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diff --git a/78808-0.txt b/78808-0.txt new file mode 100644 index 0000000..3447fee --- /dev/null +++ b/78808-0.txt @@ -0,0 +1,7750 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78808 *** + + #################################################################### + + Anmerkungen zur Transkription + + Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1904 so weit + wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler + wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr + verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. + + Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + + kursiv: _Unterstriche_ + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen+ + + #################################################################### + + + + + ÜBER DIE LETZTEN DINGE. + + + + + Dᴿᐧ OTTO WEININGER + + ÜBER DIE LETZTEN DINGE + + MIT EINEM BIOGRAPHISCHEN VORWORT VON MORIZ RAPPAPORT + + [Illustration] + + WIEN UND LEIPZIG + WILHELM BRAUMÜLLER + K. U. K. HOF- U. UNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER + 1904 + + + + + Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten. + + + K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien. + + + + +Vorrede. + + +Motto+: Jedes wahre, ewige +Problem+ ist eine + ebenso wahre, ewige +Schuld+; jede + Antwort eine Sühnung, jede Erkenntnis + eine Besserung. + + +Weininger.+ + + Das Kreuz in Golgatha kann dich nicht von dem Bösen, + Wo es nicht auch in dir wird aufgericht’, erlösen. + + +Angelus Silesius.+ + + +Otto Weininger wurde am 3. April 1880 als das zweite Kind eines +Kunsthandwerkers in Wien geboren. Er war ein fröhlich angelegter Knabe +und beteiligte sich gern und häufig an den Jugendspielen; ziemlich früh +machte sich ein heftiger Wissensdrang bei ihm bemerkbar. Im Gymnasium +eilte er durch die eifrige Lektüre historischer, literarischer und +philosophischer Schriften seinem Alter weit voraus. Zu dieser Zeit +interessierte er sich am meisten für Philologie; er trug sich auch +mit dem Gedanken, Philologe zu werden. (Im ganzen lernte er fünf +moderne Sprachen: Französisch, englisch und italienisch beherrschte +er vollkommen, war auch sehr belesen in den Literaturen dieser +Völker; spanisch und norwegisch verstand er recht gut.) Der Sinn für +Naturwissenschaften und für Mathematik erwachte erst später, als er die +Universität besuchte. Daselbst beschäftigte er sich am eingehendsten +mit Biologie und Physiologie;[1] Physik interessierte ihn sehr, doch +konnte er dem praktischen Arbeiten im Laboratorium keinen Geschmack +abgewinnen. Er trieb auch viel Mathematik (Differentialgleichungen, +Zahlentheorie), kam aber in der letzten Zeit sehr davon ab. Eine +lebhafte Abneigung gegen alles „+Formale+“ trat bei ihm ein; er +verlangte immer mehr nach „Erfülltheit“.[2] — Er hörte übrigens +Vorlesungen aller Fächer auf der philosophischen Fakultät; seine +Arbeitskraft war eine kolossale, sowie es nur eine besonders starke +Konstitution ermöglichte. + +Von sehr großer, hagerer Statur, ohne besondere Muskelkraft, besaß +er doch eine äußerst zähe Gesundheit. Seine Nerven überwanden alle +Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem Wesen hatte, +wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie besaß. +Neurasthenisch war er nicht, auch zum Irrsinn war keine ausgesprochene +Disposition vorhanden. Nur unter schweren Herzkrämpfen und unter +epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren stellten +sich immer nach großen psychischen Aufregungen ein. + +In der Entwicklung seiner philosophischen Anschauungen sind große +Umwandlungen zu verzeichnen. Anfangs war er ein begeisterter Anhänger +von +Avenarius+; auch +Mach+ schätzte er damals sehr hoch. Den +Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab. Aber das änderte sich +bald. Den Umschwung führten ethische Probleme herbei, welche immer mehr +und mehr Besitz von ihm ergriffen: und als er klar erkannte, daß der +Schlüssel zur Lösung des Welträtsels in der Ethik zu suchen sei, wandte +er sich naturgemäß ab von einer Philosophie, welcher „Gut und Böse“ gar +nicht einmal Problem geworden war. Er wurde Kantianer, und bei Kant ist +er, von einer einzigen Anschauung abgesehen, bis zu seinem Lebensende +verblieben. + +Noch höher beinahe als Kant schätzte er Plato; diese beiden Philosophen +liebte und verehrte er wegen ihres vollkommenen, extremen Dualismus. +Auch traf er bei Plato sowohl wie bei Kant seine innerste Überzeugung +wieder: daß das tiefste Wesen aller Dinge der Ethik angehören müsse. +Von anderen Philosophen schätzte er Plotin, Augustinus, Pascal, +Schopenhauer, Nietzsche.[3] Schopenhauer, Nietzsche und Fechner warf +er allerdings vor, daß sie nicht den Wert (d. h. das Gute und Wahre), +sondern Lust und Schmerz für das letzthin Reale halten; er nannte das +„die Weltanschauung des Neurasthenikers.“ + +Ich will nunmehr versuchen, das Verhältnis Weiningers zur Musik +zu beschreiben. Er war sehr musikalisch, insbesondere hatte er +ein fabelhaftes musikalisches Gedächtnis; er selbst spielte kein +Instrument. Er war in extremem Grade Musikpsychologe: d. h. er fühlte +bei jeder einzelnen Melodie irgend ein psychisches Phänomen, eine +landschaftliche Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie +zugeordnet schien; so daß er z. B. von einem Motiv der Willensstärke, +von einem Motiv des Herzschlages, von einer Melodie der Kälte im +leeren Raum sprechen konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs +auf Gefühle und Stimmungen beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum +Anblick der höchsten und allgemeinsten Probleme. Probleme können +selbstverständlich musikalisch auch nur durch ihren Stimmungsgehalt +wiedergegeben werden; und der ist bald stärker, bald schwächer, ganz in +dem Maße, als die Probleme wirklich +erlebt+ werden. Das war freilich +hier im denkbarst stärksten Grade der Fall; und so empfand Weininger +mit großer Bestimmtheit in diesem Motiv den spielenden Monismus, in +jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in einem dritten die +Erbsünde u. s. w. — Sein Lieblingskomponist war +Richard Wagner+; ihn +hielt er für den größten Künstler der gesamten Menschheit. Zwar hatte +er noch in der Avenarius-Periode ziemlich geringschätzig geäußert, +daß „Wagner anhören müsse, wer Psychologe werden wolle.“ Aber in der +großen Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte, +änderte sich auch das gewaltig. Er hielt nunmehr Tristan für eines der +größten Kunstwerke der Welt; am allerhöchsten[4] schätzte er textlich +den Parsifal, musikalisch den Siegfried (besonders dessen III. Akt). +Das Vorspiel zu diesem Akte erregte stets seine Bewunderung; da fand +er sein innerstes Erlebnis ausgedrückt: „den Kampf zwischen dem All +und dem Nichts, zwischen Kosmos und Chaos, die größte Alternative der +Welt; und der Aufruhr der ganzen Natur in diesem Kampfe.“ — Sehr viel +bedeutete die Melodie „Siegfried, Herrlicher, Hort der Welt“ für ihn. +— Aber dies alles trat zurück gegen die ungeheure Wirkung, welche +das sogenannte „Liebeswonne-Motiv“ („Du Wecker des Lebens, siegendes +Licht!“) auf ihn ausübte. Nach einer Siegfriedvorstellung sagte er +einmal, er begreife nicht, wie — nach dieser Melodie — das Haus noch +stehen bleiben könne. Noch in der verzweifelten Stimmung seiner +letzten Lebenstage wurde er von dem Motiv — er selbst nannte es „die +Resorption des Horizontes“ (weil der ganze Horizont hier gleichsam +umarmt, verschlungen wird) — aufs furchtbarste erschüttert. Vor der +zunehmenden Verdunkelung seiner Gemütsstimmung tat sich noch einmal ein +weiter offener blauer Himmel auf; dem umdüsterten Auge erstrahlte noch +einmal das „siegende Licht.“ — Sonst will ich noch das Regenbogen-Motiv +(Rheingold) erwähnen, welches ihm etwas von der „Freiheit des Objektes“ +zu enthalten schien; auch dieses schätzte er besonders hoch. — Die +Walküre empfand er als krankhaft. — Einige musikpsychologische +Bemerkungen über Wagnersche Melodien, die ihm besonders nahe gingen, +hat er übrigens selbst in diesem Buche zur Sprache gebracht. + +Nächst Richard Wagner verehrte er +Beethoven+ am meisten. Er hielt +Beethoven für ein Genie, dessen Gefahr das Verbrechen gewesen ist, wie +Knut Hamsun, Kant, Augustinus. Die Gefahr des Bösen, die Sehnsucht nach +Reinheit, das furchtbare Leiden und der gewaltige Kampf waren es, die +ihn bei Beethoven anzogen; vor allem aber jene merkwürdige, verklärte +Freude, deren Beethoven allein fähig war — er nannte sie „+die +gerettete Freude+.“ (Dabei dachte er besonders an das Adagio aus der +IX. Symphonie, die Stelle in B-dur.) — Von den +Mozart+schen +Opern+ +schätzte er den Don Juan am höchsten; Mozart, Bach und Händel waren die +— in seinem weiteren Sinne — frömmsten Komponisten.[5] Als die Gefahr +Bachs sah er das Chaos an; die Gefahr des Händel sei Zweifel an der +Allmacht Gottes gewesen. Aus der modernen Musik schätzte er das Lied +der Solveig in Griegs Peer-Gynt-Suite besonders hoch; er nannte dessen +A-dur-Melodie „die größte Luftverdünnung, die jemals erreicht worden +sei.“ — Die sogenannte „leichte Musik“ war ihm entweder gleichgültig +oder (wie z. B. alle Walzer) direkt antipathisch. + +Ich will nun einiges über das Verhältnis Weiningers zur Natur anführen. +Er besaß eine ungeheuer starke, sehr differenzierte und sehr umfassende +Naturempfindung; hier zeigte sich recht eigentlich seine durchaus +universelle Veranlagung. Das höchste für ihn war der Sonnenuntergang +(der ihm wahrscheinlich das Erlöschen des göttlichen Lichtes beim +Sündenfall symbolisierte). Alle Erscheinungen des Lichtes wirkten +sehr stark auf ihn; am stärksten der Anblick des Feuers, das er als +den Ausdruck des Bösen, der Vernichtung empfand. Auch für das Wasser +in allen seinen Formen hatte er viel Sinn. Die Quelle bedeutete ihm +die Geburt, der Fluß das apollinische und das Meer das dionysische +Prinzip. Überhaupt wurde alles Sichtbare als das Symbol einer ethischen +und psychischen Realität aufgefaßt. Nicht als ob sich jede Empfindung +gleich in abstrakte Reflexion umgesetzt hätte; sondern das intensivste +Naturerlebnis war ihm +eins+ mit einer sicheren Erkenntnis über die +Bedeutung dieses Phänomens für das Universum. Mit der Form und der +Farbe +zugleich+ erschaute er die sittliche Potenz, die Idee, die sich +dort materialisiert hatte. So ward ihm alles Sinnliche zum Symbol eines +Geistigen. „Alle Tiere sind Symbole verbrecherischer, alle Pflanzen +Symbole neurasthenischer Phänomene im Menschen“ (Letzte Aphorismen). +In dieser Symbolik traf sich seine Intuition mit der idealistischen +Philosophie. „Die Welt ist meine Vorstellung“ —, somit kommt allen +Erscheinungen nur soweit Realität zu, als sie Symbole jener zweiten +Welt sind, die uns in verschiedenen Gestalten hier entgegentritt: als +das höhere, ewige Leben; als das zeitlose Sein, als die intelligible +Welt, als das Transzendente, als das höchste Reale u. s. w. — Sein +erstes Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der +Sittlichkeit; er schloß daraus, daß die Tiefseefauna die Inkarnation +von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so +fern vom Licht gewählt hat. — Die erkenntnistheoretische Begründung +dieser Ansichten hat er nicht gegeben; er dürfte auch kein starkes +Bedürfnis danach gefühlt haben, da ihn sein extrem anthropozentrischer +Standpunkt jedes Zweifels an der objektiven Richtigkeit derselben +enthob. Die Welt ist ihm der Ausdruck des Menschen, der Mensch +das korrespondierende Subjekt des Objekts „Welt“. Es ist die alte +Lehre vom Menschen als dem Mikrokosmus,[6] die hier wieder einmal +fruchtbar geworden ist. — Die Universalität seiner Naturempfindung +war erstaunlich; er empfand das Hochgebirge so stark als das Meer, +er sehnte sich nach dem Norden ebensosehr als nach dem Süden. Er +fühlte stets ein starkes Reisebedürfnis. — In der letzten Zeit wirkten +Durchblicke durch enge Öffnungen auf hell beleuchtete Fernen am +stärksten auf ihn. + +Ich will nunmehr versuchen, das eigentliche Wesen Weiningers, den +Kern seines Seins, zu erklären; dabei sollen auch die Motive des +Selbstmordes klar hervortreten. =Otto Weininger verstehen, heißt soviel +als den Dualismus[7] und seine Projektion auf die menschliche Psyche, +das Prinzip des Gegensatzes im Bewußtsein, verstehen.= Denn es wird +kaum je einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so +furchtbaren inneren Kampf unablässig zum Ausdrucke gekommen wäre, wie +bei ihm. + +Die Lehre Otto Weiningers von der Bedeutung des Gegensatzes[8] im +Bewußtsein läßt sich etwa folgendermaßen darstellen: Jeder Mensch +enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel (der für Weininger +bloß das personifizierte „Nichts“ ist) und etwas vom All, vom Kosmos, +von der Gottheit. Diese beiden Mächte ringen miteinander; ihr +Kampf ist der Sinn des menschlichen Lebens. Und zwar =bestimmt die +spezifische Art seines Chaos, seines „Nein“= bei jedem Menschen die +Entwicklung und Ausbildung =gerade desjenigen „Ja“= aus dem Reiche +des Kosmos, der Gottheit, =welches seinem Nein, seiner Form des +Chaos genau entgegengesetzt ist=. Jede Äußerung des Nichts macht die +korrespondierende Äußerung aus dem All möglich; jedes Stück Kosmos +im Menschen trägt die Gefahr eines entsprechenden Chaos in sich. +Bewußtsein ist nur durch den Gegensatz möglich; die Gottheit inkarniert +sich im Menschen, um dort im Kampfe gegen das Nichts ihrer selbst sich +bewußt zu werden. So wie bei aller Erotik der Mann im Weibe, so will +sich Gott im Menschen finden, wiederfinden. — Die zwei hauptsächlichen +Formen des „Nichts“ sind Verbrechen und Irrsinn; das wahrhaft, in +höchster Realität Existierende ist Güte und Weisheit. Diese beiden +fallen freilich, im Reiche des Transzendenten, zusammen; nur empirisch +ist es zweierlei. Denn es gibt keine Erkenntnis, die nicht Sühnung +einer Schuld wäre; keine wirkliche Selbstbeobachtung, die nicht den +Willen zum Guten anspornen würde. Logik und Ethik gehören zusammen. Wir +wollen das Prinzip des Gegensatzes nun für diese zwei Fälle besprechen. + +Derjenige, welcher die Veranlagung zum Irrsinn in sich fühlt, wird vor +allem von logischen und erkenntnistheoretischen Problemen angezogen. +Wem der Irrsinn Gefahr ist, dem wird alles Logische problematisch; +alles Denken, selbst das allereinfachste, wird von ihm in Zweifel +gezogen. Die instinktive Sicherheit und Notwendigkeit, welche den +Gesunden bei jedem Urteilsakte leitet, wandelt sich bei ihm in eine +Schar von Denkmöglichkeiten um, von denen jede um den Vorzug streitet. +Daher muß er, um sich gegen die allgemeine Unsicherheit in der +gedanklichen Orientierung zu schützen, um nicht den Boden unter den +Füßen zu verlieren, die obersten, allgemeinsten Grundsätze des Denkens +zu Hilfe rufen. Je größer das bedrohte Gebiet ist, desto umfassender +müssen auch die Vorkehrungen von Seite der Logik sein, damit es dem +völligen Verfall entrissen wird. So interessieren sich Menschen mit +Irrsinnsgefahr für viele logische und erkenntnistheoretische Probleme, +für welche andere Leute gar keinen Sinn haben. +Damit etwas Problem +wird, muß es zuerst problematisch sein.+ Wer krank ist, der muß sich um +die Krankheit bekümmern, mag ihm die Medizin sonst noch so gleichgültig +sein; wo die Existenz einer Sache in Frage kommt, dort wird es der +Aufmerksamkeit bedürfen; +wo eine Gefahr ist, dort wird eine Erkenntnis +nötig sein+. Das gilt von den Gefahren für die innere Erhaltung in noch +höherem Grade als von den Bedrängnissen der Umgebung. Sicherlich war +bei Kant alles in Frage gestellt, als er seine Probleme fand: „Wie ist +Erfahrung möglich? Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?....“ + +Die zweite hauptsächliche Form des „Nichts“ ist das Verbrechen. Dem +Irrsinnigen verdunkelt sich alles Denken, +dem Verbrecher alles Gefühl +für den Wert+. Aller Wert ist bei ihm in Frage gestellt, keiner bleibt +über jeden Zweifel erhaben; der Wert des menschlichen Lebens, der Wert +der Wahrheit — das alles wird völlig problematisch. Und wenn es kein +vollkommener Verbrecher ist, sondern ein Mensch, dem verbrecherische +Neigungen neben sittlichem Streben innewohnen, der sein besseres Ich +gegenüber allen Anfechtungen zu behaupten sucht, dann entstehen aus dem +Problematisch-gewordenen die entsprechenden Probleme. Das war mit dem +Satze gemeint: „Jedes wahre Problem ist eine ebenso wahre Schuld.“ Wenn +also bei einem Menschen, der Sittliches und Verbrecherisches zugleich +in sich trägt, der innere Kampf[9] beginnt, der die Entscheidung +bringen soll, so bedarf es der höchsten, allgemeinsten Erleuchtung über +Gut und Böse, um der tiefsten, völligsten Verdunkelung des Wertgefühles +standhalten zu können. Wo alles in Frage gestellt ist, da muß alles +gefestigt werden; da muß der letzte Quell des Sittlichen aufgesucht +werden: in eine Welt von Dunkelheit muß eine Unendlichkeit von Licht +einströmen. Und da kann es denn geschehen, daß aus dem ehemaligen +Verbrecher ein Heiliger wird. Dieser wird natürlich viel höhere +sittliche Anforderungen an sich stellen als ein normaler Mensch; er +wird oft auch dort Gemeines, Böses erblicken, wo ein anderer nichts +bemerkt. Wie der Wert früher ganz aus der Welt ausziehen wollte, so +dringt er jetzt, nach vollzogener Umwandlung, in alle Fasern der +Schöpfung ein. + +Je mächtiger die Gefahr des „Nichts“ war, desto glorioser wird das +„Sein“, wenn es das Nichts überwunden hat. So ist der größte Mensch +derjenige, der den größten Feind besiegt hat. =Das Genie ist nicht eine +Art von Irrsinn oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung, +deren größter Gegensatz.= + +Ich möchte das Prinzip des Gegensatzes im Bewußtsein noch mit einem +biologischen Phänomen vergleichen. Bei jeder Krankheit bilden sich +bekanntlich die sogenannten Antitoxine, welche die Toxine, die Erreger +der Krankheit, zu vernichten streben. Sobald sie den letzteren an +Zahl und Stärke überlegen sind, tritt Genesung ein. Hat nun jemand +einmal eine ansteckende Krankheit gehabt, so wird er sie — infolge +der im Körper zurückbleibenden Antitoxine — selbst bei der größten +Ansteckungsgefahr in der Regel nicht ein zweitesmal bekommen. Ebenso +wird der, welcher den Verbrecher in sich überwunden hat, auch alle +jene gemeinen Züge abstreifen, welche sonst zum normalen Menschen dazu +gehören: d. h. er wird zum Heiligen. + +Das wird freilich nur in den außerordentlich seltenen Fällen vorkommen, +wo verbrecherisch angelegten Naturen zugleich ein hohes sittliches +Streben innewohnt. Mag es schon sehr selten geschehen, daß sich +bei einem antimoralischen Menschen auch nur die Spur eines Kampfes +bemerkbar macht, viel seltener noch tritt der Fall ein, daß er bei +diesem Kampfe den Sieg erringt. Dann freilich ist der ehemalige +Verbrecher ein Heiliger oder ein Genie geworden. Beide Formen stellen +die Umkehrung des Antimoralischen dar; beide haben im höchsten Ausmaße +teil an der Wahrheit. Der Heilige hat die Wahrheit, die den Weg der +Selbstbeobachtung erhellt, das Genie jene, welche die Beobachtung der +ganzen Welt möglich macht. Der Heilige ist erlöst, wenn das Licht des +höheren Lebens in ihm selbst aufgegangen ist; dem Genie leuchtet die +ganze Welt in diesem Licht. — Weil Wahrheit das Gegenteil von Lüge +sowie von Irrtum ist, so berührt sich das Genie als der umgekehrte +Verbrecher mit dem Genie als dem umgekehrten Irrsinnigen. + +Die Weiningersche Auffassung, daß Genialität höchste Sittlichkeit +ist, wird vielen befremdlich erscheinen. Es ist aber eigentlich ein +ganz einfacher Zusammenhang, der hier vorliegt. Der Sittliche hat +Verständnis für alles Leben in der Welt, weil er selbst am höheren +Leben, das der Quell alles Lebens ist, teilnimmt. Dem Verbrecher fehlt +der Sinn für Freiheit, Selbstzweck, Leben. Nun kann man aber ein +Lebewesen nur dann verstehen, wenn man es als Selbstzweck betrachtet. +Ich verstehe einen Hund, wenn ich weiß, was er fühlt und will; wenn +ich ihn aber nur als Mittel zum Zweck auffasse, ist er kein Lebewesen +für mich, sondern bloß eine Maschine oder eine bestimmte Menge von +Energie. — Das Verständnis des Lebens ist die Grundlage für das +Verständnis des Organismus; denn jeder Organismus, in seinem Bau und +in seinen Funktionen, ist der Ausdruck für die spezifische Form des +Lebens, welche sich ihn gebaut hat und ihn bewohnt. Hier äußert sich +Sittlichkeit als Verständnis für Biologie. Doch der kategorische +Imperativ: „niemanden bloß als Mittel zum Zweck aufzufassen,“ der von +Kant nur auf vernünftige Wesen anwendbar gedacht ist, läßt sich in +gewissem Sinne auf alle Schöpfung ausdehnen. Auch einen Granitblock, +ein Amethystkrystall kann ich nur dann wirklich auffassen, wenn ich +mich in der von Schopenhauer beschriebenen Stimmung der „willenlosen +Anschauung“ befinde. +Soweit etwas „interessant“ ist, soweit fällt es +unter den Begriff des Selbstzweckes.+ Die andere Art der Auffassung +aller Dinge ist vom Willen zur Macht eingegeben. — Aber nur auf der +Grundlage des Selbstzweckes ist alles Naturverständnis und alle +Naturempfindung möglich; daher ist der sittlichste Mensch — das Genie. + +Vielleicht kann durch diese Betrachtung die Lehre Weiningers vom +Verbrecher leichter verständlich gemacht werden. Es heißt bei der +Psychologie des Verbrechers, S. 117 dieses Buches, daß alles Böse in +der Neigung zum Funktionalismus bestehe. Dieser Ausdruck ist aber +sehr geeignet, Mißverständnisse hervorzurufen. Denn das Funktionale +ist gerade dasjenige, das allein Gegenstand der Erkenntnis werden +kann; und die Kantische Frage „Wie ist Erfahrung möglich“ fand ihre +Antwort in dem — Funktionalismus. Das ist nämlich so. Jeder Körper +dehnt sich aus, wenn er erwärmt wird; jedem Grade der Erwärmung +entspricht ein bestimmtes Maß der Ausdehnung. Man sagt: Das Volumen +ist eine Funktion der Temperatur, v = f(t). Diese Beziehung hat zur +Konstruktion des Thermometers geführt; der Bau des Thermometers ist +durch sie bedingt. Ebenso sind alle unsere Denkgesetze durch die Natur +aller möglichen Funktionalbeziehungen bedingt (z. B. der Satz der +Identität durch das Phänomen der Stabilität in der Natur, welches einen +Teil des Funktionalen ausmacht); dem liegt ein tiefer apriorischer +(transzendenter) Zusammenhang zugrunde. + ++Böse+ ist der Wunsch, alles Psychische in der Welt in eine derartige +funktionale[10] Verbindung zu bringen, daß es jede Freiheit und +Selbständigkeit einbüßt (+Verschmolzenheit+). Wie das Volumen des +Quecksilbers mit der Temperatur, so sollen sich die Handlungen des +Sklaven mit dem Willen des Despoten ändern. — Dies ist nun in der +Psychologie des Verbrechers weiter ausgeführt. + +Die Erkenntnis des Funktionalen ist aber natürlich nicht böse. Was man +erkennt, davon hat man sich befreit. Wir nehmen die Drehung der Erde +nicht wahr, weil wir uns selbst mitdrehen; +um eine Sache zu erkennen, +muß man außerhalb derselben seinen Standpunkt haben+. Damit hängt es +zusammen, daß Hume, Mach, Avenarius, welche die Kausalität als eine +bloße Naturerscheinung ansehen, die Vorstellung von der Willensfreiheit +entschieden abweisen (siehe S. 71 dieses Buches), während gerade +Kant, der der Kausalität eine viel größere Bedeutung zuerkennt, +eine Lehre vom freien Willen aufgestellt hat. Das zur Klärung des +Funktionalbegriffes. — Ich kehre nach dieser Abschweifung, welche +vielleicht das Verständnis des Buches zu erleichtern hilft, wieder zur +Biographie zurück. + +Otto Weininger war in hohem Grad zum Verbrecher veranlagt, und zugleich +besaß er ein ungeheures sittliches Streben. Er kannte sehr wohl alles +Böse; in ihm wirkte aber auch eine riesenhafte Wahrheitsliebe, eine an +Heiligkeit streifende Seelengüte. Ich will nur erwähnen, daß er niemals +über eine Wiese ging, um keinen Grashalm zertreten, keinen Lebenskeim +zerstören zu müssen. Er litt es auch bei niemand anderem, der mit ihm +ging. Wenn er einem Bettler etwas gab, so zog er stets dabei den Hut +ab, um ihn nicht zu beschämen. — Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h. +duldsam gegen alle jene gemeinen Züge, die zum Lebensgenuß beitragen, +ohne anderen Menschen direkt zu schaden, war er nicht. Damit dürfte +es auch zusammenhängen, daß er niemals „gemütlich“ war. Von „Güte“ in +höherem Sinne hatte er sehr viel in sich. + +So mußte Weininger einen Kampf[11] bestehen, der an Intensität, an +Ausdehnung über alle Gebiete des Seins, an unablässig höchster Gefahr +vielleicht nicht seinesgleichen hatte. „Wenn ich siege, so wird das der +größte Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen hat,“ sagte er einmal +zu mir. Seine Kraft war eine ungeheure; aber als die Gefahr so groß +wurde, daß er ihr nicht mehr widerstehen zu können fühlte, da tötete er +sich selbst, um nicht dem Bösen zu verfallen; „um nicht einen anderen +töten zu müssen,“ wie er unmittelbar vor seinem Tode aufschrieb. +Höchste Furcht vor dem Teufel ist das Motiv seines Selbstmordes +gewesen, sicherlich nichts anderes. Kein Mensch war weniger als er dazu +geneigt, Kompromisse zu schließen; und so richtete er sich selbst in +dem Moment, da er erkannte, daß er als guter Mensch nicht leben könne. +Die Abweisung aller Kompromisse ist sicherlich heroisch, Weiningers +Selbstmord insofern ein Akt des höchsten Heroismus. + +Dieser Kampf dehnte sich über alle Gebiete seines Seins aus. Alle +Probleme der Welt rührte er auf; alles psychische Geschehen, alle +Naturempfindung, alle Kunsterlebnisse, alle Erotik mußte an ihm +teilnehmen. Mit einer merkwürdigen Sicherheit wurden da Pferd und Hund, +Zypresse und Veilchen, Fluß und See, Sonne und Sterne als Symbole der +Ethik erschaut. Da nun die ganze Natur voll derselben Probleme wurde, +die ihn selbst erfüllten, konnte Weininger den Kampf verteilen und +sich ihn wesentlich erleichtern: das ist eben jene Erweiterung des +Heiligen zum Genie, von der wir früher gesprochen haben. Er horchte +auf jede Regung der Natur, ob sie etwas Sittliches oder Unsittliches +bedeute; und so entstand in ihm der Plan zu einem grandios angelegten +Gedankenbau, zu einer +allgemeinen Natursymbolik+; was er davon +ausgeführt hat, ist in diesem Buche unter dem Abschnitte „Metaphysik“ +enthalten. + +Es ist hier am Platze, einiges über sein Erstlingswerk „Geschlecht +und Charakter“ zu sagen. +Wie alles, was Weininger je geschrieben +hat, so ist auch dieses Werk+ =eine Abwehr gegen das Nichts=, +gegen +das Böse+. Es handelt von den Frauen nur deswegen, weil die Frauen +als ausschließlich sexuelle Wesen aufgefaßt werden. Es will den +Zusammenhang von Sexualität und Verbrechen zeigen; es will dartun, daß +Sexualität nicht ohne Unfreiheit, ohne Sklaverei bestehen kann. Dazu +führt es den Mittelbegriff der „Verschmolzenheit“ ein. Der eigentliche +Wurzelstock des Buches ist der +Begriff der Kuppelei: das vergebliche +Streben des Nichts, zum Sein zu gelangen+ (+Klingsor+). Die extremen +sittlichen Forderungen, die in „Geschlecht und Charakter“ gestellt +werden (wie z. B. völlige Keuschheit), sind durch den gewaltigen +Seelenkampf des Verfassers zu erklären; er bedurfte der vollkommenen +Reinheit, um sich vor dem Abgrund zu retten. Es berührt unangenehm, +zu sehen, wie mancher über die „übertriebene“ Sittenstrenge lächelt, +der eben weder diesen Kampf, noch die Voraussetzungen dieses Kampfes +kennt. Ich betone es noch einmal: alles, was Weininger geschrieben +hat, war eine oft verzweifelte Abwehr gegen den völligen Verfall aller +Werte, gegen die drohende Verdunkelung des Sinnes für Wahrheit und +Leben. — Er selbst war sehr erotisch und sehr sinnlich, doch lebte +er in der letzten Zeit vollkommen keusch. Als er das Buch schrieb, +äußerte er sich einmal folgendermaßen: „Was ich hier gefunden habe, +wird sicherlich keinen anderen so schmerzen wie mich selbst.“ — Einige +Monate darauf: „Dieses Buch bedeutet ein Todesurteil; entweder trifft +es das Buch oder dessen Verfasser.“ + +Es ist dies eben die Art jener Produktion, aus der zweifellos alle +wahrhaft bedeutenden Werke über ethische Probleme hervorgegangen sind. +„+Die Ethik wird einem nicht geschenkt+,“ sagte Weininger öfters; und +was damit zusammenhängt: „Gute Menschen haben immer eine flache Ethik.“ +(Damit meinte er Menschen, welche niemals einen Impuls zum Bösen +verspürt haben.) + +Das ist der tiefste, charakteristischeste Zug in Otto Weiningers +Wesen: die Gewalt, mit welcher er den Dualismus erlebt hat. Darum +ging ihm auch alles nahe, worin der Dualismus zum Ausdruck kommt; so +Kant, so Plato, vor allem aber das Christentum,[12] an dem er mit +leidenschaftlicher Verehrung hing. Er war fest überzeugt davon, daß +die Person[13] und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden +habe wie er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit: ++alles Böse der Welt als die eigene Schuld empfinden+, ging ihm +außerordentlich nahe. Der Inhalt des Christentums: die strenge +Scheidung von höherem, ewigem und niederem, zeitlichem Leben; der +Glaube an den Sündenfall (der wahrscheinlich so alt wie die Menschheit +ist, hier aber eine besonders große Bedeutung erlangt); die Vorstellung +vom inneren Tode bei äußerlich lebendigem Leibe (Lasset die Toten ihre +Toten begraben) — das alles ging ihm besonders nahe. Auch ihm bedeutete +das Wort „Leben“ etwas, das eigentlich nur dem Sittlichen zukommt: da +das höhere Leben auch der Quell des irdischen ist. — Im Mittelpunkte +seines Denkens steht der Begriff der „Schuld“. Alles Leiden ist nach +Weininger Schuld, und zwar übernommene Schuld; er teilte die Menschen +ein in solche, die die Schuld übernehmen und daran leiden (die Dulder), +und solche, die die Schuld auf die anderen abwälzen (die Verbrecher). +Den Sündenfall faßte er durchaus individuell auf. Jeder Mensch hat +seine eigene Erbsünde, die eben mit seiner „Schuld“ identisch ist. — +Seine Abneigung gegen das Judentum, gegen die Frauen und gegen Schiller +ist zum großen Teil aus deren vollkommenem Mangel an Dualismus zu +erklären. Den empirischen Optimismus haßte er, an den transzendenten +glaubte er selbst (das Paradies). + +Als er gerade sein Erstlingswerk vollendet hatte, da sagte er einmal +zu mir: „Es gibt drei Möglichkeiten für mich; den Galgen, den +Selbstmord[14] und eine Zukunft, welche so glänzend ist, daß ich sie +mir gar nicht auszudenken traue.“[15] Seit dieser Zeit wurde seine +Stimmung immer schlechter. Er verbrachte den ganzen Sommer in Italien, +und verblieb zunächst längere Zeit in Syrakus, wo er den größten Teil +des vorliegenden Buches niederschrieb. Syrakus nannte er „den einzigen +Ort, in dem man den Sonnenuntergang ertragen könne.“ Dann hielt er sich +in Calabrien auf, besuchte Casamicciola auf der Isola d’Ischia, sah +sich auch Rom und Florenz an. In den letzten Tagen des September kehrte +er nach Wien zurück. Hier arbeitete er, wohl schon mit der festen +Selbstmordabsicht, an den „Letzten Aphorismen“; er schrieb zwei ganze +Nächte durch. Da fand er plötzlich die Lösung eines Problems, das ihn +früher unablässig gequält hatte: „Nicht die Seelen, die Individuen sind +das letzthin Reale, auch sie sind noch Ausdruck der Eitelkeit, Knüpfung +des Wertes an die Person; von höchster Realität ist allein das Gute, +welches alle Einzelinhalte in sich schließt.“ — Wohl äußerte er noch +die Absicht, bald wieder Wien zu verlassen und wegzureisen; aber seine +Stimmung verriet die herannahende Katastrophe. Völlige Dunkelheit brach +über ihn herein; ein abgründlicher Pessimismus (den er aber auch als +Schuld empfand) bemächtigte sich seiner. + +So äußerte er sich z. B. (es war in den letzten vier, fünf Tagen seines +Lebens): „Alles, was ich geschaffen habe, wird zugrunde gehen müssen, +weil es mit bösem Willen geschaffen wurde; vielleicht mit Ausnahme +davon, daß Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der Natur +enthalten ist, daß das Symbol des Sittlichen nur das Schöne, nur die +ganze Natur sein kann. — Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir +in Berührung gekommen ist.“ Ein andermal: „Meine Rückkehr nach Wien +hätte eine zweite Inkarnation[16] in Wien sein sollen.“ + +Tags darauf nahm er sich ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus. Er +verbrachte dort eine Nacht; in der Früh — am 4. Oktober 1903 — machte +er seinem Leben durch einen Schuß in die Brust ein Ende. + +Es sei hier erwähnt, daß zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine +in Wien sichtbare partielle Mondesfinsternis stattfand, die genau +in dem Momente endigte, als sein Leib in die Erde gesenkt wurde. — +Bekanntlich erzählt Schopenhauer, daß am Tage von Immanuel Kants Tode +eine weiße Wolke gen Himmel aufgestiegen sei, worauf der Himmel klarer +und reiner geleuchtet habe als je vorher. + + * * * * * + +Es hat wohl — seit Richard Wagners Tode — niemand gegeben, dem das Wort +„+Seele+“ soviel bedeutet hätte, in dem auf dieses Wort so Vieles und +Inhaltsschweres mitgeklungen wäre. Aber viel weiter noch, glaube ich, +müßten wir zurückgehen, um jemanden zu finden, der eine so ungeheure, +so weltumspannende Vorstellung von +Güte+ in sich getragen hätte wie +Otto Weininger. + + * * * * * + +Da es vielleicht manchen interessieren wird, noch etwas Persönliches +über Weininger zu erfahren, so veröffentliche ich hier einige seiner an +Herrn +Gerber+ und an +mich+ gerichteten Briefe. + + * * * * * + +Aus den Briefen an Herrn Arthur +Gerber+: + + +München+, 29. 7. 02. + + „— — München hat noch keinen großen Mann hervorgebracht: alle + angezogen, keinen festgehalten. — Ich komme eben aus der + Schack-Galerie. Dort hängt eine Kopie des großartigsten Bildes der + Welt, des Jeremias von Michel Angelo. Ich habe bisher nicht gewußt, + daß es so etwas geben kann, daß von einem Bilde soviel ausstrahlen + kann. — —“ + + +Dresden+, 12. 8. 02. + + „— — Ich habe jetzt die Überzeugung, daß ich doch zum Musiker geboren + bin. Noch am ehesten wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch + musikalische Phantasie an mir entdeckt, die ich mir nie zugetraut + hätte, und die mich mit einem starken Respekt erfüllt hat. — — + + — — Ich habe jetzt die leibhaftige sixtinische Madonna gesehen. + Sie ist — +schön+. Aber nicht +bedeutend+; nicht großartig, nicht + irgendwie erschütternd. Und die Leute davor! Ich habe mich herzlich + amusiert. Es gibt weit hervorragendere Bilder hier. +Einen+ hab’ ich + entdeckt, einen tiefen +Kenner des Weibes+: +Palma vecchio!+ — —“ + + +Fredrikshaven+ (Nordspitze Jütlands), 21. August 1902. + + „— — — Ich habe also jetzt 14 Stunden Seefahrt hinter mir, darunter + fast die ganze Nacht auf Deck zugebracht, bei ziemlichem Sturme und + bis 4 _m_ hohen Wellen; und bin seefest! wie ich’s von mir nicht + anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts kann die +Würde+ des + Menschen so leiden wie durch die Seekrankheit. Bezeichnend genug + ist’s, daß die +Frauen+ alle seekrank werden. — —“ + + +Syrakus+, 3. August 1903. + + „— — Statt in Ancona auf ein Schiff lange zu warten, bin ich über + Rom, Neapel, Messina, Taormina (einen der schönsten Punkte der Erde), + Catania (Ätna) hierher gereist. + + In Rom hörte ich den Trovatore, in dem die großartigste Darstellung + des Herzschlages sich findet, und bin mehr als je der Meinung, daß + Verdi ein Genie gewesen ist; hier hörte ich vorgestern abends in + einer zauberischen Gegend, am Strande des mondbeschienenen jonischen + Meeres, zwischen der papyrusbestandenen Quelle Arethusa und den + Segelschiffen des Hafens, von der Corso-Militärmusik die Cavalleria + rusticana spielen. + + Als er die schrieb, damals war Mascagni +groß+. Ich habe jetzt die + ganze Gegend gesehen, in der sie spielt, bin unweit Francofonte + gewesen, und habe mich sehr gefreut, wie vollkommen richtig ich sie + mir vorgestellt hatte: das +blondeste Getreide+ (la cirāsa). Es ist + die fruchtbarste Gegend Europas. Über die sizilianischen Duelle der + Bauern habe ich reiche Belehrung gesucht und gefunden, und über eine + Art selbst den Unterricht eines Ziegenhirten genossen, der wirklich + und wahrhaftig auf der selbstgeschnitzten Syrinx blies — allerdings, + und zwar sehr schlecht, eine Melodie aus dem Barbier von Sevilla, + die gar nicht an den Ort paßte. — Beneide mich aber nicht zu sehr, + auch wenn dich, was ich dir hier schreibe, noch so sehr mit Sehnsucht + erfüllen sollte. + + Syrakus ist die eigentümlichste Gegend der Welt. Hier kann ich nur + geboren werden oder sterben — leben nicht. + + Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante Schamlosigkeit des + Kraters zu denken gegeben. Ein Krater erinnert an den Hintern des + Mandrill. + + Zur Beschäftigung mit Beethoven rate ich dir nur sehr. Er ist + das absolute Gegenteil Shakespeares, und Shakespeare oder die + Shakespeare-Ähnlichkeit ist, wie ich immer mehr sehe, etwas, worüber + jeder Größere hinauskommen muß und hinauskommt. Bei Shakespeare hat + die Welt keinen Mittelpunkt, bei Beethoven hat sie einen. — — —“ + + +Syrakus+, 19. August 1903. + + „Die Beilagen, außer der gewöhnlichen Ansichtskarte,[17] sind: + + 2 Blüten einer Papyrusstaude, + 1 Stückchen Bast aus dem Stamme derselben + + was du dem Umstande zuzuschreiben hast, daß die Schiffer des + Ruderbootes, auf welchem ich den papyrusbestandenen Fluß Anapo + bis zur Quelle, der berühmten Cyane, fuhr (was ich dir [und zwar + ebenfalls im Boote] unbedingt anrate, wenn du nach Syrakus kommst), + gegen meinen ausdrücklichen Willen und ohne mein Wissen eine Pflanze + abschnitten. + + Die andere Ansichtskarte ist eben aus dem hier wachsenden Papyrus + selbst hergestellt und bietet eine sehr schlechte Ansicht der Ruinen + des alten griechischen Theaters, jener Stätte, wo der Sonnenuntergang + unter allen Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist.“ + + * * * * * + +Aus den Briefen an +mich+: + + +Casamicciola+, Isola d’Ischia. + + „Es steht viel schlimmer, als ich selbst noch vor zwei Tagen dachte, + beinahe hoffnungslos.“[18] + + +Sorrent.+ + + Die Schlange ist das Symbol der Lüge (gespaltene Zunge, Häutungen, + ihr Kriechen Gegenteil des Vogelfluges; die Schlange als der + [innere] Feind des Vogels).... Für die Griechen hat es im engeren + Sinne keine Einsamkeit und kein Zeitproblem gegeben. Zwischen den + Griechen und Beethoven ist eine Ähnlichkeit, indem bei beiden die + Welt einen Mittelpunkt hat; absolutes Gegenteil Shakespeare. Es + ist dort polarisiertes, hier unpolarisiertes Licht. Das Gegenteil + des Mitleides ist bei Shakespeare nicht Grausamkeit, sondern + Stumpfsinn.... + + +Neapel.+ + + Das Lamm ist das frömmste Tier, obwohl es auch sündhaft ist, nämlich + müde und feig; Trägheit und Feigheit sind verwandt, ebenso Fleiß und + Mut.... + + * * * * * + + Hat das Erdbeben nicht Verwandtschaft mit dem Krampf des Epileptikers? + + * * * * * + + Der Ausspruch: „Dir wird schon noch einmal bei deiner Gottähnlichkeit + bang,“ deutet darauf hin, daß Goethe auch einmal Gott werden wollte, + und sich später beschieden hat. + + * * * * * + + Sind die Pferdebremse (die übrigens eine gewisse sadistische + Schönheit hat) und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen? + Das will und kann man nicht annehmen. Sie sind Symbole für etwas, + wovon Gott sich abgekehrt hat, spiegeln dem Menschen gewisse Dinge + in ihm selber wieder, gleich wie das Meer den Himmel wiederspiegelt. + Aber wenn das Stinktier und der Schwefel nicht von Gott geschaffen + ist, so entfällt auch das prinzipielle Bedenken beim Vogel + und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von Menschlichem, + Allzumenschlichem; sonst wäre ja irgendwo Vollendung, Erfüllung, + statt immer bloß Erscheinung. Gott kann in keinem dieser Einzeldinge + stecken, denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und + nichts anderes. + + * * * * * + + Die Russen sind das ungriechischeste aller Völker. + + * * * * * + + Die Windungen der Schlange sind symbolisch für die windungsreiche + Biegsamkeit des Lügners. + + * * * * * + + Alle Krankheit ist häßlich; darin liegt, daß sie Schuld sein muß. + + * * * * * + + Das Anbellen und Wieder-Zurückprallen des kleinen Hundes ist das + furchtsame, kleine Sakrileg, das sofort Kehrt macht und um Gnade + winselt, und nicht einmal verzweifelt ist wie der Mörder. + + * * * * * + + Die Diskontinuität im Zeitverlauf ist das Unsittliche an ihm; + deswegen gibt es auch keine Heiligkeit von Fall zu Fall. + + * * * * * + + Alle Sittlichkeit ist schöpferisch; darum ist der Verbrecher nicht + arbeitsam und nicht produktiv (er hat keinen Willen zum Wert). Wäre + die Sittlichkeit des Weibes echt, so müßte sie schöpferisch sein. + + * * * * * + + Der Selbstmord ist kein Zeichen von Mut, sondern von Feigheit, wenn + auch unter den Feigheiten selbst die geringste. + + +Neapel.+ + + Die Furcht ist die Rückseite +alles+ Willens. Vorwärts Etwas, + rückwärts Nichts. Darum ist es unheimlich, auf einem Weg, den man + geht, bei plötzlicher Umdrehung die zurückgelegte Strecke zu gewahren + (Einsinnigkeit der Zeit). Ich glaube also doch, daß Furcht mit + Unsittlichkeit verschwistert ist; nur wächst eben das Gefühl für + das Chaos, je mehr Kosmos man sein will. Das Nichts ist der Rand + des Etwas; und wird der Mensch alles, wird er Gott, so hat er keine + Ränder und keine Furcht mehr. Aber wahrscheinlich hat er kurz vorher + die letzte, größte Furcht zu besiegen.... + + +Wien+, den 4. November 1903. + + Moriz Rappaport. + + +[1] Er hat auch einmal ein Gehirn seziert. + +[2] Was er z. B. in der Musik Richard Wagners fand, den er darum den +unmathematischesten Musiker nannte. + +[3] Nietzsches Ethik nahm er zwar nicht sehr ernst, den Zarathustra +aber schätzte er seiner grandiosen Naturstimmungen wegen +außerordentlich hoch. + +[4] Er fühlte das Bedürfnis, alle großen Männer und Kunstwerke auf das +genaueste zu werten; so verlangte es sein unablässiges Streben nach +Klarheit. + +[5] Man lese die Stelle über die Arten der Frömmigkeit in „Geschlecht +und Charakter“ (1. Auflage, S. 433) nach. Da heißt es unter anderem: +„Frömmigkeit braucht nicht in ewiger Betrachtung vor dem Weltganzen zu +stehen (so wie +Bach+ vor ihm steht); sie mag (wie bei +Mozart+) als +eine alle Einzeldinge begleitende Religiosität sich offenbaren.“ + +[6] Ich komme später noch einmal kurz auf dieses Thema zurück. + +[7] Das Wort „Dualismus“ wird in verschiedenem Sinne gebraucht; man +spricht von einem psychophysischen und von einem ethischen Dualismus. +Der erstere +beschreibt+ das Verhältnis von Leib und Seele, wie es +Natur und Erfahrung bieten; der letztere +wertet+ das Verhältnis von +Sinnen und Geist, von materieller und geistiger Natur, von Trieb und +Wille, von tierischen und göttlichen Prinzipien im Menschen. Was das +psychophysische Verhältnis betrifft, so hat mit dem „Parallelismus“ +eine ziemlich monistische Anschauung Platz gegriffen, mit der Weininger +vollkommen einverstanden war. Ihm handelte es sich lediglich um +den ethischen Dualismus: daß der Mensch zum Teil von Gott und zum +Teil vom Staube stammt. Dem ethischen Monismus huldigen vor allem +die Evolutionsfanatiker (Bölsche). Für ihn gibt es kein Gut und +Böse, welches aus tieferem Grunde käme, sondern bloß ein „Mit der +Entwicklung“ und ein „Gegen die Entwicklung“. Hier handelt es sich um +jenen +Dualismus+, welcher ethischen Eigenschaften die größte Realität +erteilt; welcher ein höheres und ein niederes Leben (Christentum), eine +intelligible und eine empirische Welt (Plato, Kant) kennt. + +[8] Er selbst spricht ganz kurz in der Tierpsychologie (beim Pferd) +darüber. + +[9] Der Ausdruck „Innerer Kampf“ wird bei vielen ein Lächeln erregen, +welche nicht begreifen, daß man in sich selbst etwas hassen könne +außer etwa die Anlage zu Erkältungen. — Es sei hier bemerkt, daß das +lateinische und das griechische Wort für Tugend zunächst Tapferkeit +heißt, worauf in einer wundervollen Stelle Immanuel Kant aufmerksam +gemacht hat (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, +„Von dem Kampf des guten Prinzips mit dem bösen“). + +[10] Das Funktionale als das Gegenteil des Selbstzweckes. + +[11] Dieser Kampf machte die außerordentlich starke Selbstbeobachtung +bei ihm nötig; er kam aber auch der Außenwelt gegenüber zum Ausdruck. +Auch nach außen hin war Weininger immer kampfbereit; darum focht er +z. B. sehr gerne (während er sonst durchaus kein Sportsfreund war). + +[12] Er war von Geburt Jude, und trat am Tage seiner Promotion (21. +Juli 1902) zum Protestantismus über. + +[13] Er glaubte auch an viele der vom neuen Testament überlieferten +Wunder, und zwar im durchaus buchstäblichen Sinne. + +[14] Er hatte sich schon im Herbst 1902, vor der Ausarbeitung von +„Geschlecht und Charakter“, einige Zeit lang mit Selbstmordabsichten +getragen; doch konnte damals das Unglück noch durch Zureden eines +Freundes verhindert werden. + +[15] An demselben Tage vertraute er mir auch die Herausgabe seiner +letzten Manuskripte an, für den Fall, daß er selbst nicht dazu kommen +sollte. + +[16] Er hatte sich nämlich vorgenommen, nicht eher nach Wien +zurückzukehren, als bis sein innerer Kampf entschieden sein würde. + +[17] Du mußt dir die Häuser ganz gelb (wie Schönbrunn), das Meer +vollkommen blau und absolut wolkenlos den Himmel denken. + +[18] Zur Zeit der Vollendung von „Über die letzten Dinge“ in Syrakus. + + + + +Inhaltsverzeichnis. + + + Seite + + +Vorwort+ V + + +„Peer Gynt“ und Ibsen.+ (Enthaltend einiges über Erotik, über Haß + und Liebe, das Verbrechen, die Ideen des Vaters und des Sohnes) 1 + + +Aphoristisch-Gebliebenes.+ (Enthaltend die Psychologie des + Sadismus und Masochismus, die Psychologie des Mordes, Ethisches, + Erbsünde etc.) 49 + + +Zur Charakterologie.+ (Enthaltend: Sucher und Priester, Über + Friedrich Schiller, Bruchstücke über R. Wagner und den „Parsifal“) 77 + + +Über die Einsinnigkeit der Zeit+ und ihre ethische Bedeutung + nebst Spekulationen über Zeit, Raum, Wille überhaupt 93 + + Über rückläufige Bewegungen 95 + + Das Zeitproblem 101 + + Anhang 109 + + +Metaphysik.+ (Enthaltend die Idee einer universellen +Symbolik+, + Tierpsychologie [mit ziemlich vollständiger Psychologie des + +Verbrechers+] etc.) 111 + + Metaphysik 113 + + Psychologie des Verbrechers 115 + + Tierpsychologie: Der Hund 121 + + Das Pferd 124 + + Allgemeines 126 + + Pflanzen 128 + + Anorganische Natur 129 + + +Die Kultur+ und ihr Verhältnis zu Glauben, Fürchten und Wissen 131 + + +Letzte Aphorismen+ 173 + + + + +„Peer Gynt“ und Ibsen. + +(Enthaltend einiges über Erotik, über Haß und Liebe, das Verbrechen, +die Ideen des Vaters und des Sohnes.) + + +Über Henrik Ibsen und seine Dichtung „Peer Gynt“. + +(Zum 75. Geburtstage des Dichters.) + +In dem Verhältnis, das wir zu den Werken eines Künstlers haben, +werden wir gut tun, ein Mehrfaches zu unterscheiden: ob wir Gedanken +darin finden, die uns aufklären, eine Lösung, die uns befreit, eine +Form, die uns befriedigt und dem Gegenstande angemessen erscheint. +Fertigkeit, die wir dem Schöpfer neiden, Phantasie, die wir lieben +oder fürchten können; und anderseits all das, was von ihm selbst in +all seiner Subjektivität in sein Werk gedrungen ist, von ihm nicht als +großem Denker und Gestalter, sondern als +genielosem+ Menschen. Und +wohl scheint es, als wäre gerade dieses Element bestimmend für den +„Stil“ seiner Kunst. „Stil“, d. h. einen eigenen Stil; +ihren+ Stil +finden freilich nur geniale Menschen, aber die +Unterschiede+ im Stil +entstammen den sonstigen Unterschieden ihrer Eigenart; und je nachdem +diese der unseren näher oder ferner steht, danach bemißt sich unser +gefühlsmäßiges Verhalten zu dem Künstler — für die große Masse der +Menschen ausschließlich danach auch ihr endgültiges Urteil über ihn. + +Dies muß man in Betracht ziehen, um das Verhältnis zu begreifen, +welches die heutige Generation und ihre Wortführer zu +Ibsen+ haben. +Seine Sache ist keine Sache mehr, für oder gegen die man sich ereifert. +Er ist ein „Moderner“, und doch gar nicht „Mode“. Jeder hat ihn längst +gelesen, den einen hat er merkwürdig angezogen, den ändern ließ er +kühl, dem dritten war er äußerst antipathisch; man weiß, daß er für +die Frauen und gegen die Lebenslüge „ist“, und rühmt seinen Dialog. +Man agitiert nicht für ihn, wie für +Goethe+, und schimpft nicht auf +ihn, wie auf +Schiller+. Ein Mann, dessen Bücher um etliche Pfennige +zu kaufen sind, kann von vornherein dem Kulturmob, für den auch seine +Lektüre nur eine Frage des möglichst raren +Meublements+ ist, kaum zur +Befriedigung seiner kostspieligen geistigen Ausstattungsbedürfnisse +dienen; so verschroben diese Erklärung der jetzigen Ibsen-Verachtung +oder kühlen Ibsen-Anerkennung scheint, sie ist nicht verschrobener +als die Motivenreihen, welche heutzutage zur Thronerhebung und zur +Absetzung der künstlerischen Größen zu führen pflegen. Ein Zeitalter, +das die innere +Unruhe+ seiner Pöbelhaftigkeit dumpf als einen Makel +empfindet und ein Gegengewicht nach Parvenuart krampfhaft sucht, +glaubte dieses lieber rasch bei jeder Größe entbehrenden +Idyllikern+ +wie Gottfried +Keller+ oder Theodor +Storm+ zu finden, die es in einem +Atem mit +Goethe+ zu nennen ohne Furcht vor Gelächter wagen durfte, +statt in wachem Mißtrauen gegen sich selbst der inneren Arbeit an +sich zu gedenken, einer Aufgabe, an welche es von +Ibsen+ unangenehm +sich hätte erinnert fühlen müssen. Freilich hat dieser Künstler +dreimal schwer kompromittiert zu werden das Unglück gehabt. Als junger +Mann fiel er jenem dänischen Journalisten in die Hände, der seine +Bekanntheit zumeist dem Umstande dankt, daß er als der erste die Gêne +verloren hat, den Trieb seiner angeborenen Natur zu befriedigen, +d. h. sämtliche berühmte Männer Europas zu interviewen, und dessen +unglaublich flache Schönrednerei über die Literaturströmungen des 19. +Jahrhunderts nur darum anziehen konnte, weil man lange genug unter +der professoralen Literaturgeschichtsschreibung zu leiden gehabt +hatte. Das zweite Verhängnis, dem Ibsens Werke verfielen, war ihr +zeitliches Zusammentreffen mit dem Verlangen der Frauen nach Zulassung +zu den bürgerlichen Berufen, eine Koinzidenz, die man für mehr als +zufällig hielt und kausal deutete. Es widerstrebte in begreiflicher +Weise tieferen Naturen, für einen Mann sich einzusetzen, der von den +Frauen wegen seiner Anschauungen belobt wurde. Schließlich drittens +bemächtigten sich des Dichters auch die männlichen Theoretiker der +heutigen Kultur. Er wurde vom Sozialismus und von der Gattungsethik +reklamiert. Es hatten immer jene Dichtungen Ibsens, deren Tendenz +zum Teil eine zeitlich begrenztere ist, und die deswegen von +vergänglicherem Wert sind, den meisten Staub aufgewirbelt, denn +sie schienen von jenen Tagesströmungen nicht unbeeinflußt; und wie +man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die letzten Worte +Faustens in immer engere Beziehungen zum „Liede der Arbeit“ brachte, +so interpretierten alle Weiber beiderlei Geschlechtes den Schluß von +„Klein Eyolf“ als die Hoffnung auf das „Jahrhundert des Kindes“. Und +die andere Seite der Weiblichkeit, das „Liebesleben“, kam voll auf +die Rechnung durch jenes Drama, das den Namen Ibsen am bekanntesten +gemacht hat, durch die „Gespenster“, an welchen auch der Darwinist +seine Freude hatte, indem sie ihm „nur die Anwendung“ hygienischer +Vererbungstheorien auf Schule und Haus in populärer Weise nach dem +Abschreckungssystem zu geben schienen. Die Blasierten des Sozialismus +endlich ließen Ibsen als noch unklaren und wenig entschiedenen +Vorläufer Nietzsches gelten. War den Phrasenhelden beider Richtungen +sein reicher Symbolismus anstößig, so war er den Symbolisten selbst zu +wenig Stimmungsmensch, zu +logisch+, zu +kalt+. + +All dies kam zusammen, um jene gelangweilte, mißmutige Stimmung zu +erzeugen, in der man den Namen Ibsen heute fast immer aussprechen +hört. Er bedeutet den Vorgeschrittenen eine Trivialität, eine dem +klassizistischen Epigonentum entgegengesetzte Losung, die mit dem +erkämpften Siege über jenes ihren Dienst getan habe. Was er gesagt hat, +glaubt man bis zum Überdruß verstanden und längst inne zu haben. Er +ist ihnen der Verkünder einer Zeit, die ohnedies bereits angebrochen, +solcher Werke, die bereits Gemeingut der Wissenschaft seien: nichts +aber ist einem Kunstwerk tötlicher als dieses. Und daß ihn jeder kennt, +und einige seiner Dramen überall widerstandslos aufgeführt werden, +trägt nur dazu bei, ihn der Vergangenheit zu übergeben. + +Wer also heute über Ibsen noch etwas sagen will, sieht sich in einer +peinlichen Lage. Er läuft Gefahr, sogleich subsumiert zu werden unter +jene Nachzügler, zu denen, wie das Fixsternlicht auf die Erde, die +Weltpost der Mode erst nach einer Reihe von Jahrzehnten dringt. Und +wer gar in den Werken gerade dieses Künstlers, und vor allem in seinem +gewaltigsten „dramatischen Gedichte“, dem „Peer Gynt“, Produkte nicht ++einer+ Zeit, sondern Schöpfungen für die Ewigkeit erblickt, der weiß +wohl +für+ wen, aber nicht recht, +gegen+ wen er Zeugnis ablegt. + +Vor allem Eingehen auf den Gedankengehalt dieses „Peer Gynt“ soll +noch ausdrücklich auf eine Auseinandersetzung mit jener so allgemein +gangbaren Meinung verzichtet werden, welche in dieser Dichtung bloß +eine Persiflage des Norwegertums erblickt, die eigentlich nur für die +Landsleute des Dichters recht verständlich sei. Gewiß sind in den +„Peer Gynt“ Stellen und Szenen geraten, die ähnliches bedeuten. +Der +Held des „Peer Gynt“ ist aber die Menschheit überhaupt.+ Wer sich die +Mühe nimmt, hier weiter zu lesen oder wer sich gar nachher den Genuß +bereiten möchte, die Dichtung selbst wieder zur Hand zu nehmen, dem +wird jene Ansicht nicht anders vorkommen, als wenn jemand behaupten +wollte, Goethe habe mit dem Faust nur eine Satire auf das deutsche +Studententum schreiben wollen. Übrigens ist Ibsen wohl nirgends +sowenig verstanden worden, als in seiner Heimat. Dort, wo man +Knut +Hamsun+, dessen „Pan“ vielleicht der schönste Roman ist, der je +geschrieben wurde, für einen gewöhnlichen Skribenten hält und tief +unter den talentierten +Garborg+ stellt, wo man stets nur „Ibsen +und+ +Björnson“ sagt, wo, wie speziell in Christiania, der „Peer Gynt“ vor +einem Zirkus-Publikum in einer Weise dargestellt wird, die man beim +besten Willen nicht anders als trottelhaft nennen kann, dort muß Ibsen +allerdings furchtbar unter seiner Umgebung gelitten haben. Übrigens hat +er es ja in seinem Epilog selbst zu verstehen gegeben, wie wenig er +verstanden worden ist. + +„Peer Gynt“ ist ein Erlösungsdrama, und zwar der größten eines, um es +nur gleich zu bekennen. Tiefer und allumfassender als irgend ein Drama +Shakespeares, ohne an Schönheit hinter diesen zurückzubleiben, an +sinnlichem Glanze allen anderen Werken Ibsens überlegen, steht es an +Bedeutung der Konzeption ebenbürtig neben, an Gewalt der Durchführung +weit über Goethes „Faust“ und reicht beinahe hinan zu den Höhen des +„Tristan“ und „Parsifal“ von Richard Wagner. Mit diesen drei Dichtungen +gemeinsam ist ihm die Stellung des Menschheits-Problems im allergrößten +Umfang und mit den allerunerbittlichsten Alternativen. + +In der Bedeutung, welche das geliebte Weib für den Mann hat, liegt der +Zentralpunkt des „Peer Gynt“, und man hoffe nicht, diesen zu verstehen, +ehe man sich nicht über jene klar geworden ist. + +Jene Bedeutung erinnert zunächst freilich wenig an den „Parsifal“ und +den „Tristan“, eher an die Rolle der Frauen in Wagners ersten Dramen, +dem „Holländer“ und dem „Tannhäuser“, an Dante, an Goethe. Solveig ist +die Virgo immaculata, die geliebt, aber nicht mehr begehrt wird, die +Madonna, die Beatrice. Der Mensch — jeder Mensch und darin liegt das +große Rätsel der Liebe sowohl wie in kurzen Worten +der eigentliche +Sinn+ des ganzen „Peer Gynt“ — ist eben +nie so sehr er selbst als +wenn er liebt+. Die Liebe ist für den Menschen +eine Möglichkeit+ und +wohl die häufigste, leichteste Möglichkeit, +zum Bewußtsein seiner +selbst+, seiner Person, seiner Individualität, seiner =Seele= +zu +gelangen+. Daß er er ist, ein eigener Mensch, ein Mittelpunkt der +Welt, und nicht in einem Empfindungsmeere treibt und untergeht: das +kommt dem Menschen, wenn es ihm überhaupt bewußt wird, und nicht wie +den modernen Leugnern des Ich ewig unbewußt bleibt, am häufigsten als ++Liebendem+ zur Abhebung. Darum macht die Liebe soviele Menschen zu +Mystikern und hat selbst einen solchen Erfahrungsphilister wie Auguste +Comte dazu umgewandelt. Die Philosophen gelangen zu jenem Akte, welchen +sie (Schelling, Bahnsen, Maine de Biran, Augustinus) als „intuitive +Selbsterfassung des Subjektes“ bezeichnen, eher durch das Bewußtsein +ihrer Einsamkeit im Weltganzen und durch die Reflexion auf das ethische +Problem; von den Künstlern wird als das, was +sie+ hinanzieht, vor +allem „das Ewig-Weibliche“ empfunden; wenn es auch das moralische +Problem ist, das in gleicher Weise ihren wie der Philosophen letzten +Klarheiten und letzten Dunkelheiten zugrunde liegt. + +Was den „Peer Gynt“ erlöst — diesen tiefsinnigsten Zug der Dichtung +hat man am wenigsten begriffen — ist nach Ibsen — und darin steht er +an Wirklichkeitssinn hoch über dem jungen Wagner — nicht die lebende, +leibhafte Solveig, die irgend ein beliebiges Gänschen sein mag; sondern +es ist die Solveig +in+ ihm, +diese Möglichkeit+ =in= +ihm+, die ihm +die Kraft dazu gibt. Diese Möglichkeit, durch Solveig und in der Liebe +zu ihr zu seinem besseren Selbst zu gelangen, hat er sein Leben lang +vernachlässigt. Nur darum kann ihm Solveig sagen: Du, dein wahres +(intelligibles) Wesen, +warst+ =bei mir= dein ganzes Leben lang, als er +sie +oder vielmehr sich selbst+ in wilder Bestürzung fragt: + + „Wo war ich? + Mit der Marke auf meiner Stirn, + Mit dem Gottesfunken in meinem Hirn?“ + +Ihm selbst war seine Existenz schon vorgekommen wie die einer Zwiebel: +lauter Häute und kein Kern, lauter Attribute und Modi und keine +Substanz. + +Man wird sich wundern, daß hier Ibsen ganz philosophisch interpretiert +wird, obwohl er gerade im „Peer Gynt“ über die deutsche (speziell die +Hegelsche) Philosophie sich lustig macht. + +Aber +Ibsen+ gehört zu jener Reihe großer Männer, die kein sehr intimes +Verhältnis zu dem +vor+ ihnen Gedachten und Gedichteten besitzen, +ebenso wie etwa +Zola+, Knut +Hamsun+; ganz extrem vertreten diesen +Typus z. B. +Kleist+ und +Shelley+; unter den Philosophen denke +man an Giordano +Bruno+ und +Kant+, besonders aber an +Descartes+, ++Sokrates+ und +Fechner+; die andere Art großer Menschen empfindet den ++Anschluß+ an eine hinter ihnen liegende Kulturvergangenheit stets als +stärkstes Bedürfnis:[19] so in extremstem Maße +Goethe+, +Wagner+, +ferner +Grillparzer+, +Herder+, die +Romantiker+ überhaupt; unter den +Philosophen +Platon+,[20] +Leibniz+, +Hegel+, +Nietzsche+ und fast noch +mehr +Schopenhauer+. + +Unter den Musikern dürften +Beethoven+ und +Bruckner+ der ersten, ++Schumann+ der zweiten Gattung angehören. Hiermit sind natürlich nur +Pole bezeichnet, zwischen denen eine Menge vermittelnder Stufen liegen. +Etwas Verwandtes mag auch der +Carlyle+-+Emerson+schen Unterscheidung +zwischen dem „Dichter“ und dem „Schriftsteller“ vorgeschwebt haben, +welche durch die neue Einteilung erweitert und schärfer begründet +scheint. Welche tieferen Wurzeln dieser Unterschied in der Natur der +beiden Abteilungen noch haben mag, dies bildet ein schwieriges Problem, +dessen Lösung mir nicht gelungen ist. + +Ich sprach von Ibsen. Dessen offenbar mangelhafte Kenntnis der +philosophischen Literatur kann bei seinem so starken und urwüchsig +tiefen Interesse an den ethischen Hauptproblemen wohl nur jenen +Grund haben. Denn sonst müßte Ibsen wissen, daß +seine Dichtung +die Philosophie Kantens ist+. Niemand anderer, nur Kant und Ibsen, +haben Wahrheit und Lüge als das tiefste ethische Problem erfaßt (von +Fichte, der nur den unmittelbaren Nachlaß Kantens übernahm, kann ich +mit gutem Recht absehen); niemand anderer außer ihnen hat erkannt, +daß Wahrheit nur aus dem Besitze eines Ich im höheren Sinne, einer +Individualität, fließen kann: dies aber ist die Lehre des Ibsenschen +„Peer Gynt“ nicht minder als der „Kritik der praktischen Vernunft“; +niemand außer ihnen beiden hat die moralische Forderung in aller +Strenge und Unerbittlichkeit, wie sie die innere Stimme im Menschen ++tatsächlich stellt+, auszusprechen und so vor die Menschheit zu treten +gewagt, während alle andere Religion, Philosophie und Kunst noch immer +Kompromisse eingegangen sind. „Alles oder nichts“, das ist in gleicher +Weise das Wort Kantens wie des Ibsenschen Brand, und auch ihr Schicksal +ist das gleiche +bis+ auf das Wort Rigorist, mit dem alle halben und +unaufrichtigen Naturen beiden geantwortet haben. Speziell das Problem +der Lüge hat ja Ibsen von Anfang bis zuletzt beschäftigt, von der +„Komödie der Liebe“ an über Skule, den „Volksfeind“ und Hjalmar bis zu +Gabriel Borkmans Freundschaft mit Foldal. Am tiefsten aber ist er in +seiner größten Dichtung gedrungen, im „Peer Gynt“. + +Der Dr. Begriffenfeldt, in dem man so allgemein nur eine Verspottung +des deutschen Gelehrten erblickt, ist übrigens wohl doch mehr als +eine bloße Karikatur. Denn er erkennt sehr wohl die ganze Hohlheit +des Gyntschen Selbst (des „empirischen Ich“), und weiß, wo Peer Gynts +Kaisertum einzig Geltung hat: im Irrenhause, bei den Verrückten, denen +Vernunft (wieder im Kantischen Sinne) überhaupt gebricht.[21] + +Ibsen weiß (und wenn er es auch nicht in Begriffen lehrt, so zeigt +es klar seine Darstellung des Peer Gynt), daß das einzige, was einem +Menschen Wert verleiht, der Besitz eines („intelligiblen“) +Ich+, +einer +Persönlichkeit+ ist, und daß aus dem Mangel eines solchen in +einem Menschen das Bedürfnis entsteht, sich Wert von anderswo als +aus sich selbst heraus beizulegen. Daß der Wille zur Macht unendlich +tief in allem Lebenden liegt, ist gewiß eine große und über der allzu +starken Beachtung seiner Züchtungsideale lange nicht genug gewürdigte +Erkenntnis Nietzsches. Was aber speziell den Menschen betrifft, so +ist das allertiefste in diesem und sein letzter Unterschied von dem +Tiere, wie ich glaube, nicht der Wille zur Macht, sondern der +Wille +zum Wert+. Aus dem Mangel eines Wertes an sich erfließt das Bestreben, +sich Wert von anderwärts zu verschaffen; so entsteht alles Renommieren, +alle Hochstapelei im weiteren Sinne. Der Wille zum Wert ist es, der den +Menschen, Mann +und+ Weib, als solchen konstituiert. Kann ein Mensch — +dies ist +immer+ der Fall der Frauen — sich nicht von sich selbst aus +und vor sich selbst Wert geben, so sucht er ihn von einem anderen, vor +einem anderen zu erhalten: man agiert stets vor dem nämlichen Forum, +von welchem das Urteil kommt. Sicherlich aber, irgendwie und irgendwo, +sucht, zum Unterschiede von den Tieren, deren Streben nur nach der +Lust, der Befriedigung natürlicher Triebe geht, jedes menschliche Wesen +möglichst viel =Wert für sich= +zu gewinnen+. + +Peer Gynt, der noch keinen Wert in sich selbst hat, lernen wir demgemäß +gleich im ersten Akte als Prahlhans und Aufschneider kennen. + +Ibsen weiß, daß der Besitz einer Persönlichkeit sich im Menschen vor +allem offenbart durch das Bestreben, dem moralischen Gesetze in sich +nachzukommen. Peer Gynt, dem, wenn ich Schopenhauers Wort gebrauche, +der „Schwerpunkt“ in sich fehlt,[22] gerät damit ins Reich der Trolle, +deren Losung nur lautet: Troll, sei dir selbst +genug+: denn einem +Wesen ohne die dem intelligiblen Subjekte entstammende Moral fehlt +auch das Streben, dieses intelligible Wesen, das reine Ich, selbst ++ganz zu werden+, es hat kein Bedürfnis nach Vervollkommnung, es kennt +nicht jenen „Progressus“ nach dem ethischen Ideale hin, von dem Kant +gesprochen hat, ohne viel verstanden worden zu sein. +Sich selbst genug +sind die Tiere.+ Darum verdiente Peer Gynt den Affenschwanz. Ibsen +weiß, daß erst der Besitz eines Ich im höheren Sinne zur Anerkennung +eines Du im anderen führt, zu dieser fundamentalen Bedingung jedes +Altruismus, daß Selbstachtung Voraussetzung der Achtung anderer ist und +Individualismus also das gerade Gegenteil von Egoismus. Darum zeigt er +uns Peer Gynt engherzig und selbstsüchtig. + +Der Mensch ist für Ibsen wie für Kant ein Mittelding zwischen Tier und +etwas höherem, aus Dreck und Feuer, um Goethe, er ist zugleich Lehm +und zugleich Bildner, um Nietzsche zu zitieren. +Wird der sittliche +Gedanke siegen oder der Mensch seelenlos, wertlos zugrunde gehen? +das ist die Frage, die Ibsen mit der Person des Peer Gynt stellt.+ +Die Menschheit wäre ein mißglückter Versuch der Gottheit und müßte +umgegossen werden, wenn sie „ihrer Bestimmung Trotz böte bis zum +Schluß“, d. h. sich bis ans Ende untreu, unfolgsam erwiese im Dienste +des ihr innewohnenden Höheren, des Logos, des Geistes, der Vernunft (im +Sinne Kantens). Der Knopfgießer im Peer Gynt stellt, so unpathetisch +als nur möglich, in Name und Haltung, die Gottheit, das bedeutet für +Ibsen wie für Kant und Platon die sittliche Idee, und ihre Ansprüche an +die Menschheit dar. + + „Du warst nur gedacht als ein blinkender Knopf + Auf der Weste der Welt; doch die Öse mißlang.“ + +Es ist eine großartige Szene, wie Peer Gynt, auf den (wie eben auf die +meisten Menschen) nur zweierlei sittlich läuternd wirkt, die Liebe +und der Tod, unmittelbar vor dem Sterben anfängt, nach dem Inhalte +seines Lebens zu fragen, wie er die Erinnerungen eine nach der andern +heraufnötigt, die ihm vor ihm selbst beweisen sollen, daß er nicht +ganz verloren, sein Leben als nicht ganz zwecklos zu betrachten sei. +Mit einer Kraft und Kunst, wie vielleicht überhaupt nirgends sonst +in der Weltliteratur, ist hier die Allegorisierung durchgeführt. Die +Gestalten sind mit größter Ökonomie behandelt und haben nicht den +geringsten Behang erhalten, um hierdurch ihre Existenz und Essenz +zu legitimieren; sie leben +so+, daß wir uns zu ihnen verhalten wie +Kinder zu einem Märchen: wir finden es +selbstverständlich+, daß sie +kommen; +so+, daß Ibsen darauf verzichten konnte, ihnen dem Abstrakten +näherliegende Namen zu geben, die freilich ihren tieferen Sinn der +Allgemeinheit verständlicher gemacht hätten. Der Knopfgießer ist das +Gewissen, durch das für Ibsen wie für Kant und Sokrates das Göttliche +(der „Meister“) zum Menschen spricht; und wie sein Gewissen fordert und +fragt, sucht sich Peer auszuweisen mit seinem vergangenen Leben. Denn +er fühlt sich noch gar nicht schuldig, er nimmt noch keine seiner Taten +auf sich, er will vielmehr sich bloß retten vor dem drohenden Anspruch +des moralischen Gesetzes: als ob man diesem genügen könnte, +um dann +etwas anderes zu tun+, als ob man eine einmalige Abzahlung an es zu +leisten und dann weiter nichts zu tun brauchte. Peer Gynt ist noch +immer zu verblendet, um zu fühlen: „Nur der verdient sich Freiheit wie +das Leben, der +täglich+ sie erobern muß.“ Aber es taucht in seiner +Erinnerung nicht einmal das auf, wonach er nur sucht, um sein Gewissen +zu beschwichtigen. Im Gegenteil. Er muß sich an den Dovre-Alten und +sein Leben im Reiche der Trolle erinnern. Den Affenschwanz hat er sich +zwar nicht anbinden lassen, selbst ganz Tier ist er nicht geworden; er +ist aber doch +schuldig+ geworden im Reiche der Tiere, er hat mit der +Tochter des Trollkönigs ein Kind; und hat deren Losung akzeptiert, ist +selbstzufrieden gewesen, statt sich „strebend zu bemühen“. Jetzt sieht +er erst ein, daß die Seele doch etwas anderes ist als die Sanktion +des Leibes und seiner Begierden und Trägheiten, denen er früher mit +prinzipieller Abweisung aller Bedenken (vierter Akt, Anfang) fröhnte, +ja, sich auf +dieses+ Selbst alles zugute tat; daß es wenig verschlägt, +einen Finger zu verlieren, etwas vom empirischen Ich einzubüßen, wenn +man um diesen Preis seine Individualität behaupten kann (was er früher +nicht begreifen konnte). „Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er +die ganze Welt gewänne, und nähme an seiner Seele Schaden?“ Er sieht +jetzt ein, daß das höhere Selbst mit dem niederen im Kampfe liegt, und +daß der völlige Sieg des einen der Tod des anderen ist. „Du selbst +sein, heißt sich selbst ertöten.“[23] Das alles muß er sich sagen und +sich selbst verurteilen. Nun verfällt er darauf, ob es nicht seine +Bestimmung („des Meisters Meinung“, die er „als Aushängeschild“ hätte +tragen sollen) gerade gewesen sei, +prinzipiell+ und +bewußt+ in allem +und jedem gegen jene andere Bestimmung zu fehlen, sie zu bekämpfen, ob +er nicht wenigstens +böse+ gewesen sei, wenigstens +etwas+, nur nicht +verwischt, gemein, nichts. Aber nein, er hat auch da nichts +bedeutet+. +„Denn der Sünder im wirklich großen Stil — gibt’s heutzutage nicht +eben viel.“ Auch den großen Verbrecher kann er sich nicht glauben, und +der Magere (der Teufel), dem er sich so gern verschrieben hätte, um +nur nicht +nichts+ zu sein, würde durch ihn wenig fetter werden. Die +Napoleons und die Don Juans, die Jagos und Hagen sind ebenfalls dünn +gesäet, nicht bloß die Heiligen. Hier spürt man den ganzen Zorn, die +tiefe Verachtung des Dichters für das Gros der Menschheit einmal durch. +Sie soll sich gar nicht einbilden, der Hölle wert zu sein, die für sie +viel zu nobel, zu großartig ist; der Teufel ist für ganz andere Leute +da, nicht für Affen und für Schweine. Dem Gedanken des Satan, dessen +Majestät sie lieber nicht beleidigen sollten, stellt er die Konzeption +seines Knopfgießers gegenüber. +Den+ verdiene die Menschheit reichlich, ++der+ tue ihr not. + +Man denke an das Wort in der Apokalypse (3, 16): „Ich weiß deine +Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach daß du kalt oder warm +wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich +ausspeien aus meinem Munde.“ Peer Gynt wäre „unsterblich in Gott“ +oder „unsterblich in Satan“ wenn er eine Individualität, im Guten +oder im Bösen, mit Bewußtsein behauptet hätte. Aber er ist überhaupt +ohne ein Ich gewesen, welches ihn der Zeit entrückt, ihm ein höheres, +vom physischen Naturgesetz der Geburt und des Todes unabhängiges +Dasein und Fortleben verbürgt hätte, er hat keine weiße, aber auch +keine schwarze Seele. Peer Gynt ist der Typus der zahllosen unter uns +wandelnden, unmoralischen Menschen, die für moralisch gelten, weil sie +nicht antimoralisch sind, nicht Größe genug im Instinkt oder im freien +Entschluß haben, um das Moralische zu verneinen, die nicht etwa nicht +an das Gute und Wahre glauben und einem erklärten Unglauben gemäß +offen handeln, ihn durch die Tat dokumentieren, die Moral demonstrativ +verhöhnen,[24] sondern die selbst zu glauben vermeinen ohne tiefe +innerliche Frömmigkeit. Sie sind also nicht Verbrecher durch die +Tat oder den Plan zur Tat, und doch Verbrecher an sich selbst, weil +Betrüger ihrer selbst, indem das Gebot, das sie halten, nicht wirklich +ihnen vom Herzen diktiert ist; sie handeln legal und äußerlich oft mehr +als legal, aber ihr Motiv ist, ohne daß sie es klar wüßten, nicht, +daß sie selbst, sondern daß die anderen im anderen Falle die Achtung +vor ihnen verlieren müßten. Es sind also in Peer Gynt alle diejenigen +mitgetroffen, für welche stets der andere Mensch maßgebend bleibt, +alle eigentlichen Jehovah-Anbeter in der Menschheit: Jehovah ist ja +nur die kolossale Personifikation +des anderen Menschen+, soweit er +auf Denken und Handeln des Einzelnen Einfluß gewinnt.[25] Peer Gynt +glaubte autonom da zu handeln, wo er am heteronomsten lebte (man +vergleiche seinen Vortrag über das Gyntsche Selbst im vierten Akt), +unerschrockener, selbstherrlicher Individualist zu sein, da er bloß ein +jämmerlicher und feiger Egoist war. + +Er hat also nicht seiner zeitlosen Persönlichkeit, dem wahren Selbst, +die Macht über sich eingeräumt, +er+ „war schon lange tot vor seinem +Tod“. So früh[26] findet sich bei Ibsen die Form, in welcher der +Grundgedanke seines letzten dramatischen „Epilogs“ auftritt, das Motiv +des höheren ewigen Lebens, der Grundgedanke der Lehre Christi, als +bestimmender Faktor seines Denkens und Dichtens. Ohne Individualität, +ohne einen Wesenskern, der durch das Medium einer unwirklichen Zeit die +Dinge dieser Welt nur anschaut, keine Unsterblichkeit: Unsterblichkeit +der Seele gibt es nur für Wesen mit Seele. Dann soll der Peer Gynt in +den großen Ausschußtopf, wo er die Form einbüßt, wo nur die Materie +beharrt (wie der Metallwert umgeschmolzener Münzen erhalten bleibt). +Ibsen berührt sich hier auch, ohne die damals noch nicht nach Europa +gedrungene esoterische Lehre des Buddhismus zu kennen, mit deren +Lehren über das Schicksal des Menschen nach dem Tode. Man erinnere hier +sich auch der Aristotelischen Auffassung der Seele als Form! + +Von furchtbarster Angst vor dem Vergehen nach seinem aller Ewigkeit +baren Leben gepeinigt, erkennt Peer Gynt endlich in dem Gedanken an +Solveig, was er hätte sein können, und was er nicht gewesen ist. In +seiner Liebe war er doch er selbst; und wie die Liebe ihn einzig über +ein jämmerliches Erdendasein emporzutragen vermocht hat, so wird er +auch jetzt vom Erdendasein hinweggetragen — in Liebe. Jetzt endlich +geht er in ein höheres Leben ein und kann sein Selbst rein behaupten — +aber nicht auf Erden. Solveig erscheint ihm als altes Mütterchen, und +zugleich als der Tod. Niemand hat es noch in Begriffen ausgesprochen, +aber es liegt hierin eine unendlich tiefe, unbewußte Erkenntnis des +künstlerischen Genius Ibsens, dieselbe, die hinter der Alraune der ++Kleist+schen „Hermannsschlacht“ sich verbirgt, die dem Varus seinen +nahen Untergang verkündet (fünfter Akt, vierter Auftritt): +das alte +Weib hat eine geheimnisvolle Beziehung zum Tode+ (man denke auch an +die „Rattenmamsell“ des „Klein Eyolf“). Alles, was in einer engen +Relation zum physischen Leben steht, ist auch nicht ohne Beziehung +zum physischen Tode. Das Weib hat durch die Mutterschaft das intimste +Verhältnis zum Erdenleben: also auch zum irdischen Tode. +Die Furcht +vor dem alten Weibe ist nur Furcht vor dem Tode.+ So kombiniert sich +in der Solveig des letzten Aktes das reine Selbst des Peer Gynt, das +nicht ohne Tod des empirischen Ich völlig ins Dasein treten kann, und +das Sterben des letzteren in ganz einziger Weise. Und darum ist Solveig +für Peer Gynt der Tod, darum stirbt — Peer Gynt. Der Knopfgießer mahnt, +fordert, drängt; aber lauter, im Sonnenaufgang des Pfingstmorgens, +ertönt das unsäglich wundervolle Lied, das Wiegenlied der Solveig: + + „Jeg skal vugge dig, jeg skal våge — + Sov og drøm du, gutten min! + +Ich+ will wiegen dich, +ich+ will wachen ... + Schlaf’ und träum’ du, Knabe mein.“ + +Peer Gynt ist erlöst. + +Sein unsichtbares Selbst, das höhere Leben seines Geistes, wie es sich +in ihm nur in der Liebe zu Solveig offenbart hat, behält am Ende seines +Lebens dennoch den Sieg. + +Es ist nun klar: dieser Peer Gynt ist keine einzelne Person und kein +einzelnes Volk. Der Mensch überhaupt wird in ihm gegeißelt, der das +Tier losgeworden zu sein glaubt, sich seiner Menschheit brüstet, ohne +auch nur zu ahnen, +was+ diese bedeuten sollte. + +Der Affenmensch, in der Person des Dovre-Alten, beklagt sich darum über +die Ungerechtigkeit, daß man ihn für tot ausgebe: + + „Von den Tochterkindern, wie schon gesagt, + Nach dem alten Großvater keins mehr fragt. + Sie meinen, ich lebte gar nicht mehr, + Nur höchstens in alten zerlesenen Schmöckern.“ + +Der Mensch aber ist für Ibsen, wie für alle irgend tieferen Geister +seit Anbeginn Leib +und+ Seele, oder, in der Fassung, die Kant dem +ältesten Dualismus gegeben hat, phänomenales und noumenales Subjekt, +empirisches Ich und intelligibles als Gesetzgeber der Moral. Die +meisten Menschen aber wissen nichts von der Existenz einer Seele +und bestreiten dieselbe, weil eben die große Mehrzahl von ihnen bis ++vielleicht+ auf wenige Augenblicke +ganz seelenlos lebt+. „Peer +Gynt“ ist die Tragödie des Menschen, der seine Seele sucht, und daher +sicherlich die Dichtung, welche für die größte Anzahl von Menschen +(wenn nicht für alle) geschrieben ist. + +Die Seelenlosigkeit spielt in der Dichtung überhaupt die größte Rolle. +Anitra repräsentiert sie in der ausgebildetsten Gestalt, in welcher +sie beim Menschen möglich ist. Sie ist das, was den Mann sinnlich +reizt, ohne ihm zu höherer Regung Gelegenheit zu geben, die kokette +Puppe. In ihr ist nicht einmal ein Streben nach einem Selbst da, statt +dessen lockt sie der glänzende Edelstein, wie eine Elster.[27] In +Peer Gynt dagegen, dem Manne, ist ein Streben, wenn auch ein völlig +mißleitetes, ein Sich-Suchen, ohne sich finden zu können, weil er fort +und fort nur immer möglichst viel auf sein empirisches Ich häuft, ohne +sich hierdurch mehr als einen Scheinwert geben zu können, der jeden +Augenblick von ihm herunterfallen kann, wie der Prophetenmantel. Dieses +Wesen des Peer Gynt wird uns nun von Ibsen— und dies ist eine der +stärksten Wirkungen und einer der genialsten Züge seiner Dichtung — als +durch alle Wandlungen sich stets gleich bleibend und als ewig dasselbe +gezeigt; denn Ibsen ist durchdrungen von der unerschütterlichen +Wahrheit, daß es ein Konstantes gibt, das in allen Momenten des Lebens +sich gleich bleibt, daß der eigentliche +Charakter+ eines Menschen sich +nicht ändert.[28] + +Im ersten Akte sehen wir, wie Peer Gynt durch erfundene Geschichten +sein Ansehen zu steigern mit krampfhafter Sucht bemüht ist. Hier liegt +ihm noch nichts an der Achtung vor sich selbst; bloß die Mißachtung von +anderer Seite, die kann er nicht ertragen. Er schreit es selbst: + + „Könnt’ ich mit einem Griff, wie ein Schlächter, + Aus der Brust die Verachtung ihnen reißen!“ + +Aber in dem Augenblick, wo er dies ausruft, spürt er, daß außer +seinen Worten +noch etwas da ist+ — eine Stelle von großartiger +Unheimlichkeit, so kurz sie ist; er sieht sich um, als ob ein +höhnischer Zwerg zu ihm gemeint hätte, +das+ da, die Bewunderung +anderer, sei doch nicht +alles+. Dies ist die einzige moralische Regung +in Peer, bevor er Solveig kennen lernt. — Im zweiten Akte heißt die +Losung voll Ironie: „Am Reitzeug erkennt man die vornehmen Leute.“[29] +Denn hier hat Peer Gynt zur Rache allem Besseren abgeschworen — das +Phänomen der verschmähten Einkehr, der zurückgewiesenen Reue, an deren +Stelle immer gewaltsame Rückwendung zu den geopferten Kostbarkeiten +tritt (Tannhäuser nach dem Urteil des Papstes) — und nun hält er +sich schadlos in der völligen Gemeinschaft mit der Natur und ihren +aller Moral fremden Dämonen. Bewunderungswürdig ist diese absolute +Immoralität der Natur personifiziert durch jene drei Sennerinnen, die +mit Peer Gynt buhlen. Hier hat Ibsen etwas geschaffen, was den Mänaden +und Satyrn der griechischen Mythologie keineswegs nachsteht. + +Die Begegnung mit der grün gekleideten Trollprinzessin, die Peer nach +dem Abenteuer mit den Sennerinnen hat, zeigt, wie sein Wille zum +Wert mit dem der Prinzessin auf gleicher Stufe steht. „Am Reitzeug +erkennt man die vornehmen Leute“, in dieser Losung finden sie sich. +Sie erinnert an die Art, wie +Goethe+ im „Faust“ den +Teufel+ von der +Erweiterung des Ich zum Mikrokosmus sprechen läßt: + + „Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, + Sind ihre Kräfte nicht die meinen?“ + +Solch „ein Herr Mikrokosmus“, wie ihn Mephisto wünscht, ist Peer Gynt +ganz und gar. Aber die Illusion, die ihn aus dem alten Eber einen +edlen Renner machen läßt, ist nicht nur eine moralische, sondern auch +eine logische; nicht nur ein von vornherein vergeblicher Versuch, +den eigenen Wert durch fremde Bewunderung zu steigern, auf sein +empirisches Ich um so mehr zu häufen, je mehr ihm sein intelligibles +gleichgültig ist, sondern auch eine vollständige +Umwertung+ der +Wirklichkeit, eine willkürliche Mißdeutung der Erfahrung, die ihm +nicht nur mit der Trollprinzessin, sondern auch mit dem Fellah des +Irrenhauses im vierten Akte gemeinsam ist. Die Szene im Irrenhause +wird hier schon vorbereitet: denn auch die +unegoistische Anteilnahme +an der Außenwelt+, wie sie sich aus dem Wahrheitsstreben +als +Wissensdurst+ differenziert, fließt aus dem gleichen intelligiblen +Wesen des Menschen, das in Peer so schwach ist. Nur insoferne ist die +Auffassung der Person des Helden als eines Phantasten gerechtfertigt, +und keineswegs soll „Peer Gynt“ die Karikatur des Dichters sein; +alle Dichtung ist ja nur höhere Wahrheit, nicht anders als Religion, +Musik, Philosophie. Die Täuschungen über die Außenwelt, denen Peer +unterliegt, sind nur die +objektive+ Seite seiner inneren Täuschungen +über sich selbst, sein +mangelnder Wirklichkeitssinn+ =eins= +mit +seiner mangelnden Wahrheitsliebe+: sie fließen beide aus der Identität +von Logik und Ethik, die eben beide im letzten höchsten Begriffe der +Wahrheit als des höchsten Gutes kulminieren. Darum gibt es für Kant nur +eine Vernunft, die theoretisch und praktisch zugleich ist. Die Tiere +entbehren ihrer; im Reich der Trolle muß daher Peer Gynt einen anderen +Blick bekommen, es muß eine Operation an ihm vorgenommen werden, bevor +er ganz Troll sein kann. Auch Lachen und Weinen, Jubel und Schmerz sind +nur menschlich, nicht tierisch. Darum fügt der Trollkönig hinzu, um +Peer die Operation vom Menschen zu empfehlen: + + „Bedenke, wie viel Verdruß und Plage + Du hiedurch los wirst mit einem Schlage. + Und war nicht stets für die beizende Lauge + Der Zähren die Quelle dein klares Auge?“ + +Kann es weniger emphatisch, sentimental und kann es zugleich +wundervoller ausgedrückt werden, daß der Mensch, indem er die +Menschheit in seiner Person bejaht, auch den +Schmerz+ auf sich +nimmt[30] und auf das Glück verzichtet? + +Aber so sehr Peer verblendet ist, so leicht ihm der Dichter auf die +Frage des Trollkönigs, wodurch sich Mensch und Troll unterscheiden, +die Satire in den Mund legen kann: „Sie gleichen einander, Zoll für +Zoll“ — so gerne Peer Gynt seinen Überzeugungen abzuschwören bereit +ist, um dafür die Süßigkeiten der Trollprinzessin auszukosten, so hat +er doch noch den Rest eines Ich, an dem auch dieser Aufenthalt im Reich +der Trolle +in der Zeit+ vorübergehen müßte. Und +darum+ weigert er +sich, +auf ewig+ den Trollen sich zu verschreiben. Das Aufflackern +seines höheren Wesens in dieser Regung, diesem Gefühl, +dem die +Ewigkeit Maßstab ist bei der Entscheidung+, befähigt ihn die Glocke des +Priesters im Tale zu vernehmen, ihren Ruf zu verstehen. Wie christlich +der Sinn dieser Dichtung ist, sieht man daraus, daß erst jetzt, vor +diesem Tone die Trolle gänzlich versinken müssen. + +Im dritten Akte träumt er aber schon wieder von dem Eindruck, den +sein erhoffter Palast auf andere machen werde; seinetwegen liegt ihm +wenig an dem zu erstehenden Hause, den anderen soll es imponieren. +Man kann an diesem Punkte Ibsen mit einem Manne vergleichen, dessen +Bedeutung ich nicht anzweifeln will, der aber, mit Unrecht, sicherlich +von fast allen, an welche man die Frage richten wollte, in großer +Entschiedenheit über Ibsen gestellt werden würde, mit +Friedrich +Hebbel+. Wie dürftig, wie einseitig auf einen einzelnen Punkt sich +beschränkend, hat dieser in „Gyges und sein Ring“ das gleiche Problem +behandelt, wie wenig tief ist er gedrungen, wie wenig Willen und +Bedürfnis nach Tiefe in der Ergründung des Mannes, der seine schöne +Frau dem anderen zu zeigen nicht unterlassen kann, beweist Hebbel[31] +in dieser Dichtung. + +Sehr fein ist es von Ibsen erdacht, +daß er Peer Gynt sich selbst +so oft in der dritten Person denken läßt+. So besonders in seinen +Kaiserträumen, z. B. im ersten Akte: + + „.... Voran seinem Trosse, + Reitet Peer Gynt auf goldhufigem Rosse. + Die Mähr hat ’nen Federbusch zwischen den Ohren, + Selbst hat er Handschuh und Säbel und Sporen. + Der Mantel ist lang und mit Taft ausgeschlagen, + Wacker sind die, die hinter ihm jagen, + Er aber sitzt doch am stracksten zu Pferde, + Er aber strahlt doch am hellsten zur Erde. + Drunten die Leut’ stehn, ein schwarzes Gewimmel, + Ziehen die Hüt’ ab und gaffen gen Himmel. + Die Weiber verneigen sich. Alle gewahren + Kaiser Peer Gynt und seine Heerscharen. + Nickel und Silber, ein blankes Geriesel, + Streut er hinunter wie Hände voll Kiesel.“ + +Diese Behandlung seiner selbst, dieser Verkehr mit sich selbst in +der dritten Person, hat sehr tiefe Wurzeln. Stellt Peer Gynt hiermit +vielleicht ein Bild außer sich, dem Verehrung erwiesen wird, und +identifiziert sich nachträglich mit diesem Bilde, um sich dieser +Verehrung seiner Person in effigie mentali zu freuen, sie in einer +Reihe mit den anderen mitzuverehren? Man könnte diesen Zug so +auffassen: Als die Verlogenheit seiner Eitelkeit. Das wäre aber +weiblich und Peer Gynt +ist+ ein Mann. Das wäre der Traum eines +Mädchens von dem Grafen, der sie zu heuern kommen werde, sie vor allen +ihren Gespielinnen. Das wäre die Art, wie die Frau den Mann immer +belügt, indem sie der Idealgestalt von Tugend oder von Häuslichkeit, +die Liebesbedürfnis oder praktischer Sinn ihn verlangen läßt, zu +gleichen vorgibt, zumindest die Übereinstimmung nie in Abrede stellt. +Peer Gynts Entsubjektivierung liegt tiefer. Sie entsteht aus dem +Verzicht auf die Freiheit des Willens, der in der Abnegation der +Persönlichkeit liegt. Peer Gynt +setzt sich selbst in funktionelle +Beziehung zu etwas anderem+; er steht unter der empirischen Kausalität, +sobald die intelligible Freiheit aufgehört hat, in ihm als Idee +bestimmend zu wirken. So stellt er sich in ein Verhältnis der +Gebundenheit zu den anderen Menschen, er braucht sie als Zuschauer und +Beifallspender, er ist ihr Sklave gerade dann, wenn er ihr Kaiser zu +sein glaubt. Napoleon war ein Poseur vor allen, die er beherrscht hat. +Vielleicht war er, wenigstens in Augenblicken, als junger General, +aufrichtig gegen sich selbst. Peer Gynt hat bis nun ein verlogenes +Leben ganz und gar geführt, er war nie er selbst, er hat kein +Ich+ und +ist darum dritte Person. Aber jetzt ertappt er sich doch schon selbst +zuweilen auf seinen Lastern und leidet gleichzeitig aufs schwerste +unter diesen ewigen Rückfällen in die gemeinste Eitelkeit; wie ja +alle Selbstbeobachtung moralischen Charakter hat. Indes seine sündige +Vergangenheit kommt wieder und wieder herauf, ihre Folgen ziehen ihn +hinab, und er hat nicht die Kraft, fühlt nicht soviel Sicherheit in +sich, ihr an Solveigs Seite eine bessere Zukunft entgegenzusetzen. +Darum will er alle Vergangenheit töten: Er reitet seine Mutter in den +Tod hinüber. Denn er muß „vergessen, was ihn drückt“. Seine Mutter[32] +hat ihm gegenüber immer die Moral und die Einsicht vertreten; nun +entzieht er sich gleichsam selbst seinen Mutterboden. Vielleicht liegt +auch hier keimhaft der Gedanke zum Grunde, daß er gerade in seinem +Verhältnis zum Weibe allein er selbst war.[33] + +So sehen wir ihn denn im vierten Akte am tiefsten gesunken. Der +Mensch lebt nun in völliger Gemeinschaft mit den Affen, als welche +sich das Trollpack des zweiten Aktes endgültig entpuppt (absichtliche +Wiederholung des Wortes: Der „Alte war schlimm, die Jungen sind +Bestien“); ja der +Gyntismus+ wird zur Losung der Menschheit überhaupt: +Peer Gynt wird Prophet. In dieser Eigenschaft bietet er alles auf, +um — von einem Mädchen beachtet zu werden und hierdurch etwas für +sich zu gewinnen. Am Ende erfüllt sich nun gar sein alter Traum: Er +wird Kaiser. Aber mit Schrecken muß er zuletzt gewahren, daß er in +einem Irrenhause steckt und der Kaiser der wahnsinnigen, vertierten +Menschheit ist. + +In dieser Szene im Irrenhause liegt wohl die gräßlichste Ironie die +fürchterlichste Satire, auf die je ein Mensch verfallen ist. + +Peer Gynt im Verein mit den Irren, von denen dieser wie eine Feder ist, +die nie zum Schreiben, sondern stets nur als Streusand gebraucht wird, +jener wie ein Papier, das nie beschrieben wurde: ein unaufgeschlagenes +Buch in seiner Mutter Schoß, sich als verdruckt erweisend, da es +aufgemacht wird. Das absolute Fehlen eines +Ich+ und das damit +verbundene völlige Fehlen eines +Soll+; den Menschen, der nicht +mehr weiß, was er ist und danach schreit, von irgend jemand seiner +eigentlichen Bestimmung zugeführt zu werden, die er selbst nicht mehr +finden und nicht aktiv mehr verwirklichen kann; die Verzweiflung daran, +je das sein zu können, wozu man geboren ist — dies alles sagt in seinen +wenigen wilden Rhythmen der Dialog mit dem Minister Hussein. + +Es ist nicht meine Absicht, einen fortlaufenden Kommentar zu der +Dichtung zu liefern, in der mir so manche Einzelheiten gar nicht +durchsichtig sind. Solche Unternehmungen haben, abgesehen von ihrem +Umfange, immer zu viel Prätention und können darum nur geschmacklos +wirken. + +Ich will nur noch auf einige große +Schönheiten+ der Dichtung +hinweisen: außer auf den in dieser Hinsicht allgemein berühmten +Schluß des dritten noch auf die erste Szene des zweiten und auf die +außerordentliche Mitte des fünften Aktes, wo Peer Gynt des nicht +gelebten Lebens seines höheren Ich gedenken muß („Knäuel“, „Welke +Blätter“ u. s. w.; in der Nacht auf der Heide: „Wir sind Lieder, hast +du gesungen uns?“ u. s. w.); ferner auf die mit großer Kraft packende +Erzählung vom Rennbock gleich am Anfang der Dichtung; und auf Peers +Monolog nach der Ausschweifung mit den Sennerinnen. Von furchtbarer, +zum tiefsten Herzen greifender Wirkung, hierin beinahe der Verfluchung +des Lebens im dritten Akte von „Tristan und Isolde“ vergleichbar, ist +aber jene Stelle des fünften Aktes, wo Peer die Sternschnuppe (das +Symbol des Sündenfalles der Engel als der Sterne) den Raum durcheilen +sieht und ihr zuruft: + + „Gruß von Peer Gynt, Bruder Meteor! + Leuchten, erlöschen und verschwinden im Thor + Der Finsternis ...!“ + +und wie nun plötzlich er, der noch vorhin jeden Gedanken an Sinn und +Zweck des Lebens — denn der „fremde Passagier“ ist der +Tod+, welcher +diesen Gedanken nahelegt — zurückgewiesen hat, nach dieser Botschaft +aus der Unendlichkeit im tiefsten erschauert; und da endlich das Gefühl +eines verlorenen, dem Meteor gleichenden Lebens, sich durchringt +gegen alle Eitelkeiten, wie er zur Ahnung (wenn auch noch nicht zur +Behauptung) seines wahren Selbst und damit auch gleichzeitig zum +Unsterblichkeitsbedürfnis gelangt. Der steinreiche Unternehmer, der +Kaiser, dem die ganze Welt wie gewonnen war, erwacht aus dem Traum +seiner Welten und sieht: + + „So unsäglich +arm+ kann ein Mensch also geh’n, + Zurück in den grauen Nebel des Nichts. + Du herrliche Erde, trag’ mir nicht Haß, + Daß ich achtlos zertreten nur Dein Gras. + Du herrliche Sonne, Du mußtest verschwenden + Deinen leuchtenden Strahl in leeren Wänden, + Kein Mund sprach zu Deiner Schönheit den Reim: + Der Eigner, so sagt man, war niemals daheim. + Herrliche Sonne, herrliche Erde — + Was nährtet ihr meine Mutter an eurem Herde? + Die Natur ist verschwend’risch, am Geist wird gespart ... + Die Geburt mit dem Leben büßen ist hart. + Ich will auf die höchsten Gipfel geh’n, + Noch einmal die Sonne aufgehn seh’n, + Starren mich müd’ aufs gelobte Land... + In einem Schneesturz mein Ruhbett haben; + Man mag drüber schreiben: „Hier ist +niemand+ begraben“; + Und dann — dann — dann komme das dann.“ + +(Ich habe hier den beiden Übersetzungen von +Passarge+ und von ++Morgenstern+ das Beste zu entnehmen und an einigen wenigen Stellen, wo +sie dem Originale nicht genug taten, noch selbst nachzuhelfen versucht. +Der Vers: „Die Geburt mit dem Leben büßen ist hart,“ ist die einzige +Stelle in +Ibsens+ Werken, wo die +Erbsünde+ enthalten ist.) + +Man betrachtet ganz allgemein die großen Menschen viel zu wenig +unabhängig von ihren Werken. Man glaubt, das Leben dieser Menschen sei +Produktion und erschöpfe sich darin. Diese Meinung ist freilich eher +unbewußt als klar ausgesprochen, aber um so schwerer dürfte sie zu +bekämpfen sein. Einige ihrer Faktoren sind jedoch wenigstens ohne Mühe +nachzuweisen. + +Die wenigsten Menschen empfinden das +Bedürfnis+, von dem Charakter +bedeutender Menschen der Tat oder des Gedankens eine klare Vorstellung +sich zu bilden. Sie sind gewohnt, bei der Nennung großer Namen nicht +nur den Hut zu lüften, sondern wie auf ein Kommando auch alles Denkens +sich zu entäußern. Sie rufen +Wagner+ oder +Goethe+ nicht anders +als eine Interjektion. In dieser Denkart steckt zwar ein nicht zu +unterschätzender Respekt vor dem Phänomen, und noch die so tiefe +und so alte Würdigung des Genies als einer göttlichen Offenbarung; +auch befinden sich die Menschen so viel wohler, als sie sich fühlen +würden bei jener anderen Denkart, welche berühmte Männer mit Vorliebe +in ihren Unterkleidern zeigt und triumphierend auf ihrem Gange zum +Aborte überrascht. Aber nicht dieses eudaimonistische Argument kann +dieser Anschauung zur Empfehlung dienen, sondern nur jener Gehalt an +„verecundia“, welchen z. B. Moreau de Tours und Lombroso offenbar nicht +besessen haben. + +Dennoch bedeutet dieser Verzicht auf das Nachdenken über große Männer, +die Entrüstung über jeden fremden Versuch, in deren Innerem auch +nur bestimmte Züge ausnehmen zu wollen, eine arge +Würdelosigkeit+, +eine spontane Leibeigenschaft des Geistes, die ebenso blind wie +unduldsam gegen jeden Freien ist. Jeder Name wird ein Atout, mit dem +alles nüchterne Sehen niedergeschlagen wird. Auch _Hero-Worship_, +Heldenverehrung ist +heteronom+ im Sinne Kantens, auch dieser +Autoritätenglaube ist unmoralisch. Wird der Mensch, und sei er nun auch +Buddha oder Beethoven, zur Gottheit, sein Name eine Losung, so schweigt +jede bewußte, ruhige Überlegung der eigenen Vernunft und alle geistige +Entwicklung ist verrammelt. + +In jüngster Zeit ist zu jener früheren gedankenlosen Unterwürfigkeit +ein neues Element hinzugetreten. Die leichtfüßigen Tanzbeine der +Zarathustra-Ideale, die lässige Grazie des süddeutschen Walzers, +studentischer Stumpfsinnsang und kunstgewerbliche Lehnstuhlschwärmerei +mußten zusammenkommen, um es allem deutschen, nordischen Ernste +gegenüber hervorzubringen und zu behaupten. Ich meine die Lüge von +dem „stilisierten Leben“ der großen Menschen, welche jene Menschen zu +Artisten degradiert, jene, die das Leben stets am ernstesten nahmen, +weil sie von ihm am ernstesten sich genommen fühlten, jene, die +sich selbst am wenigsten heimlich und glücklich befunden haben, zu +„Artisten“ ihres eigenen Lebens! + +Die alte Dreistigkeit, mit welcher die bedeutendsten Namen dazu +mißbraucht werden, um den eigenen, leichten Sinn noch als den Stil der +genialen Menschen erscheinen zu lassen, soll uns nun nicht lange hier +beschäftigen. + +Die so verbreitete Auffassung ist jedenfalls zurückzuweisen, welche den +hervorragenden Menschen als ein Gefäß betrachtet, aus welchem nach und +nach seine Geisteswerke herausfallen, als ein Geschöpf der Natur, durch +das diese nichts weiter wolle, als uns gewisse Dinge schenken, als +ein Orchestrion, dessen Aufgabe sich damit erschöpft, eine Anzahl von +Tonstücken abzuspielen. + +Diese Auffassung macht den Poeten zum Schmetterling, den Maler zum +Berufsphotographen, den Philosophen zum Theorienbäcker und entkleidet +sie alle jeglicher Größe. Gerade die +aller+stärksten Eindrücke sind, +um nur vom Künstler zu sprechen, bei diesem zu mächtig, um sobald zum ++Aus+druck im Kunstwerk führen zu können. + +Sicherlich ist das Leben großer Menschen keine Harmonie von Fortunas +Gnaden, sondern viel bewegter und stürmischer als das der anderen; +sicherlich enthält es oft die größten, unausgeglichensten Gegensätze, +die Neigung zu den merkwürdigsten Verirrungen, aber auch den größten +Kampf mit sich selbst und nur gerade nicht jene „gaya scienza“ und +„serenita“, die Nietzsche so gerne hätte erringen mögen, seitdem er die +Riviera kennen gelernt hatte. + ++Wie+ furchtbar es in den hervorragendsten Menschen zugehen kann, ++was alles+ in ihnen sein, unter was sie leiden, an was allem sie +verzweifeln können, das vermöchte Ibsens „Peer Gynt“ jeden zu lehren, +der sich darüber klar geworden ist, daß man nur das auffassen, wie +darstellen kann, +was man selbst in sich hat+. + + * * * * * + +Man kann die Menschen einteilen in solche, die +sich+ lieben, und +solche, die +sich+ hassen. Damit meine ich nicht den Haß gegen das, +was sie in sich Unmoralisches finden. Das haßt freilich jeder Mann +in sich, wenigstens in dem Augenblicke, wo er es sich sagt und noch +mehr, wenn er dieses Geständnis unterdrücken will. Sondern, was hier +den interessanten Unterschied zunächst ins Auge springen läßt, ist +das Verhalten gegen moralisch indifferente Züge der eigenen Person. +Es gibt Menschen, die ihre ganze Subjektivität (nicht das Subjekt +selbst natürlich) hassenswert finden, es (auch in abstracto, als +Begriffe) mit einer schmerzlichen Wut verfolgen; die anderen sind +eher geneigt, alles an sich liebenswert zu finden, viel Nachsicht +mit sich zu üben, im Umgang mit sich selbst die äußerste Delikatesse +walten zu lassen, sich eventuell anderen als Muster vorzuhalten. Es +seien z. B. unter zwei Nichtrauchern, um absichtlich ein triviales +Beispiel niederster Kategorie auszuführen, der eine +philautisch+, der +andere +misautisch+: jener wird sehr mit sich zufrieden sein und es +als einen sehr hoch im Range stehenden Zug bei sich betrachten, daß +er nicht rauche. Dieser wird eher argwöhnisch zum Schlusse kommen: +daß er nicht rauche, müsse irgend ein Manko in seiner Anlage sein, +wird selbst geneigt sein, den Raucher über sich zu stellen. +Aber +irgendwie wertend verhält sich jeder Mann zu jedem Zuge in sich+, auch +zu jedem moralisch indifferenten Charakterzuge.[34] Das +Vorzeichen +dieser Wertung+, glaube ich nun, +bestimmt+, ja +entscheidet+ recht +eigentlich die =Tonart= +des inneren Lebens eines Menschen+. Gewiß hat +nur der Mann, nicht die Frau, ein Innenleben,[35] und auch der Mann um +so mehr, je höher er steht. Der allgemeinste Inhalt alles Innenlebens +aber, wenn ich vom Sinnen an die Vergangenheit und vom Träumen einer +Zukunft absehe, ist erkennende Selbstbeobachtung und moralische +Selbstbewertung. Da kann nun zweierlei sein: entweder der Mensch ist +Pessimist von Geburt und glaubt nie recht an die Erlösung, sondern +an den ewigen Unfrieden und die Verdammnis auf Erden, es ist das der +Typus des, in niedrigeren Regionen, gerne schimpfenden, malitiösen, +strengen Menschen. Oder er kommt erlösungsgläubig auf die Welt, er ist +zu ihr entschlossen, d. h. er ist ihrer immerhin auf Erden eher noch +fähig. Es ist das der milde, gutmütige, nie gerne, nie scharf tadelnde +Mensch. Er ist oft bitter, aber nie ätzend. So sind aber beide auch, ja +zunächst sich selbst gegenüber. Gesetzt, beide erwischen sich über der +nämlichen, gleich starken oder gleich schwachen unmoralischen Regung: +dieser verzieht die Mundwinkel, jener beißt die Zähne aufeinander, der +eine lächelt schmerzlich: schon wieder +einmal+! der andere murmelt +nicht ohne Ingrimm über die eigene Gemeinheit: +immer+ wieder! Der +erste begnadigt sich gerne, lange schont er die eigene Empfindlichkeit, +nur von Zeit zu Zeit geht er zur Beichte, zu der ihrem Wesen nach +immer die Absolution gehört. Der andere zerfasert sich, schweigend, +unbarmherzig, wenn auch seine Eitelkeit dabei noch wächst[36] (denn der +Wille zum Wert wird durch jede negative Wertung der eigenen Person nur +noch heftiger), er richtet und verfemt sich immerwährend. Jener hat das +Bedürfnis nach der Position, dieser nach der Negation überhaupt; der +Philautische bejaht, der Misautische verneint sich und die Welt.[37] + +Der philautische Mensch ist der starke und beständige Erotiker. Um +andere Menschen zu lieben oder zu hassen, muß man zuerst sich selbst +lieben oder hassen. Man liebt und man haßt nur, womit man irgend eine +Ähnlichkeit hat; womit er gar keine hat, das kann der Mann höchstens ++fürchten+ (das alte Weib ist jene Frau, die der Mann gar nicht +versteht und nur fürchtet) ebenso wie er — die andere Grenze — das +fürchtet, womit er vollkommen übereinstimmt (den Doppelgänger). Die +Selbsthasser freilich werden immer von sich sagen, sie könnten nur +einen Menschen lieben, der gar keine Ähnlichkeit mit ihnen habe, und +behaupten, die Liebe sei nichts als ein Versuch von sich loszukommen — +weil sie überhaupt nicht lieben können, und doch das stärkste Bedürfnis +danach haben zu lieben. Womit sie Ähnlichkeit haben, das können sie +aber nur hassen, und so +versuchen+ sie ihr Liebesbedürfnis an solchen +zu befriedigen, die ihnen nicht gleichen; ohne daß ihnen dies der +Natur der Sache nach je gelingen kann. Etwas lieben heißt: ihm Seele +schenken, die eigene Seele völlig +in+ es projizieren, allen +Wert +auf+ es häufen: dazu muß es indifferent oder ähnlich sein, aber nicht +entgegengesetzt. Und noch dies: wie käme der Negativist zum +Kinde+, +das die +Position+ in der Liebe direkt +verkörpert+? Wie der niedere +Sexualtrieb das Leben bejaht, setzt, so ist Liebe höchste Position, +Bejahung des höheren, ewigen Lebens, und so erscheint sie im Evangelium +Christi. Wer liebt, liebt überhaupt; wer haßt, haßt überhaupt; wer +bejaht, bejaht überhaupt; wer verneint, verneint überhaupt. Dies ist +nicht so zu verstehen, als wäre dem Selbsthasser die Verneinung mehr +denn ein Durchgangspunkt zur Bejahung. Es gibt keinen großen Menschen, +der nicht zuletzt doch +bejahte+. Dies ist auch der letzte Grund, warum +es ungeachtet des einleitend Bemerkten kein Genie gibt, das nicht ++produktiv+ wäre. Auch aus der Liebe zu den Ideen und ihrer Bejahung, +in der +Platon+ und Schopenhauer das Wesen der Genialität am tiefsten +erkannt haben, entstehen +Kinder+. Dem Selbsthaß des misautischen +Typus ist die Verneinung nie Selbstzweck, sondern nur Mittel,[38] um +das wahrhaft Liebenswerte und nichts vor diesem zu lieben. Nur vermag +er nichts anderes zu bejahen als die Ewigkeit. Er kann nicht ein +konkretes Weib lieben, und so oft er auch Ansätze dazu macht, d. h. zu +lieben, sich in der Leidenschaft zu bestärken versucht, er fällt immer +in Kürze aus ihr heraus: er kann nicht lieben. + +Nur der philautische Mensch ist deshalb auch im eigentlichen, engeren +Sinne +Vater+, er hat das Bedürfnis nach dem leiblichen Kinde, denn +er will +sich+ mit +allen+ seinen Eigentümlichkeiten, auch mit +seiner Subjektivität, seiner äußeren und inneren +Erscheinung im +Kinde wiederfinden+. Sogar zu seinen geistigen Schöpfungen hat der +extreme Selbsthasser kein rechtes warmes, inniges Verhältnis. Denn +die Vaterschaft kann sich auch auf das Geistige erstrecken. Ja, der ++Lehrer+ ist recht eigentlich der Typus des Vaters, wie dieser der +Verbreiter und Förderer der +Gleichheit+, nur im Intellektuellen noch +außer dem rein Körperlichen. Daß der Mann im Weibe nur sich liebt, +darauf komme ich noch zurück; aber auch sein Kind ist nur soweit sein +Kind, als es er selbst ist.[39] Die Vaterschaft, deren Deduktion ich +hier gegeben, und deren Zusammenhang mit der Liebe ich begründet habe, +ist natürlich jene, die ein dauerndes psychisches Bedürfnis befriedigt, +und muß mehr bedeuten als bloße akzidentielle „Paternité“. + +Es ist aber möglich, noch einen Schritt weiter, tiefer in dieser Sache +zu tun. Man gedenke der Rolle, welche die Idee der Vaterschaft im +„+Neuen Testamente+“ spielt. Gott als der Vater der Menschen: so hatten +die Juden ihren Gott nicht empfunden. Ihnen war er der Herr, und sie +seine Diener, die er schalt oder belohnte, je nach ihrer Leistung. +In den Evangelien steht die neue Idee in engster Beziehung zu jenen +beiden anderen christlichen, unjüdischen Ideen der Liebe und des ewigen +Lebens, und hiermit erfährt die dargelegte Auffassung der Vaterschaft +eine neue Bestätigung. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt die Gottheit +des Johannesevangeliums (6, 35). +Jesus Christus+ aber gehörte nicht zu +jenen Menschen, die sich samt ihrer Subjektivität lieben. Im Evangelium +des Lukas (14, 26) heißt es: „So jemand zu mir kommt und haßt nicht +seinen Vater, Mutter, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein +eigenes Ich,[40] der kann nicht mein Jünger sein.“ Sicherlich hat +sich nie ein Mensch sowenig als +Vater+ gefühlt wie der Stifter des +Christentums; +als der Sohn+ bedurfte er vielleicht gerade darum der +Gottheit in der besonderen Gestalt des liebenden Vaters. Jesus ist auch +nicht Lehrer von Beruf, wie es etwa Sokrates in eminentem Sinne war. +„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ „Fasse das Wort, wer es fassen +mag“ — so spricht kein Lehrer. Man sieht, wie Vaterschaft, Lehrertum, +Philautie immer miteinander da sind oder fehlen. + +Wer sich als Sohn fühlt, kann sich nur hassen; den Sohn nämlich trieb +es, Sohn zu werden, +sich zeugen zu lassen+, als empirisch beschränktes +Subjekt zu entstehen. All dies Subjektive rechnet er sich zu, und darum +haßt er sich. Der Sohn weiß sich ewig unfrei, so wie er das eigene +Wollen aufgab und eine Stütze suchte, als er geboren wurde. + ++So erweitern sich die Typen des sich selbst liebenden und des sich +selbst hassenden Menschen zu den Ideen des Vaters und des Sohnes.+ +Daß es Väter und daß es Söhne gibt, ist im tiefsten Sinne nur einer +der Ausdrücke des Dualismus im Wesen der Welt. Söhne Gottes sind +die Menschen als geistige Wesen, wie Söhne leiblicher Menschen als +Erdenkinder: genau gesprochen freilich bloß die Männer. Denn Gott +hat keine Töchter; und nur insofern bedarf die Vorstellung der +Gotteskindschaft einer Korrektur. Der Sohn kann zur Freiheit nur +auferstehen, indem er zum Vater emporsteigt, selbst aufhört bloß Sohn +zu sein, und wieder eins mit dem Vater wird. + + * * * * * + +Der philautische Mensch kann auch hassen; er haßt nämlich, was ihn +im Lieben stört .... er ist der „Ästhet“. Der Selbsthasser dagegen +kann nicht lieben, was irgend sinnfällig wird. Im extremen Falle wird +ihm auch der Geschlechtsakt völlig unmöglich. Er ist also sicher +viel unglücklicher als der andere. Zum philautischen Typus, der den +Kasteiungen eines Menschen jene wesentlich zartere Form gibt — er ist +auch eine Bedingung der Abfassung einer Selbstbiographie — gehören +in extremstem Maße Shakespeare und Sophokles, besonders der erstere. +Goethe ist nicht rein philautisch — manche Stellen im Faust bezeugen +es, wie falsch es wäre, ihn ohne weiteres diesem Typus einzureihen.[41] +Man läßt sich überhaupt täuschen, wenn man in Goethe einen harmonischen +Menschen vermutet, wie dies seit Heine üblich ist und heute bis +zum Überdruß wiederholt wird. Goethe war viel eher einer der +unglücklichsten Menschen, die es je gegeben hat, und darum schamhafter +und strenger im Verbergen seines Unglückes als so viele andere. — Der +Mensch, der sich selbst am meisten gehaßt hat, dürfte Nietzsche gewesen +sein. Sein Haß gegen Wagner und gegen die Askese, sein Hinüberwollen +zu Bizet und Gottfried Keller war ja nur ein Haß gegen den Wagnerianer +und Asketen und den +gänzlich unidyllischen Menschen+, der er selbst +war. Der Selbsthaß steht gewiß moralisch höher als die Selbstliebe. +Schlimm ist also die Unaufrichtigkeit, mit der Nietzsche tat, als wäre +ihm jener Übergang (die „Genesung“ von Wagner, seiner „Krankheit“) +gelungen — es ist dies nicht die einzige Pose, die Nietzsche vor allen +anderen und vor sich selbst angenommen hat.[42] Pascal, der sich gewiß +furchtbar gehaßt hat, steht hier hoch über Nietzsche — er ist auch +sonst nie so flach, wie Nietzsche manchesmal sein kann. Während jener +es doch offen als Grundsatz auszusprechen vermochte, jenes „Le moi +est haïssable“ (Pensées I, 9, 23), hat Nietzsche sogar diesen seinen +eigenen Haß gegen sich selbst verleugnet, und — so haßte er sich — +verleumdet, heruntergesetzt: freilich nur als Eigenschaft Pascals. +Nur an einer Stelle wird Zarathustra hierüber aufrichtig: in dem +herrlichen, durchaus als ethisches Symbol zu verstehenden Liede „Vor +Sonnenaufgang“ (im III. Teile): „O Himmel über mir, du Reiner!.... ++fliegen+ allein will mein ganzer Wille, in +dich+ hineinfliegen! Und +wen haßte ich mehr als ziehende Wolken und alles, was dich befleckt! +Und meinen eigenen Haß haßte ich noch, weil er dich befleckte! Den +ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raubkatzen: sie +nehmen dir und mir, was uns gemein ist — das ungeheuere, unbegrenzte +Ja- und Amensagen.“ + +Gerade bei Nietzsche entsprang der Haß gegen sich selbst dem stärksten +Willen zur Bejahung. In ihm konnte darum dieser Haß schöpferisch und +tragisch werden. Schöpferisch — denn er hieß ihn nach dem suchen, was +er an Schopenhauer vermißte, er zwang ihn zur Abkehr von diesem, der +ihn Kant nicht kennen gelehrt hatte. Tragisch — denn er war nicht +groß genug, um sich selbständig aus einer eigenen Kraft in Reinheit +zu +Kant+ durchzuringen, den er nie gelesen hatte. Darum ist er nie +bis zur +Religion+ gelangt: als er das Leben am leidenschaftlichsten +bejahte, da verneinte das Leben ihn — jenes Leben nämlich, das sich +nicht belügen läßt. Aus dem Mangel an Religion erklärt sich Nietzsches +Untergang. Ein Mensch kann an nichts anderem zugrunde gehen als an +einem Mangel an Religion; am fürchterlichsten zeigt dies der Genius. +Denn der geniale Mensch ist der frömmste Mensch, und verläßt ihn die ++Frömmigkeit+, so hat ihn das Genie verlassen. Nicht ohne tiefen Grund +war Nietzsche der „Gewissenlose des Geistes“ Problem geworden: der +„Gewissenlose des Geistes“, das ist der „geistreiche“ Mensch, und der +„geistreiche“ Mensch war die Gefahr Nietzsches und der Abgrund, der +ihn schließlich hinabzog. Hätte er es sonst für nötig gehalten, es +immer ausdrücklich zu betonen, wenn er einmal etwas ernst meinte, und +ernst genommen wirklich sehen wollte? Was Nietzsche fehlte, war die ++Gnade+; aber ohne Gnade ist die Einsamkeit auch von Zarathustra nicht +zu tragen. So war ihm die Logik kein einzig teuerstes Gut, sondern +ein Zwang von außen (denn er fühlte sich zu schwach, um nicht überall +Gefahr zu wittern); wer aber die Logik negiert, den hat sie bereits +verlassen, der ist auf dem Wege zum Irrsinn. + +Das volle Gegenteil Nietzsches sonst, war doch auch Spinoza sowie +Nietzsche ein Hasser seiner selbst. In ihm aber ist es nicht der +Haß, der irgendwie schöpferisch oder tragisch geworden ist. Nicht +schöpferisch — denn das Problem der Willensfreiheit, zu dem der +höhere Mensch durch den Haß gegen sich selbst geleitet wird, hat +niemand sowenig verstanden, niemand dieses Problem als Ganzes so rüde +und intolerant zurückgewiesen wie er (Ethik I 32, II 35, 48, III 2). +Nicht tragisch — denn Spinozas Weltanschauung war kein mutiger offener +Glaube, sondern ein System von Schutzmaßregeln, mit dem er sich +umgeben, hinter dem er wie mit Stacheldraht ein feiges Ruhebedürfnis +verschanzt hatte. + +Ganz unfähig des Hasses gegen sich selbst scheinen die Frauen zu +sein. Sie lieben sich aber auch nicht, sie sind nur, aber das immer, ++verliebt in sich+. Die Mutter hat keineswegs, wenn das Kind +ihr+ +gleicht, jene Freude, die der Vater im anderen Falle empfindet. + +Männer, die sich entschieden gehaßt haben, waren Michel Angelo und +Beethoven, die gewiß, nicht weniger als Pascal und Nietzsche, beide +vollkommen keusch gelebt haben; Beethoven mit einem fast ebenso großen +und ebenso ungestillten Bedürfnis, das Weib zu finden, das er lieben +könne, wie Nietzsche. Dagegen hat sich Mozart immer, haben Jean Paul +und Richard Wagner meistens sich geliebt; Humor ist überhaupt ein +Zeichen von Liebe, Satire eines von Haß gegen sich selbst und überhaupt +— denn der Humor ist selbst nur eine gut verkleidete Erotik. Von +Philosophen, die sich geliebt haben, nenne ich Sokrates (den Lehrer) +und Fechner, weniger schon Leibniz, noch weniger Platon; von Künstlern, +die dem misautischen Typus angehören, Grillparzer und Rembrandt. + +Bei einem Manne wie Kant versagt aber wohl diese Einteilung, +so umfassend sie auch sonst Anwendung finden mag: bei solchen +Erscheinungen ohne alle Subjektivität fehlt sicherlich auch jede Weise, +in der auf eine solche reagiert werden könnte. + +Es mag auch in +demselben+ Menschen +beides+ sein und miteinander +abwechseln: Complaisance und Nachsicht, wie Mißgunst und Unduldsamkeit +gegen moralisch Indifferentes in sich. Dies wird sogar die Regel bilden. + +Die Selbsthasser sind die größten Selbstbeobachter. Alle +Selbstbeobachtung ist ein Phänomen des Hasser: ihr Wort heißt: +ertappen. Sie sind die unpathetischesten, weil schamvollsten Menschen, +die Menschen, denen Pathos überhaupt und in unangenehmer Weise ++auffällt+. Eine ganz einfache Rede ist ihnen unmöglich, weil sie +unter ihrem ganzen Selbst immer und ewig +leiden+, und dieses Leiden +verleugnen müßten, wenn sie pathetisch werden sollten. Der misautische +Mensch erträgt aus diesem Grunde die Einsamkeit so unendlich viel +schwerer als der philautische; und doch sind keine Zweisamkeits- und +Mehrsamkeitsversuche so unglücklich wie die seinen. Denn er leidet +an dem furchtbarsten Geschick, das einen guten Menschen treffen +kann: keinen anderen Menschen wirklich +lieben+ zu können. Ihr Wesen +kann nämlich nie frei hinausströmen, überströmen in ein anderes, das +sie lieben möchten, das sie liebt! So furchtbar ist +ihnen+ ihr Ich +immerwährend gegeben. Sie gleichen einem Hause mit ewig verschlossenen +Fensterläden: das Licht der Sonne würde wohl auch dieses Haus erwärmen +und bescheinen mögen; aber das Haus tut sich nicht auf: scheinbar +mürrisch, hart, abweisend, bitter verbittet es sich das Licht; +erschrickt es vor dem Glücke. Wie es im Hause ausschaut? Eine wild +verzweifelte Geschäftigkeit, ein langsam-furchtsam Erkennen in der +Finsternis, ein ewiges Zurechtstellen der Dinge — da drinnen. Man frage +sie nicht, wie es im Hause ausschaut. + +Ein Mann, der den „Peer Gynt“ geschrieben hat, kann nur ein +Selbsthasser sein. Das Gedicht war persönlich für Ibsen[43] gewiß +ursprünglich als die +Tragödie der Eitelkeit+ (im Salomonischen +allgemeinsten Sinne) gedacht, und erst allmählich ist es Ibsen klar +geworden, daß alle Eitelkeit vor anderen, alle primäre Rücksicht auf +andere das Aufgeben des eigenen Selbstes und des Wertes vor sich selbst +zur Bedingung hat. + +Der lange Exkurs aber, von dem ich nun wieder zum „Peer Gynt“ +zurückgekehrt bin, und zu dessen prinzipieller Rechtfertigung auch die +einleitenden Betrachtungen über das gesteigerte moralische Innenleben +großer Menschen dienen sollten, war notwendig, um zum Verständnis jener +Schöpfung des Dichters zu verhelfen, die ich bisher noch nicht erwähnt +habe, obwohl im ganzen vielinterpretierten „Peer Gynt“ +sie+ am meisten +zu raten gegeben hat, ohne daß irgend eine Deutung die Deuter selbst +befriedigt hätte. „Der große Krumme“, die rätselhafteste und zugleich +originellste Gestalt der Dichtung,[44] wird uns jetzt soweit klar, +als er es seiner besonderen Natur nach überhaupt zu werden vermag. Der +„große Krumme“ spielt die wichtigste Rolle im zweiten und im fünften +Akte: beide Mal wird er, dies ist wohl zu beachten, durch Solveig +besiegt. Er ist die Gewalt, welche den Menschen immer wieder treulos +gegen sich selbst werden läßt, ihn immer wieder +eitel+ zeigt, ja, +wenn er sich noch so unbarmherzig aufgewühlt und gezüchtigt hat, ihn +in den letzten Falten seines Innern wieder die nicht ausgetriebene, +unversehrte Eitelkeit, sich gleich geblieben, am gleichen Platze, mit +gleichem Besitzstande gewahren läßt: + + „Hin und zurück — ist ebenso weit! + Draußen und drinnen — ebenso breit! + Da ist er! Dort! Rings, wo ich mich weise! + Wähn’ ich mich draußen, steh’ ich mitten im Kreise!“[45] + +Als Kind hörte ich einen Volksschullehrer der Klasse, in der ich +mich befand, folgendes über die Methode erzählen, nach der man in +Rußland die Bären töte: zwischen zwei Baumstämmen werde ein Holzblock +aufgehängt; um zwischen ihnen hindurchzukommen, müsse der Bär den +Balken zur Seite stoßen, der nun, vom Baumstamme reflektiert, mit um +so größerer Kraft seinen Schädel wieder treffe, worauf der Bär gereizt +und in Wut dasselbe solange wiederhole, bis ein stärkster Stoß seinen +Schädel zerschmettere. Ibsen hätte auch diese Geschichte als Gleichnis +für das benützen können, was er ausdrücken wollte. Der „große Krumme“ +ist die ganze Kraft des empirischen Ich, mit welcher es gegen das +intelligible sich immer wieder erhebt, obwohl dieses noch eben völlig +endgültig gesiegt zu haben vermeinte; und zugleich die Stimme, mit der +es dem anderen nach immer erneutem Rückfall zurät, den hoffnungslosen, +sinnlosen Kampf zu lassen. Daher die selbstsichere Ironie, mit welcher +der Krumme dem tobenden Assaut Peer Gynts begegnet, ihn herumgehen +heißt, ihn auffordert, sich mit ihm abzufinden, weiterzuziehen und +ihn sein zu lassen, statt die unbezwingliche Festung im Sturme nehmen +zu wollen. +Der Krumme ist das die Erlösung negierende Prinzip +überhaupt+; in ihm hat Ibsen den großen Verneiner in sich selbst zu +fassen gesucht. Man mag ihn die Bequemlichkeit, die Trägheit, das Band +zwischen Seele und Körper nennen (er siegt ohne Schwertstreich, und ++allmählich+): jedenfalls ist er das, was Ibsen in sich durchbrechen +wollte, als er diesen Peer Gynt, +seinen+ Peer Gynt, festlegte. Aber er +hat es selbst gefühlt: +vor+ dem Tode werden wir mit ihm nicht fertig. + +Hiermit sehen wir uns nun noch einmal zum Sinne der ganzen Dichtung, zu +der Antwort, die Ibsen für seine Frage hat, zurückgeführt. In dieser +Schlußszene des „Peer Gynt“ kann man die beiden Hauptprobleme seines +Denkens und Schaffens zusammenlaufend finden. Einerseits das Problem +Wahrheit—Lüge. So wohlbegründet und befriedigend die Deutung mir +scheint, die ich dem Krummen gegeben habe, er vertritt doch noch eine +andere Idee. Die Symbole des wahren Künstlers sind keine Allegorien, +nicht mit Personennamen behängte Personifikationen scharf definierter, +eindeutiger, philosophischer Begriffe, in die Sprache eines bestimmten +philosophischen Systems zurückzuübersetzen, sobald nur der Schlüssel +der Chiffrenschrift gefunden ist. Was der Dichter bei seinen Symbolen +unmittelbar geschaut und gefühlt hat, dem vermag der Philosoph nur +langsam und mit vieler Vorsicht nachzukommen. Der Krumme, den Peer Gynt +zeitlebens nie durchbrochen hat, weil er nie +geradeaus+ gegangen ist: +dieser Krumme ist zugleich die +Lüge+. + +Daß der Mensch in diesem Leben nie in völliger +Wahrheit+ leben kann, +daß ihn von ihr immer etwas trennt, diesen Rest von Lüge, Irrtum, +Feigheit, Verstocktheit hat Ibsen im Krummen mit angedeutet.[46] +Das volle Schauen der Wahrheit ist im jenseitigen Leben möglich; +nach ihr kann im Diesseits nur immer gestrebt, erst mit dem Tode der +Krumme bezwungen werden. Es ist also nur eine andere Differenzierung +derselben Idee der Erlösungshemmung, die in dieser Seite des Krummen +zum Ausdruck gelangt ist. Peer Gynt steht da unvergleichlich höher +als der Hjalmar der „Wildente“, der in der Lüge selbstzufrieden ist, +die Wahrheitsforderung eigentlich als eine persönliche Beleidigung +empfindet, als ein Ansinnen, das ihm von anderer Seite gestellt worden +ist, und wenn sie ihm aufgedrängt wird, sie nur äußerlich akzeptiert, +um in der Lüge um so ungestörter weiterleben zu können; der das Unglück +posiert und die kleinen Widerwärtigkeiten seines kleinen Lebens als ein +Unrecht des Schicksals seiner Person gegenüber empfindet, ja sie den +anderen Menschen zum Vorwurfe macht. Hjalmar ist der absolut atragische +Mensch; das ist Peer Gynt durchaus nicht. Im Gegenteil, das ganze +Drama ist fast vollständig ausgefüllt von dem +Problem des Subjektes+, +sein Held selbst meistens mit dieser Kardinalfrage beschäftigt. +Der „Peer Gynt“ entspricht darum der Idee, +welche im Gedanken der +Tragödie liegt+, der Darstellung der suchenden und kämpfenden, irrenden +und fehlenden, zum Schuldbewußtsein gelangenden und nach Erlösung +ringenden Individualität so vollkommen wie keine andere Dichtung der +Weltliteratur. + +Peer Gynt will von der Lüge, die mit dem Leben unauflöslich verbunden +ist — es gibt keinen noch so heiligen Menschen, der nicht zur Notlüge +wieder und wieder sich gezwungen sähe, und die Notlüge ist moralisch +unentschuldbar wie jede andere — Peer Gynt will von der Lebenslüge +loskommen, und er kann es nicht. Die Erlösung wird, trotz allem +Krummen, endlich herbeigeführt durch das Weib. Und hier liegt das +zweite Hauptproblem Ibsens: +das Problem der Erlösung mit Rücksicht +auf Mann und Weib. Wie verhält sich die Frau und die Liebe zur +Frau mit Bezug auf das Menschheitsproblem überhaupt?+ das ist die +Frage, die Ibsen in den letzten dreißig Jahren seines Schaffens fast +unablässig beschäftigt hat. Nicht die simple Frauenfrage in ihrem +vulgären Aspekte, die gleiche Begabung und die gleichen politischen +Rechte sind es, die Ibsen am Herzen liegen, er ist nie ein Anwalt der +einzelnen Frau oder der Gesamtheit der lebenden Frauen gewesen; und +die Geringschätzung Ibsens, die immer mehr in Mode kommt, ist zwar +psychologisch begreiflich — man findet unwillkürlich durch die Hinweise +der Frauen auf ihren angeblichen Schätzer den Schätzer selbst ein wenig +bloßgestellt — aber sie ist gänzlich ungerechtfertigt und Beweis eines +sehr vorschnellen Parallelisierens. + +Wenn die Frauen den Dichter für sich reklamieren, so mag ihnen dies +nachgesehen werden; er ist zu männlich durch und durch, als daß sie +in ein wirkliches Verhältnis zu seinen Werken treten und seine wahre +Absicht erfassen könnten. Nicht so sehr die gleichen +Rechte+, als die +gleichen +Pflichten+ hat Ibsen für das Weib gefordert — und Pflicht ist ++der+ absolut unweibliche Begriff. + +In „Peer Gynt“ wird der Mann durch das Weib emporgezogen, d. h. +vielmehr, +er+ läßt sich emporziehen. Nichts ist so lächerlich und +so gemein, wie die Auffassung, als könnte die bloße Passivität des +Geliebtwerdens irgend einen Einfluß auf das Schicksal der Moralität +des Individuums gewinnen, seine endgültige Wertung als gut oder böse +umwerten. Jemandem, der viel geliebt hat, mag vergeben werden, aber +nimmermehr auch nur einem Menschen, weil er, wenn auch noch soviel, +geliebt worden ist. Diese Flachheiten sind jedoch der offiziellen +Ibsen- und Wagner-Interpretation so geläufig, daß man leider nicht an +ihnen schweigend vorübergehen kann. Sie verrammeln vollständig das +Verständnis der Erlösung durch die Liebe, und das logische Mysterium +wird zur paradoxen Sentimentalität. Beschämend genug ist es, der tiefen +Auffassung der Erotik, die Ibsen gerade im „Peer Gynt“ offenbart, +nichts anderes gegenüberstellen zu können, als diese gangbare +Auslegung. Wenn auch Ibsen im „Peer Gynt“ noch ungemein kurz und dunkel +ist, so leuchtet doch auch schon hier die Anschauung hervor, die er +in seinen späteren Werken kräftiger angedeutet hat. Die Liebe und die +Möglichkeit der Erlösung durch sie besteht gerade im „Peer Gynt“ nur +darin, daß der Mann sein besseres Selbst, alles, +was er lieben möchte +und in sich nicht lieben kann, weil es da nicht unvermischt vorhanden +ist, auf die Frau projiziert und durch diese Trennung leichter in +ein wollendes, strebendes Verhältnis zur Idee der Schönheit und des +Guten und Wahren gelangt+.[47] Dies ist der tiefe psychologische Grund +für jenen Akt des männlichen Egoismus, der an die Frau viel höhere +moralische Anforderungen stellt als an den Mann — moralisch natürlich +nur dem äußeren Scheine nach als Befriedigung des Illusionsbedürfnisses +— die tiefe Wurzel des Postulates der Reinheit, der Virginität für +die Frau. Ein ähnliches Projektionsphänomen wie für die Liebe gilt +für den Haß: Der Teufel ist die geniale objektive Existenzialisierung +eines Gedankens, welcher den Kampf mit dem Bösen der eigenen Brust +Millionen von Menschen erleichtert hat, indem sie den Feind außer sich +setzten und sich eben hierdurch von ihm +unterschieden+ und +schieden+. +Ein metaphysischer Akt der Projektion ist wohl demnach die allgemeine +Wurzel alles Dualismus in der Welt: Gott will sich im Menschen finden. +Der Dualismus muß sein, weil sonst der Monismus, das Streben nach ihm, +sinnlos, ein leeres Wort ist. + +Im „Peer Gynt“ spielt das Weib keine andere Rolle, als die der +Erlöserin für den Mann; sie hat kein selbständiges Leben, als die +Funktion, die ihr der Mann erteilt. Sie wird +ent+seelt, um beseelt, +gemordet, um belebt zu werden. Hier liegt der seit Novalis von so +vielen gesuchte Grund, warum Sexualität mit Grausamkeit assoziiert ist. +Wie im Coitus psychisch ein dem Morde analoges Element liegt, weil die +Zeugung des Lebens mit seiner Vernichtung verwandt ist, so ist noch +in jeder, auch der höchsten Liebe eine eigentümliche +Entwirklichung+ +des geliebten Menschen, um ihm die eigene höchste Wirklichkeit zu +substituieren. Hier liegt auch die Wurzel der Eifersucht, indem der +Mann auf sein Selbst, auch wenn er es in der Frau lokalisiert hat, +immer noch ein Recht zu besitzen glaubt.[48] Darum hat Constant +recht, wenn er die Liebe, die doch das altruistische Gefühl an sich +zu repräsentieren scheint, „de tous les sentiments le plus égoïste“ +nennt. +Liebe, d. h.: Sich selbst will der Mann auf dem Umwege der +Frau wiederfinden.+ Darum beginnt die Liebe so oft mit Kasteiungen, +Selbstvorwürfen, Selbsterniedrigungen und belebt das Schuldbewußtsein. +Das Weib ist der höchsten, wie der niedersten Erotik eben doch nur +Mittel zum Zweck. + +Dieses Unrecht, das gerade der liebende Mann an der Frau begeht, hat +Ibsen schon im „Peer Gynt“ gefühlt; allerdings geißelt er dort die +sinnliche Form, um ihr die geistige gegenüberzustellen und ironisiert +vor allem den seelenlosen Peer, der seinem Mädchen Anitra Seele noch +schenken zu können vermeint. + + „Jugend! Jugend! Herrschend, thronend, + Wie ein Sultan, heil und heiß — + Nicht durch Gyntianas Banken, + Unter Palmenlaub und Ranken — + Sondern weil in den Gedanken + Einer reinen Jungfrau wohnend! — + Wirst Du nun noch zweifelnd fragen, + Kind, warum ich Dich erküret, + Gnädiglich Dein Herz gerühret, + +Dort+ gegründet, sozusagen + Meines Wesens Kalifat? + Deine Sehnsucht will ich haben, + Allgewalt in meinem Staat! + Du sollst sein allein die Meine. + Peer mit seinem Geist und Gaben + Sei Dir mehr denn Gold und Steine. + Scheiden wir, so ist das Leben + Ausgelebt — das heißt, das Deine! + All Dein Du, inbrünstiglich, + Willenlos mir hingegeben, + Sei erfüllt von meinem Ich.“ + +Aber +alles+ Verhältnis des Mannes zur Frau ist +Enteignung+, +Entrechtung, soweit es erotisch ist. Das ist Ibsen später klar +geworden; der erste Schritt hierzu ist im „Puppenheim“ gemacht. Man +hat die Nora für das Wahlrecht der Frauen nutzbar gemacht und Ibsen, +den Mann, der Zeit seines Lebens weniger als alle anderen Künstler vor +und seit ihm sich selbst über das Weib zu belügen versucht hat, zum +typischen Vertreter der psychologischen Gleichheitslehre gestempelt, +den Schöpfer der Hedda Gabler das lebende Weib (seinen tatsächlichen +Qualitäten nach) ebenso hoch einschätzen lassen, wie den Mann. +Darin +liegt aber gerade die ganze sittliche Größe Ibsens und sein reiner +Heroismus+, daß er vom Manne verlangt, das Weib als selbständiges +menschliches Wesen zu schätzen, die Idee der Menschheit auch in der +Person des Weibes zu ehren, es nicht, wie in jeder Erotik, bloß als +Mittel zum Zweck zu gebrauchen, =obwohl= +die Realität gerade dem +von der erotischen Dunstwolke ungetrübten Blicke+ die =Achtung= vor +dem Weibe — die das Weib der Wirklichkeit vom Manne freilich gar nie +verlangt — so sehr erschwert. + +So ist auch seine Nora nichts Wirkliches und die berühmte Umwandlung +von der kindischen, verlogenen und genäschigen Schwätzerin zum +Menschen mit freiem Entschluß kein ableitbarer Charakterzug irgend +einer wirklichen Frau, sondern eben das +Mysterium der Umwandlung+, +welche Ibsen für das Weib aus allgemein moralischem Grunde +notwendig scheint. In der Nora +begrüßt+ Ibsen die erste weibliche +Individualität, er zeigt, wie die Frau handeln +sollte+, nicht wie sie +wirklich handelt. Die Veränderung in Nora ist eben +das Wunder+, aus +dem früheren durchaus unbegreiflich; und niemand mißversteht dieses +Schauspiel so gründlich, als gerade der, welcher den Umschlag zu +vermitteln und aus der Nora der ersten Akte zu motivieren sucht. In +der „Frau vom Meer“, welche endlich in Freiheit wählen darf und kann, +hierdurch vom äußeren sinnlichen Zwange sich befreit, aber zugleich +die Verantwortung und somit die Pflicht auf sich nimmt, kehrt das +Nora-Problem wieder. „Rosmersholm“ bezeichnet nach dem „Peer Gynt“ den +zweiten Gipfel der Entwicklung, die Ibsens Gedanken über seine Probleme +genommen haben. Zum zweiten Mal kehrt er zum Problem der Erlösung +in seinem Verhältnis zum Problem der Geschlechtsliebe zurück. Hier +liegt aber die Sache schon sehr viel anders als im „Peer Gynt“. Die +Wiedergeburt erfährt vor allem das Weib unter dem Einfluß des Mannes. +Rosmersholm, das ist symbolisch die Burg der reinen Sittenstrenge, die +Stätte der moralischen Güter, habe sie gebrochen, ihre wilden Triebe +bezwungen, sagt die ehemals gänzlich =a=moralische Rebekka. Aber +auch sie hat auf Rosmer im ganzen doch einen läuternden, reinigenden +Einfluß zur Befreiung seines reinen Selbst geübt, und ihr junges +Schuldbewußtsein ist fast heftiger als die Reue Rosmers über seine +unbewußte Begünstigung ihres Vorgehens gegen Beate. So schließt die +Dichtung mit der Frage: „Das eine sag mir noch, gehst Du mit mir, oder +gehe ich mit Dir?“ und die Antwort, die Ibsen darauf gibt, lautet: „Der +Frage werden wir wohl in Ewigkeit nicht auf den Grund kommen.“ + +Aber auch hier auf dieser zweiten Stufe ist Ibsen nicht stehen +geblieben. In „Klein Eyolf“ wird das Schuldproblem an Rosmersholm neu +aufgenommen. Hier handelt es sich aber nicht um eine Beate, nicht um +die frühere Frau, wie in Rosmersholm, sondern — ein anderer tiefer +Gedanke — um das Kind, welches gemordet worden ist. Das Ganze ist +sinnbildlich zu verstehen: aus sündhafter Erotik kann nichts Ewiges +erwachsen, in ihr liegt bereits Mord, Mord des Kindes; der Coitus, +der das Leben zeugt, zeugt auch den Tod, dem in Sünde Entstandenes +notwendig verfallen muß. Die Immoralität der Zeugung in der Lust, der +Zusammenhang von Tod und Geburt, die Verschuldung der Eltern am Kinde, +das leichthin in die Welt gesetzt wird, ohne vorher als Person ins Auge +gefaßt worden zu sein, dies ist die Sünde, die über der Ehe von Alfred +und Rita schwebt, welche die menschliche Ehe überhaupt repräsentiert. +(Eyolf wird in derselben Stunde zum Krüppel, da seine Eltern die +wildeste Wollust auskosten.) + +Das Schuldbewußtsein, zu dem Rita schließlich erwacht, erklärt sie +gänzlich für Alfreds Werk; doch er selbst wird zuletzt durch ihre +aufrichtige Buße vor Verhärtung bewahrt. Produktion, Arbeit als das +Kind reiner Liebe ist das Ziel, zu dem sich beide nunmehr vereinigen. + +Zum letzten Mal erscheint das ganze Problem der Wiedergeburt beider, +des Mannes und Weibes, im Epilog: „Wenn wir Toten erwachen.“ Ibsen +nennt es das letzte Wort, das er zu der Frage zu sagen hat; und ein +Mann von fast zweiundsiebzig Jahren mußte wissen, warum er es so +genannt hat. Wir haben also hier den Kulminationspunkt der dritten +Phase seines Denkens vor uns, den endgiltigen Abschluß der Aufgabe, +der seine Lebensarbeit galt. Auch hier die Dreiheit von Mann, Weib und +Kind: es wird aber jetzt offen ausgesprochen, daß der Mann das Weib +als selbständiges metaphysisches Wesen, als Seele, tötet, indem er es +liebt, weil dieser Liebe das Weib nur Werkzeug ist, mit dem er leichter +Arbeit an sich verrichte. Dieser Mord, den alle Liebe verübt, +muß+ +sich +rächen+; die +Furcht des liebenden Mörders+ heißt +Eifersucht+, +seine Reue ist das rätselhafte Schuldbewußtsein, das jeder Mann dem +geliebten Weibe gegenüber empfindet; es gibt aber Furcht und Schuld nur +wegen frei von der Person selbst verübten Unrechtes. Das Gefühl, daß er +einen Mord verübt hat, lastet dumpf und dunkel auf dem Bildhauer Rubek, +und darum stellt er sich als einen schuldbeladenen, die Reinwaschung +suchenden Mann an der Sündenquelle in Stein dar. Aber man verneint +überhaupt, und man mordet auch überhaupt, zugleich sich selbst +mit+ +und +in+ dem anderen. Rubek hat in sich selbst den Quell des höheren +Lebens verstopft, da er in Irene die Seele tötete. Er muß nun selbst +wieder zum höheren Leben erwachen. Der Sinn ist hier der gleiche wie +die tiefere Bedeutung der von ihren Bearbeitern kaum verstandenen +schönen Sage vom armen Heinrich: der Mann kann durch die Liebe vom +Bösen (dem argen Aussatz) geheilt werden, aber dazu muß sich ein Weib +vernichten lassen; doch ist erst der +Verzicht+ des Ritters auf die +Entseelung des Weibes die moralische Tat, die ihn +wirklich einzig+ +errettet. So soll nun auch Rubek nicht mehr (wie Lyngstrand in der +„Frau vom Meer“) das Weib für sich, sondern das Weib als Menschen, +als Selbstzweck +wollen+; und das Weib nicht mehr den Mann, damit er +bloß Kinder mit ihr zeuge, das Weib soll nicht mehr sich selbst, wie +bisher, als Mittel zum Zweck gebrauchen. Vom leiblichen Kinde ist die +Rede nicht mehr. Das mögen Ulfheim und Maja, die Menschen der niederen +irdischen Sphäre zeugen, die den Weg, der „durch Nacht in den Bergen“, +im „Sturmwinde der Spitzen“, zum Sonnenaufgang des höheren, ewigen +Lebens führt, nicht zu gehen wagen, weil dieser Weg das irdische Leben +kosten kann; die sich nie bereits tot gefühlt haben, um neu erwachen zu +müssen. + +Ibsen glaubt also nach langem Zweifel zum Schlusse dennoch an die +Auferstehung des Weibes, an ein höheres, der niederen Sphäre entrücktes +Zusammenleben zwischen Mann und Weib, an das Sakrament der Ehe als +eines metaphysischen Symboles einer Unio mystica. Nicht ist ihm mehr +das Weib eine Paradoxie der Natur, dem Manne aufgebürdet, daß er sie +wider ihren eigenen Willen mitnehme; für ihn selbst zwar stets die +gefährlichste Gefahr, aber doch nicht ein dauerndes, ewiges Hindernis +dem Streben nach dem Ideal der höheren Menschheit. Zwar ist nach Ibsen +selbst die sublimste Erotik des Künstlers +bislang immer egoistisch+ +gewesen; Mann und Weib aber können beide zur Setzung ihrer beider +als Individualität gelangen. Und +so+ ist und +nur+ so ist ihm eine +Vereinigung beider unter der Idee möglich. Das ist der Sinn von „Wenn +wir Toten erwachen“. + +Einen merkwürdig analogen Entwicklungsgang wie Ibsen hat in dieser +Frage jener Mann genommen, dessen Vergleich mit ihm vielen einer +Entschuldigung zu bedürfen scheinen könnte, nämlich Richard Wagner. +Zieht man zunächst den jungen Wagner allein in Betracht, so gibt es +keine nicht-Wagnerische Dichtung, die so ganz wagnerisch wäre, wie +der „Peer Gynt“ in seinem ganz dem „Fliegenden Holländer“ und dem +„Tannhäuser“ gleichenden Schlusse mit dem Mysterium der Erlösung durch +das Weib es ist. Im „Holländer“ und im „Tannhäuser“ glaubt Wagner wie +der junge Ibsen im „Peer Gynt“ an die Erlösung des Mannes durch das +Weib, der Sehnsucht und des Leidens im Menschen durch die Liebe zu +diesem Weibe. + +Die Nibelungensage hat beide, Ibsen und Wagner, in ihrer nordischen, +mythischen Form zur Erfüllung mit selbständigem Geiste gelockt (Ibsens +„Helden auf Helgeland“ oder „Nordische Heerfahrt“), während Hebbel +weit mehr Sucher als Wagner, und selbst als Ibsen, der kein sehr +tiefes Verhältnis zur +Natur+ besaß, die +zivilisiertere+ süddeutsche +Fassung[49] vorzog. Wagners „Ring des Nibelungen“ entspricht etwa wie +bei Ibsen „Rosmersholm“ der gleichen mittleren Phase im Denken beider. +Brünnhilde wird zwar jetzt von Siegfried +erweckt+ aus dem Schlafe, +der den Tod im metaphysischen Sinne symbolisiert; aber auch Siegfried +feiert erst in seiner Hochzeit mit der „heiligen Braut“ sterbend die +Vereinigung mit dem All. Es ist sozusagen die kosmische Begegnung des +männlichen und weiblichen Prinzipes im Weltall damit angedeutet. Dabei +erinnert an den „Peer Gynt“ und die am Schlusse desselben erfolgende +Identifikation der Solveig und Aase, daß Brünnhild sich auch als +Siegfrieds Mutter bezeichnet. Sie repräsentiert die Ewigkeit der +Gattung, mit der das Individuum Siegfried als „Wecker des Lebens“ die +Vereinigung eingeht.[50] Auch bei Ibsen ist die In-Eins-Setzung von +Mutter und Geliebter kein gedankenloser Versöhnungseffekt noch knapp +vor dem Tode, sondern deutet auf das hin, was Mutter und Geliebte +immer gemeinsam haben. Sicherlich steht das liebende Mädchen zu dem +Manne, den es liebt, sehr oft (wenn auch nicht immer) im Verhältnis +einer gewissen Mütterlichkeit: auch der Mann, von dem sie ein Kind +bekommen kann, +ist+ selbst schon in gewissem Sinne ihr Kind; auf der +anderen Seite wird der liebende Mann diesem Mädchen gegenüber selbst +zum Kinde und kann sie als seine Mutter apostrophieren. Es ist eben der +Genius der unsterblichen Gattung, der Peer in Solveig vor dem Tode +entgegentritt. Ibsens Meinung klingt hier an die Schopenhauers über +die Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich, das nur der Lebenswille +der Gattung sei, merklich an; später hat Ibsen diese die Logik des +einzelnen Menschenlebens negierende Weltanschauung überwunden und +ist nie mehr auf sie zurückgekommen. Im Schlusse des Peer Gynt +schillert sie aber, zum Schaden der Dichtung, ein wenig hindurch. Als +Vertreterinnen des ewigen Lebens der Gattung, das sie nur weiterzugeben +haben, erscheinen die Mütter mit jener symbolischen Weihe ausgestattet, +welche dem kindlichen Gefühle des Mannes zu Brünnhilde wie zu +Solveig eine tiefe Berechtigung verleiht. Der Tristan Wagners, der +pessimistisch ist und nicht +durch+ das Leben, sondern +aus+ dem Leben ++hinaus+ zum höheren Leben zu gelangen sucht, kann für diese Frage +nicht in Betracht kommen. + +Die Zusammenfassung zweier Funktionen des Weibes, der Mutter und der +Geliebten, in einer Person erinnert aber auch an die Doppelnatur der +Kundry im „Parsifal“ Wagners. Dieser ist das Ergebnis der Revision, +welche Wagner an den Anschauungen seiner Jugend und seines Mannesalters +vorgenommen hat, und +sein+ letztes Wort in vielen Dingen sonst wie +auch im gleichen Probleme, das Ibsen in seinem Epilog zum letzten Male +behandelt hat. Dieses letzte Wort lautet aber anders als das Ibsens, +die Berichtigung, die Wagner an seinem früheren Schaffen anbringt, ist +eine weit radikalere Umkehrung der früheren Ansicht, als sie bei Ibsen +stattgefunden hat. Im Parsifal +könnte+ höchstens das Weib vom Manne +erlöst werden. Aber es will diese Erlösung nicht, es wehrt sich gegen +sie. Also hat das Weib für Wagner keine Stätte mehr im Reiche Gottes, +Kundry stirbt an der Schwelle desselben; das Weib kann als Weib nicht +weiter existieren, nachdem es den Gral geschaut hat. Es erschüttert zu +sehen, wie derselbe Wagner, der einst die Elisabeth besang, über das +Weib umgelernt hat; ohne tiefen Schmerz wird das kaum sich vollzogen +haben. Er verneint jetzt das Weib durch die Bejahung der völligen +Keuschheit des Mannes. Es ist damit seiner Funktion beraubt, +zwecklos+ +geworden in der Welt, es muß +sterben+. Die Vergehung des Mannes +am Weibe, die in aller Erotik enthalten ist, hat Ibsen viel tiefer +erfaßt und viel stärker bereut als Wagner; die Sünde des Mannes wider +sich selbst, die in der Geschlechtlichkeit liegt, als dem Wunsche, ++sich+ in den Armen eines Weibes gänzlich vergessen zu können, ist das +Moment, auf welches Wagner schon im „Tannhäuser“ sehr viel und Ibsen +sehr wenig Nachdruck legt. Diese schwache Betonung der asketischen[51] +Forderung für den Mann dürfte bloß darin ihren Grund haben, daß Ibsen, +auch in seiner Kunst, eine viel weniger sinnliche Natur ist, als +Wagner, und sicherlich sein Leben lang in einem persönlich reineren +Verhältnis zu den Frauen gestanden ist, als dieser. Ob aber Ibsen die +tiefere erotische Schuld des Mannes, die ihn so stark gedrückt hat, +wie wohl niemanden vor ihm, und über die gewiß kein Mensch soviel +nachgedacht hat wie er, ob ihn diese Schuld des +Mannes+ für das nicht +mehr mißbrauchte und verachtete +Weib+ einer imaginären Zukunft nicht ++zu viel+ hat hoffen lassen; ob nicht der ganze +Sinn+ des Weibes im ++Weltall+ (wie zweifellos die Absicht jeder einzelnen konkreten Frau) +der ist, dem Manne Gelegenheit zum Schuldig-Werden zu geben; ob sie +nicht das +Objekt+ an sich verkörpert, an welchem nur das +Subjekt+ +immer und ewig zum Bewußtsein seiner selbst wird gelangen können — +die Untersuchung dieser Frage überschritte denn doch zu weit die +Grenzen dieses Aufsatzes, der sich von der heute so allgemein üblichen +impressionistischen und technischen Kritik weit genug entfernt hat, +um nach Gewinnung höherer Gesichtspunkte zu streben; dessen Ziel aber +dennoch geblieben ist, den „Peer Gynt“ von Ibsen, seine größte und +darum am wenigsten verstandene Dichtung, einem weiteren Kreise von +Menschen näher zu bringen;[52] und dem keine höhere Ehrung widerfahren +könnte, als eine Kritik zu heißen, die des Kunstwerkes selbst nicht +unwürdig ist. + + +[19] Ohne darum weniger originell zu sein. + +[20] Der immer Sokrates sprechen läßt! + +[21] Kein Mensch ist je ganz er selbst, solange er auf Erden lebt: nur +der gänzlich Betörte vermag zu glauben, daß er ganz sich gefunden hat, +weil er nicht mehr sucht. + +[22] Hat man wohl beachtet, was für einen Namen Ibsen für seinen Helden +gewählt hat? Peer Gynt — wie wenig +Gravitation+ liegt doch hierin. +Dieser Name ist wie ein Gummiball, der immer wieder von der Erde +aufspringt. + +[23] Vgl. Evang. Marci 8, 34–36. („Wer sein Leben will behalten, der +wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinet- und des +Evangelii willen, der wird es behalten.“) + +[24] Zur Annahme und Darstellung einer solchen Größe im Antimoralischen +war ich hier verpflichtet, um Ibsen nicht untreu zu werden. Ich selbst +halte Größe im Bösen für eine Fiktion (Geschlecht und Charakter, 1. +Aufl. S. 235 f.). + +[25] Man hat Ibsen, den größten und tiefsten Individualisten seit Kant +für einen Sozialethiker auszugeben, den Verfasser des „Brand“, der +„Stützen der Gesellschaft“ und der „Frau vom Meer“ für die Oberhoheit +der Gesamtheit gegen die Freiheit der Individualität auszubeuten +versucht. Sicherlich ist Ibsen kein Verächter des Sozialen, der Idee +der Gesellschaft, wie es jene modernen Pseudo-Individualisten sind, die +an der allgemeinen Identifikation von Individualismus und Egoismus die +Schuld tragen; die ihre Unlust, sich durch Phänomene wie Krankheit und +Armut im Genusse der Tafel- und Bettfreuden oder auch nur im Eifer der +Zeitungslektüre und in der Wärme des Salontratsches +stören+ zu lassen, +mit dem Namen des zum Darwinisten ausgedeuteten Nietzsche decken. +Ibsens Individualismus ist viel entschiedener, weil viel geklärter als +der Nietzsches. Jedoch pflegt Ibsen +jedem+ seiner Kommentatoren auf +Fragen, die eine Legitimation für den Interpreten erreichen wollen, ++ohne Unterschied+ zu antworten, daß er ihn am besten von allen +verstanden habe, und so hat er es wahrscheinlich auch jener Auslegung +gegenüber, die ihn zum Sozialethiker stempeln wollte, nicht der Mühe +wert gefunden, ein Wort der Verwahrung zu sagen. Wie konnte man aber +auch den Mann für die Gattungsschwärmerei in Anspruch nehmen, dessen +Hauptproblem Wahrheit und Lüge, das +individual+ethische Problem κατ’ +ἐξοχήν, ist! + +[26] Wenn nicht schon früher (Catilina). Vgl. +Schlenther+, Ibsens +Werke, Bd. I, 1903, Einleitung S. 48. + +[27] Die Frauen suchen Seele nur beim Mann, als Sexualcharakter wie +Bart und Muskelkraft, nicht für sich selbst. + +[28] Vgl. Schopenhauer, Neue Paralipomena § 220. + +[29] Im vierten Akte ergibt sich dann, daß es trotz dem Lauf der Jahre +bei dieser Parole geblieben ist. + +[30] Erinnert sei hier an das tiefe und wahre Wort des Relling in der +„Wildente“ (5. Aufzug): „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die +Lebenslüge, so nehmen Sie ihm gleichzeitig das Glück.“ + +[31] Die Bedeutung Hebbels, welche in anderen Dichtungen, in seiner +„Judith“ und „Genovefa“, wie auch in seinen aphoristischen Epigrammen +viel stärker zum Ausdruck kommt, soll hiermit ebensowenig angetastet +als die vielen Feinheiten von „Gyges und sein Ring“ verkannt werden. +Hebbel ist sicherlich größer als Schiller, Grillparzer, Lessing +zusammengenommen; aber hinter Ibsen oder Wagner bleibt er weit zurück. + +[32] Eine der vorzüglichsten Frauengestalten Ibsens, wenn auch ohne +sonderliche Tiefe behandelt. + +[33] Die Interpretation dieser Schlußszene des dritten Aktes, die ich +hier versuche, ist, ich fühle es, sehr gewagt und ich kann sie nur +noch durch den Hinweis auf den fünften Akt stützen, wo die Mutter dem +endlich zum Bewußtsein seiner +Schuld+ gelangten Sohne ebenfalls als +Anklägerin eben im Hinblick auf diesen Ritt erscheint. Aber diese +Szene des dritten Aktes — für die naive Auffassung die leichteste der +Dichtung — muß in einer so durchaus symbolischen Tragödie doch auch +einen tieferen Sinn besitzen. Sollte dieser sein, daß in Peer jetzt +der Egoismus des Patienten, des von eigenen Leiden Geplagten und ++darum+ für die der anderen Achtlosen zum Vorschein komme? Daß er an +allen anderen Wesen +rächen+ wolle, daß ihm kein Glück mit Solveig +beschieden ist? Ich kann es nicht ganz glauben. Auch schiene mir nur +noch folgendes möglich. Ibsen, der in den Zeiten seiner eigentlichen +hervorragenden Produktion durchaus Masochist ist (Beweis vor allem +die „Nordische Heerfahrt“ und „Baumeister Solness“), war in seiner +Jugend nicht frei von sadistischen Zügen (in vielen der von ihm lange +zurückgehaltenen Gedichten und in „Olafs Liljekrans“; auch im „Fest +auf Solhang“ ist noch eine Spur von Sadismus). Es +sind+ nun wirklich +in den Peer Gynt des zweiten („Raub der Ingride“) und des ersten Aktes +(Drohung an Solveig) sadistische Züge geraten; möglich, daß Ibsen +auch diese Züchtigung an sich vornehmen wollte. Für den Charakter des +Peer Gynt wäre das aber durchaus unwesentlich und also ein Fehler der +Dichtung. + +[34] Man denke auch an jene Menschen, denen ihr eigener Stil gefällt, +und jene, denen er immer mißfällt. Nietzsches Stilkünste sind zum Teile +aus dem letzteren Grunde zu erklären. + +[35] Das Innenleben der Frauen dauert immer höchstens neun Monate. + +[36] Darum ist er der richtige Aphoristiker. + +[37] Was nicht hindert, daß der Misautische das größte Bedürfnis hat zu +bejahen. + +[38] Der Philautische liebt, der Misautische haßt sein +empirisches+, +beide +lieben+ ihr intelligibles Ich. Das intelligible Wesen +haßt+ nur +der +Verbrecher+. + +[39] Wenn er es liebt, weil es der Mutter ähnelt, so liebt er eben auch +sich; übrigens kommt dies wohl nur vor, wenn die Mutter früh gestorben +ist. + +[40] „: ψυχήν“ heißt es im Griechischen (ἔτι δὲ τὴν ἑαυτοῦ ψυχήν); +Luther übersetzt es hier unrichtig mit „Leben“. + +[41] Nur Hasser sind wahrhaft große Frauenkenner, weil sie unangenehme +Selbstgeständnisse in diesem Punkte sich eher machen. Shakespeare, +Sophokles, Zola und Goethe glauben an das „edle“ Weib, +wollen+ daran +glauben. Anders Schopenhauer, Nietzsche, Strindberg, Hebbel, Michel +Angelo. + +[42] In der „Nuova Antologia“ war einmal ein Bericht zu lesen über +einen Besuch, den jemand Nietzsches Turiner Wohnung und seinen dortigen +Mietsleuten gemacht hatte. Da erzählten diese, wie Nietzsche, zur +selben Zeit, als er den „Fall Wagner“ schrieb, immer zu ihrem des +Klavierspieles kundigen Töchterlein kam, und immer wieder nur den „Ring +des Nibelungen“ zu hören verlangte. + +[43] Wohl den unpathetischesten Menschen, den es je gegeben hat. + +[44] Vielleicht bedeutet der Falke im sehr überschätzten „Brand“ etwas +ähnliches wie der Krumme des „Peer Gynt“. + +[45] Eben weil der Mensch in diesem Kampfe eine Kreisbewegung ausführt, +sich an seinen Ausgangspunkt wider Willen zurückversetzt findet, darum +heißt das Symbol „Der Krumme“. + +[46] Darum erinnert an den Krummen die Sphinx, die sowohl Weib als Löwe +und doch keines von beiden ist. + +[47] Es läßt sich aber nicht leugnen, daß diese Idee, daß Solveig nur +für und durch Peer Gynt da ist, in der Dichtung nicht ganz rein zum +Ausdruck kommt (4. Akt). + +[48] Die Frauen sind nicht eifersüchtig in der leidenden Form, nur +neidisch oder rachsüchtig. Denn sie haben kein Selbst, das sie wo +anders zu behaupten suchen würden. + +[49] Ibsen steht als Charakter überhaupt in der Mitte zwischen Hebbel +und Wagner, Fichte und Schopenhauer. Er ist zudem in vielem Kant +ähnlicher als irgend ein anderer historischer Mensch außer ihm. + +[50] „Ewig war ich, ewig in süß sehnender Wonne“ u. s. w. (Siegfried 3. +Akt). + +[51] Ibsen ist die Askese darum mehr eine +selbstverständliche+ Sache +(als geschlechtliche Enthaltsamkeit des +Mannes+). Die gewöhnliche +Auffassung des Epiloges als des Schmerzes eines Siebzigjährigen um den +verpaßten Venusberg werde nur erwähnt, nicht zurückgewiesen. + +[52] Ibsen hat im Laufe seines Lebens leider +aufgehört, gleich +Großes zu+ =wollen=, wie zu der Zeit, da er den „Peer Gynt“ schrieb. +„Kaiser und Galiläer“ bezeichnet diese Strecke seines Lebens, wo eines +der gewaltigsten Probleme angefaßt wird, mit nur schwachen Resten +des Willens, es auch zu lösen. Wäre Ibsen der Ibsen des „Peer Gynt“ +geblieben, er wäre größer als Goethe geworden; denn der Mensch +kann+ +alles, was er +will+. Das hervorragendste Stück der späteren Zeit, +„Rosmersholm“, ist +schwach+ gegen „Peer Gynt“; und Ibsens Wille sinkt +nach Rosmersholm weiter. Über die Idee der menschlichen Vaterschaft +gegenüber der vorwiegenden Berücksichtigung der Verbindung des Kindes +mit der Mutter sagt J. J. +Bachofen+, Das Mutterrecht, Stuttgart 1901, +S. XXVII: „Ruht die Verbindung der Mutter mit dem Kinde auf einem +stofflichen Zusammenhange, ist sie der Sinnenwahrnehmung erkennbar +und stets Naturwahrheit, so trägt dagegen das zeugende Vatertum in +allen Stücken einen durchaus entgegengesetzten Charakter. Mit dem +Kinde in keinem sichtbaren Zusammenhange, vermag es auch in ehelichen +Verhältnissen die Natur einer bloßen Fiktion niemals abzulegen. Der +Geburt nur durch Vermittlung der Mutter angehörend, erscheint es stets +als die ferner liegende Potenz. Zugleich trägt es in seinem Wesen als +erweckende Ursächlichkeit einen urstofflichen Charakter, dem gegenüber +die hegende und nährende Mutter als ὓλη, als χώρα und δεξαμένη +γενέσεως, als τιδήνη sich darstellt. Alle diese Eigenschaften des +Vatertums führen zu dem Schlusse: In der Hervorhebung der Paternität +liegt die Losmachung des Geistes von den Erscheinungen der Natur, in +ihrer siegreichen Durchführung eine Erhebung des menschlichen Daseins +über die Gesetze des stofflichen Lebens. Ist das Prinzip des Muttertums +allen Sphären der tellurischen Schöpfung gemeinsam, so tritt der Mensch +durch das Übergewicht, das er der zeugenden Potenz einräumt, aus jener +Verbindung heraus und wird sich seines höheren Berufes bewußt. Über +das körperliche Dasein erhebt sich das geistige, und der Zusammenhang +mit den tieferen Kreisen der Schöpfung wird nun auf jenes beschränkt. +Das Muttertum gehört der leiblichen Seite des Menschen an, und nur für +diese wird fortan sein Zusammenhang mit den übrigen Wesen festgehalten; +das väterlich-geistige Prinzip eignet ihm allein .... Das siegreiche +Vatertum wird ebenso entschieden an das himmlische Licht angeknüpft, +als das gebärende Muttertum an die allgebärende Erde.“ + + + + +Aphoristisch-Gebliebenes. + +(Enthaltend die Psychologie des Sadismus und Masochismus, Psychologie +des Mordes, Ethisches, Erbsünde etc.) + + +Aphoristisches. + +Der höchste Ausdruck aller Moral ist: +Sei!+ + + * * * * * + +Der Mensch handle so, daß in jedem Momente seine +ganze+ Individualität +liege. + + * * * * * + +Schlaf und Traum haben sicherlich etwas mit dem Zustande vor unserer +Geburt gemein. + + * * * * * + +Die Algebra ist begrifflich, die Arithmetik anschaulich. + + * * * * * + +Die Gegenwart ist die Form der Ewigkeit; das Urteil über Aktuelles hat +dieselbe Form, wie das Urteil über Immerwährendes. Zusammenhang mit der +Sittlichkeit, welche alle Gegenwart in Ewigkeit verwandeln, in die Enge +des Bewußtseins alle Weite der Welt aufnehmen will. + + * * * * * + +Was immer +auch+ zum Determinismus führen wird, ist die Tatsache, +daß der Kampf immer wieder aufgenötigt wird. Im Einzelfalle mag die +Entscheidung ganz ethisch erfolgen, mag der Mensch sich für das Gute +entscheiden; die Entscheidung ist aber nicht von Dauer, er muß wieder +kämpfen. Freiheit, könnte man sagen, gibt es nur für den +Moment+. + +Und das liegt im Begriffe einer Freiheit. Denn was wäre das für eine +Freiheit, die ich durch einen guten Akt aus irgend einer früheren Zeit +für alle Zeit hervorgebracht, verursacht hätte: Es ist gerade der Stolz +des Menschen, daß er in jedem Augenblick von neuem frei sein kann. + +Also für Zukunft wie für Vergangenheit gibt es keine Freiheit; über sie +hat der Mensch keine Macht. + +Darum kann sich der Mensch auch nie verstehen: +Denn er ist selbst ein +zeitloser Akt, ein Akt, den er immer wieder vollzieht, und es gibt +keinen Moment, wo er diesen Akt nicht vollzöge+, wie dies sein müßte, +damit er sich verstünde.[53] + +Die Ethik läßt sich ausdrücken: Handle +vollbewußt+, d. h. handle +so, daß in jedem Momente Du als +Ganzer+ seiest, Deine +ganze+ +Individualität liege. Diese Individualität erlebt der Mensch im Laufe +seines Lebens nur im Nacheinander; darum ist die Zeit unsittlich und +kein lebender Mensch je heilig, vollkommen. Handelt der Mensch ein +einziges Mal mit dem stärksten Willen so, daß alle Universalität seines +Selbst (und der Welt; denn er ist ja der Mikrokosmus) in den Augenblick +gelegt wird, so hat er die Zeit überwunden und ist göttlich geworden. + +Die gewaltigsten musikalischen Motive der Weltmusik sind solche, wo +dieses +Durchbrechen+ der Zeit in der Zeit, das Brechen aus der Zeit +heraus darzustellen versucht wird, wo auf einen Ton ein solcher Iktus +fällt, daß er die übrigen Teile der Melodie (welche als Ganzes die Zeit +vorstellt; einzelne Punkte, zusammengefaßt durchs Ich) resorbiert und +dadurch die Melodie +aufhebt+. Das Ende des Gralmotives im „Parsifal“, +das Siegfriedmotiv sind solche Melodien. + +Es gibt jedoch einen Akt, welcher die Zukunft sozusagen in sich +resorbiert, allen =künftigen= Rückfall ins Unmoralische bereits +als Schuld voraus empfindet, nicht minder als alle unmoralische +Vergangenheit, und +dadurch über beide hinauswächst+: Eine zeitlose +Setzung des Charakters, die Wiedergeburt. Es ist der Akt, durch den das +Genie entsteht. + +Sittliches Gebot ist: In jeder Handlung soll die +ganze+ Individualität +des Menschen sichtbar werden, jede soll vollkommene Überwindung der +Zeit, des Unbewußten, der Enge des Bewußtseins sein. Meistens tut der +Mensch aber nicht, was er +will+, sondern was er +gewollt+ =hat=. Er +gibt sich durch seine Entschlüsse immer nur eine gewisse +Direktion+, +in der er sich dann bis zum nächsten Momente der Besinnung bewegt. Wir +wollen nicht fortwährend, wir sind nur zeitweise, schubweise wollend. +So ersparen wir uns zu wollen: +Prinzip der Ökonomie des Wollens+. Aber +der höhere Mensch empfindet dies immer als durchaus +unsittlich+. +Gegenwart und Ewigkeit sind verwandt: Zeitlose, allgemeine, logische +Urteile haben die Form der Gegenwart (Logik ist erreichte Ethik): +Und +so soll auch in jeder Gegenwart+ =alle= +Ewigkeit liegen+. Wir dürfen +uns +auch von innen+ nicht +determinieren+; auch diese letzte Gefahr, +dieser letzte trügerische Schein der Autonomie ist zu meiden. + ++Wolle!+ d. h.: +Wolle Dich ganz!+ + +Das Richtige im Sozialismus ist, daß jeder Mensch, wie er sich selbst, +seine Eigenart suchen und auch sich zu finden trachten soll, auch sein +Eigen+tum+ erst zu erwerben trachten solle; und hier darf er +von +außen+ nicht in seinen Möglichkeiten von vornherein beschränkt sein. + +Auf erworbenen Reichtum mag ein Mensch stolz sein und mit Recht auf ihn +wie auf ein sittliches Symbol auch +innerer+ Arbeit blicken. + + * * * * * + +Der Psychologismus ist die bequemste Auffassung des Lebens, denn nach +ihm gibt es überhaupt keine Probleme mehr. Er verurteilt darum von +vornherein auch alle Lösungen, indem er die eigentlichen Probleme +sowenig anerkennt wie den Wahrheitsbegriff. + +Es gibt keinen Zufall. Der Zufall wäre eine Negation des +Kausalgesetzes, welches verlangt, daß auch das zeitliche +Zusammentreffen zweier verschiedener Kausalreihen noch einen Grund +habe. Der Zufall würde die Möglichkeit des Lebens vernichten, er +würde den Menschen, der erst im Begriffe ist, das Böse zu überwinden, +abberufen von seinem Wege. Der Zufall würde die Telepathie unmöglich +machen, die doch eine Tatsache ist. Er würde den Zusammenhang der +Dinge, die Einheit im Universum streichen. Wenn es einen Zufall gibt, +so gibt es keinen Gott. + + * * * * * + + Die Liebe schafft die Schönheit } alle aber schaffen + Der Glaube schafft das Sein } das Leben. + Die Hoffnung schafft das Glück } + + * * * * * + + Haß — häßlich Der Schmerz ist das psychische + Unglaube — nichts Korrelat der Vernichtung. + Furcht — Schmerz. (Krankheit und Tod.) + + * * * * * + +Die Lust ist das psychische Korrelat der +Schöpfung+. Die Wollust ist +von intensivem Schmerz begleitet, weil in ihr Schöpfung und Vernichtung +in eins fließen. + + Schmerz: Furcht = Sein: Wollen + Lust: Liebe = Sein: Wollen. + +Das Nicht-Sein des Verbrechers ist darum der größte Schmerz und im +eigentlichen Sinne die Hölle. + + * * * * * + +Hoffnung — Furcht: Psychologie des Spielers. Jeder leidenschaftliche +Spieler leidet stark an der Furcht. + + * * * * * + +Kennt die Pflanze Lust und Schmerz? Orchideen? Die Wollust in der +Begattung scheint ihr zu fehlen! Hermaphroditismus der Pflanzen! + + * * * * * + +Die Enge des Bewußtseins und die Zeit sind nicht zweierlei, sondern +eine und dieselbe Tatsache. Entgegengesetzt ist das Parallelogramm +der Kräfte; indem zwei verschiedene Bewegungen sich zu einer einzigen +vereinigen, und vom selben Körper zu gleicher Zeit ausgeführt werden +können. Psychisch ist die Abwechslung, auch das Oszillieren. + +Das Seelenleben der Pflanzen nun muß ein solches sein, wo die Enge des +Bewußtseins fehlt. Dem entspricht nämlich, daß die Pflanze sich nicht +bewegen kann und daß sie keine Sinnesorgane hat; denn Entwicklung +der Motilität und der Sensibilität sind immer parallel und gehören +zueinander. Die Enge des Bewußtseins (die Zeit) ist die Form der +Bewegung des Psychischen. + + * * * * * + + Arbeit — Schöpfung | Schmerz — Lust. + +Daß es keinen Raubmord gibt, damit hat Nietzsche selbstverständlich +Recht. Einen +Mord+ um Geldes willen gibt es nicht. Aber der Raub ist +keine „Einflüsterung der armen Vernunft“ des Mörders, sondern er gehört +zum Morde: das Rauben ist ein völliges Töten; der Gemordete hätte noch +immer Realität, wenn er Geld besäße: darum muß er beraubt, d. h. völlig +getötet werden. + + * * * * * + +Das schwierigste unter allen prinzipiell lösbaren Problemen ist die +Beziehung des Willens zum Wert, oder, was dasselbe ist, des Menschen zu +Gott. Schafft der Wille den Wert oder der Wert den Willen? Schafft Gott +den Menschen oder verwirklicht erst der Mensch Gott? Ergreift der Wille +das Gute oder das Gute den Willen? Es ist dies das =Problem der Gnade=, +das höchste und letzte Problem +innerhalb+ des Dualismus, während die +Erbsünde das Problem des Dualismus selbst ist. + +Es ist, wie ich glaube, so aufzulösen: + +Der Wert wird selbst Wille, wenn er in Relation zur Zeit tritt; denn +das Ich (Gott) als Zeit =ist= der Wille. Es kann also gar nicht die +Rede sein von +Schöpfung+ des Willens oder des Wertes: das Problem +erweist hier eine Nachbarschaft zur Erbsünde. Der Wille hingegen +wird Wert (der Mensch wird Gott), wenn er gänzlich zeitlos wird; der +Wert ist ein Grenzdasein des Willens, der Wille ein Grenzdasein des +Wertes. Wenn Gott Zeit wird, dann wird er Wille, d. h. sowie das Sein +in ein Verhältnis zum Nicht-Sein sich eingelassen hat. Aller Wille +will nur zum +Sein+ zurück (sagt die Erbsünde), und ist etwas zwischen +Nicht-Sein und Sein. Von Schöpfung kann nicht die Rede sein. Wie das +Auge zur Sonne, so verhält sich Mensch zu Gott. Es ist weder die Sonne +nur durchs Auge, noch durchs Auge die Sonne. + + * * * * * + +Idiotie ist das intellektuelle Äquivalent der Rohheit. + + * * * * * + +Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher +Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher +tritt+ nicht ++auf+. Gefühl des Epileptikers: wie wenn das Licht erlischt und völlig +jeder äußere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: vielleicht tritt, +wenn +Licht+ fehlt, +Schall+ ein. Der Epileptiker hat Visionen von ++roter+ Farbe: Hölle, Feuer. + + * * * * * + +Aus unserem Zustand +vor+ der Geburt ist vielleicht darum keine +Erinnerung möglich, weil wir so tief gesunken sind durch die Geburt: +wir haben das Bewußtsein verloren, und gänzlich triebartig geboren zu +werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluß und ohne Wissen, und darum +wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit. + + * * * * * + +Der Mord ist eine Selbstrechtfertigung des Verbrechers; er sucht sich +durch ihn zu beweisen, daß nichts ist. + + * * * * * + +Man darf sich auch nicht selbst kausal bestimmen wollen etwa so: ich +werde jetzt mich selbst durch eine Handlung gut +machen+ und hierdurch +ein- für allemal gut +werden+ und von Natur aus gut handeln, weil ich +dann nicht anders können werde. Denn hierdurch verzichtet man auf die +Freiheit, welche in jedem Momente alle Vergangenheit negieren kann und +insofern dem +passiven+ (Heringschen) Gedächtnis entgegengesetzt ist. +Man macht sich zum Objekt, indem man so die +Kausalität einführt+; denn +eine Sittlichkeit, zu der ich gezwungen bin, ist schon keine mehr. + + * * * * * + +Müssen nicht, je mehr Wollust und sinnliche Gier in dem Verhältnis des +Mannes zum Weibe ist, desto tiefer die Kinder ethisch stehen? Desto +mehr Verbrecherisches im Sohne, desto mehr Dirnenhaftes in der Tochter +sein? + + * * * * * + +Man liebt seine physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, +daß man sie +erwählt+ hat. + + * * * * * + +Der Zustand der menschlichen +Kindschaft+ ist darum soviel kläglicher, +als der des neugeborenen Tieres und der neugeborenen Pflanze, und nur +darum muß der Mensch allein aufgezogen und erzogen werden, weil hier +die Seele sich so verloren hat; darum ist das Menschenkind so hilflos +und schwach und (Kindersterblichkeit!) der Todesgefahr soviel näher, +als der Erwachsene und leidet der Mensch an +Kinderkrankheiten+, welche +Tier und Pflanze nicht kennen. + + * * * * * + +Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müßte er sich +nicht suchen und wiederfinden. + + * * * * * + +„Die Welt ist meine Vorstellung“ — daß dies ewig wahr ist und nicht +widerlegt werden kann, muß einen Grund haben. Alle diese Dinge, die +ich sehe, sind nicht die volle Wahrheit, sie verhüllen das höchste +Sein noch immer vor dem Blicke. Als ich ward, verlangte ich aber nach +diesem Selbstbetrug und diesem Schein. Als ich auf diese Welt kommen +wollte, verzichtete ich darauf, bloß die Wahrheit zu wollen. Alle +Dinge sind nur Erscheinungen, d. h. +sie spiegeln mir immer nur meine +Subjektivität+ wieder. + + * * * * * + +So wie sich der Mensch zu jeder kleinsten und unbedeutendsten seiner +psychischen Regungen verhält, so Gott zum Menschen. Beide suchen sich +in jenen zu offenbaren und zu verwirklichen. + + * * * * * + +Dem Verbrecher ist es angenehm, wenn viel verbrecherische Menschen da +sind. Denn er sucht den Mitschuldigen, er kann keinen Richter brauchen; +er will den Richter, das Gute, aus der Welt schaffen und dem Nichts +allein Realität geben. Darum fühlt er sich von Widerspruch befreit und +entlastet, wenn der andere auch so ist, wie er. + + * * * * * + +Der Verbrecher ist der Gegenpol des sich schuldig fühlenden Menschen. +Denn dieser nimmt seine Schuld auf sich, der Verbrecher gibt sie dem +anderen: Er rächt und +straft+ den anderen für sich: So erklärt sich +der Mord. + + * * * * * + +Der +anständige+ Mensch geht selbst in den Tod, wenn er fühlt, daß +er endgültig böse wird; der gemeine Mensch muß zum Tode durch ein +richterliches Urteil gezwungen werden. Das Gefühl seiner Immoralität +ist dem anständigen gleich einem Todesurteil; +er erkennt sich nicht +einmal zum+ =Raume=, +den er einnimmt, die Berechtigung mehr zu+, +er verkriecht sich, verkleinert sich, krümmt sich zusammen, möchte +vergehen, +zum Punkte zusammenschrumpfen+. Die Moralität hingegen +erkennt sich als ihr +Recht+ das ewige Leben und den größten Raum, +d. i. Raumlosigkeit oder Allgegenwart zu. + + * * * * * + +Schuld und Strafe sind nicht zweierlei, sondern eins. + + * * * * * + +Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin muß Psych-iatrie, +muß Seel-sorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches, d. h. +Unbewußtes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist geheilt, +sobald sie vom Kranken selbst innerlich erkannt und verstanden ist. + +Die alte Auffassung ist sehr tief, welche die Kranken und Aussätzigen +fragen läßt, was sie verbrochen hätten, daß Gott sie so züchtige. + +Der Mann +schämt+ sich darum der Krankheit, das Weib nie. + + * * * * * + +Auch die Gesetze der Logik, nicht nur die der Ethik, suchen wir ihrem +eigentlichen Sinne nach immer besser zu verstehen und wollen sie immer +richtiger aussprechen lernen. + + * * * * * + + Phantasie und Schmuck,[54] + Phantasie und Kunst, + Phantasie und Spiel, + Phantasie und Liebe, + Phantasie und Schöpfung, + Phantasie und Form, + Phantasie und Schmuck. + + * * * * * + +Die Kunst schafft, die Wissenschaft zerstört die sinnliche Welt; darum +ist der Künstler erotisch und sexuell, der Wissenschaftler asexuell. +Die Optik zerstört das Licht. + + * * * * * + +Die Diskontinuität im Zeitverlaufe ist das Unsittliche an ihm. + + * * * * * + +Das Verhältnis der Finalität zur Kausalität ist nicht ohne Lösung des +Zeitproblems zu bestimmen. + + Ursache — Wirkung } Zeit + Mittel — Zweck } Die Umkehrung der Zeit. + +Wer den Zweck zum Mittel macht und die Folge wie den Grund behandelt, +der kehrt die Zeit um: +und die Umkehrung der Zeit ist böse+. + + * * * * * + +Mißtrauen gegen sich selbst ist Bedingung alles anderen Mißtrauens. + + * * * * * + ++Richter+ sind Menschen mit vielem Bösen. „Richtet nicht, auf daß ihr +nicht gerichtet werdet!“ Wer über andere zu Gericht sitzt, geht selten +in sich. Der Richter hat innerlich viel vom Henker. Er wütet auf die +Weise gegen sich selbst, daß er +gegen+ den anderen streng ist. + + * * * * * + +Monarch als Organ und Monarch als Symbol. + + * * * * * + +Wenn alle Liebe ein Versuch ist, sich im anderen zu finden, und +alles, was geschaffen wird, nur durch Liebe geschaffen wird, kann +dann die Schöpfung des Menschen durch Gott nicht als der Versuch +Gottes aufgefaßt werden, sich im Menschen zu finden? So erhält auch +der Gedanke der Gotteskindschaft einen Sinn. Die Menschheit und ihr +Korrelat — die Welt — ist die sichtbar gewordene Liebe Gottes. Das +Sittengesetz ist dieser Wille Gottes, sich im Menschen zu finden: das ++Wollen+ Gottes als das +Sollen+ des Menschen (Fechner). Und zugleich +ist Gott durch die theoretische Vernunft (die Normen der Logik) der ++Lehrer+ der Menschheit (Lehrerschaft als andere Seite der Vaterschaft). + + * * * * * + +Der Mörder wird durch jedes Lebenszeichen des Menschen, der sein Opfer +werden soll, von seinem Vorsatz zurückgeschreckt, d. h. widerlegt; +darum sucht er am liebsten das alte Weib, weil dies der inneren Absicht +seines Mordes nicht widerspricht; denn es ist selbst am totesten. + + * * * * * + +Der Engel im Menschen ist das Unsterbliche in ihm; der Teufel in ihm +ist nur das, +was zugrunde geht+. + +Daß ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene +Schuld+ möglich. + + * * * * * + +Ein Mensch +kann+ innerlich an nichts anderem zugrunde gehen, als an +einem Mangel an +Religion+. + + * * * * * + +Warum streben das Etwas und Nichts immer gegen einander? Warum wird der +Mensch geboren, warum will der Mann zum Weibe? Das Problem der Liebe +ist, so sehen wir hier, das Problem der Welt, das Problem des Lebens, +das tiefste, unauflösbarste, der Drang der Form, Materie zu formen, +der Drang des Zeitlosen in die Zeit, des Raumlosen in den Raum. Dieses +Problem treffen wir überall an: es ist das Verhältnis der Freiheit +zur Notwendigkeit. Der Dualismus in der Welt ist das Unbegreifliche: +=das Motiv= +des Sündenfalles ist das Rätsel+, der +Grund+ und +Sinn+ +und +Zweck+ des Absturzes vom zeitlosen Sein, vom ewigen Leben ins +Nichtsein, ins Sinnenleben, in die irdische Zeitlichkeit; der Fall des +Schuldfreien in die Schuld. Ich vermag nie einzusehen, warum ich die +Erbsünde beging, wie das Freie unfrei werden konnte. Und warum? + ++Weil ich eine Sünde erst erkennen kann, wenn ich sie nicht mehr +begehe.+ Darum kann ich das Leben nicht begreifen, solange ich das +Leben begehe, und die Zeit ist das Rätsel, weil ich sie noch nicht +überwunden habe. Erst der Tod kann mich den Sinn des Lebens lehren. +Ich stehe in der Zeit und nicht über der Zeit, ich setze die Zeit noch +immer, verlange noch immer nach dem Nichtsein, wünsche noch immer das +materielle Leben; und weil ich in dieser Sünde stehe, vermag ich sie +nicht zu fassen. Was ich erkenne, außerhalb dessen steh’ ich bereits. +Meine Sündhaftigkeit kann ich nicht begreifen, weil ich immer noch +sündhaft bin. + +Der Verbrecher und der Irrsinnige leben diskontinuierlich. + + * * * * * + +Der Mensch lebt solange, bis er entweder in das Absolute oder in das +Nichts eingeht. Er +bestimmt+ selbst in +Freiheit+ sein künftiges +Leben: er wählt Gott oder das Nichts. Er vernichtet sich selbst oder +schafft sich selbst zum ewigen Leben. Ein +doppelter+ Progreß ist +für ihn möglich: der zum ewigen Leben (zur vollkommenen Weisheit und +Heiligkeit, zu einem der Idee des Wahren und Guten völlig adäquaten +Zustande) und dem zur ewigen Vernichtung. Nach einer dieser beiden +Richtungen aber schreitet er immer fort: ein drittes gibt es nicht. + + * * * * * + +Weil die Zeit einsinnig ist, darum interessiert uns weniger der Zustand +vor unserer Geburt. Unsere Geburt setzt etwas Neues, beginnt eine neue +Reihe. + + * * * * * + +Die Wissenschaft ist asexuell, weil sie resorbiert, der Künstler ist +sexuell, weil er emaniert. + + * * * * * + +Der Dualismus liegt darin, daß wir die Empfindungen nicht +schaffen+, +über die wir denken. + + * * * * * + +Der Idealismus aller Philosophie: „die Welt ist meine Vorstellung“, +zeigt die Resorption der Dinge durch das Ich des Philosophen am +klarsten. Für den Künstler ist der Mensch eher ein Teil der Welt, er +nähert sich den Dingen an und hebt +so+ die Niveaudifferenz zwischen +Mensch und Natur auf. + + * * * * * + +Da das Psychische das Physische schafft, muß der Mensch sterben. So +findet der Tod seine Erklärung: entweder nämlich der Mensch ist dem +Absoluten gleich geworden, ins ewige Leben eingegangen, dann kann er +nicht in materieller Form existieren, begrenzt in Raum und Stoff; er +wird, wenn es einen psycho-physischen Parallelismus gibt, einen Leib +bekommen, der mit der ganzen sichtbaren Natur eins geworden ist, er +wird die Seele der Natur, die Natur sein Körper; so wie der Baum, unter +dem Buddha starb, bei seinem Tode plötzlich zu blühen angefangen haben +soll: weil neues Leben die ganze Natur durchdrang. + +Die andere Möglichkeit ist für den Menschen, daß er dem Nichts +anheimfalle; er löst sich in lauter materielle Atome auf: der absolute +Verbrecher. Die Vorbereitungen zu dieser psychischen Disgregation +werden vom Verbrecher schon im Laufe seines Lebens getroffen. Die Hölle +ist die Furcht des Guten vor dem Bösen: weil das Feuer das Agens ist, +um Geformtes zu zertreiben und zu zerstäuben. Aber es gibt keine Hölle: +der Gute schafft sich, der Böse vernichtet sich selbst. + + * * * * * + +Der Mensch entsteht körperlich durch Vater und Mutter; geistig durch +das Verlangen des Etwas, des Absoluten zum Nichts. Mythus von Uranos +und Gaia. Insofern sind wir Kinder Gottes und Söhne des Staubes (der +Materie) zugleich. Der Mensch kann auch geistig dem Vater oder der +Mutter nachgeraten: dem Vater, indem er Gott wird, der Mutter, indem +er psychisch zugrunde geht. So entsteht der Mensch durch eine höhere +Art von Vererbung, als das Tier; er kehrt zum Vater zurück, wenn er die +Erbsünde verneint, er taucht in die Verborgenheit des Mutterschoßes +unter, wenn er sie bejaht. + + * * * * * + +Ist die Epilepsie nicht die +Einsamkeit des Verbrechers+? +Fällt+ er +nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich +anhalten+ könne? + + * * * * * + +Inwiefern es um die psychischen Phänomene ein anderes ist als um +die physischen, kann man aus folgendem erkennen. Gesetzt, es wäre +festgestellt, daß eine unmoralische Regung stets mit einer bestimmten +Körperbewegung, einem bestimmten Gefühle im Herzen assoziiert wäre, +eine moralische Regung stets mit einer anderen Geste, einer anderen +körperlichen Empfindung verbunden, und die Art und die Lokalisation +dieser physischen Begleiterscheinungen sei der Wissenschaft oder einem +einzelnen Menschen ganz genau bekannt und für ihn wiedererkennbar: +so wäre es ganz und gar, im allerhöchsten Grade, =un=+moralisch+, +wenn dieser Mensch die Begleitempfindungen als Maßstab dafür benützen +wollte, ob seine psychischen Regungen moralisch seien oder nicht. + +Hier liegt der eigentliche Unterschied des Psychischen vom Physischen. +Das Psychische +muß+ unmittelbarer erkannt werden, als das Physische — +das ist eine Forderung der +Ethik+. Man besitzt eben noch einen anderen +Maßstab und ein anderes Erkenntnis- und Beurteilungsorgan für das, was +man selbst tut und denkt und fühlt, als für die äußeren Phänomene. Und +darum kann bloß Selbstbeobachtung wahre Resultate liefern: Philosophie +und Kunst sind nichts als verschiedene Weisen einer vertieften +Selbstbeobachtung. + + * * * * * + +Nur aus sich selbst kann der Mensch die Tiefe der Welt erkennen: in ihm +liegen die Zusammenhänge der Welt. + + * * * * * + +Daß wir keine Erinnerung an ein Leben vor der Geburt haben, bildet +sowenig einen Einwand gegen die Erbsünde und den Fall aus der wahren +Existenz, daß es vielmehr gar nicht anders sein kann, als so, und +eine Erinnerung an ein Vorleben geradezu einen Widerspruch gegen den +Gedanken des Sündenfalles bilden müßte. Denn diese Erinnerung würde +die Zeit inkludieren; die Zeit ist aber erst mit der Geburt, mit dem +Sündenfall, da. Daß es Probleme, Krankheit, d. h. Schuld gibt, dies +beweist die Erbsünde. Sein und Nicht-Sein dürfen nicht in zeitlichem +Verhältnis, sondern müssen +neben+einander gedacht werden. + + * * * * * + +Der Mord wird vom Verbrecher verübt aus fürchterlichster Verzweiflung: +er ist ihm das Mittel, die größte innere Leere auszufüllen; denn als +Verbrecher will er nichts mehr, tut er nichts mehr; er sieht, daß sein +Leben zu keinem Ende führt, und darum will er etwas +bewirken+. Dabei +ist ihm ganz gleichgültig, +wen+ er mordet; =die Mordabsicht richtet +sich nie auf ein bestimmtes Individuum=, sonst stünde ja Mordlust als +psychologische Disposition nicht so tief; er will nur überhaupt morden, +verneinen. + + * * * * * + + Gewöhnung (Übung) } Schuldvermehrung, Funktion der Zeit. + Fortpflanzung } + + * * * * * + +Alle Schuld sucht von selbst sich zu vermehren: daraus müssen alle +Qualitäten des niederen Lebens sich erklären lassen. + + * * * * * + +Die Vegetarianer haben ebenso Unrecht wie ihre Gegner. Wer zur Tötung +lebender Wesen nicht beitragen will, der dürfte nur Milch trinken; denn +wer Obst oder Eier ißt, tötet noch immer Keime. Milch ist vielleicht +darum die gesündeste Nahrung, weil es die sittlichste ist. + + * * * * * + +Der Mensch verträgt es nicht einmal, in die Sonne zu schauen — so +schwach und unreif ist er. + + * * * * * + +Die Geburt ist eine +Feigheit+: Verknüpfung mit anderen Menschen, weil +man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man +Schutz+ im +Mutterleibe. + + * * * * * + +Der Verbrecher hat auch keinen geraden Gang (schiefer Gang des Hundes), +nicht nur keinen zentrierten Blick (nach M. Rappaport). Der Verbrecher +geht auch stets gebückt (alle Grade bis zum wirklichen Buckel: der +Bucklige, der Krüppel, scheint immer böse zu sein). + + * * * * * + +Zola ist der absolut humorlose Mensch. + + * * * * * + ++Rauch+ der Sonne bei ihrem Untergange. + + * * * * * + ++Der Ekel verhält sich zur Furcht, wie die Lust zum Wert.+ + + * * * * * + +Die Fixsterne bedeuten den Engel im Menschen. Darum +orientiert+ sich +der Mensch an ihnen; und darum besitzen die Frauen keinen Sinn für den +gestirnten Himmel; weil ihnen der Sinn für den Engel im Manne abgeht. + + * * * * * + +Ob auch die Natur eine Geschichte hat? Ob auch fürs Naturgeschehen +als Ganzes (Anorganisches miteingeschlossen) die Zeit gerichtet ist? +Insoferne wäre ein Wahres an der Entwicklungslehre (Paläontologie). +Ob es eine Entwicklung der Gewitter, des Wetters gibt (etwa +korrespondierend der menschlichen Geschichte und symbolisch für diese?)? + + * * * * * + +Das Merkwürdige an der Zeit ist, daß trotz der ewigen Veränderung +alles in ihr gleich bleibt („alles ist schon dagewesen,“ „nichts +Neues unter der Sonne“). Langeweile = Gesetzlichkeit = Kausalität. +Neuheit = Freiheit. Die Überwindung der Zeit führt zum Begriff des +„+Ewig Jungen+“ (Wagner). Die Natur ist ewig jung. Denn hier ändert +sich wohl nichts und ist doch alles immer +neu+. Menschen, die wenig +Überzeitliches haben, wie die Juden, fühlen sich immer blasiert und +gelangweilt, weil in der Zeit sich alles gleich bleibt; Siegfried +hingegen ist „ewig jung.“ + + * * * * * + +Die Gegenwart ist so raumlos, wie zeitlos; und das Ziel des Menschen +läßt sich bestimmen als Nurgegenwart, als Allgegenwart (man versteht +unter Allgegenwart meist nur Freiheit vom Raume, statt darunter auch +die Resorption von Vergangenheit und Zukunft, von allem Unbewußten in +die bewußte Gegenwart zu verstehen). Die Enge des Bewußtseins soll das +All umfassen: Dann erst ist der Mensch „ewig jung“ und vollkommen. + + * * * * * + +Lust ist noch allgemeiner zu bestimmen denn als das Gefühl der +Schöpfung. Eindeutig zu bestimmen ist sie nur als +Gefühl des Lebens+, +als +Innewerdung der Existenz+; Schmerz als Gefühl irgendwelchen ++Todes+ (darum ist die Krankheit schmerzhaft). + +Gegen den Eudaimonismus ist hierbei soviel zu bemerken, daß das Ziel +des Strebens nicht verwechselt werden darf mit dem Gefühle, das +sich am Ziele einstellt (das ich aus Erfahrung kennen mag). Wenn +ich nach höherem Leben strebe, so strebe ich nach etwas, dessen ++Begleiterscheinung+ höhere Lust ist, aber nicht nach der Lust selbst. +Ebenso verlangt der Mann nach dem Weibe, das Weib nach dem Manne, nicht +direkt nach der Lust. + + * * * * * + +Alle Worte, welche mit dem =L=eben in einem gewissen Ausmaße +zusammenhängen, haben =L=: + +=L=eben, =L=iebe, =L=ust, vo=l=uptas, =L=achen, =l=eicht, =l=eise, +=l=ispeln, =L=icht, =L=uxus, =L=ibet (Lubet, lateinisch), vo=l=o (ich +will = βούλομαι), =L=enz, =l=öschen, =L=ax, =L=aben, =l=ose, =l=argus, +F=l=uß, F=l=öte, =L=ilie, =L=uchs, =l=ocker, sch=l=üpfrig, g=l=att, +g=l=eiten, =L=ist, γλυκύς, μέλι, =L=otos, =l=indern, λάμπω, =l=ux, +=l=umen, λύχνος, =L=ecken, =L=appen (weiches Tuch), =L=amm, =L=eim, +weil λ der +reibungsloseste+ Konsonant ist und Reibung der Ganzheit und +Einheitlichkeit am stärksten entgegengesetzt (Rappaport). + +Es lassen sich hiergegen freilich anführen: + +Last, Leder, Lernen, Lahm, letum, lechzen, links. + + * * * * * + +Grundzug alles Menschlichen: +Suchen nach+ =Realität=. Wo die Realität +gesucht und gefunden wird, das begründet alle Unterschiede zwischen den +Menschen. + + * * * * * + +Was der Mensch erlebt, sind jeweilig abgehobene Teile aus einer +unendlichen, zeitlichen, räumlichen, stofflichen, farbigen, klingenden +Mannigfaltigkeit. Darum sind zunächst zweierlei Dinge möglich: Er +sucht die Realität im Ganzen, in der Totalität des Alls und seinem +unendlichen Zusammenhang; oder ihm wird zur Realität jedes einzelne, +sozusagen punktuelle Element des Weltganzen. Es ist ganz dieselbe Welt, +ihrer Quantität nach gleich, ganz gleich unendlich; aber dem einen +ist der Teil immer nur +Teil+ und nur soweit real, als er im ganzen +mitbegründet ist. Der andere umspannt die gleiche Welt; aber jedes +einzelne Element besteht ihm für sich als real, und er sucht unter +allen den Teil von größter Realität. + +Auf das Religiöse angewendet (denn beide Typen können +fromm+ sein): +Dem letzteren kann die Sonne selbst oder eine historische Gestalt +selbst, oder die Madonna selbst, an und für sich, zur Gottheit werden. +Dem anderen wird immer nur soweit ein einzelnes Ding Gott, als es +symbolisch ist für das Ganze, und um so eher, je mehr Dinge in ihm +zusammenhängen. + +Auf das Sexuelle angewendet: Dem einen ist das einzelne Weib +real+; es +ist der +Sadist+: Der Sadist wirkt darum auf das Weib, weil es für ihn +die denkbar größte +Realität+ ist (vgl. Geschlecht und Charakter, 1. +Aufl., S. 397 bis 401); dem Masochisten hingegen ist das einzelne Weib +nie real, er sucht in ihm immer noch nach etwas anderem, als nach dem +Weibe. Darum wirkt er nicht auf das Weib. + +Der Sadist lebt diskontinuierlich in einzelnen Zeitmomenten, +er +versteht sich nie+: Jeder Augenblick hat für ihn an sich schon +Realität; darum ist er leicht entschlossen, indes der Masochist immer +erst aus dem All heraus handeln könnte. Der Masochist kommt nie in die +Lage, sich selbst zu fragen: „Wie hab’ ich das nur tun können? Ich +verstehe mich nicht!“ Dem Sadisten ist dies die gewöhnliche Stellung zu +seiner Vergangenheit, die für ihn jedoch darum durchaus ihre punktuelle +Realität nicht verliert. Der Sadist hat das feinste Auffassungsvermögen +und das beste Gedächtnis für alles +Einzelne+ im Moment; seine Sinne +sind fortwährend beschäftigt, weil alles Einzelne für ihn Realität hat. +Der Masochist leidet unter langen Pausen, die er mit keiner Realität +ausfüllen kann. + +Unter dem, was ihm +irreal+ ist, +leidet+ nämlich der Masochist wie +unter einer Schuld. Darum fühlt =er= sich vor dem Weibe verlegen, +der Sadist nie. Er ist dem Weibe gegenüber passiv, wie jeder +Empfindung gegenüber, der er erst durch Assoziation, die zuletzt zur +Begriffsbildung führt, eine Realität für sich geben kann. Der Sadist +assoziiert nicht: er reißt der Empfindung gegenüber den Mund auf, +bereit und willens, sich ganz in sie zu stürzen, ganz und gar in einer +Empfindung aufzugehen. + +Der Masochist kann darum nie ein Bild, eine Statue lieben: hier ist +allzu wenig Realität (Aktivität) für ihn. Der Sadist sehr wohl; er ist +ja auch +galant+, und +Galanterie ist+ zuerst +Schmücken von Statuen+, +denen man nachher den Schmuck wieder nimmt, oder die man zertrümmert, +wenn sie keine Realität mehr aus sich saugen lassen. + +Der eigentliche Begriff von Gott ist dem Sadisten unverständlich; +in der Kunst ist er Empfindungsmensch, häuft stets alles, auch mit +Ungerechtigkeit, auf einen Mann, auf einen Moment, auf eine Situation. +Er kann +erzählen+; der Masochist nie (nicht einmal Witze), weil ihm +nichts einzelnes real genug ist, als daß er liebevoll darin aufgehen +könnte. Dem Masochisten ist der Name Napoleon Ausgangspunkt, von dem +er sich +entfernt+, um zu denken, und ihn denkend zu erfassen: für den +Sadisten liegt in einem solchen Namen alle +Welt+. + +Der Masochist also ist der Empfindungswelt gegenüber ohnmächtig +schwach: der Sadist in ihr stark. Der Masochist sucht sich der +Erscheinung, der Veränderung gegenüber zu +behaupten+: er allein +kennt den Begriff des +Absoluten+ (Gottes, der Idee, des +Sinnes+). +Der Sadist fragt die Dinge nicht nach ihrem +Sinn+: „Carpe diem!“ ist +ihm das Gebot seines Ich; die Veränderung erscheint ihm real; was +ihm an der Zeit auffällt, ist nicht sie, sondern die +Dauer+ („aere +perennius“). + +Der Rhythmus, welcher jeden +einzelnen+ Ton, jede +einzelne+ Silbe +genau +beachtet+, ist sadistisch; die Harmonie masochistisch, wie auch +der eigentliche melodiöse Gesang (in dem die einzelnen Töne nicht als +solche hervortreten). + +Der Mystiker (sei er nun Theosoph wie Böhme, oder Rationalist wie +Kant) ist identisch mit dem Masochisten;[55] der amystische Mensch +ist der Sadist. Masochisten sind die Nordländer (auch die Juden); +Sadisten die Südländer. Bei Deutschen und Griechen findet sich beides; +dort überwiegt der Masochismus. Venetianische Epigramme, Hermann +und Dorothea (?) sind sadistisch; Iphigenie, Tasso, Werther, Faust +(größtenteils: eine Ausnahme bildet teilweise die Gretchen-Episode) +masochistisch. Der Verfasser der Odyssee war Sadist; bloß die Circe +ist natürlich masochistisches Ideal (d. h. das Ideal des Masochisten, +der seinen Masochismus nicht +bekämpft, sondern in der Passivität +dem Einzelding gegenüber+ =verbleiben= +will+). Aischylos, Richard +Wagner, Dante, vor allen aber Beethoven und Schumann sind Masochisten; +Verdi (ebenso Mascagni, auch Bizet) ist mehr Sadist, ebenso alle +anakreontischen Poeten und die Franzosen des 17. und 18. Jahrhunderts, +ferner Tizian, Paolo Veronese, Rubens, Rafael. Shakespeare hat viel +Sadistisches, ist aber doch mehr Masochist, dem Weibe gegenüber jedoch +ohne die schroffe Trennung von Sexualität und Liebe, wie sie Goethe, +Dante, Ibsen, Richard Wagner haben. +Vollkommenster+ Masochismus ist im +ersten Akte von „Tristan und Isolde“; geringer im Tannhäuser, Rienzi, +Holländer. + +[Der Harmonie entspricht die Geometrie, dem Rhythmus die Arithmetik +(Addition der Zeiteinheiten?): dies zur Erläuterung der früheren +Bemerkung.] + +Verbrecher, die +einzelne+ starke verbrecherische Taten begehen, sind +Sadisten; +Verbrecher im großen Stil+, die eigentlich kein einzelnes +losgelöstes Verbrechen begehen, +sind Masochisten+; Napoleon war ++Masochist+, nicht Sadist, wie oberflächlich geglaubt wird; Beweis sein +Verhältnis zu Josephine und seine Begeisterung für den Werther, sein +Verhältnis zur Astronomie und zu Gott. Das einzelne Weib hat für ihn +nie wirkliche Existenz besessen. + +Der Sadist kann übrigens durchaus ein anständiger und +guter+ Mensch +sein. + +Der Lustmord ist vielleicht eine Hilfe des Sadisten, wenn die Realität +des einzelnen Weibes +zu+ groß wird. (??) Ein Racheakt wie bei Zola muß +er vielleicht gar nicht sein. + +Die Engländer sind sämtlich Masochisten, und vielleicht ihre Frauen +darum oft so verkümmert in der Weiblichkeit. + +In dem Worte Napoleons an seine Soldaten: „Du haut de ces pyramides +quarante siècles vous contemplent“, steckt etwas Metaphysisches, dessen +ein echter Franzose und Sadist nicht fähig wäre. + +Dem Masochisten fällt zuerst Ähnlichkeit, dem Sadisten zuerst +Verschiedenheit auf. + +Dem Masochisten sind schon als Kind Uhren, Kalender das größte Rätsel, +weil ihm die Zeit stets Hauptproblem ist. + +Der Masochist kann sich nie leichten Fußes über etwas früheres +hinwegsetzen, was der Sadist stets tut, wenn der neue Augenblick mehr +Realität verspricht als der alte. + +Der Masochist empfindet alles als Schicksal; der Sadist liebt es, das +Schicksal zu spielen. Besonders im konkreten +Schmerz+ liegt für den +Masochisten immer die +Idee+ des Schicksales; der Schmerz hat für ihn +nur soviel Realität, als Anteil an dieser Idee. So ist der Sadist das +Schicksal des Weibes; das Weib das Schicksal des Masochisten. „Weib“ +ist sadistisch (wer aktiv in der Empfindung des +Weibes+ ist); „Frau“ +masochistisch. + +Das Verhältnis des Sadisten zum Masochisten ist das Verhältnis der +Gegenwart zur Ewigkeit. Die Gegenwart ist das einzige, worüber der +Mensch +Macht+ hat; wer sich in ihr frei fühlt, wird sie nutzen, wie +der Sadist; wer sich in ihr leidend fühlt, weil sie ihm nicht real ist, +sucht sie zur Ewigkeit zu erwecken. So läßt sich auch das +ethische+ +Streben beider charakterisieren: der eine will alle Ewigkeit in +Gegenwart, der andere alle Gegenwart in Ewigkeit verwandeln. + +Das Gleiche gilt für den Raum. Der Sadist glaubt an, hofft auf das +Glück auf Erden: er ist der Mann des „Tuskulum“, des „Sans-Souci“; der +Masochist braucht einen Himmel. + +Die +Reue+ verübelt sich der Sadist und hält sie für eine Schwäche +(Carpe diem!); der Masochist ist durchdrungen von ihrer Erhabenheit +(Carlyle). + +Der Selbstmörder ist fast stets Sadist; weil dieser allein aus einer +Gegenwart heraus wollen und handeln kann; der Masochist müßte erst alle +Ewigkeit befragen, ob er sich töten dürfe, müsse. + +Der Sadist sucht Menschen (wider ihren Willen, ihre konstante +Disposition) zu (momentanem) Glück oder Schmerz zu verhelfen: er ist +dankbar oder rachsüchtig. + +In Dankbarkeit und Rachsucht liegt stets +Mitleidlosigkeit+, +Rücksichtslosigkeit gegen den (zeitlosen) Nebenmenschen; beide sind, +wie alle Unsittlichkeit, Grenzüberschreitungen, d. i. funktionelle +Verknüpfungen mit dem Nebenmenschen. + +Psychische Schamhaftigkeit, d. h. Kontinuität, die einen einzelnen +Inhalt nicht leicht aus dem Ich entläßt (vgl. „Geschlecht und +Charakter“, 1. Aufl., S. 436), ist +masochistisch+. + + * * * * * + +Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche, und +darum erfolglose: sie sucht von außen nach innen, statt von innen nach +außen zu wirken. Sie entspricht dem +Tätowieren+ des Verbrechers: +dieser verändert sein Äußeres von außen her, statt durch eine Änderung +in der Gesinnung. Er verneint so eigentlich auch sein Äußeres und mag +deshalb nicht in den Spiegel sehen, weil er +sich+ (das intelligible +Wesen) haßt, ohne Bedürfnis, sich zu lieben. Der Verbrecher freut sich, +wenn andere an ihm Anstoß nehmen (wie ihm überhaupt jede Verbindung mit +anderen, jeder Einfluß auf sie, jede Beunruhigung ihrer Person durch +seine angenehm ist). + +=Jede= +Krankheit hat+ =psychische= +Ursachen+; und jede muß vom +Menschen selbst, durch seinen Willen, geheilt werden: er muß sie +innerlich selbst zu erkennen suchen. +Alle+ Krankheit[56] ist nur +unbewußt gewordenes, „in den Körper gefahrenes“ Psychische; so wie +dieses ins Bewußtsein hinaufgehoben wird, ist die Krankheit geheilt. + ++Der Verbrecher im allgemeinen wird nicht+ =krank=; seine Erbsünde ist +eine andere. Such’ ich mir das ganz sinnenfällig vorzustellen, so geht +es etwa so: der Verbrecher stürzt im Augenblick des Sündenfalles vom +Himmel auf die Erde, indem er Gott den Rücken zukehrt, auf den Punkt, +auf dem er stehen könne, jedoch wohl achtet. Der andere, der Kranke +(Neurastheniker, Irrsinnige) stürzt mit flehentlich zu Gott erhobenem +Gesicht und Antlitz, und ohne Bewußtsein und Aufmerksamkeit dafür, wo +er zu liegen komme. Wenn die Gefahr des letzteren die Pflanze, die des +ersteren das Tier ist, so reimt sich das wohl: die Pflanze wächst vom +Erdmittelpunkt senkrecht weg gerade dem Himmel entgegen; der Blick +des Tieres ist gegen die Erde gerichtet. (Die Pflanze kann nie als ++antimoralisches+ Symbol gelten, wie soviele Tiere.) + + * * * * * + +Jedermann kann sich selbst immer bloß als Qualität auffassen; erst +durch Vergleichung mit anderen werden +quantitative+ Betrachtungen +nahegerückt. Zahl und Zeit. + + * * * * * + +Was ein guter Musiker ist, dessen Melodieen haben vor allem +langen +Atem+. + + * * * * * + ++Geschichte+ und +Gesellschaft+: Personen, die in einem Raume beisammen +sind, bilden immer eine Gemeinschaft gegen Neu-Eintretende. + + * * * * * + +Dankbarkeit und Rachsucht sind eines und dasselbe: es gehört zu beiden +eine Empfindung des Einzelmomentes als +real+: dankbar wie rachsüchtig +ist der Sadist, nicht der Masochist. + + * * * * * + +Wenn eine Frau, in entkleideter Stellung überrascht, aufschreit, so ist +das oft nur so zu verstehen, daß sie nicht gut genug darin auszusehen +fürchtete. + + * * * * * + +Die Disharmonie ist ein tragisches Element in der Musik. Gerade die +größten Kunstwerke der Welt (Tristan und Isolde) haben diese +tragische +Grelle+ und sind mehr als schön. + + * * * * * + +Der gute Aphoristiker muß hassen können. + + * * * * * + +Gar mancher glaubt den einen Gott los zu werden, indem er sich mehreren +anderen verschreibt. + + * * * * * + +Nichts wird so oft verwechselt, wie Eigensinn und Energie — vom +Eigensinnigen. + + * * * * * + +Der Mathematiker ist das Gegenteil des Psychologen: er ist der einfache +Mensch, einfach wie der Raum. + + * * * * * + +Wäre der Mensch nicht frei, so könnte er die Kausalität gar nicht +auffassen, und gar keinen Begriff von ihr bilden. +Einsicht in die +Gesetzmäßigkeit ist schon Freiheit von ihr+ und das Bedürfnis nach dem +(inneren) Wunder, das Erlösungsbedürfnis geht Hand in Hand mit dem +strengsten Gefühl für Kausalverkettung im Empirischen. Windelband, +Geschichte der neueren Philosophie, Band I, 2. Aufl., S. 346, findet +es von Hume merkwürdig, daß „der Mann, der die Erkenntnis kausaler +Verhältnisse für ein überall mißliches und höchstens wahrscheinliches +Ding erklärte, in der Psychologie des +Willens+ durch eine Reihe +glänzender Untersuchungen vertrat“. + +Einer tieferen Einsicht wird dieser scheinbare Widerspruch zur +Notwendigkeit. Auch Mach, Avenarius sind so strenge Deterministen, +daß die Frage der Willensfreiheit für sie kaum zu existieren scheint, +und doch beide Leugner der Kausalität. Es erklärt sich dies daraus, +daß nur, wer von der empirischen Gesetzlichkeit durchdrungen ist, +das Bedürfnis nach Befreiung von ihr empfindet. Kausalität wird von +Freiheit aufgefaßt, erkannt, gesetzt. Der Verbrecher erkennt die +Kausalität nicht +an+, er will sie durchbrechen: er will z. B. von +einem Buckel, einem Hinken plötzlich frei werden: sowenig erkennt er +die Tatsache an (darum ist auch sein Wirklichkeitssinn gering). Ich +glaube, Paulus sagt: „Eine böse und verbrecherische Art ist es, die +nach Zeichen verlangt.“ Das ist vollkommen richtig. Das Wunder +von+ +außen erwartet nur der Verbrecher; der sittliche Mensch würde sich des +Wunders von außen +schämen+; denn da wäre er ja passiv. Alle +Bigotten+ +sind Verbrecher. + + * * * * * + +Der Transzendentalismus ist identisch mit dem Gedanken, daß es nur ++eine+ Seele gibt, und daß die Individuation Schein ist. +Hier +widerspricht der monadologische Charakter der kantischen Ethik +schnurgerade der „Kritik der reinen Vernunft“.+ + + * * * * * + +Die Frage, ob es +eine+ Seele gibt oder mehrere, darf nicht gestellt +werden; weil die Verhältnisse der Noumena über den zahlenmäßigen +Ausdruck erhaben sind. + + * * * * * + +Ästhetisches und mathematisches Element (Proportionenlehre) in der +Gerechtigkeit. + + * * * * * + +Spiritismus und Materialismus sind +eines+, und verschiedene Phasen, in +die der nämliche Mensch nacheinander tritt. Das Geistige verlöre seine +ganze Dignität, wenn es sich materialisieren würde. + + * * * * * + +Einen Menschen (Kant oder Fechner) vollständig +verstehen+, heißt ihn ++überwinden+. + + * * * * * + +Der Masochist wirkt auf die hysterische Frau (das Weib als Pflanze), +der Sadist auf die nicht hysterische (das Weib als Tier). + + * * * * * + +Die Megäre ist nicht, wie ich glaubte („Geschlecht und Charakter“), das +Gegenteil der Hysterika, sondern das Gegenteil der +Dame+. + + * * * * * + +Herr und Dame gehören zusammen, ebenso wie Pantoffelheld und Megäre. + + * * * * * + +Das Bedürfnis, geliebt zu werden, wächst mit dem Gefühle des ++Verfolgtseins+ und ist diesem proportional. + + * * * * * + +Wo der Mann +stiehlt+, ist das Weib nur +neidisch+. + + * * * * * + +Doppelter Begriff des Wunders: Es gibt entweder +ein+ Wunder, welches +man +ersehnt+ (das die Erlösung bringen soll; Wunderbedürfnis als +Erlösungsbedürfnis), oder +viele+ Wunder, das sind Bestätigungen des +Glaubens, Bestätigungen sozusagen der Gesetze des Himmelreiches, wenn +auch nicht der Gesetze der mathematischen Physik. + +Beide sollte man scheiden. + + * * * * * + +Es kommt auch vor, daß einem jemand imponiert, weil er tief unter einem +steht — wenn man ihn nicht +versteht+. + + * * * * * + +Dreierlei konstituiert den Philosophen, drei Elemente müssen +zusammenkommen, um ihn zu erzeugen: + + Ein Mystiker, ein Wissenschaftler, ein Systematiker + (Gegenteil: Sadist) (Gegenteil: Künstler) (Gegenteil: Experimentator). + + Der Mystiker } gibt erst einen Theologen, einen Dogmatiker + + Wissenschaftler } irgend eines Glaubens. + + Der Mystiker } gibt den Theosophen, der bloß der + + Systematiker } +individuellen+ Intuition folgt, ohne + } Streben nach Beweisen und Sicherung. + + Der Wissenschaftler } gibt den theoretischen Physiker, Biologen + + Systematiker } etc. + +Der Mystiker ist +eindeutig+ zu bestimmen durch die Problematisation +des Absoluten und des Nichts. Am auffälligsten ist die Problematisation +der Zeit. + +Der Wissenschaftler ist bestimmt in „Wissenschaft und Kultur“; er +ist der +transzendentale+ Mensch (Kant als Nichtmystiker), er sucht +vollkommene Anerkennung für alles, was er sagt, Widerlegung aller +Gegenmöglichkeiten. + +Der Systematiker ist das Gegenteil des Technikers und Experimentators; +es gibt in jeder Wissenschaft Theoretiker und Techniker. So sind in der +Mathematik: + + Euler Techniker Riemann Theoretiker + + in der Linguistik + Pott „ Humboldt „ + + in der Physik (Bopp) + Faraday „ Maxwell „ + + +beides+ in hohem Maße Helmholtz, Darwin u. a. + + * * * * * + +Alter ist Tod, Jugend ist Leben. Je größer ein Mensch ist, desto +weniger altert er, desto weniger wird sein Wille schwächer im Alter. + +Es gibt aber außer Jesus Christus niemand, der nicht im Alter weniger +gewollt hätte, als in der Jugend. Das zeigt der musikalisch schwache +Parsifal (der gedanklich eine frischere, kraftvollere Konzeption ist, +als der musikalischen Ausführung nach; wenngleich seine Themen, Grab- +und Blumenau-motiv, aber auch Abendmahl- und Parsifalmotiv in der +Variation des III. Aktes, zu den größten gehören). Das zeigt vor allem +Ibsen, dessen Wollen zwei Gipfelpunkte hat, einen höchsten, Peer Gynt, +einen niedrigeren, Rosmersholm, sich sonst aber auf stetig absteigender +Linie bewegt; das zeigt auch Beethoven, dessen Kunst ihre höchste Höhe +in der Appassionata und besonders in der „Waldsteinsonate“ (III. Satz, +wo sie beinahe Gott nahe kommt) erreicht, dann aber doch abfällt; die +„Neunte“ ist nicht Beethovens größtes Werk. + + * * * * * + +Der Verbrecher sucht (als Sklave) oft einen sehr vollkommenen Menschen +(und ist hier als Richter ihrer Unvollkommenheit viel härter als ein +guter Mensch), weil er so +von außen+ (nicht durch innere Wandlung +der Gesinnung) +Glauben+ gewinnen möchte. Er gibt sich, wenn er +einen solchen gefunden zu haben glaubt, bei ihm in die vollkommenste +Sklaverei; und sucht in +zudringlicher+ Weise Menschen, bei denen er +als Sklave dienen könne. Auch will er als Sklave leben, um nie einsam +zu sein. + ++Wenn dann ein dritter Mensch in den Kreis tritt, ist der Verbrecher +ratlos+; denn bekanntlich kann man nicht zweier Herren Knecht zu +gleicher Zeit sein, der Verbrecher aber ist jedes Menschen (ob Freien, +ob Unfreien) Knecht, mit dem er zusammen ist. + + * * * * * + +Problem der zwei Menschen, + +Problem der drei Menschen. + +Mit vieren beginnt die Mengenpsychologie. + +Phänomene der „Einstellung“. Man schreibt jedem Menschen anders, oft +selbst kalligraphisch verschieden. + + * * * * * + +Je größer die +Gnade+, die ein Mensch von Gott empfängt, desto größer +das +Opfer+, das er Gott dafür bringen wird. Bei Jesus war Gnade und +Opfer am größten. + + * * * * * + +Evidenz kann sich nur auf die letzten Denkgesetze beziehen. Diese sind +unmittelbar evident; diese Evidenz ist die Gnade. + + * * * * * + +Wert: Macht = Licht: Feuer. + + * * * * * + +Es gibt keine Grade der Wahrheit, keine Grade der Sittlichkeit. + + * * * * * + +Die Erbsünde erfolgt +fortwährend+: Ewiges und Zeitliches sind ++neben+einander da. + + * * * * * + +Unterscheidung zwischen +Genesis+ und +Kodifikation+ des ++Aberglaubens+. Kodex: Bauernkalender. Genesis: +Schuld+. + + * * * * * + +Der Unterschied zwischen Amoralischem (Weib) und Antimoralischem +(Verbrecher), wie ihre Verwandtschaft, liegen darin, daß das Weib +heruntergesetzt werden will, während der böse Mann +sich+ selbst +heruntersetzt. + + * * * * * + +Zur tiefsten Erkenntnis seiner selbst und seiner Bestimmung gelangt +der Mensch immer erst, wenn er sich untreu geworden ist, wenn er gegen +seine Bestimmung (Gott) gefehlt hat, durch +Schuld+. +Darum+ ist +vielleicht das Leben auf der Erde notwendig, damit Gott sich selbst +finde; +denn Bewußtsein ist nur durch Gegensatz möglich+. + + +Anmerkung. + +Ein der früheren Bearbeitung von „Geschlecht und Charakter“ angehängter +Exkurs versuchte morphologische und parallele psychologische Analogieen +zwischen Mund-, Hals- und After-Genitalregion aufzudecken, und +anknüpfend daran über die Urform des Wirbeltiertypus etwas zu ermitteln. + +Sie suchte das Gemeinsame von Mund und After, Zunge und Geschlechtsteil +aufzufinden und zu ermitteln, warum das Vorstrecken der Zunge ähnlich +empfunden wird, wie das Weisen auf den Hinteren; warum Essen vor +anderen bei manchen Naturvölkern als schamlos galt (wie noch heute +die Sitte Essen auf der Straße verpönt); welche Analogieen zwischen +Genital- und phagischem Trieb bestehen; warum der Zungenkuß der +Ejakulation so nahe steht; warum die Schilddrüse (die einen rudimentär +gewordenen Ausführungsgang hat, der an der Zungenwurzel endet) in so +merkwürdigen Beziehungen zu den Keimdrüsen steht, warum die +Stimme+ +besonders sexuell erregend wirkt, und so stark sexuell differenziert +ist. + +Dem Menschen als dem Mikrokosmus wird die Bedeutung dieser Dinge, ihre +innere Verwandtheit mehr oder minder bewußt, darum schämt er sich des +Mundinneren. Wäre hingegen die Deszendenztheorie richtig, so müßten die +Tiere, welche dem Balanoglossus (wo die Geschlechtsteile noch in der +Kiemenregion liegen) noch näher stehen, mehr Scham empfinden als der +Mensch. + + * * * * * + +Es gibt eine Platzscheu, die Lichtscheu ist, und die der sich schuldig +fühlende Mensch hat, der vor Gott nicht besteht. + + * * * * * + +Die Vogelstimmen sind das, was demselben Menschen seinen sicheren Fall +in den Untergang sagt („Peer Gynt“, 2. Akt). + + * * * * * + +Dohlen, Raben, +schwarze+ Vögel findet man nicht auf offenen lichten +Plätzen. + + * * * * * + +Wer sich an die Sonnenglut hingibt, =ist= +selbst die Zypresse+; es ist +pflanzenhafte Passivität und „Glückseligkeit als Geschenk“. (?) + + +[53] Parsifalmotiv variiert III. Akt (Den heil’gen Speer, ich bring ihn +euch zurück). + +[54] Vielleicht bezieht sich diese Zusammenstellung auf den Begriff +„Kosmos“? (Anmerkung des Herausgebers.) + +[55] Philosophen mit sadistischen (unmystischen) Zügen sind Descartes, +Hume, Aristipp. + +[56] Nicht nur die Hysterie. + + + + +Zur Charakterologie. + +(Enthaltend: Sucher und Priester, über Friedrich Schiller, Bruchstücke +über R. Wagner und den „Parsifal“.) + + +Sucher und Priester. + +Man kann die Menschen einteilen in +Sucher+ und in +Priester+ und wird +durch diese Einteilung viel gewinnen. Der Sucher sucht, der Priester +teilt mit. Der Sucher sucht vor allem +sich+, der Priester teilt +vor allem anderen +sich+ mit. Der Sucher sucht sein Leben lang sich +selbst, seine eigene Seele; dem Priester ist sein Ich von vornherein +als Voraussetzung alles anderen gegeben. Den Sucher begleitet stets +das Gefühl der Unvollkommenheit; der Priester ist vom Dasein der +Vollkommenheit überzeugt. + +Der Unterschied, den ich meine, wird so vielleicht am klarsten: +Nur +Sucher sind eitel (und empfindlich)+. Denn die Eitelkeit entspringt aus +dem Bedürfnis nach dem +Finden+ und dem Gefühle, noch nicht — sich noch +nicht — gefunden zu haben. Der Priester ist nicht eitel, er fühlt sich +nicht leicht getroffen, und ist ohne Bedürfnis nach der Anerkennung von +außen, weil er diese Unterstützung nicht notwendig hat. Dagegen hat +er Bedürfnis nach dem Ruhme; Voraussetzung des Ruhmbedürfnisses ist +innerliche Überzeugung von sich; sein Wesen, dieses Ich den anderen +möglichst vollkommen darzubringen und sich ihnen so zu verbinden. Der ++Ruhm+ wird hierdurch dem +Opfer+ verwandt. + +Ich will nun je vier Beispiele von Suchern und von Priestern anführen, +bevor ich in der Analyse fortfahre. + +Sucher waren: Hebbel, Fichte,[57] Brahms, Dürer. Priester: Shelley, +Fechner, Händel, Böcklin. Den Suchern gemeinsam ist, wie man sieht, ++die Linie ohne Farbe+; den Priestern gemein +die Farbe ohne Linie+. + +Die Farbe ist hier als Symbol der Sinnlichkeit gedacht; zur +Sinnlichkeit nämlich steigt der Priester herunter, indes der Sucher von +ihr zur Geistigkeit hinauf will. Darum hat der Priester das eigentlich +starke, große Verhältnis zur =Natur=; denn der Priester kommt vom +Geiste und sucht die Welt zur Deckung mit sich zu bringen; alles soll +hell erstrahlen, wie das Feuer in ihm selber. Der Sucher hingegen hat +vor dem Priester voraus das Verhältnis zur +Gesellschaft+: denn sozial +wird der Mensch, weil er sich selbst im anderen sucht. Zur Kultur, +zu Recht und Staat und Sitte tritt so nur der Sucher in ein tiefes +Verhältnis; in der Natur hat er höchstens für ein Phänomen großen Sinn: +Für den Wald, als das Symbol des +Geheimnisses+. + +Denn der Priester hat die Offenbarung hinter sich, und Tag ist in +ihm; der Sucher strebt zu ihr empor, aber er ist noch blind. Der +Priester steht bereits im +Bunde+ mit der Gottheit; nur er kennt die +mystischen Erlebnisse (extreme Sucher, wie Kant oder noch besser +Fichte, kennen solche nicht). Das Absolute, die Gottheit ist dem +Priester als Voraussetzung, als +Schatz+ gegeben oder als Pfand des +Höchsten; dem Sucher als Wert, als +Ziel+. Der Priester bringt +sich+ +der Welt dar, trägt ihr den Bund an; der Sucher entflieht der Welt, +weil er noch keine Weihen empfangen hat. Jeder Suchende ist naturgemäß +ein +Fluchender+: der Priester ist das Gegenteil des Blinden, ein ++Sehender+ und ein +Segnender+. Der Segen ist dem Sucher hingegen ewig +unverständlich. + +Man hält oft den Priester für den eigentlichen +Künstler+ und erklärt +Männer, wie +Ibsen+, der dem Sucher sehr nahe, und +Hebbel+, der ihm +noch viel näher steht, für keine echten Künstler: Ganz mit Unrecht; man +ist hier getäuscht durch einen falschen Begriff von Sinnlichkeit in der +Kunst. Shakespeare war gewiß ausschließlich Künstler und doch sicher +viel mehr Sucher als Priester. Im übrigen sind Sucher und Priester +Extreme; die größten Menschen sind beides, am öftesten zuerst Sucher, +um sich dann in Priester zu verwandeln: wenn sie den Quell gefunden, +sich selbst erlebt haben. So Goethe, so Wagner. Goethe ist Sucher im +Urfaust, Priester in der Iphigenie; Wagner ist Sucher im Holländer, +im Tannhäuser (der Pilgerchor gibt eine wunderbare Vorstellung von +dem, was Suchen heißt), aber auch im Tristan, besonders im II. Akt — +denn der Sucher ist erotisch, der Priester sexuell, ohne besonders +von dem Geschlechtstriebe differenzierte Liebe. Priester ist Wagner +schon im Lohengrin (der Sinn für das Fest, für die Feier, ist durchaus +priesterlich); vor allem aber im III. Akte des Siegfried, wo der Sinn +für das Gefundenhaben, der Triumph der Erfüllung so ungeheuer groß ist. +Denn der Priester muß kein friedlicher, idyllischer Mensch sein; aber +er hat als Kämpfer nur Sinn für den +Sieg+, nicht für die Anstrengung +des Ringens, nicht für das Bangen vor der Niederlage. + +Nietzsche war lange Sucher; erst als Zarathustra tat er den +Priestermantel um, und da stiegen nun jene Reden vom Berge herunter, +die bezeugen, wie viel Sicherheit er durch die Verwandlung gewonnen +hat. Des Priesters (als des Sehers!) +Erlebnisse+ sind +intensiver+ als +die des Suchers; und darum ist er überzeugter von sich, er fühlt sich +als erkorenen Sendboten von Sonne, Mond und Sternen, und horcht nur, um +deren Sprache so ganz zu verstehen, wie er es als seine Pflicht fühlt. + +Sucher waren noch +Rousseau+, wie es scheint, +Calderon+, +Sophokles+, ++Mozart+; ein beinahe vollkommener Priester scheint +Pindar+. Beethoven +ist Sucher im Fidelio, Priester in der Waldsteinsonate, deren letzter +Satz der höchste Gipfel apollinischer Kunst ist. + +Der psychophysische Parallelismus scheint eine priesterliche +Vorstellung zu sein (denn der Priester kommt vom Geiste und will die +Natur +aufnehmen+, er fühlt sich mehr vor der Natur, der Sucher mehr +vor dem Geiste +schuldig+); er ist darum auch +Determinist+, weil ihm +Freiheit und Gesetzlichkeit von vornherein eins sind. Der Sucher ist +Indeterminist und Verflucher des Leibes. + +Der Sucher ist schweigsam, verschlossen (nicht zu verwechseln mit +dem verschlossenen, d. h. unaufrichtigen und unsozialen Verbrecher); +der Priester offen, sich darbietend (nicht zu verwechseln mit +Schamlosigkeit), weil er nicht sucht, sondern die Vollendung schon +enthält und nur ganz zu verstehen, auszudrücken strebt. + + +Über Friedrich Schiller. + +In so schlechte Gesellschaft, man sich leider heute begibt, wenn man an +das Ansehen dieses Namens tastet, indem hauptsächlich er es ist, gegen +welchen die Schuljungen-Opposition der Modernen wider alle offiziellen +Größen der Historie sich richtet, so sollte diese Furcht doch nicht +dazu verleiten, Schiller für einen wahrhaft bedeutenden Menschen zu +erklären, ihn für mehr zu halten als einen extrem begabten Mann und +zugleich den +tüchtigsten+ Journalisten, den die Welt bisher gesehen +hat. Diese Wertung läßt sich mit wenigen Worten begründen; das übrige +ist in Otto +Ludwigs+ „Dramatischen Studien“ nachzulesen. + +Schillers einzige Größe ist darin zu erblicken, daß er die Tragödie +vollkommen ruiniert hat: sie hat sich noch lange nicht davon erholt. +Die Helden seiner Dramen haben nie die geringste innere Vergangenheit; +einzig der „+Fiesco+“, sein bestes und wohl darum von den +Literaturgeschichtsschreibern so schlecht behandeltes Stück, weniger +bereits die „+Jungfrau von Orleans+“ könnten als Ausnahme in Betracht +kommen. Er selbst ist so völlig ohne Verständnis für +Probleme+ +=im= Menschen, es fällt ihm sowenig ein, den Mord oder die Liebe, +den Erkenntnistrieb oder die Eitelkeit, die Herrschsucht oder die +Opferwilligkeit irgendwo wahrhaft ernstlich zum Vorwurf einer Dichtung +zu machen, daß er vielmehr stets die „größere Hälfte“ aller Schuld +„den unglückseligen Gestirnen“ zuschreibt. Damit ist das Schicksal +seiner Dichtung besiegelt und Schiller das Urteil gesprochen. Die +Konstellation der Gestirne ist relativ zum Menschen immer Zufall, und +sie kann selbst bei Schiller nur in die alleräußerlichste Verbindung +mit der Handlung treten. + +Der Zufall ist das absolut +=A=tragische+, auf ihn baut sich gerade +das +Lust+spiel auf. Es gehört der ganze Waffenlärm der beredten +Schillerschen Heroen dazu, um die Erkenntnis zu übertäuben, das +hier +die entgegengesetztesten Dinge überhaupt, Fatum und Zufall+, +verwechselt werden. Ist es nicht kläglich, einen +Don Carlos+ an +einem überlegenen Spionage-System scheitern, einen +Wallenstein+ an +einer äußeren, nie wiederholten Schuld zugrunde gehen zu lassen (daß +er einmal einen ehrgeizigen Soldaten in einer +allzuungeschickten+ +Weise als Mittel für seine Pläne benutzt hat)? Diese Dichtung das +größte Drama der Deutschen? Eine spannende Intrigue, wie in allen +Schillerschen Stücken, ein hohler diplomatischer Klapperapparat, keine +kosmische Gegensätzlichkeit, bilden ihr Getriebe. Es sind keine Spuren +eines +inneren+ Kampfes an Schillers Personen wahrzunehmen, sie atmen +eine verdammt verdächtige Objektivität, aber nicht die Naivetät alles +dreifach ausgedehnten Natürlichen, sondern die Anämie flächenhafter +Schatten; als ob sie nichts vom Herzblut des Dichters empfangen +hätten; +Schiller ist im Grunde ein Epiker und kein Dramatiker, oder +es mangelt ihm wenigstens, was der Dramatiker vom Lyriker übernehmen +kann: die Subjektivität des Helden+. Hier sind nicht ein Unbegrenztes +und Begrenztes +im+ Menschen entzweit, hier steht nicht die +geistige+ +mit der +sinnlichen+ Welt im Kampfe. Es ist im Grunde nur die Tücke +und die Gemeinheit der +Außenwelt+, welcher der Held schließlich zum +Opfer fällt. Darüber beklagt sich Schiller noch in seiner letzten, +völlig phraseologischen und das Laster der Rachsucht verherrlichenden +Dichtung, dem „+Tell+“: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, +wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Den Feind in der +eigenen+ +Brust, die Einsamkeit und ihre Schrecken, das Schicksal +im+ Menschen, +scheint Schiller kaum gekannt zu haben. Die „Braut von Messina“ hat +den „König Oedipus“ schlecht nachgeäfft; was diesem seine Größe und +seine alles überragende Wirkung verleiht, ist ja nur die =Einbeziehung= ++des Zufalls+ =in= +die Schuld+, die der Held +selbsttätig+ vollzieht, +der höchste Heroismus des Nicht-Entlastet-Sein-Wollens, der jede +Entschuldigung verschmäht. + +Merkt man übrigens nicht, wie gänzlich seicht, wie ametaphysisch +Schillers Dramen sind? — „Aber die Gedichte!“ wird man einwenden; „sind +sie nicht eher zu philosophisch?“ + +Was ist es doch, das an jenen Gedichten so beleidigt? Es ist das +Verletzende an Schiller überhaupt, es ist seine Freude im Chor, in +der Herde; sein ganz ungeniales Glücksgefühl, gerade in der Zeit zu +leben, in der er lebte;[58] seine willige Selbstbegrenzung innerhalb +der Geschichte, sein befriedigter Zivilisationsstolz. Er hat recht +eigentlich den Dünkel des Europäers und den verlogenen Enthusiasmus des +Fortschrittsphilisters begründet — Eigenschaften, deren vollgültige +Repräsentanten heute zumeist Juden sind, auch wenn sie von Schillers +Namen sich loszusagen erklären. Was tiefere Menschen +von Schiller +immer abstoßen sollte+, was +Goethe+ trotz Schillers Zudringlichkeit in +der Annäherung, wie im Begreifen-Wollen, von diesem stets in so großer +Entfernung gehalten hat, ist jener +voraussetzungslose Optimismus+ in +ihm, kein transzendent-religiöser, kein nach dem +Herausbrechen+ aus +der +Zeit+ verlangender, kein des Gottvertrauens voller, sondern ein ++immanent-historischer+ Optimismus; ein Optimismus, der sich freut, +wenn die Menschheit um tausend Jahre älter geworden ist, und begeistert +die Addition in seinen Kalender einträgt; ein Optimismus, der nicht +hofft, sondern selbst in seinen Hoffnungen schon gesättigt ist, weil +ihm die Erscheinungen nicht das Mittel sind, um zu den Symbolen +durchzudringen, +sondern die Symbole ihm nur die Erscheinung sollen +verschönern helfen+. Darum ist Schiller nicht sehnsüchtig, sondern nur +sentimental, wenn die Erscheinung mit der Idee nicht kongruiert.[59] + +Er ist so auch der eigentliche Schöpfer des +Ästhetentums+, das unter +den modernen Juden die meisten Anhänger zählt: es flüchtet vor aller +Tiefe, oder heuchelt Tiefe, um den Schein sich retten zu können. +Schiller ist der eminent +unerotische+ Mensch; und niemand sowenig wie +er Dichter des Einsamen, niemand so ganz wie er Dichter der Familie. +Und neben der ungeheueren technischen Routine seiner Werke ist es diese +verlogene Vergoldung des Philistertums, diese raffiniert-künstliche +Weihe des Alltagslebens („Die Glocke“), aus dessen Perspektive er alle +geschichtlichen Erscheinungen erblickt, um sie zum Hintergrunde des +bürgerlichen Idylls zu machen, welche zu seiner Popularität das meiste +beigetragen hat. + +Hierdurch erst wird das Bild Schillers vervollständigt. Seine +Philosophie ist so monistisch wie seine Dichtung, seine Weltanschauung +sowenig tragisch wie seine Tragödien. Er ist der Typus jener Menschen, +die auf die Gründe des Seins gekommen zu sein glauben, bloß weil +sie seine Abgründe nie empfunden haben. Schillers Kantianismus ist +ein pures Mißverständnis; leicht konnte er den Pflichtbegriff ins +Lächerliche ziehen und die Kantische Ethik dort verspotten, wo sie am +tiefsten ist. Denn die Resignation der Vernunftkritik verwandelt sich +bei ihm zur Süffisance der Immanenz, und die teilt er mit dem stets +positivistisch veranlagten Judentum; nicht ohne Grund war auch er +Antisemit. + +Einen Journalisten durfte ich ihn mit Grund nennen. Denn er ist +dem Journalismus durch seine Versabilität verschrieben, die ihn in +„Wallensteins Lager“ goethisch, bald darauf wieder romantisch, nun +griechisch, nun shakespearisch sein läßt; und daß er gewisse Gedichte +und vieles aus dem „Tell“ bloß nach Erzählungen Goethes über Italien +und die Schweiz abfassen konnte, das ist eben der stärkste Beweis +für meine Meinung, daß er nicht aus eigenstem Erleben heraus singen +mußte, sondern in raffinierter und affektierter Steigerung anderen, +was sie geschaut hatten, nachleben konnte. Was ihn aber endgültig zum +Journalisten stempelt, ist die Rührseligkeit, die von einem tragischen +Geschehnis schwätzt, wenn ein Mensch auf der Gasse überfahren wird; +und es ist vor allem eben jene Bindung an den Tag und die Stunde, jene +Philistrosität, die sich am kosmischesten gestimmt dann fühlt, wenn ein +Jahrhundertwechsel vor sich geht. In Schiller haßt die journalistische +Moderne nur sich selbst. + + +Über den Gedankengehalt der Werke Richard Wagners, insbesondere seines +„Parsifal“. + +Noch nie hat eine Kunst das Kunstverlangen irgend einer Zeit so +völlig zu fesseln und so ganz und gar auszufüllen vermocht, wie die +Schöpfungen Wagners. Alle Bestrebungen zur Hervorrufung einer neuen +Literatur, zur Begründung einer neuen Kunst, nehmen sich vor dem, was +wir in seinen Werken bewundern, wie gemacht und unwahr aus. Daß diese +gänzliche Befriedigung von so vielen nur bei Wagner gefunden wird, +entspricht der wohl unbezweifelbaren Tatsache, daß es nie zuvor einen +Menschen von so ungeheuer gewaltigem Bedürfnis des +Ausdruckes+ gegeben +hat als ihn. Der ihm hierin am nächsten kommt, ist, wie Wagner selbst +stets empfunden hat, +Beethoven+; und auch dieser bleibt hier weit +hinter ihm zurück. Nur darum aber findet beinahe ein jeder bei Wagner +das, was der +Erfüllung+ am nächsten kommt; denn er hatte selbst den +höchsten Begriff vom Kunstwerk, den je ein Künstler gefaßt, und die +größte Forderung an sich gestellt, die je ein Schaffender zu stellen +gewagt. Die gleiche Vollendung, das gleiche Erfülltsein atmet darum von +einem gewissen Zeitpunkt an (von „Lohengrin“ bis zum „Parsifal“) alles, +was er geschaffen; und das Eigentümliche gerade der Wagnerschen Motive +ist auch musikalisch ein Maximum von +Dichtigkeit+, wenn ich so sagen +darf; sie sind nie verdünnt, sondern sagen immer +alles+. Die höchste +Prägnanz und Konzentration und Unwiderstehlichkeit seiner Melodieen, +die weiteste Entfernung von allem Sauerstoffmangel, das Gegenteil aller +Luftverdünntheit und Leerheit an Masse, das kennzeichnet die Motive +Wagners selbst dort, wo er über Bergesgipfeln schwebt und am Gletscher +sich berauscht und jene Höhenluft atmet, für die niemand soviel Sinn +hatte, wie er. Ich verstehe zu wenig von der Lehre der Musik, um in +ihrer Sprache genau bezeichnen zu können, woran dieses Eigenartige +der Wagnerschen Musik gerade in ihren Melodieen liegt. Wagners Musik +ist aber eben durch all das eigentümlich, um was sie mehr ist, als +Mathematik, was sie alles noch ist außer einer Sprache von Raum und +Zeit; wie hier die ganze +Physik+ des Weltalls +resorbiert+ ist in die +Mathematik, oder die Mathematik nur zum Mittel der Physik geworden. +Wagner ist der Mensch mit dem größten Naturempfinden, das je ein +Mensch besessen hat: Gegen sein „Rheingold“ gehalten verblassen selbst ++Goethes+ Lieder von allem Wasser in Nebel, Wolke und Fluß. Wohl mag +zu den Sternen Beethoven im Scherzo der neunten Symphonie (das Wagner, +eben darum, wohl gänzlich mißverstanden hat) ein tieferes Verhältnis +offenbart haben, als Wagner im „Tannhäuser“, vielleicht +Schubert+ den +Bach, +Weber+ das Dämonische des Waldes besser verstanden haben; aber +ein Naturgefühl von solcher Intensität und einem Umfang, der die ganze +Erde, alles in ihrer Fläche, ihrer Hülle, ihrem Inneren beherrscht, ist +noch in keinem Menschen in einem Ausmaße verwirklicht gewesen, wie hier. + +Aber nicht davon wollte ich sprechen, warum die Wagnersche +Musik+ alle +anderen Eindrücke der Kunst, selbst +Goethes+ „Faust“ und +Beethovens+ +„Waldstein-Sonate“ und selbst +Bachs+ „Praeludien“ und selbst +Michel +Angelos+ „Jeremias“ hinter sich läßt. Was ich ernstlich zu zeigen +versuchen will — nicht weil mir alles außerordentlich erscheint, was +Wagner geschaffen hat — ist, daß die Wagnersche Dichtung der Tiefe +ihrer Konzeption nach die größte Dichtung der Welt ist. + +Es sind die gewaltigsten Probleme, die je ein Künstler sich zum Vorwurf +gewählt hat, bedeutender noch als die Probleme des Aischylos und Dante, +Goethes, Ibsens und Dostojewskys — um von den Problemen Shakespeares zu +schweigen. + + * * * * * + +Motive der Rheintöchter: + +„Wagalaweia“-Motiv ist die spielende Unschuld des Paradieses; +vollkommen +monistisch+, vor dem Sündenfall, ohne Kenntnis des +Dualismus; voraussetzungsloser, naiver, +überall nur sich selbst +antreffender, an sich selbst sich freuender Monismus+. (Vor dem +Sündenfall = Alberichs Aufgeben der Liebe.) + +Motiv aus der Götterdämmerung, III. Akt, Anfang:[60] + ++Motiv der absoluten Trennung.+ Motiv der völligen Loslösung vom +Absoluten, gleichsam ein Abfinden mit der Einsamkeit und doch eine +Resignation; wunderbar ist, wie hier die in der Vergangenheit erfolgte +Schuld doch zugleich als Gegenwart, als Strafe konstatiert wird, +wunderbar das Verhältnis von Zeit zum Zeitlosen. + +Sehnsucht, Wille ist hier nicht mehr; vollkommene Reduktion ist +eingetreten, vollkommene Abfindung mit dem Sündenfall, schmerzlos +zugleich und doch überschmerzhaft. + +Motiv am Schluß der Götterdämmerung: + +Aufnahme des Verlorenen in die Gemeinschaft, Erlösung von der Erbsünde +und zugleich selig überquellendes +Staunen+ darüber, +daß das Wunder +sich vollzieht+ (der Ring zu den Rheintöchtern, das Böse zur Lust und +zum ewigen Lächeln zurückkehrt); +denn das Lächeln ist wohl das Gefühl, +das sich nach dem Tode (d. h. im ewigen Leben) über das Leben (d. h. +über allen Tod) am stärksten einstellt.+ + + * * * * * + +Das Baßmotiv des Orchesters in Tristan, III. Akt, nach jener +furchtbaren Prostration vor der Schönheit, bei den Worten: „Und +Kurwenal, wie, du sähst sie nicht?“ u. s. w., ist das größte Motiv des ++Todes+, das je erdacht worden ist. Es liegt darin der scheinbar aktive +Verzicht auf das Leben, auf die Freiheit, das in Wahrheit schon die +passive Hingabe und Gefangenschaft ist; das Einswerden des Willens mit +den Trieben, sein Kapitulieren vor diesen; +es ist Identifikation mit +dem eigenen Schicksal+, der Punkt, an dem Wille in Trieb, Freiheit in +Unfreiheit übergeht, sich an sie knüpft, sich ihr übergibt. + + +Zum Parsifal. + +Der Mensch empfindet allem Unmoralischen der ganzen Natur, der ganzen +Geschichte gegenüber eine tiefe Schuld; denn Welt und Mensch sind +Wechselbegriffe, alles Übel in der Welt ist nur durch den Menschen, mit +dem Menschen da. Dieses Gefühl ist das Gefühl, das in Jesus Christus +am lebendigsten war, so lebendig, daß er diese Schuld mit dem Tode +büßen und die Welt entsühnen wollte, indem er für alle diese Schuld, +seine Schuld, auch die Strafe erleiden wollte. In ihm ist das Gefühl +der universellen Verantwortlichkeit, das Gefühl, welches die ganze Welt +tragen will, die Genialität, der Wille, am größten gewesen. + +Jesus erlöst, indem er die Welt von der Schuld erlöst, eben sich, und +nur sich von der Schuld: das ist der Sinn des Wortes: „Erlösung dem +Erlöser“. + +In Bayreuth wird der „Parsifal“ gespielt, +als ob man ihn dort +verstünde+; wer Glück mit den Sängern hat, kann dort das einzige +erleben: eine Vorführung eines Kunstwerkes, bei dem die Darstellung +nicht +stört+. So stark ist die Nachwirkung Richard Wagners, so +intensiv hat er den anderen einzuprägen gewußt, was er wollte. + +Als besonders großartig habe ich diese Regie im zweiten Akte +empfunden, in der Szene zwischen Kundry und Parsifal. Gerade wie +hier die Leidenschaft gedämpft, die Farben nicht dick und doch +bengalisch-+grell+ sind, die Geberden einfacher, mehr gezeichnet +als gemimt, ohne Othello-Verzerrungen, gerade das hat mich so stark +angesprochen. So tritt der symbolische Charakter des Ganzen mit tiefer +Deutlichkeit hervor. + +Wer die Bilder des Buonaventura +Genelli+ (in Berlin und München) +kennt, wird mich hier am besten verstehen. Die lange Kleidung und +Schleppe der Kundry, ihre vorgehaltenen Arme und ihr vorgebeugter +Körper bei der Bitte an Parsifal erinnern an jene Bilder. Wo soviel +Raum wäre für leidenschaftliche Rufe und Bewegungen, erscheint alles +gedämpft, gemalt, wie als ein Glasgemälde auf einem Kirchenfenster; das +Rot brennt und das Grün funkelt; und doch hält der Mensch den Atem an. + + * * * * * + +Das Orchester — eine reinste Orgel aus seligster Höhe, nicht aus der +Tiefe! Woher, fragt der Hörer zitternd? aber .... wohin? + + * * * * * + +Die Moralität des Mannes empfindet den Geschlechtsverkehr als Sünde +(Verwundung des Amfortas durch den Speer). + + * * * * * + +Das Weib hat keinen Sinn mehr, wenn der Mann keusch ist; dagegen wehrt +es sich; es ruft unmerklich das Gefühl zur Mutter in Parsifal wach +(„wann dann ihr Arm dich wütend umschlang ....“), hält ihm auch die von +Wagner früher festgehaltene Erlösung des Mannes durch die Liebe als +Möglichkeit vor. + + * * * * * + +Kundry +in+ Parsifal (das „+Sehnen+“ ist’s, das ihn verhindert, zum +Gral, d. i. zum Sittlichen, Göttlichen zu kommen): das ist der „Fluch +der Kundry“. + + * * * * * + +Das alles stellt Wagner hoch über Goethe, dessen letztes Wort doch nur +das vom „Ewig-Weiblichen“, die Erlösung des Mannes durch das Weib, war. + + * * * * * + +Kundry müßte freilich schon im II. Akte sterben, da Parsifal ihr +widersteht. + + * * * * * + +Die Fußsalbung durch Maria Magdalena. Evang. Joh. 12, 3 ff., 8, 3 ff. + + * * * * * + +Parsifal und Klingsor: das Transsexuelle und das Sexuelle im Mann, auf +2 Personen verteilt. + + * * * * * + +Das Weib als Sklavin des +Sexuellen+ im Manne (Klingsor). Vgl. +„Geschlecht und Charakter“. + + * * * * * + +Gral und Speer sind „+verwandt+“, wie Licht und Gravitation, wie das +Etwas, und sein Spiegel, das Nichts. Das Nichts ist nur der +Reflex+ +des Etwas, und es für real zu halten, das ist der Sündenfall. Diese +letzte Identität, das Nicht-Sein des Nichts, muß schließlich erkannt +werden. Auch der Empfindung liegt das Ding an sich zugrunde. + + * * * * * + +Klingsor will das Sittliche nicht im Kampfe erobern und behaupten, +sondern durch Entmannung erzwingen, erreichen (der Asket gewordene +Verbrecher), um ....... Er fühlt nicht, daß er die Idee des Sittlichen +damit bereits prostituiert, wenn er sie fertig +haben+ und ihres +Besitzes sich erfreuen und dann irgend etwas beliebiges anderes tun +will; er weiß nicht, daß Sittlichkeit ewige Tat, ewige Schöpfung +ist. Der +Wunsch+, Gott zu =sein=, ist frevelhaft, der Wille, Gott +zu werden, nur (aktiv) zu sein, einzig gut. Klingsors Wunsch ist +rein hedonistisch; er will als Gott +Ruhe+ haben vor den eigenen +Anfechtungen; indes Gott zwar vollkommen ist, aber eben vollkommen als +vollkommen aktiv, niedertretend dem Bösen gegenüber. Klingsor benützt +Gott als Mittel zum Zweck, d. h. er bringt ihn in die Zeit. + + * * * * * + +Bedenkt man, wie das Bewußtsein seiner selbst am stärksten wird nach +einer Schuld, so kann als der Sinn der Erbsünde der aufgefaßt werden, +daß Gott den +Spiegel+, das Nichts, braucht, um seiner selbst bewußt zu +sein. + ++Auch Parsifal findet den Gral+ (die Sittlichkeit, das Gewissen) im +Momente, da er (den Schwan) +tötet+. + + * * * * * + +„Suche dir Gänser die Gans“ heißt +heirate+, aber dann steck dir nicht +das Reich Gottes zum Ziel. + + * * * * * + +„Zum Raum wird hier die Zeit“: hierin liegt, recht dunkel freilich, der +Raum als Symbol der Vollendung. Denn wie Zeit zum Raum, so verhält sich +das Erdenleben zum Leben nach dem Tode. + + * * * * * + +Das Motiv der Blumenmädchen ist das +Flehen um Existenz+. Auftauchen +eines Irrlichtes aus dem Nichts, und Untertauchen. + +Vergessen unsittlich: „Was alles vergaß ich wohl noch?“ + + * * * * * + +Das Lachen der Kundry geht aufs Judentum. Die +metaphysische Schuld des +Juden ist+ =Lächeln über Gott=. + + * * * * * + +Am Charfreitag, dem Weltentsühnungstag, findet sich von selbst alles +zusammen. + + * * * * * + +Kundry ist Symbol alles nur Sinnlichen, nicht Sittlichen in der Natur; +mit ihr ist die Natur entsühnt: der Mensch als Erlöser seiner selbst +ist Erlöser der Welt. + + * * * * * + +Alle Schuld als die eigene; Parsifal (Christus) spricht: + + „Welcher Sünden-, welcher Frevel Schuld + Muß dieses Toren Haupt + Seit Ewigkeit belasten!“ + + * * * * * + +Tor: Jesus Abneigung gegen das Judentum wird zur Abneigung gegen die +„Gescheitheit“, zur Erhebung der Einfalt. + + * * * * * + +Der Speer ist Symbol des Bösen, Parsifal darf ihn nicht führen. + + * * * * * + +Die Welt ist nicht ohne den Menschen; und der Mensch nicht ohne die +Welt; es gibt keine Welt, in der nicht der Mensch ist. + + * * * * * + +Der dumpfe Rest des Gefühles für ein Verhängnis +über+ sich (+Arthur +Gerbers+ Gedicht „Sie sang“),[61] das sind die Schreie der Kundry im I. +und II. Akte. + + * * * * * + +Dieses Weib, das menschliche Weib, die Dirne (nicht das tierische, die +Mutter) +haßt+ den Mann schwach, aber es haßt ihn doch; darum haßt +Kundry dumpf den Amfortas, der ihr zu Willen war, weil er sie auf dem +Gewissen hat. + + * * * * * + +Psychologie des Sakrilegs: Alberich-Klingsor. — + + Wotan-Amfortas. Siegfried-Parsifal. + +Umdeutung des Sinnes des Rings aus dem Natürlichen ins Moralische. + + +[57] Fichte war +Prediger+. Man verwechsle das nicht mit Priester. + +[58] Wenn man es zu wörtlich nicht nimmt, muß man +Hebbel+ Recht geben: +„Schiller ist ein Verdienst des großen französischen Kaisers.“ + +[59] Die Sentimentalität ist noch mehr jüdisch als weiblich; sie ist +der Weltschmerz der Schmöcke. + +[60] Gemeint ist hier die ganze Rheintöchterszene, insbesondere der +aufsteigende Terzsextengang. (Anmerkung des Herausgebers.) + +[61] + ++Sie sang.+ (Als Manuskript gedruckt.) + + Sie sang ein Lied vom Sturm. + Da glühte ihr Auge so düster. — + Ein Lied vom Sturm — + Wie er wogt und wallt, + Die Eiche mit seinen Fängen umkrallt, + Sie niederschmettert mit männlicher Macht + Und weiterwirbelt und saust — und lacht! + + Sie sang ein Lied vom Sturm. + Da glühte ihr Auge so düster. — + Ein Lied vom Sturm, + Der in Liebesgelüst’ + Die Felszinne küßt, + Sie tändelnd löst — + In den Abgrund stößt, + + * * * * * + + Und düster glühte ihr Auge. + + + + +Über die Einsinnigkeit der Zeit + +und ihre ethische Bedeutung nebst Spekulationen über Zeit, Raum, Wille +überhaupt. + + +Über rückläufige Bewegungen. + +(Vom amechanischen Standpunkte.) + +(War ursprünglich als Aufsatz für eine Zeitschrift gedacht.) + +Man hat in den geometrischen Gebilden vielfach Symbole einer höheren +Realität erblickt. Ob der Grund dieser Erscheinung einzig darin gelegen +ist, daß wir in ihnen eine apriorische Funktion unserer eigenen +Anschauung, also immerhin etwas mit den Eigenschaften und dem Werte +aller Apriorität Ausgestattetes wiederfinden, wie dies Kant gelehrt +hat, oder ob darum, daß wir in ihren Gesetzen nur die der eigenen +Phantasie entdecken, sie nicht vielmehr aller transzendenten Symbolik +zu entkleiden geeignet ist, mag dahingestellt bleiben. Ganz einfach +und allgemein ist die Frage sicherlich mit keiner von beiden Antworten +erledigt. Das Dreieck z. B. dient seit altersher und auch heute noch in +der theosophischen Lehre als magisches, mystisches Symbol und erweckt +sicherlich auch oft im Beschauer, der diese Tradition nicht kennt, +einen unheimlichen Eindruck, beinahe Furcht. Das Viereck hat von dieser +Eigenschaft fast gar nichts. + +Vielleicht hängt damit auch die merkwürdige Rolle der Dreizahl +zusammen. Wundt hat in seiner „Methodenlehre der historischen +Wissenschaften“ (Logik, II/2, 2. Aufl., Leipzig 1895) verschiedene +Theorieen zusammengestellt, die sich nach seiner Ansicht nur durch +ihre ganz unbegründete, verwerfliche Neigung zur Trichotomie erklären +und sich dadurch immer verraten, daß die Wirklichkeit unter dem +apriorischen Gesichtspunkte der Dreizahl betrachtet und vergewaltigt +wird. Er führt die dialektische Methode von Fichte und Hegel, Comtes +„Gesetz“ der religiösen, metaphysischen und wissenschaftlichen +Menschheit und mehreres andere von sehr ungleicher Bedeutung +nebeneinander an und (in einem später veröffentlichten Aufsatze „Über +naiven und kritischen Realismus“, Philosophische Studien 1897) auch +die Vitalreihentheorie von Avenarius, welche er an ihrem Dreischnitt +bereits als ein mythologisches Gespinst wiedererkennt — allerdings +das schlimmste, was dem Ametaphysiker begegnen kann. Es muß aber, +trotz +Wundt+, einen tieferen Grund haben, daß in allen Märchen, +Mythen, Sagen die Dreizahl eine so übergroße Rolle spielt (Die drei +Wünsche, die 3 Gesellen, 3 Strophen des Meistergesanges, 3 Sätze der +Sonatenform, 3 Zeiten, 3 Nornen, 3 Parzen, 3 Grazien, 3 Weltregenten +(Zeus, Hades, Poseidon), 3 Unterweltsrichter (bei den Indern Vishnu, +Indra, Çiva als die 3 Götter), Trilogieform; vgl. August +Pott+, Zahlen +von kosmischer Bedeutung, Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. XIV, +1883). Sieben, neun, zwölf, dreizehn werden wohl ausgezeichnet und +haben doch nicht diese hohe Bedeutung. Wie ärmlich ist hingegen das +Gefühlsäquivalent, welches der Wichtigkeit der Fünf- und Zehnzahl in +jenem dekadischen Zahlensystem, in dem wir uns rechnend fortwährend +bewegen, in uns entspricht! Wie wenig Tieferes empfinden wir in diesen +Zahlen, die doch in jahrtausendelangem Gebrauch nach biologischer Art +Zeit genug gehabt hätten, sich in uns zu fixieren, die wir an den +uns mit so vielen Wirbeltieren gemeinsamen Extremitäten wahrnehmen +können, ja zumindest als Affen fleißig benutzen durften; während +für jene anderen Zahlen durchaus kein ebenbürtiges Vorbild in der +empirischen Wirklichkeit besteht. Es läßt sich vermuten, daß der +tiefere, unbekannte Grund der Bedeutung der Dreizahl identisch sein +wird mit der Ursache der Dreizahl der Dimensionen unseres Raumes. Doch +scheint den Ansprüchen der Dreiheit ein Gefühl zugrunde zu liegen, +als ob sie vorzüglich die im Absoluten erfolgende Vereinigung der in +der Erscheinung differenzierten Gegensätze (wie Liebe — Haß, Furcht — +Glaube, Angst — Hoffnung, Gut — Böse) versinnbildliche. + +1 und 3 haben eine Verwandtschaft. Die Dreizahl hat einen ++monistischen+ Charakter; durch sie wird die Eins, die Einheit wieder +bejaht. Darum sind beide ungerade (durch 2 nicht teilbar): weil sie ++einheitlich+ sind.[62] + +Warum ich hierbei länger verweilt habe, wird sich später[63] zeigen; +jetzt will ich auf ein damit verwandtes Thema, das noch nirgends zum +Gegenstande einer Frage gemacht scheint, etwas näher eingehen. + +Man hat allgemein dem +Kreise+ eine besonders hohe Dignität als +dem vollkommensten, symmetrischen, ebenen Gebilde zuerkannt. +Jahrtausendelang hat die Auffassung, die einzige erhabener Gegenstände +würdige Bewegungsform sei die im Kreise, bestanden und bekanntlich +noch Kopernikus gehindert, die Planetenbewegung um die Sonne anders +zu denken als kreisförmig. Daß die Planeten sich kreisförmig bewegen +müßten, war für ihn, wie für alle seine Vorgänger ein Axiom, an dem ein +Zweifel in ihm gar nicht aufstieg. Die Erhabenheit der vollkommensten, +unerschütterlichen Gleichmäßigkeit, jene Empfindung, die in den +Gesängen der Erzengel des Faust-Prologes, in den großartigsten Versen +der Welt, zum Ausdruck kommt, liegt offenbar dieser Forderung zugrunde. +Als Keplers Gesetze Anerkennung fanden, versuchte man durch ein Lächeln +über die frühere kindliche Auffassung diese zu widerlegen. + +Die elliptische Bewegung teilt zwar nicht ganz mit der kreisförmigen +das Pathos des Gesetzes, die Würde der Launenlosigkeit, dafür aber +haftet ihr in gleicher Weise wie jener die Eigenschaft an, die hier zum +Gegenstande der Kritik gemacht werden soll. + +Die +rückläufige+ Bewegung ist nämlich die anethische Bewegung κατ’ +ἐξοχήν. Sie ist selbstzufrieden, sie schließt das Streben aus, sie +wiederholt das Gleiche immerfort, sie ist, moralisch betrachtet, +schlimmer als der wenigstens +immer+ weiter rückwärts wollende, +wenigstens +sinnvolle+ Krebsgang. Bloß im unablässigen Streben liegt +für Goethe wie für Kant das Sittliche. Wie berechtigt die Argumente +sind, die sich vom Standpunkte dieser einzig freien Ethik gegen jede +positiv ethische Wertung der Planetenbewegung herleiten lassen, läßt +sich leicht an einigen vulgären Analogien zu derselben dartun. Sich im +Kreise drehen ist sinnlos, zwecklos; jemand, der sich auf der Fußspitze +herumdreht, selbstzufriedener, lächerlich eitler, gemeiner Natur. Der +Tanz ist eine weibliche Bewegung, und zwar vor allem die Bewegung der +Prostitution. Man wird finden, daß ein Weib um so lieber, um so besser +tanzt, je mehr es von der Dirne an sich hat. + +Hiermit hängt ferner der Charakter des bayerisch-österreichischen +Volksstammes, insbesondere des Wieners, zusammen. Seine große Neigung +zur Tanzmusik ist kein isolierter Zug seines Wesens, sondern in diesem +tief begründet. Die Kreisbewegung hebt die Freiheit auf und ordnet +sie einer Gesetzlichkeit unter; die +Wiederholung+ des nämlichen +wirkt entweder lächerlich oder unheimlich (Robinson). Der Charakter +des Wieners ist im Ethischen +fatalistisch+ (Lass’ gut sein, Da kann +man nichts machen); der Fatalismus, ins Intellektuelle übersetzt, ist ++Indifferentismus+; darum ist der Wiener apathisch, „gemütlich“. Der ++Walzer+ ist +die+ absolut +fatalistische+ Musik; aber darum zugleich +der adäquate musikalische Ausdruck der Kreisbahn. + +Das +Ringelspiel+. Zu ihm fühlen sich stets Frauen mehr als Männer +hingezogen. Die Abneigung des Mannes gegen das Ringelspiel und die +eigentümliche Beklemmung, welche es erweckt, können höchst intensive +Grade annehmen. Die wenigsten Männer werden auch, wenn sie zu ihrem +Ausgangsorte zurückzukehren gezwungen sind, gerne auf derselben Linie +zurückgehen, die sie auf dem Hinweg eingeschlagen haben — ein Phänomen, +das durchaus hierher gehört. Nur der unethisch veranlagte Mensch wird +keinerlei Widerstreben in solchem Falle empfinden. Darum berührt uns +auch der Gedanke des Wanderers so sympathisch; und darum haben selbst +die höchststehenden +Frauen+ so gar kein Bedürfnis zu +reisen+. Allem +Reisen aber liegt +unbestimmte Sehnsucht+, ein +metaphysisches+ Motiv +zugrunde. + +Aus dem gleichen Grunde ist es auch alles eher als eine Befriedigung +des Unsterblichkeitsbedürfnisses, jene ewige Wiederkunft des Gleichen +anzunehmen, wie sie pythagoreische und indische Lehren (auch die +Weltentage des esoterischen Buddhismus) kennen, und wie sie Nietzsche +wieder verkündigt hat. Im Gegenteile, sie ist fürchterlich: denn es ist +nur der +Doppelgänger+, zwar nicht in zeitlicher Koexistenz, sondern in +der +Sukzession+. Der Wille zum (eigenen) Wert, zum Absoluten ist ja +die Quelle des Bedürfnisses nach Unsterblichkeit. Alles Streben nach +unendlicher Vervollkommnung wird aber durch nichts so +verhöhnt+, wie +durch den Gedanken, daß jede Überwindung der Unvollkommenheit uns dem +Rückfall in deren stärksten Grad zeitlich näher bringt. + +Darum ist auch das Gefühl so unheimlich (vgl. die Theorie +der Furcht), das viele Menschen kennen, +eine neue Situation +bereits einmal erlebt zu haben+. Man hat in diesem Gefühle ganz ++unsinniger+weise die tatsächliche Basis des Glaubens an die +Unsterblichkeit gesucht.[64] Unsinnig ist diese Ableitung: denn +jenes Gefühl ist voll Furcht, weil wir uns in solchem Augenblick +wie völlig +determiniert+, wie an ein Rad (oder an eine Zykloide) ++gebunden+ vorkommen; der Unsterblichkeitsgedanke +negiert+ aber +gerade die Determiniertheit durch irgend eine Kausalität von außen, +er setzt und bejaht etwas, das gerade allein +nicht+ Funktion der +Zeit ist, er ist der Freiheitsgedanke, der Besieger der +Furcht+, +Unsterblichkeitsbewußtsein: +höchstes Selbstbewußtsein+. + +Kein „ens metaphysicum“ +will+ die drehende Bewegung; der Mensch will +eine Unsterblichkeit in Freiheit, nicht weil es ein Weltprozeß will; +ja Unsterblichkeit ist selbst nur ein Teil der Freiheit, +Freiheit+ +(Nicht-Bedingtheit) von der +Zeit+ (Freiheit selbst umfaßt noch mehr: +ist noch Freiheit vom Raume, Freiheit vom Stoff). Freiheit wird ++negiert+ durch ein +Gesetz+ der Periodizität. + +Der Fatalismus, das ist der Verzicht des Menschen, sich selbst je in ++Freiheit+ eigene Zwecke zu setzen, empfängt sein Symbol im Wiener +Walzer. Die Tanzmusik begünstigt im Menschen die Verabschiedung des +sittlichen Kampfes, ihre Wirkung ist ein Gefühl der Determiniertheit; +höheren Menschen ist sie darum ebenso unheimlich und widerwärtig, wie +die Entdeckung des Robinson, im Kreise herumgegangen zu sein. + +Sicher gibt es auch im Leben des Menschen, nicht nur des Weibes, +sondern auch des Mannes, eine +Periodizität+.[65] Aber nie kommt +hier +ganz+ der gleiche Zustand wieder. Wenn wir ein mathematisches +Pendel im luftleeren Raume schwingen sehen könnten, so würde, wenn +wir von uns, den Beobachtern, absehen, der eine Zustand der äußersten +Elongation rechts von der Gleichgewichtslage nach einer ganzen +Schwingungsdauer +wiedergekehrt sein+, und zwar +vollständig als der +nämliche+. Wir sagen freilich, er unterscheide sich von dem früheren +(nur) durch eine ganze Schwingungsdauer; d. h. aber, er unterscheidet +sich von ihm dadurch, daß jener ihm vorangegangen ist; sonst ist hier +das zeitliche Doppelgängertum durchaus realisiert. Von jenem Vorangehen +haben wir Kunde durch unser +Gedächtnis+, welches das psychologische +Werkzeug für die Auffassung der Zeit ist. Es besteht also völlige +Identität sonst, nur die Zeitmomente sind verschieden. Wir sehen +hier, daß zur +Zeitmessung+ nur geeignet ist, wem sonst Zeitliches, +d. h. Veränderung mit der Zeit, nicht anhaftet. Da wir eine solche +Voraussetzung von den Fixsternen mit noch geringeren Fehlern als von +irgend einem realen Pendel machen dürfen, benützen wir sie als letzte +Messer der Zeit. + +Die Kreisbewegung ist schließlich auch lächerlich, wie alles bloß +Empirische, d. h. +Sinn+lose; indes alles Sinn+volle+ erhaben ist. + +Damit hängt auch wohl zusammen, daß der Kreis und die Ellipse als +abgeschlossene Figuren auch nicht +schön+ sind. Der kreisförmige +oder elliptische +Bogen+, als Ornament, kann schön sein: er bedeutet +nicht, wie die ganze Kurve, die völlige Sattheit, der nichts mehr +anzuhaben ist, wie die um die Welt geringelte Midgardschlange. Im +Bogen ist noch etwas Unfertiges, der Vervollkommnung Bedürftiges und +Fähiges, er läßt noch ahnen. Darum ist auch der Ring immer Symbol von +etwas Unmoralischem oder Antimoralischem: der magische Kreis fesselt, +er raubt die +Freiheit+; der Hochzeitsring fesselt und bindet, er +nimmt zweien die Freiheit und die Einsamkeit, er bringt statt dessen +die Knechtschaft und Gemeinschaft. Der Ring des Nibelungen ist das +Abzeichen des Radikal-Bösen, des Willens zur Macht, und der Ring des +Zauberers, einmal um den Finger gedreht, +verleiht+ die Macht. + +Daß also die Planeten in runden Bahnen laufen, darin vermag, wer +mit Kant im Progressus, im Kampfe das Sittliche sieht, nur etwas +Unethisches zu erblicken, etwas vollkommen Moralfremdes. Auch in den +Planeten finden wir also nicht die würdige Anlehnung für unser Dasein +als sittliche Wesen. Dieses gewinnt freilich nur noch an Erhabenheit, +wenn es von allen Einzeldingen der sichtbaren Natur losgelöst wird. +Wäre also das Sonnensystem speziell ethisch gedacht, so dürfte die +Bahn eines Planeten nie in sich zurücklaufen. Es dreht sich ja auch +der Mond, in dem sicherlich nichts irgendwie Ethisches liegt (sein +intimes Verhältnis zur weiblichen Physis und zum Hunde ist hierfür +Beweis), in der gleichen Bewegung um die Erde, wie diese um die Sonne. +Und der Saturn, zu dem der Mensch sicherlich unter allen Planeten in +der nächsten Beziehung steht, mit seinen Ringen und Monden erscheint +geradezu als die Summation des Bösen. + +Vielleicht gibt es Himmelskörper, die keine rückläufigen Bewegungen +ausführen, an denen die +Astronomie+ zuschanden wird.[66] Keinesfalls +aber wird, selbst im Falle der vollen Berechtigung dieser Kritik der +in sich zurücklaufenden Bahnformen, der gestirnte Himmel, den Kant +neben das Sittengesetz stellte, nun all seine Majestät zugunsten des +Sittengesetzes verlieren müssen. Nur soll man in ihm nicht mehr suchen, +als er tatsächlich psychologisch für uns repräsentiert, das Symbol für +die +Unendlichkeit+ des Weltalls, deren allein wir uns im Sittengesetze +würdig fühlen, die allein des Sittengesetzes würdig ist, und seine +schmerzlose Lichtseligkeit. + + +Das Zeitproblem. + +Alle jene Phänomene der Neigung und Abneigung, der Bejahung und +der Furcht finden ihre Zusammenfassung in der =Einsinnigkeit der +Zeit=. Diese besteht darin, daß die reale Gegenwart zwar zur realen +Vergangenheit, aber nie zur realen Zukunft wird: oder, wie man auch +sagen könnte, darin, daß die Zeit sich nur in der Form entwickelt, +daß das Quantum der Vergangenheit immer größer, das der Zukunft immer +kleiner wird, nie umgekehrt. Nur +ideale+ Gegenwart kann zur +realen+ +Zukunft werden: indem ich etwas +will+, +schaffe+ ich Zukunft. + +Man hat über den tieferen Grund der Einsinnigkeit der Zeit, ihres +Vorschreitens nur in einem Sinne, ihrer Nicht-Umkehrbarkeit viel +nachgedacht, aber nur Unsinn zutage gefördert. + +Die Einsinnigkeit der Zeit ist mit dem Welträtsel (dem Rätsel des ++Dualismus+) das tiefste Problem im Universum, und es ist nicht zu +wundern, daß die hervorragendsten Denker der Welt — Plato, Augustinus, +Kant, Schopenhauer — +darüber+ sämtlich geschwiegen haben, auch dort, +wo sie mit der Zeit selbst sich beschäftigten. Und doch hätte vor +allem Kant nicht schweigen sollen; denn wenn die Zeit nur apriorische +Anschauungsform ist, ohne Bedeutung für die Dinge an sich selbst, so +bleibt das Rätsel eines Sinnes, einer Richtung der Zeit drückender +als zuvor. Auf einer geraden Linie mag ich hin und her spazieren; und +der Zeit, die doch als eine Gerade vorgestellt wird, +fehlt+ diese +Eigenschaft. Die Einsinnigkeit der Zeit, d. h. das Nie-Wiederkehren des +Vergangenen, ist aber der Grund aller jener besprochenen Phänomene des +Widerstrebens gegen rückläufige, drehende Bewegungsformen. Diese Form +der Bewegung ist, wie sich herausstellte, =unethisch=. + ++Daß die Zeit einsinnig ist, dafür muß demnach der Grund im+ +=Moralischen= +liegen+. + +Um so schneidender empfinden wir den Widerspruch im Kantischen System: +wenn die Zeit einen Sinn hat, so muß, sei sie noch so sehr Form bloßer +Erscheinung (und das ist sie sicher), doch ein Zusammenhang zwischen +ihr und dem intelligiblen, ethischen Grunde der Welt bestehen. + +Daß die Einsinnigkeit der Zeit ein Ausdruck der Ethizität des Lebens +ist, darauf weist vieles hin. +Es ist unsittlich, zweimal dasselbe +zu sagen+: wenigstens empfindet der Mensch, der an sich die höchste +sittliche Anforderung stellt und sich verloren weiß, wenn er nicht ihr +gehorcht, es so. + +So hat es auch Christus empfunden: es ist die tiefste und zugleich die +strengste (an Strenge noch über Kant hinausgehend) sittliche Vorschrift +des Evangeliums in dem nie beachteten Worte (Evang. Matth. 10, 19) +enthalten: Sorget nicht, was Ihr sagen werdet, wenn man Euch fragt, +sondern sprechet, was Euch der Geist eingeben wird. (Μὴ μεριμνήσητε πῶς +ἢ τί λαλήσητε δοθήσεται γὰρ ὑμῖν ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ τί λαλήσετε.) + +Denn: sage ich, was ich mir vorgenommen habe zu sagen, so streiche ich +die Zeit, die zwischen jenem Augenblick der Überlegung und dem neuen, +der die Handlung erfordert, liegt; ich begehe eine Lüge gegen den neuen +Augenblick, setze ihn nämlich als identisch mit dem früheren; und +bin damit zugleich determiniert, indem ich mich durch einen früheren +Augenblick, durch empirische Kausalität, determiniert habe. Ich handle +nicht mehr +frei+, aus dem Ganzen meines Ich heraus, suche nicht mehr ++neu+ das Richtige zu finden; und bin doch wirklich ein anderer als in +jenem früheren Moment, zumindest um jenen +reicher+; und nicht mehr +ganz identisch mit dem früheren. + +Unethisch ist es, die =Vergangenheit= ändern zu wollen: Alle +Lüge+ +ist +Geschichtsfälschung+. Man fälscht zuerst seine eigene Geschichte, +dann die der anderen. Unethisch, die +Zukunft+ =nicht= ändern zu +wollen, sie +nicht+ anders, besser als die Gegenwart, d. h. +nicht+ +=schaffen= zu wollen. +Wolle!+ so könnte der kategorische Imperativ +formuliert werden. Das Phänomen der +Reue+ verbindet beides (es ist +der eigentliche Ausdruck der Einsinnigkeit der Zeit): Es +bejaht+ die +vergangene Schuld, aber als +Vergangenheit+ und +verneint+ sie als ++Zukunft+, d. h. es setzt ihr den Willen zur Besserung in der Zukunft +entgegen. + +Die Zukunft ist noch nicht wahr, die Vergangenheit ist wahr. Die Lüge +ist +Machtwille über die Vergangenheit+, der sie keine Freiheit oder +Existenz schenken kann, weil die Gegenwart gleich unfrei, gleich tot +ist. In der Gegenwart berühren sich Vergangenheit und Zukunft; sie ist +das, was der Mensch =kann=; über die Vergangenheit hat er keine Macht ++mehr+ und über die Zukunft noch keine. Wenn Ewigkeit und Gegenwart +eins geworden sind, dann ist der Mensch Gott geworden, und Gott ist ++allmächtig+. + +Die Lüge also, als unethisch, ist +Umkehrung+ der Zeit: Indem der +Änderungswille hier auf die Vergangenheit statt auf die Zukunft sich +erstreckt. Alles Böse aber ist Aufhebung des Sinnes der Zeit: Verzicht +darauf, Verzweiflung daran, dem Leben einen Sinn zu geben.[67] + +Der Wille des Menschen schafft die Zukunft: Der Mensch nimmt die Zeit ++voraus+, indem er beschließt; und er nimmt die Zeit +zurück+, indem +er bereut. Im +Willen+ des Menschen, der stets Wille zur Ewigkeit ist, +wird die Zeit =zugleich= +gesetzt+ und +verneint+. + ++Die Einsinnigkeit der Zeit ist sonach identisch mit der Tatsache, daß +der Mensch zutiefst ein wollendes Wesen ist.+ =Das Ich als Wille ist +die Zeit.= + +Das realisierte Ich wäre Gott; das Ich auf dem Wege zur +Selbstrealisierung ist Wille. + +Der Wille ist etwas zwischen Nichtsein und Sein; sein Weg geht vom +Nichtsein zum Sein (denn aller Wille ist Wille zur Freiheit, zum Wert, +zum Absoluten, zum Sein, zur Idee, zu Gott; „Geschlecht und Charakter“, +1. Aufl., S. 578). Daß das +Sein+ noch +nicht ist+, das +Nicht-Sein+ +noch +ist+, das ist der Grund, warum die Zeit wirklich ist; daß das ++Sein+ =wird=, das ist der Grund ihrer Einsinnigkeit und deren tiefere, +wesenhaftere Bedeutung. + +Hiermit wären die aufgeworfenen Fragen beantwortet. + +Die Einsinnigkeit der Zeit ist somit identisch mit der Tatsache der +Nichtumkehrbarkeit des +Lebens+, und das Zeiträtsel identisch mit dem +Rätsel des +Lebens+ (obschon nicht mit dem Rätsel der Welt). +Das Leben +ist nicht umkehrbar+; es gibt keinen Rückweg vom Tode zur Geburt. =Das +Problem der Einsinnigkeit der Zeit ist die Frage nach dem Sinn des +Lebens.= + +In dieser Einsinnigkeit der Zeit liegt der Grund dafür, daß unser +Unsterblichkeitsbedürfnis nur auf die Zukunft (nicht auf das Leben +vor unserer Geburt zurück) sich erstreckt. Deshalb interessiert uns +wenig unser Zustand vor der Geburt, gar sehr aber jener nach dem +Tode. Und wäre die einsinnige Zeit nicht dasselbe wie der Wille, so +könnte ja der Wille zurückwollen und Vergangenheit ändern (nach dem +Worte Nietzsches: „Was aber ist des Willens größter Schmerz? Daß er +über die Vergangenheit nicht gebieten kann“). Der Wille müßte nicht +Wille sein und der Satz der Identität wäre aufgehoben, wenn der Wille +Vergangenheit ändern +wollte+ oder +könnte+; denn eben, daß er Wille +ist, darin liegt die Kluft zwischen Vergangenheit und Zukunft und ihr +ewiger Unterschied ausgesprochen. Der Wille ist etwas Gerichtetes und +seine Richtung ist der Sinn der Zeit. Das Ich verwirklicht sich selbst +als Wille, d. h. es erlebt, entfaltet sich in der Form der Zeit: Die +Zeit ist die Form der inneren Anschauung, wie Kant dies gelehrt hat. + +Aller Wille will Vergangenheit als +Vergangenheit+; und nur der +Verbrecher, der nicht mehr den Blick nach Gott will, sondern nach +unten sinkt, lügt, d. h. +mordet+ Vergangenheit; +die Umkehrung der +Zeit ist das Radikal-Böse, und die Furcht vor dieser Umkehrung ist die +Furcht vor dem Bösen+. + +Der Wille setzt die Zeit und verneint sie (darum erwacht man, wenn man ++will+, erwacht das Medium, wenn der Hypnotiseur +will+); in ihm ist +das Sein Gottes und des Nichts, in ihm der Dualismus in der Welt am +deutlichsten ausgesprochen. So ist das Problem des Willens zugleich das +tiefste Problem der Welt und eins mit diesem. + +Psychologisch ist „die Zeit“ die Zeit, in der wir leben, „die Zukunft“ +die Zeit, die +wir+ noch erleben werden. Die formale, transzendentale +Zeit hört aber mit dem physischen Tode nicht auf, sondern erstreckt +sich über die Individuen hinweg. Sie wird eben gesetzt vom Ewiglebenden. + +Warum der Mensch geboren wird, um zu sterben, warum der Wert (das +Ich) Wille wird, warum das Absolute sich an ihm +im irdischen Leben+ +realisiert, d. h. +warum+ die Zeit +einsinnig+ ist, das ist die Frage +nach dem Sinn des Daseins, und nicht durch das Wort, sondern nur durch +die Tat zu lösen. Sie ist aber identisch mit der Frage, mit dem Sinn +der Einsinnigkeit der Zeit. + +„Man lebt nur einmal“, das gilt nicht nur vom Ganzen, sondern auch von +jedem einzelnen Moment. + +Weil Furcht die Kehrseite des Willens zum Wert ist, bezieht sie sich +auf das, was geschehen wird, nicht auf das, was geschehen ist, obwohl +ihr Grund immer in der Vergangenheit zu suchen ist (ebenso bei ihrem +Gegenteile: der +Hoffnung+). Die Furcht ist so ein guter Ausdruck der +Einsinnigkeit der Zeit; die Schuld, aus welcher sie entspringt, ist +vergangene Zeit; die Strafe, vor der ihr bangt, ist kommende Zeit. + +Der Glaube hingegen geht aufs +Zeitlose+. Aufs Zeitlose beziehen sich ++Mut+ und +Glaube+, auf die Einsinnigkeit der Zeit (ihren einzigen +Wertbestandteil, die doch sonst das Wertlose an sich ist) +Hoffnung+ +und +Furcht+. + +Die Zukunft ist das, was durch den Willen geschaffen wird; nur der +Wollende hat Zukunft. +Darum lebt der Mensch solange, als er noch +irgendwie+ =will=, zum Wert hinauf =will=, als er noch zwischen Sein +und Nichtsein steht, und die Menschen sterben im Momente, da sie +sich völlig entfaltet haben: entweder ihr Wille am Ziele angelangt, +Wert geworden ist, d. h. der Mensch Gott oder Engel geworden ist; +oder wenn der Wille (und die Hoffnung) am Ziele angekommen und damit +auch die Fähigkeit dazu gänzlich erloschen ist: ein Mensch, der gar +keinen Willen zum Wert (also gar auch keine Furcht) mehr hat, stirbt +ebenfalls. +Der vollkommene Verbrecher kann als Mensch nicht leben+ — +denn der +Mensch+ hat noch immer Möglichkeit zu +sein+, so lang er lebt +— darum +stirbt+ der vollkommen böse gewordene Verbrecher, +und darum +ist es so wahrscheinlich, daß er Tier oder Pflanze wird+, und daß die +Inder Recht haben, wenn sie vor allem Lebenden deswegen sich scheuen. + +Darnach also ist die Lebensdauer des Menschen zu bestimmen. Wagner +hatte den Parsifal vollendet, und nicht mehr die Absicht, noch zu +schaffen; was er je +wollte+, hatte er zu wirken vermocht. Ebenso +war Goethes eigentlichste Lebensarbeit der Faust, und er betrachtete +selbst die wenigen Tage als geschenkt, die er nach seiner Vollendung +noch lebte. Die Antizipation einer extensiv-großen Zukunft kann auch +Hoffnung genannt werden: +der Mensch lebt solang als er hofft+. + +Der +Spieler+ ist der Mensch, der Hoffnung am notwendigsten hat, weil +er an der Furcht am stärksten leidet. Er ist stets ein Desperado. + +Bei +Rossini+ hingegen scheint mir — ich glaube ihm nicht Unrecht zu +tun — ein umgekehrter Prozeß vor sich gegangen zu sein. Er hat große +Versuche zweimal gemacht („Barbier“ und „Tell“), schließlich aber +aufgehört zu wollen; sein Gesicht als alten Mannes ist von frecher, +fetter Sinnlichkeit. + +Bei den +weiblichen+ Schriftstellerinnen, Künstlerinnen u. s. w. ist +auffallend, daß keine eine +Entwicklung+ hat, keine einem Kunstideal +nachstrebt und allmählich näher kommt. Die Frauen haben keine +Entwicklung; weil sie keinen Willen zum Wert haben: Hiermit ist das +begründet, was ich einmal („Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. +382) allzu abgerissen behauptet habe: +daß für die Frauen die Zeit +nicht gerichtet ist+. + +Ist somit die Zeit das Ich als Wille, so fragt es sich noch, was ist +der Raum, die andere Form der Erscheinung und wie verhalten sich die +beiden? + +Die +Bewegung+ ist es, die hierauf Antwort gibt; in ihr vereinigen sich +in rätselhafter Weise Raum und Zeit. Die Zeit ist die Art, in welcher +der Raum einzig durchmessen werden kann; es gibt keine Fernwirkung. Sie +ist aber auch die einzige Form, in welcher das Ich (Gott im Menschen) +sich findet. + ++Der Raum ist also eine Projektion des Ich+ (aus dem Reich der Freiheit +ins Reich der Notwendigkeit). Er enthält im Nebeneinander, was nur im +zeitlichen Nacheinander erlebt werden kann. Der Raum ist symbolisch für +das vollendete, die Zeit für das sich wollende Ich. Darum scheint der +Raum +erhaben+, die Zeit nicht. + +Das Ich aber ist die Synthesis des Alls, die Einheit aller Gegensätze +und darum, von wegen der synthetischen, vollendenden Bedeutung der +Dreizahl,[68] die drei Dimensionen des Raumes. + +Darum ist die Bewegung, die Projektion des Willens, ein sichtbarer, +körperlicher Ausdruck (Muskelkontraktion), und Schopenhauer ein wenig +gerechtfertigt, der beide gar identifiziert. Der Trieb stellt nur die +Erscheinung des Willens im niederen Leben dar; darum ist auch das Leben +der Tiere und Pflanzen noch einsinnig, weil sie nur symbolisch sind für +menschliches Leben. + +Der Wille (die Enge des Bewußtseins) ist die Form der Bewegung des +Psychischen: die Enge des Bewußtseins, solange es noch irgend eng ist, +und nicht alle Ewigkeit in sich resorbiert hat, =ist= ja die Tatsache +der Zeit; und es werden hier als zwei Tatsachen ausgegeben, was eins +und dasselbe ist. + +Darum ist der +Körper räumlich+ und entsprechen seine Achsen den +Raumachsen; weil er die Projektion des Ich, seine Erscheinung ist. + +Wie im Reiche der Natur, das ist im Reiche der Gesetzlichkeit, der ++Funktionalität+, der Raum, +das überall qualitativ Gleiche+, in der +Zeit durchmessen wird — +Bewegung+ — d. h. wie die +Vielheit der +Raumpunkte die Zeit+ =ist=; so enthalten im Reiche des Geistes, dem +Reiche der Freiheit, des Nicht-irgendwie-noch-abhängig-Variablen, die +vielen diskreten Momente des individuellen Lebens immer das ganze +zeitlose Ich, den Charakter (nur jetzt in umfangreicherer, dann in +beschränkterer Bewußtheit). Dieses Enthaltensein des Ich in jedem +Momente des Lebens ist +identisch+ mit der Tatsache der Freiheit. + +Diese doppelte Erscheinungsform des Ich als Raum und als Zeit ist der +tiefste Grund dafür (was man nie noch ganz begriffen, worüber man +sich mit Zeno wundert), daß Geometrie auf Arithmetik, Arithmetik auf +Geometrie angewendet werden kann: weil Raum und Zeit nur verschiedene +Erscheinungen +eines und desselben+ sind. + ++Das Leben ist eine Art Reise+ =durch den Raum des inneren Ich=, +eine Reise vom engsten Binnenlande freilich zur umfassendsten, +freiesten Überschau des Alls. Alle Teile des Raumes sind qualitativ +ununterschieden, in allen Momenten des Lebens steckt (potentiell) der +ganze Mensch. Zeit ist Vielheit, aus vielen Einheiten zusammengesetzt; +Raum ist +Einheit+, aus Vielheit zusammengesetzt (Symbol des +einheitlichen Ich). + +=Das Unbewußte ist die Zeit=, beides =eine= Tatsache. + +Die Melodie entspricht der Zeit (die einzelnen Töne konstituieren +den Rhythmus), die Harmonie dem Raum (geometrisches Verhältnis der +Schwingungszahlen; Harmonie der Sphären). Darum wird die Melodie durch +eine Linie dargestellt. Musik ist die Mathematik im Reich der Freiheit +(vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 326). + +Licht — Raum (Auge mit Fixations+punkt+). + +Schall — Zeit (Gehörssinn ohne „Lokalzeichen“). + +Ich kehre zum Thema zurück: + +Wäre der Mensch anethisch, wie die drehende Bewegung, so könnte er +nicht im Morgen etwas anderes sehen, als im Heute, das neue Jahr nicht +unterscheiden vom alten, sich entwertet fühlen und Furcht empfinden, +wenn er sich auf einem früheren Punkte wiederfindet, wie Robinson, oder +wie eine Gestalt Tolstois (in seiner hervorragendsten Erzählung „Herr +und Knecht“). So sehr es zum Lächeln reizen mag, wenn der Spießbürger +in der Sylvesternacht von der Zeitung auf die Zeit zu reflektieren +beginnt: es liegt doch darin ein gewisses kosmisches Gefühl, ein Gefühl +für Vergangenheit und Vergänglichkeit, der eine hoffnungsvolle Zukunft +entgegengesetzt wird. + +Alle Drehung aber ist Aufhebung der Zeit, sie wird als Wiederholung +ja auch nur erkannt und bewertet durch unsere bloß einsinnige +Zeitanschauung, die Bedingung aller Eindeutigkeit, aller +Wahrheit+ +ist: wir würden im anderen Falle allen Halt verlieren. Während die +Erde, auf der wir leben, fortwährend kreist und kreist, bleibt der +Mensch unberührt vom kosmischen Tanze. Sein Geist ist nicht mit dem +ganzen Systeme mechanisch verbunden; frei blickt er hinaus und gibt +oder nimmt dem Schauspiel seinen Wert. + + +Anhang. + +Ich will noch zwei musikalische Motive hier besprechen, welche in +Beziehung zu dem Probleme stehen. + +1. Die Melodie des Hirten, Tristan und Isolde, III. Akt, drückt die ++sinnlose Zeit+ aus, +als wäre die Zukunft nicht etwas, was der +Vergangenheit entgegengesetzt wird+. Das +ewige Einerlei+ soll sie ja +auch nach der Absicht Wagners bezeichnen. + +2. Das Hauptmotiv der „Appassionata“ ist das Motiv des +Menschen+ (als +des Wesens mit dem Willen zum Wert), +das größte Motiv zwischen Sein +und Nicht-Sein+. Sein aufsteigender Teil ist die Liebe, die Sehnsucht +nach dem Wert, nach der Reinheit. + +Sein zweiter, absteigender, +abfallender+ Teil drückt das +Zurückgeschlagenwerden, das Erfolglose, Unglückliche aller Versuche +aus, sich dem Wert zu nähern: das ewige Zurückfallen in die +Sinnlichkeit. Alles Schicksal, alles Unbewußte, alle Vergangenheit und +Zukunft neben der Gegenwart, +alles, worüber der Mensch keine Macht +hat+, liegt in diesem zweiten Teile. + +Der +sieghafte+ Schluß des dritten Satzes bringt nur mehr den ersten, +nicht mehr den zweiten Teil: die erfolg+reiche+ Annäherung an den Wert, +die Vereinigung mit ihm. + +Das Motiv ist das größte Motiv der Einsinnigkeit der Zeit. + + +[62] Der Dritte spricht das ausschlaggebende, versöhnende, letzte Wort; +die dritte Göttin, die dem Paris erscheint, ist die eigentlich schöne +u. s. w. + +[63] S. 107. + +[64] Vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 162, 517. + +[65] Vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 64 f., 135 f. + +[66] Aber auch die Bewegung in der Spirale ist, trotz Goethe, keine +eminent sittliche. + +[67] Ein eminent unethisches Gefühl, weil nur dadurch wirklich zu +definieren, daß die Einsinnigkeit der Zeit in ihm aufgehoben erscheint, +ist die +Langeweile+. + +[68] Die dialektische Methode; vgl. bes. S. 97 f. + + + + +Metaphysik. + +(Enthaltend die Idee einer universellen +Symbolik+, Tierpsychologie +[mit ziemlich vollständiger Psychologie des +Verbrechers+] etc.) + + +Metaphysik. + +Was ich hier als Metaphysik darlegen will, deckt sich nicht mit dem +gewöhnlichen Begriffe von einer solchen. Ich untersuche hier nicht +Sein und Nicht-Sein und trachte nicht, beide voneinander zu scheiden. +Seit Kantens Auftreten scheint es geboten, solche Untersuchungen +nach einer anderen als der metaphysischen, nach der Methode der +Transzendentalphilosophie auszuführen; es ist ihnen durch diese eine +große Strenge, Reinheit und Sicherheit gewährleistet. Vielleicht +besteht daneben auch noch die introspektiv-psychologische Methode zu +Recht, wenn der Psychologe selbst nur tief genug ist; aber absolut, wie +ein Musikstück, darf sich die Metaphysik nicht mehr entwickeln. + +Was ich hier im Sinne habe, hätte ich auch +Symbolik+, universelle +Symbolik nennen können. Denn nicht auf das Ganze, sondern +auf die +Bedeutung alles einzelnen im ganzen+ kommt es mir an. Was das Meer, +was das Eisen, was die Ameise, was der Chinese bedeuten, die +Idee+, +die sie repräsentieren, aufzudecken, darauf gehe ich aus. Und insofern +ist dieses Unternehmen das erste in seiner Art. Es soll die ganze Welt +umspannen, und den tieferen Sinn der Dinge bloßzulegen, im eigentlichen +Sinne zu erklären trachten. Es ist diese Metaphysik darum nicht nur +Metaphysik, sondern auch Metachemie, Metabiologie, Metamathematik, +Metapathologie, Metahistorie u. s. w. Das Unternehmen ist so groß, so +gewaltig, daß ein Einzelner seine Kräfte daran ins Ungemessene wird +wachsen lassen können. + +Der Grundgedanke und die Voraussetzung des Buches, die Basis, auf +der +alles+ Folgende ruht, ist die Theorie vom Menschen als dem ++Mikrokosmus+. Da der Mensch zu allen Dingen in der Welt ein Verhältnis +hat, so müssen alle Dinge derselben schon in ihm irgendwie vorhanden +sein. Mit diesem Gedanken des Mikrokosmus macht nun dieses Buch zum +ersten Male ernst: +Das System der Welt ist ihm identisch mit dem +System des Menschen.+ Jeder Daseinsform in der Natur entspricht eine +Eigenschaft im Menschen, jeder Möglichkeit im Menschen entspricht etwas +in der Natur. So wird die Natur, alles Sinnliche, Sinnenfällige in der +Natur +gedeutet+ durch die +psychologischen+ Kategorieen +im+ Menschen +und nur als Symbol für diese betrachtet. + +Die erkenntnistheoretische Berechtigung dieses Unternehmens darzutun, +würde sofort in die verwickeltsten, schwierigsten Probleme führen; +für seinen Wert und sein Wohlbegründetsein muß es im Laufe seiner +Entwicklung die überzeugendsten Beweise selbst liefern. Nur soviel ist +zu bemerken: Der Sinn des Unternehmens ist ganz im Einklang mit der +Thesis alles philosophischen Idealismus, daß wir nur Erscheinungen +und nicht „Dinge an sich selbst“ in den Gegenständen der Außenwelt +vor uns haben. Daß hier diese sinnliche Erscheinung als Symbol einer +psychischen Realität angesehen wird, einer psychischen Realität noch +dazu, welche +Erfahrung im Menschen+ ist, das freilich ist etwas, +das über jene allgemeinste idealistische Anschauung hinausgeht, und +speziell einer Lehre des vollendetsten idealistischen Systemes, +einer Lehre Kantens, zuwiderläuft. Es gab, wenn ich die persönliche +Bemerkung machen darf, für mich eine längere Zeit, wo ich an der +ganzen theoretischen Philosophie Kantens den Gedanken, daß auch +die psychischen Phänomene nur Erscheinungen seien, ganz so wie die +physischen, für den größten und genialsten Gedanken Kantens ansah. +Später wurde ich hierin bedenklicher, vor allem durch moraltheoretische +Erwägungen geleitet. Die Anschauung, welche diesem Buche zugrunde +liegt, ist die einer größeren Realität der psychischen als der +physischen Phänomene; wenn ich einstweilen auch noch außerstande +bin, diese Grundvoraussetzung systematisch und methodisch vollkommen +begründen oder einordnen zu können. + +Die Gedanken, die ich im folgenden zu einem solchen +System der Welt+ +entwickle, sind nur wenige an der Zahl. Aber sie lassen den Grundriß +des Ganzen wenigstens ahnen; und wenn ich nicht die Möglichkeit für +mich sollte erlangen können, den Bau selbst zu Ende zu führen, so +beanspruche ich für mich doch außer dem einzelnen Folgenden auch den +Ruhm, als erster ihn gedanklich konzipiert zu haben. + +Das erste, was mich zum Nachsinnen führte, war das Phänomen der +Tiefseefauna, über die ich einiges wenige hörte und las (was in mir den +Wunsch erregte, in Neapel selbst weiteres hierüber zu studieren). + +Es kam mir (Frühling 1902) der Gedanke, daß die +Tiefsee+ in einer +Beziehung zum +Verbrechen+ stehen müsse. Und daran glaube ich auch +heute im allgemeinen festhalten zu können. Die Tiefsee hat keinen Teil +am +Licht+, dem größten Symbole des höchsten Lebens; und so muß auch, +was den Aufenthalt dort wählt, lichtscheu, verbrecherisch sein. Die +Polypen und Kraken können, wenn sie Symbole sind, jedenfalls nur als +Symbole von Bösem betrachtet werden. + +Im Laufe des folgenden Sommers und Herbstes entwickelte sich hieraus +immer klarer der Plan zu einem Unternehmen, von dem ich nur ganz wenige +aus der ungeheuren Zahl der Aufgaben, die es in sich schließt, bisher +ausführen konnte, der Plan zu einer + + +Tierpsychologie + +in einem ganz anderen Sinne als bisher (Romanes, Schneider). + +Jenes Tier, dessen Bedeutung mir am klarsten wurde, ist der +Hund+. Ich +weiß nicht, ob der Hund das Symbol =des= +Verbrechers+ =überhaupt= ist; +aber das Symbol +eines+ Verbrechers ist er. + +Hier bedarf es freilich einer Aufklärung über das =Wesen des +Verbrechers=. + +Der Verbrecher ist derjenige Mensch, welcher den Sündenfall fortwährend +begeht und immer weiter +fortsetzt+, =ohne Bemühung=, über ihn +hinauszukommen. Das irdische Behagen geht ihm über alles, und er ist +auch der einzige Mensch, der sich nicht eigentlich unglücklich fühlt — +obwohl er, in tieferem Sinne, und auch wie seine Handlungen bezeugen — +sicher der unglücklichste Mensch +ist+. + +Der gute Mensch fällt, wird geboren, aber er fühlt sich danach auch +sein ganzes Leben lang mit Schuld belastet und hat in sich nie Grund +zu Zufriedenheit oder Hochmut. Er braucht sein ganzes Leben, um wieder +aus der Unfreiheit zur Freiheit zu gelangen; diesen Sinn gibt er +seinem Leben. Der Verbrecher hingegen hat nicht diesen +Willen zum +Wert+; in ihm geht eine kontinuierliche Desorganisation vor sich bis +zu seinem Ende, er zerfällt in Stücke und löst sich am Schlusse wohl +in materielle Atome auf: Er ist der Mensch, der wirklich +stirbt+. +Der Verbrecher lebt sein ganzes Leben ohne eigentliche „Einheit des +Bewußtseins“, ohne kontinuierliches einheitliches Ich, das um alles +weiß, was es tut, sich alles zurechnet; der Verbrecher +zerfällt+ +(die Verbrechen, die er begeht, sind die letzten Mittel, um sich ++zusammenzuhalten+). + +Der Verbrecher hat keinen +Willen+ zum Wert oder, was dasselbe ist, +keinen +Willen+, er kehrt sich immer mehr dem Nichts zu, versinkt +in Nacht und Hilflosigkeit. Der Verbrecher +entsteht+ durch einen +unbegreiflichen spontanen Akt des +Verzichtes+ auf den individuellen ++Wert+.[69] Ein Willensphänomen ist das Urteil; der Verbrecher urteilt +nicht, auch an der Erkenntnis ist ihm nichts gelegen, auch das +intellektuelle Gewissen mangelt ihm. Alles Urteilen ist Werten: Der +Verbrecher wertet nicht, er wertet auch sich nicht, denn er sucht kein +Ich zu behaupten, das über seinen psychischen Geschehnissen stünde: +Er ist +ohne Selbstbeobachtung+ und lebt +unbewußt+. Da er nichts +wertet, nichts beurteilt, so wertet er auch sich nicht, beurteilt sich +nicht mehr; der Freiheit des Urteilsvermögens hat er sich begeben; +und darum +erwartet+ jeder Verbrecher sein Urteil, das Urteil über +sich selbst, +von jemand anderem+ gefällt, zu hören; jedes Urteil, das +ihm von anderer Seite wird, nimmt er hin, auch gegen das +Todesurteil +revoltiert+ er psychisch gar nicht mehr: denn er hat sich des höheren +Lebens, der Maßstäbe dessen, ob ihm, ob überhaupt Recht oder Unrecht +geschieht, begeben. Er hat die Angst des Tieres vor dem unmittelbar +bevorstehenden körperlichen Tode und wird diesem zu entgehen trachten, +aber nicht, weil er vom Unrecht seiner Richter überzeugt wäre. + +Weil er auf alles +Wollen+ verzichtet hat, darum ist der Verbrecher +stets Fatalist und der wirkliche Fatalist immer ein Verbrecher +(natürlich oft ohne es zu wissen; der Verbrecher +weiß+ ja doch nie, +daß er Verbrecher ist; er fühlt es nur dumpf). + +Das kommt eben damit überein, daß der Verbrecher sein Urteil von +anderswo erwartet; daß er auf den freien Willen verzichtet hat, ist +dasselbe, wie daß er auf die +Autonomie+ verzichtet hat: er benützt +sich selbst bereits als Mittel zum Zweck. Würde er noch wollen, so +würde er sich nicht für gänzlich durchs Schicksal gebunden halten. + +Dieser Fatalismus des Verbrechers ist aber nur ein Spezialfall +desjenigen Verhaltens, welches die allgemeinste Definition des Bösen +vom logisch-erkenntnistheoretischen Standpunkte darstellt: des +konstanten Triebes zum, oder der konstanten Unterwerfung unter den ++absoluten Funktionalismus+. Ethisch ist Wille zur Freiheit, und Wille +zur Freiheit ist freier Wille; Freiheit ist nur zu definieren als +Unabhängigkeit von anderen Variablen, Aufhören, bestimmt zu werden, +Ende der Passivität, Anfang der Aktivität und Spontaneität. Der +Verbrecher ist der Mensch, der allgemein (+auch+ für sich) die kausale +Verknüpfung aller Dinge anstrebt und verwirklicht. Darum schrickt er +am leichtesten zusammen unter jedem heftigeren Geräusch und jedem +grelleren Licht; er sieht nicht mehr, er hört nicht mehr, apperzipiert +nicht mehr; er hat kein Gefühl für den Ort, auf dem er steht, für die +Zeit, in der er ist; ihm fehlt der Sinn für die räumlich-zeitliche ++Gegenwart+, weil er nicht über dieser steht, sondern in sie +einbegriffen ist. + +Ebenso wie mit den Dingen, hat er sich mit den Menschen verknüpft und +funktionell verbunden: =entweder als ihr „Beherrscher“ oder als ihr +Knecht=. Denn dies sind die zwei denkbaren Arten des Funktionalismus; +entweder, du mußt dich ändern, wenn ich mich ändere; oder: ich muß mich +ändern, wenn du dich änderst. Der Verbrecher gibt, sowenig wie sich +selbst, irgend einem anderen Menschen, irgend einem anderen Dinge die ++Freiheit+ (vgl. den Begriff der „Freiheit des Objekts“, Geschlecht +und Charakter, 1. Aufl., S. 248 f.; und die „freie Auffassung des +Nebenmenschen“ gegenüber dem Beeinflußtwerden durch sein Dasein, +S. 268, 384 f.; über „Grenzüberschreitung“ überhaupt als Typus der +Unsittlichkeit gegen andere, S. 296, 301). Das erste ist der Typus +des +Despoten+, das zweite der Typus des +Sklaven+. Der Despot kann +natürlich mit gutem Recht als eine Form des Sklaven und der Sklave als +eine Form des Despoten aufgefaßt werden: so muß es ja sein, weil, wenn +x = f(y), auch y = f(x) ist. Die Gegenwart des Nebenmenschen +zwingt+ +den Despoten zur +Eroberung+, den Sklaven zur Unterwerfung. Der Despot +ist also ganz ebenso unfrei, wie der Sklave; und der Sklave, der sich +an den Machthaber drängt und sich ihm als Diener aufzwingt, ebenso +„mächtig“ wie der Despot. + +Dieses Heraustreten aus dem universalen Reiche der Freiheit, dieser +Absturz in die Notwendigkeit bedingt, daß der Verbrecher nie +einsam+ +ist, und zugleich doch gänzlich +unsozial+. Der Verbrecher +spricht+ +stets mit anderen, auch wenn er +allein zu denken+ scheint. + +Wenn er einsam wird, d. h. der andere Mensch, mit dem er beisammen war, +von ihm fortgeht, so fühlt er sich schwach und hilflos (Epilepsie); +er fürchtet sich vor der Einsamkeit, scheut es, mit sich je allein +zu sein, weil er dadurch an sich würde erinnert werden; er ist froh, +wenn er sich entkommt, und sein ganzes Tun ist: Sucht, vor sich zu +entwischen — was eben in sich vergeblich ist. + +Da Furcht und Ekel identisch sind, so ist eingeordnet, daß der +Verbrecher nicht nur stets Furcht, sondern auch stets +Ekel vor sich +selbst+ hat. + +Der Verbrecher rechtfertigt dabei entweder alles, was er tut, vor +anderen oder klagt sich vor ihnen an (der Sklave); oder er überführt +sie in Gedanken, klagt sie an, besiegt sie (der Machtgierige). Aber +er ist nie einsam, weil stets mit Dingen und Menschen funktionell +verbunden; darum aber auch nie zweisam und mehrsam, weil er die fremde +Psyche nicht +auffassen+, nicht verstehen kann, noch will, sondern in +Abhängigkeit von ihr sich befindet. Darum lügt er auch immer (denn man +belügt +nie+ =sich=, sondern immer +andere+). + +In diese Abhängigkeiten also hat sich der Verbrecher begeben. Sein +ganzes Innenleben ist eine Heuchelei vor anderen, und das höhere +Leben in ihm wie gestorben. Diese Wegwendung vom höchsten Leben, von +der Freiheit, empfindet er nicht direkt als Schuld; denn er kennt +keine wahre Reue, sondern ist verhärtet, verstockt, der Einsicht +und dem Mitleiden unzugänglich. Das Aufgeben seines freien Selbst +äußert sich bei ihm als Haß gegen alles, was noch frei ist. Wie er +in sich das ewige Leben und den Christ getötet, ausgetrieben hat, +so möchte er es überall getötet, ausgetrieben sehen. Er haßt daher +alle Vorstellungen von Sittlichkeit, Unschuld, Güte, Heiligkeit, +Weisheit, Vollkommenheit, Seele, Einkehr, Umkehr, Reue, Leben, ja die +bloßen +Namen+ derselben. Jedes verbrecherische Unternehmen hat seine +unwillkürliche Sympathie; auch in der Dichtung hofft und fürchtet er +mit dem Schuft, mit dem Mörder, mit dem Eroberer; jede Nachricht über +Tod und Untergang und Schaden und Krankheit wird von ihm begrüßt, +bejaht, ebenso alle Sinnlichkeit (darunter auch, als ein +Spezialfall+, +jeder Koitus; bei ihm ist auch die Kuppelei noch einem höheren, +allgemeineren untergeordnet; die Weiblichkeit des Verbrechers erschöpft +ihn nicht, wenn sie auch stets einen Teil von ihm ausmacht). Dagegen +ist ihm der Gedanke an Christus und am stärksten der Gedanke an Gott +und das Wort Gott in der Seele zuwider. Auch sein Erkenntnistrieb +ist nie reine, hoffende, bedürftige Sehnsucht, nie gegen den Irrsinn +gerichtet, nie inneres Erhaltungsbedürfnis; sondern er will die Dinge ++zwingen+, und darum auch erkennen. Die Vorstellung, daß ihm etwas +unmöglich sein sollte, widerspricht seinem Geiste des absoluten +Funktionalismus, der sich mit allem, alles mit sich verknüpfen will; +darum ist ihm die Vorstellung von Schranken, Grenzen (auch der +Erkenntnis) unerträglich. Hier wächst das Verbrechen ins Große: seine +Einsichten sind nie aus dem Ganzen heraus geschehen, nie Synthesen von +innen, sondern stets von außen heraus; denn sein psychisches Leben +ist selbst ein solches diskontinuierliches, in Stücke zerschlagenes. +Dennoch will er das Universum umfassen; aber er sucht sich nicht +Gott zu nähern, sondern =Gott zu ersetzen= durch die Erkenntnis. Die +unmittelbare Intuition hat er nicht, weil er ja nicht in der Idee des +Ganzen lebt, sondern gerade von dieser sich abgekehrt hat; aber er +will das Genie, das ihm fehlt, +zusammensetzen+, die Welt Stück für +Stück auch geistig erobern (das ist der Typus des Eroberers in der +Wissenschaft, der Typus +Bacos+). + +Wo noch nicht dieser absolute Funktionalismus hergestellt ist, da ++haßt+ er, wie er sein eigenes intelligibles Wesen haßt, d. h. +verneint; der Haß ist die Vorstufe des Mordes, wie die Liebe die +Erzeugerin des Lebens. Darum +haßt+ der +Verbrecher wütend+ den +Gedanken an +Unsterblichkeit+; denn Unsterblichkeit ist ein Spezialfall +der +Freiheit+, nämlich Freiheit von der +Zeit+. (Von den drei +Kantischen Ideen sind zwei identisch, nämlich Gott und Freiheit, die +dritte, Unsterblichkeit, in ihnen bereits begriffen.) Das Streben +des Verbrechers ist, =nichts frei zu lassen=; weder sich, noch etwas +anderes (das Verbrechen ist genau so überindividuell, transzendental +wie das Recht). Und darum wird er zum Tempelschänder, darum begeht +er das Sacrileg. Die niederste, gemeinste Form des Dranges nach +Verknüpfung (Unfreiheit) ist die Sucht, die Dinge körperlich zu ++beschmutzen+, und auf diese Weise sich selbst mit ihnen zu verbinden; +die höheren Formen gehen auf Vernichtung und Zerstörung; =weil +alle +Existenz+ noch irgendwie +frei+ ist=. Darum wird das letzte, +verzweifelte Streben des Verbrechers endlich das, was Ibsen den Kaiser +Julian knapp vor seinem Ende ausrufen läßt: Maximos, =ich möchte die +Welt zerstören=! Denn was noch +ist+, ist eine +Widerlegung+ des +Verbrechers und seines Strebens, eine Widerlegung des Verbrechers, der +nicht mehr +ist+. Ganz trocken habe ich das Verbrechen definiert als +Drang nach dem Funktionalismus; lebendiger kann ich es ausdrücken: ++es ist das Bedürfnis+, =Gott zu töten=; es ist höchste allgemeinste ++Verneinung+. + +Die Formen, die das Verbrechen annimmt, ergeben sich hieraus +ungezwungen. Aus dem Haß wird Mord, aus der Verneinung Vernichtung, +sobald die Gesinnung Tat wird. Diebstahl und Raub sind Demonstrationen +gegen die Eigenheit des Eigners und ihr Recht auf freies Eigentum; ++die Tötung endlich ist der zur Handlung gewordene Haß gegen +Unsterblichkeit+. Der Mord ist das letzte, was der Verbrecher tun kann, +sein letztes Mittel, sich als Verbrecher zu behaupten; Gott tötet +er am meisten, wenn er den Menschen tötet. Aber es gibt Mord, und +zwar psychologisch ganz mit der Tötung des Menschen identisch, auch +sonst: z. B. das Bedürfnis, ein hohes, edles, berühmtes +Kunstwerk+ zu +zerstören. Es ist das genau die gleiche Verzweiflungstat wie der Mord, +die Sucht, das Seiende zu verneinen, zu widerlegen, das Nichtsein zu +rechtfertigen. Wenn der Verbrecher nicht mehr aus, noch ein weiß, dann +sucht er als durch ein letztes Mittel sich zu helfen, durch Mord. Der +Mord ist die Tat des +schwächsten+ Menschen. + +Ein Surrogat für den Mord ist der Koitus, und nur durch eine Linie vom +Mörder getrennt der +Don Juan+. Er ist innerlich genau so +leer+ und ++verzweifelt+ wie der Mörder, und braucht als Stütze die Eroberung +durch den Koitus. Es ist die einzige +Ausfüllung der Zeit+, die +gewisse Menschen haben (vielleicht existieren diese Menschen übrigens +nur als Möglichkeiten im Genie), daß sie koitieren. So ersetzen sie +Gott: sie leben +doch+, empfinden doch +Lust+, +obwohl+ sie sich +heruntergesetzt haben. Wie der Mörder nach dem Morde den Tatort +umkreist, weil er die Tat +braucht+ (das seiner selbst gewisse +Gedächtnis, das es ihm sagen könnte, daß er es gewesen ist, hat er +längst nicht mehr), so muß der Don Juan fortwährend Weiber haben, +um +sich+ nicht gewahr zu werden; von Don Juan zum Mörder ist, wie +gesagt, nur ein Schritt. Es ist das einzige Mittel zur Erfüllung der +Zeit (die ihnen keinen Sinn mehr hat, da sie von keiner Vergangenheit +mehr beschwert sind, von keiner Zukunft mehr etwas haben wollen), daß +der Don Juan verführt, daß der Mörder mordet. So allein +erzeugen+ sie +eine Gegenwart, stellen die Negation als Position auf; +beides+ ist in +gewissem Sinne allerdings gegen die +Langeweile+ gerichtet. + +Der epileptische Anfall ist, wie ich vermute, an das momentane +gänzliche Erlöschen der Fähigkeit zur Apperzeption geknüpft; und wenn +es heißt, daß Verbrechen oft im epileptischen Anfall begangen werden, +so sollte es wohl umgekehrt ausgedrückt werden: sie werden +gegen+ den +epileptischen Anfall begangen, dessen drohende Nähe verspürt wird. +Die Anfälle des Epileptikers häufen sich im Laufe seines Lebens und +werden immer furchtbarer, und schließlich stirbt er in einem letzten +gräßlichsten Anfall; gegen die furchtbarste Hilflosigkeit, welche in +der Epilepsie zum Ausdruck kommt, flüchtet er in den Mord — oft auch in +die Frömmelei und Bigotterie. + +Im übrigen: der Verbrecher ist durchaus ohne Innen+leben+, er ist wie ++tot+; man mordet zuerst sich selbst, bevor man den anderen mordet. +Darum kennt er auch eigentlich weder +Lust+ noch +Schmerz+. + +Ich kehre jetzt endlich zum Thema. + + +Der Hund. + +Das Auge des Hundes ruft unwiderstehlich den Eindruck hervor, daß +der Hund etwas +verloren+ habe: es spricht aus ihm (wie übrigens aus +dem ganzen Wesen des Hundes) eine gewisse rätselhafte Beziehung zur ++Vergangenheit+. Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die +Freiheit. + +Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum +Tode+. Monate +bevor mir der Hund Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags +gegen 5 Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich +abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes. +Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir +neuen, durchdringenden Weise +bellen+, und hatte im gleichen Momente +unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand +sterbe+. + +Monate nachher hörte ich, in der furchtbarsten Nacht meines Lebens, +da ich, ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang — denn es +gibt für größere Menschen den seelischen Tod nicht ohne den physischen +Tod, weil bei ihnen Leben und Tod am gewaltigsten und intensivsten +als Möglichkeiten sich gegenüberstehen — dreimal, gerade als ich zu +unterliegen dachte, einen Hund in ähnlicher Weise bellen, wie damals in +München; dieser Hund bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen +anders. Ich bemerkte, daß ich in diesem Momente mit den Zähnen mich ins +Leintuch festbiß, eben wie ein Sterbender. + +Ähnliche Erlebnisse müssen auch andere Menschen gehabt haben. In der +letzten Strophe von +Heines+ bedeutendstem und schönstem Gedichte „Die +Wallfahrt nach Kevlaar“, heißt es, wie die vom Leben erlösende Mutter +Gottes dem Kranken sich naht: + + „Die Hunde bellten so laut.“ + +Ich weiß nicht, ob der Zug bei Heine originell oder der Volkssage +entnommen ist. Wenn ich nicht irre, spielt auch irgendwo bei +Maeterlinck der Hund eine ähnliche Rolle. + +Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich mehrfach dieselbe +Vision, die Goethe, nach dem Faust zu schließen, gehabt haben muß: +einigemale, wenn ich einen +schwarzen+ Hund sah, schien mir ein +Feuerschein ihn zu begleiten. + +Ausschlaggebend aber ist das +Bellen+ des Hundes: die absolut ++verneinende+ Ausdrucksbewegung. Sie beweist, daß der Hund ein Symbol +des Verbrechers ist. Goethe hat dies, wenn es ihm auch vielleicht nicht +ganz klar geworden ist, doch sehr deutlich empfunden. Der Teufel wählt +bei ihm den Leib eines Hundes. =Während Faust im Evangelium laut liest, +bellt der Hund immer heftiger=: der +Haß+ gegen Christus, gegen das +Gute und Wahre. + +Ich bin, wie ich bemerke, gar nicht von Goethe beeinflußt. Die +Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so groß, daß +ich mich an den Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte und nun zum +ersten Male, vielleicht als erster überhaupt, +ganz verstand+. + +Ich führe nun weiteres an: + +Der Hund handelt, als ob er die eigene Wertlosigkeit fühlen würde; +er läßt sich vom Menschen schlagen, an den er sich gleich wieder ++herandrängt+, wie stets der böse Mensch an den guten. Diese +Zudringlichkeit des Hundes, das Hinaufspringen am Menschen ist der +Funktionalismus des Sklaven. In der Tat haben Menschen, welche rasch +für sich zu gewinnen suchen, und doch zugleich so sich schützen gegen +Angriffe, Menschen, die man nicht abschütteln kann, Hundegesichter, +Hundeaugen. Hier erwähne ich zum ersten Male jene große Bestätigung +meines Gedankensystemes. Es gibt wenige Menschen, die nicht ein oder +mehrere +Tiergesichter+ haben; und jene Tiere, denen sie ähneln, +gleichen ihnen auch im Benehmen. + +Die +Furcht+ vor dem Hunde ist ein Problem; warum gibt es keine Furcht +vor dem Pferde, vor der Taube? Sie ist Furcht vor dem Verbrecher. Der +Feuerschein, der dem schwarzen Hunde (vielleicht dem bösartigsten) +folgt, ist das Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des +Bösen. + ++Das Schweifwedeln des Hundes bedeutet, daß er jedes andere Ding als +wertvoller anerkennt als sich selbst.+ + +Die Treue des Hundes, welche so gerühmt wird, und die viele den Hund +für ein moralisches Tier halten läßt, kann mit Recht nur als Symbol der +Gemeinheit gefaßt werden: der +Sklavensinn+ (das Zurückkehren nach den +Schlägen ist kein Vorzug). + +Interessant ist es, wen der Hund +=an=bellt+; es sind im allgemeinen +=gute= Menschen, die er anbellt, gemeine, hündische Naturen nicht. Ich +habe an mir selbst beobachtet, daß ich von Hunden um so mehr angebellt +wurde, je weniger Ähnlichkeit ich psychisch mit ihnen hatte. Merkwürdig +ist nur, daß die Dienste des Haushundes gerade gegen den Verbrecher in +Anspruch genommen werden. + +Die Hunds+wut+ ist ein sehr merkwürdiges Phänomen, vielleicht der ++Epilepsie+ verwandt, in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum aus dem +Munde tritt. Beide werden von der Hitze begünstigt. + +Wenn der Hund nicht wedelt, sondern den Schweif starr und gerade hält, +dann ist Gefahr, daß er +beißt+: das ist die verbrecherische +Tat+, +alles andere, auch das Bellen, nur Zeichen der bösen Gesinnung. + +Hunde unter den Menschen in der Literatur sind der „+alte+ Ekdal“ +in Ibsens Wildente und am großartigsten +Minutte+ in Knut +Hamsuns+ +Roman „Mysterien“. Viele sogenannte „alte Magister“ repräsentieren den +Hundetypus unter den menschlichen Verbrechern. + +Denn daß es noch andere Verbrecher gibt, das beweisen die +Schlange+, +das +Schwein+. + +Sehr bedeutsam ist auch das +Schnüffeln+ des Hundes. Hierin liegt +nämlich Unfähigkeit zur Apperzeption. Ganz wie der Hund, so wird auch +die Aufmerksamkeit des Verbrechers durch einzelne Sachen ganz passiv +angezogen, ohne daß er weiß, warum er sich ihnen nähert oder sie +berührt: er hat eben keine Freiheit mehr. + +Daß er auf die Wahl überhaupt verzichtet hat, kommt auch in der +Regellosigkeit der Kreuzung des Hundes mit irgend welcher Hündin zum +Ausdruck. Diese wahllose Vermischung ist vor allem eminent plebejisch, +und der Hund ist der +plebejische+ Verbrecher: der Sklave. + +Ich wiederhole nochmals: es ist =Blindheit=, den Hund als ethisches +Symbol zu betrachten; selbst R. Wagner soll einen Hund geliebt haben +(Goethe scheint in diesem Punkte tiefer geblickt zu haben). +Darwin+ +erklärt das Wedeln des Hundes als „Ableitung der Erregung“ („Ausdruck +der Gemütsbewegungen“). Es ist natürlich der Ausdruck der ärgsten +Gemeinheit, der unterwürfigsten Devotion, die auf jeden Fußtritt gefaßt +ist und um alles nur mehr bettelt. + + +Das Pferd. + +Der Pferde+kopf+ hatte mir, bevor ich noch als Tierpsychologe an das +Pferd dachte, einen merkwürdigen Eindruck gemacht, einen Eindruck von +Unfreiheit; und zugleich verstand ich, daß dieser Pferdekopf +komisch+ +wirken könne. Äußerst rätselhaft ist das fortwährende +Nicken+ des +Pferdes. Lange nicht mit gleicher Sicherheit wie beim Hunde, aber +doch als aufklärender Gedanke kam mir der Einfall, daß das Pferd den ++Irrsinn+ repräsentiere. + +Hierfür spricht das Alogische im Benehmen des Pferdes, das Nervöse +und Neurasthenische, das dem Irrsinn verwandt ist, und worüber die +Pferdezüchter soviel klagen und staunen sollen. + +Der Irrsinn aber ist das Gegenteil der Logik und Erkenntnistheorie +(vielleicht nur der letzteren?). Wer sich in diesen Disziplinen zu +orientieren sucht, der hat stets den Irrsinn als Gefahr in sich. In ihm +ist das logische Denken problematisch, und dies die Richtung, in der ++seine+ Erbsünde hauptsächlich zu suchen ist. Der Irrsinnige hat darum +nichts vom Verbrecher in sich; Menschen, die vor dem Irrsinn in Furcht +leben, kennen dafür die Furcht vor dem Teufel nicht und umgekehrt. Der +Verbrecher oder Heilige (als umgekehrter Verbrecher) hat ein ziemlich +sicheres, scharfsinniges Orientierungsvermögen im Denken, und hat keine +Kämpfe des „+intellektuellen+ Gewissens“ zu bestehen. + +Das Genie ist entweder die +Umkehrung+ des vollkommenen Irrsinnigen +oder die Umkehrung des vollkommenen Verbrechers. Vor einem von beiden +lebt jedes Genie in Furcht; es hat in jedem Augenblicke seines Lebens +und in den größten Augenblicken am stärksten, gegen eine dieser +beiden Formen des Nichts sich zu behaupten, sich selbst gegen sie zu ++setzen+: Das Ich, das Genie =ist= eine =Handlung= („ewig jung“), ein +fortwährendes +=Ja=+! + +Menschen, in denen das Ethische problematisch ist, haben entweder +Furcht vor der +Lüge+ oder sind verlogen; Menschen mit Problematisation +des Logischen hassen und fürchten den =Irr=+tum+, oder erliegen +ihm. Nun wirkt der Irrtum immer =komisch=; und so wirkt auch der +Pferdeschädel komisch. + +Bei mehreren Menschen mit Irrsinnsfurcht habe ich auch morphologisch +Annäherung an den Pferdekopf gefunden. + +Der Hund +bellt+ das +Pferd an+; weil der Böse das Gute anbellt. + +Das Pferd ist auch sonst das Gegenteil des Hundes: es ist ++aristokratisch+ und sehr wählerisch bei der Wahl des sexuellen +Komplementes. + +Allerdings bildet die Existenz des Gaules hiergegen einen Einwand; +ebenso wie es auch aristokratischere Hunde (Bernhardiner, gewisse +Doggen) zu geben scheint. + +Das Verbrechen richtet sich gegen den Sinn der Zeit; die Logik ist +zeitlos; vielleicht hat darum das Pferd kein Verhältnis (auch kein +Verhältnis des Verlustes) zu Vergangenheit und Zukunft. + +Das aristokratische Genie hat ein starkes Verhältnis zum Irrsinn +(Nietzsche, noch mehr +Lenau+); das plebejische zum Verbrechen +(+Beethoven+, Knut Hamsun, Kleist). + + +Einige allgemeinere Bemerkungen. + +Den Männern, welche die Sprache schufen, lagen ähnliche Eindrücke vor, +wie diejenigen, auf Grund deren ich hier spreche. Menschen, die als +Schweine, Kameele, Affen, Ochsen, Esel, Hunde bezeichnet werden: das +zeigt, daß hier die Erkenntnis vorliegt, daß gewisse Menschen spezielle +Tier-+Möglichkeiten verwirklichen+. Anderseits stattet die Tierfabel +jedes Tier mit +einem+ bestimmten Charakter aus; nur dem Menschen weist +sie keinen solchen Charakter zu. Daß die charakterologische Nomenklatur +die Tiernamen alle als Schimpfnamen benützt, ist weiter bezeichnend, +und ebenso, daß sie gewissen Menschen geistig die Tier-Ähnlichkeit +beilegt. + +Das sind Antizipationen, prähistorische Antizipationen meiner Theorie. +Eine historische liegt in den platonischen Ideen vor und in den Lehren +Platons vom Schicksal der Menschen nach dem Tode: der eine beziehe +den Leib eines Vogels, der andere einen anderen u. s. w. — eine +Lehre, die sehr viel für sich hat. (Als mir die entwickelten Gedanken +kamen, waren mir die betreffenden Stellen aus Plato übrigens noch +unbekannt.) Denn Menschen mit unmoralischem Hang nehmen, je mehr sie +diesem Hange nachgeben, mit zunehmendem Alter auch immer mehr diese +Tierphysiognomien an. + +Von den Tieren also hat nach der Sprache jede Spezies einen +einzigen+, +allen ihren Mitgliedern gemeinsamen menschlichen Charakter, der +unter den Menschen nur gewissen wenigen eigentümlich ist. (Abgesehen +allerdings von den Hunden: Mops und Pudel, Köter und Windspiel sind +ganz verschieden; die Hunde zeigen übrigens merkwürdige Imitationen +vieler anderer Tiere, des Löwen, des Bären, des Dachses, selbst der +Schlange.) + +Im Gegensatz zu den Tieren wird von der Sprache den Pflanzen kein +Charakter zugeschrieben; insoferne wohl mit Recht, als die Pflanzen +keine +bestimmten Triebe und Neigungen+ zu haben scheinen, was mit +ihrer Bewegungslosigkeit übereinkommt; denn die Bewegung ist die +physikalische Seite des Triebes.[70] + +Was für Aussichten diese Tierpsychologie öffnet, das beweist +am sichersten ihre merkwürdige (von mir gar nicht gesuchte) +Übereinstimmung mit der Systematik. Dem Hunde, als Verbrecher, ist +der Wolf verwandt (der Wolf ist Symbol der +Gier+, vielleicht aber +noch von etwas anderem), und der Wolf ist sicher verbrecherisch; dem +Pferde (der Irrsinn), dem Esel (die Dummheit; der Esel ist vor allem +die eigensinnige, starrköpfige und +selbstzufriedene+ Dummheit; er ist +die +Karikatur der Frömmigkeit+; dazu stimmt, daß den Juden, wie die +Frömmigkeit, auch dieses Abbild fehlt; es gibt keinen jüdischen Esel). + +Auch dafür, daß Affe und Mensch einander ähnlich sind, bietet sich hier +eine (nicht deszendenztheoretische) Erklärung. Der Affe ist nämlich die ++Karikatur des Mikrokosmus+: er ist das alles nachahmende Tier, und +notwendig dem Menschen ähnlich; +er zeigt, auf welche Weise man noch +alles sein kann+. + +Die ausgestorbenen Tiere gleichen den ausgestorbenen Völkern, den +Riesen, den Zwergen. + +Der systematischen Verwandtschaft entspricht also in drei Fällen +auch die psychologische Ähnlichkeit und Nachbarschaft: das System +der Psychologie (als Charakterologie) ist danach +identisch+ mit dem +Systeme der Zoologie. + +Merkwürdig ist das Verhältnis der Haustiere zu ihren wilden Ahnen, +z. B. Hund : Wolf = Fliege : Gelse = Schwein : Eber = Katze : Tiger. + +Worauf der Unterschied zwischen Haustier und wilden Ahnen psychologisch +weist, dafür habe ich keine Lösung gefunden. +Aber es liegt hier ein +tiefes Problem verborgen.+ + +Nach den Vögeln scheinen viele Unterschiede unter den Frauen sich +bestimmen zu lassen: + +Die Gans, die Taube, die Henne, der Papagei, die Elster, die Krähe, +die Ente, das findet man alles physiognomisch wie charakterologisch +unter den menschlichen Weibern vertreten. Die Männer dieser Vögel sind +Pantoffelhelden (mit Ausnahme des Hahnes; Papagei?) + +Dagegen sind Kuh, Hündin, Reh, Gazelle, Katze +Säugetiere+, deren Typen +mehr den menschlichen Frauen entsprechen. + +Ochs und Schaf sind wieder zwiefach verwandt. + +An der Schlange sind sehr merkwürdig und tief antimoralisch die ++Häutungen+; auch besteht ein Zusammenhang mit dem Kreise. + +Das Verhältnis von Hund und Hase hat eine Beziehung zum Verhältnis von +Hund und Katze, entsprechend der Ähnlichkeit zwischen Katze und Hase. + +Hund und Hase: der Feige jagt den Feigen. + ++Kater+ findet man unter Männern öfters, auch mit Vorliebe für Katzen +unter den Frauen („mon chat“). + +Der Wurm und die +Schlange+ haben beide zum +buckligen+ Verbrecher +Beziehungen. Stechende Augen gewisser Verbrecher: gehören zu den +Reptilien. + +Der Vogel ist die Sehnsucht der Schildkröte (des +verschlossenen+ +Menschen, der die +Umkehr+ vollzieht, aber noch immer nicht fliegt). + + +Pflanzen. + +Hier nur die Vermutung: wenn alle Tiere unter den Menschen Verbrecher +sind, gibt es +Pflanzen+ unter den Menschen, und was repräsentieren +diese? + +Unter den Frauen gibt es sicher Pflanzen: Rose, Tulpe, Lilie, +Vergißmeinnicht, die Veilchen nicht zu vergessen. Aber unter den +Männern? +Entspricht nicht das pflanzenhafte Sein der Neurasthenie?+ +Den Mangel an +Bewegungs+fähigkeit im Neurastheniker würde das wohl +erklären. Der Neurastheniker ist +anämisch+: mangelnde Zentralisation +in der Pflanze (kein eigentliches Nervensystem): schließlich hat +die Pflanze keine Sinnesorgane (Mangel an Aufmerksamkeit beim +Neurastheniker). + + +Anorganische Natur. + +Das Licht der Sterne ist ein Licht, das nicht mehr +brennt+. + +Das Verhältnis zum gestirnten Himmel ist darum +asexuell+ (Kant +gegenüber Wagner), weil der Stern der Engel ist, und der Engel ohne +Sexualität. + +Die Blumen sind wohl alle weiblich. Die Bäume männlich. Dazu stimmt, +daß nur im +Tier+reich die Weibchen weniger schön sind als die Männchen +(Geschmack des Verbrechers ....??). + +Das Licht ist das Symbol des +Bewußtseins+. Die Nacht (der Schlaf) +entspricht dem Unbewußten. Der Traum hat viel Verbrecherisches. + +Das Licht +raucht+ nicht; alles Feuer raucht (schwarz, antimoralisch; +absolutes Nichts; Kohle; Diamant als Gegenteil, Repräsentant des Etwas, +vollkommen durchsichtig; Durchsichtigkeit als moralisches Symbol; +Bedeutung des Gegensatzes in der Psychologie: Kohle—Diamant). + ++Rot+ ist die Farbe des niederen Lebens und seiner Lust (+grün+ bei +der Pflanze, die Farbe der +statischen Lust+, entspricht dem Rot, +der dynamischen Lust des Tieres, Neurastheniker anämisch, Verbrecher +polyämisch): +blau+ ist die Farbe der Freude und Seligkeit des höchsten +Lebens. + +Das Rot der Hölle ist das Gegenteil vom Blau des Himmels. + +Sehr tief liegt es, daß der +Rauch+ das Auge +schmerzt+. + +Sehr tief liegt es auch, daß das Blut +eisen+hältig ist. Leben und ++Mord+: ὁ τρὡσας ἰασεται (Euripides, Telephos). „Die Wunde schließt der +Speer nur, der sie schlug.“ (Parsifal.) + +Der Berg ist das Symbol des +Riesen+. + +Der Fluß ist das Ich als Zeit. + +Das Meer ist das Ich als Raum. + +Die Quelle ist die Geburt, das Meer Symbol so für Tod wie für Leben: +Aufhören der Individuation kann Tod, kann erst eigentlich Leben +bedeuten. + +Apollinisch : Dionysisch = Fluß : Meer. + +Der Regen +befruchtet+ (Zeugung); der Quell ist die +Geburt+. + +Licht ist auch sinnbildlich für +Erkenntnis+; +Licht und Schall sind+ +=Positionen=, darum beide immer eines +Anteiles+ am =Werte= sicher. +Das Dunkel hingegen wie die Stille führt zur +Furcht+: der Verbrecher, +der sich im Dunkel fürchtet, wird, ohne es zu wissen, erinnert an das +Dunkel, das in +ihm+ ist (an den Tod seiner Seele); er fürchtet sich in +diesem Augenblick also vor sich selbst. + +Aus der nämlichen Ursache, die Licht in der Nacht (+das Feuer ist das +Licht der Nacht+) anders, greller, unheimlicher leuchten läßt, als am +Tage, rauschen Wasser anders, lauter, furchtbarer in der Nacht, als +zur stillsten Tageszeit (Ertränktwerden durch Wasserfluten ist das +seltenere Korrelat der anderen, gewöhnlicheren Vorstellung von der +Höllenpein: des Flammentodes). + +Und die Ruhe des Mittags, wo alle Töne leiser verhallen, ist das +Unheimliche der (scheinbaren) Vollkommenheit, der Wunschlosigkeit, +der (scheinbaren) Erfüllung. Dem Unheimlichen des Mittags (Pan) +entspricht vielleicht die Furcht vor völligem geistigen Klarsehen, vor +Enträtselung aller Probleme (vor dem Lebensende: die Furcht vor der +=atheistischen= +Lösung+). + +Tief ist auch die Furcht vor dem +Weißen+ (Leichentuch); ebenfalls +dieser falsche Schein der Vollkommenheit. + + * * * * * + ++Die Gravitation ist das Symbol des Gnadelosen+; so hoch er sich auch +werfe, der Mensch wird ohne Gnade hinabgezogen. (Der Fall des Sternes +ist der Sünden+fall+.) + +Das Licht ist das Symbol der +Gnade+; es verhält sich zum Auge, wie +Gott zum Gläubigen: es läßt sich nicht sagen, wessen Verdienst das ++Sehen+ ist, ob Verdienst des Lichtes, ob Verdienst des Auges. + +Das +Fliegen+ ist keine volle, geradlinige Überwindung der Gravitation. + +Krankheiten sind vielleicht alle nur +Vergiftungen+: der Seele fehlt +der +Mut+, das Gift ins Bewußtsein zu heben, und dort im Kampfe +unschädlich zu machen; darum wirkt es im Körper weiter. + +Eine solche Vergiftung ist wohl sicher die +Gicht+; sie dürfte stets +auf unmoralische Sexualität zurückgehen. + ++Die Lahmheit ist wohl ein erstarrter Krampf.+ + + +[69] Er +erwartet darum geradezu das Todesurteil+, fühlt dumpf, daß +er es verdient, weil er sich selbst als +wertlos+, d. h. nicht als +ontologische Realität gewollt hat. + +[70] Die Pflanzen ahnen wohl auch den Tod nicht, sind ohne Angst und +wehren sich nicht gegen das Sterben. + + + + +Die Kultur + +und ihr Verhältnis zu Glauben, Fürchten und Wissen. + + +Wissenschaft und Kultur. + + Οὐαὶ ὑμῖν τοῖς νομικοῖς, ὅτι ἤρατε τὴν + κλεῖδα τῆς γνώσεως· αὐτοὶ οὐκ εἰσήλθατε + καὶ τοὺς εἰσερχομένους ἐκωλύσατε. + + (Wehe Euch Schriftgelehrten! Denn ihr + habt den Schlüssel der =Erkenntnis= + weggenommen. Ihr kommt nicht hinein, + und wehrt denen, die hinein wollen.) + + Evang. Luc. 11, 52. + + +Welche Stellung der Wissenschaft im Ganzen der Kulturzwecke rechtlich +gebührt, ist die Frage, welche hier untersucht werden soll. Was ist +Wissenschaft, was kann sie sein und was soll sie sein? + +Diese Arbeit gliedert sich naturgemäß in drei Teile: der erste wird das +Wesen aller Wissenschaft, der zweite das Wesen aller Kultur, der dritte +das Wesentliche ihres Verhältnisses zu erforschen suchen müssen. + + +I. Wesen der Wissenschaft. + +Wissenschaft kommt von Wissen. Mit dem Begriff des Wissens, auf die +Welt angewendet, ergibt sich sofort die Frage: Wie viel kann der Mensch +wissen? + +Das Unternehmen der Wissenschaft besagt, der Gedanke, der in ihr +liegt, heißt: der Mensch kann +alles+ wissen. Er kann es, denn er will +es. Es liegt in der Idee der Wissenschaft, wie in allen historischen +Versuchen zu ihrer Verwirklichung immer, ungestüm und naiv, oder +unbeugsam und zielbewußt, mit kindlichem Wagemut oder männlichem Trotz, +die Forderung: Alles, oder nichts. So stellt auch Goethe das Problem +individuell für Faust: Alles, oder nichts wissen können. + +Den Begriff des Wissens untersucht die Wissenschaft nicht, prüft ihn +nicht. Er ist ihre Voraussetzung, ihre Bedingung, die sie nicht in +Frage stellen lassen kann. Sie fragt nur, um das Wissen zu bejahen, +nicht um es in Frage zu stellen. Sokrates und Kant, die schon bei der +Frage stocken, was Wissen sei, sind ihre Männer nicht. Sie stürmt +vorwärts, und ihr Ziel ist ihr gegeben. Denn sie hat einen Feind, das +ist der Glaube, Glaube im weitesten Umfang. + +Ein Tatbestand kann in doppelter Weise bejaht werden: durch das Wissen ++und+ durch den Glauben. Wenn ich ein Urteil bejahe in Form des +Wissens, so mache ich seinen Inhalt damit unabhängig von mir. Ich setze +hierdurch in der Natur sozusagen eine Schrift, die jeder in gleicher +Weise lesen müsse. Ich stelle ein Faktum hin, als eine Position, die +von meiner Existenz nicht bedingt ist; ich objektiviere etwas, vor +dem ich wie andere in alle Zukunft mich werde beugen müssen, das aber +unser aller nicht weiter bedarf. Wenn ich hingegen etwas +glaube+, so +setze ich meine +Persönlichkeit+ an die Stelle jener Objektivität, +jener allgemein gültigen Existenz; ich gebe durch einen freien Akt +meine Zustimmung zu einer Möglichkeit, ich setze +mich+ ein für ein +problematisches Urteil. Die Gewißheit des Gewußten ist unabhängig von +meinem Wissen, die Gewißheit eines Glaubenssatzes beruht darauf, daß ++ich ihn glaube+. Ein Glaube ist nichts ohne die Gemeinde, die ihn +glaubt. Die Gewißheit meiner Heilung durch Berührung einer Reliquie +ist da mit meinem Glauben an diese Möglichkeit. Auch der ganze Mensch +kann mit seinem Glauben stehen und fallen: es kommt darauf an, wie viel +von +sich+ er in seinen Glauben hineingelegt hat. Hat er sich ganz +hineingelegt, so handelt es sich um Leben und Tod. + +Hierbei ist streng unterschieden zwischen Glauben (πίστις) und Meinen +(δόξα). Die +Meinung+ eines Mannes der Wissenschaft, daß sich in seinem +Gebiete etwas in bestimmter Weise verhalten werde, die +Hypothese+, +verzichtet durchaus nicht auf Begründung; daß auch der logische +Charakter der wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeit, bloß auf das eine +gemeinsame Element des Nicht-+Wissens+ hin, mit dem gänzlich alogischen +Charakter des Glaubens so oft auf eine Stufe gesetzt, daß das Vermuten +mit dem Glaubenstitel bekleidet wird, tritt der prinzipiellen Klärung +über den Begriff des Glaubens immer wieder hindernd entgegen. +Der+ +Glaube, von dem als solchem einzig die Rede sein dürfte, wenn nicht +grundverschiedenes den gleichen Namen empfangen soll, hat auch mit +der Wahrscheinlichkeit nichts zu tun. Er bedarf der Logik nicht; ++während im tiefsten Grunde die Logik nicht auf ihn verzichten +kann+. Die letzten Sätze der Logik, der Satz des Widerspruches und +der Identität, können nicht mehr +gewußt+, sondern müssen +geglaubt+ +werden. Wie die Ethik ein Subjekt voraussetzt, das +will+, so bedarf +auch die reine, formale Logik, deren Prinzipien in stolzer Erhabenheit +und Selbstgeschlossenheit über den Köpfen der Individuen zu thronen +scheinen, eines Subjektes, das +glaubt+. Daß die Ethik gewollt werden +muß, daß die moralische Maxime sich an den Willen wendet, daß der +sittliche Wert mit dem Anspruch auf +Schaffung+ des Willens auftritt, +wird man eher geneigt sein zuzugeben, als daß die theoretischen Sätze +der Logik an die Zustimmung des Individuums gebunden sein sollen. Und +doch ist dem so. Der Schein, daß die Logik sich nicht an das autonome +Individuum wendet als ein +zweiter+ kategorischer Imperativ, der +unbedingten Gehorsam verlangt, und dessen Quelle ebenso in unserem +intelligiblen Wesen zu suchen ist, wie die des anderen Imperativs, +den Kant irrtümlich für den einzigen ansah, wohl weil beide im Grunde +eines sind — dieser Schein entsteht dadurch, daß die Ethik eine +Verwirklichung +in der Zeit+ will, während die Logik sozusagen +vor +aller Zeit+ ist. Die Ethik sagt, was werden soll, die Logik sagt, was +ist, daß +etwas+ =ist=, daß gewisse Sätze Geltung haben. Die Ethik gibt +so der Geburt einen Sinn im Hinblick auf den Tod, die Logik nimmt dem +Streben seine Sinnlosigkeit, indem sie von der Geburt aus negiert, daß +ihm +alles+ verfällt. + +Wenn ich den Satz A = A nicht anerkennen, ihn vielmehr zu widerlegen +versuchen wollte, so würde ich mich der Logik bedienen müssen, d. h. +eben dieses Satzes. Wenn ich mich irgendwo nicht nach ihm richtete, +so würde es heißen, meine Ableitung sei falsch. Der Satz selbst ist +also das Kriterium von Wahr und Falsch, und bereits der Maßstab +meiner Deduktion, die Norm, die ich selbst an sie anlege, sowie ich +zu deduzieren beginne. Ich kann also nur alles Folgern ablehnen, +mich des Urteiles enthalten. Ob ich den Satz nun zu widerlegen, oder +auch, ob ich ihn zu beweisen unternähme, er wäre beidemale schon in +der Argumentation als wahr +vorausgesetzt+, ich hätte das Resultat in +beiden Fällen +erschlichen+. Der Satz bleibt also eine +These+, die +nicht bewiesen und nicht widerlegt werden kann. Ich kann mich um ihn +bekümmern, bin aber dazu +logisch+ nicht mehr verpflichtet, denn die +Logik gipfelt eben in dem Inhalte dieses Satzes (und seinen beiden +anderen Ausdrucksformen, auf deren größere oder geringere Vorzüge vor +einander hier nicht eingegangen werden soll, den Sätzen vom Widerspruch +und vom ausgeschlossenen Dritten). Daß ich von ihm nicht loskommen +kann, mag den pathologischen Psychologen interessieren, für die +Auseinandersetzung mit ihm ist es von keiner Bedeutung; ich kann auch +von verschiedenen anderen Dingen nicht loskommen, z. B. von mir selber. ++Die Logik läßt sich also nicht beweisen, nicht ableiten aus etwas +anderem: was zu beweisen war.+ + +Ich kann demgemäß die Logik nur aus freiem Willen anerkennen, indem +ich den absoluten Maßstab mit ihr +setze+. Der Satz A = A ist +die+ +These überhaupt: die Tatsache des Maßstabes, d. h. daß es einen Maßstab ++gibt+, ist +mein+ =freier Akt=. Hätte das Prinzip der Identität einen +Obersatz, so gälte von diesem dasselbe u. s. f. Mit der +Freiheit+ +des Subjektes als Noumenon ist es ja gar nicht anders verträglich: +die Logik +darf+ ihm keine Vorschriften machen, an die es sich binden ++müßte+. Es kann die Logik anerkennen, indem es sie selbständig, durch +den höchsten Akt der Spontaneität, zur Norm des eigenen Denkens macht; +es darf aber nie von der Logik bezwungen werden. Ob ich die Logik ++setze+ und sie zum Richter über all mein künftiges Denken mache, oder +auf sie verzichte, in beiden Fällen handle ich +frei+. Wer auf die +Logik verzichtet, der verzichtet auf das Denken. Wer auf das Denken +verzichtet, der ergibt sich aus freiem Willen der Willkür. Auch die +Logik ist aus freiem Willen gesetzt, aber mit ihr +bindet+ sich die +Persönlichkeit +in Freiheit+. Die logische Norm ist ein „Gesetz der +Freiheit“ nicht minder als die sittliche Pflicht, nach jenem Begriffe +Kantens von den Gesetzen, „welche sagen, was geschehen soll, ob es +gleich vielleicht nie geschieht, und sich darin von Naturgesetzen, die +nur von dem handeln, was geschieht, unterscheiden, weshalb sie auch +praktische Gesetze genannt werden“. (Kritik der reinen Vernunft, Kanon +der reinen Vernunft, erster Abschnitt.) + +Damit ist gezeigt, daß auch die Logik sich an ein +freies+ Wesen +wendet, mit dem Anspruch, von demselben zur bindenden Maxime seines +Denkens gemacht zu werden; ebenso wie der kategorische Imperativ +Kantens mit der Forderung auftritt, zur alleinigen unbedingten Maxime +des Handelns gemacht zu werden. Mit diesem Nachweise der Logik als +spontaner Bindung des intelligiblen Subjektes ist eine Ergänzung der +Kantischen Philosophie erstrebt. + +Man wird also die Absicht dieser Untersuchung nicht mißverstehen. +Nichts liegt ihr ferner als an der absoluten Logizität des Weltalls +auch nur den leisesten Zweifel zu erheben, von der sie ebenso +durchdrungen ist wie von seiner absoluten Ethizität. Was ich behaupte, +ist, daß man beide nicht +wissen+, sondern nur +glauben+ kann.[71] +Für Logik und Ethik liegen die Verhältnisse ganz gleich. Es läßt sich +nicht +beweisen+, daß der Mensch das Gute tun +soll+. Denn ließe sich +das noch ableiten, so wäre die Idee des Guten Folge einer Ursache +und könnte also auch Mittel zum Zwecke werden. Das Gute muß, wenn +es getan werden soll, um seiner selbst willen getan werden, also +identisch sein mit dem, was absolut nicht Folge eines Grundes sein, +absolut nicht Mittel zum Zwecke werden kann. Ebenso aber kann ich +nicht mehr beweisen, warum das Wahre vor dem Falschen zu erwählen ist; +die Wahrheit kann ihren Rechtsanspruch vor der Falschheit, vor Irrtum +und Lüge, nicht mehr begründen, ebensowenig als Kant in jenem Kapitel +seiner Religionsphilosophie, das „Über den Rechtsanspruch des guten +Prinzips vor dem bösen“ überschrieben ist, das Gute noch plausibel +zu machen vermochte. Gegen den Teufel argumentiert man nicht. Man +behauptet sich gegen ihn oder man verfällt ihm. + +Hier liegt die tiefe Berechtigung der tiefsten christlichen Idee, der +Idee der +Gnade+. Wer die Logik, die Ethik +nicht+ setzt; wem nicht +sonnenklar ist, daß das Gute zu erwählen ist vor dem Bösen, wer hier +nicht unbedingt eindeutig, einsinnig wählt und sich entscheidet, wer +sich gegen den Teufel nicht behaupten +will+ und zweifelt, ob man +sich gegen ihn behaupten +solle+, der ist eines Dinges nicht teilhaft +geworden: der +Gnade+. Auf ihn hat sich die Taube nicht gesenkt, er +ist nicht von jenem heiligen Geiste erfüllt, der das Gute und Wahre ++ergreift+. + +Vielleicht verstehen wir jetzt auch jenes oft angeführte Wort ++Spinozas+: „Sane sicut lux se ipsam et tenebras manifestat, sic +veritas norma sui et falsi est.“ (Ethices Pars II, Prop. 43, Schol.) +Mit der Idee der Wahrheit begebe ich mich auch des Maßstabes, an dem +ich etwas messend es für falsch erklären kann; wo kein Gesetz mehr +ist, da ist nur mehr Willkür. Auch die Idee der Wahrheit läßt sich +nicht demonstrieren; denn ließe sie sich demonstrieren, so dürfte ich +die Wahrheit um etwas anderen willen wollen. Ebenso +darf+ sich meine +eigene Existenz, +darf+ sich das Ich nicht beweisen lassen, wenn es ++Wert+ haben soll, und ebenso das Du nicht ableiten lassen, wenn es +nicht Folge eines Grundes ist, und wenn es nicht als Mittel zum Zweck +soll gebraucht werden können. +Die Widerlegbarkeit des Solipsismus+ +wäre mit der +Ethik+ gar nicht =verträglich=, ebensowenig wie es die +Möglichkeit wäre, die Existenz des eigenen Ich zu +beweisen+. Daß weder +die eigene noch die fremde Seele bewiesen werden kann, liegt also in +der Idee der Seele beschlossen. Wäre sie ableitbar, so wäre sie nicht +das Letzte. Die These des Solipsismus wird immer wieder zu widerlegen +versucht, von den letzten zwanzig Jahren ist nicht eines vergangen, +ohne mindestens einen Widerlegungsversuch desselben zu bringen. +Man versteht offenbar das Pathos gar nicht, auf dem der Satz ruht: +„die Welt ist +meine+ Vorstellung.“ Er bedeutet: +Es+ =wird= +etwas +geändert, wenn ich nicht bin+. +Ich+ werde zur +Substanz+, und „duae +ejusdem naturae substantiae non dantur.“ (Spin. Eth. 2, 10 Schol.) +Das Zurückschrecken vor dem Solipsismus ist Unvermögen, dem Dasein +selbständig Wert zu geben, Unvermögen zu einer reichen Einsamkeit, +Bedürfnis, in der Menge sich zu verstecken, in einer großen Anzahl zu ++verschwinden, unterzugehen+. Es ist feige. + +Logik und Ethik führen +beide+ zur Idee des letzten Zweckes der Zwecke +und des letzten Grundes der Gründe, zur Idee des Absoluten oder der +Gottheit, und es war von +Platon+ und +Kant+ einseitig, die Gottesidee +bloß auf die Ethik zu basieren, sie bloß dem +moralischen+ Gebiete der +religiösen Vorstellungen zu entnehmen. Die Idee dessen, was nicht mehr +durch ein anderes bedingt, d. h. frei ist, und so auch nicht Mittel +zu einem anderen Zwecke werden kann, d. h. selbst oberster Zweck +und absolute Ursache ist, bildet zugleich die Idee eines höchsten +Wesens, die Idee des Subjektes in höchster Potenzierung, die Idee +desjenigen, in dem Wert und Wirklichkeit vollkommen kongruieren, +ontologische und phänomenale Realität eins geworden sind; die Idee +Gottes ist die Idee des Dinges an sich, sie ist aber auch die Idee +einer +Weltseele+. Die Widerlegung der Gottesbeweise, so scharfsinnig +sie ist, sie ist überflüssig; denn es liegt in der Idee eines höchsten +Wesens, daß dieses nicht mehr ableitbar ist. Und auch die Mahnung der +Religionen, Gott nicht zu versuchen, so tief sie ist, sie ist in sich +widerspruchsvoll; denn wer Gott versucht, d. h. als Mittel zum Zweck +gebraucht, der kann dessen, was seiner Idee nach nicht Mittel zum Zweck +werden kann, gar nicht teilhaft sein; wenn er Gott kennt, so wird er +ihn nicht versuchen; und wer ihn versucht, der kennt ihn nicht. + +Wer das Wunder verlangt, um zu glauben, der verlangt etwas in sich +Widerspruchsvolles, Gründe des letzten Grundes, er ist töricht und +verblendet; aber er ist auch böse, denn er versucht Gott, er benützt +ihn als Mittel zum Zweck, damit er an ihn glaube. Darum sagt Goethe ++absichtlich+ nicht: „Der Glaube ist des Wunders liebstes Kind,“ +sondern: „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“ Das Wunder kann ++nur+ aus dem +Glauben+ folgen, der Glaube wirkt +immer+ Wunder, aber +nie wirkt das Wunder den Glauben (außer bei den Frauen). Das Wunder, +das vom Ungläubigen verlangt wird, auf daß er glaube, ist seine letzte +Unmoral: denn er verlangt so, zum Glauben von außen +gezwungen+ zu +werden; dies ist die gröbste Persiflage des Gedankens der Gnade, und +ein Mißverständnis, das oft (insbesondere bei den Juden) zu treffen +ist. Geschenke von Gott sind nicht Geschenke, bei denen der Mensch +passiv, unfrei wird; es ist das Geschenk der Freiheit selbst, um das es +sich handelt. + +Kehren wir von diesem denkbar höchsten Gipfel, der unserer Untersuchung +zu besteigen möglich war, und den sie so früh erklommen hat, mit +gereinigter Anschauung zu ihrem Ausgangspunkte zurück, so erblicken wir +als ihr Resultat von höchster Wichtigkeit dieses, daß alles +Wissen+ +auf dem +Glauben+ beruht. Damit ist keineswegs die ebenso triviale +als grundfalsche und bodenlos seichte Phrase wieder aufgewärmt, daß ++Wahr+heit nur ein höchster Grad von +Wahrscheinlichkeit+ sei. Die +gewonnene Erkenntnis geht vielmehr darauf, daß alles +Wissen+ nur in +Anwendung der Logik auf konkrete Inhalte beruht, die Logik selbst aber +nur +geglaubt+ werden könne. +Die Religion kann auf das+ =Wissen=, ++das Wissen aber nicht auf den Glauben, auf die Religion verzichten+. +Aus der Thesis A = A kann man nicht, wie Fichte wollte (in einem bei +allem +Schein+ der Abstraktheit an gewaltigster Kühnheit einzigem +Unternehmen), mittels der dialektischen Methode die ganze Welt +deduzieren; aber die Thesis A = A ist gesetzt in der Urthese, in der +metaphysischen +Position+, daß +etwas sei+, in der freien Setzung eines +existierenden Vollkommenen, des höchsten Gutes durch den Menschen, in +jener Handlung, welche +Religion+ heißt. +Religion ist die Erneuerung +der Welt durch die Tat+, indem durch sie die Welt erst unter dem +Gesichtspunkte eines absoluten Wertes und Zweckes betrachtet und damit +des „von ohngefähr“ entkleidet wird; ihre Wiederholung und höchste +Bejahung durch das frei wählende Individuum, das dem Ganzen vermöge +höchster Spontaneität einen Sinn +gibt+; der Entschluß des Menschen, +eine Bestimmung zu haben und diese Bestimmung zu erfüllen. =Gott ist +die Bestimmung des Menschen, Religion der Wille des Menschen, Gott zu +werden.= Religion ist die freie Position des Reiches der Freiheit, +des Absoluten, Neuschöpfung des Universums, Setzung des +Etwas+ im +Gegensatze zum Nichts. So bleibt dem Glauben sein Recht stets gewahrt +gegenüber dem Wissen, als dessen Voraussetzung er sich uns enthüllt +hat. Wie der Glaube überall zum absoluten Etwas, so führt der Unglaube +überall zum Nichts. Er bejaht kein ὄντως ὄν, keinen höchsten Wert, als +das metaphysisch Seiende, und wird darum theoretisch zum +Nihilismus+ +(Relativismus, Skeptizismus, heute in merkwürdiger und sehr +bezeichnender Verkehrung, sozusagen vom Geschäftsstandpunkte aus, meist +Positivismus genannt), in praktischer Beziehung zum +Indifferentismus+. +Beide differenzieren sich, je nachdem sie dem Glauben an die Logik +oder dem an die Ethik entgegenstehen: ohne die Idee der Wahrheit +kommt es theoretisch zum +Agnostizismus+ oder +Phänomenalismus+, in +dem für den Begriff der Wahrheit kein Platz mehr ist, praktisch zum ++Illusionismus+, der der Wirklichkeit sowenig selektiv gegenübersteht, +wie der schlafende Mensch den Traumgestalten, die an seinem nur +passiven Geiste vorüberziehen; ohne die Idee des Guten erübrigt +theoretisch nur der +Determinismus+, der das Individuum nicht mehr +werten läßt, weil er ihm nichts mehr zurechnet; und praktisch der ++Fatalismus+, der auf jedes Wollen, weil auf jedes Wollen des Zieles, +Verzicht geleistet hat. + +Angesichts des unsäglich tiefen Niveaus der heute üblichen Kontroversen +über „voraussetzungslose Wissenschaft“ sei nochmals wiederholt: es +gibt nur ein +freies Glauben der Logik+, wie ein freies +Wollen der +Ethik+. Religion ist das letzte hier wie dort. Das +Wissen+ hat nur +die +Logik+, das +Erkennen-Wollen+ die Idee der +Wahrheit+ zu seiner ++Voraussetzung+; an diese aber kann ich nur =glauben=. +Glaube+ ist +die stete, bewußte oder unbewußte Voraussetzung der Wissenschaft, +er immaniert vom Uranfang an jeder ihrer Unternehmungen. Die Idee +des Guten—Wahren, die Existenz eines höchsten wesenhaften Wertes und +eines höchst vollkommenwertigen Wesens, die Existenz Gottes, beweisen +zu wollen, ist eine praktische Contradictio in adjecto: es liegt im +Begriff der Gottheit, daß sie nicht bewiesen, sondern nur geglaubt +werden kann. So gibt es auch keinen höheren Richterstuhl mehr, vor +dem sich Logik und Ethik auszuweisen, vor dem sie zu bestehen hätten; +ich kann beider Rechte nicht mehr begründen. Dem verzweifelten Worte +Pascals (Pensées 2, 17, 107), man müsse den absoluten Maßstab auch +darum annehmen, wenn man nicht wisse, ob er bestehe, weil man nur auf +diese Weise sicher sei, nicht gegen ihn zu fehlen, +wenn+ er existiere +— diesem Argumente des entsetzlichsten Zweifels möchte ich das andere +entgegensetzen: +Gott muß sein, wenn ich Wert haben soll.+ Wenn Gott +nicht ist, so kommt auch für mein Leben das Wertproblem nicht mehr in +Frage, ich bin dann nichts, und nicht einmal zur Demut habe ich dann +Veranlassung, weil auch diese mir meine Wertlosigkeit +angesichts+ des +Wertes vorstellt: +Gott+ muß sein, auf daß ich +sei+; ich +bin+ nur +soviel, als ich +Gott+ bin. + +Daß dies das Wesen des Gottesgedankens und seine Bedeutung für die +Menschheit ist, daß Gott der vollendete Mensch, der vollendete Mensch, +wie Jesus Christus, Gott ist, daß der Glaube an Gott nur der höchste +Glaube an sich selbst ist, haben die tiefsten Geister wohl erkannt; +Geister zweiten Ranges freilich gibt es, welche gerade dahin nie +gekommen sind. Es ist das denkbar größte Mißverständnis der Gottesidee, +und anwendbar nur auf den Gottesbegriff der Juden, mit +Schopenhauer+ +(Neue Paralipomena, § 395) zu sagen: „Sobald Gott gesetzt ist, bin ich +nichts“, oder mit +Nietzsche+ (Also sprach Zarathustra): „Aber Freunde, +daß ich Euch ganz mein Herz verrate: wenn es einen Gott gäbe, wie +ertrüge ich es dann, kein Gott zu sein? +Also+ gibt es keinen Gott.“ +Das Ich wird nicht kleiner, sondern größer durch allen wahren Glauben. +— — + +Der Glaube, auf dessen Elimination die Wissenschaft ausgeht, erweist +sich demnach als ihre eigene Basis. Freilich hat auch noch immer jedes +Zeitalter von extremer Wissenschaftlichkeit Blüten getrieben, welche +die Idee der Wahrheit selbst zu verleugnen suchten; die +Übertreibung+ +des +Wissens+anspruches führt zu seiner +Negation+, indem die Logik, +seine +Voraussetzung+, als nicht mehr wißbar, in Zweifel gezogen wird. + +Dem Glauben nämlich korrespondiert der +Zweifel+, (praktisch: die ++Verzweiflung+); die Idee des Wissens hat zur Korrelation die +Frage+. +Der Zweifel, der ebenso individuell ist als der Glaube, hat, was +konkrete Inhalte anlangt, in der Wissenschaft keinen Platz; der +Glaube +der Wissenschaft+ ist der an die +formale+ Logik. + +Die Unterscheidung zwischen Glauben (πίστις) und Wissen (γνῶσις), +der Kampf darum, ob ein Urteil auch gewußt werden kann, nicht nur +geglaubt, hat in der Geschichte der Philosophie eine berühmte Rolle +gespielt (+Hume-Kant+) und nimmt noch heute einen sehr weiten Raum +in den zahlreichen Kontroversen über die Theorie des Urteiles ein. +Sicher scheint mir, wenn die wissenschaftliche Vermutung und die +mathematische Wahrscheinlichkeit, ihrem psychologischen Charakter +gemäß, vom Gebiete des Glaubens ausgeschieden werden, folgendes +festzustehen: Im Glauben wird auf Beweisbarkeit, auf Ableitbarkeit, +auf das allgemeinere Sichtbar- und Plausibelmachen des Geglaubten, auf +alles Demonstrierbare verzichtet. Der Glaube involviert eine Schenkung +meinerseits, ich gebe dem Urteil, an das ich glaube, von mir, gebe ihm ++mich+.[72] Das Geglaubte steht außerhalb der Logik, an die ich ja +selbst nur glauben kann. Darum kann ich glaubend, aber nicht wissend +bejahen, was „absurd“ ist. Der +Wissende+ stellt seinem Subjekt ein +Objekt gegenüber, löst aber dieses vollständig von jenem, als einer +Welt der Realität angehörig, die unabhängig von seinem und jedem +Subjekt besteht. =Glauben= +kann man im Grunde nur an sich selbst+. +Die transzendentale Methode Kantens bestand darin, im Individuum die +überindividuellen Bedingungen aufzusuchen, welche +Wissenschaft+ als +solche konstituieren. Er fragte, was Wahrheit ihrem Begriffe nach +sei, nochmals und anders als man bisher gefragt hatte. An die Idee +der Wahrheit selbst kann aber der Mensch nur +glauben+ und sich ihr +unterordnen durch sein individuelles Wahrheitsstreben. Fichte hat +erkannt, daß der Satz der Identität, der formal sich mit dem Begriffe +der Wahrheit deckt, identisch ist mit dem Satze: +ich bin+. Also auch +der Glaube an die Logik ist im letzten Grunde Glaube an sich selbst. +Und der bekannte Vers des Angelus Silesius, in dem es heißt, daß Gott +ohne +ihn+ nicht sein könne, zeigt uns nun den Grundgedanken der Mystik +als identisch mit der tiefsten Tiefe der Logik und von dieser aus +erreichbar. + +Der Wissenschaft liegt, vermöge dieses Gegensatzes zwischen +Individualität und Allgemeingültigkeit, alles daran, den Glauben zu +eliminieren. So wenig sie sonst ihre Argumente aus der Ethik holt, hier +hat sie es immer geliebt, die moralische Verurteilung zu benützen, +welche aller +Aberglaube+ mit Recht erfährt, und diesem den Glauben ++als einen Spezialfall unterzuordnen+, allen Glauben in Aberglauben +aufzulösen. Was ist Aberglaube? Aberglaube ist eine Bejahung des +Alogischen, welche nicht eine Selbstbejahung des Ich voraussetzt, +nicht durch ein wertspendendes Ich erfolgt; er ist Setzung eines nicht +gewußten Zusammenhanges, also nicht in freier Aktivität, sondern in +passivem Zwange. Im Aberglauben (seiner Psychogenesis nach) fügt sich +das unfrei gewordene Subjekt jedem beliebigen Inhalt. Darum hängen auch +Aberglaube und Furcht so innig zusammen. Es gibt keinen Aberglauben, +der nicht furchtsam machte, keine Furcht, die nicht abergläubisch +wäre. Furcht aber gibt es nur vor der Aufhebung der Individualität, +vor dem Verluste des Zusammenhanges mit dem Absoluten, für den der +Mensch durch das Logische und das Ethische in seiner Persönlichkeit +(durch die „Vernunft“ Kantens) Gewähr hat. Todesfurcht, Furcht vor +dem Doppelgänger, vor dem Weibe (die nur das Gefühl ist, daß die +Frau keine metaphysische Realität, keine Existenz hat), vor der Sünde +und vor dem Irrsinn, das läßt sich mit leichter Mühe aus diesem +allgemeinsten Schema der Furcht ableiten. Der Wille zum Wert, zum +Absoluten, zu ihm hin oder zu seiner Festhaltung, ist die letzte, +allgemeinste menschliche Eigenschaft. +Furcht ist gleichsam nur die +Kehrseite des Willens zum Werte, die Weise, in der er offenbar wird, +wenn seine Negation droht.+ Die furchtbarste Furcht, die Furcht vor +sich selbst, erklärt sich ebenfalls auf diesem Wege: es ist die Furcht +vor dem empirischen Ich; die Furcht vor der Reduktion der zeitlosen +Persönlichkeit auf ein punktuelles Zeitelement ist in jenem Augenblick +immer da, wo die Gegenwart als Zeitaugenblick überhaupt zum Bewußtsein +kommt, statt daß der Mensch irgendwie durch den Gedanken an Zukunft +oder Vergangenheit ausgefüllt werde, d. h. sich wollend oder denkend +verhält.[73] Die objektive Seite der Furcht vor sich selbst kommt +in der Unheimlichkeit der These des absoluten Phänomenalismus zum +Vorschein, welche lehrt, daß nur die Empfindung Realität habe, und ich +der fortdauernden Existenz einer Wand, die ich eben betrachtet habe, +nicht mehr versichert bin, wenn ich ihr den Rücken zukehre. Indem +es in Frage gestellt wird, ob die Wand noch da sei, wenn ich mich +umdrehe, scheint die Existenz der Welt des „transzendentalen Objektes“, +wie früher die des „transzendentalen Subjektes,“ auf ein Zeichen +eingeschränkt und dadurch irreal, +wertlos+ gemacht; der Kontinuität +des Ich, welcher objektiv die Kontinuität der Welt entspricht, droht +Aufhebung. Der Verbrecher, der sein kontinuierliches Ich prostituiert, +preisgegeben hat, besitzt nichts mehr, +das er Diskontinuitäten in der +Außenwelt entgegensetzen könnte+: darum schrickt er so leicht zusammen: ++denn Schrecken gibt es nur vor Diskontinuität+. + +Unheimlich ist darum alles Vergessen, unheimlich die Redensart: „Das +ist nicht mehr wahr;“ denn sie übergibt einen Teil meines Ich, eine +Erinnerung von mir, der Vernichtung. + +Furcht ist also der durch die Gefahr seiner Negation offenbar gewordene +Wille zum Wert. Da aber Negation des Wertes nur +durch+ den Wert und ++vor+ dem Wert möglich ist, so erklärt sich hieraus auch die Furcht +vor der +Strafe+ Gottes, die Furcht vor Krankheit und Armut, sofern +diese als solche betrachtet werden, und die Furcht vor der Hölle. „Kein +Mensch ist gut,“ hat Christus gelehrt, und einerseits ist darum kein +Mensch frei von Furcht; aber, trotz aller „moral insanity“, es gilt +auch der andere Satz: Kein Mensch ist böse.[74] Der absolute Verbrecher +würde freilich ebensowenig die Furcht kennen wie der absolute Heilige; +da es aber auch keinen Menschen gibt, der gänzlich böse wäre, so ist +auch hier keine Instanz gegen die Allgemeinheit der Furcht zu finden, +wenn es auch Annäherungen an Furchtlosigkeit gibt. Die Furcht des +Verbrechers ist die aus dem dumpfen Bewußtsein seiner Tat erwachsene, +nicht vor der Idee des höchsten Wertes, der Bestimmung des Menschen +bestehen zu können, von dieser als wertlos beiseite geworfen zu werden. +Darum ist Furcht nur durch das sichere Bewußtsein von eigenem Werte zu +überwinden. Den eigenen Wert +schafft+ aber der Mensch in +Freiheit+, +oder er wirft ihn weg und verzichtet auf +Schöpfung+, die immer +Wertschöpfung ist. In der Furcht gelangt dem bejahenden, schaffenden +Menschen die Negation der Tat zur Abhebung: darum gibt es, kurz +gesprochen, Furcht nur vor +Passivität+. Furcht vor dem Unbekannten ist +Furcht vor dem +Unbewußten+; denn nur wessen der Mensch sich bewußt +ist, dem gegenüber ist er +frei+ (weil er noch außer ihm, über ihm +steht). Der Mensch würde sich auch vor dem Tode nicht fürchten, wenn er +ganz Sicheres um ihn wüßte. Da aber kein Mensch weiß, wie viel von ihm +leben wird, ob er nicht bloß Engel ist (denn nur sein Engel bleibt am +Leben), sondern auch Teufel, weil jeder schuldig ist, darum fürchtet +sich jeder vor dem Tode. + +Ich fasse die Daten zusammen, aus denen sich hier die Theorie der +Furcht ergibt. Furcht gibt es nur vor dem Nicht-Sein, vor dem +Nichts; Furcht gibt es nur vor dem Bösen, vor Irrsinn, Vergessen, +Diskontinuität, vor dem Weibe, dem Doppelgänger, vor dem Tod, vor +Schuld—Strafe (= Vergangenheit—Zukunft), vor Schmerz, vor Passivität, +vor dem Unbewußten (dem Schicksal), vor Krankheit, vor Verbrechen — das +alles aber ist eines. Es ist Furcht vor dem Tode. + +Ich berufe mich hier auf die Theorie des zweifachen +Lebens+ +(„Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 377 bis 381; vgl. S. 274, +399, 440). +Furcht ist die Kehrseite des Willens zum Leben, die +Reaktion alles Lebens gegen alle seine Feinde.+ Darum gibt es tiefere +und gewöhnlichere Furcht, je nachdem es ans irdische oder ans ewige +Leben geht: Furcht vor dem irdischen, stofflichen, Furcht vor dem +metaphysischen, seelischen Tode. Die erste Furcht kennen auch die +Tiere, die zweite nur der Mensch (er freilich auch die erste). Weil +nun alles Leben durch Liebe entsteht, das niedere durch Liebe zur +Materie (Essen und Geschlechtsverkehr), das höhere durch Liebe zu Gott +(geistige Nahrung; Liebe zu Gott kann Liebe zur Wahrheit, zum Guten, +zum Schönen heißen), so ist +Furcht+ das aller +Sexualität und aller +Erotik Entgegengesetzteste+.[75] Darum umschlingen sich Menschen, die +getötet werden sollen, koitieren Mann und Weib, wenn ein Erdbeben sie +zu vernichten droht. Darum sucht der Mensch (nicht nur des physischen +Erfolges halber) stets Verbindung mit anderen, wenn er sich fürchtet; +zwei Menschen schlafen +zusammen+, um leichter einer Furcht Herr +werden zu können. +Die Furcht vor der Einsamkeit ist die Kehrseite +des Willens zur Totalität+, und alle Furcht steigert sich, je weiter +die Entfernung von der räumlich-zeitlichen Totalität wird. Darum aber +ist auch das physische Abbild der Furcht im niederen Leben +Atemnot+; +(weil der Atem, das Prinzip des =Lebens=, den +Zusammenhang+ mit dem +All herstellt; „Geschlecht und Charakter“, S. 380, Anm. 1), und ist +Atemnot der Angst so verwandt, daß Angst mit +enge+, angustiae, angina +(Zuschnürung der Kehle) aus derselben Wurzel gebildet ist. + ++Furcht also ist das Gefühl einer Leblosigkeit; und es gibt Furcht nur +vor dem Tode.+ + +Die Furcht und die Liebe haben beide ihre Phantasie: die Furcht eine +passive, die Liebe (in jenem weiteren Sinn, in dem auch geistige +Produktion Liebe ist) stets eine aktive. Die Visionen des Hamlet, +der ein und dasselbe Ding fortwährend sich verwandeln sieht, sind +passive Phantasie, und Ausfluß von Furcht: +hier wird nicht der Satz +der Identität mehr gesetzt+ (auch fürs Objekt; vgl. „Geschlecht und +Charakter“, S. 201 f., 246). Auch der Verbrecher leidet, weil in ihm am +meisten Passivität ist, darum an schreckhaften Halluzinationen, er hört +fortwährend Stimmen, wenn er allein ist, gleich wie der Irrsinnige. + +Mut: +das ist das Selbstvertrauen des höheren Lebens+. Wer ganz mutig +ist, wie Siegfried, der ist rein, schuldlos. Darum hängt der Mut mit +dem Herzen zusammen; er entspricht der Gewalt des Herzschlages, wie +der Atem der „Verbundenheit“ (Rappaport), und es ist das Quantum Mut, +das ein Mensch hat, der sicherste Anzeiger seiner Größe, Reinheit, +Genialität. + +Furcht aber ist das Mißtrauen des Lebens, weil es noch Ränder hat, +und dort Abgründe sind. Der Glaube an sich schafft den Mut und die ++Hoffnung+ (das ist das Ich auf dem Wege zu seiner Verwirklichung). + +Der Glaube, welcher das ewige Leben durch seine Bejahung im Wollen und +Denken setzt, ist der Antipode +des Gefühles der Leblosigkeit+, =er= ++ist der Besieger der Furcht+. + +In einem Glauben selbst steckt aber um so mehr Furcht, je mehr +Aberglaube in ihm ist. Es gibt wohl keinen speziellen, individuellen +Glauben, der ganz frei von Aberglauben wäre. Durch den Aberglauben aber +wird, in Gegensätzlichkeit zum Glauben, die autonome Persönlichkeit ++vernichtet+, jedem zufälligen, zeitlich-räumlichen Zusammentreffen +zweier Geschehensreihen, die erfahrungsgemäß voneinander unabhängig +sind, d. i. dem Zufall +preisgegeben+. Im Aberglauben verknüpft der +Mensch sich +funktionell+ mit anderem, negiert die eigene Freiheit +für alle Zukunft, und erklärt sein Wollen und Sollen für fatalistisch +gebunden. + +Aller Aberglaube +verlangt+ darum Zeichen und Wunder; denn Aberglaube +ist die +Abdikation+ selbständigen Denkens und Handelns; der bigotte +Feldherr, der nach den Eingeweiden oder Sonnenfinsternissen seine +Beschlüsse einrichtet (und hierdurch nur seine Furcht verrät; wie +Nikias, wie Kaiser Julian bei +Ibsen+), hat auf alle Aktivität, und +damit auch auf den Erfolg, von vornherein verzichtet. + +Im Glauben bejaht in Freiheit kühn und todesmutig der Mensch sich +selbst, sein innerstes göttliches Wesen, im Aberglauben +nickt+ er +furchtsam zu jeder Wendung des Spieles, er gibt seine +Freiheit+ des +Denkens und Handelns auf, indem er sie an etwas +bindet+. Darum ist +Aberglaube stets kleinmütig und feig, Glaube großherzig und tapfer; +darum leidet ein Mensch um so mehr an seinem Aberglauben, je mehr er +zum Glauben fähig ist. + +Das Problem der Furcht gibt an Tiefe und Abgründlichkeit keinem anderen +etwas nach. Ich habe nicht die Absicht, diese bloßen Andeutungen hier +nach allen Seiten hin auszuführen. Aber das Problem des Wissens hilft +es uns noch weiter erläutern durch eine Gegenüberstellung. + +Ein Mensch, der die Wand in seinem Zimmer knacken hört oder plötzlich +in der Stille des Mittags oder der Mitternacht ein Geräusch vernimmt, +kann hierauf in doppelter Weise reagieren: entweder +erschrecken+ oder ++nachschauen+. +Neugier+ und +Furcht+ sind die beiden entgegengesetzten +Verhaltungsweisen des Gemütes. +Der Wissenschaftler ist der neugierige +Mensch+, er forscht nach, er will die Ursachen der Erscheinungen +erkennen. Das Gegenteil des +Forschers+, das man vielfach im Künstler, +im Metaphysiker oder im Mystiker gesucht hat, ist eigentlich erst +ganz der +Dämonolog+. Die Furcht +schafft+ die Dämonen. Der Mensch, +der +mutig+ aufsteht, um hinzugehen und dem Gespenst die Kapuze vom +Alltagsgesicht zu ziehen, ist der =Ent-Decker=. Der Mensch, der extrem +an der Furcht leidet, wird nie auch nur eine gedankliche Entdeckung +machen. +Dieselben+ Mächte in der Natur, die der Wissenschaftler +mit den Hebeln und Schrauben verfolgt und bis zur Darstellbarkeit +durch Differentialgleichungen zu bringen sucht, kommen dem an der +Furcht Leidenden als die +Dämonen der Natur zum Bewußtsein+. Es ist +eine Torheit, die Dämonologie für ausgestorben, für eine ältere, +psychisch überwundene Auffassungsform der Welt zu halten, an deren +Stelle allmählich im Laufe der Geschichte die wissenschaftliche +Anschauungsweise getreten sei. Beides sind zwei polar entgegengesetzte, +konstante Charakteranlagen innerhalb der Menschheit, und so alt +und ewig wie diese. Ebenso wie heute gab es immer Forscher neben +Dämonologen; ebenso wie in den Zeiten, welche der Prähistoriker und +Ethnolog mit Vorliebe aufsucht, gibt es heute Dämonologen, vereinzelt, +aber in unverminderter Anzahl, neben dem Korpus der Wissenschaftler. +Die Dämonen =sind= +die Naturgesetze für+ den an Furcht leidenden +Menschen, Wissenschaft und Dämonologie die zwei Arten, in welchen der +Mensch auf das Naturgeschehen reagieren kann. Poe und Schopenhauer, +Bürger und Knut Hamsun sind der Natur gewiß nicht fremder als Newton +und Kasp. Friedr. Wolff, als Baco und Lagrange, aber jene erfassen sie +anders als diese. Ein Mensch kann Dämonolog und Wissenschaftler sein, +wenn er genügend universell veranlagt ist: Goethe war beides in größtem +Stil. + +Die Wissenschaft bringt das Licht und vertreibt die Dämonen der Nacht. +Es ist traurig, aber unabänderlich, daß der Wissenschaftler die Dämonen +und die Furcht vor ihnen nie verstehen, immer belächeln und wohl auch +den Dämonologen meist verfolgen wird. Das soll niemand hindern, noch +beirren, die Wissenschaft als die große Leuchtfackel des Geistes +moralisch und kulturell hochzuhalten gegenüber der Furcht. Denn Furcht +ist sittliche und gedankliche Schwäche, sie macht den Menschen klein +und läßt ihn zusammenschrumpfen. Durch Vernunft und nur durch Vernunft +können die Gespenster verjagt werden. + + +II. Begriff der Kultur. + +Nichts ist schwieriger, als von einem Schlagwort zu einem Begriff zu +gelangen. Und Kultur ist das Wort, in dessen Zeichen heute +jedermann+ +kämpft und siegt. Wenn auch der Versuch, dieses Zeichen rein +zurückzugewinnen, hierdurch sehr erschwert ist, so ermutigt anderseits +zu solchem Unternehmen gerade jener Glaube an die allgemein zwingende +Kraft des Wortes; es scheint darauf hinzudeuten, daß mit ihm etwas +bezeichnet wird, was zu allgemeinsten Werten in Beziehung steht, für +das Individuum gilt und doch dem einzelnen nie nützt, um dem anderen zu +schaden. + +Natur und Kultur sind Begriffe, die einander oft gegenübergestellt +worden sind, besonders von dem Spaziergänger Schiller, der einer +Klärung des Kulturbegriffes auf lange hinaus dadurch entgegengewirkt +hat, daß er Kultur immer mit Zivilisation identifizierte. Sicherlich +ist zuzugeben, daß durch ein noch so inniges Verhältnis zur Natur +allein noch kein Mensch auch nur ein Titelchen der Bezeichnung +„kultiviert“ sich verdienen kann. Aber ebensowenig ist die wilde +Natur in ihrer Wirkung auf den Menschen antikulturell, und darum der +Gegensatz irreführend. + +Der andere, bessere, von Windelband und Rickert in der letzten Zeit +in schönen Untersuchungen ausgeführte Gegensatz von +Natur+ und ++Geschichte+ kann uns hier eher weiter leiten. Offenbar hängt, was +man unter Kultur versteht, mit der Geschichte der Menschheit aufs +innigste zusammen. Ja, Kultur, soweit sie vergegenständlicht ist in +den erhaltenen Werken der vergangenen Geschlechter, sich mit Hegels +Begriff vom „objektiven Geiste“ deckt, wird ganz allgemein geradezu +identifiziert mit dem, was von dem Leben der Völker übrig bleibt, +mit der Summe der Projektionen ihres Daseins auf die Erde, und jede +spezielle Kultur danach gewertet, wieviel von jenen Projektionen die +Individuen und Nationen überdauerte. Das Wirken des Politikers, soweit +er Eroberer und Revolutionär, Zerstörer und Machtsucher, und nicht +Gesetzgeber und Staatsmann ist, wird in diesem Sinne als vergänglich +den Kulturschöpfungen gegenübergestellt. + +Man nähert sich aber heute — unter dem Einfluß jener zwei Männer, +die in den letzten Jahrzehnten das Kulturproblem am ernstesten +genommen haben, Rich. Wagners und Nietzsches — vielfach doch schon der +richtigeren Auffassung, daß es sich zunächst um psychische Qualitäten +handeln müsse, wenn die Frage nach Kultur gestellt werde, und nicht +um die Residuen aus früheren Zeiten, in welchen sich vielleicht diese +Qualitäten offenbart haben. Da lag es nun nahe, den Grad der geistigen +Kultur eines Menschen oder einer Ära nach der größeren oder geringeren +Intimität des Verhältnisses zu beurteilen, welches sie zur Geschichte +früherer Zeiten besitzen. Der Historiker im weitesten Sinne wäre dieser +Anschauung nach der eigentliche Kulturmensch. Das ist es, worauf die +gierige Sucht der heutigen Mode nach Kultur eigentlich abzweckt, im +Gegensatze zur Bildung, welcher mehr das positive Wissen zugewiesen +wird: Beschäftigung mit Literatur und Kunstgeschichte, Orientiertheit +über die vergangenen großen Männer der Menschheit und persönliche +Beziehung zu ihren Schöpfungen. Kultur würde danach ihre Definition +von einem entgegengesetzten Begriffe der Barbarei erhalten, welcher +die völlige Unbekümmertheit um das von anderen und älteren Geschaffene +bezeichnen müßte. Es leuchtet aber ein, daß auch dieses Kriterium mit +der innersten geistigen Kultur eines Menschen nichts, gar nichts zu +schaffen haben kann. Denn gälte es in Wahrheit, so wäre der Mensch am +kultiviertesten, der die meisten Bücher gelesen, die meisten Konzerte +gehört, die meisten Museen besucht hat. Das ist natürlich niemandem +zu behaupten eingefallen, aber aller Kultursnobismus geht auf diese +Fiktion zurück. Auch müßte ja dann das Quantum einer kollektiven +Vergangenheit, die der Jahreszahl nach spätere Stellung eines Menschen +den Grad seiner Kultur mit entscheiden. Die Kultur, auf die es hier +ankommt, nimmt aber keineswegs („Sandkorn für Sandkorn“) +zu+ im Laufe +der menschlichen Geschichte. Der Sinn des Glaubens an den Fortschritt +ist ein Glauben an die sittliche Idee des Fortschrittes: Kultur +bleibt immer ein Ideal, und wir wollen uns ihm nur nähern. Ebenso wie +die Furcht vor dem Aussterben der Menschheit als Gattung nur darauf +zurückgeht, daß wir dann auf der Welt keinen Vertreter der sittlichen +Idee zurückgelassen sehen, an den wir so gerne noch alle die Hoffnungen +knüpfen, die uns das Gefühl der eigenen Unvollkommenheit verbietet: so +ist auch der Gedanke der Entwicklung bei irgend tieferen Menschen nicht +sowohl auf eine Überschau der Vergangenheit und ihren Vergleich mit der +Gegenwart gegründet, sondern nur Ausdruck eines Postulates, das sie an +die Menschheit auch als ein Ganzes in der Zeit heranbringen, obwohl +sich im einzelnen Geschehen stets alles gleich bleibt, und spät wie +früh immer nur der gleiche Kampf vom gleichen Kampfort aus in gleicher +Weise unternommen wird. +Es gibt keine Entwicklung; was den Menschen +zutiefst bewegt, ist ja nur der+ =Wunsch= +nach Entwicklung+; es gibt +nur ein +Bedürfnis+, der Gesamtheit der zeitlichen Ereignisse einen +realen Sinn außerhalb der Zeit unterlegen zu können; +es gibt keine +geschehene, sondern nur gewollte Geschichte+. Der Wille zur Geschichte +der Menschheit erweist hier seinen Ursprung aus demselben tiefsten +Quell, aus welchem das Unsterblichkeitsbedürfnis des Menschen fließt; +er selbst ist identisch mit dem Bedürfnis nach der Erlösung. + +Es gibt darum keine Geschichte +des+ Menschen, weder des einzelnen +(der Charakter bleibt konstant, auch wenn einzelne Züge lange Zeit +verschwunden +scheinen+), noch auch, wenn ich ihn mit den anderen +vergleiche, die Tausende von Jahren vor ihm gelebt haben. + +Es gibt nur eine Geschichte jenes Baues, zu dem sich die objektiven +Leistungen der einzelnen vereinigen; es gibt nur „Kulturgeschichte“. +Alles andere, z. B. der Krieg, wird nicht an der Idee der +Vollkommenheit dieses Baues gemessen; es ist Epos, es wertet nicht. + +Da empirische Geschichte, als +in der Zeit+ erfolgend, nichts ++Wirkliches+ sein kann und kein Bedürfnis des Menschen zu befriedigen +vermag; +da es immer und ewig das qualvollste Leiden des Menschen +bleibt, keine Geschichte zu haben, und sein sehnsüchtigstes Motiv +immer nur, endlich Geschichte zu erleben+ — darum kann Kultur nicht +in der geistigen Rückbeziehung liegen, durch die eine Zeit mit einer +anderen sich enger zu verknüpfen glaubt. Die historischen Renaissancen +älterer Kulturen haben noch niemals Kultur neu geschaffen, und man +irrt gewaltig, wenn man der Berührung mit vergangenen Kulturkreisen +die magische Kraft einer völlig primären Wiederbelebung zuschreibt. +Kultur bleibt ein Ideal, und einem Ideal vermag auch nur der einzelne +suchende Mensch und nicht eine Kompagnie in Geh- oder Eilschritt sich +anzunähern. Der Kultur einer Nation muß die Kultur der Individuen +vorangehen; und schon darum sind Befürchtungen lächerlich wie jene, die +von kultureller Überflügelung eines Volkes reden, weil ein anderes mehr +Massenproduktion aufweist. Kultur ist nichts, wozu sich zwei Menschen +vereinigen, woran sie kollaborieren könnten. + +Als das +Wesentliche+ in aller Kultur wird man einen Sinn zu betrachten +haben, der seine zwei Seiten hat. Bedingung aller Kultur und, rein +geistig, mit ihr identisch ist der +Sinn für Probleme+. Darum ist aber +alle Kultur auf +Individualität+ gegründet, denn es gibt Probleme nur +für +Individualitäten+. + +Diese Bestimmung gibt auch sofort Rechenschaft über die innigen +Beziehungen des Kulturbegriffes zum Begriff der Geistesgeschichte. + +Denn alle Kunst und Philosophie hat, solange es Menschen gibt, +dieselben ewigen Probleme, die großen Probleme der Menschheit und des +Daseins behandelt. Die großen Themen der Weltliteratur bleiben die +gleichen, für jeden Musiker erneut sich das Motiv des Requiems, die +Probleme der Philosophie sind die gleichen von den ältesten Mythen und +Sprüchen der Babylonier und Inder bis auf den heutigen Tag. Man denke +an die Variationen des Don Juan-, des Faust-, des Prometheus-Motivs +in den Literaturen der Völker, an Hamlets Wiederkehr als Skule, an +die Siegfriedsgestalt (=Feramors-Achilleus), an die Metamorphosen +des vollendeten Bösewichts als Hagen, Richard III., Franz Moor, +Golo, Bischof Nikolas. Die Idealität der Zeit wird vor Kant von den +Upanishaden gelehrt, Anaximanders Ethik sagt fast dasselbe wie die +Schopenhauers, der christliche Gottesstaat begegnet uns wieder in +der Gralsritterschaft der Parsifal-Sage und in Kantens Konzeption +eines Corpus mysticum. Im letzten Grunde sind auch die Probleme des +Künstlers und die des Philosophen dieselben, nur ihre Behandlung +eine verschiedene. Denn Frage und Gedanken sind beiden gemeinsam, +dem großen Künstler und dem großen Philosophen. Der Gedanke ist aber +demonstrierbar, und darum bedarf die Kunst der Logik nicht minder als +die Wissenschaft. +Anschauung+ ist das Individuelle in Philosophie und +Kunst; in der ersteren +unsinnlich+, in der letzteren +sinnlich+, in +der einen zum +Begriff+ führend, in der anderen zum +Symbol+. Gegenüber +der modernen Kunst, die durch den absoluten Mangel der Gedanken +charakterisiert ist, und diesen Mangel zu einem Prinzip erhoben hat, +indem sie vom Gedanken in der Kunst nichts wissen will, soll betont +werden, daß jede wahre Kunst Gedankenkunst ist, jeder große Künstler +ein großer Denker, wenn er auch anders denkt als der Philosoph. +Alle große Kunst ist darum +tief+; +es gibt+ =nur= +symbolische+ +Kunst (die freilich nicht mit „symbolistischer“, d. h. mit heutiger +„Stimmungskunst“ verwechselt werden darf). +Da es den genialen Menschen +ausmacht, daß er in bewußtem Zusammenhange mit dem Universum steht, +so wird auch in den Werken des Genius immer der Puls des Dinges an +sich, der Atem des Weltganzen spürbar sein müssen.+ Wir erkennen so, +auch von der Einsicht in das Wesen des großen Künstlers selbst aus, +daß die Tiefe des Gedankens absolut dazu erforderlich ist, daß auch +das +Kunstwerk+ groß sei. +Dieser+ Maßstab, und erst später der der +Form, muß an jedes Kunstwerk in allererster Linie angelegt werden; +und daß alle Kunstkritik noch immer so blind tappt, daran ist nur +dies Schuld, daß sie ihren Gegenstand nicht an dem Ideal gedanklicher +Tiefe mißt. Freilich würden die Größen der Weltliteratur an Zahl +beträchtlich zusammenschmelzen, wenn man mit solcher Prüfung Ernst +zu machen anfinge, und gar viele Namen würden von dem Postamente der +Berühmtheit stürzen, auf das sie die große Menge derer gehoben hat, +die von der Kunst nur Rührung oder Aufregung, Stimmung oder Pathos +erwarten. Da würden sie hinuntersteigen müssen, einer nach dem anderen, +Wieland und Uhland, Horaz und Lope de Vega, Schiller und Otto Ludwig, +Grillparzer und Maupassant, Gottfried Keller und Lessing, Storm und +Thackeray, Grabbe und Anzengruber, Racine und Walter Scott, Byron und +Dickens, Molière und Walther von der Vogelweide; und ebenso unter +den anderen Künstlern, z. B. Botticelli und Segantini, Murillo und +Thorwaldsen, Gounod und Johann Strauß — keiner, keiner hielte dieses +Maß der Ewigkeit aus.[76] Des Gelächters und der Entrüstung aller +heutigen Kritiker wäre eine solche strenge Scheidung, wenn sie auch +mit den Lebenden ins Gericht zu gehen aus guten Gründen sich gehütet +hätte, sicher; aber dennoch würde sie sich an dem Anerkannten soweit +vergreifen müssen, daß sie sogar an der Größe des „göttlichen Homer“ zu +zweifeln sich nicht scheuen dürfte, obwohl sie sich doch hier gegen das +einstimmige Urteil aller anderen nur auf die Zustimmung eines einzigen, +freilich auch +des einzigen+, auf die Platons, berufen könnte. + +Insoferne nun die großen Probleme längst gestellt sind, hängt Kultur +mit Kulturgeschichte wirklich zusammen. Aber sie müssen immer neu +gestellt werden; ob mit oder ohne Anschluß an frühere Lösungsversuche, +ist für das Beginnen gleichgültig und kann auch für den Erfolg nicht +wirklich maßgebend sein. + +Am stärksten ist der Sinn für Probleme im hervorragenden Menschen: denn +die Probleme +sind+ in ihm lebendiger als in den anderen. Er empfindet +sie als +seine+ Probleme, gerade er kommt nie bloß äußerlich zu ihnen, +sie sind ihm nicht durch Überlieferung und Umgang angeflogen, sondern +er wird durch seine Individualität, durch das Problematische in ihr, +immer wieder zu ihnen zurückgeführt.[77] So setzt sich +objektive+ +Kultur in ihrem Grundstock aus den Opfern zusammen, welche die großen +Menschen aller Zeiten am Altare des Welträtsels dargebracht haben. +Subjektive, psychische +Kultur+ ist, in formal stets gleicher Weise, +innerer +Kultus+; ihre objektive Vergegenständlichung ein Darbringen +des eigenen Kindes in höchster Verehrung eines unpersönlichen +Höchsten.[78] + +Dennoch ist Kultur auch etwas Soziales: der Altar, an dem geopfert +wird, liegt frei und offen für die Augen aller Sehenden. Die +Öffentlichkeit des Kulturdienstes hat man stets dunkel empfunden, und +das Allerindividuellste, was es gibt, die Religion, die Frage nach dem +Sinn und der Aufgabe des eigenen Lebens, nie als zur Kultur gehörig +betrachtet, wenn auch dieses letzte Problem allen anderen Problemen, +vielleicht oft unbewußt, immanieren wird. Sowie jeder höhere Mensch +sein moralisches Innenleben mit sich selbst ausmacht und den äußeren +Beichtvater als sittliche Schwachheit und Schwächung empfindet, so +bleibt eben Frömmigkeit, die schließlich mit Moral doch identisch ist, +dem ausschließlichen Leben des Einzelnen aufgespart. Auch von der +anderen, der Werkseite her, wird sich diese Restriktion empfehlen. +Frömmigkeit tut keine Werke, die auf Erden fortdauern. Religion liegt +demnach bereits jenseits von Kultur, denn sie hat einen Inhalt, der +nicht selbst spezielles Problem werden kann: den letzten Grund des +Individuums und der Welt überhaupt. + +Sie ist das Individuellste: glauben, sahen wir, kann der Mensch nur +an sich selbst, und an sich selbst kann er nur glauben, soweit er dem +Absoluten oder Gott als Idee des Guten und Wahren nachstrebt und ihr +ähnlich zu werden trachtet. Kultur ist individuell, aber nicht als ++Problem+ der Individualität, sondern als Folge der +problematischen+ +und durch die Religion als +Position+ erneuerten (wiedergeborenen) +Individualität. Kultur ist +transzendental+ (nach dem von Kant +geschaffenen Begriffe); alle transzendentalen Funktionen führen +schließlich zur Idee des Absoluten als ihrem Schlußbegriff, diese ist +aber nicht durch einen logischen Beweis aus ihnen ableitbar. Erst +die +Transzendentalität schafft+ Kultur. +Die Transzendentalität +als der Inbegriff der über das einzelne Individuum in ihrer +Gültigkeit hinausgehenden und doch nur von ihm selbst immer wieder +zu vollziehenden Wertsetzungen ist Bedingung aller Sozialität+, sie +macht die Kultur wieder zur sozialen Sache, zum Werte, der von jedem +Individuum selbständig in Freiheit geprüft werden muß, und von jedem +immer wieder in formell gleicher Weise anerkannt wird. Soferne z. B. +rechtliche Einrichtungen nicht bloß nach dem festen Paragraphen +gehandhabt werden, sondern zur Problematisation verhelfen unter der +leitenden Idee der Gerechtigkeit und des Unrechtes als allgemein +maßgebender Faktoren bei ihrer Erwägung und Anwendung, insoweit und nur +insoweit haben Rechtssatzungen kulturelle Bedeutung. So ist es auch +nicht die möglichst ausgedehnte und möglichst kontinuierliche Benützung +möglichst vieler technischer Erfindungen, welche dem Individuum oder +der Gesamtheit Anspruch auf Kultur verleiht, und ebensowenig haben +die +Resultate+ der Wissenschaft kulturelle Bedeutung. Weder der +Universalgelehrte, noch der Universal-Sportsman repräsentieren den +Kulturmenschen. + +Daß jedermann eine Uhr in der Westentasche trägt, hat kulturell nicht +ein Atom von Wert, solange nicht jedem Einzelnen die Zeit und ihre +Messung und moralische Verwertung Gegenstände des Nachdenkens geworden +sind. Also auch Kultur als Sinn für Probleme ist ein Ideal: kein Mensch +tut diesem Ideal genug, auch der Kultivierteste wird oft darüber +erschrecken müssen, über wie viele Dinge er noch nicht nachgedacht hat. ++Kein Mensch hat Kultur; aber jeder soll Kultur wollen.+ + +Denn Kultur ist auch eine +Aufgabe+ und nicht nur ein Problem, die +Kulturfrage hat wie jede andere Frage von wirklichem Schwergewicht ihre +praktische neben der theoretischen Seite. Und so differenziert sich +Kultur nach der anderen, praktischen Seite hin psychisch als +Sinn für +Aufgaben+. Der Sinn für Probleme muß sich in die Tat umsetzen wollen, +und das wird er immer, wenn es dem Menschen mit den Problemen ernst +ist. Probleme ohne Aufgaben sind zwecklos, Aufgaben ohne Probleme sind +grundlos. Das Spiel als solches ist zwecklos; denn es stellt Probleme, +die nie Aufgaben werden können.[79] Der Sport als solcher ist grundlos; +denn er stellt Aufgaben, die nie Probleme gewesen sind. Beide sind +darum aller Kultur solange ferne, als sie nicht in einem Menschen der +einen wie der anderen Bedingung nachkommen. + +Als unumgängliche Voraussetzung aller Kultur wird man daher auch die +äußere Freiheit der Individuen immer fordern müssen. Freiheit ist die +Grundlage, ohne die Kultur nicht gewollt werden kann, und hiermit ist +erst eigentlich der Sinn jener Meinung völlig klar geworden, die als +Bedingung der Kultur freie Zeit, Muße im Gegensatz zur Arbeit ansieht. +Diese Formulierung beizubehalten, ist nicht möglich. Erstlich wird +Muße meist mehr für die +Pflege+, als für die +Kultur+ des Individuums +verwendet, und dann liegt eben doch auch im Prinzipe der +Arbeit+ ein, +oft mißverstandenes, und doch sehr wichtiges Element der Kultur.[80] +Die Arbeit ist weder das Gute noch das Böse an sich, sie ist an sich +ethisch indifferent; wenn auch der arbeitende Mensch, wie die Erfahrung +zeigt, moralisch über dem nicht arbeitenden zu stehen pflegt, so +kommt es doch stets auf den Zweck an, den Arbeit verfolgt. +Kulturell +wertvoll kann nur solche Arbeit sein, die auf Arbeit an sich selbst +zurückweist.+ Daß sie auch den anderen Menschen zugute kommen wird, +wenn sie Kulturwert hat, liegt eben im +transzendentalen Charakter der +Kulturwerte begründet+ (der Ideen der Wahrheit, Schönheit, des Rechtes +u. s. w.). Eine Arbeit, die bloß der Brotbereitung für die eigene +oder für fremde Familien gelten kann, wird nie Kulturwert besitzen. +Soziale Knechtschaft, selbst wenn sie zu letzten Endes kulturell +wertvollen Leistungen +zwingt+, ist daher an sich antikulturell, wie +die Phänomene der Armut oder der Krankheit von vornherein durchaus +antikulturell sind. Das Gefühl hierfür hat zur kulturellen Hochwertung +aller Betätigungen des Individuums geführt, bei denen es keinem äußeren +Zwange untertan ist; und so sind Sport und Spiel zu ihrem freilich +ebenso unberechtigten Ansehen als Symptomen von Kultur gelangt. + +Jene stete Wechselbeziehung auf die allgemeinen Kulturgüter lassen aber +sowohl Spiel als Sport gänzlich vermissen. Indessen ist eben dies der +Ernst und die Größe des Kulturgedankens: Kultur muß von Individualität +emanieren, und sich vor dem allgemeinen Forum der überpersönlichen +Werte behaupten. Das ens transzendentale, das „animal metaphysicum“ +ist darum eben dasselbe und kein anderes Wesen als das ζῶον πολιτικόν: +der Mensch. So beantwortet sich die berühmte Frage aller Soziologie: +was früher gewesen sei, das Individuum oder die Gesellschaft; +beide +sind zugleich, miteinander, da von Anfang an+. So, schmeichle ich mir, +erklärt sich „jene wunderbarste Tatsache, daß von allen Wesen, die +wir kennen, der Mensch auf der einen Seite das zur selbständigsten +Ausbildung der Individualität befähigte und zugleich auf der anderen +Seite das am meisten durch den sozialen Zusammenhang der Gattung +bedingte ist“. (Windelband, Die Geschichte der neueren Philosophie, 2. +Aufl., 1899, Bd. II, S. 227.) + +Das Zeichen, +unter+ dem die Individuen zur Gesellschaft +zusammentreten, und +zu dem emporblickend+ sie als Gesellschaft +entscheiden, heißt Kultur. Kultur ist als +Idee+ ihrer +logischen +Seite+ nach ein +überindividuelles Problem+, ihrer +ethischen+ Seite +nach eine +überindividuelle Aufgabe+. Kultur als das +Verhältnis des +Individuums zur Idee+ ist +Sinn+ für theoretisches Problem im +Denken+, ++Sinn+ für praktische +Aufgabe+ im Handeln. +So ist Kultur zugleich +überindividuell als Idee und individuell als Ideal.+ + + +III. Die möglichen Absichten von Wissenschaft in Ansehung von Kultur. + +Über nichts wird heute so eifrig verhandelt, wie über Kultur. Nichts +wird so fleißig studiert, wie Kulturgeschichte, kaum etwas so emsig +gefördert und mit solchem Interesse verfolgt wie diese. Keinen +höheren Ehrgeiz gibt heute Jung und Alt, Reich und Arm zu haben +vor, als den nach Kultur. Dem Kultur-Snob, der sein Bedürfnis nach +der neuen Kravatte in das antiquarische Interesse für allgemein +ungekannte Künstler und Kunstwerke sublimiert hat, sind wir bereits +begegnet. Daneben dringt die Stimme des nach Naturwissenschaft in +Kindernährmehlform heulenden Kulturwolfes gar vernehmlich an das +Ohr des Lauschenden. Snob und Mob aber bedürfen und ergänzen einer +den anderen. Jener war eine vereinzelte, komische und doch nicht +ganz unsympathische Erscheinung. Dieser, weniger verlogen, aber +selbstsüchtiger, unterstützt sein Begehren wie jener durch das einzige +Argument, den Ruf: Kultur! Ja, in der großen Allgemeinheit ist Kultur +heute nicht einmal identisch mit Geistesgeschichte; die Elemente, +die sie dem Zeitgeist hauptsächlich zu konstituieren scheinen, sind +Wissenschaft und Technik. + +Betrachten wir das merkwürdige Schauspiel: nichts geht neben +aller Krisenhaftigkeit der anderen Prozesse so sicher in seinem +maschinenmäßigen Gange weiter, wie jenes riesige, über die Erde +ausgestreckte Wesen, die Wissenschaft; nichts erhebt die gleichen +Ansprüche wie diese, nichts erfreut sich der gleichen Fürsorge. Die +Mäcene haben ihre Schützlinge gewechselt. Galt einst ihre Bemühung +dem Künstler und dem Philosophen (Plato, Aristoteles, Descartes, +Grotius, Spinoza, Leibniz, Voltaire), so gilt sie heute den Zwecken der +Wissenschaft. Allerdings — es ist auch nicht mehr der Aristokrat, der +das Geld in der Hand hat. Der große Kapitalist hat die Entscheidung, +und er optiert für die Wissenschaft. + +Das hehre +Ideal+ der Wissenschaft ist es, welchem der Wissenschaftler +sein Ansehen dankt. Dieses Ideal allein sollte sein Stolz sein; in +seinem Namen bewußt zu arbeiten, der Idee ein bloßer Diener zu leben, +seine Ehre. Die tiefe Verachtung, welche jeder Wissenschaftler (im +weitesten Sinn) für jeden Techniker (im weitesten Sinne; in welchem +auch der Jurist und der Arzt dazu gehören) als solchen hegt, rührt +daher. + +Die Achtung vor dem Gedanken der Wissenschaft hat sich dann aber auf +die offizielle Gilde ihrer Jünger übertragen. Besonders im vergangenen +Jahrhundert und besonders in Deutschland ist diese Wertausstrahlung +erfolgt. Sie ist als Ganzes unberechtigt, im einzelnen mag ebensoviel +Recht wie Unrecht hierbei geschehen sein, und die Geschichte der +Wissenschaft wird hier selber noch reichlich Kritik üben müssen. Ich +meine die geistig beherrschende Stellung, welche die Professoren +der Universitäten in den letzten hundert Jahren gewonnen haben. Ein +Universitätsprofessor spricht, und die Welt horcht. Das ist an sich +ein erfreuliches Zeichen. Aber viele sprechen oft sehr von oben herab +von den Universitätsprofessoren, von den Rektoratsreden-Rednern, +und sehr zur Kultur hinunter. Nur selten stecken sie mehr die Ziele +höher, um den trägen Flug der anderen anzuspornen, meist glauben sie +zuversichtlich, vom Borne selbst zu kommen, Kultur mit vollen Händen +aus ihm zu schöpfen und der Welt zu kredenzen. Diesem Zwecke dient +die Umdeutung des Alma Mater-Begriffes aus einem freien Boden des +Studiums in einen heiligen Hain der edelsten Früchte der Menschheit, +indem sie die Personen entlastet und durch die Fiktion des besonderen +Quelltrunkes sakrosankt macht. + +Hiermit aber beginnt allmählich sich eine Vorstellung von der +Wissenschaft zu entwickeln, welcher gar wenig von dem Drang nach +Erkenntnis und System anzukennen ist. Wissenschaft wird zur Parole, zum +Ziel nicht mehr als Erkenntnis, sondern als möglichst große Summe der +„positiven“ Erkenntnisse. + +Die Arbeitsweise wird so mechanisiert und auf die bestehende Schablone +eingeschränkt. + +Weil in der Reihe der Paraffine noch einige Homologe nicht zur +Darstellung gebracht worden sind, gilt es, auch diese zu gewinnen, +nicht als ob davon eine wirkliche Förderung des Denkens erwartet würde, +sondern „für die Wissenschaft“. + +Weil das Verhältnis der ebenmerklichen zu den übermerklichen +Empfindungsunterschieden mit Bezug auf die Schallstärke noch nicht +untersucht ist, muß es ehestens geschehen. Wozu? für die Wissenschaft. +Die Arbeit selbst liest kein Mensch, sie kommt in die Bibliotheken +und Bibliographien, und man hat nun die Beruhigung, daß „es gemacht +ist“. +Machen+: das ist das Wort für den heutigen Fabriksbetrieb +des Erkennens, in welchem die Vorsteher der großen Laboratorien +und Seminare die Funktionen kapitalistischer Industriebarone +vortrefflich ausfüllen. „Quellen!“ heißt es in der Geschichtsforschung, +„Versuchsreihen!“ in der exakten Wissenschaft. Despotisch herrschen die +Zahl, die Statistik, die Fehlermethode, die genaue Gewichtsanalyse. +Nicht ohne tiefe Berechtigung hat +diese+ Wissenschaft alle ihre +Feststellungen als =gleich= +wichtig+ verkündet. Die Akademien +der Wissenschaft sind die mächtige Gerusia dieses Staates, die +fürchterlichen Großmütter der europäischen Kultur;[81] und sie hüten +und mehren das Erbe. Und wehe dem, der es wagte, an der Wissenschaft, +die sie repräsentieren, an +dieser+ Wissenschaft als Zweck der +Zwecke zu zweifeln! Der es wagte, an das Recht der Wissenschaft +auf die Benützung des Spitalskranken zu Versuchen mit neuen +Immunisierungsmitteln zu tasten, ist ein Dunkelmann und Antisemit; der +es beklagte, daß Tiere fortwährend ohne Not lebendig gequält werden, +mit seiner Sentimentalität ein verhaßter lächerlicher Störenfried. +Vielleicht nur, weil diese Wissenschaft eine Demokratie ist ohne +Präsidenten, der in ihrem Namen zu sprechen die Vollmacht hätte, ist +es noch nicht offen gesagt worden, daß die kleinste mikrochemische +Feststellung mehr wirklichen Wert für die Menschheit besitze als die +größte Dichtung. Kunst, Religion, Philosophie werden vom rechten +Wissenschaftler als überflüssig empfunden; die Beschäftigung mit +ihnen ist geeignet, jeden Jünger der Wissenschaft bei seinen Kollegen +zu verdächtigen, sie ist unsolide Windbeutelei. Dieser +Moloch+ +einer inventarisierenden Wissenschaft nimmt den Menschen eben ganz +in Beschlag, alles muß er für ihn sein und tun, dann wird er für +vollwertig befunden. Und wer ausginge, den Götzen zu zertrümmern, der +käme in die Verlegenheit des Don Quixote. + +Denn er findet keinen sichtbaren Gegner, nur ein leeres Wort, ein +Luftgebilde, welches diese Gemeinschaft zusammenhält, die ihn nicht +unbarmherzig niederstoßen, sondern ein noch kälteres Schweigen seinen +Angriffen entgegensetzen würde. Um kurz auszudrücken, was die heutige +Wissenschaft ist und was sie nicht ist, können wir sagen: diese +Wissenschaft besitzt Resultate und stellt sich Aufgaben, aber sie kennt +keine Probleme mehr. Probleme gibt es nur für Menschen, die für und +über sich, und nicht für ein Götzenbild denken, wenn das Idol auch +Wissenschaft heißt. + +Während so +äußerlich+ Wissenschaft zum +obersten+ Zwecke wurde, +freilich Wissenschaft als Vermehrung des Präsenzstandes der Erfahrungen +und Uniformierung derselben, ging in der Auffassung der Wissenschaft +und ihrer Stellung im geistigen Leben des Menschen eine scheinbar +entgegengesetzte Wandlung vor sich. Seine unendliche Geringschätzung +der Technik hatte der Wissenschaftler stets mit großem Recht dadurch +begründet, daß dieser alles Wissen nur Mittel zum Zwecke, ihm Wissen +Selbstzweck sei. + +Die Wissenschaft selbst recht eigentlich als Mittel zum Zwecke zu +proklamieren, war unserem Zeitalter vorbehalten. Die „Philosophie“ +dieser Anschauung[82] ergab sich aus der allgemeinen ökonomischen +Auffassung dessen, was bisher einen höheren Platz in den Wertungen +behauptet hatte. Wie der historische Materialismus den ganzen Wert +der Vergangenheit der Menschheit vernichtet, indem er der Geschichte +keinen weiteren Sinn zu vindizieren trachtet, als den Kampf um Fourage +und Fourageplätze, so degradierte die Auffassung der Wissenschaft als +Komfort den Erkenntnistrieb des Menschen um ein so Ungeheueres, wie +es wohl in der Geschichte nie zuvor dagewesen ist. Sie war geistreich +vorgetragen, gewiß, und hat durch den leichten Zauber ihrer Darstellung +sicherlich mehr als einen in ihren Bann gezogen, dem es nicht bestimmt +war, mehr als kurze Zeit bei ihr bleiben zu können. Es fehlte ihr auch +nicht an dem heute üblichen biologischen Gepränge. Aber die biologische +Betrachtungsweise, wie man sie heute versteht, ist ja nichts anderes +als eine utilitaristische, sie erweitert die utilitaristischen +Gesellschaftsprinzipien berühmter englischer Flachköpfe zu denen des +Pflanzen- und Tierreiches. Hierin hat sie, wenn auch späterhin eine +Entfernung von Darwin eingetreten ist, ihren Ursprung, die Anregung, +welche Darwin Malthus schuldete, nie verleugnet. Also das Wohlgefallen +an der Biologie ist mehr ein spezieller Fall des Zuges zur Ökonomie. +Auch das Wort von der „Ökonomie der Wissenschaft“ stammt von einem +Nationalökonomen. Nicht umsonst habe ich den praktischen Betrieb der +heutigen Wissenschaft mit dem eines großindustriellen Etablissements +verglichen. Die Bestätigung, daß es auch im Theoretischen sich so +verhalte, wird uns von ihren Theoretikern. Daß die Wissenschaft ein +Geschäft ist, der Gedanke würde jedem Handelsvolke Ehre machen. Er hat +auch wirklich bei den Amerikanern und bei den Juden den meisten Beifall +gefunden.[83] + +Ich habe nicht die Absicht noch die Möglichkeit, hier die ökonomische +Auffassung der Wissenschaft zu kritisieren und ihre psychologische +Unhaltbarkeit zu erweisen; sie soll vorläufig nur gewertet werden. +Die Leugnung aller Probleme, welche mit ihr Hand in Hand geht, ist +charakteristisch für den aller wahren Kultur fremden Charakter +dieser Anschauung, wenn auch ganz folgerichtig vom Standpunkte +eines Empfindungsmonismus aus, der alle Problematisationen +selbstverständlich immer nur relativistisch nehmen kann. Doch wird man +nicht leicht annehmen wollen, daß die Leugner aller Probleme selbst +sehr problematische Naturen sein werden. Ebenso notwendig war die +Leugnung eines erkennenden Subjektes, dem ein zu erkennendes Objekt +gegenübersteht. Indem der Mensch nicht mehr erkennen wollte, und doch, +ja dann um so mehr, einem fremden Zwecke Sklave sein mußte, erfolgte +stillschweigend in sicherer Allmählichkeit die Konstruktion eines +sozialen Ideals der Wissenschaft, für die das Individuum arbeiten ++müsse+; der Ruf: „für die Wissenschaft“ ist so meist nur eine ++Komponente+ des Geschreies: „für die Gattung,“ „für die Gesellschaft“; +der Moloch der Wissenschaft ist nur ein kleiner Gott aus dem +Götzenreiche der Sozialethik, noch ein liebenswürdiger Zug derselben, +noch eine Belehrung mehr an das Individuum, daß dieses vor allem an die +Gesamtheit Abgaben zu leisten habe. Die Weisheit selbst wurde Mittel, +als diese Wissenschaft zum Zwecke wurde. Und daß dieses Mittel nicht +hoch im Preise stehen bleiben konnte, wird man jetzt verstehen. + +Man ermesse aber trotzdem noch einmal die ganze Jämmerlichkeit des +Schauspieles. Der Stürmer nach Erkenntnis verwandelt sich unter dem +sittigenden Einfluß der Ökonomie in einen besorgten Ofenhocker, +der Ungestüm seiner Jugend wird fader Witz; für die Größe des +Erkenntnisdranges hat er das überlegene Lächeln des Nicht-Begreifenden. +Die ungeheuere Schuld der Anschauungs- und Denkformen, mit welcher das +Erkennen dem größten Erkenner belastet ist, drückt ihn nicht mehr, +drückt sein „erbärmliches Behagen“ nicht mehr! Er sucht nicht mehr +und fragt nicht mehr, er sammelt, sammelt und ordnet, ordnet. Die +kolossale Tragödie des Erkennens verabschiedet sich mit ihm durch die +kommentierende Fratze: Wozu die Aufregung? Wir wollen ja nur haushalten! + +Verlassen wir die Lehre, welche die Wissenschaft als Mittel zum Zwecke +ansieht, und wenden wir uns jener zu, welcher Wissenschaft Selbstzweck +ist. Wir werden aber auch hier noch nicht unbedingt positiv werten +können. Auch Selbstzweck kann Wissenschaft in doppelter Weise sein: ++Wissen kann der Mensch wollen als Macht, und er kann es wollen als +Wert.+ + +Wissen kann gewollte oder gehütete +Macht+ sein. Wissen wird als +Macht gewollt von jenem Menschen, welcher die Natur nicht anerkennt, +das Dasein überhaupt +verneint+, vom +bösen+ Menschen. Er +sieht+ +die Probleme, +sieht+, daß Menschen an ihnen leiden, aber er will +die Probleme +widerlegen+ und auf diese Art jenen Menschen seine +Verachtung beweisen. Die Frage mag er nicht, kennt er nicht, sie ist +ihm höchstens Mittel, um Antwort zu +erzwingen+; und die Antwort gibt +er nicht, weil ihm innere Klärung nie ein sittliches Bedürfnis ist, +sondern die Grundform seiner Antwort ist triumphierende Ironie +über +die Frage+. Es ist nicht Faust, der dem Erdgeist, dem Symbole alles +Geschehens in der Zeit, ins Auge sieht, dem Problem sich flehentlich +nähert, zum Problem +hinan will+, sich selbst inbrünstig zur Idee +emporzieht; nein, er trachtet das Problem zu sich hinabzuziehen, +er +will das Sein durch Erkennen widerlegen+, die Erkenntnis damit, daß ++er erkennt+, heruntersetzen, wie er sich selbst heruntergesetzt hat. +Darum läßt Wagner im „Parsifal“ Klingsor, der sich selbst entmannt, als +Mittel zum Zwecke benützt hat, mit Zauberwerkzeugen und nekromantischen +Vorrichtungen ausgerüstet sein. Denn, was ich hier im Auge habe, ist +die +große Idee des+ =Zauberers=, die auch heute noch ihren tiefen +Sinn hat, wenn man sie nur richtig als die Hypostasierung einer +bestimmten Sinnesart erkennt. Jener berühmte Mann der Geschichte, der +ihr am nächsten kommt, ist +Baco von Verulam+. Wir begreifen jetzt den +inneren Zusammenhang der Lehre dieses Mannes, der das Wort: Wissen ist +Macht, Tantum possumus quantum scimus, gesprochen hat, des ersten, der +auf die Entdeckungen und Erfindungen voll Hochmut (Nov. Org. 1, 129) +hingewiesen hat, des Großahnen der heutigen Fortschrittsphilister, mit +seinem unredlichen Lebenslaufe. + +Hier ist auch der Ort, einiges über die Technik zu sagen, soweit +diese mehr ist als eine Methode, praktische Aufgaben unter Leitung +der Erkenntnis rationell zu lösen, d. h. die Theorien singulären +konkreten Zwecken nutzbar zu machen (Konstruktion); oder mehr als +ein Mittel, vom Denker geahnte Zusammenhänge sichtbar nachzuweisen +(Experiment).[84] Dieses Mehr ist der +Erfindungsgeist+, wenn er +die Grenzen des geistigen Spieles oder praktischer Nützlichkeit +überschreitet. In der Erfindung kann psychisch sehr viel Böses +liegen, das läßt sich nicht leugnen, sehr viel Wille zur Macht. Man +spricht es ja aus: die Beherrschung der Natur ist das Endziel, und +rühmt sich solcher Erfolge. Es liegt aber nicht nur Unkeuschheit, +Sucht zur Entblößung und Beschämung des Nackt-Betroffenen in diesem +Niederreißen aller Mauern (dies würde ihm vollkommen gemeinsam sein mit +dem +Erkennen+ aus antimoralischen Motiven). Es sind die Erfindungen +vielmehr gerade diejenigen Wunder, „die der Teufel wirkt,“ und es ist +zu verstehen, warum die Lokomotive als diabolisch empfunden wurde. +Der Wille zur Macht verneint auch die Naturgesetze, denn er will sie +zwingen. Wir haben im Wunder, das der Satan wirkt, den Gegenpol des +Wunders vor uns, das die Gottheit wirkt. Es ist nicht die Überwindung +der Naturgesetzlichkeit durch den Gedanken der +Freiheit+ des +moralischen Subjektes vom Naturgesetz (Mysterium der Auferstehung), +sondern ihre Überwindung aus dem Grunde, +weil nichts frei bleiben +darf+, alles geknechtet werden muß. Wille zur Macht ist Wille zur +Unfreiheit überhaupt, zur eigenen wie zu der alles anderen. Der Wille +zur Macht, der in Wahrheit nicht Wille, sondern Willkür heißen sollte, +behandelt die Menschen so, als gälte der Satz der Identität nicht: der +Machthaber verlangt von seinen Untertanen jeden Tag etwas anderes, +entgegengesetztes. Und so kehrt auch die Willkür des Menschen, der +über die Natur Macht will, sich nicht an die Gesetzlichkeit in der +Natur, sondern will sie niederwerfen und durchbrechen. Es ist ein +unendlich tiefer Zug in allen Teufelsmythen, daß dieser dem, der sich +ihm anheimgibt, die Möglichkeit verschafft, von einem Punkte der Welt ++momentan+ sich nach jedem anderen zu versetzen, ihm Reichtum ohne +Arbeit, Gold aus nichts, alles ohne Kontinuität, ohne Kausalität +zufallen läßt (so wünscht es nämlich das böse Streben im Menschen). +Die Kausalität nämlich wird nur von Freiheit erkannt, aber eben durch +Freiheit auch anerkannt, gesetzt (um ein Objekt zu haben, dem gegenüber +es sich als Freiheit behaupte, nach der Weltauffassung Kantens). Der +Böse erkennt auch keine Kausalität an, er gibt dem Objekte keine +Freiheit, weil er selbst sich in Unfreiheit fort und fort tiefer +stürzt, er springt in Willkür auch mit den Tatsachen um, und liefert so +den empirischen Beweis dafür, daß Kausalität nur von Freiheit gesetzt +wird. Diese funktionelle, willkürliche Gewalt über die Freiheit des +Naturgesetzes also liegt der Idee des +Zauberers+, der über die Dämonen +der Natur Gewalt besitzt, im tiefsten zugrunde; er ist der +Verächter +des Objektes+, das er nicht groß, in feierlicher Majestät, vor sich +sieht und verehrt, sondern bezwingen und knechten will. + +Ich will die Erfinder nicht überschätzen; so grandios diabolisch +sind sie nun freilich kaum je veranlagt, und selten gewinnt dieses +Streben bei ihnen größere Intensitäten. Sie sind erfahrungsgemäß keine +gewaltigen Unholde, aber oft sehr gemeine Naturen, die unbewußt etwas +von jener Idee des Zauberers verwirklichen. Darum empfinden wir aber +auch in der Technik so vieles als magisch, als unheimlich. + +Es werden sicher nicht wenige auch diese theoretisch-psychologischen +Erörterungen „reaktionär“ finden, vom schwärzesten Aberglauben und von +Gespensterfurcht eingegeben. Doch ich werte hier nicht die +Erfindung+ +und nenne nicht sie des Teufels. Aber die +Erfinder+ sind zu oft +moralisch höchst bedenkliche Individuen; und mich interessiert nur +die Gesinnung. Es ist aber, so beginnt Kant seine „Grundlegung zur +Metaphysik der Sitten“, nichts in der Welt, was gut oder böse genannt +werden könnte, als der +Wille+. + +Wissen als Geschäft war moralisch gleichgültig, indifferent, und der +Theorie dieser Anschauung lag jede Ahnung eines ethischen Elementes +im Wissenstrieb ferne. Wissen als Wille zur Macht war antimoralisch; +es hatte für das Moralische des Erkennens den sicheren Instinkt des +Tempelschänders und wollte es entwerten durch Besitz. +Wissen als Wert+ +ist jene Sinnesart, welche der Wissenschaft die moralische Hochachtung +ewig sichern wird. Zum Wissen um der Macht willen verhält sich das +Wissen um des Wertes willen wie zum Koitus die Liebe, zum Morde die +Belebung. Der Wissensdrang also ist zum dritten Willen zum Wert; +Erkenntnis diesem reinen Triebe gewollter Wert, gehütetes Juwel. Seine +Ironie beschränkt sich und frohlockt nicht. Er kennt den Ernst der +Frage und den Schmerz der unbefriedigten Antwort; er ringt sich durch +alle Bangigkeiten und Schrecknisse des Zweifels durch zur Gründung der +wahrhaft festen, der unerschütterlichen Überzeugung. Darum stellt er +die höchsten, lautersten Ansprüche an das Wissen: den beiden tiefsten +Denkern der historischen Menschheit, Plato und Kant, die beide das +Wertproblem als das letzte Problem der Welt wie des Menschen erfaßt +haben, ist neben so vielem anderen auch die größte Hochschätzung +der +Mathematik+ gemeinsam, die am ehesten das Wissensideal zu +verwirklichen scheint, und die sie darum allen anderen Wissenschaften +als ein unerreichbares Beispiel voranstellen. + +Und doch haben beide, Plato wie Kant, die Möglichkeit, durch bloße +Wissenschaft zur Weltanschauung zu gelangen, mit Recht verneint. Eine +Weltanschauung hat der Mensch, soweit er Künstler oder Philosoph ist, +aber nicht als bloßer Mann der Wissenschaft. Die Wissenschaft sucht +immer nur +Wahrheiten+, nicht +die Wahrheit+.[85] Positive Wissenschaft +hat an und für sich weder Tiefe noch Fläche; sie soll aber darum nicht +aggresiv werden gegen Tiefe, nicht Tiefe verbieten wollen, wie dies die +Erkenntnistheoretiker der positiven Wissenschaft von +Demokrit+ bis ++Mach+ in irgend einer Form (Materialismus, Monismus, Positivismus, +Empiriokritizismus) immer wieder versucht haben. „Ihr kommt nicht +hinein, und wehrt denen, die hinein wollen!“ + +Es liegt in der Gemütsanlage der Philosophen begründet, daß ihnen +agitatorisch-aggressives Auftreten schwerer fällt als anderen +Menschen. Sonst hätte die schnöde und freche Behandlung, welche die +Wissenschaftler ihnen so gerne zuteil werden lassen, das unverschämte +Achselzucken über ihre „unfruchtbare“ Beschäftigung, sie schon längst +zu einer Zurückweisung veranlaßt. So sei es denn ausgesprochen: Auch +der (originelle) Philosoph sechsten und siebenten Ranges, Hegel, +Schleiermacher, Krause, Maine de Biran, Carlyle, Nietzsche, steht noch +immer weit höher als der größte und originellste Nur-Wissenschaftler, +als ein Newton, Gauß, Galilei, Maxwell, Darwin, Berzelius, Helmholtz, +Jacob Grimm; höher nämlich an Genialität, an den Eigenschaften, +welche einen +bedeutenden+ Menschen konstituieren. Freilich, wenn man +nur an die Sicherheit der Ergebnisse denkt, nur an die Befähigung +seiner Resultate, gleich in Kompendien und Schulbüchern Aufnahme zu +finden, dann muß man gewiß den Wissenschaftler dem Künstler, wie +dem Philosophen vorziehen. +Aber darauf kommt es nicht an.+ Jede +wissenschaftliche Entdeckung wird immer von zweien oder mehreren +gleichzeitig gemacht, und wer eine macht, hat nie das Gefühl, daß dies +kein anderer so hätte schaffen können.[86] Die großen Philosophen +dagegen sind wie die großen Künstler Individualitäten, keiner durch den +anderen ersetzbar. + +Für die positive Wissenschaft mit ihren immer nur relativen Rätseln im +Theoretischen und immer neu sich verschiebenden Zielen im Praktischen +gibt es im Grunde keine wirklichen Probleme, keine absoluten Aufgaben +des Menschen und der Menschheit; sie geht ja gerade darauf aus, in der +Erfahrung alles +selbstverständlich+ scheinen zu lassen. Wäre ihr dies +aber gelungen, könnte es ihr je gelingen, so wäre auch im Praktischen +aller +Vervollkommnungstrieb+ geschwunden. Es ist der Maßstab eines +hochstehenden Menschen, wie einer hochstehenden Zeit, daß ihnen +alles zur +Nebensache+ wird vor dem metaphysischen Problem und der +ethischen Aufgabe. Nicht ohne Grund hat Goethe dem Faust einen Wagner +gegenübergestellt und über diesen jenen sich entsetzen lassen: + + „Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet, + Der immerfort am schalen Zeuge klebt, + Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt, + Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet.“ + +„Wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht!“ diese Freude des +Wagner ist die Melodie aller Geschichte der positiven Wissenschaften. +Im Ernst ausgesprochen bedeutete sie das Ende, Ragnarök, die +Götterdämmerung. Denn dann wäre das Bewußtsein für die Hauptsache +verloren gegangen. Und in der Hauptsache steht es ganz gleich von den +vedischen Hymnen bis auf den heutigen Tag. + +Es gibt keine neuen philosophischen Gedanken, ebenso wie es keine +neuen künstlerischen Themen gibt. Das liegt aber daran, daß Philosoph +und Künstler als Individualitäten zeitlos sind, aus ihrer Zeit nie +zu begreifen und nie mit ihr zu entschuldigen. Im Philosophen und +im Künstler liegt Ewigkeit, im bloßen Mann der Wissenschaft als +bloßem Gattungswesen nur die Unsterblichkeit des treu bewahrten und +vermehrten Fideikommisses. Der Philosoph ist also der höhere Mensch +als der Wissenschaftler. Mit der Wissenschaft bleibt immer notwendig +etwas „Fachsimpelei“ verbunden, denn es gibt nur Wissenschaft vom +Fache; die Philosophie ist ebenso allumfassend wie die Kunst. Der +große Philosoph hat wie der große Künstler +die ganze Welt in sich+, +sie sind der bewußte Mikrokosmus; im gewöhnlichen Menschen, auch im +Nur-Wissenschaftler, ist der Mikrokosmus ebenfalls, aber unbewußt, +virtuell. Hier liegt der Grund, daß Künstler und Philosophen immer +nur über dieselben ewigen Probleme sprechen; und wir stehen vor der +paradoxen und doch unzweifelhaften Tatsache, daß gerade das echte +Genie nie etwas ganz Neues, nie Dagewesenes findet, während der große +Wissenschaftler immer wirklich etwas Neues entdeckt; allerdings +ist sein Ganz-Neues als solches im letzten Grunde auch immer ganz +uninteressant („Regenwürmer“). Die Individualität des Genies führt es +mit sich, daß immer anders und doch stets in formal gleicher Weise die +Frage des Verhältnisses des Ichs zum All gestellt wird; die positive +Wissenschaft ist nur gattungsmäßig und sozial, und kann darum wohl eine +Geschichte haben, aber sie kennt keinen Heroismus und keine Tragik, +keine Lust und keinen Schmerz. Die positive Wissenschaft schaltet die +Individualität aus: also kann sie nicht Kultur sein. Sie kennt weder +absolute Probleme noch absolute Aufgaben: insofern negiert sie die +Kultur. + +Nur „machen“ soll die Wissenschaft nicht mehr; nicht einem bloßen +Worte, dem Worte Wissenschaft sich verschreiben. Die Seele des +Menschen, seine Individualität ist +zeitlos+, auch gegenüber dem +Zeitablauf von Jahrtausenden; die Individualität ist nicht Funktion der +Zeit. Dennoch, in der Wissenschaft macht sie sich hierzu. Wissenschaft +sollte ein Mensch nur von dem treiben, was ihn angeht: der Kranke soll +Medizin studieren. Den Problemen der Wissenschaftler ist bis heute nie, +wie denen der Philosophen und Künstler, individuelle +Schuld+ zugrunde +gelegen. Jedes wahre, ewige Problem aber ist eine ebenso wahre, ewige +Schuld; jede Antwort eine Sühnung, jede Erkenntnis eine Besserung. + +Würde das so, wie ich es hier als Wunsch ausspreche, so würde das +Täppische, Rohe und Freche aus dem Betriebe der Wissenschaft schwinden. +Der Wissenschaftler wüßte, daß es +seine+ Sache ist, um die es sich +handelt; und da würde er sein Objekt nicht anfassen mit der Feuerzange, +nicht darüberfahren mit dem Tafelschwamm, es nicht behandeln wie mit +dem Wurstmesser. + +Philosophie nun ist auch Wissenschaft, nicht ihrem +Gegenstande+, +wohl aber ihrer +Methode+ nach. +Drei+ Elemente konstituieren erst +den Philosophen, aber auch notwendig alle Philosophen, so viele +Unterschiede es auch sonst unter ihnen noch gibt: Erstens das ++mystische+ Element (identisch mit dem Bedürfnis und der Forderung nach +dem +Absoluten+); zu zweit das +systematische+ oder +theoretische+ +Element (das Bedürfnis nach der Architektonik). Diese beiden Qualitäten +reichen noch nicht hin, denn eine theologische Dogmatik, die an den +Glauben appelliert, entspricht solchen Bedingungen ebenfalls. Es +kommt als Drittes hinzu das Element des +Wissens+, das Postulat der +Ableitbarkeit, der Demonstrierbarkeit. Daß es eine „Geschichte der +Philosophie“ gibt, liegt nur an diesem überindividuellen Anspruch des +Wissens und dem Einfluß der wissenschaftlichen Methode (die Philosophie +hat keine eigene Methode); eine +Geschichte der Mystik+ gibt es nicht. +Ebenso ist eigentlich Geschichte der Kunst (aus den gleichen Gründen) +ein Unding, es gibt nur eine +Geschichte der Technik+ (des +sozialen+ +Elementes in der Kunst). + +Der Philosoph will wissen und muß beweisen. Nur darum hat +Philosophie einen überindividuellen, kulturellen, positiven Wert. +Die individuellen Erleichterungen des Nur-Mystikers sollen nicht +angezweifelt werden, aber für die Kultur haben sie keine Bedeutung. +Die Philosophie ist kulturell wertvoll, weil sie Wissenschaft und weil +Wissenschaft transzendental ist; aber Wissenschaft selbst ist nur +kulturell wertvoll, sofern sie philosophisch ist, d. h. nicht etwa +Lehrsätze eines bestimmten philosophischen Systems zu beweisen von +vornherein ausgeht, sondern im Geiste des Forschenden selbst in steter +und unauflöslicher, frommer Beziehung und Absicht auf das Welträtsel +steht. + + +[71] Kant verwendet in diesem Sinne von Glauben das Wort Überzeugung. +„Die subjektive Zulänglichkeit heißt Überzeugung (für mich selbst), die +objektive Gewißheit (für jedermann).“ (Kr. d. r. V. S. 622, Kehrbach.) + +[72] Idee des +Opfers+: Hingabe an die Idee. +Das Opfer ist die Antwort +auf die Gnade.+ + +[73] Diese Reduktion des Ich auf ein Zeitatom, seine +Einsamkeit in +der Zeit+ (statt einer +Verbindung mit allen Ewigkeiten+) ist das, +was das Einhorn in +Böcklins+ „Schweigen im Walde“ vollkommen genial +symbolisiert. + +[74] Es kann darum ebenso unheimlich sein, wenn der Mitmensch ganz ++dasselbe+ wahrnimmt oder denkt wie ich (mein Doppelgänger im Geistigen +ist), als wenn er das, was ich wahrnehme und denke, +gar nicht+ +wahrnimmt und versteht. Durch das erste werde ich, durch das zweite die +Welt vernichtet. + +[75] Im ersten Johannisbrief 4, 18 heißt es auch: Φόβος οὐκ ἔστιν ἐν τῇ +ἀγάπῃ, ἀλλ’ ἡ τελεία ἔξω βάλλει τὸν φόβον, ὅτι ὁ φόβος κόλασιν ἔχει, ό +δὶ φοβούμενος οὐ τετελείωται, ἐν τῆ ἀγάπῃ. + +[76] Von den Franzosen blieben da einzig Zola und Baudelaire über, kein +Maler, kein Bildhauer! + +[77] Beispiele, wie begabte Menschen ganz äußerlich und nicht aus der +Tiefe ihres Gemütes heraus zu Problemen geraten können, sind unter den +Philosophen Descartes, unter den Dichtern etwa Gerh. Hauptmann. + +[78] Ich wage hier dem Opfer Abrahams einen Sinn unterzulegen, den es +vielleicht nicht gehabt hat. Vgl. Kants Religion innerhalb der Grenzen +der bloßen Vernunft, S. 92 (Reclam). + +[79] +Darum hat alles+ =Nur-Ästhetische= +keinen Kulturwert+. + +[80] Diogenes, der „θεωρίης ἕνεκεν“ aus seinem Fasse herausschaut, ist +keineswegs die Inkarnation der Kulturidee. + +[81] An Kindesstatt liebt die europäische Kultur das Fräulein Ellen Key. + +[82] Mach, Die Geschichte und Wurzel des Satzes von der Erhaltung der +Arbeit, Prag 1872, ferner „Die Gestalten der Flüssigkeiten“ und „Die +ökonomische Natur der physikalischen Forschung“. + +[83] Allerdings noch eines anderen Zuges wegen, des Zuges zur sexuellen +Zuchtwahl (für den die Kunst aus der Liebeswerbung des Auerhahnes sich +entwickelt hat). + +[84] Soweit auch sie nur Geschäft ist, ist sie amoralisch, noch nicht +einmal antimoralisch. + +[85] Darum, weil die Wissenschaftler nicht eine Weltanschauung aus sich +selbst haben, die ihnen das Maß der Dinge wird, sondern nur einige +wenige Dinge, die ihnen das Maß der ganzen Welt sind, wiederholen +sich immer die gleichen Vorgänge: taucht irgend eine Erscheinung +auf, die von den Wissenschaftlern nicht in ihr umfangarmes System +eingefügt werden kann, so wird sie schroff in Abrede gestellt, und +ein jeder, dessen freierer Blick ihm die Möglichkeit zugeben läßt, +wegen seiner furchtsamen Phantasie, seines Narren- und Köhlerglaubens +verlacht. So war es mit den hypnotischen Erscheinungen, mit der „double +personnalité“, mit vielen Symptomen der „grande hystérie“, so ist’s +jetzt mit der Telepathie, dem Versehen der Schwangeren, dem Einfluß der +Gestirne auf den Menschen, und so wird es immer sein. + +[86] Wie wäre dies auch möglich, da ein Wissenschaftler gar nicht tun +würde, was er tut, wenn nicht die Wissenschaft bereits soweit wäre, und +ganz anders wissenschaftlich denken würde, wäre er zu einer anderen +Zeit geboren. Der Mann der Wissenschaft +stückelt nur an+. Daher kommt +es, daß, wenn ein Mann der Wissenschaft in seinem Leben auch nur ein +noch so schlechtes Gedicht gemacht hat, er dieses innerlich mehr lieben +wird als alles, was er je wissenschaftlich geleistet. Denn im Gedichte +steckt er selbst. Damit ist nun nicht bezweckt, daß noch mehr Menschen +Gedichte machen sollen. Aber die Wissenschaft sollte anders betrieben +werden. + + + + +Letzte Aphorismen. + +Krankheit und Einsamkeit sind verwandt. Bei der geringsten Krankheit +fühlt sich der Mensch noch einsamer als vorher. + + * * * * * + +Alles, was sich spiegelt, ist +eitel+; das ist denn auch die Sünde +alles Lichts. Das Licht kann darum nicht einmal Symbol der Gnade +(geschweige der Ethik) sein. Die Sterne sind symbolisch für Menschen, +die alles außer der Eitelkeit überwunden haben. Das Gute hat kein +Symbol als das Schöne: die ganze Natur. + +Ihrer sind viele; denn das Problem der Eitelkeit ist das Problem +der Individualität. Die Individualität hat Kant, der äußerst eitel +war, erkenntnistheoretisch überwunden durch den Transzendentalismus; +ethisch nicht; denn er hat das „intelligible Ich“ nicht überwunden (die +Eitelkeit verbindet ihn mit Rousseau). + +Das „intelligible Ich“ ist aber nur Eitelkeit, d. h. Knüpfung des +Wertes an die Person, Setzung des Realen als nicht real; es ist +zugleich identisch mit dem Zeitproblem: denn das Zeitliche ist eitel. + +Es gibt kein Ich, es gibt keine Seele[87]; von =höchster, vollkommener +Realität= ist allein =das Gute=, welches alle Einzelinhalte in sich +schließt. + +Die Individualität entsteht aus der Eitelkeit; weil wir Zuschauer +brauchen und gesehen werden wollen. Der Eitle interessiert sich auch +für andere Menschen und ist ein Menschenkenner. =Weil auch das Böse in +allen Menschen eines ist= („Ein Unglück kommt selten allein“), darum +sieht der Mensch nach mir, den ich fixiere; er will nämlich von mir +gesehen sein. +Meine+ Neugier ist +seine+ Schamlosigkeit. + + * * * * * + +Es hat einen ethischen Grund, daß der Mensch eine Waffe (sei’s auch +die Hand) braucht, um sich zu töten. Er hat sich das Erdenleben nicht +gegeben, nur Gott kann es ihm nehmen; doch der Selbstmörder ist des +Teufels. + + * * * * * + +Dem Teufel nämlich ist seine Macht, ist +Alles+ nur +geliehen+; er weiß +das (darum schätzt er Gott als seinen Geldgeber; darum rächt er sich an +Gott; alles Böse ist +Vernichtung des Gläubigers+; der Verbrecher will +Gott töten) und weiß es nicht oder anders (darum ist er am jüngsten +Tag der Gefoppte); und daß er dies weiß und doch nicht weiß, das ist +zugleich seine =Lüge=. + + * * * * * + +Der Teufel nämlich ist der Mensch, der +alles hat+ und doch nicht +gut+ +ist; während Allheit nur aus Güte fließen soll, und nur durch Güte ist. +Der Teufel kennt den ganzen Himmel, und will Gott als Mittel zum Zwecke +benützen (er ist darum vor allem +Frömmler+); und ist natürlich in +gleichem Grade der als Mittel Benützte. + + * * * * * + +Der Herr des Hundes ist derjenige Mensch, der gar nichts Hündisches in +sich hat; ihn sucht der Hund; der Herr des Hundes hält sich einen Hund, +sowie das Böse in Gott ist: er hält es im Bewußtsein. + + * * * * * + +Der Hund hat alle Tierformen (Schlange, Löwe etc.); er selbst aber ist +der Sklave. + + * * * * * + +Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers; und sein Kreis-Egoismus. + + * * * * * + +Die Gefahr des Flusses ist die Versumpfung. Dort sind die Mücken und +das Fieber. + + * * * * * + +Die Malaria ist ein Sinnbild innerer Versumpfung; der Malaria-Kranke +sucht Lichter anzuzünden, indem er sich berauscht. (Der Wein +funkelt+.) + + * * * * * + +Auch die +individuelle+ Unsterblichkeit ist noch Eitelkeit oder +Ruhm-Egoismus. + + * * * * * + +Der Sumpf ist eine falsche Allheit des Flusses, und sein Scheinsieg +über sich selbst. Er entsteht durch Vermischung des Wassers mit Erde +(das Männliche geht durch die Poren des Weiblichen). + +Der See ist eine +Station+ des Flusses; seine +beschauliche Stunde+. +Auch er ist eine falsche Allheit. + + * * * * * + +Der Greis ist eine +falsche Ewigkeit+: das Alter. Das Gute (und +Schöne—Wahre) ist =ewig-jung=. Das war es auch, worum Wagner als +seiner eigenen Unvollkommenheit wußte; er war Wotan. Der Siegfried und +Parsifal ist noch nicht erschienen. Der vollkommen gute Mensch (Jesus) +muß jung sterben. + + * * * * * + +Die Sterne +lachen+ nicht mehr; sie haben zur +Lust+ keine Beziehung +mehr; nur mehr zur Seligkeit und Freude. Aber sie glitzern, sie sind +eitel. Sie können darum fallen. Die Sünde der Sonne ist Lust—Schmerz, +statt Wert—Unwert: sie +lacht+ (aber sie +sticht+, +glüht+, brennt, +blendet, raucht wie ein Feuer). + +Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol die Sternschnuppe. + + * * * * * + +Die Lava ist der Dreck der Erde. + + * * * * * + +Als die Sonne sich verdunkelte, ging es Christus schlecht; da sprach +er: „Gott, warum hast du mich verlassen?“ + + * * * * * + +Das Tiefe im „Baumeister Solneß“ ist die +Einheit+ des Übels durch Raum +und Zeit. Der böse Wunsch bei mir entspricht einem Übel (und einer +Furcht) wo anders. Der den Mörder fürchtet, setzt ihn; wer morden +will, setzt den, der den Mörder fürchtet. + + * * * * * + +Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewußt wird, +d. h. ich fliegenartige „Züge“ habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur +Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei +bin: +im selben Augenblicke aber ist der Raum da+. So zeigt sich das +Problem der Externalisation, der Projektion, des Raumes als die andere +Seite des Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik. + +Der Verbrecher halluziniert die giftige Mücke und stirbt an falscher +Furcht durch Herzschlag. Es ist die Mücke in ihm selbst, die gesiegt +hat. + + * * * * * + +Der Neurastheniker (das ist der Mensch mit Furcht vor dem +äußeren+ +Tode) wird von derselben Mücke gestochen, die sein Leben lang sein ++Unglück+ und seine Furcht gebildet hat, +im selben Augenblicke, wo er +ihr Realität gibt+, indem er sagt: jetzt kommt es. + + * * * * * + +Krankheit ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist +Neurasthenie +im+ Körper. + + * * * * * + +Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muß Hautkrankheit bilden. + + * * * * * + +Die Schuld des Neurasthenikers ist nämlich der +Raum+; die Schuld des +Verbrechers ist die (weitere) +Zeit+. Darum wird dem Verbrecher immer +die Zeit, dem Neurastheniker stets der Raum Problem. + +Der Raum entsteht mit dem Körper. Hier wird +Ausdruck Selbstzweck+ +(Nietzsche). Die Schuld des Neurasthenikers ist sein Körper: er +haßt+ +ihn. Seine Schuld ist der +Stil+. + + * * * * * + +Lust ist körperlich, Freude psychisch. Des Neurasthenikers Sünde ist +es, erst durch Leid gut werden zu wollen. + + * * * * * + +Das Innere des Körpers ist sehr verbrecherisch. + + * * * * * + +=Neurasthenie= = =Raum=[88] = Externalisation = Duplizität = Irrsinn = +mangelhafte Logik (Logik ist räumlich eher als zeitlich) = Unfreiwerden +durch äußere Empfindung = =Setzen des Nicht-Realen als real=. + +=Verbrechen= = =Zeit= = Lüge (aus Feigheit) = gegen Gott gerichtet = +=Setzen des Realen als nicht-real=. + + * * * * * + +Kurzsichtigkeit = Blödsinn? = Fisch? + + * * * * * + +Der Raum ist das ganze nach außen zerstückelte Ich. + + * * * * * + ++Alle Tiere+ sind Symbole +verbrecherischer+, alle Pflanzen Symbole ++neurasthenischer+ Phänomene in der Psyche. + + * * * * * + +Der gleichförmig beschleunigte Fall ist die Tendenz der Schuld, sich +fortwährend zu +vermehren+ (+Gewohnheit+). + + * * * * * + +Die Gefahr des Inders ist die +Dummheit+; gegen diese hat sich Buddha +inkarniert. + + * * * * * + +Jesus gegen das Jüdische (das ethische Korrelat dessen, was Dummheit +intellektuell ist), und deswegen die „Armen im Geiste“ geliebt; und so +ist das Lamm ein christliches Symbol geworden. + + * * * * * + +Jüdisch ist um so viel ärger als dumm, als Ethik über der Logik steht. + + * * * * * + +Der Jude ist gar nicht +dumm+ und darum der Züchtiger des Dummen, der +sich vor ihm +fürchtet+ (der deutsche „Michel“; Wagner als Antisemit +wie Christus; =Indo=-Germanen). + +Dem Philosophen imponiert der Künstler, weil im großen Kunstwerk der +=Zufall= ohne Erkenntnis des Naturgesetzes ausgeschaltet ist. + + * * * * * + +Der Teufel rächt sich an Gott dafür, daß er von ihm geschaffen ist. + +Er ist der Mensch, der sich seiner Existenz und seines Einflusses +behaglich freut, ohne zu glauben, daß dieser Einfluß nur dem Guten +dient. + + * * * * * + +Das Judentum ist das Böseste überhaupt. + + * * * * * + +Der Verbrecher ist impotent wie der Heilige; er ist nur psychisch +sexuell, er +kuppelt+. Der Neurastheniker ist stets stark potent, weil +sein Böses körperlich, räumlich ist. + +Der vollkommene Verbrecher ist in weiterem Sinne böse als der +Neurastheniker und wird schließlich auch krank. + + * * * * * + +Die Pflanze ist der Neurastheniker; sie +zittert+ (der Verbrecher +schlottert und klappert mit den Zähnen). Sie ist ohne Trennung durch +Zellwände; d. h. hier ist +Einheit+, aber keine Allheit; keine Bewegung +(d. h. räumliche +Bestimmtheit+, Haften am Ort, Sünde des Raumes), +keine Sinnesorgane. + + * * * * * + +Tiere und Pflanzen sind Unbewußtes im Menschen. + + * * * * * + +Der Mensch begegnet dem ihm unbewußt gewordenen, als unfreier, in den +Empfindungen wieder. Es gibt keinen Zufall; nur Gerechtigkeit. + +Die Schlange im Eisenbahnwaggon, wohin sie sich begeben hat, ist die +nach außen gerichtete Lüge (gespaltene Zunge, Häutung, Strabismus +divergens), vor welcher der Eingestiegene +Furcht+ hat; sie nähert +sich ihm um so mehr, je eher er vor der Lüge kapitulieren will: +seine +Feigheit zieht sie nach sich+. + +Der Verbrecher +erdenkt+ die Schlange und fürchtet sich vor ihr; aber +er stirbt nie durch sie; ihm geschieht nie etwas von außen, sondern nur +von innen: an dem Herzschlag durch die halluzinierte Schlange. + +So setzt auch der Verbrecher das Weib als Gedanke (er will den Koitus); +aber es existiert nicht für ihn. Er findet nie das Weib, das er sucht; +weil er nur die Idee des Weibes schafft. Er kann die absolute Dirne +(ein altes Weib) sexuell begehren und kann die Madonna lieben (wenn er +rein werden will); aber er findet die Madonna nur, wenn er gut ist; in +diesem Augenblick +schafft+ er die +Madonna+. + + * * * * * + +Der Athlet hat Kraft als +Selbstzweck+ ohne ethisches Ziel. Der Athlet +muß an sich selbst zugrunde gehen, wie das Walhall-Motiv an sich selbst +stirbt. + + * * * * * + +Die Schlange ist +stolz+: sie lügt nur nach außen, nicht nach innen. + +Der Hund ist gar nicht stolz. + +Die Schlange trifft +sicher+; in ihr ist die Kraft der Erkenntnis am +größten. + +Die alte Jungfer ist das Nichts, das aus dem Weibe wird, dem der Mann, +der sie schafft, aus ethischen Gründen nicht wieder +begegnet+. Sie +geht ganz zugrunde. + +Der Mond ist der Traum; der Nachtwandler ist der unfrei gewordene +Träumer. + + * * * * * + +Epilepsie tritt nach Verschlucken alles Bösen, nach letztem Verzicht +auf Selbstbeobachtung auf. + + * * * * * + +Jeder Sieg des Guten in einem Menschen hilft von selbst dem anderen. + + * * * * * + +Die Schuld des Juden muß Lächeln über Güte sein, wie die Schuld des +Dummen Lächeln über Weisheit. + + * * * * * + +Dem vollkommenen Verbrecher muß der Selbstmord mißlingen, weil er ins +Leben will, um sich zu rächen, um zu schaden. + + * * * * * + +Psycholog = Verbrecher. + +Naturforscher = Neurastheniker. + + * * * * * + +Michel Angelos Schuld war Pessimismus (Verfolgungswahn). + + * * * * * + +Das Mitleid muß einsichtig =innere Trauer= (mit Anerkennung der ++Gerechtigkeit+) werden und darf nicht Wille zur Lust bleiben. Denn +erst dann liebt man die Menschen wirklich. + + * * * * * + ++Der Dumme lächelt verschmitzt über die Frage, der Jude über die +Schuld.+ Beide nehmen nichts ernst. + + * * * * * + +Der Kniff des Juden ist es, +neben+ Gott zu stehen. + + * * * * * + +Epilepsie tritt ein, wenn der Mensch sich sagt: es ist überhaupt +=+nichts+ real=. Er verliert sodann den letzten Halt auch in der +Empirie. + + * * * * * + +Katze ist Schmeichlerin (+Leisetreterin+), eine andere Form des +Sklavenhaften, eine, die den Herrn preist. + +Hundswut ist Rache des Hundes am Herrn, Beschuldigung des =Herrn=, daß +es so und nicht anders ist. + +Gott ist, was der Mensch nie sein kann: Vater und Sohn zugleich. Der +Sohn ist Selbsthasser und +Richter+ über sich selbst, über die Welt. + + * * * * * + +Verbrechen (Mord) heißt: dem anderen (Gott) +Schuld geben wollen+. + + * * * * * + +Der Hund, die Schlange etc. suchen die anderen zu widerlegen, um sich +zu rechtfertigen (Bellen, Zischen). + + * * * * * + +Der Vogel hat die falsche Leichtigkeit; er fliegt, weil er Röhren in +den Knochen hat. + + * * * * * + +Telepathie ist Apperzeption. + + * * * * * + +Der Verbrecher überwindet die Furcht durch den Haß, statt durch die +Liebe. + + * * * * * + +Auch um Christi Geburt muß es viele bedeutende Männer gegeben haben, +die aber nicht „auserwählt“ wurden, und deren Andenken zugrunde +gegangen ist. + +Hat die Parthenogenesis etwas mit der lesbischen Liebe zu tun? Amazonen. + + * * * * * + +Hypochondrie ist abgelenkter Selbsthaß und Verfolgungswahn. + + * * * * * + +Michel Angelos Werke sind im Zugrundegehen, weil er den Pessimismus nie +überwunden hat. + + * * * * * + ++Jüdisch ist es, anderem+ (dem Christentum) +die Schuld zu geben+; (gar +keine Demut)! Schuld+abwälzung+ heißt +Judentum+. Der Teufel ist der +Mensch, der dem Gläubigen (Gott) die Schuld gibt. + +Insofern ist das Judentum das +radikal Böse+. + +Der Dumme ist der, der über die Frage überlegen lächelt, der kein +Problem anerkennt: =Parsifalsage=. + +Der Jude übernimmt gar keine Schuld: „Was kann ich dafür?“ „Nebbich“. +Der Christ übernimmt =alle=. + + * * * * * + +Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür spricht vielerlei: +Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit, Überall-Sein, +scheinbare Treue der Augen. + + * * * * * + +Der Jude belädt sich also mit gar keiner Schuld (und =also= auch mit +keinem +Problem+); darum ist er unproduktiv. Seine Schuld ist es, die +Zeit nicht einmal zu +setzen+ (Eintags-Fliege, Zeitung, Journalist; +viele Zeitungen heißen „Mücken“: Fieramona in Florenz, La Mouche), den +Endzweck und den Weltprozeß nicht zu wollen, weder Gut noch Böse zu +wollen. Er widersetzt sich dem Willen Gottes, der auch das Böse will. + + +[87] Damit ist nichts von dem zurückgezogen, was über das Ich und die +Seele (als dem Ausdruck des Intelligiblen in der empirischen Welt) +gesagt wurde; es ist hier bloß eine Aussage über die ontologische +Realität gemacht. + + (Anmerkung des Herausgebers.) + + +[88] Dasselbe, was sich psychologisch und physiologisch als +Neurasthenie und Verbrechen kundgibt, äußert sich transzendent als Raum +und Zeit. + + (Anmerkung des Herausgebers.) + + + + + +Gleichzeitig erschien in gleichem Verlage in + +Zweiter, mehrfach verbesserter Auflage: + +Geschlecht und Charakter + +Eine prinzipielle Untersuchung von + +Dᴿᐧ OTTO WEININGER + +39 Bogen. Gr. Oktav. Brosch. 8 M. = 9 _K_ 60 _h_; geb. 9 M. +40 Pf. = 11 _K_ 20 _h_. + + ++Emil Schering+, der Übersetzer +August Strindbergs+, +schreibt im Berliner Tageblatt vom 7. Oktober: + +„Der Tod Otto Weiningers, von dem ich eben im Berliner Tageblatt +gelesen, hat mich tief erschüttert. Vorgestern noch empfing ich die +ersten — und die letzten Zeilen sowie sein Buch von ihm; und während +meine Frau und ich uns den ganzen Abend mit diesem furchtbaren Werke +beschäftigten, zur selben Zeit vielleicht erschoß er sich in Wien. + +Am 19. Juni fragte mich der +Braumüllersche Verlag+ in Wien nach +der Adresse August Strindbergs, um diesem das Buch „Geschlecht und +Charakter“ von Dr. Otto Weininger im Auftrage des Verfassers zu +übersenden. Ich gab sie, und am 21. Juli schrieb mir August Strindberg +aus Stockholm: + + „Dr. Otto Weininger in Wien hat mir „Geschlecht und Charakter“ + gesandt; ein furchtbares Buch, das aber wahrscheinlich das schwerste + von allen Problemen gelöst hat. Er zitiert „Gläubiger“, aber er müßte + „Vater“ und „Fräulein Julie“ kennen. Wollen Sie ihm die senden? Ich + +buchstabierte+, aber er +setzte zusammen+. Voilà un homme!“ + +Ich schrieb Dr. Weininger sofort von dieser Anerkennung, sandte ihm den +betreffenden Band der Schriften Strindbergs und hörte lange Zeit nichts +weiter von ihm. Schließlich vorgestern — an seinem Todestage — erhielt +ich im Paket mit dem Buche folgenden Brief aus Wien, datiert vom 30. +September: + + „Durch ein Übersehen des Verlagsgeschäftes habe ich die Karte, auf + welcher Sie mir am 23. Juli 1903 aus Grunewald schrieben, sowie das + Buch Strindbergs, das Sie mir auf Wunsch desselben schickten, erst + heute erhalten. Ich danke Ihnen und bitte Sie, Herrn Strindberg + mitzuteilen, daß ich den „Vater“ bei der endgültigen Niederschrift + von „Geschlecht und Charakter“ bereits kannte (vgl. daselbst Seite + 557) und „Fräulein Julie“ in unreifem Alter las und nun wieder zu + lesen die Absicht und den Wunsch habe. Gleichzeitig sende ich Ihnen + ein Exemplar meines Buches.“ + +Daß dieses „furchtbare“ Buch das Werk eines Vierundzwanzigjährigen war, +erschien unbegreiflich; sein Tod erklärt es jetzt. Das ganze Leben +dieses Menschen faßte sich in dieser einzigen Arbeit zusammen und +erlosch dann. Er starb für sein Werk, auf daß dieses lebe!“ + + Die erste, 1600 Exemplare starke Auflage + ☞ von „Geschlecht und Charakter“ ☜ + wurde in vier Monaten abgesetzt! + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78808 *** |
