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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78808 ***
+
+ ####################################################################
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+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1904 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ kursiv: _Unterstriche_
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
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+ ####################################################################
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+
+
+
+ ÜBER DIE LETZTEN DINGE.
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+ Dᴿᐧ OTTO WEININGER
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+ ÜBER DIE LETZTEN DINGE
+
+ MIT EINEM BIOGRAPHISCHEN VORWORT VON MORIZ RAPPAPORT
+
+ [Illustration]
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+ WIEN UND LEIPZIG
+ WILHELM BRAUMÜLLER
+ K. U. K. HOF- U. UNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER
+ 1904
+
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+ Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht vorbehalten.
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+ K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
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+Vorrede.
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+ +Motto+: Jedes wahre, ewige +Problem+ ist eine
+ ebenso wahre, ewige +Schuld+; jede
+ Antwort eine Sühnung, jede Erkenntnis
+ eine Besserung.
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+ +Weininger.+
+
+ Das Kreuz in Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,
+ Wo es nicht auch in dir wird aufgericht’, erlösen.
+
+ +Angelus Silesius.+
+
+
+Otto Weininger wurde am 3. April 1880 als das zweite Kind eines
+Kunsthandwerkers in Wien geboren. Er war ein fröhlich angelegter Knabe
+und beteiligte sich gern und häufig an den Jugendspielen; ziemlich früh
+machte sich ein heftiger Wissensdrang bei ihm bemerkbar. Im Gymnasium
+eilte er durch die eifrige Lektüre historischer, literarischer und
+philosophischer Schriften seinem Alter weit voraus. Zu dieser Zeit
+interessierte er sich am meisten für Philologie; er trug sich auch
+mit dem Gedanken, Philologe zu werden. (Im ganzen lernte er fünf
+moderne Sprachen: Französisch, englisch und italienisch beherrschte
+er vollkommen, war auch sehr belesen in den Literaturen dieser
+Völker; spanisch und norwegisch verstand er recht gut.) Der Sinn für
+Naturwissenschaften und für Mathematik erwachte erst später, als er die
+Universität besuchte. Daselbst beschäftigte er sich am eingehendsten
+mit Biologie und Physiologie;[1] Physik interessierte ihn sehr, doch
+konnte er dem praktischen Arbeiten im Laboratorium keinen Geschmack
+abgewinnen. Er trieb auch viel Mathematik (Differentialgleichungen,
+Zahlentheorie), kam aber in der letzten Zeit sehr davon ab. Eine
+lebhafte Abneigung gegen alles „+Formale+“ trat bei ihm ein; er
+verlangte immer mehr nach „Erfülltheit“.[2] — Er hörte übrigens
+Vorlesungen aller Fächer auf der philosophischen Fakultät; seine
+Arbeitskraft war eine kolossale, sowie es nur eine besonders starke
+Konstitution ermöglichte.
+
+Von sehr großer, hagerer Statur, ohne besondere Muskelkraft, besaß
+er doch eine äußerst zähe Gesundheit. Seine Nerven überwanden alle
+Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem Wesen hatte,
+wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie besaß.
+Neurasthenisch war er nicht, auch zum Irrsinn war keine ausgesprochene
+Disposition vorhanden. Nur unter schweren Herzkrämpfen und unter
+epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren stellten
+sich immer nach großen psychischen Aufregungen ein.
+
+In der Entwicklung seiner philosophischen Anschauungen sind große
+Umwandlungen zu verzeichnen. Anfangs war er ein begeisterter Anhänger
+von +Avenarius+; auch +Mach+ schätzte er damals sehr hoch. Den
+Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab. Aber das änderte sich
+bald. Den Umschwung führten ethische Probleme herbei, welche immer mehr
+und mehr Besitz von ihm ergriffen: und als er klar erkannte, daß der
+Schlüssel zur Lösung des Welträtsels in der Ethik zu suchen sei, wandte
+er sich naturgemäß ab von einer Philosophie, welcher „Gut und Böse“ gar
+nicht einmal Problem geworden war. Er wurde Kantianer, und bei Kant ist
+er, von einer einzigen Anschauung abgesehen, bis zu seinem Lebensende
+verblieben.
+
+Noch höher beinahe als Kant schätzte er Plato; diese beiden Philosophen
+liebte und verehrte er wegen ihres vollkommenen, extremen Dualismus.
+Auch traf er bei Plato sowohl wie bei Kant seine innerste Überzeugung
+wieder: daß das tiefste Wesen aller Dinge der Ethik angehören müsse.
+Von anderen Philosophen schätzte er Plotin, Augustinus, Pascal,
+Schopenhauer, Nietzsche.[3] Schopenhauer, Nietzsche und Fechner warf
+er allerdings vor, daß sie nicht den Wert (d. h. das Gute und Wahre),
+sondern Lust und Schmerz für das letzthin Reale halten; er nannte das
+„die Weltanschauung des Neurasthenikers.“
+
+Ich will nunmehr versuchen, das Verhältnis Weiningers zur Musik
+zu beschreiben. Er war sehr musikalisch, insbesondere hatte er
+ein fabelhaftes musikalisches Gedächtnis; er selbst spielte kein
+Instrument. Er war in extremem Grade Musikpsychologe: d. h. er fühlte
+bei jeder einzelnen Melodie irgend ein psychisches Phänomen, eine
+landschaftliche Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie
+zugeordnet schien; so daß er z. B. von einem Motiv der Willensstärke,
+von einem Motiv des Herzschlages, von einer Melodie der Kälte im
+leeren Raum sprechen konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs
+auf Gefühle und Stimmungen beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum
+Anblick der höchsten und allgemeinsten Probleme. Probleme können
+selbstverständlich musikalisch auch nur durch ihren Stimmungsgehalt
+wiedergegeben werden; und der ist bald stärker, bald schwächer, ganz in
+dem Maße, als die Probleme wirklich +erlebt+ werden. Das war freilich
+hier im denkbarst stärksten Grade der Fall; und so empfand Weininger
+mit großer Bestimmtheit in diesem Motiv den spielenden Monismus, in
+jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in einem dritten die
+Erbsünde u. s. w. — Sein Lieblingskomponist war +Richard Wagner+; ihn
+hielt er für den größten Künstler der gesamten Menschheit. Zwar hatte
+er noch in der Avenarius-Periode ziemlich geringschätzig geäußert,
+daß „Wagner anhören müsse, wer Psychologe werden wolle.“ Aber in der
+großen Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte,
+änderte sich auch das gewaltig. Er hielt nunmehr Tristan für eines der
+größten Kunstwerke der Welt; am allerhöchsten[4] schätzte er textlich
+den Parsifal, musikalisch den Siegfried (besonders dessen III. Akt).
+Das Vorspiel zu diesem Akte erregte stets seine Bewunderung; da fand
+er sein innerstes Erlebnis ausgedrückt: „den Kampf zwischen dem All
+und dem Nichts, zwischen Kosmos und Chaos, die größte Alternative der
+Welt; und der Aufruhr der ganzen Natur in diesem Kampfe.“ — Sehr viel
+bedeutete die Melodie „Siegfried, Herrlicher, Hort der Welt“ für ihn.
+— Aber dies alles trat zurück gegen die ungeheure Wirkung, welche
+das sogenannte „Liebeswonne-Motiv“ („Du Wecker des Lebens, siegendes
+Licht!“) auf ihn ausübte. Nach einer Siegfriedvorstellung sagte er
+einmal, er begreife nicht, wie — nach dieser Melodie — das Haus noch
+stehen bleiben könne. Noch in der verzweifelten Stimmung seiner
+letzten Lebenstage wurde er von dem Motiv — er selbst nannte es „die
+Resorption des Horizontes“ (weil der ganze Horizont hier gleichsam
+umarmt, verschlungen wird) — aufs furchtbarste erschüttert. Vor der
+zunehmenden Verdunkelung seiner Gemütsstimmung tat sich noch einmal ein
+weiter offener blauer Himmel auf; dem umdüsterten Auge erstrahlte noch
+einmal das „siegende Licht.“ — Sonst will ich noch das Regenbogen-Motiv
+(Rheingold) erwähnen, welches ihm etwas von der „Freiheit des Objektes“
+zu enthalten schien; auch dieses schätzte er besonders hoch. — Die
+Walküre empfand er als krankhaft. — Einige musikpsychologische
+Bemerkungen über Wagnersche Melodien, die ihm besonders nahe gingen,
+hat er übrigens selbst in diesem Buche zur Sprache gebracht.
+
+Nächst Richard Wagner verehrte er +Beethoven+ am meisten. Er hielt
+Beethoven für ein Genie, dessen Gefahr das Verbrechen gewesen ist, wie
+Knut Hamsun, Kant, Augustinus. Die Gefahr des Bösen, die Sehnsucht nach
+Reinheit, das furchtbare Leiden und der gewaltige Kampf waren es, die
+ihn bei Beethoven anzogen; vor allem aber jene merkwürdige, verklärte
+Freude, deren Beethoven allein fähig war — er nannte sie „+die
+gerettete Freude+.“ (Dabei dachte er besonders an das Adagio aus der
+IX. Symphonie, die Stelle in B-dur.) — Von den +Mozart+schen +Opern+
+schätzte er den Don Juan am höchsten; Mozart, Bach und Händel waren die
+— in seinem weiteren Sinne — frömmsten Komponisten.[5] Als die Gefahr
+Bachs sah er das Chaos an; die Gefahr des Händel sei Zweifel an der
+Allmacht Gottes gewesen. Aus der modernen Musik schätzte er das Lied
+der Solveig in Griegs Peer-Gynt-Suite besonders hoch; er nannte dessen
+A-dur-Melodie „die größte Luftverdünnung, die jemals erreicht worden
+sei.“ — Die sogenannte „leichte Musik“ war ihm entweder gleichgültig
+oder (wie z. B. alle Walzer) direkt antipathisch.
+
+Ich will nun einiges über das Verhältnis Weiningers zur Natur anführen.
+Er besaß eine ungeheuer starke, sehr differenzierte und sehr umfassende
+Naturempfindung; hier zeigte sich recht eigentlich seine durchaus
+universelle Veranlagung. Das höchste für ihn war der Sonnenuntergang
+(der ihm wahrscheinlich das Erlöschen des göttlichen Lichtes beim
+Sündenfall symbolisierte). Alle Erscheinungen des Lichtes wirkten
+sehr stark auf ihn; am stärksten der Anblick des Feuers, das er als
+den Ausdruck des Bösen, der Vernichtung empfand. Auch für das Wasser
+in allen seinen Formen hatte er viel Sinn. Die Quelle bedeutete ihm
+die Geburt, der Fluß das apollinische und das Meer das dionysische
+Prinzip. Überhaupt wurde alles Sichtbare als das Symbol einer ethischen
+und psychischen Realität aufgefaßt. Nicht als ob sich jede Empfindung
+gleich in abstrakte Reflexion umgesetzt hätte; sondern das intensivste
+Naturerlebnis war ihm +eins+ mit einer sicheren Erkenntnis über die
+Bedeutung dieses Phänomens für das Universum. Mit der Form und der
+Farbe +zugleich+ erschaute er die sittliche Potenz, die Idee, die sich
+dort materialisiert hatte. So ward ihm alles Sinnliche zum Symbol eines
+Geistigen. „Alle Tiere sind Symbole verbrecherischer, alle Pflanzen
+Symbole neurasthenischer Phänomene im Menschen“ (Letzte Aphorismen).
+In dieser Symbolik traf sich seine Intuition mit der idealistischen
+Philosophie. „Die Welt ist meine Vorstellung“ —, somit kommt allen
+Erscheinungen nur soweit Realität zu, als sie Symbole jener zweiten
+Welt sind, die uns in verschiedenen Gestalten hier entgegentritt: als
+das höhere, ewige Leben; als das zeitlose Sein, als die intelligible
+Welt, als das Transzendente, als das höchste Reale u. s. w. — Sein
+erstes Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der
+Sittlichkeit; er schloß daraus, daß die Tiefseefauna die Inkarnation
+von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so
+fern vom Licht gewählt hat. — Die erkenntnistheoretische Begründung
+dieser Ansichten hat er nicht gegeben; er dürfte auch kein starkes
+Bedürfnis danach gefühlt haben, da ihn sein extrem anthropozentrischer
+Standpunkt jedes Zweifels an der objektiven Richtigkeit derselben
+enthob. Die Welt ist ihm der Ausdruck des Menschen, der Mensch
+das korrespondierende Subjekt des Objekts „Welt“. Es ist die alte
+Lehre vom Menschen als dem Mikrokosmus,[6] die hier wieder einmal
+fruchtbar geworden ist. — Die Universalität seiner Naturempfindung
+war erstaunlich; er empfand das Hochgebirge so stark als das Meer,
+er sehnte sich nach dem Norden ebensosehr als nach dem Süden. Er
+fühlte stets ein starkes Reisebedürfnis. — In der letzten Zeit wirkten
+Durchblicke durch enge Öffnungen auf hell beleuchtete Fernen am
+stärksten auf ihn.
+
+Ich will nunmehr versuchen, das eigentliche Wesen Weiningers, den
+Kern seines Seins, zu erklären; dabei sollen auch die Motive des
+Selbstmordes klar hervortreten. =Otto Weininger verstehen, heißt soviel
+als den Dualismus[7] und seine Projektion auf die menschliche Psyche,
+das Prinzip des Gegensatzes im Bewußtsein, verstehen.= Denn es wird
+kaum je einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so
+furchtbaren inneren Kampf unablässig zum Ausdrucke gekommen wäre, wie
+bei ihm.
+
+Die Lehre Otto Weiningers von der Bedeutung des Gegensatzes[8] im
+Bewußtsein läßt sich etwa folgendermaßen darstellen: Jeder Mensch
+enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel (der für Weininger
+bloß das personifizierte „Nichts“ ist) und etwas vom All, vom Kosmos,
+von der Gottheit. Diese beiden Mächte ringen miteinander; ihr
+Kampf ist der Sinn des menschlichen Lebens. Und zwar =bestimmt die
+spezifische Art seines Chaos, seines „Nein“= bei jedem Menschen die
+Entwicklung und Ausbildung =gerade desjenigen „Ja“= aus dem Reiche
+des Kosmos, der Gottheit, =welches seinem Nein, seiner Form des
+Chaos genau entgegengesetzt ist=. Jede Äußerung des Nichts macht die
+korrespondierende Äußerung aus dem All möglich; jedes Stück Kosmos
+im Menschen trägt die Gefahr eines entsprechenden Chaos in sich.
+Bewußtsein ist nur durch den Gegensatz möglich; die Gottheit inkarniert
+sich im Menschen, um dort im Kampfe gegen das Nichts ihrer selbst sich
+bewußt zu werden. So wie bei aller Erotik der Mann im Weibe, so will
+sich Gott im Menschen finden, wiederfinden. — Die zwei hauptsächlichen
+Formen des „Nichts“ sind Verbrechen und Irrsinn; das wahrhaft, in
+höchster Realität Existierende ist Güte und Weisheit. Diese beiden
+fallen freilich, im Reiche des Transzendenten, zusammen; nur empirisch
+ist es zweierlei. Denn es gibt keine Erkenntnis, die nicht Sühnung
+einer Schuld wäre; keine wirkliche Selbstbeobachtung, die nicht den
+Willen zum Guten anspornen würde. Logik und Ethik gehören zusammen. Wir
+wollen das Prinzip des Gegensatzes nun für diese zwei Fälle besprechen.
+
+Derjenige, welcher die Veranlagung zum Irrsinn in sich fühlt, wird vor
+allem von logischen und erkenntnistheoretischen Problemen angezogen.
+Wem der Irrsinn Gefahr ist, dem wird alles Logische problematisch;
+alles Denken, selbst das allereinfachste, wird von ihm in Zweifel
+gezogen. Die instinktive Sicherheit und Notwendigkeit, welche den
+Gesunden bei jedem Urteilsakte leitet, wandelt sich bei ihm in eine
+Schar von Denkmöglichkeiten um, von denen jede um den Vorzug streitet.
+Daher muß er, um sich gegen die allgemeine Unsicherheit in der
+gedanklichen Orientierung zu schützen, um nicht den Boden unter den
+Füßen zu verlieren, die obersten, allgemeinsten Grundsätze des Denkens
+zu Hilfe rufen. Je größer das bedrohte Gebiet ist, desto umfassender
+müssen auch die Vorkehrungen von Seite der Logik sein, damit es dem
+völligen Verfall entrissen wird. So interessieren sich Menschen mit
+Irrsinnsgefahr für viele logische und erkenntnistheoretische Probleme,
+für welche andere Leute gar keinen Sinn haben. +Damit etwas Problem
+wird, muß es zuerst problematisch sein.+ Wer krank ist, der muß sich um
+die Krankheit bekümmern, mag ihm die Medizin sonst noch so gleichgültig
+sein; wo die Existenz einer Sache in Frage kommt, dort wird es der
+Aufmerksamkeit bedürfen; +wo eine Gefahr ist, dort wird eine Erkenntnis
+nötig sein+. Das gilt von den Gefahren für die innere Erhaltung in noch
+höherem Grade als von den Bedrängnissen der Umgebung. Sicherlich war
+bei Kant alles in Frage gestellt, als er seine Probleme fand: „Wie ist
+Erfahrung möglich? Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?....“
+
+Die zweite hauptsächliche Form des „Nichts“ ist das Verbrechen. Dem
+Irrsinnigen verdunkelt sich alles Denken, +dem Verbrecher alles Gefühl
+für den Wert+. Aller Wert ist bei ihm in Frage gestellt, keiner bleibt
+über jeden Zweifel erhaben; der Wert des menschlichen Lebens, der Wert
+der Wahrheit — das alles wird völlig problematisch. Und wenn es kein
+vollkommener Verbrecher ist, sondern ein Mensch, dem verbrecherische
+Neigungen neben sittlichem Streben innewohnen, der sein besseres Ich
+gegenüber allen Anfechtungen zu behaupten sucht, dann entstehen aus dem
+Problematisch-gewordenen die entsprechenden Probleme. Das war mit dem
+Satze gemeint: „Jedes wahre Problem ist eine ebenso wahre Schuld.“ Wenn
+also bei einem Menschen, der Sittliches und Verbrecherisches zugleich
+in sich trägt, der innere Kampf[9] beginnt, der die Entscheidung
+bringen soll, so bedarf es der höchsten, allgemeinsten Erleuchtung über
+Gut und Böse, um der tiefsten, völligsten Verdunkelung des Wertgefühles
+standhalten zu können. Wo alles in Frage gestellt ist, da muß alles
+gefestigt werden; da muß der letzte Quell des Sittlichen aufgesucht
+werden: in eine Welt von Dunkelheit muß eine Unendlichkeit von Licht
+einströmen. Und da kann es denn geschehen, daß aus dem ehemaligen
+Verbrecher ein Heiliger wird. Dieser wird natürlich viel höhere
+sittliche Anforderungen an sich stellen als ein normaler Mensch; er
+wird oft auch dort Gemeines, Böses erblicken, wo ein anderer nichts
+bemerkt. Wie der Wert früher ganz aus der Welt ausziehen wollte, so
+dringt er jetzt, nach vollzogener Umwandlung, in alle Fasern der
+Schöpfung ein.
+
+Je mächtiger die Gefahr des „Nichts“ war, desto glorioser wird das
+„Sein“, wenn es das Nichts überwunden hat. So ist der größte Mensch
+derjenige, der den größten Feind besiegt hat. =Das Genie ist nicht eine
+Art von Irrsinn oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung,
+deren größter Gegensatz.=
+
+Ich möchte das Prinzip des Gegensatzes im Bewußtsein noch mit einem
+biologischen Phänomen vergleichen. Bei jeder Krankheit bilden sich
+bekanntlich die sogenannten Antitoxine, welche die Toxine, die Erreger
+der Krankheit, zu vernichten streben. Sobald sie den letzteren an
+Zahl und Stärke überlegen sind, tritt Genesung ein. Hat nun jemand
+einmal eine ansteckende Krankheit gehabt, so wird er sie — infolge
+der im Körper zurückbleibenden Antitoxine — selbst bei der größten
+Ansteckungsgefahr in der Regel nicht ein zweitesmal bekommen. Ebenso
+wird der, welcher den Verbrecher in sich überwunden hat, auch alle
+jene gemeinen Züge abstreifen, welche sonst zum normalen Menschen dazu
+gehören: d. h. er wird zum Heiligen.
+
+Das wird freilich nur in den außerordentlich seltenen Fällen vorkommen,
+wo verbrecherisch angelegten Naturen zugleich ein hohes sittliches
+Streben innewohnt. Mag es schon sehr selten geschehen, daß sich
+bei einem antimoralischen Menschen auch nur die Spur eines Kampfes
+bemerkbar macht, viel seltener noch tritt der Fall ein, daß er bei
+diesem Kampfe den Sieg erringt. Dann freilich ist der ehemalige
+Verbrecher ein Heiliger oder ein Genie geworden. Beide Formen stellen
+die Umkehrung des Antimoralischen dar; beide haben im höchsten Ausmaße
+teil an der Wahrheit. Der Heilige hat die Wahrheit, die den Weg der
+Selbstbeobachtung erhellt, das Genie jene, welche die Beobachtung der
+ganzen Welt möglich macht. Der Heilige ist erlöst, wenn das Licht des
+höheren Lebens in ihm selbst aufgegangen ist; dem Genie leuchtet die
+ganze Welt in diesem Licht. — Weil Wahrheit das Gegenteil von Lüge
+sowie von Irrtum ist, so berührt sich das Genie als der umgekehrte
+Verbrecher mit dem Genie als dem umgekehrten Irrsinnigen.
+
+Die Weiningersche Auffassung, daß Genialität höchste Sittlichkeit
+ist, wird vielen befremdlich erscheinen. Es ist aber eigentlich ein
+ganz einfacher Zusammenhang, der hier vorliegt. Der Sittliche hat
+Verständnis für alles Leben in der Welt, weil er selbst am höheren
+Leben, das der Quell alles Lebens ist, teilnimmt. Dem Verbrecher fehlt
+der Sinn für Freiheit, Selbstzweck, Leben. Nun kann man aber ein
+Lebewesen nur dann verstehen, wenn man es als Selbstzweck betrachtet.
+Ich verstehe einen Hund, wenn ich weiß, was er fühlt und will; wenn
+ich ihn aber nur als Mittel zum Zweck auffasse, ist er kein Lebewesen
+für mich, sondern bloß eine Maschine oder eine bestimmte Menge von
+Energie. — Das Verständnis des Lebens ist die Grundlage für das
+Verständnis des Organismus; denn jeder Organismus, in seinem Bau und
+in seinen Funktionen, ist der Ausdruck für die spezifische Form des
+Lebens, welche sich ihn gebaut hat und ihn bewohnt. Hier äußert sich
+Sittlichkeit als Verständnis für Biologie. Doch der kategorische
+Imperativ: „niemanden bloß als Mittel zum Zweck aufzufassen,“ der von
+Kant nur auf vernünftige Wesen anwendbar gedacht ist, läßt sich in
+gewissem Sinne auf alle Schöpfung ausdehnen. Auch einen Granitblock,
+ein Amethystkrystall kann ich nur dann wirklich auffassen, wenn ich
+mich in der von Schopenhauer beschriebenen Stimmung der „willenlosen
+Anschauung“ befinde. +Soweit etwas „interessant“ ist, soweit fällt es
+unter den Begriff des Selbstzweckes.+ Die andere Art der Auffassung
+aller Dinge ist vom Willen zur Macht eingegeben. — Aber nur auf der
+Grundlage des Selbstzweckes ist alles Naturverständnis und alle
+Naturempfindung möglich; daher ist der sittlichste Mensch — das Genie.
+
+Vielleicht kann durch diese Betrachtung die Lehre Weiningers vom
+Verbrecher leichter verständlich gemacht werden. Es heißt bei der
+Psychologie des Verbrechers, S. 117 dieses Buches, daß alles Böse in
+der Neigung zum Funktionalismus bestehe. Dieser Ausdruck ist aber
+sehr geeignet, Mißverständnisse hervorzurufen. Denn das Funktionale
+ist gerade dasjenige, das allein Gegenstand der Erkenntnis werden
+kann; und die Kantische Frage „Wie ist Erfahrung möglich“ fand ihre
+Antwort in dem — Funktionalismus. Das ist nämlich so. Jeder Körper
+dehnt sich aus, wenn er erwärmt wird; jedem Grade der Erwärmung
+entspricht ein bestimmtes Maß der Ausdehnung. Man sagt: Das Volumen
+ist eine Funktion der Temperatur, v = f(t). Diese Beziehung hat zur
+Konstruktion des Thermometers geführt; der Bau des Thermometers ist
+durch sie bedingt. Ebenso sind alle unsere Denkgesetze durch die Natur
+aller möglichen Funktionalbeziehungen bedingt (z. B. der Satz der
+Identität durch das Phänomen der Stabilität in der Natur, welches einen
+Teil des Funktionalen ausmacht); dem liegt ein tiefer apriorischer
+(transzendenter) Zusammenhang zugrunde.
+
++Böse+ ist der Wunsch, alles Psychische in der Welt in eine derartige
+funktionale[10] Verbindung zu bringen, daß es jede Freiheit und
+Selbständigkeit einbüßt (+Verschmolzenheit+). Wie das Volumen des
+Quecksilbers mit der Temperatur, so sollen sich die Handlungen des
+Sklaven mit dem Willen des Despoten ändern. — Dies ist nun in der
+Psychologie des Verbrechers weiter ausgeführt.
+
+Die Erkenntnis des Funktionalen ist aber natürlich nicht böse. Was man
+erkennt, davon hat man sich befreit. Wir nehmen die Drehung der Erde
+nicht wahr, weil wir uns selbst mitdrehen; +um eine Sache zu erkennen,
+muß man außerhalb derselben seinen Standpunkt haben+. Damit hängt es
+zusammen, daß Hume, Mach, Avenarius, welche die Kausalität als eine
+bloße Naturerscheinung ansehen, die Vorstellung von der Willensfreiheit
+entschieden abweisen (siehe S. 71 dieses Buches), während gerade
+Kant, der der Kausalität eine viel größere Bedeutung zuerkennt,
+eine Lehre vom freien Willen aufgestellt hat. Das zur Klärung des
+Funktionalbegriffes. — Ich kehre nach dieser Abschweifung, welche
+vielleicht das Verständnis des Buches zu erleichtern hilft, wieder zur
+Biographie zurück.
+
+Otto Weininger war in hohem Grad zum Verbrecher veranlagt, und zugleich
+besaß er ein ungeheures sittliches Streben. Er kannte sehr wohl alles
+Böse; in ihm wirkte aber auch eine riesenhafte Wahrheitsliebe, eine an
+Heiligkeit streifende Seelengüte. Ich will nur erwähnen, daß er niemals
+über eine Wiese ging, um keinen Grashalm zertreten, keinen Lebenskeim
+zerstören zu müssen. Er litt es auch bei niemand anderem, der mit ihm
+ging. Wenn er einem Bettler etwas gab, so zog er stets dabei den Hut
+ab, um ihn nicht zu beschämen. — Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h.
+duldsam gegen alle jene gemeinen Züge, die zum Lebensgenuß beitragen,
+ohne anderen Menschen direkt zu schaden, war er nicht. Damit dürfte
+es auch zusammenhängen, daß er niemals „gemütlich“ war. Von „Güte“ in
+höherem Sinne hatte er sehr viel in sich.
+
+So mußte Weininger einen Kampf[11] bestehen, der an Intensität, an
+Ausdehnung über alle Gebiete des Seins, an unablässig höchster Gefahr
+vielleicht nicht seinesgleichen hatte. „Wenn ich siege, so wird das der
+größte Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen hat,“ sagte er einmal
+zu mir. Seine Kraft war eine ungeheure; aber als die Gefahr so groß
+wurde, daß er ihr nicht mehr widerstehen zu können fühlte, da tötete er
+sich selbst, um nicht dem Bösen zu verfallen; „um nicht einen anderen
+töten zu müssen,“ wie er unmittelbar vor seinem Tode aufschrieb.
+Höchste Furcht vor dem Teufel ist das Motiv seines Selbstmordes
+gewesen, sicherlich nichts anderes. Kein Mensch war weniger als er dazu
+geneigt, Kompromisse zu schließen; und so richtete er sich selbst in
+dem Moment, da er erkannte, daß er als guter Mensch nicht leben könne.
+Die Abweisung aller Kompromisse ist sicherlich heroisch, Weiningers
+Selbstmord insofern ein Akt des höchsten Heroismus.
+
+Dieser Kampf dehnte sich über alle Gebiete seines Seins aus. Alle
+Probleme der Welt rührte er auf; alles psychische Geschehen, alle
+Naturempfindung, alle Kunsterlebnisse, alle Erotik mußte an ihm
+teilnehmen. Mit einer merkwürdigen Sicherheit wurden da Pferd und Hund,
+Zypresse und Veilchen, Fluß und See, Sonne und Sterne als Symbole der
+Ethik erschaut. Da nun die ganze Natur voll derselben Probleme wurde,
+die ihn selbst erfüllten, konnte Weininger den Kampf verteilen und
+sich ihn wesentlich erleichtern: das ist eben jene Erweiterung des
+Heiligen zum Genie, von der wir früher gesprochen haben. Er horchte
+auf jede Regung der Natur, ob sie etwas Sittliches oder Unsittliches
+bedeute; und so entstand in ihm der Plan zu einem grandios angelegten
+Gedankenbau, zu einer +allgemeinen Natursymbolik+; was er davon
+ausgeführt hat, ist in diesem Buche unter dem Abschnitte „Metaphysik“
+enthalten.
+
+Es ist hier am Platze, einiges über sein Erstlingswerk „Geschlecht
+und Charakter“ zu sagen. +Wie alles, was Weininger je geschrieben
+hat, so ist auch dieses Werk+ =eine Abwehr gegen das Nichts=, +gegen
+das Böse+. Es handelt von den Frauen nur deswegen, weil die Frauen
+als ausschließlich sexuelle Wesen aufgefaßt werden. Es will den
+Zusammenhang von Sexualität und Verbrechen zeigen; es will dartun, daß
+Sexualität nicht ohne Unfreiheit, ohne Sklaverei bestehen kann. Dazu
+führt es den Mittelbegriff der „Verschmolzenheit“ ein. Der eigentliche
+Wurzelstock des Buches ist der +Begriff der Kuppelei: das vergebliche
+Streben des Nichts, zum Sein zu gelangen+ (+Klingsor+). Die extremen
+sittlichen Forderungen, die in „Geschlecht und Charakter“ gestellt
+werden (wie z. B. völlige Keuschheit), sind durch den gewaltigen
+Seelenkampf des Verfassers zu erklären; er bedurfte der vollkommenen
+Reinheit, um sich vor dem Abgrund zu retten. Es berührt unangenehm,
+zu sehen, wie mancher über die „übertriebene“ Sittenstrenge lächelt,
+der eben weder diesen Kampf, noch die Voraussetzungen dieses Kampfes
+kennt. Ich betone es noch einmal: alles, was Weininger geschrieben
+hat, war eine oft verzweifelte Abwehr gegen den völligen Verfall aller
+Werte, gegen die drohende Verdunkelung des Sinnes für Wahrheit und
+Leben. — Er selbst war sehr erotisch und sehr sinnlich, doch lebte
+er in der letzten Zeit vollkommen keusch. Als er das Buch schrieb,
+äußerte er sich einmal folgendermaßen: „Was ich hier gefunden habe,
+wird sicherlich keinen anderen so schmerzen wie mich selbst.“ — Einige
+Monate darauf: „Dieses Buch bedeutet ein Todesurteil; entweder trifft
+es das Buch oder dessen Verfasser.“
+
+Es ist dies eben die Art jener Produktion, aus der zweifellos alle
+wahrhaft bedeutenden Werke über ethische Probleme hervorgegangen sind.
+„+Die Ethik wird einem nicht geschenkt+,“ sagte Weininger öfters; und
+was damit zusammenhängt: „Gute Menschen haben immer eine flache Ethik.“
+(Damit meinte er Menschen, welche niemals einen Impuls zum Bösen
+verspürt haben.)
+
+Das ist der tiefste, charakteristischeste Zug in Otto Weiningers
+Wesen: die Gewalt, mit welcher er den Dualismus erlebt hat. Darum
+ging ihm auch alles nahe, worin der Dualismus zum Ausdruck kommt; so
+Kant, so Plato, vor allem aber das Christentum,[12] an dem er mit
+leidenschaftlicher Verehrung hing. Er war fest überzeugt davon, daß
+die Person[13] und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden
+habe wie er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit:
++alles Böse der Welt als die eigene Schuld empfinden+, ging ihm
+außerordentlich nahe. Der Inhalt des Christentums: die strenge
+Scheidung von höherem, ewigem und niederem, zeitlichem Leben; der
+Glaube an den Sündenfall (der wahrscheinlich so alt wie die Menschheit
+ist, hier aber eine besonders große Bedeutung erlangt); die Vorstellung
+vom inneren Tode bei äußerlich lebendigem Leibe (Lasset die Toten ihre
+Toten begraben) — das alles ging ihm besonders nahe. Auch ihm bedeutete
+das Wort „Leben“ etwas, das eigentlich nur dem Sittlichen zukommt: da
+das höhere Leben auch der Quell des irdischen ist. — Im Mittelpunkte
+seines Denkens steht der Begriff der „Schuld“. Alles Leiden ist nach
+Weininger Schuld, und zwar übernommene Schuld; er teilte die Menschen
+ein in solche, die die Schuld übernehmen und daran leiden (die Dulder),
+und solche, die die Schuld auf die anderen abwälzen (die Verbrecher).
+Den Sündenfall faßte er durchaus individuell auf. Jeder Mensch hat
+seine eigene Erbsünde, die eben mit seiner „Schuld“ identisch ist. —
+Seine Abneigung gegen das Judentum, gegen die Frauen und gegen Schiller
+ist zum großen Teil aus deren vollkommenem Mangel an Dualismus zu
+erklären. Den empirischen Optimismus haßte er, an den transzendenten
+glaubte er selbst (das Paradies).
+
+Als er gerade sein Erstlingswerk vollendet hatte, da sagte er einmal
+zu mir: „Es gibt drei Möglichkeiten für mich; den Galgen, den
+Selbstmord[14] und eine Zukunft, welche so glänzend ist, daß ich sie
+mir gar nicht auszudenken traue.“[15] Seit dieser Zeit wurde seine
+Stimmung immer schlechter. Er verbrachte den ganzen Sommer in Italien,
+und verblieb zunächst längere Zeit in Syrakus, wo er den größten Teil
+des vorliegenden Buches niederschrieb. Syrakus nannte er „den einzigen
+Ort, in dem man den Sonnenuntergang ertragen könne.“ Dann hielt er sich
+in Calabrien auf, besuchte Casamicciola auf der Isola d’Ischia, sah
+sich auch Rom und Florenz an. In den letzten Tagen des September kehrte
+er nach Wien zurück. Hier arbeitete er, wohl schon mit der festen
+Selbstmordabsicht, an den „Letzten Aphorismen“; er schrieb zwei ganze
+Nächte durch. Da fand er plötzlich die Lösung eines Problems, das ihn
+früher unablässig gequält hatte: „Nicht die Seelen, die Individuen sind
+das letzthin Reale, auch sie sind noch Ausdruck der Eitelkeit, Knüpfung
+des Wertes an die Person; von höchster Realität ist allein das Gute,
+welches alle Einzelinhalte in sich schließt.“ — Wohl äußerte er noch
+die Absicht, bald wieder Wien zu verlassen und wegzureisen; aber seine
+Stimmung verriet die herannahende Katastrophe. Völlige Dunkelheit brach
+über ihn herein; ein abgründlicher Pessimismus (den er aber auch als
+Schuld empfand) bemächtigte sich seiner.
+
+So äußerte er sich z. B. (es war in den letzten vier, fünf Tagen seines
+Lebens): „Alles, was ich geschaffen habe, wird zugrunde gehen müssen,
+weil es mit bösem Willen geschaffen wurde; vielleicht mit Ausnahme
+davon, daß Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der Natur
+enthalten ist, daß das Symbol des Sittlichen nur das Schöne, nur die
+ganze Natur sein kann. — Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir
+in Berührung gekommen ist.“ Ein andermal: „Meine Rückkehr nach Wien
+hätte eine zweite Inkarnation[16] in Wien sein sollen.“
+
+Tags darauf nahm er sich ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus. Er
+verbrachte dort eine Nacht; in der Früh — am 4. Oktober 1903 — machte
+er seinem Leben durch einen Schuß in die Brust ein Ende.
+
+Es sei hier erwähnt, daß zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine
+in Wien sichtbare partielle Mondesfinsternis stattfand, die genau
+in dem Momente endigte, als sein Leib in die Erde gesenkt wurde. —
+Bekanntlich erzählt Schopenhauer, daß am Tage von Immanuel Kants Tode
+eine weiße Wolke gen Himmel aufgestiegen sei, worauf der Himmel klarer
+und reiner geleuchtet habe als je vorher.
+
+ * * * * *
+
+Es hat wohl — seit Richard Wagners Tode — niemand gegeben, dem das Wort
+„+Seele+“ soviel bedeutet hätte, in dem auf dieses Wort so Vieles und
+Inhaltsschweres mitgeklungen wäre. Aber viel weiter noch, glaube ich,
+müßten wir zurückgehen, um jemanden zu finden, der eine so ungeheure,
+so weltumspannende Vorstellung von +Güte+ in sich getragen hätte wie
+Otto Weininger.
+
+ * * * * *
+
+Da es vielleicht manchen interessieren wird, noch etwas Persönliches
+über Weininger zu erfahren, so veröffentliche ich hier einige seiner an
+Herrn +Gerber+ und an +mich+ gerichteten Briefe.
+
+ * * * * *
+
+Aus den Briefen an Herrn Arthur +Gerber+:
+
+ +München+, 29. 7. 02.
+
+ „— — München hat noch keinen großen Mann hervorgebracht: alle
+ angezogen, keinen festgehalten. — Ich komme eben aus der
+ Schack-Galerie. Dort hängt eine Kopie des großartigsten Bildes der
+ Welt, des Jeremias von Michel Angelo. Ich habe bisher nicht gewußt,
+ daß es so etwas geben kann, daß von einem Bilde soviel ausstrahlen
+ kann. — —“
+
+ +Dresden+, 12. 8. 02.
+
+ „— — Ich habe jetzt die Überzeugung, daß ich doch zum Musiker geboren
+ bin. Noch am ehesten wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch
+ musikalische Phantasie an mir entdeckt, die ich mir nie zugetraut
+ hätte, und die mich mit einem starken Respekt erfüllt hat. — —
+
+ — — Ich habe jetzt die leibhaftige sixtinische Madonna gesehen.
+ Sie ist — +schön+. Aber nicht +bedeutend+; nicht großartig, nicht
+ irgendwie erschütternd. Und die Leute davor! Ich habe mich herzlich
+ amusiert. Es gibt weit hervorragendere Bilder hier. +Einen+ hab’ ich
+ entdeckt, einen tiefen +Kenner des Weibes+: +Palma vecchio!+ — —“
+
+ +Fredrikshaven+ (Nordspitze Jütlands), 21. August 1902.
+
+ „— — — Ich habe also jetzt 14 Stunden Seefahrt hinter mir, darunter
+ fast die ganze Nacht auf Deck zugebracht, bei ziemlichem Sturme und
+ bis 4 _m_ hohen Wellen; und bin seefest! wie ich’s von mir nicht
+ anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts kann die +Würde+ des
+ Menschen so leiden wie durch die Seekrankheit. Bezeichnend genug
+ ist’s, daß die +Frauen+ alle seekrank werden. — —“
+
+ +Syrakus+, 3. August 1903.
+
+ „— — Statt in Ancona auf ein Schiff lange zu warten, bin ich über
+ Rom, Neapel, Messina, Taormina (einen der schönsten Punkte der Erde),
+ Catania (Ätna) hierher gereist.
+
+ In Rom hörte ich den Trovatore, in dem die großartigste Darstellung
+ des Herzschlages sich findet, und bin mehr als je der Meinung, daß
+ Verdi ein Genie gewesen ist; hier hörte ich vorgestern abends in
+ einer zauberischen Gegend, am Strande des mondbeschienenen jonischen
+ Meeres, zwischen der papyrusbestandenen Quelle Arethusa und den
+ Segelschiffen des Hafens, von der Corso-Militärmusik die Cavalleria
+ rusticana spielen.
+
+ Als er die schrieb, damals war Mascagni +groß+. Ich habe jetzt die
+ ganze Gegend gesehen, in der sie spielt, bin unweit Francofonte
+ gewesen, und habe mich sehr gefreut, wie vollkommen richtig ich sie
+ mir vorgestellt hatte: das +blondeste Getreide+ (la cirāsa). Es ist
+ die fruchtbarste Gegend Europas. Über die sizilianischen Duelle der
+ Bauern habe ich reiche Belehrung gesucht und gefunden, und über eine
+ Art selbst den Unterricht eines Ziegenhirten genossen, der wirklich
+ und wahrhaftig auf der selbstgeschnitzten Syrinx blies — allerdings,
+ und zwar sehr schlecht, eine Melodie aus dem Barbier von Sevilla,
+ die gar nicht an den Ort paßte. — Beneide mich aber nicht zu sehr,
+ auch wenn dich, was ich dir hier schreibe, noch so sehr mit Sehnsucht
+ erfüllen sollte.
+
+ Syrakus ist die eigentümlichste Gegend der Welt. Hier kann ich nur
+ geboren werden oder sterben — leben nicht.
+
+ Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante Schamlosigkeit des
+ Kraters zu denken gegeben. Ein Krater erinnert an den Hintern des
+ Mandrill.
+
+ Zur Beschäftigung mit Beethoven rate ich dir nur sehr. Er ist
+ das absolute Gegenteil Shakespeares, und Shakespeare oder die
+ Shakespeare-Ähnlichkeit ist, wie ich immer mehr sehe, etwas, worüber
+ jeder Größere hinauskommen muß und hinauskommt. Bei Shakespeare hat
+ die Welt keinen Mittelpunkt, bei Beethoven hat sie einen. — — —“
+
+ +Syrakus+, 19. August 1903.
+
+ „Die Beilagen, außer der gewöhnlichen Ansichtskarte,[17] sind:
+
+ 2 Blüten einer Papyrusstaude,
+ 1 Stückchen Bast aus dem Stamme derselben
+
+ was du dem Umstande zuzuschreiben hast, daß die Schiffer des
+ Ruderbootes, auf welchem ich den papyrusbestandenen Fluß Anapo
+ bis zur Quelle, der berühmten Cyane, fuhr (was ich dir [und zwar
+ ebenfalls im Boote] unbedingt anrate, wenn du nach Syrakus kommst),
+ gegen meinen ausdrücklichen Willen und ohne mein Wissen eine Pflanze
+ abschnitten.
+
+ Die andere Ansichtskarte ist eben aus dem hier wachsenden Papyrus
+ selbst hergestellt und bietet eine sehr schlechte Ansicht der Ruinen
+ des alten griechischen Theaters, jener Stätte, wo der Sonnenuntergang
+ unter allen Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist.“
+
+ * * * * *
+
+Aus den Briefen an +mich+:
+
+ +Casamicciola+, Isola d’Ischia.
+
+ „Es steht viel schlimmer, als ich selbst noch vor zwei Tagen dachte,
+ beinahe hoffnungslos.“[18]
+
+ +Sorrent.+
+
+ Die Schlange ist das Symbol der Lüge (gespaltene Zunge, Häutungen,
+ ihr Kriechen Gegenteil des Vogelfluges; die Schlange als der
+ [innere] Feind des Vogels).... Für die Griechen hat es im engeren
+ Sinne keine Einsamkeit und kein Zeitproblem gegeben. Zwischen den
+ Griechen und Beethoven ist eine Ähnlichkeit, indem bei beiden die
+ Welt einen Mittelpunkt hat; absolutes Gegenteil Shakespeare. Es
+ ist dort polarisiertes, hier unpolarisiertes Licht. Das Gegenteil
+ des Mitleides ist bei Shakespeare nicht Grausamkeit, sondern
+ Stumpfsinn....
+
+ +Neapel.+
+
+ Das Lamm ist das frömmste Tier, obwohl es auch sündhaft ist, nämlich
+ müde und feig; Trägheit und Feigheit sind verwandt, ebenso Fleiß und
+ Mut....
+
+ * * * * *
+
+ Hat das Erdbeben nicht Verwandtschaft mit dem Krampf des Epileptikers?
+
+ * * * * *
+
+ Der Ausspruch: „Dir wird schon noch einmal bei deiner Gottähnlichkeit
+ bang,“ deutet darauf hin, daß Goethe auch einmal Gott werden wollte,
+ und sich später beschieden hat.
+
+ * * * * *
+
+ Sind die Pferdebremse (die übrigens eine gewisse sadistische
+ Schönheit hat) und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen?
+ Das will und kann man nicht annehmen. Sie sind Symbole für etwas,
+ wovon Gott sich abgekehrt hat, spiegeln dem Menschen gewisse Dinge
+ in ihm selber wieder, gleich wie das Meer den Himmel wiederspiegelt.
+ Aber wenn das Stinktier und der Schwefel nicht von Gott geschaffen
+ ist, so entfällt auch das prinzipielle Bedenken beim Vogel
+ und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von Menschlichem,
+ Allzumenschlichem; sonst wäre ja irgendwo Vollendung, Erfüllung,
+ statt immer bloß Erscheinung. Gott kann in keinem dieser Einzeldinge
+ stecken, denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und
+ nichts anderes.
+
+ * * * * *
+
+ Die Russen sind das ungriechischeste aller Völker.
+
+ * * * * *
+
+ Die Windungen der Schlange sind symbolisch für die windungsreiche
+ Biegsamkeit des Lügners.
+
+ * * * * *
+
+ Alle Krankheit ist häßlich; darin liegt, daß sie Schuld sein muß.
+
+ * * * * *
+
+ Das Anbellen und Wieder-Zurückprallen des kleinen Hundes ist das
+ furchtsame, kleine Sakrileg, das sofort Kehrt macht und um Gnade
+ winselt, und nicht einmal verzweifelt ist wie der Mörder.
+
+ * * * * *
+
+ Die Diskontinuität im Zeitverlauf ist das Unsittliche an ihm;
+ deswegen gibt es auch keine Heiligkeit von Fall zu Fall.
+
+ * * * * *
+
+ Alle Sittlichkeit ist schöpferisch; darum ist der Verbrecher nicht
+ arbeitsam und nicht produktiv (er hat keinen Willen zum Wert). Wäre
+ die Sittlichkeit des Weibes echt, so müßte sie schöpferisch sein.
+
+ * * * * *
+
+ Der Selbstmord ist kein Zeichen von Mut, sondern von Feigheit, wenn
+ auch unter den Feigheiten selbst die geringste.
+
+ +Neapel.+
+
+ Die Furcht ist die Rückseite +alles+ Willens. Vorwärts Etwas,
+ rückwärts Nichts. Darum ist es unheimlich, auf einem Weg, den man
+ geht, bei plötzlicher Umdrehung die zurückgelegte Strecke zu gewahren
+ (Einsinnigkeit der Zeit). Ich glaube also doch, daß Furcht mit
+ Unsittlichkeit verschwistert ist; nur wächst eben das Gefühl für
+ das Chaos, je mehr Kosmos man sein will. Das Nichts ist der Rand
+ des Etwas; und wird der Mensch alles, wird er Gott, so hat er keine
+ Ränder und keine Furcht mehr. Aber wahrscheinlich hat er kurz vorher
+ die letzte, größte Furcht zu besiegen....
+
+ +Wien+, den 4. November 1903.
+
+ Moriz Rappaport.
+
+
+[1] Er hat auch einmal ein Gehirn seziert.
+
+[2] Was er z. B. in der Musik Richard Wagners fand, den er darum den
+unmathematischesten Musiker nannte.
+
+[3] Nietzsches Ethik nahm er zwar nicht sehr ernst, den Zarathustra
+aber schätzte er seiner grandiosen Naturstimmungen wegen
+außerordentlich hoch.
+
+[4] Er fühlte das Bedürfnis, alle großen Männer und Kunstwerke auf das
+genaueste zu werten; so verlangte es sein unablässiges Streben nach
+Klarheit.
+
+[5] Man lese die Stelle über die Arten der Frömmigkeit in „Geschlecht
+und Charakter“ (1. Auflage, S. 433) nach. Da heißt es unter anderem:
+„Frömmigkeit braucht nicht in ewiger Betrachtung vor dem Weltganzen zu
+stehen (so wie +Bach+ vor ihm steht); sie mag (wie bei +Mozart+) als
+eine alle Einzeldinge begleitende Religiosität sich offenbaren.“
+
+[6] Ich komme später noch einmal kurz auf dieses Thema zurück.
+
+[7] Das Wort „Dualismus“ wird in verschiedenem Sinne gebraucht; man
+spricht von einem psychophysischen und von einem ethischen Dualismus.
+Der erstere +beschreibt+ das Verhältnis von Leib und Seele, wie es
+Natur und Erfahrung bieten; der letztere +wertet+ das Verhältnis von
+Sinnen und Geist, von materieller und geistiger Natur, von Trieb und
+Wille, von tierischen und göttlichen Prinzipien im Menschen. Was das
+psychophysische Verhältnis betrifft, so hat mit dem „Parallelismus“
+eine ziemlich monistische Anschauung Platz gegriffen, mit der Weininger
+vollkommen einverstanden war. Ihm handelte es sich lediglich um
+den ethischen Dualismus: daß der Mensch zum Teil von Gott und zum
+Teil vom Staube stammt. Dem ethischen Monismus huldigen vor allem
+die Evolutionsfanatiker (Bölsche). Für ihn gibt es kein Gut und
+Böse, welches aus tieferem Grunde käme, sondern bloß ein „Mit der
+Entwicklung“ und ein „Gegen die Entwicklung“. Hier handelt es sich um
+jenen +Dualismus+, welcher ethischen Eigenschaften die größte Realität
+erteilt; welcher ein höheres und ein niederes Leben (Christentum), eine
+intelligible und eine empirische Welt (Plato, Kant) kennt.
+
+[8] Er selbst spricht ganz kurz in der Tierpsychologie (beim Pferd)
+darüber.
+
+[9] Der Ausdruck „Innerer Kampf“ wird bei vielen ein Lächeln erregen,
+welche nicht begreifen, daß man in sich selbst etwas hassen könne
+außer etwa die Anlage zu Erkältungen. — Es sei hier bemerkt, daß das
+lateinische und das griechische Wort für Tugend zunächst Tapferkeit
+heißt, worauf in einer wundervollen Stelle Immanuel Kant aufmerksam
+gemacht hat (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft,
+„Von dem Kampf des guten Prinzips mit dem bösen“).
+
+[10] Das Funktionale als das Gegenteil des Selbstzweckes.
+
+[11] Dieser Kampf machte die außerordentlich starke Selbstbeobachtung
+bei ihm nötig; er kam aber auch der Außenwelt gegenüber zum Ausdruck.
+Auch nach außen hin war Weininger immer kampfbereit; darum focht er
+z. B. sehr gerne (während er sonst durchaus kein Sportsfreund war).
+
+[12] Er war von Geburt Jude, und trat am Tage seiner Promotion (21.
+Juli 1902) zum Protestantismus über.
+
+[13] Er glaubte auch an viele der vom neuen Testament überlieferten
+Wunder, und zwar im durchaus buchstäblichen Sinne.
+
+[14] Er hatte sich schon im Herbst 1902, vor der Ausarbeitung von
+„Geschlecht und Charakter“, einige Zeit lang mit Selbstmordabsichten
+getragen; doch konnte damals das Unglück noch durch Zureden eines
+Freundes verhindert werden.
+
+[15] An demselben Tage vertraute er mir auch die Herausgabe seiner
+letzten Manuskripte an, für den Fall, daß er selbst nicht dazu kommen
+sollte.
+
+[16] Er hatte sich nämlich vorgenommen, nicht eher nach Wien
+zurückzukehren, als bis sein innerer Kampf entschieden sein würde.
+
+[17] Du mußt dir die Häuser ganz gelb (wie Schönbrunn), das Meer
+vollkommen blau und absolut wolkenlos den Himmel denken.
+
+[18] Zur Zeit der Vollendung von „Über die letzten Dinge“ in Syrakus.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis.
+
+
+ Seite
+
+ +Vorwort+ V
+
+ +„Peer Gynt“ und Ibsen.+ (Enthaltend einiges über Erotik, über Haß
+ und Liebe, das Verbrechen, die Ideen des Vaters und des Sohnes) 1
+
+ +Aphoristisch-Gebliebenes.+ (Enthaltend die Psychologie des
+ Sadismus und Masochismus, die Psychologie des Mordes, Ethisches,
+ Erbsünde etc.) 49
+
+ +Zur Charakterologie.+ (Enthaltend: Sucher und Priester, Über
+ Friedrich Schiller, Bruchstücke über R. Wagner und den „Parsifal“) 77
+
+ +Über die Einsinnigkeit der Zeit+ und ihre ethische Bedeutung
+ nebst Spekulationen über Zeit, Raum, Wille überhaupt 93
+
+ Über rückläufige Bewegungen 95
+
+ Das Zeitproblem 101
+
+ Anhang 109
+
+ +Metaphysik.+ (Enthaltend die Idee einer universellen +Symbolik+,
+ Tierpsychologie [mit ziemlich vollständiger Psychologie des
+ +Verbrechers+] etc.) 111
+
+ Metaphysik 113
+
+ Psychologie des Verbrechers 115
+
+ Tierpsychologie: Der Hund 121
+
+ Das Pferd 124
+
+ Allgemeines 126
+
+ Pflanzen 128
+
+ Anorganische Natur 129
+
+ +Die Kultur+ und ihr Verhältnis zu Glauben, Fürchten und Wissen 131
+
+ +Letzte Aphorismen+ 173
+
+
+
+
+„Peer Gynt“ und Ibsen.
+
+(Enthaltend einiges über Erotik, über Haß und Liebe, das Verbrechen,
+die Ideen des Vaters und des Sohnes.)
+
+
+Über Henrik Ibsen und seine Dichtung „Peer Gynt“.
+
+(Zum 75. Geburtstage des Dichters.)
+
+In dem Verhältnis, das wir zu den Werken eines Künstlers haben,
+werden wir gut tun, ein Mehrfaches zu unterscheiden: ob wir Gedanken
+darin finden, die uns aufklären, eine Lösung, die uns befreit, eine
+Form, die uns befriedigt und dem Gegenstande angemessen erscheint.
+Fertigkeit, die wir dem Schöpfer neiden, Phantasie, die wir lieben
+oder fürchten können; und anderseits all das, was von ihm selbst in
+all seiner Subjektivität in sein Werk gedrungen ist, von ihm nicht als
+großem Denker und Gestalter, sondern als +genielosem+ Menschen. Und
+wohl scheint es, als wäre gerade dieses Element bestimmend für den
+„Stil“ seiner Kunst. „Stil“, d. h. einen eigenen Stil; +ihren+ Stil
+finden freilich nur geniale Menschen, aber die +Unterschiede+ im Stil
+entstammen den sonstigen Unterschieden ihrer Eigenart; und je nachdem
+diese der unseren näher oder ferner steht, danach bemißt sich unser
+gefühlsmäßiges Verhalten zu dem Künstler — für die große Masse der
+Menschen ausschließlich danach auch ihr endgültiges Urteil über ihn.
+
+Dies muß man in Betracht ziehen, um das Verhältnis zu begreifen,
+welches die heutige Generation und ihre Wortführer zu +Ibsen+ haben.
+Seine Sache ist keine Sache mehr, für oder gegen die man sich ereifert.
+Er ist ein „Moderner“, und doch gar nicht „Mode“. Jeder hat ihn längst
+gelesen, den einen hat er merkwürdig angezogen, den ändern ließ er
+kühl, dem dritten war er äußerst antipathisch; man weiß, daß er für
+die Frauen und gegen die Lebenslüge „ist“, und rühmt seinen Dialog.
+Man agitiert nicht für ihn, wie für +Goethe+, und schimpft nicht auf
+ihn, wie auf +Schiller+. Ein Mann, dessen Bücher um etliche Pfennige
+zu kaufen sind, kann von vornherein dem Kulturmob, für den auch seine
+Lektüre nur eine Frage des möglichst raren +Meublements+ ist, kaum zur
+Befriedigung seiner kostspieligen geistigen Ausstattungsbedürfnisse
+dienen; so verschroben diese Erklärung der jetzigen Ibsen-Verachtung
+oder kühlen Ibsen-Anerkennung scheint, sie ist nicht verschrobener
+als die Motivenreihen, welche heutzutage zur Thronerhebung und zur
+Absetzung der künstlerischen Größen zu führen pflegen. Ein Zeitalter,
+das die innere +Unruhe+ seiner Pöbelhaftigkeit dumpf als einen Makel
+empfindet und ein Gegengewicht nach Parvenuart krampfhaft sucht,
+glaubte dieses lieber rasch bei jeder Größe entbehrenden +Idyllikern+
+wie Gottfried +Keller+ oder Theodor +Storm+ zu finden, die es in einem
+Atem mit +Goethe+ zu nennen ohne Furcht vor Gelächter wagen durfte,
+statt in wachem Mißtrauen gegen sich selbst der inneren Arbeit an
+sich zu gedenken, einer Aufgabe, an welche es von +Ibsen+ unangenehm
+sich hätte erinnert fühlen müssen. Freilich hat dieser Künstler
+dreimal schwer kompromittiert zu werden das Unglück gehabt. Als junger
+Mann fiel er jenem dänischen Journalisten in die Hände, der seine
+Bekanntheit zumeist dem Umstande dankt, daß er als der erste die Gêne
+verloren hat, den Trieb seiner angeborenen Natur zu befriedigen,
+d. h. sämtliche berühmte Männer Europas zu interviewen, und dessen
+unglaublich flache Schönrednerei über die Literaturströmungen des 19.
+Jahrhunderts nur darum anziehen konnte, weil man lange genug unter
+der professoralen Literaturgeschichtsschreibung zu leiden gehabt
+hatte. Das zweite Verhängnis, dem Ibsens Werke verfielen, war ihr
+zeitliches Zusammentreffen mit dem Verlangen der Frauen nach Zulassung
+zu den bürgerlichen Berufen, eine Koinzidenz, die man für mehr als
+zufällig hielt und kausal deutete. Es widerstrebte in begreiflicher
+Weise tieferen Naturen, für einen Mann sich einzusetzen, der von den
+Frauen wegen seiner Anschauungen belobt wurde. Schließlich drittens
+bemächtigten sich des Dichters auch die männlichen Theoretiker der
+heutigen Kultur. Er wurde vom Sozialismus und von der Gattungsethik
+reklamiert. Es hatten immer jene Dichtungen Ibsens, deren Tendenz
+zum Teil eine zeitlich begrenztere ist, und die deswegen von
+vergänglicherem Wert sind, den meisten Staub aufgewirbelt, denn
+sie schienen von jenen Tagesströmungen nicht unbeeinflußt; und wie
+man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die letzten Worte
+Faustens in immer engere Beziehungen zum „Liede der Arbeit“ brachte,
+so interpretierten alle Weiber beiderlei Geschlechtes den Schluß von
+„Klein Eyolf“ als die Hoffnung auf das „Jahrhundert des Kindes“. Und
+die andere Seite der Weiblichkeit, das „Liebesleben“, kam voll auf
+die Rechnung durch jenes Drama, das den Namen Ibsen am bekanntesten
+gemacht hat, durch die „Gespenster“, an welchen auch der Darwinist
+seine Freude hatte, indem sie ihm „nur die Anwendung“ hygienischer
+Vererbungstheorien auf Schule und Haus in populärer Weise nach dem
+Abschreckungssystem zu geben schienen. Die Blasierten des Sozialismus
+endlich ließen Ibsen als noch unklaren und wenig entschiedenen
+Vorläufer Nietzsches gelten. War den Phrasenhelden beider Richtungen
+sein reicher Symbolismus anstößig, so war er den Symbolisten selbst zu
+wenig Stimmungsmensch, zu +logisch+, zu +kalt+.
+
+All dies kam zusammen, um jene gelangweilte, mißmutige Stimmung zu
+erzeugen, in der man den Namen Ibsen heute fast immer aussprechen
+hört. Er bedeutet den Vorgeschrittenen eine Trivialität, eine dem
+klassizistischen Epigonentum entgegengesetzte Losung, die mit dem
+erkämpften Siege über jenes ihren Dienst getan habe. Was er gesagt hat,
+glaubt man bis zum Überdruß verstanden und längst inne zu haben. Er
+ist ihnen der Verkünder einer Zeit, die ohnedies bereits angebrochen,
+solcher Werke, die bereits Gemeingut der Wissenschaft seien: nichts
+aber ist einem Kunstwerk tötlicher als dieses. Und daß ihn jeder kennt,
+und einige seiner Dramen überall widerstandslos aufgeführt werden,
+trägt nur dazu bei, ihn der Vergangenheit zu übergeben.
+
+Wer also heute über Ibsen noch etwas sagen will, sieht sich in einer
+peinlichen Lage. Er läuft Gefahr, sogleich subsumiert zu werden unter
+jene Nachzügler, zu denen, wie das Fixsternlicht auf die Erde, die
+Weltpost der Mode erst nach einer Reihe von Jahrzehnten dringt. Und
+wer gar in den Werken gerade dieses Künstlers, und vor allem in seinem
+gewaltigsten „dramatischen Gedichte“, dem „Peer Gynt“, Produkte nicht
++einer+ Zeit, sondern Schöpfungen für die Ewigkeit erblickt, der weiß
+wohl +für+ wen, aber nicht recht, +gegen+ wen er Zeugnis ablegt.
+
+Vor allem Eingehen auf den Gedankengehalt dieses „Peer Gynt“ soll
+noch ausdrücklich auf eine Auseinandersetzung mit jener so allgemein
+gangbaren Meinung verzichtet werden, welche in dieser Dichtung bloß
+eine Persiflage des Norwegertums erblickt, die eigentlich nur für die
+Landsleute des Dichters recht verständlich sei. Gewiß sind in den
+„Peer Gynt“ Stellen und Szenen geraten, die ähnliches bedeuten. +Der
+Held des „Peer Gynt“ ist aber die Menschheit überhaupt.+ Wer sich die
+Mühe nimmt, hier weiter zu lesen oder wer sich gar nachher den Genuß
+bereiten möchte, die Dichtung selbst wieder zur Hand zu nehmen, dem
+wird jene Ansicht nicht anders vorkommen, als wenn jemand behaupten
+wollte, Goethe habe mit dem Faust nur eine Satire auf das deutsche
+Studententum schreiben wollen. Übrigens ist Ibsen wohl nirgends
+sowenig verstanden worden, als in seiner Heimat. Dort, wo man +Knut
+Hamsun+, dessen „Pan“ vielleicht der schönste Roman ist, der je
+geschrieben wurde, für einen gewöhnlichen Skribenten hält und tief
+unter den talentierten +Garborg+ stellt, wo man stets nur „Ibsen +und+
+Björnson“ sagt, wo, wie speziell in Christiania, der „Peer Gynt“ vor
+einem Zirkus-Publikum in einer Weise dargestellt wird, die man beim
+besten Willen nicht anders als trottelhaft nennen kann, dort muß Ibsen
+allerdings furchtbar unter seiner Umgebung gelitten haben. Übrigens hat
+er es ja in seinem Epilog selbst zu verstehen gegeben, wie wenig er
+verstanden worden ist.
+
+„Peer Gynt“ ist ein Erlösungsdrama, und zwar der größten eines, um es
+nur gleich zu bekennen. Tiefer und allumfassender als irgend ein Drama
+Shakespeares, ohne an Schönheit hinter diesen zurückzubleiben, an
+sinnlichem Glanze allen anderen Werken Ibsens überlegen, steht es an
+Bedeutung der Konzeption ebenbürtig neben, an Gewalt der Durchführung
+weit über Goethes „Faust“ und reicht beinahe hinan zu den Höhen des
+„Tristan“ und „Parsifal“ von Richard Wagner. Mit diesen drei Dichtungen
+gemeinsam ist ihm die Stellung des Menschheits-Problems im allergrößten
+Umfang und mit den allerunerbittlichsten Alternativen.
+
+In der Bedeutung, welche das geliebte Weib für den Mann hat, liegt der
+Zentralpunkt des „Peer Gynt“, und man hoffe nicht, diesen zu verstehen,
+ehe man sich nicht über jene klar geworden ist.
+
+Jene Bedeutung erinnert zunächst freilich wenig an den „Parsifal“ und
+den „Tristan“, eher an die Rolle der Frauen in Wagners ersten Dramen,
+dem „Holländer“ und dem „Tannhäuser“, an Dante, an Goethe. Solveig ist
+die Virgo immaculata, die geliebt, aber nicht mehr begehrt wird, die
+Madonna, die Beatrice. Der Mensch — jeder Mensch und darin liegt das
+große Rätsel der Liebe sowohl wie in kurzen Worten +der eigentliche
+Sinn+ des ganzen „Peer Gynt“ — ist eben +nie so sehr er selbst als
+wenn er liebt+. Die Liebe ist für den Menschen +eine Möglichkeit+ und
+wohl die häufigste, leichteste Möglichkeit, +zum Bewußtsein seiner
+selbst+, seiner Person, seiner Individualität, seiner =Seele= +zu
+gelangen+. Daß er er ist, ein eigener Mensch, ein Mittelpunkt der
+Welt, und nicht in einem Empfindungsmeere treibt und untergeht: das
+kommt dem Menschen, wenn es ihm überhaupt bewußt wird, und nicht wie
+den modernen Leugnern des Ich ewig unbewußt bleibt, am häufigsten als
++Liebendem+ zur Abhebung. Darum macht die Liebe soviele Menschen zu
+Mystikern und hat selbst einen solchen Erfahrungsphilister wie Auguste
+Comte dazu umgewandelt. Die Philosophen gelangen zu jenem Akte, welchen
+sie (Schelling, Bahnsen, Maine de Biran, Augustinus) als „intuitive
+Selbsterfassung des Subjektes“ bezeichnen, eher durch das Bewußtsein
+ihrer Einsamkeit im Weltganzen und durch die Reflexion auf das ethische
+Problem; von den Künstlern wird als das, was +sie+ hinanzieht, vor
+allem „das Ewig-Weibliche“ empfunden; wenn es auch das moralische
+Problem ist, das in gleicher Weise ihren wie der Philosophen letzten
+Klarheiten und letzten Dunkelheiten zugrunde liegt.
+
+Was den „Peer Gynt“ erlöst — diesen tiefsinnigsten Zug der Dichtung
+hat man am wenigsten begriffen — ist nach Ibsen — und darin steht er
+an Wirklichkeitssinn hoch über dem jungen Wagner — nicht die lebende,
+leibhafte Solveig, die irgend ein beliebiges Gänschen sein mag; sondern
+es ist die Solveig +in+ ihm, +diese Möglichkeit+ =in= +ihm+, die ihm
+die Kraft dazu gibt. Diese Möglichkeit, durch Solveig und in der Liebe
+zu ihr zu seinem besseren Selbst zu gelangen, hat er sein Leben lang
+vernachlässigt. Nur darum kann ihm Solveig sagen: Du, dein wahres
+(intelligibles) Wesen, +warst+ =bei mir= dein ganzes Leben lang, als er
+sie +oder vielmehr sich selbst+ in wilder Bestürzung fragt:
+
+ „Wo war ich?
+ Mit der Marke auf meiner Stirn,
+ Mit dem Gottesfunken in meinem Hirn?“
+
+Ihm selbst war seine Existenz schon vorgekommen wie die einer Zwiebel:
+lauter Häute und kein Kern, lauter Attribute und Modi und keine
+Substanz.
+
+Man wird sich wundern, daß hier Ibsen ganz philosophisch interpretiert
+wird, obwohl er gerade im „Peer Gynt“ über die deutsche (speziell die
+Hegelsche) Philosophie sich lustig macht.
+
+Aber +Ibsen+ gehört zu jener Reihe großer Männer, die kein sehr intimes
+Verhältnis zu dem +vor+ ihnen Gedachten und Gedichteten besitzen,
+ebenso wie etwa +Zola+, Knut +Hamsun+; ganz extrem vertreten diesen
+Typus z. B. +Kleist+ und +Shelley+; unter den Philosophen denke
+man an Giordano +Bruno+ und +Kant+, besonders aber an +Descartes+,
++Sokrates+ und +Fechner+; die andere Art großer Menschen empfindet den
++Anschluß+ an eine hinter ihnen liegende Kulturvergangenheit stets als
+stärkstes Bedürfnis:[19] so in extremstem Maße +Goethe+, +Wagner+,
+ferner +Grillparzer+, +Herder+, die +Romantiker+ überhaupt; unter den
+Philosophen +Platon+,[20] +Leibniz+, +Hegel+, +Nietzsche+ und fast noch
+mehr +Schopenhauer+.
+
+Unter den Musikern dürften +Beethoven+ und +Bruckner+ der ersten,
++Schumann+ der zweiten Gattung angehören. Hiermit sind natürlich nur
+Pole bezeichnet, zwischen denen eine Menge vermittelnder Stufen liegen.
+Etwas Verwandtes mag auch der +Carlyle+-+Emerson+schen Unterscheidung
+zwischen dem „Dichter“ und dem „Schriftsteller“ vorgeschwebt haben,
+welche durch die neue Einteilung erweitert und schärfer begründet
+scheint. Welche tieferen Wurzeln dieser Unterschied in der Natur der
+beiden Abteilungen noch haben mag, dies bildet ein schwieriges Problem,
+dessen Lösung mir nicht gelungen ist.
+
+Ich sprach von Ibsen. Dessen offenbar mangelhafte Kenntnis der
+philosophischen Literatur kann bei seinem so starken und urwüchsig
+tiefen Interesse an den ethischen Hauptproblemen wohl nur jenen
+Grund haben. Denn sonst müßte Ibsen wissen, daß +seine Dichtung
+die Philosophie Kantens ist+. Niemand anderer, nur Kant und Ibsen,
+haben Wahrheit und Lüge als das tiefste ethische Problem erfaßt (von
+Fichte, der nur den unmittelbaren Nachlaß Kantens übernahm, kann ich
+mit gutem Recht absehen); niemand anderer außer ihnen hat erkannt,
+daß Wahrheit nur aus dem Besitze eines Ich im höheren Sinne, einer
+Individualität, fließen kann: dies aber ist die Lehre des Ibsenschen
+„Peer Gynt“ nicht minder als der „Kritik der praktischen Vernunft“;
+niemand außer ihnen beiden hat die moralische Forderung in aller
+Strenge und Unerbittlichkeit, wie sie die innere Stimme im Menschen
++tatsächlich stellt+, auszusprechen und so vor die Menschheit zu treten
+gewagt, während alle andere Religion, Philosophie und Kunst noch immer
+Kompromisse eingegangen sind. „Alles oder nichts“, das ist in gleicher
+Weise das Wort Kantens wie des Ibsenschen Brand, und auch ihr Schicksal
+ist das gleiche +bis+ auf das Wort Rigorist, mit dem alle halben und
+unaufrichtigen Naturen beiden geantwortet haben. Speziell das Problem
+der Lüge hat ja Ibsen von Anfang bis zuletzt beschäftigt, von der
+„Komödie der Liebe“ an über Skule, den „Volksfeind“ und Hjalmar bis zu
+Gabriel Borkmans Freundschaft mit Foldal. Am tiefsten aber ist er in
+seiner größten Dichtung gedrungen, im „Peer Gynt“.
+
+Der Dr. Begriffenfeldt, in dem man so allgemein nur eine Verspottung
+des deutschen Gelehrten erblickt, ist übrigens wohl doch mehr als
+eine bloße Karikatur. Denn er erkennt sehr wohl die ganze Hohlheit
+des Gyntschen Selbst (des „empirischen Ich“), und weiß, wo Peer Gynts
+Kaisertum einzig Geltung hat: im Irrenhause, bei den Verrückten, denen
+Vernunft (wieder im Kantischen Sinne) überhaupt gebricht.[21]
+
+Ibsen weiß (und wenn er es auch nicht in Begriffen lehrt, so zeigt
+es klar seine Darstellung des Peer Gynt), daß das einzige, was einem
+Menschen Wert verleiht, der Besitz eines („intelligiblen“) +Ich+,
+einer +Persönlichkeit+ ist, und daß aus dem Mangel eines solchen in
+einem Menschen das Bedürfnis entsteht, sich Wert von anderswo als
+aus sich selbst heraus beizulegen. Daß der Wille zur Macht unendlich
+tief in allem Lebenden liegt, ist gewiß eine große und über der allzu
+starken Beachtung seiner Züchtungsideale lange nicht genug gewürdigte
+Erkenntnis Nietzsches. Was aber speziell den Menschen betrifft, so
+ist das allertiefste in diesem und sein letzter Unterschied von dem
+Tiere, wie ich glaube, nicht der Wille zur Macht, sondern der +Wille
+zum Wert+. Aus dem Mangel eines Wertes an sich erfließt das Bestreben,
+sich Wert von anderwärts zu verschaffen; so entsteht alles Renommieren,
+alle Hochstapelei im weiteren Sinne. Der Wille zum Wert ist es, der den
+Menschen, Mann +und+ Weib, als solchen konstituiert. Kann ein Mensch —
+dies ist +immer+ der Fall der Frauen — sich nicht von sich selbst aus
+und vor sich selbst Wert geben, so sucht er ihn von einem anderen, vor
+einem anderen zu erhalten: man agiert stets vor dem nämlichen Forum,
+von welchem das Urteil kommt. Sicherlich aber, irgendwie und irgendwo,
+sucht, zum Unterschiede von den Tieren, deren Streben nur nach der
+Lust, der Befriedigung natürlicher Triebe geht, jedes menschliche Wesen
+möglichst viel =Wert für sich= +zu gewinnen+.
+
+Peer Gynt, der noch keinen Wert in sich selbst hat, lernen wir demgemäß
+gleich im ersten Akte als Prahlhans und Aufschneider kennen.
+
+Ibsen weiß, daß der Besitz einer Persönlichkeit sich im Menschen vor
+allem offenbart durch das Bestreben, dem moralischen Gesetze in sich
+nachzukommen. Peer Gynt, dem, wenn ich Schopenhauers Wort gebrauche,
+der „Schwerpunkt“ in sich fehlt,[22] gerät damit ins Reich der Trolle,
+deren Losung nur lautet: Troll, sei dir selbst +genug+: denn einem
+Wesen ohne die dem intelligiblen Subjekte entstammende Moral fehlt
+auch das Streben, dieses intelligible Wesen, das reine Ich, selbst
++ganz zu werden+, es hat kein Bedürfnis nach Vervollkommnung, es kennt
+nicht jenen „Progressus“ nach dem ethischen Ideale hin, von dem Kant
+gesprochen hat, ohne viel verstanden worden zu sein. +Sich selbst genug
+sind die Tiere.+ Darum verdiente Peer Gynt den Affenschwanz. Ibsen
+weiß, daß erst der Besitz eines Ich im höheren Sinne zur Anerkennung
+eines Du im anderen führt, zu dieser fundamentalen Bedingung jedes
+Altruismus, daß Selbstachtung Voraussetzung der Achtung anderer ist und
+Individualismus also das gerade Gegenteil von Egoismus. Darum zeigt er
+uns Peer Gynt engherzig und selbstsüchtig.
+
+Der Mensch ist für Ibsen wie für Kant ein Mittelding zwischen Tier und
+etwas höherem, aus Dreck und Feuer, um Goethe, er ist zugleich Lehm
+und zugleich Bildner, um Nietzsche zu zitieren. +Wird der sittliche
+Gedanke siegen oder der Mensch seelenlos, wertlos zugrunde gehen?
+das ist die Frage, die Ibsen mit der Person des Peer Gynt stellt.+
+Die Menschheit wäre ein mißglückter Versuch der Gottheit und müßte
+umgegossen werden, wenn sie „ihrer Bestimmung Trotz böte bis zum
+Schluß“, d. h. sich bis ans Ende untreu, unfolgsam erwiese im Dienste
+des ihr innewohnenden Höheren, des Logos, des Geistes, der Vernunft (im
+Sinne Kantens). Der Knopfgießer im Peer Gynt stellt, so unpathetisch
+als nur möglich, in Name und Haltung, die Gottheit, das bedeutet für
+Ibsen wie für Kant und Platon die sittliche Idee, und ihre Ansprüche an
+die Menschheit dar.
+
+ „Du warst nur gedacht als ein blinkender Knopf
+ Auf der Weste der Welt; doch die Öse mißlang.“
+
+Es ist eine großartige Szene, wie Peer Gynt, auf den (wie eben auf die
+meisten Menschen) nur zweierlei sittlich läuternd wirkt, die Liebe
+und der Tod, unmittelbar vor dem Sterben anfängt, nach dem Inhalte
+seines Lebens zu fragen, wie er die Erinnerungen eine nach der andern
+heraufnötigt, die ihm vor ihm selbst beweisen sollen, daß er nicht
+ganz verloren, sein Leben als nicht ganz zwecklos zu betrachten sei.
+Mit einer Kraft und Kunst, wie vielleicht überhaupt nirgends sonst
+in der Weltliteratur, ist hier die Allegorisierung durchgeführt. Die
+Gestalten sind mit größter Ökonomie behandelt und haben nicht den
+geringsten Behang erhalten, um hierdurch ihre Existenz und Essenz
+zu legitimieren; sie leben +so+, daß wir uns zu ihnen verhalten wie
+Kinder zu einem Märchen: wir finden es +selbstverständlich+, daß sie
+kommen; +so+, daß Ibsen darauf verzichten konnte, ihnen dem Abstrakten
+näherliegende Namen zu geben, die freilich ihren tieferen Sinn der
+Allgemeinheit verständlicher gemacht hätten. Der Knopfgießer ist das
+Gewissen, durch das für Ibsen wie für Kant und Sokrates das Göttliche
+(der „Meister“) zum Menschen spricht; und wie sein Gewissen fordert und
+fragt, sucht sich Peer auszuweisen mit seinem vergangenen Leben. Denn
+er fühlt sich noch gar nicht schuldig, er nimmt noch keine seiner Taten
+auf sich, er will vielmehr sich bloß retten vor dem drohenden Anspruch
+des moralischen Gesetzes: als ob man diesem genügen könnte, +um dann
+etwas anderes zu tun+, als ob man eine einmalige Abzahlung an es zu
+leisten und dann weiter nichts zu tun brauchte. Peer Gynt ist noch
+immer zu verblendet, um zu fühlen: „Nur der verdient sich Freiheit wie
+das Leben, der +täglich+ sie erobern muß.“ Aber es taucht in seiner
+Erinnerung nicht einmal das auf, wonach er nur sucht, um sein Gewissen
+zu beschwichtigen. Im Gegenteil. Er muß sich an den Dovre-Alten und
+sein Leben im Reiche der Trolle erinnern. Den Affenschwanz hat er sich
+zwar nicht anbinden lassen, selbst ganz Tier ist er nicht geworden; er
+ist aber doch +schuldig+ geworden im Reiche der Tiere, er hat mit der
+Tochter des Trollkönigs ein Kind; und hat deren Losung akzeptiert, ist
+selbstzufrieden gewesen, statt sich „strebend zu bemühen“. Jetzt sieht
+er erst ein, daß die Seele doch etwas anderes ist als die Sanktion
+des Leibes und seiner Begierden und Trägheiten, denen er früher mit
+prinzipieller Abweisung aller Bedenken (vierter Akt, Anfang) fröhnte,
+ja, sich auf +dieses+ Selbst alles zugute tat; daß es wenig verschlägt,
+einen Finger zu verlieren, etwas vom empirischen Ich einzubüßen, wenn
+man um diesen Preis seine Individualität behaupten kann (was er früher
+nicht begreifen konnte). „Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er
+die ganze Welt gewänne, und nähme an seiner Seele Schaden?“ Er sieht
+jetzt ein, daß das höhere Selbst mit dem niederen im Kampfe liegt, und
+daß der völlige Sieg des einen der Tod des anderen ist. „Du selbst
+sein, heißt sich selbst ertöten.“[23] Das alles muß er sich sagen und
+sich selbst verurteilen. Nun verfällt er darauf, ob es nicht seine
+Bestimmung („des Meisters Meinung“, die er „als Aushängeschild“ hätte
+tragen sollen) gerade gewesen sei, +prinzipiell+ und +bewußt+ in allem
+und jedem gegen jene andere Bestimmung zu fehlen, sie zu bekämpfen, ob
+er nicht wenigstens +böse+ gewesen sei, wenigstens +etwas+, nur nicht
+verwischt, gemein, nichts. Aber nein, er hat auch da nichts +bedeutet+.
+„Denn der Sünder im wirklich großen Stil — gibt’s heutzutage nicht
+eben viel.“ Auch den großen Verbrecher kann er sich nicht glauben, und
+der Magere (der Teufel), dem er sich so gern verschrieben hätte, um
+nur nicht +nichts+ zu sein, würde durch ihn wenig fetter werden. Die
+Napoleons und die Don Juans, die Jagos und Hagen sind ebenfalls dünn
+gesäet, nicht bloß die Heiligen. Hier spürt man den ganzen Zorn, die
+tiefe Verachtung des Dichters für das Gros der Menschheit einmal durch.
+Sie soll sich gar nicht einbilden, der Hölle wert zu sein, die für sie
+viel zu nobel, zu großartig ist; der Teufel ist für ganz andere Leute
+da, nicht für Affen und für Schweine. Dem Gedanken des Satan, dessen
+Majestät sie lieber nicht beleidigen sollten, stellt er die Konzeption
+seines Knopfgießers gegenüber. +Den+ verdiene die Menschheit reichlich,
++der+ tue ihr not.
+
+Man denke an das Wort in der Apokalypse (3, 16): „Ich weiß deine
+Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach daß du kalt oder warm
+wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich
+ausspeien aus meinem Munde.“ Peer Gynt wäre „unsterblich in Gott“
+oder „unsterblich in Satan“ wenn er eine Individualität, im Guten
+oder im Bösen, mit Bewußtsein behauptet hätte. Aber er ist überhaupt
+ohne ein Ich gewesen, welches ihn der Zeit entrückt, ihm ein höheres,
+vom physischen Naturgesetz der Geburt und des Todes unabhängiges
+Dasein und Fortleben verbürgt hätte, er hat keine weiße, aber auch
+keine schwarze Seele. Peer Gynt ist der Typus der zahllosen unter uns
+wandelnden, unmoralischen Menschen, die für moralisch gelten, weil sie
+nicht antimoralisch sind, nicht Größe genug im Instinkt oder im freien
+Entschluß haben, um das Moralische zu verneinen, die nicht etwa nicht
+an das Gute und Wahre glauben und einem erklärten Unglauben gemäß
+offen handeln, ihn durch die Tat dokumentieren, die Moral demonstrativ
+verhöhnen,[24] sondern die selbst zu glauben vermeinen ohne tiefe
+innerliche Frömmigkeit. Sie sind also nicht Verbrecher durch die
+Tat oder den Plan zur Tat, und doch Verbrecher an sich selbst, weil
+Betrüger ihrer selbst, indem das Gebot, das sie halten, nicht wirklich
+ihnen vom Herzen diktiert ist; sie handeln legal und äußerlich oft mehr
+als legal, aber ihr Motiv ist, ohne daß sie es klar wüßten, nicht,
+daß sie selbst, sondern daß die anderen im anderen Falle die Achtung
+vor ihnen verlieren müßten. Es sind also in Peer Gynt alle diejenigen
+mitgetroffen, für welche stets der andere Mensch maßgebend bleibt,
+alle eigentlichen Jehovah-Anbeter in der Menschheit: Jehovah ist ja
+nur die kolossale Personifikation +des anderen Menschen+, soweit er
+auf Denken und Handeln des Einzelnen Einfluß gewinnt.[25] Peer Gynt
+glaubte autonom da zu handeln, wo er am heteronomsten lebte (man
+vergleiche seinen Vortrag über das Gyntsche Selbst im vierten Akt),
+unerschrockener, selbstherrlicher Individualist zu sein, da er bloß ein
+jämmerlicher und feiger Egoist war.
+
+Er hat also nicht seiner zeitlosen Persönlichkeit, dem wahren Selbst,
+die Macht über sich eingeräumt, +er+ „war schon lange tot vor seinem
+Tod“. So früh[26] findet sich bei Ibsen die Form, in welcher der
+Grundgedanke seines letzten dramatischen „Epilogs“ auftritt, das Motiv
+des höheren ewigen Lebens, der Grundgedanke der Lehre Christi, als
+bestimmender Faktor seines Denkens und Dichtens. Ohne Individualität,
+ohne einen Wesenskern, der durch das Medium einer unwirklichen Zeit die
+Dinge dieser Welt nur anschaut, keine Unsterblichkeit: Unsterblichkeit
+der Seele gibt es nur für Wesen mit Seele. Dann soll der Peer Gynt in
+den großen Ausschußtopf, wo er die Form einbüßt, wo nur die Materie
+beharrt (wie der Metallwert umgeschmolzener Münzen erhalten bleibt).
+Ibsen berührt sich hier auch, ohne die damals noch nicht nach Europa
+gedrungene esoterische Lehre des Buddhismus zu kennen, mit deren
+Lehren über das Schicksal des Menschen nach dem Tode. Man erinnere hier
+sich auch der Aristotelischen Auffassung der Seele als Form!
+
+Von furchtbarster Angst vor dem Vergehen nach seinem aller Ewigkeit
+baren Leben gepeinigt, erkennt Peer Gynt endlich in dem Gedanken an
+Solveig, was er hätte sein können, und was er nicht gewesen ist. In
+seiner Liebe war er doch er selbst; und wie die Liebe ihn einzig über
+ein jämmerliches Erdendasein emporzutragen vermocht hat, so wird er
+auch jetzt vom Erdendasein hinweggetragen — in Liebe. Jetzt endlich
+geht er in ein höheres Leben ein und kann sein Selbst rein behaupten —
+aber nicht auf Erden. Solveig erscheint ihm als altes Mütterchen, und
+zugleich als der Tod. Niemand hat es noch in Begriffen ausgesprochen,
+aber es liegt hierin eine unendlich tiefe, unbewußte Erkenntnis des
+künstlerischen Genius Ibsens, dieselbe, die hinter der Alraune der
++Kleist+schen „Hermannsschlacht“ sich verbirgt, die dem Varus seinen
+nahen Untergang verkündet (fünfter Akt, vierter Auftritt): +das alte
+Weib hat eine geheimnisvolle Beziehung zum Tode+ (man denke auch an
+die „Rattenmamsell“ des „Klein Eyolf“). Alles, was in einer engen
+Relation zum physischen Leben steht, ist auch nicht ohne Beziehung
+zum physischen Tode. Das Weib hat durch die Mutterschaft das intimste
+Verhältnis zum Erdenleben: also auch zum irdischen Tode. +Die Furcht
+vor dem alten Weibe ist nur Furcht vor dem Tode.+ So kombiniert sich
+in der Solveig des letzten Aktes das reine Selbst des Peer Gynt, das
+nicht ohne Tod des empirischen Ich völlig ins Dasein treten kann, und
+das Sterben des letzteren in ganz einziger Weise. Und darum ist Solveig
+für Peer Gynt der Tod, darum stirbt — Peer Gynt. Der Knopfgießer mahnt,
+fordert, drängt; aber lauter, im Sonnenaufgang des Pfingstmorgens,
+ertönt das unsäglich wundervolle Lied, das Wiegenlied der Solveig:
+
+ „Jeg skal vugge dig, jeg skal våge —
+ Sov og drøm du, gutten min!
+ +Ich+ will wiegen dich, +ich+ will wachen ...
+ Schlaf’ und träum’ du, Knabe mein.“
+
+Peer Gynt ist erlöst.
+
+Sein unsichtbares Selbst, das höhere Leben seines Geistes, wie es sich
+in ihm nur in der Liebe zu Solveig offenbart hat, behält am Ende seines
+Lebens dennoch den Sieg.
+
+Es ist nun klar: dieser Peer Gynt ist keine einzelne Person und kein
+einzelnes Volk. Der Mensch überhaupt wird in ihm gegeißelt, der das
+Tier losgeworden zu sein glaubt, sich seiner Menschheit brüstet, ohne
+auch nur zu ahnen, +was+ diese bedeuten sollte.
+
+Der Affenmensch, in der Person des Dovre-Alten, beklagt sich darum über
+die Ungerechtigkeit, daß man ihn für tot ausgebe:
+
+ „Von den Tochterkindern, wie schon gesagt,
+ Nach dem alten Großvater keins mehr fragt.
+ Sie meinen, ich lebte gar nicht mehr,
+ Nur höchstens in alten zerlesenen Schmöckern.“
+
+Der Mensch aber ist für Ibsen, wie für alle irgend tieferen Geister
+seit Anbeginn Leib +und+ Seele, oder, in der Fassung, die Kant dem
+ältesten Dualismus gegeben hat, phänomenales und noumenales Subjekt,
+empirisches Ich und intelligibles als Gesetzgeber der Moral. Die
+meisten Menschen aber wissen nichts von der Existenz einer Seele
+und bestreiten dieselbe, weil eben die große Mehrzahl von ihnen bis
++vielleicht+ auf wenige Augenblicke +ganz seelenlos lebt+. „Peer
+Gynt“ ist die Tragödie des Menschen, der seine Seele sucht, und daher
+sicherlich die Dichtung, welche für die größte Anzahl von Menschen
+(wenn nicht für alle) geschrieben ist.
+
+Die Seelenlosigkeit spielt in der Dichtung überhaupt die größte Rolle.
+Anitra repräsentiert sie in der ausgebildetsten Gestalt, in welcher
+sie beim Menschen möglich ist. Sie ist das, was den Mann sinnlich
+reizt, ohne ihm zu höherer Regung Gelegenheit zu geben, die kokette
+Puppe. In ihr ist nicht einmal ein Streben nach einem Selbst da, statt
+dessen lockt sie der glänzende Edelstein, wie eine Elster.[27] In
+Peer Gynt dagegen, dem Manne, ist ein Streben, wenn auch ein völlig
+mißleitetes, ein Sich-Suchen, ohne sich finden zu können, weil er fort
+und fort nur immer möglichst viel auf sein empirisches Ich häuft, ohne
+sich hierdurch mehr als einen Scheinwert geben zu können, der jeden
+Augenblick von ihm herunterfallen kann, wie der Prophetenmantel. Dieses
+Wesen des Peer Gynt wird uns nun von Ibsen— und dies ist eine der
+stärksten Wirkungen und einer der genialsten Züge seiner Dichtung — als
+durch alle Wandlungen sich stets gleich bleibend und als ewig dasselbe
+gezeigt; denn Ibsen ist durchdrungen von der unerschütterlichen
+Wahrheit, daß es ein Konstantes gibt, das in allen Momenten des Lebens
+sich gleich bleibt, daß der eigentliche +Charakter+ eines Menschen sich
+nicht ändert.[28]
+
+Im ersten Akte sehen wir, wie Peer Gynt durch erfundene Geschichten
+sein Ansehen zu steigern mit krampfhafter Sucht bemüht ist. Hier liegt
+ihm noch nichts an der Achtung vor sich selbst; bloß die Mißachtung von
+anderer Seite, die kann er nicht ertragen. Er schreit es selbst:
+
+ „Könnt’ ich mit einem Griff, wie ein Schlächter,
+ Aus der Brust die Verachtung ihnen reißen!“
+
+Aber in dem Augenblick, wo er dies ausruft, spürt er, daß außer
+seinen Worten +noch etwas da ist+ — eine Stelle von großartiger
+Unheimlichkeit, so kurz sie ist; er sieht sich um, als ob ein
+höhnischer Zwerg zu ihm gemeint hätte, +das+ da, die Bewunderung
+anderer, sei doch nicht +alles+. Dies ist die einzige moralische Regung
+in Peer, bevor er Solveig kennen lernt. — Im zweiten Akte heißt die
+Losung voll Ironie: „Am Reitzeug erkennt man die vornehmen Leute.“[29]
+Denn hier hat Peer Gynt zur Rache allem Besseren abgeschworen — das
+Phänomen der verschmähten Einkehr, der zurückgewiesenen Reue, an deren
+Stelle immer gewaltsame Rückwendung zu den geopferten Kostbarkeiten
+tritt (Tannhäuser nach dem Urteil des Papstes) — und nun hält er
+sich schadlos in der völligen Gemeinschaft mit der Natur und ihren
+aller Moral fremden Dämonen. Bewunderungswürdig ist diese absolute
+Immoralität der Natur personifiziert durch jene drei Sennerinnen, die
+mit Peer Gynt buhlen. Hier hat Ibsen etwas geschaffen, was den Mänaden
+und Satyrn der griechischen Mythologie keineswegs nachsteht.
+
+Die Begegnung mit der grün gekleideten Trollprinzessin, die Peer nach
+dem Abenteuer mit den Sennerinnen hat, zeigt, wie sein Wille zum
+Wert mit dem der Prinzessin auf gleicher Stufe steht. „Am Reitzeug
+erkennt man die vornehmen Leute“, in dieser Losung finden sie sich.
+Sie erinnert an die Art, wie +Goethe+ im „Faust“ den +Teufel+ von der
+Erweiterung des Ich zum Mikrokosmus sprechen läßt:
+
+ „Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
+ Sind ihre Kräfte nicht die meinen?“
+
+Solch „ein Herr Mikrokosmus“, wie ihn Mephisto wünscht, ist Peer Gynt
+ganz und gar. Aber die Illusion, die ihn aus dem alten Eber einen
+edlen Renner machen läßt, ist nicht nur eine moralische, sondern auch
+eine logische; nicht nur ein von vornherein vergeblicher Versuch,
+den eigenen Wert durch fremde Bewunderung zu steigern, auf sein
+empirisches Ich um so mehr zu häufen, je mehr ihm sein intelligibles
+gleichgültig ist, sondern auch eine vollständige +Umwertung+ der
+Wirklichkeit, eine willkürliche Mißdeutung der Erfahrung, die ihm
+nicht nur mit der Trollprinzessin, sondern auch mit dem Fellah des
+Irrenhauses im vierten Akte gemeinsam ist. Die Szene im Irrenhause
+wird hier schon vorbereitet: denn auch die +unegoistische Anteilnahme
+an der Außenwelt+, wie sie sich aus dem Wahrheitsstreben +als
+Wissensdurst+ differenziert, fließt aus dem gleichen intelligiblen
+Wesen des Menschen, das in Peer so schwach ist. Nur insoferne ist die
+Auffassung der Person des Helden als eines Phantasten gerechtfertigt,
+und keineswegs soll „Peer Gynt“ die Karikatur des Dichters sein;
+alle Dichtung ist ja nur höhere Wahrheit, nicht anders als Religion,
+Musik, Philosophie. Die Täuschungen über die Außenwelt, denen Peer
+unterliegt, sind nur die +objektive+ Seite seiner inneren Täuschungen
+über sich selbst, sein +mangelnder Wirklichkeitssinn+ =eins= +mit
+seiner mangelnden Wahrheitsliebe+: sie fließen beide aus der Identität
+von Logik und Ethik, die eben beide im letzten höchsten Begriffe der
+Wahrheit als des höchsten Gutes kulminieren. Darum gibt es für Kant nur
+eine Vernunft, die theoretisch und praktisch zugleich ist. Die Tiere
+entbehren ihrer; im Reich der Trolle muß daher Peer Gynt einen anderen
+Blick bekommen, es muß eine Operation an ihm vorgenommen werden, bevor
+er ganz Troll sein kann. Auch Lachen und Weinen, Jubel und Schmerz sind
+nur menschlich, nicht tierisch. Darum fügt der Trollkönig hinzu, um
+Peer die Operation vom Menschen zu empfehlen:
+
+ „Bedenke, wie viel Verdruß und Plage
+ Du hiedurch los wirst mit einem Schlage.
+ Und war nicht stets für die beizende Lauge
+ Der Zähren die Quelle dein klares Auge?“
+
+Kann es weniger emphatisch, sentimental und kann es zugleich
+wundervoller ausgedrückt werden, daß der Mensch, indem er die
+Menschheit in seiner Person bejaht, auch den +Schmerz+ auf sich
+nimmt[30] und auf das Glück verzichtet?
+
+Aber so sehr Peer verblendet ist, so leicht ihm der Dichter auf die
+Frage des Trollkönigs, wodurch sich Mensch und Troll unterscheiden,
+die Satire in den Mund legen kann: „Sie gleichen einander, Zoll für
+Zoll“ — so gerne Peer Gynt seinen Überzeugungen abzuschwören bereit
+ist, um dafür die Süßigkeiten der Trollprinzessin auszukosten, so hat
+er doch noch den Rest eines Ich, an dem auch dieser Aufenthalt im Reich
+der Trolle +in der Zeit+ vorübergehen müßte. Und +darum+ weigert er
+sich, +auf ewig+ den Trollen sich zu verschreiben. Das Aufflackern
+seines höheren Wesens in dieser Regung, diesem Gefühl, +dem die
+Ewigkeit Maßstab ist bei der Entscheidung+, befähigt ihn die Glocke des
+Priesters im Tale zu vernehmen, ihren Ruf zu verstehen. Wie christlich
+der Sinn dieser Dichtung ist, sieht man daraus, daß erst jetzt, vor
+diesem Tone die Trolle gänzlich versinken müssen.
+
+Im dritten Akte träumt er aber schon wieder von dem Eindruck, den
+sein erhoffter Palast auf andere machen werde; seinetwegen liegt ihm
+wenig an dem zu erstehenden Hause, den anderen soll es imponieren.
+Man kann an diesem Punkte Ibsen mit einem Manne vergleichen, dessen
+Bedeutung ich nicht anzweifeln will, der aber, mit Unrecht, sicherlich
+von fast allen, an welche man die Frage richten wollte, in großer
+Entschiedenheit über Ibsen gestellt werden würde, mit +Friedrich
+Hebbel+. Wie dürftig, wie einseitig auf einen einzelnen Punkt sich
+beschränkend, hat dieser in „Gyges und sein Ring“ das gleiche Problem
+behandelt, wie wenig tief ist er gedrungen, wie wenig Willen und
+Bedürfnis nach Tiefe in der Ergründung des Mannes, der seine schöne
+Frau dem anderen zu zeigen nicht unterlassen kann, beweist Hebbel[31]
+in dieser Dichtung.
+
+Sehr fein ist es von Ibsen erdacht, +daß er Peer Gynt sich selbst
+so oft in der dritten Person denken läßt+. So besonders in seinen
+Kaiserträumen, z. B. im ersten Akte:
+
+ „.... Voran seinem Trosse,
+ Reitet Peer Gynt auf goldhufigem Rosse.
+ Die Mähr hat ’nen Federbusch zwischen den Ohren,
+ Selbst hat er Handschuh und Säbel und Sporen.
+ Der Mantel ist lang und mit Taft ausgeschlagen,
+ Wacker sind die, die hinter ihm jagen,
+ Er aber sitzt doch am stracksten zu Pferde,
+ Er aber strahlt doch am hellsten zur Erde.
+ Drunten die Leut’ stehn, ein schwarzes Gewimmel,
+ Ziehen die Hüt’ ab und gaffen gen Himmel.
+ Die Weiber verneigen sich. Alle gewahren
+ Kaiser Peer Gynt und seine Heerscharen.
+ Nickel und Silber, ein blankes Geriesel,
+ Streut er hinunter wie Hände voll Kiesel.“
+
+Diese Behandlung seiner selbst, dieser Verkehr mit sich selbst in
+der dritten Person, hat sehr tiefe Wurzeln. Stellt Peer Gynt hiermit
+vielleicht ein Bild außer sich, dem Verehrung erwiesen wird, und
+identifiziert sich nachträglich mit diesem Bilde, um sich dieser
+Verehrung seiner Person in effigie mentali zu freuen, sie in einer
+Reihe mit den anderen mitzuverehren? Man könnte diesen Zug so
+auffassen: Als die Verlogenheit seiner Eitelkeit. Das wäre aber
+weiblich und Peer Gynt +ist+ ein Mann. Das wäre der Traum eines
+Mädchens von dem Grafen, der sie zu heuern kommen werde, sie vor allen
+ihren Gespielinnen. Das wäre die Art, wie die Frau den Mann immer
+belügt, indem sie der Idealgestalt von Tugend oder von Häuslichkeit,
+die Liebesbedürfnis oder praktischer Sinn ihn verlangen läßt, zu
+gleichen vorgibt, zumindest die Übereinstimmung nie in Abrede stellt.
+Peer Gynts Entsubjektivierung liegt tiefer. Sie entsteht aus dem
+Verzicht auf die Freiheit des Willens, der in der Abnegation der
+Persönlichkeit liegt. Peer Gynt +setzt sich selbst in funktionelle
+Beziehung zu etwas anderem+; er steht unter der empirischen Kausalität,
+sobald die intelligible Freiheit aufgehört hat, in ihm als Idee
+bestimmend zu wirken. So stellt er sich in ein Verhältnis der
+Gebundenheit zu den anderen Menschen, er braucht sie als Zuschauer und
+Beifallspender, er ist ihr Sklave gerade dann, wenn er ihr Kaiser zu
+sein glaubt. Napoleon war ein Poseur vor allen, die er beherrscht hat.
+Vielleicht war er, wenigstens in Augenblicken, als junger General,
+aufrichtig gegen sich selbst. Peer Gynt hat bis nun ein verlogenes
+Leben ganz und gar geführt, er war nie er selbst, er hat kein +Ich+ und
+ist darum dritte Person. Aber jetzt ertappt er sich doch schon selbst
+zuweilen auf seinen Lastern und leidet gleichzeitig aufs schwerste
+unter diesen ewigen Rückfällen in die gemeinste Eitelkeit; wie ja
+alle Selbstbeobachtung moralischen Charakter hat. Indes seine sündige
+Vergangenheit kommt wieder und wieder herauf, ihre Folgen ziehen ihn
+hinab, und er hat nicht die Kraft, fühlt nicht soviel Sicherheit in
+sich, ihr an Solveigs Seite eine bessere Zukunft entgegenzusetzen.
+Darum will er alle Vergangenheit töten: Er reitet seine Mutter in den
+Tod hinüber. Denn er muß „vergessen, was ihn drückt“. Seine Mutter[32]
+hat ihm gegenüber immer die Moral und die Einsicht vertreten; nun
+entzieht er sich gleichsam selbst seinen Mutterboden. Vielleicht liegt
+auch hier keimhaft der Gedanke zum Grunde, daß er gerade in seinem
+Verhältnis zum Weibe allein er selbst war.[33]
+
+So sehen wir ihn denn im vierten Akte am tiefsten gesunken. Der
+Mensch lebt nun in völliger Gemeinschaft mit den Affen, als welche
+sich das Trollpack des zweiten Aktes endgültig entpuppt (absichtliche
+Wiederholung des Wortes: Der „Alte war schlimm, die Jungen sind
+Bestien“); ja der +Gyntismus+ wird zur Losung der Menschheit überhaupt:
+Peer Gynt wird Prophet. In dieser Eigenschaft bietet er alles auf,
+um — von einem Mädchen beachtet zu werden und hierdurch etwas für
+sich zu gewinnen. Am Ende erfüllt sich nun gar sein alter Traum: Er
+wird Kaiser. Aber mit Schrecken muß er zuletzt gewahren, daß er in
+einem Irrenhause steckt und der Kaiser der wahnsinnigen, vertierten
+Menschheit ist.
+
+In dieser Szene im Irrenhause liegt wohl die gräßlichste Ironie die
+fürchterlichste Satire, auf die je ein Mensch verfallen ist.
+
+Peer Gynt im Verein mit den Irren, von denen dieser wie eine Feder ist,
+die nie zum Schreiben, sondern stets nur als Streusand gebraucht wird,
+jener wie ein Papier, das nie beschrieben wurde: ein unaufgeschlagenes
+Buch in seiner Mutter Schoß, sich als verdruckt erweisend, da es
+aufgemacht wird. Das absolute Fehlen eines +Ich+ und das damit
+verbundene völlige Fehlen eines +Soll+; den Menschen, der nicht
+mehr weiß, was er ist und danach schreit, von irgend jemand seiner
+eigentlichen Bestimmung zugeführt zu werden, die er selbst nicht mehr
+finden und nicht aktiv mehr verwirklichen kann; die Verzweiflung daran,
+je das sein zu können, wozu man geboren ist — dies alles sagt in seinen
+wenigen wilden Rhythmen der Dialog mit dem Minister Hussein.
+
+Es ist nicht meine Absicht, einen fortlaufenden Kommentar zu der
+Dichtung zu liefern, in der mir so manche Einzelheiten gar nicht
+durchsichtig sind. Solche Unternehmungen haben, abgesehen von ihrem
+Umfange, immer zu viel Prätention und können darum nur geschmacklos
+wirken.
+
+Ich will nur noch auf einige große +Schönheiten+ der Dichtung
+hinweisen: außer auf den in dieser Hinsicht allgemein berühmten
+Schluß des dritten noch auf die erste Szene des zweiten und auf die
+außerordentliche Mitte des fünften Aktes, wo Peer Gynt des nicht
+gelebten Lebens seines höheren Ich gedenken muß („Knäuel“, „Welke
+Blätter“ u. s. w.; in der Nacht auf der Heide: „Wir sind Lieder, hast
+du gesungen uns?“ u. s. w.); ferner auf die mit großer Kraft packende
+Erzählung vom Rennbock gleich am Anfang der Dichtung; und auf Peers
+Monolog nach der Ausschweifung mit den Sennerinnen. Von furchtbarer,
+zum tiefsten Herzen greifender Wirkung, hierin beinahe der Verfluchung
+des Lebens im dritten Akte von „Tristan und Isolde“ vergleichbar, ist
+aber jene Stelle des fünften Aktes, wo Peer die Sternschnuppe (das
+Symbol des Sündenfalles der Engel als der Sterne) den Raum durcheilen
+sieht und ihr zuruft:
+
+ „Gruß von Peer Gynt, Bruder Meteor!
+ Leuchten, erlöschen und verschwinden im Thor
+ Der Finsternis ...!“
+
+und wie nun plötzlich er, der noch vorhin jeden Gedanken an Sinn und
+Zweck des Lebens — denn der „fremde Passagier“ ist der +Tod+, welcher
+diesen Gedanken nahelegt — zurückgewiesen hat, nach dieser Botschaft
+aus der Unendlichkeit im tiefsten erschauert; und da endlich das Gefühl
+eines verlorenen, dem Meteor gleichenden Lebens, sich durchringt
+gegen alle Eitelkeiten, wie er zur Ahnung (wenn auch noch nicht zur
+Behauptung) seines wahren Selbst und damit auch gleichzeitig zum
+Unsterblichkeitsbedürfnis gelangt. Der steinreiche Unternehmer, der
+Kaiser, dem die ganze Welt wie gewonnen war, erwacht aus dem Traum
+seiner Welten und sieht:
+
+ „So unsäglich +arm+ kann ein Mensch also geh’n,
+ Zurück in den grauen Nebel des Nichts.
+ Du herrliche Erde, trag’ mir nicht Haß,
+ Daß ich achtlos zertreten nur Dein Gras.
+ Du herrliche Sonne, Du mußtest verschwenden
+ Deinen leuchtenden Strahl in leeren Wänden,
+ Kein Mund sprach zu Deiner Schönheit den Reim:
+ Der Eigner, so sagt man, war niemals daheim.
+ Herrliche Sonne, herrliche Erde —
+ Was nährtet ihr meine Mutter an eurem Herde?
+ Die Natur ist verschwend’risch, am Geist wird gespart ...
+ Die Geburt mit dem Leben büßen ist hart.
+ Ich will auf die höchsten Gipfel geh’n,
+ Noch einmal die Sonne aufgehn seh’n,
+ Starren mich müd’ aufs gelobte Land...
+ In einem Schneesturz mein Ruhbett haben;
+ Man mag drüber schreiben: „Hier ist +niemand+ begraben“;
+ Und dann — dann — dann komme das dann.“
+
+(Ich habe hier den beiden Übersetzungen von +Passarge+ und von
++Morgenstern+ das Beste zu entnehmen und an einigen wenigen Stellen, wo
+sie dem Originale nicht genug taten, noch selbst nachzuhelfen versucht.
+Der Vers: „Die Geburt mit dem Leben büßen ist hart,“ ist die einzige
+Stelle in +Ibsens+ Werken, wo die +Erbsünde+ enthalten ist.)
+
+Man betrachtet ganz allgemein die großen Menschen viel zu wenig
+unabhängig von ihren Werken. Man glaubt, das Leben dieser Menschen sei
+Produktion und erschöpfe sich darin. Diese Meinung ist freilich eher
+unbewußt als klar ausgesprochen, aber um so schwerer dürfte sie zu
+bekämpfen sein. Einige ihrer Faktoren sind jedoch wenigstens ohne Mühe
+nachzuweisen.
+
+Die wenigsten Menschen empfinden das +Bedürfnis+, von dem Charakter
+bedeutender Menschen der Tat oder des Gedankens eine klare Vorstellung
+sich zu bilden. Sie sind gewohnt, bei der Nennung großer Namen nicht
+nur den Hut zu lüften, sondern wie auf ein Kommando auch alles Denkens
+sich zu entäußern. Sie rufen +Wagner+ oder +Goethe+ nicht anders
+als eine Interjektion. In dieser Denkart steckt zwar ein nicht zu
+unterschätzender Respekt vor dem Phänomen, und noch die so tiefe
+und so alte Würdigung des Genies als einer göttlichen Offenbarung;
+auch befinden sich die Menschen so viel wohler, als sie sich fühlen
+würden bei jener anderen Denkart, welche berühmte Männer mit Vorliebe
+in ihren Unterkleidern zeigt und triumphierend auf ihrem Gange zum
+Aborte überrascht. Aber nicht dieses eudaimonistische Argument kann
+dieser Anschauung zur Empfehlung dienen, sondern nur jener Gehalt an
+„verecundia“, welchen z. B. Moreau de Tours und Lombroso offenbar nicht
+besessen haben.
+
+Dennoch bedeutet dieser Verzicht auf das Nachdenken über große Männer,
+die Entrüstung über jeden fremden Versuch, in deren Innerem auch
+nur bestimmte Züge ausnehmen zu wollen, eine arge +Würdelosigkeit+,
+eine spontane Leibeigenschaft des Geistes, die ebenso blind wie
+unduldsam gegen jeden Freien ist. Jeder Name wird ein Atout, mit dem
+alles nüchterne Sehen niedergeschlagen wird. Auch _Hero-Worship_,
+Heldenverehrung ist +heteronom+ im Sinne Kantens, auch dieser
+Autoritätenglaube ist unmoralisch. Wird der Mensch, und sei er nun auch
+Buddha oder Beethoven, zur Gottheit, sein Name eine Losung, so schweigt
+jede bewußte, ruhige Überlegung der eigenen Vernunft und alle geistige
+Entwicklung ist verrammelt.
+
+In jüngster Zeit ist zu jener früheren gedankenlosen Unterwürfigkeit
+ein neues Element hinzugetreten. Die leichtfüßigen Tanzbeine der
+Zarathustra-Ideale, die lässige Grazie des süddeutschen Walzers,
+studentischer Stumpfsinnsang und kunstgewerbliche Lehnstuhlschwärmerei
+mußten zusammenkommen, um es allem deutschen, nordischen Ernste
+gegenüber hervorzubringen und zu behaupten. Ich meine die Lüge von
+dem „stilisierten Leben“ der großen Menschen, welche jene Menschen zu
+Artisten degradiert, jene, die das Leben stets am ernstesten nahmen,
+weil sie von ihm am ernstesten sich genommen fühlten, jene, die
+sich selbst am wenigsten heimlich und glücklich befunden haben, zu
+„Artisten“ ihres eigenen Lebens!
+
+Die alte Dreistigkeit, mit welcher die bedeutendsten Namen dazu
+mißbraucht werden, um den eigenen, leichten Sinn noch als den Stil der
+genialen Menschen erscheinen zu lassen, soll uns nun nicht lange hier
+beschäftigen.
+
+Die so verbreitete Auffassung ist jedenfalls zurückzuweisen, welche den
+hervorragenden Menschen als ein Gefäß betrachtet, aus welchem nach und
+nach seine Geisteswerke herausfallen, als ein Geschöpf der Natur, durch
+das diese nichts weiter wolle, als uns gewisse Dinge schenken, als
+ein Orchestrion, dessen Aufgabe sich damit erschöpft, eine Anzahl von
+Tonstücken abzuspielen.
+
+Diese Auffassung macht den Poeten zum Schmetterling, den Maler zum
+Berufsphotographen, den Philosophen zum Theorienbäcker und entkleidet
+sie alle jeglicher Größe. Gerade die +aller+stärksten Eindrücke sind,
+um nur vom Künstler zu sprechen, bei diesem zu mächtig, um sobald zum
++Aus+druck im Kunstwerk führen zu können.
+
+Sicherlich ist das Leben großer Menschen keine Harmonie von Fortunas
+Gnaden, sondern viel bewegter und stürmischer als das der anderen;
+sicherlich enthält es oft die größten, unausgeglichensten Gegensätze,
+die Neigung zu den merkwürdigsten Verirrungen, aber auch den größten
+Kampf mit sich selbst und nur gerade nicht jene „gaya scienza“ und
+„serenita“, die Nietzsche so gerne hätte erringen mögen, seitdem er die
+Riviera kennen gelernt hatte.
+
++Wie+ furchtbar es in den hervorragendsten Menschen zugehen kann,
++was alles+ in ihnen sein, unter was sie leiden, an was allem sie
+verzweifeln können, das vermöchte Ibsens „Peer Gynt“ jeden zu lehren,
+der sich darüber klar geworden ist, daß man nur das auffassen, wie
+darstellen kann, +was man selbst in sich hat+.
+
+ * * * * *
+
+Man kann die Menschen einteilen in solche, die +sich+ lieben, und
+solche, die +sich+ hassen. Damit meine ich nicht den Haß gegen das,
+was sie in sich Unmoralisches finden. Das haßt freilich jeder Mann
+in sich, wenigstens in dem Augenblicke, wo er es sich sagt und noch
+mehr, wenn er dieses Geständnis unterdrücken will. Sondern, was hier
+den interessanten Unterschied zunächst ins Auge springen läßt, ist
+das Verhalten gegen moralisch indifferente Züge der eigenen Person.
+Es gibt Menschen, die ihre ganze Subjektivität (nicht das Subjekt
+selbst natürlich) hassenswert finden, es (auch in abstracto, als
+Begriffe) mit einer schmerzlichen Wut verfolgen; die anderen sind
+eher geneigt, alles an sich liebenswert zu finden, viel Nachsicht
+mit sich zu üben, im Umgang mit sich selbst die äußerste Delikatesse
+walten zu lassen, sich eventuell anderen als Muster vorzuhalten. Es
+seien z. B. unter zwei Nichtrauchern, um absichtlich ein triviales
+Beispiel niederster Kategorie auszuführen, der eine +philautisch+, der
+andere +misautisch+: jener wird sehr mit sich zufrieden sein und es
+als einen sehr hoch im Range stehenden Zug bei sich betrachten, daß
+er nicht rauche. Dieser wird eher argwöhnisch zum Schlusse kommen:
+daß er nicht rauche, müsse irgend ein Manko in seiner Anlage sein,
+wird selbst geneigt sein, den Raucher über sich zu stellen. +Aber
+irgendwie wertend verhält sich jeder Mann zu jedem Zuge in sich+, auch
+zu jedem moralisch indifferenten Charakterzuge.[34] Das +Vorzeichen
+dieser Wertung+, glaube ich nun, +bestimmt+, ja +entscheidet+ recht
+eigentlich die =Tonart= +des inneren Lebens eines Menschen+. Gewiß hat
+nur der Mann, nicht die Frau, ein Innenleben,[35] und auch der Mann um
+so mehr, je höher er steht. Der allgemeinste Inhalt alles Innenlebens
+aber, wenn ich vom Sinnen an die Vergangenheit und vom Träumen einer
+Zukunft absehe, ist erkennende Selbstbeobachtung und moralische
+Selbstbewertung. Da kann nun zweierlei sein: entweder der Mensch ist
+Pessimist von Geburt und glaubt nie recht an die Erlösung, sondern
+an den ewigen Unfrieden und die Verdammnis auf Erden, es ist das der
+Typus des, in niedrigeren Regionen, gerne schimpfenden, malitiösen,
+strengen Menschen. Oder er kommt erlösungsgläubig auf die Welt, er ist
+zu ihr entschlossen, d. h. er ist ihrer immerhin auf Erden eher noch
+fähig. Es ist das der milde, gutmütige, nie gerne, nie scharf tadelnde
+Mensch. Er ist oft bitter, aber nie ätzend. So sind aber beide auch, ja
+zunächst sich selbst gegenüber. Gesetzt, beide erwischen sich über der
+nämlichen, gleich starken oder gleich schwachen unmoralischen Regung:
+dieser verzieht die Mundwinkel, jener beißt die Zähne aufeinander, der
+eine lächelt schmerzlich: schon wieder +einmal+! der andere murmelt
+nicht ohne Ingrimm über die eigene Gemeinheit: +immer+ wieder! Der
+erste begnadigt sich gerne, lange schont er die eigene Empfindlichkeit,
+nur von Zeit zu Zeit geht er zur Beichte, zu der ihrem Wesen nach
+immer die Absolution gehört. Der andere zerfasert sich, schweigend,
+unbarmherzig, wenn auch seine Eitelkeit dabei noch wächst[36] (denn der
+Wille zum Wert wird durch jede negative Wertung der eigenen Person nur
+noch heftiger), er richtet und verfemt sich immerwährend. Jener hat das
+Bedürfnis nach der Position, dieser nach der Negation überhaupt; der
+Philautische bejaht, der Misautische verneint sich und die Welt.[37]
+
+Der philautische Mensch ist der starke und beständige Erotiker. Um
+andere Menschen zu lieben oder zu hassen, muß man zuerst sich selbst
+lieben oder hassen. Man liebt und man haßt nur, womit man irgend eine
+Ähnlichkeit hat; womit er gar keine hat, das kann der Mann höchstens
++fürchten+ (das alte Weib ist jene Frau, die der Mann gar nicht
+versteht und nur fürchtet) ebenso wie er — die andere Grenze — das
+fürchtet, womit er vollkommen übereinstimmt (den Doppelgänger). Die
+Selbsthasser freilich werden immer von sich sagen, sie könnten nur
+einen Menschen lieben, der gar keine Ähnlichkeit mit ihnen habe, und
+behaupten, die Liebe sei nichts als ein Versuch von sich loszukommen —
+weil sie überhaupt nicht lieben können, und doch das stärkste Bedürfnis
+danach haben zu lieben. Womit sie Ähnlichkeit haben, das können sie
+aber nur hassen, und so +versuchen+ sie ihr Liebesbedürfnis an solchen
+zu befriedigen, die ihnen nicht gleichen; ohne daß ihnen dies der
+Natur der Sache nach je gelingen kann. Etwas lieben heißt: ihm Seele
+schenken, die eigene Seele völlig +in+ es projizieren, allen +Wert
+auf+ es häufen: dazu muß es indifferent oder ähnlich sein, aber nicht
+entgegengesetzt. Und noch dies: wie käme der Negativist zum +Kinde+,
+das die +Position+ in der Liebe direkt +verkörpert+? Wie der niedere
+Sexualtrieb das Leben bejaht, setzt, so ist Liebe höchste Position,
+Bejahung des höheren, ewigen Lebens, und so erscheint sie im Evangelium
+Christi. Wer liebt, liebt überhaupt; wer haßt, haßt überhaupt; wer
+bejaht, bejaht überhaupt; wer verneint, verneint überhaupt. Dies ist
+nicht so zu verstehen, als wäre dem Selbsthasser die Verneinung mehr
+denn ein Durchgangspunkt zur Bejahung. Es gibt keinen großen Menschen,
+der nicht zuletzt doch +bejahte+. Dies ist auch der letzte Grund, warum
+es ungeachtet des einleitend Bemerkten kein Genie gibt, das nicht
++produktiv+ wäre. Auch aus der Liebe zu den Ideen und ihrer Bejahung,
+in der +Platon+ und Schopenhauer das Wesen der Genialität am tiefsten
+erkannt haben, entstehen +Kinder+. Dem Selbsthaß des misautischen
+Typus ist die Verneinung nie Selbstzweck, sondern nur Mittel,[38] um
+das wahrhaft Liebenswerte und nichts vor diesem zu lieben. Nur vermag
+er nichts anderes zu bejahen als die Ewigkeit. Er kann nicht ein
+konkretes Weib lieben, und so oft er auch Ansätze dazu macht, d. h. zu
+lieben, sich in der Leidenschaft zu bestärken versucht, er fällt immer
+in Kürze aus ihr heraus: er kann nicht lieben.
+
+Nur der philautische Mensch ist deshalb auch im eigentlichen, engeren
+Sinne +Vater+, er hat das Bedürfnis nach dem leiblichen Kinde, denn
+er will +sich+ mit +allen+ seinen Eigentümlichkeiten, auch mit
+seiner Subjektivität, seiner äußeren und inneren +Erscheinung im
+Kinde wiederfinden+. Sogar zu seinen geistigen Schöpfungen hat der
+extreme Selbsthasser kein rechtes warmes, inniges Verhältnis. Denn
+die Vaterschaft kann sich auch auf das Geistige erstrecken. Ja, der
++Lehrer+ ist recht eigentlich der Typus des Vaters, wie dieser der
+Verbreiter und Förderer der +Gleichheit+, nur im Intellektuellen noch
+außer dem rein Körperlichen. Daß der Mann im Weibe nur sich liebt,
+darauf komme ich noch zurück; aber auch sein Kind ist nur soweit sein
+Kind, als es er selbst ist.[39] Die Vaterschaft, deren Deduktion ich
+hier gegeben, und deren Zusammenhang mit der Liebe ich begründet habe,
+ist natürlich jene, die ein dauerndes psychisches Bedürfnis befriedigt,
+und muß mehr bedeuten als bloße akzidentielle „Paternité“.
+
+Es ist aber möglich, noch einen Schritt weiter, tiefer in dieser Sache
+zu tun. Man gedenke der Rolle, welche die Idee der Vaterschaft im
+„+Neuen Testamente+“ spielt. Gott als der Vater der Menschen: so hatten
+die Juden ihren Gott nicht empfunden. Ihnen war er der Herr, und sie
+seine Diener, die er schalt oder belohnte, je nach ihrer Leistung.
+In den Evangelien steht die neue Idee in engster Beziehung zu jenen
+beiden anderen christlichen, unjüdischen Ideen der Liebe und des ewigen
+Lebens, und hiermit erfährt die dargelegte Auffassung der Vaterschaft
+eine neue Bestätigung. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt die Gottheit
+des Johannesevangeliums (6, 35). +Jesus Christus+ aber gehörte nicht zu
+jenen Menschen, die sich samt ihrer Subjektivität lieben. Im Evangelium
+des Lukas (14, 26) heißt es: „So jemand zu mir kommt und haßt nicht
+seinen Vater, Mutter, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein
+eigenes Ich,[40] der kann nicht mein Jünger sein.“ Sicherlich hat
+sich nie ein Mensch sowenig als +Vater+ gefühlt wie der Stifter des
+Christentums; +als der Sohn+ bedurfte er vielleicht gerade darum der
+Gottheit in der besonderen Gestalt des liebenden Vaters. Jesus ist auch
+nicht Lehrer von Beruf, wie es etwa Sokrates in eminentem Sinne war.
+„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ „Fasse das Wort, wer es fassen
+mag“ — so spricht kein Lehrer. Man sieht, wie Vaterschaft, Lehrertum,
+Philautie immer miteinander da sind oder fehlen.
+
+Wer sich als Sohn fühlt, kann sich nur hassen; den Sohn nämlich trieb
+es, Sohn zu werden, +sich zeugen zu lassen+, als empirisch beschränktes
+Subjekt zu entstehen. All dies Subjektive rechnet er sich zu, und darum
+haßt er sich. Der Sohn weiß sich ewig unfrei, so wie er das eigene
+Wollen aufgab und eine Stütze suchte, als er geboren wurde.
+
++So erweitern sich die Typen des sich selbst liebenden und des sich
+selbst hassenden Menschen zu den Ideen des Vaters und des Sohnes.+
+Daß es Väter und daß es Söhne gibt, ist im tiefsten Sinne nur einer
+der Ausdrücke des Dualismus im Wesen der Welt. Söhne Gottes sind
+die Menschen als geistige Wesen, wie Söhne leiblicher Menschen als
+Erdenkinder: genau gesprochen freilich bloß die Männer. Denn Gott
+hat keine Töchter; und nur insofern bedarf die Vorstellung der
+Gotteskindschaft einer Korrektur. Der Sohn kann zur Freiheit nur
+auferstehen, indem er zum Vater emporsteigt, selbst aufhört bloß Sohn
+zu sein, und wieder eins mit dem Vater wird.
+
+ * * * * *
+
+Der philautische Mensch kann auch hassen; er haßt nämlich, was ihn
+im Lieben stört .... er ist der „Ästhet“. Der Selbsthasser dagegen
+kann nicht lieben, was irgend sinnfällig wird. Im extremen Falle wird
+ihm auch der Geschlechtsakt völlig unmöglich. Er ist also sicher
+viel unglücklicher als der andere. Zum philautischen Typus, der den
+Kasteiungen eines Menschen jene wesentlich zartere Form gibt — er ist
+auch eine Bedingung der Abfassung einer Selbstbiographie — gehören
+in extremstem Maße Shakespeare und Sophokles, besonders der erstere.
+Goethe ist nicht rein philautisch — manche Stellen im Faust bezeugen
+es, wie falsch es wäre, ihn ohne weiteres diesem Typus einzureihen.[41]
+Man läßt sich überhaupt täuschen, wenn man in Goethe einen harmonischen
+Menschen vermutet, wie dies seit Heine üblich ist und heute bis
+zum Überdruß wiederholt wird. Goethe war viel eher einer der
+unglücklichsten Menschen, die es je gegeben hat, und darum schamhafter
+und strenger im Verbergen seines Unglückes als so viele andere. — Der
+Mensch, der sich selbst am meisten gehaßt hat, dürfte Nietzsche gewesen
+sein. Sein Haß gegen Wagner und gegen die Askese, sein Hinüberwollen
+zu Bizet und Gottfried Keller war ja nur ein Haß gegen den Wagnerianer
+und Asketen und den +gänzlich unidyllischen Menschen+, der er selbst
+war. Der Selbsthaß steht gewiß moralisch höher als die Selbstliebe.
+Schlimm ist also die Unaufrichtigkeit, mit der Nietzsche tat, als wäre
+ihm jener Übergang (die „Genesung“ von Wagner, seiner „Krankheit“)
+gelungen — es ist dies nicht die einzige Pose, die Nietzsche vor allen
+anderen und vor sich selbst angenommen hat.[42] Pascal, der sich gewiß
+furchtbar gehaßt hat, steht hier hoch über Nietzsche — er ist auch
+sonst nie so flach, wie Nietzsche manchesmal sein kann. Während jener
+es doch offen als Grundsatz auszusprechen vermochte, jenes „Le moi
+est haïssable“ (Pensées I, 9, 23), hat Nietzsche sogar diesen seinen
+eigenen Haß gegen sich selbst verleugnet, und — so haßte er sich —
+verleumdet, heruntergesetzt: freilich nur als Eigenschaft Pascals.
+Nur an einer Stelle wird Zarathustra hierüber aufrichtig: in dem
+herrlichen, durchaus als ethisches Symbol zu verstehenden Liede „Vor
+Sonnenaufgang“ (im III. Teile): „O Himmel über mir, du Reiner!....
++fliegen+ allein will mein ganzer Wille, in +dich+ hineinfliegen! Und
+wen haßte ich mehr als ziehende Wolken und alles, was dich befleckt!
+Und meinen eigenen Haß haßte ich noch, weil er dich befleckte! Den
+ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raubkatzen: sie
+nehmen dir und mir, was uns gemein ist — das ungeheuere, unbegrenzte
+Ja- und Amensagen.“
+
+Gerade bei Nietzsche entsprang der Haß gegen sich selbst dem stärksten
+Willen zur Bejahung. In ihm konnte darum dieser Haß schöpferisch und
+tragisch werden. Schöpferisch — denn er hieß ihn nach dem suchen, was
+er an Schopenhauer vermißte, er zwang ihn zur Abkehr von diesem, der
+ihn Kant nicht kennen gelehrt hatte. Tragisch — denn er war nicht
+groß genug, um sich selbständig aus einer eigenen Kraft in Reinheit
+zu +Kant+ durchzuringen, den er nie gelesen hatte. Darum ist er nie
+bis zur +Religion+ gelangt: als er das Leben am leidenschaftlichsten
+bejahte, da verneinte das Leben ihn — jenes Leben nämlich, das sich
+nicht belügen läßt. Aus dem Mangel an Religion erklärt sich Nietzsches
+Untergang. Ein Mensch kann an nichts anderem zugrunde gehen als an
+einem Mangel an Religion; am fürchterlichsten zeigt dies der Genius.
+Denn der geniale Mensch ist der frömmste Mensch, und verläßt ihn die
++Frömmigkeit+, so hat ihn das Genie verlassen. Nicht ohne tiefen Grund
+war Nietzsche der „Gewissenlose des Geistes“ Problem geworden: der
+„Gewissenlose des Geistes“, das ist der „geistreiche“ Mensch, und der
+„geistreiche“ Mensch war die Gefahr Nietzsches und der Abgrund, der
+ihn schließlich hinabzog. Hätte er es sonst für nötig gehalten, es
+immer ausdrücklich zu betonen, wenn er einmal etwas ernst meinte, und
+ernst genommen wirklich sehen wollte? Was Nietzsche fehlte, war die
++Gnade+; aber ohne Gnade ist die Einsamkeit auch von Zarathustra nicht
+zu tragen. So war ihm die Logik kein einzig teuerstes Gut, sondern
+ein Zwang von außen (denn er fühlte sich zu schwach, um nicht überall
+Gefahr zu wittern); wer aber die Logik negiert, den hat sie bereits
+verlassen, der ist auf dem Wege zum Irrsinn.
+
+Das volle Gegenteil Nietzsches sonst, war doch auch Spinoza sowie
+Nietzsche ein Hasser seiner selbst. In ihm aber ist es nicht der
+Haß, der irgendwie schöpferisch oder tragisch geworden ist. Nicht
+schöpferisch — denn das Problem der Willensfreiheit, zu dem der
+höhere Mensch durch den Haß gegen sich selbst geleitet wird, hat
+niemand sowenig verstanden, niemand dieses Problem als Ganzes so rüde
+und intolerant zurückgewiesen wie er (Ethik I 32, II 35, 48, III 2).
+Nicht tragisch — denn Spinozas Weltanschauung war kein mutiger offener
+Glaube, sondern ein System von Schutzmaßregeln, mit dem er sich
+umgeben, hinter dem er wie mit Stacheldraht ein feiges Ruhebedürfnis
+verschanzt hatte.
+
+Ganz unfähig des Hasses gegen sich selbst scheinen die Frauen zu
+sein. Sie lieben sich aber auch nicht, sie sind nur, aber das immer,
++verliebt in sich+. Die Mutter hat keineswegs, wenn das Kind +ihr+
+gleicht, jene Freude, die der Vater im anderen Falle empfindet.
+
+Männer, die sich entschieden gehaßt haben, waren Michel Angelo und
+Beethoven, die gewiß, nicht weniger als Pascal und Nietzsche, beide
+vollkommen keusch gelebt haben; Beethoven mit einem fast ebenso großen
+und ebenso ungestillten Bedürfnis, das Weib zu finden, das er lieben
+könne, wie Nietzsche. Dagegen hat sich Mozart immer, haben Jean Paul
+und Richard Wagner meistens sich geliebt; Humor ist überhaupt ein
+Zeichen von Liebe, Satire eines von Haß gegen sich selbst und überhaupt
+— denn der Humor ist selbst nur eine gut verkleidete Erotik. Von
+Philosophen, die sich geliebt haben, nenne ich Sokrates (den Lehrer)
+und Fechner, weniger schon Leibniz, noch weniger Platon; von Künstlern,
+die dem misautischen Typus angehören, Grillparzer und Rembrandt.
+
+Bei einem Manne wie Kant versagt aber wohl diese Einteilung,
+so umfassend sie auch sonst Anwendung finden mag: bei solchen
+Erscheinungen ohne alle Subjektivität fehlt sicherlich auch jede Weise,
+in der auf eine solche reagiert werden könnte.
+
+Es mag auch in +demselben+ Menschen +beides+ sein und miteinander
+abwechseln: Complaisance und Nachsicht, wie Mißgunst und Unduldsamkeit
+gegen moralisch Indifferentes in sich. Dies wird sogar die Regel bilden.
+
+Die Selbsthasser sind die größten Selbstbeobachter. Alle
+Selbstbeobachtung ist ein Phänomen des Hasser: ihr Wort heißt:
+ertappen. Sie sind die unpathetischesten, weil schamvollsten Menschen,
+die Menschen, denen Pathos überhaupt und in unangenehmer Weise
++auffällt+. Eine ganz einfache Rede ist ihnen unmöglich, weil sie
+unter ihrem ganzen Selbst immer und ewig +leiden+, und dieses Leiden
+verleugnen müßten, wenn sie pathetisch werden sollten. Der misautische
+Mensch erträgt aus diesem Grunde die Einsamkeit so unendlich viel
+schwerer als der philautische; und doch sind keine Zweisamkeits- und
+Mehrsamkeitsversuche so unglücklich wie die seinen. Denn er leidet
+an dem furchtbarsten Geschick, das einen guten Menschen treffen
+kann: keinen anderen Menschen wirklich +lieben+ zu können. Ihr Wesen
+kann nämlich nie frei hinausströmen, überströmen in ein anderes, das
+sie lieben möchten, das sie liebt! So furchtbar ist +ihnen+ ihr Ich
+immerwährend gegeben. Sie gleichen einem Hause mit ewig verschlossenen
+Fensterläden: das Licht der Sonne würde wohl auch dieses Haus erwärmen
+und bescheinen mögen; aber das Haus tut sich nicht auf: scheinbar
+mürrisch, hart, abweisend, bitter verbittet es sich das Licht;
+erschrickt es vor dem Glücke. Wie es im Hause ausschaut? Eine wild
+verzweifelte Geschäftigkeit, ein langsam-furchtsam Erkennen in der
+Finsternis, ein ewiges Zurechtstellen der Dinge — da drinnen. Man frage
+sie nicht, wie es im Hause ausschaut.
+
+Ein Mann, der den „Peer Gynt“ geschrieben hat, kann nur ein
+Selbsthasser sein. Das Gedicht war persönlich für Ibsen[43] gewiß
+ursprünglich als die +Tragödie der Eitelkeit+ (im Salomonischen
+allgemeinsten Sinne) gedacht, und erst allmählich ist es Ibsen klar
+geworden, daß alle Eitelkeit vor anderen, alle primäre Rücksicht auf
+andere das Aufgeben des eigenen Selbstes und des Wertes vor sich selbst
+zur Bedingung hat.
+
+Der lange Exkurs aber, von dem ich nun wieder zum „Peer Gynt“
+zurückgekehrt bin, und zu dessen prinzipieller Rechtfertigung auch die
+einleitenden Betrachtungen über das gesteigerte moralische Innenleben
+großer Menschen dienen sollten, war notwendig, um zum Verständnis jener
+Schöpfung des Dichters zu verhelfen, die ich bisher noch nicht erwähnt
+habe, obwohl im ganzen vielinterpretierten „Peer Gynt“ +sie+ am meisten
+zu raten gegeben hat, ohne daß irgend eine Deutung die Deuter selbst
+befriedigt hätte. „Der große Krumme“, die rätselhafteste und zugleich
+originellste Gestalt der Dichtung,[44] wird uns jetzt soweit klar,
+als er es seiner besonderen Natur nach überhaupt zu werden vermag. Der
+„große Krumme“ spielt die wichtigste Rolle im zweiten und im fünften
+Akte: beide Mal wird er, dies ist wohl zu beachten, durch Solveig
+besiegt. Er ist die Gewalt, welche den Menschen immer wieder treulos
+gegen sich selbst werden läßt, ihn immer wieder +eitel+ zeigt, ja,
+wenn er sich noch so unbarmherzig aufgewühlt und gezüchtigt hat, ihn
+in den letzten Falten seines Innern wieder die nicht ausgetriebene,
+unversehrte Eitelkeit, sich gleich geblieben, am gleichen Platze, mit
+gleichem Besitzstande gewahren läßt:
+
+ „Hin und zurück — ist ebenso weit!
+ Draußen und drinnen — ebenso breit!
+ Da ist er! Dort! Rings, wo ich mich weise!
+ Wähn’ ich mich draußen, steh’ ich mitten im Kreise!“[45]
+
+Als Kind hörte ich einen Volksschullehrer der Klasse, in der ich
+mich befand, folgendes über die Methode erzählen, nach der man in
+Rußland die Bären töte: zwischen zwei Baumstämmen werde ein Holzblock
+aufgehängt; um zwischen ihnen hindurchzukommen, müsse der Bär den
+Balken zur Seite stoßen, der nun, vom Baumstamme reflektiert, mit um
+so größerer Kraft seinen Schädel wieder treffe, worauf der Bär gereizt
+und in Wut dasselbe solange wiederhole, bis ein stärkster Stoß seinen
+Schädel zerschmettere. Ibsen hätte auch diese Geschichte als Gleichnis
+für das benützen können, was er ausdrücken wollte. Der „große Krumme“
+ist die ganze Kraft des empirischen Ich, mit welcher es gegen das
+intelligible sich immer wieder erhebt, obwohl dieses noch eben völlig
+endgültig gesiegt zu haben vermeinte; und zugleich die Stimme, mit der
+es dem anderen nach immer erneutem Rückfall zurät, den hoffnungslosen,
+sinnlosen Kampf zu lassen. Daher die selbstsichere Ironie, mit welcher
+der Krumme dem tobenden Assaut Peer Gynts begegnet, ihn herumgehen
+heißt, ihn auffordert, sich mit ihm abzufinden, weiterzuziehen und
+ihn sein zu lassen, statt die unbezwingliche Festung im Sturme nehmen
+zu wollen. +Der Krumme ist das die Erlösung negierende Prinzip
+überhaupt+; in ihm hat Ibsen den großen Verneiner in sich selbst zu
+fassen gesucht. Man mag ihn die Bequemlichkeit, die Trägheit, das Band
+zwischen Seele und Körper nennen (er siegt ohne Schwertstreich, und
++allmählich+): jedenfalls ist er das, was Ibsen in sich durchbrechen
+wollte, als er diesen Peer Gynt, +seinen+ Peer Gynt, festlegte. Aber er
+hat es selbst gefühlt: +vor+ dem Tode werden wir mit ihm nicht fertig.
+
+Hiermit sehen wir uns nun noch einmal zum Sinne der ganzen Dichtung, zu
+der Antwort, die Ibsen für seine Frage hat, zurückgeführt. In dieser
+Schlußszene des „Peer Gynt“ kann man die beiden Hauptprobleme seines
+Denkens und Schaffens zusammenlaufend finden. Einerseits das Problem
+Wahrheit—Lüge. So wohlbegründet und befriedigend die Deutung mir
+scheint, die ich dem Krummen gegeben habe, er vertritt doch noch eine
+andere Idee. Die Symbole des wahren Künstlers sind keine Allegorien,
+nicht mit Personennamen behängte Personifikationen scharf definierter,
+eindeutiger, philosophischer Begriffe, in die Sprache eines bestimmten
+philosophischen Systems zurückzuübersetzen, sobald nur der Schlüssel
+der Chiffrenschrift gefunden ist. Was der Dichter bei seinen Symbolen
+unmittelbar geschaut und gefühlt hat, dem vermag der Philosoph nur
+langsam und mit vieler Vorsicht nachzukommen. Der Krumme, den Peer Gynt
+zeitlebens nie durchbrochen hat, weil er nie +geradeaus+ gegangen ist:
+dieser Krumme ist zugleich die +Lüge+.
+
+Daß der Mensch in diesem Leben nie in völliger +Wahrheit+ leben kann,
+daß ihn von ihr immer etwas trennt, diesen Rest von Lüge, Irrtum,
+Feigheit, Verstocktheit hat Ibsen im Krummen mit angedeutet.[46]
+Das volle Schauen der Wahrheit ist im jenseitigen Leben möglich;
+nach ihr kann im Diesseits nur immer gestrebt, erst mit dem Tode der
+Krumme bezwungen werden. Es ist also nur eine andere Differenzierung
+derselben Idee der Erlösungshemmung, die in dieser Seite des Krummen
+zum Ausdruck gelangt ist. Peer Gynt steht da unvergleichlich höher
+als der Hjalmar der „Wildente“, der in der Lüge selbstzufrieden ist,
+die Wahrheitsforderung eigentlich als eine persönliche Beleidigung
+empfindet, als ein Ansinnen, das ihm von anderer Seite gestellt worden
+ist, und wenn sie ihm aufgedrängt wird, sie nur äußerlich akzeptiert,
+um in der Lüge um so ungestörter weiterleben zu können; der das Unglück
+posiert und die kleinen Widerwärtigkeiten seines kleinen Lebens als ein
+Unrecht des Schicksals seiner Person gegenüber empfindet, ja sie den
+anderen Menschen zum Vorwurfe macht. Hjalmar ist der absolut atragische
+Mensch; das ist Peer Gynt durchaus nicht. Im Gegenteil, das ganze
+Drama ist fast vollständig ausgefüllt von dem +Problem des Subjektes+,
+sein Held selbst meistens mit dieser Kardinalfrage beschäftigt.
+Der „Peer Gynt“ entspricht darum der Idee, +welche im Gedanken der
+Tragödie liegt+, der Darstellung der suchenden und kämpfenden, irrenden
+und fehlenden, zum Schuldbewußtsein gelangenden und nach Erlösung
+ringenden Individualität so vollkommen wie keine andere Dichtung der
+Weltliteratur.
+
+Peer Gynt will von der Lüge, die mit dem Leben unauflöslich verbunden
+ist — es gibt keinen noch so heiligen Menschen, der nicht zur Notlüge
+wieder und wieder sich gezwungen sähe, und die Notlüge ist moralisch
+unentschuldbar wie jede andere — Peer Gynt will von der Lebenslüge
+loskommen, und er kann es nicht. Die Erlösung wird, trotz allem
+Krummen, endlich herbeigeführt durch das Weib. Und hier liegt das
+zweite Hauptproblem Ibsens: +das Problem der Erlösung mit Rücksicht
+auf Mann und Weib. Wie verhält sich die Frau und die Liebe zur
+Frau mit Bezug auf das Menschheitsproblem überhaupt?+ das ist die
+Frage, die Ibsen in den letzten dreißig Jahren seines Schaffens fast
+unablässig beschäftigt hat. Nicht die simple Frauenfrage in ihrem
+vulgären Aspekte, die gleiche Begabung und die gleichen politischen
+Rechte sind es, die Ibsen am Herzen liegen, er ist nie ein Anwalt der
+einzelnen Frau oder der Gesamtheit der lebenden Frauen gewesen; und
+die Geringschätzung Ibsens, die immer mehr in Mode kommt, ist zwar
+psychologisch begreiflich — man findet unwillkürlich durch die Hinweise
+der Frauen auf ihren angeblichen Schätzer den Schätzer selbst ein wenig
+bloßgestellt — aber sie ist gänzlich ungerechtfertigt und Beweis eines
+sehr vorschnellen Parallelisierens.
+
+Wenn die Frauen den Dichter für sich reklamieren, so mag ihnen dies
+nachgesehen werden; er ist zu männlich durch und durch, als daß sie
+in ein wirkliches Verhältnis zu seinen Werken treten und seine wahre
+Absicht erfassen könnten. Nicht so sehr die gleichen +Rechte+, als die
+gleichen +Pflichten+ hat Ibsen für das Weib gefordert — und Pflicht ist
++der+ absolut unweibliche Begriff.
+
+In „Peer Gynt“ wird der Mann durch das Weib emporgezogen, d. h.
+vielmehr, +er+ läßt sich emporziehen. Nichts ist so lächerlich und
+so gemein, wie die Auffassung, als könnte die bloße Passivität des
+Geliebtwerdens irgend einen Einfluß auf das Schicksal der Moralität
+des Individuums gewinnen, seine endgültige Wertung als gut oder böse
+umwerten. Jemandem, der viel geliebt hat, mag vergeben werden, aber
+nimmermehr auch nur einem Menschen, weil er, wenn auch noch soviel,
+geliebt worden ist. Diese Flachheiten sind jedoch der offiziellen
+Ibsen- und Wagner-Interpretation so geläufig, daß man leider nicht an
+ihnen schweigend vorübergehen kann. Sie verrammeln vollständig das
+Verständnis der Erlösung durch die Liebe, und das logische Mysterium
+wird zur paradoxen Sentimentalität. Beschämend genug ist es, der tiefen
+Auffassung der Erotik, die Ibsen gerade im „Peer Gynt“ offenbart,
+nichts anderes gegenüberstellen zu können, als diese gangbare
+Auslegung. Wenn auch Ibsen im „Peer Gynt“ noch ungemein kurz und dunkel
+ist, so leuchtet doch auch schon hier die Anschauung hervor, die er
+in seinen späteren Werken kräftiger angedeutet hat. Die Liebe und die
+Möglichkeit der Erlösung durch sie besteht gerade im „Peer Gynt“ nur
+darin, daß der Mann sein besseres Selbst, alles, +was er lieben möchte
+und in sich nicht lieben kann, weil es da nicht unvermischt vorhanden
+ist, auf die Frau projiziert und durch diese Trennung leichter in
+ein wollendes, strebendes Verhältnis zur Idee der Schönheit und des
+Guten und Wahren gelangt+.[47] Dies ist der tiefe psychologische Grund
+für jenen Akt des männlichen Egoismus, der an die Frau viel höhere
+moralische Anforderungen stellt als an den Mann — moralisch natürlich
+nur dem äußeren Scheine nach als Befriedigung des Illusionsbedürfnisses
+— die tiefe Wurzel des Postulates der Reinheit, der Virginität für
+die Frau. Ein ähnliches Projektionsphänomen wie für die Liebe gilt
+für den Haß: Der Teufel ist die geniale objektive Existenzialisierung
+eines Gedankens, welcher den Kampf mit dem Bösen der eigenen Brust
+Millionen von Menschen erleichtert hat, indem sie den Feind außer sich
+setzten und sich eben hierdurch von ihm +unterschieden+ und +schieden+.
+Ein metaphysischer Akt der Projektion ist wohl demnach die allgemeine
+Wurzel alles Dualismus in der Welt: Gott will sich im Menschen finden.
+Der Dualismus muß sein, weil sonst der Monismus, das Streben nach ihm,
+sinnlos, ein leeres Wort ist.
+
+Im „Peer Gynt“ spielt das Weib keine andere Rolle, als die der
+Erlöserin für den Mann; sie hat kein selbständiges Leben, als die
+Funktion, die ihr der Mann erteilt. Sie wird +ent+seelt, um beseelt,
+gemordet, um belebt zu werden. Hier liegt der seit Novalis von so
+vielen gesuchte Grund, warum Sexualität mit Grausamkeit assoziiert ist.
+Wie im Coitus psychisch ein dem Morde analoges Element liegt, weil die
+Zeugung des Lebens mit seiner Vernichtung verwandt ist, so ist noch
+in jeder, auch der höchsten Liebe eine eigentümliche +Entwirklichung+
+des geliebten Menschen, um ihm die eigene höchste Wirklichkeit zu
+substituieren. Hier liegt auch die Wurzel der Eifersucht, indem der
+Mann auf sein Selbst, auch wenn er es in der Frau lokalisiert hat,
+immer noch ein Recht zu besitzen glaubt.[48] Darum hat Constant
+recht, wenn er die Liebe, die doch das altruistische Gefühl an sich
+zu repräsentieren scheint, „de tous les sentiments le plus égoïste“
+nennt. +Liebe, d. h.: Sich selbst will der Mann auf dem Umwege der
+Frau wiederfinden.+ Darum beginnt die Liebe so oft mit Kasteiungen,
+Selbstvorwürfen, Selbsterniedrigungen und belebt das Schuldbewußtsein.
+Das Weib ist der höchsten, wie der niedersten Erotik eben doch nur
+Mittel zum Zweck.
+
+Dieses Unrecht, das gerade der liebende Mann an der Frau begeht, hat
+Ibsen schon im „Peer Gynt“ gefühlt; allerdings geißelt er dort die
+sinnliche Form, um ihr die geistige gegenüberzustellen und ironisiert
+vor allem den seelenlosen Peer, der seinem Mädchen Anitra Seele noch
+schenken zu können vermeint.
+
+ „Jugend! Jugend! Herrschend, thronend,
+ Wie ein Sultan, heil und heiß —
+ Nicht durch Gyntianas Banken,
+ Unter Palmenlaub und Ranken —
+ Sondern weil in den Gedanken
+ Einer reinen Jungfrau wohnend! —
+ Wirst Du nun noch zweifelnd fragen,
+ Kind, warum ich Dich erküret,
+ Gnädiglich Dein Herz gerühret,
+ +Dort+ gegründet, sozusagen
+ Meines Wesens Kalifat?
+ Deine Sehnsucht will ich haben,
+ Allgewalt in meinem Staat!
+ Du sollst sein allein die Meine.
+ Peer mit seinem Geist und Gaben
+ Sei Dir mehr denn Gold und Steine.
+ Scheiden wir, so ist das Leben
+ Ausgelebt — das heißt, das Deine!
+ All Dein Du, inbrünstiglich,
+ Willenlos mir hingegeben,
+ Sei erfüllt von meinem Ich.“
+
+Aber +alles+ Verhältnis des Mannes zur Frau ist +Enteignung+,
+Entrechtung, soweit es erotisch ist. Das ist Ibsen später klar
+geworden; der erste Schritt hierzu ist im „Puppenheim“ gemacht. Man
+hat die Nora für das Wahlrecht der Frauen nutzbar gemacht und Ibsen,
+den Mann, der Zeit seines Lebens weniger als alle anderen Künstler vor
+und seit ihm sich selbst über das Weib zu belügen versucht hat, zum
+typischen Vertreter der psychologischen Gleichheitslehre gestempelt,
+den Schöpfer der Hedda Gabler das lebende Weib (seinen tatsächlichen
+Qualitäten nach) ebenso hoch einschätzen lassen, wie den Mann. +Darin
+liegt aber gerade die ganze sittliche Größe Ibsens und sein reiner
+Heroismus+, daß er vom Manne verlangt, das Weib als selbständiges
+menschliches Wesen zu schätzen, die Idee der Menschheit auch in der
+Person des Weibes zu ehren, es nicht, wie in jeder Erotik, bloß als
+Mittel zum Zweck zu gebrauchen, =obwohl= +die Realität gerade dem
+von der erotischen Dunstwolke ungetrübten Blicke+ die =Achtung= vor
+dem Weibe — die das Weib der Wirklichkeit vom Manne freilich gar nie
+verlangt — so sehr erschwert.
+
+So ist auch seine Nora nichts Wirkliches und die berühmte Umwandlung
+von der kindischen, verlogenen und genäschigen Schwätzerin zum
+Menschen mit freiem Entschluß kein ableitbarer Charakterzug irgend
+einer wirklichen Frau, sondern eben das +Mysterium der Umwandlung+,
+welche Ibsen für das Weib aus allgemein moralischem Grunde
+notwendig scheint. In der Nora +begrüßt+ Ibsen die erste weibliche
+Individualität, er zeigt, wie die Frau handeln +sollte+, nicht wie sie
+wirklich handelt. Die Veränderung in Nora ist eben +das Wunder+, aus
+dem früheren durchaus unbegreiflich; und niemand mißversteht dieses
+Schauspiel so gründlich, als gerade der, welcher den Umschlag zu
+vermitteln und aus der Nora der ersten Akte zu motivieren sucht. In
+der „Frau vom Meer“, welche endlich in Freiheit wählen darf und kann,
+hierdurch vom äußeren sinnlichen Zwange sich befreit, aber zugleich
+die Verantwortung und somit die Pflicht auf sich nimmt, kehrt das
+Nora-Problem wieder. „Rosmersholm“ bezeichnet nach dem „Peer Gynt“ den
+zweiten Gipfel der Entwicklung, die Ibsens Gedanken über seine Probleme
+genommen haben. Zum zweiten Mal kehrt er zum Problem der Erlösung
+in seinem Verhältnis zum Problem der Geschlechtsliebe zurück. Hier
+liegt aber die Sache schon sehr viel anders als im „Peer Gynt“. Die
+Wiedergeburt erfährt vor allem das Weib unter dem Einfluß des Mannes.
+Rosmersholm, das ist symbolisch die Burg der reinen Sittenstrenge, die
+Stätte der moralischen Güter, habe sie gebrochen, ihre wilden Triebe
+bezwungen, sagt die ehemals gänzlich =a=moralische Rebekka. Aber
+auch sie hat auf Rosmer im ganzen doch einen läuternden, reinigenden
+Einfluß zur Befreiung seines reinen Selbst geübt, und ihr junges
+Schuldbewußtsein ist fast heftiger als die Reue Rosmers über seine
+unbewußte Begünstigung ihres Vorgehens gegen Beate. So schließt die
+Dichtung mit der Frage: „Das eine sag mir noch, gehst Du mit mir, oder
+gehe ich mit Dir?“ und die Antwort, die Ibsen darauf gibt, lautet: „Der
+Frage werden wir wohl in Ewigkeit nicht auf den Grund kommen.“
+
+Aber auch hier auf dieser zweiten Stufe ist Ibsen nicht stehen
+geblieben. In „Klein Eyolf“ wird das Schuldproblem an Rosmersholm neu
+aufgenommen. Hier handelt es sich aber nicht um eine Beate, nicht um
+die frühere Frau, wie in Rosmersholm, sondern — ein anderer tiefer
+Gedanke — um das Kind, welches gemordet worden ist. Das Ganze ist
+sinnbildlich zu verstehen: aus sündhafter Erotik kann nichts Ewiges
+erwachsen, in ihr liegt bereits Mord, Mord des Kindes; der Coitus,
+der das Leben zeugt, zeugt auch den Tod, dem in Sünde Entstandenes
+notwendig verfallen muß. Die Immoralität der Zeugung in der Lust, der
+Zusammenhang von Tod und Geburt, die Verschuldung der Eltern am Kinde,
+das leichthin in die Welt gesetzt wird, ohne vorher als Person ins Auge
+gefaßt worden zu sein, dies ist die Sünde, die über der Ehe von Alfred
+und Rita schwebt, welche die menschliche Ehe überhaupt repräsentiert.
+(Eyolf wird in derselben Stunde zum Krüppel, da seine Eltern die
+wildeste Wollust auskosten.)
+
+Das Schuldbewußtsein, zu dem Rita schließlich erwacht, erklärt sie
+gänzlich für Alfreds Werk; doch er selbst wird zuletzt durch ihre
+aufrichtige Buße vor Verhärtung bewahrt. Produktion, Arbeit als das
+Kind reiner Liebe ist das Ziel, zu dem sich beide nunmehr vereinigen.
+
+Zum letzten Mal erscheint das ganze Problem der Wiedergeburt beider,
+des Mannes und Weibes, im Epilog: „Wenn wir Toten erwachen.“ Ibsen
+nennt es das letzte Wort, das er zu der Frage zu sagen hat; und ein
+Mann von fast zweiundsiebzig Jahren mußte wissen, warum er es so
+genannt hat. Wir haben also hier den Kulminationspunkt der dritten
+Phase seines Denkens vor uns, den endgiltigen Abschluß der Aufgabe,
+der seine Lebensarbeit galt. Auch hier die Dreiheit von Mann, Weib und
+Kind: es wird aber jetzt offen ausgesprochen, daß der Mann das Weib
+als selbständiges metaphysisches Wesen, als Seele, tötet, indem er es
+liebt, weil dieser Liebe das Weib nur Werkzeug ist, mit dem er leichter
+Arbeit an sich verrichte. Dieser Mord, den alle Liebe verübt, +muß+
+sich +rächen+; die +Furcht des liebenden Mörders+ heißt +Eifersucht+,
+seine Reue ist das rätselhafte Schuldbewußtsein, das jeder Mann dem
+geliebten Weibe gegenüber empfindet; es gibt aber Furcht und Schuld nur
+wegen frei von der Person selbst verübten Unrechtes. Das Gefühl, daß er
+einen Mord verübt hat, lastet dumpf und dunkel auf dem Bildhauer Rubek,
+und darum stellt er sich als einen schuldbeladenen, die Reinwaschung
+suchenden Mann an der Sündenquelle in Stein dar. Aber man verneint
+überhaupt, und man mordet auch überhaupt, zugleich sich selbst +mit+
+und +in+ dem anderen. Rubek hat in sich selbst den Quell des höheren
+Lebens verstopft, da er in Irene die Seele tötete. Er muß nun selbst
+wieder zum höheren Leben erwachen. Der Sinn ist hier der gleiche wie
+die tiefere Bedeutung der von ihren Bearbeitern kaum verstandenen
+schönen Sage vom armen Heinrich: der Mann kann durch die Liebe vom
+Bösen (dem argen Aussatz) geheilt werden, aber dazu muß sich ein Weib
+vernichten lassen; doch ist erst der +Verzicht+ des Ritters auf die
+Entseelung des Weibes die moralische Tat, die ihn +wirklich einzig+
+errettet. So soll nun auch Rubek nicht mehr (wie Lyngstrand in der
+„Frau vom Meer“) das Weib für sich, sondern das Weib als Menschen,
+als Selbstzweck +wollen+; und das Weib nicht mehr den Mann, damit er
+bloß Kinder mit ihr zeuge, das Weib soll nicht mehr sich selbst, wie
+bisher, als Mittel zum Zweck gebrauchen. Vom leiblichen Kinde ist die
+Rede nicht mehr. Das mögen Ulfheim und Maja, die Menschen der niederen
+irdischen Sphäre zeugen, die den Weg, der „durch Nacht in den Bergen“,
+im „Sturmwinde der Spitzen“, zum Sonnenaufgang des höheren, ewigen
+Lebens führt, nicht zu gehen wagen, weil dieser Weg das irdische Leben
+kosten kann; die sich nie bereits tot gefühlt haben, um neu erwachen zu
+müssen.
+
+Ibsen glaubt also nach langem Zweifel zum Schlusse dennoch an die
+Auferstehung des Weibes, an ein höheres, der niederen Sphäre entrücktes
+Zusammenleben zwischen Mann und Weib, an das Sakrament der Ehe als
+eines metaphysischen Symboles einer Unio mystica. Nicht ist ihm mehr
+das Weib eine Paradoxie der Natur, dem Manne aufgebürdet, daß er sie
+wider ihren eigenen Willen mitnehme; für ihn selbst zwar stets die
+gefährlichste Gefahr, aber doch nicht ein dauerndes, ewiges Hindernis
+dem Streben nach dem Ideal der höheren Menschheit. Zwar ist nach Ibsen
+selbst die sublimste Erotik des Künstlers +bislang immer egoistisch+
+gewesen; Mann und Weib aber können beide zur Setzung ihrer beider
+als Individualität gelangen. Und +so+ ist und +nur+ so ist ihm eine
+Vereinigung beider unter der Idee möglich. Das ist der Sinn von „Wenn
+wir Toten erwachen“.
+
+Einen merkwürdig analogen Entwicklungsgang wie Ibsen hat in dieser
+Frage jener Mann genommen, dessen Vergleich mit ihm vielen einer
+Entschuldigung zu bedürfen scheinen könnte, nämlich Richard Wagner.
+Zieht man zunächst den jungen Wagner allein in Betracht, so gibt es
+keine nicht-Wagnerische Dichtung, die so ganz wagnerisch wäre, wie
+der „Peer Gynt“ in seinem ganz dem „Fliegenden Holländer“ und dem
+„Tannhäuser“ gleichenden Schlusse mit dem Mysterium der Erlösung durch
+das Weib es ist. Im „Holländer“ und im „Tannhäuser“ glaubt Wagner wie
+der junge Ibsen im „Peer Gynt“ an die Erlösung des Mannes durch das
+Weib, der Sehnsucht und des Leidens im Menschen durch die Liebe zu
+diesem Weibe.
+
+Die Nibelungensage hat beide, Ibsen und Wagner, in ihrer nordischen,
+mythischen Form zur Erfüllung mit selbständigem Geiste gelockt (Ibsens
+„Helden auf Helgeland“ oder „Nordische Heerfahrt“), während Hebbel
+weit mehr Sucher als Wagner, und selbst als Ibsen, der kein sehr
+tiefes Verhältnis zur +Natur+ besaß, die +zivilisiertere+ süddeutsche
+Fassung[49] vorzog. Wagners „Ring des Nibelungen“ entspricht etwa wie
+bei Ibsen „Rosmersholm“ der gleichen mittleren Phase im Denken beider.
+Brünnhilde wird zwar jetzt von Siegfried +erweckt+ aus dem Schlafe,
+der den Tod im metaphysischen Sinne symbolisiert; aber auch Siegfried
+feiert erst in seiner Hochzeit mit der „heiligen Braut“ sterbend die
+Vereinigung mit dem All. Es ist sozusagen die kosmische Begegnung des
+männlichen und weiblichen Prinzipes im Weltall damit angedeutet. Dabei
+erinnert an den „Peer Gynt“ und die am Schlusse desselben erfolgende
+Identifikation der Solveig und Aase, daß Brünnhild sich auch als
+Siegfrieds Mutter bezeichnet. Sie repräsentiert die Ewigkeit der
+Gattung, mit der das Individuum Siegfried als „Wecker des Lebens“ die
+Vereinigung eingeht.[50] Auch bei Ibsen ist die In-Eins-Setzung von
+Mutter und Geliebter kein gedankenloser Versöhnungseffekt noch knapp
+vor dem Tode, sondern deutet auf das hin, was Mutter und Geliebte
+immer gemeinsam haben. Sicherlich steht das liebende Mädchen zu dem
+Manne, den es liebt, sehr oft (wenn auch nicht immer) im Verhältnis
+einer gewissen Mütterlichkeit: auch der Mann, von dem sie ein Kind
+bekommen kann, +ist+ selbst schon in gewissem Sinne ihr Kind; auf der
+anderen Seite wird der liebende Mann diesem Mädchen gegenüber selbst
+zum Kinde und kann sie als seine Mutter apostrophieren. Es ist eben der
+Genius der unsterblichen Gattung, der Peer in Solveig vor dem Tode
+entgegentritt. Ibsens Meinung klingt hier an die Schopenhauers über
+die Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich, das nur der Lebenswille
+der Gattung sei, merklich an; später hat Ibsen diese die Logik des
+einzelnen Menschenlebens negierende Weltanschauung überwunden und
+ist nie mehr auf sie zurückgekommen. Im Schlusse des Peer Gynt
+schillert sie aber, zum Schaden der Dichtung, ein wenig hindurch. Als
+Vertreterinnen des ewigen Lebens der Gattung, das sie nur weiterzugeben
+haben, erscheinen die Mütter mit jener symbolischen Weihe ausgestattet,
+welche dem kindlichen Gefühle des Mannes zu Brünnhilde wie zu
+Solveig eine tiefe Berechtigung verleiht. Der Tristan Wagners, der
+pessimistisch ist und nicht +durch+ das Leben, sondern +aus+ dem Leben
++hinaus+ zum höheren Leben zu gelangen sucht, kann für diese Frage
+nicht in Betracht kommen.
+
+Die Zusammenfassung zweier Funktionen des Weibes, der Mutter und der
+Geliebten, in einer Person erinnert aber auch an die Doppelnatur der
+Kundry im „Parsifal“ Wagners. Dieser ist das Ergebnis der Revision,
+welche Wagner an den Anschauungen seiner Jugend und seines Mannesalters
+vorgenommen hat, und +sein+ letztes Wort in vielen Dingen sonst wie
+auch im gleichen Probleme, das Ibsen in seinem Epilog zum letzten Male
+behandelt hat. Dieses letzte Wort lautet aber anders als das Ibsens,
+die Berichtigung, die Wagner an seinem früheren Schaffen anbringt, ist
+eine weit radikalere Umkehrung der früheren Ansicht, als sie bei Ibsen
+stattgefunden hat. Im Parsifal +könnte+ höchstens das Weib vom Manne
+erlöst werden. Aber es will diese Erlösung nicht, es wehrt sich gegen
+sie. Also hat das Weib für Wagner keine Stätte mehr im Reiche Gottes,
+Kundry stirbt an der Schwelle desselben; das Weib kann als Weib nicht
+weiter existieren, nachdem es den Gral geschaut hat. Es erschüttert zu
+sehen, wie derselbe Wagner, der einst die Elisabeth besang, über das
+Weib umgelernt hat; ohne tiefen Schmerz wird das kaum sich vollzogen
+haben. Er verneint jetzt das Weib durch die Bejahung der völligen
+Keuschheit des Mannes. Es ist damit seiner Funktion beraubt, +zwecklos+
+geworden in der Welt, es muß +sterben+. Die Vergehung des Mannes
+am Weibe, die in aller Erotik enthalten ist, hat Ibsen viel tiefer
+erfaßt und viel stärker bereut als Wagner; die Sünde des Mannes wider
+sich selbst, die in der Geschlechtlichkeit liegt, als dem Wunsche,
++sich+ in den Armen eines Weibes gänzlich vergessen zu können, ist das
+Moment, auf welches Wagner schon im „Tannhäuser“ sehr viel und Ibsen
+sehr wenig Nachdruck legt. Diese schwache Betonung der asketischen[51]
+Forderung für den Mann dürfte bloß darin ihren Grund haben, daß Ibsen,
+auch in seiner Kunst, eine viel weniger sinnliche Natur ist, als
+Wagner, und sicherlich sein Leben lang in einem persönlich reineren
+Verhältnis zu den Frauen gestanden ist, als dieser. Ob aber Ibsen die
+tiefere erotische Schuld des Mannes, die ihn so stark gedrückt hat,
+wie wohl niemanden vor ihm, und über die gewiß kein Mensch soviel
+nachgedacht hat wie er, ob ihn diese Schuld des +Mannes+ für das nicht
+mehr mißbrauchte und verachtete +Weib+ einer imaginären Zukunft nicht
++zu viel+ hat hoffen lassen; ob nicht der ganze +Sinn+ des Weibes im
++Weltall+ (wie zweifellos die Absicht jeder einzelnen konkreten Frau)
+der ist, dem Manne Gelegenheit zum Schuldig-Werden zu geben; ob sie
+nicht das +Objekt+ an sich verkörpert, an welchem nur das +Subjekt+
+immer und ewig zum Bewußtsein seiner selbst wird gelangen können —
+die Untersuchung dieser Frage überschritte denn doch zu weit die
+Grenzen dieses Aufsatzes, der sich von der heute so allgemein üblichen
+impressionistischen und technischen Kritik weit genug entfernt hat,
+um nach Gewinnung höherer Gesichtspunkte zu streben; dessen Ziel aber
+dennoch geblieben ist, den „Peer Gynt“ von Ibsen, seine größte und
+darum am wenigsten verstandene Dichtung, einem weiteren Kreise von
+Menschen näher zu bringen;[52] und dem keine höhere Ehrung widerfahren
+könnte, als eine Kritik zu heißen, die des Kunstwerkes selbst nicht
+unwürdig ist.
+
+
+[19] Ohne darum weniger originell zu sein.
+
+[20] Der immer Sokrates sprechen läßt!
+
+[21] Kein Mensch ist je ganz er selbst, solange er auf Erden lebt: nur
+der gänzlich Betörte vermag zu glauben, daß er ganz sich gefunden hat,
+weil er nicht mehr sucht.
+
+[22] Hat man wohl beachtet, was für einen Namen Ibsen für seinen Helden
+gewählt hat? Peer Gynt — wie wenig +Gravitation+ liegt doch hierin.
+Dieser Name ist wie ein Gummiball, der immer wieder von der Erde
+aufspringt.
+
+[23] Vgl. Evang. Marci 8, 34–36. („Wer sein Leben will behalten, der
+wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinet- und des
+Evangelii willen, der wird es behalten.“)
+
+[24] Zur Annahme und Darstellung einer solchen Größe im Antimoralischen
+war ich hier verpflichtet, um Ibsen nicht untreu zu werden. Ich selbst
+halte Größe im Bösen für eine Fiktion (Geschlecht und Charakter, 1.
+Aufl. S. 235 f.).
+
+[25] Man hat Ibsen, den größten und tiefsten Individualisten seit Kant
+für einen Sozialethiker auszugeben, den Verfasser des „Brand“, der
+„Stützen der Gesellschaft“ und der „Frau vom Meer“ für die Oberhoheit
+der Gesamtheit gegen die Freiheit der Individualität auszubeuten
+versucht. Sicherlich ist Ibsen kein Verächter des Sozialen, der Idee
+der Gesellschaft, wie es jene modernen Pseudo-Individualisten sind, die
+an der allgemeinen Identifikation von Individualismus und Egoismus die
+Schuld tragen; die ihre Unlust, sich durch Phänomene wie Krankheit und
+Armut im Genusse der Tafel- und Bettfreuden oder auch nur im Eifer der
+Zeitungslektüre und in der Wärme des Salontratsches +stören+ zu lassen,
+mit dem Namen des zum Darwinisten ausgedeuteten Nietzsche decken.
+Ibsens Individualismus ist viel entschiedener, weil viel geklärter als
+der Nietzsches. Jedoch pflegt Ibsen +jedem+ seiner Kommentatoren auf
+Fragen, die eine Legitimation für den Interpreten erreichen wollen,
++ohne Unterschied+ zu antworten, daß er ihn am besten von allen
+verstanden habe, und so hat er es wahrscheinlich auch jener Auslegung
+gegenüber, die ihn zum Sozialethiker stempeln wollte, nicht der Mühe
+wert gefunden, ein Wort der Verwahrung zu sagen. Wie konnte man aber
+auch den Mann für die Gattungsschwärmerei in Anspruch nehmen, dessen
+Hauptproblem Wahrheit und Lüge, das +individual+ethische Problem κατ’
+ἐξοχήν, ist!
+
+[26] Wenn nicht schon früher (Catilina). Vgl. +Schlenther+, Ibsens
+Werke, Bd. I, 1903, Einleitung S. 48.
+
+[27] Die Frauen suchen Seele nur beim Mann, als Sexualcharakter wie
+Bart und Muskelkraft, nicht für sich selbst.
+
+[28] Vgl. Schopenhauer, Neue Paralipomena § 220.
+
+[29] Im vierten Akte ergibt sich dann, daß es trotz dem Lauf der Jahre
+bei dieser Parole geblieben ist.
+
+[30] Erinnert sei hier an das tiefe und wahre Wort des Relling in der
+„Wildente“ (5. Aufzug): „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die
+Lebenslüge, so nehmen Sie ihm gleichzeitig das Glück.“
+
+[31] Die Bedeutung Hebbels, welche in anderen Dichtungen, in seiner
+„Judith“ und „Genovefa“, wie auch in seinen aphoristischen Epigrammen
+viel stärker zum Ausdruck kommt, soll hiermit ebensowenig angetastet
+als die vielen Feinheiten von „Gyges und sein Ring“ verkannt werden.
+Hebbel ist sicherlich größer als Schiller, Grillparzer, Lessing
+zusammengenommen; aber hinter Ibsen oder Wagner bleibt er weit zurück.
+
+[32] Eine der vorzüglichsten Frauengestalten Ibsens, wenn auch ohne
+sonderliche Tiefe behandelt.
+
+[33] Die Interpretation dieser Schlußszene des dritten Aktes, die ich
+hier versuche, ist, ich fühle es, sehr gewagt und ich kann sie nur
+noch durch den Hinweis auf den fünften Akt stützen, wo die Mutter dem
+endlich zum Bewußtsein seiner +Schuld+ gelangten Sohne ebenfalls als
+Anklägerin eben im Hinblick auf diesen Ritt erscheint. Aber diese
+Szene des dritten Aktes — für die naive Auffassung die leichteste der
+Dichtung — muß in einer so durchaus symbolischen Tragödie doch auch
+einen tieferen Sinn besitzen. Sollte dieser sein, daß in Peer jetzt
+der Egoismus des Patienten, des von eigenen Leiden Geplagten und
++darum+ für die der anderen Achtlosen zum Vorschein komme? Daß er an
+allen anderen Wesen +rächen+ wolle, daß ihm kein Glück mit Solveig
+beschieden ist? Ich kann es nicht ganz glauben. Auch schiene mir nur
+noch folgendes möglich. Ibsen, der in den Zeiten seiner eigentlichen
+hervorragenden Produktion durchaus Masochist ist (Beweis vor allem
+die „Nordische Heerfahrt“ und „Baumeister Solness“), war in seiner
+Jugend nicht frei von sadistischen Zügen (in vielen der von ihm lange
+zurückgehaltenen Gedichten und in „Olafs Liljekrans“; auch im „Fest
+auf Solhang“ ist noch eine Spur von Sadismus). Es +sind+ nun wirklich
+in den Peer Gynt des zweiten („Raub der Ingride“) und des ersten Aktes
+(Drohung an Solveig) sadistische Züge geraten; möglich, daß Ibsen
+auch diese Züchtigung an sich vornehmen wollte. Für den Charakter des
+Peer Gynt wäre das aber durchaus unwesentlich und also ein Fehler der
+Dichtung.
+
+[34] Man denke auch an jene Menschen, denen ihr eigener Stil gefällt,
+und jene, denen er immer mißfällt. Nietzsches Stilkünste sind zum Teile
+aus dem letzteren Grunde zu erklären.
+
+[35] Das Innenleben der Frauen dauert immer höchstens neun Monate.
+
+[36] Darum ist er der richtige Aphoristiker.
+
+[37] Was nicht hindert, daß der Misautische das größte Bedürfnis hat zu
+bejahen.
+
+[38] Der Philautische liebt, der Misautische haßt sein +empirisches+,
+beide +lieben+ ihr intelligibles Ich. Das intelligible Wesen +haßt+ nur
+der +Verbrecher+.
+
+[39] Wenn er es liebt, weil es der Mutter ähnelt, so liebt er eben auch
+sich; übrigens kommt dies wohl nur vor, wenn die Mutter früh gestorben
+ist.
+
+[40] „: ψυχήν“ heißt es im Griechischen (ἔτι δὲ τὴν ἑαυτοῦ ψυχήν);
+Luther übersetzt es hier unrichtig mit „Leben“.
+
+[41] Nur Hasser sind wahrhaft große Frauenkenner, weil sie unangenehme
+Selbstgeständnisse in diesem Punkte sich eher machen. Shakespeare,
+Sophokles, Zola und Goethe glauben an das „edle“ Weib, +wollen+ daran
+glauben. Anders Schopenhauer, Nietzsche, Strindberg, Hebbel, Michel
+Angelo.
+
+[42] In der „Nuova Antologia“ war einmal ein Bericht zu lesen über
+einen Besuch, den jemand Nietzsches Turiner Wohnung und seinen dortigen
+Mietsleuten gemacht hatte. Da erzählten diese, wie Nietzsche, zur
+selben Zeit, als er den „Fall Wagner“ schrieb, immer zu ihrem des
+Klavierspieles kundigen Töchterlein kam, und immer wieder nur den „Ring
+des Nibelungen“ zu hören verlangte.
+
+[43] Wohl den unpathetischesten Menschen, den es je gegeben hat.
+
+[44] Vielleicht bedeutet der Falke im sehr überschätzten „Brand“ etwas
+ähnliches wie der Krumme des „Peer Gynt“.
+
+[45] Eben weil der Mensch in diesem Kampfe eine Kreisbewegung ausführt,
+sich an seinen Ausgangspunkt wider Willen zurückversetzt findet, darum
+heißt das Symbol „Der Krumme“.
+
+[46] Darum erinnert an den Krummen die Sphinx, die sowohl Weib als Löwe
+und doch keines von beiden ist.
+
+[47] Es läßt sich aber nicht leugnen, daß diese Idee, daß Solveig nur
+für und durch Peer Gynt da ist, in der Dichtung nicht ganz rein zum
+Ausdruck kommt (4. Akt).
+
+[48] Die Frauen sind nicht eifersüchtig in der leidenden Form, nur
+neidisch oder rachsüchtig. Denn sie haben kein Selbst, das sie wo
+anders zu behaupten suchen würden.
+
+[49] Ibsen steht als Charakter überhaupt in der Mitte zwischen Hebbel
+und Wagner, Fichte und Schopenhauer. Er ist zudem in vielem Kant
+ähnlicher als irgend ein anderer historischer Mensch außer ihm.
+
+[50] „Ewig war ich, ewig in süß sehnender Wonne“ u. s. w. (Siegfried 3.
+Akt).
+
+[51] Ibsen ist die Askese darum mehr eine +selbstverständliche+ Sache
+(als geschlechtliche Enthaltsamkeit des +Mannes+). Die gewöhnliche
+Auffassung des Epiloges als des Schmerzes eines Siebzigjährigen um den
+verpaßten Venusberg werde nur erwähnt, nicht zurückgewiesen.
+
+[52] Ibsen hat im Laufe seines Lebens leider +aufgehört, gleich
+Großes zu+ =wollen=, wie zu der Zeit, da er den „Peer Gynt“ schrieb.
+„Kaiser und Galiläer“ bezeichnet diese Strecke seines Lebens, wo eines
+der gewaltigsten Probleme angefaßt wird, mit nur schwachen Resten
+des Willens, es auch zu lösen. Wäre Ibsen der Ibsen des „Peer Gynt“
+geblieben, er wäre größer als Goethe geworden; denn der Mensch +kann+
+alles, was er +will+. Das hervorragendste Stück der späteren Zeit,
+„Rosmersholm“, ist +schwach+ gegen „Peer Gynt“; und Ibsens Wille sinkt
+nach Rosmersholm weiter. Über die Idee der menschlichen Vaterschaft
+gegenüber der vorwiegenden Berücksichtigung der Verbindung des Kindes
+mit der Mutter sagt J. J. +Bachofen+, Das Mutterrecht, Stuttgart 1901,
+S. XXVII: „Ruht die Verbindung der Mutter mit dem Kinde auf einem
+stofflichen Zusammenhange, ist sie der Sinnenwahrnehmung erkennbar
+und stets Naturwahrheit, so trägt dagegen das zeugende Vatertum in
+allen Stücken einen durchaus entgegengesetzten Charakter. Mit dem
+Kinde in keinem sichtbaren Zusammenhange, vermag es auch in ehelichen
+Verhältnissen die Natur einer bloßen Fiktion niemals abzulegen. Der
+Geburt nur durch Vermittlung der Mutter angehörend, erscheint es stets
+als die ferner liegende Potenz. Zugleich trägt es in seinem Wesen als
+erweckende Ursächlichkeit einen urstofflichen Charakter, dem gegenüber
+die hegende und nährende Mutter als ὓλη, als χώρα und δεξαμένη
+γενέσεως, als τιδήνη sich darstellt. Alle diese Eigenschaften des
+Vatertums führen zu dem Schlusse: In der Hervorhebung der Paternität
+liegt die Losmachung des Geistes von den Erscheinungen der Natur, in
+ihrer siegreichen Durchführung eine Erhebung des menschlichen Daseins
+über die Gesetze des stofflichen Lebens. Ist das Prinzip des Muttertums
+allen Sphären der tellurischen Schöpfung gemeinsam, so tritt der Mensch
+durch das Übergewicht, das er der zeugenden Potenz einräumt, aus jener
+Verbindung heraus und wird sich seines höheren Berufes bewußt. Über
+das körperliche Dasein erhebt sich das geistige, und der Zusammenhang
+mit den tieferen Kreisen der Schöpfung wird nun auf jenes beschränkt.
+Das Muttertum gehört der leiblichen Seite des Menschen an, und nur für
+diese wird fortan sein Zusammenhang mit den übrigen Wesen festgehalten;
+das väterlich-geistige Prinzip eignet ihm allein .... Das siegreiche
+Vatertum wird ebenso entschieden an das himmlische Licht angeknüpft,
+als das gebärende Muttertum an die allgebärende Erde.“
+
+
+
+
+Aphoristisch-Gebliebenes.
+
+(Enthaltend die Psychologie des Sadismus und Masochismus, Psychologie
+des Mordes, Ethisches, Erbsünde etc.)
+
+
+Aphoristisches.
+
+Der höchste Ausdruck aller Moral ist: +Sei!+
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch handle so, daß in jedem Momente seine +ganze+ Individualität
+liege.
+
+ * * * * *
+
+Schlaf und Traum haben sicherlich etwas mit dem Zustande vor unserer
+Geburt gemein.
+
+ * * * * *
+
+Die Algebra ist begrifflich, die Arithmetik anschaulich.
+
+ * * * * *
+
+Die Gegenwart ist die Form der Ewigkeit; das Urteil über Aktuelles hat
+dieselbe Form, wie das Urteil über Immerwährendes. Zusammenhang mit der
+Sittlichkeit, welche alle Gegenwart in Ewigkeit verwandeln, in die Enge
+des Bewußtseins alle Weite der Welt aufnehmen will.
+
+ * * * * *
+
+Was immer +auch+ zum Determinismus führen wird, ist die Tatsache,
+daß der Kampf immer wieder aufgenötigt wird. Im Einzelfalle mag die
+Entscheidung ganz ethisch erfolgen, mag der Mensch sich für das Gute
+entscheiden; die Entscheidung ist aber nicht von Dauer, er muß wieder
+kämpfen. Freiheit, könnte man sagen, gibt es nur für den +Moment+.
+
+Und das liegt im Begriffe einer Freiheit. Denn was wäre das für eine
+Freiheit, die ich durch einen guten Akt aus irgend einer früheren Zeit
+für alle Zeit hervorgebracht, verursacht hätte: Es ist gerade der Stolz
+des Menschen, daß er in jedem Augenblick von neuem frei sein kann.
+
+Also für Zukunft wie für Vergangenheit gibt es keine Freiheit; über sie
+hat der Mensch keine Macht.
+
+Darum kann sich der Mensch auch nie verstehen: +Denn er ist selbst ein
+zeitloser Akt, ein Akt, den er immer wieder vollzieht, und es gibt
+keinen Moment, wo er diesen Akt nicht vollzöge+, wie dies sein müßte,
+damit er sich verstünde.[53]
+
+Die Ethik läßt sich ausdrücken: Handle +vollbewußt+, d. h. handle
+so, daß in jedem Momente Du als +Ganzer+ seiest, Deine +ganze+
+Individualität liege. Diese Individualität erlebt der Mensch im Laufe
+seines Lebens nur im Nacheinander; darum ist die Zeit unsittlich und
+kein lebender Mensch je heilig, vollkommen. Handelt der Mensch ein
+einziges Mal mit dem stärksten Willen so, daß alle Universalität seines
+Selbst (und der Welt; denn er ist ja der Mikrokosmus) in den Augenblick
+gelegt wird, so hat er die Zeit überwunden und ist göttlich geworden.
+
+Die gewaltigsten musikalischen Motive der Weltmusik sind solche, wo
+dieses +Durchbrechen+ der Zeit in der Zeit, das Brechen aus der Zeit
+heraus darzustellen versucht wird, wo auf einen Ton ein solcher Iktus
+fällt, daß er die übrigen Teile der Melodie (welche als Ganzes die Zeit
+vorstellt; einzelne Punkte, zusammengefaßt durchs Ich) resorbiert und
+dadurch die Melodie +aufhebt+. Das Ende des Gralmotives im „Parsifal“,
+das Siegfriedmotiv sind solche Melodien.
+
+Es gibt jedoch einen Akt, welcher die Zukunft sozusagen in sich
+resorbiert, allen =künftigen= Rückfall ins Unmoralische bereits
+als Schuld voraus empfindet, nicht minder als alle unmoralische
+Vergangenheit, und +dadurch über beide hinauswächst+: Eine zeitlose
+Setzung des Charakters, die Wiedergeburt. Es ist der Akt, durch den das
+Genie entsteht.
+
+Sittliches Gebot ist: In jeder Handlung soll die +ganze+ Individualität
+des Menschen sichtbar werden, jede soll vollkommene Überwindung der
+Zeit, des Unbewußten, der Enge des Bewußtseins sein. Meistens tut der
+Mensch aber nicht, was er +will+, sondern was er +gewollt+ =hat=. Er
+gibt sich durch seine Entschlüsse immer nur eine gewisse +Direktion+,
+in der er sich dann bis zum nächsten Momente der Besinnung bewegt. Wir
+wollen nicht fortwährend, wir sind nur zeitweise, schubweise wollend.
+So ersparen wir uns zu wollen: +Prinzip der Ökonomie des Wollens+. Aber
+der höhere Mensch empfindet dies immer als durchaus +unsittlich+.
+Gegenwart und Ewigkeit sind verwandt: Zeitlose, allgemeine, logische
+Urteile haben die Form der Gegenwart (Logik ist erreichte Ethik): +Und
+so soll auch in jeder Gegenwart+ =alle= +Ewigkeit liegen+. Wir dürfen
+uns +auch von innen+ nicht +determinieren+; auch diese letzte Gefahr,
+dieser letzte trügerische Schein der Autonomie ist zu meiden.
+
++Wolle!+ d. h.: +Wolle Dich ganz!+
+
+Das Richtige im Sozialismus ist, daß jeder Mensch, wie er sich selbst,
+seine Eigenart suchen und auch sich zu finden trachten soll, auch sein
+Eigen+tum+ erst zu erwerben trachten solle; und hier darf er +von
+außen+ nicht in seinen Möglichkeiten von vornherein beschränkt sein.
+
+Auf erworbenen Reichtum mag ein Mensch stolz sein und mit Recht auf ihn
+wie auf ein sittliches Symbol auch +innerer+ Arbeit blicken.
+
+ * * * * *
+
+Der Psychologismus ist die bequemste Auffassung des Lebens, denn nach
+ihm gibt es überhaupt keine Probleme mehr. Er verurteilt darum von
+vornherein auch alle Lösungen, indem er die eigentlichen Probleme
+sowenig anerkennt wie den Wahrheitsbegriff.
+
+Es gibt keinen Zufall. Der Zufall wäre eine Negation des
+Kausalgesetzes, welches verlangt, daß auch das zeitliche
+Zusammentreffen zweier verschiedener Kausalreihen noch einen Grund
+habe. Der Zufall würde die Möglichkeit des Lebens vernichten, er
+würde den Menschen, der erst im Begriffe ist, das Böse zu überwinden,
+abberufen von seinem Wege. Der Zufall würde die Telepathie unmöglich
+machen, die doch eine Tatsache ist. Er würde den Zusammenhang der
+Dinge, die Einheit im Universum streichen. Wenn es einen Zufall gibt,
+so gibt es keinen Gott.
+
+ * * * * *
+
+ Die Liebe schafft die Schönheit } alle aber schaffen
+ Der Glaube schafft das Sein } das Leben.
+ Die Hoffnung schafft das Glück }
+
+ * * * * *
+
+ Haß — häßlich Der Schmerz ist das psychische
+ Unglaube — nichts Korrelat der Vernichtung.
+ Furcht — Schmerz. (Krankheit und Tod.)
+
+ * * * * *
+
+Die Lust ist das psychische Korrelat der +Schöpfung+. Die Wollust ist
+von intensivem Schmerz begleitet, weil in ihr Schöpfung und Vernichtung
+in eins fließen.
+
+ Schmerz: Furcht = Sein: Wollen
+ Lust: Liebe = Sein: Wollen.
+
+Das Nicht-Sein des Verbrechers ist darum der größte Schmerz und im
+eigentlichen Sinne die Hölle.
+
+ * * * * *
+
+Hoffnung — Furcht: Psychologie des Spielers. Jeder leidenschaftliche
+Spieler leidet stark an der Furcht.
+
+ * * * * *
+
+Kennt die Pflanze Lust und Schmerz? Orchideen? Die Wollust in der
+Begattung scheint ihr zu fehlen! Hermaphroditismus der Pflanzen!
+
+ * * * * *
+
+Die Enge des Bewußtseins und die Zeit sind nicht zweierlei, sondern
+eine und dieselbe Tatsache. Entgegengesetzt ist das Parallelogramm
+der Kräfte; indem zwei verschiedene Bewegungen sich zu einer einzigen
+vereinigen, und vom selben Körper zu gleicher Zeit ausgeführt werden
+können. Psychisch ist die Abwechslung, auch das Oszillieren.
+
+Das Seelenleben der Pflanzen nun muß ein solches sein, wo die Enge des
+Bewußtseins fehlt. Dem entspricht nämlich, daß die Pflanze sich nicht
+bewegen kann und daß sie keine Sinnesorgane hat; denn Entwicklung
+der Motilität und der Sensibilität sind immer parallel und gehören
+zueinander. Die Enge des Bewußtseins (die Zeit) ist die Form der
+Bewegung des Psychischen.
+
+ * * * * *
+
+ Arbeit — Schöpfung | Schmerz — Lust.
+
+Daß es keinen Raubmord gibt, damit hat Nietzsche selbstverständlich
+Recht. Einen +Mord+ um Geldes willen gibt es nicht. Aber der Raub ist
+keine „Einflüsterung der armen Vernunft“ des Mörders, sondern er gehört
+zum Morde: das Rauben ist ein völliges Töten; der Gemordete hätte noch
+immer Realität, wenn er Geld besäße: darum muß er beraubt, d. h. völlig
+getötet werden.
+
+ * * * * *
+
+Das schwierigste unter allen prinzipiell lösbaren Problemen ist die
+Beziehung des Willens zum Wert, oder, was dasselbe ist, des Menschen zu
+Gott. Schafft der Wille den Wert oder der Wert den Willen? Schafft Gott
+den Menschen oder verwirklicht erst der Mensch Gott? Ergreift der Wille
+das Gute oder das Gute den Willen? Es ist dies das =Problem der Gnade=,
+das höchste und letzte Problem +innerhalb+ des Dualismus, während die
+Erbsünde das Problem des Dualismus selbst ist.
+
+Es ist, wie ich glaube, so aufzulösen:
+
+Der Wert wird selbst Wille, wenn er in Relation zur Zeit tritt; denn
+das Ich (Gott) als Zeit =ist= der Wille. Es kann also gar nicht die
+Rede sein von +Schöpfung+ des Willens oder des Wertes: das Problem
+erweist hier eine Nachbarschaft zur Erbsünde. Der Wille hingegen
+wird Wert (der Mensch wird Gott), wenn er gänzlich zeitlos wird; der
+Wert ist ein Grenzdasein des Willens, der Wille ein Grenzdasein des
+Wertes. Wenn Gott Zeit wird, dann wird er Wille, d. h. sowie das Sein
+in ein Verhältnis zum Nicht-Sein sich eingelassen hat. Aller Wille
+will nur zum +Sein+ zurück (sagt die Erbsünde), und ist etwas zwischen
+Nicht-Sein und Sein. Von Schöpfung kann nicht die Rede sein. Wie das
+Auge zur Sonne, so verhält sich Mensch zu Gott. Es ist weder die Sonne
+nur durchs Auge, noch durchs Auge die Sonne.
+
+ * * * * *
+
+Idiotie ist das intellektuelle Äquivalent der Rohheit.
+
+ * * * * *
+
+Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher
+Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher +tritt+ nicht
++auf+. Gefühl des Epileptikers: wie wenn das Licht erlischt und völlig
+jeder äußere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: vielleicht tritt,
+wenn +Licht+ fehlt, +Schall+ ein. Der Epileptiker hat Visionen von
++roter+ Farbe: Hölle, Feuer.
+
+ * * * * *
+
+Aus unserem Zustand +vor+ der Geburt ist vielleicht darum keine
+Erinnerung möglich, weil wir so tief gesunken sind durch die Geburt:
+wir haben das Bewußtsein verloren, und gänzlich triebartig geboren zu
+werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluß und ohne Wissen, und darum
+wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit.
+
+ * * * * *
+
+Der Mord ist eine Selbstrechtfertigung des Verbrechers; er sucht sich
+durch ihn zu beweisen, daß nichts ist.
+
+ * * * * *
+
+Man darf sich auch nicht selbst kausal bestimmen wollen etwa so: ich
+werde jetzt mich selbst durch eine Handlung gut +machen+ und hierdurch
+ein- für allemal gut +werden+ und von Natur aus gut handeln, weil ich
+dann nicht anders können werde. Denn hierdurch verzichtet man auf die
+Freiheit, welche in jedem Momente alle Vergangenheit negieren kann und
+insofern dem +passiven+ (Heringschen) Gedächtnis entgegengesetzt ist.
+Man macht sich zum Objekt, indem man so die +Kausalität einführt+; denn
+eine Sittlichkeit, zu der ich gezwungen bin, ist schon keine mehr.
+
+ * * * * *
+
+Müssen nicht, je mehr Wollust und sinnliche Gier in dem Verhältnis des
+Mannes zum Weibe ist, desto tiefer die Kinder ethisch stehen? Desto
+mehr Verbrecherisches im Sohne, desto mehr Dirnenhaftes in der Tochter
+sein?
+
+ * * * * *
+
+Man liebt seine physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf,
+daß man sie +erwählt+ hat.
+
+ * * * * *
+
+Der Zustand der menschlichen +Kindschaft+ ist darum soviel kläglicher,
+als der des neugeborenen Tieres und der neugeborenen Pflanze, und nur
+darum muß der Mensch allein aufgezogen und erzogen werden, weil hier
+die Seele sich so verloren hat; darum ist das Menschenkind so hilflos
+und schwach und (Kindersterblichkeit!) der Todesgefahr soviel näher,
+als der Erwachsene und leidet der Mensch an +Kinderkrankheiten+, welche
+Tier und Pflanze nicht kennen.
+
+ * * * * *
+
+Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müßte er sich
+nicht suchen und wiederfinden.
+
+ * * * * *
+
+„Die Welt ist meine Vorstellung“ — daß dies ewig wahr ist und nicht
+widerlegt werden kann, muß einen Grund haben. Alle diese Dinge, die
+ich sehe, sind nicht die volle Wahrheit, sie verhüllen das höchste
+Sein noch immer vor dem Blicke. Als ich ward, verlangte ich aber nach
+diesem Selbstbetrug und diesem Schein. Als ich auf diese Welt kommen
+wollte, verzichtete ich darauf, bloß die Wahrheit zu wollen. Alle
+Dinge sind nur Erscheinungen, d. h. +sie spiegeln mir immer nur meine
+Subjektivität+ wieder.
+
+ * * * * *
+
+So wie sich der Mensch zu jeder kleinsten und unbedeutendsten seiner
+psychischen Regungen verhält, so Gott zum Menschen. Beide suchen sich
+in jenen zu offenbaren und zu verwirklichen.
+
+ * * * * *
+
+Dem Verbrecher ist es angenehm, wenn viel verbrecherische Menschen da
+sind. Denn er sucht den Mitschuldigen, er kann keinen Richter brauchen;
+er will den Richter, das Gute, aus der Welt schaffen und dem Nichts
+allein Realität geben. Darum fühlt er sich von Widerspruch befreit und
+entlastet, wenn der andere auch so ist, wie er.
+
+ * * * * *
+
+Der Verbrecher ist der Gegenpol des sich schuldig fühlenden Menschen.
+Denn dieser nimmt seine Schuld auf sich, der Verbrecher gibt sie dem
+anderen: Er rächt und +straft+ den anderen für sich: So erklärt sich
+der Mord.
+
+ * * * * *
+
+Der +anständige+ Mensch geht selbst in den Tod, wenn er fühlt, daß
+er endgültig böse wird; der gemeine Mensch muß zum Tode durch ein
+richterliches Urteil gezwungen werden. Das Gefühl seiner Immoralität
+ist dem anständigen gleich einem Todesurteil; +er erkennt sich nicht
+einmal zum+ =Raume=, +den er einnimmt, die Berechtigung mehr zu+,
+er verkriecht sich, verkleinert sich, krümmt sich zusammen, möchte
+vergehen, +zum Punkte zusammenschrumpfen+. Die Moralität hingegen
+erkennt sich als ihr +Recht+ das ewige Leben und den größten Raum,
+d. i. Raumlosigkeit oder Allgegenwart zu.
+
+ * * * * *
+
+Schuld und Strafe sind nicht zweierlei, sondern eins.
+
+ * * * * *
+
+Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin muß Psych-iatrie,
+muß Seel-sorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches, d. h.
+Unbewußtes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist geheilt,
+sobald sie vom Kranken selbst innerlich erkannt und verstanden ist.
+
+Die alte Auffassung ist sehr tief, welche die Kranken und Aussätzigen
+fragen läßt, was sie verbrochen hätten, daß Gott sie so züchtige.
+
+Der Mann +schämt+ sich darum der Krankheit, das Weib nie.
+
+ * * * * *
+
+Auch die Gesetze der Logik, nicht nur die der Ethik, suchen wir ihrem
+eigentlichen Sinne nach immer besser zu verstehen und wollen sie immer
+richtiger aussprechen lernen.
+
+ * * * * *
+
+ Phantasie und Schmuck,[54]
+ Phantasie und Kunst,
+ Phantasie und Spiel,
+ Phantasie und Liebe,
+ Phantasie und Schöpfung,
+ Phantasie und Form,
+ Phantasie und Schmuck.
+
+ * * * * *
+
+Die Kunst schafft, die Wissenschaft zerstört die sinnliche Welt; darum
+ist der Künstler erotisch und sexuell, der Wissenschaftler asexuell.
+Die Optik zerstört das Licht.
+
+ * * * * *
+
+Die Diskontinuität im Zeitverlaufe ist das Unsittliche an ihm.
+
+ * * * * *
+
+Das Verhältnis der Finalität zur Kausalität ist nicht ohne Lösung des
+Zeitproblems zu bestimmen.
+
+ Ursache — Wirkung } Zeit
+ Mittel — Zweck } Die Umkehrung der Zeit.
+
+Wer den Zweck zum Mittel macht und die Folge wie den Grund behandelt,
+der kehrt die Zeit um: +und die Umkehrung der Zeit ist böse+.
+
+ * * * * *
+
+Mißtrauen gegen sich selbst ist Bedingung alles anderen Mißtrauens.
+
+ * * * * *
+
++Richter+ sind Menschen mit vielem Bösen. „Richtet nicht, auf daß ihr
+nicht gerichtet werdet!“ Wer über andere zu Gericht sitzt, geht selten
+in sich. Der Richter hat innerlich viel vom Henker. Er wütet auf die
+Weise gegen sich selbst, daß er +gegen+ den anderen streng ist.
+
+ * * * * *
+
+Monarch als Organ und Monarch als Symbol.
+
+ * * * * *
+
+Wenn alle Liebe ein Versuch ist, sich im anderen zu finden, und
+alles, was geschaffen wird, nur durch Liebe geschaffen wird, kann
+dann die Schöpfung des Menschen durch Gott nicht als der Versuch
+Gottes aufgefaßt werden, sich im Menschen zu finden? So erhält auch
+der Gedanke der Gotteskindschaft einen Sinn. Die Menschheit und ihr
+Korrelat — die Welt — ist die sichtbar gewordene Liebe Gottes. Das
+Sittengesetz ist dieser Wille Gottes, sich im Menschen zu finden: das
++Wollen+ Gottes als das +Sollen+ des Menschen (Fechner). Und zugleich
+ist Gott durch die theoretische Vernunft (die Normen der Logik) der
++Lehrer+ der Menschheit (Lehrerschaft als andere Seite der Vaterschaft).
+
+ * * * * *
+
+Der Mörder wird durch jedes Lebenszeichen des Menschen, der sein Opfer
+werden soll, von seinem Vorsatz zurückgeschreckt, d. h. widerlegt;
+darum sucht er am liebsten das alte Weib, weil dies der inneren Absicht
+seines Mordes nicht widerspricht; denn es ist selbst am totesten.
+
+ * * * * *
+
+Der Engel im Menschen ist das Unsterbliche in ihm; der Teufel in ihm
+ist nur das, +was zugrunde geht+.
+
+Daß ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene +Schuld+ möglich.
+
+ * * * * *
+
+Ein Mensch +kann+ innerlich an nichts anderem zugrunde gehen, als an
+einem Mangel an +Religion+.
+
+ * * * * *
+
+Warum streben das Etwas und Nichts immer gegen einander? Warum wird der
+Mensch geboren, warum will der Mann zum Weibe? Das Problem der Liebe
+ist, so sehen wir hier, das Problem der Welt, das Problem des Lebens,
+das tiefste, unauflösbarste, der Drang der Form, Materie zu formen,
+der Drang des Zeitlosen in die Zeit, des Raumlosen in den Raum. Dieses
+Problem treffen wir überall an: es ist das Verhältnis der Freiheit
+zur Notwendigkeit. Der Dualismus in der Welt ist das Unbegreifliche:
+=das Motiv= +des Sündenfalles ist das Rätsel+, der +Grund+ und +Sinn+
+und +Zweck+ des Absturzes vom zeitlosen Sein, vom ewigen Leben ins
+Nichtsein, ins Sinnenleben, in die irdische Zeitlichkeit; der Fall des
+Schuldfreien in die Schuld. Ich vermag nie einzusehen, warum ich die
+Erbsünde beging, wie das Freie unfrei werden konnte. Und warum?
+
++Weil ich eine Sünde erst erkennen kann, wenn ich sie nicht mehr
+begehe.+ Darum kann ich das Leben nicht begreifen, solange ich das
+Leben begehe, und die Zeit ist das Rätsel, weil ich sie noch nicht
+überwunden habe. Erst der Tod kann mich den Sinn des Lebens lehren.
+Ich stehe in der Zeit und nicht über der Zeit, ich setze die Zeit noch
+immer, verlange noch immer nach dem Nichtsein, wünsche noch immer das
+materielle Leben; und weil ich in dieser Sünde stehe, vermag ich sie
+nicht zu fassen. Was ich erkenne, außerhalb dessen steh’ ich bereits.
+Meine Sündhaftigkeit kann ich nicht begreifen, weil ich immer noch
+sündhaft bin.
+
+Der Verbrecher und der Irrsinnige leben diskontinuierlich.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch lebt solange, bis er entweder in das Absolute oder in das
+Nichts eingeht. Er +bestimmt+ selbst in +Freiheit+ sein künftiges
+Leben: er wählt Gott oder das Nichts. Er vernichtet sich selbst oder
+schafft sich selbst zum ewigen Leben. Ein +doppelter+ Progreß ist
+für ihn möglich: der zum ewigen Leben (zur vollkommenen Weisheit und
+Heiligkeit, zu einem der Idee des Wahren und Guten völlig adäquaten
+Zustande) und dem zur ewigen Vernichtung. Nach einer dieser beiden
+Richtungen aber schreitet er immer fort: ein drittes gibt es nicht.
+
+ * * * * *
+
+Weil die Zeit einsinnig ist, darum interessiert uns weniger der Zustand
+vor unserer Geburt. Unsere Geburt setzt etwas Neues, beginnt eine neue
+Reihe.
+
+ * * * * *
+
+Die Wissenschaft ist asexuell, weil sie resorbiert, der Künstler ist
+sexuell, weil er emaniert.
+
+ * * * * *
+
+Der Dualismus liegt darin, daß wir die Empfindungen nicht +schaffen+,
+über die wir denken.
+
+ * * * * *
+
+Der Idealismus aller Philosophie: „die Welt ist meine Vorstellung“,
+zeigt die Resorption der Dinge durch das Ich des Philosophen am
+klarsten. Für den Künstler ist der Mensch eher ein Teil der Welt, er
+nähert sich den Dingen an und hebt +so+ die Niveaudifferenz zwischen
+Mensch und Natur auf.
+
+ * * * * *
+
+Da das Psychische das Physische schafft, muß der Mensch sterben. So
+findet der Tod seine Erklärung: entweder nämlich der Mensch ist dem
+Absoluten gleich geworden, ins ewige Leben eingegangen, dann kann er
+nicht in materieller Form existieren, begrenzt in Raum und Stoff; er
+wird, wenn es einen psycho-physischen Parallelismus gibt, einen Leib
+bekommen, der mit der ganzen sichtbaren Natur eins geworden ist, er
+wird die Seele der Natur, die Natur sein Körper; so wie der Baum, unter
+dem Buddha starb, bei seinem Tode plötzlich zu blühen angefangen haben
+soll: weil neues Leben die ganze Natur durchdrang.
+
+Die andere Möglichkeit ist für den Menschen, daß er dem Nichts
+anheimfalle; er löst sich in lauter materielle Atome auf: der absolute
+Verbrecher. Die Vorbereitungen zu dieser psychischen Disgregation
+werden vom Verbrecher schon im Laufe seines Lebens getroffen. Die Hölle
+ist die Furcht des Guten vor dem Bösen: weil das Feuer das Agens ist,
+um Geformtes zu zertreiben und zu zerstäuben. Aber es gibt keine Hölle:
+der Gute schafft sich, der Böse vernichtet sich selbst.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch entsteht körperlich durch Vater und Mutter; geistig durch
+das Verlangen des Etwas, des Absoluten zum Nichts. Mythus von Uranos
+und Gaia. Insofern sind wir Kinder Gottes und Söhne des Staubes (der
+Materie) zugleich. Der Mensch kann auch geistig dem Vater oder der
+Mutter nachgeraten: dem Vater, indem er Gott wird, der Mutter, indem
+er psychisch zugrunde geht. So entsteht der Mensch durch eine höhere
+Art von Vererbung, als das Tier; er kehrt zum Vater zurück, wenn er die
+Erbsünde verneint, er taucht in die Verborgenheit des Mutterschoßes
+unter, wenn er sie bejaht.
+
+ * * * * *
+
+Ist die Epilepsie nicht die +Einsamkeit des Verbrechers+? +Fällt+ er
+nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich +anhalten+ könne?
+
+ * * * * *
+
+Inwiefern es um die psychischen Phänomene ein anderes ist als um
+die physischen, kann man aus folgendem erkennen. Gesetzt, es wäre
+festgestellt, daß eine unmoralische Regung stets mit einer bestimmten
+Körperbewegung, einem bestimmten Gefühle im Herzen assoziiert wäre,
+eine moralische Regung stets mit einer anderen Geste, einer anderen
+körperlichen Empfindung verbunden, und die Art und die Lokalisation
+dieser physischen Begleiterscheinungen sei der Wissenschaft oder einem
+einzelnen Menschen ganz genau bekannt und für ihn wiedererkennbar:
+so wäre es ganz und gar, im allerhöchsten Grade, =un=+moralisch+,
+wenn dieser Mensch die Begleitempfindungen als Maßstab dafür benützen
+wollte, ob seine psychischen Regungen moralisch seien oder nicht.
+
+Hier liegt der eigentliche Unterschied des Psychischen vom Physischen.
+Das Psychische +muß+ unmittelbarer erkannt werden, als das Physische —
+das ist eine Forderung der +Ethik+. Man besitzt eben noch einen anderen
+Maßstab und ein anderes Erkenntnis- und Beurteilungsorgan für das, was
+man selbst tut und denkt und fühlt, als für die äußeren Phänomene. Und
+darum kann bloß Selbstbeobachtung wahre Resultate liefern: Philosophie
+und Kunst sind nichts als verschiedene Weisen einer vertieften
+Selbstbeobachtung.
+
+ * * * * *
+
+Nur aus sich selbst kann der Mensch die Tiefe der Welt erkennen: in ihm
+liegen die Zusammenhänge der Welt.
+
+ * * * * *
+
+Daß wir keine Erinnerung an ein Leben vor der Geburt haben, bildet
+sowenig einen Einwand gegen die Erbsünde und den Fall aus der wahren
+Existenz, daß es vielmehr gar nicht anders sein kann, als so, und
+eine Erinnerung an ein Vorleben geradezu einen Widerspruch gegen den
+Gedanken des Sündenfalles bilden müßte. Denn diese Erinnerung würde
+die Zeit inkludieren; die Zeit ist aber erst mit der Geburt, mit dem
+Sündenfall, da. Daß es Probleme, Krankheit, d. h. Schuld gibt, dies
+beweist die Erbsünde. Sein und Nicht-Sein dürfen nicht in zeitlichem
+Verhältnis, sondern müssen +neben+einander gedacht werden.
+
+ * * * * *
+
+Der Mord wird vom Verbrecher verübt aus fürchterlichster Verzweiflung:
+er ist ihm das Mittel, die größte innere Leere auszufüllen; denn als
+Verbrecher will er nichts mehr, tut er nichts mehr; er sieht, daß sein
+Leben zu keinem Ende führt, und darum will er etwas +bewirken+. Dabei
+ist ihm ganz gleichgültig, +wen+ er mordet; =die Mordabsicht richtet
+sich nie auf ein bestimmtes Individuum=, sonst stünde ja Mordlust als
+psychologische Disposition nicht so tief; er will nur überhaupt morden,
+verneinen.
+
+ * * * * *
+
+ Gewöhnung (Übung) } Schuldvermehrung, Funktion der Zeit.
+ Fortpflanzung }
+
+ * * * * *
+
+Alle Schuld sucht von selbst sich zu vermehren: daraus müssen alle
+Qualitäten des niederen Lebens sich erklären lassen.
+
+ * * * * *
+
+Die Vegetarianer haben ebenso Unrecht wie ihre Gegner. Wer zur Tötung
+lebender Wesen nicht beitragen will, der dürfte nur Milch trinken; denn
+wer Obst oder Eier ißt, tötet noch immer Keime. Milch ist vielleicht
+darum die gesündeste Nahrung, weil es die sittlichste ist.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch verträgt es nicht einmal, in die Sonne zu schauen — so
+schwach und unreif ist er.
+
+ * * * * *
+
+Die Geburt ist eine +Feigheit+: Verknüpfung mit anderen Menschen, weil
+man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man +Schutz+ im
+Mutterleibe.
+
+ * * * * *
+
+Der Verbrecher hat auch keinen geraden Gang (schiefer Gang des Hundes),
+nicht nur keinen zentrierten Blick (nach M. Rappaport). Der Verbrecher
+geht auch stets gebückt (alle Grade bis zum wirklichen Buckel: der
+Bucklige, der Krüppel, scheint immer böse zu sein).
+
+ * * * * *
+
+Zola ist der absolut humorlose Mensch.
+
+ * * * * *
+
++Rauch+ der Sonne bei ihrem Untergange.
+
+ * * * * *
+
++Der Ekel verhält sich zur Furcht, wie die Lust zum Wert.+
+
+ * * * * *
+
+Die Fixsterne bedeuten den Engel im Menschen. Darum +orientiert+ sich
+der Mensch an ihnen; und darum besitzen die Frauen keinen Sinn für den
+gestirnten Himmel; weil ihnen der Sinn für den Engel im Manne abgeht.
+
+ * * * * *
+
+Ob auch die Natur eine Geschichte hat? Ob auch fürs Naturgeschehen
+als Ganzes (Anorganisches miteingeschlossen) die Zeit gerichtet ist?
+Insoferne wäre ein Wahres an der Entwicklungslehre (Paläontologie).
+Ob es eine Entwicklung der Gewitter, des Wetters gibt (etwa
+korrespondierend der menschlichen Geschichte und symbolisch für diese?)?
+
+ * * * * *
+
+Das Merkwürdige an der Zeit ist, daß trotz der ewigen Veränderung
+alles in ihr gleich bleibt („alles ist schon dagewesen,“ „nichts
+Neues unter der Sonne“). Langeweile = Gesetzlichkeit = Kausalität.
+Neuheit = Freiheit. Die Überwindung der Zeit führt zum Begriff des
+„+Ewig Jungen+“ (Wagner). Die Natur ist ewig jung. Denn hier ändert
+sich wohl nichts und ist doch alles immer +neu+. Menschen, die wenig
+Überzeitliches haben, wie die Juden, fühlen sich immer blasiert und
+gelangweilt, weil in der Zeit sich alles gleich bleibt; Siegfried
+hingegen ist „ewig jung.“
+
+ * * * * *
+
+Die Gegenwart ist so raumlos, wie zeitlos; und das Ziel des Menschen
+läßt sich bestimmen als Nurgegenwart, als Allgegenwart (man versteht
+unter Allgegenwart meist nur Freiheit vom Raume, statt darunter auch
+die Resorption von Vergangenheit und Zukunft, von allem Unbewußten in
+die bewußte Gegenwart zu verstehen). Die Enge des Bewußtseins soll das
+All umfassen: Dann erst ist der Mensch „ewig jung“ und vollkommen.
+
+ * * * * *
+
+Lust ist noch allgemeiner zu bestimmen denn als das Gefühl der
+Schöpfung. Eindeutig zu bestimmen ist sie nur als +Gefühl des Lebens+,
+als +Innewerdung der Existenz+; Schmerz als Gefühl irgendwelchen
++Todes+ (darum ist die Krankheit schmerzhaft).
+
+Gegen den Eudaimonismus ist hierbei soviel zu bemerken, daß das Ziel
+des Strebens nicht verwechselt werden darf mit dem Gefühle, das
+sich am Ziele einstellt (das ich aus Erfahrung kennen mag). Wenn
+ich nach höherem Leben strebe, so strebe ich nach etwas, dessen
++Begleiterscheinung+ höhere Lust ist, aber nicht nach der Lust selbst.
+Ebenso verlangt der Mann nach dem Weibe, das Weib nach dem Manne, nicht
+direkt nach der Lust.
+
+ * * * * *
+
+Alle Worte, welche mit dem =L=eben in einem gewissen Ausmaße
+zusammenhängen, haben =L=:
+
+=L=eben, =L=iebe, =L=ust, vo=l=uptas, =L=achen, =l=eicht, =l=eise,
+=l=ispeln, =L=icht, =L=uxus, =L=ibet (Lubet, lateinisch), vo=l=o (ich
+will = βούλομαι), =L=enz, =l=öschen, =L=ax, =L=aben, =l=ose, =l=argus,
+F=l=uß, F=l=öte, =L=ilie, =L=uchs, =l=ocker, sch=l=üpfrig, g=l=att,
+g=l=eiten, =L=ist, γλυκύς, μέλι, =L=otos, =l=indern, λάμπω, =l=ux,
+=l=umen, λύχνος, =L=ecken, =L=appen (weiches Tuch), =L=amm, =L=eim,
+weil λ der +reibungsloseste+ Konsonant ist und Reibung der Ganzheit und
+Einheitlichkeit am stärksten entgegengesetzt (Rappaport).
+
+Es lassen sich hiergegen freilich anführen:
+
+Last, Leder, Lernen, Lahm, letum, lechzen, links.
+
+ * * * * *
+
+Grundzug alles Menschlichen: +Suchen nach+ =Realität=. Wo die Realität
+gesucht und gefunden wird, das begründet alle Unterschiede zwischen den
+Menschen.
+
+ * * * * *
+
+Was der Mensch erlebt, sind jeweilig abgehobene Teile aus einer
+unendlichen, zeitlichen, räumlichen, stofflichen, farbigen, klingenden
+Mannigfaltigkeit. Darum sind zunächst zweierlei Dinge möglich: Er
+sucht die Realität im Ganzen, in der Totalität des Alls und seinem
+unendlichen Zusammenhang; oder ihm wird zur Realität jedes einzelne,
+sozusagen punktuelle Element des Weltganzen. Es ist ganz dieselbe Welt,
+ihrer Quantität nach gleich, ganz gleich unendlich; aber dem einen
+ist der Teil immer nur +Teil+ und nur soweit real, als er im ganzen
+mitbegründet ist. Der andere umspannt die gleiche Welt; aber jedes
+einzelne Element besteht ihm für sich als real, und er sucht unter
+allen den Teil von größter Realität.
+
+Auf das Religiöse angewendet (denn beide Typen können +fromm+ sein):
+Dem letzteren kann die Sonne selbst oder eine historische Gestalt
+selbst, oder die Madonna selbst, an und für sich, zur Gottheit werden.
+Dem anderen wird immer nur soweit ein einzelnes Ding Gott, als es
+symbolisch ist für das Ganze, und um so eher, je mehr Dinge in ihm
+zusammenhängen.
+
+Auf das Sexuelle angewendet: Dem einen ist das einzelne Weib +real+; es
+ist der +Sadist+: Der Sadist wirkt darum auf das Weib, weil es für ihn
+die denkbar größte +Realität+ ist (vgl. Geschlecht und Charakter, 1.
+Aufl., S. 397 bis 401); dem Masochisten hingegen ist das einzelne Weib
+nie real, er sucht in ihm immer noch nach etwas anderem, als nach dem
+Weibe. Darum wirkt er nicht auf das Weib.
+
+Der Sadist lebt diskontinuierlich in einzelnen Zeitmomenten, +er
+versteht sich nie+: Jeder Augenblick hat für ihn an sich schon
+Realität; darum ist er leicht entschlossen, indes der Masochist immer
+erst aus dem All heraus handeln könnte. Der Masochist kommt nie in die
+Lage, sich selbst zu fragen: „Wie hab’ ich das nur tun können? Ich
+verstehe mich nicht!“ Dem Sadisten ist dies die gewöhnliche Stellung zu
+seiner Vergangenheit, die für ihn jedoch darum durchaus ihre punktuelle
+Realität nicht verliert. Der Sadist hat das feinste Auffassungsvermögen
+und das beste Gedächtnis für alles +Einzelne+ im Moment; seine Sinne
+sind fortwährend beschäftigt, weil alles Einzelne für ihn Realität hat.
+Der Masochist leidet unter langen Pausen, die er mit keiner Realität
+ausfüllen kann.
+
+Unter dem, was ihm +irreal+ ist, +leidet+ nämlich der Masochist wie
+unter einer Schuld. Darum fühlt =er= sich vor dem Weibe verlegen,
+der Sadist nie. Er ist dem Weibe gegenüber passiv, wie jeder
+Empfindung gegenüber, der er erst durch Assoziation, die zuletzt zur
+Begriffsbildung führt, eine Realität für sich geben kann. Der Sadist
+assoziiert nicht: er reißt der Empfindung gegenüber den Mund auf,
+bereit und willens, sich ganz in sie zu stürzen, ganz und gar in einer
+Empfindung aufzugehen.
+
+Der Masochist kann darum nie ein Bild, eine Statue lieben: hier ist
+allzu wenig Realität (Aktivität) für ihn. Der Sadist sehr wohl; er ist
+ja auch +galant+, und +Galanterie ist+ zuerst +Schmücken von Statuen+,
+denen man nachher den Schmuck wieder nimmt, oder die man zertrümmert,
+wenn sie keine Realität mehr aus sich saugen lassen.
+
+Der eigentliche Begriff von Gott ist dem Sadisten unverständlich;
+in der Kunst ist er Empfindungsmensch, häuft stets alles, auch mit
+Ungerechtigkeit, auf einen Mann, auf einen Moment, auf eine Situation.
+Er kann +erzählen+; der Masochist nie (nicht einmal Witze), weil ihm
+nichts einzelnes real genug ist, als daß er liebevoll darin aufgehen
+könnte. Dem Masochisten ist der Name Napoleon Ausgangspunkt, von dem
+er sich +entfernt+, um zu denken, und ihn denkend zu erfassen: für den
+Sadisten liegt in einem solchen Namen alle +Welt+.
+
+Der Masochist also ist der Empfindungswelt gegenüber ohnmächtig
+schwach: der Sadist in ihr stark. Der Masochist sucht sich der
+Erscheinung, der Veränderung gegenüber zu +behaupten+: er allein
+kennt den Begriff des +Absoluten+ (Gottes, der Idee, des +Sinnes+).
+Der Sadist fragt die Dinge nicht nach ihrem +Sinn+: „Carpe diem!“ ist
+ihm das Gebot seines Ich; die Veränderung erscheint ihm real; was
+ihm an der Zeit auffällt, ist nicht sie, sondern die +Dauer+ („aere
+perennius“).
+
+Der Rhythmus, welcher jeden +einzelnen+ Ton, jede +einzelne+ Silbe
+genau +beachtet+, ist sadistisch; die Harmonie masochistisch, wie auch
+der eigentliche melodiöse Gesang (in dem die einzelnen Töne nicht als
+solche hervortreten).
+
+Der Mystiker (sei er nun Theosoph wie Böhme, oder Rationalist wie
+Kant) ist identisch mit dem Masochisten;[55] der amystische Mensch
+ist der Sadist. Masochisten sind die Nordländer (auch die Juden);
+Sadisten die Südländer. Bei Deutschen und Griechen findet sich beides;
+dort überwiegt der Masochismus. Venetianische Epigramme, Hermann
+und Dorothea (?) sind sadistisch; Iphigenie, Tasso, Werther, Faust
+(größtenteils: eine Ausnahme bildet teilweise die Gretchen-Episode)
+masochistisch. Der Verfasser der Odyssee war Sadist; bloß die Circe
+ist natürlich masochistisches Ideal (d. h. das Ideal des Masochisten,
+der seinen Masochismus nicht +bekämpft, sondern in der Passivität
+dem Einzelding gegenüber+ =verbleiben= +will+). Aischylos, Richard
+Wagner, Dante, vor allen aber Beethoven und Schumann sind Masochisten;
+Verdi (ebenso Mascagni, auch Bizet) ist mehr Sadist, ebenso alle
+anakreontischen Poeten und die Franzosen des 17. und 18. Jahrhunderts,
+ferner Tizian, Paolo Veronese, Rubens, Rafael. Shakespeare hat viel
+Sadistisches, ist aber doch mehr Masochist, dem Weibe gegenüber jedoch
+ohne die schroffe Trennung von Sexualität und Liebe, wie sie Goethe,
+Dante, Ibsen, Richard Wagner haben. +Vollkommenster+ Masochismus ist im
+ersten Akte von „Tristan und Isolde“; geringer im Tannhäuser, Rienzi,
+Holländer.
+
+[Der Harmonie entspricht die Geometrie, dem Rhythmus die Arithmetik
+(Addition der Zeiteinheiten?): dies zur Erläuterung der früheren
+Bemerkung.]
+
+Verbrecher, die +einzelne+ starke verbrecherische Taten begehen, sind
+Sadisten; +Verbrecher im großen Stil+, die eigentlich kein einzelnes
+losgelöstes Verbrechen begehen, +sind Masochisten+; Napoleon war
++Masochist+, nicht Sadist, wie oberflächlich geglaubt wird; Beweis sein
+Verhältnis zu Josephine und seine Begeisterung für den Werther, sein
+Verhältnis zur Astronomie und zu Gott. Das einzelne Weib hat für ihn
+nie wirkliche Existenz besessen.
+
+Der Sadist kann übrigens durchaus ein anständiger und +guter+ Mensch
+sein.
+
+Der Lustmord ist vielleicht eine Hilfe des Sadisten, wenn die Realität
+des einzelnen Weibes +zu+ groß wird. (??) Ein Racheakt wie bei Zola muß
+er vielleicht gar nicht sein.
+
+Die Engländer sind sämtlich Masochisten, und vielleicht ihre Frauen
+darum oft so verkümmert in der Weiblichkeit.
+
+In dem Worte Napoleons an seine Soldaten: „Du haut de ces pyramides
+quarante siècles vous contemplent“, steckt etwas Metaphysisches, dessen
+ein echter Franzose und Sadist nicht fähig wäre.
+
+Dem Masochisten fällt zuerst Ähnlichkeit, dem Sadisten zuerst
+Verschiedenheit auf.
+
+Dem Masochisten sind schon als Kind Uhren, Kalender das größte Rätsel,
+weil ihm die Zeit stets Hauptproblem ist.
+
+Der Masochist kann sich nie leichten Fußes über etwas früheres
+hinwegsetzen, was der Sadist stets tut, wenn der neue Augenblick mehr
+Realität verspricht als der alte.
+
+Der Masochist empfindet alles als Schicksal; der Sadist liebt es, das
+Schicksal zu spielen. Besonders im konkreten +Schmerz+ liegt für den
+Masochisten immer die +Idee+ des Schicksales; der Schmerz hat für ihn
+nur soviel Realität, als Anteil an dieser Idee. So ist der Sadist das
+Schicksal des Weibes; das Weib das Schicksal des Masochisten. „Weib“
+ist sadistisch (wer aktiv in der Empfindung des +Weibes+ ist); „Frau“
+masochistisch.
+
+Das Verhältnis des Sadisten zum Masochisten ist das Verhältnis der
+Gegenwart zur Ewigkeit. Die Gegenwart ist das einzige, worüber der
+Mensch +Macht+ hat; wer sich in ihr frei fühlt, wird sie nutzen, wie
+der Sadist; wer sich in ihr leidend fühlt, weil sie ihm nicht real ist,
+sucht sie zur Ewigkeit zu erwecken. So läßt sich auch das +ethische+
+Streben beider charakterisieren: der eine will alle Ewigkeit in
+Gegenwart, der andere alle Gegenwart in Ewigkeit verwandeln.
+
+Das Gleiche gilt für den Raum. Der Sadist glaubt an, hofft auf das
+Glück auf Erden: er ist der Mann des „Tuskulum“, des „Sans-Souci“; der
+Masochist braucht einen Himmel.
+
+Die +Reue+ verübelt sich der Sadist und hält sie für eine Schwäche
+(Carpe diem!); der Masochist ist durchdrungen von ihrer Erhabenheit
+(Carlyle).
+
+Der Selbstmörder ist fast stets Sadist; weil dieser allein aus einer
+Gegenwart heraus wollen und handeln kann; der Masochist müßte erst alle
+Ewigkeit befragen, ob er sich töten dürfe, müsse.
+
+Der Sadist sucht Menschen (wider ihren Willen, ihre konstante
+Disposition) zu (momentanem) Glück oder Schmerz zu verhelfen: er ist
+dankbar oder rachsüchtig.
+
+In Dankbarkeit und Rachsucht liegt stets +Mitleidlosigkeit+,
+Rücksichtslosigkeit gegen den (zeitlosen) Nebenmenschen; beide sind,
+wie alle Unsittlichkeit, Grenzüberschreitungen, d. i. funktionelle
+Verknüpfungen mit dem Nebenmenschen.
+
+Psychische Schamhaftigkeit, d. h. Kontinuität, die einen einzelnen
+Inhalt nicht leicht aus dem Ich entläßt (vgl. „Geschlecht und
+Charakter“, 1. Aufl., S. 436), ist +masochistisch+.
+
+ * * * * *
+
+Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche, und
+darum erfolglose: sie sucht von außen nach innen, statt von innen nach
+außen zu wirken. Sie entspricht dem +Tätowieren+ des Verbrechers:
+dieser verändert sein Äußeres von außen her, statt durch eine Änderung
+in der Gesinnung. Er verneint so eigentlich auch sein Äußeres und mag
+deshalb nicht in den Spiegel sehen, weil er +sich+ (das intelligible
+Wesen) haßt, ohne Bedürfnis, sich zu lieben. Der Verbrecher freut sich,
+wenn andere an ihm Anstoß nehmen (wie ihm überhaupt jede Verbindung mit
+anderen, jeder Einfluß auf sie, jede Beunruhigung ihrer Person durch
+seine angenehm ist).
+
+=Jede= +Krankheit hat+ =psychische= +Ursachen+; und jede muß vom
+Menschen selbst, durch seinen Willen, geheilt werden: er muß sie
+innerlich selbst zu erkennen suchen. +Alle+ Krankheit[56] ist nur
+unbewußt gewordenes, „in den Körper gefahrenes“ Psychische; so wie
+dieses ins Bewußtsein hinaufgehoben wird, ist die Krankheit geheilt.
+
++Der Verbrecher im allgemeinen wird nicht+ =krank=; seine Erbsünde ist
+eine andere. Such’ ich mir das ganz sinnenfällig vorzustellen, so geht
+es etwa so: der Verbrecher stürzt im Augenblick des Sündenfalles vom
+Himmel auf die Erde, indem er Gott den Rücken zukehrt, auf den Punkt,
+auf dem er stehen könne, jedoch wohl achtet. Der andere, der Kranke
+(Neurastheniker, Irrsinnige) stürzt mit flehentlich zu Gott erhobenem
+Gesicht und Antlitz, und ohne Bewußtsein und Aufmerksamkeit dafür, wo
+er zu liegen komme. Wenn die Gefahr des letzteren die Pflanze, die des
+ersteren das Tier ist, so reimt sich das wohl: die Pflanze wächst vom
+Erdmittelpunkt senkrecht weg gerade dem Himmel entgegen; der Blick
+des Tieres ist gegen die Erde gerichtet. (Die Pflanze kann nie als
++antimoralisches+ Symbol gelten, wie soviele Tiere.)
+
+ * * * * *
+
+Jedermann kann sich selbst immer bloß als Qualität auffassen; erst
+durch Vergleichung mit anderen werden +quantitative+ Betrachtungen
+nahegerückt. Zahl und Zeit.
+
+ * * * * *
+
+Was ein guter Musiker ist, dessen Melodieen haben vor allem +langen
+Atem+.
+
+ * * * * *
+
++Geschichte+ und +Gesellschaft+: Personen, die in einem Raume beisammen
+sind, bilden immer eine Gemeinschaft gegen Neu-Eintretende.
+
+ * * * * *
+
+Dankbarkeit und Rachsucht sind eines und dasselbe: es gehört zu beiden
+eine Empfindung des Einzelmomentes als +real+: dankbar wie rachsüchtig
+ist der Sadist, nicht der Masochist.
+
+ * * * * *
+
+Wenn eine Frau, in entkleideter Stellung überrascht, aufschreit, so ist
+das oft nur so zu verstehen, daß sie nicht gut genug darin auszusehen
+fürchtete.
+
+ * * * * *
+
+Die Disharmonie ist ein tragisches Element in der Musik. Gerade die
+größten Kunstwerke der Welt (Tristan und Isolde) haben diese +tragische
+Grelle+ und sind mehr als schön.
+
+ * * * * *
+
+Der gute Aphoristiker muß hassen können.
+
+ * * * * *
+
+Gar mancher glaubt den einen Gott los zu werden, indem er sich mehreren
+anderen verschreibt.
+
+ * * * * *
+
+Nichts wird so oft verwechselt, wie Eigensinn und Energie — vom
+Eigensinnigen.
+
+ * * * * *
+
+Der Mathematiker ist das Gegenteil des Psychologen: er ist der einfache
+Mensch, einfach wie der Raum.
+
+ * * * * *
+
+Wäre der Mensch nicht frei, so könnte er die Kausalität gar nicht
+auffassen, und gar keinen Begriff von ihr bilden. +Einsicht in die
+Gesetzmäßigkeit ist schon Freiheit von ihr+ und das Bedürfnis nach dem
+(inneren) Wunder, das Erlösungsbedürfnis geht Hand in Hand mit dem
+strengsten Gefühl für Kausalverkettung im Empirischen. Windelband,
+Geschichte der neueren Philosophie, Band I, 2. Aufl., S. 346, findet
+es von Hume merkwürdig, daß „der Mann, der die Erkenntnis kausaler
+Verhältnisse für ein überall mißliches und höchstens wahrscheinliches
+Ding erklärte, in der Psychologie des +Willens+ durch eine Reihe
+glänzender Untersuchungen vertrat“.
+
+Einer tieferen Einsicht wird dieser scheinbare Widerspruch zur
+Notwendigkeit. Auch Mach, Avenarius sind so strenge Deterministen,
+daß die Frage der Willensfreiheit für sie kaum zu existieren scheint,
+und doch beide Leugner der Kausalität. Es erklärt sich dies daraus,
+daß nur, wer von der empirischen Gesetzlichkeit durchdrungen ist,
+das Bedürfnis nach Befreiung von ihr empfindet. Kausalität wird von
+Freiheit aufgefaßt, erkannt, gesetzt. Der Verbrecher erkennt die
+Kausalität nicht +an+, er will sie durchbrechen: er will z. B. von
+einem Buckel, einem Hinken plötzlich frei werden: sowenig erkennt er
+die Tatsache an (darum ist auch sein Wirklichkeitssinn gering). Ich
+glaube, Paulus sagt: „Eine böse und verbrecherische Art ist es, die
+nach Zeichen verlangt.“ Das ist vollkommen richtig. Das Wunder +von+
+außen erwartet nur der Verbrecher; der sittliche Mensch würde sich des
+Wunders von außen +schämen+; denn da wäre er ja passiv. Alle +Bigotten+
+sind Verbrecher.
+
+ * * * * *
+
+Der Transzendentalismus ist identisch mit dem Gedanken, daß es nur
++eine+ Seele gibt, und daß die Individuation Schein ist. +Hier
+widerspricht der monadologische Charakter der kantischen Ethik
+schnurgerade der „Kritik der reinen Vernunft“.+
+
+ * * * * *
+
+Die Frage, ob es +eine+ Seele gibt oder mehrere, darf nicht gestellt
+werden; weil die Verhältnisse der Noumena über den zahlenmäßigen
+Ausdruck erhaben sind.
+
+ * * * * *
+
+Ästhetisches und mathematisches Element (Proportionenlehre) in der
+Gerechtigkeit.
+
+ * * * * *
+
+Spiritismus und Materialismus sind +eines+, und verschiedene Phasen, in
+die der nämliche Mensch nacheinander tritt. Das Geistige verlöre seine
+ganze Dignität, wenn es sich materialisieren würde.
+
+ * * * * *
+
+Einen Menschen (Kant oder Fechner) vollständig +verstehen+, heißt ihn
++überwinden+.
+
+ * * * * *
+
+Der Masochist wirkt auf die hysterische Frau (das Weib als Pflanze),
+der Sadist auf die nicht hysterische (das Weib als Tier).
+
+ * * * * *
+
+Die Megäre ist nicht, wie ich glaubte („Geschlecht und Charakter“), das
+Gegenteil der Hysterika, sondern das Gegenteil der +Dame+.
+
+ * * * * *
+
+Herr und Dame gehören zusammen, ebenso wie Pantoffelheld und Megäre.
+
+ * * * * *
+
+Das Bedürfnis, geliebt zu werden, wächst mit dem Gefühle des
++Verfolgtseins+ und ist diesem proportional.
+
+ * * * * *
+
+Wo der Mann +stiehlt+, ist das Weib nur +neidisch+.
+
+ * * * * *
+
+Doppelter Begriff des Wunders: Es gibt entweder +ein+ Wunder, welches
+man +ersehnt+ (das die Erlösung bringen soll; Wunderbedürfnis als
+Erlösungsbedürfnis), oder +viele+ Wunder, das sind Bestätigungen des
+Glaubens, Bestätigungen sozusagen der Gesetze des Himmelreiches, wenn
+auch nicht der Gesetze der mathematischen Physik.
+
+Beide sollte man scheiden.
+
+ * * * * *
+
+Es kommt auch vor, daß einem jemand imponiert, weil er tief unter einem
+steht — wenn man ihn nicht +versteht+.
+
+ * * * * *
+
+Dreierlei konstituiert den Philosophen, drei Elemente müssen
+zusammenkommen, um ihn zu erzeugen:
+
+ Ein Mystiker, ein Wissenschaftler, ein Systematiker
+ (Gegenteil: Sadist) (Gegenteil: Künstler) (Gegenteil: Experimentator).
+
+ Der Mystiker } gibt erst einen Theologen, einen Dogmatiker
+ + Wissenschaftler } irgend eines Glaubens.
+
+ Der Mystiker } gibt den Theosophen, der bloß der
+ + Systematiker } +individuellen+ Intuition folgt, ohne
+ } Streben nach Beweisen und Sicherung.
+
+ Der Wissenschaftler } gibt den theoretischen Physiker, Biologen
+ + Systematiker } etc.
+
+Der Mystiker ist +eindeutig+ zu bestimmen durch die Problematisation
+des Absoluten und des Nichts. Am auffälligsten ist die Problematisation
+der Zeit.
+
+Der Wissenschaftler ist bestimmt in „Wissenschaft und Kultur“; er
+ist der +transzendentale+ Mensch (Kant als Nichtmystiker), er sucht
+vollkommene Anerkennung für alles, was er sagt, Widerlegung aller
+Gegenmöglichkeiten.
+
+Der Systematiker ist das Gegenteil des Technikers und Experimentators;
+es gibt in jeder Wissenschaft Theoretiker und Techniker. So sind in der
+Mathematik:
+
+ Euler Techniker Riemann Theoretiker
+
+ in der Linguistik
+ Pott „ Humboldt „
+
+ in der Physik (Bopp)
+ Faraday „ Maxwell „
+
+ +beides+ in hohem Maße Helmholtz, Darwin u. a.
+
+ * * * * *
+
+Alter ist Tod, Jugend ist Leben. Je größer ein Mensch ist, desto
+weniger altert er, desto weniger wird sein Wille schwächer im Alter.
+
+Es gibt aber außer Jesus Christus niemand, der nicht im Alter weniger
+gewollt hätte, als in der Jugend. Das zeigt der musikalisch schwache
+Parsifal (der gedanklich eine frischere, kraftvollere Konzeption ist,
+als der musikalischen Ausführung nach; wenngleich seine Themen, Grab-
+und Blumenau-motiv, aber auch Abendmahl- und Parsifalmotiv in der
+Variation des III. Aktes, zu den größten gehören). Das zeigt vor allem
+Ibsen, dessen Wollen zwei Gipfelpunkte hat, einen höchsten, Peer Gynt,
+einen niedrigeren, Rosmersholm, sich sonst aber auf stetig absteigender
+Linie bewegt; das zeigt auch Beethoven, dessen Kunst ihre höchste Höhe
+in der Appassionata und besonders in der „Waldsteinsonate“ (III. Satz,
+wo sie beinahe Gott nahe kommt) erreicht, dann aber doch abfällt; die
+„Neunte“ ist nicht Beethovens größtes Werk.
+
+ * * * * *
+
+Der Verbrecher sucht (als Sklave) oft einen sehr vollkommenen Menschen
+(und ist hier als Richter ihrer Unvollkommenheit viel härter als ein
+guter Mensch), weil er so +von außen+ (nicht durch innere Wandlung
+der Gesinnung) +Glauben+ gewinnen möchte. Er gibt sich, wenn er
+einen solchen gefunden zu haben glaubt, bei ihm in die vollkommenste
+Sklaverei; und sucht in +zudringlicher+ Weise Menschen, bei denen er
+als Sklave dienen könne. Auch will er als Sklave leben, um nie einsam
+zu sein.
+
++Wenn dann ein dritter Mensch in den Kreis tritt, ist der Verbrecher
+ratlos+; denn bekanntlich kann man nicht zweier Herren Knecht zu
+gleicher Zeit sein, der Verbrecher aber ist jedes Menschen (ob Freien,
+ob Unfreien) Knecht, mit dem er zusammen ist.
+
+ * * * * *
+
+Problem der zwei Menschen,
+
+Problem der drei Menschen.
+
+Mit vieren beginnt die Mengenpsychologie.
+
+Phänomene der „Einstellung“. Man schreibt jedem Menschen anders, oft
+selbst kalligraphisch verschieden.
+
+ * * * * *
+
+Je größer die +Gnade+, die ein Mensch von Gott empfängt, desto größer
+das +Opfer+, das er Gott dafür bringen wird. Bei Jesus war Gnade und
+Opfer am größten.
+
+ * * * * *
+
+Evidenz kann sich nur auf die letzten Denkgesetze beziehen. Diese sind
+unmittelbar evident; diese Evidenz ist die Gnade.
+
+ * * * * *
+
+Wert: Macht = Licht: Feuer.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt keine Grade der Wahrheit, keine Grade der Sittlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+Die Erbsünde erfolgt +fortwährend+: Ewiges und Zeitliches sind
++neben+einander da.
+
+ * * * * *
+
+Unterscheidung zwischen +Genesis+ und +Kodifikation+ des
++Aberglaubens+. Kodex: Bauernkalender. Genesis: +Schuld+.
+
+ * * * * *
+
+Der Unterschied zwischen Amoralischem (Weib) und Antimoralischem
+(Verbrecher), wie ihre Verwandtschaft, liegen darin, daß das Weib
+heruntergesetzt werden will, während der böse Mann +sich+ selbst
+heruntersetzt.
+
+ * * * * *
+
+Zur tiefsten Erkenntnis seiner selbst und seiner Bestimmung gelangt
+der Mensch immer erst, wenn er sich untreu geworden ist, wenn er gegen
+seine Bestimmung (Gott) gefehlt hat, durch +Schuld+. +Darum+ ist
+vielleicht das Leben auf der Erde notwendig, damit Gott sich selbst
+finde; +denn Bewußtsein ist nur durch Gegensatz möglich+.
+
+
+Anmerkung.
+
+Ein der früheren Bearbeitung von „Geschlecht und Charakter“ angehängter
+Exkurs versuchte morphologische und parallele psychologische Analogieen
+zwischen Mund-, Hals- und After-Genitalregion aufzudecken, und
+anknüpfend daran über die Urform des Wirbeltiertypus etwas zu ermitteln.
+
+Sie suchte das Gemeinsame von Mund und After, Zunge und Geschlechtsteil
+aufzufinden und zu ermitteln, warum das Vorstrecken der Zunge ähnlich
+empfunden wird, wie das Weisen auf den Hinteren; warum Essen vor
+anderen bei manchen Naturvölkern als schamlos galt (wie noch heute
+die Sitte Essen auf der Straße verpönt); welche Analogieen zwischen
+Genital- und phagischem Trieb bestehen; warum der Zungenkuß der
+Ejakulation so nahe steht; warum die Schilddrüse (die einen rudimentär
+gewordenen Ausführungsgang hat, der an der Zungenwurzel endet) in so
+merkwürdigen Beziehungen zu den Keimdrüsen steht, warum die +Stimme+
+besonders sexuell erregend wirkt, und so stark sexuell differenziert
+ist.
+
+Dem Menschen als dem Mikrokosmus wird die Bedeutung dieser Dinge, ihre
+innere Verwandtheit mehr oder minder bewußt, darum schämt er sich des
+Mundinneren. Wäre hingegen die Deszendenztheorie richtig, so müßten die
+Tiere, welche dem Balanoglossus (wo die Geschlechtsteile noch in der
+Kiemenregion liegen) noch näher stehen, mehr Scham empfinden als der
+Mensch.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt eine Platzscheu, die Lichtscheu ist, und die der sich schuldig
+fühlende Mensch hat, der vor Gott nicht besteht.
+
+ * * * * *
+
+Die Vogelstimmen sind das, was demselben Menschen seinen sicheren Fall
+in den Untergang sagt („Peer Gynt“, 2. Akt).
+
+ * * * * *
+
+Dohlen, Raben, +schwarze+ Vögel findet man nicht auf offenen lichten
+Plätzen.
+
+ * * * * *
+
+Wer sich an die Sonnenglut hingibt, =ist= +selbst die Zypresse+; es ist
+pflanzenhafte Passivität und „Glückseligkeit als Geschenk“. (?)
+
+
+[53] Parsifalmotiv variiert III. Akt (Den heil’gen Speer, ich bring ihn
+euch zurück).
+
+[54] Vielleicht bezieht sich diese Zusammenstellung auf den Begriff
+„Kosmos“? (Anmerkung des Herausgebers.)
+
+[55] Philosophen mit sadistischen (unmystischen) Zügen sind Descartes,
+Hume, Aristipp.
+
+[56] Nicht nur die Hysterie.
+
+
+
+
+Zur Charakterologie.
+
+(Enthaltend: Sucher und Priester, über Friedrich Schiller, Bruchstücke
+über R. Wagner und den „Parsifal“.)
+
+
+Sucher und Priester.
+
+Man kann die Menschen einteilen in +Sucher+ und in +Priester+ und wird
+durch diese Einteilung viel gewinnen. Der Sucher sucht, der Priester
+teilt mit. Der Sucher sucht vor allem +sich+, der Priester teilt
+vor allem anderen +sich+ mit. Der Sucher sucht sein Leben lang sich
+selbst, seine eigene Seele; dem Priester ist sein Ich von vornherein
+als Voraussetzung alles anderen gegeben. Den Sucher begleitet stets
+das Gefühl der Unvollkommenheit; der Priester ist vom Dasein der
+Vollkommenheit überzeugt.
+
+Der Unterschied, den ich meine, wird so vielleicht am klarsten: +Nur
+Sucher sind eitel (und empfindlich)+. Denn die Eitelkeit entspringt aus
+dem Bedürfnis nach dem +Finden+ und dem Gefühle, noch nicht — sich noch
+nicht — gefunden zu haben. Der Priester ist nicht eitel, er fühlt sich
+nicht leicht getroffen, und ist ohne Bedürfnis nach der Anerkennung von
+außen, weil er diese Unterstützung nicht notwendig hat. Dagegen hat
+er Bedürfnis nach dem Ruhme; Voraussetzung des Ruhmbedürfnisses ist
+innerliche Überzeugung von sich; sein Wesen, dieses Ich den anderen
+möglichst vollkommen darzubringen und sich ihnen so zu verbinden. Der
++Ruhm+ wird hierdurch dem +Opfer+ verwandt.
+
+Ich will nun je vier Beispiele von Suchern und von Priestern anführen,
+bevor ich in der Analyse fortfahre.
+
+Sucher waren: Hebbel, Fichte,[57] Brahms, Dürer. Priester: Shelley,
+Fechner, Händel, Böcklin. Den Suchern gemeinsam ist, wie man sieht,
++die Linie ohne Farbe+; den Priestern gemein +die Farbe ohne Linie+.
+
+Die Farbe ist hier als Symbol der Sinnlichkeit gedacht; zur
+Sinnlichkeit nämlich steigt der Priester herunter, indes der Sucher von
+ihr zur Geistigkeit hinauf will. Darum hat der Priester das eigentlich
+starke, große Verhältnis zur =Natur=; denn der Priester kommt vom
+Geiste und sucht die Welt zur Deckung mit sich zu bringen; alles soll
+hell erstrahlen, wie das Feuer in ihm selber. Der Sucher hingegen hat
+vor dem Priester voraus das Verhältnis zur +Gesellschaft+: denn sozial
+wird der Mensch, weil er sich selbst im anderen sucht. Zur Kultur,
+zu Recht und Staat und Sitte tritt so nur der Sucher in ein tiefes
+Verhältnis; in der Natur hat er höchstens für ein Phänomen großen Sinn:
+Für den Wald, als das Symbol des +Geheimnisses+.
+
+Denn der Priester hat die Offenbarung hinter sich, und Tag ist in
+ihm; der Sucher strebt zu ihr empor, aber er ist noch blind. Der
+Priester steht bereits im +Bunde+ mit der Gottheit; nur er kennt die
+mystischen Erlebnisse (extreme Sucher, wie Kant oder noch besser
+Fichte, kennen solche nicht). Das Absolute, die Gottheit ist dem
+Priester als Voraussetzung, als +Schatz+ gegeben oder als Pfand des
+Höchsten; dem Sucher als Wert, als +Ziel+. Der Priester bringt +sich+
+der Welt dar, trägt ihr den Bund an; der Sucher entflieht der Welt,
+weil er noch keine Weihen empfangen hat. Jeder Suchende ist naturgemäß
+ein +Fluchender+: der Priester ist das Gegenteil des Blinden, ein
++Sehender+ und ein +Segnender+. Der Segen ist dem Sucher hingegen ewig
+unverständlich.
+
+Man hält oft den Priester für den eigentlichen +Künstler+ und erklärt
+Männer, wie +Ibsen+, der dem Sucher sehr nahe, und +Hebbel+, der ihm
+noch viel näher steht, für keine echten Künstler: Ganz mit Unrecht; man
+ist hier getäuscht durch einen falschen Begriff von Sinnlichkeit in der
+Kunst. Shakespeare war gewiß ausschließlich Künstler und doch sicher
+viel mehr Sucher als Priester. Im übrigen sind Sucher und Priester
+Extreme; die größten Menschen sind beides, am öftesten zuerst Sucher,
+um sich dann in Priester zu verwandeln: wenn sie den Quell gefunden,
+sich selbst erlebt haben. So Goethe, so Wagner. Goethe ist Sucher im
+Urfaust, Priester in der Iphigenie; Wagner ist Sucher im Holländer,
+im Tannhäuser (der Pilgerchor gibt eine wunderbare Vorstellung von
+dem, was Suchen heißt), aber auch im Tristan, besonders im II. Akt —
+denn der Sucher ist erotisch, der Priester sexuell, ohne besonders
+von dem Geschlechtstriebe differenzierte Liebe. Priester ist Wagner
+schon im Lohengrin (der Sinn für das Fest, für die Feier, ist durchaus
+priesterlich); vor allem aber im III. Akte des Siegfried, wo der Sinn
+für das Gefundenhaben, der Triumph der Erfüllung so ungeheuer groß ist.
+Denn der Priester muß kein friedlicher, idyllischer Mensch sein; aber
+er hat als Kämpfer nur Sinn für den +Sieg+, nicht für die Anstrengung
+des Ringens, nicht für das Bangen vor der Niederlage.
+
+Nietzsche war lange Sucher; erst als Zarathustra tat er den
+Priestermantel um, und da stiegen nun jene Reden vom Berge herunter,
+die bezeugen, wie viel Sicherheit er durch die Verwandlung gewonnen
+hat. Des Priesters (als des Sehers!) +Erlebnisse+ sind +intensiver+ als
+die des Suchers; und darum ist er überzeugter von sich, er fühlt sich
+als erkorenen Sendboten von Sonne, Mond und Sternen, und horcht nur, um
+deren Sprache so ganz zu verstehen, wie er es als seine Pflicht fühlt.
+
+Sucher waren noch +Rousseau+, wie es scheint, +Calderon+, +Sophokles+,
++Mozart+; ein beinahe vollkommener Priester scheint +Pindar+. Beethoven
+ist Sucher im Fidelio, Priester in der Waldsteinsonate, deren letzter
+Satz der höchste Gipfel apollinischer Kunst ist.
+
+Der psychophysische Parallelismus scheint eine priesterliche
+Vorstellung zu sein (denn der Priester kommt vom Geiste und will die
+Natur +aufnehmen+, er fühlt sich mehr vor der Natur, der Sucher mehr
+vor dem Geiste +schuldig+); er ist darum auch +Determinist+, weil ihm
+Freiheit und Gesetzlichkeit von vornherein eins sind. Der Sucher ist
+Indeterminist und Verflucher des Leibes.
+
+Der Sucher ist schweigsam, verschlossen (nicht zu verwechseln mit
+dem verschlossenen, d. h. unaufrichtigen und unsozialen Verbrecher);
+der Priester offen, sich darbietend (nicht zu verwechseln mit
+Schamlosigkeit), weil er nicht sucht, sondern die Vollendung schon
+enthält und nur ganz zu verstehen, auszudrücken strebt.
+
+
+Über Friedrich Schiller.
+
+In so schlechte Gesellschaft, man sich leider heute begibt, wenn man an
+das Ansehen dieses Namens tastet, indem hauptsächlich er es ist, gegen
+welchen die Schuljungen-Opposition der Modernen wider alle offiziellen
+Größen der Historie sich richtet, so sollte diese Furcht doch nicht
+dazu verleiten, Schiller für einen wahrhaft bedeutenden Menschen zu
+erklären, ihn für mehr zu halten als einen extrem begabten Mann und
+zugleich den +tüchtigsten+ Journalisten, den die Welt bisher gesehen
+hat. Diese Wertung läßt sich mit wenigen Worten begründen; das übrige
+ist in Otto +Ludwigs+ „Dramatischen Studien“ nachzulesen.
+
+Schillers einzige Größe ist darin zu erblicken, daß er die Tragödie
+vollkommen ruiniert hat: sie hat sich noch lange nicht davon erholt.
+Die Helden seiner Dramen haben nie die geringste innere Vergangenheit;
+einzig der „+Fiesco+“, sein bestes und wohl darum von den
+Literaturgeschichtsschreibern so schlecht behandeltes Stück, weniger
+bereits die „+Jungfrau von Orleans+“ könnten als Ausnahme in Betracht
+kommen. Er selbst ist so völlig ohne Verständnis für +Probleme+
+=im= Menschen, es fällt ihm sowenig ein, den Mord oder die Liebe,
+den Erkenntnistrieb oder die Eitelkeit, die Herrschsucht oder die
+Opferwilligkeit irgendwo wahrhaft ernstlich zum Vorwurf einer Dichtung
+zu machen, daß er vielmehr stets die „größere Hälfte“ aller Schuld
+„den unglückseligen Gestirnen“ zuschreibt. Damit ist das Schicksal
+seiner Dichtung besiegelt und Schiller das Urteil gesprochen. Die
+Konstellation der Gestirne ist relativ zum Menschen immer Zufall, und
+sie kann selbst bei Schiller nur in die alleräußerlichste Verbindung
+mit der Handlung treten.
+
+Der Zufall ist das absolut +=A=tragische+, auf ihn baut sich gerade
+das +Lust+spiel auf. Es gehört der ganze Waffenlärm der beredten
+Schillerschen Heroen dazu, um die Erkenntnis zu übertäuben, das
+hier +die entgegengesetztesten Dinge überhaupt, Fatum und Zufall+,
+verwechselt werden. Ist es nicht kläglich, einen +Don Carlos+ an
+einem überlegenen Spionage-System scheitern, einen +Wallenstein+ an
+einer äußeren, nie wiederholten Schuld zugrunde gehen zu lassen (daß
+er einmal einen ehrgeizigen Soldaten in einer +allzuungeschickten+
+Weise als Mittel für seine Pläne benutzt hat)? Diese Dichtung das
+größte Drama der Deutschen? Eine spannende Intrigue, wie in allen
+Schillerschen Stücken, ein hohler diplomatischer Klapperapparat, keine
+kosmische Gegensätzlichkeit, bilden ihr Getriebe. Es sind keine Spuren
+eines +inneren+ Kampfes an Schillers Personen wahrzunehmen, sie atmen
+eine verdammt verdächtige Objektivität, aber nicht die Naivetät alles
+dreifach ausgedehnten Natürlichen, sondern die Anämie flächenhafter
+Schatten; als ob sie nichts vom Herzblut des Dichters empfangen
+hätten; +Schiller ist im Grunde ein Epiker und kein Dramatiker, oder
+es mangelt ihm wenigstens, was der Dramatiker vom Lyriker übernehmen
+kann: die Subjektivität des Helden+. Hier sind nicht ein Unbegrenztes
+und Begrenztes +im+ Menschen entzweit, hier steht nicht die +geistige+
+mit der +sinnlichen+ Welt im Kampfe. Es ist im Grunde nur die Tücke
+und die Gemeinheit der +Außenwelt+, welcher der Held schließlich zum
+Opfer fällt. Darüber beklagt sich Schiller noch in seiner letzten,
+völlig phraseologischen und das Laster der Rachsucht verherrlichenden
+Dichtung, dem „+Tell+“: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben,
+wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Den Feind in der +eigenen+
+Brust, die Einsamkeit und ihre Schrecken, das Schicksal +im+ Menschen,
+scheint Schiller kaum gekannt zu haben. Die „Braut von Messina“ hat
+den „König Oedipus“ schlecht nachgeäfft; was diesem seine Größe und
+seine alles überragende Wirkung verleiht, ist ja nur die =Einbeziehung=
++des Zufalls+ =in= +die Schuld+, die der Held +selbsttätig+ vollzieht,
+der höchste Heroismus des Nicht-Entlastet-Sein-Wollens, der jede
+Entschuldigung verschmäht.
+
+Merkt man übrigens nicht, wie gänzlich seicht, wie ametaphysisch
+Schillers Dramen sind? — „Aber die Gedichte!“ wird man einwenden; „sind
+sie nicht eher zu philosophisch?“
+
+Was ist es doch, das an jenen Gedichten so beleidigt? Es ist das
+Verletzende an Schiller überhaupt, es ist seine Freude im Chor, in
+der Herde; sein ganz ungeniales Glücksgefühl, gerade in der Zeit zu
+leben, in der er lebte;[58] seine willige Selbstbegrenzung innerhalb
+der Geschichte, sein befriedigter Zivilisationsstolz. Er hat recht
+eigentlich den Dünkel des Europäers und den verlogenen Enthusiasmus des
+Fortschrittsphilisters begründet — Eigenschaften, deren vollgültige
+Repräsentanten heute zumeist Juden sind, auch wenn sie von Schillers
+Namen sich loszusagen erklären. Was tiefere Menschen +von Schiller
+immer abstoßen sollte+, was +Goethe+ trotz Schillers Zudringlichkeit in
+der Annäherung, wie im Begreifen-Wollen, von diesem stets in so großer
+Entfernung gehalten hat, ist jener +voraussetzungslose Optimismus+ in
+ihm, kein transzendent-religiöser, kein nach dem +Herausbrechen+ aus
+der +Zeit+ verlangender, kein des Gottvertrauens voller, sondern ein
++immanent-historischer+ Optimismus; ein Optimismus, der sich freut,
+wenn die Menschheit um tausend Jahre älter geworden ist, und begeistert
+die Addition in seinen Kalender einträgt; ein Optimismus, der nicht
+hofft, sondern selbst in seinen Hoffnungen schon gesättigt ist, weil
+ihm die Erscheinungen nicht das Mittel sind, um zu den Symbolen
+durchzudringen, +sondern die Symbole ihm nur die Erscheinung sollen
+verschönern helfen+. Darum ist Schiller nicht sehnsüchtig, sondern nur
+sentimental, wenn die Erscheinung mit der Idee nicht kongruiert.[59]
+
+Er ist so auch der eigentliche Schöpfer des +Ästhetentums+, das unter
+den modernen Juden die meisten Anhänger zählt: es flüchtet vor aller
+Tiefe, oder heuchelt Tiefe, um den Schein sich retten zu können.
+Schiller ist der eminent +unerotische+ Mensch; und niemand sowenig wie
+er Dichter des Einsamen, niemand so ganz wie er Dichter der Familie.
+Und neben der ungeheueren technischen Routine seiner Werke ist es diese
+verlogene Vergoldung des Philistertums, diese raffiniert-künstliche
+Weihe des Alltagslebens („Die Glocke“), aus dessen Perspektive er alle
+geschichtlichen Erscheinungen erblickt, um sie zum Hintergrunde des
+bürgerlichen Idylls zu machen, welche zu seiner Popularität das meiste
+beigetragen hat.
+
+Hierdurch erst wird das Bild Schillers vervollständigt. Seine
+Philosophie ist so monistisch wie seine Dichtung, seine Weltanschauung
+sowenig tragisch wie seine Tragödien. Er ist der Typus jener Menschen,
+die auf die Gründe des Seins gekommen zu sein glauben, bloß weil
+sie seine Abgründe nie empfunden haben. Schillers Kantianismus ist
+ein pures Mißverständnis; leicht konnte er den Pflichtbegriff ins
+Lächerliche ziehen und die Kantische Ethik dort verspotten, wo sie am
+tiefsten ist. Denn die Resignation der Vernunftkritik verwandelt sich
+bei ihm zur Süffisance der Immanenz, und die teilt er mit dem stets
+positivistisch veranlagten Judentum; nicht ohne Grund war auch er
+Antisemit.
+
+Einen Journalisten durfte ich ihn mit Grund nennen. Denn er ist
+dem Journalismus durch seine Versabilität verschrieben, die ihn in
+„Wallensteins Lager“ goethisch, bald darauf wieder romantisch, nun
+griechisch, nun shakespearisch sein läßt; und daß er gewisse Gedichte
+und vieles aus dem „Tell“ bloß nach Erzählungen Goethes über Italien
+und die Schweiz abfassen konnte, das ist eben der stärkste Beweis
+für meine Meinung, daß er nicht aus eigenstem Erleben heraus singen
+mußte, sondern in raffinierter und affektierter Steigerung anderen,
+was sie geschaut hatten, nachleben konnte. Was ihn aber endgültig zum
+Journalisten stempelt, ist die Rührseligkeit, die von einem tragischen
+Geschehnis schwätzt, wenn ein Mensch auf der Gasse überfahren wird;
+und es ist vor allem eben jene Bindung an den Tag und die Stunde, jene
+Philistrosität, die sich am kosmischesten gestimmt dann fühlt, wenn ein
+Jahrhundertwechsel vor sich geht. In Schiller haßt die journalistische
+Moderne nur sich selbst.
+
+
+Über den Gedankengehalt der Werke Richard Wagners, insbesondere seines
+„Parsifal“.
+
+Noch nie hat eine Kunst das Kunstverlangen irgend einer Zeit so
+völlig zu fesseln und so ganz und gar auszufüllen vermocht, wie die
+Schöpfungen Wagners. Alle Bestrebungen zur Hervorrufung einer neuen
+Literatur, zur Begründung einer neuen Kunst, nehmen sich vor dem, was
+wir in seinen Werken bewundern, wie gemacht und unwahr aus. Daß diese
+gänzliche Befriedigung von so vielen nur bei Wagner gefunden wird,
+entspricht der wohl unbezweifelbaren Tatsache, daß es nie zuvor einen
+Menschen von so ungeheuer gewaltigem Bedürfnis des +Ausdruckes+ gegeben
+hat als ihn. Der ihm hierin am nächsten kommt, ist, wie Wagner selbst
+stets empfunden hat, +Beethoven+; und auch dieser bleibt hier weit
+hinter ihm zurück. Nur darum aber findet beinahe ein jeder bei Wagner
+das, was der +Erfüllung+ am nächsten kommt; denn er hatte selbst den
+höchsten Begriff vom Kunstwerk, den je ein Künstler gefaßt, und die
+größte Forderung an sich gestellt, die je ein Schaffender zu stellen
+gewagt. Die gleiche Vollendung, das gleiche Erfülltsein atmet darum von
+einem gewissen Zeitpunkt an (von „Lohengrin“ bis zum „Parsifal“) alles,
+was er geschaffen; und das Eigentümliche gerade der Wagnerschen Motive
+ist auch musikalisch ein Maximum von +Dichtigkeit+, wenn ich so sagen
+darf; sie sind nie verdünnt, sondern sagen immer +alles+. Die höchste
+Prägnanz und Konzentration und Unwiderstehlichkeit seiner Melodieen,
+die weiteste Entfernung von allem Sauerstoffmangel, das Gegenteil aller
+Luftverdünntheit und Leerheit an Masse, das kennzeichnet die Motive
+Wagners selbst dort, wo er über Bergesgipfeln schwebt und am Gletscher
+sich berauscht und jene Höhenluft atmet, für die niemand soviel Sinn
+hatte, wie er. Ich verstehe zu wenig von der Lehre der Musik, um in
+ihrer Sprache genau bezeichnen zu können, woran dieses Eigenartige
+der Wagnerschen Musik gerade in ihren Melodieen liegt. Wagners Musik
+ist aber eben durch all das eigentümlich, um was sie mehr ist, als
+Mathematik, was sie alles noch ist außer einer Sprache von Raum und
+Zeit; wie hier die ganze +Physik+ des Weltalls +resorbiert+ ist in die
+Mathematik, oder die Mathematik nur zum Mittel der Physik geworden.
+Wagner ist der Mensch mit dem größten Naturempfinden, das je ein
+Mensch besessen hat: Gegen sein „Rheingold“ gehalten verblassen selbst
++Goethes+ Lieder von allem Wasser in Nebel, Wolke und Fluß. Wohl mag
+zu den Sternen Beethoven im Scherzo der neunten Symphonie (das Wagner,
+eben darum, wohl gänzlich mißverstanden hat) ein tieferes Verhältnis
+offenbart haben, als Wagner im „Tannhäuser“, vielleicht +Schubert+ den
+Bach, +Weber+ das Dämonische des Waldes besser verstanden haben; aber
+ein Naturgefühl von solcher Intensität und einem Umfang, der die ganze
+Erde, alles in ihrer Fläche, ihrer Hülle, ihrem Inneren beherrscht, ist
+noch in keinem Menschen in einem Ausmaße verwirklicht gewesen, wie hier.
+
+Aber nicht davon wollte ich sprechen, warum die Wagnersche +Musik+ alle
+anderen Eindrücke der Kunst, selbst +Goethes+ „Faust“ und +Beethovens+
+„Waldstein-Sonate“ und selbst +Bachs+ „Praeludien“ und selbst +Michel
+Angelos+ „Jeremias“ hinter sich läßt. Was ich ernstlich zu zeigen
+versuchen will — nicht weil mir alles außerordentlich erscheint, was
+Wagner geschaffen hat — ist, daß die Wagnersche Dichtung der Tiefe
+ihrer Konzeption nach die größte Dichtung der Welt ist.
+
+Es sind die gewaltigsten Probleme, die je ein Künstler sich zum Vorwurf
+gewählt hat, bedeutender noch als die Probleme des Aischylos und Dante,
+Goethes, Ibsens und Dostojewskys — um von den Problemen Shakespeares zu
+schweigen.
+
+ * * * * *
+
+Motive der Rheintöchter:
+
+„Wagalaweia“-Motiv ist die spielende Unschuld des Paradieses;
+vollkommen +monistisch+, vor dem Sündenfall, ohne Kenntnis des
+Dualismus; voraussetzungsloser, naiver, +überall nur sich selbst
+antreffender, an sich selbst sich freuender Monismus+. (Vor dem
+Sündenfall = Alberichs Aufgeben der Liebe.)
+
+Motiv aus der Götterdämmerung, III. Akt, Anfang:[60]
+
++Motiv der absoluten Trennung.+ Motiv der völligen Loslösung vom
+Absoluten, gleichsam ein Abfinden mit der Einsamkeit und doch eine
+Resignation; wunderbar ist, wie hier die in der Vergangenheit erfolgte
+Schuld doch zugleich als Gegenwart, als Strafe konstatiert wird,
+wunderbar das Verhältnis von Zeit zum Zeitlosen.
+
+Sehnsucht, Wille ist hier nicht mehr; vollkommene Reduktion ist
+eingetreten, vollkommene Abfindung mit dem Sündenfall, schmerzlos
+zugleich und doch überschmerzhaft.
+
+Motiv am Schluß der Götterdämmerung:
+
+Aufnahme des Verlorenen in die Gemeinschaft, Erlösung von der Erbsünde
+und zugleich selig überquellendes +Staunen+ darüber, +daß das Wunder
+sich vollzieht+ (der Ring zu den Rheintöchtern, das Böse zur Lust und
+zum ewigen Lächeln zurückkehrt); +denn das Lächeln ist wohl das Gefühl,
+das sich nach dem Tode (d. h. im ewigen Leben) über das Leben (d. h.
+über allen Tod) am stärksten einstellt.+
+
+ * * * * *
+
+Das Baßmotiv des Orchesters in Tristan, III. Akt, nach jener
+furchtbaren Prostration vor der Schönheit, bei den Worten: „Und
+Kurwenal, wie, du sähst sie nicht?“ u. s. w., ist das größte Motiv des
++Todes+, das je erdacht worden ist. Es liegt darin der scheinbar aktive
+Verzicht auf das Leben, auf die Freiheit, das in Wahrheit schon die
+passive Hingabe und Gefangenschaft ist; das Einswerden des Willens mit
+den Trieben, sein Kapitulieren vor diesen; +es ist Identifikation mit
+dem eigenen Schicksal+, der Punkt, an dem Wille in Trieb, Freiheit in
+Unfreiheit übergeht, sich an sie knüpft, sich ihr übergibt.
+
+
+Zum Parsifal.
+
+Der Mensch empfindet allem Unmoralischen der ganzen Natur, der ganzen
+Geschichte gegenüber eine tiefe Schuld; denn Welt und Mensch sind
+Wechselbegriffe, alles Übel in der Welt ist nur durch den Menschen, mit
+dem Menschen da. Dieses Gefühl ist das Gefühl, das in Jesus Christus
+am lebendigsten war, so lebendig, daß er diese Schuld mit dem Tode
+büßen und die Welt entsühnen wollte, indem er für alle diese Schuld,
+seine Schuld, auch die Strafe erleiden wollte. In ihm ist das Gefühl
+der universellen Verantwortlichkeit, das Gefühl, welches die ganze Welt
+tragen will, die Genialität, der Wille, am größten gewesen.
+
+Jesus erlöst, indem er die Welt von der Schuld erlöst, eben sich, und
+nur sich von der Schuld: das ist der Sinn des Wortes: „Erlösung dem
+Erlöser“.
+
+In Bayreuth wird der „Parsifal“ gespielt, +als ob man ihn dort
+verstünde+; wer Glück mit den Sängern hat, kann dort das einzige
+erleben: eine Vorführung eines Kunstwerkes, bei dem die Darstellung
+nicht +stört+. So stark ist die Nachwirkung Richard Wagners, so
+intensiv hat er den anderen einzuprägen gewußt, was er wollte.
+
+Als besonders großartig habe ich diese Regie im zweiten Akte
+empfunden, in der Szene zwischen Kundry und Parsifal. Gerade wie
+hier die Leidenschaft gedämpft, die Farben nicht dick und doch
+bengalisch-+grell+ sind, die Geberden einfacher, mehr gezeichnet
+als gemimt, ohne Othello-Verzerrungen, gerade das hat mich so stark
+angesprochen. So tritt der symbolische Charakter des Ganzen mit tiefer
+Deutlichkeit hervor.
+
+Wer die Bilder des Buonaventura +Genelli+ (in Berlin und München)
+kennt, wird mich hier am besten verstehen. Die lange Kleidung und
+Schleppe der Kundry, ihre vorgehaltenen Arme und ihr vorgebeugter
+Körper bei der Bitte an Parsifal erinnern an jene Bilder. Wo soviel
+Raum wäre für leidenschaftliche Rufe und Bewegungen, erscheint alles
+gedämpft, gemalt, wie als ein Glasgemälde auf einem Kirchenfenster; das
+Rot brennt und das Grün funkelt; und doch hält der Mensch den Atem an.
+
+ * * * * *
+
+Das Orchester — eine reinste Orgel aus seligster Höhe, nicht aus der
+Tiefe! Woher, fragt der Hörer zitternd? aber .... wohin?
+
+ * * * * *
+
+Die Moralität des Mannes empfindet den Geschlechtsverkehr als Sünde
+(Verwundung des Amfortas durch den Speer).
+
+ * * * * *
+
+Das Weib hat keinen Sinn mehr, wenn der Mann keusch ist; dagegen wehrt
+es sich; es ruft unmerklich das Gefühl zur Mutter in Parsifal wach
+(„wann dann ihr Arm dich wütend umschlang ....“), hält ihm auch die von
+Wagner früher festgehaltene Erlösung des Mannes durch die Liebe als
+Möglichkeit vor.
+
+ * * * * *
+
+Kundry +in+ Parsifal (das „+Sehnen+“ ist’s, das ihn verhindert, zum
+Gral, d. i. zum Sittlichen, Göttlichen zu kommen): das ist der „Fluch
+der Kundry“.
+
+ * * * * *
+
+Das alles stellt Wagner hoch über Goethe, dessen letztes Wort doch nur
+das vom „Ewig-Weiblichen“, die Erlösung des Mannes durch das Weib, war.
+
+ * * * * *
+
+Kundry müßte freilich schon im II. Akte sterben, da Parsifal ihr
+widersteht.
+
+ * * * * *
+
+Die Fußsalbung durch Maria Magdalena. Evang. Joh. 12, 3 ff., 8, 3 ff.
+
+ * * * * *
+
+Parsifal und Klingsor: das Transsexuelle und das Sexuelle im Mann, auf
+2 Personen verteilt.
+
+ * * * * *
+
+Das Weib als Sklavin des +Sexuellen+ im Manne (Klingsor). Vgl.
+„Geschlecht und Charakter“.
+
+ * * * * *
+
+Gral und Speer sind „+verwandt+“, wie Licht und Gravitation, wie das
+Etwas, und sein Spiegel, das Nichts. Das Nichts ist nur der +Reflex+
+des Etwas, und es für real zu halten, das ist der Sündenfall. Diese
+letzte Identität, das Nicht-Sein des Nichts, muß schließlich erkannt
+werden. Auch der Empfindung liegt das Ding an sich zugrunde.
+
+ * * * * *
+
+Klingsor will das Sittliche nicht im Kampfe erobern und behaupten,
+sondern durch Entmannung erzwingen, erreichen (der Asket gewordene
+Verbrecher), um ....... Er fühlt nicht, daß er die Idee des Sittlichen
+damit bereits prostituiert, wenn er sie fertig +haben+ und ihres
+Besitzes sich erfreuen und dann irgend etwas beliebiges anderes tun
+will; er weiß nicht, daß Sittlichkeit ewige Tat, ewige Schöpfung
+ist. Der +Wunsch+, Gott zu =sein=, ist frevelhaft, der Wille, Gott
+zu werden, nur (aktiv) zu sein, einzig gut. Klingsors Wunsch ist
+rein hedonistisch; er will als Gott +Ruhe+ haben vor den eigenen
+Anfechtungen; indes Gott zwar vollkommen ist, aber eben vollkommen als
+vollkommen aktiv, niedertretend dem Bösen gegenüber. Klingsor benützt
+Gott als Mittel zum Zweck, d. h. er bringt ihn in die Zeit.
+
+ * * * * *
+
+Bedenkt man, wie das Bewußtsein seiner selbst am stärksten wird nach
+einer Schuld, so kann als der Sinn der Erbsünde der aufgefaßt werden,
+daß Gott den +Spiegel+, das Nichts, braucht, um seiner selbst bewußt zu
+sein.
+
++Auch Parsifal findet den Gral+ (die Sittlichkeit, das Gewissen) im
+Momente, da er (den Schwan) +tötet+.
+
+ * * * * *
+
+„Suche dir Gänser die Gans“ heißt +heirate+, aber dann steck dir nicht
+das Reich Gottes zum Ziel.
+
+ * * * * *
+
+„Zum Raum wird hier die Zeit“: hierin liegt, recht dunkel freilich, der
+Raum als Symbol der Vollendung. Denn wie Zeit zum Raum, so verhält sich
+das Erdenleben zum Leben nach dem Tode.
+
+ * * * * *
+
+Das Motiv der Blumenmädchen ist das +Flehen um Existenz+. Auftauchen
+eines Irrlichtes aus dem Nichts, und Untertauchen.
+
+Vergessen unsittlich: „Was alles vergaß ich wohl noch?“
+
+ * * * * *
+
+Das Lachen der Kundry geht aufs Judentum. Die +metaphysische Schuld des
+Juden ist+ =Lächeln über Gott=.
+
+ * * * * *
+
+Am Charfreitag, dem Weltentsühnungstag, findet sich von selbst alles
+zusammen.
+
+ * * * * *
+
+Kundry ist Symbol alles nur Sinnlichen, nicht Sittlichen in der Natur;
+mit ihr ist die Natur entsühnt: der Mensch als Erlöser seiner selbst
+ist Erlöser der Welt.
+
+ * * * * *
+
+Alle Schuld als die eigene; Parsifal (Christus) spricht:
+
+ „Welcher Sünden-, welcher Frevel Schuld
+ Muß dieses Toren Haupt
+ Seit Ewigkeit belasten!“
+
+ * * * * *
+
+Tor: Jesus Abneigung gegen das Judentum wird zur Abneigung gegen die
+„Gescheitheit“, zur Erhebung der Einfalt.
+
+ * * * * *
+
+Der Speer ist Symbol des Bösen, Parsifal darf ihn nicht führen.
+
+ * * * * *
+
+Die Welt ist nicht ohne den Menschen; und der Mensch nicht ohne die
+Welt; es gibt keine Welt, in der nicht der Mensch ist.
+
+ * * * * *
+
+Der dumpfe Rest des Gefühles für ein Verhängnis +über+ sich (+Arthur
+Gerbers+ Gedicht „Sie sang“),[61] das sind die Schreie der Kundry im I.
+und II. Akte.
+
+ * * * * *
+
+Dieses Weib, das menschliche Weib, die Dirne (nicht das tierische, die
+Mutter) +haßt+ den Mann schwach, aber es haßt ihn doch; darum haßt
+Kundry dumpf den Amfortas, der ihr zu Willen war, weil er sie auf dem
+Gewissen hat.
+
+ * * * * *
+
+Psychologie des Sakrilegs: Alberich-Klingsor. —
+
+ Wotan-Amfortas. Siegfried-Parsifal.
+
+Umdeutung des Sinnes des Rings aus dem Natürlichen ins Moralische.
+
+
+[57] Fichte war +Prediger+. Man verwechsle das nicht mit Priester.
+
+[58] Wenn man es zu wörtlich nicht nimmt, muß man +Hebbel+ Recht geben:
+„Schiller ist ein Verdienst des großen französischen Kaisers.“
+
+[59] Die Sentimentalität ist noch mehr jüdisch als weiblich; sie ist
+der Weltschmerz der Schmöcke.
+
+[60] Gemeint ist hier die ganze Rheintöchterszene, insbesondere der
+aufsteigende Terzsextengang. (Anmerkung des Herausgebers.)
+
+[61]
+
++Sie sang.+ (Als Manuskript gedruckt.)
+
+ Sie sang ein Lied vom Sturm.
+ Da glühte ihr Auge so düster. —
+ Ein Lied vom Sturm —
+ Wie er wogt und wallt,
+ Die Eiche mit seinen Fängen umkrallt,
+ Sie niederschmettert mit männlicher Macht
+ Und weiterwirbelt und saust — und lacht!
+
+ Sie sang ein Lied vom Sturm.
+ Da glühte ihr Auge so düster. —
+ Ein Lied vom Sturm,
+ Der in Liebesgelüst’
+ Die Felszinne küßt,
+ Sie tändelnd löst —
+ In den Abgrund stößt,
+
+ * * * * *
+
+ Und düster glühte ihr Auge.
+
+
+
+
+Über die Einsinnigkeit der Zeit
+
+und ihre ethische Bedeutung nebst Spekulationen über Zeit, Raum, Wille
+überhaupt.
+
+
+Über rückläufige Bewegungen.
+
+(Vom amechanischen Standpunkte.)
+
+(War ursprünglich als Aufsatz für eine Zeitschrift gedacht.)
+
+Man hat in den geometrischen Gebilden vielfach Symbole einer höheren
+Realität erblickt. Ob der Grund dieser Erscheinung einzig darin gelegen
+ist, daß wir in ihnen eine apriorische Funktion unserer eigenen
+Anschauung, also immerhin etwas mit den Eigenschaften und dem Werte
+aller Apriorität Ausgestattetes wiederfinden, wie dies Kant gelehrt
+hat, oder ob darum, daß wir in ihren Gesetzen nur die der eigenen
+Phantasie entdecken, sie nicht vielmehr aller transzendenten Symbolik
+zu entkleiden geeignet ist, mag dahingestellt bleiben. Ganz einfach
+und allgemein ist die Frage sicherlich mit keiner von beiden Antworten
+erledigt. Das Dreieck z. B. dient seit altersher und auch heute noch in
+der theosophischen Lehre als magisches, mystisches Symbol und erweckt
+sicherlich auch oft im Beschauer, der diese Tradition nicht kennt,
+einen unheimlichen Eindruck, beinahe Furcht. Das Viereck hat von dieser
+Eigenschaft fast gar nichts.
+
+Vielleicht hängt damit auch die merkwürdige Rolle der Dreizahl
+zusammen. Wundt hat in seiner „Methodenlehre der historischen
+Wissenschaften“ (Logik, II/2, 2. Aufl., Leipzig 1895) verschiedene
+Theorieen zusammengestellt, die sich nach seiner Ansicht nur durch
+ihre ganz unbegründete, verwerfliche Neigung zur Trichotomie erklären
+und sich dadurch immer verraten, daß die Wirklichkeit unter dem
+apriorischen Gesichtspunkte der Dreizahl betrachtet und vergewaltigt
+wird. Er führt die dialektische Methode von Fichte und Hegel, Comtes
+„Gesetz“ der religiösen, metaphysischen und wissenschaftlichen
+Menschheit und mehreres andere von sehr ungleicher Bedeutung
+nebeneinander an und (in einem später veröffentlichten Aufsatze „Über
+naiven und kritischen Realismus“, Philosophische Studien 1897) auch
+die Vitalreihentheorie von Avenarius, welche er an ihrem Dreischnitt
+bereits als ein mythologisches Gespinst wiedererkennt — allerdings
+das schlimmste, was dem Ametaphysiker begegnen kann. Es muß aber,
+trotz +Wundt+, einen tieferen Grund haben, daß in allen Märchen,
+Mythen, Sagen die Dreizahl eine so übergroße Rolle spielt (Die drei
+Wünsche, die 3 Gesellen, 3 Strophen des Meistergesanges, 3 Sätze der
+Sonatenform, 3 Zeiten, 3 Nornen, 3 Parzen, 3 Grazien, 3 Weltregenten
+(Zeus, Hades, Poseidon), 3 Unterweltsrichter (bei den Indern Vishnu,
+Indra, Çiva als die 3 Götter), Trilogieform; vgl. August +Pott+, Zahlen
+von kosmischer Bedeutung, Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. XIV,
+1883). Sieben, neun, zwölf, dreizehn werden wohl ausgezeichnet und
+haben doch nicht diese hohe Bedeutung. Wie ärmlich ist hingegen das
+Gefühlsäquivalent, welches der Wichtigkeit der Fünf- und Zehnzahl in
+jenem dekadischen Zahlensystem, in dem wir uns rechnend fortwährend
+bewegen, in uns entspricht! Wie wenig Tieferes empfinden wir in diesen
+Zahlen, die doch in jahrtausendelangem Gebrauch nach biologischer Art
+Zeit genug gehabt hätten, sich in uns zu fixieren, die wir an den
+uns mit so vielen Wirbeltieren gemeinsamen Extremitäten wahrnehmen
+können, ja zumindest als Affen fleißig benutzen durften; während
+für jene anderen Zahlen durchaus kein ebenbürtiges Vorbild in der
+empirischen Wirklichkeit besteht. Es läßt sich vermuten, daß der
+tiefere, unbekannte Grund der Bedeutung der Dreizahl identisch sein
+wird mit der Ursache der Dreizahl der Dimensionen unseres Raumes. Doch
+scheint den Ansprüchen der Dreiheit ein Gefühl zugrunde zu liegen,
+als ob sie vorzüglich die im Absoluten erfolgende Vereinigung der in
+der Erscheinung differenzierten Gegensätze (wie Liebe — Haß, Furcht —
+Glaube, Angst — Hoffnung, Gut — Böse) versinnbildliche.
+
+1 und 3 haben eine Verwandtschaft. Die Dreizahl hat einen
++monistischen+ Charakter; durch sie wird die Eins, die Einheit wieder
+bejaht. Darum sind beide ungerade (durch 2 nicht teilbar): weil sie
++einheitlich+ sind.[62]
+
+Warum ich hierbei länger verweilt habe, wird sich später[63] zeigen;
+jetzt will ich auf ein damit verwandtes Thema, das noch nirgends zum
+Gegenstande einer Frage gemacht scheint, etwas näher eingehen.
+
+Man hat allgemein dem +Kreise+ eine besonders hohe Dignität als
+dem vollkommensten, symmetrischen, ebenen Gebilde zuerkannt.
+Jahrtausendelang hat die Auffassung, die einzige erhabener Gegenstände
+würdige Bewegungsform sei die im Kreise, bestanden und bekanntlich
+noch Kopernikus gehindert, die Planetenbewegung um die Sonne anders
+zu denken als kreisförmig. Daß die Planeten sich kreisförmig bewegen
+müßten, war für ihn, wie für alle seine Vorgänger ein Axiom, an dem ein
+Zweifel in ihm gar nicht aufstieg. Die Erhabenheit der vollkommensten,
+unerschütterlichen Gleichmäßigkeit, jene Empfindung, die in den
+Gesängen der Erzengel des Faust-Prologes, in den großartigsten Versen
+der Welt, zum Ausdruck kommt, liegt offenbar dieser Forderung zugrunde.
+Als Keplers Gesetze Anerkennung fanden, versuchte man durch ein Lächeln
+über die frühere kindliche Auffassung diese zu widerlegen.
+
+Die elliptische Bewegung teilt zwar nicht ganz mit der kreisförmigen
+das Pathos des Gesetzes, die Würde der Launenlosigkeit, dafür aber
+haftet ihr in gleicher Weise wie jener die Eigenschaft an, die hier zum
+Gegenstande der Kritik gemacht werden soll.
+
+Die +rückläufige+ Bewegung ist nämlich die anethische Bewegung κατ’
+ἐξοχήν. Sie ist selbstzufrieden, sie schließt das Streben aus, sie
+wiederholt das Gleiche immerfort, sie ist, moralisch betrachtet,
+schlimmer als der wenigstens +immer+ weiter rückwärts wollende,
+wenigstens +sinnvolle+ Krebsgang. Bloß im unablässigen Streben liegt
+für Goethe wie für Kant das Sittliche. Wie berechtigt die Argumente
+sind, die sich vom Standpunkte dieser einzig freien Ethik gegen jede
+positiv ethische Wertung der Planetenbewegung herleiten lassen, läßt
+sich leicht an einigen vulgären Analogien zu derselben dartun. Sich im
+Kreise drehen ist sinnlos, zwecklos; jemand, der sich auf der Fußspitze
+herumdreht, selbstzufriedener, lächerlich eitler, gemeiner Natur. Der
+Tanz ist eine weibliche Bewegung, und zwar vor allem die Bewegung der
+Prostitution. Man wird finden, daß ein Weib um so lieber, um so besser
+tanzt, je mehr es von der Dirne an sich hat.
+
+Hiermit hängt ferner der Charakter des bayerisch-österreichischen
+Volksstammes, insbesondere des Wieners, zusammen. Seine große Neigung
+zur Tanzmusik ist kein isolierter Zug seines Wesens, sondern in diesem
+tief begründet. Die Kreisbewegung hebt die Freiheit auf und ordnet
+sie einer Gesetzlichkeit unter; die +Wiederholung+ des nämlichen
+wirkt entweder lächerlich oder unheimlich (Robinson). Der Charakter
+des Wieners ist im Ethischen +fatalistisch+ (Lass’ gut sein, Da kann
+man nichts machen); der Fatalismus, ins Intellektuelle übersetzt, ist
++Indifferentismus+; darum ist der Wiener apathisch, „gemütlich“. Der
++Walzer+ ist +die+ absolut +fatalistische+ Musik; aber darum zugleich
+der adäquate musikalische Ausdruck der Kreisbahn.
+
+Das +Ringelspiel+. Zu ihm fühlen sich stets Frauen mehr als Männer
+hingezogen. Die Abneigung des Mannes gegen das Ringelspiel und die
+eigentümliche Beklemmung, welche es erweckt, können höchst intensive
+Grade annehmen. Die wenigsten Männer werden auch, wenn sie zu ihrem
+Ausgangsorte zurückzukehren gezwungen sind, gerne auf derselben Linie
+zurückgehen, die sie auf dem Hinweg eingeschlagen haben — ein Phänomen,
+das durchaus hierher gehört. Nur der unethisch veranlagte Mensch wird
+keinerlei Widerstreben in solchem Falle empfinden. Darum berührt uns
+auch der Gedanke des Wanderers so sympathisch; und darum haben selbst
+die höchststehenden +Frauen+ so gar kein Bedürfnis zu +reisen+. Allem
+Reisen aber liegt +unbestimmte Sehnsucht+, ein +metaphysisches+ Motiv
+zugrunde.
+
+Aus dem gleichen Grunde ist es auch alles eher als eine Befriedigung
+des Unsterblichkeitsbedürfnisses, jene ewige Wiederkunft des Gleichen
+anzunehmen, wie sie pythagoreische und indische Lehren (auch die
+Weltentage des esoterischen Buddhismus) kennen, und wie sie Nietzsche
+wieder verkündigt hat. Im Gegenteile, sie ist fürchterlich: denn es ist
+nur der +Doppelgänger+, zwar nicht in zeitlicher Koexistenz, sondern in
+der +Sukzession+. Der Wille zum (eigenen) Wert, zum Absoluten ist ja
+die Quelle des Bedürfnisses nach Unsterblichkeit. Alles Streben nach
+unendlicher Vervollkommnung wird aber durch nichts so +verhöhnt+, wie
+durch den Gedanken, daß jede Überwindung der Unvollkommenheit uns dem
+Rückfall in deren stärksten Grad zeitlich näher bringt.
+
+Darum ist auch das Gefühl so unheimlich (vgl. die Theorie
+der Furcht), das viele Menschen kennen, +eine neue Situation
+bereits einmal erlebt zu haben+. Man hat in diesem Gefühle ganz
++unsinniger+weise die tatsächliche Basis des Glaubens an die
+Unsterblichkeit gesucht.[64] Unsinnig ist diese Ableitung: denn
+jenes Gefühl ist voll Furcht, weil wir uns in solchem Augenblick
+wie völlig +determiniert+, wie an ein Rad (oder an eine Zykloide)
++gebunden+ vorkommen; der Unsterblichkeitsgedanke +negiert+ aber
+gerade die Determiniertheit durch irgend eine Kausalität von außen,
+er setzt und bejaht etwas, das gerade allein +nicht+ Funktion der
+Zeit ist, er ist der Freiheitsgedanke, der Besieger der +Furcht+,
+Unsterblichkeitsbewußtsein: +höchstes Selbstbewußtsein+.
+
+Kein „ens metaphysicum“ +will+ die drehende Bewegung; der Mensch will
+eine Unsterblichkeit in Freiheit, nicht weil es ein Weltprozeß will;
+ja Unsterblichkeit ist selbst nur ein Teil der Freiheit, +Freiheit+
+(Nicht-Bedingtheit) von der +Zeit+ (Freiheit selbst umfaßt noch mehr:
+ist noch Freiheit vom Raume, Freiheit vom Stoff). Freiheit wird
++negiert+ durch ein +Gesetz+ der Periodizität.
+
+Der Fatalismus, das ist der Verzicht des Menschen, sich selbst je in
++Freiheit+ eigene Zwecke zu setzen, empfängt sein Symbol im Wiener
+Walzer. Die Tanzmusik begünstigt im Menschen die Verabschiedung des
+sittlichen Kampfes, ihre Wirkung ist ein Gefühl der Determiniertheit;
+höheren Menschen ist sie darum ebenso unheimlich und widerwärtig, wie
+die Entdeckung des Robinson, im Kreise herumgegangen zu sein.
+
+Sicher gibt es auch im Leben des Menschen, nicht nur des Weibes,
+sondern auch des Mannes, eine +Periodizität+.[65] Aber nie kommt
+hier +ganz+ der gleiche Zustand wieder. Wenn wir ein mathematisches
+Pendel im luftleeren Raume schwingen sehen könnten, so würde, wenn
+wir von uns, den Beobachtern, absehen, der eine Zustand der äußersten
+Elongation rechts von der Gleichgewichtslage nach einer ganzen
+Schwingungsdauer +wiedergekehrt sein+, und zwar +vollständig als der
+nämliche+. Wir sagen freilich, er unterscheide sich von dem früheren
+(nur) durch eine ganze Schwingungsdauer; d. h. aber, er unterscheidet
+sich von ihm dadurch, daß jener ihm vorangegangen ist; sonst ist hier
+das zeitliche Doppelgängertum durchaus realisiert. Von jenem Vorangehen
+haben wir Kunde durch unser +Gedächtnis+, welches das psychologische
+Werkzeug für die Auffassung der Zeit ist. Es besteht also völlige
+Identität sonst, nur die Zeitmomente sind verschieden. Wir sehen
+hier, daß zur +Zeitmessung+ nur geeignet ist, wem sonst Zeitliches,
+d. h. Veränderung mit der Zeit, nicht anhaftet. Da wir eine solche
+Voraussetzung von den Fixsternen mit noch geringeren Fehlern als von
+irgend einem realen Pendel machen dürfen, benützen wir sie als letzte
+Messer der Zeit.
+
+Die Kreisbewegung ist schließlich auch lächerlich, wie alles bloß
+Empirische, d. h. +Sinn+lose; indes alles Sinn+volle+ erhaben ist.
+
+Damit hängt auch wohl zusammen, daß der Kreis und die Ellipse als
+abgeschlossene Figuren auch nicht +schön+ sind. Der kreisförmige
+oder elliptische +Bogen+, als Ornament, kann schön sein: er bedeutet
+nicht, wie die ganze Kurve, die völlige Sattheit, der nichts mehr
+anzuhaben ist, wie die um die Welt geringelte Midgardschlange. Im
+Bogen ist noch etwas Unfertiges, der Vervollkommnung Bedürftiges und
+Fähiges, er läßt noch ahnen. Darum ist auch der Ring immer Symbol von
+etwas Unmoralischem oder Antimoralischem: der magische Kreis fesselt,
+er raubt die +Freiheit+; der Hochzeitsring fesselt und bindet, er
+nimmt zweien die Freiheit und die Einsamkeit, er bringt statt dessen
+die Knechtschaft und Gemeinschaft. Der Ring des Nibelungen ist das
+Abzeichen des Radikal-Bösen, des Willens zur Macht, und der Ring des
+Zauberers, einmal um den Finger gedreht, +verleiht+ die Macht.
+
+Daß also die Planeten in runden Bahnen laufen, darin vermag, wer
+mit Kant im Progressus, im Kampfe das Sittliche sieht, nur etwas
+Unethisches zu erblicken, etwas vollkommen Moralfremdes. Auch in den
+Planeten finden wir also nicht die würdige Anlehnung für unser Dasein
+als sittliche Wesen. Dieses gewinnt freilich nur noch an Erhabenheit,
+wenn es von allen Einzeldingen der sichtbaren Natur losgelöst wird.
+Wäre also das Sonnensystem speziell ethisch gedacht, so dürfte die
+Bahn eines Planeten nie in sich zurücklaufen. Es dreht sich ja auch
+der Mond, in dem sicherlich nichts irgendwie Ethisches liegt (sein
+intimes Verhältnis zur weiblichen Physis und zum Hunde ist hierfür
+Beweis), in der gleichen Bewegung um die Erde, wie diese um die Sonne.
+Und der Saturn, zu dem der Mensch sicherlich unter allen Planeten in
+der nächsten Beziehung steht, mit seinen Ringen und Monden erscheint
+geradezu als die Summation des Bösen.
+
+Vielleicht gibt es Himmelskörper, die keine rückläufigen Bewegungen
+ausführen, an denen die +Astronomie+ zuschanden wird.[66] Keinesfalls
+aber wird, selbst im Falle der vollen Berechtigung dieser Kritik der
+in sich zurücklaufenden Bahnformen, der gestirnte Himmel, den Kant
+neben das Sittengesetz stellte, nun all seine Majestät zugunsten des
+Sittengesetzes verlieren müssen. Nur soll man in ihm nicht mehr suchen,
+als er tatsächlich psychologisch für uns repräsentiert, das Symbol für
+die +Unendlichkeit+ des Weltalls, deren allein wir uns im Sittengesetze
+würdig fühlen, die allein des Sittengesetzes würdig ist, und seine
+schmerzlose Lichtseligkeit.
+
+
+Das Zeitproblem.
+
+Alle jene Phänomene der Neigung und Abneigung, der Bejahung und
+der Furcht finden ihre Zusammenfassung in der =Einsinnigkeit der
+Zeit=. Diese besteht darin, daß die reale Gegenwart zwar zur realen
+Vergangenheit, aber nie zur realen Zukunft wird: oder, wie man auch
+sagen könnte, darin, daß die Zeit sich nur in der Form entwickelt,
+daß das Quantum der Vergangenheit immer größer, das der Zukunft immer
+kleiner wird, nie umgekehrt. Nur +ideale+ Gegenwart kann zur +realen+
+Zukunft werden: indem ich etwas +will+, +schaffe+ ich Zukunft.
+
+Man hat über den tieferen Grund der Einsinnigkeit der Zeit, ihres
+Vorschreitens nur in einem Sinne, ihrer Nicht-Umkehrbarkeit viel
+nachgedacht, aber nur Unsinn zutage gefördert.
+
+Die Einsinnigkeit der Zeit ist mit dem Welträtsel (dem Rätsel des
++Dualismus+) das tiefste Problem im Universum, und es ist nicht zu
+wundern, daß die hervorragendsten Denker der Welt — Plato, Augustinus,
+Kant, Schopenhauer — +darüber+ sämtlich geschwiegen haben, auch dort,
+wo sie mit der Zeit selbst sich beschäftigten. Und doch hätte vor
+allem Kant nicht schweigen sollen; denn wenn die Zeit nur apriorische
+Anschauungsform ist, ohne Bedeutung für die Dinge an sich selbst, so
+bleibt das Rätsel eines Sinnes, einer Richtung der Zeit drückender
+als zuvor. Auf einer geraden Linie mag ich hin und her spazieren; und
+der Zeit, die doch als eine Gerade vorgestellt wird, +fehlt+ diese
+Eigenschaft. Die Einsinnigkeit der Zeit, d. h. das Nie-Wiederkehren des
+Vergangenen, ist aber der Grund aller jener besprochenen Phänomene des
+Widerstrebens gegen rückläufige, drehende Bewegungsformen. Diese Form
+der Bewegung ist, wie sich herausstellte, =unethisch=.
+
++Daß die Zeit einsinnig ist, dafür muß demnach der Grund im+
+=Moralischen= +liegen+.
+
+Um so schneidender empfinden wir den Widerspruch im Kantischen System:
+wenn die Zeit einen Sinn hat, so muß, sei sie noch so sehr Form bloßer
+Erscheinung (und das ist sie sicher), doch ein Zusammenhang zwischen
+ihr und dem intelligiblen, ethischen Grunde der Welt bestehen.
+
+Daß die Einsinnigkeit der Zeit ein Ausdruck der Ethizität des Lebens
+ist, darauf weist vieles hin. +Es ist unsittlich, zweimal dasselbe
+zu sagen+: wenigstens empfindet der Mensch, der an sich die höchste
+sittliche Anforderung stellt und sich verloren weiß, wenn er nicht ihr
+gehorcht, es so.
+
+So hat es auch Christus empfunden: es ist die tiefste und zugleich die
+strengste (an Strenge noch über Kant hinausgehend) sittliche Vorschrift
+des Evangeliums in dem nie beachteten Worte (Evang. Matth. 10, 19)
+enthalten: Sorget nicht, was Ihr sagen werdet, wenn man Euch fragt,
+sondern sprechet, was Euch der Geist eingeben wird. (Μὴ μεριμνήσητε πῶς
+ἢ τί λαλήσητε δοθήσεται γὰρ ὑμῖν ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ τί λαλήσετε.)
+
+Denn: sage ich, was ich mir vorgenommen habe zu sagen, so streiche ich
+die Zeit, die zwischen jenem Augenblick der Überlegung und dem neuen,
+der die Handlung erfordert, liegt; ich begehe eine Lüge gegen den neuen
+Augenblick, setze ihn nämlich als identisch mit dem früheren; und
+bin damit zugleich determiniert, indem ich mich durch einen früheren
+Augenblick, durch empirische Kausalität, determiniert habe. Ich handle
+nicht mehr +frei+, aus dem Ganzen meines Ich heraus, suche nicht mehr
++neu+ das Richtige zu finden; und bin doch wirklich ein anderer als in
+jenem früheren Moment, zumindest um jenen +reicher+; und nicht mehr
+ganz identisch mit dem früheren.
+
+Unethisch ist es, die =Vergangenheit= ändern zu wollen: Alle +Lüge+
+ist +Geschichtsfälschung+. Man fälscht zuerst seine eigene Geschichte,
+dann die der anderen. Unethisch, die +Zukunft+ =nicht= ändern zu
+wollen, sie +nicht+ anders, besser als die Gegenwart, d. h. +nicht+
+=schaffen= zu wollen. +Wolle!+ so könnte der kategorische Imperativ
+formuliert werden. Das Phänomen der +Reue+ verbindet beides (es ist
+der eigentliche Ausdruck der Einsinnigkeit der Zeit): Es +bejaht+ die
+vergangene Schuld, aber als +Vergangenheit+ und +verneint+ sie als
++Zukunft+, d. h. es setzt ihr den Willen zur Besserung in der Zukunft
+entgegen.
+
+Die Zukunft ist noch nicht wahr, die Vergangenheit ist wahr. Die Lüge
+ist +Machtwille über die Vergangenheit+, der sie keine Freiheit oder
+Existenz schenken kann, weil die Gegenwart gleich unfrei, gleich tot
+ist. In der Gegenwart berühren sich Vergangenheit und Zukunft; sie ist
+das, was der Mensch =kann=; über die Vergangenheit hat er keine Macht
++mehr+ und über die Zukunft noch keine. Wenn Ewigkeit und Gegenwart
+eins geworden sind, dann ist der Mensch Gott geworden, und Gott ist
++allmächtig+.
+
+Die Lüge also, als unethisch, ist +Umkehrung+ der Zeit: Indem der
+Änderungswille hier auf die Vergangenheit statt auf die Zukunft sich
+erstreckt. Alles Böse aber ist Aufhebung des Sinnes der Zeit: Verzicht
+darauf, Verzweiflung daran, dem Leben einen Sinn zu geben.[67]
+
+Der Wille des Menschen schafft die Zukunft: Der Mensch nimmt die Zeit
++voraus+, indem er beschließt; und er nimmt die Zeit +zurück+, indem
+er bereut. Im +Willen+ des Menschen, der stets Wille zur Ewigkeit ist,
+wird die Zeit =zugleich= +gesetzt+ und +verneint+.
+
++Die Einsinnigkeit der Zeit ist sonach identisch mit der Tatsache, daß
+der Mensch zutiefst ein wollendes Wesen ist.+ =Das Ich als Wille ist
+die Zeit.=
+
+Das realisierte Ich wäre Gott; das Ich auf dem Wege zur
+Selbstrealisierung ist Wille.
+
+Der Wille ist etwas zwischen Nichtsein und Sein; sein Weg geht vom
+Nichtsein zum Sein (denn aller Wille ist Wille zur Freiheit, zum Wert,
+zum Absoluten, zum Sein, zur Idee, zu Gott; „Geschlecht und Charakter“,
+1. Aufl., S. 578). Daß das +Sein+ noch +nicht ist+, das +Nicht-Sein+
+noch +ist+, das ist der Grund, warum die Zeit wirklich ist; daß das
++Sein+ =wird=, das ist der Grund ihrer Einsinnigkeit und deren tiefere,
+wesenhaftere Bedeutung.
+
+Hiermit wären die aufgeworfenen Fragen beantwortet.
+
+Die Einsinnigkeit der Zeit ist somit identisch mit der Tatsache der
+Nichtumkehrbarkeit des +Lebens+, und das Zeiträtsel identisch mit dem
+Rätsel des +Lebens+ (obschon nicht mit dem Rätsel der Welt). +Das Leben
+ist nicht umkehrbar+; es gibt keinen Rückweg vom Tode zur Geburt. =Das
+Problem der Einsinnigkeit der Zeit ist die Frage nach dem Sinn des
+Lebens.=
+
+In dieser Einsinnigkeit der Zeit liegt der Grund dafür, daß unser
+Unsterblichkeitsbedürfnis nur auf die Zukunft (nicht auf das Leben
+vor unserer Geburt zurück) sich erstreckt. Deshalb interessiert uns
+wenig unser Zustand vor der Geburt, gar sehr aber jener nach dem
+Tode. Und wäre die einsinnige Zeit nicht dasselbe wie der Wille, so
+könnte ja der Wille zurückwollen und Vergangenheit ändern (nach dem
+Worte Nietzsches: „Was aber ist des Willens größter Schmerz? Daß er
+über die Vergangenheit nicht gebieten kann“). Der Wille müßte nicht
+Wille sein und der Satz der Identität wäre aufgehoben, wenn der Wille
+Vergangenheit ändern +wollte+ oder +könnte+; denn eben, daß er Wille
+ist, darin liegt die Kluft zwischen Vergangenheit und Zukunft und ihr
+ewiger Unterschied ausgesprochen. Der Wille ist etwas Gerichtetes und
+seine Richtung ist der Sinn der Zeit. Das Ich verwirklicht sich selbst
+als Wille, d. h. es erlebt, entfaltet sich in der Form der Zeit: Die
+Zeit ist die Form der inneren Anschauung, wie Kant dies gelehrt hat.
+
+Aller Wille will Vergangenheit als +Vergangenheit+; und nur der
+Verbrecher, der nicht mehr den Blick nach Gott will, sondern nach
+unten sinkt, lügt, d. h. +mordet+ Vergangenheit; +die Umkehrung der
+Zeit ist das Radikal-Böse, und die Furcht vor dieser Umkehrung ist die
+Furcht vor dem Bösen+.
+
+Der Wille setzt die Zeit und verneint sie (darum erwacht man, wenn man
++will+, erwacht das Medium, wenn der Hypnotiseur +will+); in ihm ist
+das Sein Gottes und des Nichts, in ihm der Dualismus in der Welt am
+deutlichsten ausgesprochen. So ist das Problem des Willens zugleich das
+tiefste Problem der Welt und eins mit diesem.
+
+Psychologisch ist „die Zeit“ die Zeit, in der wir leben, „die Zukunft“
+die Zeit, die +wir+ noch erleben werden. Die formale, transzendentale
+Zeit hört aber mit dem physischen Tode nicht auf, sondern erstreckt
+sich über die Individuen hinweg. Sie wird eben gesetzt vom Ewiglebenden.
+
+Warum der Mensch geboren wird, um zu sterben, warum der Wert (das
+Ich) Wille wird, warum das Absolute sich an ihm +im irdischen Leben+
+realisiert, d. h. +warum+ die Zeit +einsinnig+ ist, das ist die Frage
+nach dem Sinn des Daseins, und nicht durch das Wort, sondern nur durch
+die Tat zu lösen. Sie ist aber identisch mit der Frage, mit dem Sinn
+der Einsinnigkeit der Zeit.
+
+„Man lebt nur einmal“, das gilt nicht nur vom Ganzen, sondern auch von
+jedem einzelnen Moment.
+
+Weil Furcht die Kehrseite des Willens zum Wert ist, bezieht sie sich
+auf das, was geschehen wird, nicht auf das, was geschehen ist, obwohl
+ihr Grund immer in der Vergangenheit zu suchen ist (ebenso bei ihrem
+Gegenteile: der +Hoffnung+). Die Furcht ist so ein guter Ausdruck der
+Einsinnigkeit der Zeit; die Schuld, aus welcher sie entspringt, ist
+vergangene Zeit; die Strafe, vor der ihr bangt, ist kommende Zeit.
+
+Der Glaube hingegen geht aufs +Zeitlose+. Aufs Zeitlose beziehen sich
++Mut+ und +Glaube+, auf die Einsinnigkeit der Zeit (ihren einzigen
+Wertbestandteil, die doch sonst das Wertlose an sich ist) +Hoffnung+
+und +Furcht+.
+
+Die Zukunft ist das, was durch den Willen geschaffen wird; nur der
+Wollende hat Zukunft. +Darum lebt der Mensch solange, als er noch
+irgendwie+ =will=, zum Wert hinauf =will=, als er noch zwischen Sein
+und Nichtsein steht, und die Menschen sterben im Momente, da sie
+sich völlig entfaltet haben: entweder ihr Wille am Ziele angelangt,
+Wert geworden ist, d. h. der Mensch Gott oder Engel geworden ist;
+oder wenn der Wille (und die Hoffnung) am Ziele angekommen und damit
+auch die Fähigkeit dazu gänzlich erloschen ist: ein Mensch, der gar
+keinen Willen zum Wert (also gar auch keine Furcht) mehr hat, stirbt
+ebenfalls. +Der vollkommene Verbrecher kann als Mensch nicht leben+ —
+denn der +Mensch+ hat noch immer Möglichkeit zu +sein+, so lang er lebt
+— darum +stirbt+ der vollkommen böse gewordene Verbrecher, +und darum
+ist es so wahrscheinlich, daß er Tier oder Pflanze wird+, und daß die
+Inder Recht haben, wenn sie vor allem Lebenden deswegen sich scheuen.
+
+Darnach also ist die Lebensdauer des Menschen zu bestimmen. Wagner
+hatte den Parsifal vollendet, und nicht mehr die Absicht, noch zu
+schaffen; was er je +wollte+, hatte er zu wirken vermocht. Ebenso
+war Goethes eigentlichste Lebensarbeit der Faust, und er betrachtete
+selbst die wenigen Tage als geschenkt, die er nach seiner Vollendung
+noch lebte. Die Antizipation einer extensiv-großen Zukunft kann auch
+Hoffnung genannt werden: +der Mensch lebt solang als er hofft+.
+
+Der +Spieler+ ist der Mensch, der Hoffnung am notwendigsten hat, weil
+er an der Furcht am stärksten leidet. Er ist stets ein Desperado.
+
+Bei +Rossini+ hingegen scheint mir — ich glaube ihm nicht Unrecht zu
+tun — ein umgekehrter Prozeß vor sich gegangen zu sein. Er hat große
+Versuche zweimal gemacht („Barbier“ und „Tell“), schließlich aber
+aufgehört zu wollen; sein Gesicht als alten Mannes ist von frecher,
+fetter Sinnlichkeit.
+
+Bei den +weiblichen+ Schriftstellerinnen, Künstlerinnen u. s. w. ist
+auffallend, daß keine eine +Entwicklung+ hat, keine einem Kunstideal
+nachstrebt und allmählich näher kommt. Die Frauen haben keine
+Entwicklung; weil sie keinen Willen zum Wert haben: Hiermit ist das
+begründet, was ich einmal („Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S.
+382) allzu abgerissen behauptet habe: +daß für die Frauen die Zeit
+nicht gerichtet ist+.
+
+Ist somit die Zeit das Ich als Wille, so fragt es sich noch, was ist
+der Raum, die andere Form der Erscheinung und wie verhalten sich die
+beiden?
+
+Die +Bewegung+ ist es, die hierauf Antwort gibt; in ihr vereinigen sich
+in rätselhafter Weise Raum und Zeit. Die Zeit ist die Art, in welcher
+der Raum einzig durchmessen werden kann; es gibt keine Fernwirkung. Sie
+ist aber auch die einzige Form, in welcher das Ich (Gott im Menschen)
+sich findet.
+
++Der Raum ist also eine Projektion des Ich+ (aus dem Reich der Freiheit
+ins Reich der Notwendigkeit). Er enthält im Nebeneinander, was nur im
+zeitlichen Nacheinander erlebt werden kann. Der Raum ist symbolisch für
+das vollendete, die Zeit für das sich wollende Ich. Darum scheint der
+Raum +erhaben+, die Zeit nicht.
+
+Das Ich aber ist die Synthesis des Alls, die Einheit aller Gegensätze
+und darum, von wegen der synthetischen, vollendenden Bedeutung der
+Dreizahl,[68] die drei Dimensionen des Raumes.
+
+Darum ist die Bewegung, die Projektion des Willens, ein sichtbarer,
+körperlicher Ausdruck (Muskelkontraktion), und Schopenhauer ein wenig
+gerechtfertigt, der beide gar identifiziert. Der Trieb stellt nur die
+Erscheinung des Willens im niederen Leben dar; darum ist auch das Leben
+der Tiere und Pflanzen noch einsinnig, weil sie nur symbolisch sind für
+menschliches Leben.
+
+Der Wille (die Enge des Bewußtseins) ist die Form der Bewegung des
+Psychischen: die Enge des Bewußtseins, solange es noch irgend eng ist,
+und nicht alle Ewigkeit in sich resorbiert hat, =ist= ja die Tatsache
+der Zeit; und es werden hier als zwei Tatsachen ausgegeben, was eins
+und dasselbe ist.
+
+Darum ist der +Körper räumlich+ und entsprechen seine Achsen den
+Raumachsen; weil er die Projektion des Ich, seine Erscheinung ist.
+
+Wie im Reiche der Natur, das ist im Reiche der Gesetzlichkeit, der
++Funktionalität+, der Raum, +das überall qualitativ Gleiche+, in der
+Zeit durchmessen wird — +Bewegung+ — d. h. wie die +Vielheit der
+Raumpunkte die Zeit+ =ist=; so enthalten im Reiche des Geistes, dem
+Reiche der Freiheit, des Nicht-irgendwie-noch-abhängig-Variablen, die
+vielen diskreten Momente des individuellen Lebens immer das ganze
+zeitlose Ich, den Charakter (nur jetzt in umfangreicherer, dann in
+beschränkterer Bewußtheit). Dieses Enthaltensein des Ich in jedem
+Momente des Lebens ist +identisch+ mit der Tatsache der Freiheit.
+
+Diese doppelte Erscheinungsform des Ich als Raum und als Zeit ist der
+tiefste Grund dafür (was man nie noch ganz begriffen, worüber man
+sich mit Zeno wundert), daß Geometrie auf Arithmetik, Arithmetik auf
+Geometrie angewendet werden kann: weil Raum und Zeit nur verschiedene
+Erscheinungen +eines und desselben+ sind.
+
++Das Leben ist eine Art Reise+ =durch den Raum des inneren Ich=,
+eine Reise vom engsten Binnenlande freilich zur umfassendsten,
+freiesten Überschau des Alls. Alle Teile des Raumes sind qualitativ
+ununterschieden, in allen Momenten des Lebens steckt (potentiell) der
+ganze Mensch. Zeit ist Vielheit, aus vielen Einheiten zusammengesetzt;
+Raum ist +Einheit+, aus Vielheit zusammengesetzt (Symbol des
+einheitlichen Ich).
+
+=Das Unbewußte ist die Zeit=, beides =eine= Tatsache.
+
+Die Melodie entspricht der Zeit (die einzelnen Töne konstituieren
+den Rhythmus), die Harmonie dem Raum (geometrisches Verhältnis der
+Schwingungszahlen; Harmonie der Sphären). Darum wird die Melodie durch
+eine Linie dargestellt. Musik ist die Mathematik im Reich der Freiheit
+(vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 326).
+
+Licht — Raum (Auge mit Fixations+punkt+).
+
+Schall — Zeit (Gehörssinn ohne „Lokalzeichen“).
+
+Ich kehre zum Thema zurück:
+
+Wäre der Mensch anethisch, wie die drehende Bewegung, so könnte er
+nicht im Morgen etwas anderes sehen, als im Heute, das neue Jahr nicht
+unterscheiden vom alten, sich entwertet fühlen und Furcht empfinden,
+wenn er sich auf einem früheren Punkte wiederfindet, wie Robinson, oder
+wie eine Gestalt Tolstois (in seiner hervorragendsten Erzählung „Herr
+und Knecht“). So sehr es zum Lächeln reizen mag, wenn der Spießbürger
+in der Sylvesternacht von der Zeitung auf die Zeit zu reflektieren
+beginnt: es liegt doch darin ein gewisses kosmisches Gefühl, ein Gefühl
+für Vergangenheit und Vergänglichkeit, der eine hoffnungsvolle Zukunft
+entgegengesetzt wird.
+
+Alle Drehung aber ist Aufhebung der Zeit, sie wird als Wiederholung
+ja auch nur erkannt und bewertet durch unsere bloß einsinnige
+Zeitanschauung, die Bedingung aller Eindeutigkeit, aller +Wahrheit+
+ist: wir würden im anderen Falle allen Halt verlieren. Während die
+Erde, auf der wir leben, fortwährend kreist und kreist, bleibt der
+Mensch unberührt vom kosmischen Tanze. Sein Geist ist nicht mit dem
+ganzen Systeme mechanisch verbunden; frei blickt er hinaus und gibt
+oder nimmt dem Schauspiel seinen Wert.
+
+
+Anhang.
+
+Ich will noch zwei musikalische Motive hier besprechen, welche in
+Beziehung zu dem Probleme stehen.
+
+1. Die Melodie des Hirten, Tristan und Isolde, III. Akt, drückt die
++sinnlose Zeit+ aus, +als wäre die Zukunft nicht etwas, was der
+Vergangenheit entgegengesetzt wird+. Das +ewige Einerlei+ soll sie ja
+auch nach der Absicht Wagners bezeichnen.
+
+2. Das Hauptmotiv der „Appassionata“ ist das Motiv des +Menschen+ (als
+des Wesens mit dem Willen zum Wert), +das größte Motiv zwischen Sein
+und Nicht-Sein+. Sein aufsteigender Teil ist die Liebe, die Sehnsucht
+nach dem Wert, nach der Reinheit.
+
+Sein zweiter, absteigender, +abfallender+ Teil drückt das
+Zurückgeschlagenwerden, das Erfolglose, Unglückliche aller Versuche
+aus, sich dem Wert zu nähern: das ewige Zurückfallen in die
+Sinnlichkeit. Alles Schicksal, alles Unbewußte, alle Vergangenheit und
+Zukunft neben der Gegenwart, +alles, worüber der Mensch keine Macht
+hat+, liegt in diesem zweiten Teile.
+
+Der +sieghafte+ Schluß des dritten Satzes bringt nur mehr den ersten,
+nicht mehr den zweiten Teil: die erfolg+reiche+ Annäherung an den Wert,
+die Vereinigung mit ihm.
+
+Das Motiv ist das größte Motiv der Einsinnigkeit der Zeit.
+
+
+[62] Der Dritte spricht das ausschlaggebende, versöhnende, letzte Wort;
+die dritte Göttin, die dem Paris erscheint, ist die eigentlich schöne
+u. s. w.
+
+[63] S. 107.
+
+[64] Vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 162, 517.
+
+[65] Vgl. „Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 64 f., 135 f.
+
+[66] Aber auch die Bewegung in der Spirale ist, trotz Goethe, keine
+eminent sittliche.
+
+[67] Ein eminent unethisches Gefühl, weil nur dadurch wirklich zu
+definieren, daß die Einsinnigkeit der Zeit in ihm aufgehoben erscheint,
+ist die +Langeweile+.
+
+[68] Die dialektische Methode; vgl. bes. S. 97 f.
+
+
+
+
+Metaphysik.
+
+(Enthaltend die Idee einer universellen +Symbolik+, Tierpsychologie
+[mit ziemlich vollständiger Psychologie des +Verbrechers+] etc.)
+
+
+Metaphysik.
+
+Was ich hier als Metaphysik darlegen will, deckt sich nicht mit dem
+gewöhnlichen Begriffe von einer solchen. Ich untersuche hier nicht
+Sein und Nicht-Sein und trachte nicht, beide voneinander zu scheiden.
+Seit Kantens Auftreten scheint es geboten, solche Untersuchungen
+nach einer anderen als der metaphysischen, nach der Methode der
+Transzendentalphilosophie auszuführen; es ist ihnen durch diese eine
+große Strenge, Reinheit und Sicherheit gewährleistet. Vielleicht
+besteht daneben auch noch die introspektiv-psychologische Methode zu
+Recht, wenn der Psychologe selbst nur tief genug ist; aber absolut, wie
+ein Musikstück, darf sich die Metaphysik nicht mehr entwickeln.
+
+Was ich hier im Sinne habe, hätte ich auch +Symbolik+, universelle
+Symbolik nennen können. Denn nicht auf das Ganze, sondern +auf die
+Bedeutung alles einzelnen im ganzen+ kommt es mir an. Was das Meer,
+was das Eisen, was die Ameise, was der Chinese bedeuten, die +Idee+,
+die sie repräsentieren, aufzudecken, darauf gehe ich aus. Und insofern
+ist dieses Unternehmen das erste in seiner Art. Es soll die ganze Welt
+umspannen, und den tieferen Sinn der Dinge bloßzulegen, im eigentlichen
+Sinne zu erklären trachten. Es ist diese Metaphysik darum nicht nur
+Metaphysik, sondern auch Metachemie, Metabiologie, Metamathematik,
+Metapathologie, Metahistorie u. s. w. Das Unternehmen ist so groß, so
+gewaltig, daß ein Einzelner seine Kräfte daran ins Ungemessene wird
+wachsen lassen können.
+
+Der Grundgedanke und die Voraussetzung des Buches, die Basis, auf
+der +alles+ Folgende ruht, ist die Theorie vom Menschen als dem
++Mikrokosmus+. Da der Mensch zu allen Dingen in der Welt ein Verhältnis
+hat, so müssen alle Dinge derselben schon in ihm irgendwie vorhanden
+sein. Mit diesem Gedanken des Mikrokosmus macht nun dieses Buch zum
+ersten Male ernst: +Das System der Welt ist ihm identisch mit dem
+System des Menschen.+ Jeder Daseinsform in der Natur entspricht eine
+Eigenschaft im Menschen, jeder Möglichkeit im Menschen entspricht etwas
+in der Natur. So wird die Natur, alles Sinnliche, Sinnenfällige in der
+Natur +gedeutet+ durch die +psychologischen+ Kategorieen +im+ Menschen
+und nur als Symbol für diese betrachtet.
+
+Die erkenntnistheoretische Berechtigung dieses Unternehmens darzutun,
+würde sofort in die verwickeltsten, schwierigsten Probleme führen;
+für seinen Wert und sein Wohlbegründetsein muß es im Laufe seiner
+Entwicklung die überzeugendsten Beweise selbst liefern. Nur soviel ist
+zu bemerken: Der Sinn des Unternehmens ist ganz im Einklang mit der
+Thesis alles philosophischen Idealismus, daß wir nur Erscheinungen
+und nicht „Dinge an sich selbst“ in den Gegenständen der Außenwelt
+vor uns haben. Daß hier diese sinnliche Erscheinung als Symbol einer
+psychischen Realität angesehen wird, einer psychischen Realität noch
+dazu, welche +Erfahrung im Menschen+ ist, das freilich ist etwas,
+das über jene allgemeinste idealistische Anschauung hinausgeht, und
+speziell einer Lehre des vollendetsten idealistischen Systemes,
+einer Lehre Kantens, zuwiderläuft. Es gab, wenn ich die persönliche
+Bemerkung machen darf, für mich eine längere Zeit, wo ich an der
+ganzen theoretischen Philosophie Kantens den Gedanken, daß auch
+die psychischen Phänomene nur Erscheinungen seien, ganz so wie die
+physischen, für den größten und genialsten Gedanken Kantens ansah.
+Später wurde ich hierin bedenklicher, vor allem durch moraltheoretische
+Erwägungen geleitet. Die Anschauung, welche diesem Buche zugrunde
+liegt, ist die einer größeren Realität der psychischen als der
+physischen Phänomene; wenn ich einstweilen auch noch außerstande
+bin, diese Grundvoraussetzung systematisch und methodisch vollkommen
+begründen oder einordnen zu können.
+
+Die Gedanken, die ich im folgenden zu einem solchen +System der Welt+
+entwickle, sind nur wenige an der Zahl. Aber sie lassen den Grundriß
+des Ganzen wenigstens ahnen; und wenn ich nicht die Möglichkeit für
+mich sollte erlangen können, den Bau selbst zu Ende zu führen, so
+beanspruche ich für mich doch außer dem einzelnen Folgenden auch den
+Ruhm, als erster ihn gedanklich konzipiert zu haben.
+
+Das erste, was mich zum Nachsinnen führte, war das Phänomen der
+Tiefseefauna, über die ich einiges wenige hörte und las (was in mir den
+Wunsch erregte, in Neapel selbst weiteres hierüber zu studieren).
+
+Es kam mir (Frühling 1902) der Gedanke, daß die +Tiefsee+ in einer
+Beziehung zum +Verbrechen+ stehen müsse. Und daran glaube ich auch
+heute im allgemeinen festhalten zu können. Die Tiefsee hat keinen Teil
+am +Licht+, dem größten Symbole des höchsten Lebens; und so muß auch,
+was den Aufenthalt dort wählt, lichtscheu, verbrecherisch sein. Die
+Polypen und Kraken können, wenn sie Symbole sind, jedenfalls nur als
+Symbole von Bösem betrachtet werden.
+
+Im Laufe des folgenden Sommers und Herbstes entwickelte sich hieraus
+immer klarer der Plan zu einem Unternehmen, von dem ich nur ganz wenige
+aus der ungeheuren Zahl der Aufgaben, die es in sich schließt, bisher
+ausführen konnte, der Plan zu einer
+
+
+Tierpsychologie
+
+in einem ganz anderen Sinne als bisher (Romanes, Schneider).
+
+Jenes Tier, dessen Bedeutung mir am klarsten wurde, ist der +Hund+. Ich
+weiß nicht, ob der Hund das Symbol =des= +Verbrechers+ =überhaupt= ist;
+aber das Symbol +eines+ Verbrechers ist er.
+
+Hier bedarf es freilich einer Aufklärung über das =Wesen des
+Verbrechers=.
+
+Der Verbrecher ist derjenige Mensch, welcher den Sündenfall fortwährend
+begeht und immer weiter +fortsetzt+, =ohne Bemühung=, über ihn
+hinauszukommen. Das irdische Behagen geht ihm über alles, und er ist
+auch der einzige Mensch, der sich nicht eigentlich unglücklich fühlt —
+obwohl er, in tieferem Sinne, und auch wie seine Handlungen bezeugen —
+sicher der unglücklichste Mensch +ist+.
+
+Der gute Mensch fällt, wird geboren, aber er fühlt sich danach auch
+sein ganzes Leben lang mit Schuld belastet und hat in sich nie Grund
+zu Zufriedenheit oder Hochmut. Er braucht sein ganzes Leben, um wieder
+aus der Unfreiheit zur Freiheit zu gelangen; diesen Sinn gibt er
+seinem Leben. Der Verbrecher hingegen hat nicht diesen +Willen zum
+Wert+; in ihm geht eine kontinuierliche Desorganisation vor sich bis
+zu seinem Ende, er zerfällt in Stücke und löst sich am Schlusse wohl
+in materielle Atome auf: Er ist der Mensch, der wirklich +stirbt+.
+Der Verbrecher lebt sein ganzes Leben ohne eigentliche „Einheit des
+Bewußtseins“, ohne kontinuierliches einheitliches Ich, das um alles
+weiß, was es tut, sich alles zurechnet; der Verbrecher +zerfällt+
+(die Verbrechen, die er begeht, sind die letzten Mittel, um sich
++zusammenzuhalten+).
+
+Der Verbrecher hat keinen +Willen+ zum Wert oder, was dasselbe ist,
+keinen +Willen+, er kehrt sich immer mehr dem Nichts zu, versinkt
+in Nacht und Hilflosigkeit. Der Verbrecher +entsteht+ durch einen
+unbegreiflichen spontanen Akt des +Verzichtes+ auf den individuellen
++Wert+.[69] Ein Willensphänomen ist das Urteil; der Verbrecher urteilt
+nicht, auch an der Erkenntnis ist ihm nichts gelegen, auch das
+intellektuelle Gewissen mangelt ihm. Alles Urteilen ist Werten: Der
+Verbrecher wertet nicht, er wertet auch sich nicht, denn er sucht kein
+Ich zu behaupten, das über seinen psychischen Geschehnissen stünde:
+Er ist +ohne Selbstbeobachtung+ und lebt +unbewußt+. Da er nichts
+wertet, nichts beurteilt, so wertet er auch sich nicht, beurteilt sich
+nicht mehr; der Freiheit des Urteilsvermögens hat er sich begeben;
+und darum +erwartet+ jeder Verbrecher sein Urteil, das Urteil über
+sich selbst, +von jemand anderem+ gefällt, zu hören; jedes Urteil, das
+ihm von anderer Seite wird, nimmt er hin, auch gegen das +Todesurteil
+revoltiert+ er psychisch gar nicht mehr: denn er hat sich des höheren
+Lebens, der Maßstäbe dessen, ob ihm, ob überhaupt Recht oder Unrecht
+geschieht, begeben. Er hat die Angst des Tieres vor dem unmittelbar
+bevorstehenden körperlichen Tode und wird diesem zu entgehen trachten,
+aber nicht, weil er vom Unrecht seiner Richter überzeugt wäre.
+
+Weil er auf alles +Wollen+ verzichtet hat, darum ist der Verbrecher
+stets Fatalist und der wirkliche Fatalist immer ein Verbrecher
+(natürlich oft ohne es zu wissen; der Verbrecher +weiß+ ja doch nie,
+daß er Verbrecher ist; er fühlt es nur dumpf).
+
+Das kommt eben damit überein, daß der Verbrecher sein Urteil von
+anderswo erwartet; daß er auf den freien Willen verzichtet hat, ist
+dasselbe, wie daß er auf die +Autonomie+ verzichtet hat: er benützt
+sich selbst bereits als Mittel zum Zweck. Würde er noch wollen, so
+würde er sich nicht für gänzlich durchs Schicksal gebunden halten.
+
+Dieser Fatalismus des Verbrechers ist aber nur ein Spezialfall
+desjenigen Verhaltens, welches die allgemeinste Definition des Bösen
+vom logisch-erkenntnistheoretischen Standpunkte darstellt: des
+konstanten Triebes zum, oder der konstanten Unterwerfung unter den
++absoluten Funktionalismus+. Ethisch ist Wille zur Freiheit, und Wille
+zur Freiheit ist freier Wille; Freiheit ist nur zu definieren als
+Unabhängigkeit von anderen Variablen, Aufhören, bestimmt zu werden,
+Ende der Passivität, Anfang der Aktivität und Spontaneität. Der
+Verbrecher ist der Mensch, der allgemein (+auch+ für sich) die kausale
+Verknüpfung aller Dinge anstrebt und verwirklicht. Darum schrickt er
+am leichtesten zusammen unter jedem heftigeren Geräusch und jedem
+grelleren Licht; er sieht nicht mehr, er hört nicht mehr, apperzipiert
+nicht mehr; er hat kein Gefühl für den Ort, auf dem er steht, für die
+Zeit, in der er ist; ihm fehlt der Sinn für die räumlich-zeitliche
++Gegenwart+, weil er nicht über dieser steht, sondern in sie
+einbegriffen ist.
+
+Ebenso wie mit den Dingen, hat er sich mit den Menschen verknüpft und
+funktionell verbunden: =entweder als ihr „Beherrscher“ oder als ihr
+Knecht=. Denn dies sind die zwei denkbaren Arten des Funktionalismus;
+entweder, du mußt dich ändern, wenn ich mich ändere; oder: ich muß mich
+ändern, wenn du dich änderst. Der Verbrecher gibt, sowenig wie sich
+selbst, irgend einem anderen Menschen, irgend einem anderen Dinge die
++Freiheit+ (vgl. den Begriff der „Freiheit des Objekts“, Geschlecht
+und Charakter, 1. Aufl., S. 248 f.; und die „freie Auffassung des
+Nebenmenschen“ gegenüber dem Beeinflußtwerden durch sein Dasein,
+S. 268, 384 f.; über „Grenzüberschreitung“ überhaupt als Typus der
+Unsittlichkeit gegen andere, S. 296, 301). Das erste ist der Typus
+des +Despoten+, das zweite der Typus des +Sklaven+. Der Despot kann
+natürlich mit gutem Recht als eine Form des Sklaven und der Sklave als
+eine Form des Despoten aufgefaßt werden: so muß es ja sein, weil, wenn
+x = f(y), auch y = f(x) ist. Die Gegenwart des Nebenmenschen +zwingt+
+den Despoten zur +Eroberung+, den Sklaven zur Unterwerfung. Der Despot
+ist also ganz ebenso unfrei, wie der Sklave; und der Sklave, der sich
+an den Machthaber drängt und sich ihm als Diener aufzwingt, ebenso
+„mächtig“ wie der Despot.
+
+Dieses Heraustreten aus dem universalen Reiche der Freiheit, dieser
+Absturz in die Notwendigkeit bedingt, daß der Verbrecher nie +einsam+
+ist, und zugleich doch gänzlich +unsozial+. Der Verbrecher +spricht+
+stets mit anderen, auch wenn er +allein zu denken+ scheint.
+
+Wenn er einsam wird, d. h. der andere Mensch, mit dem er beisammen war,
+von ihm fortgeht, so fühlt er sich schwach und hilflos (Epilepsie);
+er fürchtet sich vor der Einsamkeit, scheut es, mit sich je allein
+zu sein, weil er dadurch an sich würde erinnert werden; er ist froh,
+wenn er sich entkommt, und sein ganzes Tun ist: Sucht, vor sich zu
+entwischen — was eben in sich vergeblich ist.
+
+Da Furcht und Ekel identisch sind, so ist eingeordnet, daß der
+Verbrecher nicht nur stets Furcht, sondern auch stets +Ekel vor sich
+selbst+ hat.
+
+Der Verbrecher rechtfertigt dabei entweder alles, was er tut, vor
+anderen oder klagt sich vor ihnen an (der Sklave); oder er überführt
+sie in Gedanken, klagt sie an, besiegt sie (der Machtgierige). Aber
+er ist nie einsam, weil stets mit Dingen und Menschen funktionell
+verbunden; darum aber auch nie zweisam und mehrsam, weil er die fremde
+Psyche nicht +auffassen+, nicht verstehen kann, noch will, sondern in
+Abhängigkeit von ihr sich befindet. Darum lügt er auch immer (denn man
+belügt +nie+ =sich=, sondern immer +andere+).
+
+In diese Abhängigkeiten also hat sich der Verbrecher begeben. Sein
+ganzes Innenleben ist eine Heuchelei vor anderen, und das höhere
+Leben in ihm wie gestorben. Diese Wegwendung vom höchsten Leben, von
+der Freiheit, empfindet er nicht direkt als Schuld; denn er kennt
+keine wahre Reue, sondern ist verhärtet, verstockt, der Einsicht
+und dem Mitleiden unzugänglich. Das Aufgeben seines freien Selbst
+äußert sich bei ihm als Haß gegen alles, was noch frei ist. Wie er
+in sich das ewige Leben und den Christ getötet, ausgetrieben hat,
+so möchte er es überall getötet, ausgetrieben sehen. Er haßt daher
+alle Vorstellungen von Sittlichkeit, Unschuld, Güte, Heiligkeit,
+Weisheit, Vollkommenheit, Seele, Einkehr, Umkehr, Reue, Leben, ja die
+bloßen +Namen+ derselben. Jedes verbrecherische Unternehmen hat seine
+unwillkürliche Sympathie; auch in der Dichtung hofft und fürchtet er
+mit dem Schuft, mit dem Mörder, mit dem Eroberer; jede Nachricht über
+Tod und Untergang und Schaden und Krankheit wird von ihm begrüßt,
+bejaht, ebenso alle Sinnlichkeit (darunter auch, als ein +Spezialfall+,
+jeder Koitus; bei ihm ist auch die Kuppelei noch einem höheren,
+allgemeineren untergeordnet; die Weiblichkeit des Verbrechers erschöpft
+ihn nicht, wenn sie auch stets einen Teil von ihm ausmacht). Dagegen
+ist ihm der Gedanke an Christus und am stärksten der Gedanke an Gott
+und das Wort Gott in der Seele zuwider. Auch sein Erkenntnistrieb
+ist nie reine, hoffende, bedürftige Sehnsucht, nie gegen den Irrsinn
+gerichtet, nie inneres Erhaltungsbedürfnis; sondern er will die Dinge
++zwingen+, und darum auch erkennen. Die Vorstellung, daß ihm etwas
+unmöglich sein sollte, widerspricht seinem Geiste des absoluten
+Funktionalismus, der sich mit allem, alles mit sich verknüpfen will;
+darum ist ihm die Vorstellung von Schranken, Grenzen (auch der
+Erkenntnis) unerträglich. Hier wächst das Verbrechen ins Große: seine
+Einsichten sind nie aus dem Ganzen heraus geschehen, nie Synthesen von
+innen, sondern stets von außen heraus; denn sein psychisches Leben
+ist selbst ein solches diskontinuierliches, in Stücke zerschlagenes.
+Dennoch will er das Universum umfassen; aber er sucht sich nicht
+Gott zu nähern, sondern =Gott zu ersetzen= durch die Erkenntnis. Die
+unmittelbare Intuition hat er nicht, weil er ja nicht in der Idee des
+Ganzen lebt, sondern gerade von dieser sich abgekehrt hat; aber er
+will das Genie, das ihm fehlt, +zusammensetzen+, die Welt Stück für
+Stück auch geistig erobern (das ist der Typus des Eroberers in der
+Wissenschaft, der Typus +Bacos+).
+
+Wo noch nicht dieser absolute Funktionalismus hergestellt ist, da
++haßt+ er, wie er sein eigenes intelligibles Wesen haßt, d. h.
+verneint; der Haß ist die Vorstufe des Mordes, wie die Liebe die
+Erzeugerin des Lebens. Darum +haßt+ der +Verbrecher wütend+ den
+Gedanken an +Unsterblichkeit+; denn Unsterblichkeit ist ein Spezialfall
+der +Freiheit+, nämlich Freiheit von der +Zeit+. (Von den drei
+Kantischen Ideen sind zwei identisch, nämlich Gott und Freiheit, die
+dritte, Unsterblichkeit, in ihnen bereits begriffen.) Das Streben
+des Verbrechers ist, =nichts frei zu lassen=; weder sich, noch etwas
+anderes (das Verbrechen ist genau so überindividuell, transzendental
+wie das Recht). Und darum wird er zum Tempelschänder, darum begeht
+er das Sacrileg. Die niederste, gemeinste Form des Dranges nach
+Verknüpfung (Unfreiheit) ist die Sucht, die Dinge körperlich zu
++beschmutzen+, und auf diese Weise sich selbst mit ihnen zu verbinden;
+die höheren Formen gehen auf Vernichtung und Zerstörung; =weil
+alle +Existenz+ noch irgendwie +frei+ ist=. Darum wird das letzte,
+verzweifelte Streben des Verbrechers endlich das, was Ibsen den Kaiser
+Julian knapp vor seinem Ende ausrufen läßt: Maximos, =ich möchte die
+Welt zerstören=! Denn was noch +ist+, ist eine +Widerlegung+ des
+Verbrechers und seines Strebens, eine Widerlegung des Verbrechers, der
+nicht mehr +ist+. Ganz trocken habe ich das Verbrechen definiert als
+Drang nach dem Funktionalismus; lebendiger kann ich es ausdrücken:
++es ist das Bedürfnis+, =Gott zu töten=; es ist höchste allgemeinste
++Verneinung+.
+
+Die Formen, die das Verbrechen annimmt, ergeben sich hieraus
+ungezwungen. Aus dem Haß wird Mord, aus der Verneinung Vernichtung,
+sobald die Gesinnung Tat wird. Diebstahl und Raub sind Demonstrationen
+gegen die Eigenheit des Eigners und ihr Recht auf freies Eigentum;
++die Tötung endlich ist der zur Handlung gewordene Haß gegen
+Unsterblichkeit+. Der Mord ist das letzte, was der Verbrecher tun kann,
+sein letztes Mittel, sich als Verbrecher zu behaupten; Gott tötet
+er am meisten, wenn er den Menschen tötet. Aber es gibt Mord, und
+zwar psychologisch ganz mit der Tötung des Menschen identisch, auch
+sonst: z. B. das Bedürfnis, ein hohes, edles, berühmtes +Kunstwerk+ zu
+zerstören. Es ist das genau die gleiche Verzweiflungstat wie der Mord,
+die Sucht, das Seiende zu verneinen, zu widerlegen, das Nichtsein zu
+rechtfertigen. Wenn der Verbrecher nicht mehr aus, noch ein weiß, dann
+sucht er als durch ein letztes Mittel sich zu helfen, durch Mord. Der
+Mord ist die Tat des +schwächsten+ Menschen.
+
+Ein Surrogat für den Mord ist der Koitus, und nur durch eine Linie vom
+Mörder getrennt der +Don Juan+. Er ist innerlich genau so +leer+ und
++verzweifelt+ wie der Mörder, und braucht als Stütze die Eroberung
+durch den Koitus. Es ist die einzige +Ausfüllung der Zeit+, die
+gewisse Menschen haben (vielleicht existieren diese Menschen übrigens
+nur als Möglichkeiten im Genie), daß sie koitieren. So ersetzen sie
+Gott: sie leben +doch+, empfinden doch +Lust+, +obwohl+ sie sich
+heruntergesetzt haben. Wie der Mörder nach dem Morde den Tatort
+umkreist, weil er die Tat +braucht+ (das seiner selbst gewisse
+Gedächtnis, das es ihm sagen könnte, daß er es gewesen ist, hat er
+längst nicht mehr), so muß der Don Juan fortwährend Weiber haben,
+um +sich+ nicht gewahr zu werden; von Don Juan zum Mörder ist, wie
+gesagt, nur ein Schritt. Es ist das einzige Mittel zur Erfüllung der
+Zeit (die ihnen keinen Sinn mehr hat, da sie von keiner Vergangenheit
+mehr beschwert sind, von keiner Zukunft mehr etwas haben wollen), daß
+der Don Juan verführt, daß der Mörder mordet. So allein +erzeugen+ sie
+eine Gegenwart, stellen die Negation als Position auf; +beides+ ist in
+gewissem Sinne allerdings gegen die +Langeweile+ gerichtet.
+
+Der epileptische Anfall ist, wie ich vermute, an das momentane
+gänzliche Erlöschen der Fähigkeit zur Apperzeption geknüpft; und wenn
+es heißt, daß Verbrechen oft im epileptischen Anfall begangen werden,
+so sollte es wohl umgekehrt ausgedrückt werden: sie werden +gegen+ den
+epileptischen Anfall begangen, dessen drohende Nähe verspürt wird.
+Die Anfälle des Epileptikers häufen sich im Laufe seines Lebens und
+werden immer furchtbarer, und schließlich stirbt er in einem letzten
+gräßlichsten Anfall; gegen die furchtbarste Hilflosigkeit, welche in
+der Epilepsie zum Ausdruck kommt, flüchtet er in den Mord — oft auch in
+die Frömmelei und Bigotterie.
+
+Im übrigen: der Verbrecher ist durchaus ohne Innen+leben+, er ist wie
++tot+; man mordet zuerst sich selbst, bevor man den anderen mordet.
+Darum kennt er auch eigentlich weder +Lust+ noch +Schmerz+.
+
+Ich kehre jetzt endlich zum Thema.
+
+
+Der Hund.
+
+Das Auge des Hundes ruft unwiderstehlich den Eindruck hervor, daß
+der Hund etwas +verloren+ habe: es spricht aus ihm (wie übrigens aus
+dem ganzen Wesen des Hundes) eine gewisse rätselhafte Beziehung zur
++Vergangenheit+. Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die
+Freiheit.
+
+Der Hund hat eine merkwürdig tiefe Beziehung zum +Tode+. Monate
+bevor mir der Hund Problem geworden war, saß ich eines Nachmittags
+gegen 5 Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes, in welchem ich
+abgestiegen war, und dachte an Verschiedenes und über Verschiedenes.
+Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen, mir
+neuen, durchdringenden Weise +bellen+, und hatte im gleichen Momente
+unwiderstehlich das Gefühl, daß gerade im Augenblick jemand +sterbe+.
+
+Monate nachher hörte ich, in der furchtbarsten Nacht meines Lebens,
+da ich, ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang — denn es
+gibt für größere Menschen den seelischen Tod nicht ohne den physischen
+Tod, weil bei ihnen Leben und Tod am gewaltigsten und intensivsten
+als Möglichkeiten sich gegenüberstehen — dreimal, gerade als ich zu
+unterliegen dachte, einen Hund in ähnlicher Weise bellen, wie damals in
+München; dieser Hund bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen
+anders. Ich bemerkte, daß ich in diesem Momente mit den Zähnen mich ins
+Leintuch festbiß, eben wie ein Sterbender.
+
+Ähnliche Erlebnisse müssen auch andere Menschen gehabt haben. In der
+letzten Strophe von +Heines+ bedeutendstem und schönstem Gedichte „Die
+Wallfahrt nach Kevlaar“, heißt es, wie die vom Leben erlösende Mutter
+Gottes dem Kranken sich naht:
+
+ „Die Hunde bellten so laut.“
+
+Ich weiß nicht, ob der Zug bei Heine originell oder der Volkssage
+entnommen ist. Wenn ich nicht irre, spielt auch irgendwo bei
+Maeterlinck der Hund eine ähnliche Rolle.
+
+Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich mehrfach dieselbe
+Vision, die Goethe, nach dem Faust zu schließen, gehabt haben muß:
+einigemale, wenn ich einen +schwarzen+ Hund sah, schien mir ein
+Feuerschein ihn zu begleiten.
+
+Ausschlaggebend aber ist das +Bellen+ des Hundes: die absolut
++verneinende+ Ausdrucksbewegung. Sie beweist, daß der Hund ein Symbol
+des Verbrechers ist. Goethe hat dies, wenn es ihm auch vielleicht nicht
+ganz klar geworden ist, doch sehr deutlich empfunden. Der Teufel wählt
+bei ihm den Leib eines Hundes. =Während Faust im Evangelium laut liest,
+bellt der Hund immer heftiger=: der +Haß+ gegen Christus, gegen das
+Gute und Wahre.
+
+Ich bin, wie ich bemerke, gar nicht von Goethe beeinflußt. Die
+Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so groß, daß
+ich mich an den Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte und nun zum
+ersten Male, vielleicht als erster überhaupt, +ganz verstand+.
+
+Ich führe nun weiteres an:
+
+Der Hund handelt, als ob er die eigene Wertlosigkeit fühlen würde;
+er läßt sich vom Menschen schlagen, an den er sich gleich wieder
++herandrängt+, wie stets der böse Mensch an den guten. Diese
+Zudringlichkeit des Hundes, das Hinaufspringen am Menschen ist der
+Funktionalismus des Sklaven. In der Tat haben Menschen, welche rasch
+für sich zu gewinnen suchen, und doch zugleich so sich schützen gegen
+Angriffe, Menschen, die man nicht abschütteln kann, Hundegesichter,
+Hundeaugen. Hier erwähne ich zum ersten Male jene große Bestätigung
+meines Gedankensystemes. Es gibt wenige Menschen, die nicht ein oder
+mehrere +Tiergesichter+ haben; und jene Tiere, denen sie ähneln,
+gleichen ihnen auch im Benehmen.
+
+Die +Furcht+ vor dem Hunde ist ein Problem; warum gibt es keine Furcht
+vor dem Pferde, vor der Taube? Sie ist Furcht vor dem Verbrecher. Der
+Feuerschein, der dem schwarzen Hunde (vielleicht dem bösartigsten)
+folgt, ist das Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des
+Bösen.
+
++Das Schweifwedeln des Hundes bedeutet, daß er jedes andere Ding als
+wertvoller anerkennt als sich selbst.+
+
+Die Treue des Hundes, welche so gerühmt wird, und die viele den Hund
+für ein moralisches Tier halten läßt, kann mit Recht nur als Symbol der
+Gemeinheit gefaßt werden: der +Sklavensinn+ (das Zurückkehren nach den
+Schlägen ist kein Vorzug).
+
+Interessant ist es, wen der Hund +=an=bellt+; es sind im allgemeinen
+=gute= Menschen, die er anbellt, gemeine, hündische Naturen nicht. Ich
+habe an mir selbst beobachtet, daß ich von Hunden um so mehr angebellt
+wurde, je weniger Ähnlichkeit ich psychisch mit ihnen hatte. Merkwürdig
+ist nur, daß die Dienste des Haushundes gerade gegen den Verbrecher in
+Anspruch genommen werden.
+
+Die Hunds+wut+ ist ein sehr merkwürdiges Phänomen, vielleicht der
++Epilepsie+ verwandt, in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum aus dem
+Munde tritt. Beide werden von der Hitze begünstigt.
+
+Wenn der Hund nicht wedelt, sondern den Schweif starr und gerade hält,
+dann ist Gefahr, daß er +beißt+: das ist die verbrecherische +Tat+,
+alles andere, auch das Bellen, nur Zeichen der bösen Gesinnung.
+
+Hunde unter den Menschen in der Literatur sind der „+alte+ Ekdal“
+in Ibsens Wildente und am großartigsten +Minutte+ in Knut +Hamsuns+
+Roman „Mysterien“. Viele sogenannte „alte Magister“ repräsentieren den
+Hundetypus unter den menschlichen Verbrechern.
+
+Denn daß es noch andere Verbrecher gibt, das beweisen die +Schlange+,
+das +Schwein+.
+
+Sehr bedeutsam ist auch das +Schnüffeln+ des Hundes. Hierin liegt
+nämlich Unfähigkeit zur Apperzeption. Ganz wie der Hund, so wird auch
+die Aufmerksamkeit des Verbrechers durch einzelne Sachen ganz passiv
+angezogen, ohne daß er weiß, warum er sich ihnen nähert oder sie
+berührt: er hat eben keine Freiheit mehr.
+
+Daß er auf die Wahl überhaupt verzichtet hat, kommt auch in der
+Regellosigkeit der Kreuzung des Hundes mit irgend welcher Hündin zum
+Ausdruck. Diese wahllose Vermischung ist vor allem eminent plebejisch,
+und der Hund ist der +plebejische+ Verbrecher: der Sklave.
+
+Ich wiederhole nochmals: es ist =Blindheit=, den Hund als ethisches
+Symbol zu betrachten; selbst R. Wagner soll einen Hund geliebt haben
+(Goethe scheint in diesem Punkte tiefer geblickt zu haben). +Darwin+
+erklärt das Wedeln des Hundes als „Ableitung der Erregung“ („Ausdruck
+der Gemütsbewegungen“). Es ist natürlich der Ausdruck der ärgsten
+Gemeinheit, der unterwürfigsten Devotion, die auf jeden Fußtritt gefaßt
+ist und um alles nur mehr bettelt.
+
+
+Das Pferd.
+
+Der Pferde+kopf+ hatte mir, bevor ich noch als Tierpsychologe an das
+Pferd dachte, einen merkwürdigen Eindruck gemacht, einen Eindruck von
+Unfreiheit; und zugleich verstand ich, daß dieser Pferdekopf +komisch+
+wirken könne. Äußerst rätselhaft ist das fortwährende +Nicken+ des
+Pferdes. Lange nicht mit gleicher Sicherheit wie beim Hunde, aber
+doch als aufklärender Gedanke kam mir der Einfall, daß das Pferd den
++Irrsinn+ repräsentiere.
+
+Hierfür spricht das Alogische im Benehmen des Pferdes, das Nervöse
+und Neurasthenische, das dem Irrsinn verwandt ist, und worüber die
+Pferdezüchter soviel klagen und staunen sollen.
+
+Der Irrsinn aber ist das Gegenteil der Logik und Erkenntnistheorie
+(vielleicht nur der letzteren?). Wer sich in diesen Disziplinen zu
+orientieren sucht, der hat stets den Irrsinn als Gefahr in sich. In ihm
+ist das logische Denken problematisch, und dies die Richtung, in der
++seine+ Erbsünde hauptsächlich zu suchen ist. Der Irrsinnige hat darum
+nichts vom Verbrecher in sich; Menschen, die vor dem Irrsinn in Furcht
+leben, kennen dafür die Furcht vor dem Teufel nicht und umgekehrt. Der
+Verbrecher oder Heilige (als umgekehrter Verbrecher) hat ein ziemlich
+sicheres, scharfsinniges Orientierungsvermögen im Denken, und hat keine
+Kämpfe des „+intellektuellen+ Gewissens“ zu bestehen.
+
+Das Genie ist entweder die +Umkehrung+ des vollkommenen Irrsinnigen
+oder die Umkehrung des vollkommenen Verbrechers. Vor einem von beiden
+lebt jedes Genie in Furcht; es hat in jedem Augenblicke seines Lebens
+und in den größten Augenblicken am stärksten, gegen eine dieser
+beiden Formen des Nichts sich zu behaupten, sich selbst gegen sie zu
++setzen+: Das Ich, das Genie =ist= eine =Handlung= („ewig jung“), ein
+fortwährendes +=Ja=+!
+
+Menschen, in denen das Ethische problematisch ist, haben entweder
+Furcht vor der +Lüge+ oder sind verlogen; Menschen mit Problematisation
+des Logischen hassen und fürchten den =Irr=+tum+, oder erliegen
+ihm. Nun wirkt der Irrtum immer =komisch=; und so wirkt auch der
+Pferdeschädel komisch.
+
+Bei mehreren Menschen mit Irrsinnsfurcht habe ich auch morphologisch
+Annäherung an den Pferdekopf gefunden.
+
+Der Hund +bellt+ das +Pferd an+; weil der Böse das Gute anbellt.
+
+Das Pferd ist auch sonst das Gegenteil des Hundes: es ist
++aristokratisch+ und sehr wählerisch bei der Wahl des sexuellen
+Komplementes.
+
+Allerdings bildet die Existenz des Gaules hiergegen einen Einwand;
+ebenso wie es auch aristokratischere Hunde (Bernhardiner, gewisse
+Doggen) zu geben scheint.
+
+Das Verbrechen richtet sich gegen den Sinn der Zeit; die Logik ist
+zeitlos; vielleicht hat darum das Pferd kein Verhältnis (auch kein
+Verhältnis des Verlustes) zu Vergangenheit und Zukunft.
+
+Das aristokratische Genie hat ein starkes Verhältnis zum Irrsinn
+(Nietzsche, noch mehr +Lenau+); das plebejische zum Verbrechen
+(+Beethoven+, Knut Hamsun, Kleist).
+
+
+Einige allgemeinere Bemerkungen.
+
+Den Männern, welche die Sprache schufen, lagen ähnliche Eindrücke vor,
+wie diejenigen, auf Grund deren ich hier spreche. Menschen, die als
+Schweine, Kameele, Affen, Ochsen, Esel, Hunde bezeichnet werden: das
+zeigt, daß hier die Erkenntnis vorliegt, daß gewisse Menschen spezielle
+Tier-+Möglichkeiten verwirklichen+. Anderseits stattet die Tierfabel
+jedes Tier mit +einem+ bestimmten Charakter aus; nur dem Menschen weist
+sie keinen solchen Charakter zu. Daß die charakterologische Nomenklatur
+die Tiernamen alle als Schimpfnamen benützt, ist weiter bezeichnend,
+und ebenso, daß sie gewissen Menschen geistig die Tier-Ähnlichkeit
+beilegt.
+
+Das sind Antizipationen, prähistorische Antizipationen meiner Theorie.
+Eine historische liegt in den platonischen Ideen vor und in den Lehren
+Platons vom Schicksal der Menschen nach dem Tode: der eine beziehe
+den Leib eines Vogels, der andere einen anderen u. s. w. — eine
+Lehre, die sehr viel für sich hat. (Als mir die entwickelten Gedanken
+kamen, waren mir die betreffenden Stellen aus Plato übrigens noch
+unbekannt.) Denn Menschen mit unmoralischem Hang nehmen, je mehr sie
+diesem Hange nachgeben, mit zunehmendem Alter auch immer mehr diese
+Tierphysiognomien an.
+
+Von den Tieren also hat nach der Sprache jede Spezies einen +einzigen+,
+allen ihren Mitgliedern gemeinsamen menschlichen Charakter, der
+unter den Menschen nur gewissen wenigen eigentümlich ist. (Abgesehen
+allerdings von den Hunden: Mops und Pudel, Köter und Windspiel sind
+ganz verschieden; die Hunde zeigen übrigens merkwürdige Imitationen
+vieler anderer Tiere, des Löwen, des Bären, des Dachses, selbst der
+Schlange.)
+
+Im Gegensatz zu den Tieren wird von der Sprache den Pflanzen kein
+Charakter zugeschrieben; insoferne wohl mit Recht, als die Pflanzen
+keine +bestimmten Triebe und Neigungen+ zu haben scheinen, was mit
+ihrer Bewegungslosigkeit übereinkommt; denn die Bewegung ist die
+physikalische Seite des Triebes.[70]
+
+Was für Aussichten diese Tierpsychologie öffnet, das beweist
+am sichersten ihre merkwürdige (von mir gar nicht gesuchte)
+Übereinstimmung mit der Systematik. Dem Hunde, als Verbrecher, ist
+der Wolf verwandt (der Wolf ist Symbol der +Gier+, vielleicht aber
+noch von etwas anderem), und der Wolf ist sicher verbrecherisch; dem
+Pferde (der Irrsinn), dem Esel (die Dummheit; der Esel ist vor allem
+die eigensinnige, starrköpfige und +selbstzufriedene+ Dummheit; er ist
+die +Karikatur der Frömmigkeit+; dazu stimmt, daß den Juden, wie die
+Frömmigkeit, auch dieses Abbild fehlt; es gibt keinen jüdischen Esel).
+
+Auch dafür, daß Affe und Mensch einander ähnlich sind, bietet sich hier
+eine (nicht deszendenztheoretische) Erklärung. Der Affe ist nämlich die
++Karikatur des Mikrokosmus+: er ist das alles nachahmende Tier, und
+notwendig dem Menschen ähnlich; +er zeigt, auf welche Weise man noch
+alles sein kann+.
+
+Die ausgestorbenen Tiere gleichen den ausgestorbenen Völkern, den
+Riesen, den Zwergen.
+
+Der systematischen Verwandtschaft entspricht also in drei Fällen
+auch die psychologische Ähnlichkeit und Nachbarschaft: das System
+der Psychologie (als Charakterologie) ist danach +identisch+ mit dem
+Systeme der Zoologie.
+
+Merkwürdig ist das Verhältnis der Haustiere zu ihren wilden Ahnen,
+z. B. Hund : Wolf = Fliege : Gelse = Schwein : Eber = Katze : Tiger.
+
+Worauf der Unterschied zwischen Haustier und wilden Ahnen psychologisch
+weist, dafür habe ich keine Lösung gefunden. +Aber es liegt hier ein
+tiefes Problem verborgen.+
+
+Nach den Vögeln scheinen viele Unterschiede unter den Frauen sich
+bestimmen zu lassen:
+
+Die Gans, die Taube, die Henne, der Papagei, die Elster, die Krähe,
+die Ente, das findet man alles physiognomisch wie charakterologisch
+unter den menschlichen Weibern vertreten. Die Männer dieser Vögel sind
+Pantoffelhelden (mit Ausnahme des Hahnes; Papagei?)
+
+Dagegen sind Kuh, Hündin, Reh, Gazelle, Katze +Säugetiere+, deren Typen
+mehr den menschlichen Frauen entsprechen.
+
+Ochs und Schaf sind wieder zwiefach verwandt.
+
+An der Schlange sind sehr merkwürdig und tief antimoralisch die
++Häutungen+; auch besteht ein Zusammenhang mit dem Kreise.
+
+Das Verhältnis von Hund und Hase hat eine Beziehung zum Verhältnis von
+Hund und Katze, entsprechend der Ähnlichkeit zwischen Katze und Hase.
+
+Hund und Hase: der Feige jagt den Feigen.
+
++Kater+ findet man unter Männern öfters, auch mit Vorliebe für Katzen
+unter den Frauen („mon chat“).
+
+Der Wurm und die +Schlange+ haben beide zum +buckligen+ Verbrecher
+Beziehungen. Stechende Augen gewisser Verbrecher: gehören zu den
+Reptilien.
+
+Der Vogel ist die Sehnsucht der Schildkröte (des +verschlossenen+
+Menschen, der die +Umkehr+ vollzieht, aber noch immer nicht fliegt).
+
+
+Pflanzen.
+
+Hier nur die Vermutung: wenn alle Tiere unter den Menschen Verbrecher
+sind, gibt es +Pflanzen+ unter den Menschen, und was repräsentieren
+diese?
+
+Unter den Frauen gibt es sicher Pflanzen: Rose, Tulpe, Lilie,
+Vergißmeinnicht, die Veilchen nicht zu vergessen. Aber unter den
+Männern? +Entspricht nicht das pflanzenhafte Sein der Neurasthenie?+
+Den Mangel an +Bewegungs+fähigkeit im Neurastheniker würde das wohl
+erklären. Der Neurastheniker ist +anämisch+: mangelnde Zentralisation
+in der Pflanze (kein eigentliches Nervensystem): schließlich hat
+die Pflanze keine Sinnesorgane (Mangel an Aufmerksamkeit beim
+Neurastheniker).
+
+
+Anorganische Natur.
+
+Das Licht der Sterne ist ein Licht, das nicht mehr +brennt+.
+
+Das Verhältnis zum gestirnten Himmel ist darum +asexuell+ (Kant
+gegenüber Wagner), weil der Stern der Engel ist, und der Engel ohne
+Sexualität.
+
+Die Blumen sind wohl alle weiblich. Die Bäume männlich. Dazu stimmt,
+daß nur im +Tier+reich die Weibchen weniger schön sind als die Männchen
+(Geschmack des Verbrechers ....??).
+
+Das Licht ist das Symbol des +Bewußtseins+. Die Nacht (der Schlaf)
+entspricht dem Unbewußten. Der Traum hat viel Verbrecherisches.
+
+Das Licht +raucht+ nicht; alles Feuer raucht (schwarz, antimoralisch;
+absolutes Nichts; Kohle; Diamant als Gegenteil, Repräsentant des Etwas,
+vollkommen durchsichtig; Durchsichtigkeit als moralisches Symbol;
+Bedeutung des Gegensatzes in der Psychologie: Kohle—Diamant).
+
++Rot+ ist die Farbe des niederen Lebens und seiner Lust (+grün+ bei
+der Pflanze, die Farbe der +statischen Lust+, entspricht dem Rot,
+der dynamischen Lust des Tieres, Neurastheniker anämisch, Verbrecher
+polyämisch): +blau+ ist die Farbe der Freude und Seligkeit des höchsten
+Lebens.
+
+Das Rot der Hölle ist das Gegenteil vom Blau des Himmels.
+
+Sehr tief liegt es, daß der +Rauch+ das Auge +schmerzt+.
+
+Sehr tief liegt es auch, daß das Blut +eisen+hältig ist. Leben und
++Mord+: ὁ τρὡσας ἰασεται (Euripides, Telephos). „Die Wunde schließt der
+Speer nur, der sie schlug.“ (Parsifal.)
+
+Der Berg ist das Symbol des +Riesen+.
+
+Der Fluß ist das Ich als Zeit.
+
+Das Meer ist das Ich als Raum.
+
+Die Quelle ist die Geburt, das Meer Symbol so für Tod wie für Leben:
+Aufhören der Individuation kann Tod, kann erst eigentlich Leben
+bedeuten.
+
+Apollinisch : Dionysisch = Fluß : Meer.
+
+Der Regen +befruchtet+ (Zeugung); der Quell ist die +Geburt+.
+
+Licht ist auch sinnbildlich für +Erkenntnis+; +Licht und Schall sind+
+=Positionen=, darum beide immer eines +Anteiles+ am =Werte= sicher.
+Das Dunkel hingegen wie die Stille führt zur +Furcht+: der Verbrecher,
+der sich im Dunkel fürchtet, wird, ohne es zu wissen, erinnert an das
+Dunkel, das in +ihm+ ist (an den Tod seiner Seele); er fürchtet sich in
+diesem Augenblick also vor sich selbst.
+
+Aus der nämlichen Ursache, die Licht in der Nacht (+das Feuer ist das
+Licht der Nacht+) anders, greller, unheimlicher leuchten läßt, als am
+Tage, rauschen Wasser anders, lauter, furchtbarer in der Nacht, als
+zur stillsten Tageszeit (Ertränktwerden durch Wasserfluten ist das
+seltenere Korrelat der anderen, gewöhnlicheren Vorstellung von der
+Höllenpein: des Flammentodes).
+
+Und die Ruhe des Mittags, wo alle Töne leiser verhallen, ist das
+Unheimliche der (scheinbaren) Vollkommenheit, der Wunschlosigkeit,
+der (scheinbaren) Erfüllung. Dem Unheimlichen des Mittags (Pan)
+entspricht vielleicht die Furcht vor völligem geistigen Klarsehen, vor
+Enträtselung aller Probleme (vor dem Lebensende: die Furcht vor der
+=atheistischen= +Lösung+).
+
+Tief ist auch die Furcht vor dem +Weißen+ (Leichentuch); ebenfalls
+dieser falsche Schein der Vollkommenheit.
+
+ * * * * *
+
++Die Gravitation ist das Symbol des Gnadelosen+; so hoch er sich auch
+werfe, der Mensch wird ohne Gnade hinabgezogen. (Der Fall des Sternes
+ist der Sünden+fall+.)
+
+Das Licht ist das Symbol der +Gnade+; es verhält sich zum Auge, wie
+Gott zum Gläubigen: es läßt sich nicht sagen, wessen Verdienst das
++Sehen+ ist, ob Verdienst des Lichtes, ob Verdienst des Auges.
+
+Das +Fliegen+ ist keine volle, geradlinige Überwindung der Gravitation.
+
+Krankheiten sind vielleicht alle nur +Vergiftungen+: der Seele fehlt
+der +Mut+, das Gift ins Bewußtsein zu heben, und dort im Kampfe
+unschädlich zu machen; darum wirkt es im Körper weiter.
+
+Eine solche Vergiftung ist wohl sicher die +Gicht+; sie dürfte stets
+auf unmoralische Sexualität zurückgehen.
+
++Die Lahmheit ist wohl ein erstarrter Krampf.+
+
+
+[69] Er +erwartet darum geradezu das Todesurteil+, fühlt dumpf, daß
+er es verdient, weil er sich selbst als +wertlos+, d. h. nicht als
+ontologische Realität gewollt hat.
+
+[70] Die Pflanzen ahnen wohl auch den Tod nicht, sind ohne Angst und
+wehren sich nicht gegen das Sterben.
+
+
+
+
+Die Kultur
+
+und ihr Verhältnis zu Glauben, Fürchten und Wissen.
+
+
+Wissenschaft und Kultur.
+
+ Οὐαὶ ὑμῖν τοῖς νομικοῖς, ὅτι ἤρατε τὴν
+ κλεῖδα τῆς γνώσεως· αὐτοὶ οὐκ εἰσήλθατε
+ καὶ τοὺς εἰσερχομένους ἐκωλύσατε.
+
+ (Wehe Euch Schriftgelehrten! Denn ihr
+ habt den Schlüssel der =Erkenntnis=
+ weggenommen. Ihr kommt nicht hinein,
+ und wehrt denen, die hinein wollen.)
+
+ Evang. Luc. 11, 52.
+
+
+Welche Stellung der Wissenschaft im Ganzen der Kulturzwecke rechtlich
+gebührt, ist die Frage, welche hier untersucht werden soll. Was ist
+Wissenschaft, was kann sie sein und was soll sie sein?
+
+Diese Arbeit gliedert sich naturgemäß in drei Teile: der erste wird das
+Wesen aller Wissenschaft, der zweite das Wesen aller Kultur, der dritte
+das Wesentliche ihres Verhältnisses zu erforschen suchen müssen.
+
+
+I. Wesen der Wissenschaft.
+
+Wissenschaft kommt von Wissen. Mit dem Begriff des Wissens, auf die
+Welt angewendet, ergibt sich sofort die Frage: Wie viel kann der Mensch
+wissen?
+
+Das Unternehmen der Wissenschaft besagt, der Gedanke, der in ihr
+liegt, heißt: der Mensch kann +alles+ wissen. Er kann es, denn er will
+es. Es liegt in der Idee der Wissenschaft, wie in allen historischen
+Versuchen zu ihrer Verwirklichung immer, ungestüm und naiv, oder
+unbeugsam und zielbewußt, mit kindlichem Wagemut oder männlichem Trotz,
+die Forderung: Alles, oder nichts. So stellt auch Goethe das Problem
+individuell für Faust: Alles, oder nichts wissen können.
+
+Den Begriff des Wissens untersucht die Wissenschaft nicht, prüft ihn
+nicht. Er ist ihre Voraussetzung, ihre Bedingung, die sie nicht in
+Frage stellen lassen kann. Sie fragt nur, um das Wissen zu bejahen,
+nicht um es in Frage zu stellen. Sokrates und Kant, die schon bei der
+Frage stocken, was Wissen sei, sind ihre Männer nicht. Sie stürmt
+vorwärts, und ihr Ziel ist ihr gegeben. Denn sie hat einen Feind, das
+ist der Glaube, Glaube im weitesten Umfang.
+
+Ein Tatbestand kann in doppelter Weise bejaht werden: durch das Wissen
++und+ durch den Glauben. Wenn ich ein Urteil bejahe in Form des
+Wissens, so mache ich seinen Inhalt damit unabhängig von mir. Ich setze
+hierdurch in der Natur sozusagen eine Schrift, die jeder in gleicher
+Weise lesen müsse. Ich stelle ein Faktum hin, als eine Position, die
+von meiner Existenz nicht bedingt ist; ich objektiviere etwas, vor
+dem ich wie andere in alle Zukunft mich werde beugen müssen, das aber
+unser aller nicht weiter bedarf. Wenn ich hingegen etwas +glaube+, so
+setze ich meine +Persönlichkeit+ an die Stelle jener Objektivität,
+jener allgemein gültigen Existenz; ich gebe durch einen freien Akt
+meine Zustimmung zu einer Möglichkeit, ich setze +mich+ ein für ein
+problematisches Urteil. Die Gewißheit des Gewußten ist unabhängig von
+meinem Wissen, die Gewißheit eines Glaubenssatzes beruht darauf, daß
++ich ihn glaube+. Ein Glaube ist nichts ohne die Gemeinde, die ihn
+glaubt. Die Gewißheit meiner Heilung durch Berührung einer Reliquie
+ist da mit meinem Glauben an diese Möglichkeit. Auch der ganze Mensch
+kann mit seinem Glauben stehen und fallen: es kommt darauf an, wie viel
+von +sich+ er in seinen Glauben hineingelegt hat. Hat er sich ganz
+hineingelegt, so handelt es sich um Leben und Tod.
+
+Hierbei ist streng unterschieden zwischen Glauben (πίστις) und Meinen
+(δόξα). Die +Meinung+ eines Mannes der Wissenschaft, daß sich in seinem
+Gebiete etwas in bestimmter Weise verhalten werde, die +Hypothese+,
+verzichtet durchaus nicht auf Begründung; daß auch der logische
+Charakter der wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeit, bloß auf das eine
+gemeinsame Element des Nicht-+Wissens+ hin, mit dem gänzlich alogischen
+Charakter des Glaubens so oft auf eine Stufe gesetzt, daß das Vermuten
+mit dem Glaubenstitel bekleidet wird, tritt der prinzipiellen Klärung
+über den Begriff des Glaubens immer wieder hindernd entgegen. +Der+
+Glaube, von dem als solchem einzig die Rede sein dürfte, wenn nicht
+grundverschiedenes den gleichen Namen empfangen soll, hat auch mit
+der Wahrscheinlichkeit nichts zu tun. Er bedarf der Logik nicht;
++während im tiefsten Grunde die Logik nicht auf ihn verzichten
+kann+. Die letzten Sätze der Logik, der Satz des Widerspruches und
+der Identität, können nicht mehr +gewußt+, sondern müssen +geglaubt+
+werden. Wie die Ethik ein Subjekt voraussetzt, das +will+, so bedarf
+auch die reine, formale Logik, deren Prinzipien in stolzer Erhabenheit
+und Selbstgeschlossenheit über den Köpfen der Individuen zu thronen
+scheinen, eines Subjektes, das +glaubt+. Daß die Ethik gewollt werden
+muß, daß die moralische Maxime sich an den Willen wendet, daß der
+sittliche Wert mit dem Anspruch auf +Schaffung+ des Willens auftritt,
+wird man eher geneigt sein zuzugeben, als daß die theoretischen Sätze
+der Logik an die Zustimmung des Individuums gebunden sein sollen. Und
+doch ist dem so. Der Schein, daß die Logik sich nicht an das autonome
+Individuum wendet als ein +zweiter+ kategorischer Imperativ, der
+unbedingten Gehorsam verlangt, und dessen Quelle ebenso in unserem
+intelligiblen Wesen zu suchen ist, wie die des anderen Imperativs,
+den Kant irrtümlich für den einzigen ansah, wohl weil beide im Grunde
+eines sind — dieser Schein entsteht dadurch, daß die Ethik eine
+Verwirklichung +in der Zeit+ will, während die Logik sozusagen +vor
+aller Zeit+ ist. Die Ethik sagt, was werden soll, die Logik sagt, was
+ist, daß +etwas+ =ist=, daß gewisse Sätze Geltung haben. Die Ethik gibt
+so der Geburt einen Sinn im Hinblick auf den Tod, die Logik nimmt dem
+Streben seine Sinnlosigkeit, indem sie von der Geburt aus negiert, daß
+ihm +alles+ verfällt.
+
+Wenn ich den Satz A = A nicht anerkennen, ihn vielmehr zu widerlegen
+versuchen wollte, so würde ich mich der Logik bedienen müssen, d. h.
+eben dieses Satzes. Wenn ich mich irgendwo nicht nach ihm richtete,
+so würde es heißen, meine Ableitung sei falsch. Der Satz selbst ist
+also das Kriterium von Wahr und Falsch, und bereits der Maßstab
+meiner Deduktion, die Norm, die ich selbst an sie anlege, sowie ich
+zu deduzieren beginne. Ich kann also nur alles Folgern ablehnen,
+mich des Urteiles enthalten. Ob ich den Satz nun zu widerlegen, oder
+auch, ob ich ihn zu beweisen unternähme, er wäre beidemale schon in
+der Argumentation als wahr +vorausgesetzt+, ich hätte das Resultat in
+beiden Fällen +erschlichen+. Der Satz bleibt also eine +These+, die
+nicht bewiesen und nicht widerlegt werden kann. Ich kann mich um ihn
+bekümmern, bin aber dazu +logisch+ nicht mehr verpflichtet, denn die
+Logik gipfelt eben in dem Inhalte dieses Satzes (und seinen beiden
+anderen Ausdrucksformen, auf deren größere oder geringere Vorzüge vor
+einander hier nicht eingegangen werden soll, den Sätzen vom Widerspruch
+und vom ausgeschlossenen Dritten). Daß ich von ihm nicht loskommen
+kann, mag den pathologischen Psychologen interessieren, für die
+Auseinandersetzung mit ihm ist es von keiner Bedeutung; ich kann auch
+von verschiedenen anderen Dingen nicht loskommen, z. B. von mir selber.
++Die Logik läßt sich also nicht beweisen, nicht ableiten aus etwas
+anderem: was zu beweisen war.+
+
+Ich kann demgemäß die Logik nur aus freiem Willen anerkennen, indem
+ich den absoluten Maßstab mit ihr +setze+. Der Satz A = A ist +die+
+These überhaupt: die Tatsache des Maßstabes, d. h. daß es einen Maßstab
++gibt+, ist +mein+ =freier Akt=. Hätte das Prinzip der Identität einen
+Obersatz, so gälte von diesem dasselbe u. s. f. Mit der +Freiheit+
+des Subjektes als Noumenon ist es ja gar nicht anders verträglich:
+die Logik +darf+ ihm keine Vorschriften machen, an die es sich binden
++müßte+. Es kann die Logik anerkennen, indem es sie selbständig, durch
+den höchsten Akt der Spontaneität, zur Norm des eigenen Denkens macht;
+es darf aber nie von der Logik bezwungen werden. Ob ich die Logik
++setze+ und sie zum Richter über all mein künftiges Denken mache, oder
+auf sie verzichte, in beiden Fällen handle ich +frei+. Wer auf die
+Logik verzichtet, der verzichtet auf das Denken. Wer auf das Denken
+verzichtet, der ergibt sich aus freiem Willen der Willkür. Auch die
+Logik ist aus freiem Willen gesetzt, aber mit ihr +bindet+ sich die
+Persönlichkeit +in Freiheit+. Die logische Norm ist ein „Gesetz der
+Freiheit“ nicht minder als die sittliche Pflicht, nach jenem Begriffe
+Kantens von den Gesetzen, „welche sagen, was geschehen soll, ob es
+gleich vielleicht nie geschieht, und sich darin von Naturgesetzen, die
+nur von dem handeln, was geschieht, unterscheiden, weshalb sie auch
+praktische Gesetze genannt werden“. (Kritik der reinen Vernunft, Kanon
+der reinen Vernunft, erster Abschnitt.)
+
+Damit ist gezeigt, daß auch die Logik sich an ein +freies+ Wesen
+wendet, mit dem Anspruch, von demselben zur bindenden Maxime seines
+Denkens gemacht zu werden; ebenso wie der kategorische Imperativ
+Kantens mit der Forderung auftritt, zur alleinigen unbedingten Maxime
+des Handelns gemacht zu werden. Mit diesem Nachweise der Logik als
+spontaner Bindung des intelligiblen Subjektes ist eine Ergänzung der
+Kantischen Philosophie erstrebt.
+
+Man wird also die Absicht dieser Untersuchung nicht mißverstehen.
+Nichts liegt ihr ferner als an der absoluten Logizität des Weltalls
+auch nur den leisesten Zweifel zu erheben, von der sie ebenso
+durchdrungen ist wie von seiner absoluten Ethizität. Was ich behaupte,
+ist, daß man beide nicht +wissen+, sondern nur +glauben+ kann.[71]
+Für Logik und Ethik liegen die Verhältnisse ganz gleich. Es läßt sich
+nicht +beweisen+, daß der Mensch das Gute tun +soll+. Denn ließe sich
+das noch ableiten, so wäre die Idee des Guten Folge einer Ursache
+und könnte also auch Mittel zum Zwecke werden. Das Gute muß, wenn
+es getan werden soll, um seiner selbst willen getan werden, also
+identisch sein mit dem, was absolut nicht Folge eines Grundes sein,
+absolut nicht Mittel zum Zwecke werden kann. Ebenso aber kann ich
+nicht mehr beweisen, warum das Wahre vor dem Falschen zu erwählen ist;
+die Wahrheit kann ihren Rechtsanspruch vor der Falschheit, vor Irrtum
+und Lüge, nicht mehr begründen, ebensowenig als Kant in jenem Kapitel
+seiner Religionsphilosophie, das „Über den Rechtsanspruch des guten
+Prinzips vor dem bösen“ überschrieben ist, das Gute noch plausibel
+zu machen vermochte. Gegen den Teufel argumentiert man nicht. Man
+behauptet sich gegen ihn oder man verfällt ihm.
+
+Hier liegt die tiefe Berechtigung der tiefsten christlichen Idee, der
+Idee der +Gnade+. Wer die Logik, die Ethik +nicht+ setzt; wem nicht
+sonnenklar ist, daß das Gute zu erwählen ist vor dem Bösen, wer hier
+nicht unbedingt eindeutig, einsinnig wählt und sich entscheidet, wer
+sich gegen den Teufel nicht behaupten +will+ und zweifelt, ob man
+sich gegen ihn behaupten +solle+, der ist eines Dinges nicht teilhaft
+geworden: der +Gnade+. Auf ihn hat sich die Taube nicht gesenkt, er
+ist nicht von jenem heiligen Geiste erfüllt, der das Gute und Wahre
++ergreift+.
+
+Vielleicht verstehen wir jetzt auch jenes oft angeführte Wort
++Spinozas+: „Sane sicut lux se ipsam et tenebras manifestat, sic
+veritas norma sui et falsi est.“ (Ethices Pars II, Prop. 43, Schol.)
+Mit der Idee der Wahrheit begebe ich mich auch des Maßstabes, an dem
+ich etwas messend es für falsch erklären kann; wo kein Gesetz mehr
+ist, da ist nur mehr Willkür. Auch die Idee der Wahrheit läßt sich
+nicht demonstrieren; denn ließe sie sich demonstrieren, so dürfte ich
+die Wahrheit um etwas anderen willen wollen. Ebenso +darf+ sich meine
+eigene Existenz, +darf+ sich das Ich nicht beweisen lassen, wenn es
++Wert+ haben soll, und ebenso das Du nicht ableiten lassen, wenn es
+nicht Folge eines Grundes ist, und wenn es nicht als Mittel zum Zweck
+soll gebraucht werden können. +Die Widerlegbarkeit des Solipsismus+
+wäre mit der +Ethik+ gar nicht =verträglich=, ebensowenig wie es die
+Möglichkeit wäre, die Existenz des eigenen Ich zu +beweisen+. Daß weder
+die eigene noch die fremde Seele bewiesen werden kann, liegt also in
+der Idee der Seele beschlossen. Wäre sie ableitbar, so wäre sie nicht
+das Letzte. Die These des Solipsismus wird immer wieder zu widerlegen
+versucht, von den letzten zwanzig Jahren ist nicht eines vergangen,
+ohne mindestens einen Widerlegungsversuch desselben zu bringen.
+Man versteht offenbar das Pathos gar nicht, auf dem der Satz ruht:
+„die Welt ist +meine+ Vorstellung.“ Er bedeutet: +Es+ =wird= +etwas
+geändert, wenn ich nicht bin+. +Ich+ werde zur +Substanz+, und „duae
+ejusdem naturae substantiae non dantur.“ (Spin. Eth. 2, 10 Schol.)
+Das Zurückschrecken vor dem Solipsismus ist Unvermögen, dem Dasein
+selbständig Wert zu geben, Unvermögen zu einer reichen Einsamkeit,
+Bedürfnis, in der Menge sich zu verstecken, in einer großen Anzahl zu
++verschwinden, unterzugehen+. Es ist feige.
+
+Logik und Ethik führen +beide+ zur Idee des letzten Zweckes der Zwecke
+und des letzten Grundes der Gründe, zur Idee des Absoluten oder der
+Gottheit, und es war von +Platon+ und +Kant+ einseitig, die Gottesidee
+bloß auf die Ethik zu basieren, sie bloß dem +moralischen+ Gebiete der
+religiösen Vorstellungen zu entnehmen. Die Idee dessen, was nicht mehr
+durch ein anderes bedingt, d. h. frei ist, und so auch nicht Mittel
+zu einem anderen Zwecke werden kann, d. h. selbst oberster Zweck
+und absolute Ursache ist, bildet zugleich die Idee eines höchsten
+Wesens, die Idee des Subjektes in höchster Potenzierung, die Idee
+desjenigen, in dem Wert und Wirklichkeit vollkommen kongruieren,
+ontologische und phänomenale Realität eins geworden sind; die Idee
+Gottes ist die Idee des Dinges an sich, sie ist aber auch die Idee
+einer +Weltseele+. Die Widerlegung der Gottesbeweise, so scharfsinnig
+sie ist, sie ist überflüssig; denn es liegt in der Idee eines höchsten
+Wesens, daß dieses nicht mehr ableitbar ist. Und auch die Mahnung der
+Religionen, Gott nicht zu versuchen, so tief sie ist, sie ist in sich
+widerspruchsvoll; denn wer Gott versucht, d. h. als Mittel zum Zweck
+gebraucht, der kann dessen, was seiner Idee nach nicht Mittel zum Zweck
+werden kann, gar nicht teilhaft sein; wenn er Gott kennt, so wird er
+ihn nicht versuchen; und wer ihn versucht, der kennt ihn nicht.
+
+Wer das Wunder verlangt, um zu glauben, der verlangt etwas in sich
+Widerspruchsvolles, Gründe des letzten Grundes, er ist töricht und
+verblendet; aber er ist auch böse, denn er versucht Gott, er benützt
+ihn als Mittel zum Zweck, damit er an ihn glaube. Darum sagt Goethe
++absichtlich+ nicht: „Der Glaube ist des Wunders liebstes Kind,“
+sondern: „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“ Das Wunder kann
++nur+ aus dem +Glauben+ folgen, der Glaube wirkt +immer+ Wunder, aber
+nie wirkt das Wunder den Glauben (außer bei den Frauen). Das Wunder,
+das vom Ungläubigen verlangt wird, auf daß er glaube, ist seine letzte
+Unmoral: denn er verlangt so, zum Glauben von außen +gezwungen+ zu
+werden; dies ist die gröbste Persiflage des Gedankens der Gnade, und
+ein Mißverständnis, das oft (insbesondere bei den Juden) zu treffen
+ist. Geschenke von Gott sind nicht Geschenke, bei denen der Mensch
+passiv, unfrei wird; es ist das Geschenk der Freiheit selbst, um das es
+sich handelt.
+
+Kehren wir von diesem denkbar höchsten Gipfel, der unserer Untersuchung
+zu besteigen möglich war, und den sie so früh erklommen hat, mit
+gereinigter Anschauung zu ihrem Ausgangspunkte zurück, so erblicken wir
+als ihr Resultat von höchster Wichtigkeit dieses, daß alles +Wissen+
+auf dem +Glauben+ beruht. Damit ist keineswegs die ebenso triviale
+als grundfalsche und bodenlos seichte Phrase wieder aufgewärmt, daß
++Wahr+heit nur ein höchster Grad von +Wahrscheinlichkeit+ sei. Die
+gewonnene Erkenntnis geht vielmehr darauf, daß alles +Wissen+ nur in
+Anwendung der Logik auf konkrete Inhalte beruht, die Logik selbst aber
+nur +geglaubt+ werden könne. +Die Religion kann auf das+ =Wissen=,
++das Wissen aber nicht auf den Glauben, auf die Religion verzichten+.
+Aus der Thesis A = A kann man nicht, wie Fichte wollte (in einem bei
+allem +Schein+ der Abstraktheit an gewaltigster Kühnheit einzigem
+Unternehmen), mittels der dialektischen Methode die ganze Welt
+deduzieren; aber die Thesis A = A ist gesetzt in der Urthese, in der
+metaphysischen +Position+, daß +etwas sei+, in der freien Setzung eines
+existierenden Vollkommenen, des höchsten Gutes durch den Menschen, in
+jener Handlung, welche +Religion+ heißt. +Religion ist die Erneuerung
+der Welt durch die Tat+, indem durch sie die Welt erst unter dem
+Gesichtspunkte eines absoluten Wertes und Zweckes betrachtet und damit
+des „von ohngefähr“ entkleidet wird; ihre Wiederholung und höchste
+Bejahung durch das frei wählende Individuum, das dem Ganzen vermöge
+höchster Spontaneität einen Sinn +gibt+; der Entschluß des Menschen,
+eine Bestimmung zu haben und diese Bestimmung zu erfüllen. =Gott ist
+die Bestimmung des Menschen, Religion der Wille des Menschen, Gott zu
+werden.= Religion ist die freie Position des Reiches der Freiheit,
+des Absoluten, Neuschöpfung des Universums, Setzung des +Etwas+ im
+Gegensatze zum Nichts. So bleibt dem Glauben sein Recht stets gewahrt
+gegenüber dem Wissen, als dessen Voraussetzung er sich uns enthüllt
+hat. Wie der Glaube überall zum absoluten Etwas, so führt der Unglaube
+überall zum Nichts. Er bejaht kein ὄντως ὄν, keinen höchsten Wert, als
+das metaphysisch Seiende, und wird darum theoretisch zum +Nihilismus+
+(Relativismus, Skeptizismus, heute in merkwürdiger und sehr
+bezeichnender Verkehrung, sozusagen vom Geschäftsstandpunkte aus, meist
+Positivismus genannt), in praktischer Beziehung zum +Indifferentismus+.
+Beide differenzieren sich, je nachdem sie dem Glauben an die Logik
+oder dem an die Ethik entgegenstehen: ohne die Idee der Wahrheit
+kommt es theoretisch zum +Agnostizismus+ oder +Phänomenalismus+, in
+dem für den Begriff der Wahrheit kein Platz mehr ist, praktisch zum
++Illusionismus+, der der Wirklichkeit sowenig selektiv gegenübersteht,
+wie der schlafende Mensch den Traumgestalten, die an seinem nur
+passiven Geiste vorüberziehen; ohne die Idee des Guten erübrigt
+theoretisch nur der +Determinismus+, der das Individuum nicht mehr
+werten läßt, weil er ihm nichts mehr zurechnet; und praktisch der
++Fatalismus+, der auf jedes Wollen, weil auf jedes Wollen des Zieles,
+Verzicht geleistet hat.
+
+Angesichts des unsäglich tiefen Niveaus der heute üblichen Kontroversen
+über „voraussetzungslose Wissenschaft“ sei nochmals wiederholt: es
+gibt nur ein +freies Glauben der Logik+, wie ein freies +Wollen der
+Ethik+. Religion ist das letzte hier wie dort. Das +Wissen+ hat nur
+die +Logik+, das +Erkennen-Wollen+ die Idee der +Wahrheit+ zu seiner
++Voraussetzung+; an diese aber kann ich nur =glauben=. +Glaube+ ist
+die stete, bewußte oder unbewußte Voraussetzung der Wissenschaft,
+er immaniert vom Uranfang an jeder ihrer Unternehmungen. Die Idee
+des Guten—Wahren, die Existenz eines höchsten wesenhaften Wertes und
+eines höchst vollkommenwertigen Wesens, die Existenz Gottes, beweisen
+zu wollen, ist eine praktische Contradictio in adjecto: es liegt im
+Begriff der Gottheit, daß sie nicht bewiesen, sondern nur geglaubt
+werden kann. So gibt es auch keinen höheren Richterstuhl mehr, vor
+dem sich Logik und Ethik auszuweisen, vor dem sie zu bestehen hätten;
+ich kann beider Rechte nicht mehr begründen. Dem verzweifelten Worte
+Pascals (Pensées 2, 17, 107), man müsse den absoluten Maßstab auch
+darum annehmen, wenn man nicht wisse, ob er bestehe, weil man nur auf
+diese Weise sicher sei, nicht gegen ihn zu fehlen, +wenn+ er existiere
+— diesem Argumente des entsetzlichsten Zweifels möchte ich das andere
+entgegensetzen: +Gott muß sein, wenn ich Wert haben soll.+ Wenn Gott
+nicht ist, so kommt auch für mein Leben das Wertproblem nicht mehr in
+Frage, ich bin dann nichts, und nicht einmal zur Demut habe ich dann
+Veranlassung, weil auch diese mir meine Wertlosigkeit +angesichts+ des
+Wertes vorstellt: +Gott+ muß sein, auf daß ich +sei+; ich +bin+ nur
+soviel, als ich +Gott+ bin.
+
+Daß dies das Wesen des Gottesgedankens und seine Bedeutung für die
+Menschheit ist, daß Gott der vollendete Mensch, der vollendete Mensch,
+wie Jesus Christus, Gott ist, daß der Glaube an Gott nur der höchste
+Glaube an sich selbst ist, haben die tiefsten Geister wohl erkannt;
+Geister zweiten Ranges freilich gibt es, welche gerade dahin nie
+gekommen sind. Es ist das denkbar größte Mißverständnis der Gottesidee,
+und anwendbar nur auf den Gottesbegriff der Juden, mit +Schopenhauer+
+(Neue Paralipomena, § 395) zu sagen: „Sobald Gott gesetzt ist, bin ich
+nichts“, oder mit +Nietzsche+ (Also sprach Zarathustra): „Aber Freunde,
+daß ich Euch ganz mein Herz verrate: wenn es einen Gott gäbe, wie
+ertrüge ich es dann, kein Gott zu sein? +Also+ gibt es keinen Gott.“
+Das Ich wird nicht kleiner, sondern größer durch allen wahren Glauben.
+— —
+
+Der Glaube, auf dessen Elimination die Wissenschaft ausgeht, erweist
+sich demnach als ihre eigene Basis. Freilich hat auch noch immer jedes
+Zeitalter von extremer Wissenschaftlichkeit Blüten getrieben, welche
+die Idee der Wahrheit selbst zu verleugnen suchten; die +Übertreibung+
+des +Wissens+anspruches führt zu seiner +Negation+, indem die Logik,
+seine +Voraussetzung+, als nicht mehr wißbar, in Zweifel gezogen wird.
+
+Dem Glauben nämlich korrespondiert der +Zweifel+, (praktisch: die
++Verzweiflung+); die Idee des Wissens hat zur Korrelation die +Frage+.
+Der Zweifel, der ebenso individuell ist als der Glaube, hat, was
+konkrete Inhalte anlangt, in der Wissenschaft keinen Platz; der +Glaube
+der Wissenschaft+ ist der an die +formale+ Logik.
+
+Die Unterscheidung zwischen Glauben (πίστις) und Wissen (γνῶσις),
+der Kampf darum, ob ein Urteil auch gewußt werden kann, nicht nur
+geglaubt, hat in der Geschichte der Philosophie eine berühmte Rolle
+gespielt (+Hume-Kant+) und nimmt noch heute einen sehr weiten Raum
+in den zahlreichen Kontroversen über die Theorie des Urteiles ein.
+Sicher scheint mir, wenn die wissenschaftliche Vermutung und die
+mathematische Wahrscheinlichkeit, ihrem psychologischen Charakter
+gemäß, vom Gebiete des Glaubens ausgeschieden werden, folgendes
+festzustehen: Im Glauben wird auf Beweisbarkeit, auf Ableitbarkeit,
+auf das allgemeinere Sichtbar- und Plausibelmachen des Geglaubten, auf
+alles Demonstrierbare verzichtet. Der Glaube involviert eine Schenkung
+meinerseits, ich gebe dem Urteil, an das ich glaube, von mir, gebe ihm
++mich+.[72] Das Geglaubte steht außerhalb der Logik, an die ich ja
+selbst nur glauben kann. Darum kann ich glaubend, aber nicht wissend
+bejahen, was „absurd“ ist. Der +Wissende+ stellt seinem Subjekt ein
+Objekt gegenüber, löst aber dieses vollständig von jenem, als einer
+Welt der Realität angehörig, die unabhängig von seinem und jedem
+Subjekt besteht. =Glauben= +kann man im Grunde nur an sich selbst+.
+Die transzendentale Methode Kantens bestand darin, im Individuum die
+überindividuellen Bedingungen aufzusuchen, welche +Wissenschaft+ als
+solche konstituieren. Er fragte, was Wahrheit ihrem Begriffe nach
+sei, nochmals und anders als man bisher gefragt hatte. An die Idee
+der Wahrheit selbst kann aber der Mensch nur +glauben+ und sich ihr
+unterordnen durch sein individuelles Wahrheitsstreben. Fichte hat
+erkannt, daß der Satz der Identität, der formal sich mit dem Begriffe
+der Wahrheit deckt, identisch ist mit dem Satze: +ich bin+. Also auch
+der Glaube an die Logik ist im letzten Grunde Glaube an sich selbst.
+Und der bekannte Vers des Angelus Silesius, in dem es heißt, daß Gott
+ohne +ihn+ nicht sein könne, zeigt uns nun den Grundgedanken der Mystik
+als identisch mit der tiefsten Tiefe der Logik und von dieser aus
+erreichbar.
+
+Der Wissenschaft liegt, vermöge dieses Gegensatzes zwischen
+Individualität und Allgemeingültigkeit, alles daran, den Glauben zu
+eliminieren. So wenig sie sonst ihre Argumente aus der Ethik holt, hier
+hat sie es immer geliebt, die moralische Verurteilung zu benützen,
+welche aller +Aberglaube+ mit Recht erfährt, und diesem den Glauben
++als einen Spezialfall unterzuordnen+, allen Glauben in Aberglauben
+aufzulösen. Was ist Aberglaube? Aberglaube ist eine Bejahung des
+Alogischen, welche nicht eine Selbstbejahung des Ich voraussetzt,
+nicht durch ein wertspendendes Ich erfolgt; er ist Setzung eines nicht
+gewußten Zusammenhanges, also nicht in freier Aktivität, sondern in
+passivem Zwange. Im Aberglauben (seiner Psychogenesis nach) fügt sich
+das unfrei gewordene Subjekt jedem beliebigen Inhalt. Darum hängen auch
+Aberglaube und Furcht so innig zusammen. Es gibt keinen Aberglauben,
+der nicht furchtsam machte, keine Furcht, die nicht abergläubisch
+wäre. Furcht aber gibt es nur vor der Aufhebung der Individualität,
+vor dem Verluste des Zusammenhanges mit dem Absoluten, für den der
+Mensch durch das Logische und das Ethische in seiner Persönlichkeit
+(durch die „Vernunft“ Kantens) Gewähr hat. Todesfurcht, Furcht vor
+dem Doppelgänger, vor dem Weibe (die nur das Gefühl ist, daß die
+Frau keine metaphysische Realität, keine Existenz hat), vor der Sünde
+und vor dem Irrsinn, das läßt sich mit leichter Mühe aus diesem
+allgemeinsten Schema der Furcht ableiten. Der Wille zum Wert, zum
+Absoluten, zu ihm hin oder zu seiner Festhaltung, ist die letzte,
+allgemeinste menschliche Eigenschaft. +Furcht ist gleichsam nur die
+Kehrseite des Willens zum Werte, die Weise, in der er offenbar wird,
+wenn seine Negation droht.+ Die furchtbarste Furcht, die Furcht vor
+sich selbst, erklärt sich ebenfalls auf diesem Wege: es ist die Furcht
+vor dem empirischen Ich; die Furcht vor der Reduktion der zeitlosen
+Persönlichkeit auf ein punktuelles Zeitelement ist in jenem Augenblick
+immer da, wo die Gegenwart als Zeitaugenblick überhaupt zum Bewußtsein
+kommt, statt daß der Mensch irgendwie durch den Gedanken an Zukunft
+oder Vergangenheit ausgefüllt werde, d. h. sich wollend oder denkend
+verhält.[73] Die objektive Seite der Furcht vor sich selbst kommt
+in der Unheimlichkeit der These des absoluten Phänomenalismus zum
+Vorschein, welche lehrt, daß nur die Empfindung Realität habe, und ich
+der fortdauernden Existenz einer Wand, die ich eben betrachtet habe,
+nicht mehr versichert bin, wenn ich ihr den Rücken zukehre. Indem
+es in Frage gestellt wird, ob die Wand noch da sei, wenn ich mich
+umdrehe, scheint die Existenz der Welt des „transzendentalen Objektes“,
+wie früher die des „transzendentalen Subjektes,“ auf ein Zeichen
+eingeschränkt und dadurch irreal, +wertlos+ gemacht; der Kontinuität
+des Ich, welcher objektiv die Kontinuität der Welt entspricht, droht
+Aufhebung. Der Verbrecher, der sein kontinuierliches Ich prostituiert,
+preisgegeben hat, besitzt nichts mehr, +das er Diskontinuitäten in der
+Außenwelt entgegensetzen könnte+: darum schrickt er so leicht zusammen:
++denn Schrecken gibt es nur vor Diskontinuität+.
+
+Unheimlich ist darum alles Vergessen, unheimlich die Redensart: „Das
+ist nicht mehr wahr;“ denn sie übergibt einen Teil meines Ich, eine
+Erinnerung von mir, der Vernichtung.
+
+Furcht ist also der durch die Gefahr seiner Negation offenbar gewordene
+Wille zum Wert. Da aber Negation des Wertes nur +durch+ den Wert und
++vor+ dem Wert möglich ist, so erklärt sich hieraus auch die Furcht
+vor der +Strafe+ Gottes, die Furcht vor Krankheit und Armut, sofern
+diese als solche betrachtet werden, und die Furcht vor der Hölle. „Kein
+Mensch ist gut,“ hat Christus gelehrt, und einerseits ist darum kein
+Mensch frei von Furcht; aber, trotz aller „moral insanity“, es gilt
+auch der andere Satz: Kein Mensch ist böse.[74] Der absolute Verbrecher
+würde freilich ebensowenig die Furcht kennen wie der absolute Heilige;
+da es aber auch keinen Menschen gibt, der gänzlich böse wäre, so ist
+auch hier keine Instanz gegen die Allgemeinheit der Furcht zu finden,
+wenn es auch Annäherungen an Furchtlosigkeit gibt. Die Furcht des
+Verbrechers ist die aus dem dumpfen Bewußtsein seiner Tat erwachsene,
+nicht vor der Idee des höchsten Wertes, der Bestimmung des Menschen
+bestehen zu können, von dieser als wertlos beiseite geworfen zu werden.
+Darum ist Furcht nur durch das sichere Bewußtsein von eigenem Werte zu
+überwinden. Den eigenen Wert +schafft+ aber der Mensch in +Freiheit+,
+oder er wirft ihn weg und verzichtet auf +Schöpfung+, die immer
+Wertschöpfung ist. In der Furcht gelangt dem bejahenden, schaffenden
+Menschen die Negation der Tat zur Abhebung: darum gibt es, kurz
+gesprochen, Furcht nur vor +Passivität+. Furcht vor dem Unbekannten ist
+Furcht vor dem +Unbewußten+; denn nur wessen der Mensch sich bewußt
+ist, dem gegenüber ist er +frei+ (weil er noch außer ihm, über ihm
+steht). Der Mensch würde sich auch vor dem Tode nicht fürchten, wenn er
+ganz Sicheres um ihn wüßte. Da aber kein Mensch weiß, wie viel von ihm
+leben wird, ob er nicht bloß Engel ist (denn nur sein Engel bleibt am
+Leben), sondern auch Teufel, weil jeder schuldig ist, darum fürchtet
+sich jeder vor dem Tode.
+
+Ich fasse die Daten zusammen, aus denen sich hier die Theorie der
+Furcht ergibt. Furcht gibt es nur vor dem Nicht-Sein, vor dem
+Nichts; Furcht gibt es nur vor dem Bösen, vor Irrsinn, Vergessen,
+Diskontinuität, vor dem Weibe, dem Doppelgänger, vor dem Tod, vor
+Schuld—Strafe (= Vergangenheit—Zukunft), vor Schmerz, vor Passivität,
+vor dem Unbewußten (dem Schicksal), vor Krankheit, vor Verbrechen — das
+alles aber ist eines. Es ist Furcht vor dem Tode.
+
+Ich berufe mich hier auf die Theorie des zweifachen +Lebens+
+(„Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 377 bis 381; vgl. S. 274,
+399, 440). +Furcht ist die Kehrseite des Willens zum Leben, die
+Reaktion alles Lebens gegen alle seine Feinde.+ Darum gibt es tiefere
+und gewöhnlichere Furcht, je nachdem es ans irdische oder ans ewige
+Leben geht: Furcht vor dem irdischen, stofflichen, Furcht vor dem
+metaphysischen, seelischen Tode. Die erste Furcht kennen auch die
+Tiere, die zweite nur der Mensch (er freilich auch die erste). Weil
+nun alles Leben durch Liebe entsteht, das niedere durch Liebe zur
+Materie (Essen und Geschlechtsverkehr), das höhere durch Liebe zu Gott
+(geistige Nahrung; Liebe zu Gott kann Liebe zur Wahrheit, zum Guten,
+zum Schönen heißen), so ist +Furcht+ das aller +Sexualität und aller
+Erotik Entgegengesetzteste+.[75] Darum umschlingen sich Menschen, die
+getötet werden sollen, koitieren Mann und Weib, wenn ein Erdbeben sie
+zu vernichten droht. Darum sucht der Mensch (nicht nur des physischen
+Erfolges halber) stets Verbindung mit anderen, wenn er sich fürchtet;
+zwei Menschen schlafen +zusammen+, um leichter einer Furcht Herr
+werden zu können. +Die Furcht vor der Einsamkeit ist die Kehrseite
+des Willens zur Totalität+, und alle Furcht steigert sich, je weiter
+die Entfernung von der räumlich-zeitlichen Totalität wird. Darum aber
+ist auch das physische Abbild der Furcht im niederen Leben +Atemnot+;
+(weil der Atem, das Prinzip des =Lebens=, den +Zusammenhang+ mit dem
+All herstellt; „Geschlecht und Charakter“, S. 380, Anm. 1), und ist
+Atemnot der Angst so verwandt, daß Angst mit +enge+, angustiae, angina
+(Zuschnürung der Kehle) aus derselben Wurzel gebildet ist.
+
++Furcht also ist das Gefühl einer Leblosigkeit; und es gibt Furcht nur
+vor dem Tode.+
+
+Die Furcht und die Liebe haben beide ihre Phantasie: die Furcht eine
+passive, die Liebe (in jenem weiteren Sinn, in dem auch geistige
+Produktion Liebe ist) stets eine aktive. Die Visionen des Hamlet,
+der ein und dasselbe Ding fortwährend sich verwandeln sieht, sind
+passive Phantasie, und Ausfluß von Furcht: +hier wird nicht der Satz
+der Identität mehr gesetzt+ (auch fürs Objekt; vgl. „Geschlecht und
+Charakter“, S. 201 f., 246). Auch der Verbrecher leidet, weil in ihm am
+meisten Passivität ist, darum an schreckhaften Halluzinationen, er hört
+fortwährend Stimmen, wenn er allein ist, gleich wie der Irrsinnige.
+
+Mut: +das ist das Selbstvertrauen des höheren Lebens+. Wer ganz mutig
+ist, wie Siegfried, der ist rein, schuldlos. Darum hängt der Mut mit
+dem Herzen zusammen; er entspricht der Gewalt des Herzschlages, wie
+der Atem der „Verbundenheit“ (Rappaport), und es ist das Quantum Mut,
+das ein Mensch hat, der sicherste Anzeiger seiner Größe, Reinheit,
+Genialität.
+
+Furcht aber ist das Mißtrauen des Lebens, weil es noch Ränder hat,
+und dort Abgründe sind. Der Glaube an sich schafft den Mut und die
++Hoffnung+ (das ist das Ich auf dem Wege zu seiner Verwirklichung).
+
+Der Glaube, welcher das ewige Leben durch seine Bejahung im Wollen und
+Denken setzt, ist der Antipode +des Gefühles der Leblosigkeit+, =er=
++ist der Besieger der Furcht+.
+
+In einem Glauben selbst steckt aber um so mehr Furcht, je mehr
+Aberglaube in ihm ist. Es gibt wohl keinen speziellen, individuellen
+Glauben, der ganz frei von Aberglauben wäre. Durch den Aberglauben aber
+wird, in Gegensätzlichkeit zum Glauben, die autonome Persönlichkeit
++vernichtet+, jedem zufälligen, zeitlich-räumlichen Zusammentreffen
+zweier Geschehensreihen, die erfahrungsgemäß voneinander unabhängig
+sind, d. i. dem Zufall +preisgegeben+. Im Aberglauben verknüpft der
+Mensch sich +funktionell+ mit anderem, negiert die eigene Freiheit
+für alle Zukunft, und erklärt sein Wollen und Sollen für fatalistisch
+gebunden.
+
+Aller Aberglaube +verlangt+ darum Zeichen und Wunder; denn Aberglaube
+ist die +Abdikation+ selbständigen Denkens und Handelns; der bigotte
+Feldherr, der nach den Eingeweiden oder Sonnenfinsternissen seine
+Beschlüsse einrichtet (und hierdurch nur seine Furcht verrät; wie
+Nikias, wie Kaiser Julian bei +Ibsen+), hat auf alle Aktivität, und
+damit auch auf den Erfolg, von vornherein verzichtet.
+
+Im Glauben bejaht in Freiheit kühn und todesmutig der Mensch sich
+selbst, sein innerstes göttliches Wesen, im Aberglauben +nickt+ er
+furchtsam zu jeder Wendung des Spieles, er gibt seine +Freiheit+ des
+Denkens und Handelns auf, indem er sie an etwas +bindet+. Darum ist
+Aberglaube stets kleinmütig und feig, Glaube großherzig und tapfer;
+darum leidet ein Mensch um so mehr an seinem Aberglauben, je mehr er
+zum Glauben fähig ist.
+
+Das Problem der Furcht gibt an Tiefe und Abgründlichkeit keinem anderen
+etwas nach. Ich habe nicht die Absicht, diese bloßen Andeutungen hier
+nach allen Seiten hin auszuführen. Aber das Problem des Wissens hilft
+es uns noch weiter erläutern durch eine Gegenüberstellung.
+
+Ein Mensch, der die Wand in seinem Zimmer knacken hört oder plötzlich
+in der Stille des Mittags oder der Mitternacht ein Geräusch vernimmt,
+kann hierauf in doppelter Weise reagieren: entweder +erschrecken+ oder
++nachschauen+. +Neugier+ und +Furcht+ sind die beiden entgegengesetzten
+Verhaltungsweisen des Gemütes. +Der Wissenschaftler ist der neugierige
+Mensch+, er forscht nach, er will die Ursachen der Erscheinungen
+erkennen. Das Gegenteil des +Forschers+, das man vielfach im Künstler,
+im Metaphysiker oder im Mystiker gesucht hat, ist eigentlich erst
+ganz der +Dämonolog+. Die Furcht +schafft+ die Dämonen. Der Mensch,
+der +mutig+ aufsteht, um hinzugehen und dem Gespenst die Kapuze vom
+Alltagsgesicht zu ziehen, ist der =Ent-Decker=. Der Mensch, der extrem
+an der Furcht leidet, wird nie auch nur eine gedankliche Entdeckung
+machen. +Dieselben+ Mächte in der Natur, die der Wissenschaftler
+mit den Hebeln und Schrauben verfolgt und bis zur Darstellbarkeit
+durch Differentialgleichungen zu bringen sucht, kommen dem an der
+Furcht Leidenden als die +Dämonen der Natur zum Bewußtsein+. Es ist
+eine Torheit, die Dämonologie für ausgestorben, für eine ältere,
+psychisch überwundene Auffassungsform der Welt zu halten, an deren
+Stelle allmählich im Laufe der Geschichte die wissenschaftliche
+Anschauungsweise getreten sei. Beides sind zwei polar entgegengesetzte,
+konstante Charakteranlagen innerhalb der Menschheit, und so alt
+und ewig wie diese. Ebenso wie heute gab es immer Forscher neben
+Dämonologen; ebenso wie in den Zeiten, welche der Prähistoriker und
+Ethnolog mit Vorliebe aufsucht, gibt es heute Dämonologen, vereinzelt,
+aber in unverminderter Anzahl, neben dem Korpus der Wissenschaftler.
+Die Dämonen =sind= +die Naturgesetze für+ den an Furcht leidenden
+Menschen, Wissenschaft und Dämonologie die zwei Arten, in welchen der
+Mensch auf das Naturgeschehen reagieren kann. Poe und Schopenhauer,
+Bürger und Knut Hamsun sind der Natur gewiß nicht fremder als Newton
+und Kasp. Friedr. Wolff, als Baco und Lagrange, aber jene erfassen sie
+anders als diese. Ein Mensch kann Dämonolog und Wissenschaftler sein,
+wenn er genügend universell veranlagt ist: Goethe war beides in größtem
+Stil.
+
+Die Wissenschaft bringt das Licht und vertreibt die Dämonen der Nacht.
+Es ist traurig, aber unabänderlich, daß der Wissenschaftler die Dämonen
+und die Furcht vor ihnen nie verstehen, immer belächeln und wohl auch
+den Dämonologen meist verfolgen wird. Das soll niemand hindern, noch
+beirren, die Wissenschaft als die große Leuchtfackel des Geistes
+moralisch und kulturell hochzuhalten gegenüber der Furcht. Denn Furcht
+ist sittliche und gedankliche Schwäche, sie macht den Menschen klein
+und läßt ihn zusammenschrumpfen. Durch Vernunft und nur durch Vernunft
+können die Gespenster verjagt werden.
+
+
+II. Begriff der Kultur.
+
+Nichts ist schwieriger, als von einem Schlagwort zu einem Begriff zu
+gelangen. Und Kultur ist das Wort, in dessen Zeichen heute +jedermann+
+kämpft und siegt. Wenn auch der Versuch, dieses Zeichen rein
+zurückzugewinnen, hierdurch sehr erschwert ist, so ermutigt anderseits
+zu solchem Unternehmen gerade jener Glaube an die allgemein zwingende
+Kraft des Wortes; es scheint darauf hinzudeuten, daß mit ihm etwas
+bezeichnet wird, was zu allgemeinsten Werten in Beziehung steht, für
+das Individuum gilt und doch dem einzelnen nie nützt, um dem anderen zu
+schaden.
+
+Natur und Kultur sind Begriffe, die einander oft gegenübergestellt
+worden sind, besonders von dem Spaziergänger Schiller, der einer
+Klärung des Kulturbegriffes auf lange hinaus dadurch entgegengewirkt
+hat, daß er Kultur immer mit Zivilisation identifizierte. Sicherlich
+ist zuzugeben, daß durch ein noch so inniges Verhältnis zur Natur
+allein noch kein Mensch auch nur ein Titelchen der Bezeichnung
+„kultiviert“ sich verdienen kann. Aber ebensowenig ist die wilde
+Natur in ihrer Wirkung auf den Menschen antikulturell, und darum der
+Gegensatz irreführend.
+
+Der andere, bessere, von Windelband und Rickert in der letzten Zeit
+in schönen Untersuchungen ausgeführte Gegensatz von +Natur+ und
++Geschichte+ kann uns hier eher weiter leiten. Offenbar hängt, was
+man unter Kultur versteht, mit der Geschichte der Menschheit aufs
+innigste zusammen. Ja, Kultur, soweit sie vergegenständlicht ist in
+den erhaltenen Werken der vergangenen Geschlechter, sich mit Hegels
+Begriff vom „objektiven Geiste“ deckt, wird ganz allgemein geradezu
+identifiziert mit dem, was von dem Leben der Völker übrig bleibt,
+mit der Summe der Projektionen ihres Daseins auf die Erde, und jede
+spezielle Kultur danach gewertet, wieviel von jenen Projektionen die
+Individuen und Nationen überdauerte. Das Wirken des Politikers, soweit
+er Eroberer und Revolutionär, Zerstörer und Machtsucher, und nicht
+Gesetzgeber und Staatsmann ist, wird in diesem Sinne als vergänglich
+den Kulturschöpfungen gegenübergestellt.
+
+Man nähert sich aber heute — unter dem Einfluß jener zwei Männer,
+die in den letzten Jahrzehnten das Kulturproblem am ernstesten
+genommen haben, Rich. Wagners und Nietzsches — vielfach doch schon der
+richtigeren Auffassung, daß es sich zunächst um psychische Qualitäten
+handeln müsse, wenn die Frage nach Kultur gestellt werde, und nicht
+um die Residuen aus früheren Zeiten, in welchen sich vielleicht diese
+Qualitäten offenbart haben. Da lag es nun nahe, den Grad der geistigen
+Kultur eines Menschen oder einer Ära nach der größeren oder geringeren
+Intimität des Verhältnisses zu beurteilen, welches sie zur Geschichte
+früherer Zeiten besitzen. Der Historiker im weitesten Sinne wäre dieser
+Anschauung nach der eigentliche Kulturmensch. Das ist es, worauf die
+gierige Sucht der heutigen Mode nach Kultur eigentlich abzweckt, im
+Gegensatze zur Bildung, welcher mehr das positive Wissen zugewiesen
+wird: Beschäftigung mit Literatur und Kunstgeschichte, Orientiertheit
+über die vergangenen großen Männer der Menschheit und persönliche
+Beziehung zu ihren Schöpfungen. Kultur würde danach ihre Definition
+von einem entgegengesetzten Begriffe der Barbarei erhalten, welcher
+die völlige Unbekümmertheit um das von anderen und älteren Geschaffene
+bezeichnen müßte. Es leuchtet aber ein, daß auch dieses Kriterium mit
+der innersten geistigen Kultur eines Menschen nichts, gar nichts zu
+schaffen haben kann. Denn gälte es in Wahrheit, so wäre der Mensch am
+kultiviertesten, der die meisten Bücher gelesen, die meisten Konzerte
+gehört, die meisten Museen besucht hat. Das ist natürlich niemandem
+zu behaupten eingefallen, aber aller Kultursnobismus geht auf diese
+Fiktion zurück. Auch müßte ja dann das Quantum einer kollektiven
+Vergangenheit, die der Jahreszahl nach spätere Stellung eines Menschen
+den Grad seiner Kultur mit entscheiden. Die Kultur, auf die es hier
+ankommt, nimmt aber keineswegs („Sandkorn für Sandkorn“) +zu+ im Laufe
+der menschlichen Geschichte. Der Sinn des Glaubens an den Fortschritt
+ist ein Glauben an die sittliche Idee des Fortschrittes: Kultur
+bleibt immer ein Ideal, und wir wollen uns ihm nur nähern. Ebenso wie
+die Furcht vor dem Aussterben der Menschheit als Gattung nur darauf
+zurückgeht, daß wir dann auf der Welt keinen Vertreter der sittlichen
+Idee zurückgelassen sehen, an den wir so gerne noch alle die Hoffnungen
+knüpfen, die uns das Gefühl der eigenen Unvollkommenheit verbietet: so
+ist auch der Gedanke der Entwicklung bei irgend tieferen Menschen nicht
+sowohl auf eine Überschau der Vergangenheit und ihren Vergleich mit der
+Gegenwart gegründet, sondern nur Ausdruck eines Postulates, das sie an
+die Menschheit auch als ein Ganzes in der Zeit heranbringen, obwohl
+sich im einzelnen Geschehen stets alles gleich bleibt, und spät wie
+früh immer nur der gleiche Kampf vom gleichen Kampfort aus in gleicher
+Weise unternommen wird. +Es gibt keine Entwicklung; was den Menschen
+zutiefst bewegt, ist ja nur der+ =Wunsch= +nach Entwicklung+; es gibt
+nur ein +Bedürfnis+, der Gesamtheit der zeitlichen Ereignisse einen
+realen Sinn außerhalb der Zeit unterlegen zu können; +es gibt keine
+geschehene, sondern nur gewollte Geschichte+. Der Wille zur Geschichte
+der Menschheit erweist hier seinen Ursprung aus demselben tiefsten
+Quell, aus welchem das Unsterblichkeitsbedürfnis des Menschen fließt;
+er selbst ist identisch mit dem Bedürfnis nach der Erlösung.
+
+Es gibt darum keine Geschichte +des+ Menschen, weder des einzelnen
+(der Charakter bleibt konstant, auch wenn einzelne Züge lange Zeit
+verschwunden +scheinen+), noch auch, wenn ich ihn mit den anderen
+vergleiche, die Tausende von Jahren vor ihm gelebt haben.
+
+Es gibt nur eine Geschichte jenes Baues, zu dem sich die objektiven
+Leistungen der einzelnen vereinigen; es gibt nur „Kulturgeschichte“.
+Alles andere, z. B. der Krieg, wird nicht an der Idee der
+Vollkommenheit dieses Baues gemessen; es ist Epos, es wertet nicht.
+
+Da empirische Geschichte, als +in der Zeit+ erfolgend, nichts
++Wirkliches+ sein kann und kein Bedürfnis des Menschen zu befriedigen
+vermag; +da es immer und ewig das qualvollste Leiden des Menschen
+bleibt, keine Geschichte zu haben, und sein sehnsüchtigstes Motiv
+immer nur, endlich Geschichte zu erleben+ — darum kann Kultur nicht
+in der geistigen Rückbeziehung liegen, durch die eine Zeit mit einer
+anderen sich enger zu verknüpfen glaubt. Die historischen Renaissancen
+älterer Kulturen haben noch niemals Kultur neu geschaffen, und man
+irrt gewaltig, wenn man der Berührung mit vergangenen Kulturkreisen
+die magische Kraft einer völlig primären Wiederbelebung zuschreibt.
+Kultur bleibt ein Ideal, und einem Ideal vermag auch nur der einzelne
+suchende Mensch und nicht eine Kompagnie in Geh- oder Eilschritt sich
+anzunähern. Der Kultur einer Nation muß die Kultur der Individuen
+vorangehen; und schon darum sind Befürchtungen lächerlich wie jene, die
+von kultureller Überflügelung eines Volkes reden, weil ein anderes mehr
+Massenproduktion aufweist. Kultur ist nichts, wozu sich zwei Menschen
+vereinigen, woran sie kollaborieren könnten.
+
+Als das +Wesentliche+ in aller Kultur wird man einen Sinn zu betrachten
+haben, der seine zwei Seiten hat. Bedingung aller Kultur und, rein
+geistig, mit ihr identisch ist der +Sinn für Probleme+. Darum ist aber
+alle Kultur auf +Individualität+ gegründet, denn es gibt Probleme nur
+für +Individualitäten+.
+
+Diese Bestimmung gibt auch sofort Rechenschaft über die innigen
+Beziehungen des Kulturbegriffes zum Begriff der Geistesgeschichte.
+
+Denn alle Kunst und Philosophie hat, solange es Menschen gibt,
+dieselben ewigen Probleme, die großen Probleme der Menschheit und des
+Daseins behandelt. Die großen Themen der Weltliteratur bleiben die
+gleichen, für jeden Musiker erneut sich das Motiv des Requiems, die
+Probleme der Philosophie sind die gleichen von den ältesten Mythen und
+Sprüchen der Babylonier und Inder bis auf den heutigen Tag. Man denke
+an die Variationen des Don Juan-, des Faust-, des Prometheus-Motivs
+in den Literaturen der Völker, an Hamlets Wiederkehr als Skule, an
+die Siegfriedsgestalt (=Feramors-Achilleus), an die Metamorphosen
+des vollendeten Bösewichts als Hagen, Richard III., Franz Moor,
+Golo, Bischof Nikolas. Die Idealität der Zeit wird vor Kant von den
+Upanishaden gelehrt, Anaximanders Ethik sagt fast dasselbe wie die
+Schopenhauers, der christliche Gottesstaat begegnet uns wieder in
+der Gralsritterschaft der Parsifal-Sage und in Kantens Konzeption
+eines Corpus mysticum. Im letzten Grunde sind auch die Probleme des
+Künstlers und die des Philosophen dieselben, nur ihre Behandlung
+eine verschiedene. Denn Frage und Gedanken sind beiden gemeinsam,
+dem großen Künstler und dem großen Philosophen. Der Gedanke ist aber
+demonstrierbar, und darum bedarf die Kunst der Logik nicht minder als
+die Wissenschaft. +Anschauung+ ist das Individuelle in Philosophie und
+Kunst; in der ersteren +unsinnlich+, in der letzteren +sinnlich+, in
+der einen zum +Begriff+ führend, in der anderen zum +Symbol+. Gegenüber
+der modernen Kunst, die durch den absoluten Mangel der Gedanken
+charakterisiert ist, und diesen Mangel zu einem Prinzip erhoben hat,
+indem sie vom Gedanken in der Kunst nichts wissen will, soll betont
+werden, daß jede wahre Kunst Gedankenkunst ist, jeder große Künstler
+ein großer Denker, wenn er auch anders denkt als der Philosoph.
+Alle große Kunst ist darum +tief+; +es gibt+ =nur= +symbolische+
+Kunst (die freilich nicht mit „symbolistischer“, d. h. mit heutiger
+„Stimmungskunst“ verwechselt werden darf). +Da es den genialen Menschen
+ausmacht, daß er in bewußtem Zusammenhange mit dem Universum steht,
+so wird auch in den Werken des Genius immer der Puls des Dinges an
+sich, der Atem des Weltganzen spürbar sein müssen.+ Wir erkennen so,
+auch von der Einsicht in das Wesen des großen Künstlers selbst aus,
+daß die Tiefe des Gedankens absolut dazu erforderlich ist, daß auch
+das +Kunstwerk+ groß sei. +Dieser+ Maßstab, und erst später der der
+Form, muß an jedes Kunstwerk in allererster Linie angelegt werden;
+und daß alle Kunstkritik noch immer so blind tappt, daran ist nur
+dies Schuld, daß sie ihren Gegenstand nicht an dem Ideal gedanklicher
+Tiefe mißt. Freilich würden die Größen der Weltliteratur an Zahl
+beträchtlich zusammenschmelzen, wenn man mit solcher Prüfung Ernst
+zu machen anfinge, und gar viele Namen würden von dem Postamente der
+Berühmtheit stürzen, auf das sie die große Menge derer gehoben hat,
+die von der Kunst nur Rührung oder Aufregung, Stimmung oder Pathos
+erwarten. Da würden sie hinuntersteigen müssen, einer nach dem anderen,
+Wieland und Uhland, Horaz und Lope de Vega, Schiller und Otto Ludwig,
+Grillparzer und Maupassant, Gottfried Keller und Lessing, Storm und
+Thackeray, Grabbe und Anzengruber, Racine und Walter Scott, Byron und
+Dickens, Molière und Walther von der Vogelweide; und ebenso unter
+den anderen Künstlern, z. B. Botticelli und Segantini, Murillo und
+Thorwaldsen, Gounod und Johann Strauß — keiner, keiner hielte dieses
+Maß der Ewigkeit aus.[76] Des Gelächters und der Entrüstung aller
+heutigen Kritiker wäre eine solche strenge Scheidung, wenn sie auch
+mit den Lebenden ins Gericht zu gehen aus guten Gründen sich gehütet
+hätte, sicher; aber dennoch würde sie sich an dem Anerkannten soweit
+vergreifen müssen, daß sie sogar an der Größe des „göttlichen Homer“ zu
+zweifeln sich nicht scheuen dürfte, obwohl sie sich doch hier gegen das
+einstimmige Urteil aller anderen nur auf die Zustimmung eines einzigen,
+freilich auch +des einzigen+, auf die Platons, berufen könnte.
+
+Insoferne nun die großen Probleme längst gestellt sind, hängt Kultur
+mit Kulturgeschichte wirklich zusammen. Aber sie müssen immer neu
+gestellt werden; ob mit oder ohne Anschluß an frühere Lösungsversuche,
+ist für das Beginnen gleichgültig und kann auch für den Erfolg nicht
+wirklich maßgebend sein.
+
+Am stärksten ist der Sinn für Probleme im hervorragenden Menschen: denn
+die Probleme +sind+ in ihm lebendiger als in den anderen. Er empfindet
+sie als +seine+ Probleme, gerade er kommt nie bloß äußerlich zu ihnen,
+sie sind ihm nicht durch Überlieferung und Umgang angeflogen, sondern
+er wird durch seine Individualität, durch das Problematische in ihr,
+immer wieder zu ihnen zurückgeführt.[77] So setzt sich +objektive+
+Kultur in ihrem Grundstock aus den Opfern zusammen, welche die großen
+Menschen aller Zeiten am Altare des Welträtsels dargebracht haben.
+Subjektive, psychische +Kultur+ ist, in formal stets gleicher Weise,
+innerer +Kultus+; ihre objektive Vergegenständlichung ein Darbringen
+des eigenen Kindes in höchster Verehrung eines unpersönlichen
+Höchsten.[78]
+
+Dennoch ist Kultur auch etwas Soziales: der Altar, an dem geopfert
+wird, liegt frei und offen für die Augen aller Sehenden. Die
+Öffentlichkeit des Kulturdienstes hat man stets dunkel empfunden, und
+das Allerindividuellste, was es gibt, die Religion, die Frage nach dem
+Sinn und der Aufgabe des eigenen Lebens, nie als zur Kultur gehörig
+betrachtet, wenn auch dieses letzte Problem allen anderen Problemen,
+vielleicht oft unbewußt, immanieren wird. Sowie jeder höhere Mensch
+sein moralisches Innenleben mit sich selbst ausmacht und den äußeren
+Beichtvater als sittliche Schwachheit und Schwächung empfindet, so
+bleibt eben Frömmigkeit, die schließlich mit Moral doch identisch ist,
+dem ausschließlichen Leben des Einzelnen aufgespart. Auch von der
+anderen, der Werkseite her, wird sich diese Restriktion empfehlen.
+Frömmigkeit tut keine Werke, die auf Erden fortdauern. Religion liegt
+demnach bereits jenseits von Kultur, denn sie hat einen Inhalt, der
+nicht selbst spezielles Problem werden kann: den letzten Grund des
+Individuums und der Welt überhaupt.
+
+Sie ist das Individuellste: glauben, sahen wir, kann der Mensch nur
+an sich selbst, und an sich selbst kann er nur glauben, soweit er dem
+Absoluten oder Gott als Idee des Guten und Wahren nachstrebt und ihr
+ähnlich zu werden trachtet. Kultur ist individuell, aber nicht als
++Problem+ der Individualität, sondern als Folge der +problematischen+
+und durch die Religion als +Position+ erneuerten (wiedergeborenen)
+Individualität. Kultur ist +transzendental+ (nach dem von Kant
+geschaffenen Begriffe); alle transzendentalen Funktionen führen
+schließlich zur Idee des Absoluten als ihrem Schlußbegriff, diese ist
+aber nicht durch einen logischen Beweis aus ihnen ableitbar. Erst
+die +Transzendentalität schafft+ Kultur. +Die Transzendentalität
+als der Inbegriff der über das einzelne Individuum in ihrer
+Gültigkeit hinausgehenden und doch nur von ihm selbst immer wieder
+zu vollziehenden Wertsetzungen ist Bedingung aller Sozialität+, sie
+macht die Kultur wieder zur sozialen Sache, zum Werte, der von jedem
+Individuum selbständig in Freiheit geprüft werden muß, und von jedem
+immer wieder in formell gleicher Weise anerkannt wird. Soferne z. B.
+rechtliche Einrichtungen nicht bloß nach dem festen Paragraphen
+gehandhabt werden, sondern zur Problematisation verhelfen unter der
+leitenden Idee der Gerechtigkeit und des Unrechtes als allgemein
+maßgebender Faktoren bei ihrer Erwägung und Anwendung, insoweit und nur
+insoweit haben Rechtssatzungen kulturelle Bedeutung. So ist es auch
+nicht die möglichst ausgedehnte und möglichst kontinuierliche Benützung
+möglichst vieler technischer Erfindungen, welche dem Individuum oder
+der Gesamtheit Anspruch auf Kultur verleiht, und ebensowenig haben
+die +Resultate+ der Wissenschaft kulturelle Bedeutung. Weder der
+Universalgelehrte, noch der Universal-Sportsman repräsentieren den
+Kulturmenschen.
+
+Daß jedermann eine Uhr in der Westentasche trägt, hat kulturell nicht
+ein Atom von Wert, solange nicht jedem Einzelnen die Zeit und ihre
+Messung und moralische Verwertung Gegenstände des Nachdenkens geworden
+sind. Also auch Kultur als Sinn für Probleme ist ein Ideal: kein Mensch
+tut diesem Ideal genug, auch der Kultivierteste wird oft darüber
+erschrecken müssen, über wie viele Dinge er noch nicht nachgedacht hat.
++Kein Mensch hat Kultur; aber jeder soll Kultur wollen.+
+
+Denn Kultur ist auch eine +Aufgabe+ und nicht nur ein Problem, die
+Kulturfrage hat wie jede andere Frage von wirklichem Schwergewicht ihre
+praktische neben der theoretischen Seite. Und so differenziert sich
+Kultur nach der anderen, praktischen Seite hin psychisch als +Sinn für
+Aufgaben+. Der Sinn für Probleme muß sich in die Tat umsetzen wollen,
+und das wird er immer, wenn es dem Menschen mit den Problemen ernst
+ist. Probleme ohne Aufgaben sind zwecklos, Aufgaben ohne Probleme sind
+grundlos. Das Spiel als solches ist zwecklos; denn es stellt Probleme,
+die nie Aufgaben werden können.[79] Der Sport als solcher ist grundlos;
+denn er stellt Aufgaben, die nie Probleme gewesen sind. Beide sind
+darum aller Kultur solange ferne, als sie nicht in einem Menschen der
+einen wie der anderen Bedingung nachkommen.
+
+Als unumgängliche Voraussetzung aller Kultur wird man daher auch die
+äußere Freiheit der Individuen immer fordern müssen. Freiheit ist die
+Grundlage, ohne die Kultur nicht gewollt werden kann, und hiermit ist
+erst eigentlich der Sinn jener Meinung völlig klar geworden, die als
+Bedingung der Kultur freie Zeit, Muße im Gegensatz zur Arbeit ansieht.
+Diese Formulierung beizubehalten, ist nicht möglich. Erstlich wird
+Muße meist mehr für die +Pflege+, als für die +Kultur+ des Individuums
+verwendet, und dann liegt eben doch auch im Prinzipe der +Arbeit+ ein,
+oft mißverstandenes, und doch sehr wichtiges Element der Kultur.[80]
+Die Arbeit ist weder das Gute noch das Böse an sich, sie ist an sich
+ethisch indifferent; wenn auch der arbeitende Mensch, wie die Erfahrung
+zeigt, moralisch über dem nicht arbeitenden zu stehen pflegt, so
+kommt es doch stets auf den Zweck an, den Arbeit verfolgt. +Kulturell
+wertvoll kann nur solche Arbeit sein, die auf Arbeit an sich selbst
+zurückweist.+ Daß sie auch den anderen Menschen zugute kommen wird,
+wenn sie Kulturwert hat, liegt eben im +transzendentalen Charakter der
+Kulturwerte begründet+ (der Ideen der Wahrheit, Schönheit, des Rechtes
+u. s. w.). Eine Arbeit, die bloß der Brotbereitung für die eigene
+oder für fremde Familien gelten kann, wird nie Kulturwert besitzen.
+Soziale Knechtschaft, selbst wenn sie zu letzten Endes kulturell
+wertvollen Leistungen +zwingt+, ist daher an sich antikulturell, wie
+die Phänomene der Armut oder der Krankheit von vornherein durchaus
+antikulturell sind. Das Gefühl hierfür hat zur kulturellen Hochwertung
+aller Betätigungen des Individuums geführt, bei denen es keinem äußeren
+Zwange untertan ist; und so sind Sport und Spiel zu ihrem freilich
+ebenso unberechtigten Ansehen als Symptomen von Kultur gelangt.
+
+Jene stete Wechselbeziehung auf die allgemeinen Kulturgüter lassen aber
+sowohl Spiel als Sport gänzlich vermissen. Indessen ist eben dies der
+Ernst und die Größe des Kulturgedankens: Kultur muß von Individualität
+emanieren, und sich vor dem allgemeinen Forum der überpersönlichen
+Werte behaupten. Das ens transzendentale, das „animal metaphysicum“
+ist darum eben dasselbe und kein anderes Wesen als das ζῶον πολιτικόν:
+der Mensch. So beantwortet sich die berühmte Frage aller Soziologie:
+was früher gewesen sei, das Individuum oder die Gesellschaft; +beide
+sind zugleich, miteinander, da von Anfang an+. So, schmeichle ich mir,
+erklärt sich „jene wunderbarste Tatsache, daß von allen Wesen, die
+wir kennen, der Mensch auf der einen Seite das zur selbständigsten
+Ausbildung der Individualität befähigte und zugleich auf der anderen
+Seite das am meisten durch den sozialen Zusammenhang der Gattung
+bedingte ist“. (Windelband, Die Geschichte der neueren Philosophie, 2.
+Aufl., 1899, Bd. II, S. 227.)
+
+Das Zeichen, +unter+ dem die Individuen zur Gesellschaft
+zusammentreten, und +zu dem emporblickend+ sie als Gesellschaft
+entscheiden, heißt Kultur. Kultur ist als +Idee+ ihrer +logischen
+Seite+ nach ein +überindividuelles Problem+, ihrer +ethischen+ Seite
+nach eine +überindividuelle Aufgabe+. Kultur als das +Verhältnis des
+Individuums zur Idee+ ist +Sinn+ für theoretisches Problem im +Denken+,
++Sinn+ für praktische +Aufgabe+ im Handeln. +So ist Kultur zugleich
+überindividuell als Idee und individuell als Ideal.+
+
+
+III. Die möglichen Absichten von Wissenschaft in Ansehung von Kultur.
+
+Über nichts wird heute so eifrig verhandelt, wie über Kultur. Nichts
+wird so fleißig studiert, wie Kulturgeschichte, kaum etwas so emsig
+gefördert und mit solchem Interesse verfolgt wie diese. Keinen
+höheren Ehrgeiz gibt heute Jung und Alt, Reich und Arm zu haben
+vor, als den nach Kultur. Dem Kultur-Snob, der sein Bedürfnis nach
+der neuen Kravatte in das antiquarische Interesse für allgemein
+ungekannte Künstler und Kunstwerke sublimiert hat, sind wir bereits
+begegnet. Daneben dringt die Stimme des nach Naturwissenschaft in
+Kindernährmehlform heulenden Kulturwolfes gar vernehmlich an das
+Ohr des Lauschenden. Snob und Mob aber bedürfen und ergänzen einer
+den anderen. Jener war eine vereinzelte, komische und doch nicht
+ganz unsympathische Erscheinung. Dieser, weniger verlogen, aber
+selbstsüchtiger, unterstützt sein Begehren wie jener durch das einzige
+Argument, den Ruf: Kultur! Ja, in der großen Allgemeinheit ist Kultur
+heute nicht einmal identisch mit Geistesgeschichte; die Elemente,
+die sie dem Zeitgeist hauptsächlich zu konstituieren scheinen, sind
+Wissenschaft und Technik.
+
+Betrachten wir das merkwürdige Schauspiel: nichts geht neben
+aller Krisenhaftigkeit der anderen Prozesse so sicher in seinem
+maschinenmäßigen Gange weiter, wie jenes riesige, über die Erde
+ausgestreckte Wesen, die Wissenschaft; nichts erhebt die gleichen
+Ansprüche wie diese, nichts erfreut sich der gleichen Fürsorge. Die
+Mäcene haben ihre Schützlinge gewechselt. Galt einst ihre Bemühung
+dem Künstler und dem Philosophen (Plato, Aristoteles, Descartes,
+Grotius, Spinoza, Leibniz, Voltaire), so gilt sie heute den Zwecken der
+Wissenschaft. Allerdings — es ist auch nicht mehr der Aristokrat, der
+das Geld in der Hand hat. Der große Kapitalist hat die Entscheidung,
+und er optiert für die Wissenschaft.
+
+Das hehre +Ideal+ der Wissenschaft ist es, welchem der Wissenschaftler
+sein Ansehen dankt. Dieses Ideal allein sollte sein Stolz sein; in
+seinem Namen bewußt zu arbeiten, der Idee ein bloßer Diener zu leben,
+seine Ehre. Die tiefe Verachtung, welche jeder Wissenschaftler (im
+weitesten Sinn) für jeden Techniker (im weitesten Sinne; in welchem
+auch der Jurist und der Arzt dazu gehören) als solchen hegt, rührt
+daher.
+
+Die Achtung vor dem Gedanken der Wissenschaft hat sich dann aber auf
+die offizielle Gilde ihrer Jünger übertragen. Besonders im vergangenen
+Jahrhundert und besonders in Deutschland ist diese Wertausstrahlung
+erfolgt. Sie ist als Ganzes unberechtigt, im einzelnen mag ebensoviel
+Recht wie Unrecht hierbei geschehen sein, und die Geschichte der
+Wissenschaft wird hier selber noch reichlich Kritik üben müssen. Ich
+meine die geistig beherrschende Stellung, welche die Professoren
+der Universitäten in den letzten hundert Jahren gewonnen haben. Ein
+Universitätsprofessor spricht, und die Welt horcht. Das ist an sich
+ein erfreuliches Zeichen. Aber viele sprechen oft sehr von oben herab
+von den Universitätsprofessoren, von den Rektoratsreden-Rednern,
+und sehr zur Kultur hinunter. Nur selten stecken sie mehr die Ziele
+höher, um den trägen Flug der anderen anzuspornen, meist glauben sie
+zuversichtlich, vom Borne selbst zu kommen, Kultur mit vollen Händen
+aus ihm zu schöpfen und der Welt zu kredenzen. Diesem Zwecke dient
+die Umdeutung des Alma Mater-Begriffes aus einem freien Boden des
+Studiums in einen heiligen Hain der edelsten Früchte der Menschheit,
+indem sie die Personen entlastet und durch die Fiktion des besonderen
+Quelltrunkes sakrosankt macht.
+
+Hiermit aber beginnt allmählich sich eine Vorstellung von der
+Wissenschaft zu entwickeln, welcher gar wenig von dem Drang nach
+Erkenntnis und System anzukennen ist. Wissenschaft wird zur Parole, zum
+Ziel nicht mehr als Erkenntnis, sondern als möglichst große Summe der
+„positiven“ Erkenntnisse.
+
+Die Arbeitsweise wird so mechanisiert und auf die bestehende Schablone
+eingeschränkt.
+
+Weil in der Reihe der Paraffine noch einige Homologe nicht zur
+Darstellung gebracht worden sind, gilt es, auch diese zu gewinnen,
+nicht als ob davon eine wirkliche Förderung des Denkens erwartet würde,
+sondern „für die Wissenschaft“.
+
+Weil das Verhältnis der ebenmerklichen zu den übermerklichen
+Empfindungsunterschieden mit Bezug auf die Schallstärke noch nicht
+untersucht ist, muß es ehestens geschehen. Wozu? für die Wissenschaft.
+Die Arbeit selbst liest kein Mensch, sie kommt in die Bibliotheken
+und Bibliographien, und man hat nun die Beruhigung, daß „es gemacht
+ist“. +Machen+: das ist das Wort für den heutigen Fabriksbetrieb
+des Erkennens, in welchem die Vorsteher der großen Laboratorien
+und Seminare die Funktionen kapitalistischer Industriebarone
+vortrefflich ausfüllen. „Quellen!“ heißt es in der Geschichtsforschung,
+„Versuchsreihen!“ in der exakten Wissenschaft. Despotisch herrschen die
+Zahl, die Statistik, die Fehlermethode, die genaue Gewichtsanalyse.
+Nicht ohne tiefe Berechtigung hat +diese+ Wissenschaft alle ihre
+Feststellungen als =gleich= +wichtig+ verkündet. Die Akademien
+der Wissenschaft sind die mächtige Gerusia dieses Staates, die
+fürchterlichen Großmütter der europäischen Kultur;[81] und sie hüten
+und mehren das Erbe. Und wehe dem, der es wagte, an der Wissenschaft,
+die sie repräsentieren, an +dieser+ Wissenschaft als Zweck der
+Zwecke zu zweifeln! Der es wagte, an das Recht der Wissenschaft
+auf die Benützung des Spitalskranken zu Versuchen mit neuen
+Immunisierungsmitteln zu tasten, ist ein Dunkelmann und Antisemit; der
+es beklagte, daß Tiere fortwährend ohne Not lebendig gequält werden,
+mit seiner Sentimentalität ein verhaßter lächerlicher Störenfried.
+Vielleicht nur, weil diese Wissenschaft eine Demokratie ist ohne
+Präsidenten, der in ihrem Namen zu sprechen die Vollmacht hätte, ist
+es noch nicht offen gesagt worden, daß die kleinste mikrochemische
+Feststellung mehr wirklichen Wert für die Menschheit besitze als die
+größte Dichtung. Kunst, Religion, Philosophie werden vom rechten
+Wissenschaftler als überflüssig empfunden; die Beschäftigung mit
+ihnen ist geeignet, jeden Jünger der Wissenschaft bei seinen Kollegen
+zu verdächtigen, sie ist unsolide Windbeutelei. Dieser +Moloch+
+einer inventarisierenden Wissenschaft nimmt den Menschen eben ganz
+in Beschlag, alles muß er für ihn sein und tun, dann wird er für
+vollwertig befunden. Und wer ausginge, den Götzen zu zertrümmern, der
+käme in die Verlegenheit des Don Quixote.
+
+Denn er findet keinen sichtbaren Gegner, nur ein leeres Wort, ein
+Luftgebilde, welches diese Gemeinschaft zusammenhält, die ihn nicht
+unbarmherzig niederstoßen, sondern ein noch kälteres Schweigen seinen
+Angriffen entgegensetzen würde. Um kurz auszudrücken, was die heutige
+Wissenschaft ist und was sie nicht ist, können wir sagen: diese
+Wissenschaft besitzt Resultate und stellt sich Aufgaben, aber sie kennt
+keine Probleme mehr. Probleme gibt es nur für Menschen, die für und
+über sich, und nicht für ein Götzenbild denken, wenn das Idol auch
+Wissenschaft heißt.
+
+Während so +äußerlich+ Wissenschaft zum +obersten+ Zwecke wurde,
+freilich Wissenschaft als Vermehrung des Präsenzstandes der Erfahrungen
+und Uniformierung derselben, ging in der Auffassung der Wissenschaft
+und ihrer Stellung im geistigen Leben des Menschen eine scheinbar
+entgegengesetzte Wandlung vor sich. Seine unendliche Geringschätzung
+der Technik hatte der Wissenschaftler stets mit großem Recht dadurch
+begründet, daß dieser alles Wissen nur Mittel zum Zwecke, ihm Wissen
+Selbstzweck sei.
+
+Die Wissenschaft selbst recht eigentlich als Mittel zum Zwecke zu
+proklamieren, war unserem Zeitalter vorbehalten. Die „Philosophie“
+dieser Anschauung[82] ergab sich aus der allgemeinen ökonomischen
+Auffassung dessen, was bisher einen höheren Platz in den Wertungen
+behauptet hatte. Wie der historische Materialismus den ganzen Wert
+der Vergangenheit der Menschheit vernichtet, indem er der Geschichte
+keinen weiteren Sinn zu vindizieren trachtet, als den Kampf um Fourage
+und Fourageplätze, so degradierte die Auffassung der Wissenschaft als
+Komfort den Erkenntnistrieb des Menschen um ein so Ungeheueres, wie
+es wohl in der Geschichte nie zuvor dagewesen ist. Sie war geistreich
+vorgetragen, gewiß, und hat durch den leichten Zauber ihrer Darstellung
+sicherlich mehr als einen in ihren Bann gezogen, dem es nicht bestimmt
+war, mehr als kurze Zeit bei ihr bleiben zu können. Es fehlte ihr auch
+nicht an dem heute üblichen biologischen Gepränge. Aber die biologische
+Betrachtungsweise, wie man sie heute versteht, ist ja nichts anderes
+als eine utilitaristische, sie erweitert die utilitaristischen
+Gesellschaftsprinzipien berühmter englischer Flachköpfe zu denen des
+Pflanzen- und Tierreiches. Hierin hat sie, wenn auch späterhin eine
+Entfernung von Darwin eingetreten ist, ihren Ursprung, die Anregung,
+welche Darwin Malthus schuldete, nie verleugnet. Also das Wohlgefallen
+an der Biologie ist mehr ein spezieller Fall des Zuges zur Ökonomie.
+Auch das Wort von der „Ökonomie der Wissenschaft“ stammt von einem
+Nationalökonomen. Nicht umsonst habe ich den praktischen Betrieb der
+heutigen Wissenschaft mit dem eines großindustriellen Etablissements
+verglichen. Die Bestätigung, daß es auch im Theoretischen sich so
+verhalte, wird uns von ihren Theoretikern. Daß die Wissenschaft ein
+Geschäft ist, der Gedanke würde jedem Handelsvolke Ehre machen. Er hat
+auch wirklich bei den Amerikanern und bei den Juden den meisten Beifall
+gefunden.[83]
+
+Ich habe nicht die Absicht noch die Möglichkeit, hier die ökonomische
+Auffassung der Wissenschaft zu kritisieren und ihre psychologische
+Unhaltbarkeit zu erweisen; sie soll vorläufig nur gewertet werden.
+Die Leugnung aller Probleme, welche mit ihr Hand in Hand geht, ist
+charakteristisch für den aller wahren Kultur fremden Charakter
+dieser Anschauung, wenn auch ganz folgerichtig vom Standpunkte
+eines Empfindungsmonismus aus, der alle Problematisationen
+selbstverständlich immer nur relativistisch nehmen kann. Doch wird man
+nicht leicht annehmen wollen, daß die Leugner aller Probleme selbst
+sehr problematische Naturen sein werden. Ebenso notwendig war die
+Leugnung eines erkennenden Subjektes, dem ein zu erkennendes Objekt
+gegenübersteht. Indem der Mensch nicht mehr erkennen wollte, und doch,
+ja dann um so mehr, einem fremden Zwecke Sklave sein mußte, erfolgte
+stillschweigend in sicherer Allmählichkeit die Konstruktion eines
+sozialen Ideals der Wissenschaft, für die das Individuum arbeiten
++müsse+; der Ruf: „für die Wissenschaft“ ist so meist nur eine
++Komponente+ des Geschreies: „für die Gattung,“ „für die Gesellschaft“;
+der Moloch der Wissenschaft ist nur ein kleiner Gott aus dem
+Götzenreiche der Sozialethik, noch ein liebenswürdiger Zug derselben,
+noch eine Belehrung mehr an das Individuum, daß dieses vor allem an die
+Gesamtheit Abgaben zu leisten habe. Die Weisheit selbst wurde Mittel,
+als diese Wissenschaft zum Zwecke wurde. Und daß dieses Mittel nicht
+hoch im Preise stehen bleiben konnte, wird man jetzt verstehen.
+
+Man ermesse aber trotzdem noch einmal die ganze Jämmerlichkeit des
+Schauspieles. Der Stürmer nach Erkenntnis verwandelt sich unter dem
+sittigenden Einfluß der Ökonomie in einen besorgten Ofenhocker,
+der Ungestüm seiner Jugend wird fader Witz; für die Größe des
+Erkenntnisdranges hat er das überlegene Lächeln des Nicht-Begreifenden.
+Die ungeheuere Schuld der Anschauungs- und Denkformen, mit welcher das
+Erkennen dem größten Erkenner belastet ist, drückt ihn nicht mehr,
+drückt sein „erbärmliches Behagen“ nicht mehr! Er sucht nicht mehr
+und fragt nicht mehr, er sammelt, sammelt und ordnet, ordnet. Die
+kolossale Tragödie des Erkennens verabschiedet sich mit ihm durch die
+kommentierende Fratze: Wozu die Aufregung? Wir wollen ja nur haushalten!
+
+Verlassen wir die Lehre, welche die Wissenschaft als Mittel zum Zwecke
+ansieht, und wenden wir uns jener zu, welcher Wissenschaft Selbstzweck
+ist. Wir werden aber auch hier noch nicht unbedingt positiv werten
+können. Auch Selbstzweck kann Wissenschaft in doppelter Weise sein:
++Wissen kann der Mensch wollen als Macht, und er kann es wollen als
+Wert.+
+
+Wissen kann gewollte oder gehütete +Macht+ sein. Wissen wird als
+Macht gewollt von jenem Menschen, welcher die Natur nicht anerkennt,
+das Dasein überhaupt +verneint+, vom +bösen+ Menschen. Er +sieht+
+die Probleme, +sieht+, daß Menschen an ihnen leiden, aber er will
+die Probleme +widerlegen+ und auf diese Art jenen Menschen seine
+Verachtung beweisen. Die Frage mag er nicht, kennt er nicht, sie ist
+ihm höchstens Mittel, um Antwort zu +erzwingen+; und die Antwort gibt
+er nicht, weil ihm innere Klärung nie ein sittliches Bedürfnis ist,
+sondern die Grundform seiner Antwort ist triumphierende Ironie +über
+die Frage+. Es ist nicht Faust, der dem Erdgeist, dem Symbole alles
+Geschehens in der Zeit, ins Auge sieht, dem Problem sich flehentlich
+nähert, zum Problem +hinan will+, sich selbst inbrünstig zur Idee
+emporzieht; nein, er trachtet das Problem zu sich hinabzuziehen, +er
+will das Sein durch Erkennen widerlegen+, die Erkenntnis damit, daß
++er erkennt+, heruntersetzen, wie er sich selbst heruntergesetzt hat.
+Darum läßt Wagner im „Parsifal“ Klingsor, der sich selbst entmannt, als
+Mittel zum Zwecke benützt hat, mit Zauberwerkzeugen und nekromantischen
+Vorrichtungen ausgerüstet sein. Denn, was ich hier im Auge habe, ist
+die +große Idee des+ =Zauberers=, die auch heute noch ihren tiefen
+Sinn hat, wenn man sie nur richtig als die Hypostasierung einer
+bestimmten Sinnesart erkennt. Jener berühmte Mann der Geschichte, der
+ihr am nächsten kommt, ist +Baco von Verulam+. Wir begreifen jetzt den
+inneren Zusammenhang der Lehre dieses Mannes, der das Wort: Wissen ist
+Macht, Tantum possumus quantum scimus, gesprochen hat, des ersten, der
+auf die Entdeckungen und Erfindungen voll Hochmut (Nov. Org. 1, 129)
+hingewiesen hat, des Großahnen der heutigen Fortschrittsphilister, mit
+seinem unredlichen Lebenslaufe.
+
+Hier ist auch der Ort, einiges über die Technik zu sagen, soweit
+diese mehr ist als eine Methode, praktische Aufgaben unter Leitung
+der Erkenntnis rationell zu lösen, d. h. die Theorien singulären
+konkreten Zwecken nutzbar zu machen (Konstruktion); oder mehr als
+ein Mittel, vom Denker geahnte Zusammenhänge sichtbar nachzuweisen
+(Experiment).[84] Dieses Mehr ist der +Erfindungsgeist+, wenn er
+die Grenzen des geistigen Spieles oder praktischer Nützlichkeit
+überschreitet. In der Erfindung kann psychisch sehr viel Böses
+liegen, das läßt sich nicht leugnen, sehr viel Wille zur Macht. Man
+spricht es ja aus: die Beherrschung der Natur ist das Endziel, und
+rühmt sich solcher Erfolge. Es liegt aber nicht nur Unkeuschheit,
+Sucht zur Entblößung und Beschämung des Nackt-Betroffenen in diesem
+Niederreißen aller Mauern (dies würde ihm vollkommen gemeinsam sein mit
+dem +Erkennen+ aus antimoralischen Motiven). Es sind die Erfindungen
+vielmehr gerade diejenigen Wunder, „die der Teufel wirkt,“ und es ist
+zu verstehen, warum die Lokomotive als diabolisch empfunden wurde.
+Der Wille zur Macht verneint auch die Naturgesetze, denn er will sie
+zwingen. Wir haben im Wunder, das der Satan wirkt, den Gegenpol des
+Wunders vor uns, das die Gottheit wirkt. Es ist nicht die Überwindung
+der Naturgesetzlichkeit durch den Gedanken der +Freiheit+ des
+moralischen Subjektes vom Naturgesetz (Mysterium der Auferstehung),
+sondern ihre Überwindung aus dem Grunde, +weil nichts frei bleiben
+darf+, alles geknechtet werden muß. Wille zur Macht ist Wille zur
+Unfreiheit überhaupt, zur eigenen wie zu der alles anderen. Der Wille
+zur Macht, der in Wahrheit nicht Wille, sondern Willkür heißen sollte,
+behandelt die Menschen so, als gälte der Satz der Identität nicht: der
+Machthaber verlangt von seinen Untertanen jeden Tag etwas anderes,
+entgegengesetztes. Und so kehrt auch die Willkür des Menschen, der
+über die Natur Macht will, sich nicht an die Gesetzlichkeit in der
+Natur, sondern will sie niederwerfen und durchbrechen. Es ist ein
+unendlich tiefer Zug in allen Teufelsmythen, daß dieser dem, der sich
+ihm anheimgibt, die Möglichkeit verschafft, von einem Punkte der Welt
++momentan+ sich nach jedem anderen zu versetzen, ihm Reichtum ohne
+Arbeit, Gold aus nichts, alles ohne Kontinuität, ohne Kausalität
+zufallen läßt (so wünscht es nämlich das böse Streben im Menschen).
+Die Kausalität nämlich wird nur von Freiheit erkannt, aber eben durch
+Freiheit auch anerkannt, gesetzt (um ein Objekt zu haben, dem gegenüber
+es sich als Freiheit behaupte, nach der Weltauffassung Kantens). Der
+Böse erkennt auch keine Kausalität an, er gibt dem Objekte keine
+Freiheit, weil er selbst sich in Unfreiheit fort und fort tiefer
+stürzt, er springt in Willkür auch mit den Tatsachen um, und liefert so
+den empirischen Beweis dafür, daß Kausalität nur von Freiheit gesetzt
+wird. Diese funktionelle, willkürliche Gewalt über die Freiheit des
+Naturgesetzes also liegt der Idee des +Zauberers+, der über die Dämonen
+der Natur Gewalt besitzt, im tiefsten zugrunde; er ist der +Verächter
+des Objektes+, das er nicht groß, in feierlicher Majestät, vor sich
+sieht und verehrt, sondern bezwingen und knechten will.
+
+Ich will die Erfinder nicht überschätzen; so grandios diabolisch
+sind sie nun freilich kaum je veranlagt, und selten gewinnt dieses
+Streben bei ihnen größere Intensitäten. Sie sind erfahrungsgemäß keine
+gewaltigen Unholde, aber oft sehr gemeine Naturen, die unbewußt etwas
+von jener Idee des Zauberers verwirklichen. Darum empfinden wir aber
+auch in der Technik so vieles als magisch, als unheimlich.
+
+Es werden sicher nicht wenige auch diese theoretisch-psychologischen
+Erörterungen „reaktionär“ finden, vom schwärzesten Aberglauben und von
+Gespensterfurcht eingegeben. Doch ich werte hier nicht die +Erfindung+
+und nenne nicht sie des Teufels. Aber die +Erfinder+ sind zu oft
+moralisch höchst bedenkliche Individuen; und mich interessiert nur
+die Gesinnung. Es ist aber, so beginnt Kant seine „Grundlegung zur
+Metaphysik der Sitten“, nichts in der Welt, was gut oder böse genannt
+werden könnte, als der +Wille+.
+
+Wissen als Geschäft war moralisch gleichgültig, indifferent, und der
+Theorie dieser Anschauung lag jede Ahnung eines ethischen Elementes
+im Wissenstrieb ferne. Wissen als Wille zur Macht war antimoralisch;
+es hatte für das Moralische des Erkennens den sicheren Instinkt des
+Tempelschänders und wollte es entwerten durch Besitz. +Wissen als Wert+
+ist jene Sinnesart, welche der Wissenschaft die moralische Hochachtung
+ewig sichern wird. Zum Wissen um der Macht willen verhält sich das
+Wissen um des Wertes willen wie zum Koitus die Liebe, zum Morde die
+Belebung. Der Wissensdrang also ist zum dritten Willen zum Wert;
+Erkenntnis diesem reinen Triebe gewollter Wert, gehütetes Juwel. Seine
+Ironie beschränkt sich und frohlockt nicht. Er kennt den Ernst der
+Frage und den Schmerz der unbefriedigten Antwort; er ringt sich durch
+alle Bangigkeiten und Schrecknisse des Zweifels durch zur Gründung der
+wahrhaft festen, der unerschütterlichen Überzeugung. Darum stellt er
+die höchsten, lautersten Ansprüche an das Wissen: den beiden tiefsten
+Denkern der historischen Menschheit, Plato und Kant, die beide das
+Wertproblem als das letzte Problem der Welt wie des Menschen erfaßt
+haben, ist neben so vielem anderen auch die größte Hochschätzung
+der +Mathematik+ gemeinsam, die am ehesten das Wissensideal zu
+verwirklichen scheint, und die sie darum allen anderen Wissenschaften
+als ein unerreichbares Beispiel voranstellen.
+
+Und doch haben beide, Plato wie Kant, die Möglichkeit, durch bloße
+Wissenschaft zur Weltanschauung zu gelangen, mit Recht verneint. Eine
+Weltanschauung hat der Mensch, soweit er Künstler oder Philosoph ist,
+aber nicht als bloßer Mann der Wissenschaft. Die Wissenschaft sucht
+immer nur +Wahrheiten+, nicht +die Wahrheit+.[85] Positive Wissenschaft
+hat an und für sich weder Tiefe noch Fläche; sie soll aber darum nicht
+aggresiv werden gegen Tiefe, nicht Tiefe verbieten wollen, wie dies die
+Erkenntnistheoretiker der positiven Wissenschaft von +Demokrit+ bis
++Mach+ in irgend einer Form (Materialismus, Monismus, Positivismus,
+Empiriokritizismus) immer wieder versucht haben. „Ihr kommt nicht
+hinein, und wehrt denen, die hinein wollen!“
+
+Es liegt in der Gemütsanlage der Philosophen begründet, daß ihnen
+agitatorisch-aggressives Auftreten schwerer fällt als anderen
+Menschen. Sonst hätte die schnöde und freche Behandlung, welche die
+Wissenschaftler ihnen so gerne zuteil werden lassen, das unverschämte
+Achselzucken über ihre „unfruchtbare“ Beschäftigung, sie schon längst
+zu einer Zurückweisung veranlaßt. So sei es denn ausgesprochen: Auch
+der (originelle) Philosoph sechsten und siebenten Ranges, Hegel,
+Schleiermacher, Krause, Maine de Biran, Carlyle, Nietzsche, steht noch
+immer weit höher als der größte und originellste Nur-Wissenschaftler,
+als ein Newton, Gauß, Galilei, Maxwell, Darwin, Berzelius, Helmholtz,
+Jacob Grimm; höher nämlich an Genialität, an den Eigenschaften,
+welche einen +bedeutenden+ Menschen konstituieren. Freilich, wenn man
+nur an die Sicherheit der Ergebnisse denkt, nur an die Befähigung
+seiner Resultate, gleich in Kompendien und Schulbüchern Aufnahme zu
+finden, dann muß man gewiß den Wissenschaftler dem Künstler, wie
+dem Philosophen vorziehen. +Aber darauf kommt es nicht an.+ Jede
+wissenschaftliche Entdeckung wird immer von zweien oder mehreren
+gleichzeitig gemacht, und wer eine macht, hat nie das Gefühl, daß dies
+kein anderer so hätte schaffen können.[86] Die großen Philosophen
+dagegen sind wie die großen Künstler Individualitäten, keiner durch den
+anderen ersetzbar.
+
+Für die positive Wissenschaft mit ihren immer nur relativen Rätseln im
+Theoretischen und immer neu sich verschiebenden Zielen im Praktischen
+gibt es im Grunde keine wirklichen Probleme, keine absoluten Aufgaben
+des Menschen und der Menschheit; sie geht ja gerade darauf aus, in der
+Erfahrung alles +selbstverständlich+ scheinen zu lassen. Wäre ihr dies
+aber gelungen, könnte es ihr je gelingen, so wäre auch im Praktischen
+aller +Vervollkommnungstrieb+ geschwunden. Es ist der Maßstab eines
+hochstehenden Menschen, wie einer hochstehenden Zeit, daß ihnen
+alles zur +Nebensache+ wird vor dem metaphysischen Problem und der
+ethischen Aufgabe. Nicht ohne Grund hat Goethe dem Faust einen Wagner
+gegenübergestellt und über diesen jenen sich entsetzen lassen:
+
+ „Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
+ Der immerfort am schalen Zeuge klebt,
+ Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,
+ Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet.“
+
+„Wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht!“ diese Freude des
+Wagner ist die Melodie aller Geschichte der positiven Wissenschaften.
+Im Ernst ausgesprochen bedeutete sie das Ende, Ragnarök, die
+Götterdämmerung. Denn dann wäre das Bewußtsein für die Hauptsache
+verloren gegangen. Und in der Hauptsache steht es ganz gleich von den
+vedischen Hymnen bis auf den heutigen Tag.
+
+Es gibt keine neuen philosophischen Gedanken, ebenso wie es keine
+neuen künstlerischen Themen gibt. Das liegt aber daran, daß Philosoph
+und Künstler als Individualitäten zeitlos sind, aus ihrer Zeit nie
+zu begreifen und nie mit ihr zu entschuldigen. Im Philosophen und
+im Künstler liegt Ewigkeit, im bloßen Mann der Wissenschaft als
+bloßem Gattungswesen nur die Unsterblichkeit des treu bewahrten und
+vermehrten Fideikommisses. Der Philosoph ist also der höhere Mensch
+als der Wissenschaftler. Mit der Wissenschaft bleibt immer notwendig
+etwas „Fachsimpelei“ verbunden, denn es gibt nur Wissenschaft vom
+Fache; die Philosophie ist ebenso allumfassend wie die Kunst. Der
+große Philosoph hat wie der große Künstler +die ganze Welt in sich+,
+sie sind der bewußte Mikrokosmus; im gewöhnlichen Menschen, auch im
+Nur-Wissenschaftler, ist der Mikrokosmus ebenfalls, aber unbewußt,
+virtuell. Hier liegt der Grund, daß Künstler und Philosophen immer
+nur über dieselben ewigen Probleme sprechen; und wir stehen vor der
+paradoxen und doch unzweifelhaften Tatsache, daß gerade das echte
+Genie nie etwas ganz Neues, nie Dagewesenes findet, während der große
+Wissenschaftler immer wirklich etwas Neues entdeckt; allerdings
+ist sein Ganz-Neues als solches im letzten Grunde auch immer ganz
+uninteressant („Regenwürmer“). Die Individualität des Genies führt es
+mit sich, daß immer anders und doch stets in formal gleicher Weise die
+Frage des Verhältnisses des Ichs zum All gestellt wird; die positive
+Wissenschaft ist nur gattungsmäßig und sozial, und kann darum wohl eine
+Geschichte haben, aber sie kennt keinen Heroismus und keine Tragik,
+keine Lust und keinen Schmerz. Die positive Wissenschaft schaltet die
+Individualität aus: also kann sie nicht Kultur sein. Sie kennt weder
+absolute Probleme noch absolute Aufgaben: insofern negiert sie die
+Kultur.
+
+Nur „machen“ soll die Wissenschaft nicht mehr; nicht einem bloßen
+Worte, dem Worte Wissenschaft sich verschreiben. Die Seele des
+Menschen, seine Individualität ist +zeitlos+, auch gegenüber dem
+Zeitablauf von Jahrtausenden; die Individualität ist nicht Funktion der
+Zeit. Dennoch, in der Wissenschaft macht sie sich hierzu. Wissenschaft
+sollte ein Mensch nur von dem treiben, was ihn angeht: der Kranke soll
+Medizin studieren. Den Problemen der Wissenschaftler ist bis heute nie,
+wie denen der Philosophen und Künstler, individuelle +Schuld+ zugrunde
+gelegen. Jedes wahre, ewige Problem aber ist eine ebenso wahre, ewige
+Schuld; jede Antwort eine Sühnung, jede Erkenntnis eine Besserung.
+
+Würde das so, wie ich es hier als Wunsch ausspreche, so würde das
+Täppische, Rohe und Freche aus dem Betriebe der Wissenschaft schwinden.
+Der Wissenschaftler wüßte, daß es +seine+ Sache ist, um die es sich
+handelt; und da würde er sein Objekt nicht anfassen mit der Feuerzange,
+nicht darüberfahren mit dem Tafelschwamm, es nicht behandeln wie mit
+dem Wurstmesser.
+
+Philosophie nun ist auch Wissenschaft, nicht ihrem +Gegenstande+,
+wohl aber ihrer +Methode+ nach. +Drei+ Elemente konstituieren erst
+den Philosophen, aber auch notwendig alle Philosophen, so viele
+Unterschiede es auch sonst unter ihnen noch gibt: Erstens das
++mystische+ Element (identisch mit dem Bedürfnis und der Forderung nach
+dem +Absoluten+); zu zweit das +systematische+ oder +theoretische+
+Element (das Bedürfnis nach der Architektonik). Diese beiden Qualitäten
+reichen noch nicht hin, denn eine theologische Dogmatik, die an den
+Glauben appelliert, entspricht solchen Bedingungen ebenfalls. Es
+kommt als Drittes hinzu das Element des +Wissens+, das Postulat der
+Ableitbarkeit, der Demonstrierbarkeit. Daß es eine „Geschichte der
+Philosophie“ gibt, liegt nur an diesem überindividuellen Anspruch des
+Wissens und dem Einfluß der wissenschaftlichen Methode (die Philosophie
+hat keine eigene Methode); eine +Geschichte der Mystik+ gibt es nicht.
+Ebenso ist eigentlich Geschichte der Kunst (aus den gleichen Gründen)
+ein Unding, es gibt nur eine +Geschichte der Technik+ (des +sozialen+
+Elementes in der Kunst).
+
+Der Philosoph will wissen und muß beweisen. Nur darum hat
+Philosophie einen überindividuellen, kulturellen, positiven Wert.
+Die individuellen Erleichterungen des Nur-Mystikers sollen nicht
+angezweifelt werden, aber für die Kultur haben sie keine Bedeutung.
+Die Philosophie ist kulturell wertvoll, weil sie Wissenschaft und weil
+Wissenschaft transzendental ist; aber Wissenschaft selbst ist nur
+kulturell wertvoll, sofern sie philosophisch ist, d. h. nicht etwa
+Lehrsätze eines bestimmten philosophischen Systems zu beweisen von
+vornherein ausgeht, sondern im Geiste des Forschenden selbst in steter
+und unauflöslicher, frommer Beziehung und Absicht auf das Welträtsel
+steht.
+
+
+[71] Kant verwendet in diesem Sinne von Glauben das Wort Überzeugung.
+„Die subjektive Zulänglichkeit heißt Überzeugung (für mich selbst), die
+objektive Gewißheit (für jedermann).“ (Kr. d. r. V. S. 622, Kehrbach.)
+
+[72] Idee des +Opfers+: Hingabe an die Idee. +Das Opfer ist die Antwort
+auf die Gnade.+
+
+[73] Diese Reduktion des Ich auf ein Zeitatom, seine +Einsamkeit in
+der Zeit+ (statt einer +Verbindung mit allen Ewigkeiten+) ist das,
+was das Einhorn in +Böcklins+ „Schweigen im Walde“ vollkommen genial
+symbolisiert.
+
+[74] Es kann darum ebenso unheimlich sein, wenn der Mitmensch ganz
++dasselbe+ wahrnimmt oder denkt wie ich (mein Doppelgänger im Geistigen
+ist), als wenn er das, was ich wahrnehme und denke, +gar nicht+
+wahrnimmt und versteht. Durch das erste werde ich, durch das zweite die
+Welt vernichtet.
+
+[75] Im ersten Johannisbrief 4, 18 heißt es auch: Φόβος οὐκ ἔστιν ἐν τῇ
+ἀγάπῃ, ἀλλ’ ἡ τελεία ἔξω βάλλει τὸν φόβον, ὅτι ὁ φόβος κόλασιν ἔχει, ό
+δὶ φοβούμενος οὐ τετελείωται, ἐν τῆ ἀγάπῃ.
+
+[76] Von den Franzosen blieben da einzig Zola und Baudelaire über, kein
+Maler, kein Bildhauer!
+
+[77] Beispiele, wie begabte Menschen ganz äußerlich und nicht aus der
+Tiefe ihres Gemütes heraus zu Problemen geraten können, sind unter den
+Philosophen Descartes, unter den Dichtern etwa Gerh. Hauptmann.
+
+[78] Ich wage hier dem Opfer Abrahams einen Sinn unterzulegen, den es
+vielleicht nicht gehabt hat. Vgl. Kants Religion innerhalb der Grenzen
+der bloßen Vernunft, S. 92 (Reclam).
+
+[79] +Darum hat alles+ =Nur-Ästhetische= +keinen Kulturwert+.
+
+[80] Diogenes, der „θεωρίης ἕνεκεν“ aus seinem Fasse herausschaut, ist
+keineswegs die Inkarnation der Kulturidee.
+
+[81] An Kindesstatt liebt die europäische Kultur das Fräulein Ellen Key.
+
+[82] Mach, Die Geschichte und Wurzel des Satzes von der Erhaltung der
+Arbeit, Prag 1872, ferner „Die Gestalten der Flüssigkeiten“ und „Die
+ökonomische Natur der physikalischen Forschung“.
+
+[83] Allerdings noch eines anderen Zuges wegen, des Zuges zur sexuellen
+Zuchtwahl (für den die Kunst aus der Liebeswerbung des Auerhahnes sich
+entwickelt hat).
+
+[84] Soweit auch sie nur Geschäft ist, ist sie amoralisch, noch nicht
+einmal antimoralisch.
+
+[85] Darum, weil die Wissenschaftler nicht eine Weltanschauung aus sich
+selbst haben, die ihnen das Maß der Dinge wird, sondern nur einige
+wenige Dinge, die ihnen das Maß der ganzen Welt sind, wiederholen
+sich immer die gleichen Vorgänge: taucht irgend eine Erscheinung
+auf, die von den Wissenschaftlern nicht in ihr umfangarmes System
+eingefügt werden kann, so wird sie schroff in Abrede gestellt, und
+ein jeder, dessen freierer Blick ihm die Möglichkeit zugeben läßt,
+wegen seiner furchtsamen Phantasie, seines Narren- und Köhlerglaubens
+verlacht. So war es mit den hypnotischen Erscheinungen, mit der „double
+personnalité“, mit vielen Symptomen der „grande hystérie“, so ist’s
+jetzt mit der Telepathie, dem Versehen der Schwangeren, dem Einfluß der
+Gestirne auf den Menschen, und so wird es immer sein.
+
+[86] Wie wäre dies auch möglich, da ein Wissenschaftler gar nicht tun
+würde, was er tut, wenn nicht die Wissenschaft bereits soweit wäre, und
+ganz anders wissenschaftlich denken würde, wäre er zu einer anderen
+Zeit geboren. Der Mann der Wissenschaft +stückelt nur an+. Daher kommt
+es, daß, wenn ein Mann der Wissenschaft in seinem Leben auch nur ein
+noch so schlechtes Gedicht gemacht hat, er dieses innerlich mehr lieben
+wird als alles, was er je wissenschaftlich geleistet. Denn im Gedichte
+steckt er selbst. Damit ist nun nicht bezweckt, daß noch mehr Menschen
+Gedichte machen sollen. Aber die Wissenschaft sollte anders betrieben
+werden.
+
+
+
+
+Letzte Aphorismen.
+
+Krankheit und Einsamkeit sind verwandt. Bei der geringsten Krankheit
+fühlt sich der Mensch noch einsamer als vorher.
+
+ * * * * *
+
+Alles, was sich spiegelt, ist +eitel+; das ist denn auch die Sünde
+alles Lichts. Das Licht kann darum nicht einmal Symbol der Gnade
+(geschweige der Ethik) sein. Die Sterne sind symbolisch für Menschen,
+die alles außer der Eitelkeit überwunden haben. Das Gute hat kein
+Symbol als das Schöne: die ganze Natur.
+
+Ihrer sind viele; denn das Problem der Eitelkeit ist das Problem
+der Individualität. Die Individualität hat Kant, der äußerst eitel
+war, erkenntnistheoretisch überwunden durch den Transzendentalismus;
+ethisch nicht; denn er hat das „intelligible Ich“ nicht überwunden (die
+Eitelkeit verbindet ihn mit Rousseau).
+
+Das „intelligible Ich“ ist aber nur Eitelkeit, d. h. Knüpfung des
+Wertes an die Person, Setzung des Realen als nicht real; es ist
+zugleich identisch mit dem Zeitproblem: denn das Zeitliche ist eitel.
+
+Es gibt kein Ich, es gibt keine Seele[87]; von =höchster, vollkommener
+Realität= ist allein =das Gute=, welches alle Einzelinhalte in sich
+schließt.
+
+Die Individualität entsteht aus der Eitelkeit; weil wir Zuschauer
+brauchen und gesehen werden wollen. Der Eitle interessiert sich auch
+für andere Menschen und ist ein Menschenkenner. =Weil auch das Böse in
+allen Menschen eines ist= („Ein Unglück kommt selten allein“), darum
+sieht der Mensch nach mir, den ich fixiere; er will nämlich von mir
+gesehen sein. +Meine+ Neugier ist +seine+ Schamlosigkeit.
+
+ * * * * *
+
+Es hat einen ethischen Grund, daß der Mensch eine Waffe (sei’s auch
+die Hand) braucht, um sich zu töten. Er hat sich das Erdenleben nicht
+gegeben, nur Gott kann es ihm nehmen; doch der Selbstmörder ist des
+Teufels.
+
+ * * * * *
+
+Dem Teufel nämlich ist seine Macht, ist +Alles+ nur +geliehen+; er weiß
+das (darum schätzt er Gott als seinen Geldgeber; darum rächt er sich an
+Gott; alles Böse ist +Vernichtung des Gläubigers+; der Verbrecher will
+Gott töten) und weiß es nicht oder anders (darum ist er am jüngsten
+Tag der Gefoppte); und daß er dies weiß und doch nicht weiß, das ist
+zugleich seine =Lüge=.
+
+ * * * * *
+
+Der Teufel nämlich ist der Mensch, der +alles hat+ und doch nicht +gut+
+ist; während Allheit nur aus Güte fließen soll, und nur durch Güte ist.
+Der Teufel kennt den ganzen Himmel, und will Gott als Mittel zum Zwecke
+benützen (er ist darum vor allem +Frömmler+); und ist natürlich in
+gleichem Grade der als Mittel Benützte.
+
+ * * * * *
+
+Der Herr des Hundes ist derjenige Mensch, der gar nichts Hündisches in
+sich hat; ihn sucht der Hund; der Herr des Hundes hält sich einen Hund,
+sowie das Böse in Gott ist: er hält es im Bewußtsein.
+
+ * * * * *
+
+Der Hund hat alle Tierformen (Schlange, Löwe etc.); er selbst aber ist
+der Sklave.
+
+ * * * * *
+
+Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers; und sein Kreis-Egoismus.
+
+ * * * * *
+
+Die Gefahr des Flusses ist die Versumpfung. Dort sind die Mücken und
+das Fieber.
+
+ * * * * *
+
+Die Malaria ist ein Sinnbild innerer Versumpfung; der Malaria-Kranke
+sucht Lichter anzuzünden, indem er sich berauscht. (Der Wein +funkelt+.)
+
+ * * * * *
+
+Auch die +individuelle+ Unsterblichkeit ist noch Eitelkeit oder
+Ruhm-Egoismus.
+
+ * * * * *
+
+Der Sumpf ist eine falsche Allheit des Flusses, und sein Scheinsieg
+über sich selbst. Er entsteht durch Vermischung des Wassers mit Erde
+(das Männliche geht durch die Poren des Weiblichen).
+
+Der See ist eine +Station+ des Flusses; seine +beschauliche Stunde+.
+Auch er ist eine falsche Allheit.
+
+ * * * * *
+
+Der Greis ist eine +falsche Ewigkeit+: das Alter. Das Gute (und
+Schöne—Wahre) ist =ewig-jung=. Das war es auch, worum Wagner als
+seiner eigenen Unvollkommenheit wußte; er war Wotan. Der Siegfried und
+Parsifal ist noch nicht erschienen. Der vollkommen gute Mensch (Jesus)
+muß jung sterben.
+
+ * * * * *
+
+Die Sterne +lachen+ nicht mehr; sie haben zur +Lust+ keine Beziehung
+mehr; nur mehr zur Seligkeit und Freude. Aber sie glitzern, sie sind
+eitel. Sie können darum fallen. Die Sünde der Sonne ist Lust—Schmerz,
+statt Wert—Unwert: sie +lacht+ (aber sie +sticht+, +glüht+, brennt,
+blendet, raucht wie ein Feuer).
+
+Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol die Sternschnuppe.
+
+ * * * * *
+
+Die Lava ist der Dreck der Erde.
+
+ * * * * *
+
+Als die Sonne sich verdunkelte, ging es Christus schlecht; da sprach
+er: „Gott, warum hast du mich verlassen?“
+
+ * * * * *
+
+Das Tiefe im „Baumeister Solneß“ ist die +Einheit+ des Übels durch Raum
+und Zeit. Der böse Wunsch bei mir entspricht einem Übel (und einer
+Furcht) wo anders. Der den Mörder fürchtet, setzt ihn; wer morden
+will, setzt den, der den Mörder fürchtet.
+
+ * * * * *
+
+Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewußt wird,
+d. h. ich fliegenartige „Züge“ habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur
+Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei
+bin: +im selben Augenblicke aber ist der Raum da+. So zeigt sich das
+Problem der Externalisation, der Projektion, des Raumes als die andere
+Seite des Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik.
+
+Der Verbrecher halluziniert die giftige Mücke und stirbt an falscher
+Furcht durch Herzschlag. Es ist die Mücke in ihm selbst, die gesiegt
+hat.
+
+ * * * * *
+
+Der Neurastheniker (das ist der Mensch mit Furcht vor dem +äußeren+
+Tode) wird von derselben Mücke gestochen, die sein Leben lang sein
++Unglück+ und seine Furcht gebildet hat, +im selben Augenblicke, wo er
+ihr Realität gibt+, indem er sagt: jetzt kommt es.
+
+ * * * * *
+
+Krankheit ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist
+Neurasthenie +im+ Körper.
+
+ * * * * *
+
+Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muß Hautkrankheit bilden.
+
+ * * * * *
+
+Die Schuld des Neurasthenikers ist nämlich der +Raum+; die Schuld des
+Verbrechers ist die (weitere) +Zeit+. Darum wird dem Verbrecher immer
+die Zeit, dem Neurastheniker stets der Raum Problem.
+
+Der Raum entsteht mit dem Körper. Hier wird +Ausdruck Selbstzweck+
+(Nietzsche). Die Schuld des Neurasthenikers ist sein Körper: er +haßt+
+ihn. Seine Schuld ist der +Stil+.
+
+ * * * * *
+
+Lust ist körperlich, Freude psychisch. Des Neurasthenikers Sünde ist
+es, erst durch Leid gut werden zu wollen.
+
+ * * * * *
+
+Das Innere des Körpers ist sehr verbrecherisch.
+
+ * * * * *
+
+=Neurasthenie= = =Raum=[88] = Externalisation = Duplizität = Irrsinn =
+mangelhafte Logik (Logik ist räumlich eher als zeitlich) = Unfreiwerden
+durch äußere Empfindung = =Setzen des Nicht-Realen als real=.
+
+=Verbrechen= = =Zeit= = Lüge (aus Feigheit) = gegen Gott gerichtet =
+=Setzen des Realen als nicht-real=.
+
+ * * * * *
+
+Kurzsichtigkeit = Blödsinn? = Fisch?
+
+ * * * * *
+
+Der Raum ist das ganze nach außen zerstückelte Ich.
+
+ * * * * *
+
++Alle Tiere+ sind Symbole +verbrecherischer+, alle Pflanzen Symbole
++neurasthenischer+ Phänomene in der Psyche.
+
+ * * * * *
+
+Der gleichförmig beschleunigte Fall ist die Tendenz der Schuld, sich
+fortwährend zu +vermehren+ (+Gewohnheit+).
+
+ * * * * *
+
+Die Gefahr des Inders ist die +Dummheit+; gegen diese hat sich Buddha
+inkarniert.
+
+ * * * * *
+
+Jesus gegen das Jüdische (das ethische Korrelat dessen, was Dummheit
+intellektuell ist), und deswegen die „Armen im Geiste“ geliebt; und so
+ist das Lamm ein christliches Symbol geworden.
+
+ * * * * *
+
+Jüdisch ist um so viel ärger als dumm, als Ethik über der Logik steht.
+
+ * * * * *
+
+Der Jude ist gar nicht +dumm+ und darum der Züchtiger des Dummen, der
+sich vor ihm +fürchtet+ (der deutsche „Michel“; Wagner als Antisemit
+wie Christus; =Indo=-Germanen).
+
+Dem Philosophen imponiert der Künstler, weil im großen Kunstwerk der
+=Zufall= ohne Erkenntnis des Naturgesetzes ausgeschaltet ist.
+
+ * * * * *
+
+Der Teufel rächt sich an Gott dafür, daß er von ihm geschaffen ist.
+
+Er ist der Mensch, der sich seiner Existenz und seines Einflusses
+behaglich freut, ohne zu glauben, daß dieser Einfluß nur dem Guten
+dient.
+
+ * * * * *
+
+Das Judentum ist das Böseste überhaupt.
+
+ * * * * *
+
+Der Verbrecher ist impotent wie der Heilige; er ist nur psychisch
+sexuell, er +kuppelt+. Der Neurastheniker ist stets stark potent, weil
+sein Böses körperlich, räumlich ist.
+
+Der vollkommene Verbrecher ist in weiterem Sinne böse als der
+Neurastheniker und wird schließlich auch krank.
+
+ * * * * *
+
+Die Pflanze ist der Neurastheniker; sie +zittert+ (der Verbrecher
+schlottert und klappert mit den Zähnen). Sie ist ohne Trennung durch
+Zellwände; d. h. hier ist +Einheit+, aber keine Allheit; keine Bewegung
+(d. h. räumliche +Bestimmtheit+, Haften am Ort, Sünde des Raumes),
+keine Sinnesorgane.
+
+ * * * * *
+
+Tiere und Pflanzen sind Unbewußtes im Menschen.
+
+ * * * * *
+
+Der Mensch begegnet dem ihm unbewußt gewordenen, als unfreier, in den
+Empfindungen wieder. Es gibt keinen Zufall; nur Gerechtigkeit.
+
+Die Schlange im Eisenbahnwaggon, wohin sie sich begeben hat, ist die
+nach außen gerichtete Lüge (gespaltene Zunge, Häutung, Strabismus
+divergens), vor welcher der Eingestiegene +Furcht+ hat; sie nähert
+sich ihm um so mehr, je eher er vor der Lüge kapitulieren will: +seine
+Feigheit zieht sie nach sich+.
+
+Der Verbrecher +erdenkt+ die Schlange und fürchtet sich vor ihr; aber
+er stirbt nie durch sie; ihm geschieht nie etwas von außen, sondern nur
+von innen: an dem Herzschlag durch die halluzinierte Schlange.
+
+So setzt auch der Verbrecher das Weib als Gedanke (er will den Koitus);
+aber es existiert nicht für ihn. Er findet nie das Weib, das er sucht;
+weil er nur die Idee des Weibes schafft. Er kann die absolute Dirne
+(ein altes Weib) sexuell begehren und kann die Madonna lieben (wenn er
+rein werden will); aber er findet die Madonna nur, wenn er gut ist; in
+diesem Augenblick +schafft+ er die +Madonna+.
+
+ * * * * *
+
+Der Athlet hat Kraft als +Selbstzweck+ ohne ethisches Ziel. Der Athlet
+muß an sich selbst zugrunde gehen, wie das Walhall-Motiv an sich selbst
+stirbt.
+
+ * * * * *
+
+Die Schlange ist +stolz+: sie lügt nur nach außen, nicht nach innen.
+
+Der Hund ist gar nicht stolz.
+
+Die Schlange trifft +sicher+; in ihr ist die Kraft der Erkenntnis am
+größten.
+
+Die alte Jungfer ist das Nichts, das aus dem Weibe wird, dem der Mann,
+der sie schafft, aus ethischen Gründen nicht wieder +begegnet+. Sie
+geht ganz zugrunde.
+
+Der Mond ist der Traum; der Nachtwandler ist der unfrei gewordene
+Träumer.
+
+ * * * * *
+
+Epilepsie tritt nach Verschlucken alles Bösen, nach letztem Verzicht
+auf Selbstbeobachtung auf.
+
+ * * * * *
+
+Jeder Sieg des Guten in einem Menschen hilft von selbst dem anderen.
+
+ * * * * *
+
+Die Schuld des Juden muß Lächeln über Güte sein, wie die Schuld des
+Dummen Lächeln über Weisheit.
+
+ * * * * *
+
+Dem vollkommenen Verbrecher muß der Selbstmord mißlingen, weil er ins
+Leben will, um sich zu rächen, um zu schaden.
+
+ * * * * *
+
+Psycholog = Verbrecher.
+
+Naturforscher = Neurastheniker.
+
+ * * * * *
+
+Michel Angelos Schuld war Pessimismus (Verfolgungswahn).
+
+ * * * * *
+
+Das Mitleid muß einsichtig =innere Trauer= (mit Anerkennung der
++Gerechtigkeit+) werden und darf nicht Wille zur Lust bleiben. Denn
+erst dann liebt man die Menschen wirklich.
+
+ * * * * *
+
++Der Dumme lächelt verschmitzt über die Frage, der Jude über die
+Schuld.+ Beide nehmen nichts ernst.
+
+ * * * * *
+
+Der Kniff des Juden ist es, +neben+ Gott zu stehen.
+
+ * * * * *
+
+Epilepsie tritt ein, wenn der Mensch sich sagt: es ist überhaupt
+=+nichts+ real=. Er verliert sodann den letzten Halt auch in der
+Empirie.
+
+ * * * * *
+
+Katze ist Schmeichlerin (+Leisetreterin+), eine andere Form des
+Sklavenhaften, eine, die den Herrn preist.
+
+Hundswut ist Rache des Hundes am Herrn, Beschuldigung des =Herrn=, daß
+es so und nicht anders ist.
+
+Gott ist, was der Mensch nie sein kann: Vater und Sohn zugleich. Der
+Sohn ist Selbsthasser und +Richter+ über sich selbst, über die Welt.
+
+ * * * * *
+
+Verbrechen (Mord) heißt: dem anderen (Gott) +Schuld geben wollen+.
+
+ * * * * *
+
+Der Hund, die Schlange etc. suchen die anderen zu widerlegen, um sich
+zu rechtfertigen (Bellen, Zischen).
+
+ * * * * *
+
+Der Vogel hat die falsche Leichtigkeit; er fliegt, weil er Röhren in
+den Knochen hat.
+
+ * * * * *
+
+Telepathie ist Apperzeption.
+
+ * * * * *
+
+Der Verbrecher überwindet die Furcht durch den Haß, statt durch die
+Liebe.
+
+ * * * * *
+
+Auch um Christi Geburt muß es viele bedeutende Männer gegeben haben,
+die aber nicht „auserwählt“ wurden, und deren Andenken zugrunde
+gegangen ist.
+
+Hat die Parthenogenesis etwas mit der lesbischen Liebe zu tun? Amazonen.
+
+ * * * * *
+
+Hypochondrie ist abgelenkter Selbsthaß und Verfolgungswahn.
+
+ * * * * *
+
+Michel Angelos Werke sind im Zugrundegehen, weil er den Pessimismus nie
+überwunden hat.
+
+ * * * * *
+
++Jüdisch ist es, anderem+ (dem Christentum) +die Schuld zu geben+; (gar
+keine Demut)! Schuld+abwälzung+ heißt +Judentum+. Der Teufel ist der
+Mensch, der dem Gläubigen (Gott) die Schuld gibt.
+
+Insofern ist das Judentum das +radikal Böse+.
+
+Der Dumme ist der, der über die Frage überlegen lächelt, der kein
+Problem anerkennt: =Parsifalsage=.
+
+Der Jude übernimmt gar keine Schuld: „Was kann ich dafür?“ „Nebbich“.
+Der Christ übernimmt =alle=.
+
+ * * * * *
+
+Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür spricht vielerlei:
+Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit, Überall-Sein,
+scheinbare Treue der Augen.
+
+ * * * * *
+
+Der Jude belädt sich also mit gar keiner Schuld (und =also= auch mit
+keinem +Problem+); darum ist er unproduktiv. Seine Schuld ist es, die
+Zeit nicht einmal zu +setzen+ (Eintags-Fliege, Zeitung, Journalist;
+viele Zeitungen heißen „Mücken“: Fieramona in Florenz, La Mouche), den
+Endzweck und den Weltprozeß nicht zu wollen, weder Gut noch Böse zu
+wollen. Er widersetzt sich dem Willen Gottes, der auch das Böse will.
+
+
+[87] Damit ist nichts von dem zurückgezogen, was über das Ich und die
+Seele (als dem Ausdruck des Intelligiblen in der empirischen Welt)
+gesagt wurde; es ist hier bloß eine Aussage über die ontologische
+Realität gemacht.
+
+ (Anmerkung des Herausgebers.)
+
+
+[88] Dasselbe, was sich psychologisch und physiologisch als
+Neurasthenie und Verbrechen kundgibt, äußert sich transzendent als Raum
+und Zeit.
+
+ (Anmerkung des Herausgebers.)
+
+
+
+
+
+Gleichzeitig erschien in gleichem Verlage in
+
+Zweiter, mehrfach verbesserter Auflage:
+
+Geschlecht und Charakter
+
+Eine prinzipielle Untersuchung von
+
+Dᴿᐧ OTTO WEININGER
+
+39 Bogen. Gr. Oktav. Brosch. 8 M. = 9 _K_ 60 _h_; geb. 9 M.
+40 Pf. = 11 _K_ 20 _h_.
+
+
++Emil Schering+, der Übersetzer +August Strindbergs+,
+schreibt im Berliner Tageblatt vom 7. Oktober:
+
+„Der Tod Otto Weiningers, von dem ich eben im Berliner Tageblatt
+gelesen, hat mich tief erschüttert. Vorgestern noch empfing ich die
+ersten — und die letzten Zeilen sowie sein Buch von ihm; und während
+meine Frau und ich uns den ganzen Abend mit diesem furchtbaren Werke
+beschäftigten, zur selben Zeit vielleicht erschoß er sich in Wien.
+
+Am 19. Juni fragte mich der +Braumüllersche Verlag+ in Wien nach
+der Adresse August Strindbergs, um diesem das Buch „Geschlecht und
+Charakter“ von Dr. Otto Weininger im Auftrage des Verfassers zu
+übersenden. Ich gab sie, und am 21. Juli schrieb mir August Strindberg
+aus Stockholm:
+
+ „Dr. Otto Weininger in Wien hat mir „Geschlecht und Charakter“
+ gesandt; ein furchtbares Buch, das aber wahrscheinlich das schwerste
+ von allen Problemen gelöst hat. Er zitiert „Gläubiger“, aber er müßte
+ „Vater“ und „Fräulein Julie“ kennen. Wollen Sie ihm die senden? Ich
+ +buchstabierte+, aber er +setzte zusammen+. Voilà un homme!“
+
+Ich schrieb Dr. Weininger sofort von dieser Anerkennung, sandte ihm den
+betreffenden Band der Schriften Strindbergs und hörte lange Zeit nichts
+weiter von ihm. Schließlich vorgestern — an seinem Todestage — erhielt
+ich im Paket mit dem Buche folgenden Brief aus Wien, datiert vom 30.
+September:
+
+ „Durch ein Übersehen des Verlagsgeschäftes habe ich die Karte, auf
+ welcher Sie mir am 23. Juli 1903 aus Grunewald schrieben, sowie das
+ Buch Strindbergs, das Sie mir auf Wunsch desselben schickten, erst
+ heute erhalten. Ich danke Ihnen und bitte Sie, Herrn Strindberg
+ mitzuteilen, daß ich den „Vater“ bei der endgültigen Niederschrift
+ von „Geschlecht und Charakter“ bereits kannte (vgl. daselbst Seite
+ 557) und „Fräulein Julie“ in unreifem Alter las und nun wieder zu
+ lesen die Absicht und den Wunsch habe. Gleichzeitig sende ich Ihnen
+ ein Exemplar meines Buches.“
+
+Daß dieses „furchtbare“ Buch das Werk eines Vierundzwanzigjährigen war,
+erschien unbegreiflich; sein Tod erklärt es jetzt. Das ganze Leben
+dieses Menschen faßte sich in dieser einzigen Arbeit zusammen und
+erlosch dann. Er starb für sein Werk, auf daß dieses lebe!“
+
+ Die erste, 1600 Exemplare starke Auflage
+ ☞ von „Geschlecht und Charakter“ ☜
+ wurde in vier Monaten abgesetzt!
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78808 ***