allgemeinen Vernunft sich
+die revolutionaire Theorie von der Volkssouverainetät verbirgt, und das
+Princip löst sich selber auf. Zu gleicher Zeit werden die Feinde der
+Preßfreiheit genöthigt, dieselbe als Mittel zu benutzen, während die
+Gegner des parlamentarischen Regimentes dieses selber verfechten, um
+ein Ministerium zu stürzen, das sie verhindert, zur Macht zu gelangen.
+Bald stehen alle Persönlichkeiten, die wir haben auftreten sehen, von
+Chateaubriand bis zu Frau von Krüdener, von Hugo bis zu Lamennais, im
+Kampfe mit den Gewalthabern, deren Sache sie so eifrig dienten, und
+im Kampfe mit dem Autoritätsprincip, das sie und die Zeit beherrscht
+hatte. So fällt dies Princip, um sich nie wieder zu erheben.
+
+ [+Lamennais: Essai sur l'indifférence. Progrès de la révolution et
+ de la guerre contre l'église. Correspondance par M. Forgues. Oeuvres
+ inédits par M. Blaize.+ -- Schleiermacher: Reden über die Religion.
+ -- +Renan: Essais de morale et de critique. -- Schérer: Mélanges
+ de critique religieuse.+ -- Gervinus: Geschichte des neunzehnten
+ Jahrhunderts. -- +Béranger: Oeuvres complètes.+]
+
+
+Druck von Fr. Stollberg, Merseburg.
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Louis Blanc hat in seiner Revolutionsgeschichte, Bd. +VIII.+,
+S. 35, diesen Artikel dahin mißverstanden, als sollten die treulose
+Gattin und der Bastard Marie Antoinette und den Dauphin bedeuten.
+Er übersah, daß im Originaltext eine Note hinzugefügt ist, worin es
+heißt, daß »die Begründer der drei wichtigsten Religionen Bastarde
+gewesen sind«.
+
+[2] Vergl. Stuart Mill's Abhandlung über De Vigny in »+Dissertations
+and discussions+«. +Vol. 1.+
+
+[3] Ganz eben so, wie Bonald, begründet der bekannte Haller
+seine Angriffe auf den »+Contrat social+« in seiner »Restauration
+der Staatswissenschaft«.
+
+[4] Das einzige witzige Wort, welches über Buffon's Satz gesagt worden
+ist, verdankt man der Madame de Girardin. Sie zeigt, wie jeder von
+George Sand's Romanen das Gepräge der einen oder andern Persönlichkeit
+trägt, für welche die Verfasserin geschwärmt hat. »George Sand's
+Natur, welche sich abwechselnd kalt und aller Illusionen beraubt
+mit den Salonhelden, frisch und lächelnd mit dem Sänger der Quellen
+und der Haide, poetisch mit dem Dichter, republikanisch mit dem
+Advokaten gezeigt hat, zeigt sich jetzt moralisch und religiös mit dem
+politischen Priester [Lamennais], was dieser Tage einem Spottvogel
+Anlaß zu der Bemerkung gab: Besonders wenn die Rede von den Werken
+weiblicher Schriftsteller ist, muß man mit Buffon ausrufen: ›Der Stil
+ist ~der Mann~‹.« +Le Vicomte de Launay: Lettres parisiennes, Tome I,
+pag. 89.+
+
+[5] +Louis de Viel-Castel: Histoire de la Restauration, Tome
+IV, pag. 487.+
+
+[6] »+He for God only, she for God in him.+« +Paradise lost+, IV.
+
+[7]
+
+ +O honte! ô crime! on rosse les Puissances,
+ On jette à bas six mille Intelligences
+ Qui figuraient dans les processions;
+ De leurs gradins les Trônes on renverse,
+ On foule aux pieds les Dominations,
+ Et des Vertus le troupeau se disperse.
+ ..... l'on jette à leurs nez,
+ Devinez quoi? les têtes chérubines
+ Aux frais mentons, aux lèvres purpurines.+
+
+ +~Parny~: La guerre des dieux, Chant X.+
+
+[8] Bei Parny sind sie weit minder mit Arbeit geplagt:
+
+ +Viennent après les Dominations,
+ Trônes, Vertus, Principautés, Puissances,
+ Esprits pesants, grosses intelligences,
+ Qu'on charge peu de saintes missions;
+ Regardant tout, mais à tout inhabiles,
+ Les bras croisés, ils sont là sur deux files;
+ Propres sans plus à garnir les gradins,
+ A cet emploi se borne leur génie,
+ C'est ce qu'au bal nous autres sots humains
+ Nous appelons: faire tapisserie.+
+
+
+[9] Man vergleiche hiemit Parny:
+
+ +Étaient-ils trois, ou bien n'étaient-ils qu'un?
+ Trois en un seul; vous comprenez, j'espère?
+ Figurez-vous un vénérable père,
+ Au front serein à l'air un peu commun.
+ Ni beau, ni laid, assez vert pour son âge
+ Et bien assis sur le dos d'un nuage ...
+ De son bras droit à son bras gauche vole
+ Certain pigeon coiffé d'un auréole ...
+ Sur ses genoux un bel agneau repose,
+ Qui bien lavé, bien frais, bien délicat,
+ Portant au cou ruban couleur de rose
+ De l'auréole emprunt aussi l'éclat.
+ Ainsi parut le triple personnage ...
+ .... »Je fais ce que je veux.
+ Je fais n'est pas le mot propre et technique,
+ Triple je suis sans cesser être unique.
+ Et je faisons vaudrait peut-être mieux.
+ Mais vous cédez quelque chose au plus vieux;
+ Plus vieux? non pas, nous sommes du même âge,
+ De moi pourtant tous deux vous procédez;
+ Je vous ai donc d'un moment précédé?
+ On le croirait, c'est assez là l'usage.
+ Point; mes enfants se trouvent mes jumeaux.
+ Notre amalgame est un plaisant chaos,
+ Et je m'y perds.« ...+
+
+
+[10] +Dans cet état, il était plus amoureux, plus vif: il me
+disait que je lui donnais les plaisirs les plus charmants, m'appelait
+séductrice, etc., et dans cet endroit solitaire, il faisait ce qu'il
+voulait.+
+
++Madame de Saman: Les enchantements de Prudence, avec préface de George
+Sand. 1873. Pag. 166 ff.+
+
+[11] Vgl. Katerkamp: Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Fürstin Amalia
+von Gallitzin. Münster 1828.
+
+[12] +Villemain: M. de Féletz et les salons de son temps.+
+
+[13] Vgl. F. L. Liebenberg: Beiträge zur Geschichte der
+Oehlenschläger'schen Literatur, Bd. I, S. 183. Genoveva »sieht Christus
+in ihm.«
+
+[14] In zwei auf einander folgenden Ausgaben seiner französischen
+Literaturgeschichte hat Julian Schmidt in der Inhaltsangabe von Valérie
+den Irrthum begangen, Gustav dem Manne beichten zu lassen.
+
+[15] Wer sich für die wirklichen Thatsachen ihrer Geschichte
+interessirt, findet sie nach Originalmanuskripten berichtet in
++Cuvillier-Fleury's Portraits politiques, 1851, pag. 377+ ff.)
+
+[16] Vergleiche G. Brandes: »Die französische Aesthetik der
+Gegenwart«, S. 22, und »Kritiken und Portraits«, S. 227.
+
+[17]
+
+ +Je suis le démagogue et débordé
+ Et le dévastateur du vieil ABCD,
+ Causons, etc.+
+
+[18] Hier ein Paar aus seiner frühesten Jugend:
+
+ +On a vu souvent des maris
+ Jaloux d'une épouse légère,
+ On en a vu même à Paris;
+ Mais ce n'est pas le tien, ma chère.+
+
+ +On a vu des amants transis,
+ Ainsi qu'une faveur bien chère
+ Implorer un simple souris;
+ Mais ce n'est pas le tien, ma chère.+
+
+[19] Siehe Band 5: »Die romantische Schule in Frankreich«,
+S. 322 u. ff.
+
+[20]
+
+ +Atque ex hoc putidissimo ~indifferentismi~ fonte absurda
+ illa fluit ac erronea sententia, seu potius deliramentum, asserendam
+ esse ac vindicandam cuilibet ~libertatem conscientiae~ ...
+ ~At quae pejor mors animae quam libertas erroris~? inquiebat
+ Augustinus. Freno quippe omni adempto, quo homines contineantur in
+ semitiis veritatis, proruit jam in praeceps ipsorum natura ad malum
+ inclinata ... Huc spectat deterrima illa ac nunquam satis execranda
+ et detestabilis libertas artis librariae ad scripta quaelibet edenda
+ in vulgus, quam tanto convicio audent nonnulli efflagitare ac
+ promovere.+
+
+[21] Vergl. G. Brandes: Die französische Aesthetik der Gegenwart,
+Seite 97.
+
+[22] Siehe auch Band 5: »Die romantische Schule in Frankreich«, S. 195.
+
+[23] Vgl. +Saisset+: +La philosophie et la rénaissance réligieuse+.
++Revue des deux mondes 1853.+ +Tome I.+
+
+[24] Vgl. Vinet's interessante Studien über die neuere lyrische
+Poesie Frankreichs.
+
+[25] Die Einzelheiten dieser Verabschiedung lese man nach bei Guizot:
++Mémoires pour servir à l'histoire de mon temps+, Ausgabe für das
+Ausland, S. 263 ff.
+
+[26] Gervinus: Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, Bd. VIII,
+S. 172.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79048 ***
diff --git a/79048-h/79048-h.htm b/79048-h/79048-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..d6c3061
--- /dev/null
+++ b/79048-h/79048-h.htm
@@ -0,0 +1,9084 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
+ <meta charset="UTF-8">
+ <title>
+ Die Reaktion In Frankreich | Project Gutenberg
+ </title>
+ <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover">
+ <style>
+
+body {
+ margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+}
+
+ h1,h2,h3 {
+ text-align: center;
+ clear: both;
+ font-weight: normal; }
+
+h1 {font-size: 170%;}
+h2,.s2 {font-size: 155%;}
+h3,.s3 {font-size: 120%;}
+.s4 {font-size: 115%;}
+.s5 {font-size: 90%;}
+.s5a {font-size: 55%;}
+
+h1 {page-break-before: always;
+ margin-top: 1.8em; }
+
+h2.nobreak { margin-top: 1.2em;
+ margin-bottom: 1.5em; }
+
+h3 {
+ margin-top: 1.5em;
+ page-break-before: avoid;}
+
+p { text-indent: 1em;
+ margin-top: .51em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .49em;}
+
+.p0 {text-indent: 0em;}
+.p1 {margin-top: 1.8em;}
+.p2 {margin-top: 2em;}
+.p3 {margin-top: 3em;}
+.p4 {margin-top: 4em;}
+
+hr {
+ width: 33%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2em;
+ margin-left: 33.5%;
+ margin-right: 33.5%;
+ clear: both;}
+
+hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;}
+hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;}
+@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} }
+hr.r10 {width: 10%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 45%; margin-right: 45%;}
+hr.r10 {width: 10%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; margin-left: 45%; margin-right: 45%;}
+
+div.chapter {page-break-before: always;}
+h2.nobreak {page-break-before: avoid;}
+
+table {
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+}
+table.autotable { border-collapse: collapse; }
+
+.tdl {text-align: left;}
+.tdr {text-align: right;}
+
+.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
+ /* visibility: hidden; */
+ position: absolute;
+ left: 92%;
+ font-size: small;
+ text-align: right;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ font-variant: normal;
+ text-indent: 0;
+} /* page numbers */
+
+.blockquot {
+ margin-left: 5%;
+ margin-right: 10%;}
+
+div.titel_r {
+ margin: 2em 0 1em 60%;
+ font-size: 85%;}
+
+.center {text-align: center;}
+
+.right {text-align: right;}
+
+.mright3 {text-align: right;
+ margin-right: 3em;}
+
+.mright10 {text-align: right;
+ margin-right: 10em;}
+
+.mright17 {text-align: right;
+ margin-right: 17em;}
+
+.mleft3 {text-align: left;
+ margin-left: 3em;}
+
+.mbot3 {margin-bottom: 3em; }
+
+.padtop2 {padding-top: 2em; }
+.padbot2 {padding-bottom: 2em; }
+
+.gesperrt
+{
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-right: -0.2em;
+}
+
+em.gesperrt
+{
+ font-style: normal;
+}
+
+.antiqua { font-style: italic;}
+
+/* Images */
+
+img {
+ max-width: 100%;
+ height: auto;
+}
+img.w100 {width: 100%;}
+
+
+.figcenter {
+ margin: auto;
+ text-align: center;
+ page-break-inside: avoid;
+ max-width: 100%;
+}
+
+/* Footnotes */
+.footnotes {border: 1px dashed;
+ background-color: #E6E6FA; }
+
+.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
+
+.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;}
+
+.fnanchor {
+ vertical-align: super;
+ font-size: .8em;
+ text-decoration:
+ none;
+}
+
+/* Poetry */
+/* uncomment the next line for centered poetry */
+/* .poetry-container {display: flex; justify-content: center;} */
+.poetry-container {text-align: center;}
+.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;}
+.poetry .stanza {margin: 1em auto;}
+.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;}
+
+/* Transcriber's notes */
+.transnote {background-color: #E6E6FA;
+ color: black;
+ font-size:small;
+ padding:0.5em;
+ margin-bottom:5em;
+ font-family:sans-serif, serif;}
+
+/* Poetry indents */
+.poetry .indent2 {text-indent: -2em;}
+.poetry .indent4 {text-indent: -1em;}
+.poetry .indent6 {text-indent: 0em;}
+.poetry .indent8 {text-indent: 1em;}
+
+/* Illustration classes */
+
+.x-ebookmaker
+.illowe7 {width: 14%; margin: auto 43%;}
+.illowe11 {width: 22%;margin: auto 39%;}
+.illowe7 {width: 7em;}
+
+.illowp49 {width: 49%;}
+
+ </style>
+</head>
+
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79048 ***</div>
+
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind
+stillschweigend korrigiert worden.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp49" id="cover" style="max-width: 105em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 p2 mleft3">Die Reaktion in Frankreich.</p>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s3 p3 center">Die Hauptströmungen<br>
+<span class="s5">der</span><br>
+<span class="s4"><b>Literatur des neunzehnten Jahrhunderts.</b></span></p>
+
+<p class="p1 s3 center">Vorlesungen,<br>
+<span class="s5">gehalten an der Kopenhagener Universität</span><br>
+<span class="s5a">von</span><br>
+<span class="s4"><b>G. Brandes.</b></span></p>
+
+<hr class="r10">
+
+<p class="p2 s5 center">Uebersetzt und eingeleitet von<br>
+<b>Adolf Strodtmann.</b></p>
+
+<hr class="r10">
+
+<p class="p2 center"><em class="gesperrt">Dritter Band</em>: <b>Die Reaktion in Frankreich</b>.</p>
+
+<hr class="r10">
+
+<p class="s5 center">Einzig autorisirte deutsche Ausgabe.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe11" id="a0005_pic1">
+ <img class="w100" src="images/a0005_pic1.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<p class="p2 mbot3 center">Leipzig<br>
+<b>H. Barsdorf.</b></p>
+
+</div>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+
+<h1>Die Reaktion in Frankreich<br>
+<span class="s5a">von</span><br>
+<span class="s2"><b>G. Brandes.</b></span></h1>
+
+<p class="s5 p2 center">Uebersetzt und eingeleitet</p>
+<p class="s5a center">von</p>
+<p class="s4 center"><b>Adolf Strodtmann.</b></p>
+
+<p class="s5 p4 center">Einzig autorisirte deutsche Ausgabe.</p>
+
+
+<figure class="figcenter illowe11" id="a0005_pic2">
+ <img class="w100" src="images/a0005_pic2.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<p class="s5 center">Leipzig.<br>
+<b>H. Barsdorf.</b></p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowe7" id="a0006_pic1">
+ <img class="w100" src="images/a0006_pic1.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<p class="s3 p4 center"><b>Paul Heyse</b></p>
+<p class="center">gewidmet</p>
+<p class="s5 mright17">vom</p>
+<p class="mright10"><b>Verfasser.</b></p>
+</div>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
+</div>
+
+<table class="autotable">
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">Die Reaktion in Frankreich.</td>
+<td class="tdl">Seite</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">Einleitung</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_1">1</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">1. Die Revolution</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_5">5</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">2. Das Konkordat</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_41">41</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">3. Das Autoritätsprincip. -- Bonald's Theorien</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_57">57</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">4. Die Tradition in Religion, Staat und Familie. -- Bonald's</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">Theorien, Fortsetzung</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_83">83</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">5. Ein Pilgrim und seine seraphische Epopöe. -- Chateaubriand's</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">»Märtyrer«</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_110">110</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">6. Eine Prophetin und ihr heiliges Werk. -- Frau von Krüdener,</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">ihre Romane, und die heilige Allianz</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_138">138</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">7. Lyrik und Erotik der Restaurationszeit. -- Larmartine's</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">»Meditationen« und »Rafael«. -- Die Liebe in Frau von Krüdener's</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">»Valérie« und Chateaubriand's »Märtyrern«</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_163">163</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">8. Die Auflösung des formellen Autoritätsprincips. -- Victor</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">Hugo's Jugendgedichte. -- Alfred de Vigny</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_186">186</a></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">9. Die Auflösung des reellen Autoritätsprincips. -- Lamennais'</td>
+<td></td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl"></td>
+<td class="tdl">Kampf für den Katholicismus. -- Schlußbetrachtungen</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_203">203</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2>
+</div>
+
+
+<p>Ein gewisser Inbegriff von Ideen und Werken, Persönlichkeiten,
+Handlungen, Gefühlen und Stimmungen, welche zu Anfang des neunzehnten
+Jahrhunderts in Frankreich auftreten oder wirken, bildet für mein Auge
+eine naturgemäß zusammen hängende Gruppe socialer und literarischer
+Phänomene, die sich alle um die Wiederaufrichtung einer gefallenen
+Größe ordnen. Diese gefallene Größe ist das Autoritätsprincip.</p>
+
+<p>Unter dem Autoritätsprinzip verstehe ich das Prinzip, kraft dessen
+das Leben des einzelnen Menschen und der Völker auf dem Respekt vor
+der Tradition basirt. Die Autorität ist eine Macht und wirkt als
+Macht durch ihre bloße Existenz, nicht durch Gründe. Sie benutzt als
+Wirkungsmittel Zwang und Furcht. Sie beruht auf der freiwilligen oder
+unfreiwilligen Unterwerfung der Gemüther unter das Gegebene.</p>
+
+<p>Das Autoritätsprinzip kann in Kirche und Staat, in der Gesellschaft und
+in der Familie, ja in der menschlichen Erkenntnis als das Prinzip der
+Erkenntnis und Gewißheit, geltend gemacht werden. Es wurde zu der Zeit,
+deren Geistesleben ich schildern will, auf all' diesen Gebieten zur
+Geltung gebracht. Es war zu der Zeit, deren Geistesleben ich schildern
+will, auf ihnen allen gestürzt und über den Haufen geworfen. Um zu
+verstehen, wie es von Neuem hervorgeholt und befestigt, und wie es noch
+ein Mal gesprengt wurde, müssen wir erst sehen, wie und kraft welcher
+Principien es während der Revolution zertrümmert ward.</p>
+
+<p>Es war nicht auf <em class="gesperrt">ein</em> Mal auf allen geistigen Gebieten
+angegriffen worden; aber es hatte sich gezeigt, daß sein Bestehen in
+all' den verschiedenen Lebenssphären von seinem Bestehen in der Sphäre,
+die als die höchste betrachtet ward, — die Kirche nämlich, — abhing.
+Denn die Kirche war's, welche<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> als Autorität ihre Autorität allen
+übrigen Gebieten mittheilte (z. B. dem Königthume von Gottes Gnaden,
+der Ehe als Sakrament u. s. w.). Mit der Autorität der Kirche stand und
+fiel daher das Autoritätsprinzip in all' den abgeleiteten Autoritäten.
+Als die kirchliche Autorität untergraben war, zog sie alle anderen
+Autoritäten bei ihrem Falle nach.</p>
+
+<p>Nicht daß der einzelne Mann, welcher im achtzehnten Jahrhundert
+kraftvoller und erfolgreicher, als irgend ein Anderer, für die
+Emancipation des Gedankens von Kirche und Dogmen gewirkt, eine solche
+Wirkung seines Strebens vorausgesehen hätte. Weit entfernt! Voltaire
+wollte gar keinen äußeren Umsturz. In seiner kleinen Erzählung »<span class="antiqua">Le
+monde comme il va</span>« wird der weise Babouc freilich sehr entrüstet
+beim Anblick der Verderbnis in der großen Stadt Persepolis, und erkennt
+sehr klar, wie weit alles davon entfernt ist, so zu sein, wie es
+sollte, allein nach und nach gewinnt er auch ein Auge für die guten
+Seiten der schlechten Zustände, und als es von seinem Berichte an den
+Engel Ituriel abhängt, ob die Stadt vernichtet oder verschont werden
+soll, ist er durchaus wider ihre Zerstörung, ja, auch der Engel denkt
+zuletzt nicht einmal an irgend eine Reform der Sitten von Persepolis,
+da, »wenn auch Alles nicht gut ist, es doch jedenfalls erträglich ist«.
+Man kann dies Raisonnement kaum revolutionair nennen, und Voltaire ist,
+wenigstens zu Zeiten, derselben Meinung wie Babouc. Man erinnere sich
+auch, daß Voltaire sich beständig an die Fürsten, nicht an die Völker
+wandte, um seine Ideen in Handlung umgesetzt zu sehen, und daß er oft
+genug erklärte, die Sache der Könige und der Philosophen sei eine und
+dieselbe. Als daher Holbach und seine Mitarbeiter verlautbaren ließen,
+daß »unter jenen Machthabern von Gottes Gnaden, jenen Repräsentanten
+der Gottheit, kaum ein Mal alle tausend Jahre einer zu finden sei,
+der das gewöhnlichste Rechtlichkeits- oder Mitleidsgefühl oder die
+einfachsten Talente und Tugenden besäße«, vermochte Voltaire nicht
+seinen Groll zu bezähmen. Sein Briefwechsel mit dem König von Preußen
+enthält auch die heftigsten Zornausbrüche wider das »<span class="antiqua">Système de
+la nature</span>«. Er erkannte sich selbst in diesen Schülern und ihren
+Konsequenzen nicht wieder.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span></p>
+
+<p>Nichts desto weniger ist es Voltaire, welcher während der ganzen
+Revolution das umstürzende Princip vertritt, gleichwie Rousseau der
+vereinigende und sammelnde Geist ist. Denn Voltaire hatte kraft der
+Freiheit des individuellen Gedankens das Autoritätsprincip zerbrochen,
+Rousseau hatte es durch das allgemeine Gefühl der Brüderlichkeit und
+Solidarität verdrängt und ersetzt. Die Revolution setzte Punkt für
+Punkt Alles ins Werk, was diese zwei großen Geister vorbereitet hatten;
+sie vollstreckte ihr Testament; der individuelle Gedanke wurde zur
+umstürzenden That und das sociale Gefühl zur sammelnden Konstitution.
+Voltaire war die Entrüstung, Rousseau die Begeisterung.</p>
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Die_Reaktion_in_Frankreich">Die Reaktion in Frankreich.</h2>
+<h3>1.</h3>
+</div>
+
+<div class="titel_r s4">
+<p>On accuse la génération de tout renverser et de ne rien édifier. Mais
+ne faut-il pas avoir détruit la Bastille avant de rien éléver sur son
+emplacement? Déjà maint architecte s'évertue à imaginer un palais
+digne des augustes représentants de la nation. Bientôt vous le verrez
+sortir de dessous les ruines de cette Bastille.</p>
+
+<p>Camille Desmoulins: Discours de la lanterne.</p>
+</div>
+
+<p>Da die Autorität principiell kirchlich und religiös ist, so ist eine
+Charakteristik des Verhältnisses der Revolution zu Kirche und Religion
+während der verschiedenen Phasen dieses Verhältnisses unentbehrlich, um
+die geistige Reaktion zu verstehen, welche ihr folgte. Denn da diese
+die Wiederaufrichtung des Autoritätsprincips bezweckt, beginnt sie
+sowohl historisch wie logisch mit der Restauration der Kirche.</p>
+
+<p>Die Revolution war ihrem Wesen nach eben so sehr religiöser wie
+politischer Natur. Sie war die Krone des großen philosophischen Werks,
+das die freigeistigen Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts
+errichtet hatten. Der Revolution von 1789 verdanken wir jene größte
+Eroberung des Menschengeistes aus der Herrschaft von Vorurtheil
+und Gewalt, die Gewissensfreiheit, die religiöse Toleranz. Keine
+Behauptung ist unwahrer, als die, welche oftmals von katholischen
+Schriftstellern vorgebracht worden ist, daß es die christliche Kirche
+sei, welcher die Menschheit dies unschätzbare Gut verdanke. Die
+Wahrheit ist, daß die Kirche sich aufs Aeußerste jedem Anspruch auf
+Gewissensfreiheit widersetzte. In dem Augenblicke, da die Revolution
+beginnt, sind alle Vorbereitungen zu dem großen Zusammenstoße zwischen
+dem Autoritätsprincip auf der einen und den Individualitäts- und
+Solidaritätsprincipien auf der andern Seite getroffen. Die zwei
+Hauptkämpfer,<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> die Philosophie und die Kirche, rüsten sich zum Kampf.
+Alle Führer, alle Ritter und Knappen, welche das große Turnier
+ausfechten sollen, stehen auf ihren Posten, unbekannt unter einander,
+unbekannt der Welt, die sie bald mit dem Schall ihrer Namen erfüllen
+sollen. Sie sind von ganz verschiedenartiger Herkunft und haben eine
+ganz verschiedenartige Vergangenheit. Da sind Adlige wie Mirabeau,
+Geistliche wie Maury, Fauchet und Talleyrand, Aerzte wie Marat,
+Advokaten wie Robespierre, Dichter, Philosophen, Redner, Schriftsteller
+wie Chénier, Condorcet, Danton und Desmoulins, eine ganze Heerschar
+von Talenten und Charakteren. Die Kirche rüstet ihre Waffen zu einem
+verzweifelten Kampfe, der im Voraus verloren ist, die Revolution rückt
+vor, erst unsicher und schwankend, dann dräuend, dann unwiderstehlich,
+und bald siegestrunken. Sobald die Reichsstände berufen werden, ist der
+Kampfplatz offen, die Schranken fallen auf beiden Seiten, und der große
+Kampfrichter, die Weltgeschichte, giebt das Signal zum Zusammenstoß.</p>
+
+<p>Was ist gleich nach dem Zusammentritt der Stände das erste und
+einstimmige Verlangen des geistlichen Standes? Die Anerkennung der
+»katholischen, apostolischen und römischen Religion« als Staatsreligion
+zu erwirken, als der einzigen, welcher ein öffentlicher Cultus
+gestattet werden solle. Und doch waren Republikaner in gar nicht
+so geringer Anzahl unter der niederen Geistlichkeit; aber zu der
+Freiheit, welche sie forderten, rechneten sie nicht die religiöse.
+Die demokratischen Aebte deklamirten wohl gegen die Inquisition,
+nannten sie menschenfresserisch und tigerhaft, aber sie warnten vor
+der Toleranz. Der revolutionäre Abt Fauchet, derselbe, welcher nach
+der Einnahme der Bastille die dreifarbige Uniform der Nationalgarde
+segnete, und die Trikolore als Nationalfahne schuf, bezeichnet die
+Toleranz höhnisch als »den allgemeinen Tolerantismus« und weissagt,
+wenn sie eingeführt würde, so würde sie nur zum vollständigen Verfall
+aller guten Sitten führen. Er geht so weit, daß er Denjenigen, die
+sich zu keiner Religionsgemeinschaft bekennen, das Recht, sich zu
+verheirathen, verwehren will, »da man derlei Menschen nicht als durch
+ihr Wort gebunden erachten kann«.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span></p>
+
+<p>Wie die Stände als Nationalversammlung zusammentreten, wird die
+Geistlichkeit bald zu Koncessionen genöthigt, aber selbst wenn die
+Mißstimmung gegen sie zu Worte gelangt, endet die Opposition stets
+damit, sich in die mildesten und rücksichtsvollsten Formen zu hüllen.
+Als z. B. im Februar 1790 Garat von der Priesterweihe den Ausdruck
+gebraucht hatte, daß sie ein bürgerlicher Selbstmord sei, und eine
+Anzahl Geistlicher, worunter der Abt Maury und die Bischöfe von Nancy
+und Clermont, erbittert hierüber auffuhr, über Gotteslästerung schrie,
+und den Antrag stellte, die katholische Religion zur Nationalreligion
+zu erklären, ward der Antrag zwar verworfen, aber auf solche Art,
+daß man die Aengstlichkeit und Unsicherheit der Demokratie in der
+Motivirung dieses Schrittes empfindet. Es würde, heißt es, eine
+Verletzung der Religion und der Gefühle sein, welche die Versammlung
+Betreffs derselben beseelten, nur einen Zweifel daran vorauszusetzen.
+Man wagte noch nicht zu sagen, was man meinte, und so sah man noch eine
+Versammlung, deren Mehrzahl aus Freidenkern bestand, an Processionen
+theilnehmen und dem katholischen Gottesdienste beiwohnen. Nur zwei
+Monate später wurde der Antrag, den Katholicismus zur Nationalreligion
+zu erklären, abermals eingereicht, diesmal nach Maury's wüthenden
+Invektiven gegen den Antrag auf Einziehung der Kirchengüter durch den
+Staat. Er wurde diesmal von einem Geistlichen, Dom Gerle, gestellt,
+welcher später als Jakobiner sich sehr eifrig bemüht zeigte, dies sein
+erstes öffentliches Auftreten in Vergessenheit zu bringen. Mirabeau
+antwortete mit einer Apostrophe an das Fenster im Louvre, das er von
+der Tribüne aus vor Augen hatte, »dasselbe«, rief er, »aus welchem
+ein französischer Monarch, welcher die weltlichen Interessen mit den
+geistigen Interessen der Religion vermengte, die Flinte abschoß,
+welche das Signal zur Bartholomäusnacht gab«. Und doch wich man
+diesmal wieder aus und umging die Sache, indem man erklärte, daß die
+Majestät der Religion und die Ehrfurcht, welche man ihr schuldig sei,
+nicht gestatte, sie zum Gegenstande einer Verhandlung zu machen. Die
+ganze Rechte enthielt sich der Abstimmung, und obendrein wurde ein
+Protest eingereicht, der von 297 Mitgliedern, worunter 144 von der
+Klerisei,<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> unterschrieben war. Man schwankte und widersprach sich
+selbst. Der Adel, welcher hundert Jahre vorher Ludwig <span class="antiqua">XIV.</span>
+Beifall zugejauchzt hatte, als er das Edikt von Nantes widerrief,
+war durch die Einwirkung der Literatur des achtzehnten Jahrhunderts
+so umgestimmt worden, daß er, da er als Stand verhandelte, in rein
+voltairianischem Geiste sich für allgemeine Toleranz ausgesprochen
+hatte; aber doch hatte er halb unsicher hinzugefügt, die katholische
+Kirche müsse Volkskirche sein. Der Bürgerstand, welcher zum Theil
+jansenistisch und deshalb in Wahrheit viel weniger freisinnig war,
+hatte sich als Stand auf ähnliche ausweichende Art ausgesprochen. Aber
+nachdem die Nationalversammlung zusammengetreten, war der Standpunkt
+principiell ein so bestimmter, daß jede Ungewißheit im Grunde von
+vornherein ausgeschlossen war. Denn einer der ersten Schritte dieser
+Versammlung war, wie bekannt, die Erklärung der Menschenrechte, und
+unter diesen Menschenrechten ist ausdrücklich die Freiheit, zu denken,
+selbst in religiösen Dingen, aufgeführt. Artikel 10 der Erklärung
+lautet nämlich: »Niemand darf wegen seiner Ansichten, auch nicht
+wegen seiner religiösen Ansichten, behelligt werden, vorausgesetzt,
+daß seine Aeußerung derselben die gesetzliche Ordnung nicht stört«.
+Der Papst antwortete damit, diese Freiheit als »ein ungeheuerliches
+und wahnwitziges Recht, das die Vernunft (<span class="antiqua">sic!</span>) erstickt«, zu
+bezeichnen, und damit, sollte man meinen, war die Stellung der beiden
+Lager zu einander bestimmt.</p>
+
+<p>Man spürt, wie die Situation sich klärt, als in der constituirenden
+Versammlung die Rede auf die Toleranz kommt. In dem Antrage auf die
+Erklärung der Menschenrechte war ein Artikel folgendermaßen gefaßt:
+»Die Gottesverehrung gehört zur Pflege der Polizei; folglich kommt es
+der Gesellschaft zu, sie zu reguliren, <em class="gesperrt">einen</em> Kultus zu gestatten
+und einen andern zu verbieten«. Mirabeau greift diesen Artikel auf's
+Heftigste an:</p>
+
+<p>»Ich will nicht Toleranz predigen«, sagt er. »Die uneingeschränkteste
+Religionsfreiheit ist in meinen Augen ein so heiliges Recht, daß selbst
+das Wort Toleranz als Ausdruck dafür fast tyrannisch erscheint, da
+die bloße Existenz einer Autorität, welche die Macht, zu toleriren,
+also auch es nicht zu thun, besitzt, ein Attentat auf die Freiheit
+des Gedankens<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> ist«. In einer der folgenden Sitzungen geht er noch
+weiter: »Man hat von einem herrschenden Kultus gesprochen; was
+versteht man unter herrschendem? ich verstehe dies Wort nicht und
+bitte mir eine Definition davon aus. Meint man einen Kultus, welcher
+die anderen unterdrückt? Aber, hat die Versammlung denn nicht das
+Wort Unterdrückung geächtet? Oder ist es die Religion des Fürsten,
+welche man meint? Der Fürst hat nicht das Recht, über die Gewissen zu
+herrschen oder die Meinungen zu reguliren. Oder meint man den Kultus
+der Mehrzahl? Ein Kultus ist eine Meinung. Dieser oder jener Kultus ist
+ein Resultat dieser oder jener Meinung. Aber eine Meinung bildet sich
+nicht durch Zusammenzählung der Stimmen. Der Gedanke gehört uns, ist
+unabhängig und läßt sich nicht fesseln«.</p>
+
+<p>Man sieht, wie der Muth, seine Ansicht in religiösen Dingen
+auszusprechen, seine Schwingen zu prüfen begann.</p>
+
+<p>Sehen wir an einem anderen Beispiel, mit welcher Schnelligkeit man
+sowohl in wie außerhalb der Versammlung von einem schüchternen
+Anfange sich zum Bewußtsein der großen geistigen Revolution erhob,
+welche vorging. Zum rechten Verständnisse wolle man sich erinnern,
+daß in dieser Versammlung die Partei der Vergangenheit, welche aus
+Erzbischöfen und Bischöfen, Prinzen, Herzögen, Marquis und Baronen im
+Verein mit einigen Deserteuren des dritten Standes bestand, noch sehr
+mächtig war. All' diese Männer, welche auf der rechten Seite des Saales
+verweilten, glaubten noch kaum an die Revolution und fertigten oft und
+wiederholt die ernsthaftesten Angriffe mit einem Bonmot ab.</p>
+
+<p>Im Oktober 1789 steht vor den Schranken der Nationalversammlung eine
+seltsam aussehende Deputation in langen Kleidern und orientalischer
+Tracht. Es sind Juden aus Elsaß und Lothringen. Sie flehen im Namen
+ihrer Glaubensgenossen um Barmherzigkeit. »Hochgeborene Versammlung«,
+sprachen sie, »im Namen des Ewigen, welcher der Ursprung aller
+Gerechtigkeit und Wahrheit ist, im Namen Gottes, welcher allen Menschen
+gleiche Rechte und Pflichten verlieh, im Namen der Menschheit, die
+Jahrhunderte lang durch die entehrende Behandlung beleidigt worden,
+welche die unglücklichen<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> Nachkommen des ältesten aller Völker in fast
+allen Erdgegenden erlitten, erscheinen wir, um Euch zu beschwören,
+unser bedauerliches Schicksal der Erwägung zu würdigen. Die, welche
+überall verfolgt, überall erniedrigt, und doch stets unterthänig, nie
+aufrührerisch sind, Die, welche bei allen Völkern ein Gegenstand des
+Unwillens und der Verachtung sind, während sie Duldung und Mitleid
+genießen sollten, die Juden werfen sich Euch zu Füßen und schmeicheln
+sich der Hoffnung, daß Ihr inmitten der wichtigen Arbeiten welche Euch
+in Anspruch nehmen, ihre Klagen nicht gering schätzen, daß Ihr mit
+einigem Interesse die schüchternen Einsprüche hören werdet, welche
+sie aus der Tiefe der Erniedrigung, worin sie begraben sind, vor Euch
+niederzulegen wagen.... Möchte eine Reform, die wir bisher fruchtlos
+ersehnt haben und die wir mit Thränen in den Augen erflehen, Eure
+Wohlthat und Euer Werk sein«!</p>
+
+<p>Clermont-Tonnerre nimmt sich mit Wärme dieser rührenden Bittschrift
+an. Aber man glaubt nicht, auf welcherlei Ausflüchte die Geistlichkeit
+verfiel, um ein Recht zu verweigern, das eigentlich als schon ertheilt
+gelten mußte. Der Abt Maury erhebt sich. Er hat ein breites verwogenes
+Gesicht, die sieben Todsünden im Gesicht, wie man von ihm sagte, einen
+festen Mund, Augen, die von Verstand, Falschheit und Sophisterei
+blitzen, derjenigen Art von Sophisterei, welche das Erstaunen darüber
+ausspricht, daß irgend Jemand <em class="gesperrt">dies</em> Sophisterei nennen kann. Er
+ist frech und kaltblütig. Er ist es, der wenig Monate nachher, als
+man ihn auf der Straße mit dem Geschrei: »An den Laternenpfahl mit
+ihm!« umdrängte, die Antwort gab: »Meint Ihr, liebe Freunde, daß Ihr
+dadurch heller sehen werdet?« Er sagt: »Wer wird in unsern Tagen noch
+von Verfolgung oder Intoleranz reden! Die Juden sind unsere Brüder.
+Aber die Juden Bürger nennen, würde Dasselbe sein, wie einzuräumen, daß
+Engländer und Dänen, ohne das Indigenatsrecht erlangt zu haben und ohne
+aufzuhören, Engländer und Dänen zu sein, Franzosen werden könnten.«
+Er verweilt bei dem Wucherhange der Juden und den übrigen Lastern,
+welche man ihnen zuschrieb. »Dies Volk«, fährt er fort, »hat siebzehn
+Jahrhunderte durchlebt, ohne sich mit den andern Völkerstämmen zu<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>
+vermischen; sie haben nur Geldschacher getrieben; kein Einziger unter
+ihnen hat es verstanden, seine Hände dadurch zu adeln, daß er seine
+Pflugschar geführt, oder ein Stück Land bebaut hätte«.</p>
+
+<p>Wenn man weiß, daß es den Juden auf's strengste verboten war, das
+geringste Stück Grundeigenthum zu besitzen, ja daß sie, wenn sie in
+eine Stadt hineinkamen, dieselbe Accise wie die Schweine bezahlen
+mußten, so wird man begreifen, daß diese Argumentation nicht
+unwiderleglich ist. Aber der Haß gegen die Juden war noch so groß, daß
+Niemand an derselben Etwas auszusetzen fand. Man fürchtete, die Juden
+würden ganz Elsaß zu einer jüdischen Kolonie machen, wenn man ihnen
+Bürgerrechte gäbe. Ja, ein sonst sehr revolutionärer Deputirter aus dem
+Elsaß bemerkte sogar, er könne nicht für die Ruhe in seiner Provinz
+einstehen, falls der Antrag auf Gleichstellung der Juden durchgehe.</p>
+
+<p>Die Stimmung war flau. Man fühlte, daß das Schicksal des Antrages
+entschieden sei. Nur ein einziger Deputirter wagt Protest zu erheben.
+Es ist ein noch ganz unbekannter Mann, Advokat von Fache, einer von
+Denen, welche sich damals noch in der zweiten Reihe hielten und hinter
+den hervortretenden Persönlichkeiten versteckt saßen, die noch zum
+größten Theil den früher privilegirten Ständen angehörten. Sein Gesicht
+ist gewöhnlich und nicht sehr lebhaft, allein unheimlich blaß. Er ist
+einfach, aber auffallend sauber und sorgfältig gekleidet, und sein Haar
+sitzt gut. Schon sein Aeußeres verräth seine Achtung vor sich selbst
+und seine Leidenschaft für die Ordnung. Der Präsident nennt seinen
+Namen, auf den Niemand Gewicht legt: »Maximilian Robespierre.« Er
+besteigt die Tribüne und sagt kurz und scharf: »Die Laster der Juden
+sind eine Folge der Erniedrigung, in welcher Ihr sie erhalten habt. Sie
+werden gute Menschen werden, sobald es ihnen irgendwie nützt, es zu
+sein.«</p>
+
+<p>Aber er ist der Einzige in der ganzen Versammlung, welcher für den
+Antrag spricht. Charakteristisch genug, begriff derselbe Protestanten,
+Schauspieler und Juden unter einer Kategorie. Die Menschenrechte
+der ersten beiden Klassen wurden anerkannt; aber da Mirabeau die
+Unmöglichkeit der Förderung<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> des Antrages in Betreff der Juden einsah,
+ließ er die Verhandlung über diesen Punkt auf unbestimmte Zeit
+vertagen. Zwei Jahre verstreichen. Im Jahre 1791 erneuern die Juden ihr
+Gesuch. Aber welch' eine Veränderung im Tone! Die demüthige Bitte des
+Sklaven ist zur bestimmten und scharfen Forderung des Mannes geworden.
+Man appellirt nicht mehr an die Gnade der Herrschenden, sondern stützt
+sich auf eine Beweisführung. Ich führe den Schlußsatz an:</p>
+
+<p>»Wenn es eine Religion gäbe, deren Bekenner nicht Bürger sein könnten,
+während die Bekenner anderer Religionen es sein könnten, so würden
+diese herrschende Religionen sein; aber es giebt keine herrschende
+Religion, da alle gleiche Rechte haben. Wenn man den Juden die
+Bürgerrechte verweigert, weil sie Juden sind, so straft man sie,
+weil sie in einer bestimmten Religion geboren sind. Aber in solchem
+Falle existirt keine Religionsfreiheit, da Verlust der Bürgerrechte
+mit dieser Freiheit verknüpft ist. So Viel ist gewiß: indem man die
+Menschen zur religiösen Freiheit erhoben hat, hat man auch die Absicht
+gehabt, sie zur bürgerlichen Freiheit zu erheben; es giebt keine halbe
+Freiheit, so wenig wie es eine halbe Gerechtigkeit giebt.«</p>
+
+<p>Wenige Jahre, in der Atmosphäre der Revolution verlebt, hatten diesen
+Parias Selbstgefühl und Stolz verliehen. Diesmal ging der Antrag ohne
+Debatte durch.</p>
+
+<p>In der constituirenden Versammlung kam der Haß gegen die positive
+Religion und ihre Priester, den die Philosophen ihrem Zeitalter
+eingeflößt hatten, noch nicht in Worten zum Ausbruch. Das bekannte
+Wort: »Ihr Herren von der Klerisei! jetzt barbiert man Euch, und
+wenn Ihr allzu arg strampelt, wird man Euch die Kehle abschneiden,«
+erscholl aus dem Zuschauerraume, nicht aus dem Saale. Die Erbitterung
+gab sich vorläufig in Handlungen kund. Alles Kirchen- und Klostergut
+wurde für Staatseigenthum erklärt. Voltaire hatte seinen Schülern
+die Aufgabe gestellt, <span class="antiqua">»d'écraser l'infâme</span>.« Die gläubigen
+Katholiken sahen in den Beschlüssen der constituirenden Versammlung
+einen Versuch, auszuführen, was er mit dieser Aufgabe gemeint hatte.
+In einer rechtgläubigen Schrift von 1792: »<span class="antiqua">Conjuration contre
+la religion catholique et<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> les souverains</span>« heißt es: »Niemals
+hat Christi Kirche so viel' Feinde auf einmal zu bekämpfen gehabt.
+Es scheint, als ob die ganze Hölle losgelassen sei, um ihren Ruin
+herbeizuführen.... Die Philosophen wollen die christliche Religion
+nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa, ja im ganzen Universum
+abschaffen.« In diesen Worten liegt keine Uebertreibung. Nur ist es
+interessant, sich zu erinnern, daß die Philosophen, um dies Resultat
+zu erreichen, sich an die Regenten der großen Länder, an Friedrich
+von Preußen, an Katharina von Rußland und Andere gewandt hatten, daß
+aber der Schlag selber vom Volke geführt wurde, wenn man unter dem
+Volke den Mittelstand verstehen will. Der Papst irrte sich daher
+nicht, als er von der constituirenden Versammlung in einer Ansprache
+an seine Kardinäle sagte, die Franzosen hätten sich zu Sklaven einer
+Versammlung von Philosophen gemacht, und vergessen, daß die Nationen
+die glücklichsten seien, welche ihren Königen gehorchen.</p>
+
+<p>Die Priester, welche, wie bekannt, gefunden haben, woran es dem
+Archimedes gebrach: den Punkt außerhalb der Erde, in der anderen Welt,
+von wo aus sie jene bewegen können, begannen schon jetzt die Provinzen
+zu fanatisiren. In Arras wurde ein Bild umhergetragen, auf welchem
+Maury und die Royalisten zur rechten Seite des Gekreuzigten, die
+Revolutionäre auf der andern Seite unter dem bösen Schächer abgemalt
+waren. Ein wahrer Aufruhr fand in Nîmes bei der Nachricht statt, daß
+ein Protestant, Saint-Etienne, zum Präsidenten der Nationalversammlung
+erwählt worden sei.</p>
+
+<p>Die verfassungsmäßige Ordnung der Kirchenverhältnisse wurde durch
+eine Allianz zwischen den Voltairianern und den Jansenisten der
+Versammlung erreicht. Letztere waren sicherlich gute Christen,
+allein die politische Aeußerung des jansenistischen Fatalismus war
+in keiner Hinsicht verschieden von den politischen Konsequenzen des
+Voltairianismus. Die Jansenisten haßten als religiöse Leute die
+irdische Größe und hießen als Fatalisten das menschliche Elend gut,
+sie hatten als echte Bourgeois das Gleichheitsgefühl nach oben und das
+Ungleichheitsgefühl nach unten, ganz wie die Voltairianer. Sie stimmten
+daher vollkommen mit Diesen betreffs der Einziehung<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> der Kirchenschätze
+überein. Dazu kam, daß die Masse Skandale, zu denen das Leben der
+höheren Geistlichen Anlaß gab, ihren moralischen Sinn empörte. So war
+es z. B. bekannt, daß Mademoiselle Guimard, die Geliebte des Bischofs
+Jarantes, geistliche Pfründe hinter den Opernkoulissen verschenkte,
+daß der Erzbischof von Narbonne in einer seiner Abteien einen ganzen
+Harem unterhielt, daß der Kardinal von Montmorency öffentlich mit einer
+Aebtissin zusammenlebte, ja daß die Bernhardiner in der Abtei Granselve
+eine ganze kleine Stadt mit einem eigenen Damenquartier und mit allzeit
+gedeckten Tischen für ihre Orgien eingerichtet hatten. (Das Leben
+daselbst ist von einem Augenzeugen, dem royalistischen und klerikalen
+Schriftsteller Montgaillard im zweiten Bande seiner <span class="antiqua">Histoire de
+France</span> beschrieben worden.) Hätte man sich nun damit begnügt, die
+Schätze der Kirchenhäupter einzuziehen, so hätte man sie gezwungen,
+entweder nachzugeben oder einzugestehen, daß ihrer Opposition Habgier
+zu Grunde lag. Aber man tastete ihre Disciplin an und schuf ihnen
+solchergestalt einen Vorwand zum Widerstande. Jede Modifikation der
+äußeren Formen des Kultus gab ihnen Anlaß zu dem lauten Geschrei,
+daß die Religion in ihren Grundfesten erschüttert sei. Die niederen
+Geistlichen wagten daher fast niemals den Eid auf die Verfassung
+abzulegen. That Einer es, so ward der geringe Lohn, den er vom Staate
+empfing, mit dem Blutgelde des Judas verglichen, obschon man es früher
+ganz in der Ordnung fand, daß die Bischöfe Paläste und Gärten besaßen,
+und in jeglicher Art Lebensgenuß schwelgten, während die niedere
+Geistlichkeit zur selben Zeit förmlich ausgehungert ward.</p>
+
+<p>Der Einzige, welcher, ohne Voltairianer oder Jansenist zu sein, an der
+Diskussion über die Kirchenverfassung Theil nahm, war Robespierre.
+Er hob Rousseau's »bürgerliche Religion« (<span class="antiqua">Contrat social</span>
+4,<sub>8</sub>) hervor, bereit Dogmen »die Existenz einer mächtigen,
+intelligenten und allwissenden Gottheit, ein künftiges Leben, die
+Belohnung der Gerechten, die Bestrafung der Bösen, die Heiligkeit
+des gesellschaftlichen Vertrages und die Staatsgesetze« sind. Er war
+ein Mann der Ordnung, kein Gläubiger. Die Religiosität bestand für
+ihn<span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span> in der Erfüllung der gesellschaftlichen Pflichten. Die Klerisei
+betrachtete er als Magistratspersonen, als weltliche Beamten. Mit
+Rousseau'scher Empfindsamkeit rief er die Versammlung an, die alten und
+schwachen Priester zu unterstützen, und bat namentlich für diejenigen
+zu sorgen, welche über siebzig Jahre alt seien und weder eine Pension
+noch Sporteln hätten; aber der Antrag wurde abgelehnt. Robespierre's
+Zeit war noch nicht gekommen.</p>
+
+<p>Die neue Ordnung der Dinge gab auf dem Lande Anlaß zu possierlichen
+sowohl wie brutalen Scenen. Man findet in Camille Desmoulins'
+Journalartikeln eine sehr humoristische Schilderung des unfreiwilligen
+Abschiedes eines Dorfpredigers von seiner Gemeinde. An der Kirchenthür
+findet er eines Sonntags nach dem Gottesdienste zu seiner Ueberraschung
+einen riesigen, hochbepackten Möbelwagen mit all' seinen Effekten,
+oben auf dem Wagen sitzt weinend seine Javotte, die »Gouvernante«,
+welcher der Schulmeister mit einer Thräne im Auge Lebewohl sagt. Er
+wird unter dem Rufe: »Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Hochehrwürden!«
+auf den Wagen gehoben, und fort geht's, obschon er schilt und schimpft,
+so lange er noch seinen Glockenthurm erblicken kann. An anderen Orten
+jedoch wurde der Eid dem Priester mit dem Bajonett auf der Brust
+abgezwungen, ja in einem vereinzelten Falle wurde er, als er auf
+der Kanzel stand, durch einen Flintenschuß getödtet. Beging man nun
+auch solchergestalt einzelne Ausschreitungen wider die eidweigernden
+Priester, so war dies doch als sehr gering zu achten gegen Das, was
+von ihrer Seite geschah. Sie schilderten der Landbevölkerung die
+bürgerliche Verfassung, welche in Wirklichkeit die Religion gar nicht
+angetastet hatte, als ein Werk des Teufels. Sie lehrten, daß es eine
+Todsünde sei, das Sakrament von einem Priester zu nehmen, welcher der
+Regierung den Eid geleistet, daß die Kinder, welche den von diesen
+Priestern eingesegneten Ehen entsprängen, als Bastarde zu betrachten
+seien, ja daß der Fluch Gottes auf der Wiege jedes solchen Kindes
+laste. Bald wurde ein verfassungsmäßiger Priester mit Steinwürfen in
+der Kirche verfolgt, bald ein anderer an dem Kronleuchter des Chores
+erhängt. Die Kirchen,<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> welche die Nationalversammlung hatte schließen
+lassen, wurden mit Axthieben geöffnet. In einzelnen Departements zogen
+mörderische Banden von Pilgern unter der Führung von Priestern über
+die Felder, mit Flinten und Spießen bewaffnet. Am schlimmsten ging
+es in der Bretagne zu. Wenn dort der schlichte Bauer viele Meilen
+weit von seinem Kirchspiele fortgewandert war, um einen echten, d.
+h. unbeeidigten Priester zu hören, und dann bei seiner Heimkehr ein
+Dutzend seiner Dorfgenossen aus der eigenen Kirche herauskommen sah,
+wo sie in aller Gemächlichkeit den neuen Priester gehört hatten, war
+sein Haß so unbändig, daß er sich zu jeder Gewaltthätigkeit berechtigt
+glaubte, zu der er von kirchlicher Seite aufgehetzt wurde.</p>
+
+<p>Als jetzt die gesetzgebende Versammlung zusammentrat, gab es
+keine Stände mehr. Der Adel war ausgewandert, und die höhere
+Geistlichkeit rief im Exil den Beistand der fremden Höfe an. Die
+niedere Geistlichkeit war fanatisch kontrarevolutionär und hetzte
+die unwissende Menge gegen die Freiheit auf. Die Sprache, welche
+jetzt in der Versammlung geführt wird, ist himmelweit verschieden
+von der früheren. Die stehende Anklage wider die Religion ist die
+naiv formulirte, daß sie nicht mit der Verfassung übereinstimme, und
+wider die Geistlichkeit, daß sie ausschließlich darauf ausgehe, ihre
+Güter und Schätze zurück zu erlangen. Die Lügen und Gewaltthaten der
+Pfaffen haben die Stimmung aufs Aeußerste gereizt. Wenn sich ein paar
+versöhnliche Stimmen vernehmen lassen, wie die des Dichters André
+Chénier, welcher äußerte, daß die Priester den Staat nicht störten,
+wenn dieser sich nicht mit ihnen beschäftige, oder wie diejenige
+Talleyrand's, welcher sagte, da keine Religion ein Gesetz sei, dürfe
+auch keine Religion ein Verbrechen sein, so ist es doch jetzt die
+Voltaire'sche Entrüstung, welche für eine lange Zeit allein das Wort
+hat.</p>
+
+<p>Diese Zeit ist die Periode der Girondisten, und der Girondismus ist
+der historische Ausdruck für Voltaire's Geist. Der Girondist ist
+Individualist bis zum Aeußersten, liberal im modernen Sinne dieses
+Wortes, nämlich in sofern, als er das von der Gesellschaft abgesonderte
+Individuum und dessen Vernunft zum einzigen Richter über seine
+Umgebungen und<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> sich selber macht. Die individuelle Vernunft fühlt sich
+nicht veranlaßt, der Gesellschaftsreligion und ihren Vertretern irgend
+eine Rücksicht zu erweisen.</p>
+
+<p>Der berühmte Führer der Girondisten, Vergniaud, redigirt eine
+Proklamation, worin es heißt: »Aufrührerische Priester bereiten
+eine Erhebung wider die Verfassung vor, diese frechen Trabanten des
+Despotismus rufen alle Throne um Gold und Soldaten an, um das Scepter
+Frankreichs zurück zu erobern«. Als Minister des Innern sagt Roland:
+»Aufrührerische und heuchlerische Priester, welche ihre Pläne und
+Leidenschaften mit dem heiligen Schleier der Religion bedecken, tragen
+keinen Anstand, den Fanatismus aufzustacheln und ihre irregeleiteten
+Mitbürger mit dem Schwerte der Intoleranz zu bewaffnen«. Ja, bei dem
+Antrag, die Priester des Landes zu verweisen, spricht Vergniaud, halb
+im Scherz, halb im Ernst, als könnte man doch schicklicher Weise dem
+Auslande nicht ein so arges Unheil zufügen, ihm dies Geschenk auf
+den Hals zu schicken. »Im Allgemeinen«, sagt er, »giebt es nichts
+Unmoralischeres, als einem Nachbarvolke die Verbrecher aufzubürden,
+von welchen ein Gemeinwesen sich selbst befreien will«. Er tröstet
+sich indessen damit, daß sie in Italien als wahre Heilige empfangen
+werden würden, und »daß der Papst in dem Geschenk so vieler lebendigen
+Heiligen, die wir ihm senden, einen bescheidenen Versuch sehen wird,
+ihm unsere Erkenntlichkeit für all' die Arme, die Beine und die
+Reliquien todter Heiligen auszudrücken, mit welchen er Jahrhunderte
+hindurch unsere fromme Leichtgläubigkeit so reich bedacht hat«.</p>
+
+<p>Ja, fügt der Girondist Isnard, der spätere Präsident des Konvents,
+hinzu: »Laßt uns diese Pestkranken in die Lazarethe Rom's und Italiens
+senden«. Er entwickelt, wenn ein Priester verderbt sei, sei er es
+niemals halb; das Verbrechen verzeihen, sei Dasselbe, wie daran Theil
+nehmen; dem gegenwärtigen Zustand der Dinge müsse ein Ende gemacht
+werden, und es seien die Feinde der Revolution selbst, welche dieselbe
+zwängen, sie zu zermalmen. Er ruft zum ersten Mal das fürchterliche
+Wort, welches später ein so vielfältiges Echo fand: »Es bedarf keiner
+Beweise«. Es bedarf keiner Beweise,<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> d. h. der Priester muß aus
+Frankreich verjagt werden, sobald über ihn geklagt wird.</p>
+
+<p>Und da jetzt die Befürchtung laut wird, durch diese Maßregeln den
+Bürgerkrieg herauf zu beschwören, hält der bekannte Girondist Guadet,
+ein Schüler Holbach's, eine beruhigende Rede, worin er u. A. sagt:
+»Jedermann weiß, daß der Priester eben so feig wie habgierig ist, daß
+er keine Waffe als die des Aberglaubens kennt, und daß er, nur an
+theologische Klopffechtereien gewöhnt, auf einem Schlachtfelde für
+Nichts zu rechnen ist«. Es zeigte sich bald, wie vollständig der gute
+Mann und seine Gesinnungsgenossen in diesem Punkte sich irrten, und mit
+welcher Leidenschaft die Priester bei dem nachfolgenden Bürgerkriege
+an der Spitze marschirten. — Bald kommt es so weit, daß die Redner
+sich förmlich entschuldigen, wenn sie genöthigt sind, die Versammlung
+von diesen Gegenständen zu unterhalten. In einer Rede von François
+de Nantes, in welcher er, wohl gemerkt, als Wortführer eines Komités
+auftritt, heißt es: »Wir können uns über die Nothwendigkeit, in der wir
+uns befinden, Sie von dem Priesterkultus zu unterhalten, nur durch die
+Hoffnung trösten, daß die Maßregeln, welche Sie ergreifen werden, Sie
+bald in den Stand setzen werden, nie wieder davon reden zu hören«. Die
+ganze Rede ist ein Gewebe von Derbheiten, die ich übergehe. Hoch und
+Niedrig theilt diese Stimmung. Einer der Minister Ludwig's <span class="antiqua">XVI.</span>,
+der grobe und gewaltthätige, leidenschaftlich revolutionäre Cahier
+de Gerville, sagte eines Tages, als er aus dem Staatsrathe kam, zu
+seinem Collegen Molleville, der uns in seinen Memoiren das Wort
+aufbewahrt hat: »Ich wollte, ich hätte das verwünschte Ungeziefer von
+Priestern aller Länder zwischen meinen Fingern, um sie alle auf einmal
+zu zermalmen«. Mit stiller Würde jedoch kam der Revolutionsgeist zu
+Worte in einem Sendschreiben, das die Republik an den Papst sandte,
+und dessen Abfassung man einer Frau übertragen hatte. Dasselbe ist an
+den »Fürst-Bischof von Rom« adressirt. Im Namen der Republik schreibt
+Madame Roland an den Papst: »Du oberster Priester der römischen Kirche,
+Du Fürst eines Staates, welcher Deinen Händen entschlüpft, wisse,
+daß Du Staat und Kirche nur durch<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> ein uneigennütziges Bekenntnis
+jener evangelischen Grundsätze bewahren kannst, welche die reinste
+Demokratie, die zärtlichste Menschenliebe und die vollkommenste
+Gleichheit athmen, und mit welchen die Statthalter Christi sich nur
+zu schmücken gewußt haben, um eine Herrschermacht zu vermehren, die
+jetzt vor Alter zusammen bricht. Die Jahrhunderte der Unwissenheit sind
+dahin«.</p>
+
+<p>Worte gleich diesen nehmen sich wie Perlen zwischen Bleikugeln aus,
+wenn man sie neben das Uebrige hält, was geschrieben und gesagt wurde.
+Die Zeit der ruhigen Ueberzeugung ist um, die Zeit der entfesselten
+Leidenschaften hat begonnen. Und die Leidenschaften folgen der Spur
+der Ueberzeugungen. Der Haß gegen den Katholicismus erreicht seinen
+Höhepunkt. Dieser Haß flammt wie eine einzige Lohe über Frankreich. Es
+ist die goldene Zeit der Klubs.</p>
+
+<p>Die Cordeliers hatten ihren Klub in einer Klosterkirche. Chateaubriand
+hat denselben als Augenzeuge in seinen Memoiren beschrieben. Alle
+Gemälde, alles Schnitzwerk, Tapeten und Bilder waren herabgerissen, nur
+das bloße Skelett der Kirche blieb zurück. Im Chor der Kirche, wo Regen
+und Wind durch die zerschlagenen Scheiben der Rose hereindrangen, war
+der Sitz des Präsidenten. Seinen Tisch bildeten ein paar Hobelbänke,
+die neben einander gestellt waren. Auf ihnen lag eine Anzahl rother
+Mützen, und Jeder, der sprechen wollte, setzte erst eine rothe Mütze
+auf. Hinter dem Präsidenten stand eine Statue der Freiheit mit
+zerbrochenen Foltergeräthschaften in der Hand. Zimmerholz, zertrümmerte
+Bänke und Kirchenstühle, Fragmente zerschlagener Heiligen bildeten
+Sitze und Schemel für den großen Haufen bestaubter und wild aussehender
+Zuschauer in durchlöcherten Carmagnolen (so nannte man ihre Jacken)
+und mit Hellebarden auf den Schultern, oder die nackten Arme über der
+Brust gekreuzt. Die Redner sprachen sich derb und unverblümt aus,
+jedes Ding wurde bei seinem rechten Namen genannt, ein cynisches
+Wort und ein cynischer Gestus erweckten Beifall. Gegner unterbrachen
+sie; zuweilen wurden sie auch von den kleinen, dunklen, kreischenden
+Eulen unterbrochen, welche unter dem Klosterdache gewohnt hatten, und
+jetzt durch die zertrümmerten Fensterscheiben<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> aus und ein flogen, in
+der Hoffnung, irgendwo Futter zu finden. Die Glocke des Präsidenten
+vermochte sie nicht zum Schweigen zu bringen, bisweilen schoß man nach
+ihnen, und sie fielen blutend und zappelnd auf die Versammlung herab.
+Hier sprachen Danton, Marat und Camille Desmoulins, der liebenswürdige
+und witzige Camille, welcher für so gemäßigt galt, daß er sich gegen
+die Anklage der Scheinheiligkeit vertheidigen mußte, und welcher
+noch vor dem Revolutionstribunal den Sansculotten Jesus im Munde
+führte. Er hatte seine Privatgründe, die Priester zu hassen. Als er
+im Dezember 1790 sich mit seiner geliebten Lucile — unzweifelhaft
+eine der schönsten und reinsten Frauengestalten der Revolution —
+verheirathen wollte, und als seiner Vereinigung mit ihr nur noch die
+priesterliche Bestätigung fehlte, war kein Priester zu finden, der
+ihn trauen wollte, weil er in einem Zeitungsartikel gesagt hatte,
+Mahomed's Religion sei gerade so einleuchtend wie Jesu Religion. Er
+mußte daher seinen Ausspruch widerrufen und zur Beichte gehen, um sich
+verheirathen zu können. Aber jetzt nahm er seine Revanche. In seinem
+Blatte »<span class="antiqua">Le vieux Cordelier</span>« schrieb er: »Man hat das Kapitel von
+den Priestern und von allen Religionen geschlossen, wenn man gesagt
+hat, daß sie einander darin gleichen, daß sie alle gleich lächerlich
+sind, und wenn man angeführt hat, daß die Tataren die Exkremente des
+großen Lamas als die größten Leckerbissen verspeisen. Es giebt keine so
+jämmerliche Zwiebel, daß sie nicht als Jupiters Gleichen verehrt worden
+wäre. Die Mongolen beten eine Kuh an, welche der Gegenstand eben so
+vieler Kniefälle ist, wie der Gott Apis ... Wir haben kein Recht, uns
+über all' diese Dummheiten zu ärgern, wir, die wir so lange in unserer
+Einfalt uns haben bethören lassen, zu glauben, <span class="antiqua">que l'on gobait un
+dieu comme on avale un huître</span>«. Bei den Cordeliers ging Loustalot's
+einflußreiche Zeitung »<span class="antiqua">Les révolutions de Paris</span>« von Hand zu
+Hand. Zur Fastnachtszeit 1792 stand in Veranlassung der Marktpossen
+in derselben zu lesen: »Zu der Zeit, als es eine herrschende Religion
+in Frankreich gab, duldeten die gekrönten Gaukler keine Konkurrenz
+in der stillen Woche. Es war damals nur ihnen erlaubt, Vorstellungen
+zu geben.<span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span> Jetzt ist die Konkurrenz frei. Wenn der Taschenspieler
+indeß sein Brettergerüste besteigt, ist er mit einem possierlichen
+Kopfputz und einer Mantille bekleidet, die ihn der Volksmenge um ihn
+her bemerkbar macht; aber wenn die Vorstellung aus ist, legt er sein
+Kostüm ab. Der Priester dagegen setzt seine Rolle außerhalb der Scene
+fort und behält die Maske zum täglichen Gebrauch ... Wann werden
+sie erröthen, die Harlekine des Menschengeschlechts zu sein?« Von
+jetzt an wird die stehende revolutionäre Bezeichnung der Priester
+Theophagen (Gottesfresser). Kurz darauf bringt dasselbe Blatt einen
+Artikel, worin dieselbe Maßregel gegen die Priester vorgeschlagen wird,
+welche Johanna von Neapel für berüchtigte Frauenzimmer einführte:
+»Man muß sie in ein Haus einschließen, wo sie Denen, welche sie
+besuchen, so viel vorpredigen und beten können, wie sie Lust haben;
+aber es muß ihnen verboten werden, auszugehen, damit sie nicht die
+Bevölkerung verpesten«. Dies wurde im April gedruckt. Im März hatte
+die gesetzgebende Versammlung, in der übrigens menschenfreundlichen
+Absicht, den zum Tode Verurtheilten jegliche Art physischer Tortur zu
+ersparen, eine gewisse Maschine zur Vollstreckung der Todesurtheile
+adoptirt, welche zuerst an Leichen versucht, bald aber bei den Lebenden
+zur Anwendung gebracht wurde. Sie wurde Guillotine genannt, und man
+spürt etwas von ihrem scharfen Beil in dem zuletzt angeführten Artikel.
+Voltaire's Wein ist hier zu Gift und Galle geworden.</p>
+
+<p>Dem Klub der Cordeliers stand der Jakobinerklub von einem sehr
+verschiedenartigen Charakter entgegen. Seine Geistesrichtung war
+schwerfällig, ernst und pedantisch. Er stellte sich unter Rousseau's,
+wie der Klub der Cordeliers unter Voltaire's Auspicien. Er war
+organisatorisch und formalistisch, deshalb fühlten unabhängige Naturen,
+wie Camille Desmoulins, oder unbesonnene Naturen, wie Danton, sich in
+demselben nicht heimisch. Das erste Programm der Jakobiner war völlig
+rousseauisch: Liebe zur Gleichheit, Haß gegen die konventionellen
+Ungleichheiten der Vergangenheit; dazu kamen kalter und berechneter
+revolutionärer Fanatismus, Herrschgier, und hinter dem Allen Liebe zur
+Regel, d. h. zur Ordnung der Gesellschaft nach Rousseau's Principien.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span></p>
+
+<p>Für Den, welcher die geschichtlichen Phänomene literarisch betrachtet,
+ist in der Geschichte der Revolution nichts auffälliger, als die
+Klarheit, mit welcher alle handelnden und auftretenden Personen
+ihre Aeußerungen oder Handlungen auf die Literatur des achtzehnten
+Jahrhunderts zurückführen. Man sollte meinen, daß sie keine andere
+Ehre erstrebten, als die, fertige Theorien in Praxis umzuwandeln.
+An Mirabeau's Grabe wurde zu seinem Ruhme gesagt, daß er über die
+Philosophen den Ausspruch gethan: »Sie haben das Licht erschaffen,
+ich will die Bewegung schaffen«, und es giebt kaum eine Stelle im
+»<span class="antiqua">Contrat social</span>«, die nicht während der Revolution entweder
+in ein Gesetz, oder in eine öffentliche Erklärung, oder in einen
+Zeitungsartikel, oder in eine Nationalversammlungsrede, oder endlich in
+die Verfassung der Republik übergegangen wäre.</p>
+
+<p>Die wichtigsten Definitionen dieses Rousseau'schen Werkes (die Macht
+als vom Volke ausgehend, das Gesetz als Produkt des allgemeinen
+Willens) kommen wörtlich in der Erklärung der Menschenrechte vor.
+Sobald bei den Jakobinern der Associationsgedanke auftaucht, führen
+sie ihn augenblicklich auf Rousseau zurück, und gebrauchen alle
+seine Stichwörter. In einem Artikel in »<span class="antiqua">La bouche de fer</span>«
+schreibt der Abt Fauchet: »Erhabener Rousseau! gefühlvoller und
+wahrheitsliebender Geist! Du bist einer der Ersten, der die ewige
+Ordnung der Gerechtigkeit verstanden hat. Ja, jeder Mensch hat Recht
+an die Erde und muß zu eigen haben, was er zu seiner Existenz bedarf.
+In dem associativen Vertrag, welcher den souveränen Dekreten der
+Natur und der Billigkeit gemäß ein Volk erschafft, giebt der Mensch
+sich ganz seinem Vaterlande hin und empfängt sich ganz aus der Hand
+desselben«. Und mit fast ganz derselben Wendung drückt Saint-Just
+sich so in seiner Rede für den Tod Ludwig's <span class="antiqua">XVI.</span> aus: »Der
+Gesellschaftsvertrag ist ein Vertrag zwischen den Bürgern und nicht ein
+Vertrag mit der Regierung. Man hat keine Verpflichtungen hinsichtlich
+eines Vertrages, den man nicht geschlossen hat«. Allein Robespierre ist
+Derjenige, welcher als Chef der Jakobiner überall der Rousseau'schen
+Geistesrichtung ihren typischen Ausdruck giebt. Sein erster
+öffentlicher Schritt war<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> die Beantwortung der Preisfrage, welche die
+Akademie von Metz gestellt hatte: »Ueber das Vorurtheil, welches die
+Familie der gesetzlich Verurtheilten an deren Schande theilhaftig
+macht«; er hatte den Preis gewonnen, und nicht zufrieden damit, die
+Zufälle der Todesstrafe bekämpft zu haben, hatte er bei Gelegenheit der
+Einführung der Guillotine sich auf's Heftigste gegen die Todesstrafe
+selbst erklärt. Wie man sieht, konnte Niemand in der Theorie dem Gefühl
+mehr Spielraum geben, als er. Er war der erste Feind des Rationalismus
+der Girondisten, und deshalb sehen wir ihn zu dem Zeitpunkte, als Diese
+in der Voltaire'schen Richtung am weitesten gingen, eine Adresse an die
+Jakobiner einreichen, in welcher er erklärt, daß die Revolution unter
+Gottes Leitung stehe, ja in Wirklichkeit eine That der Vorsehung sei.
+Er empfindet den Drang, seinem revolutionären Pathos einen Ausdruck
+zu geben, welcher denselben zu der sogenannten natürlichen Religion
+hinführt. Rousseau hatte in dem »Glaubensbekenntnis eines savoyischen
+Priesters« gesagt: möge nun die Materie ewig oder erschaffen sein,
+möge ein passives Princip existiren oder nicht, so viel sei doch
+gewiß, daß Alles Eins sei und eine einzige Intelligenz verkünde, und
+er hatte hinzugefügt: »Dies Wesen, welches will und welches kann,
+welches selbstthätig das Universum bewegt und alle Dinge ordnet,
+nenne ich Gott«. Robespierre schreibt 1792: »Ich verabscheue so sehr
+wie Jemand all' die gottlosen Sekten, welche Ehrgeiz, Fanatismus
+und alle Leidenschaften mit dem Namen des Ewigen bedecken, der die
+Natur und die Menschheit erschuf. Aber ich bin weit entfernt davon,
+ihn mit jenen Schwachköpfen zu vermengen, welche der Despotismus als
+Werkzeuge gebraucht hat. Die Vorsehung anzurufen und die Idee von
+einem ewigen Wesen auszusprechen, das wesentlich auf die Geschicke der
+Nationen einwirkt, und das mir auf eine ganz besondere Weise über die
+französische Revolution zu wachen scheint, ist kein zufälliger Einfall
+von mir, sondern der Drang meines Herzens, die Aeußerung eines Gefühls,
+das mir nothwendig ist, und das in der Versammlung, wo ich jeglicher
+Art von Leidenschaften und schändlichen Intriguen preisgegeben und von
+so zahlreichen Feinden umringt bin, mich jederzeit<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span> aufrecht erhalten
+hat. Wie hätte ich, allein mit meiner Seele, in Kämpfen bestehen
+können, die mehr als menschliche Kraft erfordern, wenn ich nicht meine
+Seele zu Gott erhoben hätte!« Worte wie diese lassen keinen Zweifel
+daran, daß seine Religiosität aufrichtig war, und beständig beruft er
+sich auf denselben Mann als seinen Lehrer. Als er in der Versammlung
+von seinen Feinden zum Selbst-Ostracismus aufgefordert wurde, streckte
+er seine Arme gegen Rousseau's Büste aus, welche den Saal schmückte.
+»Wohin sollte ich mich begeben!« rief er aus. »Bei welchem Volke fände
+ich die Freiheit errichtet, und welcher Despot gäbe mir ein Asyl! Der
+Himmel hat es mir vielleicht zugedacht, daß ich mit meinem Blute die
+Bahn bezeichnen soll, welche mein Land zum Glücke führt. Ich werde es
+dann mit Schwärmerei thun«.</p>
+
+<p>Es war nicht diese schwärmerische Stimmung, sondern die Voltaire'sche
+Entrüstung, welche um die Mitte des Jahres 1792 in der gesetzgebenden
+Versammlung und in Frankreich die herrschende ward. Am 19. August
+1792 wurde das Dekret erlassen, welches über jeden Geistlichen,
+der den Eid nicht geleistet, die Deportation verhängte. Jeden Tag
+fanden Verhaftungen solcher Geistlichen statt, und dann folgten die
+Septembermetzeleien. Sie betrafen zuerst und vor Allem die gefangenen
+Priester und hatten in letzter Instanz den erbitterten Haß gegen den
+Katholicismus zum Grunde. Der Abt Barruel schreibt: »Diese Büttel
+gehörten nicht alle zur Hefe des Volkes. Den Priestern, welche
+man ermordete, rief ein Mann zu: &gt;Spitzbuben, Mörder, Ungeheuer,
+schändliche Heuchler! Der Tag der Rache ist endlich gekommen. Ihr
+sollt nicht mehr das Volk mit Euren Messen und Euren Oblätlein auf
+den Altären betrügen.&lt;« Bewundernswerth sind indessen der Muth und
+die Standhaftigkeit, welche die meisten dieser Priester bewiesen.
+Im Karmelitergefängniß zogen 172 Priester es unbedenklich vor, sich
+erschießen zu lassen, statt den Eid auf die Verfassung abzulegen.
+Rührend ist es, die Schilderung von der Resignation der Priester zu
+lesen, welche in der Abtei eingesperrt waren: »Wir sandten von Zeit
+zu Zeit einige unserer Kameraden an das Thurmfenster, um zu erfahren,
+welche Stellung die Unglücklichen, die man im Hofe niedermetzelte,<span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>
+einnähmen, um nach ihrem Bericht zu berechnen, welche wir selbst
+am besten einnehmen würden. Sie theilten uns mit, daß Die, welche
+die Hände ausstreckten, am längsten litten, weil die Säbelhiebe
+geschwächt würden, ehe sie das Haupt erreichten.« (<span class="antiqua">Jourgniac de
+Saint-Méard</span>). — Im Ganzen wurden 1480 Menschen ermordet. Die Zahl
+ist sicherlich groß; allein andererseits ist es nicht ohne Interesse,
+zu bemerken, daß die Anzahl aller Menschen, welche von Anfang der
+Revolution bis zu ihrem Ende hingerichtet wurden, nach Michelet's
+Berechnung nicht den vierzigsten Theil von der Zahl Derjenigen
+ausmacht, welche allein in der Schlacht bei Moskau fielen.</p>
+
+<p>Der Haß, welcher sich so fanatisch in den Septembertagen äußerte, hatte
+sich nicht gelegt, als der Konvent zusammentrat. Sehen wir, was ein
+Konventsmitglied schreibt, liest und spricht hinsichtlich der Frage
+von den Priestern und der Religion. Das Konventsmitglied Lequinio
+schenkt seinen Kollegen ein Buch, das er verfaßt und dem Papste
+gewidmet hat. Der Titel desselben ist »<span class="antiqua">Les préjuges détruits</span>«.
+Darin heißt es: »Die Religion ist eine politische Fessel, erfunden um
+die Menschen zu lenken, und hat nur dazu gedient, die Genüsse einiger
+Individuen dadurch zu sichern, daß sie alle andern im Zaume hielt.«
+Die Ausfälle gegen die Priester überbieten hier an Gewaltsamkeit
+und Unziemlichkeit Alles, was früher gehört worden war. Unter den
+schwächsten Dingen, die von ihnen gesagt werden, ist der zu jener
+Zeit in unzähligen Formen variirte Ausspruch: »Wenn sie ehrlich sind,
+sind sie Schwachköpfe und Tollhäusler; meistens sind sie freche
+Betrüger, wahre Mörder des Menschengeschlechts«. Das ist die Literatur
+der damaligen Zeit. Und man darf Lequinio nicht für eine Ausnahme
+halten, wenn er auch seinen Krieg gegen die Vorurtheile zuletzt so
+weit trieb, daß er den Scharfrichter zu einem Familienessen bei sich
+einlud, um die Vorurtheile wider den Henker zu überwinden. Denn was
+steht in der Zeitung, welche das Konventsmitglied Morgens liest,
+ehe es sich in die Versammlung verfügt? In »<span class="antiqua">Les Revolutions de
+Paris</span>« im December 1792 heißt es bei Gelegenheit des Umstandes,
+daß die Mitternachtsmesse in Paris<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> celebrirt worden ist: »Wenn man am
+helllichten Tage auf unsern öffentlichen Plätzen tanzende Marionetten
+oder Taschenspielerkünste der verschiedensten Art vorzeigt, so ist
+nicht sonderlich viel Böses dabei; es muß ja erlaubt sein, Kinder
+und Ammen zu amüsiren. Aber sich zur Nachtzeit in finsteren Kammern
+zu versammeln, um zur Ehre eines Bastards und einer treulosen Gattin
+Hymnen zu singen, Wachskerzen anzuzünden und Weihrauch zu verbrennen,
+Das ist ein Skandal, ein Attentat auf die öffentliche Sittlichkeit,
+welches die Aufmerksamkeit der Polizei und ein strenges Einschreiten
+verdient.«<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> Die vorhin angeführten Aussprüche glühten zwar von
+Erbitterung, Haß und Hohn, aber sie waren noch nicht roh. Sie waren
+Racheschreie, ausgestoßen von der so lange gefesselten und gemarterten
+menschlichen Vernunft. In Worten wie diesen aber kreischt die Rohheit.
+Und noch eine Veränderung ist eingetreten. Der früher Unterdrückte
+verräth große Lust, jetzt seinerseits als Unterdrücker aufzutreten.
+Die That folgte hier dem Vorsatz auf dem Fuße. »Man ergab sich,« sagt
+Mercier in »<span class="antiqua">Le nouveau Paris</span>«, »der Zertrümmerung des alten
+Kultus nicht mit der Wuth des Fanatismus, sondern mit einem Spotte,
+einer Ironie, einer saturnalischen Lustigkeit, welche den Beobachter
+in Erstaunen setzen mußte.« Es ward in allen Kirchen förmlich Razzia
+gehalten. Eine Deputation theilte dem Konvente mit, daß sie der
+»braunen Maria« (ein wunderthätiges Bild) gestattet habe, nach all' der
+Mühe, die sie gehabt, achtzehnhundert Jahre lang die Welt zum Besten zu
+halten, sich endlich zur Ruhe zu begeben. Die Altäre wurden zu Gunsten
+des Nationalschatzes der Republik geplündert. Hier ist das Bruchstück
+eines Rapports: »Im Nièvre-Departement findet man keine Priester mehr.
+Man hat die Altäre von den Goldhaufen befreit, welche die priesterliche
+Eitelkeit nährten. Dreißig Millionen werthvoller Effekten werden nach
+Paris geführt werden. Schon sind zwei, mit<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span> Kreuzen, mit goldenen
+Bischofsstäben und mit zwei Millionen gemünzten Goldes beladene Wagen
+vor der Münze angelangt. Drei Mal so viel folgt noch der ersten
+Sendung«.</p>
+
+<p>Zuweilen hielten die Wagen vor der Thür des Konvents an, und Säcke und
+Beutel voll Gold und Silber wurden im Verhandlungssaale aufgestellt. In
+einem andern Rapporte heißt es ironisch: »Man hat mich angeklagt, mich
+mit der Religion brouillirt zu haben. Ich habe doch hübsch angefragt,
+ehe ich handelte, und drei- bis vierhundert Heilige baten um Erlaubnis,
+in die Münze wandern zu dürfen.« Bei dieser Gelegenheit fielen Worte
+wie folgende: »Ihr, die Ihr früher Werkzeuge des Fanatismus wart, Ihr
+Heiligen beiderlei Geschlechts, Ihr Seligen aller Arten, zeigt Euch
+endlich als Patrioten, kommt dem Vaterlande zu Hilfe, und marsch mit
+Euch in die Münze!«</p>
+
+<p>In einem dritten Rapport wünschen die Kommissäre sich Glück zu dem
+Resultate »ihres philosophischen Apostolats« im Departement Gers.
+»Das Volk war reif, und der letzte Tag der dritten Dekade wurde
+dazu bestimmt, die Abschaffung des Fanatismus zu feiern. Die ganze
+Bevölkerung war auf einem ländlichen Platze zu einem brüderlichen
+Schmause versammelt. Nach einer spartanischen Mahlzeit eilte man in
+der Stadt umher, riß alle Symbole des Fanatismus herab und trat sie
+unter die Füße. Dann ließ man einen Mistwagen heranfahren mit zwei
+wunderthätigen Jungfrauen, mit Kreuzen und Heiligen, welche unlängst
+den Weihrauch des Aberglaubens empfangen hatten. Dies lächerliche
+Gerümpel ward auf einen Scheiterhaufen geworfen, der mit Adelsbriefen
+bedeckt war, und das Feuer ward unter dem Jubel einer unzähligen
+Volksmenge angezündet. Die Carmagnole erscholl die ganze Nacht
+um diesen philosophischen Scheiterhaufen, der so viele Irrthümer
+verzehrte«.</p>
+
+<p>In einem vierten Rapporte heißt es: »Vierundsechzig unbeeidigte
+Priester lebten in einem Hause zusammen, welches dem Volke gehört.
+Ich ließ sie durch die Stadt ins Gefängniß spazieren. Diese Ungeheuer
+von neuer Art, welche man noch nicht den Blicken der Bevölkerung
+ausgesetzt hatte, thaten eine vortreffliche Wirkung. Die Rufe »Es lebe
+die Republik!«<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> erschollen rings um diese Heerde Vieh (<span class="antiqua">ce troupeau
+de bêtes</span>). Haben Sie die Güte, mich zu benachrichtigen, was ich
+mit diesen fünf Dutzend Bestien anfangen soll, die ich dem allgemeinen
+Gelächter zur Schau gestellt habe. Ich ließ sie von Schauspielern
+eskortiren.«</p>
+
+<p>Die Verhandlungen Betreffs des Gesetzes über Religionsfreiheit,
+welches am 3. Ventôse des Jahres <span class="antiqua">III.</span> erschien, waren alle in
+demselben Tone gehalten. Wie sehr auch die Mitglieder des Konvents in
+Betreff anderer Fragen differirten, über den Katholicismus waren sie
+ausnahmsweise einig. Wie groß auch die Kluft zwischen der Stimmung
+während und nach der Schreckensregierung war, hinsichtlich des
+Katholicismus existirt kein Unterschied in der Stimmung. Als kraft
+des Gesetzes einige Kirchen wieder geöffnet worden waren, theilte das
+Wochenblatt »Die philosophische Dekade« dies unter der Ueberschrift
+»Schauspiele« in folgenden Ausdrücken mit: »Am 18. und 25. dieses
+Monats wurde an mehreren Orten in Paris eine Komödie aufgeführt,
+deren Hauptperson, mit einer grotesken Tracht ausstaffirt, allerlei
+Extravaganzen vor den Zuschauern vollführt, welche nicht darüber
+lachen. Da wir von den Stücken, welche auf dem Theater wieder
+einstudirt werden, nicht zu reden pflegen, wenn sie nichts Nützliches
+oder Interessantes darbieten, wollen wir auch über dieses schweigen«.</p>
+
+<p>Mirabeau hatte gesagt, es gelte Frankreich zu »dekatholisiren«. Man
+sieht, diese Arbeit nahm ihren Fortgang. Von den Kommünen lief ein
+Gesuch nach dem andern ein, von ihren Namen befreit zu werden, welche
+durchgehends diejenigen des einen oder andern Heiligen waren, und
+einen selbstgewählten annehmen zu dürfen. So wurde Saint-Denis, dessen
+kopfloser Heiliger niemals existirt hat, Franciade genannt. Ringsum
+in den Provinzen folgte man dem Beispiele von Paris. Nichts was an
+das Königthum von Gottes Gnaden erinnern konnte, wurde verschont.
+Ein ehrwürdiger, weißbärtiger Elsässer, Namens Ruhl, Mitglied des
+Wohlfahrtsausschusses, hatte sich im Jahre 1793 in den Besitz des
+wunderthätigen heiligen Fläschchens mit dem himmlischen Salböl gesetzt,
+daß eine Taube bei der Krönung Chlodwig's vom<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> Himmel herniedergebracht
+hatte, und verfügte sich mit demselben im Triumphe, von einer großen
+Schaar Menschen gefolgt, zum Königsplatze in Reims, wo die Obrigkeit
+und die Beamten sich schon um die Statue Ludwig's <span class="antiqua">XV.</span> versammelt
+hatten. Dort hielt er eine Rede wider Tyrannei und Tyrannen und
+endigte damit, daß er das heilige Fläschchen <span class="antiqua">Louis le bien-aimé</span>
+so heftig an den Kopf warf, daß es in hundert Stücke zersprang und
+das heilige Oel nochmals von den Wangen des Gesalbten des Herrn
+heruntertroff.</p>
+
+<p>Züge wie diese, Worte wie die angeführten zeigen hinlänglich und
+mit der Anschaulichkeit, welche <span class="antiqua">ipsissima verba</span> haben, wie
+vollständig es der Revolution in diesem Stadium gelungen war, das
+Autoritätsprincip zu zermalmen. Es ist nicht ohne tiefe Bedeutung,
+daß die Adelsbriefe auf demselben Scheiterhaufen wie die Heiligen
+der Kirche verbrannt wurden, oder daß der Unglaube an das heilige
+Fläschchen die Verhöhnung der Königsmacht nach sich zieht. Von dem
+Augenblick an, wo die religiöse Autorität gestürzt ist, ist die
+Zauberkraft des Autoritätsprincips in allen Sphären gebrochen.</p>
+
+<p>Es ist zertrümmert; aber wodurch wird man es ersetzen? Welches Princip
+soll es ablösen? Wird Voltaire oder Rousseau, das Princip der Freiheit
+oder der Brüderlichkeit siegen? Jedes für sich umfaßt das Princip
+der Gleichheit, nur in verschiedenem Verstande. Als der Mystiker
+Saint-Martin kurz vor der Revolution seine geheimnisvolle Lehre von
+der heiligen Dreieinigkeit (<span class="antiqua">Ternaire</span>) aufstellte: Freiheit,
+Gleichheit und Brüderlichkeit, die immer existirt hätten und ewig
+existiren würden, ahnte er nicht, daß sich zwischen diesen Principien
+eine Spaltung und ein Kampf entwickeln könne. Voltaire sagt irgendwo:
+»Man hat ganz recht gethan, die Dreieinigkeit Einen Gott bilden zu
+lassen, denn wären es drei, so würden sie sich mit einander raufen«.
+Saint-Martin's <span class="antiqua">Ternaire</span> entlud 1793 die Gegensätze, welche er in
+seinem Schooße barg.</p>
+
+<p>Im Aprilmonat 1793 erschien die neue Erklärung der Menschenrechte,
+welche Robespierre verfaßt und bei den Jakobinern als ihr Programm zur
+Anerkennung gebracht hatte, und in demselben Monat erschien mitten
+unter dem heftigen<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> Streite zwischen Robespierre und Vergniaud das
+Projekt des entgegengesetzten Lagers zu einer Verfassung, welches
+von Condorcet, Barrère, Thomas Payne, Pétion, Barbaroux, Sièyes und
+mehreren Andern verfaßt, und von Condorcet redigirt war.</p>
+
+<p>Legt man diese beiden Entwürfe neben einander, so hat man im Keime
+die beiden Doktrinen, denen in Zukunft der Kampf um die Herrschaft
+vorbehalten war: — der Liberalismus und der Socialismus, jener von
+Voltaire, dieser von Rousseau stammend. Da die beiden Programme Punkt
+für Punkt dieselben Gegenstände definiren, fällt der Gegensatz mit
+einer Klarheit, wie nirgendwo sonst, in die Augen.</p>
+
+<p>Um Mißverständnissen zu entgehen, muß gleich bemerkt werden, daß
+von eigentlichem Socialismus während der Revolution nicht die Rede
+ist. Ihre That war, das Kapital von ungerechten Lasten und Bürden zu
+befreien, nicht die Last des Kapitals zu begrenzen. Dies zeigt sich am
+schärfsten in der Thatsache, daß das erste Zeugnis, durch welches nach
+Eroberung der Bastille die siegreiche Bourgeoisie ihre neue Herrschaft
+bezeichnete, der Erlaß einer Verordnung ist, wonach die Buchdrucker die
+Verantwortung für jede Broschüre und jedes Flugblatt tragen sollen,
+die von Schriftstellern »<span class="antiqua">sans existence connue</span>«, ohne notorisch
+bekannte Subsistenzmittel, veröffentlicht werden. Diese Verordnung
+wird am 24. Juli 1789, also genau zehn Tage nach Erstürmung der
+Bastille, erlassen; man sieht also, daß die Bourgeoisie dafür sorgte,
+die Leiter hinter sich hinauf zu ziehen, sobald sie oben war. Nachdem
+sie sich selbst ihren Platz mit Hilfe der Feder erobert hat, ist
+ihre erste That, dem Proletariat die Feder aus der Hand zu schlagen.
+(Vergl. Lassalle's »Arbeiterprogramm«.) Allein während der Entwurf der
+Girondisten zuerst und vor Allem das individuelle Recht zu schützen
+sucht: das Gewissen, die freien Gedanken, (<span class="antiqua">les franchises de la
+pensée</span>, wie man damals sagte), die Unverletzlichkeit des häuslichen
+Heerdes, die Gleichheit vor dem Gesetz, das richtige Verhältnis
+zwischen Vergehen und Strafe, betonen die Jakobiner auf allen Punkten
+die Solidarität der Menschen und die Pflicht der Brüderlichkeit.
+Condorcet sagt: »Freiheit besteht in der Macht, Alles zu thun,<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span> was
+nicht den Rechten Anderer widerstreitet«. Robespierre fügt seiner
+Definition: »Die Freiheit ist die dem Menschen zukommende Macht, nach
+Gutdünken all' seine Fähigkeiten zu üben«, die Worte hinzu: »Sie hat
+<em class="gesperrt">die Gerechtigkeit zur Norm</em>, die Rechte Anderer zur Grenze,
+die Natur zum Princip und das Gesetz zum Beschützer«. Während die
+Girondisten das Eigenthumsrecht zu einem absoluten und individuellen
+Rechte machen, machen die Jakobiner es zu einem relativen und socialen,
+ohne sich jedoch im Geringsten praktisch an demselben zu vergreifen.
+Robespierre sagt sogar: »Ich will Euch erst einige Artikel vorschlagen,
+welche nothwendig sind, um Eure Theorie vom Eigenthumsrechte zu
+vervollständigen. Möge dies Wort Niemanden erschrecken! Ihr Kothseelen,
+die Ihr nur das Gold achtet, ich will Eure Schätze nicht antasten,
+wie unrein ihre Quelle auch sein möge. Ihr solltet wissen, daß das
+agrarische Gesetz, vor welchem Ihr solche Angst hegt, ein Schreckbild
+ist, das Buben aufgestellt haben, um Dummköpfe damit zu schrecken. Man
+bedurfte wahrlich nicht einer Revolution, um zu lernen, daß ein hoher
+Grad von Mißverhältnis zwischen Dem, was der Eine, und Dem, was der
+Andere besitzt, die Quelle vieler Uebel und vieler Verbrechen sei; aber
+wir sind nichts desto weniger davon überzeugt, daß Vermögensgleichheit
+nur eine Chimäre ist«. Der Gegensatz ist trotzdem deutlich genug.
+Für Condorcet ist die Gesellschaft ein System von Garantien, für
+Robespierre ein sympathetisches Band zwischen den Individuen.
+Ersterer sagt: »Es findet Unterdrückung statt, wenn ein Gesetz die
+<em class="gesperrt">Rechte</em> verletzt, welche es garantiren soll«. Der Andere sagt:
+»Es findet Unterdrückung gegen die ganze Gesellschaft statt, wenn
+ein einzelnes seiner Mitglieder unterdrückt wird«. Die Girondisten
+stellen das Nicht-Interventionsprincip auf. Die Jakobiner lehren: »Die
+Menschen aller Länder sind Brüder, und die verschiedenen Völker müssen
+einander nach all' ihrer Kraft wie Brüder desselben Staates helfen.
+Derjenige, welcher eine einzige Nation unterdrückt, erklärt sich für
+einen Feind aller. Diejenigen, welche Krieg gegen ein Volk führen,
+um den Fortschritt der Freiheit zu hemmen und die Menschenrechte zu
+vernichten, müssen von allen Völkerstämmen<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> verfolgt werden, nicht wie
+allgemeine Feinde, sondern wie Mörder und aufrührerische Briganten«.</p>
+
+<p>Der Entwurf der Girondisten ist der reine Rationalismus; man erkennt
+Voltaire wieder in dem Werk seiner Söhne. In der Erklärung des Berges
+dagegen schlägt ein Herz. Es heißt z. B. darin: »Franzose ist jeder
+Fremde, mag er auch nur ein Jahr lang in Frankreich gewohnt haben,
+falls er ein Kind adoptirt oder die Sorge für einen Greis übernimmt«.
+Selbst der Stil erinnert an Rousseau.</p>
+
+<p>Die Girondisten bekämpften jeden Despotismus, der ein menschliches
+Antlitz trug, aber sie gewährten andererseits keinen Schutz wider die
+Despotie der Verhältnisse. Sie gingen beständig nur negativ, niemals
+positiv zu Werke. Für Robespierre dagegen war es klar, daß es Nichts
+nütze, dem Gichtbrüchigen das Recht einzuräumen, geheilt zu werden,
+wenn man ihn nicht heile, und daß es ein Hohn sei, dem Lahmen feierlich
+das Recht zuzusichern, sich seiner Beine zu bedienen. Er ahnte, daß die
+freie Konkurrenz in dem Augenblick eine Lüge sei, wo die Theilnehmer an
+derselben bei Beginn des Wettrennens so gestellt seien, daß der Eine
+auf einem stattlichen Roß sitze, während der Andere barfuß einherlaufen
+müsse.</p>
+
+<p>Es ist dies selbe »Sociabilitäts-Gefühl« (wie Rousseau es bestimmte),
+was Robespierre's bedeutungsvolles Eingreifen in den Kampf zwischen der
+Revolution und der positiven Religion veranlaßt. Als die Revolution
+erst einmal mit der Axt in der Hand in die Kirchen gedrungen war,
+schien die Bewegung unwiderstehlich werden zu sollen. Man bestieg
+die gebrechlichsten Stellagen oben unter dem Kirchengewölbe, um
+Papstgesichter auszukratzen, die unter hundertjährigem Spinngewebe
+verborgen gewesen. Die Heiligen wurden aus ihren Nischen herabgestoßen,
+die Lampe des Kommissairs flackerte in den Kellern umher und warf ihr
+Licht auf die bleichen Gesichter der Todten, während die Altarsplitter
+aufgehäuft wurden »wie unförmliche Steine in einem Steinbruch«. Die
+Vorsitzenden der revolutionären Ausschüsse trugen Sammethosen, die
+aus Bischofsmänteln geschnitten, und Hemden, die aus den Meßgewändern
+der Chorknaben verfertigt waren. Merkwürdig genug, treten plötzlich
+einige wenige atheistische Schwärmer<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> auf (Anacharsis Clootz von
+deutscher Herkunft, Chaumette, Hébert) und reißen die ganze Menge
+zur Kirchenstürmerei mit fort. Merkwürdig genug, sage ich, weil man
+im Ganzen während der Revolution eben so wenig Etwas von Atheismus
+wie von Socialismus hört. Im Allgemeinen findet man bei den
+revolutionären Abgeordneten in stereotyp sich wiederholenden Wendungen
+Voltaire's und Rousseau's gemeinsame Religion: den Glauben an Gott
+und Unsterblichkeit. So auch in allen Schriften der Zeitgenossen.
+Thomas Payne's »Zeitalter der Vernunft« ist ein gutes Beispiel davon.
+Selbst ein so rücksichtslos frivoles Gedicht wie Parny's »Götterkrieg«
+predigt dieselbe Lehre. Camille Desmoulins schreibt in einem Briefe:
+»Mein lieber Manuel! Die Könige sind reif (<span class="antiqua">mûrs</span>), aber der
+gute Gott (<span class="antiqua">le bon Dieu</span>) ist es noch nicht. Beachte, daß ich
+der gute Gott, nicht Gott sage, welcher ganz verschieden von Jenem
+ist«. Dieser Standpunkt ist der Standpunkt der Zeit; ihre Aufgabe war
+nicht, den Gottesbegriff einer Kritik zu unterwerfen, sondern ihn
+von den Legenden der positiven Religionen zu befreien. Daher kommt
+es, daß das Auftreten der Atheisten in der Nationalversammlung die
+revolutionäre Bewegung über ihr eigentliches Ziel hinausführt und
+Ausschreitungen veranlaßt, welche der Revolution schaden und sie in
+den Augen der Zeitgenossen herabsetzen mußten. Um den Katholicismus
+auf recht nachdrückliche Weise zu treffen, veranlaßte Clootz einen
+Bischof, Namens Gobel, in einem Briefe an den Konvent eine Erklärung
+abzugeben, welche mit den Worten begann: »Bürger Repräsentanten! ich
+bin ein Priester, d. h. ein Charlatan. Bisher war ich ein ehrlicher
+Charlatan, ich habe nur betrogen, weil ich selber betrogen war« u. s.
+w. Dieselbe endete natürlich damit, daß er sich jetzt zur Philosophie
+bekehrt habe. Chaumette, der schwärmerische Enthusiast, welcher die
+Abschaffung der Peitschenstrafe in den Erziehungsanstalten und die
+Aufhebung der Prostitution durchgesetzt hatte, war es, welcher die
+Kommüne bewog, zu dekretiren, daß die Notre-dame-Kirche in Zukunft
+dem »Kultus der Vernunft« geheiligt sei. In der Kirche wurde ein
+Tempel errichtet mit der Inschrift: »<span class="antiqua">A la philosophie</span>«,
+dessen Eingang mit Büsten von Philosophen geschmückt war. Als er<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>
+zum ersten Mal geöffnet wurde, trat eine, die Freiheit vorstellende
+junge Schauspielerin, Mademoiselle Candeille, aus demselben hervor,
+und eine Hymne an die Freiheit von Marie-Joseph Chénier, zu welcher
+der Komponist der Republik, Gossec, die Musik geliefert hatte ward zu
+ihrer Ehre gesungen. Ein andermal wurde Mademoiselle Maillard von der
+Oper, ein schönes stattliches Weib, mit der rothen Jakobinermütze auf
+dem aufgelösten Haare und mit einem himmelblauen Mantel um die weißen
+Schultern, als Göttin der Vernunft auf einer mit Eichenguirlanden
+umkränzten Bahre, begleitet von Hornmusik, Männern mit rothen Mützen
+und zahlreichen Konventsmitgliedern, aus der ehemaligen Kathedralkirche
+in die Konventsversammlung getragen, wo der Präsident ihr einen Kuß auf
+die Stirn drückte. Allein diese, an und für sich harmlosen Ceremonien
+wurden travestirt, indem der Pöbel sie auf pöbelhafte Weise nachäffte.
+Kourtisanen ließen sich als Vernunftgöttinnen im Triumph einhertragen.
+Die Kirchen wurden Stätten der Trunkenheit und wilder Orgien. Die
+Kirche Saint-Eustache wurde geradezu in eine Schenke verwandelt.
+Verkleidete Priester hetzten, wie Abbé de Montgaillard mittheilt,
+zu Ausschreitungen auf. Die Reliquien der heiligen Genoveva wurden
+verbrannt; Heilige von Holz, Breviere, Gebetbücher, alte und neue
+Testamente wurden auf dem Grèveplatze in solchen Massen verbrannt, daß
+der Scheiterhaufen bis zum zweiten Stockwerk der Häuser emporstieg.
+Von dem Taumel ergriffen, ernannten sogar die Jakobiner Clootz zum
+Präsidenten ihres Klubs. Da protestirt Robespierre und treibt durch
+seine persönliche Ueberlegenheit die Revolution aus der Bahn, welche
+sie eingeschlagen hatte, heraus. Eben weil er fast in keiner Beziehung
+seiner Zeit voraus ist, versteht er sie wie kein Anderer, und weil er
+sie versteht, ergreift er das politisch Richtige, das, was von der
+Zeit <em class="gesperrt">verstanden</em> werden kann. Er ist es, welcher, den Blick
+auf Europa geheftet, den Konvent bewegt, das Dekret zu erlassen, daß
+das französische Volk die Existenz des höchsten Wesens anerkenne, so
+wie auch er es war, welcher die Jakobiner veranlaßte, eine Adresse
+an den Konvent einzureichen, daß die Versammlung das Ihrige thun
+solle, um den Glauben<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele
+wieder herzustellen. Robespierre ist es, welcher die heftigen Kämpfe
+für diese beiden Ideen führt, gleichzeitig sich polemisch gegen das
+Christenthum und den Pantheismus wendend, den er stets fürchtete und
+niemals verstand. Zuerst greift er die Kirchenstürmer an. »Derjenige«,
+sagt er, »welcher verhindern will, daß Messe gelesen werde, ist ebenso
+fanatisch, wie Der, welcher sie liest. Es giebt Menschen, welche
+glauben, aus dem Atheismus eine Religion bilden zu können. Jeder
+Philosoph, jedes Individuum kann in dieser Hinsicht jegliche Meinung
+hegen, die ihm beliebt; wer ihm dieselbe zur Last legen wollte,
+wäre verrückt; aber noch verrückter wäre der Gesetzgeber, welcher
+ein solches System annehmen wollte. Der Nationalkonvent verabscheut
+dasselbe. Der Konvent ist kein Buchfabrikant, kein Verfasser
+metaphysischer Systeme. Er ist ein politischer und volksthümlicher
+Körper.« Er richtet gegen die Schüler der Encyklopädisten seinen Satz,
+daß die Ideen Vorsehung und Gerechtigkeit eine und dieselbe Idee
+seien; er schleudert wider sie das zu jener Zeit furchtbare Wort, daß
+der Atheismus aristokratisch sei! Und als er im Mai 1794 die Tribüne
+besteigt, um den Konvent aufzufordern, das Fest für das höchste Wesen
+zu feiern, wendet er sich nach einigen begeisterten Worten zu Ehren
+Rousseau's eben so bestimmt gegen das Christenthum. »Fanatiker, hoffet
+nichts von uns! Die Menschen zur reinen Verehrung des höchsten Wesens
+zurück rufen, heißt dem Fanatismus den Todesstoß versetzen. Alle
+Fiktionen verschwinden gegenüber der Wahrheit, und alle Tollheiten
+sinken dahin vor der Vernunft ... Was haben die Priester mit Gott zu
+thun? Die Priester verhalten sich zur Moral, wie die Charlatane sich
+zur Medicin verhalten«. In Uebereinstimmung mit der Vorstellung des
+ganzen Jahrhunderts, daß die Priester die Religionen erfunden hätten,
+sagt er: »Die Priester haben Gott zu einem Feuerballe, einem Ochsen,
+einem Stück Holz, einem Menschen, einem Könige gemacht. Der wahre
+Priester des höchsten Wesens ist die Natur, sein Tempel das Universum,
+sein Kultus die Tugend«. Er weist besonders nach, daß die Priester
+überall den Despotismus gestützt haben. »Ihr seid es, die zu den
+Königen gesagt haben:<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> Ihr seid die Bilder Gottes auf Erden, ihr habt
+von ihm eure Macht, und die Könige haben Euch geantwortet: Ja, ihr seid
+in Wahrheit die Sendboten Gottes; lasset uns vereinigen, um die Beute
+und den Weihrauch zu theilen«.</p>
+
+<p>Die Folge dieser Doppelbestrebungen war das Manifest des Konvents
+an alle Völker der Erde, daß derselbe eine freie Gottesverehrung
+anerkenne, und daß er »die Extravaganzen der Philosophie eben so sehr
+wie die Verbrechen des Fanatismus« verdamme. Es heißt darin: »Eure
+Herren werden euch sagen, das französische Volk habe alle Religionen
+geächtet und es habe die Verehrung einiger Menschen an die Stelle der
+Verehrung der Gottheit gesetzt; sie schildern uns in euren Augen als
+ein abgöttisches und wahnwitziges Volk. Sie lügen. Das französische
+Volk und seine Vertreter achten die Freiheit zu jederlei Art von Kultus
+und ächten keinerlei Art davon«. So wird nun eine bestimmte Anzahl
+religiöser Feste dekretirt. Robespierre hält die Rede darüber. Er sagt:</p>
+
+<p>»Du sollst deinen Namen einem der schönsten dieser Feste schenken,
+du o Tochter der Natur, du Mutter des Glücks und der Ehre, du einzig
+legitime Herrscherin der Welt, welche das Verbrechen vom Thron
+gestoßen, du, welcher das französische Volk ihre Macht zurückgegeben
+hat, und welche ihm dafür ein Vaterland und sittlichen Ernst verleiht,
+ehrwürdige <em class="gesperrt">Freiheit!</em> Und du sollst unser Opfer mit deiner
+unsterblichen Schwester und Begleiterin theilen, du sanfte und heilige
+<em class="gesperrt">Gleichheit!</em> Wir wollen auch die Menschheit feiern, welche von
+den Feinden der französischen Republik herabgewürdigt und unter die
+Füße getreten wird. Ein schöner Tag wird es sein, an welchem wir das
+Fest für das Menschengeschlecht feiern können, wenn das französische
+Volk aus dem Schooße des Sieges die ungeheure Menschenfamilie zu sich
+einladen kann, deren Ehre und deren unveräußerliche Rechte es verficht.
+Wir wollen auch alle die großen Männer verherrlichen, aus welcher
+Zeit und welchem Lande immer sie stammen mögen, die ihr Vaterland vom
+Joche der Tyrannen erlöst und die Freiheit durch verständige Gesetze
+begründet haben«.</p>
+
+<p>In Folge Dessen wurde das Fest für das höchste Wesen, welches
+Robespierre den schönsten Tag seines Lebens nannte,<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> gefeiert. Hier
+auf der Zinne seiner Macht, aber von seinen Todfeinden umringt,
+unmittelbar vor seinem Falle, trat er als Prophet auf. Die Naivetät
+des ganzen Arrangements hat etwas rührend Burleskes. Mit einem Bouquet
+von Blumen und Weizenähren in der Hand, schritt er, für diesen Tag zum
+Präsidenten ernannt, an der Spitze des ganzen Konventes durch Paris zum
+Festhügel auf dem Marsfelde. Der Konvent war auf seinem Marsche von
+einem dreifarbigen Bande umgeben, das von Kindern, Jünglingen, Männern
+und Greisen getragen ward, welche je nach ihrem Alter mit Veilchen,
+Myrthen, Eichen- oder Weinlaub geschmückt waren. Jedes Konventsmitglied
+trug eine dreifarbige Schärpe und ein Bouquet von Aehren, Blumen und
+Früchten. Als der Konvent seinen Platz auf der Spitze des Hügels
+eingenommen hatte, erfolgte eine nach der Aussage aller Augenzeugen
+zwar theatralische, aber höchst imponirende Scene. Die Anrufung des
+Ewigen ward von Tausenden von Stimmen laut in die Luft gesungen. Die
+jungen Mädchen streuten Blumen, die jungen Männer schwangen ihre
+Waffen und schworen, Frankreich und die Freiheit zu retten. Eine
+Ceremonie im naiven Geschmacke der Zeit krönte das Fest. Der Maler
+David hatte auf dem Festplatze eine Gruppe von Ungeheuern ausgeführt:
+der Atheismus, der Egoismus, die Zwietracht und der Ehrgeiz, welche
+garstigen Geschöpfe von nun an bis in Ewigkeit aus der Welt vertilgt
+sein sollten. Robespierre ergriff eine Fackel und schwang sie wider die
+terpentinbestrichenen Monstra, sie loderten in Flammen auf, und eine
+unverbrennliche Statue der Weisheit zeigte sich an ihrer Stelle. Durch
+eine absonderliche Ironie des Schicksals war diese Statue von Flammen
+und Rauch vollständig geschwärzt worden.</p>
+
+<p>Das Fest für das höchste Wesen ist ein naiver, aber ungeheuchelter
+Ausdruck der Religiosität des achtzehnten Jahrhunderts. Robespierre
+hatte vollkommen Recht, zu beklagen, daß Rousseau diesen Tag nicht
+erlebt habe; es wäre ein Fest nach seinem Herzen gewesen. Und einen
+so festen Grund hatten diese Ideen in der Versammlung gefaßt, daß sie
+stehen blieben, als Robespierre fiel. Die bürgerliche Religion, welche
+der Konvent dekretirte, war nicht ihm zu verdanken. Man<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ging, weit
+entfernt, nach seinem Tode umzukehren, stets weiter auf dem begonnenen
+Wege. Der republikanische Kalender ward eingeführt. Da, wie es in der
+Motivirung hieß, die christliche Aera »die Zeit der Lüge, des Betruges
+und der Charlatanerie« gewesen sei, wurde der christliche Kalender
+abgeschafft, die Zeit von 1792 an gerechnet, die Woche in zehn Tage
+eingetheilt, und der Vorschlag gemacht, die Heiligennamen der Tage
+durch die Namen von Ackerbaugeräthschaften und nützlichen Hausthieren
+zu ersetzen.</p>
+
+<p>Bald erschienen direkte Katechismen der neuen Religion. Es heißt in
+einem solchen (<span class="antiqua">Office des décades en discours, hymnes et prières
+en usage dans les temples de la Raison</span>): »Freiheit, Du höchstes
+Glück des Menschen auf Erden, geheiliget werde Deine Name bei allen
+Völkern der Erde! Zu uns komme Dein glückbringendes Reich und stürze
+die Herrschaft der Tyrannen! Dein heiliger Kultus ersetze die Verehrung
+jener verächtlichen Götzen, deren Altar Du zertrümmert hast!... Ich
+<em class="gesperrt">glaube</em> an ein höchstes Wesen, das die Menschen frei und gleich
+erschaffen hat, das sie gebildet hat, einander zu lieben und nicht
+einander zu hassen, das durch Tugenden und nicht durch Fanatismus
+geehrt werden will, und in dessen Augen die schönste Gottesverehrung
+die Verehrung der Wahrheit und Vernunft ist. — Ich glaube an den
+nahen Untergang aller Tyrannen, an die Wiedergeburt der Sitten, an die
+zunehmende Verbreitung aller Tugenden und an den ewigen Triumph der
+Freiheit«.</p>
+
+<p>Ein Glaubensbekenntnis wie dies ist nicht ohne Größe. Aber leider
+bekannte man gleichzeitig seinen neuen Glauben auf andere Weisen. Man
+wollte die Kirchen für die neue Religion aufräumen, und die Abschaffung
+des Sonntags ward aus praktischen Gründen bald die große Lebensfrage.
+Man kam rasch dahin, daß Jeder, der den Sonntag feierte, als verdächtig
+erschien, und es war damals gefährlich, in Verdacht zu gerathen.
+Gewaltsame Versuche, die Sonntagsfeier zu verhindern, bildeten unter
+dem Konvente eine neue Form der Tyrannei, die, obwohl harmloser als die
+Tyrannei, welche sie ablöste, derselben an Roheit und Unverstand nichts
+nachgab.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span></p>
+
+<p>Noch unter dem Direktorium, das die ersten Spuren einer reaktionären
+Bewegung in den unteren Schichten der Gesellschaft empfand, gab es,
+wie man aus den Memoiren eines Zeitgenossen ersieht, Deputirte,
+welche Nervenzufälle bekamen, wenn sie nur das Wort Priester hörten,
+und das Werk des Niederreißens wurde mit Leidenschaft fortgesetzt.
+»Jeder«, sagt Laurent, »der einen Tropfen revolutionären Blutes in den
+Adern hatte, arbeitete mit fieberhaftem Eifer an der Zerstörung des
+Christenthums«. Man nahm keinen Anstand, in officiellen Berichten die
+Gläubigen als »Schwachköpfe« (<span class="antiqua">imbeciles</span>) zu bezeichnen. Das
+Direktorium selbst sagt in einer Proklamation des Jahres <em class="gesperrt">VI</em> über
+die Wahlen, man müsse »die unglücklichen Fanatisirten entfernen, welche
+die Leichtgläubigkeit verblendet, und welche auf den Einfall gerathen
+könnten, sich aufs Neue den Priestern zu Füßen zu werfen«.</p>
+
+<p>In Wirklichkeit hatte die Geistlichkeit nicht aufgehört, der
+furchtbarste Feind der Revolution zu sein. Der blutige Krieg in der
+Vendée war zum großen Theile ihr Werk. Die Gräuel dort überstiegen
+jedes Maaß. An einem Orte ward der konstitutionelle Priester durch
+Steinwürfe heulender Weiber getödtet, an einem andern Orte ward er
+ebenfalls von Weibern zerrissen. Dem republikanischen Präsidenten
+Joubert sägte man die Hände ab, ehe man ihn erschlug. In einer Stadt
+begrub man seine Feinde lebendig, so daß die republikanischen Truppen,
+als sie einzogen, Arme, welche sich um den Rasen krampften, aus der
+Erde hervorragen sahen. Selbstverständlich herrschte Unrecht auf beiden
+Seiten; nur darf man nicht vergessen, daß es der rasende Widerstand der
+Anhänger der verurtheilten Vergangenheit war, welcher Frankreich in das
+Schreckensregiment stürzte, und daß die Bischöfe, wenn sie das Volk
+zu den Waffen riefen, viel ärger als die Revolutionsmänner handelten,
+da sie alles Das wieder einführen wollten, was die Revolution nöthig
+gemacht hatte. Wie dem Allen auch sei, so sahen die Revolutionsmänner
+bald ein, daß ihr Verfahren das entgegengesetzte Resultat Dessen,
+was man gewünscht und erwartet hatte, herbei führte. Bezeichnend
+genug, sind es die Kommissaire, die nach der Vendée gesandt<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> wurden,
+welche zuerst für vollständige Trennung von Kirche und Staat das
+Wort nahmen. In ihren Augen war diese das einzige Mittel, um die
+Gemüther zu beruhigen und dem Lande den Frieden zu Schenken. Schon der
+gesetzgebenden Versammlung hatte ein Priester den Antrag eingereicht,
+daß der Staat keinerlei Kultus mehr besolden solle. Aber man war
+damals zu leidenschaftlich, um nicht Partei ergreifen zu wollen. Man
+hoffte, wie es oftmals ausgesprochen ward, mit Hilfe des allgemeinen
+Unterrichts »alle Sekten zu vernichten«. Man bildete sich ein, daß
+die Zeit der Dogmen vorüber, daß die Zeit erschienen sei, wo, wie der
+Amerikaner Jefferson geschrieben hat, die wunderbare Empfängnis Christi
+im Schooße einer Jungfrau in dieselbe Kategorie mit der wunderbaren
+Empfängnis Minerva's im Haupte Jupiter's gesetzt werden würde. In
+einem Bericht aus der Zeit des Konventes hieß es: »Bald wird man jene
+absurden Dogmen, jene Ausgeburten der Furcht und des Irrthums, nur noch
+kennen lehren, damit man sie geringschätze. Bald wird die Religion
+des Sokrates, des Mark Aurel und Cicero die Weltreligion sein.« Und
+als Madame Roland in ihren Memoiren einmal das Wort Katechismus
+gebraucht, hält sie es für nöthig, dasselbe der Nachwelt zu erklären.
+Sie schreibt: »Bei der Schnelligkeit, mit welcher jetzt Alles vorwärts
+geht, werden Diejenigen, welche Dies lesen werden, vielleicht fragen,
+was dies Wort bedeute; ich will es ihnen daher erklären«.</p>
+
+<p>Man hatte nicht bedacht, daß die Masse des Volkes in ihrer Unwissenheit
+für die Aufrufe der Revolutionsmänner nicht empfänglich und aus alter
+Gewohnheit geneigt war, sobald sich wieder Gelegenheit dazu bot,
+unter die Gewalt der Geistlichkeit zurück zu sinken. Das fühlte man
+bald. General Clarke schreibt um das Jahr 1800 in einem Briefe an
+Bonaparte: »Unsere Religionsrevolution ist uns mißlungen. Man ist in
+Frankreich wieder römisch-katholisch geworden. Es sind dreißig Jahre
+Preßfreiheit erforderlich, um die geistige Macht des römischen Bischofs
+zu stürzen«. Diese Worte treffen den Nagel auf den Kopf; nur daß man
+dreihundert statt dreißig setzen und der Preßfreiheit obligatorischen,
+unentgeltlichen und absolut weltlichen Unterricht hinzufügen muß.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>Daß hierin durchaus keine Entschuldigung für die religiöse Restauration
+liegt, ist jedoch eben so gewiß. Welcherlei Ausschreitungen auch
+noch hin und wieder in der Praxis stattfanden: gesetzmäßig herrschte
+in Frankreich zu der Zeit, als das Konkordat abgeschlossen ward,
+vollkommene Religionsfreiheit. Auf die Priesterverbannungen des
+Konvents und die mangelhafte Toleranz des Direktoriums war rechtlich
+eine vollkommene Sicherheit für alle Religionsbekenntnisse gefolgt,
+indem der Priestereid weggefallen und durch ein einfaches Versprechen,
+dem Gesetze gehorchen zu wollen, ersetzt worden war, und indem jeder
+Priester durch freiwillige Beiträge seiner Gemeinde unterhalten ward,
+ohne daß der Staat sich darein mischte. Selbstverständlich fielen
+diese Beiträge nicht allzureichlich aus, und mancher Priester sehnte
+sich nach den fetten Fleischtöpfen früherer Zeit und nach der Allianz
+zwischen dem Scepter und dem Weihrauchfasse zurück, welche Robespierre
+einmal geschildert. Bonaparte hatte die Wahl, den Keim zu religiöser
+Freisinnigkeit und Freiheit, welcher so kräftig emporgeschossen war, zu
+entwickeln, oder den religiösen Fanatismus und die geistliche Herrsch-
+und Gewinnsucht als ein Werkzeug seiner Macht zu benutzen. Zwischen
+einen sicheren Vortheil auf der einen, und ein großes und edles Princip
+auf der andern Seite gestellt, besann er sich nicht lange. Seine
+Herrschgier wählte für ihn.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>[<span class="antiqua">Laurent: Histoire du droit de gens, Tome XIV. — Carlyle: History
+of the French revolution, Vol. I-III. — Louis Blanc: Histoire de
+la révolution française, Tome I-XII. — Chateaubriand: Mémoires
+d'outre-tombe, Tome I-II.</span>]</p>
+</div>
+
+
+<h3>2.</h3>
+
+<p>In einer Oktobernacht des Jahres 1801 ward ein verschlossener, von
+einer Wache eskortirter Wagen heimlich nach Paris hereingebracht. Was
+mochte in diesem Wagen verborgen sein? War es ein Verbrecher? War es
+Schmugglerwaare? In dem Wagen saß ein alter Mann, ein Priester, der
+Legat des Papstes an den General Bonaparte (Caprara war sein Name), und
+die Schmugglerwaare, welche aus diese<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> Weise im Dunkel der Nacht nach
+Paris gebracht wurde, war das Konkordat mit Rom, die Wiederaufrichtung
+des christlichen Kultus in Frankreich. Man wagte nicht, einen Priester
+in solcher Mission seinen Einzug bei helllichtem Tage halten zu
+lassen. Durch die bedachtsame und vorsichtige Veranstaltung des ersten
+Konsuls wurde die Sache bis zur Nachtzeit verschoben. Nicht daß man
+Gewaltthätigkeiten befürchtet hätte, man fürchtete nur Gelächter. »Man
+wagte nicht die lachlustige Bevölkerung von Paris auf eine solche Probe
+zu stellen«. (<span class="antiqua">Thiers: Histoire du consulat et de l'empire, Tome III,
+pag. 211</span>).</p>
+
+<p>Als nach unzähligen Versuchen, eine Uebereinkunft zu erzielen, während
+welcher es jeden Augenblick geschienen hatte, als sollte der Faden
+der Unterhandlungen für immer abreißen, das Konkordat endlich seinem
+Abschlusse so nahe war, daß Bonaparte im April 1802 den Kardinal
+officiell empfangen konnte, stieß man auf eine ähnliche Schwierigkeit.
+Es ist kirchlicher Gebrauch, daß einem Legaten in außerordentlicher
+Mission ein goldenes Kreuz vorangetragen wird. Der Kardinal bat sich
+daher aus, daß das Kreuz an dem Tage, wo er sich nach den Tuilerien
+begebe, ihm von einem rothgekleideten Officier zu Pferde vorangetragen
+werde. Aber man fürchtete, sagt Thiers, der Pariser Bevölkerung ein
+solches Schauspiel zu geben (Thiers, ebendaselbst, Seite 342). Man kam
+überein, es mit dem Kreuze zu machen, wie man es ein halbes Jahr zuvor
+mit dem Kardinal gemacht hatte, nämlich es in einem verschlossenen
+Wagen ihm voran zu fahren.</p>
+
+<p>Endlich, acht Tage darauf, am Ostertage den 18. April 1802 (am 28.
+Germinal des Jahres <span class="antiqua">X</span>) wurde, nachdem das Konkordat am Morgen
+an allen Straßenecken von Paris angeschlagen worden war, und nachdem
+der erste Konsul an demselben Morgen, um den Tag zu verherrlichen,
+den Frieden von Amiens unterzeichnet hatte, das große Tedeum in
+der Notre-dame-Kirche zur Verherrlichung der Wiedereinführung des
+christlichen Kultus, oder, wie es in der officiellen Sprache hieß,
+zur Versöhnung der Revolution mit dem Himmel, gesungen. Die Programme
+für die Ceremonie waren zum Voraus vertheilt. Mit einem großen und
+gewaltigen Gefolge<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> verfügte der erste Konsul sich zur Kirche; er
+hatte vorher persönlich die Frauen aller höheren Beamten auffordern
+lassen, sich in großer Toilette einzufinden. Sie folgten der Madame
+Bonaparte; er selbst war von seinem ganzen Stabe, von allen seinen
+Generalen und von allen Männern begleitet, welche bedeutendere Aemter
+inne hatten. Die Wagen, welche dem alten Hofe gehört hatten, wurden
+bei dieser Gelegenheit wieder in Gebrauch genommen. Bonaparte fuhr in
+den Equipagen der alten Monarchie und mit ihrer ganzen Etikette zur
+Kirche. Artilleriesalven verkündeten der Welt dies Wiederauferstehen
+der Privilegien von den Todten und diesen ersten Versuch zur
+Wiederaufrichtung der königlichen Macht und Herrlichkeit. Truppen der
+ersten Militairdivision bildeten Spalier von den Tuilerien bis zur
+Notre-dame. Der Erzbischof von Paris empfing den ersten Konsul an
+der Kirchenthür und reichte ihm das Weihwasser. Er wurde unter einen
+Thronhimmel auf einen für ihn reservirten Platz geführt. Der Senat,
+der gesetzgebende Körper und das Tribunat waren zu beiden Seiten des
+Altares aufgestellt. Die Kirche war bald von Uniformen, Toiletten
+und Livreen erfüllt. Die Livreen, welche während der Revolution
+verschwunden gewesen, kehrten mit den Ornaten zurück. Hinter dem
+ersten Konsul standen seine Generale in Gala-Uniform »mehr gehorchend,
+als bekehrt«, wie Thiers sie schildert. Sie gaben sich Mühe, durch
+ihr Aeußeres zu zeigen, was wirklich der Fall war, nämlich daß sie
+sich wider ihren Willen dort befanden, und daß die ganze Ceremonie
+ihnen lächerlich und unwürdig erschien. Ihre Haltung war, was man von
+entgegengesetzter Seite als »wenig geziemend« bezeichnet hat. Gegen
+sie stach die Haltung des ersten Konsuls ab. Er stand in seiner rothen
+Konsulsuniform, unbeweglich, mit strenger und verschlossener Miene,
+ernst und kalt, ohne weder die Zerstreutheit der Widerhaarigen, noch
+die Andacht der Gläubigen zu theilen. An seinem Degengehenk blitzte der
+berühmte Diamant, »der Regent«. Er hatte ihn zu dieser Feierlichkeit
+dort fassen lassen, als Symbol, daß die Insignien der Macht jetzt von
+der Krone auf das Schwert übergegangen seien. Man sah ihm an, daß diese
+seine Handlung nicht ein<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> Glaubens-, sondern ein Willensakt, und daß er
+fest entschlossen sei, seinen Willen durchzusetzen.</p>
+
+<p>Am selben Morgen, als das Tedeum abgehalten ward, brachte der Moniteur
+auf ausdrücklichen Befehl Bonaparte's die Anzeige eines Werkes, das
+in der zweiten Ausgabe ihm selbst als dem Wiederaufrichter der Kirche
+gewidmet war. Es war Chateaubriand's »Genius des Christenthums«.
+Der Artikel war von Fontanes und hatte schon drei Tage vorher im
+»Mercure« gestanden, ward aber jetzt auf Veranstaltung der Regierung
+in dem officiellen Blatte wieder abgedruckt. Man sieht, daß »Der
+Genius des Christenthums« ein Glied in der Festdekoration bei jenem
+Tedeum ausmachte, so gut wie die weit ausgeschnittenen Kleider und
+die Livreen. Die religiöse Reaktion in der Gesellschaft und in der
+Literatur läßt sich fast von derselben Stunde, von derselben Ceremonie
+an datiren. In einem Briefe von Joubert an Chateaubriand's Freundin
+Madame de Beaumont kommt der schlagende Ausdruck vor: »Unser Freund
+ist ausdrücklich <span class="antiqua">pour les circonstances</span> erschaffen und zur Welt
+gebracht worden«. Man kann sich übrigens denken, daß die Inswerksetzung
+dieser Ceremonie Bonaparte Mühe gekostet hatte. Was frommte es, daß an
+den Straßenecken zu lesen stand: »es sei der päpstliche Souverain, zu
+welchem das Beispiel der Jahrhunderte nicht minder als die Vernunft
+uns die Zuflucht nehmen hieße, um die verschiedenen Meinungen zu
+verschmelzen und die Sitten zu versöhnen«. Was frommte es, daß ein
+Koncert in den Tuilerien und eine Illumination zur Ehre der Ceremonie
+stattfand! Dieselbe ward mit eben so großem Unwillen aufgenommen, wie
+das Fest für das höchste Wesen mit Enthusiasmus aufgenommen worden war.
+Als Bonaparte, nachdem es vorüber war, sich in den Tuilerien zu einem
+seiner Officiere, dem General Delmas, wandte und ihn frug, wie ihm
+die Festlichkeit gefallen habe, erhielt er die Antwort: »Es war eine
+hübsche Kapuzinade, es fehlte nur die Million Menschen, die sich hat
+todtschlagen lassen, um Das niederzureißen, was Sie wiederaufrichten«.
+Und Delmas sprach mit diesen Worten nur die allgemeine Stimmung der
+Generale aus. Schon im November 1801 hatte sich bei dem Gedanken
+einer Versöhnung<span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span> mit der Kirche allgemeine Erbitterung im Heere
+gezeigt; Männer, welche Bonaparte sehr nahe standen, wie Lannes und
+Augereau, hatten in den derbsten Ausdrücken ihrem Grolle über die
+Aussicht, daß sie ihre Uniformen in einer Kirche zeigen sollten,
+gegen ihn Luft gemacht, und unter den Soldaten hieß es allgemein, daß
+die französischen Fahnen noch nie mit so vielen Lorbeeren bedeckt
+worden seien, wie seit der Zeit, daß sie nicht mehr gesegnet würden.
+Als die Generale jetzt eine bestimmte Ordre empfingen, sich in der
+Notre-dame-Kirche einzufinden, sandten sie Augereau als ihren
+Vertreter in die Tuilerien, um inständig zu bitten, daß man sie mit
+dieser Schaustellung verschone; aber umsonst.</p>
+
+<p>Und bei allen öffentlichen Behörden war die Stimmung dieselbe. Das
+Konkordatsprojekt war auf einstimmigen Widerstand gestoßen. Der
+Minister des Aeußern, Talleyrand, widerrieth Bonaparte hartnäckig
+diesen Schritt. Als ehemaliger Prälat wurde er persönlich von dem
+Konkordate betroffen, und bei seinem politischen Scharfblick sah er
+die unheilvollen, entsetzlichen Folgen für den Staat voraus. Ein
+kaltes Schweigen beantwortete im Staatsrathe die Mittheilung, welche
+der erste Konsul von dem Traktate machte, den er unterzeichnet hatte,
+und doch hatte Bonaparte in dieser Versammlung seine entschiedensten
+Anhänger. Selbst Thiers, den ich anführe, weil er in seiner Bewunderung
+für Bonaparte nur äußerst mangelhaften Bericht über die Geschichte des
+Konkordats erstattet und gern Alles verschweigt, was diese Begebenheit
+in ihr wahres und scharfes Licht stellen kann, muß sich Worte wie
+dieser bedienen: »Die Mitglieder saßen stumm und finster da, als hätten
+sie eines der heilbringendsten Werke der Revolution vor ihren Augen
+zu Grunde gehen sehn. Nichts unterbrach das kalte Schweigen dieser
+Scene. Man schwieg, man trennte sich, ohne ein Wort zu reden, ohne eine
+Meinung auszusprechen«. Noch schlimmer erging es im gesetzgebenden
+Körper; derselbe legte seinen Protest wider die Restauration ein,
+indem er zum Präsidenten der Versammlung Dupuis, den Verfasser des
+bekannten Werkes »Ueber den Ursprung der Kulte« wählte, welches darauf
+ausgeht, das Christenthum als eine auf der<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> Astronomie begründete Fabel
+(dieselbe, welche in dem bekannten kleinen Scherze von Vinet über
+Napoleon als Allegorie auf die Sonne parodirt worden ist) darzustellen.
+Napoleon, welcher sich doch schon in seiner fast unumschränkten Macht
+fühlte, wagte nicht, das Konkordat allein dem gesetzgebenden Körper zu
+überreichen; er begleitete dasselbe mit den sogenannten organischen
+Gesetzen, deren ausgeprägt gallikanischer Geist demselben die Stimmen
+Derjenigen verschaffen sollte, welche den ultramontanen Einfluß von Rom
+fürchteten. Nichtsdestoweniger nahm der gesetzgebende Körper es erst
+an, als alle seine entschiedensten Mitglieder ausgestoßen worden waren.
+Was das Tribunat betrifft, so fand dort ein wahrer Aufruhr statt, und
+es war nichts Geringeres, als ein neuer Staatsstreich, eine Reduktion
+der Anzahl seiner Mitglieder auf 80, erforderlich, um seinen Widerstand
+zu brechen. Die einzigen Zufriedenen waren im ersten Augenblicke
+die jubelnde Klerisei, jedoch mit Ausnahme aller in Folge des neuen
+Zustandes der Dinge verabschiedeten Bischöfe und Priester, die den
+Eid auf die republikanische Verfassung abgelegt hatten, und die große
+unwissende Bauernbevölkerung, welche weder lesen noch schreiben konnte
+und sich nach ihrem Sonntag und ihrem Kirchenstuhl sehnte.</p>
+
+<p>Selbst in denjenigen Kreisen, welche dem ersten Konsul am allernächsten
+standen, wurde ein Versuch nach dem andern gemacht, um seinen Beschluß
+zu erschüttern, als derselbe ruchbar ward. Der Geist des achtzehnten
+Jahrhunderts regte sich am mächtigsten in den Männern, welche durch
+Genie und Talent die Ersten im Lande waren, und sie gerade waren es,
+welche den täglichen und beständigen Umgang Bonaparte's ausmachten.
+Sie gehörten Alle zu den gemäßigten Revolutionären und waren Alle
+Schüler Voltaire's. Gelehrte, wie der berühmte Astronom Laplace,
+wie die Mathematiker Lagrange und Monge, sagten täglich Bonaparte,
+daß er im Begriff stehe, seine Regierung und sein Jahrhundert
+herabzuwürdigen. Seine alten Waffenbrüder, gesteht Thiers, fürchteten,
+obschon so geehrt von Allen, die Lächerlichkeit, welche sie am Fuße
+des Altars zu erwarten schien. Selbst seine Brüder, die mit den besten
+Schriftstellern der Zeit verkehrten, bestürmten<span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span> ihn mit Bitten,
+nicht durch einen Schritt, welcher in solchem Grade dem Zeitgeiste
+widerstreite, seine ungeheure Macht aufs Spiel zu setzen.</p>
+
+<p>So starke Ausdrücke zeigen, wie gewiß man war, daß das Christenthum als
+todt gelten dürfe, was auch die früher citirten Worte der Madame Roland
+beweisen.</p>
+
+<p>War es religiöse Ueberzeugung, die einen Geist wie den Bonaparte's
+bewog, trotz aller berechtigten Rücksichten und Vorstellungen, in
+diesem Hauptpunkte dem ganzen intelligenten Frankreich zuwider zu
+handeln? Sicherlich nicht. Zahlreiche Aeußerungen von ihm beweisen, daß
+er sich selbst gerade auf der Seite Derjenigen befand, die er bekämpfen
+wollte, indem er dem sogenannten aufgeklärten Deismus Voltaire's und
+des ganzen achtzehnten Jahrhunderts huldigte. Man hat, um Bonaparte
+als gläubig zu schildern, seine Aeußerungen gegen Monge angeführt.
+»Meine Religion ist sehr einfach«, sagte er zu ihm, »ich betrachte
+dies so große, so zusammengesetzte, so herrliche Universum, und sage
+mir selbst, daß es nicht ein Produkt des Zufalls sein kann, sondern
+das Werk eines unbekannten, allmächtigen Wesens sein muß, welches so
+hoch über dem Menschen steht, wie das Universum über unseren schönsten
+Maschinen«. Aber Voltaire selbst würde sich ganz eben so ausgedrückt
+haben. Bonaparte fuhr fort: »Allein diese Wahrheit ist für den Menschen
+allzu karg ausgedrückt; er will von sich selbst und von seiner Zukunft
+eine Menge Geheimnisse wissen, welche das Universum ihm nicht sagt.
+Die Religion erzählt daher jedem Einzelnen, was zu wissen er Drang
+verspürt. Unzweifelhaft leugnet die eine Religion, was die andere
+feststellt. Aber ich schließe hieraus nicht, wie Volney, daß keine
+aller Religionen etwas taugt, sondern vielmehr, daß sie alle gut sind«.
+Lessing's Nathan führt ganz dieselbe Sprache. Es stimmt hiemit überein,
+wenn Bonaparte zu Monge sagte: »In Aegypten war ich Muselmann, in
+Frankreich muß ich Katholik sein. Ich glaube nicht an die Religionen,
+sondern an die Idee von einem Gotte«.</p>
+
+<p>Er hatte früher in einer Rede, die er im December 1797 in Gegenwart des
+Direktoriums und der öffentlichen Behörden hielt, »die Religion« nebst
+der Königsmacht und<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> der Lehnsmacht zu den »Vorurtheilen« gerechnet,
+welche »das französische Volk zu überwinden habe«. Er war ohne Skrupel
+in Aegypten als Muselmann aufgetreten; in seiner Proklamation an die
+ägyptische Bevölkerung heißt es: »Auch wir sind echte Muselmänner.
+Sind wir es nicht, die den Papst vernichtet haben, welcher sagte,
+man solle Krieg gegen die Muselmänner führen?« Nun bediente er sich
+zwar wohl über denselben Papst solcher Ausdrücke, wie »der heilige
+Vater« (officiell) oder »das gute Lamm« (privatim), aber wenn die
+Unterhandlungen durch die römischen Chikanen scheiterten, so nannte
+er den Papst in seinen Briefen »den alten Fuchs« und titulirte die
+Priester — oder, wie er damals sagte, »<span class="antiqua">la prêtraille</span>« —
+»schwachköpfige Faselhänse«.</p>
+
+<p>Sein Auftreten während der Verhandlungen mit Rom zeugt in eben so hohem
+Grade für seine politische Schlauheit, wie gegen seine Orthodoxie. Als
+Consalvi im Juni 1801 nach Paris reisen sollte, war er unvorsichtig
+genug, in einem Privatbriefe auszusprechen, wie ängstlich ihm zu Muthe
+sei, daß er sich so in den Rachen des Löwen, den jüngst wider die
+Religion und den Priesterstand so feindseligen Herd der Revolution,
+hineinwagen solle. Es gab jedoch eine Art von Odins-Raben, welcher
+Bonaparten alle derartigen Privatbeichten wiederholte. Dieser Rabe
+befand sich im Postamte, wo der Brief geöffnet wurde. Bonaparte
+richtete den Empfang des Kardinals in genauer Uebereinstimmung mit dem
+Eindrucke ein, den er hierdurch von seiner Persönlichkeit empfing. Es
+war Abend, als Consalvi in Paris anlangte; aber schon auf den nächsten
+Morgen ward seine Audienz angesetzt, so daß er weder Zeit finden
+konnte, sich von den Anstrengungen der Reise zu erholen, noch sich mit
+den Sendlingen des Papstes zu beraten. Er ward frühmorgens nach den
+Tuilerien geholt und in ein großes leeres Zimmer geführt, das wie das
+Vorgemach zum Audienzzimmer des ersten Konsuls aussah. Nach ziemlich
+langem Warten wird ihm eine kleine Thür geöffnet, und durch diese
+tritt er zu seinem Erstaunen in eine lange Reihe prachtvoller Säle, wo
+alle höheren Staatsbeamten, der Senat, die gesetzgebende Versammlung,
+die Generale und der Generalstab versammelt sind. Im Hofe sieht er
+eine ganze Reihe von<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> Regimentern zur Revue aufgestellt. Es war, nach
+seinem eigenen Ausdruck, der plötzliche Uebergang von einer Hütte in
+einen Palast. All' die blendende Pracht und all' die furchteinjagende
+Gewalt, welche die Konsularmacht in das imponirendste Licht stellen
+konnte, war hier mit Ostentation entfaltet, und als der Kardinal
+endlich im letzten Saale die drei Konsuln erreichte, welche von einem
+glänzenden Gefolge umgeben waren, schritt Bonaparte ihm entgegen und
+sagte in einem gebietenden Tone: »Ich weiß, weshalb Sie gekommen sind.
+Sie haben fünf Tage zu Unterhandlungen. Wenn der Traktat bis dahin
+nicht unterzeichnet ist, so ist Alles aus«. Im ersten Augenblick wurde
+Consalvi gewiß verwirrt, aber bald gelang es ihm, Zeit zu gewinnen und
+mit der ganzen Feinheit und List der römischen Staatskunst Bonaparte
+so viele Schwierigkeiten in den Weg zu legen, daß Dieser während einer
+der stürmischen Audienzen, welche der ersten folgten, mit eben so viel
+Heftigkeit wie Hochmuth ausrief: »Wenn Heinrich <span class="antiqua">VIII.</span>, welcher
+nicht den zwanzigsten Theil meiner Macht besaß, die Religion in seinem
+Lande hat verändern können, um wie viel mehr kann ich es dann thun! Ich
+will sie verändern, nicht allein in Frankreich, sondern in ganz Europa.
+Rom wird blutige Thränen weinen, wenn es zu spät ist!«</p>
+
+<p>Mit solcher Geringschätzung sprach selbst der Wiederaufrichter der
+Religion sich über die Macht aus, welche er wieder aufrichten wollte.</p>
+
+<p>Kann man sich also darüber wundern, daß das Gelächter und abermals
+das Gelächter, gerade wie damals, als Julianus Apostata 1500 Jahre
+vorher einen ähnlichen Versuch gemacht hatte, überall der gefürchtete
+oder wirkliche, in der Regel aber unzertrennliche Begleiter jeder
+Handlung war, welche zu der Restauration des alten Kultus in Beziehung
+stand? Als Bonaparte im Staatsrathe das erste Breve Pius <span class="antiqua">VII.</span>
+verlas, in welchem der »Papst seinen lieben Sohn Talleyrand« wieder
+zu Gnaden aufnahm, erscholl ein halb ersticktes Lachen von allen
+Anwesenden. Ja, Bonaparte vermochte bisweilen nicht einmal selbst
+seinen Ernst zu bewahren. An dem Tage, als Kardinal Consalvi, mit
+dem römischen Purpur bekleidet, ihm<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> eine Abschrift des Konkordates
+während einer öffentlichen Audienz übergab, bekam der erste Konsul
+plötzlich einen so konvulsivischen Lachanfall, daß die ganze
+Versammlung wie blitzgetroffen dastand. Ja, noch mehrere Jahre später
+war er so wenig von kirchlichen Handlungen erbaut und so wenig im
+Stande, ihnen gegenüber sein Antlitz zu beherrschen — er, welcher
+sonst in so ungewöhnlichem Grade seine Mienen im Zaume zu halten
+verstand — daß er, als der Papst ihn 1804 zum Kaiser salbte, während
+der ganzen Ceremonie zur Verwunderung der Umstehenden unaufhörlich
+gähnte. Da verstand Karl <span class="antiqua">X.</span> als echter Bourbon es besser, den
+Ernst zu bewahren, als er 1825 gesalbt wurde. Ohne eine Miene oder
+nur den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, ließ er sich den ganzen
+Oberkörper entblößen und erst den Scheitel, dann die Brust, dann die
+Stelle zwischen den beiden Schulterblättern, dann diese selbst und
+beide Armgelenke salben. Man spürt den Fortschritt seit den Tagen des
+Kaiserthums.</p>
+
+<p>Alles, was mit der Wiederaufrichtung der geistlichen Gewalt und
+der Wiedereinsetzung des katholischen Kultus in Verbindung stand,
+widerstritt so schroff den Sitten und Ideen, welche durch die
+Revolution die herrschenden in Frankreich geworden waren, daß man bei
+solchen Ceremonien kaum seinen eigenen Augen zu glauben wagte; die
+Unwahrscheinlichkeit ihres Stattfindens schien so groß, daß man sich
+nicht entschließen konnte, sie für Ernst zu halten. Ich führe als
+Beweis dafür die Worte eines Augenzeugen an, und zwar eines solchen,
+den man gewiß nicht voreingenommen gegen die Religion nennen kann,
+nämlich de Pradt's, des Erzbischofs von Malines. Er sagt: »Wenn das
+Lachen eines einzigen Menschen das Signal gegeben hätte, wären wir
+in Gefahr gewesen, das unauslöschliche Gelächter der homerischen
+Götter anzustimmen. Hier lag die Klippe, an der man scheitern konnte.
+Glücklicherweise hatte der Polizeiminister Fouché für Alles gesorgt,
+und Paris behielt, Dank ihm, seine ernsthafte Miene«. (<span class="antiqua">De Pradt:
+Histoire des quatre concordats. Tome II., pag. 212.</span>)</p>
+
+<p>Konnte in Wirklichkeit etwas burlesker sein, als die Situation, deren
+Gipfelpunkt in den Worten liegt: der Besuch<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> des Papstes in Paris.
+Ein Papst in Paris! Das war, sagt der Erzbischof, ein kitzliches Ding
+nach Allem, was in den letzten fünfzehn Jahren vorgefallen war, und
+inmitten »einer lustigen, von der Philosophie noch stark beeinflußten
+Bevölkerung«. Um den Papst von der Reise abzuhalten, hatte man ihm noch
+im letzten Augenblick die vorerwähnte Proklamation aus Aegypten auf
+den Tisch gelegt. Aber es war zu spät, seinen Beschluß zu erschüttern.
+Man stelle sich nur die Zusammenkunft zwischen den beiden Gewalthabern
+lebendig vor Augen. Napoleon begab sich nach Fontainebleau, um
+den Papst zu empfangen. Nachdem die ersten Höflichkeits- und
+Herzlichkeitsäußerungen ausgetauscht waren, fuhren sie Beide in
+demselben Wagen zum Schlosse. Die Freude strahlte aus Napoleon's Zügen,
+und als er mit dem Papste an der Hand die Treppenstufen hinaufstieg,
+schien jeder seiner ungewöhnlich lebhaften Blicke zu sagen: »Seht ihr
+meine Beute? ich hab' ihn!« Durch eine possierliche Unaufmerksamkeit
+wurde der Festzug von einer Abtheilung berittener Mamelucken eröffnet.
+Der Anblick der dunkelbraunen Gesichter dieser muhamedanischen Reiter
+versetzte Einen in der Phantasie nach Mekka. Man hätte eher glauben
+sollen, daß ein muhamedanischer als ein christlicher Oberpriester
+seinen Einzug hielt. Selbst das Antlitz des Papstes verrieth die
+Verlegenheit, welche er darüber empfand, mit einem Male in einen
+Weltwinkel versetzt worden zu sein, wo Alles ihm neu war. Man sah
+wohl, daß sein Fuß, obwohl er von vielen Menschen geküßt wurde, nicht
+recht sicher auf die Erde trat. Der vollkommen geistliche Hof, den
+er mitbrachte, strahlend in allerlei bischöflichen Gewändern, und
+der vollständig militärische, welcher ihm entgegenkam, blitzend in
+Harnischen und Panzern, bildeten einen eigenthümlichen Kontrast. Man
+hätte glauben können, sagt der Erzbischof de Pradt, daß man plötzlich
+nach Japan versetzt worden sei, in dem Augenblick, wo der geistliche
+Kaiser dem weltlichen Kaiser einen Besuch abstattet.</p>
+
+<p>Was war die Ursache, daß der erste Konsul einen Plan festhielt und
+durchführte, der auf den ersten Blick so unpopulär und so unpolitisch
+erscheinen konnte? Die Antwort ist<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> einfach. Die Pläne, mit welchen
+Bonaparte sich trug, ließen sich nicht mit der Aufrechterhaltung der
+republikanischen Ordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche
+vereinigen. Er, welcher eben jetzt darauf ausging, der Republik
+den Todesstoß zu versetzen, mußte dieselbe ins Herz treffen, sie
+in ihren Grundprincipien verwunden. Er sah ein, daß es ihm niemals
+völlig gelingen würde, die bürgerliche Freiheit zu zerbrechen, wenn
+man nicht zugleich die geistige und Gedankenfreiheit zerbräche, und
+er kümmerte sich wenig darum, ob er die Entwicklung Frankreichs um
+ein Jahrhundert in der Zeit zurücksetzte oder nicht, wenn er dadurch
+seine Alleinherrschaft möglich machte oder seine egoistischen Zwecke
+förderte. Mit der kirchlichen Autorität war die monarchische Autorität
+unter der Revolution gestürzt worden. Es galt das Autoritätsprincip
+wieder aufzurichten. Die Etikette der alten Monarchie kehrte in dem
+Augenblicke von selbst zurück, wo die Religion wieder eine Macht im
+Staate ward. Man hat es als Napoleon's größte und schwierigste That
+bezeichnet, daß er in Frankreich die Machtidee, welche die Revolution
+verkannt und verhöhnt hatte, wieder herstellte (vgl. Guizot in der
+»<span class="antiqua">Revue des deux mondes</span>« vom 15. Februar 1863). Man hat gesagt,
+daß Keiner so natürlich und kühn, wie er, den Instinkt und die Gabe,
+zu herrschen, entwickelt habe. Man hat ihn die personificirte Macht
+genannt. Aber man müßte hinzufügen, daß er von dem Augenblicke an, wo
+er sich nicht damit begnügen wollte, die Macht kraft seines Genies
+und des neuen Gesellschaftszustandes zu sein, welcher dem Genie den
+Vorrang vor dem Privilegium gab, sondern die absolute Monarchie
+wieder aufrichten wollte, sich nicht mehr auf die Machtidee stützte,
+welche mit der Rechtsidee verschmilzt und ein Ausdruck der Vernunft
+ist, sondern auf die Autoritätsidee, welche dadurch wirkt, daß sie
+blendet und blind angenommen wird, und daß er von diesem Augenblick
+an die Kirche mit sich haben mußte. Als Wieland im Jahre 1808 den
+Kaiser frug, weshalb er den von ihm restaurirten Kultus nicht dem
+Zeitgeiste mehr angepaßt habe, lachte der Kaiser und antwortete:
+»Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er freilich nicht
+gemacht. Die Philosophen glauben <em class="gesperrt">weder an mich, noch<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> an meinen
+Kultus</em>, und für die Leute, welche daran glauben, kann man nicht
+Mirakel genug thun, so wenig wie man ihnen zu viele lassen kann«. Es
+ist kaum möglich, die Autorität deutlicher als »<span class="antiqua">prestige</span>« zu
+charakterisiren. Bei anderen Gelegenheiten gebrauchte er das Wort,
+welches in der nachfolgenden Literaturperiode das Stichwort ward, indem
+er die Religion als die <em class="gesperrt">Ordnung</em> bezeichnete. Johannes Müller
+schreibt 1806 an seinen Bruder: »Der Kaiser sprach von dem Grund aller
+Religionen und von ihrer Nothwendigkeit und sagte, der Mensch empfinde
+das Bedürfnis, in Ordnung gehalten zu werden«.</p>
+
+<p>Hinsichtlich dieser Auffassung der Religion als Ordnung scheint einige
+Aehnlichkeit zwischen Napoleon und den Jakobinern stattzufinden, wie
+überhaupt Napoleon's Restaurationsversuch eine bestimmte Analogie mit
+Robespierre's Bestrebungen zur Wiederbelebung des religiösen Gefühls
+darbietet. Als Politiker glaubt Robespierre an die ordnende und
+regulirende Macht der Religion, und als Politiker in einem Zeitalter,
+wo die ungeheure Mehrzahl der Gebildeten auf dem Grunde des Deismus
+steht, fürchtet er den Atheismus als ein den Ideen der Zeit fremdes
+Princip. Aber die Ordnung, welche er wünscht, ist nur diejenige der
+uneingeschränkten Toleranz, und die Ordnung, für welche er kämpft, ist
+diejenige, an welche er glaubt. Er war ehrlich. Wer möchte Aehnliches
+von Bonaparte behaupten wollen?</p>
+
+<p>Bonaparte begriff, was für ein unschätzbares Werkzeug in der Hand des
+Regierenden die überlieferte Religion und der Kultus sei, und beschloß
+daher eine Allianz mit dem Priesterstande, dem er für alle Fälle schon
+als Sieger in Italien geschmeichelt und den Hof gemacht hatte. Er
+wußte recht wohl, daß die große unwissende Mehrzahl in Frankreich, wie
+in allen anderen Ländern, noch immer an der ererbten Religion hangen
+mußte, und daß die Lehren, welche die Philosophen des achtzehnten
+Jahrhunderts verbreitet hatten, unmöglich schon in die untersten und
+breitesten Schichten der Bevölkerung eingedrungen sein konnten. Er
+hat in früherer Zeit selbst offen seine Ziele bekannt. Im Jahre 1800
+brach er inmitten seines Staatsraths in die Worte aus: »Mit<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> meinen
+Präfekten, meinen Gendarmen und meinen Priestern bin ich im Stande,
+Alles zu thun, was ich will.« Der Priester ist ihm ein Polizeibeamter
+wie die übrigen, nur in anderer Uniform. In den Notizen, welche er
+Montholon diktirte, leitet er ohne Weiteres das Konkordat aus dem
+Wunsche ab, den er hegte, die Geistlichkeit an die neue Ordnung der
+Dinge zu knüpfen und das letzte Band zu zerreißen, welches sie und
+damit das Land an die alte bourbonische Dynastie knüpfte. Er hatte
+die Wahl gründlich überlegt, welche ihm zwischen dem Katholicismus
+und dem Protestantismus offen stand. Er räumte seinen Rathgebern ein,
+daß die Tendenzen des Augenblicks vollständig in der Richtung des
+Protestantismus lägen. »Aber«, sagte er, »ist der Protestantismus
+Frankreichs alte Religion? Wie kann man in einem Volke Gewohnheiten,
+Geschmacksrichtungen, Erinnerungen erschaffen, die es nicht hat? Der
+Hauptreiz einer Religion liegt in der Erinnerung. Ich höre niemals in
+Malmaison die Kirchenglocken des nächsten Dorfes, ohne davon bewegt zu
+werden. Und wer könnte in Frankreich sich in einer protestantischen
+Kirche ergriffen fühlen, die Niemand als Kind besucht hat, und deren
+kaltes und strenges Aeußere so wenig zu den Sitten des Volkes paßt?«
+— »Außerdem«, sagte er zu Las Cases, »erreichte ich durch den
+Katholicismus weit sicherer alle meine großen Resultate. Nach außen hin
+erhielt der Katholicismus mir den Papst, und mit meinem Einflusse in
+Italien und meinen Streitkräften dort, zweifelte ich gar nicht, früher
+oder später durch das eine oder andere Mittel die Herrschaft über
+diesen Papst zu erlangen, — und welchen ungeheuren Einfluß von diesem
+Augenblicke an, welchen Hebel für die öffentliche Meinung rings in der
+Welt!... Wenn ich als Sieger von Moskau zurückgekehrt wäre, würde ich
+den Papst leicht den Verlust seiner weltlichen Macht vergessen, ich
+würde ihn zu einem Götzenbilde gemacht haben; er hätte immer bei mir
+bleiben sollen. Paris wäre dann zur Hauptstadt der christlichen Welt
+geworden — und ich hätte die religiöse Welt eben so vollständig wie
+die politische Welt gelenkt ... <em class="gesperrt">Meine</em> Koncilien hätten dann
+die Christenheit repräsentirt, die Päpste wären nur ihre Präsidenten
+gewesen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span></p>
+
+<p>Man beachte auch die Argumentation, deren Portalis, der officielle
+Vertheidiger und Fürsprecher des Konkordats, sich bedient. Um zu
+beweisen, daß es nicht möglich sei, eine neue Religion einzuführen,
+sondern daß man die alte wieder aufnehmen müsse, sagt er: »In
+ganz alten Tagen, in Zeiten der Unwissenheit und Barbarei, haben
+außerordentliche Menschen sich inspirirt nennen und nach Prometheus'
+Beispiel das Feuer vom Himmel herabholen können, um mit demselben
+eine Neue Welt zu beseelen. Aber was bei einem entstehenden Volke
+möglich ist, ist es nicht bei alten vielgeprüften Nationen, deren
+Gewohnheiten und Ideen schwer zu verändern sind«. Er beginnt, wie man
+sieht, damit, an die Autorität der Gewohnheiten zu appelliren. Und er
+fährt fort: »Man glaubt nur an eine Religion, weil man sie für ein
+Werk Gottes hält. Alles ist verloren, sobald man die Menschenhand
+durchblicken läßt«. Daß diese Sprache nicht die des Glaubens ist,
+bedarf keiner Beweisführung. Worauf Portalis sich beruft, Das sind die
+mißlungenen Versuche, die positive Religion durch eine revolutionäre,
+eine »Vernunftreligion« wie diejenige Rousseau's und Robespierre's, zu
+ersetzen. Diese Versuche waren mißlungen, obschon die neue Lehre nicht
+erst erfunden zu werden brauchte, sondern in Wirklichkeit im Gemüth der
+gebildeten Klassen lebte; sie waren mißlungen, weil es unmittelbar,
+nachdem man alle äußere Autorität gestürzt hatte, unmöglich war, der
+Ueberzeugung, welche von der Mehrzahl der Gebildeten getheilt wurde,
+eine rein äußerliche Autorität, wie die zertrümmerte, zu geben. Sie
+trugen jene Frucht, weil ihre Urheber die Wahrheit verkannten, daß
+der Menschengeist unaufhörlich seine religiösen und sittlichen Ideen
+umwandelt, und nicht begriffen, daß der befreite Geist nothwendig
+jetzt noch schneller, als vorher, sich in der Fortschrittsströmung
+zu einer vollkommneren Klarheit befand, welche ihn nöthigen mußte,
+gleich von Neuem jede dogmatisch fixirte und begrenzte Form zu
+zerbrechen. Aber nun, weil die von innen gewählte Form sich als
+unhaltbar gezeigt, wieder die noch viel unhaltbareren alten erstarrten
+Traditionsformen aufnehmen zu wollen. Das war sicherlich eine sehr
+seltsame Argumentation. Es blieb also Nichts anders übrig,<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> als sich
+auf den unmittelbaren Nutzen zu berufen, welcher sich daraus ziehen
+ließe. Aber- und abermals kommt daher Portalis darauf zurück, nicht daß
+die Religion wahr, sondern daß sie nothwendig sei, daß man ohne sie
+nicht regieren könne, daß die Moral ohne religiöse Dogmen »wie eine
+Justiz ohne Gerichte« sein würde. Es ist wahr, daß das Dogma vom ewigen
+Höllenfeuer, so lange dasselbe Glauben findet, ein kräftiges Werkzeug
+in der Hand des Herrschenden ist. Ja, Portalis ist offen genug, mit
+dürren Worten zu sagen: »Die Frage nach der Wahrheit oder Falschheit
+dieser oder jener positiven Religion ist nur ein rein theologisches
+Problem, das uns fremd ist. Die Religionen haben, selbst wenn sie
+falsch sind, wenigstens den Vortheil, der Einführung willkürlicher
+Lehren eine Schranke zu setzen. Die Individuen haben in ihr ein
+Glaubenscentrum, die Regierungen sind beruhigt hinsichtlich der einmal
+bekannten Dogmen, die sich nicht verändern. Der Aberglaube ist, so zu
+sagen, regularisirt, eingezäunt und in Schranken gebannt, die er weder
+zu überschreiten vermag, noch wagt«.</p>
+
+<p>Mit seiner Zweizüngigkeit suchte Bonaparte die Restauration den
+verschiedenen Parteien in verschiedenem Lichte darzustellen. Den
+Katholiken wurde sie als eine That geschildert, mit welcher sich
+nur Konstantin's und Karl's des Großen Verdienste um die Kirche
+vergleichen ließen; den Philosophen als ein Akt, durch welchen die
+Kirche vollständig dem Staate, den weltlichen Behörden unterworfen
+würde. »Es ist eine Schutzpocke gegen die Religion«, sagte Napoleon
+zu dem Philosophen Cabanis; »in fünfzig Jahren wird es in Frankreich
+keine Religion mehr geben«. So Viel ist ausgemacht, daß er nicht
+daran gezweifelt hat, durch die Versöhnung zwischen Kirche und Staat
+sich einen gehorsamen und untergebenen Bundesgenossen zu sichern. In
+welchem Grade er sich hierin täuschte, ist bekannt. Allein Das hat
+nur wenig zu sagen. In welchem Grade er jedoch durch diesen seinen
+Trotz gegen den Zeitgeist, durch diese herausfordernde That gegen
+die Revolution, welcher er Alles verdankte, durch diesen Hohn gegen
+alles Größte und Beste, was sie gebracht oder errungen hatte, das
+Geistesleben seines Vaterlandes vergiftete<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> und dadurch die, durch so
+heldenmüthige Anstrengungen errungene Kultur desselben lähmte, Das hat
+erst die spätere Zeit verspürt, und Das spüren wir mit jedem Tage mehr,
+heute vielleicht tiefer, als jemals. Bitterlich mußte er bald selbst
+bereuen, daß er, von einer kurzsichtigen Politik geleitet, sich mit den
+niedrigsten und unwissendsten Elementen im Volke wider die edelsten
+und besten verbündet hatte. De Pradt erzählt, er habe Napoleon ein Mal
+über das andere wiederholen hören, daß »das Konkordat der größte Fehler
+seiner Regierung sei«. Von dem Justizmorde des Herzogs von Enghien hat
+man den bekannten Ausdruck gebraucht: »Er war mehr als ein Verbrechen,
+er war ein Fehler«. In Betreff des Konkordates kann man das Wort
+umkehren. Dasselbe war mehr als Napoleon's größter Regierungsfehler,
+es war das größte Verbrechen, welches dies gewaltige Genie in seinem
+rücksichtslosen Despotismus verübt hat.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>[<span class="antiqua">Thiers: Histoire du Consulat. — Lanfrey: Histoire de Napoléon I.
+— Mignet: Histoire de la Révolution, Tome II. — De Pradt: Histoire
+des quatre concordats. — Portalis: Discours et rapports sur le
+concordat.</span>]</p>
+</div>
+
+<h3>3.</h3>
+
+<p>Kann man begreifen, daß alles Geschehene für ungeschehen gelten, daß
+all' die ungeheuren Anstrengungen verschwendet sein sollten? Wenn man
+bedenkt, was zu vollbringen gelungen war, so muß man erstaunen. Eine
+Emancipationsbewegung, die während der Renaissancezeit mit der warmen
+Begeisterung für das klassische Alterthum begonnen, die in England
+durch Newton's Genie eine neue Anschauung von der äußeren Welt zur
+Grundlage erhalten und allmählich die Naturwissenschaften erobert,
+die eine neue Philosophie als ihr Produkt und die Freimauererei als
+ihr Zeugnis hinterlassen hatte, war wie ein sprühender Funke durch
+Voltaire's Geist nach Frankreich herübergeführt worden. Hier war dann<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span>
+das Wunder geschehen, daß, wenige Jahrzehnte nachdem Corneille seinen
+»<span class="antiqua">Polyeucte</span>« und Racine seine »<span class="antiqua">Athalie</span>« gedichtet, wenige
+Jahre nachdem Bossuet den absoluten Gehorsam gepredigt und Pascal
+mit Feuerbuchstaben das Bekenntnis seines Glaubens an die absolute
+Absurdität aufgezeichnet hatte, unter dem unbestrittensten Absolutismus
+eine Handvoll Männer, meist landflüchtig oder verfolgt, es vermocht
+hatte, erst die höheren Stände, die Elite der Nation, dann Prinzen
+und Prinzessinnen, die bald Könige und Kaiserinnen wurden, endlich
+den ganzen Mittelstand zu gewinnen, so daß die neue Wahrheit, welche
+in Niedrigkeit geboren, aber welcher schon in der Wiege von mächtigen
+Königen, von Preußens Friedrich, Oesterreichs Joseph und Rußlands
+Katharina, gehuldigt wurde, bald das ganze inzwischen herangewachsene
+Geschlecht beherrschte, ja sich Anhänger unter Aebten und Priestern
+gewann.</p>
+
+<p>Mit athletischer Kraft hatte der menschliche Gedanke sich in seiner
+Freiheit erhoben. Alles, was bestand, mußte sein Existenzrecht
+beweisen. Man forschte nach Ursachen, wo man früher um ein Mirakel
+gebetet. Man fand ein Gesetz, wo man früher an ein Wunder geglaubt
+hatte. Niemals zuvor war solchermaßen in der Welt gezweifelt,
+gearbeitet, untersucht und aufgeklärt worden. Man besaß nicht die
+Waffe der Macht, sondern die Waffe des Spottes, und mit Hohn und
+Spott griff man daher zuerst an. Auf Voltaire's raffinirten Hohn
+folgte dann Rousseau's plebejischer Zorn. Niemals zuvor war noch in
+der Welt solchermaßen gespottet, unterwühlt und deklamirt worden. Der
+menschliche Gedanke, welcher Jahrhunderte hindurch auf allen Gebieten
+wie ein Leibeigener hatte frohnen müssen, welchen man mit Legenden
+berauscht und mit geistlichen Liedern und Redensarten in Schlaf
+gelullt hatte, vernahm gleichsam den Ruf des Hahnes und sprang völlig
+erwacht empor. Und jetzt sollte Alles, was die Heroen des Geistes
+gedacht und wofür seine Märtyrer gelitten hatten, wie unnützes und
+unbrauchbares Gerümpel bei Seite gekehrt werden können! Wofür so viele
+der edelsten Herzen geschlagen, was ihnen Muth auf dem Schlachtfelde
+und auf dem Schafotte eingehaucht hatte, all' diese Begeisterung<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>
+sollte jetzt wieder, wie der Geist in dem Märchen, in einen eisernen
+Schrein zusammengepreßt, und dieser Schrein sollte für immer mit dem
+gemeinsamen Siegel eines Kaisers und eines Papstes verschlossen werden
+können!</p>
+
+<p>Die bestimmten Ursachen, welche Dies möglich machten, lassen sich
+nachweisen. Ringsum in den vornehmen Familien auf dem Lande waren
+während der Revolution die Mütter mit ihren Töchtern katholisch
+geblieben, da der Vater, wie er sonst auch gesinnt sein mochte, mit der
+bekannten moralischen Feigheit der Franzosen immer die Religion für
+eine heilsame Fessel des Weibes hielt. Die Damen hatten eine Altardecke
+gestickt, den Priester protegirt, ihm Geld für seine Armen und Kranken
+gegeben und nie eine Messe versäumt. Jetzt war die Messe verboten.
+Der arbeitsame und stille französische Bauer und seine Hausgenossen
+waren, bis die Revolution erschien, gewohnt gewesen, zum Priester, zu
+<span class="antiqua">Monsieur le Curé</span>, wie zu einer Art irdischer Vorsehung empor
+zu blicken, ihn tief zu grüßen, wenn er vorüberging und ihn bei Allem
+um Rath zu fragen; er hatte die Kinder getauft, er hatte ihnen das
+erste Abendmahl ertheilt, er hatte Jacques mit Fanchette getraut, er
+hatte der alten Mutter die letzte Oelung gebracht. Man las nicht im
+Bauernhause, man pflegte dort weder Literatur, noch Philosophie, noch
+Musik. Jedes Gefühl in der Seele, das sich über die Pflugschaar und
+die aufgewühlten Schollen erhob, schlug den Weg zur Kirche ein. Wie
+klein sie sein mochte, so war sie doch ein Festsaal im Vergleich mit
+der Dorfhütte; sie war heilig, man kniete in ihr. Jetzt war die Kirche
+geschlossen. Wer den gemeinen Mann in Frankreich oder Italien beten
+gesehen, wer die rührende Andacht in Augen erblickt hat, die so ernst
+und hell wie die eines Hundes sind, Der begreift, was es für den Bauern
+hieß, daß es weder Messe noch Priester mehr geben sollte. Endlich der
+Sonntag. Der Bauer ist gegen jede Veränderung, deren Nutzen ihm nicht
+augenblicklich einleuchtet. Und jetzt sollte der Sonntag abgeschafft
+werden. Hatte man je so Etwas gehört? Wer war je auf Dergleichen
+verfallen? Wer konnte darauf verfallen, außer jenen Herren in Paris!
+Länger als tausend Jahre, vielleicht seit Erschaffung der Welt,
+hatte man den Sonntag<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> gefeiert, unser Herrgott selbst hatte ihn ja
+gefeiert, und nun sollte die Woche zehn Tage haben und Dekade heißen,
+wovon Niemand wußte, was Das sei. Man wollte also gar den lieben Gott
+abschaffen!</p>
+
+<p>Hiezu füge man die Wirkung auf die jüngeren, noch unverdorbenen
+Priester. Frayssinous, der als katholischer Apologet während der
+Restauration so berühmt wurde, erzählt, wie er selbst und einer seiner
+Freunde, der ebenfalls Priester war, inmitten der Schreckensperiode,
+trotz aller Proskriptionsdrohungen, fortfuhren, ihre priesterlichen
+Funktionen zu verrichten, und, um sich zu prüfen und zu stärken, um
+sich mit dem Tode vertraut zu machen, der im Entdeckungsfall ihrer
+harrte, abwechselnd den Hinrichtungen auf dem permanenten Schafotte zu
+Rhodez beiwohnten.</p>
+
+<p>Man denke sich junge, begeisterte Priester, wie diese, oder wie sie
+in Lamartine's »Jocelyn« geschildert werden, in aller Stille mit
+ihrer Gemeinde Sonntagmorgens sich in Höhlen unter der Erde, in
+kalten und feuchten Kellern versammeln, die fast an die Katakomben
+der ersten Christen erinnern konnten. Man sprach mit einander von
+den schweren Zeiten für die Kirche, man tröstete einander, man hörte
+eine Predigt, man empfing die geweihte Hostie, und ging mit feuchten
+Augen und erbautem Gemüth wieder von dannen. Die vornehme Dame und
+die schlichteste Bauerfrau hatten sich hier als Mitglieder derselben
+Gemeinde in ganz anderer Weise gefühlt, als da sie durch die ganze
+Entfernung geschieden waren, welche den vordersten Kirchenstuhl von dem
+hintersten trennt.</p>
+
+<p>Selbst die Einziehung der Kirchengüter kam vorherrschend der Kirche
+zu Statten. Mancher Priester, den das Wohlleben verderbt hatte,
+sah sich plötzlich auf die evangelische Armuth beschränkt. Wenn
+der Verlust Viele reizte und verbitterte, so läuterte er Andere.
+Die Sache, für welche ein Mensch leidet, wird ihm theuer. Der
+schwankende, halb philosophische Priester, welcher früher (wie
+Barante von der Geistlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts erzählt)
+im Grunde erröthete, die christlichen Dogmen zu bekennen, fühlte
+seine Selbstachtung in dem Grade steigen, in welchem die Sache, der
+er diente, verfolgt wurde. Bischof Lecoz schreibt im Jahr 1801: »Die
+Religion,<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> welche der Heiland ohne Hilfe des Reichthums stiftete,
+wird er auch ohne diese Hilfe, die seiner unwürdig ist, erhalten. Als
+er seine zwölf Apostel berief, wozu berief er sie! Zum Genusse von
+Besitzthum oder Ehre? Nein, sondern zu Arbeit, Mühe und Leiden. Wenn
+also wir Diener Jesu Christi jetzt nahe daran sind, uns in diesem
+apostolischen Zustande zu befinden, dürfen wir wohl darüber murren?
+Nein, lasset uns vielmehr froh sein über diese köstliche Beraubung
+äußerer Güter, und lasset uns dem Herrn danken, der wieder jenen alten
+Zustand der Dinge erweckt hat, den die frömmsten seiner Kinder allezeit
+zurück ersehnt haben!«</p>
+
+<p>Dann vergesse man nicht die ungeheure Allianz, welche die Kirche
+dadurch erhielt, daß sie jetzt plötzlich das eigene Princip der
+Revolution sich aneignen und in ihrem Namen sich Sympathien erobern
+konnte. Die ganze Situation war von dem Augenblicke an verändert,
+wo die so lange wie möglich freiheitsfeindliche Kirche, durch die
+Nothwendigkeit gezwungen, das Wort Freiheit auf ihre Fahne schrieb.
+Jetzt, da sie selbst der Freiheit wider die Unterdrückung benöthigt
+war, jetzt sprach sie im Namen der Freiheit, und so beweglich, daß
+Alle, welche das Krokodil greinen hörten, es für ein kleines, wehrloses
+Kind hielten. Der liberale Katholicismus entstand, so seltsam auch
+diese Worte wider einander kreischen und zischen. Die Kirche entwand
+der Revolution ihre beste Waffe und gab dieselbe ihren Anhängern in
+die Hand — vorläufig, wohlgemerkt, bis sie ihre alte Macht wieder
+zurück erobert hätte; denn dann wehe der Freiheit! Aber jetzt war der
+Papst plötzlich liberal geworden: Religionsfreiheit hieß die Parole.
+Selbst als der Jesuitenorden wieder hergestellt ward, wollten die
+Jesuiten, wie alle sogenannten Liberalen unserer Zeit, »die rechte und
+wahre Freiheit«, d. h. natürlich Freiheit für sich selbst. Wie ehrlich
+man es mit dieser Berufung auf die Freiheit meinte, Das zeigte sich,
+sobald man zur Macht gelangt war. Als Napoleon 1808 die Forderung
+erhob, daß der Papst Religionsfreiheit gewähren solle, antwortete er:
+»Da dieser Artikel mit dem Kanon und den Koncilien der Kirche und mit
+der katholischen Religion, und wegen der entsetzlichen Folgen, welche
+daraus entspringen würden, mit der Ruhe und dem<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> Glück des Staates in
+Widerspruch steht, so haben wir ihn verworfen«. Die naiven Katholiken,
+welche dies Gerede von Freiheit buchstäblich nahmen, wie Lamennais zum
+Exempel, sollten bald die Liebe erproben. Aber selbst als Lamennais
+1832 von einer päpstlichen Bulle betroffen ward, gab man seinem
+Schüler Montalembert, welcher sich von ihm trennte und der kräftigste
+Vertheidiger des Katholicismus in der Mitte dieses Jahrhunderts ward,
+Erlaubnis, fortdauernd den liberalen Katholicismus vorzutragen, welchen
+man erst voriges Jahr, als man ihn zu gar Nichts mehr brauchen konnte,
+in einer der zornwüthigsten Bullen, die jemals erlassen worden sind,
+mit dem Bannfluche belegte. Wenige von Allen, welche sie damals in
+der Zeitung lasen, haben vielleicht verstanden, wie Viel diese Bulle
+eigentlich sagte.</p>
+
+<p>Man erwarb sich also durch den Aufruf im Namen der Freiheit Beistand
+und Hilfe. Allein zu den vielen Besseren, die im Augenblick des
+Umschlags unter dem Konsulate hievon beeinflußt wurden, und denen die
+brutale Behandlung, welche der Papst später unter dem Kaiserthume
+erlitt, vermehrte Sympathien für die Kirche einflößte, gesellten
+sich unter der nachfolgenden Entwicklung der Ereignisse, als die
+bourbonische Restauration stattfand, alle die Vielen, welche zu
+allen Zeiten der Religion der Gewalthaber huldigen, alle Anhänger
+der Moral des Fuchses bei Holberg: »Grübele nicht über die Religion,
+sondern halte dich blind an den herrschenden Glauben!« Von Seiten der
+Herrschenden wird in religiösen Angelegenheiten ja niemals der Kampf
+mit Gründen wider Gründe geführt. Man beantwortete die Argumente der
+Gegner nicht mit Argumenten, sondern mit der Entziehung des täglichen
+Brotes. Die Mehrzahl der Männer, welche ohne Vermögen sich auf die
+Beamtenlaufbahn vorbereitet hatten, und welche eine unwiderstehliche
+Lust, jeden Tag gut zu frühstücken und zu Mittag zu speisen, nicht
+zu überwinden vermochten, waren geborene oder gewonnene, jedenfalls
+aber durchaus zuverlässige Stützen für die Restauration der Kirche.
+Niemand, der über 25 Jahre alt ist, wird sich darüber wundern, wie
+viele Anhänger die Orthodoxie von dem Augenblicke an erhielt, wo sie
+aus einer Lächerlichkeit zu einer Versorgung ward.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span></p>
+
+<p>Füge man hierzu die große Partei der Furcht, alle Diejenigen hinzu,
+welche in Angst vor der rothen Republik lebten, und welche in der
+Wiederaufrichtung der Religion zuerst und vor Allem ein Bollwerk
+gegen dies Schreckbild sahen. Aus ihnen rekrutirte das Heer des
+Autoritätsprincips sich am allerstärksten. Die Katholiken wurden
+plötzlich aus einer kirchlichen Gemeinschaft zu einer politischen
+Partei.</p>
+
+<p>Ein Umschlag der Zustände wird immer vorbereitet durch einen Umschlag
+der Stimmung und ruft noch gewisser Stimmungen hervor, welche dem neuen
+Zustand entsprechen. Die Stimmungen und Ideen, welche das Konkordat
+vorbereiteten, erhielten durch den Abschluß desselben volle Freiheit,
+zu Worte zu gelangen; andere gleichartige waren eine Folge davon, und
+indem diese Stimmungen und Ideen sich jetzt in der Literatur äußerten,
+entstand eine literarische Bewegung, welche dem Konkordat entspricht
+und dasselbe, so zu sagen, in die Sprache der Literatur übersetzt.
+Dieser literarischen Bewegung wollen wir jetzt folgen. Was ich in
+dieser Reihenfolge von Studien geben möchte, ist eine einigermaßen
+vollständige Psychologie der ersten Hälfte unsres Jahrhunderts.
+Diese Psychologie würde eine empfindliche Lücke haben, wenn wir die
+literarische Bewegung der Restauration übersprängen. Mag der Stoff
+nicht sehr lohnend, nicht sehr einladend oder reichhaltig sein, er hat
+von unserem Gesichtspunkte aus trotzdem seinen großen Werth und seine
+hohe Bedeutung.</p>
+
+<p>Von welchem Kreise ging die literarische Bewegung aus? Wenn sie hätte
+von der Landbevölkerung ausgehen können, würde sie vielleicht etwas
+Naives und Rührendes gehabt haben; und wäre sie von der in Leiden
+geprüften Geistlichkeit ausgegangen, so hätte sie vielleicht durch
+Innigkeit und Gefühl Aufmerksamkeit erweckt; hätte sie endlich von
+denen ausgehen können, welche nach dem Beispiel des Alleinherrschers
+aus weltlichen Rücksichten sich der Kirche anschlossen, so hätte sie
+das Gepräge der Ideenlosigkeit getragen. Aber Nichts von Allediesem ist
+der Fall. Alle jene Gruppen bildeten das Publikum der neuen Literatur,
+gaben ihren Resonanzboden und ihr Echo ab, aber keine von ihnen war
+produktiv. Die neue katholische Richtung in der Literatur war eine
+Richtung<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> ohne Naivetät und ohne Gefühlsinnigkeit. Aber sie war nicht
+ideenlos. Mit großer Sicherheit und Entschlossenheit bringt sie die
+Idee, welche die Revolution absolut gestürzt hatte, die Autoritätsidee,
+wieder zur Geltung. Die Führer sind viel mehr politische als religiöse
+Geister, sie wollen nicht so sehr die Seelen wie die Tradition retten.
+Man verlangt in ihrem Kreise die Religion als Mittel wider die
+Anarchie. Man beruft sich so hartnäckig auf die Autorität, weil man an
+allem Andern, als an äußerer Autorität, bankerott ist.</p>
+
+<p>Die literarische Bewegung geht von verschiedenen Punkten aus, und
+von den Männern, welche sie einleiten, kennt anfänglich Keiner den
+Andern. Während der Revolution schweift z. B. Chateaubriand in Amerika,
+de Maistre in der Schweiz umher, und Bonald entwirft seine erste
+Schrift in Heidelberg. Sobald die geistige Reaktion beginnt, kehren
+die Emigranten heim, und die Autoritätsidee wird in der Literatur
+von Männern zur Geltung gebracht, welche Napoleon's Uebernahme der
+Herrschaft nach Frankreich zurückberuft und welche, wie Chateaubriand
+und Bonald, vorläufig an ihn als den Restaurator der Kirche sich
+anschließen, aber nur um kurz darauf, entweder schon unter seiner
+Regierung oder nach seinem Falle, sich mit weit größerer Wärme und
+weit mehr Ueberzeugung an die Bourbonen anzuschließen, zu welchen ihr
+eigenes Princip sie mit aller Macht der Konsequenz hinzieht. Napoleon's
+Plan, durch das Konkordat die Kirche für sich zu gewinnen und den
+Bourbonen die Sympathie der Geistlichkeit zu entziehen, schlug ihm
+vollständig fehl und mußte fehlschlagen. Bald kam es zum offenen Kriege
+zwischen dem Papste und ihm, und bald zeigt die literarische Bewegung,
+deren Entstehen mit dem Konkordate zusammenfällt, sich als offenbar
+bourbonisch und legitimistisch.</p>
+
+<p>Ihre ersten Urheber fühlen sich naturgemäß zu einander hingezogen,
+machen Bekanntschaft mit einander, und stiften bald eine förmliche
+Schule. Sie haben verschiedene wichtige gemeinsame Charakterzüge,
+welche man auch selbst bei den spätesten Anhängern der Schule, wie
+Lamennais, de Vigny, Lamartine und Hugo findet. Sie sind alle ohne
+Ausnahme Adlige und durch persönliche Bande an die legitime Dynastie
+geknüpft.<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> De Maistre war Gesandter (Vergl. Bd. <span class="antiqua">II.</span>, S. 250
+ff.). Bonald hatte als Jüngling zu den Musketieren Ludwig's <span class="antiqua">XV.</span>
+gehört und war in den letzten Tagen des Königs Derjenige gewesen,
+welcher täglich an das Bett des Königs kam, um das Feldgeschrei zu
+erfahren. Er hatte nämlich selbst die Blattern gehabt und stand
+daher nicht so sehr in Gefahr, angesteckt zu werden. Das erste Mal,
+als er nach dem Tode Ludwig's <span class="antiqua">XV.</span> erschien, um sich das
+Feldgeschrei vom neuen König auszubitten, warf Marie Antoinette ihm
+einen wohlwollenden Blick zu und richtete einige Worte an ihn. Jener
+letzte Blick eines sterbenden Königs, der eine fast vernichtete
+Monarchie hinterließ, und dieser erste Blick einer jungen, schönen und
+hoffnungsvollen Königin, die so großen Leiden entgegenging, entschwand
+niemals aus Bonald's Erinnerung. Diese Blicke wurden Leitsterne für
+sein Leben. — Was Chateaubriand anbelangt, so reichte er Napoleon
+in dem Augenblick seine Entlassung ein, als er die Verurtheilung des
+Herzogs von Enghien erfuhr, und übernahm von da an die Rolle, welche
+er bis zum Jahre 1824 durchführte, der treue Diener der Bourbonen zu
+sein; es war eine Rolle, die er so ernsthaft spielte und die ihm von
+den Umständen solchermaßen aufgedrängt worden war, daß er sie bis
+zur Vollkommenheit agirte. Was die folgende Generation betrifft, so
+hat Lamartine in der Vorrede zu seinen »Meditationen« erzählt, wie
+er als junger Garde-Officier neben dem Wagen Ludwig's <span class="antiqua">XVIII.</span>
+galoppirte, wenn Dieser von Paris nach Versailles oder St. Germain
+fuhr; De Vigny war gleichfalls königlicher Officier und eifriger
+Royalist und wurde nach 1830, als ein von der Juli-Revolution
+überraschter royalistischer Dichter, der enttäuschte Konservative, als
+welchen seine späteren Schriften ihn zeigen.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> Victor Hugo endlich
+hat oft genug geschildert, einen wie großen Einfluß royalistische
+Kindheitseindrücke und besonders die Einwirkung seiner Mutter als einer
+leidenschaftlichen »Vendéerin« auf sein erstes Auftreten übten.</p>
+
+<p>Talente ersten Ranges sind die theoretischen Leiter dieser<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> Schule
+nicht. Sie sind kräftig despotische Naturen, welche, weil sie
+Gehorsam fordern, die Gewalt, und weil sie Unterwerfung verlangen,
+die Autorität lieben, oder eitle Geistesaristokraten, welche lieber
+einem Paradox huldigen, als mit der ganzen Schaar von Schriftstellern,
+welche der Vernunft gehuldigt haben, in Reih und Glied gehen wollen,
+oder endlich ausnahmsweis Romantiker, welche durch den Gedanken
+an den Glauben, den sie nicht mehr besitzen, aber den sie mit
+verzweifelter Anstrengung sich anzueignen suchen, bis zu Thränen
+bewegt werden. Sie sind Kampfhähne, wie De Maistre und Lamennais,
+Inquisitoren- und Prälatennaturen, die Hartnäckigkeit selbst, wie
+Bonald und Chateaubriand, und reden so, wie sie reden, mehr aus
+Hartnäckigkeit, als aus Ueberzeugung. »<span class="antiqua">Moi catholique entêté</span>«,
+sagte Chateaubriand von sich selbst. Das ist das Wort: verstockt, nicht
+herzergriffen.</p>
+
+<p>Ihre Stärke ihren Zeitgenossen gegenüber liegt in ihrem Talente; denn
+leider ist das Talent ein solcher Zauberer, daß es geraume Zeit jede
+beliebige Sache zu stützen vermag. Chateaubriand ist der Kolorist der
+Schule, De Maistre ihr Paradoxienschmied, Bonald ihr dogmatischer und
+schematischer Doktrinär. Bald zieht sie das Beste, was Frankreich an
+jungen aufstrebenden poetischen Talenten besaß, an sich. Sie hält sie
+freilich nur kurze Zeit in ihrem Banne fest, aber sie beginnen ihre
+Laufbahn unter ihren Auspicien. Die Schule erhält also ihre Dichter und
+mit ihnen ihre Popularität, welche neben der Autorität, die ihre Denker
+besaßen, wohl für eine kurze Weile den Schein erregen konnte, als sei
+ihre Sache die siegreiche geworden, um so mehr, als die bourbonische
+Restauration ihre politischen Ideale verwirklichte. Nach Verlauf
+weniger Jahre geschah es dann, daß all' ihre besten Männer mit Fahnen
+und klingendem Spiel in das Lager der Gegner hinüber gingen. Die Schule
+löste sich vermöge ihrer inneren Unnatur auf. Das Princip, welches sie
+zusammenhielt, das Princip der Tradition und Autorität, das als eine
+unüberwindliche Festung erschienen war, erwies sich als unterminirt,
+hohl, einen ungeahnten Sprengstoff in seinem Schooße bergend; man
+entdeckte, daß man auf einem Pulverthurme stand. Man beeilte sich, ihn
+zu verlassen, ehe er in die Luft flog.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span></p>
+
+<p>Sylvain Maréchal schreibt in einem Buche, das im Jahre 1800 erschien
+(»<span class="antiqua">Pour et contre la Bible</span>«): »Eine ausgeprägt religiöse
+Reaktion charakterisirt das erste Jahr des neunzehnten Jahrhunderts«.
+Sie charakterisirt mehr als zwanzig der folgenden, und in langsam
+entwickelten, etwas stagnirenden Ländern volle siebzig Jahre.</p>
+
+<p>Die schriftstellerische Reaktion wider den Geist des achtzehnten
+Jahrhunderts beginnt nicht als specifisch-religiös. Ich habe im ersten
+Bande dieses Werkes in einer Reihe von Abschnitten nachzuweisen
+gesucht, was sie in ihrem Keime war. Ich sagte dort (S. 153), daß
+die Reaktion in derjenigen Gruppe schriftstellerischer Erzeugnisse,
+welche ich als Emigrantenliteratur bezeichnete, »noch nicht eine
+blinde Unterwerfung unter Autoritäten, sondern das natürliche und
+berechtigte Sichgeltendmachen von Gefühl, Seele, Leidenschaft und
+Poesie im Gegensatze zu Verstandeskälte, exakter Berechnung und einer
+von todten Ueberlieferungen umschnürten Literatur war«. Dies ist das
+erste Stadium der Literaturreaction, welches ich ebendaselbst mit den
+Worten charakterisirte: »Der erste Zug ist nur der, daß man Rousseau's
+Waffen ergreift, und sie wider seinen Gegner Voltaire richtet«. Man
+begnügt sich hier nicht mit Voltaire's kaltem Deismus, man stellt
+wider denselben Rousseau's warme und unbestimmte Sentimentalität auf.
+Man wandelt auf seiner Spur, man baut weiter auf dem Fundament seiner
+Gefühlswärme und Einbildungskraft. Ein Blick auf den Entwickelungsgang
+der Revolution hat uns gezeigt, daß diese Literaturbewegung schon
+während der Revolution geschichtlich gleichsam im Voraus angedeutet ist
+durch Robespierre's Versuch, Rousseau als Damm wider die Vernichtung
+jenes Gefühlslebens aufzustellen, welches so stark an die Tradition
+und Autorität der Kirche geknüpft gewesen war, daß es mit der Kirche
+zu Grunde zu gehen drohte. Ich möchte besonders die Aufmerksamkeit auf
+die Einfachheit der Elemente lenken, auf welche ich bei Besprechung der
+Emigrantenliteratur diese Bewegung zurückführte: auf die Reaktion des
+Gefühls wider den Verstand. In ihrem Ursprunge war die große religiöse
+Umkehr eben nur diese. Nicht die Göttlichkeit des<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Christenthums
+erzeugte die Reaktion, sondern der rein abstrakte Drang, zu glauben,
+und dieser Drang war in seinem Keime der noch abstraktere Drang, zu
+fühlen und das Gefühl zu Worte kommen zu lassen. Die Geschichte dieser
+Bewegung ist die Geschichte der entsetzlichen Verirrungen, welche
+dieser Drang allmählich erfuhr.</p>
+
+<p>Wie es nun das erste Stadium der Reaktion war, <em class="gesperrt">Rousseau reagiren
+zu lassen</em>, so ward es das zweite Stadium der Bewegung, <em class="gesperrt">wider
+Rousseau zu reagiren</em>. Fast jedes Buch von Bonald, De Maistre oder
+Lamennais, das man in die Hand nimmt, geht von dem leidenschaftlichen
+Bestreben aus, Rousseau zu widerlegen, oder vielmehr ihn zu verhöhnen
+und zu vernichten. Im ersten Stadium stellte man <em class="gesperrt">das Princip des
+Gefühls</em> wider die Verstandesherrschaft auf; in dieser zweiten
+Phase stellt man <em class="gesperrt">das Autoritätsprincip</em> als das absolute wider
+alle früheren Principien, das Gefühlsprincip eingeschlossen, auf. Der
+Uebergang von der einen dieser Phasen zur anderen geschieht in solcher
+Weise, daß man die Autorität durch einen Appell an das Gefühl geltend
+zu machen und wieder einzusetzen sucht. Dies geschieht in Ballanche's
+»<span class="antiqua">Du sentiment considéré dans ses rapports avec la littérature et
+les arts</span>« 1801, und namentlich in Chateaubriand's »Genius des
+Christenthums« 1802.</p>
+
+<p>Man findet jetzt in Rousseau den gefährlichsten Typus für den Geist des
+achtzehnten Jahrhunderts. Eine kurze Charakteristik der Angriffe gegen
+ihn, welche sich nach allen Richtungen erstreckten, wird zeigen, was
+wahr und was falsch in ihnen war.</p>
+
+<p>Zuerst der politische Angriff. Es ist in unserm Jahrhundert oft
+wiederholt worden und darf nicht vergessen werden, daß es dem vorigen
+Jahrhundert an allem historischen Sinne gebrach. Einer seiner
+berühmtesten Repräsentanten, d'Alembert, wünschte sogar das Gedächtnis
+aller früheren Zeiten ausgerottet zu sehen. Wider Rousseau's und des
+achtzehnten Jahrhunderts naiven Glauben, daß der abstrakte Gedanke ohne
+Rücksicht auf Geschichte und Wirklichkeit das Dasein reformiren könne,
+wandte man sich jetzt polemisch auf allen Gebieten. Die vorige Periode
+hatte geglaubt, daß Alles gut sei, wenn<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> man nur eine geschriebene
+Verfassung bekäme, die alles aufhebe, was man für Mißbrauch hielt,
+und feststelle, was man für Recht hielt. Sie hatte dies Blatt Papier,
+oder, wie man es damals nannte, diese Gesetztafeln, als die wirkliche
+Verfassung des Landes betrachtet. Hiegegen richtet De Maistre seinen
+Satz: »Der Mensch kann keine Verfassung fabriciren, und eine legitime
+Verfassung kann nicht geschrieben sein«. Er hat hierin zur Hälfte das
+sonnenklarste Recht und zur Hälfte das lächerlichste Unrecht.</p>
+
+<p>Er ahnt die große Wahrheit, welche als eine Errungenschaft der modernen
+Politik gelten kann, daß die wahre Verfassung eines Landes aus den
+wirklichen Machtverhältnissen des Landes, wie sie vorliegen, besteht,
+Machtverhältnisse, die nicht dadurch geändert werden, daß politische
+Dilettanten sie auf einem Blatte Papier ummodeln, — eine Wahrheit,
+die mit genialer Anschaulichkeit in Lassalle's Broschüren »Ueber
+Verfassungswesen« und »Was nun?« entwickelt wird. Für De Maistre hat
+die Autorität selbstverständlich immer eine unbedingte Souverainetät.
+Jeder Aufstand erscheint ihm als ein Verbrechen, aber bei seinem
+scharfen Blick für Realitäten glaubt er nicht an die geschriebene
+Verfassung als Schranke. Von der Schranke gegen die Zügellosigkeit sagt
+er: »Sie ist die Gewohnheit, oder das Gewissen, oder eine Papstkrone,
+oder ein Dolch, aber sie ist immer ein Etwas;« die geschriebene
+Verfassung allein ist ihm nichts Reelles.</p>
+
+<p>Sein lächerlicher Irrthum liegt in der Art und Weise, wie er seinen
+Haß gegen die Verfassung motivirt. Er meint, was geschrieben sei, was
+durch menschliche Klugheit vorausgesehen und festgestellt worden, sei
+als ein Eingriff in das Gebiet der Vorsehung zu betrachten. »Es ist
+Naseweisheit wider Gott, kein Zutrauen zu dem Unvorhergesehenen zu
+haben, und jede Regierung, welche durch positive Gesetze konstituirt
+ist, ist eine Usurpation der Autorität des göttlichen Gesetzgebers.«
+Die faktisch existirende Verfassung ist ihm dagegen von göttlicher
+Natur, da er von seinem orthodoxen Standpunkte aus geltend macht,
+daß es Gott sei, welcher den Völkern ihre Art und Weise der Existenz
+verleihe. Gegen die Souverainetät des Volkes stellt er daher, gerade
+wie Bonald<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> und Lamennais, die Souverainetät Gottes auf und steuert
+solchergestalt in den Hafen der Theokratie.</p>
+
+<p>Rousseau's politische Ideen waren gewiß höchst unvollkommen, und es
+war leicht zu erkennen, welche Gefahren in ihnen verborgen lagen.
+Sein Grundsatz, daß Niemand verpflichtet sei, Gesetzen zu gehorchen,
+zu denen er nicht seine Einwilligung gegeben habe, vernichtet nicht
+nur die Autorität als Autorität, sondern auch diejenige Autorität,
+welche nur die Form der Vernunft ist, und macht alles Regieren
+unmöglich. Sein zweiter Grundsatz, daß die Souverainetät beim Volke
+liege, kann, wenn man das Volk auf einseitige Weise definirt, zur
+Majoritätstyrannei führen und alle Freiheit unmöglich machen. Sein
+dritter großer Grundsatz, daß »alle Menschen gleich sind«, kann,
+mißverstanden, zur Nivellirung statt zur Gerechtigkeit führen. Es
+waren daher Angriffspunkte genug für eine Diskussion vorhanden, die
+von den Principien der modernen Zeit ausgeführt wurde. Hegel ließ sich
+seiner Zeit auf eine solche ein, indem er eine neue Definition der
+Volkssouverainetät gab, welche nach Innen als die Souverainetät des
+Staates bestimmt wurde (Hegel's Werke, Band <span class="antiqua">VIII.</span>, Philosophie
+des Rechts, S. 367), und Heiberg, welcher gern die Hegel'schen Gedanken
+auf die Spitze treibt, hat in seiner Abhandlung »Ueber Autorität«
+(Prosaische Schriften, Bd. <span class="antiqua">X.</span>, S. 335) der Idee Hegel's die
+paradoxe und reactionäre Form gegeben, daß »es äußerst gleichgültig
+ist, ob die Bürger durch die Entwicklung des Staates in den Besitz von
+mehr Gütern gelangen oder nicht, denn der Staat ist nicht um der Bürger
+willen, sondern die Bürger sind um des Staates willen da«. Selbst wenn
+man einen ausgeprägten Abscheu gegen Sätze dieser Art empfindet, hat
+man doch diejenige Sympathie mit solchen Einreden, welche ein moderner
+Gedankengang erwarten darf. Die Opposition jener Zeit wider Rousseau
+ist dagegen nicht auf Denken oder Vernunft gegründet, sondern auf den
+reinen Autoritätsglauben, und dieselbe ist obendrein von so unredlicher
+Art, daß sie stets einen oder den andern losgerissenen Satz Rousseau's
+aufsucht, der, mit gutem Willen gelesen, sich verstehen, der aber
+seiner kühnen Form halber ziemlich leicht sich zu Wahnwitz verdrehen
+läßt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p>
+
+<p>Bonald verhöhnt z. B. Rousseau, weil er gesagt hat: »Ein Volk hat
+immer Recht, seine Gesetze, selbst die besten, zu ändern; denn wenn es
+sich selbst schaden will, wer hat ein Recht, es daran zu hindern?« Der
+Satz ist unvorsichtig, aber er scheint mir richtig zu sein; er heißt
+in Wirklichkeit nicht den Rückschritt gut, er weist nur die fremde
+Einmischung ab, welche denselben als Vorwand ergreifen möchte, und
+man fühlt sich peinlich überrascht, wenn man sieht, daß die Ursache,
+weshalb Bonald so erbittert auf diese Worte ist, keine andere als die
+ist, daß die Macht der Gesetzgebung nicht dem Volke, sondern Gott
+gehöre.</p>
+
+<p>Ferner greift man mit viel Eifer und Hitze Rousseau's
+Gesellschaftsbegriff an. Es läßt sich verstehen, daß Rousseau, wenn er
+seinen Blick auf diejenige Gesellschaft, welche er vor Augen hatte,
+richtete, zu dem Wahne gelangen konnte, daß man einer Gesellschaft
+überhaupt entbehren könne; allein dieser Irrthum, im Verein mit seiner
+Phantasterei von einem verloren gegangenen glücklichen Naturzustande,
+hatte ihn zu Sätzen wie diesen geführt: »Der Mensch ist als gut
+geboren, und die Gesellschaft verdirbt ihn«, und zu dem komischen
+Paradoxon, das in allen Büchern der Restaurationszeit paradirt, von
+so vielen Argumenten durchbohrt, wie sich Nadeln in ein Nadelkissen
+stecken lassen: »Der Mensch, welcher denkt, ist ein verderbtes Thier«.
+Auf solchen Punkten hat der Angreifer freilich in der Regel ein
+leichtes Spiel.</p>
+
+<p>In seinem Eifern wider die Gesellschaft ließ sich Rousseau zu der
+Behauptung verleiten: »Die Gesellschaft geht nicht aus der Natur
+des Menschen hervor. — Alles, was nicht in der Natur liegt, führt
+Unzuträglichkeiten mit sich, und die bürgerliche Gesellschaft mehr
+als alles Uebrige«. — »Die Gesellschaft«, ruft Bonald nicht ohne
+Beredsamkeit aus; »als bestünde die Gesellschaft in den Mauern
+unserer Häuser oder den Wällen unserer Städte, und als wären nicht
+überall, wo ein Mensch geboren wird, ein Vater, eine Mutter, ein Kind,
+eine Sprache, der Himmel, die Erde, Gott und die Gesellschaft!« Er
+belehrt seine Zeitgenossen, daß die erste Gesellschaft eine Familie
+war, und daß in der Familie die Macht nicht durch Wahl erkoren ist,
+sondern aus der Natur der Dinge<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> hervorgeht. Wider die Lehre, daß
+die Gesellschaft durch freiwillige Uebereinkunft entstehe und das
+Produkt eines Vertrages sei, stellt er die seinige auf, daß die
+Gesellschaft uns auferlegt (<span class="antiqua">obligée</span>) und das Resultat einer
+Macht sei, möge es nun die Macht der Ueberredung oder der Waffen sein.
+Der Behauptung, daß die Macht von Ursprung an das Gesetz vom Volke
+empfangen habe, stellt er die gegenüber, daß nicht einmal ein Volk
+existire, ehe eine Macht da sei. Dem revolutionären Grundsatz, daß die
+Gesellschaft eine Brüderlichkeit und Gleichheit sei, stellt er seine
+patriarchalisch-despotische Lehre gegenüber, daß die Gesellschaft ein
+Väterlichkeits- und Abhängigkeits-Verhältniß sei; die Macht sei bei
+Gott und werde von ihm ertheilt. — Hier ist abermals die energische
+Berufung auf die geschichtliche Wirklichkeit und ihre Machtverhältnisse
+treffend wahr, während gleichzeitig durch einen Sophismus ohne Gleichen
+das legitime Königthum von Gottes Gnaden aus dem Respekt vor der
+Geschichte und der Wirklichkeit abgeleitet wird.</p>
+
+<p>Man richtet endlich aus allen Kräften einen Hieb gegen Rousseau's
+Auffassung des Staates als eines Vertrages. Man stellte diese
+Auffassung als eine Thorheit, ja als eine verbrecherische Erfindung
+dar. Und doch geht sie so naturnothwendig, wie irgend Etwas, aus
+des achtzehnten Jahrhunderts ganzer Ueberschätzung des Bewußten im
+Menschenleben und seinem Mangel an Blick für das Unbewußte hervor. Um
+wie viel gerechter hat später Hegel Rousseau beurtheilt! Er hebt das
+Verdienst Rousseau's hervor, ein Princip aufgestellt zu haben, »dessen
+Inhalt der Gedanke selber«, nämlich der Wille, als Princip des Staates
+war, und bemerkt, daß sein Fehler lediglich darin bestand, unter dem
+Willen nur den einzelnen, den bewußten und willkürlichen Willen zu
+verstehen, was dann »zu den weiteren, blos verständigen, das an und
+für sich seiende Göttliche und dessen absolute Autorität und Majestät
+zerstörenden Konsequenzen führt« (Hegel's Werke, Band <span class="antiqua">VIII</span>, S.
+314). — Im »<span class="antiqua">Contrat social</span>« hatte Jean-Jacques die Principien
+der Regierung und der Gesetze in der Natur des Menschen und der
+Gesellschaft, diese in rein abstrakter Allgemeinheit genommen, zu<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>
+finden gesucht. Aber schon Montesquieu sagte: »Ich habe niemals von
+öffentlichem Recht reden hören, ohne daß man sich sorgfältig bemüht
+hat, zu ergründen, was der Ursprung der Gesellschaften sei, Etwas, das
+mir als durchaus lächerlich erscheint. Wenn die Menschen nicht eine
+Gesellschaft bildeten, wenn sie einander mieden oder flöhen, müßte
+man nach dem Grunde fragen und erforschen, weshalb sie sich getrennt
+hielten; aber jetzt werden sie alle als an einander geknüpft geboren.
+Ein Sohn wird bei seinem Vater geboren und hält sich an ihn; Das ist
+die Gesellschaft und die Ursache der Gesellschaft.«</p>
+
+<p>Wenn man nur, statt des Verhältnisses zum Vater, das noch nähere
+Verhältnis des Kindes zur Mutter setzt, so scheint die ganze
+Argumentation mir vollkommen richtig zu sein. Rousseau wollte jedoch,
+ohne Rücksichtnahme hierauf, zeigen, kraft welcher Principien die
+Menschen sich mit einander vereinigt, welches Ziel sie sich bei
+dieser Vereinigung gesetzt hätten, und welches die besten Mittel zur
+Errichtung dieses Ziels wären. Nun ist es sicherlich unbestreitbar, daß
+die Gesellschaft nur durch Uebereinkunft ihrer Mitglieder existirt.
+Diese Uebereinkunft oder dieser Vertrag ist also ganz gewiß das
+<em class="gesperrt">rationelle</em> Princip ihrer Existenz, allein dieser Vertrag wird
+stillschweigends geschlossen, hat sich immer von selbst verstanden,
+hat immer existirt, ist also nicht <em class="gesperrt">reell</em>. Ganz auf dieselbe
+Art heißt es in der Geometrie, eine Kugel entstehe dadurch, daß man
+einen Halbkreis um seine Achse bewege. Diese Definition ist vollkommen
+richtig, hat aber Nichts mit den materiellen Bedingungen der Existenz
+einer bestimmten Kugel zu schaffen. Niemals in der Welt ist eine Kugel
+dadurch verfertigt worden, das man einen Halbkreis um seinen Radius
+drehe.</p>
+
+<p>Will man dies Bild festhalten, so hat man in einem bestimmten
+Beispiel die Eigenthümlichkeit des Gedankenganges des achtzehnten
+Jahrhunderts auf socialem Gebiete, ja seines ganzen Geisteslebens. Dies
+Geistesleben ist analytisch und abstrakt, es hat eine Tendenz nach der
+Seite der Geometrie und der Algebra und sucht die schwierigsten und
+komplicirtesten Verhältnisse der Wirklichkeit mit Hilfe der Abstraktion
+zu begreifen.<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> Dieser Schwäche gegenüber erringt Bonald einen leichten
+Sieg, indem er sich auf das Machtprincip beruft. Er stellt Rousseau's
+auflösenden Theorien seine absolutistischen Postulate gegenüber: »Gott
+ist die souveraine <em class="gesperrt">Macht</em> über alle Wesen, der Gottmensch ist die
+<em class="gesperrt">Macht</em> über die ganze Menschheit, das Staatsoberhaupt ist die
+<em class="gesperrt">Macht</em> über all' seine Unterthanen, das Familienoberhaupt ist
+die <em class="gesperrt">Macht</em> in seinem Hause. Da alle Macht nach dem Bilde Gottes
+geschaffen ist und von Gott stammt, ist alle Macht absolut«.<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
+
+<p>Sodann bekämpft man Rousseau auf dem moralischen Gebiete. Rousseau
+hatte sich bestrebt, in der Moral »das innere, ungeschriebene Gesetz«,
+von welchem Antigone spricht, zur Quelle der Gesetzgebung zu machen.
+Er hatte gesagt: »Was der Mensch nach dem Willen Gottes thun soll, Das
+giebt er dem Menschen nicht durch einen anderen Menschen kund; Das
+sagt er ihm selbst und schreibt es ihm tief ins Herz«. Wäre dem so,
+was bedeuteten dann Tradition und Autorität und durch dritte Personen
+mitgetheilte Offenbarungen! »Wenn der Mensch«, entgegnet daher Bonald,
+»diesem inneren Gesetz durchaus folgen müßte, so wäre er willenlos wie
+ein Stein, den das Gesetz der Schwere lenkt; braucht er ihm dagegen
+nicht nothwendig zu folgen, so bedarf es hier einer <em class="gesperrt">Autorität</em>,
+welche ihn auf jene Gesetze aufmerksam machen kann und ihn lehrt,
+denselben gehorsam zu sein«. So wird auch in der Moral das Princip also
+von dem inneren Gefühle in die äußere Autorität verlegt.</p>
+
+<p>Die Polemik wider Rousseau geht so weit, daß Bonald z. B. über die
+Ermahnung des Philosophen an die Mütter, selbst ihre Kinder zu stillen,
+ganze Seiten lang declamirt. Man sollte glauben, hier wenigstens hätte
+Rousseau es den strengen Moralisten recht gemacht. Weit gefehlt!
+Jene Ermahnung beweist, daß Jean-Jacques die Menschen nur als Thiere
+betrachtet habe. »J. J. Rousseau machte es im <em class="gesperrt">Namen der Natur</em>
+den Frauen zur Pflicht, selbst ihren<span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span> Kindern die Brust zu reichen,
+gerade wie es die Weibchen bei den Thieren, und aus dem nämlichen
+Grunde, thun..... Die Väter und Mütter, welche von der Philosophie nur
+als Männchen und Weibchen betracht wurden, betrachteten also die Kinder
+nur als ihre Jungen« (<span class="antiqua">Bonald: du divorce considéré au 19me siècle
+relativement à l'état domestique et à l'état public de société</span>,
+Ausgabe von 1817, S. 29 und 31). Und weshalb ist Bonald so erbittert?
+Augenscheinlich weil er fürchtet, Rousseau möge der Religion Etwas von
+ihrer Autorität rauben, indem er ein Vernunftgebot erläßt, welches
+sie nicht direkt gegeben hat. »Rousseau«, sagt er, »hat vermuthlich
+gedacht, die Religion dabei zu ertappen, daß sie eine Pflicht übersehen
+hätte; aber vielleicht hat eben die Religion, welche weiter als er sah,
+Alles gescheut, was jungen Eheleuten als Grund oder Vorwand dienen
+könnte, wenn auch nur für den Augenblick, getrennt von einander zu
+leben«. Die mütterliche Sorge der katholischen Kirche für das Glück der
+Eheleute und die Vermehrung des Menschengeschlechts soll also durch die
+Polemik wider Rousseau sich in ihrem glänzendsten Lichte zeigen.</p>
+
+<p>Wir sahen, zu welchen Mißverständnissen der Gesellschaftsidee der
+abstrakte und mathematische Gedankengang des achtzehnten Jahrhunderts
+führte. Eines ganz ähnlichen Mißverständnisses hatte man sich durch
+denselben Gedankengang der Poesie gegenüber schuldig gemacht. In seiner
+Bewunderung des mathematischen Raisonnements und der Sicherheit,
+mit welcher man auf dem Wege der mathematischen Schlußfolgerung zur
+Entdeckung abstrakter Wahrheiten gelangte, wünschte man, der Sprache,
+so weit möglich, den Charakter des mathematisch-exakten Ausdrucks
+mitzutheilen. Ich brauche nur an Condillac's bekannte Definition
+einer Wissenschaft als einer »<span class="antiqua">langue bien faite</span>«, d. h. einer
+vollständig klaren und vollständig genauen Sprache, zu erinnern.
+Man beachtete viel zu wenig, daß, sobald es Eindrücke wiederzugeben
+gilt, welche nicht dieselben bei Allen sind, und welche bei derselben
+Person von einem Augenblicke zum andern wechseln können, eine
+schmiegsame, leicht umzuprägende Sprache erforderlich ist, welche
+ihren Geist und Charakter von Dem, welcher sie spricht,<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> empfängt.
+Die Männer der Wissenschaft begannen damals Das, was man die Poesie
+und den Stil nannte, zu verhöhnen, und versicherten, daß die Gedanken
+Alles und die Form so gut wie Nichts sei. Barante, welcher beim
+Beginn des neuen Jahrhunderts zum ersten Mal seinem Zeitalter in
+einer literaturgeschichtlichen Schrift die Spitze bietet, bemerkt
+hiergegen schlagend: »Wenn Ximene zu Rodrigo sagt: ›Geh, ich hasse
+Dich nicht‹, so ist es klar, daß, wenn man diese Worte einer kalten
+Analyse unterwirft, es das Gleiche ist, als wenn sie sagte: ›Geh,
+ich liebe Dich‹, und doch würde sie, wenn sie diese letzteren Worte
+sagte, ein ganz anderer Charakter sein, würde die Rücksicht auf ihren
+Vater vergessen und sowohl ihre Schamhaftigkeit wie ihren Liebreiz
+verlieren«. Die Dichter, welche im Grunde von derselben Auffassung
+wie die Männer der Wissenschaft ausgingen und eben so weit, wie jene,
+davon entfernt waren, den Stil als das unmittelbare Produkt des
+Gedankens zu begreifen, machten sich daran, »Stil« an und für sich zu
+fabriciren, und sprachen von dem Stil, wie man von der Musik zu einem
+Texte spricht. Sie betrachteten die Kunst, zu schreiben, als eine rein
+mechanische Kunst, und man sah die deskriptive Schule, mit Delille
+an der Spitze, den Versuch machen, die allerpoesielosesten Sujets,
+wie die Botanik, die Astronomie, die Physik und die Seefahrt, in Stil
+zu setzen. Ich deute hiemit auf wirklich existirende Dichtungen von
+Boisjolin, Gudin, Aimé Martin und Esménard hin. Ja, Cournand schrieb
+sogar ein Gedicht in vier Gesängen vom »Stil« und den Stilarten. Man
+betrachtete die Poesie als eine künstliche Form, welche dem abstrakt
+fertigen Gedanken mitgetheilt wurde. Hiergegen hatte schon Buffon
+seinen treffenden Satz »<span class="antiqua">Le style c'est l'homme</span>«, — »der Stil
+ist der Mann« — gerichtet, ein Satz, welcher seitdem, so oft das Wort
+Stil genannt wird, als stehende Trivialität zum Vorschein kommt, und
+niemals öfter als Denen citirt wird, welche weder Männer sind noch
+einen Stil haben.<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a><span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> Die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts gingen
+in ihrer Auffassung von der Natur des poetischen Stils von ihrem
+eigenen Verfahren aus. Da ihre eigene Poesie kein Naturprodukt, sondern
+ihre Sprache das Produkt einer Arbeit nach gewissen Regeln von der
+Noblesse des Ausdrucks, von der Wahl der Metaphern und der Anwendung
+der Mythologie war, so glaubten sie, daß die Sprache und der Gedanke
+von Ursprung an unabhängig von einander entstünden.</p>
+
+<p>Wenn daher Bonald seine Lehre wider sie richtet, daß Sprache und
+Gedanke sich nicht trennen lassen — der Grundsatz, auf welchem er in
+seinem Hauptwerke »<span class="antiqua">La législation primitive</span>« sein ganzes System
+erbaut, — so hat er selbstverständlich Recht. Aber es geht mit diesem
+Satze wie mit allen andern der Restauratoren: die orthodoxe Manie, an
+welcher der Verfasser leidet, veranlaßt ihn, jeden wahren Gedanken so
+zu recken und zu strecken, daß ein förmliches Monstrum daraus wird.
+»Die Lösung des Problemes der Intelligenz«, sagt Bonald, »läßt sich
+in dieser Formel geben: Es ist nothwendig, daß der Mensch sein Wort
+denke, bevor er seinen Gedanken ausspricht. Das will sagen, es ist
+nothwendig, daß der Mensch das Wort wisse, bevor er es spricht, welcher
+einleuchtende Satz jede Möglichkeit ausschließt, daß der Mensch selbst
+das Wort erfunden haben könnte«. Da hat man's! Auf solche Art gelangt
+Bonald zu jenem Lieblingssatze der Reaktionäre in diesem Jahrhundert,
+daß die Sprache ursprünglich von Gott den Menschen gegeben sei. Man
+findet ihn bei uns in der Aeußerung Sören Kierkegaard's (»Ueber den
+Begriff Angst«), daß keinesfalls der Mensch die Sprache selbst erfunden
+haben könne. Weshalb nicht? Weil Gott sie fix und fertig offenbart hat.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
+
+<p>Wider Locke's und Condillac's gesunde Lehre von der successiven
+Erwerbung der Sprache und der Ideen stellt Bonald dies sein Axiom von
+der Nothwendigkeit der primitiven Offenbarung der Sprache und der Ideen
+auf. Auf dieser Grundlage beruht bei ihm nichts Geringeres, als das
+Dogma von der Existenz Gottes, woraus alle übrigen folgen. Wohin man
+sich auch wende, man endet immer fort. Da keiner der Restauratoren
+einen Begriff von der Wissenschaft hat, da sie alle gute Köpfe mit
+derjenigen Bildung sind, welche man in einem Jesuitenkollegium erlangt,
+läßt sich kein wissenschaftliches Tollhausgeschwätz denken, das sie
+nicht im Munde führten. Die Philologie wird nicht minder, als die
+Politik und Gesellschaftslehre, auf dem Altare der Theokratie geopfert.
+Ein merkwürdiger Beweis des Zusammenhanges der Restauratoren ist
+der Umstand, daß Bonald im Jahre 1814 De Maistre's Werk »<span class="antiqua">Sur le
+principe générateur des constitutions politiques</span>« in neuer Auflage
+herausgab, also sich eines Werkes annahm, das wider geschriebene
+Verfassungen eiferte, während er doch in Folge seiner Theorie von der
+direkten Offenbarung des Wortes zu der Ueberzeugung gekommen war, daß
+jedes Gebot von den zehn Geboten an und bis auf uns herab schwarz
+auf weiß aufgezeichnet sein müsse. Aber die Hauptsache war für ihn,
+wie für De Maistre, daß die Verfassung dem modernen Geiste keine
+Koncessionen mache, und daß die Autorität von keinem Freiheitshauch
+angefochten werde; so nahm man es nicht so genau damit, sich mit
+einem principiellen Gegner zu verbünden. Wie hätte man auch im
+Jesuitenkollegium nicht ein bischen Jesuitismus gelernt!</p>
+
+<p>Nicht genug, daß man selbst dort in die Schule gegangen war, man wollte
+auch das ganze Geschlecht dorthin senden. Der dritte Theil von Bonald's
+»<span class="antiqua">Législation primitive</span>« behandelt speciell die Erziehung und
+ist speciell gegen Rousseau's »Emil« gerichtet. Er kann es diesem
+Buche nicht verzeihen, gelehrt zu haben, daß man der Jugend keine
+religiöse Erziehung geben solle. Er citirt mit heiligem Ernste als
+Beispiel der unheilvollen Wirkungen von Rousseau's Erziehungstheorien,
+daß »75 Kinder im Laufe der letzten fünf Monate wegen verschiedener
+Verbrechen polizeilich verurtheilt<span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span> worden sind«, und giebt nun seine
+eigenen Erziehungsgrundsätze zum Besten. Sie laufen, wie zu erwarten
+stand, darauf hinaus, alle Individualität zu ersticken. »Wir bedürfen
+eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Unterrichts und folglich
+eines stetigen, allgemeinen, gleichförmigen Lehrers (<span class="antiqua">perpétuel</span>,
+<span class="antiqua">universel</span>, <span class="antiqua">uniforme</span>); man bedarf also eines Corps,
+denn ohne Corps giebt es weder Stetigkeit, noch Allgemeinheit, noch
+Gleichförmigkeit.« Er zeigt auch, wie man von verheiratheten Lehrern
+nicht annehmen könne, daß sie sich ganz ihrer Aufgabe widmen werden,
+wie es aber eben so wenig nütze, unverheirathete zu wählen, wenn
+sie nicht unter einer religiösen Disciplin stünden; »denn wenn die
+öffentlichen Lehrer zwar unverheirathet, aber zugleich weltlich sind,
+können sie kein wirkliches Corps ausmachen, da sie nach Lust und Laune
+in dasselbe ein- und aus demselben austreten, und da kein Familienvater
+außerdem seine Kinder einem unverheiratheten Manne anzuvertrauen wagen
+könnte, für dessen Sitten nicht eine religiöse Disciplin bürgte«. Durch
+dies herrliche Raisonnement ist es denn klar und deutlich gemacht, daß
+der ganze Unterricht in die Hände der Geistlichkeit gelegt werden,
+vorzugsweise religiös sein und die Kinder frühzeitig an Respekt vor der
+Autorität, der sie ihr Leben hindurch gehorchen sollen, gewöhnen müsse.</p>
+
+<p>Das hartnäckige Hervorkehren des Autoritätsprincips ist also der
+entscheidende, der herrschende Zug in dieser ganzen Literaturgruppe.
+Die französischen Restauratoren betonten es so viel leidenschaftlicher,
+als die deutschen, zum Theil aus Raceneigenthümlichkeit, zum Theil
+in Folge des konfessionellen Unterschiedes. Dir reaktionäre deutsche
+Literaturbewegung beruht, wie ich es im vorigen Bande (S. 16 ff.)
+gezeigt habe, auf dem Subjektivismus; ihr Princip ist der Eigenwille.
+So mit Haut und Haar katholisch, so autoritätsdienerisch wie die
+französische Reaktion, ward die deutsche Romantik, trotz all ihrer
+katholischen Thorheit und Affenschande, doch niemals. Der germanische
+und protestantische Individualismus setzte sich beständig dagegen zur
+Wehr. Die französische Sociabilität gab ohne Widerstand nach. Dagegen
+ist die radikale Vollblut-Reaktion reichlich so interessant, wie die
+unsichere und halbe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span></p>
+
+<p>Noch in dem Augenblick, wo der Umschlag nahe und die Auflösung der
+ganzen Schule nicht mehr fern ist, sehen wir Lamennais in seinem
+Buche über den religiösen Indifferentismus behaupten, daß nicht das
+Gefühl, und ebensowenig die Forschung, sondern die <em class="gesperrt">Autorität</em>
+das Kennzeichen der wahren Religion sei, »so daß die wahre Religion
+unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen
+<em class="gesperrt">sichtbaren Autorität</em> beruht«. Und gleich vom Anfange der
+Bewegung an werden alle Definitionen in demselben Geiste gegeben. Für
+Bonald ist die Religion die pure Ordnungspolizei. Ich führe als Beweis
+einige Sätze an, die ich aus seinen Schriften zusammen gelesen:</p>
+
+<p>»Die Religion, welche das allgemeine <em class="gesperrt">Band</em> in jeder Gesellschaft
+ist, zieht vorherrschend den Knoten der politischen Gesellschaft
+straffer an; selbst das Wort Religion (<span class="antiqua">religare</span>) deutet
+hinlänglich an, daß sie das natürliche und nothwendige <em class="gesperrt">Band</em>
+der menschlichen Gesellschaft, der Familien und Staaten ist. — Die
+Religion bringt die <em class="gesperrt">Ordnung</em> in die Gesellschaft, weil sie
+die Gesellschaft lehrt, woher die Macht und die Pflichten stammen.
+— Die Religion enthält im Wesentlichen die Grundsätze <em class="gesperrt">für alle
+Ordnung</em>. — Die Religion wird triumphiren, weil die <em class="gesperrt">Ordnung</em>,
+wie Malebranche sagt, das unverbrüchliche Gesetz der Geister ist.« —
+Ja, in seiner Freude über die steigende Reaktion ruft er aus: »Schon
+sehen wir rings in Europa alle mit Recht berühmten Schriftsteller die
+Nothwendigkeit der christlichen Religion einräumen oder vertheidigen
+und ihre Werke mit dem Siegel ihrer Unsterblichkeit stempeln; denn,
+mögen die Schriftsteller es merken: alle Werke, in welchen die
+Grundsätze der <em class="gesperrt">Ordnung</em> geleugnet oder bekämpft werden, werden
+spurlos verschwinden, und nur die, in denen sie vertheidigt oder
+respektirt werden, werden mit Ehren auf die Nachwelt gelangen«. Man
+sieht, daß von Glaubensinbrunst, von Religiosität, von Gefühl hier
+nicht die Rede ist, die Religion ist das Band, die Ordnung, das
+Autoritätsprincip. Welcher Kontrast gegen Deutschland, wo selbst die
+Mondscheinschwärmerei Religion wurde! Seltsam genug, erhält Bonald
+sogar durch das starke Hervorheben der Religion als Ordnung eine ihm
+sicherlich sehr unerwünschte<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Aehnlichkeit mit dem Manne, den er von
+Allen so ziemlich am meisten verabscheute, nämlich mit Robespierre,
+der ja ebenfalls die Ordnung leidenschaftlich liebte und ihretwegen
+einen öffentlichen Kultus verlangte. Aber welcher Unterschied bei der
+Aehnlichkeit, da Robespierre keine andere Ordnung wünschte, als die,
+welche die Eroberungen der Revolution bewahre und ein Ausdruck des
+Gedankens in seiner Freiheit sei, während Bonald unter der Ordnung den
+Inbegriff aller alten Traditionen versteht.</p>
+
+<p>De Maistre trifft mit ihm in diesem Punkte zusammen. Er sagt: »Ohne
+Papst keine Souverainetät, ohne Souverainetät keine Einheit, ohne
+Einheit keine <em class="gesperrt">Autorität</em>, ohne Autorität kein Glaube«. Er stellt
+die Monarchie über alle Kritik und Forschung, indem er lehrt, daß sie
+ein <em class="gesperrt">Mirakel</em> sei. Er verherrlicht, wie wir es im vorhergehenden
+Bande (S. 10 und 250) sahen, die brutale Gewalt als solche, indem er
+theoretisch die militairische Gesellschaft unter den Korporalstock, die
+bürgerliche unter das Beil des Scharfrichters stellt. Letzteres that
+Robespierre praktisch, aber nur weil er kein Heil für die Revolution
+außer in einer Diktatur sah. So begegnet sich denn auch De Maistre mit
+Robespierre. Er setzt dem Werk die Krone auf, indem er die Inquisition
+verherrlicht. Was es diesen Schriftstellern zu fördern gilt, ist also
+Autorität und Macht. Die Macht wird im Staate durch »volksthümliche
+Institutionen« zertrümmert, welche einen gezwungenen Ministerwechsel
+herbeiführen können, sie wird in der Religion bedroht, wenn der
+Priesterstand eine freie Stellung erhält, oder, wie Bonald es nennt,
+»durch den Presbyterianismus«, sie wird in der Familie umgestürzt,
+sobald Ehescheidung unter irgend einer Bedingung gestattet wird. Nein!
+König, Minister und Unterthan, Papst, Priester und Gemeinde, Mann,
+Frau und Kind sind das unzertrennliche Kleeblatt, nach dem Bilde der
+Dreieinigkeit. Als unzertrennlich sichern sie die großen Grundgedanken
+der Autorität und Ordnung.</p>
+
+<p>So haben wir denn, indem wir an so vielen verschiedenen Punkten unsere
+Sonde hinabstießen und überall denselben Grundgedanken trafen, die
+herrschende Idee der neuen Periode gefunden. Wir können sie mit vielen
+Namen benennen:<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Es ist das große Princip der <em class="gesperrt">Selbstentäußerung</em>
+im Gegensatze zu dem Princip des individuellen Gefühls und der
+persönlichen Forschung. Es ist das große Princip der <em class="gesperrt">Theokratie</em>,
+der Souverainetät Gottes im Gegensatze zu derjenigen des Volkes, das
+Princip der <em class="gesperrt">Autorität</em> und <em class="gesperrt">Macht</em> im Gegensatze zu den
+Principien der Freiheit, der Menschenrechte und der solidarischen
+Pflichten. Und wenn wir jetzt einen Blick auf die verschiedenen Gebiete
+des Menschenlebens werfen, so treffen wir auch dort überall dieselbe
+Losung und dieselbe weiße Fahne. Die Idee prägt sich nach allen
+Richtungen aus.</p>
+
+<p>Im Staate, bewirkt sie, daß das Rechtsprincip dem Machtprincipe
+weicht, welches nun als göttliche Macht bestimmt und zum Königthume
+von Gottes Gnaden wird. In der Gesellschaft verdrängt sie die Idee der
+Brüderlichkeit und ersetzt sie durch ein halb patriarchalisches, halb
+tyrannisches Vaterverhältnis, wie die Idee der Gleichheit der Idee der
+Abhängigkeit Platz macht. In der Moral löscht sie das innere Gesetz aus
+und weist auf Koncilien und Bullen. Sie definirt die Religion nicht als
+den Glauben, sondern als das Band, als jene »politische Fessel«, als
+welche die Revolutionsmänner sie eben gescholten hatten. Sie betont die
+Unauflöslichkeit in der Ehe sowohl wie im Staate. Sie lehrt, daß der
+Mensch die Sprache direkt von Gott erhalten habe, und erstickt dadurch
+in der Geburt die Philologie, um eine theologische Pyramide über ihrer
+Leiche zu errichten. Sie macht die Erkenntnislehre unmöglich, indem sie
+der Forschung die größtmögliche sichtbare Autorität zur Richtschnur
+giebt. Sie vergiftet das heranwachsende Geschlecht, indem sie die
+Erziehung desselben einem, den Befehlen eines Jesuitengenerals blind
+gehorchenden Halbmanns-Corps anvertraut.</p>
+
+<p>Und als diese Richtung nicht lange nach ihrem kräftigen Hervortreten
+ihre Poesie erhält, stempelt sie bald ebenfalls die Epopöe, den Roman,
+das Lied, die Ode, ja das Theater mit ihrem Charakterzeichen. Auch in
+der Poesie herrschen die Lilien. Die neue Dichterschule erhält den
+Namen der seraphischen. Ihre Helden, ihre typischen Persönlichkeiten
+werden der Märtyrer, wie bei Chateaubriand, oder der Prophet,
+wie<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> bei De Vigny (Moses). Die Dichter suchen ihre Inspirationen
+in der Bibel und bei Milton. Dichterinnen, wie Frau von Krüdener,
+treten als Prophetinnen auf, und greifen als solche wirksam in den
+Entwicklungsgang der Zeit ein. Oden und Meditationen drehen sich,
+wie bei Victor Hugo und Lamartine, um die Salbung von Königen und
+die Geburt von Kronprinzen. Die Geburt des Grafen von Chambord ist
+kaum weniger als ein Mirakel, und wird in ganz Frankreich besungen.
+Mit dem Kreuz in der Hand verjagen Lamartine und Hugo die heidnische
+Mythologie aus der Lyrik. Auf dem Theater treten die Tempelherren
+und die Makkabäer auf, welche wir aus Zacharias Werner's »Söhnen des
+Thals« und der »Mutter der Makkabäer« kennen. Das erste Sujet wird von
+Raynouard, das zweite von Guiraud behandelt. — Es giebt kein Gefühl
+im Menschenherzen, kein Gebiet im menschlichen Geiste, keine Abart der
+Literatur, welchen diese, so rasch wieder mißlingende Restauration
+nicht vor ihrem Verschwinden ihr Geistesgepräge aufdrückte.</p>
+
+<p>[<span class="antiqua">Bonald: Théorie du pouvoir, Tome I-III. La Législation primitive.
+Essai analytique sur les lois naturelles. Du divorce. — Barante:
+Tableau de la littérature française au 18me siècle. — Lamennais: Essai
+sur l'indifférence en matière de réligion. — Laurent: Histoire du
+droit des gens, Tome XVI.</span>]</p>
+
+
+<h3>4.</h3>
+
+
+<p>Chateaubriand's »Genius des Christenthums« bezeichnet den Uebergang
+vom ersten Stadium der Reaktion zu seinem zweiten, indem dies Werk,
+wie schon bemerkt worden ist, die Autorität durch einen Appell an das
+Gefühl zu fördern und wieder einzusetzen suchte.</p>
+
+<p>Die Vertheidigung des Christenthums, welche hier geliefert wurde, war
+von einer bisher unbekannten Art, weil sie sich an das Gefühl und die
+Einbildungskraft, nicht an die Intelligenz und den Glauben wandte. Das
+Buch spricht gleichsam die Ueberzeugung aus, daß die Intelligenz jetzt
+antichristlich und der Glaube verschwunden sei.</p>
+
+<p>Der Verfasser selbst war wenige Jahre zuvor Freidenker, ja Materialist
+gewesen. In einem ihm zu gehörenden Buche<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> fand Sainte-Beuve nach
+seinem Tode eigenhändige Randbemerkungen, welche den Beweis dafür
+liefern. Bei den Worten: »Gott, die Materie und das Schicksal sind
+Eins«, hat er hinzugefügt: »Dies ist mein System, Dies ist Das, woran
+ich glaube«. An der Stelle, wo im Texte folgendes Raisonnement steht:
+»Du sagst, Gott habe dich frei erschaffen. Das ist nicht die Frage.
+Hat er vorausgesehen, daß ich fallen, daß ich ewig unglücklich werden
+würde? Ja, unzweifelhaft. In solchem Falle ist Euer Gott nur ein
+furchtbarer und absurder Tyrann«, bei diesen Worten hat er am Rande
+bemerkt: »Dieser Einwand ist unwiderleglich und stürzt das ganze
+christliche System vollständig über den Haufen. Uebrigens glaubt Keiner
+mehr daran«.</p>
+
+<p>Dies ist Chateaubriand's Jugendstandpunkt; aber seine Mutter stirbt,
+und hinterläßt ihm die Bitte, an ihrem Glauben festzuhalten. »Ich
+weinte und glaubte,« sagt er.</p>
+
+<p>Selbst bekehrt oder halbwegs bekehrt auf dem Wege des Gefühls, versucht
+er jetzt, in derselben Weise auf Andere zu wirken. Konnte man nicht
+mehr erwarten, intellektuelle Empfänglichkeit für die Dogmen des
+Christenthums zu finden, so konnte man doch immer Sympathien für
+dessen rührende und erhabene Poesie erwarten. Es war eine originelle
+und zeitgemäße Idee, die Apologie in Poetik zu verwandeln. Er weiht
+dem melancholischen Klange der Kirchenglocken ein ganzes Kapitel. Er
+schildert die idyllische Ruhe der schlichten Dorfkirche. Er giebt
+Bilder und Gleichnisse, wo man Beweise erwartet. Bonald gebraucht
+den Ausdruck: in Büchern, die ein Werk des Raisonnements, wie seine
+eigenen seien, zeige die Wahrheit sich wie ein König an der Spitze
+seines Heeres an einem Schlachttage, aber in Büchern wie denjenigen
+Chateaubriand's gleiche sie vielmehr einer Königin auf ihrem
+Krönungszuge, umgeben von allem Prachtvollen und Reizenden, was man
+irgend habe auftreiben können. Der Sinn ist, daß Chateaubriand viel
+mehr rühren, als überzeugen will. Im Privatgespräch drückte Bonald sich
+Uebrigens unumwundener aus. Er sagte: »Ich gab meine Pillen, wie sie
+waren, er gab die seinigen überzuckert«.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span></p>
+
+<p>Kein Buch giebt sicherlich einen bessern Maßstab dafür ab, wie wenig
+tief die religiöse Renaissance war, als dieses. Sein Gesichtspunkt ist
+derjenige, welchen man nach allgemeinem Uebereinkommen den romantischen
+zu nennen pflegt. Es wendet sich der Vergangenheit zu, und da der
+Romantiker ein Phantasiemensch ist, so erblickt er die Vergangenheit
+in einem phantastischen Lichte. Die Religion des Romantikers ist eine
+Paradereligion, ein Werkzeug für den Politiker, ein Saitenspiel für
+den Dichter, ein Symbol für den Philosophen und eine Modesache für den
+Weltmann.</p>
+
+<p>Wie die deutschen, dänischen und französischen Romantiker, schwärmt
+Chateaubriand für das Mysteriöse und beginnt seine Vertheidigung des
+Autoritätsglaubens damit, sich ganz allgemein auf das Mysteriöse im
+Leben zu berufen. »Es giebt nichts Schönes, Süßes und Großes im Leben,
+als das Geheimnisvolle. Die wunderbarsten Gefühle sind diejenigen,
+welche uns zugleich bewegen und verwirren. Schamhaftigkeit, keusche
+Liebe, reine Freundschaft sind voller Geheimnisse ... Ist die Unschuld,
+welche ihrem Wesen nach nur eine heilige Unwissenheit ist, nicht das
+unaussprechlichste Mysterium? — Die Frauen, die schönere Hälfte des
+Menschengeschlechts, können nicht ohne Mysterien leben«. Der Sprung von
+hier bis zu den Dogmen einer positiven Religion erscheint groß.</p>
+
+<p>Ganz auf dieselbe Art bedient sich De Maistre des Mysteriums. Es
+gilt für ihn nur zu beweisen, daß die eine oder andere Institution
+unerklärlich sei, so glaubt er bewiesen zu haben, daß sie göttlich
+sei. So läßt sich für die erbliche Monarchie und den Erbadel kein
+rationeller Grund anführen — Beweis genug, daß sie von Gottes Gnaden
+sind. Was läßt sich zur Vertheidigung des Krieges vorbringen? Nicht
+Viel, folglich ist der Krieg ein Mysterium. Sieht man genauer zu, so
+begreift man, daß diese Wendung nothwendig ist. Die Autorität fordert
+als ihr nothwendiges Gegenstück das Mysterium. So sagt Michaud in der
+Dedikation des Gedichtes; »<span class="antiqua">Le printemps d'un proscrit</span>« 1803:
+»Die Gesellschaft muß ihre mysteriöse Seite haben, eben so wohl wie
+die Religion, und ich habe stets gedacht, man müsse bisweilen an die
+Gesetze des Vaterlandes glauben, wie man an Gottes<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> Gebote glaubt.
+Sowohl im täglichen Leben wie in der Politik giebt es Dinge, die man
+besser ausführt, wenn man <em class="gesperrt">nicht</em> an die Ursache <em class="gesperrt">denkt</em>,
+welche Einen veranlaßt, zu handeln«.</p>
+
+<p>Chateaubriand's Werk war glänzend und blendend durch seine Form. Ohne
+diese Eigenschaften hätte es nicht das Aufsehen gemacht, welches es
+erregte. Es enthält Naturschilderungen, Stimmungsergüsse und ganz
+vereinzelte gute Bemerkungen. Aber sein literarischer und poetischer
+Werth ist doch in seinen Episoden »Atala« und »René« zusammengedrängt,
+die als Versuchsballons lange vorher dem Werke vorausgesandt wurden,
+und mit denen wir es hier nicht zu thun haben: diese haben wir ihrer
+Zeit (Band I, Seite 43-49) in ihrer historischen Bedeutung betrachtet.</p>
+
+<p>Hier wollen wir nur in dem Charakter der Vertheidigungsmethode den
+Beweis für die Unwahrheit der ganzen Richtung, welche dies Buch
+einleitet, suchen und liefern. Dem ästhetischen Theile des Werkes ist
+ein dogmatischer vorangestellt, welcher, übereinstimmend mit der ganzen
+Manier des Buches, darauf ausgeht, die Schönheit der christlichen
+Dogmen aufzuweisen. Hier einige Beispiele der ungereimten Konsequenzen,
+zu welchen dieser »Wie schön!«-Stil führte.</p>
+
+<p>Vom Abendmahle sagte er: »Wir wissen nicht, was man gegen ein Sakrament
+einwenden könnte, das Einen veranlaßt, einen solchen Kreis poetischer,
+moralischer, historischer und metaphysischer Ideen zu durchlaufen,
+gegen ein Sakrament, das mit Blumen, Jugend und Lieblichkeit beginnt,
+und das damit endet, Gott zur Erde herabsteigen zu lassen, um sich den
+Menschen als geistige Nahrung hinzugeben«. Was man dagegen einwenden
+könnte? Nicht das Mindeste, wenn es wahr ist.</p>
+
+<p>Trotz der Schönseligkeit, geht Chateaubriand mit der größten Pedanterie
+zu Werke. Das Cölibat wird zuerst vom moralischen Gesichtspunkte
+betrachtet und, solchergestalt untersucht, sogar die moralischste
+Institution von allen genannt; dann wird demselben wiederum ein neues
+Kapitel gewidmet mit dem halbkomischen Titel: »Untersuchung der
+Jungfräulichkeit, vom poetischen Gesichtspunkte betrachtet«. Dies
+schließt mit folgender unglaublichen Tirade: »So sieht man,<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> daß die
+Jungfräulichkeit, welche sich vom untersten Glied in der Kette der
+Wesen emporhebt (ihre Bedeutung wird nämlich auch bei den Thieren
+untersucht), sich zum Menschen, vom Menschen zu den Engeln und von den
+Engeln zu Gott hinauf erstreckt, bei welchem sie sich verliert«. Und in
+der Originalausgabe war, als sei Dies nicht genug, noch hinzugefügt:
+»Gott ist selber der große Einsame des Universums, der ewige Junggesell
+(<span class="antiqua">célibataire</span>) der Welten«.</p>
+
+<p>Man wundert sich vielleicht, daß das Vaterverhältnis zur zweiten Person
+der Dreieinigkeit gar nicht in Betracht kommt. Mit um so größerem
+Nachdruck kann der Verfasser die Jungfräulichkeit des Heilandes
+betonen. Er sagt:</p>
+
+<p>»Der Gesetzgeber der Christen wurde von einer Jungfrau geboren und
+starb als Jungfrau (<span class="antiqua">vierge</span>)«. Und dann fügt er folgende Worte
+hinzu: »Hat er uns hiedurch nicht lehren wollen, daß die Erde in
+politischer und natürlicher Hinsicht die Vollzahl ihrer menschlichen
+Bewohner erreicht habe, und daß wir nun, weit entfernt davon, das
+Geschlecht vermehren zu sollen, vielmehr von jetzt an darauf achten
+müssen, die Einwohnerzahl zu beschränken?«</p>
+
+<p>Man erstaunt, die Theorie des Malthus als Facit dieser christlichen
+Romantik zu erblicken. Wer hätte gedacht, daß so viel Nationalökonomie
+in den Evangelien stecke!</p>
+
+<p>Bei Gelegenheit der Dreieinigkeit steht dort zu lesen: »Die Zahl 3
+scheint in der Natur die Zahl vor allen zu sein; sie ist nicht erzeugt,
+weshalb Pythagoras sie die Zahl ohne Mutter nannte. Selbst in den
+Lehren der Vielgötterei kann man die eine und andere dunkle Tradition
+von der Dreieinigkeit erkennen. Die Grazien haben sie zur Grenze ihrer
+Zahl genommen«.</p>
+
+<p>So wird bei Chateaubriand die Dreieinigkeit von den Grazien als
+Karyatiden getragen.</p>
+
+<p>Dieser Vertheidigung der christlichen Dogmen entspricht eine
+Vertheidigung des christlichen Ritus, wie folgende: »Im Allgemeinen
+kann man erwidern, daß der ganze christliche Ritus von der höchsten
+Moralität ist, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil er von unsern
+Vätern ausgeübt worden ist, weil unsere Mütter als christliche Frauen
+an unserer Wiege<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> gestanden haben, und weil die Religion ihre Psalmen
+über den Särgen unserer Väter gesungen und ihnen Frieden in ihren
+Gräbern gewünscht hat«. Wäre es nicht schon an und für sich klar, daß
+diese Vertheidigung sich auf jede beliebige Religion anwenden läßt, so
+käme bei dieser Gelegenheit noch hinzu, daß sie gerade in einem Falle
+wie diesem am allerwenigsten paßt, wo es galt, das Geschlecht der Söhne
+dahin zu bringen, sich von der antichristlichen Lebensanschauung ihrer
+Väter loszusagen.</p>
+
+<p>Nicht minder burlesk sind die Beweise zu Gunsten einer Theodicee,
+welche bei Chateaubriand von der Naturbetrachtung hergeleitet wird. Er
+sagt: »Sind ein Krokodil, eine Schlange, ein Tiger weniger zärtlich,
+gegen ihre Jungen, als eine Nachtigall, ein Huhn, ja ein Weib? ... Ist
+es nicht eben so wunderbar wie rührend, ein Krokodil sein Nest bauen
+und Eier legen, wie ein Huhn, und ein kleines Ungeheuer, ganz wie ein
+Küchlein, aus der Schale hervorkommen zu sehen? Wie viele rührende
+Wahrheiten enthält dieser Kontrast! Wie veranlaßt er uns, Gottes
+Allgüte zu lieben!«</p>
+
+<p>Wo die Männer der Restauration auf irgend Etwas eingehen, was die
+Natur oder Naturwissenschaft betrifft, da werden sie allemal höchst
+komisch. Wer Lust hat, mag in Chateaubriand's Besprechung von Bonald's
+»<span class="antiqua">Législation primitive</span>« seinen Ausruf des Erschreckens darüber
+nachlesen, daß er einen kleinen Jungen auf die Frage des Lehrers:
+»Was ist der Mensch?« hat antworten hören: »Ein Säugethier«. Und im
+selben Geiste äußert De Maistre oftmals, die ganze Chemie bedürfe
+einer Reorganisation von Seiten der Theologie, und es werde wohl dem
+einen oder andern ehrlichen Gelehrten der Nachweis gelingen, daß
+nicht der Mond, sondern Gott an der Ebbe und Fluth Schuld sei, sowie
+daß das Wasser, welches ein Element sei, sich nicht in Sauerstoff
+und Wasserstoff zerlegen lasse. Ja, er meint, die Vögel seien ein
+lebendiger Beweis gegen das Gesetz der Schwere. Eine der Personen
+in seinen »<span class="antiqua">Soirées de Saint-Petersbourg</span>« bemerkt in dieser
+Hinsicht, daß die Vögel überhaupt übernatürlicher als andere Thiere
+seien, was sich schon darin zeige, daß die Taube die ausgewählte Ehre
+habe, den heiligen Geist vorzustellen.<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span> Daß das Krokodil Eier legt, daß
+die Vögel fliegen, sind Mirakel für diese Männer.</p>
+
+<p>Auf den dogmatischen Theil des Werkes folgt der ästhetische, welcher
+den Kern desselben bildet. Hier bestrebt sich Chateaubriand,
+nachzuweisen, daß »von allen Religionen, die jemals existirt haben,
+die christliche Religion die poetischste, die menschlichste, die für
+Freiheit, Kunst und Literatur günstigste sei, daß die moderne Welt ihr
+Alles verdanke, vom Ackerbau bis zu den abstrakten Wissenschaften,
+von den Asylen für Unglückliche bis zu den Tempeln, welche von
+Michel Angelo erbaut und von Rafael verziert wurden, daß es nichts
+Göttlicheres gebe, als seine Moral, nichts Liebenswürdigeres und
+Prächtigeres als seine Dogmen, seine Lehre und seinen Kultus, daß
+es das Genie begünstige, den Geschmack läutere, die tugendhaften
+Leidenschaften entwickle, dem Gedanken Kraft gebe, dem Schriftsteller
+und Künstler die edelsten Formen verleihe« u. s. w.</p>
+
+<p>Zweihundert Jahre lang hatte der große Streit, ob der literarische
+Vorzug den Alten oder den Modernen gebühre, sich durch die ganze
+neuere Literatur erstreckt, eine Streitfrage, welche schon Corneille
+und Racine beschäftigte, welche Anlaß zu den Ersten Uebersetzungen
+der klassischen Vorzeitsdichtungen gab, und deren Erörterung
+allmählich dahin geführt hatte, daß der moderne Geist nach dem
+ersten überwältigenden Eindruck von der Herrlichkeit der Antike sich
+selbstvertrauend zusammenfaßte. Es war diese zweihundertjährige
+Debatte, welche Chateaubriand jetzt in einer bisher nicht angewandten
+Form als Diskussion über den Werth des Christenthums für die Poesie
+und Kunst, im Vergleich mit dem Werthe der alten Mythologien, wiederum
+aufnahm. Auf die seltsamste Weise verwahrt er sich dagegen, daß es doch
+nicht darauf ankomme, ob und in welchem Grade eine Religion poetisch
+sei, sondern, ob sie die Wahrheit für sich habe, oder nicht. Und zu
+welchen Mitteln muß Chateaubriand seine Zuflucht nehmen, um seine
+Behauptungen zu beweisen! Er vergleicht z. B. den heidnischen Tartarus
+ästhetisch mit der christlichen Hölle. Wie Viel hat nicht diese voraus!
+»Die Poesie der Qualen und die Hymnen des Fleisches und Blutes«.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span></p>
+
+<p>So klirrt er poetisch mit den Marterwerkzeugen der Hölle, benutzt
+sie als ästhetische Klappern für die alten und stumpfen Kinder
+des neuen Jahrhunderts, und bringt ein Salonchristenthum in Mode,
+zum Gebrauch der höheren und abgespannten Gesellschaftsklassen in
+Frankreich. Im siebzehnten Jahrhundert hatte man an das Christenthum
+geglaubt, im achtzehnten hatte man es verleugnet und ausgerottet, im
+neunzehnten begann jetzt diejenige Art von Religiosität, welche darin
+bestand, wehmüthig um das Christenthum herumzugehen, wie man um einen
+Museumsgegenstand herumgeht, und auszurufen: »Wie poetisch! wie rührend
+und wie schön!« Man brachte eine Klosterruine in seinem Garten an und
+setzte einen Automaten in Eremitentracht hinein. Das goldne Kreuz ward
+wieder ein Toilettengegenstand für Damen der guten Gesellschaft, und
+man wurde durch Kirchenkoncerte zu Thränen gerührt. Man fühlte sich
+ergriffen von dem Gedanken, welch ein Trost die Religion für den Armen
+und Nothleidenden sei. Man hatte den einfältigen Glauben der alten Zeit
+verloren und hielt sich an das Aeußere, an den poetischen, socialen
+und politischen Einfluß der katholischen Kirche. Man putzte das
+Autoritätsprincip, so veraltet und abgenutzt es war, mit sentimentaler
+und poetischer Schminke auf, damit es jung und einladend aussähe, aber
+man erreichte Nichts weiter, als das einst so furchtbare Princip zum
+Gespötte zu machen.</p>
+
+<p>Und wie Constant jetzt sein Buch über die Religionen im Hause seiner
+Freundin Madame de Charrière schrieb, so schrieb Chateaubriand dies
+Werk bei seiner aufopfernden und vertrauten Freundin Madame de
+Beaumont. Sie half ihm beim Zusammensuchen der Citate, deren er für
+dasselbe benöthigt war. Für etwas Weltlichkeit scheint das Buch also
+doch Raum in seiner Seele gelassen zu haben.</p>
+
+<p>Wie deklamirte Chateaubriand später unter Ludwig XVIII. wider die
+verheiratheten Priester, mit welcher Entrüstung hetzte er die ganze
+royalistische und katholische Partei gegen sie auf, wie eifrig sorgte
+er dafür, ihnen jeden Heller ihrer Besoldung zur Strafe dafür zu
+entziehen, daß sie sich die Gesetze der Republik zu Nutze gemacht und
+sich wie jeder andere Bürger verheirathet hatten! Und war denn nicht
+er selbst, »der demüthige<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Levit«, wie er sich als Verfasser des
+»Genius des Christenthums« nennt, eine Art Priester, ja mehr als ein
+gewöhnlicher Priester, und war er nicht verheirathet, und mehr als
+verheirathet? Ich erwähne diesen Zug, weil er eins der tausend Symptome
+von Etwas ist, das sich überall in der kirchlichen Restauration zeigt,
+und für das mir das Wort Heuchelei als kein zu gehässiges und derbes
+Wort erscheint.</p>
+
+<p>Von solcher Art ist dies Buch, und so ist es entstanden. Sein
+kolossaler Succeß und sein ungeheurer Einfluß geben ihm eine Bedeutung,
+die es durch sich selbst nicht haben würde. Es war das Buch des
+Augenblicks, das in einer Umhüllung von Empfindsamkeit eingeschmuggelte
+Autoritätsprincip, welches bald den Thron besteigen sollte. —
+Betrachten wir denn dies Princip, all' seiner Hüllen entkleidet,
+in einem anderen Hauptwerke der Zeit, in Bonald's berühmtem Buche
+»<span class="antiqua">Le divorce</span>«, — meiner Ansicht nach das originellste und
+interessanteste seiner Werke.</p>
+
+<p>Dasselbe wird durch eine lange Jeremiade darüber eingeleitet, wie
+es in der Welt aussehe, seit die Autorität über den Haufen gestürzt
+worden sei. Die moderne Philosophie, sagt er, welche in Griechenland
+geboren ward, unter jenem Volke, das ewig ein Kind blieb, und das immer
+die Weisheit außerhalb der Wege der Vernunft [<span class="antiqua">sic!</span>] suchte,
+begann damit, atheistisch oder deistisch [!] Gott zu leugnen. Hume's
+und Condillac's sensualistische Lehre hat jetzt den Menschen, der
+»eine von Organen bediente Intelligenz« ist, zu einem Thiere, zu einem
+bloßen Naturwesen gemacht. Die allgemeine gesellschaftsauflösende
+Geistesrichtung ist in das häusliche Leben eingedrungen, und statt
+des Verhältnisses, das in früherer Zeit zwischen Eltern und Kindern
+bestand: Autorität und Unterwerfung, haben Insubordination in
+die jungen Herzen und Gleichheitsideen in die jungen Hirne sich
+eingeschlichen, so daß die Kinder sich für ihrer Eltern Gleichen
+halten, ja sogar sich gestatten, dieselben zu duzen. Die Eltern,
+welche ihrerseits das Bewußtsein ihrer Schwäche haben, wagen nicht
+mehr Herren zu sein, sondern streben darnach, die »Freunde« oder
+»Vertrauten« ihrer Kinder, allzu oft ihre Mitschuldigen zu sein. Die
+weichherzige Betrachtung des<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> Lebens spiegelt sich in einer ebenso
+weichherzigen Betrachtung des Todes ab. Man hat vorgeschlagen, Vasen
+von Glas oder Porzellan zur Aufbewahrung der Asche seiner Väter
+zu verfertigen, und — o Grausen! — eine Polizeiverordnung hat
+einer Mutter gestattet, nach Heidenart die Leiche ihrer Tochter zu
+verbrennen. Ueberall hat man die Abschaffung der Todesstrafe, dieses
+Kleinods, dieses hauptsächlichsten Mittels zur Aufrechterhaltung der
+Gesellschaft (<span class="antiqua">ce premier moyen de conservation de la société</span>),
+vorgeschlagen und in einigen Staaten durchgeführt. Man hat Regierungen
+von »der plötzlichen Manie, welche man Philanthropie nennt«, ergriffen
+werden sehn. Die sogenannten Naturwissenschaften — [man beachte das
+»sogenannt!«] —, welche vielmehr die materiellen Wissenschaften
+heißen müßten, da sie nur von der Körperwelt handeln, verdrängen die
+höheren, die geistigen Wissenschaften, zumal die »hohe Metaphysik«
+der alten Zeit. In der Poesie hat das scherzende und lustige Genre
+die heroische Tragödie abgelöst. In den Romanen, welche so deutlich
+den Charakter eines Zeitalters spiegeln, wurde früher regelmäßig die
+Liebe der Pflicht geopfert. Jetzt ist es umgekehrt, und Rousseau hat
+den Roman geschrieben, welcher von allen am meisten die Phantasie der
+Frauen auf Irrwege geführt und ihre Herzen verderbt hat, nämlich »Die
+neue Heloise«. Sogar in der Gartenkunst hat das Autoritätsprincip sich
+verloren: »Die ländliche und rohe Natur der englischen Gärten hat die
+prachtvolle Symmetrie in Le Nôtre's Anlagen verdrängt.«</p>
+
+<p>Wider all' diese empörenden Schrecklichkeiten richtet nun Bonald seine
+schwere Artillerie. All' diesen Versuchen, die Gesellschaft aufzulösen,
+stellt er seinen Versuch, die Gesellschaft zu retten, gegenüber. Und
+hier ist es ein Hauptpunkt, den es zu erobern gilt. Die Gesellschaft
+beruht auf der Ehe, sie steht und fällt mit ihr. Die Revolution hat die
+Ehescheidung zugelassen. Aber wo Scheidung möglich ist, da existirt die
+Ehe nicht mehr. Es gilt daher, mit <em class="gesperrt">einer</em> großen Kraftanstrengung
+die Aufhebung des Scheidungsrechtes zu erzielen. Diese Anstrengung
+gelang ihm nur allzu gut.</p>
+
+<p>Hören wir daher Bonald's eigene Theorie. Es verlohnt sich, sie kennen
+zu lernen. Ist eine Philosophie recht mager, so ist sie desto kurioser.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span></p>
+
+<p>Eine entwickelte Vernunft, sagt Bonald, begreift alle Wesen und ihre
+Verhältnisse unter diesen drei allgemeinen Ideen: Ursache, Mittel
+und Wirkung, den abstraktesten, welche die Vernunft fassen kann.
+Sie liegen jedem Urtheil zu Grunde und bilden die Grundlage aller
+socialen Ordnung. Jede Gesellschaft besteht solchermaßen aus drei von
+einander unterschiedenen Personen, welche man als die socialen Personen
+bezeichnen kann. Die Vernunft erblickt in Gott, welcher will, die
+erste <em class="gesperrt">Ursache</em>, im Menschen, welcher diesen Willen ausführt, das
+<em class="gesperrt">Mittel</em>, den Minister, den Vermittler, und in derjenigen Ordnung
+der Dinge, welche Gesellschaft heißt, die <em class="gesperrt">Wirkung</em>, welche aus
+dem Willen Gottes und der Thätigkeit des Menschen resultirt. Diese
+Vernunft herrscht nach Bonald's Ansicht nur im Katholicismus: Er sagt:
+»Die Religion, welche Gott an die Spitze der Gesellschaft stellt,
+verleiht dem Menschen eine hohe Idee von der menschlichen Würde und
+ein tiefes Gefühl von der Unabhängigkeit des Menschen, während die
+Philosophie, welche überall den Menschen am höchsten stellt, beständig
+zu Füßen des einen oder andern Götzenbildes kriecht, in Asien zu Füßen
+Muhamed's, in Europa zu Füßen Luther's, Rousseau's oder Voltaire's«
+(<span class="antiqua">Le divorce, pag. 42</span>).</p>
+
+<p>Man sieht, daß Luther von Bonald ohne Weiteres mit Antichristen wie
+Muhamed oder Voltaire zusammengestellt wird. Dies ist ein stehender
+Zug in der ganzen Periode, gerade wie derjenige, daß Protestantismus
+und Unsittlichkeit für Eins erklärt werden. Wenn De Maistre von der
+Reformation spricht, so erzählt er mit der ernsthaftesten Miene, daß
+das halbe Europa seine Religion gewechselt habe, damit ein zügelloser
+Mönch sich mit einer Nonne verheirathen konnte. In seiner »<span class="antiqua">Théorie
+du pouvoir</span>« (<span class="antiqua">Tome II., pag. 305</span>) sagt Bonald: »Ein hitziger
+und sinnlicher Mönch hatte die Religion in Deutschland reformirt,
+ein wollüstiger und grausamer Fürst reformirte sie in England ...
+Charakteristisch ist es, daß die Kirchenreform in Deutschland vom
+Landgrafen von Hessen, der sich noch bei Lebzeiten seiner Gemahlin
+mit Margaretha von Saale verheirathen wollte, in England von Heinrich
+VIII., der sich von Katharina von Arragonien<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> scheiden lassen wollte,
+um sich mit Anna von Boleyn zu vermählen, und in Frankreich von
+Margaretha von Navarra, einer Fürstin von mehr als zweifelhaften
+Sitten, beschützt wurde. So ging der Occident durch die Ehescheidung
+zu Grunde, wie der Orient durch die Polygamie.« In seiner englischen
+Literaturgeschichte (<span class="antiqua">Oeuvres, Tome VI., pag. 75</span>) sagt
+Chateaubriand über Luther's Ehe: »Er verheirathete sich sowohl um ein
+gutes Beispiel zu geben, als auch, um sich von seinen Anfechtungen zu
+befreien. Wer die Regeln übertreten hat, sucht stets den Schwachen
+nach sich zu ziehen und sich mit der Menge zu decken; denn durch die
+Uebereinstimmung der großen Anzahl schmeichelt man sich Andere zu dem
+Glauben an die Rechtlichkeit und Richtigkeit einer Handlung zu bewegen,
+die oft nur das Resultat eines Zufalls oder einer Leidenschaft war.
+Heilige Gelübde wurden auf zwiefache Weise verletzt: Luther ehelichte
+eine Nonne.«</p>
+
+<p>Was diese heftigen Ausfälle wider Luther und den Lutheranismus
+verständlich macht, ist, daß man, wie die deutschen Romantiker, mit
+großer Klarheit erkennt, wie der Protestantismus mit nothwendiger
+Konsequenz zu der modernen Geistesrichtung hinführt, vor welcher
+man zurück schaudert. So heißt es in Lamennais' »<span class="antiqua">Essai sur
+l'indifférence</span>«: »Man hat jetzt erkannt, daß die Kirche und
+ihre Dogmen auf der Autorität wie auf einem unerschütterlichen
+Felsen beruhen. Deshalb vereinigt sich die ganze Mannigfaltigkeit
+von Sektirern, welche in Betreff aller übrigen Punkte uneinig sind,
+um diesen Grundpfeiler aller Wahrheiten zu zersägen. Lutheraner,
+Socinianer, Deisten, Atheisten sind die verschiedenen Namen, welche
+die successiven Entwicklungsstufen derselben Lehre bezeichnen; sie
+verfolgen alle mit unermüdlicher Ausdauer ihren Angriffsplan wider die
+Autorität.«</p>
+
+<p>Die einzige echte, katholische Vernunft bei Bonald erblickt daher
+überall die drei socialen Personen: Die Macht, den Minister und den
+Unterthan. Sie erhalten in den verschiedenen Gesellschaftssphären
+verschiedene Namen. In der religiösen Gesellschaft heißen sie Gott,
+Priester und Gläubige, in der politischen Gesellschaft König, Adel
+<em class="gesperrt">oder</em> Beamtenstand, Volk <em class="gesperrt">oder</em> gemeiner Mann; in der
+häuslichen Gesellschaft endlich heißen sie Vater, Mutter und Kind.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span></p>
+
+<p>Wer noch nicht mit Bonald's Denkweise vertraut ist, wird wahrscheinlich
+bei dieser letzten Zusammenstellung stutzen; allein es ist Bonald ein
+so vollkommener Ernst damit, den Vater mit der Macht, die Mutter mit
+dem Ministerium und das Kind mit dem Unterthan zu parallelisiren, daß
+er sogar die letzte Reihe der Bezeichnungen durchgehends statt der
+ersten gebraucht; denn, sagt er, Vater, Mutter, Kind passen für die
+Thiere so gut wie für die Menschen, die Bezeichnung Macht, Minister,
+Unterthan dagegen ausschließlich für intelligente Wesen; außerdem,
+sagt er an einer andern Stelle, muß man so viel wie möglich bemüht
+sein, den Menschen und seine Verhältnisse zu spiritualisiren, gegenüber
+den Bestrebungen, welche von anderer Seite gemacht werden, das
+Menschenleben zu materialisiren.</p>
+
+<p>Er begründet seine Lehre mit seinen gewöhnlichen Formeln. Der Mann
+und das Weib, sagt er, existiren beide; aber sie existiren nicht
+auf dieselbe Weise. Sie sind einander <em class="gesperrt">ähnlich</em>, aber sie sind
+einander nicht <em class="gesperrt">gleich</em>. Die Vereinigung der Geschlechter ist der
+Grund ihres Unterschieds. Die Hervorbringung eines Menschen ist das
+Ziel ihrer Vereinigung. Der Vater ist stark, das Kind ist schwach, der
+Vater aktiv, das Kind passiv. Die Mutter bildet das Zwischenglied.
+Weshalb? Ja, sagt Bonald, der Vater ist ein bewußtes Wesen und kann
+nicht Vater werden, außer mit seinem Willen; die Mutter kann dagegen,
+selbst mit vollem Bewußtsein, Mutter werden <em class="gesperrt">wider ihren Willen</em>
+[also passiv]. Das Kind hat weder den Willen, geboren zu werden, noch
+Bewußtsein davon, daß es geboren wird.</p>
+
+<p>Auf dies widerwärtige und tragische Naturverhältnis, daß das Weib
+unfreiwillig Mutter werden kann, basirt also Bonald seine empörende
+Rangordnung der Geschlechter. Ja, er sagt wörtlich (Fünfte Ausgabe,
+Seite 71): »In dieser Abstufung ihres Verhältnisses liegt allein
+die Lösung der Ehescheidungsfrage«, nämlich daß keine Scheidung zu
+gestatten ist.</p>
+
+<p>Und wäre nun Dies eine wahnwitzige Theorie geblieben, wie so viele
+andere unsinnige Theorien, die kein Mensch zu verwirklichen gedenkt,
+wer würde sich dann darüber erbosen!<span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span> Aber man denke sich, daß auf
+Grundlage dieses Buches die Ehe- und Scheidungsgesetze in Frankreich
+zwölf Jahre nach dem Erscheinen des Buches erlassen wurden.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> Damals,
+gleich nach der Rückkehr der Bourbonen, war Bonald's Einfluß so
+unwiderstehlich, daß die stupide und klerikale Nationalversammlung mit
+225 Stimmen gegen 11 die Ehescheidung aufhob.</p>
+
+<p>Man kann also sagen, fährt Bonald rücksichtlich der Erziehung fort,
+daß der Vater die Macht hat oder ist, durch die Mutter als Minister
+oder Mittel die reproduktive und aufrechterhaltende Handlung auszuüben,
+deren Zweck oder Unterthan das Kind ist.</p>
+
+<p>Das Verhältnis zwischen Mann und Weib in der Ehe wird daher einfach
+folgendermaßen bestimmt: Der Mann ist le pouvoir, die Macht, das Weib
+ist <span class="antiqua">le devoir</span>, die Pflicht. Selbst die heilige Schrift nennt ja
+den Mann das Haupt oder die Vernunft des Weibes, das Weib die Hülfe
+oder den Handlanger des Mannes, und bezeichnet das Kind als Unterthan,
+indem sie ihm stets einprägt, gehorsam zu sein.</p>
+
+<p>Das Weib ist also dem Manne ähnlich, wie der Mann Gott ähnlich ist.
+Der Mann ist nach Gottes Bilde erschaffen, aber er ist deshalb nicht
+seines Gleichen. Das Weib ist aus dem Fleische und Blute des Mannes
+erschaffen, aber es ist ihm untergeordnet. Man sieht, daß Bonald's
+Theorie mit derjenigen Milton's in seinem »Paradiese« übereinstimmt.<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>
+»Die häusliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, wo der Mann die
+beschützende Gabe der Stärke, das Weib die Bedürfnisse der Schwäche
+mitbringt, <em class="gesperrt">er die Macht, sie die Pflicht</em>«. So entstellt Bonald
+die Lehre des Paulus, welche zu ihrer Zeit der gewaltigste und
+bewunderungswürdigste Fortschritt auf dem Wege der Befreiung des Weibes
+war.</p>
+
+<p>Was ist hienach für Bonald die Ehe? Die Ehe ist die Verpflichtung,
+welche zwei Personen verschiedenen Geschlechts übernehmen, eine
+Gesellschaft zu begründen, eine Gesellschaft,<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> welche Familie heißt.
+Dies unterscheidet die Ehe von jedem andern Zusammenleben zwischen
+Mann und Weib. Mit tiefer Entrüstung bespricht Bonald das Witzwort
+Condorcet's: »Wenn die Menschen eine Verpflichtung gegen die noch
+nicht existirenden Wesen hätten, so könnte es nicht die sein, ihnen
+die Existenz zu schenken.« Im Gegentheil! die Ehe besteht eben,
+damit das Geschlecht erhalten werde. Hieraus darf man nach Bonald's
+Anschauung jedoch keineswegs schließen, daß eine kinderlose Ehe, eine
+solche, die also ihre Bestimmung verfehlt zu haben scheint, aufgelöst
+werden dürfe; denn, sagt er, indem man die erste Ehe aufhebt, um eine
+andere zu schließen, wird die Erzeugung von Kindern in der ersten Ehe
+unmöglich, ohne deshalb in der zweiten sicher zu sein. So lange Mann
+und Frau keine Kinder haben, ist doch eine Möglichkeit für das Kommen
+derselben vorhanden, und da die Ehe nur der Kinder halber, welche
+kommen können, gestiftet ist, so ist kein Grund, sie aufzuheben. Die
+Ehe ist für Bonald die eventuelle Gesellschaft, welcher die Familie
+als die aktuelle Gesellschaft entspricht: »<em class="gesperrt">Der Zweck der Ehe</em>«,
+lehrt er, »<em class="gesperrt">ist nicht das Glück der Ehegatten</em>.« Was ist denn
+dieser Zweck? Die Ehe, antwortet er, ist der Gesellschaft wegen da. Die
+Religion und der Staat haben bei der Ehe nur die Pflichten im Auge,
+welche sie auferlegt. Aber wenn die Ehe nur der Gesellschaft halber da
+ist, was ist denn der Zweck der Gesellschaft? Jeder wird einräumen,
+daß man höchst gespannt auf die Beantwortung dieser Frage sein muß.
+Und was antwortet uns Bonald? Er antwortet mit der ganzen gelassenen
+Impertinenz eines konservativen Klerikalen: Der Zweck der Gesellschaft
+ist ihre Selbsterhaltung. (<span class="antiqua">La société a pour parvenir à sa fin,
+<em class="gesperrt">qui est sa conservation</em>, des lois. Pag. 107.</span>)</p>
+
+<p>Welch eine Lehre für alle Anhänger der Nützlichkeitsphilosophie, die
+sich naiv einbilden, daß der Zweck der Gesellschaft das Glück ihrer
+Mitglieder sei, und die ebenso kindlich in der Illusion gelebt haben,
+daß Institutionen überhaupt der Individuen halber da seien, daß z. B.
+die Gatten nicht der Ehe halber, sondern die Ehe umgekehrt der Gatten
+halber da sei, und die <em class="gesperrt">alle</em> Konsequenzen dieses Gedankens
+ziehen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span></p>
+
+<p>Indem die Rücksicht auf die Kinder als die absolute aufgestellt wird,
+erscheinen Polygamie, Verstoßung der Gattin und Ehescheidung als
+gleich verwerflich für Bonald. Er bemerkt auch, daß die Einführung
+der Polygamie und die Einführung der Ehescheidung Hand in Hand mit
+einander zu gehen schienen, da Luther — diese Anekdote spukt in
+jedem Buche aus der Restaurationszeit, — welcher die Scheidung
+zuließ, auch, wiewohl in tiefster Heimlichkeit, dem Landgrafen von
+Hessen Polygamie gestattete (S. 195). Ihn bedünke es, sagt er,
+nicht moralischer, mehrere Frauen nach einander, als mehrere Frauen
+gleichzeitig zu heirathen; dabei vergißt er jedoch, daß sich dieser
+Einwand eben so gut gegen die Schließung einer neuen Ehe nach dem
+Tode des einen Gatten, wie gegen die Wiederverheirathung nach einer
+Scheidung erheben läßt. Ueberall, meint er, wo die Scheidung erlaubt
+sei und wo die Frau also in jeder Mannsperson ihren möglichen Gatten
+sehen könne, seien die Weiber ohne Keuschheit, oder mindestens ohne
+Schamhaftigkeit. Er führt als Beispiel England an, — England! Den
+Zustand in England, wo die Scheidung in gewissen Fällen gestattet ist,
+vergleicht er mit den Zuständen bei gewissen wilden Völkerstämmen, wo
+der Ehemann sich von dem Mitschuldigen seiner Frau, wenn er denselben
+ertappt, ein gebratenes Schwein als Buße geben läßt, daß sie dann
+alle Drei mit einander verzehren. Ueberhaupt ist England mit seinen
+verhältnismäßig liberalen Institutionen für ihn, wie für Lamennais, die
+wahre <span class="antiqua">bête noire</span>. Lamennais sagt z. B. von England (<span class="antiqua">Progrès
+de la révolution et de la guerre contre l'église, pag. 35</span>), daß man
+nirgendwo anders eine Bevölkerung finde, die so stumpfsinnig, so ohne
+allen moralischen Sinn, so fremd den intellektuellen Ideen und Allem
+sei, was das Gemüth erhebt und das Dasein des Menschen adelt.</p>
+
+<p>Alles Dies sind Uebertreibungen ohne Wahrheit und ohne Logik.
+Worin aber sowohl Logik als Wahrheit liegt, und weshalb ich diese
+Einzelnheiten hervorhebe. Das ist Bonald's Auffassung des innerlichen
+Zusammenhanges der Ehefrage mit der ganzen politischen Frage. Er sieht
+ein, daß die Republik oder die Demokratie (denn er ist so erbittert
+auf die<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Republik, daß er sich ausdrücklich weigert, dies Wort zu
+gebrauchen) nothwendig zur Auflösbarkeit der Ehe führen mußte.</p>
+
+<p>Er sagt: »Die Ehescheidung wurde 1792 dekretirt und verwunderte
+Niemand, weil sie eine unvermeidliche und lange vorhergesehene
+Konsequenz des Niederreißungssystemes war, das man zu jener Zeit so
+leidenschaftlich befolgte; allein heutigen Tags, wo man wieder aufbauen
+will, tritt die Ehescheidung als Princip in das Gesellschaftsgebäude
+ein und erschüttert dies Gebäude bis auf den Grund. Die Scheidung stand
+in Einklang mit der Demokratie, welche unter verschiedenen Namen und
+Formen allzu lange in Frankreich geherrscht hat. Sowohl die häusliche
+wie die öffentliche Macht war den Leidenschaften der <em class="gesperrt">Unterthanen</em>
+überlassen, es herrschte Unordnung in der Familie und Unordnung im
+Staate; zwischen beiden Unordnungen fand Aehnlichkeit und Analogie
+statt. Aber Das sieht Jeder, daß die Scheidung in direktem Widerspruche
+mit dem Geiste der erblichen und unauflöslichen Monarchie steht.
+Behalten wir die Scheidung bei, so haben wir Ordnung im Staate, und
+Unordnung in der Familie, Unauflöslichkeit dort, Auflöslichkeit hier,
+also keine Harmonie. Von der Seite, zu welcher der Mensch sich neigt,
+muß das Gesetz ihn emporheben, und es muß heutigen Tags aufgelösten
+Naturen die Auflösung verbieten, wie früher halbwilden Barbaren die
+Blutrache.«</p>
+
+<p>So gelingt es Bonald, von seinem legitimistischen Staatsprincip
+aus seine Ehe-Theorie durchzuführen. Er schließt damit, daß die
+Scheidung absolut untersagt werden müsse, und daß die bloße Trennung
+ohne Erlaubnis zur Eingehung einer neuen Ehe hinlänglich allen
+Unzuträglichkeiten abhelfe, die aus disharmonischen Verbindungen
+hervorgehen könnten. Da diese Ideen Bonald's Gesetzeskraft erlangten,
+bildete sich in Frankreich der Zustand aus, welcher dort bis jetzt
+herrschte, und welcher die französische Ehe zum Spott für die ganze
+Erde gemacht hat, ein Zustand, der es z. B. dem jungen Mädchen
+unmöglich macht, falls ihr Gatte sich am Hochzeitstage mit ihrer ganzen
+Mitgift absentirt, sich je wieder zu verheirathen oder legitime Kinder
+zu bekommen. Während das Gesetz mildernde Umstände bei Mordbrennern<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span>
+und Mördern zugelassen hat, und man ihnen, wenn sie sich eine gewisse
+Anzahl von Jahren gut aufgeführt haben, die vollständige Freiheit
+schenken kann, hat das betrogene junge Mädchen nach Bonald's Theorie
+und Frankreichs Gesetzen keine Hoffnung auf Freiheit, wie Derjenige,
+welcher eine Familie durch Brandstiftung ums Leben gebracht oder seinen
+Vater erschlagen hat.</p>
+
+<p>In dem Entwurf des Konventes zu einem Civilrechte hieß es:</p>
+
+<p>»Die Ehe ist eine Sache der Freiheit, d. h. des Gewissens.</p>
+
+<p>»Sie errichtet ein Bündnis, bei welchem Mann und Frau auf gleichem Fuße
+stehen.</p>
+
+<p>»Die Ehegatten ordnen frei die Bedingungen ihrer Verbindung.</p>
+
+<p>»Die Ehegatten besitzen oder üben gleiches Recht aus in Betreff der
+Verwaltung ihres Eigenthums.</p>
+
+<p>»Scheidung findet statt auf Wunsch beider Ehegatten oder eines der
+Ehegatten.</p>
+
+<p>»Das Gesetz untersagt es, irgend eine Einschränkung des
+Scheidungsrechtes zu stipuliren«.</p>
+
+<p>Es scheint, daß die große Scheidungsfreiheit, welche so plötzlich
+erstattet ward, wie jede andere plötzlich erworbene Freiheit,
+Anfangs mißbraucht wurde, und daß man z. B. mit großem Leichtsinn
+und ohne besondere Rücksicht auf die Kinder flüchtigen Neigungen
+folgte, die weder das Recht noch die Würde wirklicher Liebe haben.
+Analogen Erscheinungen begegnet man überall in der Geschichte, wo
+Fesseln zerbrochen werden. Aber Das war genug für Diejenigen, welche,
+wie Bonald, keinen Glauben an die Freiheit besaßen, und an keine
+andere moralisirende Macht glaubten, als an den Zwang, Alles zu dem
+traditionellen Zustande zurückzuführen. Was kann gewisser sein, als daß
+das Ideal, welches nie vergessen und zuweilen erreicht werden wird,
+darin besteht, daß zwei Menschen, die sich mit einander verbunden
+haben, einander bis zum Tode lieben, ja mit einer Liebe, die den
+Tod überdauert; allein dies Ideal ist die Folge einer richtigen und
+glücklichen Wahl, nicht irgend welcher Zwangsmaßregeln.<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> Der Vorwand zu
+diesen war natürlich die Rücksicht auf die Kinder, und Betreffs dieses
+Punktes hat Bonald seine Theorie in den prägnanten und wohl stilisirten
+Satz zusammen gefaßt: »Da die eheliche Verbindung drei Personen, Vater,
+Mutter und Kind, betrifft, kann sie nicht aufgehoben werden, weil
+zwei darüber einig sind. Da das Kind unmündig ist, so vertritt die
+Gesellschaft den Ehegatten gegenüber das Kind, und erhebt als Vertreter
+des Kindes ihren Einspruch wider die Auflöslichkeit der Ehe.« Man
+sieht leicht, daß diese Argumentation es zum ersten als feststehend
+betrachtet, daß die Aufrechthaltung der Ehe um jeden Preis unbedingt
+dem Kinde am besten diene, was selbstverständlich durchaus nicht
+feststeht, — zum zweiten die Rücksicht auf das Kind zur absoluten
+und einzig entscheidenden macht, was selbstverständlich ein nur auf
+dem die Vernunft proskribirenden Standpunkte des Autoritätsprincips
+mögliches Postulat ist, — zum dritten nur auf das innerhalb der Ehe
+geborene Kind Rücksicht nimmt, und die übrigen als nicht existirend
+betrachtet, während eine der traurigsten Folgen der traditionellen
+Ordnung gerade diejenige ist, daß nicht alle Kinder mit gleichen
+Rechten ihren Eltern und dadurch der Gesellschaft gegenüber stehen.
+Bonald's Gesellschaftsordnung, welche die Rücksicht auf das Kind als
+die absolute betrachtet, hat in unseren Tagen dahin geführt, daß mehr
+als 2,800,000 Franzosen als unechte Kinder in einer unverschuldeten
+Rechtsungleichheit den Eltern gegenüber geboren werden, welche in
+Frankreich noch größer als anderswo ist.</p>
+
+<p>Wie inkonsequent jedoch in Einzelheiten Bonald's Theorie sein möge,
+sie ist werthvoll, ja kostbar als eine in allen Grundzügen konsequente
+Durchführung des Autoritätsprincips auf dem Gebiet der Familie. Er hat,
+was die Halbliberalen niemals haben, einen klaren und durchdringenden
+Blick für den Zusammenhang zwischen den politischen und den socialen
+Principien der Revolution. Er könnte niemals, wie Diejenigen, deren
+Princip das Geschwätz ist, erstere von letzteren trennen und übersehen,
+daß die traditionelle Auffassung von der Ehe, welche man zum Theil
+heute noch festhält, auf das Innigste mit der traditionellen Auffassung
+vom Staate zusammenhängt, welche man heutigen Tags aufgegeben hat. Der
+Zusammenhang<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> tritt überall hervor, wo die Frage diskutirt wird. Als
+die Abolitionisten in Amerika ihre Theorien vorbrachten, vertheidigten
+die Sklavenbesitzer sich damit, daß Alles, was im Sklavereiverhältnis
+stattfinde, in keiner Hinsicht von Demjenigen verschieden sei, was in
+der Familie und in der Ehe stattfinde. Man sieht auch, daß dort eben so
+viel leere Deklamation wider das Recht der Scheidung überhaupt gehört
+worden ist, wie man heutigen Tags gegen erweiterte Scheidungsfreiheit
+oder überhaupt gegen eine veränderte Auffassung Dessen, was die Ehe
+heilig und werthvoll macht, zu hören bekäme.</p>
+
+<p>Dem Autoritätsprincip steht auf diesem wie auf allen andern Gebieten
+das Freiheitsprincip in seinen verschiedenen Formen als Liberalismus
+und Socialismus gegenüber. Wenn wir die socialistischen Theorien,
+die uns später bei den Saint-Simonisten begegnen werden, ganz außer
+Betracht lassen, so steht dem Autoritätsprincip hier die liberale
+Theorie mit ihrem Princip, dem Individualismus, gegenüber, wie dasselbe
+von englischen und französischen, besonders aber von amerikanischen
+Denkern entwickelt worden ist. Es ist dies Princip, welches dem
+vorhin angeführten Entwurfe des Konventes zu Grunde liegt. Der
+Grundgedanke ist der, daß nicht die Familie, wie gewöhnlich gesagt
+wird, sondern das Individuum der Grundpfeiler der Gesellschaft, und
+daß das Individuum souverain sei. An die Stelle der legitimistischen
+Theorie von der Souverainetät Gottes und der zweideutigen Lehre von
+der Volkssouverainetät tritt die Lehre von der Souverainetät des
+Individuums. (Dieser Ausdruck ist zuerst von dem Amerikaner Samuel
+Warren gebraucht worden, von welchem ihn selbst John Stuart Mill,
+wie er in seiner Autobiographie, S. 256, berichtet, entlehnte.)
+Die Souverainetät des Individuums sichert, wie das Wort besagt,
+die absolute Freiheit jedes Menschen, sie untersagt Jedem, irgend
+eine Herrschaft oder irgend eine Kontrolle über einen Andern an
+sich zu reißen. Die Anhänger dieser Lehre sagen: <em class="gesperrt">entweder</em>
+Bevormundung des Individuums, d. h. Censuraufsicht über die Presse,
+Polizeiorganisation von Hausspionen, Paßsystem, Schutztarife, Verbot
+der Scheidung, Gesetze, welche das Gefühlsleben der Männer und
+Frauen reguliren, und das ganze System eines willkürlichen<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> Zwanges,
+welcher auf die Freiheit des Individuums geübt wird, <em class="gesperrt">oder</em>
+Souverainetät des Individuums, d. h. Preßfreiheit, Redefreiheit,
+Freizügigkeit, Freihandel, Freiheit der Forschung und der Gefühle.
+Von diesem Gesichtspunkte aus ist die einzig mögliche Vertheidigung
+eines die Freiheit beschränkenden Gesetzes die, daß eine vorläufig
+aufgezwungene Ordnung nur der nächste Weg zu einer vollkommneren
+Ordnung mit vollständiger Freiheit sei, denn Freiheit ist das Ideal des
+Individualismus. Die Männer dieser Schule halten die Einmischung des
+Staates in die Gefühlsverhältnisse der Individuen für unberechtigt; sie
+betonen, daß das gesetzliche Band, welches zwei Wesen von verschiedenem
+Geschlecht zusammenzwinge, entweder <em class="gesperrt">überflüssig</em> — falls das
+Zusammenbleiben ihr eigner Wunsch ist, — oder <em class="gesperrt">empörend</em> sei
+— falls es umgekehrt ihrem Wunsche widerstreitet. Sie finden, daß
+die Gesellschaft ein entsetzliches Unrecht wider Individuen begeht,
+von welchen eins das andere verabscheut, wenn sie dieselben nöthigt,
+beisammen zu bleiben und Kinder aus der Neigung des Einen und dem
+Widerwillen des Andern zu zeugen. Sie finden es empörend, daß die
+Gesellschaft eine Frau wider ihren Wunsch zwinge, einem Trunkenbolde
+ein Kind zu gebären, ein Kind, das von dem Augenblick an, wo es zum
+Leben erwacht, die verderbten Triebe und Lüste seines Vaters besitzt.
+Sie nehmen also eben so viel Rücksicht auf die noch ungeborenen Kinder,
+wie Bonald auf die geborenen; sie sehen nicht, wie er, einen Beweis
+der Unvollkommenheit des Weibes, sondern einen Beweis der Rohheit der
+Gesellschaftsordnung darin, daß das Weib wider seinen Willen Mutter
+werden kann. Sie behaupten, vermöge des Abhängigkeitsverhältnisses,
+worin alle Lebenssphären von einander stehen, die Unwahrscheinlichkeit,
+daß ein einziges Gebiet des Menschenlebens durchaus richtig auf dem
+traditionellen Fundamente geordnet sein könne, während die Ordnung
+aller übrigen Gebiete als durchaus verkehrt erfunden und deshalb in
+den letzten hundert Jahren von oben bis unten verändert worden ist.
+Dies ist die Argumentation, welche am häufigsten von den Männern
+dieser Schule angewandt wird. (Siehe z. B. <span class="antiqua">Stephen Pearl Andrews:
+Love, marriage and divorce. New-York.</span> Vergl. auch <span class="antiqua">Emile<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> de
+Girardin: L'homme et la femme.</span>) Es ist in diesen wie in vielen
+andern Fällen zweifelhaft, wie weit der reine Liberalismus den rechten
+Weg zum Ziele angiebt. Ich charakterisire hier nur das Princip als
+Gegensatz zu demjenigen der Autorität. Nichts liegt mir ferner, als
+in einer historischen Schilderung zu versuchen, selbst eine Theorie
+aufzustellen. Was ich für meine Person geltend machen will, ist auf
+diesem wie auf allen andern Punkten nur die unbedingte Freiheit der
+Forschung.</p>
+
+<p>Wenn ein Denker in einem katholischen Lande sich frei über die Messe
+oder andere Kirchenceremonien äußert, wird er in der Regel als ein
+Religionsspötter oder gar als ein Atheist bezeichnet. Der Rechtgläubige
+meint nämlich, daß die Religion in gewissen bestimmten Ceremonien
+bestehe oder nur im Zusammenhang mit ihnen bestehen könne, da sie in
+seinem Bewußtsein immer mit demselben associirt gewesen ist. Er ahnt
+nicht, daß der Angreifer eine viel höhere und reinere Auffassung von
+der Idee der Religion, als er selbst, besitzt. Weshalb nicht? Weil
+er bemerkt hat, daß Die, welche er bisher dem äußeren Kultus, an den
+er selbst geknüpft ist, die geringste Achtung hat erweisen sehn,
+unordentliche und unsittliche Menschen, ja fast jedes Verbrechens
+fähig waren. Er zieht nun hieraus vorschnell einen allgemeinen Schluß
+auf alle Diejenigen, welche nicht den Kultus und die Priester der
+Kirche anerkennen, und da er also nicht entwickelt genug ist, um die
+verschiedenen Klassen der Angreifer von einander zu unterscheiden,
+schlägt er den religiösen Philosophen und Enthusiasten über einen
+Leisten mit der gewöhnlichen Sippschaft gottvergessener Schelme. Er
+vermengt Den, welcher über ihm steht, mit Denen, welche unter ihm
+stehen. Ganz eben so geht es, wenn von der herkömmlichen Auffassung
+des Verhältnisses zwischen Mann und Weib die Rede ist. Die Ordnung
+dieses Verhältnisses in einem bestimmten Lande zu einer bestimmten
+Zeit ist nicht mehr die Ehe, als der Katholicismus in Spanien im
+siebzehnten Jahrhundert die Religion ist. Einige stehen <em class="gesperrt">unter</em>
+der Ehe-Institution, wie sie <em class="gesperrt">ist</em>, Andere stehen <em class="gesperrt">über</em>
+ihr, während die Mehrzahl in den civilisirten Ländern sich ganz auf
+dem Niveau dieser Institution, wie sie ist, befindet, die<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> öffentliche
+Meinung in Uebereinstimmung mit ihrer Anschauungsweise bearbeitet, und
+beide Gruppen Andersdenkender zu einer zusammenschweißt, welche dann
+der allgemeinen Verachtung preisgegeben wird.</p>
+
+<p>Das Selbe, was zur Aufstellung des Autoritätsprincips auf den Gebieten
+der Religion und des Staates führt, veranlaßt auch die Aufstellung
+desselben in Betreff der Ordnung des Verhältnisses zwischen den
+Geschlechtern.</p>
+
+<p>Der Fehlschluß in religiöser Beziehung besteht in der Annahme, daß die
+Kirche, weil sie Jahrhunderte hindurch einen civilisatorischen Beruf
+gehabt hat, von wesentlicher Bedeutung für die Existenz erhabener
+Gefühle und Gedanken, und daß die Liebe zu geistigen Wahrheiten
+nicht den Menschen natürlich sei und mit der ganzen Entwicklung der
+Menschheit zunehme, sondern daß sie ihnen durch eine beständige
+Thätigkeit von Bischöfen und Priestern, Kirchen, Kirchenversammlungen
+&amp;c. beigebracht und erhalten werden müsse.</p>
+
+<p>In Betreff des Verhältnisses zwischen Mann und Weib ist die
+entsprechende Thorheit die, zu wähnen, daß die Menschen nicht von
+Natur Ordnung und Harmonie in diesem Verhältnisse lieben, und in um
+so höherem Grade, je entwickelter und feinfühlender sie sind, daß die
+Männer nicht von Natur ihre Kinder und die Mutter ihrer Kinder lieben,
+nicht von Natur Achtung für das andere Geschlecht und für sittliche
+Reinheit hegen, sondern daß all diese Tugenden und Eigenschaften
+erst mittels der Gesetzgebung in der menschlichen Seele fabricirt
+und erhalten werden müssen, obendrein während die Gesetze, seltsam
+genug, nur durch die vereinigte Thätigkeit all' dieser Individuen
+hervorgebracht werden, welche, jedes für sich betrachtet, all' dieser
+Eigenschaften und Tugenden baar sein sollen. Nein, so sehr ist vielmehr
+das Entgegengesetzte wahr, daß nur die Liebe zu all' diesen Tugenden
+und Gütern die Menschen bewegt, oftmals schmerzlich genug, all' die
+künstlichen Ordnungen und Systeme, unter denen sie seufzen, mit Geduld
+zu ertragen und sich ihnen zu unterwerfen, weil sie von Kindesbeinen an
+gelernt haben, daß eine Ordnung wie die gebotene die einzige Sicherheit
+für die Aufrechterhaltung der Tugenden und Güter sei, die sie vor Augen
+haben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p>
+
+<p>Da in Folge Dessen jedes Studium der Natur und der menschlichen Seele
+zurückgedrängt oder unmöglich gemacht wird, werden die Gemüther dazu
+erzogen, ohne Prüfung oder Untersuchung Dasjenige für wahr anzunehmen,
+was sich auf Tradition oder Autorität stützt, während die Gegner des
+Autoritätsprincips beschuldigt werden, die Unsittlichkeit zu bezwecken
+und zu begünstigen.</p>
+
+<p>Wäre man darauf ausgegangen, das erniedrigendste und verdummendste
+Princip aller Principien auf Erden zu finden, so hätte man zu keinem
+anderen als dem Autoritätsprincip gelangen können.</p>
+
+<p>Das Autoritätsprincip führt konsequent zu Sätzen wie diesen: Die Ehe
+ist um der Gesellschaft willen da, und der Zweck der Gesellschaft ist,
+sich selbst zu erhalten, — oder, mit einer kleinen Nuance: Die Ehe in
+ihrer traditionellen Form ist heilig, weil sie zur Bewahrung sittlicher
+Reinheit unentbehrlich ist. Und worin besteht sittliche Reinheit? In
+der Beobachtung der Ehe in ihrer traditionellen Form.</p>
+
+<p>Auf diesem Wege kommt man nicht weiter. Man dreht sich im Kreise und
+bleibt beständig auf demselben Fleck.</p>
+
+<p>Wenn die Gegner des Autoritätsprincips dagegen sagen: Der Zweck der
+Gesellschaft ist das höchste Glück ihrer Mitglieder, der Zweck der
+Ehe ist das Wohl der Familie, so ist die Untersuchung freigegeben
+rücksichtlich Dessen, was dies Wohl und jenes höchste Glück ist. Und
+wenn sie weiter sagen: »Sittliche Reinheit besteht in derjenigen
+Art von Verhältnis zwischen Wesen verschiedenen Geschlechts, welche
+im höchsten Grade zum gegenseitigen Wohl und Glück Beider beiträgt,
+die entferntesten Resultate dieser Verbindung eben so wohl wie
+die unmittelbaren in Betracht gezogen«, und wenn diese Definition
+angenommen oder geprüft wird, so sehen wir den Horizont vor uns
+offen und das Feld frei für eine neue radikale und wissenschaftliche
+Forschung, sowohl physiologisch wie psychologisch und ökonomisch, in
+einem Umfange, wie die Welt sie niemals zuvor gekannt hat.</p>
+
+<p>Ordnung und Harmonie! Das sind die Stichwörter bei den Verfechtern
+des Autoritätsprinzips. Ja gewiß, Ordnung und Harmonie! Aber was
+die Welt jetzt lernen muß und<span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span> wird, selbst wenn es Jahrhunderte
+beanspruchen sollte, ist, daß Ordnung und Harmonie das Werk der
+Wissenschaft sind und niemals das Werk willkürlicher Gesetzgebung
+oder eines Kriminalkodex und einer öffentlichen Meinung sein können,
+die sich auf Tradition und Autorität stützen. Es giebt keine andere
+vernünftige Einrichtung und Ordnung der Gesellschaft, als die, welche
+auf dem wissenschaftlichen Einblick in die Organisation des Menschen
+beruht. Alle Gesellschaften, die der Familie sowohl wie des Staates,
+existiren nicht um ihrer selbst, sondern um der Individuen willen,
+damit die Individuen gewisse große Zwecke und Güter erreichen können.
+Solche Zwecke sind sittliche Reinheit, Erziehung der Kinder, Schutz
+des Weibes. Falls nun diese Zwecke sich nur auf dem Wege, den das
+Autoritätsprincip anweist, erreichen lassen, dann muß man Freiheit
+auf diesen Gebieten selbstverständlich — im Gegensatze zu Dem,
+wofür man sie auf so vielen anderen Gebieten hält — für einen Fluch
+halten, sie verfolgen und ausrotten. Falls diese Zwecke hingegen sich
+<em class="gesperrt">möglicherweise</em> auf anderen Wegen, möglicherweise <em class="gesperrt">besser</em>
+auf anderen Weg erreichen lassen — und eine solche Möglichkeit zu
+leugnen ist schwer, — falls sie endlich auf dem traditionellen Wege
+so gut wie <em class="gesperrt">gar nicht</em> erreicht worden sind, so muß eine durch
+keine Rücksicht beschränkte freie Untersuchung ohne die geringste
+Menschenfurcht vor irgend einer Autorität stattfinden. Was ich für
+mein Theil konstatiren will, ist nur Das, daß das Autoritätsprincip
+als ein solches, welches jeder Diskussion den Weg versperrt, das
+schlechteste, dümmste, erniedrigendste von allen ist, und sich selbst
+verurtheilt hat. Wer dadurch, daß er die freie Untersuchung auf irgend
+einem socialen Gebiete verhöhnt oder verwehrt, Ursache davon ist —
+wie er es unzweifelhaft werden muß, — daß die eine oder andere seinen
+Mitmenschen nützliche Hypothese — und wäre es nur eine einzige — sich
+nicht ans Tageslicht getraut oder der Wirklichkeit gegenüber nicht
+geprüft wird, ist ein Verbrecher, für den man die härteste Strafe,
+wenn es Recht und Gerechtigkeit in der Welt gäbe, nicht zu hart finden
+würde. Leider besteht die Mehrzahl aller civilisirten Menschen aus
+Verbrechern dieser Art, so daß die Aussicht, sie bestraft zu sehen,
+freilich gering ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span></p>
+
+<p>Bonald war ein solcher Verbrecher. Seine äußeren Lebensverhältnisse
+waren indeß nicht der Art, daß man in seiner Lebensbahn eine Spur
+von der Rache der Eumeniden erblicken kann. Er wurde im Jahre 1754
+geboren und starb erst 1840, satt an Ehren, und müd seines Lebens.
+Er war erst Militair, verheirathete sich früh, wurde dann zum
+Verwaltungspräsidenten im Departement Aveyron erwählt; er reichte seine
+Entlassung ein, als Ludwig XVI. sich genöthigt sah, die bürgerliche
+Verfassung der Geistlichkeit zu bestätigen, und emigrirte dann 1791.
+Als er in Heidelberg seine »Theorie der Macht« geschrieben hatte, wurde
+fast die ganze Auflage durch die Polizei des Direktoriums vernichtet.
+Ein vereinzeltes Exemplar, das er an Bonaparte gesandt hatte,
+erreichte zum Glück für den Verfasser doch seine Bestimmung und wurde
+Veranlassung, daß ihn Dieser von der Emigrantenliste strich.</p>
+
+<p>Er hatte nicht umsonst die Welt gelehrt, daß jede Revolution durch
+den Unterthan begonnen, aber durch die Macht beendigt wird, daß sie
+aus der Ursache entsteht, weil die Autorität schwach gewesen ist und
+nachgegeben hat, und damit endet, daß die Autorität wieder zu Kräften
+gelangt. Er hatte gezeigt, daß alle Unruhen nur die Macht stärken,
+und geweissagt, daß die Revolution, welche mit der Erklärung der
+Menschenrechte begann, mit der Erklärung der Rechte Gottes enden werde.
+Da Bonaparte nun eben diese durch das Konkordat erklärte, so erlangte
+Bonald bald eine angesehene Stelle. Er fuhr zwar fort, nur für die
+Bourbonen zu schwärmen und von ihnen zu träumen, aber er traf vorläufig
+die Wahl, diesen Träumen in einer Anstellung nachzuhängen, welche der
+Kaiser ihm gab. Er wurde <span class="antiqua">conseiller tutélaire</span> an der Universität
+mit einem Jahrgehalte von 12000 Franks, wofür er nichts zu thun hatte.
+Chateaubriand bespricht seine Bücher mit tiefer Bewunderung, De
+Maistre schreibt ihm nach der Veröffentlichung seiner »<span class="antiqua">Recherches
+philosophiques</span>«: Ist es zu glauben, daß die Natur sich damit
+amüsirt hat, zwei Saiten auszuspannen, die so völlig übereinstimmen,
+wie Ihr Geist und der meine! Wenn man jemals gewisse Sachen druckt,
+werden Sie fast die gleichen Ausdrücke finden, die Sie selbst gebraucht
+haben, und doch habe ich wahrlich nichts geändert.« Sie<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> waren
+geschaffen, einander zu verstehen. Welches Ansehen Bonald genoß, sieht
+man z. B. aus dem rührenden Briefe, den Napoleon's Bruder, Ludwig von
+Holland, ihm schrieb, um ihn zu bitten, daß er die Erziehung seines
+ältesten Sohnes übernehme. Er schildert darin zuerst, wie krank er
+beständig sei, wie innig er seinen Sohn liebe, wie sehr es Diesem noth
+thue, von einem Manne in der vollen Bedeutung dieses Wortes gebildet
+zu werden, damit er selbst ein Mann werde. Dann sagt er: »Nachdem ich
+überall gesucht, habe ich, obschon ich Sie nicht persönlich kenne,
+gedacht, daß Sie einer der Männer seien, die ich am höchsten achte. Sie
+werden mir daher verzeihen, daß ich jetzt, wo ich Einen wählen soll,
+dem ich mehr als mein Leben anzuvertrauen gedenke, mich an Sie wende.
+Wenn das Glück, dessen Sie sich unzweifelhaft in einer friedliebenden
+Häuslichkeit erfreuen, Sie nicht unempfindlich für das Gute gemacht
+hat, das Sie, ich sage nicht für mich, ein Individuum, sondern für
+ein ganzes Volk zu vollbringen vermögen, welches noch achtungswerther
+als unglücklich ist, und Das will Viel sagen, — so übernehmen Sie
+die Aufgabe, der Erzieher meines Sohnes zu sein«. Und er schließt in
+demselben Tone, indem er sich gegen die Verleumdungen seiner Person
+vertheidigt, die nach seiner Meinung Bonald zu Ohren gekommen sein
+könnten. Mit solcher Demuth näherte ein König sich diesem Manne — und
+vergebens, er lehnte die Aufforderung ab.</p>
+
+<p>Ein anderer, noch auffallenderer Zug beweist, welchen Einfluß und
+welches Gewicht man damals so despotisch gesinnten Autoritätsmännern,
+wie ihm, beimaß. Eines Tages empfing Bonald ein Billet mit dem
+Ersuchen, sich bei dem Kardinal Maury einzufinden. Dieser war jetzt
+unter dem Kaiserthume ein anders mächtiger Mann geworden, als da er in
+der Nationalversammlung Reden wider die Bürgerrechte der Juden hielt.
+Als Bonald allein mit dem Kardinal war, richtete Dieser die Frage
+an ihn, was er sagen würde, wenn der Kaiser ihn ersuchen ließe, die
+Erziehung des Königs von Rom zu übernehmen? Einen Augenblick stand
+Bonald verwirrt über so viel Ehre; dann gab er, wie man berichtet,
+die ablehnende Antwort: »Ich bekenne, wenn ich ihn jemals lehrte,<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> zu
+herrschen, so sollte es eher an jedem anderen Orte als in Rom sein.«
+Unter der Restauration wurde er dann einer der Haupturheber davon, daß
+Rom und dessen Geist: das Autoritätsprincip, zur Herrschaft gelangten,
+statt beherrscht zu werden. Er hatte sein ganzes Leben hindurch die
+Preßfreiheit bekämpft. Er endete damit, daß die ganze Censur ihm
+unterstellt war.</p>
+
+<h3>5.</h3>
+
+
+<p>Es gab in Frankreich unter dem Kaiserthum keine Poesie. Napoleon war
+der einzige Dichter der Zeit. Die Reihe seiner Kriege und Siege war
+<em class="gesperrt">eine</em> große Iliade, der Feldzug nach Rußland eine gigantische
+Tragödie, mit der keine, die man am Pult ausgearbeitet, sich messen
+konnte. Schon unter der Revolution war aus verwandten Ursachen die
+Poesie verschwunden. Einzelne Dichter schrieben zwar noch Tragödien
+im alten Stil, nur daß sie Voltaire's philosophische Tragödie in
+eine politische verwandelt hatten und die Republiken von Rom und
+Griechenland für die neue französische Republik zurecht stutzten,
+welche die Vorbilder ihrer Helden in Rom's und Athen's sogenannten
+Sanskulotten fand; aber das Interesse, welches sich an diese
+Schauspiele knüpfte, war gering im Vergleich zu demjenigen, welches die
+großen Dramen der Nationalversammlung und des Konvents darboten. Wie in
+der alten Zeit die Gladiatorenkämpfe das Interesse für die Schauspiele
+vernichteten, in denen Keiner wirklich getödtet ward, so machten die
+Schlußscenen der Debatten des Konvents, in welchen die Besiegten
+zum Schafotte abgeführt wurden, dem fünften Akt der Tragödien eine
+furchtbare Konkurrenz. Der Dolch Melpomenens konnte auf die Dauer an
+Interesse nicht mit der Guillotine wetteifern. Wer vermochte poetisch
+eine Gemüthserregung hervorzurufen, welche derjenigen entsprach, die
+die Zuschauer bei der Anklage, Verurtheilung und dem Tode des Königs
+und der Königin empfanden! Wer konnte auf<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> der Bühne eine Intrigue
+anspinnen, die so gut geschürzt war, wie diejenige Robespierre's und
+Danton's gegen Vergniaud und die Gironde, oder wie diejenige der
+Kontrerevolution gegen Robespierre! Man hat Zeugnisse dafür, daß
+die Zeitgenossen diese Empfindung besaßen. Der bekannte Uebersetzer
+Shakspeare's, Ducis, schreibt an einen Freund, der ihn aufforderte,
+für das Theater zu arbeiten: »Was sprichst Du mir von Tragödien! Die
+Tragödie ist rings umher auf der Gasse. Sobald ich den Fuß vor die Thür
+setze, schreite ich in Blut bis zu den Knöcheln.« Daß in diesen Worten
+keine Uebertreibung lag, beweist ein Brief, den Chaumette 1793 an den
+Magistrat von Paris sendet, worin besonders darüber geklagt wird, daß
+Kurzsichtige beständig der Fatalität ausgesetzt seien, in Menschenblut
+zu treten.</p>
+
+<p>Unter Napoleon kam noch der Umstand hinzu, daß man einen Herrn hatte.
+Versuchte ein einzelner Schriftsteller, wie Raynouard, sich ein
+wenig von der gewöhnlichen Bahn zu entfernen, so wurde er in seinen
+Bestrebungen gehemmt. Sein Stück »Die Stände von Blois«, das in
+Saint-Cloud gespielt worden war, wurde auf ausdrücklichen Befehl des
+Kaisers selbst in Paris verboten. Die Kanonen allein hatten das Wort.
+Die Kanone, welche, vor dem Invaliden-Hotel aufgepflanzt, beständig
+Siege auf Siege verkündete, übertäubte alle anderen Stimmen. Und
+alle jugendlich begeisterten Herzen, alle Feuerseelen, die sich zu
+anderen Zeiten in der Poesie Luft gemacht hatten, alle Die, welche am
+wärmsten für die Freiheit und die Ideen der Revolution entflammt waren,
+eilten jetzt zu den Fahnen und suchten, indem sie sich in Kriegsruhm
+berauschten, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Poesie zu vergessen. Wie
+ein seelenvolles Lied in einem Zimmer abgebrochen wird und endet, wenn
+ein ununterbrochenes Gerassel schwerer Wagen die Straße erschüttert,
+so wurde das geistige Leben ausgelöscht. Ein paar Anekdoten aus der
+Zeit des Kaiserthums schildern den Lärm und den Druck. Man frug den
+Metaphysiker Sièyes: »Was denken Sie in dieser Zeit?« Er erwiderte:
+»Ich denke gar nicht«. Man frug den General Lafayette: »Was haben Sie
+während des Kaiserreichs für<span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span> Ihre Ueberzeugung gethan?« Er antwortete:
+»Ich erhielt mich aufrecht«.</p>
+
+<p>Nur einzelne Kunstarten ließen sich von der Epoche inspiriren: die
+Malerei und die Schauspielkunst. Gérard malte die Schlacht bei
+Austerlitz, Gros die Pestkranken in Jaffa, die Schlachten bei Abukir
+und bei den Pyramiden. Talma, der nach seiner eigenen Erzählung eines
+Abends, als er mit den Führern der Girondistenpartei zusammen war,
+zum ersten Male verstanden und gelernt hatte, die Republikaner Rom's
+zu spielen, nicht wie Knaben in der lateinischen Schule sie sich
+vorstellen, sondern als Männer, — Talma lernte von Napoleon, Cäsaren
+und Könige spielen. Nach der bekannten Tradition ließ Bonaparte sich
+von Talma darin unterrichten, kaiserliche Stellungen anzunehmen. Das
+Umgekehrte ist die Wahrheit. Talma lernte von Napoleon das Imponirende
+seines Auftretens, den kurzen befehlenden Ton, die gebieterischen
+Handbewegungen, welche er später auf die Bühne brachte. Während seiner
+letzten Krankheit lag er noch vom Fieber gequält und halb wahnsinnig da
+und erforschte im Spiegel die Spuren von Wahnsinn und Grausen in seinem
+Antlitz. »Da hab' ich sie!« rief er und schlug sich vor die Stirn;
+falls ich wieder die Bühne betrete, werde ich es genau so machen, wenn
+ich Karl <span class="antiqua">VI.</span> als toll darstelle«. So leidenschaftlich liebte
+er seine Kunst. Er erhob sich jedoch nicht wieder, und mit ihm starb
+die einzige unter den Künsten des Wortes, die während des Kaiserreichs
+geblüht hatte.</p>
+
+<p>Nur eine Abart der Literatur gewinnt einen Einfluß, wie sie ihn niemals
+zuvor gehabt hatte, die jüngste von all' ihren Arten, welche, bis
+jetzt unbedeutend, bald eine Macht wird, nämlich die Journalistik.
+Das bekannte Tagesblatt »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>« wird gegründet,
+um den Kampf gegen Voltaire einzuleiten und den herrschenden Ideen
+der Zeit ein Organ zu schaffen. Man bediente sich aller Mittel. Ganz
+wie heutigen Tags die klerikale Presse in Frankreich Voltaire als
+»den elenden Preußen« bezeichnet, so suchte man damals in Voltaire's
+Briefen die Stellen auf, welche ihn zum Vaterlandsverräther stempeln
+konnten. Man fand in seinen Briefen an den König von Preußen das
+platte Kompliment: »Jedesmal,<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> wenn ich an Ew. Majestät schreibe,
+zittere ich wie unsere Regimenter bei Roßbach«, und man hoffte mit
+Hilfe solcher Citate den Sieger von Jena gegen die Philosophen dieser
+Schule aufzuhetzen. Man machte auch besonders geltend, daß nach dem
+Zeugnis von Zeitgenossen die Hauptursache der Muthlosigkeit des
+französischen Heeres im Kampfe gegen Friedrich die gewesen sei, daß
+die Officiere eine Art phantastischer Bewunderung für den König von
+Preußen hegten, welche so weit ging, daß sie sich nicht einmal die
+Möglichkeit denken konnten, einen Feldherrn zu schlagen, der all' die
+Ideen repräsentirte, welche sie selbst beseelten. Anstatt nun hieraus
+einen Schluß zu Gunsten jener Ideen zu ziehen, zog man im Gegentheil
+einen ungünstigen Schluß Betreffs der Personen, welche, wie Voltaire,
+dieselben in Frankreich ausgebreitet hatten, und stempelte sie zu
+Vaterlandsverräthern. Um einen Begriff von dem Tone des Blattes zu
+geben, citire ich folgende Worte des Hauptredakteurs. »Wenn ich sage
+die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, so meine ich Alles, was
+falsch ist in Gesetzgebung, Moral und Politik«. — Noch ein zweites
+Organ war in Händen der neukatholischen Schule, der »<span class="antiqua">Mercure</span>«,
+dessen Hauptredakteure Chateaubriand und Bonald waren. Gegen diese
+mächtigen Organe versuchten die Schriftsteller, welche die Trümmer der
+Armee des achtzehnten Jahrhunderts bildeten, einen Kampf, aber die Zeit
+brachte ihnen keinen günstigen Fahrwind.</p>
+
+<p>Wie früher der ganze Eifer der kämpfenden Mächte darauf gerichtet
+gewesen war, das Publikum oder das Volk für sich und ihre Ideen zu
+gewinnen, so gingen jetzt unter der Despotie alle Anstrengungen
+dahin, die Poesie des Gewalthabers zu gewinnen. Das »<span class="antiqua">Journal des
+Débats</span>« suchte den Kaiser gegen die Philosophie einzunehmen.
+Die Philosophen suchten ihn gegen das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>«
+aufzubringen. Die Klerikalen wiesen auf die Philosophen und sagten:
+»Nimm Dich in Acht vor den Männern, welche so schreiben! Sie sind
+Niederreißer von Fach, sie hassen Dich, wenn auch nur weil Du
+ein Baumeister bist, und wollen das Gebäude niederreißen, das Du
+aufführst«. Die Philosophen zischeln ihm von der anderen Seite ins Ohr:
+»Weißt Du,<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> was die Menschen dort in dem anderen Lager wollen? Sie
+wollen Dich bethören, ein Haus zu errichten, dessen Schlüssel sie sich
+dann für einen Andern ausbitten werden. Wenn Du ihrem Rathe folgst, so
+arbeitest Du dafür, Dich selbst überflüssig zu machen. Hörst Du nicht,
+wie sie beständig nach Ordnung schreien? Bald wirst Du die einzige
+Unordnung sein, die es noch in Frankreich giebt. Man wird Dich dann
+zwingen, auszuziehen, wie der Baumeister sich entfernt, wenn der Herr
+des Hauses sein Eigenthum in Besitz nimmt«.</p>
+
+<p>Es waren unzweifelhaft, wie ja auch die Zukunft bewies, die
+Philosophen, welche hier Recht hatten. Die Anhänger der neukatholischen
+Schule waren und blieben innerlich an die alte Dynastie geknüpft. Ihre
+Methode war die, Delille, weil er in Ungnade war, und Chateaubriand,
+welcher besonders seit der Erschießung des Herzogs von Enghien
+eine feindliche Haltung gegen Napoleon annahm, zu rühmen, kurz die
+politische Frage in die literarische Debatte zu mischen. Man pries
+Racine, aber auf solche Weise, daß leicht zu sehen war, Ludwig
+<span class="antiqua">XIV.</span> sei gemeint; man schmähte Voltaire, aber so, daß man die
+revolutionäre Partei hinter seinem Rücken traf; man hob die Lichtseiten
+der früheren Regierung hervor, unter dem Vorwande, die Geschichte der
+Vergangenheit zu schreiben, und bewies, so gut man vermochte, daß sie
+auf den Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit geruht habe, unter
+dem Vorwande, einen Kursus in der Philosophie zu geben.</p>
+
+<p>Napoleon, der aufs sorgsamste der Zeitungsliteratur folgte, verlor
+zuletzt die Geduld. Ein Billet ist uns aufbewahrt geblieben, das einem
+Beamten Napoleon's zugestellt ward, um den Privatkorrespondenten
+des Kaisers, dem Herausgeber des »<span class="antiqua">Mercure</span>« Fiévée, übergeben
+zu werden, worin jedes Wort charakteristisch ist. Vor Allem ist
+hier jedoch der Uebergang von der unpersönlichen zur persönlichen
+Ausdrucksweise interessant. Wer der Verfasser des Billets sei, wird
+gar nicht in demselben gesagt; Anfangs spricht das unbestimmte anonyme
+Wesen, welches man die Regierung nennt; plötzlich fühlt man, wer die
+Feder lenkt, der Löwe weist seine Krallen. Das Billet lautet: »Mr. de
+Lavalette soll sich zu Mr. Fiévée begeben und ihm sagen, <em class="gesperrt">man</em>
+lese das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>«<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> mit mehr Aufmerksamkeit, als
+die anderen Blätter, weil es zehnmal so viel Abonnenten habe, und
+<em class="gesperrt">man</em> bemerke darin Artikel, die in einem den Bourbonen günstigen
+Geiste, also mit großer Gleichgültigkeit für das Wohl des Staates
+geschrieben seien; <em class="gesperrt">man</em> habe beschlossen, Alles zu unterdrücken,
+was in diesem Blatte von allzu schlechter Gesinnung sei; das System
+sei, mit großer Langmuth zu warten; es sei jedoch jetzt nicht genug,
+nicht direkt feindlich zu sein; <em class="gesperrt">man</em> habe das Recht, zu
+verlangen, daß sie der herrschenden Dynastie ganz ergeben seien, und
+daß sie Alles, was den Bourbonen Glanz verleihe oder ihnen günstige
+Erinnerungen heraufbeschwören könne, nicht dulden, sondern bekämpfen;
+<em class="gesperrt">man</em> habe indessen noch keinen bestimmten Entschluß gefaßt; aber
+<em class="gesperrt">man</em> sei geneigt, das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>« forterscheinen
+zu lassen, wenn man mir Männer vorschlägt, zu denen <em class="gesperrt">ich</em> Zutrauen
+haben und welche <em class="gesperrt">ich</em> an die Spitze dieses Blattes stellen kann«.
+Man sieht, wie die Verhältnisse sich entwickelten. Im Verlauf der
+Regierung des Kaisers wurde der Neukatholicismus mehr und mehr aus der
+Gunst und Gewogenheit verdrängt, deren er sich von Anfang an erfreuen
+durfte, und erst unter den Bourbonen triumphirte er wieder gänzlich.
+Gleich nach Napoleon's Thronbesteigung schreiben Chateaubriand,
+Bonald und De Maistre frei, das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>« wird
+aufgefordert, seinen Kreuzzug wider die Philosophie des achtzehnten
+Jahrhunderts zu unternehmen, der Papst besucht Napoleon in Paris,
+die Geistlichkeit wird geehrt, Frayssinous predigt ungehindert.
+Gegen das Ende des Kaiserreichs müssen die Führer der katholischen
+Partei verstummen, das »<span class="antiqua">Journal des Débats</span>« ist konfiscirt,
+der Papst ein Gefangener, die Klerisei dem Kaiser verhaßt, und die
+Kanzel Frayssinous verschlossen. Erst 1814 wird gleichzeitig mit der
+politischen Restauration eine Erneuerung der religiösen unternommen,
+welche vollständig befestigt, was durch das Konkordat begonnen war.</p>
+
+<p>Ist es nun auch nicht zu Viel gesagt, daß es unter Napoleon keine
+eigentliche Poesie gab, so ist doch nicht minder gewiß, daß unter
+seiner Herrschaft ein nicht bedeutungsloser Versuch gemacht wurde, dem
+Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts zu geben, was Voltaire dem
+vorhergehenden in seiner<span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span> Henriade zu geben versucht hatte: nicht mehr
+noch minder als eine große nationale Epopöe.</p>
+
+<p>Die Aufgabe war bedenklich, Das läßt sich nicht leugnen. Zu einer
+Zeit, wo Frankreich Europa mit Helden wie Ney und Murat und all'
+den Marschällen des neuen Kaiserreichs erfüllte, wo Napoleon alle
+offenen Wunden Frankreichs mit eroberten feindlichen Fahnen verband,
+wo die Thaten der Gegenwart alle Thaten der Vergangenheit in Schatten
+stellten, — wo sollte man da einen geeigneten Helden für ein Epos und
+wo sollte man Thaten finden, welche die Lesewelt fesseln konnten?</p>
+
+<p>Der Mann, welcher sich an ein solches Beginnen wagte, war kein Anderer,
+als Der, welcher von Anfang an auf eine Aufsehen erregende Art die
+literarische Bewegun] der Periode eingeleitet hatte, Derjenige, welcher
+von Allen am meisten »<span class="antiqua">en vue</span>« war, nämlich Chateaubriand.
+Er empfand nicht allein Lust, sondern eine Art Verpflichtung, eine
+Epopöe zu schreiben. Er hatte ja in seinen ersten Werken behauptet,
+daß die Legenden der christlichen Religion die heidnischen Mythen an
+Schönheit weit überträfen, daß dieselben dem Dichter mehr böten, daß
+alle Charaktere: Vater, Gatte, Liebhaber und Braut, als christliche
+Menschen schöner und poetischer, denn als natürliche, seien. Es galt
+für ihn, das Beispiel der Regel, den Beweis dem Lehrsatze hinzuzufügen,
+und um die Wahrheit seiner Behauptung und die Stärke seines Talentes
+darzuthun, beschloß er, ein christliches Epos zu verfassen. Er suchte
+daher seine Helden nicht auf einem der großen Schlachtfelder Europa's;
+Namen wie Marengo und Austerlitz machten keinen Eindruck auf ihn. In
+Uebereinstimmung mit der ganzen Geistesrichtung, die er eingeschlagen
+hatte, wählte er sich nicht aktive, sondern passive Helden,
+überhaupt nicht Helden, sondern Märtyrer, zum Gegenstande seines
+Darstellungstalents und betitelte solchermaßen sein Epos, das für uns
+übrigens mehr einem gewöhnlichen zweibändigen Romane gleicht, da es in
+Prosa geschrieben ist: »Die Märtyrer, oder der Triumph der Religion«.
+Um diese Wahl des Stoffes recht zu verstehen, muß man bedenken,
+daß der Ideenkreis, in welchem die Männer dieser Schule lebten, in
+Wirklichkeit nicht derjenige des Kaiserthums,<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> sondern der nach
+rückwärts gerichteten Emigranten war. Man hatte sich noch nicht von
+seinem Grausen über die Thaten der Revolution erholt. Man sah in den
+Führern der Revolution lauter Blutmenschen, in der niedergeschlagenen
+Partei lauter Opfer. Der eigentliche Held war für diese Männer nicht
+Napoleon, der unternehmungslustige Krieger, sondern Ludwig <span class="antiqua">XVI.</span>,
+der unschuldige Märtyrer. Was waren sie anders, als Märtyrer, alle
+die christlichen Priester, die um ihres Glaubens willen in den
+Septembertagen niedergemetzelt worden waren, alle die der Königsmacht
+von Gottes Gnaden treu ergebenen Männer und Frauen, welche den Tod in
+der Vendée erlitten hatten! So schuldlose Opfer, wie die Prinzessin
+Lamballe oder die jungen Mädchen in Verdun während der Revolution und
+wie der Herzog von Enghien in der jüngsten Zeit, waren Heldinnen, und
+Helden, die einer Verherrlichung werth erschienen, tausendmal mehr als
+Die, welche sich auf allen Schlachtfeldern Europas mit Blut befleckten.</p>
+
+<p>Schon im Jahre 1802 hatte Chateaubriand die Idee zu seinem Epos
+gefaßt, 1806 waren die ersten Gesänge fertig. Aber die Handlung sollte
+sich über die ganze in der alten Zeit bekannte Welt erstrecken.
+Chateaubriand war keine bequeme Natur, er fühlte sich nicht geneigt,
+das Werk so rasch wie möglich zu vollenden, um so leicht wie
+möglich auf seinen Lorbeern zu ruhen. Er unterbrach daher seine
+Arbeit und reiste im Juli 1806 ab, um Griechenland, den Orient,
+Jerusalem, Aegypten, Karthago zu besuchen und über Spanien nach Paris
+heimzukehren. Der nächste Zweck dieser Reise war, wie er in der Vorrede
+zu seinem später veröffentlichten »<span class="antiqua">Itinéraire</span>« offen bekennt,
+das begonnene Gedicht zu vervollkommnen. Er sagt: »Ich habe diese Reise
+nicht unternommen, um sie zu beschreiben. Ich hatte einen bestimmten
+Zweck bei derselben; diesen Zweck habe ich in den Märtyrern erfüllt,
+ich suchte Bilder, das war Alles«.</p>
+
+<p>Das war jedoch nicht Alles, weder Alles, was Chateaubriand mit seiner
+Reise bezweckte, noch Alles, was man nach seinem Wunsche in derselben
+erblicken sollte. Chateaubriand ist <span class="antiqua">Childe Harold</span> vor dem
+wirklichen; Chateaubriand ist der Byron der Restauration. Gerade wie
+sein René ein Vorläufer<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> der Byron'schen Helden ist, so ist er selbst
+auf seinen Pilgerfahrten ein Vorgänger jenes halb erdichteten, halb
+wirklichen Harold, den die Lust nach Abenteuern und die Sehnsucht
+nach Eindrücken von Land zu Lande jagt. Aber als ein Byron der
+Restaurationszeit kann er nicht, wie der englische Lord, der noch
+Vikingerblut in seinen Adern empfand, sich damit begnügen, ein so
+vereinzeltes Motiv seiner Fahrten ehrlich zu bekennen. Es wäre wenig im
+Geiste der Restaurationszeit gewesen, es hätte wenig zu Chateaubriand's
+Rolle in jener Zeit gestimmt, nach Jerusalem zu ziehen, um Landschaften
+zu studiren, seine Palette mit Farben und sein Skizzenbuch mit
+Entwürfen zu füllen. Wenn Childe Harold von seiner Pilgerfahrt spricht,
+nimmt er das Wort in figürlicher Bedeutung, Chateaubriand gebraucht
+es ganz buchstäblich. Er theilt Allen mit, daß er nach dem heiligen
+Lande reise, um sich durch den Anblick der heiligen Stätten zu erbauen.
+Er bringt Wasser aus dem Jordanflusse mit heim, und als später der
+Graf von Chambord geboren wird, hat er es bei der Hand, um das
+königliche Kind damit taufen zu lassen. Er sagt selbst: »Es mag seltsam
+erscheinen, heutigen Tages von heiligen Gelübden und Pilgerfahrten zu
+reden; aber in diesem Punkte bin ich, wie bekannt, ohne Scham und habe
+mich schon längst selber in die Reihe der Abergläubischen und Schwachen
+gestellt. Ich werde vielleicht der letzte Franzose sein, der mit den
+Ideen, Zwecken und Gefühlen eines mittelalterlichen Pilgrims aus seiner
+Heimat zum heiligen Lande gezogen ist. Aber besitze ich auch nicht die
+Tugenden, welche vordem bei den Herren von Coucy, Nesles, Chastillon
+und Montfort glänzten, so habe ich doch wenigstens noch den Glauben,
+und an diesem Zeichen würden sogar die alten Kreuzfahrer mich als einen
+ihres Gleichen erkennen.«</p>
+
+<p>Ist es nun schon ein starkes Stück von einem rein modernen Geiste, wie
+Chateaubriand, sich Pilgrimsgefühle und Pilgrimszwecke beizulegen, da
+die alten Pilgrime, so viel bekannt, nicht nach Bildern und Eindrücken
+für literarische Produktionen umherreisten, was soll man gar sagen,
+wenn man in Chateaubriand's hinterlassenen Memoiren ein Geständnis
+über den ferneren Zweck dieses Aufsuchens von Bildern findet,<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span> welche
+das grellste Licht auf jene zuletzt angeführten Worte wirft? Durch
+seine Anstrengungen, Ruhm zu erreichen, durch seine Studien und Reisen
+hoffte er die Gunst einer Dame zu gewinnen, in die er verliebt war.
+An und für sich ist ja Nichts natürlicher. Er war noch jung. Er besaß
+einen glühenden Ehrgeiz und liebte mit Leidenschaft. Was Wunder,
+daß er sich selbst zurief: »Ruhm, größeren Ruhm, mit vollerem Recht
+erworbenen Ruhm, um sie besser zu verdienen, um ihr meinen ernsten
+Vorsatz zu beweisen, mich ihrer Gunst würdig zu machen!« Sie scheint
+außerdem ehrgeizig für ihn gewesen zu sein, ihm ihren Besitz in weiter
+Ferne als Lohn neuer Anstrengungen in Aussicht gestellt zu haben.
+Mag sogar etwas Mittelalterliches, an die Ritterzeit Erinnerndes in
+diesem Verhältnisse gewesen sein! aber was für eine Prälatenseele muß
+man besitzen, um hier von Kreuzzug und Pilgerfahrt reden zu wollen!
+Chateaubriand sagt in seinen <span class="antiqua">Mémoires d'outre-tombe</span>: »Aber
+habe ich auch in der Reisebeschreibung Alles von dieser Reise gesagt,
+welche in der Hafenstadt Desdemona's und Othello's begann? Wallfahrtete
+ich mit reuigem Gemüth zu Christi Grabe? <em class="gesperrt">Ein einziger Gedanke</em>
+verzehrte mich; ich zählte mit Ungeduld die Augenblicke. Vom Verdeck
+meines Schiffes, die Augen auf den Abendstern geheftet, bat ich ihn um
+günstigen Wind, der mich rasch von dannen führe, um Ruhm, damit ich
+geliebt würde. Ich hoffte mir Ruhm in Sparta, in Zion, in Memphis, in
+Karthago zu erwerben und ihn nach der Alhambra mitzubringen. Würde man
+die Erinnerung an mich mit so ausdauernder Treue bewahrt haben, wie ich
+meine Proben ablegte?... Wenn ich heimlich einen Augenblick des Glücks
+genieße, so ist dasselbe verwirrt durch die Erinnerung an jene Tage der
+Verführung, der Bezauberung und des holden Wahnsinns.«</p>
+
+<p>So spricht Tannhäuser, als er dem Venusberge entronnen ist, aber
+Peter der Einsiedler führte nicht diese Sprache, als er vom heiligen
+Grabe zurückkehrte. Die Dame, welche Chateaubriand ein Rendezvous in
+der Alhambra bestimmt hatte, war die junge Madame De Mouchy, welche
+von Zeitgenossen als ein Wunder von Schönheit, Anmuth und Feinheit
+geschildert wird. Sie starb im Wahnsinn. — Chateaubriand<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> war seit
+1792 vermählt. Seine Ehe war vielleicht eine Unbesonnenheit, aber
+hätte er als ein so eifriger Fürsprecher der christlichen Moral sie
+nicht respektiren müssen, auf welche Art sie auch geschlossen sein
+mochte? Er schildert ihr Zustandekommen folgendermaßen in seinen
+Memoiren: »Die Sache ward ohne mein Wissen betrieben ... Ich fühlte
+mich in keiner Beziehung zum Ehemanne geeignet. Alle meine Illusionen
+lebten noch, Nichts in mir war erschöpft; die Energie meines Lebens
+war sogar verdoppelt durch meine Reisen. Ich wurde beständig von der
+Muse geplagt. Meine Schwester hielt viel von Mademoiselle De Lavigne
+und sah in dieser Ehe für mich eine unabhängige Stellung. Bringe sie
+denn zu Stande, sagte ich. Bei mir ist die öffentliche Persönlichkeit
+unerschütterlich, aber die Privatperson ist die Beute eines Jeden,
+der sich ihrer bemächtigen will, und um den Verdrießlichkeiten einer
+Stunde zu entgehen, könnte ich mich für ein Jahrhundert zum Sklaven
+machen.« Glücklicherweise fühlte er sich nicht allzu sehr gebunden. Als
+heimgekehrter Pilgrim schrieb er nun seine Epopöe.</p>
+
+<p>Eine Epopöe im neunzehnten Jahrhundert! Es giebt in unseren Tagen
+Niemand mehr, der an die Möglichkeit einer solchen glaubt. Eine klarere
+Einsicht in die historischen Bedingungen des Entstehens der großen
+Vorzeits-Epopöen, als irgend eine frühere Zeit sie besaß, hat uns
+von der Nutzlosigkeit überzeugt, heutigen Tages mit Werken von der
+Frische und Naivetät der Ilias und der Odyssee wetteifern zu wollen.
+Eben so wenig, wie ein wirklicher Dichter in jetziger Zeit darauf
+verfallen könnte, die Veda-Hymnen, die Psalmen David's oder Völuspà
+nachahmen zu wollen, eben so wenig versucht Jemand in heutiger Zeit
+mit den unvergänglichen Werken zu rivalisiren, in welchen am Morgen
+der Zeiten ein Volk kindlich seine ganze Götter- und Sagenwelt dem
+Zuhörer vorübergleiten ließ, wie die Griechen es in ihren nationalen
+Heldengedichten, die Deutschen im Nibelungenliede und die Finnen im
+Kalewala gethan haben. Die Epopöen, welche, wie diejenigen Virgil's und
+Tasso's, Camoens', Klopstock's und Voltaire's, jene alten Volksgedichte
+mit Bewußtsein und Studium nachahmen, und welche das Mirakulöse in
+ihnen in eine todte epische Maschinerie<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> verwandelten, haben niemals
+den Rang ihrer Vorbilder erreichen können, und besitzen nur Werth in
+dem Grade, in welchem sie ihnen der Zeit und dem Geiste nach innerlich
+nahe stehen. Je weniger Naivetät sie besitzen, desto kälter stehen
+wir ihnen gegenüber. Die nicht mißlungenen epischen Gedichte welche
+in neuerer Zeit geschrieben sind — ich nenne als Beispiel Goethe's
+Hermann und Dorothea oder aus jüngsten Tagen Hamerling's König von Zion
+— haben den epischen Apparat ganz aufgegeben. Aber Das war keineswegs
+Chateaubriand's Absicht. Im Gegentheil! Es galt ja eben denselben zu
+verdoppeln, den christlichen Apparat in seiner Ueberlegenheit über den
+antiken strahlen zu lassen.</p>
+
+<p>Da er kein Versdichter ist, beschließt er sein Werk in Prosa zu
+schreiben; aber ein wie großer Meister er auch in dieser Kunstart ist,
+so ahnt man doch schon, wie er nach einem Stile umhertasten wird.</p>
+
+<p>Alle möglichen Einwirkungen durchkreuzen sich bei ihm: Homer und die
+Offenbarung Johannis, Dante und Milton, die Kirchenväter und Sueton.
+Die Handlung ereignet sich zur Zeit Diokletian's, die Hälfte der
+auftretenden Personen sind Heiden, die Hälfte Christen. Der Held
+Eudorus gewinnt das Herz eines jungen heidnischen Mädchens, bekehrt sie
+und stirbt mit ihr als Märtyrer im Kollosseum zu Rom. Ihr Vater ist
+Grieche und begeisterter Apostel Homer's. Die Episoden spielen in dem
+alten Gallien.</p>
+
+<p>Ich will ein paar Beispiele davon geben, zu welcher Manierirtheit
+und welchen Uebertreibungen die Nachahmung des homerischen Stils den
+Verfasser verlockt hat. Zuerst stellt er seine Griechen als allzu
+gläubig dar, sie drücken sich mit eben so viel kindlichem Glauben
+an die Götter aus, wie die homerischen Helden, von denen sie durch
+mindestens elfhundert Jahre geschieden sind. Wer weiß nicht, daß die
+Griechen jener Zeit ihren Göttern gegenüber vollkommene Skeptiker und
+mehr als halbwegs Rationalisten waren, selbst wenn sie an dieselben
+glaubten. Das junge griechische Mädchen findet den Helden Eudorus unter
+einem Baume ruhen. Er ist jung und schön. Er erhebt sich rasch, als
+er sie bemerkt. »Wie?« sagte sie verwirrt zu ihm, »bist Du nicht der
+Jäger Endymion?« —<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> »Und Du,« versetzte der junge Mann, nicht weniger
+verwundert, »bist Du nicht ein Engel?« Das sind keine Komplimente,
+sondern die Fragen sind völlig ernst gemeint. So leicht haben jedoch
+kaum jemals junge Liebende einander buchstäblich für Sagengestalten
+angesehen. — Der Vater Cymodoce's spricht in demselben Stile zu dem
+jungen Manne: »Mein Gast, vergieb mir meinen Freimuth, ich habe immer
+der Wahrheit gehorcht, der Tochter Saturn's und der Mutter der Tugend.«
+Schon zur Zeit Platon's vermochte ein Grieche sehr wohl der Wahrheit zu
+erwähnen, ohne von ihren Eltern oder den Großeltern der Tugend zu reden.</p>
+
+<p>Noch ein paar Wendungen, die sich wie Uebersetzungen aus dem Homer
+ausnehmen: Als das junge Mädchen verwundert ist, Eudorus, den sie nicht
+kennt, zu erblicken, und als sie wissen will, wer er ist, frägt sie:
+»In welchen Hafen ist Dein Schiff eingelaufen? Kommst Du von Tyrus,
+das wegen des Reichthums seiner Kaufleute so berühmt ist? Oder von dem
+lieblichen Korinth, nachdem Du reiche Gaben von Deinen Gastfreunden
+empfangen hast?« &amp;c.</p>
+
+<p>Alles Dies möchte im Dialog allenfalls noch passiren, aber was
+soll man sagen, wenn der Erzähler selbst, bald die fünfzehnhundert
+Jahre vergessend, welche ihn von seinen Personen scheiden, dieselbe
+Redeweise wie sie anstimmt, bald wieder Wendungen gebraucht, welche den
+Ritterromanzen des Mittelalters entnommen sind? In rein homerischem
+Stil sagt er z. B.: »Nichts würde die Freude des Demodocus gestört
+haben, wenn er einen Gatten für seine Tochter hätte finden können,
+der sie mit aller schuldigen Rücksicht behandelt hätte, <em class="gesperrt">nachdem er
+sie in ein von Reichthümern erfülltes Haus geführt</em>.« Und im Ton
+der mittelalterlichen Romanzen heißt es von Velleda, der gallischen
+Druidin: »<span class="antiqua">fille de roi à moins de beauté, de noblesse et de
+grandeur</span>«.</p>
+
+<p>Und spricht nun der Dichter zuweilen in einem Stile, als wäre er
+selbst der letzte Homeride, so sprechen dagegen seine Personen
+oftmals, als ahnten sie die ganze moderne Bildung voraus. So sagt der
+christliche Bischof Cyrillus von den heidnischen Mythen: »Eine Zeit
+wird vielleicht kommen, wo diese Unwahrheiten der kindlichen Vorzeit
+nur noch sinnreiche<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> Fabeln, Gegenstände für die Gesänge der Dichter
+sein werden. Aber in unsern Tagen verwirren sie die Geister.« Welch ein
+aufgeklärter Mann!</p>
+
+<p>Das ganze Gedicht durchzugehen, liegt nicht in meinem Plane. Es
+liegt sogar außerhalb meines Planes, das bedeutende Talent, welches
+der Verfasser hier entfaltet, in sein volles Licht zu stellen.
+Ich kann höchstens den Leser auf die Schönheit einzelner Scenen
+aufmerksam machen, z. B. auf diejenige, wo die griechische Familie der
+christlichen, welche gerade auf dem Felde Garben bindet, einen Besuch
+macht, oder auf Episoden wie Velleda's Tod. Ueber der ersten Stelle
+schwebt ein eigenthümlicher religiös-idyllischer Reiz; sie erinnert
+an das Buch Ruth und hat einen rein evangelischen Duft. Velleda
+hat Chateaubriand als Dichter mit dem ganzen Feuer, mit dem ganzen
+göttlichen Wahnsinn seines Genies gezeichnet. Ich kann nur einige
+Tropfen von dem Safte des Werkes geben; man möge von ihnen auf die
+ganze Frucht schließen.</p>
+
+<p>Ich wende mich direkt zu Chateaubriand's These, der Verwendbarkeit
+der christlichen Wunderwelt für die Poesie. Man bedürfte keines
+besseren Beweises, als seines Gedichtes, dafür, daß die ganze
+christliche Poesie in unseren Tagen <em class="gesperrt">ein</em> großer Anachronismus
+ist. Ich betrachte zuerst seine Hölle, weil diese im Allgemeinen den
+Dichtern besser gelungen ist, als die Schilderung des Zustandes der
+Seligen. Jeder kennt Dante's Hölle, Jeder weiß, wie bei ihm eine
+ganze Heerschaar verwegener Häupter aus den Gewässern und Flammen
+des Grausens emportaucht, so kräftig gezeichnet, daß sie das ganze
+Gedicht beherrschen. Diejenigen unter seinen Verdammten, welche man
+in der Erinnerung behält, sind die fast übermenschlich trotzigen und
+stolzen italiänischen Adligen aus seiner eigenen Zeit, Farinata z. B.
+Was Milton betrifft, so ist, wie bekannt, keine Gestalt ihm besser
+gelungen, als sein Satan, und nicht ohne Grund hat man das Vorbild
+desselben in den energischen puritanischen Rebellen seines Zeitalters
+gefunden, die selbst besiegt nicht aufhörten, der Königsmacht
+Trotz zu bieten. Jede Zeit dichtet ihren Lucifer nach ihrem Bilde.
+Chateaubriand's Empörer ist daher auch nicht der Teufel der Tradition;
+nein, es ist ein Teufel, der die französische<span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span> Revolution gemacht hat.
+Sobald er und sein Hofstaat den Mund öffnen, fahren alle Stichwörter
+von den Zeiten der Republik aus demselben heraus. Hält Satan eine Rede
+an seine Heerschaaren, so erstaunt der Leser, Töne von 1790 darin
+wiederklingen zu hören. Nach ein paar einleitenden biblischen Phrasen
+verfällt er in den Stil der Freiheitshymnen der Revolution, welche
+Chateaubriand zur Freude des mißrathenen Geschlechts der Nachkommen zu
+verhöhnen sich nicht entblödet hat.</p>
+
+<p>Satan sagt: »Ihr Götter der Nationen, ihr Throne, ihr Eifrigen, ihr
+unüberwindlichen Kriegerschaaren, ihr hochherzigen Söhne dieses starken
+Vaterlandes, der Tag des Ruhms ist erschienen!« (<span class="antiqua">Magnanimes enfants
+de cette forte patrie, le jour de gloire est arrivé!</span>) So tief also
+war die französische Literatur gesunken, daß die Marseillaise von dem
+größten Dichter des Landes dem Teufel in den Mund gelegt wurde.</p>
+
+<p>Und was ist er denn, dieser Teufel? Einen Funken von Leben erhält
+er nur dadurch, daß er Rouget de Lisle parodirt. Sonst ist er die
+fleisch- und blutloseste Allegorie, die man sich denken kann. Man sehe
+ihn in sein Reich hinabfahren: »Schneller als der Gedanke durchfährt
+er den ganzen Raum, welcher dereinst verschwinden wird (Welches
+Gedankenexperiment!); jenseits der brüllenden Trümmer des Chaos
+erreicht er die Grenzen jener Regionen, die unvergänglich wie die Rache
+sind, welche sie schuf, verdammte Regionen, das Grab und die Wiege
+des Todes, wo die Zeit nicht die Ordnung ausmacht, und welche noch
+existiren werden, wenn das Universum wie ein Zelt fortgeräumt worden
+ist, daß für einen Tag errichtet ward ... er folgt keinem Weg durch
+das Dunkel, sondern von dem Gewicht seiner Verbrechen herabgezogen [!]
+sinkt er <em class="gesperrt">naturgemäß</em> zur Hölle hinab.« Es heißt »naturgemäß«;
+mir scheint er am naturgemäßesten an Holberg's Niels Klim zu erinnern.
+Alle Umgebungen seines Reiches sind entweder Allegorien, welche um
+so komischer wirken, je mehr der Dichter durch sie hat schrecken
+wollen, oder Karikaturen von Voltaire und den Voltairianern, die sich
+inmitten<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> der Epopöe als Bruchstücke verbissener Zeitungsartikel
+ausnehmen, welche durch ein Versehen hierher gelangt sind. Der Tod wird
+folgendermaßen geschildert: »Ein Gespenst springt an der Schwelle des
+unerbittlichen Thores hervor. Es erscheint wie ein dunkler Fleck auf
+den Flammen des Kerkers hinter ihm. Man erblickt die gelben Strahlen
+des Höllenlichtes zwischen den Rippen des Skeletts. Es ist der Tod.
+Von Grausen erfaßt, wendet Satan das Antlitz ab, um dem Kusse des
+Geripps zu entfliehen.« Hier noch zwei andere Dämonen: »Mit hundert
+Diamant-Knoten [!] gebunden, sitzt der Dämon der Verzweiflung auf einem
+bronzenen Throne und beherrscht das Reich der Sorgen; am Eingang des
+ersten Vorsaales liegt die Ewigkeit der Schmerzen auf einem eisernen
+Bette; sie ist reglos, selbst ihr Herz klopft nicht. Sie hält ein nie
+sich leerendes Stundenglas in ihrer Hand, sie kennt und spricht nur das
+Wort ›Niemals‹«. — Ungefähr eben so sitzt ein Automat auf einer Uhr
+und spricht nur das Wort »Kuckuck«.</p>
+
+<p>Hat Dies nun mit Nichts auf der Welt rechte Aehnlichkeit, so haben
+die Dämonen der falschen Weisheit eine allzu lächerliche Aehnlichkeit
+damit. Wir sahen, daß alle religiösen Ideen der Zeit sich in dem
+Worte <em class="gesperrt">Ordnung</em> begreifen lassen. Deshalb wird auch die Ordnung
+hier in der Hölle sowohl wie im Himmelreiche hervorgehoben. Bei
+Gelegenheit eines inneren Streites in der Hölle heißt es: »Man hätte
+einen fürchterlichen Kampf erblickt, wenn nicht Gott, welcher allein
+der Urheber aller <em class="gesperrt">Ordnung</em>, selbst in der Hölle, ist, den
+Aufruhr zum Schweigen gebracht hätte.« Und von dem Dämon der falschen
+Weisheit heißt es dort: »Er tadelte die Werke des Allmächtigen, er
+wollte in seinem Hochmuth eine andere <em class="gesperrt">Ordnung</em> unter den Engeln
+und im Reiche der höchsten Weisheit stiften; er wurde der Vater des
+Atheismus, des schauerlichen Gespenstes, das Satan selber nicht erzeugt
+hatte, und das sich in den Tod verliebte.« Es erscheint mir als höchst
+eigenthümlich, daß es gerade eine Veränderung der Ordnung, ja der
+Rangordnung am göttlichen Hofe ist, welche dieser allerbrandgelbste
+Teufel hat ins Werk setzen wollen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span></p>
+
+<p>Er spricht. »Die falsche Energie seiner Stimme, seine anscheinende
+Ruhe bethören die verblendete Masse: Monarchen der Hölle! Ihr wißt
+es, ich bin immer wider Gewaltthätigkeiten gewesen, wir vermögen
+nur durch Gedankenentwicklung, Sanftmuth und Ueberredung zu siegen.
+Laßt mich unter meinen Verehrern, ja unter den Christen jene
+gesellschaftsauflösenden Principien ausbreiten, welche die Grundveste
+der Reiche unterwühlen.« Man vergleiche nun diese Ausdrücke nur mit
+denjenigen, mit welchen in der Epopöe die Philosophen der damaligen
+Zeit geschildert werden: »Diese Jünger einer leeren Wissenschaft
+greifen die Christen an, preisen ein stilles Leben, leben zu Füßen
+der Großen und betteln um Gold. Einige von ihnen beschäftigen sich
+ernstlich damit, eine Art von platonischem Staat zu bilden, wo lauter
+verständige Menschen ihre Tage als Freunde und Brüder verleben
+sollen. Sie grübeln tief nach über die Geheimnisse der Natur. Einige
+von ihnen sehen Alles in dem Gedanken, Andere Alles in der Materie,
+Andere predigen die Republik, obschon sie in einer Monarchie leben.
+Sie behaupten, man müsse die ganze Gesellschaft umstürzen, um sie
+nach einem neuen Plane zu errichten. Wieder Andere wollen, gleich den
+Gläubigen, das Volk Moral lehren ... Zwiespältig in Betreff des Guten,
+einig über das Böse, lächerlich eingebildet, sich selbst für erhabene
+Genies haltend, erfinden diese Sophisten alle möglichen bizarren Ideen
+und Systeme. Hierokles marschirt an ihrer Spitze, und er ist fürwahr
+würdig, ein solches Bataillon anzuführen ... Es liegt etwas Cynisches
+und Verruchtes in all' seinen Zügen; man sieht, daß seine unedlen Hände
+nur schlecht dazu taugen werden, den Degen des Krieges zu führen, daß
+sie aber leicht die Feder des Atheisten oder das Schwert des Henkers
+handhaben könnten.« Die Rede ist von Rom und von Hierokles. Aber daß
+Paris und Voltaire gemeint sind, bedarf keiner näheren Andeutung.</p>
+
+<p>So weit war es mit der französischen Literatur gekommen, daß man
+Voltaire, der nicht <em class="gesperrt">ein</em>, sondern zehn Mal den katholischen
+Henkern das Schwert aus der Hand geschlagen und sie in effigie auf den
+Scheiterhaufen geschleudert<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> hatte, wo sie arme Unschuldige verbrennen
+wollten, beschuldigte, sich besonders zum Henkergeschäfte zu eignen. So
+dumm war man geworden, daß man, um den Teufel recht schwarz zu malen,
+ihn als Atheisten abbildete. Aber was in aller Welt auch Satan und
+seine Gesellen sein mögen, Atheisten sind sie weder, noch können sie es
+sein. Sie haben doch wahrlich den Zorn des Herrn bitter genug kosten
+müssen. Paul Heyse hat das treffende Epigramm geschrieben:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Bist Du schon gut, weil Du gläubig bist?</div>
+ <div class="verse indent2">Der Teufel ist sicher kein Atheist«.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>und hiegegen läßt sich füglich Nichts sagen.</p>
+
+<p>Wenden wir jetzt den Blick von Chateaubriand's Hölle zu seinem
+Paradiese. Es ist immer ein schwierig Ding, das Paradies schildern
+zu sollen; was die Hölle ist, wissen wir Alle; was aber das Paradies
+betrifft, so fehlt es uns darüber an Aufklärung; <span class="antiqua">on manque des
+renseignements</span>, wie eine französische Dame sagte. Es war doppelt
+schwierig in einer Zeit wie jener, wo Parny, so zu sagen, im Voraus
+eine Parodie auf jeden Versuch nach dieser Richtung in seinem
+»Götterkrieg« geschrieben hatte, und wo alle gebildeten Menschen
+noch den Kopf voller Stellen aus diesem gottlosen Gedicht hatten,
+das man kaum in dänischen Landen zu nennen wagen dürfte, wenn nicht
+N. M. Petersen, durch die hübsche Rolle, welche Parny den nordischen
+Göttern zugetheilt hat, verlockt, und im blinden Vertrauen darauf,
+daß Niemand den wahren Inhalt des Gedichts ahne, dasselbe gerühmt und
+einige Stellen daraus am Schlusse seiner nordischen Mythologie citirt
+hätte. Die Glanzscenen darin, wie die Ankunft der Dreieinigkeit auf dem
+Olymp oder der Wiederbesuch der griechischen Götter im christlichen
+Himmel, gehören zu dem Trefflichsten, was irgend ein komisches Gedicht
+aufzuweisen vermag, obschon die Behandlung nicht dem grandiosen
+Titel entspricht, sondern zierlich und sammetartig in der Manier der
+Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts, oder genauer in der Manier
+Sammet-Breughel's ist. Und doch bezweifle ich, daß es selbst Parny's
+Muthwillen gelungen ist,<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> den orthodoxen Himmel so lächerlich zu
+machen, wie Chateaubriand's Begeisterung ihn macht. Hier einige Proben:</p>
+
+<p>»Im Mittelpunkt der erschaffenen Welten, inmitten der unzähligen
+Sterne, welche den Dienst von Wällen, Alleen und Wegen versehen,
+schwimmt die Stadt des unermeßlichen Gottes, deren Wunder keine
+sterbliche Zunge zu erzählen vermag. Der Ewige legte selbst ihre
+zwölf Fundamente und umgürtete sie mit jener Jaspismauer, welche der
+hochgeliebte Jünger den Engel mit der goldenen Elle ausmessen sah. Mit
+der Ehre des Höchsten bekleidet, ist Jerusalem wie eine Braut für ihren
+Bräutigam geschmückt ... Der Reichthum des Stoffes ringt hier um den
+Preis mit der Vollkommenheit der Formen. Hier hängen unzählige Galerien
+von Saphiren und Diamanten, welche das Genie des Menschen in Babylon's
+Gärten schwach nachgeahmt hat, hier erheben sich Triumphbogen, von
+den funkelndsten Sternen gebildet, hier verketten sich Bogengänge
+von Sonnen miteinander, welche sich unaufhörlich durch den Raum des
+Firmamentes fortsetzen ...«</p>
+
+<p>Der Himmel verzeihe einem schwachen Menschenkind seine Sünde! aber
+einen armen geborenen Kopenhagener erinnert Dies zumeist an die
+Pracht und Herrlichkeit, in welcher sich ihm als Kind das Tivoli an
+einem Abend zeigte, wenn daselbst Vauxhall war. — Wir werfen einen
+Blick in die heilige Stadt. Hier versammelt und drängt sich der Chor
+der Cherubim und Seraphim, der Engel und Erzengel, der Throne und
+Fürstenthümer; denn diese Wesen, welche doch dem Spotte verfallen zu
+sein schienen, seit sie bei Parny so arg durchgebläut worden, halten
+aufs Neue ihren feierlichen Einzug.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> Ja, sie fühlen sich von jetzt
+an so heimisch auf<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> dem Parnasse, daß wir die ganze Heerschaar noch
+in De Vigny's »<span class="antiqua">Eloa</span>« (1823) und in Victor Hugo's Oden (z. B.
+Buch I, Ode 5, Ode 9, Ode 10) versammelt finden. Wir erfahren, was
+sie zu thun haben: »Einige bewachen die 20000 Streitwagen Zebaoth's
+und Elohim's, andere wachen über den Pfeilköcher des Herrn und über
+seine unentrinnbaren Blitze, seine schrecklichen Rosse, welche Pest,
+Krieg, Hungersnoth und Tod bringen. Eine Million dieser eifrigen Genien
+regelt den Lauf der Gestirne, und sie lösen einander in diesen hehren
+Beschäftigungen der Reihe nach wie Schildwachen ab, welche über eine
+große Armee wachen.<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
+
+<p>Alle Gegenstände, welche die Engel bewachen, liegen wie in einer
+großen Rüstkammer, um bei sich darbietender Gelegenheit benutzt zu
+werden. Wir sehen sie in einer späteren Schilderung zur Verwendung
+kommen. Dies geschieht nämlich, als die Dreieinigkeit den Seligen das
+Martyrium des Eudorus geweissagt hat: »Als diese Schicksale der Kirche
+den Auserwählten durch ein einziges Wort des Allmächtigen mitgetheilt
+wurden, ward der Gesang unterbrochen und die Thätigkeit der Engel hörte
+auf. Es herrschte <em class="gesperrt">eine halbe Stunde lang Schweigen</em> im Himmel.
+Alle die Himmlischen wandten ihre Augen zur Erde hinab, Maria ließ von
+der Höhe des Firmamentes einen Blick erster Liebe auf das zarte Opfer
+hinab fallen, das ihrer Milde anvertraut war. Die Palmen der Bekenner
+ergrünten wieder in ihren Händen. Die feurige Heerschaar öffnete ihre
+glorreichen Reihen, um für die neuen Märtyrer Platz zu machen. Der
+Besieger des alten Drachen, Michael, schwingt seine furchtbare Lanze,
+rings um<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> ihn rüsten seine unsterblichen Begleiter sich mit glänzenden
+Harnischen, die Schilde von Diamant und Gold, der Pfeilköcher des
+Herrn, die flammenden Schwerter werden aus den ewigen Bogengängen
+herabgelangt, Immanuel's Wagen bebt auf seiner Achse von Feuer und
+Blitzen, die Cherubim entfalten ihre vorwärts stürmenden Schwingen
+und entzünden die Wuth ihrer Augen (<span class="antiqua">et allument la fureur de leurs
+yeux</span>).« Es ist halb Maskerade, halb Ballet.</p>
+
+<p>Blicken wir von den Attributen auf die Seligkeit selbst, so wird diese
+folgendermaßen beschrieben: »Das höchste Gut der Auserwählten ist, zu
+wissen, daß dies unermeßliche Gut grenzenlos ist, sie befinden sich
+unaufhörlich in dem lieblichen Zustande, worin sich ein Sterblicher
+befindet, wenn er so eben eine tugendhafte oder heldenmüthige Handlung
+vollbracht hat, worin ein erhabenes Genie sich befindet, daß einen
+großen Gedanken faßt, oder ein Mensch, der entweder das Entzücken einer
+legitimen [!] Liebe oder einer Freundschaft empfindet, welche lange im
+Unglück geprüft worden ist. Die Schönheit und Allmacht des Höchsten ist
+der Gegenstand ihrer beständigen Unterhaltung: »O Gott«, sagen sie,
+»wie groß bist Du!«</p>
+
+<p>Es ist Chateaubriand kaum gelungen, die Seligkeit besonders faßlich zu
+machen. Man empfindet vielmehr Mitleid mit dem armen Gotte, welcher
+die ganze Zeit hindurch seinen eigenen Lobgesang hören muß. Er wird
+folgendermaßen geschildert: »Weit entfernt von den Augen der Engel
+im Raume des Feuers und des Lichtes vollzieht sich das Mysterium der
+Dreieinigkeit. Der Geist, welcher beständig vom Sohne zum Vater und
+vom Vater zum Sohne auf und nieder steigt, vereinigt sich mit ihnen
+in diesen undurchdringlichen Tiefen. Ein Dreieck von Feuer zeigt
+sich am Eingang zum Allerheiligsten, die Weltkugeln stehen still
+vor Ehrfurcht und Schreck, das Hosianna der Engel verstummt ... das
+Feuerdreieck verschwindet, das Orakel öffnet sich und man erblickt die
+drei Mächte. Von einem Wolkenthrone getragen, hält der Vater einen
+Kompaß in der Hand, ein Zirkel liegt unter seinen Füßen, der Sohn
+sitzt zu seiner Rechten, mit dem Blitze bewehrt, und der Geist erhebt
+sich wie eine Lichtsäule zur Linken. Jehovah giebt ein<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> Zeichen, und
+die beruhigten Zeiten beginnen wieder ihren Lauf.« Es wird nicht
+gesagt, wie oftmals täglich, wöchentlich oder monatlich diese pompöse
+Ceremonie stattfindet. Vielleicht in den Zwischenräumen zwischen diesen
+Vollziehungen des Mysteriums der Dreieinigkeit, geschieht es, daß die
+Gottheit sich theilt. Denn bisweilen scheint sie getheilt zu sein:
+»Vom Gott der Milde und des Friedens zum Besten der bedrohten Kirche
+angerufen, ließ der starke und furchtbare Gott den Himmel seine Pläne
+erfahren.«<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a></p>
+
+<p>Für gewöhnlich sitzt der Sohn ununterbrochen an einem mystischen
+Tische, und 24 Greise, in weiße Gewänder gekleidet und mit Goldkronen
+auf den Häuptern, sitzen auf Thronen zu seiner Seite. In seiner Nähe
+steht sein lebendiger Wagen, dessen Räder Feuer speien. »Wenn der
+Erharrte der Völker gewürdigt wird, sich den Auserkorenen in einer
+vollständig<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> klaren Vision zu zeigen, so stürzen Diese wie todt vor
+seinem Antlitz nieder, aber er streckt seine Rechte aus und spricht zu
+ihnen: ›Erhebt euch, ihr Gesegneten meines Vaters! Schauet mich an, ich
+bin der Erste und der Letzte.‹«</p>
+
+<p>Man sollte fast meinen, wenn auch diese Gymnastik das erste Mal etwas
+Anziehendes oder Ueberraschendes für die Auserkorenen haben mag, so
+müßte das Vergnügen, wie todt hinzustürzen und dann wieder sich erheben
+zu dürfen, um beständig ein und dasselbe Antlitz zu betrachten, in
+hohem Grade durch die Gewohnheit abgestumpft werden. Aber vielleicht
+ist zu bedenken, daß wir unsern endlichen Erfahrungsmaßstab nicht an
+diese überirdischen Freuden legen dürfen.</p>
+
+<p>Und damit überlassen wir Herrn Chateaubriand sein Himmelreich. Ich
+glaube nicht, daß man es weniger sonderbar, als das Parny's, nennen
+kann. Oder was ist sonderbarer, daß das Lamm, wie bei Parny, blökend
+hereinkommt, oder daß, wie bei unserem Dichter, die Gewänder der
+heiligen Greise durch das Blut des Lammes <em class="gesperrt">weiß</em> werden? Es mag
+jedoch der Beispiele von den Unnatürlichkeiten dieses Himmels genug
+sein. Ich will lieber ein paar Züge hervorheben, durch welche derselbe
+sich als ein modernes Fabrikat verräth. In psychologischer Hinsicht
+ist es solchermaßen interessant, daß, wie toll und willkürlich Alles
+in diesem Himmelreiche auch zugeht, als könnte es durch ein Niesen
+auseinander gestiebt werden, der Dichter sich doch nicht der Einwirkung
+der Zeit, in welcher er lebt, zu entziehen vermag. Selbst in diesem
+Himmelreich giebt es Naturgesetze. So heißt es ausdrücklich von den
+Seligen, daß sie Freude daran empfinden, die <em class="gesperrt">Gesetze</em> kennen zu
+lernen, nach welchen die schweren Körper mit so großer Leichtigkeit
+durch den Aether kreisen. Dieser Zug antecipirt gleichsam den
+Standpunkt in Byron's »Kain«. Sodann ist es in ästhetischer Hinsicht
+interessant zu sehen, wie Chateaubriand an den Stellen, wo er keine
+Anleihe bei der Apokalypse oder Milton macht, seine Bilder formt, die
+Bilder, mittels derer er eine Vorstellung von der Pracht des Paradieses
+geben will. Während Dante, um einen Begriff von dem Lichtmeere des
+Himmelreichs zu geben, seine Zuflucht zu den<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> <em class="gesperrt">Offenbarungen der
+religiösen Vision</em>, zu der Pracht der mystischen Rose nimmt,
+welche die Rose in der gothischen Kirche schwach nachzuahmen sucht,
+muß der moderne, vielgereiste, in der Welt der positiven Erfahrungen
+aufgewachsene Chateaubriand seine Zuflucht zu den Eindrücken von seinen
+<em class="gesperrt">Reisen ins Ausland</em> nehmen. Die himmlischen Bogengänge werden
+mit den Gärten in Babylon, mit den Säulen von Palmyra im Wüstensande
+verglichen. Als die Seligen die erschaffene Welt durcheilen, wird von
+dem Schauspiel, das sich ihnen darbietet, gesagt: »So zeigen sich den
+Augen der Reisenden Indiens stolze Ebenen, Delhi's und Cochinchina's
+reiche Thäler, jene Küsten, welche mit Perlen bedeckt sind und von
+Ambra duften, wo die stillen Wogen zu Füßen blühender Zimmetbäume zur
+Ruhe gehen.« Das Bild ist etwas zu natürlich und realistisch für ein so
+spiritualistisches Sujet. Man stellt sich ungern all' diese Erzengel in
+cochinchinesischer Umgebung vor. Durch solche Züge rächt die Natur sich
+an Demjenigen, welcher wähnt, sich über sie hinwegsetzen oder etwas
+Höheres als sie hervorbringen zu können. Als diese Richtung später in
+der Literatur weiter fortgesetzt wird, sehen wir bei De Vigny, der
+ebenso sehr unter Ossian's wie unter Milton's Einflusse steht, den
+Aether des Himmelsraumes mit den Nebeln der schottischen Felsgebirge
+verglichen; ja, als Lucifer's Gestalt fern draußen im Raume von Engel
+Eloa erblickt wird, wird diese undeutliche Gestalt mit dem flatternden
+Plaid einer umherstreifenden Schottländerin verglichen, wie man ihn
+durch das schwebende Netz der Wolken gewahrt, die sich über die Spitzen
+der Berge herabsenken. Es scheint doch ein weiter Abstand zwischen
+einem Engel und einem Plaid zu sein.</p>
+
+<p>Die Scenerie und die Landschaften, welche dieser Gruppe von Dichtern
+als die idealen vorschweben, sind nicht, wie für die deutschen
+Romantiker, die Potpourri- oder Frikassee-Landschaft (Band II., S.
+118 u. ff.), sondern umgekehrt, in Uebereinstimmung mit dem ganzen
+Geist der Periode, die paradiesische Landschaft, worin die strengste
+Ordnung herrscht, symmetrisch, architektonisch, von einer Abstraktion
+Claude Lorrain's<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> abstrahirt. Man sehe z. B. den Anfang von De Vigny's
+»Sündfluth«. Ich übersetze die Verse in Prosa:</p>
+
+<p>»Die Erde war lächelnd und in ihrer ersten Blüthe — der Tag hatte
+noch dasselbe Licht, welches die Höhen des Himmels krönte — als
+Gott ihn aus seinen schaffenden Händen fallen ließ, um sein Werk zu
+verschönen. — Nichts hatte die Formen der Natur entstellt, — und
+die ungeheure Architektur der <em class="gesperrt">regelmäßigen</em> Berge — erhob sich
+in <em class="gesperrt">gleichen</em> Stufen gen Himmel, — ohne das Etwas einen Ring in
+ihrer Kette zerbrochen hätte ... Der Lauf der Flüsse zum Meere war
+<em class="gesperrt">geregelt</em> — in einer vollkommenen <em class="gesperrt">Ordnung</em>, welche nicht
+gestört war. — Nie würde ein Reisender unter dem Laub des Baumes —
+fern vom Flusse die blanke Muschelschale gefunden haben — und die
+Perle bewohnte ihren Krystallpalast; — jeder Schatz ruhte in dem
+Elemente, wo er entstand, — ohne jemals das himmlische Verbot zu
+überschreiten.«</p>
+
+<p>In Uebereinstimmung mit dieser Tendenz zum Idealen und Abstrakten in
+der Landschaft wird die Scenerie mehr und mehr in den Himmelsraum
+verlegt. Chateaubriand ist noch Meister darin, die irdische Scenerie
+eben so gut wie die himmlische zu schildern; De Vigny pflegt in seinen
+ältesten Gedichten echt seraphisch die Handlung zwischen Himmel und
+Erde zu verlegen; Viktor Hugo's Ode »Ludwig <span class="antiqua">XVII.</span>« ereignet
+sich am Himmelsthore, seine »Vision« im Himmelsraume, im himmlischen
+Jerusalem, und »der Wagen der treuen Seraphim, mit funkensprühenden
+Augen besäet, mit den lärmenden Flammenrädern und den vier sich
+drehenden Flügeln«, spielt auch hier eine Rolle, »wo die Heiligen
+und die glorreichen Märtyrer, welche die unbekannte Wesenheit
+(<span class="antiqua">Essence</span>) anbeten, unter einem brennenden Himmel das mysteriöse
+Dreieck anschauen« &amp;c. Lord Byron, welcher auch den Aether, wiewohl
+einen minder theologischen Aether, als Scenerie liebt, und welcher,
+wie De Vigny, eine Sündfluthstudie geschrieben hat, zieht doch sonst
+unruhige Landschaften vor, und hat erst als Maler der See seinen
+rechten Horizont. Er führt die Poesie aus den luftigen Regionen in dies
+frische und salzige Element hinab.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span></p>
+
+<p>Es ist daher Chateaubriand kaum geglückt, zu beweisen, was er beweisen
+wollte, die dichterische Ueberlegenheit der christlichen Inspiration
+über die bloß poetische. Ueberall, wo er den Versuch dazu macht, giebt
+er sich eine Blöße oder richtet sich selbst. Ich will noch ein, aber
+ein entscheidendes Beispiel erwähnen.</p>
+
+<p>Als sein Held Eudorus durch den Golf von Megara fährt, während Aegina
+vor ihm, der Piräus zur Rechten, Korinth zur Linken liegen, und alle
+diese einst so blühenden Städte jetzt in Ruinen erblickt, vergießt ein
+Grieche, der an Bord des Schiffes ist, Thränen bei der Erinnerung an
+die ehemalige Größe seines Vaterlandes, und es wird schön geschildert,
+wie der Einzelne beim Anblick des großen überwältigenden Unglücks, das
+ganze Völker zermalmt, gleichsam seine Privattrauer verschwinden fühlt.
+Eudorus sagt darauf: »Diese Lehre schien über meine junge Vernunft
+hinaus zu liegen, und doch verstand ich sie, während die anderen jungen
+Männer, welche mit an Bord waren, für dieselbe unempfänglich blieben.
+Woher kam dieser Unterschied? Aus unseren Religionen. Sie waren Heiden,
+ich war ein Christ«. So versucht Chateaubriand, dem christlichen Gefühl
+diesen auserlesenen Sinn für die Naturumgebungen und für die Lehre,
+welche sich aus ihnen entnehmen läßt, zu vindiciren — ein Sinn,
+welcher dem Heiden als Heiden abgehen soll.</p>
+
+<p>Aber nun trifft sich's so unglücklich für die Theorie, daß diese
+ganze Stelle Nichts anderes als die Uebersetzung eines berühmten, uns
+aufbewahrten Briefes aus dem Alterthume von Sulpicius an Cicero (<span class="antiqua">Ad
+familiares, lib. IV., epist. 5</span>), also von einem Heiden verfaßt
+ist. Sie ist daher nicht geeignet, einen Beweis dafür zu liefern, daß
+solcherlei poetische Gefühle dem Heiden abgehen. Aber dieser Zug ist
+symbolisch. So wird beständig behauptet, daß die positiven Religionen
+im Besitz gewisser übernatürlicher Schönheiten und Eigenschaften seien,
+welche der Natur als Natur fehlen sollen, und doch ist Alles in ihnen,
+was poetischen oder sittlichen Werth besitzt, nur abgeschrieben, nur
+übersetzt aus der unveränderlichen und unverbesserlichen Heidin, der
+Natur selbst. Wie Feuerbach sagte: Das wahre Wesen der Theologie ist
+Anthropologie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span></p>
+
+<p>Werfen wir nun einen Rückblick auf diese verwegene Dichtung, diesen
+tollkühnen Versuch, den literarischen Geschmack des neunzehnten
+Jahrhunderts auf den Standpunkt der Offenbarung Johannis und Dante's
+zurückzuschrauben, so läßt sich nicht leugnen, daß dieser Versuch, den
+»Triumph der Religion« zu feiern, gescheitert ist. Was davon Werth
+hat, sind eben die rein menschlichen Partien, von welchen wir später
+eine näher betrachten wollen. Die eigene religiöse Begeisterung des
+Dichters war allzu schwankend, als daß der Zweifel und die Kälte des
+Jahrhunderts der Mirakelwelt gegenüber nicht seinem Erzeugnisse ihre
+Spur hätten aufprägen sollen.</p>
+
+<p>Er heuchelte keineswegs direkt; aber er betrog sich selbst. Ein Beweis
+davon, wie gerührt er selbst durch die Lektüre seiner »Märtyrer« werden
+konnte, ist neulich in der feinen und liebenswürdigen (pseudonymen,
+posthumen?) Schrift: »<span class="antiqua">Les enchantements de Prudence</span>« von
+Madame De Saman ans Licht gekommen, — der letzten jungen Frau,
+welche von Chateaubriand geliebt wurde und ihn wieder liebte.
+Sie erzählt hier zuerst, wie sie im Sommer 1828 einander auf dem
+<span class="antiqua">Pont d'Austerlitz</span> zu treffen und mit einander im <span class="antiqua">Jardin
+des plantes</span> in einem einsamen Zimmer zu diniren pflegten. »Er
+verlangte Champagner, um, wie er sagte, meine Kälte zu beleben,
+und ich sang ihm dann einige Lieder von Béranger: <span class="antiqua">Mon âme, la
+bonne vieille, le Dieu des bons gens etc.</span> vor. Er hörte sie mit
+Entzücken«. Sie schildert mit warmen Farben diese Rendezvous<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a>, und
+erzählt dann, wie es zu Chateaubriand's größten Freuden gehörte, sich
+von ihr, welche in dem ganzen Büchlein den feinsten poetischen Sinn
+beweist, seine poetischen Arbeiten laut vorlesen zu lassen. Besonders
+freute es ihn, seine Landschaftsschilderungen von ihren Lippen zu
+vernehmen. »Aber zuweilen«, sagt sie, »nahm ich, um ihn inniger zu
+rühren, die »Märtyrer« zur Hand und las die<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Reden und Lobgesänge der
+weisen Bekenner, die poetischen Scenen des Kerkers und der Qualen.
+Er vermochte nicht seine Thränen zurückzuhalten; eines Tages weinte
+er; ich fuhr fort zu lesen; sein Weinen stieg zu Schluchzen; ich fuhr
+fort, und sein Schluchzen brach gewaltsam hervor, als ich zu der Stelle
+kam, wo Eudorus sich heimlich erboten hat, zur Rettung seiner Mutter,
+die mit allzu großer Schwäche ihre Kinder geliebt hatte, sich opfern
+zu lassen. Bei diesen Worten konnte er sich nicht mehr beherrschen.
+Es waren Gemüthsbewegungen, welche zu ihrer Quelle zurückkehrten. Er
+war aufgelöst in Thränen, hingerissen, von allen Seiten getroffen in
+seiner exaltirten Seele. Er zeigte sich gerührt und dankbar. Er sagte
+mir, daß er noch nie einen solchen Genuß empfunden habe. Er gab mir
+all' die süßen Namen, welche man den Musen giebt. Er fand mich schön.
+Er pries besonders meine Augen, meinen Blick. Er bildete sich in
+seiner Leidenschaft ein, nie etwas Aehnliches gesehen zu haben«. Sie
+war damals 20, er gerade 60 Jahre alt. Man sieht aus den angeführten
+Worten, daß selbst so kalte Stellen aus den »Märtyrern« wie die Reden
+der weißgekleideten Greise vom Dichter selbst empfunden worden sind;
+man wird durch die schwärmerische Bewunderung dieser jungen und
+edlen Frau für den Greis gerührt; er gewinnt dadurch, daß er selbst
+in diesem Alter die Liebe einer solchen Frau zu gewinnen vermochte,
+gleichsam an Werth für den Leser; aber in welcher seltsam gemischten
+Gesellschaft tritt doch in diesem Falle die Herzergriffenheit hervor,
+welche so selten bei Chateaubriand ist, daß sie hier fast als ein
+Unicum bezeichnet werden kann; Champagner, Béranger's Lieder,
+Liebeserklärungen und Liebkosungen, Schluchzen über die »Märtyrer«,
+Aufgelöstheit in Thränen, und neue Liebeserklärungen! Welche Umgebungen
+für eine orthodoxe Epopöe! Welche nur allzu menschliche Schwächen bei
+einem seraphischen Dichter, Exminister und ehemaligen Pilger nach
+Jerusalem!</p>
+
+<p>[<span class="antiqua">Chateaubriand: Les martyrs, besonders Livre III und VIII. Mémoires
+d'outre-tombe. — Sainte-Beuve: Chateaubriand et son groupe littéraire
+sous l'empire. — Nettement: Histoire de la littérature française sous
+la Restauration, Tome I-II.</span>]</p>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span></p>
+
+<h3>6.</h3>
+</div>
+
+<p>Unter den Persönlichkeiten der Restaurationszeit giebt es eine
+eigene Klasse, welche besonders scharf die Periode charakterisirt,
+nämlich die Bekehrten. Diese Race mußte natürlicher Weise ziemlich
+zahlreich vorkommen, da eine so angestrengt gläubige Zeit einer so
+wenig gläubigen folgte. Laharpe's Bekehrung hatte schon während
+der Revolution viel Aufsehen erregt. Chateaubriand selbst war ein
+Bekehrter. Bei den Bekehrten sieht man vielleicht am schärfsten, von
+welcher Art der neue Geist war, da er bei ihnen mit dem alten kämpft
+und ihn überwindet. Endlich ist der Bekehrte stets leidenschaftlich,
+ganz erfüllt von seiner Lehre, und hat daher die ausgeprägteste
+Physiognomie. Gilt es als Regel, daß der Geist eines Zeitalters sich
+in seinen hervortretendsten Charakteren typisch abspiegelt, so gilt
+Dies doppelt von Demjenigen, dessen Charakter darin besteht, ein
+Bekehrter zu sein, zumal wenn diese Persönlichkeit ein Weib ist. Ist
+es wegen der receptiven Natur des Weibes seltner der Fall, daß sie ihr
+Zeitalter weiter führt, so sieht man dagegen jeden Augenblick, daß sie
+das ausgeprägteste und ausdruckvollste Bild seines Geistes liefert. Wie
+die Emigranten sich um Frau von Staël, wie die Führer der romantischen
+Schule sich um Caroline Schlegel gruppiren, so findet der Geist der
+Restaurationszeit seinen poetisch-religiösen Ausdruck in Frau von
+Krüdener.</p>
+
+<p>In Frau von Staël's Roman »Delphine« kommt eine Scene vor, wo die
+Heldin eine ganze Gesellschaft durch ihre graciöse und beredte
+Ausführung eines fremdartigen Tanzes, des Shawltanzes, bezaubert.
+Dieser Zug beruhte auf einem Erlebnisse. Es war die junge und reizende
+Baronesse von Krüdener, welche sich unter Anderem durch ihren Tanz
+auszeichnete. Es heißt in »Delphine«: »Nie hat Liebreiz und Schönheit
+eine außerordentlichere Wirkung auf eine zahlreiche Gesellschaft
+hervorgebracht. Dieser fremde Tanz hat einen Reiz, von welchem Nichts,
+was wir gesehen haben, eine Vorstellung zu geben vermag. Es ist eine
+rein asiatische Mischung von Indolenz und Munterkeit, von Melancholie
+und Lebenslust. Zuweilen, wenn die Melodie sanfter ward, ging Delphine
+mit<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> vornüber gebeugtem Haupte, mit verschränkten Armen einige Schritte
+vor, als ob gewisse Erinnerungen oder Verluste sich plötzlich in die
+ganze Pracht eines Festes gemischt hätten, aber bald begann sie wieder
+ihren munteren und leichten Tanz, in einen indischen Shawl gehüllt,
+der ihre Figur hervorhob, mit ihrem langen Haare zurückfiel, und ihre
+ganze Gestalt zu einem entzückenden Bilde schuf«. Ich glaube, daß das
+Wort <em class="gesperrt">asiatisch</em> hier das bezeichnende Wort ist. Joubert schreibt
+1803 über Frau von Krüdener: »Sie besitzt Anmuth und etwas Asiatisches,
+Natur in der Uebertreibung. Die nach außen gewandte Sensibilität
+existirt nicht leicht ohne Exaltation«.</p>
+
+<p>Juliane von Vietinghoff war 1764 zu Riga in Livland geboren und
+gleichzeitig deutsch und französisch erzogen. Achtzehn Jahre alt,
+wurde sie mit dem zwanzig Jahre älteren Freiherrn von Krüdener, einem
+russischen Diplomaten, vermählt, der zweimal verheirathet gewesen
+war und sich beide Male von seiner Frau hatte scheiden lassen. Ihr
+Herz hatte keinen Antheil an dieser Verbindung, aber die Partie galt
+für glänzend, und ihre Eitelkeit fühlte sich befriedigt, während
+zugleich ihr Gatte ihr nicht zuwider war. Er scheint verständig, brav,
+gebildet und kalt gewesen zu sein, schon durch seine Stellung an alle
+Konvenienzen der Gesellschaft gebunden. Rasch wird sie an seiner
+Seite in die glänzendste Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts
+eingeführt. Nach einem Besuch am Hofe Joseph's <span class="antiqua">II.</span> in Wien
+begiebt das Paar sich nach Venedig und durchreist dann ganz Italien,
+bis Herr von Krüdener als russischer Gesandter nach Kopenhagen berufen
+wird. Gleich nach der Hochzeit hatte ein junger und talentvoller
+Mann, Alexander Stakiew, der Privatsekretair ihres Gemahls, sich
+leidenschaftlich in sie verliebt: aber so groß war seine Bewunderung
+für Herrn von Krüdener und für den Gegenstand seiner Liebe, daß
+keine Silbe über seine Lippen kam. Als er endlich seine Leidenschaft
+beichtete, that er es gegen den Mann. Dieser war so unvorsichtig, den
+Brief seiner Frau zu zeigen, welche hiedurch zum ersten Male Gewißheit
+über die Gefühle Stakiew's gegen sie erlangte, — Gefühle, die sie
+zwar nicht erwiedert, aber doch vielleicht mit angeborener Koketterie
+genährt hatte. Die Gewißheit, eine<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> solche Leidenschaft hervorrufen
+zu können, stieg ihr zu Kopfe. Stakiew hatte sich entfernt, aber all'
+die Unruhe, welche in ihrem jungen weiblichen Herzen gährte, kam jetzt
+zum Ausbruch. Von einem glühenden Drange, zu lieben und geliebt zu
+werden, erfüllt, hatte sie zuerst das Ideal, von welchem sie träumte,
+in ihrem Manne zu finden gesucht. Da er, mehr väterlich als verliebt,
+nur ihre Exaltation im Zaume zu halten bemüht war, wurde ihr Wesen
+in sich selber zurückgescheucht, und sie trauerte darüber, daß sie,
+wie man es später genannt hat, unverstanden, oder, wie sie es nannte,
+»ungefühlt« sei. Stakiew's Leidenschaft war wie ein Gluthhauch an ihr
+vorübergefahren und hatte gleichsam die äußere Kälte aufgethaut, welche
+ihre Empfindsamkeit band. Diese mußte einen Abfluß haben, und kaum in
+Kopenhagen angelangt, das ihr als der schrecklichste Aufenthaltsort von
+allen erschien — man bedenke, daß es vor 100 Jahren war! — stürzte
+sie sich in einen Strudel gesellschaftlicher, zeitvergeudender und
+geisttödtender Vergnügungen, womit die leichtsinnigste Koketterie
+nach rechts und links Hand in Hand ging. Die Folge all' dieser
+Ballabende und Liebhabertheater-Aufführungen waren angegriffene Nerven
+und angegriffene Brust, so daß die Aerzte einen Winteraufenthalt in
+Südfrankreich verordneten. Aber schon in Paris lebt Frau von Krüdener
+wieder auf; in dieser Stadt der Intelligenz empfindet sie plötzlich den
+Mangel ihres Wissens, bekommt literarische Interessen und sucht die
+großen Schriftsteller ihrer Zeit auf: Barthélemy, den Verfasser des
+»jungen Anacharsis«, und Bernardin de Saint-Pierre, für dessen »Paul
+und Virginie« sie beständig geschwärmt hatte. Sie verehrt Saint-Pierre
+und die Natur, aber sie hat gleichzeitig bei ihrer Modehändlerin eine
+Rechnung von 20,000 Franks. In Südfrankreich verliebt sich ein junger
+Officier in sie, und nach einigem Kampfe erwiedert sie, jetzt minder
+unerfahren als in Kopenhagen, seine Liebe. Während der Verfolgungen
+der ersten Revolutionszeit führt Herr de Frègeville (so hieß der
+Officier), als ihr Kutscher verkleidet, sie aus Frankreich hinaus. Ehe
+sie ihren Gemahl wiedersieht, theilt sie ihm mit, daß das eheliche
+Band zwischen ihnen gebrochen sei. Er ist bereit, zu vergeben. In den
+folgenden<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> Jahren hält sie sich bald hier, bald dort in Europa auf,
+von ihrem Manne und nicht minder von Herrn de Frègeville getrennt,
+aber ein Leben führend, wie es die galantesten Damen gegen Ende des
+achtzehnten Jahrhunderts sich erlaubten; es genügt zu sagen, daß ihr
+Mann in seinen vertrautesten Briefen von 1793 bis 1794 niemals seiner
+Frau erwähnt. Es dauerte jedoch nicht lange, so waren die Gatten wieder
+vereint. Herr von Krüdener, der bald russischer Gesandter in Berlin
+ward, erwies seiner Frau die größte Freundschaft und die gewählteste
+Aufmerksamkeit. Von jetzt an findet man bei Frau von Krüdener die
+ersten Spuren jener eigenthümlichen Art von Frömmigkeit, die sich
+bald so kräftig bei ihr entwickeln sollte. Sie war nie eine Schönheit
+gewesen, aber doch stets eine Persönlichkeit von seltenem Ausdruck und
+seltener Anmuth. Die Einfachheit im Geschmack und Auftreten, welche
+sie zehn Jahre früher so verführerisch gemacht hatte, war jetzt einer
+Lust gewichen, sich mehr eigenthümlich und bizarr als schön und einfach
+zu kleiden; sie bedeckte ihr immer noch schönes aschblondes Haar
+nach der Mode der Zeit mit einer Perrücke. Ihre Züge und ihr Teint
+hatten nicht mehr die Frische der Jugend. Zu diesem Zeitpunkte öffnet
+sich, wie gesagt, ihr unruhiges, noch immer starker Gemüthserregungen
+bedürftiges Herz den ersten Strahlen religiöser Schwärmerei. Man findet
+in einem ihrer Briefe an ihre intimste Freundin folgende Worte: »Soll
+ich's Dir bekennen, ich rede in der Demuth meines Herzens, Du weißt,
+daß ich nicht hoffährtig bin, wie könnte der Christ Das sein? Ich
+glaube, daß Gott meinen Mann von dem Augenblick an hat segnen wollen,
+da ich wieder zu ihm zurückgekehrt bin. Es giebt keine Art von Gütern
+oder Gunstbezeugungen, die ihm nicht zufielen. Weshalb sollte ich
+nicht glauben, daß ein frommes Herz, das schlicht und vertrauensvoll
+zum Himmel betet, ihm behülflich zu sein, zum Glück eines Andern
+beizutragen, seine Bitte erhört sehen kann?« — Ja, weshalb sollte
+man Das nicht glauben? Ich für mein Theil würde gerne glauben, daß
+es die Gegenwart der Frau von Krüdener sei, welche die Vorsehung
+bewegt, den Baron mit Orden zu überhäufen, wenn man nicht mit großer
+Sicherheit wüßte, daß eine andere,<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> minder romantische Ursache den
+Kaiser Paul I. dazu veranlaßt hatte. Die Sache war die, daß inmitten
+eines Festes, welches der Baron in Berlin dem preußischen Königshause
+und der Großfürstin Helene gab, eine Depesche des Selbstherrschers
+aller Reußen ankam, welche Krüdener befahl, augenblicklich Preußen den
+Krieg zu erklären. Die Majestäten befanden sich noch in seinem Hause.
+Statt jedoch das Fest dadurch zu stören, daß er den Tanzenden dies
+Medusenhaupt zeigte, ließ der Gesandte seine Gäste ruhig tanzen, und da
+er als Politiker einsah, wie unheilvoll und unklug ein solcher Krieg
+für Rußland sein würde, schrieb er, statt dem Befehl zu gehorchen,
+einen abmahnenden Brief an seinen Kaiser, wohl wissend, daß ihm nach
+aller menschlichen Berechnung von jetzt ab Sibirien bis an seinen Tod
+gewiß sei. Selbstverständlich sagte er hievon kein Wort an seine Frau.
+Das Unwahrscheinliche geschah, Paul wurde umgestimmt, und in seiner
+Bewunderung des Muthes und der Klugheit seines Gesandten überhäufte
+er Denselben mit Beweisen seiner Gunst. Man sieht also, daß es eine
+andere Erklärung, als die der Frau von Krüdener, giebt. — Von jetzt ab
+nehmen ihre Briefe einen immer religiöseren und erbaulicheren Charakter
+an. Sie bezeichnet jetzt die Religion als ihre Zufluchtsstatt gegen
+Melancholie, sie spricht von den tausend Quellen zur Freude, welche
+derselben entsprängen. Mitten in Allediesem ein neues Liebesverhältnis
+und ein neuer Bruch. Sie hat wieder ihren Mann verlassen, diesmal gegen
+seinen Wunsch, und wohnt nun in Paris. Chateaubriand verehrt ihr das
+erste Exemplar seines »Genius des Christenthums«, das Frau von Staël
+auf ihrem Tische findet. — In Paris wird sie durch die Nachricht von
+Krüdener's plötzlichem Tod überrascht. Sie schließt sich ein, sie
+trauert und bereut. Es war »ihr Lieblingstraum gewesen, einmal wieder
+zu ihm zurückzukehren, ihm die Last der Jahre zu erleichtern, und
+seine unendliche Güte zu vergelten.« Es dauerte jedoch nicht lange, so
+gab Frau von Krüdener ihr eingezogenes Leben wieder auf. Nachdem sie
+zuerst in einer kleinen Erzählung Saint-Pierre's Manier nachgeahmt,
+hatte sie jetzt nichts Geringeres unternommen, als einen Roman zu
+schreiben. Der Name desselben<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> war »Valerie«. Ihr Jugendverhältnis zu
+Alexander Stakiew bildete den Inhalt; ich komme später auf denselben
+zurück. Er ist durch »Werther« inspirirt, seelenvoll, fein und
+trefflich geschrieben. Es war jedoch Frau von Krüdener nicht genug,
+einen Roman zu schreiben, es galt denselben gelesen und allgemein
+bemerkt zu sehen. Die Art und Weise, wie sie Dies angriff, zeigt, daß
+sie zu diesem Zeitpunkt, trotz ihrer religiösen Anläufe, der Welt noch
+nicht ganz entsagt hatte. Sie begnügte sich nicht mit den gewöhnlichen
+Kunstgriffen, als z. E. das Buch im Manuskripte der Beurtheilung des
+einen Kritikers nach dem andern zu unterwerfen, es in Gesellschaften
+ganz oder theilweise vorzulesen, nein, es lag ihr daran, ihren Succeß
+gründlich vorzubereiten. Sie schrieb also erst an einen Freund in
+Paris, <span class="antiqua">Dr.</span> Gai, einen unbekannten und eitlen Arzt, dessen
+Karrière sie mit der Zeit zu fördern gedachte:</p>
+
+<p>... » ich habe noch eine andere Bitte an Sie zu richten: Lassen Sie
+einen guten Versdichter einige Verse an unsere Freundin Sidonie
+schreiben (Sidonie ist die Heldin in Frau von Krüdener's erster
+Erzählung). Ueber diesen Versen, die ich Ihnen nicht erst zu empfehlen
+brauche, und die so geschmackvoll wie möglich sein müssen, soll nur die
+Ueberschrift »An Sidonie« stehen. Man soll ihr sagen: Weshalb wohnst
+Du in der Provinz, weshalb beraubt Dein zurückgezogenes Leben uns
+Deiner Anmuth und Deines Witzes? Ruft das Glück, welches Du machst,
+Dich nicht nach Paris? Deine Reize, Deine Talente werden nur dort
+bewundert werden, wie sie bewundert werden müssen. Man hat Deinen
+bezaubernden Tanz geschildert, aber wer kann Alles schildern, was
+Dich auszeichnet! — Mein Freund, ich vertraue Dies der Freundschaft
+an, ich schäme mich wahrhaft Sidoniens halber, denn ich kenne ihre
+Bescheidenheit. Sie wissen, daß sie nicht eitel ist, ich habe daher
+wesentlichere Gründe als eine elende Eitelkeit, sowohl dazu, Sie zu
+bitten, diese Verse anfertigen zu lassen, als auch noch zu etwas
+Anderem: Sagen Sie besonders, daß sie so zurückgezogen lebe, und daß
+man nur in Paris anerkannt werde. Sorgen Sie dafür, daß man nicht auf
+Sie rathe. Lassen Sie diese Verse in der Abendzeitung abdrucken. Es ist
+wahr, daß Sidonie in Delphine als Tanzende<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> geschildert worden ist.
+Lesen Sie's, es wird Sie amüsiren. Aber es darf nicht gesagt werden,
+daß man sie in Delphine geschildert habe. Nur aus der Ueberschrift »An
+Sidonie« darf man ersehen können, an wen die Verse gerichtet sind.
+Haben Sie die Güte, den Abdruck in der Zeitung zu bezahlen. Ich hoffe,
+Ihnen meine Beweggründe erklären zu können. Senden Sie mir rasch die
+Zeitung, in welcher der Abdruck erfolgt. Wenn die Zeitung sich nicht
+darauf einlassen will oder wenn es zu lange dauert, so schicken Sie
+mir das Manuskript, man wird es dann in eine hiesige Zeitung einrücken
+lassen. Sie verpflichten dadurch in hohem Grade Ihre Freundin. Sie
+wird Ihnen mündlich sagen, weshalb sie Sie darum gebeten hat. Sie
+kennen ihre Schüchternheit, ihren Hang zur Einsamkeit und ihre geringe
+Neigung, gelobt zu werden, aber es gilt ihr einen wesentlichen Dienst
+zu erweisen.«</p>
+
+<p>Vierzehn Tage später ein neuer Brief über denselben Gegenstand, neue
+Anfragen, ob der Doktor »Delphine« gelesen habe. Immer noch dasselbe
+Thema: »Frau von Staël hat Sidonien gesagt, daß sie ihren Tanz habe
+schildern wollen, und Sie finden die Stelle im ersten Bande. Sie
+hat nach der Meinung Mehrerer dort Sidoniens Antlitz, ihre Weise zu
+reden und ihre Phantasie gemalt, und dann ihre eigenen religiösen und
+politischen Ansichten hineingemischt, denn Sidonie hat eine tiefe
+<em class="gesperrt">Religiosität</em> und mengt sich äußerst wenig in die Politik.« Nun
+folgen neue Andeutungen in Betreff des Gedichtes: »Es darf wohl gesagt
+werden, daß man ihr Talent zu tanzen geschildert habe, aber es darf
+nicht heißen: <em class="gesperrt">man</em>, sondern einfach: ein gewandter Pinsel malte
+Deinen Tanz; das Glück, das Du überall machst, ist bekannt; Deine Reize
+sind eben sowohl wie Dein Witz besungen worden, und doch verbirgst Du
+sie unaufhörlich vor der Welt. Eingezogenheit, einsames Leben ziehst Du
+vor. Dort suchst Du das Glück in Deiner Frömmigkeit, in der Natur und
+in Studien &amp;c. Sehen Sie, lieber Freund, Das ist's, was ich von Ihnen
+begehre, ich werde Ihnen später erklären, weshalb.«</p>
+
+<p>Die Elegie trifft ein, Frau von Krüdener quittirt für den Empfang in
+folgendem Briefe: »Es ist nicht mehr als<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> billig, lieber Doktor, daß
+Sie selbst eine Abschrift der reizenden Elegie erhalten, welche Sie für
+mich gedichtet haben, ich sende Ihnen eine solche hieneben, ich wünsche
+selbst die Ihrige zu behalten.« Die Elegie lautet:</p>
+
+<p>»Was suchst Du in Deinem einsamen Leben? Paris, das bethört ist von der
+Bezauberung, die Du ausübst, von Deinem Liebreiz, von den glänzenden
+Gaben, die der Himmel Dir schenkte, bietet Dir ja doch Herzen genug,
+welche Dein feinfühlender Geist in Fesseln gelegt hat. Wir sahen Dich,
+wir schaarten uns um Dich, an jenem Tage, als Du die verführerische
+Macht der Eleganz, die bezwingende Macht der Schönheit ausübtest, an
+jenem Tage, als Du, der Palme des Genies sicher, nicht die Lobsprüche
+verschmähtest, welche dem Talente gebühren. Schon damals entlockte ein
+geistreicher Sänger Dir ein Lächeln, als er wagte, seine zarte Stimme
+zu dem Chor der Weisen zu gesellen, und ein Bild Deines magischen
+Tanzes entwarf; aber entschwindet nicht die Erinnerung an jene Festtage
+vor dem Donnerschlag, mit welchem der Himmel Dich jetzt getroffen
+hat? Vereinigen unsere Herzen sich nicht mit Deinen melancholischen
+Gedanken, haben sie nicht in stummer Andacht bei Deinem Schmerze
+geseufzt? Wir wollen Dich nicht durch ohnmächtigen Trost, diesen
+prunkenden Tribut, den man einer prunkenden Trauer zollt, verletzen:
+wir hörten Dich seufzen und wir seufzten mit. — Wir seufzten mit, und
+Du fliehst? Weshalb fliehst Du! Der Trauerflor umhüllt uns, die Künste
+verstummen rings um Dich her, die Liebe verbirgt sich, und mit ihr
+das ganze lebensvolle Gefolge, das vordem Deine Lust und Deinen Ruhm
+ausmachte.«</p>
+
+<p>Dies ist erst die Hälfte der Elegie, aber ich breche ab. Der Brief
+schließt folgendermaßen: »Ich sende Ihnen diese Elegie, deren antike
+Farbe [!] und Schönheit ich bewundere. Ohne mir etwas anderes davon als
+den Schmerz zueignen zu wollen, den Sie richtig bei mir wahrgenommen
+und den Sie zu mildern gewünscht haben, hab' ich Ihnen so viel Anderes,
+lieber Doktor, für Sie weit Schmeichelhafteres zu sagen, aber hier ist
+kein Platz mehr dafür, und mein erkenntliches Herz kann Ihrer erhabenen
+und der Menschheit so nützlichen Kunst [!] nur meinen Dank sagen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span></p>
+
+<p><span class="antiqua">Dr.</span> Gay ließ es nicht hiebei bewenden, sondern er begann
+seine Prosa zu reimen. Seine Freundin schreibt ihm: »Sidonie hat mir
+aufgetragen, dem liebenswürdigsten aller Freunde ihren zärtlichsten
+Dank zu bezeugen. Die Verse waren reizend, sie sind schon gedruckt.
+Welch glückliche Gabe besitzt Der, welcher sie geschrieben! Wie sieht
+man, daß er Sidoniens Freund ist! wie malt er, was er sagen will! Die
+Seele selbst hat bei jedem Striche den Pinsel geführt, und welch' hohe
+Seele!... Sidonie hat auch eine Elegie in Prosa erhalten, die Sie
+kennen müssen, und die sie äußerst schön findet. Welches schöne Talent
+liegt in dieser erhabenen und einfachen Manier, und wie muß man den
+Geist lieben, der eine solche Sprache zu reden versteht! Man hat einige
+Verse verändert, sehr wenig, sie sind vorzüglich gelungen, und haben
+ihren Zweck erfüllt.«</p>
+
+<p>Man sieht, daß Sidonie sich nicht damit begnügte, die Kladden zu den
+Lobliedern auf sich selbst zu schreiben, sondern auch die Reinschrift
+durchsah. Uebrigens denke ich, daß es hier keines Kommentares bedarf.
+Der unermüdliche Doktor verfaßt noch mehrere Gedichte, und neue
+Zumuthungen, alle möglichen Kritiker zu plagen, sind die Folge davon.
+Was den religiös gestimmten Historiker Michaud betrifft, welcher
+dreißig Jahre seines Lebens darauf verwandte, die Geschichte der
+Kreuzzüge zu schreiben, so machte sein sehr intimes Verhältnis zur
+Dichterin jede Aufforderung überflüssig. Er schrieb eine warme Kritik.
+Endlich ist Frau von Krüdener so weit, daß sie ihrer Freundin schreiben
+kann: »Mit meiner Gesundheit geht es viel besser, ich war acht Nächte
+hindurch auf Bällen, ohne mich dadurch angegriffen zu fühlen. Welches
+Glück, meine Freundin! Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich gefeiert
+werde, und es regnet Verse auf mich herab; die Ehrenbezeugungen
+überwältigen mich, man kämpft um ein Wort von mir wie um eine Gunst.
+Es ist tausendmal mehr, als ich verdiene, aber die <em class="gesperrt">Vorsehung
+liebt es, ihre Kinder mit Wohlthaten zu überhäufen</em>, selbst wenn
+sie es nicht verdienen ... Ich würde es als eine Feigheit ansehen,
+nicht mit einem Werke hervorzutreten, daß ich für nützlich halte, ich
+betrachte daher meine Reise nach Paris als eine<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> Pflicht, während
+mein Herz, meine Phantasie, Alles mich nach dem Genfersee zieht.« So
+reist sie denn nach Paris, und im December 1803 erscheint »Valérie«.
+Alle Batterien der Frau von Krüdener waren bereit, dem Buche ihre
+Salutschüsse zu geben. Kein einziger Effekt ging verloren, alle Glocken
+der Kritik läuteten. Wie ein tüchtiger General fehlte sie selbst nicht
+auf dem Schlachtfelde; sie fuhr aus einem Modemagazin in das andere,
+um inkognito bald Schärpen, bald Hüte, bald Federn, bald Guirlanden,
+bald Bänder <span class="antiqua">à la Valérie</span> zu verlangen. Da nun die Putzhändler
+diese fremde, noch hübsche und sehr elegante Dame in ihrer Equipage
+heranrollen sahen, um mit solcher Sicherheit die von ihr erfundenen
+Phantasiegegenstände zu fordern, thaten sie ihr Aeußerstes, um darüber
+ins Klare zu gelangen, was sie wünsche, um sie zu befriedigen. Wenn die
+jungen Mädchen in den Magazinen über dies Begehren unerhörter Dinge
+ganz erstaunt waren und die Existenz derselben in Abrede stellten,
+lächelte Frau von Krüdener mit so viel Gutmüthigkeit und bedauerte sie
+so aufrichtig, daß sie den Roman »Valérie« noch nicht kannten, daß sie
+sie bald zu eifrigen Proselyten ihres Buches gemacht hatte. Mit ihren
+Einkäufen fuhr sie dann nach einem anderen Laden und bewirkte dadurch
+in wenigen Tagen unter den Geschäftsleuten eine so tolle Konkurrenz
+Betreffs der Putzsachen <span class="antiqua">à la Valérie</span>, daß ihre Freundinnen,
+wenn sie sich nach ihrer Anweisung in die Läden begaben, und sich
+nach diesen Gegenständen erkundigten, unschuldige Mitschuldige ihres
+Kunstgriffs wurden und nicht umhin konnten, ein weiteres Zeugnis für
+ihren Triumph abzugeben.</p>
+
+<p>Frau von Krüdener schreibt jetzt an ihre Freundin: »Der Erfolg von
+Valérie ist vollständig und unerhört. Man sagte mir noch neulich: Es
+ist etwas <em class="gesperrt">Uebernatürliches</em> in diesem Glück. Ja, meine Freundin,
+der Himmel hat gewollt, daß diese Ideen, diese reinere Moral sich in
+Frankreich, wo sie noch weniger bekannt sind, ausbreiten sollten.«</p>
+
+<p>Kaum ist dieser fieberhafte Drang, sich geltend zu machen, befriedigt
+worden, kaum hat diese raffinirte Heuchelei Zeit gefunden, sich in
+ihrer vollen Blüthe zu entfalten, als Frau von Krüdener's wirkliche
+Bekehrung eintritt. Hiemit ging es<span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span> folgendermaßen zu. Im Jahre 1805
+ereignete es sich, daß, als sie in Riga an ihrem Fenster saß und einen
+aus dem Schwarm ihrer zahlreichen Anbeter, den sie ausgezeichnet hatte,
+grüßte, dieser Mann von einem plötzlichen Schlaganfalle getroffen ward
+und todt niederstürzte. Dies Ereignis versetzte sie in die tiefste
+Schwermuth. Während dieses ihres melancholischen Zustandes geschah es,
+daß sie, welche ja doch nicht aus Melancholie sich der unabweislichen
+Bedürfnisse des Erdenlebens entschlagen konnte, eines Tages zu einem
+Schuhmacher sandte, damit ihr derselbe Maß für ein Paar Schuhe nehme.
+Der Mann kam, sie sah ihn gar nicht an, während er ihr Maß nahm.
+Plötzlich wird sie über den fröhlichen Ausdruck seiner Züge betroffen.
+»Sind Sie glücklich?« fragt sie ihn. »Ich bin der glücklichste Mensch
+von der Welt,« war die Antwort. Dieser Schuhmacher war ein »Erweckter«,
+er gehörte zu der Gemeinde der mährischen Brüder. Der Anblick seines
+Glückes wirkte so stark auf ihr leicht erregbares Herz, daß sie
+ihn immer wieder besuchte, bei ihm mehr und mehr mährische Brüder
+kennen lernte, und bald eben so von der Wahrheit des Christenthums
+erfüllt war, wie er. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher sie alle
+Gegenstände der Liebe ihrer Jugend erfaßt hatte, erfaßte sie jetzt den
+Gegenstand der Gefühle ihres reiferen Alters. Von jetzt an zeigt die
+religiöse Schwärmerei sich gleichmäßig in ihren Worten und Handlungen.
+Ihr ganzes früheres Leben erscheint ihr als Irrthum und Thorheit.
+Sie geht gänzlich auf in der Liebe zu ihrem Erlöser. »Es ist kein
+Gedanke in mir, der nicht Ihm gefallen, Ihm dienen, Ihm Alles opfern
+möchte, Ihm, der es mir vergönnt, nur Liebe für all' meine Mitmenschen
+ausathmen zu wollen, und der in der Zukunft mir nur den Schimmer der
+Seligkeit weist. O, wenn die Menschen nur wüßten, welches Glücks man in
+der Religion genießt, wie würden sie sich dann vor aller anderen Sorge
+hüten, als der für ihre Seele!«</p>
+
+<p>In diesem Gemüthszustande macht sie kurz nach der Schlacht bei Jena
+die nähere Bekanntschaft der Königin Louise von Preußen. Gebeugt von
+den Unglücksfällen, die über sie hereingebrochen waren, zeigte sie
+sich empfänglich für die glühende religiöse Beredtsamkeit der Frau
+von Krüdener. Diese<span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span> erlangte den größten Einfluß auf sie, und durch
+sie auf den König. Als Beweis führe ich folgende Worte aus einem viel
+späteren Briefe der Königin an sie an: »Ich bin Ihrem trefflichen
+Herzen ein Geständnis schuldig, das, wie ich sicher weiß, Ihnen
+Freudenthränen entlocken wird, nämlich, daß Sie mich besser gemacht
+haben, als ich war. Ihre aufrichtige Sprache, die Unterredungen,
+welche wir über Religion und Christenthum führten, haben den tiefsten
+Eindruck auf mich gemacht.« Mit der Königin besuchte sie die Kranken
+und Verwundeten in den Spitälern. Kurz darauf begegnete sie der Königin
+Hortense, die sich ebenfalls stark zu ihr hingezogen fühlte, so stark,
+daß sie sie sogar jeden Morgen als ihren täglichen Gast empfing. Gleich
+nachher macht sie die Bekanntschaft Jung-Stilling's. Seine religiöse
+Begeisterung stimmt mit der ihrigen überein. Sie beginnt jetzt, ein
+Beispiel von jeglicher Art christlicher Demuth zu geben. In Karlsruhe
+steigt sie in die schmutzigsten Dachkammern hinauf, um Liebeswerke zu
+verrichten. Als sie eines Tags ein junges Dienstmädchen darüber weinen
+sieht, daß sie die Straße fegen soll, nimmt sie ihr den Besen aus
+der Hand, und fegt für sie. Sie schließt sich jetzt einem Priester,
+Namens Frédéric Fontaine an, welcher in der Gegend als Wunderthäter
+bekannt ist, und tritt durch ihn gleichfalls in Verbindung mit einem
+ekstatischen Bauermädchen, Maria Kummrin, die in beständigem Verkehre
+mit Seraphim und Cherubim stand, und die in ihrem clairvoyanten
+Zustande Orakelsprüche ertheilte und Prophezeiungen aussprach. Dies
+Mädchen weissagte der Frau von Krüdener eine hohe Sendung im Reiche
+Gottes und bezeichnete Fontaine, der sich übrigens bald als einen
+ungewöhnlichen Heuchler und Gauner erwies, als ihren Apostel. Frau von
+Krüdener schreibt daher jetzt mit voller Ueberzeugung an ihre Freundin:
+»Denke Dir, daß ich im buchstäblichen Sinne des Wortes <em class="gesperrt">Mirakel
+erlebt</em> habe. Du hast keine Ahnung von dem Glück, daß Diejenigen
+empfinden, welche sich ganz Jesu Christo ergeben. Ich habe von seiner
+Güte und Barmherzigkeit das bestimmte Versprechen erhalten, daß er die
+Gebete, welche ich für meine Verwandten und Freunde an ihn richte,
+erfüllen will.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p>
+
+<p>Es läßt sich nicht leugnen, daß die Ausdrücke, mit denen sie die neue
+Flamme in ihrem Inneren schildert, eine bedenkliche Aehnlichkeit mit
+den Ausdrücken einer durchaus nicht himmlischen Liebe haben. Von Gott
+heißt es: »Wie könnte ich wohl sagen, welche Zärtlichkeit in meinem
+Herzen brennt, wie meine Thränen fließen, was für Worte mein ganzes
+Sein durchbeben, wenn ich mich so geliebt fühle, ich armer Erdenwurm!
+Neulich sprach ich zu Gott: Was kann ich Dir sagen, o Du mein
+Geliebtester! (<span class="antiqua">o mon bien aimé!</span>) O könnte ich es über die ganze
+Welt rufen, durch alle Himmel, wie heiß ich Dich liebe! O könnte ich
+nicht nur alle Menschen, sondern alle aufrührerischen Geister zu Dir
+zurückführen!«</p>
+
+<p>Es giebt im Vatikan ein Bild von einem modernen Italiäner, auf welchem
+eine Nonne vor Christo kniet, der ihr schmachtendes Aeugeln mit den
+zärtlichsten Blicken erwiedert. Dies Bild fiel mir unwillkürlich ein,
+als ich die Ergüsse der Frau von Krüdener während ihres religiösen
+Rausches las. An einer anderen Stelle heißt es: »Es kommt darauf an,
+zu lieben, und Andere den liebenswürdigsten (<span class="antiqua">le plus aimable</span>),
+besten, zärtlichsten aller Väter lieben zu lehren«. Bei ihren
+religiösen Rundreisen, auf denen sie überall predigt und bekehrt, hat
+ein junger Missionair sich ihr angeschlossen, einer von den Vielen, von
+denen sie getäuscht wurde; aber gleich nach seiner Ankunft schildert
+sie ihren gemeinschaftlichen Gottesdienst in Worten wie diesen: »Welch
+ein Geist! Können Sie sich die Glückseligkeit unserer Kommunionen
+vorstellen? Nichts schildert sie; wir vermochten nicht einmal zu hören,
+was gesagt wurde«. Es ist unmöglich, Dies zu lesen, ohne sich der
+Worte eines ihrer Jugendanbeter zu erinnern. »Lezay behauptet«, sagt
+Chênedollé, »daß Frau von Krüdener in den entscheidendsten Augenblicken
+bei ihrem Liebhaber ein Gebet an Gott richte und sage: »Mein Gott,
+wie glücklich bin ich! Ich bitte Dich um Vergebung für dies Uebermaß
+von Glück!« Und er fügt hinzu: »<span class="antiqua">Elle reçoit ce sacrifice comme une
+personne qui va recevoir sa communion</span>«. (Manuskript Chênedollé's,
+dessen Sainte-Beuve in seinen »<span class="antiqua">Derniers Portraits</span>«, S. 290,
+erwähnt). Analoge religiöse Stimmungen findet man übrigens bei den
+Mystikern aller Zeiten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span></p>
+
+<p>Daß sie persönlich von der Reinheit ihres Willens überzeugt und
+durchaus aufrichtig in ihrer ganzen Art und Weise des Lebens war, ist
+jedoch über allen Zweifel erhaben. Nicht nur, daß sie selbst bekehrt
+ist, nein, die Bekehrungs-Leidenschaft kocht in ihrem Innern. Aber-
+und abermals kommt ihr der Gedanke wieder, sogar den Teufel und die
+Bewohner der Hölle zu bekehren (<span class="antiqua">Je ne puis m'empêcher de désirer
+que l'enfer vienne à ce Dieu qui est si bon, etc.</span>) Es versteht
+sich, daß sie bitter und hart von Denen verkannt wurde, welche an die
+Umwandlung, die mit ihr vorgegangen, nicht zu glauben vermochten. Sogar
+ihre eigene Mutter verachtete sie, und hörte auf, ihr zu schreiben.
+Aber keine Verkennung erschütterte ihre religiöse Begeisterung. In der
+Regel von den Weissagungen, Gesichten und Erscheinungen Maria Kummrin's
+geleitet, zieht sie von Stadt zu Stadt. In Basel theilt sie religiöse
+Traktätlein an die Soldaten aus und bekehrt nach ihrer eigenen Meinung
+die halbe Garnison.</p>
+
+<p>Bald bekommt sie auch die Weissagungsgabe. Die Weissagungsgabe ist in
+jener Zeit häufig. Sowohl De Maistre wie Bonald weissagten viele Jahre
+vorher die Restauration und standen deshalb in hohem Ansehn. Wo ihre
+Prophezeiungen jedoch ein bestimmteres Gepräge annehmen, da ergeht
+es ihnen wie denen des Alten Testamentes: sie treffen nicht ein. Um
+nur einige Beispiele zu nennen, so sagt De Maistre bei Gelegenheit
+der Pläne zur Errichtung eines Regierungssitzes in Nordamerika: »Man
+kann Zehn gegen Eins darauf wetten, daß die Stadt nicht erbaut werden,
+oder daß sie nicht Washington heißen, oder daß der Kongreß nicht dort
+residiren wird«, und all' diese drei Dinge geschahen. So weissagte
+er auch, daß die Restauration der Bourbonen in tiefstem Frieden
+ohne Hilfe der Fremden erfolgen, daß die Souverainetätsidee und die
+Adelsmacht gestärkt aus der Revolution hervorgehen würden. Wenn mehrere
+von Bonald's Prophezeiungen (in der »<span class="antiqua">Théorie du pouvoir</span>«)
+etwas besser eintrafen, so kommt das einfach daher, weil Derjenige,
+welcher das Ende des Vergänglichen weissagt, nothwendigerweise einmal
+recht bekommt, und weil es Dinge in Betreff der Zukunft giebt, wegen
+derer, wie Hamlet sagt, kein Geist sich aus dem Grabe herauf zu
+bemühen<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> braucht, um sie uns zu verkünden. Die Weissagungen der Frau
+von Krüdener erlangten indeß eine höhere Bedeutung, als die irgend
+eines anderen Propheten aus der Restaurationszeit. In einem Briefe
+aus Straßburg an eine russische Hofdame hatte sie im Oktober 1814
+geschrieben: »Wir werden bald das schuldige Frankreich gezüchtigt
+sehen, das nach der Bestimmung des Ewigen hätte verschont werden
+sollen, wenn es fortgefahren hätte, sich dem Kreuze zu unterwerfen«.
+Wie konnte man Dies später, nach Napoleon's Rückkehr von Elba anders
+auslegen, denn als ein mystisches Vorherwissen der Ereignisse! Sie
+hatte ferner geschrieben: »Das Gewitter nähert sich, die Lilien, welche
+der Ewige bewahrt hatte, jenes Symbol, das in einer reinen, zarten
+Blume besteht, die ein Eisenscepter geknickt hat, weil der Ewige es
+also wollte, diese Lilien, welche an Gottes Reinheit und Liebe hätten
+appelliren müssen, haben sich nur gezeigt, um zu verschwinden«. Was
+konnte Dies anders sein, als eine Weissagung der Flucht Ludwig's XVIII.
+vor Napoleon! Die Kunde von diesen Prophezeiungen durchflog ganz
+Europa, zuerst aber erreichten sie den Kaiser Alexander, auf welchen
+sie den tiefsten Eindruck machten. Sehr von Gewissensbissen gequält,
+sehr geschwächt von mancherlei Ausschweifungen, war er für eine
+Einwirkung religiöser Mystik in hohem Grade prädisponirt. Auf der Reise
+von Wien machte er in Heidelberg die persönliche Bekanntschaft der Frau
+von Krüdener. Bald war ihr Einfluß auf ihn allmächtig. Sie schlossen
+sich halbe Tage lang mit einander ein, beteten gemeinschaftlich, lasen
+mit einander in der Bibel, und diskutirten theologische Probleme. Die
+Zeit vor der Schlacht bei Waterloo verbringen sie in Heidelberg mit
+der Lektüre von Psalmen. Die Nachricht von den verlorenen Gefechten
+bei Ligny und Quatre-Bras am 16. und 17. Juni trifft Alexander mitten
+in David's Psalmen, die ihn über die Niederlage trösten und ihn der
+Gerechtigkeit seiner Sache vergewissern. Er betet und fastet. Am 18.
+Juni wird die Schlacht bei Waterloo geliefert: auf die Kunde davon
+reist Alexander nach Paris, verlangt aber, daß Frau von Krüdener
+ihm gleich dahin folge. Seine höchste Sorge in diesem Augenblick
+ist die, daß sein Bruder Konstantin nicht ebenfalls bekehrt ist.
+Unsere Prophetin<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> besucht, ehe sie von Heidelberg abreist, die zum
+Tode Verurtheilten im dortigen Gefängnisse, predigt ihnen mit großer
+Wirkung, und folgt dann dem Kaiser, über dessen christliche Absichten
+sie in der höchsten Ekstase ist. In Paris erreicht ihr Einfluß seinen
+Höhepunkt. Der Kaiser besucht sie noch am Abend ihrer Ankunft; ihre
+Wohnung wird so eingerichtet, daß der Kaiser zu jeder Tagesstunde
+mittels einer heimlichen Thür aus seinem Palaste in ihr Haus gelangen
+kann. Im Uebrigen führte ihn keine Zerstreuung, kein Vergnügen in
+Versuchung, obschon die Franzosen ihn wenige Jahre zuvor als sehr
+weltlich gekannt hatten. »Ich bin Christi Jünger«, sagte er, »ich trage
+das Evangelium in der Hand und kenne nur dieses«. Und seine Freundin
+schreibt über ihn: »Alexander ist Gottes Auserwählter. Er wandelt die
+Wege der Entsagung«. Man müßte schon seine Zuflucht zu Ausdrücken aus
+der Offenbarung Johannis nehmen, um zu bezeichnen, was sie eigentlich
+in ihm sah: Etwas wie einen Errichter des tausendjährigen Reiches,
+einen Engel des Friedens mit dem flammenden Schwerte der Macht, den
+blonden Fürsten des Lichts oder Dergleichen, während Napoleon für sie,
+wie für Adam Müller und Konsorten, der leibhaftige Teufel war (Vgl.
+Band II., S. 248). Alexander sollte das Christenthum wieder auf Erden
+errichten, sollte die Revolution und ihre Thaten bis auf die letzte
+Spur verlöschen. Zum Ersatz dafür kannten Alexander's Ehrfurcht und
+Dankbarkeit keine Grenzen. Anfangs September fand eine großartige
+Revue über 150000 Mann russischer Truppen vor Alexander's Augen zu
+Camps des Vertus in der Champagne statt. Frau von Krüdener konnte dort
+nicht fehlen. Schon Morgens früh holte die Equipage des Kaisers sie
+ab, und er empfing sie nicht wie einen Günstling, sondern wie einen
+Sendboten des Himmels, der seine Truppen zum Sieg führen sollte. »Meist
+entblößten Hauptes oder mit einem kleinen Strohhut auf dem Kopfe, den
+sie jedoch gern über den Arm hängte, mit ihrem immer noch blonden Haar,
+das in Flechten über ihre Schultern herabhing, während ein Löckchen
+noch hie und da über die Stirn fiel, in einem dunklen und einfachen
+Gewande, das durch die Weise, wie sie es trug, elegant erschien und
+durch einen schlichten Gürtel zusammengehalten<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> ward, — so erschien
+sie bei Tagesanbruch, so stand sie im Augenblick des Gebetes vor der
+Front der verwunderten Truppen«. (Sainte-Beuve nach dem Bericht eines
+Augenzeugen.)</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Während dieses Zusammenlebens mit Alexander faßt nun Frau von Krüdener
+eine Idee, die man empörend nennen könnte, wenn sie nicht aus dem
+durch alte Galanterie und neue Religiosität verschrobenen Hirn einer
+armen närrischen Frau käme, — die Idee zur »heiligen Allianz«. Es ist
+jetzt unwiderleglich bewiesen, daß Europa und die Civilisation ihr die
+Idee zu derselben verdankten. Ein Mann, der geneigt ist, ihren Einfluß
+weit zu unterschätzen, und der Unrecht hat, wo er ihn leugnet, der
+hochgeliebte Bruder der Königin Louise von Preußen, der Großherzog von
+Mecklenburg-Strelitz, schreibt: »Frau von Krüdener hat niemals den
+geringsten Einfluß auf meine engelgleiche Schwester von Preußen geübt,
+eben so wenig auf den König, ihren Gemahl, welcher diese zu trauriger
+Berühmtheit gelangte Frau vollkommen richtig beurtheilte. Was dagegen
+den Kaiser Alexander betrifft, so hatte sie sich seiner so vollständig
+bemächtigt, daß die heilige Allianz, welche der Kaiser vorschlug und
+durchsetzte, einzig als das Werk dieser Frau betrachtet werden muß;
+sei überzeugt, daß ich Dies nicht sagen würde, wenn ich es nicht ganz
+bestimmt wüßte«.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Einige Tage nach der Ankunft in Paris sagte Alexander zu seiner
+Freundin: »Ich verlasse Frankreich, aber vor meiner Abreise will ich
+in einem öffentlichen Aktenstücke Gott dem Vater, Gott dem Sohne, und
+Gott dem heiligen Geiste die Ehre geben, welche wir ihm für den Schutz
+schuldig sind, den er uns erwiesen hat, und alle Welt einladen, sich
+in Demuth unter dem Evangelium zu vereinen«. Damit überreichte er
+ihr ein Papier — es war der Entwurf des Traktates zwischen den drei
+Monarchen. Capefigue, welcher das Dokument gesehen hat, schreibt:
+»Ich habe das Original jenes Traktats vor mir liegen, ganz von Kaiser
+Alexander's Hand geschrieben, mit Berichtigungen der Frau von Krüdener.
+Das Wort »die heilige Allianz« ist von dieser außerordentlichen Frau
+eingeschaltet«. — Also selbst der Name ist ihre Erfindung.<span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span> Sie wählte
+ihn mit einer Anspielung auf die Weissagungen über die letzten Tage
+beim Propheten Daniel.</p>
+
+<p>Wenn man nun der Vergangenheit dieser Frau gefolgt ist, wenn man
+gesehen hat, wer und was sie war, und wenn man auf der andern Seite
+einen Begriff hat von der Revolution und was diese war, so dünkt es
+Einen nicht wahrscheinlich, daß all' jene apokalyptischen Reminiscenzen
+und heiligen Principien, von derselben Frauenhand formulirt, die
+elf Jahre zuvor Schärpen und Hüte <span class="antiqua">à la Valérie</span> kaufte, und
+von derselben Feder, welche die Elegie an Sidonie verfaßte, auf die
+Dauer Kraft haben sollten, den erneuten Brandungen der Revolution zu
+widerstehen. Denn man wähne nicht, daß die Revolution vorüber ist. Wir
+sind und leben noch mitten in ihr. Wo Drei in ihrem Namen versammelt
+sind, da ist sie mitten unter ihnen.</p>
+
+<p>Im Traktat erklären »im Namen der hochheiligen und untheilbaren
+Dreieinigkeit« die drei Monarchen »feierlich, daß gegenwärtiges
+Aktenstück den Zweck hat, vor dem Angesichte des Universums ihren
+unerschütterlichen Entschluß zu offenbaren, zur Richtschnur ihres
+Handelns, sei es in der Leitung ihrer respektiven Staaten oder in
+ihren politischen Verhältnissen zu jeder anderen Regierung, nur die
+Vorschriften der heiligen Religion über Gerechtigkeit, Liebe und
+Frieden zu nehmen, die, weit davon entfernt, nur im Privatleben
+anwendbar zu sein, im Gegentheil direkten Einfluß auf die Entschlüsse
+der Fürsten üben müssen, als das einzige Mittel, die menschlichen
+Institutionen fest zu begründen und ihren Unvollkommenheiten
+abzuhelfen.«</p>
+
+<p>Das war der Wortlaut. Was ursprünglich die aufrichtige und
+wohlgemeinte Sprache des kaiserlichen Schwachkopfes war, Das wurde
+mit heuchlerischer Klugheit von seinen gekrönten Brüdern angenommen.
+<span class="antiqua">Cetera quis nescit!</span> Wer weiß nicht, welche Bedeutung die
+heilige Allianz erlangte, wie sie die allgemeine europäische Reaktion
+mit der Brutalität als Inhalt und der Lüge als Form herauf beschwor.
+In ihrem Namen wurde im traurigsten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts
+jedes, selbst das schwächste Streben nach geistiger und politischer
+Freiheit verfolgt oder erstickt. Freiwillig schloß<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> sich an die
+Allianz die Macht an, welche das größte Interesse daran hatte, nämlich
+der Papst. Ohne kleinliche Rücksichtsnahme auf seine Stellung als
+das Haupt der römisch-katholischen Kirche, erhob der Papst seine
+Kollegen in den Himmel: Alexander, den griechischen Papst, den König
+von Preußen, den lutherischen Papst, und den König von England, den
+anglikanischen Papst. Auf dem Wiener Kongresse legte dann Pius ein
+Restaurationsprojekt vor, in Vergleich mit welchem alle Träume der
+Restauratoren der Vergangenheit erblichen und alle früheren Versuche,
+die vorrevolutionären Zustände wieder heraufzuführen, auf Nichts
+reducirt wurden. Mit einem Federstriche war die Existenz der Revolution
+und des Kaiserreiches ausgelöscht. Das heilige römische Reich sollte
+wieder hergestellt werden, außerdem die ganze Gesellschaftsordnung
+des Mittelalters: Zehnten, Kirchengüter, Steuerfreiheit für die
+Geistlichkeit, und Inquisition.</p>
+
+<p>Der Rest des Lebens der Frau von Krüdener bietet kein
+weltgeschichtliches Interesse. Sie ward immer aufrichtiger und immer
+fanatischer in ihrem Glauben; ihr Trieb, denselben durch Handlungen
+an den Tag zu legen, ward immer glühender. Den Armen und Kranken
+zu helfen, ward ihr eine Herzens- und Lebenssache. Allein von dem
+Augenblick an, wo sie versucht, das Christenthum praktisch zu nehmen,
+verändert sich der Charakter ihrer ganzen Stellung. Die Gewalthaber,
+die Behörden, alle die Großen, welche ihr, so lange sie sich an die
+Höfe hielt, ihre Aufwartung gemacht hatten, erblickten, so bald sie
+sich an die Volksmassen wandte, mit sicherem Instinkte in ihr einen
+Feind. Bald durchzog sie die Schweiz in einem heilig-wahnwitzigen
+Fest- und Triumphzuge, bald wurde sie als Verfolgte von Stadt zu
+Stadt gehetzt. In Basel wütheten die Priester gegen sie und bewirkten
+ihre Ausweisung; in Baden, wo sie während einer Hungersnoth einen
+großartigen Wohlthätigkeitssinn bewies, wurde ihr Haus von Gensdarmen
+umringt, und Die, welche bei ihr Zuflucht gesucht hatten, wurden
+verjagt; aus Luzern wurde sie von der Polizei vertrieben; als sie
+versuchte, durch das Elsaß nach Frankreich zu gelangen, wurde ihr
+der Eintritt verboten und die Rückreise nach Baden ihr gleichfalls
+untersagt. Unter<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> polizeilicher Eskorte wurde sie endlich nach Rußland
+zurückgeschafft, und zwar so, daß sie von der württembergischen
+Polizei an die bairische, von dieser an die sächsische, von dieser
+an die preußische, und von letzterer endlich an die Polizei ihres
+eigenen Landes abgeliefert wurde. Alexander's Gnade hatte sie für
+immer verscherzt. Die Schilderungen, welche sie in ihren religiösen
+Zeitschriften und Broschüren von dem Unrechte der Gesellschaft, von
+der grenzenlosen Noth der Armen und den ungerechten Unterdrückungen
+der Gewalthaber gemacht hatte, waren überall als Socialismus und
+Kommunismus bezeichnet worden; das Christenthum, wie sie es verstand,
+konnte den Autoritäten nicht genehm sein. Zugleich war sie naiv
+genug, unvorsichtigerweise ihre Begeisterung für den Freiheitskampf
+der Griechen auszusprechen, und auf eine für den Kaiser förmlich
+kompromittirende Art zu äußern, daß er als Stifter der heiligen Allianz
+sich an die Spitze eines Kreuzzuges gegen die Türkei stellen sollte
+und müßte. Von Alexander verstoßen, verließ sie St. Petersburg und
+lebte von jetzt an als Selbstquälerin und Missionairin. Sie litt Noth,
+bisweilen sogar Hunger, quälte sich selbst, linderte die Noth Anderer,
+wo sie's vermochte, und starb 1824 während einer Missionsreise in der
+Krim.</p>
+
+<p>Einen interessanten Gegensatz zu der französisch-russischen Frau von
+Krüdener bildet die deutsch-russische Schwärmerin, Fürstin Gallitzin,
+deren Auftreten an den Schluß des achtzehnten Jahrhunderts fällt, wie
+das Auftreten der Frau von Krüdener in den Anfang des neunzehnten.
+Man erkennt die Eigenthümlichkeit der Letzteren schärfer, wenn man
+einen Blick auf das Leben der Fürstin wirft. Sie ist als Geist ein
+rein deutsches Phänomen, ebenso einfach, wie ihre jüngere Zeitgenossin
+raffinirt und komplicirt ist, zugleich naiv und sentimental, eine
+schöne Seele und ein schwacher Kopf. Ihr Gemahl ist, wie Herr von
+Krüdener, sehr weltlich, ein Freund und Bewunderer Diderot's, der
+zuerst die Fürstin zu ihren Studien ermuntert und ihr Muth zu
+denselben einflößt, aber später eine eifrige Gegnerin in ihr findet.
+Eben so gleichgültig gegen die Vorzüge ihres Geschlechtes, wie Frau
+von Krüdener kokett war, läßt die Fürstin sich das Haar scheeren,<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span>
+um sich die Theilnahme am Gesellschaftsleben unmöglich zu machen,
+und zieht sich schon mit vierundzwanzig Jahren von der Welt zurück.
+Um sich ganz von aller Selbstsucht loszureißen, »brachte sie Gott
+aus Liebe das Opfer ihres Verstandes.« Ihre Unbekanntschaft mit der
+Welt zeigt sich in solch einem kleinen Zuge wie dem, daß sie, als
+ihr Sohn in fremde Kriegsdienste zu treten wünscht, sich erst an den
+preußischen, dann an den österreichischen Obergeneral wendet, um die
+Erlaubnis zu erlangen, ihm einen Begleiter mitgeben zu dürfen, der
+ihn gegen die unregelmäßigen Sitten des Militairlebens schütze, und
+zu ihrer Verwunderung beide Male die Antwort erhält, daß ein Officier
+nicht solch eine männliche Gouvernante zur Armee mitbringen könne.
+Ihre religiöse Schwärmerei wird am besten durch ein Erzeugnis wie das
+nachstehende charakterisirt:</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Gebet der Liebe</em>.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Liebe! lehre uns beten, daß uns erhöre die Liebe.</div>
+ <div class="verse indent2">O der Liebe vereintes Gebet ist Quelle der Liebe,</div>
+ <div class="verse indent2">Quelle des ewigen Lebens und unaussprechlicher Wonne!</div>
+ <div class="verse indent2">Schwester, rufe mir zu: »O Bruder! Bitten der Liebe</div>
+ <div class="verse indent2">Sende dem Vater für mich — ich sende Bitten der Liebe</div>
+ <div class="verse indent2">Täglich dem Vater für Dich.« O Schwester! der Bitten nicht eine</div>
+ <div class="verse indent2">Kann an die Liebe, von Liebe für Liebe gesendet, umsonst sein.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Der Ton ist bei ihr, trotz all' ihrer Innigkeit, doch eben so
+pietistisch-abstrakt, wie bei Frau von Krüdener mystisch-sensuell<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>.</p>
+
+<p>Was wir in Frau von Krüdener vor uns haben, ist also ein Geist, der
+von Anfang an so ausgerüstet ist, daß er dazu geschaffen scheint,
+etwas Bedeutendes zu vollbringen. Denn er hat einen Fond lebhaften
+Gefühls, eine Summe von Lebenskraft, die für ein Paar Menschenleben
+ausreichen zu können scheint, nicht in gesundem Vegetiren, sondern
+kraft der inneren Unruhe, die ihr Princip ist, und des inneren Feuers,
+das nach allen Seiten unaufhörlich Funken versprühen zu können scheint.
+Es liegt in ihr ein ursprünglicher Fond russischer Flüchtigkeit und
+Schmiegsamkeit, deutscher Sentimentalität,<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> französischen Formensinns,
+und »asiatisch«-sinnlicher Anmuth. Sie tritt in das Leben hinaus, ohne
+eine solide Erziehung hinter sich und einen ernsten Vorsatz vor sich
+zu haben, mit einem starken Drange nach Glück, mit etwas poetischer
+Anlage, also im Voraus für ein Leben in Illusionen bestimmt. Da
+sie sich von Bewunderern umgeben sieht, genießt sie taumelnd diese
+Befriedigung. Dann beginnt sie sich selbst als ein höheres Wesen zu
+betrachten. So lange sie ihrem Manne äußerlich die Treue bewahrt,
+lebt sie in der Illusion, daß sie eine Heldin der Pflicht sei. Als
+sie dieselbe bricht, wechselt sie ihr Ideal, und verwandelt sich vor
+sich selbst in das Ideal der schönen Sünderin. Sie äußert einmal von
+den Genfer Damen, daß sie weder den Reiz der Unschuld noch die »Grazie
+der Sünde« besäßen. Sie hat sich letztere angeeignet. Sie fuhr ja doch
+fort, den Theil des Ideals zu besitzen, welcher darin besteht, die
+Erste in ihrer Art, <span class="antiqua">unique</span> zu sein. Hierin liegt es, daß sie
+sich einbildete, ihrem Gemahl das Glück (Orden und Titel) zu bringen.
+Alle Illusion besteht in einer unrichtigen Verknüpfung von Ursache
+und Wirkung, die religiöse Illusion so gut wie die andern. Aber die
+religiöse Illusion ist eine doppelte, sie führt die Wirkung nicht auf
+ihre Ursache, sondern direkt auf einen unbestimmten Ursprung, den
+Mittelpunkt des Seins, zurück — erste Illusion, — und im Mittelpunkt
+des Seins wird sodann nicht, wie man sich vorzustellen pflegt, die
+Gottheit, sondern das Individuum selber placirt — zweite Illusion.
+Unsere Heldin glaubt, ihr Gemahl erhielte die Orden direkt von Gott,
+aber die Ursache, weshalb Gott ihm dieselben verleiht, ist sie selbst
+und kein Anderer. Sie ist die wahre Ursache, und Gott nur das Mittel,
+durch das sie wirkt. Sie fährt fort, ihr weltliches Leben zu führen,
+so lange dasselbe ihr noch Illusionen zu schenken vermag. Allein eine
+Dame von Geist und Nerven wird dieses Lebens, wird der zurückblickenden
+Eifersucht des neuen Anbeters auf den früheren mit der Zeit müde, und
+es ekelt sie zuletzt, zum zehnten Male sich selbst und einen Andern
+mit den Worten zu täuschen: »Ich liebe Dich und habe nie einen Andern
+geliebt!« Als alle Illusionen des Lebens entschwunden sind, eröffnet
+sich der Lebensmüden die<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> Möglichkeit einer neuen Illusion, welche
+sogar über das Grab hinausweist. Den Schlaganfall, der ihren Anbeter
+trifft, betrachtet sie mit denselben Augen, womit der heilige Augustin,
+Pascal oder Luther ähnliche Ereignisse betrachtet haben. Er ist ein
+Wink, eine Warnung für sie. Der fröhliche Schuster ist überzeugt,
+zu den Auserwählten Gottes zu gehören. Als sie das Geheimnis seiner
+Fröhlichkeit erfährt, will sie nicht hinter ihm zurückstehen, sondern
+auch zu ihnen gehören. Der Glaube an Gott ist für sie die Befriedigung
+des Wunsches, auserwählt und Anderen vorgezogen zu sein. Sie hält
+sich für bekehrt, und ist im Grund ihrer Seele Dieselbe, die sie
+war. Indem sie der Gottheit die Worte in den Mund legt, mit welchen
+diese sie ihrer Zärtlichkeit versichert: was thut sie anders, als die
+Episteln und Elegien an Sidonie in eine andere Form bringen! Das Echo
+ihrer Selbstanbetung kommt zu ihr wie eine Stimme aus den Wolken, und
+jetzt, wie früher, dankt sie Gott, solchermaßen — durch sich selbst
+ausgezeichnet worden zu sein. Was sie begehrt, ist, jetzt wie ehemals,
+geliebt zu werden. Aber wie Chateaubriand auf einem Umweg über das
+irdische Jerusalem nach seiner irdischen Alhambra reist, so bahnt sie
+sich den Weg zu ihrer himmlischen Alhambra über das himmlische Zion.
+Der Unterschied ist nur der, daß er die Andern betrügen will, sie aber
+sich selbst betrügt. Sie ist eine Kokette, so gut wie er und Lamartine;
+nur daß Diese stolze Koketten sind, während sie demüthig ist.</p>
+
+<p>Doch der entscheidende Zug, welcher sie im Gegensatze zu ihnen
+kennzeichnet, liegt nicht im Charakter, sondern in der Intelligenz und
+in ihrer weiblichen Natur selber. Chateaubriand hat als Mann wenigstens
+einen schwachen Begriff von Wissenschaftlichkeit, der es ihm unmöglich
+macht, sich von Mirakelmännern und Dorfsibyllen bethören zu lassen. Sie
+dagegen ist ein Weib, und in Reaktionsperioden lautet die Definition
+eines Weibes so: Ein Weib ist eine Pfaffenbeute. Ohne wissenschaftliche
+Voraussetzungen wird man, wenn nicht ganz vereinzelte, ungewöhnlich
+günstige Zufälle eintreten, etwas früher oder etwas später, aber in
+der Regel unvermeidlich, eine Beute seiner Begeisterung, die nicht
+weiß, wohin sie will, seiner unbestimmten Sehnsucht, die nicht weiß,
+was sie begehrt,<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> seiner Feigheit, die von den Unglücksfällen des
+Lebens geängstigt wird, endlich all' seiner Illusionen, und all' diese
+Mächte: Begeisterung, Sehnsucht, Furcht und Träumerei, überliefern
+ihr Opfer, an Händen und Füßen gebunden, als Beute der Kirche, deren
+Autorität ja außerdem von frühester Kindheit an durch die Erziehung
+der Seele eingeprägt worden ist. So erging es Frau von Krüdener. Von
+dem geistigen Leben, das sie tangirt, gehen die bedeutungsvollen
+Freiheitskämpfe, die unabhängige Forschung, der Aufklärungseifer,
+die Denkerbegeisterung unverstanden an ihr vorüber; was sie vom
+Zeitalter versteht und sich aneignet, ist nur die eine Seite desselben:
+die Frivolität. Als die Reaktion wider das achtzehnte Jahrhundert
+beginnt, und selbstredend damit beginnt, der abgelaufenen Periode ihre
+Ungöttlichkeit und Frivolität vorzurücken, giebt Frau von Krüdener ihr
+augenblicklich Recht, weil sie sich getroffen fühlt, weil sie selbst in
+ihrem ganzen Zeitalter Nichts anders gesehen, für Nichts Auge gehabt
+hat, als für die Leichtfertigkeit und die rücksichtslosen Sitten.</p>
+
+<p>Die Reaktion nimmt zu, und sie erhält ihre Poesie, eine Poesie all'
+des Uebernatürlichen, an das zu glauben der Dichter seinem Leser
+vorspiegelt. Die Bücher werden mit Thronen und Fürstenthümern, Cherubim
+und Seraphim angefüllt; es ist den Dichtern anscheinend heiliger
+Ernst damit; nur fällt es ihnen freilich nicht ein, daß irgend ein
+Mensch es wirklich für Ernst nehmen könne. Welch ein Epigramm auf den
+ganzen Kampf für die Tradition, als endlich eine Frau erscheint, die
+naiv genug ist, Alles buchstäblich zu nehmen, die dem jungen Mädchen
+glaubt, welches ihr erzählt, daß sie mit Engeln Verkehr pflege, und
+dem Manne, welcher die übernatürlichen Visionen erlebt haben will,
+von denen zu singen die höchste Mode der Zeit war! Die Dichter
+hatten das Mirakel und den Propheten zu verherrlichen begonnen. Da
+kommt nun eine arme naive Magdalena, und nimmt sie beim Worte, und
+glaubt an die Mirakel, die man ihr weist, und versucht sich selbst
+in Prophezeiungen. Man steht eben im Begriffe, über sie den Kopf zu
+schütteln und zu lächeln, als es sich zeigt, daß die Mächtigen ihrer
+Zeit sie für voll nehmen. Sie wird eine Macht. Chateaubriand, der nicht
+an<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> sie oder mit ihr glaubt, aber der an ihren Einfluß glaubt, sucht
+sie für seine politischen Pläne zu gewinnen, wird aber abgewiesen. Sie
+will nur Eins, dem Christenthum seine durch die Revolution gestürzte
+Autorität wiedergeben. Für sie hat die Revolution nur <em class="gesperrt">eine</em> That
+vollbracht, nämlich die, die heilige Tradition zu stürzen; sie will
+ihrerseits nur <em class="gesperrt">eine</em> That, die entgegengesetzte, vollbringen,
+dem Christenthum seine weltüberschattende Herrschaft wiederzugeben.
+Alexander faßt den Gedanken auf, die Mächte adoptiren ihn als ein
+kluges politisches Mittel. So lange Sie nur die <em class="gesperrt">Autorität</em>
+des Christenthumes zur Geltung bringen, so lange sie nur die Leute
+von <em class="gesperrt">oben herab</em>, und im Bunde mit den Fürsten, reformiren und
+bekehren will, steht sie auf dem Gipfel der Ehre und Vergötterung.
+Aber der Umschlag erfolgt. Die religiöse Konsequenz zwingt sie, eine
+Bekehrung der Leute <em class="gesperrt">von unten her</em> zu versuchen, indem sie
+sich mitten unter sie begiebt, indem sie das Christenthum praktisch,
+statt theoretisch, und nach Art der alten Apostel betreibt. Welche
+Naivetät! Sie ist so naiv, daß sie meint, die Gewalthaber müßten
+diese Versuche mit eben so günstigen Augen wie ihre früheren
+Bestrebungen ansehen. Sie begreift freilich nicht, daß die Autorität
+jede ernstliche Beschäftigung mit ihrem eigenen Princip fürchtet,
+wenn diese Beschäftigung nicht die <em class="gesperrt">officielle</em> ist. Von dem
+Augenblick an, wo sie wirklich als Christin auftritt, wird sie als
+Revolutionairin behandelt. Die Kämpfer für das Autoritätsprinzip sehen
+in dem Gefühl von der allgemeinen Brüderlichkeit der Menschen, das
+sie leitet, und in der Ekstase, mit welcher sie der Sache der Armen
+und Unterdrückten das Wort redet, einen Beweis dafür, daß sie —
+Socialistin und Kommunistin sei. Und so wurde es ihr Loos, praktisch
+zu zeigen, was die Wiedereinsetzung des Christenthums als Autorität
+zu bedeuten hat. Man wollte dasselbe eben nur als <em class="gesperrt">Autorität</em>,
+als <em class="gesperrt">Macht</em>, als <em class="gesperrt">Ordnung</em> gebrauchen. Man benutzte es, wie
+man die Polizei, die Armee, die Gefängnisse benutzte, um Alles in Ruhe
+und das Autoritätsprincip aufrecht zu erhalten. Von dem Augenblick an,
+wo es persönlich und individuell genommen und solchermaßen ins Werk
+gesetzt wurde, daß man befürchten mußte, es werde sociale Bewegungen
+verursachen, von dem<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> Augenblick an war es die <em class="gesperrt">Unordnung</em>, und
+die Autoritäten spedirten es in der Person der Frau von Krüdener so
+schnell wie möglich von Grenze zu Grenze.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><span class="antiqua">[Charles Eynard: Vie de Madame de Krüdener, Tome I-II. —
+Sainte-Beuve: Portraits de femmes. Derniers Portraits.</span></p>
+</div>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>Ich entwarf diesen Abschnitt vorigen Sommer im Auslande, und hatte
+damals nur Eynard's Biographie zur Hand. Bei meiner Heimkehr sah ich,
+daß ein paar Stellen in den Briefen der Frau von Krüdener, die mich am
+meisten frappirt hatten, auch von Sainte-Beuve bemerkt worden waren,
+ohne daß sonst eine Uebereinstimmung in der Behandlung stattfand.
+Es giebt in jedem Buche drei oder vier Stellen, die jeder Kritiker,
+der sein Fach versteht, immer beachten und citiren wird. So entsteht
+zuweilen der Anschein, als habe der Eine den Andern benutzt, ohne daß
+Solches der Fall ist. Stuart Mill schrieb einmal über diesen Punkt:
+»Coleridge erinnerte einen seiner Recensenten daran, daß es Dinge in
+der Welt giebt, die man Quellen nennt, und daß das Wasser, das Jemand
+schöpft, nicht nothwendig aus dem Loche zu kommen braucht, das er in
+die Cisterne eines Andern gemacht hat.«]</p>
+</div>
+
+<h3>7</h3>
+
+
+
+<p>Als die hundert Tage vorüber waren, und Ludwig XVIII. zum zweiten
+Male zurückkehrte, verbreitete eine seltsam gemischte und wehmüthige
+Stimmung sich über Frankreich. Die Restauration zeigte eine doppelte
+Physiognomie: sie war die Wiederaufrichtung einer Dynastie, von
+der man geglaubt, daß die Revolution sie für ewige Zeit vom Throne
+Frankreichs ausgeschlossen hätte, sie führte Zustände zurück, von denen
+man gemeint, daß sie ausschließlich der Vergangenheit angehörten,
+und auf der anderen Seite war sie die Wiederaufrichtung gesetzlicher
+Freiheit im Gegensatze zu der furchtbaren Militairdespotie, die so
+viele Jahre hindurch Frankreich unter ihrer Gewaltherrschaft hatte
+erseufzen lassen. Für die Literatur war sie anscheinend wenigstens ein
+Freiheitsbote. Nach Verlauf von fünfzehn Jahren war eine freie Debatte
+über Ideen wieder möglich. Die schwere Hand, welche zermalmend auf der
+Presse geruht hatte, zog sich zurück. Das Siegel wurde von dem Schreine
+gelöst, in welchem die kämpfenden Geister und Systeme<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> gebunden
+lagen, man hatte Erlaubnis, Alles zu diskutiren: die Revolution
+und das Kaiserthum, das achtzehnte und das neunzehnte Jahrhundert,
+Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.</p>
+
+<p>Man hatte Erlaubnis, aber hatte man Lust dazu? Nein, die Lust
+war gering. Die Stimmung Frankreichs war die Stimmung nach einer
+langwierigen Krankheit oder nach einer verlorenen Schlacht. Nicht daß
+man sich nach Siegen gesehnt hätte. Am Ende der Regierung Napoleon's
+hatte schon die Kanone vor dem Invalidenhotel keinen Widerhall in
+den Herzen mehr erweckt. Man sagte zu einander: Ach, es ist nur ein
+Sieg! Nein, man sehnte sich nach Frieden, wie der zur Ader Gelassene
+und Erschöpfte sich nach Ruhe sehnt. Man freute sich, wie wenn eine
+Choleraepidemie, die eine Stadt aufs äußerste verheert hat, endlich
+vorüber ist. Man begann sich wieder an den Gedanken des Lebens zu
+gewöhnen. Die Mütter hatten bisher mit einem gewissen Grauen ihre
+Kinder sich dem Jünglingsalter, d. h. dem Alter, wo sie Soldaten,
+und bald darauf Leichen wurden, nähern sehen. Sie begannen jetzt zu
+hoffen, daß diese Kinder das Leben vor sich hätten. Die Kinder, welche
+unter Trommelwirbeln und kriegerischen Fanfaren aufgewachsen waren,
+und sich schon in der Schule an den Gedanken früh erworbenen Ruhmes
+und eines frühen Todes gewöhnt hatten, mußten sich nun gleichfalls
+an den Gedanken eines friedlichen Lebens gewöhnen. Der Tod im Bette,
+der ihnen bevorstand, erschien ihnen widerwärtig im Vergleich mit dem
+Tode, der sich ihnen jüngst so strahlend schön in seinem rauchenden
+Purpur gezeigt hatte, sie fühlten sich gleichsam getäuscht, und
+begannen zu grübeln. Die jungen Männer endlich, welche so lange
+nothgedrungen alles persönliche Leben im Staatsleben, Kriegsleben und
+den gemeinsamen Interessen des Vaterlandes hatten aufgehen lassen
+müssen, vernahmen großentheils mit Entzücken die Botschaft, daß sie
+jetzt die Reihen durchbrechen dürften, und nicht mehr in Schritt und
+Tritt nach dem Kalbsfell zu marschiren brauchten; sie schüttelten den
+Staub der Heerstraße von ihren Füßen, warfen die Uniform in den Winkel,
+und suchten jede Erinnerung an die Disciplin auszulöschen. Da sie
+geradeswegs von den Schlachtfeldern des<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> Kaiserreichs, aus dem Getöse
+und Blutbad der Schlachten kommen, nehmen sie ihre Zuflucht zum ruhigen
+Naturleben, fern von der lärmenden Menschenwelt. So ist die Stimmung
+der Periode: müde, aber komplicirt, voller Täuschungen, Hoffnungen und
+Drang zu persönlichen Träumereien, keine Stimmung zur That, sondern zum
+Meditiren und zur Kontemplation.</p>
+
+<p>Diese Volksstimmung erklärt es, wie Lamartine's »Meditationen« die
+Lieblingsdichtung der Zeit werden konnten. Nach Chateaubriand's »Genius
+des Christenthums« hatte kein Buch solches Aufsehen in Frankreich
+erweckt; in vier Jahren wurden 45000 Exemplare abgesetzt. In diesem
+Buche fand die Periode, so seltsam es uns jetzt erscheinen mag, einen
+Dolmetscher für ihre Gefühle und für Alles, was sich in ihrem tiefsten
+Gemüth regte, ein Bild ihrer idealen Sehnsucht, das in den reinsten und
+schönsten Farben des Traumes schillerte. Diese Gedichte klangen wie
+Aeolsharfentöne, aber es war der Zeitgeist, welcher in die Saiten der
+Harfe griff. Freilich waren es nicht sowohl Gesänge, wie Betrachtungen,
+nicht sowohl Herzens- wie Geistes-Harmonien; aber man hatte so
+lange Zeit hindurch im Leben genug der Bestimmtheit, der bestimmten
+Formen, festen Gestalten, und herzergreifenden Gefühle gehabt. Es
+wurde durchaus nicht als ein Mangel verspürt, daß man hier keine
+zugespitzte Leidenschaft oder irgend eine Neigung fand, die finstere
+und schreckliche Seite des Menschenlebens, überhaupt das Leben, wie
+es ist, zu sehen. Davon hatte man in der Wirklichkeit genug gehabt.
+Nach einer Zeit, in welcher so viele Instinkte hatten erstickt werden
+müssen, freute man sich dieses rein poetischen Instinktes, dieses so
+melodiösen Dichters, der, wie er sagte, einen Accord für jedes Gefühl
+und jede Stimmung hatte. Man sehnte sich nach einer solchen Ruhe in der
+Lyrik nach der Philosophie, der Revolution und endlosen Kriegen. Das
+Gedicht »Der See« machte die Runde durch Europa, weil es so lange her
+war, seit man überhaupt die Natur empfunden und sie anders als taktisch
+mit Rücksicht auf ihre Terrainbildung betrachtet hatte. Lamartine trat
+jedoch im Geiste der Zeit nicht bloß als Stimmungsdichter,<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> sondern
+als Gläubiger und Christ auf. Der Grundton in seinen Gedichten war
+christlich-monarchisch und bourbonistisch.</p>
+
+<p>Für uns, die wir später einen Lamartine, welcher Präsident der Republik
+und Apostel des Humanismus war, gekannt haben, ist es interessant,
+die geistigen Ausgangspunkte des Dichters wahrzunehmen. Im Vaterhause
+ist die Bibel seine stete Kindheitslektüre. Er wird im Glauben an
+das Königthum von Gottes Gnaden erzogen. Als Jüngling lebt er unter
+dem Einflusse der Frau von Staël und Chateaubriand's, besonders des
+Letzteren. Er liest mit Bewunderung Tasso's »Befreites Jerusalem«;
+Ossian giebt ihm die Ueberzeugung, daß wahre Poesie unbestimmt und
+neblig sein könne; Bernardin de Saint-Pierre ist für ihn, wie für Frau
+von Krüdener, durch die friedliche Milde und Harmonie seiner Natur
+das besondere Vorbild. Oeffentlich tritt er dann zuerst als Schüler
+Chateaubriand's und Bonald's auf. In seinem »Rafael« erzählt er selbst,
+wie er dazu kam, Bonald's Bekanntschaft zu machen. Zu jener Zeit, als
+er in Chambéry am Fuße der Alpen die junge, schöne Creolin anbetete,
+welche er in seinen Gedichten unter den Namen Elvire verherrlicht
+hat, wurde er von seiner Freundin aufgefordert, eine Ode an Bonald
+zu schreiben, der ein naher Bekannter ihres Hauses war. Lamartine
+behauptet, daß er nur den Namen Desselben und den Nimbus gekannt habe,
+von welchem dieser Name, als der eines christlichen Gesetzgebers,
+umstrahlt war. »Ich stellte mir vor, daß ich zu einem modernen Moses
+reden solle, der aus den Strahlen eines neuen Sinai das göttliche Licht
+schöpfte, mit welchem er die menschlichen Gesetze erhellte.« Vielleicht
+hat Bonald auch De Vigny vorgeschwebt, als Dieser kurz darauf sein
+Gedicht »Moses« verfaßte. Lamartine schrieb damals an Bonald die Ode,
+welche in seiner Sammlung den Titel »Das Genie« trägt, und worin auf
+Treu und Glauben erzählt wird, daß Bonald die falsche Klarheit der
+berühmten Sophisten verscheuche &amp;c. und die moralische Welt von der
+Unordnung zur Ordnung selber führe. Dieser magere Begriff des Guten:
+»die Ordnung«, kehrt überall wieder. Bonald antwortete damit, daß er
+dem jungen Dichter ein Exemplar seiner sämmtlichen Werke übersandte.
+Lamartine las sie mit<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> Begeisterung, und wenn er später in der
+Anmerkung zu dieser Ode es leugnen zu wollen scheint, daß er so tief
+von denselben ergriffen wurde, wie es der Fall war, so muß man Das
+auf Rechnung der späteren Erkenntnis setzen. Er sagt dort: »Ich las
+diese Schriften mit der poetischen Schwärmerei für die Vergangenheit
+und mit dem innigen Mitleid für das Gefallene, welche so leicht in
+der Phantasie eines Knaben sich in Dogma und System verwandeln. Ich
+bemühte mich einige Monate lang, auf Chateaubriand's und Bonald's Wort
+an geoffenbarte Regierungen zu glauben. Später entrissen die Zeit
+und die menschliche Vernunft mich, wie alle Anderen, diesen schönen
+Illusionen, und ich begriff, daß Gott dem Menschen Nichts anders
+als seine socialen Neigungen offenbart, und daß die verschiedenen
+Regierungssysteme Offenbarungen des Zeitalters, der Situation, des
+Jahrhunderts und der Laster und Tugenden des Menschengeschlechtes
+sind.« Lamartine antedatirt sehr beträchtlich diese seine Einsicht.
+Seine »Meditationen« verfolgen in der Regel alle dieselbe Richtung,
+wie die Ode an Bonald. Diejenige, welche »Gott« betitelt ist, ist
+Lamennais, die Dithyrambe über die heilige Poesie ist dem Uebersetzer
+der Bibel, Genoude, gewidmet. Er selbst ist Mitglied der Redaktion
+des »<span class="antiqua">Conservateur</span>«, von dessen Begründung Chateaubriand die
+ausgeprägte Reaktion in Europa datirt. Als dies Blatt eingeht, wird er,
+nebst Lamennais und Bonald, Begründer des neuen gleichartigen Organs
+»<span class="antiqua">Le défenseur</span>«, welches darauf ausgeht, den Konstitutionalismus
+zu bekämpfen. Es fällt ihm die Aufgabe zu, De Maistre zu Beiträgen
+auffordern zu sollen. Höchst interessant ist es zu sehen, in welchem
+Tone der jetzt schon dreißigjährige Lamartine den Verfasser des Buches
+»Ueber den Papst« anredet: »Herr Graf! ich war sehr krank, als ich
+Ihre freundliche und schmeichelhafte Zuschrift nebst ihrem Werke
+empfing. Ich benutze die ersten rückkehrenden Kräfte dazu, Ihnen
+gleichzeitig für den Brief und das Buch zu danken, besonders aber für
+die schmeichelhafte Benennung <span class="antiqua">Neveu</span>, derer ich mich gegen all'
+ihre Bekannten rühme; diese Benennung allein ist so gut wie ein Ruf, so
+hoch steht Ihr Name bei Allen angeschrieben, die ein wahres und tiefes
+Genie in diesem irregehenden und kleinlichen Jahrhundert verstehen<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span>
+... Herr Bonald und Sie, Herr Graf, und noch einige Männer, die in
+großer Entfernung Ihrer Spur folgen, haben eine unvergängliche Schule
+hoher Philosophie und christlicher Politik begründet, die besonders in
+der jungen Generation Wurzeln schlägt.« In diesem Briefe bezeichnet
+Lamartine die Stellung De Maistre's in der Literatur dahin, daß er
+das Haupt der ersten Schriftsteller sei, und leitet die Opposition
+wider ihn aus den »lächerlichen gallikanischen Prätensionen« her, die
+er so bewunderungswürdig vernichtet habe. Sein Standpunkt ist also
+der reine unverfälschte Ultramontanismus, — jedoch, wohlgemerkt, nur
+sein theoretischer Standpunkt. In seiner Poesie ist er nicht ganz so
+dogmatisch. Wenn er es z. B. für seine, des christlichen Dichters,
+Aufgabe hält, die heidnische Mythologie vom Parnasse zu verjagen, so
+leitet ihn in Wirklichkeit kein religiöser, sondern ein rein poetischer
+Instinkt. Die alten Mythen waren in der Lyrik längst zu bloßen
+Umschreibungen eingeschrumpft, und allzu lächerlich, um schädlich auf
+die Religiosität irgend Jemandes wirken zu können. Es war doch fürwahr
+nicht nöthig, einen religiösen Protest wider den Glauben an Apollo und
+Amor zu erheben. Nein, Das, wodurch Lamartine wirkte, war, daß er bald
+die melancholischen, bald die beruhigenden, bald die begeisternden
+Worte aussprach, welche Alle zu hören begehrten. Man entdeckte nicht,
+daß er eigentlich etwas Neues gefunden oder gesagt hätte, man erkannte
+sich selbst wieder in dieser sympathetischen Stimme. Man fühlte wieder
+gewisse Fibern sich regen und aufleben, die während der allgemeinen
+Niedergeschlagenheit empfindungslos geschienen hatten. Er ließ die
+Saiten, welche lange verstummt gewesen, wieder erklingen, und man war
+entzückt über das Neue, welches darin lag, jene alten Erinnerungen
+ins Leben zurück zu rufen. In der Begrüßungsrede, welche der große
+Naturforscher Cuvier 1830 bei der Aufnahme Lamartine's in die Akademie
+hielt, zeigt er, wie der Mensch in der tiefen Nacht, die seine Vernunft
+umgebe, eines Führers bedürfe, welcher ihn dem schwarzen Labyrinthe
+des Zweifels zu entreißen und ihn zu den Regionen des Lichts und der
+Sicherheit hinzuführen vermöge. Er beschuldigt Byron, im Universum nur
+einen Tempel für den Gott des Bösen erblickt zu<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> haben, und begrüßt in
+Lamartine den Sänger der Hoffnung. So vermengte Frankreich, wie ein
+armer Rekonvalescent, die Hoffnung mit dem Glauben, den Trost mit den
+Dogmen, den Lebensmuth mit dem Ultramontanismus zu <em class="gesperrt">einer</em> großen
+Unklarheit, bis die Macht der Verhältnisse die Nebel zerstreute und
+sowohl die Schriftsteller wie das Publikum zwang, bestimmte Standpunkte
+einzunehmen. Vorläufig war es für Lamartine eine Zeit des Triumphes und
+des beginnenden Ruhmes; dieser Ruhm kam für ihn nicht zu früh, er war
+dreißig Jahre alt, aber derselbe fiel gleich den ersten Strahlen der
+aufgehenden Sonne in seine ehrsüchtige Existenz. Man stelle sich recht
+lebhaft einen Salon aus jener Zeit vor, wie er uns von Zeitgenossen
+geschildert worden ist,<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a> eine Reihe von Gesellschaftssälen bei einem
+der ersten Würdenträger des Königthums, General Foy z. B., wo gegen
+hundert Personen versammelt sind, und wo Lamartine, damals Gesandter
+in Florenz, bei einem seiner kurzen Besuche in Paris zugegen ist. Ein
+Geflüster der Bewunderung geht durch den Saal, als er eintritt, jung,
+schlank und schön, aristokratisch in Geberde und Haltung. Man schaart
+sich um ihn, besonders die Damen; reizende Gesichter, prachtvolle
+Toiletten, Lächeln und Schmeichelei begegnen ihm von allen Seiten. Man
+vergißt einen Augenblick, den anwesenden Deputirten Komplimente für
+ihre letzten Kammerreden zu sagen. Er, den man, ohne ihn früher gesehen
+zu haben, sofort erkennen kann, überstrahlt Alle. General Foy tritt an
+ihn heran, drückt ihm mit Begeisterung die Hand und versichert ihn, daß
+er, wenn er will, eine Zierde der Kammer werden kann, die lange eines
+so talentvollen Vertheidigers der echt monarchischen Principien bedurft
+hat. Dann deklamirt er mit seiner melodischen Stimme, die noch nie ein
+politisches Stichwort ausgesprochen hat, eine oder zwei seiner ersten
+Meditationen, »Die Erinnerung«, »Die Begeisterung«, »Die Verzweiflung«,
+»Das Gebet«, »Der Glaube« oder eine andere Abstraktion, und ruft ein
+Entzücken ohne Gleichen und Ausbrüche der Begeisterung und des Dankes
+in allen Nuancen hervor. Benjamin Constant nähert sich ihm<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> mit seiner
+undurchdringlichen, ernsthaft ironischen Miene, beglückwünscht ihn,
+diese neue Quelle der Poesie entdeckt zu haben, und versichert ihn,
+daß er nur in Schiller's reflektirenden Gedichten dieser Hoheit und
+Reinheit des Gefühls und Ausdrucks begegnet sei. Die Damen finden
+diesen Vergleich überaus schmeichelhaft für Schiller, einen obskuren
+deutschen bürgerlichen Poeten, dessen Namen einmal gehört zu haben
+sie sich flüchtig erinnern. Was ist er gegen Lamartine! Verschiedene
+Umstände vermehren den Reiz, den seine Gedichte ausüben: zuerst des
+Verfassers seltene und fast weibliche Schönheit, dann die Gerüchte von
+Ihr, die sie vor Allem, und mit einer so seraphischen Schwärmerei,
+mit einer so überirdischen Reinheit besingen. Er soll sie geliebt,
+und seine Geliebte durch den Tod verloren haben. Man forscht nach
+allen Seiten, um Etwas über den wirklichen Zusammenhang der Sache zu
+erfahren. Wer war jene Elvire, wie war ihr wirklicher Name?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>All' jene Fragen sind von geringem Interesse für uns die wir uns
+jetzt in diese Erinnerungen vertiefen, um jene Zeit und ihren Geist
+vollständig zu begreifen. Aber sie berühren einen Punkt, der auch
+für uns das höchste Interesse besitzt, nämlich den: Von welcher
+Beschaffenheit ist das erotische Gefühl in jenen Gedichten und bei
+Lamartine überhaupt? von welcher Beschaffenheit ist es in der ganzen
+Literaturgruppe, von welcher er beeinflußt wird, und in welcher er ein
+Glied bildet?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Von allen Gefühlen, welche die Dichtkunst behandelt, spielt das
+erotische die größte Rolle. Wie es aufgefaßt und dargestellt wird,
+ist ein Moment von der höchsten Bedeutung zum Verständnisse des
+Zeitgeistes. An der Auffassung des Erotischen kann man, wie an dem
+feinsten Meßinstrumente, die Stärke, die Art und den Wärmegrad des
+Gefühlslebens einer ganzen Zeit erkennen. Ich habe früher (Band
+I, S. 24 ff.) den Uebergang der Galanterie zur Leidenschaft bei
+Rousseau geschildert. Bei Deutschlands großen Dichtern wird diese
+Leidenschaft geläutert und humanisirt. Bei den Romantikern wird sie
+zum Mondscheinschmachten. In revolutionären Zeiten<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> wird sie im Kampfe
+mit bestehenden und geordneten Gesellschaftsverhältnissen dargestellt;
+bei modernen skeptischen Dichtern, wie Heine, ist die Liebe durch den
+Zweifel an ihrer Existenz unterhöhlt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Doch wenn Du sagst: Ich liebe Dich,</div>
+ <div class="verse indent2">Dann muß ich weinen bitterlich.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>In einer verschrobenen, spiritualistischen, autoritätsgläubigen
+und ordnungstollen Periode, wie dieser, wird die Liebe unmöglich
+natürlich und gesund auftreten können. Sehen wir uns die namhaftesten
+Liebesschilderungen, welche jene Zeit hinterlassen hat, näher an — wir
+halten damit gleichzeitig eine kurze Revue über die Haupttypen von Mann
+und Weib.</p>
+
+<p>Das erste Paar sind Eudorus und Velleda in den »Märtyrern«.</p>
+
+<p>Der Held in den »Märtyrern« ist um so interessanter, als Chateaubriand
+Demselben manchen Zug seiner eigenen ausdrucksvollen Physiognomie
+verliehen hat. Dies geht so weit, daß Chateaubriand und Eudorus die
+Erzählung ihres Lebens fast mit denselben Worten und mit derselben
+Betrachtung beginnen. Eudorus sagt: »Als ich am Fuße des Berges
+Taygetus geboren ward, war das traurige Gemurmel des Meeres der erste
+Laut, der mein Ohr berührte. An wie vielen Ufern sah ich seitdem die
+Wogen sich brechen, die ich hier erschaue! Wer hätte mir vor einigen
+Jahren sagen können, daß ich die Wogen, die ich an Messeniens schönen
+Sand rollen sah, an Italiens Küsten, an den Ufer der Bataver, der
+Britten und der Gallier seufzen hören sollte.« Und ganz eben so sagt
+Chateaubriand in seiner italiänischen Reise: »Als ich auf den Felsen
+der Bretagne geboren ward, war der erste Laut, der mein Ohr berührte,
+da ich zur Welt kam, der Laut des Meeres, und an wie vielen Ufern
+hab' ich seitdem die Wogen sich brechen sehen, die ich hier finde!
+Wer hätte vor einigen Jahren mir sagen können, daß ich an den Gräbern
+Scipio's und Virgil's die Wogen seufzen hören sollte, die an Englands
+Küsten und Marylands Stranden zu meinen Füßen heranrollten,« &amp;c.
+Beide sind weitgewanderte und vielgeprüfte Männer, wie Odysseus und
+Aeneas; der gemeinsame Zug ist das Staunen über die Abenteuer des
+eigenen Lebens, die Bewunderung<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> des eigenen Ich, das höhere Mächte
+durch so viele Schicksale geleitet haben. Allein noch ein Zug, und
+ein bedeutungsvollerer, ist ihnen gemeinsam: wie Chateaubriand, so
+ist Eudorus der Held, welcher den Triumph des Christenthumes auf
+Erden herbeiführt. Chateaubriand wiederholt nur unter Napoleon, was
+Eudorus unter Galerius that, und es ist nicht seine Schuld, daß er
+kein Märtyrer ward. Der Gedanke an ein Martyrium beschäftigte ihn
+schon in seiner Jugend; er sprach öfters gegen seine Freunde aus, daß
+er vor einem solchen nicht zurückgeschreckt sein würde, wenn man es
+von ihm gefordert hätte. Der Heros, welcher ihm als Ideal vorschwebt,
+ist also nichts Geringeres, als das Opfer, das für die Irreligiosität
+und den Abfall der Zeit sich zur Sühne bringt, und durch seine That
+und seine Leiden den erzürnten Gott versöhnt. In der ersten Ausgabe
+der »Märtyrer« wird Eudorus sogar geradezu als ein Christus zweiten
+Ranges bezeichnet. Der Ausdruck wird von ihm gebraucht, daß der Ewige
+»eine ganze Hostie« zu sehen begehrte. Aus theologischer Rücksicht
+wurde dies Wort freilich in den späteren Ausgaben ausgemerzt. Aber am
+Schlusse blieb die Vorstellung vermuthlich aus Unachtsamkeit stehen
+und macht dort eine fast komische Wirkung. An der Stelle, wo Eudorus
+gemartert wird, heißt es: »Der Feuersitz war bereit. Der Lehrer der
+Christen predigt das Evangelium mit größter Beredtsamkeit, während er
+auf einem glühenden Sessel sitzt. Die Seraphim verbreiten über Eudorus
+einen himmlischen Thau, und sein Schutzengel entfaltet über ihm seine
+Schwingen. Er erschien in der Flamme wie ein liebliches Brot des Herrn,
+das für die himmlische Tafel bereitet ist.«</p>
+
+<p>Hier haben wir also die Grundvorstellung des Typus. Das erste
+Sühnopfer, der erste Erlöser, die erste Hostie ist nicht ausreichend.
+Obschon Christ, findet Chateaubriand nicht, daß Christi Märtyrertod
+hinlänglich gewirkt und gesühnt habe. Zum Triumphe der Religion sind
+noch beständig Erlöser kleineren Formats, wie Chateaubriand selbst
+oder sein Held Eudorus, erforderlich. Ganz wie bei den deutschen
+Romantikern sogar ein Bösewicht wie Golo in Tieck's »Genoveva« eine<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span>
+Aehnlichkeit mit Christus haben soll<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a>, so hier der Held. Dieser
+Held kann in seiner Jugend Fehltritte begehen und kurze Zeit z. B. in
+dem schönen Neapel auf den Wegen des Verderbens wandeln (Chateaubriand
+wußte aus eigener Erfahrung, daß selbst feste Grundsätze hiegegen nicht
+schützten), aber er bekehrt sich, er besteht alle Prüfungen und stirbt
+als ein leuchtendes Exempel.</p>
+
+<p>Sein Liebesverhältnis zu Velleda ist eine dieser Prüfungen.</p>
+
+<p>Velleda ist sicherlich die originellste und bedeutendste weibliche
+Gestalt, welche die Restaurationsperiode erschaffen hat. Velleda
+ist ein junges gallisches Mädchen aus dem dritten Jahrhundert, und
+Chateaubriand hat den französischen Typus in ihr schildern wollen: »Sie
+war ein außerordentliches Weib. Sie hatte, wie alle gallischen Weiber,
+etwas Launenhaftes und Anziehendes. Ihr Blick war schnell, der Ausdruck
+um ihren Mund ein wenig spöttisch, und ihr Lächeln eigenthümlich sanft
+und geistvoll. Ihr Wesen war bald stolz, bald wollüstig. Ihre ganze
+Persönlichkeit war ein Gemisch von Hingebung und Würde, von Unschuld
+und Kunst.« — Aber Velleda ist nicht allein national-französisch,
+sie trägt in hohem Grade das Gepräge der Zeit, wo sie gedichtet ward,
+sie ist ein Ideal von 1809. Velleda ist Priesterin, sie gehört zu
+der Familie des Erzdruiden. Für diese Zeit ist die Weiblichkeit erst
+vollkommen, wenn sie den Stempel einer religiösen Begeisterung trägt.
+Als echte Tochter des achtzehnten Jahrhunderts ist Velleda daher auch
+kein reines Naturkind. Sie ist ein Naturkind, wie die anderen Töchter
+der Revolution es waren. Es wird ausdrücklich — nicht ohne einen
+kleinen Anstrich von Pedanterie — von ihr bemerkt, das sie in der
+Familie des Erzdruiden »gründlich in der griechischen Literatur und
+in der Geschichte ihres Landes unterrichtet« worden sei; Velleda ist
+die letzte Priesterin der Druiden, wie Cymodoce die letzte Priesterin
+Homer's. Wie Corinna kurz vorher das Ideal der jungen ehrgeizigen
+Frauen war, so wird Velleda es jetzt, und da die Literatur nicht nur<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span>
+ein Ausdruck für die Gesellschaft ist, sondern auch gewaltig dazu
+beiträgt, die Gesellschaft umzubilden, so sehen wir Velleda aus der
+Welt der Phantasie in die Welt der Wirklichkeit übergehen. Was ist
+Frau von Krüdener vor der Front des russischen Heeres anders, als eine
+christliche Velleda!</p>
+
+<p>Wir lernen die junge Priesterin kennen, als sie in einem Nachen auf
+dem Meere während eines Sturmes Beschwörungslieder an das Meer und
+den Sturm singt, über welche sie, ungefähr wie Fouqués Undine, eine
+Art Herrschaft übt oder zu üben glaubt. Dann hören wir sie in einer
+feurigen Rede ihre Landsleute auffordern, ihre Freiheit zurück zu
+erobern und die Waffen wider das Römerheer zu ergreifen. Wir sehen sie
+als Priesterin des Teutates die Sichel zum Menschenopfer wetzen. Sie
+wird als schön, hoch und schlank geschildert, kaum bedeckt von einer
+schwarzen Tunika, die kurz und ohne Aermel ist, während die goldene
+Sichel an ihrem Stahlgürtel hängt. Ihre Augen sind blau, ihre Lippen
+purpurroth, um ihr freiwallendes blondes Haar trägt sie bald einen
+Eichenzweig, bald einen Kranz von Eisenkraut.</p>
+
+<p>Sie hat kaum Eudorus erblickt, als sie ihn liebt. Aber eine so
+einfache und natürliche Leidenschaft reicht für diese Zeit nicht aus.
+Velleda muß noch eine Art von Vestalin sein und das Gelübde ewiger
+Jungfräulichkeit abgelegt haben. »Ich bin Jungfrau, Jungfrau der
+Seine-Insel; mag ich mein Gelübde halten oder brechen, so sterbe ich
+dadurch, und Du bist Schuld daran.« Sie gefällt zwar Eudorus, aber
+er liebt sie nicht. Er steht ihr gegenüber, ungefähr wie der fromme
+Aeneas der Dido gegenübersteht, an welchen der Dichter sogar Eudorus
+seine Zuhörer erinnern läßt. Die Unglückliche versucht jegliche Art von
+Zauberei. Sie will sich mit den Mondesstrahlen zu ihm hinschleichen.
+Sie will in den Thurm fliegen, den er bewohnt, seine Liebe unter einer
+fremden Gestalt gewinnen, und sträubt sich doch selbst aus Eifersucht
+gegen den Gedanken. Eudorus theilt nicht diese Leidenschaft, aber
+er fühlt sich in ihrer Nähe gleichsam von der Atmosphäre derselben
+angesteckt. Als Christ schaudert er vor der Versuchung zurück. »Wohl
+zwanzigmal war ich, während Velleda mir so traurige und so zärtliche
+Gefühle aussprach, nahe daran, mich ihr zu Füßen<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> zu werfen, ihr ihren
+Sieg zu verkünden und sie durch das Geständnis meiner Niederlage
+glücklich zu machen. In dem Augenblick, wo ich im Begriffe stand,
+zu unterliegen, verdankte ich nur dem Mitleid, das die Unglückliche
+mir einflößte, meine Rettung. Allein dies Mitleid, das mich Anfangs
+rettete, wurde zuletzt die Ursache meines Untergangs; denn es raubte
+mir den Rest meiner Kraft.« Es liegt, rein ästhetisch betrachtet, etwas
+sehr Unschönes darin, einen Mann sich solchermaßen über die harten
+Kämpfe äußern zu hören, die er zur Behauptung seiner Tugend bestanden
+hat, und Eudorus' Ausbrüche von Scham und Reue kleiden ihn schlecht.
+»O Cyrillus,« sagt er, »wie soll ich diese Erzählung fortsetzen? ich
+erröthe vor Scham und Verwirrung.« Als endlich dieser Ritter von der
+traurigen Gestalt so weit gekommen ist, daß er, nachdem Velleda einen
+Selbstmord versucht hat, zu ihren Füßen liegt, kann er sich nicht
+mit weniger begnügen, als die ganze Hölle um dieses Anlasses willen
+in Bewegung zu setzen. »Ich stürze zu Velleda's Füßen ... Die Hölle
+giebt das Signal zu dieser entsetzlichen Hochzeit; die Geister der
+Finsternis heulten im Abgrunde, die keuschen Ehefrauen der Patriarchen
+wandten ihre Häupter ab, und mein Schutzengel verhüllte das Antlitz
+mit seinen Flügeln und stieg gen Himmel empor.« Nicht einmal einen
+Augenblick vermag dieser triste Held sich hinzugeben. Er schämt sich
+wie ein Junge, der einen gestohlenen Apfel mit einem Gemisch von Gier
+und Angst vor Prügeln verzehrt. »Mein Glück glich der Verzweiflung, und
+wer uns inmitten unserer Wonne gesehn hätte, Der hätte uns für zwei
+Schuldige gehalten, denen man eben das Todesurtheil verkündete. Von
+diesem Augenblick an fühlte ich mich mit dem Stempel des göttlichen
+Zornes gezeichnet. Eine dichte Finsternis erhob sich gleich einer
+Rauchwolke in meinem Geiste, von welchem eine Schaar aufrührerischer
+Geister plötzlich Besitz ergriffen zu haben schien. Ideen, die mir
+bisher unbekannt gewesen, stellten sich bei mir ein, die Sprache der
+Hölle strömte von meiner Zunge, und ich sprach die Gotteslästerungen
+aus, welche man an jenen Orten vernimmt, wo da ist Heulen und
+Zähneklappern.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<p>So wird dies Liebesverhältniß des christlichen Häuptlings zu der
+heidnischen Prophetin mit Scheiterhaufen und Flammen als Hintergrund
+geschildert. In »Atala«, wo sich etwas Verwandtes in der Association
+von Leiden und Lust findet, war doch dies so wenig beabsichtigte und
+gefühlte Anathem noch nicht auf die irdische Liebe geschleudert.</p>
+
+<p>Man findet diese Auffassung in De Vigny's bedeutender und schöner
+Jugenddichtung »Eloa« wieder, welche schildert, wie der Fürst der
+Finsternis einen jungen und schönen weiblichen Engel verführt. War
+Satan in den »Märtyrern« ein Revolutionair, so ist er hier nicht sehr
+verschieden von dem Eros der Alten. Ohne zu sagen, wer er ist, bethört
+er durch seine Schönheit und Beredtsamkeit den Engel, und reißt ihn mit
+sich in den Abgrund hinab. Er schildert selbst seine Macht in folgenden
+Worten, die man in den Versen des Originals nachlesen muß:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent8">Ich bin Der, den man liebt und den man nicht kennt,</div>
+ <div class="verse indent2">Meine Flammenherrschaft über den Menschen hab' ich begründet</div>
+ <div class="verse indent2">In der Sehnsucht des Herzens und den Träumen der Seele,</div>
+ <div class="verse indent2">In dem Verlangen und den geheimnisvollen Sympathien des Leibes,</div>
+ <div class="verse indent2">In den Schätzen des Bluts, in dem Blicke der Augen.</div>
+ <div class="verse indent2">Ich bin's, der die Gattin veranlaßt, in Träumen zu reden,</div>
+ <div class="verse indent2">Und das junge, glückliche Mädchen eine glückliche Illusion zu empfinden,</div>
+ <div class="verse indent2">Ich schenk' ihnen Nächte, die sie trösten für ihre Tage,</div>
+ <div class="verse indent2">Ich bin der heimliche König heimlicher Liebe.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>So ungefähr lautet der Gesang des Chores an Eros in der »Antigone« des
+Sophokles:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6">O Eros, Sieger im Kampf,</div>
+ <div class="verse indent2">Die Beute gewaltig umschlingend</div>
+ <div class="verse indent2">Der heimlich versteckt auf der Jungfrau</div>
+ <div class="verse indent2">Holdblühenden Wange lauscht!</div>
+ <div class="verse indent2">Du wandelst auf Wogen des Meeres,</div>
+ <div class="verse indent2">Du schweifest in Fluren und Wald!</div>
+ <div class="verse indent2">Dir entrinnet der Ewigen Keiner,</div>
+ <div class="verse indent2">Und Keiner der Menschen, der Söhne des Tages,</div>
+ <div class="verse indent2">Und wen du ergriffen, Der raset.</div>
+ <div class="verse indent2">Du lockst verderbend in Schuld</div>
+ <div class="verse indent2">Die Sinne des edelen Mannes.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Da die Zeit sich jetzt auf der schiefen Ebene befindet, welche dahin
+führt, Eros als Satan selbst aufzufassen, so versteht<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> es sich, daß
+keine Zeit die »wahre« Liebe so eiskalt, so seraphisch, so platonisch
+und so ohnmächtig geschildert hat, wie diese in der Darstellung
+derselben excellirt. Sehen wir, wie die Velleda jener Zeit, Frau von
+Krüdener selbst, sie in ihrer »Valérie« auffaßt.</p>
+
+<p>Obschon Valérie eine Nachahmung Werther's ist, ist sie zugleich ein
+Gegenstück zu Werther. Es ist die Erzählung von einem jungen Schweden,
+Namens Gustav Linar, der von seiner Mutter früh gelernt hat, »die
+Tugend zu lieben«, und der fortfährt, sie bis an seinen Tod zu lieben.
+Außer der Tugend liebt er zugleich Valérie, aber Valérie ist mit dem
+Grafen, seinem Herrn und Ideal, verheirathet, und er selbst ist ein
+solcher Inbegriff aller Vollkommenheiten, daß er seine Augen nicht
+anders zu ihr erheben kann, als mit einem Respekte, der jedes Verlangen
+unmöglich macht. Alexander Stakiew hatte Herrn von Krüdener seine
+Gefühle gestanden, Gustav schweigt gänzlich dem Manne gegenüber,<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>
+und theilt eben so wenig seiner Geliebten jemals mit, was er leidet.
+Er wird von einer unverstandenen und unausgesprochenen Liebe verzehrt,
+und da er allzu wohlerzogen ist, um sich todtzuschießen, so stirbt er
+an der Schwindsucht. Sein Stil ist folgender: »O mein Freund, welch'
+ein Frevel von mir, mich einer Leidenschaft ergeben zu haben, die mich
+vernichten muß! Aber ich will wenigstens sterben, indem ich die Tugend
+und die heilige Wahrheit liebe, ich will nicht den Himmel wegen meines
+Unglücks anklagen, wie es so viele meines Gleichen thun [Welch artiges
+Kind!]; ich will, ohne mich zu beklagen, den Schmerz erleiden, an dem
+ich selber Schuld bin und den ich liebe, obschon er mich tödtet. Ich
+will herantreten, wenn der Ewige mich ruft, mit vielen Fehlern, aber
+nicht mit Selbstmord belastet.« (Valérie, Bd. II, S. 63.) Dieser Gustav
+ist kein Mann; weibliche Schriftsteller excelliren bekanntlich nicht
+darin, Männer zu schildern. Sie lassen Dieselben fast immer in der
+Rücksicht auf das Weib aufgehen. Gustav ist, wie gesagt,<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> Skandinav,
+aber wir haben keine Ursache, stolz auf diesen Landsmann zu sein,
+der sich am wenigsten von Allem durch nordische Kraft auszeichnet.
+Die Nationalfarbe in dem Buche beschränkt sich denn auch zumeist auf
+die allgemein germanische Sentimentalität, in welche die Schilderung
+getaucht ist, und auf eine Anzahl schwedischer Namen, die natürlich
+auf das possirlichste falsch buchstabirt sind. So veranstaltet Gustav
+für Valérie in Venedig ein Fest, dessen Dekoration sie an ihre
+Jugendheimstatt unter Birken und Tannen erinnern soll. Ueberrascht ruft
+Valérie bei dem Anblick aus: »<span class="antiqua">Ah! c'est Dronigor</span>«. Mit einiger
+Mühe ermittelte ich, das es »Dronninggaard« bedeuten soll. — Besonders
+schwedisch kann Gustav nicht genannt werden. Schön in der Schilderung
+seines Charakters ist der Schimmer der humanitären Schwärmerei des
+ersten Jünglingsalters, welcher über seinen Bekenntnissen liegt. Ist
+es nicht schön und tief empfunden, wenn er, welcher beobachtet zu
+haben glaubt, daß bei den meisten Menschen auf die Periode der Liebe
+die des Ehrgeizes folge, bemerkt, daß der Ruhm, den die Andern sich
+wünschen, nicht der sei, welcher ihm als begehrenswerth vorgeschwebt
+habe. »Der Ruhm, von dem ich geträumt, beschäftigte sich mit dem Glück
+Aller, wie die Liebe sich mit dem Glück eines einzelnen Gegenstandes
+beschäftigt. Er war eine Tugend bei Dem, welcher ihn in seinem Herzen
+trug, bis die Menschen rings um ihn her ihn Ruhm nannten.« Und er
+fügt hinzu: »Was hat der Ruhm gemein mit der kleinlichen Eitelkeit
+des großen Haufens, mit der elenden Prätension, Etwas zu sein, weil
+man ihm nachjagt?« Ist es nicht seltsam zu denken, daß Dies in dem
+Buche steht, dessen Ruf durch solche Mittel bewerkstelligt ward,
+welche angewandt wurden, um »Valérie« in Schwung zu bringen? — Gustav
+gegenüber ist Valérie mit all dem Reiz ausgestattet, den eine Dame,
+welche so leidenschaftlich in sich selbst verliebt war, wie Frau von
+Krüdener, ihrem eigenen Konterfei mitzutheilen vermochte. Sie ist ganz
+und gar Weib, während der unmännliche Gustav, der selbst die Unvernunft
+und Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft einsieht, vollkommen außer
+Stande ist, sich seinen Fesseln zu entreißen, dieselben zu zerbrechen
+und das Leben eines Mannes zu beginnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p>
+
+<p>So muß er sich denn mit so demüthigenden Aeußerungen seiner Anbetung
+begnügen, wie z. B. ein Kind, dem sie erst einen Kuß gegeben hat, an
+der Stelle, die von ihren Lippen berührt ward, zu küssen, oder, als sie
+auf dem Balle drinnen im Saale ihren bloßen Arm an die Fensterscheibe
+lehnt, draußen vor dem Hause stehend das Fensterglas von der anderen
+Seite zu küssen, oder endlich ihre Hand zu drücken und den Ring zu
+fühlen, den sie von ihrem Manne erhalten hat, oder in ihrer Nähe
+ohnmächtig zu werden, so daß sie seine Stirn mit Eau de Cologne
+benetzen muß.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es liegt überhaupt ein leichter Parfum von Eau de Cologne über der
+ganzen Erzählung. Wie charakteristisch ist es z. B., daß der erste
+Dienst, um welchen Valérie Gustav im Vertrauen bittet, der ist, ihr
+heimlich etwas <em class="gesperrt">Schminke</em> zu besorgen, da ihr Mann nicht gern
+sieht, daß sie sich derselben bedient. Mit dem Eau de Cologne-Duft
+vermischt sich ein Duft von Anstand und Respekt, der so stark ist,
+daß er Einem fast zuwider wird, und ein überirdischer Charakter des
+Gefühls, der albern und unschön ist. Man denke sich z. B., daß Valérie
+guter Hoffnung ist, als Gustav's Leidenschaft beginnt, ohne daß dieser
+Umstand irgend eine heilende Wirkung auf dieselbe übt, obschon er in
+ihrer Nähe lebt, bis ihr Sohn geboren wird. Man schwärmt mit einander
+für Ossian und Clarissa Harlowe. Niemals empfindet Gustav die geringste
+Spur von Eifersucht auf den Grafen, so wenig wie Dieser eine Spur
+von Eifersucht auf ihn. Ja, Gustav stirbt mit der Hand des Grafen
+in der seinen. Kurz, die Liebe ist hier so geläutert, so naturlos
+und seraphisch, daß sie mit ihrer Gewaltsamkeit auch ihre Poesie
+verloren hat. Dies ist, wie mir scheint, von doppeltem psychologischen
+Interesse, wenn man weiß, durch eine wie wenig seraphische Existenz
+diese Dichterin der Liebe sich dafür vorbereitet hatte, ihren Roman zu
+schreiben, und wie gut sie selbst es verstanden hatte, die heilige mit
+der profanen Seite der Liebe zu versöhnen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Lamartine und Elvire veranlaßten uns zu dieser Abschweifung. Betrachten
+wir nun doch dies Paar und dies Verhältnis.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p>
+
+<p>Die Gedichte handelten von Liebe, aber von einer so reinen Liebe,
+daß sie als <span class="antiqua">une prière à deux</span>, ein Zwiegebet, definirt wurde.
+Sie war mit all' der idealen Verklärung ausgemalt, welche der Tod
+dem Gegenstande der Liebe verleiht: der Dichter preßt seine Lippen
+auf das Crucifix, das seine sterbende Geliebte in ihrem letzten
+Augenblicke geküßt hat. Werfen wir nun von den »Meditationen« einen
+Blick auf »Rafael«, dasjenige Werk Lamartine's, in welchem er die wahre
+Geschichte seiner Liebe geschildert hat, so fällt ein neues Licht auf
+diese vielgefeierten Gedichte.</p>
+
+<p>Elvire oder, wie sie wirklich hieß, Julie ist eine junge, elternlose
+Dame, Kreolin, achtundzwanzig Jahre alt, die »einen in der Geschichte
+der Wissenschaft berühmten Greis« geheirathet hat, um einen
+Beschützer im Leben zu haben, aber ohne in einem andern Verhältnis
+zu ihrem Manne zu stehen, als dem, worin eine Tochter zu ihrem Vater
+steht. Er ist brustschwach, und leidet an der Schwindsucht. Die
+Schwindsuchts-Poesie beginnt in die Mode zu kommen. In Savoyen, in
+der Nähe des Bourget-Sees, den Lamartine so schön besungen hat, wo
+sie ihrer Gesundheit halber einige Herbstmonate verweilt, trifft sie
+den jungen Helden des Buches, Rafael, welcher sich übrigens nur durch
+den Namen von seinem Verfasser unterscheidet, der hier all' seine
+wirklichen Verhältnisse, ja seine Freunde und Bekannten unter Nennung
+ihres vollen Namens geschildert hat. Man kann übrigens nicht sagen, daß
+er sich selbst allzu arg in der Schilderung mitgenommen hätte. Es heißt
+von Rafael, sein Gefühlsleben sei so zart gewesen, daß seine Kameraden
+scherzend von ihm sagten, er leide an Heimweh nach dem Himmel. »Hätte
+er den Pinsel geführt, so hätte er die Madonna di Foligno gemalt, und
+hätte er den Meißel geführt, so würde er Canova's Psyche modellirt
+haben. Als Dichter hätte er Hiob's Klagerufe gegen Jehova, Herminia's
+Stanzen in Tasso, Romeo's und Julia's Zwiegespräch im Mondenscheine von
+Shakspeare und Lord Byrons' Schilderung von Haydee geschrieben.« Das
+war nun glücklicherweise nicht nöthig, da es von Andren geschehen war.
+Es läßt sich indessen kaum leugnen, daß er, als er sich später auf dem
+einen dieser Felder, nämlich als Dichter, versuchte, doch im Vergleich<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span>
+mit seinen Vorbildern, deren Leben allerdings nicht wie das seine vor
+dem Spiegel verbracht wurde, Manches zu wünschen übrig ließ. Aber sehen
+wir ihn lieben, sehen wir, wen und wie er liebt!</p>
+
+<p>Zuerst einige Präliminarien. Es versteht sich, daß ein Zeitalter,
+wie dies, das Erotische nicht ganz ohne Einmischung der Theologie
+behandeln kann. Während ein moderner Dichter, wie Turgéniew z. B.,
+niemals ein Wort an theologische Materien verschwendet, höchstens,
+wie in »Eine seltsame Geschichte«, den religiösen Fanatismus als
+eine Art des Wahnsinns schildert, läßt ein Dichter wie Lamartine
+seine Liebenden einen ganzen theologisch-philosophischen Kursus mit
+einander durchmachen. Sie sind verschiedener Ansicht, und sie ist ihm
+geistig überlegen; sie scheint auch zwei oder drei Jahre älter gewesen
+zu sein, was in diesem Falle sehr Viel bedeutet, besonders da sie
+mit einem so viel älteren Manne verheirathet ist; denn es besagt in
+Wirklichkeit, daß sie zwei verschiedenen Generationen angehören, sie
+dem Revolutions-, er dem Restaurations-Zeitalter. Während in der alten
+großen Zeit Faust, wenn er von seinem Gretchen katechisirt wurde, einen
+Bekehrungsversuch abwehren und sich bemühen mußte, der Geliebten seinen
+Unglauben durch mildernde Umschreibungen zu erklären, ist hier das
+Umgekehrte der Fall. Hier ist es Faust, der fruchtlose Versuche machen
+muß, sein Gretchen zur Orthodoxie zu bekehren. Elvire sagt (Rafael, S.
+55): »Ich, die ich von einem Philosophen erzogen worden bin, und im
+Hause meines Mannes inmitten einer Gesellschaft von freien Geistern
+lebte, welche sich von den Dogmen und Ceremonien einer Religion, die
+sie gestürzt, loßgerissen haben, — ich hege keinen Aberglauben, keine
+Geistesschwäche, keinen der Skrupel, welche die Stirn anderer Weiber
+unter ein anderes Joch als dasjenige beugen, welches das Gewissen uns
+auferlegt.« Ist er es nicht, welcher die Mädchenrolle spielt, wenn er
+an einen Geist wie diesen eine Mahnung nach der andern richtet, in den
+Mutterschoß des Katholicismus zurück zu kehren? »Ich beschwor sie, in
+einer zärtlichen und liebevollen Religion, in Dunkel der Kirchen, im
+geheimnisvollen Glauben an jenen Christus, welcher der Gott der Thränen
+ist, in Knieen und Gebet die<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> Linderung und die Trostgründe zu suchen,
+welche ich selbst in meiner Kindheit darin gefunden hatte.« Es gelingt
+Rafael nur halb, die Bekehrung zu vollbringen; indeß ist er mit dem
+Resultate zufrieden. Ein strengerer Orthodoxer, als er, würde dasselbe
+kaum beruhigend finden. Das Buch stellt die Bewegung in Juliens Innern
+so dar, daß es die Liebe ist, welche sie den Glauben an Gott lehrt.
+»Es ist ein Gott, sagt sie, es giebt eine ewige Liebe, von welcher
+die unsrige nur ein Tropfen ist. Dieser Tropfen strömt zurück in den
+göttlichen Ocean, aus dem wir ihn geschöpft haben. Aber dieser Ocean
+ist Gott. Ich hab' ihn gesehen, ich hab' ihn gefühlt, ich hab' ihn
+verstanden in diesem Augenblicke durch mein Glück ... Ja, fügte sie mit
+noch mehr Leidenschaft im Blick und Tone hinzu, mögen die vergänglichen
+Namen sterben, mit denen wir früher die Anziehung benannt, die wir zu
+einander empfinden. Nur <em class="gesperrt">ein</em> Name ist der Ausdruck dafür, nämlich
+Gott, er ist's, der sich mir jetzt in Deinen Augen offenbart hat.
+Gott! Gott! Gott! rief sie aus, als habe sie sich eine neue Sprache
+lehren wollen. Gott, Das bist Du. Gott, Das ist's, was ich für Dich
+bin. Gott, Das sind wir.« Wenn Elvirens Mann, der alte Philosoph, bei
+diesen Herzensergießungen zugegen wäre, würde er die Liebenden haben
+unterrichten können, daß diese Schwärmerei so weit davon entfernt sei,
+christlich zu sein, daß sie vielmehr als reiner Pantheismus bezeichnet
+werden müsse. Ich bezweifle nicht, daß er Gemüthsruhe genug dazu gehabt
+hätte; denn auch er hegt nicht den geringsten Grad von Eifersucht.
+Er weiß, daß Julie und Rafael täglich Briefe wechseln, und kennt die
+überirdische Natur ihrer Liebe. Als Rafael nach Paris kommt, sagt er
+ihm nur: »Sehen Sie's an, als hätten Sie zwei Freunde in diesem Hause,
+statt eines. Julie hätte keine bessere Wahl eines Bruders, noch ich
+eines Sohnes treffen können.«</p>
+
+<p>In gewisser Weise hat er auch keinen rechten Grund zur Eifersucht,
+aber Das ist ein Kapitel für sich. Gleich nachdem Rafael zum ersten
+Mal seine Liebe gestanden hat, ertheilt Julie ihm eine Antwort, die
+für immer die Grenzen ihres Verhältnisses angiebt. Sie sagt: »Ich
+glaube nur an einen unsichtbaren Gott, welcher sein Symbol in der
+Natur, sein Gesetz in<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span> unseren Instinkten, seine Moral in unserer
+Vernunft geschrieben hat. Vernunft, Gefühl und Gewissen sind für mich
+die einzigen Offenbarungen. Keines dieser drei Orakel meines Lebens
+würde mir verbieten, Ihnen anzugehören [Man erinnere sich, daß sie nur
+<span class="antiqua">pro forma</span> die Frau eines Andern ist], meine ganze Seele würde
+sich Ihnen zu Füßen werfen, wenn Sie nur um diesen Preis glücklich sein
+könnten. Aber sollten wir nicht mehr an die Geistigkeit und Ewigkeit
+unserer Liebe glauben, wenn sie in der Höhe des reinen Gedankens, in
+Regionen verbleibt, welche der Veränderung und dem Tode unzugänglich
+sind, als wenn sie sich selbst herabwürdigt und profanirt, indem sie
+zur verächtlichen Region der vulgären Sinne hinabsteigt?« Es ist,
+wie man sieht, die Theorie der sogenannten platonischen Liebe, von
+welcher Plato nie etwas gewußt hat, und welche unsere Zeit nicht
+sonderlich zu bewundern pflegt. Als die religiöse Reaktion in Dänemark
+beginnt, docirt Ingemann sie in seinen Jugendwerken. Ob Julie sie
+ausgesprochen hat, oder sie nicht viel mehr Lamartine zu verdanken
+ist, der sie in all' seinen früheren Liebesverhältnissen praktisirt
+hat, mag dahin gestellt sein. Wir kennen dieselben alle, denn er,
+der nach seiner eigenen Behauptung immer in so hohem Grade Herr über
+sein Herz und seine Sinne gewesen ist, ist es sehr wenig über seine
+Feder gewesen. Wir wissen daher aus seinen »Konfessionen«, wie er
+bei Frostwetter seine Rendezvous mit der schönen sechzehnjährigen
+Lucie hatte und kalt wie die Winternacht war; wir erinnern uns des
+Satzes aus »Graziella«: »Wir schliefen zwei Schritte von einander,
+ich war durch meine kalte Gleichgültigkeit beschützt«. Allein, ist
+es ungewiß, ob Julie die Theorie ausgesprochen hat, so tragen ihre
+folgenden Worte ganz das Gepräge der Echtheit. Sie fügt hocherröthend
+hinzu, daß das Opfer, welches sie von ihm fordere, nothwendig sei, aus
+Gesundheitsrücksichten, wegen einer ärztlichen Vorschrift, sie würde
+als ein Schatten, als eine Leiche aus seinen Armen hervorgehn: »Dies
+Opfer würde nicht allein das Opfer meiner Würde, sondern auch das Opfer
+meiner Existenz sein«.</p>
+
+<p>Es läßt sich nicht leugnen, daß dieser letzte Passus in
+seltsamem Widerspruche zu dem Vorhergehenden steht, und daß<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> das
+spiritualistische Verhältnis durch diese überaus materialistische
+Motivirung ein gut Theil seines überirdischen Charakters verliert. Es
+ist einem zu Muthe, als sei man aus dem siebenten Himmel herabgestiegen
+und fühle wieder festen Grund unter den Füßen. Dann folgen Scenen, wie
+in »Valérie«, Selbstmordspläne, die nicht ausgeführt werden, Nächte,
+in zärtlichen Gesprächen verbracht, während Jedes sich auf der andern
+Seite einer verschlossenen Eichenthür befindet. Das Peinliche, das
+Anstößige und Unnatürliche liegt nur in der besonderen Aufmerksamkeit,
+welche in dieser Liebesgeschichte wieder unablässig darauf gerichtet
+ist, daß die Liebenden ihren Gelübden treu bleiben, und daß kein
+reelles Liebesverhältnis zwischen ihnen zuwege kommt. Ein einziges Mal,
+als wirklich Gefahr droht, erscheint — wer? kein Anderer, als der
+ehrwürdige Greis, Herr Bonald, dessen Theorien vom Weibe und von der
+Ehe wir kennen, gerade im entscheidenden Augenblick zum Besuche bei
+Julien um zwölf Uhr Nachts, und erlebt solchermaßen nicht die Trauer,
+seine Schüler als Rebellen wider die Ordnung zu erblicken. So oft Julie
+Rafael beklagt, antwortet er resignirt mit Aeußerungen, in welchen er
+sie und sich mit Abélard und Héloise vergleicht: »Habe ich je etwas
+Anderes zu begehren geschienen, als dies Leiden mit Dir theilen zu
+dürfen? Macht es uns Beide nicht zu freiwilligen und reinen Opfern? Ist
+dies nicht das ewige Brandopfer der Liebe, das von Héloisens Zeit bis
+auf die unsrige vielleicht niemals den Engeln zur Schau geboten ward?«</p>
+
+<p>Wenn man, nachdem man »Rafael« studirt hat, wieder Lamartine's
+Meditationen an Elvire liest, so hat man einen neuen Schlüssel zum
+Verständnis des Abstrakten und Vaguen dieser poetischen Liebe, die
+platonisch auf Vorschrift des Arztes ist, während sie sich gebahrt, als
+existire die Körperwelt nicht für sie. Nur muß man von den Meditationen
+an Elvire diejenigen abziehen, welche postdatirt, und welche in einem
+ganz anderen Tone, der an das achtzehnte Jahrhundert gemahnt, in
+früheren Stadien von Lamartine's Leben geschrieben sind, wie z. B. die
+Meditation »An Elvire«, die in Wirklichkeit an Graziella gerichtet ist,
+ferner »Sappho« und mehrere andere.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span></p>
+
+<p>Hiemit sei es genug der Beispiele; ziehen wir jetzt das Resultat, und
+sehen, was wir gefunden haben. Wir nahmen ein ganz einzelnes Gefühl,
+aber eins von denen, welche jede Literaturgruppe darzustellen sucht,
+und welche jede in eigenthümlicher Form darstellt, und prüften an
+einer Anzahl verschiedener Punkte kritisch die Schilderung desselben,
+um zu sehen, wie es wiedergegeben sei. Was fanden wir? Wir fanden
+hier, wie auf allen anderen Gebieten, die wir untersucht haben, die
+Naturseite des Lebens geleugnet oder versteckt oder angeschwärzt oder
+als Etwas, dessen man sich schämen müsse, dargestellt. Chateaubriand
+und Frau von Krüdener suchen Fälle auf, in welchen die Liebe als
+verbrecherisch und sündig erscheint, und schildern dann bald das
+Geheul der Geister darüber, daß der Held erliegt, bald den Jubel
+der Throne und Fürstenthümer darüber, daß das Entsetzliche nicht
+geschieht. De Vigny läßt Satan wie Eros, d. h. Eros wie Satan reden.
+Lamartine setzt die Liebe als seraphisch, als befreit vom Verlangen
+der Zeitlichkeit, in seinen Dichtungen auf den Thron, schildert sie
+aber später in »Rafael«, wie sie in Wirklichkeit war, als platonisch
+wider Willen, was jedoch das Verdienst der Liebenden erhöht und den
+Engeln ein Brandopfer gewährt, wie sie es seit den Tagen des armen
+Abélard so süß nicht gerochen. Unter alle Diesem dann ein Unterstrom
+von Heuchelei. Eudorus, der sich so untröstlich über Velleda's
+Leidenschaft gebärdet, fühlt sich heimlich dadurch geschmeichelt, daß
+sie sich ihren weißen Hals um seinetwillen durchschnitten hat. Er
+beweint seinen Sündenfall in Ausdrücken, als fühlte er sich versucht,
+denselben nochmals zu wiederholen. Die Verfasserin der »Valérie«
+bringt die sittliche Reinheit ihrer Heldin zu Markte und deklamirt von
+Keuschheit und Entsagung in allen Journalen, während sie zu der Zeit,
+wo das Buch erscheint, ganz besonders ungeeignet ist, eine Lehrerin der
+Moral abzugeben. Lamartine hat privatim eine andere Erklärung seines
+Verhältnisses zu Elvire, als die, welche das Publikum sich nach der
+ätherischen Schwärmerei der »Meditationen« nothwendig bilden mußte.</p>
+
+<p>Man ging hier, wie überall, darauf aus, übernatürlich zu sein,
+und erreichte bei diesem Bestreben nur, daß man die<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> Natur bald
+verstümmelte, bald wegleugnete.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>[<span class="antiqua">Lamartine</span>: <span class="antiqua">Méditations poétiques.</span> <span class="antiqua">Nouvelles
+méditations poétiques.</span> <span class="antiqua">Graziella.</span> <span class="antiqua">Raphael.</span> <span class="antiqua">Les
+confidences.</span> <span class="antiqua">Confessions.</span> — <span class="antiqua">Mme. de Krüdener</span>:
+<span class="antiqua">Valérie.</span> — <span class="antiqua">Chateaubriand</span>: <span class="antiqua">Les martyrs</span>, besonders
+Buch IX und X. — <span class="antiqua">Nettement</span>: <span class="antiqua">Histoire de la littérature
+française sous la Restauration</span>.]</p>
+</div>
+
+<h3>8.</h3>
+
+<p>Unter den ungünstigsten Auspicien dieser Ideen errang auch der
+Dichter, welcher der größte Frankreichs in diesem Jahrhundert werden
+sollte, sich zuerst einen Namen. Die Macht des Zeitgeistes reißt ihn
+fort von der gewaltsamen, fast an die vorshakspearischen Dichter
+erinnernden Manier seiner frühesten Romane (Bug Jargal, Han d'Islande),
+und er beginnt seine poetische Laufbahn als klerikaler Royalist in
+demselben christlich-monarchischen Geiste, wie Lamartine. Es macht
+einen sonderbaren Eindruck auf das jüngere Geschlecht, das in der
+Begeisterung für Victor Hugo als das literarisch-revolutionäre Haupt
+des Romantismus und als den großen verbannten Republikaner aufgewachsen
+ist, und Strophen aus den »Orientalen« und aus den in rein ästhetischer
+Hinsicht lange nicht nach Gebühr bewunderten »<span class="antiqua">Châtiments</span>« auf
+den Lippen und im Herzen trägt, auch ihn in diesem Lager zu treffen und
+die Losung und das Stichwort desselben in seinen ersten Jugendpoesien
+wiederzufinden. Nicht daß das Wechseln des Standpunktes ihm irgendwie
+zur Schande gereichte, nicht daß es, wie Unverstand und niedrige
+Gesinnung so oft haben insinuiren wollen, unreine oder nur zufällige
+Motive gehabt hätte. Hugo's Leben bezeichnet die historische Bewegung,
+welche die französische Literatur überhaupt in der ersten Hälfte des
+Jahrhunderts unternommen hat.</p>
+
+<p>Er hat sich selbst auf befriedigendste Weise in der letzten Vorrede
+zu seinen »Oden und Balladen« darüber ausgesprochen. Er sagt: »Die
+Geschichte verfällt gern in Ekstase über Michel<span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span> Ney, der, ein
+geborener Böttcher, Marschall von Frankreich, und über Murat, der, ein
+geborener Stalljunge, König ward. Daß ihr Ausgangspunkt so dunkel war,
+wird als ein Anspruch mehr auf Achtung angesehen und erhöht den Glanz
+des Punktes, welchen sie erreicht haben. Von allen Treppen, die vom
+Dunkel zum Licht führen, ist die schwierigste und verdienstvollste zu
+erklimmen, sicherlich die, geborener Aristokrat und Royalist zu sein
+und Demokrat zu werden. Aus einer ärmlichen Hütte zu einem Palaste
+empor zu steigen, ist selten und schön, wenn man will; vom Irrthume
+zur Wahrheit empor zu steigen, ist seltener und schöner. Bei dem
+ersterwähnten Emporsteigen hat man bei jedem Schritte, den man gethan,
+Etwas gewonnen und sein Wohlbefinden, seine Macht, seinen Reichthum
+vermehrt; bei dem anderen Emporsteigen ist das Entgegengesetzte der
+Fall, ... da muß man beständig mit materiellen Opfern sein geistiges
+Wachsthum bezahlen, ... und wenn es wahr ist, daß Murat mit einigem
+Stolz seine Postillonspeitsche neben sein königliches Scepter legen
+und sagen konnte: »Damit hab' ich begonnen«, so darf man gewiß mit
+einem billigeren Stolze und mit größerer innerer Befriedigung auf die
+royalistischen Oden deuten, die man als Knabe und Jüngling geschrieben
+hat, und sie neben die demokratischen Gedichte und Werke legen, die man
+als erwachsener Mann verfaßt hat. Dieser Stolz ist vielleicht besonders
+berechtigt, wenn man, nachdem das Emporsteigen zu Ende war, auf der
+höchsten Stufe der Treppe des Lichts die Verbannung aus dem Vaterlande
+gefunden hat, und wenn man diese Vorrede aus dem Exil datiren kann«.</p>
+
+<p>Studiren wir denn in diesen ersten Oden Victor Hugo's weniger den
+Dichter, als das Zeitalter, in welchem sie entstanden. Sie erstrecken
+sich über die ganze Geschichte Frankreichs von 1789 bis gegen 1825
+und enthalten das ganze System von Gesichtspunkten, welches unter der
+Restauration das officielle war. In denjenigen von ihnen, welche die
+Restauration behandeln, kommen, wie in den entsprechenden Gedichten
+Lamartine's, zwei Worte häufiger als alle andern vor, die Worte:
+<em class="gesperrt">Henker</em> und <em class="gesperrt">Opfer</em>. Man sieht in der Geschichte der
+Revolution nichts Anderes. Für die leitenden<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> Geister der Revolution
+giebt es nur <em class="gesperrt">eine</em> Bezeichnung: <em class="gesperrt">Henker</em>, der Konvent wird
+eine Schöpfung des Teufels genannt (Buch I, Ode 4), und wie wenig
+Hugo sonst auch die heidnische Mythologie liebt, kann er doch nicht
+die »Hydra« der Anarchie entbehren, wenn es gilt, die Schwärze der
+Revolutionszustände zu schildern. Für die Feinde der Revolution dagegen
+ist die Bezeichnung <em class="gesperrt">Opfer</em> die stehende, der Aufstand in der
+Vendée wird in jedem zweiten dieser Gedichte verherrlicht, und seinen
+Helden und Heldinnen sind ganze Oden gewidmet (z. B. <span class="antiqua">La Vendée</span>,
+<span class="antiqua">Quiberon</span>, <span class="antiqua">Mlle. Sombreuil</span>). Das Schafott schwebt
+beständig der Phantasie des Dichters vor und ist der stete Gegenstand
+seiner Verwünschungen, wenn er nicht selbst, wie in der Ode »<span class="antiqua">Le
+Dévouement</span>« (Buch IV, Ode 4), sich hinreißen läßt, in eigner Person
+das Martyrium zu wünschen, »da der Engel des Märtyrers der schönste der
+Engel ist, welche die Seelen zum Himmel geleiten.« In Chateaubriand's
+Spuren geht Hugo dann zu den christlichen Märtyrern des römischen
+Alterthums zurück und schildert in nicht weniger als vier Oden (<span class="antiqua">Le
+repas libre</span>, <span class="antiqua">l'homme heureux</span>, <span class="antiqua">Le chant du Cirque</span>,
+<span class="antiqua">Un chant de fête de Néron</span>) die qualvollen Triumphe der Märtyrer
+über die rohe und wollüstige Grausamkeit, welcher sie äußerlich
+unterliegen, und die Symbolik ist hier dieselbe, wie bei Chateaubriand.
+Es ist der rechtgläubige Adlige und Priester, dessen Tod auf dem
+Schlachtfelde oder der Guillotine bildlich dargestellt wird unter
+der Form der Metzeleien im antiken Cirkus. Zu den schönsten dieser
+Gedichte gehört dasjenige, welches eine kleine Schaar schuldloser
+junger Mädchen besingt, die nach jahrelanger Einkerkerung ohne Gesetz
+und Urtheil während des Schreckensregiments hingerichtet wurden auf
+Grund des höchst oberflächlichen Verdachtes, beim Einrücken der Preußen
+in ihre Stadt Freude bezeigt zu haben (<span class="antiqua">Les vierges de Verdun</span>).
+Hugo sucht das Tribunal des Konvents schwärzer als nöthig zu malen,
+indem er dem Ankläger Fouquier Tinville eine unreine Neigung für seine
+Opfer andichtet und ihn denselben verletzende Anträge machen läßt;
+aber auch ohne unhistorische Zusätze war der Tod dieser jungen Mädchen
+so empörend, ihr Schicksal so tragisch und ihr Benehmen so anmuthig
+und würdevoll, daß sie wohl ein poetisches Denkmal,<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> ja ein noch
+besseres als das verdient hätten, welches Hugo ihnen errichtete<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a>.
+Aber ist das Pathos des Dichters nun auch vollständig berechtigt in
+einem Falle wie diesem, wo die Revolution der Jugend und Unschuld
+gegenüber von ihrer finstern und ungerechten Seite erschien, so wird
+dasselbe widerwärtig und falsch, sobald seine Doktrinen mit ins Spiel
+kommen. Der Ton, in welchem er vom Königthum und der Königsherrlichkeit
+redet, ist wahrhaft unleidlich. In der Ode »Ludwig XVII.« fordert Gott
+die Seraphim, Propheten und Erzengel auf, sich vor dem neugeborenen
+Thronfolger zu verneigen: »<span class="antiqua">Courbez-vous, c'est un Roi!</span>« — ja,
+nicht genug damit, redet Gott selbst ihn bei seinem Titel, nicht bei
+seinem Namen an: »<span class="antiqua">O Roi!</span>« und erinnert ihn daran, daß Gottes
+eingeborener Sohn ein König mit einer Dornenkrone, wie er, gewesen sei.
+In dem Gedichte bei Anlaß der Taufe des Grafen von Chambord heißt es
+noch stärker: »Gott hat uns einen seiner Engel gegeben, <em class="gesperrt">wie er in
+alten Tagen uns seinen Sohn gab</em>,« und es wird daran erinnert, daß
+das Wasser aus dem Jordanflusse, welches Chateaubriand mit heimgebracht
+hat, und mit welchem das Kind getauft wird, dasselbe sei, mit dem
+Christus getauft wurde; der Himmel hat, heißt es, gewollt, »daß die
+beruhigte Welt schon an dem Taufwasser einen <em class="gesperrt">Heiland</em> erkennen
+solle.« In dem Gedichte »Die Vision« wird endlich das achtzehnte
+Jahrhundert vor Gottes Richterstuhl geladen, wird angeklagt, weil es,
+»stolz auf seine Wissenschaften, die Dogmen verlacht hat, welche die
+Gesetze und die guten Sitten bewahren,« und als es eine schüchterne
+Hoffnung ausspricht, daß die Zukunft es in ein milderes Licht stellen
+werde, wird das Verdammungsurtheil über dasselbe gesprochen, und das
+schuldige Jahrhundert wird in den Abgrund geschleudert, noch bei seinem
+Sturze von der unerbittlichen Stimme des Richters verfolgt.</p>
+
+<p>Die Urtheile über Napoleon, welcher Buonaparte genannt wird,
+entsprechen dem Standpunkte, unter welchem die Revolution<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> erblickt
+wird; er ist der Despot, der blutige Soldat, welcher Enghien ermordet
+hat, und aber- und abermals wird mit Anspielung auf das Wappen der
+Bourbons wiederholt, daß »Lilien besser als Lorbeern sind«. Als Freund
+Enghien's und vertriebener Königssohn wird der Sohn Gustav's IV. Adolf
+verherrlicht, der als vertriebener Repräsentant der gefallenen Throne
+während der Restauration in Frankreich lebte (Buch III, Ode 5). Endlich
+werden natürlich die Bourbonen selbst bis zu den Wolken erhoben. Alle
+ihre Familienereignisse (Geburt, Taufe, Tod, Thronbesteigung, Salbung
+eines Bourbons) werden als welterschütternde Begebenheiten behandelt.
+Bei Gelegenheit des verwerflichen Krieges, den Frankreich im Dienste
+der europäischen Reaktion und unter Chateaubriand's Einflusse in
+Spanien führte, wird die Königsmacht nicht allein an und für sich
+als ein Wunder verherrlicht, sondern der König wird ausdrücklich als
+Kriegsherr geschildert, der sich auf die Macht des Schwertes stütze,
+und es heißt, daß die Königsmacht unvermeidlich den Krieg zum Begleiter
+habe:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Il faut comme un soldat, qu'un prince ait une épée</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Il faut des factions quand l'astre impur a lui</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Que nuit et jour, bravant leur attente trompée</span>,</div>
+ <div class="verse indent8"><span class="antiqua">Un glaive veille auprès de lui</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Ou que de son armée il se fasse un cortége</span>,</div>
+ <div class="verse indent8"><span class="antiqua">Que son fier palais se protége</span></div>
+ <div class="verse indent8"><span class="antiqua">D'un camp au front étincelant</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Car de la Royauté la Guerre est la compagne</span></em>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On ne peut te briser, sceptre de Charlemagne</span>,</div>
+ <div class="verse indent8"><span class="antiqua">Sans briser le fer de Roland!</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß all' diese Oden Mottos aus der
+Bibel, aus religiösen Gedichten, vor Allem aber aus Chateaubriand's
+»Märtyrern« haben, welch' letztere Komposition ihre Zeit so stark
+beherrscht, daß die jüngeren Dichter sogar eine Ehre darin setzen,
+ganze Seiten daraus in Verse zu bringen (vgl. z. B. <span class="antiqua">Emile
+Deschamps</span>: <span class="antiqua">Poésies</span>, Ausgabe von 1841, Seite 124, »<span class="antiqua">Une
+page des martyrs</span>«, »<span class="antiqua">Autre</span>« <span class="antiqua">etc.</span>). Und wie Lamartine
+seine Ode »Das Genie« an Bonald richtete, so widmet Hugo Chateaubriand
+eine Ode gleichen Titels, worin es von ihm heißt, daß er »das doppelte
+Martyrium des Genies und der Tugend« erleide. An Lamartine<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> sind
+mehrere Gedichte gerichtet — Hugo schreibt, er wolle auf demselben
+Streitwagen wie Dieser stehen, Lamartine solle die Lanze führen,
+er wolle die Rosse lenken, — und diese Gedichte gehören zu den
+interessantesten, theils weil sie außerordentlich schön sind und von
+Hugo's zugleich ehrerbietigem und brüderlichem Verhältnisse zu dem
+älteren Dichter zeugen, theils weil in ihnen neben den religiösen und
+socialen Erscheinungen <em class="gesperrt">ästhetische</em> Gesichtspunkte hervortreten.
+In all' diesen Gedichten zeigt sich, wie ernsthaft der junge Dichter
+seinen Beruf aufgefaßt hat. Dieser Beruf wird überall als der des
+Propheten bezeichnet. Ein Seher, ein Völkerhirt ist der Dichter, ja,
+von Lamartine heißt es, man sollte glauben, Gott habe sich ihm von
+Angesicht zu Angesicht offenbart. Aber in den Gedichten an Letzteren
+sieht man am schärfsten, wie Hugo die Stellung und das Verhältnis
+der neuen Poesie zu derjenigen des achtzehnten Jahrhunderts auffaßt.
+Diese seine Auffassung hat eine überraschende Analogie mit der Art und
+Weise, in welcher zu Anfang dieses Jahrhunderts Oehlenschläger und
+seine Freunde ihre Stellung Baggesen gegenüber auffaßten. Man lese z.
+B. das Gedicht »Die Lyra und die Harfe« (Buch IV, Ode 2). Die Lyra
+bezeichnet die leichtsinnige und leichtfertige Poesie der vergangenen
+Epoche, welche zum Lebensgenuß auffordert, Jupiter, Mars, Apollo und
+Eros besingt und einen geistigen Epikuräismus lehrt; in den Tönen der
+Harfe dagegen klingt die Ermahnung, zu wachen und zu beten, an den
+Ernst des Lebens und an den Tod zu denken, seinen wankenden Bruder
+zu unterstützen und ihm zu helfen. Das Gedicht ist »<span class="antiqua">M. Alph. de
+L.</span>« gewidmet; schon das Wort Harfe mußte den Gedanken auf Lamartine
+hinlenken. Man sieht hier in künstlerischen Formen und mit größerer
+Bildung dieselbe geistige Bewegung, welche sich bei uns in Grundtvig's
+frühesten Gedichten offenbart.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Aber diese Opposition wider die Vergangenheit führt uns zu einem
+Punkte, bei dem wir etwas verweilen müssen, nämlich zu der Stellung
+der neuen Schule zum Autoritätsprincip in der <em class="gesperrt">Literatur</em>, die ja
+gerade Respekt für die Vergangenheit, für ihre Männer und ihre Formen
+forderte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span></p>
+
+<p>Ich habe an früherer Stelle (Band I, S. 19.) bemerkt, daß die große
+politische und sociale Revolution der Franzosen sich nicht auf die
+schriftstellerische <em class="gesperrt">Form</em> erstreckt habe. Was die Formen der
+Literatur betrifft, so war dort keine Nothwendigkeit vorhanden, das
+Autoritätsprincip wieder aufzurichten; denn es war dort niemals
+gestürzt worden. In keiner Beziehung sind die Franzosen weniger
+revolutionär, als auf dem literarischen Gebiete. Die französische
+Akademie ist die einzige Institution im Lande, welche sich von
+Richelieu's bis auf unsere Tage erhalten hat, und sie hat sich mit
+demselben Namen und demselben Zweck, ja mit derselben Mitgliederzahl
+erhalten. In der Literatur hieß das Autoritätsprincip die Klassicität,
+und weit entfernt davon, durch die Revolution geschwächt zu werden,
+hatte die Klassicität vielmehr neue Stärke während derselben gewonnen.
+Die Revolution ist eine klassisch-französische Tragödie. Wie alle
+andern französischen Trauerspiele, drapirt sie ihre Helden nach
+griechischer und römischer Art; Dieselben ahmen in Stil und Sprache die
+Republikaner der römischen Vorzeit nach, und es sind, charakteristisch
+genug, die literarisch entwickeltsten und gebildetsten Helden der
+Revolution, die Girondisten, welche das antike »Du« und die antike
+Benennung »Bürger« wieder aufnehmen. Der Jakobiner stammt in direkter
+Linie von Corneille und Racine ab: derselbe Toga-Stil, derselbe
+oratorische Schwung, dieselbe Vorliebe für das Lakonische und Erhabene.
+Der Jakobiner ist, wie er irgendwo, ich glaube, in einem französischen
+Zeitungsartikel, scherzweise genannt worden ist, »ein klassisches
+Thier«. Mit derselben Leidenschaft, mit welcher Cromwell's Soldaten
+sich in alte Hebräer verwandelten, ihre Namen annahmen und ihre Psalmen
+sangen, schufen die Franzosen der Revolutionszeit sich in antike Römer
+um, und wenn der Jakobiner David, Robespierre's intimer Freund, seinen
+Platz in der gesetzgebenden Versammlung verließ, um auf der Leinwand
+die Horatier oder Brutus darzustellen, welche 1791 ausgestellt wurden,
+so konnte er ohne Weiteres seine Umgebungen als Modell benutzen; er
+brauchte als Maler keinen Schritt aus seiner Zeit herauszugehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span></p>
+
+<p>Ganz wie die klassische französische Tragödie, als sie entstand,
+es verschmähte, auf dem eigenen historischen Grunde des Landes zu
+bauen, und durch einen Bruch mit der ganzen historischen Tradition
+Frankreichs ihre Scene nach dem fernen Rom in dem fernen, abstrakt
+aufgefaßten Alterthume verlegte, so hatte die Revolution ohne Rücksicht
+auf die gegebenen historischen Voraussetzungen, auf Frankreich, wie
+es war und vorlag, das ferne, abstrakt aufgefaßte Alterthum und
+dessen unter so ganz andern Verhältnissen entstandene Republiken
+zum unmittelbaren Muster genommen. Die neuen Gracchen und Horatier
+kopirten die alten. Madame Roland's Briefe an Buzot haben, wie oft
+bemerkt worden ist, eine römische Hoheit in ihrem Stile. Die Damen
+des Direktoriums nahmen, selbst in ihrer Tracht, bald Cornelia, bald
+Aspasia zum Muster. In Napoleon's ersten Briefen an Josephine fühlt
+man die sprachliche Einwirkung römischer Vorbilder, und selbst als
+er keines Vorbildes mehr bedarf, ist seine Ausdrucksweise klassisch,
+wie sein Profil. Auch sein Geschmack war klassisch: man kennt seine
+Vorliebe für »die Regeln« und für Corneille. Selbst die Schriftsteller,
+welche unter seiner Regierung, wie Raynouard, einen Anlauf zu einer
+Art von Opposition nehmen, halten sich streng an die klassische Spur.
+Wer Werner's »Söhne des Thales« mit seinen »<span class="antiqua">Les templiers</span>«
+vergleicht, wird erstaunen, wie verschiedenartig ein und derselbe Stoff
+aufgefaßt werden kann. Eben so mystisch und unverständlich, ebenso
+überspannt und phantastisch, wie der deutsche Dichter in der Behandlung
+seines Gegenstandes ist, ebenso ordentlich und regelrecht ist der
+französische mit seinen reglementirten Alexandrinern, seinem König und
+seiner Königin, seinen fünf Akten und seinen drei Einheiten. Das Stück
+ist eine Art von Proceß zwischen Staat und Kirche; der König plaidirt
+ganz regelrecht seine Sache, die Tempelherren dann ganz regelrecht die
+ihrige, worauf sie ganz regelrecht verbrannt werden — regelrecht, denn
+wir sehen selbstverständlich so Wenig, wie möglich, davon und von Dem,
+was ihm vorausgeht, und hören es nur in einem der langen Schlußberichte
+mittheilen, welche schon bei Euripides die Katastrophe enthalten. Und
+die Versform ist hier noch dieselbe, welche von jenem<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Unheilstifter
+Boileau dekretirt wurde. Der Sinn des Satzes, welcher durch die Cäsur
+in zwei Hälften getheilt wird, endigt mit dem Verse, und die Verse
+gleichen einander, wie eine Dreierbretzel einer andern Dreierbretzel
+gleicht. Sie haben weder Harmonie, noch Fluß, noch Rhythmus, noch
+Reim; denn »<span class="antiqua">l'armes</span>« und »<span class="antiqua">armes</span>«, »<span class="antiqua">époux</span>« und
+»<span class="antiqua">coups</span>«, »<span class="antiqua">souffrir</span>« und »<span class="antiqua">mourir</span>« sind keine
+Reime. Die Verse sind wirbellose Weichthiere, und haben auch das mit
+den Weichthieren gemein, daß sie, wenn man sie mittendurch schneidet,
+dadurch kaum minder lebendig erscheinen.</p>
+
+<p>Einige der hervorragendsten Prosa-Schriftsteller haben denn auch in
+ihrer Form eine vollständige Aehnlichkeit mit ihren verhaßtesten
+Gegnern. Bonald's kalte, demonstrirende Sprachform, seine Sucht,
+Alles auf Formeln zurückführen zu wollen, seine Prätensionen einer
+mathematisch sichern Beweisführung kennzeichnen ihn deutlich genug als
+ein Kind desselben achtzehnten Jahrhunderts, das Condillac erzogen
+hat, und als Produkt desselben Zeitgeistes, den er bekämpfen wollte.
+Der Unterschied ist nur, daß Condillac eben so klar und logisch,
+wie Bonald willkürlich und inkonsequent ist. Aber sowohl diese
+Prosa, wie jene Poesie hat einen gemeinsamen Charakterzug, welcher
+die ganze Form beherrscht, nämlich das <em class="gesperrt">Raisonnement</em>. Gegen
+diesen Herrscher macht die Literatur zum ersten Male Revolution durch
+Frau von Staël's Stimmungsstil und Chateaubriand's farbige Prosa.
+Stimmung und Farbe, Das waren die zwei großen Verbannten, welche
+lange fern gewesen waren und erst jetzt zurückkehrten. Und seltsam
+genug gelangt Chateaubriand nicht nur durch sein Talent, sondern
+selbst durch sein System dazu, sich wider das Autoritätsprincip in
+der Literatur zu empören, das Princip, welches er eben durch die
+Literatur zur Geltung bringen wollte. Denn seit der Zeit Ludwig's XIV.
+hatte die Poesie ihre Inspirationen im heidnischen Alterthum und der
+heidnischen Mythologie gesucht, und dies Heidenthum war hier klassisch
+geworden. Jetzt dagegen forderte er die Dichter auf, ihre eigenen und
+die Augen und Ohren ihrer Landsleute für die ganz entgegengesetzte
+Poesie des Christenthumes zu öffnen, und kam solchermaßen <em class="gesperrt">von
+wegen der religiösen Ueberlieferung<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> in Streit mit der literarischen
+Tradition</em>. Er ist zu gleicher Zeit neu durch seine literarischen
+Principien und veraltet durch seine socialen und politischen Ideen,
+eine Gestalt mit einem Doppelantlitz, bei der alle modernen Stimmungen
+in poetischem Ausdruck hervorbrechen unter einer unbeweglichen Maske
+des Respekts vor allen officiellen Autoritäten der Vergangenheit.
+Besonders durch seine Form ist er ein Romantiker vor der Romantik. Als
+daher zuerst Lamartine, dann Hugo nach seinem Beispiele die heidnische
+Mythologie verlassen und ihren Stoff aus der christlichen entnehmen,
+steht die Mitwelt ihnen eine Zeitlang zweifelnd gegenüber, ungewiß,
+ob sie in diesen Bestrebungen, die Heiligkeit der Religion auf neuen
+Wegen geltend zu machen, einen konservativen oder einen jeder Regel
+trotzenden Geist erblicken soll, bis endlich nach und nach der Keim zu
+einer Umstürzung des Autoritätsprincips, welcher in dem literarischen
+Ausgangspunkte lag, sich so kräftig entfaltet, daß die neue Schule ganz
+ihre Physiognomie verändert.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es ist interessant, die Entwicklungsstadien in Victor Hugo's
+verschiedenen Vorreden zu seinen Oden zu verfolgen. In der ersten (von
+1822) erklärt der junge Dichter in wenigen Zeilen, daß wahre Poesie nur
+von den monarchischen Ideen und dem religiösen Glauben aus beurtheilt
+werden kann. Erst das neue Jahrhundert, meint er, hat der Welt die
+Wahrheit offenbart, daß die Poesie <em class="gesperrt">nicht auf der Form der Ideen,
+sondern auf den Ideen selber</em> beruhe. In der zweiten Ausgabe (vom
+selben Jahre) entwickelt er dann weiter, daß es gelte, die verblichenen
+und falschen Farben der heidnischen Mythologie durch die neuen und
+wahren Farben der christlichen Theogonie zu ersetzen. Es gilt, die Ode
+die strenge, tröstende und religiöse Sprache reden zu lassen, deren
+eine alte Gesellschaft, welche taumelnd »die Orgien des Atheismus und
+der Anarchie« verläßt, so dringend bedarf.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Was er aber besonders wünscht, ist, daß man ihm nicht die Prätension
+zutraue, »<em class="gesperrt">eine Bahn brechen oder eine Kunstform schaffen zu
+wollen</em>.« In der Vorrede von 1824 wird dieselbe Versicherung in
+höchst bezeichnenden Ausdrücken<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> wiederholt, aber man fühlt, daß der
+junge Dichter einer Kritik gegenübersteht, welche mißtrauisch seinen
+Weg verfolgt, und daß das Stichwort »romantisch« als gleichbedeutend
+mit Uebertreter der Regeln der Klassicität schon ihm zum Vorwurfe
+gemacht worden ist. Er bemüht sich eifrig, seine literarische
+Orthodoxie darzuthun: Was man bedürfe, sei nicht Neuheit, sondern
+Wahrheit. Dies Bedürfnis will er befriedigen. Der Geschmack, »welcher
+Nichts anders ist, als die <em class="gesperrt">Autorität</em> in der Literatur«, zeigt
+ihm jedoch gerade, daß Werke, welche wahr in Betreff des Inhalts sind,
+auch wahr sein müssen in Betreff der Form. Hiebei gelangt er zu dem
+Begehren von »Lokalfarben«, welchem die klassischen Schriftsteller nur
+unzureichend genügt haben.<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a> Uebrigens müsse man selbstverständlich
+die Regeln, welche Boileau der Sprache auferlegt habe,
+»<em class="gesperrt">religiös</em>« befolgen. — Vom Dichter lehrt er, daß er den Völkern
+wie eine Lichtsäule voranschreiten und sie zu den großen Principien der
+<em class="gesperrt">Ordnung</em>, Moral und Ehre <em class="gesperrt">zurück</em> führen müsse. Der Mangel
+im Jahrhundert Ludwig's des »Großen« sei der, daß die Schriftsteller
+damals nicht das Christenthum statt der heidnischen Götter anriefen.
+Hätten sie es gethan, so würde, meint er naiv, »der Triumph der
+sophistischen Schriften« im achtzehnten Jahrhundert weit schwieriger
+gewesen sein. Was würde aus der Philosophie geworden sein, wenn Gottes
+Sache vom Genie, statt, wie jetzt, nur von der Tugend vertheidigt
+worden wäre! Er verwahrt sich aus allen Kräften gegen die Bezeichnung
+»romantisch«. Er bekennt, daß er für sein Theil »völlig unwissend
+darüber sei, was man unter klassischer und romantischer Kunstform
+verstehe,« und im Gegensatz zu all' dem Geschwätze, das zu jener Zeit
+darüber vorgebracht wurde, erklärt er die ganze Eintheilung für leer
+und bedeutungslos mit den gesunden Worten: »Es ist anerkannt, daß jede
+Literatur ein stärkeres oder schwächeres Gepräge von dem Klima, den
+Sitten und der Geschichte des Volkes empfängt, dessen Ausdruck sie
+ist. David, Homer, Virgil, Tasso, Milton und Corneille, diese<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Männer,
+von welchem jeder eine Poesie und ein Volk repräsentirt, haben Nichts
+anders mit einander gemein, als das Genie«, lassen sich folglich nicht
+in klassische und romantische Geister eintheilen. Er widerspricht der
+Aeußerung, daß die literarische Revolution (augenscheinlich diejenige
+Chateaubriand's) ein Resultat der politischen Revolution sei. »Die
+gegenwärtige Literatur kann zum Theil das Resultat der Revolution sein,
+ohne deshalb ihr Ausdruck zu sein. Die Gesellschaft der Revolutionszeit
+hat ihre Literatur gehabt, <em class="gesperrt">so unschön und thöricht sie ist</em>.
+Jene Literatur und jene Gesellschaft sind mit einander gestorben und
+werden nicht wieder aufleben. Die <em class="gesperrt">Ordnung</em> wird von allen Seiten
+her in den Institutionen wiedergeboren, sie wird gleichfalls in der
+Literatur wiedergeboren ... Wie die Revolution von schriftstellerischen
+Erzeugnissen ausging, so ist die gegenwärtige Literatur <em class="gesperrt">der
+antecipirte Ausdruck für die religiöse und monarchische
+Gesellschaft</em>, die ohne Zweifel aus jenen Ruinen erstehen wird.«
+Hugo täuschte sich: jene Literatur war eben der genaueste Ausdruck des
+Geisteslebens ihrer Zeit, und die literarischen Reformversuche, welche
+so große Bekümmernis erweckten, waren in Wirklichkeit die Vorläufer
+einer literarischen Umwälzung. Denn sie vernichteten den Glauben an die
+Autorität als Autorität, d. h. an Boileau. Von dem Augenblick an, wo
+man einmal entdeckt hatte, daß es selbst in dieser Sonne Flecken gebe,
+konnte der Zweifel nicht mehr auf die wenigen Punkte eingeschränkt
+werden, auf denen er sich zuerst bescheiden und vorsichtig hervorgewagt
+hatte. Die literarische Tradition war ein Princip; man mußte dasselbe
+annehmen oder verwerfen. In der vorletzten Vorrede Hugo's zu den Oden
+(aus dem Jahre 1826) fühlt man, wie seine Reflexion, die sich beständig
+um den Lieblingsbegriff jener Zeit, »die Ordnung«, dreht, auf dem
+Sprunge steht, ihn von den literarischen Ufern hinweg und aufs offene
+Meer hinaus zu treiben. Er hat jetzt entdeckt, daß die Ordnung doch
+etwas Anderes ist, als diejenige Regelmäßigkeit, welche durch Zucht und
+Zwang erzielt wird. In einem Vergleich, der für einen Jüngling nahe
+liegt, welcher, wie er, in der Nähe von Versailles erzogen worden ist,
+und dessen Kindheitslektüre die<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> Schilderungen Chateaubriand's von
+den reichen Landschaften Nordamerikas gewesen sind, denkt er sich den
+Garten von Versailles mit seinen zu regelmäßigen Figuren geschorenen
+Bäumen neben einem Urwalde in der neuen Welt und ruft aus: »Wir wollen
+nicht fragen: wo ist hier die Pracht, wo die Größe oder die Schönheit?
+sondern einfach: wo ist die <em class="gesperrt">Ordnung</em> und wo die Unordnung?« Er
+sieht jetzt ein, daß die Regelmäßigkeit nur die äußere Form betrifft,
+daß aber die Ordnung aus dem Grunde der Dinge selbst hervorgeht und
+eine Folge der intelligenten Vertheilung ihrer Elemente ist. »Man ist,«
+sagt er, »nicht klassisch, weil man sklavisch den Spuren folgt, welche
+Andere dem Wege aufgedrückt haben.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Schritt für Schritt sind wir ihm solchermaßen auf dem Wege gefolgt, der
+ihn zum Bruche mit dem literarischen Autoritätsprincip führt. Noch ein
+Jahr, und er schüttelt das Joch ab, weiht die romantische Schule in
+Frankreich ein, und erklärt in ihrem ersten Manifest, der Vorrede zu
+»Cromwell«, daß es ein <span class="antiqua">ancien régime</span> in der Literatur so gut wie
+in der Politik gebe, und daß das alte Regiment dem jungen Geschlechte
+wie ein Alp auf der Brust liege. »Die Schleppe des achtzehnten
+Jahrhunderts erstreckt sich noch in dies Jahrhundert hinein; aber
+sollten wir junge Männer, die wir Bonaparte gesehen haben, uns nicht
+für zu gut halten, diese Schleppe zu tragen?« und er spricht von jener
+geschminkten, gepuderten, mit Schönheitspflästerchen bedeckten Poesie,
+von jener Literatur mit Fischbeinkorsetts und Falbeln. Jetzt richtet
+er seine ersten Keulenschläge wider Boileau. In den Oden hatte er noch
+die alte sprachliche Etikette beobachtet (er bezeichnet z. B. den
+Konvent mit dem Worte »Senat«) und nur einzelne schüchterne Versuche
+einer metrischen Erneuerung der alten Formen gewagt, deren Absicht
+es war, den Odenstil minder steif und schwerfällig zu machen. Jetzt
+geht er rücksichtsloser zu Werke, als nöthig war. Wer weiß nicht,
+was jene Etikette zu bedeuten hatte! Man besaß eine kleine Sammlung
+edler Ausdrücke, auserlesener Worte, eine Art von Elite der Sprache,
+welche allein Zutritt zur Poesie hatte. Man sagte nicht Degen, sondern
+Schwert, nicht Soldat, sondern Krieger, und man sprach<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> nicht von
+Flinten und Messern, ungefähr wie man in unserer dänischen Poesie
+kaum mehr als Rosen und Lilien, Veilchen und Waldmeister und, wenn es
+hoch kommt, noch ein Dutzend Blumen als Repräsentanten der unzähligen
+Pflanzenarten anerkennt. Die Folge davon war, daß der Wortvorrath
+äußerst beschränkt blieb, daß es nur einige Hundert edler Reimpaare
+gab, und daß dieselben Wendungen, welche stets wiederholt werden
+mußten, dieselben Ideen und Gefühle mit sich brachten. Die poetische
+Rhetorik war etwa das Seitenstück zu Dem, was die geistliche Rhetorik
+in unserer Zeit ist. Erhaben nannte man die feierliche Tirade, welche,
+so weit möglich, von den Dingen sprach, ohne sie jemals bei ihrem
+rechten Namen zu nennen, und wieder nur von den Dingen, die so wenig,
+wie möglich, den Menschen an seine irdische Natur, an die leibliche
+und körperliche Seite seines Wesens erinnerten. Komisch war in Folge
+dessen jede direkte und unzweideutige Bezeichnung der Dinge, wenn sie
+in einer Kunstform vorkam, die das Privilegium des hohen Stils zu haben
+glaubte. Deshalb erregte der gleichzeitig mit dem ersten Auftreten der
+Romantik unternommene Versuch, Shakspeare in Frankreich einzuführen,
+so großes Entsetzen. Es ist bekannt, daß »Othello«, als das Stück
+in Alfred de Vigny's Uebersetzung im Odeontheater, also vor einem
+Studentenpublikum, dem liberalsten und am wenigsten prüden in Paris,
+aufgeführt wurde, durchfiel, weil das Wort »Schnupftuch« genannt wurde.
+Bei der Aufführung von Lebrun's »Cid« rief das Wort »<span class="antiqua">chambre</span>«
+(Schlafzimmer) ein Mißfallsgemurmel hervor, und Mlle. Mars weigerte
+sich noch viel später, die Rolle der Donna Sol in »Hernani« zu
+übernehmen, wenn nicht einzelne derartige Wörter gestrichen würden. Es
+war also nicht zu verwundern, daß Hugo in einer Zeit, wo die Autorität
+von allen Seiten gestützt und aufrecht erhalten wurde, damit begann,
+sich nach all' diesen Regeln zu richten, ja an dieselben als wirkliche
+Gesetze für die Poesie und die Sprache zu glauben. Dann begann er
+ein wenig an ihnen zu rütteln, sie ein wenig zu umgehen, sie ein
+klein wenig, jedoch mit tiefstem Respekte, zu bezweifeln oder anders
+auszulegen, bis es ihm nicht mehr möglich war, sie zu beobachten, und
+er sie über Bord warf. Mit treffenden Worten<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> hat er in einem seiner
+Gedichte<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a>, das sich hier leider nur höchst unvollkommen in Prosa
+wiedergeben läßt, die Revolution charakterisirt, welche er schließlich
+unternahm:</p>
+
+<p>»Ja ich bin der fürchterliche Demagog, der barbarische Verwüster des
+alten ABC, von welchem Du so viel Schlimmes gehört hast. Als ich
+blasses, von Lektüre überreiztes Kind aus der Schule kam und zum ersten
+Mal meine Augen öffnete, um die Natur und die Kunst zu betrachten, war
+die Sprache ein Bild der Monarchie. Die Sprache war der Staat vor 1789.
+Da gab es Adel und gemeines Volk. Ein Wort war Herzog und Pair von
+Frankreich, ein anderes war ein armer Schlucker. Sie schieden sich von
+einander, wie die Fußgänger und die Reiter, welche in zwei getrennten
+Reihen den Pont-Neuf passiren. Die Worte waren in Kasten eingetheilt.
+Einige, die feinen, verkehrten mit Phädra, Jokaste, Merope,
+beobachteten das Dekorum und hatten Erlaubnis, in den Karossen des
+Königs nach Versailles zu fahren; andre, der Bettlerschwarm, der Pöbel,
+das gemeine Volk, waren heimisch in den Dialekten, ja lebten auf den
+Galeeren in der Diebssprache, und trugen weder Perücke noch Strümpfe.
+— Da erschien ich Räuber und rief: Weshalb sollen die da immer voran
+und diese anderen immer hinterdrein gehen? Und mit der vollen Kraft
+meiner Lungen blies ich auf die alte ehrwürdige Akademie, welche all'
+die ängstlichen Gleichnisse unter ihren Talaren verbarg und blies
+auf die Alexandriner-Bataillone, die in Karrés aufgestellt standen,
+daß Wort und Vers durcheinander wirbelten. Ich stülpte dem alten
+Lexikon eine rothe Mütze auf und rief: Kein Wort ist mehr Senator,
+kein Wort ist mehr bürgerlich. Ich rief einen Sturm auf dem Grunde des
+Dintenfasses hervor und vermischte die schwarzen Schaaren der Worte mit
+den weißen Schwärmen der Ideen, und sprach: Es giebt kein Wort, auf
+welchem die Idee in ihrem reinen Fluge, noch frisch und feucht vom Azur
+des Himmels, nicht verweilen und rasten kann«.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span></p>
+
+<p>Aber noch ist Hugo, selbst wenn er zweifelt, nicht so weit. Er nennt
+noch selbst seine Poesie »Kavalier-Poesie« und stempelt mit diesem,
+an die englische Restauration erinnernden Worte sich selbst zum
+privilegirten Dichter der Restauration. Aber er scheitert an der
+Unmöglichkeit, die religiöse und die literarische Tradition dahin
+zu bringen, daß sie einander decken. In den Balladen fühlt man dies
+besonders. Hugo zieht die alten Erinnerungen aus dem Mittelalter und
+der Lehnszeit hervor. Was kann loyaler sein! Aber die Literatur aus
+der Zeit Ludwig's XIV. hatte vollständig mit dem Mittelalter und ihren
+Erinnerungen gebrochen. Was kann also weniger klassisch sein! Eine der
+Balladen schildert einen Hexentanz (<span class="antiqua">La ronde du sabbat</span>), eine
+andere spricht von Sylphen und Feen, der ganze farbenreiche Aberglaube
+der alten Legenden lebt wieder auf, man ist nicht weit von der Romantik
+entfernt. Endlich ist der Ton in diesen Gedichten nicht klassisch, es
+ist hier, wie in Deutschland und Dänemark, der Ton der Volkslieder,
+welcher den vornehmen und gelehrten Buchstil ablöst. Diese Poesie
+hat außerdem ein neues <em class="gesperrt">nationales Element</em> (<span class="antiqua">Le géant</span>,
+<span class="antiqua">Le pas d'armes du roi Jean</span>), sie wendet sich von der Antike
+zu dem alten <em class="gesperrt">Frankreich</em>. Auch in Betreff des Nationalen war
+Chateaubriand vorangegangen, seine Schilderungen der alten Gallier in
+den »Märtyrern« waren die ersten Versuche dieser Art und beeinflußten,
+nach Augustin Thierry's eigenem Geständnisse, sogar noch den späteren
+Verfasser des »Zeitalters der Merowinger«; aber selbst dies Element des
+Heimatlichen war neu und fremd in der französischen Dichtung und mußte
+sich aufrührerisch gegen die Tradition verhalten. Bald wurden mit dem
+altfranzösischen Inhalte alle altfranzösischen Versformen erneuert.
+Hier hatte abermals Chateaubriand den Anfang gemacht mit dem entzückend
+lieblichen Liede:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Combien j'ai douce souvenance</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Du joli lieu de ma naissance!</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>welches auch an dem Grabe, das er sich in dem Granitfelsen bei St. Malo
+mit dem Blick aufs Meer hatte aushöhlen lassen, gesungen ward, als man
+seine Hülle dort bestattete. Und plötzlich klingen die Töne aus der
+Zeit Ronsard's und<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> der Plejade wieder bei De Vigny, bei den Brüdern
+Deschamps, bei Sainte-Beuve und bei Hugo. Im Mai 1828 hat De Vigny
+in seinem Gedichte »<span class="antiqua">Madame de Soubise</span>« Strophen wie folgende
+geschrieben:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">La voyez-vous croìtre</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">La tour du vieux cloìtre?</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et le grand mur noir</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Du royal manoir?</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Entrons dans le Louvre</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Vous tremblez, je crois</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Au son du beffroi?</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">La fenêtre s'ouvre</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Saluez le roi!</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Im Juni desselben Jahres überbietet ihn Hugo mit den meisterhaften
+Versen im »Turnier des Königs Johann«:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Cette ville</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Aux longs cris</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Qui profile</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Son front gris</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Des toits frêles</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Cent tourelles</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Clochers grêles</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">C'est Paris!</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Welche Kunstform! welche malerische Klarheit! welche Kürze und Kraft!
+Die Alexandriner verschwinden fern am Horizonte; noch ein Schritt, und
+die Farbenpracht der »Orientalen« entfaltet sich vor unserm Auge.</p>
+
+<p>Von dem Augenblick an, wo die religiöse und monarchische Tradition
+wieder der Literatur eingepfropft wurde, schien das Autoritätsprincip
+eine große und wesentliche Unterstützung erlangt zu haben. Aber bald
+zeigte es sich, daß die christliche Tradition nicht in Gemeinschaft
+mit der literarischen gedeihen konnte. Sie entwickelte sich innerhalb
+derselben und unter ihren Flügeln, gleichsam in ihrem Schooße; aber
+bald enthüllt sie sich als ein oppositionelles Princip, und das
+Autoritätsprincip in der literarischen Form wird durch die Macht der
+Konsequenz von dem neuen Geiste, welcher nur das reelle, d. h. das
+religiös-politische Autoritätsprincip geltend<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> machen zu wollen schien,
+bei Seite gedrängt, ja in die Luft gesprengt.</p>
+
+<p>Es bleibt uns nun noch übrig, zu sehen, wie die Autorität als
+reelles Princip das Schicksal des formellen und literarischen
+Autoritätsprincips theilen mußte.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>[<span class="antiqua">Victor Hugo: Odes et Ballades. Cromwell. — Alfred de Vigny:
+Poésies complètes. — Emile Deschamps: Poésies. — Antoni Deschamps:
+Poésies. — Raynouard: Les templiers.</span>]</p>
+</div>
+
+<h3>9.</h3>
+
+
+<p>An einem finstern und nebligen Tage vor ungefähr zwanzig Jahren folgte
+in Paris eine kleine Schaar von Freunden einem der berühmtesten Männer
+Frankreichs zum Grabe. Zwischen zwei Reihen Soldaten, die zugegen
+waren, nicht um dem Todten das Ehrengeleite zu geben, sondern um
+Ordnung zu halten, bewegte sich der Zug nach dem Armenkirchhofe, zu der
+gemeinschaftlichen Gruft. Der Verstorbene hatte es so gewollt. Als man
+die Erde auf den Sarg geworfen hatte, frug der Todtengräber: »Ist kein
+Kreuz da?« — »Nein«, lautete die Antwort.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Kein Erinnerungszeichen verkündet also, wo der Todte gebettet liegt,
+obschon sein Name über ganz Europa bekannt war, und kein Kreuz
+bezeichnet die Gruft, obschon der Todte Abbé und Priester, ja lange
+Zeit hindurch der erste Vorkämpfer der Kirche gewesen war. Es war
+Lamennais, der nach seinem eigenen Wunsche so zur Erde bestattet war.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Félicité de la Mennais (erst später demokratisirte er seinen Namen)
+war, wie Chateaubriand, Bretagner und besaß von Geburt an die
+Hartnäckigkeit seiner Race in Wesen und Charakter. Die Männer aus
+dieser Provinz bilden gleichsam die Vendée der Literatur, indem sie
+mit dem Worte den Kampf fortsetzen, den ihre Väter mit Waffengewalt
+geführt hatten. Er war als Jüngling schmächtig, hager und fieberhaft
+lebendig;<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> er verlor früh seine Mutter, und wurde dadurch noch härter
+und entschiedener. Sein religiöser Beruf war lange zweifelhaft;
+als Jüngling ergötzte er sich zumeist an Musik und Mathematik, an
+Flötenspiel und Waffenübungen, ja, er hatte ein ernstliches Duell,
+das sich später als ein Hindernis auf der von ihm beschrittenen Bahn
+erwies. Er hatte Liebesabenteuer und schrieb Verse<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a>. Er war so wenig
+geneigt, sich der religiösen Dogmenlehre zu unterwerfen, daß er erst
+in seinem zweiundzwanzigsten Jahre, als seine religiöse Ueberzeugung
+gereift war, zum ersten Male zur Kommunion ging. Er beginnt jetzt sich
+mit theologischen Studien zu beschäftigen, und 1808, sechsundzwanzig
+Jahre alt, empfängt er die Tonsur. Aber als er zum Priester geweiht
+werden soll, erfaßt ihn ein solches Grausen vor dem Gelübde, das
+er abzulegen im Begriffe steht, daß er den entscheidenden Schritt
+aufschiebt, und in seiner Melancholie und seinen Zweifeln ihn immer
+und immer wieder so lange aufschiebt, daß er erst mit fünfunddreißig
+Jahren die Ordination empfängt. Seine Briefe schildern den zerrissenen
+Zustand seiner Seele in der ganzen Zwischenzeit; dies stolze Herz wand
+und krümmte sich bei dem Gedanken, die Herrschaft über sich fremden
+Händen zu überliefern. Und wurde es besser, als Alles entschieden und
+das Gelübde endlich unwiderruflich abgelegt war? Nein, weit gefehlt!
+Der erste Brief, den er seinem Bruder sendet, gleich nachdem es fremder
+Ueberredung gelungen war, ihm die Einwilligung zu jener Priesterweihe,
+vor der er sich so sehr scheute, abzulocken, schildert mit schwarzen
+Farben seinen Gemüthszustand:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span></p>
+
+<p>»Ich glaube, obschon man mir Schweigen auferlegt hat, Dir ein für alle
+Mal eine Erklärung geben zu dürfen und zu sollen. Ich bin äußerst
+unglücklich und kann von jetzt an nur noch äußerst unglücklich
+sein. Man mag darüber raisonniren, so viel man will, man mag sich
+winden und drehen, so viel man Lust hat, um mir zu beweisen,
+daß das Entgegengesetzte der Fall sei, so ist es doch ziemlich
+unwahrscheinlich, daß es gelingen wird, mich zu überzeugen, daß
+eine Thatsache, die ich empfinde, nicht vorhanden sei. Aller Trost,
+den ich empfangen kann, besteht daher in dem wohlfeilen Rathe, aus
+der Noth eine Tugend zu machen ... Ich begehre nur Vergessenheit in
+jeder Bedeutung dieses Wortes, und gebe Gott, ich könnte mich selbst
+vergessen!«</p>
+
+<p>Unter so schmerzlichen Geburtswehen wurde bei Lamennais der Glaube
+an seinen religiösen Beruf geboren. Er besiegte seine Verzweiflung;
+er, der immer etwas <em class="gesperrt">Ganzes</em> sein mußte, wenn Dies auch noch so
+verschieden von seinem früheren Standpunkte war, wurde ganz und mit
+ganzer Seele Priester. Er fühlte sich so sehr als Solcher, daß sein
+erster Zornausruf, als Rom ihn 1832 im Stiche ließ, dieser war: »Ich
+werde sie lehren, was es heißt, einen Priester herauszufordern!«
+Er hatte eine starke Seele und einen beschränkten Geist, er war
+ein geborener Parteimann, dazu geschaffen, heftig und blind Partei
+zu ergreifen, mit leidenschaftlicher Liebe und beredtem Hasse zu
+verfechten, was er im Augenblick für die absolute Wahrheit hielt.
+Als er daher der herrschenden Idee des Zeitalters begegnet, wird
+er ein Streiter für dieselbe wie kein Anderer, der eifrigste, der
+konsequenteste, der aufrichtigste und unerschrockenste Vorkämpfer
+des absoluten Autoritätsprincips und der absoluten Unterwerfung,
+welche dasselbe verlangt. Er, der selbst unter einer so schmerzlichen
+Gemüthsaufregung seine Vernunft und Selbstbestimmung in die Hände
+der Kirche gelegt hatte, er, der einzige wirkliche Geistliche der
+neukatholischen Schule, scheint gleichsam den anderen Menschen keine
+besseren Lebensverhältnisse gönnen zu wollen, als er selber gekannt
+hat. Wenn er in einer Sprache, die den Sturm in sich birgt, das
+Evangelium der Autorität und des Gehorsams verkündet, fühlt man bei ihm
+noch mehr, als bei irgend einem<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Andern, die persönliche Leidenschaft
+sich in der allgemeinen Forderung sättigen, und man merkt, wie das Ich
+gleichsam sich selbst dadurch zur Geltung bringt, daß es, da es sich
+selbst ein für alle Mal hat unter die Autorität beugen müssen, jetzt
+die Willen und Gedanken aller anderen Individuen zerbricht und sie
+unter die Regel beugt, welche es zu der seinigen macht, indem es als
+ihr Organ auftritt.</p>
+
+<p>Gewaltsam und trotzig-selbständig, wie er war, anerkannte er im eigenen
+Lager fürwahr keine Autorität. Seine Aeußerungen über die anderen
+Mitglieder der Schule würden eine artige Anthologie von Schmähwörtern
+abgeben. Ueber Bonald z. B. ein Ausspruch wie dieser: »Arme Menschheit!
+— ich weiß nicht, wie bei dem Worte »Mensch« Herr Bonald mir einfällt.
+Der Uebergang ist jäh. Man sagt, der arme Mensch sei in der letzten
+Zeit äußerst schwach an Geist geworden.« Ueber Chateaubriand: »Der
+König und er, er und der König. Das ist Frankreichs ganze Geschichte
+... Man begreift nicht, und er weniger als irgend Jemand, daß Europa
+seine Talente entrathen kann. Er weissagt, daß es Europa schlecht
+bekommen werde.« Ueber Frayssinous, der als Haupt des Gallikanismus
+sein Widersacher war: »Sie halten ihn für gemäßigt: weshalb? Weil man
+Sie auf eine gewisse Kälte bei ihm aufmerksam gemacht hat, die Sie für
+Mäßigung hielten, und doch war es nur geronnener Haß.« Das ist der Ton
+in seinen Briefen. Aber gleichwohl lag in seiner kräftigen und blind
+nicht drauf los platzenden, sondern einher brausenden Seele der Stoff,
+aus welchem sich ein Kämpfer ohne Gleichen für die absolute Autorität
+der Kirche bilden ließ, freilich, wie es sich am Ende erwies, ein
+Kämpfer, der es besser verstand, Andern die Disciplin aufzuzwingen,
+als sich selbst zu Dem discipliniren zu lassen, was seine redlichste
+Ueberzeugung verwerfen mußte.</p>
+
+<p>In der Zeit von 1817 bis 1823 erschien dann in Frankreich ein Werk, das
+während all' dieser Jahre die Gemüther in Bewegung zu setzen vermochte,
+und über das sich eine heftige Polemik erhob, ja dessen Verfasser
+zwischen dem Erscheinen des zweiten und dritten Bandes das Wort zu
+seiner Vertheidigung ergreifen mußte; es war das Buch »<span class="antiqua">Essai<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> sur
+l'indifférence en matière de réligion</span>« vom Abbé de la Mennais. In
+diesem Werke sammelt die Restaurationsperiode gleichsam zum letzten
+Mal ihre Kräfte zu einem Hauptschlage. Hier finden wir alle leitenden
+Principien der Zeit mit einer Bestimmtheit und mit einer letzten
+Konsequenz ausgesprochen, welche darauf hindeutet, daß der Umschlag
+nahe ist.</p>
+
+<p>Durch seine Geistesrichtung, ja selbst durch seinen Titel, bildet
+dies Werk eine interessante Parallele zu dem Buche, durch welches
+in Deutschland die religiöse Renaissance im neunzehnten Jahrhundert
+eingeleitet wurde: zu Schleiermacher's (im Jahre 1799 erschienenen)
+berühmten »Reden über die Religion, an die Gebildeten unter ihren
+Verächtern.« Beide Schriften sind wider dieselbe Erscheinung
+gerichtet, wider die bei den Gebildeten herrschende Geringschätzung
+und Gleichgültigkeit gegen die Religion. Beide versuchen jetzt, da der
+Glaube erschlafft ist, die Religiosität auf einem neuen Fundamente
+wieder zu errichten. Aber hier tritt der Nationalitätsunterschied
+der Verfasser scharf hervor. Der sentimentale und gemüthsinnige
+Schleiermacher sieht kein anderes Heil für die Religion, als das, sie
+mit Aufgebung all' ihres äußeren Beiwerks auf ihren innersten Kern, auf
+das rein persönliche <em class="gesperrt">Gefühl</em> des Individuums, zurück zu führen.
+Er versucht, auf den Grund des Menschenlebens, auf die Tiefe, aus der
+sowohl das Erkennen wie das Handeln entspringt, auf die innersten
+Quellen des persönlichen Lebens zurück zu gehen. Er fordert seinen
+Leser auf, sich über den primitiven Zustand der Seele Rechenschaft zu
+geben, in welchem das Ich und der Gegenstand in einander verschmelzen,
+und wo folglich noch weder von einem Anschauen des Gegenstandes, noch
+von dem Empfinden eines von dem Gegenstande verschiedenen Ich die Rede
+ist. Er bezeichnet denselben als einen Zustand, den man jedes Mal
+erlebt, und doch nicht erlebt, da das ganze Leben in dem beständigen
+Aufhören und Zurückkehren desselben besteht. Derselbe ist, sagt er,
+flüchtig und unsichtbar wie der Duft thaubenetzter Blumen und Früchte,
+keusch und zart wie ein jungfräulicher Kuß, und heilig und fruchtbar
+wie die Umarmung eines Bräutigams, ja er ist nicht nur <em class="gesperrt">wie</em>
+alles<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> Dies, sondern alles Dies selber; denn in diesem Zustande des
+Menschen wird die Vermählung des Universums mit der inkarnirten
+Vernunft gefeiert; in diesem Zustande ist das Individuum einen
+Augenblick die Seele der Welt und empfindet deren unendliches Leben
+als ihr eigenes. »So,« sagt Schleiermacher, »ist die erste Empfängnis
+jedes lebendigen und ursprünglichen Momentes in Eurem Leben beschaffen,
+welchem Gebiet es auch angehöre, und aus einem solchen erwächst auch
+jede religiöse Gemüthsbewegung.« (Reden über die Religion, fünfte
+Auflage, S. 50, 54 und 56.)</p>
+
+<p>In Folge Dessen bezeichnet er nun das Gefühl, in so weit es das
+gemeinsame Leben des Individuums und des Alls auf die geschilderte
+Weise ausdrückt, als Frömmigkeit. Die Gefühle bilden »ausschließlich
+die Elemente der Religion«. Es giebt daher für ihn kein Gefühl, das
+nicht fromm ist, es sei denn, daß dasselbe aus einem krankhaften und
+verderbten Zustand entspränge. Ja, er fügt in einer Anmerkung hinzu,
+daß Dies sogar von allen Gefühlen des sinnlichen Lebensgenusses gelte,
+in so weit sie nicht naturwidrig oder verirrt seien. So sucht also
+Schleiermacher die Religion aus ihrem Streit mit der Bildung dadurch
+zu retten, daß er sie zum Inbegriff aller höheren, ja aller gesunden
+Gefühle macht. Als echter Deutscher betont er pantheistisch den breiten
+Lebensstrom durch alle Wesen als die heilige Fluth, welche die Quelle
+aller Religiosität und aller Religionen sei. So hebt er jedes bestimmte
+Glaubenssystem auf; selbst der Glaube an Gott und Unsterblichkeit
+scheint ihm nicht wesentlich für die Religion, und mit Begeisterung
+ruft er aus: »Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke für die Manen des
+heiligen verstoßenen Spinoza! Er durchdrang den hohen Weltgeist, das
+Unendliche war ihm Eins und Alles, das Universum seine einzige und
+ewige Liebe; in heiliger Unschuld und tiefer Demuth spiegelte er sich
+in der ewigen Welt, deren liebenswürdigster Spiegel er wiederum war;
+voller Religion war er und voll des heiligen Geistes.«</p>
+
+<p>Man sieht, daß selbst die Aufklärungsperiode der positiven Religion
+keinen härteren Stoß versetzt hatte, als diese Gefühlsschwärmerei. —
+Und indem Schleiermacher nun solchermaßen<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> die Religion in das Gefühl
+auflöst, zersplittert er zugleich ihre Autorität, indem er sie der
+unendlichen Mannigfaltigkeit der Individualitäten preisgiebt. Alle
+Dogmen, Regeln, Vorschriften und Grundsätze verschwinden, indem er
+fordert, daß die einzelne Persönlichkeit sich Alles auf eigenthümliche
+Art aneigne. Er hebt nämlich hervor: »wenn Einer noch so vollkommen
+jene Grundsätze verstehe und sie mit noch so großer Klarheit inne
+zu haben glaube, aber nicht wisse und nicht beweisen könne, daß sie
+in ihm selbst als Aeußerungen seines eigenen Gemüths entstanden
+und ursprünglich seine eigenen seien, so müsse man sich nicht etwa
+überreden lassen, zu wähnen, daß ein solcher Mensch fromm sei, oder ihn
+als religiös schildern; denn er sei es nicht, seine Seele habe niemals
+religiös empfangen, und seine Begriffe seien nur untergeschobene, von
+anderen Seelen erzeugte Kinder, die er im heimlichen Gefühl eigener
+Schwäche adoptirt habe.«</p>
+
+<p>So tief protestantisch im guten (nicht konfessionellen) Sinne dieses
+Wortes ist die religiöse Wiedergeburt Deutschlands in ihrem Ursprunge.
+Sie proklamirt die persönliche Ursprünglichkeit als das einzige
+religiöse Werthzeichen, und sie bestimmt das ganze weite Gebiet der
+Gefühlsinnigkeit als das Reich der Religiosität. Das Gefühl, als
+natürlich und gesund, ist immer heilig, nie vorzugsweise heilig.</p>
+
+<p>Im schroffsten und lehrreichsten Gegensatze hiezu stehen die Grundsätze
+in dem erwähnten Hauptwerke von Lamennais, welches das romanische und
+katholische Seitenstück zu Schleiermacher's Reden bildet, als das reine
+Programm der Selbstentäußerung. Sie lauten:</p>
+
+<p>Daß das <em class="gesperrt">Gefühl</em> oder die unmittelbare Offenbarung nicht das
+Mittel ist, welches dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion
+ausfindig zu machen.</p>
+
+<p>Daß der Weg der <em class="gesperrt">Forschung</em> oder Diskussion nicht das Mittel ist,
+das dem Menschen geschenkt ist, um die wahre Religion ausfindig zu
+machen.</p>
+
+<p>Daß die <em class="gesperrt">Autorität</em> das Mittel ist, das dem Menschen geschenkt
+ist, um die wahre Religion ausfindig zu machen, so daß die wahre
+Religion unbestreitbar diejenige ist, welche auf der größtmöglichen
+sichtbaren [!] Autorität beruht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p>
+
+<p>Um diese drei seltsamen und kuriosen Postulate zu beweisen, hat
+Lamennais seine vier dicken Bände geschrieben, deren entsetzlich hohler
+Gedankengang folgender ist:</p>
+
+<p>Worauf es für uns Menschen ankommt, ist, ein unfehlbares
+Kennzeichen des Wahren und Falschen zu finden. Was wir suchen, ist
+<em class="gesperrt">Gewißheit</em>. Aber wo sollen wir diese finden? Aus unseren
+Sinneswahrnehmungen können wir sie nicht herleiten; denn unsere
+Sinne betrügen uns, sagt Lamennais. Daß sie selbst wechselseitig die
+Illusionen berichtigen, welche sie jeder für sich hervorrufen, ist
+ein Faktum, dessen er nicht erwähnt. Wir sind nach seiner Anschauung
+um so weniger Dessen gewiß, daß ein nothwendiges Verhältnis zwischen
+unseren sinnlichen Wahrnehmungen und der Realität der Dinge existirt,
+als wir nicht einmal unserer eigenen Existenz sicher sind. Wie wir,
+wenn wir derselben nicht sicher sind, überhaupt irgend eines Anderen
+sicher werden können, ist eine Frage, die er nicht beantwortet.
+Das Gefühl, die innere Ueberzeugung von der Evidenz einer Sache,
+soll eben so täuschend wie die sinnliche Wahrnehmung sein. Die
+unüberwindliche Stärke, mit welcher ein Princip sich unserm Geiste
+aufdrängt, liefert ja keinen Beweis dafür, daß dies Princip wahr ist,
+ein Irrthum ist immer möglich. Daß man recht wohl im Allgemeinen seine
+Fehlbarkeit einräumen und sich nichtsdestoweniger in einer Menge
+einzelner bestimmter Fälle der Wahrheit gewiß erachten kann, wird
+selbstverständlich nicht berührt. — Jetzt kommt die Reihe an die
+Forschung. Es wird behauptet, daß sie zum Zweifel an Allem führe, daß
+die höchsten Axiome unbeweisbar seien, und es wird betont, wie wir
+überhaupt keine Sicherheit dafür hätten, daß die Erinnerung uns nicht
+täusche. Dieser Angriff auf die menschliche Forschung läßt sich in so
+fern freilich nicht abwehren, als es natürlich ja unmöglich ist, die
+Zuverlässigkeit der Erinnerung anders als dadurch zu beweisen, daß man
+sie voraussetzt. Aber von dem indirekten Beweise, den alle menschliche
+Erfahrung, Bestätigung und Voraussicht für diese Hypothese liefern,
+sagt Lamennais nicht ein Wort. So gelangt er vorläufig zu einem
+vollkommenen Skepticismus. Aber ein vollständiger Skepticismus würde
+ja zu vollkommenem Wahnwitz<span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span> führen. Schon der Selbsterhaltungstrieb
+nöthigt uns, zu glauben, und in Uebereinstimmung mit unserem Glauben zu
+handeln. Dieser Mangel an Fähigkeit, zu zweifeln, oder die Gewißheit,
+daß man, wenn man zweifelt, von allen anderen Menschen für unwissend,
+wahnwitzig oder toll erklärt werden wird, bildet nun nach Lamennais'
+Anschauung die Grundveste aller menschlichen Gewißheit. Die allgemeine
+Uebereinstimmung <span class="antiqua">(sensus communis)</span> wird also für uns das Siegel
+der Wahrheit, und es giebt kein anderes. Mangel an Einigkeit erzeugt
+sofort Unsicherheit und Ungewißheit. Ein Princip oder ein Faktum ist
+mehr oder minder zweifelhaft, je nachdem es mehr oder minder allgemein
+angenommen und bezeugt ist. Was ist somit für Lamennais die Definition
+einer Wissenschaft? Eine Wissenschaft ist ein Konglomerat von Ideen
+und Thatsachen, über die man einig ist. Wie die Erfahrungsphilosophen
+unserer Zeit, aber von einem anderen Ausgangspunkte her, gesteht er
+selbst der Geometrie kein anderes Fundament als die Einigkeit zu.
+Wenn mancher Irrthum in der Wissenschaft als wahr angenommen worden
+ist, so liegt Das nach seiner Ansicht darin, weil die Wissenschaft
+sich nur auf eine im Vergleich mit der Menschheit geringe Zahl von
+Personen erstreckt. Was sind, ruft er aus, einige hundert Gelehrte
+gegen das Menschengeschlecht! und er vergißt seltsam genug, daß das
+Menschengeschlecht nie über eine einzige wissenschaftliche Wahrheit
+übereingestimmt hat, ehe die Männer der Wissenschaft sie entdeckten,
+und überhaupt nie ursprünglich über irgend einen Glauben einig gewesen
+ist.</p>
+
+<p>Dann frägt er: Wenn zwei Personen mit einander uneins sind, was thun
+sie, nachdem sie vergebens einander zu überzeugen gesucht haben? und
+er antwortet: sie suchen ein <em class="gesperrt">Schiedsgericht</em>. Aber was ist ein
+Schiedsgericht? Es ist eine <em class="gesperrt">Autorität</em>, und diese stellt, wenn
+nicht die Gewißheit, so doch die Wahrscheinlichkeit zu Gunsten der
+einen der bestrittenen Anschauungen fest. Da die Vernunfterwägung als
+solche nur Zweifel erschafft, da der stärkste Beweis wider die Annahme
+irgend eines Satzes immer der ist: »Du bist der Einzige, der so denkt«,
+so kommen wir zu dem Autoritätsprincip als dem einzig wahren und
+entscheidenden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p>
+
+<p>Folgerichtig würde diese Anschauung dahin führen, in einer
+Majoritätsabstimmung das letzte Zeugnis für die Wahrheit zu sehen.
+Aber wir sollen ja, wie man begreift, im Hafen der katholischen Kirche
+landen. Es ist ganz lehrreich, den Volten zu folgen, mittels welcher
+das Autoritätsprincip, so wie hier aufgefaßt, uns direkt in die Arme
+derselben führt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Lamennais beginnt damit, alles Lernen und Erkennen als das Gehorchen
+einer Autorität zu definiren. Wir stoßen hier wieder auf die Theorien
+Bonald's, daß wir die Sprache auf die Autorität Derer, die sie uns
+lehren, und daß wir mit ihr die Wahrheiten annehmen, welche zur
+Selbsterhaltung nöthig sind, — Wahrheiten, die Gott in seinem
+mächtigen Worte jedem Volke offenbart hat. Das intellectuelle Leben,
+<em class="gesperrt">dessen Gesetz Gehorsam ist</em>, ist also nur ein Theilnehmen an
+der höchsten Vernunft, ein vollkommenes Uebereinstimmen mit dem
+Zeugnisse, daß das unendliche Wesen von sich selbst gegeben hat. Die
+göttliche Vernunft, welche sich mittels des Wortes mittheilt, ist der
+<em class="gesperrt">Existenzgrund</em> der erschaffenen Intelligenzen, wie der Glaube
+ihre wesentliche <em class="gesperrt">Existenzform</em> ist. Das Gewißheitsprincip und das
+Lebensprincip sind folglich eins.</p>
+
+<p>Da die Menschheit nun zur Wahrheit erschaffen ist, kann die allgemeine
+Vernunft nicht irren. Anders die individuelle Vernunft; die kann vom
+Zweifel überschwemmt werden. Trennt sie sich von der Gesellschaft, so
+stirbt sie. <span class="antiqua">Vae soli!</span> ruft Lamennais aus, wehe dem Einzelnen!
+Der Hochmüthige, sagt er, bildet sich ein, daß man verlange, er
+solle seine Vernunft aufgeben, wenn man fordert, er solle sich vor
+der Autorität beugen. Weit gefehlt! Die <em class="gesperrt">Autorität</em> ist nur die
+allgemeine, durch Zeugnisse offenbarte Vernunft; »sie beseelt und
+erhält das Universum, das sie erschaffen hat. Ohne sie keine Existenz,
+keine Wahrheit, keine Ordnung.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es ist also nur die Autorität, welche uns Gewißheit in Betreff der
+Religion giebt. »Die Religion ist nicht nur ein System von Kenntnissen,
+— sie ist außerdem, sie ist vorzugsweise ein Gesetz.« Aber kein Gesetz
+ohne Autorität, diese zwei Ideen entsprechen einander. So beruht die
+Religion<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> nothwendigerweise auf der Autorität, und die wahre Religion
+auf der größten Autorität. Sie wird als »das System der Gesetze, welche
+aus der Natur der Vernunftwesen folgen«, definirt, und diese kennen zu
+lernen soll die Autorität also das einzige Mittel sein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Folgen wir einmal der Verknotung dieses Netzes von Sophismen, um es
+dann auseinander zu zupfen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Faden ist der: Die Intelligenz entwickelt sich nur mit Hilfe
+des Wortes oder des Zeugnisses. Das Zeugnis existirt nur in der
+Gemeinschaft. Also kann der Mensch nur in der Gemeinschaft leben. Also
+fand nothwendig eine Gemeinschaft zwischen Gott und dem ersten Menschen
+statt. [Man beachte das Postulat eines Adam, Bonald's Theorie, daß Gott
+Adam die Sprache gegeben habe, — überhaupt der positiven Religion
+als Autorität entnommene Elemente, als Beweis dafür gebraucht, daß
+die positive Religion auf Autorität beruhe.] Die Nothwendigkeit des
+Zeugnisses enthält die Nothwendigkeit des Glaubens, ohne welchen das
+Zeugnis wirkungslos sein würde. Also liegt der Glaube in der Natur
+des Menschen und ist die erste Lebensbedingung. Die Gewißheit des
+Glaubens hängt von seiner Uebereinstimmung mit der Vernunft, d. h.
+von der Größe der Autorität ab, welche das Zeugnis ertheilt. Also ist
+das Zeugnis Gottes unendlich gewiß, da es Nichts anders ist, als die
+Offenbarung der unendlichen Vernunft oder der größten Autorität. Es
+ist kein Zeugnis möglich, außer in der Gemeinschaft. Also ist keine
+Autorität und Gewißheit möglich, außer in der Gemeinschaft. Keine
+menschliche Gemeinschaft kann existiren, außer kraft der Gemeinschaft,
+die ursprünglich zwischen Gott und dem Menschen kraft der Wahrheiten
+oder Gesetze errichtet ward, welche sein Wort ursprünglich offenbart
+hat. Also können diese Wahrheiten in keiner Gemeinschaft verloren
+gehen, ohne daß diese Gemeinschaft zu Grunde geht. Sie müssen sich
+folglich in allen Gemeinschaften wiederfinden lassen. Diese für eine
+Gemeinschaft nothwendigen Wahrheiten werden nur durch das Zeugnis
+bewahrt, das keine Kraft oder Wirkung hat außer durch die Autorität.
+Also: wie keine Autorität außer in der<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> Gemeinschaft existirt, so
+existirt die Gemeinschaft nicht außer durch die Autorität, und wo keine
+Autorität ist, da ist auch nirgends eine Gemeinschaft. Aber nun giebt
+es zwei Arten von Gemeinschaft, denn der Mensch steht einerseits in
+zeitlichem Verhältnisse zu seines Gleichen, andererseits in ewigem
+Verhältnisse zu Gott und seinen Mitmenschen. Diese zwei Gemeinschaften
+sind die politische oder bürgerliche (zeitliche) und die geistige
+(ewige) Gemeinschaft. Folglich giebt es zwei Autoritäten, und diese
+zwei Autoritäten sind jede in ihrer Ordnung <em class="gesperrt">unfehlbar</em>.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das sieht ja über die Maßen logisch aus; wenn <span class="antiqua">Ergo</span> genug für
+einen Beweis wäre, fehlte es nicht an Beweisen. Aber prüfen wir die
+Argumentation an einigen Punkten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Ich, sagt Lamennais, kann sich nicht allein zum Selbstbewußtsein
+entwickeln. Das ist wahr, und wir schließen daraus, was man daraus
+schließen kann, wenn wir sagen, daß das Ich sich folglich durch ein
+Du entwickelt habe. Das ist ein Gedanke, den vor Allen Feuerbach
+eindringlich ausgesprochen und variirt hat. Aber Lamennais, welcher die
+alttestamentarische Annahme von einem einzigen Einzelmenschen, der vor
+dem ganzen Geschlechte existirt habe, zum Ausgangspunkte nimmt, erbaut
+die Lehre von der Unterhaltung dieses Menschen mit Gott und Alles, was
+daraus erfolgt, auf diesem Grunde, der mit dem Gebäude fällt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Lamennais will ferner das unfehlbare Kennzeichen der Wahrheit
+nachweisen. Dies Kennzeichen soll die allgemeine Uebereinstimmung sein.
+<em class="gesperrt">Aber worauf beruht die Autorität dieser Uebereinstimmung?</em> Hat
+sie einen Grund, oder ist sie ein Faktum?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wenn sie einen Grund hat, wenn die allgemeine Vernunft die Regel für
+die individuelle Vernunft abgeben <em class="gesperrt">muß</em>, so ist ja diese von
+Lamennais so verschmähte und verachtete individuelle Vernunft in
+letzter Instanz der höchste Richter über die Wahrheit. Denn einerseits
+ist sie es, welche der allgemeinen Uebereinstimmung diesen so hohen
+Werth beilegt, andererseits ist sie es, welche entscheidet, wie weit in
+jedem<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> einzelnen Falle allgemeine Uebereinstimmung vorhanden sei, oder
+nicht.</p>
+
+<p>Wenn die Autorität der allgemeinen Uebereinstimmung dagegen ein Faktum
+ist, d. h. eine Sache, die schlechthin aus unserer Natur folgt, so
+ist die Gewißheit, welche sie uns einflößt, in keiner Hinsicht von
+aller anderen Gewißheit verschieden. Aber nun hat Lamennais ja eben
+selbst dagegen protestirt, die Gewißheit von einem inneren Gefühl
+herzuleiten, ja sogar unsere Gewißheit von unserer Existenz bekämpft,
+da die Gewißheit, deren wir bedürfen, die <em class="gesperrt">unfehlbare</em> ist —
+was in aller Welt soll denn nun den unreflektirten Autoritätsglauben
+unfehlbarer machen, als jede andere Gewißheit?</p>
+
+<p>Lamennais' Argumentation mündete schließlich in zwei unfehlbaren
+Autoritäten. Man hört schon an dem Worte »unfehlbar«, daß die
+katholische Kirche nicht fern ist. Es brennt schon. Die Unfehlbarkeit
+wird als eine direkte Konsequenz der Autorität insinuirt. Es giebt
+einen Punkt, wo alle Theoretiker der kirchlichen Restauration einander
+begegnen, einen Punkt, worüber De Maistre, der ihn einleitet,
+vollkommen einig mit Lamennais ist, der ihn abschließt, wie bedingt
+sonst auch (was seine Korrespondenz beweist) die Zustimmung war,
+welche er den übrigen Paradoxien seines jüngsten Schülers gewährte.
+Man muß sich erinnern, daß im vorigen Jahrhundert die päpstliche Macht
+todt zu sein schien. Ein Papst hatte mit Voltaire korrespondirt und
+die Dedikation seines »Mahomet« angenommen. Der Papst hatte selber
+seine getreuen Janitscharen, die Jesuiten, abgeschafft. Die religiöse
+Reaktion wird also dadurch herauf beschworen, daß man wieder die
+Bedeutung des Papstes geltend macht, ja sie, sogar von katholischem
+Standpunkte betrachtet, übertreibt. De Maistre hatte gesagt: Ohne Papst
+keine Autorität; ohne Autorität kein Glaube, d. h. ohne Papst kein
+Glaube. So wird die Oberhoheit des Papstes zum eigentlichen Kern und
+Princip des Christenthumes, bis der Papst in unseren Tagen (bei Bischof
+Ségur) zu einem Sakramente, zu »Jesu wirklicher Anwesenheit auf Erden«,
+verwandelt wird.</p>
+
+<p>Der Gedankengang bei De Maistre war dieser: Es giebt keine Religion
+ohne eine sichtbare Kirche, es giebt keine<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> Kirche ohne Regierung,
+keine Regierung ohne Souverainetät, und keine Souverainetät ohne
+Unfehlbarkeit. Er appellirt an das Princip von der Unverantwortlichkeit
+des Königs. Diese ist für ihn ganz Dasselbe, wie die Unfehlbarkeit in
+Betreff der Päpste. Jede Regierung, sagt er, ist ihrem Wesen zufolge
+absolut, duldet keine Widersetzlichkeit; von dem Augenblick an, wo man
+sich unter dem Vorwande, daß sie ungerecht oder im Irrthum sei, wider
+sie auflehnen darf, existirt Nichts mehr, was Regierung genannt werden
+kann. Ja, er sucht durch Analogien zu zeigen, wie vertraut man in
+allen andern Lebenssphären mit dem Unfehlbarkeitsgedanken sei, während
+es zum guten Ton gehöre, an demselben Anstoß zu nehmen, wenn es sich
+um den Papst handle. Ist der Seekapitain nicht Souverain auf seinem
+Schiffe, und in Folge Dessen als unfehlbar zu betrachten? Giebt es eine
+Appellation von ihm, oder giebt es eine Appellation von irgend einem
+anderen höchsten Gerichte?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Diese scharfsinnige Vertheidigung hat gewiß alle Vorzüge, welche die
+Vertheidigung einer im Voraus verlorenen Sache besitzen kann. Aber daß
+man den Souverain als unfehlbar betrachten muß, obschon er es nicht
+ist, beweist Das, daß der Papst als Souverain der Kirche wirklich
+unfehlbar ist? Daß es immer eine höchste Macht geben muß, welche die
+äußerliche Unterwerfung verlangen kann, beweist Das, daß diese Macht
+auch mit Recht die Zustimmung der Gemüther fordern kann? Oder ist
+vielleicht die äußerliche Unterwerfung genug? De Maistre räumt Das im
+Grunde ein. Er sagt: »Was das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes
+selber betrifft, so haben wir kein <em class="gesperrt">Interesse</em>, es in Zweifel
+zu stellen. Wenn sich eine jener theologischen Fragen darbietet, die
+absolut einem höchsten Richterspruche unterworfen werden muß, so ist
+es für uns nicht von Interesse, daß sie auf diese oder jene Weise
+entschieden wird, wohl aber, daß sie unverzüglich und ohne Appellation
+entschieden wird.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Lamennais, der, wie De Maistre, zu zwei unfehlbaren Autoritäten,
+der des Staates und der der Kirche, gelangt, geht als der um eine
+Generation jüngere Schüler seines Lehrers noch einen großen Schritt
+weiter auf der begonnenen<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> Bahn. Wie es sich auf die Dauer als
+unmöglich zeigt, die zwei Unfehlbarkeiten jede in ihrer Sphäre
+festzuhalten, besinnt er sich nicht, zu entscheiden, welche von ihnen
+im Kollisionsfalle weichen muß. Er zieht selbst die letzte Konsequenz,
+indem er sagt: »Die geistige Autorität repräsentirt das unveränderliche
+Gesetz der Gerechtigkeit und Wahrheit, die weltliche Macht dagegen
+die Stärke, welche die aufrührerischen Willen zwingt, sich diesem
+Gesetz zu unterwerfen. <em class="gesperrt">Die Stärke ist nothwendigerweise dem Gesetz,
+der Staat der Kirche untergeordnet.</em> Im entgegengesetzten Falle
+müßte man zwei unabhängige Mächte annehmen, die Eine der Erhalter der
+Gerechtigkeit und Wahrheit, die andere blind, und deshalb ihrer Natur
+nach verderblich für Gerechtigkeit und Wahrheit.« (<span class="antiqua">Du progrès de la
+révolution et de la guerre contre l'église.</span>) Eine stolze und des
+neunzehnten Jahrhunderts würdige Konsequenz!</p>
+
+<p>Man lernt hieraus, welche Macht Lamennais der katholischen Kirche
+beigelegt haben wollte. Es erübrigt noch, den Schlußsprung zu sehen,
+durch welchen bewiesen wird, daß die katholische Kirche selber die
+Autorität <em class="gesperrt">ist</em>, von der so viel und so weitschweifig gesprochen
+ward. Lamennais sagt: »Bei der Wahl einer Religion reducirt sich also
+Alles darauf, zu wissen, ob irgendwo eine solche Autorität, wie wir sie
+definirt haben, existirt, oder mit anderen Worten, ob eine geistige und
+sichtbare Gemeinschaft existirt, welche erklärt [!!], daß sie diese
+Autorität besitze. Wir sagen: eine sichtbare Gemeinschaft, weil jedes
+Zeugnis äußerlich ist [Man erinnere sich, daß das Urtheil der inneren
+Stimme verworfen ward]; wir sagen ferner, daß dies Zeugnis den gewissen
+Beweis für die Autorität, von der hier gesprochen wird, liefern würde,
+weil es ein Ausdruck der allgemeinsten Vernunft wäre.«</p>
+
+<p>»Wenn es keine solche Gemeinschaft gäbe, so würde die einzige wahre
+Religion die überlieferte Religion des Menschengeschlechtes, d. h. der
+Inbegriff von Dogmen und Vorschriften sein, welche durch die Tradition
+aller Völker geheiligt und ursprünglich von Gott offenbart sind.«</p>
+
+<p>»Wenn es dagegen eine solche Gemeinschaft giebt, so bilden ihre Dogmen
+und Vorschriften die wahre Religion.« —<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> Von dem jetzt erreichten
+Höhepunkte ergiebt sich der Rest der Beweisführung von selbst.«</p>
+
+<p>»Seit der Zeit Jesu Christi hat die religiöse Gemeinschaft
+unbestreitbar immer die größte Autorität besessen. Unter den
+verschiedenen Glaubensgemeinschaften kommt das Gepräge größter
+Autorität sichtbarlich der katholischen Kirche zu. So erhellt, daß sich
+in ihr allein alle Wahrheiten finden, welche dem Menschen nöthig sind,
+in ihr allein die vollständige Kenntnis der Pflichten oder Gesetze der
+Vernunft, in ihr allein Gewißheit, Heil und Leben.«</p>
+
+<p>So sind wir glücklich in den Hafen eingelaufen. Aber nicht genug, daß
+wir als Wrack angelangt sind, — noch im letzten Augenblick erleiden
+wir Schiffbruch im Hafen. Denn Lamennais gesteht am Schlusse des
+Werkes ganz offen, daß alle Religionen auf Autorität beruhen, und daß
+nichtsdestoweniger die ursprünglichen Traditionen in ihnen allen, mit
+Ausnahme einer einzigen, mehr oder minder durch Hinzufügungen, welche
+man als Irrthümer bezeichnen muß, entstellt worden sind; »aber,« sagt
+er, »selbst diese Irrthümer sind wieder nur kraft der Autorität als
+gültig angenommen worden, und existiren nur durch diese.« Welches
+Zugeständnis! Es stürzt die ganze Argumentation über den Haufen.</p>
+
+<p>Lamennais merkt jedoch Nichts davon. Beifällig citirt er die Worte
+eines andern katholischen Schriftstellers: »Die katholische Religion
+ist eine Religion der Autorität, und deshalb ist sie allein eine
+Religion der Gewißheit und Ruhe«. Triumphirend beruft er sich auch auf
+den Ausspruch Rousseau's: »Wenn ihm Jemand am Sonntag beweisen könne,
+daß er verpflichtet sei, in Glaubenssachen sich der Entscheidung eines
+Andern zu unterwerfen, so würde er sich am Montag zum Katholiken machen
+lassen, und jeder konsequente und wahrheitsliebende Mensch würde es
+machen, wie er«. Lamennais applaudirt, da er überzeugt ist, diesen
+Beweis geliefert zu haben, daß das Individuum in Glaubenssachen sich
+der Autorität unterwerfen müsse. Lieber Himmel, welcher Beweis! Ein
+einziger Hauch, und er fällt zusammen.</p>
+
+<p>Eins von Beiden: Entweder beruht die katholische Kirche auf der
+allgemeinen Anerkennung ihrer Wahrheit, oder<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> sie thut es nicht. Beruht
+sie darauf, so <em class="gesperrt">ist</em> sie ja allgemein anerkannt und bedarf keiner
+Vertheidigung, da Niemand sie leugnet. Beruht sie hingegen nicht
+darauf, so ist sie der Theorie zufolge falsch, und keine Vertheidigung
+kann ihr frommen.</p>
+
+<p>Allein damit nicht genug: selbst diese Lehre, daß die allgemeine
+Uebereinstimmung das Kennzeichen des Wahren abgebe, selbst sie muß
+ja ebenfalls ihre Wahrheit dadurch beweisen, daß sie allgemeine
+Anerkennung findet. Läßt sich nun eine bitterere Ironie des Schicksals
+denken, als die, daß sie nicht nur allgemein bestritten ward, sondern
+daß die Kirche selbst 1832 diese Lehre verwarf? So stand also Lamennais
+plötzlich <em class="gesperrt">allein</em> mit der Lehre, daß es die Summe aller Anderen
+sei, welche Recht habe. Läßt sich ein lächerlicherer Widerspruch
+denken? Ja, es läßt sich einer denken, nämlich der, welcher gleich
+nachher eintrat: daß Lamennais als gehorsamer Sohn der Kirche, sich
+unter die Autorität derselben beugend, selbst diese seine Lehre von
+der Autorität der Kirche als unfehlbarem Kennzeichen der Wahrheit
+verleugnete und widerrief.</p>
+
+<p>Aber wir brauchen nicht so weit wie bis 1832 zurück zu blicken, um
+zu sehen, wie die Männer des Autoritätsprincips in Streit mit ihrem
+eigenen Princip kamen. Was man auch verfechte, man muß zuerst und vor
+Allem Freiheit haben, zu reden. Das ist das Göttliche der Freiheit,
+daß selbst Die, welche sie hassen, ihrer bedürfen und genöthigt sind,
+sie zu verlangen. Das Journal <span class="antiqua">»Le conservateur«</span> begann damit,
+aufs eifrigste die Preßfreiheit zu befürworten, und fühlte sich später
+sehr durch dieselbe genirt. Man konnte nicht gut Andern eine Freiheit
+verweigern, die man für sich selbst gefordert hatte; man konnte Das
+nicht gut — aber man that es. Ganz ebenso erging es in Betreff der
+Frage einer parlamentarischen Regierung oder, wie man es damals nannte,
+der parlamentarischen Prärogative. Bei Beginn der Restauration ist es
+die katholische und monarchische Schule in Frankreich, welche durch
+ihre Journalartikel und ihre Redner das erste Ministerium stürzt, das
+aus der freien Wahl der Königsmacht hervorgegangen war. Man wollte
+selbst ans Ruder. So war es also die Schule des Autoritätsprincips, die
+in<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Frankreich zuerst die ganz entgegengesetzten Principien aufstellte:
+die Preßfreiheit in der ausgedehntesten Bedeutung des Wortes und den
+entscheidenden Einfluß der parlamentarischen Majorität. Man untergrub
+selber den Grund, auf welchem die Autorität beruhte.</p>
+
+<p>Bei dem stolzen und leidenschaftlichen Priester Lamennais ist die
+Entwicklung in dieser Richtung Punkt für Punkt zu kontrolliren.
+Die Charte, welche aufs innigste mit der Königsmacht zusammenhing,
+sicherte wenigstens auf dem Papier die Religionsfreiheit. Aber diese
+Religionsfreiheit erzürnt Lamennais, der ja weiß, daß nur <em class="gesperrt">eine</em>
+Religion die wahre ist. Zu jener Zeit kommt das klägliche Wortspiel
+in Mode, daß das Recht der Gewissensfreiheit das Recht sei, frei vom
+Gewissen zu sein. Er und seine Anhänger betonen daher, daß man seinem
+Gewissen folgen müsse. Das thun nach ihrer Meinung die Gegner nicht.
+Aber sie vergessen, daß der Pflicht, seinem Gewissen zu folgen, eine
+andere Pflicht vorausgehen muß: die, sein Gewissen aufzuklären. Wenn
+es unmoralisch ist, wider sein Gewissen zu handeln, so ist es nicht
+minder unmoralisch, sich ein Gewissen nach falschen und willkürlichen
+Principien zu bilden. Im Namen des Gewissens und der Autorität
+protestirt also Lamennais gegen die Konfessionslosigkeit des Staates,
+die er als »den politischen Atheismus« bezeichnet. Er schleudert das
+Stichwort in die Welt: »In Frankreich ist das Gesetz Atheist«. Ja,
+er geht weiter. Er zeigt in einem berüchtigten Briefe, den er in das
+Journal »Die weiße Fahne« einrücken ließ, und den er an den Bischof
+Frayssinous richtete, daß, da das Volk, das es jetzt zu erziehen
+gelte, in Blut geboren sei am Schafott Ludwig's XVI. und am Altare der
+Vernunftgöttin, nur Christus es retten und das Christenthum es erziehen
+könne. Aber alle Erziehung in Frankreich war nach seiner Behauptung
+atheistisch. »Uebertreibe ich, Monseigneur, wenn ich sage, daß es in
+Frankreich Erziehungsanstalten giebt, die in mehr oder minder direkter
+Verbindung mit der Universität stehen, wo die Kinder in praktischem
+Atheismus und Haß gegen das Christenthum erzogen werden? In einer
+dieser schauerlichen Höhlen des Lasters und der Irreligiosität hat man
+dreißig Zöglinge zum Tische des Herrn gehen,<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> die geweihte Hostie im
+Munde behalten und eine Entweihung des Heiligsten verüben sehen, die
+das Gesetz früher bestraft haben würde, indem sie mit denselben die
+Briefe verschlossen, die sie an ihre Eltern geschrieben hatten ...
+Eine gottlose, verderbte, revolutionaire Race bildet sich unter dem
+Einflusse der Universität.«</p>
+
+<p>Man war sehr mißgestimmt über diese indiskreten Enthüllungen und fühlte
+sich in hohem Grade genirt durch diese Angriffe auf das Grundgesetz des
+Staates aus einem Lager, auf dessen warme Unterstützung man glaubte
+rechnen zu dürfen. Als Lamennais in Folge Dessen auf eine große Kälte
+stieß und Verweise statt Dank erntete, ging er noch einen Schritt
+weiter.</p>
+
+<p>Ich habe schon gezeigt, wie seine Lehre dahin führte, im
+Kollisionsfalle die weltliche Unfehlbarkeit der geistlichen
+Oberunfehlbarkeit aufzuopfern. Aber Das hieß in Wirklichkeit Dasselbe,
+wie der revolutionären und philosophischen Schule einräumen, daß sie
+Recht habe, den unverletzlichen und unwiderruflichen Charakter zu
+verwerfen, welchen die monarchische Schule dem legitimen Königthume
+beilegen wollte. Es hieß außerdem, die ganze weltliche Macht abhängig
+vom Papste machen. Alle Bischöfe Frankreichs antworteten mit einer
+Erklärung, in welcher sie die Unabhängigkeit der weltlichen Macht vom
+päpstlichen Stuhle betonten.</p>
+
+<p>So hatte jetzt Lamennais, der Mann der Autorität, sich sowohl mit den
+geistlichen wie mit den weltlichen Autoritäten überworfen.</p>
+
+<p>Sein Auftreten als Demokrat liegt für diesmal außerhalb des Rahmens
+unserer Schilderung.<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a> Wir wollen hier nur auf die Keime seiner
+neuen Richtung achten, welche sich in seiner alten Autoritätstheorie
+vorfanden. Denn es ist das höchst Interessante an dieser Theorie,
+daß sie keineswegs von der guten, alten, brutalen Art ist, wie die
+Theorien, die bei Bonald und De Maistre gleich nach der Revolution
+entstanden. Die Reaktion ist hier weit rationeller, also weit
+minder principienfest. Jeder ernste Versuch, das Autoritätsprincip
+zu begründen, versetzt ihm <span class="antiqua">eo ipso</span> den Todesstoß; denn die
+Autorität<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> beruht nicht auf Gründen. Lamennais' Theorie, die auf den
+ersten Blick so absolutistisch erscheinen konnte, war bei näherer
+Betrachtung in hohem Grade populär. Das ganze Gebäude beruhte auf
+der Lehre von der Autorität des Menschengeschlechts. Allein unter
+jenem Princip von der Autorität des Menschengeschlechts regte sich
+ein anderes, und zwar kein anderes, als jenes alte Rousseau'sche,
+von den Männern der Reaktion so energisch bekämpfte Princip der
+<em class="gesperrt">Volkssouverainetät</em>. Die Leser merkten das nicht sogleich; Der
+Verfasser fühlte es auch nicht; aber es lag dort, es schlummerte, und
+eines schönen Tages erwachte es und wurde von Allen wiedererkannt. —
+Lamennais wollte die Monarchie durch die Theokratie ersetzen. Aber die
+Theokratie war nicht populär, jedenfalls nur populär, wenn man das
+Wort nach dem alten Spruche: <span class="antiqua">Vox populi, vox dei</span> umschrieb,
+wenn Gottes Stimme die Stimme des Volkes hieß. Das praktische Resultat
+seiner Lehre war also nur die Schwächung der weltlichen Obrigkeit,
+welche dem Urtheil der allgemeinen Vernunft unterworfen werden sollte;
+denn <em class="gesperrt">die allgemeine Vernunft</em>, welche zuerst in der souverainen
+Kirche personificirt worden war, <em class="gesperrt">wurde sehr bald in dem souverainen
+Volke personificirt</em>. Als Lamennais damit endigte, in seinen
+»<span class="antiqua">Paroles d'un croyant</span>« die Geister zur Empörung aufzurufen,
+zeigte es sich, daß er nur die Frontveränderung gemacht hatte, jetzt
+die Theokratie zu Gunsten der Völker, statt früher zu Gunsten des
+Fürsten, zu erstreben.</p>
+
+<p>Die Julirevolution sichert ihm Preßfreiheit, und der erste Gebrauch,
+den er davon macht, ist, die Unterrichtsfreiheit und die Trennung der
+Kirche vom Staate zu verlangen. Er hofft, so den ganzen Unterricht
+in die Hände der Kirche bringen zu können und ihn seines weltlichen
+Gepräges beraubt zu sehen. Als er gegen Ende des Jahres 1830 das
+Journal »<span class="antiqua">Avenir</span>« gründet, ist das Programm desselben die
+Trennung der Kirche vom Staate. Alle Angriffe erwidert er mit dem
+Appell an Rom, dessen Programm nothwendig mit dem seines Blattes
+zusammenfallen soll und muß; aber der Vatikan schweigt hartnäckig.
+Die Sache war die, daß die päpstliche Gewalt nicht im Allergeringsten
+mit Lamennais' Liberalismus einverstanden<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> war, und sich durchaus
+nicht geneigt fühlte, auf den Zuschuß des Staates an die Kirche zu
+verzichten. Als nun die Gegner fortfuhren, zu behaupten, daß die
+Ansichten Lamennais' und seiner Mitarbeiter nicht mit der katholischen
+Rechtgläubigkeit übereinstimmten, reiste Lamennais im Februar 1831
+nach Rom, um den Papst zu fragen, ob es, wie er sich ausdrückte, ein
+Verbrechen sei, für Gott, Gerechtigkeit und Wahrheit zu kämpfen, und
+ob er überhaupt seine Bestrebungen fortsetzen solle. Man hielt ihn in
+Rom mit allerlei Ausflüchten bis zum August 1832 hin. Dann erschien
+die Bulle, in welcher er, der Verfolger des Indifferentismus, des
+religiösen Indifferentismus beschuldigt ward. Es heißt dort: »Aus
+diesem unreinsten Quell des <em class="gesperrt">Indifferentismus</em> entspringt auch
+der absurde und irrthümliche Satz, oder vielmehr der Wahnsinn, man
+müsse die <em class="gesperrt">Gewissensfreiheit</em> für einen Jeden geltend machen,
+und in Anspruch nehmen ... <em class="gesperrt">Aber welchen schlimmeren Tod der Seele
+giebt es, als die Freiheit des Irrthumes</em>? frug schon Augustinus.
+Denn wenn man den Menschen jeden Zügel nimmt, der sie auf den Pfaden
+der Wahrheit erhalten kann, so stürzt ihre zum Bösen geneigte Natur in
+den Abgrund hinab ... Hieher gehört auch jene verruchte, niemals genug
+zu verwünschende und verabscheuende Freiheit des Buchhandels, jede
+beliebige Schrift zu veröffentlichen, eine Freiheit, welche Einige mit
+so viel Eifer zu verfechten und zu fördern wagen.«<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> Das war eine
+offene Sprache; Lamennais unterwarf sich, und sein Blatt ging ein. Es
+ist leicht zu begreifen, daß er den Kelch, der ihm gereicht wurde, als
+einen Wermuthskelch empfand, und daß es jetzt nur noch eines Tropfens
+bedurfte, um denselben überfließen zu<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> machen. Er stand von jetzt an
+auf dem Sprunge, sich der Revolution in die Arme zu werfen, und er that
+bald darauf diesen Sprung.</p>
+
+<p>Was aber für uns, die wir uns jetzt nur mit dem ersten
+Entwicklungsstadium Lamennais' beschäftigen, psychologisch interessant
+ist, Das ist die Wahrnehmung, wie sein naiver Autoritätsglaube
+untergraben wird, sobald er in Rom Gelegenheit erhält, die Heiligkeit
+in der Nähe zu betrachten. Er schreibt in einem Privatbriefe aus Rom:</p>
+
+<p>»Der Papst ist fromm und möchte gern das Gute; allein fremd der Welt,
+ist er völlig unwissend in Betreff des Zustandes der Kirche sowohl wie
+der Gesellschaft; unbeweglich in der Finsternis, die sich mehr und
+mehr um ihn verdichtet, sitzt er und weint und betet; seine Rolle,
+seine Mission ist, das letzte Niederreißungswerk vorzubereiten und zu
+beschleunigen, welches der socialen Wiedergeburt vorhergehen muß, und
+ohne welches diese entweder unmöglich oder doch unvollständig sein
+würde; deshalb hat Gott ihn in die Hände von Menschen gegeben, welche
+so niedrig stehen, wie man überhaupt stehen kann; ehrsüchtig, geizig,
+verderbt, wie sie sind, möchten sie in ihrer viehischen Raserei die
+Hilfe der Tartaren anrufen, um in Europa Das, was sie <em class="gesperrt">Ordnung</em>
+nennen, zu errichten«.</p>
+
+<p>Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, daß auch Lamennais damit
+enden muß, wider dies Wort anzustoßen, das die ganze Generation so
+vollständig erbaut hatte? Wie Victor Hugo bei seinen Versuchen, die
+Geschmacksautorität geltend zu machen, sich zuletzt gezwungen sieht,
+den Begriff Ordnung zu kritisiren und zu erweitern, so wird Lamennais
+während seines Kampfes für den Katholicismus zu eben dem Selben
+genöthigt. Mit welcher Wehmuth und welcher Leidenschaft schildert er
+in seinen Briefen die Korruption, die er unter jenen Pfeilern der
+»Ordnung« in Rom gefunden hat:</p>
+
+<p>»Der Katholicismus war mein Leben, weil er das Leben der Menschheit
+ist; ich wollte ihn vertheidigen, ich wollte ihn aus dem Abgrunde
+hervorziehen, in den er mit jedem Tage tiefer hinabsinkt. Nichts war
+leichter. Die Bischöfe haben gefunden, daß ihnen Das nicht gelegen
+war. So blieb denn Rom zurück. Ich reiste dorthin, und ich sah die
+verruchteste<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span> Kloake, die jemals menschliche Blicke befleckt hat.
+Die riesige Abflußrinne der Tarquinier würde zu eng sein für so viel
+Unrath. Dort herrscht kein anderer Gott, als der Eigennutz; man würde
+dort gern die Völker, das Menschengeschlecht, die drei Personen der
+heiligen Dreieinigkeit, jede für sich oder alle in Einem, für ein Stück
+Erde und für einige Piaster verschachern«.</p>
+
+<p>So zeigte sich in der Nähe betrachtet, Lamennais die Macht, zu deren
+unerschrockenstem Ritter er sich gemacht hatte. Was Wunder, daß er die
+Front veränderte; was Wunder, daß er, wie die heidnischen Priester der
+alten Sachsen, mit denen Renan ihn verglichen hat, selbst mit einem
+sicher treffenden Axthiebe die Gottheit fällte, zu deren Altar er die
+widerstrebende Welt gerufen hatte!</p>
+
+<p>Interessanter jedoch, als dieser klare Blick in einem einzelnen Punkte,
+ist der Schimmer einer höheren Erkenntnis im Allgemeinen, den man jetzt
+in Lamennais' Briefen verspürt. Bis jetzt hat er die absolute Wahrheit
+gesucht, und es war die Autorität, welche ihm dieselbe garantiren
+sollte. Jetzt gelangt er auf einmal zur Relativetätsidee, der Idee,
+welche am gründlichsten und vollständigsten dem Autoritätsprincip den
+Garaus macht. »Je älter ich werde, desto mehr wundere ich mich darüber,
+zu sehen, daß die Ansichten, welche am tiefsten in uns wurzeln, von der
+Zeit, in der wir lebten, von der Gesellschaft, in der wir geboren sind,
+und von tausend ebenso vorübergehenden Umständen abhängen. Denke nur,
+was für Ansichten wir haben würden, wenn wir zehn Jahrhunderte früher,
+oder in demselben Jahrhundert zu Teheran, zu Benares, auf Otaheiti zur
+Welt gekommen wären!«<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a> Es liegt mehr wahre Philosophie in diesen
+paar Worten, als in dem ganzen berühmten Hauptwerke von Lamennais.</p>
+
+<p>Wir sind ein paar Jahre zu weit in der Zeit vorangeeilt, indem wir
+Lamennais bis zu dem Punkte folgten, wo er den Uebergang zur Demokratie
+vollzog. Als im Jahre 1823 der »<span class="antiqua">Essai sur l'indifférence</span>«
+vollständig vorliegt, will er<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> noch, wie alle anderen Theokraten der
+Restaurationszeit, durch die Autorität der Kirche die des Fürsten
+stärken.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mittlerweile stirbt dieser Fürst, und Karl X. besteigt den Thron. Er
+besteigt ihn mit allem möglichen Aufwand von Pomp und Pracht. Man
+führt ihn nach Reims, um ihn dort zu salben. Am 20. Mai 1825 fand
+die Ceremonie statt, und es schien, als ob aller alte monarchische
+und klerikale Aberglaube bei dieser Gelegenheit aus dem Grabe
+hervorgestiegen sei. So war es ein alter Glaube, daß gekrönte
+Häupter im Stande seien, die Skropheln zu heilen. Diese Meinung war
+so unbezweifelt, daß unter Ludwig XV., der auch von diesem alten
+Privilegium Gebrauch machte, eine Dame aus Valenciennes, die sich von
+den Händen des Königs hatte berühren lassen, und die in der Absicht,
+ihr Glück zu machen, ein ärztliches Attest eingesandt hatte, daß
+sie jetzt ganz von Skropheln befreit sei, die Antwort empfing: »Die
+Prärogative, deren sich die Könige von Frankreich in Betreff der
+Heilung von Skropheln erfreuen, sind durch so authentische Beweise
+dargethan worden, daß sie nicht durch neue Zeugnisse bestätigt zu
+werden brauchen«.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das war unter Ludwig XV. Unter Karl X. zeigte man sich nicht minder
+rechtgläubig. Ich habe erzählt, wie es während der Revolution dem
+Fläschchen mit dem heiligen Salböl erging. Es wurde zertrümmert.
+Nichtsdestoweniger fand sich jetzt ein Gläubiger, der behauptete, daß
+er damals, als der lästerliche Frevel verübt wurde, einige Scherben mit
+Tropfen des heiligen Oeles aufgelesen und sie bis jetzt bewahrt habe.
+Priester und Kirchenvorsteher anerkannten diese Scherben als echt. Karl
+X. beglückte daher eines schönen Tages sein Land mit der Botschaft, daß
+er sich mit Chlodwig's heiligem Oele salben lassen wolle. Die Scherben
+wurden in ein neues, mit Gold und Edelsteinen besetztes Fläschchen
+eingefügt, und die kostbaren Tropfen mit anderen verdünnt. Ich habe
+bei Gelegenheit von Napoleon's Krönung erwähnt, wie die Salbung vor
+sich ging. Um zehn Uhr des folgenden Morgens bestieg der König einen
+prächtigen Schimmel und ritt mit einem glänzenden Gefolge, von einem
+Trupp Gardehusaren<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> eskortirt, zum St. Marculphs-Hospitale. Dort
+erwarteten ihn der erste Leibarzt und der erste Leibchirurg an der
+Spitze von 121 Skrophelkranken. Der König verrichtete ein kurzes Gebet
+in der Hospitalskapelle, und machte sich dann tapfer an die Arbeit des
+Kurirens. Der berühmte Chirurg Dupuytren schämte sich nicht, dabei
+behilflich zu sein, indem er bei der Komödie den Kranken die Köpfe
+emporhielt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Festlichkeit wurde von Lamartine in einem ganzen Cyklus von
+Gedichten (<span class="antiqua">Chant du sacre</span>) und von Victor Hugo in einer
+begeisterten Ode besungen. Aber bei Gelegenheit dieses denkwürdigen
+Ereignisses wurde zugleich ein kleines Lied geschrieben, welches dem
+Dichter bald einen Proceß und eine Verurtheilung zuziehen sollte. Das
+Gedicht hieß »Die Salbung Karl's des Einfältigen« und war von Béranger
+verfaßt.</p>
+
+<p>In Victor Hugo's Ode »<span class="antiqua">Le sacre de Charles X.</span>« war der Ton, wie
+aus folgender Strophe erhellt, gläubig, biblisch und monarchisch:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Mais trompant des vautours la fureur criminelle</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Dieu garda sa colombe au lis abandonné</span>.</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Elle va sur un Roi poser encor son aile</span>:</div>
+ <div class="verse indent6"><span class="antiqua">Ce bonheur à Charles est donné!</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Charles sera sacré suivant l'ancien usage</span>.</div>
+ <div class="verse indent6"><span class="antiqua">Comme Salomon, le roi sage</span>,</div>
+ <div class="verse indent6"><span class="antiqua">Qui goûta les célestes mets</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Quand Sadoch et Nathan d'un baume l'arrosèrent</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et, s'approchant de lui, sur le front le baisèrent</span>,</div>
+ <div class="verse indent6"><span class="antiqua">En disant: »Qu'il vive à jamais!«</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Bei Béranger dagegen war der Ton respektwidrig bis zum Aeußersten. Ich
+citire ein Paar Strophen als Probe:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le sacre de Charles le Simple.</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Français, que Reims a réunis</span>,</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Criez: Montjoie et Saint-Denis!</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">On a refait la sainte-ampoule</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Et comme au temps de nos aïeux</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Des passereaux lâchés en foule</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Dans l'église volent joyeux</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">D'un joug brisé ces vains présages</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Font sourire sa majesté</span>.</div><span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le peuple s'écrie: Oiseaux, plus que nous soyez sages</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Gardez bien, gardez bien votre liberté.</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Aux pieds des prélats cousus d'or</span>,</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Charles dit son <em class="gesperrt">Confiteor</em></span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">On l'habille, on le baise, on l'huile</span>,</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Puis, au bruit des hymnes sacrés</span>,</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Il met la main sur l'Evangile</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Son confesseur lui dit: »Jurez</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Rome, que l'article concerne</span>,</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Relève d'un serment prêté</span>,«</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le peuple s'écrie: Oiseaux, voilà comme on gouverne</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Gardez bien, gardez bien votre liberté.</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">De Charlemagne en vrai luron</span>,</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Dès qu'il a mis le ceinturon</span>,</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">>Charles s'étend sur la poussière</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">>Roi, crie un soldat, levez-vous!</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">>»Non, dit l'évêque; et, par saint Pierre</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Je te couronne: enrichis-nous</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Ce qui vient de Dieu vient des prêtres</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">»Vive la légitimité!</span>«</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le peuple s'écrie: Oiseaux, notre maître a des maîtres</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Gardez bien, gardez bien votre liberté.</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Oiseaux, ce roi miraculeux</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Va guérir tous les scrofuleux</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Fuyez, vous qui de son cortége</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Dissipez seuls l'ennui mortel</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Vous pourriez faire un sacrilége</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">En voltigeant sur cet autel</span>.</div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Des bourreaux sont les sentinelles</span></div>
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">Que pose ici la piété</span>.</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Le peuple s'écrie: Oiseaux, nous envions vos ailes</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Gardez bien, gardez bien votre liberté</span>.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Mit Ausnahme von Delavigne, welcher direkt von dem achtzehnten
+Jahrhundert abstammt, und welcher in seinen »<span class="antiqua">Messéniennes</span>« die
+Principien der Revolution niemals vom Nationalgefühl trennte, war
+Béranger der einzige Dichter, welcher sich außerhalb der herrschenden
+Gruppe von Geistern und Talenten gehalten hatte. Er war 1780 geboren,
+erlebte als neunjähriger Knabe die Erstürmung der Bastille, und verwand
+nie diesen Eindruck, so wenig wie die Eindrücke seiner Jugendlektüre,
+der Schriften Voltaire's. Eine Anekdote aus seiner Kindheit zeigt, wie
+früh er sich seine Lebensanschauungen<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span> gebildet hatte. Eines Tages,
+als Béranger dreizehn Jahre alt war, und eben sehr spöttisch über
+seine Tante lachte, die während eines heftigen Gewitters die Stube
+mit Weihwasser besprengte, ereignete es sich, daß der Blitz plötzlich
+dicht neben ihm in die Stube einschlug, so daß er eine Zeit lang völlig
+gelähmt lag. Man hielt ihn für todt. Als er die Augen aufschlägt, ist
+das erste Wort an seine gute und fromme Tante der triumphirende Ausruf:
+»Nun, was nützt also Dein Weihwasser!« Die Anekdote ist wahr und mit
+großer Indignation von klerikalen Schriftstellern erzählt worden. In
+demselben Geiste griff er jetzt die Bourbonen an, und ihr Weihwasser
+nützte ihnen auch Nichts.</p>
+
+<p>Aber zur selben Zeit, wie sie sich lächerlich machten, zeigte sich das
+seltsame Phänomen, daß Napoleon aus einer verhaßten eine poetische,
+aus einer historischen eine mythische Gestalt geworden war. Noch
+bei Lebzeiten war er zu einem Sagenhelden geworden. Die plötzliche
+Reglosigkeit, die bei ihm nothgedrungen einer Thätigkeit gefolgt
+war, welche ganz Europa in Athem erhalten hatte, wirkte mächtig auf
+die Gemüther. Die ferne, einsame Felseninsel draußen im großen Ocean
+schien gleichsam nur das Postament des Helden zu sein. Der wirkliche
+Bonaparte wurde in einen idealen Bonaparte verwandelt. Die Geschichte
+trat ihn der Ode, der Meditation, der Dithyrambe, der kriegerischen
+Chanson und dem Heldengedichte, kurz, der Legende ab. Selbst seine
+ehemaligen Feinde konnten nicht einen Ausruf der Bewunderung des Mannes
+zurückhalten, auf den Alle beständig die Augen gerichtet hielten.
+Chateaubriand sprach damals die bekannten Worte, daß »Napoleon's Hut
+und grauer Rock auf der Spitze eines Stockes an der Küste bei Brest
+genügen würden, um ganz Europa zu den Waffen greifen zu lassen.« Und
+die Jugend, welche unlängst froh gewesen war, die Reihen durchbrechen
+und die tyrannische Disciplin abschütteln zu dürfen, sehnte sich jetzt
+wieder nach der Sonne von Austerlitz. Sie hatte, sagt Musset, von
+Moskau's Eis und der Sonne der Pyramiden geträumt. Jetzt erschien die
+Erde ihr leer. »Der König von Frankreich saß auf dem Throne, und Einige
+hielten ihm ihren Hut hin, und er warf ein Almosen hinein, und Andere
+hielten ihm ein<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> Crucifix hin, und er küßte es. Und wenn die Jungen von
+Ruhm sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von
+Ehre sprachen, antwortete man ihnen: Werdet Priester! und wenn sie von
+Hoffnung, von Liebe, von Kraft und Leben sprachen, immer nur: Werdet
+Priester!« (<span class="antiqua">Alfred de Musset</span>: <span class="antiqua">Confessions d'un enfant du
+siècle</span>.)<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>So wurden sie denn Priester. Weshalb und wie sie es wurden, kann man
+in den Romanen sehen, welche die Zeit schildern, z. B. in Beyle's
+»<span class="antiqua">Rouge et noir</span>«. Aber es war die goldene Zeit der Priester.
+Schon am 7. Juni 1814, drei Tage nach der Charte, war die berüchtigte
+Ordonnanz erschienen, welche die erzwungene Sonn- und Festtagsfeier
+anordnete. Man sollte jetzt bei Strafe einer Geldbuße katholisch sein.
+Selbst Nichtkatholiken wurden genöthigt, ihre Häuser zu schmücken,
+wenn das Allerheiligste vorüber getragen ward. Am 7. August 1814 wurde
+der Jesuitenorden feierlich wieder hergestellt. Aller Unterricht
+wurde in die Hände der Geistlichkeit gelegt. Man ging darauf aus,
+die Universität zu zermalmen, schon aus dem Grunde, weil ein großer
+Theil der studirenden Jugend an der Vertheidigung von Paris gegen die
+Fremden, also an einem Unabhängigkeitskampfe theilgenommen hatte.</p>
+
+<p>Von jetzt an beginnt in der katholischen Kirche eine kurzdauernde
+Gährung, zu welcher Lamennais' Kampf gegen den Gallikanismus gehört,
+der nach Verlauf von zwanzig Jahren zu einer bis dahin unbekannten
+Erscheinung führt, zu der Erscheinung, daß die Katholiken einig,
+Katholicismus und Ultramontanismus Eins geworden sind. Und noch
+eine Erscheinung von verwandter Art, die keine frühere Zeit gesehen
+hatte, erlebt unser Jahrhundert. Die kirchliche Einigkeit erstreckt
+sich noch weiter, als auf die eigentlichen Glaubensgenossen. Die
+protestantische Kirche bietet der katholischen, welche sie einst als
+die babylonische Hure bekämpft hatte, die Hand. Werfen wir einen
+Blick auf die spätere Entwicklung der Kirche, so finden wir, daß in
+unseren Tagen der Unterschied zwischen dem orthodoxen Protestantismus
+und Katholicismus nur ein Schein, nur der Unterschied zwischen der
+Unfehlbarkeit der Bibel oder<span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span> des Papstes ist. Die Protestanten
+verwerfen den Rationalismus des achtzehnten und die Kritik des
+neunzehnten Jahrhunderts, gehen auf die Bekenntnisse des sechzehnten
+und siebzehnten Jahrhunderts zurück und finden sie nicht orthodox
+genug; Luther ist ihnen zu weit gegangen. Schleiermacher gilt für
+ungläubig in dem orthodoxen Deutschland, Bossuet wird nie mehr von
+den Katholiken Frankreichs erwähnt. Er gilt für einen Ketzer, weil
+er nicht ultramontan ist. Selbst Montalembert nennt ihn in seinem
+Buche »<span class="antiqua">Des intérêts catholiques au 19me siècle</span>« mit einer
+gewissen Mißbilligung. Damit noch nicht genug: die katholischen
+Polemiker ergeben sich Betrachtungen über die Weltgeschichte, die
+zu einer Art Kreuzzug wider die großen heidnischen Geister führen,
+welche die Civilisation Europa's begründet haben, wie z. B. Pindar,
+Plato, Virgil<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>, eine Polemik, zu welcher Grundtvig's früheste
+welthistorische Verdammungsurtheile in unserer dänischen Literatur
+ein Seitenstück liefern. Mit Jubel ruft daher Montalembert in der
+erwähnten Schrift aus: »Die Lügengeschichte, die Parodiegeschichte, die
+Deklamationsgeschichte, wie sie von Voltaire, Dulaure und Schiller, die
+unsere Väter erzogen, verfaßt wurden, würden heut zu Tage kaum in einem
+Feuilleton geduldet werden«. Man braucht nur Lamennais' Korrespondenz
+zu durchblättern, um den Eindruck zu erhalten, daß die Julirevolution
+großentheils durch das Gebahren der Priesterpartei verursacht ward.
+Namentlich zeigten die Jesuiten sich als Grenadiere der Tollheit.
+Missionaire wurden durch ganz Frankreich ausgesandt. Ihr brünstiger
+Glaube war ihrer groben Unwissenheit zu verdanken. Sie bekehrten
+zuweilen ganze Regimenter auf einmal, welche dann von ihren Officieren
+an die Altäre geführt wurden.</p>
+
+<p>Der Marienkultus nahm einen Aufschwung, wie niemals zuvor. Dieselbe
+Bewegung vollzieht sich (nur schneller) in unseren Tagen mit dem
+Glauben an Maria, wie im Mittelalter mit dem Glauben an Christus. Sie
+verwandelt sich allmählich aus einem menschlichen in ein göttliches
+Wesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p>
+
+<p>Folgen wir einen Augenblick der Bewegung der religiösen Reaktion
+über die hier behandelte Periode hinaus, so sehen wir, wie man mit
+Riesenschritten auf dem betretenen Wege weiter geht. Das Dogma von der
+unbefleckten Empfängnis Mariä, vor welchem das Mittelalter im zwölften
+Jahrhundert zurückgescheut war, wird in unseren Tagen festgestellt.
+Maria verdrängt unmerklich Christum und wird Frankreichs Göttin, wie
+sie früher die Göttin Italiens und Spaniens war. Mit Stolz verkünden
+die Katholiken, daß das Jahrhundert Maria's auf das Jahrhundert
+Voltaire's gefolgt sei. In einem Lehrbuche, nach welchem die
+katholischen Priester unterrichtet werden (<span class="antiqua">Manuel de piété à l'usage
+des séminaires, 7me édition.</span> <span class="antiqua">Paris 1835</span>), heißt es: »Man
+muß die heilige Jungfrau als die Gattin des ewigen Vaters verehren,
+da er mit ihr und in ihr unsern Herrn Jesum Christum gezeugt hat; man
+muß in ihr all' die göttlichen und anbetungswürdigen Vollkommenheiten
+verehren, die Gott auf ihre Person hat übergehen lassen, indem er
+mit außerordentlichem Ueberflusse ihr seine Fruchtbarkeit, seine
+Weisheit, seine Heiligkeit und seine göttliche Lebensfülle mitgetheilt
+hat«. In einem vom Erzbischofe Malou herausgegebenen Buche über die
+unbefleckte Empfängnis wird Maria als die gleichzeitige Tochter, Gattin
+und Mutter Gottes geschildert. Die Verwandtschaftsverhältnisse der
+Dreieinigkeit werden hier so verwickelt, daß Maria u. A. die Tochter
+ihres eigenen Sohnes wird. In einem Buche des Abtes Guillon »<span class="antiqua">Le Mois
+de Marie</span>« wird sie sogar als eine Art Obergöttin dargestellt, an
+welche man daher am liebsten sein Gebet richten solle: »Gottes Mutter
+sein, Das heißt eine Art Allmacht über Gott selber haben, und, wenn
+man so sagen darf, eine Art <em class="gesperrt">Autorität</em> über ihn bewahren«. So
+legt sich die Autorität zuletzt bei der Madonna vor Anker. Nach Art
+der alten Scholastiker beginnt man bei den Kirchenvätern Beweisstellen
+für die unbefleckte Empfängnis aufzusuchen. Ein einziger Geistlicher,
+Namens Passaglia, hat allein 8000 gesammelt. Ja, Erzbischof Malou
+erklärt, nicht weniger als 800000 Beweise dafür liefern zu können.
+Man schwindelt. Fügen wir den Reliquienkultus hinzu, welcher gegen
+die Mitte unsres Jahrhunderts sich einstellt; denn die Reliquien, die
+während<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> der Revolution aufgehört hatten Wunder zu thun, thun wieder
+Wunder für die Generation, welche von den Jesuiten erzogen ist. Man
+findet Jesu heiligen Rock. Aber zwei Städte machen Anspruch darauf, ihn
+zu besitzen, und der Rock beider ist von einem Papste als der einzige
+echte anerkannt worden. Man wallfahrtet also zu beiden. Görres jubelt
+in seinen »Historisch-politischen Blättern« über die Pilgerfahrt zu dem
+heiligen Rocke von Trier. Als die heilige Jungfrau sich zu La Salette
+offenbart, wandern nicht weniger als 300000 Pilger zu der Stätte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Endlich mündet die religiöse Reaktion in Pius IX. Syllabus, jener
+berühmten Bulle, welche den freien Gedanken zu einem Wahnsinn der
+Freiheit stempelt, die bürgerliche Ehe, die Trennung der Kirche vom
+Staate, die Religionsfreiheit, Preßfreiheit und Redefreiheit, so wie
+den Irrthum verdammt, daß die Kirche sich mit »dem Fortschritt, dem
+Liberalismus und der modernen Civilisation« versöhnen müsse. Aber fast
+noch kurioser, als der Syllabus, sind die Vertheidigungsschriften
+dafür: die des deutschen Bischofs Ketteler, betitelt »Die falsche und
+die wahre Freiheit«, und die des französischen Bischofs Dupanloup
+»<span class="antiqua">La convention du 15. décember et l'Encyclique du 8. septembre</span>«,
+welche den Kampf des Papstes wider »die freche Behauptung all' der
+großen Wahrheiten, welche die Grundveste der menschlichen Gesellschaft
+bilden«, erläutert und rechtfertigt. Nur glaube man nicht, daß diese
+Broschüren sehr auffällig in ihrer Form oder voll in die Augen
+springender Albernheiten wären. Sie ähneln an Ton und Inhalt zumeist
+einem gemäßigten Artikel in einer liberalen dänischen Zeitung.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ich habe die Resultate angegeben, zu denen die neukatholische Richtung
+führte. Aber, wohlgemerkt, diese Resultate gehören nur der Geschichte,
+nicht mehr der Literaturgeschichte an. <em class="gesperrt">Jede Richtung ist immer noch
+historisch, lange nachdem sie aufgehört hat, literaturhistorisch</em>
+zu sein. Letzteres ist sie nur, so lange sie nicht allein die
+Gewalthaber, Herzöge und Bischöfe, sondern auch Geister und Talente
+in ihrem Dienste hat. Das hat die religiöse Reaktion nach<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> 1830 nicht
+mehr in Frankreich. Der Unterschied zwischen der Reaktion im Jahre
+1820 und der widerwärtigen und empörenden Reaktion, welche jetzt dem
+geschwächten und unglücklichen Frankreich das Mark aussaugt, ist der,
+daß, während die damals blühende Reaktion fast Alles, was Frankreich an
+Geist und Talent besaß, in ihrem Dienst und in ihrem Heerbann hatte,
+sie jetzt <em class="gesperrt">nicht einen einzigen schriftstellerisch bedeutenden
+Namen</em> aufzuweisen hat. Deshalb braucht man nicht an der Zukunft zu
+verzweifeln.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sehen wir nun also, wie die Reaktion der damaligen Zeit besiegt wurde.
+Sie wird zum ersten von außenher angegriffen: die Tagespresse bekämpfte
+den Obskurantismus, Béranger sang seine Weisen wider denselben, ein
+einziger betriebsamer Verleger, Touquet, gab von 1817 bis 1824 allein
+31600 Exemplare von Voltaire (1598000 Bände) und 24500 Exemplare von
+Rousseau heraus. Touquet wurde zwar von der Polizei verurtheilt; allein
+Das weckte solche Erbitterung, daß der »Globe« mit einem Massenabfall
+vom Katholicismus drohte. Die Touquet-Ausgaben überschwemmten daher
+aufs Neue das Land. Der klassische Pamphletist Paul Louis Courier
+verhöhnte die Regierung bis aufs Blut. Er faßte seine politische
+Theorie in den Satz zusammen: »Das Volk soll der Regierung den Weg
+weisen, den sie gehen soll, wie man den Weg einem Kutscher vorschreibt,
+den man bezahlt, und der uns nicht fahren soll, wohin oder wie er
+will, sondern wohin wir fahren wollen, und auf dem Wege, den wir ihm
+bezeichnen«. Die Regierung verlor einen Proceß nach dem andern gegen
+Courier.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eins der ergötzlichsten und gegenwärtig für uns interessantesten
+seiner Pamphlete ist das, in welchem er sich gegen den Kauf von
+Chambord erklärt. Der junge Herzog von Bordeaux, jetziger Graf von
+Chambord, wurde so lange nach dem Tode seines Vaters geboren, daß
+seine Geburt wie eine Fügung des Himmels betrachtet ward. Lamartine,
+Victor Hugo und Musset besingen das wunderbare Ereignis, und die
+beiden Ersten vergleichen Henri mit dem Joas der Bibel. Es wird der
+Vorschlag gemacht, eine Nationalsubskription zum<span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span> Ankauf des Schlosses
+Chambord zu eröffnen, und seinem Princip, zu chikaniren, getreu,
+schreibt Courier vom Standpunkte eines Bauern dagegen. Bald wirken
+alle Geschichtschreiber, mit Ausnahme Michaud's, für die Sache des
+Fortschritts. Thiers beginnt 1823 seine Geschichte, welche dieselbe
+Wirkung, wie Béranger's Lieder, übt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es war bisher immer Sitte in Frankreich gewesen, daß die Regierung die
+Literatur unterstützte. Mit Ausnahme Napoleon's hatten alle Regenten
+Frankreichs Dies gethan. Man erwartete es von den Bourbonen, aber es
+geschah nicht, mit einer wie schwärmerischen Sympathie auch die Dichter
+und Schriftsteller ihnen Anfangs entgegenkamen. An den Wenigen, welche
+antidynastisch gesinnt waren, rächte man sich, so gut man konnte;
+um Béranger zu bestrafen, zog man seinen Nebenbuhler Dèsaugiers
+an den Hof; um Delavigne zu bestrafen, entsetzte man ihn seiner
+Bibliothekarstelle.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Allein schlimmer, als die Angriffe von außen, waren die Keime der
+Auflösung, welche sich innerhalb der Autoritätsschule selber zeigten.
+Wir haben schon gesehen, daß Lamennais auf dem Sprunge zum Abfalle
+stand. Und wie bei ihm, so entdeckte man bald bei allen Uebrigen die
+Keime des Neuen inmitten ihrer Vertheidigung des Alten. Lamartine
+fuhr allerdings fort, seine religiösen Hymnen zu singen; aber der
+strenge Genfer Priester Vinet entdeckte bald, daß diese Religiosität
+nur scheinbar Christenthum war, und daß sich unter den christlichen
+Redensarten ein sehr wenig orthodoxer Pantheismus verbarg.<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a></p>
+
+<p>Victor Hugo, den man nach seinem ersten Auftreten für zuverlässiger
+halten sollte, erwies sich bald, nicht nur durch die Form seiner
+Gedichte, sondern auch durch ihren Inhalt, als eine unsichere
+Acquisition. Nachdem der Einfluß seiner königlich gesinnten
+Mutter lange bei ihm überwiegend gewesen war, taucht, gerade als
+die napoleonische Legende sich zu bilden im Begriffe steht, die
+Einwirkung des Vaters wieder auf, und<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> er, welcher damit begonnen
+hatte, Buonaparte's Namen italiänisch zu buchstabiren, schreibt 1827
+seine erste Ode an die Vendômesäule, in welcher sich die glühende
+Begeisterung für den Kaiser und die Kaiserzeit zum ersten Male bei ihm
+Luft macht; sie erweckte viel Aufsehen und große Verwunderung. Man
+ahnte von jetzt an in ihm den Dichter, welcher drei Jahre später in
+der Vorrede zu »Hernani« den Romantismus als »den Liberalismus in der
+Literatur« definiren sollte.</p>
+
+<p>Was aber am allermeisten die Auflösung der Autoritätsschule beförderte,
+war der Umstand, daß die Bourbonen im Jahre 1824 ihre große und
+entscheidende Thorheit der Literatur gegenüber begangen hatten.
+Chateaubriand war auf die höhnischste Weise aus dem Ministerium Villèle
+ausgestoßen worden, obendrein gerade in dem Augenblick, wo er dem
+bourbonischen Namen durch den glücklich beendeten spanischen Krieg, den
+er seinen politischen »René«, d. h. sein Meisterstück auf dem Felde
+der Politik, zu nennen pflegte, einen Triumph verschafft hatte<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>.
+Man verhöhnte Chateaubriand, den Mann, welchem man gewissermaßen Alles
+verdankte, ihn, welcher den Grundstein zu dem ganzen Gebäude, das man
+aufgeführt, gelegt hatte. Christliche Demuth war nicht der Grundzug
+seines Charakters, und er hielt nicht die rechte Wange hin, wenn man
+ihn auf die linke schlug. Im Juni 1824 ging er offen zur Opposition
+über, wurde ihr Führer, und übernahm die Leitung des »<span class="antiqua">Journal des
+Débats</span>«. Er zog bald die ganze seraphische Dichterschule, deren
+Patriarch er war, nach sich. Lafayette sandte ihm ein Lorbeerblatt,
+Constant schmeichelte ihm. Er begann mit Béranger zu fraternisiren
+und wurde von Diesem besungen. Victor Hugo schrieb eine Ode an ihn
+(Buch III, Ode 2), die ihn zugleich verherrlichen und trösten sollte,
+und worin Worte wie diese vorkamen: »Was wolltest <em class="gesperrt">Du</em> auch an
+einem Hofe?« oder: »Es giebt nichts Schöneres, als einen Lorbeerbaum,
+den der Blitz getroffen hat«. Sein Abfall war für die Restauration
+ein Stoß ins Herz.<span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span> So lange die Täuschungen der Restaurationszeit
+gewährt hatten, war die Dichterschule Frankreichs »immanuelisch«
+gewesen und hatte einen Schutzengel an der Wiege und an der Bahre jedes
+Menschen erblickt. Mit Chateaubriand's Illusionen fielen auch die
+aller Andern, und an die Stelle jener Schule trat eine andere, welcher
+Southey den Namen »satanisch« gab, und welche denselben annahm, eine
+Schule mit scharfem Blick für das Böse und für alle Schrecknisse, mit
+pessimistischer Geistesrichtung und revolutionairen Sympathien.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Aber in die Gemüthserregung, welche dies unvorhergesehene und
+bedeutungsvolle Ereignis verursachte, griff ein anderes, noch
+bedeutungsvolleres und folgenschwereres Ereignis ein, das seine Wirkung
+über die ganze Welt erstreckte: die Kunde von Byron's Tod.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Diese Kunde wirkte um so mächtiger, als sie die Sympathien für den
+ersten Freiheitskampf, der seit der Revolution stattgefunden hatte,
+in helle Flammen emporschlagen ließ. Ein neues Ideal bildete sich im
+menschlichen Herzen. Mit Napoleon war die positive Größe gefallen,
+die wirklichen Helden für eine Zeitlang von der Erde verschwunden.
+Die menschliche Bewunderung war leer, wie ein Piedestal, das seiner
+Statue beraubt worden ist. Lord Byron besetzte wieder den leeren Platz
+mit der phantastischen Größe seiner Helden. Napoleon hatte Werther,
+René und Faust abgelöst; Byron's prometheische und desperate Helden
+lösten Napoleon ab. Er stimmte wunderbar mit dem Drange der Zeit
+überein. Der orthodoxe Dogmatismus hatte am Anfange des Jahrhunderts
+den revolutionair-freidenkerischen Dogmatismus überwunden, und war
+jetzt seinerseits unterhöhlt und veraltet. Weder die systematische
+Verneinung, noch die systematische Religiosität hatte in diesem
+Augenblick eine Zukunft. Es blieb also der Zweifel als Zweifel übrig,
+der <em class="gesperrt">poetische</em> Radikalismus, die tausend schmerzlichen und
+unruhigen Fragen nach dem Zweck und Werth des Menschenlebens. Das war
+es, was Byron brachte.</p>
+
+<p>Aber er frug nicht neutral. Es war der Empörungsgeist, der aus ihm
+frug, und der durch seinen Mund die jungen<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> Geschlechter zu einer
+weltbürgerlichen Gemeinschaft vereinigte. Sie stimmten mit ihm in das
+ominöse Wort ein:</p>
+
+<p class="mright3"><span class="antiqua">revolution</span></p>
+<p class="right"><span class="antiqua">alone can save the world from hell's pollution</span>.</p>
+
+<p>Sein Tod wurde für die allgemeine Sache der Freiheit weit wirksamer,
+als sein Leben. Die Restauration hatte die Menschen zu einem Höhepunkt
+thierischer Unterwerfung unter die Autorität, sklavischer Unterwerfung
+unter die Theologie, unterthäniger Unterwerfung unter die Macht,
+zu einem Höhepunkte der Schlaffheit und Heuchelei geführt. Sie
+war faul bis ins Mark hinein, aber von außenher durch Aberglauben
+und Bajonette gestützt. In England hatte Bentham, der radikale
+Philosoph, schamentbrannt, die Reaktion selbst in diesem, am weitesten
+vorgeschrittenen Lande siegreich zu sehen, sie dadurch zu untergraben
+gesucht, daß er sich an die <em class="gesperrt">Interessen</em> der Menschen wandte.
+Byron entfesselte alle <em class="gesperrt">Leidenschaften</em>. Ihm galt es nicht, auf
+einen einzigen Punkt zu wirken, sondern die Gemüther zu revolutioniren,
+das Gefühl der Tyrannei zu wecken. Die Allianz-Politik wähnte, für
+immer den Revolutionsgeist gefesselt, für ewig das Band zerschnitten
+zu haben, welches unser Jahrhundert an das achtzehnte knüpfte. »Da
+knüpfte dieser eine Mann den Faden wieder an, den eine Million
+Soldaten zerrissen hatte. Amerikanischer Republikanismus, deutsche
+Freidenkerei, französische Umsturzlust, angelsächsischer Radikalismus,
+Alles schien in diesem einen Geiste vereinigt. Nach der Unterdrückung
+der Revolutionen, der Knebelung der Presse, der Selbstunterwerfung der
+Wissenschaft, trat der Sohn der Phantasie, der vogelfreie Dichter vor
+die Bresche,« und rief alle kräftigen Geister noch einmal wider den
+gemeinsamen Feind zu den Waffen<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>. Die Restauration überlebt ihn im
+Grunde nicht. Das Autoritätsprincip hat nie einen rücksichtsloseren
+Gegner gehabt. —</p>
+
+<p>Die Reaktion im französischen Geistesleben beginnt literarisch im
+Namen des <em class="gesperrt">Gefühls</em> mit Frau von Staël und der ganzen Gruppe
+von Schriftstellern, die sich ihr anschließen,<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> social im Namen
+der <em class="gesperrt">Ordnung</em> mit Robespierre, und der ganzen Schaar von
+Revolutionsmännern, die sich um ihn gruppiren. Das Gemeinschaftliche
+bei Frau von Staël und Robespierre ist, daß sie beide Schüler
+Rousseau's sind. Nach der Reaktion gegen Voltaire folgt dann die
+Reaktion gegen Rousseau. Auf das Fest für das höchste Wesen folgt das
+große Einweihungs-Tedeum in Notre-Dame, und auf Frau von Staël folgt
+Bonald. Das Gefühlsprincip wird verdrängt, oder, wie bei Chateaubriand,
+zur Stütze der Autorität benutzt. Das Princip der Ordnung wird mit
+dem <em class="gesperrt">Autoritätsprincip</em> indentificirt, welches bald alle Sphären
+des Lebens und der Literatur beherrscht. Dies Princip ist gleichsam
+inkarnirt in der ersten Abtheilung von Reaktionären, deren Häupter
+De Maistre und Bonald sind. Es empfängt sein Heldengedicht in den
+»Märtyrern«, und die Idee der Ordnung beherrscht die Schilderung des
+Himmels, der Hölle, und zuweilen selbst der irdischen Landschaft. Das
+Princip erhält sein politisches Denkmal in der »heiligen Allianz«.
+Das Uebernatürliche verdrängt das Natürliche aus der Poesie. Dem
+seraphischen Epos entspricht eine seraphische Lyrik und Erotik, daneben
+seraphische Pilgerfahrten und seraphische Weissagungen und Gedichte.</p>
+
+<p>In keinem Lande war das Autoritätsprincip in Betreff der literarischen
+Form so respektirt gewesen, wie in Frankreich. Es wird daher auch
+von der neuen Dichterschule geltend gemacht. Aber leider erkennt man
+bald, daß das neue reelle Princip, die christliche Tradition, in
+lebhaftem Widerstreite mit den herkömmlichen Principien der Literatur
+steht, und die Autorität geräth hier ins Schwanken. Auf ähnliche Art
+wurde die Erfinderin der heiligen Allianz von den Machthabern für
+legitim erklärt, so lange es schien, daß ihre Grundsätze völlig mit
+denen der Macht übereinstimmten. In dem Augenblick, wo man wahrnimmt,
+daß die christliche Tradition als ein unruhestiftendes Princip den
+Autoritäten gegenüber treten kann, sehen diese sich gezwungen, das
+Werkzeug, dessen sie sich unlängst bedient hatten, zu zerbrechen, und
+der Gedanke der religiösen Brüderlichkeit steht in der folgenden Zeit
+als ein revolutionaires Princip der Macht gegenüber und unterwühlt<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span>
+sie theoretisch. Am entschlossensten und zusammenhängendsten wird in
+der Restaurationszeit das politisch-religiöse Autoritätsprincip von
+Lamennais entwickelt und vertheidigt; aber es zeigt sich bald, daß
+unter seiner Lehre von der Souverainetät der allgemeinen Vernunft sich
+die revolutionaire Theorie von der Volkssouverainetät verbirgt, und das
+Princip löst sich selber auf. Zu gleicher Zeit werden die Feinde der
+Preßfreiheit genöthigt, dieselbe als Mittel zu benutzen, während die
+Gegner des parlamentarischen Regimentes dieses selber verfechten, um
+ein Ministerium zu stürzen, das sie verhindert, zur Macht zu gelangen.
+Bald stehen alle Persönlichkeiten, die wir haben auftreten sehen, von
+Chateaubriand bis zu Frau von Krüdener, von Hugo bis zu Lamennais, im
+Kampfe mit den Gewalthabern, deren Sache sie so eifrig dienten, und
+im Kampfe mit dem Autoritätsprincip, das sie und die Zeit beherrscht
+hatte. So fällt dies Princip, um sich nie wieder zu erheben.</p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p>[<span class="antiqua">Lamennais: Essai sur l'indifférence. Progrès de la révolution et
+de la guerre contre l'église. Correspondance par M. Forgues. Oeuvres
+inédits par M. Blaize.</span> — Schleiermacher: Reden über die Religion.
+— <span class="antiqua">Renan: Essais de morale et de critique. — Schérer: Mélanges
+de critique religieuse.</span> — Gervinus: Geschichte des neunzehnten
+Jahrhunderts. — <span class="antiqua">Béranger: Oeuvres complètes.</span>]</p>
+</div>
+
+<p class="p2 center">Druck von Fr. Stollberg, Merseburg.</p>
+
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot2 illowe7" id="p0240_pic1">
+ <img class="w100" src="images/p0240_pic1.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="footnotes"><h2>Fußnoten:</h2>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Louis Blanc hat in seiner Revolutionsgeschichte, Bd.
+<span class="antiqua">VIII.</span>, S. 35, diesen Artikel dahin mißverstanden, als sollten
+die treulose Gattin und der Bastard Marie Antoinette und den Dauphin
+bedeuten. Er übersah, daß im Originaltext eine Note hinzugefügt ist,
+worin es heißt, daß »die Begründer der drei wichtigsten Religionen
+Bastarde gewesen sind«.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Vergl. Stuart Mill's Abhandlung über De Vigny in
+»<span class="antiqua">Dissertations and discussions</span>«. <span class="antiqua">Vol. 1.</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Ganz eben so, wie Bonald, begründet der bekannte Haller
+seine Angriffe auf den »<span class="antiqua">Contrat social</span>« in seiner »Restauration
+der Staatswissenschaft«.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Das einzige witzige Wort, welches über Buffon's Satz
+gesagt worden ist, verdankt man der Madame de Girardin. Sie zeigt,
+wie jeder von George Sand's Romanen das Gepräge der einen oder andern
+Persönlichkeit trägt, für welche die Verfasserin geschwärmt hat.
+»George Sand's Natur, welche sich abwechselnd kalt und aller Illusionen
+beraubt mit den Salonhelden, frisch und lächelnd mit dem Sänger der
+Quellen und der Haide, poetisch mit dem Dichter, republikanisch mit
+dem Advokaten gezeigt hat, zeigt sich jetzt moralisch und religiös mit
+dem politischen Priester [Lamennais], was dieser Tage einem Spottvogel
+Anlaß zu der Bemerkung gab: Besonders wenn die Rede von den Werken
+weiblicher Schriftsteller ist, muß man mit Buffon ausrufen: ›Der Stil
+ist <em class="gesperrt">der Mann</em>‹.« <span class="antiqua">Le Vicomte de Launay: Lettres parisiennes,
+Tome I, pag. 89.</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> <span class="antiqua">Louis de Viel-Castel: Histoire de la Restauration, Tome
+IV, pag. 487.</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> »<span class="antiqua">He for God only, she for God in him.</span>« <span class="antiqua">Paradise
+lost</span>, IV.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">O honte! ô crime! on rosse les Puissances</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On jette à bas six mille Intelligences</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Qui figuraient dans les processions</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">De leurs gradins les Trônes on renverse</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On foule aux pieds les Dominations</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et des Vertus le troupeau se disperse</span>.</div>
+ <div class="verse indent2">..... <span class="antiqua">l'on jette à leurs nez</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Devinez quoi? les têtes chérubines</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Aux frais mentons, aux lèvres purpurines.</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua"><em class="gesperrt">Parny</em>: La guerre des dieux, Chant X.</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Bei Parny sind sie weit minder mit Arbeit geplagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Viennent après les Dominations</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Trônes, Vertus, Principautés, Puissances</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Esprits pesants, grosses intelligences</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Qu'on charge peu de saintes missions</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Regardant tout, mais à tout inhabiles</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Les bras croisés, ils sont là sur deux files</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Propres sans plus à garnir les gradins</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">A cet emploi se borne leur génie</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">C'est ce qu'au bal nous autres sots humains</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Nous appelons: faire tapisserie.</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Man vergleiche hiemit Parny:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Étaient-ils trois, ou bien n'étaient-ils qu'un?</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Trois en un seul; vous comprenez, j'espère?</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Figurez-vous un vénérable père</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Au front serein à l'air un peu commun</span>.</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Ni beau, ni laid, assez vert pour son âge</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et bien assis sur le dos d'un nuage</span> ...</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">De son bras droit à son bras gauche vole</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Certain pigeon coiffé d'un auréole</span> ...</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Sur ses genoux un bel agneau repose</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Qui bien lavé, bien frais, bien délicat</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Portant au cou ruban couleur de rose</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">De l'auréole emprunt aussi l'éclat</span>.</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Ainsi parut le triple personnage</span> ...</div>
+ <div class="verse indent2">.... »<span class="antiqua">Je fais ce que je veux</span>.</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Je fais n'est pas le mot propre et technique</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Triple je suis sans cesser être unique</span>.</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et je faisons vaudrait peut-être mieux</span>.</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Mais vous cédez quelque chose au plus vieux</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Plus vieux? non pas, nous sommes du même âge</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">De moi pourtant tous deux vous procédez</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Je vous ai donc d'un moment précédé?</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On le croirait, c'est assez là l'usage</span>.</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Point; mes enfants se trouvent mes jumeaux</span>.</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Notre amalgame est un plaisant chaos</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et je m'y perds.« ...</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> <span class="antiqua">Dans cet état, il était plus amoureux, plus vif: il me
+disait que je lui donnais les plaisirs les plus charmants, m'appelait
+séductrice, etc., et dans cet endroit solitaire, il faisait ce qu'il
+voulait.</span></p>
+
+<p><span class="antiqua">Madame de Saman: Les enchantements de Prudence, avec préface de
+George Sand. 1873. Pag. 166 ff.</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Vgl. Katerkamp: Denkwürdigkeiten aus dem Leben der
+Fürstin Amalia von Gallitzin. Münster 1828.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> <span class="antiqua">Villemain: M. de Féletz et les salons de son
+temps.</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Vgl. F. L. Liebenberg: Beiträge zur Geschichte der
+Oehlenschläger'schen Literatur, Bd. I, S. 183. Genoveva »sieht Christus
+in ihm.«</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> In zwei auf einander folgenden Ausgaben seiner
+französischen Literaturgeschichte hat Julian Schmidt in der
+Inhaltsangabe von Valérie den Irrthum begangen, Gustav dem Manne
+beichten zu lassen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Wer sich für die wirklichen Thatsachen ihrer Geschichte
+interessirt, findet sie nach Originalmanuskripten berichtet in
+<span class="antiqua">Cuvillier-Fleury's Portraits politiques, 1851, pag. 377</span> ff.)</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Vergleiche G. Brandes: »Die französische Aesthetik der
+Gegenwart«, S. 22, und »Kritiken und Portraits«, S. 227.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a></p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Je suis le démagogue et débordé</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Et le dévastateur du vieil ABCD</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Causons, etc.</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> Hier ein Paar aus seiner frühesten Jugend:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">On a vu souvent des maris</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Jaloux d'une épouse légère</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">On en a vu même à Paris</span>;</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Mais ce n'est pas le tien, ma chère.</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><span class="antiqua">On a vu des amants transis</span>,</div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Ainsi qu'une faveur bien chère</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Implorer un simple souris;</span></div>
+ <div class="verse indent2"><span class="antiqua">Mais ce n'est pas le tien, ma chère.</span></div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> Siehe Band 5: »Die romantische Schule in Frankreich«, S.
+322 u. ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a></p>
+
+<div class="blockquot">
+
+<p><span class="antiqua">Atque ex hoc putidissimo <em class="gesperrt">indifferentismi</em> fonte absurda
+illa fluit ac erronea sententia, seu potius deliramentum, asserendam
+esse ac vindicandam cuilibet <em class="gesperrt">libertatem conscientiae</em> ...
+<em class="gesperrt">At quae pejor mors animae quam libertas erroris</em>? inquiebat
+Augustinus. Freno quippe omni adempto, quo homines contineantur in
+semitiis veritatis, proruit jam in praeceps ipsorum natura ad malum
+inclinata ... Huc spectat deterrima illa ac nunquam satis execranda
+et detestabilis libertas artis librariae ad scripta quaelibet edenda
+in vulgus, quam tanto convicio audent nonnulli efflagitare ac
+promovere.</span></p>
+</div>
+
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Vergl. G. Brandes: Die französische Aesthetik der
+Gegenwart, Seite 97.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Siehe auch Band 5: »Die romantische Schule in
+Frankreich«, S. 195.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Vgl. <span class="antiqua">Saisset</span>: <span class="antiqua">La philosophie et la rénaissance
+réligieuse</span>. <span class="antiqua">Revue des deux mondes 1853.</span> <span class="antiqua">Tome I.</span></p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Vgl. Vinet's interessante Studien über die neuere
+lyrische Poesie Frankreichs.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Die Einzelheiten dieser Verabschiedung lese man nach bei
+Guizot: <span class="antiqua">Mémoires pour servir à l'histoire de mon temps</span>, Ausgabe
+für das Ausland, S. 263 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> Gervinus: Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, Bd.
+VIII, S. 172.</p>
+
+</div>
+</div>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79048 ***</div>
+</body>
+</html>
diff --git a/79048-h/images/a0005_pic1.jpg b/79048-h/images/a0005_pic1.jpg
new file mode 100644
index 0000000..346eb9f
--- /dev/null
+++ b/79048-h/images/a0005_pic1.jpg
Binary files differ
diff --git a/79048-h/images/a0005_pic2.jpg b/79048-h/images/a0005_pic2.jpg
new file mode 100644
index 0000000..07b762f
--- /dev/null
+++ b/79048-h/images/a0005_pic2.jpg
Binary files differ
diff --git a/79048-h/images/a0006_pic1.jpg b/79048-h/images/a0006_pic1.jpg
new file mode 100644
index 0000000..3d32f88
--- /dev/null
+++ b/79048-h/images/a0006_pic1.jpg
Binary files differ
diff --git a/79048-h/images/cover.jpg b/79048-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..eea2e26
--- /dev/null
+++ b/79048-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/79048-h/images/p0240_pic1.jpg b/79048-h/images/p0240_pic1.jpg
new file mode 100644
index 0000000..eb5d230
--- /dev/null
+++ b/79048-h/images/p0240_pic1.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6c72794
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..a7ec3bc
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1 @@
+[Project Gutenberg](https://www.gutenberg.org) public repository for eBook [#79048](https://www.gutenberg.org/ebooks/79048)