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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78886 ***
+
+
+#######################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Die Überschrift "Kapitel XVI. wurde eingefügt.
+
+Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~, +antiqua gedruckter Text+
+
+#######################################################################
+
+
+
+
+ Fridtjof Nansen
+
+
+ Eskimoleben
+
+
+ Aus dem Norwegischen übersetzt
+ von
+ M. Langfeldt
+
+ Illustrierte Ausgabe
+
+
+
+
+ Globus Verlag G.m.b.H. Berlin W.
+
+ Globushaus-Druckerei, Berlin
+
+
+
+
+ Inhalt:
+
+
+ Kapitel I. Grönland und der Eskimo 1
+
+ " II. Aussehen und Kleidung 14
+
+ " III. Der Kajak und die Kajakgeräte 25
+
+ " IV. Auf dem Meere im Kajak 46
+
+ " V. Winterhäuser, Zelte, Frauenboote und Reisen 66
+
+ " VI. Kochkunst und Leckerbissen 75
+
+ " VII. Charakter und soziale Verhältnisse 84
+
+ " VIII. Stellung und Arbeit der Frau 101
+
+ " IX. Liebe und Ehe 115
+
+ " X. Moral 132
+
+ " XI. Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen 155
+
+ " XII. Begabung. -- Kunst. -- Musik. -- Dichtung. --
+ Erzählungen Eingeborener 161
+
+ " XIII. Die Religion der Eskimos 187
+
+ " XIV. Europäer und Eingeborene 275
+
+ " XV. Was haben wir erreicht? 286
+
+ " XVI. Schluß 297
+
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration: »Die weite Schneefläche, die sich starr und weiß von
+einem Meer zum anderen erstreckt.«]
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Den Winter über waren wir abgeschieden von aller Welt und ganz auf die
+Gesellschaft der Grönländer angewiesen. Ich wohnte in ihren Hütten,
+teilte ihre Arbeit und versuchte, so gut es ging, mich bei ihnen
+einzuleben und ihre Sprache zu erlernen. Doch leider ist ein Winter
+viel zu kurz, um dieses merkwürdige Volk, sein Gedankenleben und seine
+Kultur von Grund aus kennen zu lernen. Dazu gehört ein ernsteres
+Studium. Nichtsdestoweniger habe ich versucht, meine Eindrücke vom
+Leben der Eskimos in diesem Buche wiederzugeben, und mich dabei,
+soweit es mir möglich war, auf die Schriften älterer Grönlandsforscher
+gestützt. Es giebt ja auch Dinge, die dem Ankommenden mehr ins Auge
+fallen, als dem langjährigen Beobachter, der sie täglich vor Augen hat.
+
+Sollte man mir auch nicht immer beistimmen, wenn ich mir gelegentlich
+eine Kritik erlaube oder die Schwäche zeige, ein untergehendes Volk zu
+beklagen, das, vom Giftstachel unserer Civilisation gestochen, nicht
+mehr zu retten ist, so tröste ich mich damit, daß dadurch die Lage
+der Eskimos nicht verschlimmert werden kann, und hoffe, daß man meine
+Bemerkungen so auffassen wird, wie sie gemeint sind. -- +Amicus
+Plato, amicus Socrates, magis amica veritas+ -- die Wahrheit vor
+allem! Und sollte ich meinen Lesern manchmal unverständlich erscheinen,
+so möge es mir zur Entschuldigung dienen, daß man nicht unter diesem
+Volke leben kann, ohne es lieb zu gewinnen. Dazu ist ~ein~ Winter
+lang genug.
+
+An den langen dunklen Abenden, wenn ich in der niedrigen Stube
+sitzend in die Flamme der Thranlampe starrte, hatte ich viel Zeit,
+meinen Gedanken nachzuhängen. Da war es mir oft, als sähe ich diese
+Naturmenschen Schritt für Schritt auf ihren Hundeschlitten und in
+ihren eigentümlichen Fellbooten aus dem fernen Westen herangezogen
+kommen. Ich sah sie sich durchkämpfen und ihre sinnreichen
+Gerätschaften nach und nach vervollkommnen, sah sie sich selber zu
+großartiger Seetüchtigkeit ausbilden. Jahrhunderte, Jahrtausende
+vergingen, eine Generation nach der anderen erlag im Kampfe mit der
+Natur, während die Stärkeren unter ihnen Sieger blieben. Und ich konnte
+nicht umhin, für ein so tapferes Volk Bewunderung zu empfinden.
+
+Doch hinter den glänzenden Bildern der Vergangenheit erhoben sich zwei
+andere, Gegenwart und Zukunft, in düsterem, hoffnungslosem Grau.
+
+Auf Grönland lernten die Eskimos die Europäer kennen. Die ersten waren
+unsere Vorfahren, und die wurden von ihnen überwunden. Doch als wir
+wiederkamen -- diesmal mit dem Christentum und unseren Kulturprodukten
+-- da mußten sie uns als Herren anerkennen, und seitdem geht es mit
+ihnen bergab. Die Welt zuckt mitleidig die Achseln. Du liebe Zeit,
+
+ »Was war's denn weiter! 's ist ja einerlei,
+ Wenn so ein Bettler stirbt!«
+
+Und doch haben auch die Eskimos Gefühle wie andere Menschen. Auch sie
+freuen sich ihres Lebens und der Natur und winden sich blutend unter
+unseren Eisentritten. Wer daran zweifelt, sehe sie in ihrer Liebe zu
+ihren Kindern, in ihrem gegenseitigen Mitgefühl oder lese ihre Sagen
+und Ueberlieferungen.
+
+»Ein großer Seehundsfänger von der Insel Aluk, an der Ostküste, liebte
+seine Heimat so sehr, daß er sie nicht einmal im Sommer verließ. Es war
+ihm ein besonderer Genuß, die Sonne morgens aus dem Meere aufsteigen
+zu sehen. Einmal gelang es seinem Sohne jedoch, ihn zu einer Reise
+nach dem Westen zu bereden. Als sie aber soweit gelangt waren, daß sie
+morgens die Sonne über dem Lande statt über der See aufgehen sahen,
+befahl der Vater sofort, alles zur Heimreise zu rüsten. Als sie endlich
+wieder auf Aluk ankamen, schlugen sie ihr Zelt auf. Sobald der Tag
+graute, ging der Alte zum Strand. Anfangs hörten seine Angehörigen noch
+seine Stimme, dann wurde es plötzlich still, und als sie an den Strand
+eilten, sahen sie ihn in demselben Augenblicke, als die Sonne aus dem
+Meer emportauchte, zu Boden sinken. Er war tot. Die Freude hatte ihn
+getötet.«
+
+Ein Volk, das solche Erzählungen besitzt, ist nicht gefühllos!
+
+Doch jedesmal, wenn ich einen dieser Menschen unter dem Elende, in
+das wir sie gebracht haben, leiden oder erliegen sah, erwachte in mir
+der Rest des Gerechtigkeitsgefühles, den die meisten von uns noch
+besitzen. Und mich erfüllte der heiße Wunsch, die Wahrheit in die Welt
+hinauszuschreien. Wüßte man es nur bei uns, so müßten ja alle Menschen
+aus ihrer Gleichgiltigkeit aufgerüttelt werden und gleich wieder gut zu
+machen suchen, was sie verbrochen.
+
+Armer, junger Mann! Du hast nichts vorzubringen, was nicht schon besser
+gesagt worden wäre. Das unglückliche Schicksal der Grönländer wie das
+anderer Eingeborener ist den civilisierten Nationen schon von so vielen
+Seiten vorgehalten worden, und alles hat doch nichts geändert.
+
+Gleichviel, ich will mein Gewissen erleichtern. Es scheint mir heilige
+Pflicht, ebenfalls Einspruch zu erheben. Meine Feder ist leider nur
+schwach. Was ich am tiefsten empfinde, kann ich nicht mit Worten sagen
+-- nie hat mir Dichtergabe mehr gefehlt. Ich weiß, meine Mahnung wird
+einem Rufe in einer weiten Ebene gleichen, der das Echo der Berge nicht
+erweckt. Mir bleibt nur die Hoffnung, daß ich vielleicht in einer Brust
+Mitgefühl für die armen Eskimos und Trauer über ihr Geschick wachrufe.
+
+ ~Godthaab, Lysaker.~
+ November 1891.
+
+ =Fridtjof Nansen.=
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +I.+
+
+Grönland und der Eskimo.
+
+
+Grönland ist auf eigentümliche Weise mit unserem Lande und Volke
+verbunden. Unsere Vorfahren kamen als die ersten Europäer in dies Land.
+Auf ihren alten Schuiten machten die alten Vikinger bei Sturm und durch
+Treibeis die waghalsige Reise nach dem fernen Schneeland, ließen sich
+dort nieder und machten es zu einer Besitzung der norwegischen Krone.
+Dann hörte plötzlich der Zuzug von Norwegen auf, und sogar die Kunde
+von dieser Kolonie ging verloren. Und wieder war es ein Norweger,
+der das kalte Land entdeckte und dort im Auftrag einer norwegischen
+Gesellschaft eine neue europäische Kolonisation begann.
+
+Arm ist das Land, das wir den Eskimos raubten, arm an Gold und grünen
+Wäldern, nackt, entlegen und keinem von Menschen bewohnten Lande
+gleich. Und doch ist es in seiner Armut schön! Ja, wenn Norwegen schön
+ist, so ist es Grönland nicht minder. Wer es sah, dem bleibt es in der
+Erinnerung teuer! Ich weiß nicht, ob es anderen ebenso geht, mir aber
+verschmilzt es mit der ganzen träumerischen Schönheit des Märchenlandes
+meiner Kinderjahre, und ich habe dort unsere Natur wiedergefunden in
+noch größerer und reinerer Gestalt.
+
+Die starke, wilde Natur gleicht einer in Eis und Schnee gehauenen,
+altersgrauen Sage, die bisweilen so feine weiche Stimmungsbilder
+enthält, wie ein Gedicht. Sie gleicht dem kalten Stahl, in dem sich die
+spielenden Farben des Sonnenscheines spiegeln.
+
+Sehe ich Schneefelder und Gletscher, so eilen meine Gedanken nach
+Grönland, wo die Schneefelder größer sind als bei uns und die Gletscher
+in ein von Treibeis und Eisbergen erfülltes Meer abfallen. Höre ich
+lautes Lobsingen über die Fortschritte der Kultur, große Männer und
+große Thaten, dann sucht mein inneres Auge die weite Schneefläche, die
+sich starr und weiß von einem Meer zum anderen erstreckt und einst
+fruchtbare Thäler und Gebirge unter sich begrub. Vielleicht wird uns
+alle dereinst ewiger Schnee bedecken.
+
+Alles ist dort oben einfach und doch so großartig. Weißer Schnee,
+blaues Eis, kahle, dunkle Berge wie schwarze Kegel, sturmbewegte,
+heulende See. Aber wenn ich die Sonne glühend ins Meer sinken sehe,
+denke ich an das ferne Land, wo die Klippen und Holme der glitzernden
+See in der untergehenden Sonne rosenrot erscheinen und auf den
+Eisbergen das herrlichste Alpenglühen dämmert. -- Und wenn ich
+bisweilen das »Almleben« unserer Heimat auskoste, Sennerinnen und
+weidende Kühe sehe, muß ich an das Zeltleben und die Renntierherden an
+den Buchten und auf den Bergen Grönlands denken, an balzende Birkhähne,
+an die mit Weiden bestandenen Moore, Sümpfe, Gewässer und Thäler jener
+Gebirge, in denen der Eskimo seinen kurzen Sommer verlebt.
+
+Doch nichts auf Erden läßt sich vergleichen mit der grönländischen
+Nordlichtwinternacht. Sie ist der geheimnisvolle Atem der Natur selbst.
+
+Das Land übt eine unerklärliche Macht auf das Gemüt aus, das Volk des
+Landes aber ist nicht weniger merkwürdig.
+
+Mehr als jedes andere Volk gehört der Eskimo der See und dem
+Küstenlande an. Am Meere wohnt er, auf ihm sucht er seinen Unterhalt;
+das Meer giebt ihm alles, was er braucht, und auf ihm macht er alle
+seine Reisen; im Sommer in seinen mit Fellen überzogenen Booten, im
+Winter in seinem Hundeschlitten. Darum spielt das Meer im Leben des
+Eskimos auch die Hauptrolle -- und darum ist es auch kein Wunder, daß
+sein Gemüt ein Bild des Meeres ist. Wie das Meer, verändert sich seine
+Stimmung, ernst im Sturme, ausgelassen heiter bei Sonnenschein und
+ruhiger See. Er ist ein Kind des Meeres, leichtsinnig, fröhlich wie
+die spielenden Wellen, oft aber auch düster wie die schäumende Flut.
+In seinem Kindergemüte verwischt sich alles schnell. Ist das Unwetter
+vorüber, so glättet sich ja die See und gleicht nicht mehr dem tobenden
+Wogenschwalle von vorhin. Die Güter dieser Welt sind hienieden sehr
+ungleich verteilt. Einigen wird es sehr leicht gemacht, sie können
+in ihrer Jugend einen Brotfruchtbaum pflanzen und sich damit für den
+Rest ihres Lebens versorgen, während es den Anschein hat, als sei
+anderen alles, außer der Kraft zu kämpfen, versagt und als müßten sie
+der feindlichen Natur Schritt für Schritt jedes Bischen, dessen sie
+zum Leben bedürfen, erst abtrotzen. Das große Heer der Menschheit
+hat solchen Völkern bei seinem beständigen Kampfe zur Unterwerfung
+der Natur die Stellung äußerster Vorposten angewiesen. Zu diesen
+Vorposten gehört das Eskimovolk, und von allen lebenden Völkern ist
+es das merkwürdigste. Es liefert den besten Beweis für die eigene
+Begabung des Menschen, sich den Verhältnissen anzupassen und sich
+über die Erde zu verbreiten. Der Eskimo bildet den äußersten Vorposten
+gegen die Todesstille des ewigen Eises, und soweit wir bisher nach
+Norden vorgedrungen sind, haben wir auch Spuren dieses abgehärteten
+Volkschlags gefunden.
+
+Die von allen anderen verschmähten Himmelsstriche nahm der Eskimo für
+sich in Besitz. Durch steten Kampf und langsame Entwickelung lernte er
+mehr als alle anderen. Wo für die anderen jede Möglichkeit des Lebens
+aufhört, fängt für ihn das Leben an -- er hat sein Land lieben gelernt,
+es ist für ihn die Welt, in der er »der Mensch« ist, und jenseits deren
+er dem Untergange verfallen wäre.[1]
+
+Dieses Volk will ich auf den folgenden Blättern schildern, ihm sei mein
+Buch gewidmet.
+
+So scharf sich der Eskimo im Aussehen, in der Körperbildung, durch
+seine sinnreichen Gerätschaften und durch seine ganze Lebensweise von
+allen anderen Völkern unterscheidet, so ähnlich sind die verschiedenen
+Eskimostämme untereinander. Ein Eskimo von der Behringstraße gleicht
+dem Grönländer so sehr, daß man keinen Augenblick an der Verwandtschaft
+der beiden zweifeln kann. Ein Alaska-Eskimo und ein Ostgrönländer
+verstehen einander ohne Schwierigkeit. Kapitän Adrian Jakobsen, der
+Grönland und Alaska bereist hat, versichert, daß er sich mit den
+Brocken der Eskimosprache, die er in Grönland erlernt hatte, in
+Alaska habe verständigen können. Und doch sind beide Völker durch
+mehr als sechshundert geographische Meilen voneinander getrennt, eine
+Entfernung, wie von Christiania bis an die chinesische Grenze oder bis
+Innerarabien. Solche Spracheinheit bei soweit voneinander wohnenden
+Stämmen dürfte in der Geschichte der Menschheit einzig dastehen.
+
+Die große Aehnlichkeit aller Eskimostämme, ihre abgesonderte Lage
+anderen Völkern gegenüber und ihre vollkommenen Geräte scheinen auf
+eine sehr alte Rasse hinzudeuten, bei der alles in bestimmten Formen
+erstarrt ist und die sich nur unendlich langsam verändern kann. Andere
+Umstände sprechen jedoch auch wieder gegen diese Annahme und machen
+es wahrscheinlicher, daß dieses weit zerstreute Volk ursprünglich
+ein kleiner Stamm war, der sich erst in neuerer Zeit über die
+verschiedenen, heute von Eskimos bewohnten Länder verteilte.
+
+Daß diese Einwanderung verhältnismäßig bald stattfinden konnte, ohne
+doch zu einer Völkerwanderung zu werden, ist leicht erklärlich. Man
+braucht nur zu bedenken, daß ihre jetzige unwirtsame Heimat, bevor sie
+sich dort niederließen, garnicht oder doch fast nicht bewohnt war, daß
+also niemand als die Natur selbst ihrer Ausbreitung Hindernisse in den
+Weg legte.
+
+Der jetzt von den Eskimos bewohnte Himmelsstrich erstreckt sich von der
+Westküste der Behringstraße über Alaska, das nördlichste Nordamerika
+und die zu diesem Kontinente gehörenden arktischen Inselgruppen bis
+nach West- und Ostgrönland.
+
+Durch seine in jeder Weise abgesonderte Lage hat der Eskimo den
+Anthropologen viel Kopfzerbrechen gemacht, und die widersprechendsten
+Ansichten wurden hinsichtlich seiner Herkunft laut.
+
+Dr. H. Rink, der das Studium der grönländischen Natur und des
+grönländischen Volkes zu seiner Lebensaufgabe machte und in diesem
+Fache unzweifelhaft die größte Autorität ist, meint, daß die Geräte und
+Waffen der Eskimos größtenteils aus Amerika stammen. Er hält es für
+wahrscheinlich, daß die Eskimos ursprünglich als ein Stamm im Innern
+von Alaska, wo es heute noch Eskimos giebt, wohnten und von dort aus an
+die Küsten des Eismeeres auswanderten. Er hebt ferner hervor, daß ihre
+Sprache mit der amerikanischen Ursprache nahe verwandt ist und ihre
+Sitten und Sagen vieles mit denen der Indianer gemeinsam haben.
+
+Ein Unterschied aber, der die Eskimos unter anderem von den Indianern
+trennt, ist der Gebrauch der Hundeschlitten. Nehmen wir die
+Inkaperuaner, die das Lama als Lasttier benutzten, aus, so finden wir
+bei keinem der amerikanischen Urvölker Last- oder Zugtiere. Hierin
+nähert sich der Eskimo also mehr den asiatischen Polarvölkern.
+
+Ein näheres Eingehen auf diese verwickelte wissenschaftliche Forschung,
+in der noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist, würde uns zu
+weit führen. Nur soviel können wir mit einiger Sicherheit behaupten,
+daß die Eskimos zuletzt von den Küsten der Behringstraße oder des
+Behringmeeres -- möglicherweise von der amerikanischen Seite -- kamen
+und sich von dort aus Schritt für Schritt nach Osten hin über das
+arktische Amerika bis nach Grönland verbreiteten.
+
+»~Wann~« sie sich dauernd in Grönland ansiedelten, wird,
+meiner Meinung nach, nicht festzustellen sein. Daß dieser Zeitpunkt
+verhältnismäßig neueren Datums sein muß, habe ich schon angedeutet. Im
+Gegensatz zu mehreren Forschern halte ich es aber nicht für erwiesen,
+daß die Eskimowanderungen erst im vierzehnten Jahrhundert, wie die
+isländischen Sagen behaupten, stattfanden. Wenn ich auch von der
+Richtigkeit der Thatsache überzeugt bin, daß um diese Zeit der erste
+ernstliche Zusammenstoß der norwegischen Kolonisten mit den in großen
+Scharen von Norden kommenden Eskimos oder Skraellingern (Scheusale)
+stattfand, so schließt dies die Möglichkeit nicht aus, daß sie schon
+in Westgrönland ansässig waren, bevor der Fuß eines Norwegers den
+ostgrönländischen Boden betrat. In den ersten vierhundert Jahren
+der norwegischen Ansiedelung scheinen in Südgrönland (dem Ost- und
+Westgebiete) keine Eskimos gewohnt zu haben, da ihrer in den Sagen
+nirgends erwähnt wird. Dagegen wird in diesen Sagen ausdrücklich
+hervorgehoben, daß die ersten Norweger, die ins Land kamen, Erik
+der Rote und seine Freunde, sowohl im Ost-, wie im Westgebiete
+Südgrönlands verlassene Menschenwohnungen, Ueberreste von Booten und
+steinerne Geräte fanden, die, ihrer Ansicht nach, einem häßlichen
+Volke, das sie Skraellinger (Scheusale) nannten, gehört haben
+mußten. Daraus läßt sich schließen, daß dort Skraellinger gewesen,
+und ihre Hinterlassenschaft beweist, daß sie der Gegend nicht nur
+einen flüchtigen Besuch abgestattet haben. Es ist nicht unmöglich,
+daß die Eskimos Hals über Kopf davonliefen, als sie die nordischen
+Vikingerschiffe heransegeln sahen. Dieselbe Erfahrung machten wir auf
+der Ostküste. Doch weniger annehmbar scheint mir, daß sie ihre Flucht
+ungesehen von den Norwegern sollten ausgeführt haben. Ich schließe
+mich der vielfach ausgesprochenen Ansicht an, daß die Eskimos damals
+ihre festen Wohnsitze höher hinauf an der Küste hatten, oberhalb
+des 68. Grades nördlicher Breite. Dort ist noch heute die beste
+Seehundsjagd und die häufigste Gelegenheit zum Walfischfang. Und
+da sie von Norden[2] her in das Land gekommen sein müssen, lag hier
+für sie auch die erste natürliche Station auf ihrem Zuge. Von diesem
+festen Wohnsitz aus werden sie nach echter Eskimoweise häufig den
+südlicheren Teil der Insel auf längere oder kürzere Zeit besucht und
+dort jene zuerstgefundenen Spuren hinterlassen haben. Als sich dann die
+Norweger dort angesiedelt hatten und später auch Streifzüge nach Norden
+unternahmen, trafen sie schließlich mit den Eskimos zusammen, was nach
+Professor Gustav Storms Erachten[3] vor dem zwölften Jahrhunderte
+geschah.
+
+Die +Historia Norvegiae+ berichtet, daß die grönländischen
+Waidmänner in den unbebauten Gegenden Nordgrönlands kleine Menschen
+antrafen, denen sie den Namen Skraellinger gaben und die Steinmesser
+und Pfeilspitzen von Walfischknochen besaßen. -- Mit der Zeit begannen
+jedoch die nördlichen Eskimoniederlassungen an Uebervölkerung zu
+leiden, und ein Teil mußte sich weiter südlich neue Wohnsitze suchen.
+Da die Norweger beim Zusammentreffen mit ihnen oft Gewalt gebraucht
+hatten, scheinen die Eskimos sich gerächt zu haben. Sie griffen 1341
+das »Westgebiet« an und sollen diese Kolonie verwüstet (?) haben.
+1397 unternahmen sie einen Feldzug gegen das Ostgebiet[4], das im
+folgenden Jahrhundert gleichfalls von der Bildfläche verschwunden zu
+sein scheint. Um diese Zeit haben die Eskimos zuerst festen Fuß in
+Südgrönland gefaßt.
+
+Auch aus den Sagen der Eskimos geht hervor, daß zwischen ihnen und den
+alten Norwegern Kämpfe stattfanden. Doch aus denselben Sagen ersehen
+wir, daß sie mit ihnen auch oft in friedlichem Verkehr standen, ja,
+an einigen Stellen wird sogar mit großer Anerkennung von den alten
+Norwegern gesprochen. Es ist bei dem jetzigen Charakter der Eskimos
+auch kaum glaublich, daß sie einen förmlichen Ausrottungskrieg führten,
+und ein solcher kann jedenfalls kaum die alleinige Ursache des
+Untergangs der Kolonien gewesen sein. Außer dem inneren Verfall infolge
+der Loslösung vom Mutterlande, hat wohl auch die Vermischung der
+Kolonisten mit den Eskimos mitgespielt. Die damaligen Europäer dürften
+schwerlich unempfänglicher gegen die Reize der Eskimoschönen gewesen
+sein, als unsere jungen Landsleute heute.
+
+Ueber den ~Weg~, auf dem die Eskimos nach Westgrönland gelangten,
+herrschen gleichfalls verschiedene Ansichten. Dr. ~Rink~
+behauptet, die Eskimos seien, nachdem sie den ~Smithsund~
+überschritten, nicht längs der Westküste nach Süden gezogen, was uns
+doch am natürlichsten erscheint, sondern nordwärts um die Nordspitze
+des Landes herumgegangen und dann längs der Ostküste herabgekommen.
+Von hier aus wären sie dann später über Grönlands Südspitze nach der
+Westküste gezogen. Diese Annahme gründet sich hauptsächlich darauf,
+daß Thorgils Orrabeinfostre im Jahre 1000 an der Ostküste Eskimos
+angetroffen haben soll, während die alten Norweger auf der Westküste
+um diese Zeit noch keine Ahnung von der Existenz jenes Volkes hatten.
+Die Handschrift über die Abenteuer jenes Thorgils stammt jedoch
+aus dem vierzehnten Jahrhundert und steht in direktem Widerspruch
+mit den übrigen Sagen, aus denen hervorgeht, daß die Eskimos von
+Norden und nicht von Süden kamen, und daß die Westkolonie vor der
+Ostkolonie unterging. Denselben Schluß kann man auch aus einer
+Eskimosage ziehen, in welcher das erste Zusammentreffen mit den alten
+Norwegern beschrieben wird. »In alten Zeiten,« heißt es da, »als
+die Küste noch schwach bevölkert war, kam ein Boot mit Reisenden in
+die Godthaabsbucht. Die Reisenden erblickten dort ein großes Haus,
+dessen Bewohner sie nicht kannten, weil sie keine ›~Kaladlit~‹
+(Eskimos) waren. Sie waren also zum ersten Male auf die alten Norweger
+gestoßen. Diese sahen auch zum ersten Male Kaladlit und nahmen sie
+sehr freundlich auf.« Das geschah also im alten Westgebiet der
+Norweger, ihrer ~nördlichsten~ Kolonie an der Küste. Noch ein
+anderer Umstand macht, meiner Meinung nach, die Wanderung um Grönland
+herum unwahrscheinlich. Sollten sie bis an die Nordspitze Grönlands
+vorgedrungen sein, so müssen sie dort wie die sogenannten arktischen
+Hochländer (die Eskimos nördlich vom Kap York) gelebt haben. Dann
+hätten sie natürlich von Jagd gelebt und wohl Hundeschlitten, aber
+keine Boote besessen, da das in Nordgrönland stets eisbedeckte Meer den
+Kajak überflüssig macht. Daß sie sich, als sie dann an die eisfreie
+Küste kamen, neue Boote erbauten, ist an und für sich nicht unmöglich.
+Aber mehr als unwahrscheinlich klingt es, daß sie die Boote und die
+zum Fischfang nötigen Geräte hier in so kurzer Zeit in so hohem Grade
+sollten vervollkommnet haben, nachdem sie so ganz aus der Gewohnheit
+gekommen, den Fang vom Kajak aus zu betreiben.
+
+Ich meine, die natürlichste Erklärung ist, daß die Eskimos über den
+Smithsund kamen, den sie überschritten haben müssen, und dann an der
+Westküste entlang und über die Südspitze nach der Ostküste zogen. Ob
+sie schon vor der Ankunft der Norweger auf der Ostküste waren, wissen
+wir nicht. Auf ihrem Wege vom Smithsunde nach Süden trat ihnen freilich
+in dem Melvillegletscher (ungefähr auf 76° nördlicher Breite) ein
+großes Hindernis entgegen, da dieser direkt ins Meer fällt und die
+Küste eine ganze Strecke weit nicht von Inseln beschützt wird. Aber
+einerseits konnten sie längs des inneren Randes des Treibeises in ihren
+Fellbooten vordringen, und andererseits waren die Schwierigkeiten für
+sie gewiß auch nicht größer, als es die bei einer Wanderung nördlich um
+das Land herum gewesen wären. Gegen diese Annahme läßt sich freilich
+einwenden, daß die Ostgrönländer Hundeschlitten haben, welche an
+der Südwestküste des fehlenden Eises wegen nicht in Gebrauch sind.
+Bedenkt man jedoch, wie verhältnismäßig schnell die Eskimos in ihren
+Frauenbooten reisen, wie häufig sie in früheren Zeiten längs der Küste
+hin- und herzogen, und daß auf der ganzen Westküste immer Hunde
+gehalten wurden, so wird auch dieser Einwand beseitigt.
+
+Die gegenwärtige Verbreitung der Eskimos über die Westküste Grönlands
+erstreckt sich vom Smithsunde bis zum Kap Farvel. Ihre Zahl
+beläuft sich im dänischen Teil der Küste auf nahezu Zehntausend.
+Auf der Ostküste giebt es, nach dem, was wir durch die dänische
+Frauenbootexpedition unter Kapitän Holms Führung (1884-1885) erfahren
+haben, bis nach Angmagsalik (66° nördlicher Breite) hinauf Eskimos.
+Ihre Anzahl betrug Herbst 1884 im ganzen fünfhundertachtundvierzig. Die
+Eskimos erzählten Kapitän Holm, daß weiter nördlich ihres Wissens keine
+Eskimos mehr ansässig seien. Sie selber machten jedoch häufig Reisen
+nach Norden, manchmal bis an den 68. oder 69. Breitengrad, und vor
+einigen Jahren hätten zwei Frauenboote auch diesen Weg eingeschlagen,
+ohne daß man je wieder etwas von ihnen gehört habe. Ob nördlich vom
+70. Breitengrade auf der Ostküste keine Eskimos mehr wohnen, ist noch
+nicht festgestellt. ~Clavering~ fand, wie bekannt, 1823 ein paar
+Familien auf dem 74. Grade nördlicher Breite, doch nach jener Zeit
+hat man dort keine mehr gesehen, und die deutsche Expedition, die an
+dieser entlangzog und dort überwinterte, fand wohl Hütten und Geräte,
+aber keine Menschen und nahm daher an, daß letztere dort ausgestorben
+seien. Dies kommt mir jedoch kaum wahrscheinlich vor. Die Eskimos sind
+eine sehr zähe Rasse, und es mag andere Gründe haben, daß man sie
+nicht antraf. Sie können grade um diese Zeit weiter nach Norden oder
+nach Süden gezogen sein. Vielleicht wohnen sie auch sehr zerstreut,
+und man ist zufällig nicht auf sie gestoßen. Es bleibt nämlich immer
+zu bedenken, um welch ungeheuere Strecken eines sehr zerklüfteten
+Landes es sich hier handelt. Meiner Ansicht nach können dort an der
+Küste noch immer Eskimos wohnen, und wir wollen hoffen, daß die
+dänische Expedition, die, wie bekannt, jetzt dort oben ist, mit ihnen
+zusammentrifft. Durch ihre abgeschiedene Lage, die jede direkte oder
+indirekte Verbindung mit der zivilisierten Welt unmöglich gemacht hat,
+müßten sie in ethnologischer Hinsicht zu den interessantesten aller
+lebenden Völker gehören.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +II.+
+
+Aussehen und Kleidung.
+
+
+Nun, da ich, so fern von diesen Menschen und der Natur, in der wir mit
+einander umherstreiften, eine Beschreibung von ihnen machen soll, steht
+mir das erste Zusammentreffen mit ihnen auf Grönlands Ostküste lebhaft
+vor Augen. Zwei braune, lachende Gesichter, von langem, rabenschwarzem
+Haar umrahmt, mitten im Eise. Sie strahlen vor heiterer Zufriedenheit
+mit sich und aller Welt, und halb gutmütig freundlich, halb verwundert
+blicken sie die seltsamen Fremdlinge an.
+
+Der Eskimo reiner Rasse wird den meisten Europäern auf den ersten Blick
+hin nichts weniger als hübsch erscheinen. Er hat ein rundes, breites
+Gesicht, große grobe Züge, kleine dunkle, oft schrägliegende Augen,
+eine platte Nase, die zwischen den Augen schmal und unten breit ist,
+runde fettstrotzende Wangen, einen großen Mund und sehr entwickelte
+breite Kinnbacken, die mit den runden Wangen zusammen das Untergesicht
+eine hervorragende Rolle in der Physiognomie spielen lassen. Wenn der
+Mund sich zu einem fettglänzenden Lächeln öffnet, sieht man zwei Reihen
+großer weißer Zähne. Das Ganze macht den Eindruck eines vorzüglichen
+Kauapparates und läßt uns mit Wohlbehagen an vieles und gutes Essen
+denken. Gleichzeitig aber liegt in diesen Zügen, besonders bei den
+Frauen, eine große einschmeichelnde Weichheit.
+
+Nach den uns anerzogenen Begriffen können wir dies nicht hübsch nennen,
+und doch -- wie vorurteilsvoll sind wir in dieser Beziehung! Es bedarf
+langer, sehr langer Zeit, ehe man von seinen Traditionen loskommt. Wir
+denken an die langgesichtigen, langnasigen Schönen unserer Heimat,
+und unser Sinn erfüllt sich mit Wehmut bei der Erinnerung an die
+vielen, für die wir geschwärmt, jene interessanten, bleichen -- aber
+ach so farblosen Schönheiten! Es ist doch merkwürdig, wie brutal der
+Geschmack werden kann: ich fand diese braunen, von Gesundheit und Fett
+glänzenden Naturgesichter wirklich hübsch. Bei ihrem Anblick mußte ich
+an das blaue Meer und hellen Sonnenschein denken, an weiße Gletscher
+und inmitten dieser Umgebung schlagende Menschenherzen von wirklichem
+Fleisch mit siedendheißem Blute.
+
+Doch hauptsächlich waren es die jungen, die solchen Eindruck machten,
+und sie altern schnell -- betrübend schnell. Die vertrockneten,
+triefäugigen, kahlköpfigen alten Weiber waren nicht hübsch, sie
+erinnerten an erfrorene Aepfel, und doch lag auch über ihnen ein
+gewisser Stil. »Arbeit« stand auf ihrem Gesichte geschrieben, aber
+auch »Essen, viel Essen« und gutmütige Resignation. Keine Spur von der
+glasartigen Härte oder dem steifen Anstand, mit denen anderswo die
+Schule des Lebens oft alte Gesichter stempelt.
+
+Die auf der Westküste durch Kreuzung zwischen Europäern und Eskimos
+entstandene Mischrasse ist nach europäischem Geschmacke schöner, sie
+macht mit ihrer Bronzefarbe, ihren dunklen Brauen und schwarzen Augen
+den Eindruck eines romanischen Volkes. Manchmal aber hat sie auch
+Individuen von ausgesprochen jüdischem Typus aufzuweisen. Häufig zeigt
+sie wirkliche Schönheiten sowohl unter dem starken, wie unter dem
+schwachen Geschlecht. In der Regel aber liegt etwas Weichliches im
+Wesen und Ausdruck dieser Mischlinge, die echten Eskimos machen einen
+gesunderen, unverfälschteren Eindruck.
+
+Es ist ein in Europa allgemein verbreiteter Irrtum, die Eskimos für
+klein zu halten. Wenn die skandinavisch-germanischen Rassen sie auch
+an Größe übertreffen, so muß man sie doch zu den mittelgroßen Völkern
+zählen. Ich selber habe mehrere echte Eskimos gesehen, die ungefähr
+drei Ellen (1 +m+ 80 +cm+) maßen. Ihr Körper macht durchgehends
+einen kräftigen Eindruck, besonders der Oberkörper. Die Männer
+sind achselbreit, haben muskulöse Arme und eine breite Brust, aber
+verhältnismäßig schmale Hüften und nicht entsprechend kräftige Beine.
+Daher haben sie in späteren Jahren gewöhnlich einen unsicheren Gang und
+ein wenig krumme Kniee. Die schwächere Entwicklung des Unterkörpers
+dürfte wohl hauptsächlich von dem täglichen Sitzen im engen Kajak
+herrühren.
+
+Bei den Frauen fallen uns hauptsächlich die schmalen Hüften auf, die
+viel weniger hervortreten, als wir es bei einer bekleideten Europäerin
+zu sehen gewohnt sind, und die wir gewöhnlich für unvereinbar mit dem
+Typus weiblicher Schönheit halten. Dies kommt, wie man mir sagt, daher,
+daß die Eskimoweiber sogenannte runde, die Europäerinnen aber flache,
+breite Becken haben. Besonders reizend sind die schön geformten,
+auffallend kleinen Hände und Füße der Grönländerinnen. Ihre Gestalt
+macht überhaupt einen zierlichen, ansprechenden Eindruck.
+
+Die Hautfarbe der Eskimos reiner Rasse ist bräunlich oder graugelb, und
+auch bei den Mischlingen fällt diese braungelbe Farbe manchmal sehr
+ins Auge. Die von Natur schon dunkle Farbe wird jedoch, wenigstens
+bei den Männern und den älteren Frauen, durch vollständigen Mangel an
+Reinlichkeit noch dunkler. Als Fingerzeig in dieser Richtung will ich
+nur berichten, daß unser Landsmann, Seine Hochehrwürden Hans Egede,
+ihre Waschmethode -- namentlich die von den Männern angewandte --
+folgendermaßen beschreibt: »Sie schaben sich den Schweiß mit einem
+Messer vom Gesicht herunter und lecken dann das Messer ab.«
+
+Die neugeborenen Kinder sind heller gefärbt, doch hat dies seinen Grund
+nicht darin, daß sie noch keine Schmutzkruste haben ansetzen können.
+Schon H. E. Saabye hat in seinem Tagebuch[5] darauf aufmerksam gemacht,
+daß sie auf dem Kreuz einen blauschwarzen Fleck, ungefähr von der Größe
+eines unserer alten Zehnschillingstücke, haben, von dem sich die dunkle
+Farbe erst später über den ganzen Leib ausbreitet. Holm erzählt etwas
+Aehnliches von der Ostküste[6]. Ich selber erlaube mir hierüber kein
+Urteil. Es würde dem gleichen, was von den Kindern der Japaner erzählt
+wird.
+
+Die Kleidung der Eskimos ist den meisten Leuten wohl aus Bildern
+bekannt. Das Auffallendste ist, daß die Tracht der Frauen derjenigen
+der Männer gleicht und bedeutend praktischer und malerischer ist, als
+unsere häßlichen, schwedischen Frauengewänder.
+
+Die Männer hüllen in Südgrönland den Oberkörper in den sogenannten
+~Timiak~. Dieser wird aus Vogelbälgen mit den Federn oder
+Daunen nach innen verfertigt, hat ungefähr die Form unserer wollenen
+Unterjacken und wird wie diese über den Kopf gezogen. Oben am Timiak
+sitzt eine Kapuze, die sich über den Kopf ziehen läßt, und die sonst
+mit ihrem hochstehenden Rand von Hundefell eine Art Kragen um den Hals
+bildet. An den Handgelenken ist der Timiak ebenfalls mit Hundefell
+eingefaßt, ganz so wie ein eleganter Promenadenpelz bei uns in
+Norwegen. Auf der Außenseite hat er einen Ueberzug (~Anorak~), der
+jetzt meistens aus Baumwollenzeug besteht. Die Beine stecken in Hosen
+von Seehundsfell oder auch von europäischem Düffel und die Füße in
+~Kamikern~, einer besonderen Art Stiefel aus Seehundsfell. Diese
+sind ebenfalls doppelt; die Innenseite ist ein mit den Haaren nach
+innen gekehrter richtiger Fellstrumpf, die Außenseite ein haarloser
+Stiefel von wasserdichtem Leder. Die Sohle zwischen Strumpf und Stiefel
+wird mit Stroh oder Seegras gefüttert. In diese Kamiker werden die
+nackten Füße gesteckt.
+
+Die Kleidung der Frau ist der des Mannes sehr ähnlich. In Südgrönland
+trägt sie auf dem Oberkörper einen Vogelhautpelz, jetzt allerdings ohne
+Kapuze, dafür aber mit hochstehendem Kragen, der oben mit schwarzem,
+möglichst glänzendem Hundefell eingefaßt ist, und dieser Kragen wird
+zusammengehalten von einem breiten Halsband von bunten Glasperlen, das
+in allen Farben des Regenbogens schillert. Die Aermel sind ebenfalls
+an den Handgelenken mit Hundefell eingefaßt. Der Baumwollenbezug des
+Pelzes ist natürlich so leuchtend als möglich, rot, blau, grün oder
+gelb, und wird unten herum gewöhnlich mit einem breiten, bunten,
+baumwollenen oder noch lieber seidenen Bande besetzt. Ueber die Beine
+werden Hosen von gesprenkeltem Seehunds- oder auch Renntierfell
+gezogen. Diese Hosen sind bedeutend kürzer als die Beinkleider der
+Männer; sie reichen nicht ganz bis ans Knie und sind vorne mit bunter
+Lederstickerei oder weißen Streifen von Renntier- oder Hundefell reich
+verziert. Die Kamiker dagegen sind länger als die der Männer und werden
+übers Knie gezogen; sie sind gewöhnlich von roter Farbe, manchmal
+aber auch blau, lila oder weiß. An der Vorderseite ist ein von oben
+herablaufender, gestickter Lederstreifen festgenäht.
+
+Außer den oben beschriebenen Kleidungsstücken giebt es noch einen
+Anzug für Frauen, die Säuglinge haben. Dieser, ~Amaut~ genannt,
+gleicht einem gewöhnlichen Anorak, nur mit dem Unterschiede, daß er
+auf dem Rücken eine große Tasche hat, in der das Balg zu jeder Arbeit
+mitgenommen wird. Da der Amaut sowohl auf der inneren, wie der äußeren
+Seite mit Renntier- oder Seehundsfell ausgefüttert ist, giebt diese
+Tasche einen weichen, warmen Liegeplatz für das Kind ab.
+
+In Grönland erscheinen keine Modezeitungen. Die Eskimomoden wechseln
+daher nicht so häufig wie bei uns. Daß sie in dieser Beziehung aber
+auch nicht ganz von Gott verlassen sind, beweist das folgende Beispiel.
+
+Früher war der Anorak der Frauen ebenso lang wie der der Männer, doch
+seit die Europäer bei ihnen den großartigen Luxus der weißen Leibwäsche
+einführten, meinen sie, das weiße Hemd sei viel zu elegant, um so
+versteckt zu werden. Statt sich nun, wie unsere Schönen, die Kleider
+oben auszuschneiden, begannen sie damit von unten und machten sich
+ihren Anorak so kurz, daß zwischen ihm und dem unterhalb der Hüften
+sitzenden Hosenbunde ein Zwischenraum von Handbreite oder mehr blieb,
+aus dem das obenerwähnte Kleidungsstück hervorguckte. Dies ist eine für
+uns etwas ungewöhnliche Art, sich zu »dekolletieren«.
+
+Die Eskimos auf der Ostküste haben im allgemeinen dieselbe Tracht, nur
+verfertigen sie ihren Timiak nicht aus Vogelbälgen, sondern meist aus
+Seehundsfell. Im nördlichen Grönland wird auch gewöhnlich Seehunds-
+oder Renntierfell dazu genommen, und ebenso geschah es auch in früheren
+Zeiten auf der ganzen Westküste.
+
+[Illustration: Ostgrönländische Haustracht; links für Männer, rechts
+für Frauen.]
+
+Auf der Ostküste herrscht die überraschende Sitte, daß die ganze
+Familie, Männlein, Weiblein und die lieben Kindlein, im Hause und im
+Sommerzelt splinterfasernackt umherläuft. Wenigstens kam es mir so
+vor. Balto, der vermutlich genauer hingesehen hat, versicherte jedoch,
+daß alle Erwachsenen ein schmales Band um die Lenden trügen, was meine
+züchtigen Augen natürlich nicht so schnell hatten entdecken können.
+In dieser merkwürdigen Entdeckung stimmt Freund Baltos Behauptung
+überein mit der Aussage der meisten Reisenden, die sich mit dergleichen
+Forschungen beschäftigt haben, und ich muß ihr also wohl Glauben
+schenken. Dieses Band, das die Reisenden so freundlich mit dem Namen
+»Unterhosen« beehren -- ob es diesen Titel verdient, mag der Leser
+nach Besichtigung beifolgender Zeichnung selbst entscheiden --, soll
+der Grönländer Nâtit (Hauskleid) nennen. Früher trug man dergleichen
+bequeme Hauskleider in ganz Grönland, bis in die nördlichste
+Ansiedelung am Smithsunde hinauf, wo sie auch jetzt noch üblich sind.
+
+Dieses leichte Kostüm ist natürlich sehr gesund und gut. Die dicken
+Fellkleider hindern die Hautausdünstung sehr, es ist also ein
+natürliches Bedürfnis, das die Eskimos veranlaßte, sie in den warmen
+Räumen, wo sie doppelt ungesund sind, abzulegen. Doch als die Europäer
+ins Land kamen, predigten die Missionare heftig gegen diesen, ihr
+Anstandsgefühl verletzenden, gemütlichen Brauch. So kam es denn
+schließlich dahin, daß diese Hauskleider auf der Westküste abgeschafft
+wurden. Ob es die Moral verbessert hat, wage ich nicht zu entscheiden
+-- ich möchte es bezweifeln --, doch daß es nicht zur Verbesserung
+des Gesundheitszustandes beigetragen, das unterliegt für mich keinem
+Zweifel.
+
+Im Punkte des Entblößens ist auch der Westgrönländer noch heute ein
+Naturkind. Manche Eskimodamen machen freilich einen schüchternen
+Versuch, ihre Blöße zu bedecken, sobald ein Europäer ins Zimmer tritt.
+Aber ich fürchte -- ich fürchte, daß dies mehr geschieht aus Ziererei,
+die uns ihrer Meinung nach gefällt, als aus wirklichem Schamgefühl.
+Denn sobald sie merken, daß wir keine Notiz davon nehmen, wird sich
+damit auch nicht weiter angestrengt. Auch ihren Landsleuten gegenüber
+zeigen sie wenig Schamgefühl. Man höre nur, was der gute Hans Egede
+sich genötigt sieht, hierüber zu berichten, und was ich aus eigener
+Erfahrung bestätigen muß:
+
+»Sie machen sich garnichts daraus,« sagt er, »in Gegenwart anderer
+ihre Notdurft zu verrichten. Jede Familie hat vorne im Zimmer eine
+große Tonne oder Kufe stehen, in die alle ganz ungeniert ihr Wasser
+ablassen, wenn auch noch soviel Besuch zuguckt. Besagte Tonne bleibt
+stehen, bis der Inhalt, mit Erlaubnis zu sagen, stinkt, und die Tonne
+mit obenbemeldeter Flüssigkeit dient dazu, die zu gerbenden Felle
+auszulaugen« u. s. w.
+
+Das Haar der Eskimos ist rabenschwarz, glatt und steif, wie ein
+Pferdeschwanz und darf bei den Männern wachsen, wie es ihnen gefällt.
+Auf der Ostküste wird es in der Regel nicht beschnitten, ja, es gilt
+für gefahrbringend, wenn man etwas davon einbüßt. Stellenweise wird es
+mit einer Schnur aus der Stirn zurückgebunden. Manchmal wird jedoch
+Kindern das Haar geschnitten. Dann aber müssen sie es ihr ganzes Leben
+hindurch thun und gewisse Formalitäten dabei beobachten, z. B. wird
+unter anderem ihren Hunden im ersten Lebensjahre Schwanz und Ohren
+gestutzt. Eisen darf unter keinen Umständen mit dem Haar in Berührung
+kommen, weshalb es mit einem Haifischkiefer abgesägt wird.
+
+Die Frauen drehen das Haar oben auf dem Schädel in einen Knoten. Dabei
+wird es auf allen Seiten gleichmäßig straff gezogen. Die Frauen der
+Ostküste umschnüren es mit Lederstreifen, die der Westküste dagegen
+mit einem farbigen Band. Junge Mädchen tragen Rot, -- haben sie ein
+Kind, so legen sie Grün an, -- Frauen Blau und Witwen Schwarz. Wollen
+letztere wieder heiraten, so pflegen sie Schwarz und Rot zu verbinden.
+Aeltere Witwen, welche die Hoffnung, noch einen Mann zu bekommen,
+endgültig aufgegeben haben, pflegen das schwarze Band mit einem weißen
+zu vertauschen. Hat eine Witwe noch nach dem Tode ihres Gatten Kinder,
+so muß auch sie Grün anlegen.
+
+Der Haarknoten ist der Stolz der Grönländerinnen und muß so straff
+und aufrecht wie möglich in die Luft stehen. Dies ist besonders bei
+den jungen heiratsfähigen Eskimomädchen der Fall, und da diese kaum
+weniger eitel sind, als ihre europäischen Schwestern, so drehen
+sie ihr Haar mit solcher Gewalt zusammen, daß es nach und nach von
+Stirn, Nacken und Schläfen zurücktritt, und sie in verhältnismäßig
+jungen Jahren mehr oder weniger kahle Stellen bekommen, was nicht
+gerade ansprechend wirkt, aber einen sichtbaren Beweis für die
+Eitelkeit dieser Welt liefert. Damit sich nun das Haar recht fest
+zusammendrehen läßt und zugleich einen schönen Glanz erhält, ist es
+bei den Grönländerinnen Brauch, es vor dem Frisieren in Urin zu baden,
+wodurch es naß und klebrig wird und sich leichter aufbinden läßt. Ich
+weiß noch, wie ich eines Abends bei einem Tanzvergnügen in Godthaab
+eine mir befreundete Eskimodame zum Scherze damit neckte, daß ihr
+Knoten heute nicht so aufrecht stehe, wie er eigentlich sollte. Sie
+verschwand sofort und kam nach einer Weile mit einem glänzenden, steif
+in die Luft ragenden Knoten wieder, roch aber schrecklich nach besagtem
+Haarwasser. Mit derselben Flüssigkeit wäscht sich auch, wer besonders
+auf Reinlichkeit hält und sich oft wäscht. Sie lieben den Geruch, der
+ihnen von alledem anhaftet, nennen ihn jungfräulich und halten ihn für
+ein wirksames Zaubermittel zum Anlocken der Männer. Europäischen Nasen
+sagt er anfangs weniger zu. Saabye erzählt von einem Buchhalter in
+Nordgrönland, der sich in ein Eskimomädchen, d. h. in ihre Person, aber
+nicht in ihr Parfüm, verliebt hatte: »Er verfiel auf ein gutes Mittel,
+den von ihr ausgehenden, ihm so widerwärtigen Geruch zu beseitigen, und
+wandte es an. Er besprengte sie nämlich, erst verstohlen, dann offen,
+mit Lavendelessenz, und das half vorzüglich. Jetzt hielt er um sie an
+und wurde angenommen. Sie leben jetzt sehr glücklich und haben viele
+Kinder, aber die Frau riecht noch immer nach Lavendelessenz.«
+
+Es ist überhaupt merkwürdig, wie gleichgültig sie mit Urin umgehen.
+Saabye sagt unter anderem: »Eine Mutter hielt ihr Kind über einer
+Schüssel ab, leerte diese in der Tonne aus, nahm das gekochte Fleisch
+aus dem Kessel, legte es ohne Weiteres in dieselbe Schüssel und setzte
+es den Gästen vor, die es mit gutem Appetit verzehrten.«
+
+Die Mütter lecken ihre Kinder ab, statt sie zu waschen, -- früher
+machten sie es wenigstens so -- und wenn sie lausen oder kämmen,
+wird jede Laus nach Affenmanier aufgegessen. Denn: »Was beißt, muß
+wiedergebissen werden.«
+
+Hier müßte ich eigentlich wohl aufhören, doch damit der Leser sich ganz
+mit den uns ungewohnten Sitten dieses Volkes vertraut mache, will ich
+noch einmal Egede citieren, der über ihr »äußeres Comportement« sagt:
+
+»Im übrigen sind sie in ihrem ganzen Benehmen tölpelhaft und
+ungeschliffen, essen von demselben Geschirr, von dem ihre Hunde
+gefressen haben, ohne es vorher zu säubern, verzehren -- was
+abscheulich anzusehen ist -- Läuse und Ungeziefer von ihrem eigenen und
+anderer Leibe und leben genau nach dem Sprichwort, daß alles, was aus
+der Nase kommt, in den Mund fallen muß, auf daß nichts umkomme.«
+
+[Illustration: Eskimos bei der Ausbesserung des Kajaks.]
+
+Sollte jemand an diesen Eigentümlichkeiten im äußeren Auftreten der
+Eskimos Anstoß nehmen, so bitte ich ihn, zu bedenken, daß unsere
+eigenen Vorfahren vor noch garnicht so vielen Menschenaltern sich nicht
+viel anders betrugen. Man lese nur eine Beschreibung des häuslichen
+Lebens der Skandinavier in früheren Zeiten, und man wird erstaunliche
+Dinge vernehmen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +III.+
+
+Der Kajak und die Kajakgeräte.
+
+
+Bei oberflächlicher Betrachtung einzelner Kleinigkeiten im äußeren
+Benehmen des Eskimo kommt man leicht zu der falschen Annahme, er stehe
+auf einer niedrigen Kulturstufe. Giebt man sich aber die Mühe, ihn
+genauer zu studieren, so wird man ihn bald in anderem Lichte sehen.
+
+Es sind heutzutage viele Menschen so von der Größe unserer Zeit
+erfüllt, daß sie meinen, die täglich von uns gemachten Fortschritte und
+Erfindungen stellten die begabte weiße Rasse hoch über alle anderen.
+Diesen Vielen wäre es dienlich, sich einmal die Entwicklung des
+Eskimovolkes gründlich klarzumachen und sich die Geräte und Erfindungen
+anzusehen, die es gemacht, um sich inmitten einer nur äußerst
+beschränkte Mittel bietenden Natur seinen Lebensunterhalt zu schaffen.
+
+Denkt Euch ein Volk auf einer so unwirtlichen, öden Küste wie der
+grönländischen ausgesetzt -- ohne Verbindung mit der übrigen Welt,
+ohne Metalle, ohne Verteidigungswaffen, ja ohne andere Hilfsmittel,
+als die, welche es an Ort und Stelle findet. Es sind das Steine, ein
+wenig Treibholz und dann noch Felle und Knochen. Doch um die Felle
+und Knochen zu bekommen, müssen die Tiere, denen sie gehören, erst
+erlegt werden. Wären wir an Stelle der Eskimos und unterstützte uns
+nicht unser Mutterland, so gingen wir zu Grunde. Der Eskimo hingegen
+schlägt sich nicht nur durch, er findet sogar sein Glück, und seine
+Zufriedenheit, und die Verbindung mit der übrigen Welt ist ihm bisher
+nur zum Schaden gewesen.
+
+[Illustration:Im Kampf mit den Wellen.]
+
+Um dem Leser ein Bild zu geben, auf welche Summe von Erfahrungen
+sich die Kultur dieses Volkes gründet, will ich versuchen, ihre
+wahrscheinliche Entstehung zu erklären.
+
+Wir wollen also, in Uebereinstimmung mit Dr. Rinks Ansicht,
+voraussetzen, daß die Vorfahren der Eskimos einst im Innern von Alaska
+lebten. Außer der Jagd auf dem Lande haben diese Eskimos auch in
+Kanoes von Birkenrinde auf den Flüssen und Seen Fischfang getrieben,
+wie es die Alaska-Eskimos und die Indianer des Nordwestens noch heute
+thun. Später wurde jedoch ein Teil dieser Inlandseskimos entweder vom
+Fischreichtum des Meeres angelockt oder von feindlichen kriegerischen
+Indianerstämmen verdrängt und zog in Kanoes die Flüsse hinab nach
+der West- oder der Nordküste. Je mehr sie sich dem Meere näherten,
+um so spärlicher wurden die Waldbäume. Sie mußten auf andere Mittel
+als Birkenrinde sinnen, um ihre Kanoes zu beziehen. Da ist es nicht
+unwahrscheinlich, daß sie es schon auf den Flüssen mit den Fellen
+von gefangenen Seetieren versuchten, umsomehr, als man hiervon noch
+heute bei einzelnen Indianerstämmen Beispiele findet. Doch erst als
+der Eskimo in der Flußmündung Seegang kennen lernte, kam er darauf,
+seinem Boote ein Deck zu geben, es dann oben ganz zu schließen und
+zuletzt noch seine eigenen Felljacken so damit zu verbinden, daß das
+Ganze wasserdicht wurde. Damit war der Kajak fertig. Doch welchen
+Fortschritt in ihrer Zeit bedeuten diese Erfindungen, die uns,
+nun wir sie vollendet sehen, so natürlich und leicht erscheinen!
+Wieviel Arbeit müssen sie gekostet haben und wie mancher Versuch
+mag mißglückt sein! An der Meeresküste angelangt, merkten die alten
+Eskimos, daß ihre Existenz wesentlich vom Seehundsfange abhängen werde.
+Sie verwandten folglich ihren ganzen Verstand und ihre ganze Kraft
+darauf, und der Kajak führte zur Erfindung der vielen eigenartigen,
+bewunderungswürdigen Fanggeräte, die noch immer mehr vervollkommnet
+wurden. Ein schlagender Beweis für die Behauptung, daß viele von uns
+Menschen doch im Grunde kluge Tierchen sind.
+
+Mit Bogen und Pfeilen zu schießen, wie sie es auf dem Lande getan, ging
+bei der unbequemen sitzenden Stellung im Kajak natürlich nicht an, sie
+mußten sich also Schleuderwaffen schaffen.
+
+Die Idee dazu erhielten sie wieder aus Amerika. Sie nahmen zuerst den
+indianischen Pfeil mit der Steuerfeder, wie sie ihn früher selber zur
+Landjagd benutzt hatten. Solcher kleinen Harpunen oder Wurfpfeile
+bedienen sich die Eskimos auf der Südwestküste von Alaska noch heute.
+
+Doch im Norden, längs der Küste, verschwinden die Vogelfedern, und
+eine kleine, am Pfeilschaft befestigte Blase tritt an ihre Stelle. Man
+fand, daß solche Mittel notwendig waren, um dem getroffenen Seehund
+beim Untertauchen und Fortschwimmen Hindernisse in den Weg zu legen.
+Ferner hielt man es für nötig, die Pfeilspitze so einzurichten, daß
+sie bei den heftigen Bewegungen des Tieres, um sie abzuschütteln,
+nicht abbrechen konnte, sondern sich vom Pfeilschafte loslöste (bei
++c+ der Figur auf Seite 29) und an dem in der Mitte des Schaftes
+(+b'+) befestigten Riemen (+c--b+) hängen blieb, wodurch der
+Schaft in eine Querlage geriet und dem Tiere beim Schwimmen hinderlich
+wurde, wenn es mit ihm durchging. Auf diese Weise ist der sogenannte
+~Blaerepil~ (Blasenpfeil) entstanden, den wir bei allen an der
+Meeresküste wohnenden Eskimostämmen finden.
+
+Die Blase wird aus einer Möven- oder Scharbenkehle gemacht, die
+aufgeblasen und getrocknet wird. Am Pfeilschaft ist sie mit einem
+Knochenstück befestigt, in das ein Loch gebohrt ist, damit man sie
+aufblasen kann; das Loch wird mit einem Holzpflöckchen verschlossen.
+
+Aus diesem Blasenpfeile hat sich möglicherweise die wichtigste
+Jagdwaffe der Eskimos, die sinnreiche Harpune mit Leine und Fangblase,
+entwickelt. Um größere Seetiere fangen zu können, hat man dem Pfeile
+allmählich eine immer größere Blase gegeben. Dabei aber sah man bald
+ein, daß sich durch den von der Größe der Blase hervorgerufenen
+stärkeren Luftwiderstand die Treffweite und die Kraft des Wurfes
+verminderte. Man machte sie also vom Pfeile los und verband sie
+nur mit seiner Spitze mittelst eines langen, starken Riemens, der
+Harpunenleine. Die Harpune, die größer und schwerer gemacht wurde, als
+der ursprüngliche Blasenpfeil, wurde von nun an allein geschleudert,
+schleppte aber die Leine mit. Die am anderen Ende der Leine befestigte
+Blase blieb auf dem Kajakdeck liegen und wurde erst dann ins Wasser
+geworfen, wenn das Tier getroffen war.
+
+[Illustration: Blasenpfeil.]
+
+Nach dem Kajak ist die Harpune mit ihrer ganzen sinnreichen
+Konstruktion das vorzüglichste Erzeugnis des Eskimogeistes.[7]
+
+Ihr Schaft wird in Grönland aus rotem Treibholz, einer Art sibirischer
+Föhre, verfertigt, das schwerer ist, als das weiße Treibholz, aus dem
+man kleinere und leichtere Schleuderwaffen macht. Vorn ist der Schaft
+mit einer dicken, starken Knochenplatte versehen, an der oben ein
+gewöhnlich aus Walroßzahn geschnitzter, langer Knochenzapfen sitzt,
+den ein Riemengelenk so mit dem Schafte verbindet, daß der Zapfen bei
+starkem Druck oder Stoß von der Seite aus dem Gelenke geht, anstatt
+abzubrechen. Dieser Zapfen paßt genau in ein Loch in der eigentlichen
+Harpunenspitze, die ebenfalls aus Knochen gemacht wird -- am liebsten
+aus Walroß- oder Narwalzahn -- und die nunmehr stets mit einer Spitze
+oder vielmehr einem scharfen Blatte von Eisen versehen ist. Die
+Harpunenspitze hängt durch ein Loch mit der Fangleine zusammen und ist
+mit ~Agnorern~ oder Widerhaken versehen, der sie dort, wo sie
+einmal eindringt, festsitzen läßt. Ueberdies ist sie so eingerichtet,
+daß sie im Fleisch in eine Querlage gerät, sobald der Seehund sie
+abzuschütteln versucht. An dem Schaft wird sie so befestigt, daß man
+sie auf den obenerwähnten Zapfen steckt. Darauf wird die Leine mit
+einem in entsprechendem Abstand angebrachten, ebenfalls mit einem
+Loche versehenen Knochenstückchen an einem Knochenhaken (+a+) am
+Harpunenschafte derart angehakt, daß Schaft und Spitze fest zusammen
+halten.
+
+Wenn nun die Harpune trifft und der Seehund sich überschlägt, geht
+der Zapfen sofort aus dem Gelenk (siehe +a+ beim nebenstehenden
+Bild), und die Harpunenspitze mit der Fangleine löst sich vom Schaft,
+der auf dem Wasser treibt, bis ihn sein Eigentümer wieder auffischt,
+während der Seehund mit der Spitze im Leibe und der Harpunenleine mit
+der Blase im Schlepptau weiterschwimmt. Ich glaube, ein jeder muß
+einräumen, daß sich eine sinnreichere Erfindung aus Treibholz, Knochen
+und Seehundsfell kaum denken läßt, und man wird überzeugt sein können,
+daß sie die Arbeit vieler Generationen kostete.
+
+[Illustration: Harpune.]
+
+In Grönland giebt es zwei Arten dieser Harpune. Die eine heißt
+~Unâk~, ist am Unterende oben nur mit einem beinernen Knopf
+versehen und ist länger und schlanker als die zweite. Diese heißt
+~Ermangnak~ und läuft unten in zwei Knochenschienen oder Flügel
+aus, die jetzt meistens aus Walfischrippen gemacht werden. Sie dienen
+dazu, die Harpune schwerer zu machen und sie durch die Luft zu
+steuern. Eine solche ist auf Seite 30 abgebildet.[8] In Godthaab wurde
+gewöhnlich die Ermangnak gebraucht, doch ich hörte alte Seehundsfänger
+vielfach darüber klagen, daß sie sich bei Wind schwerer werfen lassen
+als die Unâk, weil der Wind, sobald er von der Seite kommt, zu sehr in
+die Knochenschienen greifen und dadurch die Wurfrichtung verändern
+kann.
+
+Die Fangleine wird aus Haut gemacht, die entweder die große Robbe
+(blauer Seehund = +Phoca barbata+) oder ein junges Walroß
+liefert. Sie ist gewöhnlich 14-16 +m+ lang und einen guten halben
+Centimeter (etwa 7 +mm+) breit.
+
+Zur Fangblase wird die Haut eines jungen Ringseehundes (+Phoca
+foetida+) genommen. Sie wird abgebälgt, enthaart, am Kopfe, den
+vorderen und den hinteren Gliedern luftdicht zugebunden und getrocknet.
+
+[Illustration: Vorderende der Harpune.]
+
+Zur Aufwicklung der Fangleine gilt der Kajakstuhl, der vor dem Ruderer
+auf dem Deck angebracht ist. Auf ihm liegt die Leine, gut vor dem
+beständig über das Deck spülenden Seewasser geschützt, und bereit zum
+ungehinderten Ablaufen, wenn die Harpune geschleudert wird.
+
+Zum Töten des harpunierten Seehundes wird eine Lanze (+~Anguvigak~+)
+gebraucht. Sie besteht aus einem Holzschaft, der, um möglichst weit
+fliegen zu können, gewöhnlich aus weißem Treibholze hergestellt ist
+und vorne eine lange, in ein eisernes Blatt auslaufende Knochenspitze
+hat. Zu dem Blatte nahm man früher Stein statt Eisen. Die Knochenspitze
+besteht meistens aus Renntierhorn, oft aber auch aus Narwalzahn oder
+anderen Knochenarten. Damit der Seehund sie nicht abbrechen kann, ist
+sie am Schaft mit einem Gelenke, das dem Knochenzapfen der Harpune
+gleicht, befestigt.
+
+[Illustration: Lanze.]
+
+Außerdem benützen sie auch den Vogelpfeil (+~Nufit~+). Dieser hat
+gleichfalls einen Schaft von weißem Treibholz. Vorne ist eine lange,
+schmale Spitze, jetzt von Eisen, früher aus Knochen. Daneben stehen
+noch mitten auf dem Schafte drei schrägliegende, nach vorne gerichtete
+Renntierhornspitzen mit großem Widerhaken. Sie rechnen nämlich darauf,
+daß, falls die vordere Pfeilspitze den Vogel nicht treffen sollte,
+der Schaft an diesem entlanggleite und dabei eine der Seitenspitzen
+den Vogel spieße und durchbohre, was auch die gewöhnlichste Art ist,
+den Vogel zu treffen. Ebenfalls eine Erfindung, die unsereinen zum
+berühmten Manne machen würde.
+
+[Illustration: Im Kampf mit den Wellen.]
+
+Alle diese Schleuderwaffen lassen sich, wie angedeutet, vom Federpfeil
+der Indianer ableiten. Doch um seine Waffen weiter und mit größerer
+Wucht schleudern zu können, hat der Eskimo eine Erfindung gemacht,
+durch die er sich von allen seinen Nachbarn, den asiatischen wie
+den amerikanischen Stämmen unterscheidet. Diese Erfindung ist das
+Wurfholz. Dieses vorzügliche Instrument, das die Länge und die Kraft
+des Armes in hohem Grade vergrößert, indem es wie eine Schleuder
+wirkt, ist merkwürdigerweise nur an wenigen Stellen der Erde bekannt.
+Wahrscheinlich nur an dreien. Erstens, in sehr primitiver Form,
+bei den Australnegern, zweitens im Lande der Coni und Puru am oberen
+Amazonenstrome, und drittens bei allen Eskimostämmen[9], die es zu
+seiner höchsten Entwicklung gebracht haben. Die Annahme, daß das
+Vorkommen des Wurfholzes an so verschiedenen Stellen auf gemeinsamen
+Ursprung hinweise, ist wohl kaum zulässig, und somit können wir das
+der Eskimos als eine eigene, von ihnen selbst gemachte Erfindung
+ansehen. In Grönland wird das Wurfholz gewöhnlich aus rotem Treibholz
+gemacht. Es ist etwa einen halben Meter lang (vierzehn in meinem
+Besitz befindliche Wurfhölzer haben eine Länge von 42-52 +cm+),
+am unteren, breitesten Ende 7 bis 8 +cm+ breit und ungefähr
+1½ +cm+ dick. Seitlich sind am unteren breiten Ende Kerben
+zum Anfassen, an der einen Seite für den Daumen, gegenüber für den
+Zeigefinger.[10] Auf der oberen flachen Seite ist längs des ganzen
+Holzes eine Rinne für den Pfeil oder die Harpune. Es giebt zwei
+Wurfholzarten. Die eine dient hauptsächlich zum Abschnellen des
+Blasenpfeils und des Vogelpfeils. Sie hat oben am Schmalende einen
+Zapfen, der genau in eine Vertiefung des am Hinterende des Pfeils
+angebrachten Knochenknopfes paßt (vergleiche die beiden folgenden
+Illustrationen.) Mit der zweiten Art schleudert man die Harpune und
+die Lanze; sie hat im oberen Schmalende ein Loch, in das ein schräg
+nach hinten gerichteter Zapfen an der Seite des Harpunen- oder
+Lanzenschaftes hineinpaßt, und dazu noch ein Loch weiter unten im
+Griffe, in das ein zweiter, gradeherausstehender Zapfen faßt. (Siehe
+Illustration auf Seite 36.) Wurfhölzer dieser Art werden weiter
+nördlich, z. B. in Sukkertoppen, auch zum Schleudern des Vogelpfeils
+gebraucht.
+
+[Illustration: Wurf mit Vogelpfeil (+a+).]
+
+Im südlichsten Grönland und auf der Ostküste finden wir aber noch
+ein Wurfholz, das zum Schleudern der Ernangnak oder Flügelharpune
+dient. Diese Form hat am oberen schmalen Ende einen Zapfen wie das
+Vogelpfeilwurfholz, und der Zapfen paßt in eine Vertiefung zwischen
+den Knochenflügeln der Harpune, dagegen sind am unteren Ende des
+Wurfholzes, dicht am Griffe, ein oder zwei Löcher, in welche die
+oben beschriebenen Knochenzapfen an der Seite des Harpunenschaftes
+hineingreifen.
+
+Soll die Harpune oder der Pfeil mit dem Wurfholz -- gleichviel welcher
+Art -- geschleudert werden, so faßt man den Griff des Wurfholzes und
+führt es mit der Waffe zusammen in horizontaler Armhaltung wurfbereit
+rückwärts (siehe Illustration +a+). Indem man es dann aber kräftig
+wieder nach vorne schnellt, löst sich das untere Ende des Wurfholzes
+von der Harpune oder dem Pfeile los, während man mit dem oberen Ende,
+das noch an seinem Zapfen oder Knopfe festhält (siehe Illustration b
+und die folgende), die Waffe auf bedeutende Entfernung hin mit großer
+Treffsicherheit fortschleudert. Eine außerordentlich einfache und
+wirkungsvolle Erfindung.
+
+[Illustration: Wurf mit Vogelpfeil (+b+).]
+
+Außer den genannten Waffen hat der Eskimo, wenn er auf den Fang
+ausgeht, hinten auf seinem Kajak noch ein Messer liegen, dessen Schaft
+1 Meter 30 Centim. und dessen spitze Klinge 20 Centimeter lang ist.
+Mit ihm wird dem Seehunde oder dem erbeuteten Seetier der Gnadenstoß
+gegeben. Vorn auf dem Kajak liegt ein kleineres Messer. Es dient zum
+Einstechen von Löchern in die Haut des Seehundes, um die Knochenstücke
+der Bugsierleine hindurchzuziehen, die der Eskimo stets mitnimmt, und
+mit der der zu bugsierende Seehund an der Seite des Kajaks festgemacht
+wird. Zu diesem Zwecke nimmt er auch eine oder mehrere Bugsierblasen
+mit, die sich aufblasen lassen und die den Seehund über Wasser halten.
+
+[Illustration: Wurf mit Harpune.]
+
+Um die Beschreibung vollständig zu machen, sei auch noch das
+Knochenmesser angeführt, das, besonders im Winter, zur Kajakausrüstung
+gehört und hauptsächlich zum Abkratzen des Eises von den Kajakwänden
+gebraucht wird.
+
+Nach der beigefügten Zeichnung wird man sich einen Begriff davon
+machen können, wie alle Waffen auf dem Kajak angebracht sind, wenn der
+Eskimo auf den Fang geht (+a+ Kajakloch, +b+ Fangblase, +c+ Kajakstuhl
+mit aufgewickelter Harpunenleine [+e+], +d+ Harpune, an ihrem Platze
+hängend, +f+ Lanze, +g+ Kajakmesser, +h+ Blasenpfeil, +i+ Vogelpfeil
+und +k+ das Wurfholz des letzteren).
+
+Doch das Wichtigste fehlt noch: die Beschreibung des Kajaks selbst.
+
+Innen hat der Kajak ein Holzgerippe. Dieses Gerippe, von dem man sich
+hoffentlich nach der beigefügten Zeichnung eine Vorstellung machen
+kann, wurde früher stets aus Treibholz gemacht, und zwar am liebsten
+aus weißem, dem leichtesten. Zu den Rippen nahm man auch wohl Zweige
+von Weidengebüsch, das an den inneren Fjorden wächst. Heutzutage
+kauft man in den Kolonien an der Westküste oft europäische Tannen-
+oder Fichtenbretter aus dem Kolonieladen zum Kajakbau, obwohl man das
+Treibholz, hauptsächlich seines leichten Gewichtes halber, noch immer
+für viel geeigneter hält.
+
+[Illustration: Kajak von oben gesehen.]
+
+[Illustration: Kajakgerippe.]
+
+Dieses Holzgerippe wird außen mit Leder überzogen, vorzugsweise mit
+der Haut des Grönlandsseehundes (+phoca groenlandica+) oder dem
+Fell der Klappmütze (+Cystophora cristata+). Letzteres ist nicht
+so dauerhaft und wasserdicht. Bekommt man aber das Fell einer jungen
+Klappmütze, deren Haut noch nicht so große Poren hat, so gilt auch
+das für gut. Erlauben es die Vermögensverhältnisse, so nimmt man die
+Haut des blauen Seehundes (+phoca barbata+), die für die beste
+und stärkste gilt. Da aus ihr aber auch die Harpunenleinen gemacht
+werden, ist sie eigentlich nur auf der Süd- und Ostküste in genügender
+Menge vorhanden, um allgemein zum Kajakbeziehen genommen werden zu
+können. Seltener Verwendung findet das Fell des großen Ringseehundes
+(Fleckenseehund) [+Phoca foetida+].
+
+Die Behandlung der Kajakfelle wird später (im achten Kapitel)
+besprochen werden. Am liebsten bezieht man den Kajak gleich, solange
+die Häute noch frisch sind. Hat man sie schon trocknen lassen, so
+müssen sie ein paar Tage sorgfältig eingeweicht werden, ehe das
+Beziehen vor sich gehen kann. Sie müssen so naß und dehnbar wie möglich
+sein, damit sie sich richtig strammziehen lassen und getrocknet so
+straff wie ein gespanntes Trommelfell sitzen. Gerben, Kajakbeziehen und
+Nähen der Häute ist Frauenarbeit. Sie ist nicht leicht, und wehe, wenn
+der Bezug schlecht oder nicht straff genug sitzt! Das halten sie für
+eine große Schande.
+
+Soll ein Kajak bezogen werden, so kommen alle oder wenigstens sehr
+viele Frauen des Ortes zusammen, um dabei zu helfen. Dies gilt ihnen
+für ein großes Vergnügen, weil sie zum Lohn für ihre Arbeit vom
+Kajakbesitzer gewöhnlich mit Kaffee traktiert werden. Die Bewirtung
+variiert je nach den Vermögensverhältnissen zwischen 25 Oere und einer
+Krone und drüber.
+
+In der Mitte des Kajakdeckes ist ein Loch, nur gerade so groß, daß
+ein Mann seine Beine hineinstecken und sich setzen kann. Seine
+Hüften füllen die Oeffnung beinahe vollständig aus. Es bedarf daher
+einer gewissen Uebung, um einigermaßen gewandt in den Kajak hinein-
+und wieder aus ihm herauszukriechen. Oben umschließt das Loch der
+Kajakring, ein gebogener Holzreifen. Er erhebt sich 3 bis 3½
++cm+ über das Deck des Kajaks, und über ihn wird der Wasserpelz,
+auf den ich später zurückkomme, gezogen. An den Sitz werden über die
+Rippen des Kajakbodens ein oder mehrere Stücke alter Kajakhäute und ein
+Stück Bärenfell oder ein anderes weichhaariges Fell gelegt, um einen
+einigermaßen bequemen und weichen Sitzplatz herzustellen.
+
+Gewöhnlich baut jeder Fänger seinen Kajak selbst und nimmt dabei
+so genau Maß am eigenen Körper, als wollte er sich einen Anzug
+schneidern. Ein Kajak für einen Grönländer von Durchschnittsgröße ist
+in der Gegend von Godthaab etwa 5½ +m+ lang. Die Breite des
+Deckes beträgt vor dem Kajakring, wo sie am größten ist, ungefähr 45
++cm+ oder etwas mehr, am Boden aber ist er bedeutend geringer. Sie
+richtet sich natürlich nach der Hüftenbreite des Kajakmannes und wird
+gewöhnlich genau so bemessen, daß er gerade darin Platz hat. Uebrigens
+muß ich noch bemerken, daß an der Godthaabsbucht, z. B. in Sardlok und
+Kornok, die Kajake länger und schmaler waren, als die Boote draußen
+an der offenen Meeresküste, wie in Kangek. Wahrscheinlich, weil der
+stärkere Seegang da draußen festere und leichter zu regierende Kajake
+verlangt und ein kurzer, breiter auch besser schaukelt und weniger
+Spülwasser nimmt.
+
+[Illustration: Querschnitt des Kajaks.
+
+Die punktierte Linie stellt den Bezug vor.]
+
+Der Kajak pflegt zwischen Boden und Deck 12-15 +cm+ hoch zu sein,
+vor dem Kajakringe ist er einige Centimeter höher, um das Einsteigen
+zu erleichtern und den Schenkeln des Sitzenden Raum zu geben. Der
+Kajakboden ist ziemlich flach und bildet zwei sehr stumpfe Winkel (von
+ungefähr 140°) nach der Mitte zu. Nach vorne und hinten verschmälert
+er sich proportionsmäßig und läuft an beiden Enden in eine Spitze
+aus. Einen Kiel hat er nicht, dafür aber auf der Unterseite an
+beiden Enden gewöhnlich einen Beschlag von Knochenschienen, meistens
+aus Walfischrippen, der dazu dient, den Kajakbezug beim Landen vor
+Beschädigung durch scharfe Eisstücke und spitze Steine zu schützen.
+Beide Kajakspitzen sind gewöhnlich teils zum Schutz, teils zur
+Verzierung mit einem Beinknopf versehen.
+
+Oben auf dem Verdeck sind meist sechs Querriemen vor und drei bis fünf
+hinter dem Kajakring angebracht. In diese Riemen werden alle zum Fange
+nötigen Waffen und Geräte gesteckt, so daß sie sicher liegen und zur
+Hand sind. In diese Riemen sind Knochenstücke eingedrückt, teils um sie
+zu befestigen, teils auch, um sie etwas über das Verdeck zu erhöhen,
+damit sich die Waffen schneller hineinstecken lassen, und schließlich
+wohl auch, um den Kajak zu zieren. An einigen dieser Riemen wird die
+erlegte Beute befestigt. Besteht sie aus Federwild, so werden die Vögel
+mit dem Kopf unter den Riemen gesteckt. Ist es aber ein Seehund, Wal
+oder Wels, so wird die an dem Tiere befestigte Bugsierleine durch einen
+Riemen gezogen. Kleinere Fische werden überhaupt nicht festgemacht,
+sondern bleiben entweder lose auf dem Verdeck liegen oder werden in den
+hinteren Raum gestaut.
+
+Ein Kajak ist so leicht, daß er mit allem Zubehör ohne Mühe oft mehrere
+Meilen über Land auf dem Kopfe getragen werden kann.
+
+Zum Rudern bedient man sich eines zweiblattigen Ruders, das in der
+Mitte festgehalten und abwechselnd rechts und links eingetaucht wird,
+wie die Ruder unserer spitzen Kähne. Dieses Ruder ist wahrscheinlich
+aus dem einblattigen Kanoeruder der Indianer entstanden. Bei den
+Eskimos an der Südwestküste von Alaska finden wir noch heute nur
+letztere; erst nördlich von Yukonriver stößt man auf zweiblattige
+Ruder, aber auch dort sind die einblattigen noch überwiegend. Noch
+nördlicher und weiter östlich, längs der amerikanischen Küste, kommen
+beide Arten vor, bis schließlich östlich von Mackenzie das zweiblattige
+Ruder die Herrschaft behält.
+
+[Illustration: Ruder.]
+
+Die Aleuten scheinen merkwürdigerweise nur das zweiblattige Ruder zu
+kennen[11], und soviel ich weiß, ist dies auch bei den asiatischen
+Eskimos der Fall[12].
+
+Bei schönem Wetter zieht der Kajakmann den sogenannten Halbpelz
+(~Akuilisak~) an. Ein Kleidungsstück aus wasserdichtem, enthaartem
+Fell, mit Sehnen zusammengenäht. In den unteren Rand ist eine
+Zugschnur oder richtiger ein Zugriemen eingenäht, der so angezogen
+werden kann, daß der Pelzrand gerade um den Kajakring paßt. Einige
+Mühe kostet es, ihn über diesen Ring zu streifen. Aber dann ist
+er auch so festzuschnüren, daß der Halbpelz den Kajak wasserdicht
+verschließt. Der obere Rand reicht dem Ruderer bis unter die Arme und
+hält sich hier durch Achselbänder oder Riemen, die über den Schultern
+liegen und nach Belieben durch einen einfachen Verschlußmechanismus,
+eine Knochenschnalle, verlängert oder verkürzt werden können. Die
+Knochenschnalle ist bei aller Einfachheit so sinnreich, daß wir einen
+so guten Verschluß mit all unseren Metallspangen und -Schnallen nicht
+herstellen könnten.
+
+[Illustration: Halbpelz.]
+
+Ueber die Arme werden lose Fellärmel gezogen, die am Oberarm und am
+Handgelenk festgebunden werden und den Arm beim Rudern trocken halten.
+Wasserdichte, lederne Fausthandschuhe mit besonderen Daumen bedecken
+die Hände.
+
+Der Halbpelz genügt, um das Innere des Kajaks vor kleineren Wellen zu
+schützen. Bei hohem Seegang aber muß man den Wasserpelz (~Tuilik~)
+anziehen, der beinahe ebenso wie der Halbpelz zugeschnitten ist und
+ebenfalls um den Kajakring schließt. Nur nach oben zu ist er länger
+und mit Aermeln und einer Kapuze versehen. Er wird rund um das Gesicht
+herum und an den Handgelenken zugeschnürt, und mit ihm kann der
+Kajakruderer den größten Sturzseeen trotzen. Ja, er kann sogar kentern
+und sich wieder aufrichten, ohne naß zu werden und ohne einen Tropfen
+Wasser in den Kajak zu bekommen.
+
+[Illustration: Wasserpelz.]
+
+Man kann sich denken, daß es nicht leicht ist, in einem Fahrzeug, wie
+dem Kajak, zu sitzen, ohne zu kentern, und daß dies mit einiger Uebung
+erlernt sein will. Einer meiner Freunde wollte den Kajak, den ich aus
+Grönland mitgebracht hatte, probieren und kenterte dabei viermal binnen
+zwei Minuten; kaum hatten wir ihn wieder aufgerichtet, so sahen wir ihn
+schon wieder Kopf stehn, den Boden des Kajaks nach oben.
+
+Doch hat man erst die nötige Uebung, so kann man sich auch mit Hilfe
+des zweiblattigen Ruders bei jedem Wetter wunderbar schnell durch das
+Wasser bewegen, und der Kajak ist ohne Vergleich auf der ganzen Welt
+das beste einsitzige Boot.
+
+Man muß freilich seine Lehrzeit früh antreten, wenn man ein tüchtiger
+Kajakruderer werden will. Die grönländischen Knaben üben sich vom
+sechsten Jahre an im Boot ihres Vaters, und wenn sie zehn bis zwölf
+Jahre alt sind, giebt der tüchtige grönländische Fänger jedem Sohn
+einen eigenen Kajak. So war es wenigstens früher. Ja, Lars Dalager sagt
+über diesen Punkt: »Wenn sie acht bis zehn Jahre alt sind, müssen sie
+schon an solide Geschäfte gehen und in ihrem kleinen Kajak draußen auf
+See arbeiten.«
+
+Von dieser Zeit an geht der junge Grönländer beständig auf den Fang
+aus. Anfangs beschäftigt er sich nur mit Fischerei, erst später erlernt
+er den schwierigen Seehundsfang.
+
+Sehr wichtig ist für den Kajakruderer die Fähigkeit, sich nach dem
+Kentern selbst wieder aufzurichten. Dies geschieht, indem man mit
+einer Hand das eine Ende des Ruders umspannt, mit der andern aber das
+Ruder möglichst in der Mitte packt und es längs der einen Seite des
+Kajaks nach oben hebt, wobei das freie Ende nach der Vorderseite des
+Kajaks zeigen muß. Darauf führt man das Ruder hastig seitwärts[13] nach
+außen, so nahe wie möglich an der Oberfläche des Wassers, und beugt den
+Oberkörper tief auf das Verdeck herab. Ist man noch nicht ganz oben, so
+ist noch ein Wricken mit dem Ruder nötig.
+
+Ein tüchtiger Kajakmann kann das Ruder zum Aufrichten völlig
+entbehren. Er hilft sich ebenso gut mit dem Wurfholz, ja sogar mit
+einem Arme. Der Gipfel der Geschicklichkeit besteht darin, daß man
+dabei nicht einmal die Hand flach hält, sondern sie ruhig ballt. Ich
+sah die Eskimos oft zum Beweise, daß sie dies wirklich könnten, vor dem
+Kentern einen Stein in die Hand nehmen und damit wieder emporkommen.
+
+Ein Eskimo erzählte mir von der außerordentlichen Geschicklichkeit
+eines gewissen Fängers in dieser Hinsicht. Er könne sich nach rechts
+aufrichten -- nach links -- mit Ruder -- ohne Ruder -- mit Wurfholz
+-- ohne Wurfholz -- mit ausgestreckter Hand -- mit geballter Faust,
+ja, das einzige, womit er sich nicht aufrichten könne, sei -- die
+Zunge. Und dabei streckte mein guter Eskimo seine eigene Zunge heraus
+und schnitt abscheuliche Grimassen, um mir zu veranschaulichen,
+welche ungeheure Anstrengung es kosten würde, sich mittelst eines so
+unbequemen Werkzeuges in die Höhe zu arbeiten.
+
+Früher mußte jeder einigermaßen tüchtige Kajakruderer auf der Westküste
+sich in jeder Lage »aufrichten« können und konnte es auch. Seit aber
+die europäische Zivilisation und damit der Verfall hier ihren Einzug
+hielten, geht es auch in diesen Dingen den Krebsgang. Immerhin findet
+man es noch an vielen Stellen, und ich kann aus eigener Anschauung
+behaupten, daß in Kangek bei Godthaab die meisten Seehundsfänger es
+konnten. Auf der Ostküste scheint, nach Kapitän Holms Aussage, diese
+Geschicklichkeit noch allgemein zu sein, aber jedenfalls nicht so, wie
+früher auf der Westküste. Das ist sehr wohl begreiflich, da es an der
+Westküste wenig Eis und viel hohen Seegang giebt, während im Osten das
+umgekehrte Verhältnis herrscht.
+
+Ein Kajakmann, der sich in jeder Lage aufrichten lernte, kann jedem
+Wetter trotzen. Kentert sein Kajak, so ist er gleich wieder oben.
+Er spielt mit den Wellen und durchstreift sie wie ein Seevogel. Bei
+schwerem Seegang legt er die Seite des Kajaks bei und das Ruder flach
+aufs Deck, beugt sich vornüber und läßt sie über sich hinrollen.
+Oder er wirft sich ihnen auch wohl seitwärts entgegen und richtet
+sich wieder auf, wenn sie über ihn hingerollt sind. Das schwerste
+Seemanöver, von dem ich hörte, sollen einige Fänger bei tobender See
+ausführen, indem sie beim Stehen der Sturzwellen freiwillig kentern und
+sich erst wieder aufrichten, wenn die Wellen über den Boden des Kajaks
+hingegangen sind. Eine kühnere Art von Seetüchtigkeit ist schwerlich
+denkbar.
+
+Kann man sich nicht selber aufrichten, so ist, falls keine Hülfe in der
+Nähe ist, mit dem Augenblicke des Kenterns alle Hoffnung auf Rettung
+aus. Und man kentert so leicht. Eine Sturzsee genügt, und auch das
+Festhaken der Leine beim Harpunieren eines Seehundes kann dazu führen.
+Es geschieht aber auch ebenso oft bei stillem Wetter oder durch eine
+einzige unvorsichtige Bewegung.
+
+Heutzutage finden alljährlich viele Eskimos ihren Tod auf diese Weise.
+Als Beispiel sei angeführt, daß im Jahre 1888 im dänischen Südgrönland
+von 162 Todesfällen (worunter 90 Personen männlichen Geschlechtes)
+24 oder etwa 15% (also mehr als ein Viertel der männlichen) durch
+Ertrinken beim Kajakkentern verursacht wurden.
+
+Im Jahre 1889 kamen auf 272 Todesfälle (worunter 152 Personen
+männlichen Geschlechtes) wieder 24 oder ungefähr 9% Ertrunkene. Dies
+bezieht sich auf eine Bevölkerung von 5614, von denen 2591 Männer sind.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +IV.+
+
+Auf dem Meere im Kajak.
+
+
+Man hört so oft, wie der Eskimo der Feigheit beschuldigt wird. Dies
+liegt gewiß zum großen Teile daran, daß die, die so über ihn urteilen,
+ihn entweder nur auf dem Lande und bei schönem Wetter auf See
+beobachtet haben, -- und dann ist er zu gutmütig oder zu bequem, um Mut
+zu zeigen -- oder daß sie sich nicht die Mühe nahmen, sich in seine
+Denkweise hineinzuversetzen. Oft mochte er auch aufgefordert sein,
+etwas zu thun, was er weder verstand, noch mochte.
+
+Wenn wir unter Mut verstehen, sich wie ein Tiger bis auf den letzten
+Blutstropfen selbst gegen Uebermacht zu schlagen, ~den~ Mut, der
+sich, wie Spencer sagt, am häufigsten gerade bei den niedrigststehenden
+Menschenrassen und besonders bei vielen Tieren findet, dann müssen wir
+einräumen, daß die Eskimos nicht übermäßig viel davon besitzen. Sie
+sind zu friedfertig und gutmütig, um z. B. wiederzuschlagen, wenn man
+sie ohrfeigt, und daher haben die Europäer, von Egede und den ersten
+Missionaren an, sie ungehindert erst prügeln und dann feige nennen
+können. Doch der streitbare Mut steht in Grönland nicht in hohem
+Ansehen, und ich fürchte, daß sie uns darum nicht höher achten, weil
+wir ihn so reichlich besitzen und zeigen.
+
+Von jeher huldigten sie dem christlichen Lehrsatz: »So Dir jemand einen
+Streich giebt auf Deinen rechten Backen, dem biete den andern auch
+dar.« (Ev. Matth. 5, V. 39.)
+
+Hieraus zu schließen, daß der Eskimo feig ist, wäre verkehrt.
+
+Um sich den rechten Begriff von dem Werte eines Menschen zu bilden,
+muß man ihn bei seiner Berufsarbeit gesehen haben. Folgt dem Eskimo
+aufs Meer hinaus, seht ihn dort arbeiten, und Ihr werdet ihn bald
+mit anderen Augen ansehen. Denn, versteht man unter Mut, daß man
+im Augenblicke der Gefahr ruhig seinen Plan macht, wie man die
+Schwierigkeiten wohl überwinden könnte, und ihn dann mit rascher
+Geistesgegenwart ausführt, oder daß man einer unvermeidlichen Gefahr
+und sogar dem sicheren Tode mit unerschütterlicher Selbstbeherrschung
+entgegengeht, -- dann finden wir in Grönland mutigere Männer, als wir
+zu sehen gewohnt sind.
+
+Der Kajakfang bringt viele Gefahren mit sich. Der Vater kam auf dem
+Meere um, Bruder und Freund oft gleichfalls, und dennoch geht der
+Eskimo täglich, im Sturme wie bei Windesstille, ruhig an seine Arbeit
+draußen in See. Stürmt es gar zu arg, so tut er es vielleicht ungern,
+denn Erfahrung hat ihn gelehrt, daß bei solchem Wetter manch einer
+umkommt. Ist er aber einmal draußen, so geht es so ruhig vorwärts, als
+sei ihm ein Sturm das gleichgültigste Ding der Welt.
+
+Der Kajakfang ist ein herrlicher Sport, ein spielender Tanz mit dem
+Meer und dem Tode. Man kann nichts Stolzeres sehen, als den Kampf des
+Ruderers gegen die schweren Wellen, die ihn ganz unter sich begraben.
+Oder wenn die Boote, draußen vom Unwetter überfallen, den Hafen suchen
+müssen und gleich schwarzen Sturmvögeln vor dem Winde her heransausen,
+während ihnen die Wogen wie rollende Berge folgen. Dann wirbeln die
+Ruder durch Wasser und Luft, der Oberkörper ist leicht vornübergebeugt,
+und der Kopf wendet sich häufig, nach Sturzwellen ausspähend, halb
+zurück. Alles ist da Leben und Mut, obwohl die See rings umher einem
+schäumenden Schlunde gleicht.
+
+Dann taucht vielleicht, mitten im wildesten Spiele, ein Seehund auf:
+schneller als ein Gedanke fliegt die Harpune durch den hochspritzenden
+Wasserschaum. Der Seehund entflieht mit der Blase, wird jedoch bald
+eingeholt und getötet. Und wieder geht es weiter, mit der Beute im
+Schlepptau -- und alles das geschieht mit derselben großartigen
+Fertigkeit und dem ruhigsten Gesicht, ohne eine Ahnung, daß dies eine
+Heldentat war.
+
+Da ist er groß. Und wir? Ja, in solcher Umgebung erscheinen wir sehr
+klein!
+
+Begleiten wir den Eskimo einen Tag auf den Fang.
+
+Schon mehrere Stunden vor Tagesanbruch ersteigt er den Aussichtsberg
+hinter seinem Wohnorte und hält Umschau, ob das Wetter günstig zu
+werden scheint. Ist er hierüber mit sich im Reinen, so geht er langsam
+wieder nach Hause und legt den Kajakpelz an. In der guten alten Zeit
+bestand sein Frühstück aus einem tüchtigen Schlucke frischen Wassers.
+Jetzt, da er auch schon etwas von der europäischen Verzärtelung
+angesteckt worden ist, trinkt er gewöhnlich mehrere Tassen Kaffee, und
+zwar recht starken. Morgens ißt er nichts, er behauptet, es sitze sich
+dann unbequem im Kajak, und man arbeite so leichter; auch nimmt er
+keinen Mundvorrat mit, nur ein wenig Kautabak.
+
+[Illustration: Ausfahrt zum Fang.]
+
+Hat er den Kajak an den Strand getragen und liegen die Fanggeräte an
+ihrem Platz, so kriecht er in das Kajakloch, macht den Wasserpelz
+sicher am Kajakring fest und sticht in See. Gleichzeitig gehen aus den
+anderen Häusern des Ortes mehrere mit ihm hinaus. Heute gilt es den
+Klappmützen, und der Jagdgrund liegt zwei Meilen entfernt bei einigen
+Bänken draußen im offenen Meere.
+
+Es ist ruhiges Wetter, die Wellen rollen in langen Dünungen auf die
+Holme zu. Ein leichter Dunst liegt noch zwischen den Inseln über den
+Engen, durch die sie rudern, und läßt die auf dem Wasser liegenden
+Seevögel doppelt groß erscheinen. Seite an Seite durchschneiden die
+Kajake mit leisem plätschern das Wasser, die Ruder tauchen im Takte
+ein, die Männer unterhalten sich lebhaft mit einander, und hin und
+wieder bricht einer in heiteres Lachen aus. Bald schleudert dieser,
+bald jener spielend den Vogelpfeil, um Auge und Arm zu üben. Da kommt
+einem von ihnen ein Alk in den Wurf: der Pfeil fliegt durch die Luft,
+und der durchbohrte Vogel sucht, heftig mit den Flügeln schlagend,
+unterzutauchen, wird aber im nächsten Augenblick auf der Pfeilspitze
+emporgehoben; er wird losgemacht, der Jäger beißt ihm in den Schnabel
+und dreht ihm mit einem kräftigen Rucke den Hals um, worauf er hinten
+auf dem Kajak befestigt wird. Bald verlassen sie die Engen und die
+Holme, um geradeaus ins offene Meer hinauszurudern.
+
+Nach mehrstündiger Fahrt kommen sie endlich auf dem Fanggebiete an,
+sehen an verschiedenen Stellen große Seehundsköpfe aus dem Wasser
+gucken und zerstreuen sich, um der Beute nachzugehen.
+
+Boas, einer der besten Fänger seines Ortes, hat weit hinten eine große
+Klappmütze erblickt und setzt ihr nach; doch sie ist untergetaucht,
+und nun muß er beilegen und warten, bis sie wieder zum Vorschein kommt.
+
+Dort! ein wenig weiter nach vorne guckt ein runder, dunkler Kopf
+aus dem Wasser. Tief auf den Kajak niedergebeugt, rudert Boas mit
+leichten, lautlosen Schlägen näher an den Seehund heran, der ruhig
+und unbekümmert daliegt, den Kopf emporstreckt, und sich von der
+Dünung auf und nieder schaukeln läßt. Doch auf einmal wird das Tier
+aufmerksam. Es hat den Reflex des Ruders gesehen und starrt nun den
+Feind mit seinen großen runden Augen an. Der läßt die Ruder sinken
+und rührt kein Glied, während der Kajak lautlos weiter gleitet. Der
+Seehund hat nichts Auffälliges entdeckt und verfällt wieder in seine
+frühere Sorglosigkeit. Er wirft den Kopf zurück, streckt die Schnauze
+in die Luft und badet sich in der Morgensonne, die auf seinem dunklen
+nassen Felle glänzt. Unterdessen nähert sich der Kajak schnell. So oft
+der Seehund hinsieht, hält Boas mit dem Rudern ein und bewegt keinen
+Muskel, doch sowie das Tier wieder die Augen fortwendet, geht die Fahrt
+wie ein Strich vorwärts. -- Er nähert sich auf Treffweite, legt die
+Harpune bereit, sieht nach, ob die Leine auf dem Kajakstuhl in Ordnung
+ist; noch ein Ruderschlag, und der Augenblick ist gekommen -- da taucht
+der Seehund ruhig unter. Das Tier ist nicht erschreckt worden und wird
+folglich irgendwo in der Nähe wieder auftauchen. Er muß also warten.
+Das aber nimmt Zeit in Anspruch, denn der Seehund kann unglaublich
+lange unter Wasser bleiben, und dem Wartenden erscheint die Zeit noch
+länger. Doch der Eskimo besitzt eine bewundernswerte Geduld: ohne etwas
+anderes zu bewegen als den Kopf, der sich spähend nach allen Seiten
+dreht, sitzt er vollkommen regungslos da. Endlich zeigt sich ein wenig
+nach der Seite hin wieder der Seehundskopf über dem Wasser. Vorsichtig
+wendet Boas seinen Kajak, ohne von dem Tier bemerkt zu werden und
+fährt ihm von neuem über den Wasserspiegel entgegen. Da plötzlich
+wird die Klappmütze aufmerksam, sieht ihn einen Augenblick starr an
+und taucht unter. Doch Boas kennt die Gewohnheiten der Seehunde von
+Alters her und rudert nun in voller Fahrt nach der Stelle hin, wo das
+Tier verschwunden ist. Es dauert auch wirklich nur einige Sekunden,
+bis der Seehund wieder neugierig aus dem Wasser guckt. Nun ist er in
+Treffweite; Boas greift zur Harpune, führt sie nach hinten, noch ein
+kräftiger Ruck -- und wie von einer Stahlfeder getrieben, schnellt
+sie sausend vom Wurfholz ab, die lange Fangleine, die förmlich durch
+die Luft wirbelt, mitschleppend. Der Seehund macht einen gewaltigen
+Satz, doch während er den Rücken zum Untertauchen krümmt, fährt ihm
+die Harpune bis zum Schafte in die Seite. Sein Hinterleib peitscht mit
+einigen gewaltsamen Schlägen das Wasser zu Schaum, und fort ist er, die
+Fangleine mit in die Tiefe ziehend. Unterdessen hat Boas das Wurfholz
+zwischen die Zähne genommen und blitzschnell die Fangblase hinter sich
+ins Wasser geworfen. Sie tanzt auf der Oberfläche hin, scheint aber
+bald untergehen zu wollen und thut es schließlich auch. Doch bald
+kommt sie wieder zum Vorschein, und Boas rudert ihr nach, so schnell
+die Ruder ihn vorwärts bringen. Unterwegs nimmt er den Harpunenschaft
+auf, den der Seehund abgeschüttelt hat und der nun emporgetrieben
+ist. Die Lanze liegt wurfbereit da. Im nächsten Augenblick taucht
+die Klappmütze wieder auf. Wütend, daß an Entkommen nicht zu denken
+ist, wendet sie sich gegen ihren Verfolger, stürzt sich zuerst auf
+die Blase, zerfetzt sie und geht dann auf den Kajak los. Wieder liegt
+Boas auf dem Anschlage. Das Tier krümmt den Rücken und schießt mit
+ausgesperrtem Rachen so schnell durch die Wogen, daß das Wasser braust.
+Jetzt kann ein Fehlwurf dem Fänger das Leben kosten. Doch Boas erhebt
+mit der größten Gemütsruhe die Lanze und stößt sie mit einem kräftigen
+Ruck so tief in das offene Maul des Tieres, daß die Spitze aus dem
+Nacken wieder herauskommt. Die Klappmütze zuckt zusammen, ihr Kopf
+sinkt, aber im selben Augenblick richtet sie sich lotrecht im Wasser
+auf. Ein Blutstrom entquillt zischend dem weitgeöffneten Rachen, und
+sie stößt ein tiefes, wildes Gebrüll aus, während die Blase über
+ihrer Schnauze zu erstaunlicher Größe anschwillt. Sie schüttelt den
+Kopf so heftig, daß der Lanzenschaft bebt und hin und her schwankt,
+kann aber die Lanze weder abbrechen noch abschütteln. Im nächsten
+Moment stößt Boas ihr die zweite Lanze hinter der einen Vorderfinne
+durch Lunge und Herz; sie sinkt zusammen -- der Kampf ist beendet.
+Boas rudert dicht an das sterbende Tier heran, und falls es sich noch
+regt, giebt er ihm mit dem langstieligen Messer den Gnadenstoß. Dann
+werden die Lanzen ruhig herausgezogen, abgespült und wieder an ihren
+Platz gelegt, die Bugsierleine mit der Bugsierblase hervorgeholt
+und, nachdem letztere aufgeblasen, um den Seehund geschlungen, die
+Harpunenspitze herausgeschnitten und wieder auf den Schaft gesteckt,
+die Fangleine um den Kajakstuhl gewickelt und die Fangblase hinten auf
+den Kajak geworfen. Hierauf werden dem Seehunde mit dem dazu bestimmten
+Riemen die Vorderfinnen am Leibe festgeschnürt und er selbst mit der
+Bugsierleine längs des Kajaks so festgebunden, daß er sich leicht
+schleppen läßt. Zu diesem Zwecke wird der Kopf am ersten Riemenpaare
+auf dem Vorderdecke und der Hinterleib am letzten hinter dem Ruderer
+befestigt. Jetzt ist Boas mit ihm fertig und sieht sich nach mehr um.
+Er hat Glück und braucht nicht lange zu rudern, bis er wieder eine
+Klappmütze erblickt. Sofort befreit er sich von seiner erlegten Beute,
+die von der Bugsierblase über Wasser gehalten wird, und beginnt die
+Jagd von neuem. Nach einigem Jagen und gespanntem Warten erlegt er auch
+dieses Tier, nimmt es in Schlepptau und kehrt nun zu seiner ersten
+Beute zurück. Die beiden großen Tiere werden rechts und links am Kajak
+befestigt. Er ist jetzt allerdings schwer beladen und geht nicht mehr
+so leicht, doch das ist für Boas kein Hindernis, noch mehr zu fangen.
+Sowie in seinem Fahrwasser eine neue Klappmütze auftaucht, geht die
+Jagd wieder los, und erlegt er noch mehrere, so wird eine an der
+anderen festgebunden. Auf diese Weise kann ~ein~ Mann bequem vier
+Tiere bugsieren, ja im Notfall noch mehr.
+
+Inzwischen hat Tobias, ein anderer berühmter Fänger des Ortes, nicht
+soviel Glück gehabt, wie Boas. Er machte zuerst auf einen Seehund
+Jagd, der untertauchte und innerhalb Sehweite nicht wieder sichtbar
+wurde. Dann erblickte er schließlich einen anderen. Doch als er auf ihn
+losruderte, tauchte plötzlich dicht vor ihm ein Haubenseehund[14] auf
+und wurde sogleich harpuniert.
+
+Der große Seehund wälzt sich wie ein Verrückter im Wasser. Die
+Leine wirbelt mit rasender Fahrt ab, bleibt aber unter dem
+Vogelpfeilwurfholz hängen, das Vorderteil des Kajaks wird von ihr
+mit unwiderstehlicher Kraft hinabgezogen, und ehe Tobias sich dessen
+versieht, geht ihm das Wasser auch schon bis unter die Arme. Das
+einzige noch Sichtbare ist sein Kopf und das Hinterende des Kajaks, das
+lotrecht auf dem Wasser steht. Es sieht aus, als sei alles verloren;
+alle, die sich in der Nähe befinden, rudern aus allen Kräften herbei,
+obgleich sie wenig Hoffnung haben, noch rechtzeitig zu seiner Rettung
+anzulegen. Doch Tobias ist ein ausgezeichneter Ruderer, er hält sich
+trotz der verzwickten Lage im Gleichgewichte und läßt sich von dem
+Seehunde, der alles versucht, um ihn in die Tiefe zu ziehen, durch das
+brausende Wasser schleppen. Endlich taucht der Seehund wieder auf,
+und in demselben Augenblicke ergreift Tobias die Lanze und durchbohrt
+ihm mit tötlichem Wurfe den Kopf. Eine matte Bewegung -- und das Tier
+sinkt zusammen. Die anderen kommen gerade rechtzeitig an, um Tobias
+seine Beute festmachen zu sehen und ihr Speckstück[15] in Empfang zu
+nehmen. Sie konnten ihre Bewunderung über diese Geistesgegenwart und
+Geschicklichkeit nicht unterdrücken und sprachen noch lange davon.
+Tobias und Boas waren überhaupt die besten Seehundsfänger im ganzen
+Orte und, wie man mir erzählt hat, in ihrer Jugend so geschickt, daß
+sie es verschmähten, sich der Blase zu bedienen, und sich statt dessen
+die Leine um den eigenen Leib oder um den Kajakring schlangen und also
+den harpunierten Seehund, wenn er nicht gleich tot war, mit sich und
+dem Kajak, statt, wie üblich, mit der Fangblase, abziehen ließen. Dies
+gilt den Grönländern für die nobelste Jagdart, und nur wenige bringen
+es soweit.
+
+Bis jetzt ist das Wetter schön gewesen, glatt wogte das Meer im
+Sonnenschein, doch im Laufe der letzten Stunden begannen dunkle,
+drohende Wolkenbänke sich am südlichen Himmelsrande zusammenzuziehn.
+Kaum hat Tobias seinen Seehund festgemacht, hört er auch schon ein
+dumpfes Brausen und sieht es im Süden wie Rauch über der See liegen.
+Das bedeutet Sturm, und der Rauch sind die spritzenden Wogen, die er
+vor sich hertreibt. Von allen Winden fürchtet der Grönländer den Sturm
+aus Süden (~Nigek~) am meisten, weil dieser stets heftig auftritt
+und die See gewaltig aufrührt.
+
+Jetzt möglichst schnell ans Land! Die keinen Seehund im Schlepptau
+haben, kommen am leichtesten vorwärts, versuchen aber, mit den anderen
+zusammenzubleiben. Sie sind noch nicht weit gekommen, da hat der Sturm
+sie schon eingeholt. Er peitscht das Wasser vor sich her zu Schaum, und
+die Ruderer fühlen ihn im Rücken, wie einen Riesen, der sie emporhebt
+und vorwärtsschleudert. Jetzt wird es ernst. Die Wogen erheben sich
+bald wie turmhohe Wasserberge, brechen und wälzen sich über sie herab.
+Es geht dem Lande zu, aber mit beinahe ausgesprochenem Seitenwind. Noch
+liegt es weit ab, man kann vor Spritzwasser nichts sehen, und beinahe
+jede frische Sturzsee begräbt sie unter sich, so daß man nur einige
+Köpfe, Arme und Ruderstümpfe über den Schaumkämmen sieht.
+
+Dort kommt eine gewaltige See; schon von fern erglänzt sie schwarz
+und weiß. Sie türmt sich auf, der Himmel verschwindet fast. Sofort
+stecken alle an der Luvseite Befindlichen das Ruder unter den Riemen,
+dann beugen sie den Oberkörper vor, und die Sturzsee bricht über sie
+herein. Einen Augenblick ist beinahe alles verschwunden. Die im Lee
+warten gespannt, bis die Reihe an sie kommt. Jetzt rollt das Wasser
+auch über sie hin, und nun schießen alle Boote wieder mit neuer Fahrt
+vorwärts. Doch eine solche Sturzsee kommt nicht allein, ihr folgen noch
+schwerere. Die Kajakmänner legen die Ruder flach über dem Deck nach
+der Luvseite aus, beugen den Oberkörper vornüber, und wenn der weiße
+Wasserfall sich mit Donnergetöse über sie ergießt, stürzen sie sich
+ihm selbst in den Rachen und brechen dadurch seine Gewalt. Wieder sind
+sie einen Augenblick verschwunden, -- da taucht ein Kajak auf, auf dem
+rechten Kiele -- noch einer, aber mit dem Boden nach oben -- Pedersuak
+ist gekentert. Der nächste Nachbar eilt zur Hülfe herbei, da bricht die
+dritte Sturzsee über sie herein, und jeder muß an sich selbst denken.
+Es war zu spät -- zwei sind gekentert; aber der zweite richtet sich
+sofort wieder auf, und sein erster Gedanke gilt dem Kameraden, dem er
+von neuem zu Hülfe eilt. Er treibt seinen Kajak neben den gekenterten,
+legt sein Ruder über beide, ergreift unter dem Wasser den Arm des
+Freundes und zieht ihn mit einem Rucke so hoch, daß jener das Ruder
+fassen kann, und sich dann auch im Nu wieder aufrichtet. Der Wasserpelz
+hat sich auf der einen Seite ein bischen vom Kajakringe gelöst und ein
+wenig Wasser eindringen lassen, doch nicht soviel, daß er deshalb nicht
+weiter könnte. Inzwischen sind die andern herbeigekommen, sie fischen
+sein verlorenes Ruder auf, und nun kann es wieder weitergehen.
+
+[Illustration: Kajakmann von einem Walroß angegriffen.]
+
+Für die Bugsierenden wird es immer schlimmer, sie sind meistens die
+Letzten, und die großen Seehunde schlagen schwer gegen die Seiten
+des Kajaks. Sie denken daran, ihre Beute preiszugeben, aber die schwere
+Welle rollt vorbei, und da wollen sie es noch eine Weile versuchen.
+Der stolzeste Augenblick im Leben eines Fängers ist der Moment, da er
+seinen Fang in den Hafen bugsiert und die freudestrahlenden Gesichter
+seiner Hausgenossen ihn vom Strande anlachen. Schon weit draußen auf
+See sieht er sie in Gedanken vor sich und freut sich wie ein Kind; kein
+Wunder, daß er seine Beute nur im äußersten Notfalle fahren läßt.
+
+Nach vielen bösen Sturzseen kommen sie endlich mehr unter Land. Hier
+giebt ihnen eine kleine Inselgruppe, die nach Süden hin weit draußen
+liegt, einigermaßen Schutz, die See geht hier weniger heftig, und je
+mehr sie sich dem Lande nähern, desto besser und schneller geht es
+vorwärts.
+
+Unterdessen sind die Frauen zu Hause in großer Angst. Als der Sturm
+ausbrach, liefen sie nach dem Aussichtsberg hinauf oder auf die
+Landzungen hinaus und standen dort in dichten Gruppen, über das empörte
+Meer hin nach ihren Söhnen, Männern, Vätern und Brüdern ausspähend.
+Hier sieht man sie dicht aneinandergedrängt frierend und spähend
+stehen, bis ihre durch die Angst geschärften Augen die Kommenden als
+schwarze Punkte am Horizonte entdecken und der ganze Platz von dem
+Freudengeschrei »Sie kommen! Sie kommen!« widerhallt. Man fängt an zu
+zählen, wie viele es sind. »Zwei fehlen!« -- »Nein, da ist der eine!«
+-- »Nein, alle sind da! Alle sind da!«
+
+Bald fangen sie an, einzelne herauszukennen, teils an der Art zu
+rudern, teils an der Form des Kajaks, obwohl alle Boote nur wie
+schwarze Punkte aussehen. Plötzlich ertönt ein wildes Freudengeheul:
+»+Boase kaligpok!!!+« (Boas bugsiert); ihn erkennen sie leicht
+an der Größe. Diese Freudenbotschaft geht von Haus zu Haus, die Kinder
+laufen umher und schreien es in die Fenster, und oben auf dem Berge
+lösen sich die Gruppen in einen Freudentanz auf. Dann erschallt wieder
+ein Jubelruf: »+Ama Tobiase kaligpok!!!+« (Auch Tobias bugsiert),
+und auch diese Kunde geht von Haus zu Haus. Von neuem ertönt es:
+»+Ama Simo kaligpok!+« »+Ama David kaligpok!!+« Und wieder
+stürmen Frauen aus den Häusern den Aussichtsberg hinauf, um aufs Meer
+hinauszustarren, das sich weiß in weiß gegen die Holme und Klippen
+abhebt, und auf dem ab und zu zwischen den rollenden Wassermassen elf
+schwarze Punkte, die langsam näher kommen, zu unterscheiden sind.
+
+Endlich steuern die ersten Kajake in die Bucht vor dem Orte. Es sind
+die, die keinen Seehund haben. Leicht und sicher jagt einer nach dem
+andern auf den flachen Strand, hoch auf dem Rücken der Wellen tanzend.
+Sie werden von den Frauen, die die Boote höher aufs Ufer hinaufziehen
+müssen, in Empfang genommen.
+
+Dann folgen die Bugsierenden. Sie müssen etwas vorsichtiger zu Werke
+gehen, sie machen ihre Beute los und sorgen erst dafür, daß sie den
+Frauen am Strande zugeworfen wird. Darauf landen sie selber. Einmal aus
+dem Kajak gestiegen, kümmern sie sich, wie auch die Zuerstgekommenen,
+nur um sich selbst und ihre Geräte, die an ihren Platz über der
+Flutmarke getragen werden. Auf ihre Beute werfen sie keinen Blick, --
+alle fernere Arbeit damit liegt den Frauen ob.
+
+Unterdessen gehen die Männer in ihr Haus, legen die nassen Kleider ab
+und das Hauskleid an, das in der Heidenzeit, wie wir gesehen haben,
+ein wenig luftig war, jetzt aber etwas sichtbarer geworden ist.
+
+Nun essen sie endlich ihr Frühstück. Aber wirklich satt werden sie
+erst, wenn die heimgeführte Beute zerlegt, gekocht und in einer großen
+Schüssel auf den Fußboden gesetzt wird. Dann verschwinden unglaubliche
+Mengen Fleisch und Speck in ihrem Magen.
+
+Sobald der Hunger gestillt ist, nehmen die Frauen, wie immer, etwas
+vor, Näharbeit oder dergleichen, indes die Männer der wohlverdienten
+Ruhe pflegen oder ihre Waffen putzen, die Harpunenleine zum Trocknen
+aufhängen u. s. w. Dann beginnen die Fänger von den Tagesereignissen
+zu sprechen, und die ganze Familie hört andächtig zu, besonders die
+Knaben. Die Darstellungsweise ist nüchtern und frei von Aufschneiderei
+oder dem Bestreben, in den Hörern eine übertriebene Vorstellung von
+den überwundenen Schwierigkeiten zu erwecken, wozu wir Europäer bei
+dergleichen Gelegenheiten häufig neigen dürften.
+
+Dabei aber hat sie in ihrer eigentümlichen Breite etwas Lebhaftes
+und Malerisches. Die Eskimos begleiten ihre Rede mit erklärenden
+Handbewegungen, und »wenn sie in ihrer Erzählung soweit gekommen
+sind,« sagt Dalager, »daß der Todesstoß exprimiert werden soll, so
+schwingen sie den rechten Arm in die Luft und strecken den linken
+Arm, der das Tier bedeutet, geradeaus«. Worauf die Demonstration
+gewöhnlich folgendermaßen lautet: »Als ich nach dem Pfeile greifen
+wollte, sah ich mich nach ihm um; da lag er; ich griff nach ihm; ich
+faßte ihn; ich hielt ihn nun ganz fest in der Hand, er balancierte
+u. s. w., was allein einige Minuten dauern kann, ehe die Hand zum
+Zeichen des entscheidenden Stoßes herabsinkt, wobei der Erzähler aber
+nicht vergißt, mit der Linken die letzten Zuckungen des Seehundes zu
+markieren«.
+
+Andrerseits werden oft die merkwürdigsten Begebenheiten mit wenigen
+Worten abgethan. Bei jeder Gelegenheit aber macht sich ein drastischer
+Humor geltend, der von den gespannten Zuhörern unfehlbar mit
+schallendem Gelächter belohnt wird. Es ist das Muster eines glücklichen
+Familienlebens.
+
+So vergeht der Tag für den Eskimo. Es liegt in derartigen Erlebnissen
+nichts Außergewöhnliches. Und doch haben sie für den Eskimo eine große
+Anziehungskraft. Sein Dichten und Trachten ist mit dem Meere verknüpft,
+das harte Leben draußen auf den Wellen ist ihm der Inhalt des Daseins,
+-- und muß er zu Hause bleiben, so wird das Herz ihm schwer. -- Doch
+wird er alt, ja dann ist das Lied aus. -- Ueber dem Alter liegt stets
+ein Wemutschleier, nirgends aber so sichtbar wie in Grönland. Dort
+haben die guten Alten auch einst Tage der Jugend und der Kraft gesehen
+-- Zeiten, da sie die Stützen ihrer Gesellschaft waren, -- jetzt sind
+sie nur noch eine lebende Erinnerung an Vergangenes und müssen sich von
+anderen ernähren lassen. -- Doch wenn die Jungen mit ihrer Beute von
+der See kommen, schleppen sich die Greise zu ihrem Empfang ans Ufer,
+ja, wenn es nur meine Wenigkeit war, die kam, so freuten sie sich doch
+sichtlich, mir beim Landen behülflich sein zu können. -- Und wenn der
+Abend kommt, dann können sie erzählen; ein Erlebnis nach dem andern
+wird aus dem Gedächtnis hervorgeholt, erhält neues Leben und entflammt
+die Jungen zur That.
+
+Oft geht es beim Seehundsfange gefährlicher zu, als ich es oben
+schilderte. Man kann sich vorstellen, daß man sich bei dem
+eingezwängten Sitzen im Kajak, das nicht viel Bewegung erlaubt, weder
+hintenüber noch nach rechts werfen darf. Greift nun eine verwundete
+Klappmütze plötzlich von dort an, so gehört Geschicklichkeit und
+Geistesgegenwart dazu, ihr zu entgehen oder so schnell zu wenden,
+daß sich der Todesstoß führen läßt, ehe das wütende Tier den Kajak
+zertrümmern kann. Nicht viel besser ist es, wenn man von unten
+angegriffen wird oder das Tier plötzlich dicht neben dem Kajak
+auftaucht; denn es bewegt sich mit Blitzesschnelle und ist ebenso
+mutig wie stark. Stürzt es sich erst einmal auf den Kajak und bringt
+ihn zum Kentern, so bleibt wenig Hoffnung auf Rettung. Oft greift
+es dann entweder den Mann unter dem Wasser an, oder es steigt auf
+den gekenterten Kajak und reißt Löcher in seinen Boden. In solcher
+Lage ist außergewöhnliche Selbstbeherrschung vonnöten, um die rechte
+Kaltblütigkeit zu bewahren, damit man sich schnell wieder aufrichtet
+und den Kampf mit dem wutschnaubenden Gegner von neuem aufnimmt.
+Dennoch kommt es vor, daß ein so zum Kentern gebrachter Kajakmann die
+Klappmütze trotz alledem als Beute heimführt.
+
+Ein noch schlimmerer Gegner ist das Walroß. Wenn ein solches gejagt
+werden soll, vereinigen sich gewöhnlich mehrere Fänger, damit einer dem
+andern im Notfalle beistehen kann. Doch oft genug wagt sich auch einer
+allein an dieses Untier heran.
+
+Das Walroß ist, wie bekannt, ein großes, bis zu 5 +m+ langes Tier
+mit dicker, zäher Haut, einer dicken Speckschicht, außerordentlich
+harter Hirnschale und ungeschlachtem Körper. Man muß schon einen
+sicheren, starken Arm haben, um es erlegen zu können. Sobald ein
+Walroß angegriffen wird, pflegt es auf seinen Gegner loszugehn, und
+es kann ihn mit seinen scheußlichen Fangzähnen grauenhaft zurichten.
+Sind andere Walrosse in der Nähe, so umringen sie sofort den Kajak und
+greifen alle gleichzeitig an.
+
+Selbst die norwegischen Walroßjäger mit ihren Flinten, Aexten und
+Lanzen und ihren großen, festen Booten haben vor dem Walroß gehörigen
+Respekt.
+
+Welch ein Wagestück muß es da sein, im zerbrechlichen Eskimoboot
+ein solches Tier nur mit den leichten Wurfgeschossen des Eskimos
+und ~allein~ anzugreifen! Für den Eskimo aber ist ein solches
+Unternehmen eine alltägliche Begebenheit. Er kämpft seinen Streit mit
+dem gefährlichen Gegner aus; die Lanze wurfbereit in der Hand, erwartet
+er ruhig den Angriff des Tieres und jagt ihm, alle Vorteile kaltblütig
+berechnend, im rechten Augenblicke die Lanze in den Leib.
+
+Beim Walroßfang ist Kaltblütigkeit die Hauptsache, denn die
+unvorhergesehensten Schwierigkeiten können sich dabei herausstellen;
+nur das erklärt die vielen Unglücksfälle. Bei Kangamiut griff vor
+einigen Jahren ein Walroß einen Kajak von unten an, wobei der lange
+Zahn des Tieres durch den Boden des Kajaks drang, die Hüfte des Mannes
+durchbohrte und sogar noch ein Loch in das Verdeck stieß. Die Kameraden
+eilten dem Unglücklichen zu Hilfe, er machte sich von dem Tiere los,
+und es gelang ihm trotz des Leckes mit Hülfe der Freunde ans Land zu
+kommen.
+
+Außer diesen Tieren greift der Eskimo von seinem kleinen Boote aus
+auch den Walfisch an, und zwar den ~Ardluk~ oder Speckhauer, eine
+besonders gefährliche Art. Mit seiner Stärke, Gewandtheit und seinen
+greulichen Zähnen kann dieser, wenn er einmal zur Offensive übergeht,
+den Kajak im Nu zersplittern. Vor ihm fürchten sich selbst die Eskimos,
+was sie jedoch nicht abhält, ihn, sobald sich die Gelegenheit dazu
+bietet, anzugreifen.
+
+Früher wurde hier auch auf die großen Walfischarten Jagd gemacht.
+Dies geschah jedoch von den großen Frauenbooten aus, deren Besatzung
+dann aus vielen Personen, Männern und Weibern bestand. »Zu dieser
+Jagd,« sagt Hans Egede, »schmücken sie sich wie zu einer Hochzeit,
+sonst schwimmt ihnen der Walfisch fort, denn er kann keine schmutzigen
+Kleider leiden.« Der Walfisch wurde vom Vordersteven aus harpuniert,
+brachte aber dann manchmal das Boot durch einen Schlag mit dem Schwanze
+zum Kentern oder zertrümmerte es sogar. Die Männer waren dabei jedoch
+so dreist, daß sie auf den Rücken des Tieres sprangen, sobald seine
+Bewegungen matter wurden, und es dann durch Lanzenstiche töteten. Diese
+Art von Jagd kommt heutzutage nur noch selten vor.
+
+Doch nicht nur die Jagd auf große Seetiere bringt Gefahr, auch
+beim gewöhnlichen Fischfang, wie beim Fangen der Helbutte, ist die
+Möglichkeit des Verunglückens nicht ausgeschlossen. Hat man nicht dafür
+gesorgt, daß die Angelschnur richtig liegt, oder verwickelt sie sich,
+oder versagt eine Vorrichtung, wenn jene starken Fische beim Aufziehen
+der Tiefe zustreben, so kentert der schmale Kajak nur zu leicht. So
+haben schon viele ihren Tod gefunden.
+
+Wir wollen uns indessen nicht zu lange bei den Schattenseiten
+aufhalten! Hoffentlich ist es mir gelungen, dem Leser von dem
+Fängerleben des Eskimo draußen auf dem Meere einen Begriff zu
+geben, der ihn vielleicht überzeugt, daß es diesem Volke, wenn es
+drauf ankommt, ebensowenig an Mut, wie an Ausdauer und kaltblütiger
+Selbstbeherrschung fehlt.
+
+Der Eskimo besitzt aber mehr. Trifft ihn einmal ein Unglück, so zeigt
+er eine geradezu großartige Abgehärtetheit und Geduld. Ich will als
+bezeichnend dafür nur folgendes kleine Beispiel anführen, einen der
+vielen Berichte, die die Grönländer selber über ihre Erlebnisse in
+ihrer Zeitung »~+Atuagagdtutit+~« veröffentlichen:
+
+»Ein Kajakmann aus Tornait auf der Fischerhalbinsel stach an einem
+Februartage im Jahre 1876 in der Richtung nach Norden in See. Als
+er auf seinem gewöhnlichen Fangplatze anlangte, tauchte ein Seehund
+vor ihm auf; er zog sein Gewehr aus dem Kajakriemen, um zu schießen,
+dabei ging der Schuß los und ihm quer durch den Unterleib. Sobald er
+sich ein wenig besonnen hatte, stieg er aus und legte sich auf eine
+Eisscholle; da aber begann es, aus Norden zu wehen, und eine Welle
+nach der andern ergoß sich über ihn, weshalb er wieder in seinen Kajak
+steigen und südwärts rudern mußte. Man muß sich jedoch« -- so heißt es
+-- »über die Abgehärtetheit des Mannes wundern, der so schwer verwundet
+durchs offene Meer nach Hause rudern konnte. Man denke nur, er ging
+auf der Außenseite der Inseln herum, erreichte den Hafen, zog den
+Kajak ans Land und stellte ein Merkzeichen dabei auf; dann aber sank
+er besinnungslos am Eisrande des Ufers hin, denn er war nicht mehr
+imstande, die Häuser, die eine Strecke vom Landungsplatze entfernt
+waren, zu erreichen. Als man ihn später dort fand und seinen Kajak
+untersuchte, war es allen unerklärlich, daß er noch lebte, nachdem er
+all das Blut, das auf dem Boden des Kajaks stand, verloren hatte.
+Als sie ihn ins Haus getragen hatten, war jedermann überzeugt, daß er
+die Nacht nicht überleben würde, er starb jedoch erst nach drei Tagen!
+Er zeigte nicht die geringste Furcht vor dem Tode, sondern sprach nur
+davon, daß er zu den Begnadeten gehöre!«[16]
+
+[Illustration: Kajakmann, einem kenternden Kameraden zu Hilfe
+eilend.]
+
+Viele ähnliche Züge ließen sich von diesem Volke erzählen. Mit Leiden
+und Gefahr ist sein Erwerb verknüpft, und doch giebt der Eskimo sich
+ihm mit Lust und Liebe hin. Hätten die Eskimos ihre Geschichtsschreiber
+gehabt, so würde ihre Geschichte aus einer ganzen Reihe solcher
+Begebenheiten bestehen, und dann würde mancher Zug von rührender
+Aufopferung und Nächstenliebe bekannt sein. Wie manche Heldenthat
+ist dort der Vergessenheit anheimgefallen! So ist das Volk, das man
+schlecht und feige genannt hat, und auf das herabzusehen wir Europäer
+uns für berechtigt halten.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +V.+
+
+Winterhäuser, Zelte, Frauenboote und Reisen.
+
+
+Im Winter wohnen die Grönländer in Häusern aus Steinen und Rasen. Diese
+erheben sich anderthalb bis zwei Meter über der Erde, während der
+Fußboden tiefer liegt. Das Dach ist flach, etwas gewölbt. Solch ein
+Haus gleicht von außen einem unansehnlichen Erdhaufen.
+
+Die Häuser enthalten nur ein einziges Zimmer, und darin wohnen
+meistens mehrere Familien, Männer und Frauen, Greise und Kinder.
+Es ist so niedrig, daß ein mehr als mittelgroßer Mann darin kaum
+aufrecht stehen kann. Das Zimmer hat, wie das Haus von außen, die
+Form eines Rechteckes. Die eine Längswand nimmt die ungefähr zwei
+Meter breite Hauptpritsche ein, auf der die Bewohner des Hauses, d. h.
+die Verheirateten, alle erwachsenen Töchter und die Kinder beiderlei
+Geschlechts, schlafen. Hier liegen sie in langer Reihe nebeneinander,
+die Füße der Wand und den Kopf der Stube zugekehrt.
+
+H. E. Saabye sagt in seinem obenerwähnten Tagebuch, die Ehebetten seien
+unter der Pritsche aufgeschlagen. Ich habe nichts entdeckt, was darauf
+schließen ließe, daß dies im Godthaabdistrikte heute noch irgendwo der
+Fall ist.
+
+Die unverheirateten Männer liegen gewöhnlich auf den kleineren
+Pritschen unter den Fenstern, die in der entgegengesetzten Längswand
+angebracht sind, und deren Zahl sich, je nach der Größe des Hauses, auf
+eines, zwei und auf drei beläuft. Die Scheiben bestanden früher stets
+aus Darmhaut oder dergleichen, jetzt aber findet man auf der Westküste
+meistens schon Glasfenster. An den kurzen Seitenwänden befinden sich
+gewöhnlich auch Pritschen, auf diesen und den Fensterpritschen schlafen
+etwaige Gäste.
+
+Wohnen -- wie man es gewöhnlich trifft -- mehrere Familien in einem
+Hause, so ist die Hauptpritsche durch Holzstützen, die vom Vorderrande
+der Pritsche bis zur Decke reichen und mittelst niedriger Seitenwände
+mit der hinteren Wand verbunden sind, in verschiedene Buchten geteilt,
+von denen jede einer Familie als Schlafzimmer dient. Es scheint uns
+beinahe unglaublich, wie wenig Raum die Eskimos brauchen. Kapitän Holm
+beschreibt ein Haus auf der Ostküste, das etwa 27 Fuß lang und 14½
+Fuß breit war und in dem acht Familien, zusammen 38 Personen, wohnten.
+In einer vier Fuß breiten Bucht schlief ein Mann mit zwei Frauen und
+sieben Kindern. Da darf sich der Einzelne natürlich nicht breit machen.
+
+Die Betten bestehen aus Seehunds- und Renntierfellen. Damit deckten sie
+sich früher auch zu und lagen, das obenerwähnte Hauskleid abgerechnet,
+ganz nackt darunter. Heutzutage deckt man sich auf der Westküste
+meistens mit Federbetten zu.
+
+Früher wurden die Wände mit Häuten bekleidet, und die bloße Erde, zum
+Teil mit Fliesen belegt, bildete den Fußboden. Jetzt aber, da viel
+europäischer Luxus eingeführt ist, hat man auf der Westküste schon
+angefangen, die Wände zu täfeln und die Fußböden zu dielen. Ja, man
+hat selbst die Sitte angenommen, die Fußböden aufzuwaschen und zwar
+sogar ein paarmal im Jahre.
+
+In das Haus gelangt man durch einen langen, engen Gang, dessen Fußboden
+teilweise in die Erde hineingegraben ist und der ebenfalls aus Steinen
+und Rasen besteht. Von außen steigt man durch ein Loch in ihn hinein.
+Gewöhnlich ist er so eng und niedrig, daß man in hockender Stellung
+hindurchkriechen muß, und für große Leute hat das Durchkommen seine
+Schwierigkeiten. Ich hörte in Sardlok, daß ein allerdings recht dicker
+Ladenjüngling aus Godthaab an einem engen Punkte des Ganges von Terkels
+Hause stecken geblieben sei. Da lag er, mit Händen und Füßen arbeitend,
+und schrie wie besessen, konnte aber nicht von der Stelle. Das Ende vom
+Liede war, daß vier Knaben beauftragt wurden, ihn aus der Klemme zu
+befreien. Zwei kamen von hinten und schoben den fleischigsten Teil des
+Körpers, der bei dem guten Herrn allerdings sehr umfangreich gewesen
+sein soll, vor sich her, während die beiden andern aus dem Innern des
+Hauses herbeieilten, um ihn an je einem Arme vorwärts zu ziehen. Alle
+vier mühten sich im Schweiße ihres Angesichts ab, aber der Dicke saß
+fest wie ein Werglappen in einem Flintenlaufe, und man wollte schon das
+Dach abdecken, um ihm freien Durchgang zu verschaffen, als er endlich
+vorwärts rutschte. Soviel ich mich erinnere, hat nachher ein Fenster
+eingeschlagen werden müssen, um ihn auf diesem Wege wieder aus dem Haus
+zu schaffen.
+
+In die Stube kommt man aus diesem Gange durch eine kleine viereckige
+Oeffnung, die gewöhnlich in der vorderen Längswand angebracht ist und
+mit einer Thür oder einem Brette geschlossen wird.
+
+Der Zweck dieses Hausganges ist, das Eindringen der kalten und das
+Entweichen der warmen Luft zu verhindern. Er liegt deshalb tiefer als
+das Haus, wodurch gleichzeitig etwas Ventilation erreicht wird, da
+die dicke, schlechte Luft teilweise in ihn hinabsinken und durch ihn
+entweichen kann.
+
+In den nach altgrönländischem Muster eingerichteten Häusern giebt es
+keinen Feuerherd. Sie werden durch Thranlampen, die Tag und Nacht
+brennen, erleuchtet und erwärmt. Daß letztere auch nachts brennen,
+geschieht nicht nur der Wärme wegen, sondern weil der außerordentlich
+abergläubische Eskimo sich entsetzlich im Dunkeln fürchtet. Wenn
+irgendwo Not herrscht, so wird als Beweis für die schlechten
+Verhältnisse angeführt: »Denkt nur, die armen Leute müssen nachts ohne
+Lampen schlafen!«
+
+Die Lampen sind große, offene, flache Schalen von Speckstein in Form
+eines Halbmondes. Auf der rechten Seite liegt der aus Zeug oder
+trockenem Moos gedrehte Docht. Diese Lampen werden auf einen hölzernen
+Fuß gestellt, der auf einem kleinen Tisch oder einer Erhöhung an der
+Vorderseite der Pritsche steht. Gewöhnlich hat jede Familie ihren
+eigenen Lampentisch. Wohnen nun mehrere Familien zusammen, so kommen
+auch viele Lampen zusammen, da jede mindestens eine, in der Regel aber
+mehrere brennt.
+
+Ueber diesen Lampen wurde früher auch in Specksteintöpfen, die von der
+Decke herabhingen, gekocht. Die Zubereitung der Speisen ging natürlich,
+wie alles andere, auch in diesem Zimmer »für alles« vor sich.
+
+Auf der Ostküste ist es noch heute so. Auf der Westküste hat die
+moderne Civilisation insofern eine Aenderung bewirkt, als das Essen
+dort meistens in einem an der Seite des Ganges angebauten Raume
+auf einem Herde gekocht wird. Das Brennmaterial besteht aus Torf
+und Mövenerde -- ein sehr feiner Ausdruck für alten getrockneten
+Mövendung. Auch die alten Specksteintöpfe haben eisernen, die im
+Kolonieladen feilgehalten werden, Platz gemacht.
+
+Manche Westgrönländer sind sogar so raffiniert geworden, daß sie
+aus dem Kolonieladen Oefen zur Erwärmung ihrer Stube kaufen. Das
+Feurungsmaterial ist freilich dasselbe geblieben. Gleichzeitig aber
+brennen sie noch immer die unentbehrlichen Lampen, wenn nicht aus
+anderen Gründen, so doch der Erhellung wegen.
+
+Früher fand man in Grönland meistens große, von mehreren Familien
+bewohnte Häuser. Dadurch wurde die Heizung billiger, und die Bewohner
+hatten es schön warm, abgesehen davon, daß die Geselligkeit im ganzen
+auch manche Vorteile gewährte. Hier hat sich der Einfluß der Europäer
+nicht als gut erwiesen. Sie drangen auf die Verteilung der Familien
+in einzelne kleine Häuser und setzten große Belohnungen für das Bauen
+solcher Häuser aus. Sie hielten es für so schön, daß jede Familie für
+sich selbst lebte! Aber die Häuser wurden schlechter und kälter, es
+wurde mehr Material zur Erleuchtung und Heizung gebraucht, als sich
+allemal beschaffen ließ, und das ganze vorteilhafte System geriet in
+Zerrüttung.
+
+Im Winter, wenn alles festgefroren ist, mögen solche Erdhäuser recht
+gut sein, doch im Sommer, wenn es von den Wänden trieft und das Dach
+leckt und bisweilen von selbst einfällt, sind sie kein gesunder
+Aufenthaltsort. In alten Zeiten verließ daher der Grönländer im
+April, bei Frühlingsanfang, sein Haus und deckte oft sogar das Dach
+ab, damit die Wohnung bis zum Herbste gehörig auslüften und vom Regen
+reingewaschen werden könnte -- ein recht bequemes Scheuerfest.
+
+Den ganzen Sommer und einen guten Teil des Herbstes hindurch, bis in
+den September oder Oktober lebten dann die Grönländer in Zelten, und
+gewöhnlich hatte jede Familie ein eigenes. Dieses Zelt hatte eine
+eigentümlich halbrunde Form mit einer Eingangsthür an der hohen,
+flachen Seite. Es ist innen ähnlich wie ein Haus eingerichtet, die
+Pritsche läuft an der schrägen Hinterwand entlang, der Thüröffnung, die
+ein Vorhang von halbdurchsichtiger Darmhaut verschließt, gegenüber. Die
+Wände des Zeltes bestehen aus einer äußeren Schicht von abgehaarten,
+wasserdichten Häuten, wozu gewöhnlich alte Bootbezüge verwendet werden,
+und einer inneren Schicht mit den Haaren nach innen gekehrter Renntier-
+oder Seehundsfelle. In diesen Zelten, die übrigens recht warm sind,
+gehen die Eskimos nackt, wie bei sich zu Hause.
+
+Unzertrennlich von dem sommerlichen Zeltleben ist das Frauenboot.
+Dieses bis zu 12 +m+ lange Boot ist von den Europäern so benannt
+worden, weil es im Gegensatze zum Kajak von Frauen gerudert wird.
+
+Es ist ein offenes Boot mit Holzrippen, außen mit Seehundsfell bezogen,
+schmal und verhältnismäßig sehr flach. Es rudert sich außerordentlich
+leicht, aber infolge seiner Form ist es ein unhandliches, schlechtes
+Seeboot, weshalb die Grönländer auch sofort damit an Land gehen, wenn
+der Wind sich aufmacht. Ein kleines Segel läßt sich im Vordersteven
+anbringen und bei günstigem Winde benutzen. Segeln ist übrigens eine
+Kunst, auf die sich der Eskimo nicht versteht und für die er sich auch
+nicht interessiert.
+
+In einem solchen Boote wird die ganze irdische Habe der Familie
+untergebracht, das Zelt, alles Hausgerät, Kinder, Hunde, Frauen u. s.
+w. Es wird von mehreren bis zu zehn Ruderinnen gerudert und geht, wenn
+ihrer so viele sind, mit guter Fahrt. Der Hausvater steuert gewöhnlich,
+und die übrigen männlichen Mitglieder der Familie rudern in ihren
+Kajaken hinterdrein.
+
+In ihren Frauenbooten zogen die Grönländer den ganzen Sommer hindurch
+von einem Fangplatz zum anderen und blieben einen oder zwei Monate in
+den Buchten, in deren Nähe es Renntiere gab. Dort gingen sie auf die
+Jagd und lebten herrlich und in Freuden.
+
+Dazumal unternahmen sie auch häufig lange Reisen an der Westküste,
+hinauf und hinab, wie es die heidnischen Ostgrönländer noch heute
+an der Ostküste thun. Um dem Leser einen Begriff von der Ausdehnung
+dieser Reisen zu geben, will ich erwähnen, daß Eskimofamilien aus
+~Angmagsalik~ an der Ostküste (65½° nördl. Br.) mit Kind und Kegel
+nach den westlich vom Kap ~Farvel~ liegenden Marktplätzen und
+zurück fahren, also eine Strecke von 110 Meilen. Schnell reisen sie
+freilich nicht; das eine der beiden Frauenboote, die wir 1888 bei Kap
+~Bille~ an der Ostküste trafen und die südwärts wollten, kam erst
+zwei Jahre darauf, im Jahre 1890, in ~Pamiagdluk~ westlich vom
+Kap Farvel an, obgleich die Entfernung nur 40 Meilen beträgt und wir
+sie meiner Ansicht nach mit unseren Booten in acht bis vierzehn Tagen
+hätten zurücklegen können. Doch sobald die Grönländer an einen Platz
+kommen, an dem sich viele Seehunde aufhalten, legen sie bei, schlagen
+ein Lager auf, gehen auf den Seehundsfang und lassen sich's wohl sein.
+Naht der Herbst oder der Winter, so suchen sie sich eine passende
+Stelle zum Bau eines Winterhauses und setzen die Reise im Frühling oder
+im Sommer, wenn das Eis ihnen das Weiterziehen gestattet, fort. Das
+oben erwähnte Frauenboot hatte auf diese Weise drei Jahre auf der Reise
+von Umivik nach Pamiagdluk zugebracht und wird wohl kaum weniger
+Zeit zur Heimreise gebraucht haben. Das andere Frauenboot, das von Kap
+Bille nach Süden ging, kam bis ~Nanusek~, wo überwintert wurde;
+dort aber starb der Familienvater, die Hinterbliebenen kehrten um und
+traten die lange Heimreise nach Angmagsalik an. Und zwar unverrichteter
+Sache, da sie ihr Ziel, den nicht mehr als 15 Meilen entfernten
+Handelsplatz, nicht erreichten.
+
+[Illustration: Schlechtes Wetter.]
+
+Das Reisen längs der Westküste ließ sich natürlich viel schneller und
+leichter ausführen, weil dort das Treibeis nicht hindernd in den Weg
+trat.
+
+Durch diese Reisen entgingen sie der Gefahr, an den einzelnen Plätzen
+gar zu abgeschieden zu leben. Sie trafen Leute und verkehrten mit
+anderen Menschen, den ganzen Sommer über herrschte Leben und Verkehr
+an den grönländischen Küsten, was auf manche Art vorteilhaft war. Das
+Gemüt belebte sich neu, die Fanginteressen wurden angespornt, und die
+Fanggeschicklichkeit entwickelte sich, abgesehen davon, daß der häufige
+Wechsel des Jagdgebietes auch bedeutend mehr Wild einbrachte.
+
+Das Sommerleben in den verhältnismäßig reinlichen, luftigen Zelten ist,
+abgesehen von dem Vergnügen, das es, wie man sich leicht denken kann,
+gewährt, viel gesunder als der Aufenthalt in den dumpfen, stinkenden
+Erdhütten. Kein Wunder also, daß die schönsten Träume des Grönländers
+mit dem Frauenboot und dem Zelt verknüpft waren.
+
+Leider sind wir Europäer hier wieder die Ursache einer bedauernswerten
+Veränderung. Hans Egede klagte freilich sehr darüber, wie schwer es
+sei, den Grönländern ihr ständiges Umherziehen abzugewöhnen und sie
+dahin zu bringen, sich an einem Orte dauernd anzubauen, damit er
+ihnen in Ruhe das Christentum predigen könne. Er schlug sogar vor, man
+solle sie durch Zucht und Disziplin anhalten, ein seßhafteres Leben
+zu führen. Wenn dieser fromme Mann, der nur an das für Gottes Reich
+Notwendige dachte, jetzt lebte, könnte er wohl zufrieden sein: die
+christlichen Grönländer unserer Zeit begeben sich kaum mehr auf die
+Reise. Bei der großen Armut, die wir über sie gebracht haben, werden
+der Seehundsfänger, die imstande sind, sich hinreichend Felle zu Zelt
+und Frauenboot -- und beide Teile sind zum Reisen ja notwendig -- zu
+verschaffen, immer weniger. Dafür aber sehen sich jetzt ihrer immer
+mehr gezwungen, das ganze Jahr hindurch in den ungesunden Winterhäusern
+zu wohnen, in denen ihre Gesundheit leidet und die ein ganz
+vorzüglicher Nährboden für Bakterien und alle möglichen ansteckenden
+Krankheiten sind. Dazu kommt noch, daß die Männer ihr Fangrevier nicht
+wechseln können, sondern jahraus jahrein dieselben Stellen aufsuchen
+müssen. Hierdurch verringert sich die Ausbeute natürlich sehr, die Kost
+wird entsprechend schlechter, und der unentbehrlichen Seehundsfelle
+giebt es immer weniger. Ist erst das ganze grönländische Volk auf
+dieses Niveau, diesen festsitzenden Zustand, der Egede wohl als Ideal
+vorschwebte, herabgedrückt, dann wird es ihm wahrhaftig schwer werden,
+sich wieder zu erheben, und es wird kaum noch zu retten sein. Und der
+Niedergang hierin ist in den letzten Jahren geradezu besorgniserregend
+gewesen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +VI.+
+
+Kochkunst und Leckerbissen.
+
+
+Ein für uns ziemlich auffallender Zug im täglichen Leben des
+Grönländers ist, daß er bestimmte Mahlzeiten nicht kennt. Er ißt,
+wenn er Hunger verspürt, falls nämlich etwas zu essen da ist. Wie
+oben erwähnt, nehmen die Seehundsfänger oft den ganzen Tag nichts zu
+sich. Sie können sehr lange fasten, vertilgen dafür einandermal auch
+erstaunliche Mengen Fleisch, Speck, Fisch u. s. w.
+
+Ihre Kochkunst ist einfach und leicht zu erlernen.
+
+Fleisch und Fische werden teils roh oder gefroren, teils gekocht oder
+gedörrt verzehrt. Auch läßt man das Fleisch oft eine Art Fäulnis- oder
+Gährungsprozeß durchmachen; es wird dann ~+Mikiak+~ genannt
+und ohne weitere Zubereitung gegessen. Ein derartiges, sehr beliebtes
+Gericht sind verfaulte Seehundsköpfe. Der Speck von Seehunden und
+Walfischen wird am liebsten roh verzehrt. Allen Kulturleckermäulern
+graut natürlich schon bei dem bloßen Gedanken, rohen Speck zu
+verzehren, ich kann ihnen aber sagen, daß er, namentlich ganz frisch,
+sehr gut schmeckt und einen süßlichen, allerdings auch ein bischen
+weichlichen Geschmack hat, der an Sahne erinnert, ohne eine Spur von
+Thranbeigeschmack zu besitzen. Dieser stellt sich erst ein, wenn man
+den Speck kocht oder brät und wenn er ranzig wird. Es giebt freilich
+noch Leute, welche glauben, daß der Eskimo ausgeschmolzenen Thran
+zu trinken pflegt, obgleich schon Hans Egede diese irrige Annahme
+widerlegt hat. Daß sie es allerdings nicht immer verachten, wenn es
+sich ihnen bietet, davon konnte ich mich in Godthaab überzeugen. Unsere
+Magd Rosine sah ich regelmäßig einen Schluck oder zwei aus der Lampe
+trinken, wenn sie diese morgens putzte oder füllte -- und es schien ihr
+recht gut zu bekommen.
+
+Sie lieben übrigens ein Kompott aus Engelwurz und Thran, das nach
+Saabyes Beschreibung folgendermaßen zubereitet wird: »Ein Frauenzimmer
+kaut Speck, spuckt den Saft auf die Stengel und fährt damit solange
+fort, bis sie, ihrer Meinung nach, genug bekommen haben. Diese
+eingemachten Stengel müssen eine Zeit lang stehen, worauf sie aus der
+Sauce genommen und mit großem Appetit als Nachtisch gegessen werden.«
+
+Die Grönländer hatten ursprünglich folgende Vegetabilien: außer
+Engelwurz (+Angelica+), Löwenzahn, Sauerampfer, Krähenbeeren
+(+Empetrum nigrum+) und verschiedene Tangarten. Eine ihrer größten
+Delikatessen ist der Inhalt des Renntiermagens. Wenn ein Grönländer
+ein Renntier erlegt und nur wenig davon mit nach Hause nehmen kann,
+wird er ihm den Magen ausschneiden, und eine grönländische Dame
+bittet ihren auf die Jagd gehenden Liebsten stets, ihr den Inhalt des
+Renntiermagens mitzubringen. Daß sie letzteren so schätzen, erklärt
+sich wohl daraus, daß sie der Pflanzennahrung bedürfen, und es ist ja
+auch Primaware, die der Feinschmecker Renntier sich von dem feinsten
+Grase und Moose aussucht und die dann im Magen eine Art gestovten
+Gemüses mit scharfer, außerordentlich pikanter Magensaftsauce giebt.
+Manch einer wird natürlich über dieses Gericht die Nase rümpfen. Er
+sollte es aber nicht thun, denn ich habe es, mit Erlaubnis zu sagen,
+probiert und es nicht unschmackhaft gefunden, obgleich es so sauer war
+wie alte Sattenmilch. Soll es besonders fein hergehen, so thut man noch
+Speckstücke und Krähenbeeren hinzu.
+
+Ein anderes Gericht, an dem gleichfalls mancher Europäer Anstoß nehmen
+wird, ist das Eingeweide der Schneehühner. Hier halten sie sich nicht
+nur an den Magen, sondern auch die Gedärme mit ihrem ganzen Inhalt
+werden im Handumdrehen hinuntergeschluckt. Den Rest des Schneehuhns
+verkaufen sie für 5 bis 8 +oere+ an einen Händler. Daher sieht man
+in Grönland auch nie unausgenommene Schneehühner, man schieße sie denn
+selbst.
+
+Als wir einmal mit dem Grönländer Joel auf einem Jagdausfluge am
+inneren Ameralikfjorde waren, nahm er eines Tages alle unsere
+erbeuteten Schneehühner aus. Da ihrer aber weit über hundert waren,
+konnte er natürlich nicht alle Eingeweide auf einmal verzehren und
+steckte deshalb den Rest in einen großen Sack. Er beabsichtigte
+freilich, den köstlichen Inhalt zu Hause mit seiner geliebten +Ane
+Cornelia+ zu verspeisen, hat ihn aber sicher schon unterwegs
+aufgegessen, bevor er dort ankam. Man wird mir hoffentlich verzeihen,
+daß ich nicht sagen kann, wie dieses Gericht schmeckt; es ist das
+einzige Eskimogericht, das zu probieren ich mich nicht überwinden
+konnte.
+
+Als andere Leckerbissen kann ich noch die Haut (+~matak~+)
+der verschiedenen Walfischarten nennen; besonders die des Weißfisches
+und auch die des Potwals gilt für den Gipfelpunkt aller Genüsse. Die
+Haut wird mit der dicht darunterliegenden Speckschicht abgezogen und
+ohne weitere Umstände roh gegessen. Der Eskimo verdient meine größte
+Hochachtung für die Erfindung dieses Gerichtes. Ich versichere den
+Leser, daß mir noch heute bei dem bloßen Gedanken an +Matak+ mit
+seinem unbeschreiblich feinen Geschmacke nach Nußkernen und Austern das
+Wasser im Munde um meine wenigen übriggebliebenen Zähne zusammenläuft
+-- ah! -- und dann hat er das vor den Austern voraus, daß die Haut
+so zäh ist, als kaute man Putzleder, wodurch der Genuß sich bis ins
+Unglaubliche verlängern läßt. Sogar die Dänen in Grönland lieben diesen
+Leckerbissen, wenn sie ihn haben können, kochen ihn aber meistens,
+wodurch er geleeartig wird und der Nußkern- und Austerngeschmack
+spurlos verschwindet, so daß man ebensogut die Zunge zum Fenster
+hinaushängen könnte.
+
+Ein feines Gericht, das sich jedoch mit Matak nicht messen kann, ist
+die rohe Haut der Hellbutte, sie hat indessen ebenfalls den Vorteil,
+daß sie infolge ihrer Zähigkeit lange vorhält. Ich kann sie mit gutem
+Gewissen als delikat empfehlen, besonders zur Winterszeit.
+
+Rohe Seehundshaut essen die Eskimos ebenfalls gern mit dem Speck
+zusammen. Es schmeckte mir nicht so übel, doch konnte ich mich mit
+den vielen Haaren nicht aussöhnen und erlaubte mir deshalb, sie
+auszuspucken, nachdem ich verschiedene vergebliche Versuche gemacht
+hatte, sie hinunterzuschlucken.
+
+Die Eskimos essen das Fleisch der Seehunde, Walfische, Renntiere,
+Hasen, Vögel und Bären, ja sogar der Hunde und der Füchse. Das Einzige,
+was sie, meines Wissens, in der Regel verschmähen, ist das Fleisch des
+Raben. Da dieses Tier sich seine Nahrung zum Teil auf Misthaufen sucht,
+gilt es, wie alle dort wachsenden Pflanzen, für unrein.
+
+Aus nicht fettem Fleische macht sich der Grönländer nichts und zieht
+daher die Wasservögel den Schneehühnern vor. In einer südgrönländischen
+Kolonie gab einmal ein erst vor Kurzem ins Land gekommener Pastor ein
+Gastmahl für einige seiner Gemeindemitglieder, und die Frau Pastorin
+setzte den Gästen dabei ihr Lieblingsgericht, gebratene Schneehühner,
+vor. Die Grönländer nahmen fast garnichts, so dringlich die Pastorin
+auch nötigte. Sie fragte nun, ob sie Schneehühner nicht möchten. »Ja,«
+lautete die Antwort, »wir essen sie schon, aber nur wenn -- Hungersnot
+ist.«
+
+Was ich bisher angeführt habe, wird wohl hinreichend beweisen, daß die
+Grönländer durchaus nicht so genügsam im Essen sind, wie allgemein
+angenommen wird. Bei Hungersnot verzehren sie freilich all und jedes.
+So soll es, nach Dalager, z. B. vorkommen, daß »sie ihre Zeltfelle in
+Stücke hacken und davon Suppe kochen«, und man hört oft, daß Frau So
+und So ihre alten Hosen zu Suppe verkocht hat.
+
+Das Servieren ist auch anders, als die europäische Mode es vorschreibt.
+Tische giebt es im Grönländerhause nicht; die Schüssel wird mitten auf
+den Fußboden gestellt, und die Menschen sitzen auf den Pritschen, um
+von dort herab mit den Gabeln, die Gott ihnen bei der Geburt gegeben,
+zuzugreifen. Daß die Schüssel sich auf eine Kiste stellen ließe, fällt
+ihnen nicht ein; das Bücken scheint ihnen beinahe Bedürfnis zu sein.
+Ein Beispiel hierfür ist die einer jungen dänischen Frau passierte
+Geschichte. Die Dame wollte gleich nach ihrer Ankunft in Grönland große
+Wäsche halten und hatte sich dazu einige Eskimofrauen bestellt. Als sie
+in ihre Waschküche kam, sah sie die Wäscherinnen tief über die auf dem
+Fußboden stehende Wanne gebeugt waschen, und da ihr diese Stellung sehr
+anstrengend erschien, gab sie ihnen einige Holzklötze, um den Zuber
+draufzustellen. Wie sie sich nach einer Weile noch einmal nach ihrer
+Wäsche umsehen wollte, fand sie zu ihrem großen Erstaunen den Zuber auf
+demselben Fleck und die Wäscherinnen auf den Klötzen stehend und von
+dort herab waschend. -- +Se non è vero, è ben trovato!+
+
+Von den vielen Dingen, die wir in Grönland eingeführt haben, lieben
+die christlichen Eskimos vor allem den Kaffee, und dieser Genuß ist
+auf der Westküste beinahe zum Laster geworden. Sie bereiten ihn stark
+und trinken meistens nicht weniger als zwei große Spülnäpfe voll zur
+Zeit. Das hindert sie indessen nicht, täglich vier- bis fünfmal Kaffee
+zu trinken, denn »er schmeckt so gut und macht so vergnügt«. Doch
+sind sie selbst schon hinter seine schädliche Wirkung gekommen, und
+deshalb erhalten die Jünglinge nur wenig oder garnichts davon, damit
+sie gute Fänger werden. Der Schwindel, an dem die älteren bisweilen
+leiden und der sie oft unsicher beim Rudern macht, wird nämlich, wie
+sie behaupten, zum Teil durch den Kaffee hervorgerufen. Diese Erfahrung
+deckt sich vortrefflich mit der neueren physiologischen Forschung, die
+bewiesen hat, daß die gefährlichsten Gifte dieses Trankes, das Coffeïn
+u. s. w., gerade die Teile des Nervensystems angreifen, von denen das
+Gleichgewicht des Körpers abhängt.
+
+[Illustration: Auf dem Angelplatz.]
+
+Nächst dem Kaffee stehen Tabak und Kaffeebrot hoch in Ansehen. Auf
+der Westküste ist Rauch- und Kautabak am beliebtesten, das Schnupfen
+dagegen ist die Schwäche der Ostgrönländer, sowie des weiblichen
+Geschlechts der Westküste, und man wird oft unangenehm durch die
+Entdeckung überrascht, daß eine junge, anmutige Schöne eine gehörige,
+Nasenlöcher und Oberlippe einpulvernde Prise nimmt. Sie reiben
+ihren Schnupftabak selber zwischen flachen Steinen aus ungesaucetem
+Rolltabak, der kleingeschnitten und über der Lampe getrocknet wird. Um
+ihn ausgiebiger zu machen, wird er manchmal mit geriebenem Speckstein
+vermischt; aufbewahrt wird er in großen oder kleineren Hörnern. Auf
+der Ostküste spielt er auch bei einzelnen Ceremonieen eine Rolle.
+Der Eskimo hat in seiner Sprache kein Wort für »Guten Tag« oder
+»Willkommen«; statt dessen reicht er dem gerngesehenen Besucher sein
+Schnupftabakshorn zur Benutzung hin, worauf ihm dieser das seinige
+darbietet. Beim Abschied wiederholt sich dieselbe Ceremonie.
+
+Die Westgrönländer bereiten ihren Kautabak auf eine für uns
+überraschende Weise. Lange dänische Porzellanpfeifen werden mit
+Rauchtabak, auf den Wasser gegossen wird, halbvoll gestopft und dann
+mit trockenem Tabak bis zum Rande gefüllt. Man raucht nun so lange, bis
+die Glut an der Feuchtigkeit erlischt. Dann wird die Asche ausgeklopft,
+aller ölige Saft aus dem Kopf, dem Rohre, dem übergelegten Deckel u.
+s. w. abgekratzt und mit den schon durch den Rauch gut durchsauceten
+Tabaksresten am Boden des Pfeifenkopfes gemischt, und der Kautabak ist
+fertig. Dieses starke Konfekt wird besonders als Kajakproviant sehr
+geschätzt.
+
+Glücklicherweise hat die Regierung verboten, den Eskimos Branntwein
+zu verkaufen. Die im Lande wohnenden Europäer dürfen sich aber ihren
+Bedarf kommen lassen und die Grönländer damit traktieren. Man giebt
+ihnen namentlich dann welchen, wenn sie auf den Booten der Europäer
+bei Sommerreisen als Besatzung fungieren, sowie nach jedem Handel,
+den man mit ihnen abschließt. Ferner ist es so weise eingerichtet, daß
+die ~Kifaker~ oder in Diensten des dänischen Handels Angestellten
+jeden Morgen ihren Schnaps bekommen, während die Fänger, die tüchtiger
+sein müssen und deshalb über den Kifakern stehen, nur dazu gelangen,
+wenn sie den Europäern Dienste leisten oder ihnen etwas verkaufen.
+
+Alle, Männer wie Frauen, sind leidenschaftliche Branntweintrinker.
+Nicht, weil er gut schmecke, vertrauten sie mir oft an, sondern weil
+es so herrlich sei, betrunken zu sein. Betrunken waren sie denn auch,
+sowie sich eine Gelegenheit erbot; doch war dies glücklicherweise nicht
+so häufig der Fall. Daß der Rausch wirklich der Zweck dieses Genusses
+war, scheint schon daraus hervorzugehen, daß die Kifaker garnicht sehr
+auf den Morgenschnaps erpicht waren, weil man »davon nicht betrunken
+werden könne«. Aus diesem Grunde kamen oft mehrere dahin überein, daß
+einer einen Morgen sämtliche Schnäpse trank und am Tage darauf die
+Reihe an den zweiten kam. Hierdurch konnten sie sich in bestimmten
+Zwischenräumen einen ordentlichen Rausch verschaffen. Kamen jedoch die
+Vorgesetzten dahinter, so wurde ihnen freilich das Handwerk zu legen
+gesucht.
+
+Ganz den bei uns im allgemeinen bestehenden Verhältnissen entgegen
+fanden die Grönländerfrauen in der Regel ihre Männer reizend, wenn
+diese berauscht waren, und amüsierten sich köstlich über den Anblick.
+Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich allerdings erklären, daß
+sie mir mit wenigen Ausnahmen viel weniger abstoßend und bedeutend
+friedfertiger in diesem bacchantischen Zustande erschienen, als man es
+bei uns zu Hause in ähnlicher Verfassung gewöhnlich ist.
+
+Bei der Ankunft der Europäer im Lande kannten die Eingeborenen die
+Wirkung des Branntweines noch nicht. Als das Weihnachtsfest herannahte,
+fragten sie Niels Egede, wann seine Leute »toll« würden; sie hielten
+nämlich die »Tollheit« für eine notwendige Folge des Festes, und sie
+war ihnen ein Ausgangspunkt für ihre Zeitberechnung geworden. Später
+erfuhren sie, die Tollheit rühre von dieser Flüssigkeit her, die
+sie deshalb +~Silaerúnartok~+ oder das, wovon man seinen
+Verstand verliert, nannten; jetzt aber nennen sie sie gewöhnlich
++~Snapsemik~+.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +VII.+
+
+Charakter und soziale Verhältnisse.
+
+
+Sehe ich alle die Zänkereien und das widerwärtige Ausschimpfen jedes
+Gegners, die uns die Zeitungen der verschiedenen Parteien täglich
+auftischen, so muß ich oft denken, was diese Herren Politiker wohl
+sagen würden, wenn sie die grönländische Gesellschaft kennten!
+Ob sie nicht vor Scham erröten würden, wenn man sie den Leuten
+gegenüberstellte, die der Gottesmann Hans Egede folgendermaßen
+tituliert: »Solch wahnwitzige, kaltsinnige, ohne Kenntnis irgend
+welcher Gottesverehrung in viehischer Dummheit, ohne Ordnung und
+Disziplin lebende Menschen!« Wie tief stehen aber wir, und mit wie
+großer Berechtigung könnten diese »Wilden« verächtlich auf uns
+herabsehen, wenn sie erführen, daß man sich bei uns, sogar in der
+öffentlichen Presse, der gemeinsten Schimpfwörter, wie: »Lügner«,
+»Verräter«, »Meineidiger«, »Schmutzblatt«, »Skandalpresse«, »Lümmel«,
+»Schuft« u. s. w. bedient. Sie selber nehmen ja nie ein Schimpfwort in
+den Mund, ja, diese bei uns so reich entwickelte Wortklasse fehlt sogar
+in ihrer Sprache.
+
+In diesem Verhältnisse liegt eine Grundverschiedenheit des Charakters
+ausdrückt. Der Grönländer ist von allen Menschen, die unser Herrgott
+erschaffen hat, der gesittetste. Gutmütigkeit, Friedfertigkeit und
+Verträglichkeit sind die Hauptzüge seines Charakters. Er will gern
+mit allen seinen Mitmenschen auf möglichst gutem Fuße stehn und denkt
+daher nicht dran, sie zu verletzen, geschweige denn ihnen Grobheiten
+zu sagen. Er widerspricht nicht gern, selbst wenn ihm jemand etwas
+erzählt, was, wie er weiß, sich anders verhält. Jeden Einwand kleidet
+er in die mildeste Form, und es würde ihm sehr schwer fallen, den
+anderen geradeheraus der Unwahrheit zu zeihen. Er sagt anderen
+auch nicht gern Wahrheiten, die sie seiner Ansicht nach unangenehm
+berühren könnten. In solchem Falle bedient er sich lieber unbestimmter
+Ausdrücke, auch wenn es sich um so gleichgültige Dinge, wie Wind und
+Wetter, handelt. Seine Friedfertigkeit geht soweit, daß er, wenn ihm
+etwas gestohlen wird, -- was freilich selten vorkommt -- das Seinige in
+der Regel nicht zurückfordert, obgleich er oft weiß, wer der Dieb ist.
+-- »Wer Dich bittet, dem gieb; und wer Dir das Deine nimmt, da fordere
+es nicht wieder.« (Ev. Luc. 6, 30.)
+
+Infolgedessen giebt es dort selten oder nie Streit. Die Grönländer
+können es sich nicht erlauben, ihre Zeit mit Wortgefechten zu
+vergeuden. Der Kampf um die Unterjochung der Natur, jene große Aufgabe
+des Menschengeschlechtes, ist dort schwerer als sonst irgendwo, und
+darum ist dieses kleine Volk übereingekommen, ihn ohne unnötige
+Zersplitterung der Kräfte zu führen.
+
+Der Grönländer ist eigentlich ein glücklicher Mensch, sein Sinn
+fröhlich und leicht wie der eines Kindes. Jeden Kummer empfindet
+er im ersten Augenblick sehr heftig, vergißt ihn aber bald und ist
+dann wieder so strahlend heiter und mit seinem Dasein zufrieden wie
+gewöhnlich. Dieser lebensfrohe, leichte Sinn läßt ihn wenig an die
+Zukunft denken. Hat er für den Augenblick Speise, so freut er sich und
+ißt, solange noch etwas da ist, wenn er nachher auch darben muß, was
+ihm jetzt leider oft passiert und von Jahr zu Jahr immer allgemeiner
+wird.
+
+Diese Sorglosigkeit ist ihm oft in starken Ausdrücken vorgeworfen
+worden. Die Missionare behaupten, und gewiß nicht ohne Berechtigung,
+daß sie ihn für die Civilisation unempfänglich mache, und haben
+versucht, ihn zu größerer Vorsorge und besserem Haushalten mit seinen
+Vorräten anzuhalten. Doch sie vergessen dabei, daß auch geschrieben
+steht: »Sorget nicht für den anderen Morgen« und: »Sehet die Vögel
+unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln
+nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch.«
+
+Dieser Leichtsinn hat aber auch seine Lichtseite, er macht sogar
+gewissermaßen die Stärke des Eskimos aus.
+
+Armut und Not haben bei uns zwei Folgen. Die unmittelbare ist natürlich
+körperliches Leiden, doch mit diesem zusammen und nach ihm kommt das
+geistige, jenes unerbittliche Nagen, das uns Tag und Nacht, bis in
+den Schlaf hinein, verfolgt und uns jeden Augenblick verbittert. Dies
+ist in der Regel das Schwerste für unsere Armen, und wäre dies nicht,
+so würden die körperlichen Leiden, die ja meistens nur vorübergehend
+sind, viel leichter ertragen werden. Von dieser Seite der Armut ist
+jedoch der leichte Sinn des Eskimos frei. Selbst wenn er sehr lange
+hat hungern müssen und es ihm sehr schlecht ergangen ist, hat er
+alles Ausgestandene vergessen, sobald er etwas zu essen bekommt. Die
+Erinnerung an die überstandenen Qualen ist ebensowenig imstande, ihm
+den Genuß und die Freude zu stören, wie das Bangen vor dem, was morgen
+oder übermorgen kommen wird. Das Einzige, was sein Glück zu trüben
+vermag, ist, andere Not leiden zu sehen, und deshalb teilt er mit
+ihnen, solange er selbst etwas zu teilen hat.
+
+Besonders aber schneidet es den Eskimos ins Herz, wenn sie ihre kleinen
+Kinder hungern sehen, »und deshalb,« sagt Dalager, »geben sie den
+Kindern alles, auch wenn sie selber beinahe vor Hunger krepieren; denn
+sie leben täglich in der Hoffnung auf bessere Zeiten, die wirklich
+manchen am Leben erhält.«
+
+Will man die Grundverschiedenheit des Charakters der Eskimos von dem
+unsrigen deutlich erkennen, so studiere man ihre sozialen Verhältnisse.
+Man hört nicht selten die Ansicht aussprechen, daß der Eskimostaat
+gesetzlos und ungeordnet sei. Das ist ein Irrtum.
+
+Ursprünglich war er im Gegenteil außerordentlich wohlgeordnet. Sie
+hatten ihre bestimmten Bräuche und Regeln für all und jedes, die im
+Munde des Volkes fortlebten und selten übertreten wurden; denn die
+Eskimos sind unglaublich gefügige Leute, was selbst Hans Egede, der
+sie, wie oben gesagt, doch gehörig anschwärzt, zugiebt, wenn er unter
+anderem berichtet: »Es ist wirklich merkwürdig, welche Eintracht unter
+ihnen herrscht; Zank und Streit, Haß und Nachtragen nimmt man bei
+ihnen selten wahr. Und[17] wenn einer auch einem anderen böse sein
+mag, so läßt er es sich doch nicht anmerken, sondern erlaubt sich aus
+großer Scham vor anderen nicht, ihn mit Schimpfreden oder gar Schlägen
+anzugreifen, wie sie auch gar keine Weise und Worte kennen, einander
+auszuschelten.« Dies sagt, wohlbemerkt, ein Prediger von Heiden, die
+diesen friedfertigen Sinn also nicht durch das Christentum bekommen
+haben konnten.
+
+Da kamen die Europäer ins Land. Ohne das Volk und seine Bedürfnisse
+zu kennen und zu verstehen, gingen sie von der Ansicht aus, daß der
+Eskimostaat von Grund aus der Verbesserung bedürfe, und griffen
+zerstörend in alle seine Institutionen ein. Sie suchten ihm einen
+vollständig neuen Stempel aufzudrücken, gaben den Grönländern mit
+einem Schlage eine ganz neue Religion und zerstörten die Achtung vor
+den alten Bräuchen und Ueberlieferungen, natürlich ohne ihm neue dafür
+wiederzugeben. Ja, die Missionare meinten, dieses wilde, freilebende
+Jagdvolk in eine civilisierte, christliche Nation umwandeln zu können,
+ohne zu bedenken, daß dieses Volk in seinem Herzen in vieler Beziehung
+christlicher war, als sie selber, und die christliche Nächstenliebe
+z. B. in der Praxis weit besser durchgeführt hatte, als es je eine
+christliche Nation gethan hat. Kurz, die Europäer betrugen sich in
+Grönland gerade so, wie sie es überall thun, wo sie im Namen Jesu
+auftreten, um »die armen Heiden des Segens der ewigen Wahrheit
+teilhaftig zu machen«. Diese Anschauung wird am besten durch den schon
+oben erwähnten Ausspruch Egedes charakterisiert. »Die angeborene
+Dummheit und Gleichgültigkeit der Grönländer, ihre viehische, thörichte
+Kindererziehung, ihre unstäte, umherschweifende Lebensweise, alles
+dieses legt ihrer Bekehrung große Hindernisse in den Weg und muß,
+soweit es möglich ist, abgeändert und remediert werden.« Welch ein
+Mangel an Verständnis! Man denke nur, das umherschweifende Leben eines
+Jagdvolkes ändern und remedieren zu wollen! Was bliebe ihm dann?
+Garnicht davon zu reden, daß sich dies durch »Zucht und Disziplin«,
+seiner Meinung nach, recht wohl erreichen ließe.
+
+[Illustration: Seehundfischerei.]
+
+Die Grönländer hörten zuerst die Fremden verwundert an. Sie waren
+bisher mit sich selber und dem ganzen Dasein zufrieden gewesen und
+hatten keine Ahnung gehabt, daß die Welt und die Menschen so schlecht
+seien, wie die Missionare ihnen immer wieder sagten. Es fehlte
+ihnen, wie Egede sagt, gänzlich »die rechte Erkenntnis ihrer eigenen
+Verderbtheit«, und es wurde ihnen sehr schwer, eine so grausame
+Religion, die die Menschen zum ewigen Höllenfeuer verdammt, zu
+verstehen. An die Erbsünde glaubten sie schon eher, aber nur als an
+ein allgemeines Uebel bei den +~Kavdlunakern~+ (Europäern);
+denn daß diese zum großen Teile schlechte Menschen waren, sahen sie ja
+täglich, die ~+Kaladlit+~ (Eskimos) aber, die doch gute Leute
+waren, hätten eigentlich ohne weiteres in das Himmelreich kommen
+müssen.
+
+Als im Jahre 1728 ein dänisches Schiff mit Männern und Frauen zur
+Kolonisation des Landes in Godthaab ankam, erregten viele von der
+Besatzung durch ihr schlechtes Benehmen großes Aergernis bei den
+Heiden, und diese »fragten oft, woher es denn eigentlich komme, daß so
+viele von unseren Leuten so ungesittet seien. Statt daß Frauenzimmer
+(die Grönländerinnen) sonst still und ehrbar zu sein pflegten,
+betrügen sich diese (die Europäerinnen) toll, frech und ohne jede
+weibliche Scham. Sie kennten doch wohl alle Gottes Willen«.[18] Und
+die Grönländer verachteten und verlachten die dummen, selbstbewußten
+Europäer, die so fein predigten, aber so schlecht handelten und
+überdies nichts vom Fange und allem, was sie selber für das Wichtigste
+im Leben hielten, verstanden.
+
+Durch die Macht, die eine höhere Kultur verleiht, konnten die Fremden
+so nach und nach siegen und im Laufe der Zeit eine durchgreifende
+Umwälzung und ein schwankendes Gemisch von altgrönländischer und
+moderneuropäischer Volkssitte und Kultur zustande bringen, wie sie auch
+in unerlaubt hohem Grade ihr Blut mit dem der Eskimos kreuzten und ohne
+priesterliche Hülfe stark gemischte Nachkommenschaft erzeugten.
+
+Da die Eskimos jedoch ein sehr konservatives Volk sind, findet man
+bei ihnen noch immer viele wesentliche Züge der ursprünglichen
+Zustände. Wie bei allen Jagdvölkern, ist auch bei den Grönländern der
+Eigentumsbegriff sehr beschränkt; es wäre jedoch verkehrt, anzunehmen,
+daß er ihnen ganz fehle.
+
+Hinsichtlich der meisten Dinge herrscht allerdings eine gewisse
+Gütergemeinschaft; doch sie beschränkt sich je nach der Natur der
+verschiedenen Gegenstände auf bestimmte engere und weitere Kreise.
+Nächst dem Individuum selbst kommt als engster Kreis die Familie,
+dann die Hausgenossen und die Verwandtschaft, und schließlich alle in
+demselben Orte wohnenden Familien. Als das eigentlichste Privateigentum
+werden der Kajak, der Kajakanzug und die Fanggeräte angesehen, die
+dem Fänger allein gehören und die weiter keiner anrühren darf; denn
+damit ernährt er sich und seine Familie und muß deshalb sicher sein,
+sie immer da finden zu können, wo er sie zuletzt hingelegt hat;
+sie werden auch selten verliehen. In früheren Zeiten hatten gute
+Fänger gewöhnlich zwei Kajake, doch heutzutage läßt sich das selten
+ermöglichen. Etwas, was sich eigentlich auch den Fanggeräten nähern
+dürfte, sind die Ski. Da diese indessen erst durch die Europäer
+eingeführt wurden, gilt der Eigentumsbegriff für sie nicht in demselben
+Grade, und während der Eskimo selten oder nie die Waffen eines andern
+anrühren würde, trägt er kein Bedenken, den Ski eines andern zu
+brauchen, ohne ihn vorher zu fragen.
+
+Nach den Fanggeräten und Kleidungsstücken kommen die Werkzeuge für den
+Hausgebrauch, wie Messer, Beile, Sägen, Fellschabeisen u. s. w. Vieles
+davon, namentlich die Nähutensilien der Weiber, wird jedoch auch als
+Privateigentum im eigentlichen Sinne betrachtet.
+
+Andere Hausgeräte sind Gemeingut der Familie oder aller Hausgenossen.
+Das Frauenboot gehört dem Familienvater oder der Familie, das Zelt
+ebenfalls. Das Haus gehört auch der Familie, und wohnen mehrere
+Familien darin, so allen zusammen.
+
+Grundbesitz kennt der Eskimo nicht, doch scheint es dort Brauch zu
+sein, daß man auf einem Platze, wo schon Leute wohnen, ohne deren
+Zustimmung weder sein Zelt aufschlagen, noch ein Haus bauen darf.
+
+Als Beispiel ihrer Rücksicht für einander in dieser Beziehung sei
+ein Zug angeführt, der vor mehr als hundert Jahren von Lars Dalager
+beschrieben worden ist:
+
+»Wenn sie im Sommer mit ihren Zelten und sonstiger Bagage an der Küste
+längsfahren und an einer Stelle, wo schon Grönländer stehen, zu bleiben
+gedenken, rudern sie sehr langsam ans Land und halten ungefähr einen
+Flintenschuß vom Ufer, ohne ein Wort zu sagen. Schweigen die am Ufer
+Stehenden ebenfalls, so denken die Kommenden, sie seien nicht gern
+gesehen, und rudern in größter Eile nach einem leeren Platze. Doch wenn
+vom Lande her, wie es meistens geschieht, diese Komplimente gemacht
+werden: Seht her! Hier sind gute Zeltplätze, gutes Lager für Eure
+Frauenboote, kommt und ruht Euch von des Tages Last aus!, so legen
+sie nach kurzer Ueberlegung am Ufer an, wo man bereit steht, sie zu
+empfangen und beim Ausladen der Bagage zu helfen. Doch wenn sie wieder
+abreisen, wird ihnen nur beim Aussetzen der Frauenboote geholfen, alle
+übrige Arbeit läßt man sie allein thun, wenn nicht der Reisende ein
+sehr guter Freund oder naher Verwandter ist. In diesem Falle wird er
+mit derselben Ehrenbezeugung, mit der er empfangen worden, und mit den
+Abschiedsworten: Euer Fortgehen wird bei uns eine stille Erinnerung
+verursachen dimittiert.«[19]
+
+Ein Anflug von Grundbesitzbegriff scheint auch darin zu liegen, daß
+falls jemand in lachsreichen Flüssen Dämme zur Ansammlung der Fische
+gebaut hat, es übel vermerkt wird, wenn Fremde diese Einhegungen
+verändern oder innerhalb derselben Netze auswerfen, wie es die Europäer
+in früheren Zeiten häufig gethan haben (auch von Dalager berichtet).
+
+~Treibholz~ gehört dem, der es zuerst im Wasser findet, wo es auch
+sei. Um sein Recht zu behaupten, ist er verpflichtet, es ans Land zu
+bugsieren, über die Flutmarke hinaufzuziehen und auf irgend eine Art zu
+zeichnen. Vor diesem Eigentum hat der Eskimo großen Respekt, und hat
+einer Treibholz am Ufer niedergelegt, so kann er, falls keine Europäer
+dort hingekommen sind, sicher sein, es noch nach Jahren wiederzufinden;
+wer es nähme, würde fortan für einen Schuft gelten.
+
+Hinsichtlich ihrer Auffassung des Eigentumsbegriffes beim Leihen und
+Handeln sei angeführt, was Dalager darüber sagt:
+
+»Leiht ein Mann einem anderen etwas, wie Boote, Pfeile, Angelschnüre
+oder sonst ein Angelgerät, und dieser kommt damit zu Schaden, sei
+es, daß der Seehund oder das Tier mit dem Pfeile durchgeht oder der
+Fisch die Schnur zerreißt oder auch, daß der Fisch oder der Seehund
+das Boot beschädigt, so geht dies alles auf Kosten des Besitzers, und
+der Leihende ersetzt nichts davon. -- Nimmt jemand Pfeile oder Geräte
+leihweise in Gebrauch, ohne daß der Besitzer davon weiß, und werden sie
+beschädigt, so ist der Leihende verpflichtet, den Eigentümer schadlos
+zu halten. Dies kommt sehr selten vor, denn ein Grönländer muß in sehr
+großer Verlegenheit sein, ehe er einen andern mit dem Ansinnen, ihm
+etwas zu leihen, inkommodiert, aus Furcht, es könnte zu Schaden
+kommen.«
+
+»Kauft man etwas von einem anderen, und die Waren gefallen ihm nicht,
+so kann er sie zurückschicken, auch wenn schon längere Zeit seit dem
+Kaufe verstrichen ist.«
+
+»Kauft einer von dem andern teure Sachen, wie Boote oder Flinten, und
+ist der Käufer nicht imstande, den Verkäufer in Betreff der geforderten
+Bezahlung zu befriedigen, so erhält er Kredit, bis er es kann. Stirbt
+der Debitor aber vorher, so macht der Kreditor nie seine Forderung
+geltend.« Dies ist, fügt Dalager hinzu, »ein schädlicher Articul für
+die Kaufleute der Kolonie, die immer Kredit geben müssen, und wovon ich
+selbst besonders in diesem Jahre viele Proben gehabt, da viele meiner
+Debitoren mit dem Tode abgegangen sind und mich dadurch in ein ekliches
+Labyrinth gebracht haben.«
+
+Als er sich bei »verschiedenen vornehmen und vernünftigen Grönländern«
+beklagte, gaben sie ihm den Rat, »seine Forderung gleich zu
+legitimieren, aber erst die Läuse des Mannes (nach ihrer Redeweise) im
+Grabe sterben zu lassen, ehe er zur Exekution schritte.«
+
+Viel mehr als das Obengenannte[20] kann ein Grönländer den
+ursprünglichen Bräuchen nach also eigentlich nicht sein eigen nennen.
+Selbst wenn er Sinn für das Sammeln von Reichtümern hätte, den er
+jedoch selten besitzt, würden seine bedürftigen Genossen allem weniger
+Notwendigen gegenüber Forderungen geltend machen können. Daher herrscht
+in Grönland das Mißverhältnis, daß die in das Land übergesiedelten
+Europäer, die sich ja im Grunde von den Eingeborenen ernähren, sich oft
+Reichtum erwerben und im Ueberflusse leben, während die Eingeborenen
+selber dies nicht können.
+
+Denn nicht einmal die von ihm erlegte Beute gehört dem Grönländer
+rechtlich ganz allein. Ueber die Verteilung entscheiden von Alters
+her feststehende Regeln, und nur einzelne Tierarten darf er
+größtenteils für sich und seine Familie behalten. Hierzu gehört der
+~+Atak+~ oder Grönlandsseehund, aber auch davon muß er den
+Kajakmännern, die ihn gleich nach dem Fange ansprechen, und allen
+Kindern seines Wohnortes je ein kleines Stück Speck abgeben. Andere
+Seehundarten werden nach bestimmten Regeln unter diejenigen verteilt,
+die beim Fange zugegen oder behülflich waren, manchmal erhält sogar
+jedes Haus des Wohnortes ein Stück. Letzteres gilt namentlich für das
+Walroß und mehrere Walfischarten, wie den Weißwal; von diesen erhält
+der Fänger einen verhältnismäßig kleinen Teil, auch wenn er das Tier
+ganz allein erlegt hat. Wird ein größerer Wal ans Land gebracht, so
+soll es ein scheußlicher Anblick sein, wie sich alle Bewohner des
+Ortes mit Messern bewaffnet auf das noch im Wasser befindliche Tier
+stürzen, um jeder seinen Anteil zu nehmen. Dabei geht es dann so blutig
+zu, daß Dalager behauptet, er habe weder »gehört, noch gesehen, daß
+je ein Wal zerstückt sei, ohne daß Verstümmelungen oder wenigstens
+schwere Blessuren vorgekommen, was von einer unvorsichtigen Hitzigkeit
+vorkommt, wenn wohl einige Hundert Menschen auf dem Fische liegen
+und darum nicht so genau darauf achten, wo das Messer hin- oder
+hineinschneidet.« Charakteristisch für ihr gutes Herz ist übrigens,
+»daß der, welcher so zu Schaden kommt, dem Thäter deshalb niemals
+grollt, sondern es für einen Unfall ansieht«.
+
+Diese Regeln gelten nicht nur für größere Tiere, sondern auch für
+einzelne Fischarten. Wird also eine Hellbutte gefangen, so ist der
+Fänger verpflichtet, den anderen Kajakmännern, die auf dem Fangplatze
+halten, ein Stück Haut zum Verteilen zu geben. Außerdem teilt er
+gewöhnlich, wenn er heimkommt, seinen Hausgenossen und den Nachbarn
+etwas von dem Tiere zu.[21]
+
+Selbst wenn der Grönländer alle diese Vorschriften gewissenhaft befolgt
+hat, kann er doch nicht immer seinen Anteil von seiner eigenen Beute
+unverkürzt behalten. Erbeutet er z. B. etwas, wenn in seinem Wohnorte
+Mangel oder gar Hungersnot herrscht, so gilt es für seine Pflicht,
+entweder ein Gastmahl zu geben oder mit den anderen Haushalten, die
+vielleicht lange Zeit frisches Fleisch haben entbehren müssen, zu
+teilen.
+
+Ist der Fang gut, so giebt es ein Gastmahl, und man schmaust, bis
+man nicht mehr kann. Wird nicht alles verzehrt und ist in den andern
+Häusern auch noch genug da, so wird es für den Winter aufgehoben.
+Kommt aber eine Zeit der Not, so haben die, welche etwas haben, die
+Pflicht, denen, die nichts haben, zu helfen, solange etwas zum Abgeben
+da ist. Nachher hungern sie gemeinsam, und manchmal verhungern sie
+auch. Daß einige in Ueberfluß leben, während andere Not leiden, was
+in den europäischen Staaten ja tagtäglich vorkommt, ist in Grönland
+unerhört, wenn man davon absieht, daß die dort wohnenden Europäer mit
+der gewöhnlichen Vorsorge unserer Rasse oft Vorräte haben, während die
+Grönländer darben.
+
+[Illustration: Auf der Seehundjagd.]
+
+Aus dem Angeführten wird man ersehen, daß die Gesetze darauf
+hinauslaufen, die Beute möglichst dem ganzen Orte zugute kommen zu
+lassen, damit die einzelnen Familien nicht darauf angewiesen sind, daß
+ihre Versorger täglich etwas fange. Es sind Gesetze, die sich durch die
+Erfahrung langer Zeiten ausgebildet haben und schon viele Menschenalter
+hindurch fest im Volke wurzeln.
+
+Der Grönländer steht der Not anderer wie ein mitleidiges Kind
+gegenüber; ~sein erstes Staatsgesetz ist, anderen zu helfen~.
+Hierauf und auf dem Zusammenhalten in guten, wie in bösen Tagen basiert
+die Existenz aller kleinen grönländischen Gemeinwesen. Ein hartes Leben
+hat den Eskimo gelehrt, daß, auch wenn er tüchtig ist und sich in der
+Regel selbst versorgen kann, doch bisweilen Zeiten kommen, da er ohne
+den Beistand seiner Mitmenschen untergehen müßte, und daß es deshalb
+besser ist, selber stets hilfsbereit zu sein. »Was Du willst, daß
+andere Dir thun sollen, das thue auch ihnen«, diesen Lehrsatz, einen
+der ersten und wichtigsten des Christentums, hat die Natur selbst den
+Grönländer gelehrt, und er führt ihn praktisch durch, was man von den
+Christen nicht immer behaupten kann. Leider aber scheint diese Lehre in
+demselben Verhältnis, als er sich civilisiert, an Kraft zu verlieren.
+
+Wie Gefälligkeit gegen Nachbarn ein Gesetz ist, so ist es Gastfreiheit
+gegen Fremde nicht minder. Der Reisende kehrt ins erste Haus ein, an
+das er kommt, und bleibt dort, so lange es ihm nötig dünkt. Er wird
+freundlich aufgenommen, und es wird ihm vorgesetzt, was das Haus
+vermag, auch wenn er kein Freund ist. Zieht er weiter, so wird ihm
+oft noch eine Wegzehrung mitgegeben; ich habe Kajakmänner Häuser, in
+denen sie sich des Sturmes wegen mehrere Tage aufgehalten hatten,
+mit Heilbuttenfleisch, das ihnen beim Abschiede geschenkt worden,
+förmlich beladen verlassen sehen. Bezahlt darf für die Unterkunft nicht
+werden. Ein Europäer wird auch überall gastfrei aufgenommen, obwohl die
+Grönländer nicht dieselben Ansprüche ihm gegenüber machen würden, wenn
+sie auf Reisen an seinem Hause vorbeikämen. Die Europäer geben jedoch
+häufig eine Art Vergütung in Kaffee und ähnlichem, was sie mit sich
+führen, um ihre Wirte damit zu traktieren.
+
+Daß Gastfreiheit eine Pflicht ist, die auch auf der Ostküste Grönlands
+in hohem Maße geübt wird, davon erzählt Kapitän Holm mehrere
+merkwürdige Beispiele. So sei auf seine Erzählung von dem Mörder
+~Maratuk~, der seinen Stiefvater erschlagen hatte, hingewiesen. Es
+war ein schlechter Mensch, den keiner mochte; trotzdem wurde er, als er
+die nächsten Verwandten des Ermordeten besuchte, aufgenommen und lange
+bewirtet, -- doch wurde ihm Böses nachgesagt, als er abgereist war.
+
+Zur Gastfreiheit zwingen sie selbstverständlich auch die harten
+Naturverhältnisse; denn häufig überfällt sie weit von Hause ein
+Unwetter, das sie zwingt, in das nächste Haus zu flüchten.
+
+Leider scheint die Gastfreiheit in den letzten Jahren auf der Westküste
+abgenommen zu haben. Auch hierin geben die Europäer wieder das
+Beispiel. Freilich kommt noch dazu, daß dort kein solcher Wohlstand
+mehr herrscht wie in früheren Zeiten und man also oft nicht imstande
+ist, Fremde zu beköstigen.
+
+Manch einem wird es wohl scheinen, als sei ich oft ungerecht gegen die
+Europäer; das ist aber durchaus nicht meine Absicht. Wenn die Europäer
+auch nicht den besten Einfluß gehabt haben, so kann man ihnen dies
+doch nicht immer direkt zur Last legen, denn obwohl sie selber es oft
+sehr gut gemeint, haben die Verhältnisse es doch unvermeidlich so mit
+sich gebracht. So haben sie zum Beispiel in der besten Absicht eifrig
+daran gearbeitet, den Eigentumsbegriff der Grönländer auszubilden.
+Diese werden angehalten, etwas von ihrer Beute aufzuheben, statt
+alles in ihrer gewohnten freigebigen Weise zu verschleudern. Man
+beruft sich darauf, daß die Grundbedingung einer Civilisation ein
+besser entwickelter Eigentumsbegriff sei. Ob dies gut ist, mag manchem
+zweifelhaft erscheinen, mir aber kommt es nicht so vor. Ich muß
+freilich einräumen, daß zur Basis einer Civilisation bedeutend mehr
+Sinn für irdische Habe erforderlich ist, als der Eskimo besitzt. Aber
+ich kann nicht begreifen, was die armen Menschen mit der Civilisation
+sollen; glücklicher macht sie sie wahrhaftig nicht, sondern sie
+zerstört das Schöne und Gute in ihnen, schwächt sie im Kampf ums Dasein
+und führt sie unumgänglich in Armut und Elend. Doch davon später.
+
+Die Gesetze, auf denen der grönländische Heidenstaat basiert, sind,
+wie wir gesehen haben, nach Möglichkeit in der Praxis durchgeführter
+Sozialismus. In dieser Beziehung war er christlicher als irgend ein
+christlicher Staat, und unsere heutigen Gesellschaftsreformatoren
+könnten dort oben allerlei lernen.
+
+~Spencer~ hat in einer seiner Schriften behauptet, die Menschheit
+habe zwei Religionen; die erste und natürlichste sei der
+Selbsterhaltungstrieb, der das Individuum zur Verteidigung seiner
+selbst gegen jeden äußeren Widerstand oder jede außenstehende
+feindliche Macht antreibt. Er nennt dies die Religion der Feindschaft.
+Die zweite sei der Vereinigungstrieb, der den Menschen veranlaßt, mit
+seinen Nachbarn und Mitbürgern in Gemeinschaft zu treten, und diesem
+entstamme die christliche Lehre »Du sollst Deinen Nächsten lieben wie
+Dich selbst«, ja »Du sollst auch Deine Feinde lieben«. Dies nennt
+er die Religion der Freundschaft. Die erste ist die Religion der
+Vergangenheit, die zweite die der Zukunft.
+
+Doch gerade diese Zukunftsreligion scheint sich der Eskimo in seltenem
+Grade zu eigen gemacht zu haben.
+
+Einige Stämme oder Rassen werden durch Feinde zum Zusammenschließen
+getrieben, während bei anderen ungünstige Naturverhältnisse die
+Triebfeder dazu bilden. Letzteres war bei den Eskimos der Fall. Wo
+der Trieb, sich aneinander anzuschließen und einander zu helfen,
+am stärksten ausgebildet war, da war auch die Bestandkraft des
+Gemeinwesens am größten, es konnte an Wohlstand und Volkszahl zunehmen,
+während andere kleine, weniger in jener Hinsicht entwickelte Staaten
+zurück-, wenn nicht gar untergingen. Sobald wir mit Spencer die
+Religion der Freundschaft für die der Zukunft halten und der Ansicht
+sind, daß Selbstverleugnung zu Gunsten des allgemeinen Besten das Ziel
+der Entwickelung ist, müssen wir den Eskimos einen hohen Rang unter den
+Völkern einräumen.
+
+Es fragt sich allerdings, ob unsere Vorfahren nicht vielleicht auch
+einst in alten Zeiten einer ähnlichen Lehre gehuldigt haben. Die
+soziale Entwickelung bewegt sich vielleicht in einer Spirale mit immer
+größer werdenden Windungen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +VIII.+
+
+Stellung und Arbeit der Frau.
+
+
+Es ist oft, und namentlich von Männern, behauptet worden, die
+Kulturstufe eines Volkes lasse sich nach der gesellschaftlichen
+Stellung seiner Frauen bemessen. Ich fühle mich nicht vollständig davon
+überzeugt, daß sich dies in allen Fällen so verhält; ist es aber so,
+dann glaube ich auch hierin einen Beweis zu haben, daß man dem Eskimo
+einen ziemlich hohen Platz auf der Leiter der Entwickelung anweisen
+muß. Die Eskimofrau spielt nämlich eine bedeutende Rolle in der
+grönländischen Gesellschaft.
+
+Allerdings gilt sie, ursprünglich eskimoischer Anschauung zufolge,
+zunächst als das Eigentum des Mannes, das er sich entweder geraubt
+oder auch wohl von dem Vater gekauft hat. Er kann sie daher auch
+fortjagen, wenn er Lust dazu hat, oder sie verleihen, auch gegen eine
+andere leihweise vertauschen, ebenso wie er sich mehrere Frauen nehmen
+darf, wenn es ihm seine Mittel erlauben. Doch in der Regel wird sie
+gut behandelt, und die Anschauung von der Frau als Eigentum des Mannes
+finden wir bei vielen anderen Völkern noch weit mehr ausgeprägt, und
+ein wenig davon giebt es auch bei uns, nur in etwas anderem Gewande.
+
+Es giebt Leute, die behaupten, unsere Frauen hätten wohl genug zu
+thun, es sei aber ein großer Fehler, daß sie nicht genau dieselbe
+Arbeit wie die Männer hätten. Sie würden nicht mit den grönländischen
+Verhältnissen zufrieden sein, denn jenes ist dort ebenso wenig der
+Fall.
+
+Freilich gehen dort beide Geschlechter in Hosen und haben es von
+jeher gethan, doch noch ist ihnen kein Licht darüber aufgegangen, daß
+zwischen Mann und Weib eigentlich gar kein Unterschied besteht.
+
+Sie meinen, daß es u. a. in körperlicher Hinsicht gewisse entscheidende
+Ungleichheiten zwischen ihnen giebt, und bilden sich ein, daß die
+Frauen in der Regel nicht so stark, geschmeidig und mutig wie die
+Männer seien und sich deshalb nicht so gut dazu eignen würden, in See
+und auf den Fang zu gehen. Andrerseits glauben sie z. B. wieder nicht,
+daß die Männer am besten das Kinderwarten verstehen, als Amme taugen u.
+s. w.
+
+Dies ist wohl der Grund, daß dort oben scharfbegrenzte Arbeitsteilung
+zwischen beiden Geschlechtern eingeführt ist.
+
+Der Mann hat sein schweres Leben auf der See als Jäger und Erwerber,
+doch wenn er mit seiner Beute ans Ufer kommt, hört seine Arbeit für die
+Aufrechthaltung des Gemeinwesens in der Hauptsache auf. Hier wird er
+von seinen Frauenzimmern empfangen, die ihm an Land helfen, und während
+er sich von nun an nur um seinen Kajak und seine Waffen kümmert, liegt
+es den Weibern ob, die Beute nach Hause zu tragen. In früheren Zeiten
+war es stets unter der Würde eines Fängers, bei dieser Arbeit zu
+helfen, und so denken noch heute die meisten.
+
+Die Frauen ziehen den Seehund ab und zerlegen die Beute nach bestimmten
+Regeln, die Verteilung aber wird von der Hausfrau besorgt. Ferner
+müssen sie das Essen bereiten, die Felle gerben, die Kajake und die
+Frauenboote damit beziehen, Kleider nähen und alle häuslichen Arbeiten
+verrichten. Außerdem bauen sie Häuser, schlagen die Zelte auf und
+rudern die Frauenboote.
+
+Kein Seehundsfänger hätte sich früher so weit herabgelassen, ein
+Frauenboot zu rudern, dagegen kam es dem Hausvater zu, es zu steuern.
+Jetzt kann man freilich öfter Männer die Ruder darin führen sehen,
+besonders wenn Europäer sie auf Reisen als Ruderer gemietet haben.
+Hat man sich dort erst eingelebt, so macht dies einen abstoßenden
+Eindruck. Der Kajak ist und bleibt die Grundbedingung ihrer Existenz,
+und sie müßten keine Gelegenheit versäumen, sich in seiner Führung zu
+vervollkommnen. Noch heute hält sich jeder wirklich gute Fänger für zu
+gut, um anders denn als Steuermann in ein Frauenboot zu steigen.
+
+Ist die Familie auf Renntierjagd ausgezogen, so schießen die Männer
+natürlich das Tier, während es meistens den Frauen obliegt, das erlegte
+Wild in das Zelt zu schleppen; eine anstrengende Arbeit, bei der sie
+große Ausdauer zeigen.
+
+Der einzige Fang, den die Frauen in der Regel treiben, ist der
+~Angmagsaet~- oder ~Kapelan-Fang~. Man betreibt ihn im Vorsommer, wo
+der Kapelan (+Mallotus arcticus+) gewöhnlich in so dichten Schwärmen
+an die Küste kommt, daß man ihn mit Eimern in die Frauenboote schöpfen
+kann. Der Fang wird solange fortgesetzt, bis man seinen Wintervorrat
+eingeheimst hat. Dann hört man auf, wenn auch noch so viel da ist. Der
+Kapelan wird auf Klippen und Steinen getrocknet; ihn zu überwachen und,
+wenn er trocken ist, zu verpacken, ist ebenfalls Arbeit der Frauen.
+
+Manchmal helfen sie beim Seehundsfang, wenn diese Tiere bei einer Art
+Klappjagd in enge Sunde und Fjorde eingeschlossen und dort aufs Land
+gejagt werden.
+
+Es sind nur wenige Beispiele bekannt, daß Frauen sich mit Kajakfang
+beschäftigt haben.
+
+Kapitän Holm erzählt, daß in ~Imarsivik~ auf der Ostküste zwei
+Mädchen im Kajak auf See gingen. Dort war ein schlechtes Verhältnis
+zwischen den Geschlechtern, da auf einundzwanzig Einwohner nur fünf
+männliche kamen. Leider ist nicht bekannt, ob diese Frauen ebenso große
+Fanggeschicklichkeit erlangt hatten, wie die Männer.
+
+Sie hatten ganz die Lebensweise der Männer angenommen, kleideten sich
+in Männertracht und trugen ihr Haar nach Männerart. Als Holm sie unter
+seinen Tauschartikeln wählen ließ, nahmen sie weder Nähnadeln, noch
+anderes Handarbeitswerkzeug, sondern suchten sich Pfeilspitzen für ihre
+Waffen aus. Sie müssen kaum von Männern zu unterscheiden gewesen sein;
+ich glaube, wir sahen sie auf der Ostküste, ohne jedoch ihr Geschlecht
+zu ahnen. Holm erzählt, daß dort noch ein paar andere Mädchen zu
+Fängern ausgebildet werden sollten, aber damals noch zu jung dazu
+gewesen seien.
+
+Während die Männer die meiste Zeit auf dem Meere zubringen, halten
+die Frauen sich zu Hause, und dort sieht man sie in der Regel fleißig
+arbeiten, indeß ihre Gatten zu Hause meistens nichts weiter thun, als
+essen, faullenzen, Geschichten erzählen und schlafen. Beschäftigen sie
+sich wirklich einmal, so putzen sie höchstens ihre Waffen, verzieren
+sie mit Knochenschnitzereien u. s. w., denn ihre Waffen sind ihr Stolz.
+
+Während die Männer mit herabhängenden Beinen auf dem Pritschenrande
+sitzen, setzen sich die Frauen mit gekreuzten Beinen mitten auf die
+Pritsche, wie ein Schneider auf seinen Tisch. Dort nähen und sticken
+sie, schneiden mit ihrem eigentümlichen Krummmesser Leder zu, kauen
+Vogelhaut und nehmen, mit einem Wort, jederlei Arbeit vor, während
+ihr Mund keinen Augenblick stillsteht; denn sie sind von Natur sehr
+lebhaft, und es fehlt ihnen selten an Stoff zur Unterhaltung. Leider
+kann ich sie von der bekannten weiblichen Schwatzsucht nicht ganz
+freisprechen, und wenn wir Dalager glauben dürfen, haben sie noch
+schlimmere Eigenschaften. »Lüge und Verleumdung herrschen zumeist unter
+den Weibern,« sagt er. »Die Männer sind viel aufrichtiger und erzählen
+nicht gern etwas, was sie nicht beweisen können.«
+
+ »O Weib, Weib, überall bist du doch gleich!
+ Der erste Gedanke, den Loki hatte,
+ War eine Lüge, und er sandte sie
+ In Weibsgestalt den Erdenmännern.«
+
+Die Zubereitung der Felle ist ein für das Eskimogemeinwesen sehr
+wichtiger Teil der Frauenarbeit, und da sie zugleich außerordentlich
+eigentümlich ist, so werde ich sie kurz beschreiben, wie ich sie bei
+den Eskimos in Godthaab und Umgegend kennen gelernt habe. Sie variiert
+je nach den verschiedenen Zwecken und Arten der Felle.
+
+Die Kajakhäute werden entweder schwarz oder weiß gegerbt[22].
+
+~Die schwarzen Häute~ (+~Erisâk~+) erhält man dadurch, daß der unter
+der Haut befindliche Speck gleich nach dem Abziehen abgeschabt wird;
+darauf legt man das Fell einen Tag oder zwei in alten Urin, bis sich
+die Haare mit einem Messer abziehen lassen. Sind diese entfernt, so
+wird die Haut in Seewasser gewaschen und, falls es Sommer ist, an der
+Luft getrocknet, doch darf dies nicht in der Sonne geschehen. Im Winter
+wird sie nicht getrocknet, sondern im Schnee vergraben. In beiden
+Fällen ist es jedoch am besten, wenn man sofort nach dem Waschen den
+Kajak damit beziehen und sie auf diesem trocknen lassen kann. Dieses
+Leder ist deshalb dunkel, weil die Narbe oder äußerste Hautschicht beim
+Seehunde schwarz oder dunkelbraun ist.
+
+~Die weißen Kajakfelle~ (~+Unek+~) werden, nachdem der Speck
+oberflächlich entfernt worden ist, in frischem Zustande zusammengerollt
+und an einer hinreichend warmen Stelle im Freien oder im Hause
+hingelegt. Dort bleiben sie so lange liegen, bis sich Narbe und
+Haare mit einer Muschel leicht abschlagen lassen. Zu dieser Prozedur
+gebrauchen die grönländischen Schönen jedoch vorzugsweise die Zähne,
+weil sie dabei noch Fett aus der Haut saugen können, was ihnen
+vortrefflich mundet. Darauf werden die Häute im Sommer über Balken --
+nicht in die Sonne -- zum Trocknen gelegt und oft umgehängt, damit alle
+Seiten gleichmäßig trocknen. Im Winter werden sie, wie die schwarzen
+Häute, im Schnee aufbewahrt. Da die dunkle Narbe ja abgekratzt ist,
+sind diese Häute, wenn sie fertiggegerbt sind, wirklich ganz hell oder
+weiß.
+
+Auffallend ist, daß keine der beiden Lederarten beim Trocknen
+ausgespannt wird.
+
+Beide werden auch zum Beziehen der Frauenboote verwendet.
+
+Das weiße Leder, das ständig mit Seehundsfett eingeschmiert werden muß,
+gilt als bester Sommerbezug, das schwarze dagegen, das nie geschmiert
+wird, als bester Winterbezug für den Kajak. Ein wirklich bedeutender
+Fänger bezieht daher seinen Kajak am liebsten jährlich zweimal, doch
+gewöhnlich geschieht es jetzt nur einmal im Jahre, oft sogar nur alle
+zwei Jahre.
+
+Soll das Seehundsfell zu Kamikern (Schuhzeug) benutzt werden, so
+wird der Speck mit den unteren Hautschichten auf einem eigens dazu
+eingerichteten Brett aus dem Schulterblatte eines Walfisches mit einem
+Krummmesser sorgfältig abgekratzt. Wenn die Haut durch das Schaben
+dünn geworden ist, wird es ebenfalls einen oder zwei Tage in alten
+Urin gelegt, bis sich die Haare mit einem Messer abziehen lassen. Ist
+das besorgt, so wird die Haut mittelst kleiner Knochenpflöcke auf dem
+Rasen oder dem Schnee ausgespannt und getrocknet. Darauf reibt man sie,
+bis sie weich ist, und damit ist das Leder fertig. Da die Narbe nicht
+entfernt wurde, sieht es dunkel aus.
+
+Weißes Kamikleder wird anfangs ebenso behandelt wie das schwarze, doch
+sobald die Haare entfernt sind, taucht man die Haut in warmes (nicht
+zu warmes) Wasser, bis die schwarze Narbe sich ablöst, und spült sie
+dann wiederholt in Seewasser. Hat sich die Narbe noch nicht vollständig
+gelöst, so taucht man das Leder wieder abwechselnd in warmes Wasser
+und in Seewasser. Nachher wird es ebenso wie das dunkle ausgespannt
+getrocknet.
+
+Da das helle Leder nicht so wasserdicht und gut ist wie das schwarze,
+so wird es fast nur von den Frauen getragen, die es entweder weiß
+lassen oder bunt färben.
+
+Das Sohlleder zu dem Kamiker wird wie die schwarzen Kajakbezüge
+behandelt, nur wird es beim Trocknen noch ausgespannt.
+
+Leder zu Kajakhandschuhen gerbt man anfangs wie schwarzes Kamikleder,
+wenn aber die Haare entfernt sind, reibt man es mit Blut ein, rollt es
+auf und verwahrt es. Dies wird zwei- bis dreimal wiederholt, bis es
+eine ziemlich dunkle Farbe angenommen hat. Dann wird es zum Trocknen
+ausgespannt, -- im Sommer draußen auf der Erde, im Winter im Hause
+unter dem Dach. Dieses Leder ist wunderbar wasserdicht.
+
+Soll die Seehundshaut mit den Haaren gegerbt werden, wie man sie z. B.
+zu Strümpfen in den Kamikern oder zu Pelzen braucht, so wird sie auf
+dieselbe Weise wie gewöhnliche Kamikhäute auf der Speckseite mit dem
+Krummmesser abgeschabt. Darauf wird sie in Wasser gelegt und mit grüner
+Seife gewaschen. Sodann spült man sie in reinem Wasser, spannt sie aus
+und läßt sie, wie oben angegeben, trocknen. Nachdem das Leder nun durch
+Reiben schön weich geworden ist, kann man es in Gebrauch nehmen.
+
+Renntierhaut wird nur getrocknet und gerieben, kommt aber mit Wasser
+nicht in Berührung.
+
+Wenn Vogelhäute gegerbt werden sollen, trocknet man erst die Federn
+sorgfältig ab, dreht sodann die Bälge um, schabt die Fettschicht auf
+der Fleischseite, so gut es geht, mit einem Löffel oder einer Muschel
+ab und verzehrt das Fett, -- es schmeckt vorzüglich. Darauf werden
+die Häute an der Decke zum Trocknen aufgehängt. Nach einigen Tagen
+wird das letzte Fett herausgekaut. Dann läßt man sie wieder trocknen,
+wäscht sie in heißem Wasser mit Seife und Soda dreimal hintereinander,
+spült sie in wirklich kaltem Wasser, ringt sie aus und hängt sie nun
+endgültig zum Trocknen auf. Sollen die Federn entfernt werden, wie bei
+den Eidervogelbälgen, so werden sie, wenn die Häute halbtrocken sind,
+gerupft (sodaß also nur die Daunen zurückbleiben). Dann trocknen sie
+ganz, werden aufgeschnitten und sind fertig.
+
+Das oben erwähnte Auskauen ist ein merkwürdiger Prozeß. Man nimmt den
+trockenen, umgekehrten Balg, der von Fett beinahe trieft, und beginnt
+an einer Stelle zu lutschen, bis das Fett dort ausgesogen und die Haut
+weich und weiß ist, und so geht das Kauen langsam weiter, während
+die Haut allmählich immer weiter in den Mund hineinspaziert, wo sie
+schließlich oft ganz verschwindet, um dann in entfettetem Zustande
+wieder ausgespuckt zu werden. Diese Arbeit wird hauptsächlich von
+Frauen und Kindern verrichtet und ist wegen des vielen Fettes, das
+man sich dabei einverleibt, eine gesuchte Unterhaltung. In schlechten
+Zeiten kann es vorkommen, daß auch die Männer froh sind, wenn sie dabei
+helfen dürfen. Es macht einen sonderbaren Eindruck, wenn man, beim
+Eintreten in ein Haus, sämtliche Bewohner mit je einem Vogelbalg im
+Munde kauend dasitzen sieht.
+
+Diesem Prozesse ist es zuzuschreiben, daß die grönländischen Vogelbälge
+so gut sind. Manch einer hat wohl schon die schönen Eiderdaunendecken,
+die so manches elegante Heim in Europa schmücken, mit Bewunderung
+betrachtet, ohne zu wissen, welche Stadien sie haben durchmachen
+müssen. Und mancher europäischen Schönen, die sich mit köstlichem
+Scharbenfederbesatz schmückt, würde grausen, wenn sie ahnte, wie viele
+mehr oder weniger reizende Münder ihr Staat dort oben im hohen Norden
+passiert hat, ehe er dazu kam, ihren schwellenden Busen zu umwogen.
+
+Im Ganzen brauchen die Grönländerinnen ihre Zähne viel, bald zum Recken
+der Felle, bald zum Festhalten dieser beim Abschaben, bald zum Schaben
+selbst. Es wirkt auf uns Europäer geradezu verblüffend, wenn wir sie
+ein Fell aus der stinkenden Urintonne nehmen, hineinbeißen und dann zu
+arbeiten anfangen sehen -- für sie ist der Mund die dritte Hand. Daher
+haben die alten Weiber dort oben auch auffallend kurze, abgestumpfte
+Vorderzähne[23].
+
+In ihrer Arbeit sind die grönländischen Frauen sehr tüchtig, und im
+Nähen sind sie noch ganz besonders geschickt. Man braucht nur die Säume
+eines Kajakbezuges, eines Wasserpelzes oder eines Darmhauthemdes zu
+betrachten, um sich davon zu überzeugen. Noch auffallender wird ihre
+Geschicklichkeit, wenn man die bewundernswerten Stickereien sieht,
+mit denen sie ihre Hosen, Kamiker und andere Sachen verzieren. Diese
+Stickereien werden auf der Westküste, wo die Eskimos von den Europäern
+Farben erhalten haben, jetzt mit verschiedenfarbigen Lederstückchen,
+die mosaikartig zusammengesetzt werden, ausgeführt. Sie werden aus
+freier Hand ohne aufgezeichnete Muster angefertigt und verraten einen
+hohen Grad von Akkuratesse und Handfertigkeit nebst großem Formen- und
+Farbensinn.
+
+Lebt man mit den Eskimos in ihrem Hause zusammen, so empfängt man
+durchaus nicht den Eindruck, daß die Frauen irgendwie unterdrückt oder
+zurückgesetzt werden. Es kam mir im Gegenteil vor, als spielten z. B.
+die Hausmütter in Godthaab und Umgegend eine bedeutende Rolle, ja als
+seien sie in einigen Fällen sogar die höchste Instanz. Nach meiner
+Erfahrung ist es stark übertrieben, wenn Dalager von den Frauen sagt:
+»Die Stunden ihres Lebens, die ihre besten sein sollten, wenn man von
+der Zeit, da sie in reiferes Alter treten, rechnet, sind nichts weiter
+als eine Kette von Kummer, Verachtung und Verdruß!«
+
+Daß sich im gesellschaftlichen Leben ein gewisser Rangunterschied
+zwischen Männern und Frauen geltend macht, läßt sich allerdings nicht
+leugnen. So wurden bei den Mahlzeiten oder bei Kaffeegesellschaften
+stets die großen Fänger und die bedeutendsten Männer zuerst bedient,
+darauf kamen die weniger bedeutenden, und dann erst kamen Weiber und
+Kinder an die Reihe. Etwas Aehnliches erzählt schon Dalager in seiner
+Beschreibung eines Schmauses, bei dem die Männer als die Vornehmsten
+einander ihre Geschichten erzählten, während »die Weiber unterdessen
+auch ihre Mahlzeit in einer Ecke für sich verzehrten, wobei, wie man
+annehmen darf, nur Klatschgeschichten verhandelt wurden«. Doch wenn man
+es recht bedenkt, kann dies auch auf die Verhältnisse an anderen Orten
+hier auf Erden passen.
+
+Freilich muß ich zugeben, daß die Eskimomänner manchmal in ihrem
+äußeren Benehmen gegen die Damen wenig Schliff zeigen, z. B. »wenn ihre
+Frauen schwere Arbeit haben, wie beim Häuserbauen, Wassertragen und
+Lastenheben, stehen sie mit gekreuzten Armen lachend dabei, ohne ihnen
+im Geringsten zu helfen«. Doch ist dies eigentlich soviel schlimmer,
+als wenn unsere Bauern aus dem Amte Bergen sich bei der Heimfahrt aus
+der Stadt mit brennender Pfeife ins Boot legen und sich von den Frauen
+nach Hause rudern lassen?
+
+Daß die Frauen weniger angesehen sind als die Männer, scheint sich
+leider schon daraus zu ergeben, daß bei der Geburt eines Sohnes der
+Vater jubelt und die Mutter vor Freude strahlt, während bei der Geburt
+einer Tochter beide weinen oder doch jedenfalls sehr unzufrieden sind.
+
+Kann man sich eigentlich darüber wundern? Schließlich ist der Eskimo
+bei all seiner Herzensgüte doch auch nur ein Mensch. In dem Knaben
+sieht er natürlich den künftigen Kajakmann und die Stütze der Familie
+in den alten Tagen der Eltern, also eine direkte Vermehrung des
+Betriebskapitals, während er andererseits der Meinung ist, daß es schon
+sowieso genug Mädchen auf der Welt giebt.
+
+[Illustration: Fjordlandschaft von der Ostküste.]
+
+Derselbe Unterschied macht sich daher auch bei der Erziehung geltend,
+indem die Knaben stets als die künftigen Versorger betrachtet werden,
+für die alles gethan werden muß. Wenn die Eltern eines Knaben sterben,
+so ist bald für ihn gesorgt, da jeder ihn gern aufnimmt und so
+behandelt, daß er sich wohl fühlt. Nicht so mit den Mädchen. Verlieren
+sie ihre Eltern, so giebt man ihnen freilich überreichlich zu essen,
+aber sie müssen sich mit den schlechtesten Kleidern begnügen
+und bieten oft einen jämmerlichen Anblick dar. Erreichen sie das
+heiratsfähige Alter, so nehmen sie jedoch ungefähr dieselbe Stellung
+ein wie die bessergestellten Mädchen; denn diese erhalten ja auch kein
+Erbe, und nun handelt es sich um »Schönheit und Tüchtigkeit, was allein
+ihren Kredit bei dem jungen Mannsvolk hebt; fehlt es daran, so werden
+sie verachtet und verheiraten sich nie, da genug da sind, unter denen
+Musterung gehalten werden kann«. Hierüber können sie sich jedoch nicht
+beklagen, da es den Männern in dieser Hinsicht auch nicht besser geht;
+denn können sie nicht Fänger werden, was manchmal vorkommt, so haben
+sie wahrhaftig keine große Aussichten, eine Frau zu bekommen und werden
+von allen verachtet.
+
+Daß Knaben ungefähr wie bei uns als ein Kapital betrachtet werden, geht
+unter anderem daraus hervor, daß Witwen sich schwer wiederverheiraten,
+es aber manchmal doch geschieht, »wenn sie männliche Kinder haben, denn
+dann können sie schließlich wohl einen reputierlichen Witwer bekommen«.
+
+Selbst im Tode scheinen die Frauen weniger Ansehen zu genießen, als
+die Männer, wenn wir nach folgendem Ausspruche Dalagers urteilen.
+»Einer Frau, die mit dem Tode ringt und sich keines besonderen Ansehens
+erfreut hat, kann es wohl passieren, daß sie lebendig begraben wird.
+Wovon wir am Orte vor Kurzem ein Beispiel hatten, das recht jämmerlich
+war, indem mehrere erzählten, daß sie die Begrabene noch lange Zeit
+im Grabe nach einem Trunke hätten rufen hören. Macht man ihnen
+Vorstellungen über solch unmenschliche Grausamkeit, so antworten sie,
+da die Sterbende doch nicht leben könne, sei es besser, sie der Erde
+zu übergeben, als sich bei dem Anblick ihrer Qualen selbst nach dem
+Tode zu sehnen. Diese Raison ist jedoch nicht stichhaltig, denn würde
+solch eine barbarische That an einem Mannsbilde verübt, so würden
+sie dies für den gröbsten Mord halten.« Ja, dies war scheußlich;
+glücklicherweise geschieht es nicht allgemein. Der eigentliche Grund
+liegt wohl hauptsächlich in der übermäßigen Furcht der Eskimos vor der
+Berührung mit einem Toten. Infolgedessen ziehen sie dem Sterbenden,
+ganz gleich ob Mann oder Frau, oft schon lange vor dem Eintreten
+des Todes die Leichenkleider an und treffen alle Vorbereitungen zum
+Hinausbringen und Begraben der Leiche, während der Kranke ihnen von
+seinem Lager aus zusieht. Aus demselben Grunde würden sie einem im
+See Verunglückten, falls er dem Tode schon nahe ist, schwerlich
+beispringen, da sie fürchten dabei vielleicht eine Leiche anzufassen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +IX.+
+
+Liebe und Ehe.
+
+
+Der Liebe, dieser die ganze Schöpfung durchströmenden Kraft, begegnen
+wir auch in Grönland. Die grönländische Liebe ist eine starke,
+aufrichtige Naturempfindung, einem gesunden Boden entsprossen. Sie hat
+nicht die vielen zarten Blätter und verwickelten Blumenkronen unserer
+Kulturgewächse, sondern gleicht der wilden Feldblume, die sich einfach
+und kräftig in einer ursprünglichen Natur entfaltet.
+
+Sie ist das Gefallen zweier junger Menschen aneinander. Den Mann
+macht sie nicht schwärmerisch, sondern treibt ihn aufs Meer hinaus
+zum Fang, stärkt ihm den Arm und schärft ihm das Auge, denn er will
+tüchtig werden, damit er seine ~Naja~ als Frau heimführen und
+eine Familie versorgen kann. Und die junge schüchterne Naja steht auf
+dem Aussichtsberge und schaut ihm nach. Sie sieht, wie kräftig und
+sicher er vordringt, wie gewandt er die Ruder führt, und wie leicht
+sein Kajak über den Wasserspiegel hintanzt. Warmes Gefühl leuchtet
+aus ihren Augen, die sehnsuchtsvolle Gestalt wirkt stimmungsvoll.
+Dann verschwindet er draußen in der Ferne, während sie noch auf die
+unendliche blaue Fläche, die sich über dem Grabe manch eines kühnen
+Kajakruderers wölbt, hinausstarrt. --
+
+Endlich kehrt er bugsierend heim, sie eilt an den Strand und hilft mit
+den andern seine Beute bergen, während er ruhig seine Waffen nimmt
+und nach Hause geht. Sie blickt ihm bewundernd nach -- bald wird die
+Hochzeit sein können. --
+
+Doch eines Abends kommt er nicht heim; sie wartet und hält Ausguck;
+alle andern sind schon herein. -- Er ist auf dem Meere verunglückt.
+-- Das Auge wird feucht, und große Thränen rollen über ihre Wangen.
+Sie weint und weint, sie wird es nicht überleben. -- Das dauert zwei,
+vielleicht drei Tage -- dann giebt sich der Kummer. -- Es giebt ja noch
+mehr Männer auf Erden, und sie sieht sich nach einem anderen um.
+
+Der Vollbluteskimo verheiratet sich gewöhnlich, sobald er eine Frau
+versorgen kann. Der Grund ist nicht allemal Liebe, die »Rechte« mag
+noch nicht gekommen sein, und da scheint es denn häufig deshalb zu
+geschehen, weil er weiblicher Hülfe bedarf, um seine Felle zu gerben,
+seine Kleider zu nähen u. s. w. Er verheiratet sich oft schon, bevor er
+zeugungsfähig ist, und auf der Ostküste ist es etwas ganz Gewöhnliches,
+daß er drei- bis viermal verheiratet gewesen ist, ehe jener Zeitpunkt
+eintritt. Später kommen Ehescheidungen seltener vor[24].
+
+Eheschließungen gingen früher in Grönland sehr leicht vor sich. Wollte
+ein Mann ein Mädchen haben, so ging er in ihr Haus oder Zelt, ergriff
+sie beim Schopf oder wo er sie am besten packen konnte und schleppte
+sie ohne weitere Umstände in sein Haus[25], wo er sie auf die Pritsche
+setzte. Allenfalls schenkte ihr der künftige Gatte noch eine Lampe
+oder einen neuen Wassereimer, und damit war die Geschichte fertig.
+Es gehörte jedoch in Grönland ebenso wie an anderen Orten auf Erden
+zum guten Ton, daß es die betreffende Dame unter keiner Bedingung
+merken lassen durfte, daß sie den Freier haben wollte, selbst wenn sie
+noch so verliebt in ihn war. Wie bei uns in Norwegen eine anständige
+Braut bei der Trauung weinen muß, so mußte sie sich aus Leibeskräften
+sträuben, jammern und klagen. War sie wirklich wohlerzogen, so weinte
+und schrie sie tagelang, ja sie lief sogar ihrem Manne fort. Ging die
+Wohlerzogenheit zu weit, so konnt es, dem Vermelden nach, vorkommen,
+daß der Mann, wenn er ihrer noch nicht überdrüssig geworden war, ihr
+mit einem Messer unter den Fußsohlen die Haut aufritzte, um ihr das
+Fortlaufen unmöglich zu machen. Dann war sie gewöhnlich eine zufriedene
+Hausfrau, wenn die Wunden geheilt waren.
+
+Als sie zuerst eine Trauung nach unserer Art sahen, fanden sie es sehr
+anstößig, daß die Braut auf die Frage, ob sie den Bräutigam zum Manne
+haben wolle, mit Ja antwortete. Ihrer Ansicht nach hätte sie lieber
+nein sagen sollen, denn sie halten es für eine große Schande für ein
+Mädchen, Ja zu sagen, wenn eine solche Frage gestellt wird. Als sie
+hörten, daß es bei uns so Sitte sei, meinten sie, unsere Weibsleute
+müßten aber auch gar keine Schamhaftigkeit besitzen.
+
+Die oben geschilderte Eheschließungsart ist auf der Ostküste
+Grönlands noch immer die einzig gebräuchliche, und es kann bei
+solchen Entführungen ziemlich gewaltsam hergehen. Die Verwandten der
+betreffenden Dame sehen jedoch ruhig zu, denn das Ganze ist eine
+Privatsache, und die Neigung der Grönländer, mit ihren Landsleuten
+in gutem Einvernehmen zu leben, läßt sie sich nur ungern in die
+Angelegenheiten anderer mischen.
+
+Es kommt natürlich auch vor, daß die junge Dame den Bewerber wirklich
+nicht haben will. In diesem Falle setzt sie sich so lange zu Wehr, bis
+sie sich entweder selbst beruhigt oder der Freier verzichtet.
+
+Wie schwer es für den Unbeteiligten ist, ihre wirklichen Wünsche zu
+erkennen, sieht man an einem merkwürdigen Beispiele, das uns von Graah
+erzählt wird[26]. Kellitiuk, eine flinke Ruderin seines Bootes an der
+Ostküste, wurde eines Tages von einem Ostländer, namens Siorakitsok,
+trotz des heftigsten Sträubens ihrerseits geraubt und in die Berge
+geschleppt. Da Graah der Ansicht war, daß sie den Entführer durchaus
+nicht haben wolle, was auch die bestätigten, die ihr nahe standen,
+so verfolgte er ihre Spur und befreite sie. Einige Tage darauf, als
+man im Begriffe stand, sich reisefertig zu machen, und das Boot eben
+ausgesetzt worden war, sprang Kellitiuk hinein, kroch unter die Bänke
+und deckte sich mit Säcken und Fellen zu. Es stellte sich bald heraus,
+daß sie dies that, weil Siorakitsok gerade mit seinem Vater, den er als
+Sekundanten mitgebracht hatte, an der Insel gelandet war. Als Graah
+sich einen Augenblick entfernte, eilte der Grönländer nach dem Boot
+und zog seine Angebetete aus ihrem Verstecke hervor. Ueberzeugt, daß
+sie ihren brutalen Freier wirklich verabscheue, hielt Graah es für
+seine Pflicht, sie abermals zu befreien. Als er hinzukam, hatte der
+Freier sie schon halb aus dem Boote gezogen, und der Vater stand auf
+dem Lande, bereit, ihm zu helfen. Als Graah ihm das Mädchen entriß und
+ihm Anweisung auf die »schwarze Dorthe«, eine andere Rudererin, die
+er selbst gern los sein wollte, gab, hörte der Enttäuschte ihn ruhig
+an, murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin und entfernte
+sich mit erzürnter Miene und drohendem Blick. Der Vater nahm sich
+das Mißgeschick seines Sohnes nicht weiter zu Herzen, »er half uns,
+das Fahrzeug beladen,« sagt Graah, »und rief uns ein sicherlich gut
+gemeintes Lebewohl zu.« Als sie abfahren wollten, war jedoch Kellitiuk
+nirgends zu finden, obwohl überall auf der kleinen Insel, wo sie sich
+nur hätte verstecken können, nach ihr gesucht und gerufen wurde, und
+man mußte ohne sie reisen. Sie hat Siorakitsok also doch gemocht.
+
+Die Vollblutgrönländer sind ebenso schnell mit der Scheidung fertig,
+wie mit der Heirat. Ist der Mann seiner Frau überdrüssig -- das
+Umgekehrte kommt seltener vor -- so braucht er sich nur von ihr
+zu retirieren, wenn er sich schlafen legt, und dabei kein Wort zu
+sprechen. Sie merkt dann sogleich die Absicht, sammelt am nächsten
+Morgen ihre Kleider zusammen und kehrt in aller Stille in ihr
+Elternhaus zurück, indem sie gewöhnlich thut, als ginge es ihr garnicht
+nahe. Wie mancher Ehemann bei uns würde wünschen, daß seine Gattin eine
+Grönländerin wäre!
+
+Gelüstet es einen Mann nach der Gattin eines anderen, so nimmt er
+sie sich ohne weiteres, wenn er der Stärkere ist. Als Papik, ein
+angesehener, tüchtiger Fänger in Angmagsalik auf der Ostküste, Patuaks
+junge Frau haben wollte, reiste er nach Patuaks Zelte und nahm einen
+leeren Kajak mit. Er trat ein, holte die Frau und führte sie ans Ufer,
+wo er sie in den leeren Kajak steigen ließ und mit ihr fortruderte.
+Patuak, der jünger als Papik ist und sich mit diesem an Tüchtigkeit
+und Kräften nicht messen kann, mußte sich in den Verlust seiner Frau
+finden[27].
+
+Es giebt auf der Ostküste Beispiele, daß Frauen mit zehn Männern
+verheiratet waren. Utukuluk in Angmagsalik hatte es mit achten probiert
+und verheiratete sich das neunte Mal mit Mann Nr. 6 wieder.[28]
+
+Besonders leicht geht die Scheidung, solange noch keine Kinder da sind.
+Hat die Frau schon ein Kind und ist dieses gar ein Knabe, so hat das
+Eheverhältnis in der Regel mehr Bestand.
+
+Kann ein Mann auf der Ostküste mehr als eine Frau ernähren, so nimmt
+er noch eine; die meisten guten Fänger haben daher zwei, aber nie
+mehr.[29] Oft scheint die erste eine Rivalin nicht gern zu sehen,
+bisweilen aber geschieht es auf ihren ausdrücklichen Wunsch, damit sie
+mehr Hülfe bei der Hausarbeit hat. Der Grund kann auch ein andrer sein.
+»Einmal fragte ich eine Frau,« sagt Dalager, »warum ihr Gatte eine
+Nebenfrau genommen. -- Ich bat ihn selbst darum, antwortete sie, weil
+ich keine Kinder mehr haben mag.«
+
+Die erste Frau scheint immer als die vornehmste angesehen zu werden,
+selbst wenn der Mann mehr von der zweiten hält.
+
+[Illustration: Jäger, Frau und Mädchen von der Westküste.]
+
+Polyandrie kommt nur selten vor. Nils Egede erzählt von einer Frau, die
+zwei Männer hatte; alle drei aber waren Angekoker.
+
+Mit der Einführung des Christentums wurde die alte, bequeme
+Eheschließungsart auf der grönländischen Westküste natürlich
+abgeschafft, und jetzt wird man dort unter ähnlichen religiösen
+Ceremonien wie in Europa verbunden. Die Braut braucht sich auch nicht
+mehr so sehr zu sträuben.
+
+Doch bekam man früher eine Gattin nur zu leicht, so wird es jetzt
+oft schwer genug gemacht. Die Trauung darf nämlich nur ein Prediger
+vollziehen, die eingeborenen Katecheten, die in den verschiedenen
+Ansiedlungen seine Stelle vertreten, haben dazu keine Vollmacht. Wohnt
+man nun an einem Orte, den der Prediger alljährlich nur einmal oder
+vielleicht nur alle zwei Jahre besucht, so muß man die Gelegenheit
+wahrnehmen, sich gerade dann eine Braut anzuschaffen. Hat aber ein
+junger, kräftiger Bursche Lust, sich zu verheiraten, wenn der Prediger
+schon wieder fort ist, so muß er auf die nötige kirchliche Einsegnung
+noch ein bis zwei Jährchen warten.
+
+Daß eine derartige Einrichtung zum Eingehen lockerer Verbindungen oder
+Heiraten ohne kirchlichen Segen führt, würde auch dann unvermeidlich
+sein, wenn nicht die Grönländer schon von Natur dazu neigten. Ich habe
+von Beispielen gehört, daß ein Prediger nach zweijähriger Abwesenheit
+an einem Orte an ein und demselben Tage ein Mädchen konfirmieren
+und trauen und ihr Kind taufen mußte. Das kann man ein summarisches
+Verfahren nennen. Jene Einrichtung muß schädlich wirken und den Respekt
+vor der Amtshandlung, der man wohl zunächst dadurch, daß nur ein
+Prediger sie verrichten darf, höheren Wert verleihen wollte, gründlich
+vernichten.
+
+Bei der Einführung des Christentums wurde natürlich auch die
+Vielweiberei abgeschafft. Die Missionare verlangten sogar, daß ein
+Heide, der schon zwei Frauen hatte, sich, wenn er das Christentum
+annahm, von einer trennte. Im Jahre 1745 hatte ein Eskimo in
+Fredrikshaab Lust, sich taufen zu lassen, »als aber darüber verhandelt
+wurde, daß er sich von seiner Nebenfrau trennen müsse, wurde er
+wankelmütig, da er von ihr zwei Söhne hatte, die er bei dieser
+Gelegenheit dann auch verloren hätte, und daher sattelte er um und ging
+seiner Wege«.[30] Das kann man ihm kaum verdenken. Aehnliche Fälle,
+in denen verlangt wird, daß ein Mann eine seiner Frauen, mit der er
+vielleicht viele Jahre glücklich gelebt hat, verstoße, kommen noch
+immer vor, sobald Grönländer von der Ostküste sich auf der Westküste
+(beim Kap Farvel) ansiedeln und taufen lassen. Auf das Unrecht, das der
+Mann hierdurch gezwungenermaßen gegen sein rechtmäßiges Weib begehen
+soll, braucht nicht näher hingewiesen zu werden. Uebrigens erschien es
+schon Dalager als ein Unrecht, und »inwiefern es gegen Gottes Ordnung
+streitet, daß ein Mann mehr als eine Frau habe, ist ihm ein Rätsel«.
+
+Jedoch noch heute kommt auch auf der Westküste hin und wieder
+Vielweiberei vor, und eine zweite Gattin scheint so ziemlich das Erste
+zu sein, was sich ein tüchtiger Fänger anschafft, d. h. wenn er sich
+überhaupt auf Weitläufigkeiten einläßt. Ein paar Beispiele davon wurden
+mir in Godthaab erzählt.
+
+Renatus, der tüchtigste Fänger am Graedefjord, hatte sich in ein
+junges Mädchen verliebt und nahm sie eines Tages zur zweiten Frau. Das
+Verhältnis zwischen ihr und seiner ersten Gattin schien indessen gut zu
+sein, und alles ging in Ruhe und Frieden, bis es dem Missionar[31] zu
+Ohren kam. Dieser hielt dem Manne vor, daß er sich schwer versündige,
+und versuchte ihn zu zwingen, die zweite Frau wieder aufzugeben. Das
+half jedoch nichts. Dann wurde er beim Vorstande in Godthaab[32]
+verklagt. Renatus stellte sich und ließ sich schließlich dazu bewegen,
+sich gutwillig zu fügen, und er sandte auch richtig seine Frau nach
+~Kangek~ (außerhalb des Godthaabbezirkes), wo sie im Hause des
+Katecheten Simon aufgenommen wurde. Gleichzeitig siedelte er sich
+jedoch weiter nördlich, in der Nähe von Narsak, an, und da er dadurch
+teilweise dieselben Fangstellen wie die ~Kangeker~ hatte, kam es
+öfter vor, daß er diese besuchte, wodurch er Gelegenheit fand, mit
+seiner zweiten Gattin zusammenzutreffen. Als später jedoch viele Klagen
+aus seinem früheren Wohnorte am Graedefjord einliefen, weil dort große
+Not herrschte, nachdem er, der beste Fänger des Ortes, fortgezogen,
+siedelte er wieder dorthin über und hat seitdem anständig gelebt. Dies
+trug sich vor einigen Jahren zu, die zweite Frau lebt noch in Kangek,
+wo ich sie selbst gesehen habe. Sie trägt eine grüne Haarbinde als
+Zeichen, daß die von ihr geborenen Kinder für uneheliche gelten.
+
+Ein anderer tüchtiger Fänger in ~Lichtenfels~ hatte sich
+gleichfalls eine Nebenfrau zugelegt. Als der Missionar davon hörte,
+ließ er ihn vorladen und versuchte mit eindringlichen Ermahnungen auf
+ihn einzuwirken, doch ohne Resultat. Der Missionar versuchte es nun
+schriftlich. Er schrieb strenger und strenger und kam schließlich
+sogar mit ernstgemeinten Drohungen. Hierauf erhielt er endlich ein
+Antwortschreiben, in dem nur ein Wort stand: +~susal~+, auf
+gut Deutsch: »Du kannst Dir 'was scheißen!«
+
+Die Stellung der Frau in der Ehe ist in Grönland, wie anderswo auf
+Erden, verschieden. In der Regel bestimmt der Mann, aber ich habe auch
+Beispiele davon gesehen, daß er unter dem Pantoffel steht. Das gehört
+jedoch sicherlich zu den Ausnahmen.
+
+Ursprünglich scheint die Frau bei den Eskimos als das Eigentum ihres
+Gatten betrachtet worden zu sein. Auf der Ostküste kommt es vor, daß
+bei der Heirat ein förmlicher Handel vor sich geht, indem ein junger
+Mann dem Vater für die Erlaubnis, die hübsche Tochter heimzuführen,
+eine Harpune oder dergleichen bezahlen muß, ebenso wie umgekehrt gute
+Fänger von den Vätern dafür bezahlt werden, daß sie die Töchter nehmen,
+während letztere einwilligen müssen, sobald der Vater es will.[33] Auf
+der Ostküste geschieht es auch oft, daß zwei Fänger übereinkommen, ihre
+Frauen auf kürzere oder längere Zeit auszutauschen; bisweilen wird die
+eingetauschte Frau behalten. Zeitweiliger Frauentausch kommt sicherlich
+noch heute auch auf der Westküste vor, besonders wenn sie im Sommer
+der Renntierjagd halber im Binnenlande in Zelten hausen. Dann nehmen
+sie sich viele Freiheiten, die von den Missionaren nicht kontrolliert
+werden können.
+
+In der Regel leben die Eheleute in außerordentlich gutem Einvernehmen.
+Ich habe nie gesehen oder gehört, daß zwischen Mann und Frau ein
+unfreundliches Wort fiel. Das entspricht der allgemeinen Erfahrung;
+schon Dalager sagt: »Je länger Eheleute zusammenleben, desto
+liebevoller schließen sie sich aneinander an, und im Alter gehen sie
+miteinander um wie unschuldige Kinder.« Sie sind im ganzen äußerst
+rücksichtsvoll gegen einander, auch kann man sie einander liebkosen
+sehen. Sie sollen sich nicht nach unserer Art küssen, sondern die Nasen
+auf einander pressen und sich zuschnupfen. Wie das gemacht wird, kann
+ich leider nicht beschreiben, da mir die nötige Praxis abgeht.
+
+Auf der Ostküste scheint das eheliche Verhältnis ebenfalls sehr gut
+zu sein, doch kommen dort, wie Kapitän Holm behauptet, auch blutige
+Auftritte vor. Als Sanimuinak eines Tages mit einer jungen Frau
+(der obenerwähnten Utukuluk mit den neun Männern) zu seiner Gattin
+Puitek ins Haus kam, wurde diese böse und schalt ihn aus. Hierüber
+geriet er in Wut, ergriff sie beim Haarknoten und schlug ihr mit der
+geballten Faust auf den Rücken und ins Gesicht. Schließlich nahm
+er ein Messer und stach sie damit ins Knie, so daß das Blut hoch
+aufspritzte[34]. Nach Holm wurde einmal auch ein Mann von seiner Gattin
+tüchtig durchgeprügelt. -- Derartige Fälle gehören aber bei diesem
+friedliebenden Volke zu den Ausnahmen.
+
+Innige Liebe zu einander hegen die Ehegatten wohl nur ausnahmsweise,
+wie denn tiefe Empfindungen dort oben im ganzen nicht oft vorkommen.
+Stirbt der eine, so tröstet sich der andere in der Regel recht bald.
+»Verliert ein Mann seine Frau«, sagt Dalager, »so wird ihm nicht von
+vielen seines Geschlechtes kondoliert. Die Frauenzimmer aber setzen
+sich zu ihm auf die Pritsche und beweinen die Tote, wozu er schluckst
+und sich die Nase putzt.« Einige Tage darauf fängt er schon wieder
+an, sich wie in seinen Junggesellentagen fein zu machen, besonders
+werden sein Kajak und seine Waffen aufgeputzt, als dasjenige, womit ein
+Grönländer stets am meisten paradiert. Wenn er nun in so glänzender
+Equipage andere Grönländer auf See anspricht, dann sagen sie: Gebt
+acht, da kommt ein neuer Schwager. Hört er dies, so schweigt er still
+und lächelt dazu. Es gehört sich, daß die zweite Frau eines Witwers
+über ihre eigene Unvollkommenheit klage und die Tugenden ihrer
+Vorgängerin preise, »und hieraus ersieht man, daß die Grönländerinnen
+ebenso gewiegt sind, interessierte Rollen zu spielen, wie andere ihres
+Geschlechtes in zivilisierten Ländern«.
+
+Der Hauptzweck der grönländischen Ehe ist unbedingt die
+Kindererzeugung. Daher werden, wie zu Zeiten des alten Testamentes,
+unfruchtbare Weiber geringgeschätzt und Ehen, die keine Nachkommen
+bringen, oft aufgelöst.
+
+Durchschnittlich sind die Grönländer reiner Rasse wenig fruchtbar. Zwei
+bis vier Kinder in jeder Ehe ist die Regel, wenn auch Beispiele von
+sechs bis acht, ja noch mehr, vorkommen.
+
+Zwillinge sind selten, und die Frauen fragten mich oft, ob es wirklich
+wahr sei, daß man im Lande der Langbärtigen (Norwegen) Zwillinge
+gebäre. Als ich darauf antwortete, daß dort nicht nur Zwillinge,
+sondern auch Drillinge, ja sogar Vierlinge das Licht des Tages
+erblickten, lachten sie laut und meinten, unsere Frauen seien ja wie
+die Hunde, denn Menschen und Seehunde brächten immer nur ein Junges auf
+einmal zur Welt.
+
+Die Grönländerinnen gebären gewöhnlich leicht. Als Beispiel dafür,
+wie wenig Umstände sie in dieser Beziehung machen, sei angeführt,
+was Graah mitteilt. Als er auf seiner Reise längs der Ostküste den
+Bernstorffsfjord passierte, sollte eine der Frauen entbunden werden.
+Sie legten eilig an einem kahlen Berge auf der Nordseite des Fjordes
+an. Während der Entbindung streckte sich der Ehemann auf dem Berge aus
+und schlief ein, wurde aber bald mit der freudigen Nachricht erweckt,
+daß er einen Sohn bekommen habe. Wie schon erwähnt, gilt dies für ein
+Glück, während eine Tochter etwas Gleichgültiges ist. »Auch äußerte
+Ernenek (so hieß der Mann) dadurch seine Zufriedenheit, daß er der Frau
+schmunzelnd ein »+ajungilatit+« (Du bist nicht übel) zurief. Wir
+setzten unsere Reise mit unserem neuen Passagiere unverzüglich
+fort[35].
+
+Doch auch bei diesem Naturvolke kommen bisweilen schwere Entbindungen
+vor. Egede erwähnt einer eigentümlichen Ceremonie, die seiner Zeit
+in derartigen Fällen vorgenommen wurde. Er sagt: »Sie halten der
+Gebärenden ein Nachtgeschirr über den Kopf in der Einbildung, daß die
+Entbindung dann leichter und schneller gehe.« Eine solche Verwendung
+dieses Möbels dürfte einzig dastehen.
+
+Die heidnischen Grönländer töten alle Mißgeburten, die für nicht
+lebensfähig gehaltenen kranken Kinder und alle Kleinen, deren Mutter
+bei der Geburt stirbt, falls keine andere Frau sie säugen kann.
+Gewöhnlich werden sie ausgesetzt oder ins Meer geworfen[36]. So
+grausam dies den Ohren vieler europäischer Mütter auch klingen mag,
+so geschieht es ja doch aus Mitleid, und es läßt sich nicht leugnen,
+daß es vernünftig ist; denn lebt man unter so harten Lebensbedingungen
+wie die Grönländer, so ist es geboten, einen Sprößling, der nie etwas
+leisten, sondern immer nur auf Kosten anderer leben wird, überhaupt
+nicht aufzuziehen[37]. Aus ähnlichen Gründen sind auch Leute, die
+schon so alt geworden, daß sie sich nicht mehr erhalten können, wenig
+geachtet, und ihr Fortgang wird gern gesehen.
+
+Die grönländischen Kinder werden sehr lange gesäugt. Drei bis vier
+Jahre lang ist nichts Ungewöhnliches, doch habe ich auch Beispiele
+von zehn bis zwölf Jahren gehört. Ein Europäer in Godthaab erzählte
+mir, er habe einen zwölfjährigen Helden in seinem Kajake beutebeladen
+heimkehren und ins Haus zu seiner Mutter stürmen sehen, wo der junge
+Fänger zwischen ihren Knieen stehend ein Stück Schiffszwieback
+verzehrte und dazu sein Getränk aus der mütterlichen Brust sog.
+
+Die Kinder der christlichen Grönländer werden natürlich getauft
+und erhalten bei dieser Gelegenheit auch Namen. Die ursprünglichen
+grönländischen Namen sind indessen unter dem Einflusse der Missionare
+beinahe ganz verschwunden. Statt ihrer nimmt man alle möglichen alt-
+und neutestamentlichen, und es giebt wohl keine Stelle auf Erden, wo
+man das gesamte Personal der Heiligen Schrift, vom seligen Vater Adam
+an bis auf Petrus und Paulus, so vollzählig vertreten findet, wie dort.
+Unser berühmter Freund Dalager scheint diesen Mißbrauch der Bibel als
+Namensbuch nicht gemocht zu haben, und darum »fragte ich einmal«, sagt
+er, »einen gewissen Missionar, weshalb ein Grönländer seinen früheren
+Namen, der ja natürlich und gut sein könnte, nicht behalten dürfe. --
+Es klingt schlecht, antwortete er, wenn man einen Christen wie einen
+Seehund oder Seevogel ruft. -- Ich lächelte hierzu und sagte, es gebe
+doch bei uns zu Lande manchen Ravn (Rabe), Hög (Habicht) und Krage
+(Krähe), die für gute Menschen passieren.« Mir scheint, ich muß dem
+Manne hierin recht geben.
+
+Die Grönländer hängen mit außergewöhnlicher Liebe an ihren Kindern und
+thun alles, was sie ihnen an den Augen absehen können, besonders wenn
+es Knaben sind. Diese kleinen Tyrannen regieren gewöhnlich das ganze
+Haus, und die Worte des weisen Salomo: »Wer seinen Sohn liebt, der
+züchtige ihn«, finden hier keine Anerkennung. Sie halten ja überhaupt
+jede Züchtigung für unmenschlich und selbstverständlich für noch etwas
+Schlimmeres, wenn ihr eigenes Fleisch und Blut dabei in Frage kommt.
+Nicht ein einziges Mal habe ich einen Eskimo seinem Kinde ein hartes
+Wort sagen hören. Bei dieser Erziehung sollte man erwarten, daß die
+Kinder unmanierlich und unartig würden. Das ist aber keineswegs der
+Fall; obwohl ich in vielen Eskimohäusern auf der Westküste verkehrt
+habe, ist mir nur ein einziges Mal eine ungezogene Eskimorange
+begegnet und dies war in einer mehr europäischen als grönländischen
+Familie. Wenn die Kinder größer und verständiger waren, genügte stets
+eine freundliche Aufforderung seitens des Vaters oder der Mutter, damit
+sie das unterließen, wozu sie keine Erlaubnis hatten. Nie habe ich
+Eskimokinder, sei es im Hause oder im Freien, sich erzürnen, schimpfen
+oder gar schlagen sehen. Ich habe ihnen oft beim Spielen zugesehen,
+auch oft genug mit ihnen Fußball (ein eigenes, von ihnen erfundenes,
+dem englischen +foot-ball+ sehr ähnliches Spiel) gespielt, und
+dabei haben, wie bekannt, Knaben oft Grund zum Zanken, aber nie sah
+ich einen heftig werden, ja, ich sah nicht einmal ein unfreundliches
+Gesicht. Wo könnte das in Europa vorkommen! Den Grund dieses
+auffallenden Unterschiedes zwischen grönländischen und europäischen
+Kindern kann ich nicht feststellen. Zum wesentlichen Teile liegt er
+wohl in der außerordentlich friedfertigen und gutmütigen Gemütsart
+der Grönländer. Etwas dürfte es auch dem zuzuschreiben sein, daß die
+Eskimomutter stets mit ihren Kindern in denselben Räumen lebt und sie
+draußen auf ihrem Rücken im +Amaut+ mit zur Arbeit nimmt. Sie
+giebt sich also viel mehr mit ihnen ab, und es entsteht ein festeres
+Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern in Grönland, als in Europa.
+
+Daß die Eskimobuben sich hin und wieder damit amüsieren, die Enten
+und Hühner des Kolonialverwalters oder des Predigers mit Steinen zu
+werfen, muß man ihnen nicht zu sehr anrechnen und ebenso wenig, daß
+sie vielleicht einmal in den Garten des Verwalters einsteigen und dort
+pflanzen ausreißen oder zertreten. Es sei daran erinnert, daß Achtung
+vor Grundbesitz oder das Gebot, daß man nicht alles fangen oder nehmen
+darf, was auf der Erde wächst oder sich da bewegt, außerhalb ihrer
+ursprünglichen Begriffe liegt. Selbst wenn es ihnen eingeprägt wird,
+erhalten sie keinen scharf ausgeprägten Begriff davon; denn dies ist
+und bleibt ihnen etwas, das die fremden, zugezogenen Europäer, ohne
+dazu das Recht zu besitzen, im eigenen Interesse einführen wollen.
+
+Damit Auge und Arm geübt werde, giebt der vernünftige Grönländer seinen
+Söhnen, während sie noch ganz klein sind, schon kleine Vogelpfeile und
+Harpunen als Spielzeug. Und hiermit oder in Ermangelung dessen mit
+gewöhnlichen Steinen kann man die drei- und vierjährigen Fänger sich an
+kleinen Vögeln und allem ihrer Jagdlust Würdigem, was ihnen vor Augen
+kommt, üben sehen. Daß sie zeitig anfangen, den Kajak zu besteigen,
+habe ich schon erwähnt.
+
+Es ist für die grönländische Gesellschaft natürlich von größter
+Wichtigkeit, daß die Knaben zu tüchtigen Fängern erzogen werden; denn
+davon hängt ihre ganze Zukunft ab.
+
+Die Mädchen werden gleichfalls früh an ihren Beruf gewöhnt. Sie lernen
+nähen und müssen der Mutter im Hause zur Hand gehen.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +X.+
+
+Moral.
+
+
+Die Auffassung der Moral des Eskimos hing wie die Auffassung aller
+Dinge sehr davon ab, mit welchen Augen man sie ansah. Man trifft
+daher neben der ungeteiltesten Lobpreisung nicht selten minder
+günstige Beschreibungen von ihr an. Die Sache ist natürlich die,
+daß der Eskimo ebensowenig wie wir alle der reine Engel oder der
+reine Teufel ist, sondern ein natürlicher Mensch mit menschlichen
+Tugenden und menschlichen Schwächen, der sich von uns vielleicht darin
+unterscheidet, daß er mehr von den ersteren als von den letzteren,
+dafür aber keine von beiden in großer Entwickelung besitzt. Davon wird
+man gewiß beim Lesen der ältesten Schilderungen von Grönland, wie
+der Berichte von Egede, Cranz, Dalager und anderen, eine deutliche
+Anschauung gewinnen.
+
+Einer der hübschesten und markantesten Züge im Charakter des Eskimos
+ist wohl seine Ehrlichkeit. Wenn einzelne Europäer ihm diese Tugend
+abgesprochen haben, so kommt dies sicherlich wesentlich daher, daß die
+Herren sich nicht die Mühe machten, sich ordentlich in seine Denkart zu
+versetzen und zu ergründen, was er für unehrlich hält.
+
+Für den Eskimo ist es von besonderer Bedeutung, daß er sich auf
+seine Mitmenschen und Nachbarn verlassen kann. Damit aber dieses
+gegenseitige Vertrauen, ohne das ja jedes Zusammenschließen im
+Daseinskampf unmöglich ist, auch Bestand habe, ist es notwendig, daß
+jeder gegen den andern ehrlich handle. Er hält es daher für unredlich,
+seinen Hausgenossen oder Leuten aus seinem Wohnorte etwas zu stehlen,
+was demnach auch sehr selten vorkommt. Schon Egede sagt: »Sie lassen
+ihre Sachen vor jedem offen liegen, ohne Furcht, daß ihnen einer etwas
+stehlen oder fortnehmen könnte. Ja, diese Untugend gilt bei ihnen für
+so abscheulich, daß ein Mädchen, welches stiehlt, dadurch die Aussicht
+auf eine vorteilhafte Heirat verliert.«
+
+Aus demselben Grunde lügen sie, besonders die Männer, einander auch
+nicht gern etwas vor. Ein rührender Beweis hierfür ist folgender, von
+Dalager erzählter Zug: »Wenn sie einem anderen ein Ding beschreiben
+sollen, hüten sie sich auch, es glänzender, als es verdient,
+auszumalen. Ja, wenn einer etwas kaufen will, was er nicht gesehen hat,
+beschreibt der Verkäufer, auch wenn er es gern los sein will, das Ding
+doch immer etwas weniger gut als es ist.«
+
+Ist einer einem anderen Geld schuldig, so kann man in der Regel sicher
+sein, daß er seine Schuld bezahlt, sobald er es kann. Das werden auch
+die dänischen Kaufleute bestätigen. Sie erzählten mir oft, daß sie den
+Grönländern ruhig Kredit geben, da es äußerst selten vorkomme, daß sie
+ihr Geld nicht richtig wieder erhielten.
+
+Ueber seine Pflichten Fremden gegenüber, namentlich wenn es keine
+Eskimos sind, hat der Eskimo eine etwas andere Anschauung. Man muß
+jedoch bedenken, daß ihm jeder Fremde eine gleichgültige Person ist,
+deren Wohlfahrt zu fördern für ihn kein Interesse hat, und von der es
+ihm gleichgültig ist, ob er sich auf sie verlassen kann oder nicht, da
+er ja nicht mit ihr zusammenleben soll. Er findet also, daß es nicht
+immer seinen Interessen widerstreitet, wenn er sich etwas vom Eigentum
+eines Fremden aneignet, immer vorausgesetzt, daß das Entwendete für ihn
+von Nutzen ist.
+
+Hierunter hatten besonders die ersten Europäer, die ins Land kamen,
+sehr zu leiden. Daß die Eskimos sie bestahlen, ist auch wieder kein
+Wunder, wenn man bedenkt, wie die europäischen Expeditionen sich
+anfangs, als das Land wiederentdeckt worden war, dort oben betrugen.
+Sie plünderten oft die Eingeborenen, schändeten die Weiber und, was
+am ärgsten war, lockten sie an Bord, hißten die Segel und nahmen sie
+mit nach Europa als Gefangene. Die Eskimos hatten also von Anfang an
+keinen Grund, uns als Freunde zu betrachten. Fremde zu berauben und zu
+bestehlen, scheint übrigens auch mit der europäischen Moral durchaus
+nicht unvereinbar zu sein, wenn wir nach der Art und Weise schließen
+dürfen, in der wir gegen die Eingeborenen in Afrika und anderswo
+auftreten.
+
+Zu dem Obenangeführten kommt natürlich hinzu, daß wir im Vergleich
+zu den Eskimos im Ueberflusse leben. Daher meinen sie nach ihren
+Moralbegriffen, daß wir etwas abgeben könnten, und sind der Ansicht,
+daß wir dies nur aus Habgier und Selbstsucht unterlassen.
+
+Nun, da die Europäer sich dort zu Lande fest ansiedelten und schon
+lange nicht mehr als Fremde betrachtet werden, ist das Verhältnis
+anders geworden, und es wird selbst ihnen selten etwas gestohlen.
+Doch möchte ich glauben, daß die Eingeborenen ihnen Dinge, von denen
+sie nicht glauben, daß sie vermißt werden, noch immer wegstibitzen,
+sobald die Gelegenheit sich bietet. Ich habe selbst gesehen, daß sogar
+gesittete Grönländer im Laden ihre Taschen und Fausthandschuhe aus den
+Mehltonnen füllten, ohne sich im Geringsten vor mir zu genieren. Bei
+dieser Gelegenheit legten sie sich die Sache wohl so zurecht: »Es ist
+der königlich-grönländische Handel, dem wir dies fortnehmen; er hat
+alles im Ueberfluß, und dieses bischen Mehl macht die Regierung weder
+reicher, noch ärmer, für uns aber macht es viel aus.« -- Und sie gingen
+vergnügt damit nach Hause. Ich fürchte, daß ein solcher Gedankengang
+nicht nur in Grönland allein zu finden ist.
+
+Uebrigens muß auch zur Entschuldigung der Grönländer hervorgehoben
+werden, daß sie gleich von Anfang an und viele, viele Jahrzehnte lang
+den schändlichsten Betrügereien seitens der europäischen Kaufleute
+ausgesetzt waren, die sogar zum eigenen Vorteil falsch Maß und Gewicht
+benutzten und ihnen im Austausche schlechte Waren gaben. Ich will nur
+erwähnen, was Saabye erzählt, daß sie sich nämlich im achtzehnten
+Jahrhundert zu großer Tonnenmaße, die obendrein noch ohne Boden waren
+und über Vertiefungen im Fußboden gestellt wurden, bedienten. Da hinein
+mußten die Eskimos den Speck legen, ehe er ihnen abgekauft wurde, und
+gaben so mindestens anderthalb Tonnen statt einer. Dies wußten und
+durchschauten sie, fanden sich aber darein. Dergleichen kommt jetzt
+natürlich nicht mehr vor.
+
+Als Beweis dafür, wie redlich der Eskimo die Moralgesetze hält, die er
+achtet, sei daran erinnert, daß er nie über der Flutmarke liegendes
+Treibholz anrührt, und gerade das könnte er doch so leicht nehmen,
+ohne daß es jemand erführe. Wenn wir Europäer uns nun grade gegen
+dieses Gesetz versündigen, was wir leider ebenso oft mit Wissen und
+Willen, wie ohne beides gethan haben, hat dann der Eskimo nicht das
+gleiche Recht, uns zu verachten, wie wir ihn?
+
+Schlägereien und derartige Roheiten kommen, wie gesagt, bei ihnen
+nicht vor. Mord ist gleichfalls eine große Seltenheit. Sie halten es
+für grausam, ihre Mitmenschen zu töten. Krieg ist daher in ihren Augen
+etwas Unverständliches und Verabscheuenswürdiges, ihre Sprache hat
+nicht einmal ein Wort dafür; und Soldaten und Offiziere, die zu dem
+Handwerke, Leute totzuschlagen, angelernt werden, sind ihnen reine
+Menschenschlächter.
+
+Wohl ist es, wie Egede sagt, »gelegentlich passiert, daß ein ~extrem
+malitiöser~ Mensch einen andern aus verborgenem Hasse erschlagen
+hat«. Wenn er sagt, daß »solches die andern mit größtem Kaltsinne
+ansehen, ohne an Bestrafung zu denken oder es sich zu Herzen zu
+nehmen«, so glaube ich freilich, daß er darin nicht ganz recht hat;
+denn sie verabscheuen die That ganz gewiß, und wenn sie sich nicht
+hineinmischen, so hat dies seinen Grund darin, daß sie dies für eine
+Privatangelegenheit zwischen dem Angreifer und dem Angegriffenen
+halten. Es kommt daher nur den nächsten Verwandten des Ermordeten
+zu, ihn zu rächen, falls sie dies können, und man findet also selbst
+bei diesem friedlichen Volke eine Andeutung von einer Art Blutrache,
+wenn sie auch nur schwach entwickelt ist und auf die Ueberlebenden
+keinen schweren Druck auszuüben scheint. Wird jedoch ein Mörder
+gemeingefährlich, so hat man Beispiele davon, daß auch die Nachbarn
+sich vereinigen, um ihn zu töten.
+
+[Illustration: Eskimolager.]
+
+Oft ist dort, wie anderswo, der Grund des Mordes eine Frau oder ein
+Liebesverhältnis.
+
+Der Ueberfall geschieht meistens auf dem Meere, wobei der eine den
+andern von hinten angreift, ihn entweder mit der Harpune ersticht oder
+ihn zum Kentern bringt oder ihm den Kajak anbohrt. Den Gegner von vorne
+anzugreifen, paßt weniger zum Charakter eines Eskimos. Nicht so sehr
+aus Furcht, als weil er sich davor schämen würde und es ihm peinlich
+wäre, wenn der andere ihn ansähe.
+
+Alte Hexen und Zauberer zu töten, halten sie für erlaubt, weil sie
+meinen, daß diese mit ihren Künsten anderen schaden oder sie gar töten
+können. Es scheint auch nicht gegen ihre Moral zu streiten, den Tod
+Kranker, die schwer leiden, oder solcher Menschen, die phantasieren,
+wovor sie besonders große Furcht haben, zu beschleunigen.
+
+Dasjenige unserer Gebote, gegen welches sich die Grönländer am
+häufigsten versündigen, ist das sechste, und der Leser wird wohl schon
+aus dem vorhergehenden Kapitel den Eindruck gewonnen haben, daß Tugend
+und Züchtigkeit in Grönland nicht in hohem Ansehen stehen. Dies ist
+besonders der Fall bei den christlichen Eingeborenen auf der Westküste,
+die viel mit uns Europäern in Berührung gestanden haben. Viele sehen
+es dort für gar keine besondere Schande an, wenn ein unverheiratetes
+Mädchen Kinder bekommt. Hiervon habe ich wiederholt Beweise gesehen.
+Während wir in Godthaab waren, befanden sich dort in der Nachbarschaft
+zwei Mädchen in gesegneten Umständen, verbargen dies aber durchaus
+nicht, sondern legten schon lange, bevor es nötig war, die grüne
+Haarbinde[38] an und schienen über diesen sichtbaren Beweis, daß sie
+nicht verschmäht worden waren, beinahe stolz zu sein. Ich habe Grüne
+gesehen, die nicht allein grüne Haarbinden hatten, sondern auch Besatz
+und Schleifen von dieser Farbe auf ihrem Anorak trugen, was weder
+vorgeschrieben, noch üblich ist.
+
+Obwohl die Priester stark gegen die Schlaffheit in dieser Beziehung
+geeifert und den jungen Leuten beiderlei Geschlechtes von der Schule an
+strengere Moralbegriffe einzuprägen versucht haben, scheinen diese ihre
+Auffassung dieser Sünde nicht verändert zu haben, ja es vielmehr noch
+ärger zu treiben.
+
+Wenn die jungen Grönländerinnen mit einem Manne ein Verhältnis haben,
+machen sie kein Hehl daraus. Ist es ein Europäer, so prahlen sie
+geradezu damit, und es scheint sogar, als ob sie dadurch größeres
+Ansehen unter ihren Freundinnen gewönnen. Hieran sind die Europäer zum
+wesentlichen Teile selber schuld; denn erstens haben die jungen Männer,
+die nach Grönland kamen, sich oft schlecht gegen die Grönländerinnen
+betragen und ein schlechtes Beispiel gegeben, und zweitens haben die
+Europäer im ganzen dafür gesorgt, sich in solchen Respekt zu setzen,
+daß der einfachste europäische Matrose jetzt dem besten grönländischen
+Fänger von den Mädchen vorgezogen wird. Dies hat denn auch sichtbare
+Früchte getragen, indem sich die Rasse in den anderthalb Jahrhunderten,
+seitdem wir uns im Lande niederließen, derartig mit europäischem Blute
+gemischt hat, daß es jetzt außerordentlich schwer fällt, auf der ganzen
+Westküste einen wirklichen Vollbluteskimo zu finden[39]. Und dies,
+trotzdem die Anzahl der Europäer im Lande einen geringen Bruchteil der
+Zahl der Eingeborenen ausmacht; ein paar hundert gegen zehntausend.
+
+Daß die Geneigtheit der Europäer zu derartigen Vergehen nicht dazu
+beigetragen hat, ihren Geistlichen die Arbeit zur Hebung dieses Gebotes
+zu erleichtern, versteht sich von selbst. Meiner und sicherlich
+auch der allgemeinen Erfahrung nach sind die Grönländerinnen in den
+Kolonieen, wo viele Europäer sind, sehr viel leichtfertiger als ihre
+Schwestern dort, wo es keine gibt. Als Beispiel will ich erwähnen, daß
+die Frauen in Sardlok, Kornok, Kangek und Narsak durchgehends einen
+besseren Eindruck machten als die Frauen von Godthaab und Neuherrenhut,
+die sich jungen Leuten, die ihnen gefielen, gegenüber gerade das
+Gegenteil von zurückhaltend betrugen.
+
+Es scheint, als sei die Moral in dieser Hinsicht unter den Heiden vor
+Ankunft der Europäer bedeutend besser gewesen. Selbst Hans Egede, der
+ihren moralischen Zustand doch sonst nicht in zu glänzenden Farben
+schildert, sagt in seiner neuen Perlustration: »Dagegen sind die
+Jungfrauen und Mädchen sehr züchtig, sowie wir nie gesehen haben, daß
+sie mit jungen Kerlen leichtfertig verkehren oder mit Worten oder Taten
+das geringst Zeichen solcher Gesinnung geben. In den 15 fahren, die ich
+jetzt in Grönland verlebt habe, weiß ich nur von zwei oder drei Mädchen
+mit unehelichen Kindern, denn sie halten dies für eine große Schande.«
+
+Und Dalager, der ihnen überhaupt das heutzutage garnicht mehr
+gerechtfertigte Zeugnis giebt, sie seien freilich »der Sünde der
+Liederlichkeit ergeben, doch nicht in dem Grade wie andere Nationen«,
+sagt von den Mädchen: »Sie sind in ihren ersten reifen Jahren dem
+Anscheine nach sehr keusch, denn sonst würden sie sicher das Glück
+verscherzen, einen Junggesellen zum Manne zu bekommen.«
+
+Bei den Heiden auf der Ostküste scheint es damit heutzutage nicht
+so streng genommen zu werden; denn Holm sagt, daß es dort für keine
+Schande gilt, wenn eine Unverheiratete Kinder hat.
+
+Die strenge Moral, die den unverheirateten jungen Leuten beiderlei
+Geschlechts vorgeschrieben war, scheint jedoch nach der Heirat keine
+Geltung mehr gehabt zu haben. Die Männer erfreuten sich jedenfalls dann
+der ungebundensten Freiheit. Egede sagt: »Ich habe lange nichts davon
+gehört, daß die Männer sich zu anderen Weibern als ihren eigenen und
+die Weiber sich zu anderen Männern hielten; schließlich aber erfuhren
+wir doch, daß sie es damit nicht so genau nehmen.« Er beschreibt
+unter anderm ein merkwürdiges Spiel, wozu sich die Männer und die
+verheirateten Frauen »wie zu einer Assemblee« versammeln. Hierbei
+stellten sich die Männer der Reihe nach in die Mitte der Stube und
+sangen zum Klange einer Trommel Loblieder auf die Frauen und die Liebe,
+und dabei sollten alle Anwesenden völlige Freiheit ohne jeden Zwang
+haben. »Aber zu diesem Spiele kommen die Jungen und Unverheirateten,
+die sehr züchtig sind, niemals; nur die Verheirateten, meinen sie,
+können dergleichen thun, ohne sich dessen schämen zu müssen.«
+
+Egede sagt auch, daß die Frauen es für ein besonderes Glück und eine
+große Ehre halten, mit einem Angekok, d. h. einem ihrer Propheten und
+Gelehrten, in ein intimes Verhältnis zu treten, und fügt hinzu: »ja,
+viele Männer sehen es selber gern und bezahlen den Angekok dafür, daß
+er bei ihren Frauen schlafe, besonders wenn sie selber keine Kinder mit
+ihnen zeugen können.«
+
+Die Freiheit der Eskimoweiber in dieser Hinsicht ist also sehr
+verschieden von der dem germanischen Weibe zustehenden. Der Grund
+liegt wohl darin, daß, während die Erhaltung des Erbes, Geschlechtes
+und Stammbaumes bei den Germanen stets eine große Rolle gespielt hat,
+alles dieses für den Eskimo bedeutungslos ist, da er wenig oder nichts
+zu vererben hat und es für ihn hauptsächlich darauf ankommt, Kinder zu
+haben.
+
+Hinsichtlich des erwähnten Spieles behauptet Dalager jedoch, daß es
+sehr selten vorkommen solle, und es sei »wohl zu merken, daß eine
+Ehefrau, die schon glückliche Mutter ist, sich nie darauf einläßt«.
+
+Witwen und geschiedene Frauen aber, meint er, nehmen es nicht so genau.
+Während man sehr selten hört, »daß ein Mädchen sich vergangen habe,
+sieht man dagegen solche Weiber ebensoviele Kinder gebären wie richtige
+Ehefrauen. Wird ihnen dies vorgeworfen, wenn auch von ihren eigenen
+Landsleuten, so antworten viele, es geschehe nicht aus Liederlichkeit,
+sondern aus einem natürlichen Antriebe, Kinder zu gebären, aus welchem
+Grunde sie aber manchen redlichen Mann verführen.«
+
+Auch auf der Ostküste scheint die Moral der Verheirateten nach unserem
+Begriffe nichts weniger als gut zu sein. So habe ich erzählt, daß
+die Männer ihre Frauen oft austauschen; doch geschieht dies unter
+bestimmten Männern, und der Mann liebt es in der Regel nicht, daß seine
+Frau sich mit anderen einläßt, als mit dem, welchem er sie geliehen
+hat. Er selber aber beansprucht für sich völlige Freiheit. Im Winter,
+wenn sie in Häusern wohnen, spielen sie oft ein Frauentausch- oder
+Lampenlöschungsspiel, das dem obenerwähnten ähnelt und bei dem die
+Lampen ausgeblasen werden. Hieran aber dürfen auch Unverheiratete
+teilnehmen. Holm sagt, ein guter Wirt lasse, wenn er Gäste im Hause
+habe, abends stets die Lampen auslöschen.
+
+Auf der Westküste dagegen ist dieses Spiel jetzt verschwunden. Ich
+möchte allerdings nicht dafür einstehen, daß es an Orten, wo es den
+Predigern oder anderen Behörden schwer werden dürfte, dahinterzukommen,
+nicht doch noch ausnahmsweise gespielt wird; denn auch die
+verheirateten christlichen Grönländer scheinen keinen übertriebenen
+Respekt vor dem sechsten Gebot zu haben und lassen sich in dieser
+Hinsicht gewiß viele Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen.
+
+Wir finden diese Moral auf den ersten Blick natürlich sehr schlecht.
+Damit ist aber nicht gesagt, daß sie es auch für den Eskimo ist. Wir
+müssen uns überhaupt hüten, von unserem Gesichtspunkt aus Anschauungen,
+die sich durch viele Generationen und viele Erfahrung bei einem andern
+Volke entwickelt haben, sofort zu verdammen, auch wenn sie den unseren
+noch so sehr widerstreiten. Die Ansichten von Gut und Recht sind
+hier auf Erden außerordentlich verschieden. Als Beispiel möchte ich
+anführen, daß ein Eskimomädchen, als Nils Egede ihr von der Liebe zu
+Gott und unserem Nächsten gesprochen hatte, erklärte: »... Ich habe
+bewiesen, daß ich meinen Nächsten liebe, denn eine alte Frau, die krank
+war und nicht sterben konnte, bat mich, daß ich sie für Geld nach der
+steilen Klippe führe, von der sich immer die hinabstürzen, die nicht
+mehr leben mögen. Weil ich aber meine Leute liebe, führte ich sie
+umsonst hin und stürzte sie vom Felsen hinunter.« Egede meinte, dies
+sei eine schlechte That, und sagte, sie habe einen Menschen getötet.
+»Sie sagte nein; sie habe großes Mitleid mit der Alten gehabt und
+geweint, als sie abgestürzt war.« Soll man dies nun eine gute oder eine
+böse That nennen?
+
+Als derselbe Egede einandermal davon sprach, daß Gott die Bösen
+bestrafe, sagte ihm ein Eskimo, er gehöre auch zu denen, welche die
+Bösen bestrafen, denn er habe drei alte Weiber, die Hexen waren,
+erschlagen.
+
+Derselbe Unterschied in der Auffassung von Gut und Böse macht sich auch
+dem sechsten Gebote gegenüber geltend. Der Eskimo stellt das Gebot
+»Seid fruchtbar und mehret Euch« höher. Dazu hat er um so mehr Grund,
+als seine Rasse von Natur wenig fruchtbar ist.
+
+Gleich vielen anderen Völkern fand der Eskimo es sehr wunderbar, daß
+es nicht als etwas ganz Vorzügliches zu betrachten sei, wenn ein Mann
+mehr als eine Frau hatte. Bei ihnen stieg das Ansehen mit der Zahl der
+Frauen, und aus diesem Grunde fanden sie die Patriarchen des alten
+Testamentes vernünftiger als uns. Uebrigens ist das eine Anschauung,
+die wir bei unseren eigenen Vorfahren bis weit in die historische Zeit
+hinein wiederfinden.
+
+Als Paul Egede einmal den Grönländern ihre Neigung zur Polygamie
+verwies, lobte einer seine Frau wegen ihres »guten Gemütes, denn sie
+sei nie böse, wenn er fremde Weiber liebe«. Egede sagte, »in unserem
+Lande duldeten die Frauenzimmer nicht, daß ihre Männer sich mit anderen
+einließen; sie würden diese aus dem Hause jagen«. »Das ist kein Lob
+für Eure Frauenzimmer,« meinte der Eskimo, »daß sie ihre Männer für
+sich allein haben und Herr über sie sein wollen; bei uns würde man sie
+tadeln.«
+
+In dieser Beziehung denken sie weniger ideal, aber praktischer als
+wir. Betrachten wir z. B. ihren Frauentausch und ihre Behandlung
+unfruchtbarer Frauen, so erscheinen ihre Sitten uns recht locker. Aber
+diese Sitten sind ja wesentlich darauf berechnet, Nachkommenschaft zu
+erzielen, und erinnern wir uns der großen Bedeutung, die diese für sie
+hat, so fällen wir vielleicht ein etwas milderes Urteil.
+
+Bleibt die Gattin eines Grönländers kinderlos, so wird ja der
+Hauptzweck seiner Ehe nicht erreicht, und es scheint ihm daher nur
+natürlich, daß er dem abzuhelfen versucht. Als ein junger Mann, dessen
+Frau keine Kinder hatte, einmal Nils Egede ein Fuchsfell dafür anbot,
+daß entweder er selber ihm dazu verhelfen oder einen seiner Matrosen es
+thun lassen sollte, war er sehr verdutzt, daß Egede darüber böse werden
+konnte. Er antwortete: »Das ist keine Schande; sie ist verheiratet und
+kann einen Deiner verheirateten Matrosen bekommen.«
+
+Daß es jedoch auch den verheirateten Grönländern ursprünglich nicht an
+dem, was wir Sittlichkeitsgefühl nennen, gefehlt hat, scheint unter
+anderem daraus hervorzugehen, daß sie sich im täglichen Leben sehr
+anständig betragen und in der Regel keinen Anstoß erregen, worüber alle
+Reisenden einig sind.
+
+Wenn ein Heide -- und viele christliche Grönländer desgleichen --
+die Gattin eines anderen, wenn sie ihm gefällt, nicht antastet, so
+geschieht dies wohl meistens mehr aus Scheu vor einem Zwiste mit
+dem Manne, als weil er es für unrecht hält. Doch daß selbst auf der
+Ostküste ein schwacher Rechtsbegriff in dieser Beziehung vorhanden ist,
+ergiebt sich aus folgender, in Angmagsalik gebräuchlicher Redeweise:
+»Die Walfische, Moschusochsen und Renntiere verließen das Land, weil
+die Männer zu viel mit anderer Leute Frauen verkehrten.« Viele Männer
+behaupten aber, es sei geschehen, »weil die Frauen darüber eifersüchtig
+wurden, daß die Männer mit anderer Leute Frauen Umgang hatten«.
+Letzteres soll auch daran schuld sein, daß der Sund, der früher vom
+Sermelikfiord bis an die Westküste quer durch das Land ging, jetzt
+vereist ist.[40]
+
+Egede sagt, daß die Frauen, obwohl sie seltsamerweise bis zu seiner
+Ankunft durchaus nicht eifersüchtig waren, wenn ihre Männer mehrere
+Frauen hatten, und »sich stets gut mit letzteren vertrugen«, auf
+einmal damit unzufrieden waren und nicht wollten, daß die Männer sich
+eine Nebenfrau nahmen. Und zwar sei diese Sinnesänderung vor sich
+gegangen, nachdem er ihnen über das Ungebührliche ihrer Sitte gepredigt
+habe; er setzt noch hinzu: »Ja, nachdem ich es ihnen aus Gottes Wort
+vorgelesen und nachgewiesen hatte, baten sie mich, nicht zu vergessen,
+ihren Männern das sechste Gebot einzuschärfen.« Diese Wirksamkeit der
+Missionare unter den Frauen sagte den Männern begreiflicherweise nicht
+zu, und ein Eskimo, dessen beide Frauen einander in die Haare gekommen
+waren, sagte voll Erbitterung zu Niels Egede: »Du hast sie mit Deiner
+Leserei verdorben, und nun sind sie eifersüchtig aufeinander.« Mir
+scheint der Groll des Mannes berechtigt. Was würden wir sagen, wenn die
+Grönländer in unser Land kämen, in unsere Häuser drängen und unseren
+Frauen ~ihre~ Sittlichkeitsmoral predigten?
+
+Nach eskimoischer Anschauung ist das Heiraten zweier Geschwisterkinder
+untereinander, wie überhaupt zwischen nahen Verwandten nicht erlaubt.
+Nicht einmal Pflegegeschwister, die zufällig zusammen erzogen sind,
+dürfen sich heiraten. Am besten soll die Braut von auswärts sein.
+
+Dieses Gesetz entspricht also der sogenannten Exogamie oder
+dem Verbote, sich mit mutmaßlichen Blutsverwandten desselben
+Familiennamens, oder doch aus demselben Clan (bei den Chinesen),
+Gotra (bei den Hindus) oder derselben Gens (bei den Römern) ehelich
+zu verbinden. Dasselbe Verbot findet sich unter wenig verschiedenen
+Formen bei den Hindus, den Chinesen, in der griechischen Kirche, in
+der altkatholischen, zum Teil auch bei den Slawonen, den Indianern und
+vielen anderen.
+
+Unsere eigenen Vorfahren haben wohl auch früher der Exogamie gehuldigt,
+die jedoch stark im Widerspruch steht zu der jetzt bei uns üblichen
+Anschauung, daß Heiraten zwischen Leuten aus demselben Orte, ja
+vorzugsweise unter nahen Verwandten, wenn nicht gar Geschwisterkindern
+die besten seien. Im Großen und Ganzen scheinen die wilden Völker die
+ausgedehntesten, umfassendsten Heiratsverbote zu haben, während die
+beschränktesten Vorschriften darüber in den modernen, zivilisierten
+Staaten zu finden sind. Die Exogamie wäre demnach ein Ueberbleibsel
+der Barbarei, von dem sich unser Volk in hohem Grade freigemacht
+hätte. Der Ursprung dieses Moralgesetzes ist sehr schwer zu erklären.
+Trotzdem ich wissenschaftliche Autoritäten gegen mich habe, scheint
+es mir nicht unmöglich, daß ihm zum Teil der Glaube zu Grunde liege,
+die Verwandtenehe erzeuge schwächliche Nachkommen. Jedenfalls finden
+wir solchen Glauben in seinem engsten Begriffe bei fast allen Völkern
+in Form von Scheu vor Blutschande. Allerdings meinen mehrere moderne
+Forscher beweisen zu können, daß Ehen zwischen Verwandten keine
+schlechten Folgen haben. Doch berechtigt oder nicht berechtigt: es ist
+Thatsache, daß ein solcher Glaube hat entstehen können, und ist erst
+der Glaube da, so kommt das Gesetz von selbst. Daß es, wie bei den
+Grönländern soweit geht, alle an einem Orte Wohnenden zu umfassen, läßt
+sich leicht durch ihre obenbesprochenen Bräuche erklären, nach denen
+man nie bestimmt wissen kann, ob die Brautleute aus einem Orte nicht am
+Ende Halbgeschwister sind.
+
+In vieler Beziehung steht die Moral des heidnischen Eskimos
+durchgehends höher als die in den meisten christlichen Staaten. Da ich
+dies schon im siebenten Kapitel angedeutet habe, will ich hier nur an
+ihre aufopfernde Nächstenliebe erinnern, und an ihre Bereitwilligkeit,
+einander zu helfen, wozu wir bei uns wahrhaftig kein Seitenstück
+finden.
+
+Die Nächstenliebe des Eskimos aber geht sogar soweit, daß er es
+unterlassen kann, einen andern schlecht zu machen. Ja, er sagt
+ihm nicht einmal etwas Nachteiliges, das wahr ist, nach, wenn er
+sein Nachbar ist. Dergleichen würde nicht zu seiner friedlichen,
+wohlwollenden Gesinnung passen. Wie schon erwähnt, scheinen die Frauen
+in dieser Hinsicht nicht ganz so zuverlässig zu sein, doch dies soll ja
+keine ungewöhnliche weibliche Schwäche sein.
+
+Vor dem Alter hat der Eskimo keine sehr hervortretende Ehrfurcht.
+Solange die Alten noch arbeiten können, werden sie allerdings geachtet,
+und sind sie früher gute Fänger gewesen und haben Söhne, so können sie
+sogar großen Einfluß haben und als das Oberhaupt des Hauses betrachtet
+werden.
+
+Eine Frau, die tüchtige Söhne hat, wird auch dann noch ehrerbietig
+behandelt, wenn sie ein sehr hohes Alter erreicht. Ist sie Witwe, so
+hat sie besonders großen Einfluß, da sie dann gewöhnlich das Haus
+regiert und die Schwiegertöchter sich ihren Anordnungen unterwerfen
+müssen. Doch werden die Leute sonst so alt, daß sie nicht mehr arbeiten
+können, so werden sie, namentlich die Weiber, wenig rücksichtsvoll
+behandelt. Bisweilen schämen sich die Jüngeren nicht einmal, sie
+geradezu zu verspotten, und hierin finden die alten Knacker sich mit
+großer Geduld, als sei es nun einmal so der Lauf der Welt.
+
+Will der Leser sich selber eine Ansicht über die moralische Denkweise
+eines ursprünglichen Eskimos bilden, so glaube ich, ist der beigefügte
+Brief eines Grönländers an Paul Egede[41] von Interesse. Ich gebe ihn
+hier wieder, weil er meine Anschauungen in vieler Beziehung unterstützt
+und Egedes Buch, »Nachrichten über Grönland«, in dem die Uebersetzung
+(Seite 230-236) abgedruckt ist, jetzt schwer zu haben sein dürfte.
+
+Der Schreiber des Briefes war ein Heide, den Paul Egedes Vater,
+Hans Egede, getauft hatte. Der Brief, der natürlich auf Eskimoisch
+geschrieben war, verrät außer überraschenden moralischen Ansichten auch
+scharfen Verstand und Gefühle, die man sicherlich, wie Paul Egede sagt,
+»einem so dummen Volke, wie die Eskimos es der allgemeinen Meinung nach
+sein sollen«, nicht zutrauen würde. Er bildet, wie man sehen wird, die
+Antwort auf einen Brief Egedes und lautet folgendermaßen:
+
+ »Liebenswürdiger Pauia!«[42]
+
+ Du weißt selbst, wie wert und angenehm mir Dein Schreiben ist. Aber
+wie erschrak ich, als ich darin von dem Untergange der vielen Menschen
+bei dem Erdbeben, von dem wir hier nichts gehört haben, las, bei dem,
+wie Du sagst, in einem Augenblicke mehr Menschen umgekommen sind, als
+in unserem ganzen Lande wohnen. Ich kann nicht beschreiben, wie mich
+dies erregt hat, und wir erschraken so, daß viele von ihrem Wohnorte
+nach anderen Stellen flüchteten, die ebenso unsicher waren, obgleich
+der Grund aus Felsen besteht. Denn wir sehen auch bei uns, daß Klippen
+von oben bis in den Abgrund hinunter zerrissen sind, wann dies aber
+geschehen ist, weiß keiner von uns. Die Granitfelsen unseres Landes
+kann Gott, in dessen Macht alles liegt, ebenso leicht erschüttern,
+und wir armes, elendes Gewürm sind leicht darunter begraben. Du läßt
+mich wissen, daß der Winter Euch weder Schnee, noch Kälte gebracht
+hat, und schließest daraus, daß er bei uns um so strenger gewesen sein
+muß; wir haben jedoch einen ungewöhnlich milden Winter gehabt. Wie
+ich gehört habe, meinen Eure Gelehrten, daß das milde Wetter von den
+warmen Dünsten herrühre, die bei dem Erdbeben aus der Erde gekommen
+sind, die Luft erwärmt und die Schneemasse geschmolzen haben sollen.
+Doch, wenn ich nicht gehört hätte, daß die Gelehrten dies gesagt haben,
+hätte ich geglaubt, daß die Wärme der Erde nicht ausreichen könne,
+um die hohe, weite Luft zu erwärmen, ebensowenig wie der Atem eines
+Menschen ein großes Haus heizen kann, wenn er einmal hineinhaucht
+und dann gleich wieder hinausgeht. Die Südwinde, die immer warm sind
+und bei uns das ganze Jahr geweht haben, sind die Ursache, daß hier
+nur mäßige Kälte war; weshalb der Wind aber aus Süden wehte, weiß
+ich nicht, vielleicht wissen es auch die Gelehrten nicht. Sind die
+bedauernswerten, umgekommenen Menschen vor Hitze gestorben, oder hat
+die Erde sie verschlungen, oder hat die Erschütterung sie getötet?
+Schiffer B. meinte, ihre eigenen Häuser seien über ihnen eingestürzt
+und hätten sie erschlagen. Eure Leute aber scheinen sich dies nicht
+sehr zu Herzen zu nehmen, denn sie sind nicht allein munter und
+zufrieden, sondern sie erzählen uns auch, daß die beiden Nationen[43],
+die hierher zum Walfischfange kommen, -- nicht aus Eurem Lande,
+aber doch Eure Glaubensgenossen -- einander zu Lande und zu Wasser
+erschießen und totschlagen, auf einander Jagd machen wie auf Seehunde
+und Renntiere und sich gegenseitig und solchen, die sie nie gesehen
+haben und garnicht kennen, Schiffe und Güter stehlen und fortnehmen,
+bloß weil ihr Oberherr es so haben will. Als ich den Schiffer durch
+den Dolmetscher fragte, was der Grund solcher Unmenschlichkeit sei,
+antwortete er, es sei ein Stück Land[44] dem unsrigen gegenüber, das so
+weit fort liege, daß sie drei Monate brauchen, um dorthin zu segeln.
+Ich dachte da, daß sie zu wenig Land hätten, um alle dort wohnen zu
+können, er aber sagte nein! Es sei nur die Gier der großen Herren nach
+mehr Völkern und Reichtümern. Ich war über diese Begehrlichkeit so
+verwundert und wurde so bange, daß ich beinahe vor Schrecken gestorben
+wäre; doch gleich darauf wurde ich wieder froh, Du kannst wohl kaum
+erraten, weshalb? Ich dachte an unser schneebedecktes Land mit seinen
+armen Bewohnern, und ich sagte zu mir selbst: ›Gott sei Dank! wir sind
+arm und besitzen nichts, was diese gierigen Kavdlunaker, so nennen
+wir alle Fremden, begehren könnten; was wir über der Erde besitzen,
+gilt ihnen nichts; was uns zur Kleidung und Nahrung dient, schwimmt
+im großen Meere, davon mögen sie nach Belieben soviel nehmen, wie
+sie bekommen können, für uns bleibt doch noch genug übrig; wenn wir
+nur soviel Speise haben, daß wir uns satt essen können, und genug
+Felle bekommen, um uns gegen die Kälte zu schützen, so sind wir
+zufrieden, und Du weißt selbst, daß wir den folgenden Tag für das
+Seine sorgen lassen. Wir wollten also nicht darum Krieg führen, auch
+wenn es in unserer Macht läge, obgleich wir ebenso gut sagen können,
+es gehöre uns, wie die Gläubigen aus dem Osten von den ungläubigen im
+Westen sagen, diese und ihre ganze Habe gehörten ihnen. Wir können
+sagen, das Meer, das unsere Küste bespült, gehört uns, unser sind
+auch die darin schwimmenden Walfische, Walrosse, Tümmler, Einhörner
+(Narwale), Weißfische (Walart), Seehunde, Helbutten, Lachse, Dorsche
+und Knurrhähne; doch wir haben nichts dagegen, daß sich andere soviel
+von dem großen Vorrate nehmen, wie sie wollen. Wir haben das große
+Glück, von Natur nicht so habgierig zu sein, wie sie. Ich habe mich
+oft über die Christen gewundert und nicht recht gewußt, was ich von
+ihnen denken sollte; sie verlassen ihr eigenes schönes Land und müssen
+in diesem für sie so harten und häßlichen Lande viel aushalten, nur um
+uns zu gesitteten Menschen zu machen, aber hast Du wohl so viel Böses
+bei unserer Nation gefunden und je solchen merk würdigen, abgünstigen
+Schnickschnack von einem der unseren gehört? Eure Lehrer unterweisen
+uns, wie wir dem Teufel entgehen können, von dem wir doch nie etwas
+gewußt haben, und Eure übermütigen Matrosen beten in vollem Ernste, der
+Teufel wolle sie holen und zerreißen. Du wirst Dich noch erinnern, daß
+ich ihnen zu Gefallen in meiner Jugend solche Redensarten von ihnen
+gelernt habe, ohne die Bedeutung zu kennen, bis Du mir verboten hast,
+sie zu gebrauchen, und seitdem ich sie selbst verstehen gelernt, habe
+ich mehr davon gehört, als mir lieb ist. Besonders in diesem Jahre
+habe ich soviel von den Christen gehört, daß wenn ich nicht durch den
+langen Verkehr viele gute und gesittete kennen gelernt und ~Hans
+Pungiok~ und ~Arnarsak~, die in Eurem Lande gewesen sind,
+nicht erzählt hätten, daß es dort viele fromme, tugendhafte Leute
+giebt, ich gewünscht haben würde, wir hätten sie nicht gesehen, damit
+sie nicht unser Volk verderben. Du hast wohl mehr als einmal gehört,
+daß meine Landsleute von Dir und den Deinen glaubten, solche Manier
+sei Euch in Eurem Lande anerzogen worden, und von einem Frommen unter
+Euch sagten, er gleiche einem Menschen oder Grönländer. Du erinnerst
+Dich wohl des Einfalles des lustigen ~Okakos~, Hexenmeister,
+d. h. Angekoker, in Euer Land zu senden, um die Leute dort zu
+unterrichten, wie man ein gesitteter Mensch wird, gerade so, wie Euer
+König Prediger hergesandt hat, um uns zu lehren, daß es einen Gott
+giebt, den wir früher nicht kannten. Doch ich weiß wohl, daß es ihnen
+nicht an Unterweisung fehlt und der Vorschlag daher nichts taugt. Es
+ist wirklich merkwürdig, mein lieber Pauia! Euer Volk weiß, daß es
+einen Gott, den Schöpfer und Erhalter aller Dinge, giebt, daß sie
+nach diesem Leben entweder selig oder verdammt werden, je nachdem sie
+sich betragen haben, und dennoch leben sie, als wäre ihnen befohlen
+worden, böse zu sein, und als brächte ihnen das Sündigen Vorteil und
+Ehre. Meine Landsleute dagegen wissen weder von Gott, noch vom Teufel
+etwas, erwarten weder Lohn noch Strafe nach diesem Leben, und doch
+benehmen sie sich anständig, verkehren liebevoll und einträchtig
+miteinander, teilen alles miteinander und schaffen sich gemeinsam ihren
+Lebensunterhalt. Es giebt wohl Böse unter uns, die zeigen, daß wir
+mit Euch stammverwandt sein müssen, doch daß an den meisten von uns
+kein Tadel ist, -- (Du denkst wohl nicht, daß ich meines Volkes wegen
+lüge, Du weißt ja selbst aus Erfahrung, daß dies wahr ist) -- kommt
+vielleicht von unserm unfruchtbaren Lande. Wie ich zuerst von Euren
+schönen Ländern hörte, habe ich oft ihre Bewohner glücklich geschätzt,
+weil sie solchen Ueberfluß an wohlschmeckenden Erdfrüchten, Tieren,
+Vögeln und Fischen jeder Art, schön eingerichtete große und prächtige
+Häuser, schöne Kleider, einen langen Sommer, keinen Schnee, keine
+Kälte, keine Mücken, sondern nur wünschenswerte und angenehme Dinge
+besitzen, und diese Glückseligkeit, dachte ich bei mir, sei Euch nur
+deshalb zuteil geworden, weil Ihr Gläubige und sozusagen Gottes eigene
+Kinder seid, während wir als Ungläubige zur Strafe in dieses harte
+Land gesetzt seien. Doch oh! wir glücklichen Grönländer! Oh, Du teures
+Vaterland! Wie gut, daß Du mit Eis und Schnee bedeckt bist! wie gut,
+daß, falls Deine Felsen das Gold und Silber, nach welchem die Christen
+so gierig sind, enthalten, dieses mit soviel Schnee bedeckt ist, daß es
+unzugänglich ist. Deine Unfruchtbarkeit macht uns glücklich und befreit
+uns von Gewalt. Pauia, wir sind wirklich mit unseren Lebensbedingungen
+zufrieden. Fleisch und Fische sind unsere ganze Nahrung; Leckerbissen
+kommen nur selten vor, sind dann aber um so willkommener. Das
+eiskalte Wasser ist unser Getränk, es erquickt und umnebelt nicht den
+Verstand, auch beraubt es uns nicht unserer natürlichen Kräfte, wie
+das tollmachende Gebräu, an dem Eure Leute so viel Geschmack finden.
+Unsere Kleidung besteht aus dicken, unansehnlichen Fellen, die aber
+ganz wie für dieses Land geschaffen sind und sowohl den Tieren, solange
+sie sie tragen, wie uns, wenn wir sie von ihnen bekommen haben, gute
+Dienste leisten. Bei uns giebt es also -- Gottlob! -- nicht soviel,
+daß jemand Lust bekommen könnte, uns deshalb totzuschlagen. Wir leben
+somit ohne Furcht. Wohl haben wir hier im Norden die grimmigen weißen
+Bären, doch da wir Hunde besitzen, die für uns mit ihnen kämpfen, haben
+wir nicht die geringste Gefahr zu befürchten. Von Totschlag hört man
+bei uns sehr selten, und er kommt auch nur vor, wenn jemand in den
+Verdacht gerät oder von einem Angekok angeklagt wird, einen Menschen
+mittelst Zauberei umgebracht zu haben; dann wird er ohne Gnade von den
+Betreffenden umgebracht, die ebensoviel Recht zu haben glauben, ihre
+Mitmenschen zu töten, wie die Henker Eures Landes Eure Missethäter.
+Doch sie prahlen nachher nicht damit oder danken gar Gott dafür, wie
+die Herren bei Euch zu Lande, wenn sie die Bewohner eines ganzen Landes
+totgeschlagen haben, wie D. mir erzählt hat. Sie können doch wohl nicht
+dem guten Gotte, der, wir Ihr uns lehrt, das Töten verboten hat, danken
+und lobsingen; es muß ein anderer sein, der Totschlag und Vernichtung
+liebt, am Ende ist es gar der ~Tornarsuk~ (der Teufel)? Doch dies
+kann auch nicht sein, denn dem Satan Ehre geben, hieße dem frommen
+Gotte zuwiderhandeln. Dies mußt Du mir gelegentlich erklären. Ich
+verspreche Dir, daß ich meinen Landsleuten nichts davon sagen werde.
+Sie könnten darüber so böse werden, wie ~Kana~, der nicht Christ
+zu werden wagte, weil er fürchtete, dadurch den sittenlosen Matrosen
+ähnlich zu werden. Ich schreibe Dir nichts über die Bekehrung meiner
+Landsleute, da ich weiß, daß unser Lehrer Dir schon darüber berichtet
+hat. Die Sache, die ich untersuchen soll, werde ich erforschen, so gut
+ich kann. Die Probe mit dem Kompaß konnte ich nicht machen, da die
+Kälte über Jahr nur mäßig war. Die Ursache der beiden widerstreitenden
+Ströme wird wohl die sein, von der Du schreibst. Da Du von den beiden
+beinahe versteinerten Fischen soviel hältst, werde ich Dir noch einige
+zu verschaffen suchen. Sie sind, wie Du Dir gedacht hast, aus dem
+Leersgrunde. Nun habe ich sozusagen mit Dir gesprochen, und Du mit
+mir; jetzt muß ich meinen Brief versiegeln. Der Schiffer ist bereit,
+und der Wind ist gut. Unser gemeinsamer mächtiger Beschirmer führe sie
+glücklich über das große, gefährliche Meer und bewahre sie vor allem
+vor den bösen Menschenjägern, vor denen sie sich, wie ich gemerkt habe,
+am meisten fürchten, und lasse sie unverletzt ihr Vaterland erreichen
+und dort die Freude haben, Dich, Du Lieber, zu treffen.
+
+ Grönland, 1756. Paul Grönländer.
+
+Der Inhalt dieses Briefes verdient Beachtung, und unter anderen dürften
+die Antifriedensbündler unserer Zeit viel daraus lernen können.
+
+Er, wie alles andere, was sonst in diesem Kapitel hervorzuheben
+war, berechtigt uns wohl zu der Behauptung, die ursprüngliche Moral
+des Eskimos nähere sich oft der idealen christlichen, ja stehe
+gewissermaßen über ihr. Denn, wie es oben heißt, die Grönländer wissen
+»weder von Gott, noch vom Teufel, glauben weder an Lohn, noch an Strafe
+nach diesem Leben und führen einen guten Lebenswandel« -- trotzalledem!
+
+Manch einer wird es erstaunlich finden, daß dies vorkommen kann bei
+einem in seinem äußeren Auftreten so tief stehenden Volke, wie es
+am Ende des zweiten Kapitels dargestellt wurde. Andere überrascht
+es vielleicht mehr, daß sich bei einem Volke ohne Religion oder
+wenigstens mit einer sehr unvollkommenen, die wir noch besprechen
+werden, eine so hohe Moral entwickeln konnte. Es steht das im
+Widerspruch mit der bekannten Behauptung, Moral und Religion seien
+nicht von einander zu trennen. Daß die Moral zum wesentlichen Teile
+Naturgesetzen entspringt und sich auf solche aufbaut, dürfte sich beim
+Studium der Eskimogesellschaft ziemlich deutlich ergeben.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +XI.+
+
+Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen.
+
+
+Ich habe wiederholt versucht, dem Leser einzuprägen, daß die
+Eskimos friedfertige, gutmütige Leute sind. Nichts scheint mir ein
+schlagenderer Beweis dafür, als ihre ursprüngliche Rechtspflege.
+
+Wer sich einbildet, daß es den heidnischen Eskimos an jeglicher
+Gelegenheit gefehlt habe, erlittenes Unrecht dem Urteil ihrer
+Mitmenschen zu unterbreiten, befindet sich im Irrtum. Ihre Justiz
+war indessen ganz eigentümlicher Art und bestand in einer Art Duell.
+Dieses wurde nicht, wie in zivilisierten Ländern, mit scharfen Waffen
+ausgefochten; der Grönländer ging hierbei, wie in anderen Dingen,
+vernünftiger vor: er forderte seinen Gegner zu einem Singstreit oder
+Trommeltanz heraus. Man verlegte ihn gewöhnlich auf den Sommer an die
+großen Lagerplätze, wo sich viele Leute mit ihren Zelten versammelt
+hatten. Der Verlauf war der, daß die beiden Gegner sich in einem Kreise
+von Zuschauern beiderlei Geschlechts einander gegenüber stellten. Auf
+ein Tamburin oder eine Trommel schlagend, sangen sie nun abwechselnd
+Spottlieder auf einander. In diesen Liedern, die in der Regel vorher
+gedichtet, bisweilen aber auch improvisiert wurden, erzählten sie
+alles, was der Gegner verbrochen hatte, und versuchten, ihn nach besten
+Kräften lächerlich zu machen. Wer die Zuhörer am meisten über seine
+Witze oder Anklagen lachen machte, blieb Sieger. Auf diese Weise wurde
+auch über so schwere Verbrechen wie Mord abgeurteilt. Es mag uns das
+als eine recht bequeme Strafjustiz erscheinen, aber für dieses Volk
+mit seinem ausgeprägten Ehrgefühl genügte sie. Das Schlimmste, was
+einem Grönländer passieren kann, ist, vor seinen Mitbürgern lächerlich
+oder verächtlich gemacht zu werden, und es ist sogar vorgekommen, daß
+einzelne einer Niederlage beim Trommeltanz wegen auswandern mußten.
+
+Diesen Trommeltanz giebt es noch auf der Ostküste, und er scheint mir
+eine sehr nützliche Einrichtung, die ich uns Europäern wohl wünschen
+möchte. Denn eine schnellere Art, Streitigkeiten beizulegen und die
+Schuldigen zu strafen, kann ich mir nicht denken.
+
+Leider scheinen die Missionare auf der Westküste anderer Meinung
+gewesen zu sein. Als einen heidnischen Brauch hielten sie ihn eo ipso
+für unmoralisch und schädlich, und er wurde mit der Ausbreitung des
+Christentums unterdrückt und ausgerottet. Dalager sagt sogar: »Es
+giebt beinahe kein Laster in Grönland, gegen das unsere Missionare
+heftiger predigen, als diesen Tanz, angeblich, weil dabei alle
+möglichen Leichtfertigkeiten betrieben würden, besonders von der
+Jugend.« Dies gefiel ihm gar nicht. Er räumt ein, daß vielleicht
+einige Unregelmäßigkeiten vorkommen können, meint aber doch, wenn ein
+Mädchen beschlossen habe, bei dieser Gelegenheit den Pfad der Tugend
+zu verlassen, so habe sie sich einen recht unruhigen Zeitpunkt und Ort
+dazu ausgesucht. Man muß ihm beipflichten, wenn er sagt: »Und wahrlich,
+wenn man bei uns zu gleichem Zwecke und mit gleichem Nutzen tanzte,
+würde man jeden zweiten Moralisten und Advokaten sich im Handumdrehen
+in einen Tanzmeister verwandeln sehen.«
+
+Die Folge dieses wenig überlegten Vorgehens ist, daß es in Grönland
+jetzt wirklich weder Recht, noch Gesetz giebt. Die Europäer können
+sich natürlich nicht in die Angelegenheiten mischen oder sollen es
+jedenfalls nicht. Kommt aber einmal ein seltener Fall von schwerem
+Verbrechen vor, so greifen die dänischen Behörden dennoch ein. Der
+Erfolg ist manchmal überraschend. Als vor einigen Jahren ein Mann
+in einer nordgrönländischen Kolonie seine Mutter erschlagen hatte,
+wurde er zur Strafe auf eine einsame Insel verwiesen. Damit er dort
+allein existieren könnte, mußte man ihm einen neuen Kajak und einige
+Lebensmittel für den Anfang mitgeben. Nach einiger Zeit, als die
+Vorräte verzehrt waren, kehrte er zurück und erklärte, dort draußen
+nicht mehr leben zu können, weil sich da nichts fangen ließe. Er bezog
+wieder sein altes Haus, und die einzige Veränderung, die sein Leben
+dadurch erlitt, daß er seine Mutter erschlagen hatte, war -- daß er
+kostenlos in den Besitz eines neuen Kajaks gekommen war.
+
+Eine wirkungsvollere Strafe wenden die Kolonieverwalter bisweilen den
+Frauen gegenüber an, indem sie ihnen für eine bestimmte Zeit den Besuch
+des Kolonialladens verbieten.
+
+Der Trommeltanz war außer dem Gerichtstag auch noch ein großes
+Vergnügen, ja er wurde manchmal nur der Belustigung halber getanzt.
+Dann sangen die Auftretenden Lieder verschiedenen Inhalts, schlugen
+dabei auf eine Trommel und bewegten den Körper in den verschiedensten,
+mehr oder minder burlesken Drehungen und Wendungen. Das hätte die
+Missionare gleichfalls bedenklich machen sollen. Denn Vergnügungen sind
+auch notwendig, sie beleben das Gemüt, was für ein Volk, das in einer
+so harten Natur lebt und so wenige Zerstreuungen hat, gewiß von großer
+Bedeutung ist. Als eine Art Ersatz dafür haben die Eskimos jetzt von
+den europäischen Walfischfängern und Matrosen viele europäische Tänze,
+besonders +reels+, gelernt, die sie zum Teil ihrem Geschmacke nach
+veränderten. In den Kolonien dient gewöhnlich die Tischlerwerkstatt,
+der Speckhausboden oder ein anderer großer Raum als Balllokal, und dort
+wird so oft getanzt, als es der Kolonieverwalter oder die hohen Herren
+erlauben, am liebsten jede Woche. An den andern Wohnplätzen tanzen sie
+auch in den eigenen Häusern.
+
+Solch ein grönländischer Ball mit den vielen Menschen, alten und
+jungen, die teils tanzen, teils als Zuschauer in dichten Gruppen in
+ihrer farbenreichen Tracht an den Wänden, auf den Pritschen und auf
+Bänken stehen, nimmt sich in dem von Thranlampen schwach erleuchteten
+Raume recht malerisch aus. Es ist ein reiches Gemisch von Schönheit
+und herrlichen Formen neben auffallendster Häßlichkeit. Und dazu
+diese übersprudelnde Freude und die außerordentliche, graziöse
+Tanzfertigkeit. Im +reel+ bewegen sich die Beine oft so flink, daß
+das Auge ihnen kaum folgen kann. Die Musik bestand früher meistens aus
+Geigenspiel. Jetzt hat auch die Handharmonika schon angefangen, sich
+dort einzubürgern.
+
+Die armen Eskimos, die den deutschen Herrnhutergemeinden, deren ein
+paar im Lande sind, angehören, dürfen nicht tanzen, ja nicht einmal
+zusehen, wenn andere tanzen, sonst werden sie in den Bann gethan oder
+von den Missionaren auf das schwarze Brett geschrieben.
+
+Als weiteres Vergnügen ist das Kirchengehen anzuführen. Besonders
+lustig finden sie das Singen der Kirchenlieder, und die Frauen mögen es
+so gern, daß sie sich auch bei anderen Gelegenheiten damit ergötzen.
+
+Nicht minder interessant finden die Weiber den Besuch des Ladens. Wenn
+die Oeffnungszeit herannaht, kann man sie mitten im Winter im ärgsten
+Schneegestöber in dichten Gruppen längs der Außenwände stehen und
+auf den Augenblick warten sehen, in dem sich die Thür des Paradieses
+öffnet und sie hineinstürzen können. Die meisten haben gar nicht die
+Absicht zu kaufen, sondern verbringen die Stunden, in denen der Laden
+geöffnet ist, teils damit, daß sie sich alle europäischen Luxusartikel,
+namentlich Kleiderstoffe und Tücher, zeigen lassen, teils damit, daß
+sie den Ladendienern den Hof machen, teils mit dem Austausch mehr oder
+weniger derber Witze, und wohl auch einem wirklichen Einkauf.
+
+[Illustration: Grönländischer Tanz.]
+
+Im Sommer, wenn die Schiffe eben mit Warenvorräten aus Europa
+angekommen sind, ist der Zudrang außergewöhnlich groß. Dann ist
+der Laden den ganzen Tag über in förmlichem Belagerungszustand.
+Die Grönländerinnen lieben, ganz wie ihre Schwestern diesseits des
+Meeres alles Neue, und dies findet daher, sowie es ankommt, reißenden
+Absatz. Die Hauptsache ist, wie ich gemerkt habe, daß die Ware neu
+ist, welchem Zweck sie dient, ist weniger wichtig. So hatte einmal
+die weise Regierung in Kopenhagen gefunden, die Eskimos seien jetzt
+soweit vorgeschritten, daß sie wie andere civilisierte Menschen ohne
+Nachttöpfe nicht mehr auskommen könnten, und demgemäß bestimmt, daß
+dieses Geschirr dort eingeführt würde. Kaum waren diese merkwürdigen
+Gefäße angelangt, kauften alle, die es dazu hatten, sich einen oder
+zwei. Tags darauf kamen die eingeborenen Damen jede mit einem Nachttopf
+in den Laden, stellten ihn auf den Ladentisch und ließen sich ihre
+Butter oder ihre Grütze darin einpacken.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +XII.+
+
+Begabung. -- Kunst. -- Musik.
+
+Dichtung.
+
+Erzählungen Eingeborener.
+
+
+Die Grönländer haben scharfen Verstand und zugleich großes
+Erfindungstalent. Ihre Geräte und Waffen sind dafür, wie wir sahen,
+ein schlagender Beweis. Daß sie Verstand haben, wurde den Missionaren,
+namentlich im Anfange, sehr unangenehm fühlbar, wenn sie so dumm waren,
+sich mit den heidnischen Angekokern aufs Disputieren einzulassen.
+Wenn sie aber auch mundtot gemacht wurden, so hatten sie dafür doch
+oft Argumente in der Hinterhand, die schlagender waren, als die der
+Eingeborenen. Sie führten, wie mein Freund, der Zimmermeister in
+Godthaab zu sagen pflegte, »eine proppere Faust«, und dieser überließ
+die grönländische Friedfertigkeit das Feld.
+
+Als Beispiel ihrer guten Anlagen ist anzuführen, daß sie
+verhältnismäßig leicht lesen und schreiben lernen. Die meisten Christen
+verstehen sich auf beides, und viele sogar ausgezeichnet; ihre
+Schreibfertigkeit ist oft geradezu bewundernswert. Selbst die Heiden
+lernen schnell Domino und Brettspiel, ja sogar das Schach. Mit den
+Eingeborenen in der Gegend von Godthaab spielte ich oft Dame und wurde
+manch liebes Mal von der Geschicklichkeit und Berechnung, die sie dabei
+an den Tag legten, überrascht.
+
+Unsere verschiedenen Fächer scheinen sie sich ziemlich leicht
+anzueignen. Am schwersten wird ihnen das Rechnen, und nur
+verhältnismäßig wenige kommen so weit, daß sie ordentlich mit Brüchen
+rechnen lernen; die meisten haben schon vom Subtrahieren und Addieren
+ganzer Zahlen übergenug, von Division und Multiplikation garnicht zu
+reden. Dieser Mangel an Begabung wurzelt sicher in grauer Vorzeit.
+Die Eskimosprache hat, wie die meisten Natursprachen, ein wenig
+entwickeltes Zahlensystem. Nur für fünf Ziffern giebt es Worte,
+und diese werden an den Fingern abgezählt: »1 = ~+atausek+~, 2 =
+~+mardluk+~, 3 = ~+pingasut+~, 4 = ~+sisamet+~ und 5 = ~+tatdlimat+~,
+welch letzteres annehmbarerweise das ursprüngliche Wort für eine ~Hand~
+gewesen ist. Soll ein Eskimo weiter zählen, so hilft er sich damit,
+daß er für sechs den ersten Finger der anderen Hand (~+arfinek+~ oder
+~+igluane atausek+~), für sieben den zweiten Finger der anderen Hand
+(~+arfinek mardluk+~) u. s. w. nennt. Ist er aber bis zehn gekommen,
+so hat er keine Hand mehr zur Verfügung und muß daher mit den Füßen
+aushelfen. Zwölf heißt also zwei Zehen des einen (~+arkanek mardluk+~
+u. s. w.) und siebzehn zwei Zehen des anderen Fußes (~+arfersanek
+mardluk+~ u. s. w.). So kann er bis zwanzig kommen, was er einen
+ganzen Menschen zu Ende (~+inuk nâvdlugo+~) nennt. Hier haben die
+mathematischen Begriffe vieler Eskimos ein Ende, aber wirklich
+aufgeweckte Köpfe können noch weiter zählen und bezeichnen die Zahl
+einundzwanzig mit einem Finger des zweiten Menschen (~+inûp áipagssâne
+atausek+~) u. s. w. Achtunddreißig sind z. B. drei Zehen am anderen
+Fuße des zweiten Menschen (~+inûp+ +áipagssâne arfinek pingasut+~),
+und mit vierzig ist der zweite Mensch zu Ende (~+inûp áipagssá
+nâvdlugo+~). So erreicht man hundert oder den fünften Menschen zu Ende,
+dann aber kann selbst der begabteste Eskimo mit seiner Sprache nicht
+weiter kommen.«
+
+Dies ist, wie man begreifen wird, eine etwas schwerfällige Weise,
+sich auszudrücken, wenn man sich oft in den hohen Zahlen über
+20 bewegen soll, was früher dort oben selten vorkam, jetzt aber
+durch die Einführung des Handels und des Geldes sich leider mehr
+eingebürgert hat. Es ist daher auch ganz natürlich, daß die
+Grönländer, trotz ihrer merkwürdigen Widerstandskraft gegen fremde
+Worte, die dänischen Zahlworte auch für die niedrigen Zahlen
+immermehr annehmen. Mit deren Hilfe können sie sogar über hundert,
+von ihnen ~+untritigdlit+~ genannt, hinaus. Doch ich hege
+den Verdacht, daß es ihnen noch immer schwer wird, eine so hohe
+Zahl mit einem bestimmten Begriffe zu verbinden. Tausend nennen sie
+~+tusintigdlit+~.
+
+Die primitive Rechenmethode der Eskimos entspricht demjenigen der
+meisten Naturvölker, da Finger und Zehen ja die natürlichsten
+Hülfsmittel zu diesem Gebrauche sind. Auch unsere Vorfahren werden auf
+ähnliche Weise gerechnet haben. Bei aller Unvollkommenheit ist es doch
+ein großer Fortschritt gegen die australischen Stämme, die nur bis
+drei, ja, eigentlich nur bis zwei zählen können und blos die Begriffen
+»eins, zwei und viele« kennen. Daß auch die Vorfahren der Eskimos
+einst auf dieser Stufe standen, deutet ihre ursprüngliche Grammatik
+an, in der es einen +singularis+, einen +dualis+ und einen
++pluralis+ giebt; also grade wie im Gotischen, Griechischen,
+Sanskrit, den semitischen und vielen anderen Sprachen.
+
+Alle Reisenden sind einig im Lobe des Ortssinnes und der
+topographischen Begabung der Eskimos. Als Kapitän ~Ommaney~ 1850
+einen Eskimo vom Kap York bat, ihm die Küste zu zeichnen, nahm dieser
+einen Bleistift, ein Ding, das er noch nie gesehen hatte, und zeichnete
+die Küstenlinie längs des Smithsundes von seinem Geburtsorte nach
+Norden mit verblüffender Genauigkeit auf. Er deutete dabei alle Inseln,
+die größeren Hügel, Gletscher und Gebirge an und versah sie mit ihren
+Namen.
+
+Dem Kapitän ~Holm~ brachten die heidnischen Eingeborenen eine von
+ihnen in Holz geschnitzte Karte der Ostküste von Angmasalik nach
+Norden.
+
+Für mein Empfinden haben die Grönländer ausgesprochen künstlerische
+Anlagen, und wenn ihre Kultur sich wenig nach dieser Richtung hin
+entwickelt hat, so ist dies, glaube ich, dem harten Kampf ums Dasein
+zuzuschreiben, der ihnen dazu keine Zeit ließ. Ihre Kunst[45] besteht
+wesentlich in der Verzierung der Waffen, Geräte und Kleidungsstücke mit
+Mustern und Figuren, entweder in Holz- oder Knochenschnitzerei oder in
+Lederstickerei. Die Figuren stellen oft Tiere, Menschen, Frauenboote
+und Kajake vor, sind aber mehr darauf angelegt, dekorativ oder
+symbolisch zu wirken, als wirkliche Nachbildungen der Natur zu sein, in
+der Regel haben sie rein traditionelle Formen angenommen. Einige haben
+auch religiöse Bedeutung und stellen z.B. den ~+tôrnârssuk+~
+-- einen ihrer Geister übernatürlichen Wesens -- vor. Wenn sie
+sich wirklich bestreben, die Natur nachzuahmen, zeigen sie einen
+außergewöhnlichen Formensinn und große Geschicklichkeit, wovon man
+sich überzeugen wird, wenn man die merkwürdigen Abbildungen sieht, die
+Kapitän ~Holm~ von den Decken und dem Spielzeug auf der Ostküste
+giebt.
+
+Waffen und Geräte waren sicherlich eines der ersten Dinge, auf die
+sich der menschliche Kunstdrang warf; noch früher aber war wohl der
+menschliche Körper selbst sein Gegenstand. Ueberbleibsel dieser ersten
+Kunstform finden wir auch bei den Eskimos, indem die Weiber ihren
+Liebreiz dadurch zu erhöhen suchen, daß sie sich mit Lampenruß gefärbte
+Fäden von Sehnen in geometrischen Figuren und Linien durch die Haut der
+Arme und Beine, auch wohl der Brust und des Gesichtes ziehen.
+
+Merkwürdigerweise scheinen die Grönländer eine Bildschrift, die, wie
+viele meinen, zum Teil der Kunst zum Ausgangspunkt diente, nicht
+gekannt zu haben; sofern man nicht die symbolischen Figuren ihrer
+Ornamente so deuten will. Der einzige Versuch einer wirklichen
+Bildschrift, den ich bei ihnen entdecken konnte, macht keinen
+auffallend talentvollen Eindruck. Es war ein Brief an ~Paul Egede~
+von einem Angekok. Er bestand schlechtweg aus einem Stocke, auf dem mit
+Ruß und Thran Λ gezeichnet war. Der Angekok hatte dem Ueberbringer noch
+nachgerufen: »Falls Pania Angekok nicht versteht, was ich meine, so
+sage ihm, es bedeute ein paar Hosen, die ich vom Kaufmann haben will;
+er wird es aber schon verstehen.«[46]
+
+Eskimos, die groben europäischer Kunst und Darstellungsweise
+gesehen haben, können wunderbare Dinge ausführen, ohne daß man sie
+unterrichtete. Ein Grönländer, Namens Aron, wurde einmal krank und
+durfte nicht ausgehen. +Dr.+ ~Rink~ sandte ihm ein paar
+Schnitzmesser und einige ältere Holzschnitte. Im Bette liegend, begann
+er nun die Sagen der Eskimos zu illustrieren, und er zeichnete nicht
+nur seine Bilder, sondern schnitt auch die Clichés dazu in Holz.
+
+Als Probe ihrer Fertigkeit in der Bildschnitzereikunst bringe ich
+hier die Abbildung zweier in Holz geschnitzter Köpfe, die mir ein
+Eingeborener von einer Ansiedlung im Godthaabdistrikte schenkte. Man
+kann nicht im Zweifel darüber sein, daß der Künstler hier seine eigene
+Rasse unsterblich gemacht hat.
+
+In musikalischer Hinsicht sind die Grönländer recht begabt. Es ist
+auffallend, wie leicht sie unsere Musik auffassen und wiedergeben,
+sei es durch Gesang, den sie sehr lieben, oder auf der Violine, dem
+Harmonium, der Handharmonika und anderen Instrumenten, die sie selbst
+schnell spielen lernen. Dies ist um so auffallender, als ihre eigene
+Musik, die bei den Trommeltänzen gebräuchlich war, wie die der meisten
+Naturvölker eintönig und wenig entwickelt ist. Sie hat nur wenige
+Töne, gewöhnlich nicht über fünf, ist aber trotzdem eigentümlich und
+nicht uninteressant. Sie soll das Rauschen der Ströme nachbilden. Die
+Ostgrönländer erzählten Holm, daß sie die Toten singen hören, wenn sie
+an einem Flusse schlafen, und diesen Gesang versuchen sie
+wiederzugeben.
+
+Das Ursprüngliche ihrer Musik ging natürlich bei der Berührung mit den
+Europäern mehr oder weniger verloren. Man hört dort jetzt auch viele
+europäische Melodieen, und es wirkt recht überraschend, wenn droben
+zwischen Felsen und Gletschern plötzlich Kopenhagener Gassenhauer, wie
+»Gina, Du schöne Maid, willst Du nicht mit?« ertönen.
+
+Die Grönländer haben einen großen Reichtum an Märchen und Sagen, von
+denen viele sehr eigenartig sind. Nichts giebt einen so tiefen Einblick
+in das ganze Seelenleben dieses Volkes, seine Anlagen, Gefühle und
+Stimmungen, wie der Inhalt dieser Sagen und die Art, wie sie erzählt
+werden. Man wird darin Darstellungskunst und Phantasie entdecken und
+außerdem noch einen grotesken Humor, der jedoch natürlich oft in solche
+Derbheiten ausartet, daß an Druck nicht zu denken war.
+
+Außer dieser Sagendichtung und den Erzählungen merkwürdiger Thaten
+hatten die Grönländer auch eine Poesie. Die Gedichte waren entweder
+Spottlieder, die bei den oben erwähnten Trommeltänzen gesungen wurden,
+oder Beschreibungen verschiedener Dinge und Begebenheiten.
+
+Als der Trommeltanz bei der Einführung des Christentums abgeschafft
+wurde, verfiel oder veränderte sich auch die Verskunst. Doch noch
+immer dichten die Grönländer Lieder. Der Inhalt ist oft satirisch und
+macht die Eigentümlichkeiten der Mitmenschen in mehr oder weniger
+harmloser Art lächerlich. Derartige Lieder wurden auch auf einzelne
+Mitglieder der Expedition gemacht, und ich hörte sie oft abends auf dem
+Koloniewege diese Spottlieder singen, ohne daß es mir gelang, eines
+davon zu erhalten. -- Auf +Dr.+ Rinks Veranstaltung wird seit 1861
+in Godthaab ein grönländisches Journal »~+Atuagagdliutit+~«
+herausgegeben. Es wird von ~Lars Möller~ gedruckt, einem
+Eingeborenen, der in Kopenhagen war, um diese Kunst zu erlernen, und
+der auch Bilder dazu zeichnet und lithographiert. Die Zeitschrift
+erscheint alljährlich in zwölf Nummern und wird gratis verteilt;
+die Kosten trägt die allgemeine Landeskasse. Der Inhalt besteht aus
+Uebersetzungen aus dem Dänischen, sowie aus selbständigen Beiträgen von
+Eingeborenen über ihren Fang, Reisen u. s. w. Dadurch ist dort oben
+eine ganz neue Litteratur entstanden.
+
+Ein paar groben von Erzählungen sollen bei dieser Gelegenheit
+mitgeteilt werden. Die erste ist der Bericht des Eskimos Silas über
+seine Reise von Umanak im Godthaabsfjorde nach dem Ameralikfjorde zur
+Unterstützung der vier Mitglieder unserer Expedition, die dort im
+Oktober 1888 zurückblieben, als Sverdrup und ich nach Godthaab reisten.
+Der Kolonieverwalter ~Brummerstedt~ in Holstenborg hat die Güte
+gehabt, den Bericht zu übersetzen. Die Uebersetzung ist eine möglichst
+wortgetreue Wiedergabe des grönländischen Originaltextes. Ich muß noch
+daran erinnern, daß der Verfasser ein gewöhnlicher eingeborener Fänger
+ist, der weiter keine Bildung genossen hat, als den Unterricht, der
+jetzt jedem dort oben zu teil wird.
+
+
+Erzählung
+
+von den Europäern, die Grönland von Osten nach Westen auf dem
+Binneneise durchzogen, und von ihrer Ankunft in Ameralik und Godthaab
+
+(geschrieben von Silas aus Umanak).
+
+Ich will zuerst von unserer Reise nach Korkuk erzählen: Wir Grönländer,
+die wir an den Fjorden wohnen, sind stets darauf bedacht, die Fuchsbaue
+auszunehmen, damit wir durch den Fellverkauf ein wenig Geld in die
+Hände bekommen. Ende September reisten wir, vier Mann hoch, nach
+Korkuk. Nämlich ich, Peter, David und mein Pflegesohn Conrad. Conrad
+hat im Monat Mai vom Vorstande einen Kajak erhalten. Als wir in Korkuk
+angelangt waren, gingen David und ich den nächsten Morgen auf die
+Renntierjagd, Peter und Conrad nach den Fuchsfeldern, wo sie wohl
+Spuren, aber keine Füchse fanden. Da es auch sehr nach Regen aussah,
+machten wir uns den folgenden Tag wieder auf den Weg nach Hause. Als
+der Wind abflaute, gingen David und ich quer über die Bucht. Wir
+sahen einen Fleckenseehund auftauchen, verfolgten ihn, schossen aber
+mehrere Male vorbei, weil es zu hohe Dünung war. Da wir auch weiter
+keinen Seehund sahen, ruderte David von mir fort zu den anderen auf
+der entgegengesetzten Seite der Bucht, während ich dabei blieb, in
+der Mitte zu rudern. Als ich mich unserem Wohnorte näherte, fiel es
+mir auf, daß unterhalb der Häuser ein hölzernes Boot lag. Vor unserer
+Abreise hatte ich gehört, daß die Missionare den Besuch des Verwalters
+aus Godthaab erwarteten, sobald er in Kornok gewesen wäre. Er war auch
+wirklich gekommen. Als ich am Ufer anlegte, entdeckte ich zwei Kajake,
+die nur wenig über die Flutmarke hinaufgezogen waren. Nachher stellte
+sich heraus, daß zwei Postbeamte in den Kajaken der Seminaristen
+gekommen waren.
+
+Sowie ich ausgestiegen war, kam auch schon mein Pflegesohn zu mir an
+den Strand und erzählte mir, daß die Männer, die von der Ostküste
+nach der Westküste über das Binneneis gegangen waren, glücklich am
+Ameralikfjorde angekommen seien. Vier von ihnen wären noch dort in
+der Bucht geblieben und zwei wären in einem Zeugboote in Godthaab
+eingetroffen.
+
+Als ich dieses hörte, erstaunte ich sehr und sagte gleich: »Hätte
+ich sie doch nur im Sommer, als ich in Kapisilik Renntiere jagte,
+getroffen!« (Wir hatten nämlich schon gehört, daß jemand die Reise über
+das Binneneis wagen wollte.) Darauf sagte ich: »Wie haben sie nur in
+einem Zeugboote vom Ameralikfjorde nach Godthaab reisen können? Die
+ganze Küste besteht ja nur aus steilen, unzugänglichen Felswänden. Das
+ist sehr merkwürdig, wir Grönländer würden den Weg nie in einem solchen
+Fahrzeuge zurückgelegt haben.«
+
+Ich ging dann in mein Haus, zog den Fellpelz und die Hosen aus und
+begann zu essen. Bald darauf klopften Kinder an die Fensterscheiben
+und riefen mir zu, ich solle zu Otto (dem Missionar) kommen. Ich zog
+schnell die Hosen wieder an, aber die Kinder riefen mir da durch das
+Fenster zu, daß Otto schon im Begriffe sei, in mein Haus einzutreten.
+Da es zu lange gedauert haben würde, wenn ich noch meinen Anorak
+angezogen hätte, ging ich in Hemdärmeln hinaus und traf ihn neben
+meinem Hauseingange. Als ich heraustrat, sagte er zu mir: »Du kennst ja
+den Weg nach dem Ameralikfjord. Da die vier Europäer dort zu bedauern
+sind, sollt Ihr, Du und Peter, der Kajakmann des Vorstehers, ihnen
+Proviant bringen. Mache Dich also schnell fertig.«
+
+Da ich, wie gesagt, eben erst nach Hause gekommen war, hatte ich gerade
+keine besondere Lust, gleich wieder abzureisen, sagte aber schließlich
+doch ja. Es regnete sehr stark, und als die Uhr nachmittags vier war
+und ich Kaffee getrunken hatte, ging ich, während ich auf die Briefe
+wartete, in das Zelt der Besatzung des Vorstehers, um etwas Neues zu
+hören, und der Steuermann erzählte mir, daß zwei von der Expedition
+Lappen seien. Ich hatte wohl, als ich noch zur Schule ging, von einem
+Volke namens Lappen gehört, aber von seinen Sitten und seinem Aussehen
+wußte ich nichts.
+
+Als die Briefe fertig waren und wir (Peter und ich) den Proviant,
+Spiritus u. s. w. in unsere Kajake gestaut hatten, fuhren wir ab, um
+womöglich noch vor Einbruch der Nacht das Lothaus zu erreichen, denn
+es regnete zu heftig, als daß wir unter freiem Himmel hätten liegen
+können, und es giebt doch keine großen Steine mit Erdlöchern darunter,
+unter denen man schlafen kann.
+
+Als es anfing, dunkel zu werden, landeten wir dort und gingen in das
+Haus. Da aber das Dach nicht dicht war, rann der Regen in die Stube.
+Ich hatte glücklicherweise einen Kaffeekessel und eine Untertasse bei
+mir. Die Untertasse benutzten wir als Lampe und legten uns dann nieder,
+um zu schlafen, so gut wir konnten.
+
+Am andern Morgen kochten wir Kaffee, und sobald es hell war, fuhren wir
+weiter.
+
+Als wir in Itivdlek angelangt waren, trugen wir erst den mitgenommenen
+Proviant u. s. w. über Land nach der unserem Landungsplatze
+entgegengesetzten Seite der Landzunge. Dann nahmen wir unsere Kajake
+auf den Kopf und trugen sie auch dorthin, um uns den Umweg um die
+Landzunge herum zu sparen. Wir dachten vor Abend in den Ameralikfjord
+hineinzukommen, da aber der Südwestwind immer stärker wurde und die
+See hoch ging, kamen wir nur bis an die Nordseite von Kingak; denn ich
+wagte nicht um die Kingakzunge herumzurudern, weil ich nicht genau
+wußte, wie sie bei Sturm zu passieren ist, und da mir bekannt war, daß
+es in der Nähe keine Stelle giebt, wo wir hätten landen können, wenn
+uns der Wind zu stark wurde.
+
+Wir fanden eine Felsenhöhle, krochen hinein und schliefen dort.
+
+Als es anfing hell zu werden und das Wetter einigermaßen still war,
+fuhren wir ab, nachdem wir unseren letzten Kaffee getrunken hatten.
+Nach längerem Rudern kamen wir endlich über die Landzunge, vor der
+ich mich am meisten gefürchtet hatte, hinaus und wandten uns wieder
+dem Lande zu. Weil mein Begleiter diesen Weg noch nie gesehen hatte,
+sagte ich ihm, wie die einzelnen Berge heißen und welchen Weg wir
+einzuschlagen pflegen, wenn wir auf die Renntierjagd gehen.
+
+Wir wußten nichts Bestimmtes über den Aufenthaltsort jener Leute, und
+ich hielt es für das Wahrscheinlichste, daß sie an einem der Zeltplätze
+am tiefsten Einschnitte der Bucht zu treffen wären. Deshalb ruderten
+wir den Fjord hinauf und feuerten, als wir dicht bei Ivigtussok waren,
+vier Schüsse ab, die aber nicht beantwortet wurden. Wir ruderten nun
+gleichmäßig weiter, -- (trafen zwei Seehunde, wollten sie schießen, es
+glückte uns aber nicht, auf Treffweite heranzukommen, da es zu windig
+war), -- bis wir das Binnenende des Fjordes erreichten, und gaben dann
+wieder einige Schüsse ab, die auch nicht beantwortet wurden, worauf wir
+zu fürchten begannen, daß wir die, welche wir suchten, nicht treffen
+würden.
+
+Bald darauf glaubten wir einen Schuß zu hören, wie wir meinten von
+Umiviarssuit her. Ich sagte deshalb zu meinem Begleiter: »Laß uns hier
+bei Umiviarssuit landen und erst die andere Seite des großen Flusses
+absuchen, ob wir sie nicht dort finden, es wäre ja möglich.«
+
+Nachdem wir unsere Kajake durch den Uferschlamm auf das feste Land
+gezogen hatten, nahm ich den Brief und meine Flinte; Peter nahm die
+seine auch mit, damit wir Signalschüsse abgeben konnten. Als ich wieder
+einmal geschossen hatte (Peters Gewehr war naß und dadurch unbrauchbar
+geworden), hörten wir endlich einen Schuß in der Nähe und gewahrten
+große Stiefelspuren; da wir nun nicht mehr daran zweifelten, daß
+wir die Gesuchten finden würden, waren wir wieder bei guter Laune,
+namentlich deswegen, weil wir nun die Lappen sehen würden. Doch als wir
+weiter gingen, fanden wir auch Grönländerspuren. Wir hatten geglaubt,
+wir würden die ersten sein, die zu ihnen kämen, erfuhren aber später,
+daß kurz vor uns zwei andere Grönländer bei ihnen angelangt waren. Bald
+darauf sah Peter ein Zelt, vor dem Leute standen. Er rief Hurrah, und
+ich schoß vor Freude mein Gewehr ab. Dann suchten wir nach dem besten
+Wege zum Zelt hinunter und wurden dabei auf Grönländisch angerufen:
+»~Amuinak~.« (Kommt geraden Wegs herunter.) Wir erkannten die
+beiden Grönländer, es waren der Vorsteher Terkel und sein jüngerer
+Bruder Hoseas aus Sardlok, die eben auch mit Proviant angekommen waren.
+Wir sahen die beiden Norweger und die beiden Lappen eine Mahlzeit
+verzehren und von dem ihnen gesandten Kaffee trinken. Sie saßen an
+einem gedeckten Tisch und benutzten dazu einen ihrer Schlitten.
+
+Als wir bei ihnen ankamen, reichte ich dem einen den Brief, und sowie
+er ihn in der Hand hatte, gab er ihn dem Manne, der am weitesten von
+ihm entfernt saß (Kapitän Dietrichson).
+
+Endlich sahen wir nun die Lappen, nach denen wir uns so gesehnt hatten.
+Wir wunderten uns über ihren Anzug, denn solche Kleidung pflegen die
+Europäer, die in unser Land kommen, nicht zu tragen. Ihr Schuhzeug
+glich Schlittschuhen, die Spitzen waren aufwärts gekrümmt, die Stiefel
+des einen hatten Sohlen, wie die Grönländer sie an ihren haben. Der
+Aeltere der beiden Lappen hatte Sohlen von Renntierknochen, ebenfalls
+mit gebogener Spitze. Sie trugen Renntierfellhosen, die sehr stramm
+saßen, darunter weißwollene Unterhosen, und hatten in ihren Röcken so
+viele Taschen, daß sich die ganze Vorderseite als Versteck benutzen
+ließ. Sie trugen auch Halstücher an deren beiden Enden sich je ein
+Versteck (Tasche) befand.
+
+Der jüngere, Samuel Balto, trug eine hohe Mütze mit vier Hörnern, in
+denen Federn steckten, und einem roten Bande um die Mitte. Der ältere
+Lappe, Ole Ravna, hatte eine lange, rote Mütze, die immer spitzer wurde
+und in einer Troddel endete.
+
+Als die Briefe, die der Verwalter und Otto uns mitgegeben hatten,
+gelesen waren, bekamen wir zu essen und auch Kaffee, der uns ein großer
+Genuß war. Darauf folgten wir ihnen in das Zelt, um mit ihnen zu reden.
+Als wir hörten, daß sie Bücher hätten, suchten wir eins davon aus, das
+auf Dänisch und Grönländisch gedruckt war, und zwei ebenso beschriebene
+Zettel. Indem wir diese benutzten, gelang es uns zuletzt, ihnen
+begreiflich zu machen, was wir ihnen mitgebracht, und sie zu bitten,
+uns die Sachen holen zu helfen, da wir nicht alles allein tragen
+könnten.
+
+Da Terkel und sein Bruder nach Godthaab mußten, sollten Peter und
+ich die Ankunft des Bootes, das die vier Männer auch dorthin bringen
+sollte, abwarten. Otto hatte mir allerdings gesagt, ich solle gleich
+wieder nach Umanak zurückkehren, aber ich wollte lieber warten und die
+Fremden nach Godthaab begleiten, da ich dann höher bezahlt werden
+würde.
+
+Nachdem wir den beiden, die uns beim Holen der mitgebrachten Sachen
+helfen sollten, ein Zeichen gegeben hatten, gingen wir mit ihnen,
+Terkel und seinem Bruder an den Strand und packten dort unsere Vorräte
+aus. Die beiden freuten sich sehr über die Sachen, und wir hatten ihnen
+ja auch vielerlei mitgebracht, unter anderem fünf Roggenbrote und zwei
+Flaschen, in welchen Wein war.
+
+Als wir umkehrten, um alles ins Zelt zu tragen, wünschten wir erst
+Terkel und seinem Bruder eine glückliche Heimreise und verließen sie
+dann. Da wir an eine Spur kamen, erzählte ich Kristiansen und Samuel
+Balto (dem Lappen), daß die Spuren von mir und meinen Gefährten auf
+der Sommerreise herrührten, als wir hier im Juli Renntiere jagten. Ich
+zeigte ihnen auch die Akuliarusiarssukberge und sagte ihnen, daß meine
+damaligen Reisegefährten Conrad und Fredrik hießen und wir dort fünf
+Renntiere geschossen hätten.
+
+Als wir wieder an das Zelt kamen, fing der Lappe an, Hurrah zu rufen,
+und ich stimmte mit ein. Als der Herr (Kapitän Dietrichson) sah, was
+wir mitgebracht hatten, schien er sich auch sehr zu freuen, und nun
+wurde alles ins Zelt getragen, worauf sie sofort anfingen, in einem
+großen Topf Kaffee zu kochen.
+
+Als der Kaffee fertig war, tranken wir ihn und aßen uns satt; nachher
+tranken wir Punsch. Als sie müde waren, sagten sie, wir sollten mit ins
+Zelt kommen, und gaben uns dort einen Schlafsack, in dem drei Männer
+liegen konnten, und in diesem sollten wir mit dem alten Lappen
+schlafen.
+
+Peter aber wollte nicht mit ihm zusammen im Sacke liegen, und ich
+war auch ein bischen abergläubisch (bange), mit Lappen zusammen zu
+schlafen; das kommt davon, weil wir Grönländer sonst nie mit Europäern
+zusammenliegen.
+
+Als Peter durchaus nicht wollte, kroch ich allein in den Sack, konnte
+aber lange nicht einschlafen, teils weil der Lappe (mein Schlafkamerad)
+sehr tief atmete, teils weil wir so viel lachten und die drei in dem
+anderen Sacke sich immerzu neckten. Als sie endlich still waren,
+schliefen wir auch ein.
+
+Als wir am nächsten Morgen aufgewacht waren, gegessen und Kaffee
+getrunken hatten, wollte ich gern auf die Renntierjagd gehen, denn das
+Wetter war gut, und ich mag nicht faullenzen. Da Peter sagte, er habe
+noch nie ein Renntier gesehen, wollte ich ihn mitnehmen, er aber wollte
+nicht mitkommen, weil sein Gewehr noch nicht trocken war. Ich ging also
+allein im Laufe des Vormittags, obwohl es ein Sonntag, der siebente
+Oktober, war. An meinem Winterwohnorte Umanak wäre ich an einem solchen
+Tage schwerlich auf Erwerb ausgegangen, aber ich wollte den Fremden
+gern etwas Fleisch verschaffen, wenn es auch nur ein Hase wäre.
+
+Im Gehen fiel mir ein, daß es Sonntag und der Feiertag ja Gott dem
+Herrn geweiht sei, und ich betete da schnell: »Gieb uns unser täglich
+Brot« u. s. w. Möchten doch alle Christen, wenn sie auf Erwerb
+ausgehen, ohne Bedenken also beten! Ich erklomm langsam den Berg, und
+als ich beinahe oben angelangt war, sah ich in eine Spalte hinein und
+meinte, dort etwas niedergeduckt sitzen zu sehen. Da ich glaubte,
+es seien Renntiere, blieb ich eine Zeitlang still sitzen und guckte
+hinunter. Als sich dort aber gar nichts rührte, zweifelte ich an der
+Richtigkeit meiner Vermutung und begann hinabzuklettern, um zu sehen,
+was es eigentlich war; als ich weiter unten war, sprang eine ganze
+Herde auf, darunter ein sehr großer Bock mit seinen Kühen und mehrere
+andere. Ich ärgerte mich so über mich selbst, daß ich sagte: »Ich
+Dummkopf, weshalb habe ich die Augen nicht aufgemacht, nun habe ich mir
+durch meine Blindheit wieder selbst geschadet!«
+
+Sie liefen anfangs ziemlich schnell, blieben aber bald stehen. Ich
+verhielt mich ganz ruhig und behielt sie im Auge. Nach einer Weile
+liefen sie den Berg, auf dem ich mich befand, hinunter. Als sie mit
+allen Kälbern vorbeigelaufen waren, ging ich hinterdrein, um zu sehen,
+wo sie blieben, und sah sie nun unterhalb des gegenüberliegenden
+Berges. Als sie näher kamen, die Leitkuh in ziemlicher Entfernung von
+mir voran, und der Bock, mir etwas näher, hinterdrein, schoß ich auf
+diesen, obwohl ich die Kuh lieber gehabt hätte, und traf ihn. Aber die
+Kugel verletzte ihn nur am Bug. Ich lud zum zweiten Male, lief ihnen
+nach und traf ihn nun so, daß er tot hinfiel; um die übrigen Renntiere
+kümmerte ich mich nicht mehr, da ich glaubte, sie doch nicht einholen
+zu können.
+
+Als ich das Tier abgehäutet und einen Teil des Fleisches unter Steinen
+versteckt hatte, wickelte ich das, was ich mitnehmen wollte, in das
+Fell und machte mich auf den Heimweg, ohne mich weiter umzusehen, ob
+noch andere Renntiere in der Nähe seien. Unterwegs sah ich erst ein
+großes weißes und dann noch ein sehr großes braunes Renntier über
+den Weg laufen. Beide aber schienen mir zu weit entfernt, um sie zu
+schießen.
+
+Als ich unten am Berge ankam, war es schon Nachmittag geworden. Als ich
+mich dem Zelte näherte, wollte ich erst einen Schuß abfeuern, wie wir
+Grönländer zu thun pflegen, wenn wir ein großes Renntier erlegt haben.
+Da die im Zelte aber Europäer waren und ich nicht viel Pulver hatte,
+ließ ich es sein. Draußen vor dem Zelte war niemand, weshalb ich mich
+ruhig verhielt. Peter kam zuerst heraus, und als er mich sah, fragte
+er, ob ich ein Renntier hätte, und als ich diese Frage bejahte, ging
+er in das Zelt und verkündete dort die Neuigkeit, so gut er es konnte,
+worauf sie alle herauskamen und mich anstarrten.
+
+Ich trat nun zu ihnen hin, und sie freuten sich sehr, ja
+außerordentlich, als ich ihnen eine Keule gab und sagte, sie sollten
+sie kochen. Leutnant Dietrichson gab ich etwas Mark und Fett, weil ich
+gemerkt hatte, daß er anfing, mich lieb zu haben. Als ich gegessen
+und Kaffee getrunken hatte, erzählte mir der alte Lappe, der das
+Renntierfleisch kochte, daß er selbst dreihundert Renntiere besitze.
+
+Obwohl es noch lange nicht gar war, aßen sie schon davon und wollten,
+daß Peter und ich mit aus dem Topfe essen sollten. Ich gab ihnen noch
+mehr Fleisch, das auch gekocht wurde, und so weiter, bis keiner von uns
+einen Bissen mehr essen konnte.
+
+Als wir uns schlafen legten, fingen sie wieder an sich gegenseitig zu
+necken, und da ich sehr müde und schläfrig war, sagte ich zu Peter:
+»Nun fangen sie wieder an und ich bin so müde; sie müssen doch wissen,
+daß heute Sonntag ist.« Und ich sagte zu ihnen: »Heute ist Feiertag!«
+
+Als sie endlich schwiegen, stimmten Peter und ich Kirchenlieder an, die
+wir gelernt hatten. Da waren sie mäuschenstill, und der jüngere Lappe
+sang auch ein frommes Lied.
+
+Als wir erwacht waren, gingen Peter und ich aus, um den Rest des
+Renntierfleisches zu holen, und als wir uns dem Zelte wieder näherten,
+hatte sich der Himmel schon wieder bezogen. Wir legten das Fleisch in
+unsere Kajake, aber sowie wir dort anlangten, kamen uns auch die beiden
+Lappen nach, und ich gab ihnen noch ein großes Stück zum Kochen und
+ging mit ihnen nach dem Zelte. Nachher erhielten sie auch noch den
+Rücken und den Hals des Renntiers zum Verspeisen.
+
+Der Aufenthalt dort wurde uns aber gründlich verleidet, da es zu
+regnen begann und durchaus kein Boot kommen wollte, um uns zu holen.
+Was uns am meisten verdroß, war, daß unser Schuhzeug, obwohl wir zwei
+Paar mitgenommen hatten, ganz entzwei war, so daß wir zuletzt Kamiker
+anziehen mußten, die auf denselben Fuß zugeschnitten waren.
+
+Wir begannen schon davon zu sprechen, daß wir, sowie das Wetter es
+erlaubte, sehen wollten, aus dem Fjord herauszukommen, und wir sagten
+den Europäern, wir wollten die Nacht in unseren Kajaken zubringen, weil
+wir des Morgens nicht so lange schlafen möchten, wie sie es zu thun
+pflegten, da dieses bei uns Grönländern weder Sitte, noch Brauch sei.
+Da sie auch nichts dagegen einwendeten, gingen wir an den Strand, um in
+unseren Kajaken zu schlafen.
+
+Als wir am nächsten Morgen ins Zelt kamen, fragten sie, ob wir gut
+geschlafen hätten, und als wir ja sagten, bedankten sie sich. Nach
+dem Abendessen sagten wir gute Nacht und gingen wieder an den Strand,
+fest entschlossen, am nächsten Morgen, falls das Wetter es erlaubte,
+abzufahren, da es uns zu ungemütlich war, auf Schuhen in solchem
+Zustande herumzulaufen.
+
+Das Wetter war am nächsten Morgen denn auch sehr schön, der Himmel klar
+und blau, und wir machten uns reisefertig, stauten das Fleisch fort u.
+s. w. Da hörten wir plötzlich draußen auf dem Fjord einen Schuß, gerade
+als die Sonne aufging. Wir wußten nicht genau, ob wir recht gehört oder
+nicht, aber bald darauf hörten wir wieder einen und dann noch mehrere.
+Ich beantwortete sie mit meiner Flinte, eilte nach dem Zelte und sah
+von dort hinten auf dem Fjorde zwei Boote mit einer ganzen Menge
+Menschen.
+
+Dieser Anblick machte uns sehr froh, da wir schon gefürchtet hatten,
+daß sie ausbleiben würden.
+
+Als wir alle versammelt waren, konnten wir ein Boot und ein Frauenboot
+erkennen und freuten uns, weil wir nun ja wußten, daß wir alle nach
+Godthaab kommen würden. Der Lappe Balto kochte Kaffee, und als dieser
+fertig war, trank ich davon und wollte gehen. Doch da Peter mich
+zurückrief, kehrte ich wieder um. Es stellte sich heraus, daß sie
+wünschten, ich sollte erst mit ihnen allen essen. Wir aßen uns denn
+auch gehörig satt und tranken Kaffee dazu.
+
+Als sie sich zur Abreise rüsteten und die Bootsleute alle Sachen an
+den Strand trugen, gingen wir wieder nach unseren Kajaken. Nachdem wir
+dort alles reisefertig gemacht, sah ich mich nach den Booten um und
+entdeckte, daß sie schon über den Fjord fuhren. Wir ruderten ihnen nach
+und erreichten nun die entgegengesetzte Seite (Sonnenseite) der Bucht.
+Dort trank die Besatzung wieder Kaffee und aß, worauf wir die Reise
+fortsetzten, denn, obgleich die Ruderer die ganze letzte Nacht nicht
+geschlafen hatten, wollten sie doch weiter. Erst als wir bei +Nûa+
+(Landspitze) waren, erklärte die Besatzung des Frauenbootes, daß sie
+dort Zelte aufschlagen und übernachten wollten, hauptsächlich, weil der
+Fellbezug ihres Bootes zu naß geworden. Das Boot war zu lange im Wasser
+gewesen, ohne daß sie es zwischendurch hatten trocknen lassen, und wir
+meinten alle, es wäre gefährlich, das Boot nicht ein wenig trocknen zu
+lassen und die Löcher im Bezuge nicht zuzunähen. Ich blieb die Nacht
+über da, um ihnen am Abend das Boot ans Land ziehen und es am Morgen
+wieder ins Wasser bringen zu helfen.
+
+Um Mitternacht ging ich aus dem Zelte ins Freie und sah, daß es
+windstill war. Es schien mir am besten, abzureisen, während Stille
+herrschte, weshalb ich die anderen weckte und ihnen sagte, es sei
+besser, jetzt zu fahren. Während der Kaffee gemacht wurde, beluden wir
+das Boot und reisten dann weiter.
+
+Bald darauf näherten wir uns Nunangiak, und der Wind fing jetzt an,
+sich ein wenig aufzunehmen. Als sie nachher bis Tuapagssuak gekommen
+waren, ging ich voraus, um nachzusehen, wo das Holzboot geblieben war,
+da ich nicht wußte, wo jene sich befanden, ob sie die Reise fortgesetzt
+oder für die Nacht Zelte aufgeschlagen hatten. Ich hatte nämlich schon
+Heimweh, ich war ja auch lange von Hause fort. Im Sommer bin ich ja
+manchmal ziemlich lange fort, wenn ich auf Erwerb ausgehe, habe dann
+aber stets einen Kameraden aus meinem Orte, der mich begleitet. Als
+es ganz hell zu werden begann und ich nach Tuapârssunguit gelangte,
+erblickte ich dort das Boot und ein Zelt. Sie waren eben aufgestanden,
+und als ich am Ufer anlegte, kam Peter zu mir hinunter und zog mich
+aufs Land. Er erzählte mir, daß Thee gemacht werde. Es war ja auch sehr
+kalt und wehte sehr frisch östlich von Ameralik her. Wir tranken nun
+Thee und aßen, und die Europäer freuten sich, als sie mich wiedersahen.
+
+Nachdem wir gespeist hatten, fuhren wir ab, und als wir Kingigtorssûp
+erreichten, fingen Kristiansen und ich an, uns anzulachen, weil wir
+jetzt hofften, noch an demselben Tage in Godthaab zu sein. Als wir an
+die Landspitze von Urkusigssap kamen, gingen Peter und ich voran, um
+dem Führer der Expedition einen Brief zu bringen, den sie geschrieben
+hatten. Als wir uns Godthaab näherten, vermuteten die Einwohner dort,
+daß wir kämen, weshalb sie sich versammelten.
+
+Als wir anlegten und ihnen sagten, daß die anderen in der Nähe seien,
+kamen immer mehr Leute herbei. Die Grönländer sehnten sich am meisten
+nach den Lappen, und als sie hörten, daß ich ein großes Renntier
+geschossen, wurden sie ganz eifrig, und ich hörte von ihnen allen
+nichts weiter als Rufe nach einem Stückchen Talg.
+
+Als Peter nach seinem Hause ging, begleitete ich ihn. Ich beneidete ihn
+darum, daß er schon so weit war. Dort tranken wir Kaffee und gingen
+dann zum Verwalter, weil wir glaubten, wir würden gleich bezahlt
+werden. Bald darauf hörten wir rufen, daß die Lappen sich näherten
+(d. h. von den Häusern aus gesehen werden könnten), und ich ging nun
+nach dem Hause des Vorstehers Lars Heilman, bei dessen Frau ich Kaffee
+trank. Ich pflege nämlich in diesem Hause zu schlafen, wenn ich in
+der Kolonie übernachte. Nachdem ich Kaffee getrunken hatte, ging ich
+mit all den anderen Menschen hin, um sie am Ufer anlegen zu sehen. Da
+sich die Europäer und die Grönländer versammelt hatten, stand dort
+eine große Menschenmenge. Nach und nach kam das Frauenboot, das die
+Sachen der Reisenden brachte, und da sie auch mein Renntier in das
+Boot gelegt hatten, ging ich näher ans Ufer hinan, um mein Eigentum in
+Empfang zu nehmen. Nachdem ich etwas davon an die Grönländer verteilt
+hatte, verkaufte ich den Rest vorteilhaft. Für das Fleisch, das die
+Europäer im Fjorde verzehrt hatten, erhielt ich fünf Kronen, für die
+Reise dorthin zwanzig Kronen, für den Renntierkopf drei Kronen und
+für das Fell vier Kronen und fünfzig Oere. Für den Rest erhielt ich
+ungefähr achtzehn Kronen.
+
+Als ich alles Geld erhalten hatte, dachte ich stark daran, mir einen
+Stutzen zu kaufen. Dies war lange meiner Wünsche Ziel gewesen, aber ich
+hatte bisher nicht genug gehabt, um ihn mir kaufen zu können. Ich habe
+freilich einen alten Stutzen, 1874 tauschte ich die Schrotflinte des
+Volontärs (Irmingers, der im Kajak umkam) gegen ein älteres Stutzgewehr
+aus. Diesen Irminger (der im Kajak umkam) werden die Südgrönländer
+gewiß noch kennen. Als er umkam, war ich bei ihm.
+
+Ich kaufte mir also einen Stutzen und werde den alten meinem
+Pflegesohne geben, damit er sich im Schießen üben kann. Er ist 17 Jahre
+alt, und für uns, die wir am inneren Ende der Fjordes wohnen, ist es
+wichtig, ein Gewehr zu haben, sowohl der Renntiere, wie der Seehunde
+und anderer lebender Wesen halber. Ich übernachtete in Godthaab, aber
+ich war nicht recht vergnügt, da mich die Mitglieder der Expedition
+immer quälten, ihnen das Fell des Renntieres, das ich geschossen hatte,
+zu verkaufen, während ich es eigentlich am liebsten selber behalten
+hätte, da es ein Schönes, dichtes Fell war, auf dem es sich im Winter,
+wenn es kalt ist, gut liegt. Ich erlegte ja allerdings im August ein
+großes Renntier, doch sein Fell war so dünn, daß ich es nicht als
++kâk+ (Unterlage auf der Pritsche) zurechtmachen ließ. Als sie
+dreimal gekommen waren, um es zu kaufen, mochte ich nicht länger nein
+sagen und verkaufte es ihnen. Ich sagte dann dem Verwalter, ich wolle
+einen Stutzen kaufen, und bekam auch einen. Als ich mit dem Einkaufen
+fertig war, wollte ich abreisen, da ich mich sehr danach sehnte, nach
+Hause zu kommen. Aber der Nordostwind zwang mich, noch eine Nacht in
+der Kolonie zu bleiben, da ich bei Kasigianguit nicht vorbeizugehen
+wagte, teils des Windes wegen, teils, weil ich so vielerlei im Kajake
+mitnehmen mußte. Am Morgen des nächsten Tages war, als ich aufstand,
+besseres Wetter, und der Wind hatte sich gelegt. Ich fuhr dann über den
+Ausbau Kôrnok nach meinem Wohnorte.
+
+ * * * * *
+
+Die folgende Erzählung ist für den noch immer starken Aberglauben der
+Eskimos bezeichnend und auch für das nächste Kapitel von Interesse.
+Frau Signe Rink hat mir die Uebersetzung zur Verfügung gestellt.
+
+»Endlich komme ich nun mit dem, was ich schon so lange zur
+›Unterhaltungslektüre‹ beitragen wollte. Ich gebe nicht viel, aber was
+ich gebe, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Es handelt von
+den komischen Bräuchen beim Bärenfang in gewissen südlichen Gegenden,
+welche Sitten kaum anderswo bekannt sind. Es war im Jahre 1882-83
+bei ~Augpilagtut~ unweit ~Pamiagdluk~[47]. Bei Augpilagtut stehen
+zwei Grönländerhäuser. In einem wohnen drei Seehundsfänger mit ihren
+Familien, nämlich ~Benjamin~ mit dem Beinamen ~Akâtit~, ~Isak~, der
+auch ~Umangûjok~ heißt, und ~Moritz~. Im andern lebt Matthäus, den wir
+meistens ~Ulivkakaungamik~ oder den »Vollgepfropften« nennen, weil
+»vollgepfropft« seine stehende Redensart ist. Er war damals schon über
+Siebzig, aber doch noch ein guter Fänger, und hatte überdies wiederholt
+ganz allein einen Bären erlegt.
+
+Es begab sich an einem Sonntag, an dem die anderen Fänger alle in See
+waren, daß wir, die Daheimgebliebenen, in Matthäi Hause Betstunde
+hielten. Nach der Betstunde kam Benjamins Sohn, der gleich nach
+beendetem Gottesdienste ins Freie gegangen war, hereingestürmt und
+sagte: ›Draußen steht ein Bär und frißt unsern Speck auf!‹
+
+Diese Nachricht erschreckte mich eben so sehr, wie sie mich erfreute;
+der alte Matthäus aber zitterte förmlich vor Freude und rief: ›Bedankt
+sei, wer eine so gute Nachricht bringt! Ich will gleich hinaus und
+den Bären totstechen!‹ Ich sah ihn an und glaubte, er würde sich nun
+schnell ein passendes Werkzeug dazu aussuchen, ein langes Messer
+oder etwas dergleichen, aber weit gefehlt! Die Waffe, mit der er sich
+versehen hatte, guckte kaum aus seiner geballten Hand hervor. ›Was soll
+das bei dem Pelze und der dicken Speckschicht des Bären nützen,‹ dachte
+ich. Uebrigens erlaubten die Frauenzimmer des Hauses ihm nicht, sich
+mit dem Bären einzulassen, und klammerten sich alle an ihn an, um ihn
+zurückzuhalten, und ich half ihnen dabei. Sie (die Frauenzimmer) lösten
+auch alle ihre Haarknoten auf und schüttelten ihr Haar aus, damit der
+Bär sie für Männer halten und zurückhaltender sein sollte. Unsere
+heidnischen Vorfahren trauten dem Bären nämlich Menschenverstand zu.
+
+Da wir fürchteten, es könne dem Bären einfallen, durch die
+Darmhautscheiben ins Zimmer zu steigen, mußte ich darauf bedacht sein,
+mir irgend eine Waffe zu verschaffen, und fragte deshalb nach der Axt.
+Natürlich aber hatten sie die Axt den Leuten im anderen Hause geliehen.
+Da erblickte ich ein Krummmesser, das auf dem ~Ipak~[48] neben der
+Thranlampe lag, und ergriff es zugleich mit einem Holzstabe von einem
+Kajakkiele, den ich als Schaft an dem Messer befestigen wollte. Kaum
+aber hatte ich beides in der Hand, als mir jemand von hinten zurief:
+›Gieb her, ich habe doch noch ganz andere Kräfte als Du!‹ Es war kein
+andrer, als die verwitwete Tochter des alten Matthäus. Sie entriß mir
+beide Teile.
+
+Jetzt schlug die Wanduhr[49] Elf, und gleich würde der verwünschte Bär
+gieriger aussehen. Ich lief gleich hin, um das Schlagwerk anzuhalten,
+machte es aber in der Aufregung ungeschickt; der Spektakel wurde immer
+größer, bis ich mich endlich soweit gefaßt hatte, daß ich das Lot
+abhaken und das Geräusch dämpfen konnte. Die Frauen hingen noch immer
+an Matthäus, um ihn zurückzuhalten. Da begann plötzlich die Mutter
+des Jungen, der uns die Ankunft des Bären gemeldet hatte, ihre Hosen
+bis übers Knie hinabzuziehen und schwankend im Kreise herumzugehen,
+wobei sie ein paar Heuhalme zusammenflocht. Dies geschah, wie die
+anderen sagten, um die Kraft des Bären zu schwächen und ihn leichter
+zum Umfallen zu bringen. Unterdessen gelang es dem alten Matthäus sich
+loszureißen, ich lief ihm nach und holte ihn ein, als er noch nicht
+ganz aus dem Gange heraus war. Er tuschelte und flüsterte mir zu: »Sei
+still -- er geht jetzt nach der See hinunter.«
+
+Matthäus hatte seine Flinte im Kajak auf dem zur Ebbezeit freiliegenden
+Strande, und als der Bär am Kajak vorübergegangen war, kroch der Alte
+vorsichtig auf allen Vieren auch dorthin. Ich blieb vor dem Hause
+stehen und sah von dort aus, wie sich der Bär auf einmal brummend nach
+ihm umdrehte, und dies erschreckte mich so, daß ich in das andere
+Haus flüchtete und dort in der Eile buchstäblich zur Thür hereinfiel.
+Während ich auf dem Fußboden alle Viere von mir streckte, sah ich
+durchs Fenster[50], wie der Bär und Matthäus einander unverwandt
+anstarrten und nur noch der Kajak zwischen ihnen war, Matthäus Fratzen
+schneidend und der Bär tief brummend, mit weitaufgerissenem Rachen
+und sichtlich entschlossen, gleich zuzubeißen. Matthäus stemmte den
+Fuß fest gegen den Kajak, legte an, ohne die Augen ein einziges
+Mal von dem Bären abzuwenden, und drückte dann ab. Jetzt eilte ich
+hinaus und sah ihn das Tier mit der Seehundslanze durchbohren, darauf
+rief er laut nach dem Hause hinauf, wir möchten so gut sein, uns
+unseren ~+Ningek+~ (Schmackhappen) zu holen. Die gerufenen
+Frauenzimmer blieben im Eifer, an einander vorbeizukommen, in dem engen
+Teil des Hausganges stecken und demolierten ihn zum Teil. Als sie bei
+dem Bären ankamen, tauchten sie die Hände in seine Todeswunde und
+tranken von dem warmen Blute, wobei jede gleich den Teil des Tieres,
+den sie geschenkt haben wollte, nannte. Dann kam endlich die Reihe
+an mich, von dem Blute zu trinken, was ich auch that, indem ich mir
+den einen Schinken als Anteil ausbat. Da wurde erklärt, daß alles,
+was Gliedmaßen heiße, schon versprochen sei und ich überdies versäumt
+hätte, den Bären gleich bei meiner Ankunft anzurühren. Es war wirklich
+dumm, daß ich daran nicht gedacht hatte. Die Mutter des Knaben, der den
+Bären zuerst gesehen hatte, eilte nun ins Haus und kam mit einer Tasse
+Wasser wieder, aus der wir alle einen Schluck trinken mußten, obgleich
+keiner von uns durstig war; hierdurch sollte ihr Sohn beständiges
+Glück auf der Bärenjagd gewinnen, und das Bluttrinken hatte dem ganzen
+Bärengeschlechte zeigen sollen, daß die Menschen seine Todfeinde sind.
+Ehe der Bär zerlegt wurde, klopften alle auf seinen Pelz und riefen:
+»Du bist fett, fett, schön fett!« Doch das geschieht nur, weil aus
+Höflichkeit angenommen wird, daß der Bär wirklich fett sei. Als wir
+dem unseren aber zu Leibe gingen, stellte es sich heraus, daß er ein
+wirklich außergewöhnlich mageres Tier war.
+
+Als der Kopf ins Haus gebracht wurde, ging ich mit, da ich wußte, daß
+mit ihm allerlei Künste würden vorgenommen werden. Er wurde dann auch
+zuerst auf den Ipak gestellt, mit dem Gesicht nach Südosten, worauf
+man ihm das Maul und die Nasenlöcher mit Lampenfettabfall und Speck
+verstopfte und ihm schließlich den Schädel mit allerlei Kleinigkeiten,
+wie zugeschnittenen Schuhsohlen, Sägespänen, Messern, Glasperlen u.
+dergl. verzierte. Die südöstliche Richtung giebt den Weg an, auf
+dem die Bären mit dem »großen Eise« um die Südspitze des Landes
+herumzukommen pflegen. Die Salbe in den Nasenlöchern soll den Bären,
+den man fangen will, daran hindern, die Nähe der Menschen zu wittern,
+und mit dem Lampenfett im Maule will man ihm einen Liebesdienst
+erweisen, da er als ein großer Liebhaber alles gebräunten Fettes
+bekannt ist; die Dinge aber, mit denen sie den Bärenkopf schmücken,
+beziehen sich auf den alten Glauben, daß die Geister ihrer Vorfahren
+ihnen den Bären geschickt haben, um ihnen dadurch solche Dinge zu
+verschaffen, und da nach altheidnischer Rechnung die Bärenseele fünf
+Tage zur Heimreise brauchte, so aß man den Kopf eines Bären auch nie
+vor Ablauf dieser Zeit, da die Bärenseele sonst unterwegs sterben mußte
+und die Gaben der Familie dadurch verloren gehen konnten. Sogar die
+Stelle, wo der Kopf abgeschnitten ist, wird sorgfältig verbunden, damit
+sich die Seele nicht unterwegs verblutet. Ich nenne jetzt alles dieses
+Abgötterei, aber die Heiden glaubten in alten Zeiten, daß alle Dinge,
+sowohl leblose, wie lebende, eine Seele hätten. Doch dies darf man
+nicht mit der unsterblichen Seele des Menschen verwechseln. Daß nun die
+Leute, die hier so tief im Süden wohnen, noch in unseren Tagen, da doch
+seit der Einführung des Christentums schon so lange Zeit verflossen
+ist, noch so fest an den alten Bräuchen hängen, kommt wohl daher, daß
+fast kein Jahr vergeht, ohne daß sie mit den Heiden von der Ostküste
+zusammentreffen.
+
+Im Jahre 1885 verließ ich ~Augpilagtut~. Ich kann nicht bestimmt
+behaupten, daß es nicht auch in ~Pamiagdluk~ noch einzelne
+Familien geben mag, die dem alten Bärenglauben noch anhängen.
+Jedenfalls aber thun es nicht mehr alle -- Isaks nun schon ganz gewiß
+nicht -- und an den Orten, die der Kolonie näher liegen, hat man kaum
+von diesen Bräuchen sprechen hören.
+
+Man hatte mir nicht mitgeteilt, an welchem Tage der Bärenkopf gekocht
+werden sollte, und ich war daher sehr überrascht, als ich plötzlich
+zum Mittagessen aufgefordert wurde. Ich schnitt mir ohne weiteres die
+Schnauze ab, da aber bekam ich etwas zu hören, und sie wurde mir sofort
+wieder aus der Hand gerissen. Dies aber nahm ich wirklich übel, das
+leugne ich nicht, und ich sagte ihnen gerade heraus, daß ich keine Spur
+von alledem glaubte, selbst wenn sie mich für noch so dumm hielten.
+Doch sie versicherten sehr ernsthaft, daß ich von nun an nie einen
+Bären würde fangen können, worauf ich ihnen antwortete, daß sie darin
+wohl Recht behalten würden, weil ich nämlich so kurzsichtig sei, daß
+ein Bär mich lecken könne, ehe ich ihn überhaupt sehen würde.
+
+Außerdem giebt es noch folgende Bräuche: Sehen sie eine Bärenspur im
+Schnee, so müssen sie ein wenig von dem Schnee essen, dann gelingt
+es ihnen sicher, den Bären zu fangen, falls er auf demselben Wege
+zurückkehren sollte. Die kleinen Knaben müssen die Nieren der
+gefangenen Bären verspeisen, damit sie mutig und stark und tüchtige
+Bärenfänger werden. Auch hüten sie sich in den oben erwähnten fünf
+Tagen ängstlich davor, klirrende Geräusche hervorzubringen, da der Bär
+jeglichen Klingklang hassen soll.
+
+Matthäus sagte mir, der Bär, den ich ihn töten sah, sei sein elfter
+gewesen und er habe sich garnicht gefürchtet, weil er hier seine Flinte
+zur Hand gehabt. Früher aber habe er einmal einen auf dem Eise kriechen
+sehen und sei, nur mit der Lanze bewaffnet, auf ihn losgegangen. Doch
+wie lange dies her sei, wisse er nicht mehr, sagte er.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +XIII.+
+
+Die Religion der Eskimos.
+
+
+Die Religion oder religiöse Idee ist eines der merkwürdigsten
+Erzeugnisse des menschlichen Geistes. Mit allen ihren der
+Vernunft widerstreitenden Behauptungen und ihrer verblüffenden
+Unwahrscheinlichkeit erscheint sie bei flüchtiger Betrachtung
+unerklärlich. Deshalb sah man sie zu allen Zeiten als eine
+übernatürliche, göttliche Offenbarung an, die ursprünglich der ganzen
+Menschheit gegeben war. Doch nachdem man die mehr oder weniger
+unvollkommenen Religionen der verschiedenen Völker in ihren oft
+wesentlichen Unterschieden kennen gelernt, zweifelte man an der
+Richtigkeit einer solchen Auffassung und begann immer mehr darüber zu
+sinnen, ob die religiösen Vorstellungen nicht dem Menschengeiste selbst
+zuzuschreiben seien, ob sie nicht ein durch den Einfluß der Umgebung
+entstandenes Produkt sein könnten.
+
+Das Nächstliegende war, in der Menschheit einen angeborenen Hang zu der
+gewissermaßen an und für sich etwas Uebernatürliches repräsentierenden
+Religiosität zu suchen. Eine geheimnisvolle, unerklärliche Ahnung
+treibt, wie Schleiermacher sagt, den Menschen über die Grenzen
+dieser endlichen Welt hinaus und führt ihn zur Religion. Nur durch
+Verkrüppelung dieser Naturanlage kann Religionslosigkeit entstehen.
+»Der Anfang der Religion selbst aber ist das erste Zusammentreffen
+des gewöhnlichen Lebens mit einem außergewöhnlichen, die unfehlbare,
+heilige Vermählung des Universums mit der fleischgewordenen Vernunft zu
+einer schaffenden, erzeugenden Umarmung.«
+
+Nach und nach wurden die Erklärungen weniger vage und hochtrabend.
+Peschel und andere mit ihm meinten, die religiösen Vorstellungen
+seien dem Drange entsprungen, der Ursache und dem Anfang aller Dinge
+nachzuforschen. Oder genauer, es seien die Ursachen der Bewegung,
+des Lebens und des Gedankens, die der Mensch mit seinem angeborenen
+Streben nach Erkenntnis des Absoluten suche. Andere dagegen, wie
+Max Müller, vertreten die Ansicht, das Sehnen nach dem Unendlichen,
+das Streben, das Unbegreifliche zu verstehen und das Namenlose
+zu benennen, sei der tiefe Grundton der Seele, der sich in allen
+Religionen offenbare. Wieder andere, wie O. Pfleiderer, sehen in dem
+angeborenen, unerklärlichen Schönheitsdrang, dem ästhetischen Gefühl
+und der Phantasie des Menschen den ersten Keim religiösen Bewußtseins.
+Einige wollen sogar die religiösen Begriffe auf den Sittlichkeitstrieb
+oder das moralische Bewußtsein des Menschen zurückführen. Jedoch, wenn
+man die Religion der Eskimos, sowie die religiösen Begriffe anderer
+Naturvölker eingehend studiert, zerfallen alle diese philosophischen
+Erklärungsversuche in Nichts. In unserer empirischen Zeit ist man immer
+mehr zu der Erkenntnis gelangt, daß die religiösen Begriffe denselben
+Naturgesetzen zuzuschreiben sind, die alle anderen Phänomene bedingen.
+Immerhin schließen wir uns der von David Hume zuerst aufgestellten
+Behauptung an, daß sie sich hauptsächlich von zwei Gefühlsrichtungen
+oder richtiger zwei »Trieben«, wie sie jedes Tier hat, ableiten lassen,
+nämlich: ~der Furcht vor dem Tode, und dem Wunsche zu leben~!
+Aus dem ersten dieser Triebe entsteht die Furcht vor den Toten, vor
+der unerbittlichen Natur und ihren gewaltigen Kräften, und auch der
+Drang, sich vor ihnen zu schützen. Aus dem zweiten entspringt der
+Wunsch, glücklich zu sein, nebst dem Streben nach Macht und äußeren
+Vorteilen. Daraus folgt dann wieder, daß die Religionen in ihren ersten
+Anfängen nicht uneigennützig, sondern selbstsüchtig sind, und daß der
+Gläubige den Rätseln der Natur und dem Unendlichen nicht so sehr in
+Betrachtung versenkt gegenübersteht, als vielmehr eifrig bemüht ist,
+ihnen Vorteile für sich abzugewinnen. Wo z. B. Amuletten und Fetischen
+Macht übernatürlicher Art zugetraut wird, bedient man sich ihrer und
+betet sie an.
+
+Es ist eine schwere, um nicht zu sagen, unlösbare Aufgabe, den
+Anfang der religiösen Begriffe aufzufinden und festzustellen, unter
+welcher unbestimmten, nebelhaften Form sie entstanden sind, als
+am Morgen der Menschheit die Begriffe klarer wurden und sich aus
+dem tierischen Instinkt der Verstand entwickelte. Es wird mit den
+religiösen Vorstellungen jener Zeit wohl ebenso wie mit den ersten
+organischen Wesen gewesen sein. Die ersten Gebilde hatten entweder
+noch keine so bestimmten Formen angenommen, oder ihre Bestandteile
+waren noch nicht kompakt genug, daß sie hätten Spuren hinterlassen
+können. Was wir finden, sind schon entwickelte Stufen. Die ersten
+religiösen Vorstellungen werden nur äußerst unklare, von vielen
+äußeren Zufällen abhängende Eindrücke gewesen sein, auf die unser
+Denken ebensowenig zurückschließen kann, wie wir uns das Aussehen der
+ersten organischen Wesen auszumalen vermögen. Wir können ebensowenig
+ergründen, auf welcher Stufe der Entwickelung des Menschengeschlechts
+die ersten vagen Anzeichen religiöser Begriffe auftauchten, wie wir
+die Frage verneinen können, ob unsere affenähnlichen Vorfahren davon
+ergriffen worden sind. Es scheint mir nicht einmal sicher, daß den
+Tieren jegliche übernatürliche Empfindung fehlt. Wir können also nicht
+erwarten, bei einer der jetzt lebenden Rassen ein vollständiges Fehlen
+übernatürlicher Begriffe, wie schwach sie auch entwickelt seien,
+zu finden. Verwundern kann es uns nur, daß sie bei einem so hoch
+entwickelten Volke, wie den Eskimos, noch immer auf einer so auffallend
+niedrigen Stufe stehen.
+
+Nach der Kenntnis, die wir von den primitiven Religionen haben, scheint
+es mir wichtiger, die oben erwähnten Triebe nicht als die eigentliche
+Quelle der religiösen Anschauungen anzusehen. Es sind danach vielmehr
+drei Keime oder Momente zu unterscheiden, die den Stoff lieferten, aus
+dem jene beiden Triebe (die wir in einen, den Selbsterhaltungstrieb,
+zusammenfassen können), die religiösen Systeme bildeten. Diese
+drei Momente sind: unsere Geneigtheit, der Natur Persönlichkeit
+zuzuschreiben; ferner der Glaube an ihren und unseren eigenen
+Dualismus, sowie an die Unsterblichkeit der Seele; und schließlich der
+Glaube an übernatürliche Kraft oder Macht gewisser Dinge (Amulette).
+Um einzusehen, von welcher Bedeutung diese Momente sind, besonders auf
+einer niedrigen Stufe, müssen wir uns auf den Standpunkt eines Kindes
+zu stellen suchen, der ja dem des Urmenschen am ehesten entspricht. Das
+Kind legt der Natur nicht nur gelegentlich eine Persönlichkeit unter;
+es betrachtet alle leblosen oder lebenden Gegenstände seiner Umgebung
+als Personen und führt z. B. lange Gespräche mit seinen Spielsachen.
+Ein mir bekanntes Kind stand eines Tages in der Küche und betrachtete
+nachdenklich einige in einem Topfe kochende Würste. Plötzlich fragte
+es die Köchin: »Du, hast Du die Würste tot gemacht?« -- Wir werden uns
+alle aus unserer Kindheit erinnern, daß wir jeden Baum, jeden Berg
+u. s. w. für etwas persönliches hielten. Dieser Hang, die Natur zu
+personifizieren, giebt sich, nach Tylor, auch zu erkennen in unserer
+oft völlig ungereimten Lust, unseren Aerger an leblosen Dingen, die
+uns irgendwie verletzt oder Schaden gebracht haben, einmal gründlich
+auszulassen. Als Sverdrup und ich Grönland durchquerten, hatten wir
+einen Schlitten, der sich schlecht ziehen ließ. Es wäre uns, als wir
+mit ihm fertig waren, eine wirkliche Genugtuung gewesen, wenn wir ihn
+zerschlagen oder uns sonst irgendwie an ihm hätten rächen können. Mit
+dem Kindergemüte unlösbar verbunden ist es auch, in jeder Bewegung oder
+Veränderung seiner kleinen Welt die Bethätigung eines persönlichen
+Willens zu sehen.
+
+In der ersten Kindheitsphilosophie des Menschengeschlechtes mag sich
+diese Auffassung der Naturdinge als lebender Persönlichkeiten ganz
+natürlich und von selbst gebildet haben. Bäume, Steine, Flüsse, Wind,
+Wolken, Sonne und Mond wurden lebende Menschen oder Tiere. Die Eskimos
+glauben noch heute, daß alle Himmelskörper vor ihrer Versetzung an das
+Firmament lebende Menschen waren.
+
+Doch nach oder gleichzeitig mit diesem Hange mag auch ganz natürlich
+der Begriff der Doppelnatur, des Dualismus in der Natur und im Menschen
+selber entstanden sein, das Gefühl eines sichtbaren und natürlichen
+Daseins und das eines übernatürlichen, unsichtbaren. Stellen wir uns
+einmal vor, daß ein unwissender Urmensch das Echo seiner eigenen Stimme
+hörte: mußte er nicht glauben, die Stimme eines anderen Menschen zu
+hören? Er kannte die Schallwellentheorie ja nicht. Als er aber diese
+Stimme immer wieder vernahm und doch keinen Menschen finden konnte,
+mußte er sie natürlich einem unsichtbaren Wesen zuschreiben.
+
+Oder, wenn er den Tau kommen und verschwinden sah, ohne zu wissen,
+woher er kam und wo er blieb; wenn er die Sterne abends aufgehen
+und in der Frühe erlöschen sah; wenn er die auftauchenden und sich
+verziehenden Wolken, den Regen, den Wind, die Strömungen im Wasser
+betrachtete: mußte da nicht der Gedanke an sichtbare und unsichtbare
+Zustände in ihm aufsteigen? Als der Ureskimo zum ersten Male einen
+Gletscher erblickte, ihn als Treibeis das Meer durchschiffen und
+manchmal gewaltige Eisberge bilden sah: konnte er darin etwas anderes
+sehen, als das Wirken ein es ihm unsichtbaren Wesens? Ja, er machte ihn
+selbst zu einem solchen, dessen Abbrechen willkürliche Handlungen waren
+und das er deshalb fürchtete.
+
+Oder, um etwas ganz anderes anzuführen: wenn ein Urmensch seinen
+eigenen Schatten oder sein Spiegelbild im Wasser erblickte, die kamen
+und gingen, die er weder fühlen noch greifen konnte: mußte ihm dabei
+nicht der Gedanke an etwas Wirkliches, allzeit Sichtbares und etwas
+Unwirkliches, nur bisweilen Sichtbares kommen?
+
+Also Gründe genug gab es schon für die Entstehung der Vorstellung
+von dem Dualismus in der Natur, einem sichtbaren und unsichtbaren
+Dasein. Noch stärker aber wird dieser Glaube an die Zwiefältigkeit der
+Natur durch den Begriff, den sich der Urmensch von sich selber machen
+mußte. Wenn er schlief und träumte, er sei auf der Jagd, beim Tanze
+oder bei Freunden, kurz er schweife in der Fremde umher, und sich dann
+beim Erwachen in seiner Hütte liegend fand und von seiner Frau oder
+seinem Kameraden hörte, daß er seine Behausung garnicht verlassen
+habe, so mußte er natürlich glauben, daß er aus zwei Teilen bestehe.
+Der eine der beiden konnte ihn nachts verlassen und alles Mögliche
+erleben, während der andere liegen blieb. Noch existierte für ihn kein
+Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit, wie ja auch die Sprache
+mancher urwüchsiger Stämme, nach Spencer, noch heute nur den Ausdruck
+»ich sah« für »mir träumte, ich sah« kennt. Da er ferner gesehen hatte,
+daß sein Schatten ihn bei Tage, aber nicht bei Nacht begleitete, war
+es ganz natürlich, daß er den Teil seiner selbst, der ihn verlassen
+konnte, ~Schatten~ nannte und damit das bezeichnete, was andere
+Nationen ~Seele~ oder auch ~Geist~ nennen. Wir werden später
+darauf zurückkommen, daß der Eskimo den Glauben an die Seele und
+den Namen dafür auf diese Weise gefunden hat. Der Beweis für seine
+eigene Verwandtschaft mit allen ihn umgebenden Dingen wurde durch die
+Beobachtung, daß auch diese, gleich ihm, Schatten warfen, natürlich
+noch verstärkt.
+
+Als dann der Urmensch dem Tod ins Angesicht sah mußte dies einen
+tiefen Eindruck auf ihn machen und seinen Glauben an die eigene
+Doppelnatur noch mehr befestigen. Er sah denselben Leib, denselben
+Mund, dieselben Glieder vor sich, nur waren sie sonst voller Leben und
+Bewegung, während sie nun still und starr dalagen. Der Körper mußte
+also etwas Lebenspendendes einschließen, und dieses Etwas mußte ganz
+natürlich die Seele sein, die, wie er aus seinen Träumen wußte, den
+Leib ja verlassen konnte. Daß man die Seele, die den Körper beim
+Tode verläßt, mit dem dann fehlenden Atem in Verbindung brachte, ist
+ebenfalls ganz natürlich, und so mag es gekommen sein, daß einzelne
+Eskimos dem Menschen zwei Seelen: ~Schatten~ und ~Atem~
+zuschrieben. Dieser Glaube an den Dualismus der Seele, der bei einigen
+Völkern in den Begriffen Schatten und Spiegelbild Ausdruck findet, ist
+weit verbreitet, und daher stammt auch wohl der Unterschied, den wir
+zwischen Geist und Seele, ~Pneuma~ und ~Psyche~ machen.
+
+Es könnte uns natürlich erscheinen, daß ein Urmensch an den
+gleichzeitigen Tod von Körper und Seele glauben mußte. Manch einer
+mochte es wohl thun; doch da sie in ihren Träumen wieder mit den
+Verstorbenen zusammentrafen, mußten sie auch wieder annehmen, daß deren
+Seele noch lebe. Ueberdies war der Schluß ja auch nicht unnatürlich,
+daß die Seele den Körper dauernd verlassen könne, da sie ihn ja in
+Zwischenräumen, im Schlafe und im Fieber, schon häufiger verlassen
+hatte. So mußte der Glaube an die Fortdauer des Lebens der Seele ganz
+natürlich entstehen, und da der Gedanke an völlige Vernichtung jedes
+lebende Wesen wenig anspricht, hat die Unsterblichkeitsidee von jeher
+in der Brust des Menschen starken Widerhall gefunden.
+
+Da aber die meisten Menschen bange sind vor dem Tode und den Toten und
+deren Gespenstern nicht gern begegnen wollen, da ferner die Furcht über
+große Phantasie verfügt, so verlieh man den Verstorbenen übernatürliche
+Macht; besonders zum Schaden, aber auch zum Helfen. Deshalb versuchen
+die Lebenden, sich die Toten zu Freunden zu machen. Auf solche Weise
+entstand der Kultus abgeschiedener Seelen, der in den Religionen der
+meisten Völker eine so bedeutende Rolle spielt und der, wenn er ihnen
+auch nicht gerade zu Grunde liegt, doch ein wichtiges Moment aller
+Religionen, folglich auch derjenigen der Eskimos bildet.
+
+Daß die Geister der Verstorbenen, namentlich bedeutenderer Menschen wie
+der Hauptleute und Fürsten, mit der Zeit im Volksglauben zu Göttern
+wurden, kann uns nicht befremden.
+
+Das Wort Gott bedeutet ursprünglich, sowohl bei den Hebräern (~+il+~
+oder ~+el+~), wie bei den Egyptern (~+nutar+~) und vielen anderen
+Völkern nur ein mächtiges Wesen und wurde auf Helden so gut wie auf
+Götter angewendet. Und wie es auf Erden besonders mächtige Menschen
+gab, so mußte es auch in der Geisterwelt besonders mächtige Geister
+geben, die natürlich Götter ~+par excellence+~ wurden und besonders
+verehrt werden mußten. Auf diese Weise kommen wir schließlich in dem
+Augenblick, da in der Geisterwelt eine absolute Monarchie errichtet
+wird, zu dem Glauben an einen Gott.
+
+Doch neben dieser Ahnenverehrung lag auch ein für die Entwicklung
+des Aberglaubens äußerst wichtiges Moment in dem Hang des Menschen,
+gewissen Dingen übernatürliche Kraft zuzutrauen. Auf dem primitiven
+Standpunkte nutzte man sie zum Anwenden der Macht der Toten oder zu
+einer Einwirkung auf sie. Auch andere Vorteile versuchte man sich
+dadurch zu verschaffen, und hieraus hat sich im Laufe der Zeit das
+Amulettwesen und zum Teil auch die Fetischverehrung entwickelt. Wie der
+Glaube an die Kraft der Amulette entstehen kann, werde ich weiter unten
+besprechen.
+
+Ein wichtiges Moment in der Entstehung und weiteren Entwickelung
+dieser abergläubischen Ideen ist der Einfluß der Medizinmänner
+(Geisterbeschwörer) oder Priester auf ihre Mitmenschen. Es war
+selbstverständlich, daß einige, und zwar die klügsten Köpfe, sich
+besser auf übernatürliche Dinge verstanden, als die große Masse und in
+näherem Verhältnis zu den Toten standen. Daß sie infolgedessen ihren
+Mitmenschen helfen konnten, wenn es z. B. galt, die Macht der Toten für
+den Vorteil des Einzelnen oder des Ganzen auszunutzen, war klar. Und
+hierdurch erlangte der Priester dann wieder Macht, Einfluß auf das Volk
+und manche Vorteile materiellerer Art. Deshalb hat es auch jederzeit im
+Interesse der Medizinmänner und Priester gelegen, die abergläubischen
+oder religiösen Ideen zu erhalten und zu nähren. Sie erhöhen ihre
+Macht, wie ihre Einnahmen dadurch, daß sie vorgeben, selber daran zu
+glauben, ja daß sie neue göttliche Lehren zu ihrem eigenen Besten
+erfinden.
+
+Bei Völkern wie den Eskimos kommt noch eins hinzu, was einen stark
+färbenden Einfluß auf den Aberglauben hat: das harte, von Glück und
+Zufall abhängende Leben, das sie führen, und die Natur, in der sie
+leben. Daß ein von Jagd und Fischfang lebendes Volk abergläubisch wird,
+ist eine bekannte Thatsache, für die wir in Norwegen ein schlagendes
+Beispiel haben. Vergleichen wir nur den Westländer und Nordländer
+mit dem Ostnorweger. Die ersteren sind hinsichtlich ihres Erwerbes
+größtenteils auf das Meer angewiesen und abhängig von Wind und Wetter,
+Fischzügen u. s. w.; einer ganzen Reihe dem Menschen unbekannter
+Faktoren, die sie mit einem Worte Glück nennen und die ihnen nicht nur
+ungünstig sein, sondern sogar das Leben kosten können. Daher werden
+sie unwillkürlich abergläubisch. Es giebt keine Gegend, wo Pietismus
+und Obskurantismus so fruchtbaren Boden finden wie in Westnorwegen.
+Kommen wir nun zu dem Ostnorweger, so nehmen wir einen auffallenden
+Unterschied wahr. Der Ostnorweger sitzt fest auf seiner Scholle, hat
+freilich auch ein wenig mit Wind und Wetter zu rechnen, sitzt aber auf
+dem Trockenen und ist daher weniger abergläubisch. Wieviel stärker
+aber müssen diese aberglaubenerweckenden Einflüsse erst auf den Eskimo
+einwirken, dessen ganze Existenz von Jagd und Fischfang abhängt!
+Die beständigen Gefahren und die arktische Natur tragen gewiß nicht
+wenig zum verschärfen dieser Einflüsse bei. Eine so wilde, großartige
+Natur wie die grönländische -- mit ihren Gletschern, ihren treibenden
+Eisbergen, Luftspiegelungen, Stürmen und der langen Winternacht mit dem
+flammenden Nordlicht -- gewinnt unwillkürlich Macht über das Gemüt,
+erzeugt Ehrfurcht und Bangen und nährt die Phantasie. Wir stehen
+diesen Wundern mit nüchternem Verstande gegenüber, der Naturmensch
+aber ersetzt, wie das Kind, das fehlende Verständnis durch die Gebilde
+seiner ungezügelten Phantasie, und so verstärkt und entwickelt sich der
+Glaube an das Uebernatürliche.
+
+Die Moral, die sich viele mit den religiösen Begriffen eng verbunden
+denken, hat ursprünglich wenig oder nichts mit ihnen zu schaffen. Sie
+entspringt, wie ich schon hervorhob, dem Gesellschaftstrieb und hat
+bei allen primitiven Völkern nichts mit der Religion gemein. Sie haben
+keinen Lohn im Jenseits für moralischen Wandel.
+
+Die Eskimos sind ein Beispiel hierfür. Wir finden freilich in den
+grönländischen Sagen Andeutungen, daß das Böse, besonders Hexerei,
+von den übernatürlichen Mächten bestraft wird. Die Toten können den
+Lebenden zum Heil die ihnen erwiesenen Wohlthaten vergelten. Die
+Seelen (oder ~+imue+~?) der Tiere können es riechen, wenn
+man ihre Nachkommen allzu grausam umbringt. Die Seele oder der Geist
+des Ermordeten verlangt, daß sein Tod gesühnt werde (Blutrache). Das
+den Schwachen zugefügte Unrecht straft sich auf verschiedene Art u.
+s. f. Doch all das tritt in so unbestimmter Gestalt hervor, daß man
+es nicht als etwas Ursprüngliches (primäres) ansehen kann, sondern
+nur als etwas Hinzugekommenes, da die Gesetze und gesellschaftlichen
+Verhältnisse ganz natürlich in die Sagen hineingemengt werden. Es läßt
+sich daher als der erste unsichere Schritt der religiösen Begriffe zur
+Moral bezeichnen. Erst bedeutend später aber haben Religion und Moral
+einen für beide Teile stärkenden Bund geschlossen. Die Religion erhielt
+dadurch eine gute Stütze, und die Moralgesetze wirkten tiefer, seit
+sie sich eines besonderen, höheren oder göttlichen Ursprunges rühmen
+konnten und dazu noch Belohnungen und Strafen im Jenseits festsetzten.
+
+Es ist ein auffallender Zug aller Religionen, daß sie trotz großer
+Unterschiede in vielen Hauptpunkten wesentliche Aehnlichkeiten
+haben, die über die ganze Erde gehen. Dafür giebt es nur zwei
+Erklärungen: entweder haben alle Religionen einunddieselbe Ursache,
+oder die religiösen Begriffe sind an einer Stelle entstanden und
+haben sich von dort aus über die ganze Erde verbreitet. Ich glaube,
+daß beides zusammenwirkte. Menschliches Gehirn und Nervensystem
+sind bei allen Rassen erstaunlich gleichgebildet. Die Unterschiede
+liegen hauptsächlich in der Entwickelung, der wir den Fortschritt
+der höheren Rassen zuschreiben müssen. Man kann also wohl dasselbe
+von den Gesetzen des Denkens, besonders bei den tieferen, weniger
+komplizierten Verhältnissen annehmen, und da die Erfahrungen in
+gewissem Grade gleich sind, so hat man wohl auch überall dieselben
+Schlüsse gezogen, ist aber dabei auch allenthalten zu denselben
+Hauptirrtümern gekommen. Diese Irrtümer liegen nun allen Religionen
+zu Grunde. Daneben aber haben sich sicher religiöse Vorstellungen
+auch an einzelnen Orten gebildet und sind dann als Wandersagen und
+Märchen zu den andern Völkern der Erde gedrungen. Daß sie selbst zu so
+abgeschieden lebenden Stämmen wie den Eskimos gelangen konnten, werde
+ich später beweisen.
+
+Die Religion der grönländischen Eskimos ist für alle diese Fragen von
+großem Interesse. Sie ist so primitiv, daß mir Zweifel aufsteigen, ob
+sie den Namen Religion überhaupt verdient. Sie besteht aus einer Menge
+Sagen und vielem Aberglauben, beiden Teilen aber fehlt es an fester,
+klarer Gestaltung. Die Begriffe des Uebernatürlichen wechseln mit dem
+Individuellen, und das Ganze macht den Eindruck einer im Entstehen
+begriffenen Religion, einer Masse unzusammenhängender, phantastischer
+Eindrücke, die sich noch nicht zu einer bestimmten Weltanschauung
+krystallisierten. Kurz, ein Standpunkt, wie ihn wahrscheinlich alle
+Religionen einmal eingenommen haben, bevor sie sich weiter
+entwickelten.
+
+Wie alle primitiven Völker haben die Grönländer sich die Natur
+ursprünglich als beseelt gedacht. Jedes Ding, wie Steine, Berge,
+Hausgeräte u. s. w., hatte seine Seele. Spuren dieses Glaubens finden
+wir noch heute. Die Seelen der Werkzeuge, Waffen und Kleider begleiten
+den Abgeschiedenen auf seiner Wanderung nach dem Lande der Toten. Man
+legt sie deshalb auf oder in das Grab, damit sie dort verfaulen und
+die Seelen frei werden. Nach und nach hat sich dieser Glaube in der
+allen Naturvölkern eigentümlichen, unlogischen, verwirrenden Weise
+mit einem ihm anfänglich grundverschiedenen vermischt; dem nämlich,
+daß die Seelen der Verstorbenen ihren Wohnsitz in gewissen Tieren,
+Gegenständen, Bergen u. s. w. aufschlagen können, über die sie sich
+zu Herren machen und von denen aus sie Ausflüge unternehmen, ja sich
+sogar den Lebenden zeigen. So entstand der Glaube, daß in jedem
+Naturgegenstande ein eigenes Wesen wohne, das der ~+Inua+~
+(Besitzer) desselben genannt wird; ein Wort, das sehr bezeichnend
+eigentlich »Mensch« oder »Eskimo« bedeutet.
+
+Nach der Auffassung der Eskimos hat z. B. jeder Stein, jeder Berg,
+jeder Gletscher, jeder Fluß, jeder See seinen ~+Inua+~. Selbst die Luft
+besitzt einen solchen. Das Allermerkwürdigste ist jedoch, daß auch
+abstrakte Begriffe ihren +Inua+ haben können. Es wird z. B. von den
+~+Inue+~ bestimmter Triebe und Leidenschaften gesprochen. Dies mag bei
+einem Naturvolke überraschen, ist aber leicht zu erklären. Wenn z. B.
+ein Naturmensch Hunger hat und ein nagendes Gefühl in seinem Innern
+verspürt, liegt ihm der Gedanke nahe, daß ein lebendes Wesen ihm dies
+zufüge, und dieses Wesen nennt er den ~+Inua+~ der Eßlust oder des
+Hungers. Diese~+Inue+~ sind meist unsichtbar, zeigen sie sich aber,
+so geschieht es, nach Dr. Rink, in Gestalt eines Funkens oder einer
+Flamme, und ihr Anblick ist sehr gefährlich.
+
+Der Mensch selbst besteht, der alten Ansicht der Grönländer zufolge,
+aus mindestens zwei Teilen, ~Leib~ und ~Seele~, die grundverschieden
+sind. Die Seele ist nur einem besonderen Sinne sichtbar, den Menschen
+in besonderer Gemütsverfassung oder von besonderer Begabung
+(Angekoker) besitzen. Sie hat dieselbe Gestalt wie der Leib, ist
+aber aus luftförmigem Stoffe. Die Angekoker erzählten Hans Egede,
+die Seele fühle sich weich an, ja sei eigentlich kaum zu fühlen, als
+hätte sie weder Knochen, noch Sehnen[51]. Die Ostgrönländer meinen,
+die Seele sei ganz klein, nicht größer als eine Hand oder ein Finger.
+Der grönländische Name der Seele ist ~+tarnik+~. Er ähnelt dem Worte
+~+tarrak+~, das Schatten bedeutet, und es ist mir nicht zweifelhaft,
+daß es ursprünglich ein und dasselbe Wort war, da ja der Eskimo, wie
+oben gesagt, Seele und Schatten identifizierte[52]. Dies stimmt völlig
+mit dem überein, was wir bei andern Völkern finden. Der Bewohner der
+Fidschi-Inseln nennt z. B. den Schatten, der ihn nachts verläßt, seine
+schwarze Seele, seine weiße Seele ist das Spiegelbild. +~Tarrak~+
+bedeutet auf Grönländisch Schatten und Spiegelbild, also bezeichnete
+das ursprüngliche Wort für Seele alle drei Dinge. Nach Cranz[53]
+meinten einige Grönländer, der Mensch habe zwei Seelen, den Schatten
+und den Atem (vergl. oben). Es scheint jedoch zu Egedes und Cranzens
+Zeit der Glaube, daß die Seele am engsten mit dem Atem verbunden sei,
+am verbreitetsten gewesen zu sein. Die Angekoker hauchten z. B. den
+Kranken an, den sie heilen oder mit einer neuen Seele begaben sollten.
+
+Als bemerkenswert sei noch erwähnt, daß ein westgrönländischer
+Eingeborener, der Katechet Hanserak, der Kapitän Holm auf seiner Reise
+längs der Ostküste begleitete, über den Seelenglauben der Angmagsaliker
+in sein auf Eskimoisch geführtes Tagebuch schrieb, der Mensch habe
+»viele Seelen«. Die größten wohnten im Kehlkopf und in der linken Seite
+des Menschen und seien winzig kleine Menschen von der Größe eines
+Sperlings. Die anderen wohnten in den verschiedenen Körperteilen und
+seien nur so groß wie ein Fingerglied. Werde eine von ihnen entfernt,
+so erkranke der betreffende Körperteil[54]. Ob dies ein allgemein unter
+den Eskimos verbreiteter Glaube war, geht aus den anderen Berichten
+leider nicht hervor.
+
+Die Seele ist ziemlich selbständig und kann den Körper auf längere
+oder kürzere Zeit verlassen. Sie thut es allnächtlich, wenn sie in
+lebhaften Träumen auf die Jagd oder auf Vergnügungen ausgeht. Sie kann
+auch daheim bleiben, wenn der Körper auf Reisen ist, welche Auffassung
+Cranz dem Heimweh zuschreibt. Sie kann ferner verloren gehen oder
+durch Hexerei gestohlen werden. Dann wird der Mensch krank und muß
+seinen Angekok bitten, der Seele nachzureisen und sie wiederzuholen.
+Ist sie aber inzwischen verunglückt oder von dem Tornarssuk eines
+anderen Angekoks aufgefressen worden, so muß man sterben. Doch kann der
+Angekok ihm eine neue Seele verschaffen oder eine kranke vertauschen
+mit einer gesunden, die er von einem Hasen, Renntiere, Vogel oder einem
+neugeborenen Kinde nimmt.
+
+Zu diesen beiden Teilen des Menschen kommt bei den Grönländern der
+Ostküste, nach Holm, noch ein dritter: der »Name« (~+atekata+~).
+»Dieser ist so groß wie der Mensch selbst und tritt in das Kind ein,
+wenn man ihm gleich nach der Geburt den Mund mit Wasser bestreicht
+und dabei die Verstorbenen ›bei Namen‹ nennt.« Die Kinder aller
+Grönländer, sogar die der christlichen, erhalten meistens den Namen
+des Zuletztverstorbenen, falls noch keiner nach ihm benannt ist. Dies
+geschieht, damit er Ruhe im Grabe habe. Die Ostgrönländer meinen,
+daß der »Name« bei der Leiche bleiben oder erst durch verschiedene
+Tiere[55] wandern müsse, bis ein Kind nach ihm benannt werde. Es ist
+also ihre Pflicht, darauf zu sehen, daß dies geschehe, widrigenfalls es
+für das Kind die schwersten Folgen haben könnte. Dies hat überraschende
+Aehnlichkeit mit dem, was mir Professor Moltke Moe mitteilt über
+den in Norwegen allgemein verbreiteten Glauben, daß die Toten »nach
+dem Namen gehen«. Eine schwangere Frau träumt, dieser oder jener
+verstorbene Verwandte komme zu ihr (gehe nach dem Namen), und sie
+muß nun das Kind nach ihm benennen. Thut sie es nicht, so ist dies
+eine Unterlassungssünde, die schädlichen Einfluß auf die Zukunft des
+Kindes haben kann[56]. Bei den Rolossiern in Nordwestamerika sieht
+die Mutter im Traume den verstorbenen Verwandten, dessen Seele dem
+Kinde Aehnlichkeit mit ihm verleiht. Auch bei den Indianern steht das
+Namengeben mit Träumen in Verbindung[57]. Der Name hat in Grönland,
+wie überall, große Bedeutung. Zwischen zwei Menschen gleichen
+Namens[58] soll Geistesverwandtschaft bestehen, und die Eigenschaften
+des Verstorbenen sollen in den nach ihm benannten Lebenden übergehn,
+der überdies noch verpflichtet ist, den Einflüssen zu trotzen, die den
+Tod des ersteren verursacht haben. Ist er auf dem Meere umgekommen, so
+muß der Erbe seines Namens seine Ehre darein setzen, dem Meere im Kajak
+zu trotzen, welche Anschauung wir auch bei anderen Völkern, z. B. bei
+den Indianern, finden.
+
+Der Grönländer fürchtet sich sehr vor dem Aussprechen eines »toten«
+Namens. Diese Furcht geht, nach Holm, auf der Ostküste so weit, daß,
+wenn zwei denselben Namen führen und einer stirbt, der Ueberlebende
+sofort seinen Namen ändert. Falls der Tote nach einem Tiere oder
+Gegenstande geheißen, wird auch das Wort für diese umgeändert.
+Infolgedessen ist die Sprache großen zeitweiligen Veränderungen
+unterworfen, da die ganze Bevölkerung die umgetauften Worte
+annimmt[59]. Dieselbe Sitte ist sehr verbreitet bei den Indianern in
+Nordamerika und Patagonien, bei den Zigeunern in Europa, ferner in
+Ostafrika, auf Madagaskar, in Australien, in Tasmanien, in Neuguinea
+und auf den Gesellschaftsinseln. Als die Königin ~Pomare~ starb,
+verschwand in Tahito das Wort ~+po+~ (Nacht) aus der Sprache,
+und an seine Stelle trat das Wort +~mi~+[60].
+
+Die Furcht vor dem Nennen der Namen Verstorbener kommt auch in Europa
+vor, nämlich in Deutschland, auf den Shetlandsinseln[61] und wohl noch
+anders. Sie wird gewiß auch bei uns zu finden sein. In Grönland, wie
+bei den eingeborenen Stämmen in Amerika und auf den Sundainseln[62]
+verändern Kranke, die ebenso heißen wie ein Verstorbener, ihren Namen,
+um dem Tode ein Schnippchen zu schlagen.
+
+Die Ostgrönländer fürchten sich auch, ihren eigenen Namen zu nennen.
+Holm sagt, daß sie stets andere baten, an ihrer Stelle zu antworten,
+wenn sie danach gefragt wurden. Als eine Mutter gefragt wurde, »wie ihr
+Kindchen heiße, antwortete sie, sie könne es nicht sagen. Ebensowenig
+konnte der Vater es sagen; er wollte es nämlich vergessen haben, aber
+vom Bruder der Frau konnten wir es erfahren«[63].
+
+Bei den Indianern spielt der Name eine große Rolle und wird sogar
+möglichst geheim gehalten, weshalb man den Träger oft mit seinem
+Beinamen[64] ruft. Bei vielen Völkern geschieht es allgemein, daß man
+die Namen seiner Verwandten, wie den des Gatten, der Schwiegermutter,
+des Schwiegersohnes, der Eltern u. s. w., und auch der Könige nicht
+nennt. Diese Macht des Namens geht bei einigen Völkern ziemlich weit.
+Als der König von ~Dahome~, ~Bossa Ahadi~, den Thron bestieg,
+ließ er alle, die den Namen ~Bossa~ führten, enthaupten.
+
+Diese Furcht vor dem Namennennen ist allgemein menschlich; wir finden
+sie in vielen[65] unserer Sagen wieder, und sie ist bei uns, besonders
+in Westnorwegen[66], Brauch und Sitte. Dies mag daher kommen, daß
+Name und Gegenstand leicht mit einander verschmelzen. So entsteht der
+Glaube, daß man, sobald man den Namen weiß, auch den Gegenstand[67]
+kenne und daher mit dem Nennen des Namens auf den Gegenstand Einfluß
+gewinne. Ein Mensch kann demgemäß seine Macht verlieren, wenn er
+seinen Namen verrät. Deshalb wollen die Toten auch nicht, daß ihr Name
+genannt werde. Nennt man sie doch, so kann dies die Wirkung haben,
+die Toten aus dem Grabe heraufzurufen oder sie dort zu beunruhigen.
+Die Grönländer wagen es z. B. auch nicht, den Namen eines Gletschers
+(~+puisortok+~) zu nennen, weil sie fürchten, er möchte
+es übelnehmen und bersten[68]. Aehnliche Anschauungen sind sehr
+verbreitet, unter anderen bei den Indianern, indem diese Orte und
+Flüsse nicht bei Namen zu nennen wagen[69].
+
+Ueber das Leben der Seele nach dem Tode scheinen die Grönländer
+verschiedener Meinung gewesen zu sein. Einige, die von den Missionaren
+dumme, vertierte Menschen genannt werden, meinten, mit dem Tode sei
+alles aus, und es könne kein Leben im Jenseits geben. Die meisten
+Grönländer scheinen jedoch geglaubt zu haben, daß die Seele, wenn
+sie auch nicht ganz unsterblich sei, doch den Leib überdauere oder
+jedenfalls wieder auflebe, nachdem sie mit ihm gestorben. Dann gelange
+sie entweder an einen Ort unter der Erde oder unter dem Meere, oder
+auch in die Oberwelt oben im Himmel oder vielmehr zwischen diesen
+und die Erde[70]. Der erstgenannte Ort gilt für den besten, dort
+ist ein gutes Land, wo es, nach Hans Egede, »schönen Sonnenschein,
+gutes Wasser, Tiere und Vögel in Menge« giebt. Es wird manch einen
+verwundern, daß sie im Gegensatze zu uns ihren besten Ort unter die
+Erde oder das Meer verlegen. Doch dies scheint mir dadurch leicht
+erklärlich, daß sie sahen, wie der Himmel und die Berge sich im Wasser
+spiegelten, und ursprünglich dies für eine andere Welt hielten. Später
+haben sie freilich entdeckt, daß sie nur das Spiegelbild gesehen. Aber
+der ursprüngliche Glaube an eine Unterwelt hat sich dennoch erhalten,
+und es ist gerade charakteristisch, daß diese unter das Wasser verlegt
+wird und viel Sonnenschein hat; denn die Sonne hat wohl meistens
+geschienen, wenn sie das Spiegelbild sahen.
+
+Der andere Ort in der Oberwelt ist kälter. Er hat wie die Erde Berge
+und Thäler, und über ihm wölbt sich der blaue Himmel. Dort leben
+die Seelen der Abgeschiedenen in Zelten rund um einen See herum,
+und wenn dieser überfließt, regnet es auf Erden. Hier gibt es viele
+schwarze Rauschbeeren, auch sind hier viele Raben, die sich den alten
+Weiberseelen[71] unaufhörlich auf den Kopf setzen, schwer zu vertreiben
+sind und wohl die Läuse unserer Welt vertreten. Bisweilen kann man
+bei Nacht die Seelen dort oben mit einem Walroßkopf Fußball spielen
+sehen. Auf der Ostküste glaubt man jedoch, daß das Nordlicht nur aus
+den Seelen totgeborener, zu früh geborener, ermordeter oder heimlich
+geborener Kinder bestehe. »Diese Kinderseelen fassen einander bei
+den Händen und tanzen einen wirbelnden Rundtanz. Sie spielen Ball
+mit ihrer Nachgeburt, und wenn sie Waisenkinder sehen, laufen sie
+ihnen entgegen und werfen sie zu Boden. Sie begleiten das Spiel mit
+einem pfeifenden, schrillen Laute«[72]. Deshalb heißt das Nordlicht
+auch +Alugsukat+, welches Wort auch Abort und heimlich geborenes
+uneheliches Kind bedeutet. Diese Auffassung der Grönländer scheint nahe
+verwandt mit dem Glauben der Indianer, die im Nordlichte den Reigen
+abgeschiedener Seelen sehen[73].
+
+Eine Hölle haben die Eskimos nicht. Die obenerwähnten Aufenthaltsorte
+der Seelen sind nur mehr oder weniger gut, aber eine Beziehung zwischen
+den guten oder bösen Thaten des Menschen und dem Ort, an den er nach
+seinem Tode kommt, giebt es nicht.
+
+Egede[74] behauptet jedoch, in das herrliche Land unter der Erde kämen
+nur »die Frauen, die im Kindbette starben, die Männer, die im Meere
+ertrinken, und Walfischfänger, was gewissermaßen eine Belohnung sein
+soll für das Schlimme, das sie hier auf Erden ausgestanden haben. Alle
+anderen aber kommen in den Himmel«. Es scheint mir nicht ausgemacht,
+daß dies der allgemeine Glaube war. Einen ähnlichen finden wir auch
+bei uns. Eine alte Frau in Telemarken sagte zu Professor Moltke Moe
+von ihrem Sohne: »Ja Du, seinetwegen kann ich ruhig sein, er ging
+geradeswegs in den Himmel. Du weißt ja, es steht in Gottes Wort, daß
+alle, die in See bleiben oder im Kindbett sterben, unmittelbar in
+Gottes Reich eingehen«[75].
+
+Nach der Aussage einiger scheint es jedoch, als ob auch andere
+Grönländerseelen in die Unterwelt gelangten. Dies sollte unter
+anderem von der Behandlung der Leiche abhängen. So sagt Paul Egede
+(Grönländische Berichte, Seite 147), »daß die Kranken, die in den
+letzten Zügen liegen, gewöhnlich vorsichtig aus dem Bette gehoben und
+auf dem Fußboden zum Begräbnisse eingekleidet werden. Das Niederlegen
+bedeutet gleichsam die Niederfahrt unter die Erde, die sie dem Toten
+wünschen. Stirbt einer aber, bevor er niedergelegt ist, so muß er
+in den Himmel.« Auf die Frage, weshalb man einen Hundekopf auf ein
+Grab gelegt habe, erhielt er die Antwort: »Es ist bei einigen unserer
+Mitmenschen so Brauch, einem Kinde, wenn es begraben wird, einen
+Hundekopf mitzugeben, weil er Spuren finden und dem Kinde, wenn es
+wieder lebendig wird, den Weg in das Land der Seelen zeigen kann. Denn
+Kinder sind dumm und unverständig und können allein den Weg nicht
+finden«[76]. Kapitän Holm[77] scheint die Richtigkeit dieser Auffassung
+(die er übrigens nach Hans Egede anführt) zu bezweifeln, und zwar aus
+dem Grunde, weil er bei den Ostgrönländern solch einen poetischen
+Brauch nicht entdecken konnte. Mir scheint dies nicht berechtigt, denn
+einerseits dürfen wir die so bestimmte Aussage eines Mannes, wie Paul
+Egede, der die Grönländer und ihre Sprache aus dem Grunde kannte,
+nicht in Zweifel ziehen, andrerseits aber muß man stets bedenken,
+wie religiöse Begriffe hin und her schwanken und veränderlich sind.
+Ueberdies finden wir ja entsprechende Bräuche bei den Indianern. Die
+Azteken schlachteten bei Beerdigungen einen Hund, banden ihm einen
+baumwollenen Faden um den Hals und verbrannten ihn oder begruben ihn
+mit der Leiche. Er sollte den Verstorbenen über die tiefen Wasser des
+Chiuhnahuapa ins Totenreich[78] führen.
+
+Die Reise in das schöne Land ist jedoch nicht leicht. Egede sagt,
+unterwegs sei ein hoher, spitzer Steinblock, »den die Toten
+hinunterrutschen müssen, weshalb der Stein blutig ist«. Cranz
+behauptet, die Seelen brauchten fünf Tage oder noch länger, um diesen
+Stein oder diesen Felsen hinabzurutschen, bevor sie weiter könnten.
+Besonders beklage man die Armen, die diese Reise bei stürmischem
+Wetter oder im Winter machen müßten, weil die Seele dabei leicht zu
+Schaden kommen könne. Die Grönländer nannten dies den zweiten Tod,
+mit dem alles zu Ende sei[79]. Sie fürchteten dies sehr, und die
+Ueberlebenden hatten in diesen Tagen gewisse Vorsichtsmaßregeln zu
+beachten, damit die Seele nicht verunglücke. Aehnliche Sagen von vielen
+Schwierigkeiten auf der langen Reise der Seele nach dem Land der Toten
+finden wir bei den meisten Völkern[80]. Annehmbarer Weise sollten diese
+Schwierigkeiten ursprüglich Prüfungen sein, die die Guten leichter
+überstehen als die Bösen. Da nun bei den Eskimos diese Schwierigkeiten
+kein Prüfstein für Gut und Böse sind, so scheint damit bewiesen, daß
+diese Sage mit ihren Ausschmückungen von anderen entlehnt ist, und
+zwar zunächst wohl von den Indianern. Namentlich erinnert der spitze
+Stein stark an den »Bergkamin« der Indianer, »dessen schmaler Grat
+so scharf ist wie das schärfste Messer« und über den der Weg nach
+~Wanaretebe~, der Wohnstätte der Seelen, führt[81].
+
+Auch den Tieren scheinen die Grönländer allgemein eine Seele zuerkannt
+zu haben. Wie die Menschenseele konnte sie den Körper überleben und ins
+Jenseits reisen, was z. B. aus der im zwölften Kapitel mitgeteilten
+Bärengeschichte deutlich genug hervorgeht. Es ergiebt sich auch aus
+der erwähnten Sitte, Hundeköpfe auf Kindergräber zu legen. Natürlich
+soll die in dem Kopfe wohnende Hundeseele die Kinderseele geleiten.
+Dies ist übrigens ein unter Naturvölkern allgemein vorkommender Glaube.
+So meinen die Kamschadalen, daß die Seele jedes Tieres, selbst des
+kleinsten Flohs in der Unterwelt wieder auflebe.
+
+Der Grönländer kennt viele höhere übernatürliche Wesen. Von denen,
+die den Menschen am nächsten stehen und von denen diese durch ihre
+Angekoker am meisten Nutzen haben, müssen zuerst die ~Tôrnat~
+(Plural von Tôrnak) genannt werden. Es sind die dienstbaren Geister
+der Angekoker, die ihnen zu ihrer übernatürlichen Macht verhelfen.
+Man denkt sich darunter oft die Seelen Verstorbener, besonders der
+Großeltern und Vorfahren. Es können aber auch die Seelen verschiedener
+Tiere sein, und ebenso anderer übernatürlicher Wesen menschlichen
+Ursprunges wie die weiter unten zu besprechenden Kivitut oder
+wirkliche, im Meere oder im Innern des Landes hausende Geister. Auch
+Seelen abwesender Europäer. Jeder Angekok hatte in der Regel mehrere;
+einige erteilten ihm Rat, andere halfen ihm in Gefahr, und wieder
+andere vollzogen seine Zerstörungs- und Rachegelüste. Letztere sandte
+er aus, um die, deren Untergang er beschlossen hatte, als Gespenster zu
+Tode zu ängstigen.
+
+In Verbindung mit den Tôrnat oder über ihnen steht der Tôrnârssuk,
+der in der allgemeinen Meinung als ihr direktes Oberhaupt oder doch
+als ein sehr mächtiger Tôrnak galt. Er war beinahe ein Gott, mit dem
+der Angekok durch seinen Tôrnak in Verbindung treten und von dem er
+Rat erhalten konnte. Oft scheinen dem Tôrnârssuk auch böse Dinge
+nachgesagt worden zu sein, und es ging ihm wohl darin wie allen anderen
+übernatürlichen Wesen, daß es ganz von dem Angekok abhing, ob er ihn
+als Nutzenspender oder als Schadenbringer austreten lassen wollte.
+Der Tôrnârssuk hatte sein Heim in der Unterwelt im Lande der Seelen.
+Ueber sein Aussehen waren die Begriffe unklar, einige hielten ihn für
+gestaltlos, nach anderen sollte er einem Bären gleichen, wieder andere
+stellten ihn als einen einarmigen Riesen dar, und manche behaupteten
+sogar, er sei so klein wie ein Finger. Ebensowenig scheint man,
+nach Hans Egede, über sein Wesen völlig ins Reine gekommen zu sein.
+Während einige ihn für unsterblich hielten, glaubten andere, daß er
+außerordentlich leicht zu töten sei. So erzählt Egede von den magischen
+Operationen der Angekoker und ihren Unterredungen mit dem Tôrnârssuk:
+»Dann aber darf keiner der Anwesenden schlafen, sich den Kopf kratzen
+oder gar von hinten einen gehen lassen, denn ein solcher Pfeil, sagen
+sie, kann sowohl den Hexenmeister, wie den Teufel selbst (d. i. den
+Tôrnârssuk) töten.« Dr. Rink glaubt, hier liege ein Mißverständnis
+Egedes und der übrigen Missionare vor und im ganzen habe man über das
+Aussehen, wie über das Wesen des Tôrnârssuk nicht viel gewußt. Die
+Heiden der Ostküste sind jedoch, wie wir sehen werden, ziemlich genau
+über ihn unterrichtet.
+
+In diesem Tôrnârssuk haben viele ein höchstes, von den Eskimos
+angebetetes Wesen sehen wollen, das unserem Gott entspreche. Trotzdem
+wurde er bei der Einführung des Christentums in den Teufel verwandelt
+und gilt nun dafür. Ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, daß
+Egede und die ersten Missionare ein wenig Anteil an der Fabrikation
+seiner Gottesvertretung haben. Sie kamen sicherlich, wie viele
+Heidenmissionare, mit der vorgefaßten Meinung ins Land, jedes Volk
+müsse einen Gottesbegriff oder den Glauben an ein höchstes gutes
+Wesen haben. Davon ausgehend haben sie gewiß die armen Heiden solange
+mit Fragen über ihren Tôrnârssuk gequält, bis die Antworten danach
+ausfielen. Dann werden sie soviel von ihrem guten, allmächtigen Gotte
+geredet haben, daß die Heidenpriester, um nicht zurückzustehen, nun
+ihrerseits versicherten, sie hätten auch einen solchen Gott. Daß er ein
+so großer Geist nicht war, wie allgemein betont wird, geht deutlich
+aus Kapitän Holms Bericht über den Glauben der ostgrönländischen
+Heiden hervor. Ihr Tôrnârssuk ist eher ein bescheidenes Tier, das im
+Meere lebt und das sowohl Angekoker, wie gewöhnliche Menschen sehen
+können und gesehen haben. Sie beschreiben ihn ganz genau, haben
+sogar zahlreiche Abbildungen von ihm. Er ist so lang wie ein großer
+Seehund, aber dicker als dieser und hat unter anderem lange Fangarme.
+Holm ist nach ihrer Beschreibung zu der ketzerischen Ansicht gelangt,
+daß der Tôrnârssuk ein ganz gewöhnlicher Tintenfisch sei. Er frißt
+die geraubten Seelen und ist oft ganz rot von Blut. Man kann sagen,
+wenn dies aus dem ursprünglichen Gottesbegriff hat werden können, so
+ist er in betrübender Weise heruntergekommen. Dazu giebt es auf der
+Ostküste nicht nur einen, sondern jeder Angekok hat, nach Holm, seinen
+Tôrnârssuk. Er hat dort auch einen Gehülfen, den ~Aperketch~, der ein
+schwarzes, bis zu zwei Ellen langes Tier mit großen »Kneifzangen am
+Kopfe« ist. Holm sagt ausdrücklich, daß er kein Anzeichen von einem
+Glauben an die Herrschaft des Tôrnârssuk über die Tôrnat habe entdecken
+können. Wir werden also von der Macht und Bedeutung, die ältere
+Verfasser diesem Geiste zuschrieben, ein wenig abziehen müssen[82].
+Es scheint mir klar, daß dieser Glaube an den Tôrnârssuk, wie an die
+Tôrnat von einem Glauben an die Geister oder Gespenster der Vorfahren
+abzuleiten ist. Dies geht vielleicht auch aus den Worten selbst hervor.
+Meiner Ansicht nach konnte ~Tôrnak~ dasselbe Wort sein wie +~tarnik~+
+oder +~tarnek~+ (Seele), welches wieder +~tarrak~+ (Schatten) gleich
+ist. Eine Stütze für diese Annahme finden wir darin, daß +tôrnak+
+auf der Ostküste +~tartok~+ oder +~tartak~+ heißt, welches dasselbe
+Wort wie +~tarrak~+ ist[83]. Es kommt mir demnach wahrscheinlich vor,
+daß alle diese Worte ursprünglich nur eines waren, das Schatten,
+Spiegelbild der Seele bedeutete und auch die Seelen Verstorbener
+bezeichnete. Nun aber ist Tôrnârssuk sicherlich von Tôrnak abgeleitet
+und war vielleicht ursprünglich identisch mit Tôrnârssuak, d. h. dem
+großen oder dem bösen, häßlichen Tôrnak. Damit wäre dann wieder gesagt,
+daß er ein mächtiger Tôrnak war, der allmählich bei einigen Stämmen zu
+einer Art Herrschaft über die anderen Tôrnat oder Seelen Verstorbener
+gelangte.
+
+Daß die Grönländer diese zum Gegenstande besonderen Aberglaubens
+machten, erklärt die Furcht, die sie noch immer vor den Toten hegen,
+mehr noch vor deren Gespenstern, die sich oft sehen lassen und sehr
+gefährlich, aber auch freundlich sein können. Ihre leiblichste Art,
+sich zu zeigen, ist durch Pfeifen und durch Ohrenklingen. Im letzteren
+Falle bitten sie um Speise, weshalb man dann in Grönland sagt: »Nimm
+nach Belieben«, nämlich von meinem Vorrat[84]. Daß ein Gespenst nicht
+immer gefährlich ist, ergiebt sich aus der Erzählung Nils Egedes[85]
+von einem Knaben in Godthaab, der, als er einmal mit einigen anderen
+in der Nähe des Grabes seiner Mutter spielte, plötzlich jemand aus dem
+Grabe steigen sah. Er und die anderen liefen fort, aber das Gespenst
+lief ihnen nach, ergriff den Sohn, »hielt ihn fest, küßte ihn und
+sagte: Sei nicht bange, ich bin Deine Mutter und liebe Dich,« und
+dergl. mehr. Die Bräuche bei Todesfällen und Begräbnissen zeigen, wie
+sehr sie sich vor den Toten und besonders deren Seelen oder Gespenstern
+fürchten. Oft wird den Sterbenden kurz vor dem Tode das Leichenkleid,
+meistens ihr bestes Gewand, angezogen. Häufig werden ihnen auch die
+Beine so gebogen, daß die Füße das Hinterteil berühren, und dann
+werden sie so in ein Fell eingenäht oder eingewickelt. Das letztere
+wohl deshalb, weil sie so weniger Platz einnehmen und in ein möglichst
+kleines Grab gelegt werden können, und zwar geschieht dies bei
+lebendigem Leibe, damit die Ueberlebenden die Leiche nicht mehr als
+nötig zu berühren brauchen. Die Furcht vor dem Berühren der Toten geht
+so weit, daß sie (wie oben erwähnt wurde) einem Verunglückenden (z.
+B. einem Kajakmann, der dem Ertrinken nahe ist) auf keinen Fall Hülfe
+leisten würden, sobald sie glauben, er sei dem Tode nahe.
+
+Die Toten werden sofort nach dem Abscheiden hinausgebracht, und zwar,
+wenn sie in einem Hause gestorben sind, durch das Fenster. Sterben sie
+aber im Zelt, so durch eine eigens für diesen Zweck in die Hinterwand
+gemachte Oeffnung[86]. Dies stimmt merkwürdig mit der in Norwegen
+allgemein verbreiteten Sitte, die Leichen durch eine für diesen Zweck
+gemachte Oeffnung in der Wand hinauszutragen[87]. An beiden Stellen
+liegt wohl der gleiche Grund vor, nämlich der Seele durch das Schließen
+dieses Einganges die Rückkehr unmöglich zu machen, was nicht geschehen
+könnte, wenn die Leiche durch den Hausgang oder die Thür hinausgebracht
+würde. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Grönländer diese Sitte
+von den alten Norwegern oder den Isländern in Grönland erhalten haben.
+Wir finden sie in mehreren Sagen als bei den heidnischen Isländern
+üblich angeführt. In der »+Eyrbyggia+«[88] heißt es: »Darauf
+ließ er hinter dem Toten ein Loch in die Wand brechen und brachte
+ihn hinaus.« Auch die Sachen der Toten werden sofort hinausgeworfen,
+damit sie die Lebenden nicht verunreinigen. Dies erinnert an unser
+Leichenstrohverbrennen, welcher Brauch bei allen uns verwandten
+Volksstämmen in Europa ebenfalls besteht[89].
+
+Die Ueberlebenden tragen auch ihre eigenen Sachen ins Freie, damit der
+Todesgeruch ausziehe. Sie werden entweder abends wieder hereingeholt
+oder bleiben, wie auf der Ostküste, mehrere Tage draußen. Dort tragen
+die Verwandten des Verstorbenen ihre bisher getragenen Anzüge nicht
+wieder; man wirft sie fort[90].
+
+Sobald die Leiche draußen ist, zündet eine Frau einen Kienspan an,
+schwenkt ihn hin und her und sagt: »Hier ist nichts mehr zu holen!«
+Dies geschieht wohl, um der Seele zu zeigen, daß alle ihre Sachen
+hinausgeschafft sind.
+
+Der Tote wird entweder begraben oder ins Meer geworfen (falls einer
+seiner Vorfahren im Kajak umgekommen ist?). Seine Habe, wie Kajak,
+Waffen und Anzüge, oder bei weiblichen Wesen Nähutensilien, Krummmesser
+u. s. w., wird auf oder neben das Grab gelegt; ist die Leiche aber ins
+Meer geworfen, so irgendwo an den Strand. Dies scheint teils deshalb zu
+geschehen, weil sie Furcht vor den Sachen des Toten haben und sie nicht
+wieder benutzen wollen, teils auch, weil diese ihnen, wie H. Egede
+sagt, Veranlassung zum Weinen geben würden, indem der Anblick sie an
+den teuren Verstorbenen erinnert und »sie glauben daß der Tote frieren
+müsse, wenn man zuviel um ihn weine«[91]. Diese Vorstellung erinnert
+auffallend an den zweiten Abschnitt von Helge Hundingstöter, wie er
+seiner Witwe Sigrun naß, verfroren und bereift begegnet, weil sie um
+ihn geweint hat. (»Helge schwimmt in Kummertau«.[92]) Man vergleiche
+auch das bekannte schwedisch-dänische Volkslied »Aage und Else«, worin
+es heißt:
+
+ Wohl jedesmal, wenn Du Dich freust,
+ Nicht denkst an meinen Tod,
+ Füllt sich mein schwarzer Leichenschrein
+ Mit duftenden Rosen, rot.
+
+ Doch jedesmal, wenn Du Dich grämst,
+ Im Aug' der Thränen Flut,
+ Füllt sich der Sarg, in dem ich ruh',
+ Sogleich mit schwarzem Blut.
+
+Außerdem aber war es gewiß die Meinung der Grönländer, daß der Tote
+seine Sachen brauche, sei es zu Ausflügen aus dem Grabe, sei es in der
+anderen Welt. Sie sahen die Sachen verfaulen und glaubten, daß ihre
+Seelen der Seele des Verstorbenen folgten. Wer den Toten hinausgetragen
+oder ihn oder etwas ihm Zugehöriges berührt hat, ist für einige Zeit
+unrein und muß sich nach Vorschrift der Angekoker gewisser Speisen
+oder Arbeiten enthalten. Dieselben Vorschriften müssen auch alle
+im Trauerhause Wohnenden beobachten, teils um sich selber nicht
+zu schaden, teils um der abgeschiedenen Seele die Reise nicht zu
+erschweren.
+
+Sie müssen eine bestimmte Zeit um den Toten trauern, und sehen sie
+Bekannte oder Verwandte, die sie seit dem Todesfalle noch nicht
+getroffen haben, so müssen sie, sobald diese ins Haus treten, zu
+weinen und zu heulen anfangen, wenn auch noch so lange Zeit seitdem
+verstrichen ist. Solche Heulscenen sollen recht komisch wirken und
+sind die reinste Komödie, nach der man sich mit »Essen und Bewirtung«
+tröstet. Sie haben auch manche andere Trauerbräuche, die oft ziemlich
+stark in ihr Leben eingreifen können. So die Sitte, daß die, die die
+Leiche hinausgetragen haben, jahrelang nichts Eisernes anfassen dürfen.
+Dazu kommt die obenerwähnte Furcht vor dem Nennen des Namens des
+Verstorbenen.
+
+All das geschieht, wie die Ostgrönländer Holm sagten, »damit der Tote
+nicht zürne«. Es zeigt, welch großen Einfluß auf dieses Leben sie den
+Toten zuschreiben, und es liegt danach nichts Unwahrscheinliches darin,
+daß der ganze Glaube an die Tôrnat und den Tôrnârssuk sich daraus
+entwickelt habe. Später wird sich indessen auch anderer Aberglaube
+hineingemischt haben.
+
+Die Grönländer glauben übrigens an eine ganze Heerschar übernatürlicher
+Wesen. Ich werde hier nur einige wenige nennen.
+
+Die Tiere des Meeres beherrscht eine große Frau, die einige »die
+Namenlose«, andere aber ~Arnarkuagssâk~ nennen, welcher Name nur
+»altes Weib« bedeutet.
+
+Sie wohnt unter dem Meere, wo sie in ihrer Stube bei einer Lampe
+sitzt, unter der, wie bei allen Grönländerlampen, eine Schale oder
+ein umgekehrter Schemel zum Auffangen des herabtröpfelnden Thranes
+steht. In diesem Thran schwimmen Scharen von Seevögeln, und von hier
+gehen die Tiere des Meeres aus, wie der Seehund, das Walroß und der
+Narwal. Sobald sich in ihrem Haar gewisse Unreinlichkeiten angesammelt
+haben, hält sie die Seetiere von den Küsten zurück, oder diese bleiben,
+vom Ungeziefer angelockt, freiwillig aus. Dann fällt dem Angekok die
+schwere Aufgabe zu, die Meerfrau zu besuchen, um sie zu besänftigen
+oder zu kämmen.
+
+Der Weg zu ihr ist gefährlich, und der Angekok muß seinen Tôrnak
+mitnehmen. Zuerst geht es durch das schöne Land der Seelen in der
+Unterwelt. Dann kommt ein tiefer Abgrund, über den er nur auf einem
+großen, eisglatten, sich mit großer Geschwindigkeit drehenden Rade
+gelangen kann, wobei der Tôrnak ihm behülflich ist. Darauf muß er
+an einem großen Kessel vorbei, in dem lebendige Seehunde kochen.
+Schließlich geht es durch eine gefährliche Wache von aufrechtsitzenden
+und wütend um sich beißenden Seehunden hindurch, oder an einem großen
+Hund vorbei, der vor dem Hause der Meerfrau steht und bellt, sowie ein
+großer Angekok sich nähert. Nur ab und zu schläft er ein wenig. Diesen
+Moment muß man abpassen, was freilich nur die größten Angekoker können.
+Hier muß der Tôrnak den Angekok wieder bei der Hand nehmen. Denn der
+Eingang ist breit genug, aber der Weg ist so schmal wie eine Schnur
+oder ein Messerrücken und führt über einen entsetzlichen Abgrund.
+Schließlich gelangen sie in das Haus der Meerfrau. Ihre Hände sollen
+so groß sein wie die Schwanzfinne eines Walfisches, und schlägt sie
+den Angekok, so ist es mit ihm vorbei. Nach Aussage einiger rauft
+sie sich die Haare und schäumt vor Wut über solchen Besuch, so daß
+der Angekok sich mit ihr schlagen muß, ehe sie sich von ihm lausen
+und kämmen läßt. Nach anderen genügen freundliche Worte und gütliche
+Ermahnungen. Wenn sein Geschäft abgethan ist, hat der Angekok einen
+verhältnismäßig leichten Rückweg[93]. Der Mythus erinnert stark an die
+Reisen in die Unterwelt oder den Hades, die in den europäischen Sagen
+eine so große Rolle spielen (Dionysos, Orpheus, Herakles u. s. w.,
+vergleiche auch Dante) und zu denen unsere eigene Mythologie in Hermods
+Helritt, um Baldur zu holen, ein Gegenstück besitzt. Aehnliche Sagen
+kommen übrigens auch bei den Indianern vor. Nach dem, was Moltke Moe
+mir mitteilte, erscheint es kaum zweifelhaft, daß die grönländische
+Vorstellung hier von europäischen Sagen gefärbt oder sogar aus ihnen
+entstanden ist. Die Vorstellung von dem glatten Rade tritt in den
+Legenden[94] des Mittelalters auf, und die Brücke, die so schmal ist
+wie eine Schnur oder ein Messerrücken, finden wir ebenfalls, zum Teil
+sogar mit denselben Worten, geschildert, wieder in europäischen Sagen
+aus jener Zeit über Reisen in die Unterwelt. Ein altes, nordenglisches
+Lied spricht von der »Schreckensbrücke, nicht breiter als ein Faden«.
+Tundal sieht im Fegefeuer eine schmale Brücke über einem schrecklich
+tiefen, finsteren, stinkenden Thale u. s. w. Zum ersten Male erscheint
+diese Höllenbrücke in der Legendenlitteratur in den Dialogen Gregor
+des Großen aus dem Jahre 594 (+liber+ IV, +caput+ 36)[95].
+Doch diese mittelalterlichen Vorstellungen sind zweifellos wieder
+von orientalischen Traditionen gefärbt. Die Juden reden von einer
+fadenbreiten Höllenbrücke, und die Muhammedaner glauben, daß alle
+Seelen mitten in der Hölle über eine Brücke müssen, die dünner ist als
+ein Haar, schärfer als ein Messer und finsterer als die Nacht[96].
+Der »~Avesta~« zufolge kamen die Seelen der alten Parsen in der
+dritten Nacht nach dem Tode über die »hohe Hara« -- ein die Erde
+umgebendes, bis an den Himmel reichendes Gebirge -- auf dem Wege nach
+der von zwei Hunden bewachten ~Tsjinvatbrücke~. Diese Brücke
+erweitert sich und wird, nach den ~Pehlevi~schriften, beinahe eine
+Parasange breit, wenn die Seelen frommer Menschen hinübergehen, zieht
+sich aber zusammen, wenn Gottlose sie passieren wollen, so daß sie in
+die unmittelbar unter ihr liegende Hölle stürzen[97].
+
+Eine ähnliche Vorstellung finden wir (vergl. Sophus Bugge, unten
+angeführt) im alten Volkslied »+Draumekvaedi+« von der ~Gjallar~brücke
+auf dem Weg ins Totenreich. Sie hängt so hoch in der Luft, daß man auf
+ihr schwindlig wird (»+Gjallarbrui, hon henge saa högt i vinde+« = Die
+Gjallarbrück', sie hängt so hoch im Winde). In einigen Varianten des
+Liedes wird sie ausdrücklich als schmal bezeichnet, indes andere sie
+als »steil und breit« schildern. In den Edden heißt es von Hermod, daß
+er über die Gjallarbrücke ritt, die mit glänzendem Gold gepflastert war
+und unter ihm allein nicht weniger dröhnte, als unter fünf Fylken (250)
+toter Männer.
+
+Dem Glauben der Grönländer an eine Brücke oder einen schmalen
+Weg scheinen also diese europäischen oder ursprünglich zum Teil
+orientalischen Vorstellungen, die ihnen die alten Nordländer
+brachten, zu Grunde zu liegen. Gleichzeitig aber können sie auch
+etwas Ursprünglicheres enthalten. So finden wir bei den Indianern den
+Glauben an eine Schlangenbrücke oder einen sich in der Luft drehenden
+Baumstamm, der über den Totenfluß in die Totenstadt führt[98].
+
+Der große Hund, der den Eingang zum Hause der Meerfrau bewacht,
+erinnert ja sehr an Hels furchtbaren, an der Brust blutigen Hund
+~Garm~, der vor der ~Gripa~höhle heult. Ein solcher Hund in
+der anderen Welt ist übrigens eine allgemeinverbreitete Vorstellung.
+Bei den Indern bewachen zwei Hunde den Weg zu ~Iamas~ Wohnung[99],
+und bei den alten Parsen bewachen zwei Hunde die ~Tsjinvat~brücke
+(siehe vorige Seite). Bei den Indianern steht ein großer oder toller
+Hund jenseits der obenerwähnten Schlangenbrücke.
+
+In europäischen Märchen, besonders in unseren nordischen, kommt oft
+ein altes Weib vor, das über die Tiere herrscht[100]. Die Alte will
+gern Mutter genannt, gekratzt und gewaschen werden und freut sich, wenn
+sie ein Paar Schuhe, ein Stück Tabak oder dergleichen bekommt. Trifft
+Aschenpüster sie und erweist ihr solche Gefälligkeiten, so erwidert
+sie dies mit »mütterlicher Fürsorge«, läßt ihm die Tiere helfen oder
+schenkt ihm etwas. Doch außer diesem gewöhnlichen Motiv, das in vielen
+unserer Märchen wiederkehrt, läßt sich auch ein bestimmtes Märchen, das
+von ähnlichen Vorstellungen getragen wird, nachweisen. Aschenpüster
+kommt mit einem ganzen Gefolge von Tieren, dem Hasen, der Wildkatze,
+dem Braunbären (Eichhörnchen), dem Raben, dem Wolfe und dem Bären, zu
+der Bergfrau, um seine geraubte Schwester zu erlösen. Während er ißt,
+ruft die Bergfrau: »Kratze mich! Kratze mich!« »Du mußt warten, bis ich
+gegessen habe,« antwortet der Bursche. Die Schwester aber sagt ihm,
+daß die Hexe ihn zerreißen wird, wenn er es nicht gleich thut. Da läßt
+er die Tiere sie kratzen, eines nach dem andern. Doch sie ist nicht
+damit zufrieden, bis die Reihe an den Bären kommt, der ihr alle Läuse
+wegkratzt. In mehreren Varianten sind es drei Brüder, die nacheinander
+ihr Glück bei der Hexe versuchen. Die beiden ersten werden von ihr
+totgeschlagen[101]. Diese Züge nordischer Märchen scheinen schon an
+und für sich von verdächtiger Aehnlichkeit mit der grönländischen
+Vorstellung. Namentlich erinnert das Waschen und Kopfkratzen stark an
+das Haarkämmen, und da wir gleichzeitig finden, das die Arnarkuagssak
+den westlichen Eskimos unbekannt ist, so scheint die Verbindung klar.
+Einer grönländischen Sage zufolge war sie die Tochter eines mächtigen
+Angekok, der sie, als er unterwegs von einem Sturme überfallen wurde,
+aus dem Frauenboote warf, um sich zu retten. Als sie sich an den
+Bootrand klammerte, hieb er ihr nacheinander alle Finger und beide
+Hände ab. Diese verwandelten sich in Seehunde und Walfische, über die
+sie selbst Herrscherin wurde. Als sie dann unterging, erhielt sie
+ihren Wohnsitz unter dem Meere. Die Eskimos vom Baffinslande kennen
+dieselbe Sage von einer Frau namens ~Sedna~, die jedoch ein
+ganz anderes Wesen ist, als die Arnarkuagssak. Letztere scheint am
+Mackenzieflusse unbekannt zu sein. »Sollte es sich bestätigen,« sagt
+Dr. Rink, »daß die grönländische Mythe auch in Alaska unbekannt ist,
+so müssen wir annehmen, daß sie während der Auswanderung nach Grönland
+erfunden wurde«[102]. Nach dem Obenerwähnten ist indessen die Annahme
+natürlicher, daß der Mythus von den alten Nordländern stammt.
+
+Fassen wir alles zusammen, so scheint diese grönländische Gottheit
+ursprünglich eine altnorwegische Märchengestalt gewesen zu sein. Die
+Beschreibung der Reise zu ihr stammt wahrscheinlich von europäischen
+Sagen und Legenden, die von den alten Grönlandsfahrern eingeführt
+wurden, oder ist doch stark von jenen gefärbt. Daneben kann sie sich
+auch mit ursprünglicheren eskimoischen Elementen vermischt haben, die
+aus dem Westen stammen und denen der Indianer gleichen.
+
+Die zur Oberwelt emporfahrenden Seelen kommen auf dem Gipfel eines
+hohen Berges an der Wohnung einer seltsamen Frau vorbei. Sie heißt
+~Erdlaversissok~ (d. i. Eingeweideausnehmerin) und hat einen Trog
+und ein blutiges Messer. Sie schlägt die Trommel, tanzt mit ihrem
+eigenen Schatten und sagt nichts weiter als: »Mein Hosenschlitz!«
+oder singt: »Ja, ha, ha, ha!« Wenn sie sich umdreht, sieht man auf
+ihrer Rückseite einen großen Spalt, aus dem ein magerer Kaulkopf
+(+~Cottus gobio~+) schlenkert. Läßt sie sich von der Seite
+sehen, so zieht sich ihr Mund so schief, daß das Gesicht in der Quere
+länglich wird. Bückt sie sich, so kann sie sich selbst den Hintern
+lecken, und bückt sie sich seitwärts, so schlägt sie mit der Wange
+auf die Hüfte, daß es nur so klatscht. Kann man sie ansehen, ohne zu
+lachen, so hat es keine Gefahr. Sobald man aber den Mund verzieht,
+wirft sie die Trommel hin, ergreift den Frechen und wirft ihn zu Boden.
+Dann zieht sie ihr Messer, schneidet ihm den Bauch auf und reißt ihm
+die Gedärme aus, die sie in den Trog wirft, um sie bald voller Gier
+zu verschlingen[103]. Auch in dieser Erzählung begegnen wir mehreren
+traditionellen norwegischen Zügen[104]. Die »Unterirdischen« dulden
+kein Lachen. Das Menschenkind, das sie damit beleidigt, muß schwer
+dafür büßen. Auch in zwei Namen von der Jotunriesin, die uns die Snorra
+Edda[105] bewahrt hat, ~Bakrauf~ und ~Rifingafla~ (das Weib
+mit dem gespaltenen oder zerrissenen Hinterteil) finden wir ganz
+denselben Gedanken, der sich in dem großen Spalte der grönländischen
+Sagengestalt ausspricht.
+
+Auf derselben Reise kommen die Seelen auch am Hause des Mondgeistes
+vorbei. Der Weg, den sie wandern, wird unter anderem als sehr eng
+beschrieben, und man sinkt auf ihm bis an die Achseln ein[106]. Dies
+erinnert an die Sümpfe, die in unserem »Draumekvaedi« in der Nähe der
+Gjallarbrücke liegen und in denen die Bösen versinken[107].
+
+ »+Høg'e ae den Gjallarbrui,
+ »ho tisst 'punde skyi hange,
+ »men eg totte tyngre dei Gaglernyrann
+ »gu' baere den, dei ska gange+«![108]
+ »Hoch ist ist die Gjallarbrück',
+ »Schwere Wolken unter ihr wehen,
+ »Doch noch schwerer ist das Gaglemoor,
+ »Götter, helft dem, der dort soll gehen!«
+
+In Dänemark kennt der Volksglaube diese Höllensümpfe unter dem Namen
+Helmoore, Helsümpfe. Anscheinend spüren wir hier also wieder den
+Einfluß der alten Nordländer, zu denen die Vorstellung von derartigen
+Strafsümpfen in der Unterwelt durch die kirchliche Visionsdichtung des
+Mittelalters gelangt sein mag.
+
+Auf See glauben die Kajakmänner sich von dem sogenannten ~Ignerssuit~
+(Plur. von +~ignerssuak~+ = großes Feuer) umgeben. Die meisten sind
+gute Wesen, die den Menschen helfen. Der Eingang ihrer Wohnungen liegt
+am Strande. »Die erste Erde, die entstand, hatte weder Meere, noch
+Gebirge, sondern war ganz glatt. Da Ihm da droben die Menschen auf ihr
+nicht gefielen, zerstörte Er die Erde. Sie barst. Die Menschen fielen
+in die Spalten und wurden Ignerssuit. Das Wasser überströmte alles.
+Als die Erde wieder erstand, war sie vollständig bedeckt von einem
+Eisgletscher. Dieser verschwand allmählich, und vom Himmel fielen zwei
+Menschen herab, von denen die Erde bevölkert wurde. Jahr für Jahr nimmt
+der Eisgletscher ab. An vielen Orten sieht man noch Zeichen von der
+Zeit, da das Meer über den Bergen stand«[109].
+
+In diesem Mythus lassen sich Einflüsse von nicht weniger als vier
+verschiedenen Seiten verspüren. Die Vorstellung von den Ignerssuit
+selber, die Menschen gleichen und unter der Erde wohnen, ähnelt der
+indianischen Sage, nach der die Menschen früher unter der Erde lebten
+und dann an einer Weinranke, die aus einer Spalte oder Bergklamm
+emporrankte, auf die Oberfläche der Erde hinaufkletterten. Als ein
+dickes Weib (oder ein dicker Mann) hinaufklettern wollte, brach die
+Ranke, und die anderen mußten unten bleiben, während diejenigen, die
+hinaufgelangt waren, die Erde bevölkerten[110].
+
+Die beiden vom Himmel herabfallenden Menschen entstammen, wie mir
+scheint, der Schöpfungssage der finnisch-ugrischen Stämme oder doch
+derselben Quelle wie diese. Bei den ~Vogulen~ kommen die beiden
+ersten Menschen in einer Wiege von Silberdraht vom Himmel. Daß der
+Himmel die Wiege des Menschengeschlechtes sei, behaupten auch die
+Mythen anderer finnisch-ugrischer Völker in Asien und Europa[111].
+
+Aehnliche Vorstellungen sind auch zu den Indianern gelangt
+(vielleicht durch die Eskimos?): so meinten die Huronen, die ersten
+Menschen seien vom Himmel herabgekommen[112]. Die Anschauung, daß
+die Erde ursprünglich flach war und dann barst, erinnert auch an
+die finnisch-ugrische Schöpfungssage, nach der die Erde bei ihrer
+Erschaffung eine flache, ebene Schale auf dem Wasser bildete, dann
+aber durch eine Erschütterung (weil Satan sich übergeben mußte) sich
+wellenförmig bewegte und in diesem Zustand erstarrte, wodurch Berge und
+Thäler entstanden[113].
+
+Ein drittes Moment bilden die Menschen, die jene erste, flache Erde
+bewohnten und mit denen Er dort droben so unzufrieden war, daß Er die
+Erde bersten und das Wasser hervortreten ließ. Es scheint mir kaum
+zweifelhaft, daß dies einer direkten Einmischung der christlichen
+oder jüdischen Sintflutsage zu verdanken ist, die selbstverständlich
+in Grönland von der West- nach der Ostküste gelangt sein kann.
+Möglicherweise haben sich der Sintflutsage auch noch Einzelheiten
+einer in ganz Europa und nicht zum wenigsten in Norwegen verbreiteten
+Sage von der Entstehung der Unterirdischen oder Unsichtbaren (des
+Huldrevolkes) angeschlossen. Als Unser Herrgott Eva einmal besuchte,
+wusch sie gerade ihre Kinder. Die noch Ungewaschenen versteckte sie
+schnell im Keller, in dunklen Winkeln und unter großen Kufen, die
+anderen aber führte sie Ihm vor. Gott fragte, ob dies alle seien, und
+als sie bejahte, sagte er: »+Saa skal de, som er ~dulde~, bli
+~hulde~!+« (»So sollen die Versteckten verborgen bleiben!«)
+Und von diesen stammt das Huldrevolk[114]. Jedenfalls erinnern
+die +Ignerssuit+ an die Unterirdischen unserer nordischen
+Volksüberlieferung.
+
+Schließlich haben wir als viertes Moment, das nur aus Grönland
+selbst[115] stammen kann, die Eisgletscher.
+
+Von anderen Wesen lassen sich noch die sogenannten Binnenlandmenschen
+anführen, die im Innern des Landes oder auf dem Binneneise wohnen.
+Einige von ihnen werden ~Tornit~ (Plur. von ~Tunek~) oder auch
+~Inorutsit~, auf der Ostküste auch wohl ~Timersit~ genannt; sie haben
+Menschengestalt und sind sehr groß, wie einige sagen, 4 +m+, nach
+anderen aber so groß, wie ein Frauenboot lang ist, also mindestens 10
++m+. Ihre Seele allein hat die Größe eines gewöhnlichen Menschen. Sie
+leben von der Jagd, teils vom Erlegen der Landtiere, teils von der Jagd
+auf Seetiere. Sie können ungeheuer schnell laufen. Wenn sie auf See
+sind, brauchen sie keinen Kajak, sondern sitzen im Wasser, und »der
+Nebel ist ihr Kajak[116].« Seehunde können sie vom Lande aus fangen
+(mit großen Wurfschlingen), und zwei schwere große Robben oder blaue
+Seehunde können sie auf dem Rücken in einem Sack von Seehundsleder bis
+tief ins Innere des Landes tragen. Mit den Menschen stehen sie meistens
+auf Kriegsfuß, verkehren aber manchmal auch freundschaftlich und
+tauschen sogar Frauen mit ihnen.
+
+Eine andere Art Binnenlandmenschen sind die ~Igaligdlit~ (Plur. von
+~Igalilik~), die mit einer ganzen Küche auf der Schulter umgehen. Der
+Kessel allein ist so groß, daß man einen ganzen Seehund auf einmal
+darin kochen kann, und besagter Kessel kocht, wo sie gehen und stehen.
+Eine dritte Art sind die ~Erkigdlit~ (Plur. von ~Erkilek~), die nach
+einigen oben Menschen- und unten Hundegestalt haben, nach anderen
+aber Menschen mit Hundeköpfen oder Hundeschwänzen sind. Sie tragen
+ihre Pfeile in einem Köcher auf dem Rücken und gelten als tüchtige
+Bogenschützen[117]. Den Menschen sind sie Feinde. Ferner seien die
+~Isserkat~ (Plur. von ~Isserak~) genannt, die »längs blinzeln«, was
+wohl heißen soll, daß ihre Augen nicht quer, sondern von oben nach
+unten im Kopfe liegen.
+
+Wie +Dr.+ Rink nachgewiesen hat, läßt sich kaum daran zweifeln,
+daß diese Binnenlandmenschen, die alle eine hervorragende Rolle
+in den Sagen der Grönländer spielen, ursprünglich verschiedene
+Indianerstämme waren, mit denen die amerikanischen Vorfahren der
+Grönländer teils freundschaftlichen, meist aber feindlichen Verkehr
+hatten. Schilderungen und Erzählungen dieser Stämme haben sie mit
+nach Grönland gebracht, und der Schauplatz wurde auch fernerhin in
+das Innere des Landes verlegt, d. h. in das Innere Grönlands, wo
+die Menschen dann allmählich zu mythischen Wesen wurden. Das Wort
+~Tunek~ scheint geradezu »Indianer« zu bedeuten und wird von
+den Eskimos in Labrador noch heute dafür gebraucht. Die Eskimostämme
+auf der Westküste von Hudsonsbai nennen die Indianer des Innern
+~Erkigdlit~. Daß die ~Tornit~ groß und flink sind, paßt gut
+auf die Indianer, da diese größer als die Eskimos und diesen auf dem
+festen Lande überlegen sind. Daß die Erkigdlit tüchtige Bogenschützen
+sind und ihre Pfeile in Köchern tragen, was die Grönländer nie
+gethan, erinnert ebenfalls an die Indianer, wie auch die Hundebeine
+und der Hundekopf wohl auf den Glauben der Indianer zurückzuführen
+sein dürfte, daß sie von einem Hunde abstammen (siehe oben)[118].
+Die »längsblinzelnden« Isserkat können recht gut ursprünglich
+Indianerstämme mit ausgeprägt schiefen oder seltsam geformten Augen
+gewesen sein. Solche sind ausdrücklich von Reisenden beschrieben
+worden. Wir haben hier also übernatürliche oder mythische Wesen
+von greifbar historischem Ursprunge. Den Sagen von den Kämpfen mit
+ihnen liegen sicherlich gleichfalls bis zu einem gewissen Grade
+geschichtliche Begebenheiten zu Grunde. Auf dieselbe Weise waren
+wohl auch die klassischen Nationen mit ihren mythischen Völkern
+bekannt[119].
+
+Wesen eigentümlicher Art sind die ~Kivitut~ (Plur. von ~Kivitok~).
+Früher waren sie gewöhnliche Menschen, die sich jedoch aus irgend
+welchem, oft unbedeutendem Grunde mit ihrer Familie oder ihren
+Hausgenossen erzürnt oder sich von ihnen benachteiligt geglaubt und
+deshalb die Menschen verlassen. Sie flüchteten in die Berge oder das
+Innere des Landes, wo sie seitdem einsam leben und sich von Tieren
+nähren, die sie ohne Waffen nur mit Steinwürfen erlegen. War der
+Kivitok nur erst kurze Zeit von Hause fort, so steht es noch in seiner
+Macht, heimzukehren. Gehorcht er aber nicht binnen einer bestimmten
+Zahl von Tagen der Stimme des Heimwehs, so verliert er die Fähigkeit,
+zu den Menschen zurückzukehren. Einige meinen, dies geschehe erst
+nach einem Jahr. Nun erhält er übernatürliche Eigenschaften, wird
+schnellfüßig, daß er von Berggipfel zu Berggipfel springen kann,
+zerlegt Renntiere ohne Waffen und trifft alles, wonach er wirft. Er
+wird groß, kleidet sich in Renntierfelle, bekommt ein schwarzes Gesicht
+und weißes Haar, wird ferner allwissend oder hellsehend, kann die
+Menschen reden hören und erlernt die Sprache der Tiere. Dafür aber
+kann er zu seinem Unglück nicht sterben, und er weint vor Sehnsucht
+nach den Menschen, die er nicht mehr besuchen darf. Nur selten,
+namentlich nachts, kann er sich gelegentlich in die Häuser oder die
+Vorratsspeicher schleichen, um dort etwas Eßbares oder auch ein wenig
+Tabak zu entwenden. Die aber, die ihm etwas thaten, sind nie vor seiner
+Rache sicher.
+
+Das Merkwürdige an diesem Glauben ist, daß er sich möglicherweise auf
+die Wirklichkeit stützt. Nimmt man einzelne kranke oder alte, dem
+Tode nahe Menschen aus, die sich ins Meer oder von steilen Bergen
+hinabstürzen, um ihren Leiden ein Ende zu machen, so ist Selbstmord in
+Grönland so gut wie unbekannt. Dagegen kommt es vor, daß einzelne nur
+wegen eines kränkenden Wortes ihres Nächsten ins Gebirge gehen und den
+Menschen wenigstens mehrere Tage entschwunden sind. Ich selbst kenne
+Grönländer, die dies thaten. Man glaubt jedoch zuverlässige Beispiele
+zu haben, daß Leute längere Zeit als Kivitok gelebt haben. Vor ungefähr
+fünfundzwanzig Jahren fand man in einer Höhe auf der Akugdlekinsel in
+Nordgrönland Spuren, daß sich dort ein Mensch längere Zeit aufgehalten
+hatte. Vor dem Höhleneingang fand man einen vielbenutzten Fußpfad,
+drinnen war ein Feuerherd, ein Loch im Fußboden, das als Vorratskammer
+gedient hatte, ein weiches Mooslager, Ueberbleibsel von getrockneten
+Fischen, eßbare Pflanzenwurzeln u. dergl. Einige Schritte weiter fand
+man eine kleinere Höhle, deren Oeffnung ein Steinblock verschloß. Hier
+hatte der Kivitok sich selbst begraben, als er den Tod herannahen
+gefühlt. Als man ihn fand, lag er noch in seinem Fellpelze da. Den
+Eingang zum Grabe hatte er selbst von innen mit einem Steinblock
+verschlossen. Die Grönländer erkannten ihn wieder und meinten, er müsse
+zwei bis drei Jahre als Kivitok gelebt haben. Der Grund, daß er die
+Menschen verlassen, soll der gewesen sein, daß seine Angehörigen ihn
+als einen schlechten Fänger verachteten und zurücksetzten. Als dann
+auch sein kleiner Sohn starb, wurde ihm das Leben zu schwer, und er
+floh in die Wildnis[120].
+
+Wie Moltke Moe mir nachweist, besteht eine merkwürdige Aehnlichkeit
+zwischen diesen Kivitut und den in den isländischen Sagen so häufig
+vorkommenden ~Utilegumeron~ oder Ausmärkern, d. h. Uebelthätern,
+die ins Gebirge flohen und fern von Menschenwohnungen leben. Die
+große Rolle, die sie in der Volksphantasie spielen, und die mystische
+Furcht, mit der man sie betrachtet, haben bewirkt, daß sie im
+Volksglauben sehr bald mit den Trolden, dem Huldrevolke und ähnlichen
+Sagenwesen verschmolzen, deren übermenschliche Eigenschaften auch
+ihnen zugeschrieben wurden. So können sie in die Zukunft sehen,
+wissen, was in der Ferne geschieht, können Nebel hervorzaubern und
+dadurch den Wandrer irreführen und haben übernatürliche Kräfte[121].
+Wie der Kivitok sich bei den Menschen einschleicht, um etwas Eßbares
+zu stehlen, so raubt der Ausmärker den Einsiedlern Schafe, Speisen
+und Kleidungsstücke. Der Glaube, daß Menschen durch Absonderung von
+der menschlichen Gesellschaft zu übernatürlichen Kräften kommen, ist
+für die Grönländer wie die Isländer gleich charakteristisch. Noch
+größer wird die Uebereinstimmung, wenn man bedenkt, daß diese Sagen
+in Grönland wie auf Island einen wesentlichen Teil des Inhaltes der
+Volksüberlieferung und des jetzigen Glaubens bilden. Bei andern Völkern
+kommen ähnliche Vorstellungen so gut wie garnicht vor (die Norweger im
+Westen und besonders im Norden zum Teil ausgenommen). Da scheint mir
+denn die Schlußfolgerung dringend geboten, daß auch der Kivitokglaube
+in Grönland von alten Nordländern, oder näher bestimmt, von den
+Isländern stammt.
+
+Von den seltsamen Wesen der Grönländer ist ferner noch anzuführen der
+~Igdlokok~, der einem halben Menschen glich, nur einen halben Kopf,
+einen Arm, ein Bein und ein Auge hatte. Sehr ähnliche Wesen finden wir
+bei den Griechen, den Moslemin, den Zulukaffern und den Indianern[122].
+
+Ueber die Erschaffung der Welt hatten die Grönländer sich keine Ansicht
+gebildet. Die Erde und das Weltall sind entweder von selbst entstanden
+oder sie sind immer dagewesen und werden immer bleiben.
+
+Ueber die Erschaffung der Menschen oder der Eskimos hatten sie
+ebenfalls keine klaren Ansichten. Einige meinten, der erste Mensch
+sei aus der Erde hervorgewachsen und habe sich mit einem Erdhäufchen
+vermählt. Dies habe eine Tochter geboren, die er dann zur Frau
+nahm[123]. Das Herauswachsen aus der Erde ist eine ganz gewöhnliche
+Anschauung, die auch bei uns und auf Island vorkommt[124]. Wir sagen:
+»Wer mit einend Stock auf die Erde haut, schlägt seine Mutter, und wer
+auf Gestein haut, schlägt seinen Vater«, was ja an die grönländische
+Vorstellung erinnert, da der Mann dort gleichfalls einem Felsen
+entsprungen sein wird.
+
+Ueber die Entstehung der Europäer haben sie eine Sage, die für uns
+nicht gerade schmeichelhaft ist. Eine Eskimofrau, die keinen Mann lange
+behalten konnte, verheiratete sich schließlich mit einem Hunde und
+bekam von ihm mehrere Menschenkinder und mehrere Hündchen. Letztere
+setzte sie auf eine alte Schuhsohle, schob sie in die See hinaus und
+rief ihnen nach: »Fahret hin und werdet Kavdlunaker (Europäer)« oder
+»Von Euch sollen alle anderen Völker stammen«. Daher kommt es, wie
+die Eskimos sagen, daß die Kavdlunaker immer auf der See leben und
+ihre Schiffe wie Grönländerschuhe hinten und vorne rund sind. Die
+anderen Kinder setzte sie auf Weidenblätter und schob sie ins Land
+hinein, und aus ihnen wurden die Binnenlandmenschen oder Indianer
+(~Erkiligdlit~ und ~Tornit~)[125]. Ganz ähnliche Sagen finden
+wir bei den Eskimos auf Baffinsland[126] und auch an der Nordseite von
+Alaska, wo sie sich indessen nur auf die Indianer und nicht auf die
+Europäer zu beziehen scheinen. Solche Sagen von hündischer Abstammung
+(oder Abstammung von Wölfen und Bären) kommen bei vielen Völkern vor,
+bei Ariern, wie bei Mongolen und amerikanischen Urvölkern[127]. Bei
+vielen Indianerstämmen spielt diese Sage insofern eine Hauptrolle, als
+sie glauben, daß das erste Weib sich mit einem Hunde vermählte und
+sie von diesem Paare abstammen. Ich bin überzeugt, daß die Eskimos
+ihre Sage dorther erhielten und sie als für die Indianer geltend
+herübernahmen. Als sie später mit anderen Fremden, wie den Europäern,
+zusammentrafen, wandten sie jene Sage auch auf diese an. Merkwürdig
+ist, daß der zum Schiff gewordene Schuh auch in den Baffinsländer Sagen
+wiederkehrt.
+
+Die Ursache des Todes ist bei den Eskimos ein altes Weib, das sagte:
+»Laßt diese nach und nach sterben, sonst wird es zu eng auf der Welt.«
+Nach anderen zankten sich zwei von den ersten Menschen. Der eine
+sagte: »Laß Tag sein, laß Nacht sein und die Menschen sterben«, der
+andere aber: »Laß nur Nacht sein und die Menschen leben bleiben«; nach
+langem Streiten ging es nach den Worten des ersteren. Noch andere
+erzählen, eine Schlange und eine Laus hätten gewettet, wer zuerst
+bei den Menschen ankäme. Gewänne die Schlange, so sollten sie immer
+leben, gewänne aber die Laus, so sollten sie sterben müssen. Die
+Schlange habe einen großen Vorsprung gehabt, sei unterwegs aber von
+einem hohen Berg gefallen und habe infolgedessen einen großen Umweg
+machen müssen. Da sei die Laus früher angelangt, und also hätten die
+Menschen von nun an sterben müssen[128]. Diese Mythen scheinen schon
+durch ihre sinnlose oder aus dem Zusammenhange losgerissene Darstellung
+zu verraten, daß sie aus anderen Gegenden stammen und Bruchstücke
+älterer Sagen sind, deren ursprünglicher Zusammenhang und Sinn in
+Vergessenheit geriet. Wenn wir uns umsehen, finden wir auch bei den
+weit entfernt wohnenden Völkern merkwürdige Ähnlichkeiten[129]. Die
+zweite Mythe (von dem Zanke) findet sich auch auf den Fidschiinseln,
+wo sich der Mond mit einer Ratte streitet und will, daß die Menschen
+sterben und wiederaufleben wie er selbst. Die Ratte aber sagt, sie
+sollten lieber sterben wie Ratten, und so geschah es. Bei den Indianern
+zankten sich die Stammväter, zwei Wolfbrüder. Der jüngere sagt: »Wenn
+ein Mensch stirbt, laß ihn den nächsten Tag wieder kommen, damit seine
+Freunde sich freuen.« »Nein,« sagt der ältere, »laß die Toten nicht
+wiederkehren.« Da erschlug der Jüngere den Sohn des Aelteren, und damit
+kam der Tod in die Welt[130].
+
+In Südafrika giebt es Mythen, die der von der Schlange und der
+Laus merkwürdig ähnlich sind. Sowohl an der Goldküste, wie bei den
+Zulukaffern wurde vom ersten großen Wesen ein Tier (ein Chamäleon) mit
+der Botschaft zu den Menschen gesandt, sie sollten ewig leben und nie
+sterben. Dann aber bedachte sich das Wesen und schickte ein zweites
+(den schnellfüßigen Salamander) aus mit dem Bescheid, sie müßten
+sterben. Da die zweite Botschaft zuerst anlangte, wurde es so. Bei den
+Hottentotten ließ der Mond den Menschen sagen: »Gleich wie ich, sollt
+Ihr sterben und wieder aufleben«[131]. Der Hase aber hörte es, eilte
+voraus und sagte: »Gleichwie ich, sollt Ihr sterben und nicht wieder
+aufleben.« Diese Mythe gleicht wieder auffallend der obenerwähnten von
+den Fidschiinseln, und so erhalten wir eine Brücke zwischen der zweiten
+und dritten grönländischen, die zwei Varianten ein und derselben Sage
+sein müssen. Die Stammsage muß sehr alt sein, da sie sich so weit
+verbreiten konnte.
+
+Die Eskimos glauben ungefähr von allem, was sie sehen, daß es von ihren
+Landsleuten stamme. Fische und andere Seetiere entstanden dadurch,
+daß ein alter Mann Späne von einem Baum hieb, sich damit zwischen die
+Beine strich (»+sudore testiculorum+«) und sie dann ins Wasser warf,
+wo sie zu Fischen wurden. Der Haifisch entstand auf andere Art. »Eine
+Frau wusch sich einmal das Haar mit Urin, und als ihr ein Windstoß das
+Tuch, mit dem sie sich abtrocknete, entführte, wurde aus dem Tuch ein
+Haifisch; daher riecht das Fleisch dieses Fisches nach Urin[132].«
+
+Die Himmelskörper waren einst gewöhnliche Eskimos, die hier auf Erden
+lebten und aus irgend einem Grunde an den Himmel versetzt wurden. Die
+Sonne war eine schöne Frau, die mit ihrem Bruder, dem Mond, in einem
+Hause wohnte. Sie wurde allnächtlich von einem Manne besucht, wußte
+aber nicht, wer es war. Um dahinter zu kommen, schwärzte sie ihre
+Hände mit Lampenruß und strich ihm damit über den Rücken. Als es hell
+wurde, stellte sich heraus, daß es ihr Bruder gewesen; sein schöner,
+reiner, weißer Renntierpelz war angeschwärzt, und davon kommen die
+Flecken im Monde! Die Sonne ergriff nun ein Krummmesser, schnitt sich
+eine Brust ab, warf sie ihm hin und sagte: »Wenn Dir mein ganzer Leib
+gut schmeckt, so friß diese.« Damit zündete sie ein Stück Lampendocht
+an und eilte hinaus, der Mond machte es ebenso und lief ihr nach,
+aber sein Docht erlosch, und deshalb sieht er glühend aus. Sie liefen
+einander nach, in die Luft hinauf, und dort sind sie geblieben[133].
+Das Haus des Mondes liegt an der Straße der Seelen nach der Oberwelt
+und hat auch ein Zimmer für seine Schwester, die Sonne. Dieser Mythos
+scheint vom Westen zu stammen. Bei den nordamerikanischen Indianern
+sind Sonne und Mond Geschwister, und auch bei den Indianern am
+Amazonenstrom finden wir ganz dieselbe Mythe, nur ist dort der Mond ein
+Weib, das seinen Bruder, die Sonne, im Dunklen besucht. Dieser macht
+ihre schimpfliche Leidenschaft dadurch offenkundig, daß er ihr seine
+geschwärzte Hand aufs Gesicht drückt. (Vergleiche auch die Mythen aus
+Australien und dem Himalaya auf nächster Seite.) Bei den ~Inkas~
+in Peru waren Sonne und Mond gleichzeitig Bruder und Schwester und Mann
+und Frau. (Vergleiche auch Iris und Osiris der Egypter.)[134]
+
+Das Merkwürdige an der Sonne ist, daß sie vorn schön, hinten aber nur
+ein Knochengerippe sein soll[135]. Das erinnert auffallend an unsere
+schönen Huldren, deren Rückseite hohl ist, und es scheint mir, als
+müßte es eine europäische, vorzugsweise nordische Vorstellung sein,
+die wohl die alten Nordländer mit nach Grönland brachten. Daß die
+Sonne hinten ein Gerippe ist, hat für die Ostgrönländer seinen Grund
+darin, daß ihr, wenn sie am tiefsten steht, also am kürzesten Tage, der
+Hintere mit scharfen Werkzeugen zerschnitten wird, weshalb sie wieder
+steigen muß. Die ganze Rückseite ist schon fortgeschnitten und nur das
+Knochengerüst geblieben[136].
+
+Der Mond hat seiner alten Natur noch nicht entsagt, er kommt noch
+immer oft auf die Erde herab und geht dort auf galante Abenteuer
+aus. Alle weiblichen Wesen müßten sich vor ihm hüten, dürfen nicht
+bei Mondschein allein ausgehen, sollen nicht in den Mond sehen u.
+s. w. Die erotische Natur des Mondes scheint sehr alten Datums. In
+Australien ist er ein Kater, der ein Verhältnis mit der Gattin eines
+anderen hatte und deshalb beständig wandern muß. Bei den Kasias im
+Himalayagebirge begeht der Mond allmonatlich die unverzeihliche Sünde,
+sich in seine Schwiegermutter zu verlieben, die ihm Asche ins Gesicht
+wirft und so die Flecken im Monde verursacht[137]. Einer slavonischen
+Sage zufolge war der Mond der Mann der Sonne, wurde ihr aber untreu und
+verliebte sich in den Morgenstern, wofür er der Quere nach zerspalten
+wurde[138]. Bei den alten Griechen und Römern war der Mond allerdings
+weiblichen Geschlechtes, aber die liebe Luna war auch nicht frei von
+erotischen Neigungen. Ueberdies bringen die Eskimos den Mond auch mit
+der Kälte in Verbindung. Wenn er an einem Walroßzahne schnitzt und
+die Splitter auf die Erde hinabwirft, schneit es, und ebenso, wenn
+er in ein Rohr pustet. Er fährt, wenn er die Erde besucht, im Winter
+stets im Schlitten über das Eis. Daß der Mond mit der Kälte und dem
+Winter in Verbindung gebracht wird, ist ja ganz natürlich, da er im
+Winter und bei Nacht regiert. Als strenge und kalte Natur ist er
+begreiflicherweise Mann, während die Sonne erst weiter südlich, wo sie
+mit ihrer Hitze quält, zum Manne wird.
+
+Das Donnern besorgen zwei alte Weiber, die sich um eine trockene,
+steife Haut streiten und je an einem Ende zerren. In der Hitze des
+Gefechtes stoßen sie ihre Lampen um, und dann blitzt es. Der Nebel
+entstand zuerst durch einen Tornarssuk, der soviel trank, daß er
+platzte[139]. Hinsichtlich der Ursache des Regens haben sie, außer der
+erwähnten Anschauung noch eine andere, die von der Ostküste stammt.
+Der Regen wird dort von einem Wesen hervorgebracht, das ~Asiak~
+heißt und im Himmel wohnt. Bei anhaltend trockenem Wetter pflegten die
+Angekoker früher zu ihm zu reisen und ihn um Regen zu bitten. Wenn
+sie an sein Haus kamen und hineinguckten, saß seine Frau gewöhnlich
+auf der Pritsche, Asiak selber aber gut zugedeckt dicht an der Wand.
+Sie mußten die Frau inständig bitten, ehe sie endlich sagte: »Heute
+Nacht hat er sich wie gewöhnlich ein bischen naß gemacht.« Dabei
+schüttelt sie das kurze Bärenfell, auf dem er sitzt, sodaß es davon
+herabtropft, und dann regnet es auf Erden[140]. Schon der Umstand, daß
+die Angekoker um Regen bitten müssen, dessen die von Jagd und Fischfang
+lebenden Eskimos ja überhaupt nicht bedürfen, scheint zu verraten, daß
+dieser Mythos aus anderen Gegenden stammt, in denen Ackerbau getrieben
+wurde. Unmöglich ist es wohl nicht, daß dieser Asiak, wie Holm meint,
+identisch ist mit einem der vielen Regengötter der amerikanischen
+Urbevölkerung, die auf den Gipfeln hoher Berge oder an ähnlichen
+Orten wohnten und bei den Mayas in Yucatan z. B. ~Chac~ hießen.
+Aber der ganze Mythos mag auch noch weiter von Westen herstammen.
+Der Regen wird übrigens garnicht selten als Urin aufgefaßt. Bei den
+Kamtschadalen begegnet uns diese Idee als direkter, roher Glaube. Wenn
+es regnet, lassen nach ihrer Meinung die Luftgötter ihr Wasser. Wenn
+der neugriechische Volksglaube den Regen mit dem Ausdrucke [Greek:
+katouraei ho theos] (»Gott pißt«) bezeichnet, so ist das eine alte
+Anschauung, die schon Aristophanes benutzt hat. Er läßt eine seiner
+Personen in den »Wolken« sagen, er habe früher geglaubt, daß, wenn
+es regne, Zeus [Greek: dia koskinou oureei] (durch ein Sieb pisse).
+Das ist derselbe Gedanke, der in mehr oder weniger abgeschwächter
+Form, meist mit humoristischem Anstriche, in verschiedenen deutschen,
+norwegischen, vlämischen u. s. w. Sprichwörtern Ausdruck findet. Seinen
+Grund hat er in einem uralten primitiven Glauben, den man auch bei
+vielen anderen Völkern, z. B. den alten heidnischen Arabern, ja sogar
+bei den Juden aufspüren kann[141].
+
+In ihrem Glauben oder Aberglauben wurden die Eskimos, wie noch heute
+auf der Ostküste, von ihren Priestern oder Geisterbeschwörern, den
+Angekokern (~Angakok~, Plur. ~Angakut~) unterwiesen. Es waren
+die klügsten und bedeutendsten, aber oft auch die verschlagensten
+Männer ihres Volkes. Sie behaupten, mit Geistern sprechen zu
+können, in die Unterwelt wie in den Himmel zu reisen, Tornassuk und
+übernatürliche Wesen zu beschwören und von ihnen Offenbarungen zu
+erhalten u. s. w. Hauptsächlich wirken sie auf ihre Landsleute durch
+ihre Geisterbeschwörungen und verdanken ihren Einfluß wesentlich den
+Seancen, die vorzugsweise im Winter stattfinden, wenn die Eskimos
+in Häusern wohnen. Dabei löscht man die Lampen aus und verhängt die
+Fenster mit Fellen, so daß es im Zimmer völlig dunkel ist. Der Angekok
+selbst sitzt auf dem Fußboden. Er macht nun einen entsetzlichen
+Spektakel, von dem das ganze Hans erbebt, verändert seine Stimme,
+brüllt und schreit, spielt den Bauchredner, stöhnt, klagt, trommelt,
+winselt, intoniert ein schneidendes Höllengelächter und versucht alle
+möglichen Künste. Damit bringt er seine Landsleute zu dem Glauben,
+er werde von den verschiedenen Geistern, die er beschwören soll, auch
+wirklich besucht, und sie seien es, von denen der Lärm herrührt.
+
+Um Angekok zu werden, bedarf es, wie zu erwarten, einer langen
+Lehrzeit, oft voller zehn Jahre. Der Lehrling muß häufig längere
+Zeit die Einsamkeit[142] aufsuchen und mehrere Tage hintereinander
+einen Stein in der Richtung der Sonnenbahn auf einem anderen reiben,
+wodurch er einen Berggeist beschwört. Bei dessen Anblicke stirbt er
+vor Schrecken, lebt aber nachher wieder auf u. s. w. Hierdurch erlangt
+er nach und nach seine Tornat. Er darf nicht eher davon sprechen,
+was er werden will, als bis er ausgelernt hat, dann aber muß es auch
+geschehen. Soll er ein richtiger Erzangekok werden, so muß er womöglich
+von einem Bären gepackt und an den Strand geschleppt werden, wo dann
+ein Walroß erscheint, ihn mit den Zähnen an seinen Genitalien packt,
+bis an den Horizont trägt und ihn dort auffrißt. Darauf gehen seine
+Knochen nach Hause, begegnen unterwegs den Fleischfetzen und wachsen
+mit diesen wieder zu einem ganzen Menschen zusammen. Jetzt ist er ein
+patentierter Angekok.
+
+Der Einfluß dieser Angekoker hing natürlich von ihrer Geschicklichkeit
+ab. Sie scheinen indessen nicht ausschließlich Betrüger gewesen zu
+sein, sondern haben möglicherweise zum Teile selber an ihre Hexenkünste
+geglaubt. Vielleicht waren sie oft ehrlich davon überzeugt, wirkliche
+Offenbarungen zu haben, obwohl Egede nicht glaubt, daß sie »irgendwie
+wirkliches +Commercium+ oder Gemeinschaft mit dem Teufel« gehabt.
+
+Krankheiten können sie durch Hersagen von Zauberformeln, Einsetzen
+einer neuen Seele oder dergleichen heilen. Zu den von ihnen geheilten
+Krankheiten rechnet man auch die Uebelstände, daß ein Mann keine
+Seehunde fangen und eine Frau keine Kinder bekommen kann.
+
+In letzterem Falle unternimmt der ostgrönländische Angekok noch heute,
+wenn er hinreichend tüchtig ist, eine Reise nach dem Monde, von wo
+er der Frau, die dann schwanger wird, ein Kind hinabwirft. Nach
+dieser beschwerlichen Reise hat der Angekok das Recht, bei der Frau
+zu schlafen[143]. Diese Reise nach dem Monde steht natürlich mit der
+obenbesprochenen erotischen Natur dieses Herrn in Verbindung. Auch
+bei den Indianern wird der Mond mit der Fortpflanzung in Verbindung
+gebracht.
+
+Man muß den Angekok gut bezahlen, wenn seine Heilkünste Erfolg haben
+sollen. Andernfalls gelingt natürlich nichts. Selbstverständlich ist
+nicht er es, der die Geschenke erhält, sondern der Tornak; er nimmt sie
+nur für diesen in Empfang.
+
+Durch ihre Verbindung mit der übernatürlichen Welt haben die
+angesehenen Angekoker eine Art Herrschaft über ihre Landsleute, die
+sich fürchten, ihnen zuwiderzuhandeln, was ja böse Folgen haben könnte.
+Wie unsere Priester, wenn sie tüchtige Kerle waren, nicht nur Gottes
+Diener waren, sondern sich auch auf die Magie verstanden und Macht
+über den Teufel hatten, so waren auch die Angekoker nicht einseitig.
+Sie thun allerdings meist Gutes, können daneben aber auch Böses thun,
+indem sie anderen die Seele rauben und sie von ihrem Tornarssuk
+auffressen lassen oder ihre Tornat aussenden, um ihre Feinde tot zu
+ängstigen u. s. w. Wir finden also auch bei den Eskimos Anfänge eines
+Pfaffenregimentes.
+
+In solchen Bosheiten, wie andere durch Zauberei zu töten, ihnen die
+Waffen so zu verhexen, daß sie zum Fang untauglich sind, und ähnlichem,
+übt sich jedoch meist nur eine andere Klasse von Menschen, die
+sogenannten ~Ilisitsoker~, die sowohl männlichen, wie weiblichen
+Geschlechtes sein können[144]. Diese Hexen und Hexenmeister sind
+allgemein verhaßt. Man hielt und hält sie für die Urheber alles Bösen,
+namentlich des Todes und der Krankheiten. Kam eine alte Frau in den
+Verdacht, Ilisitsok zu sein, so wurde sie ohne Gnade und Barmherzigkeit
+totgeschlagen. Dies kann uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir daran
+denken, wie unsere Vorfahren -- die Geistlichkeit an der Spitze --
+ihre Hexen verbrannten. Während die Angekoker in Gegenwart anderer
+Leute mit den Geistern verkehren, findet der Verkehr der Ilisitsoker
+mit den übernatürlichen Mächten in tiefster Heimlichkeit und nur zum
+Schaden anderer statt. Sie müssen heimlich bei einem älteren Ilisitsok
+in die Lehre gehen und den Unterricht teuer bezahlen. Mit welchen
+übernatürlichen Mächten sie in Verbindung stehen, scheint man nicht
+zu wissen. Wahrscheinlich sind es ganz andere als die Verbündeten der
+Angekoker, und ihre Namen werden geheim gehalten. Ihre Teufelskunst
+wendet verschiedene Mittel an, wie Menschenknochen, Leichenfleisch,
+tote Tiere, Schlangen, Spinnen, Wasserkäfer u. s. w. Ihr wirksamstes
+Mittel aber ist die ~Tupilek~fabrikation. Ein solcher wird in
+aller Heimlichkeit aus verschiedenen Tierknochen, Fell, Stücken von dem
+Fange oder dem Anorak des Mannes, dem er Verderben bringen soll, und
+ähnlichen Dingen hergestellt. Alle Zuthaten werden zusammengebunden
+oder in ein Fell gewickelt. Nun wird der Tupilek durch Zauberlieder,
+die über ihm gesungen werden, lebendig gemacht. Darauf setzt sich der
+Ilisitsok auf einen Steinhaufen dicht an der Mündung eines Flusses
+ins Meer. Er dreht seinen Anorak um, so daß die Rückseite nach vorne
+kommt, drückt sich den Hut vors Gesicht und läßt sich von dem Tulipek
+zwischen den Beinen saugen. Dadurch wächst dieser, und sobald dieser
+groß ist, gleitet er ins Wasser hinab und verschwindet. Er kann sich in
+verschiedene Arten von Tieren und Ungeheuern verwandeln und soll dem
+Manne, gegen den er ausgesandt ist, Unglück und Tod bringen. Mißlingt
+es aber, so wendet er sich gegen den, der ihn ausgesandt hat[145].
+
+Die Tupileker erinnern so sehr an den bei uns und in Island
+verbreiteten Glauben an ~Gand~ und ~Sendinger~, daß es kaum einem
+Zweifel unterliegt, daß die Grönländer diese Idee von unseren Vorfahren
+in Grönland bekommen haben. In Island sind die Gand auch eine Art
+Kobolde, Fabelwesen, die von Zauberern ausgeschickt werden und sich in
+alle möglichen Gestalten verwandeln. Wenn es ihnen nicht gelingt, den
+zu vernichten, gegen den sie ausgesandt sind, kehren sie zurück und
+töten ihren Urheber. Sie können aber auch, in Grönland sowohl wie in
+Island, von anderen Zauberern oder Hexen aufgeschnappt und ihrer Macht
+beraubt werden[146].
+
+Rink sieht in diesen Ilisitsokern und ihrer Verbindung mit gesetzlosen
+Mächten einen möglichen Ueberrest eines älteren oder ursprünglichen
+Glaubens in Grönland, der von den Priestern des neuen Glaubens, den
+Angekokern, verfolgt wird[147]. Also vollständig übereinstimmend mit
+der Thatsache, daß unser Hexen und Zaubern Ueberreste alten Heidentums
+gewesen und deshalb heftig von den Christen verfolgt worden. Vieles
+scheint für Dr. Rinks scharfsinnigen Schluß zu sprechen. Mir kommt es
+jedoch möglich vor, daß, wie der Tupilek von dem Glauben der alten
+Nordländer an Gand oder Sendinger herstammt, sich auch das ganze
+Hexenwesen von ihnen herschreibt. Es scheinen mir gleiche Punkte genug
+vorhanden, um eine solche Vermutung zu rechtfertigen[148]. Der Glaube
+an die Macht des Bösen, Pakt mit dem Satan, Schwarzkunst u. s. w.,
+also an das gesamte Zauberwesen, war seit jeher stark im Aberglauben
+unseres Volkes, ich hätte beinahe gesagt, stärker als der Gottesglaube
+selbst. Und so ist es durchaus nicht unnatürlich, daß dieser Glaube es
+war, was zuerst auf die Eskimos in ihrem Verkehre mit unseren Vorfahren
+überging. Diese schnelle, bequeme Art, übernatürliche Macht zu
+erlangen, mußte sie ja besonders ansprechen. Soweit ich habe erfahren
+können, spielt das Hexenwesen bei den Eskimos der Westküste keine
+bedeutende Rolle, wenn es dort überhaupt existiert.
+
+Es bleibt noch der Amulettglaube der Grönländer zu besprechen.
+Amulette benutzt fast jeder. Es sind in der Regel Gegenstände von
+Tier- oder Menschengestalt. Ueber diesen werden Zauberlieder gesungen
+oder gemurmelt, und die Eltern geben sie ihren Kindern, wenn sie
+noch klein sind. Junge Leute können, dem Rate älterer folgend, auch
+selber Amulette für sich finden. Die Amulette werden das ganze Leben
+hindurch getragen, und zwar in der Regel auf dem bloßen Leibe oder in
+den Kleidern. Die Männer tragen sie z. B. in eigens dazu bestimmten
+Beutelchen von Seehundsfell, in die sie eingenäht werden, auf der
+Brust und die Weiber oft im Haar. Andere werden in das Dach des Hauses
+oder die Zeltwand gesteckt, aber auch im Kajak aufbewahrt, was ihn am
+Kentern hindern soll. Meistens hat jeder Mensch mehrere. Man schreibt
+ihnen die Macht zu, gegen Zauberei und Geisterschaden zu schützen, in
+Gefahr zu helfen und dem Besitzer gewisse Eigenschaften zu verleihen.
+Einzelne lassen sich auch als »Haut« verwenden und erinnern dadurch
+an den Gestaltwechsel unserer alten Mythologie (Falkengewand u. s.
+w.). Hat z. B. ein Mann einen Vogel oder Fisch als Amulett, so kann
+er sich durch dessen Anrufung in einen solchen verwandeln, oder er
+kann die Gestalt von Holz, Tang u. s. w. annehmen, wenn entsprechende
+Stücke sein Amulett bilden. Der Amulettglaube ist bekanntlich über
+die ganze Erde verbreitet und läßt sich von den primitivsten Völkern
+bis zu den zivilisiertesten hinauf verfolgen. Bei den Eskimos stammt
+er freilich aus sehr früher Zeit und ist vielleicht der primitivste
+ihrer jetzigen religiösen Begriffe. Mir scheint der Ursprung dieses
+Volksglaubens erklärlich. Manchmal ist es natürlich ein rein äußerer
+Zufall, z. B. die Wahrnehmung, daß ein Mann, der im Besitze eines
+besonderen Gegenstandes ist, stets Glück beim Fangen hatte. Meist aber
+liegt der Grund doch tiefer. Sieht z. B. ein Mensch, daß ein Vogel wie
+der Falke unglaublich leicht davoneilt, um sich beißt, angreift u. s.
+w., so schreibt er jedem Teil dieses Tieres, und besonders dem Kopfe
+mit der darin wohnenden Seele, dem Schnabel und den Krallen etwas von
+diesen Fähigkeiten zu. Binden unfruchtbare Frauen sich Stücke von den
+Schuhsohlen der Europäer um, zu dem Zwecke, Kinder zu bekommen, so
+ist dies keine unnatürliche Ideeenverbindung. Da sie sehen, daß wir
+fruchtbar sind, meinen sie, durch diese Schuhsohlen, die einem von
+uns als Unterlage gedient, werde auch unsere Kraft »in ihre Kleider
+übergehen und ihnen in gleichen Fällen Dienste leisten«[149]. Wenn ein
+Knabe, der Blut hustet, und dessen ganze Familie brustschwach ist, als
+Amulett einen Seehundsblutpfropfen[150] bekommt, der ihm in den Anorak
+vor der Brust eingenäht wird, so ist der Grund deutlich erkennbar. Es
+ist dieselbe ~sympathische Uebertragung~, die eine so große Rolle
+im Volksaberglauben aller Länder spielt. Oft nehmen sie als Amulett
+Stücke von den Anzügen oder Sachen ihrer Vorfahren, und zwar in der
+Regel von den Großeltern. Dies hat seinen Grund wohl darin, daß sie
+glauben, die Geister der Toten könnten sie beschützen und sie selber
+seien leichter imstande, mit ihnen in Verbindung zu treten, wenn sie
+etwas von ihrem Eigentume bei sich tragen. Es giebt auch Beispiele
+von kleinen weiblichen und männlichen Figuren als Amuletten[151]. Der
+Uebergang vom Amulettglauben zum Fetischdienste oder richtiger zur
+Abgötter- und Bilderverehrung scheint mir nicht gerade groß.
+
+Uebernatürliche Hülfe haben die Grönländer auch durch ihre
+Zauberformeln. Sie werden gegen Krankheit, gegen Feinde, in Gefahr u.
+s. w. angewendet und haben ungefähr denselben Einfluß wie die Amulette.
+Man tritt durch sie noch weniger mit den Geistern in Verbindung.
+Auf welche Art sie eigentlich wirken, weiß man nicht, ja man kennt
+nicht einmal die Bedeutung der Worte, die gebraucht werden, da es
+uralte Formeln sind, die von Geschlecht zu Geschlecht durch Kauf
+überliefert werden. Sie werden heimlich erlernt und müssen sofort und
+sehr teuer bezahlt werden, wenn sie kräftig sein sollen. Man sagt
+sie langsam in gedämpftem, geheimnisvollem Tone[152] her, und allem
+Anschein nach stehen sie irgendwie mit dem Hexenwesen in Verbindung.
+Sie erinnern wunderbar an unsere alten Böterinnen und deren oft
+sinnlose Zaubersprüche. Vermutlich haben wir hier die Reste alter, von
+außerhalb eingeführter Bräuche, deren ursprüngliche Bedeutung verloren
+gegangen ist. Nach Rink[153] kann man Zauberformeln auch dadurch
+erlernen, daß man einer Vogelstimme lauscht.
+
+Außer diesen Formeln bedient man sich der Zauberlieder. Die Worte
+dieser Lieder sind auch den Grönländern von heutzutage verständlich,
+und sie dürfen in Gegenwart anderer gesungen werden.
+
+Nach Rink scheint es, als würden in solchen Zauberformeln und
+besonders in den Liedern gewöhnlich die Seelen verstorbener Verwandter
+oder Vorfahren des Sängers um Hülfe angerufen, namentlich die der
+Großeltern. Aus Holms Berichten geht nichts derartiges hervor. Mir
+erscheint es jedoch nicht unwahrscheinlich, daß sie gleich den
+Amuletten oft in einer gewissen Verbindung mit den Toten stehen, also
+der Anfang (oder ein Ueberbleibsel) einer entwickelteren Totenverehrung
+sein können. So beschwor z. B. der Vater, wenn ein Junge zum ersten
+Mal in den Kajak gesetzt wurde, in einem Zauberliede die Seelen seiner
+verstorbenen Eltern oder Großeltern zum Schutze seines Sohnes.
+
+Ein Opfern an übernatürliche Mächte tritt bei den Grönländern nur
+wenig hervor. Das Gewöhnlichste ist, daß sie um einen guten Fang den
+Inue des Meeres, den sogenannten ~Kungusutarissat~ (Plur. von
+~Kungusutariak~), die Fuchsfleisch und Fuchsschwänze sehr lieben,
+etwas derartiges opfern, so oft sie Füchse erbeuten. Ebenso opfern sie
+auf Reisen gewissen Vorgebirgen, Gletschern oder dergl., die sie für
+gefährlich halten, um unbeschädigt vorbeizukommen. Die Opfergabe, meist
+Speise und Trank, oft aber auch Perlen und andere von ihnen geschätzte
+Dinge, werfen sie gewöhnlich vor den gefährlichen Stellen ins Meer.
+
+Außer diesen religiösen Zeremonien haben die Grönländer noch andere,
+namentlich gewisse Lebensregeln mit Fasten, Enthaltsamkeit und dergl.,
+die zum Beispiel Weiber vor und nach der Entbindung beobachten müssen.
+Auf alles dieses einzugehen, würde uns jedoch zu weit führen.
+
+ * * * * *
+
+Aus dieser Uebersicht über die religiösen Begriffe der Grönländer geht
+hervor, daß sie nicht so unberührt von äußeren Einflüssen geblieben
+sind, wie man bisher gerne glaubte. Einflüsse von verschiedenen Seiten
+her lassen sich nachweisen. Wir haben Mythen gefunden, deren Wiege
+im fernen Inneren Asiens zu suchen ist, ja wir fanden solche, die
+unzweifelhaft Grönland, Südafrika und die Fidschiinseln verbinden[154].
+Zwischen den Wanderungen solcher Mythen liegen lange Zeiträume. Uns
+interessiert es natürlich am meisten, Spuren zu finden, nach denen
+das erste Auftreten unserer Vorfahren in Grönland sich nicht darauf
+beschränkte, einige Steinruinen zu hinterlassen, sondern auch dem
+geistigen Leben der Eingeborenen seinen Stempel aufdrückte. Ich habe
+hier noch einige Beispiele anzuführen von wunderbaren Ähnlichkeiten
+mit europäischem, besonders nordischem Aberglauben, der wahrscheinlich
+durch unsere Vorfahren dorthin verpflanzt wurde.
+
+Die Grönländer glauben, daß Kinder, die heimlich geboren werden und
+gleich nach der Geburt sterben oder umgebracht werden, gefährliche
+Gespenster (~Angiak~) werden. Sie suchen sich unter anderem
+einen Hundekopf, den sie als Kajak benutzen, um ihre Verwandten zu
+verfolgen und zu töten. Ihre Rache trifft entweder die später von
+der Mutter noch geborenen Kinder oder auch z. B. den Bruder der
+Mutter, der sie durch die Mißbilligung ihres Betragens dazu zwang,
+im Geheimen zu gebären. Manchmal verfolgen sie auch Leute in Gestalt
+einer Feder, eines Fausthandschuhs oder dergleichen[155]. Die ganze
+Vorstellung gleicht sehr dem in Norwegen allgemein verbreiteten
+~Utburden~glauben. Die Utburden sind Kinder, die heimlich zur
+Welt gebracht und getötet wurden, also keinen Namen haben. Sie finden
+keine Ruhe im Grabe und müssen entweder ihre Mutter oder Leute, die an
+ihrem Grabe vorübergehen, in Gestalt eines sichtbaren oder unsichtbaren
+Gespenstes verfolgen[156]. Die Aehnlichkeit zwischen der norwegischen
+und der grönländischen Vorstellung ist so groß, daß man es wohl als
+wahrscheinlich annehmen kann, sie sei durch die alten Norweger nach
+Grönland gebracht worden[157].
+
+Gehen wir über zu den Märchen der Eskimos, so finden wir auch hier
+viele Aehnlichkeiten mit den norwegischen und europäischen. Wir
+haben z. B. in Norwegen ein noch ungedrucktes Märchen[158] von drei
+Schwestern, die außerordentlich heiratslustig waren. Die eine sagte:
+»Ich möchte mich zu gern verheiraten, wäre es auch nur mit einem
+Fuchs«; die zweite erklärte, sie sei schon mit einem Bock zufrieden,
+und die dritte wollte sogar ein Eichhörnchen nehmen. Da kamen ein
+Fuchs, ein Bock und ein Eichhörnchen und nahmen je eine Schwester zur
+Frau. Der Vater der Schwestern besuchte später seine Schwiegersöhne.
+Als er zum Eichhörnchen kam, bat dieses seine Frau, den Kessel über
+das Feuer zu hängen. Dann gingen sie alle drei aus und kamen an einen
+Fluß, wo das Eichhörnchen untertauchte und eine Forelle herausholte.
+Als der Vater nach Hause kam, bat er seine Frau, den Topf ans Feuer
+zu rücken und mit ihm zu kommen. Als sie an den Fluß kamen, wollte
+der Mann untertauchen, wie er es beim Eichhörnchen gesehen hatte,
+ertrank aber dabei. Dieses Märchen finden wir in Grönland in zwei
+Märchen geteilt wieder. In dem einen sind es zwei Schwestern, die am
+Ufer entlang gehen und sich dabei einen Walfisch und ein Eichhorn zum
+Manne wünschen. Die Tiere erscheinen auch prompt und holen sie[159].
+Im zweiten ist es ein altes Ehepaar, das allein mit seiner Tochter
+lebte. Eines Tages kam ein großer, unbekannter Mann, sagte, er wohne
+nach Süden hin in der Nähe, und hielt um die Tochter an. Er bekam sie
+und bat dann beim Abschiednehmen den Schwiegervater, ihn zu besuchen.
+Der Alte that es denn auch. Als er ins Haus trat, hängte die Tochter
+den Kessel über das Feuer, und der Mann ging hinaus ins Freie. Der Alte
+sah ihm vom Fenster aus nach, erblickte aber nur eine Scharbe (Carbo),
+die aufs Wasser hinausflog, untertauchte und mit einem Kaulkopf
+wiedererschien. Gleich darauf brachte der Schwiegersohn einen Kaulkopf,
+der gekocht und dem Alten vorgesetzt wurde. Bei seiner Heimkehr bat
+dieser seine Frau, den Topf über die Lampe zu hängen, ruderte dann mit
+ihr eine Strecke weit vom Lande ab, band sich erst einen Stein um den
+Hals, darauf einen Riemen um den Leib und sagte schließlich zu seiner
+Frau: »Ich will untertauchen; wenn ich am Riemen ziehe, mußt Du mich
+wieder aufholen!« Er sprang aus dem Boote und sank unter; als ihn die
+Frau aber wieder aufzog, war er schon ertrunken[160]. Die Aehnlichkeit
+zwischen diesem Märchen und dem letzten Teile jenes norwegischen ist
+so groß, daß der gemeinsame Ursprung sich kaum bezweifeln läßt. Es
+ist aber möglich, daß es nicht durch die alten Nordländer, sondern
+durch Hans Egede und seine Leute oder auch in noch späterer Zeit nach
+Grönland kam.
+
+Folgendes Märchen ähnelt asiatischen sowohl wie europäischen Sagen. Ein
+Renntierjäger sah einmal eine Menge Mädchen in einem See baden. Als
+er die Kleider der Schönsten an sich nahm, mußte sie ihm folgen und
+seine Frau werden, während die anderen ans Ufer eilten, ihre Gewänder
+überwarfen, sich dadurch in Graugänse oder Fischenten verwandelten und
+fortflogen. Die Frau des Jägers bekam einen Sohn, sammelte nun aber
+Federn, machte davon zwei Federgewänder, mit denen sie sich und ihren
+Sohn in Vögel verwandeln konnte, und flog eines schönen Tages, als
+ihr Mann auf der Jagd war, mit dem Knaben fort. Er suchte sie überall
+und traf dabei einen Mann, der Holz in Späne zerschnitt. Die Späne
+verwandelten sich in Fische. Der Mann setzte ihn auf den Schwanz eines
+großen Lachses, der auch aus einem Spane gemacht war, und befahl ihm,
+die Augen zu schließen. Darauf brachte ihn der Fisch zu seiner Frau und
+seinem Sohne[161]. Die amerikanischen Eskimos haben ein ganz ähnliches
+Märchen. Bei den Samojeden wird erzählt, daß ein Mann auf Reisen ging
+und ein altes Weib, das Birken fällte, traf. Er half der Alten und
+ging darauf mit ihr ins Zelt. Dort versteckte er sich, und nun kamen
+sieben Mädchen, die mit der Alten redeten und dann wieder fortgingen.
+Die Alte sagte zu ihm: »Dort hinten, wo der Wald am dunkelsten ist,
+liegt ein See, und in dem wollen die sieben Mädchen baden. Geh hin
+und nimm einer das Kleid fort.« Er that es. Der Rest hat mit dem
+grönländischen Märchen nichts gemein, auch ist nicht die Rede davon,
+daß die Mädchen sich in Vögel verwandeln konnten, es wird nur erwähnt,
+daß ihre Heimat in der Luft oder im Himmel lag[162]. Dieses Märchen,
+dessen Aehnlichkeit mit dem grönländischen von Dr. Rink (»Mitteilungen
+über Grönland«, Heft 11, Supplement, Seite 117) betont wird, gleicht
+jenem jedoch nicht so sehr, wie ein isländisches, in dem von einem
+Mann erzählt wird, der eines Morgens früh an der See entlang ging und
+dabei auf den Eingang einer Höhle stieß. Er hörte drinnen lärmen und
+tanzen und sah draußen eine Menge Seehundshäute liegen. Eine davon
+nahm er mit nach Hause. Später im Laufe des Tages ging er wieder an
+den Eingang der Höhle. Da saß dort ein schönes, junges Mädchen, das
+ganz nackt war und bitterlich weinte. Sie war der Seehund, dem die Haut
+gehörte. Er gab ihr Kleider, nahm sie mit nach Hause, heiratete sie
+später und hatte auch Kinder. Eines Tages aber, als er auf Fischfang
+war, fand die Frau die alte Seehundshaut. Die Versuchung war zu groß,
+sie sagte ihren Kindern Lebewohl, hüllte sich in die Haut und stürzte
+sich ins Meer[163]. -- Ueberdies ähnelt das grönländische Märchen auch
+den beinahe über die ganze Welt verbreiteten Schwanensagen, deren
+wir in Europa verschiedene haben. Daß es nicht in neuerer Zeit nach
+Grönland verpflanzt sein kann, beweist die Thatsache, daß Paul Egede
+es dort schon 1735 hörte. Die Möglichkeit, daß es die alten Nordländer
+nach Grönland brachten, scheint mir dadurch bekräftigt zu werden, daß
+Schwanensagen oder ähnliche Märchen in Amerika allem Anschein nach
+nicht verbreitet waren. So sagt z. B. Powers in seinem Buche über die
+kalifornischen Indianer, er habe bei ihnen nichts derartiges entdecken
+können[164].
+
+Führte es uns hier nicht zu weit, so ließen sich noch mehr merkwürdige
+Uebereinstimmungspunkte zwischen den grönländischen Märchen und Sagen
+und europäischen, besonders nordischen, nennen. Es zeigt sich also, daß
+der Verkehr zwischen den alten Norwegern und den Eingeborenen nicht so
+oberflächlich sein konnte, wie man gewöhnlich annimmt[165].
+
+Was ich hier an Aberglaube anzuführen hatte, scheint uns natürlich ein
+sinnlos verwirrtes Zeug, von dem frei zu werden nur Vorteil bringen
+könnte. Versetzen wir uns aber auf den Standpunkt der Grönländer, so
+möchte es wohl viel weniger sinnlos sein, als unsere christlichen
+Dogmen. Diese Dogmen müssen sie sich in ihre eigene Ideenwelt
+übertragen, wenn sie ihnen verständlich werden sollen. Mit anderen
+Worten: sie müssen sie erst mehr oder weniger heidnisch machen. Diese
+Umwandlung hat ihnen viel Arbeit gemacht, und wenn sie auch heute noch
+im Grunde Heiden sind und an ihre alten Sagen glauben, so hat doch die
+neue Lehre ihre Begriffe verwirrt. Schon allein deshalb könnte man
+meinen, das Richtigste wäre gewesen, sie ungestört bei ihrem alten
+Glauben zu lassen. Er gab ihnen, bei ihrem verhältnismäßig armen
+Ideengehalt, die leichteste Erklärung für ihre Umgebung. Er bevölkerte
+die Natur mit den übernatürlichen Mächten, deren sie als Trost
+bedurften, wenn ihnen die Wirklichkeit zu rauh und verwickelt wurde.
+Und wie charakterisieren diese Mythen den Eskimo! Man nehme nur seinen
+Wohnplatz im Jenseits. Dort giebt es weder Gold noch Silber, weder
+prächtige Kleider, noch prunkvolle Säle, wie in unseren Märchen, denn
+für ihn hat irdischer Reichtum keinen Wert. Dort giebt es auch keine
+schönen Frauen, blühende Gärten oder dergleichen. Nein, dort oben ist
+eine Erdhütte, nur etwas größer als die hienieden, und drinnen sitzen
+die Seligen und verzehren verfaulte Seehundsköpfe. Die Seehundsköpfe
+liegen in großen Haufen unter den Pritschen und nehmen nie ein Ende.
+Oder er erträumt sich dort herrliche Jagdgründe mit Massen von Wildpret
+und vielem Sonnenschein. Unser Paradies mit Engeln in weißen Gewändern,
+wo die Seelen ringsherum auf Stühlen sitzen, ist ihm ein langweiliges,
+farbloses Dasein. Er versteht es nicht, es kann keine Sehnsucht in ihm
+erwecken. Und wir können dem Angekok nicht böse sein, der Nils Egede
+erklärte, ihm sei das Haus des +Tornarssuk+ oder des »Teufels«, wo
+er schon oft gewesen, viel lieber; denn »im Himmel ist keine Nahrung zu
+bekommen, aber in der Hölle giebt es Seehunde und Fische genug«.
+
+Man sollte erwarten, daß den Missionaren[166] bei einem so
+friedliebenden gutmütigen Volke wie den Eskimos der Sieg über
+den heidnischen Glauben hätte leicht werden müssen. Aber man kann
+nicht sagen, daß dies der Fall war. Die Eingeborenen hatten viel
+gegen die christlichen Behauptungen einzuwenden. So konnten sie z.
+B. nicht begreifen, daß das Vergehen Adams und Evas »so groß sein
+und so traurige Folgen nach sich ziehen« konnte, daß das ganze
+Menschengeschlecht deswegen verflucht sein sollte. »Da Gott alle Dinge
+weiß, weshalb hat er es denn zugelassen, daß die ersten Menschen
+sündigten?« Daß diese ihren freien Willen gehabt, schien ihnen geradezu
+dumm, und hätte Gott die That verhindert, so wären Adams Nachkommen
+nicht so verderbte Menschen geworden, und Gottes Sohn hätte nicht zu
+leiden brauchen.
+
+Ein Mädchen war durchaus unzufrieden mit den Antworten, die sie auf
+derartige Einwände erhielt. »Sie wollte solche Antworten haben, daß
+sie in ihrem Innern zustimmen und fühlen könnte, dies alles sei wahr,
+und nun könne sie diejenigen, die gegen diesen Teil unserer Lehre
+so viel zu sagen hätten, zum Schweigen bringen.« Ebenso fand man,
+daß Adam und Eva sehr einfältig gewesen sein müßten, da sie sich mit
+einer Schlange in Unterhaltung einließen, und »furchtbar versessen
+auf Obst, da sie lieber sterben und leiden, als auf ein paar große
+Beeren verzichten wollten«. Andere meinten, das sehe den Kavdlunakern
+(Europäern) ähnlich; denn »die gierigen Leute haben nie genug an dem,
+was sie haben, und wollen mehr haben, als sie brauchen«. Ein Angekok
+erklärte es für ein richtiges Pech, daß der große Angekok Christus,
+der sogar Tote wieder lebendig machen konnte, nicht bei den Eskimos
+geboren worden sei. Die hätten ihn geliebt, hätten ihm gehorcht
+und nicht an ihm gehandelt wie die schlechten Kavdlunaker. »Welche
+verrückte Menschen! den zu töten, der lebendig machen kann!« Da sie die
+Christen sich streiten und prügeln sahen, hatten sie wenig Vertrauen
+zur christlichen Lehre und erklärten: »Vielleicht würden wir durch
+solche Kenntnis auch unmenschlich.« Und sie meinten, es könne nur dann
+gesittete Europäer geben, wenn sie »einige Jahre in Grönland gelebt und
++mores+ gelernt hätten«.
+
+Einige, besonders hartnäckige Zweifler fragten, warum denn Gott, wenn
+das Christentum etwas so Notwendiges sei, sie nicht früher darin
+unterwiesen, da dann ja auch ihre Vorfahren hätten in den Himmel kommen
+können. Paul Egede antwortete, Gott habe vielleicht gesehen, daß sie
+sein Wort nicht würden angenommen, sondern es verachtet haben; dann
+aber wären sie noch strafbarer geworden. Darauf erklärte ein alter
+Mann, er habe viele gute Leute gekannt und selbst einen frommen Vater
+gehabt, und wenn es vielleicht auch Verräter des Wortes unter ihnen
+gab, »so waren doch auch Frauen und Kinder da, die immer leichtgläubig
+sind«. Ein andermal setzte Paul Egede ihnen auseinander, irdisches Gut
+oder »Lumpenzeug« sei viel zu unwürdig, um in den Himmel zu kommen. Ein
+Skeptiker entgegnete: »Ich wußte nicht, daß es nicht der Mühe wert ist,
+daran zu denken, daß wir es im Himmel gut haben sollen. Warum sollen
+wir denn wünschen, die Erde zu verlassen?«
+
+Als die Bibel übersetzt werden sollte, stellten sich große
+Bedenklichkeiten heraus. Selbst mehrere der christlichen Grönländer
+meinten, es würde ihren ungläubigen Landsleuten nicht dienlich
+sein, etwas von »Jakobs Falschheit und Betrügerei gegen seinen Vater
+und seinen Bruder, von der Polygamie der Patriarchen und besonders
+von Simeons und Levis beispielloser Schlechtigkeit« zu erfahren.
+»Lots Geschichte« erschien ihnen auch ungeeignet. »Ein Auszug des
+Bedeutendsten wäre gewiß besser für dieses Volk«[167].
+
+Die Sakramente des Altars und der Taufe mußten ihnen natürlich als
+die ärgste Hexerei erscheinen. Als sie einmal einige Europäer diese
+Zeremonie vornehmen sahen, »fragte ein Angekok mich,« sagt Nils Egede,
+»weshalb ich immer auf die, welche hexen wollen, schimpfe; er habe nun
+doch selbst gesehen, wie der Priester über uns gehext«. Egede fand
+darauf nur die ziemlich nichtssagende Antwort, dies geschehe »auf
+Christi Gebot«; mehr brauchte seiner Ansicht nach »der Schafskopf nicht
+zu wissen«. Als die Missionare einmal einem Eskimo sagten, er sei »Gott
+für die vielen Kinder, die er ihm gegeben, besonderen Dank schuldig,«
+antwortete jener erbost: »Das, was Du sagst, daß Gott mir Kinder
+gegeben, ist eine große Lüge, denn ich habe sie selbst gemacht.« Zu
+seiner Frau gewandt, fügte er hinzu: »Ist das nicht wahr?«
+
+Ihre Kritik der Lehren und des Auftretens der Missionare war manchmal
+so beißend, daß selbst der verständige, brave Kaufmann Dalager zugeben
+muß: »Sogar die Dummsten, die weit entfernt von der Kolonie leben,
+haben mir in dieser Beziehung oft solche Objektionen gemacht, daß mir
+der Schweiß auf die Stirn trat und ich stöhnen mußte.«
+
+Der Gottesdienst scheint sie anfangs sehr gelangweilt zu haben. Sie
+wollten lieber von Europa hören und kamen mit vielen naiven Fragen,
+wie: »Ob der König sehr groß sei? Ob er stark sei? Ob er ein großer
+Angekok sei, und ob er viele Walfische gefangen habe?« Paul Egede
+erzählt, wenn sie fanden, sein Vater predige zu lange, gingen sie zu
+ihm hin und fragten, ob er nicht bald aufhören würde. Er mußte ihnen
+dann am Arme vormessen, ein wie großes Stück noch fehlte, und wenn
+ihnen dies gezeigt war, setzten sie sich wieder an ihren Platz und
+schoben jeden Augenblick die an den Arm gelegte Hand weiter. Sobald
+der Prediger nach einem Satz eine Pause machte, beeilten sie sich, mit
+der Hand bis auf die Fingerspitzen hinunterzugleiten. Wenn er aber
+wieder anfing, riefen sie »+Ama+«, was »Noch mehr« bedeutet, und
+schoben die Hand wieder bis auf den halben Arm hinauf. Mir, dem Leiter
+des Gesanges, hielten sie oft mit einem nassen Seehundsfellhandschuh
+den Mund zu, wenn ich einen neuen Psalm anstimmte oder ihnen zu lange
+sang. Das Benehmen der Missionare gegen die Eingeborenen ist nicht
+immer angemessen gewesen. Ich kann aus ihren eigenen Berichten ein
+paar Beispiele dafür anführen. »Ich ließ ihn wissen, daß er, falls er
+sich nicht im Guten überreden ließe, sondern Gottes Wort verachtete,
+von mir dasselbe Traktement erhalten sollte, das Angekoker und Lügner
+bekommen haben (nämlich Prügel).« -- -- »Nachdem ich es lange mit
+guten Worten und Ermahnungen versucht und alles nichts helfen wollte,
+griff ich zu meinem gewöhnlichen Mittel, bläute ihn tüchtig durch und
+jagte ihn aus der Thür«[168]. Ein Mädchen wurde von ihrem »Priester
+geschlagen, weil sie nicht glauben konnte, daß Gott so strenge sei, wie
+er ihn darstellte. Er hatte gesagt, alle ihre Vorfahren seien bei dem
++Tornarssuk+ und müßten dort ewige Pein erdulden, weil sie nichts
+von Gott wüßten.« Sie entschuldigte ihre Vorfahren damit, daß sie nie
+etwas von ihm gehört, der Geistliche aber wurde zornig, und als sie
+gar sagte, »es sei ihr schrecklich zu hören, daß Gott ihnen für dieses
+Versehen so fürchterlich zürne, daß er ihnen in Ewigkeit nicht vergeben
+könne, was doch sonst nur böse Menschen zu thun pflegten,« bekam sie
+Schläge[169]. Von solchem Auftreten von Landsleuten und christlichen
+Missionaren einem so friedlichen Volke gegenüber zu hören, mag unseren
+Ohren unangenehm klingen. Die Thatsache wird aber schwerlich einen
+besseren Eindruck auf die Eingeborenen gemacht haben. Man muß die
+Gutmütigkeit der Eskimos bewundern, daß sie nicht darauf verfielen,
+die Missionare einfach zu vertreiben. Zu deren Entschuldigung kann
+etwa dienen, daß sie in Europa und in einem roheren Zeitalter, als das
+unsere ist, geboren sind.
+
+Anfangs ging es mit der Bekehrung der Eingeborenen schlecht und
+langsam. Dann aber machten diese allmählich die Entdeckung, daß
+die Missionare eigentlich große Angekoker und ihre Zeremonien, die
+Wassertaufe, Gottes Wort, Sprüche, die christlichen Bücher u. s. w.
+Zaubermittel waren. Die Zaubermittel schienen vorzüglich geeignet,
+Krankheiten zu heilen, gegen Not zu schützen, guten Fang und andere
+Vorteile zu verschaffen. Garnicht davon zu reden, daß die Bekehrung und
+ein wenig Kopfhängen oft sofortige Frucht einbrachte in Gestalt kleiner
+Belohnungen seitens der eifrigen Missionare. Sie sagten daher von
+diesen: »Es sind gute Leute, sie gaben uns zu essen, wenn wir glaubten
+und betrübt aussahen.« Als ein Vater, dessen Sohn gefährlich erkrankt
+war, verschiedene Angekoker vergeblich erprobt hatte, beriet er sich
+mit einem von ihnen, ob er nicht bei dem Geistlichen der Kolonie
+Trost suchen sollte. Der alte Angekok erwiderte gleichgültig: »Du
+kannst hierin nach Deinen Gedanken handeln, denn ich bin der Ansicht,
+daß Gottes Wort und die Worte vernünftiger Angekoker gleich kräftig
+sind.« Nach und nach wurde das denn auch die allgemeine Ansicht, und
+da es sich mehrmals so glücklich traf, daß Gottes Wort in ähnlichen
+Fällen kräftiger als das Wort eines Angekoks zu wirken schien, war
+es natürlich, daß einige sich taufen ließen. War erst einmal ein
+Beispiel gegeben, so folgten selbstverständlich viele, besonders, wenn
+angesehene Fänger vorangingen.
+
+Aber wenn die Grönländer auch dem Namen nach zum Christentume
+übergingen, hielten sie doch an ihrem alten Glauben fest und thun das
+sogar heute noch. Es hielt anfangs sehr schwer, ihnen das Falsche in
+den Erdichtungen und Geschichten ihrer Angekoker nachzuweisen. Wenn
+ihnen deswegen Vorwürfe gemacht wurden, antworteten sie der Wahrheit
+gemäß, daß »sie nicht gewohnt seien zu lügen, und deshalb alles
+glaubten, was man ihnen sage«. Als Beispiel ihrer Leichtgläubigkeit
+erzählt Nils Egede: »Am 23. Februarius kam eine Dirne weinend zu mir
+und klagte mir, daß ein altes Hexenweib von ihr gesagt habe, sie
+sei schwanger. Ich fragte, was dies mich angehe und wie sie sich so
+betragen könne, denn solches Thun zieme sich nicht für eine Jungfrau.
+Sie aber antwortete, sie wisse von keinem Manne, und bat mich dann,
+doch einmal ihren Leib zu befühlen, wie hart der sei. Da ich wußte, daß
+sie halbgargekochte Erbsen gegessen, sagte ich, dies sei ihr Leiden.«
+Er gab ihr darauf ein wenig Branntwein und sagte, sie »würde noch vor
+dem nächsten Morgen mit den Erbsen niederkommen.« Am nächsten Tage
+kam sie, um sich zu bedanken, und erklärte, »sie habe sich noch nie so
+geängstigt«. Als er sie fragte, wie sie habe so einfältig sein können,
+sich dergleichen einreden zu lassen, antwortete sie: »Wir glauben
+alles.«
+
+Daß sie jedoch nicht alles glaubten, was ihnen die Europäer erzählten,
+scheint doch unter anderem aus Folgendem hervorzugehen. Einige
+Grönländer versuchten Nils Egede einzureden, sie hätten auf Discö
+»einen Bären getötet, der so groß war, daß er Eis, das nie auftaute,
+auf dem Rücken hatte.« Egede blieb ungläubig. Da erklärten sie ihm:
+»Wir haben das, was Du uns erzählst, nie angezweifelt, Du aber willst
+das nicht glauben, was wir Dir sagen.«
+
+Als Beispiel, wie tief die christliche Anschauung geht und wie die
+Eskimos zum Teil noch heute die Taufe auffassen, sei eines erwähnt. Ein
+Katechet, also ein zum Geistlichen Ausgebildeter und Stellvertreter
+des Predigers, taufte vor einigen Jahren in Nordgrönland nicht nur die
+Kinder seiner Gemeinde, sondern auch die jungen Hunde im Namen des
+Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Seine Frau hatte keine
+Kinder, und diesem Uebelstande glaubte er dadurch abhelfen zu können,
+daß er sie taufte; das Jahr darauf gebar sie denn auch richtig einen
+Sohn.
+
+Was von ihrem alten Heidentum heutzutage am meisten in ihrer Phantasie
+spukt, ist nach meiner Erfahrung der Glaube an die ~Kivitut~
+oder Gebirgsmenschen (vergleiche weiter oben), die sie sehr fürchten
+und alle Augenblick zu sehen glauben. Während wir in Godthaab waren,
+wurden wiederholt welche gesehen. So oft ihnen etwas aus ihren
+Vorratsverstecken gestohlen wird, hat es natürlich ein Kivitok gethan,
+und verunglückt ein Kajakmann, ohne daß die Leiche antreibt, so ist er
+ins Gebirge gegangen und Kivitok geworden. Dieser Glaube scheint in
+neuerer Zeit sehr überhand genommen zu haben. Ein Katechet tadelt seine
+Landsleute deswegen in der »+~Atuagagdliutit~+« und ruft aus:
+»Nein, laßt uns von denen, die auf dem gefahrvollen Meere umkommen, nur
+glauben, daß ihre Glieder auf dem großen Kirchhofe des Meeresgrundes
+ausruhen und ihre Seelen in ewiger Seligkeit weiterleben!«[170]
+
+Wie eingewurzelt ihre abergläubische Furcht ist, wurde mir einmal auf
+unheimliche Weise bewiesen. Ich ging in Godthaab eines Abends spät mit
+einem Brief, den fremde Kajakleute am andern Morgen in aller Frühe
+mitnehmen sollten, in ein anderes Eskimohaus. Als ich eintrat, lag das
+ganze Haus in tiefem Schlafe. Die dicht nebeneinander gedrängten Männer
+und Frauen auf der Hauptpritsche sahen aus, wie Heringe auf einer
+Trockenplatte. Um nicht mehr als nötig zu stören, wollte ich nur Jakob
+wecken, den einen unverheirateten Sohn des Hauses, der mir ein guter
+Freund war und mit dem ich täglich verkehrte. Ich rüttelte ihn und rief
+ihm »Jakob« ins Ohr. Er schlief ebenso fest weiter, und ich mußte ihn
+erst lange und nachdrücklich rütteln, ehe er endlich etwas blinzelte
+und grunzte. Als er mich aber über sich gebeugt sah, wurden seine Augen
+starr vor Entsetzen. Er fuhr in die Höhe, stieß einen gräßlichen Schrei
+aus und schlug mit Händen und Füßen um sich. Er schrie immer lauter
+und zog sich, unausgesetzt fechtend, immer mehr nach der Wandseite der
+Pritsche zurück. Nun fuhren auch die andern auf der Hauptpritsche in
+die Höhe und blickten mich ebenso starr und verglast an, während ich
+Aermster vor Staunen darüber, daß meine friedliche Wenigkeit einen
+solchen Spektakel verursachte, ganz sprachlos dastand. Endlich wurde
+ich wieder Herr über meine Zunge, näherte mich Jakob, reichte ihm
+die Hand und sprach einige beruhigende Worte. Nun aber wurde es noch
+ärger. Da ich sah, daß alles Reden umsonst war, schwieg ich still und
+fing an zu lachen, und nun hörte das Geheul ebenso plötzlich auf, wie
+es begonnen hatte. Jakobs Gesicht färbte sich so rot, als es entfärbt
+gewesen war, und er murmelte beschämt etwas davon, er habe geträumt,
+ein Kivitok wolle ihn ins Gebirge schleppen. Ich gab ihm den Brief
+und machte mich möglichst schnell aus dem Staube. Den nächsten Tag
+wußte die ganze Kolonie, daß ich der Kivitok gewesen, den man in der
+Nachbarschaft hatte heulen hören.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +XIV+.
+
+Europäer und Eingeborene.
+
+
+Das Verhalten der Europäer gegen die Grönländer steht in vieler
+Beziehung einzig da. Man hat die Grönländer besser behandelt als
+alle anderen Naturvölker, die je unseren Zivilisationsversuchen
+ausgesetzt waren. Die dänische Regierung verdient für ihr Auftreten
+in dieser Hinsicht die höchste Anerkennung, und es wäre nur zu
+wünschen, daß andere Staaten ihrem Beispiele folgen möchten. Sie hat
+in ihrer Handlungsweise nicht unwesentlich auf das wirkliche Wohl
+der Eingeborenen Rücksicht genommen, und man kennt kaum ein anderes
+Jagdvolk, das in so enge Berührung mit Zivilisation und Christentum kam
+und sich dabei so gut und so lange halten konnte.
+
+Ein Eifer für die einmal gewählte Aufgabe, wie der, der unsern
+Landsmann Hans Egede und die ersten Missionare in dieses damals wenig
+bekannte Land trieb und sie dort Entbehrungen genug ertragen ließ, ist
+sicherlich auch nicht gewöhnlich. Es geschah in guter Absicht, und
+sie meinten das zeitliche und ewige Wohl der Eingeborenen zu fördern.
+Vergleichen wir diese Mission und die ganze Behandlung Grönlands
+mit dem Auftreten der zivilisierten Völker an anderen Stellen der
+Erde, so gelangen wir zu der Ueberzeugung, daß durch das Ganze
+ein außergewöhnlich humaner Geist geht, und wer die Geschichte der
+grönländischen Verwaltung verfolgt, wird ständig neue und trostreiche
+Beweise finden.
+
+Aber die zivilisierten Menschen sind nur einmal trotz allen guten
+Willens geneigt, auf ein Naturvolk wie auf eine tiefer stehende Rasse
+hinabzusehen. Davon finden wir auch in der grönländischen Geschichte
+verschiedene Spuren. Sogar der begeisterte Hans Egede, aus seinen
+eigenen Schriften werden wir es sehen, verachtete in nicht geringem
+Maße die Eingeborenen, die zu bekehren er für seine Lebensaufgabe
+hielt. Ja er sagt selbst, daß er sie oft ohrfeigte und mit einem
+Tauende auf den nackten Rücken schlagen ließ. Als er einmal von einem
+Knaben erfuhr, daß ein Angekok, Namens Elik, gesagt, es würde leicht
+sein, die ins Land gekommenen fremden Männer auszurotten, zog er mit
+sieben Bewaffneten aus, überfiel den Angekok, nahm ihn gefangen und
+brachte ihn in die Kolonie. Dort »erhielt er einige Schläge mit dem
+Tauende und wurde in Fesseln gelegt«. Am Abend kamen die Söhne des
+Angekoks, um sich nach ihrem Vater zu erkundigen, und »durften nach
+erbetener Erlaubnis ihre Zelte nach der Kolonie bringen«. Einige
+Tage darauf wurde der Gefangene frei gelassen und zog mit den Seinen
+ab. Man sollte glauben, daß die Grönländer den Fremden nach solcher
+Behandlung grollen mußten, aber ihre Gutmütigkeit und Gastfreiheit ist
+unvergleichlich. Das Schicksal wollte, daß im Winter darauf Hans Egedes
+Sohn Paul, der auch an jener Gewaltthat beteiligt war, vom Sturm an
+einen Ort verschlagen wurde, wo er unerwartet den Angekok Elik traf. Es
+war ihm, wie er selbst sagt, nicht angenehm, ihn mit so vielen Fremden
+zu treffen, aber zu seinem großen Erstaunen wurden die Verirrten von
+dem Angekok eingeladen. Er legte sogar auf seine eigene Pritsche ein
+Renntierfell für Paul Egede. Der Missionar mußte drei Tage da bleiben
+und wurde aufs beste bewirtet[171]. Das heißt doch »Böses mit Gutem
+vergelten« und »die lieben, die Euch hassen«. Egede aber meinte, es sei
+die Bereitwilligkeit der Grönländer, sich in »ihre Strafe, wenn sie sie
+verdient zu haben glauben«, zu finden.
+
+Hans Egede hatte noch eine Angewohnheit, die gerade keine große
+Rücksicht gegen die Eingeborenen verrät. Er nahm dann und wann Kinder
+gegen den Willen der Angehörigen zu sich und behielt sie, um von ihnen
+die Sprache zu erlernen. Deshalb dichteten sie auch ein Lied über ihn:
+»Es ist von Westen her über das große Meer ein fremder Mann gekommen,
+der Knaben stiehlt und ihnen dicke Suppe mit Haut darauf (Brei) und
+getrocknete Erde aus seinem eigenen Lande (Schiffszwieback) zur Speise
+giebt«. Als Paul Egede einmal einer Mutter ein Geschenk anbot, damit
+sie ihm ihren Sohn noch länger ließe, antwortete sie, Kinder seien
+keine Handelsware.
+
+Noch heute finden wir in Grönland Beweise dafür, wie schwer es
+ist, sich von der eingewurzelten Verachtung für alle sogenannten
+Eingeborenen freizumachen. Die Kolonisation der Europäer hat nur den
+Zweck, dem Lande Gutes zu thun. Der Handel wird ja ausschließlich zum
+Besten der Missionare und der Eingeborenen getrieben. Das hat jedoch
+nicht verhindern können, daß in der sozialen Stellung der Europäer und
+der Fremden ein großes Mißverhältnis entstand. Die Fremden gelten
+bei sich selbst, wie bei den Grönländern als eine höhere Rasse, als
+die Herren des Landes, denen man gehorchen muß, während sie doch,
+wenn sie wirklich nur um der Eingeborenen willen da wären, eher deren
+aufopfernde Diener sein müßten. Teils bewußt, teils unbewußt, haben
+die Europäer gut dafür gesorgt, ein solches Verhältnis zu entwickeln
+und die Eingeborenen stets nur wie ihre Untergebenen zu behandeln. Wir
+kamen ja in das Land, um das Christentum zu predigen. Wie aber stimmt
+dies mit unserer christlichen Freiheits- und Gleichheitslehre?
+
+Als Beispiel, wohin dieses Verhältnis führen kann, ist zu erwähnen, daß
+es in den meisten südgrönländischen Kolonien den Eskimos verboten ist,
+Hunde zu halten, weil die paar dort wohnenden europäischen Familien
+Ziegen zu halten wünschen. Das Verbot ist allerdings in mehreren Fällen
+vom Vorstande (vergl. S. 281 f.) erlassen worden, aber die Europäer
+selbst haben es beantragt, und da die Grönländer sich, wie gesagt,
+ihnen in allen Dingen fügen, war es nicht schwer, sich ihrer Zustimmung
+gegen den eigenen Wunsch zu versichern. Ich habe sie nachher sich
+bitter beklagen hören, daß sie so dumm sein konnten, für ein solches
+Verbot zu stimmen. Am grellsten tritt die Ungerechtigkeit zu Tage,
+wo sich die deutschen Missionare aufhalten. Dort erläßt der fromme
+Herr einfach einen Ukas, der seiner ganzen Gemeinde das Hundehalten
+verbietet, damit seine Ziegen unbelästigt bleiben.
+
+Ich habe mit sonst sehr verständigen und warmherzigen Leuten dort oben
+gesprochen, die meinten, es sei doch klar, daß das Halten von Hunden
+verboten sein müsse, da diese ja die Ziegen jagten und ängstigten.
+Wandte man dann ein, daß es doch vernünftiger sei, die Ziegen zu
+verbieten, da der Europäer nur wenige, der Grönländer aber viele
+seien, so wurde man einfach ausgelacht. Daß sie selbst erst in das
+Land übersiedelten und die Eskimos seit unvordenklichen Zeiten Hunde
+gehalten haben, davon redete keiner. Auch schienen sie es nicht weiter
+für schlimm zu halten, daß die Ziegen oft den Rasen von den Wänden und
+Dächern der Grönländerhäuser losrissen, Schaden unter den zum Trocknen
+aufgehängten Fischen der Eskimos anrichteten und ähnlichen Unfug
+ausübten.
+
+Des weiteren bezeichnend für die Art, mit der man die Rechte eines
+Europäers und eines Eingeborenen betrachtet, sind die Verordnungen über
+den Branntweinverkauf. Während es (wie in Kapitel +V+ erwähnt)
+verboten ist, den Kindern des Landes Schnaps zu verkaufen, können die
+Europäer dort oben soviel bekommen, als sie nur wünschen. Das ist ein
+Mißgriff; denn es muß die Eingeborenen empören, ständig zu sehen, daß
+sie selbst nicht gut genug sein sollen, das zu bekommen, worauf der
+schlechteste Europäer ein Anrecht hat. Noch schädlicher aber wirkt die
+Verordnung deshalb, weil sie dahin führt, daß die Grönländer im Dienste
+des Handels oder der Europäer täglich Branntwein bekommen können, und
+alle anderen ebenso, sobald sie den Europäern etwas verkaufen. Daß
+dies zu den gröbsten Mißbräuchen führt, liegt auf der Hand. Ich will
+mich nicht einmal dabei aufhalten, daß es einzelnen, hervorragenderen
+Eingeborenen von gemischter Herkunft gestattet ist, sich alljährlich
+bestimmte Mengen dieses Getränkes aus Europa zu verschreiben.
+
+Das Verbot des Branntweinverkaufes ist natürlich eine direkte
+Notwendigkeit, wenn der Untergang der Eingeborenen nicht in hohem
+Grade beschleunigt werden soll. Jedoch wäre es dann das einzig Wahre
+und Folgerichtige, daß sich dieses Verbot auf die Europäer sogut wie
+auf die Eingeborenen erstreckte. Ich weiß, daß manche behaupten,
+dies sei den Europäern gegenüber, die stets an Alkoholgenuß gewöhnt
+waren, eine ungerechte Forderung. Ich weiß auch, daß dieser Grund
+besonders einschlägt bei den Leuten aus Dänemark, wo ja selbst in der
+Arbeiterklasse bei den meisten Mahlzeiten ein Schnaps genommen wird,
+Alkohol also als Bedarfsgegenstand gilt. Dessenungeachtet kann ich nur
+finden, daß es für alle Teile das Beste und Richtigste gewesen wäre.
+Ungerecht kann man ein solches Verlangen nicht nennen, denn es steht
+jedem, der sich nach den Bedingungen erkundigt, frei, aus Grönland
+wegzubleiben, und ich hege keine Befürchtung, daß dort oben nicht doch
+noch genug Europäer bleiben werden.
+
+Meine Forderungen aber gehen weiter. Ich meine, man müßte nicht nur den
+Branntweinverkauf verbieten, sondern auch den Handel mit Kaffee, Tabak,
+Thee und den anderen entschieden schädlichen oder wertlosen Produkten,
+die wir bei den Eingeborenen einführten. Sie hatten wahrhaftig keine
+Sehnsucht danach, es dauerte sogar lange Zeit bis wir sie gelehrt,
+an diesen Dingen Genuß zu finden, ja, die Ostgrönländer mögen z. B.
+noch heute keinen Kaffee. Auf der Westküste haben wir indessen, wie
+oben erzählt, unheimlichen Erfolg gehabt, und der Kaffee ist kein
+unwesentlicher Faktor bei ihrem Untergang. Verböte man aber, den
+Eingeborenen Kaffee zu verkaufen, so müßte seine Einfuhr auch für die
+Europäer untersagt werden. Dies wird manch einer Fanatismus nennen. Mag
+er es thun, ich bin nun einmal der Ansicht, daß, wenn wir wirklich
+zum Besten der Grönländer in das Land gekommen sind und dort wohnen
+wollen, um sie zu unterrichten, wir dies auch mit Thaten zeigen und
+den Forderungen einer solchen verantwortlichen, schwierigen Aufgabe
+völlig gerecht werden müssen, indem wir uns in die kleinen Entbehrungen
+schicken, die sie uns auferlegt. Solch aufopfernde That läßt sich nicht
+ohne Entbehrungen durchführen; Christi Apostel haben auch Leiden auf
+sich genommen, und können wir dies nicht, so sind wir einer solchen
+Aufgabe nicht gewachsen, sind ihrer auch nicht würdig und sollten
+lieber davon ablassen. Sind wir indessen nicht um der Grönländer
+willen, sondern unsertwegen gekommen, dann freilich ändert sich die
+Sache. Dann müssen wir aber auch das Ding beim rechten Namen nennen und
+nicht mit dem des Christentums und dem der Zivilisation schmücken.
+
+Um einigermaßen dem gesetzlosen Zustande abzuhelfen, der infolge der
+Missionsthätigkeit und ebenso sehr dadurch entstehen mußte, daß die
+zugezogenen Fremden bis zum Geringsten herab sich berechtigt glaubten,
+die Eingeborenen zu verachten und zu beherrschen, hat +Dr.+
+Rink mindestens die Einrichtung der sogenannten ~Vorstände~
+durchgesetzt. Sie bestehen aus eingeborenen Mitgliedern, von denen jede
+Ansiedlung oder jeder kleinere Kreis je eines wählt. Der Zweck war die
+Ordnung aller inneren Gemeindeangelegenheiten, die Festsetzung der
+Armenunterstützungen, die Aufrechthaltung von Zucht und Ordnung u.s.w.
+Da die Grönländer selbst von solchen Dingen nichts verstanden, sollte
+der Prediger jedes Distrikts als Vorsitzender und die dort wohnenden
+Europäer als Mitglieder im Vorstande sein, um den eingeborenen
+Vorstehern Rat zu erteilen und sie zu leiten. Es hat jedoch den
+Anschein, als ob die Europäer nach und nach die wirkliche Macht
+erlangt hätten und die anderen sich nach ihren Wünschen richteten.
+Der schöne Gedanke dieser Institution, die Eingeborenen sollten sich
+auf diese Weise selbst regieren lernen, ist sicher aller Anerkennung
+wert. +Dr.+ Rink hat dadurch wirklich eine Wendung zum Besseren in
+der neueren Geschichte der Grönländer herbeigeführt. Die Institution
+leidet jedoch am nämlichen Fehler wie alle anderen Veranstaltungen
+der Europäer zum Besten der Eingeborenen, nämlich daran, daß sie
+nicht aus dem Volke selbst hervorging, das von ihr Gebrauch machen
+soll. Es ist nie Sache des Augenblicks, neue soziale Bräuche wirklich
+durchzuführen. Dergleichen geschieht nicht willkürlich, sondern ist die
+Frucht langsamer Entwicklung eines Volkes. Eine Institution, die von
+Fremden ausgeht, wird jedenfalls sehr lange Zeit brauchen, ehe sie sich
+wirklich einbürgert. Viele Grönländer halten es jetzt für eine Ehre,
+Vorsteher zu sein. Ich habe aber auch Beispiele gesehen, daß andere,
+und zwar die Tüchtigsten, sich dagegen sträubten. Sie hielten es für
+wichtiger, ihrem Fange nachzugehen und ihre Familie zu versorgen, als
+lange Reisen zu machen, um Sitzungen beizuwohnen, in denen sie bei
+ihrem großen Respekt vor den Europäern doch nur diesen zu Munde reden
+und die von ihnen gewünschten Bestimmungen treffen könnten.
+
+Man könnte sich aus dem Vorhergehenden und aus manchem Anderen, was
+in diesem Buche zu sagen war, zu dem Schluß berechtigt glauben, daß
+die Grönländer ein wenig selbständiges Volk seien und wie geschaffen
+zur Unterwerfung. Aber dieser Schluß ist falsch. Die Grönländer
+haben im Gegenteil ursprünglich ein sehr ausgeprägtes Freiheits- und
+Selbständigkeitsgefühl. Als die Europäer zuerst ins Land kamen,
+standen die Eingeborenen nach ihrer eigenen Schätzung mindestens ebenso
+hoch wie jene. Der Gedanke, daß man zu irgend jemand in untergeordnetem
+oder dienendem Verhältnis stehen könnte, wie sie es bei den Europäern
+sahen, erschien ihnen ebenso fremd, wie entwürdigend. Allerdings hat
+bei ihnen der Hausvater über seine Familie oder über die Familien, die
+gemeinsam ein Haus bewohnen, eine gewisse Herrschaft. Sie ist aber den
+Verhältnissen so angemessen und tritt so wenig hervor, daß sie kaum
+fühlbar ist. Gesinde haben sie auch, insofern Mädchen und Frauen ohne
+Eltern oder Versorger oft von guten Fängern aufgenommen werden und
+mit der Hausmutter, den Töchtern und den Schwiegertöchtern zusammen
+alle Arbeit verrichten müssen. Sie sind den andern aber in der Regel
+gleichgestellt, und das Dienstverhältnis besteht mehr nur dem Namen
+nach. Männliche Diener dagegen kommen nicht vor. Es wurde ihnen schwer,
+sich mit dem Gedanken auszusöhnen, Diener eines anderen zu sein. Noch
+heute leiden sie vor allem nicht Aufträge in befehlendem Tone, wenn sie
+sich auch in ihrer großen Friedfertigkeit oft schweigend darin finden.
+
+Dieses ausgeprägte Freiheitsgefühl machte es den Europäern anfangs
+schwer, grönländische Diener zu bekommen. Allmählich aber hat die
+Civilisation die Grönländer auch nach dieser Richtung demoralisiert.
+Jetzt treten selbst Fänger in den Dienst des Handels und sind sogar
+stolz darauf, da sie nun unter anderem auch als dänische »Beamte« jeden
+Morgen ihren ~+Snapsemik+~ bekommen.
+
+Die dänischen Frauen aber werden mir noch heute bezeugen, daß man seine
+liebe Not damit haben kann, den Stolz grönländischer Mägde nicht zu
+verletzen. Diese Mägde sind flink und liebenswürdig, solange man sie
+gut behandelt. Sagt man ihnen aber ein hartes Wort, so verschwinden
+sie oft ohne weiteres und kommen nicht wieder. Mag nun die betreffende
+Hausfrau nicht zu Kreuze kriechen und um Verzeihung bitten, so kann
+sie sich nach einer andern Magd umsehen. Wenn der Grönländer bisweilen
+einen sklavischen Eindruck macht, so kommt dies, glaube ich, von der
+verblüffenden Geduld, mit der er sich in alles findet und sogar die
+offenbarste Ungerechtigkeit mit überlegener Ruhe hinnimmt. Diese
+Geduld muß es sein, was ~Egede~ die angeborene Dummheit und
+Gleichgültigkeit der Grönländer, die unvernünftige und viehische
+Erziehung ihrer Kinder u. s. w. nennt. Ich glaube, ein hartes Los hat
+sie diese dem Anscheine nach phlegmatische Ruhe gelehrt. Schon ihr vom
+Zufall abhängiger Fang stellt die Geduld oft auf eine harte Probe,
+dann bereits, wenn das Schicksal ihnen so ungünstig ist, daß sie Tag
+für Tag ohne Beute zu ihrer darbenden Familie zurückkehren müssen.
+~Egede~ darf sicher am allerwenigsten über diese Eigenschaft
+klagen. Wäre sie und die große Friedfertigkeit nicht ein Hauptzug der
+Eskimos gewesen, so hätten sie sich gewiß nicht so ruhig in das oft
+gewaltsame Auftreten der ersten Europäer gefunden. Ich habe oft genug
+ihre stoische Geduld bewundern müssen, wenn sie z. B. des Morgens
+stundenlang im Hausgange des Kolonialverwalters oder draußen vor seiner
+Thür im Schneegestöber warten mußten, da der Herr Verwalter und sein
+Handelsgehülfe anderweitig beschäftigt waren. Sie wollten ein kleines
+Geschäft mit ihnen machen, bevor sie in ihr Heim zurückkehrten, das oft
+viele Meilen von der Kolonie entfernt lag, und es mochte für sie von
+großer Bedeutung sein, möglichst bald abzufahren. Manchmal sah sogar
+das Wetter unsicher aus, und dann war jede Minute mehr als kostbar,
+aber sie warteten gleich ruhig und scheinbar gleichgültig. Fragte ich
+sie, ob sie abreisen wollten, so antworteten sie nur: »Ich weiß nicht«
+oder »Ja, wenn das Wetter nicht schlechter wird« oder dergleichen, nie
+aber hörte ich sie sich beklagen.
+
+Folgende Geschichte aus Godthaab illustriert besser als alles andere
+diese Seite ihres Charakters. Ein Inspektor schickte einmal ein
+Frauenboot mit Besatzung nach dem Ameralikfjord, um dort Gras für seine
+Ziegen zu holen. Die Leute blieben indessen lange fort, und niemand
+konnte begreifen, wo sie blieben. Endlich kamen sie wieder. Als der
+Inspektor sie fragte, wo sie so lange geblieben seien, antworteten sie,
+bei ihrer Ankunft sei das Gras noch zu kurz gewesen, und daher hätten
+sie sich dort niedergelassen und gewartet, bis es lang genug war.
+
+So warten die Grönländer ruhig, bis ihr eigener Untergang gleichfalls
+zur Reife gediehen ist. -- Es ist ein geduldiges Volk.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +XV+.
+
+Was haben wir erreicht?
+
+
+Der Zweck unserer Mission und unserer Kulturarbeit in Grönland war
+zunächst, daß sie uns bei Gott und den Menschen Ehre bringen und die
+Seligkeit in jener Welt sichern sollten. Danach aber wollten wir auch
+den Eingeborenen nützen. Haben wir das nun erreicht?
+
+Betrachten wir erst die rein materielle Seite. Von vornherein sollte es
+scheinen, als müßten wir diesem auf der Stufe des Steinalters lebenden
+Volke viele Dinge zur Erleichterung seines harten Daseinskampfes
+bringen können. Das war in Wirklichkeit durchaus nicht der Fall.
+Das Wichtigste, die Waffen, und die Fanggeräte, haben wir in keiner
+Hinsicht verbessern können. Allerdings haben wir Eisen gebracht, und
+dieses ist besser für die Harpunenspitzen und Messer. Aber teils
+besaßen die Grönländer es schon, teils kamen sie auch so aus. Sie gaben
+ihren Harpunen Spitzen von hartem Stein oder Knochen, ihre Messer
+machten sie aus demselben Material und fingen damit reichlich so viele
+Seehunde wie jetzt.
+
+Unsere Schußwaffen aber waren für sie doch ein großer Fortschritt?
+Gerade das Gegenteil. Die Flinte hat sie verleitet, unter den
+Renntieren eines kleinen augenblicklichen Gewinnes halber entsetzliche
+Verwüstungen anzurichten. Das ging soweit, daß auf dem kleinen Streifen
+nackten, zerklüfteten Landes längs der Westküste alljährlich mindestens
+~sechzehntausend~ Renntiere erlegt wurden. Es wurde von ihnen
+meistens nur das Fell mitgenommen und an die Europäer verkauft, während
+das Fleisch liegen blieb und nutzlos verfaulte. Daß dies die Renntiere
+beinahe ausrottete, ist klar, und die Jagd mußte so ziemlich aufhören,
+weil »die Renntiere die Küste verlassen« hatten. Als die Jagd noch
+mit Pfeil und Bogen betrieben wurde, war sie sehr einträglich, das
+Abschlachten wurde nie so groß, daß der Renntierbestand sich nicht
+hätte halten können.
+
+Aber auch für die Seejagd war das Gewehr kein Glück. Wenn viele
+Seehunde in einem Fjorde sind, werden sie durch die Schüsse erschreckt
+und gehen sofort ins offne Meer, während der Harpunenfang lautlos vor
+sich ging. Es ist natürlich leichter, einen Seehund zu schießen, als
+ihn mit der Harpune zu erlegen, und darum hat die Flinte die alte
+Methode in Verfall gebracht. Und doch war sie für die Eskimos die
+wichtigste; denn während der Flintenfänger bei stürmischem Wetter zu
+Hause sitzen muß, kann der Harpunenfänger stets hinaus und für seine
+Familie sorgen. Ferner ist der Harpunenfang rationeller, weil man dabei
+in der Regel auch die nur verwundeten Tiere mit heimbringt, während man
+mit dem Gewehr oft die Tiere nur anschießt und viele sogar erlegt, ohne
+sie dann auch zu bekommen.
+
+Die Schrotflinte hat sich ebensowenig als nützlich erwiesen. In
+vielen Distrikten hat die Einführung dieses Gewehres die Bewohner
+dazu verleitet, sich mehr auf die leichtere Vogeljagd als auf den
+Seehundsfang zu legen, der doch das ist und bleibt, wovon das Dasein
+der Eskimogesellschaft abhängt. Der Seehund liefert Fleisch und Speck
+zum Essen wie zum Brennen, er giebt Fell zu Kajaken, Booten, Zelten,
+Häusern, Kleidern, Stiefeln u. s. w. -- er läßt sich nicht ersetzen.
+Ein anderes Ungemach ist, daß die Grönländer mit Hilfe der Schrotflinte
+auf einige Vögel, wie die Eidervögel, derartig Jagd machen können,
+daß ihre Zahl mit jedem Jahre abnimmt. Auch das kann kein gutes Ende
+nehmen, denn die Vogeljagd ist für viele Familien Lebensbedingung
+geworden. In Godthaab z. B. leben die Einwohner den größten Teil
+des Winters davon, und dort giebt es nur wenige, die dann auf den
+Seehundsfang ausgehen können. Früher erlegte der Eskimo das Federwild
+mit dem Wurfpfeil. Er erbeutete auch damals viele Vögel und bekam, »was
+er nur verwundete«. Wenn er jetzt dagegen seine Schrotladung in die
+Eidervögelschar hineinfeuert, läßt sich kaum zählen, wie viele fallen,
+ohne irgend wem zugute zu kommen.
+
+Nein, wir können uns wahrhaftig nicht schmeicheln, ihre Fangmethoden
+vervollkommnet zu haben, wir haben nur eine Unordnung hineingebracht,
+deren zerstörende Folgen noch nicht zu übersehen sind.
+
+[Illustration: Auf der Sommerreise.]
+
+Das Schlimmste von allem aber, und gar nicht wieder gut zu machen
+ist der Schaden, den wir ihnen mit der Einführung aller unserer
+europäischen Produkte beigebracht haben. Wir sind, wie erwiesen,
+unmoralisch genug gewesen, den Eskimo an Kaffee, Tabak, Brot,
+europäisches Zeug und Putz zu gewöhnen, und er hat uns seine
+notwendigen Seehundsfelle und seinen Speck verkauft, um sich dafür
+anzuschaffen, was ihm doch nur den zweifelhaften Genuß des
+Augenblicks gewährte. Inzwischen verfaulte sein Frauenboot aus Mangel
+an Häuten, er konnte sich kein Zelt mehr aufschlagen, und es kam sogar
+vor, daß der Kajak, die Lebensbedingung eines Eskimos, ohne Bezug
+auf dem Lande lag. Im Winter mußte man in den Häusern die Lampen oft
+ausgehen lassen, weil der Speck im Herbst an die Handelsgesellschaft
+verkauft worden war. Der Eskimo selbst ging im Winter oft in schlechten
+europäischen Lumpen, statt der guten, warmen Pelzkleidung, die er
+früher trug. Er ist immer ärmer geworden, die schönen Sommerreisen
+mußten zum großen Teile eingestellt werden, weil Frauenboot und Zelt
+verloren sind, und das ganze Jahr hindurch bleiben sie eingeschlossen
+in den engen Häusern, wo ansteckende Krankheiten einen so guten Herd
+finden und schlimmer als je am Volke zehren. Als ein Beispiel, wie
+weit der Verfall an einigen Stellen vorgeschritten ist, läßt sich
+anführen, daß an einem Orte bei Godthaab vor einigen Jahren noch elf
+Frauenboote[172] waren, während es dort jetzt nur noch ein einziges
+giebt -- und dieses einzige gehört dem Missionar[173].
+
+Sieht man die grönländischen Volkszählungslisten der letzten Jahre
+an, so könnte man sich beruhigt fühlen. Die Zahl der Eingeborenen auf
+der Westküste betrug 1855 nur 9644 Seelen, während sie sich 1889 auf
+10177 belief. Man sollte aber sein Gewissen lieber nicht mit diesen
+schönen Zahlen einschläfern. Sie sind nur übertünchte Gräber, und
+die Volksmenge der dazwischenliegenden Jahre wird zeigen, wie groß
+das Hin- und Herschwanken ist. Im Jahre 1881 gab es nicht mehr als
+9701 und 1883 nicht mehr als 9744 (also seit 1855 eine Zunahme von
+nur hundert Individuen); im Jahre 1885 war die Zahl der Eingeborenen
+allerdings auf 9914 und 1888 auf 10221 gestiegen, war dann 1889 aber
+wieder auf 10177 heruntergegangen. Ueber die spätere Zeit habe ich
+keine authentischen Nachrichten. Daß dort keine gesunden Verhältnisse
+herrschen, beweisen diese Zahlen. Zunahme und Abnahme streiten sich
+bereits um die Herrschaft. Auch darf man nicht vergessen, daß Hans
+Egede die Volksmenge auf der Westküste vor anderthalb Jahrhunderten auf
+30000 Seelen schätzte. Das mochte viel zu hoch gegriffen sein, aber es
+ist doch weit hinunter bis zu 10177. -- Dieses Volk segelt mit Leichen
+im Lastraum.
+
+Die Kränklichkeit hat sich in den letzten Jahren in beunruhigendem
+Grade entwickelt. Besonders greift der Krebsschaden des grönländischen
+Volkes immer mehr um sich, die Auszehrung oder richtiger die
+Tuberkulose. Es dürfte nicht viele Beispiele von Gemeinwesen geben, in
+denen ein so großer Teil der Einwohner dieser Krankheit anheimgefallen
+ist. Ob wir sie nach Grönland gebracht haben, ist nicht gewiß,
+aber wahrscheinlich. Jedenfalls hatten wir, wie ich schon mehrmals
+hervorhob, in verschiedener Weise einen entscheidenden Einfluß auf die
+Verbreitung dieser und anderer ansteckenden Krankheiten[174]. Die
+Tuberkulose ist jetzt so allgemein, daß ich beinahe sagen möchte, es
+sei viel einfacher, die wenigen zu nennen, die sie nicht haben, als
+aufzuzählen, wer sie hat. Aber es ist merkwürdig, wie widerstandsfähig
+die Eingeborenen gegen diese Krankheit sind. Sie können in ihren jungen
+Jahren schon so von ihr ergriffen sein, daß sie Blut speien, und
+erreichen trotzdem ein ziemlich hohes Alter. Ich habe sogar gute Fänger
+gesehen, die ausgesprochen schwindsüchtig waren, die bei einem Anfall
+viel Blut aushusteten und wenige Tage später schon wieder auf den Fang
+ausgingen. Dies ist wohl teilweise ihrer fetten Kost und besonders dem
+Specke zuzuschreiben, der vorzüglich geeignet ist, sie widerstandsfähig
+gegen diese Krankheit zu machen. Es hat sich auch herausgestellt, daß
+die Leute in den Kolonien, wo man mehr nach europäischer Weise lebt,
+der Krankheit meistens unterliegen. Gewöhnlich werden sie jedoch
+überall von ihr geschwächt und können nichts Rechtes mehr leisten. Wie
+lähmend dies auf ein so kleines Gemeinwesen einwirken muß, kann man
+sich selbst sagen. Eine Seuche, wie die Pocken, die wir ihnen natürlich
+auch schenkten und die einen großen Teil der Bevölkerung hinweggerafft
+haben, ist jener bedeutend vorzuziehen. Sie tötet ihre Opfer meistens
+bald und wirkt nicht wie dieses langsame, schleichende Gift[175].
+
+So sehen wir also als das Resultat unseres Einflusses auf die irdischen
+Angelegenheiten der Grönländer einen ständigen Rückgang von früherem
+Wohlstand und Gedeihen zu hoffnungsloser Armut und Schwäche.
+
+Mancher wird dies zugeben, zugleich aber einwenden, daß wir doch
+eigentlich nach Grönland kamen, um das geistige Niveau und die
+Kultur der Eskimos zu heben, und daß dies auf Kosten ihrer irdischen
+Wohlfahrt geschehen müsse. Betrachten wir also auch diese Seite unseres
+Wirkens! Viele Menschen glauben ja, es lasse sich aus einem so spröden
+Stoffe, wie ein Naturvolk es ist, mit einem Schlage ein entwickelter
+Kulturstaat schaffen. Es ist sehr naiv, zu glauben, die menschliche
+Natur lasse sich nach dem Gutdünken einzelner Völker ändern. Allerdings
+ist die menschliche Natur veränderlich; aber ihre Entwickelung geht
+gerade so langsam vor sich, wie alle andere Entwickelung in der
+großen Natur. Wir dürfen uns nicht einbilden, daß es angehe, uns
+blindlings auf ein Naturvolk mit unserer Kultur zu stürzen und sie
+ihm einzupflanzen, wie wir es in Grönland und anderswo gethan haben.
+»Versuche eine Hand mit fünf Fingern in einen Handschuh mit nur
+vieren hineinzuzwängen,« sagt Spencer, »und die Schwierigkeit gleicht
+genau der Schwierigkeit, einen entwickelten oder zusammengesetzten
+Begriff in einen Geist hineinzubringen, der nicht eine entsprechend
+zusammengesetzte Aufnahmefähigkeit besitzt.«
+
+Die einzige Veränderung, die man an einem Naturvolke ziemlich schnell
+vornehmen kann, ist sein Verfall und Untergang. Eine solche Veränderung
+zeigt sich in geistiger Beziehung, sobald wir versuchen, einem Volk
+auf einer anderen Kulturstufe neue ethische Begriffe beizubringen.
+Und dies ist genau das, was wir bei den Eskimos ausgerichtet haben.
+Da wir z. B. mit Verachtung ihrer Gesetze und Bräuche versucht
+haben, sie unsere Eigentumsbegriffe zu lehren, die doch nur für eine
+entwickeltere, aber weniger christliche Gesellschaft als die der
+Eskimos passen, können wir nun erwarten, dadurch etwas anderes zu
+bewirken, als Verwirrung und Gärung? Ihr ganzer Staat war eingerichtet
+nach ihren ursprünglichen, sozialistischen Eigentumsbegriffen; mit den
+neuen, ihnen fremden aber ist das jetzige Leben unvereinbar, und so
+ist der Untergang unvermeidlich. Wie hiermit aber, geht es mit allen
+anderen Begriffen, die wir ihnen einimpfen wollen.
+
+Wie viel Unglück, um noch ein Beispiel anzuführen, haben wir ihnen
+durch unser Geld gebracht! Früher hatten sie keinen Anlaß zum Sparen
+oder Reichtumsammeln. Die Erzeugnisse ihrer Arbeit halten sich nicht
+unbegrenzte Zeit, und alles Ueberflüssige konnte man verschenken. --
+Dann aber erhielten sie das Geld; -- und wenn sie nun mehr haben,
+als für den Augenblick vonnöten, wird die Versuchung oft zu groß,
+das Ueberflüssige an die Europäer zu verkaufen, statt es wie früher
+darbenden Nachbarn zu geben; denn für das Geld, das sie dafür bekommen,
+können sie sich ja die heißersehnten europäischen Waren anschaffen.
+-- So wird ihre alte, aufopfernde Nächstenliebe von uns Christen mehr
+zerstört, als entwickelt. Und das Geld setzt seinen untergrabenden
+Einfluß unaufhaltsam fort. Ihre Erbschaftsbegriffe waren früher sehr
+schwach, da sie, wie gesagt, dem Toten seine Kleider und Sachen mit
+ins Grab gaben. Jetzt dagegen bietet das Geld den Hinterbliebenen
+Gelegenheit, die Hinterlassenschaft zu verkaufen und sie scheinen jetzt
+nicht mehr darüber zu erröten, als ihr Erbteil in Empfang zu nehmen,
+was sie auf diese Art erhalten. Dies könnte als ein Vorteil erscheinen,
+aber sie werden habsüchtig und gierig, was sie früher mehr als alles
+andere verabscheuten. Auch darin beugt und knechtet das Geld die
+Gemüter.
+
+Sehen wir aber hiervon ab. Unser eigentliches Ziel sollte wohl sein,
+sie zu gebildeten Menschen zu machen und ihnen mehr geistige Interessen
+zu geben. Angenommen selbst, dies könnte uns gelingen, so würde es
+für ein Volk wie das der Eskimos doch nur ein neues Verhängnis sein,
+Interessen kennen zu lernen, die sie von dem Einzignötigen, sich und
+ihre Familie zu versorgen, abziehen. Als glänzendes Resultat wird
+hervorgehoben, daß die meisten Eingeborenen auf der Westküste jetzt
+lesen und schreiben. Ja, ~leider~ können sie es! Dergleichen
+lernt sich nämlich nicht umsonst, und sie müssen wahrhaftig teures
+Lehrgeld zahlen. Ein Eskimo kann unmöglich Zeit auf die Aneignung
+dieser Kenntnisse verwenden und dabei ein ebenso guter Fänger
+bleiben, wie damals, als er nur ein Interesse hatte und nichts weiter
+lernte, als seinen Kajak rudern und den Fang betreiben[176]. Daß
+die Kajaktüchtigkeit abgenommen hat, können wir auch aus den vielen
+Unglücksfällen der letzten Jahre ersehen. Während früher, nach Rink,
+alljährlich nur 15 bis 20 Kajakmänner ertranken, sind 1888 und 1889 je
+31 Unglücksfälle dieser Art vorgekommen.
+
+Was soll der Eskimo mit Lese- und Schreibfertigkeit? Seinen Fang
+lernt er so wahrhaftig nicht. Er unterrichtet sich durch die wenigen
+Bücher, die er hat, nur über andere und bessere Länder, unerreichbare
+Verhältnisse und Erleichterungen, die er bisher nicht kannte, und die
+Folge ist, daß er unzufrieden wird mit seinen eigenen Verhältnissen,
+die für ihn früher die denkbar glücklichsten waren. Und dann kann er
+in der Bibel lesen. Sollte er aber wirklich viel davon verstehen? Und
+wäre es ihm nicht ebenso dienlich, wenn ihm der Inhalt erzählt würde,
+wie es mit den alten Sagen war? Der Vorteil ist wahrhaftig nicht der
+Art, daß sich behaupten ließe, er sei zum rechten Preis erkauft. Wir
+dürfen nie vergessen, daß die Eskimogesellschaft am Rande ihres Daseins
+steht. Eine konzentrierte Anspannung aller ihrer Kräfte ist notwendig,
+wenn sie den Kampf mit der harten Natur bestehen soll; ein wenig mehr
+Ballast, und sie muß untergehen. Das thut sie schon, und dann kann
+alles Wissen dieser Welt ihr nichts mehr helfen.
+
+Niedergang und Verfall in jeder Hinsicht, das ist es also, worauf die
+Europäer als Resultat ihres Wirkens in Grönland zurückblicken können.
+Und die einzige Entschädigung, die wir ihnen dafür gaben, ist das
+Christentum. In dieser Beziehung wurde ein gutes Resultat erreicht.
+Christen sind jetzt alle Grönländer der Westküste -- wenigstens dem
+Namen nach. Da aber scheint mir die Frage nahe zu liegen: »Ist dieses
+Christentum nicht auch sehr teuer erkauft? Und müssen nicht selbst dem
+eifrigsten Gläubigen Zweifel aufsteigen, ob es diesem Volke zum Segen
+gereicht habe, wenn er sieht, daß es die Heilslehre mit seinem ganzen
+Gedeihen hat bezahlen müssen?«
+
+Und was muß man denn am Christentume am höchsten stellen: seine Dogmen
+oder seine Moral? Ich glaube, selbst der beste Christ muß zugeben, daß
+die letztere das ist, was bleibenden Wert hat. Die Geschichte lehrt
+ihn, daß die Dogmen stets wechselten, und was hat es denn für einen
+Wert, daß wir ihm gerade diese, die er kaum versteht, zuführten? Will
+wirklich jemand im Ernst behaupten, daß es bei einem Volke vor allem
+auf die Dogmen ankommt, zu denen es sich bekennt? Sollte nicht stets
+die Moral, der es huldigt, die Hauptsache sein? Und die Moral des
+Eskimos war, wie wir sahen, in vieler Beziehung reichlich so gut, wie
+die der christlichen Staaten. Es ist uns mit all unserem Unterricht
+nur gelungen, sie so zu verpfuschen, daß der Grönländer jetzt auch in
+dieser Hinsicht gesunken ist.
+
+Und nun zum Schlusse noch die Frage: Ist ein Eskimo, der dem Namen nach
+~Christ~ ist, aber seine Familie nicht ernähren kann, kränklich
+ist und immer tiefer ins Elend gerät, denn einem ~Heiden~, der in
+»geistiger Finsternis« lebt, aber seine Familie ernähren kann, sich
+einer kräftigen Gesundheit erfreut und stets zufrieden ist, wirklich
+vorzuziehen? Für einen Eskimo wird die Antwort jedenfalls nicht
+zweifelhaft sein. Wenn seine Einsicht so weit reichte, würde er gewiß
+inbrünstig beten: »Gott, schütze mich vor meinen Freunden! Vor meinen
+Feinden werde ich mich schon selber schützen!«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kapitel +XVI+.
+
+Schluß.
+
+
+Wenn wir nun zum Abschluß noch einen Blick zurückwerfen: was haben wir
+gesehen?
+
+Wir haben ein von der Natur hochbegabtes Volk gefunden, das gut lebte
+und trotz seiner Fehler auf einer hohen Stufe der Moral stand. Aber
+durch unsere Kulturarbeit, unsere Produkte und unsere Mission sind
+seine irdischen Lebensverhältnisse sowohl wie seine Moral und seine
+Gesellschaftsordnung in betrübender Weise in Verfall geraten, und heute
+scheint das ganze Volk dem Untergang geweiht.
+
+Und dennoch wurde es, wie wir sahen, rücksichtsvoller und besser
+behandelt, als je ein anderes Naturvolk. Sollte hierin nicht ein
+ernster Wink liegen? Und sind nicht, wenn wir uns unter anderen
+Naturvölkern umsehen, die Folgen der Bereicherung mit den Europäern und
+den Missionaren überall die gleichen?
+
+Was ist aus den Indianern geworden? Wo sind die einst so stolzen
+Mexikaner? Wo die hochbegabten Incas von Peru? Wo ist Tasmaniens
+Urbevölkerung geblieben? Und wie steht es mit den Wilden von
+Australien? Bald wird keiner von ihnen mehr imstande sein, seine Stimme
+anklagend gegen die Rasse zu erheben, die ihnen Untergang gebracht
+hat. Und Afrika? Ja, das soll ja nun auch christlich werden. Wir haben
+schon damit angefangen, es auszubeuten, und wenn die Neger kein zäheres
+Leben haben als die anderen, so werden sie auch wohl denselben Weg
+gehen, wenn erst das Christentum mit voller Musik kommt. Und doch
+lassen wir uns nicht abschrecken und machen noch immer viel Redens
+davon, daß wir den armen Wilden die Segnungen des Christentums und der
+Civilisation bringen.
+
+Ist nicht, wenn wir die Missionen der Gegenwart betrachten, das
+Ergebnis beinahe überall dasselbe? Denken wir an ein Volk, wie das
+chinesische, das ja auf einer hohen Kulturstufe steht und von dem
+man demnach annehmen müßte, es sei vorzüglich für die neue Lehre
+geeignet. Einer der »aufgeklärtesten Mandarinen Chinas«, der selbst
+»Christ ist und an europäischen Universitäten studiert hat«, schreibt
+in den »+North China Daily News+« einen Artikel über die Mission
+und ihren Einfluß[177]. Es heißt dort unter anderem. »Ist es nicht
+im Gegenteil ein öffentliches Geheimnis, daß nur die erbärmlichsten,
+schwächsten, unwissendsten, ärmsten und bübischsten Leute unter den
+Chinesen das sind, was die Missionare ›Bekehrte‹ nennen?« »Läßt es
+sich nicht beweisen, frage ich, daß diese Bekehrten Menschen, die den
+Glauben ihrer Kindheit fortgeworfen haben, und denen von ihren Lehrern
+verboten wird, Sympathie für die Erinnerungen und Ueberlieferungen
+unserer uralten Geschichte zu zeigen, ja, die alles dieses verachten
+-- ist es nicht erwiesen, daß diese Leute sich, wenn sie die Hoffnung
+auf irdischen Gewinn aufgeben mußten, schlimmer zeigten, als der ärgste
+Chinesenpöbel? Die Missionare können z. B. ihren Zuhörern erzählen.
+die Mandarinen seien Idioten, weil sie an Himmelszeichen und ähnlichen
+Unsinn glauben. Aber den Tag darauf werden sie vielleicht denselben
+Zuhörern erzählen, daß die Sonne und der Mond wirklich stillstanden,
+als der Hebräerfeldherr Josua es ihnen befahl.« In betreff der
+Wohlthätigkeit der Missionare gegen die Eingeborenen und der Linderung
+von Not und Elend durch sie fragt er: »Läßt sich beweisen, daß diese
+Hülfe ein Aequivalent für das Geld ist, das die chinesische Regierung
+allein für den Schutz der Missionare bezahlen muß? Ich glaube, schon
+die Zinsen dieser ungeheuren Summen würden genügen, um einen weit
+größeren Stab von geschickten europäischen Aerzten und tüchtigen
+Krankenpflegerinnen zu besolden.« »Ueberzeugt Euch, wie viel von den
+Millionen, die barmherzige Menschen in Europa und Amerika für die
+Chinamission einsammeln, auf die Linderung von Not verwandt wird.
+Laßt feststellen, wie viel der Unterhalt der Missionare, ihrer Frauen
+und Kinder, der Bau ihrer prächtigen Häuser und Sanatorien, das Porto
+und Papier für ihre bücherähnlichen, rosenfarbigen Missionsberichte,
+ihre Kongresse und viele andere Dinge kosten!« »Ist es nicht
+ein öffentliches Geheimnis, daß die ganze Mission geradezu ein
+Wohlthätigkeitsunternehmen zu Gunsten stellenloser Personen in Europa
+und Amerika ist?« Er fragt ferner, ob jemand daran zweifle, daß die
+Missionare »mit ihrer hohen Meinung von ihrer eigenen Unfehlbarkeit oft
+sehr unverschämt und anmaßend sein könnten und daß sie sich in Dinge
+mischten, die sie gar nichts angingen. Wenn jemand in Zweifel sein
+sollte, ob die Missionare, im Ganzen genommen, zu Obigem imstande sind,
+so lese er ihre Schriften und achte auf den darin herrschenden Geist
+und Ton.«
+
+Das ist die Geschichte von Grönland in anderer Auflage. Der Unterschied
+ist nur, daß die Chinesen, wenn sie sich den Missionaren, die
+sie nicht hergebeten haben, widersetzen, nicht geohrfeigt und mit
+dem Tauende geprügelt werden. Wenn sie aber in der Erkenntnis des
+drohenden Unglücks »die fremden Mächte bitten, im Interesse Chinas,
+wie auch Europas und Amerikas die Missionare zurückzurufen«, und die
+Missionare, falls ihre Bitten nichts nützen, mit Gewalt vertreiben
+wollen, dann rufen diese Herren, die gekommen sind, das Evangelium des
+Friedens zu verkünden, ihre Regierungen um Schutz an. Und es werden
+ihnen Kanonenboote und Truppen geschickt, ein vernichtendes Feuer
+von Projektilen und Kartätschen wird auf die Eingeborenen gerichtet,
+und auf die Waffen ihrer Landsleute gestützt, verlangen die frommen
+Missionare eine gehörige Entschädigung für den Schaden, den sie an Gut
+und Habe erlitten haben. Wohl deshalb, weil geschrieben steht: »Ihr
+sollt nicht Gold, noch Silber, noch Erz in Euren Gürteln haben; auch
+keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zween Röcke, keine Schuhe und
+keinen Stecken« (Matthäus 10, V. 9-10).
+
+Wir kennen sicher dieselbe Rasse wieder, die China, als es sich gegen
+das zerstörende Gift »Opium« wehrte, durch einen blutigen Krieg
+zwang, seine Häfen dem Opiumhandel zu öffnen, damit die Europäer Geld
+verdienten, während die chinesische Gesellschaft untergraben wurde.
+Dies war von Anfang bis zu Ende eine so schändliche Niederträchtigkeit,
+daß keine Sprache Worte dafür hat. -- Die Eskimos haben leider nur zu
+recht, wenn sie die Europäer für ein ehrloses, verderbtes Volk halten,
+das nach Grönland kommen müßte, um Moral zu erlernen.
+
+Und sind die Resultate der Missionen anderswo besser? Wohl kaum.
+
+Kürzlich erschien eine Statistik der in Indien begangenen Verbrechen,
+aus der hervorgeht, daß die meisten auf die Europäer fallen; dann
+kommen die bekehrten Indier, dann die Anhänger des Brahmanismus,
+und ganz zuletzt erst die Buddhisten. Aus Afrika liegt mir keine
+Statistik vor, aber nach allem, was ich hörte, kann man auch dort
+nicht mit den Ergebnissen der Missionen prahlen. Und für diese
+Heidenmission in Afrika und Indien opfert auch unser Land alljährlich
+Hunderttausende. Haben wir es denn so reichlich, daß man dieses Geld
+daheim nicht nützlicher anwenden könnte? Es ist ein hübscher Gedanke,
+die armen Wilden, die man niemals sah und deren Not man nicht kennt,
+zu unterstützen. Sollte es aber nicht noch hübscher sein, den vielen
+Elenden zu helfen, deren Not wir Tag für Tag vor Augen haben? Wenn wir
+schon durchaus Gutes thun wollen, warum nicht mit dem Nächstliegenden
+beginnen? Ist dann in der Heimat allen geholfen, so kann man noch immer
+auf Reisen gehen und zusehen, ob auch anderswo jemand unserer Hülfe
+bedarf.
+
+Es ist durchaus nicht meine Meinung, daß jede Mission schädlich
+wirken muß. Ich glaube aber, daß eine Mission, um wirklich gut zu
+sein, Anforderungen stellt, denen die heutige Zeit nicht mehr gerecht
+werden kann. Denn erstens bedarf es dazu einer solchen Anzahl edler,
+aufopfernder und bedeutender Männer, wie man sie nicht auf einmal
+findet -- wir treffen einen oder zwei, vielleicht auch drei, aber
+keinen festen Stab -- und zweitens strömt im Kielwasser der Mission
+unvermeidlich soviel Schlechtes über das eingeborene Volk herein, daß
+die beste Mission dem ebensowenig abhelfen kann, wie es in der Macht
+der Missionare steht, ihm den Eingang zu verschließen. Es läuft also
+schließlich wieder auf dasselbe Resultat hinaus.
+
+Werden uns denn nicht einmal die Augen aufgehen für das, was wir da
+thun? Werden sich nicht einmal alle wahren Menschenfreunde von Pol zu
+Pol zu einem gemeinsamen erdrückenden Protest aufschwingen gegen dieses
+ganze Unwesen, diese selbstgerechte, skandalöse Behandlung anderer
+Kulturen und anderer Glaubensbekenntnisse?
+
+Es wird eine Zeit kommen, da unsere Nachkommen uns strenge verurteilen
+und dieses Unwesen, das uns mit den Grundsätzen der christlichen
+Lehre übereinzustimmen scheint, als tief unmoralisch bezeichnen. Dann
+wird auch die Moral soweit entwickelt sein, daß nur die tüchtigsten,
+geeignetsten Persönlichkeiten entsendet werden, und daß sie sich
+anfangs damit begnügen müssen, das Leben und die Kultur eines fremden
+Volkes gründlich zu studieren und zu untersuchen, ob es wirklich
+unserer Unterstützung bedarf. Ist das der Fall, so wird man sich
+fragen, auf welche Weise am besten unsere Hülfe eingreift. Ist das
+Resultat jener Untersuchungen aber die Einsicht, daß man dort doch
+nichts Gutes ausrichten kann, dann wird man den Plan auch wieder fallen
+lassen. Doch freilich, ehe wir erst soweit sind, werden die meisten
+fremden Völker wohl vernichtet sein, wenn sie es nicht heute schon
+sind.
+
+Fragen wir schließlich, ob es für das grönländische Volk denn gar keine
+Rettung giebt. Alle, die die Verhältnisse kennen, werden einräumen,
+daß daran nur zu denken wäre, wenn sich die Europäer nach und nach
+aus Grönland zurückzögen. Sich selbst überlassen und den fremden,
+verwirrenden Einflüssen nicht weiter preisgegeben, würde man sich zu
+den alten Verhältnissen vielleicht nach und nach wieder zurückfinden
+können, und dann könnte die grönländische Gesellschaft auf Rettung
+hoffen. Diese Möglichkeit ist aber jedenfalls noch auf lange Zeit
+hinaus nur ein schönes Luftschloß. Denn erstens widerstritte es der
+Eitelkeit eines europäischen Staates, einen einmal angefangenen
+Zivilisationsversuch wieder aufzugeben, den er mit großen Zahlen in das
+Kreditkonto seiner im Jenseits abzulegenden Rechnung eingetragen hat,
+und zweitens dürften, falls die Dänen auf ihre Kolonien verzichteten,
+auch die Schiffe anderer Nationen mit den Eingeborenen keinen Handel
+treiben und ihnen europäische Produkte, namentlich Branntwein,
+zuführen.
+
+Doch, abgesehen von der Berührung mit uns, droht den Eskimos auch
+die Gefahr, daß die Zahl der Seehunde in beunruhigendem Grade
+abnimmt. Dies rührt nicht von dem Fang her, den die Grönländer selber
+treiben. Ihre Ausbeutung verschwindet gegen die Hunderttausende von
+neugeborenen Jungen, welche europäische und amerikanische Robbenjäger
+alljährlich auf dem Treibeis bei Newfoundland erschlagen. Auch hier
+also schädigt die weiße Rasse den Eskimo. Doch selbst, wenn er dies
+wüßte, kann er es nicht hindern, denn seine Stimme reicht nicht
+weit. Und doch ist es eine Jagd, ohne die unsere Gesellschaft sehr
+gut bestehen könnte, für ihn aber ist der Seehund -- das Leben! So
+ist denn dieses liebenswürdige Volk unvermeidlich dazu bestimmt,
+entweder ganz unterzugehen oder zu einem Schatten dessen, was es einst
+war, herabzusinken. Der Grönländer aber ist heiter und vielleicht
+glücklicher, als die meisten von uns; er erkennt sein Unglück nicht und
+haßt uns nicht, sondern ist freundlich zu uns und freut sich, wenn wir
+zu ihm kommen.
+
+Grönland war einst eine gute Einnahmequelle für den dänischen Staat.
+Die Zeit ist vorbei. Jetzt kosten der königlich-grönländische Handel
+und die Mission jährlich große Summen, und es wird noch immer schlimmer
+werden. Kann man erwarten, daß der dänische Staat auf die Dauer das so
+fortgehen läßt? Wäre es nicht richtiger und besser, wenn er beizeiten
+seine abseits wohnenden Handelsleute zurückriefe, die einzelnen
+Kolonien eingehen ließe und die Läden und Häuser den Eingeborenen
+zur Verteilung überwiese? Ja, meiner Ansicht nach sollte man die
+Warenbestände einpacken, sie und die Kaufleute an Bord der neun Schiffe
+des grönländischen Handels bringen und mit allem heim nach Dänemark
+segeln. Einmal wird es doch geschehen müssen, dann aber wird vielleicht
+niemand mehr zurückbleiben, um Grönland zu bevölkern. Die erstarrte
+Leblosigkeit des Binneneises wird sich hinziehn bis zum Meere, und
+an den menschenleeren Ufern wird nur das wehmütige Flöten der Möven
+noch zu hören sein. Die Sonne wird auf- und niedergehen und ihren
+Strahlenglanz an ein verlassenes Land verschwenden. Nur vereinzelt
+berührt dann ein fremdes Schiff die öden Küsten. -- -- -- Aber in den
+langen Winternächten werden die Toten ihren glänzenden Reigen tanzen
+über dem ewigen Todesschweigen ihres Schneelandes. -- --
+
+[Illustration]
+
+
+Fußnoten:
+
+[1] Anmerkung des Verfassers: Die Eskimos nennen sich selber
++Inuit+ oder Mensch und rechnen alle anderen Völker zu den --
+höher-organisierten -- Tieren.
+
+[2] Anmerkung des Verfassers: Dort im Norden konnten sie den ganzen
+Winter viele Walfische und Seehunde auf dem Eise fangen, und diese
+Fangart müssen sie in noch höherem Norden, wo sie ihnen die wichtigste
+war, erlernt haben.
+
+[3] ~Gustav Storm~: Studien über die Winlandsfahrer u. s. w. Jahrbücher
+für nordische Altertumskunde und Geschichte. 1887. Kopenhagen 1888.
+Sonderabdruck, Seite 56.
+
+[4] Anm. d. Verf.: Man hat aus der ~Floamanna~sage schließen wollen,
+daß Thorgils Orrabeinfostre schon um das Jahr 1000 Eskimos auf der
+Südostküste getroffen, indem man annimmt, die in dieser Sage erwähnten
+»Koboldweiber« könnten nur Eskimos gewesen sein. Allein schon Professor
+Storm hat in seinen »Studien über die Winlandsfahrer« auf Seite 56
+darauf aufmerksam gemacht, daß der abenteuerliche Charakter dieser
+Sage einen solchen Schluß nicht erlaubt. Es muß auch daran erinnert
+werden, daß die Handschrift erst von etwa 1400 datiert, also lange nach
+der Zeit, da die Norweger auf der Westküste Eskimos trafen. Wenn sich
+die »Koboldweiber« also wirklich auf die Eskimos beziehen, was sehr
+zweifelhaft ist, so kann dies auch eine spätere Hinzudichtung sein.
+
+[5] ~H. E. Saabye~: Bruchstücke eines Tagebuches, geführt in Grönland
+in den Jahren 1770-1778. Odense 1816. Seite 136.
+
+[6] ~Holm~: Mitteilungen über Grönland. Band 10, Seite 58. Kopenhagen
+1889.
+
+[7] Anm.: Die Nordwestindianer und die Tschuktschen -- ja, ich glaube,
+auch die Korjaken und Kamtschadkadalen -- bedienen sich übrigens
+derselben Harpune mit Leine und großer Blase zur Jagd auf Seetiere
+und schleudern sie vom Vordersteven ihrer großen offenen Kanoes oder
+Fellboote aus. Wahrscheinlich aber haben sie den Gebrauch dieser Waffe
+erst von den Eskimos erlernt.
+
+[8] Anm. In Nordgrönland giebt es noch eine dritte und größere
+Harpunenart, die zum Walroßfange gebraucht und ohne Wurfholz
+geschleudert wird; sie hat dafür zwei beinerne Knöpfe (+~tikagut~+),
+einen für den Daumen und einen für den Zeigefinger.
+
+[9] Ueber die verschiedenen Formen des Wurfholzes bei den Eskimos,
+siehe ~Masons~ diesbezügliche Abhandlung im +Annual Report etc. of
+Smithsonian Institution for 1884+, Teil +II+, Seite 279.
+
+[10] An einigen Orten, z. B. im südlichsten Grönland und auf der
+Ostküste, hat das Wurfholz nur eine Vertiefung für den Daumen, während
+die andere Seite glatt oder mit einem Knochenstücke beschlagen ist, in
+welchem sich kleine Rillen befinden, damit die Hand nicht herabgleite.
+
+[11] Siehe hierüber unter anderem schon die alten Verfasser ~Cook~ und
+~King~: +A Voyage to the Pacific Ocean etc., third edition+, London
+1785, Band +II+, Seite 513.
+
+[12] Merkwürdig ist, daß die Bewohner der Sankt Lorenzinsel den Kajak
+garnicht zu kennen scheinen. Sie haben große, offene Fellboote,
+~Baldaren~, von gleicher Bauart wie die Boote der Tschuktschen.
+Vergleiche ~Nordenskiöld~, Die Reise der Vega um Asien und Europa,
+Christiania 1881, zweiter Teil, Seite 249.
+
+[13] Dadurch, daß das Ruder soweit wie möglich seitwärts geführt wird,
+bis es schließlich quer auf dem Kajak steht, kommt es in eine etwas
+schräge Lage, wodurch das Ruderblatt bei der Bewegung das Wasser
+niederdrückt, also emportreibende Kraft erhält.
+
+[14] Dies ist das ausgewachsene Männchen der Klappmütze. Er hat über
+der Schnauze eine Haut, die er zu erstaunlicher Größe aufblasen kann.
+
+[15] Wenn ein Seehund gefangen wird, erhalten die in der Nähe
+befindlichen Kajakmänner jeder ein Stück frischen Speckes von dem Tiere
+und verzehren es gewöhnlich gleich.
+
+[16] Anmerkung: Diese Erzählung ist von Dr. H. Rink übersetzt und mit
+mehreren anderen in seinem Buche »Die Grönländer, ihre Zukunft u. s.
+w.« (Kopenhagen 1882) abgedruckt.
+
+[17] Anm.: Wenn sie sahen, wie unsere liederlichen Matrosen sich
+zankten und prügelten, fanden sie solches unmenschlich und sagten:
+die halten einander nicht für Menschen. Desgleichen wenn einer der
+Offiziere seine Leute schlug, hieß es gleich: Er behandelt seine
+Mitmenschen wie Hunde u. s. w.
+
+[18] ~Paul Egede~: Berichte aus Grönland, Seite 36.
+
+[19] ~Dalager~: »Grönländische Berichte.« 1752. Kopenhagen.
+Seite 15-16.
+
+[20] Hierzu kommen jedoch auch die Hunde und für die nördlicher
+Wohnenden und die Ostgrönländer die Hundeschlitten.
+
+[21] Jagen mehrere zusammen, so entscheiden auch bestimmte Regeln
+darüber, wem das erlegte Wild gehört. Schießen zwei oder mehrere auf
+ein Renntier, so gehört es dem, der es zuerst getroffen, auch wenn er
+es nur unbedeutend verwundet hat. Ueber die Seehundsjagdvorschriften
+sagt ~Dalager~: »Trifft ein Grönländer mit seinen leichten Pfeilen
+einen Seehund oder sonst ein Seetier und dieses stirbt nicht, sondern
+läuft mit dem Pfeile fort, so gehört es ihm, auch wenn ein anderer es
+nachher mit seinen Pfeilen tötet; doch hat er sich der gewöhnlichen
+Harpune bedient und reißt die Leine und ein anderer kommt und trifft,
+dann hat der erste sein Recht verloren; werfen aber beide zugleich und
+treffen beide Harpunen, so wird das Tier mit Haut und allem der Länge
+nach geteilt.« -- »Treffen zwei zugleich einen Vogel, so wird dieser
+der Quere nach geteilt.« -- »Findet einer einen toten Seehund mit einer
+Harpune im Leibe, so erhält der Eigentümer, falls er in der Gegend
+bekannt ist, seine Harpune wieder, der Finder aber behält den Seehund.«
+Aehnliche Regeln scheinen auch auf der Ostküste zu gelten.
+
+[22] Wie schon erwähnt, handelt es sich gewöhnlich um Klappmützenfelle,
+doch werden auch Felle vom Blauseehund, ja ausnahmsweise auch vom
+Ringseehund, dem fleckigen Seehund oder dem gewöhnlichen Fjordseehund
+(+Phoca vitulina+) genommen.
+
+[23] Zum Nähen der Kleider und der Bootsfelle nimmt man Walfisch-,
+Seehund- oder Renntiersehnen. Die Sehnen werden einfach getrocknet.
+Zum Nähen der Wasserpelze, Fausthandschuhe und Kamiker verwendet man
+außerdem noch die Luftröhre des Grönlandsseehundes, des fleckigen
+Seehundes, der Klappmütze, des kleinen, gesprenkelten Seehundes und der
+Scharbe. Die äußere Schicht der Luftröhre wird in frischem Zustande
+abgezogen und dann auf einen dazu geschnittenen runden Stock, der
+eingefettet ist, damit sie besser gleitet, aufgestreift. Unterdessen
+wird auch die Innenseite mit einer Muschel reingeschabt. Wenn sie auf
+dem Stocke trocken geworden ist, schneidet man sie der Länge nach in
+ganz schmale Streifen. Der Faden, den man auf diese Weise erhält, hat
+vor dem Sehnenfaden den Vorzug, daß er sich nicht dehnt, wenn er in
+Wasser kommt.
+
+[24] Siehe ~Holm~: Mitteilungen über Grönland. Band 10. Seite 94.
+
+[25] Es kam bisweilen auch vor, daß er andere beauftragte, dies für ihn
+zu thun; es sollte jedoch immer in Form einer Ueberrumpelung oder eines
+Raubes geschehen.
+
+[26] ~Graah~: »Untersuchungsreise nach der Ostküste von Grönland.«
+Kopenhagen 1832. Seite 145-148.
+
+[27] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«. Band 10, Seite 96.
+
+[28] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10, Seite 103.
+
+[29] ~Dalager~ erwähnt, daß seinerzeit auf der Westküste kaum der
+zwanzigste Teil der Grönländer zwei Frauen, sehr selten drei und nur
+ausnahmsweise vier gehabt, doch habe er einen Mann, der elf Weiber
+hatte, gekannt. Grönländische Berichte, Seite 9.
+
+[30] ~Dalager~: Grönländische Berichte, Seite 9.
+
+[31] Die Ansiedler am Graedesjord gehören zur Herrnhutergemeinde.
+
+[32] Dies ist eine Art Ting oder Versammlung, welche hauptsächlich aus
+Abgesandten von den verschiedenen Orten eines Distriktes besteht.
+
+[33] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10. Seite 96.
+
+[34] Holm: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10. Seite 102.
+
+[35] ~Graah~: »Untersuchungsreise« u. s. w. Seite 141.
+
+[36] Vergleiche ~Paul Egede~: Berichte aus Grönland, Seite 107 und
+Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Band 10, Seite 91.
+
+[37] Obwohl sie, wie gesagt, auf die Geburt von Töchtern keinen
+sonderlichen Wert legen, kommt doch das bei so vielen Naturvölkern
+gebräuchliche Ermorden der Säuglinge weiblichen Geschlechtes bei ihnen
+nicht vor.
+
+[38] Wie Seite 22 erwähnt, tragen Unverheiratete, die Kinder haben,
+eine grüne Haarbinde.
+
+[39] Ein Grund hierzu ist auch die natürliche Geschlechtswahl, da die
+Mischlinge jetzt zum Teil für schöner als die reinen Eskimos gelten und
+daher beim Heiraten häufig vorgezogen werden.
+
+[40] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«. Heft 10, Seite 100.
+
+[41] Paul Egede war jahrelang Prediger in Grönland, dann aber (1756)
+nach Kopenhagen gezogen.
+
+[42] Pauina oder Pauia wurde Paul Egede unter den Grönländern genannt,
+es ist eine Verstümmelung von Paul.
+
+[43] Es wären also die Holländer und die Engländer.
+
+[44] Also Amerika.
+
+[45] Den wichtigsten Beitrag zur Kunde ihres ursprünglichen Zustandes
+finden wir in Kapitän ~Holms~ bedeutungsvollem Bericht über die Eskimos
+in Angmagsalik. »Mitteilungen a. Gr.« Heft 10, Seite 148 ff. und
+Bilder.
+
+[46] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, Seite 73.
+
+[47] Beim Kap Farvel.
+
+[48] ~Ipak~, ein meistens viereckiges Brett am Pritschenrande, ist für
+die Thranlampe bestimmt, die, wie erwähnt, auf einem Holzschemel steht.
+
+[49] Unter den vom Handel in Grönland eingeführten Luxusgegenständen
+giebt es auch billige Baseler und Nürnberger Uhren, die man heute an
+den entlegensten Orten des Landes antrifft.
+
+[50] In den echten Eskimohütten sitzt es sehr tief.
+
+[51] Ueber die Beschaffenheit der Seele siehe auch ~Paul Egede~:
+»Grönländische Berichte«, Seite 149, und ~Cranz~: »Geschichte von
+Grönland«, Seite 258.
+
+[52] ~Paul Egede~ sagt in den »Grönländischen Berichten«. Seite
+126, ausdrücklich, daß die Eingeborenen keinen unterschied zwischen
+~+tarrak+~ und ~+tarnek+~ (~+tarnik+~) kennen, und er gebraucht
+abwechselnd beide Worte. Siehe auch dasselbe Buch. Seite 92.
+
+[53] »Geschichte von Grönland«, Seite 257.
+
+[54] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland,« Heft 10, Seite 112.
+
+[55] Dieselbe Anschauung findet man auch überall auf der Westküste
+(siehe »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 342), dort aber
+scheint es sich nur um die Seele des Verstorbenen zu handeln. Der
+Unterschied zwischen Namen und Seele kann also bei den verschiedenen
+Stämmen nicht scharf entwickelt sein.
+
+[56] Siehe auch ~Liebrecht~: »Zur Volkskunde«, Seite 311.
+
+[57] ~Klemm~: »Kulturgeschichte«, +III+, Seite 77; ~Tylor~: »+Primitive
+Culture+« (1873), II, Seite 4; »Antiquarische Zeitschrift«, 1861-63,
+Seite 118.
+
+[58] Die Exogamie zwischen zwei Personen gleichen Familiennamens, die
+wir bei vielen Völkern finden (siehe Seite 145 ff.), scheint mir auf
+diese Weise leicht erklärlich, indem derselbe Name eine nahe geistige
+Verwandtschaft erzeugt, die ebenso wie nahe Blutsverwandtschaft als
+Ehehindernis gilt.
+
+[59] Siehe ~Holm~, a. a. O. a., Seite 111, wo Beispiele derartiger
+Umänderungen angeführt sind. ~Holm~ sagt: »Die alten Namen werden
+wieder aufgenommen, sowie der Tote ganz in Vergessenheit geraten ist.«
+Mir erscheint es natürlicher, daß dies geschieht, sobald ein Kind nach
+ihm benannt worden ist.
+
+[60] ~Nyrop~: »Kleinere Abhandlungen«, herausgegeben von der
+phil.-hist. Gesellschaft, Kopenhagen, 1887, Seite 147-150.
+
+[61] ~Nyrop~: Siehe oben, Seite 136-137.
+
+[62] ~Liebrecht~: »+Academy+«, +III+ (1872), Seite 322.
+
+[63] »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 113.
+
+[64] Nach ~Schoolcroft~ in der »Antiquarischen Zeitschrift«, 1861 bis
+1863, Seite 119 ff. Siehe auch ~Andrée~: »Ethnographische Parallelen
+und Vergleiche«, Seite 180. ~Tylor~: »+Early history of mankind+«,
+Seite 142.
+
+[65] Unsere Vorfahren kannten diesen Brauch ebenfalls. »Sigurd
+verheimlichte seinen Namen, weil es in alten Zeiten der Glaube unseres
+Volkes war, daß das Wort eines Sterbenden große Macht habe, wenn er den
+Namen seines Feindes verwünsche.« ~Saemundar Edda~, Ausgabe von ~Sophus
+Bugge~, Seite 219.
+
+[66] Nach Mitteilung von Professor ~Moltke Moe~.
+
+[67] Wie Name und Gegenstand verschmelzen, geht u. a. aus dem
+schwäbischen brauche hervor, die »Namen von drei zänkischen Weibern« in
+den Wein zu werfen, wenn er guter Essig werden soll.
+
+[68] Vergleiche ~Nansen~: »Auf Schneeschuhen durch Grönland«,
+Seite 301.
+
+[69] Ueber die Bedeutung des Namens und seiner Nennung bei den
+verschiedenen Völkern vergleiche Kristoffer ~Nyrops~ ausführliche
+Abhandlung »Die Macht des Namens« in den »kleineren Abhandlungen«,
+herausgegeben von der phil.-histor. Gesellschaft, Kopenhagen, 1887,
+Seite 119-209. Siehe auch B. ~Gröndahl~ in den »Annalen nordischer
+Altertumskunde«, 1863, Seite 127 ff.; ~Moltke Moe~ in »Letterstedts
+Zeitschrift«, 1879, Seite 286 ff.; S. ~Grundtvig~: »Dänemarks alte
+Volkslieder«, +II+, Seite 339 ff.; H. ~Spencer~ »+Principles of
+Sociology+«, +IV.+ Teil, Seite 701.
+
+[70] Vergleiche ~Rink~: »Jahrbuch für nordische Altertumskunde und
+Geschichte«, 1868, +III+, Seite 202.
+
+[71] Vergl. Paul Egede: »Grönländische Berichte«, Seite 149.
+
+[72] Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 113.
+
+[73] Mir von Moltke Moe mitgeteilt.
+
+[74] Siehe hierüber auch Paul Egede: »Grönländische Berichte«, Seite
+117. Nach der Aussage einiger sollten Hexen und »böse Leute« in die
+Oberwelt kommen.
+
+[75] Mitgeteilt von Moltke Moe. Vergleiche auch J. Flood: »Grönland«,
+Christiania, 1873, Seite 10, Anmerkung. Aehnliche Vorstellungen soll
+man in Bayern und auf den Marquesa-Inseln finden. (Vergl. Liebrecht,
+»+The Academy+«, +III+ [1872], Seite 321.)
+
+[76] P. Egede: »Grönländische Berichte«, S. 109. Siehe auch H. Egede:
+»Die neue Perlustration Altgrönlands«, S. 84. Cranz: »Geschichte von
+Grönland«, S. 301.
+
+[77] »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 106, Anmerkung.
+
+[78] Tylor: »+Primitive Culture+« (1873) I, S. 472.
+
+[79] Die Vorstellung vom zweiten Tode oder vom Tode der Seele findet
+sich bei vielen Völkern: den Hindus, Tartaren, Griechen, Kelten,
+Franzosen, Skandinaviern, Germanen u. a.
+
+[80] ~Tylor~: »+Primitive Culture+«, +II+, Seite 44 ff.
+
+[81] ~Knortz~: »Aus dem Wigwam« Leipzig, 1880, Seite 133 mit Seite 142
+verglichen. Moltke Moe hat mich hierauf aufmerksam gemacht.
+
+[82] Interessant ist, daß ein Wesen, gleich diesem von der Ostküste,
+mit langen Fangarmen u. s. w. auch bei den Alaska-Eskimos vorzukommen
+scheint. Siehe Holm, »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 115,
+Anm. 1.
+
+[83] ~Tartok~ bedeutet eigentlich dunkel. Bei den Eskimos im südlichen
+Alaska bedeutet dasselbe Wort (+~taituk~+) Nebel. In Ostgrönland
+bedeutet +~târtek~+ schwarz. (Vergl. Rink, »Mitteilungen über
+Grönland«, Heft 11, S. 152.)
+
+[84] Rink: »Sagen und Märchen der Eskimos«, Suppl., S. 187. In
+Schottland heißt Ohrenklingen »Totenglocken« und bedeutet den Tod eines
+Freundes (+Hogg Monutain Bard+, dritte Ausgabe, S. 31.)
+
+[85] Dritte Folge u. s. w., S. 74.
+
+[86] Auf der Ostküste wird jedoch, nach Holm (Mitteilungen über
+Grönland, Heft 10, Seite 105) die Leiche auch mittelst eines ihr
+um die Beine gebundenen Riemens von Seehundsleder aus dem Hausgang
+hinausgeschleift. Mir scheint, als hätte in diesem Falle die Furcht
+vor der Berührung der Leiche über die Furcht vor dem Hinausbringen
+eines Toten aus dem Gange gesiegt. Würde sie durch das Fenster
+hinausbefördert, so müßte sie ja angefaßt werden. Dadurch, daß die
+Beine vorangeschleift werden und also nach außen zeigen, will man wohl
+das Wiederkehren der Seele verhindern.
+
+[87] Von Moltke Moe mitgeteilt. Vergleiche auch Liebrecht: »Zur
+Volkskunde«, Seite 372 ff.
+
+[88] Grönlands historische Denkzeichen. +III+, Seite 639.
+
+[89] Siehe Moltke Moes Bericht an die Neuen Universitäts- und
+Schulannalen, 1880 (Separatabdruck, Seite 2), und die dort angeführten
+Werke.
+
+[90] Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 107.
+
+[91] H. Egede: »Des alten Grönlands neue Perlustration«, Seite 83.
+
+[92] Siehe P. A. Gödeckes Uebersetzung der +Edda+, Seite 170 und die
+Anmerkung, Seite 355. Moltke Moe hat mich auf diese Uebereinstimmung
+aufmerksam gemacht.
+
+[93] ~Paul Egede~: »Fortsetzung der Erzählungen u. s. w.«, Seite 45
+ff.; ~Hans Egede~: »Grönlands neue Perl«, Seite 118 ff.; ~Rink~:
+»Märchen und Sagen der Esk.«, Suppl., S. 183 ff.
+
+[94] Bei den Dakotah-Indianern ist auf dem Wege nach Wanaratebe
+ein Rad, das mit fürchterlicher Schnelligkeit über den Boden des
+Abgrundes, der am Fuße des auf Seite 210 erwähnten scharfen Bergkammes
+liegt, hinrollt. An dieses Rad werden alle gebunden, die ihre Eltern
+verächtlich behandelt haben. Siehe ~Liebrecht~: »+Gervatius otia
+imperialia+« (1856), Seite 91, Anmerk. 2.
+
+[95] Mir von ~Moltke Moe~ mitgeteilt.
+
+[96] Siehe ~Sophus Bugge~: »Mythologische Erläuterungen zum
+Draumekvaedi«, in der Norwegischen Zeitschrift für Litteratur und
+Wissenschaft, 1854-55, Seite 108-111; ~Grimm~: »Mythologie«, Seite 794;
+~Liebrecht~: »+Gervasius otia imperalia+«, Seite 90 ff.; vergl. auch H.
+~Hübschmann~: »Die parsische Lehre vom Jenseits und jüngsten Gericht«,
+Jahrbücher für protestantische Theologie, V (Leipzig 1879), Seite 242.
+
+[97] Mitgeteilt von ~Moltke Moe~. Vergl. auch H. ~Hübschmann~, siehe
+oben, Seite 216, 218, 220 und 222.
+
+[98] Tylor »Prim. Cult.« II, S. 50. Vergl. auch den Glauben der
+Indianer an den messerscharfen Bergkamm. (Siehe S. 210, Anm.) Eine
+Möglichkeit ist ja vorhanden, daß die Indianer diese Idee von den
+Eskimos oder noch wahrscheinlicher von den Europäern nach der
+Entdeckung Amerikas bekommen haben.
+
+[99] Siehe Bugge, a. a. O. a., Seite 114.
+
+[100] Tylor, siehe oben, Seite 50; vergl. Knortz: »Aus dem Wigwam«, S.
+142.
+
+[101] Von Moltke Moe nach seinen ungedruckten Märchenaufzeichnungen
+mitgeteilt. Siehe auch eine Aufzeichnung aus Flatdal im Fedraheim
+1887, Nr. 18; eine aus Hardanger (abgeschwächt) in Haukenaes, »Natur,
+Volksleben und Volksglaube in Hardanger«, +II+, 233. Dänische Varianten
+in Kl. Berntsen »Volksmärchen« +I+ (Odense 1873), 116; Et. Kristensen
+»Jütische Volkserinnerungen«, +V+, Seite 271.
+
+[102] Rink »Berichte: über Grönland«, Heft 11, Seite 7. Vergl. Boas:
+Petermanns Mitteilungen, 1887, Seite 303; Rink und Boas: »+Eskimo tales
+and songs+« im +Journal of American Folk-Lore+ (1889 ?), Seite 127.
+
+[103] Anm. über Crantzens Geschichte von Grönland (von Glahn),
+(Kopenhagen 1771), Seite 384 ff. ~Rink~: »Märchen u. Sagen der Esk.«,
+S. 87, 166; Suppl., S. 44.
+
+[104] Mitgeteilt von Moltke Moe.
+
+[105] +I+, 551, 553.
+
+[106] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Seite 87.
+
+[107] Vergl. Sophus Bugge, a. a. O. a., Seite 115 ff.
+
+[108] Nach einer Aufzeichnung von Moltke Moe.
+
+[109] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 144.
+
+[110] Vergleiche ~Knortz~: »Aus dem Wigwam«, Seite 130 ff. H. de
+Charencey (Mélusine +I+, Seite 225) erwähnt (nach Malthaeus »+Hidatsa
+grammar+«, 1873, Einleitung Seite +XVII+), daß die Vorfahren der
+Minetarier (Stamm in den Missouriländern) auf dem Grunde eines großen
+Sees lebten und mittelst eines großen Baumes auf die Erde gelangten.
+Der Baum stürzte aber um, sodaß viele unten bleiben mußten. (Nach einem
+noch ungedruckten Manuskripte von ~Moltke Moe~.) Dies erinnert beinahe
+noch mehr an die unter der See lebenden Ignerssuit.
+
+[111] Siehe J. ~Krohn~: »Finnische Litteraturgeschichte«, Teil
++I+, Kalevala (1891), Seite 165 ff. Moltke Moe hat mich auf diese
+Aehnlichkeit aufmerksam gemacht und mir sein Manuskript einer noch
+ungedruckten Abhandlung über ähnliche Sagen geliehen. Meist sind in
+diesen Himmel und Erde durch einen großen Baum verbunden, an dem die
+Menschen hinauf- und hinabklettern oder dergl. Der Mythus eines solchen
+Himmelsbaumes kommt fast auf der ganzen Erde vor. Wir finden ihn bei
+uns (+Ygdrasil+), in Polynesien, auf Celebes, Borneo, Neuseeland u. s.
+w. Bei den Vogulen verwandelt sich der Sohn der beiden ersten Menschen
+in ein Eichhorn, klettert an einem Baume in den Himmel und später
+wieder herab (vergl. A. ~Lang~ »+Myth, Ritual and Religion+« [1887], I,
+Seite 182, Anmerkung 2); bei den Indianern klettert der erste Mensch
+einem Eichhorn nach auf einen Baum und gelangt in den Himmel, aus dem
+er herabkommt, um Kultur zu bringen oder um seine Schwester zu holen
+(vergl. ~Tylor~: +»Early History of Mankind« second edition+, Seite
+349 ff.). Die Zigeuner an den Grenzen Siebenbürgens sprechen in ihrer
+Schöpfungssage u. a. von einem großen Baum, von dem Fleisch auf die
+Erde fiel und aus dessen Blättern die Menschen entstanden, (vergl. H.
+v. ~Wlislocki~: »Märchen und Sagen der transsylvanischen Zigeuner«, Nr.
+1). Der Zusammenhang der grönländischen Vorstellung mit diesen Mythen
+ist wahrscheinlich; daß der Baum bei den Eskimos verschwunden ist, ist
+ja ganz natürlich.
+
+[112] Vergl. A. ~Lang~: »+Myth, Ritual and Religion+« +I+, Seite 181.
+
+[113] Vergl. J. Krohn, a. a. O. a., Seite 163-173.
+
+[114] Von ~Moltke Moe~ mitgeteilt. Andere erzählen, daß Eva die
+unartigen Kinder versteckte oder daß sie sich schämte, so viele zu
+haben. -- Siehe ~Faye~: »Norwegische Volkssagen«, 2. Ausgabe, Seite
++XXV+; ~Söegaard~: »Aus den Bergen«, Seite 102; den »Thalbewohner«,
+1862, +III+, Nr. 17; ~Storaker~ und ~Fuglestvedt~: »Volkssagen aus den
+Aemtern Lister und Mandal«, Seite 51; ~Finn Magnusen~: »Die Eddalehre«,
++III+, Seite 329; ~Grimm~: »Deutsche Myth.«, 4. Ausgabe, +III+, Seite
+168 u. s. w. -- Die Sage ist ursprünglich jüdisch und stammt von den
+Rabbinern (siehe z. B. ~Liebrecht~ über +Gervasius Tolburoensis Otia
+imperialia+, Seite 70 ff.).
+
+[115] ~Paul Egede~ giebt vom Untergange der Ignerssuit als Menschen
+eine andere Erklärung. Sie »haben auf der Erde gewohnt, bevor die große
+Flut die Welt überschwemmte, und als die Erde bei der Flut kenterte,
+kam alles das, was bisher nach oben gekehrt gewesen war, nach unten«.
+Fortsetzung der »Erzählungen«, Seite 96.
+
+[116] Dies erinnert ja an unsern norwegischen ~Drang~, der in einem
+halben Boote segelt, und eine Beeinflussung, vielleicht durch die alten
+Nordländer, scheint nicht unmöglich.
+
+[117] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, S. 172.
+
+[118] Da die Sage von Hundemenschen weit über die Erde verbreitet ist
+(wir finden sie auch bei den Griechen), können die Eskimos sie aber
+auch anderswoher bekommen und dann auf die Indianer angewandt haben,
+die, wie sie wußten, von einem Hunde abstammen wollten.
+
+[119] Vergl. ~Tobler~: »Ueber sagenhafte Völker des Altertums u. s. w.«
+in der Zeitschrift der Völkerpsychologie, Band 18 (1888), S. 225 ff.
+
+[120] Siehe ~Hammer~: »Grönländische Nachrichten«, H. 8, S. 22 ff.; E.
+~Skram~ im »Zuschauer«, Oktober 1885, Seite 735 ff. Ueber die Kivitut
+siehe auch ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos« Supplementband.
+
+[121] Siehe ~Arnasen~: »+Jslenzkar pjódsogur+« +II+, Seite 160-304;
+~Maurer~: »Isländische Volkssagen«, S. 240 ff.; ~Carl Andersen~:
+»Isländische Volkssagen«, 2. Ausgabe, Seite 258 ff.
+
+[122] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, Seite 172 ff.; ~Tylor~:
+»+Primitive Culture+«, +I+, Seite 391; ~Tobler~, a. a. O. a., Seite
+238; ~Liebrecht~: »+The Academy+«, Seite 321.
+
+[123] ~Paul Egede~: »Fortsetzung der Erzählungen«, Seite 92; ~Hans
+Egede~: »Grönl. Perlustration«, Seite 117.
+
+[124] Vergleiche ~Liebrecht~: »Zur Volkskunde«, Seite 332 und die dort
+angeführten Stellen. Siehe auch ~Moltke Moe~ in der Letterstedtschen
+Zeitschrift 1879, Seite 277 und 81. Moltke Moe hat mich auf die
+Ähnlichkeit aufmerksam gemacht.
+
+[125] Hans ~Egede~: »Grönl. Perlustration«, Seite 117; Paul ~Egede~:
+»Fortsetzung der Erzählungen«, Seite 47; ~Rink~: »Märchen und Sagen der
+Eskimos«, Seite 90, »Suppl.«, Seite 150; »Mitteilungen über Grönland«,
+Heft 10, Seite 290 und 342.
+
+[126] ~Rink~ und ~Boas~: »+Journal of American Folk-Lore+«, (1888?),
+Seite 124 ff.
+
+[127] F. ~Liebrecht~: »Zur Volkskunde«, 1879, Seite 17-25; J. C.
+~Müller~: »Geschichte der amerikanischen Urreligionen«, Seite 134 und
+165. Moltke ~Moe~ hat mich hierauf aufmerksam gemacht.
+
+[128] P. ~Egede~: »Fortsetz. d. Erzähl.«, Seite 32 u. 80; »Grönl.
+Berichte«, Seite 127 u. 106; H. ~Egede~: »Grönl. Perl.«, Seite 117.
+
+[129] ~Tylor~: »+Primitive Culture+« +I+, Seite 355; A. ~Lang~:
+»Mythologie«, Paris 1886, Seite 204 u. 204; ~Smith~: »+Inst. aunual
+Report of the Bur. of Ethnology+« 1879-80, Seite 45. Sollte dies von
+Tag und Nacht in der grönländischen Form eine direkte oder indirekte
+Einwirkung der biblischen Schöpfungsgeschichte sein?
+
+[130] Moltke ~Moe~ weist mich darauf hin.
+
+[131] ~Christaller~ in der Zeitschrift für Afrikanische Sprachen, +I+
+(1887 bis 1888), Seite 49-62. Vergl. auch +Dr.+ ~Bleek~: »Reinecke
+Fuchs in Afrika« (Weimar 1870); ~Tylor~, a. a. O. a., Seite 355; A.
+~Lang~, a. a. O. a., Seite 203.
+
+[132] H. ~Egede~: »Grönl. Perl.«, Seite 117; ~Paul Egede~: »Fortsetzung
+der Erzählungen«, Seite 20 und 60. Hinsichtlich des Waschens mit Urin,
+das ich auf Seite 22 genauer besprochen habe, ist zu bemerken, daß
+dies ein uralter Brauch zu sein scheint. Wir finden ihn schon in den
+heiligen Büchern der Parsen erwähnt. So steht in der ~Vendidad~ 8, 13,
+daß die Leichenträger sich »mit Urin, nicht von Männern oder Weibern,
+sondern von kleinen Tieren oder Zugtieren« waschen sollen.
+
+[133] P. ~Egede~: »Forts. d. Erzähl.«, S. 16 ff.; H. ~Egede~: »Grönl.
+Perl.«, S. 121 ff.; ~Rinks~: »Sagen und Märchen der Eskimos«, S. 165
+ff.; ~Holm~: »Mitteilungen über Grönl.«, Heft 10, S. 268.
+
+[134] A. ~Lang~: »+Custom and Myth.+«, S. 132 ff.; ~Tylor~: »+Prim.
+Cult.+«, +I+, S. 288 ff.
+
+[135] Vergleiche ~Rink~: »Märchen und Abenteuer der Eskimos«, S. 87 und
+166, Supplem. S. 44; ~Liebrecht~ in der »Germania«, Band 18 (1873), S.
+365.
+
+[136] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 142.
+
+[137] Dieser Mythos gleicht dem grönländischen so auffallend, daß
+die ursprüngliche Gleichheit wohl kaum bezweifelt werden kann. Bei
+den Kasias ist es die größte Sünde, seine Schwiegermutter zu lieben,
+während die Grönländer nichts Sündlicheres kennen, als sich in die
+eigene Schwester zu verlieben.
+
+[138] ~Tylor~: »+Prim. Cult.+«, Bd. I, S. 354 ff.; A. ~Lang~: »+Mythe,
+Ritual and Religion+«, S. 128 ff.
+
+[139] ~Paul Egede~: »Grönländische Nachrichten«, Seite 150 und 206.
+
+[140] ~Holm~: »Geographische Zeitschrift« (Kopenhagen, 1891), +XI+,
+Seite 16 ff. Die Anschauung, daß der Regen durch das Ueberfließen
+des Sees in der Oberwelt entsteht, kann auch aus südlicheren
+Gegenden stammen, wo Ackerbau und künstliche Bewässerung sich schon
+entwickelt haben und die Gebirgsseen durch Dämme abgesperrt sind.
+Die grönländische Mythe spricht auch von einem Damme, der den See
+verschließt (vergl. ~Egede~ und ~Cranz~).
+
+[141] Von ~Moltke Moe~ mitgeteilt. Siehe ~Schwartz~: »Die poetischen
+Naturanschauungen«, +I+, Seite 138 und 259 ff., +II+, Seite 198;
+~Schmidt~: »Das Volksleben der Neugriechen«, +I+, Seite 31;
+Belgisch-Museum +V+, Seite 215; ~Ignaz Goldziher~: »Der Mythos bei den
+Hebräern«, Seite 88 ff.
+
+[142] Diese Vorschrift finden wir auch anderswo wieder, vergleiche
+Christi vierzig Tage in der Wüste.
+
+[143] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 131.
+
+[144] Die Angekoker konnten auch Männer oder Weiber sein, doch scheinen
+unter ihnen die Frauen stets seltener gewesen zu sein.
+
+[145] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 135 ff.;
+~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, S. 94 ff. und 136 ff.;
+Supplem., S. 195 ff.; ~Nils Egede~: »Dritte Folge der Erzählungen«, S.
+43 und 48; ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, S. 218 und anderswo.
+
+[146] Vergl. Carl ~Andersen~: »Isländische Volkssagen u. Märchen«,
+zweite Ausgabe (1877), Seite 144-149. Es ist interessant, diese
+isländischen Märchen mit dem zu vergleichen, was ~Holm~ aus Ostgrönland
+mitteilt (»Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 303). Der Inhalt
+ähnelt ihnen sehr, ist natürlich aber den grönländischen Verhältnissen
+gemäß umgeändert. Aehnliche Märchen giebt es, nach Moltke ~Moe~, der
+mich auf diese eigentümliche Übereinstimmung aufmerksam macht, auch in
+Norwegen.
+
+[147] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Supplementband, Seite 84
+ff.
+
+[148] Ein Kennzeichen der Ilisitsoker, wie auch der Angekoker, ist,
+daß sie Feuer ausatmen. Das ist nach dem Glauben des Mittelalters und
+später im europäischen Volksglauben ein Kennzeichen des Teufels. Er
+verleiht diese Eigenschaft oft an seine Anhänger. Das grönländische
+Feueratmen mag auf diesem europäischen Mittelalterglauben basieren.
+Daneben sind die Ilisitsoker von den Händen bis an die Ellenbogen
+schwarz, wenn die Angekoker sie bei ihren Geisterbeschwörungen
+ertappen, was auch wohl in der europäischen Volksanschauung, daß der
+Teufel und sein Heer schwarz sind, wurzeln könnte.
+
+[149] H. ~Egede~: »Grönl. Perlustration«, Seite 116.
+
+[150] Man braucht ihn, um das Ausströmen des Blutes aus der Wunde des
+erlegten Seehundes aufzuhalten.
+
+[151] Vergl. ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 118.
+
+[152] Vergl. ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 119 ff.
+
+[153] Märchen und Sagen der Eskimos. Supplementband, S. 194.
+
+[154] Die Möglichkeit, daß solche Mythen an mehreren Stellen zugleich
+erfunden sein könnten, ist bei dem größten Teile ausgeschlossen. Dazu
+haben sie zu viele und zu charakteristische Uebereinstimmungspunkte.
+Wir kennen freilich Beispiele, daß Stämme an verschiedenen Orten
+unabhängig von einander dieselben Erfindungen machen, aber ihrer sind
+nur wenige, und betrachten wir gewisse Geräte, Kulturpflanzen und
+Handfertigkeiten, so ist es geradezu überraschend, wie diese sich über
+große Teile der Erde verbreiten konnten. (Vergl. ~Peschel~: »Abhandlung
+zur Erd- und Völkerkunde« [1877].)
+
+[155] ~Glahn~: »Neue Sammlung der Schriften der Kgl. Norwegischen
+Wissenschaftlichen Gesellschaft« +I+ (1784). S. 271; ~Rink~: »Märchen
+und Sagen der Eskimos«, S. 76, 279, 370, Supplementband, S. 187;
+~Kleinschmidt~: »Das grönländische Wörterbuch«, Seite 33.
+
+[156] Siehe ~Moltke Moes~ Einleitung zu Quigstad und Sandberg:
+»Lappländische Märchen und Volkssagen«, Seite 7; ~Najrop~: Kleinere
+Abhandlungen, herausgegeben von der phil.-historischen Gesellschaft
+(Kopenhagen, 1887), Seite 193 ff; ~Liebrecht~ »Zur Volkskunde«, S. 319.
+~Moltke Moe~ macht mich aufmerksam auf diese Aehnlichkeit.
+
+[157] Zugleich ist jedoch darauf aufmerksam zu machen, daß ähnliche
+Vorstellungen auch anderswo vorkommen. Auf Tahiti ist Oromatus, der
+mächtigste der Geister, ähnlichen Ursprungs, und bei den Polynesiern
+gelten Kinderseelen allgemein für gefährlich. (Vergleiche F.
+~Liebrecht~ in »+The Academy+«, III [1872], Seite 321.) Was mir
+dafür zu sprechen scheint, daß die Grönländer ihren Angiak den
+Norwegern verdanken, ist der Umstand, daß andere Eskimostämme diese
+Vorstellung, soviel ich weiß, nicht kennen. Jedenfalls kann sie bei
+ihnen nicht allgemein verbreitet sein. Selbst unter den Sagen, die
+~Holm~ von der Ostküste mitgebracht hat, ist des Angiaks nicht gedacht.
+Dagegen erzählt er mehrere, dem Anscheine nach ursprünglichere Sagen
+von gewöhnlichen Kindern, die zu Ungeheuern werden. (Vergleiche
+Mitteilungen über Grönland, Heft 10, Seite 287; ~Rink~: »Märchen
+und Sagen der Eskimos«, S. 123, Supplementband, S. 125.) Eines
+darunter, das auf der Ostküste das Kind des Mondes und einer Frau ist
+(Mitteilungen über Grönland, Heft 10, S. 281), wird auf der Westküste
+statt eines Ungeheuers ein Angiak (vergleiche ~Rink~: »Märchen und
+Sagen der Eskimos«, Supplementband, S. 150), was wohl um so mehr
+als spätere Umgestaltung gelten kann, als es auch auf der Westküste
+Varietäten giebt, in denen der Angiak ein gewöhnliches Kind ist.
+
+[158] Mir von ~Moltke Moe~ mitgeteilt.
+
+[159] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, S. 75 ff; Mitteilungen
+über Grönland, Heft 10, S. 276.
+
+[160] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Supplementband, Seite
+119.
+
+[161] ~Paul Egede~: »Fortsetzung der Erzählungen«, S. 19 ff.;
+»Grönländische Berichte«, S. 55 ff.; ~Rink~: »Märchen und Sagen der
+Eskimos«, S. 91, »Mitteilungen über Grönland«, Heft 11, Seite 20,
+Supplement, S. 117.
+
+[162] ~Castrén~: »Ethnologische Vorlesungen« (Helsingfors 1857), Seite
+182.
+
+[163] C. ~Andersen~: »Isländische Volkssagen« (1877), S. 205.
+
+[164] Die Irokesen erzählen jedoch von sieben Knaben, die in Vögel
+verwandelt werden und ihre Eltern verlassen. Ebenso von einem Jüngling,
+der beim Fischen einige Knaben trifft, die ihre Flügel abgelegt
+haben und sich im Schwimmen üben. Sie geben ihm auch Flügel, die ihn
+befähigen, sie zu begleiten, nehmen ihm aber später die Flügel wieder
+ab und lassen ihn hülflos zurück. (Vergleiche ~Rink~: »Mitteilungen
+über Grönland«, Heft 11, S. 21.)
+
+[165] Man hat bisher gemeint, daß bei den Grönländern Spuren
+jenes Verkehrs nur in den in Kapitel I erwähnten Sagen von dem
+Zusammentreffen mit den alten Nordländern und in folgenden drei Worten
+»+~nîsa~+ für +nise+ (Meerschwein), +~kuánek~+ für +kvanne+ (Engelwurz)
+und +~kakâlek~+ für Grönländer« zu finden seien. Daß +~nîsa~+ dasselbe
+Wort ist wie +nise+ (oder altnorwegisch +nisa+) ist begreiflich,
+wie auch anzunehmen ist, daß +~kuánek~+ mit +kvanne+ identisch ist.
+Gegen letzteres kann aber vielleicht sprechen, daß auf Labrador eine
+eßbare Tangart ~+kuánek+~ heißt. +Kalâlek+ hat man für das norwegische
++Skraelling+ (Scheusal) gehalten, womit unsere Vorfahren die Eskimos
+bezeichneten und das, von Eskimolippen gesprochen, jenem sehr ähnlich
+klingen würde. Etwas wunderbar ist es aber, daß wir dasselbe Wort
+bei den Alaska-Eskimos als ~+katlalik+~ oder ~+kallaaluch+~ in der
+Bedeutung von Angekok oder »Häuptling« finden (~Rink~: »Mitt. ü.
+Grönl.«, Heft 11, Suppl., S. 94, Märchen u. s. w., Suppl., S. 200). Es
+ist jedoch möglich, daß dieses Wort später von Grönland dorthin gelangt
+ist. Was mir noch als eine Erinnerung an die alten Norweger erscheinen
+könnte, ist vielleicht der Kreuzbogen oder Flitzbogen, den Holm auf der
+Ostküste fand und der früher auch auf der Westküste vorkam. Soweit mir
+bekannt, haben die Indianer diese Bogenart nicht.
+
+[166] Die Missionsthätigkeit in Grönland, das dazumal norwegisches
+Kronland war, begann 1721 mit Hans Egede, auf dessen Veranlassung in
+Bergen eine kombinierte Handels- und Missionsgesellschaft gebildet
+wurde. Später wurde diese Mission von der dänisch-norwegischen
+Regierung übernommen und nach der Trennung beider Reiche im Jahre 1814,
+bei der Dänemark die norwegischen Länder Grönland, Island und die
+Färöer behielt, von der dänischen Krone fortgesetzt. Zehn Jahre nach
+Egedes Ankunft sandte Graf Zinzendorf, der von der Mission dort gehört
+hatte, auch drei Mährische Brüder hin. Die drei verschafften sich
+eine kleine Gemeinde, und auch diese deutsche oder Herrnhutermission
+ist seitdem fortgesetzt worden. Sie besitzt jetzt einige Stationen
+im Bezirke Godthaab und ein paar im südlichsten Teil des Landes.
+Die Herrnhutergemeinden zeichnen sich, nach meiner Auffassung,
+hauptsächlich dadurch aus, daß bei ihnen noch mehr Entartung und Elend
+anzutreffen ist als bei den anderen Eskimos.
+
+[167] Vergl. ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, Seite 117 und 162.
+
+[168] ~Niels Egede~: »Dritte Folge der Relationen«, S. 32. u. 45.
+
+[169] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, S. 221.
+
+[170] Uebersetzt von Frau Signe Rink.
+
+[171] ~Paul Egede~ »Grönländische Berichte«, Seite 21 ff., vergl. auch
+Seite 25.
+
+[172] Daß ein Mann ein Frauenboot besitzt, was früher allgemein der
+Fall war, gilt jetzt als ein entscheidender Beweis für die Tüchtigkeit
+und den Wohlstand des Besitzers, da er ja viele Seehunde fangen muß, um
+Felle genug für ein solches Boot zu haben. (Vergl. überdies S. 71 ff.)
+
+[173] Zu dem großen Verfalle haben an diesem Orte aber auch weitere
+Umstände, wie der Fortzug guter Fänger, beigetragen.
+
+[174] U. a. dadurch, daß ihre Kleidung jetzt schlechter ist, daß sie
+das ganze Jahr hindurch in ihren feuchten, ungesunden Häusern, wo die
+Ansteckungskeime den vorzüglichsten Nährboden finden, leben müssen, daß
+sie europäische Kost haben u. s. w.
+
+[175] Merkwürdig ist, daß die Grönländer zum großen Teile frei
+geblieben sind von Syphilis -- bekanntlich eine unserer ersten Gaben an
+die Naturvölker, die wir uns zum Opfer unserer Kulturarbeit ausersehen.
+Sie ist dort oben nur an einer Stelle zu finden, nämlich in ~Arsuk~,
+in Südgrönland, wo man die Krankheit zu isolieren sucht. Hierzu ist es
+erst in den letzten Jahren gekommen. Doch, wie ich erfahre, hat sie
+um sich gegriffen, und es ist leider Aussicht vorhanden, daß sie sich
+ausbreite und die ganze Bevölkerung auch auf diese Weise verseuchen
+wird.
+
+[176] Während dies gedruckt werden soll, erscheint ein Buch von
+Gejerstam »Der Kulturkampf in Herjedalen«, in dem hervorgehoben wird,
+daß unser Schulunterricht auch den Rentierlappen zum Verderben geworden
+ist, indem er ihr Interesse für ihren Lebensberuf verringerte.
+
+[177] Uebersetzt im »+Morgenbladet+«, Nr. 636 (17. Okt. 1891).
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78886 ***
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+
+ </style>
+</head>
+
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78886 ***</div>
+
+
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Die Überschrift "Kapitel XVI. wurde eingefügt.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+ </div>
+
+<figure class="figcenter padbot3 illowp46" id="cover" style="max-width: 101.625em;">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover">
+</figure>
+
+<figure class="figcenter padbot3 illowp46" id="title" style="max-width: 56.875em;">
+ <img class="w100" src="images/title.jpg" alt="Titelblatt">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p class="s2 center">Fridtjof Nansen</p>
+
+<h1>Eskimoleben</h1>
+
+<p class="s4 center">Aus dem Norwegischen übersetzt<br>
+<span class="s5">von</span><br>
+M. Langfeldt</p>
+
+<p class="center mtop3">Illustrierte Ausgabe</p>
+
+<p class="center mtop3 ">Globus Verlag G.m.b.H. Berlin W.<br>
+Globushaus-Druckerei, Berlin</p>
+</div>
+
+<hr class="chapter">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt:</h2>
+</div>
+
+<table class="toc">
+
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">Kapitel</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Grönland und der Eskimo</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_I">1</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Aussehen und Kleidung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_II">14</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">III.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Kajak und die Kajakgeräte</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_III">25</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">IV.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Auf dem Meere im Kajak</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_IV">46</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">V.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Winterhäuser, Zelte, Frauenboote und Reisen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_V">66</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">VI.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Kochkunst und Leckerbissen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_VI">75</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">VII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Charakter und soziale Verhältnisse</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_VII">84</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">VIII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Stellung und Arbeit der Frau</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_VIII">101</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">IX.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Liebe und Ehe</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_IX">115</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">X.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Moral</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_X">132</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">XI.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_XI">155</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">XII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Begabung. -- Kunst. -- Musik. -- Dichtung. --
+ Erzählungen Eingeborener</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_XII">161</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">XIII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Religion der Eskimos</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_XIII">187</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">XIV.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Europäer und Eingeborene</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_XIV">275</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">XV.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Was haben wir erreicht?</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_XV">286</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+<tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">"</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">XVI.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Schluß</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kapitel_XVI">297</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="b0020_deko">
+ <img class="w100" src="images/b0020_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="b0030_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/b0030_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">»Die weite Schneefläche, die sich starr und weiß von
+einem Meer zum anderen erstreckt.«</figcaption>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_v">[S. v]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2>
+</div>
+
+<p>Den Winter über waren wir abgeschieden von aller Welt und ganz auf die
+Gesellschaft der Grönländer angewiesen. Ich wohnte in ihren Hütten,
+teilte ihre Arbeit und versuchte, so gut es ging, mich bei ihnen
+einzuleben und ihre Sprache zu erlernen. Doch leider ist ein Winter
+viel zu kurz, um dieses merkwürdige Volk, sein Gedankenleben und seine
+Kultur von Grund aus kennen zu lernen. Dazu gehört ein ernsteres
+Studium. Nichtsdestoweniger habe ich versucht, meine Eindrücke vom
+Leben der Eskimos in diesem Buche wiederzugeben, und mich dabei,
+soweit es mir möglich war, auf die Schriften älterer Grönlandsforscher
+gestützt. Es giebt ja auch Dinge, die dem Ankommenden mehr ins Auge
+fallen, als dem langjährigen Beobachter, der sie täglich vor Augen hat.</p>
+
+<p>Sollte man mir auch nicht immer beistimmen, wenn ich mir gelegentlich
+eine Kritik erlaube oder die Schwäche zeige, ein untergehendes Volk zu
+beklagen, das, vom Giftstachel unserer Civilisation gestochen, nicht
+mehr zu retten ist, so tröste ich mich damit, daß dadurch die Lage
+der Eskimos nicht verschlimmert werden kann, und hoffe, daß man meine
+Bemerkungen so auffassen wird, wie sie gemeint sind. — <span class="antiqua">Amicus
+Plato, amicus Socrates, magis amica veritas</span> — die Wahrheit vor
+allem! Und sollte ich meinen Lesern manchmal unverständlich erscheinen,
+so möge es mir zur Entschuldigung dienen, daß man nicht unter diesem
+Volke leben kann, ohne es lieb zu gewinnen. Dazu ist <em class="gesperrt">ein</em> Winter
+lang genug.</p>
+
+<p>An den langen dunklen Abenden, wenn ich in der niedrigen Stube
+sitzend in die Flamme der Thranlampe starrte, hatte ich viel Zeit,
+meinen Gedanken nachzuhängen. Da war es mir oft, als sähe ich diese
+Naturmenschen Schritt für Schritt auf ihren Hundeschlitten<span class="pagenum" id="Seite_vi">[S. vi]</span> und in
+ihren eigentümlichen Fellbooten aus dem fernen Westen herangezogen
+kommen. Ich sah sie sich durchkämpfen und ihre sinnreichen
+Gerätschaften nach und nach vervollkommnen, sah sie sich selber zu
+großartiger Seetüchtigkeit ausbilden. Jahrhunderte, Jahrtausende
+vergingen, eine Generation nach der anderen erlag im Kampfe mit der
+Natur, während die Stärkeren unter ihnen Sieger blieben. Und ich konnte
+nicht umhin, für ein so tapferes Volk Bewunderung zu empfinden.</p>
+
+<p>Doch hinter den glänzenden Bildern der Vergangenheit erhoben sich zwei
+andere, Gegenwart und Zukunft, in düsterem, hoffnungslosem Grau.</p>
+
+<p>Auf Grönland lernten die Eskimos die Europäer kennen. Die ersten waren
+unsere Vorfahren, und die wurden von ihnen überwunden. Doch als wir
+wiederkamen — diesmal mit dem Christentum und unseren Kulturprodukten
+— da mußten sie uns als Herren anerkennen, und seitdem geht es mit
+ihnen bergab. Die Welt zuckt mitleidig die Achseln. Du liebe Zeit,</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Was war's denn weiter! 's ist ja einerlei,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn so ein Bettler stirbt!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und doch haben auch die Eskimos Gefühle wie andere Menschen. Auch sie
+freuen sich ihres Lebens und der Natur und winden sich blutend unter
+unseren Eisentritten. Wer daran zweifelt, sehe sie in ihrer Liebe zu
+ihren Kindern, in ihrem gegenseitigen Mitgefühl oder lese ihre Sagen
+und Ueberlieferungen.</p>
+
+<p>»Ein großer Seehundsfänger von der Insel Aluk, an der Ostküste, liebte
+seine Heimat so sehr, daß er sie nicht einmal im Sommer verließ. Es war
+ihm ein besonderer Genuß, die Sonne morgens aus dem Meere aufsteigen
+zu sehen. Einmal gelang es seinem Sohne jedoch, ihn zu einer Reise
+nach dem Westen zu bereden. Als sie aber soweit gelangt waren, daß sie
+morgens die Sonne über dem Lande statt über der See aufgehen sahen,
+befahl der Vater sofort, alles zur Heimreise zu rüsten. Als sie endlich
+wieder auf Aluk ankamen, schlugen sie ihr Zelt auf. Sobald der Tag
+graute, ging der Alte zum Strand. Anfangs hörten seine Angehörigen noch
+seine Stimme, dann wurde es plötzlich still, und als sie an den Strand
+eilten, sahen sie ihn in demselben Augenblicke, als die Sonne aus dem
+Meer emportauchte, zu Boden sinken. Er war tot. Die Freude hatte ihn
+getötet.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_vii">[S. vii]</span></p>
+
+<p>Ein Volk, das solche Erzählungen besitzt, ist nicht gefühllos!</p>
+
+<p>Doch jedesmal, wenn ich einen dieser Menschen unter dem Elende, in
+das wir sie gebracht haben, leiden oder erliegen sah, erwachte in mir
+der Rest des Gerechtigkeitsgefühles, den die meisten von uns noch
+besitzen. Und mich erfüllte der heiße Wunsch, die Wahrheit in die Welt
+hinauszuschreien. Wüßte man es nur bei uns, so müßten ja alle Menschen
+aus ihrer Gleichgiltigkeit aufgerüttelt werden und gleich wieder gut zu
+machen suchen, was sie verbrochen.</p>
+
+<p>Armer, junger Mann! Du hast nichts vorzubringen, was nicht schon besser
+gesagt worden wäre. Das unglückliche Schicksal der Grönländer wie das
+anderer Eingeborener ist den civilisierten Nationen schon von so vielen
+Seiten vorgehalten worden, und alles hat doch nichts geändert.</p>
+
+<p>Gleichviel, ich will mein Gewissen erleichtern. Es scheint mir heilige
+Pflicht, ebenfalls Einspruch zu erheben. Meine Feder ist leider nur
+schwach. Was ich am tiefsten empfinde, kann ich nicht mit Worten sagen
+— nie hat mir Dichtergabe mehr gefehlt. Ich weiß, meine Mahnung wird
+einem Rufe in einer weiten Ebene gleichen, der das Echo der Berge nicht
+erweckt. Mir bleibt nur die Hoffnung, daß ich vielleicht in einer Brust
+Mitgefühl für die armen Eskimos und Trauer über ihr Geschick wachrufe.</p>
+
+
+<p class="mleft5"><em class="gesperrt">Godthaab, Lysaker.</em></p>
+<p class="mleft7">November 1891.</p>
+
+<p class="s4 right"><b>Fridtjof Nansen.</b></p>
+
+<figure class="figcenter padtop3 padbot3 illowp46" id="frontispiece" style="max-width: 31.125em;">
+ <img class="w100" src="images/frontispiece.jpg" alt="F. Nansen">
+</figure>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[S. 1]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="p075_deco">
+ <img class="w100" src="images/p075_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_I"><span class="s5a">Kapitel I.</span><br>
+Grönland und der Eskimo.</h2>
+</div>
+
+<p>Grönland ist auf eigentümliche Weise mit unserem Lande und Volke
+verbunden. Unsere Vorfahren kamen als die ersten Europäer in dies Land.
+Auf ihren alten Schuiten machten die alten Vikinger bei Sturm und durch
+Treibeis die waghalsige Reise nach dem fernen Schneeland, ließen sich
+dort nieder und machten es zu einer Besitzung der norwegischen Krone.
+Dann hörte plötzlich der Zuzug von Norwegen auf, und sogar die Kunde
+von dieser Kolonie ging verloren. Und wieder war es ein Norweger,
+der das kalte Land entdeckte und dort im Auftrag einer norwegischen
+Gesellschaft eine neue europäische Kolonisation begann.</p>
+
+<p>Arm ist das Land, das wir den Eskimos raubten, arm an Gold und grünen
+Wäldern, nackt, entlegen und keinem von Menschen bewohnten Lande
+gleich. Und doch ist es in seiner Armut schön! Ja, wenn Norwegen schön
+ist, so ist es Grönland nicht minder. Wer es sah, dem bleibt es in der
+Erinnerung teuer! Ich weiß nicht, ob es anderen ebenso geht, mir aber
+verschmilzt es mit der ganzen träumerischen Schönheit des Märchenlandes
+meiner Kinderjahre, und ich habe dort unsere Natur wiedergefunden in
+noch größerer und reinerer Gestalt.</p>
+
+<p>Die starke, wilde Natur gleicht einer in Eis und Schnee gehauenen,
+altersgrauen Sage, die bisweilen so feine weiche<span class="pagenum" id="Seite_2">[S. 2]</span> Stimmungsbilder
+enthält, wie ein Gedicht. Sie gleicht dem kalten Stahl, in dem sich die
+spielenden Farben des Sonnenscheines spiegeln.</p>
+
+<p>Sehe ich Schneefelder und Gletscher, so eilen meine Gedanken nach
+Grönland, wo die Schneefelder größer sind als bei uns und die Gletscher
+in ein von Treibeis und Eisbergen erfülltes Meer abfallen. Höre ich
+lautes Lobsingen über die Fortschritte der Kultur, große Männer und
+große Thaten, dann sucht mein inneres Auge die weite Schneefläche, die
+sich starr und weiß von einem Meer zum anderen erstreckt und einst
+fruchtbare Thäler und Gebirge unter sich begrub. Vielleicht wird uns
+alle dereinst ewiger Schnee bedecken.</p>
+
+<p>Alles ist dort oben einfach und doch so großartig. Weißer Schnee,
+blaues Eis, kahle, dunkle Berge wie schwarze Kegel, sturmbewegte,
+heulende See. Aber wenn ich die Sonne glühend ins Meer sinken sehe,
+denke ich an das ferne Land, wo die Klippen und Holme der glitzernden
+See in der untergehenden Sonne rosenrot erscheinen und auf den
+Eisbergen das herrlichste Alpenglühen dämmert. — Und wenn ich
+bisweilen das »Almleben« unserer Heimat auskoste, Sennerinnen und
+weidende Kühe sehe, muß ich an das Zeltleben und die Renntierherden an
+den Buchten und auf den Bergen Grönlands denken, an balzende Birkhähne,
+an die mit Weiden bestandenen Moore, Sümpfe, Gewässer und Thäler jener
+Gebirge, in denen der Eskimo seinen kurzen Sommer verlebt.</p>
+
+<p>Doch nichts auf Erden läßt sich vergleichen mit der grönländischen
+Nordlichtwinternacht. Sie ist der geheimnisvolle Atem der Natur selbst.</p>
+
+<p>Das Land übt eine unerklärliche Macht auf das<span class="pagenum" id="Seite_3">[S. 3]</span> Gemüt aus, das Volk des
+Landes aber ist nicht weniger merkwürdig.</p>
+
+<p>Mehr als jedes andere Volk gehört der Eskimo der See und dem
+Küstenlande an. Am Meere wohnt er, auf ihm sucht er seinen Unterhalt;
+das Meer giebt ihm alles, was er braucht, und auf ihm macht er alle
+seine Reisen; im Sommer in seinen mit Fellen überzogenen Booten, im
+Winter in seinem Hundeschlitten. Darum spielt das Meer im Leben des
+Eskimos auch die Hauptrolle — und darum ist es auch kein Wunder, daß
+sein Gemüt ein Bild des Meeres ist. Wie das Meer, verändert sich seine
+Stimmung, ernst im Sturme, ausgelassen heiter bei Sonnenschein und
+ruhiger See. Er ist ein Kind des Meeres, leichtsinnig, fröhlich wie
+die spielenden Wellen, oft aber auch düster wie die schäumende Flut.
+In seinem Kindergemüte verwischt sich alles schnell. Ist das Unwetter
+vorüber, so glättet sich ja die See und gleicht nicht mehr dem tobenden
+Wogenschwalle von vorhin. Die Güter dieser Welt sind hienieden sehr
+ungleich verteilt. Einigen wird es sehr leicht gemacht, sie können
+in ihrer Jugend einen Brotfruchtbaum pflanzen und sich damit für den
+Rest ihres Lebens versorgen, während es den Anschein hat, als sei
+anderen alles, außer der Kraft zu kämpfen, versagt und als müßten sie
+der feindlichen Natur Schritt für Schritt jedes Bischen, dessen sie
+zum Leben bedürfen, erst abtrotzen. Das große Heer der Menschheit
+hat solchen Völkern bei seinem beständigen Kampfe zur Unterwerfung
+der Natur die Stellung äußerster Vorposten angewiesen. Zu diesen
+Vorposten gehört das Eskimovolk, und von allen lebenden Völkern ist
+es das merkwürdigste. Es liefert den besten Beweis für die eigene
+Begabung des Menschen, sich den Verhältnissen anzupassen<span class="pagenum" id="Seite_4">[S. 4]</span> und sich
+über die Erde zu verbreiten. Der Eskimo bildet den äußersten Vorposten
+gegen die Todesstille des ewigen Eises, und soweit wir bisher nach
+Norden vorgedrungen sind, haben wir auch Spuren dieses abgehärteten
+Volkschlags gefunden.</p>
+
+<p>Die von allen anderen verschmähten Himmelsstriche nahm der Eskimo für
+sich in Besitz. Durch steten Kampf und langsame Entwickelung lernte er
+mehr als alle anderen. Wo für die anderen jede Möglichkeit des Lebens
+aufhört, fängt für ihn das Leben an — er hat sein Land lieben gelernt,
+es ist für ihn die Welt, in der er »der Mensch« ist, und jenseits deren
+er dem Untergange verfallen wäre.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
+
+<p>Dieses Volk will ich auf den folgenden Blättern schildern, ihm sei mein
+Buch gewidmet.</p>
+
+<p>So scharf sich der Eskimo im Aussehen, in der Körperbildung, durch
+seine sinnreichen Gerätschaften und durch seine ganze Lebensweise von
+allen anderen Völkern unterscheidet, so ähnlich sind die verschiedenen
+Eskimostämme untereinander. Ein Eskimo von der Behringstraße gleicht
+dem Grönländer so sehr, daß man keinen Augenblick an der Verwandtschaft
+der beiden zweifeln kann. Ein Alaska-Eskimo und ein Ostgrönländer
+verstehen einander ohne Schwierigkeit. Kapitän Adrian Jakobsen, der
+Grönland und Alaska bereist hat, versichert, daß er sich mit den
+Brocken der Eskimosprache, die er in Grönland erlernt hatte, in
+Alaska habe verständigen können. Und doch sind beide Völker durch
+mehr als sechshundert geographische Meilen voneinander getrennt, eine
+Entfernung, wie von<span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span> Christiania bis an die chinesische Grenze oder bis
+Innerarabien. Solche Spracheinheit bei soweit voneinander wohnenden
+Stämmen dürfte in der Geschichte der Menschheit einzig dastehen.</p>
+
+<p>Die große Aehnlichkeit aller Eskimostämme, ihre abgesonderte Lage
+anderen Völkern gegenüber und ihre vollkommenen Geräte scheinen auf
+eine sehr alte Rasse hinzudeuten, bei der alles in bestimmten Formen
+erstarrt ist und die sich nur unendlich langsam verändern kann. Andere
+Umstände sprechen jedoch auch wieder gegen diese Annahme und machen
+es wahrscheinlicher, daß dieses weit zerstreute Volk ursprünglich
+ein kleiner Stamm war, der sich erst in neuerer Zeit über die
+verschiedenen, heute von Eskimos bewohnten Länder verteilte.</p>
+
+<p>Daß diese Einwanderung verhältnismäßig bald stattfinden konnte, ohne
+doch zu einer Völkerwanderung zu werden, ist leicht erklärlich. Man
+braucht nur zu bedenken, daß ihre jetzige unwirtsame Heimat, bevor sie
+sich dort niederließen, garnicht oder doch fast nicht bewohnt war, daß
+also niemand als die Natur selbst ihrer Ausbreitung Hindernisse in den
+Weg legte.</p>
+
+<p>Der jetzt von den Eskimos bewohnte Himmelsstrich erstreckt sich von der
+Westküste der Behringstraße über Alaska, das nördlichste Nordamerika
+und die zu diesem Kontinente gehörenden arktischen Inselgruppen bis
+nach West- und Ostgrönland.</p>
+
+<p>Durch seine in jeder Weise abgesonderte Lage hat der Eskimo den
+Anthropologen viel Kopfzerbrechen gemacht, und die widersprechendsten
+Ansichten wurden hinsichtlich seiner Herkunft laut.</p>
+
+<p>Dr. H. Rink, der das Studium der grönländischen<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> Natur und des
+grönländischen Volkes zu seiner Lebensaufgabe machte und in diesem
+Fache unzweifelhaft die größte Autorität ist, meint, daß die Geräte und
+Waffen der Eskimos größtenteils aus Amerika stammen. Er hält es für
+wahrscheinlich, daß die Eskimos ursprünglich als ein Stamm im Innern
+von Alaska, wo es heute noch Eskimos giebt, wohnten und von dort aus an
+die Küsten des Eismeeres auswanderten. Er hebt ferner hervor, daß ihre
+Sprache mit der amerikanischen Ursprache nahe verwandt ist und ihre
+Sitten und Sagen vieles mit denen der Indianer gemeinsam haben.</p>
+
+<p>Ein Unterschied aber, der die Eskimos unter anderem von den Indianern
+trennt, ist der Gebrauch der Hundeschlitten. Nehmen wir die
+Inkaperuaner, die das Lama als Lasttier benutzten, aus, so finden wir
+bei keinem der amerikanischen Urvölker Last- oder Zugtiere. Hierin
+nähert sich der Eskimo also mehr den asiatischen Polarvölkern.</p>
+
+<p>Ein näheres Eingehen auf diese verwickelte wissenschaftliche Forschung,
+in der noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist, würde uns zu
+weit führen. Nur soviel können wir mit einiger Sicherheit behaupten,
+daß die Eskimos zuletzt von den Küsten der Behringstraße oder des
+Behringmeeres — möglicherweise von der amerikanischen Seite — kamen
+und sich von dort aus Schritt für Schritt nach Osten hin über das
+arktische Amerika bis nach Grönland verbreiteten.</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Wann</em>« sie sich dauernd in Grönland ansiedelten, wird,
+meiner Meinung nach, nicht festzustellen sein. Daß dieser Zeitpunkt
+verhältnismäßig neueren Datums sein muß, habe ich schon angedeutet. Im
+Gegensatz zu mehreren Forschern halte ich es aber nicht für erwiesen,
+daß die<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> Eskimowanderungen erst im vierzehnten Jahrhundert, wie die
+isländischen Sagen behaupten, stattfanden. Wenn ich auch von der
+Richtigkeit der Thatsache überzeugt bin, daß um diese Zeit der erste
+ernstliche Zusammenstoß der norwegischen Kolonisten mit den in großen
+Scharen von Norden kommenden Eskimos oder Skraellingern (Scheusale)
+stattfand, so schließt dies die Möglichkeit nicht aus, daß sie schon
+in Westgrönland ansässig waren, bevor der Fuß eines Norwegers den
+ostgrönländischen Boden betrat. In den ersten vierhundert Jahren
+der norwegischen Ansiedelung scheinen in Südgrönland (dem Ost- und
+Westgebiete) keine Eskimos gewohnt zu haben, da ihrer in den Sagen
+nirgends erwähnt wird. Dagegen wird in diesen Sagen ausdrücklich
+hervorgehoben, daß die ersten Norweger, die ins Land kamen, Erik
+der Rote und seine Freunde, sowohl im Ost-, wie im Westgebiete
+Südgrönlands verlassene Menschenwohnungen, Ueberreste von Booten und
+steinerne Geräte fanden, die, ihrer Ansicht nach, einem häßlichen
+Volke, das sie Skraellinger (Scheusale) nannten, gehört haben
+mußten. Daraus läßt sich schließen, daß dort Skraellinger gewesen,
+und ihre Hinterlassenschaft beweist, daß sie der Gegend nicht nur
+einen flüchtigen Besuch abgestattet haben. Es ist nicht unmöglich,
+daß die Eskimos Hals über Kopf davonliefen, als sie die nordischen
+Vikingerschiffe heransegeln sahen. Dieselbe Erfahrung machten wir auf
+der Ostküste. Doch weniger annehmbar scheint mir, daß sie ihre Flucht
+ungesehen von den Norwegern sollten ausgeführt haben. Ich schließe
+mich der vielfach ausgesprochenen Ansicht an, daß die Eskimos damals
+ihre festen Wohnsitze höher hinauf an der Küste hatten, oberhalb
+des 68. Grades nördlicher Breite. Dort ist noch heute die beste
+Seehundsjagd<span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span> und die häufigste Gelegenheit zum Walfischfang. Und
+da sie von Norden<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> her in das Land gekommen sein müssen, lag hier
+für sie auch die erste natürliche Station auf ihrem Zuge. Von diesem
+festen Wohnsitz aus werden sie nach echter Eskimoweise häufig den
+südlicheren Teil der Insel auf längere oder kürzere Zeit besucht und
+dort jene zuerstgefundenen Spuren hinterlassen haben. Als sich dann die
+Norweger dort angesiedelt hatten und später auch Streifzüge nach Norden
+unternahmen, trafen sie schließlich mit den Eskimos zusammen, was nach
+Professor Gustav Storms Erachten<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> vor dem zwölften Jahrhunderte
+geschah.</p>
+
+<p>Die <span class="antiqua">Historia Norvegiae</span> berichtet, daß die grönländischen
+Waidmänner in den unbebauten Gegenden Nordgrönlands kleine Menschen
+antrafen, denen sie den Namen Skraellinger gaben und die Steinmesser
+und Pfeilspitzen von Walfischknochen besaßen. — Mit der Zeit begannen
+jedoch die nördlichen Eskimoniederlassungen an Uebervölkerung zu
+leiden, und ein Teil mußte sich weiter südlich neue Wohnsitze suchen.
+Da die Norweger beim Zusammentreffen mit ihnen oft Gewalt gebraucht
+hatten, scheinen die Eskimos sich gerächt zu haben. Sie griffen 1341
+das »Westgebiet« an und sollen diese Kolonie verwüstet (?) haben.
+1397 unternahmen sie einen Feldzug gegen das Ostgebiet<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>, das im<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>
+folgenden Jahrhundert gleichfalls von der Bildfläche verschwunden zu
+sein scheint. Um diese Zeit haben die Eskimos zuerst festen Fuß in
+Südgrönland gefaßt.</p>
+
+<p>Auch aus den Sagen der Eskimos geht hervor, daß zwischen ihnen und den
+alten Norwegern Kämpfe stattfanden. Doch aus denselben Sagen ersehen
+wir, daß sie mit ihnen auch oft in friedlichem Verkehr standen, ja,
+an einigen Stellen wird sogar mit großer Anerkennung von den alten
+Norwegern gesprochen. Es ist bei dem jetzigen Charakter der Eskimos
+auch kaum glaublich, daß sie einen förmlichen Ausrottungskrieg führten,
+und ein solcher kann jedenfalls kaum die alleinige Ursache des
+Untergangs der Kolonien gewesen sein. Außer dem inneren Verfall infolge
+der Loslösung vom Mutterlande, hat wohl auch die Vermischung der
+Kolonisten mit den Eskimos mitgespielt. Die damaligen Europäer dürften
+schwerlich unempfänglicher gegen die Reize der Eskimoschönen gewesen
+sein, als unsere jungen Landsleute heute.</p>
+
+<p>Ueber den <em class="gesperrt">Weg</em>, auf dem die Eskimos nach Westgrönland gelangten,
+herrschen gleichfalls verschiedene Ansichten. Dr. <em class="gesperrt">Rink</em>
+behauptet, die Eskimos seien, nachdem sie den <em class="gesperrt">Smithsund</em>
+überschritten, nicht längs der Westküste<span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span> nach Süden gezogen, was uns
+doch am natürlichsten erscheint, sondern nordwärts um die Nordspitze
+des Landes herumgegangen und dann längs der Ostküste herabgekommen.
+Von hier aus wären sie dann später über Grönlands Südspitze nach der
+Westküste gezogen. Diese Annahme gründet sich hauptsächlich darauf,
+daß Thorgils Orrabeinfostre im Jahre 1000 an der Ostküste Eskimos
+angetroffen haben soll, während die alten Norweger auf der Westküste
+um diese Zeit noch keine Ahnung von der Existenz jenes Volkes hatten.
+Die Handschrift über die Abenteuer jenes Thorgils stammt jedoch
+aus dem vierzehnten Jahrhundert und steht in direktem Widerspruch
+mit den übrigen Sagen, aus denen hervorgeht, daß die Eskimos von
+Norden und nicht von Süden kamen, und daß die Westkolonie vor der
+Ostkolonie unterging. Denselben Schluß kann man auch aus einer
+Eskimosage ziehen, in welcher das erste Zusammentreffen mit den alten
+Norwegern beschrieben wird. »In alten Zeiten,« heißt es da, »als
+die Küste noch schwach bevölkert war, kam ein Boot mit Reisenden in
+die Godthaabsbucht. Die Reisenden erblickten dort ein großes Haus,
+dessen Bewohner sie nicht kannten, weil sie keine ›<em class="gesperrt">Kaladlit</em>‹
+(Eskimos) waren. Sie waren also zum ersten Male auf die alten Norweger
+gestoßen. Diese sahen auch zum ersten Male Kaladlit und nahmen sie
+sehr freundlich auf.« Das geschah also im alten Westgebiet der
+Norweger, ihrer <em class="gesperrt">nördlichsten</em> Kolonie an der Küste. Noch ein
+anderer Umstand macht, meiner Meinung nach, die Wanderung um Grönland
+herum unwahrscheinlich. Sollten sie bis an die Nordspitze Grönlands
+vorgedrungen sein, so müssen sie dort wie die sogenannten arktischen
+Hochländer (die Eskimos nördlich vom Kap York) gelebt haben. Dann
+hätten sie natürlich von<span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span> Jagd gelebt und wohl Hundeschlitten, aber
+keine Boote besessen, da das in Nordgrönland stets eisbedeckte Meer den
+Kajak überflüssig macht. Daß sie sich, als sie dann an die eisfreie
+Küste kamen, neue Boote erbauten, ist an und für sich nicht unmöglich.
+Aber mehr als unwahrscheinlich klingt es, daß sie die Boote und die
+zum Fischfang nötigen Geräte hier in so kurzer Zeit in so hohem Grade
+sollten vervollkommnet haben, nachdem sie so ganz aus der Gewohnheit
+gekommen, den Fang vom Kajak aus zu betreiben.</p>
+
+<p>Ich meine, die natürlichste Erklärung ist, daß die Eskimos über den
+Smithsund kamen, den sie überschritten haben müssen, und dann an der
+Westküste entlang und über die Südspitze nach der Ostküste zogen. Ob
+sie schon vor der Ankunft der Norweger auf der Ostküste waren, wissen
+wir nicht. Auf ihrem Wege vom Smithsunde nach Süden trat ihnen freilich
+in dem Melvillegletscher (ungefähr auf 76° nördlicher Breite) ein
+großes Hindernis entgegen, da dieser direkt ins Meer fällt und die
+Küste eine ganze Strecke weit nicht von Inseln beschützt wird. Aber
+einerseits konnten sie längs des inneren Randes des Treibeises in ihren
+Fellbooten vordringen, und andererseits waren die Schwierigkeiten für
+sie gewiß auch nicht größer, als es die bei einer Wanderung nördlich um
+das Land herum gewesen wären. Gegen diese Annahme läßt sich freilich
+einwenden, daß die Ostgrönländer Hundeschlitten haben, welche an
+der Südwestküste des fehlenden Eises wegen nicht in Gebrauch sind.
+Bedenkt man jedoch, wie verhältnismäßig schnell die Eskimos in ihren
+Frauenbooten reisen, wie häufig sie in früheren Zeiten längs der Küste
+hin- und herzogen, und daß auf der ganzen Westküste<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> immer Hunde
+gehalten wurden, so wird auch dieser Einwand beseitigt.</p>
+
+<p>Die gegenwärtige Verbreitung der Eskimos über die Westküste Grönlands
+erstreckt sich vom Smithsunde bis zum Kap Farvel. Ihre Zahl
+beläuft sich im dänischen Teil der Küste auf nahezu Zehntausend.
+Auf der Ostküste giebt es, nach dem, was wir durch die dänische
+Frauenbootexpedition unter Kapitän Holms Führung (1884-1885) erfahren
+haben, bis nach Angmagsalik (66° nördlicher Breite) hinauf Eskimos.
+Ihre Anzahl betrug Herbst 1884 im ganzen fünfhundertachtundvierzig. Die
+Eskimos erzählten Kapitän Holm, daß weiter nördlich ihres Wissens keine
+Eskimos mehr ansässig seien. Sie selber machten jedoch häufig Reisen
+nach Norden, manchmal bis an den 68. oder 69. Breitengrad, und vor
+einigen Jahren hätten zwei Frauenboote auch diesen Weg eingeschlagen,
+ohne daß man je wieder etwas von ihnen gehört habe. Ob nördlich vom
+70. Breitengrade auf der Ostküste keine Eskimos mehr wohnen, ist noch
+nicht festgestellt. <em class="gesperrt">Clavering</em> fand, wie bekannt, 1823 ein paar
+Familien auf dem 74. Grade nördlicher Breite, doch nach jener Zeit
+hat man dort keine mehr gesehen, und die deutsche Expedition, die an
+dieser entlangzog und dort überwinterte, fand wohl Hütten und Geräte,
+aber keine Menschen und nahm daher an, daß letztere dort ausgestorben
+seien. Dies kommt mir jedoch kaum wahrscheinlich vor. Die Eskimos sind
+eine sehr zähe Rasse, und es mag andere Gründe haben, daß man sie
+nicht antraf. Sie können grade um diese Zeit weiter nach Norden oder
+nach Süden gezogen sein. Vielleicht wohnen sie auch sehr zerstreut,
+und man ist zufällig nicht auf sie gestoßen. Es bleibt nämlich immer
+zu bedenken, um welch<span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span> ungeheuere Strecken eines sehr zerklüfteten
+Landes es sich hier handelt. Meiner Ansicht nach können dort an der
+Küste noch immer Eskimos wohnen, und wir wollen hoffen, daß die
+dänische Expedition, die, wie bekannt, jetzt dort oben ist, mit ihnen
+zusammentrifft. Durch ihre abgeschiedene Lage, die jede direkte oder
+indirekte Verbindung mit der zivilisierten Welt unmöglich gemacht hat,
+müßten sie in ethnologischer Hinsicht zu den interessantesten aller
+lebenden Völker gehören.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p0130_deco">
+ <img class="w100" src="images/p0130_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowe50" id="p0140_deco">
+ <img class="w100" src="images/p0140_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_II"><span class="s5a">Kapitel II.</span><br>
+Aussehen und Kleidung.</h2>
+</div>
+
+<p>Nun, da ich, so fern von diesen Menschen und der Natur, in der wir mit
+einander umherstreiften, eine Beschreibung von ihnen machen soll, steht
+mir das erste Zusammentreffen mit ihnen auf Grönlands Ostküste lebhaft
+vor Augen. Zwei braune, lachende Gesichter, von langem, rabenschwarzem
+Haar umrahmt, mitten im Eise. Sie strahlen vor heiterer Zufriedenheit
+mit sich und aller Welt, und halb gutmütig freundlich, halb verwundert
+blicken sie die seltsamen Fremdlinge an.</p>
+
+<p>Der Eskimo reiner Rasse wird den meisten Europäern auf den ersten Blick
+hin nichts weniger als hübsch erscheinen. Er hat ein rundes, breites
+Gesicht, große grobe Züge, kleine dunkle, oft schrägliegende Augen,
+eine platte Nase, die zwischen den Augen schmal und unten breit ist,
+runde fettstrotzende Wangen, einen großen Mund und sehr entwickelte
+breite Kinnbacken, die mit den runden Wangen zusammen das Untergesicht
+eine hervorragende Rolle in der Physiognomie spielen lassen. Wenn der
+Mund sich zu einem fettglänzenden Lächeln öffnet, sieht man zwei Reihen
+großer weißer Zähne. Das Ganze macht den Eindruck eines vorzüglichen
+Kauapparates und läßt uns mit Wohlbehagen an vieles und gutes Essen
+denken. Gleichzeitig aber liegt in diesen Zügen, besonders bei den
+Frauen, eine große einschmeichelnde Weichheit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p>
+
+<p>Nach den uns anerzogenen Begriffen können wir dies nicht hübsch nennen,
+und doch — wie vorurteilsvoll sind wir in dieser Beziehung! Es bedarf
+langer, sehr langer Zeit, ehe man von seinen Traditionen loskommt. Wir
+denken an die langgesichtigen, langnasigen Schönen unserer Heimat,
+und unser Sinn erfüllt sich mit Wehmut bei der Erinnerung an die
+vielen, für die wir geschwärmt, jene interessanten, bleichen — aber
+ach so farblosen Schönheiten! Es ist doch merkwürdig, wie brutal der
+Geschmack werden kann: ich fand diese braunen, von Gesundheit und Fett
+glänzenden Naturgesichter wirklich hübsch. Bei ihrem Anblick mußte ich
+an das blaue Meer und hellen Sonnenschein denken, an weiße Gletscher
+und inmitten dieser Umgebung schlagende Menschenherzen von wirklichem
+Fleisch mit siedendheißem Blute.</p>
+
+<p>Doch hauptsächlich waren es die jungen, die solchen Eindruck machten,
+und sie altern schnell — betrübend schnell. Die vertrockneten,
+triefäugigen, kahlköpfigen alten Weiber waren nicht hübsch, sie
+erinnerten an erfrorene Aepfel, und doch lag auch über ihnen ein
+gewisser Stil. »Arbeit« stand auf ihrem Gesichte geschrieben, aber
+auch »Essen, viel Essen« und gutmütige Resignation. Keine Spur von der
+glasartigen Härte oder dem steifen Anstand, mit denen anderswo die
+Schule des Lebens oft alte Gesichter stempelt.</p>
+
+<p>Die auf der Westküste durch Kreuzung zwischen Europäern und Eskimos
+entstandene Mischrasse ist nach europäischem Geschmacke schöner, sie
+macht mit ihrer Bronzefarbe, ihren dunklen Brauen und schwarzen Augen
+den Eindruck eines romanischen Volkes. Manchmal aber hat sie auch
+Individuen von ausgesprochen jüdischem Typus aufzuweisen. Häufig zeigt
+sie wirkliche Schönheiten sowohl<span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span> unter dem starken, wie unter dem
+schwachen Geschlecht. In der Regel aber liegt etwas Weichliches im
+Wesen und Ausdruck dieser Mischlinge, die echten Eskimos machen einen
+gesunderen, unverfälschteren Eindruck.</p>
+
+<p>Es ist ein in Europa allgemein verbreiteter Irrtum, die Eskimos für
+klein zu halten. Wenn die skandinavisch-germanischen Rassen sie
+auch an Größe übertreffen, so muß man sie doch zu den mittelgroßen
+Völkern zählen. Ich selber habe mehrere echte Eskimos gesehen, die
+ungefähr drei Ellen (1 <span class="antiqua">m</span> 80 <span class="antiqua">cm</span>) maßen. Ihr Körper macht durchgehends
+einen kräftigen Eindruck, besonders der Oberkörper. Die Männer
+sind achselbreit, haben muskulöse Arme und eine breite Brust, aber
+verhältnismäßig schmale Hüften und nicht entsprechend kräftige Beine.
+Daher haben sie in späteren Jahren gewöhnlich einen unsicheren Gang und
+ein wenig krumme Kniee. Die schwächere Entwicklung des Unterkörpers
+dürfte wohl hauptsächlich von dem täglichen Sitzen im engen Kajak
+herrühren.</p>
+
+<p>Bei den Frauen fallen uns hauptsächlich die schmalen Hüften auf, die
+viel weniger hervortreten, als wir es bei einer bekleideten Europäerin
+zu sehen gewohnt sind, und die wir gewöhnlich für unvereinbar mit dem
+Typus weiblicher Schönheit halten. Dies kommt, wie man mir sagt, daher,
+daß die Eskimoweiber sogenannte runde, die Europäerinnen aber flache,
+breite Becken haben. Besonders reizend sind die schön geformten,
+auffallend kleinen Hände und Füße der Grönländerinnen. Ihre Gestalt
+macht überhaupt einen zierlichen, ansprechenden Eindruck.</p>
+
+<p>Die Hautfarbe der Eskimos reiner Rasse ist bräunlich oder graugelb, und
+auch bei den Mischlingen fällt diese braungelbe Farbe manchmal sehr
+ins Auge. Die von Natur<span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span> schon dunkle Farbe wird jedoch, wenigstens
+bei den Männern und den älteren Frauen, durch vollständigen Mangel an
+Reinlichkeit noch dunkler. Als Fingerzeig in dieser Richtung will ich
+nur berichten, daß unser Landsmann, Seine Hochehrwürden Hans Egede,
+ihre Waschmethode — namentlich die von den Männern angewandte —
+folgendermaßen beschreibt: »Sie schaben sich den Schweiß mit einem
+Messer vom Gesicht herunter und lecken dann das Messer ab.«</p>
+
+<p>Die neugeborenen Kinder sind heller gefärbt, doch hat dies seinen Grund
+nicht darin, daß sie noch keine Schmutzkruste haben ansetzen können.
+Schon H. E. Saabye hat in seinem Tagebuch<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> darauf aufmerksam gemacht,
+daß sie auf dem Kreuz einen blauschwarzen Fleck, ungefähr von der Größe
+eines unserer alten Zehnschillingstücke, haben, von dem sich die dunkle
+Farbe erst später über den ganzen Leib ausbreitet. Holm erzählt etwas
+Aehnliches von der Ostküste<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a>. Ich selber erlaube mir hierüber kein
+Urteil. Es würde dem gleichen, was von den Kindern der Japaner erzählt
+wird.</p>
+
+<p>Die Kleidung der Eskimos ist den meisten Leuten wohl aus Bildern
+bekannt. Das Auffallendste ist, daß die Tracht der Frauen derjenigen
+der Männer gleicht und bedeutend praktischer und malerischer ist, als
+unsere häßlichen, schwedischen Frauengewänder.</p>
+
+<p>Die Männer hüllen in Südgrönland den Oberkörper in den sogenannten
+<em class="gesperrt">Timiak</em>. Dieser wird aus Vogelbälgen mit den Federn oder
+Daunen nach innen verfertigt, hat ungefähr die Form unserer wollenen
+Unterjacken und wird<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> wie diese über den Kopf gezogen. Oben am Timiak
+sitzt eine Kapuze, die sich über den Kopf ziehen läßt, und die sonst
+mit ihrem hochstehenden Rand von Hundefell eine Art Kragen um den Hals
+bildet. An den Handgelenken ist der Timiak ebenfalls mit Hundefell
+eingefaßt, ganz so wie ein eleganter Promenadenpelz bei uns in
+Norwegen. Auf der Außenseite hat er einen Ueberzug (<em class="gesperrt">Anorak</em>), der
+jetzt meistens aus Baumwollenzeug besteht. Die Beine stecken in Hosen
+von Seehundsfell oder auch von europäischem Düffel und die Füße in
+<em class="gesperrt">Kamikern</em>, einer besonderen Art Stiefel aus Seehundsfell. Diese
+sind ebenfalls doppelt; die Innenseite ist ein mit den Haaren nach
+innen gekehrter richtiger Fellstrumpf, die Außenseite ein haarloser
+Stiefel von wasserdichtem Leder. Die Sohle zwischen Strumpf und Stiefel
+wird mit Stroh oder Seegras gefüttert. In diese Kamiker werden die
+nackten Füße gesteckt.</p>
+
+<p>Die Kleidung der Frau ist der des Mannes sehr ähnlich. In Südgrönland
+trägt sie auf dem Oberkörper einen Vogelhautpelz, jetzt allerdings ohne
+Kapuze, dafür aber mit hochstehendem Kragen, der oben mit schwarzem,
+möglichst glänzendem Hundefell eingefaßt ist, und dieser Kragen wird
+zusammengehalten von einem breiten Halsband von bunten Glasperlen, das
+in allen Farben des Regenbogens schillert. Die Aermel sind ebenfalls
+an den Handgelenken mit Hundefell eingefaßt. Der Baumwollenbezug des
+Pelzes ist natürlich so leuchtend als möglich, rot, blau, grün oder
+gelb, und wird unten herum gewöhnlich mit einem breiten, bunten,
+baumwollenen oder noch lieber seidenen Bande besetzt. Ueber die Beine
+werden Hosen von gesprenkeltem Seehunds- oder auch Renntierfell
+gezogen. Diese Hosen sind bedeutend kürzer als die Beinkleider der
+Männer; sie reichen nicht ganz bis<span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span> ans Knie und sind vorne mit bunter
+Lederstickerei oder weißen Streifen von Renntier- oder Hundefell reich
+verziert. Die Kamiker dagegen sind länger als die der Männer und werden
+übers Knie gezogen; sie sind gewöhnlich von roter Farbe, manchmal
+aber auch blau, lila oder weiß. An der Vorderseite ist ein von oben
+herablaufender, gestickter Lederstreifen festgenäht.</p>
+
+<p>Außer den oben beschriebenen Kleidungsstücken giebt es noch einen
+Anzug für Frauen, die Säuglinge haben. Dieser, <em class="gesperrt">Amaut</em> genannt,
+gleicht einem gewöhnlichen Anorak, nur mit dem Unterschiede, daß er
+auf dem Rücken eine große Tasche hat, in der das Balg zu jeder Arbeit
+mitgenommen wird. Da der Amaut sowohl auf der inneren, wie der äußeren
+Seite mit Renntier- oder Seehundsfell ausgefüttert ist, giebt diese
+Tasche einen weichen, warmen Liegeplatz für das Kind ab.</p>
+
+<p>In Grönland erscheinen keine Modezeitungen. Die Eskimomoden wechseln
+daher nicht so häufig wie bei uns. Daß sie in dieser Beziehung aber
+auch nicht ganz von Gott verlassen sind, beweist das folgende Beispiel.</p>
+
+<p>Früher war der Anorak der Frauen ebenso lang wie der der Männer, doch
+seit die Europäer bei ihnen den großartigen Luxus der weißen Leibwäsche
+einführten, meinen sie, das weiße Hemd sei viel zu elegant, um so
+versteckt zu werden. Statt sich nun, wie unsere Schönen, die Kleider
+oben auszuschneiden, begannen sie damit von unten und machten sich
+ihren Anorak so kurz, daß zwischen ihm und dem unterhalb der Hüften
+sitzenden Hosenbunde ein Zwischenraum von Handbreite oder mehr blieb,
+aus dem das obenerwähnte Kleidungsstück hervorguckte. Dies ist eine für
+uns etwas ungewöhnliche Art, sich zu »dekolletieren«.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span></p>
+
+<p>Die Eskimos auf der Ostküste haben im allgemeinen dieselbe Tracht, nur
+verfertigen sie ihren Timiak nicht aus Vogelbälgen, sondern meist aus
+Seehundsfell. Im nördlichen Grönland wird auch gewöhnlich Seehunds-
+oder Renntierfell dazu genommen, und ebenso geschah es auch in früheren
+Zeiten auf der ganzen Westküste.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe44" id="p0200_ill">
+ <img class="w100" src="images/p0200_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="center">Ostgrönländische Haustracht; links für Männer, rechts
+für Frauen.</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Auf der Ostküste herrscht die überraschende Sitte, daß die ganze
+Familie, Männlein, Weiblein und die lieben Kindlein, im Hause und im
+Sommerzelt splinterfasernackt umherläuft. Wenigstens kam es mir so
+vor. Balto, der vermutlich genauer hingesehen hat, versicherte jedoch,
+daß alle Erwachsenen ein schmales Band um die Lenden trügen, was meine
+züchtigen Augen natürlich nicht so schnell hatten entdecken können.
+In dieser merkwürdigen Entdeckung stimmt Freund Baltos Behauptung
+überein mit der Aussage der meisten Reisenden, die sich mit dergleichen
+Forschungen beschäftigt haben, und ich muß ihr also wohl Glauben
+schenken. Dieses Band, das die Reisenden so freundlich mit dem Namen
+»Unterhosen« beehren — ob es diesen Titel verdient, mag der Leser
+nach Besichtigung beifolgender Zeichnung selbst entscheiden —, soll
+der Grönländer Nâtit (Hauskleid) nennen. Früher trug man dergleichen
+bequeme Hauskleider in ganz Grönland, bis in die nördlichste
+Ansiedelung am Smithsunde hinauf, wo sie auch jetzt noch üblich sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span></p>
+
+<p>Dieses leichte Kostüm ist natürlich sehr gesund und gut. Die dicken
+Fellkleider hindern die Hautausdünstung sehr, es ist also ein
+natürliches Bedürfnis, das die Eskimos veranlaßte, sie in den warmen
+Räumen, wo sie doppelt ungesund sind, abzulegen. Doch als die Europäer
+ins Land kamen, predigten die Missionare heftig gegen diesen, ihr
+Anstandsgefühl verletzenden, gemütlichen Brauch. So kam es denn
+schließlich dahin, daß diese Hauskleider auf der Westküste abgeschafft
+wurden. Ob es die Moral verbessert hat, wage ich nicht zu entscheiden
+— ich möchte es bezweifeln —, doch daß es nicht zur Verbesserung
+des Gesundheitszustandes beigetragen, das unterliegt für mich keinem
+Zweifel.</p>
+
+<p>Im Punkte des Entblößens ist auch der Westgrönländer noch heute ein
+Naturkind. Manche Eskimodamen machen freilich einen schüchternen
+Versuch, ihre Blöße zu bedecken, sobald ein Europäer ins Zimmer tritt.
+Aber ich fürchte — ich fürchte, daß dies mehr geschieht aus Ziererei,
+die uns ihrer Meinung nach gefällt, als aus wirklichem Schamgefühl.
+Denn sobald sie merken, daß wir keine Notiz davon nehmen, wird sich
+damit auch nicht weiter angestrengt. Auch ihren Landsleuten gegenüber
+zeigen sie wenig Schamgefühl. Man höre nur, was der gute Hans Egede
+sich genötigt sieht, hierüber zu berichten, und was ich aus eigener
+Erfahrung bestätigen muß:</p>
+
+<p>»Sie machen sich garnichts daraus,« sagt er, »in Gegenwart anderer
+ihre Notdurft zu verrichten. Jede Familie hat vorne im Zimmer eine
+große Tonne oder Kufe stehen, in die alle ganz ungeniert ihr Wasser
+ablassen, wenn auch noch soviel Besuch zuguckt. Besagte Tonne bleibt
+stehen, bis der Inhalt, mit Erlaubnis zu sagen, stinkt, und die<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> Tonne
+mit obenbemeldeter Flüssigkeit dient dazu, die zu gerbenden Felle
+auszulaugen« u. s. w.</p>
+
+<p>Das Haar der Eskimos ist rabenschwarz, glatt und steif, wie ein
+Pferdeschwanz und darf bei den Männern wachsen, wie es ihnen gefällt.
+Auf der Ostküste wird es in der Regel nicht beschnitten, ja, es gilt
+für gefahrbringend, wenn man etwas davon einbüßt. Stellenweise wird es
+mit einer Schnur aus der Stirn zurückgebunden. Manchmal wird jedoch
+Kindern das Haar geschnitten. Dann aber müssen sie es ihr ganzes Leben
+hindurch thun und gewisse Formalitäten dabei beobachten, z. B. wird
+unter anderem ihren Hunden im ersten Lebensjahre Schwanz und Ohren
+gestutzt. Eisen darf unter keinen Umständen mit dem Haar in Berührung
+kommen, weshalb es mit einem Haifischkiefer abgesägt wird.</p>
+
+<p>Die Frauen drehen das Haar oben auf dem Schädel in einen Knoten. Dabei
+wird es auf allen Seiten gleichmäßig straff gezogen. Die Frauen der
+Ostküste umschnüren es mit Lederstreifen, die der Westküste dagegen
+mit einem farbigen Band. Junge Mädchen tragen Rot, — haben sie ein
+Kind, so legen sie Grün an, — Frauen Blau und Witwen Schwarz. Wollen
+letztere wieder heiraten, so pflegen sie Schwarz und Rot zu verbinden.
+Aeltere Witwen, welche die Hoffnung, noch einen Mann zu bekommen,
+endgültig aufgegeben haben, pflegen das schwarze Band mit einem weißen
+zu vertauschen. Hat eine Witwe noch nach dem Tode ihres Gatten Kinder,
+so muß auch sie Grün anlegen.</p>
+
+<p>Der Haarknoten ist der Stolz der Grönländerinnen und muß so straff
+und aufrecht wie möglich in die Luft stehen. Dies ist besonders bei
+den jungen heiratsfähigen<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Eskimomädchen der Fall, und da diese kaum
+weniger eitel sind, als ihre europäischen Schwestern, so drehen
+sie ihr Haar mit solcher Gewalt zusammen, daß es nach und nach von
+Stirn, Nacken und Schläfen zurücktritt, und sie in verhältnismäßig
+jungen Jahren mehr oder weniger kahle Stellen bekommen, was nicht
+gerade ansprechend wirkt, aber einen sichtbaren Beweis für die
+Eitelkeit dieser Welt liefert. Damit sich nun das Haar recht fest
+zusammendrehen läßt und zugleich einen schönen Glanz erhält, ist es
+bei den Grönländerinnen Brauch, es vor dem Frisieren in Urin zu baden,
+wodurch es naß und klebrig wird und sich leichter aufbinden läßt. Ich
+weiß noch, wie ich eines Abends bei einem Tanzvergnügen in Godthaab
+eine mir befreundete Eskimodame zum Scherze damit neckte, daß ihr
+Knoten heute nicht so aufrecht stehe, wie er eigentlich sollte. Sie
+verschwand sofort und kam nach einer Weile mit einem glänzenden, steif
+in die Luft ragenden Knoten wieder, roch aber schrecklich nach besagtem
+Haarwasser. Mit derselben Flüssigkeit wäscht sich auch, wer besonders
+auf Reinlichkeit hält und sich oft wäscht. Sie lieben den Geruch, der
+ihnen von alledem anhaftet, nennen ihn jungfräulich und halten ihn für
+ein wirksames Zaubermittel zum Anlocken der Männer. Europäischen Nasen
+sagt er anfangs weniger zu. Saabye erzählt von einem Buchhalter in
+Nordgrönland, der sich in ein Eskimomädchen, d. h. in ihre Person, aber
+nicht in ihr Parfüm, verliebt hatte: »Er verfiel auf ein gutes Mittel,
+den von ihr ausgehenden, ihm so widerwärtigen Geruch zu beseitigen, und
+wandte es an. Er besprengte sie nämlich, erst verstohlen, dann offen,
+mit Lavendelessenz, und das half vorzüglich. Jetzt hielt er um sie an
+und wurde angenommen. Sie leben jetzt sehr glücklich und haben viele<span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>
+Kinder, aber die Frau riecht noch immer nach Lavendelessenz.«</p>
+
+<p>Es ist überhaupt merkwürdig, wie gleichgültig sie mit Urin umgehen.
+Saabye sagt unter anderem: »Eine Mutter hielt ihr Kind über einer
+Schüssel ab, leerte diese in der Tonne aus, nahm das gekochte Fleisch
+aus dem Kessel, legte es ohne Weiteres in dieselbe Schüssel und setzte
+es den Gästen vor, die es mit gutem Appetit verzehrten.«</p>
+
+<p>Die Mütter lecken ihre Kinder ab, statt sie zu waschen, — früher
+machten sie es wenigstens so — und wenn sie lausen oder kämmen,
+wird jede Laus nach Affenmanier aufgegessen. Denn: »Was beißt, muß
+wiedergebissen werden.«</p>
+
+<p>Hier müßte ich eigentlich wohl aufhören, doch damit der Leser sich ganz
+mit den uns ungewohnten Sitten dieses Volkes vertraut mache, will ich
+noch einmal Egede citieren, der über ihr »äußeres Comportement« sagt:</p>
+
+<p>»Im übrigen sind sie in ihrem ganzen Benehmen tölpelhaft und
+ungeschliffen, essen von demselben Geschirr, von dem ihre Hunde
+gefressen haben, ohne es vorher zu säubern, verzehren — was
+abscheulich anzusehen ist — Läuse und Ungeziefer von ihrem eigenen und
+anderer Leibe und leben genau nach dem Sprichwort, daß alles, was aus
+der Nase kommt, in den Mund fallen muß, auf daß nichts umkomme.«</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0241_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p0241_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="center">Eskimos bei der Ausbesserung des Kajaks.</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Sollte jemand an diesen Eigentümlichkeiten im äußeren Auftreten der
+Eskimos Anstoß nehmen, so bitte ich ihn, zu bedenken, daß unsere
+eigenen Vorfahren vor noch garnicht so vielen Menschenaltern sich nicht
+viel anders betrugen. Man lese nur eine Beschreibung des häuslichen
+Lebens der Skandinavier in früheren Zeiten, und man wird erstaunliche
+Dinge vernehmen.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="b0025_deco">
+ <img class="w100" src="images/b0025_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop5 illowe50" id="p0250_deco">
+ <img class="w100" src="images/p0250_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_III"><span class="s5a">Kapitel III.</span><br>
+Der Kajak und die Kajakgeräte.</h2>
+</div>
+
+<p>Bei oberflächlicher Betrachtung einzelner Kleinigkeiten im äußeren
+Benehmen des Eskimo kommt man leicht zu der falschen Annahme, er stehe
+auf einer niedrigen Kulturstufe. Giebt man sich aber die Mühe, ihn
+genauer zu studieren, so wird man ihn bald in anderem Lichte sehen.</p>
+
+<p>Es sind heutzutage viele Menschen so von der Größe unserer Zeit
+erfüllt, daß sie meinen, die täglich von uns gemachten Fortschritte und
+Erfindungen stellten die begabte weiße Rasse hoch über alle anderen.
+Diesen Vielen wäre es dienlich, sich einmal die Entwicklung des
+Eskimovolkes gründlich klarzumachen und sich die Geräte und Erfindungen
+anzusehen, die es gemacht, um sich inmitten einer nur äußerst
+beschränkte Mittel bietenden Natur seinen Lebensunterhalt zu schaffen.</p>
+
+<p>Denkt Euch ein Volk auf einer so unwirtlichen, öden Küste wie der
+grönländischen ausgesetzt — ohne Verbindung mit der übrigen Welt,
+ohne Metalle, ohne Verteidigungswaffen, ja ohne andere Hilfsmittel,
+als die, welche es an Ort und Stelle findet. Es sind das Steine, ein
+wenig Treibholz und dann noch Felle und Knochen. Doch um die Felle
+und Knochen zu bekommen, müssen die Tiere, denen sie gehören, erst
+erlegt werden. Wären wir an Stelle der Eskimos und unterstützte uns
+nicht unser Mutterland,<span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span> so gingen wir zu Grunde. Der Eskimo hingegen
+schlägt sich nicht nur durch, er findet sogar sein Glück, und seine
+Zufriedenheit, und die Verbindung mit der übrigen Welt ist ihm bisher
+nur zum Schaden gewesen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0321_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p0321_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Im Kampf mit den Wellen.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Um dem Leser ein Bild zu geben, auf welche Summe von Erfahrungen
+sich die Kultur dieses Volkes gründet, will ich versuchen, ihre
+wahrscheinliche Entstehung zu erklären.</p>
+
+<p>Wir wollen also, in Uebereinstimmung mit Dr. Rinks Ansicht,
+voraussetzen, daß die Vorfahren der Eskimos einst im Innern von Alaska
+lebten. Außer der Jagd auf dem Lande haben diese Eskimos auch in
+Kanoes von Birkenrinde auf den Flüssen und Seen Fischfang getrieben,
+wie es die Alaska-Eskimos und die Indianer des Nordwestens noch heute
+thun. Später wurde jedoch ein Teil dieser Inlandseskimos entweder vom
+Fischreichtum des Meeres angelockt oder von feindlichen kriegerischen
+Indianerstämmen verdrängt und zog in Kanoes die Flüsse hinab nach
+der West- oder der Nordküste. Je mehr sie sich dem Meere näherten,
+um so spärlicher wurden die Waldbäume. Sie mußten auf andere Mittel
+als Birkenrinde sinnen, um ihre Kanoes zu beziehen. Da ist es nicht
+unwahrscheinlich, daß sie es schon auf den Flüssen mit den Fellen
+von gefangenen Seetieren versuchten, umsomehr, als man hiervon noch
+heute bei einzelnen Indianerstämmen Beispiele findet. Doch erst als
+der Eskimo in der Flußmündung Seegang kennen lernte, kam er darauf,
+seinem Boote ein Deck zu geben, es dann oben ganz zu schließen und
+zuletzt noch seine eigenen Felljacken so damit zu verbinden, daß das
+Ganze wasserdicht wurde. Damit war der Kajak fertig. Doch welchen
+Fortschritt in ihrer Zeit bedeuten diese Erfindungen, die uns,<span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span>
+nun wir sie vollendet sehen, so natürlich und leicht erscheinen!
+Wieviel Arbeit müssen sie gekostet haben und wie mancher Versuch
+mag mißglückt sein! An der Meeresküste angelangt, merkten die alten
+Eskimos, daß ihre Existenz wesentlich vom Seehundsfange abhängen werde.
+Sie verwandten folglich ihren ganzen Verstand und ihre ganze Kraft
+darauf, und der Kajak führte zur Erfindung der vielen eigenartigen,
+bewunderungswürdigen Fanggeräte, die noch immer mehr vervollkommnet
+wurden. Ein schlagender Beweis für die Behauptung, daß viele von uns
+Menschen doch im Grunde kluge Tierchen sind.</p>
+
+<p>Mit Bogen und Pfeilen zu schießen, wie sie es auf dem Lande getan, ging
+bei der unbequemen sitzenden Stellung im Kajak natürlich nicht an, sie
+mußten sich also Schleuderwaffen schaffen.</p>
+
+<p>Die Idee dazu erhielten sie wieder aus Amerika. Sie nahmen zuerst den
+indianischen Pfeil mit der Steuerfeder, wie sie ihn früher selber zur
+Landjagd benutzt hatten. Solcher kleinen Harpunen oder Wurfpfeile
+bedienen sich die Eskimos auf der Südwestküste von Alaska noch heute.</p>
+
+<p>Doch im Norden, längs der Küste, verschwinden die Vogelfedern, und
+eine kleine, am Pfeilschaft befestigte Blase tritt an ihre Stelle. Man
+fand, daß solche Mittel notwendig waren, um dem getroffenen Seehund
+beim Untertauchen und Fortschwimmen Hindernisse in den Weg zu legen.
+Ferner hielt man es für nötig, die Pfeilspitze so einzurichten, daß
+sie bei den heftigen Bewegungen des Tieres, um sie abzuschütteln,
+nicht abbrechen konnte, sondern sich vom Pfeilschafte loslöste (bei
+<span class="antiqua">c</span> der Figur auf Seite 29) und an dem in der Mitte des Schaftes
+(<span class="antiqua">b'</span>) befestigten Riemen (<span class="antiqua">c—b</span>) hängen blieb, wodurch der
+Schaft<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span> in eine Querlage geriet und dem Tiere beim Schwimmen hinderlich
+wurde, wenn es mit ihm durchging. Auf diese Weise ist der sogenannte
+<em class="gesperrt">Blaerepil</em> (Blasenpfeil) entstanden, den wir bei allen an der
+Meeresküste wohnenden Eskimostämmen finden.</p>
+
+<p>Die Blase wird aus einer Möven- oder Scharbenkehle gemacht, die
+aufgeblasen und getrocknet wird. Am Pfeilschaft ist sie mit einem
+Knochenstück befestigt, in das ein Loch gebohrt ist, damit man sie
+aufblasen kann; das Loch wird mit einem Holzpflöckchen verschlossen.</p>
+
+<p>Aus diesem Blasenpfeile hat sich möglicherweise die wichtigste
+Jagdwaffe der Eskimos, die sinnreiche Harpune mit Leine und Fangblase,
+entwickelt. Um größere Seetiere fangen zu können, hat man dem Pfeile
+allmählich eine immer größere Blase gegeben. Dabei aber sah man bald
+ein, daß sich durch den von der Größe der Blase hervorgerufenen
+stärkeren Luftwiderstand die Treffweite und die Kraft des Wurfes
+verminderte. Man machte sie also vom Pfeile los und verband sie
+nur mit seiner Spitze mittelst eines langen, starken Riemens, der
+Harpunenleine. Die Harpune, die größer und schwerer gemacht wurde, als
+der ursprüngliche Blasenpfeil, wurde von nun an allein geschleudert,
+schleppte aber die Leine mit. Die am anderen Ende der Leine befestigte
+Blase blieb auf dem Kajakdeck liegen und wurde erst dann ins Wasser
+geworfen, wenn das Tier getroffen war.</p>
+
+<figure class="figright illowe2" id="p0290_ill">
+ <img class="w100" src="images/p0290_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="p0 center">Blasen<br>pfeil.</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Nach dem Kajak ist die Harpune mit ihrer ganzen sinnreichen
+Konstruktion das vorzüglichste Erzeugnis des Eskimogeistes.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span></p>
+
+<p>Ihr Schaft wird in Grönland aus rotem Treibholz, einer Art sibirischer
+Föhre, verfertigt, das schwerer ist, als das weiße Treibholz, aus dem
+man kleinere und leichtere Schleuderwaffen macht. Vorn ist der Schaft
+mit einer dicken, starken Knochenplatte versehen, an der oben ein
+gewöhnlich aus Walroßzahn geschnitzter, langer Knochenzapfen sitzt,
+den ein Riemengelenk so mit dem Schafte verbindet, daß der Zapfen bei
+starkem Druck oder Stoß von der Seite aus dem Gelenke geht, anstatt
+abzubrechen. Dieser Zapfen paßt genau in ein Loch in der eigentlichen
+Harpunenspitze, die ebenfalls aus Knochen gemacht wird — am liebsten
+aus Walroß- oder Narwalzahn — und die nunmehr stets mit einer Spitze
+oder vielmehr einem scharfen Blatte von Eisen versehen ist. Die
+Harpunenspitze hängt durch ein Loch mit der Fangleine zusammen und ist
+mit <em class="gesperrt">Agnorern</em> oder Widerhaken versehen, der sie dort, wo sie
+einmal eindringt, festsitzen läßt. Ueberdies ist sie so eingerichtet,
+daß sie im Fleisch in eine Querlage gerät, sobald der Seehund sie
+abzuschütteln versucht. An dem Schaft wird sie so befestigt, daß man
+sie auf den obenerwähnten Zapfen steckt. Darauf wird die Leine mit
+einem in entsprechendem Abstand angebrachten, ebenfalls mit einem
+Loche versehenen Knochenstückchen an einem Knochenhaken (<span class="antiqua">a</span>) am
+Harpunenschafte derart angehakt, daß Schaft und Spitze fest zusammen
+halten.</p>
+
+<p>Wenn nun die Harpune trifft und der Seehund sich<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> überschlägt, geht
+der Zapfen sofort aus dem Gelenk (siehe <span class="antiqua">a</span> beim nebenstehenden
+Bild), und die Harpunenspitze mit der Fangleine löst sich vom Schaft,
+der auf dem Wasser treibt, bis ihn sein Eigentümer wieder auffischt,
+während der Seehund mit der Spitze im Leibe und der Harpunenleine mit
+der Blase im Schlepptau weiterschwimmt. Ich glaube, ein jeder muß
+einräumen, daß sich eine sinnreichere Erfindung aus Treibholz, Knochen
+und Seehundsfell kaum denken läßt, und man wird überzeugt sein können,
+daß sie die Arbeit vieler Generationen kostete.</p>
+
+<figure class="figleft illowe8" id="p0300_ill">
+ <img class="w100" src="images/p0300_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p>Harpune.</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>In Grönland giebt es zwei Arten dieser Harpune. Die eine heißt
+<em class="gesperrt">Unâk</em>, ist am Unterende oben nur mit einem beinernen Knopf
+versehen und ist länger und schlanker als die zweite. Diese heißt
+<em class="gesperrt">Ermangnak</em> und läuft unten in zwei Knochenschienen oder Flügel
+aus, die jetzt meistens aus Walfischrippen gemacht werden. Sie dienen
+dazu, die Harpune schwerer zu machen und sie durch die Luft zu
+steuern. Eine solche ist auf Seite 30 abgebildet.<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> In Godthaab wurde
+gewöhnlich die Ermangnak gebraucht, doch ich hörte alte Seehundsfänger<span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>
+vielfach darüber klagen, daß sie sich bei Wind schwerer werfen lassen
+als die Unâk, weil der Wind, sobald er von der Seite kommt, zu sehr in
+die Knochenschienen greifen und dadurch die Wurfrichtung verändern kann.</p>
+
+<p>Die Fangleine wird aus Haut gemacht, die entweder die große Robbe
+(blauer Seehund = <span class="antiqua">Phoca barbata</span>) oder ein junges Walroß
+liefert. Sie ist gewöhnlich 14-16 <span class="antiqua">m</span> lang und einen guten halben
+Centimeter (etwa 7 <span class="antiqua">mm</span>) breit.</p>
+
+<p>Zur Fangblase wird die Haut eines jungen Ringseehundes (<span class="antiqua">Phoca
+foetida</span>) genommen. Sie wird abgebälgt, enthaart, am Kopfe, den
+vorderen und den hinteren Gliedern luftdicht zugebunden und getrocknet.</p>
+
+<figure class="figright illowe4" id="p0310_ill">
+ <img class="w100" src="images/p0310_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="p0 center">Vorderende<br> der Harpune.</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Zur Aufwicklung der Fangleine gilt der Kajakstuhl, der vor dem Ruderer
+auf dem Deck angebracht ist. Auf ihm liegt die Leine, gut vor dem
+beständig über das Deck spülenden Seewasser geschützt, und bereit zum
+ungehinderten Ablaufen, wenn die Harpune geschleudert wird.</p>
+
+<p>Zum Töten des harpunierten Seehundes wird eine Lanze
+(<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Anguvigak</em></span>) gebraucht. Sie besteht aus einem Holzschaft,
+der, um möglichst<span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span> weit fliegen zu können, gewöhnlich aus weißem
+Treibholze hergestellt ist und vorne eine lange, in ein eisernes Blatt
+auslaufende Knochenspitze hat. Zu dem Blatte nahm man früher Stein
+statt Eisen. Die Knochenspitze besteht meistens aus Renntierhorn, oft
+aber auch aus Narwalzahn oder anderen Knochenarten. Damit der Seehund
+sie nicht abbrechen kann, ist sie am Schaft mit einem Gelenke, das dem
+Knochenzapfen der Harpune gleicht, befestigt.</p>
+
+<figure class="figright illowe1" id="p0330_ill">
+ <img class="w100" src="images/p0330_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="p0 center">Lanze</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Außerdem benützen sie auch den Vogelpfeil (<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Nufit</em></span>).
+Dieser hat gleichfalls einen Schaft von weißem Treibholz. Vorne ist
+eine lange, schmale Spitze, jetzt von Eisen, früher aus Knochen.
+Daneben stehen noch mitten auf dem Schafte drei schrägliegende, nach
+vorne gerichtete Renntierhornspitzen mit großem Widerhaken. Sie
+rechnen nämlich darauf, daß, falls die vordere Pfeilspitze den Vogel
+nicht treffen sollte, der Schaft an diesem entlanggleite und dabei
+eine der Seitenspitzen den Vogel spieße und durchbohre, was auch die
+gewöhnlichste Art ist, den Vogel zu treffen. Ebenfalls eine Erfindung,
+die unsereinen zum berühmten Manne machen würde.</p>
+
+<p>Alle diese Schleuderwaffen lassen sich, wie angedeutet, vom Federpfeil
+der Indianer ableiten. Doch um seine Waffen weiter und mit größerer
+Wucht schleudern zu können, hat der Eskimo eine Erfindung gemacht,
+durch die er sich von allen seinen Nachbarn, den asiatischen wie
+den amerikanischen Stämmen unterscheidet. Diese Erfindung ist das
+Wurfholz. Dieses vorzügliche Instrument, das die Länge und die Kraft
+des Armes in hohem Grade vergrößert, indem es wie eine Schleuder
+wirkt, ist merkwürdigerweise nur an wenigen Stellen der Erde bekannt.
+Wahrscheinlich nur an dreien. Erstens, in sehr primitiver <span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>Form,
+bei den Australnegern, zweitens im Lande der Coni und Puru am oberen
+Amazonenstrome, und drittens bei allen Eskimostämmen<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a>, die es zu
+seiner höchsten Entwicklung gebracht haben. Die Annahme, daß das
+Vorkommen des Wurfholzes an so verschiedenen Stellen auf gemeinsamen
+Ursprung hinweise, ist wohl kaum zulässig, und somit können wir das
+der Eskimos als eine eigene, von ihnen selbst gemachte Erfindung
+ansehen. In Grönland wird das Wurfholz gewöhnlich aus rotem Treibholz
+gemacht. Es ist etwa einen halben Meter lang (vierzehn in meinem
+Besitz befindliche Wurfhölzer haben eine Länge von 42-52 <span class="antiqua">cm</span>),
+am unteren, breitesten Ende 7 bis 8 <span class="antiqua">cm</span> breit und ungefähr
+1½ <span class="antiqua">cm</span> dick. Seitlich sind am unteren breiten Ende Kerben
+zum Anfassen, an der einen Seite für den Daumen, gegenüber für den
+Zeigefinger.<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> Auf der oberen flachen Seite ist längs des ganzen
+Holzes eine Rinne für den Pfeil oder die Harpune. Es giebt zwei
+Wurfholzarten. Die eine dient hauptsächlich zum Abschnellen des
+Blasenpfeils und des Vogelpfeils. Sie hat oben am Schmalende einen
+Zapfen, der genau in eine Vertiefung des am Hinterende des Pfeils
+angebrachten Knochenknopfes paßt (vergleiche die beiden<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> folgenden
+Illustrationen.) Mit der zweiten Art schleudert man die Harpune und
+die Lanze; sie hat im oberen Schmalende ein Loch, in das ein schräg
+nach hinten gerichteter Zapfen an der Seite des Harpunen- oder
+Lanzenschaftes hineinpaßt, und dazu noch ein Loch weiter unten im
+Griffe, in das ein zweiter, gradeherausstehender Zapfen faßt. (Siehe
+Illustration auf Seite 36.) Wurfhölzer dieser Art werden weiter
+nördlich, z. B. in Sukkertoppen, auch zum Schleudern des Vogelpfeils
+gebraucht.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0340_ill" style="max-width: 43.75em;">
+ <img class="w100" src="images/p0340_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="center">Wurf mit Vogelpfeil (<span class="antiqua">a</span>).</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Im südlichsten Grönland und auf der Ostküste finden wir aber noch
+ein Wurfholz, das zum Schleudern der Ernangnak oder Flügelharpune
+dient. Diese Form hat am oberen schmalen Ende einen Zapfen wie das
+Vogelpfeilwurfholz, und der Zapfen paßt in eine Vertiefung zwischen
+den Knochenflügeln der Harpune, dagegen sind am unteren Ende des
+Wurfholzes, dicht am Griffe, ein oder zwei Löcher, in welche die
+oben beschriebenen Knochenzapfen an der Seite des Harpunenschaftes
+hineingreifen.</p>
+
+<p>Soll die Harpune oder der Pfeil mit dem Wurfholz — gleichviel welcher
+Art — geschleudert werden, so faßt man den Griff des Wurfholzes und
+führt es mit der Waffe<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> zusammen in horizontaler Armhaltung wurfbereit
+rückwärts (siehe Illustration <span class="antiqua">a</span>). Indem man es dann aber kräftig
+wieder nach vorne schnellt, löst sich das untere Ende des Wurfholzes
+von der Harpune oder dem Pfeile los, während man mit dem oberen Ende,
+das noch an seinem Zapfen oder Knopfe festhält (siehe Illustration b
+und die folgende), die Waffe auf bedeutende Entfernung hin mit großer
+Treffsicherheit fortschleudert. Eine außerordentlich einfache und
+wirkungsvolle Erfindung.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0350_ill" style="max-width: 43.75em;">
+ <img class="w100" src="images/p0350_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="center">Wurf mit Vogelpfeil (<span class="antiqua">b</span>).</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Außer den genannten Waffen hat der Eskimo, wenn er auf den Fang
+ausgeht, hinten auf seinem Kajak noch ein Messer liegen, dessen Schaft
+1 Meter 30 Centim. und dessen spitze Klinge 20 Centimeter lang ist.
+Mit ihm wird dem Seehunde oder dem erbeuteten Seetier der Gnadenstoß
+gegeben. Vorn auf dem Kajak liegt ein kleineres Messer. Es dient zum
+Einstechen von Löchern in die Haut des Seehundes, um die Knochenstücke
+der Bugsierleine hindurchzuziehen, die der Eskimo stets mitnimmt, und
+mit der der zu bugsierende Seehund an der Seite des Kajaks festgemacht
+wird. Zu diesem Zwecke nimmt er auch eine oder<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> mehrere Bugsierblasen
+mit, die sich aufblasen lassen und die den Seehund über Wasser halten.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0360_ill_2" style="max-width: 43.75em;">
+ <img class="w100" src="images/p0360_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"><p class="center">Wurf mit Harpune.</p></figcaption>
+</figure>
+
+<p>Um die Beschreibung vollständig zu machen, sei auch noch das
+Knochenmesser angeführt, das, besonders im Winter, zur Kajakausrüstung
+gehört und hauptsächlich zum Abkratzen des Eises von den Kajakwänden
+gebraucht wird.</p>
+
+<p>Nach der beigefügten Zeichnung wird man sich einen Begriff davon machen
+können, wie alle Waffen auf dem Kajak angebracht sind, wenn der Eskimo
+auf den Fang geht (<span class="antiqua">a</span> Kajakloch, <span class="antiqua">b</span> Fangblase, <span class="antiqua">c</span>
+Kajakstuhl mit aufgewickelter Harpunenleine [<span class="antiqua">e</span>], <span class="antiqua">d</span>
+Harpune, an ihrem Platze hängend, <span class="antiqua">f</span> Lanze, <span class="antiqua">g</span> Kajakmesser,
+<span class="antiqua">h</span> Blasenpfeil, <span class="antiqua">i</span> Vogelpfeil und <span class="antiqua">k</span> das Wurfholz des
+letzteren).</p>
+
+<p>Doch das Wichtigste fehlt noch: die Beschreibung des Kajaks selbst.</p>
+
+<p>Innen hat der Kajak ein Holzgerippe. Dieses Gerippe, von dem man sich
+hoffentlich nach der beigefügten Zeichnung eine Vorstellung machen
+kann, wurde früher stets aus Treibholz gemacht, und zwar am liebsten
+aus weißem, dem leichtesten. Zu den Rippen nahm man auch wohl Zweige
+von Weidengebüsch, das an den inneren Fjorden wächst. Heutzutage
+kauft man in den Kolonien an der<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> Westküste oft europäische Tannen-
+oder Fichtenbretter aus dem Kolonieladen zum Kajakbau, obwohl man das
+Treibholz, hauptsächlich seines leichten Gewichtes halber, noch immer
+für viel geeigneter hält.</p>
+
+<figure class="figleft illowe4" id="p0370_ill1">
+ <img class="w100" src="images/p0370_ill1.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Kajak von oben<br> gesehen.</figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figright illowe2" id="p0370_ill2">
+ <img class="w100" src="images/p0370_ill2.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Kajak<br>gerippe.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Dieses Holzgerippe wird außen mit Leder überzogen, vorzugsweise mit
+der Haut des Grönlandsseehundes (<span class="antiqua">phoca groenlandica</span>) oder dem
+Fell der Klappmütze (<span class="antiqua">Cystophora cristata</span>). Letzteres ist nicht
+so dauerhaft und wasserdicht. Bekommt man aber das Fell einer jungen
+Klappmütze, deren Haut noch nicht so große Poren hat, so gilt auch
+das für gut. Erlauben es die Vermögensverhältnisse, so nimmt man die
+Haut des blauen Seehundes (<span class="antiqua">phoca barbata</span>), die für die beste
+und stärkste gilt. Da aus ihr aber auch die Harpunenleinen gemacht
+werden, ist sie eigentlich nur auf der Süd- und Ostküste in genügender
+Menge vorhanden, um allgemein zum Kajakbeziehen genommen werden zu
+können. Seltener Verwendung findet das Fell des großen Ringseehundes
+(Fleckenseehund) [<span class="antiqua">Phoca foetida</span>].</p>
+
+<p>Die Behandlung der Kajakfelle wird später (im achten Kapitel)
+besprochen werden. Am liebsten bezieht man den Kajak gleich, solange
+die Häute noch frisch<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> sind. Hat man sie schon trocknen lassen, so
+müssen sie ein paar Tage sorgfältig eingeweicht werden, ehe das
+Beziehen vor sich gehen kann. Sie müssen so naß und dehnbar wie möglich
+sein, damit sie sich richtig strammziehen lassen und getrocknet so
+straff wie ein gespanntes Trommelfell sitzen. Gerben, Kajakbeziehen und
+Nähen der Häute ist Frauenarbeit. Sie ist nicht leicht, und wehe, wenn
+der Bezug schlecht oder nicht straff genug sitzt! Das halten sie für
+eine große Schande.</p>
+
+<p>Soll ein Kajak bezogen werden, so kommen alle oder wenigstens sehr
+viele Frauen des Ortes zusammen, um dabei zu helfen. Dies gilt ihnen
+für ein großes Vergnügen, weil sie zum Lohn für ihre Arbeit vom
+Kajakbesitzer gewöhnlich mit Kaffee traktiert werden. Die Bewirtung
+variiert je nach den Vermögensverhältnissen zwischen 25 Oere und einer
+Krone und drüber.</p>
+
+<p>In der Mitte des Kajakdeckes ist ein Loch, nur gerade so groß, daß
+ein Mann seine Beine hineinstecken und sich setzen kann. Seine
+Hüften füllen die Oeffnung beinahe vollständig aus. Es bedarf daher
+einer gewissen Uebung, um einigermaßen gewandt in den Kajak hinein-
+und wieder aus ihm herauszukriechen. Oben umschließt das Loch der
+Kajakring, ein gebogener Holzreifen. Er erhebt sich 3 bis 3½
+<span class="antiqua">cm</span> über das Deck des Kajaks, und über ihn wird der Wasserpelz,
+auf den ich später zurückkomme, gezogen. An den Sitz werden über die
+Rippen des Kajakbodens ein oder mehrere Stücke alter Kajakhäute und ein
+Stück Bärenfell oder ein anderes weichhaariges Fell gelegt, um einen
+einigermaßen bequemen und weichen Sitzplatz herzustellen.</p>
+
+<p>Gewöhnlich baut jeder Fänger seinen Kajak selbst und nimmt dabei
+so genau Maß am eigenen Körper, als wollte<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> er sich einen Anzug
+schneidern. Ein Kajak für einen Grönländer von Durchschnittsgröße ist
+in der Gegend von Godthaab etwa 5½ <span class="antiqua">m</span> lang. Die Breite des
+Deckes beträgt vor dem Kajakring, wo sie am größten ist, ungefähr 45
+<span class="antiqua">cm</span> oder etwas mehr, am Boden aber ist er bedeutend geringer. Sie
+richtet sich natürlich nach der Hüftenbreite des Kajakmannes und wird
+gewöhnlich genau so bemessen, daß er gerade darin Platz hat. Uebrigens
+muß ich noch bemerken, daß an der Godthaabsbucht, z. B. in Sardlok und
+Kornok, die Kajake länger und schmaler waren, als die Boote draußen
+an der offenen Meeresküste, wie in Kangek. Wahrscheinlich, weil der
+stärkere Seegang da draußen festere und leichter zu regierende Kajake
+verlangt und ein kurzer, breiter auch besser schaukelt und weniger
+Spülwasser nimmt.</p>
+
+<figure class="figright illowe12" id="p0390_ill_2">
+ <img class="w100" src="images/p0390_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Querschnitt des Kajaks.<br>Die punktierte Linie stellt den Bezug vor.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Der Kajak pflegt zwischen Boden und Deck 12-15 <span class="antiqua">cm</span> hoch zu sein,
+vor dem Kajakringe ist er einige Centimeter höher, um das Einsteigen
+zu erleichtern und den Schenkeln des Sitzenden Raum zu geben. Der
+Kajakboden ist ziemlich flach und bildet zwei sehr stumpfe Winkel (von
+ungefähr 140°) nach der Mitte zu. Nach vorne und hinten verschmälert
+er sich proportionsmäßig und läuft an beiden Enden in eine Spitze
+aus. Einen Kiel hat er nicht, dafür aber auf der Unterseite an
+beiden Enden gewöhnlich einen Beschlag von Knochenschienen, meistens
+aus Walfischrippen, der dazu dient, den Kajakbezug beim Landen vor
+Beschädigung durch scharfe Eisstücke und spitze Steine zu schützen.
+Beide Kajakspitzen sind gewöhnlich teils zum Schutz, teils zur
+Verzierung mit einem Beinknopf versehen.</p>
+
+<p>Oben auf dem Verdeck sind meist sechs Querriemen<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> vor und drei bis fünf
+hinter dem Kajakring angebracht. In diese Riemen werden alle zum Fange
+nötigen Waffen und Geräte gesteckt, so daß sie sicher liegen und zur
+Hand sind. In diese Riemen sind Knochenstücke eingedrückt, teils um sie
+zu befestigen, teils auch, um sie etwas über das Verdeck zu erhöhen,
+damit sich die Waffen schneller hineinstecken lassen, und schließlich
+wohl auch, um den Kajak zu zieren. An einigen dieser Riemen wird die
+erlegte Beute befestigt. Besteht sie aus Federwild, so werden die Vögel
+mit dem Kopf unter den Riemen gesteckt. Ist es aber ein Seehund, Wal
+oder Wels, so wird die an dem Tiere befestigte Bugsierleine durch einen
+Riemen gezogen. Kleinere Fische werden überhaupt nicht festgemacht,
+sondern bleiben entweder lose auf dem Verdeck liegen oder werden in den
+hinteren Raum gestaut.</p>
+
+<p>Ein Kajak ist so leicht, daß er mit allem Zubehör ohne Mühe oft mehrere
+Meilen über Land auf dem Kopfe getragen werden kann.</p>
+
+<p>Zum Rudern bedient man sich eines zweiblattigen Ruders, das in der
+Mitte festgehalten und abwechselnd rechts und links eingetaucht wird,
+wie die Ruder unserer spitzen Kähne. Dieses Ruder ist wahrscheinlich
+aus dem einblattigen Kanoeruder der Indianer entstanden. Bei den
+Eskimos an der Südwestküste von Alaska finden wir noch heute nur
+letztere; erst nördlich von Yukonriver stößt man auf zweiblattige
+Ruder, aber auch dort sind die einblattigen noch überwiegend. Noch
+nördlicher und weiter östlich, längs der amerikanischen Küste, kommen
+beide Arten vor, bis schließlich östlich von Mackenzie das zweiblattige
+Ruder die Herrschaft behält.</p>
+
+<figure class="figleft illowe2" id="p0400_ill">
+ <img class="w100" src="images/p0400_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Ruder.</figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span></p>
+
+<p>Die Aleuten scheinen merkwürdigerweise nur das zweiblattige Ruder zu
+kennen<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a>, und soviel ich weiß, ist dies auch bei den asiatischen
+Eskimos der Fall<a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a>.</p>
+
+<p>Bei schönem Wetter zieht der Kajakmann den sogenannten Halbpelz
+(<em class="gesperrt">Akuilisak</em>) an. Ein Kleidungsstück aus wasserdichtem, enthaartem
+Fell, mit Sehnen zusammengenäht. In den unteren Rand ist eine
+Zugschnur oder richtiger ein Zugriemen eingenäht, der so angezogen
+werden kann, daß der Pelzrand gerade um den Kajakring paßt. Einige
+Mühe kostet es, ihn über diesen Ring zu streifen. Aber dann ist
+er auch so festzuschnüren, daß der Halbpelz den Kajak wasserdicht
+verschließt. Der obere Rand reicht dem Ruderer bis unter die Arme und
+hält sich hier durch Achselbänder oder Riemen, die über den Schultern
+liegen und nach Belieben durch einen einfachen Verschlußmechanismus,
+eine Knochenschnalle, verlängert oder verkürzt werden können. Die
+Knochenschnalle ist bei aller Einfachheit so sinnreich, daß wir einen
+so guten Verschluß mit all unseren Metallspangen und -Schnallen nicht
+herstellen könnten.</p>
+
+<figure class="figleft illowp39" id="p0410_ill" style="max-width: 9.8125em;">
+ <img class="w100" src="images/p0410_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Halbpelz.</figcaption>
+</figure>
+<p>
+
+p>Ueber die Arme werden lose Fellärmel gezogen, die<span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span> am Oberarm und am
+Handgelenk festgebunden werden und den Arm beim Rudern trocken halten.
+Wasserdichte, lederne Fausthandschuhe mit besonderen Daumen bedecken
+die Hände.</p>
+
+<p>Der Halbpelz genügt, um das Innere des Kajaks vor kleineren Wellen zu
+schützen. Bei hohem Seegang aber muß man den Wasserpelz (<em class="gesperrt">Tuilik</em>)
+anziehen, der beinahe ebenso wie der Halbpelz zugeschnitten ist und
+ebenfalls um den Kajakring schließt. Nur nach oben zu ist er länger
+und mit Aermeln und einer Kapuze versehen. Er wird rund um das Gesicht
+herum und an den Handgelenken zugeschnürt, und mit ihm kann der
+Kajakruderer den größten Sturzseeen trotzen. Ja, er kann sogar kentern
+und sich wieder aufrichten, ohne naß zu werden und ohne einen Tropfen
+Wasser in den Kajak zu bekommen.</p>
+
+
+<figure class="figleft illowe25" id="p0420_ill_2">
+ <img class="w100" src="images/p0420_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Wasserpelz.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Man kann sich denken, daß es nicht leicht ist, in einem Fahrzeug, wie
+dem Kajak, zu sitzen, ohne zu kentern, und daß dies mit einiger Uebung
+erlernt sein will. Einer meiner Freunde wollte den Kajak, den ich aus
+Grönland mitgebracht hatte, probieren und kenterte dabei viermal binnen
+zwei Minuten; kaum hatten wir ihn wieder aufgerichtet, so sahen wir ihn
+schon wieder Kopf stehn, den Boden des Kajaks nach oben.</p>
+
+<p>Doch hat man erst die nötige Uebung, so kann man sich auch mit Hilfe
+des zweiblattigen Ruders bei jedem<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> Wetter wunderbar schnell durch das
+Wasser bewegen, und der Kajak ist ohne Vergleich auf der ganzen Welt
+das beste einsitzige Boot.</p>
+
+<p>Man muß freilich seine Lehrzeit früh antreten, wenn man ein tüchtiger
+Kajakruderer werden will. Die grönländischen Knaben üben sich vom
+sechsten Jahre an im Boot ihres Vaters, und wenn sie zehn bis zwölf
+Jahre alt sind, giebt der tüchtige grönländische Fänger jedem Sohn
+einen eigenen Kajak. So war es wenigstens früher. Ja, Lars Dalager sagt
+über diesen Punkt: »Wenn sie acht bis zehn Jahre alt sind, müssen sie
+schon an solide Geschäfte gehen und in ihrem kleinen Kajak draußen auf
+See arbeiten.«</p>
+
+<p>Von dieser Zeit an geht der junge Grönländer beständig auf den Fang
+aus. Anfangs beschäftigt er sich nur mit Fischerei, erst später erlernt
+er den schwierigen Seehundsfang.</p>
+
+<p>Sehr wichtig ist für den Kajakruderer die Fähigkeit, sich nach dem
+Kentern selbst wieder aufzurichten. Dies geschieht, indem man mit
+einer Hand das eine Ende des Ruders umspannt, mit der andern aber das
+Ruder möglichst in der Mitte packt und es längs der einen Seite des
+Kajaks nach oben hebt, wobei das freie Ende nach der Vorderseite des
+Kajaks zeigen muß. Darauf führt man das Ruder hastig seitwärts<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a> nach
+außen, so nahe wie möglich an der Oberfläche des Wassers, und beugt den
+Oberkörper tief auf das Verdeck herab. Ist man noch nicht ganz oben, so
+ist noch ein Wricken mit dem Ruder nötig.</p>
+
+<p>Ein tüchtiger Kajakmann kann das Ruder zum Aufrichten<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> völlig
+entbehren. Er hilft sich ebenso gut mit dem Wurfholz, ja sogar mit
+einem Arme. Der Gipfel der Geschicklichkeit besteht darin, daß man
+dabei nicht einmal die Hand flach hält, sondern sie ruhig ballt. Ich
+sah die Eskimos oft zum Beweise, daß sie dies wirklich könnten, vor dem
+Kentern einen Stein in die Hand nehmen und damit wieder emporkommen.</p>
+
+<p>Ein Eskimo erzählte mir von der außerordentlichen Geschicklichkeit
+eines gewissen Fängers in dieser Hinsicht. Er könne sich nach rechts
+aufrichten — nach links — mit Ruder — ohne Ruder — mit Wurfholz
+— ohne Wurfholz — mit ausgestreckter Hand — mit geballter Faust,
+ja, das einzige, womit er sich nicht aufrichten könne, sei — die
+Zunge. Und dabei streckte mein guter Eskimo seine eigene Zunge heraus
+und schnitt abscheuliche Grimassen, um mir zu veranschaulichen,
+welche ungeheure Anstrengung es kosten würde, sich mittelst eines so
+unbequemen Werkzeuges in die Höhe zu arbeiten.</p>
+
+<p>Früher mußte jeder einigermaßen tüchtige Kajakruderer auf der Westküste
+sich in jeder Lage »aufrichten« können und konnte es auch. Seit aber
+die europäische Zivilisation und damit der Verfall hier ihren Einzug
+hielten, geht es auch in diesen Dingen den Krebsgang. Immerhin findet
+man es noch an vielen Stellen, und ich kann aus eigener Anschauung
+behaupten, daß in Kangek bei Godthaab die meisten Seehundsfänger es
+konnten. Auf der Ostküste scheint, nach Kapitän Holms Aussage, diese
+Geschicklichkeit noch allgemein zu sein, aber jedenfalls nicht so, wie
+früher auf der Westküste. Das ist sehr wohl begreiflich, da es an der
+Westküste wenig Eis und viel hohen Seegang giebt, während im Osten das
+umgekehrte Verhältnis herrscht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>Ein Kajakmann, der sich in jeder Lage aufrichten lernte, kann jedem
+Wetter trotzen. Kentert sein Kajak, so ist er gleich wieder oben.
+Er spielt mit den Wellen und durchstreift sie wie ein Seevogel. Bei
+schwerem Seegang legt er die Seite des Kajaks bei und das Ruder flach
+aufs Deck, beugt sich vornüber und läßt sie über sich hinrollen.
+Oder er wirft sich ihnen auch wohl seitwärts entgegen und richtet
+sich wieder auf, wenn sie über ihn hingerollt sind. Das schwerste
+Seemanöver, von dem ich hörte, sollen einige Fänger bei tobender See
+ausführen, indem sie beim Stehen der Sturzwellen freiwillig kentern und
+sich erst wieder aufrichten, wenn die Wellen über den Boden des Kajaks
+hingegangen sind. Eine kühnere Art von Seetüchtigkeit ist schwerlich
+denkbar.</p>
+
+<p>Kann man sich nicht selber aufrichten, so ist, falls keine Hülfe in der
+Nähe ist, mit dem Augenblicke des Kenterns alle Hoffnung auf Rettung
+aus. Und man kentert so leicht. Eine Sturzsee genügt, und auch das
+Festhaken der Leine beim Harpunieren eines Seehundes kann dazu führen.
+Es geschieht aber auch ebenso oft bei stillem Wetter oder durch eine
+einzige unvorsichtige Bewegung.</p>
+
+<p>Heutzutage finden alljährlich viele Eskimos ihren Tod auf diese Weise.
+Als Beispiel sei angeführt, daß im Jahre 1888 im dänischen Südgrönland
+von 162 Todesfällen (worunter 90 Personen männlichen Geschlechtes)
+24 oder etwa 15% (also mehr als ein Viertel der männlichen) durch
+Ertrinken beim Kajakkentern verursacht wurden.</p>
+
+<p>Im Jahre 1889 kamen auf 272 Todesfälle (worunter 152 Personen
+männlichen Geschlechtes) wieder 24 oder ungefähr 9% Ertrunkene. Dies
+bezieht sich auf eine Bevölkerung von 5614, von denen 2591 Männer sind.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="b0440_deco">
+ <img class="w100" src="images/b0440_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop7 illowp100" id="p0450_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p0450_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_IV"><span class="s5a">Kapitel IV.</span><br>
+Auf dem Meere im Kajak.</h2>
+</div>
+
+<p>Man hört so oft, wie der Eskimo der Feigheit beschuldigt wird. Dies
+liegt gewiß zum großen Teile daran, daß die, die so über ihn urteilen,
+ihn entweder nur auf dem Lande und bei schönem Wetter auf See
+beobachtet haben, — und dann ist er zu gutmütig oder zu bequem, um Mut
+zu zeigen — oder daß sie sich nicht die Mühe nahmen, sich in seine
+Denkweise hineinzuversetzen. Oft mochte er auch aufgefordert sein,
+etwas zu thun, was er weder verstand, noch mochte.</p>
+
+<p>Wenn wir unter Mut verstehen, sich wie ein Tiger bis auf den letzten
+Blutstropfen selbst gegen Uebermacht zu schlagen, <em class="gesperrt">den</em> Mut, der
+sich, wie Spencer sagt, am häufigsten gerade bei den niedrigststehenden
+Menschenrassen und besonders bei vielen Tieren findet, dann müssen wir
+einräumen, daß die Eskimos nicht übermäßig viel davon besitzen. Sie
+sind zu friedfertig und gutmütig, um z. B. wiederzuschlagen, wenn man
+sie ohrfeigt, und daher haben die Europäer, von Egede und den ersten
+Missionaren an, sie ungehindert erst prügeln und dann feige nennen
+können. Doch der streitbare Mut steht in Grönland nicht in hohem
+Ansehen, und ich fürchte, daß sie uns darum nicht höher achten, weil
+wir ihn so reichlich besitzen und zeigen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p>
+
+<p>Von jeher huldigten sie dem christlichen Lehrsatz: »So Dir jemand einen
+Streich giebt auf Deinen rechten Backen, dem biete den andern auch
+dar.« (Ev. Matth. 5, V. 39.)</p>
+
+<p>Hieraus zu schließen, daß der Eskimo feig ist, wäre verkehrt.</p>
+
+<p>Um sich den rechten Begriff von dem Werte eines Menschen zu bilden,
+muß man ihn bei seiner Berufsarbeit gesehen haben. Folgt dem Eskimo
+aufs Meer hinaus, seht ihn dort arbeiten, und Ihr werdet ihn bald
+mit anderen Augen ansehen. Denn, versteht man unter Mut, daß man
+im Augenblicke der Gefahr ruhig seinen Plan macht, wie man die
+Schwierigkeiten wohl überwinden könnte, und ihn dann mit rascher
+Geistesgegenwart ausführt, oder daß man einer unvermeidlichen Gefahr
+und sogar dem sicheren Tode mit unerschütterlicher Selbstbeherrschung
+entgegengeht, — dann finden wir in Grönland mutigere Männer, als wir
+zu sehen gewohnt sind.</p>
+
+<p>Der Kajakfang bringt viele Gefahren mit sich. Der Vater kam auf dem
+Meere um, Bruder und Freund oft gleichfalls, und dennoch geht der
+Eskimo täglich, im Sturme wie bei Windesstille, ruhig an seine Arbeit
+draußen in See. Stürmt es gar zu arg, so tut er es vielleicht ungern,
+denn Erfahrung hat ihn gelehrt, daß bei solchem Wetter manch einer
+umkommt. Ist er aber einmal draußen, so geht es so ruhig vorwärts, als
+sei ihm ein Sturm das gleichgültigste Ding der Welt.</p>
+
+<p>Der Kajakfang ist ein herrlicher Sport, ein spielender Tanz mit dem
+Meer und dem Tode. Man kann nichts Stolzeres sehen, als den Kampf des
+Ruderers gegen die schweren Wellen, die ihn ganz unter sich begraben.
+Oder wenn die Boote, draußen vom Unwetter überfallen, den<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> Hafen suchen
+müssen und gleich schwarzen Sturmvögeln vor dem Winde her heransausen,
+während ihnen die Wogen wie rollende Berge folgen. Dann wirbeln die
+Ruder durch Wasser und Luft, der Oberkörper ist leicht vornübergebeugt,
+und der Kopf wendet sich häufig, nach Sturzwellen ausspähend, halb
+zurück. Alles ist da Leben und Mut, obwohl die See rings umher einem
+schäumenden Schlunde gleicht.</p>
+
+<p>Dann taucht vielleicht, mitten im wildesten Spiele, ein Seehund auf:
+schneller als ein Gedanke fliegt die Harpune durch den hochspritzenden
+Wasserschaum. Der Seehund entflieht mit der Blase, wird jedoch bald
+eingeholt und getötet. Und wieder geht es weiter, mit der Beute im
+Schlepptau — und alles das geschieht mit derselben großartigen
+Fertigkeit und dem ruhigsten Gesicht, ohne eine Ahnung, daß dies eine
+Heldentat war.</p>
+
+<p>Da ist er groß. Und wir? Ja, in solcher Umgebung erscheinen wir sehr
+klein!</p>
+
+<p>Begleiten wir den Eskimo einen Tag auf den Fang.</p>
+
+<p>Schon mehrere Stunden vor Tagesanbruch ersteigt er den Aussichtsberg
+hinter seinem Wohnorte und hält Umschau, ob das Wetter günstig zu
+werden scheint. Ist er hierüber mit sich im Reinen, so geht er langsam
+wieder nach Hause und legt den Kajakpelz an. In der guten alten Zeit
+bestand sein Frühstück aus einem tüchtigen Schlucke frischen Wassers.
+Jetzt, da er auch schon etwas von der europäischen Verzärtelung
+angesteckt worden ist, trinkt er gewöhnlich mehrere Tassen Kaffee, und
+zwar recht starken. Morgens ißt er nichts, er behauptet, es sitze sich
+dann unbequem im Kajak, und man arbeite so leichter; auch nimmt er
+keinen Mundvorrat mit, nur ein wenig Kautabak.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0481_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p0481_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Ausfahrt zum Fang.</figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span></p>
+
+<p>Hat er den Kajak an den Strand getragen und liegen die Fanggeräte an
+ihrem Platz, so kriecht er in das Kajakloch, macht den Wasserpelz
+sicher am Kajakring fest und sticht in See. Gleichzeitig gehen aus den
+anderen Häusern des Ortes mehrere mit ihm hinaus. Heute gilt es den
+Klappmützen, und der Jagdgrund liegt zwei Meilen entfernt bei einigen
+Bänken draußen im offenen Meere.</p>
+
+<p>Es ist ruhiges Wetter, die Wellen rollen in langen Dünungen auf die
+Holme zu. Ein leichter Dunst liegt noch zwischen den Inseln über den
+Engen, durch die sie rudern, und läßt die auf dem Wasser liegenden
+Seevögel doppelt groß erscheinen. Seite an Seite durchschneiden die
+Kajake mit leisem plätschern das Wasser, die Ruder tauchen im Takte
+ein, die Männer unterhalten sich lebhaft mit einander, und hin und
+wieder bricht einer in heiteres Lachen aus. Bald schleudert dieser,
+bald jener spielend den Vogelpfeil, um Auge und Arm zu üben. Da kommt
+einem von ihnen ein Alk in den Wurf: der Pfeil fliegt durch die Luft,
+und der durchbohrte Vogel sucht, heftig mit den Flügeln schlagend,
+unterzutauchen, wird aber im nächsten Augenblick auf der Pfeilspitze
+emporgehoben; er wird losgemacht, der Jäger beißt ihm in den Schnabel
+und dreht ihm mit einem kräftigen Rucke den Hals um, worauf er hinten
+auf dem Kajak befestigt wird. Bald verlassen sie die Engen und die
+Holme, um geradeaus ins offene Meer hinauszurudern.</p>
+
+<p>Nach mehrstündiger Fahrt kommen sie endlich auf dem Fanggebiete an,
+sehen an verschiedenen Stellen große Seehundsköpfe aus dem Wasser
+gucken und zerstreuen sich, um der Beute nachzugehen.</p>
+
+<p>Boas, einer der besten Fänger seines Ortes, hat weit hinten eine große
+Klappmütze erblickt und setzt ihr nach;<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> doch sie ist untergetaucht,
+und nun muß er beilegen und warten, bis sie wieder zum Vorschein kommt.</p>
+
+<p>Dort! ein wenig weiter nach vorne guckt ein runder, dunkler Kopf
+aus dem Wasser. Tief auf den Kajak niedergebeugt, rudert Boas mit
+leichten, lautlosen Schlägen näher an den Seehund heran, der ruhig
+und unbekümmert daliegt, den Kopf emporstreckt, und sich von der
+Dünung auf und nieder schaukeln läßt. Doch auf einmal wird das Tier
+aufmerksam. Es hat den Reflex des Ruders gesehen und starrt nun den
+Feind mit seinen großen runden Augen an. Der läßt die Ruder sinken
+und rührt kein Glied, während der Kajak lautlos weiter gleitet. Der
+Seehund hat nichts Auffälliges entdeckt und verfällt wieder in seine
+frühere Sorglosigkeit. Er wirft den Kopf zurück, streckt die Schnauze
+in die Luft und badet sich in der Morgensonne, die auf seinem dunklen
+nassen Felle glänzt. Unterdessen nähert sich der Kajak schnell. So oft
+der Seehund hinsieht, hält Boas mit dem Rudern ein und bewegt keinen
+Muskel, doch sowie das Tier wieder die Augen fortwendet, geht die Fahrt
+wie ein Strich vorwärts. — Er nähert sich auf Treffweite, legt die
+Harpune bereit, sieht nach, ob die Leine auf dem Kajakstuhl in Ordnung
+ist; noch ein Ruderschlag, und der Augenblick ist gekommen — da taucht
+der Seehund ruhig unter. Das Tier ist nicht erschreckt worden und wird
+folglich irgendwo in der Nähe wieder auftauchen. Er muß also warten.
+Das aber nimmt Zeit in Anspruch, denn der Seehund kann unglaublich
+lange unter Wasser bleiben, und dem Wartenden erscheint die Zeit noch
+länger. Doch der Eskimo besitzt eine bewundernswerte Geduld: ohne etwas
+anderes zu bewegen als den Kopf, der sich spähend nach allen Seiten
+dreht, sitzt er vollkommen regungslos da. Endlich zeigt<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> sich ein wenig
+nach der Seite hin wieder der Seehundskopf über dem Wasser. Vorsichtig
+wendet Boas seinen Kajak, ohne von dem Tier bemerkt zu werden und
+fährt ihm von neuem über den Wasserspiegel entgegen. Da plötzlich
+wird die Klappmütze aufmerksam, sieht ihn einen Augenblick starr an
+und taucht unter. Doch Boas kennt die Gewohnheiten der Seehunde von
+Alters her und rudert nun in voller Fahrt nach der Stelle hin, wo das
+Tier verschwunden ist. Es dauert auch wirklich nur einige Sekunden,
+bis der Seehund wieder neugierig aus dem Wasser guckt. Nun ist er in
+Treffweite; Boas greift zur Harpune, führt sie nach hinten, noch ein
+kräftiger Ruck — und wie von einer Stahlfeder getrieben, schnellt
+sie sausend vom Wurfholz ab, die lange Fangleine, die förmlich durch
+die Luft wirbelt, mitschleppend. Der Seehund macht einen gewaltigen
+Satz, doch während er den Rücken zum Untertauchen krümmt, fährt ihm
+die Harpune bis zum Schafte in die Seite. Sein Hinterleib peitscht mit
+einigen gewaltsamen Schlägen das Wasser zu Schaum, und fort ist er, die
+Fangleine mit in die Tiefe ziehend. Unterdessen hat Boas das Wurfholz
+zwischen die Zähne genommen und blitzschnell die Fangblase hinter sich
+ins Wasser geworfen. Sie tanzt auf der Oberfläche hin, scheint aber
+bald untergehen zu wollen und thut es schließlich auch. Doch bald
+kommt sie wieder zum Vorschein, und Boas rudert ihr nach, so schnell
+die Ruder ihn vorwärts bringen. Unterwegs nimmt er den Harpunenschaft
+auf, den der Seehund abgeschüttelt hat und der nun emporgetrieben
+ist. Die Lanze liegt wurfbereit da. Im nächsten Augenblick taucht
+die Klappmütze wieder auf. Wütend, daß an Entkommen nicht zu denken
+ist,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> wendet sie sich gegen ihren Verfolger, stürzt sich zuerst auf
+die Blase, zerfetzt sie und geht dann auf den Kajak los. Wieder liegt
+Boas auf dem Anschlage. Das Tier krümmt den Rücken und schießt mit
+ausgesperrtem Rachen so schnell durch die Wogen, daß das Wasser braust.
+Jetzt kann ein Fehlwurf dem Fänger das Leben kosten. Doch Boas erhebt
+mit der größten Gemütsruhe die Lanze und stößt sie mit einem kräftigen
+Ruck so tief in das offene Maul des Tieres, daß die Spitze aus dem
+Nacken wieder herauskommt. Die Klappmütze zuckt zusammen, ihr Kopf
+sinkt, aber im selben Augenblick richtet sie sich lotrecht im Wasser
+auf. Ein Blutstrom entquillt zischend dem weitgeöffneten Rachen, und
+sie stößt ein tiefes, wildes Gebrüll aus, während die Blase über
+ihrer Schnauze zu erstaunlicher Größe anschwillt. Sie schüttelt den
+Kopf so heftig, daß der Lanzenschaft bebt und hin und her schwankt,
+kann aber die Lanze weder abbrechen noch abschütteln. Im nächsten
+Moment stößt Boas ihr die zweite Lanze hinter der einen Vorderfinne
+durch Lunge und Herz; sie sinkt zusammen — der Kampf ist beendet.
+Boas rudert dicht an das sterbende Tier heran, und falls es sich noch
+regt, giebt er ihm mit dem langstieligen Messer den Gnadenstoß. Dann
+werden die Lanzen ruhig herausgezogen, abgespült und wieder an ihren
+Platz gelegt, die Bugsierleine mit der Bugsierblase hervorgeholt
+und, nachdem letztere aufgeblasen, um den Seehund geschlungen, die
+Harpunenspitze herausgeschnitten und wieder auf den Schaft gesteckt,
+die Fangleine um den Kajakstuhl gewickelt und die Fangblase hinten auf
+den Kajak geworfen. Hierauf werden dem Seehunde mit dem dazu bestimmten
+Riemen die Vorderfinnen am Leibe festgeschnürt und er selbst mit der
+Bugsierleine längs des<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> Kajaks so festgebunden, daß er sich leicht
+schleppen läßt. Zu diesem Zwecke wird der Kopf am ersten Riemenpaare
+auf dem Vorderdecke und der Hinterleib am letzten hinter dem Ruderer
+befestigt. Jetzt ist Boas mit ihm fertig und sieht sich nach mehr um.
+Er hat Glück und braucht nicht lange zu rudern, bis er wieder eine
+Klappmütze erblickt. Sofort befreit er sich von seiner erlegten Beute,
+die von der Bugsierblase über Wasser gehalten wird, und beginnt die
+Jagd von neuem. Nach einigem Jagen und gespanntem Warten erlegt er auch
+dieses Tier, nimmt es in Schlepptau und kehrt nun zu seiner ersten
+Beute zurück. Die beiden großen Tiere werden rechts und links am Kajak
+befestigt. Er ist jetzt allerdings schwer beladen und geht nicht mehr
+so leicht, doch das ist für Boas kein Hindernis, noch mehr zu fangen.
+Sowie in seinem Fahrwasser eine neue Klappmütze auftaucht, geht die
+Jagd wieder los, und erlegt er noch mehrere, so wird eine an der
+anderen festgebunden. Auf diese Weise kann <em class="gesperrt">ein</em> Mann bequem vier
+Tiere bugsieren, ja im Notfall noch mehr.</p>
+
+<p>Inzwischen hat Tobias, ein anderer berühmter Fänger des Ortes, nicht
+soviel Glück gehabt, wie Boas. Er machte zuerst auf einen Seehund
+Jagd, der untertauchte und innerhalb Sehweite nicht wieder sichtbar
+wurde. Dann erblickte er schließlich einen anderen. Doch als er auf ihn
+losruderte, tauchte plötzlich dicht vor ihm ein Haubenseehund<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a> auf
+und wurde sogleich harpuniert.</p>
+
+<p>Der große Seehund wälzt sich wie ein Verrückter im Wasser. Die
+Leine wirbelt mit rasender Fahrt ab, bleibt<span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span> aber unter dem
+Vogelpfeilwurfholz hängen, das Vorderteil des Kajaks wird von ihr
+mit unwiderstehlicher Kraft hinabgezogen, und ehe Tobias sich dessen
+versieht, geht ihm das Wasser auch schon bis unter die Arme. Das
+einzige noch Sichtbare ist sein Kopf und das Hinterende des Kajaks, das
+lotrecht auf dem Wasser steht. Es sieht aus, als sei alles verloren;
+alle, die sich in der Nähe befinden, rudern aus allen Kräften herbei,
+obgleich sie wenig Hoffnung haben, noch rechtzeitig zu seiner Rettung
+anzulegen. Doch Tobias ist ein ausgezeichneter Ruderer, er hält sich
+trotz der verzwickten Lage im Gleichgewichte und läßt sich von dem
+Seehunde, der alles versucht, um ihn in die Tiefe zu ziehen, durch das
+brausende Wasser schleppen. Endlich taucht der Seehund wieder auf,
+und in demselben Augenblicke ergreift Tobias die Lanze und durchbohrt
+ihm mit tötlichem Wurfe den Kopf. Eine matte Bewegung — und das Tier
+sinkt zusammen. Die anderen kommen gerade rechtzeitig an, um Tobias
+seine Beute festmachen zu sehen und ihr Speckstück<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a> in Empfang zu
+nehmen. Sie konnten ihre Bewunderung über diese Geistesgegenwart und
+Geschicklichkeit nicht unterdrücken und sprachen noch lange davon.
+Tobias und Boas waren überhaupt die besten Seehundsfänger im ganzen
+Orte und, wie man mir erzählt hat, in ihrer Jugend so geschickt, daß
+sie es verschmähten, sich der Blase zu bedienen, und sich statt dessen
+die Leine um den eigenen Leib oder um den Kajakring schlangen und also
+den harpunierten Seehund, wenn er nicht gleich tot war, mit sich und
+dem Kajak,<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> statt, wie üblich, mit der Fangblase, abziehen ließen. Dies
+gilt den Grönländern für die nobelste Jagdart, und nur wenige bringen
+es soweit.</p>
+
+<p>Bis jetzt ist das Wetter schön gewesen, glatt wogte das Meer im
+Sonnenschein, doch im Laufe der letzten Stunden begannen dunkle,
+drohende Wolkenbänke sich am südlichen Himmelsrande zusammenzuziehn.
+Kaum hat Tobias seinen Seehund festgemacht, hört er auch schon ein
+dumpfes Brausen und sieht es im Süden wie Rauch über der See liegen.
+Das bedeutet Sturm, und der Rauch sind die spritzenden Wogen, die er
+vor sich hertreibt. Von allen Winden fürchtet der Grönländer den Sturm
+aus Süden (<em class="gesperrt">Nigek</em>) am meisten, weil dieser stets heftig auftritt
+und die See gewaltig aufrührt.</p>
+
+<p>Jetzt möglichst schnell ans Land! Die keinen Seehund im Schlepptau
+haben, kommen am leichtesten vorwärts, versuchen aber, mit den anderen
+zusammenzubleiben. Sie sind noch nicht weit gekommen, da hat der Sturm
+sie schon eingeholt. Er peitscht das Wasser vor sich her zu Schaum, und
+die Ruderer fühlen ihn im Rücken, wie einen Riesen, der sie emporhebt
+und vorwärtsschleudert. Jetzt wird es ernst. Die Wogen erheben sich
+bald wie turmhohe Wasserberge, brechen und wälzen sich über sie herab.
+Es geht dem Lande zu, aber mit beinahe ausgesprochenem Seitenwind. Noch
+liegt es weit ab, man kann vor Spritzwasser nichts sehen, und beinahe
+jede frische Sturzsee begräbt sie unter sich, so daß man nur einige
+Köpfe, Arme und Ruderstümpfe über den Schaumkämmen sieht.</p>
+
+<p>Dort kommt eine gewaltige See; schon von fern erglänzt sie schwarz
+und weiß. Sie türmt sich auf, der Himmel verschwindet fast. Sofort
+stecken alle an der Luvseite<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> Befindlichen das Ruder unter den Riemen,
+dann beugen sie den Oberkörper vor, und die Sturzsee bricht über sie
+herein. Einen Augenblick ist beinahe alles verschwunden. Die im Lee
+warten gespannt, bis die Reihe an sie kommt. Jetzt rollt das Wasser
+auch über sie hin, und nun schießen alle Boote wieder mit neuer Fahrt
+vorwärts. Doch eine solche Sturzsee kommt nicht allein, ihr folgen noch
+schwerere. Die Kajakmänner legen die Ruder flach über dem Deck nach
+der Luvseite aus, beugen den Oberkörper vornüber, und wenn der weiße
+Wasserfall sich mit Donnergetöse über sie ergießt, stürzen sie sich
+ihm selbst in den Rachen und brechen dadurch seine Gewalt. Wieder sind
+sie einen Augenblick verschwunden, — da taucht ein Kajak auf, auf dem
+rechten Kiele — noch einer, aber mit dem Boden nach oben — Pedersuak
+ist gekentert. Der nächste Nachbar eilt zur Hülfe herbei, da bricht die
+dritte Sturzsee über sie herein, und jeder muß an sich selbst denken.
+Es war zu spät — zwei sind gekentert; aber der zweite richtet sich
+sofort wieder auf, und sein erster Gedanke gilt dem Kameraden, dem er
+von neuem zu Hülfe eilt. Er treibt seinen Kajak neben den gekenterten,
+legt sein Ruder über beide, ergreift unter dem Wasser den Arm des
+Freundes und zieht ihn mit einem Rucke so hoch, daß jener das Ruder
+fassen kann, und sich dann auch im Nu wieder aufrichtet. Der Wasserpelz
+hat sich auf der einen Seite ein bischen vom Kajakringe gelöst und ein
+wenig Wasser eindringen lassen, doch nicht soviel, daß er deshalb nicht
+weiter könnte. Inzwischen sind die andern herbeigekommen, sie fischen
+sein verlorenes Ruder auf, und nun kann es wieder weitergehen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0561_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p0561_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Kajakmann von einem Walroß angegriffen.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Für die Bugsierenden wird es immer schlimmer, sie sind meistens die
+Letzten, und die großen Seehunde schlagen<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> schwer gegen die Seiten
+des Kajaks. Sie denken daran, ihre Beute preiszugeben, aber die schwere
+Welle rollt vorbei, und da wollen sie es noch eine Weile versuchen.
+Der stolzeste Augenblick im Leben eines Fängers ist der Moment, da er
+seinen Fang in den Hafen bugsiert und die freudestrahlenden Gesichter
+seiner Hausgenossen ihn vom Strande anlachen. Schon weit draußen auf
+See sieht er sie in Gedanken vor sich und freut sich wie ein Kind; kein
+Wunder, daß er seine Beute nur im äußersten Notfalle fahren läßt.</p>
+
+<p>Nach vielen bösen Sturzseen kommen sie endlich mehr unter Land. Hier
+giebt ihnen eine kleine Inselgruppe, die nach Süden hin weit draußen
+liegt, einigermaßen Schutz, die See geht hier weniger heftig, und je
+mehr sie sich dem Lande nähern, desto besser und schneller geht es
+vorwärts.</p>
+
+<p>Unterdessen sind die Frauen zu Hause in großer Angst. Als der Sturm
+ausbrach, liefen sie nach dem Aussichtsberg hinauf oder auf die
+Landzungen hinaus und standen dort in dichten Gruppen, über das empörte
+Meer hin nach ihren Söhnen, Männern, Vätern und Brüdern ausspähend.
+Hier sieht man sie dicht aneinandergedrängt frierend und spähend
+stehen, bis ihre durch die Angst geschärften Augen die Kommenden als
+schwarze Punkte am Horizonte entdecken und der ganze Platz von dem
+Freudengeschrei »Sie kommen! Sie kommen!« widerhallt. Man fängt an zu
+zählen, wie viele es sind. »Zwei fehlen!« — »Nein, da ist der eine!«
+— »Nein, alle sind da! Alle sind da!«</p>
+
+<p>Bald fangen sie an, einzelne herauszukennen, teils an der Art zu
+rudern, teils an der Form des Kajaks, obwohl alle Boote nur wie
+schwarze Punkte aussehen. Plötzlich ertönt ein wildes Freudengeheul:
+»<span class="antiqua">Boase kaligpok!!!</span>«<span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span> (Boas bugsiert); ihn erkennen sie leicht
+an der Größe. Diese Freudenbotschaft geht von Haus zu Haus, die Kinder
+laufen umher und schreien es in die Fenster, und oben auf dem Berge
+lösen sich die Gruppen in einen Freudentanz auf. Dann erschallt wieder
+ein Jubelruf: »<span class="antiqua">Ama Tobiase kaligpok!!!</span>« (Auch Tobias bugsiert),
+und auch diese Kunde geht von Haus zu Haus. Von neuem ertönt es:
+»<span class="antiqua">Ama Simo kaligpok!</span>« »<span class="antiqua">Ama David kaligpok!!</span>« Und wieder
+stürmen Frauen aus den Häusern den Aussichtsberg hinauf, um aufs Meer
+hinauszustarren, das sich weiß in weiß gegen die Holme und Klippen
+abhebt, und auf dem ab und zu zwischen den rollenden Wassermassen elf
+schwarze Punkte, die langsam näher kommen, zu unterscheiden sind.</p>
+
+<p>Endlich steuern die ersten Kajake in die Bucht vor dem Orte. Es sind
+die, die keinen Seehund haben. Leicht und sicher jagt einer nach dem
+andern auf den flachen Strand, hoch auf dem Rücken der Wellen tanzend.
+Sie werden von den Frauen, die die Boote höher aufs Ufer hinaufziehen
+müssen, in Empfang genommen.</p>
+
+<p>Dann folgen die Bugsierenden. Sie müssen etwas vorsichtiger zu Werke
+gehen, sie machen ihre Beute los und sorgen erst dafür, daß sie den
+Frauen am Strande zugeworfen wird. Darauf landen sie selber. Einmal aus
+dem Kajak gestiegen, kümmern sie sich, wie auch die Zuerstgekommenen,
+nur um sich selbst und ihre Geräte, die an ihren Platz über der
+Flutmarke getragen werden. Auf ihre Beute werfen sie keinen Blick, —
+alle fernere Arbeit damit liegt den Frauen ob.</p>
+
+<p>Unterdessen gehen die Männer in ihr Haus, legen die nassen Kleider ab
+und das Hauskleid an, das in der<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> Heidenzeit, wie wir gesehen haben,
+ein wenig luftig war, jetzt aber etwas sichtbarer geworden ist.</p>
+
+<p>Nun essen sie endlich ihr Frühstück. Aber wirklich satt werden sie
+erst, wenn die heimgeführte Beute zerlegt, gekocht und in einer großen
+Schüssel auf den Fußboden gesetzt wird. Dann verschwinden unglaubliche
+Mengen Fleisch und Speck in ihrem Magen.</p>
+
+<p>Sobald der Hunger gestillt ist, nehmen die Frauen, wie immer, etwas
+vor, Näharbeit oder dergleichen, indes die Männer der wohlverdienten
+Ruhe pflegen oder ihre Waffen putzen, die Harpunenleine zum Trocknen
+aufhängen u. s. w. Dann beginnen die Fänger von den Tagesereignissen
+zu sprechen, und die ganze Familie hört andächtig zu, besonders die
+Knaben. Die Darstellungsweise ist nüchtern und frei von Aufschneiderei
+oder dem Bestreben, in den Hörern eine übertriebene Vorstellung von
+den überwundenen Schwierigkeiten zu erwecken, wozu wir Europäer bei
+dergleichen Gelegenheiten häufig neigen dürften.</p>
+
+<p>Dabei aber hat sie in ihrer eigentümlichen Breite etwas Lebhaftes
+und Malerisches. Die Eskimos begleiten ihre Rede mit erklärenden
+Handbewegungen, und »wenn sie in ihrer Erzählung soweit gekommen
+sind,« sagt Dalager, »daß der Todesstoß exprimiert werden soll, so
+schwingen sie den rechten Arm in die Luft und strecken den linken
+Arm, der das Tier bedeutet, geradeaus«. Worauf die Demonstration
+gewöhnlich folgendermaßen lautet: »Als ich nach dem Pfeile greifen
+wollte, sah ich mich nach ihm um; da lag er; ich griff nach ihm; ich
+faßte ihn; ich hielt ihn nun ganz fest in der Hand, er balancierte
+u. s. w., was allein einige Minuten dauern kann, ehe die Hand zum
+Zeichen des entscheidenden Stoßes herabsinkt, wobei<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> der Erzähler aber
+nicht vergißt, mit der Linken die letzten Zuckungen des Seehundes zu
+markieren«.</p>
+
+<p>Andrerseits werden oft die merkwürdigsten Begebenheiten mit wenigen
+Worten abgethan. Bei jeder Gelegenheit aber macht sich ein drastischer
+Humor geltend, der von den gespannten Zuhörern unfehlbar mit
+schallendem Gelächter belohnt wird. Es ist das Muster eines glücklichen
+Familienlebens.</p>
+
+<p>So vergeht der Tag für den Eskimo. Es liegt in derartigen Erlebnissen
+nichts Außergewöhnliches. Und doch haben sie für den Eskimo eine große
+Anziehungskraft. Sein Dichten und Trachten ist mit dem Meere verknüpft,
+das harte Leben draußen auf den Wellen ist ihm der Inhalt des Daseins,
+— und muß er zu Hause bleiben, so wird das Herz ihm schwer. — Doch
+wird er alt, ja dann ist das Lied aus. — Ueber dem Alter liegt stets
+ein Wemutschleier, nirgends aber so sichtbar wie in Grönland. Dort
+haben die guten Alten auch einst Tage der Jugend und der Kraft gesehen
+— Zeiten, da sie die Stützen ihrer Gesellschaft waren, — jetzt sind
+sie nur noch eine lebende Erinnerung an Vergangenes und müssen sich von
+anderen ernähren lassen. — Doch wenn die Jungen mit ihrer Beute von
+der See kommen, schleppen sich die Greise zu ihrem Empfang ans Ufer,
+ja, wenn es nur meine Wenigkeit war, die kam, so freuten sie sich doch
+sichtlich, mir beim Landen behülflich sein zu können. — Und wenn der
+Abend kommt, dann können sie erzählen; ein Erlebnis nach dem andern
+wird aus dem Gedächtnis hervorgeholt, erhält neues Leben und entflammt
+die Jungen zur That.</p>
+
+<p>Oft geht es beim Seehundsfange gefährlicher zu, als ich es oben
+schilderte. Man kann sich vorstellen, daß<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> man sich bei dem
+eingezwängten Sitzen im Kajak, das nicht viel Bewegung erlaubt, weder
+hintenüber noch nach rechts werfen darf. Greift nun eine verwundete
+Klappmütze plötzlich von dort an, so gehört Geschicklichkeit und
+Geistesgegenwart dazu, ihr zu entgehen oder so schnell zu wenden,
+daß sich der Todesstoß führen läßt, ehe das wütende Tier den Kajak
+zertrümmern kann. Nicht viel besser ist es, wenn man von unten
+angegriffen wird oder das Tier plötzlich dicht neben dem Kajak
+auftaucht; denn es bewegt sich mit Blitzesschnelle und ist ebenso
+mutig wie stark. Stürzt es sich erst einmal auf den Kajak und bringt
+ihn zum Kentern, so bleibt wenig Hoffnung auf Rettung. Oft greift
+es dann entweder den Mann unter dem Wasser an, oder es steigt auf
+den gekenterten Kajak und reißt Löcher in seinen Boden. In solcher
+Lage ist außergewöhnliche Selbstbeherrschung vonnöten, um die rechte
+Kaltblütigkeit zu bewahren, damit man sich schnell wieder aufrichtet
+und den Kampf mit dem wutschnaubenden Gegner von neuem aufnimmt.
+Dennoch kommt es vor, daß ein so zum Kentern gebrachter Kajakmann die
+Klappmütze trotz alledem als Beute heimführt.</p>
+
+<p>Ein noch schlimmerer Gegner ist das Walroß. Wenn ein solches gejagt
+werden soll, vereinigen sich gewöhnlich mehrere Fänger, damit einer dem
+andern im Notfalle beistehen kann. Doch oft genug wagt sich auch einer
+allein an dieses Untier heran.</p>
+
+<p>Das Walroß ist, wie bekannt, ein großes, bis zu 5 <span class="antiqua">m</span> langes Tier
+mit dicker, zäher Haut, einer dicken Speckschicht, außerordentlich
+harter Hirnschale und ungeschlachtem Körper. Man muß schon einen
+sicheren, starken Arm haben, um es<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> erlegen zu können. Sobald ein
+Walroß angegriffen wird, pflegt es auf seinen Gegner loszugehn, und
+es kann ihn mit seinen scheußlichen Fangzähnen grauenhaft zurichten.
+Sind andere Walrosse in der Nähe, so umringen sie sofort den Kajak und
+greifen alle gleichzeitig an.</p>
+
+<p>Selbst die norwegischen Walroßjäger mit ihren Flinten, Aexten und
+Lanzen und ihren großen, festen Booten haben vor dem Walroß gehörigen
+Respekt.</p>
+
+<p>Welch ein Wagestück muß es da sein, im zerbrechlichen Eskimoboot
+ein solches Tier nur mit den leichten Wurfgeschossen des Eskimos
+und <em class="gesperrt">allein</em> anzugreifen! Für den Eskimo aber ist ein solches
+Unternehmen eine alltägliche Begebenheit. Er kämpft seinen Streit mit
+dem gefährlichen Gegner aus; die Lanze wurfbereit in der Hand, erwartet
+er ruhig den Angriff des Tieres und jagt ihm, alle Vorteile kaltblütig
+berechnend, im rechten Augenblicke die Lanze in den Leib.</p>
+
+<p>Beim Walroßfang ist Kaltblütigkeit die Hauptsache, denn die
+unvorhergesehensten Schwierigkeiten können sich dabei herausstellen;
+nur das erklärt die vielen Unglücksfälle. Bei Kangamiut griff vor
+einigen Jahren ein Walroß einen Kajak von unten an, wobei der lange
+Zahn des Tieres durch den Boden des Kajaks drang, die Hüfte des Mannes
+durchbohrte und sogar noch ein Loch in das Verdeck stieß. Die Kameraden
+eilten dem Unglücklichen zu Hilfe, er machte sich von dem Tiere los,
+und es gelang ihm trotz des Leckes mit Hülfe der Freunde ans Land zu
+kommen.</p>
+
+<p>Außer diesen Tieren greift der Eskimo von seinem kleinen Boote aus
+auch den Walfisch an, und zwar den <em class="gesperrt">Ardluk</em> oder Speckhauer, eine
+besonders gefährliche Art. Mit seiner Stärke, Gewandtheit und seinen
+greulichen Zähnen<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> kann dieser, wenn er einmal zur Offensive übergeht,
+den Kajak im Nu zersplittern. Vor ihm fürchten sich selbst die Eskimos,
+was sie jedoch nicht abhält, ihn, sobald sich die Gelegenheit dazu
+bietet, anzugreifen.</p>
+
+<p>Früher wurde hier auch auf die großen Walfischarten Jagd gemacht.
+Dies geschah jedoch von den großen Frauenbooten aus, deren Besatzung
+dann aus vielen Personen, Männern und Weibern bestand. »Zu dieser
+Jagd,« sagt Hans Egede, »schmücken sie sich wie zu einer Hochzeit,
+sonst schwimmt ihnen der Walfisch fort, denn er kann keine schmutzigen
+Kleider leiden.« Der Walfisch wurde vom Vordersteven aus harpuniert,
+brachte aber dann manchmal das Boot durch einen Schlag mit dem Schwanze
+zum Kentern oder zertrümmerte es sogar. Die Männer waren dabei jedoch
+so dreist, daß sie auf den Rücken des Tieres sprangen, sobald seine
+Bewegungen matter wurden, und es dann durch Lanzenstiche töteten. Diese
+Art von Jagd kommt heutzutage nur noch selten vor.</p>
+
+<p>Doch nicht nur die Jagd auf große Seetiere bringt Gefahr, auch
+beim gewöhnlichen Fischfang, wie beim Fangen der Helbutte, ist die
+Möglichkeit des Verunglückens nicht ausgeschlossen. Hat man nicht dafür
+gesorgt, daß die Angelschnur richtig liegt, oder verwickelt sie sich,
+oder versagt eine Vorrichtung, wenn jene starken Fische beim Aufziehen
+der Tiefe zustreben, so kentert der schmale Kajak nur zu leicht. So
+haben schon viele ihren Tod gefunden.</p>
+
+<p>Wir wollen uns indessen nicht zu lange bei den Schattenseiten
+aufhalten! Hoffentlich ist es mir gelungen, dem Leser von dem
+Fängerleben des Eskimo draußen auf dem Meere einen Begriff zu
+geben, der ihn vielleicht<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> überzeugt, daß es diesem Volke, wenn es
+drauf ankommt, ebensowenig an Mut, wie an Ausdauer und kaltblütiger
+Selbstbeherrschung fehlt.</p>
+
+<p>Der Eskimo besitzt aber mehr. Trifft ihn einmal ein Unglück, so zeigt
+er eine geradezu großartige Abgehärtetheit und Geduld. Ich will als
+bezeichnend dafür nur folgendes kleine Beispiel anführen, einen der
+vielen Berichte, die die Grönländer selber über ihre Erlebnisse in
+ihrer Zeitung »<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Atuagagdtutit</span></em>« veröffentlichen:</p>
+
+<p>»Ein Kajakmann aus Tornait auf der Fischerhalbinsel stach an einem
+Februartage im Jahre 1876 in der Richtung nach Norden in See. Als
+er auf seinem gewöhnlichen Fangplatze anlangte, tauchte ein Seehund
+vor ihm auf; er zog sein Gewehr aus dem Kajakriemen, um zu schießen,
+dabei ging der Schuß los und ihm quer durch den Unterleib. Sobald er
+sich ein wenig besonnen hatte, stieg er aus und legte sich auf eine
+Eisscholle; da aber begann es, aus Norden zu wehen, und eine Welle
+nach der andern ergoß sich über ihn, weshalb er wieder in seinen Kajak
+steigen und südwärts rudern mußte. Man muß sich jedoch« — so heißt es
+— »über die Abgehärtetheit des Mannes wundern, der so schwer verwundet
+durchs offene Meer nach Hause rudern konnte. Man denke nur, er ging
+auf der Außenseite der Inseln herum, erreichte den Hafen, zog den
+Kajak ans Land und stellte ein Merkzeichen dabei auf; dann aber sank
+er besinnungslos am Eisrande des Ufers hin, denn er war nicht mehr
+imstande, die Häuser, die eine Strecke vom Landungsplatze entfernt
+waren, zu erreichen. Als man ihn später dort fand und seinen Kajak
+untersuchte, war es allen unerklärlich, daß er noch lebte, nachdem er
+all das Blut, das auf dem Boden des Kajaks stand, verloren<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> hatte.
+Als sie ihn ins Haus getragen hatten, war jedermann überzeugt, daß er
+die Nacht nicht überleben würde, er starb jedoch erst nach drei Tagen!
+Er zeigte nicht die geringste Furcht vor dem Tode, sondern sprach nur
+davon, daß er zu den Begnadeten gehöre!«<a id="FNAnker_16" href="#Fussnote_16" class="fnanchor">[16]</a></p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0641_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p0641_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Kajakmann, einem kenternden Kameraden zu Hilfe
+eilend.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Viele ähnliche Züge ließen sich von diesem Volke erzählen. Mit Leiden
+und Gefahr ist sein Erwerb verknüpft, und doch giebt der Eskimo sich
+ihm mit Lust und Liebe hin. Hätten die Eskimos ihre Geschichtsschreiber
+gehabt, so würde ihre Geschichte aus einer ganzen Reihe solcher
+Begebenheiten bestehen, und dann würde mancher Zug von rührender
+Aufopferung und Nächstenliebe bekannt sein. Wie manche Heldenthat
+ist dort der Vergessenheit anheimgefallen! So ist das Volk, das man
+schlecht und feige genannt hat, und auf das herabzusehen wir Europäer
+uns für berechtigt halten.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="b0650_deco">
+ <img class="w100" src="images/b0650_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p0660_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p0660_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_V"><span class="s5a">Kapitel V.</span><br>
+Winterhäuser, Zelte, Frauenboote und Reisen.</h2>
+</div>
+
+<p>Im Winter wohnen die Grönländer in Häusern aus Steinen und Rasen. Diese
+erheben sich anderthalb bis zwei Meter über der Erde, während der
+Fußboden tiefer liegt. Das Dach ist flach, etwas gewölbt. Solch ein
+Haus gleicht von außen einem unansehnlichen Erdhaufen.</p>
+
+<p>Die Häuser enthalten nur ein einziges Zimmer, und darin wohnen
+meistens mehrere Familien, Männer und Frauen, Greise und Kinder.
+Es ist so niedrig, daß ein mehr als mittelgroßer Mann darin kaum
+aufrecht stehen kann. Das Zimmer hat, wie das Haus von außen, die
+Form eines Rechteckes. Die eine Längswand nimmt die ungefähr zwei
+Meter breite Hauptpritsche ein, auf der die Bewohner des Hauses, d. h.
+die Verheirateten, alle erwachsenen Töchter und die Kinder beiderlei
+Geschlechts, schlafen. Hier liegen sie in langer Reihe nebeneinander,
+die Füße der Wand und den Kopf der Stube zugekehrt.</p>
+
+<p>H. E. Saabye sagt in seinem obenerwähnten Tagebuch, die Ehebetten seien
+unter der Pritsche aufgeschlagen. Ich habe nichts entdeckt, was darauf
+schließen ließe, daß dies im Godthaabdistrikte heute noch irgendwo der
+Fall ist.</p>
+
+<p>Die unverheirateten Männer liegen gewöhnlich auf den<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> kleineren
+Pritschen unter den Fenstern, die in der entgegengesetzten Längswand
+angebracht sind, und deren Zahl sich, je nach der Größe des Hauses, auf
+eines, zwei und auf drei beläuft. Die Scheiben bestanden früher stets
+aus Darmhaut oder dergleichen, jetzt aber findet man auf der Westküste
+meistens schon Glasfenster. An den kurzen Seitenwänden befinden sich
+gewöhnlich auch Pritschen, auf diesen und den Fensterpritschen schlafen
+etwaige Gäste.</p>
+
+<p>Wohnen — wie man es gewöhnlich trifft — mehrere Familien in einem
+Hause, so ist die Hauptpritsche durch Holzstützen, die vom Vorderrande
+der Pritsche bis zur Decke reichen und mittelst niedriger Seitenwände
+mit der hinteren Wand verbunden sind, in verschiedene Buchten geteilt,
+von denen jede einer Familie als Schlafzimmer dient. Es scheint uns
+beinahe unglaublich, wie wenig Raum die Eskimos brauchen. Kapitän Holm
+beschreibt ein Haus auf der Ostküste, das etwa 27 Fuß lang und 14½
+Fuß breit war und in dem acht Familien, zusammen 38 Personen, wohnten.
+In einer vier Fuß breiten Bucht schlief ein Mann mit zwei Frauen und
+sieben Kindern. Da darf sich der Einzelne natürlich nicht breit machen.</p>
+
+<p>Die Betten bestehen aus Seehunds- und Renntierfellen. Damit deckten sie
+sich früher auch zu und lagen, das obenerwähnte Hauskleid abgerechnet,
+ganz nackt darunter. Heutzutage deckt man sich auf der Westküste
+meistens mit Federbetten zu.</p>
+
+<p>Früher wurden die Wände mit Häuten bekleidet, und die bloße Erde, zum
+Teil mit Fliesen belegt, bildete den Fußboden. Jetzt aber, da viel
+europäischer Luxus eingeführt ist, hat man auf der Westküste schon
+angefangen, die Wände zu täfeln und die Fußböden zu dielen. Ja, man<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>
+hat selbst die Sitte angenommen, die Fußböden aufzuwaschen und zwar
+sogar ein paarmal im Jahre.</p>
+
+<p>In das Haus gelangt man durch einen langen, engen Gang, dessen Fußboden
+teilweise in die Erde hineingegraben ist und der ebenfalls aus Steinen
+und Rasen besteht. Von außen steigt man durch ein Loch in ihn hinein.
+Gewöhnlich ist er so eng und niedrig, daß man in hockender Stellung
+hindurchkriechen muß, und für große Leute hat das Durchkommen seine
+Schwierigkeiten. Ich hörte in Sardlok, daß ein allerdings recht dicker
+Ladenjüngling aus Godthaab an einem engen Punkte des Ganges von Terkels
+Hause stecken geblieben sei. Da lag er, mit Händen und Füßen arbeitend,
+und schrie wie besessen, konnte aber nicht von der Stelle. Das Ende vom
+Liede war, daß vier Knaben beauftragt wurden, ihn aus der Klemme zu
+befreien. Zwei kamen von hinten und schoben den fleischigsten Teil des
+Körpers, der bei dem guten Herrn allerdings sehr umfangreich gewesen
+sein soll, vor sich her, während die beiden andern aus dem Innern des
+Hauses herbeieilten, um ihn an je einem Arme vorwärts zu ziehen. Alle
+vier mühten sich im Schweiße ihres Angesichts ab, aber der Dicke saß
+fest wie ein Werglappen in einem Flintenlaufe, und man wollte schon das
+Dach abdecken, um ihm freien Durchgang zu verschaffen, als er endlich
+vorwärts rutschte. Soviel ich mich erinnere, hat nachher ein Fenster
+eingeschlagen werden müssen, um ihn auf diesem Wege wieder aus dem Haus
+zu schaffen.</p>
+
+<p>In die Stube kommt man aus diesem Gange durch eine kleine viereckige
+Oeffnung, die gewöhnlich in der vorderen Längswand angebracht ist und
+mit einer Thür oder einem Brette geschlossen wird.</p>
+
+<p>Der Zweck dieses Hausganges ist, das Eindringen<span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span> der kalten und das
+Entweichen der warmen Luft zu verhindern. Er liegt deshalb tiefer als
+das Haus, wodurch gleichzeitig etwas Ventilation erreicht wird, da
+die dicke, schlechte Luft teilweise in ihn hinabsinken und durch ihn
+entweichen kann.</p>
+
+<p>In den nach altgrönländischem Muster eingerichteten Häusern giebt es
+keinen Feuerherd. Sie werden durch Thranlampen, die Tag und Nacht
+brennen, erleuchtet und erwärmt. Daß letztere auch nachts brennen,
+geschieht nicht nur der Wärme wegen, sondern weil der außerordentlich
+abergläubische Eskimo sich entsetzlich im Dunkeln fürchtet. Wenn
+irgendwo Not herrscht, so wird als Beweis für die schlechten
+Verhältnisse angeführt: »Denkt nur, die armen Leute müssen nachts ohne
+Lampen schlafen!«</p>
+
+<p>Die Lampen sind große, offene, flache Schalen von Speckstein in Form
+eines Halbmondes. Auf der rechten Seite liegt der aus Zeug oder
+trockenem Moos gedrehte Docht. Diese Lampen werden auf einen hölzernen
+Fuß gestellt, der auf einem kleinen Tisch oder einer Erhöhung an der
+Vorderseite der Pritsche steht. Gewöhnlich hat jede Familie ihren
+eigenen Lampentisch. Wohnen nun mehrere Familien zusammen, so kommen
+auch viele Lampen zusammen, da jede mindestens eine, in der Regel aber
+mehrere brennt.</p>
+
+<p>Ueber diesen Lampen wurde früher auch in Specksteintöpfen, die von der
+Decke herabhingen, gekocht. Die Zubereitung der Speisen ging natürlich,
+wie alles andere, auch in diesem Zimmer »für alles« vor sich.</p>
+
+<p>Auf der Ostküste ist es noch heute so. Auf der Westküste hat die
+moderne Civilisation insofern eine Aenderung bewirkt, als das Essen
+dort meistens in einem an der Seite des Ganges angebauten Raume
+auf einem Herde gekocht wird. Das Brennmaterial besteht aus Torf
+und Mövenerde<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> — ein sehr feiner Ausdruck für alten getrockneten
+Mövendung. Auch die alten Specksteintöpfe haben eisernen, die im
+Kolonieladen feilgehalten werden, Platz gemacht.</p>
+
+<p>Manche Westgrönländer sind sogar so raffiniert geworden, daß sie
+aus dem Kolonieladen Oefen zur Erwärmung ihrer Stube kaufen. Das
+Feurungsmaterial ist freilich dasselbe geblieben. Gleichzeitig aber
+brennen sie noch immer die unentbehrlichen Lampen, wenn nicht aus
+anderen Gründen, so doch der Erhellung wegen.</p>
+
+<p>Früher fand man in Grönland meistens große, von mehreren Familien
+bewohnte Häuser. Dadurch wurde die Heizung billiger, und die Bewohner
+hatten es schön warm, abgesehen davon, daß die Geselligkeit im ganzen
+auch manche Vorteile gewährte. Hier hat sich der Einfluß der Europäer
+nicht als gut erwiesen. Sie drangen auf die Verteilung der Familien
+in einzelne kleine Häuser und setzten große Belohnungen für das Bauen
+solcher Häuser aus. Sie hielten es für so schön, daß jede Familie für
+sich selbst lebte! Aber die Häuser wurden schlechter und kälter, es
+wurde mehr Material zur Erleuchtung und Heizung gebraucht, als sich
+allemal beschaffen ließ, und das ganze vorteilhafte System geriet in
+Zerrüttung.</p>
+
+<p>Im Winter, wenn alles festgefroren ist, mögen solche Erdhäuser recht
+gut sein, doch im Sommer, wenn es von den Wänden trieft und das Dach
+leckt und bisweilen von selbst einfällt, sind sie kein gesunder
+Aufenthaltsort. In alten Zeiten verließ daher der Grönländer im
+April, bei Frühlingsanfang, sein Haus und deckte oft sogar das Dach
+ab, damit die Wohnung bis zum Herbste gehörig auslüften und vom Regen
+reingewaschen werden könnte — ein recht bequemes Scheuerfest.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span></p>
+
+<p>Den ganzen Sommer und einen guten Teil des Herbstes hindurch, bis in
+den September oder Oktober lebten dann die Grönländer in Zelten, und
+gewöhnlich hatte jede Familie ein eigenes. Dieses Zelt hatte eine
+eigentümlich halbrunde Form mit einer Eingangsthür an der hohen,
+flachen Seite. Es ist innen ähnlich wie ein Haus eingerichtet, die
+Pritsche läuft an der schrägen Hinterwand entlang, der Thüröffnung, die
+ein Vorhang von halbdurchsichtiger Darmhaut verschließt, gegenüber. Die
+Wände des Zeltes bestehen aus einer äußeren Schicht von abgehaarten,
+wasserdichten Häuten, wozu gewöhnlich alte Bootbezüge verwendet werden,
+und einer inneren Schicht mit den Haaren nach innen gekehrter Renntier-
+oder Seehundsfelle. In diesen Zelten, die übrigens recht warm sind,
+gehen die Eskimos nackt, wie bei sich zu Hause.</p>
+
+<p>Unzertrennlich von dem sommerlichen Zeltleben ist das Frauenboot.
+Dieses bis zu 12 <span class="antiqua">m</span> lange Boot ist von den Europäern so benannt
+worden, weil es im Gegensatze zum Kajak von Frauen gerudert wird.</p>
+
+<p>Es ist ein offenes Boot mit Holzrippen, außen mit Seehundsfell bezogen,
+schmal und verhältnismäßig sehr flach. Es rudert sich außerordentlich
+leicht, aber infolge seiner Form ist es ein unhandliches, schlechtes
+Seeboot, weshalb die Grönländer auch sofort damit an Land gehen, wenn
+der Wind sich aufmacht. Ein kleines Segel läßt sich im Vordersteven
+anbringen und bei günstigem Winde benutzen. Segeln ist übrigens eine
+Kunst, auf die sich der Eskimo nicht versteht und für die er sich auch
+nicht interessiert.</p>
+
+<p>In einem solchen Boote wird die ganze irdische Habe der Familie
+untergebracht, das Zelt, alles Hausgerät, Kinder, Hunde, Frauen u. s.
+w. Es wird von mehreren bis zu zehn Ruderinnen<span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span> gerudert und geht, wenn
+ihrer so viele sind, mit guter Fahrt. Der Hausvater steuert gewöhnlich,
+und die übrigen männlichen Mitglieder der Familie rudern in ihren
+Kajaken hinterdrein.</p>
+
+<p>In ihren Frauenbooten zogen die Grönländer den ganzen Sommer hindurch
+von einem Fangplatz zum anderen und blieben einen oder zwei Monate in
+den Buchten, in deren Nähe es Renntiere gab. Dort gingen sie auf die
+Jagd und lebten herrlich und in Freuden.</p>
+
+<p>Dazumal unternahmen sie auch häufig lange Reisen an der Westküste,
+hinauf und hinab, wie es die heidnischen Ostgrönländer noch heute
+an der Ostküste thun. Um dem Leser einen Begriff von der Ausdehnung
+dieser Reisen zu geben, will ich erwähnen, daß Eskimofamilien aus
+<em class="gesperrt">Angmagsalik</em> an der Ostküste (65½° nördl. Br.) mit Kind und Kegel
+nach den westlich vom Kap <em class="gesperrt">Farvel</em> liegenden Marktplätzen und
+zurück fahren, also eine Strecke von 110 Meilen. Schnell reisen sie
+freilich nicht; das eine der beiden Frauenboote, die wir 1888 bei Kap
+<em class="gesperrt">Bille</em> an der Ostküste trafen und die südwärts wollten, kam erst
+zwei Jahre darauf, im Jahre 1890, in <em class="gesperrt">Pamiagdluk</em> westlich vom
+Kap Farvel an, obgleich die Entfernung nur 40 Meilen beträgt und wir
+sie meiner Ansicht nach mit unseren Booten in acht bis vierzehn Tagen
+hätten zurücklegen können. Doch sobald die Grönländer an einen Platz
+kommen, an dem sich viele Seehunde aufhalten, legen sie bei, schlagen
+ein Lager auf, gehen auf den Seehundsfang und lassen sich's wohl sein.
+Naht der Herbst oder der Winter, so suchen sie sich eine passende
+Stelle zum Bau eines Winterhauses und setzen die Reise im Frühling oder
+im Sommer, wenn das Eis ihnen das Weiterziehen gestattet, fort. Das
+oben erwähnte Frauenboot hatte auf diese Weise drei Jahre auf der Reise
+von<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> Umivik nach Pamiagdluk zugebracht und wird wohl kaum weniger
+Zeit zur Heimreise gebraucht haben. Das andere Frauenboot, das von Kap
+Bille nach Süden ging, kam bis <em class="gesperrt">Nanusek</em>, wo überwintert wurde;
+dort aber starb der Familienvater, die Hinterbliebenen kehrten um und
+traten die lange Heimreise nach Angmagsalik an. Und zwar unverrichteter
+Sache, da sie ihr Ziel, den nicht mehr als 15 Meilen entfernten
+Handelsplatz, nicht erreichten.</p>
+
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0721_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p0721_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Schlechtes Wetter.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Das Reisen längs der Westküste ließ sich natürlich viel schneller und
+leichter ausführen, weil dort das Treibeis nicht hindernd in den Weg
+trat.</p>
+
+<p>Durch diese Reisen entgingen sie der Gefahr, an den einzelnen Plätzen
+gar zu abgeschieden zu leben. Sie trafen Leute und verkehrten mit
+anderen Menschen, den ganzen Sommer über herrschte Leben und Verkehr
+an den grönländischen Küsten, was auf manche Art vorteilhaft war. Das
+Gemüt belebte sich neu, die Fanginteressen wurden angespornt, und die
+Fanggeschicklichkeit entwickelte sich, abgesehen davon, daß der häufige
+Wechsel des Jagdgebietes auch bedeutend mehr Wild einbrachte.</p>
+
+<p>Das Sommerleben in den verhältnismäßig reinlichen, luftigen Zelten ist,
+abgesehen von dem Vergnügen, das es, wie man sich leicht denken kann,
+gewährt, viel gesunder als der Aufenthalt in den dumpfen, stinkenden
+Erdhütten. Kein Wunder also, daß die schönsten Träume des Grönländers
+mit dem Frauenboot und dem Zelt verknüpft waren.</p>
+
+<p>Leider sind wir Europäer hier wieder die Ursache einer bedauernswerten
+Veränderung. Hans Egede klagte freilich sehr darüber, wie schwer es
+sei, den Grönländern ihr ständiges Umherziehen abzugewöhnen und sie
+dahin zu bringen, sich an einem Orte dauernd anzubauen, damit er<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span>
+ihnen in Ruhe das Christentum predigen könne. Er schlug sogar vor, man
+solle sie durch Zucht und Disziplin anhalten, ein seßhafteres Leben
+zu führen. Wenn dieser fromme Mann, der nur an das für Gottes Reich
+Notwendige dachte, jetzt lebte, könnte er wohl zufrieden sein: die
+christlichen Grönländer unserer Zeit begeben sich kaum mehr auf die
+Reise. Bei der großen Armut, die wir über sie gebracht haben, werden
+der Seehundsfänger, die imstande sind, sich hinreichend Felle zu Zelt
+und Frauenboot — und beide Teile sind zum Reisen ja notwendig — zu
+verschaffen, immer weniger. Dafür aber sehen sich jetzt ihrer immer
+mehr gezwungen, das ganze Jahr hindurch in den ungesunden Winterhäusern
+zu wohnen, in denen ihre Gesundheit leidet und die ein ganz
+vorzüglicher Nährboden für Bakterien und alle möglichen ansteckenden
+Krankheiten sind. Dazu kommt noch, daß die Männer ihr Fangrevier nicht
+wechseln können, sondern jahraus jahrein dieselben Stellen aufsuchen
+müssen. Hierdurch verringert sich die Ausbeute natürlich sehr, die Kost
+wird entsprechend schlechter, und der unentbehrlichen Seehundsfelle
+giebt es immer weniger. Ist erst das ganze grönländische Volk auf
+dieses Niveau, diesen festsitzenden Zustand, der Egede wohl als Ideal
+vorschwebte, herabgedrückt, dann wird es ihm wahrhaftig schwer werden,
+sich wieder zu erheben, und es wird kaum noch zu retten sein. Und der
+Niedergang hierin ist in den letzten Jahren geradezu besorgniserregend
+gewesen.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p0740_deco">
+ <img class="w100" src="images/p0740_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p075_deco_2" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p075_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_VI"><span class="s5a">Kapitel VI.</span><br>
+Kochkunst und Leckerbissen.</h2>
+</div>
+
+<p>Ein für uns ziemlich auffallender Zug im täglichen Leben des
+Grönländers ist, daß er bestimmte Mahlzeiten nicht kennt. Er ißt,
+wenn er Hunger verspürt, falls nämlich etwas zu essen da ist. Wie
+oben erwähnt, nehmen die Seehundsfänger oft den ganzen Tag nichts zu
+sich. Sie können sehr lange fasten, vertilgen dafür einandermal auch
+erstaunliche Mengen Fleisch, Speck, Fisch u. s. w.</p>
+
+<p>Ihre Kochkunst ist einfach und leicht zu erlernen.</p>
+
+<p>Fleisch und Fische werden teils roh oder gefroren, teils gekocht oder
+gedörrt verzehrt. Auch läßt man das Fleisch oft eine Art Fäulnis- oder
+Gährungsprozeß durchmachen; es wird dann <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Mikiak</span></em> genannt
+und ohne weitere Zubereitung gegessen. Ein derartiges, sehr beliebtes
+Gericht sind verfaulte Seehundsköpfe. Der Speck von Seehunden und
+Walfischen wird am liebsten roh verzehrt. Allen Kulturleckermäulern
+graut natürlich schon bei dem bloßen Gedanken, rohen Speck zu
+verzehren, ich kann ihnen aber sagen, daß er, namentlich ganz frisch,
+sehr gut schmeckt und einen süßlichen, allerdings auch ein bischen
+weichlichen Geschmack hat, der an Sahne erinnert, ohne eine Spur von
+Thranbeigeschmack zu besitzen. Dieser stellt sich erst ein, wenn man
+den Speck kocht oder brät und wenn er ranzig wird. Es giebt freilich
+noch Leute, welche glauben, daß der Eskimo<span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span> ausgeschmolzenen Thran
+zu trinken pflegt, obgleich schon Hans Egede diese irrige Annahme
+widerlegt hat. Daß sie es allerdings nicht immer verachten, wenn es
+sich ihnen bietet, davon konnte ich mich in Godthaab überzeugen. Unsere
+Magd Rosine sah ich regelmäßig einen Schluck oder zwei aus der Lampe
+trinken, wenn sie diese morgens putzte oder füllte — und es schien ihr
+recht gut zu bekommen.</p>
+
+<p>Sie lieben übrigens ein Kompott aus Engelwurz und Thran, das nach
+Saabyes Beschreibung folgendermaßen zubereitet wird: »Ein Frauenzimmer
+kaut Speck, spuckt den Saft auf die Stengel und fährt damit solange
+fort, bis sie, ihrer Meinung nach, genug bekommen haben. Diese
+eingemachten Stengel müssen eine Zeit lang stehen, worauf sie aus der
+Sauce genommen und mit großem Appetit als Nachtisch gegessen werden.«</p>
+
+<p>Die Grönländer hatten ursprünglich folgende Vegetabilien: außer
+Engelwurz (<span class="antiqua">Angelica</span>), Löwenzahn, Sauerampfer, Krähenbeeren
+(<span class="antiqua">Empetrum nigrum</span>) und verschiedene Tangarten. Eine ihrer größten
+Delikatessen ist der Inhalt des Renntiermagens. Wenn ein Grönländer
+ein Renntier erlegt und nur wenig davon mit nach Hause nehmen kann,
+wird er ihm den Magen ausschneiden, und eine grönländische Dame
+bittet ihren auf die Jagd gehenden Liebsten stets, ihr den Inhalt des
+Renntiermagens mitzubringen. Daß sie letzteren so schätzen, erklärt
+sich wohl daraus, daß sie der Pflanzennahrung bedürfen, und es ist ja
+auch Primaware, die der Feinschmecker Renntier sich von dem feinsten
+Grase und Moose aussucht und die dann im Magen eine Art gestovten
+Gemüses mit scharfer, außerordentlich pikanter Magensaftsauce giebt.
+Manch einer wird natürlich über dieses Gericht die Nase rümpfen. Er
+sollte<span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span> es aber nicht thun, denn ich habe es, mit Erlaubnis zu sagen,
+probiert und es nicht unschmackhaft gefunden, obgleich es so sauer war
+wie alte Sattenmilch. Soll es besonders fein hergehen, so thut man noch
+Speckstücke und Krähenbeeren hinzu.</p>
+
+<p>Ein anderes Gericht, an dem gleichfalls mancher Europäer Anstoß nehmen
+wird, ist das Eingeweide der Schneehühner. Hier halten sie sich nicht
+nur an den Magen, sondern auch die Gedärme mit ihrem ganzen Inhalt
+werden im Handumdrehen hinuntergeschluckt. Den Rest des Schneehuhns
+verkaufen sie für 5 bis 8 <span class="antiqua">oere</span> an einen Händler. Daher sieht man
+in Grönland auch nie unausgenommene Schneehühner, man schieße sie denn
+selbst.</p>
+
+<p>Als wir einmal mit dem Grönländer Joel auf einem Jagdausfluge am
+inneren Ameralikfjorde waren, nahm er eines Tages alle unsere
+erbeuteten Schneehühner aus. Da ihrer aber weit über hundert waren,
+konnte er natürlich nicht alle Eingeweide auf einmal verzehren und
+steckte deshalb den Rest in einen großen Sack. Er beabsichtigte
+freilich, den köstlichen Inhalt zu Hause mit seiner geliebten <span class="antiqua">Ane
+Cornelia</span> zu verspeisen, hat ihn aber sicher schon unterwegs
+aufgegessen, bevor er dort ankam. Man wird mir hoffentlich verzeihen,
+daß ich nicht sagen kann, wie dieses Gericht schmeckt; es ist das
+einzige Eskimogericht, das zu probieren ich mich nicht überwinden
+konnte.</p>
+
+<p>Als andere Leckerbissen kann ich noch die Haut (<span class="antiqua"><em class="gesperrt">matak</em></span>)
+der verschiedenen Walfischarten nennen; besonders die des Weißfisches
+und auch die des Potwals gilt für den Gipfelpunkt aller Genüsse. Die
+Haut wird mit der dicht darunterliegenden Speckschicht abgezogen und
+ohne weitere Umstände roh gegessen. Der Eskimo verdient<span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span> meine größte
+Hochachtung für die Erfindung dieses Gerichtes. Ich versichere den
+Leser, daß mir noch heute bei dem bloßen Gedanken an <span class="antiqua">Matak</span> mit
+seinem unbeschreiblich feinen Geschmacke nach Nußkernen und Austern das
+Wasser im Munde um meine wenigen übriggebliebenen Zähne zusammenläuft
+— ah! — und dann hat er das vor den Austern voraus, daß die Haut
+so zäh ist, als kaute man Putzleder, wodurch der Genuß sich bis ins
+Unglaubliche verlängern läßt. Sogar die Dänen in Grönland lieben diesen
+Leckerbissen, wenn sie ihn haben können, kochen ihn aber meistens,
+wodurch er geleeartig wird und der Nußkern- und Austerngeschmack
+spurlos verschwindet, so daß man ebensogut die Zunge zum Fenster
+hinaushängen könnte.</p>
+
+<p>Ein feines Gericht, das sich jedoch mit Matak nicht messen kann, ist
+die rohe Haut der Hellbutte, sie hat indessen ebenfalls den Vorteil,
+daß sie infolge ihrer Zähigkeit lange vorhält. Ich kann sie mit gutem
+Gewissen als delikat empfehlen, besonders zur Winterszeit.</p>
+
+<p>Rohe Seehundshaut essen die Eskimos ebenfalls gern mit dem Speck
+zusammen. Es schmeckte mir nicht so übel, doch konnte ich mich mit
+den vielen Haaren nicht aussöhnen und erlaubte mir deshalb, sie
+auszuspucken, nachdem ich verschiedene vergebliche Versuche gemacht
+hatte, sie hinunterzuschlucken.</p>
+
+<p>Die Eskimos essen das Fleisch der Seehunde, Walfische, Renntiere,
+Hasen, Vögel und Bären, ja sogar der Hunde und der Füchse. Das Einzige,
+was sie, meines Wissens, in der Regel verschmähen, ist das Fleisch des
+Raben. Da dieses Tier sich seine Nahrung zum Teil auf Misthaufen sucht,
+gilt es, wie alle dort wachsenden Pflanzen, für unrein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p>
+
+<p>Aus nicht fettem Fleische macht sich der Grönländer nichts und zieht
+daher die Wasservögel den Schneehühnern vor. In einer südgrönländischen
+Kolonie gab einmal ein erst vor Kurzem ins Land gekommener Pastor ein
+Gastmahl für einige seiner Gemeindemitglieder, und die Frau Pastorin
+setzte den Gästen dabei ihr Lieblingsgericht, gebratene Schneehühner,
+vor. Die Grönländer nahmen fast garnichts, so dringlich die Pastorin
+auch nötigte. Sie fragte nun, ob sie Schneehühner nicht möchten. »Ja,«
+lautete die Antwort, »wir essen sie schon, aber nur wenn — Hungersnot
+ist.«</p>
+
+<p>Was ich bisher angeführt habe, wird wohl hinreichend beweisen, daß die
+Grönländer durchaus nicht so genügsam im Essen sind, wie allgemein
+angenommen wird. Bei Hungersnot verzehren sie freilich all und jedes.
+So soll es, nach Dalager, z. B. vorkommen, daß »sie ihre Zeltfelle in
+Stücke hacken und davon Suppe kochen«, und man hört oft, daß Frau So
+und So ihre alten Hosen zu Suppe verkocht hat.</p>
+
+<p>Das Servieren ist auch anders, als die europäische Mode es vorschreibt.
+Tische giebt es im Grönländerhause nicht; die Schüssel wird mitten auf
+den Fußboden gestellt, und die Menschen sitzen auf den Pritschen, um
+von dort herab mit den Gabeln, die Gott ihnen bei der Geburt gegeben,
+zuzugreifen. Daß die Schüssel sich auf eine Kiste stellen ließe, fällt
+ihnen nicht ein; das Bücken scheint ihnen beinahe Bedürfnis zu sein.
+Ein Beispiel hierfür ist die einer jungen dänischen Frau passierte
+Geschichte. Die Dame wollte gleich nach ihrer Ankunft in Grönland große
+Wäsche halten und hatte sich dazu einige Eskimofrauen bestellt. Als sie
+in ihre Waschküche kam, sah sie die Wäscherinnen<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> tief über die auf dem
+Fußboden stehende Wanne gebeugt waschen, und da ihr diese Stellung sehr
+anstrengend erschien, gab sie ihnen einige Holzklötze, um den Zuber
+draufzustellen. Wie sie sich nach einer Weile noch einmal nach ihrer
+Wäsche umsehen wollte, fand sie zu ihrem großen Erstaunen den Zuber auf
+demselben Fleck und die Wäscherinnen auf den Klötzen stehend und von
+dort herab waschend. — <span class="antiqua">Se non è vero, è ben trovato!</span></p>
+
+<p>Von den vielen Dingen, die wir in Grönland eingeführt haben, lieben
+die christlichen Eskimos vor allem den Kaffee, und dieser Genuß ist
+auf der Westküste beinahe zum Laster geworden. Sie bereiten ihn stark
+und trinken meistens nicht weniger als zwei große Spülnäpfe voll zur
+Zeit. Das hindert sie indessen nicht, täglich vier- bis fünfmal Kaffee
+zu trinken, denn »er schmeckt so gut und macht so vergnügt«. Doch
+sind sie selbst schon hinter seine schädliche Wirkung gekommen, und
+deshalb erhalten die Jünglinge nur wenig oder garnichts davon, damit
+sie gute Fänger werden. Der Schwindel, an dem die älteren bisweilen
+leiden und der sie oft unsicher beim Rudern macht, wird nämlich, wie
+sie behaupten, zum Teil durch den Kaffee hervorgerufen. Diese Erfahrung
+deckt sich vortrefflich mit der neueren physiologischen Forschung, die
+bewiesen hat, daß die gefährlichsten Gifte dieses Trankes, das Coffeïn
+u. s. w., gerade die Teile des Nervensystems angreifen, von denen das
+Gleichgewicht des Körpers abhängt.</p>
+
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0801_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p0801_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption"> Auf dem Angelplatz.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Nächst dem Kaffee stehen Tabak und Kaffeebrot hoch in Ansehen. Auf
+der Westküste ist Rauch- und Kautabak am beliebtesten, das Schnupfen
+dagegen ist die Schwäche der Ostgrönländer, sowie des weiblichen
+Geschlechts der Westküste, und man wird oft unangenehm durch die
+<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span>Entdeckung überrascht, daß eine junge, anmutige Schöne eine gehörige,
+Nasenlöcher und Oberlippe einpulvernde Prise nimmt. Sie reiben
+ihren Schnupftabak selber zwischen flachen Steinen aus ungesaucetem
+Rolltabak, der kleingeschnitten und über der Lampe getrocknet wird. Um
+ihn ausgiebiger zu machen, wird er manchmal mit geriebenem Speckstein
+vermischt; aufbewahrt wird er in großen oder kleineren Hörnern. Auf
+der Ostküste spielt er auch bei einzelnen Ceremonieen eine Rolle.
+Der Eskimo hat in seiner Sprache kein Wort für »Guten Tag« oder
+»Willkommen«; statt dessen reicht er dem gerngesehenen Besucher sein
+Schnupftabakshorn zur Benutzung hin, worauf ihm dieser das seinige
+darbietet. Beim Abschied wiederholt sich dieselbe Ceremonie.</p>
+
+<p>Die Westgrönländer bereiten ihren Kautabak auf eine für uns
+überraschende Weise. Lange dänische Porzellanpfeifen werden mit
+Rauchtabak, auf den Wasser gegossen wird, halbvoll gestopft und dann
+mit trockenem Tabak bis zum Rande gefüllt. Man raucht nun so lange, bis
+die Glut an der Feuchtigkeit erlischt. Dann wird die Asche ausgeklopft,
+aller ölige Saft aus dem Kopf, dem Rohre, dem übergelegten Deckel u.
+s. w. abgekratzt und mit den schon durch den Rauch gut durchsauceten
+Tabaksresten am Boden des Pfeifenkopfes gemischt, und der Kautabak ist
+fertig. Dieses starke Konfekt wird besonders als Kajakproviant sehr
+geschätzt.</p>
+
+<p>Glücklicherweise hat die Regierung verboten, den Eskimos Branntwein
+zu verkaufen. Die im Lande wohnenden Europäer dürfen sich aber ihren
+Bedarf kommen lassen und die Grönländer damit traktieren. Man giebt
+ihnen namentlich dann welchen, wenn sie auf den Booten der Europäer
+bei<span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span> Sommerreisen als Besatzung fungieren, sowie nach jedem Handel,
+den man mit ihnen abschließt. Ferner ist es so weise eingerichtet, daß
+die <em class="gesperrt">Kifaker</em> oder in Diensten des dänischen Handels Angestellten
+jeden Morgen ihren Schnaps bekommen, während die Fänger, die tüchtiger
+sein müssen und deshalb über den Kifakern stehen, nur dazu gelangen,
+wenn sie den Europäern Dienste leisten oder ihnen etwas verkaufen.</p>
+
+<p>Alle, Männer wie Frauen, sind leidenschaftliche Branntweintrinker.
+Nicht, weil er gut schmecke, vertrauten sie mir oft an, sondern weil
+es so herrlich sei, betrunken zu sein. Betrunken waren sie denn auch,
+sowie sich eine Gelegenheit erbot; doch war dies glücklicherweise nicht
+so häufig der Fall. Daß der Rausch wirklich der Zweck dieses Genusses
+war, scheint schon daraus hervorzugehen, daß die Kifaker garnicht sehr
+auf den Morgenschnaps erpicht waren, weil man »davon nicht betrunken
+werden könne«. Aus diesem Grunde kamen oft mehrere dahin überein, daß
+einer einen Morgen sämtliche Schnäpse trank und am Tage darauf die
+Reihe an den zweiten kam. Hierdurch konnten sie sich in bestimmten
+Zwischenräumen einen ordentlichen Rausch verschaffen. Kamen jedoch die
+Vorgesetzten dahinter, so wurde ihnen freilich das Handwerk zu legen
+gesucht.</p>
+
+<p>Ganz den bei uns im allgemeinen bestehenden Verhältnissen entgegen
+fanden die Grönländerfrauen in der Regel ihre Männer reizend, wenn
+diese berauscht waren, und amüsierten sich köstlich über den Anblick.
+Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich allerdings erklären, daß
+sie mir mit wenigen Ausnahmen viel weniger abstoßend und bedeutend
+friedfertiger in diesem bacchantischen Zustande erschienen, als man es
+bei uns zu Hause in ähnlicher Verfassung gewöhnlich ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span></p>
+
+<p>Bei der Ankunft der Europäer im Lande kannten die Eingeborenen die
+Wirkung des Branntweines noch nicht. Als das Weihnachtsfest herannahte,
+fragten sie Niels Egede, wann seine Leute »toll« würden; sie hielten
+nämlich die »Tollheit« für eine notwendige Folge des Festes, und sie
+war ihnen ein Ausgangspunkt für ihre Zeitberechnung geworden. Später
+erfuhren sie, die Tollheit rühre von dieser Flüssigkeit her, die
+sie deshalb <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Silaerúnartok</em></span> oder das, wovon man seinen
+Verstand verliert, nannten; jetzt aber nennen sie sie gewöhnlich
+<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Snapsemik</em></span>.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p083_deco">
+ <img class="w100" src="images/p083_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p0840_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p0840_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_VII"><span class="s5a">Kapitel VII.</span><br>
+Charakter und soziale Verhältnisse.</h2>
+</div>
+
+<p>Sehe ich alle die Zänkereien und das widerwärtige Ausschimpfen jedes
+Gegners, die uns die Zeitungen der verschiedenen Parteien täglich
+auftischen, so muß ich oft denken, was diese Herren Politiker wohl
+sagen würden, wenn sie die grönländische Gesellschaft kennten!
+Ob sie nicht vor Scham erröten würden, wenn man sie den Leuten
+gegenüberstellte, die der Gottesmann Hans Egede folgendermaßen
+tituliert: »Solch wahnwitzige, kaltsinnige, ohne Kenntnis irgend
+welcher Gottesverehrung in viehischer Dummheit, ohne Ordnung und
+Disziplin lebende Menschen!« Wie tief stehen aber wir, und mit wie
+großer Berechtigung könnten diese »Wilden« verächtlich auf uns
+herabsehen, wenn sie erführen, daß man sich bei uns, sogar in der
+öffentlichen Presse, der gemeinsten Schimpfwörter, wie: »Lügner«,
+»Verräter«, »Meineidiger«, »Schmutzblatt«, »Skandalpresse«, »Lümmel«,
+»Schuft« u. s. w. bedient. Sie selber nehmen ja nie ein Schimpfwort in
+den Mund, ja, diese bei uns so reich entwickelte Wortklasse fehlt sogar
+in ihrer Sprache.</p>
+
+<p>In diesem Verhältnisse liegt eine Grundverschiedenheit des Charakters
+ausdrückt. Der Grönländer ist von allen Menschen, die unser Herrgott
+erschaffen hat, der gesittetste. Gutmütigkeit, Friedfertigkeit und
+Verträglichkeit sind die<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> Hauptzüge seines Charakters. Er will gern
+mit allen seinen Mitmenschen auf möglichst gutem Fuße stehn und denkt
+daher nicht dran, sie zu verletzen, geschweige denn ihnen Grobheiten
+zu sagen. Er widerspricht nicht gern, selbst wenn ihm jemand etwas
+erzählt, was, wie er weiß, sich anders verhält. Jeden Einwand kleidet
+er in die mildeste Form, und es würde ihm sehr schwer fallen, den
+anderen geradeheraus der Unwahrheit zu zeihen. Er sagt anderen
+auch nicht gern Wahrheiten, die sie seiner Ansicht nach unangenehm
+berühren könnten. In solchem Falle bedient er sich lieber unbestimmter
+Ausdrücke, auch wenn es sich um so gleichgültige Dinge, wie Wind und
+Wetter, handelt. Seine Friedfertigkeit geht soweit, daß er, wenn ihm
+etwas gestohlen wird, — was freilich selten vorkommt — das Seinige in
+der Regel nicht zurückfordert, obgleich er oft weiß, wer der Dieb ist.
+— »Wer Dich bittet, dem gieb; und wer Dir das Deine nimmt, da fordere
+es nicht wieder.« (Ev. Luc. 6, 30.)</p>
+
+<p>Infolgedessen giebt es dort selten oder nie Streit. Die Grönländer
+können es sich nicht erlauben, ihre Zeit mit Wortgefechten zu
+vergeuden. Der Kampf um die Unterjochung der Natur, jene große Aufgabe
+des Menschengeschlechtes, ist dort schwerer als sonst irgendwo, und
+darum ist dieses kleine Volk übereingekommen, ihn ohne unnötige
+Zersplitterung der Kräfte zu führen.</p>
+
+<p>Der Grönländer ist eigentlich ein glücklicher Mensch, sein Sinn
+fröhlich und leicht wie der eines Kindes. Jeden Kummer empfindet
+er im ersten Augenblick sehr heftig, vergißt ihn aber bald und ist
+dann wieder so strahlend heiter und mit seinem Dasein zufrieden wie
+gewöhnlich. Dieser lebensfrohe, leichte Sinn läßt ihn wenig an die<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span>
+Zukunft denken. Hat er für den Augenblick Speise, so freut er sich und
+ißt, solange noch etwas da ist, wenn er nachher auch darben muß, was
+ihm jetzt leider oft passiert und von Jahr zu Jahr immer allgemeiner
+wird.</p>
+
+<p>Diese Sorglosigkeit ist ihm oft in starken Ausdrücken vorgeworfen
+worden. Die Missionare behaupten, und gewiß nicht ohne Berechtigung,
+daß sie ihn für die Civilisation unempfänglich mache, und haben
+versucht, ihn zu größerer Vorsorge und besserem Haushalten mit seinen
+Vorräten anzuhalten. Doch sie vergessen dabei, daß auch geschrieben
+steht: »Sorget nicht für den anderen Morgen« und: »Sehet die Vögel
+unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln
+nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch.«</p>
+
+<p>Dieser Leichtsinn hat aber auch seine Lichtseite, er macht sogar
+gewissermaßen die Stärke des Eskimos aus.</p>
+
+<p>Armut und Not haben bei uns zwei Folgen. Die unmittelbare ist natürlich
+körperliches Leiden, doch mit diesem zusammen und nach ihm kommt das
+geistige, jenes unerbittliche Nagen, das uns Tag und Nacht, bis in
+den Schlaf hinein, verfolgt und uns jeden Augenblick verbittert. Dies
+ist in der Regel das Schwerste für unsere Armen, und wäre dies nicht,
+so würden die körperlichen Leiden, die ja meistens nur vorübergehend
+sind, viel leichter ertragen werden. Von dieser Seite der Armut ist
+jedoch der leichte Sinn des Eskimos frei. Selbst wenn er sehr lange
+hat hungern müssen und es ihm sehr schlecht ergangen ist, hat er
+alles Ausgestandene vergessen, sobald er etwas zu essen bekommt. Die
+Erinnerung an die überstandenen Qualen ist ebensowenig imstande, ihm
+den Genuß und die Freude zu stören, wie das Bangen vor<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> dem, was morgen
+oder übermorgen kommen wird. Das Einzige, was sein Glück zu trüben
+vermag, ist, andere Not leiden zu sehen, und deshalb teilt er mit
+ihnen, solange er selbst etwas zu teilen hat.</p>
+
+<p>Besonders aber schneidet es den Eskimos ins Herz, wenn sie ihre kleinen
+Kinder hungern sehen, »und deshalb,« sagt Dalager, »geben sie den
+Kindern alles, auch wenn sie selber beinahe vor Hunger krepieren; denn
+sie leben täglich in der Hoffnung auf bessere Zeiten, die wirklich
+manchen am Leben erhält.«</p>
+
+<p>Will man die Grundverschiedenheit des Charakters der Eskimos von dem
+unsrigen deutlich erkennen, so studiere man ihre sozialen Verhältnisse.
+Man hört nicht selten die Ansicht aussprechen, daß der Eskimostaat
+gesetzlos und ungeordnet sei. Das ist ein Irrtum.</p>
+
+<p>Ursprünglich war er im Gegenteil außerordentlich wohlgeordnet. Sie
+hatten ihre bestimmten Bräuche und Regeln für all und jedes, die im
+Munde des Volkes fortlebten und selten übertreten wurden; denn die
+Eskimos sind unglaublich gefügige Leute, was selbst Hans Egede, der
+sie, wie oben gesagt, doch gehörig anschwärzt, zugiebt, wenn er unter
+anderem berichtet: »Es ist wirklich merkwürdig, welche Eintracht unter
+ihnen herrscht; Zank und Streit, Haß und Nachtragen nimmt man bei
+ihnen selten wahr. Und<a id="FNAnker_17" href="#Fussnote_17" class="fnanchor">[17]</a> wenn einer auch einem anderen böse sein
+mag, so läßt er es sich doch nicht anmerken, sondern erlaubt sich aus
+großer<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> Scham vor anderen nicht, ihn mit Schimpfreden oder gar Schlägen
+anzugreifen, wie sie auch gar keine Weise und Worte kennen, einander
+auszuschelten.« Dies sagt, wohlbemerkt, ein Prediger von Heiden, die
+diesen friedfertigen Sinn also nicht durch das Christentum bekommen
+haben konnten.</p>
+
+<p>Da kamen die Europäer ins Land. Ohne das Volk und seine Bedürfnisse
+zu kennen und zu verstehen, gingen sie von der Ansicht aus, daß der
+Eskimostaat von Grund aus der Verbesserung bedürfe, und griffen
+zerstörend in alle seine Institutionen ein. Sie suchten ihm einen
+vollständig neuen Stempel aufzudrücken, gaben den Grönländern mit
+einem Schlage eine ganz neue Religion und zerstörten die Achtung vor
+den alten Bräuchen und Ueberlieferungen, natürlich ohne ihm neue dafür
+wiederzugeben. Ja, die Missionare meinten, dieses wilde, freilebende
+Jagdvolk in eine civilisierte, christliche Nation umwandeln zu können,
+ohne zu bedenken, daß dieses Volk in seinem Herzen in vieler Beziehung
+christlicher war, als sie selber, und die christliche Nächstenliebe
+z. B. in der Praxis weit besser durchgeführt hatte, als es je eine
+christliche Nation gethan hat. Kurz, die Europäer betrugen sich in
+Grönland gerade so, wie sie es überall thun, wo sie im Namen Jesu
+auftreten, um »die armen Heiden des Segens der ewigen Wahrheit
+teilhaftig zu machen«. Diese Anschauung wird am besten durch den schon
+oben erwähnten Ausspruch Egedes charakterisiert. »Die angeborene
+Dummheit und Gleichgültigkeit der Grönländer, ihre viehische, thörichte
+Kindererziehung, ihre unstäte, umherschweifende Lebensweise, alles
+dieses legt ihrer Bekehrung große Hindernisse in den Weg und muß,
+soweit es möglich ist, abgeändert und remediert werden.« Welch ein
+<span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span>Mangel an Verständnis! Man denke nur, das umherschweifende Leben eines
+Jagdvolkes ändern und remedieren zu wollen! Was bliebe ihm dann?
+Garnicht davon zu reden, daß sich dies durch »Zucht und Disziplin«,
+seiner Meinung nach, recht wohl erreichen ließe.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0881_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p0881_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Seehundfischerei.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Die Grönländer hörten zuerst die Fremden verwundert an. Sie waren
+bisher mit sich selber und dem ganzen Dasein zufrieden gewesen und
+hatten keine Ahnung gehabt, daß die Welt und die Menschen so schlecht
+seien, wie die Missionare ihnen immer wieder sagten. Es fehlte
+ihnen, wie Egede sagt, gänzlich »die rechte Erkenntnis ihrer eigenen
+Verderbtheit«, und es wurde ihnen sehr schwer, eine so grausame
+Religion, die die Menschen zum ewigen Höllenfeuer verdammt, zu
+verstehen. An die Erbsünde glaubten sie schon eher, aber nur als an
+ein allgemeines Uebel bei den <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Kavdlunakern</em></span> (Europäern);
+denn daß diese zum großen Teile schlechte Menschen waren, sahen sie ja
+täglich, die <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Kaladlit</span></em> (Eskimos) aber, die doch gute Leute
+waren, hätten eigentlich ohne weiteres in das Himmelreich kommen müssen.</p>
+
+<p>Als im Jahre 1728 ein dänisches Schiff mit Männern und Frauen zur
+Kolonisation des Landes in Godthaab ankam, erregten viele von der
+Besatzung durch ihr schlechtes Benehmen großes Aergernis bei den
+Heiden, und diese »fragten oft, woher es denn eigentlich komme, daß so
+viele von unseren Leuten so ungesittet seien. Statt daß Frauenzimmer
+(die Grönländerinnen) sonst still und ehrbar zu sein pflegten,
+betrügen sich diese (die Europäerinnen) toll, frech und ohne jede
+weibliche Scham. Sie kennten doch wohl alle Gottes Willen«.<a id="FNAnker_18" href="#Fussnote_18" class="fnanchor">[18]</a> Und
+die Grönländer verachteten und<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> verlachten die dummen, selbstbewußten
+Europäer, die so fein predigten, aber so schlecht handelten und
+überdies nichts vom Fange und allem, was sie selber für das Wichtigste
+im Leben hielten, verstanden.</p>
+
+<p>Durch die Macht, die eine höhere Kultur verleiht, konnten die Fremden
+so nach und nach siegen und im Laufe der Zeit eine durchgreifende
+Umwälzung und ein schwankendes Gemisch von altgrönländischer und
+moderneuropäischer Volkssitte und Kultur zustande bringen, wie sie auch
+in unerlaubt hohem Grade ihr Blut mit dem der Eskimos kreuzten und ohne
+priesterliche Hülfe stark gemischte Nachkommenschaft erzeugten.</p>
+
+<p>Da die Eskimos jedoch ein sehr konservatives Volk sind, findet man
+bei ihnen noch immer viele wesentliche Züge der ursprünglichen
+Zustände. Wie bei allen Jagdvölkern, ist auch bei den Grönländern der
+Eigentumsbegriff sehr beschränkt; es wäre jedoch verkehrt, anzunehmen,
+daß er ihnen ganz fehle.</p>
+
+<p>Hinsichtlich der meisten Dinge herrscht allerdings eine gewisse
+Gütergemeinschaft; doch sie beschränkt sich je nach der Natur der
+verschiedenen Gegenstände auf bestimmte engere und weitere Kreise.
+Nächst dem Individuum selbst kommt als engster Kreis die Familie,
+dann die Hausgenossen und die Verwandtschaft, und schließlich alle in
+demselben Orte wohnenden Familien. Als das eigentlichste Privateigentum
+werden der Kajak, der Kajakanzug und die Fanggeräte angesehen, die
+dem Fänger allein gehören und die weiter keiner anrühren darf; denn
+damit ernährt er sich und seine Familie und muß deshalb sicher sein,
+sie immer da finden zu können, wo er sie zuletzt hingelegt hat;
+sie werden auch selten verliehen. In früheren Zeiten hatten<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> gute
+Fänger gewöhnlich zwei Kajake, doch heutzutage läßt sich das selten
+ermöglichen. Etwas, was sich eigentlich auch den Fanggeräten nähern
+dürfte, sind die Ski. Da diese indessen erst durch die Europäer
+eingeführt wurden, gilt der Eigentumsbegriff für sie nicht in demselben
+Grade, und während der Eskimo selten oder nie die Waffen eines andern
+anrühren würde, trägt er kein Bedenken, den Ski eines andern zu
+brauchen, ohne ihn vorher zu fragen.</p>
+
+<p>Nach den Fanggeräten und Kleidungsstücken kommen die Werkzeuge für den
+Hausgebrauch, wie Messer, Beile, Sägen, Fellschabeisen u. s. w. Vieles
+davon, namentlich die Nähutensilien der Weiber, wird jedoch auch als
+Privateigentum im eigentlichen Sinne betrachtet.</p>
+
+<p>Andere Hausgeräte sind Gemeingut der Familie oder aller Hausgenossen.
+Das Frauenboot gehört dem Familienvater oder der Familie, das Zelt
+ebenfalls. Das Haus gehört auch der Familie, und wohnen mehrere
+Familien darin, so allen zusammen.</p>
+
+<p>Grundbesitz kennt der Eskimo nicht, doch scheint es dort Brauch zu
+sein, daß man auf einem Platze, wo schon Leute wohnen, ohne deren
+Zustimmung weder sein Zelt aufschlagen, noch ein Haus bauen darf.</p>
+
+<p>Als Beispiel ihrer Rücksicht für einander in dieser Beziehung sei
+ein Zug angeführt, der vor mehr als hundert Jahren von Lars Dalager
+beschrieben worden ist:</p>
+
+<p>»Wenn sie im Sommer mit ihren Zelten und sonstiger Bagage an der Küste
+längsfahren und an einer Stelle, wo schon Grönländer stehen, zu bleiben
+gedenken, rudern sie sehr langsam ans Land und halten ungefähr einen
+Flintenschuß vom Ufer, ohne ein Wort zu sagen. Schweigen die am Ufer
+Stehenden ebenfalls, so denken die Kommenden,<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> sie seien nicht gern
+gesehen, und rudern in größter Eile nach einem leeren Platze. Doch wenn
+vom Lande her, wie es meistens geschieht, diese Komplimente gemacht
+werden: Seht her! Hier sind gute Zeltplätze, gutes Lager für Eure
+Frauenboote, kommt und ruht Euch von des Tages Last aus!, so legen
+sie nach kurzer Ueberlegung am Ufer an, wo man bereit steht, sie zu
+empfangen und beim Ausladen der Bagage zu helfen. Doch wenn sie wieder
+abreisen, wird ihnen nur beim Aussetzen der Frauenboote geholfen, alle
+übrige Arbeit läßt man sie allein thun, wenn nicht der Reisende ein
+sehr guter Freund oder naher Verwandter ist. In diesem Falle wird er
+mit derselben Ehrenbezeugung, mit der er empfangen worden, und mit den
+Abschiedsworten: Euer Fortgehen wird bei uns eine stille Erinnerung
+verursachen dimittiert.«<a id="FNAnker_19" href="#Fussnote_19" class="fnanchor">[19]</a></p>
+
+<p>Ein Anflug von Grundbesitzbegriff scheint auch darin zu liegen, daß
+falls jemand in lachsreichen Flüssen Dämme zur Ansammlung der Fische
+gebaut hat, es übel vermerkt wird, wenn Fremde diese Einhegungen
+verändern oder innerhalb derselben Netze auswerfen, wie es die Europäer
+in früheren Zeiten häufig gethan haben (auch von Dalager berichtet).</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Treibholz</em> gehört dem, der es zuerst im Wasser findet, wo es auch
+sei. Um sein Recht zu behaupten, ist er verpflichtet, es ans Land zu
+bugsieren, über die Flutmarke hinaufzuziehen und auf irgend eine Art zu
+zeichnen. Vor diesem Eigentum hat der Eskimo großen Respekt, und hat
+einer Treibholz am Ufer niedergelegt, so<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> kann er, falls keine Europäer
+dort hingekommen sind, sicher sein, es noch nach Jahren wiederzufinden;
+wer es nähme, würde fortan für einen Schuft gelten.</p>
+
+<p>Hinsichtlich ihrer Auffassung des Eigentumsbegriffes beim Leihen und
+Handeln sei angeführt, was Dalager darüber sagt:</p>
+
+<p>»Leiht ein Mann einem anderen etwas, wie Boote, Pfeile, Angelschnüre
+oder sonst ein Angelgerät, und dieser kommt damit zu Schaden, sei
+es, daß der Seehund oder das Tier mit dem Pfeile durchgeht oder der
+Fisch die Schnur zerreißt oder auch, daß der Fisch oder der Seehund
+das Boot beschädigt, so geht dies alles auf Kosten des Besitzers, und
+der Leihende ersetzt nichts davon. — Nimmt jemand Pfeile oder Geräte
+leihweise in Gebrauch, ohne daß der Besitzer davon weiß, und werden sie
+beschädigt, so ist der Leihende verpflichtet, den Eigentümer schadlos
+zu halten. Dies kommt sehr selten vor, denn ein Grönländer muß in sehr
+großer Verlegenheit sein, ehe er einen andern mit dem Ansinnen, ihm
+etwas zu leihen, inkommodiert, aus Furcht, es könnte zu Schaden kommen.«</p>
+
+<p>»Kauft man etwas von einem anderen, und die Waren gefallen ihm nicht,
+so kann er sie zurückschicken, auch wenn schon längere Zeit seit dem
+Kaufe verstrichen ist.«</p>
+
+<p>»Kauft einer von dem andern teure Sachen, wie Boote oder Flinten, und
+ist der Käufer nicht imstande, den Verkäufer in Betreff der geforderten
+Bezahlung zu befriedigen, so erhält er Kredit, bis er es kann. Stirbt
+der Debitor aber vorher, so macht der Kreditor nie seine Forderung
+geltend.« Dies ist, fügt Dalager hinzu, »ein schädlicher Articul für
+die Kaufleute der Kolonie, die immer Kredit geben müssen, und wovon ich
+selbst besonders in diesem<span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span> Jahre viele Proben gehabt, da viele meiner
+Debitoren mit dem Tode abgegangen sind und mich dadurch in ein ekliches
+Labyrinth gebracht haben.«</p>
+
+<p>Als er sich bei »verschiedenen vornehmen und vernünftigen Grönländern«
+beklagte, gaben sie ihm den Rat, »seine Forderung gleich zu
+legitimieren, aber erst die Läuse des Mannes (nach ihrer Redeweise) im
+Grabe sterben zu lassen, ehe er zur Exekution schritte.«</p>
+
+<p>Viel mehr als das Obengenannte<a id="FNAnker_20" href="#Fussnote_20" class="fnanchor">[20]</a> kann ein Grönländer den
+ursprünglichen Bräuchen nach also eigentlich nicht sein eigen nennen.
+Selbst wenn er Sinn für das Sammeln von Reichtümern hätte, den er
+jedoch selten besitzt, würden seine bedürftigen Genossen allem weniger
+Notwendigen gegenüber Forderungen geltend machen können. Daher herrscht
+in Grönland das Mißverhältnis, daß die in das Land übergesiedelten
+Europäer, die sich ja im Grunde von den Eingeborenen ernähren, sich oft
+Reichtum erwerben und im Ueberflusse leben, während die Eingeborenen
+selber dies nicht können.</p>
+
+<p>Denn nicht einmal die von ihm erlegte Beute gehört dem Grönländer
+rechtlich ganz allein. Ueber die Verteilung entscheiden von Alters
+her feststehende Regeln, und nur einzelne Tierarten darf er
+größtenteils für sich und seine Familie behalten. Hierzu gehört der
+<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Atak</span></em> oder Grönlandsseehund, aber auch davon muß er den
+Kajakmännern, die ihn gleich nach dem Fange ansprechen, und allen
+Kindern seines Wohnortes je ein kleines Stück Speck abgeben. Andere
+Seehundarten werden nach<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> bestimmten Regeln unter diejenigen verteilt,
+die beim Fange zugegen oder behülflich waren, manchmal erhält sogar
+jedes Haus des Wohnortes ein Stück. Letzteres gilt namentlich für das
+Walroß und mehrere Walfischarten, wie den Weißwal; von diesen erhält
+der Fänger einen verhältnismäßig kleinen Teil, auch wenn er das Tier
+ganz allein erlegt hat. Wird ein größerer Wal ans Land gebracht, so
+soll es ein scheußlicher Anblick sein, wie sich alle Bewohner des
+Ortes mit Messern bewaffnet auf das noch im Wasser befindliche Tier
+stürzen, um jeder seinen Anteil zu nehmen. Dabei geht es dann so blutig
+zu, daß Dalager behauptet, er habe weder »gehört, noch gesehen, daß
+je ein Wal zerstückt sei, ohne daß Verstümmelungen oder wenigstens
+schwere Blessuren vorgekommen, was von einer unvorsichtigen Hitzigkeit
+vorkommt, wenn wohl einige Hundert Menschen auf dem Fische liegen
+und darum nicht so genau darauf achten, wo das Messer hin- oder
+hineinschneidet.« Charakteristisch für ihr gutes Herz ist übrigens,
+»daß der, welcher so zu Schaden kommt, dem Thäter deshalb niemals
+grollt, sondern es für einen Unfall ansieht«.</p>
+
+<p>Diese Regeln gelten nicht nur für größere Tiere, sondern auch für
+einzelne Fischarten. Wird also eine Hellbutte gefangen, so ist der
+Fänger verpflichtet, den anderen Kajakmännern, die auf dem Fangplatze
+halten, ein Stück Haut zum Verteilen zu geben. Außerdem teilt er
+gewöhnlich, wenn er heimkommt, seinen Hausgenossen und den Nachbarn
+etwas von dem Tiere zu.<a id="FNAnker_21" href="#Fussnote_21" class="fnanchor">[21]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p>
+
+<p>Selbst wenn der Grönländer alle diese Vorschriften gewissenhaft befolgt
+hat, kann er doch nicht immer seinen Anteil von seiner eigenen Beute
+unverkürzt behalten. Erbeutet er z. B. etwas, wenn in seinem Wohnorte
+Mangel oder gar Hungersnot herrscht, so gilt es für seine Pflicht,
+entweder ein Gastmahl zu geben oder mit den anderen Haushalten, die
+vielleicht lange Zeit frisches Fleisch haben entbehren müssen, zu
+teilen.</p>
+
+<p>Ist der Fang gut, so giebt es ein Gastmahl, und man schmaust, bis
+man nicht mehr kann. Wird nicht alles verzehrt und ist in den andern
+Häusern auch noch genug da, so wird es für den Winter aufgehoben.
+Kommt aber eine Zeit der Not, so haben die, welche etwas haben, die
+Pflicht, denen, die nichts haben, zu helfen, solange etwas zum Abgeben
+da ist. Nachher hungern sie gemeinsam, und manchmal verhungern sie
+auch. Daß einige in Ueberfluß leben, während andere Not leiden, was
+in den europäischen Staaten ja tagtäglich vorkommt, ist in Grönland
+unerhört, wenn man davon absieht, daß die dort wohnenden Europäer mit
+der gewöhnlichen Vorsorge unserer Rasse oft Vorräte haben, während die
+Grönländer darben.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p0961_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p0961_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Auf der Seehundjagd.</figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span></p>
+
+<p>Aus dem Angeführten wird man ersehen, daß die Gesetze darauf
+hinauslaufen, die Beute möglichst dem ganzen Orte zugute kommen zu
+lassen, damit die einzelnen Familien nicht darauf angewiesen sind, daß
+ihre Versorger täglich etwas fange. Es sind Gesetze, die sich durch die
+Erfahrung langer Zeiten ausgebildet haben und schon viele Menschenalter
+hindurch fest im Volke wurzeln.</p>
+
+<p>Der Grönländer steht der Not anderer wie ein mitleidiges Kind
+gegenüber; <em class="gesperrt">sein erstes Staatsgesetz ist, anderen zu helfen</em>.
+Hierauf und auf dem Zusammenhalten in guten, wie in bösen Tagen basiert
+die Existenz aller kleinen grönländischen Gemeinwesen. Ein hartes Leben
+hat den Eskimo gelehrt, daß, auch wenn er tüchtig ist und sich in der
+Regel selbst versorgen kann, doch bisweilen Zeiten kommen, da er ohne
+den Beistand seiner Mitmenschen untergehen müßte, und daß es deshalb
+besser ist, selber stets hilfsbereit zu sein. »Was Du willst, daß
+andere Dir thun sollen, das thue auch ihnen«, diesen Lehrsatz, einen
+der ersten und wichtigsten des Christentums, hat die Natur selbst den
+Grönländer gelehrt, und er führt ihn praktisch durch, was man von den
+Christen nicht immer behaupten kann. Leider aber scheint diese Lehre in
+demselben Verhältnis, als er sich civilisiert, an Kraft zu verlieren.</p>
+
+<p>Wie Gefälligkeit gegen Nachbarn ein Gesetz ist, so ist es Gastfreiheit
+gegen Fremde nicht minder. Der Reisende kehrt ins erste Haus ein, an
+das er kommt, und bleibt dort, so lange es ihm nötig dünkt. Er wird
+freundlich aufgenommen, und es wird ihm vorgesetzt, was das Haus
+vermag, auch wenn er kein Freund ist. Zieht er weiter, so wird ihm
+oft noch eine Wegzehrung mitgegeben; ich habe Kajakmänner Häuser, in
+denen sie sich des Sturmes wegen<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> mehrere Tage aufgehalten hatten,
+mit Heilbuttenfleisch, das ihnen beim Abschiede geschenkt worden,
+förmlich beladen verlassen sehen. Bezahlt darf für die Unterkunft nicht
+werden. Ein Europäer wird auch überall gastfrei aufgenommen, obwohl die
+Grönländer nicht dieselben Ansprüche ihm gegenüber machen würden, wenn
+sie auf Reisen an seinem Hause vorbeikämen. Die Europäer geben jedoch
+häufig eine Art Vergütung in Kaffee und ähnlichem, was sie mit sich
+führen, um ihre Wirte damit zu traktieren.</p>
+
+<p>Daß Gastfreiheit eine Pflicht ist, die auch auf der Ostküste Grönlands
+in hohem Maße geübt wird, davon erzählt Kapitän Holm mehrere
+merkwürdige Beispiele. So sei auf seine Erzählung von dem Mörder
+<em class="gesperrt">Maratuk</em>, der seinen Stiefvater erschlagen hatte, hingewiesen. Es
+war ein schlechter Mensch, den keiner mochte; trotzdem wurde er, als er
+die nächsten Verwandten des Ermordeten besuchte, aufgenommen und lange
+bewirtet, — doch wurde ihm Böses nachgesagt, als er abgereist war.</p>
+
+<p>Zur Gastfreiheit zwingen sie selbstverständlich auch die harten
+Naturverhältnisse; denn häufig überfällt sie weit von Hause ein
+Unwetter, das sie zwingt, in das nächste Haus zu flüchten.</p>
+
+<p>Leider scheint die Gastfreiheit in den letzten Jahren auf der Westküste
+abgenommen zu haben. Auch hierin geben die Europäer wieder das
+Beispiel. Freilich kommt noch dazu, daß dort kein solcher Wohlstand
+mehr herrscht wie in früheren Zeiten und man also oft nicht imstande
+ist, Fremde zu beköstigen.</p>
+
+<p>Manch einem wird es wohl scheinen, als sei ich oft ungerecht gegen die
+Europäer; das ist aber durchaus nicht meine Absicht. Wenn die Europäer
+auch nicht den besten<span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span> Einfluß gehabt haben, so kann man ihnen dies
+doch nicht immer direkt zur Last legen, denn obwohl sie selber es oft
+sehr gut gemeint, haben die Verhältnisse es doch unvermeidlich so mit
+sich gebracht. So haben sie zum Beispiel in der besten Absicht eifrig
+daran gearbeitet, den Eigentumsbegriff der Grönländer auszubilden.
+Diese werden angehalten, etwas von ihrer Beute aufzuheben, statt
+alles in ihrer gewohnten freigebigen Weise zu verschleudern. Man
+beruft sich darauf, daß die Grundbedingung einer Civilisation ein
+besser entwickelter Eigentumsbegriff sei. Ob dies gut ist, mag manchem
+zweifelhaft erscheinen, mir aber kommt es nicht so vor. Ich muß
+freilich einräumen, daß zur Basis einer Civilisation bedeutend mehr
+Sinn für irdische Habe erforderlich ist, als der Eskimo besitzt. Aber
+ich kann nicht begreifen, was die armen Menschen mit der Civilisation
+sollen; glücklicher macht sie sie wahrhaftig nicht, sondern sie
+zerstört das Schöne und Gute in ihnen, schwächt sie im Kampf ums Dasein
+und führt sie unumgänglich in Armut und Elend. Doch davon später.</p>
+
+<p>Die Gesetze, auf denen der grönländische Heidenstaat basiert, sind,
+wie wir gesehen haben, nach Möglichkeit in der Praxis durchgeführter
+Sozialismus. In dieser Beziehung war er christlicher als irgend ein
+christlicher Staat, und unsere heutigen Gesellschaftsreformatoren
+könnten dort oben allerlei lernen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Spencer</em> hat in einer seiner Schriften behauptet, die
+Menschheit habe zwei Religionen; die erste und natürlichste sei der
+Selbsterhaltungstrieb, der das Individuum zur Verteidigung seiner
+selbst gegen jeden äußeren Widerstand oder jede außenstehende
+feindliche Macht antreibt. Er nennt dies die Religion der Feindschaft.
+Die zweite sei der Vereinigungstrieb,<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> der den Menschen veranlaßt, mit
+seinen Nachbarn und Mitbürgern in Gemeinschaft zu treten, und diesem
+entstamme die christliche Lehre »Du sollst Deinen Nächsten lieben wie
+Dich selbst«, ja »Du sollst auch Deine Feinde lieben«. Dies nennt
+er die Religion der Freundschaft. Die erste ist die Religion der
+Vergangenheit, die zweite die der Zukunft.</p>
+
+<p>Doch gerade diese Zukunftsreligion scheint sich der Eskimo in seltenem
+Grade zu eigen gemacht zu haben.</p>
+
+<p>Einige Stämme oder Rassen werden durch Feinde zum Zusammenschließen
+getrieben, während bei anderen ungünstige Naturverhältnisse die
+Triebfeder dazu bilden. Letzteres war bei den Eskimos der Fall. Wo
+der Trieb, sich aneinander anzuschließen und einander zu helfen,
+am stärksten ausgebildet war, da war auch die Bestandkraft des
+Gemeinwesens am größten, es konnte an Wohlstand und Volkszahl zunehmen,
+während andere kleine, weniger in jener Hinsicht entwickelte Staaten
+zurück-, wenn nicht gar untergingen. Sobald wir mit Spencer die
+Religion der Freundschaft für die der Zukunft halten und der Ansicht
+sind, daß Selbstverleugnung zu Gunsten des allgemeinen Besten das Ziel
+der Entwickelung ist, müssen wir den Eskimos einen hohen Rang unter den
+Völkern einräumen.</p>
+
+<p>Es fragt sich allerdings, ob unsere Vorfahren nicht vielleicht auch
+einst in alten Zeiten einer ähnlichen Lehre gehuldigt haben. Die
+soziale Entwickelung bewegt sich vielleicht in einer Spirale mit immer
+größer werdenden Windungen.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p1000_deco">
+ <img class="w100" src="images/p1000_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span></p>
+
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p1010deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p1010deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_VIII"><span class="s5a">Kapitel VIII.</span><br>
+Stellung und Arbeit der Frau.</h2>
+</div>
+
+<p>Es ist oft, und namentlich von Männern, behauptet worden, die
+Kulturstufe eines Volkes lasse sich nach der gesellschaftlichen
+Stellung seiner Frauen bemessen. Ich fühle mich nicht vollständig davon
+überzeugt, daß sich dies in allen Fällen so verhält; ist es aber so,
+dann glaube ich auch hierin einen Beweis zu haben, daß man dem Eskimo
+einen ziemlich hohen Platz auf der Leiter der Entwickelung anweisen
+muß. Die Eskimofrau spielt nämlich eine bedeutende Rolle in der
+grönländischen Gesellschaft.</p>
+
+<p>Allerdings gilt sie, ursprünglich eskimoischer Anschauung zufolge,
+zunächst als das Eigentum des Mannes, das er sich entweder geraubt
+oder auch wohl von dem Vater gekauft hat. Er kann sie daher auch
+fortjagen, wenn er Lust dazu hat, oder sie verleihen, auch gegen eine
+andere leihweise vertauschen, ebenso wie er sich mehrere Frauen nehmen
+darf, wenn es ihm seine Mittel erlauben. Doch in der Regel wird sie
+gut behandelt, und die Anschauung von der Frau als Eigentum des Mannes
+finden wir bei vielen anderen Völkern noch weit mehr ausgeprägt, und
+ein wenig davon giebt es auch bei uns, nur in etwas anderem Gewande.</p>
+
+<p>Es giebt Leute, die behaupten, unsere Frauen hätten wohl genug zu
+thun, es sei aber ein großer Fehler, daß<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> sie nicht genau dieselbe
+Arbeit wie die Männer hätten. Sie würden nicht mit den grönländischen
+Verhältnissen zufrieden sein, denn jenes ist dort ebenso wenig der Fall.</p>
+
+<p>Freilich gehen dort beide Geschlechter in Hosen und haben es von
+jeher gethan, doch noch ist ihnen kein Licht darüber aufgegangen, daß
+zwischen Mann und Weib eigentlich gar kein Unterschied besteht.</p>
+
+<p>Sie meinen, daß es u. a. in körperlicher Hinsicht gewisse entscheidende
+Ungleichheiten zwischen ihnen giebt, und bilden sich ein, daß die
+Frauen in der Regel nicht so stark, geschmeidig und mutig wie die
+Männer seien und sich deshalb nicht so gut dazu eignen würden, in See
+und auf den Fang zu gehen. Andrerseits glauben sie z. B. wieder nicht,
+daß die Männer am besten das Kinderwarten verstehen, als Amme taugen u.
+s. w.</p>
+
+<p>Dies ist wohl der Grund, daß dort oben scharfbegrenzte Arbeitsteilung
+zwischen beiden Geschlechtern eingeführt ist.</p>
+
+<p>Der Mann hat sein schweres Leben auf der See als Jäger und Erwerber,
+doch wenn er mit seiner Beute ans Ufer kommt, hört seine Arbeit für die
+Aufrechthaltung des Gemeinwesens in der Hauptsache auf. Hier wird er
+von seinen Frauenzimmern empfangen, die ihm an Land helfen, und während
+er sich von nun an nur um seinen Kajak und seine Waffen kümmert, liegt
+es den Weibern ob, die Beute nach Hause zu tragen. In früheren Zeiten
+war es stets unter der Würde eines Fängers, bei dieser Arbeit zu
+helfen, und so denken noch heute die meisten.</p>
+
+<p>Die Frauen ziehen den Seehund ab und zerlegen die Beute nach bestimmten
+Regeln, die Verteilung aber wird von der Hausfrau besorgt. Ferner
+müssen sie das Essen<span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span> bereiten, die Felle gerben, die Kajake und die
+Frauenboote damit beziehen, Kleider nähen und alle häuslichen Arbeiten
+verrichten. Außerdem bauen sie Häuser, schlagen die Zelte auf und
+rudern die Frauenboote.</p>
+
+<p>Kein Seehundsfänger hätte sich früher so weit herabgelassen, ein
+Frauenboot zu rudern, dagegen kam es dem Hausvater zu, es zu steuern.
+Jetzt kann man freilich öfter Männer die Ruder darin führen sehen,
+besonders wenn Europäer sie auf Reisen als Ruderer gemietet haben.
+Hat man sich dort erst eingelebt, so macht dies einen abstoßenden
+Eindruck. Der Kajak ist und bleibt die Grundbedingung ihrer Existenz,
+und sie müßten keine Gelegenheit versäumen, sich in seiner Führung zu
+vervollkommnen. Noch heute hält sich jeder wirklich gute Fänger für zu
+gut, um anders denn als Steuermann in ein Frauenboot zu steigen.</p>
+
+<p>Ist die Familie auf Renntierjagd ausgezogen, so schießen die Männer
+natürlich das Tier, während es meistens den Frauen obliegt, das erlegte
+Wild in das Zelt zu schleppen; eine anstrengende Arbeit, bei der sie
+große Ausdauer zeigen.</p>
+
+<p>Der einzige Fang, den die Frauen in der Regel treiben, ist der
+<em class="gesperrt">Angmagsaet</em>- oder <em class="gesperrt">Kapelan-Fang</em>. Man betreibt ihn im
+Vorsommer, wo der Kapelan (<span class="antiqua">Mallotus arcticus</span>) gewöhnlich in so
+dichten Schwärmen an die Küste kommt, daß man ihn mit Eimern in die
+Frauenboote schöpfen kann. Der Fang wird solange fortgesetzt, bis man
+seinen Wintervorrat eingeheimst hat. Dann hört man auf, wenn auch noch
+so viel da ist. Der Kapelan wird auf Klippen und Steinen getrocknet;
+ihn zu überwachen und, wenn er trocken ist, zu verpacken, ist ebenfalls
+Arbeit der Frauen.</p>
+
+<p>Manchmal helfen sie beim Seehundsfang, wenn diese<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> Tiere bei einer Art
+Klappjagd in enge Sunde und Fjorde eingeschlossen und dort aufs Land
+gejagt werden.</p>
+
+<p>Es sind nur wenige Beispiele bekannt, daß Frauen sich mit Kajakfang
+beschäftigt haben.</p>
+
+<p>Kapitän Holm erzählt, daß in <em class="gesperrt">Imarsivik</em> auf der Ostküste zwei
+Mädchen im Kajak auf See gingen. Dort war ein schlechtes Verhältnis
+zwischen den Geschlechtern, da auf einundzwanzig Einwohner nur fünf
+männliche kamen. Leider ist nicht bekannt, ob diese Frauen ebenso große
+Fanggeschicklichkeit erlangt hatten, wie die Männer.</p>
+
+<p>Sie hatten ganz die Lebensweise der Männer angenommen, kleideten sich
+in Männertracht und trugen ihr Haar nach Männerart. Als Holm sie unter
+seinen Tauschartikeln wählen ließ, nahmen sie weder Nähnadeln, noch
+anderes Handarbeitswerkzeug, sondern suchten sich Pfeilspitzen für ihre
+Waffen aus. Sie müssen kaum von Männern zu unterscheiden gewesen sein;
+ich glaube, wir sahen sie auf der Ostküste, ohne jedoch ihr Geschlecht
+zu ahnen. Holm erzählt, daß dort noch ein paar andere Mädchen zu
+Fängern ausgebildet werden sollten, aber damals noch zu jung dazu
+gewesen seien.</p>
+
+<p>Während die Männer die meiste Zeit auf dem Meere zubringen, halten
+die Frauen sich zu Hause, und dort sieht man sie in der Regel fleißig
+arbeiten, indeß ihre Gatten zu Hause meistens nichts weiter thun, als
+essen, faullenzen, Geschichten erzählen und schlafen. Beschäftigen sie
+sich wirklich einmal, so putzen sie höchstens ihre Waffen, verzieren
+sie mit Knochenschnitzereien u. s. w., denn ihre Waffen sind ihr Stolz.</p>
+
+<p>Während die Männer mit herabhängenden Beinen auf dem Pritschenrande
+sitzen, setzen sich die Frauen mit gekreuzten<span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span> Beinen mitten auf die
+Pritsche, wie ein Schneider auf seinen Tisch. Dort nähen und sticken
+sie, schneiden mit ihrem eigentümlichen Krummmesser Leder zu, kauen
+Vogelhaut und nehmen, mit einem Wort, jederlei Arbeit vor, während
+ihr Mund keinen Augenblick stillsteht; denn sie sind von Natur sehr
+lebhaft, und es fehlt ihnen selten an Stoff zur Unterhaltung. Leider
+kann ich sie von der bekannten weiblichen Schwatzsucht nicht ganz
+freisprechen, und wenn wir Dalager glauben dürfen, haben sie noch
+schlimmere Eigenschaften. »Lüge und Verleumdung herrschen zumeist unter
+den Weibern,« sagt er. »Die Männer sind viel aufrichtiger und erzählen
+nicht gern etwas, was sie nicht beweisen können.«</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»O Weib, Weib, überall bist du doch gleich!</div>
+ <div class="verse indent0">Der erste Gedanke, den Loki hatte,</div>
+ <div class="verse indent0">War eine Lüge, und er sandte sie</div>
+ <div class="verse indent0">In Weibsgestalt den Erdenmännern.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Die Zubereitung der Felle ist ein für das Eskimogemeinwesen sehr
+wichtiger Teil der Frauenarbeit, und da sie zugleich außerordentlich
+eigentümlich ist, so werde ich sie kurz beschreiben, wie ich sie bei
+den Eskimos in Godthaab und Umgegend kennen gelernt habe. Sie variiert
+je nach den verschiedenen Zwecken und Arten der Felle.</p>
+
+<p>Die Kajakhäute werden entweder schwarz oder weiß gegerbt<a id="FNAnker_22" href="#Fussnote_22" class="fnanchor">[22]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die schwarzen Häute</em> (<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Erisâk</em></span>) erhält man dadurch,
+daß der unter der Haut befindliche Speck gleich nach dem Abziehen
+abgeschabt wird; darauf legt man das Fell einen Tag oder zwei in
+alten Urin, bis sich die Haare mit einem Messer abziehen lassen. Sind
+diese entfernt, so wird die Haut in Seewasser gewaschen und, falls es
+Sommer ist, an der Luft getrocknet, doch darf dies nicht in der Sonne
+geschehen. Im Winter wird sie nicht getrocknet, sondern im Schnee
+vergraben. In beiden Fällen ist es jedoch am besten, wenn man sofort
+nach dem Waschen den Kajak damit beziehen und sie auf diesem trocknen
+lassen kann. Dieses Leder ist deshalb dunkel, weil die Narbe oder
+äußerste Hautschicht beim Seehunde schwarz oder dunkelbraun ist.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die weißen Kajakfelle</em> (<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Unek</span></em>) werden, nachdem
+der Speck oberflächlich entfernt worden ist, in frischem Zustande
+zusammengerollt und an einer hinreichend warmen Stelle im Freien
+oder im Hause hingelegt. Dort bleiben sie so lange liegen, bis sich
+Narbe und Haare mit einer Muschel leicht abschlagen lassen. Zu dieser
+Prozedur gebrauchen die grönländischen Schönen jedoch vorzugsweise die
+Zähne, weil sie dabei noch Fett aus der Haut saugen können, was ihnen
+vortrefflich mundet. Darauf werden die Häute im Sommer über Balken —
+nicht in die Sonne — zum Trocknen gelegt und oft umgehängt, damit alle
+Seiten gleichmäßig trocknen. Im Winter werden sie, wie die schwarzen
+Häute, im Schnee aufbewahrt. Da die dunkle Narbe ja abgekratzt ist,
+sind diese Häute, wenn sie fertiggegerbt sind, wirklich ganz hell oder
+weiß.</p>
+
+<p>Auffallend ist, daß keine der beiden Lederarten beim Trocknen
+ausgespannt wird.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p>
+
+<p>Beide werden auch zum Beziehen der Frauenboote verwendet.</p>
+
+<p>Das weiße Leder, das ständig mit Seehundsfett eingeschmiert werden muß,
+gilt als bester Sommerbezug, das schwarze dagegen, das nie geschmiert
+wird, als bester Winterbezug für den Kajak. Ein wirklich bedeutender
+Fänger bezieht daher seinen Kajak am liebsten jährlich zweimal, doch
+gewöhnlich geschieht es jetzt nur einmal im Jahre, oft sogar nur alle
+zwei Jahre.</p>
+
+<p>Soll das Seehundsfell zu Kamikern (Schuhzeug) benutzt werden, so
+wird der Speck mit den unteren Hautschichten auf einem eigens dazu
+eingerichteten Brett aus dem Schulterblatte eines Walfisches mit einem
+Krummmesser sorgfältig abgekratzt. Wenn die Haut durch das Schaben
+dünn geworden ist, wird es ebenfalls einen oder zwei Tage in alten
+Urin gelegt, bis sich die Haare mit einem Messer abziehen lassen. Ist
+das besorgt, so wird die Haut mittelst kleiner Knochenpflöcke auf dem
+Rasen oder dem Schnee ausgespannt und getrocknet. Darauf reibt man sie,
+bis sie weich ist, und damit ist das Leder fertig. Da die Narbe nicht
+entfernt wurde, sieht es dunkel aus.</p>
+
+<p>Weißes Kamikleder wird anfangs ebenso behandelt wie das schwarze, doch
+sobald die Haare entfernt sind, taucht man die Haut in warmes (nicht
+zu warmes) Wasser, bis die schwarze Narbe sich ablöst, und spült sie
+dann wiederholt in Seewasser. Hat sich die Narbe noch nicht vollständig
+gelöst, so taucht man das Leder wieder abwechselnd in warmes Wasser
+und in Seewasser. Nachher wird es ebenso wie das dunkle ausgespannt
+getrocknet.</p>
+
+<p>Da das helle Leder nicht so wasserdicht und gut ist<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> wie das schwarze,
+so wird es fast nur von den Frauen getragen, die es entweder weiß
+lassen oder bunt färben.</p>
+
+<p>Das Sohlleder zu dem Kamiker wird wie die schwarzen Kajakbezüge
+behandelt, nur wird es beim Trocknen noch ausgespannt.</p>
+
+<p>Leder zu Kajakhandschuhen gerbt man anfangs wie schwarzes Kamikleder,
+wenn aber die Haare entfernt sind, reibt man es mit Blut ein, rollt es
+auf und verwahrt es. Dies wird zwei- bis dreimal wiederholt, bis es
+eine ziemlich dunkle Farbe angenommen hat. Dann wird es zum Trocknen
+ausgespannt, — im Sommer draußen auf der Erde, im Winter im Hause
+unter dem Dach. Dieses Leder ist wunderbar wasserdicht.</p>
+
+<p>Soll die Seehundshaut mit den Haaren gegerbt werden, wie man sie z. B.
+zu Strümpfen in den Kamikern oder zu Pelzen braucht, so wird sie auf
+dieselbe Weise wie gewöhnliche Kamikhäute auf der Speckseite mit dem
+Krummmesser abgeschabt. Darauf wird sie in Wasser gelegt und mit grüner
+Seife gewaschen. Sodann spült man sie in reinem Wasser, spannt sie aus
+und läßt sie, wie oben angegeben, trocknen. Nachdem das Leder nun durch
+Reiben schön weich geworden ist, kann man es in Gebrauch nehmen.</p>
+
+<p>Renntierhaut wird nur getrocknet und gerieben, kommt aber mit Wasser
+nicht in Berührung.</p>
+
+<p>Wenn Vogelhäute gegerbt werden sollen, trocknet man erst die Federn
+sorgfältig ab, dreht sodann die Bälge um, schabt die Fettschicht auf
+der Fleischseite, so gut es geht, mit einem Löffel oder einer Muschel
+ab und verzehrt das Fett, — es schmeckt vorzüglich. Darauf werden
+die Häute an der Decke zum Trocknen aufgehängt. Nach einigen Tagen
+wird das letzte Fett herausgekaut. Dann läßt man<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> sie wieder trocknen,
+wäscht sie in heißem Wasser mit Seife und Soda dreimal hintereinander,
+spült sie in wirklich kaltem Wasser, ringt sie aus und hängt sie nun
+endgültig zum Trocknen auf. Sollen die Federn entfernt werden, wie bei
+den Eidervogelbälgen, so werden sie, wenn die Häute halbtrocken sind,
+gerupft (sodaß also nur die Daunen zurückbleiben). Dann trocknen sie
+ganz, werden aufgeschnitten und sind fertig.</p>
+
+<p>Das oben erwähnte Auskauen ist ein merkwürdiger Prozeß. Man nimmt den
+trockenen, umgekehrten Balg, der von Fett beinahe trieft, und beginnt
+an einer Stelle zu lutschen, bis das Fett dort ausgesogen und die Haut
+weich und weiß ist, und so geht das Kauen langsam weiter, während
+die Haut allmählich immer weiter in den Mund hineinspaziert, wo sie
+schließlich oft ganz verschwindet, um dann in entfettetem Zustande
+wieder ausgespuckt zu werden. Diese Arbeit wird hauptsächlich von
+Frauen und Kindern verrichtet und ist wegen des vielen Fettes, das
+man sich dabei einverleibt, eine gesuchte Unterhaltung. In schlechten
+Zeiten kann es vorkommen, daß auch die Männer froh sind, wenn sie dabei
+helfen dürfen. Es macht einen sonderbaren Eindruck, wenn man, beim
+Eintreten in ein Haus, sämtliche Bewohner mit je einem Vogelbalg im
+Munde kauend dasitzen sieht.</p>
+
+<p>Diesem Prozesse ist es zuzuschreiben, daß die grönländischen Vogelbälge
+so gut sind. Manch einer hat wohl schon die schönen Eiderdaunendecken,
+die so manches elegante Heim in Europa schmücken, mit Bewunderung
+betrachtet, ohne zu wissen, welche Stadien sie haben durchmachen
+müssen. Und mancher europäischen Schönen, die sich mit köstlichem
+Scharbenfederbesatz schmückt, würde grausen, wenn<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> sie ahnte, wie viele
+mehr oder weniger reizende Münder ihr Staat dort oben im hohen Norden
+passiert hat, ehe er dazu kam, ihren schwellenden Busen zu umwogen.</p>
+
+<p>Im Ganzen brauchen die Grönländerinnen ihre Zähne viel, bald zum Recken
+der Felle, bald zum Festhalten dieser beim Abschaben, bald zum Schaben
+selbst. Es wirkt auf uns Europäer geradezu verblüffend, wenn wir sie
+ein Fell aus der stinkenden Urintonne nehmen, hineinbeißen und dann zu
+arbeiten anfangen sehen — für sie ist der Mund die dritte Hand. Daher
+haben die alten Weiber dort oben auch auffallend kurze, abgestumpfte
+Vorderzähne<a id="FNAnker_23" href="#Fussnote_23" class="fnanchor">[23]</a>.</p>
+
+<p>In ihrer Arbeit sind die grönländischen Frauen sehr tüchtig, und im
+Nähen sind sie noch ganz besonders geschickt. Man braucht nur die Säume
+eines Kajakbezuges, eines Wasserpelzes oder eines Darmhauthemdes zu
+betrachten, um sich davon zu überzeugen. Noch auffallender wird ihre
+Geschicklichkeit, wenn man die bewundernswerten Stickereien sieht,
+mit denen sie ihre Hosen, Kamiker und andere Sachen verzieren. Diese
+Stickereien werden auf der Westküste, wo die Eskimos von den Europäern
+Farben<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> erhalten haben, jetzt mit verschiedenfarbigen Lederstückchen,
+die mosaikartig zusammengesetzt werden, ausgeführt. Sie werden aus
+freier Hand ohne aufgezeichnete Muster angefertigt und verraten einen
+hohen Grad von Akkuratesse und Handfertigkeit nebst großem Formen- und
+Farbensinn.</p>
+
+<p>Lebt man mit den Eskimos in ihrem Hause zusammen, so empfängt man
+durchaus nicht den Eindruck, daß die Frauen irgendwie unterdrückt oder
+zurückgesetzt werden. Es kam mir im Gegenteil vor, als spielten z. B.
+die Hausmütter in Godthaab und Umgegend eine bedeutende Rolle, ja als
+seien sie in einigen Fällen sogar die höchste Instanz. Nach meiner
+Erfahrung ist es stark übertrieben, wenn Dalager von den Frauen sagt:
+»Die Stunden ihres Lebens, die ihre besten sein sollten, wenn man von
+der Zeit, da sie in reiferes Alter treten, rechnet, sind nichts weiter
+als eine Kette von Kummer, Verachtung und Verdruß!«</p>
+
+<p>Daß sich im gesellschaftlichen Leben ein gewisser Rangunterschied
+zwischen Männern und Frauen geltend macht, läßt sich allerdings nicht
+leugnen. So wurden bei den Mahlzeiten oder bei Kaffeegesellschaften
+stets die großen Fänger und die bedeutendsten Männer zuerst bedient,
+darauf kamen die weniger bedeutenden, und dann erst kamen Weiber und
+Kinder an die Reihe. Etwas Aehnliches erzählt schon Dalager in seiner
+Beschreibung eines Schmauses, bei dem die Männer als die Vornehmsten
+einander ihre Geschichten erzählten, während »die Weiber unterdessen
+auch ihre Mahlzeit in einer Ecke für sich verzehrten, wobei, wie man
+annehmen darf, nur Klatschgeschichten verhandelt wurden«. Doch wenn man
+es recht bedenkt, kann dies auch auf die Verhältnisse an anderen Orten
+hier auf Erden passen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p>
+
+<p>Freilich muß ich zugeben, daß die Eskimomänner manchmal in ihrem
+äußeren Benehmen gegen die Damen wenig Schliff zeigen, z. B. »wenn ihre
+Frauen schwere Arbeit haben, wie beim Häuserbauen, Wassertragen und
+Lastenheben, stehen sie mit gekreuzten Armen lachend dabei, ohne ihnen
+im Geringsten zu helfen«. Doch ist dies eigentlich soviel schlimmer,
+als wenn unsere Bauern aus dem Amte Bergen sich bei der Heimfahrt aus
+der Stadt mit brennender Pfeife ins Boot legen und sich von den Frauen
+nach Hause rudern lassen?</p>
+
+<p>Daß die Frauen weniger angesehen sind als die Männer, scheint sich
+leider schon daraus zu ergeben, daß bei der Geburt eines Sohnes der
+Vater jubelt und die Mutter vor Freude strahlt, während bei der Geburt
+einer Tochter beide weinen oder doch jedenfalls sehr unzufrieden sind.</p>
+
+<p>Kann man sich eigentlich darüber wundern? Schließlich ist der Eskimo
+bei all seiner Herzensgüte doch auch nur ein Mensch. In dem Knaben
+sieht er natürlich den künftigen Kajakmann und die Stütze der Familie
+in den alten Tagen der Eltern, also eine direkte Vermehrung des
+Betriebskapitals, während er andererseits der Meinung ist, daß es schon
+sowieso genug Mädchen auf der Welt giebt.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p1361_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p1361_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Fjordlandschaft von der Ostküste.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Derselbe Unterschied macht sich daher auch bei der Erziehung geltend,
+indem die Knaben stets als die künftigen Versorger betrachtet werden,
+für die alles gethan werden muß. Wenn die Eltern eines Knaben sterben,
+so ist bald für ihn gesorgt, da jeder ihn gern aufnimmt und so
+behandelt, daß er sich wohl fühlt. Nicht so mit den Mädchen. Verlieren
+sie ihre Eltern, so giebt man ihnen freilich überreichlich zu essen,
+aber sie müssen sich mit den<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> schlechtesten Kleidern begnügen
+und bieten oft einen jämmerlichen Anblick dar. Erreichen sie das
+heiratsfähige Alter, so nehmen sie jedoch ungefähr dieselbe Stellung
+ein wie die bessergestellten Mädchen; denn diese erhalten ja auch kein
+Erbe, und nun handelt es sich um »Schönheit und Tüchtigkeit, was allein
+ihren Kredit bei dem jungen Mannsvolk hebt; fehlt es daran, so werden
+sie verachtet und verheiraten sich nie, da genug da sind, unter denen
+Musterung gehalten werden kann«. Hierüber können sie sich jedoch nicht
+beklagen, da es den Männern in dieser Hinsicht auch nicht besser geht;
+denn können sie nicht Fänger werden, was manchmal vorkommt, so haben
+sie wahrhaftig keine große Aussichten, eine Frau zu bekommen und werden
+von allen verachtet.</p>
+
+<p>Daß Knaben ungefähr wie bei uns als ein Kapital betrachtet werden, geht
+unter anderem daraus hervor, daß Witwen sich schwer wiederverheiraten,
+es aber manchmal doch geschieht, »wenn sie männliche Kinder haben, denn
+dann können sie schließlich wohl einen reputierlichen Witwer bekommen«.</p>
+
+<p>Selbst im Tode scheinen die Frauen weniger Ansehen zu genießen, als
+die Männer, wenn wir nach folgendem Ausspruche Dalagers urteilen.
+»Einer Frau, die mit dem Tode ringt und sich keines besonderen Ansehens
+erfreut hat, kann es wohl passieren, daß sie lebendig begraben wird.
+Wovon wir am Orte vor Kurzem ein Beispiel hatten, das recht jämmerlich
+war, indem mehrere erzählten, daß sie die Begrabene noch lange Zeit
+im Grabe nach einem Trunke hätten rufen hören. Macht man ihnen
+Vorstellungen über solch unmenschliche Grausamkeit, so antworten sie,
+da die Sterbende doch nicht leben könne, sei<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> es besser, sie der Erde
+zu übergeben, als sich bei dem Anblick ihrer Qualen selbst nach dem
+Tode zu sehnen. Diese Raison ist jedoch nicht stichhaltig, denn würde
+solch eine barbarische That an einem Mannsbilde verübt, so würden
+sie dies für den gröbsten Mord halten.« Ja, dies war scheußlich;
+glücklicherweise geschieht es nicht allgemein. Der eigentliche Grund
+liegt wohl hauptsächlich in der übermäßigen Furcht der Eskimos vor der
+Berührung mit einem Toten. Infolgedessen ziehen sie dem Sterbenden,
+ganz gleich ob Mann oder Frau, oft schon lange vor dem Eintreten
+des Todes die Leichenkleider an und treffen alle Vorbereitungen zum
+Hinausbringen und Begraben der Leiche, während der Kranke ihnen von
+seinem Lager aus zusieht. Aus demselben Grunde würden sie einem im
+See Verunglückten, falls er dem Tode schon nahe ist, schwerlich
+beispringen, da sie fürchten dabei vielleicht eine Leiche anzufassen.</p>
+
+ <figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p01140_deco">
+ <img class="w100" src="images/p01140_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p1150_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p1150_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_IX"><span class="s5a">Kapitel IX.</span><br>
+Liebe und Ehe.</h2>
+</div>
+
+<p>Der Liebe, dieser die ganze Schöpfung durchströmenden Kraft, begegnen
+wir auch in Grönland. Die grönländische Liebe ist eine starke,
+aufrichtige Naturempfindung, einem gesunden Boden entsprossen. Sie hat
+nicht die vielen zarten Blätter und verwickelten Blumenkronen unserer
+Kulturgewächse, sondern gleicht der wilden Feldblume, die sich einfach
+und kräftig in einer ursprünglichen Natur entfaltet.</p>
+
+<p>Sie ist das Gefallen zweier junger Menschen aneinander. Den Mann
+macht sie nicht schwärmerisch, sondern treibt ihn aufs Meer hinaus
+zum Fang, stärkt ihm den Arm und schärft ihm das Auge, denn er will
+tüchtig werden, damit er seine <em class="gesperrt">Naja</em> als Frau heimführen und
+eine Familie versorgen kann. Und die junge schüchterne Naja steht auf
+dem Aussichtsberge und schaut ihm nach. Sie sieht, wie kräftig und
+sicher er vordringt, wie gewandt er die Ruder führt, und wie leicht
+sein Kajak über den Wasserspiegel hintanzt. Warmes Gefühl leuchtet
+aus ihren Augen, die sehnsuchtsvolle Gestalt wirkt stimmungsvoll.
+Dann verschwindet er draußen in der Ferne, während sie noch auf die
+unendliche blaue Fläche, die sich über dem Grabe manch eines kühnen
+Kajakruderers wölbt, hinausstarrt. —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p>Endlich kehrt er bugsierend heim, sie eilt an den Strand und hilft mit
+den andern seine Beute bergen, während er ruhig seine Waffen nimmt
+und nach Hause geht. Sie blickt ihm bewundernd nach — bald wird die
+Hochzeit sein können. —</p>
+
+<p>Doch eines Abends kommt er nicht heim; sie wartet und hält Ausguck;
+alle andern sind schon herein. — Er ist auf dem Meere verunglückt.
+— Das Auge wird feucht, und große Thränen rollen über ihre Wangen.
+Sie weint und weint, sie wird es nicht überleben. — Das dauert zwei,
+vielleicht drei Tage — dann giebt sich der Kummer. — Es giebt ja noch
+mehr Männer auf Erden, und sie sieht sich nach einem anderen um.</p>
+
+<p>Der Vollbluteskimo verheiratet sich gewöhnlich, sobald er eine Frau
+versorgen kann. Der Grund ist nicht allemal Liebe, die »Rechte« mag
+noch nicht gekommen sein, und da scheint es denn häufig deshalb zu
+geschehen, weil er weiblicher Hülfe bedarf, um seine Felle zu gerben,
+seine Kleider zu nähen u. s. w. Er verheiratet sich oft schon, bevor er
+zeugungsfähig ist, und auf der Ostküste ist es etwas ganz Gewöhnliches,
+daß er drei- bis viermal verheiratet gewesen ist, ehe jener Zeitpunkt
+eintritt. Später kommen Ehescheidungen seltener vor<a id="FNAnker_24" href="#Fussnote_24" class="fnanchor">[24]</a>.</p>
+
+<p>Eheschließungen gingen früher in Grönland sehr leicht vor sich. Wollte
+ein Mann ein Mädchen haben, so ging er in ihr Haus oder Zelt, ergriff
+sie beim Schopf oder wo er sie am besten packen konnte und schleppte
+sie ohne weitere Umstände in sein Haus<a id="FNAnker_25" href="#Fussnote_25" class="fnanchor">[25]</a>, wo er sie auf die Pritsche<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span>
+setzte. Allenfalls schenkte ihr der künftige Gatte noch eine Lampe
+oder einen neuen Wassereimer, und damit war die Geschichte fertig.
+Es gehörte jedoch in Grönland ebenso wie an anderen Orten auf Erden
+zum guten Ton, daß es die betreffende Dame unter keiner Bedingung
+merken lassen durfte, daß sie den Freier haben wollte, selbst wenn sie
+noch so verliebt in ihn war. Wie bei uns in Norwegen eine anständige
+Braut bei der Trauung weinen muß, so mußte sie sich aus Leibeskräften
+sträuben, jammern und klagen. War sie wirklich wohlerzogen, so weinte
+und schrie sie tagelang, ja sie lief sogar ihrem Manne fort. Ging die
+Wohlerzogenheit zu weit, so konnt es, dem Vermelden nach, vorkommen,
+daß der Mann, wenn er ihrer noch nicht überdrüssig geworden war, ihr
+mit einem Messer unter den Fußsohlen die Haut aufritzte, um ihr das
+Fortlaufen unmöglich zu machen. Dann war sie gewöhnlich eine zufriedene
+Hausfrau, wenn die Wunden geheilt waren.</p>
+
+<p>Als sie zuerst eine Trauung nach unserer Art sahen, fanden sie es sehr
+anstößig, daß die Braut auf die Frage, ob sie den Bräutigam zum Manne
+haben wolle, mit Ja antwortete. Ihrer Ansicht nach hätte sie lieber
+nein sagen sollen, denn sie halten es für eine große Schande für ein
+Mädchen, Ja zu sagen, wenn eine solche Frage gestellt wird. Als sie
+hörten, daß es bei uns so Sitte sei, meinten sie, unsere Weibsleute
+müßten aber auch gar keine Schamhaftigkeit besitzen.</p>
+
+<p>Die oben geschilderte Eheschließungsart ist auf der Ostküste
+Grönlands noch immer die einzig gebräuchliche, und es kann bei
+solchen Entführungen ziemlich gewaltsam hergehen. Die Verwandten der
+betreffenden Dame sehen jedoch ruhig zu, denn das Ganze ist eine
+Privatsache, und die<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Neigung der Grönländer, mit ihren Landsleuten
+in gutem Einvernehmen zu leben, läßt sie sich nur ungern in die
+Angelegenheiten anderer mischen.</p>
+
+<p>Es kommt natürlich auch vor, daß die junge Dame den Bewerber wirklich
+nicht haben will. In diesem Falle setzt sie sich so lange zu Wehr, bis
+sie sich entweder selbst beruhigt oder der Freier verzichtet.</p>
+
+<p>Wie schwer es für den Unbeteiligten ist, ihre wirklichen Wünsche zu
+erkennen, sieht man an einem merkwürdigen Beispiele, das uns von Graah
+erzählt wird<a id="FNAnker_26" href="#Fussnote_26" class="fnanchor">[26]</a>. Kellitiuk, eine flinke Ruderin seines Bootes an der
+Ostküste, wurde eines Tages von einem Ostländer, namens Siorakitsok,
+trotz des heftigsten Sträubens ihrerseits geraubt und in die Berge
+geschleppt. Da Graah der Ansicht war, daß sie den Entführer durchaus
+nicht haben wolle, was auch die bestätigten, die ihr nahe standen,
+so verfolgte er ihre Spur und befreite sie. Einige Tage darauf, als
+man im Begriffe stand, sich reisefertig zu machen, und das Boot eben
+ausgesetzt worden war, sprang Kellitiuk hinein, kroch unter die Bänke
+und deckte sich mit Säcken und Fellen zu. Es stellte sich bald heraus,
+daß sie dies that, weil Siorakitsok gerade mit seinem Vater, den er als
+Sekundanten mitgebracht hatte, an der Insel gelandet war. Als Graah
+sich einen Augenblick entfernte, eilte der Grönländer nach dem Boot
+und zog seine Angebetete aus ihrem Verstecke hervor. Ueberzeugt, daß
+sie ihren brutalen Freier wirklich verabscheue, hielt Graah es für
+seine Pflicht, sie abermals zu befreien. Als er hinzukam, hatte der
+Freier sie schon halb aus dem Boote gezogen, und der Vater stand auf<span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span>
+dem Lande, bereit, ihm zu helfen. Als Graah ihm das Mädchen entriß und
+ihm Anweisung auf die »schwarze Dorthe«, eine andere Rudererin, die
+er selbst gern los sein wollte, gab, hörte der Enttäuschte ihn ruhig
+an, murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin und entfernte
+sich mit erzürnter Miene und drohendem Blick. Der Vater nahm sich
+das Mißgeschick seines Sohnes nicht weiter zu Herzen, »er half uns,
+das Fahrzeug beladen,« sagt Graah, »und rief uns ein sicherlich gut
+gemeintes Lebewohl zu.« Als sie abfahren wollten, war jedoch Kellitiuk
+nirgends zu finden, obwohl überall auf der kleinen Insel, wo sie sich
+nur hätte verstecken können, nach ihr gesucht und gerufen wurde, und
+man mußte ohne sie reisen. Sie hat Siorakitsok also doch gemocht.</p>
+
+<p>Die Vollblutgrönländer sind ebenso schnell mit der Scheidung fertig,
+wie mit der Heirat. Ist der Mann seiner Frau überdrüssig — das
+Umgekehrte kommt seltener vor — so braucht er sich nur von ihr
+zu retirieren, wenn er sich schlafen legt, und dabei kein Wort zu
+sprechen. Sie merkt dann sogleich die Absicht, sammelt am nächsten
+Morgen ihre Kleider zusammen und kehrt in aller Stille in ihr
+Elternhaus zurück, indem sie gewöhnlich thut, als ginge es ihr garnicht
+nahe. Wie mancher Ehemann bei uns würde wünschen, daß seine Gattin eine
+Grönländerin wäre!</p>
+
+<p>Gelüstet es einen Mann nach der Gattin eines anderen, so nimmt er
+sie sich ohne weiteres, wenn er der Stärkere ist. Als Papik, ein
+angesehener, tüchtiger Fänger in Angmagsalik auf der Ostküste, Patuaks
+junge Frau haben wollte, reiste er nach Patuaks Zelte und nahm einen
+leeren Kajak mit. Er trat ein, holte die Frau und führte sie ans Ufer,
+wo er sie in den leeren Kajak steigen<span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span> ließ und mit ihr fortruderte.
+Patuak, der jünger als Papik ist und sich mit diesem an Tüchtigkeit
+und Kräften nicht messen kann, mußte sich in den Verlust seiner Frau
+finden<a id="FNAnker_27" href="#Fussnote_27" class="fnanchor">[27]</a>.</p>
+
+<p>Es giebt auf der Ostküste Beispiele, daß Frauen mit zehn Männern
+verheiratet waren. Utukuluk in Angmagsalik hatte es mit achten probiert
+und verheiratete sich das neunte Mal mit Mann Nr. 6 wieder.<a id="FNAnker_28" href="#Fussnote_28" class="fnanchor">[28]</a></p>
+
+<p>Besonders leicht geht die Scheidung, solange noch keine Kinder da sind.
+Hat die Frau schon ein Kind und ist dieses gar ein Knabe, so hat das
+Eheverhältnis in der Regel mehr Bestand.</p>
+
+<p>Kann ein Mann auf der Ostküste mehr als eine Frau ernähren, so nimmt
+er noch eine; die meisten guten Fänger haben daher zwei, aber nie
+mehr.<a id="FNAnker_29" href="#Fussnote_29" class="fnanchor">[29]</a> Oft scheint die erste eine Rivalin nicht gern zu sehen,
+bisweilen aber geschieht es auf ihren ausdrücklichen Wunsch, damit sie
+mehr Hülfe bei der Hausarbeit hat. Der Grund kann auch ein andrer sein.
+»Einmal fragte ich eine Frau,« sagt Dalager, »warum ihr Gatte eine
+Nebenfrau genommen. — Ich bat ihn selbst darum, antwortete sie, weil
+ich keine Kinder mehr haben mag.«</p>
+
+<p>Die erste Frau scheint immer als die vornehmste angesehen zu werden,
+selbst wenn der Mann mehr von der zweiten hält.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp48" id="p1201_ill" style="max-width: 40.6875em;">
+ <img class="w100" src="images/p1201_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Jäger, Frau und Mädchen von der Westküste.</figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p>Polyandrie kommt nur selten vor. Nils Egede erzählt von einer Frau, die
+zwei Männer hatte; alle drei aber waren Angekoker.</p>
+
+<p>Mit der Einführung des Christentums wurde die alte, bequeme
+Eheschließungsart auf der grönländischen Westküste natürlich
+abgeschafft, und jetzt wird man dort unter ähnlichen religiösen
+Ceremonien wie in Europa verbunden. Die Braut braucht sich auch nicht
+mehr so sehr zu sträuben.</p>
+
+<p>Doch bekam man früher eine Gattin nur zu leicht, so wird es jetzt
+oft schwer genug gemacht. Die Trauung darf nämlich nur ein Prediger
+vollziehen, die eingeborenen Katecheten, die in den verschiedenen
+Ansiedlungen seine Stelle vertreten, haben dazu keine Vollmacht. Wohnt
+man nun an einem Orte, den der Prediger alljährlich nur einmal oder
+vielleicht nur alle zwei Jahre besucht, so muß man die Gelegenheit
+wahrnehmen, sich gerade dann eine Braut anzuschaffen. Hat aber ein
+junger, kräftiger Bursche Lust, sich zu verheiraten, wenn der Prediger
+schon wieder fort ist, so muß er auf die nötige kirchliche Einsegnung
+noch ein bis zwei Jährchen warten.</p>
+
+<p>Daß eine derartige Einrichtung zum Eingehen lockerer Verbindungen oder
+Heiraten ohne kirchlichen Segen führt, würde auch dann unvermeidlich
+sein, wenn nicht die Grönländer schon von Natur dazu neigten. Ich habe
+von Beispielen gehört, daß ein Prediger nach zweijähriger Abwesenheit
+an einem Orte an ein und demselben Tage ein Mädchen konfirmieren
+und trauen und ihr Kind taufen mußte. Das kann man ein summarisches
+Verfahren nennen. Jene Einrichtung muß schädlich wirken und den Respekt
+vor der Amtshandlung, der man wohl zunächst dadurch, daß<span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span> nur ein
+Prediger sie verrichten darf, höheren Wert verleihen wollte, gründlich
+vernichten.</p>
+
+<p>Bei der Einführung des Christentums wurde natürlich auch die
+Vielweiberei abgeschafft. Die Missionare verlangten sogar, daß ein
+Heide, der schon zwei Frauen hatte, sich, wenn er das Christentum
+annahm, von einer trennte. Im Jahre 1745 hatte ein Eskimo in
+Fredrikshaab Lust, sich taufen zu lassen, »als aber darüber verhandelt
+wurde, daß er sich von seiner Nebenfrau trennen müsse, wurde er
+wankelmütig, da er von ihr zwei Söhne hatte, die er bei dieser
+Gelegenheit dann auch verloren hätte, und daher sattelte er um und ging
+seiner Wege«.<a id="FNAnker_30" href="#Fussnote_30" class="fnanchor">[30]</a> Das kann man ihm kaum verdenken. Aehnliche Fälle,
+in denen verlangt wird, daß ein Mann eine seiner Frauen, mit der er
+vielleicht viele Jahre glücklich gelebt hat, verstoße, kommen noch
+immer vor, sobald Grönländer von der Ostküste sich auf der Westküste
+(beim Kap Farvel) ansiedeln und taufen lassen. Auf das Unrecht, das der
+Mann hierdurch gezwungenermaßen gegen sein rechtmäßiges Weib begehen
+soll, braucht nicht näher hingewiesen zu werden. Uebrigens erschien es
+schon Dalager als ein Unrecht, und »inwiefern es gegen Gottes Ordnung
+streitet, daß ein Mann mehr als eine Frau habe, ist ihm ein Rätsel«.</p>
+
+<p>Jedoch noch heute kommt auch auf der Westküste hin und wieder
+Vielweiberei vor, und eine zweite Gattin scheint so ziemlich das Erste
+zu sein, was sich ein tüchtiger Fänger anschafft, d. h. wenn er sich
+überhaupt auf Weitläufigkeiten einläßt. Ein paar Beispiele davon wurden
+mir in Godthaab erzählt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span></p>
+
+<p>Renatus, der tüchtigste Fänger am Graedefjord, hatte sich in ein
+junges Mädchen verliebt und nahm sie eines Tages zur zweiten Frau. Das
+Verhältnis zwischen ihr und seiner ersten Gattin schien indessen gut zu
+sein, und alles ging in Ruhe und Frieden, bis es dem Missionar<a id="FNAnker_31" href="#Fussnote_31" class="fnanchor">[31]</a> zu
+Ohren kam. Dieser hielt dem Manne vor, daß er sich schwer versündige,
+und versuchte ihn zu zwingen, die zweite Frau wieder aufzugeben. Das
+half jedoch nichts. Dann wurde er beim Vorstande in Godthaab<a id="FNAnker_32" href="#Fussnote_32" class="fnanchor">[32]</a>
+verklagt. Renatus stellte sich und ließ sich schließlich dazu bewegen,
+sich gutwillig zu fügen, und er sandte auch richtig seine Frau nach
+<em class="gesperrt">Kangek</em> (außerhalb des Godthaabbezirkes), wo sie im Hause des
+Katecheten Simon aufgenommen wurde. Gleichzeitig siedelte er sich
+jedoch weiter nördlich, in der Nähe von Narsak, an, und da er dadurch
+teilweise dieselben Fangstellen wie die <em class="gesperrt">Kangeker</em> hatte, kam es
+öfter vor, daß er diese besuchte, wodurch er Gelegenheit fand, mit
+seiner zweiten Gattin zusammenzutreffen. Als später jedoch viele Klagen
+aus seinem früheren Wohnorte am Graedefjord einliefen, weil dort große
+Not herrschte, nachdem er, der beste Fänger des Ortes, fortgezogen,
+siedelte er wieder dorthin über und hat seitdem anständig gelebt. Dies
+trug sich vor einigen Jahren zu, die zweite Frau lebt noch in Kangek,
+wo ich sie selbst gesehen habe. Sie trägt eine grüne Haarbinde als
+Zeichen, daß die von ihr geborenen Kinder für uneheliche gelten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p>
+
+<p>Ein anderer tüchtiger Fänger in <em class="gesperrt">Lichtenfels</em> hatte sich
+gleichfalls eine Nebenfrau zugelegt. Als der Missionar davon hörte,
+ließ er ihn vorladen und versuchte mit eindringlichen Ermahnungen auf
+ihn einzuwirken, doch ohne Resultat. Der Missionar versuchte es nun
+schriftlich. Er schrieb strenger und strenger und kam schließlich
+sogar mit ernstgemeinten Drohungen. Hierauf erhielt er endlich ein
+Antwortschreiben, in dem nur ein Wort stand: <span class="antiqua"><em class="gesperrt">susal</em></span>, auf
+gut Deutsch: »Du kannst Dir 'was scheißen!«</p>
+
+<p>Die Stellung der Frau in der Ehe ist in Grönland, wie anderswo auf
+Erden, verschieden. In der Regel bestimmt der Mann, aber ich habe auch
+Beispiele davon gesehen, daß er unter dem Pantoffel steht. Das gehört
+jedoch sicherlich zu den Ausnahmen.</p>
+
+<p>Ursprünglich scheint die Frau bei den Eskimos als das Eigentum ihres
+Gatten betrachtet worden zu sein. Auf der Ostküste kommt es vor, daß
+bei der Heirat ein förmlicher Handel vor sich geht, indem ein junger
+Mann dem Vater für die Erlaubnis, die hübsche Tochter heimzuführen,
+eine Harpune oder dergleichen bezahlen muß, ebenso wie umgekehrt gute
+Fänger von den Vätern dafür bezahlt werden, daß sie die Töchter nehmen,
+während letztere einwilligen müssen, sobald der Vater es will.<a id="FNAnker_33" href="#Fussnote_33" class="fnanchor">[33]</a> Auf
+der Ostküste geschieht es auch oft, daß zwei Fänger übereinkommen, ihre
+Frauen auf kürzere oder längere Zeit auszutauschen; bisweilen wird die
+eingetauschte Frau behalten. Zeitweiliger Frauentausch kommt sicherlich
+noch heute auch auf der Westküste vor, besonders wenn sie im Sommer
+der Renntierjagd halber im Binnenlande in<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> Zelten hausen. Dann nehmen
+sie sich viele Freiheiten, die von den Missionaren nicht kontrolliert
+werden können.</p>
+
+<p>In der Regel leben die Eheleute in außerordentlich gutem Einvernehmen.
+Ich habe nie gesehen oder gehört, daß zwischen Mann und Frau ein
+unfreundliches Wort fiel. Das entspricht der allgemeinen Erfahrung;
+schon Dalager sagt: »Je länger Eheleute zusammenleben, desto
+liebevoller schließen sie sich aneinander an, und im Alter gehen sie
+miteinander um wie unschuldige Kinder.« Sie sind im ganzen äußerst
+rücksichtsvoll gegen einander, auch kann man sie einander liebkosen
+sehen. Sie sollen sich nicht nach unserer Art küssen, sondern die Nasen
+auf einander pressen und sich zuschnupfen. Wie das gemacht wird, kann
+ich leider nicht beschreiben, da mir die nötige Praxis abgeht.</p>
+
+<p>Auf der Ostküste scheint das eheliche Verhältnis ebenfalls sehr gut
+zu sein, doch kommen dort, wie Kapitän Holm behauptet, auch blutige
+Auftritte vor. Als Sanimuinak eines Tages mit einer jungen Frau
+(der obenerwähnten Utukuluk mit den neun Männern) zu seiner Gattin
+Puitek ins Haus kam, wurde diese böse und schalt ihn aus. Hierüber
+geriet er in Wut, ergriff sie beim Haarknoten und schlug ihr mit der
+geballten Faust auf den Rücken und ins Gesicht. Schließlich nahm
+er ein Messer und stach sie damit ins Knie, so daß das Blut hoch
+aufspritzte<a id="FNAnker_34" href="#Fussnote_34" class="fnanchor">[34]</a>. Nach Holm wurde einmal auch ein Mann von seiner Gattin
+tüchtig durchgeprügelt. — Derartige Fälle gehören aber bei diesem
+friedliebenden Volke zu den Ausnahmen.</p>
+
+<p>Innige Liebe zu einander hegen die Ehegatten wohl<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> nur ausnahmsweise,
+wie denn tiefe Empfindungen dort oben im ganzen nicht oft vorkommen.
+Stirbt der eine, so tröstet sich der andere in der Regel recht bald.
+»Verliert ein Mann seine Frau«, sagt Dalager, »so wird ihm nicht von
+vielen seines Geschlechtes kondoliert. Die Frauenzimmer aber setzen
+sich zu ihm auf die Pritsche und beweinen die Tote, wozu er schluckst
+und sich die Nase putzt.« Einige Tage darauf fängt er schon wieder
+an, sich wie in seinen Junggesellentagen fein zu machen, besonders
+werden sein Kajak und seine Waffen aufgeputzt, als dasjenige, womit ein
+Grönländer stets am meisten paradiert. Wenn er nun in so glänzender
+Equipage andere Grönländer auf See anspricht, dann sagen sie: Gebt
+acht, da kommt ein neuer Schwager. Hört er dies, so schweigt er still
+und lächelt dazu. Es gehört sich, daß die zweite Frau eines Witwers
+über ihre eigene Unvollkommenheit klage und die Tugenden ihrer
+Vorgängerin preise, »und hieraus ersieht man, daß die Grönländerinnen
+ebenso gewiegt sind, interessierte Rollen zu spielen, wie andere ihres
+Geschlechtes in zivilisierten Ländern«.</p>
+
+<p>Der Hauptzweck der grönländischen Ehe ist unbedingt die
+Kindererzeugung. Daher werden, wie zu Zeiten des alten Testamentes,
+unfruchtbare Weiber geringgeschätzt und Ehen, die keine Nachkommen
+bringen, oft aufgelöst.</p>
+
+<p>Durchschnittlich sind die Grönländer reiner Rasse wenig fruchtbar. Zwei
+bis vier Kinder in jeder Ehe ist die Regel, wenn auch Beispiele von
+sechs bis acht, ja noch mehr, vorkommen.</p>
+
+<p>Zwillinge sind selten, und die Frauen fragten mich oft, ob es wirklich
+wahr sei, daß man im Lande der Langbärtigen (Norwegen) Zwillinge
+gebäre. Als ich darauf<span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span> antwortete, daß dort nicht nur Zwillinge,
+sondern auch Drillinge, ja sogar Vierlinge das Licht des Tages
+erblickten, lachten sie laut und meinten, unsere Frauen seien ja wie
+die Hunde, denn Menschen und Seehunde brächten immer nur ein Junges auf
+einmal zur Welt.</p>
+
+<p>Die Grönländerinnen gebären gewöhnlich leicht. Als Beispiel dafür,
+wie wenig Umstände sie in dieser Beziehung machen, sei angeführt,
+was Graah mitteilt. Als er auf seiner Reise längs der Ostküste den
+Bernstorffsfjord passierte, sollte eine der Frauen entbunden werden.
+Sie legten eilig an einem kahlen Berge auf der Nordseite des Fjordes
+an. Während der Entbindung streckte sich der Ehemann auf dem Berge aus
+und schlief ein, wurde aber bald mit der freudigen Nachricht erweckt,
+daß er einen Sohn bekommen habe. Wie schon erwähnt, gilt dies für ein
+Glück, während eine Tochter etwas Gleichgültiges ist. »Auch äußerte
+Ernenek (so hieß der Mann) dadurch seine Zufriedenheit, daß er der Frau
+schmunzelnd ein »<span class="antiqua">ajungilatit</span>« (Du bist nicht übel) zurief. Wir
+setzten unsere Reise mit unserem neuen Passagiere unverzüglich fort<a id="FNAnker_35" href="#Fussnote_35" class="fnanchor">[35]</a>.</p>
+
+<p>Doch auch bei diesem Naturvolke kommen bisweilen schwere Entbindungen
+vor. Egede erwähnt einer eigentümlichen Ceremonie, die seiner Zeit
+in derartigen Fällen vorgenommen wurde. Er sagt: »Sie halten der
+Gebärenden ein Nachtgeschirr über den Kopf in der Einbildung, daß die
+Entbindung dann leichter und schneller gehe.« Eine solche Verwendung
+dieses Möbels dürfte einzig dastehen.</p>
+
+<p>Die heidnischen Grönländer töten alle Mißgeburten, die für nicht
+lebensfähig gehaltenen kranken Kinder und<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> alle Kleinen, deren Mutter
+bei der Geburt stirbt, falls keine andere Frau sie säugen kann.
+Gewöhnlich werden sie ausgesetzt oder ins Meer geworfen<a id="FNAnker_36" href="#Fussnote_36" class="fnanchor">[36]</a>. So
+grausam dies den Ohren vieler europäischer Mütter auch klingen mag,
+so geschieht es ja doch aus Mitleid, und es läßt sich nicht leugnen,
+daß es vernünftig ist; denn lebt man unter so harten Lebensbedingungen
+wie die Grönländer, so ist es geboten, einen Sprößling, der nie etwas
+leisten, sondern immer nur auf Kosten anderer leben wird, überhaupt
+nicht aufzuziehen<a id="FNAnker_37" href="#Fussnote_37" class="fnanchor">[37]</a>. Aus ähnlichen Gründen sind auch Leute, die
+schon so alt geworden, daß sie sich nicht mehr erhalten können, wenig
+geachtet, und ihr Fortgang wird gern gesehen.</p>
+
+<p>Die grönländischen Kinder werden sehr lange gesäugt. Drei bis vier
+Jahre lang ist nichts Ungewöhnliches, doch habe ich auch Beispiele
+von zehn bis zwölf Jahren gehört. Ein Europäer in Godthaab erzählte
+mir, er habe einen zwölfjährigen Helden in seinem Kajake beutebeladen
+heimkehren und ins Haus zu seiner Mutter stürmen sehen, wo der junge
+Fänger zwischen ihren Knieen stehend ein Stück Schiffszwieback
+verzehrte und dazu sein Getränk aus der mütterlichen Brust sog.</p>
+
+<p>Die Kinder der christlichen Grönländer werden natürlich getauft
+und erhalten bei dieser Gelegenheit auch Namen. Die ursprünglichen
+grönländischen Namen sind indessen unter dem Einflusse der Missionare
+beinahe ganz verschwunden.<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> Statt ihrer nimmt man alle möglichen alt-
+und neutestamentlichen, und es giebt wohl keine Stelle auf Erden, wo
+man das gesamte Personal der Heiligen Schrift, vom seligen Vater Adam
+an bis auf Petrus und Paulus, so vollzählig vertreten findet, wie dort.
+Unser berühmter Freund Dalager scheint diesen Mißbrauch der Bibel als
+Namensbuch nicht gemocht zu haben, und darum »fragte ich einmal«, sagt
+er, »einen gewissen Missionar, weshalb ein Grönländer seinen früheren
+Namen, der ja natürlich und gut sein könnte, nicht behalten dürfe. —
+Es klingt schlecht, antwortete er, wenn man einen Christen wie einen
+Seehund oder Seevogel ruft. — Ich lächelte hierzu und sagte, es gebe
+doch bei uns zu Lande manchen Ravn (Rabe), Hög (Habicht) und Krage
+(Krähe), die für gute Menschen passieren.« Mir scheint, ich muß dem
+Manne hierin recht geben.</p>
+
+<p>Die Grönländer hängen mit außergewöhnlicher Liebe an ihren Kindern und
+thun alles, was sie ihnen an den Augen absehen können, besonders wenn
+es Knaben sind. Diese kleinen Tyrannen regieren gewöhnlich das ganze
+Haus, und die Worte des weisen Salomo: »Wer seinen Sohn liebt, der
+züchtige ihn«, finden hier keine Anerkennung. Sie halten ja überhaupt
+jede Züchtigung für unmenschlich und selbstverständlich für noch etwas
+Schlimmeres, wenn ihr eigenes Fleisch und Blut dabei in Frage kommt.
+Nicht ein einziges Mal habe ich einen Eskimo seinem Kinde ein hartes
+Wort sagen hören. Bei dieser Erziehung sollte man erwarten, daß die
+Kinder unmanierlich und unartig würden. Das ist aber keineswegs der
+Fall; obwohl ich in vielen Eskimohäusern auf der Westküste verkehrt
+habe, ist mir nur ein einziges Mal eine ungezogene Eskimorange
+begegnet<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> und dies war in einer mehr europäischen als grönländischen
+Familie. Wenn die Kinder größer und verständiger waren, genügte stets
+eine freundliche Aufforderung seitens des Vaters oder der Mutter, damit
+sie das unterließen, wozu sie keine Erlaubnis hatten. Nie habe ich
+Eskimokinder, sei es im Hause oder im Freien, sich erzürnen, schimpfen
+oder gar schlagen sehen. Ich habe ihnen oft beim Spielen zugesehen,
+auch oft genug mit ihnen Fußball (ein eigenes, von ihnen erfundenes,
+dem englischen <span class="antiqua">foot-ball</span> sehr ähnliches Spiel) gespielt, und
+dabei haben, wie bekannt, Knaben oft Grund zum Zanken, aber nie sah
+ich einen heftig werden, ja, ich sah nicht einmal ein unfreundliches
+Gesicht. Wo könnte das in Europa vorkommen! Den Grund dieses
+auffallenden Unterschiedes zwischen grönländischen und europäischen
+Kindern kann ich nicht feststellen. Zum wesentlichen Teile liegt er
+wohl in der außerordentlich friedfertigen und gutmütigen Gemütsart
+der Grönländer. Etwas dürfte es auch dem zuzuschreiben sein, daß die
+Eskimomutter stets mit ihren Kindern in denselben Räumen lebt und sie
+draußen auf ihrem Rücken im <span class="antiqua">Amaut</span> mit zur Arbeit nimmt. Sie
+giebt sich also viel mehr mit ihnen ab, und es entsteht ein festeres
+Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern in Grönland, als in Europa.</p>
+
+<p>Daß die Eskimobuben sich hin und wieder damit amüsieren, die Enten
+und Hühner des Kolonialverwalters oder des Predigers mit Steinen zu
+werfen, muß man ihnen nicht zu sehr anrechnen und ebenso wenig, daß
+sie vielleicht einmal in den Garten des Verwalters einsteigen und dort
+pflanzen ausreißen oder zertreten. Es sei daran erinnert, daß Achtung
+vor Grundbesitz oder das Gebot, daß man nicht alles fangen oder nehmen
+darf, was auf<span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span> der Erde wächst oder sich da bewegt, außerhalb ihrer
+ursprünglichen Begriffe liegt. Selbst wenn es ihnen eingeprägt wird,
+erhalten sie keinen scharf ausgeprägten Begriff davon; denn dies ist
+und bleibt ihnen etwas, das die fremden, zugezogenen Europäer, ohne
+dazu das Recht zu besitzen, im eigenen Interesse einführen wollen.</p>
+
+<p>Damit Auge und Arm geübt werde, giebt der vernünftige Grönländer seinen
+Söhnen, während sie noch ganz klein sind, schon kleine Vogelpfeile und
+Harpunen als Spielzeug. Und hiermit oder in Ermangelung dessen mit
+gewöhnlichen Steinen kann man die drei- und vierjährigen Fänger sich an
+kleinen Vögeln und allem ihrer Jagdlust Würdigem, was ihnen vor Augen
+kommt, üben sehen. Daß sie zeitig anfangen, den Kajak zu besteigen,
+habe ich schon erwähnt.</p>
+
+<p>Es ist für die grönländische Gesellschaft natürlich von größter
+Wichtigkeit, daß die Knaben zu tüchtigen Fängern erzogen werden; denn
+davon hängt ihre ganze Zukunft ab.</p>
+
+<p>Die Mädchen werden gleichfalls früh an ihren Beruf gewöhnt. Sie lernen
+nähen und müssen der Mutter im Hause zur Hand gehen.</p>
+
+
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p1310_deco">
+ <img class="w100" src="images/p1310_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p1320_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p1320_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_X"><span class="s5a">Kapitel X.</span><br>
+Moral.</h2>
+</div>
+
+<p>Die Auffassung der Moral des Eskimos hing wie die Auffassung aller
+Dinge sehr davon ab, mit welchen Augen man sie ansah. Man trifft
+daher neben der ungeteiltesten Lobpreisung nicht selten minder
+günstige Beschreibungen von ihr an. Die Sache ist natürlich die,
+daß der Eskimo ebensowenig wie wir alle der reine Engel oder der
+reine Teufel ist, sondern ein natürlicher Mensch mit menschlichen
+Tugenden und menschlichen Schwächen, der sich von uns vielleicht darin
+unterscheidet, daß er mehr von den ersteren als von den letzteren,
+dafür aber keine von beiden in großer Entwickelung besitzt. Davon wird
+man gewiß beim Lesen der ältesten Schilderungen von Grönland, wie
+der Berichte von Egede, Cranz, Dalager und anderen, eine deutliche
+Anschauung gewinnen.</p>
+
+<p>Einer der hübschesten und markantesten Züge im Charakter des Eskimos
+ist wohl seine Ehrlichkeit. Wenn einzelne Europäer ihm diese Tugend
+abgesprochen haben, so kommt dies sicherlich wesentlich daher, daß die
+Herren sich nicht die Mühe machten, sich ordentlich in seine Denkart zu
+versetzen und zu ergründen, was er für unehrlich hält.</p>
+
+<p>Für den Eskimo ist es von besonderer Bedeutung, daß er sich auf
+seine Mitmenschen und Nachbarn verlassen kann.<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> Damit aber dieses
+gegenseitige Vertrauen, ohne das ja jedes Zusammenschließen im
+Daseinskampf unmöglich ist, auch Bestand habe, ist es notwendig, daß
+jeder gegen den andern ehrlich handle. Er hält es daher für unredlich,
+seinen Hausgenossen oder Leuten aus seinem Wohnorte etwas zu stehlen,
+was demnach auch sehr selten vorkommt. Schon Egede sagt: »Sie lassen
+ihre Sachen vor jedem offen liegen, ohne Furcht, daß ihnen einer etwas
+stehlen oder fortnehmen könnte. Ja, diese Untugend gilt bei ihnen für
+so abscheulich, daß ein Mädchen, welches stiehlt, dadurch die Aussicht
+auf eine vorteilhafte Heirat verliert.«</p>
+
+<p>Aus demselben Grunde lügen sie, besonders die Männer, einander auch
+nicht gern etwas vor. Ein rührender Beweis hierfür ist folgender, von
+Dalager erzählter Zug: »Wenn sie einem anderen ein Ding beschreiben
+sollen, hüten sie sich auch, es glänzender, als es verdient,
+auszumalen. Ja, wenn einer etwas kaufen will, was er nicht gesehen hat,
+beschreibt der Verkäufer, auch wenn er es gern los sein will, das Ding
+doch immer etwas weniger gut als es ist.«</p>
+
+<p>Ist einer einem anderen Geld schuldig, so kann man in der Regel sicher
+sein, daß er seine Schuld bezahlt, sobald er es kann. Das werden auch
+die dänischen Kaufleute bestätigen. Sie erzählten mir oft, daß sie den
+Grönländern ruhig Kredit geben, da es äußerst selten vorkomme, daß sie
+ihr Geld nicht richtig wieder erhielten.</p>
+
+<p>Ueber seine Pflichten Fremden gegenüber, namentlich wenn es keine
+Eskimos sind, hat der Eskimo eine etwas andere Anschauung. Man muß
+jedoch bedenken, daß ihm jeder Fremde eine gleichgültige Person ist,
+deren<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Wohlfahrt zu fördern für ihn kein Interesse hat, und von der es
+ihm gleichgültig ist, ob er sich auf sie verlassen kann oder nicht, da
+er ja nicht mit ihr zusammenleben soll. Er findet also, daß es nicht
+immer seinen Interessen widerstreitet, wenn er sich etwas vom Eigentum
+eines Fremden aneignet, immer vorausgesetzt, daß das Entwendete für ihn
+von Nutzen ist.</p>
+
+<p>Hierunter hatten besonders die ersten Europäer, die ins Land kamen,
+sehr zu leiden. Daß die Eskimos sie bestahlen, ist auch wieder kein
+Wunder, wenn man bedenkt, wie die europäischen Expeditionen sich
+anfangs, als das Land wiederentdeckt worden war, dort oben betrugen.
+Sie plünderten oft die Eingeborenen, schändeten die Weiber und, was
+am ärgsten war, lockten sie an Bord, hißten die Segel und nahmen sie
+mit nach Europa als Gefangene. Die Eskimos hatten also von Anfang an
+keinen Grund, uns als Freunde zu betrachten. Fremde zu berauben und zu
+bestehlen, scheint übrigens auch mit der europäischen Moral durchaus
+nicht unvereinbar zu sein, wenn wir nach der Art und Weise schließen
+dürfen, in der wir gegen die Eingeborenen in Afrika und anderswo
+auftreten.</p>
+
+<p>Zu dem Obenangeführten kommt natürlich hinzu, daß wir im Vergleich
+zu den Eskimos im Ueberflusse leben. Daher meinen sie nach ihren
+Moralbegriffen, daß wir etwas abgeben könnten, und sind der Ansicht,
+daß wir dies nur aus Habgier und Selbstsucht unterlassen.</p>
+
+<p>Nun, da die Europäer sich dort zu Lande fest ansiedelten und schon
+lange nicht mehr als Fremde betrachtet werden, ist das Verhältnis
+anders geworden, und es wird selbst ihnen selten etwas gestohlen.
+Doch möchte ich glauben, daß die Eingeborenen ihnen Dinge, von<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> denen
+sie nicht glauben, daß sie vermißt werden, noch immer wegstibitzen,
+sobald die Gelegenheit sich bietet. Ich habe selbst gesehen, daß sogar
+gesittete Grönländer im Laden ihre Taschen und Fausthandschuhe aus den
+Mehltonnen füllten, ohne sich im Geringsten vor mir zu genieren. Bei
+dieser Gelegenheit legten sie sich die Sache wohl so zurecht: »Es ist
+der königlich-grönländische Handel, dem wir dies fortnehmen; er hat
+alles im Ueberfluß, und dieses bischen Mehl macht die Regierung weder
+reicher, noch ärmer, für uns aber macht es viel aus.« — Und sie gingen
+vergnügt damit nach Hause. Ich fürchte, daß ein solcher Gedankengang
+nicht nur in Grönland allein zu finden ist.</p>
+
+<p>Uebrigens muß auch zur Entschuldigung der Grönländer hervorgehoben
+werden, daß sie gleich von Anfang an und viele, viele Jahrzehnte lang
+den schändlichsten Betrügereien seitens der europäischen Kaufleute
+ausgesetzt waren, die sogar zum eigenen Vorteil falsch Maß und Gewicht
+benutzten und ihnen im Austausche schlechte Waren gaben. Ich will nur
+erwähnen, was Saabye erzählt, daß sie sich nämlich im achtzehnten
+Jahrhundert zu großer Tonnenmaße, die obendrein noch ohne Boden waren
+und über Vertiefungen im Fußboden gestellt wurden, bedienten. Da hinein
+mußten die Eskimos den Speck legen, ehe er ihnen abgekauft wurde, und
+gaben so mindestens anderthalb Tonnen statt einer. Dies wußten und
+durchschauten sie, fanden sich aber darein. Dergleichen kommt jetzt
+natürlich nicht mehr vor.</p>
+
+<p>Als Beweis dafür, wie redlich der Eskimo die Moralgesetze hält, die er
+achtet, sei daran erinnert, daß er nie über der Flutmarke liegendes
+Treibholz anrührt, und gerade<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> das könnte er doch so leicht nehmen,
+ohne daß es jemand erführe. Wenn wir Europäer uns nun grade gegen
+dieses Gesetz versündigen, was wir leider ebenso oft mit Wissen und
+Willen, wie ohne beides gethan haben, hat dann der Eskimo nicht das
+gleiche Recht, uns zu verachten, wie wir ihn?</p>
+
+<p>Schlägereien und derartige Roheiten kommen, wie gesagt, bei ihnen
+nicht vor. Mord ist gleichfalls eine große Seltenheit. Sie halten es
+für grausam, ihre Mitmenschen zu töten. Krieg ist daher in ihren Augen
+etwas Unverständliches und Verabscheuenswürdiges, ihre Sprache hat
+nicht einmal ein Wort dafür; und Soldaten und Offiziere, die zu dem
+Handwerke, Leute totzuschlagen, angelernt werden, sind ihnen reine
+Menschenschlächter.</p>
+
+<p>Wohl ist es, wie Egede sagt, »gelegentlich passiert, daß ein <em class="gesperrt">extrem
+malitiöser</em> Mensch einen andern aus verborgenem Hasse erschlagen
+hat«. Wenn er sagt, daß »solches die andern mit größtem Kaltsinne
+ansehen, ohne an Bestrafung zu denken oder es sich zu Herzen zu
+nehmen«, so glaube ich freilich, daß er darin nicht ganz recht hat;
+denn sie verabscheuen die That ganz gewiß, und wenn sie sich nicht
+hineinmischen, so hat dies seinen Grund darin, daß sie dies für eine
+Privatangelegenheit zwischen dem Angreifer und dem Angegriffenen
+halten. Es kommt daher nur den nächsten Verwandten des Ermordeten
+zu, ihn zu rächen, falls sie dies können, und man findet also selbst
+bei diesem friedlichen Volke eine Andeutung von einer Art Blutrache,
+wenn sie auch nur schwach entwickelt ist und auf die Ueberlebenden
+keinen schweren Druck auszuüben scheint. Wird jedoch ein Mörder
+gemeingefährlich, so hat man Beispiele davon, daß auch die Nachbarn
+sich vereinigen, um ihn zu töten.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p1361_ill_2" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p1361_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Eskimolager.</figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span></p>
+
+<p>Oft ist dort, wie anderswo, der Grund des Mordes eine Frau oder ein
+Liebesverhältnis.</p>
+
+<p>Der Ueberfall geschieht meistens auf dem Meere, wobei der eine den
+andern von hinten angreift, ihn entweder mit der Harpune ersticht oder
+ihn zum Kentern bringt oder ihm den Kajak anbohrt. Den Gegner von vorne
+anzugreifen, paßt weniger zum Charakter eines Eskimos. Nicht so sehr
+aus Furcht, als weil er sich davor schämen würde und es ihm peinlich
+wäre, wenn der andere ihn ansähe.</p>
+
+<p>Alte Hexen und Zauberer zu töten, halten sie für erlaubt, weil sie
+meinen, daß diese mit ihren Künsten anderen schaden oder sie gar töten
+können. Es scheint auch nicht gegen ihre Moral zu streiten, den Tod
+Kranker, die schwer leiden, oder solcher Menschen, die phantasieren,
+wovor sie besonders große Furcht haben, zu beschleunigen.</p>
+
+<p>Dasjenige unserer Gebote, gegen welches sich die Grönländer am
+häufigsten versündigen, ist das sechste, und der Leser wird wohl schon
+aus dem vorhergehenden Kapitel den Eindruck gewonnen haben, daß Tugend
+und Züchtigkeit in Grönland nicht in hohem Ansehen stehen. Dies ist
+besonders der Fall bei den christlichen Eingeborenen auf der Westküste,
+die viel mit uns Europäern in Berührung gestanden haben. Viele sehen
+es dort für gar keine besondere Schande an, wenn ein unverheiratetes
+Mädchen Kinder bekommt. Hiervon habe ich wiederholt Beweise gesehen.
+Während wir in Godthaab waren, befanden sich dort in der Nachbarschaft
+zwei Mädchen in gesegneten Umständen, verbargen dies aber durchaus
+nicht, sondern legten schon lange, bevor es nötig war, die grüne
+Haarbinde<a id="FNAnker_38" href="#Fussnote_38" class="fnanchor">[38]</a> an<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> und schienen über diesen sichtbaren Beweis, daß sie
+nicht verschmäht worden waren, beinahe stolz zu sein. Ich habe Grüne
+gesehen, die nicht allein grüne Haarbinden hatten, sondern auch Besatz
+und Schleifen von dieser Farbe auf ihrem Anorak trugen, was weder
+vorgeschrieben, noch üblich ist.</p>
+
+<p>Obwohl die Priester stark gegen die Schlaffheit in dieser Beziehung
+geeifert und den jungen Leuten beiderlei Geschlechtes von der Schule an
+strengere Moralbegriffe einzuprägen versucht haben, scheinen diese ihre
+Auffassung dieser Sünde nicht verändert zu haben, ja es vielmehr noch
+ärger zu treiben.</p>
+
+<p>Wenn die jungen Grönländerinnen mit einem Manne ein Verhältnis haben,
+machen sie kein Hehl daraus. Ist es ein Europäer, so prahlen sie
+geradezu damit, und es scheint sogar, als ob sie dadurch größeres
+Ansehen unter ihren Freundinnen gewönnen. Hieran sind die Europäer zum
+wesentlichen Teile selber schuld; denn erstens haben die jungen Männer,
+die nach Grönland kamen, sich oft schlecht gegen die Grönländerinnen
+betragen und ein schlechtes Beispiel gegeben, und zweitens haben die
+Europäer im ganzen dafür gesorgt, sich in solchen Respekt zu setzen,
+daß der einfachste europäische Matrose jetzt dem besten grönländischen
+Fänger von den Mädchen vorgezogen wird. Dies hat denn auch sichtbare
+Früchte getragen, indem sich die Rasse in den anderthalb Jahrhunderten,
+seitdem wir uns im Lande niederließen, derartig mit europäischem Blute
+gemischt hat, daß es jetzt außerordentlich schwer fällt, auf der ganzen
+Westküste einen wirklichen Vollbluteskimo zu finden<a id="FNAnker_39" href="#Fussnote_39" class="fnanchor">[39]</a>.<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> Und dies,
+trotzdem die Anzahl der Europäer im Lande einen geringen Bruchteil der
+Zahl der Eingeborenen ausmacht; ein paar hundert gegen zehntausend.</p>
+
+<p>Daß die Geneigtheit der Europäer zu derartigen Vergehen nicht dazu
+beigetragen hat, ihren Geistlichen die Arbeit zur Hebung dieses Gebotes
+zu erleichtern, versteht sich von selbst. Meiner und sicherlich
+auch der allgemeinen Erfahrung nach sind die Grönländerinnen in den
+Kolonieen, wo viele Europäer sind, sehr viel leichtfertiger als ihre
+Schwestern dort, wo es keine gibt. Als Beispiel will ich erwähnen, daß
+die Frauen in Sardlok, Kornok, Kangek und Narsak durchgehends einen
+besseren Eindruck machten als die Frauen von Godthaab und Neuherrenhut,
+die sich jungen Leuten, die ihnen gefielen, gegenüber gerade das
+Gegenteil von zurückhaltend betrugen.</p>
+
+<p>Es scheint, als sei die Moral in dieser Hinsicht unter den Heiden vor
+Ankunft der Europäer bedeutend besser gewesen. Selbst Hans Egede, der
+ihren moralischen Zustand doch sonst nicht in zu glänzenden Farben
+schildert, sagt in seiner neuen Perlustration: »Dagegen sind die
+Jungfrauen und Mädchen sehr züchtig, sowie wir nie gesehen haben, daß
+sie mit jungen Kerlen leichtfertig verkehren oder mit Worten oder Taten
+das geringst Zeichen solcher Gesinnung geben. In den 15 fahren, die ich
+jetzt in Grönland verlebt habe, weiß ich nur von zwei oder drei Mädchen
+mit unehelichen Kindern, denn sie halten dies für eine große Schande.«</p>
+
+<p>Und Dalager, der ihnen überhaupt das heutzutage garnicht mehr
+gerechtfertigte Zeugnis giebt, sie seien freilich »der Sünde der
+Liederlichkeit ergeben, doch nicht in dem Grade wie andere Nationen«,
+sagt von den Mädchen: »Sie<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> sind in ihren ersten reifen Jahren dem
+Anscheine nach sehr keusch, denn sonst würden sie sicher das Glück
+verscherzen, einen Junggesellen zum Manne zu bekommen.«</p>
+
+<p>Bei den Heiden auf der Ostküste scheint es damit heutzutage nicht
+so streng genommen zu werden; denn Holm sagt, daß es dort für keine
+Schande gilt, wenn eine Unverheiratete Kinder hat.</p>
+
+<p>Die strenge Moral, die den unverheirateten jungen Leuten beiderlei
+Geschlechts vorgeschrieben war, scheint jedoch nach der Heirat keine
+Geltung mehr gehabt zu haben. Die Männer erfreuten sich jedenfalls dann
+der ungebundensten Freiheit. Egede sagt: »Ich habe lange nichts davon
+gehört, daß die Männer sich zu anderen Weibern als ihren eigenen und
+die Weiber sich zu anderen Männern hielten; schließlich aber erfuhren
+wir doch, daß sie es damit nicht so genau nehmen.« Er beschreibt
+unter anderm ein merkwürdiges Spiel, wozu sich die Männer und die
+verheirateten Frauen »wie zu einer Assemblee« versammeln. Hierbei
+stellten sich die Männer der Reihe nach in die Mitte der Stube und
+sangen zum Klange einer Trommel Loblieder auf die Frauen und die Liebe,
+und dabei sollten alle Anwesenden völlige Freiheit ohne jeden Zwang
+haben. »Aber zu diesem Spiele kommen die Jungen und Unverheirateten,
+die sehr züchtig sind, niemals; nur die Verheirateten, meinen sie,
+können dergleichen thun, ohne sich dessen schämen zu müssen.«</p>
+
+<p>Egede sagt auch, daß die Frauen es für ein besonderes Glück und eine
+große Ehre halten, mit einem Angekok, d. h. einem ihrer Propheten und
+Gelehrten, in ein intimes Verhältnis zu treten, und fügt hinzu: »ja,
+viele Männer sehen es selber gern und bezahlen den Angekok dafür, daß<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span>
+er bei ihren Frauen schlafe, besonders wenn sie selber keine Kinder mit
+ihnen zeugen können.«</p>
+
+<p>Die Freiheit der Eskimoweiber in dieser Hinsicht ist also sehr
+verschieden von der dem germanischen Weibe zustehenden. Der Grund
+liegt wohl darin, daß, während die Erhaltung des Erbes, Geschlechtes
+und Stammbaumes bei den Germanen stets eine große Rolle gespielt hat,
+alles dieses für den Eskimo bedeutungslos ist, da er wenig oder nichts
+zu vererben hat und es für ihn hauptsächlich darauf ankommt, Kinder zu
+haben.</p>
+
+<p>Hinsichtlich des erwähnten Spieles behauptet Dalager jedoch, daß es
+sehr selten vorkommen solle, und es sei »wohl zu merken, daß eine
+Ehefrau, die schon glückliche Mutter ist, sich nie darauf einläßt«.</p>
+
+<p>Witwen und geschiedene Frauen aber, meint er, nehmen es nicht so genau.
+Während man sehr selten hört, »daß ein Mädchen sich vergangen habe,
+sieht man dagegen solche Weiber ebensoviele Kinder gebären wie richtige
+Ehefrauen. Wird ihnen dies vorgeworfen, wenn auch von ihren eigenen
+Landsleuten, so antworten viele, es geschehe nicht aus Liederlichkeit,
+sondern aus einem natürlichen Antriebe, Kinder zu gebären, aus welchem
+Grunde sie aber manchen redlichen Mann verführen.«</p>
+
+<p>Auch auf der Ostküste scheint die Moral der Verheirateten nach unserem
+Begriffe nichts weniger als gut zu sein. So habe ich erzählt, daß
+die Männer ihre Frauen oft austauschen; doch geschieht dies unter
+bestimmten Männern, und der Mann liebt es in der Regel nicht, daß seine
+Frau sich mit anderen einläßt, als mit dem, welchem er sie geliehen
+hat. Er selber aber beansprucht für sich völlige Freiheit. Im Winter,
+wenn sie in Häusern wohnen, spielen<span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span> sie oft ein Frauentausch- oder
+Lampenlöschungsspiel, das dem obenerwähnten ähnelt und bei dem die
+Lampen ausgeblasen werden. Hieran aber dürfen auch Unverheiratete
+teilnehmen. Holm sagt, ein guter Wirt lasse, wenn er Gäste im Hause
+habe, abends stets die Lampen auslöschen.</p>
+
+<p>Auf der Westküste dagegen ist dieses Spiel jetzt verschwunden. Ich
+möchte allerdings nicht dafür einstehen, daß es an Orten, wo es den
+Predigern oder anderen Behörden schwer werden dürfte, dahinterzukommen,
+nicht doch noch ausnahmsweise gespielt wird; denn auch die
+verheirateten christlichen Grönländer scheinen keinen übertriebenen
+Respekt vor dem sechsten Gebot zu haben und lassen sich in dieser
+Hinsicht gewiß viele Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen.</p>
+
+<p>Wir finden diese Moral auf den ersten Blick natürlich sehr schlecht.
+Damit ist aber nicht gesagt, daß sie es auch für den Eskimo ist. Wir
+müssen uns überhaupt hüten, von unserem Gesichtspunkt aus Anschauungen,
+die sich durch viele Generationen und viele Erfahrung bei einem andern
+Volke entwickelt haben, sofort zu verdammen, auch wenn sie den unseren
+noch so sehr widerstreiten. Die Ansichten von Gut und Recht sind
+hier auf Erden außerordentlich verschieden. Als Beispiel möchte ich
+anführen, daß ein Eskimomädchen, als Nils Egede ihr von der Liebe zu
+Gott und unserem Nächsten gesprochen hatte, erklärte: »... Ich habe
+bewiesen, daß ich meinen Nächsten liebe, denn eine alte Frau, die krank
+war und nicht sterben konnte, bat mich, daß ich sie für Geld nach der
+steilen Klippe führe, von der sich immer die hinabstürzen, die nicht
+mehr leben mögen. Weil ich aber meine Leute liebe, führte ich sie
+umsonst hin und stürzte sie vom Felsen hinunter.« Egede meinte, dies
+sei eine schlechte<span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span> That, und sagte, sie habe einen Menschen getötet.
+»Sie sagte nein; sie habe großes Mitleid mit der Alten gehabt und
+geweint, als sie abgestürzt war.« Soll man dies nun eine gute oder eine
+böse That nennen?</p>
+
+<p>Als derselbe Egede einandermal davon sprach, daß Gott die Bösen
+bestrafe, sagte ihm ein Eskimo, er gehöre auch zu denen, welche die
+Bösen bestrafen, denn er habe drei alte Weiber, die Hexen waren,
+erschlagen.</p>
+
+<p>Derselbe Unterschied in der Auffassung von Gut und Böse macht sich auch
+dem sechsten Gebote gegenüber geltend. Der Eskimo stellt das Gebot
+»Seid fruchtbar und mehret Euch« höher. Dazu hat er um so mehr Grund,
+als seine Rasse von Natur wenig fruchtbar ist.</p>
+
+<p>Gleich vielen anderen Völkern fand der Eskimo es sehr wunderbar, daß
+es nicht als etwas ganz Vorzügliches zu betrachten sei, wenn ein Mann
+mehr als eine Frau hatte. Bei ihnen stieg das Ansehen mit der Zahl der
+Frauen, und aus diesem Grunde fanden sie die Patriarchen des alten
+Testamentes vernünftiger als uns. Uebrigens ist das eine Anschauung,
+die wir bei unseren eigenen Vorfahren bis weit in die historische Zeit
+hinein wiederfinden.</p>
+
+<p>Als Paul Egede einmal den Grönländern ihre Neigung zur Polygamie
+verwies, lobte einer seine Frau wegen ihres »guten Gemütes, denn sie
+sei nie böse, wenn er fremde Weiber liebe«. Egede sagte, »in unserem
+Lande duldeten die Frauenzimmer nicht, daß ihre Männer sich mit anderen
+einließen; sie würden diese aus dem Hause jagen«. »Das ist kein Lob
+für Eure Frauenzimmer,« meinte der Eskimo, »daß sie ihre Männer für
+sich allein haben und Herr über sie sein wollen; bei uns würde man sie
+tadeln.«</p>
+
+<p>In dieser Beziehung denken sie weniger ideal, aber<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> praktischer als
+wir. Betrachten wir z. B. ihren Frauentausch und ihre Behandlung
+unfruchtbarer Frauen, so erscheinen ihre Sitten uns recht locker. Aber
+diese Sitten sind ja wesentlich darauf berechnet, Nachkommenschaft zu
+erzielen, und erinnern wir uns der großen Bedeutung, die diese für sie
+hat, so fällen wir vielleicht ein etwas milderes Urteil.</p>
+
+<p>Bleibt die Gattin eines Grönländers kinderlos, so wird ja der
+Hauptzweck seiner Ehe nicht erreicht, und es scheint ihm daher nur
+natürlich, daß er dem abzuhelfen versucht. Als ein junger Mann, dessen
+Frau keine Kinder hatte, einmal Nils Egede ein Fuchsfell dafür anbot,
+daß entweder er selber ihm dazu verhelfen oder einen seiner Matrosen es
+thun lassen sollte, war er sehr verdutzt, daß Egede darüber böse werden
+konnte. Er antwortete: »Das ist keine Schande; sie ist verheiratet und
+kann einen Deiner verheirateten Matrosen bekommen.«</p>
+
+<p>Daß es jedoch auch den verheirateten Grönländern ursprünglich nicht an
+dem, was wir Sittlichkeitsgefühl nennen, gefehlt hat, scheint unter
+anderem daraus hervorzugehen, daß sie sich im täglichen Leben sehr
+anständig betragen und in der Regel keinen Anstoß erregen, worüber alle
+Reisenden einig sind.</p>
+
+<p>Wenn ein Heide — und viele christliche Grönländer desgleichen —
+die Gattin eines anderen, wenn sie ihm gefällt, nicht antastet, so
+geschieht dies wohl meistens mehr aus Scheu vor einem Zwiste mit
+dem Manne, als weil er es für unrecht hält. Doch daß selbst auf der
+Ostküste ein schwacher Rechtsbegriff in dieser Beziehung vorhanden ist,
+ergiebt sich aus folgender, in Angmagsalik gebräuchlicher Redeweise:
+»Die Walfische, Moschusochsen und Renntiere<span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span> verließen das Land, weil
+die Männer zu viel mit anderer Leute Frauen verkehrten.« Viele Männer
+behaupten aber, es sei geschehen, »weil die Frauen darüber eifersüchtig
+wurden, daß die Männer mit anderer Leute Frauen Umgang hatten«.
+Letzteres soll auch daran schuld sein, daß der Sund, der früher vom
+Sermelikfiord bis an die Westküste quer durch das Land ging, jetzt
+vereist ist.<a id="FNAnker_40" href="#Fussnote_40" class="fnanchor">[40]</a></p>
+
+<p>Egede sagt, daß die Frauen, obwohl sie seltsamerweise bis zu seiner
+Ankunft durchaus nicht eifersüchtig waren, wenn ihre Männer mehrere
+Frauen hatten, und »sich stets gut mit letzteren vertrugen«, auf
+einmal damit unzufrieden waren und nicht wollten, daß die Männer sich
+eine Nebenfrau nahmen. Und zwar sei diese Sinnesänderung vor sich
+gegangen, nachdem er ihnen über das Ungebührliche ihrer Sitte gepredigt
+habe; er setzt noch hinzu: »Ja, nachdem ich es ihnen aus Gottes Wort
+vorgelesen und nachgewiesen hatte, baten sie mich, nicht zu vergessen,
+ihren Männern das sechste Gebot einzuschärfen.« Diese Wirksamkeit der
+Missionare unter den Frauen sagte den Männern begreiflicherweise nicht
+zu, und ein Eskimo, dessen beide Frauen einander in die Haare gekommen
+waren, sagte voll Erbitterung zu Niels Egede: »Du hast sie mit Deiner
+Leserei verdorben, und nun sind sie eifersüchtig aufeinander.« Mir
+scheint der Groll des Mannes berechtigt. Was würden wir sagen, wenn die
+Grönländer in unser Land kämen, in unsere Häuser drängen und unseren
+Frauen <em class="gesperrt">ihre</em> Sittlichkeitsmoral predigten?</p>
+
+<p>Nach eskimoischer Anschauung ist das Heiraten zweier<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Geschwisterkinder
+untereinander, wie überhaupt zwischen nahen Verwandten nicht erlaubt.
+Nicht einmal Pflegegeschwister, die zufällig zusammen erzogen sind,
+dürfen sich heiraten. Am besten soll die Braut von auswärts sein.</p>
+
+<p>Dieses Gesetz entspricht also der sogenannten Exogamie oder
+dem Verbote, sich mit mutmaßlichen Blutsverwandten desselben
+Familiennamens, oder doch aus demselben Clan (bei den Chinesen),
+Gotra (bei den Hindus) oder derselben Gens (bei den Römern) ehelich
+zu verbinden. Dasselbe Verbot findet sich unter wenig verschiedenen
+Formen bei den Hindus, den Chinesen, in der griechischen Kirche, in
+der altkatholischen, zum Teil auch bei den Slawonen, den Indianern und
+vielen anderen.</p>
+
+<p>Unsere eigenen Vorfahren haben wohl auch früher der Exogamie gehuldigt,
+die jedoch stark im Widerspruch steht zu der jetzt bei uns üblichen
+Anschauung, daß Heiraten zwischen Leuten aus demselben Orte, ja
+vorzugsweise unter nahen Verwandten, wenn nicht gar Geschwisterkindern
+die besten seien. Im Großen und Ganzen scheinen die wilden Völker die
+ausgedehntesten, umfassendsten Heiratsverbote zu haben, während die
+beschränktesten Vorschriften darüber in den modernen, zivilisierten
+Staaten zu finden sind. Die Exogamie wäre demnach ein Ueberbleibsel
+der Barbarei, von dem sich unser Volk in hohem Grade freigemacht
+hätte. Der Ursprung dieses Moralgesetzes ist sehr schwer zu erklären.
+Trotzdem ich wissenschaftliche Autoritäten gegen mich habe, scheint
+es mir nicht unmöglich, daß ihm zum Teil der Glaube zu Grunde liege,
+die Verwandtenehe erzeuge schwächliche Nachkommen. Jedenfalls finden
+wir solchen Glauben in seinem engsten Begriffe bei fast allen Völkern
+in Form von Scheu vor Blutschande. Allerdings<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> meinen mehrere moderne
+Forscher beweisen zu können, daß Ehen zwischen Verwandten keine
+schlechten Folgen haben. Doch berechtigt oder nicht berechtigt: es ist
+Thatsache, daß ein solcher Glaube hat entstehen können, und ist erst
+der Glaube da, so kommt das Gesetz von selbst. Daß es, wie bei den
+Grönländern soweit geht, alle an einem Orte Wohnenden zu umfassen, läßt
+sich leicht durch ihre obenbesprochenen Bräuche erklären, nach denen
+man nie bestimmt wissen kann, ob die Brautleute aus einem Orte nicht am
+Ende Halbgeschwister sind.</p>
+
+<p>In vieler Beziehung steht die Moral des heidnischen Eskimos
+durchgehends höher als die in den meisten christlichen Staaten. Da ich
+dies schon im siebenten Kapitel angedeutet habe, will ich hier nur an
+ihre aufopfernde Nächstenliebe erinnern, und an ihre Bereitwilligkeit,
+einander zu helfen, wozu wir bei uns wahrhaftig kein Seitenstück finden.</p>
+
+<p>Die Nächstenliebe des Eskimos aber geht sogar soweit, daß er es
+unterlassen kann, einen andern schlecht zu machen. Ja, er sagt
+ihm nicht einmal etwas Nachteiliges, das wahr ist, nach, wenn er
+sein Nachbar ist. Dergleichen würde nicht zu seiner friedlichen,
+wohlwollenden Gesinnung passen. Wie schon erwähnt, scheinen die Frauen
+in dieser Hinsicht nicht ganz so zuverlässig zu sein, doch dies soll ja
+keine ungewöhnliche weibliche Schwäche sein.</p>
+
+<p>Vor dem Alter hat der Eskimo keine sehr hervortretende Ehrfurcht.
+Solange die Alten noch arbeiten können, werden sie allerdings geachtet,
+und sind sie früher gute Fänger gewesen und haben Söhne, so können sie
+sogar großen Einfluß haben und als das Oberhaupt des Hauses betrachtet
+werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p>
+
+<p>Eine Frau, die tüchtige Söhne hat, wird auch dann noch ehrerbietig
+behandelt, wenn sie ein sehr hohes Alter erreicht. Ist sie Witwe, so
+hat sie besonders großen Einfluß, da sie dann gewöhnlich das Haus
+regiert und die Schwiegertöchter sich ihren Anordnungen unterwerfen
+müssen. Doch werden die Leute sonst so alt, daß sie nicht mehr arbeiten
+können, so werden sie, namentlich die Weiber, wenig rücksichtsvoll
+behandelt. Bisweilen schämen sich die Jüngeren nicht einmal, sie
+geradezu zu verspotten, und hierin finden die alten Knacker sich mit
+großer Geduld, als sei es nun einmal so der Lauf der Welt.</p>
+
+<p>Will der Leser sich selber eine Ansicht über die moralische Denkweise
+eines ursprünglichen Eskimos bilden, so glaube ich, ist der beigefügte
+Brief eines Grönländers an Paul Egede<a id="FNAnker_41" href="#Fussnote_41" class="fnanchor">[41]</a> von Interesse. Ich gebe ihn
+hier wieder, weil er meine Anschauungen in vieler Beziehung unterstützt
+und Egedes Buch, »Nachrichten über Grönland«, in dem die Uebersetzung
+(Seite 230-236) abgedruckt ist, jetzt schwer zu haben sein dürfte.</p>
+
+<p>Der Schreiber des Briefes war ein Heide, den Paul Egedes Vater,
+Hans Egede, getauft hatte. Der Brief, der natürlich auf Eskimoisch
+geschrieben war, verrät außer überraschenden moralischen Ansichten auch
+scharfen Verstand und Gefühle, die man sicherlich, wie Paul Egede sagt,
+»einem so dummen Volke, wie die Eskimos es der allgemeinen Meinung nach
+sein sollen«, nicht zutrauen würde. Er bildet, wie man sehen wird, die
+Antwort auf einen Brief Egedes und lautet folgendermaßen:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>
+»Liebenswürdiger Pauia!«<a id="FNAnker_42" href="#Fussnote_42" class="fnanchor">[42]</a><br>
+</p>
+
+<p>Du weißt selbst, wie wert und angenehm mir Dein Schreiben ist. Aber
+wie erschrak ich, als ich darin von dem Untergange der vielen Menschen
+bei dem Erdbeben, von dem wir hier nichts gehört haben, las, bei dem,
+wie Du sagst, in einem Augenblicke mehr Menschen umgekommen sind, als
+in unserem ganzen Lande wohnen. Ich kann nicht beschreiben, wie mich
+dies erregt hat, und wir erschraken so, daß viele von ihrem Wohnorte
+nach anderen Stellen flüchteten, die ebenso unsicher waren, obgleich
+der Grund aus Felsen besteht. Denn wir sehen auch bei uns, daß Klippen
+von oben bis in den Abgrund hinunter zerrissen sind, wann dies aber
+geschehen ist, weiß keiner von uns. Die Granitfelsen unseres Landes
+kann Gott, in dessen Macht alles liegt, ebenso leicht erschüttern,
+und wir armes, elendes Gewürm sind leicht darunter begraben. Du läßt
+mich wissen, daß der Winter Euch weder Schnee, noch Kälte gebracht
+hat, und schließest daraus, daß er bei uns um so strenger gewesen sein
+muß; wir haben jedoch einen ungewöhnlich milden Winter gehabt. Wie
+ich gehört habe, meinen Eure Gelehrten, daß das milde Wetter von den
+warmen Dünsten herrühre, die bei dem Erdbeben aus der Erde gekommen
+sind, die Luft erwärmt und die Schneemasse geschmolzen haben sollen.
+Doch, wenn ich nicht gehört hätte, daß die Gelehrten dies gesagt haben,
+hätte ich geglaubt, daß die Wärme der Erde nicht ausreichen könne,
+um die hohe, weite Luft zu erwärmen, ebensowenig wie der Atem eines
+Menschen ein großes Haus heizen kann, wenn er einmal hineinhaucht
+und dann gleich wieder hinausgeht. Die Südwinde, die immer warm sind
+und bei uns das ganze Jahr geweht haben, sind die Ursache, daß hier
+nur mäßige Kälte war; weshalb der Wind aber aus Süden wehte, weiß
+ich nicht, vielleicht wissen es auch die Gelehrten nicht. Sind die
+bedauernswerten, umgekommenen Menschen vor Hitze gestorben, oder hat
+die Erde sie verschlungen, oder hat die Erschütterung sie getötet?
+Schiffer B. meinte, ihre eigenen Häuser seien über ihnen eingestürzt
+und hätten sie erschlagen. Eure Leute aber scheinen sich dies nicht
+sehr zu Herzen zu nehmen, denn sie sind nicht allein munter und
+zufrieden, sondern sie erzählen uns auch, daß die beiden Nationen<a id="FNAnker_43" href="#Fussnote_43" class="fnanchor">[43]</a>,
+die hierher zum Walfischfange kommen, — nicht aus Eurem Lande,
+aber doch Eure Glaubensgenossen — einander zu Lande und zu Wasser<span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span>
+erschießen und totschlagen, auf einander Jagd machen wie auf Seehunde
+und Renntiere und sich gegenseitig und solchen, die sie nie gesehen
+haben und garnicht kennen, Schiffe und Güter stehlen und fortnehmen,
+bloß weil ihr Oberherr es so haben will. Als ich den Schiffer durch
+den Dolmetscher fragte, was der Grund solcher Unmenschlichkeit sei,
+antwortete er, es sei ein Stück Land<a id="FNAnker_44" href="#Fussnote_44" class="fnanchor">[44]</a> dem unsrigen gegenüber, das so
+weit fort liege, daß sie drei Monate brauchen, um dorthin zu segeln.
+Ich dachte da, daß sie zu wenig Land hätten, um alle dort wohnen zu
+können, er aber sagte nein! Es sei nur die Gier der großen Herren nach
+mehr Völkern und Reichtümern. Ich war über diese Begehrlichkeit so
+verwundert und wurde so bange, daß ich beinahe vor Schrecken gestorben
+wäre; doch gleich darauf wurde ich wieder froh, Du kannst wohl kaum
+erraten, weshalb? Ich dachte an unser schneebedecktes Land mit seinen
+armen Bewohnern, und ich sagte zu mir selbst: ›Gott sei Dank! wir sind
+arm und besitzen nichts, was diese gierigen Kavdlunaker, so nennen
+wir alle Fremden, begehren könnten; was wir über der Erde besitzen,
+gilt ihnen nichts; was uns zur Kleidung und Nahrung dient, schwimmt
+im großen Meere, davon mögen sie nach Belieben soviel nehmen, wie
+sie bekommen können, für uns bleibt doch noch genug übrig; wenn wir
+nur soviel Speise haben, daß wir uns satt essen können, und genug
+Felle bekommen, um uns gegen die Kälte zu schützen, so sind wir
+zufrieden, und Du weißt selbst, daß wir den folgenden Tag für das
+Seine sorgen lassen. Wir wollten also nicht darum Krieg führen, auch
+wenn es in unserer Macht läge, obgleich wir ebenso gut sagen können,
+es gehöre uns, wie die Gläubigen aus dem Osten von den ungläubigen im
+Westen sagen, diese und ihre ganze Habe gehörten ihnen. Wir können
+sagen, das Meer, das unsere Küste bespült, gehört uns, unser sind
+auch die darin schwimmenden Walfische, Walrosse, Tümmler, Einhörner
+(Narwale), Weißfische (Walart), Seehunde, Helbutten, Lachse, Dorsche
+und Knurrhähne; doch wir haben nichts dagegen, daß sich andere soviel
+von dem großen Vorrate nehmen, wie sie wollen. Wir haben das große
+Glück, von Natur nicht so habgierig zu sein, wie sie. Ich habe mich
+oft über die Christen gewundert und nicht recht gewußt, was ich von
+ihnen denken sollte; sie verlassen ihr eigenes schönes Land und müssen
+in diesem für sie so harten und häßlichen Lande viel aushalten, nur um
+uns zu gesitteten Menschen zu machen, aber hast Du wohl so viel Böses
+bei unserer Nation gefunden und je solchen merk<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> würdigen, abgünstigen
+Schnickschnack von einem der unseren gehört? Eure Lehrer unterweisen
+uns, wie wir dem Teufel entgehen können, von dem wir doch nie etwas
+gewußt haben, und Eure übermütigen Matrosen beten in vollem Ernste, der
+Teufel wolle sie holen und zerreißen. Du wirst Dich noch erinnern, daß
+ich ihnen zu Gefallen in meiner Jugend solche Redensarten von ihnen
+gelernt habe, ohne die Bedeutung zu kennen, bis Du mir verboten hast,
+sie zu gebrauchen, und seitdem ich sie selbst verstehen gelernt, habe
+ich mehr davon gehört, als mir lieb ist. Besonders in diesem Jahre
+habe ich soviel von den Christen gehört, daß wenn ich nicht durch den
+langen Verkehr viele gute und gesittete kennen gelernt und <em class="gesperrt">Hans
+Pungiok</em> und <em class="gesperrt">Arnarsak</em>, die in Eurem Lande gewesen sind,
+nicht erzählt hätten, daß es dort viele fromme, tugendhafte Leute
+giebt, ich gewünscht haben würde, wir hätten sie nicht gesehen, damit
+sie nicht unser Volk verderben. Du hast wohl mehr als einmal gehört,
+daß meine Landsleute von Dir und den Deinen glaubten, solche Manier
+sei Euch in Eurem Lande anerzogen worden, und von einem Frommen unter
+Euch sagten, er gleiche einem Menschen oder Grönländer. Du erinnerst
+Dich wohl des Einfalles des lustigen <em class="gesperrt">Okakos</em>, Hexenmeister,
+d. h. Angekoker, in Euer Land zu senden, um die Leute dort zu
+unterrichten, wie man ein gesitteter Mensch wird, gerade so, wie Euer
+König Prediger hergesandt hat, um uns zu lehren, daß es einen Gott
+giebt, den wir früher nicht kannten. Doch ich weiß wohl, daß es ihnen
+nicht an Unterweisung fehlt und der Vorschlag daher nichts taugt. Es
+ist wirklich merkwürdig, mein lieber Pauia! Euer Volk weiß, daß es
+einen Gott, den Schöpfer und Erhalter aller Dinge, giebt, daß sie
+nach diesem Leben entweder selig oder verdammt werden, je nachdem sie
+sich betragen haben, und dennoch leben sie, als wäre ihnen befohlen
+worden, böse zu sein, und als brächte ihnen das Sündigen Vorteil und
+Ehre. Meine Landsleute dagegen wissen weder von Gott, noch vom Teufel
+etwas, erwarten weder Lohn noch Strafe nach diesem Leben, und doch
+benehmen sie sich anständig, verkehren liebevoll und einträchtig
+miteinander, teilen alles miteinander und schaffen sich gemeinsam ihren
+Lebensunterhalt. Es giebt wohl Böse unter uns, die zeigen, daß wir
+mit Euch stammverwandt sein müssen, doch daß an den meisten von uns
+kein Tadel ist, — (Du denkst wohl nicht, daß ich meines Volkes wegen
+lüge, Du weißt ja selbst aus Erfahrung, daß dies wahr ist) — kommt
+vielleicht von unserm unfruchtbaren Lande. Wie ich zuerst von Euren
+schönen Ländern hörte, habe ich oft ihre Bewohner glücklich geschätzt,
+weil sie solchen Ueberfluß an wohlschmeckenden Erdfrüchten, Tieren,
+Vögeln und<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> Fischen jeder Art, schön eingerichtete große und prächtige
+Häuser, schöne Kleider, einen langen Sommer, keinen Schnee, keine
+Kälte, keine Mücken, sondern nur wünschenswerte und angenehme Dinge
+besitzen, und diese Glückseligkeit, dachte ich bei mir, sei Euch nur
+deshalb zuteil geworden, weil Ihr Gläubige und sozusagen Gottes eigene
+Kinder seid, während wir als Ungläubige zur Strafe in dieses harte
+Land gesetzt seien. Doch oh! wir glücklichen Grönländer! Oh, Du teures
+Vaterland! Wie gut, daß Du mit Eis und Schnee bedeckt bist! wie gut,
+daß, falls Deine Felsen das Gold und Silber, nach welchem die Christen
+so gierig sind, enthalten, dieses mit soviel Schnee bedeckt ist, daß es
+unzugänglich ist. Deine Unfruchtbarkeit macht uns glücklich und befreit
+uns von Gewalt. Pauia, wir sind wirklich mit unseren Lebensbedingungen
+zufrieden. Fleisch und Fische sind unsere ganze Nahrung; Leckerbissen
+kommen nur selten vor, sind dann aber um so willkommener. Das
+eiskalte Wasser ist unser Getränk, es erquickt und umnebelt nicht den
+Verstand, auch beraubt es uns nicht unserer natürlichen Kräfte, wie
+das tollmachende Gebräu, an dem Eure Leute so viel Geschmack finden.
+Unsere Kleidung besteht aus dicken, unansehnlichen Fellen, die aber
+ganz wie für dieses Land geschaffen sind und sowohl den Tieren, solange
+sie sie tragen, wie uns, wenn wir sie von ihnen bekommen haben, gute
+Dienste leisten. Bei uns giebt es also — Gottlob! — nicht soviel,
+daß jemand Lust bekommen könnte, uns deshalb totzuschlagen. Wir leben
+somit ohne Furcht. Wohl haben wir hier im Norden die grimmigen weißen
+Bären, doch da wir Hunde besitzen, die für uns mit ihnen kämpfen, haben
+wir nicht die geringste Gefahr zu befürchten. Von Totschlag hört man
+bei uns sehr selten, und er kommt auch nur vor, wenn jemand in den
+Verdacht gerät oder von einem Angekok angeklagt wird, einen Menschen
+mittelst Zauberei umgebracht zu haben; dann wird er ohne Gnade von den
+Betreffenden umgebracht, die ebensoviel Recht zu haben glauben, ihre
+Mitmenschen zu töten, wie die Henker Eures Landes Eure Missethäter.
+Doch sie prahlen nachher nicht damit oder danken gar Gott dafür, wie
+die Herren bei Euch zu Lande, wenn sie die Bewohner eines ganzen Landes
+totgeschlagen haben, wie D. mir erzählt hat. Sie können doch wohl nicht
+dem guten Gotte, der, wir Ihr uns lehrt, das Töten verboten hat, danken
+und lobsingen; es muß ein anderer sein, der Totschlag und Vernichtung
+liebt, am Ende ist es gar der <em class="gesperrt">Tornarsuk</em> (der Teufel)? Doch dies
+kann auch nicht sein, denn dem Satan Ehre geben, hieße dem frommen
+Gotte zuwiderhandeln. Dies mußt Du mir gelegentlich erklären. Ich
+verspreche Dir, daß ich meinen Landsleuten<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> nichts davon sagen werde.
+Sie könnten darüber so böse werden, wie <em class="gesperrt">Kana</em>, der nicht Christ
+zu werden wagte, weil er fürchtete, dadurch den sittenlosen Matrosen
+ähnlich zu werden. Ich schreibe Dir nichts über die Bekehrung meiner
+Landsleute, da ich weiß, daß unser Lehrer Dir schon darüber berichtet
+hat. Die Sache, die ich untersuchen soll, werde ich erforschen, so gut
+ich kann. Die Probe mit dem Kompaß konnte ich nicht machen, da die
+Kälte über Jahr nur mäßig war. Die Ursache der beiden widerstreitenden
+Ströme wird wohl die sein, von der Du schreibst. Da Du von den beiden
+beinahe versteinerten Fischen soviel hältst, werde ich Dir noch einige
+zu verschaffen suchen. Sie sind, wie Du Dir gedacht hast, aus dem
+Leersgrunde. Nun habe ich sozusagen mit Dir gesprochen, und Du mit
+mir; jetzt muß ich meinen Brief versiegeln. Der Schiffer ist bereit,
+und der Wind ist gut. Unser gemeinsamer mächtiger Beschirmer führe sie
+glücklich über das große, gefährliche Meer und bewahre sie vor allem
+vor den bösen Menschenjägern, vor denen sie sich, wie ich gemerkt habe,
+am meisten fürchten, und lasse sie unverletzt ihr Vaterland erreichen
+und dort die Freude haben, Dich, Du Lieber, zu treffen.</p>
+
+<p>Grönland, 1756.</p>
+<p class="mright10">Paul Grönländer.</p>
+
+</div>
+
+<p>Der Inhalt dieses Briefes verdient Beachtung, und unter anderen dürften
+die Antifriedensbündler unserer Zeit viel daraus lernen können.</p>
+
+<p>Er, wie alles andere, was sonst in diesem Kapitel hervorzuheben
+war, berechtigt uns wohl zu der Behauptung, die ursprüngliche Moral
+des Eskimos nähere sich oft der idealen christlichen, ja stehe
+gewissermaßen über ihr. Denn, wie es oben heißt, die Grönländer wissen
+»weder von Gott, noch vom Teufel, glauben weder an Lohn, noch an Strafe
+nach diesem Leben und führen einen guten Lebenswandel« — trotzalledem!</p>
+
+<p>Manch einer wird es erstaunlich finden, daß dies vorkommen kann bei
+einem in seinem äußeren Auftreten so tief stehenden Volke, wie es
+am Ende des zweiten Kapitels dargestellt wurde. Andere überrascht
+es vielleicht mehr,<span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span> daß sich bei einem Volke ohne Religion oder
+wenigstens mit einer sehr unvollkommenen, die wir noch besprechen
+werden, eine so hohe Moral entwickeln konnte. Es steht das im
+Widerspruch mit der bekannten Behauptung, Moral und Religion seien
+nicht von einander zu trennen. Daß die Moral zum wesentlichen Teile
+Naturgesetzen entspringt und sich auf solche aufbaut, dürfte sich beim
+Studium der Eskimogesellschaft ziemlich deutlich ergeben.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p1540_deco">
+ <img class="w100" src="images/p1540_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p>
+
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p1550_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p1550_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_XI"><span class="s5a">Kapitel XI.</span><br>
+Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen.</h2>
+</div>
+
+<p>Ich habe wiederholt versucht, dem Leser einzuprägen, daß die
+Eskimos friedfertige, gutmütige Leute sind. Nichts scheint mir ein
+schlagenderer Beweis dafür, als ihre ursprüngliche Rechtspflege.</p>
+
+<p>Wer sich einbildet, daß es den heidnischen Eskimos an jeglicher
+Gelegenheit gefehlt habe, erlittenes Unrecht dem Urteil ihrer
+Mitmenschen zu unterbreiten, befindet sich im Irrtum. Ihre Justiz
+war indessen ganz eigentümlicher Art und bestand in einer Art Duell.
+Dieses wurde nicht, wie in zivilisierten Ländern, mit scharfen Waffen
+ausgefochten; der Grönländer ging hierbei, wie in anderen Dingen,
+vernünftiger vor: er forderte seinen Gegner zu einem Singstreit oder
+Trommeltanz heraus. Man verlegte ihn gewöhnlich auf den Sommer an die
+großen Lagerplätze, wo sich viele Leute mit ihren Zelten versammelt
+hatten. Der Verlauf war der, daß die beiden Gegner sich in einem Kreise
+von Zuschauern beiderlei Geschlechts einander gegenüber stellten. Auf
+ein Tamburin oder eine Trommel schlagend, sangen sie nun abwechselnd
+Spottlieder auf einander. In diesen Liedern, die in der Regel vorher
+gedichtet, bisweilen aber auch improvisiert wurden, erzählten sie<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span>
+alles, was der Gegner verbrochen hatte, und versuchten, ihn nach besten
+Kräften lächerlich zu machen. Wer die Zuhörer am meisten über seine
+Witze oder Anklagen lachen machte, blieb Sieger. Auf diese Weise wurde
+auch über so schwere Verbrechen wie Mord abgeurteilt. Es mag uns das
+als eine recht bequeme Strafjustiz erscheinen, aber für dieses Volk
+mit seinem ausgeprägten Ehrgefühl genügte sie. Das Schlimmste, was
+einem Grönländer passieren kann, ist, vor seinen Mitbürgern lächerlich
+oder verächtlich gemacht zu werden, und es ist sogar vorgekommen, daß
+einzelne einer Niederlage beim Trommeltanz wegen auswandern mußten.</p>
+
+<p>Diesen Trommeltanz giebt es noch auf der Ostküste, und er scheint mir
+eine sehr nützliche Einrichtung, die ich uns Europäern wohl wünschen
+möchte. Denn eine schnellere Art, Streitigkeiten beizulegen und die
+Schuldigen zu strafen, kann ich mir nicht denken.</p>
+
+<p>Leider scheinen die Missionare auf der Westküste anderer Meinung
+gewesen zu sein. Als einen heidnischen Brauch hielten sie ihn eo ipso
+für unmoralisch und schädlich, und er wurde mit der Ausbreitung des
+Christentums unterdrückt und ausgerottet. Dalager sagt sogar: »Es
+giebt beinahe kein Laster in Grönland, gegen das unsere Missionare
+heftiger predigen, als diesen Tanz, angeblich, weil dabei alle
+möglichen Leichtfertigkeiten betrieben würden, besonders von der
+Jugend.« Dies gefiel ihm gar nicht. Er räumt ein, daß vielleicht
+einige Unregelmäßigkeiten vorkommen können, meint aber doch, wenn ein
+Mädchen beschlossen habe, bei dieser Gelegenheit den Pfad der Tugend
+zu verlassen, so habe sie sich einen recht unruhigen Zeitpunkt und Ort
+dazu ausgesucht. Man muß ihm beipflichten, wenn er sagt: »Und wahrlich,
+wenn<span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span> man bei uns zu gleichem Zwecke und mit gleichem Nutzen tanzte,
+würde man jeden zweiten Moralisten und Advokaten sich im Handumdrehen
+in einen Tanzmeister verwandeln sehen.«</p>
+
+<p>Die Folge dieses wenig überlegten Vorgehens ist, daß es in Grönland
+jetzt wirklich weder Recht, noch Gesetz giebt. Die Europäer können
+sich natürlich nicht in die Angelegenheiten mischen oder sollen es
+jedenfalls nicht. Kommt aber einmal ein seltener Fall von schwerem
+Verbrechen vor, so greifen die dänischen Behörden dennoch ein. Der
+Erfolg ist manchmal überraschend. Als vor einigen Jahren ein Mann
+in einer nordgrönländischen Kolonie seine Mutter erschlagen hatte,
+wurde er zur Strafe auf eine einsame Insel verwiesen. Damit er dort
+allein existieren könnte, mußte man ihm einen neuen Kajak und einige
+Lebensmittel für den Anfang mitgeben. Nach einiger Zeit, als die
+Vorräte verzehrt waren, kehrte er zurück und erklärte, dort draußen
+nicht mehr leben zu können, weil sich da nichts fangen ließe. Er bezog
+wieder sein altes Haus, und die einzige Veränderung, die sein Leben
+dadurch erlitt, daß er seine Mutter erschlagen hatte, war — daß er
+kostenlos in den Besitz eines neuen Kajaks gekommen war.</p>
+
+<p>Eine wirkungsvollere Strafe wenden die Kolonieverwalter bisweilen den
+Frauen gegenüber an, indem sie ihnen für eine bestimmte Zeit den Besuch
+des Kolonialladens verbieten.</p>
+
+<p>Der Trommeltanz war außer dem Gerichtstag auch noch ein großes
+Vergnügen, ja er wurde manchmal nur der Belustigung halber getanzt.
+Dann sangen die Auftretenden Lieder verschiedenen Inhalts, schlugen
+dabei auf<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> eine Trommel und bewegten den Körper in den verschiedensten,
+mehr oder minder burlesken Drehungen und Wendungen. Das hätte die
+Missionare gleichfalls bedenklich machen sollen. Denn Vergnügungen sind
+auch notwendig, sie beleben das Gemüt, was für ein Volk, das in einer
+so harten Natur lebt und so wenige Zerstreuungen hat, gewiß von großer
+Bedeutung ist. Als eine Art Ersatz dafür haben die Eskimos jetzt von
+den europäischen Walfischfängern und Matrosen viele europäische Tänze,
+besonders <span class="antiqua">reels</span>, gelernt, die sie zum Teil ihrem Geschmacke nach
+veränderten. In den Kolonien dient gewöhnlich die Tischlerwerkstatt,
+der Speckhausboden oder ein anderer großer Raum als Balllokal, und dort
+wird so oft getanzt, als es der Kolonieverwalter oder die hohen Herren
+erlauben, am liebsten jede Woche. An den andern Wohnplätzen tanzen sie
+auch in den eigenen Häusern.</p>
+
+<p>Solch ein grönländischer Ball mit den vielen Menschen, alten und
+jungen, die teils tanzen, teils als Zuschauer in dichten Gruppen in
+ihrer farbenreichen Tracht an den Wänden, auf den Pritschen und auf
+Bänken stehen, nimmt sich in dem von Thranlampen schwach erleuchteten
+Raume recht malerisch aus. Es ist ein reiches Gemisch von Schönheit
+und herrlichen Formen neben auffallendster Häßlichkeit. Und dazu
+diese übersprudelnde Freude und die außerordentliche, graziöse
+Tanzfertigkeit. Im <span class="antiqua">reel</span> bewegen sich die Beine oft so flink, daß
+das Auge ihnen kaum folgen kann. Die Musik bestand früher meistens aus
+Geigenspiel. Jetzt hat auch die Handharmonika schon angefangen, sich
+dort einzubürgern.</p>
+
+<p>Die armen Eskimos, die den deutschen Herrnhutergemeinden, deren ein
+paar im Lande sind, angehören,<span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span> dürfen nicht tanzen, ja nicht einmal
+zusehen, wenn andere tanzen, sonst werden sie in den Bann gethan oder
+von den Missionaren auf das schwarze Brett geschrieben.</p>
+
+<p>Als weiteres Vergnügen ist das Kirchengehen anzuführen. Besonders
+lustig finden sie das Singen der Kirchenlieder, und die Frauen mögen es
+so gern, daß sie sich auch bei anderen Gelegenheiten damit ergötzen.</p>
+
+<p>Nicht minder interessant finden die Weiber den Besuch des Ladens. Wenn
+die Oeffnungszeit herannaht, kann man sie mitten im Winter im ärgsten
+Schneegestöber in dichten Gruppen längs der Außenwände stehen und
+auf den Augenblick warten sehen, in dem sich die Thür des Paradieses
+öffnet und sie hineinstürzen können. Die meisten haben gar nicht die
+Absicht zu kaufen, sondern verbringen die Stunden, in denen der Laden
+geöffnet ist, teils damit, daß sie sich alle europäischen Luxusartikel,
+namentlich Kleiderstoffe und Tücher, zeigen lassen, teils damit, daß
+sie den Ladendienern den Hof machen, teils mit dem Austausch mehr oder
+weniger derber Witze, und wohl auch einem wirklichen Einkauf.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p1601_ill_2" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p1601_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Grönländischer Tanz.</figcaption>
+</figure>
+
+<p>Im Sommer, wenn die Schiffe eben mit Warenvorräten aus Europa
+angekommen sind, ist der Zudrang außergewöhnlich groß. Dann ist
+der Laden den ganzen Tag über in förmlichem Belagerungszustand.
+Die Grönländerinnen lieben, ganz wie ihre Schwestern diesseits des
+Meeres alles Neue, und dies findet daher, sowie es ankommt, reißenden
+Absatz. Die Hauptsache ist, wie ich gemerkt habe, daß die Ware neu
+ist, welchem Zweck sie dient, ist weniger wichtig. So hatte einmal
+die weise Regierung in Kopenhagen gefunden, die Eskimos seien jetzt
+soweit vorgeschritten, daß sie wie andere civilisierte Menschen ohne
+Nachttöpfe<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> nicht mehr auskommen könnten, und demgemäß bestimmt, daß
+dieses Geschirr dort eingeführt würde. Kaum waren diese merkwürdigen
+Gefäße angelangt, kauften alle, die es dazu hatten, sich einen oder
+zwei. Tags darauf kamen die eingeborenen Damen jede mit einem Nachttopf
+in den Laden, stellten ihn auf den Ladentisch und ließen sich ihre
+Butter oder ihre Grütze darin einpacken.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="b1600_deco">
+ <img class="w100" src="images/b1600_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p1610_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p1610_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_XII"><span class="s5a">Kapitel XII.</span><br>
+Begabung. — Kunst. — Musik. — Dichtung. — Erzählungen Eingeborener.</h2>
+</div>
+
+<p>Die Grönländer haben scharfen Verstand und zugleich großes
+Erfindungstalent. Ihre Geräte und Waffen sind dafür, wie wir sahen,
+ein schlagender Beweis. Daß sie Verstand haben, wurde den Missionaren,
+namentlich im Anfange, sehr unangenehm fühlbar, wenn sie so dumm waren,
+sich mit den heidnischen Angekokern aufs Disputieren einzulassen.
+Wenn sie aber auch mundtot gemacht wurden, so hatten sie dafür doch
+oft Argumente in der Hinterhand, die schlagender waren, als die der
+Eingeborenen. Sie führten, wie mein Freund, der Zimmermeister in
+Godthaab zu sagen pflegte, »eine proppere Faust«, und dieser überließ
+die grönländische Friedfertigkeit das Feld.</p>
+
+<p>Als Beispiel ihrer guten Anlagen ist anzuführen, daß sie
+verhältnismäßig leicht lesen und schreiben lernen. Die meisten Christen
+verstehen sich auf beides, und viele sogar ausgezeichnet; ihre
+Schreibfertigkeit ist oft geradezu bewundernswert. Selbst die Heiden
+lernen schnell Domino und Brettspiel, ja sogar das Schach. Mit den
+Eingeborenen in der Gegend von Godthaab spielte ich oft Dame und<span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span> wurde
+manch liebes Mal von der Geschicklichkeit und Berechnung, die sie dabei
+an den Tag legten, überrascht.</p>
+
+<p>Unsere verschiedenen Fächer scheinen sie sich ziemlich leicht
+anzueignen. Am schwersten wird ihnen das Rechnen, und nur
+verhältnismäßig wenige kommen so weit, daß sie ordentlich mit Brüchen
+rechnen lernen; die meisten haben schon vom Subtrahieren und Addieren
+ganzer Zahlen übergenug, von Division und Multiplikation garnicht zu
+reden. Dieser Mangel an Begabung wurzelt sicher in grauer Vorzeit.
+Die Eskimosprache hat, wie die meisten Natursprachen, ein wenig
+entwickeltes Zahlensystem. Nur für fünf Ziffern giebt es Worte, und
+diese werden an den Fingern abgezählt: »1 = <em class="gesperrt"><span class="antiqua">atausek</span></em>,
+2 = <em class="gesperrt"><span class="antiqua">mardluk</span></em>, 3 = <em class="gesperrt"><span class="antiqua">pingasut</span></em>, 4 =
+<em class="gesperrt"><span class="antiqua">sisamet</span></em> und 5 = <em class="gesperrt"><span class="antiqua">tatdlimat</span></em>, welch letzteres
+annehmbarerweise das ursprüngliche Wort für eine <em class="gesperrt">Hand</em> gewesen
+ist. Soll ein Eskimo weiter zählen, so hilft er sich damit, daß er
+für sechs den ersten Finger der anderen Hand (<em class="gesperrt"><span class="antiqua">arfinek</span></em>
+oder <em class="gesperrt"><span class="antiqua">igluane atausek</span></em>), für sieben den zweiten Finger der
+anderen Hand (<em class="gesperrt"><span class="antiqua">arfinek mardluk</span></em>) u. s. w. nennt. Ist er
+aber bis zehn gekommen, so hat er keine Hand mehr zur Verfügung und muß
+daher mit den Füßen aushelfen. Zwölf heißt also zwei Zehen des einen
+(<em class="gesperrt"><span class="antiqua">arkanek mardluk</span></em> u. s. w.) und siebzehn zwei Zehen des
+anderen Fußes (<em class="gesperrt"><span class="antiqua">arfersanek mardluk</span></em> u. s. w.). So kann er
+bis zwanzig kommen, was er einen ganzen Menschen zu Ende (<em class="gesperrt"><span class="antiqua">inuk
+nâvdlugo</span></em>) nennt. Hier haben die mathematischen Begriffe
+vieler Eskimos ein Ende, aber wirklich aufgeweckte Köpfe können noch
+weiter zählen und bezeichnen die Zahl einundzwanzig mit einem Finger
+des zweiten Menschen (<em class="gesperrt"><span class="antiqua">inûp áipagssâne atausek</span></em>) u. s.
+w. Achtunddreißig sind z. B. drei Zehen am anderen Fuße des zweiten
+Menschen (<em class="gesperrt"><span class="antiqua">inûp</span><span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> <span class="antiqua">áipagssâne arfinek pingasut</span></em>),
+und mit vierzig ist der zweite Mensch zu Ende (<em class="gesperrt"><span class="antiqua">inûp áipagssá
+nâvdlugo</span></em>). So erreicht man hundert oder den fünften Menschen zu
+Ende, dann aber kann selbst der begabteste Eskimo mit seiner Sprache
+nicht weiter kommen.«</p>
+
+<p>Dies ist, wie man begreifen wird, eine etwas schwerfällige Weise,
+sich auszudrücken, wenn man sich oft in den hohen Zahlen über
+20 bewegen soll, was früher dort oben selten vorkam, jetzt aber
+durch die Einführung des Handels und des Geldes sich leider mehr
+eingebürgert hat. Es ist daher auch ganz natürlich, daß die
+Grönländer, trotz ihrer merkwürdigen Widerstandskraft gegen fremde
+Worte, die dänischen Zahlworte auch für die niedrigen Zahlen
+immermehr annehmen. Mit deren Hilfe können sie sogar über hundert,
+von ihnen <em class="gesperrt"><span class="antiqua">untritigdlit</span></em> genannt, hinaus. Doch ich hege
+den Verdacht, daß es ihnen noch immer schwer wird, eine so hohe
+Zahl mit einem bestimmten Begriffe zu verbinden. Tausend nennen sie
+<em class="gesperrt"><span class="antiqua">tusintigdlit</span></em>.</p>
+
+<p>Die primitive Rechenmethode der Eskimos entspricht demjenigen der
+meisten Naturvölker, da Finger und Zehen ja die natürlichsten
+Hülfsmittel zu diesem Gebrauche sind. Auch unsere Vorfahren werden auf
+ähnliche Weise gerechnet haben. Bei aller Unvollkommenheit ist es doch
+ein großer Fortschritt gegen die australischen Stämme, die nur bis
+drei, ja, eigentlich nur bis zwei zählen können und blos die Begriffen
+»eins, zwei und viele« kennen. Daß auch die Vorfahren der Eskimos
+einst auf dieser Stufe standen, deutet ihre ursprüngliche Grammatik
+an, in der es einen <span class="antiqua">singularis</span>, einen <span class="antiqua">dualis</span> und einen
+<span class="antiqua">pluralis</span> giebt; also grade wie im Gotischen, Griechischen,
+Sanskrit, den semitischen und vielen anderen Sprachen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span></p>
+
+<p>Alle Reisenden sind einig im Lobe des Ortssinnes und der
+topographischen Begabung der Eskimos. Als Kapitän <em class="gesperrt">Ommaney</em> 1850
+einen Eskimo vom Kap York bat, ihm die Küste zu zeichnen, nahm dieser
+einen Bleistift, ein Ding, das er noch nie gesehen hatte, und zeichnete
+die Küstenlinie längs des Smithsundes von seinem Geburtsorte nach
+Norden mit verblüffender Genauigkeit auf. Er deutete dabei alle Inseln,
+die größeren Hügel, Gletscher und Gebirge an und versah sie mit ihren
+Namen.</p>
+
+<p>Dem Kapitän <em class="gesperrt">Holm</em> brachten die heidnischen Eingeborenen eine von
+ihnen in Holz geschnitzte Karte der Ostküste von Angmasalik nach Norden.</p>
+
+<p>Für mein Empfinden haben die Grönländer ausgesprochen künstlerische
+Anlagen, und wenn ihre Kultur sich wenig nach dieser Richtung hin
+entwickelt hat, so ist dies, glaube ich, dem harten Kampf ums Dasein
+zuzuschreiben, der ihnen dazu keine Zeit ließ. Ihre Kunst<a id="FNAnker_45" href="#Fussnote_45" class="fnanchor">[45]</a> besteht
+wesentlich in der Verzierung der Waffen, Geräte und Kleidungsstücke mit
+Mustern und Figuren, entweder in Holz- oder Knochenschnitzerei oder in
+Lederstickerei. Die Figuren stellen oft Tiere, Menschen, Frauenboote
+und Kajake vor, sind aber mehr darauf angelegt, dekorativ oder
+symbolisch zu wirken, als wirkliche Nachbildungen der Natur zu sein, in
+der Regel haben sie rein traditionelle Formen angenommen. Einige haben
+auch religiöse Bedeutung und stellen z.B. den <em class="gesperrt"><span class="antiqua">tôrnârssuk</span></em>
+— einen ihrer Geister übernatürlichen Wesens — vor. Wenn sie
+sich wirklich bestreben,<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> die Natur nachzuahmen, zeigen sie einen
+außergewöhnlichen Formensinn und große Geschicklichkeit, wovon man
+sich überzeugen wird, wenn man die merkwürdigen Abbildungen sieht, die
+Kapitän <em class="gesperrt">Holm</em> von den Decken und dem Spielzeug auf der Ostküste
+giebt.</p>
+
+<p>Waffen und Geräte waren sicherlich eines der ersten Dinge, auf die
+sich der menschliche Kunstdrang warf; noch früher aber war wohl der
+menschliche Körper selbst sein Gegenstand. Ueberbleibsel dieser ersten
+Kunstform finden wir auch bei den Eskimos, indem die Weiber ihren
+Liebreiz dadurch zu erhöhen suchen, daß sie sich mit Lampenruß gefärbte
+Fäden von Sehnen in geometrischen Figuren und Linien durch die Haut der
+Arme und Beine, auch wohl der Brust und des Gesichtes ziehen.</p>
+
+<p>Merkwürdigerweise scheinen die Grönländer eine Bildschrift, die, wie
+viele meinen, zum Teil der Kunst zum Ausgangspunkt diente, nicht
+gekannt zu haben; sofern man nicht die symbolischen Figuren ihrer
+Ornamente so deuten will. Der einzige Versuch einer wirklichen
+Bildschrift, den ich bei ihnen entdecken konnte, macht keinen
+auffallend talentvollen Eindruck. Es war ein Brief an <em class="gesperrt">Paul Egede</em>
+von einem Angekok. Er bestand schlechtweg aus einem Stocke, auf dem mit
+Ruß und Thran Λ gezeichnet war. Der Angekok hatte dem Ueberbringer noch
+nachgerufen: »Falls Pania Angekok nicht versteht, was ich meine, so
+sage ihm, es bedeute ein paar Hosen, die ich vom Kaufmann haben will;
+er wird es aber schon verstehen.«<a id="FNAnker_46" href="#Fussnote_46" class="fnanchor">[46]</a></p>
+
+<p>Eskimos, die groben europäischer Kunst und Darstellungsweise
+gesehen haben, können wunderbare Dinge<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> ausführen, ohne daß man sie
+unterrichtete. Ein Grönländer, Namens Aron, wurde einmal krank und
+durfte nicht ausgehen. <span class="antiqua">Dr.</span> <em class="gesperrt">Rink</em> sandte ihm ein paar
+Schnitzmesser und einige ältere Holzschnitte. Im Bette liegend, begann
+er nun die Sagen der Eskimos zu illustrieren, und er zeichnete nicht
+nur seine Bilder, sondern schnitt auch die Clichés dazu in Holz.</p>
+
+<p>Als Probe ihrer Fertigkeit in der Bildschnitzereikunst bringe ich
+hier die Abbildung zweier in Holz geschnitzter Köpfe, die mir ein
+Eingeborener von einer Ansiedlung im Godthaabdistrikte schenkte. Man
+kann nicht im Zweifel darüber sein, daß der Künstler hier seine eigene
+Rasse unsterblich gemacht hat.</p>
+
+<p>In musikalischer Hinsicht sind die Grönländer recht begabt. Es ist
+auffallend, wie leicht sie unsere Musik auffassen und wiedergeben,
+sei es durch Gesang, den sie sehr lieben, oder auf der Violine, dem
+Harmonium, der Handharmonika und anderen Instrumenten, die sie selbst
+schnell spielen lernen. Dies ist um so auffallender, als ihre eigene
+Musik, die bei den Trommeltänzen gebräuchlich war, wie die der meisten
+Naturvölker eintönig und wenig entwickelt ist. Sie hat nur wenige
+Töne, gewöhnlich nicht über fünf, ist aber trotzdem eigentümlich und
+nicht uninteressant. Sie soll das Rauschen der Ströme nachbilden. Die
+Ostgrönländer erzählten Holm, daß sie die Toten singen hören, wenn sie
+an einem Flusse schlafen, und diesen Gesang versuchen sie wiederzugeben.</p>
+
+<p>Das Ursprüngliche ihrer Musik ging natürlich bei der Berührung mit den
+Europäern mehr oder weniger verloren. Man hört dort jetzt auch viele
+europäische Melodieen, und es wirkt recht überraschend, wenn droben
+zwischen<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> Felsen und Gletschern plötzlich Kopenhagener Gassenhauer, wie
+»Gina, Du schöne Maid, willst Du nicht mit?« ertönen.</p>
+
+<p>Die Grönländer haben einen großen Reichtum an Märchen und Sagen, von
+denen viele sehr eigenartig sind. Nichts giebt einen so tiefen Einblick
+in das ganze Seelenleben dieses Volkes, seine Anlagen, Gefühle und
+Stimmungen, wie der Inhalt dieser Sagen und die Art, wie sie erzählt
+werden. Man wird darin Darstellungskunst und Phantasie entdecken und
+außerdem noch einen grotesken Humor, der jedoch natürlich oft in solche
+Derbheiten ausartet, daß an Druck nicht zu denken war.</p>
+
+<p>Außer dieser Sagendichtung und den Erzählungen merkwürdiger Thaten
+hatten die Grönländer auch eine Poesie. Die Gedichte waren entweder
+Spottlieder, die bei den oben erwähnten Trommeltänzen gesungen wurden,
+oder Beschreibungen verschiedener Dinge und Begebenheiten.</p>
+
+<p>Als der Trommeltanz bei der Einführung des Christentums abgeschafft
+wurde, verfiel oder veränderte sich auch die Verskunst. Doch noch
+immer dichten die Grönländer Lieder. Der Inhalt ist oft satirisch und
+macht die Eigentümlichkeiten der Mitmenschen in mehr oder weniger
+harmloser Art lächerlich. Derartige Lieder wurden auch auf einzelne
+Mitglieder der Expedition gemacht, und ich hörte sie oft abends auf dem
+Koloniewege diese Spottlieder singen, ohne daß es mir gelang, eines
+davon zu erhalten. — Auf <span class="antiqua">Dr.</span> Rinks Veranstaltung wird seit 1861
+in Godthaab ein grönländisches Journal »<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Atuagagdliutit</span></em>«
+herausgegeben. Es wird von <em class="gesperrt">Lars Möller</em> gedruckt, einem
+Eingeborenen, der in Kopenhagen war, um diese Kunst zu erlernen, und
+der auch Bilder dazu zeichnet und lithographiert. Die<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> Zeitschrift
+erscheint alljährlich in zwölf Nummern und wird gratis verteilt;
+die Kosten trägt die allgemeine Landeskasse. Der Inhalt besteht aus
+Uebersetzungen aus dem Dänischen, sowie aus selbständigen Beiträgen von
+Eingeborenen über ihren Fang, Reisen u. s. w. Dadurch ist dort oben
+eine ganz neue Litteratur entstanden.</p>
+
+<p>Ein paar groben von Erzählungen sollen bei dieser Gelegenheit
+mitgeteilt werden. Die erste ist der Bericht des Eskimos Silas über
+seine Reise von Umanak im Godthaabsfjorde nach dem Ameralikfjorde zur
+Unterstützung der vier Mitglieder unserer Expedition, die dort im
+Oktober 1888 zurückblieben, als Sverdrup und ich nach Godthaab reisten.
+Der Kolonieverwalter <em class="gesperrt">Brummerstedt</em> in Holstenborg hat die Güte
+gehabt, den Bericht zu übersetzen. Die Uebersetzung ist eine möglichst
+wortgetreue Wiedergabe des grönländischen Originaltextes. Ich muß noch
+daran erinnern, daß der Verfasser ein gewöhnlicher eingeborener Fänger
+ist, der weiter keine Bildung genossen hat, als den Unterricht, der
+jetzt jedem dort oben zu teil wird.</p>
+
+<p class="mtop2">Erzählung</p>
+
+<p>von den Europäern, die Grönland von Osten nach Westen auf dem
+Binneneise durchzogen, und von ihrer Ankunft in Ameralik und Godthaab</p>
+
+<p>(geschrieben von Silas aus Umanak).</p>
+
+<p>Ich will zuerst von unserer Reise nach Korkuk erzählen: Wir Grönländer,
+die wir an den Fjorden wohnen, sind stets darauf bedacht, die Fuchsbaue
+auszunehmen, damit wir durch den Fellverkauf ein wenig Geld in die
+Hände bekommen. Ende September reisten wir, vier Mann hoch,<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> nach
+Korkuk. Nämlich ich, Peter, David und mein Pflegesohn Conrad. Conrad
+hat im Monat Mai vom Vorstande einen Kajak erhalten. Als wir in Korkuk
+angelangt waren, gingen David und ich den nächsten Morgen auf die
+Renntierjagd, Peter und Conrad nach den Fuchsfeldern, wo sie wohl
+Spuren, aber keine Füchse fanden. Da es auch sehr nach Regen aussah,
+machten wir uns den folgenden Tag wieder auf den Weg nach Hause. Als
+der Wind abflaute, gingen David und ich quer über die Bucht. Wir
+sahen einen Fleckenseehund auftauchen, verfolgten ihn, schossen aber
+mehrere Male vorbei, weil es zu hohe Dünung war. Da wir auch weiter
+keinen Seehund sahen, ruderte David von mir fort zu den anderen auf
+der entgegengesetzten Seite der Bucht, während ich dabei blieb, in
+der Mitte zu rudern. Als ich mich unserem Wohnorte näherte, fiel es
+mir auf, daß unterhalb der Häuser ein hölzernes Boot lag. Vor unserer
+Abreise hatte ich gehört, daß die Missionare den Besuch des Verwalters
+aus Godthaab erwarteten, sobald er in Kornok gewesen wäre. Er war auch
+wirklich gekommen. Als ich am Ufer anlegte, entdeckte ich zwei Kajake,
+die nur wenig über die Flutmarke hinaufgezogen waren. Nachher stellte
+sich heraus, daß zwei Postbeamte in den Kajaken der Seminaristen
+gekommen waren.</p>
+
+<p>Sowie ich ausgestiegen war, kam auch schon mein Pflegesohn zu mir an
+den Strand und erzählte mir, daß die Männer, die von der Ostküste
+nach der Westküste über das Binneneis gegangen waren, glücklich am
+Ameralikfjorde angekommen seien. Vier von ihnen wären noch dort in
+der Bucht geblieben und zwei wären in einem Zeugboote in Godthaab
+eingetroffen.</p>
+
+<p>Als ich dieses hörte, erstaunte ich sehr und sagte gleich: »Hätte
+ich sie doch nur im Sommer, als ich in Kapisilik Renntiere jagte,
+getroffen!« (Wir hatten nämlich schon gehört, daß jemand die Reise über
+das Binneneis wagen wollte.) Darauf sagte ich: »Wie haben sie nur in
+einem Zeugboote vom Ameralikfjorde nach Godthaab reisen können? Die
+ganze Küste besteht ja nur aus steilen, unzugänglichen Felswänden. Das
+ist sehr merkwürdig, wir Grönländer würden den Weg nie in einem solchen
+Fahrzeuge zurückgelegt haben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span></p>
+
+<p>Ich ging dann in mein Haus, zog den Fellpelz und die Hosen aus und
+begann zu essen. Bald darauf klopften Kinder an die Fensterscheiben
+und riefen mir zu, ich solle zu Otto (dem Missionar) kommen. Ich zog
+schnell die Hosen wieder an, aber die Kinder riefen mir da durch das
+Fenster zu, daß Otto schon im Begriffe sei, in mein Haus einzutreten.
+Da es zu lange gedauert haben würde, wenn ich noch meinen Anorak
+angezogen hätte, ging ich in Hemdärmeln hinaus und traf ihn neben
+meinem Hauseingange. Als ich heraustrat, sagte er zu mir: »Du kennst ja
+den Weg nach dem Ameralikfjord. Da die vier Europäer dort zu bedauern
+sind, sollt Ihr, Du und Peter, der Kajakmann des Vorstehers, ihnen
+Proviant bringen. Mache Dich also schnell fertig.«</p>
+
+<p>Da ich, wie gesagt, eben erst nach Hause gekommen war, hatte ich gerade
+keine besondere Lust, gleich wieder abzureisen, sagte aber schließlich
+doch ja. Es regnete sehr stark, und als die Uhr nachmittags vier war
+und ich Kaffee getrunken hatte, ging ich, während ich auf die Briefe
+wartete, in das Zelt der Besatzung des Vorstehers, um etwas Neues zu
+hören, und der Steuermann erzählte mir, daß zwei von der Expedition
+Lappen seien. Ich hatte wohl, als ich noch zur Schule ging, von einem
+Volke namens Lappen gehört, aber von seinen Sitten und seinem Aussehen
+wußte ich nichts.</p>
+
+<p>Als die Briefe fertig waren und wir (Peter und ich) den Proviant,
+Spiritus u. s. w. in unsere Kajake gestaut hatten, fuhren wir ab, um
+womöglich noch vor Einbruch der Nacht das Lothaus zu erreichen, denn
+es regnete zu heftig, als daß wir unter freiem Himmel hätten liegen
+können, und es giebt doch keine großen Steine mit Erdlöchern darunter,
+unter denen man schlafen kann.</p>
+
+<p>Als es anfing, dunkel zu werden, landeten wir dort und gingen in das
+Haus. Da aber das Dach nicht dicht war, rann der Regen in die Stube.
+Ich hatte glücklicherweise einen Kaffeekessel und eine Untertasse bei
+mir. Die Untertasse benutzten wir als Lampe und legten uns dann nieder,
+um zu schlafen, so gut wir konnten.</p>
+
+<p>Am andern Morgen kochten wir Kaffee, und sobald es hell war, fuhren wir
+weiter.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span></p>
+
+<p>Als wir in Itivdlek angelangt waren, trugen wir erst den mitgenommenen
+Proviant u. s. w. über Land nach der unserem Landungsplatze
+entgegengesetzten Seite der Landzunge. Dann nahmen wir unsere Kajake
+auf den Kopf und trugen sie auch dorthin, um uns den Umweg um die
+Landzunge herum zu sparen. Wir dachten vor Abend in den Ameralikfjord
+hineinzukommen, da aber der Südwestwind immer stärker wurde und die
+See hoch ging, kamen wir nur bis an die Nordseite von Kingak; denn ich
+wagte nicht um die Kingakzunge herumzurudern, weil ich nicht genau
+wußte, wie sie bei Sturm zu passieren ist, und da mir bekannt war, daß
+es in der Nähe keine Stelle giebt, wo wir hätten landen können, wenn
+uns der Wind zu stark wurde.</p>
+
+<p>Wir fanden eine Felsenhöhle, krochen hinein und schliefen dort.</p>
+
+<p>Als es anfing hell zu werden und das Wetter einigermaßen still war,
+fuhren wir ab, nachdem wir unseren letzten Kaffee getrunken hatten.
+Nach längerem Rudern kamen wir endlich über die Landzunge, vor der
+ich mich am meisten gefürchtet hatte, hinaus und wandten uns wieder
+dem Lande zu. Weil mein Begleiter diesen Weg noch nie gesehen hatte,
+sagte ich ihm, wie die einzelnen Berge heißen und welchen Weg wir
+einzuschlagen pflegen, wenn wir auf die Renntierjagd gehen.</p>
+
+<p>Wir wußten nichts Bestimmtes über den Aufenthaltsort jener Leute, und
+ich hielt es für das Wahrscheinlichste, daß sie an einem der Zeltplätze
+am tiefsten Einschnitte der Bucht zu treffen wären. Deshalb ruderten
+wir den Fjord hinauf und feuerten, als wir dicht bei Ivigtussok waren,
+vier Schüsse ab, die aber nicht beantwortet wurden. Wir ruderten nun
+gleichmäßig weiter, — (trafen zwei Seehunde, wollten sie schießen, es
+glückte uns aber nicht, auf Treffweite heranzukommen, da es zu windig
+war), — bis wir das Binnenende des Fjordes erreichten, und gaben dann
+wieder einige Schüsse ab, die auch nicht beantwortet wurden, worauf wir
+zu fürchten begannen, daß wir die, welche wir suchten, nicht treffen
+würden.</p>
+
+<p>Bald darauf glaubten wir einen Schuß zu hören, wie wir meinten von
+Umiviarssuit her. Ich sagte deshalb zu<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> meinem Begleiter: »Laß uns hier
+bei Umiviarssuit landen und erst die andere Seite des großen Flusses
+absuchen, ob wir sie nicht dort finden, es wäre ja möglich.«</p>
+
+<p>Nachdem wir unsere Kajake durch den Uferschlamm auf das feste Land
+gezogen hatten, nahm ich den Brief und meine Flinte; Peter nahm die
+seine auch mit, damit wir Signalschüsse abgeben konnten. Als ich wieder
+einmal geschossen hatte (Peters Gewehr war naß und dadurch unbrauchbar
+geworden), hörten wir endlich einen Schuß in der Nähe und gewahrten
+große Stiefelspuren; da wir nun nicht mehr daran zweifelten, daß
+wir die Gesuchten finden würden, waren wir wieder bei guter Laune,
+namentlich deswegen, weil wir nun die Lappen sehen würden. Doch als wir
+weiter gingen, fanden wir auch Grönländerspuren. Wir hatten geglaubt,
+wir würden die ersten sein, die zu ihnen kämen, erfuhren aber später,
+daß kurz vor uns zwei andere Grönländer bei ihnen angelangt waren. Bald
+darauf sah Peter ein Zelt, vor dem Leute standen. Er rief Hurrah, und
+ich schoß vor Freude mein Gewehr ab. Dann suchten wir nach dem besten
+Wege zum Zelt hinunter und wurden dabei auf Grönländisch angerufen:
+»<em class="gesperrt">Amuinak</em>.« (Kommt geraden Wegs herunter.) Wir erkannten die
+beiden Grönländer, es waren der Vorsteher Terkel und sein jüngerer
+Bruder Hoseas aus Sardlok, die eben auch mit Proviant angekommen waren.
+Wir sahen die beiden Norweger und die beiden Lappen eine Mahlzeit
+verzehren und von dem ihnen gesandten Kaffee trinken. Sie saßen an
+einem gedeckten Tisch und benutzten dazu einen ihrer Schlitten.</p>
+
+<p>Als wir bei ihnen ankamen, reichte ich dem einen den Brief, und sowie
+er ihn in der Hand hatte, gab er ihn dem Manne, der am weitesten von
+ihm entfernt saß (Kapitän Dietrichson).</p>
+
+<p>Endlich sahen wir nun die Lappen, nach denen wir uns so gesehnt hatten.
+Wir wunderten uns über ihren Anzug, denn solche Kleidung pflegen die
+Europäer, die in unser Land kommen, nicht zu tragen. Ihr Schuhzeug
+glich Schlittschuhen, die Spitzen waren aufwärts gekrümmt, die Stiefel
+des einen hatten Sohlen, wie die Grönländer sie an ihren haben. Der
+Aeltere der beiden Lappen hatte<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> Sohlen von Renntierknochen, ebenfalls
+mit gebogener Spitze. Sie trugen Renntierfellhosen, die sehr stramm
+saßen, darunter weißwollene Unterhosen, und hatten in ihren Röcken so
+viele Taschen, daß sich die ganze Vorderseite als Versteck benutzen
+ließ. Sie trugen auch Halstücher an deren beiden Enden sich je ein
+Versteck (Tasche) befand.</p>
+
+<p>Der jüngere, Samuel Balto, trug eine hohe Mütze mit vier Hörnern, in
+denen Federn steckten, und einem roten Bande um die Mitte. Der ältere
+Lappe, Ole Ravna, hatte eine lange, rote Mütze, die immer spitzer wurde
+und in einer Troddel endete.</p>
+
+<p>Als die Briefe, die der Verwalter und Otto uns mitgegeben hatten,
+gelesen waren, bekamen wir zu essen und auch Kaffee, der uns ein großer
+Genuß war. Darauf folgten wir ihnen in das Zelt, um mit ihnen zu reden.
+Als wir hörten, daß sie Bücher hätten, suchten wir eins davon aus, das
+auf Dänisch und Grönländisch gedruckt war, und zwei ebenso beschriebene
+Zettel. Indem wir diese benutzten, gelang es uns zuletzt, ihnen
+begreiflich zu machen, was wir ihnen mitgebracht, und sie zu bitten,
+uns die Sachen holen zu helfen, da wir nicht alles allein tragen
+könnten.</p>
+
+<p>Da Terkel und sein Bruder nach Godthaab mußten, sollten Peter und
+ich die Ankunft des Bootes, das die vier Männer auch dorthin bringen
+sollte, abwarten. Otto hatte mir allerdings gesagt, ich solle gleich
+wieder nach Umanak zurückkehren, aber ich wollte lieber warten und die
+Fremden nach Godthaab begleiten, da ich dann höher bezahlt werden würde.</p>
+
+<p>Nachdem wir den beiden, die uns beim Holen der mitgebrachten Sachen
+helfen sollten, ein Zeichen gegeben hatten, gingen wir mit ihnen,
+Terkel und seinem Bruder an den Strand und packten dort unsere Vorräte
+aus. Die beiden freuten sich sehr über die Sachen, und wir hatten ihnen
+ja auch vielerlei mitgebracht, unter anderem fünf Roggenbrote und zwei
+Flaschen, in welchen Wein war.</p>
+
+<p>Als wir umkehrten, um alles ins Zelt zu tragen, wünschten wir erst
+Terkel und seinem Bruder eine glückliche Heimreise und verließen sie
+dann. Da wir an eine Spur kamen, erzählte ich Kristiansen und Samuel
+Balto<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> (dem Lappen), daß die Spuren von mir und meinen Gefährten auf
+der Sommerreise herrührten, als wir hier im Juli Renntiere jagten. Ich
+zeigte ihnen auch die Akuliarusiarssukberge und sagte ihnen, daß meine
+damaligen Reisegefährten Conrad und Fredrik hießen und wir dort fünf
+Renntiere geschossen hätten.</p>
+
+<p>Als wir wieder an das Zelt kamen, fing der Lappe an, Hurrah zu rufen,
+und ich stimmte mit ein. Als der Herr (Kapitän Dietrichson) sah, was
+wir mitgebracht hatten, schien er sich auch sehr zu freuen, und nun
+wurde alles ins Zelt getragen, worauf sie sofort anfingen, in einem
+großen Topf Kaffee zu kochen.</p>
+
+<p>Als der Kaffee fertig war, tranken wir ihn und aßen uns satt; nachher
+tranken wir Punsch. Als sie müde waren, sagten sie, wir sollten mit ins
+Zelt kommen, und gaben uns dort einen Schlafsack, in dem drei Männer
+liegen konnten, und in diesem sollten wir mit dem alten Lappen schlafen.</p>
+
+<p>Peter aber wollte nicht mit ihm zusammen im Sacke liegen, und ich
+war auch ein bischen abergläubisch (bange), mit Lappen zusammen zu
+schlafen; das kommt davon, weil wir Grönländer sonst nie mit Europäern
+zusammenliegen.</p>
+
+<p>Als Peter durchaus nicht wollte, kroch ich allein in den Sack, konnte
+aber lange nicht einschlafen, teils weil der Lappe (mein Schlafkamerad)
+sehr tief atmete, teils weil wir so viel lachten und die drei in dem
+anderen Sacke sich immerzu neckten. Als sie endlich still waren,
+schliefen wir auch ein.</p>
+
+<p>Als wir am nächsten Morgen aufgewacht waren, gegessen und Kaffee
+getrunken hatten, wollte ich gern auf die Renntierjagd gehen, denn das
+Wetter war gut, und ich mag nicht faullenzen. Da Peter sagte, er habe
+noch nie ein Renntier gesehen, wollte ich ihn mitnehmen, er aber wollte
+nicht mitkommen, weil sein Gewehr noch nicht trocken war. Ich ging also
+allein im Laufe des Vormittags, obwohl es ein Sonntag, der siebente
+Oktober, war. An meinem Winterwohnorte Umanak wäre ich an einem solchen
+Tage schwerlich auf Erwerb ausgegangen, aber ich wollte<span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span> den Fremden
+gern etwas Fleisch verschaffen, wenn es auch nur ein Hase wäre.</p>
+
+<p>Im Gehen fiel mir ein, daß es Sonntag und der Feiertag ja Gott dem
+Herrn geweiht sei, und ich betete da schnell: »Gieb uns unser täglich
+Brot« u. s. w. Möchten doch alle Christen, wenn sie auf Erwerb
+ausgehen, ohne Bedenken also beten! Ich erklomm langsam den Berg, und
+als ich beinahe oben angelangt war, sah ich in eine Spalte hinein und
+meinte, dort etwas niedergeduckt sitzen zu sehen. Da ich glaubte,
+es seien Renntiere, blieb ich eine Zeitlang still sitzen und guckte
+hinunter. Als sich dort aber gar nichts rührte, zweifelte ich an der
+Richtigkeit meiner Vermutung und begann hinabzuklettern, um zu sehen,
+was es eigentlich war; als ich weiter unten war, sprang eine ganze
+Herde auf, darunter ein sehr großer Bock mit seinen Kühen und mehrere
+andere. Ich ärgerte mich so über mich selbst, daß ich sagte: »Ich
+Dummkopf, weshalb habe ich die Augen nicht aufgemacht, nun habe ich mir
+durch meine Blindheit wieder selbst geschadet!«</p>
+
+<p>Sie liefen anfangs ziemlich schnell, blieben aber bald stehen. Ich
+verhielt mich ganz ruhig und behielt sie im Auge. Nach einer Weile
+liefen sie den Berg, auf dem ich mich befand, hinunter. Als sie mit
+allen Kälbern vorbeigelaufen waren, ging ich hinterdrein, um zu sehen,
+wo sie blieben, und sah sie nun unterhalb des gegenüberliegenden
+Berges. Als sie näher kamen, die Leitkuh in ziemlicher Entfernung von
+mir voran, und der Bock, mir etwas näher, hinterdrein, schoß ich auf
+diesen, obwohl ich die Kuh lieber gehabt hätte, und traf ihn. Aber die
+Kugel verletzte ihn nur am Bug. Ich lud zum zweiten Male, lief ihnen
+nach und traf ihn nun so, daß er tot hinfiel; um die übrigen Renntiere
+kümmerte ich mich nicht mehr, da ich glaubte, sie doch nicht einholen
+zu können.</p>
+
+<p>Als ich das Tier abgehäutet und einen Teil des Fleisches unter Steinen
+versteckt hatte, wickelte ich das, was ich mitnehmen wollte, in das
+Fell und machte mich auf den Heimweg, ohne mich weiter umzusehen, ob
+noch andere Renntiere in der Nähe seien. Unterwegs sah ich erst ein
+großes weißes und dann noch ein sehr großes braunes Renntier über
+den Weg laufen. Beide aber schienen mir zu weit entfernt, um sie zu
+schießen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<p>Als ich unten am Berge ankam, war es schon Nachmittag geworden. Als ich
+mich dem Zelte näherte, wollte ich erst einen Schuß abfeuern, wie wir
+Grönländer zu thun pflegen, wenn wir ein großes Renntier erlegt haben.
+Da die im Zelte aber Europäer waren und ich nicht viel Pulver hatte,
+ließ ich es sein. Draußen vor dem Zelte war niemand, weshalb ich mich
+ruhig verhielt. Peter kam zuerst heraus, und als er mich sah, fragte
+er, ob ich ein Renntier hätte, und als ich diese Frage bejahte, ging
+er in das Zelt und verkündete dort die Neuigkeit, so gut er es konnte,
+worauf sie alle herauskamen und mich anstarrten.</p>
+
+<p>Ich trat nun zu ihnen hin, und sie freuten sich sehr, ja
+außerordentlich, als ich ihnen eine Keule gab und sagte, sie sollten
+sie kochen. Leutnant Dietrichson gab ich etwas Mark und Fett, weil ich
+gemerkt hatte, daß er anfing, mich lieb zu haben. Als ich gegessen
+und Kaffee getrunken hatte, erzählte mir der alte Lappe, der das
+Renntierfleisch kochte, daß er selbst dreihundert Renntiere besitze.</p>
+
+<p>Obwohl es noch lange nicht gar war, aßen sie schon davon und wollten,
+daß Peter und ich mit aus dem Topfe essen sollten. Ich gab ihnen noch
+mehr Fleisch, das auch gekocht wurde, und so weiter, bis keiner von uns
+einen Bissen mehr essen konnte.</p>
+
+<p>Als wir uns schlafen legten, fingen sie wieder an sich gegenseitig zu
+necken, und da ich sehr müde und schläfrig war, sagte ich zu Peter:
+»Nun fangen sie wieder an und ich bin so müde; sie müssen doch wissen,
+daß heute Sonntag ist.« Und ich sagte zu ihnen: »Heute ist Feiertag!«</p>
+
+<p>Als sie endlich schwiegen, stimmten Peter und ich Kirchenlieder an, die
+wir gelernt hatten. Da waren sie mäuschenstill, und der jüngere Lappe
+sang auch ein frommes Lied.</p>
+
+<p>Als wir erwacht waren, gingen Peter und ich aus, um den Rest des
+Renntierfleisches zu holen, und als wir uns dem Zelte wieder näherten,
+hatte sich der Himmel schon wieder bezogen. Wir legten das Fleisch in
+unsere Kajake, aber sowie wir dort anlangten, kamen uns auch die beiden
+Lappen nach, und ich gab ihnen noch ein großes Stück zum Kochen und
+ging mit ihnen nach dem Zelte. Nachher<span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span> erhielten sie auch noch den
+Rücken und den Hals des Renntiers zum Verspeisen.</p>
+
+<p>Der Aufenthalt dort wurde uns aber gründlich verleidet, da es zu
+regnen begann und durchaus kein Boot kommen wollte, um uns zu holen.
+Was uns am meisten verdroß, war, daß unser Schuhzeug, obwohl wir zwei
+Paar mitgenommen hatten, ganz entzwei war, so daß wir zuletzt Kamiker
+anziehen mußten, die auf denselben Fuß zugeschnitten waren.</p>
+
+<p>Wir begannen schon davon zu sprechen, daß wir, sowie das Wetter es
+erlaubte, sehen wollten, aus dem Fjord herauszukommen, und wir sagten
+den Europäern, wir wollten die Nacht in unseren Kajaken zubringen, weil
+wir des Morgens nicht so lange schlafen möchten, wie sie es zu thun
+pflegten, da dieses bei uns Grönländern weder Sitte, noch Brauch sei.
+Da sie auch nichts dagegen einwendeten, gingen wir an den Strand, um in
+unseren Kajaken zu schlafen.</p>
+
+<p>Als wir am nächsten Morgen ins Zelt kamen, fragten sie, ob wir gut
+geschlafen hätten, und als wir ja sagten, bedankten sie sich. Nach
+dem Abendessen sagten wir gute Nacht und gingen wieder an den Strand,
+fest entschlossen, am nächsten Morgen, falls das Wetter es erlaubte,
+abzufahren, da es uns zu ungemütlich war, auf Schuhen in solchem
+Zustande herumzulaufen.</p>
+
+<p>Das Wetter war am nächsten Morgen denn auch sehr schön, der Himmel klar
+und blau, und wir machten uns reisefertig, stauten das Fleisch fort u.
+s. w. Da hörten wir plötzlich draußen auf dem Fjord einen Schuß, gerade
+als die Sonne aufging. Wir wußten nicht genau, ob wir recht gehört oder
+nicht, aber bald darauf hörten wir wieder einen und dann noch mehrere.
+Ich beantwortete sie mit meiner Flinte, eilte nach dem Zelte und sah
+von dort hinten auf dem Fjorde zwei Boote mit einer ganzen Menge
+Menschen.</p>
+
+<p>Dieser Anblick machte uns sehr froh, da wir schon gefürchtet hatten,
+daß sie ausbleiben würden.</p>
+
+<p>Als wir alle versammelt waren, konnten wir ein Boot und ein Frauenboot
+erkennen und freuten uns, weil wir nun ja wußten, daß wir alle nach
+Godthaab kommen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> würden. Der Lappe Balto kochte Kaffee, und als dieser
+fertig war, trank ich davon und wollte gehen. Doch da Peter mich
+zurückrief, kehrte ich wieder um. Es stellte sich heraus, daß sie
+wünschten, ich sollte erst mit ihnen allen essen. Wir aßen uns denn
+auch gehörig satt und tranken Kaffee dazu.</p>
+
+<p>Als sie sich zur Abreise rüsteten und die Bootsleute alle Sachen an
+den Strand trugen, gingen wir wieder nach unseren Kajaken. Nachdem wir
+dort alles reisefertig gemacht, sah ich mich nach den Booten um und
+entdeckte, daß sie schon über den Fjord fuhren. Wir ruderten ihnen nach
+und erreichten nun die entgegengesetzte Seite (Sonnenseite) der Bucht.
+Dort trank die Besatzung wieder Kaffee und aß, worauf wir die Reise
+fortsetzten, denn, obgleich die Ruderer die ganze letzte Nacht nicht
+geschlafen hatten, wollten sie doch weiter. Erst als wir bei <span class="antiqua">Nûa</span>
+(Landspitze) waren, erklärte die Besatzung des Frauenbootes, daß sie
+dort Zelte aufschlagen und übernachten wollten, hauptsächlich, weil der
+Fellbezug ihres Bootes zu naß geworden. Das Boot war zu lange im Wasser
+gewesen, ohne daß sie es zwischendurch hatten trocknen lassen, und wir
+meinten alle, es wäre gefährlich, das Boot nicht ein wenig trocknen zu
+lassen und die Löcher im Bezuge nicht zuzunähen. Ich blieb die Nacht
+über da, um ihnen am Abend das Boot ans Land ziehen und es am Morgen
+wieder ins Wasser bringen zu helfen.</p>
+
+<p>Um Mitternacht ging ich aus dem Zelte ins Freie und sah, daß es
+windstill war. Es schien mir am besten, abzureisen, während Stille
+herrschte, weshalb ich die anderen weckte und ihnen sagte, es sei
+besser, jetzt zu fahren. Während der Kaffee gemacht wurde, beluden wir
+das Boot und reisten dann weiter.</p>
+
+<p>Bald darauf näherten wir uns Nunangiak, und der Wind fing jetzt an,
+sich ein wenig aufzunehmen. Als sie nachher bis Tuapagssuak gekommen
+waren, ging ich voraus, um nachzusehen, wo das Holzboot geblieben war,
+da ich nicht wußte, wo jene sich befanden, ob sie die Reise fortgesetzt
+oder für die Nacht Zelte aufgeschlagen hatten. Ich hatte nämlich schon
+Heimweh, ich war ja auch lange von Hause fort. Im Sommer bin ich ja
+manchmal ziemlich lange<span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span> fort, wenn ich auf Erwerb ausgehe, habe dann
+aber stets einen Kameraden aus meinem Orte, der mich begleitet. Als
+es ganz hell zu werden begann und ich nach Tuapârssunguit gelangte,
+erblickte ich dort das Boot und ein Zelt. Sie waren eben aufgestanden,
+und als ich am Ufer anlegte, kam Peter zu mir hinunter und zog mich
+aufs Land. Er erzählte mir, daß Thee gemacht werde. Es war ja auch sehr
+kalt und wehte sehr frisch östlich von Ameralik her. Wir tranken nun
+Thee und aßen, und die Europäer freuten sich, als sie mich wiedersahen.</p>
+
+<p>Nachdem wir gespeist hatten, fuhren wir ab, und als wir Kingigtorssûp
+erreichten, fingen Kristiansen und ich an, uns anzulachen, weil wir
+jetzt hofften, noch an demselben Tage in Godthaab zu sein. Als wir an
+die Landspitze von Urkusigssap kamen, gingen Peter und ich voran, um
+dem Führer der Expedition einen Brief zu bringen, den sie geschrieben
+hatten. Als wir uns Godthaab näherten, vermuteten die Einwohner dort,
+daß wir kämen, weshalb sie sich versammelten.</p>
+
+<p>Als wir anlegten und ihnen sagten, daß die anderen in der Nähe seien,
+kamen immer mehr Leute herbei. Die Grönländer sehnten sich am meisten
+nach den Lappen, und als sie hörten, daß ich ein großes Renntier
+geschossen, wurden sie ganz eifrig, und ich hörte von ihnen allen
+nichts weiter als Rufe nach einem Stückchen Talg.</p>
+
+<p>Als Peter nach seinem Hause ging, begleitete ich ihn. Ich beneidete ihn
+darum, daß er schon so weit war. Dort tranken wir Kaffee und gingen
+dann zum Verwalter, weil wir glaubten, wir würden gleich bezahlt
+werden. Bald darauf hörten wir rufen, daß die Lappen sich näherten
+(d. h. von den Häusern aus gesehen werden könnten), und ich ging nun
+nach dem Hause des Vorstehers Lars Heilman, bei dessen Frau ich Kaffee
+trank. Ich pflege nämlich in diesem Hause zu schlafen, wenn ich in
+der Kolonie übernachte. Nachdem ich Kaffee getrunken hatte, ging ich
+mit all den anderen Menschen hin, um sie am Ufer anlegen zu sehen. Da
+sich die Europäer und die Grönländer versammelt hatten, stand dort
+eine große Menschenmenge. Nach und nach kam das Frauenboot, das die
+Sachen der Reisenden brachte, und da sie auch mein Renntier in das<span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span>
+Boot gelegt hatten, ging ich näher ans Ufer hinan, um mein Eigentum in
+Empfang zu nehmen. Nachdem ich etwas davon an die Grönländer verteilt
+hatte, verkaufte ich den Rest vorteilhaft. Für das Fleisch, das die
+Europäer im Fjorde verzehrt hatten, erhielt ich fünf Kronen, für die
+Reise dorthin zwanzig Kronen, für den Renntierkopf drei Kronen und
+für das Fell vier Kronen und fünfzig Oere. Für den Rest erhielt ich
+ungefähr achtzehn Kronen.</p>
+
+<p>Als ich alles Geld erhalten hatte, dachte ich stark daran, mir einen
+Stutzen zu kaufen. Dies war lange meiner Wünsche Ziel gewesen, aber ich
+hatte bisher nicht genug gehabt, um ihn mir kaufen zu können. Ich habe
+freilich einen alten Stutzen, 1874 tauschte ich die Schrotflinte des
+Volontärs (Irmingers, der im Kajak umkam) gegen ein älteres Stutzgewehr
+aus. Diesen Irminger (der im Kajak umkam) werden die Südgrönländer
+gewiß noch kennen. Als er umkam, war ich bei ihm.</p>
+
+<p>Ich kaufte mir also einen Stutzen und werde den alten meinem
+Pflegesohne geben, damit er sich im Schießen üben kann. Er ist 17 Jahre
+alt, und für uns, die wir am inneren Ende der Fjordes wohnen, ist es
+wichtig, ein Gewehr zu haben, sowohl der Renntiere, wie der Seehunde
+und anderer lebender Wesen halber. Ich übernachtete in Godthaab, aber
+ich war nicht recht vergnügt, da mich die Mitglieder der Expedition
+immer quälten, ihnen das Fell des Renntieres, das ich geschossen hatte,
+zu verkaufen, während ich es eigentlich am liebsten selber behalten
+hätte, da es ein Schönes, dichtes Fell war, auf dem es sich im Winter,
+wenn es kalt ist, gut liegt. Ich erlegte ja allerdings im August ein
+großes Renntier, doch sein Fell war so dünn, daß ich es nicht als
+<span class="antiqua">kâk</span> (Unterlage auf der Pritsche) zurechtmachen ließ. Als sie
+dreimal gekommen waren, um es zu kaufen, mochte ich nicht länger nein
+sagen und verkaufte es ihnen. Ich sagte dann dem Verwalter, ich wolle
+einen Stutzen kaufen, und bekam auch einen. Als ich mit dem Einkaufen
+fertig war, wollte ich abreisen, da ich mich sehr danach sehnte, nach
+Hause zu kommen. Aber der Nordostwind zwang mich, noch eine Nacht in
+der Kolonie zu bleiben, da ich bei Kasigianguit nicht vorbeizugehen
+wagte, teils des Windes wegen, teils, weil ich so vielerlei im Kajake
+mitnehmen<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> mußte. Am Morgen des nächsten Tages war, als ich aufstand,
+besseres Wetter, und der Wind hatte sich gelegt. Ich fuhr dann über den
+Ausbau Kôrnok nach meinem Wohnorte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die folgende Erzählung ist für den noch immer starken Aberglauben der
+Eskimos bezeichnend und auch für das nächste Kapitel von Interesse.
+Frau Signe Rink hat mir die Uebersetzung zur Verfügung gestellt.</p>
+
+<p>»Endlich komme ich nun mit dem, was ich schon so lange zur
+›Unterhaltungslektüre‹ beitragen wollte. Ich gebe nicht viel, aber was
+ich gebe, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Es handelt von
+den komischen Bräuchen beim Bärenfang in gewissen südlichen Gegenden,
+welche Sitten kaum anderswo bekannt sind. Es war im Jahre 1882-83 bei
+<em class="gesperrt">Augpilagtut</em> unweit <em class="gesperrt">Pamiagdluk</em><a id="FNAnker_47" href="#Fussnote_47" class="fnanchor">[47]</a>. Bei Augpilagtut stehen
+zwei Grönländerhäuser. In einem wohnen drei Seehundsfänger mit ihren
+Familien, nämlich <em class="gesperrt">Benjamin</em> mit dem Beinamen <em class="gesperrt">Akâtit</em>,
+<em class="gesperrt">Isak</em>, der auch <em class="gesperrt">Umangûjok</em> heißt, und <em class="gesperrt">Moritz</em>. Im
+andern lebt Matthäus, den wir meistens <em class="gesperrt">Ulivkakaungamik</em> oder den
+»Vollgepfropften« nennen, weil »vollgepfropft« seine stehende Redensart
+ist. Er war damals schon über Siebzig, aber doch noch ein guter Fänger,
+und hatte überdies wiederholt ganz allein einen Bären erlegt.</p>
+
+<p>Es begab sich an einem Sonntag, an dem die anderen Fänger alle in See
+waren, daß wir, die Daheimgebliebenen, in Matthäi Hause Betstunde
+hielten. Nach der Betstunde kam Benjamins Sohn, der gleich nach
+beendetem Gottesdienste ins Freie gegangen war, hereingestürmt und
+sagte: ›Draußen steht ein Bär und frißt unsern Speck auf!‹</p>
+
+<p>Diese Nachricht erschreckte mich eben so sehr, wie sie mich erfreute;
+der alte Matthäus aber zitterte förmlich vor Freude und rief: ›Bedankt
+sei, wer eine so gute Nachricht bringt! Ich will gleich hinaus und
+den Bären totstechen!‹ Ich sah ihn an und glaubte, er würde sich nun
+schnell ein passendes<span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span> Werkzeug dazu aussuchen, ein langes Messer
+oder etwas dergleichen, aber weit gefehlt! Die Waffe, mit der er sich
+versehen hatte, guckte kaum aus seiner geballten Hand hervor. ›Was soll
+das bei dem Pelze und der dicken Speckschicht des Bären nützen,‹ dachte
+ich. Uebrigens erlaubten die Frauenzimmer des Hauses ihm nicht, sich
+mit dem Bären einzulassen, und klammerten sich alle an ihn an, um ihn
+zurückzuhalten, und ich half ihnen dabei. Sie (die Frauenzimmer) lösten
+auch alle ihre Haarknoten auf und schüttelten ihr Haar aus, damit der
+Bär sie für Männer halten und zurückhaltender sein sollte. Unsere
+heidnischen Vorfahren trauten dem Bären nämlich Menschenverstand zu.</p>
+
+<p>Da wir fürchteten, es könne dem Bären einfallen, durch die
+Darmhautscheiben ins Zimmer zu steigen, mußte ich darauf bedacht sein,
+mir irgend eine Waffe zu verschaffen, und fragte deshalb nach der Axt.
+Natürlich aber hatten sie die Axt den Leuten im anderen Hause geliehen.
+Da erblickte ich ein Krummmesser, das auf dem <em class="gesperrt">Ipak</em><a id="FNAnker_48" href="#Fussnote_48" class="fnanchor">[48]</a> neben der
+Thranlampe lag, und ergriff es zugleich mit einem Holzstabe von einem
+Kajakkiele, den ich als Schaft an dem Messer befestigen wollte. Kaum
+aber hatte ich beides in der Hand, als mir jemand von hinten zurief:
+›Gieb her, ich habe doch noch ganz andere Kräfte als Du!‹ Es war kein
+andrer, als die verwitwete Tochter des alten Matthäus. Sie entriß mir
+beide Teile.</p>
+
+<p>Jetzt schlug die Wanduhr<a id="FNAnker_49" href="#Fussnote_49" class="fnanchor">[49]</a> Elf, und gleich würde der verwünschte Bär
+gieriger aussehen. Ich lief gleich hin, um das Schlagwerk anzuhalten,
+machte es aber in der Aufregung ungeschickt; der Spektakel wurde immer
+größer, bis ich mich endlich soweit gefaßt hatte, daß ich das Lot
+abhaken und das Geräusch dämpfen konnte. Die Frauen hingen noch immer
+an Matthäus, um ihn zurückzuhalten. Da begann plötzlich die Mutter
+des Jungen, der uns die Ankunft des Bären gemeldet hatte, ihre Hosen
+bis übers Knie hinabzuziehen und schwankend im Kreise herumzugehen,<span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span>
+wobei sie ein paar Heuhalme zusammenflocht. Dies geschah, wie die
+anderen sagten, um die Kraft des Bären zu schwächen und ihn leichter
+zum Umfallen zu bringen. Unterdessen gelang es dem alten Matthäus sich
+loszureißen, ich lief ihm nach und holte ihn ein, als er noch nicht
+ganz aus dem Gange heraus war. Er tuschelte und flüsterte mir zu: »Sei
+still — er geht jetzt nach der See hinunter.«</p>
+
+<p>Matthäus hatte seine Flinte im Kajak auf dem zur Ebbezeit freiliegenden
+Strande, und als der Bär am Kajak vorübergegangen war, kroch der Alte
+vorsichtig auf allen Vieren auch dorthin. Ich blieb vor dem Hause
+stehen und sah von dort aus, wie sich der Bär auf einmal brummend nach
+ihm umdrehte, und dies erschreckte mich so, daß ich in das andere
+Haus flüchtete und dort in der Eile buchstäblich zur Thür hereinfiel.
+Während ich auf dem Fußboden alle Viere von mir streckte, sah ich
+durchs Fenster<a id="FNAnker_50" href="#Fussnote_50" class="fnanchor">[50]</a>, wie der Bär und Matthäus einander unverwandt
+anstarrten und nur noch der Kajak zwischen ihnen war, Matthäus Fratzen
+schneidend und der Bär tief brummend, mit weitaufgerissenem Rachen
+und sichtlich entschlossen, gleich zuzubeißen. Matthäus stemmte den
+Fuß fest gegen den Kajak, legte an, ohne die Augen ein einziges
+Mal von dem Bären abzuwenden, und drückte dann ab. Jetzt eilte ich
+hinaus und sah ihn das Tier mit der Seehundslanze durchbohren, darauf
+rief er laut nach dem Hause hinauf, wir möchten so gut sein, uns
+unseren <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Ningek</span></em> (Schmackhappen) zu holen. Die gerufenen
+Frauenzimmer blieben im Eifer, an einander vorbeizukommen, in dem engen
+Teil des Hausganges stecken und demolierten ihn zum Teil. Als sie bei
+dem Bären ankamen, tauchten sie die Hände in seine Todeswunde und
+tranken von dem warmen Blute, wobei jede gleich den Teil des Tieres,
+den sie geschenkt haben wollte, nannte. Dann kam endlich die Reihe
+an mich, von dem Blute zu trinken, was ich auch that, indem ich mir
+den einen Schinken als Anteil ausbat. Da wurde erklärt, daß alles,
+was Gliedmaßen heiße, schon versprochen sei und ich überdies versäumt
+hätte, den Bären<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> gleich bei meiner Ankunft anzurühren. Es war wirklich
+dumm, daß ich daran nicht gedacht hatte. Die Mutter des Knaben, der den
+Bären zuerst gesehen hatte, eilte nun ins Haus und kam mit einer Tasse
+Wasser wieder, aus der wir alle einen Schluck trinken mußten, obgleich
+keiner von uns durstig war; hierdurch sollte ihr Sohn beständiges
+Glück auf der Bärenjagd gewinnen, und das Bluttrinken hatte dem ganzen
+Bärengeschlechte zeigen sollen, daß die Menschen seine Todfeinde sind.
+Ehe der Bär zerlegt wurde, klopften alle auf seinen Pelz und riefen:
+»Du bist fett, fett, schön fett!« Doch das geschieht nur, weil aus
+Höflichkeit angenommen wird, daß der Bär wirklich fett sei. Als wir
+dem unseren aber zu Leibe gingen, stellte es sich heraus, daß er ein
+wirklich außergewöhnlich mageres Tier war.</p>
+
+<p>Als der Kopf ins Haus gebracht wurde, ging ich mit, da ich wußte, daß
+mit ihm allerlei Künste würden vorgenommen werden. Er wurde dann auch
+zuerst auf den Ipak gestellt, mit dem Gesicht nach Südosten, worauf
+man ihm das Maul und die Nasenlöcher mit Lampenfettabfall und Speck
+verstopfte und ihm schließlich den Schädel mit allerlei Kleinigkeiten,
+wie zugeschnittenen Schuhsohlen, Sägespänen, Messern, Glasperlen u.
+dergl. verzierte. Die südöstliche Richtung giebt den Weg an, auf
+dem die Bären mit dem »großen Eise« um die Südspitze des Landes
+herumzukommen pflegen. Die Salbe in den Nasenlöchern soll den Bären,
+den man fangen will, daran hindern, die Nähe der Menschen zu wittern,
+und mit dem Lampenfett im Maule will man ihm einen Liebesdienst
+erweisen, da er als ein großer Liebhaber alles gebräunten Fettes
+bekannt ist; die Dinge aber, mit denen sie den Bärenkopf schmücken,
+beziehen sich auf den alten Glauben, daß die Geister ihrer Vorfahren
+ihnen den Bären geschickt haben, um ihnen dadurch solche Dinge zu
+verschaffen, und da nach altheidnischer Rechnung die Bärenseele fünf
+Tage zur Heimreise brauchte, so aß man den Kopf eines Bären auch nie
+vor Ablauf dieser Zeit, da die Bärenseele sonst unterwegs sterben mußte
+und die Gaben der Familie dadurch verloren gehen konnten. Sogar die
+Stelle, wo der Kopf abgeschnitten ist, wird sorgfältig verbunden, damit
+sich die<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> Seele nicht unterwegs verblutet. Ich nenne jetzt alles dieses
+Abgötterei, aber die Heiden glaubten in alten Zeiten, daß alle Dinge,
+sowohl leblose, wie lebende, eine Seele hätten. Doch dies darf man
+nicht mit der unsterblichen Seele des Menschen verwechseln. Daß nun die
+Leute, die hier so tief im Süden wohnen, noch in unseren Tagen, da doch
+seit der Einführung des Christentums schon so lange Zeit verflossen
+ist, noch so fest an den alten Bräuchen hängen, kommt wohl daher, daß
+fast kein Jahr vergeht, ohne daß sie mit den Heiden von der Ostküste
+zusammentreffen.</p>
+
+<p>Im Jahre 1885 verließ ich <em class="gesperrt">Augpilagtut</em>. Ich kann nicht bestimmt
+behaupten, daß es nicht auch in <em class="gesperrt">Pamiagdluk</em> noch einzelne
+Familien geben mag, die dem alten Bärenglauben noch anhängen.
+Jedenfalls aber thun es nicht mehr alle — Isaks nun schon ganz gewiß
+nicht — und an den Orten, die der Kolonie näher liegen, hat man kaum
+von diesen Bräuchen sprechen hören.</p>
+
+<p>Man hatte mir nicht mitgeteilt, an welchem Tage der Bärenkopf gekocht
+werden sollte, und ich war daher sehr überrascht, als ich plötzlich
+zum Mittagessen aufgefordert wurde. Ich schnitt mir ohne weiteres die
+Schnauze ab, da aber bekam ich etwas zu hören, und sie wurde mir sofort
+wieder aus der Hand gerissen. Dies aber nahm ich wirklich übel, das
+leugne ich nicht, und ich sagte ihnen gerade heraus, daß ich keine Spur
+von alledem glaubte, selbst wenn sie mich für noch so dumm hielten.
+Doch sie versicherten sehr ernsthaft, daß ich von nun an nie einen
+Bären würde fangen können, worauf ich ihnen antwortete, daß sie darin
+wohl Recht behalten würden, weil ich nämlich so kurzsichtig sei, daß
+ein Bär mich lecken könne, ehe ich ihn überhaupt sehen würde.</p>
+
+<p>Außerdem giebt es noch folgende Bräuche: Sehen sie eine Bärenspur im
+Schnee, so müssen sie ein wenig von dem Schnee essen, dann gelingt
+es ihnen sicher, den Bären zu fangen, falls er auf demselben Wege
+zurückkehren sollte. Die kleinen Knaben müssen die Nieren der
+gefangenen Bären verspeisen, damit sie mutig und stark und tüchtige
+Bärenfänger werden. Auch hüten sie sich in den oben erwähnten<span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span> fünf
+Tagen ängstlich davor, klirrende Geräusche hervorzubringen, da der Bär
+jeglichen Klingklang hassen soll.</p>
+
+<p>Matthäus sagte mir, der Bär, den ich ihn töten sah, sei sein elfter
+gewesen und er habe sich garnicht gefürchtet, weil er hier seine Flinte
+zur Hand gehabt. Früher aber habe er einmal einen auf dem Eise kriechen
+sehen und sei, nur mit der Lanze bewaffnet, auf ihn losgegangen. Doch
+wie lange dies her sei, wisse er nicht mehr, sagte er.«</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p1860_deco">
+ <img class="w100" src="images/p1860_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+ <figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p1870_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p1870_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_XIII"><span class="s5a">Kapitel XIII.</span><br>
+Die Religion der Eskimos.</h2>
+</div>
+
+<p>Die Religion oder religiöse Idee ist eines der merkwürdigsten
+Erzeugnisse des menschlichen Geistes. Mit allen ihren der
+Vernunft widerstreitenden Behauptungen und ihrer verblüffenden
+Unwahrscheinlichkeit erscheint sie bei flüchtiger Betrachtung
+unerklärlich. Deshalb sah man sie zu allen Zeiten als eine
+übernatürliche, göttliche Offenbarung an, die ursprünglich der ganzen
+Menschheit gegeben war. Doch nachdem man die mehr oder weniger
+unvollkommenen Religionen der verschiedenen Völker in ihren oft
+wesentlichen Unterschieden kennen gelernt, zweifelte man an der
+Richtigkeit einer solchen Auffassung und begann immer mehr darüber zu
+sinnen, ob die religiösen Vorstellungen nicht dem Menschengeiste selbst
+zuzuschreiben seien, ob sie nicht ein durch den Einfluß der Umgebung
+entstandenes Produkt sein könnten.</p>
+
+<p>Das Nächstliegende war, in der Menschheit einen angeborenen Hang zu der
+gewissermaßen an und für sich etwas Uebernatürliches repräsentierenden
+Religiosität zu suchen. Eine geheimnisvolle, unerklärliche Ahnung
+treibt, wie Schleiermacher sagt, den Menschen über die Grenzen
+dieser endlichen Welt hinaus und führt ihn zur Religion. Nur durch
+Verkrüppelung dieser Naturanlage kann Religionslosigkeit entstehen.
+»Der Anfang der Religion selbst aber ist das erste Zusammentreffen
+des gewöhnlichen Lebens mit<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> einem außergewöhnlichen, die unfehlbare,
+heilige Vermählung des Universums mit der fleischgewordenen Vernunft zu
+einer schaffenden, erzeugenden Umarmung.«</p>
+
+<p>Nach und nach wurden die Erklärungen weniger vage und hochtrabend.
+Peschel und andere mit ihm meinten, die religiösen Vorstellungen
+seien dem Drange entsprungen, der Ursache und dem Anfang aller Dinge
+nachzuforschen. Oder genauer, es seien die Ursachen der Bewegung,
+des Lebens und des Gedankens, die der Mensch mit seinem angeborenen
+Streben nach Erkenntnis des Absoluten suche. Andere dagegen, wie
+Max Müller, vertreten die Ansicht, das Sehnen nach dem Unendlichen,
+das Streben, das Unbegreifliche zu verstehen und das Namenlose
+zu benennen, sei der tiefe Grundton der Seele, der sich in allen
+Religionen offenbare. Wieder andere, wie O. Pfleiderer, sehen in dem
+angeborenen, unerklärlichen Schönheitsdrang, dem ästhetischen Gefühl
+und der Phantasie des Menschen den ersten Keim religiösen Bewußtseins.
+Einige wollen sogar die religiösen Begriffe auf den Sittlichkeitstrieb
+oder das moralische Bewußtsein des Menschen zurückführen. Jedoch, wenn
+man die Religion der Eskimos, sowie die religiösen Begriffe anderer
+Naturvölker eingehend studiert, zerfallen alle diese philosophischen
+Erklärungsversuche in Nichts. In unserer empirischen Zeit ist man immer
+mehr zu der Erkenntnis gelangt, daß die religiösen Begriffe denselben
+Naturgesetzen zuzuschreiben sind, die alle anderen Phänomene bedingen.
+Immerhin schließen wir uns der von David Hume zuerst aufgestellten
+Behauptung an, daß sie sich hauptsächlich von zwei Gefühlsrichtungen
+oder richtiger zwei »Trieben«, wie sie jedes Tier hat, ableiten lassen,
+nämlich: <em class="gesperrt">der Furcht vor dem Tode, und dem Wunsche<span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span> zu leben</em>!
+Aus dem ersten dieser Triebe entsteht die Furcht vor den Toten, vor
+der unerbittlichen Natur und ihren gewaltigen Kräften, und auch der
+Drang, sich vor ihnen zu schützen. Aus dem zweiten entspringt der
+Wunsch, glücklich zu sein, nebst dem Streben nach Macht und äußeren
+Vorteilen. Daraus folgt dann wieder, daß die Religionen in ihren ersten
+Anfängen nicht uneigennützig, sondern selbstsüchtig sind, und daß der
+Gläubige den Rätseln der Natur und dem Unendlichen nicht so sehr in
+Betrachtung versenkt gegenübersteht, als vielmehr eifrig bemüht ist,
+ihnen Vorteile für sich abzugewinnen. Wo z. B. Amuletten und Fetischen
+Macht übernatürlicher Art zugetraut wird, bedient man sich ihrer und
+betet sie an.</p>
+
+<p>Es ist eine schwere, um nicht zu sagen, unlösbare Aufgabe, den
+Anfang der religiösen Begriffe aufzufinden und festzustellen, unter
+welcher unbestimmten, nebelhaften Form sie entstanden sind, als
+am Morgen der Menschheit die Begriffe klarer wurden und sich aus
+dem tierischen Instinkt der Verstand entwickelte. Es wird mit den
+religiösen Vorstellungen jener Zeit wohl ebenso wie mit den ersten
+organischen Wesen gewesen sein. Die ersten Gebilde hatten entweder
+noch keine so bestimmten Formen angenommen, oder ihre Bestandteile
+waren noch nicht kompakt genug, daß sie hätten Spuren hinterlassen
+können. Was wir finden, sind schon entwickelte Stufen. Die ersten
+religiösen Vorstellungen werden nur äußerst unklare, von vielen
+äußeren Zufällen abhängende Eindrücke gewesen sein, auf die unser
+Denken ebensowenig zurückschließen kann, wie wir uns das Aussehen der
+ersten organischen Wesen auszumalen vermögen. Wir können ebensowenig
+ergründen, auf welcher Stufe der Entwickelung des<span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span> Menschengeschlechts
+die ersten vagen Anzeichen religiöser Begriffe auftauchten, wie wir
+die Frage verneinen können, ob unsere affenähnlichen Vorfahren davon
+ergriffen worden sind. Es scheint mir nicht einmal sicher, daß den
+Tieren jegliche übernatürliche Empfindung fehlt. Wir können also nicht
+erwarten, bei einer der jetzt lebenden Rassen ein vollständiges Fehlen
+übernatürlicher Begriffe, wie schwach sie auch entwickelt seien,
+zu finden. Verwundern kann es uns nur, daß sie bei einem so hoch
+entwickelten Volke, wie den Eskimos, noch immer auf einer so auffallend
+niedrigen Stufe stehen.</p>
+
+<p>Nach der Kenntnis, die wir von den primitiven Religionen haben, scheint
+es mir wichtiger, die oben erwähnten Triebe nicht als die eigentliche
+Quelle der religiösen Anschauungen anzusehen. Es sind danach vielmehr
+drei Keime oder Momente zu unterscheiden, die den Stoff lieferten, aus
+dem jene beiden Triebe (die wir in einen, den Selbsterhaltungstrieb,
+zusammenfassen können), die religiösen Systeme bildeten. Diese
+drei Momente sind: unsere Geneigtheit, der Natur Persönlichkeit
+zuzuschreiben; ferner der Glaube an ihren und unseren eigenen
+Dualismus, sowie an die Unsterblichkeit der Seele; und schließlich der
+Glaube an übernatürliche Kraft oder Macht gewisser Dinge (Amulette).
+Um einzusehen, von welcher Bedeutung diese Momente sind, besonders auf
+einer niedrigen Stufe, müssen wir uns auf den Standpunkt eines Kindes
+zu stellen suchen, der ja dem des Urmenschen am ehesten entspricht. Das
+Kind legt der Natur nicht nur gelegentlich eine Persönlichkeit unter;
+es betrachtet alle leblosen oder lebenden Gegenstände seiner Umgebung
+als Personen und führt z. B. lange Gespräche mit seinen Spielsachen.
+Ein mir bekanntes<span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span> Kind stand eines Tages in der Küche und betrachtete
+nachdenklich einige in einem Topfe kochende Würste. Plötzlich fragte
+es die Köchin: »Du, hast Du die Würste tot gemacht?« — Wir werden uns
+alle aus unserer Kindheit erinnern, daß wir jeden Baum, jeden Berg
+u. s. w. für etwas persönliches hielten. Dieser Hang, die Natur zu
+personifizieren, giebt sich, nach Tylor, auch zu erkennen in unserer
+oft völlig ungereimten Lust, unseren Aerger an leblosen Dingen, die
+uns irgendwie verletzt oder Schaden gebracht haben, einmal gründlich
+auszulassen. Als Sverdrup und ich Grönland durchquerten, hatten wir
+einen Schlitten, der sich schlecht ziehen ließ. Es wäre uns, als wir
+mit ihm fertig waren, eine wirkliche Genugtuung gewesen, wenn wir ihn
+zerschlagen oder uns sonst irgendwie an ihm hätten rächen können. Mit
+dem Kindergemüte unlösbar verbunden ist es auch, in jeder Bewegung oder
+Veränderung seiner kleinen Welt die Bethätigung eines persönlichen
+Willens zu sehen.</p>
+
+<p>In der ersten Kindheitsphilosophie des Menschengeschlechtes mag sich
+diese Auffassung der Naturdinge als lebender Persönlichkeiten ganz
+natürlich und von selbst gebildet haben. Bäume, Steine, Flüsse, Wind,
+Wolken, Sonne und Mond wurden lebende Menschen oder Tiere. Die Eskimos
+glauben noch heute, daß alle Himmelskörper vor ihrer Versetzung an das
+Firmament lebende Menschen waren.</p>
+
+<p>Doch nach oder gleichzeitig mit diesem Hange mag auch ganz natürlich
+der Begriff der Doppelnatur, des Dualismus in der Natur und im Menschen
+selber entstanden sein, das Gefühl eines sichtbaren und natürlichen
+Daseins und das eines übernatürlichen, unsichtbaren. Stellen<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> wir uns
+einmal vor, daß ein unwissender Urmensch das Echo seiner eigenen Stimme
+hörte: mußte er nicht glauben, die Stimme eines anderen Menschen zu
+hören? Er kannte die Schallwellentheorie ja nicht. Als er aber diese
+Stimme immer wieder vernahm und doch keinen Menschen finden konnte,
+mußte er sie natürlich einem unsichtbaren Wesen zuschreiben.</p>
+
+<p>Oder, wenn er den Tau kommen und verschwinden sah, ohne zu wissen,
+woher er kam und wo er blieb; wenn er die Sterne abends aufgehen
+und in der Frühe erlöschen sah; wenn er die auftauchenden und sich
+verziehenden Wolken, den Regen, den Wind, die Strömungen im Wasser
+betrachtete: mußte da nicht der Gedanke an sichtbare und unsichtbare
+Zustände in ihm aufsteigen? Als der Ureskimo zum ersten Male einen
+Gletscher erblickte, ihn als Treibeis das Meer durchschiffen und
+manchmal gewaltige Eisberge bilden sah: konnte er darin etwas anderes
+sehen, als das Wirken ein es ihm unsichtbaren Wesens? Ja, er machte ihn
+selbst zu einem solchen, dessen Abbrechen willkürliche Handlungen waren
+und das er deshalb fürchtete.</p>
+
+<p>Oder, um etwas ganz anderes anzuführen: wenn ein Urmensch seinen
+eigenen Schatten oder sein Spiegelbild im Wasser erblickte, die kamen
+und gingen, die er weder fühlen noch greifen konnte: mußte ihm dabei
+nicht der Gedanke an etwas Wirkliches, allzeit Sichtbares und etwas
+Unwirkliches, nur bisweilen Sichtbares kommen?</p>
+
+<p>Also Gründe genug gab es schon für die Entstehung der Vorstellung
+von dem Dualismus in der Natur, einem sichtbaren und unsichtbaren
+Dasein. Noch stärker aber wird dieser Glaube an die Zwiefältigkeit der
+Natur durch den Begriff, den sich der Urmensch von sich selber machen
+mußte.<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> Wenn er schlief und träumte, er sei auf der Jagd, beim Tanze
+oder bei Freunden, kurz er schweife in der Fremde umher, und sich dann
+beim Erwachen in seiner Hütte liegend fand und von seiner Frau oder
+seinem Kameraden hörte, daß er seine Behausung garnicht verlassen
+habe, so mußte er natürlich glauben, daß er aus zwei Teilen bestehe.
+Der eine der beiden konnte ihn nachts verlassen und alles Mögliche
+erleben, während der andere liegen blieb. Noch existierte für ihn kein
+Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit, wie ja auch die Sprache
+mancher urwüchsiger Stämme, nach Spencer, noch heute nur den Ausdruck
+»ich sah« für »mir träumte, ich sah« kennt. Da er ferner gesehen hatte,
+daß sein Schatten ihn bei Tage, aber nicht bei Nacht begleitete, war
+es ganz natürlich, daß er den Teil seiner selbst, der ihn verlassen
+konnte, <em class="gesperrt">Schatten</em> nannte und damit das bezeichnete, was andere
+Nationen <em class="gesperrt">Seele</em> oder auch <em class="gesperrt">Geist</em> nennen. Wir werden später
+darauf zurückkommen, daß der Eskimo den Glauben an die Seele und
+den Namen dafür auf diese Weise gefunden hat. Der Beweis für seine
+eigene Verwandtschaft mit allen ihn umgebenden Dingen wurde durch die
+Beobachtung, daß auch diese, gleich ihm, Schatten warfen, natürlich
+noch verstärkt.</p>
+
+<p>Als dann der Urmensch dem Tod ins Angesicht sah mußte dies einen
+tiefen Eindruck auf ihn machen und seinen Glauben an die eigene
+Doppelnatur noch mehr befestigen. Er sah denselben Leib, denselben
+Mund, dieselben Glieder vor sich, nur waren sie sonst voller Leben und
+Bewegung, während sie nun still und starr dalagen. Der Körper mußte
+also etwas Lebenspendendes einschließen, und dieses Etwas mußte ganz
+natürlich die Seele sein, die, wie er aus seinen Träumen wußte, den
+Leib ja verlassen konnte.<span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span> Daß man die Seele, die den Körper beim
+Tode verläßt, mit dem dann fehlenden Atem in Verbindung brachte, ist
+ebenfalls ganz natürlich, und so mag es gekommen sein, daß einzelne
+Eskimos dem Menschen zwei Seelen: <em class="gesperrt">Schatten</em> und <em class="gesperrt">Atem</em>
+zuschrieben. Dieser Glaube an den Dualismus der Seele, der bei einigen
+Völkern in den Begriffen Schatten und Spiegelbild Ausdruck findet, ist
+weit verbreitet, und daher stammt auch wohl der Unterschied, den wir
+zwischen Geist und Seele, <em class="gesperrt">Pneuma</em> und <em class="gesperrt">Psyche</em> machen.</p>
+
+<p>Es könnte uns natürlich erscheinen, daß ein Urmensch an den
+gleichzeitigen Tod von Körper und Seele glauben mußte. Manch einer
+mochte es wohl thun; doch da sie in ihren Träumen wieder mit den
+Verstorbenen zusammentrafen, mußten sie auch wieder annehmen, daß deren
+Seele noch lebe. Ueberdies war der Schluß ja auch nicht unnatürlich,
+daß die Seele den Körper dauernd verlassen könne, da sie ihn ja in
+Zwischenräumen, im Schlafe und im Fieber, schon häufiger verlassen
+hatte. So mußte der Glaube an die Fortdauer des Lebens der Seele ganz
+natürlich entstehen, und da der Gedanke an völlige Vernichtung jedes
+lebende Wesen wenig anspricht, hat die Unsterblichkeitsidee von jeher
+in der Brust des Menschen starken Widerhall gefunden.</p>
+
+<p>Da aber die meisten Menschen bange sind vor dem Tode und den Toten und
+deren Gespenstern nicht gern begegnen wollen, da ferner die Furcht über
+große Phantasie verfügt, so verlieh man den Verstorbenen übernatürliche
+Macht; besonders zum Schaden, aber auch zum Helfen. Deshalb versuchen
+die Lebenden, sich die Toten zu Freunden zu machen. Auf solche Weise
+entstand der Kultus abgeschiedener Seelen, der in den Religionen der
+meisten<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Völker eine so bedeutende Rolle spielt und der, wenn er ihnen
+auch nicht gerade zu Grunde liegt, doch ein wichtiges Moment aller
+Religionen, folglich auch derjenigen der Eskimos bildet.</p>
+
+<p>Daß die Geister der Verstorbenen, namentlich bedeutenderer Menschen wie
+der Hauptleute und Fürsten, mit der Zeit im Volksglauben zu Göttern
+wurden, kann uns nicht befremden.</p>
+
+<p>Das Wort Gott bedeutet ursprünglich, sowohl bei den Hebräern
+(<em class="gesperrt"><span class="antiqua">il</span></em> oder <em class="gesperrt"><span class="antiqua">el</span></em>), wie bei den Egyptern
+(<em class="gesperrt"><span class="antiqua">nutar</span></em>) und vielen anderen Völkern nur ein mächtiges
+Wesen und wurde auf Helden so gut wie auf Götter angewendet. Und wie
+es auf Erden besonders mächtige Menschen gab, so mußte es auch in der
+Geisterwelt besonders mächtige Geister geben, die natürlich Götter
+<em class="gesperrt"><span class="antiqua">par excellence</span></em> wurden und besonders verehrt werden
+mußten. Auf diese Weise kommen wir schließlich in dem Augenblick, da in
+der Geisterwelt eine absolute Monarchie errichtet wird, zu dem Glauben
+an einen Gott.</p>
+
+<p>Doch neben dieser Ahnenverehrung lag auch ein für die Entwicklung
+des Aberglaubens äußerst wichtiges Moment in dem Hang des Menschen,
+gewissen Dingen übernatürliche Kraft zuzutrauen. Auf dem primitiven
+Standpunkte nutzte man sie zum Anwenden der Macht der Toten oder zu
+einer Einwirkung auf sie. Auch andere Vorteile versuchte man sich
+dadurch zu verschaffen, und hieraus hat sich im Laufe der Zeit das
+Amulettwesen und zum Teil auch die Fetischverehrung entwickelt. Wie der
+Glaube an die Kraft der Amulette entstehen kann, werde ich weiter unten
+besprechen.</p>
+
+<p>Ein wichtiges Moment in der Entstehung und weiteren Entwickelung
+dieser abergläubischen Ideen ist der Einfluß<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> der Medizinmänner
+(Geisterbeschwörer) oder Priester auf ihre Mitmenschen. Es war
+selbstverständlich, daß einige, und zwar die klügsten Köpfe, sich
+besser auf übernatürliche Dinge verstanden, als die große Masse und in
+näherem Verhältnis zu den Toten standen. Daß sie infolgedessen ihren
+Mitmenschen helfen konnten, wenn es z. B. galt, die Macht der Toten für
+den Vorteil des Einzelnen oder des Ganzen auszunutzen, war klar. Und
+hierdurch erlangte der Priester dann wieder Macht, Einfluß auf das Volk
+und manche Vorteile materiellerer Art. Deshalb hat es auch jederzeit im
+Interesse der Medizinmänner und Priester gelegen, die abergläubischen
+oder religiösen Ideen zu erhalten und zu nähren. Sie erhöhen ihre
+Macht, wie ihre Einnahmen dadurch, daß sie vorgeben, selber daran zu
+glauben, ja daß sie neue göttliche Lehren zu ihrem eigenen Besten
+erfinden.</p>
+
+<p>Bei Völkern wie den Eskimos kommt noch eins hinzu, was einen stark
+färbenden Einfluß auf den Aberglauben hat: das harte, von Glück und
+Zufall abhängende Leben, das sie führen, und die Natur, in der sie
+leben. Daß ein von Jagd und Fischfang lebendes Volk abergläubisch wird,
+ist eine bekannte Thatsache, für die wir in Norwegen ein schlagendes
+Beispiel haben. Vergleichen wir nur den Westländer und Nordländer
+mit dem Ostnorweger. Die ersteren sind hinsichtlich ihres Erwerbes
+größtenteils auf das Meer angewiesen und abhängig von Wind und Wetter,
+Fischzügen u. s. w.; einer ganzen Reihe dem Menschen unbekannter
+Faktoren, die sie mit einem Worte Glück nennen und die ihnen nicht nur
+ungünstig sein, sondern sogar das Leben kosten können. Daher werden
+sie unwillkürlich abergläubisch. Es giebt keine Gegend, wo<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> Pietismus
+und Obskurantismus so fruchtbaren Boden finden wie in Westnorwegen.
+Kommen wir nun zu dem Ostnorweger, so nehmen wir einen auffallenden
+Unterschied wahr. Der Ostnorweger sitzt fest auf seiner Scholle, hat
+freilich auch ein wenig mit Wind und Wetter zu rechnen, sitzt aber auf
+dem Trockenen und ist daher weniger abergläubisch. Wieviel stärker
+aber müssen diese aberglaubenerweckenden Einflüsse erst auf den Eskimo
+einwirken, dessen ganze Existenz von Jagd und Fischfang abhängt!
+Die beständigen Gefahren und die arktische Natur tragen gewiß nicht
+wenig zum verschärfen dieser Einflüsse bei. Eine so wilde, großartige
+Natur wie die grönländische — mit ihren Gletschern, ihren treibenden
+Eisbergen, Luftspiegelungen, Stürmen und der langen Winternacht mit dem
+flammenden Nordlicht — gewinnt unwillkürlich Macht über das Gemüt,
+erzeugt Ehrfurcht und Bangen und nährt die Phantasie. Wir stehen
+diesen Wundern mit nüchternem Verstande gegenüber, der Naturmensch
+aber ersetzt, wie das Kind, das fehlende Verständnis durch die Gebilde
+seiner ungezügelten Phantasie, und so verstärkt und entwickelt sich der
+Glaube an das Uebernatürliche.</p>
+
+<p>Die Moral, die sich viele mit den religiösen Begriffen eng verbunden
+denken, hat ursprünglich wenig oder nichts mit ihnen zu schaffen. Sie
+entspringt, wie ich schon hervorhob, dem Gesellschaftstrieb und hat
+bei allen primitiven Völkern nichts mit der Religion gemein. Sie haben
+keinen Lohn im Jenseits für moralischen Wandel.</p>
+
+<p>Die Eskimos sind ein Beispiel hierfür. Wir finden freilich in den
+grönländischen Sagen Andeutungen, daß das Böse, besonders Hexerei,
+von den übernatürlichen Mächten bestraft wird. Die Toten können den
+Lebenden<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> zum Heil die ihnen erwiesenen Wohlthaten vergelten. Die
+Seelen (oder <em class="gesperrt"><span class="antiqua">imue</span></em>?) der Tiere können es riechen, wenn
+man ihre Nachkommen allzu grausam umbringt. Die Seele oder der Geist
+des Ermordeten verlangt, daß sein Tod gesühnt werde (Blutrache). Das
+den Schwachen zugefügte Unrecht straft sich auf verschiedene Art u.
+s. f. Doch all das tritt in so unbestimmter Gestalt hervor, daß man
+es nicht als etwas Ursprüngliches (primäres) ansehen kann, sondern
+nur als etwas Hinzugekommenes, da die Gesetze und gesellschaftlichen
+Verhältnisse ganz natürlich in die Sagen hineingemengt werden. Es läßt
+sich daher als der erste unsichere Schritt der religiösen Begriffe zur
+Moral bezeichnen. Erst bedeutend später aber haben Religion und Moral
+einen für beide Teile stärkenden Bund geschlossen. Die Religion erhielt
+dadurch eine gute Stütze, und die Moralgesetze wirkten tiefer, seit
+sie sich eines besonderen, höheren oder göttlichen Ursprunges rühmen
+konnten und dazu noch Belohnungen und Strafen im Jenseits festsetzten.</p>
+
+<p>Es ist ein auffallender Zug aller Religionen, daß sie trotz großer
+Unterschiede in vielen Hauptpunkten wesentliche Aehnlichkeiten
+haben, die über die ganze Erde gehen. Dafür giebt es nur zwei
+Erklärungen: entweder haben alle Religionen einunddieselbe Ursache,
+oder die religiösen Begriffe sind an einer Stelle entstanden und
+haben sich von dort aus über die ganze Erde verbreitet. Ich glaube,
+daß beides zusammenwirkte. Menschliches Gehirn und Nervensystem
+sind bei allen Rassen erstaunlich gleichgebildet. Die Unterschiede
+liegen hauptsächlich in der Entwickelung, der wir den Fortschritt
+der höheren Rassen zuschreiben müssen. Man kann also wohl dasselbe
+von den Gesetzen<span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span> des Denkens, besonders bei den tieferen, weniger
+komplizierten Verhältnissen annehmen, und da die Erfahrungen in
+gewissem Grade gleich sind, so hat man wohl auch überall dieselben
+Schlüsse gezogen, ist aber dabei auch allenthalten zu denselben
+Hauptirrtümern gekommen. Diese Irrtümer liegen nun allen Religionen
+zu Grunde. Daneben aber haben sich sicher religiöse Vorstellungen
+auch an einzelnen Orten gebildet und sind dann als Wandersagen und
+Märchen zu den andern Völkern der Erde gedrungen. Daß sie selbst zu so
+abgeschieden lebenden Stämmen wie den Eskimos gelangen konnten, werde
+ich später beweisen.</p>
+
+<p>Die Religion der grönländischen Eskimos ist für alle diese Fragen von
+großem Interesse. Sie ist so primitiv, daß mir Zweifel aufsteigen, ob
+sie den Namen Religion überhaupt verdient. Sie besteht aus einer Menge
+Sagen und vielem Aberglauben, beiden Teilen aber fehlt es an fester,
+klarer Gestaltung. Die Begriffe des Uebernatürlichen wechseln mit dem
+Individuellen, und das Ganze macht den Eindruck einer im Entstehen
+begriffenen Religion, einer Masse unzusammenhängender, phantastischer
+Eindrücke, die sich noch nicht zu einer bestimmten Weltanschauung
+krystallisierten. Kurz, ein Standpunkt, wie ihn wahrscheinlich alle
+Religionen einmal eingenommen haben, bevor sie sich weiter entwickelten.</p>
+
+<p>Wie alle primitiven Völker haben die Grönländer sich die Natur
+ursprünglich als beseelt gedacht. Jedes Ding, wie Steine, Berge,
+Hausgeräte u. s. w., hatte seine Seele. Spuren dieses Glaubens finden
+wir noch heute. Die Seelen der Werkzeuge, Waffen und Kleider begleiten
+den Abgeschiedenen auf seiner Wanderung nach dem Lande der Toten. Man
+legt sie deshalb auf oder in das Grab, damit<span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span> sie dort verfaulen und
+die Seelen frei werden. Nach und nach hat sich dieser Glaube in der
+allen Naturvölkern eigentümlichen, unlogischen, verwirrenden Weise
+mit einem ihm anfänglich grundverschiedenen vermischt; dem nämlich,
+daß die Seelen der Verstorbenen ihren Wohnsitz in gewissen Tieren,
+Gegenständen, Bergen u. s. w. aufschlagen können, über die sie sich
+zu Herren machen und von denen aus sie Ausflüge unternehmen, ja sich
+sogar den Lebenden zeigen. So entstand der Glaube, daß in jedem
+Naturgegenstande ein eigenes Wesen wohne, das der <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Inua</span></em>
+(Besitzer) desselben genannt wird; ein Wort, das sehr bezeichnend
+eigentlich »Mensch« oder »Eskimo« bedeutet.</p>
+
+<p>Nach der Auffassung der Eskimos hat z. B. jeder Stein, jeder Berg,
+jeder Gletscher, jeder Fluß, jeder See seinen <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Inua</span></em>.
+Selbst die Luft besitzt einen solchen. Das Allermerkwürdigste ist
+jedoch, daß auch abstrakte Begriffe ihren <span class="antiqua">Inua</span> haben können.
+Es wird z. B. von den <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Inue</span></em> bestimmter Triebe und
+Leidenschaften gesprochen. Dies mag bei einem Naturvolke überraschen,
+ist aber leicht zu erklären. Wenn z. B. ein Naturmensch Hunger hat
+und ein nagendes Gefühl in seinem Innern verspürt, liegt ihm der
+Gedanke nahe, daß ein lebendes Wesen ihm dies zufüge, und dieses
+Wesen nennt er den <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Inua</span></em> der Eßlust oder des Hungers.
+Diese<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Inue</span></em> sind meist unsichtbar, zeigen sie sich aber,
+so geschieht es, nach Dr. Rink, in Gestalt eines Funkens oder einer
+Flamme, und ihr Anblick ist sehr gefährlich.</p>
+
+<p>Der Mensch selbst besteht, der alten Ansicht der Grönländer zufolge,
+aus mindestens zwei Teilen, <em class="gesperrt">Leib</em> und <em class="gesperrt">Seele</em>, die
+grundverschieden sind. Die Seele ist nur einem besonderen Sinne
+sichtbar, den Menschen in besonderer Gemütsverfassung<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> oder von
+besonderer Begabung (Angekoker) besitzen. Sie hat dieselbe Gestalt wie
+der Leib, ist aber aus luftförmigem Stoffe. Die Angekoker erzählten
+Hans Egede, die Seele fühle sich weich an, ja sei eigentlich kaum zu
+fühlen, als hätte sie weder Knochen, noch Sehnen<a id="FNAnker_51" href="#Fussnote_51" class="fnanchor">[51]</a>. Die Ostgrönländer
+meinen, die Seele sei ganz klein, nicht größer als eine Hand oder ein
+Finger. Der grönländische Name der Seele ist <em class="gesperrt"><span class="antiqua">tarnik</span></em>.
+Er ähnelt dem Worte <em class="gesperrt"><span class="antiqua">tarrak</span></em>, das Schatten bedeutet, und
+es ist mir nicht zweifelhaft, daß es ursprünglich ein und dasselbe
+Wort war, da ja der Eskimo, wie oben gesagt, Seele und Schatten
+identifizierte<a id="FNAnker_52" href="#Fussnote_52" class="fnanchor">[52]</a>. Dies stimmt völlig mit dem überein, was wir bei
+andern Völkern finden. Der Bewohner der Fidschi-Inseln nennt z. B.
+den Schatten, der ihn nachts verläßt, seine schwarze Seele, seine
+weiße Seele ist das Spiegelbild. <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Tarrak</em></span> bedeutet
+auf Grönländisch Schatten und Spiegelbild, also bezeichnete das
+ursprüngliche Wort für Seele alle drei Dinge. Nach Cranz<a id="FNAnker_53" href="#Fussnote_53" class="fnanchor">[53]</a> meinten
+einige Grönländer, der Mensch habe zwei Seelen, den Schatten und den
+Atem (vergl. oben). Es scheint jedoch zu Egedes und Cranzens Zeit
+der Glaube, daß die Seele am engsten mit dem Atem verbunden sei, am
+verbreitetsten gewesen zu sein. Die Angekoker hauchten z. B. den
+Kranken an, den sie heilen oder mit einer neuen Seele begaben sollten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span></p>
+
+<p>Als bemerkenswert sei noch erwähnt, daß ein westgrönländischer
+Eingeborener, der Katechet Hanserak, der Kapitän Holm auf seiner Reise
+längs der Ostküste begleitete, über den Seelenglauben der Angmagsaliker
+in sein auf Eskimoisch geführtes Tagebuch schrieb, der Mensch habe
+»viele Seelen«. Die größten wohnten im Kehlkopf und in der linken Seite
+des Menschen und seien winzig kleine Menschen von der Größe eines
+Sperlings. Die anderen wohnten in den verschiedenen Körperteilen und
+seien nur so groß wie ein Fingerglied. Werde eine von ihnen entfernt,
+so erkranke der betreffende Körperteil<a id="FNAnker_54" href="#Fussnote_54" class="fnanchor">[54]</a>. Ob dies ein allgemein unter
+den Eskimos verbreiteter Glaube war, geht aus den anderen Berichten
+leider nicht hervor.</p>
+
+<p>Die Seele ist ziemlich selbständig und kann den Körper auf längere
+oder kürzere Zeit verlassen. Sie thut es allnächtlich, wenn sie in
+lebhaften Träumen auf die Jagd oder auf Vergnügungen ausgeht. Sie kann
+auch daheim bleiben, wenn der Körper auf Reisen ist, welche Auffassung
+Cranz dem Heimweh zuschreibt. Sie kann ferner verloren gehen oder
+durch Hexerei gestohlen werden. Dann wird der Mensch krank und muß
+seinen Angekok bitten, der Seele nachzureisen und sie wiederzuholen.
+Ist sie aber inzwischen verunglückt oder von dem Tornarssuk eines
+anderen Angekoks aufgefressen worden, so muß man sterben. Doch kann der
+Angekok ihm eine neue Seele verschaffen oder eine kranke vertauschen
+mit einer gesunden, die er von einem Hasen, Renntiere, Vogel oder einem
+neugeborenen Kinde nimmt.</p>
+
+<p>Zu diesen beiden Teilen des Menschen kommt bei den Grönländern
+der Ostküste, nach Holm, noch ein dritter: der »Name«
+(<em class="gesperrt"><span class="antiqua">atekata</span></em>). »Dieser ist so groß wie der Mensch<span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span> selbst und
+tritt in das Kind ein, wenn man ihm gleich nach der Geburt den Mund mit
+Wasser bestreicht und dabei die Verstorbenen ›bei Namen‹ nennt.« Die
+Kinder aller Grönländer, sogar die der christlichen, erhalten meistens
+den Namen des Zuletztverstorbenen, falls noch keiner nach ihm benannt
+ist. Dies geschieht, damit er Ruhe im Grabe habe. Die Ostgrönländer
+meinen, daß der »Name« bei der Leiche bleiben oder erst durch
+verschiedene Tiere<a id="FNAnker_55" href="#Fussnote_55" class="fnanchor">[55]</a> wandern müsse, bis ein Kind nach ihm benannt
+werde. Es ist also ihre Pflicht, darauf zu sehen, daß dies geschehe,
+widrigenfalls es für das Kind die schwersten Folgen haben könnte.
+Dies hat überraschende Aehnlichkeit mit dem, was mir Professor Moltke
+Moe mitteilt über den in Norwegen allgemein verbreiteten Glauben, daß
+die Toten »nach dem Namen gehen«. Eine schwangere Frau träumt, dieser
+oder jener verstorbene Verwandte komme zu ihr (gehe nach dem Namen),
+und sie muß nun das Kind nach ihm benennen. Thut sie es nicht, so ist
+dies eine Unterlassungssünde, die schädlichen Einfluß auf die Zukunft
+des Kindes haben kann<a id="FNAnker_56" href="#Fussnote_56" class="fnanchor">[56]</a>. Bei den Rolossiern in Nordwestamerika
+sieht die Mutter im Traume den verstorbenen Verwandten, dessen Seele
+dem Kinde Aehnlichkeit mit ihm verleiht. Auch bei den Indianern
+steht das Namengeben mit Träumen in Verbindung<a id="FNAnker_57" href="#Fussnote_57" class="fnanchor">[57]</a>. Der Name<span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span> hat in
+Grönland, wie überall, große Bedeutung. Zwischen zwei Menschen gleichen
+Namens<a id="FNAnker_58" href="#Fussnote_58" class="fnanchor">[58]</a> soll Geistesverwandtschaft bestehen, und die Eigenschaften
+des Verstorbenen sollen in den nach ihm benannten Lebenden übergehn,
+der überdies noch verpflichtet ist, den Einflüssen zu trotzen, die den
+Tod des ersteren verursacht haben. Ist er auf dem Meere umgekommen, so
+muß der Erbe seines Namens seine Ehre darein setzen, dem Meere im Kajak
+zu trotzen, welche Anschauung wir auch bei anderen Völkern, z. B. bei
+den Indianern, finden.</p>
+
+<p>Der Grönländer fürchtet sich sehr vor dem Aussprechen eines »toten«
+Namens. Diese Furcht geht, nach Holm, auf der Ostküste so weit, daß,
+wenn zwei denselben Namen führen und einer stirbt, der Ueberlebende
+sofort seinen Namen ändert. Falls der Tote nach einem Tiere oder
+Gegenstande geheißen, wird auch das Wort für diese umgeändert.
+Infolgedessen ist die Sprache großen zeitweiligen Veränderungen
+unterworfen, da die ganze Bevölkerung die umgetauften Worte
+annimmt<a id="FNAnker_59" href="#Fussnote_59" class="fnanchor">[59]</a>. Dieselbe Sitte ist sehr verbreitet bei den Indianern in
+Nordamerika und Patagonien, bei den Zigeunern in Europa, ferner in
+Ostafrika, auf Madagaskar, in Australien, in Tasmanien, in Neuguinea<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span>
+und auf den Gesellschaftsinseln. Als die Königin <em class="gesperrt">Pomare</em> starb,
+verschwand in Tahito das Wort <em class="gesperrt"><span class="antiqua">po</span></em> (Nacht) aus der Sprache,
+und an seine Stelle trat das Wort <span class="antiqua"><em class="gesperrt">mi</em></span><a id="FNAnker_60" href="#Fussnote_60" class="fnanchor">[60]</a>.</p>
+
+<p>Die Furcht vor dem Nennen der Namen Verstorbener kommt auch in Europa
+vor, nämlich in Deutschland, auf den Shetlandsinseln<a id="FNAnker_61" href="#Fussnote_61" class="fnanchor">[61]</a> und wohl noch
+anders. Sie wird gewiß auch bei uns zu finden sein. In Grönland, wie
+bei den eingeborenen Stämmen in Amerika und auf den Sundainseln<a id="FNAnker_62" href="#Fussnote_62" class="fnanchor">[62]</a>
+verändern Kranke, die ebenso heißen wie ein Verstorbener, ihren Namen,
+um dem Tode ein Schnippchen zu schlagen.</p>
+
+<p>Die Ostgrönländer fürchten sich auch, ihren eigenen Namen zu nennen.
+Holm sagt, daß sie stets andere baten, an ihrer Stelle zu antworten,
+wenn sie danach gefragt wurden. Als eine Mutter gefragt wurde, »wie ihr
+Kindchen heiße, antwortete sie, sie könne es nicht sagen. Ebensowenig
+konnte der Vater es sagen; er wollte es nämlich vergessen haben, aber
+vom Bruder der Frau konnten wir es erfahren«<a id="FNAnker_63" href="#Fussnote_63" class="fnanchor">[63]</a>.</p>
+
+<p>Bei den Indianern spielt der Name eine große Rolle und wird sogar
+möglichst geheim gehalten, weshalb man den Träger oft mit seinem
+Beinamen<a id="FNAnker_64" href="#Fussnote_64" class="fnanchor">[64]</a> ruft. Bei vielen Völkern geschieht es allgemein, daß man
+die Namen seiner<span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span> Verwandten, wie den des Gatten, der Schwiegermutter,
+des Schwiegersohnes, der Eltern u. s. w., und auch der Könige nicht
+nennt. Diese Macht des Namens geht bei einigen Völkern ziemlich weit.
+Als der König von <em class="gesperrt">Dahome</em>, <em class="gesperrt">Bossa Ahadi</em>, den Thron bestieg,
+ließ er alle, die den Namen <em class="gesperrt">Bossa</em> führten, enthaupten.</p>
+
+<p>Diese Furcht vor dem Namennennen ist allgemein menschlich; wir finden
+sie in vielen<a id="FNAnker_65" href="#Fussnote_65" class="fnanchor">[65]</a> unserer Sagen wieder, und sie ist bei uns, besonders
+in Westnorwegen<a id="FNAnker_66" href="#Fussnote_66" class="fnanchor">[66]</a>, Brauch und Sitte. Dies mag daher kommen, daß
+Name und Gegenstand leicht mit einander verschmelzen. So entsteht der
+Glaube, daß man, sobald man den Namen weiß, auch den Gegenstand<a id="FNAnker_67" href="#Fussnote_67" class="fnanchor">[67]</a>
+kenne und daher mit dem Nennen des Namens auf den Gegenstand Einfluß
+gewinne. Ein Mensch kann demgemäß seine Macht verlieren, wenn er
+seinen Namen verrät. Deshalb wollen die Toten auch nicht, daß ihr Name
+genannt werde. Nennt man sie doch, so kann dies die Wirkung haben,
+die Toten aus dem Grabe heraufzurufen oder sie dort zu beunruhigen.
+Die Grönländer wagen es z. B. auch nicht, den Namen eines Gletschers
+(<em class="gesperrt"><span class="antiqua">puisortok</span></em>) zu nennen, weil sie fürchten, er möchte
+es übelnehmen und bersten<a id="FNAnker_68" href="#Fussnote_68" class="fnanchor">[68]</a>. Aehnliche Anschauungen sind sehr
+verbreitet,<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> unter anderen bei den Indianern, indem diese Orte und
+Flüsse nicht bei Namen zu nennen wagen<a id="FNAnker_69" href="#Fussnote_69" class="fnanchor">[69]</a>.</p>
+
+<p>Ueber das Leben der Seele nach dem Tode scheinen die Grönländer
+verschiedener Meinung gewesen zu sein. Einige, die von den Missionaren
+dumme, vertierte Menschen genannt werden, meinten, mit dem Tode sei
+alles aus, und es könne kein Leben im Jenseits geben. Die meisten
+Grönländer scheinen jedoch geglaubt zu haben, daß die Seele, wenn
+sie auch nicht ganz unsterblich sei, doch den Leib überdauere oder
+jedenfalls wieder auflebe, nachdem sie mit ihm gestorben. Dann gelange
+sie entweder an einen Ort unter der Erde oder unter dem Meere, oder
+auch in die Oberwelt oben im Himmel oder vielmehr zwischen diesen
+und die Erde<a id="FNAnker_70" href="#Fussnote_70" class="fnanchor">[70]</a>. Der erstgenannte Ort gilt für den besten, dort
+ist ein gutes Land, wo es, nach Hans Egede, »schönen Sonnenschein,
+gutes Wasser, Tiere und Vögel in Menge« giebt. Es wird manch einen
+verwundern, daß sie im Gegensatze zu uns ihren besten Ort unter die
+Erde oder das Meer verlegen. Doch dies scheint mir dadurch leicht
+erklärlich, daß sie sahen, wie der Himmel und die Berge sich im Wasser
+spiegelten, und ursprünglich dies für eine andere Welt hielten. Später
+haben sie freilich entdeckt, daß<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> sie nur das Spiegelbild gesehen. Aber
+der ursprüngliche Glaube an eine Unterwelt hat sich dennoch erhalten,
+und es ist gerade charakteristisch, daß diese unter das Wasser verlegt
+wird und viel Sonnenschein hat; denn die Sonne hat wohl meistens
+geschienen, wenn sie das Spiegelbild sahen.</p>
+
+<p>Der andere Ort in der Oberwelt ist kälter. Er hat wie die Erde Berge
+und Thäler, und über ihm wölbt sich der blaue Himmel. Dort leben
+die Seelen der Abgeschiedenen in Zelten rund um einen See herum,
+und wenn dieser überfließt, regnet es auf Erden. Hier gibt es viele
+schwarze Rauschbeeren, auch sind hier viele Raben, die sich den alten
+Weiberseelen<a id="FNAnker_71" href="#Fussnote_71" class="fnanchor">[71]</a> unaufhörlich auf den Kopf setzen, schwer zu vertreiben
+sind und wohl die Läuse unserer Welt vertreten. Bisweilen kann man
+bei Nacht die Seelen dort oben mit einem Walroßkopf Fußball spielen
+sehen. Auf der Ostküste glaubt man jedoch, daß das Nordlicht nur aus
+den Seelen totgeborener, zu früh geborener, ermordeter oder heimlich
+geborener Kinder bestehe. »Diese Kinderseelen fassen einander bei
+den Händen und tanzen einen wirbelnden Rundtanz. Sie spielen Ball
+mit ihrer Nachgeburt, und wenn sie Waisenkinder sehen, laufen sie
+ihnen entgegen und werfen sie zu Boden. Sie begleiten das Spiel mit
+einem pfeifenden, schrillen Laute«<a id="FNAnker_72" href="#Fussnote_72" class="fnanchor">[72]</a>. Deshalb heißt das Nordlicht
+auch <span class="antiqua">Alugsukat</span>, welches Wort auch Abort und heimlich geborenes
+uneheliches Kind bedeutet. Diese Auffassung der Grönländer scheint nahe
+verwandt mit dem Glauben der Indianer, die im Nordlichte den Reigen
+abgeschiedener Seelen sehen<a id="FNAnker_73" href="#Fussnote_73" class="fnanchor">[73]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span></p>
+
+<p>Eine Hölle haben die Eskimos nicht. Die obenerwähnten Aufenthaltsorte
+der Seelen sind nur mehr oder weniger gut, aber eine Beziehung zwischen
+den guten oder bösen Thaten des Menschen und dem Ort, an den er nach
+seinem Tode kommt, giebt es nicht.</p>
+
+<p>Egede<a id="FNAnker_74" href="#Fussnote_74" class="fnanchor">[74]</a> behauptet jedoch, in das herrliche Land unter der Erde kämen
+nur »die Frauen, die im Kindbette starben, die Männer, die im Meere
+ertrinken, und Walfischfänger, was gewissermaßen eine Belohnung sein
+soll für das Schlimme, das sie hier auf Erden ausgestanden haben. Alle
+anderen aber kommen in den Himmel«. Es scheint mir nicht ausgemacht,
+daß dies der allgemeine Glaube war. Einen ähnlichen finden wir auch
+bei uns. Eine alte Frau in Telemarken sagte zu Professor Moltke Moe
+von ihrem Sohne: »Ja Du, seinetwegen kann ich ruhig sein, er ging
+geradeswegs in den Himmel. Du weißt ja, es steht in Gottes Wort, daß
+alle, die in See bleiben oder im Kindbett sterben, unmittelbar in
+Gottes Reich eingehen«<a id="FNAnker_75" href="#Fussnote_75" class="fnanchor">[75]</a>.</p>
+
+<p>Nach der Aussage einiger scheint es jedoch, als ob auch andere
+Grönländerseelen in die Unterwelt gelangten. Dies sollte unter
+anderem von der Behandlung der Leiche abhängen. So sagt Paul Egede
+(Grönländische Berichte, Seite 147), »daß die Kranken, die in den
+letzten Zügen liegen, gewöhnlich vorsichtig aus dem Bette gehoben und
+auf dem Fußboden zum Begräbnisse eingekleidet werden.<span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span> Das Niederlegen
+bedeutet gleichsam die Niederfahrt unter die Erde, die sie dem Toten
+wünschen. Stirbt einer aber, bevor er niedergelegt ist, so muß er
+in den Himmel.« Auf die Frage, weshalb man einen Hundekopf auf ein
+Grab gelegt habe, erhielt er die Antwort: »Es ist bei einigen unserer
+Mitmenschen so Brauch, einem Kinde, wenn es begraben wird, einen
+Hundekopf mitzugeben, weil er Spuren finden und dem Kinde, wenn es
+wieder lebendig wird, den Weg in das Land der Seelen zeigen kann. Denn
+Kinder sind dumm und unverständig und können allein den Weg nicht
+finden«<a id="FNAnker_76" href="#Fussnote_76" class="fnanchor">[76]</a>. Kapitän Holm<a id="FNAnker_77" href="#Fussnote_77" class="fnanchor">[77]</a> scheint die Richtigkeit dieser Auffassung
+(die er übrigens nach Hans Egede anführt) zu bezweifeln, und zwar aus
+dem Grunde, weil er bei den Ostgrönländern solch einen poetischen
+Brauch nicht entdecken konnte. Mir scheint dies nicht berechtigt, denn
+einerseits dürfen wir die so bestimmte Aussage eines Mannes, wie Paul
+Egede, der die Grönländer und ihre Sprache aus dem Grunde kannte,
+nicht in Zweifel ziehen, andrerseits aber muß man stets bedenken,
+wie religiöse Begriffe hin und her schwanken und veränderlich sind.
+Ueberdies finden wir ja entsprechende Bräuche bei den Indianern. Die
+Azteken schlachteten bei Beerdigungen einen Hund, banden ihm einen
+baumwollenen Faden um den Hals und verbrannten ihn oder begruben ihn
+mit der Leiche. Er sollte den Verstorbenen über die tiefen Wasser des
+Chiuhnahuapa ins Totenreich<a id="FNAnker_78" href="#Fussnote_78" class="fnanchor">[78]</a> führen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p>
+
+<p>Die Reise in das schöne Land ist jedoch nicht leicht. Egede sagt,
+unterwegs sei ein hoher, spitzer Steinblock, »den die Toten
+hinunterrutschen müssen, weshalb der Stein blutig ist«. Cranz
+behauptet, die Seelen brauchten fünf Tage oder noch länger, um diesen
+Stein oder diesen Felsen hinabzurutschen, bevor sie weiter könnten.
+Besonders beklage man die Armen, die diese Reise bei stürmischem
+Wetter oder im Winter machen müßten, weil die Seele dabei leicht zu
+Schaden kommen könne. Die Grönländer nannten dies den zweiten Tod,
+mit dem alles zu Ende sei<a id="FNAnker_79" href="#Fussnote_79" class="fnanchor">[79]</a>. Sie fürchteten dies sehr, und die
+Ueberlebenden hatten in diesen Tagen gewisse Vorsichtsmaßregeln zu
+beachten, damit die Seele nicht verunglücke. Aehnliche Sagen von vielen
+Schwierigkeiten auf der langen Reise der Seele nach dem Land der Toten
+finden wir bei den meisten Völkern<a id="FNAnker_80" href="#Fussnote_80" class="fnanchor">[80]</a>. Annehmbarer Weise sollten diese
+Schwierigkeiten ursprüglich Prüfungen sein, die die Guten leichter
+überstehen als die Bösen. Da nun bei den Eskimos diese Schwierigkeiten
+kein Prüfstein für Gut und Böse sind, so scheint damit bewiesen, daß
+diese Sage mit ihren Ausschmückungen von anderen entlehnt ist, und
+zwar zunächst wohl von den Indianern. Namentlich erinnert der spitze
+Stein stark an den »Bergkamin« der Indianer, »dessen schmaler Grat
+so scharf ist wie das schärfste Messer« und über den der Weg nach
+<em class="gesperrt">Wanaretebe</em>, der Wohnstätte der Seelen, führt<a id="FNAnker_81" href="#Fussnote_81" class="fnanchor">[81]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span></p>
+
+<p>Auch den Tieren scheinen die Grönländer allgemein eine Seele zuerkannt
+zu haben. Wie die Menschenseele konnte sie den Körper überleben und ins
+Jenseits reisen, was z. B. aus der im zwölften Kapitel mitgeteilten
+Bärengeschichte deutlich genug hervorgeht. Es ergiebt sich auch aus
+der erwähnten Sitte, Hundeköpfe auf Kindergräber zu legen. Natürlich
+soll die in dem Kopfe wohnende Hundeseele die Kinderseele geleiten.
+Dies ist übrigens ein unter Naturvölkern allgemein vorkommender Glaube.
+So meinen die Kamschadalen, daß die Seele jedes Tieres, selbst des
+kleinsten Flohs in der Unterwelt wieder auflebe.</p>
+
+<p>Der Grönländer kennt viele höhere übernatürliche Wesen. Von denen,
+die den Menschen am nächsten stehen und von denen diese durch ihre
+Angekoker am meisten Nutzen haben, müssen zuerst die <em class="gesperrt">Tôrnat</em>
+(Plural von Tôrnak) genannt werden. Es sind die dienstbaren Geister
+der Angekoker, die ihnen zu ihrer übernatürlichen Macht verhelfen.
+Man denkt sich darunter oft die Seelen Verstorbener, besonders der
+Großeltern und Vorfahren. Es können aber auch die Seelen verschiedener
+Tiere sein, und ebenso anderer übernatürlicher Wesen menschlichen
+Ursprunges wie die weiter unten zu besprechenden Kivitut oder
+wirkliche, im Meere oder im Innern des Landes hausende Geister. Auch
+Seelen abwesender Europäer. Jeder Angekok hatte in der Regel mehrere;
+einige erteilten ihm Rat, andere halfen ihm in Gefahr, und wieder
+andere vollzogen seine Zerstörungs- und Rachegelüste. Letztere sandte
+er aus, um die, deren Untergang er beschlossen hatte, als Gespenster zu
+Tode zu ängstigen.</p>
+
+<p>In Verbindung mit den Tôrnat oder über ihnen steht der Tôrnârssuk,
+der in der allgemeinen Meinung als ihr<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> direktes Oberhaupt oder doch
+als ein sehr mächtiger Tôrnak galt. Er war beinahe ein Gott, mit dem
+der Angekok durch seinen Tôrnak in Verbindung treten und von dem er
+Rat erhalten konnte. Oft scheinen dem Tôrnârssuk auch böse Dinge
+nachgesagt worden zu sein, und es ging ihm wohl darin wie allen anderen
+übernatürlichen Wesen, daß es ganz von dem Angekok abhing, ob er ihn
+als Nutzenspender oder als Schadenbringer austreten lassen wollte.
+Der Tôrnârssuk hatte sein Heim in der Unterwelt im Lande der Seelen.
+Ueber sein Aussehen waren die Begriffe unklar, einige hielten ihn für
+gestaltlos, nach anderen sollte er einem Bären gleichen, wieder andere
+stellten ihn als einen einarmigen Riesen dar, und manche behaupteten
+sogar, er sei so klein wie ein Finger. Ebensowenig scheint man,
+nach Hans Egede, über sein Wesen völlig ins Reine gekommen zu sein.
+Während einige ihn für unsterblich hielten, glaubten andere, daß er
+außerordentlich leicht zu töten sei. So erzählt Egede von den magischen
+Operationen der Angekoker und ihren Unterredungen mit dem Tôrnârssuk:
+»Dann aber darf keiner der Anwesenden schlafen, sich den Kopf kratzen
+oder gar von hinten einen gehen lassen, denn ein solcher Pfeil, sagen
+sie, kann sowohl den Hexenmeister, wie den Teufel selbst (d. i. den
+Tôrnârssuk) töten.« Dr. Rink glaubt, hier liege ein Mißverständnis
+Egedes und der übrigen Missionare vor und im ganzen habe man über das
+Aussehen, wie über das Wesen des Tôrnârssuk nicht viel gewußt. Die
+Heiden der Ostküste sind jedoch, wie wir sehen werden, ziemlich genau
+über ihn unterrichtet.</p>
+
+<p>In diesem Tôrnârssuk haben viele ein höchstes, von den Eskimos
+angebetetes Wesen sehen wollen, das unserem Gott entspreche. Trotzdem
+wurde er bei der Einführung<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> des Christentums in den Teufel verwandelt
+und gilt nun dafür. Ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, daß
+Egede und die ersten Missionare ein wenig Anteil an der Fabrikation
+seiner Gottesvertretung haben. Sie kamen sicherlich, wie viele
+Heidenmissionare, mit der vorgefaßten Meinung ins Land, jedes Volk
+müsse einen Gottesbegriff oder den Glauben an ein höchstes gutes
+Wesen haben. Davon ausgehend haben sie gewiß die armen Heiden solange
+mit Fragen über ihren Tôrnârssuk gequält, bis die Antworten danach
+ausfielen. Dann werden sie soviel von ihrem guten, allmächtigen Gotte
+geredet haben, daß die Heidenpriester, um nicht zurückzustehen, nun
+ihrerseits versicherten, sie hätten auch einen solchen Gott. Daß er ein
+so großer Geist nicht war, wie allgemein betont wird, geht deutlich
+aus Kapitän Holms Bericht über den Glauben der ostgrönländischen
+Heiden hervor. Ihr Tôrnârssuk ist eher ein bescheidenes Tier, das im
+Meere lebt und das sowohl Angekoker, wie gewöhnliche Menschen sehen
+können und gesehen haben. Sie beschreiben ihn ganz genau, haben
+sogar zahlreiche Abbildungen von ihm. Er ist so lang wie ein großer
+Seehund, aber dicker als dieser und hat unter anderem lange Fangarme.
+Holm ist nach ihrer Beschreibung zu der ketzerischen Ansicht gelangt,
+daß der Tôrnârssuk ein ganz gewöhnlicher Tintenfisch sei. Er frißt
+die geraubten Seelen und ist oft ganz rot von Blut. Man kann sagen,
+wenn dies aus dem ursprünglichen Gottesbegriff hat werden können, so
+ist er in betrübender Weise heruntergekommen. Dazu giebt es auf der
+Ostküste nicht nur einen, sondern jeder Angekok hat, nach Holm, seinen
+Tôrnârssuk. Er hat dort auch einen Gehülfen, den <em class="gesperrt">Aperketch</em>, der
+ein schwarzes, bis zu zwei Ellen<span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span> langes Tier mit großen »Kneifzangen
+am Kopfe« ist. Holm sagt ausdrücklich, daß er kein Anzeichen von
+einem Glauben an die Herrschaft des Tôrnârssuk über die Tôrnat habe
+entdecken können. Wir werden also von der Macht und Bedeutung, die
+ältere Verfasser diesem Geiste zuschrieben, ein wenig abziehen
+müssen<a id="FNAnker_82" href="#Fussnote_82" class="fnanchor">[82]</a>. Es scheint mir klar, daß dieser Glaube an den Tôrnârssuk,
+wie an die Tôrnat von einem Glauben an die Geister oder Gespenster der
+Vorfahren abzuleiten ist. Dies geht vielleicht auch aus den Worten
+selbst hervor. Meiner Ansicht nach konnte <em class="gesperrt">Tôrnak</em> dasselbe Wort
+sein wie <span class="antiqua"><em class="gesperrt">tarnik</em></span> oder <span class="antiqua"><em class="gesperrt">tarnek</em></span> (Seele),
+welches wieder <span class="antiqua"><em class="gesperrt">tarrak</em></span> (Schatten) gleich ist. Eine
+Stütze für diese Annahme finden wir darin, daß <span class="antiqua">tôrnak</span> auf der
+Ostküste <span class="antiqua"><em class="gesperrt">tartok</em></span> oder <span class="antiqua"><em class="gesperrt">tartak</em></span> heißt, welches
+dasselbe Wort wie <span class="antiqua"><em class="gesperrt">tarrak</em></span> ist<a id="FNAnker_83" href="#Fussnote_83" class="fnanchor">[83]</a>. Es kommt mir demnach
+wahrscheinlich vor, daß alle diese Worte ursprünglich nur eines waren,
+das Schatten, Spiegelbild der Seele bedeutete und auch die Seelen
+Verstorbener bezeichnete. Nun aber ist Tôrnârssuk sicherlich von Tôrnak
+abgeleitet und war vielleicht ursprünglich identisch mit Tôrnârssuak,
+d. h. dem großen oder dem bösen, häßlichen Tôrnak. Damit wäre dann
+wieder gesagt, daß er ein mächtiger Tôrnak war, der allmählich bei
+einigen Stämmen zu einer Art Herrschaft über die anderen Tôrnat oder
+Seelen Verstorbener gelangte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span></p>
+
+<p>Daß die Grönländer diese zum Gegenstande besonderen Aberglaubens
+machten, erklärt die Furcht, die sie noch immer vor den Toten hegen,
+mehr noch vor deren Gespenstern, die sich oft sehen lassen und sehr
+gefährlich, aber auch freundlich sein können. Ihre leiblichste Art,
+sich zu zeigen, ist durch Pfeifen und durch Ohrenklingen. Im letzteren
+Falle bitten sie um Speise, weshalb man dann in Grönland sagt: »Nimm
+nach Belieben«, nämlich von meinem Vorrat<a id="FNAnker_84" href="#Fussnote_84" class="fnanchor">[84]</a>. Daß ein Gespenst nicht
+immer gefährlich ist, ergiebt sich aus der Erzählung Nils Egedes<a id="FNAnker_85" href="#Fussnote_85" class="fnanchor">[85]</a>
+von einem Knaben in Godthaab, der, als er einmal mit einigen anderen
+in der Nähe des Grabes seiner Mutter spielte, plötzlich jemand aus dem
+Grabe steigen sah. Er und die anderen liefen fort, aber das Gespenst
+lief ihnen nach, ergriff den Sohn, »hielt ihn fest, küßte ihn und
+sagte: Sei nicht bange, ich bin Deine Mutter und liebe Dich,« und
+dergl. mehr. Die Bräuche bei Todesfällen und Begräbnissen zeigen, wie
+sehr sie sich vor den Toten und besonders deren Seelen oder Gespenstern
+fürchten. Oft wird den Sterbenden kurz vor dem Tode das Leichenkleid,
+meistens ihr bestes Gewand, angezogen. Häufig werden ihnen auch die
+Beine so gebogen, daß die Füße das Hinterteil berühren, und dann
+werden sie so in ein Fell eingenäht oder eingewickelt. Das letztere
+wohl deshalb, weil sie so weniger Platz einnehmen und in ein möglichst
+kleines Grab gelegt werden können, und zwar geschieht dies bei
+lebendigem Leibe, damit die Ueberlebenden die<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> Leiche nicht mehr als
+nötig zu berühren brauchen. Die Furcht vor dem Berühren der Toten geht
+so weit, daß sie (wie oben erwähnt wurde) einem Verunglückenden (z.
+B. einem Kajakmann, der dem Ertrinken nahe ist) auf keinen Fall Hülfe
+leisten würden, sobald sie glauben, er sei dem Tode nahe.</p>
+
+<p>Die Toten werden sofort nach dem Abscheiden hinausgebracht, und zwar,
+wenn sie in einem Hause gestorben sind, durch das Fenster. Sterben sie
+aber im Zelt, so durch eine eigens für diesen Zweck in die Hinterwand
+gemachte Oeffnung<a id="FNAnker_86" href="#Fussnote_86" class="fnanchor">[86]</a>. Dies stimmt merkwürdig mit der in Norwegen
+allgemein verbreiteten Sitte, die Leichen durch eine für diesen Zweck
+gemachte Oeffnung in der Wand hinauszutragen<a id="FNAnker_87" href="#Fussnote_87" class="fnanchor">[87]</a>. An beiden Stellen
+liegt wohl der gleiche Grund vor, nämlich der Seele durch das Schließen
+dieses Einganges die Rückkehr unmöglich zu machen, was nicht geschehen
+könnte, wenn die Leiche durch den Hausgang oder die Thür hinausgebracht
+würde. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Grönländer diese Sitte
+von den alten Norwegern oder den Isländern in Grönland erhalten haben.
+Wir finden sie in mehreren Sagen als bei den heidnischen Isländern<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span>
+üblich angeführt. In der »<span class="antiqua">Eyrbyggia</span>«<a id="FNAnker_88" href="#Fussnote_88" class="fnanchor">[88]</a> heißt es: »Darauf
+ließ er hinter dem Toten ein Loch in die Wand brechen und brachte
+ihn hinaus.« Auch die Sachen der Toten werden sofort hinausgeworfen,
+damit sie die Lebenden nicht verunreinigen. Dies erinnert an unser
+Leichenstrohverbrennen, welcher Brauch bei allen uns verwandten
+Volksstämmen in Europa ebenfalls besteht<a id="FNAnker_89" href="#Fussnote_89" class="fnanchor">[89]</a>.</p>
+
+<p>Die Ueberlebenden tragen auch ihre eigenen Sachen ins Freie, damit der
+Todesgeruch ausziehe. Sie werden entweder abends wieder hereingeholt
+oder bleiben, wie auf der Ostküste, mehrere Tage draußen. Dort tragen
+die Verwandten des Verstorbenen ihre bisher getragenen Anzüge nicht
+wieder; man wirft sie fort<a id="FNAnker_90" href="#Fussnote_90" class="fnanchor">[90]</a>.</p>
+
+<p>Sobald die Leiche draußen ist, zündet eine Frau einen Kienspan an,
+schwenkt ihn hin und her und sagt: »Hier ist nichts mehr zu holen!«
+Dies geschieht wohl, um der Seele zu zeigen, daß alle ihre Sachen
+hinausgeschafft sind.</p>
+
+<p>Der Tote wird entweder begraben oder ins Meer geworfen (falls einer
+seiner Vorfahren im Kajak umgekommen ist?). Seine Habe, wie Kajak,
+Waffen und Anzüge, oder bei weiblichen Wesen Nähutensilien, Krummmesser
+u. s. w., wird auf oder neben das Grab gelegt; ist die Leiche aber ins
+Meer geworfen, so irgendwo an den Strand. Dies scheint teils deshalb zu
+geschehen, weil sie Furcht vor den Sachen des Toten haben und sie nicht
+wieder benutzen wollen, teils auch, weil diese ihnen, wie H. Egede
+sagt,<span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span> Veranlassung zum Weinen geben würden, indem der Anblick sie an
+den teuren Verstorbenen erinnert und »sie glauben daß der Tote frieren
+müsse, wenn man zuviel um ihn weine«<a id="FNAnker_91" href="#Fussnote_91" class="fnanchor">[91]</a>. Diese Vorstellung erinnert
+auffallend an den zweiten Abschnitt von Helge Hundingstöter, wie er
+seiner Witwe Sigrun naß, verfroren und bereift begegnet, weil sie um
+ihn geweint hat. (»Helge schwimmt in Kummertau«.<a id="FNAnker_92" href="#Fussnote_92" class="fnanchor">[92]</a>) Man vergleiche
+auch das bekannte schwedisch-dänische Volkslied »Aage und Else«, worin
+es heißt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wohl jedesmal, wenn Du Dich freust,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht denkst an meinen Tod,</div>
+ <div class="verse indent0">Füllt sich mein schwarzer Leichenschrein</div>
+ <div class="verse indent0">Mit duftenden Rosen, rot.</div>
+ <div class="verse indent1"></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch jedesmal, wenn Du Dich grämst,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Aug' der Thränen Flut,</div>
+ <div class="verse indent0">Füllt sich der Sarg, in dem ich ruh',</div>
+ <div class="verse indent0">Sogleich mit schwarzem Blut.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Außerdem aber war es gewiß die Meinung der Grönländer, daß der Tote
+seine Sachen brauche, sei es zu Ausflügen aus dem Grabe, sei es in der
+anderen Welt. Sie sahen die Sachen verfaulen und glaubten, daß ihre
+Seelen der Seele des Verstorbenen folgten. Wer den Toten hinausgetragen
+oder ihn oder etwas ihm Zugehöriges berührt hat, ist für einige Zeit
+unrein und muß sich nach Vorschrift der Angekoker gewisser Speisen
+oder Arbeiten enthalten. Dieselben<span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span> Vorschriften müssen auch alle
+im Trauerhause Wohnenden beobachten, teils um sich selber nicht
+zu schaden, teils um der abgeschiedenen Seele die Reise nicht zu
+erschweren.</p>
+
+<p>Sie müssen eine bestimmte Zeit um den Toten trauern, und sehen sie
+Bekannte oder Verwandte, die sie seit dem Todesfalle noch nicht
+getroffen haben, so müssen sie, sobald diese ins Haus treten, zu
+weinen und zu heulen anfangen, wenn auch noch so lange Zeit seitdem
+verstrichen ist. Solche Heulscenen sollen recht komisch wirken und
+sind die reinste Komödie, nach der man sich mit »Essen und Bewirtung«
+tröstet. Sie haben auch manche andere Trauerbräuche, die oft ziemlich
+stark in ihr Leben eingreifen können. So die Sitte, daß die, die die
+Leiche hinausgetragen haben, jahrelang nichts Eisernes anfassen dürfen.
+Dazu kommt die obenerwähnte Furcht vor dem Nennen des Namens des
+Verstorbenen.</p>
+
+<p>All das geschieht, wie die Ostgrönländer Holm sagten, »damit der Tote
+nicht zürne«. Es zeigt, welch großen Einfluß auf dieses Leben sie den
+Toten zuschreiben, und es liegt danach nichts Unwahrscheinliches darin,
+daß der ganze Glaube an die Tôrnat und den Tôrnârssuk sich daraus
+entwickelt habe. Später wird sich indessen auch anderer Aberglaube
+hineingemischt haben.</p>
+
+<p>Die Grönländer glauben übrigens an eine ganze Heerschar übernatürlicher
+Wesen. Ich werde hier nur einige wenige nennen.</p>
+
+<p>Die Tiere des Meeres beherrscht eine große Frau, die einige »die
+Namenlose«, andere aber <em class="gesperrt">Arnarkuagssâk</em> nennen, welcher Name nur
+»altes Weib« bedeutet.</p>
+
+<p>Sie wohnt unter dem Meere, wo sie in ihrer Stube bei einer Lampe
+sitzt, unter der, wie bei allen Grönländerlampen,<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> eine Schale oder
+ein umgekehrter Schemel zum Auffangen des herabtröpfelnden Thranes
+steht. In diesem Thran schwimmen Scharen von Seevögeln, und von hier
+gehen die Tiere des Meeres aus, wie der Seehund, das Walroß und der
+Narwal. Sobald sich in ihrem Haar gewisse Unreinlichkeiten angesammelt
+haben, hält sie die Seetiere von den Küsten zurück, oder diese bleiben,
+vom Ungeziefer angelockt, freiwillig aus. Dann fällt dem Angekok die
+schwere Aufgabe zu, die Meerfrau zu besuchen, um sie zu besänftigen
+oder zu kämmen.</p>
+
+<p>Der Weg zu ihr ist gefährlich, und der Angekok muß seinen Tôrnak
+mitnehmen. Zuerst geht es durch das schöne Land der Seelen in der
+Unterwelt. Dann kommt ein tiefer Abgrund, über den er nur auf einem
+großen, eisglatten, sich mit großer Geschwindigkeit drehenden Rade
+gelangen kann, wobei der Tôrnak ihm behülflich ist. Darauf muß er
+an einem großen Kessel vorbei, in dem lebendige Seehunde kochen.
+Schließlich geht es durch eine gefährliche Wache von aufrechtsitzenden
+und wütend um sich beißenden Seehunden hindurch, oder an einem großen
+Hund vorbei, der vor dem Hause der Meerfrau steht und bellt, sowie ein
+großer Angekok sich nähert. Nur ab und zu schläft er ein wenig. Diesen
+Moment muß man abpassen, was freilich nur die größten Angekoker können.
+Hier muß der Tôrnak den Angekok wieder bei der Hand nehmen. Denn der
+Eingang ist breit genug, aber der Weg ist so schmal wie eine Schnur
+oder ein Messerrücken und führt über einen entsetzlichen Abgrund.
+Schließlich gelangen sie in das Haus der Meerfrau. Ihre Hände sollen
+so groß sein wie die Schwanzfinne eines Walfisches, und schlägt sie
+den Angekok, so ist es mit ihm vorbei. Nach Aussage<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> einiger rauft
+sie sich die Haare und schäumt vor Wut über solchen Besuch, so daß
+der Angekok sich mit ihr schlagen muß, ehe sie sich von ihm lausen
+und kämmen läßt. Nach anderen genügen freundliche Worte und gütliche
+Ermahnungen. Wenn sein Geschäft abgethan ist, hat der Angekok einen
+verhältnismäßig leichten Rückweg<a id="FNAnker_93" href="#Fussnote_93" class="fnanchor">[93]</a>. Der Mythus erinnert stark an die
+Reisen in die Unterwelt oder den Hades, die in den europäischen Sagen
+eine so große Rolle spielen (Dionysos, Orpheus, Herakles u. s. w.,
+vergleiche auch Dante) und zu denen unsere eigene Mythologie in Hermods
+Helritt, um Baldur zu holen, ein Gegenstück besitzt. Aehnliche Sagen
+kommen übrigens auch bei den Indianern vor. Nach dem, was Moltke Moe
+mir mitteilte, erscheint es kaum zweifelhaft, daß die grönländische
+Vorstellung hier von europäischen Sagen gefärbt oder sogar aus ihnen
+entstanden ist. Die Vorstellung von dem glatten Rade tritt in den
+Legenden<a id="FNAnker_94" href="#Fussnote_94" class="fnanchor">[94]</a> des Mittelalters auf, und die Brücke, die so schmal ist
+wie eine Schnur oder ein Messerrücken, finden wir ebenfalls, zum Teil
+sogar mit denselben Worten, geschildert, wieder in europäischen Sagen
+aus jener Zeit über Reisen in die Unterwelt. Ein altes, nordenglisches
+Lied spricht von der »Schreckensbrücke, nicht breiter als ein Faden«.
+Tundal sieht im Fegefeuer eine schmale Brücke<span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span> über einem schrecklich
+tiefen, finsteren, stinkenden Thale u. s. w. Zum ersten Male erscheint
+diese Höllenbrücke in der Legendenlitteratur in den Dialogen Gregor
+des Großen aus dem Jahre 594 (<span class="antiqua">liber</span> IV, <span class="antiqua">caput</span> 36)<a id="FNAnker_95" href="#Fussnote_95" class="fnanchor">[95]</a>.
+Doch diese mittelalterlichen Vorstellungen sind zweifellos wieder
+von orientalischen Traditionen gefärbt. Die Juden reden von einer
+fadenbreiten Höllenbrücke, und die Muhammedaner glauben, daß alle
+Seelen mitten in der Hölle über eine Brücke müssen, die dünner ist als
+ein Haar, schärfer als ein Messer und finsterer als die Nacht<a id="FNAnker_96" href="#Fussnote_96" class="fnanchor">[96]</a>.
+Der »<em class="gesperrt">Avesta</em>« zufolge kamen die Seelen der alten Parsen in der
+dritten Nacht nach dem Tode über die »hohe Hara« — ein die Erde
+umgebendes, bis an den Himmel reichendes Gebirge — auf dem Wege nach
+der von zwei Hunden bewachten <em class="gesperrt">Tsjinvatbrücke</em>. Diese Brücke
+erweitert sich und wird, nach den <em class="gesperrt">Pehlevi</em>schriften, beinahe eine
+Parasange breit, wenn die Seelen frommer Menschen hinübergehen, zieht
+sich aber zusammen, wenn Gottlose sie passieren wollen, so daß sie in
+die unmittelbar unter ihr liegende Hölle stürzen<a id="FNAnker_97" href="#Fussnote_97" class="fnanchor">[97]</a>.</p>
+
+<p>Eine ähnliche Vorstellung finden wir (vergl. Sophus Bugge, unten
+angeführt) im alten Volkslied »<span class="antiqua">Draumekvaedi</span>« von der
+<em class="gesperrt">Gjallar</em>brücke auf dem Weg ins Totenreich.<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> Sie hängt so hoch
+in der Luft, daß man auf ihr schwindlig wird (»<span class="antiqua">Gjallarbrui, hon
+henge saa högt i vinde</span>« = Die Gjallarbrück', sie hängt so hoch
+im Winde). In einigen Varianten des Liedes wird sie ausdrücklich als
+schmal bezeichnet, indes andere sie als »steil und breit« schildern. In
+den Edden heißt es von Hermod, daß er über die Gjallarbrücke ritt, die
+mit glänzendem Gold gepflastert war und unter ihm allein nicht weniger
+dröhnte, als unter fünf Fylken (250) toter Männer.</p>
+
+<p>Dem Glauben der Grönländer an eine Brücke oder einen schmalen
+Weg scheinen also diese europäischen oder ursprünglich zum Teil
+orientalischen Vorstellungen, die ihnen die alten Nordländer
+brachten, zu Grunde zu liegen. Gleichzeitig aber können sie auch
+etwas Ursprünglicheres enthalten. So finden wir bei den Indianern den
+Glauben an eine Schlangenbrücke oder einen sich in der Luft drehenden
+Baumstamm, der über den Totenfluß in die Totenstadt führt<a id="FNAnker_98" href="#Fussnote_98" class="fnanchor">[98]</a>.</p>
+
+<p>Der große Hund, der den Eingang zum Hause der Meerfrau bewacht,
+erinnert ja sehr an Hels furchtbaren, an der Brust blutigen Hund
+<em class="gesperrt">Garm</em>, der vor der <em class="gesperrt">Gripa</em>höhle heult. Ein solcher Hund in
+der anderen Welt ist übrigens eine allgemeinverbreitete Vorstellung.
+Bei den Indern bewachen zwei Hunde den Weg zu <em class="gesperrt">Iamas</em> Wohnung<a id="FNAnker_99" href="#Fussnote_99" class="fnanchor">[99]</a>,
+und bei den alten Parsen bewachen zwei Hunde die <em class="gesperrt">Tsjinvat</em>brücke<span class="pagenum" id="Seite_225">[S. 225]</span>
+(siehe vorige Seite). Bei den Indianern steht ein großer oder toller
+Hund jenseits der obenerwähnten Schlangenbrücke.</p>
+
+<p>In europäischen Märchen, besonders in unseren nordischen, kommt oft
+ein altes Weib vor, das über die Tiere herrscht<a id="FNAnker_100" href="#Fussnote_100" class="fnanchor">[100]</a>. Die Alte will
+gern Mutter genannt, gekratzt und gewaschen werden und freut sich, wenn
+sie ein Paar Schuhe, ein Stück Tabak oder dergleichen bekommt. Trifft
+Aschenpüster sie und erweist ihr solche Gefälligkeiten, so erwidert
+sie dies mit »mütterlicher Fürsorge«, läßt ihm die Tiere helfen oder
+schenkt ihm etwas. Doch außer diesem gewöhnlichen Motiv, das in vielen
+unserer Märchen wiederkehrt, läßt sich auch ein bestimmtes Märchen, das
+von ähnlichen Vorstellungen getragen wird, nachweisen. Aschenpüster
+kommt mit einem ganzen Gefolge von Tieren, dem Hasen, der Wildkatze,
+dem Braunbären (Eichhörnchen), dem Raben, dem Wolfe und dem Bären, zu
+der Bergfrau, um seine geraubte Schwester zu erlösen. Während er ißt,
+ruft die Bergfrau: »Kratze mich! Kratze mich!« »Du mußt warten, bis ich
+gegessen habe,« antwortet der Bursche. Die Schwester aber sagt ihm,
+daß die Hexe ihn zerreißen wird, wenn er es nicht gleich thut. Da läßt
+er die Tiere sie kratzen, eines nach dem andern. Doch sie ist nicht
+damit zufrieden, bis die Reihe an den Bären kommt, der ihr alle Läuse
+wegkratzt. In mehreren Varianten sind es drei Brüder, die nacheinander
+ihr Glück bei der Hexe versuchen. Die beiden ersten werden von ihr
+totgeschlagen<a id="FNAnker_101" href="#Fussnote_101" class="fnanchor">[101]</a>. Diese<span class="pagenum" id="Seite_226">[S. 226]</span> Züge nordischer Märchen scheinen schon an
+und für sich von verdächtiger Aehnlichkeit mit der grönländischen
+Vorstellung. Namentlich erinnert das Waschen und Kopfkratzen stark an
+das Haarkämmen, und da wir gleichzeitig finden, das die Arnarkuagssak
+den westlichen Eskimos unbekannt ist, so scheint die Verbindung klar.
+Einer grönländischen Sage zufolge war sie die Tochter eines mächtigen
+Angekok, der sie, als er unterwegs von einem Sturme überfallen wurde,
+aus dem Frauenboote warf, um sich zu retten. Als sie sich an den
+Bootrand klammerte, hieb er ihr nacheinander alle Finger und beide
+Hände ab. Diese verwandelten sich in Seehunde und Walfische, über die
+sie selbst Herrscherin wurde. Als sie dann unterging, erhielt sie
+ihren Wohnsitz unter dem Meere. Die Eskimos vom Baffinslande kennen
+dieselbe Sage von einer Frau namens <em class="gesperrt">Sedna</em>, die jedoch ein
+ganz anderes Wesen ist, als die Arnarkuagssak. Letztere scheint am
+Mackenzieflusse unbekannt zu sein. »Sollte es sich bestätigen,« sagt
+Dr. Rink, »daß die grönländische Mythe auch in Alaska unbekannt ist,
+so müssen wir annehmen, daß sie während der Auswanderung nach Grönland
+erfunden wurde«<a id="FNAnker_102" href="#Fussnote_102" class="fnanchor">[102]</a>. Nach dem Obenerwähnten ist indessen die Annahme
+natürlicher, daß der Mythus von den alten Nordländern stammt.</p>
+
+<p>Fassen wir alles zusammen, so scheint diese grönländische<span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span> Gottheit
+ursprünglich eine altnorwegische Märchengestalt gewesen zu sein. Die
+Beschreibung der Reise zu ihr stammt wahrscheinlich von europäischen
+Sagen und Legenden, die von den alten Grönlandsfahrern eingeführt
+wurden, oder ist doch stark von jenen gefärbt. Daneben kann sie sich
+auch mit ursprünglicheren eskimoischen Elementen vermischt haben, die
+aus dem Westen stammen und denen der Indianer gleichen.</p>
+
+<p>Die zur Oberwelt emporfahrenden Seelen kommen auf dem Gipfel eines
+hohen Berges an der Wohnung einer seltsamen Frau vorbei. Sie heißt
+<em class="gesperrt">Erdlaversissok</em> (d. i. Eingeweideausnehmerin) und hat einen Trog
+und ein blutiges Messer. Sie schlägt die Trommel, tanzt mit ihrem
+eigenen Schatten und sagt nichts weiter als: »Mein Hosenschlitz!«
+oder singt: »Ja, ha, ha, ha!« Wenn sie sich umdreht, sieht man auf
+ihrer Rückseite einen großen Spalt, aus dem ein magerer Kaulkopf
+(<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Cottus gobio</em></span>) schlenkert. Läßt sie sich von der Seite
+sehen, so zieht sich ihr Mund so schief, daß das Gesicht in der Quere
+länglich wird. Bückt sie sich, so kann sie sich selbst den Hintern
+lecken, und bückt sie sich seitwärts, so schlägt sie mit der Wange
+auf die Hüfte, daß es nur so klatscht. Kann man sie ansehen, ohne zu
+lachen, so hat es keine Gefahr. Sobald man aber den Mund verzieht,
+wirft sie die Trommel hin, ergreift den Frechen und wirft ihn zu Boden.
+Dann zieht sie ihr Messer, schneidet ihm den Bauch auf und reißt ihm
+die Gedärme aus, die sie in den Trog wirft, um sie bald voller Gier
+zu verschlingen<a id="FNAnker_103" href="#Fussnote_103" class="fnanchor">[103]</a>. Auch in dieser Erzählung begegnen<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> wir mehreren
+traditionellen norwegischen Zügen<a id="FNAnker_104" href="#Fussnote_104" class="fnanchor">[104]</a>. Die »Unterirdischen« dulden
+kein Lachen. Das Menschenkind, das sie damit beleidigt, muß schwer
+dafür büßen. Auch in zwei Namen von der Jotunriesin, die uns die Snorra
+Edda<a id="FNAnker_105" href="#Fussnote_105" class="fnanchor">[105]</a> bewahrt hat, <em class="gesperrt">Bakrauf</em> und <em class="gesperrt">Rifingafla</em> (das Weib
+mit dem gespaltenen oder zerrissenen Hinterteil) finden wir ganz
+denselben Gedanken, der sich in dem großen Spalte der grönländischen
+Sagengestalt ausspricht.</p>
+
+<p>Auf derselben Reise kommen die Seelen auch am Hause des Mondgeistes
+vorbei. Der Weg, den sie wandern, wird unter anderem als sehr eng
+beschrieben, und man sinkt auf ihm bis an die Achseln ein<a id="FNAnker_106" href="#Fussnote_106" class="fnanchor">[106]</a>. Dies
+erinnert an die Sümpfe, die in unserem »Draumekvaedi« in der Nähe der
+Gjallarbrücke liegen und in denen die Bösen versinken<a id="FNAnker_107" href="#Fussnote_107" class="fnanchor">[107]</a>.</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">»<span class="antiqua">Høg'e ae den Gjallarbrui,</span></div>
+ <div class="verse indent0">»ho tisst 'punde skyi hange,</div>
+ <div class="verse indent0">»men eg totte tyngre dei Gaglernyrann</div>
+ <div class="verse indent0">»gu' baere den, dei ska gange«!<a id="FNAnker_108" href="#Fussnote_108" class="fnanchor">[108]</a></div>
+ <div class="verse indent0">»Hoch ist ist die Gjallarbrück',</div>
+ <div class="verse indent0">»Schwere Wolken unter ihr wehen,</div>
+ <div class="verse indent0">»Doch noch schwerer ist das Gaglemoor,</div>
+ <div class="verse indent0">»Götter, helft dem, der dort soll gehen!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>In Dänemark kennt der Volksglaube diese Höllensümpfe unter dem Namen
+Helmoore, Helsümpfe. Anscheinend spüren wir hier also wieder den
+Einfluß der alten Nordländer, zu denen die Vorstellung von derartigen<span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span>
+Strafsümpfen in der Unterwelt durch die kirchliche Visionsdichtung des
+Mittelalters gelangt sein mag.</p>
+
+<p>Auf See glauben die Kajakmänner sich von dem sogenannten
+<em class="gesperrt">Ignerssuit</em> (Plur. von <span class="antiqua"><em class="gesperrt">ignerssuak</em></span> = großes Feuer)
+umgeben. Die meisten sind gute Wesen, die den Menschen helfen. Der
+Eingang ihrer Wohnungen liegt am Strande. »Die erste Erde, die
+entstand, hatte weder Meere, noch Gebirge, sondern war ganz glatt.
+Da Ihm da droben die Menschen auf ihr nicht gefielen, zerstörte Er
+die Erde. Sie barst. Die Menschen fielen in die Spalten und wurden
+Ignerssuit. Das Wasser überströmte alles. Als die Erde wieder erstand,
+war sie vollständig bedeckt von einem Eisgletscher. Dieser verschwand
+allmählich, und vom Himmel fielen zwei Menschen herab, von denen die
+Erde bevölkert wurde. Jahr für Jahr nimmt der Eisgletscher ab. An
+vielen Orten sieht man noch Zeichen von der Zeit, da das Meer über den
+Bergen stand«<a id="FNAnker_109" href="#Fussnote_109" class="fnanchor">[109]</a>.</p>
+
+<p>In diesem Mythus lassen sich Einflüsse von nicht weniger als vier
+verschiedenen Seiten verspüren. Die Vorstellung von den Ignerssuit
+selber, die Menschen gleichen und unter der Erde wohnen, ähnelt der
+indianischen Sage, nach der die Menschen früher unter der Erde lebten
+und dann an einer Weinranke, die aus einer Spalte oder Bergklamm
+emporrankte, auf die Oberfläche der Erde hinaufkletterten. Als ein
+dickes Weib (oder ein dicker Mann) hinaufklettern wollte, brach die
+Ranke, und die anderen mußten unten bleiben, während diejenigen, die
+hinaufgelangt waren, die Erde bevölkerten<a id="FNAnker_110" href="#Fussnote_110" class="fnanchor">[110]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span></p>
+
+<p>Die beiden vom Himmel herabfallenden Menschen entstammen, wie mir
+scheint, der Schöpfungssage der finnisch-ugrischen Stämme oder doch
+derselben Quelle wie diese. Bei den <em class="gesperrt">Vogulen</em> kommen die beiden
+ersten Menschen in einer Wiege von Silberdraht vom Himmel. Daß der
+Himmel die Wiege des Menschengeschlechtes sei, behaupten auch die
+Mythen anderer finnisch-ugrischer Völker in Asien und Europa<a id="FNAnker_111" href="#Fussnote_111" class="fnanchor">[111]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p>
+
+<p>Aehnliche Vorstellungen sind auch zu den Indianern gelangt
+(vielleicht durch die Eskimos?): so meinten die Huronen, die ersten
+Menschen seien vom Himmel herabgekommen<a id="FNAnker_112" href="#Fussnote_112" class="fnanchor">[112]</a>. Die Anschauung, daß
+die Erde ursprünglich flach war und dann barst, erinnert auch an
+die finnisch-ugrische Schöpfungssage, nach der die Erde bei ihrer
+Erschaffung eine flache, ebene Schale auf dem Wasser bildete, dann
+aber durch eine Erschütterung (weil Satan sich übergeben mußte) sich
+wellenförmig bewegte und in diesem Zustand erstarrte, wodurch Berge und
+Thäler entstanden<a id="FNAnker_113" href="#Fussnote_113" class="fnanchor">[113]</a>.</p>
+
+<p>Ein drittes Moment bilden die Menschen, die jene erste, flache Erde
+bewohnten und mit denen Er dort droben so unzufrieden war, daß Er die
+Erde bersten und das Wasser hervortreten ließ. Es scheint mir kaum
+zweifelhaft, daß dies einer direkten Einmischung der christlichen
+oder jüdischen Sintflutsage zu verdanken ist, die selbstverständlich
+in Grönland von der West- nach der Ostküste gelangt sein kann.
+Möglicherweise haben sich der Sintflutsage auch noch Einzelheiten
+einer in ganz Europa und nicht zum wenigsten in Norwegen verbreiteten
+Sage von der Entstehung der Unterirdischen oder Unsichtbaren (des
+Huldrevolkes) angeschlossen. Als Unser Herrgott Eva einmal besuchte,
+wusch sie gerade ihre Kinder. Die noch Ungewaschenen versteckte sie
+schnell im Keller, in dunklen Winkeln und unter großen Kufen, die
+anderen aber führte sie Ihm vor. Gott fragte, ob dies alle seien, und
+als sie bejahte, sagte er: »<span class="antiqua">Saa skal de, som er <em class="gesperrt">dulde</em>, bli
+<em class="gesperrt">hulde</em>!</span>« (»So sollen die Versteckten verborgen bleiben!«)
+Und von diesen stammt<span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span> das Huldrevolk<a id="FNAnker_114" href="#Fussnote_114" class="fnanchor">[114]</a>. Jedenfalls erinnern
+die <span class="antiqua">Ignerssuit</span> an die Unterirdischen unserer nordischen
+Volksüberlieferung.</p>
+
+<p>Schließlich haben wir als viertes Moment, das nur aus Grönland
+selbst<a id="FNAnker_115" href="#Fussnote_115" class="fnanchor">[115]</a> stammen kann, die Eisgletscher.</p>
+
+<p>Von anderen Wesen lassen sich noch die sogenannten Binnenlandmenschen
+anführen, die im Innern des Landes oder auf dem Binneneise wohnen.
+Einige von ihnen werden <em class="gesperrt">Tornit</em> (Plur. von <em class="gesperrt">Tunek</em>) oder
+auch <em class="gesperrt">Inorutsit</em>, auf der Ostküste auch wohl <em class="gesperrt">Timersit</em>
+genannt; sie haben Menschengestalt und sind sehr groß, wie einige
+sagen, 4 <span class="antiqua">m</span>, nach anderen aber so groß, wie ein Frauenboot lang
+ist, also mindestens 10 <span class="antiqua">m</span>. Ihre Seele allein hat die Größe
+eines gewöhnlichen Menschen. Sie leben von der Jagd, teils vom Erlegen
+der Landtiere, teils von der Jagd auf Seetiere. Sie können ungeheuer
+schnell laufen. Wenn sie auf See sind, brauchen sie keinen Kajak,
+sondern sitzen im Wasser, und »der Nebel ist ihr Kajak<a id="FNAnker_116" href="#Fussnote_116" class="fnanchor">[116]</a>.« Seehunde
+können<span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span> sie vom Lande aus fangen (mit großen Wurfschlingen), und zwei
+schwere große Robben oder blaue Seehunde können sie auf dem Rücken in
+einem Sack von Seehundsleder bis tief ins Innere des Landes tragen. Mit
+den Menschen stehen sie meistens auf Kriegsfuß, verkehren aber manchmal
+auch freundschaftlich und tauschen sogar Frauen mit ihnen.</p>
+
+<p>Eine andere Art Binnenlandmenschen sind die <em class="gesperrt">Igaligdlit</em> (Plur.
+von <em class="gesperrt">Igalilik</em>), die mit einer ganzen Küche auf der Schulter
+umgehen. Der Kessel allein ist so groß, daß man einen ganzen Seehund
+auf einmal darin kochen kann, und besagter Kessel kocht, wo sie gehen
+und stehen. Eine dritte Art sind die <em class="gesperrt">Erkigdlit</em> (Plur. von
+<em class="gesperrt">Erkilek</em>), die nach einigen oben Menschen- und unten Hundegestalt
+haben, nach anderen aber Menschen mit Hundeköpfen oder Hundeschwänzen
+sind. Sie tragen ihre Pfeile in einem Köcher auf dem Rücken und gelten
+als tüchtige Bogenschützen<a id="FNAnker_117" href="#Fussnote_117" class="fnanchor">[117]</a>. Den Menschen sind sie Feinde. Ferner
+seien die <em class="gesperrt">Isserkat</em> (Plur. von <em class="gesperrt">Isserak</em>) genannt, die
+»längs blinzeln«, was wohl heißen soll, daß ihre Augen nicht quer,
+sondern von oben nach unten im Kopfe liegen.</p>
+
+<p>Wie <span class="antiqua">Dr.</span> Rink nachgewiesen hat, läßt sich kaum daran zweifeln,
+daß diese Binnenlandmenschen, die alle eine hervorragende Rolle
+in den Sagen der Grönländer spielen, ursprünglich verschiedene
+Indianerstämme waren, mit denen die amerikanischen Vorfahren der
+Grönländer teils freundschaftlichen, meist aber feindlichen Verkehr
+hatten. Schilderungen und Erzählungen dieser Stämme haben sie<span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span> mit
+nach Grönland gebracht, und der Schauplatz wurde auch fernerhin in
+das Innere des Landes verlegt, d. h. in das Innere Grönlands, wo
+die Menschen dann allmählich zu mythischen Wesen wurden. Das Wort
+<em class="gesperrt">Tunek</em> scheint geradezu »Indianer« zu bedeuten und wird von
+den Eskimos in Labrador noch heute dafür gebraucht. Die Eskimostämme
+auf der Westküste von Hudsonsbai nennen die Indianer des Innern
+<em class="gesperrt">Erkigdlit</em>. Daß die <em class="gesperrt">Tornit</em> groß und flink sind, paßt gut
+auf die Indianer, da diese größer als die Eskimos und diesen auf dem
+festen Lande überlegen sind. Daß die Erkigdlit tüchtige Bogenschützen
+sind und ihre Pfeile in Köchern tragen, was die Grönländer nie
+gethan, erinnert ebenfalls an die Indianer, wie auch die Hundebeine
+und der Hundekopf wohl auf den Glauben der Indianer zurückzuführen
+sein dürfte, daß sie von einem Hunde abstammen (siehe oben)<a id="FNAnker_118" href="#Fussnote_118" class="fnanchor">[118]</a>.
+Die »längsblinzelnden« Isserkat können recht gut ursprünglich
+Indianerstämme mit ausgeprägt schiefen oder seltsam geformten Augen
+gewesen sein. Solche sind ausdrücklich von Reisenden beschrieben
+worden. Wir haben hier also übernatürliche oder mythische Wesen
+von greifbar historischem Ursprunge. Den Sagen von den Kämpfen mit
+ihnen liegen sicherlich gleichfalls bis zu einem gewissen Grade
+geschichtliche Begebenheiten zu Grunde. Auf dieselbe Weise waren
+wohl auch die klassischen Nationen mit ihren mythischen Völkern
+bekannt<a id="FNAnker_119" href="#Fussnote_119" class="fnanchor">[119]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p>
+
+<p>Wesen eigentümlicher Art sind die <em class="gesperrt">Kivitut</em> (Plur. von
+<em class="gesperrt">Kivitok</em>). Früher waren sie gewöhnliche Menschen, die sich
+jedoch aus irgend welchem, oft unbedeutendem Grunde mit ihrer Familie
+oder ihren Hausgenossen erzürnt oder sich von ihnen benachteiligt
+geglaubt und deshalb die Menschen verlassen. Sie flüchteten in die
+Berge oder das Innere des Landes, wo sie seitdem einsam leben und sich
+von Tieren nähren, die sie ohne Waffen nur mit Steinwürfen erlegen.
+War der Kivitok nur erst kurze Zeit von Hause fort, so steht es noch
+in seiner Macht, heimzukehren. Gehorcht er aber nicht binnen einer
+bestimmten Zahl von Tagen der Stimme des Heimwehs, so verliert er die
+Fähigkeit, zu den Menschen zurückzukehren. Einige meinen, dies geschehe
+erst nach einem Jahr. Nun erhält er übernatürliche Eigenschaften,
+wird schnellfüßig, daß er von Berggipfel zu Berggipfel springen kann,
+zerlegt Renntiere ohne Waffen und trifft alles, wonach er wirft. Er
+wird groß, kleidet sich in Renntierfelle, bekommt ein schwarzes Gesicht
+und weißes Haar, wird ferner allwissend oder hellsehend, kann die
+Menschen reden hören und erlernt die Sprache der Tiere. Dafür aber
+kann er zu seinem Unglück nicht sterben, und er weint vor Sehnsucht
+nach den Menschen, die er nicht mehr besuchen darf. Nur selten,
+namentlich nachts, kann er sich gelegentlich in die Häuser oder die
+Vorratsspeicher schleichen, um dort etwas Eßbares oder auch ein wenig
+Tabak zu entwenden. Die aber, die ihm etwas thaten, sind nie vor seiner
+Rache sicher.</p>
+
+<p>Das Merkwürdige an diesem Glauben ist, daß er sich möglicherweise auf
+die Wirklichkeit stützt. Nimmt man einzelne kranke oder alte, dem
+Tode nahe Menschen aus,<span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span> die sich ins Meer oder von steilen Bergen
+hinabstürzen, um ihren Leiden ein Ende zu machen, so ist Selbstmord in
+Grönland so gut wie unbekannt. Dagegen kommt es vor, daß einzelne nur
+wegen eines kränkenden Wortes ihres Nächsten ins Gebirge gehen und den
+Menschen wenigstens mehrere Tage entschwunden sind. Ich selbst kenne
+Grönländer, die dies thaten. Man glaubt jedoch zuverlässige Beispiele
+zu haben, daß Leute längere Zeit als Kivitok gelebt haben. Vor ungefähr
+fünfundzwanzig Jahren fand man in einer Höhe auf der Akugdlekinsel in
+Nordgrönland Spuren, daß sich dort ein Mensch längere Zeit aufgehalten
+hatte. Vor dem Höhleneingang fand man einen vielbenutzten Fußpfad,
+drinnen war ein Feuerherd, ein Loch im Fußboden, das als Vorratskammer
+gedient hatte, ein weiches Mooslager, Ueberbleibsel von getrockneten
+Fischen, eßbare Pflanzenwurzeln u. dergl. Einige Schritte weiter fand
+man eine kleinere Höhle, deren Oeffnung ein Steinblock verschloß. Hier
+hatte der Kivitok sich selbst begraben, als er den Tod herannahen
+gefühlt. Als man ihn fand, lag er noch in seinem Fellpelze da. Den
+Eingang zum Grabe hatte er selbst von innen mit einem Steinblock
+verschlossen. Die Grönländer erkannten ihn wieder und meinten, er müsse
+zwei bis drei Jahre als Kivitok gelebt haben. Der Grund, daß er die
+Menschen verlassen, soll der gewesen sein, daß seine Angehörigen ihn
+als einen schlechten Fänger verachteten und zurücksetzten. Als dann
+auch sein kleiner Sohn starb, wurde ihm das Leben zu schwer, und er
+floh in die Wildnis<a id="FNAnker_120" href="#Fussnote_120" class="fnanchor">[120]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>Wie Moltke Moe mir nachweist, besteht eine merkwürdige Aehnlichkeit
+zwischen diesen Kivitut und den in den isländischen Sagen so häufig
+vorkommenden <em class="gesperrt">Utilegumeron</em> oder Ausmärkern, d. h. Uebelthätern,
+die ins Gebirge flohen und fern von Menschenwohnungen leben. Die
+große Rolle, die sie in der Volksphantasie spielen, und die mystische
+Furcht, mit der man sie betrachtet, haben bewirkt, daß sie im
+Volksglauben sehr bald mit den Trolden, dem Huldrevolke und ähnlichen
+Sagenwesen verschmolzen, deren übermenschliche Eigenschaften auch
+ihnen zugeschrieben wurden. So können sie in die Zukunft sehen,
+wissen, was in der Ferne geschieht, können Nebel hervorzaubern und
+dadurch den Wandrer irreführen und haben übernatürliche Kräfte<a id="FNAnker_121" href="#Fussnote_121" class="fnanchor">[121]</a>.
+Wie der Kivitok sich bei den Menschen einschleicht, um etwas Eßbares
+zu stehlen, so raubt der Ausmärker den Einsiedlern Schafe, Speisen
+und Kleidungsstücke. Der Glaube, daß Menschen durch Absonderung von
+der menschlichen Gesellschaft zu übernatürlichen Kräften kommen, ist
+für die Grönländer wie die Isländer gleich charakteristisch. Noch
+größer wird die Uebereinstimmung, wenn man bedenkt, daß diese Sagen
+in Grönland wie auf Island einen wesentlichen Teil des Inhaltes der
+Volksüberlieferung und des jetzigen Glaubens bilden. Bei andern Völkern
+kommen ähnliche Vorstellungen so gut wie garnicht vor (die Norweger im
+Westen und besonders im Norden zum Teil ausgenommen). Da scheint mir
+denn die Schlußfolgerung dringend geboten, daß auch der Kivitokglaube
+in<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> Grönland von alten Nordländern, oder näher bestimmt, von den
+Isländern stammt.</p>
+
+<p>Von den seltsamen Wesen der Grönländer ist ferner noch anzuführen der
+<em class="gesperrt">Igdlokok</em>, der einem halben Menschen glich, nur einen halben
+Kopf, einen Arm, ein Bein und ein Auge hatte. Sehr ähnliche Wesen
+finden wir bei den Griechen, den Moslemin, den Zulukaffern und den
+Indianern<a id="FNAnker_122" href="#Fussnote_122" class="fnanchor">[122]</a>.</p>
+
+<p>Ueber die Erschaffung der Welt hatten die Grönländer sich keine Ansicht
+gebildet. Die Erde und das Weltall sind entweder von selbst entstanden
+oder sie sind immer dagewesen und werden immer bleiben.</p>
+
+<p>Ueber die Erschaffung der Menschen oder der Eskimos hatten sie
+ebenfalls keine klaren Ansichten. Einige meinten, der erste Mensch
+sei aus der Erde hervorgewachsen und habe sich mit einem Erdhäufchen
+vermählt. Dies habe eine Tochter geboren, die er dann zur Frau
+nahm<a id="FNAnker_123" href="#Fussnote_123" class="fnanchor">[123]</a>. Das Herauswachsen aus der Erde ist eine ganz gewöhnliche
+Anschauung, die auch bei uns und auf Island vorkommt<a id="FNAnker_124" href="#Fussnote_124" class="fnanchor">[124]</a>. Wir sagen:
+»Wer mit einend Stock auf die Erde haut, schlägt seine Mutter, und wer
+auf Gestein haut, schlägt seinen Vater«, was ja an die grönländische
+Vorstellung erinnert, da der Mann dort gleichfalls einem Felsen
+entsprungen sein wird.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span></p>
+
+<p>Ueber die Entstehung der Europäer haben sie eine Sage, die für uns
+nicht gerade schmeichelhaft ist. Eine Eskimofrau, die keinen Mann lange
+behalten konnte, verheiratete sich schließlich mit einem Hunde und
+bekam von ihm mehrere Menschenkinder und mehrere Hündchen. Letztere
+setzte sie auf eine alte Schuhsohle, schob sie in die See hinaus und
+rief ihnen nach: »Fahret hin und werdet Kavdlunaker (Europäer)« oder
+»Von Euch sollen alle anderen Völker stammen«. Daher kommt es, wie
+die Eskimos sagen, daß die Kavdlunaker immer auf der See leben und
+ihre Schiffe wie Grönländerschuhe hinten und vorne rund sind. Die
+anderen Kinder setzte sie auf Weidenblätter und schob sie ins Land
+hinein, und aus ihnen wurden die Binnenlandmenschen oder Indianer
+(<em class="gesperrt">Erkiligdlit</em> und <em class="gesperrt">Tornit</em>)<a id="FNAnker_125" href="#Fussnote_125" class="fnanchor">[125]</a>. Ganz ähnliche Sagen finden
+wir bei den Eskimos auf Baffinsland<a id="FNAnker_126" href="#Fussnote_126" class="fnanchor">[126]</a> und auch an der Nordseite von
+Alaska, wo sie sich indessen nur auf die Indianer und nicht auf die
+Europäer zu beziehen scheinen. Solche Sagen von hündischer Abstammung
+(oder Abstammung von Wölfen und Bären) kommen bei vielen Völkern vor,
+bei Ariern, wie bei Mongolen und amerikanischen Urvölkern<a id="FNAnker_127" href="#Fussnote_127" class="fnanchor">[127]</a>. Bei
+vielen Indianerstämmen spielt diese Sage insofern eine Hauptrolle, als
+sie glauben, daß das erste Weib sich mit<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> einem Hunde vermählte und
+sie von diesem Paare abstammen. Ich bin überzeugt, daß die Eskimos
+ihre Sage dorther erhielten und sie als für die Indianer geltend
+herübernahmen. Als sie später mit anderen Fremden, wie den Europäern,
+zusammentrafen, wandten sie jene Sage auch auf diese an. Merkwürdig
+ist, daß der zum Schiff gewordene Schuh auch in den Baffinsländer Sagen
+wiederkehrt.</p>
+
+<p>Die Ursache des Todes ist bei den Eskimos ein altes Weib, das sagte:
+»Laßt diese nach und nach sterben, sonst wird es zu eng auf der Welt.«
+Nach anderen zankten sich zwei von den ersten Menschen. Der eine
+sagte: »Laß Tag sein, laß Nacht sein und die Menschen sterben«, der
+andere aber: »Laß nur Nacht sein und die Menschen leben bleiben«; nach
+langem Streiten ging es nach den Worten des ersteren. Noch andere
+erzählen, eine Schlange und eine Laus hätten gewettet, wer zuerst
+bei den Menschen ankäme. Gewänne die Schlange, so sollten sie immer
+leben, gewänne aber die Laus, so sollten sie sterben müssen. Die
+Schlange habe einen großen Vorsprung gehabt, sei unterwegs aber von
+einem hohen Berg gefallen und habe infolgedessen einen großen Umweg
+machen müssen. Da sei die Laus früher angelangt, und also hätten die
+Menschen von nun an sterben müssen<a id="FNAnker_128" href="#Fussnote_128" class="fnanchor">[128]</a>. Diese Mythen scheinen schon
+durch ihre sinnlose oder aus dem Zusammenhange losgerissene Darstellung
+zu verraten, daß sie aus anderen Gegenden stammen und Bruchstücke
+älterer Sagen sind, deren ursprünglicher Zusammenhang und Sinn in
+Vergessenheit geriet. Wenn wir uns umsehen, finden wir auch bei den
+weit entfernt wohnenden Völkern merkwürdige<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> Ähnlichkeiten<a id="FNAnker_129" href="#Fussnote_129" class="fnanchor">[129]</a>. Die
+zweite Mythe (von dem Zanke) findet sich auch auf den Fidschiinseln,
+wo sich der Mond mit einer Ratte streitet und will, daß die Menschen
+sterben und wiederaufleben wie er selbst. Die Ratte aber sagt, sie
+sollten lieber sterben wie Ratten, und so geschah es. Bei den Indianern
+zankten sich die Stammväter, zwei Wolfbrüder. Der jüngere sagt: »Wenn
+ein Mensch stirbt, laß ihn den nächsten Tag wieder kommen, damit seine
+Freunde sich freuen.« »Nein,« sagt der ältere, »laß die Toten nicht
+wiederkehren.« Da erschlug der Jüngere den Sohn des Aelteren, und damit
+kam der Tod in die Welt<a id="FNAnker_130" href="#Fussnote_130" class="fnanchor">[130]</a>.</p>
+
+<p>In Südafrika giebt es Mythen, die der von der Schlange und der
+Laus merkwürdig ähnlich sind. Sowohl an der Goldküste, wie bei den
+Zulukaffern wurde vom ersten großen Wesen ein Tier (ein Chamäleon) mit
+der Botschaft zu den Menschen gesandt, sie sollten ewig leben und nie
+sterben. Dann aber bedachte sich das Wesen und schickte ein zweites
+(den schnellfüßigen Salamander) aus mit dem Bescheid, sie müßten
+sterben. Da die zweite Botschaft zuerst anlangte, wurde es so. Bei den
+Hottentotten ließ der Mond den Menschen sagen: »Gleich wie ich, sollt
+Ihr sterben und wieder aufleben«<a id="FNAnker_131" href="#Fussnote_131" class="fnanchor">[131]</a>. Der Hase aber hörte es, eilte
+voraus und sagte: »Gleichwie ich, sollt Ihr sterben und nicht<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> wieder
+aufleben.« Diese Mythe gleicht wieder auffallend der obenerwähnten von
+den Fidschiinseln, und so erhalten wir eine Brücke zwischen der zweiten
+und dritten grönländischen, die zwei Varianten ein und derselben Sage
+sein müssen. Die Stammsage muß sehr alt sein, da sie sich so weit
+verbreiten konnte.</p>
+
+<p>Die Eskimos glauben ungefähr von allem, was sie sehen, daß es von ihren
+Landsleuten stamme. Fische und andere Seetiere entstanden dadurch, daß
+ein alter Mann Späne von einem Baum hieb, sich damit zwischen die Beine
+strich (»<span class="antiqua">sudore testiculorum</span>«) und sie dann ins Wasser warf,
+wo sie zu Fischen wurden. Der Haifisch entstand auf andere Art. »Eine
+Frau wusch sich einmal das Haar mit Urin, und als ihr ein Windstoß das
+Tuch, mit dem sie sich abtrocknete, entführte, wurde aus dem Tuch ein
+Haifisch; daher riecht das Fleisch dieses Fisches nach Urin<a id="FNAnker_132" href="#Fussnote_132" class="fnanchor">[132]</a>.«</p>
+
+<p>Die Himmelskörper waren einst gewöhnliche Eskimos, die hier auf Erden
+lebten und aus irgend einem Grunde an den Himmel versetzt wurden. Die
+Sonne war eine schöne Frau, die mit ihrem Bruder, dem Mond, in einem
+Hause wohnte. Sie wurde allnächtlich von einem Manne besucht, wußte
+aber nicht, wer es war. Um dahinter zu kommen, schwärzte sie ihre
+Hände mit Lampenruß und strich ihm damit über den Rücken. Als es hell
+wurde,<span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span> stellte sich heraus, daß es ihr Bruder gewesen; sein schöner,
+reiner, weißer Renntierpelz war angeschwärzt, und davon kommen die
+Flecken im Monde! Die Sonne ergriff nun ein Krummmesser, schnitt sich
+eine Brust ab, warf sie ihm hin und sagte: »Wenn Dir mein ganzer Leib
+gut schmeckt, so friß diese.« Damit zündete sie ein Stück Lampendocht
+an und eilte hinaus, der Mond machte es ebenso und lief ihr nach,
+aber sein Docht erlosch, und deshalb sieht er glühend aus. Sie liefen
+einander nach, in die Luft hinauf, und dort sind sie geblieben<a id="FNAnker_133" href="#Fussnote_133" class="fnanchor">[133]</a>.
+Das Haus des Mondes liegt an der Straße der Seelen nach der Oberwelt
+und hat auch ein Zimmer für seine Schwester, die Sonne. Dieser Mythos
+scheint vom Westen zu stammen. Bei den nordamerikanischen Indianern
+sind Sonne und Mond Geschwister, und auch bei den Indianern am
+Amazonenstrom finden wir ganz dieselbe Mythe, nur ist dort der Mond ein
+Weib, das seinen Bruder, die Sonne, im Dunklen besucht. Dieser macht
+ihre schimpfliche Leidenschaft dadurch offenkundig, daß er ihr seine
+geschwärzte Hand aufs Gesicht drückt. (Vergleiche auch die Mythen aus
+Australien und dem Himalaya auf nächster Seite.) Bei den <em class="gesperrt">Inkas</em>
+in Peru waren Sonne und Mond gleichzeitig Bruder und Schwester und Mann
+und Frau. (Vergleiche auch Iris und Osiris der Egypter.)<a id="FNAnker_134" href="#Fussnote_134" class="fnanchor">[134]</a></p>
+
+<p>Das Merkwürdige an der Sonne ist, daß sie vorn schön, hinten aber nur
+ein Knochengerippe sein soll<a id="FNAnker_135" href="#Fussnote_135" class="fnanchor">[135]</a>. Das<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> erinnert auffallend an unsere
+schönen Huldren, deren Rückseite hohl ist, und es scheint mir, als
+müßte es eine europäische, vorzugsweise nordische Vorstellung sein,
+die wohl die alten Nordländer mit nach Grönland brachten. Daß die
+Sonne hinten ein Gerippe ist, hat für die Ostgrönländer seinen Grund
+darin, daß ihr, wenn sie am tiefsten steht, also am kürzesten Tage, der
+Hintere mit scharfen Werkzeugen zerschnitten wird, weshalb sie wieder
+steigen muß. Die ganze Rückseite ist schon fortgeschnitten und nur das
+Knochengerüst geblieben<a id="FNAnker_136" href="#Fussnote_136" class="fnanchor">[136]</a>.</p>
+
+<p>Der Mond hat seiner alten Natur noch nicht entsagt, er kommt noch
+immer oft auf die Erde herab und geht dort auf galante Abenteuer
+aus. Alle weiblichen Wesen müßten sich vor ihm hüten, dürfen nicht
+bei Mondschein allein ausgehen, sollen nicht in den Mond sehen u.
+s. w. Die erotische Natur des Mondes scheint sehr alten Datums. In
+Australien ist er ein Kater, der ein Verhältnis mit der Gattin eines
+anderen hatte und deshalb beständig wandern muß. Bei den Kasias im
+Himalayagebirge begeht der Mond allmonatlich die unverzeihliche Sünde,
+sich in seine Schwiegermutter zu verlieben, die ihm Asche ins Gesicht
+wirft und so die Flecken im Monde verursacht<a id="FNAnker_137" href="#Fussnote_137" class="fnanchor">[137]</a>. Einer slavonischen
+Sage zufolge war der Mond der Mann der Sonne, wurde ihr aber untreu und
+verliebte<span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span> sich in den Morgenstern, wofür er der Quere nach zerspalten
+wurde<a id="FNAnker_138" href="#Fussnote_138" class="fnanchor">[138]</a>. Bei den alten Griechen und Römern war der Mond allerdings
+weiblichen Geschlechtes, aber die liebe Luna war auch nicht frei von
+erotischen Neigungen. Ueberdies bringen die Eskimos den Mond auch mit
+der Kälte in Verbindung. Wenn er an einem Walroßzahne schnitzt und
+die Splitter auf die Erde hinabwirft, schneit es, und ebenso, wenn
+er in ein Rohr pustet. Er fährt, wenn er die Erde besucht, im Winter
+stets im Schlitten über das Eis. Daß der Mond mit der Kälte und dem
+Winter in Verbindung gebracht wird, ist ja ganz natürlich, da er im
+Winter und bei Nacht regiert. Als strenge und kalte Natur ist er
+begreiflicherweise Mann, während die Sonne erst weiter südlich, wo sie
+mit ihrer Hitze quält, zum Manne wird.</p>
+
+<p>Das Donnern besorgen zwei alte Weiber, die sich um eine trockene,
+steife Haut streiten und je an einem Ende zerren. In der Hitze des
+Gefechtes stoßen sie ihre Lampen um, und dann blitzt es. Der Nebel
+entstand zuerst durch einen Tornarssuk, der soviel trank, daß er
+platzte<a id="FNAnker_139" href="#Fussnote_139" class="fnanchor">[139]</a>. Hinsichtlich der Ursache des Regens haben sie, außer der
+erwähnten Anschauung noch eine andere, die von der Ostküste stammt.
+Der Regen wird dort von einem Wesen hervorgebracht, das <em class="gesperrt">Asiak</em>
+heißt und im Himmel wohnt. Bei anhaltend trockenem Wetter pflegten die
+Angekoker früher zu ihm zu reisen und ihn um Regen zu bitten. Wenn
+sie an sein Haus kamen und hineinguckten, saß seine Frau gewöhnlich
+auf der Pritsche, Asiak selber aber gut zugedeckt<span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span> dicht an der Wand.
+Sie mußten die Frau inständig bitten, ehe sie endlich sagte: »Heute
+Nacht hat er sich wie gewöhnlich ein bischen naß gemacht.« Dabei
+schüttelt sie das kurze Bärenfell, auf dem er sitzt, sodaß es davon
+herabtropft, und dann regnet es auf Erden<a id="FNAnker_140" href="#Fussnote_140" class="fnanchor">[140]</a>. Schon der Umstand, daß
+die Angekoker um Regen bitten müssen, dessen die von Jagd und Fischfang
+lebenden Eskimos ja überhaupt nicht bedürfen, scheint zu verraten, daß
+dieser Mythos aus anderen Gegenden stammt, in denen Ackerbau getrieben
+wurde. Unmöglich ist es wohl nicht, daß dieser Asiak, wie Holm meint,
+identisch ist mit einem der vielen Regengötter der amerikanischen
+Urbevölkerung, die auf den Gipfeln hoher Berge oder an ähnlichen
+Orten wohnten und bei den Mayas in Yucatan z. B. <em class="gesperrt">Chac</em> hießen.
+Aber der ganze Mythos mag auch noch weiter von Westen herstammen.
+Der Regen wird übrigens garnicht selten als Urin aufgefaßt. Bei den
+Kamtschadalen begegnet uns diese Idee als direkter, roher Glaube. Wenn
+es regnet, lassen nach ihrer Meinung die Luftgötter ihr Wasser. Wenn
+der neugriechische Volksglaube den Regen mit dem Ausdrucke [Greek:
+katouraei ho theos] (»Gott pißt«) bezeichnet, so ist das eine alte
+Anschauung, die schon Aristophanes benutzt hat. Er läßt eine seiner
+Personen in den »Wolken« sagen, er habe früher geglaubt, daß, wenn
+es regne, Zeus [Greek: dia koskinou oureei] (durch ein Sieb pisse).
+Das ist derselbe Gedanke, der in mehr oder weniger abgeschwächter<span class="pagenum" id="Seite_247">[S. 247]</span>
+Form, meist mit humoristischem Anstriche, in verschiedenen deutschen,
+norwegischen, vlämischen u. s. w. Sprichwörtern Ausdruck findet. Seinen
+Grund hat er in einem uralten primitiven Glauben, den man auch bei
+vielen anderen Völkern, z. B. den alten heidnischen Arabern, ja sogar
+bei den Juden aufspüren kann<a id="FNAnker_141" href="#Fussnote_141" class="fnanchor">[141]</a>.</p>
+
+<p>In ihrem Glauben oder Aberglauben wurden die Eskimos, wie noch heute
+auf der Ostküste, von ihren Priestern oder Geisterbeschwörern, den
+Angekokern (<em class="gesperrt">Angakok</em>, Plur. <em class="gesperrt">Angakut</em>) unterwiesen. Es waren
+die klügsten und bedeutendsten, aber oft auch die verschlagensten
+Männer ihres Volkes. Sie behaupten, mit Geistern sprechen zu
+können, in die Unterwelt wie in den Himmel zu reisen, Tornassuk und
+übernatürliche Wesen zu beschwören und von ihnen Offenbarungen zu
+erhalten u. s. w. Hauptsächlich wirken sie auf ihre Landsleute durch
+ihre Geisterbeschwörungen und verdanken ihren Einfluß wesentlich den
+Seancen, die vorzugsweise im Winter stattfinden, wenn die Eskimos
+in Häusern wohnen. Dabei löscht man die Lampen aus und verhängt die
+Fenster mit Fellen, so daß es im Zimmer völlig dunkel ist. Der Angekok
+selbst sitzt auf dem Fußboden. Er macht nun einen entsetzlichen
+Spektakel, von dem das ganze Hans erbebt, verändert seine Stimme,
+brüllt und schreit, spielt den Bauchredner, stöhnt, klagt, trommelt,
+winselt, intoniert ein schneidendes Höllengelächter und versucht alle
+möglichen Künste. Damit<span class="pagenum" id="Seite_248">[S. 248]</span> bringt er seine Landsleute zu dem Glauben,
+er werde von den verschiedenen Geistern, die er beschwören soll, auch
+wirklich besucht, und sie seien es, von denen der Lärm herrührt.</p>
+
+<p>Um Angekok zu werden, bedarf es, wie zu erwarten, einer langen
+Lehrzeit, oft voller zehn Jahre. Der Lehrling muß häufig längere
+Zeit die Einsamkeit<a id="FNAnker_142" href="#Fussnote_142" class="fnanchor">[142]</a> aufsuchen und mehrere Tage hintereinander
+einen Stein in der Richtung der Sonnenbahn auf einem anderen reiben,
+wodurch er einen Berggeist beschwört. Bei dessen Anblicke stirbt er
+vor Schrecken, lebt aber nachher wieder auf u. s. w. Hierdurch erlangt
+er nach und nach seine Tornat. Er darf nicht eher davon sprechen,
+was er werden will, als bis er ausgelernt hat, dann aber muß es auch
+geschehen. Soll er ein richtiger Erzangekok werden, so muß er womöglich
+von einem Bären gepackt und an den Strand geschleppt werden, wo dann
+ein Walroß erscheint, ihn mit den Zähnen an seinen Genitalien packt,
+bis an den Horizont trägt und ihn dort auffrißt. Darauf gehen seine
+Knochen nach Hause, begegnen unterwegs den Fleischfetzen und wachsen
+mit diesen wieder zu einem ganzen Menschen zusammen. Jetzt ist er ein
+patentierter Angekok.</p>
+
+<p>Der Einfluß dieser Angekoker hing natürlich von ihrer Geschicklichkeit
+ab. Sie scheinen indessen nicht ausschließlich Betrüger gewesen zu
+sein, sondern haben möglicherweise zum Teile selber an ihre Hexenkünste
+geglaubt. Vielleicht waren sie oft ehrlich davon überzeugt, wirkliche
+Offenbarungen zu haben, obwohl Egede nicht glaubt, daß sie »irgendwie
+wirkliches <span class="antiqua">Commercium</span> oder Gemeinschaft mit dem Teufel« gehabt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_249">[S. 249]</span></p>
+
+<p>Krankheiten können sie durch Hersagen von Zauberformeln, Einsetzen
+einer neuen Seele oder dergleichen heilen. Zu den von ihnen geheilten
+Krankheiten rechnet man auch die Uebelstände, daß ein Mann keine
+Seehunde fangen und eine Frau keine Kinder bekommen kann.</p>
+
+<p>In letzterem Falle unternimmt der ostgrönländische Angekok noch heute,
+wenn er hinreichend tüchtig ist, eine Reise nach dem Monde, von wo
+er der Frau, die dann schwanger wird, ein Kind hinabwirft. Nach
+dieser beschwerlichen Reise hat der Angekok das Recht, bei der Frau
+zu schlafen<a id="FNAnker_143" href="#Fussnote_143" class="fnanchor">[143]</a>. Diese Reise nach dem Monde steht natürlich mit der
+obenbesprochenen erotischen Natur dieses Herrn in Verbindung. Auch
+bei den Indianern wird der Mond mit der Fortpflanzung in Verbindung
+gebracht.</p>
+
+<p>Man muß den Angekok gut bezahlen, wenn seine Heilkünste Erfolg haben
+sollen. Andernfalls gelingt natürlich nichts. Selbstverständlich ist
+nicht er es, der die Geschenke erhält, sondern der Tornak; er nimmt sie
+nur für diesen in Empfang.</p>
+
+<p>Durch ihre Verbindung mit der übernatürlichen Welt haben die
+angesehenen Angekoker eine Art Herrschaft über ihre Landsleute, die
+sich fürchten, ihnen zuwiderzuhandeln, was ja böse Folgen haben könnte.
+Wie unsere Priester, wenn sie tüchtige Kerle waren, nicht nur Gottes
+Diener waren, sondern sich auch auf die Magie verstanden und Macht
+über den Teufel hatten, so waren auch die Angekoker nicht einseitig.
+Sie thun allerdings meist Gutes, können daneben aber auch Böses thun,
+indem sie anderen die Seele rauben und sie von ihrem Tornarssuk
+auffressen lassen oder ihre Tornat aussenden, um ihre Feinde tot zu
+ängstigen u. s. w.<span class="pagenum" id="Seite_250">[S. 250]</span> Wir finden also auch bei den Eskimos Anfänge eines
+Pfaffenregimentes.</p>
+
+<p>In solchen Bosheiten, wie andere durch Zauberei zu töten, ihnen die
+Waffen so zu verhexen, daß sie zum Fang untauglich sind, und ähnlichem,
+übt sich jedoch meist nur eine andere Klasse von Menschen, die
+sogenannten <em class="gesperrt">Ilisitsoker</em>, die sowohl männlichen, wie weiblichen
+Geschlechtes sein können<a id="FNAnker_144" href="#Fussnote_144" class="fnanchor">[144]</a>. Diese Hexen und Hexenmeister sind
+allgemein verhaßt. Man hielt und hält sie für die Urheber alles Bösen,
+namentlich des Todes und der Krankheiten. Kam eine alte Frau in den
+Verdacht, Ilisitsok zu sein, so wurde sie ohne Gnade und Barmherzigkeit
+totgeschlagen. Dies kann uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir daran
+denken, wie unsere Vorfahren — die Geistlichkeit an der Spitze —
+ihre Hexen verbrannten. Während die Angekoker in Gegenwart anderer
+Leute mit den Geistern verkehren, findet der Verkehr der Ilisitsoker
+mit den übernatürlichen Mächten in tiefster Heimlichkeit und nur zum
+Schaden anderer statt. Sie müssen heimlich bei einem älteren Ilisitsok
+in die Lehre gehen und den Unterricht teuer bezahlen. Mit welchen
+übernatürlichen Mächten sie in Verbindung stehen, scheint man nicht
+zu wissen. Wahrscheinlich sind es ganz andere als die Verbündeten der
+Angekoker, und ihre Namen werden geheim gehalten. Ihre Teufelskunst
+wendet verschiedene Mittel an, wie Menschenknochen, Leichenfleisch,
+tote Tiere, Schlangen, Spinnen, Wasserkäfer u. s. w. Ihr wirksamstes
+Mittel aber ist die <em class="gesperrt">Tupilek</em>fabrikation. Ein solcher wird in
+aller Heimlichkeit aus verschiedenen Tierknochen, Fell, Stücken von dem
+Fange oder dem Anorak<span class="pagenum" id="Seite_251">[S. 251]</span> des Mannes, dem er Verderben bringen soll, und
+ähnlichen Dingen hergestellt. Alle Zuthaten werden zusammengebunden
+oder in ein Fell gewickelt. Nun wird der Tupilek durch Zauberlieder,
+die über ihm gesungen werden, lebendig gemacht. Darauf setzt sich der
+Ilisitsok auf einen Steinhaufen dicht an der Mündung eines Flusses
+ins Meer. Er dreht seinen Anorak um, so daß die Rückseite nach vorne
+kommt, drückt sich den Hut vors Gesicht und läßt sich von dem Tulipek
+zwischen den Beinen saugen. Dadurch wächst dieser, und sobald dieser
+groß ist, gleitet er ins Wasser hinab und verschwindet. Er kann sich in
+verschiedene Arten von Tieren und Ungeheuern verwandeln und soll dem
+Manne, gegen den er ausgesandt ist, Unglück und Tod bringen. Mißlingt
+es aber, so wendet er sich gegen den, der ihn ausgesandt hat<a id="FNAnker_145" href="#Fussnote_145" class="fnanchor">[145]</a>.</p>
+
+<p>Die Tupileker erinnern so sehr an den bei uns und in Island
+verbreiteten Glauben an <em class="gesperrt">Gand</em> und <em class="gesperrt">Sendinger</em>, daß es kaum
+einem Zweifel unterliegt, daß die Grönländer diese Idee von unseren
+Vorfahren in Grönland bekommen haben. In Island sind die Gand auch eine
+Art Kobolde, Fabelwesen, die von Zauberern ausgeschickt werden und sich
+in alle möglichen Gestalten verwandeln. Wenn es ihnen nicht gelingt,
+den zu vernichten, gegen den sie ausgesandt sind, kehren sie zurück und
+töten ihren Urheber. Sie können aber auch, in Grönland sowohl wie in
+Island,<span class="pagenum" id="Seite_252">[S. 252]</span> von anderen Zauberern oder Hexen aufgeschnappt und ihrer Macht
+beraubt werden<a id="FNAnker_146" href="#Fussnote_146" class="fnanchor">[146]</a>.</p>
+
+<p>Rink sieht in diesen Ilisitsokern und ihrer Verbindung mit gesetzlosen
+Mächten einen möglichen Ueberrest eines älteren oder ursprünglichen
+Glaubens in Grönland, der von den Priestern des neuen Glaubens, den
+Angekokern, verfolgt wird<a id="FNAnker_147" href="#Fussnote_147" class="fnanchor">[147]</a>. Also vollständig übereinstimmend mit
+der Thatsache, daß unser Hexen und Zaubern Ueberreste alten Heidentums
+gewesen und deshalb heftig von den Christen verfolgt worden. Vieles
+scheint für Dr. Rinks scharfsinnigen Schluß zu sprechen. Mir kommt es
+jedoch möglich vor, daß, wie der Tupilek von dem Glauben der alten
+Nordländer an Gand oder Sendinger herstammt, sich auch das ganze
+Hexenwesen von ihnen herschreibt. Es scheinen mir gleiche Punkte genug
+vorhanden, um eine solche Vermutung zu rechtfertigen<a id="FNAnker_148" href="#Fussnote_148" class="fnanchor">[148]</a>. Der Glaube
+an die Macht des<span class="pagenum" id="Seite_253">[S. 253]</span> Bösen, Pakt mit dem Satan, Schwarzkunst u. s. w.,
+also an das gesamte Zauberwesen, war seit jeher stark im Aberglauben
+unseres Volkes, ich hätte beinahe gesagt, stärker als der Gottesglaube
+selbst. Und so ist es durchaus nicht unnatürlich, daß dieser Glaube es
+war, was zuerst auf die Eskimos in ihrem Verkehre mit unseren Vorfahren
+überging. Diese schnelle, bequeme Art, übernatürliche Macht zu
+erlangen, mußte sie ja besonders ansprechen. Soweit ich habe erfahren
+können, spielt das Hexenwesen bei den Eskimos der Westküste keine
+bedeutende Rolle, wenn es dort überhaupt existiert.</p>
+
+<p>Es bleibt noch der Amulettglaube der Grönländer zu besprechen.
+Amulette benutzt fast jeder. Es sind in der Regel Gegenstände von
+Tier- oder Menschengestalt. Ueber diesen werden Zauberlieder gesungen
+oder gemurmelt, und die Eltern geben sie ihren Kindern, wenn sie
+noch klein sind. Junge Leute können, dem Rate älterer folgend, auch
+selber Amulette für sich finden. Die Amulette werden das ganze Leben
+hindurch getragen, und zwar in der Regel auf dem bloßen Leibe oder in
+den Kleidern. Die Männer tragen sie z. B. in eigens dazu bestimmten
+Beutelchen von Seehundsfell, in die sie eingenäht werden, auf der
+Brust und die Weiber oft im Haar. Andere werden in das Dach des Hauses
+oder die Zeltwand gesteckt, aber auch im Kajak aufbewahrt, was ihn am
+Kentern hindern soll. Meistens hat jeder Mensch mehrere. Man schreibt
+ihnen die Macht zu, gegen Zauberei und Geisterschaden zu schützen, in
+Gefahr zu helfen und dem Besitzer gewisse Eigenschaften zu verleihen.
+Einzelne lassen sich auch als »Haut« verwenden und erinnern dadurch
+an den Gestaltwechsel unserer alten Mythologie (Falkengewand u. s.
+w.). Hat z. B. ein<span class="pagenum" id="Seite_254">[S. 254]</span> Mann einen Vogel oder Fisch als Amulett, so kann
+er sich durch dessen Anrufung in einen solchen verwandeln, oder er
+kann die Gestalt von Holz, Tang u. s. w. annehmen, wenn entsprechende
+Stücke sein Amulett bilden. Der Amulettglaube ist bekanntlich über
+die ganze Erde verbreitet und läßt sich von den primitivsten Völkern
+bis zu den zivilisiertesten hinauf verfolgen. Bei den Eskimos stammt
+er freilich aus sehr früher Zeit und ist vielleicht der primitivste
+ihrer jetzigen religiösen Begriffe. Mir scheint der Ursprung dieses
+Volksglaubens erklärlich. Manchmal ist es natürlich ein rein äußerer
+Zufall, z. B. die Wahrnehmung, daß ein Mann, der im Besitze eines
+besonderen Gegenstandes ist, stets Glück beim Fangen hatte. Meist aber
+liegt der Grund doch tiefer. Sieht z. B. ein Mensch, daß ein Vogel wie
+der Falke unglaublich leicht davoneilt, um sich beißt, angreift u. s.
+w., so schreibt er jedem Teil dieses Tieres, und besonders dem Kopfe
+mit der darin wohnenden Seele, dem Schnabel und den Krallen etwas von
+diesen Fähigkeiten zu. Binden unfruchtbare Frauen sich Stücke von den
+Schuhsohlen der Europäer um, zu dem Zwecke, Kinder zu bekommen, so
+ist dies keine unnatürliche Ideeenverbindung. Da sie sehen, daß wir
+fruchtbar sind, meinen sie, durch diese Schuhsohlen, die einem von
+uns als Unterlage gedient, werde auch unsere Kraft »in ihre Kleider
+übergehen und ihnen in gleichen Fällen Dienste leisten«<a id="FNAnker_149" href="#Fussnote_149" class="fnanchor">[149]</a>. Wenn ein
+Knabe, der Blut hustet, und dessen ganze Familie brustschwach ist, als
+Amulett einen Seehundsblutpfropfen<a id="FNAnker_150" href="#Fussnote_150" class="fnanchor">[150]</a> bekommt, der ihm in den Anorak
+vor der<span class="pagenum" id="Seite_255">[S. 255]</span> Brust eingenäht wird, so ist der Grund deutlich erkennbar. Es
+ist dieselbe <em class="gesperrt">sympathische Uebertragung</em>, die eine so große Rolle
+im Volksaberglauben aller Länder spielt. Oft nehmen sie als Amulett
+Stücke von den Anzügen oder Sachen ihrer Vorfahren, und zwar in der
+Regel von den Großeltern. Dies hat seinen Grund wohl darin, daß sie
+glauben, die Geister der Toten könnten sie beschützen und sie selber
+seien leichter imstande, mit ihnen in Verbindung zu treten, wenn sie
+etwas von ihrem Eigentume bei sich tragen. Es giebt auch Beispiele
+von kleinen weiblichen und männlichen Figuren als Amuletten<a id="FNAnker_151" href="#Fussnote_151" class="fnanchor">[151]</a>. Der
+Uebergang vom Amulettglauben zum Fetischdienste oder richtiger zur
+Abgötter- und Bilderverehrung scheint mir nicht gerade groß.</p>
+
+<p>Uebernatürliche Hülfe haben die Grönländer auch durch ihre
+Zauberformeln. Sie werden gegen Krankheit, gegen Feinde, in Gefahr u.
+s. w. angewendet und haben ungefähr denselben Einfluß wie die Amulette.
+Man tritt durch sie noch weniger mit den Geistern in Verbindung.
+Auf welche Art sie eigentlich wirken, weiß man nicht, ja man kennt
+nicht einmal die Bedeutung der Worte, die gebraucht werden, da es
+uralte Formeln sind, die von Geschlecht zu Geschlecht durch Kauf
+überliefert werden. Sie werden heimlich erlernt und müssen sofort und
+sehr teuer bezahlt werden, wenn sie kräftig sein sollen. Man sagt
+sie langsam in gedämpftem, geheimnisvollem Tone<a id="FNAnker_152" href="#Fussnote_152" class="fnanchor">[152]</a> her, und allem
+Anschein nach stehen sie irgendwie mit dem Hexenwesen in Verbindung.
+Sie erinnern wunderbar an unsere alten Böterinnen und deren oft
+sinnlose Zaubersprüche. Vermutlich haben wir hier die Reste alter, von
+außerhalb<span class="pagenum" id="Seite_256">[S. 256]</span> eingeführter Bräuche, deren ursprüngliche Bedeutung verloren
+gegangen ist. Nach Rink<a id="FNAnker_153" href="#Fussnote_153" class="fnanchor">[153]</a> kann man Zauberformeln auch dadurch
+erlernen, daß man einer Vogelstimme lauscht.</p>
+
+<p>Außer diesen Formeln bedient man sich der Zauberlieder. Die Worte
+dieser Lieder sind auch den Grönländern von heutzutage verständlich,
+und sie dürfen in Gegenwart anderer gesungen werden.</p>
+
+<p>Nach Rink scheint es, als würden in solchen Zauberformeln und
+besonders in den Liedern gewöhnlich die Seelen verstorbener Verwandter
+oder Vorfahren des Sängers um Hülfe angerufen, namentlich die der
+Großeltern. Aus Holms Berichten geht nichts derartiges hervor. Mir
+erscheint es jedoch nicht unwahrscheinlich, daß sie gleich den
+Amuletten oft in einer gewissen Verbindung mit den Toten stehen, also
+der Anfang (oder ein Ueberbleibsel) einer entwickelteren Totenverehrung
+sein können. So beschwor z. B. der Vater, wenn ein Junge zum ersten
+Mal in den Kajak gesetzt wurde, in einem Zauberliede die Seelen seiner
+verstorbenen Eltern oder Großeltern zum Schutze seines Sohnes.</p>
+
+<p>Ein Opfern an übernatürliche Mächte tritt bei den Grönländern nur
+wenig hervor. Das Gewöhnlichste ist, daß sie um einen guten Fang den
+Inue des Meeres, den sogenannten <em class="gesperrt">Kungusutarissat</em> (Plur. von
+<em class="gesperrt">Kungusutariak</em>), die Fuchsfleisch und Fuchsschwänze sehr lieben,
+etwas derartiges opfern, so oft sie Füchse erbeuten. Ebenso opfern sie
+auf Reisen gewissen Vorgebirgen, Gletschern oder dergl., die sie für
+gefährlich halten, um unbeschädigt vorbeizukommen. Die Opfergabe, meist
+Speise und Trank, oft aber auch<span class="pagenum" id="Seite_257">[S. 257]</span> Perlen und andere von ihnen geschätzte
+Dinge, werfen sie gewöhnlich vor den gefährlichen Stellen ins Meer.</p>
+
+<p>Außer diesen religiösen Zeremonien haben die Grönländer noch andere,
+namentlich gewisse Lebensregeln mit Fasten, Enthaltsamkeit und dergl.,
+die zum Beispiel Weiber vor und nach der Entbindung beobachten müssen.
+Auf alles dieses einzugehen, würde uns jedoch zu weit führen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Aus dieser Uebersicht über die religiösen Begriffe der Grönländer geht
+hervor, daß sie nicht so unberührt von äußeren Einflüssen geblieben
+sind, wie man bisher gerne glaubte. Einflüsse von verschiedenen Seiten
+her lassen sich nachweisen. Wir haben Mythen gefunden, deren Wiege
+im fernen Inneren Asiens zu suchen ist, ja wir fanden solche, die
+unzweifelhaft Grönland, Südafrika und die Fidschiinseln verbinden<a id="FNAnker_154" href="#Fussnote_154" class="fnanchor">[154]</a>.
+Zwischen den Wanderungen solcher Mythen liegen lange Zeiträume. Uns
+interessiert es natürlich am meisten, Spuren zu finden, nach denen
+das erste Auftreten unserer Vorfahren in Grönland sich nicht darauf
+beschränkte, einige Steinruinen zu hinterlassen, sondern auch dem
+geistigen Leben der Eingeborenen seinen Stempel aufdrückte. Ich habe
+hier noch einige Beispiele anzuführen von wunderbaren<span class="pagenum" id="Seite_258">[S. 258]</span> Ähnlichkeiten
+mit europäischem, besonders nordischem Aberglauben, der wahrscheinlich
+durch unsere Vorfahren dorthin verpflanzt wurde.</p>
+
+<p>Die Grönländer glauben, daß Kinder, die heimlich geboren werden und
+gleich nach der Geburt sterben oder umgebracht werden, gefährliche
+Gespenster (<em class="gesperrt">Angiak</em>) werden. Sie suchen sich unter anderem
+einen Hundekopf, den sie als Kajak benutzen, um ihre Verwandten zu
+verfolgen und zu töten. Ihre Rache trifft entweder die später von
+der Mutter noch geborenen Kinder oder auch z. B. den Bruder der
+Mutter, der sie durch die Mißbilligung ihres Betragens dazu zwang,
+im Geheimen zu gebären. Manchmal verfolgen sie auch Leute in Gestalt
+einer Feder, eines Fausthandschuhs oder dergleichen<a id="FNAnker_155" href="#Fussnote_155" class="fnanchor">[155]</a>. Die ganze
+Vorstellung gleicht sehr dem in Norwegen allgemein verbreiteten
+<em class="gesperrt">Utburden</em>glauben. Die Utburden sind Kinder, die heimlich zur
+Welt gebracht und getötet wurden, also keinen Namen haben. Sie finden
+keine Ruhe im Grabe und müssen entweder ihre Mutter oder Leute, die an
+ihrem Grabe vorübergehen, in Gestalt eines sichtbaren oder unsichtbaren
+Gespenstes verfolgen<a id="FNAnker_156" href="#Fussnote_156" class="fnanchor">[156]</a>. Die Aehnlichkeit zwischen der norwegischen
+und der grönländischen Vorstellung ist so groß, daß man es wohl als
+wahrscheinlich annehmen<span class="pagenum" id="Seite_259">[S. 259]</span> kann, sie sei durch die alten Norweger nach
+Grönland gebracht worden<a id="FNAnker_157" href="#Fussnote_157" class="fnanchor">[157]</a>.</p>
+
+<p>Gehen wir über zu den Märchen der Eskimos, so finden wir auch hier
+viele Aehnlichkeiten mit den norwegischen und europäischen. Wir
+haben z. B. in Norwegen ein noch ungedrucktes Märchen<a id="FNAnker_158" href="#Fussnote_158" class="fnanchor">[158]</a> von drei
+Schwestern, die außerordentlich heiratslustig waren. Die eine sagte:
+»Ich möchte mich zu gern verheiraten, wäre es auch nur mit einem
+Fuchs«; die zweite erklärte, sie sei schon mit einem Bock zufrieden,
+und die dritte wollte sogar ein Eichhörnchen nehmen. Da kamen ein
+Fuchs, ein Bock und ein Eichhörnchen und nahmen je eine Schwester zur
+Frau. Der Vater der Schwestern besuchte später seine Schwiegersöhne.
+Als er zum Eichhörnchen kam, bat dieses seine Frau, den<span class="pagenum" id="Seite_260">[S. 260]</span> Kessel über
+das Feuer zu hängen. Dann gingen sie alle drei aus und kamen an einen
+Fluß, wo das Eichhörnchen untertauchte und eine Forelle herausholte.
+Als der Vater nach Hause kam, bat er seine Frau, den Topf ans Feuer
+zu rücken und mit ihm zu kommen. Als sie an den Fluß kamen, wollte
+der Mann untertauchen, wie er es beim Eichhörnchen gesehen hatte,
+ertrank aber dabei. Dieses Märchen finden wir in Grönland in zwei
+Märchen geteilt wieder. In dem einen sind es zwei Schwestern, die am
+Ufer entlang gehen und sich dabei einen Walfisch und ein Eichhorn zum
+Manne wünschen. Die Tiere erscheinen auch prompt und holen sie<a id="FNAnker_159" href="#Fussnote_159" class="fnanchor">[159]</a>.
+Im zweiten ist es ein altes Ehepaar, das allein mit seiner Tochter
+lebte. Eines Tages kam ein großer, unbekannter Mann, sagte, er wohne
+nach Süden hin in der Nähe, und hielt um die Tochter an. Er bekam sie
+und bat dann beim Abschiednehmen den Schwiegervater, ihn zu besuchen.
+Der Alte that es denn auch. Als er ins Haus trat, hängte die Tochter
+den Kessel über das Feuer, und der Mann ging hinaus ins Freie. Der Alte
+sah ihm vom Fenster aus nach, erblickte aber nur eine Scharbe (Carbo),
+die aufs Wasser hinausflog, untertauchte und mit einem Kaulkopf
+wiedererschien. Gleich darauf brachte der Schwiegersohn einen Kaulkopf,
+der gekocht und dem Alten vorgesetzt wurde. Bei seiner Heimkehr bat
+dieser seine Frau, den Topf über die Lampe zu hängen, ruderte dann mit
+ihr eine Strecke weit vom Lande ab, band sich erst einen Stein um den
+Hals, darauf einen Riemen um den Leib und sagte schließlich zu seiner
+Frau: »Ich will untertauchen; wenn ich am Riemen ziehe, mußt Du<span class="pagenum" id="Seite_261">[S. 261]</span> mich
+wieder aufholen!« Er sprang aus dem Boote und sank unter; als ihn die
+Frau aber wieder aufzog, war er schon ertrunken<a id="FNAnker_160" href="#Fussnote_160" class="fnanchor">[160]</a>. Die Aehnlichkeit
+zwischen diesem Märchen und dem letzten Teile jenes norwegischen ist
+so groß, daß der gemeinsame Ursprung sich kaum bezweifeln läßt. Es
+ist aber möglich, daß es nicht durch die alten Nordländer, sondern
+durch Hans Egede und seine Leute oder auch in noch späterer Zeit nach
+Grönland kam.</p>
+
+<p>Folgendes Märchen ähnelt asiatischen sowohl wie europäischen Sagen. Ein
+Renntierjäger sah einmal eine Menge Mädchen in einem See baden. Als
+er die Kleider der Schönsten an sich nahm, mußte sie ihm folgen und
+seine Frau werden, während die anderen ans Ufer eilten, ihre Gewänder
+überwarfen, sich dadurch in Graugänse oder Fischenten verwandelten und
+fortflogen. Die Frau des Jägers bekam einen Sohn, sammelte nun aber
+Federn, machte davon zwei Federgewänder, mit denen sie sich und ihren
+Sohn in Vögel verwandeln konnte, und flog eines schönen Tages, als
+ihr Mann auf der Jagd war, mit dem Knaben fort. Er suchte sie überall
+und traf dabei einen Mann, der Holz in Späne zerschnitt. Die Späne
+verwandelten sich in Fische. Der Mann setzte ihn auf den Schwanz eines
+großen Lachses, der auch aus einem Spane gemacht war, und befahl ihm,
+die Augen zu schließen. Darauf brachte ihn der Fisch zu seiner Frau und
+seinem Sohne<a id="FNAnker_161" href="#Fussnote_161" class="fnanchor">[161]</a>. Die amerikanischen Eskimos haben ein ganz<span class="pagenum" id="Seite_262">[S. 262]</span> ähnliches
+Märchen. Bei den Samojeden wird erzählt, daß ein Mann auf Reisen ging
+und ein altes Weib, das Birken fällte, traf. Er half der Alten und
+ging darauf mit ihr ins Zelt. Dort versteckte er sich, und nun kamen
+sieben Mädchen, die mit der Alten redeten und dann wieder fortgingen.
+Die Alte sagte zu ihm: »Dort hinten, wo der Wald am dunkelsten ist,
+liegt ein See, und in dem wollen die sieben Mädchen baden. Geh hin
+und nimm einer das Kleid fort.« Er that es. Der Rest hat mit dem
+grönländischen Märchen nichts gemein, auch ist nicht die Rede davon,
+daß die Mädchen sich in Vögel verwandeln konnten, es wird nur erwähnt,
+daß ihre Heimat in der Luft oder im Himmel lag<a id="FNAnker_162" href="#Fussnote_162" class="fnanchor">[162]</a>. Dieses Märchen,
+dessen Aehnlichkeit mit dem grönländischen von Dr. Rink (»Mitteilungen
+über Grönland«, Heft 11, Supplement, Seite 117) betont wird, gleicht
+jenem jedoch nicht so sehr, wie ein isländisches, in dem von einem
+Mann erzählt wird, der eines Morgens früh an der See entlang ging und
+dabei auf den Eingang einer Höhle stieß. Er hörte drinnen lärmen und
+tanzen und sah draußen eine Menge Seehundshäute liegen. Eine davon
+nahm er mit nach Hause. Später im Laufe des Tages ging er wieder an
+den Eingang der Höhle. Da saß dort ein schönes, junges Mädchen, das
+ganz nackt war und bitterlich weinte. Sie war der Seehund, dem die Haut
+gehörte. Er gab ihr Kleider, nahm sie mit nach Hause, heiratete sie
+später und hatte auch Kinder. Eines Tages aber, als er auf Fischfang
+war, fand die Frau die alte Seehundshaut. Die Versuchung war zu groß,
+sie sagte ihren Kindern Lebewohl, hüllte sich<span class="pagenum" id="Seite_263">[S. 263]</span> in die Haut und stürzte
+sich ins Meer<a id="FNAnker_163" href="#Fussnote_163" class="fnanchor">[163]</a>. — Ueberdies ähnelt das grönländische Märchen auch
+den beinahe über die ganze Welt verbreiteten Schwanensagen, deren
+wir in Europa verschiedene haben. Daß es nicht in neuerer Zeit nach
+Grönland verpflanzt sein kann, beweist die Thatsache, daß Paul Egede
+es dort schon 1735 hörte. Die Möglichkeit, daß es die alten Nordländer
+nach Grönland brachten, scheint mir dadurch bekräftigt zu werden, daß
+Schwanensagen oder ähnliche Märchen in Amerika allem Anschein nach
+nicht verbreitet waren. So sagt z. B. Powers in seinem Buche über die
+kalifornischen Indianer, er habe bei ihnen nichts derartiges entdecken
+können<a id="FNAnker_164" href="#Fussnote_164" class="fnanchor">[164]</a>.</p>
+
+<p>Führte es uns hier nicht zu weit, so ließen sich noch mehr merkwürdige
+Uebereinstimmungspunkte zwischen den grönländischen Märchen und Sagen
+und europäischen, besonders nordischen, nennen. Es zeigt sich also, daß
+der Verkehr zwischen den alten Norwegern und den Eingeborenen nicht so
+oberflächlich sein konnte, wie man gewöhnlich annimmt<a id="FNAnker_165" href="#Fussnote_165" class="fnanchor">[165]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_264">[S. 264]</span></p>
+
+<p>Was ich hier an Aberglaube anzuführen hatte, scheint uns natürlich ein
+sinnlos verwirrtes Zeug, von dem frei zu werden nur Vorteil bringen
+könnte. Versetzen wir uns aber auf den Standpunkt der Grönländer, so
+möchte es wohl viel weniger sinnlos sein, als unsere christlichen
+Dogmen. Diese Dogmen müssen sie sich in ihre eigene Ideenwelt
+übertragen, wenn sie ihnen verständlich werden sollen. Mit anderen
+Worten: sie müssen sie erst mehr oder weniger heidnisch machen. Diese
+Umwandlung hat ihnen viel Arbeit gemacht, und wenn sie auch heute noch
+im Grunde Heiden sind und an ihre alten Sagen glauben, so hat doch die
+neue Lehre ihre Begriffe verwirrt. Schon allein deshalb könnte man
+meinen, das Richtigste wäre gewesen, sie ungestört bei ihrem alten
+Glauben zu lassen. Er gab ihnen, bei ihrem verhältnismäßig armen
+Ideengehalt, die leichteste Erklärung für ihre Umgebung. Er bevölkerte
+die Natur mit den übernatürlichen Mächten, deren sie als Trost
+bedurften, wenn ihnen die Wirklichkeit zu rauh und verwickelt wurde.
+Und wie charakterisieren diese Mythen den Eskimo! Man nehme nur seinen
+Wohnplatz<span class="pagenum" id="Seite_265">[S. 265]</span> im Jenseits. Dort giebt es weder Gold noch Silber, weder
+prächtige Kleider, noch prunkvolle Säle, wie in unseren Märchen, denn
+für ihn hat irdischer Reichtum keinen Wert. Dort giebt es auch keine
+schönen Frauen, blühende Gärten oder dergleichen. Nein, dort oben ist
+eine Erdhütte, nur etwas größer als die hienieden, und drinnen sitzen
+die Seligen und verzehren verfaulte Seehundsköpfe. Die Seehundsköpfe
+liegen in großen Haufen unter den Pritschen und nehmen nie ein Ende.
+Oder er erträumt sich dort herrliche Jagdgründe mit Massen von Wildpret
+und vielem Sonnenschein. Unser Paradies mit Engeln in weißen Gewändern,
+wo die Seelen ringsherum auf Stühlen sitzen, ist ihm ein langweiliges,
+farbloses Dasein. Er versteht es nicht, es kann keine Sehnsucht in ihm
+erwecken. Und wir können dem Angekok nicht böse sein, der Nils Egede
+erklärte, ihm sei das Haus des <span class="antiqua">Tornarssuk</span> oder des »Teufels«, wo
+er schon oft gewesen, viel lieber; denn »im Himmel ist keine Nahrung zu
+bekommen, aber in der Hölle giebt es Seehunde und Fische genug«.</p>
+
+<p>Man sollte erwarten, daß den Missionaren<a id="FNAnker_166" href="#Fussnote_166" class="fnanchor">[166]</a> bei einem so
+friedliebenden gutmütigen Volke wie den Eskimos der<span class="pagenum" id="Seite_266">[S. 266]</span> Sieg über
+den heidnischen Glauben hätte leicht werden müssen. Aber man kann
+nicht sagen, daß dies der Fall war. Die Eingeborenen hatten viel
+gegen die christlichen Behauptungen einzuwenden. So konnten sie z.
+B. nicht begreifen, daß das Vergehen Adams und Evas »so groß sein
+und so traurige Folgen nach sich ziehen« konnte, daß das ganze
+Menschengeschlecht deswegen verflucht sein sollte. »Da Gott alle Dinge
+weiß, weshalb hat er es denn zugelassen, daß die ersten Menschen
+sündigten?« Daß diese ihren freien Willen gehabt, schien ihnen geradezu
+dumm, und hätte Gott die That verhindert, so wären Adams Nachkommen
+nicht so verderbte Menschen geworden, und Gottes Sohn hätte nicht zu
+leiden brauchen.</p>
+
+<p>Ein Mädchen war durchaus unzufrieden mit den Antworten, die sie auf
+derartige Einwände erhielt. »Sie wollte solche Antworten haben, daß
+sie in ihrem Innern zustimmen und fühlen könnte, dies alles sei wahr,
+und nun könne sie diejenigen, die gegen diesen Teil unserer Lehre
+so viel zu sagen hätten, zum Schweigen bringen.« Ebenso fand man,
+daß Adam und Eva sehr einfältig gewesen sein müßten, da sie sich mit
+einer Schlange in Unterhaltung einließen, und »furchtbar versessen
+auf Obst, da sie lieber sterben und leiden, als auf ein paar große
+Beeren verzichten wollten«. Andere meinten, das sehe den Kavdlunakern
+(Europäern) ähnlich; denn »die gierigen Leute haben nie genug an dem,
+was sie haben, und wollen mehr haben, als sie brauchen«. Ein Angekok
+erklärte es für ein richtiges Pech, daß der große Angekok Christus,
+der sogar Tote wieder lebendig<span class="pagenum" id="Seite_267">[S. 267]</span> machen konnte, nicht bei den Eskimos
+geboren worden sei. Die hätten ihn geliebt, hätten ihm gehorcht
+und nicht an ihm gehandelt wie die schlechten Kavdlunaker. »Welche
+verrückte Menschen! den zu töten, der lebendig machen kann!« Da sie die
+Christen sich streiten und prügeln sahen, hatten sie wenig Vertrauen
+zur christlichen Lehre und erklärten: »Vielleicht würden wir durch
+solche Kenntnis auch unmenschlich.« Und sie meinten, es könne nur dann
+gesittete Europäer geben, wenn sie »einige Jahre in Grönland gelebt und
+<span class="antiqua">mores</span> gelernt hätten«.</p>
+
+<p>Einige, besonders hartnäckige Zweifler fragten, warum denn Gott, wenn
+das Christentum etwas so Notwendiges sei, sie nicht früher darin
+unterwiesen, da dann ja auch ihre Vorfahren hätten in den Himmel kommen
+können. Paul Egede antwortete, Gott habe vielleicht gesehen, daß sie
+sein Wort nicht würden angenommen, sondern es verachtet haben; dann
+aber wären sie noch strafbarer geworden. Darauf erklärte ein alter
+Mann, er habe viele gute Leute gekannt und selbst einen frommen Vater
+gehabt, und wenn es vielleicht auch Verräter des Wortes unter ihnen
+gab, »so waren doch auch Frauen und Kinder da, die immer leichtgläubig
+sind«. Ein andermal setzte Paul Egede ihnen auseinander, irdisches Gut
+oder »Lumpenzeug« sei viel zu unwürdig, um in den Himmel zu kommen. Ein
+Skeptiker entgegnete: »Ich wußte nicht, daß es nicht der Mühe wert ist,
+daran zu denken, daß wir es im Himmel gut haben sollen. Warum sollen
+wir denn wünschen, die Erde zu verlassen?«</p>
+
+<p>Als die Bibel übersetzt werden sollte, stellten sich große
+Bedenklichkeiten heraus. Selbst mehrere der christlichen Grönländer
+meinten, es würde ihren ungläubigen Landsleuten<span class="pagenum" id="Seite_268">[S. 268]</span> nicht dienlich
+sein, etwas von »Jakobs Falschheit und Betrügerei gegen seinen Vater
+und seinen Bruder, von der Polygamie der Patriarchen und besonders
+von Simeons und Levis beispielloser Schlechtigkeit« zu erfahren.
+»Lots Geschichte« erschien ihnen auch ungeeignet. »Ein Auszug des
+Bedeutendsten wäre gewiß besser für dieses Volk«<a id="FNAnker_167" href="#Fussnote_167" class="fnanchor">[167]</a>.</p>
+
+<p>Die Sakramente des Altars und der Taufe mußten ihnen natürlich als
+die ärgste Hexerei erscheinen. Als sie einmal einige Europäer diese
+Zeremonie vornehmen sahen, »fragte ein Angekok mich,« sagt Nils Egede,
+»weshalb ich immer auf die, welche hexen wollen, schimpfe; er habe nun
+doch selbst gesehen, wie der Priester über uns gehext«. Egede fand
+darauf nur die ziemlich nichtssagende Antwort, dies geschehe »auf
+Christi Gebot«; mehr brauchte seiner Ansicht nach »der Schafskopf nicht
+zu wissen«. Als die Missionare einmal einem Eskimo sagten, er sei »Gott
+für die vielen Kinder, die er ihm gegeben, besonderen Dank schuldig,«
+antwortete jener erbost: »Das, was Du sagst, daß Gott mir Kinder
+gegeben, ist eine große Lüge, denn ich habe sie selbst gemacht.« Zu
+seiner Frau gewandt, fügte er hinzu: »Ist das nicht wahr?«</p>
+
+<p>Ihre Kritik der Lehren und des Auftretens der Missionare war manchmal
+so beißend, daß selbst der verständige, brave Kaufmann Dalager zugeben
+muß: »Sogar die Dummsten, die weit entfernt von der Kolonie leben,
+haben mir in dieser Beziehung oft solche Objektionen gemacht, daß mir
+der Schweiß auf die Stirn trat und ich stöhnen mußte.«</p>
+
+<p>Der Gottesdienst scheint sie anfangs sehr gelangweilt zu haben. Sie
+wollten lieber von Europa hören und<span class="pagenum" id="Seite_269">[S. 269]</span> kamen mit vielen naiven Fragen,
+wie: »Ob der König sehr groß sei? Ob er stark sei? Ob er ein großer
+Angekok sei, und ob er viele Walfische gefangen habe?« Paul Egede
+erzählt, wenn sie fanden, sein Vater predige zu lange, gingen sie zu
+ihm hin und fragten, ob er nicht bald aufhören würde. Er mußte ihnen
+dann am Arme vormessen, ein wie großes Stück noch fehlte, und wenn
+ihnen dies gezeigt war, setzten sie sich wieder an ihren Platz und
+schoben jeden Augenblick die an den Arm gelegte Hand weiter. Sobald
+der Prediger nach einem Satz eine Pause machte, beeilten sie sich, mit
+der Hand bis auf die Fingerspitzen hinunterzugleiten. Wenn er aber
+wieder anfing, riefen sie »<span class="antiqua">Ama</span>«, was »Noch mehr« bedeutet, und
+schoben die Hand wieder bis auf den halben Arm hinauf. Mir, dem Leiter
+des Gesanges, hielten sie oft mit einem nassen Seehundsfellhandschuh
+den Mund zu, wenn ich einen neuen Psalm anstimmte oder ihnen zu lange
+sang. Das Benehmen der Missionare gegen die Eingeborenen ist nicht
+immer angemessen gewesen. Ich kann aus ihren eigenen Berichten ein
+paar Beispiele dafür anführen. »Ich ließ ihn wissen, daß er, falls er
+sich nicht im Guten überreden ließe, sondern Gottes Wort verachtete,
+von mir dasselbe Traktement erhalten sollte, das Angekoker und Lügner
+bekommen haben (nämlich Prügel).« — — »Nachdem ich es lange mit
+guten Worten und Ermahnungen versucht und alles nichts helfen wollte,
+griff ich zu meinem gewöhnlichen Mittel, bläute ihn tüchtig durch und
+jagte ihn aus der Thür«<a id="FNAnker_168" href="#Fussnote_168" class="fnanchor">[168]</a>. Ein Mädchen wurde von ihrem »Priester
+geschlagen, weil sie nicht glauben konnte, daß Gott so strenge sei, wie
+er ihn darstellte. Er hatte gesagt, alle ihre Vorfahren seien bei dem
+<span class="antiqua">Tornarssuk</span><span class="pagenum" id="Seite_270">[S. 270]</span> und müßten dort ewige Pein erdulden, weil sie nichts
+von Gott wüßten.« Sie entschuldigte ihre Vorfahren damit, daß sie nie
+etwas von ihm gehört, der Geistliche aber wurde zornig, und als sie
+gar sagte, »es sei ihr schrecklich zu hören, daß Gott ihnen für dieses
+Versehen so fürchterlich zürne, daß er ihnen in Ewigkeit nicht vergeben
+könne, was doch sonst nur böse Menschen zu thun pflegten,« bekam sie
+Schläge<a id="FNAnker_169" href="#Fussnote_169" class="fnanchor">[169]</a>. Von solchem Auftreten von Landsleuten und christlichen
+Missionaren einem so friedlichen Volke gegenüber zu hören, mag unseren
+Ohren unangenehm klingen. Die Thatsache wird aber schwerlich einen
+besseren Eindruck auf die Eingeborenen gemacht haben. Man muß die
+Gutmütigkeit der Eskimos bewundern, daß sie nicht darauf verfielen,
+die Missionare einfach zu vertreiben. Zu deren Entschuldigung kann
+etwa dienen, daß sie in Europa und in einem roheren Zeitalter, als das
+unsere ist, geboren sind.</p>
+
+<p>Anfangs ging es mit der Bekehrung der Eingeborenen schlecht und
+langsam. Dann aber machten diese allmählich die Entdeckung, daß
+die Missionare eigentlich große Angekoker und ihre Zeremonien, die
+Wassertaufe, Gottes Wort, Sprüche, die christlichen Bücher u. s. w.
+Zaubermittel waren. Die Zaubermittel schienen vorzüglich geeignet,
+Krankheiten zu heilen, gegen Not zu schützen, guten Fang und andere
+Vorteile zu verschaffen. Garnicht davon zu reden, daß die Bekehrung und
+ein wenig Kopfhängen oft sofortige Frucht einbrachte in Gestalt kleiner
+Belohnungen seitens der eifrigen Missionare. Sie sagten daher von
+diesen: »Es sind gute Leute, sie gaben uns zu essen, wenn wir glaubten
+und betrübt aussahen.« Als ein Vater, dessen Sohn gefährlich erkrankt
+war, verschiedene Angekoker<span class="pagenum" id="Seite_271">[S. 271]</span> vergeblich erprobt hatte, beriet er sich
+mit einem von ihnen, ob er nicht bei dem Geistlichen der Kolonie
+Trost suchen sollte. Der alte Angekok erwiderte gleichgültig: »Du
+kannst hierin nach Deinen Gedanken handeln, denn ich bin der Ansicht,
+daß Gottes Wort und die Worte vernünftiger Angekoker gleich kräftig
+sind.« Nach und nach wurde das denn auch die allgemeine Ansicht, und
+da es sich mehrmals so glücklich traf, daß Gottes Wort in ähnlichen
+Fällen kräftiger als das Wort eines Angekoks zu wirken schien, war
+es natürlich, daß einige sich taufen ließen. War erst einmal ein
+Beispiel gegeben, so folgten selbstverständlich viele, besonders, wenn
+angesehene Fänger vorangingen.</p>
+
+<p>Aber wenn die Grönländer auch dem Namen nach zum Christentume
+übergingen, hielten sie doch an ihrem alten Glauben fest und thun das
+sogar heute noch. Es hielt anfangs sehr schwer, ihnen das Falsche in
+den Erdichtungen und Geschichten ihrer Angekoker nachzuweisen. Wenn
+ihnen deswegen Vorwürfe gemacht wurden, antworteten sie der Wahrheit
+gemäß, daß »sie nicht gewohnt seien zu lügen, und deshalb alles
+glaubten, was man ihnen sage«. Als Beispiel ihrer Leichtgläubigkeit
+erzählt Nils Egede: »Am 23. Februarius kam eine Dirne weinend zu mir
+und klagte mir, daß ein altes Hexenweib von ihr gesagt habe, sie
+sei schwanger. Ich fragte, was dies mich angehe und wie sie sich so
+betragen könne, denn solches Thun zieme sich nicht für eine Jungfrau.
+Sie aber antwortete, sie wisse von keinem Manne, und bat mich dann,
+doch einmal ihren Leib zu befühlen, wie hart der sei. Da ich wußte, daß
+sie halbgargekochte Erbsen gegessen, sagte ich, dies sei ihr Leiden.«
+Er gab ihr darauf ein wenig Branntwein und sagte, sie »würde noch vor
+dem nächsten Morgen mit<span class="pagenum" id="Seite_272">[S. 272]</span> den Erbsen niederkommen.« Am nächsten Tage
+kam sie, um sich zu bedanken, und erklärte, »sie habe sich noch nie so
+geängstigt«. Als er sie fragte, wie sie habe so einfältig sein können,
+sich dergleichen einreden zu lassen, antwortete sie: »Wir glauben
+alles.«</p>
+
+<p>Daß sie jedoch nicht alles glaubten, was ihnen die Europäer erzählten,
+scheint doch unter anderem aus Folgendem hervorzugehen. Einige
+Grönländer versuchten Nils Egede einzureden, sie hätten auf Discö
+»einen Bären getötet, der so groß war, daß er Eis, das nie auftaute,
+auf dem Rücken hatte.« Egede blieb ungläubig. Da erklärten sie ihm:
+»Wir haben das, was Du uns erzählst, nie angezweifelt, Du aber willst
+das nicht glauben, was wir Dir sagen.«</p>
+
+<p>Als Beispiel, wie tief die christliche Anschauung geht und wie die
+Eskimos zum Teil noch heute die Taufe auffassen, sei eines erwähnt. Ein
+Katechet, also ein zum Geistlichen Ausgebildeter und Stellvertreter
+des Predigers, taufte vor einigen Jahren in Nordgrönland nicht nur die
+Kinder seiner Gemeinde, sondern auch die jungen Hunde im Namen des
+Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Seine Frau hatte keine
+Kinder, und diesem Uebelstande glaubte er dadurch abhelfen zu können,
+daß er sie taufte; das Jahr darauf gebar sie denn auch richtig einen
+Sohn.</p>
+
+<p>Was von ihrem alten Heidentum heutzutage am meisten in ihrer Phantasie
+spukt, ist nach meiner Erfahrung der Glaube an die <em class="gesperrt">Kivitut</em>
+oder Gebirgsmenschen (vergleiche weiter oben), die sie sehr fürchten
+und alle Augenblick zu sehen glauben. Während wir in Godthaab waren,
+wurden wiederholt welche gesehen. So oft ihnen etwas<span class="pagenum" id="Seite_273">[S. 273]</span> aus ihren
+Vorratsverstecken gestohlen wird, hat es natürlich ein Kivitok gethan,
+und verunglückt ein Kajakmann, ohne daß die Leiche antreibt, so ist er
+ins Gebirge gegangen und Kivitok geworden. Dieser Glaube scheint in
+neuerer Zeit sehr überhand genommen zu haben. Ein Katechet tadelt seine
+Landsleute deswegen in der »<span class="antiqua"><em class="gesperrt">Atuagagdliutit</em></span>« und ruft aus:
+»Nein, laßt uns von denen, die auf dem gefahrvollen Meere umkommen, nur
+glauben, daß ihre Glieder auf dem großen Kirchhofe des Meeresgrundes
+ausruhen und ihre Seelen in ewiger Seligkeit weiterleben!«<a id="FNAnker_170" href="#Fussnote_170" class="fnanchor">[170]</a></p>
+
+<p>Wie eingewurzelt ihre abergläubische Furcht ist, wurde mir einmal auf
+unheimliche Weise bewiesen. Ich ging in Godthaab eines Abends spät mit
+einem Brief, den fremde Kajakleute am andern Morgen in aller Frühe
+mitnehmen sollten, in ein anderes Eskimohaus. Als ich eintrat, lag das
+ganze Haus in tiefem Schlafe. Die dicht nebeneinander gedrängten Männer
+und Frauen auf der Hauptpritsche sahen aus, wie Heringe auf einer
+Trockenplatte. Um nicht mehr als nötig zu stören, wollte ich nur Jakob
+wecken, den einen unverheirateten Sohn des Hauses, der mir ein guter
+Freund war und mit dem ich täglich verkehrte. Ich rüttelte ihn und rief
+ihm »Jakob« ins Ohr. Er schlief ebenso fest weiter, und ich mußte ihn
+erst lange und nachdrücklich rütteln, ehe er endlich etwas blinzelte
+und grunzte. Als er mich aber über sich gebeugt sah, wurden seine Augen
+starr vor Entsetzen. Er fuhr in die Höhe, stieß einen gräßlichen Schrei
+aus und schlug mit Händen und Füßen um sich. Er schrie immer lauter
+und zog sich, unausgesetzt fechtend, immer mehr nach der Wandseite der
+Pritsche zurück. Nun fuhren auch die andern auf<span class="pagenum" id="Seite_274">[S. 274]</span> der Hauptpritsche in
+die Höhe und blickten mich ebenso starr und verglast an, während ich
+Aermster vor Staunen darüber, daß meine friedliche Wenigkeit einen
+solchen Spektakel verursachte, ganz sprachlos dastand. Endlich wurde
+ich wieder Herr über meine Zunge, näherte mich Jakob, reichte ihm
+die Hand und sprach einige beruhigende Worte. Nun aber wurde es noch
+ärger. Da ich sah, daß alles Reden umsonst war, schwieg ich still und
+fing an zu lachen, und nun hörte das Geheul ebenso plötzlich auf, wie
+es begonnen hatte. Jakobs Gesicht färbte sich so rot, als es entfärbt
+gewesen war, und er murmelte beschämt etwas davon, er habe geträumt,
+ein Kivitok wolle ihn ins Gebirge schleppen. Ich gab ihm den Brief
+und machte mich möglichst schnell aus dem Staube. Den nächsten Tag
+wußte die ganze Kolonie, daß ich der Kivitok gewesen, den man in der
+Nachbarschaft hatte heulen hören.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="b2740_deco">
+ <img class="w100" src="images/b2740_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_275">[S. 275]</span></p>
+
+ <figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p2750_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p2750_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_XIV"><span class="s5a">Kapitel XIV.</span><br>
+Europäer und Eingeborene.</h2>
+</div>
+
+<p>Das Verhalten der Europäer gegen die Grönländer steht in vieler
+Beziehung einzig da. Man hat die Grönländer besser behandelt als
+alle anderen Naturvölker, die je unseren Zivilisationsversuchen
+ausgesetzt waren. Die dänische Regierung verdient für ihr Auftreten
+in dieser Hinsicht die höchste Anerkennung, und es wäre nur zu
+wünschen, daß andere Staaten ihrem Beispiele folgen möchten. Sie hat
+in ihrer Handlungsweise nicht unwesentlich auf das wirkliche Wohl
+der Eingeborenen Rücksicht genommen, und man kennt kaum ein anderes
+Jagdvolk, das in so enge Berührung mit Zivilisation und Christentum kam
+und sich dabei so gut und so lange halten konnte.</p>
+
+<p>Ein Eifer für die einmal gewählte Aufgabe, wie der, der unsern
+Landsmann Hans Egede und die ersten Missionare in dieses damals wenig
+bekannte Land trieb und sie dort Entbehrungen genug ertragen ließ, ist
+sicherlich auch nicht gewöhnlich. Es geschah in guter Absicht, und
+sie meinten das zeitliche und ewige Wohl der Eingeborenen zu fördern.
+Vergleichen wir diese Mission und die ganze Behandlung Grönlands
+mit dem Auftreten der zivilisierten Völker an anderen Stellen der
+Erde, so gelangen wir zu<span class="pagenum" id="Seite_276">[S. 276]</span> der Ueberzeugung, daß durch das Ganze
+ein außergewöhnlich humaner Geist geht, und wer die Geschichte der
+grönländischen Verwaltung verfolgt, wird ständig neue und trostreiche
+Beweise finden.</p>
+
+<p>Aber die zivilisierten Menschen sind nur einmal trotz allen guten
+Willens geneigt, auf ein Naturvolk wie auf eine tiefer stehende Rasse
+hinabzusehen. Davon finden wir auch in der grönländischen Geschichte
+verschiedene Spuren. Sogar der begeisterte Hans Egede, aus seinen
+eigenen Schriften werden wir es sehen, verachtete in nicht geringem
+Maße die Eingeborenen, die zu bekehren er für seine Lebensaufgabe
+hielt. Ja er sagt selbst, daß er sie oft ohrfeigte und mit einem
+Tauende auf den nackten Rücken schlagen ließ. Als er einmal von einem
+Knaben erfuhr, daß ein Angekok, Namens Elik, gesagt, es würde leicht
+sein, die ins Land gekommenen fremden Männer auszurotten, zog er mit
+sieben Bewaffneten aus, überfiel den Angekok, nahm ihn gefangen und
+brachte ihn in die Kolonie. Dort »erhielt er einige Schläge mit dem
+Tauende und wurde in Fesseln gelegt«. Am Abend kamen die Söhne des
+Angekoks, um sich nach ihrem Vater zu erkundigen, und »durften nach
+erbetener Erlaubnis ihre Zelte nach der Kolonie bringen«. Einige
+Tage darauf wurde der Gefangene frei gelassen und zog mit den Seinen
+ab. Man sollte glauben, daß die Grönländer den Fremden nach solcher
+Behandlung grollen mußten, aber ihre Gutmütigkeit und Gastfreiheit ist
+unvergleichlich. Das Schicksal wollte, daß im Winter darauf Hans Egedes
+Sohn Paul, der auch an jener Gewaltthat beteiligt war, vom Sturm an
+einen Ort verschlagen wurde, wo er unerwartet den Angekok Elik traf. Es
+war ihm, wie er selbst sagt, nicht<span class="pagenum" id="Seite_277">[S. 277]</span> angenehm, ihn mit so vielen Fremden
+zu treffen, aber zu seinem großen Erstaunen wurden die Verirrten von
+dem Angekok eingeladen. Er legte sogar auf seine eigene Pritsche ein
+Renntierfell für Paul Egede. Der Missionar mußte drei Tage da bleiben
+und wurde aufs beste bewirtet<a id="FNAnker_171" href="#Fussnote_171" class="fnanchor">[171]</a>. Das heißt doch »Böses mit Gutem
+vergelten« und »die lieben, die Euch hassen«. Egede aber meinte, es sei
+die Bereitwilligkeit der Grönländer, sich in »ihre Strafe, wenn sie sie
+verdient zu haben glauben«, zu finden.</p>
+
+<p>Hans Egede hatte noch eine Angewohnheit, die gerade keine große
+Rücksicht gegen die Eingeborenen verrät. Er nahm dann und wann Kinder
+gegen den Willen der Angehörigen zu sich und behielt sie, um von ihnen
+die Sprache zu erlernen. Deshalb dichteten sie auch ein Lied über ihn:
+»Es ist von Westen her über das große Meer ein fremder Mann gekommen,
+der Knaben stiehlt und ihnen dicke Suppe mit Haut darauf (Brei) und
+getrocknete Erde aus seinem eigenen Lande (Schiffszwieback) zur Speise
+giebt«. Als Paul Egede einmal einer Mutter ein Geschenk anbot, damit
+sie ihm ihren Sohn noch länger ließe, antwortete sie, Kinder seien
+keine Handelsware.</p>
+
+<p>Noch heute finden wir in Grönland Beweise dafür, wie schwer es
+ist, sich von der eingewurzelten Verachtung für alle sogenannten
+Eingeborenen freizumachen. Die Kolonisation der Europäer hat nur den
+Zweck, dem Lande Gutes zu thun. Der Handel wird ja ausschließlich zum
+Besten der Missionare und der Eingeborenen getrieben. Das hat jedoch
+nicht verhindern können, daß in der sozialen Stellung der Europäer und
+der Fremden ein großes Mißverhältnis<span class="pagenum" id="Seite_278">[S. 278]</span> entstand. Die Fremden gelten
+bei sich selbst, wie bei den Grönländern als eine höhere Rasse, als
+die Herren des Landes, denen man gehorchen muß, während sie doch,
+wenn sie wirklich nur um der Eingeborenen willen da wären, eher deren
+aufopfernde Diener sein müßten. Teils bewußt, teils unbewußt, haben
+die Europäer gut dafür gesorgt, ein solches Verhältnis zu entwickeln
+und die Eingeborenen stets nur wie ihre Untergebenen zu behandeln. Wir
+kamen ja in das Land, um das Christentum zu predigen. Wie aber stimmt
+dies mit unserer christlichen Freiheits- und Gleichheitslehre?</p>
+
+<p>Als Beispiel, wohin dieses Verhältnis führen kann, ist zu erwähnen, daß
+es in den meisten südgrönländischen Kolonien den Eskimos verboten ist,
+Hunde zu halten, weil die paar dort wohnenden europäischen Familien
+Ziegen zu halten wünschen. Das Verbot ist allerdings in mehreren Fällen
+vom Vorstande (vergl. S. 281 f.) erlassen worden, aber die Europäer
+selbst haben es beantragt, und da die Grönländer sich, wie gesagt,
+ihnen in allen Dingen fügen, war es nicht schwer, sich ihrer Zustimmung
+gegen den eigenen Wunsch zu versichern. Ich habe sie nachher sich
+bitter beklagen hören, daß sie so dumm sein konnten, für ein solches
+Verbot zu stimmen. Am grellsten tritt die Ungerechtigkeit zu Tage,
+wo sich die deutschen Missionare aufhalten. Dort erläßt der fromme
+Herr einfach einen Ukas, der seiner ganzen Gemeinde das Hundehalten
+verbietet, damit seine Ziegen unbelästigt bleiben.</p>
+
+<p>Ich habe mit sonst sehr verständigen und warmherzigen Leuten dort oben
+gesprochen, die meinten, es sei doch klar, daß das Halten von Hunden
+verboten sein müsse, da diese ja die Ziegen jagten und ängstigten.
+Wandte man dann<span class="pagenum" id="Seite_279">[S. 279]</span> ein, daß es doch vernünftiger sei, die Ziegen zu
+verbieten, da der Europäer nur wenige, der Grönländer aber viele
+seien, so wurde man einfach ausgelacht. Daß sie selbst erst in das
+Land übersiedelten und die Eskimos seit unvordenklichen Zeiten Hunde
+gehalten haben, davon redete keiner. Auch schienen sie es nicht weiter
+für schlimm zu halten, daß die Ziegen oft den Rasen von den Wänden und
+Dächern der Grönländerhäuser losrissen, Schaden unter den zum Trocknen
+aufgehängten Fischen der Eskimos anrichteten und ähnlichen Unfug
+ausübten.</p>
+
+<p>Des weiteren bezeichnend für die Art, mit der man die Rechte eines
+Europäers und eines Eingeborenen betrachtet, sind die Verordnungen über
+den Branntweinverkauf. Während es (wie in Kapitel <span class="antiqua">V</span> erwähnt)
+verboten ist, den Kindern des Landes Schnaps zu verkaufen, können die
+Europäer dort oben soviel bekommen, als sie nur wünschen. Das ist ein
+Mißgriff; denn es muß die Eingeborenen empören, ständig zu sehen, daß
+sie selbst nicht gut genug sein sollen, das zu bekommen, worauf der
+schlechteste Europäer ein Anrecht hat. Noch schädlicher aber wirkt die
+Verordnung deshalb, weil sie dahin führt, daß die Grönländer im Dienste
+des Handels oder der Europäer täglich Branntwein bekommen können, und
+alle anderen ebenso, sobald sie den Europäern etwas verkaufen. Daß
+dies zu den gröbsten Mißbräuchen führt, liegt auf der Hand. Ich will
+mich nicht einmal dabei aufhalten, daß es einzelnen, hervorragenderen
+Eingeborenen von gemischter Herkunft gestattet ist, sich alljährlich
+bestimmte Mengen dieses Getränkes aus Europa zu verschreiben.</p>
+
+<p>Das Verbot des Branntweinverkaufes ist natürlich eine direkte
+Notwendigkeit, wenn der Untergang der Eingeborenen<span class="pagenum" id="Seite_280">[S. 280]</span> nicht in hohem
+Grade beschleunigt werden soll. Jedoch wäre es dann das einzig Wahre
+und Folgerichtige, daß sich dieses Verbot auf die Europäer sogut wie
+auf die Eingeborenen erstreckte. Ich weiß, daß manche behaupten,
+dies sei den Europäern gegenüber, die stets an Alkoholgenuß gewöhnt
+waren, eine ungerechte Forderung. Ich weiß auch, daß dieser Grund
+besonders einschlägt bei den Leuten aus Dänemark, wo ja selbst in der
+Arbeiterklasse bei den meisten Mahlzeiten ein Schnaps genommen wird,
+Alkohol also als Bedarfsgegenstand gilt. Dessenungeachtet kann ich nur
+finden, daß es für alle Teile das Beste und Richtigste gewesen wäre.
+Ungerecht kann man ein solches Verlangen nicht nennen, denn es steht
+jedem, der sich nach den Bedingungen erkundigt, frei, aus Grönland
+wegzubleiben, und ich hege keine Befürchtung, daß dort oben nicht doch
+noch genug Europäer bleiben werden.</p>
+
+<p>Meine Forderungen aber gehen weiter. Ich meine, man müßte nicht nur den
+Branntweinverkauf verbieten, sondern auch den Handel mit Kaffee, Tabak,
+Thee und den anderen entschieden schädlichen oder wertlosen Produkten,
+die wir bei den Eingeborenen einführten. Sie hatten wahrhaftig keine
+Sehnsucht danach, es dauerte sogar lange Zeit bis wir sie gelehrt,
+an diesen Dingen Genuß zu finden, ja, die Ostgrönländer mögen z. B.
+noch heute keinen Kaffee. Auf der Westküste haben wir indessen, wie
+oben erzählt, unheimlichen Erfolg gehabt, und der Kaffee ist kein
+unwesentlicher Faktor bei ihrem Untergang. Verböte man aber, den
+Eingeborenen Kaffee zu verkaufen, so müßte seine Einfuhr auch für die
+Europäer untersagt werden. Dies wird manch einer Fanatismus nennen. Mag
+er es thun, ich bin nun einmal der Ansicht, daß, wenn wir wirklich<span class="pagenum" id="Seite_281">[S. 281]</span>
+zum Besten der Grönländer in das Land gekommen sind und dort wohnen
+wollen, um sie zu unterrichten, wir dies auch mit Thaten zeigen und
+den Forderungen einer solchen verantwortlichen, schwierigen Aufgabe
+völlig gerecht werden müssen, indem wir uns in die kleinen Entbehrungen
+schicken, die sie uns auferlegt. Solch aufopfernde That läßt sich nicht
+ohne Entbehrungen durchführen; Christi Apostel haben auch Leiden auf
+sich genommen, und können wir dies nicht, so sind wir einer solchen
+Aufgabe nicht gewachsen, sind ihrer auch nicht würdig und sollten
+lieber davon ablassen. Sind wir indessen nicht um der Grönländer
+willen, sondern unsertwegen gekommen, dann freilich ändert sich die
+Sache. Dann müssen wir aber auch das Ding beim rechten Namen nennen und
+nicht mit dem des Christentums und dem der Zivilisation schmücken.</p>
+
+<p>Um einigermaßen dem gesetzlosen Zustande abzuhelfen, der infolge der
+Missionsthätigkeit und ebenso sehr dadurch entstehen mußte, daß die
+zugezogenen Fremden bis zum Geringsten herab sich berechtigt glaubten,
+die Eingeborenen zu verachten und zu beherrschen, hat <span class="antiqua">Dr.</span>
+Rink mindestens die Einrichtung der sogenannten <em class="gesperrt">Vorstände</em>
+durchgesetzt. Sie bestehen aus eingeborenen Mitgliedern, von denen jede
+Ansiedlung oder jeder kleinere Kreis je eines wählt. Der Zweck war die
+Ordnung aller inneren Gemeindeangelegenheiten, die Festsetzung der
+Armenunterstützungen, die Aufrechthaltung von Zucht und Ordnung u.s.w.
+Da die Grönländer selbst von solchen Dingen nichts verstanden, sollte
+der Prediger jedes Distrikts als Vorsitzender und die dort wohnenden
+Europäer als Mitglieder im Vorstande sein, um den eingeborenen
+Vorstehern Rat zu erteilen und sie zu leiten. Es hat jedoch den
+Anschein, als ob die Europäer<span class="pagenum" id="Seite_282">[S. 282]</span> nach und nach die wirkliche Macht
+erlangt hätten und die anderen sich nach ihren Wünschen richteten.
+Der schöne Gedanke dieser Institution, die Eingeborenen sollten sich
+auf diese Weise selbst regieren lernen, ist sicher aller Anerkennung
+wert. <span class="antiqua">Dr.</span> Rink hat dadurch wirklich eine Wendung zum Besseren in
+der neueren Geschichte der Grönländer herbeigeführt. Die Institution
+leidet jedoch am nämlichen Fehler wie alle anderen Veranstaltungen
+der Europäer zum Besten der Eingeborenen, nämlich daran, daß sie
+nicht aus dem Volke selbst hervorging, das von ihr Gebrauch machen
+soll. Es ist nie Sache des Augenblicks, neue soziale Bräuche wirklich
+durchzuführen. Dergleichen geschieht nicht willkürlich, sondern ist die
+Frucht langsamer Entwicklung eines Volkes. Eine Institution, die von
+Fremden ausgeht, wird jedenfalls sehr lange Zeit brauchen, ehe sie sich
+wirklich einbürgert. Viele Grönländer halten es jetzt für eine Ehre,
+Vorsteher zu sein. Ich habe aber auch Beispiele gesehen, daß andere,
+und zwar die Tüchtigsten, sich dagegen sträubten. Sie hielten es für
+wichtiger, ihrem Fange nachzugehen und ihre Familie zu versorgen, als
+lange Reisen zu machen, um Sitzungen beizuwohnen, in denen sie bei
+ihrem großen Respekt vor den Europäern doch nur diesen zu Munde reden
+und die von ihnen gewünschten Bestimmungen treffen könnten.</p>
+
+<p>Man könnte sich aus dem Vorhergehenden und aus manchem Anderen, was
+in diesem Buche zu sagen war, zu dem Schluß berechtigt glauben, daß
+die Grönländer ein wenig selbständiges Volk seien und wie geschaffen
+zur Unterwerfung. Aber dieser Schluß ist falsch. Die Grönländer
+haben im Gegenteil ursprünglich ein sehr ausgeprägtes Freiheits- und
+Selbständigkeitsgefühl. Als die<span class="pagenum" id="Seite_283">[S. 283]</span> Europäer zuerst ins Land kamen,
+standen die Eingeborenen nach ihrer eigenen Schätzung mindestens ebenso
+hoch wie jene. Der Gedanke, daß man zu irgend jemand in untergeordnetem
+oder dienendem Verhältnis stehen könnte, wie sie es bei den Europäern
+sahen, erschien ihnen ebenso fremd, wie entwürdigend. Allerdings hat
+bei ihnen der Hausvater über seine Familie oder über die Familien, die
+gemeinsam ein Haus bewohnen, eine gewisse Herrschaft. Sie ist aber den
+Verhältnissen so angemessen und tritt so wenig hervor, daß sie kaum
+fühlbar ist. Gesinde haben sie auch, insofern Mädchen und Frauen ohne
+Eltern oder Versorger oft von guten Fängern aufgenommen werden und
+mit der Hausmutter, den Töchtern und den Schwiegertöchtern zusammen
+alle Arbeit verrichten müssen. Sie sind den andern aber in der Regel
+gleichgestellt, und das Dienstverhältnis besteht mehr nur dem Namen
+nach. Männliche Diener dagegen kommen nicht vor. Es wurde ihnen schwer,
+sich mit dem Gedanken auszusöhnen, Diener eines anderen zu sein. Noch
+heute leiden sie vor allem nicht Aufträge in befehlendem Tone, wenn sie
+sich auch in ihrer großen Friedfertigkeit oft schweigend darin finden.</p>
+
+<p>Dieses ausgeprägte Freiheitsgefühl machte es den Europäern anfangs
+schwer, grönländische Diener zu bekommen. Allmählich aber hat die
+Civilisation die Grönländer auch nach dieser Richtung demoralisiert.
+Jetzt treten selbst Fänger in den Dienst des Handels und sind sogar
+stolz darauf, da sie nun unter anderem auch als dänische »Beamte« jeden
+Morgen ihren <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Snapsemik</span></em> bekommen.</p>
+
+<p>Die dänischen Frauen aber werden mir noch heute bezeugen, daß man seine
+liebe Not damit haben kann, den Stolz grönländischer Mägde nicht zu
+verletzen. Diese Mägde<span class="pagenum" id="Seite_284">[S. 284]</span> sind flink und liebenswürdig, solange man sie
+gut behandelt. Sagt man ihnen aber ein hartes Wort, so verschwinden
+sie oft ohne weiteres und kommen nicht wieder. Mag nun die betreffende
+Hausfrau nicht zu Kreuze kriechen und um Verzeihung bitten, so kann
+sie sich nach einer andern Magd umsehen. Wenn der Grönländer bisweilen
+einen sklavischen Eindruck macht, so kommt dies, glaube ich, von der
+verblüffenden Geduld, mit der er sich in alles findet und sogar die
+offenbarste Ungerechtigkeit mit überlegener Ruhe hinnimmt. Diese
+Geduld muß es sein, was <em class="gesperrt">Egede</em> die angeborene Dummheit und
+Gleichgültigkeit der Grönländer, die unvernünftige und viehische
+Erziehung ihrer Kinder u. s. w. nennt. Ich glaube, ein hartes Los hat
+sie diese dem Anscheine nach phlegmatische Ruhe gelehrt. Schon ihr vom
+Zufall abhängiger Fang stellt die Geduld oft auf eine harte Probe,
+dann bereits, wenn das Schicksal ihnen so ungünstig ist, daß sie Tag
+für Tag ohne Beute zu ihrer darbenden Familie zurückkehren müssen.
+<em class="gesperrt">Egede</em> darf sicher am allerwenigsten über diese Eigenschaft
+klagen. Wäre sie und die große Friedfertigkeit nicht ein Hauptzug der
+Eskimos gewesen, so hätten sie sich gewiß nicht so ruhig in das oft
+gewaltsame Auftreten der ersten Europäer gefunden. Ich habe oft genug
+ihre stoische Geduld bewundern müssen, wenn sie z. B. des Morgens
+stundenlang im Hausgange des Kolonialverwalters oder draußen vor seiner
+Thür im Schneegestöber warten mußten, da der Herr Verwalter und sein
+Handelsgehülfe anderweitig beschäftigt waren. Sie wollten ein kleines
+Geschäft mit ihnen machen, bevor sie in ihr Heim zurückkehrten, das oft
+viele Meilen von der Kolonie entfernt lag, und es mochte für sie von
+großer Bedeutung sein, möglichst bald abzufahren. Manchmal sah<span class="pagenum" id="Seite_285">[S. 285]</span> sogar
+das Wetter unsicher aus, und dann war jede Minute mehr als kostbar,
+aber sie warteten gleich ruhig und scheinbar gleichgültig. Fragte ich
+sie, ob sie abreisen wollten, so antworteten sie nur: »Ich weiß nicht«
+oder »Ja, wenn das Wetter nicht schlechter wird« oder dergleichen, nie
+aber hörte ich sie sich beklagen.</p>
+
+<p>Folgende Geschichte aus Godthaab illustriert besser als alles andere
+diese Seite ihres Charakters. Ein Inspektor schickte einmal ein
+Frauenboot mit Besatzung nach dem Ameralikfjord, um dort Gras für seine
+Ziegen zu holen. Die Leute blieben indessen lange fort, und niemand
+konnte begreifen, wo sie blieben. Endlich kamen sie wieder. Als der
+Inspektor sie fragte, wo sie so lange geblieben seien, antworteten sie,
+bei ihrer Ankunft sei das Gras noch zu kurz gewesen, und daher hätten
+sie sich dort niedergelassen und gewartet, bis es lang genug war.</p>
+
+<p>So warten die Grönländer ruhig, bis ihr eigener Untergang gleichfalls
+zur Reife gediehen ist. — Es ist ein geduldiges Volk.</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p2850_deco">
+ <img class="w100" src="images/p2850_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_286">[S. 286]</span></p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p2860_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p2860_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_XV"><span class="s5a">Kapitel XV.</span><br>
+Was haben wir erreicht?</h2>
+</div>
+
+<p>Der Zweck unserer Mission und unserer Kulturarbeit in Grönland war
+zunächst, daß sie uns bei Gott und den Menschen Ehre bringen und die
+Seligkeit in jener Welt sichern sollten. Danach aber wollten wir auch
+den Eingeborenen nützen. Haben wir das nun erreicht?</p>
+
+<p>Betrachten wir erst die rein materielle Seite. Von vornherein sollte es
+scheinen, als müßten wir diesem auf der Stufe des Steinalters lebenden
+Volke viele Dinge zur Erleichterung seines harten Daseinskampfes
+bringen können. Das war in Wirklichkeit durchaus nicht der Fall.
+Das Wichtigste, die Waffen, und die Fanggeräte, haben wir in keiner
+Hinsicht verbessern können. Allerdings haben wir Eisen gebracht, und
+dieses ist besser für die Harpunenspitzen und Messer. Aber teils
+besaßen die Grönländer es schon, teils kamen sie auch so aus. Sie gaben
+ihren Harpunen Spitzen von hartem Stein oder Knochen, ihre Messer
+machten sie aus demselben Material und fingen damit reichlich so viele
+Seehunde wie jetzt.</p>
+
+<p>Unsere Schußwaffen aber waren für sie doch ein großer Fortschritt?
+Gerade das Gegenteil. Die Flinte hat sie verleitet, unter den
+Renntieren eines kleinen augenblicklichen<span class="pagenum" id="Seite_287">[S. 287]</span> Gewinnes halber entsetzliche
+Verwüstungen anzurichten. Das ging soweit, daß auf dem kleinen Streifen
+nackten, zerklüfteten Landes längs der Westküste alljährlich mindestens
+<em class="gesperrt">sechzehntausend</em> Renntiere erlegt wurden. Es wurde von ihnen
+meistens nur das Fell mitgenommen und an die Europäer verkauft, während
+das Fleisch liegen blieb und nutzlos verfaulte. Daß dies die Renntiere
+beinahe ausrottete, ist klar, und die Jagd mußte so ziemlich aufhören,
+weil »die Renntiere die Küste verlassen« hatten. Als die Jagd noch
+mit Pfeil und Bogen betrieben wurde, war sie sehr einträglich, das
+Abschlachten wurde nie so groß, daß der Renntierbestand sich nicht
+hätte halten können.</p>
+
+<p>Aber auch für die Seejagd war das Gewehr kein Glück. Wenn viele
+Seehunde in einem Fjorde sind, werden sie durch die Schüsse erschreckt
+und gehen sofort ins offne Meer, während der Harpunenfang lautlos vor
+sich ging. Es ist natürlich leichter, einen Seehund zu schießen, als
+ihn mit der Harpune zu erlegen, und darum hat die Flinte die alte
+Methode in Verfall gebracht. Und doch war sie für die Eskimos die
+wichtigste; denn während der Flintenfänger bei stürmischem Wetter zu
+Hause sitzen muß, kann der Harpunenfänger stets hinaus und für seine
+Familie sorgen. Ferner ist der Harpunenfang rationeller, weil man dabei
+in der Regel auch die nur verwundeten Tiere mit heimbringt, während man
+mit dem Gewehr oft die Tiere nur anschießt und viele sogar erlegt, ohne
+sie dann auch zu bekommen.</p>
+
+<p>Die Schrotflinte hat sich ebensowenig als nützlich erwiesen. In
+vielen Distrikten hat die Einführung dieses Gewehres die Bewohner
+dazu verleitet, sich mehr auf die<span class="pagenum" id="Seite_288">[S. 288]</span> leichtere Vogeljagd als auf den
+Seehundsfang zu legen, der doch das ist und bleibt, wovon das Dasein
+der Eskimogesellschaft abhängt. Der Seehund liefert Fleisch und Speck
+zum Essen wie zum Brennen, er giebt Fell zu Kajaken, Booten, Zelten,
+Häusern, Kleidern, Stiefeln u. s. w. — er läßt sich nicht ersetzen.
+Ein anderes Ungemach ist, daß die Grönländer mit Hilfe der Schrotflinte
+auf einige Vögel, wie die Eidervögel, derartig Jagd machen können,
+daß ihre Zahl mit jedem Jahre abnimmt. Auch das kann kein gutes Ende
+nehmen, denn die Vogeljagd ist für viele Familien Lebensbedingung
+geworden. In Godthaab z. B. leben die Einwohner den größten Teil
+des Winters davon, und dort giebt es nur wenige, die dann auf den
+Seehundsfang ausgehen können. Früher erlegte der Eskimo das Federwild
+mit dem Wurfpfeil. Er erbeutete auch damals viele Vögel und bekam, »was
+er nur verwundete«. Wenn er jetzt dagegen seine Schrotladung in die
+Eidervögelschar hineinfeuert, läßt sich kaum zählen, wie viele fallen,
+ohne irgend wem zugute zu kommen.</p>
+
+<p>Nein, wir können uns wahrhaftig nicht schmeicheln, ihre Fangmethoden
+vervollkommnet zu haben, wir haben nur eine Unordnung hineingebracht,
+deren zerstörende Folgen noch nicht zu übersehen sind.</p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="p2881_ill" style="max-width: 56.25em;">
+ <img class="w100" src="images/p2881_ill.jpg" alt="">
+ <figcaption class="caption">Auf der Sommerreise.</figcaption>
+</figure>
+
+ <p>Das Schlimmste von allem aber, und gar nicht wieder gut zu machen
+ist der Schaden, den wir ihnen mit der Einführung aller unserer
+europäischen Produkte beigebracht haben. Wir sind, wie erwiesen,
+unmoralisch genug gewesen, den Eskimo an Kaffee, Tabak, Brot,
+europäisches Zeug und Putz zu gewöhnen, und er hat uns seine
+notwendigen Seehundsfelle und seinen Speck verkauft, um sich dafür
+anzuschaffen, was ihm doch nur den zweifelhaften Genuß des
+<span class="pagenum" id="Seite_289">[S. 289]</span>Augenblicks gewährte. Inzwischen verfaulte sein Frauenboot aus Mangel
+an Häuten, er konnte sich kein Zelt mehr aufschlagen, und es kam sogar
+vor, daß der Kajak, die Lebensbedingung eines Eskimos, ohne Bezug
+auf dem Lande lag. Im Winter mußte man in den Häusern die Lampen oft
+ausgehen lassen, weil der Speck im Herbst an die Handelsgesellschaft
+verkauft worden war. Der Eskimo selbst ging im Winter oft in schlechten
+europäischen Lumpen, statt der guten, warmen Pelzkleidung, die er
+früher trug. Er ist immer ärmer geworden, die schönen Sommerreisen
+mußten zum großen Teile eingestellt werden, weil Frauenboot und Zelt
+verloren sind, und das ganze Jahr hindurch bleiben sie eingeschlossen
+in den engen Häusern, wo ansteckende Krankheiten einen so guten Herd
+finden und schlimmer als je am Volke zehren. Als ein Beispiel, wie
+weit der Verfall an einigen Stellen vorgeschritten ist, läßt sich
+anführen, daß an einem Orte bei Godthaab vor einigen Jahren noch elf
+Frauenboote<a id="FNAnker_172" href="#Fussnote_172" class="fnanchor">[172]</a> waren, während es dort jetzt nur noch ein einziges
+giebt — und dieses einzige gehört dem Missionar<a id="FNAnker_173" href="#Fussnote_173" class="fnanchor">[173]</a>.</p>
+
+<p>Sieht man die grönländischen Volkszählungslisten der letzten Jahre
+an, so könnte man sich beruhigt fühlen. Die Zahl der Eingeborenen auf
+der Westküste betrug 1855 nur 9644 Seelen, während sie sich 1889 auf
+10177 belief. Man sollte aber sein Gewissen lieber nicht mit diesen
+schönen<span class="pagenum" id="Seite_290">[S. 290]</span> Zahlen einschläfern. Sie sind nur übertünchte Gräber, und
+die Volksmenge der dazwischenliegenden Jahre wird zeigen, wie groß
+das Hin- und Herschwanken ist. Im Jahre 1881 gab es nicht mehr als
+9701 und 1883 nicht mehr als 9744 (also seit 1855 eine Zunahme von
+nur hundert Individuen); im Jahre 1885 war die Zahl der Eingeborenen
+allerdings auf 9914 und 1888 auf 10221 gestiegen, war dann 1889 aber
+wieder auf 10177 heruntergegangen. Ueber die spätere Zeit habe ich
+keine authentischen Nachrichten. Daß dort keine gesunden Verhältnisse
+herrschen, beweisen diese Zahlen. Zunahme und Abnahme streiten sich
+bereits um die Herrschaft. Auch darf man nicht vergessen, daß Hans
+Egede die Volksmenge auf der Westküste vor anderthalb Jahrhunderten auf
+30000 Seelen schätzte. Das mochte viel zu hoch gegriffen sein, aber es
+ist doch weit hinunter bis zu 10177. — Dieses Volk segelt mit Leichen
+im Lastraum.</p>
+
+<p>Die Kränklichkeit hat sich in den letzten Jahren in beunruhigendem
+Grade entwickelt. Besonders greift der Krebsschaden des grönländischen
+Volkes immer mehr um sich, die Auszehrung oder richtiger die
+Tuberkulose. Es dürfte nicht viele Beispiele von Gemeinwesen geben, in
+denen ein so großer Teil der Einwohner dieser Krankheit anheimgefallen
+ist. Ob wir sie nach Grönland gebracht haben, ist nicht gewiß,
+aber wahrscheinlich. Jedenfalls hatten wir, wie ich schon mehrmals
+hervorhob, in verschiedener Weise einen entscheidenden Einfluß auf die
+Verbreitung dieser und anderer ansteckenden Krankheiten<a id="FNAnker_174" href="#Fussnote_174" class="fnanchor">[174]</a>.<span class="pagenum" id="Seite_291">[S. 291]</span> Die
+Tuberkulose ist jetzt so allgemein, daß ich beinahe sagen möchte, es
+sei viel einfacher, die wenigen zu nennen, die sie nicht haben, als
+aufzuzählen, wer sie hat. Aber es ist merkwürdig, wie widerstandsfähig
+die Eingeborenen gegen diese Krankheit sind. Sie können in ihren jungen
+Jahren schon so von ihr ergriffen sein, daß sie Blut speien, und
+erreichen trotzdem ein ziemlich hohes Alter. Ich habe sogar gute Fänger
+gesehen, die ausgesprochen schwindsüchtig waren, die bei einem Anfall
+viel Blut aushusteten und wenige Tage später schon wieder auf den Fang
+ausgingen. Dies ist wohl teilweise ihrer fetten Kost und besonders dem
+Specke zuzuschreiben, der vorzüglich geeignet ist, sie widerstandsfähig
+gegen diese Krankheit zu machen. Es hat sich auch herausgestellt, daß
+die Leute in den Kolonien, wo man mehr nach europäischer Weise lebt,
+der Krankheit meistens unterliegen. Gewöhnlich werden sie jedoch
+überall von ihr geschwächt und können nichts Rechtes mehr leisten. Wie
+lähmend dies auf ein so kleines Gemeinwesen einwirken muß, kann man
+sich selbst sagen. Eine Seuche, wie die Pocken, die wir ihnen natürlich
+auch schenkten und die einen großen Teil der Bevölkerung hinweggerafft
+haben, ist jener bedeutend vorzuziehen. Sie tötet ihre Opfer meistens
+bald und wirkt nicht wie dieses langsame, schleichende Gift<a id="FNAnker_175" href="#Fussnote_175" class="fnanchor">[175]</a>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_292">[S. 292]</span></p>
+
+<p>So sehen wir also als das Resultat unseres Einflusses auf die irdischen
+Angelegenheiten der Grönländer einen ständigen Rückgang von früherem
+Wohlstand und Gedeihen zu hoffnungsloser Armut und Schwäche.</p>
+
+<p>Mancher wird dies zugeben, zugleich aber einwenden, daß wir doch
+eigentlich nach Grönland kamen, um das geistige Niveau und die
+Kultur der Eskimos zu heben, und daß dies auf Kosten ihrer irdischen
+Wohlfahrt geschehen müsse. Betrachten wir also auch diese Seite unseres
+Wirkens! Viele Menschen glauben ja, es lasse sich aus einem so spröden
+Stoffe, wie ein Naturvolk es ist, mit einem Schlage ein entwickelter
+Kulturstaat schaffen. Es ist sehr naiv, zu glauben, die menschliche
+Natur lasse sich nach dem Gutdünken einzelner Völker ändern. Allerdings
+ist die menschliche Natur veränderlich; aber ihre Entwickelung geht
+gerade so langsam vor sich, wie alle andere Entwickelung in der
+großen Natur. Wir dürfen uns nicht einbilden, daß es angehe, uns
+blindlings auf ein Naturvolk mit unserer Kultur zu stürzen und sie
+ihm einzupflanzen, wie wir es in Grönland und anderswo gethan haben.
+»Versuche eine Hand mit fünf Fingern in einen Handschuh mit nur
+vieren hineinzuzwängen,« sagt Spencer, »und die Schwierigkeit gleicht
+genau der Schwierigkeit, einen entwickelten oder zusammengesetzten
+Begriff in einen Geist hineinzubringen, der nicht eine entsprechend
+zusammengesetzte Aufnahmefähigkeit besitzt.«</p>
+
+<p>Die einzige Veränderung, die man an einem Naturvolke ziemlich schnell
+vornehmen kann, ist sein Verfall und Untergang. Eine solche Veränderung
+zeigt sich in geistiger Beziehung, sobald wir versuchen, einem Volk
+auf einer anderen Kulturstufe neue ethische Begriffe beizubringen.<span class="pagenum" id="Seite_293">[S. 293]</span>
+Und dies ist genau das, was wir bei den Eskimos ausgerichtet haben.
+Da wir z. B. mit Verachtung ihrer Gesetze und Bräuche versucht
+haben, sie unsere Eigentumsbegriffe zu lehren, die doch nur für eine
+entwickeltere, aber weniger christliche Gesellschaft als die der
+Eskimos passen, können wir nun erwarten, dadurch etwas anderes zu
+bewirken, als Verwirrung und Gärung? Ihr ganzer Staat war eingerichtet
+nach ihren ursprünglichen, sozialistischen Eigentumsbegriffen; mit den
+neuen, ihnen fremden aber ist das jetzige Leben unvereinbar, und so
+ist der Untergang unvermeidlich. Wie hiermit aber, geht es mit allen
+anderen Begriffen, die wir ihnen einimpfen wollen.</p>
+
+<p>Wie viel Unglück, um noch ein Beispiel anzuführen, haben wir ihnen
+durch unser Geld gebracht! Früher hatten sie keinen Anlaß zum Sparen
+oder Reichtumsammeln. Die Erzeugnisse ihrer Arbeit halten sich nicht
+unbegrenzte Zeit, und alles Ueberflüssige konnte man verschenken. —
+Dann aber erhielten sie das Geld; — und wenn sie nun mehr haben,
+als für den Augenblick vonnöten, wird die Versuchung oft zu groß,
+das Ueberflüssige an die Europäer zu verkaufen, statt es wie früher
+darbenden Nachbarn zu geben; denn für das Geld, das sie dafür bekommen,
+können sie sich ja die heißersehnten europäischen Waren anschaffen.
+— So wird ihre alte, aufopfernde Nächstenliebe von uns Christen mehr
+zerstört, als entwickelt. Und das Geld setzt seinen untergrabenden
+Einfluß unaufhaltsam fort. Ihre Erbschaftsbegriffe waren früher sehr
+schwach, da sie, wie gesagt, dem Toten seine Kleider und Sachen mit
+ins Grab gaben. Jetzt dagegen bietet das Geld den Hinterbliebenen
+Gelegenheit, die Hinterlassenschaft zu verkaufen und sie scheinen jetzt
+nicht mehr darüber zu erröten, als ihr Erbteil<span class="pagenum" id="Seite_294">[S. 294]</span> in Empfang zu nehmen,
+was sie auf diese Art erhalten. Dies könnte als ein Vorteil erscheinen,
+aber sie werden habsüchtig und gierig, was sie früher mehr als alles
+andere verabscheuten. Auch darin beugt und knechtet das Geld die
+Gemüter.</p>
+
+<p>Sehen wir aber hiervon ab. Unser eigentliches Ziel sollte wohl sein,
+sie zu gebildeten Menschen zu machen und ihnen mehr geistige Interessen
+zu geben. Angenommen selbst, dies könnte uns gelingen, so würde es
+für ein Volk wie das der Eskimos doch nur ein neues Verhängnis sein,
+Interessen kennen zu lernen, die sie von dem Einzignötigen, sich und
+ihre Familie zu versorgen, abziehen. Als glänzendes Resultat wird
+hervorgehoben, daß die meisten Eingeborenen auf der Westküste jetzt
+lesen und schreiben. Ja, <em class="gesperrt">leider</em> können sie es! Dergleichen
+lernt sich nämlich nicht umsonst, und sie müssen wahrhaftig teures
+Lehrgeld zahlen. Ein Eskimo kann unmöglich Zeit auf die Aneignung
+dieser Kenntnisse verwenden und dabei ein ebenso guter Fänger
+bleiben, wie damals, als er nur ein Interesse hatte und nichts weiter
+lernte, als seinen Kajak rudern und den Fang betreiben<a id="FNAnker_176" href="#Fussnote_176" class="fnanchor">[176]</a>. Daß
+die Kajaktüchtigkeit abgenommen hat, können wir auch aus den vielen
+Unglücksfällen der letzten Jahre ersehen. Während früher, nach Rink,
+alljährlich nur 15 bis 20 Kajakmänner ertranken, sind 1888 und 1889 je
+31 Unglücksfälle dieser Art vorgekommen.</p>
+
+<p>Was soll der Eskimo mit Lese- und Schreibfertigkeit? Seinen Fang
+lernt er so wahrhaftig nicht. Er unterrichtet<span class="pagenum" id="Seite_295">[S. 295]</span> sich durch die wenigen
+Bücher, die er hat, nur über andere und bessere Länder, unerreichbare
+Verhältnisse und Erleichterungen, die er bisher nicht kannte, und die
+Folge ist, daß er unzufrieden wird mit seinen eigenen Verhältnissen,
+die für ihn früher die denkbar glücklichsten waren. Und dann kann er
+in der Bibel lesen. Sollte er aber wirklich viel davon verstehen? Und
+wäre es ihm nicht ebenso dienlich, wenn ihm der Inhalt erzählt würde,
+wie es mit den alten Sagen war? Der Vorteil ist wahrhaftig nicht der
+Art, daß sich behaupten ließe, er sei zum rechten Preis erkauft. Wir
+dürfen nie vergessen, daß die Eskimogesellschaft am Rande ihres Daseins
+steht. Eine konzentrierte Anspannung aller ihrer Kräfte ist notwendig,
+wenn sie den Kampf mit der harten Natur bestehen soll; ein wenig mehr
+Ballast, und sie muß untergehen. Das thut sie schon, und dann kann
+alles Wissen dieser Welt ihr nichts mehr helfen.</p>
+
+<p>Niedergang und Verfall in jeder Hinsicht, das ist es also, worauf die
+Europäer als Resultat ihres Wirkens in Grönland zurückblicken können.
+Und die einzige Entschädigung, die wir ihnen dafür gaben, ist das
+Christentum. In dieser Beziehung wurde ein gutes Resultat erreicht.
+Christen sind jetzt alle Grönländer der Westküste — wenigstens dem
+Namen nach. Da aber scheint mir die Frage nahe zu liegen: »Ist dieses
+Christentum nicht auch sehr teuer erkauft? Und müssen nicht selbst dem
+eifrigsten Gläubigen Zweifel aufsteigen, ob es diesem Volke zum Segen
+gereicht habe, wenn er sieht, daß es die Heilslehre mit seinem ganzen
+Gedeihen hat bezahlen müssen?«</p>
+
+<p>Und was muß man denn am Christentume am höchsten stellen: seine Dogmen
+oder seine Moral? Ich glaube, selbst der beste Christ muß zugeben, daß
+die letztere das ist, was<span class="pagenum" id="Seite_296">[S. 296]</span> bleibenden Wert hat. Die Geschichte lehrt
+ihn, daß die Dogmen stets wechselten, und was hat es denn für einen
+Wert, daß wir ihm gerade diese, die er kaum versteht, zuführten? Will
+wirklich jemand im Ernst behaupten, daß es bei einem Volke vor allem
+auf die Dogmen ankommt, zu denen es sich bekennt? Sollte nicht stets
+die Moral, der es huldigt, die Hauptsache sein? Und die Moral des
+Eskimos war, wie wir sahen, in vieler Beziehung reichlich so gut, wie
+die der christlichen Staaten. Es ist uns mit all unserem Unterricht
+nur gelungen, sie so zu verpfuschen, daß der Grönländer jetzt auch in
+dieser Hinsicht gesunken ist.</p>
+
+<p>Und nun zum Schlusse noch die Frage: Ist ein Eskimo, der dem Namen nach
+<em class="gesperrt">Christ</em> ist, aber seine Familie nicht ernähren kann, kränklich
+ist und immer tiefer ins Elend gerät, denn einem <em class="gesperrt">Heiden</em>, der in
+»geistiger Finsternis« lebt, aber seine Familie ernähren kann, sich
+einer kräftigen Gesundheit erfreut und stets zufrieden ist, wirklich
+vorzuziehen? Für einen Eskimo wird die Antwort jedenfalls nicht
+zweifelhaft sein. Wenn seine Einsicht so weit reichte, würde er gewiß
+inbrünstig beten: »Gott, schütze mich vor meinen Freunden! Vor meinen
+Feinden werde ich mich schon selber schützen!«</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="p2960_deco">
+ <img class="w100" src="images/p2960_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[S. 297]</span></p>
+
+
+<figure class="figcenter padtop2 illowp100" id="p2970_deco" style="max-width: 50em;">
+ <img class="w100" src="images/p2970_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<h2 class="nobreak" id="Kapitel_XVI"><span class="s5a">Kapitel XVI.</span><br>
+Schluß.</h2>
+</div>
+
+<p>Wenn wir nun zum Abschluß noch einen Blick zurückwerfen: was haben wir
+gesehen?</p>
+
+<p>Wir haben ein von der Natur hochbegabtes Volk gefunden, das gut lebte
+und trotz seiner Fehler auf einer hohen Stufe der Moral stand. Aber
+durch unsere Kulturarbeit, unsere Produkte und unsere Mission sind
+seine irdischen Lebensverhältnisse sowohl wie seine Moral und seine
+Gesellschaftsordnung in betrübender Weise in Verfall geraten, und heute
+scheint das ganze Volk dem Untergang geweiht.</p>
+
+<p>Und dennoch wurde es, wie wir sahen, rücksichtsvoller und besser
+behandelt, als je ein anderes Naturvolk. Sollte hierin nicht ein
+ernster Wink liegen? Und sind nicht, wenn wir uns unter anderen
+Naturvölkern umsehen, die Folgen der Bereicherung mit den Europäern und
+den Missionaren überall die gleichen?</p>
+
+<p>Was ist aus den Indianern geworden? Wo sind die einst so stolzen
+Mexikaner? Wo die hochbegabten Incas von Peru? Wo ist Tasmaniens
+Urbevölkerung geblieben? Und wie steht es mit den Wilden von
+Australien? Bald wird keiner von ihnen mehr imstande sein, seine Stimme
+anklagend gegen die Rasse zu erheben, die ihnen Untergang gebracht
+hat. Und Afrika? Ja, das soll ja nun auch christlich werden. Wir haben
+schon damit angefangen, es auszubeuten, und wenn die Neger kein zäheres
+Leben<span class="pagenum" id="Seite_298">[S. 298]</span> haben als die anderen, so werden sie auch wohl denselben Weg
+gehen, wenn erst das Christentum mit voller Musik kommt. Und doch
+lassen wir uns nicht abschrecken und machen noch immer viel Redens
+davon, daß wir den armen Wilden die Segnungen des Christentums und der
+Civilisation bringen.</p>
+
+<p>Ist nicht, wenn wir die Missionen der Gegenwart betrachten, das
+Ergebnis beinahe überall dasselbe? Denken wir an ein Volk, wie das
+chinesische, das ja auf einer hohen Kulturstufe steht und von dem
+man demnach annehmen müßte, es sei vorzüglich für die neue Lehre
+geeignet. Einer der »aufgeklärtesten Mandarinen Chinas«, der selbst
+»Christ ist und an europäischen Universitäten studiert hat«, schreibt
+in den »<span class="antiqua">North China Daily News</span>« einen Artikel über die Mission
+und ihren Einfluß<a id="FNAnker_177" href="#Fussnote_177" class="fnanchor">[177]</a>. Es heißt dort unter anderem. »Ist es nicht
+im Gegenteil ein öffentliches Geheimnis, daß nur die erbärmlichsten,
+schwächsten, unwissendsten, ärmsten und bübischsten Leute unter den
+Chinesen das sind, was die Missionare ›Bekehrte‹ nennen?« »Läßt es
+sich nicht beweisen, frage ich, daß diese Bekehrten Menschen, die den
+Glauben ihrer Kindheit fortgeworfen haben, und denen von ihren Lehrern
+verboten wird, Sympathie für die Erinnerungen und Ueberlieferungen
+unserer uralten Geschichte zu zeigen, ja, die alles dieses verachten
+— ist es nicht erwiesen, daß diese Leute sich, wenn sie die Hoffnung
+auf irdischen Gewinn aufgeben mußten, schlimmer zeigten, als der ärgste
+Chinesenpöbel? Die Missionare können z. B. ihren Zuhörern erzählen.
+die Mandarinen seien Idioten, weil sie an Himmelszeichen und ähnlichen
+Unsinn glauben. Aber den Tag darauf werden<span class="pagenum" id="Seite_299">[S. 299]</span> sie vielleicht denselben
+Zuhörern erzählen, daß die Sonne und der Mond wirklich stillstanden,
+als der Hebräerfeldherr Josua es ihnen befahl.« In betreff der
+Wohlthätigkeit der Missionare gegen die Eingeborenen und der Linderung
+von Not und Elend durch sie fragt er: »Läßt sich beweisen, daß diese
+Hülfe ein Aequivalent für das Geld ist, das die chinesische Regierung
+allein für den Schutz der Missionare bezahlen muß? Ich glaube, schon
+die Zinsen dieser ungeheuren Summen würden genügen, um einen weit
+größeren Stab von geschickten europäischen Aerzten und tüchtigen
+Krankenpflegerinnen zu besolden.« »Ueberzeugt Euch, wie viel von den
+Millionen, die barmherzige Menschen in Europa und Amerika für die
+Chinamission einsammeln, auf die Linderung von Not verwandt wird.
+Laßt feststellen, wie viel der Unterhalt der Missionare, ihrer Frauen
+und Kinder, der Bau ihrer prächtigen Häuser und Sanatorien, das Porto
+und Papier für ihre bücherähnlichen, rosenfarbigen Missionsberichte,
+ihre Kongresse und viele andere Dinge kosten!« »Ist es nicht
+ein öffentliches Geheimnis, daß die ganze Mission geradezu ein
+Wohlthätigkeitsunternehmen zu Gunsten stellenloser Personen in Europa
+und Amerika ist?« Er fragt ferner, ob jemand daran zweifle, daß die
+Missionare »mit ihrer hohen Meinung von ihrer eigenen Unfehlbarkeit oft
+sehr unverschämt und anmaßend sein könnten und daß sie sich in Dinge
+mischten, die sie gar nichts angingen. Wenn jemand in Zweifel sein
+sollte, ob die Missionare, im Ganzen genommen, zu Obigem imstande sind,
+so lese er ihre Schriften und achte auf den darin herrschenden Geist
+und Ton.«</p>
+
+<p>Das ist die Geschichte von Grönland in anderer Auflage. Der Unterschied
+ist nur, daß die Chinesen, wenn sie<span class="pagenum" id="Seite_300">[S. 300]</span> sich den Missionaren, die
+sie nicht hergebeten haben, widersetzen, nicht geohrfeigt und mit
+dem Tauende geprügelt werden. Wenn sie aber in der Erkenntnis des
+drohenden Unglücks »die fremden Mächte bitten, im Interesse Chinas,
+wie auch Europas und Amerikas die Missionare zurückzurufen«, und die
+Missionare, falls ihre Bitten nichts nützen, mit Gewalt vertreiben
+wollen, dann rufen diese Herren, die gekommen sind, das Evangelium des
+Friedens zu verkünden, ihre Regierungen um Schutz an. Und es werden
+ihnen Kanonenboote und Truppen geschickt, ein vernichtendes Feuer
+von Projektilen und Kartätschen wird auf die Eingeborenen gerichtet,
+und auf die Waffen ihrer Landsleute gestützt, verlangen die frommen
+Missionare eine gehörige Entschädigung für den Schaden, den sie an Gut
+und Habe erlitten haben. Wohl deshalb, weil geschrieben steht: »Ihr
+sollt nicht Gold, noch Silber, noch Erz in Euren Gürteln haben; auch
+keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zween Röcke, keine Schuhe und
+keinen Stecken« (Matthäus 10, V. 9-10).</p>
+
+<p>Wir kennen sicher dieselbe Rasse wieder, die China, als es sich gegen
+das zerstörende Gift »Opium« wehrte, durch einen blutigen Krieg
+zwang, seine Häfen dem Opiumhandel zu öffnen, damit die Europäer Geld
+verdienten, während die chinesische Gesellschaft untergraben wurde.
+Dies war von Anfang bis zu Ende eine so schändliche Niederträchtigkeit,
+daß keine Sprache Worte dafür hat. — Die Eskimos haben leider nur zu
+recht, wenn sie die Europäer für ein ehrloses, verderbtes Volk halten,
+das nach Grönland kommen müßte, um Moral zu erlernen.</p>
+
+<p>Und sind die Resultate der Missionen anderswo besser? Wohl kaum.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[S. 301]</span></p>
+
+<p>Kürzlich erschien eine Statistik der in Indien begangenen Verbrechen,
+aus der hervorgeht, daß die meisten auf die Europäer fallen; dann
+kommen die bekehrten Indier, dann die Anhänger des Brahmanismus,
+und ganz zuletzt erst die Buddhisten. Aus Afrika liegt mir keine
+Statistik vor, aber nach allem, was ich hörte, kann man auch dort
+nicht mit den Ergebnissen der Missionen prahlen. Und für diese
+Heidenmission in Afrika und Indien opfert auch unser Land alljährlich
+Hunderttausende. Haben wir es denn so reichlich, daß man dieses Geld
+daheim nicht nützlicher anwenden könnte? Es ist ein hübscher Gedanke,
+die armen Wilden, die man niemals sah und deren Not man nicht kennt,
+zu unterstützen. Sollte es aber nicht noch hübscher sein, den vielen
+Elenden zu helfen, deren Not wir Tag für Tag vor Augen haben? Wenn wir
+schon durchaus Gutes thun wollen, warum nicht mit dem Nächstliegenden
+beginnen? Ist dann in der Heimat allen geholfen, so kann man noch immer
+auf Reisen gehen und zusehen, ob auch anderswo jemand unserer Hülfe
+bedarf.</p>
+
+<p>Es ist durchaus nicht meine Meinung, daß jede Mission schädlich
+wirken muß. Ich glaube aber, daß eine Mission, um wirklich gut zu
+sein, Anforderungen stellt, denen die heutige Zeit nicht mehr gerecht
+werden kann. Denn erstens bedarf es dazu einer solchen Anzahl edler,
+aufopfernder und bedeutender Männer, wie man sie nicht auf einmal
+findet — wir treffen einen oder zwei, vielleicht auch drei, aber
+keinen festen Stab — und zweitens strömt im Kielwasser der Mission
+unvermeidlich soviel Schlechtes über das eingeborene Volk herein, daß
+die beste Mission dem ebensowenig abhelfen kann, wie es in der Macht
+der Missionare steht, ihm den Eingang zu verschließen. Es läuft also
+schließlich wieder auf dasselbe Resultat hinaus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_302">[S. 302]</span></p>
+
+<p>Werden uns denn nicht einmal die Augen aufgehen für das, was wir da
+thun? Werden sich nicht einmal alle wahren Menschenfreunde von Pol zu
+Pol zu einem gemeinsamen erdrückenden Protest aufschwingen gegen dieses
+ganze Unwesen, diese selbstgerechte, skandalöse Behandlung anderer
+Kulturen und anderer Glaubensbekenntnisse?</p>
+
+<p>Es wird eine Zeit kommen, da unsere Nachkommen uns strenge verurteilen
+und dieses Unwesen, das uns mit den Grundsätzen der christlichen
+Lehre übereinzustimmen scheint, als tief unmoralisch bezeichnen. Dann
+wird auch die Moral soweit entwickelt sein, daß nur die tüchtigsten,
+geeignetsten Persönlichkeiten entsendet werden, und daß sie sich
+anfangs damit begnügen müssen, das Leben und die Kultur eines fremden
+Volkes gründlich zu studieren und zu untersuchen, ob es wirklich
+unserer Unterstützung bedarf. Ist das der Fall, so wird man sich
+fragen, auf welche Weise am besten unsere Hülfe eingreift. Ist das
+Resultat jener Untersuchungen aber die Einsicht, daß man dort doch
+nichts Gutes ausrichten kann, dann wird man den Plan auch wieder fallen
+lassen. Doch freilich, ehe wir erst soweit sind, werden die meisten
+fremden Völker wohl vernichtet sein, wenn sie es nicht heute schon sind.</p>
+
+<p>Fragen wir schließlich, ob es für das grönländische Volk denn gar keine
+Rettung giebt. Alle, die die Verhältnisse kennen, werden einräumen,
+daß daran nur zu denken wäre, wenn sich die Europäer nach und nach
+aus Grönland zurückzögen. Sich selbst überlassen und den fremden,
+verwirrenden Einflüssen nicht weiter preisgegeben, würde man sich zu
+den alten Verhältnissen vielleicht nach und nach wieder zurückfinden
+können, und dann könnte die grönländische Gesellschaft auf Rettung
+hoffen. Diese Möglichkeit<span class="pagenum" id="Seite_303">[S. 303]</span> ist aber jedenfalls noch auf lange Zeit
+hinaus nur ein schönes Luftschloß. Denn erstens widerstritte es der
+Eitelkeit eines europäischen Staates, einen einmal angefangenen
+Zivilisationsversuch wieder aufzugeben, den er mit großen Zahlen in das
+Kreditkonto seiner im Jenseits abzulegenden Rechnung eingetragen hat,
+und zweitens dürften, falls die Dänen auf ihre Kolonien verzichteten,
+auch die Schiffe anderer Nationen mit den Eingeborenen keinen Handel
+treiben und ihnen europäische Produkte, namentlich Branntwein, zuführen.</p>
+
+<p>Doch, abgesehen von der Berührung mit uns, droht den Eskimos auch
+die Gefahr, daß die Zahl der Seehunde in beunruhigendem Grade
+abnimmt. Dies rührt nicht von dem Fang her, den die Grönländer selber
+treiben. Ihre Ausbeutung verschwindet gegen die Hunderttausende von
+neugeborenen Jungen, welche europäische und amerikanische Robbenjäger
+alljährlich auf dem Treibeis bei Newfoundland erschlagen. Auch hier
+also schädigt die weiße Rasse den Eskimo. Doch selbst, wenn er dies
+wüßte, kann er es nicht hindern, denn seine Stimme reicht nicht
+weit. Und doch ist es eine Jagd, ohne die unsere Gesellschaft sehr
+gut bestehen könnte, für ihn aber ist der Seehund — das Leben! So
+ist denn dieses liebenswürdige Volk unvermeidlich dazu bestimmt,
+entweder ganz unterzugehen oder zu einem Schatten dessen, was es einst
+war, herabzusinken. Der Grönländer aber ist heiter und vielleicht
+glücklicher, als die meisten von uns; er erkennt sein Unglück nicht und
+haßt uns nicht, sondern ist freundlich zu uns und freut sich, wenn wir
+zu ihm kommen.</p>
+
+<p>Grönland war einst eine gute Einnahmequelle für den dänischen Staat.
+Die Zeit ist vorbei. Jetzt kosten der<span class="pagenum" id="Seite_304">[S. 304]</span> königlich-grönländische Handel
+und die Mission jährlich große Summen, und es wird noch immer schlimmer
+werden. Kann man erwarten, daß der dänische Staat auf die Dauer das so
+fortgehen läßt? Wäre es nicht richtiger und besser, wenn er beizeiten
+seine abseits wohnenden Handelsleute zurückriefe, die einzelnen
+Kolonien eingehen ließe und die Läden und Häuser den Eingeborenen
+zur Verteilung überwiese? Ja, meiner Ansicht nach sollte man die
+Warenbestände einpacken, sie und die Kaufleute an Bord der neun Schiffe
+des grönländischen Handels bringen und mit allem heim nach Dänemark
+segeln. Einmal wird es doch geschehen müssen, dann aber wird vielleicht
+niemand mehr zurückbleiben, um Grönland zu bevölkern. Die erstarrte
+Leblosigkeit des Binneneises wird sich hinziehn bis zum Meere, und
+an den menschenleeren Ufern wird nur das wehmütige Flöten der Möven
+noch zu hören sein. Die Sonne wird auf- und niedergehen und ihren
+Strahlenglanz an ein verlassenes Land verschwenden. Nur vereinzelt
+berührt dann ein fremdes Schiff die öden Küsten. — — — Aber in den
+langen Winternächten werden die Toten ihren glänzenden Reigen tanzen
+über dem ewigen Todesschweigen ihres Schneelandes. — —</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot5 illowe7" id="b3040_deco">
+ <img class="w100" src="images/b3040_deco.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Anmerkung des Verfassers: Die Eskimos nennen sich selber
+<span class="antiqua">Inuit</span> oder Mensch und rechnen alle anderen Völker zu den —
+höher-organisierten — Tieren.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Anmerkung des Verfassers: Dort im Norden konnten sie den
+ganzen Winter viele Walfische und Seehunde auf dem Eise fangen, und
+diese Fangart müssen sie in noch höherem Norden, wo sie ihnen die
+wichtigste war, erlernt haben.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> <em class="gesperrt">Gustav Storm</em>: Studien über die Winlandsfahrer u.
+s. w. Jahrbücher für nordische Altertumskunde und Geschichte. 1887.
+Kopenhagen 1888. Sonderabdruck, Seite 56.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Anm. d. Verf.: Man hat aus der <em class="gesperrt">Floamanna</em>sage
+schließen wollen, daß Thorgils Orrabeinfostre schon um das Jahr 1000
+Eskimos auf der Südostküste getroffen, indem man annimmt, die in dieser
+Sage erwähnten »Koboldweiber« könnten nur Eskimos gewesen sein. Allein
+schon Professor Storm hat in seinen »Studien über die Winlandsfahrer«
+auf Seite 56 darauf aufmerksam gemacht, daß der abenteuerliche
+Charakter dieser Sage einen solchen Schluß nicht erlaubt. Es muß auch
+daran erinnert werden, daß die Handschrift erst von etwa 1400 datiert,
+also lange nach der Zeit, da die Norweger auf der Westküste Eskimos
+trafen. Wenn sich die »Koboldweiber« also wirklich auf die Eskimos
+beziehen, was sehr zweifelhaft ist, so kann dies auch eine spätere
+Hinzudichtung sein.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> <em class="gesperrt">H. E. Saabye</em>: Bruchstücke eines Tagebuches, geführt
+in Grönland in den Jahren 1770-1778. Odense 1816. Seite 136.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a> <em class="gesperrt">Holm</em>: Mitteilungen über Grönland. Band 10, Seite
+58. Kopenhagen 1889.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Anm.: Die Nordwestindianer und die Tschuktschen — ja,
+ich glaube, auch die Korjaken und Kamtschadkadalen — bedienen sich
+übrigens derselben Harpune mit Leine und großer Blase zur Jagd auf
+Seetiere und schleudern sie vom Vordersteven ihrer großen offenen
+Kanoes oder Fellboote aus. Wahrscheinlich aber haben sie den Gebrauch
+dieser Waffe erst von den Eskimos erlernt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Anm. In Nordgrönland giebt es noch eine dritte und
+größere Harpunenart, die zum Walroßfange gebraucht und ohne
+Wurfholz geschleudert wird; sie hat dafür zwei beinerne Knöpfe
+(<span class="antiqua"><em class="gesperrt">tikagut</em></span>), einen für den Daumen und einen für den
+Zeigefinger.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Ueber die verschiedenen Formen des Wurfholzes bei den
+Eskimos, siehe <em class="gesperrt">Masons</em> diesbezügliche Abhandlung im <span class="antiqua">Annual
+Report etc. of Smithsonian Institution for 1884</span>, Teil <span class="antiqua">II</span>,
+Seite 279.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> An einigen Orten, z. B. im südlichsten Grönland und auf
+der Ostküste, hat das Wurfholz nur eine Vertiefung für den Daumen,
+während die andere Seite glatt oder mit einem Knochenstücke beschlagen
+ist, in welchem sich kleine Rillen befinden, damit die Hand nicht
+herabgleite.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> Siehe hierüber unter anderem schon die alten Verfasser
+<em class="gesperrt">Cook</em> und <em class="gesperrt">King</em>: <span class="antiqua">A Voyage to the Pacific Ocean etc.,
+third edition</span>, London 1785, Band <span class="antiqua">II</span>, Seite 513.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> Merkwürdig ist, daß die Bewohner der Sankt Lorenzinsel
+den Kajak garnicht zu kennen scheinen. Sie haben große, offene
+Fellboote, <em class="gesperrt">Baldaren</em>, von gleicher Bauart wie die Boote der
+Tschuktschen. Vergleiche <em class="gesperrt">Nordenskiöld</em>, Die Reise der Vega um
+Asien und Europa, Christiania 1881, zweiter Teil, Seite 249.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Dadurch, daß das Ruder soweit wie möglich seitwärts
+geführt wird, bis es schließlich quer auf dem Kajak steht, kommt es in
+eine etwas schräge Lage, wodurch das Ruderblatt bei der Bewegung das
+Wasser niederdrückt, also emportreibende Kraft erhält.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Dies ist das ausgewachsene Männchen der Klappmütze.
+Er hat über der Schnauze eine Haut, die er zu erstaunlicher Größe
+aufblasen kann.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Wenn ein Seehund gefangen wird, erhalten die in der Nähe
+befindlichen Kajakmänner jeder ein Stück frischen Speckes von dem Tiere
+und verzehren es gewöhnlich gleich.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_16" href="#FNAnker_16" class="label">[16]</a> Anmerkung: Diese Erzählung ist von Dr. H. Rink übersetzt
+und mit mehreren anderen in seinem Buche »Die Grönländer, ihre Zukunft
+u. s. w.« (Kopenhagen 1882) abgedruckt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_17" href="#FNAnker_17" class="label">[17]</a> Anm.: Wenn sie sahen, wie unsere liederlichen Matrosen
+sich zankten und prügelten, fanden sie solches unmenschlich und sagten:
+die halten einander nicht für Menschen. Desgleichen wenn einer der
+Offiziere seine Leute schlug, hieß es gleich: Er behandelt seine
+Mitmenschen wie Hunde u. s. w.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_18" href="#FNAnker_18" class="label">[18]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: Berichte aus Grönland, Seite 36.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_19" href="#FNAnker_19" class="label">[19]</a> <em class="gesperrt">Dalager</em>: »Grönländische Berichte.« 1752.
+Kopenhagen. Seite 15-16.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_20" href="#FNAnker_20" class="label">[20]</a> Hierzu kommen jedoch auch die Hunde und für die
+nördlicher Wohnenden und die Ostgrönländer die Hundeschlitten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_21" href="#FNAnker_21" class="label">[21]</a> Jagen mehrere zusammen, so entscheiden auch bestimmte
+Regeln darüber, wem das erlegte Wild gehört. Schießen zwei oder mehrere
+auf ein Renntier, so gehört es dem, der es zuerst getroffen, auch wenn
+er es nur unbedeutend verwundet hat. Ueber die Seehundsjagdvorschriften
+sagt <em class="gesperrt">Dalager</em>: »Trifft ein Grönländer mit seinen leichten Pfeilen
+einen Seehund oder sonst ein Seetier und dieses stirbt nicht, sondern
+läuft mit dem Pfeile fort, so gehört es ihm, auch wenn ein anderer es
+nachher mit seinen Pfeilen tötet; doch hat er sich der gewöhnlichen
+Harpune bedient und reißt die Leine und ein anderer kommt und trifft,
+dann hat der erste sein Recht verloren; werfen aber beide zugleich und
+treffen beide Harpunen, so wird das Tier mit Haut und allem der Länge
+nach geteilt.« — »Treffen zwei zugleich einen Vogel, so wird dieser
+der Quere nach geteilt.« — »Findet einer einen toten Seehund mit einer
+Harpune im Leibe, so erhält der Eigentümer, falls er in der Gegend
+bekannt ist, seine Harpune wieder, der Finder aber behält den Seehund.«
+Aehnliche Regeln scheinen auch auf der Ostküste zu gelten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_22" href="#FNAnker_22" class="label">[22]</a> Wie schon erwähnt, handelt es sich gewöhnlich um
+Klappmützenfelle, doch werden auch Felle vom Blauseehund, ja
+ausnahmsweise auch vom Ringseehund, dem fleckigen Seehund oder dem
+gewöhnlichen Fjordseehund (<span class="antiqua">Phoca vitulina</span>) genommen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_23" href="#FNAnker_23" class="label">[23]</a> Zum Nähen der Kleider und der Bootsfelle nimmt man
+Walfisch-, Seehund- oder Renntiersehnen. Die Sehnen werden einfach
+getrocknet. Zum Nähen der Wasserpelze, Fausthandschuhe und Kamiker
+verwendet man außerdem noch die Luftröhre des Grönlandsseehundes,
+des fleckigen Seehundes, der Klappmütze, des kleinen, gesprenkelten
+Seehundes und der Scharbe. Die äußere Schicht der Luftröhre wird in
+frischem Zustande abgezogen und dann auf einen dazu geschnittenen
+runden Stock, der eingefettet ist, damit sie besser gleitet,
+aufgestreift. Unterdessen wird auch die Innenseite mit einer Muschel
+reingeschabt. Wenn sie auf dem Stocke trocken geworden ist, schneidet
+man sie der Länge nach in ganz schmale Streifen. Der Faden, den man auf
+diese Weise erhält, hat vor dem Sehnenfaden den Vorzug, daß er sich
+nicht dehnt, wenn er in Wasser kommt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_24" href="#FNAnker_24" class="label">[24]</a> Siehe <em class="gesperrt">Holm</em>: Mitteilungen über Grönland. Band 10.
+Seite 94.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_25" href="#FNAnker_25" class="label">[25]</a> Es kam bisweilen auch vor, daß er andere beauftragte,
+dies für ihn zu thun; es sollte jedoch immer in Form einer
+Ueberrumpelung oder eines Raubes geschehen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_26" href="#FNAnker_26" class="label">[26]</a> <em class="gesperrt">Graah</em>: »Untersuchungsreise nach der Ostküste von
+Grönland.« Kopenhagen 1832. Seite 145-148.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_27" href="#FNAnker_27" class="label">[27]</a> Siehe <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland«. Band 10,
+Seite 96.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_28" href="#FNAnker_28" class="label">[28]</a> Siehe <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10,
+Seite 103.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_29" href="#FNAnker_29" class="label">[29]</a> <em class="gesperrt">Dalager</em> erwähnt, daß seinerzeit auf der Westküste
+kaum der zwanzigste Teil der Grönländer zwei Frauen, sehr selten drei
+und nur ausnahmsweise vier gehabt, doch habe er einen Mann, der elf
+Weiber hatte, gekannt. Grönländische Berichte, Seite 9.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_30" href="#FNAnker_30" class="label">[30]</a> <em class="gesperrt">Dalager</em>: Grönländische Berichte, Seite 9.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_31" href="#FNAnker_31" class="label">[31]</a> Die Ansiedler am Graedesjord gehören zur
+Herrnhutergemeinde.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_32" href="#FNAnker_32" class="label">[32]</a> Dies ist eine Art Ting oder Versammlung, welche
+hauptsächlich aus Abgesandten von den verschiedenen Orten eines
+Distriktes besteht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_33" href="#FNAnker_33" class="label">[33]</a> <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10. Seite
+96.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_34" href="#FNAnker_34" class="label">[34]</a> Holm: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10. Seite 102.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_35" href="#FNAnker_35" class="label">[35]</a> <em class="gesperrt">Graah</em>: »Untersuchungsreise« u. s. w. Seite 141.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_36" href="#FNAnker_36" class="label">[36]</a> Vergleiche <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: Berichte aus Grönland,
+Seite 107 und Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Band 10, Seite 91.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_37" href="#FNAnker_37" class="label">[37]</a> Obwohl sie, wie gesagt, auf die Geburt von Töchtern
+keinen sonderlichen Wert legen, kommt doch das bei so vielen
+Naturvölkern gebräuchliche Ermorden der Säuglinge weiblichen
+Geschlechtes bei ihnen nicht vor.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_38" href="#FNAnker_38" class="label">[38]</a> Wie Seite 22 erwähnt, tragen Unverheiratete, die Kinder
+haben, eine grüne Haarbinde.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_39" href="#FNAnker_39" class="label">[39]</a> Ein Grund hierzu ist auch die natürliche Geschlechtswahl,
+da die Mischlinge jetzt zum Teil für schöner als die reinen Eskimos
+gelten und daher beim Heiraten häufig vorgezogen werden.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_40" href="#FNAnker_40" class="label">[40]</a> Siehe <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland«. Heft 10,
+Seite 100.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_41" href="#FNAnker_41" class="label">[41]</a> Paul Egede war jahrelang Prediger in Grönland, dann aber
+(1756) nach Kopenhagen gezogen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_42" href="#FNAnker_42" class="label">[42]</a> Pauina oder Pauia wurde Paul Egede unter den Grönländern
+genannt, es ist eine Verstümmelung von Paul.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_43" href="#FNAnker_43" class="label">[43]</a> Es wären also die Holländer und die Engländer.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_44" href="#FNAnker_44" class="label">[44]</a> Also Amerika.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_45" href="#FNAnker_45" class="label">[45]</a> Den wichtigsten Beitrag zur Kunde ihres ursprünglichen
+Zustandes finden wir in Kapitän <em class="gesperrt">Holms</em> bedeutungsvollem Bericht
+über die Eskimos in Angmagsalik. »Mitteilungen a. Gr.« Heft 10, Seite
+148 ff. und Bilder.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_46" href="#FNAnker_46" class="label">[46]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Grönländische Berichte«, Seite 73.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_47" href="#FNAnker_47" class="label">[47]</a> Beim Kap Farvel.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_48" href="#FNAnker_48" class="label">[48]</a> <em class="gesperrt">Ipak</em>, ein meistens viereckiges Brett am
+Pritschenrande, ist für die Thranlampe bestimmt, die, wie erwähnt, auf
+einem Holzschemel steht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_49" href="#FNAnker_49" class="label">[49]</a> Unter den vom Handel in Grönland eingeführten
+Luxusgegenständen giebt es auch billige Baseler und Nürnberger Uhren,
+die man heute an den entlegensten Orten des Landes antrifft.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_50" href="#FNAnker_50" class="label">[50]</a> In den echten Eskimohütten sitzt es sehr tief.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_51" href="#FNAnker_51" class="label">[51]</a> Ueber die Beschaffenheit der Seele siehe auch <em class="gesperrt">Paul
+Egede</em>: »Grönländische Berichte«, Seite 149, und <em class="gesperrt">Cranz</em>:
+»Geschichte von Grönland«, Seite 258.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_52" href="#FNAnker_52" class="label">[52]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em> sagt in den »Grönländischen
+Berichten«. Seite 126, ausdrücklich, daß die Eingeborenen keinen
+unterschied zwischen <em class="gesperrt"><span class="antiqua">tarrak</span></em> und <em class="gesperrt"><span class="antiqua">tarnek</span></em>
+(<em class="gesperrt"><span class="antiqua">tarnik</span></em>) kennen, und er gebraucht abwechselnd beide
+Worte. Siehe auch dasselbe Buch. Seite 92.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_53" href="#FNAnker_53" class="label">[53]</a> »Geschichte von Grönland«, Seite 257.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_54" href="#FNAnker_54" class="label">[54]</a> Siehe <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland,« Heft 10,
+Seite 112.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_55" href="#FNAnker_55" class="label">[55]</a> Dieselbe Anschauung findet man auch überall auf der
+Westküste (siehe »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 342),
+dort aber scheint es sich nur um die Seele des Verstorbenen zu
+handeln. Der Unterschied zwischen Namen und Seele kann also bei den
+verschiedenen Stämmen nicht scharf entwickelt sein.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_56" href="#FNAnker_56" class="label">[56]</a> Siehe auch <em class="gesperrt">Liebrecht</em>: »Zur Volkskunde«, Seite 311.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_57" href="#FNAnker_57" class="label">[57]</a> <em class="gesperrt">Klemm</em>: »Kulturgeschichte«, <span class="antiqua">III</span>, Seite
+77; <em class="gesperrt">Tylor</em>: »<span class="antiqua">Primitive Culture</span>« (1873), II, Seite 4;
+»Antiquarische Zeitschrift«, 1861-63, Seite 118.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_58" href="#FNAnker_58" class="label">[58]</a> Die Exogamie zwischen zwei Personen gleichen
+Familiennamens, die wir bei vielen Völkern finden (siehe Seite 145
+ff.), scheint mir auf diese Weise leicht erklärlich, indem derselbe
+Name eine nahe geistige Verwandtschaft erzeugt, die ebenso wie nahe
+Blutsverwandtschaft als Ehehindernis gilt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_59" href="#FNAnker_59" class="label">[59]</a> Siehe <em class="gesperrt">Holm</em>, a. a. O. a., Seite 111, wo Beispiele
+derartiger Umänderungen angeführt sind. <em class="gesperrt">Holm</em> sagt: »Die alten
+Namen werden wieder aufgenommen, sowie der Tote ganz in Vergessenheit
+geraten ist.« Mir erscheint es natürlicher, daß dies geschieht, sobald
+ein Kind nach ihm benannt worden ist.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_60" href="#FNAnker_60" class="label">[60]</a> <em class="gesperrt">Nyrop</em>: »Kleinere Abhandlungen«, herausgegeben von
+der phil.-hist. Gesellschaft, Kopenhagen, 1887, Seite 147-150.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_61" href="#FNAnker_61" class="label">[61]</a> <em class="gesperrt">Nyrop</em>: Siehe oben, Seite 136-137.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_62" href="#FNAnker_62" class="label">[62]</a> <em class="gesperrt">Liebrecht</em>: »<span class="antiqua">Academy</span>«, <span class="antiqua">III</span> (1872),
+Seite 322.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_63" href="#FNAnker_63" class="label">[63]</a> »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 113.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_64" href="#FNAnker_64" class="label">[64]</a> Nach <em class="gesperrt">Schoolcroft</em> in der »Antiquarischen
+Zeitschrift«, 1861 bis 1863, Seite 119 ff. Siehe auch <em class="gesperrt">Andrée</em>:
+»Ethnographische Parallelen und Vergleiche«, Seite 180. <em class="gesperrt">Tylor</em>:
+»<span class="antiqua">Early history of mankind</span>«, Seite 142.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_65" href="#FNAnker_65" class="label">[65]</a> Unsere Vorfahren kannten diesen Brauch ebenfalls. »Sigurd
+verheimlichte seinen Namen, weil es in alten Zeiten der Glaube unseres
+Volkes war, daß das Wort eines Sterbenden große Macht habe, wenn er den
+Namen seines Feindes verwünsche.« <em class="gesperrt">Saemundar Edda</em>, Ausgabe von
+<em class="gesperrt">Sophus Bugge</em>, Seite 219.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_66" href="#FNAnker_66" class="label">[66]</a> Nach Mitteilung von Professor <em class="gesperrt">Moltke Moe</em>.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_67" href="#FNAnker_67" class="label">[67]</a> Wie Name und Gegenstand verschmelzen, geht u. a. aus dem
+schwäbischen brauche hervor, die »Namen von drei zänkischen Weibern« in
+den Wein zu werfen, wenn er guter Essig werden soll.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_68" href="#FNAnker_68" class="label">[68]</a> Vergleiche <em class="gesperrt">Nansen</em>: »Auf Schneeschuhen durch
+Grönland«, Seite 301.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_69" href="#FNAnker_69" class="label">[69]</a> Ueber die Bedeutung des Namens und seiner Nennung
+bei den verschiedenen Völkern vergleiche Kristoffer <em class="gesperrt">Nyrops</em>
+ausführliche Abhandlung »Die Macht des Namens« in den »kleineren
+Abhandlungen«, herausgegeben von der phil.-histor. Gesellschaft,
+Kopenhagen, 1887, Seite 119-209. Siehe auch B. <em class="gesperrt">Gröndahl</em> in den
+»Annalen nordischer Altertumskunde«, 1863, Seite 127 ff.; <em class="gesperrt">Moltke
+Moe</em> in »Letterstedts Zeitschrift«, 1879, Seite 286 ff.; S.
+<em class="gesperrt">Grundtvig</em>: »Dänemarks alte Volkslieder«, <span class="antiqua">II</span>, Seite 339
+ff.; H. <em class="gesperrt">Spencer</em> »<span class="antiqua">Principles of Sociology</span>«, <span class="antiqua">IV.</span>
+Teil, Seite 701.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_70" href="#FNAnker_70" class="label">[70]</a> Vergleiche <em class="gesperrt">Rink</em>: »Jahrbuch für nordische
+Altertumskunde und Geschichte«, 1868, <span class="antiqua">III</span>, Seite 202.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_71" href="#FNAnker_71" class="label">[71]</a> Vergl. Paul Egede: »Grönländische Berichte«, Seite 149.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_72" href="#FNAnker_72" class="label">[72]</a> Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 113.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_73" href="#FNAnker_73" class="label">[73]</a> Mir von Moltke Moe mitgeteilt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_74" href="#FNAnker_74" class="label">[74]</a> Siehe hierüber auch Paul Egede: »Grönländische Berichte«,
+Seite 117. Nach der Aussage einiger sollten Hexen und »böse Leute« in
+die Oberwelt kommen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_75" href="#FNAnker_75" class="label">[75]</a> Mitgeteilt von Moltke Moe. Vergleiche auch J. Flood:
+»Grönland«, Christiania, 1873, Seite 10, Anmerkung. Aehnliche
+Vorstellungen soll man in Bayern und auf den Marquesa-Inseln finden.
+(Vergl. Liebrecht, »<span class="antiqua">The Academy</span>«, <span class="antiqua">III</span> [1872], Seite 321.)</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_76" href="#FNAnker_76" class="label">[76]</a> P. Egede: »Grönländische Berichte«, S. 109. Siehe auch H.
+Egede: »Die neue Perlustration Altgrönlands«, S. 84. Cranz: »Geschichte
+von Grönland«, S. 301.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_77" href="#FNAnker_77" class="label">[77]</a> »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 106, Anmerkung.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_78" href="#FNAnker_78" class="label">[78]</a> Tylor: »<span class="antiqua">Primitive Culture</span>« (1873) I, S. 472.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_79" href="#FNAnker_79" class="label">[79]</a> Die Vorstellung vom zweiten Tode oder vom Tode der Seele
+findet sich bei vielen Völkern: den Hindus, Tartaren, Griechen, Kelten,
+Franzosen, Skandinaviern, Germanen u. a.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_80" href="#FNAnker_80" class="label">[80]</a> <em class="gesperrt">Tylor</em>: »<span class="antiqua">Primitive Culture</span>«, <span class="antiqua">II</span>,
+Seite 44 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_81" href="#FNAnker_81" class="label">[81]</a> <em class="gesperrt">Knortz</em>: »Aus dem Wigwam« Leipzig, 1880, Seite
+133 mit Seite 142 verglichen. Moltke Moe hat mich hierauf aufmerksam
+gemacht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_82" href="#FNAnker_82" class="label">[82]</a> Interessant ist, daß ein Wesen, gleich diesem von der
+Ostküste, mit langen Fangarmen u. s. w. auch bei den Alaska-Eskimos
+vorzukommen scheint. Siehe Holm, »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10,
+S. 115, Anm. 1.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_83" href="#FNAnker_83" class="label">[83]</a> <em class="gesperrt">Tartok</em> bedeutet eigentlich dunkel. Bei den Eskimos
+im südlichen Alaska bedeutet dasselbe Wort (<span class="antiqua"><em class="gesperrt">taituk</em></span>)
+Nebel. In Ostgrönland bedeutet <span class="antiqua"><em class="gesperrt">târtek</em></span> schwarz. (Vergl.
+Rink, »Mitteilungen über Grönland«, Heft 11, S. 152.)</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_84" href="#FNAnker_84" class="label">[84]</a> Rink: »Sagen und Märchen der Eskimos«, Suppl., S. 187. In
+Schottland heißt Ohrenklingen »Totenglocken« und bedeutet den Tod eines
+Freundes (<span class="antiqua">Hogg Monutain Bard</span>, dritte Ausgabe, S. 31.)</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_85" href="#FNAnker_85" class="label">[85]</a> Dritte Folge u. s. w., S. 74.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_86" href="#FNAnker_86" class="label">[86]</a> Auf der Ostküste wird jedoch, nach Holm (Mitteilungen
+über Grönland, Heft 10, Seite 105) die Leiche auch mittelst eines ihr
+um die Beine gebundenen Riemens von Seehundsleder aus dem Hausgang
+hinausgeschleift. Mir scheint, als hätte in diesem Falle die Furcht
+vor der Berührung der Leiche über die Furcht vor dem Hinausbringen
+eines Toten aus dem Gange gesiegt. Würde sie durch das Fenster
+hinausbefördert, so müßte sie ja angefaßt werden. Dadurch, daß die
+Beine vorangeschleift werden und also nach außen zeigen, will man wohl
+das Wiederkehren der Seele verhindern.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_87" href="#FNAnker_87" class="label">[87]</a> Von Moltke Moe mitgeteilt. Vergleiche auch Liebrecht:
+»Zur Volkskunde«, Seite 372 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_88" href="#FNAnker_88" class="label">[88]</a> Grönlands historische Denkzeichen. <span class="antiqua">III</span>, Seite 639.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_89" href="#FNAnker_89" class="label">[89]</a> Siehe Moltke Moes Bericht an die Neuen Universitäts- und
+Schulannalen, 1880 (Separatabdruck, Seite 2), und die dort angeführten
+Werke.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_90" href="#FNAnker_90" class="label">[90]</a> Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 107.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_91" href="#FNAnker_91" class="label">[91]</a> H. Egede: »Des alten Grönlands neue Perlustration«, Seite
+83.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_92" href="#FNAnker_92" class="label">[92]</a> Siehe P. A. Gödeckes Uebersetzung der <span class="antiqua">Edda</span>,
+Seite 170 und die Anmerkung, Seite 355. Moltke Moe hat mich auf diese
+Uebereinstimmung aufmerksam gemacht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_93" href="#FNAnker_93" class="label">[93]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Fortsetzung der Erzählungen u. s.
+w.«, Seite 45 ff.; <em class="gesperrt">Hans Egede</em>: »Grönlands neue Perl«, Seite 118
+ff.; <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Sagen der Esk.«, Suppl., S. 183 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_94" href="#FNAnker_94" class="label">[94]</a> Bei den Dakotah-Indianern ist auf dem Wege nach
+Wanaratebe ein Rad, das mit fürchterlicher Schnelligkeit über den
+Boden des Abgrundes, der am Fuße des auf Seite 210 erwähnten scharfen
+Bergkammes liegt, hinrollt. An dieses Rad werden alle gebunden, die
+ihre Eltern verächtlich behandelt haben. Siehe <em class="gesperrt">Liebrecht</em>:
+»<span class="antiqua">Gervatius otia imperialia</span>« (1856), Seite 91, Anmerk. 2.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_95" href="#FNAnker_95" class="label">[95]</a> Mir von <em class="gesperrt">Moltke Moe</em> mitgeteilt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_96" href="#FNAnker_96" class="label">[96]</a> Siehe <em class="gesperrt">Sophus Bugge</em>: »Mythologische Erläuterungen
+zum Draumekvaedi«, in der Norwegischen Zeitschrift für Litteratur und
+Wissenschaft, 1854-55, Seite 108-111; <em class="gesperrt">Grimm</em>: »Mythologie«, Seite
+794; <em class="gesperrt">Liebrecht</em>: »<span class="antiqua">Gervasius otia imperalia</span>«, Seite 90 ff.;
+vergl. auch H. <em class="gesperrt">Hübschmann</em>: »Die parsische Lehre vom Jenseits und
+jüngsten Gericht«, Jahrbücher für protestantische Theologie, V (Leipzig
+1879), Seite 242.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_97" href="#FNAnker_97" class="label">[97]</a> Mitgeteilt von <em class="gesperrt">Moltke Moe</em>. Vergl. auch H.
+<em class="gesperrt">Hübschmann</em>, siehe oben, Seite 216, 218, 220 und 222.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_98" href="#FNAnker_98" class="label">[98]</a> Tylor »Prim. Cult.« II, S. 50. Vergl. auch den Glauben
+der Indianer an den messerscharfen Bergkamm. (Siehe S. 210, Anm.)
+Eine Möglichkeit ist ja vorhanden, daß die Indianer diese Idee von
+den Eskimos oder noch wahrscheinlicher von den Europäern nach der
+Entdeckung Amerikas bekommen haben.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_99" href="#FNAnker_99" class="label">[99]</a> Siehe Bugge, a. a. O. a., Seite 114.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_100" href="#FNAnker_100" class="label">[100]</a> Tylor, siehe oben, Seite 50; vergl. Knortz: »Aus dem
+Wigwam«, S. 142.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_101" href="#FNAnker_101" class="label">[101]</a> Von Moltke Moe nach seinen ungedruckten
+Märchenaufzeichnungen mitgeteilt. Siehe auch eine Aufzeichnung aus
+Flatdal im Fedraheim 1887, Nr. 18; eine aus Hardanger (abgeschwächt) in
+Haukenaes, »Natur, Volksleben und Volksglaube in Hardanger«, <span class="antiqua">II</span>,
+233. Dänische Varianten in Kl. Berntsen »Volksmärchen« <span class="antiqua">I</span> (Odense
+1873), 116; Et. Kristensen »Jütische Volkserinnerungen«, <span class="antiqua">V</span>,
+Seite 271.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_102" href="#FNAnker_102" class="label">[102]</a> Rink »Berichte: über Grönland«, Heft 11, Seite 7.
+Vergl. Boas: Petermanns Mitteilungen, 1887, Seite 303; Rink und Boas:
+»<span class="antiqua">Eskimo tales and songs</span>« im <span class="antiqua">Journal of American Folk-Lore</span>
+(1889 ?), Seite 127.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_103" href="#FNAnker_103" class="label">[103]</a> Anm. über Crantzens Geschichte von Grönland (von Glahn),
+(Kopenhagen 1771), Seite 384 ff. <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen u. Sagen der
+Esk.«, S. 87, 166; Suppl., S. 44.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_104" href="#FNAnker_104" class="label">[104]</a> Mitgeteilt von Moltke Moe.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_105" href="#FNAnker_105" class="label">[105]</a> <span class="antiqua">I</span>, 551, 553.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_106" href="#FNAnker_106" class="label">[106]</a> <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Seite 87.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_107" href="#FNAnker_107" class="label">[107]</a> Vergl. Sophus Bugge, a. a. O. a., Seite 115 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_108" href="#FNAnker_108" class="label">[108]</a> Nach einer Aufzeichnung von Moltke Moe.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_109" href="#FNAnker_109" class="label">[109]</a> <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10,
+Seite 144.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_110" href="#FNAnker_110" class="label">[110]</a> Vergleiche <em class="gesperrt">Knortz</em>: »Aus dem Wigwam«, Seite
+130 ff. H. de Charencey (Mélusine <span class="antiqua">I</span>, Seite 225) erwähnt
+(nach Malthaeus »<span class="antiqua">Hidatsa grammar</span>«, 1873, Einleitung Seite
+<span class="antiqua">XVII</span>), daß die Vorfahren der Minetarier (Stamm in den
+Missouriländern) auf dem Grunde eines großen Sees lebten und mittelst
+eines großen Baumes auf die Erde gelangten. Der Baum stürzte aber
+um, sodaß viele unten bleiben mußten. (Nach einem noch ungedruckten
+Manuskripte von <em class="gesperrt">Moltke Moe</em>.) Dies erinnert beinahe noch mehr an
+die unter der See lebenden Ignerssuit.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_111" href="#FNAnker_111" class="label">[111]</a> Siehe J. <em class="gesperrt">Krohn</em>: »Finnische Litteraturgeschichte«,
+Teil <span class="antiqua">I</span>, Kalevala (1891), Seite 165 ff. Moltke Moe hat mich auf
+diese Aehnlichkeit aufmerksam gemacht und mir sein Manuskript einer
+noch ungedruckten Abhandlung über ähnliche Sagen geliehen. Meist sind
+in diesen Himmel und Erde durch einen großen Baum verbunden, an dem
+die Menschen hinauf- und hinabklettern oder dergl. Der Mythus eines
+solchen Himmelsbaumes kommt fast auf der ganzen Erde vor. Wir finden
+ihn bei uns (<span class="antiqua">Ygdrasil</span>), in Polynesien, auf Celebes, Borneo,
+Neuseeland u. s. w. Bei den Vogulen verwandelt sich der Sohn der beiden
+ersten Menschen in ein Eichhorn, klettert an einem Baume in den Himmel
+und später wieder herab (vergl. A. <em class="gesperrt">Lang</em> »<span class="antiqua">Myth, Ritual and
+Religion</span>« [1887], I, Seite 182, Anmerkung 2); bei den Indianern
+klettert der erste Mensch einem Eichhorn nach auf einen Baum und
+gelangt in den Himmel, aus dem er herabkommt, um Kultur zu bringen oder
+um seine Schwester zu holen (vergl. <em class="gesperrt">Tylor</em>: <span class="antiqua">»Early History
+of Mankind« second edition</span>, Seite 349 ff.). Die Zigeuner an den
+Grenzen Siebenbürgens sprechen in ihrer Schöpfungssage u. a. von einem
+großen Baum, von dem Fleisch auf die Erde fiel und aus dessen Blättern
+die Menschen entstanden, (vergl. H. v. <em class="gesperrt">Wlislocki</em>: »Märchen und
+Sagen der transsylvanischen Zigeuner«, Nr. 1). Der Zusammenhang der
+grönländischen Vorstellung mit diesen Mythen ist wahrscheinlich; daß
+der Baum bei den Eskimos verschwunden ist, ist ja ganz natürlich.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_112" href="#FNAnker_112" class="label">[112]</a> Vergl. A. <em class="gesperrt">Lang</em>: »<span class="antiqua">Myth, Ritual and
+Religion</span>« <span class="antiqua">I</span>, Seite 181.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_113" href="#FNAnker_113" class="label">[113]</a> Vergl. J. Krohn, a. a. O. a., Seite 163-173.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_114" href="#FNAnker_114" class="label">[114]</a> Von <em class="gesperrt">Moltke Moe</em> mitgeteilt. Andere erzählen, daß
+Eva die unartigen Kinder versteckte oder daß sie sich schämte, so
+viele zu haben. — Siehe <em class="gesperrt">Faye</em>: »Norwegische Volkssagen«, 2.
+Ausgabe, Seite <span class="antiqua">XXV</span>; <em class="gesperrt">Söegaard</em>: »Aus den Bergen«, Seite
+102; den »Thalbewohner«, 1862, <span class="antiqua">III</span>, Nr. 17; <em class="gesperrt">Storaker</em> und
+<em class="gesperrt">Fuglestvedt</em>: »Volkssagen aus den Aemtern Lister und Mandal«,
+Seite 51; <em class="gesperrt">Finn Magnusen</em>: »Die Eddalehre«, <span class="antiqua">III</span>, Seite 329;
+<em class="gesperrt">Grimm</em>: »Deutsche Myth.«, 4. Ausgabe, <span class="antiqua">III</span>, Seite 168 u. s.
+w. — Die Sage ist ursprünglich jüdisch und stammt von den Rabbinern
+(siehe z. B. <em class="gesperrt">Liebrecht</em> über <span class="antiqua">Gervasius Tolburoensis Otia
+imperialia</span>, Seite 70 ff.).</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_115" href="#FNAnker_115" class="label">[115]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em> giebt vom Untergange der Ignerssuit
+als Menschen eine andere Erklärung. Sie »haben auf der Erde gewohnt,
+bevor die große Flut die Welt überschwemmte, und als die Erde bei der
+Flut kenterte, kam alles das, was bisher nach oben gekehrt gewesen war,
+nach unten«. Fortsetzung der »Erzählungen«, Seite 96.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_116" href="#FNAnker_116" class="label">[116]</a> Dies erinnert ja an unsern norwegischen <em class="gesperrt">Drang</em>,
+der in einem halben Boote segelt, und eine Beeinflussung, vielleicht
+durch die alten Nordländer, scheint nicht unmöglich.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_117" href="#FNAnker_117" class="label">[117]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Grönländische Berichte«, S. 172.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_118" href="#FNAnker_118" class="label">[118]</a> Da die Sage von Hundemenschen weit über die Erde
+verbreitet ist (wir finden sie auch bei den Griechen), können die
+Eskimos sie aber auch anderswoher bekommen und dann auf die Indianer
+angewandt haben, die, wie sie wußten, von einem Hunde abstammen
+wollten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_119" href="#FNAnker_119" class="label">[119]</a> Vergl. <em class="gesperrt">Tobler</em>: »Ueber sagenhafte Völker des
+Altertums u. s. w.« in der Zeitschrift der Völkerpsychologie, Band 18
+(1888), S. 225 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_120" href="#FNAnker_120" class="label">[120]</a> Siehe <em class="gesperrt">Hammer</em>: »Grönländische Nachrichten«, H.
+8, S. 22 ff.; E. <em class="gesperrt">Skram</em> im »Zuschauer«, Oktober 1885, Seite 735
+ff. Ueber die Kivitut siehe auch <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Sagen der
+Eskimos« Supplementband.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_121" href="#FNAnker_121" class="label">[121]</a> Siehe <em class="gesperrt">Arnasen</em>: »<span class="antiqua">Jslenzkar pjódsogur</span>«
+<span class="antiqua">II</span>, Seite 160-304; <em class="gesperrt">Maurer</em>: »Isländische Volkssagen«, S.
+240 ff.; <em class="gesperrt">Carl Andersen</em>: »Isländische Volkssagen«, 2. Ausgabe,
+Seite 258 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_122" href="#FNAnker_122" class="label">[122]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Grönländische Berichte«, Seite
+172 ff.; <em class="gesperrt">Tylor</em>: »<span class="antiqua">Primitive Culture</span>«, <span class="antiqua">I</span>, Seite
+391; <em class="gesperrt">Tobler</em>, a. a. O. a., Seite 238; <em class="gesperrt">Liebrecht</em>: »<span class="antiqua">The
+Academy</span>«, Seite 321.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_123" href="#FNAnker_123" class="label">[123]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Fortsetzung der Erzählungen«, Seite
+92; <em class="gesperrt">Hans Egede</em>: »Grönl. Perlustration«, Seite 117.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_124" href="#FNAnker_124" class="label">[124]</a> Vergleiche <em class="gesperrt">Liebrecht</em>: »Zur Volkskunde«, Seite 332
+und die dort angeführten Stellen. Siehe auch <em class="gesperrt">Moltke Moe</em> in der
+Letterstedtschen Zeitschrift 1879, Seite 277 und 81. Moltke Moe hat
+mich auf die Ähnlichkeit aufmerksam gemacht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_125" href="#FNAnker_125" class="label">[125]</a> Hans <em class="gesperrt">Egede</em>: »Grönl. Perlustration«, Seite
+117; Paul <em class="gesperrt">Egede</em>: »Fortsetzung der Erzählungen«, Seite 47;
+<em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Seite 90, »Suppl.«, Seite
+150; »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 290 und 342.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_126" href="#FNAnker_126" class="label">[126]</a> <em class="gesperrt">Rink</em> und <em class="gesperrt">Boas</em>: »<span class="antiqua">Journal of American
+Folk-Lore</span>«, (1888?), Seite 124 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_127" href="#FNAnker_127" class="label">[127]</a> F. <em class="gesperrt">Liebrecht</em>: »Zur Volkskunde«, 1879,
+Seite 17-25; J. C. <em class="gesperrt">Müller</em>: »Geschichte der amerikanischen
+Urreligionen«, Seite 134 und 165. Moltke <em class="gesperrt">Moe</em> hat mich hierauf
+aufmerksam gemacht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_128" href="#FNAnker_128" class="label">[128]</a> P. <em class="gesperrt">Egede</em>: »Fortsetz. d. Erzähl.«, Seite 32 u. 80;
+»Grönl. Berichte«, Seite 127 u. 106; H. <em class="gesperrt">Egede</em>: »Grönl. Perl.«,
+Seite 117.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_129" href="#FNAnker_129" class="label">[129]</a> <em class="gesperrt">Tylor</em>: »<span class="antiqua">Primitive Culture</span>« <span class="antiqua">I</span>,
+Seite 355; A. <em class="gesperrt">Lang</em>: »Mythologie«, Paris 1886, Seite 204 u. 204;
+<em class="gesperrt">Smith</em>: »<span class="antiqua">Inst. aunual Report of the Bur. of Ethnology</span>«
+1879-80, Seite 45. Sollte dies von Tag und Nacht in der grönländischen
+Form eine direkte oder indirekte Einwirkung der biblischen
+Schöpfungsgeschichte sein?</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_130" href="#FNAnker_130" class="label">[130]</a> Moltke <em class="gesperrt">Moe</em> weist mich darauf hin.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_131" href="#FNAnker_131" class="label">[131]</a> <em class="gesperrt">Christaller</em> in der Zeitschrift für Afrikanische
+Sprachen, <span class="antiqua">I</span> (1887 bis 1888), Seite 49-62. Vergl. auch <span class="antiqua">Dr.</span>
+<em class="gesperrt">Bleek</em>: »Reinecke Fuchs in Afrika« (Weimar 1870); <em class="gesperrt">Tylor</em>,
+a. a. O. a., Seite 355; A. <em class="gesperrt">Lang</em>, a. a. O. a., Seite 203.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_132" href="#FNAnker_132" class="label">[132]</a> H. <em class="gesperrt">Egede</em>: »Grönl. Perl.«, Seite 117; <em class="gesperrt">Paul
+Egede</em>: »Fortsetzung der Erzählungen«, Seite 20 und 60. Hinsichtlich
+des Waschens mit Urin, das ich auf Seite 22 genauer besprochen habe,
+ist zu bemerken, daß dies ein uralter Brauch zu sein scheint. Wir
+finden ihn schon in den heiligen Büchern der Parsen erwähnt. So steht
+in der <em class="gesperrt">Vendidad</em> 8, 13, daß die Leichenträger sich »mit Urin,
+nicht von Männern oder Weibern, sondern von kleinen Tieren oder
+Zugtieren« waschen sollen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_133" href="#FNAnker_133" class="label">[133]</a> P. <em class="gesperrt">Egede</em>: »Forts. d. Erzähl.«, S. 16 ff.; H.
+<em class="gesperrt">Egede</em>: »Grönl. Perl.«, S. 121 ff.; <em class="gesperrt">Rinks</em>: »Sagen und
+Märchen der Eskimos«, S. 165 ff.; <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über
+Grönl.«, Heft 10, S. 268.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_134" href="#FNAnker_134" class="label">[134]</a> A. <em class="gesperrt">Lang</em>: »<span class="antiqua">Custom and Myth.</span>«, S. 132 ff.;
+<em class="gesperrt">Tylor</em>: »<span class="antiqua">Prim. Cult.</span>«, <span class="antiqua">I</span>, S. 288 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_135" href="#FNAnker_135" class="label">[135]</a> Vergleiche <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Abenteuer der
+Eskimos«, S. 87 und 166, Supplem. S. 44; <em class="gesperrt">Liebrecht</em> in der
+»Germania«, Band 18 (1873), S. 365.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_136" href="#FNAnker_136" class="label">[136]</a> <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S.
+142.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_137" href="#FNAnker_137" class="label">[137]</a> Dieser Mythos gleicht dem grönländischen so auffallend,
+daß die ursprüngliche Gleichheit wohl kaum bezweifelt werden kann. Bei
+den Kasias ist es die größte Sünde, seine Schwiegermutter zu lieben,
+während die Grönländer nichts Sündlicheres kennen, als sich in die
+eigene Schwester zu verlieben.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_138" href="#FNAnker_138" class="label">[138]</a> <em class="gesperrt">Tylor</em>: »<span class="antiqua">Prim. Cult.</span>«, Bd. I, S. 354 ff.;
+A. <em class="gesperrt">Lang</em>: »<span class="antiqua">Mythe, Ritual and Religion</span>«, S. 128 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_139" href="#FNAnker_139" class="label">[139]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Grönländische Nachrichten«, Seite
+150 und 206.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_140" href="#FNAnker_140" class="label">[140]</a> <em class="gesperrt">Holm</em>: »Geographische Zeitschrift« (Kopenhagen,
+1891), <span class="antiqua">XI</span>, Seite 16 ff. Die Anschauung, daß der Regen durch
+das Ueberfließen des Sees in der Oberwelt entsteht, kann auch aus
+südlicheren Gegenden stammen, wo Ackerbau und künstliche Bewässerung
+sich schon entwickelt haben und die Gebirgsseen durch Dämme abgesperrt
+sind. Die grönländische Mythe spricht auch von einem Damme, der den See
+verschließt (vergl. <em class="gesperrt">Egede</em> und <em class="gesperrt">Cranz</em>).</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_141" href="#FNAnker_141" class="label">[141]</a> Von <em class="gesperrt">Moltke Moe</em> mitgeteilt. Siehe <em class="gesperrt">Schwartz</em>:
+»Die poetischen Naturanschauungen«, <span class="antiqua">I</span>, Seite 138 und 259 ff.,
+<span class="antiqua">II</span>, Seite 198; <em class="gesperrt">Schmidt</em>: »Das Volksleben der Neugriechen«,
+<span class="antiqua">I</span>, Seite 31; Belgisch-Museum <span class="antiqua">V</span>, Seite 215; <em class="gesperrt">Ignaz
+Goldziher</em>: »Der Mythos bei den Hebräern«, Seite 88 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_142" href="#FNAnker_142" class="label">[142]</a> Diese Vorschrift finden wir auch anderswo wieder,
+vergleiche Christi vierzig Tage in der Wüste.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_143" href="#FNAnker_143" class="label">[143]</a> <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10,
+Seite 131.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_144" href="#FNAnker_144" class="label">[144]</a> Die Angekoker konnten auch Männer oder Weiber sein, doch
+scheinen unter ihnen die Frauen stets seltener gewesen zu sein.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_145" href="#FNAnker_145" class="label">[145]</a> <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10,
+S. 135 ff.; <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Sagen der Eskimos«, S. 94 ff.
+und 136 ff.; Supplem., S. 195 ff.; <em class="gesperrt">Nils Egede</em>: »Dritte Folge
+der Erzählungen«, S. 43 und 48; <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Grönländische
+Berichte«, S. 218 und anderswo.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_146" href="#FNAnker_146" class="label">[146]</a> Vergl. Carl <em class="gesperrt">Andersen</em>: »Isländische Volkssagen u.
+Märchen«, zweite Ausgabe (1877), Seite 144-149. Es ist interessant,
+diese isländischen Märchen mit dem zu vergleichen, was <em class="gesperrt">Holm</em>
+aus Ostgrönland mitteilt (»Mitteilungen über Grönland«, Heft 10,
+Seite 303). Der Inhalt ähnelt ihnen sehr, ist natürlich aber den
+grönländischen Verhältnissen gemäß umgeändert. Aehnliche Märchen
+giebt es, nach Moltke <em class="gesperrt">Moe</em>, der mich auf diese eigentümliche
+Übereinstimmung aufmerksam macht, auch in Norwegen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_147" href="#FNAnker_147" class="label">[147]</a> <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Sagen der Eskimos«,
+Supplementband, Seite 84 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_148" href="#FNAnker_148" class="label">[148]</a> Ein Kennzeichen der Ilisitsoker, wie auch der Angekoker,
+ist, daß sie Feuer ausatmen. Das ist nach dem Glauben des Mittelalters
+und später im europäischen Volksglauben ein Kennzeichen des Teufels.
+Er verleiht diese Eigenschaft oft an seine Anhänger. Das grönländische
+Feueratmen mag auf diesem europäischen Mittelalterglauben basieren.
+Daneben sind die Ilisitsoker von den Händen bis an die Ellenbogen
+schwarz, wenn die Angekoker sie bei ihren Geisterbeschwörungen
+ertappen, was auch wohl in der europäischen Volksanschauung, daß der
+Teufel und sein Heer schwarz sind, wurzeln könnte.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_149" href="#FNAnker_149" class="label">[149]</a> H. <em class="gesperrt">Egede</em>: »Grönl. Perlustration«, Seite 116.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_150" href="#FNAnker_150" class="label">[150]</a> Man braucht ihn, um das Ausströmen des Blutes aus der
+Wunde des erlegten Seehundes aufzuhalten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_151" href="#FNAnker_151" class="label">[151]</a> Vergl. <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland«, Heft
+10, Seite 118.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_152" href="#FNAnker_152" class="label">[152]</a> Vergl. <em class="gesperrt">Holm</em>: »Mitteilungen über Grönland«, Heft
+10, S. 119 ff.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_153" href="#FNAnker_153" class="label">[153]</a> Märchen und Sagen der Eskimos. Supplementband, S. 194.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_154" href="#FNAnker_154" class="label">[154]</a> Die Möglichkeit, daß solche Mythen an mehreren
+Stellen zugleich erfunden sein könnten, ist bei dem größten Teile
+ausgeschlossen. Dazu haben sie zu viele und zu charakteristische
+Uebereinstimmungspunkte. Wir kennen freilich Beispiele, daß Stämme
+an verschiedenen Orten unabhängig von einander dieselben Erfindungen
+machen, aber ihrer sind nur wenige, und betrachten wir gewisse Geräte,
+Kulturpflanzen und Handfertigkeiten, so ist es geradezu überraschend,
+wie diese sich über große Teile der Erde verbreiten konnten. (Vergl.
+<em class="gesperrt">Peschel</em>: »Abhandlung zur Erd- und Völkerkunde« [1877].)</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_155" href="#FNAnker_155" class="label">[155]</a> <em class="gesperrt">Glahn</em>: »Neue Sammlung der Schriften der Kgl.
+Norwegischen Wissenschaftlichen Gesellschaft« <span class="antiqua">I</span> (1784). S.
+271; <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Sagen der Eskimos«, S. 76, 279, 370,
+Supplementband, S. 187; <em class="gesperrt">Kleinschmidt</em>: »Das grönländische
+Wörterbuch«, Seite 33.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_156" href="#FNAnker_156" class="label">[156]</a> Siehe <em class="gesperrt">Moltke Moes</em> Einleitung zu Quigstad
+und Sandberg: »Lappländische Märchen und Volkssagen«, Seite 7;
+<em class="gesperrt">Najrop</em>: Kleinere Abhandlungen, herausgegeben von der
+phil.-historischen Gesellschaft (Kopenhagen, 1887), Seite 193 ff;
+<em class="gesperrt">Liebrecht</em> »Zur Volkskunde«, S. 319. <em class="gesperrt">Moltke Moe</em> macht mich
+aufmerksam auf diese Aehnlichkeit.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_157" href="#FNAnker_157" class="label">[157]</a> Zugleich ist jedoch darauf aufmerksam zu machen,
+daß ähnliche Vorstellungen auch anderswo vorkommen. Auf Tahiti ist
+Oromatus, der mächtigste der Geister, ähnlichen Ursprungs, und bei den
+Polynesiern gelten Kinderseelen allgemein für gefährlich. (Vergleiche
+F. <em class="gesperrt">Liebrecht</em> in »<span class="antiqua">The Academy</span>«, III [1872], Seite 321.)
+Was mir dafür zu sprechen scheint, daß die Grönländer ihren Angiak den
+Norwegern verdanken, ist der Umstand, daß andere Eskimostämme diese
+Vorstellung, soviel ich weiß, nicht kennen. Jedenfalls kann sie bei
+ihnen nicht allgemein verbreitet sein. Selbst unter den Sagen, die
+<em class="gesperrt">Holm</em> von der Ostküste mitgebracht hat, ist des Angiaks nicht
+gedacht. Dagegen erzählt er mehrere, dem Anscheine nach ursprünglichere
+Sagen von gewöhnlichen Kindern, die zu Ungeheuern werden. (Vergleiche
+Mitteilungen über Grönland, Heft 10, Seite 287; <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen
+und Sagen der Eskimos«, S. 123, Supplementband, S. 125.) Eines
+darunter, das auf der Ostküste das Kind des Mondes und einer Frau ist
+(Mitteilungen über Grönland, Heft 10, S. 281), wird auf der Westküste
+statt eines Ungeheuers ein Angiak (vergleiche <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen
+und Sagen der Eskimos«, Supplementband, S. 150), was wohl um so mehr
+als spätere Umgestaltung gelten kann, als es auch auf der Westküste
+Varietäten giebt, in denen der Angiak ein gewöhnliches Kind ist.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_158" href="#FNAnker_158" class="label">[158]</a> Mir von <em class="gesperrt">Moltke Moe</em> mitgeteilt.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_159" href="#FNAnker_159" class="label">[159]</a> <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Sagen der Eskimos«, S. 75 ff;
+Mitteilungen über Grönland, Heft 10, S. 276.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_160" href="#FNAnker_160" class="label">[160]</a> <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und Sagen der Eskimos«,
+Supplementband, Seite 119.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_161" href="#FNAnker_161" class="label">[161]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Fortsetzung der Erzählungen«, S. 19
+ff.; »Grönländische Berichte«, S. 55 ff.; <em class="gesperrt">Rink</em>: »Märchen und
+Sagen der Eskimos«, S. 91, »Mitteilungen über Grönland«, Heft 11, Seite
+20, Supplement, S. 117.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_162" href="#FNAnker_162" class="label">[162]</a> <em class="gesperrt">Castrén</em>: »Ethnologische Vorlesungen« (Helsingfors
+1857), Seite 182.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_163" href="#FNAnker_163" class="label">[163]</a> C. <em class="gesperrt">Andersen</em>: »Isländische Volkssagen« (1877), S.
+205.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_164" href="#FNAnker_164" class="label">[164]</a> Die Irokesen erzählen jedoch von sieben Knaben, die in
+Vögel verwandelt werden und ihre Eltern verlassen. Ebenso von einem
+Jüngling, der beim Fischen einige Knaben trifft, die ihre Flügel
+abgelegt haben und sich im Schwimmen üben. Sie geben ihm auch Flügel,
+die ihn befähigen, sie zu begleiten, nehmen ihm aber später die Flügel
+wieder ab und lassen ihn hülflos zurück. (Vergleiche <em class="gesperrt">Rink</em>:
+»Mitteilungen über Grönland«, Heft 11, S. 21.)</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_165" href="#FNAnker_165" class="label">[165]</a> Man hat bisher gemeint, daß bei den Grönländern Spuren
+jenes Verkehrs nur in den in Kapitel I erwähnten Sagen von dem
+Zusammentreffen mit den alten Nordländern und in folgenden drei Worten
+»<span class="antiqua"><em class="gesperrt">nîsa</em></span> für <span class="antiqua">nise</span> (Meerschwein), <span class="antiqua"><em class="gesperrt">kuánek</em></span>
+für <span class="antiqua">kvanne</span> (Engelwurz) und <span class="antiqua"><em class="gesperrt">kakâlek</em></span> für Grönländer«
+zu finden seien. Daß <span class="antiqua"><em class="gesperrt">nîsa</em></span> dasselbe Wort ist wie
+<span class="antiqua">nise</span> (oder altnorwegisch <span class="antiqua">nisa</span>) ist begreiflich, wie auch
+anzunehmen ist, daß <span class="antiqua"><em class="gesperrt">kuánek</em></span> mit <span class="antiqua">kvanne</span> identisch
+ist. Gegen letzteres kann aber vielleicht sprechen, daß auf Labrador
+eine eßbare Tangart <em class="gesperrt"><span class="antiqua">kuánek</span></em> heißt. <span class="antiqua">Kalâlek</span> hat
+man für das norwegische <span class="antiqua">Skraelling</span> (Scheusal) gehalten, womit
+unsere Vorfahren die Eskimos bezeichneten und das, von Eskimolippen
+gesprochen, jenem sehr ähnlich klingen würde. Etwas wunderbar
+ist es aber, daß wir dasselbe Wort bei den Alaska-Eskimos als
+<em class="gesperrt"><span class="antiqua">katlalik</span></em> oder <em class="gesperrt"><span class="antiqua">kallaaluch</span></em> in der Bedeutung
+von Angekok oder »Häuptling« finden (<em class="gesperrt">Rink</em>: »Mitt. ü. Grönl.«,
+Heft 11, Suppl., S. 94, Märchen u. s. w., Suppl., S. 200). Es ist
+jedoch möglich, daß dieses Wort später von Grönland dorthin gelangt
+ist. Was mir noch als eine Erinnerung an die alten Norweger erscheinen
+könnte, ist vielleicht der Kreuzbogen oder Flitzbogen, den Holm auf der
+Ostküste fand und der früher auch auf der Westküste vorkam. Soweit mir
+bekannt, haben die Indianer diese Bogenart nicht.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_166" href="#FNAnker_166" class="label">[166]</a> Die Missionsthätigkeit in Grönland, das dazumal
+norwegisches Kronland war, begann 1721 mit Hans Egede, auf
+dessen Veranlassung in Bergen eine kombinierte Handels- und
+Missionsgesellschaft gebildet wurde. Später wurde diese Mission von
+der dänisch-norwegischen Regierung übernommen und nach der Trennung
+beider Reiche im Jahre 1814, bei der Dänemark die norwegischen Länder
+Grönland, Island und die Färöer behielt, von der dänischen Krone
+fortgesetzt. Zehn Jahre nach Egedes Ankunft sandte Graf Zinzendorf,
+der von der Mission dort gehört hatte, auch drei Mährische Brüder
+hin. Die drei verschafften sich eine kleine Gemeinde, und auch diese
+deutsche oder Herrnhutermission ist seitdem fortgesetzt worden. Sie
+besitzt jetzt einige Stationen im Bezirke Godthaab und ein paar im
+südlichsten Teil des Landes. Die Herrnhutergemeinden zeichnen sich,
+nach meiner Auffassung, hauptsächlich dadurch aus, daß bei ihnen noch
+mehr Entartung und Elend anzutreffen ist als bei den anderen Eskimos.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_167" href="#FNAnker_167" class="label">[167]</a> Vergl. <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Grönländische Berichte«,
+Seite 117 und 162.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_168" href="#FNAnker_168" class="label">[168]</a> <em class="gesperrt">Niels Egede</em>: »Dritte Folge der Relationen«, S.
+32. u. 45.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_169" href="#FNAnker_169" class="label">[169]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em>: »Grönländische Berichte«, S. 221.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_170" href="#FNAnker_170" class="label">[170]</a> Uebersetzt von Frau Signe Rink.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_171" href="#FNAnker_171" class="label">[171]</a> <em class="gesperrt">Paul Egede</em> »Grönländische Berichte«, Seite 21
+ff., vergl. auch Seite 25.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_172" href="#FNAnker_172" class="label">[172]</a> Daß ein Mann ein Frauenboot besitzt, was früher
+allgemein der Fall war, gilt jetzt als ein entscheidender Beweis
+für die Tüchtigkeit und den Wohlstand des Besitzers, da er ja viele
+Seehunde fangen muß, um Felle genug für ein solches Boot zu haben.
+(Vergl. überdies S. 71 ff.)</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_173" href="#FNAnker_173" class="label">[173]</a> Zu dem großen Verfalle haben an diesem Orte aber auch
+weitere Umstände, wie der Fortzug guter Fänger, beigetragen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_174" href="#FNAnker_174" class="label">[174]</a> U. a. dadurch, daß ihre Kleidung jetzt schlechter ist,
+daß sie das ganze Jahr hindurch in ihren feuchten, ungesunden Häusern,
+wo die Ansteckungskeime den vorzüglichsten Nährboden finden, leben
+müssen, daß sie europäische Kost haben u. s. w.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_175" href="#FNAnker_175" class="label">[175]</a> Merkwürdig ist, daß die Grönländer zum großen Teile
+frei geblieben sind von Syphilis — bekanntlich eine unserer ersten
+Gaben an die Naturvölker, die wir uns zum Opfer unserer Kulturarbeit
+ausersehen. Sie ist dort oben nur an einer Stelle zu finden, nämlich
+in <em class="gesperrt">Arsuk</em>, in Südgrönland, wo man die Krankheit zu isolieren
+sucht. Hierzu ist es erst in den letzten Jahren gekommen. Doch, wie
+ich erfahre, hat sie um sich gegriffen, und es ist leider Aussicht
+vorhanden, daß sie sich ausbreite und die ganze Bevölkerung auch auf
+diese Weise verseuchen wird.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_176" href="#FNAnker_176" class="label">[176]</a> Während dies gedruckt werden soll, erscheint ein Buch
+von Gejerstam »Der Kulturkampf in Herjedalen«, in dem hervorgehoben
+wird, daß unser Schulunterricht auch den Rentierlappen zum Verderben
+geworden ist, indem er ihr Interesse für ihren Lebensberuf verringerte.</p>
+
+</div>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_177" href="#FNAnker_177" class="label">[177]</a> Uebersetzt im »<span class="antiqua">Morgenbladet</span>«, Nr. 636 (17. Okt.
+1891).</p>
+
+</div>
+</div>
+</div>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78886 ***</div>
+</body>
+</html>
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Binary files differ
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Binary files differ
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+[Project Gutenberg](https://www.gutenberg.org) public repository for eBook [#78886](https://www.gutenberg.org/ebooks/78886)