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--- /dev/null
+++ b/78666-0.txt
@@ -0,0 +1,6248 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78666 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1927 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Im Original wurden viele fremdsprachliche Begriffe in Antiquaschrift
+ gesetzt; daneben verbleiben einige Passagen in Englisch in
+ Normalschrift, insbesondere bei Eigennamen.
+
+ Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Kapitälchen: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ ~SVEN HEDIN~
+
+ +Gran Cañon+
+
+
+
+
+[Illustration: Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und
+Zoroaster-Tempel.]
+
+
+
+
+ ~SVEN HEDIN~
+
+ +Gran Cañon+
+
+ Mein Besuch im amerikanischen Wunderland
+
+ ★
+
+ Mit 38 einfarbigen
+ und 10 bunten Einschaltbildern
+ nach Skizzen des Verfassers,
+ einem Bildnis und 2 Karten
+
+
+ Zweite Auflage
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ ~LEIPZIG / F. A. BROCKHAUS / 1927~
+
+
+
+
+ Copyright 1926 by F. A. Brockhaus, Leipzig
+ Printed in Germany
+
+
+
+
+ Dem Andenken
+ meiner geliebten Mutter
+
+
+
+
+Zum Geleit.
+
+
+An warmen Sommertagen und in hellen Nächten, voll Gram und Wehmut
+nach der schwersten und schmerzlichsten Trennung, die ich in meinem
+Leben erfahren habe, legte ich die letzte Hand an die anspruchslose
+Schilderung eines Landes, das an Naturschönheit und eigenartiger
+großartiger Pracht alles auf Erden übertrifft.
+
+Während der Wochen, die ich vor drei Jahren im Gran Cañon zubrachte,
+schrieb ich an meine geliebte Mutter eine Reihe Briefe. Es geschah
+aus alter Gewohnheit -- ich hatte ja seit vierzig langen Jahren aus
+Asien meinen Eltern daheim geschrieben. Jetzt flogen die Briefe von
+der Neuen Welt aus über das Meer. Kein Tag durfte zu Ende gehen, ohne
+daß ich einige Seiten an meine Mutter schrieb. Niemand hat meine
+Schicksale mit wärmerer Teilnahme verfolgt als sie. In ihren Gedanken
+und Gebeten war sie stets bei mir auf meinen öden, einsamen Wegen. Nun
+war sie alt und stand schon im sechsundachtzigsten Lebensjahr; nur
+auf den Flügeln der Phantasie und an Hand meiner Briefe und Skizzen
+konnte sie sich einen Begriff vom Gran Cañon machen. Ich wußte, daß
+ich ihr damit eine Freude bereitete, und schrieb ihr daher von den
+verschiedenen Lagerplätzen am Südrand und Nordrand und in der Tiefe
+des gewaltigen Tales, von El Tovar und Desert View, von Hermit Cabins
+und Phantom Ranch, von Altar Falls und Wylie Way Camp. Ich schrieb
+beim Tosen der sich dahinwälzenden Wassermassen des Rio Colorado, beim
+Schrei der verwilderten Steppenesel in stillen, lauen Nächten, beim
+roten Widerschein der Felsentempel und Pagoden, die bei Sonnenuntergang
+aussahen, als seien sie aus Rubinen errichtet und von innen durch
+vulkanische Ausbrüche erleuchtet; ich schrieb, wenn der Abendwind in
+den Kronen der Kiefern rauschte, und warf schnell einige Seiten hin,
+wenn ich in mein Zelt zurückgekehrt war, nachdem ich, träumerischen
+Gedanken über das Vergangene, für immer Entschwundene nachhängend, den
+Tänzen der Hopi-Indianer um flammende Feuer zugesehen hatte.
+
+Die Briefe waren also an meine Mutter geschrieben. Wenn ich sie jetzt
+in umgearbeiteter, abgerundeter Gestalt auch andern Lesern übergebe,
+empfinde ich es als eine teure Pflicht und einen kleinen Trost, sie
+meiner entschlafenen Mutter zu widmen. Auch in dieser ausführlichern
+Fassung war ihr ja meine Schilderung des Gran Cañon nicht fremd. Sie
+hat sie mit erneuter Anteilnahme gelesen und sehnte sich danach,
+mir, wie früher Jahrzehnte hindurch, beim Korrekturlesen auch dieses
+Buches zu helfen. Aber ihre Kräfte verließen sie, und sie vermochte
+nicht zu warten. Als der Sommer in unserm Land in voller Pracht stand,
+entschlief sie, lächelnd und glücklich wie in all den Jahren ihres
+Lebens.
+
+Alles schien mir trübe und öde. Ich hatte meinen besten Freund
+verloren, einen Freund, der mir eine Welt voll Liebe und Treue
+geschenkt hatte und der nie müde ward, mir meine Fehler zu vergeben.
+Ich hatte kein Recht mehr, mich als Kind zu fühlen; ich war eine
+Generation älter geworden und hörte deutlicher als je die
+Flügelschläge der Zeit. Aber die lichte und teure Erinnerung, die sie
+mir hinterlassen hat, ist ein unvergänglicher Schatz; unermeßlichen
+Dank schulde ich ihr, die sechzig Jahre mein Schutzengel gewesen,
+die mich in meiner Kindheit auf ihrem Arm getragen, die bis zu ihrer
+letzten Stunde mit unermüdlicher Geduld über mich gewacht, mich
+ermuntert hat und meine Stütze gewesen ist.
+
+[Illustration: Anna Hedin.]
+
+Wohin mich meine Wege auch führen mögen, stets werde ich ihr
+leuchtendes Bild vor mir sehen, dem freundlichen Blick ihrer Augen
+begegnen und ihre Stimme hören. Und wenn es mir vergönnt sein wird,
+noch einmal zum Gran Cañon und seiner überirdischen Schönheit
+zurückzukehren, werde ich die Erinnerung an meinen ersten Besuch
+als ein neues Band empfinden, das mich mit ihr verknüpft. Dann
+werde ich auch mit Wehmut der Zeit gedenken, als ich noch das Glück
+hatte, beim Brausen des Rio Colorado und beim roten Widerschein des
+Sonnenuntergangs meiner Mutter zu schreiben.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Seite
+
+ +Zum Geleit+ 7
+
+ +Erstes Kapitel.+ Einleitung 15
+
+ +Zweites Kapitel.+ Nach dem fernen Westen 32
+
+ +Drittes Kapitel.+ Durch Neumexiko und Arizona 48
+
+ +Viertes Kapitel.+ Der erste Eindruck 60
+
+ +Fünftes Kapitel.+ Die Aussicht von Grand View 86
+
+ +Sechstes Kapitel.+ Nach Hermit Cabins 99
+
+ +Siebentes Kapitel.+ Der Rio Colorado 125
+
+ +Achtes Kapitel.+ Navaho Point 137
+
+ +Neuntes Kapitel.+ Nach Havasupai Point 158
+
+ +Zehntes Kapitel.+ Nach Phantom Ranch am Nordufer des
+ Colorado 176
+
+ +Elftes Kapitel.+ Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand
+ hinauf 194
+
+ +Zwölftes Kapitel.+ Ausflug nach Cape Royal 223
+
+ +Register+ 240
+
+
+
+
+Bunte Einschaltbilder.
+
+
+ Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und
+ Zoroaster-Tempel Titelbild
+
+ Blick von Navaho Point auf die Palisaden 64
+
+ Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus 80
+
+ Abendstimmung bei Navaho Point 96
+
+ Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang 112
+
+ Brahma- und Zoroastertempel, von Wylie Way Camp aus 128
+
+ Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei Bright
+ Angel Point 144
+
+ Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden, von
+ Point Royal aus 158
+
+ Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus 176
+
+ Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal 220
+
+
+
+
+ Einfarbige Einschaltbilder.
+
+ Anna Hedin 9
+
+ Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West 61
+
+ Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nordwesten 67
+
+ Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nordwesten 73
+
+ Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord 16° West 77
+
+ Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel Cañon 83
+
+ Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten 87
+
+ Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten 93
+
+ Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden 101
+
+ Hopi-Indianer 105
+
+ Hopi-Indianer 109
+
+ Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado aufwärts 115
+
+ Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach Südsüdwesten 119
+
+ Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado abwärts 123
+
+ Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten 127
+
+ Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die Tempel in
+ Nord 12° West 131
+
+ Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord 60° Ost 135
+
+ Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Ostnordosten 139
+
+ Aussicht von Havasupai Point nach Westen 143
+
+ Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West 147
+
+ Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran Cañon
+ (Nord 30° Ost) 151
+
+ Blick von Havasupai Point nach Osten 155
+
+ Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch 161
+
+ Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten,
+ Colorado aufwärts 165
+
+ Altarfall 169
+
+ Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost 173
+
+ Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost (29. Juni) 179
+
+ Felskuppe im Bright Angel Cañon 183
+
+ Felskuppe im Bright Angel Cañon 187
+
+ Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright Angel Cañon 191
+
+ Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1. Juli) 197
+
+ Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten (1. Juli) 201
+
+ Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost (Wischnutempel) 205
+
+ Blick von Cape Royal in den Gran Cañon 209
+
+ Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron 213
+
+ Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West 217
+
+ Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final 225
+
+ Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost 229
+
+ Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain 235
+
+
+
+
+ Karten.
+
+ Übersichtskarte 14
+
+ Sonderkarte des Gran Cañon in Arizona, Maßstab 1 : 150000,
+ am Ende des Buchs.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Einleitung.
+
+
+Schon ehe ich an die Möglichkeit gedacht hatte, jemals nach Asien zu
+kommen, träumte ich vom Gran Cañon. Ein Jahr vor meiner Reifeprüfung
+übernahm ich es, für den Vortrag, den Lektor Törnebohm in der
+Stockholmer Geographischen Gesellschaft hielt, die vorzüglichen
+farbigen Abbildungen von W. H. Holmes in Riesenformat zu kopieren, die
+C. E. Duttons Werk „~Tertiary History of the Grand Canyon District~“
+(1882) illustrieren. Als ich bei Professor Brögger an der Stockholmer
+Hochschule studierte und später, als ich mich auf die Kandidatenprüfung
+bei Professor Högbom in Uppsala vorbereitete, erwarb ich mir auch
+bescheidene Kenntnisse der Geologie des Colorado Cañon.
+
+Während meiner Reisen in Asien, die dann jahrzehntelang meine ganze
+Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, wurde der Gedanke an das große
+Erosionstal in Arizona in den Hintergrund gedrängt, aber gleichwohl
+nie völlig ausgelöscht. Als ich schließlich im Laufe des Jahres 1922
+mein Werk „~Southern Tibet~“ beendet hatte und einige Monate Erholung
+brauchte, beschloß ich, Anfang 1923 nach Amerika zu fahren und meine
+Reise mindestens bis zum Gran Cañon auszudehnen. Ich hielt in vielen
+Städten der Oststaaten Vorträge, besuchte wissenschaftliche Institute
+und sehenswürdige Orte und kam natürlich auch nach Chicago. In dieser
+eigenartigen Stadt machte ich neben andern Bekanntschaften die des
+Grafen J. Minotto, eines gebürtigen Italieners, der amerikanischer
+Staatsbürger geworden war und den demokratischen Titel Mister
+führte. Wir trafen uns mehrere Male. Herr Minotto war Freiluftmensch
+und Sportsmann und interessierte sich lebhaft für alles, was
+„~exploration~“ heißt. Mit seiner jungen reizenden Gattin, einer
+geborenen Swift, hatte er weite Reisen unternommen und kürzlich auch
+den Gran Cañon besucht, den er leidenschaftlich liebte. Als er meine
+Pläne hörte, wurde er beredt und tat alles, meine Sehnsucht anzufachen.
+
+Eines Tages traf ich bei einem Essen bei Minottos zwei Herren von der
+Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft. Das Gespräch kam ganz ungezwungen
+auf den Gran Cañon, und Minotto, der zu Scherzen aufgelegt war,
+meinte, die Gesellschaft sollte mich als ihren Gast zu einem
+längern Besuch einladen. Die beiden Herren fanden den Vorschlag gut
+und wollten sich die Sache überlegen. Ich selbst konnte diese in
+Feststimmung gesprochenen Worte nicht ernst nehmen und war daher
+nicht wenig erstaunt, als schon am folgenden Tag ein Herr Birchfield,
+ein Beamter der Gesellschaft, mich im University Club aufsuchte,
+dessen außerordentliches Mitglied ich auf Empfehlung des prächtigen
+schwedischen Konsuls C. von Dardel geworden war. Herr Birchfield
+zeigte mir ganze Berge von Photographien und bat mich, möglichst
+bald Herrn William H. Simpson meinen Besuch zu machen, dem Assistant
+General Passenger Agent der „Atchison, Topeka and Santa Fé Railway“;
+dieser habe von höherer Stelle Anweisungen erhalten und könne mir alle
+Auskünfte geben, die ich wünschte.
+
+Schön! Ich begab mich also in die Hauptgeschäftsstelle der
+Eisenbahngesellschaft und traf hier die Herren, in deren Hand die
+Entscheidung lag. Im Namen ihrer Gesellschaft baten sie mich überaus
+liebenswürdig, ihr Gast im Gran Cañon zu sein, so lange es mir beliebe.
+Wir einigten uns auf drei Wochen. Cowboys, Maultiere, Autos, Zelte,
+Hotels, Verpflegung, mit einem Wort +alles+, sollte mir zur Verfügung
+stehen, ich brauchte nur zu befehlen.
+
+Ich erzähle diese kleine Episode, um im Anschluß daran auch der
+Direktion der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft meinen herzlichen Dank
+für die große Gastfreiheit auszusprechen, die mir in El Tovar und auf
+all den Ausflügen zuteil wurde, die ich von dort aus unternahm. Ein
+Fürst hätte nicht unter angenehmeren Umständen reisen können. Alle
+waren freundlich und zuvorkommend. Mein Dank richtet sich, außer an die
+Direktion, besonders an die Herren Simpson, Birchfield, Kemp, Clarkson,
+Crosby, Petrosa, McKee und Ford Harvey sowie an die Führer West,
+Tillotson und MacLean.
+
+Freilich wäre ich nach dem Gran Cañon gereist, auch wenn mich die
+Gesellschaft nicht eingeladen hätte. Aber das wäre teurer und
+beschwerlicher geworden. Alle amerikanischen Bürger, mit denen
+ich zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean zusammenkam,
+überhäuften mich mit Gastfreundschaft, aber alles, was ich in dieser
+Hinsicht erfuhr, überbot doch die Santa-Fé-Bahn. Mit dem Namen dieser
+berühmten Gesellschaft ist meine größte und schönste Erinnerung an die
+Vereinigten Staaten verknüpft.
+
+Es ist selbstverständlich, daß ich im Gran Cañon als Tourist, nicht als
+Entdecker reiste. Etwas Neues konnte ich nicht heimbringen. Ich wollte
+nur dieses größte Wunder der Natur aus eigener Anschauung kennenlernen.
+In Asien, nicht am wenigsten in Südtibet und im Transhimalaja, habe
+ich viele tausend Kilometer zurückgelegt und bin überall der erste
+gewesen. Und dabei waren diese Gegenden, wenigstens zu einem Teil, seit
+Jahrtausenden bekannt und von den Völkern Indiens in uralten Hymnen
+besungen worden. Nur in ein paar Fällen habe ich Nachfolger gehabt --
+im übrigen werden große Gebiete Hochasiens nur von meinen Reisewegen
+durchkreuzt.
+
+Ganz anders beim Gran Cañon! Sein Erosionstal ist den Europäern
+überhaupt erst vor wenig mehr als dreihundertachtzig Jahren bekannt
+geworden, und doch ist es jetzt kartographisch aufgenommen und in
+naturwissenschaftlicher, besonders geologischer Hinsicht von einer
+Reihe berühmter Forscher bis ins einzelne untersucht.
+
+Die ersten, die bis an den Rand vordrangen, von dem aus man senkrecht
+in die Tiefe eines Abgrunds hinabschaut, waren die Spanier. Unter
+Coronados Befehl kamen sie von Mexiko in das Hochland hinauf; sie
+fanden, daß es eine „~arida zona~“, eine trockene, unfruchtbare
+Gegend war -- Arizona. Den spanischen Pionieren voran zog 1539 der
+Franziskaner Fray Marcos de Niza, der nach seiner Rückkehr Wunder
+zu erzählen hatte. Durch seine Berichte ermuntert, brach Coronado
+selbst schon im nächsten Jahr, 1540, von seinem Stellvertreter Tovar
+begleitet, nach Arizona auf. Sie waren Konquistadoren, traten aber zu
+den Indianern in freundschaftliche Beziehungen und Tauschhandel. Unter
+anderm hörten sie von einem mächtigen Strom sprechen, der durch das
+Land im Nordwesten fließe. Nach erfolgter Erkundung sandte Coronado
+eine kleine Truppenabteilung unter dem Befehl von Cardenas aus, damit
+sie diesen Fluß suchte. Cardenas fand den gewaltigen Strom, den er
+wegen seiner roten Farbe Rio Colorado nannte. Er entdeckte auch den
+Gran Cañon, das „große röhrenförmige Tal“.
+
+Während zweier Jahrhunderte wurde die entlegene und öde Gegend nur
+hin und wieder von dem einen oder andern Spanier besucht, und sie
+scheint lange Zeit in Vergessenheit geraten zu sein. Später dehnten
+amerikanische Trapper ihre Streifzüge bis an das tiefe Tal aus. Im Jahr
+1824 drang General Ashley an den Coloradofluß vor, doch ohne den Gran
+Cañon zu berühren. Im Auftrag der Regierung wurde das Gebiet einige
+Male untersucht.
+
+Die erste wissenschaftliche Erforschung des Flusses nahm 1869 der
+energische und kühne Major J. W. Powell vor, der die 1600 Kilometer
+lange Strecke von Green River City im Staat Wyoming bis zur Mündung des
+River Virgin im Boot zurücklegte und diese verwegene Fahrt im Winter
+1871/72 wiederholte. Er kam glücklich durch die unzähligen wilden
+Fälle und Stromschnellen hindurch, die später so manches Menschenleben
+gekostet haben, und schrieb ein lesenswertes Buch über seine Abenteuer.
+
+Nachdem im Jahr 1889 F. M. Brown in einer Stromschnelle umgekommen war,
+setzte sein Reisegefährte Stanton im Jahr darauf die Flußfahrt bis ans
+Meer fort. Ferner seien die Reisen verzeichnet, die Galloway (1896/97),
+Flavell (1896), Russel und Monnette (1907/08), Stone (1909) und die
+Brüder Kolb (1911) unternommen haben. Einen der beiden letztgenannten,
+Ellsworth L. Kolb, traf ich in El Tovar. Seine Schilderung der langen
+Flußfahrt „~Through the Grand Canyon from Wyoming to Mexico~“ (1920)
+ist ebenso lehrreich wie spannend. Der Zweck ihres Vorhabens war, zu
+filmen und zu photographieren. In den Jahren 1922 und 1923 nahm L.
+R. Freeman an den Expeditionen der Geologischen Landesaufnahme der
+Vereinigten Staaten teil, auf denen festgestellt werden sollte, ob
+es möglich sei, durch einen Staudamm in den oberen Teilen des Cañon
+den Unterlauf des Coloradoflusses zu regulieren. In seinem 1924
+erschienenen Buch „~Down the Grand Canyon~“ berichtet er über die
+gewonnenen Ergebnisse.
+
+In den letzten Jahren sind eine Menge wissenschaftlicher und
+gemeinverständlicher Werke über den Gran Cañon geschrieben worden. Es
+erübrigt sich, hier eine Bibliographie dieser Arbeiten zu geben. Ich
+will nur zwei kleine Bücher nennen, die ich ständig bei mir hatte:
+„~Story of the Grand Canyon of Arizona, a popular illustrated account
+of its Rocks and Origin~“ von N. H. Darton, Geologe der Geologischen
+Landesaufnahme, das ich im folgenden oft anführe, und „~The Grand
+Canyon of the Colorado, recurrent Studies in Impressions and
+Appearances~“ von John C. van Dyke (1920), dem ich einige der oben in
+der geschichtlichen Übersicht angeführten Angaben entnommen habe.
+
+Die klassische Darstellung der geologischen Geschichte des Gran Cañon
+verdankt die Wissenschaft Newberry, Powell, Gilbert, Dutton und
+Holmes, um jetzt nur die bedeutendsten und bekanntesten Forscher zu
+nennen. Ihre Arbeiten werden in allen geologischen Handbüchern aller
+Kultursprachen der Welt genannt und sind bei der Lösung vieler Probleme
+über Verwerfungen und andere Veränderungen in der Erdkruste, über
+Denudation und riesenhafte Erosion zu Rate gezogen worden.
+
+Wie W. M. Davis (~An Excursion to the Grand Canyon of the Colorado~)
+anführte, der im Jahr 1900 reiste, hatte Newberry (1857/58) gefunden,
+daß die paläozoischen Schichten auf kristallinischen Gesteinen
+lagerten; Newberry war der Ansicht, daß das Land in früheren Zeiten
+reicher bewässert war als jetzt. Powell, der 1869 den Cañon und
+1870 die nördliche Hochebene bereiste, behandelte die Probleme der
+Schichtenstörungen, Verwerfungen und Faltenbildungen. Er war von
+einer langen Periode eines trockenen Klimas überzeugt, da Bergwände
+und Cañontäler ihre scharfen Formen sonst nicht hätten beibehalten
+können. Dutton, der 1880 und 1882 schrieb, verfocht den Gedanken,
+die ganze Gegend habe sich im frühen Tertiär zu heben begonnen. Er
+stellte auch die geologische Datierung für verschiedene Veränderungen
+der Erdkruste innerhalb des in Frage kommenden Gebiets fest. Die
+Denudationsarbeit im Gran Cañon zerfällt seiner Meinung nach in zwei
+Erosionszyklen, von denen der erste in uralter Zeit während eines
+feuchten Klimas stattfand, der zweite folgte dagegen in einem trockenen
+Zeitraum in Verbindung mit einer ausgedehnten, durch Schichtenstörungen
+verwickelten Hebung der Erdrinde.
+
+Die Erscheinung, daß die Cañontäler so eng sind, ist oft durch die
+Trockenheit der Hochebenen erklärt worden, durch die der Colorado
+fließt. Davis findet eine Erklärung in der späten Hebung des Landes,
+in das sich die Cañons einzuschneiden begannen, und in der Dichtigkeit
+der widerstandsfähigen Ablagerungen, die jetzt die Seitenwände der
+Cañontäler bilden. Die Geschichte des Klimas unseres Gebiets ist jedoch
+unsicher. Powells Theorie einer langen trockenen Periode hat nach Davis
+die größte Wahrscheinlichkeit für sich, da der Gran Cañon so lange im
+Regenschatten von Gebirgsketten gelegen hat, die einst höher waren als
+jetzt, während gleichzeitig die ganze Gegend niedriger war. Es ist
+sehr wahrscheinlich, daß das Gran-Cañon-Gebiet in der Eiszeit starken
+Niederschlägen ausgesetzt war, aber Davis hält es für schwierig, die
+Beweise dafür zu liefern. Er glaubt, auch ein Klima wie das jetzige
+reiche aus, die Entstehung von Seitenschluchten und kleinen Cañons
+zu erklären. In diesen ist die Erosion nach wie vor am Werk, und das
+Fehlen der Vegetation hat zur Folge, daß die Erosion hier schneller
+fortschreitet als in Gegenden mit ausgiebigen Niederschlägen und
+reicherem Pflanzenwuchs.
+
+Ehe der Gran Cañon im Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärzeit,
+durch Erosion zu entstehen begann, wurden die Ablagerungen fünf
+geologischer Perioden, der Perm-, Trias-, Jura-, Kreide- und
+Eozänformation, von der Hochebene abgetragen. Bei El Tovar,
+Havasupai, Desert View, Wylie Way Camp, mit einem Wort überall am
+Süd- und Nordrand des Cañons, wandern wir somit auf dem Kamm der
+beinahe horizontal gelagerten Steinkohlenformation. Nicht weniger
+als 3000 Meter mächtige jüngere Formationen, die einst über den
+Steinkohlenschichten lagen, fehlen also. Ihre Abtragung hat man „die
+große Denudation“ genannt. Sechs geologische Perioden sind noch da und
+liegen überall in den Cañonwänden zutage, wenn auch zwei von ihnen nur
+bruchstückweise vorhanden sind. Die jüngste noch vorhandene Schicht ist
+der sogenannte Kaibabkalkstein, der der Steinkohlenformation angehört.
+Unterhalb des charakteristischen senkrechten roten Felsbandes des
+Redwall, das in so hohem Grad zur Schönheit der Taltiefe beiträgt und
+der Steinkohlenformation angehört, fehlen drei geologische Perioden,
+Devon, Silur und Ordovicium; vom Devon finden sich jedoch verstreute
+Bruchstücke. Der Red Wall ruht auf kambrischem Kalkstein, der
+sogenannten Tontogruppe. Oberhalb der archäischen Urgesteinunterlagen,
+Granit, Gneis usw., fehlen gegen 4000 Meter algonkinscher und
+präkambrischer Ablagerungen, obwohl an einigen Stellen Bruchstücke
+unter dem Namen der Unkar- und Chuar-Gruppe vorhanden sind.
+
+Man braucht nicht Geologe zu sein, um nach einem ganz kurzen Aufenthalt
+im Gran Cañon gewahr zu werden, daß die sedimentären Ablagerungen, die
+durch diesen gewaltigen Einschnitt in die Erdkruste freigelegt worden
+sind, eine fast wagerechte, ungestörte Lage besitzen. Die riesige
+Erosionsrinne hat sich durch die Schichten der Steinkohlenformation
+geschnitten, und dann sind durch fortgesetzte Erosion alle älteren
+Ablagerungen freigelegt worden bis zum Granit hinab, in dem der Rio
+Colorado jetzt in dem innern Cañon, The Granite Gorge, dahinbraust.
+Da die wagerechten Schichten ungestört sind, kann man daraus den
+Schluß ziehen, daß die Erosion die einzige Kraft ist, die diesen
+ungeheuren Eingriff in die Erdkruste auszuführen vermocht hat. Aber
+der Erosionskraft sind auch gewisse andere Faktoren zu Hilfe gekommen.
+So ist das Gefälle des Flusses recht groß, da der Höhenunterschied
+auf einer Strecke von 349 Kilometer, von der Mündung des Kleinen
+Coloradoflusses bis zum Grand Wash, 500 Meter beträgt. An der Mündung
+des Hermit Creek soll der Fluß eine Stromgeschwindigkeit von 32
+Kilometer in der Stunde haben. Bei einer solchen Geschwindigkeit
+vermag eine kompakte, gesammelte Wassermasse nicht nur Sand und Geröll
+in ihrem Bett mit sich zu führen, sondern auch Steinblöcke vorwärts
+zu bewegen. Der Rio Colorado verfügt daher über ein sehr wirksames
+Schleifmaterial, das das Granitbett des Flusses feilt, reibt, aushöhlt,
+mit einem Wort erodiert. Wenn eine solche Aushöhlungsarbeit Millionen
+und aber Millionen Jahre angedauert hat, Tag und Nacht, Winter und
+Sommer ohne eine Sekunde Unterbrechung, dann ist es nicht schwer zu
+verstehen, daß das Ergebnis, als die Zeit erfüllt war, d.❁h. in unsern
+Tagen, überwältigend und staunenerregend sein mußte. Ein solches
+Ergebnis kann nur in einem wasserreichen Fluß erzielt werden, dessen
+Gefälle stark und dessen Bett mit Schlamm, Sand, Kies und Blöcken als
+Schleifmaterial gefüllt ist, in einem Fluß, der aus einem feuchten,
+regnerischen Hochland kommt und durch ein trockenes Tafelland fließt.
+So verhält es sich jetzt und so ist es vermutlich schon immer gewesen,
+denn sonst hätten sich gewaltige Nebenflüsse gebildet; es gibt nur zwei
+solche, von denen der eine der Kleine Colorado heißt.
+
+Neumayr hebt hervor, daß der Gran Cañon uns auch einen Begriff von
+der ungeheuren Länge der geologischen Zeiten zu geben vermag. Um
+den Graben zu erzielen, den wir von der Brustwehr und den offenen
+Waldgalerien bei El Tovar unter uns sehen, mit andern Worten, um durch
+sehr harte Gesteine eine Rinne auszumeißeln, die 349 Kilometer lang,
+21 Kilometer breit und 1,6 Kilometer tief ist, hat der Colorado die
+Zeitspanne gebraucht, die zwischen dem Pliozän, dem letzten Abschnitt
+der Tertiärperiode, und der Gegenwart liegt. Dieser Zeitraum umfaßt
+viele Millionen Jahre. Und diese Millionen Jahre machen nur einen sehr
+kleinen Teil der geologischen Annalen und der Geschichte der Erde
+aus, ja eine Zeitspanne, die so kurz ist, daß die Meeresmollusken,
+wie Neumayr sagt, sich nur unbedeutend verändert haben und daß die
+eingetretenen Veränderungen kaum die Hälfte der Arten betroffen haben.
+Beim Gedanken an solche Zahlen und angesichts solcher Perspektiven
+wird der Mensch, der nicht von den in unsern Tagen wütenden Seuchen
+angesteckt ist, still und demütig. Als ich das erstemal an den Rand
+des Gran Cañon trat, hielt ich, unbewußt und unbedacht, den Hut in der
+Hand -- wie beim Betreten eines von Menschenhänden errichteten Tempels.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt also klassische Werke über die Geologie des Landes. Es gibt
+Reisebeschreibungen, die von Fahrten und Wanderungen in den Labyrinthen
+zwischen Tempeln und Pagoden, auf dem Fluß und auf den Hochebenen
+ringsherum erzählen, und Monographien, die sich auf einen langjährigen
+Aufenthalt im nördlichen Arizona stützen. Meine Schilderung besitzt
+keins der Verdienste, durch die sich solche Arbeiten auszeichnen.
+Die Zeit von drei Wochen, die ich im Gran Cañon zubrachte, war allzu
+kurz, um ein tiefes, gründliches Eindringen in seine Geheimnisse zu
+gestatten. Manche Amerikaner haben sich so sehr in den Gran Cañon
+verliebt, daß sie ihn immer wieder sehen wollen und jedes Jahr dorthin
+zurückkehren, ebenso wie die frommen Pilger in Tibet und Indien zu
+ihren heiligen Bergen und Flüssen wallfahrten. Solche wiederholten
+Besuche sind die richtige Methode, um die unvergeßlichen Bilder dieses
+Tales wirklich in sich aufzunehmen, dieses Tales, von dem jemand
+gesagt hat, daß es nicht das achte Weltwunder ist, sondern das erste.
+Das Ideal wäre es, sich für ein ganzes Jahr an irgendeinem Punkt des
+Südrandes niederzulassen und Tag für Tag seine Seele zu baden in
+dem Anblick des Ganges der Jahreszeiten und des Spiels der ständig
+wechselnden Beleuchtung in dem großartigsten Erosionstal der Erde.
+
+Mein Besuch fiel in den Hochsommer, wo die Luft fast immer klar ist
+und keine Stürme rasen. Für die Beleuchtung ist die warme Jahreszeit
+zweifellos die günstigste, besonders gegen Abend, wo wunderbare
+Skulpturen in ihrer ganzen wechselnden und dennoch gesetzmäßigen
+Mannigfaltigkeit und ihrem architektonisch dekorativen Reichtum
+hervortreten, während die nach Südwesten und Westen gewandten Fassaden
+von Felsentempeln, Pagoden und Pyramiden von dem Licht der sinkenden
+Sonne getroffen werden und in intensiv roten Farbtönen leuchten. Und
+über diesem Bild wölbt sich ein Himmel, so blau wie der edelste Türkis
+von Nischapur.
+
+In der zweiten Hälfte des Juli tritt die Regenzeit ein. Leider konnte
+ich sie nicht abwarten. Aber an Hand der mündlichen Beschreibungen, die
+man mir in El Tovar gab, kann ich verstehen, daß die wasserschweren
+Wolkenmassen, die über Arizona dahinziehen, Wirkungen von
+phantastischer Schönheit hervorzuzaubern imstande sind. Es kommt vor,
+daß sich die Wolken in den tiefen Erosionsrinnen des Cañon vorwärts
+wälzen und daß ihre Oberfläche einem aufgewühlten Meer oder einem
+ungeheuren wallenden Strom gleicht; oder auch, daß sich der Regenbogen
+wie eine Brücke über den Abgrund zwischen dem Nordrand und dem Südrand
+spannt, aber trotz seines seltsamen Farbenglanzes das Spiel der bunten
+Farbtöne auf den nach Westen gerichteten Mauern des Marble Cañon und
+der Palisaden kaum zu übertreffen vermag.
+
+Im Winter liegen die Nadelwälder auf der Höhe des Nord- und Südrandes
+in Schnee gebettet, und es soll wunderbar anzusehen sein, wenn der
+Schneesturm seine weißen flatternden Fahnen über den Abgrund hinaus
+peitscht. In stillen Tagen kommt es dann vor, daß der bedeutende
+Temperaturunterschied, der zwischen dem Plateaukamm und dem 1500
+Meter tiefer liegenden Talboden herrscht, dichte milchweiße Nebel
+hervorruft, die den ganzen Cañon bis fast zu seinem Rand erfüllen.
+Die Oberfläche des Nebelbetts kann völlig eben und sonnenbeschienen
+sein. Sähe man eine Photographie, die bei einer derartigen Gelegenheit
+aufgenommen ist, würde man seinen Kopf wetten wollen, daß sie einen von
+niedrigen, schroffen Bergen und flachen bewaldeten Ufern umkränzten
+stillen See vorstelle. Am Nordrand würde man unregelmäßige, von
+tiefeinschneidenden Buchten zerrissene Halbinseln vorspringen sehen und
+hier und da kleine Felseninseln, die in Wirklichkeit nichts anders sind
+als die obersten Zacken der Pagoden und Pyramiden. Von den Geheimnissen
+der Tiefe würde man nichts ahnen. Man würde nicht glauben, daß die
+Insel, die nördlich von El Tovar aus dem Nebel emporragt, die Spitze
+eines fast freistehenden Blockes am Nordrande ist, der denselben
+Rauminhalt und dieselbe Bergmasse hat wie der Mount Washington!
+
+Aber auch wer sich wie ich nur einige Sommerwochen hier aufhält, hat
+keinen Grund, sich über mangelnde Abwechslung in der Beleuchtung zu
+beklagen. Diese verändert sich vielmehr vom Morgen bis zum Abend mit
+jeder Minute. Nach den schwachen, schlummernden Tönungen der frühen
+Morgenstunden kommt die Sonne und weckt die Farben zu neuem Leben.
+Die Schatten fallen lang nach Westen, und die Mauer der Palisaden
+verschwindet im Dunkel. Die Sonne steigt immer höher, die Schatten
+schrumpfen zusammen, und ihre schwarzen Felder werden kleiner. Der
+ganze Cañon ist in Licht gebadet. Das Tagesgestirn geht unter, und
+die dunklen Flecke wachsen wieder, jetzt nach Osten. Die beleuchteten
+Partien gehen immer mehr in Rot über, und beim Sonnenuntergang sind
+sie intensiv hellrubinrot. Dann flammt auch die Mauer der Palisaden
+in demselben glühenden Farbton. Das Rot wird nach und nach matter und
+tiefer, und wenn die Sonne unter den Horizont gesunken ist, verschwimmt
+das eben noch so fein abgetönte Relief, alle Einzelheiten verschwinden,
+alle Farben verblassen, und im Osten über der Mauer der Palisaden
+steigt blauviolett die neue Nacht empor.
+
+Wenn man all diese wilde, überwältigende Schönheit zu schildern
+versucht, hat man stets das Gefühl erfolglosen Unterfangens. Man
+fühlt die Unzulänglichkeit der Ausdrucksmittel, man findet nicht
+die rechten Worte, man sucht immer wieder vergebens nach ihnen und
+greift ins Leere. Bezaubert und gefesselt von der großartigen Natur,
+den gewaltigen Maßen, dem Reichtum an Farben und Formen und einem
+Gesamteindruck, der neben dem Gran Cañon alles erblassen läßt, was
+man auf Erden gesehen hat, so daß man sich auf einen andern Planeten
+versetzt glaubt, tastet man vergebens nach Worten und Bildern -- und
+findet keine. In dieser neuen Welt hätte man eine neue, reichere und
+mächtigere Sprache nötig.
+
+Nicht einmal die Stimmung, die innere Wahrnehmung, läßt sich
+beschreiben. Tag und Nacht herrscht Sonntagsfrieden über dem Gran
+Cañon, und das Schweigen ist tiefer als das Schweigen in der Wüste. Als
+die Sonne hoch am Himmel stand, war man unten am Ufer des Colorado und
+fühlte, wie der Felsgrund unter der Wucht der Wassermassen erbebte;
+man hörte das donnernde Brausen, das, durch tausendstimmigen Widerhall
+verstärkt, den Granitkorridor erfüllte. Einige Stunden später sitzt man
+in der Abendkühle oben am Rande des Tales und weiß, daß man den Fluß
+1500 Meter unter sich hat, ja man sieht vielleicht noch einen Schimmer
+seines Laufs. Man weiß, daß die wütenden Wassermassen wie schon seit
+Millionen von Jahren sich ohne Rast und Ruh dröhnend vorwärts wälzen,
+nach dem Meer sich sehnend, aber kein Laut dringt bis zum Rand der
+Hochfläche empor. Die Stille ist rätselhaft, mystisch, fast beklemmend.
+Es ist einem zumute, als sei man des Nachts allein in einer Kirche:
+man sieht nichts und hört nichts, aber man weiß doch, daß man von
+Heiligenbildern, Kanzeln, Altarbildern, Kandelabern und Gräbern umgeben
+ist, doch alles ist still, und selbst die Orgel schweigt.
+
+Auch in den Entfernungen täuscht man sich gewaltig. Auf der Hochfläche
+sind es 20 Kilometer vom einen Rand zum andern, und der Fluß ist
+anderthalb Kilometer tief unter mir. Ein Zapfen, der sich von einer
+Gelbkiefer, einer Yellow Pine, löst, die ihre Krone über den Abgrund
+neigt, kommt nicht eher zur Ruhe, als bis er einen 300 oder 600 Meter
+tiefer liegenden Hang erreicht hat. Ein Adler, der so dicht über den
+Wald hinfliegt, daß er die Gipfel der Nadelbäume mit den Spitzen seiner
+Flügel streifen kann, schwebt einige Sekunden später, nachdem er über
+das Tal hinausgesegelt ist, 1500 Meter über dem Boden.
+
+Man umfaßt alles mit dem Blick, aber man begreift es dennoch nicht.
+Täglich sitzt man stundenlang da und schaut und sucht vergeblich
+nach einer Lösung der Rätsel. Deutlicher als je erkennt man sich
+als ein Staubkorn in dem unermeßlichen Reich der Schöpfung. „Wie
+klein alles wird!“ ist ein Gedanke, der sich einem in die Seele
+einprägt. Alle Freude und alles Leid, alle Hoffnungen und aller Kummer
+verschwinden spurlos. Was bedeuten die 5000 Jahre, die die Fackel der
+Geschichtsforschung beleuchtet, gegenüber den unermeßlichen Zeiten,
+die in die Tempel und Pagoden des Gran Cañon die Berichte ihrer Taten
+eingeritzt haben! Nur die Nacht bezwingt den Gran Cañon. Dann breitet
+die Finsternis ihre Decke über die alte Tempelstadt, und die ewigen
+Sterne erinnern uns an ferne Welten, im Vergleich zu denen das Wunder
+von Arizona, ja die ganze Erde ein Staubkorn ist. Beim Licht der Sterne
+legt sich die Unrast des Herzens, und der Erdenwanderer versinkt in ein
+Gefühl unendlicher Ruhe.
+
+Wenn jemand glaubt, dieses Buch enthalte Übertreibungen, so will
+ich getrost aussprechen, daß man in einer Schilderung der Größe und
+Macht des Gran Cañon nicht übertreiben +kann+. Wer das Tal des
+Rio Colorado besucht, nachdem er mein Buch gelesen hat, wird gewiß
+sagen, daß meine Darstellung matt und farblos ist und daß sie an die
+Wirklichkeit durchaus nicht heranreicht. Die einzigen, die Erfolg
+gehabt haben, sind die Geologen, die in den gewaltigen Annalen aus
+Stein geblättert und Zahlen und Maße und ihre petrographischen und
+paläontologischen Diagnosen gestellt haben. Für die Künstler ist die
+Aufgabe hoffnungslos gewesen; die Wirklichkeit mit ihren Tönungen und
+riesigen Ausmaßen in Farben wiederzugeben, ist ihnen nicht gelungen.
+Ein Dichter würde sich lächerlich machen, wenn er versuchen wollte,
+den Gran Cañon zu besingen, und ein Tonsetzer würde nie die einzige
+Musik übertreffen können, die zur Größe des Gran Cañon paßt -- das nie
+verstummende Brausen des Rio Colorado.
+
+Es ist daher vermessen von mir, meine Schilderung mit eigenen Skizzen
+auszustatten, die ich an Ort und Stelle gezeichnet und zum Teil
+farbig ausgeführt habe. Aber diese Bilder, denen jeder künstlerische
+Wert abgeht, werden, hoffe ich, das Verständnis des Textes etwas
+erleichtern. Ich erhielt zwar die Erlaubnis, von den zahlreichen
+Photographien, die mir in El Tovar geschenkt wurden, soviel ich wollte
+in mein Buch aufzunehmen. Aber die Skizzen haben meiner Meinung nach
+einen Vorzug vor der photographischen Platte; sie geben persönliche
+Eindrücke und eine individuelle Auffassung wieder -- haben also eine
+Seele. Mit Photographien kann wer will ein Buch ausstatten, sogar mit
+solchen handkolorierten, wie sie in El Tovar zu kaufen sind. Sie ließen
+mich völlig kalt; ich wollte sie nicht geschenkt haben, sondern zog es
+vor, den Gran Cañon mit meiner eigenen Feder und meinem Pinsel nach
+bestem Können festzuhalten. Der Mängel dieser Bilder bin ich mir sehr
+wohl bewußt.
+
+Nun zu den Briefen, die ich meiner Mutter sandte.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Nach dem fernen Westen.
+
+
+Sonntag, 10. Juni 1923, verließ ich den schönen, gemütlichen University
+Club in Chicago und fuhr nach dem Bahnhof der Illinois Central
+Railroad, um mit dem Zug, der 9 Uhr 55 abends abging, nach Westen zu
+fahren. Es regnete, und mitten im Sommer war es kühl und unbehaglich.
+Dem Wetter im Verein mit dem Ruhetag war es zuzuschreiben, daß die
+Straßen öde und leer waren.
+
+Der schwere Zug rollt in die Nacht hinaus. Von dem hohen Bahndamm
+sieht man auf die unzähligen Straßen hinab, die wir kreuzen. Matt
+schimmert das elektrische Licht durch den Regen, und die weißen Augen
+der Autos leuchten im Dunkel. Aber die Lichtpunkte werden spärlicher,
+die große Stadt verschwindet hinter uns; man sucht seinen Bettplatz im
+Pullmanwagen auf und schläft, während der Zug durch Illinois rollt.
+
+Leider entgeht einem der Mississippi, den wir in pechschwarzer Nacht
+bei strömendem Regen überqueren. Der größte Teil des Staates Missouri
+liegt bereits hinter uns, bevor der Tag graut. Aber den Missouristrom
+und seine mächtig wirbelnden Wassermassen erblicken wir wenigstens
+bei vollem Tageslicht. Man läßt sich im Speisewagen nieder, der in
+Kansas City abgehängt wird. Schon ehe wir diese Stadt erreicht haben,
+geht ein Neger durch die Wagen und bietet Morgenzeitungen feil. Sie
+sind voll lebhafter, farbenreicher Schilderungen der furchtbaren
+Überschwemmungen, die in der letzten Zeit gewaltige Gebiete des Staates
+Arkansas verheert haben. Ein Nebenfluß des Mississippi, der Arkansas,
+der den gleichnamigen Staat quer durchschneidet, war aus seinen Ufern
+getreten und hatte das Land unter Wasser gesetzt. Zollhohe, packende
+Überschriften sprechen von Unglücksfällen und Verwüstungen, von
+Verlusten, die auf Millionen Dollar geschätzt werden, und von den
+Tausenden von Menschen, deren Wohnungen zerstört wurden und die jetzt
+obdachlos sind.
+
+Die ganze Nacht hindurch hat es geregnet, und der Himmel sieht immer
+noch drohend aus. Um 11 Uhr 25 sind wir in Kansas City. Man stellt
+seine Uhr um eine Stunde zurück. Um 12 Uhr fahren wir weiter. Im
+letzten Augenblick ist ein Herr eingestiegen, den ich erwartet habe,
+und hat mir gegenüber Platz genommen; sein Name ist R. Hunter Clarkson.
+Meine Freunde von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft haben es so
+eingerichtet, daß wir zusammen nach El Tovar fahren. Einen angenehmern,
+kenntnisreichern Reisegefährten hätte ich mir nicht wünschen können.
+Herr Clarkson ist überdies Schotte von schwedischer Abstammung. Schon
+am Anfang einer für mich sehr lehrreichen Unterhaltung, die mehrere
+Tage dauern sollte, kamen wir auf den Krieg, und es tat wohl, mit
+einem Mann zu sprechen, der so vernünftige, humane und objektive
+Anschauungen hatte. Wir fanden, daß wir im Sommer 1916 auf einem der
+Kriegsschauplätze einander recht nahe gewesen waren. Als ich während
+meines Besuchs bei Oberst Kreß von Kressenstein in El Arisch mit ein
+paar türkischen Offizieren eine Autofahrt in der Richtung auf Ismaïlia
+machte, lag Clarkson als Batterieführer bei diesem Ort. Nun erzählte
+er von den nächtlichen Patrouillen, die zu Pferd oder auf Dromedaren
+ständig durch die Wüste nach Osten ausgeschickt wurden, und wir lachten
+bei dem Gedanken daran, wie leicht es hätte geschehen können, daß
+eine Patrouille meinem Auto den Rückzug abschnitt und mich selbst als
+Gefangenen zu Clarksons Zelt brachte. Er beteuerte, daß ich in diesem
+Fall nicht nur von ihm selbst, sondern auch von allen andern englischen
+Offizieren mit größter Rücksicht behandelt worden wäre. Aber ich
+versicherte ihm, ich zöge es vor, in der Santa-Fé-Eisenbahn in seinen
+Händen, statt sein Gefangener am Suezkanal zu sein.
+
+Wir haben inzwischen Kansas City verlassen und den gewaltigen Missouri
+zur Rechten verschwinden sehen. Zwischen fruchtbaren Wiesen und
+Feldern und üppigen Hainen und Gärten saust der Zug weiter durch den
+Staat Kansas nach Westen und Westsüdwesten. Oft stehen die Äcker
+unter Wasser, und alle Gräben sind bis zum Rand gefüllt. Auf saftigen
+Triften weiden Rinder- und Schafherden, und hier und da wühlen
+große Schweineherden in dem schlammigen Boden. Das Land ist flach
+wie ein Eierkuchen. Lange Strecken glaubt man durch einen einzigen
+ununterbrochenen Garten zu fahren.
+
+Unser Wagen ist der letzte des Zuges; von seiner hintern Plattform aus
+sehen wir die ständig enteilende recht einförmige Landschaft und die
+schnurgerade laufenden Eisenbahngleise. Meistens sitzen wir jedoch
+auf unsern bequemen Polstern und plaudern. Der Wagen ist vollbesetzt,
+aber es wird nie eng -- man hat seinen Platz und braucht sich nicht
+mit andern zu drängen. Ein Vorzug dieser Pullmanwagen ist, daß die
+Reisenden gleichsam eine große Familie bilden; wenn man nichts anders
+zu tun hat, kann man seine Reisegefährten, ihre Gewohnheiten und
+Beschäftigungen beobachten. Die großen Fenster gewähren freie Aussicht
+nach beiden Seiten. Wenn man in einem Wagen mit Seitengängen in einem
+eigenen Abteil fährt, so ist man zwar ungestört -- was jungen Eheleuten
+erwünscht sein mag --, aber man hat dann nur nach einer Seite Aussicht.
+
+Es ist halb zwei, als der Zug in Emporia hält, wo wir eine halbstündige
+Frühstückspause machen. Mit Hilfe des Telephons hat das Zugpersonal die
+Bahnhofswirtschaft rechtzeitig benachrichtigt, wieviel Gäste kommen.
+Man braucht sich daher nicht abzuhetzen, sondern geht in aller Ruhe an
+seinen Platz. An kleinen Tischen ist für je 8 Personen gedeckt. Es gibt
+Tomatensuppe, Schinken mit Gemüse, Eiscreme, Tee oder Kaffee. Clarkson
+und ich haben es insofern besser als die andern Reisenden, als wir
+nicht zu bezahlen brauchen, er als Beamter der Santa-Fé-Eisenbahn und
+ich als Gast der Gesellschaft.
+
+Alle andern Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten führen Speisewagen.
+Aber bei der Santa-Fé ist die Verpflegung der Reisenden in der gleichen
+Weise geordnet wie früher auf den schwedischen Eisenbahnen. Man glaubt,
+daß alle Bahnlinien der Vereinigten Staaten mit der Zeit dieses System
+einführen werden, denn es hat sich gezeigt, daß die Speisewagen
+in den Zügen stets mit Verlust arbeiten. Im Jahr 1922 setzte die
+Pennsylvania-Eisenbahn 50000 Dollar an ihren Speisewagen zu. Die
+Bewirtung auf den Bahnhöfen dagegen ist ein ausgezeichnetes Geschäft,
+da nicht nur die Reisenden der Züge, sondern auch andere, vor allem im
+Auto vorbeifahrende, hier ihre Mahlzeiten einnehmen.
+
+Dieser Aufenthalt ist eine angenehme Unterbrechung. Tee, Kaffee
+und andere einfache Erfrischungen kann man bei den Negern seines
+Wagens bekommen, aber Lunch und Mittagessen werden an Haltestellen
+eingenommen. Sowohl die Speisen wie die Sauberkeit und Bedienung
+gewinnen sehr dabei. Eine Reise von mehreren Tagen wird auch weniger
+einförmig, wenn man zweimal des Tages an Land gehen und sich etwas
+Bewegung machen kann.
+
+Während wir unsern Lunch einnehmen, erzählt Herr Clarkson, daß die
+Santa-Fé-Gesellschaft um 1845 gegründet wurde und sich anfangs nach
+der Linie von Atchison nach Topeka, zwei Städten im nordöstlichen
+Kansas, nannte. Jetzt ist sie mit einer Bahnlänge von etwa 20400
+Kilometer die größte Eisenbahngesellschaft der Welt. Im Jahr 1866
+begann Fred Harvey längs ihrer Bahnlinien Hotels und Speisewirtschaften
+einzurichten. Nach seinem Tod im Jahr 1900 übernahm den Betrieb sein
+Sohn Ford Harvey, der jetzt 25 große Hotels und zahllose kleinere
+Restaurants besitzt. Im Jahr 1922 wurden in diesen 13 Millionen
+Mahlzeiten verabfolgt. Es ist also ein riesiges Unternehmen und ein
+Geschäft, das sich zu einer soliden und erstklassigen Organisation
+entwickelt hat. Ford Harvey, der in seinem Fach größere Erfahrung hat
+als sonst jemand in den Vereinigten Staaten, ist aufgefordert worden,
+in New York und andern Städten Hotels zu errichten und zu betreiben.
+Aber auf derartige Lockungen antwortet er ablehnend; er zieht es vor,
+seine Tätigkeit auf die Santa-Fé-Eisenbahnen zu konzentrieren und dort
+auszubauen; vermutlich ist er der Ansicht, daß die zwölf oder fünfzehn
+Millionen, die er schon verdient hat, für seine irdischen Bedürfnisse
+ausreichen. Für das Recht, den ganzen mit dem Gran Cañon verknüpften
+Hotel- und Ausflugsbetrieb mit Hospiz, Unterkunftshütten, Wegen,
+Mauleseln, Pferden, Cowboys, Personal, Automobilen usw. auszuüben,
+zahlt er Abgaben an die Regierung. Der Gran Cañon ist nämlich wie so
+viele andere Gebiete Nationalpark und gehört der Regierung. Aus meinem
+Bericht wird man ersehen, daß die Aufsicht über diese großartigste und
+wunderbarste Werkstatt der Natur keinen bessern Händen hat anvertraut
+werden können als denen Ford Harveys. Ich hatte Gelegenheit, ihn in El
+Tovar kennenzulernen, und kann versichern, daß er auch persönlich ein
+ungewöhnlich prächtiger Mann ist.
+
+Aber die halbe Stunde ist vorüber; wir nehmen wieder unsere Plätze
+ein und rollen weiter durch das überschwemmte Land. Zu beiden Seiten
+breiten sich riesige Wasserflächen aus, schmutziggrau oder braungelb;
+an engen Durchgängen weisen sie starke Strömung auf. Bäume, Gärten,
+Alleen und kleine Gehölze stehen mitten im Wasser. Auf manchen
+Gemarkungen hat die Überschwemmung das reifende Getreide hinweggespült.
+Wo der Boden abfällt, ist alles weggeschwemmt worden, Ackerkrume, Saat,
+Keime und Getreide, aber wo das Land eben ist, und das ist gewöhnlich
+der Fall, kann das meiste gerettet werden. Von Zeit zu Zeit fahren wir
+an einer Farm vorüber, deren Besitzer gewiß voller Unruhe die Launen
+des losgelassenen Wassers beobachtet.
+
+Die Farmen in diesem Teil von Kansas haben durchschnittlich eine
+Bodenfläche von 650 Acres (263 Hektar), eine Größe, die in Europa
+als beträchtlich gelten würde. Der Staat Kansas erzeugte seinerzeit
+den meisten Weizen in Amerika, ja sein Boden lieferte einen größern
+Weizenertrag als alle übrigen Staaten zusammen. Noch heute steht der
+Weizenanbau hoch, obgleich jetzt Gerste die wichtigste Getreideart
+ist. Kansas City nimmt auch die erste Stelle unter den Orten ein, in
+denen landwirtschaftliche Geräte hergestellt werden, und der Staat
+Kansas übertrifft in dieser Hinsicht den nächsten in der Reihe um
+23 vom Hundert. Die bedeutendsten Fabriken für landwirtschaftliche
+Maschinen und Geräte sind in Chicago.
+
+Wir fahren auf der nördlichen Linie durch Kansas, da die südliche unter
+Wasser steht und unterbrochen ist. Aber auch auf unserer Linie saust
+der Zug Stunde um Stunde zwischen überschwemmten Feldern hin, und der
+Himmel ist ebenso grau wie bisher. Bei Peabody sehen wir einen Wald
+von Bohrtürmen, ganz wie in Balachany am Kaspischen Meer oder südlich
+von Los Angeles in Kalifornien, und schon von weitem riecht es nach
+Rohnaphtha. Dann werden die menschlichen Spuren seltener; wir fahren
+lange Strecken, ohne eine Menschenseele oder ein Haus zu erblicken.
+In Newton, durch das wir am Nachmittag kommen, besitzt Harvey eine
+Molkerei und einen Viehhof mit 270 Kühen. Obgleich ihm noch viele
+derartige Besitzungen in Texas, Neumexiko, Colorado, Arizona und
+Kalifornien gehören, reicht deren Ertrag an Milch, Butter und Käse
+nur dazu, ein Zwanzigstel des Bedarfs der Eisenbahnwirtschaften zu
+decken, und die Hauptmenge muß anderweitig beschafft werden. Harveys
+Milchwirtschaften haben im Grunde nur die Aufgabe, den Markt zu
+regulieren und zu kontrollieren.
+
+In frischem, feuchtem Sommergrün breitet sich das flache Land zu
+beiden Seiten endlos wie ein Meer aus. Die überschwemmten Gebiete
+werden kleiner und immer seltener. Eine gute Weile nach Einbruch der
+Dunkelheit hält der Zug in Hutchinson, damit wir unser Essen einnehmen
+können. Die Mahlzeit, die in einem prächtigen Saal aufgetischt wird,
+ist reichlicher als ein gewöhnlicher Mensch vertilgen kann, alles
+ist trefflich zubereitet und von wahren Fluten von Eiswasser mit
+kristallklaren Eisstücken begleitet. Dem Arkansas River folgend,
+passieren wir am Abend Dodge City und überschreiten im Dunkel der
+Nacht, nachdem wir unsere Uhren um eine Stunde zurückgestellt haben,
+die Grenze von Kansas und Colorado. Ein freundlicher alter Herr aus
+Texas schenkt mir einen mexikanischen Miniatur-Haarhut, dessen Band
+den berühmten Namen „El Paso“ trägt. Im Wasch- und Rauchabteil erzählt
+er seine Lebensgeschichte. Als ich dann in den Mittelgang des Wagens
+komme, sind die schweren Vorhänge zugezogen, und mein Schlafplatz vom
+Neger für die Nacht zurechtgemacht. Wenn man „~lower berth~“
+mitten im Wagen hat, ist die Bewegung sanft und angenehm. Die Bahn ist
+gut gebaut und sorgfältig unterhalten. In den überschwemmten Gebieten
+sah man jedoch, daß das Wasser an steinigen Stellen nur noch 60
+Zentimeter hätte zu steigen brauchen, um die Schienen zu erreichen.
+
+Als mich der Neger am 12. Juni um ½7 Uhr mit der Erklärung weckte, wir
+hätten nur noch 35 Minuten bis Trinidad, hatten wir schon La Junta
+hinter uns und sausten schnurgerade nach Südwesten auf die Grenze von
+Neumexiko zu. Der Tag war strahlend klar und das Land flach und öde;
+Rinderherden weiden auf den riesigen Ebenen, und als wir in Trinidad
+halten, glauben wir eine wirkliche Oase mitten in der Wildnis erreicht
+zu haben. Das Bahnhofsgebäude ist wie die meisten andern in Colorado
+und Neumexiko im spanisch-mexikanischen Klosterstil erbaut mit Arkaden,
+Gängen und Höfen, sattgrünen Rasenteppichen und dichtbelaubten Bäumen.
+Über dem Portal ist der Name des spanischen Konquistadors Cardenas
+zu lesen, des ersten bahnbrechenden Pioniers in diesen Gegenden. Der
+kleine Ort hat ein schmuckes Schulhaus und mehrere andere neue Gebäude.
+Am Bahnhof warten ein Dutzend Fordautos. Aber die Reisenden haben nur
+einige Schritte bis zur Wirtschaft, wo das Frühstück unserer harrt. Wir
+befinden uns 1827 Meter über dem Meer, und die Morgenluft ist kühl und
+frisch. Im Laufe des Tages steigen wir noch einige hundert Meter. Ich
+merke die Luftverdünnung nicht -- ich habe in dieser Hinsicht ja schon
+Schlimmeres erlebt. Aber Clarkson gesteht, daß er sie als Atemnot spüre
+und daß es ihm schwer werde, bergauf zu gehen.
+
+Dicht neben dem Bahnhof erhebt sich der erste kleine Hügel, und als
+wir Trinidad verlassen haben, kommen wir sofort in hügelige Landschaft
+aus anstehendem Gestein, Geröll und lockeren Erdschichten. Auf
+vielen Abhängen wachsen mächtige Wacholder, und auf grauen Hügeln
+und Höhenzügen heben sich Büsche als grüne Flecke ab; einige Höhen
+sind ganz mit Gras überzogen und leuchten in frischem Grün. Die
+Steigung ist schon recht merkbar, und unsere Lokomotive hat Hilfe
+von einer zweiten erhalten, die von hinten schiebt. Später, als die
+Steigung noch mehr zunimmt, wird eine dritte Lokomotive vor die erste
+gekuppelt. Sie ächzen und arbeiten, um den schweren Zug auf die
+Hochebene hinaufzuschleppen, und die Bewegungen werden ruckartig und
+ungleichmäßig, jedoch nicht unangenehm. In starken Kurven steigen wir
+das Tal hinan, das zum Ratonpaß hinaufführt. Auf den Hängen stehen
+vereinzelte Kiefern. Wir kommen an einem Dorf vorbei, dessen spanische
+Kirche auf einem Hügel thront, und an einer Kohlengrube, kurz darauf an
+einer zweiten.
+
+Wir befinden uns in den südlichsten Regionen des Felsengebirges und
+haben nach Norden an einigen Punkten eine unbeschreiblich schöne
+Aussicht auf schneebedeckte Gipfel. Südlich des Ratontunnels haben wir
+die Wasserscheide zwischen dem Mississippi und dem Rio Grande del Norte
+überschritten, und die Vorspann-Lokomotive wird abgekuppelt. Wir haben
+hier den höchsten Punkt unserer heutigen Fahrt erreicht, 2323 Meter,
+und sind also von Chicago aus, das 180 Meter über dem Meeresspiegel
+liegt, mehr als 2000 Meter gestiegen. Nun fahren wir in nicht allzu
+scharf sich dahinschlängelnden Tälern bergab und sehen von Zeit zu Zeit
+eine Biegung der vorzüglichen alten Landstraße nach Santa Fé und der
+Küste.
+
+Auf einem kleinern Bahnhof überschwemmt die Tagesnummer der „Denver
+Post“ unsern Zug, und alle verschlingen die großen fettgedruckten
+Überschriften und Nachrichten von der immer noch zunehmenden
+Überschwemmung und den Unglücksfällen und Verlusten. „Zwölf Menschen
+sind in den Fluten umgekommen, die drei Staaten überschwemmen. 5000
+obdachlos, Dutzende von Städten stehen unter Wasser. Ungeheuer große
+Ackerflächen zerstört. Im Gebiet des Kansasflusses ist das Standrecht
+erklärt“ und ähnlich lauten die sensationellen Überschriften lebhafter
+Schilderungen. In kleinem Druck stehen weit hinten einige kurze
+Nachrichten aus dem Ruhrgebiet und von Curzons Vermittlungsversuch. Ein
+Telegramm meldet Pierre Lotis vor zwei Tagen erfolgten Tod.
+
+Es nimmt also nicht viel Zeit in Anspruch, den Rahm aus der „Denver
+Post“ abzuschöpfen, und nachdem Clarkson und ich dies getan haben,
+nehmen wir unser Gespräch wieder auf und unterhalten uns über
+die endlosen Weiten der Erdoberfläche, die sich zu beiden Seiten
+der Bahnlinie ausbreiten und zum Staat Neumexiko gehören. Mein
+Reisegefährte steigert auch meine Spannung auf das nächste Ziel der
+Fahrt, den Gran Cañon, und ist selbst neugierig, welchen Eindruck er
+auf mich machen wird. Clarkson betrachtet den Gran Cañon mit fast
+religiöser Ehrfurcht und erklärt es für unmöglich, mit Farben, Worten
+oder Tönen diese Landschaft zu beschreiben. Alle, die es versucht
+haben, sind gescheitert. Zahllose Maler sind dorthin gekommen mit
+ganzen Rollen gewaltiger Leinwand und allen Farben des Regenbogens in
+ihren Tuben. Aber sie haben bald gefunden, daß sie vor einer unlösbaren
+Aufgabe standen, und sind ohne Gemälde abgezogen, hoffnungslos und
+mißmutig. Clarkson ermuntert mich auch mit der Aussicht, daß man den
+Gran Cañon in einigen Tagen gar nicht in sich aufnehmen +kann+
+und daß man wochenlang dort leben muß, ehe man zu begreifen beginnt,
+daß das, was man sieht, Wirklichkeit ist und kein Traum. Die ersten
+Tage verbringt man in stummem Staunen und atemloser Bewunderung.
+Man sitzt nur da und schaut und merkt nicht, wie die Zeit im Fluge
+vergeht. Man kommt sich wie eine kleine armselige Mücke vor, wie ein
+Staubkorn, das vom Winde fortgeweht wird. Alles, was sich in der Welt
+ereignet und zuträgt, der Menschen Fleiß und Anstrengung und rastlose
+Jagd nach Geld, die politischen Fehden und der Kampf um vergängliche
+Ehrenstellen -- alles erscheint einem lächerlich und klein, selbst
+so etwas wie der Weltkrieg schrumpft zu einer kleinen unbedeutenden
+Episode zusammen, die einem zu gleichgültig ist, als daß man sich ihrer
+erinnerte, und an die man nicht einmal einen Gedanken verschwendet. Was
+spielt es angesichts dieser gigantischen Wunderwerke der unaufhaltsamen
+Arbeit der Naturkräfte für eine Rolle, daß einige Millionen Menschlein
+einander totgeschlagen haben, und was bedeutet es angesichts der
+aufgeschlagenen Chronikbücher der geologischen Zeitalter, auf welcher
+Seite man während einer flüchtigen Sekunde der Ewigkeit gestanden
+hat? Am Gran Cañon wird man Philosoph, man wird ein neuer Mensch, man
+wird geläutert und bekommt eine wohltuende heilsame Gewißheit seiner
+eigenen Kleinheit. Nach einer solchen Vorbereitung ist es wohl nicht
+verwunderlich, daß ich mit steigender Spannung auf das warte, was da
+kommen soll.
+
+In einem offenen, flachen, von niedrigen Hügeln umrahmten Kesseltal
+liegt die kleine Stadt Raton mit ihrem dunklen Bahnhofsgebäude in dem
+üblichen spanischen Stil. Dann sausen wir auf weichem, graugelbem
+Boden, der hier und da grünlich schimmert, ohne daß jedoch Wasser zu
+sehen wäre, über das öde Hochland im nördlichen Teil von Neumexiko.
+Die Bahn geht nach Südsüdwesten. Im Nordwesten läuft die ganze Zeit in
+einer Entfernung von ungefähr 24 Kilometer ein langer Gebirgszug, über
+seinem Kamm ist in der Ferne eine kleinere Schneekette zu sehen. Das
+schnaubende Dampfroß durchquert nun das Gebiet, wo die Indianer einst
+Büffel jagten. Noch vor 50 Jahren weideten hier riesige Herden dieser
+königlichen Tiere. Jetzt ist kein einziger Bison mehr da. In Montana
+wird eine Herde von 300, in Colorado eine solche von 5000 gehegt.
+Nicht anders ist es den andern wilden Tieren ergangen oder wird es
+bald ergehen. Der Puma, das schöne Katzentier, der hier ~mountain
+lion~, Berglöwe, heißt, ist nunmehr sehr selten. In den Bergen nimmt
+die Zahl der braunen, schwarzen Grisly- und Cenomanbären immer mehr
+ab. Der Cojote dagegen, der Heul- oder Präriewolf, ein Verwandter des
+Schakals, kommt überall auf den Prärien vor.
+
+Von Zeit zu Zeit fliegt ein Städtchen oder Dörfchen an uns vorüber
+und dann und wann eine Farm mit Ackerfeldern und Weideland, auf dem
+Pferde, Rinder und Schafe grasen. Hier wohnt ein Ansiedler, der der
+ausgeruhten Erde seinen Lebensunterhalt abgewinnt. Der Boden des
+Tafellandes ist eben oder schwach gewellt. Auf lange Strecken wird die
+Öde nur durch den einen und andern Trupp Bahnarbeiter unterbrochen. Die
+Telegraphenstangen haben zwei Querbalken, sechzehn Drähte und grüne
+Isolatoren. Wenn man ganze Tage lang auf demselben Pullmansofa sitzt
+und zum Fenster hinaussieht, bemerkt man auch die unbedeutendsten Dinge
+und beachtet alles. Man macht auch negative Beobachtungen, z.❁B. daß
+nur selten ein Auto auf der uralten Landstraße dahinjagt, die vor der
+Erbauung der Eisenbahnlinie der wichtigste Verkehrsweg zwischen Kansas
+City und Santa Fé war und die älteste in den Vereinigten Staaten sein
+soll. Vermutlich ist sie vor Zeiten ein einfacher Pfad gewesen, der von
+den Indianern benutzt wurde.
+
+Ohne zu halten, sausen wir an einem kleinen Ort vorüber, der Springer
+heißt und von einem wasserarmen Bach durchflossen wird. Derartige
+kleine Ortschaften tauchen von Zeit zu Zeit wie Oasen in der Wüste auf;
+sobald wir sie hinter uns gelassen haben, umschließt uns wieder die
+Wildmark mit ihrer bezaubernden Einförmigkeit und Unendlichkeit. Wasser
+ist die erste Lebensbedingung dieser Städte oder Dörfer, und wo das
+Wasser fehlt, späht man vergebens nach menschlichen Gemeinwesen. Die
+Farmen sind auch nicht sehr zahlreich. Aber Schafe, Rinder und Pferde
+sieht man oft in Herden auf der Weide. Eigentlich ist es ein Land für
+Schafzucht, durch das wir fahren. Die Bodenwellen sind gewöhnlich dem
+Auge kaum erkennbar. Aber man merkt sie an der Geschwindigkeit und
+dem Geräusch. Wir befinden uns in einer Höhe von ungefähr 1525 Meter.
+Der Abstand zwischen uns und dem Gebirge wird allmählich größer.
+Schneeschutzwände aus senkrecht stehenden oder wagerecht liegenden
+Planken verraten, daß Schneestürme hier oben auf der Hochebene rasen
+können.
+
+Hier und da erhebt sich auf dem flachen Land ein Hügel, eine Mesa, bald
+kegel- oder pyramidenförmig, bald breiter und tafelförmig abgeplattet.
+Diese Landschaftsform ist typisch für Neumexiko. Die Ingenieure haben
+leichte Arbeit gehabt, als sie die Eisenbahn legten. Lange Strecken
+waren kein Bahndamm und keine Einschnitte nötig, nur selten eine kleine
+Brücke.
+
+Im Valmoratal wird das Gelände steinig; anstehendes Gestein und
+Blöcke auf beiden Seiten, Kiefern und Gras auf den Hängen, Wasser
+in einem kleinen Rinnsal. Manchmal schneidet die Bahn durch gelbe
+Sandsteinplatten. Die Linie ist hier einspurig, aber 8 Kilometer weiter
+südlich läuft noch eine zweite Spur. Auf beiden verkehren Züge in
+beiden Richtungen. Die Landstraße ist ganz in der Nähe; ein Auto, das
+es eilig hat, überholt uns gerade in einer Wolke von Staub. Ein paar
+eigentümliche Fuhrwerke erinnern an Rußland, da die drei Pferde wie bei
+der Troika nebeneinander gespannt sind. Neben dem Wege sehen wir ein
+Zigeunerlager, das sich um seine großen, mit tunnelförmigen Dächern
+überspannten Packwagen häuslich niedergelassen hat.
+
+Über dem Gebirge im Nordwesten haben sich Wolken zusammengezogen,
+und prächtige Blitze flammen zwischen ihnen auf, aber unser Zug eilt
+in glühender Sonne dahin, und es ist warm in den Abteilen. Im Westen
+erheben sich herrlich blauende Berge, sie gehören zum Sangre de
+Cristo. Die Wolken haben eine drohend blauviolette Gewitterfärbung,
+aber im Südwesten ist es klar. Vielleicht entgehen wir dem kleinen
+Unwetterzentrum, das über das Hochland von Neumexiko dahinzieht. Aber
+die Blitze kreuzen einander immer noch zwischen den Wolken und leuchten
+wie Degen kämpfender Riesen.
+
+In Las Vegas haben wir eine halbe Stunde Aufenthalt für den Lunch.
+Im Lunch Room des Bahnhofs speist man nach der Karte, im Dinner Room
+nach festem Menü. Fünf Züge am Tage passieren die Station. Dazu kommen
+verschiedene Beamte, die ihre Mahlzeiten hier einnehmen, und, wie ich
+schon erwähnte, die Reisenden, die in ihren eigenen Autos vorbeifahren.
+Im Durchschnitt betragen diese bis zu vierhundert am Tag. Es sind
+meistens Touristen, die den Erdteil von Küste zu Küste durchqueren, ein
+ebenso angenehmes wie lehrreiches Sommervergnügen in den Vereinigten
+Staaten.
+
+In Las Vegas sind wir in 1946 Meter Höhe über dem Meer. Gleich vor
+der Stadt entrollt der gelbgrau und rot schimmernde Boden wieder
+seine Unendlichkeit. Und doch ist dies scheinbar so öde Land „The Big
+Cattle Country“, das große Viehland. Bald wird das Gelände wieder
+bewegter, und wir fahren zwischen kleinen rotbraunen, oft von Büschen
+dunkelgrün gefleckten Hügeln dahin. Das Unwetter scheint uns zu folgen.
+Ein kleiner Regenschauer prasselt gegen die Fensterscheiben und
+Fliegengitter. In einiger Entfernung zur Rechten sind einige „Pueblos“
+zu sehen, Dörfer, die vor 3000 Jahren von Azteken erbaut und jetzt von
+den Archäologen ausgegraben worden sind. Wir kommen durch eine „Lumber
+Region“, wo die Abholzung anscheinend recht planlos unter Gelbkiefern
+und Wacholder haust.
+
+In 2262 Meter Höhe fahren wir über den Glorietapaß, eine Wasserscheide
+zweiter Ordnung mit dem Dörfchen gleichen Namens. Dann geht es bergab,
+dem Rio Grande zu. Die Geschwindigkeit nimmt zu; eine Motordräsine, die
+uns dicht auf den Fersen folgte, kann nicht mehr mit. Nachdem die Bahn
+225 Kilometer eingleisig gewesen ist, wird sie wieder doppelgleisig,
+und wir begegnen einem Zug, dessen große eiserne Wagen mit Früchten
+gefüllt sind. Der Boden hat hier denselben roten Farbton, der für den
+Gran Cañon so charakteristisch ist. Wir durcheilen in engen Durchgängen
+gewundene rote Täler, die oft zwischen senkrechten Bergwänden
+eingeschlossen sind. Kalköfen ragen wie riesige weiße Bienenkörbe empor.
+
+Bei dem kleinen Dorf Lamy zweigt nach rechts, nach Norden, eine
+Nebenbahn nach dem 40 Kilometer entfernten Santa Fé ab, der berühmten
+alten Stadt, die der Eisenbahngesellschaft ihren Namen gegeben hat.
+Leider mußte ich darauf verzichten, die Adobehütten, charakteristische
+spanische, aus ungebrannten Ziegeln errichtete Häuser, zu besichtigen,
+und mußte mich mit einem flüchtigen Blick begnügen. Der nächste Ort
+ist Los Cerrillos. Große Ziegenherden weiden auf der Prärie. Man sitzt
+den ganzen Tag und betrachtet die entfliehende Landschaft, man wird
+schläfrig und schlummert für eine Weile ein. An einem Pueblo erreichen
+wir den Rio Grande del Norte, dessen Tal wir nun folgen. Wir befinden
+uns jetzt in einem „Horsebreeding Country“, einem Pferdezuchtland, mit
+üppigem Grün, saftigem Wiesenland und parkartigem Wald. Um ¾6 Uhr sind
+wir in Albuquerque am linken oder Ostufer des Rio Grande.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Durch Neumexiko und Arizona.
+
+
+Es gehörte zu Clarksons Dienstgeschäften, in Albuquerque haltzumachen
+und das vor zwei Monaten fertiggewordene Hotel Harveys zu besichtigen.
+Diese Unterbrechung paßte mir vortrefflich, denn nach einer Bahnfahrt
+von 2000 Kilometer ist man etwas steif in den Beinen. Das Hotel, das
+in dem gewöhnlichen spanisch-mexikanischen Stil erbaut ist, hat nicht
+weniger als 750000 Dollar gekostet, während das Gasthaus El Tovar am
+Gran Cañon, das aus Holz ist, 250000 Dollar erfordert hat. Diese beiden
+sind die größten von Harveys fünfundzwanzig Hotels, deren östlichstes
+in Emporia liegt.
+
+Vor dem Essen besuchten wir Harveys „Indian Shop“, der ein wahres
+Museum ist. Hier werden moderne von Indianern angefertigte Gegenstände
+verkauft, wie Körbe, irdene Gefäße, Puppen, silberne Ringe, Arm- und
+Halsbänder und mit Türkisen aus Arizona besetzte Dosen. In einem
+Schaukasten sind all die Arten von Halbedelsteinen ausgestellt, die im
+Staate Arizona vorkommen. In einem großen Raum breitete man auf dem
+Boden eine ganze Sammlung indianischer Teppiche aus in eigenartigen,
+originellen Mustern, in denen Blitz und Hakenkreuz eine große Rolle
+spielen, und man zeigte uns hübsche „Rugs“, ein Mittelding zwischen
+Schal und Mantel, in Rot und Gelb, die die Indianer vor ein, zwei
+Jahrhunderten getragen haben; die Sonne und die malerischen Wirkungen
+des Sonnenlichts haben sicher Farbe und Muster beeinflußt. Die einfach
+schwarzweißgestreiften sind seinerzeit von Häuptlingen getragen worden.
+Auch allerlei Gegenstände alter spanisch-mexikanischer kirchlicher
+Kunst stehen hier zum Verkauf, die teils aus Europa eingeführt,
+teils im Lande von spanischen Missionaren angefertigt worden sind,
+Heiligenbilder, Altargemälde, Kruzifixe, Bischofskreuze an silbernen
+Ketten, Kandelaber und anderes mehr. Auf dem Bahnsteig, wo die
+Reisenden während der Zeit des stundenlangen Aufenthalts, die nicht
+durch das Essen in Anspruch genommen ist, lustwandelten, saßen eine
+Reihe wirklich malerischer Indianerinnen vom Navahostamm in bunten
+Gewändern mit roten Kopftüchern und Schals, geschmückt mit baumelnden
+silbernen Schmucksachen; sie verkauften Tonwaren, irdene Gefäße und
+andern Kram. Ich hätte am liebsten hierbleiben mögen, um zu zeichnen
+und zu malen, doch meine Zeit gestattete es nicht.
+
+Albuquerque ist nach dem berühmten Konquistador Alfonso d’Albuquerque
+benannt, der um 1540 die Gegend verheerte und plünderte. Es ist eine
+recht langweilige, alles andere als schöne Stadt. Aber in der Umgebung
+soll es bemerkenswerte Überreste aus früheren Zeiten geben. Die
+Bevölkerung besteht aus Mexikanern, Indianern und Ansiedlern.
+
+Nachdem ich in einem entzückenden, kühlen Hotelzimmer mit den
+unentbehrlichen feinen Drahtgittern vor den Fenstern eine angenehme
+Nacht verbracht und mich richtig ausgeruht hatte, nahmen wir ein
+„Yellow Taxy“ und fuhren in fünfunddreißig Minuten nach Isleta. Der
+13 Kilometer lange Weg ist zementiert, ein Luxus, der hier auf
+etwa zehn Dollar für das Meter zu stehen kommt. Den Rio Grande del
+Norte überquert man auf einer schmalen eisernen Brücke mit hölzerner
+Fahrbahn. Der Fluß ist gewaltig, aber seicht, wie dies hier im Westen
+oft der Fall ist; sein Wasser ist dick wie Erbsenbrei.
+
+Isleta ist in den letzten Jahren ansehnlich gewachsen und soll eine
+Bevölkerung von 25000 Menschen haben. Die meisten sind Mexikaner. Die
+Häuser sind im Adobestil erbaut, d.❁h. aus ungebrannten Lehmziegeln.
+Die ansässigen Indianer, die Puebloindianer, sind katholisch. Mehrere
+vornehme Indianer liegen unter den Steinplatten der mit billigen
+Farbendrucken geschmückten, dreihundert Jahre alten Kirche begraben,
+einer der ältesten in dieser Gegend. Der Pater, ein Franzose, der
+dreißig Jahre an diesem schrecklichen Ort zugebracht hat, war nicht zu
+Hause.
+
+Die mexikanische Missionskirche San Felipe besuchten wir nicht. Während
+die mexikanische Altstadt sonnige, staubige und langweilige Straßen
+und graue Lehmmauern hat, ist die Neustadt rein amerikanisch und
+besitzt Banken und Geschäftshäuser, Villenviertel mit schönen Häusern
+und Gärten, Alleen und einen „Public Garden“. Tamarisken und Pappeln
+sind überall zu sehen. Man tut alles, was man kann, um Vegetation und
+kühlende schattige Bäume aus dem dürren gelben Boden hervorzuzaubern.
+Die Straßenbahn der kleinen Stadt hat auch heute noch Frauen als
+Schaffner und Führer, die ihren Verdienst nicht aufgeben wollten, als
+die Männer aus dem Krieg zurückkehrten. Im Indianerviertel von Isleta,
+dessen gelbe Lehmhäuser den Wohnstätten im westlichen Asien gleichen,
+besuchten wir einen prächtigen Alten, den achtundsiebzigjährigen
+Manuele Antonio Carpio, einen ausgezeichneten Typ, kupferbraun mit
+schneeweißem Haar. Das Innere seiner Hütte war einfach, aber sauber;
+auf dem Boden lagen sogar indianische Teppiche. Der Alte erntete auf
+seinen Wiesen sieben Tonnen „Alfalfa“ (Luzerne) und war mit dem Leben
+zufrieden.
+
+Wir fahren nach Albuquerque zurück. Unser Tag neigt sich seinem Ende
+zu; wir nehmen an der dichtbesetzten Tafel unser Essen ein und wandern
+dann gleich den andern auf dem Bahnsteig auf und ab, den Abgang des
+Zuges erwartend. Die meisten Reisenden sind uninteressante, aber
+interessierte Touristen, die sich ihr großes Land ansehen. Auf ihrem
+Weg vom Atlantischen zum Stillen Ozean folgen sie der Sonne und
+gewinnen vier Stunden, denn der Erdteil hat vier verschiedene Zeiten:
+die Ostzeit, die Mittelwestzeit, die Bergzeit und die Pazifische Zeit.
+In Neumexiko stößt der Amerikaner, der aus einem der Oststaaten kommt,
+auf eine neue Welt. Hier bilden Spanien-Mexiko und die Indianer den
+vorherrschenden Einschlag, hier breiten sich die unendlichen, öden
+Flächen aus, mit ihren Rinder-, Pferde-, Schaf- und Ziegenherden, hier
+erheben sich die Bergketten auf einer Grundlage, die selbst hoch über
+dem Meer liegt, hier ist die Bevölkerung spärlich in einem Land, das
+U.❁S.❁A. noch nicht völlig erobert hat.
+
+Um ½9 Uhr abends verließen wir Albuquerque. Etwa zehn Züge berühren
+täglich die Stadt. Vor der Abfahrt ist der Bahnsteig voller Menschen,
+und als wir in die Nacht hinausrollen, ist alles besetzt. Clarkson
+und ich nehmen in einem Pullmanwagen Platz, obgleich der Zug, der den
+Namen „The Scout“ trägt, auch einen „Tourist Car“ mitführt, der zwar
+15 vom Hundert billiger, aber im großen und ganzen ebensogut ist wie
+ein Pullman. Der Raum wird sorgfältig ausgenutzt. Alles Handgepäck
+wird unter die Sitze geschoben, die großen Hüte der Damen steckt der
+Neger in Papierbeutel, die er an die Decke hängt, dann schlagen der
+schwarze Mann und sein ebenso schwarzer Gehilfe mit bewundernswerter
+Geschicklichkeit die oberen Schlafsofas herunter und verstauen die
+kleineren Sachen der Reisenden, Überkleider, Bücher, Zeitungen,
+Zeitschriften und Handtaschen mit den Toilettensachen am Fußende der
+Betten. Währenddessen sitzen wir im Rauchabteil und studieren die Karte
+oder lesen die kleine Zeitung „The Albuquerque Herald“. Draußen sind
+ungefähr 25 Grad, aber im Wagen ist es erstickend warm. Wir haben daher
+das Fenster offen und begnügen uns mit dem Drahtgitter. Aber in der
+Nacht erwacht man infolge der Kälte, die einen überschleicht, und läßt
+das Fenster herab. Was die Landschaft betrifft, die wir in den nächsten
+sechs, sieben Stunden durchfahren, so soll es kein großer Verlust
+sein, daß Schlaf und Dunkelheit uns ihres Anblicks berauben. Den Rio
+Grande del Norte haben wir schon bei Tageslicht erblickt, aber es
+wäre interessant gewesen, den westlichen Teil von Neumexiko zu sehen,
+den die kontinentale Wasserscheide zwischen dem Atlantischen und dem
+Stillen Ozean durchzieht.
+
+Man wird von dem Neger geweckt und ist rechtzeitig zum Frühstück in
+Winslow fertig. Der Speisesaal ist hell und freundlich, da hier die
+Arkadengalerie fehlt, die sonst gewöhnlich dem Innenraum das Licht
+nimmt. An heißen Orten, wie Albuquerque, tut diese ihre guten Dienste,
+indem sie die Wärme und die Sonnenbestrahlung dämpft. In Winslow tischt
+uns auch „The Los Angeles Examiner“ seine Neuigkeiten auf -- Morde,
+Gerichtsverhandlungen, Ehescheidungen, Skandale, Boxen und Sport, die
+beliebtesten Gerichte für den amerikanischen Bildungshunger.
+
+Dann fahren wir wieder hinaus in dieses entsetzlich öde Land, wo kein
+Lebewesen, keine Hütte, kein Zelt zu sehen ist und wo man vergebens
+nach einem lebenspendenden Wasserlauf sucht. Nur endlose leicht
+gewellte Einöde, so weit der Blick reicht. Sobald sich die Sonne ein
+Stück über den Horizont erhoben hat, wird die Wärme fühlbar, ohne
+jedoch irgendwie unangenehm zu sein. Hier und da weiden Rinder und
+Pferde zwischen spärlichen Rasenhöckern. Wir sind im Staat Arizona und
+nähern uns dem Hochland des Colorado. Im Norden sind niedrige Berge
+zu sehen. Wir kreuzen einen ersten Miniaturcañon, bald darauf einen
+zweiten tieferen. Über dem Horizont im Nordwesten schwebt ein mattrosa
+Schein, vermutlich ein Widerschein der Morgenröte im Gran Cañon, wie
+der „Eisblink“ im Eismeer die Nähe der Eisfelder verrät. Dunkelgrüne
+Gürtel dichter Buschvegetation bringen eine Abwechslung in das Bild. An
+einigen Stellen sind sie von flachen, mit Beifuß bewachsenen Furchen
+unterbrochen. Der Cañon Diablo ist tief, eng und dunkel wie ein Abgrund.
+
+Ein paar Stunden vor Williams setzt lichter Wald von Kiefern und
+Wacholder ein, und je weiter wir nach Westen kommen, desto höher sind
+die Bäume. Der Boden zwischen ihnen schimmert grünlich von Gras. In
+dem durchschnittenen Gelände läuft die Eisenbahn zwischen Hügeln. Auf
+einem von ihnen ist ein Beobachtungsturm errichtet, von dem aus man
+ständig Ausschau hält über den Wald und im Falle eines Waldbrandes
+Warnungssignale aussendet. Im Norden taucht ein Berg auf, der alle
+andern der Gegend überragt, mit weißen Schneestreifen auf den Hängen.
+Flagstaff ist der Name einer größeren Station, die im Wald zwischen
+den Hügeln ganz prächtig liegt. Hier rasten einige Autos, beladen mit
+Kisten, Koffern, Zelten und anderm Gepäck. Es sind transkontinentale
+Touristen auf dem Weg nach Kalifornien, die es sich nicht entgehen
+lassen wollen, einen flüchtigen Blick auf den Gran Cañon zu werfen.
+Nicht weit vom Bahnhof wird Holz gefällt. Der Wald gehört dem Staat.
+In der Nähe vom Bahnhof Flagstaff erhebt sich auf einem Hügel die
+Lowell-Sternwarte, deren Astronomen das Studium des Mars zu ihrer
+Spezialität gemacht haben. In der Gegend der kleinen Stadt Flagstaff
+mit etwa 5000 Einwohnern sind mehrere rote Häuschen mit weißen Ecken
+und Fensterrahmen zu sehen, und ich fragte mich, ob ihre Bewohner nicht
+etwa schwedische Auswanderer sind. In einiger Entfernung im Norden
+sollen sich die Ruinen einer 1500 oder 2000 Jahre alten aztekischen
+Stadt befinden, mit gut erhaltenen Häusern, Befestigungen und einem
+Sonnentempel.
+
+Im Norden sind die ganze Zeit hindurch die San-Francisco-Gipfel
+sichtbar, und gegen 10 Uhr kreuzen wir Arizona Divide, die
+Wasserscheide zwischen Ost- und Westarizona. Der Himmel ist ganz klar,
+aber im Wald ist die Wärme nicht schlimm. Die Landstraße schimmert
+rötlich; es ist dieselbe Straße, die wir schon so oft gesehen haben und
+die New York mit Los Angeles und San Francisco verbindet. Eine Reihe
+Lastautos befördern Baumstämme aus dem Flagstaffwald. Die Arbeiter,
+die mit dem Abholzen beschäftigt sind, wohnen in kleinen hübschen
+Holzhäusern, die sie sich selbst gebaut haben.
+
+Der Wald wird lichter, und die Hügel aus vulkanischer Asche treten
+zurück, als wir uns Williams nähern. Um 12 Uhr erreichen wir den
+kleinen Ort mit 400 Einwohnern, einigen kleinen Straßen und niedrigen
+Häusern. Unser Zug hält zehn Minuten und verschwindet dann im Westen
+auf seiner langen Fahrt nach Los Angeles. Aber wir, die wir nach dem
+Gran Cañon wollen, bleiben zurück und vertreiben uns die Zeit damit, in
+dem typisch westamerikanischen Ort umherzuwandern, der mit der Zeit zu
+einer Stadt heranwachsen wird. Die bergumkränzte Ebene bietet ja Platz
+genug. Ford Harveys Haus am Bahnhof hat eine große, gemütliche Halle
+mit offenem Kamin, in dem im Winter ein tüchtiges Feuer brennt. Der
+Fußboden ist mit indianischen Matten bedeckt, die nicht gerade schön,
+aber mit ihren einfachen symbolischen geometrischen Mustern originell
+und hier wenn irgendwo am Platze sind.
+
+Obwohl der Zug von Williams nach dem Gran Cañon schon wartet, dauert es
+noch zwei Stunden, bis er abgeht. Er besteht nur aus zwei Wagen, von
+denen der zweite ein „Parlour Car“ ist mit offener Aussichtsplattform.
+Die Zahl der Reisenden ist nicht groß; die beiden Wagen reichen
+vollkommen aus, auch nachdem um 3 Uhr Zug Nr. 9 von Chicago nach Los
+Angeles angekommen ist und noch einige Touristen mitgebracht hat, die
+nach dem Gran Cañon wollen. Wir steigen ein und fahren nach Norden. Die
+Luft ist herrlich und dank der Seehöhe von 2226 Meter, in der wir uns
+befinden, sogar kühl. Williams verschwindet hinter uns. Die Bahn läuft
+zwischen Hügeln und vereinzelten Bäumen in Kurven vorwärts. Nichts in
+der ganzen Umgebung läßt auf die Nähe des Gran Cañon schließen, und
+doch sind es bis dorthin nur noch ein paar Stunden Bahnfahrt. Aber
+nach zehn Minuten kommen wir am Anfang des Havasupai Cañon vorüber,
+der 88 Kilometer lang ist und in den Gran Cañon ausläuft. Doch wer
+könnte den Raum, die Lücke in der Erdkruste ahnen, in die dieses kleine
+unansehnliche Tal mündet? Nach allem, was man von andern gehört und
+in Abbildungen gesehen hat, ist man jedoch von feierlicher Spannung
+erfüllt und fragt sich, ob die Wirklichkeit den Erwartungen entsprechen
+wird, die man sich gemacht hat. Nach Norden Ausschau zu halten, in der
+Hoffnung, den ersten Anblick nicht zu verpassen, hat keinen Zweck,
+denn nur ein paar Sekunden lang erblickt man in unmittelbarer Nähe
+von El Tovar ganz flüchtig den Gran Cañon. Einer der merkwürdigen
+Charakterzüge dieses größten Erosionstales der Erde ist, daß man von
+seinem Dasein keine Ahnung hat, bis man nur wenige Schritt vor seinem
+Rande steht.
+
+Bald sausen wir zwischen lichtstehenden Bäumen dahin, bald zwischen
+mäßig abgerundeten, mit Grashöckern bedeckten Hügeln. Die Gipfel des
+San-Francisco-Gebirges tauchen wieder auf, jetzt im Osten. Aber nach
+und nach verblassen und verschwimmen sie ebenso wie andere Berge in
+ihrer Nähe. Es weht Südwind. Infolge der Zuggeschwindigkeit spüren wir
+ihn nur während der kurzen Aufenthalte an den kleinen Stationen. Einmal
+mußten wir jedoch eine Viertelstunde warten, um zwei vom Gran Cañon
+kommende Züge vorüberzulassen. Auf dieser Bahn werden auch die Unmengen
+von Lebensmitteln befördert, die im Hotel El Tovar verzehrt werden; ja
+sogar das Wasser, nicht nur das Trink- und Kochwasser, sondern auch das
+Badewasser, wird in Zisternenwagen auf diesem Weg an den Rand des Cañon
+gebracht.
+
+Bisweilen geht die Bahn durch dichtes Gebüsch. Die Hügel werden immer
+flacher, und wir eilen über öde Flächen. Bäume und Sträucher hören
+auf, nur Grashöcker wachsen da und dort auf der Prärie. Kleine kurze
+Brücken führen über trockenliegende Geländefurchen. Die Bahn stellt
+beinahe eine gerade Linie dar. Anita ist ein kleiner Ort mit Schulhaus
+für die Kinder der Gegend. Dann setzt wieder Wald aus Kiefern und
+Wacholder sowie „Buckhorn“, einer Kreuzdornart, ein. Zwischen den
+Bäumen schimmert der Boden gelbrot wie bisher. Schließlich wird das
+Gelände wieder hügelig, und die Bahn läuft in Bogen. Die Lokomotive
+heult in jeder Kurve, um zu warnen, aber selten ist in dieser öden
+Landschaft ein Lebewesen zu sehen. Nur manchmal erblickt man weidende
+Pferde und Rinder. Streckenweise zeigt der Wald fast nordische
+Schönheit.
+
+Wir nähern uns dem Ziel! Nur noch zehn Minuten! Durch eine Lichtung
+im Wald erhaschen wir einen Schimmer der hellroten Bergwand jenseits
+des Abgrundes. Man findet kaum Zeit, Herzklopfen zu bekommen und in
+Erstaunen zu geraten, dann ist dieses erste Traumbild schon vorüber.
+Einige Minuten später hält der Zug bei El Tovar, und Autos bringen
+uns zum Hotel hinauf. Man hat nur ein paar Minuten zu fahren, einige
+Zickzackbiegungen, und ehe man sich dessen versieht, fährt das Auto
+vor der nach Süden liegenden Veranda eines ziemlich großen braunen
+Holzhauses vor, das im ländlichen Stil erbaut ist, zwei Stockwerke hat
+und an ein Touristenhotel erinnert. Auf dem Platz vor dem Hotel spielt
+sich der ganze Verkehr ab. Vom Gran Cañon ahnt man hier nichts, das
+Hotelgebäude nimmt einem die freie Aussicht.
+
+Bereits in Chicago hatte ich darum gebeten, ein Zimmer zu erhalten, von
+dessen Balkon oder Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon hätte und
+wo ich während einiger Ruhetage zeichnen und malen und die wechselnden
+Lichteffekte im Laufe des Tages beobachten könnte. Aber im Hotel
+El Tovar gab es keine solchen Zimmer und keine Balkone. Vermutlich
+ist diese Anordnung absichtlich, sonst wäre sie nicht begreiflich.
+Vielleicht bezweckt man damit, daß die Touristen nicht gleich bei der
+Ankunft abgelenkt werden, sondern sich in Ruhe und Muße einrichten, ehe
+sie ihre Schritte zum Rande des Abgrundes lenken.
+
+El Tovar wimmelt von Gästen. Im Durchschnitt treffen täglich 500 ein,
+davon viele in eigenen Autos, wahrscheinlich die meisten, denn die Zahl
+der Autos beträgt täglich durchschnittlich 100 (die Mindestzahl ist 75,
+die Höchstzahl 120). Die meisten Touristen kommen früh am Morgen an und
+reisen am späten Abend wieder ab. Die 130 Zimmer des Hotels reichen
+daher gewöhnlich aus. Im Notfall werden auch die einfacheren Zimmer
+benutzt, die in kleinen provisorischen Hütten untergebracht sind und 1
+oder 1½ Dollar kosten.
+
+Bei unserer Ankunft in El Tovar empfing uns Herr Carleton J.
+Birchfield, den ich schon in Chicago kennengelernt hatte. Er ist
+Assistant General Advertising Agent bei The Atchison Topeka and Santa
+Fé Railway System und untersteht Herrn William H. Simpson, der, wie ich
+schon erwähnte, Assistant General Passenger Agent ist. Herr Birchfield
+ist stets von seinem Photographen Herrn Edw. H. Kemp begleitet; die
+beiden bringen jeden Sommer eine neue Ernte prächtiger Aufnahmen vom
+Gran Cañon heim.
+
+Mit noch zwei andern maßgebenden Persönlichkeiten des Ortes machte
+ich sogleich Bekanntschaft, dem Obersten Crosby, Superintendent des
+Grand Canyon National Park, und Herrn Victor Petrosa, dem Manager des
+El Tovar Hotel. Beide waren mir während meines Aufenthalts in der
+liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Weise behilflich. Oberst Crosby
+orientierte mich in dem ausgedehnten Gebiet und versah mich mit allen
+notwendigen Karten und Begleitern, und Herr Petrosa sorgte für meine
+Verpflegung auf den Ausflügen.
+
+Mit meinen neuen Freunden verständigte ich mich dahin, alles ruhig und
+überlegt zu nehmen. Man muß diese überwältigenden Landschaftsbilder
+stückweise genießen, in kleinen Bissen, sonst erstickt man. In meiner
+Schilderung des Gran Cañon werde ich den gleichen Grundsatz befolgen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Der erste Eindruck.
+
+
+Nachdem ich mit Birchfield und Kemp in dem vollbesetzten Speisesaal
+gegessen hatte, machten wir drei schon an diesem ersten Abend eine
+Autofahrt zu einigen der nächsten Aussichtspunkte, Maricopa Point, Hopi
+Point, Mohave Point und Pima Point; sie sind alle nach Indianerstämmen
+benannt und liegen westlich von El Tovar. Der Weg folgt dem „Rim“,
+dem scharfen Rand, von dem die Felswände senkrecht zu schwindelnder
+Tiefe abfallen. Der Südrand des Gran Cañon ist jedoch durchaus keine
+gerade Linie. Er ist im Gegenteil recht unregelmäßig mit seinen
+bizarren „Halbinseln“ und seinen mehr oder minder tief eingeschnittenen
+Cañonbuchten, wenn er auch in dieser Hinsicht keineswegs mit dem
+Nordrand wetteifern kann. Unser Ausflug nach Pima Point war kaum 10
+Kilometer weit, in gerader Linie nicht ganz 6 Kilometer; denn der Weg
+geht erst nach Westen, dann nach Nordnordwesten nach Maricopa Point
+und Hopi Point, darauf nach Südwesten und Nordwesten nach Mohave Point
+und schließlich nach Süden, Westen und Westnordwesten nach Pima Point.
+Er führt aber meistens am Rand entlang, und vom Auto aus sieht man
+die ganze Zeit eine Landschaft, die durchaus einzigartig auf der Erde
+ist und mit der an überwältigender und imposanter Schönheit nur
+sehr wenige sich messen können. Bisweilen hat man kaum ein paar Meter
+bis zum Rand des jähen Absturzes, bisweilen sieht man den gewaltigen
+Abgrund zwischen den äußersten Bäumen wie von einer Galerie schlanker
+Säulen aus. El Tovar ist im innersten Grund einer stumpfen Bucht
+erbaut, die von zwei vorspringenden Kaps begrenzt wird. Das östliche
+von ihnen heißt Yavapai Point, das westliche Maricopa Point. Zu diesem
+fahren wir durch den Wald in einiger Entfernung vom Rand. Wenn man aus
+dem sichern Halbdunkel des Waldes auf das offene Kap hinauskommt, das
+wie ein spitz zulaufendes Sprungbrett in die Leere des Weltenraumes
+hinauszuführen scheint, möchte einem fast schwindlig werden. Man bleibt
+einige Minuten auf dem Grat des Kaps stehen, wo das Powell-Memorial
+steht. Dieses Denkmal ist zur Erinnerung an Powells kühne Bootfahrt von
+1869 durch den Cañon des Colorado errichtet worden.
+
+[Illustration: Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West.
+
+Ungefähr in der Mitte das „Kriegsschiff“.]
+
+Dann geht man auf die äußerste Spitze hinaus. Auf drei Seiten, im
+Westen, Norden und Osten, ist die Erdoberfläche verschwunden. Hier
+tut sich der leere Raum bis zu einer Tiefe von 1500 Meter auf. Man
+sieht die senkrechten Seiten des Vorgebirges nicht, auf dem man sich
+befindet -- es sei denn, daß man sich hinlegt, den Kopf über den
+Rand streckt und den Blick senkrecht an den Wänden hinuntergleiten
+läßt. Doch am ersten Tag unterläßt man gern alle halsbrecherischen
+Experimente und wartet, bis man sich auf seinen Kopf und seine Beine
+verlassen kann. Denn es +kann+ vorkommen, daß man schwindlig wird
+und die Herrschaft über seine Muskeln verliert. Man glaubt auf einem
+freischwebenden Vorsprung zu stehen, ohne Boden unter sich, mit festem
+Land nur im Süden, und wohin man blickt, hat man die unermeßliche
+Tiefe unter sich. Ganz unten gewahrt man die dunkle Rinne, in der
+der Colorado fließt, aber der Strom selbst hat sich so tief in den
+Granit eingeschnitten, daß er nicht zu sehen ist. Uns gegenüber in
+einer Entfernung von etwa 13 Kilometer verläuft der Nordrand, noch
+unregelmäßiger und stärker eingekerbt als der Südrand; vor seiner Front
+erhebt sich die gewaltige, von einer Meisterhand geformte Märchenstadt
+von Pyramiden, Tempeln, Pagoden, Türmen und Mauern, die auf der Erde
+nicht ihresgleichen hat. Es sind Blöcke der festen Erdrinde, die die
+mechanischen Kräfte der Ausnagung und Verwitterung, das fließende und
+aus den Wolken strömende Wasser, die Winde, die Hagelschauer, die
+sengende Sonnenglut und der sprengende Frost, im Lauf von Millionen von
+Jahren zu so vollkommener plastischer Schönheit ausgemeißelt haben,
+wie sie diese Riesenskulptur in Kalkstein, Sandstein und Granit im
+gegenwärtigen geologischen Zeitalter zeigt. Man kann sich nicht wohl
+denken, daß diese herrlichen Meisterwerke der Natur je einen höhern
+Grad von Schönheit erreichen werden. Nach neuen Millionen von Jahren
+müssen sie vielmehr an Höhe abnehmen und zu Ruinen werden. Zwar gräbt
+und sägt sich auch der Colorado tiefer in den Granit hinein, und der
+Fluß befindet sich hier 760 Meter über dem Meer, aber er strömt in
+seiner tiefen engen Granitrinne, dem „Inner Canyon“ oder der „Granite
+Gorge“, und die Höhe der Tempel und Pagoden über dem tiefsten Teil des
+Cañons wird davon nicht berührt.
+
+Die freistehenden pyramidenförmigen Blöcke, hier gewöhnlich „Tempel“
+genannt, sind regelmäßig gebaut; sie sind einander im großen ganzen
+gleich, wechseln aber stets in den Formen. Ihr Dach ist wagerecht
+und liegt in derselben Höhe wie die Fläche des Coloradohochlands im
+allgemeinen. Ihre Seiten fallen teils ganz senkrecht, teils steil ab,
+und diese Stufen von 150 bis 240 Meter Mächtigkeit wechseln miteinander
+ab. Überall kehren sie in der gleichen Höhe und in den gleichen
+Farbenschattierungen wieder; man lernt bald die verschiedenen Arten
+und Schichten von Kalkstein und Sandstein voneinander unterscheiden,
+und erkennt sie wieder, in welchem Teil des Gran Cañon man sich auch
+befinden mag.
+
+Alle diese tempelförmigen Blöcke sind als Ausläufer des Nordrandes
+zu betrachten; sie liegen also auf dem Nord- oder rechten Ufer des
+Colorado.
+
+Der Nordrand des Gran Cañon, den die Touristen nur selten aufsuchen,
+ist, wie ich schon sagte, weit launenhafter eingeschnitten und
+zerklüftet und somit auch reicher an kleineren Seitencañons. Die
+Aussicht von Süden nach Norden ist im allgemeinen vorteilhafter als in
+entgegengesetzter Richtung. Denn in den hellsten Stunden des Tages hat
+man die Sonne im Süden und wird nicht geblendet, wenn man nach Norden
+schaut, während die Landschaft im Norden scharf beleuchtet daliegt und
+all ihre Einzelheiten zeigt. Wandert man dagegen am Nordrand entlang,
+dann wird man von der Sonne geblendet und sieht die Felswand des
+Südrandes im Schatten. Daß man sich im Norden ungefähr 300 Meter höher
+befindet als im Süden, ist einem unbewaffneten Auge kaum merkbar.
+
+[Illustration: Blick von Navaho Point auf die Palisaden.]
+
+Dies ist jedoch nur ganz im allgemeinen gültig. Denn die rote
+Beleuchtung der Morgensonne und der Abendsonne ist gleich entzückend,
+ob man sie vom Nord- oder vom Südrand aus erblickt, und ich werde
+später zeigen, daß man vom Norden Szenerien schauen kann, die alle
+Erwartungen übertreffen. Man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn
+man gesteht, daß einen bei jedem Schritt, am Nordrand wie am Südrand,
+Staunen und Bewunderung, ein seelisches Wohlbehagen erfüllen, die keine
+Grenzen und keine Maße und darum keine Möglichkeiten des Vergleichs
+haben.
+
+Die Sonne nähert sich dem Horizont. Unter den roten, gelben, grauen,
+braunen und violetten Tönen bekommen die roten immer mehr die Oberhand.
+Die Abendröte beginnt ihr Spiel. Aber jetzt werden auch die Schatten
+dichter und länger, die Vorboten der Nacht. Die ganze Skulptur dieser
+wunderbaren Welt tritt daher mit außerordentlicher Schärfe hervor.
+Die Märchenschlösser und Burgen, die javanischen Tempel und indischen
+Pagoden, tausendmal größer als alle menschlichen Bauwerke, stehen
+immer schärfer gezeichnet neben- und hintereinander, in ihrer stummen
+Rätselhaftigkeit und der unergründlichen Mystik ihrer Erschaffung und
+Vernichtung. Man spricht nicht mit seinen Begleitern, man faßt sich an
+die Stirn und fragt sich, ob es Wirklichkeit ist oder Traum. Vergebens
+sucht man die Ausmaße zu begreifen. Es ist ganz schön, wenn man
+erfährt, daß es 13 Kilometer bis zum Nordrand sind und daß der Colorado
+1500 Meter unter uns liegt. Aber das hilft einem nichts. Alle Maße und
+Entfernungen kommen einem so ungeheuer vor. Wenn man an den Rand des
+Gran Cañon tritt, glaubt man, ein unermeßliches Stück der Erdkruste
+müsse fehlen. Es ist, als habe der Schöpfer, da er das feste Land auf
+Erden zusammenfügte, vergessen, in sein Zusammensetzspiel das letzte
+Stück einzusetzen, an dessen Stelle nun der leere Raum gähnt.
+
+Noch ein anderer Umstand ist geeignet, den Besucher zu verwirren.
+Während sein Auge sonst stets gewohnt ist, vom Fuß der Berge aus zu
+ihren Hängen, Kämmen und Gipfeln emporzublicken, befindet er sich hier
+selbst so hoch, wie man überhaupt kommen kann, und sieht auf diese
+phantastisch herausgemeißelte Welt rotschimmernder Alpen hinunter.
+So lange er bei El Tovar und an all den andern Aussichtspunkten am
+Südrand weilt, befindet er sich immer in derselben Höhe. Die Winkel
+der Ausblicke verändern sich daher nur in horizontaler Richtung, und
+das Farbenspiel wechselt mit jeder Stunde des Tages -- wenn Stürme,
+Wolkenmassen und Nebel dahinjagen, oft von Minute zu Minute. Wer sich
+nicht der Mühe unterzieht, zum Fluß hinunterzusteigen, wird den Gran
+Cañon mit unklaren Begriffen von seinen Ausmaßen und Formen verlassen.
+Zu dieser Klasse gehören die meisten Touristen, solche, die diesem
+wunderbarsten aller Schauspiele nicht mehr als einen flüchtigen Tag
+opfern. Dazu gehört die vornehme Dame aus den Salons von New York, die
+gemächlich die hundert Schritt vom Hotel bis zur Brustwehr am Hochrand
+stolzierte, ihre Lorgnette vors Auge nahm, einen Blick über den Cañon
+warf und mit blasiertem Dünkel sagte: „~Is that all?~“ (Ist das
+alles?) Dazu gehört auch die Miß, das Jazzmädel der Ballsäle, die
+das große Rätsel zu der flüchtigen Bemerkung vereinfachte: „~Is’nt
+it cute?~“ (Ist das aber nett!) Oder der protzige Millionär, der
+an Gummischuhen oder Kaugummi reich geworden war und sich von nichts
+anderm imponieren ließ als von angehäuftem Kapital, und der ausrief:
+„~What a hell of a gash!~“ (Was für eine verteufelte Schramme!)
+Zu einer ganz andern Klasse naiver Philosophen gehörte dagegen das
+Kind, das am Rande des Abgrundes seinen Vater fragte: „~What
+happened?~“ In der Frage: „Was ist hier vor sich gegangen?“ ist in
+der Tat alles enthalten, was die Geologen in jahrzehntelangen Mühen,
+Entbehrungen und Nachdenken zu beantworten suchten.
+
+[Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach
+Nordwesten.
+
+Die Abendschatten nehmen zu.]
+
+Wenn man von Ausmaßen und Formen des Gran Cañon einen einigermaßen
+klaren Begriff erhalten will, darf man sich daher nicht mit den
+Ausblicken begnügen, die in der Horizontalebene liegen. Man muß zum
+Rio Colorado hinuntersteigen und von dort zum Nordrand hinaufklettern.
+Auf einem solchen Ausflug hat man Gelegenheit zu beobachten, wie sich
+auch die vertikalen Perspektiven verändern. Man erblickt die „Tempel“
+von ihren Fundamenten aus und muß wie bei gewöhnlichen Bergen den Blick
+zum Gipfel emporrichten. Und man sieht auch, wie die Felswände des
+Südrandes und des Nordrandes senkrecht emporstreben.
+
+Der Abstand zwischen der Sonne und dem Horizont wird immer kleiner.
+Alle nach Westen liegenden vorspringenden Partien werden grell
+beleuchtet und in großartigen roten Tönungen gefärbt, als wenn sie
+aus Rubin wären und in ihrem Innern glühende Schmelzöfen brennten.
+Die unbeleuchteten Teile sind fast schwarz, und in den dichten
+Schatten sind die Einzelheiten schwer zu unterscheiden. Das Relief
+tritt mit größter Schärfe und Deutlichkeit hervor, wenn die Sonne
+tief steht. Die einzelnen, von den Kräften des Luftmeers, Wind, Regen
+usw., herausgemeißelten Pyramiden und die durch Stufen und steile
+Terrassenhänge in verschiedene Höhenschichten eingeteilten Felsrücken
+heben sich dann mit einer Klarheit voneinander ab, die niemals erreicht
+werden kann, wenn die Sonne auf ihrer Mittagshöhe im Süden steht und
+die ganze Landschaft im Norden zu einem einheitlichen Hintergrund
+verschmilzt, in dem die einzelnen, freistehenden Teile ihre eigenen
+Schatten verdecken.
+
+Für einen ersten orientierenden Blick über den Gran Cañon kann man
+sich keinen bessern Aussichtspunkt denken als Hopi Point. Denn dieses
+mittelste der drei Kaps Maricopa, Hopi und Mohave, die wie sehr spitze
+Zacken von der westlich von El Tovar vorspringenden fast quadratischen
+Halbinsel nach Norden schauen, ragt weiter in den Gran Cañon hinein als
+irgendein anderer Punkt des Südrandes in der Nähe des Gasthauses. Man
+steht hier gleichsam auf der Spitze einer sehr schmalen Halbinsel, die
+auf allen Seiten außer im Süden von einem Meer umgeben ist, das nicht
+mit Wasser, sondern mit Luft gefüllt ist. Man beherrscht daher so gut
+wie den ganzen interessantesten Teil des Gran Cañon von der riesigen
+senkrechten Felsenmauer der Painted Desert, der Bunten Wüste, den 32
+Kilometer entfernten Palisaden im Osten, bis zu Gegenden stromab, die
+ebensoweit im Nordwesten liegen.
+
+Ehe ich fortfahre, den malerischen Eindruck dieser großartigen
+Landschaftsbilder zu schildern, und so lange wir uns noch auf Hopi
+Point befinden, will ich die Gelegenheit benutzen, den Blick auf die
+hervorstechenderen Merkmale zu richten, wie sie sich uns von diesem
+Punkt aus darbieten, von Osten nach Westen, d.❁h. in der Richtung,
+in der der Colorado diesen Teil von Nordarizona durchströmt. Als
+topographische Unterlage benutze ich die Karten, die ich in El
+Tovar erhielt und nach denen die meinem Buch beigefügte Sonderkarte
+gearbeitet ist; was den geologischen Aufbau betrifft, den ich in diesem
+Zusammenhang nur flüchtig berühre, folge ich der ausgezeichneten
+Darstellung, die N. H. Darton in seinem Werk „~Story of the Grand
+Canyon of Arizona~“ gegeben hat.
+
+Ganz hinten im Osten ahnen wir dank der Form des ganzen gewaltigen
+Tals den scharfen Bogen, in dem der Colorado von seiner Südrichtung
+nach Westen abbiegt; ahnen, denn von dem Fluß selbst erblicken wir
+dort keinen Schimmer. Er hat sich zu tief in seinen engen Korridor
+eingemeißelt. Wir sehen die großartig gezeichnete Felswand, die
+vom Rand der Hochebene erst senkrecht, dann steil und in Absätzen
+zum linken Ufer des Flusses abfällt, gerade in dieser fabelhaft
+romantischen Gegend, wo der Rio Colorado seinen Bogen beschreibt. Die
+Gesteine, die das ganze vom Fluß durchschnittene Tafelland bilden,
+sind mit einigen Ausnahmen horizontal geschichtet. Zu oberst finden
+wir den Kalkstein, der, wie die drei darunterliegenden Formationen,
+der Steinkohlenperiode angehört und Kaibab heißt. Auf der Oberfläche
+dieses Kalksteins laufen alle Wege auf dem Süd- und Nordrand, wachsen
+die Wälder, steht das Gasthaus El Tovar und liegen all die berühmten
+Aussichtspunkte, die die Touristen besuchen, und deren einer Hopi
+Point ist. Der Kaibabkalkstein hat eine Mächtigkeit von 210 Meter
+und bildet die senkrechten Abstürze, die wir überall zu oberst am
+Süd- und Nordrand wie auch auf dem Gipfel vieler Tempel und Pyramiden
+sehen. Unter dieser Formation liegt der 90 Meter mächtige, ebenfalls
+der Steinkohlenzeit angehörende Coconinosandstein. Diese beiden Namen
+finden sich auch in den Namen der Landschaft wieder; denn das ebene
+bewaldete Land nördlich des Flusses heißt Kaibabplateau und das 300
+Meter niedrigere, gleichfalls bewaldete Land südlich des Colorado
+Coconinoplateau. Wenn der Fluß nicht gewesen wäre, wüßte man von
+nichts anderm als dem Kaibabkalkstein. Aber dank den geologischen
+Erscheinungen im Verein mit der Erosionskraft des Stroms sind all die
+darunterliegenden Schichten -- mit Ausnahme derer, die von der „großen
+Denudation“ hinweggespült worden sind -- bis zum Urgestein, zum Granit,
+hinab bloßgelegt worden. Daher liegt die Geschichte der Erde hier offen
+vor dem Forscher da wie ein aufgeschlagenes Buch und gewährt uns einen
+Einblick in den Aufbau der Erdrinde wie in keiner andern Gegend der
+Oberfläche unseres Planeten. Der Gran Cañon bietet daher nicht nur
+den Menschen eine Welt unvergleichlicher Schönheit, sondern auch der
+geologischen Wissenschaft Aufschlüsse von unschätzbarem Wert.
+
+Die unter dem Kaibabkalkstein und dem Coconinosandstein liegenden
+Schichten werden wir gleich kennenlernen. Jetzt will ich nur erwähnen,
+daß sich östlich der senkrechten Felswand der Palisaden, die sich
+auf der linken Seite der Flußbiegung erhebt, das flache, öde Land
+ausbreitet, das unter dem Namen „Painted Desert“ bekannt und wegen
+seiner Farbenpracht berühmt ist. Von Plätzen, die wir später besuchen
+werden, sieht man die Hügel und Anhöhen, die im Osten und Nordosten die
+„Bunte Wüste“ begrenzen. Dort, inmitten der sagenhaften Erinnerungen
+aus der glücklichen Freiheitszeit der Indianer, wohnen noch die letzten
+zusammenschmelzenden Scharen des Hopistammes in ihren einfachen
+Lehmhütten.
+
+Wenn wir von Hopi Point den Blick in die Taltiefe hinab und nach
+Ostsüdosten richten, gewahren wir den ungeheuern, energisch
+eingeschnittenen Granitkorridor, in dem der Colorado fließt, und wir
+sehen ihn, so weit er reicht, d.❁h. bis zu dem Punkt, wo der Granit
+verschwindet und von den uralten, nach Norden steil abfallenden
+Gesteinen der Unkargruppe bedeckt wird. Hier und da sind auch die
+Schieferhänge der 300 Meter mächtigen kambrischen Tontoformation zu
+sehen; auf ihr erhebt sich wie eine senkrechte Mauer die 150 Meter
+hohe Kalksteinschicht, die Redwall heißt und die älteste der hier
+vertretenen Formationen der Steinkohlenzeit ist.
+
+Im Ostnordosten von Hopi Point haben wir das Cape Royal, ein nach
+Süden vorspringendes, selten besuchtes Kap des Kaibabplateaus im
+Norden, einen der wunderbarsten Aussichtspunkte im ganzen Gran Cañon,
+zu dessen schwindelnden Sturzhängen ich den Leser später führen
+werde. Südlich dieses Vorsprungs, gleichsam eine Fortsetzung seiner
+Halbinsel bildend, ragt Wotans Thron empor, eine fast freistehende
+Partie mit einem tafelförmigen Dach aus Kaibabkalkstein, unter dem der
+Reihe nach die übrigen Formationen liegen, der Coconinosandstein, der
+330 Meter mächtige rote Sandstein und Schiefer der Supaigruppe, die
+Kalksteinmauer des Redwall, die grünlichen Abhänge der Tontogruppe und
+schließlich der dunkle Granit.
+
+Östlich von Wotans Thron steht Vishnu Temple mit seiner Kuppel aus
+Kaibabkalkstein und seinen zwei Ausläufern, dem Rama Shrine nach
+Südosten und dem Krishna Shrine nach Südwesten, die sich also beide
+auf dem nördlichen oder rechten Ufer des Flusses befinden. Der
+Wischnutempel ist einer der monumentalen Kolosse im Gran Cañon, die von
+fast jedem Punkt am Südrand aus wie von vielen Stellen am Nordrand und
+in der Taltiefe sichtbar sind.
+
+Richten wir den Blick nach Nordosten, so erblicken wir eine besonders
+schöne Pyramide, die vorgeschobene Fortsetzung eines vom Kaibabplateau
+im Norden ausgehenden halbinselförmigen Ausläufers, gleich diesem mit
+Kaibabkalkstein bedeckt. Diese Pyramide trägt den Namen Buddha Temple.
+Der Manutempel, dem der Kaibabkalkstein fehlt und dessen Dach aus
+Coconinosandstein besteht, bildet gleichsam eine Brücke zwischen dem
+Buddhatempel und dem Hochland nördlich davon.
+
+[Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach
+Nordwesten.]
+
+Ungefähr in der Mitte der Linie Hopi Point-Buddha Temple erhebt
+sich die eigenartige tafelförmige Cheopspyramide. Sie besteht aus
+Redwallkalkstein, ist aber isoliert und infolge der Verwitterung von
+den Ausläufern des nördlichen Plateaulandes getrennt. Ihre 150 Meter
+hohen Seiten sind senkrecht und ruhen auf den grünen Schieferhängen
+der Tontogruppe. Die unteren Teile dieser Hänge gehen in dunkle
+Quarzite, roten Schiefer und Sandstein der Unkargruppe über, der
+unterbrochenen, wechsellagernden Schicht, die in dieser Gegend
+häufig vorkommt zwischen dem Trinity Creek und dem Phantom Creek,
+den beiden durch den Isistempel und die Cheopspyramide voneinander
+getrennten kleinen Cañontälern. Auch hier fallen die Schichten der
+Unkargruppe steil nach Norden ab, während alle übrigen Formationen so
+gut wie wagerecht gelagert sind. Wo die Unkargruppe fehlt, sind es
+die Hänge der Tontogruppe, die bis zum obern Rand des engen dunklen
+Korridors hinabreichen, den der Colorado bis zu 300 Meter tief in den
+Granit eingeschnitten hat. Die Entfernung zwischen Hopi Point und
+Cheopspyramide beträgt nur knapp 5 Kilometer. Zwischen beiden strömt
+der Colorado in seiner Granitrinne. An ein paar Punkten sehen wir das
+feine graue Band des Flusses, dessen Breite hier doch bis 80 Meter
+beträgt. Wir glauben, ihn fast gerade unter unsern Füßen zu haben. Der
+Höhenunterschied ist 1400 Meter. Man darf also nicht schwindlig sein!
+
+Die Cheopspyramide, der Buddhatempel und der Manutempel liegen also auf
+einer von Hopi Point nach Nordosten gezogenen Linie. Gleichlaufend
+mit dieser Linie, östlich von ihr, finden wir den mit ungeheurer
+Kraft in die Ablagerungen der geologischen Zeitalter eingeschnittenen
+Seitencañon, der von rechts oder Nordosten kommt und den Namen Bright
+Angel Creek trägt. Von Hopi Point aus bietet dieses in einer merkwürdig
+geraden Linie verlaufende Tal einen großartigen Anblick, eingeklemmt
+wie es ist zwischen prächtigen Kulissen von Tempeln und Pyramiden mit
+ihren in senkrechte Abstürze und steile Hänge abgestuften Seiten von
+staunenerregender Wildheit und Größe. Sein oberes Ende im Innern des
+Kaibabplateaus ist fast 18 Kilometer vom Colorado entfernt. Wir werden
+später Gelegenheit erhalten, auch diesen Creek kennenzulernen.
+
+So wie dieser Seitencañon im Westen vom Manutempel, Buddhatempel und
+Cheopspyramide begrenzt wird, wird er im Osten von einer ähnlichen
+Reihe wilder Erosionsreste von der gewöhnlichen Pyramiden- oder
+Tempelform eingezwängt. Sie sind aus einem einst zusammenhängenden,
+nach Südwesten vorspringenden Ausläufer des Kaibabplateaus im Norden
+herausgemeißelt und heißen Deva Temple, Brahma Temple und Zoroaster
+Temple. Alle drei haben ein Dach aus Kaibabkalkstein, der infolge
+seiner Härte den darunterliegenden weichern Coconinosandstein vor
+Verwitterung schützt. Auch hier finden wir die charakteristische 150
+Meter hohe senkrechte Felswand des Redwallkalksteins, die stets gleich
+leicht wiederzuerkennen und von den roten Steilhängen der Supaigruppe
+überlagert ist, während an ihrem Grunde die Abhänge der Tontogruppe
+einsetzen und mit einer Mächtigkeit von 300 Meter bis zum Sandstein aus
+dem Kambrium hinabreichen, der auf der Granitbettung aufsitzt. Überall
+herrscht dasselbe Gesetz; dieselben Stufen, Wände, Hänge, Terrassen,
+Maße und Farben kehren wieder bis in die Seitencañons hinauf.
+
+Genau im Norden unseres Aussichtspunktes erhebt sich in einer
+Entfernung von etwas mehr als 8 Kilometer der herrliche Shiva Temple,
+gleichfalls eine der berühmtesten Riesenbauten in der phantastischen
+Märchenstadt des Gran Cañon. Hier sehen wir deutlicher als je die ganze
+geologische Schichtenfolge in all ihrer Pracht bloßgelegt. Obwohl ich
+die verschiedenen Formationen bereits genannt habe, wiederhole ich sie
+noch einmal, damit wir sie uns besser einprägen. Wir erblicken also als
+Dach des Schivatempels eine wagerechte Plattform aus Kaibabkalkstein
+(210 Meter), darunter den Coconinosandstein (90 Meter), der überall im
+Gran Cañon als wagerechtes Band von zarter hellgrauer Farbe sichtbar
+ist; dann folgen die Schiefer und der Sandstein der Supaiformation,
+teils anstehend als Felsvorsprünge, teils in Form steiler roter
+Schuttkegel (330 Meter), die bis zum obern Rand des Redwallkalksteins
+(150 Meter) hinabreichen, der auch am Schivatempel senkrechte Wände
+bildet. Unterhalb des Redwall liegen auch die grünlichen Schiefer der
+Tontogruppe in weniger steilen Hängen (300 Meter) und erstrecken sich
+bis zu den Unkarschichten und dem Granit hinab.
+
+Von den mittelsten Gehängen des Felsstocks des Schivatempels,
+somit bedeutend niedriger als dieser, gehen höchst unregelmäßig
+geformte Ausläufer aus, die dem Redwallkalkstein angehören und mit
+Supaischiefern gekrönt sind. Auf dem westlichen von ihnen erhebt sich
+der Osiristempel; er trägt sogar eine Haube aus Coconinosandstein, die
+von Hopi Point aus in Nordnordwesten zu sehen ist. Der Osiristempel
+seinerseits sendet nach Südwesten den „Tower of Ra“ aus, mit
+malerischen roten Sandsteinmassen der Supaiformation. Derselben Gruppe
+gehören zwei Erhebungen auf einem zweiten vom Osiristempel nach Süden
+gehenden Ausläufer an, der Horustempel und der Set-Turm.
+
+[Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord
+16° West.
+
+Ein Wirrwarr von Tempeln mit scharfen Nachmittagsschatten.]
+
+Der von Hopi Point aus in Nordnordosten sichtbare östliche Ausläufer
+des Massivs des Schivatempels heißt Isistempel und besteht aus
+Redwallkalkstein, der Supaigestein und auf dem Gipfel einen
+kleinen Rest Coconinosandstein trägt. Auf dem Osiristempel und auf
+dem Isistempel fehlt also der Kaibabkalkstein. Er ist durch die
+Verwitterung abgetragen worden; der weiche Sandstein ist daher den
+Einwirkungen von Wasser, Wetter und Wind mehr ausgesetzt und dazu
+verurteilt, einer, geologisch gemessen, schnelleren Zerstörung
+entgegenzugehen.
+
+Wenn wir schließlich den Blick nach Nordwesten richten, d.❁h. den Gran
+Cañon abwärts, gewahren wir eine ganze Reihe romantischer bewaldeter
+Kalksteinkaps, die gleich Hopi Point vom Coconinoplateau nach Norden
+vorspringen. Das entfernteste, das wir erblicken, heißt Havasupai
+Point; es bietet ein unvergeßlich großartiges Bild, das wir später
+kennenlernen werden. Zwischen all diesen Kaps liegen steil abfallende
+Einschnitte oder Buchten; sie sind verhältnismäßig kurz im Vergleich
+mit denen, die den Nordrand kerben. Ganz hinten im Nordwesten wird die
+Linie des Horizonts vom Powellplateau gebildet, das als unerbittliche
+Grenzwand die Aussicht auf die Fortsetzung des Gran Cañon sperrt. Auch
+dort sieht man Kaps, Pyramiden und Seitentäler, von denen viele Namen
+haben.
+
+Der Überblick, den mir Hopi Point gab, war also sehr wertvoll und
+umfaßte viele der charakteristischsten Punkte der großen Talschlucht.
+Ich erhielt eine Ahnung von der Lage von Navaho Point im Osten,
+Havasupai Point im Westen und Cape Royal im Nordosten, Hermit Cabins in
+der Tiefe und der Hängebrücke über den Colorado, Stellen, die ich in
+den folgenden Tagen besuchen wollte.
+
+Aber der Abend schreitet langsam vorwärts. Wir steigen wieder ins Auto
+und fahren auf dem Hopi Wall im Bogen am Rand des Abgrundes entlang,
+der den Namen Inferno trägt. Von Mohave Point, wo wir eine kurze Rast
+machen, erblicken wir dieselbe Landschaft vor uns; nur die nächsten
+Umgebungen wechseln. Von hier aus folgen wir dem Great Mohave Wall auf
+dem Hermit Rim Road genannten Weg. Unmittelbar zur Rechten haben wir
+einen gähnenden Abgrund, der Abyß heißt. Nach 11 Kilometer sind wir am
+Ziel unserer heutigen Fahrt, Pima Point. An die Brustwehr am äußersten
+Rand gelehnt, sehen wir den Colorado als ganz schmales, schwach
+gewundenes Band in der Tiefe. Der Fluß soll hier eine Breite von etwa
+120 Meter und eine Geschwindigkeit von 29 bis 30 Stundenkilometer
+haben. An mehreren Stellen bildet er Stromschnellen. Nur wenn der Wind
+für einen Augenblick nicht in den Kiefern rauschte, konnte ich schwach
+das Brausen der tosenden Wassermassen vernehmen. Später sollte ich es
+stärker hören!
+
+Von Pima Point aus sehen wir in einer Entfernung von anderthalb
+Kilometer im Nordwesten, 1100 Meter unter uns, den Rastplatz Hermit
+Cabins. Der Weg dorthinunter ist 12 Kilometer lang. Steht man am Rand
+der senkrechten Felsenwand, dann begreift man nicht, daß ein Reitweg
+dorthin führen kann. An einigen Stellen ist er durchs Fernglas als
+feine hellgelbe Linie zu erkennen. Der mag halsbrecherisch genug sein,
+denkt man und fragt sich, ob man nicht alle Aussicht hat, über den
+Kopf des Maultiers zu gleiten und über den Rand eines senkrechten
+Absturzes zu rollen. Von den Unterkunftshütten von Hermit Cabins hat
+man noch 2½ Kilometer bis zum Fluß bei Hermit Rapids und steigt dabei
+noch 366 Meter tief.
+
+Doch jetzt ist der Tag verstrichen, und die Sonne geht im Westen unter.
+Die Abendröte, die alle Tempel und Pyramiden rot gefärbt hat, erlischt,
+die eben noch so prächtigen Tönungen verblassen und gehen erst in
+violette, dann in schwarze Schatten über. Die Dämmerung sinkt auf diese
+Märchenwelt herab, die Nacht ist im Anzug. Nun ist es Zeit, zu der
+gastlichen Stätte in der Einöde zurückzukehren, die den Namen Tovars,
+des ersten Spaniers am Gran Cañon, trägt.
+
+Nach dreitägiger Eisenbahnfahrt und einigen Stunden am Cañon wird man
+etwas still und gedrückt. Es verlohnt sich nicht, zu versuchen, seine
+Gefühle des Entzückens und Erstaunens zu schildern. Man nimmt sich vor,
+sich zu bezähmen und demütig zu sein angesichts des Unmöglichen. Und
+doch kann ich nicht umhin, zu verraten, daß ich in mancher Hinsicht
+stärker war als die andern Touristen. Vor vierzig Jahren hatte ich,
+wie schon Seite 15 erwähnt, für einen Vortrag in riesigem Format eine
+Anzahl amerikanischer Abbildungen des Gran Cañon abgezeichnet; diese
+Zeichnungen sind vermutlich noch in der Technischen Hochschule in
+Stockholm vorhanden. Ich hatte auch wie kein zweiter das gewaltige
+Tal zwischen dem Transhimalaja und dem Himalaja kennengelernt, durch
+das der Tsangpo, der obere Brahmaputra, strömt. An Länge, Breite
+und Tiefe ist der Colorado Cañon ein Zwerg im Vergleich zu der
+tibetischen Niederung, die gleichfalls zum großen Teil der Erosion
+ihre Entstehung verdankt. Ich hatte auch die meisten Cañontäler
+des Satledsch überschritten, von denen einige zwar in ihren Maßen
+großartig, aber mit dem Gran Cañon verglichen doch harmlos sind. So muß
+man zum Beispiel, um den Ngari-tsangpo, einen Nebenfluß des Satledsch,
+zu überqueren, von der ebenen Hochfläche steil zum Fluß hinabsteigen,
+der 830 Meter tiefer liegt. Großartige Erosion zeigen auch die
+Felsentäler des Jangtsekiang, des Mekong und des Salwen im Grenzland
+zwischen Tibet und China.
+
+[Illustration: Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus.]
+
+Aber im Gran Cañon sind die Oberflächenformen anders als sonstwo
+auf Erden. Was uns am meisten in Erstaunen setzt, sind die
+senkrechten Sturzhänge des Süd- und des Nordrandes, die treppen- und
+terrassenförmig herausgemeißelten Pyramiden, die tiefe Granitrinne,
+in der der Colorado fließt, die wüstenartige Öde, das glänzende
+Farbenspiel, der paradox klingende Umstand, daß man trotz der
+ungeheuren Maße und Ausdehnungen dennoch die ganze Landschaft
+unmittelbar vor sich hat und, wie von Hopi Point, mit einem Blick
+beherrscht. Durch diesen Umstand lassen sich viele dazu verleiten, zu
+glauben, es genüge, sich den Gran Cañon von El Tovar aus anzusehen. Das
+ist ein großer Irrtum! Ehe man nicht das ganze Erosionstal durchquert
+und, mit dem Zeichenstift und dem Pinsel in der Hand, manche Stunde
+an all den wichtigsten Punkten zugebracht hat, hat man keinen klaren
+Begriff von dieser an Schönheit und Größe so überreichen Gegend.
+
+Welches Schauspiel ist imposanter: dieses hier, das sich vor und
+unter uns entrollt, wenn wir auf Hopi Point stehen, oder jenes, das
+der Reisende erblickt, wenn er sich auf dem 5800 Meter hohen Paß
+Tschang-lung-jogma im Kara-korum befindet? Nachdem ich den Teil der
+Erdrinde geschaut hatte, den man vom Tschang-lung-jogma aus beherrscht,
+schrieb ich in mein Tagebuch (siehe „Transhimalaja“ I, S. 78, 79):
+„Über und hinter den näher liegenden, teilweise rabenschwarzen Bergen
+sieht man einen weißen Horizont, eine sägezähnige Linie mächtiger
+Himalajagipfel. -- In der Tiefe unter uns lag das kleine Tal, durch
+das wir uns so mühsam emporgearbeitet hatten. Von hier aus sah es
+jämmerlich klein aus, eine unbedeutende Abflußrinne innerhalb einer
+Welt gigantischer Berge. Der Horizont war klar; seine Konturen
+außerordentlich scharf gezogen. Silberweiße, sonnenbeglänzte Gipfel
+türmen sich übereinander und hintereinander empor; gewöhnlich schimmern
+die ewigen Schneefelder in blauen Schattierungen von wechselnder
+Intensität, bald matt, bald dunkel, je nach dem Winkel der Hänge im
+Verhältnis zur Sonnenhöhe. Dieses ganze aufgeregte Meer der höchsten
+Gebirgswogen der Erde sieht seltsam gleichmäßig und eben aus, wenn der
+Blick ungehindert über seine Kämme hinschweift.“
+
+Wem der Vorzug zuteil wurde, diese beiden Landschaften zu schauen,
+hütet sich wohlweislich vor allen Vergleichen. Den beiden Landschaften
+fehlen alle Vergleichsmomente. Die eine zeigt uns das mächtigste und
+tiefste Erosionstal der Erde, die andere das höchste Gebirgssystem
+unseres Planeten. Sie überstrahlen einander nicht und verdunkeln
+einander nicht. Es ist möglich, daß, wenn man am Rand des Gran Cañon
+steht, die Erinnerung uns eine Vision des Himalaja im Hintergrund
+erstehen läßt. Man staunt über die Kräfte, die es vermocht haben,
+die Erdoberfläche bis zu einer Höhe von 8840 Meter über dem Meer
+in Falten zu legen und emporzuheben, daß sie einem aufgeregten
+Meer gleichen. Es schwindelt einem bei dem Gedanken, daß diese
+Sandstein- und Kalksteinschichten des Gran Cañon, nachdem sie in einer
+Mächtigkeit von Hunderten von Metern im Wasser abgelagert worden
+waren, durch Bewegungen in der Erdrinde wieder, ohne Störung ihrer
+horizontalen Lage, bis zu einer Höhe von 2100 Meter über die Oberfläche
+des Weltmeeres emporgehoben, und daß sie in dieser Zeit von einem
+Wasserlauf durchsägt wurden, der stark genug war, diesen ungeheuren
+Graben auszumeißeln, und der nach wie vor, in jeder Minute, die
+verstreicht, und durch unzählige kommende Jahrtausende hindurch, ohne
+Rast und Ruh seinen Siegeslauf durch den harten Granit vollführt.
+
+[Illustration: Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel
+Cañon.]
+
+Solchen Gedanken hing ich nach, als ich mich wieder in den großen
+Raum des Hotels begab, in den die Touristen von ihren Ausflügen
+zurückgekehrt waren, um sich nun in Gruppen über die heutigen
+Erfahrungen und die morgigen Pläne zu unterhalten. Unter diesen
+Männlein und Weiblein, die mich nicht im geringsten interessierten,
+befand sich jedoch ein alter Herr, der mich im höchsten Grade fesselte,
+Edward E. Ayer, einer der Direktoren des Field Museum in Chicago.
+Sechsundzwanzig Jahre hindurch hatte er jährlich vier Monate Europa und
+Nordafrika bereist, um auf dem Gebiet der Völkerkunde, Altertumskunde
+und Kunst für sein Museum kostbare und seltene Gegenstände zu
+sammeln. Nunmehr beschränkte er sich darauf, seinen eignen Erdteil
+zu durchqueren, und fuhr jährlich vier Monate im Auto durch die
+Vereinigten Staaten. Und dabei war er zweiundachtzig Jahre alt! Er
+war ein großartiger Mensch, voller Leben und Arbeitslust und reich an
+Ideen und Plänen. Jetzt war er nach dem Gran Cañon gekommen, den er
+liebte; er machte jedoch nur eine ganz kurze Rast wie ein Zugvogel
+und zog am nächsten Tage auf seinen rollenden Rädern weiter. An dem
+Nordamerikanischen Bürgerkrieg hatte er 1862-64 teilgenommen. Im Jahre
+1884 war er mit seiner Gattin, die ihn stets begleitete, in den Gran
+Cañon hinuntergestiegen, damals ein gefährliches Unternehmen, als noch
+kein einziger Pfad angelegt war. Von den Mühen und Gefahren, mit denen
+ein solcher Abstieg verbunden war, wußte er viel zu erzählen. Unter den
+Bekanntschaften, die ich auf meiner Amerikareise machte, gehörte Herr
+Ayer zu denen, die ich nie vergessen werde.
+
+Es war mir ganz erwünscht, daß ich mich nach den gewaltigen Eindrücken
+des heutigen Tages endlich in mein hübsches Schlafzimmer zurückziehen
+konnte und die Nacht ihre Herrschaft antrat, die Nacht mit ihrer Kühle
+und ihrem Frieden.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Die Aussicht von Grand View.
+
+
+Der 15. Juni war ein windiger Tag; dichte Wolken schwebten über
+Arizona. Ich wanderte zu Fuß an dem Rand entlang, um ein paar Skizzen
+zu zeichnen. Dann fuhr ich mit den Herren Birchfield und Kemp im Auto
+nach Grand View, einem der hervorragendsten Aussichtspunkte des ganzen
+Gebiets.
+
+Der Punkt liegt 18 Kilometer südöstlich von El Tovar, aber der Weg ist
+24 Kilometer lang. Er entfernt sich nämlich vom Rand und schlängelt
+sich durch den herrlichen, duftenden Nadelwald, der die nördliche Zone
+des Coconinoplateaus schmückt. Im Grunde der Einbuchtung, die vom Hance
+Creek gebildet wird, liegt das kleine Gasthaus Grand View; 2½ Kilometer
+nördlich davon springt der Kaibabkalkstein in dem scharf markierten
+Kap vor, das Grand View Point heißt. Hier hat die Verwitterung die
+wunderbarsten Säulen, Mauern und Türme ausgesägt; einige von ihnen
+haben wenig anziehende Namen, wie Thors Hammer, Selbstmordklippe und
+ähnliche.
+
+[Illustration: Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten.
+
+Ganz rechts der Turm der Cathedral Spire.]
+
+Der Aussichtspunkt selbst, an dem wir uns geraume Zeit aufhielten, ist
+eine weiße Kalksteinplatte, die in den Raum hinausragt und auf allen
+Seiten von senkrechten Abstürzen umgeben ist. Wir hatten nur ein paar
+Meter bis zum Rand des Abgrundes. Auch wenn man an die schwindelnden
+Pfade in Hochasien gewöhnt ist, ist einem doch etwas eigen zumute,
+wenn man auf die äußerste Spitze des Kaps hinaustritt. Man schlendert
+nicht darauflos und plaudert und schaut sich um, sondern heftet den
+Blick unverwandt auf den Pfad und achtet sehr genau auf seine Schritte.
+Man hütet sich wohl, zu stolpern oder auf einem rollenden Stein
+auszugleiten. Ein Selbstmörder, der über den Rand des Suicide Rock,
+der Selbstmordklippe, springt, kann ganz sicher sein, daß er sein Ziel
+erreicht. Das bißchen, das dort unten in der Tiefe möglicherweise von
+ihm noch übrig wäre, ließe sich ohne Hunde nicht aufspüren.
+
+Im großen ganzen bietet sich hier dem Blick dieselbe Landschaft wie von
+Hopi Point. Aber bei Grand View Point befinden wir uns 72 Meter höher
+als dort, 2258 Meter über dem Meeresspiegel. Uns gerade gegenüber,
+unterhalb des Nordrandes in der Richtung auf das Cape Royal, das 13
+Kilometer von uns entfernt ist, schimmern die Bergwände in roten,
+rotgelben und grauvioletten Farbtönen; vor der zusammenhängenden Front
+erheben sich die malerischen Pyramiden, Tempel und Pagoden, die den
+Ruinen einer von großen Architekten erbauten Zauberstadt gleichen.
+Hinter uns hält, dunkel und majestätisch, der Wald Wache. Der einzige
+Laut, der die Stille stört, ist das Rauschen des Windes in den Kronen
+der Bäume. Wenn man bedenkt, daß diese ungeheure Ausnagung durch
+ununterbrochene Zerstörung verursacht worden ist, erwartet man den
+Widerhall eines Einsturzes zu hören, wenn eine dieser Kalksteinsäulen,
+die von verhältnismäßig kleiner Basis zu schwindelnder Höhe
+emporsteigen, endlich die Grenze der Möglichkeit, das Gleichgewicht
+zu halten, erreicht hat und zusammenstürzt wie einst der Kampanile in
+Venedig. Aber alles ist still. Wir vernehmen nicht einmal das Klappern
+eines Steines, der sich gelöst hat und, dem unerbittlichen Gebot
+des Gesetzes der Schwere folgend, hinabstürzt. Als ich selbst einen
+faustgroßen Stein nehme und über den Rand schleudre, höre ich ihn nicht
+fallen; ein bodenloser Abgrund scheint ihn zu verschlucken. Und doch
+dauert die Abtragung ständig an. Man bekommt Achtung vor dem Zeitraum,
+der erforderlich war, um den Bau zu erzielen, den wir jetzt bewundern.
+
+Nicht nur in der Tiefe, wo der Colorado strömt, auch hier oben am Rand
+ist es vor allem das fließende Wasser, das arbeitet; diese Arbeit
+findet nur statt, wenn es regnet oder wenn der Winterschnee schmilzt.
+Heftige Regengüsse lassen tobende, wilde Gießbäche entstehen, deren
+außerordentliche Gewalt durch die Blöcke und das Geröll gesteigert
+wird, die sie mit sich führen. Diese Sturzbäche unterminieren
+vorspringende Felspartien, die schließlich infolge ihres eigenen
+Gewichts und der sie durchsetzenden Sprünge abbrechen und in die Tiefe
+stürzen, in tausend Stücke und Millionen Scherben zersplittern, zu
+Pulver zermahlen und von Wind und Wasser in die Taltiefe hinabgeführt
+werden, um endlich mit ihrem feinen Staub dem Fluß die trübe Farbe zu
+verleihen, der er den Namen Rio Colorado verdankt. Da der Kalkstein
+die Fähigkeit hat, sich im Wasser etwas zu lösen, entstehen in den
+senkrechten Wänden Grotten, halbkugelförmige Nischen und Alkoven;
+auch diese leisten eine Unterminierungsarbeit, die in hohem Grad dazu
+beiträgt, daß die Cañonwände in den höchsten Regionen unterhalb des
+Randes senkrecht abfallen.
+
+Einige Worte noch über die Aussicht und die bemerkenswerten Punkte im
+Gran Cañon, die man von Grand View Point aus erblickt. Im Nordosten
+in einer Entfernung von 25 Kilometer springt ein Kap, Cape Solitude,
+von der Kaibabkalksteinplatte der Painted Desert scharf vor und steigt
+gerade über dem linken, dem Ostufer des Colorado auf. Der ungeheuer
+steile Absturz, der hier die Painted Desert begrenzt, wird bis zum Cape
+Solitude als Palisades of the Desert bezeichnet, nördlich des Kaps,
+im Marble Cañon, heißt er Desert Facade. Diese Mauer, die horizontal
+gemessen wenig mehr als 800 Meter vom Fluß entfernt und im Gegensatz
+zu andern Teilen des Randes wenig eingeschnitten ist, wird unmittelbar
+nördlich des Cape Solitude von dem von Osten kommenden Nebenfluß, dem
+Kleinen Colorado, durchbrochen, dessen gähnendes Cañontor ich später
+von Westen aus erblicken sollte. In seinem Korridor, dem Marble Cañon,
+ist der Colorado zwischen der Desert Facade im Osten und einer Reihe
+kleinerer Massive im Westen eingeschlossen. Weiter südlich bemerkt man
+auf der Westseite die Basalt Cliffs.
+
+Nordöstlich von Grand View Point sehen wir in dem tiefsten Teil des
+Gran Cañon den Punkt, wo der enge Granitkorridor an die Gesteine
+der Unkargruppe grenzt. Im Nordwesten dagegen tragen die dunklen
+Mauern des Granits auf beiden Seiten des Flusses die verhältnismäßig
+weniger steilen Hänge der Tontogruppe. Zwischen den Ablagerungen der
+Unkargruppe ist das jetzige Flußtal offner als im Granit, und Felsen
+aus Quarzit, rotem Schiefer und grauem Kalkstein erheben sich auf
+seinen Ufern. Hier und da sind Basaltmassen in flüssigem Zustand
+emporgedrungen und erstarrt. An einer solchen Stelle hat sich infolge
+der Hitze Asbest gebildet, und unterhalb von Grand View Point sehen
+wir an der Nordseite des Flusses ein kleines Nebental, das den Namen
+Asbestos Canyon trägt.
+
+Grand View Point ist ohne Zweifel das berühmteste und am meisten
+besuchte Kap, das vom Coconinoplateau und vom Südrand des Gran Cañon
+nach Norden vorspringt. Westlich davon gibt es eine ganze Reihe anderer
+Kaps; alle sind zu Pferd oder zu Fuß zugänglich. Zwischen allen diesen
+Kaps, die den Coconinosandstein und den Kaibabkalkstein vermissen
+lassen und aus den älteren Supai- und Redwallformationen bestehen,
+liegen kurze, steile Cañontäler. Jedes von ihnen hat einen „Creek“,
+eine Abflußrinne des Regenwassers, und das eine und andere führt ein
+aus Quellen entspringendes ständig fließendes Bächlein.
+
+Vor Grand View Point gewahren wir im Norden ganz in unserer Nähe die
+eigenartig gebaute Horseshoe Mesa, den Hufeisenberg. Sie gleicht einem
+Hufeisen, dessen Bogen nach Süden liegt, und gehört dem Kalkstein der
+Redwallformation an. Von meinen Führern darauf aufmerksam gemacht,
+erkenne ich durchs Fernglas den kurzen, in zahllosen Windungen
+laufenden Pfad Berry Trail oder Grand View Trail; nach Nordosten
+und Norden führt er zum Hufeisenberg und von dort in schwindelnden
+Absätzen zu dem Pfad, der auf dem Südufer am Fluß entlang, auf den
+Sandsteinhängen der Tontoformation nach Westen geht, nach Indian Garden
+und Hermit Cabins, zwei bekannten Stellen, die wir bald besuchen
+werden. An der Horseshoe Mesa ist Kupfer zu finden.
+
+Auch östlich von Grand View Point springt eine Reihe von Kaps nach
+Norden vor. Von unserm Standort aus erblicken wir Three Castles und
+Coronado Butte. Die letztere zeigt alle Formationen vom Tonto bis zum
+Kaibab. In ihren Redwallmauern sehen wir die infolge der Zersetzung
+des Kalksteins durch das Wasser entstandenen Aushöhlungen, die schon
+erwähnten Nischen und Grotten. Was auf der Coronado Butte noch vom
+Kalkstein übrig ist, gleicht seiner Form nach einem liegenden Kamel,
+ein großartiges Monument auf einem Sockel von überwältigenden Maßen.
+
+Weiter nach Osten reihen sich daran Moran, Zuni, Papago und Pinal
+Point; alle stürzen in ungeheuer steilen, von Absätzen und Terrassen
+unterbrochenen Hängen zum Fluß ab, der fast 1500 Meter unter ihnen
+liegt. Dann folgt Lipan Point und schließlich Navaho Point oder
+Desert View, das letzte Kap, ehe die Palisades of the Desert ihre
+Linienführung nach Norden beginnen. In der gewaltigen Reihe der
+Palisaden bemerken wir bis zum Cape Solitude hinauf nur ein Kap,
+Comanche Point. Dieses ist leicht zu erkennen an seiner Gestalt
+-- es gleicht dem Vordersteven eines Schiffes -- und an seinen an
+der Palisadenmauer vorspringenden Abhängen, die an einen riesigen
+versteinerten Wasserfall erinnern, schließlich an seiner Lage in der
+Längsrichtung des Gran Cañon und seiner von keinem Pflanzenwuchs
+verhüllten Nacktheit. Von den Palisaden habe ich mehrere Zeichnungen
+gemacht; auf allen ist Comanche Point sehr deutlich zu sehen.
+
+[Illustration: Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten.]
+
+Was jedoch den Besucher von Grand View Point in erster Linie fesselt,
+ist die geradezu phantastische und an wilder, großartiger Schönheit
+unübertroffene Landschaft, die er im Norden erblickt. Dort sehen wir
+im Hintergrund den gewaltigen Block des nördlichen Tafellandes, der
+durch die tief eingeschnittene Talschlucht des Bright Angel Cañon
+vom Kaibabplateau getrennt wird und Walhallaplateau heißt. Mit dem
+Kaibabplateau hängt es durch einen verhältnismäßig schmalen Sattel
+zusammen, eine Landenge mit Abgründen zu beiden Seiten. Auf seiner
+Südfront ist das Walhallaplateau selbst tief gespalten durch das Tal
+des Clear Creek. Nach dem östlich dieses Tals liegenden Teil des
+Plateaus unternahm ich später einen meiner lohnendsten Ausflüge. Sein
+südlichstes Kap ist das berühmte Cape Royal, das wir im Nordosten, uns
+gerade gegenüber, erblicken. Rechts davon liegt Cape Final, das am
+weitesten nach Osten vorspringende Kap des Walhallaplateaus.
+
+Vom Cape Royal erstrecken sich nach Süden zwei Ausläufer von
+seltsamster Form; sie gleichen gespaltenen Drachenzungen oder den
+launenhaften malerischen Flammenzungen, mit denen die Chinesen in
+ihrer Bildhauerei, Malerei und Textilkunst ihre Drachen zu umgeben
+pflegen. Auf dem östlichen dieser Ausläufer erheben sich Freya Castle
+und der schön pyramidenförmige Vishnu Temple, dessen Aufbau deutlich
+erkennbar ist: zu unterst die Tontoabhänge, auf diesen die senkrechten
+Redwallwände, darüber die Absätze und Terrassen der Supaigruppe und
+zu oberst der Coconinosandstein mit seiner Haube aus Kaibabkalkstein;
+dem Vishnu Temple vorgelagert ist im Südwesten der Krishna Shrine
+und im Südosten der Rama Shrine, dem Kaibab und Coconino fehlen. Der
+südwestliche Ausläufer des Cape Royal trägt das stattliche Massiv
+Wotans Throne, das westnordwestlich von Vishnu Temple liegt. Dieses
+Massiv ist weithin sichtbar. Südwestlich von Wotans Throne sehen wir
+die wilden steilen Felsen, die den poetischen Namen „Engelpforte“,
+Angel Gate, tragen.
+
+Die große Einsenkung westlich des Clear Creek heißt Ottoman
+Amphitheater; sie wird im Norden vom Walhallaplateau mit dem Kap Obi
+Point und im Westen von den schon genannten stattlichen Pyramiden
+begrenzt, die von ihm ausgehen und Devas, Brahmas und Zoroasters Namen
+tragen. Westlich von ihnen haben wir wieder den Bright Angel Creek.
+Wie ich bereits erwähnte, werden diese drei Tempel von der höchsten
+Schichtlage gekrönt, dem Kaibabkalkstein, der auf dem mittleren Tempel
+noch in einer Mächtigkeit von 122 Meter liegt.
+
+Wie vorgeschobene Forts um eine Festung erheben sich also rings um
+das Walhallaplateau in großartiger Sprachverwirrung und imposanter
+Religionsvermischung das Walhall der nordischen und die Tempel der
+indischen Götter und des Zoroaster brüderlich nebeneinander. Wir
+dürfen uns damit trösten, daß wenigstens Thor Temple, westlich des
+Cape Royal, und Wotans Throne, südwestlich davon, wirklich besser in
+diese Nachbarschaft gehören. Aber einem Nordländer, der schon in seinen
+frühen Schuljahren mit der Götterlehre seiner Väter ziemlich vertraut
+war, und einem Asienreisenden, der das heilige Feuer in Zoroasters
+Tempel hat brennen sehen, wochenlang an dem See, der Brahmas Seele
+genannt wird, geweilt und Schiwas Paradies auf dem Gipfel des Kailas
+umwandert hat, klingt diese, nur dem Klange der Namen nach pomphafte,
+im übrigen aber willkürliche Nomenklatur alles andre als echt. Man
+fragt sich, warum Götternamen der ältesten Religionen grade hier, auf
+amerikanischem Boden, kunterbunt durcheinandergeworfen worden sind. Auf
+ein und demselben Massiv finden wir Wotan, Thor und Freia im Verein
+mit Wischnu, Krischna und Rama. Die ägyptischen Gottheiten sind die
+nächsten Nachbarn der großen Religionslehrer Chinas. In keiner andern
+Gegend der Erde ist ein geographischer Taufakt mit so wenig Pietät
+vorgenommen worden. Namen wie Tovar, Powell, Navaho, Hopi, Kaibab,
+Coconino sind hier ganz an ihrem Platz. Newton, Lyell, Huxley und
+andere große Naturforscher mögen ruhig ihre Denkmäler in Stein an den
+Ufern des Colorado erhalten. Namen, die bezeichnend sind für Form und
+Gestalt, wie z.❁B. Scorpion Ridge, Three Castles, Horseshoe Mesa, für
+Farben wie Red Canyon, für Minerale wie Asbestos Canyon, für Gesteine
+wie Basalt Cliff, sind die besten; sie haben Sinn und Seele. Aber
+diejenigen, die aus dem religiösen Leben fremder Völker und Erdteile
+geholt worden sind, müßten ebenso rücksichtslos ausgerottet werden, wie
+sie -- weiß Gott, von welchem Genie -- hierhergesetzt worden sind. Wo
+sie durch echte, charakteristische und bezeichnende indianische Namen
+ersetzt werden können, sollten solche statt der jetzigen eingeführt
+werden. Und wo dies nicht möglich ist, mögen die natürlichen Tempel in
+einsamer Majestät ihre Zinnen zu den ewigen Sternen erheben -- ohne
+alle irdischen oder himmlischen Namen.❁--
+
+Es ist 6 Uhr nachmittags; das Gemälde, das sich von El Tovar
+aus vor uns ausbreitet, wird mit jeder Minute fesselnder und
+prächtiger. Die Stunde der roten Farbtöne, der Abendröte und des
+Sonnenuntergangs hat geschlagen. Die senkrechten Riesenmauern
+treten in grellen, hellrubinroten Tönungen hervor, sie heben sich
+scharf ab von dem dunkleren Graugrün der Halden und Steilhänge,
+die von den Sonnenstrahlen nicht direkt getroffen werden. Von der
+geraden Umrißlinie des Nordrandes strecken die Abendschatten ihre
+scharfkantigen Keile zwischen Tempeln und Pagoden hinab und vereinigen
+sich in der Tiefe des Tals mit dem Dunkel über dem Korridor des
+Colorado. Ich sitze auf einer der Bänke auf der Terrasse vor dem Hotel
+und bin nur durch eine niedrige zementierte Brüstung vom Abgrund
+getrennt. Meine Aussicht umfaßt nur den Viertelkreis zwischen Nordosten
+und Nordwesten, das übrige wird durch die beiden Vorsprünge Maricopa
+Point und Grandeur Point verdeckt. Tief unter mir, im Nordnordwesten,
+erhebt sich ein eigenartig geformter Fels, der den bezeichnenden Namen
+The Battleship, das Kriegsschiff, trägt und eine Fortsetzung des
+Maricopa Point ist. Er wirft seine Schatten auf die meisten Abhänge
+südlich des Flusses.
+
+[Illustration: Abendstimmung bei Navaho Point.]
+
+Die prächtige Beleuchtung hält nicht lange an. Man würde nie dazu
+kommen, sie zu malen, denn sie nimmt mit jeder Minute, die verstreicht,
+neue, tiefere Farbtöne an. Das Karmesin wandelt sich in Hagebuttenrot,
+dieses geht in Braun und schließlich in eine unsichere Farblosigkeit
+über. Die Sonne ist untergegangen, und die Nacht tritt wieder ihre
+Herrschaft über Arizona an.
+
+Das Essen nahm ich mit meinen Freunden ein, die nicht müde werden, mir
+neue Aufschlüsse über die Natur und das Leben um El Tovar zu geben.
+Sie erzählen, daß man mit den Kühlmaschinen des Ortes 10 Tonnen Eis
+am Tag herstellen kann und daß ganze Züge mit Wasser täglich 270
+Kilometer weit zum Hotel gebracht werden. Dieses Wasser dient nicht nur
+zum Trinken und Kochen, sondern auch zum Tränken von 130 Maultieren
+und einer beträchtlichen Zahl von Pferden, zum Waschen, Baden, zur
+Bewässerung und vielem andern. Ein recht großer Apparat ist nötig, um
+die menschlichen Zugvögel zu bedienen, die bei El Tovar einfallen. Im
+Jahre 1921 betrug die Zahl der Besucher 57000, im Jahre 1922 schon
+85000, und in dem laufenden Jahre war sie noch im Steigen.
+
+Jeden Abend um 8 Uhr wird zur Belehrung der Gäste in dem Musikzimmer
+von El Tovar ein durch Diagramme, Tabellen und Photographien
+erläuterter Vortrag gehalten. Ein solcher Vorbereitungskurs ist sehr
+nützlich und wertvoll. Im großen ganzen ist das Thema stets das
+gleiche; das tut jedoch nichts, da die Zuhörer ständig wechseln. Auch
+andere Vorträge und Unterhaltungen werden von Zeit zu Zeit denen
+geboten, die ohne Kino oder Musik nicht leben können und denen das
+prächtige Schauspiel nicht genügt, das sich in der Tiefe unter ihnen
+entrollt.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Nach Hermit Cabins.
+
+
+Am Morgen des 16. Juni war es um 8 Uhr ordentlich kalt, und noch um
+½10 Uhr hatten wir nur 12,2 Grad Celsius. Die Touristen waren sämtlich
+schon auf; sie saßen an ihren Frühstückstischen, packten ihren Proviant
+und machten sich für ihre verschiedenen Ausflüge im Auto oder zu Pferd
+fertig. Der Himmel war fast ganz mit Wolken überzogen, und es war sehr
+windig. Mit den Herren Birchfield, Kemp und Bryn und unserm Führer,
+dem Cowboy Sandy MacLean, nahm ich in einem Auto Platz und fuhr auf
+dem Weg, den ich bereits kannte, dem Hermit Rim Road zu, an Pima Point
+vorüber durch den Wald zu den zwei kleinen Holzhäuschen von Hermit
+Rest und weiter an den Punkt, der Head of Hermit Trail heißt. Von
+hier geht der eine der beiden gewöhnlich benutzten Wege aus, die zur
+Tiefe des Gran Cañon und zum linken oder Südufer des Coloradoflusses
+hinabführen. Unser nächstes Ziel, Hermit Camp, liegt in gerader Linie
+kaum 2,5 Kilometer nördlich des Ausgangspunktes. Wenn man jedoch
+erfährt, daß der Weg 12 Kilometer lang ist und 3½ Stunden im Sattel
+erfordert, kann man verstehen, daß er gewaltige Krümmungen macht und
+nach allen Himmelsrichtungen läuft. Man reitet auch zunächst nach Süden
+und Südwesten, um dann nach Norden und Nordosten und schließlich nach
+Westen und Süden abzuschwenken. Der Pfad führt uns der Reihe nach durch
+die fünf gewöhnlichen Formationen, Kaibabkalkstein, Coconinosandstein,
+roten Sandstein und Schiefer der Supaiformation, Redwallkalkstein,
+und endet auf den sanfteren Hängen der Tontogruppe. Man hat also
+Gelegenheit, die verschiedenen Gesteine, die man bisher nur vom Rand
+aus gesehen hat, aus der Nähe kennenzulernen.
+
+Mit guten Augen oder mit Hilfe des Fernglases erblickt man von Head
+of Hermit Trail das Ziel des heutigen Rittes, Hermit Camp, 1097 Meter
+unter seinen Füßen. Es scheint ganz nahe. Im Gleitflug könnte man es
+im Flugzeug in ein paar Minuten erreichen. Beschwerlicher ist es, die
+jäh abfallenden Steilhänge auf einem Maultier hinabzureiten, über
+dessen Kopf man bisweilen an den abschüssigsten Stellen einen Salto
+mortale machen kann, wenn man nicht sicher in den Knien ist. Doch die
+Maultiere sind merkwürdig zuverlässig und straucheln nie. Nur haben
+sie die unangenehme Neigung ihres Geschlechts, am äußersten Rand des
+Abgrundes zu gehen. Wenn ein Maultier nicht „broken“, d.❁h. gezähmt,
+und an den Weg und dessen Überraschungen gewöhnt ist, kann schon ein
+Steinblock, ein Busch oder ein entgegenkommender Wanderer es dazu
+bringen, daß es scheut und sich mit der Schnelligkeit einer Sprungfeder
+nach der Seite wirft. Bei dem heftigen Wind, der an den Felsenecken wie
+Peitschenschläge klatschte und knallte, riet Sandy uns aufzupassen, daß
+uns nicht die Hüte wegflögen; denn in diesem Falle würden die Maultiere
+etwas wild werden, versicherte er. Ich selbst hatte keinen Grund, zu
+klagen, aber Sandys eigenes Maultier war recht aufgeräumt und scheute
+beim geringsten Anlaß.
+
+[Illustration: Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden.
+
+Die Sonne steht im Westen.]
+
+Unsere Reittiere standen bei Head of Hermit Trail schon bereit; wir
+saßen auf und begannen den Abstieg. Es war 11¼ Uhr, die Temperatur
+war auf 13,5 Grad Celsius gestiegen. Der Pfad läuft auf der rechten,
+der Ostseite des Hermit Basin genannten Einschnitts entlang, eines
+kleinen Seitencañons des Colorado, und fällt gleich von Anfang
+an recht beträchtlich. Nach einer halben Stunde befinden wir uns
+bereits 250 Meter unterhalb des Randes, haben The White Zigzags und
+den Kaibabkalkstein hinter uns und sind in die Sandsteinschicht der
+Coconinoformation eingetreten.
+
+Nach weiteren zehn Minuten sind wir 335 Meter tief gekommen und reiten
+zwischen lichtstehenden Wacholdern und Kiefern. Eidechsen huschen
+über die Steine, und hier und da ist eine Jukka oder Palmlilie auf
+hohem Stengel zu sehen. Bei jeder Biegung des Pfades verändert sich
+die Aussicht. Man ist daher ständig in gespannter Aufmerksamkeit, man
+staunt beim Anblick dieser malerisch wilden roten Mauern, die neben
+unserm Weg aufragen, und es schwindelt einem bisweilen, wenn man nur
+einen Schritt bis zum Rand hat, von dem es steil oder senkrecht zur
+Tiefe des Hermit Basin hinabgeht.
+
+Neben dem Pfad stehen zwei kleine Hütten, die den Wegarbeitern, den
+„Hermit Basin Trailkeepers“, als Unterschlupf dienen. In zahllosen
+Zickzacklinien, die oft nicht mehr als doppelt so lang wie das Maultier
+sind, steigen wir in die roten Geheimnisse der Sandsteinschichten der
+Supaiformation hinab, die die rastlose Erosion des Colorado und des
+Hermit Creek enthüllt hat. Der Hermit Creek, dessen Sohle wir uns
+nähern, hat in seinem tiefsten Teil eine Abflußrinne, Hermit Gorge, die
+jetzt zur Linken zu sehen ist.
+
+Unser Weg führt an vorspringenden Dächern und Leisten roten Sandsteins
+vorüber, ja bisweilen auch darunter durch, und an jeder neuen
+Felsenecke, an der wir vorbeikommen, öffnet sich ein neues Bild von
+berückender architektonischer Schönheit. Wie oft möchte man nicht
+stehenbleiben, um eine Skizze zu zeichnen oder mit dem Pinsel diese
+farbensatten Gemächer im Innern der Erde wiederzugeben, die sich nur
+nach dem unendlichen Schlund des Cañon öffnen.
+
+Stachlige Sträucher und andere Pflanzen gedeihen hier und da zwischen
+den Steinen, aber die Bäume lichten sich und werden nach der Taltiefe
+zu immer seltener. Der Wind springt an den Felsenecken um und heult;
+mitunter schwankt man im Sattel. Wir kommen an einer Gruppe Touristen
+vorüber. Unter den Tritten der Maultiere wirbelt der Staub auf, und
+graue Wolken umtanzen uns, solange wir durch den grauen Kalkstein
+reiten; sie gehen in Rot über, als wir die Region des roten Sandsteins
+betreten.
+
+Um 12¼ Uhr rasten wir bei Santa Maria Spring. Hier steht eine kleine
+hölzerne Schutzhütte mit grünem Dach, unter dem wir uns auf den Bänken
+rings um einen Tisch niederlassen und unsere in den Satteltaschen
+verwahrten Pappschachteln vornehmen, die belegte Brote, Eier, Gebäck,
+Äpfel und Apfelsinen enthalten. Die Quelle, deren feiner lauer Strahl
+zu allen Jahreszeiten die gleiche Stärke hat, tritt im Innern der Hütte
+zutage; vom Quellbecken wird das Wasser in einen langen Blechtrog
+weitergeleitet, an dem sich die Maultiere satt trinken können.
+
+Bei Santa Maria Spring befinden wir uns 490 Meter unterhalb des Randes,
+während die Temperatur auf 19,5 Grad Celsius gestiegen ist. Man fühlt,
+daß man sich auf dem Weg in ein ganz anderes Klima befindet, als dort
+oben herrscht; der Wind, der an den Felsvorsprüngen klagt und pfeift,
+wird immer wärmer. Gerade hier trennt uns eine scharf gezeichnete
+Kulisse vom Hermit Creek.
+
+Nach einer halbstündigen herrlichen Rast steigen wir wieder in den
+Sattel. Fast zwanzig Minuten lang halten wir uns auf ungefähr gleicher
+Höhe, d.❁h. 518 Meter unter dem Rand, oder fallen nur 30 Meter. Wir
+reiten auf den leicht vorstehenden Schichtenköpfen wie auf einem
+Wandbrett. Bisweilen geht es sogar bergan. Dann umsegeln wir malerische
+vorspringende Ecken und werden von dem gewundenen Pfad in keilförmige
+Einschnitte zwischen hohen wilden Kulissen hineingeführt, um im
+nächsten Augenblick wieder an ein scharf herausgemeißeltes Vorgebirge
+zu kommen, das dem Strebepfeiler einer Kirchenwand gleicht. Und wie
+vorhin ist es bei jeder Biegung, als würde ein Vorhang beiseitegezogen,
+um uns eine neue Perspektive von staunenerregender Schönheit zu zeigen.
+Das Bild vor uns im Norden ist nicht weniger großartig. Durch das
+Mündungstor des Hermit Cañon sehen wir in blasseren Farben den großen
+Cañon und in der Ferne seine senkrechte Nordwand in rötlichen und
+graugrünen Tönungen mit dunklen wagerechten Schattenleisten.
+
+Um ½2 Uhr sind wir genau 610 Meter tief gekommen und passieren den
+Rücken des ungeheuren Vorsprungs, dessen äußerstes Kap unmittelbar
+südlich von Hermit Cabins aufragt und dem Denkmal auf dem Grabe eines
+Riesen gleicht. Eine Weile verdeckt das Vorgebirge wie ein Wandschirm
+den Hermit Creek im Westen; nach Norden dagegen hat man vom Lookout
+Point freie Aussicht. Ein kleiner Seitensteig zweigt hier nach links
+ab und führt zu einer Wegarbeiterhütte. Von Zeit zu Zeit sind auf
+kleinen Holztafeln oder auf flachen leicht sichtbaren Steinblöcken
+die Höhenziffern angegeben, so daß man stets weiß, wie tief man schon
+gekommen ist und wie tief man noch bis Hermit Cabins kommen wird.
+
+[Illustration: Hopi-Indianer.]
+
+Nach weiteren zehn Minuten reiten wir an Last Chance Spring vorbei und
+haben eine Weile später eine über hundert Meter hohe senkrechte, zum
+Teil überhängende Felswand zur Rechten und den senkrecht abstürzenden
+Abgrund, den Kalkstein des Redwall, zur Linken. Wir sind 640 Meter
+hinabgestiegen und müssen noch 460 Meter tiefer hinunter.
+
+Hermit Camp tritt jetzt zur Linken deutlich hervor und bleibt, von
+ein paar kleinen Unterbrechungen abgesehen, die ganze Zeit sichtbar.
+Es leuchtet wie eine Oase, wie ein frischer grüner Fleck in der
+graugelben Landschaft dort unten, wo die weniger steilen Geländewogen
+der Tontogruppe ihre glockenförmigen Rücken wölben und zu den dunklen
+Regionen des Granits abfallen. Scharf und klar sind die kleinen weißen
+Hütten mit ihren grünen Dächern zu sehen und der helle gewundene Pfad,
+der zu ihnen hinabführt.
+
+Wir steigen noch etwa 30 Meter zum Breezy Point hinunter und sind
+jetzt an dem 150 Meter mächtigen, senkrechten Redwall, der ein völlig
+unübersteigbares Hindernis auf unserm Weg wäre, wenn seine Mauer
+nicht in dem innersten Winkel seines Einschnitts durch den schroffen
+Fall eines Schuttkegels unterbrochen wäre. Auf seiner Oberfläche
+läuft der Pfad in zahllosen kurzen, abschüssigen, spitzwinkligen
+Zickzackbiegungen, den sogenannten Cathedral Stairs, obgleich man nach
+einer Kathedrale mit so unbequemen Stufen suchen könnte. Wenn man den
+Anfang dieses schwindelnden Steilhangs erreicht, glaubt man, der Weg
+höre auf und der Blick verliere sich in unerreichbaren Tiefen. Wenn man
+sich an einer dieser Krümmungen befindet, sieht man bisweilen nicht
+einmal die nächsten unter sich. Trotz des Vertrauens, das man in die
+Sicherheit des Maultiers setzt, zieht man es hier vor, zu Fuß zu gehen.
+
+Leider ging der Wind so heftig, daß wir nur ein paar Aufnahmen machen
+konnten. Sonst -- es war so gedacht gewesen -- hätte ich nur auf
+eine Aussicht oder eine Bergpartie zu zeigen brauchen, damit sie zur
+Erinnerung an meine Wanderung im Bild festgehalten wurde. Aber ich
+erhielt später ganze Stöße von Photographien vom Gran Cañon, wenn auch
+nicht alle auf meine Wege und meine Erlebnisse Bezug hatten. Ein paar
+Aufnahmen machten wir jedoch auf den „Kathedralstufen“ und an ihrem Fuß.
+
+Nachdem wir Cope Butte, einen nach Norden gerichteten schmalen, scharf
+gezeichneten Ausläufer aus Redwallkalkstein, hinter uns gelassen und
+die steilen Hänge hinabgeklettert sind, beginnt „The Long Drag“, wo
+wir auf den Geländewellen des Tontoschiefers langsam absteigen. Ein
+gewundener Teil des Wegs heißt „The Serpent“; an seinem Fuß sind wir
+schon 945 Meter unter der Hochfläche und steigen in den nächsten sieben
+Minuten weitere 90 Meter hinunter. Hier wachsen Kakteen zwischen
+herabgestürzten Blöcken. Einige Minuten später öffnet sich vor uns die
+prächtige Aussicht nach Süden durch den wilden, engen, dunklen Cañon
+des Hermit Creek, und schließlich, kurz vor 3 Uhr, sind wir am Ziel.
+
+Wir waren also während des 3½ Stunden langen Rittes 1097 Meter
+tief gekommen und befanden uns bei Hermit Camp 975 Meter über dem
+Meeresspiegel.
+
+Hermit Camp oder Hermit Cabins ist ein kleines Dorf in der öden
+Tiefe des Gran Cañon. Das Zepter in diesem „Dorf“ führen Herr Poquett
+und seine Frau, eine geborene Jonsson, die von schwedischen Eltern
+abstammt, aber nie die Sprache ihres elterlichen Heimatlandes gelernt
+hat. Ihr Vater ist ein vierundsechzigjähriger Farmer in Wisconsin. Frau
+Poquett war nach einer schweren Krankheit und Operation so herunter
+gewesen, daß sie fast dem Tode verfallen schien; aber nachdem sie jetzt
+zwei Jahre in Hermit Camp zugebracht hat, hat sie ihre Gesundheit
+wiedergewonnen, was sie dem Klima zuschreibt.
+
+Wer Herrn und Frau Poquett in die Hände fällt, leidet keine Not. Ich
+verbrachte in ihrer kleinen Oase zwei unvergeßlich herrliche Tage. Des
+Reitens entwöhnt, zumal schwindlige Steilhänge Hals über Kopf hinab,
+war ich anfangs ziemlich steifbeinig, erholte mich aber bald wieder.
+
+Den Mittelpunkt des kleinen Dorfes bildet Poquetts Häuschen mit der
+Küche und das Speisehaus, in dem die Gäste ihre Mahlzeiten gemeinsam
+einnehmen. Daneben stehen die Vorratshäuser; sie sind mit allem
+Nötigen stets gut versehen und werden von Zeit zu Zeit von kleinen
+Karawanen aufgefüllt, die von El Tovar hinabgeschickt werden. Hühner,
+Konserven, Brot, Früchte, erfrischende Getränke und anderes mehr sind
+die wichtigsten Lebensmittel. Hühner gibt es am Ort selbst; gegenwärtig
+werden 400 Hühnchen gemästet, damit sie in einem Monat für die Tafel
+reif sind. Ein Gemüsegarten wird sorgfältig gepflegt, ein lichter
+Pappelhain spendet dem Dutzend kleiner Häuser etwas Schatten. Der
+kalkhaltige Boden ist unfruchtbar und muß gedüngt werden, damit die
+Saat wächst. Es ist das Berieselungswasser aus dem Hermit Creek, das
+die kleine Oase aus dem sonst fast wüstenartigen Boden hervorgezaubert
+hat.
+
+[Illustration: Hopi-Indianer.]
+
+Mit El Tovar steht man in Telephonverbindung und kann daher neue
+Vorräte rechtzeitig bestellen. Jede Gruppe von Reisenden, die nach
+Hermit Camp hinabkommt, hat ihren Führer; dieser bringt auf einem
+Maultier frisches Fleisch und Eis mit. Als man Anfang des Jahres zwölf
+Tonnen Kohlen hinunterschaffte, hatten täglich zwanzig Maultiere einen
+ganzen Monat zu schleppen. Die Wäsche -- Bettzeug, Tischtücher und
+dergleichen -- wird mit zurückkehrenden Gesellschaften nach El Tovar
+hinaufgeschickt.
+
+Unmittelbar unterhalb des Speisehauses liegen die Unterkunftshütten,
+„Cabins“, in einer Reihe mit einer gemeinsamen Veranda. Hier steht eine
+Tonne, die stets mit frischem Trinkwasser gefüllt ist. In dem Duschraum
+kann man, wann es einem beliebt, seinen Körper äußerlich abkühlen. Der
+Ausruheraum vor den Hütten hat eine Veranda, die nach der schönsten
+Aussicht im Tal hinausgeht. Man stemmt die Füße gegen die Brustwehr
+und verträumt hier in bequemen Liegestühlen gern eine Stunde, wenn die
+Sonne untergeht.
+
+Eine Reisegesellschaft, zwei junge Herren und zwei junge Damen aus Los
+Angeles, hatte es sich schon bequem gemacht. Während diese zum Colorado
+hinabritten, nahm ich meine Behausung in Augenschein. Ich hatte mich
+entschlossen, ein paar Tage hier zu bleiben, um die neuen wunderbaren
+Bilder, die sich auf allen Seiten darboten, in aller Ruhe genießen zu
+können und nicht wie andere Besucher nur einen Gewaltritt zum Fluß zu
+machen.
+
+Meine Hütte enthält ein Zimmer mit Bett, Waschtisch, Kommode, Tisch und
+ein paar Stühlen sowie einem eisernen Ofen -- denn selbst im Winter
+wird der Gran Cañon besucht, wenn auch nur von wenigen Reisenden.
+Meine Veranda ist auf den drei Außenseiten von Moskitonetzen aus
+feinstem Draht umgeben und gleicht einem Geflügelkäfig. Man ist also
+sicher vor Fliegen, Mücken, Nachtfaltern, Klapperschlangen und andern
+Tieren, die sich in der Oase heimisch gemacht haben. Herr Poquett hat
+in seinem Reich schon drei Klapperschlangen getötet. Auch Skorpione
+sollen vorkommen, obgleich sie sich, merkwürdig genug, erst während
+der Regenzeit Ende Juli und August zeigen. Auf der Veranda stehen zwei
+Betten; es ist selbstverständlich, daß man in der warmen Jahreszeit
+hier die Nacht verbringt.
+
+Bei herrlichem Sommerwetter (25,2 Grad um ½4 Uhr und 24 Grad um 6 Uhr),
+unter einem merkwürdig klaren, türkisblauen Himmel und beim Brausen und
+Sausen kräftiger, aber lauer Windstöße verfloß mein erster Nachmittag
+in Hermit Cabins. Zuerst zeigte mir Herr Poquett seine Menagerie, deren
+Tierbestand recht bescheiden, aber höchst ungewöhnlich war: einige
+große weiße Mäuse, Albinos, mit rubinroten Augen, zwei rabenschwarze
+Katzen und ein gelber Rattenpinscher namens Rock. Sie lebten in bestem
+Einvernehmen miteinander, die Katzen spazierten mit den Mäusen auf
+dem Rücken vorsichtig umher, und Rock fühlte sich nicht im geringsten
+versucht, von seiner starken Übermacht Gebrauch zu machen. Die
+Katzen schienen ihm jedoch nicht zu trauen, denn als er kam und sie
+beschnupperte, wollten sie beißen.
+
+Darauf nahm ich auf der Veranda Platz und betrachtete die prächtige
+Gebirgslandschaft. Jetzt, da die sonst in immer dichteren Schatten
+verschmelzenden Hänge, Kämme und Zacken von den Strahlen der
+untergehenden Sonne getroffen wurden, leuchtete sie in leichten, roten
+Farbtönen. Im Nordwesten hatte ich die mächtigen Ausläufer vor mir,
+die von Mesa Eremita, einem Teil des Südrandes, ausgehen, und deren
+Schuttkegel zum Granitkorridor des Flusses abfallen. In Nordnordwesten,
+jenseits der Coloradoschlucht, erhebt sich ein schön gezeichnetes,
+dem Nordrand, und zwar der Gegend um den Mencius Temple, angehörendes
+Massiv. Im Norden ist ein Gipfel zu sehen, der Cathedral Spire heißt
+und wirklich der Ruine einer Kirche mit Turm und Schiff gleicht. Hinter
+mir hatte ich die herrlich beleuchteten Felsen, deren höchster Punkt
+Pima Point ist. Dort traten jetzt in stark goldgelben Tönungen zwei
+ungeheuere Kalksteinstufen hervor, unter denen drei weitere Stufen
+aus ziegelrotem Sandstein liegen. Die Stufen selbst sind senkrecht,
+aber die Zwischenräume zwischen ihnen sind schräge steile Hänge, die
+Vegetation tragen und recht stark ins Grüne spielen. Auf dem untersten
+von meinem Standort aus sichtbaren Abhang läuft unser Weg unterhalb der
+„Kathedralstufen“.
+
+Das Schönste von allem, was man von Hermit Camp aus erblickt, ist
+jedoch die durch die Erosion in kräftigen und architektonisch
+vollkommenen Linien und Formen herausgemeißelte Bergspitze des Hermit
+Peak, als deren Wurzel im Südrand man die Gegend um den Head of Hermit
+Trail bezeichnen kann. Sieht man sie von der Seite, von Osten oder
+Westen, so nimmt sie sich wie ein langgestreckter Wandschirm aus. Von
+Hermit Camp dagegen stellt sie sich in der Verkürzung dar und gleicht
+einer wunderbar malerischen Turmspitze, die sich auf einer Pyramide
+mit gewaltigen Stufen erhebt. Am frühen Morgen ist der schmale Giebel
+grell von der Sonne beleuchtet, während die ganze westliche Langseite
+zu einem kompakten Schatten zusammenschmilzt, in dem die feinen
+Einzelheiten verschwinden. Nicht weniger fesselnd zeichnet sich
+das großartige Bergmassiv am Nachmittag ab, wenn die ganze westliche
+Langseite sich im Purpurglanz der sinkenden Sonne badet und der nach
+Norden gerichtete Giebel im Schatten liegt. Dann wird die feine
+senkrechte Skulptur der Stufen vom Dunkel verschluckt. Nur wenn die
+Sonne zur Rüste gegangen und die Nacht gekommen ist, verschwindet
+das ganze erhabene Gebilde. Sonst nimmt der Hermit Peak zu allen
+Tageszeiten und bei allen Beleuchtungen einen der ersten Plätze unter
+den Erosionserscheinungen ein, an denen der Gran Cañon so reich ist.
+
+[Illustration: Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang.]
+
+Bei El Tovar gibt es ein sogenanntes Hopi-Haus, ein aus ungebrannten
+Lehmziegeln im reinen Indianerstil erbautes Haus. Es soll den
+Touristen ein Bild davon geben, wie die Hopi-Indianer heute wohnen
+und wie ihre Väter vorzeiten gewohnt haben. Im Erdgeschoß hausen ein
+paar Hopifamilien; sie bereiten ihr Essen, wiegen ihre Kinder und
+verfertigen allerlei indianische Handarbeiten. Auf dem Hof vor dem
+Hause führen die Indianer jeden Nachmittag ihre alten Tänze auf, in
+jener kriegerisch malerischen Ausstattung, deren wir uns aus Coopers
+Indianergeschichten erinnern. Die Touristen stehen im Kreis herum oder
+schauen vom Dach des Hopi-Hauses zu. Wenn die Indianer ihr Programm
+erledigt haben, gehen sie herum und kassieren ihr Entgelt ein; sie
+haben aus dieser täglichen Vorführung offenbar ganz gute Einnahmen.
+
+Meine gastfreien Freunde waren auf den Einfall gekommen, mir eine
+gelungene Überraschung zu bereiten, die schon an diesem ersten Abend
+von Stapel gehen sollte. Der Hopihäuptling von El Tovar, Joo Secakuku,
+„Die gelben Füße“, hatte den Auftrag erhalten, sich nach der gewohnten
+Nachmittagsvorstellung mit dreien seiner Stammesgenossen nach Hermit
+Camp herabzubemühen, um mir etwas vorzutanzen und vorzusingen. Sie
+kamen auch. Dieselbe Strecke, die wir in 3½ Stunden hinabgeritten
+waren, hatten sie in 1½ Stunden im Laufschritt zurückgelegt. Es wäre
+keine Kunst, Zeit zu gewinnen, wenn man Richtwege benutzen dürfte,
+die die wilden Krümmungen abschnitten. Aber das ist streng verboten,
+da Steine sich lösen und herabrollen und andere Wanderer verletzen
+könnten. Joo Secakuku und seine Gefährten mußten daher dem Weg in allen
+seinen Windungen folgen. Ihre Kleidung war ihnen bei ihren Bewegungen
+nicht hinderlich, denn sie trugen nur eine Stirnbinde, ein dünnes
+Gewand, das lebhaft an Badehosen erinnerte, und Mokassins. Sie liefen
+in gleichmäßigem, sicherem Zotteltrab, atmeten, ohne sich anzustrengen,
+und kamen auch in bester Verfassung in Hermit Camp an.
+
+Zuerst erhielten sie ein recht ausgiebiges Essen, das sie zwei volle
+Stunden beschäftigte. Sie aßen und tranken, plauderten, lachten und
+sangen und machten einen schrecklichen Lärm. Beim Schein einer Laterne,
+die uns den Weg zeigte, stiegen wir um 10 Uhr abends in den Grund des
+Hermit Creek, des hohlwegartig engen Seitentals, hinab. Dabei kamen
+wir an der Höhenmarke vorüber, deren Zahl verrät, daß wir uns 1250
+Meter unterhalb des Hochrandes befanden. Von hier hatten wir nur noch
+20 Meter bis zu der kiesigen Sohle der Schlucht, in der schon ein
+riesiges Feuer flammte und seinen roten Schein auf die senkrechte oder
+überhängende Sandsteinwand warf: ein wirkungsvoller Hintergrund zu dem
+Schauspiel, dem wir beiwohnten.
+
+[Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado
+aufwärts.]
+
+Auf einem kleinen offenen Fleck am Ufer des Quellbaches, auf allen
+Seiten von dem undurchdringlichen nächtlichen Dunkel umgeben, tanzten
+die Indianer ihre alten Tänze. Phantastisch wild und echt sahen sie
+beim Feuerschein aus, und ihre Tänze wirkten bezaubernd. Man konnte
+sich in die Zeit versetzt denken, ehe Amerika von den Weißen entdeckt
+worden war, als die Rothäute in Arizona und an den Ufern des Rio
+Colorado noch in Freiheit lebten und keine andern Feinde hatten als die
+umwohnenden Stämme. Unbezwingbare Wehmut lag über diesem wunderbaren
+Bild, und mich beschlich ein beklemmendes Gefühl von Sympathie für
+diese letzten Trümmer eines stolzen herrlichen Volkes, das verdrängt
+und erstickt wird und ausstirbt. Ihren Gesang begleiteten sie mit einer
+Trommel und ein paar Klappern. Joo Secakuku erklärte die Bedeutung der
+Lieder und Tänze in tadellosem Englisch. Alles ging jedoch so schnell,
+daß ich mit meinen Aufzeichnungen nicht recht nachkommen konnte.
+Ich muß mich hier mit einigen Andeutungen begnügen, die Kenner der
+sterbenden indianischen Kultur mehr als mager finden dürften.
+
+Der erste Tanz, den Joo „Kachina“ nannte, war den Naturkräften
+gewidmet. Aus allen Erklärungen Joos ging hervor, wie tief die
+Ehrfurcht vor der Natur und ihren geheimen Kräften noch heute in dem
+Bewußtsein der Indianer wurzelt, obwohl die Berührung mit der weißen
+Christenheit zersetzend eingewirkt hat auf das Vertrauen vieler,
+wahrscheinlich der meisten von ihnen, zu den religiösen Anschauungen
+ihrer Väter. Doch soll es nach wie vor Stammeslieder geben, die nach
+dem, was Joo erzählte, nicht vor Fremden, sondern nur innerhalb des
+Stammes gesungen werden dürfen. Was den Häuptling selbst betrifft, so
+bekam ich den Eindruck, daß er noch an dem alten Glauben festhielt;
+daß er es jeden Nachmittag bei El Tovar und heute nacht im Hermit
+Creek über sich gewann, vor Fremden aufzutreten und zu tanzen und zu
+singen, geschah einzig und allein des Verdienstes wegen. Es wäre ja
+nicht zu verwundern, wenn sich die letzten Trümmer der schwächeren
+Rasse widerstandslos von dem Strom hinwegführen ließen, der „die Jagd
+nach dem Dollar“ heißt und an dessen Ufer die weiße Christenheit ihrer
+höchsten Gottheit, dem Mammon, Tempel erbaut hat.
+
+Im Schein der roten Flammen, während rote Farbenfelder über die
+Felswände zogen, vollführten die Indianer den „Frühlingstanz“, eine
+Huldigung an die vier Himmelsgegenden und an die gelben Wolken aus
+dem Norden, an die grünen Wolken aus dem Westen, an die roten aus
+dem Süden und die weißen aus dem Osten, die Regen bringen und den
+Menschen Getreide und Früchte schenken zum Lebensunterhalt. Gutgebaut,
+abgehärtet und wettergestählt waren die Tänzer, kupferbraun ihre Haut,
+aber jetzt trugen sie ihre charakteristischen Trachten in bunten
+Farben, ihre Schmucksachen und Halsbänder, ihre federgeschmückten
+Stirnbinden und ihre schönen Waffen, deren Ahnen in einer Zeit zu
+suchen sind, die im Dunkel der Sage verschwindet.
+
+Die Niederschläge spielen wie bei den Völkern des Morgenlandes
+so auch bei den Indianern eine wichtige Rolle. Gewisse Tänze und
+Lieder scheinen eine fromme Beschwörung zu enthalten, um den
+Regen herbeizulocken, eine inständige Anrufung und Bitte an die
+Geistermächte, die darüber zu bestimmen haben. Das „Schmetterlingslied“
+singt und sagt von regenschweren Wolken mit Blitz und Donner, von
+befruchtenden Schauern, die alles keimen und die Wassermelonen
+schwellen machen. Dann tanzen Knaben und Mädchen und stimmen ihre
+Danklieder an für den Wohlstand und das Glück, die den Menschenkindern
+durch die Niederschläge geschenkt worden sind. Joo erzählt, daß der
+„Tanz der Schmetterlingsknaben und Schmetterlingsmädchen“ der Freude
+Ausdruck gab, die die Jungen wie Alten darüber empfanden, daß die
+gelben, grünen, roten und weißen Wolken wohlwollend und segenspendend
+waren.
+
+Mit kräftig klingender Stimme und einem breiten Lächeln um den Mund
+hielt Joo vor jedem Tanz und Lied seine kleine Rede. Königlich gerade
+und selbstbewußt, wie es einem Häuptling geziemt, stand er da und
+sprach mit Kraft und Überzeugung, als wollte er, daß wir den tiefen
+Sinn dieser Worte und Bewegungen verstünden und was sie ihm und seinem
+Volk bedeuteten. Seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen, seine
+Zähne wie Schnee, sein Gesicht und seine Arme wie Kupfer. In seiner
+Stimme glaubte ich jedoch einen Unterton von Wehmut zu hören. Er muß
+eine atavistische Empfindung davon gehabt haben, daß diese Abendstunde
+und die ganze Umwelt echt waren. In derartigen tief eingeschnittenen,
+verborgenen Talschluchten hatten vielleicht seine Väter gewohnt. Die
+gleichen Feuer hatten an den Lagerplätzen gebrannt, wo sie ihre Tänze
+aufführten und ihre Gesänge widerhallen ließen. Der gleiche rote Schein
+hatte in einer fernen Vergangenheit die Felsenspalten überzogen wie das
+Erröten die Wangen eines Mädchens. Und der Bach, der jetzt den fremden
+Namen Hermit Creek trägt, murmelte heute nacht noch ebenso melodisch
+wie in jenen entschwundenen Zeiten, als die Rothäute in ungestörter
+Freiheit Pumas in den Schluchten und Büffel oben auf den Prärien
+jagten. Joo Secakuku freute sich der Welt von Erinnerungen, die wie
+Gespenster aus dem nächtlichen Dunkel rings um das Feuer aufstiegen,
+er sprach mit Begeisterung, er sang mit Wärme und tanzte, als wenn der
+lange steinige Weg von El Tovar eine Kleinigkeit gewesen wäre.
+
+[Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach
+Südsüdwesten.]
+
+Bald zeichneten sich die Tänzer als schwarze Umrisse gegen die Flammen
+ab, bald zeigten sie sich in scharfen Formen, zur Hälfte beleuchtet vom
+Feuerschein, zur Hälfte verdunkelt vom Schatten, bald wieder hoben sich
+ihre Gestalten hell und rot von dem dunklen Hintergrund ab, und ihre
+Schatten tanzten wie riesige Gespenster auf der Felswand.
+
+Anmutig, weich und elegant wie der Tanz der Frauen in Samarkand,
+Dehli oder Kioto oder der Männer in Kaukasien ist dieser Tanz nicht.
+Er ist vielmehr eckig, wild und hastig. Die Indianer schleichen,
+ducken sich, kauern sich zusammen wie Katzen, schnellen empor,
+werfen sich zum Sprung nach vorn, drehen sich herum und stoßen ein
+durchdringendes Geheul aus. Während die orientalischen Tänze in
+Träume wiegen, berauschen und in unbekannte Länder führen, fesselt
+der Indianertanz in einer ganz andern Weise: man ist aufs äußerste
+gespannt, läßt sich keine Bewegung entgehen und fragt sich stets, was
+im nächsten Augenblick kommen soll. In Ladak und bei den Afridis und
+andern nordindischen Völkern kann man Tänze sehen, die an die der Hopi
+erinnern. Die Beschwörungstänze in tibetischen Klöstern sind jedoch
+anderer Art; dabei stehen die Tänzer und hüpfen bald auf dem rechten,
+bald auf dem linken Bein, drehen sich im Kreis herum, daß ihre Mäntel
+Pilzen gleichen, und fuchteln mit Armen und Beinen herum.
+
+Der Häuptling des Stammes und der Oberpriester bestimmen den Zeitpunkt
+für die alljährlich wiederkehrenden Tänze, die von dem Stand der
+Sonne und den Phasen des Mondes abhängen. Joo ahnte kaum, wie recht er
+hatte, als er ausrief: „Unsere Tänze sind ernst, euere nur Spiel und
+Zeitvertreib.“
+
+Die Tänze der Indianer haben Inhalt, Absicht und Zweck. Sie sind
+religiöse Handlung, Mittel, die Natur und ihre unbekannten Mächte zu
+verehren und anzurufen. Der „Büffeltanz“ der Hopi-Indianer, den wir
+jetzt sahen und der sonst in den Herbst gehört, bedeutet eine Bitte um
+reiche Jagdbeute und viel Schnee im kommenden Winter; denn die Dörfer
+und Farmen des Stammes liegen in der Painted Desert, und ihr Wohlstand
+hängt von den Niederschlägen und dem Vorrat ab. Die Tänzer sind
+hierbei als Büffel angeputzt mit Fell und Hörnern, und ihre Sprünge
+und Bewegungen erinnern an die des Büffels. Nachdem die verschiedenen
+Abteilungen des Tanzes erledigt sind, schreitet man zum Heiligtum, um
+den Naturkräften Opfer und Verehrung darzubringen.
+
+Dem „Adlertanz“ folgte ein „Kriegstanz“. Joo erklärte dazu, die
+Hopi-Indianer seien friedlich gesinnt, aber in früheren Zeiten hätten
+sie in der Notwehr tapfer gekämpft, wenn sie angegriffen worden seien.
+Daher hätten sie auch ihre Kriegsgesänge. „Aber fragt die Navahos und
+die Apachen,“ fügte er hinzu, „ob der Hopistamm nicht friedliebend ist.“
+
+Er erzählte von religiösen Vorstellungen und Bräuchen, die uns dunkel
+sind, von Geistern und ihrer Zaubermacht und von dem „Schlangentanz“,
+den Fremde selten zu sehen bekommen und der außerhalb der Grenzen des
+Indianerterritoriums nicht aufgeführt wird. Die Tänzer halten dabei
+lebende Schlangen im Munde. Im Zusammenhang hiermit sprach Joo auch von
+einer Art Brüderschaft, dem „Schlangenorden“, der in hohem Ansehen
+steht und dem er selbst angehört. Zuletzt sang er das „Erntelied“, das
+erotischen Inhalts zu sein scheint. Burschen und Mädchen sind auf den
+Feldern, um das Getreide zu mähen. Da sehen sie regenschwere Wolken
+aufsteigen; ein Gewitter ist im Begriff loszubrechen. Alle eilen
+hinweg, um in einer nahen Grotte Schutz zu suchen, in deren Mündung sie
+ein großes prasselndes Feuer anzünden. In der „Rauchgrotte“ vertreiben
+sie sich die Zeit mit Liebesspielen und fühlen sich sehr glücklich.
+
+Joo und seine Gefährten tanzten und sangen eine Stunde und noch eine
+zweite Stunde, bis sie um Mitternacht erklärten, sie hätten ihr
+Programm erledigt. Irgendwelche Müdigkeit war ihnen nicht anzumerken;
+wie Gemsen kletterten sie den Hang hinauf und verschwanden im Dunkel.
+Am nächsten Morgen sollten sie um 6 Uhr nach El Tovar zurückkehren und
+dabei unsere Maultiere benutzen dürfen, die Sandy zurückbringen sollte.
+
+Wir selbst verließen die verglimmende Glut und folgten den Indianern
+nach Hermit Camp hinauf. Den Anstieg von 175 Meter fühlte ich in meinen
+nach dem Ritt steifen Knien, und ich war recht froh, als ich endlich
+zur Ruhe ging, um in meinem Gitterkäfig die erste Nacht in der Tiefe
+des Gran Cañon zu verbringen. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte
+dem Geschrei der verwilderten Esel, der „Burros“. Sie wurden einst vor
+etwa fünfzig Jahren von Bergleuten zurückgelassen, schlugen sich allein
+durch, tranken aus Fluß, Bächen und Quellen und hatten zur Genüge
+Weide. Ihre Zahl wird jetzt auf ungefähr 3000 geschätzt. Sie streifen
+in kleinen Herden umher, jedoch nur südlich des Flusses. Niemand tut
+ihnen etwas zuleide, aber gleichwohl sind sie fast ebenso scheu wie
+die Wildesel in Tibet. Sie einzufangen und zu zähmen, hält man nicht
+der Mühe für wert, da sie durch die ständige Inzucht entartet und zur
+Arbeit untauglich sind.
+
+[Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado
+abwärts.]
+
+Über die Wärme brauchte man sich nicht zu beschweren, obwohl wir Mitte
+Juni hatten. Um 12 Uhr nachts waren 20 Grad, um 6 Uhr morgens am 17.
+Juni 16,7 Grad, so daß es einem sogar kühl vorkam, um 12 Uhr mittags
+25,5, um ½3 Uhr 29 und um 4 Uhr 32,5 Grad Celsius. Ich benutzte diesen
+Tag dazu, um einige kürzere Streifzüge zu unternehmen, Skizzen zu
+zeichnen und zwei Bücher über den Gran Cañon zu lesen, die ich bei mir
+hatte. Meine Reisegefährten Birchfield, Bryn und Kemp kehrten nach El
+Tovar zurück; an ihrer Stelle kam ein deutscher Professor, Leede, aus
+Seattle mit zwei Damen an.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Der Rio Colorado.
+
+
+Am nächsten Tag unternahm ich eine Fußwanderung durch das enge,
+gewundene, unbeschreiblich romantische Tal des Hermit Creek hinab
+an das Westufer des Coloradoflusses. Die Wärme hatte schon etwas
+zugenommen; um 11 Uhr hatten wir 27,3 Grad, aber unten im Hohlweg um
+½1 Uhr waren es 34,2 Grad. Der Himmel war strahlend klar, und heftige
+Windstöße wirbelten zwischen den Felsen. Der Pfad führte an dem
+Schauplatz des nächtlichen Tanzes vorüber und kreuzte dann wiederholt
+den kleinen klaren Quellbach, der in seinem steinigen Bett dahinrieselt
+und dessen Ufer hier und da mit ziemlich dichtem Gebüsch bewachsen ist.
+Auf der ganzen, 2½ Kilometer langen Strecke steigt man 275 Meter hinab,
+also fast einen Eiffelturm. Der Weg ist sehr bequem und an einzelnen
+Stellen mit Geländer versehen. Senkrechte oder steil abstürzende
+Felswände schließen die Schlucht Hermit Gorge ein. Eidechsen huschen
+zwischen Geröll und Felsblöcken umher. Sonst ist das Tierleben arm. Nur
+hin und wieder fliegt summend eine Bremse vorbei.
+
+Der Bach ist oft nur so breit, daß man mit einem Satz hinüberspringen
+kann. Wo er etwas anschwillt, sind Steine gelegt, auf denen man
+hinübergeht. Fünfzehnmal muß man den Wasserlauf überschreiten. Bei
+jedem Übergang bellte mein einziger Begleiter, der Rattler Rock, und
+ich kam bald dahinter, was er wünschte. Er wollte, daß ich einen Stein
+ins Wasser warf, den er dann blitzschnell holte und mir brachte.
+
+Nachdem man den Bach zum letztenmal gekreuzt hat, befindet man sich
+plötzlich an dem Punkt, wo der Hermit Creek in den breitern und doch
+so engen und scharf eingeschnittenen Korridor mündet, in dem der
+Colorado seine ungeheueren Wassermassen dahinwälzt. In dem Mündungstor
+des Nebentals, dessen Breite 25 Meter nicht übersteigen dürfte,
+hat sich ein kleines Feld Sanddünen gebildet, die zum Teil durch
+Pflanzenwuchs gebunden sind. Im übrigen ist der Fleck trocknen Bodens,
+der sich zwischen der Talmündung und dem Flußufer ausbreitet, voller
+Blöcke und Kies. Das Flußwasser hat graubraune Farbe und ist dick wie
+Erbsensuppe. Man glaubt zu fühlen, wie der Boden unter den schweren
+Wassermassen erzittert, und ein dumpfes massiges Dröhnen erfüllt die
+mächtige Granitrinne, die vom Hochrand aus wie ein ganz schmaler
+Streifen aussieht. Die Landschaft, die sich rings um mich entrollt, ist
+großartig, aber nicht merkwürdiger als die Uferlandschaft irgendeines
+Flusses im Himalaja. Man ist zwischen hohen Granitfelsen eingeschlossen
+und sieht nur in den Verlängerungen der beiden Täler, d.❁h. auf drei
+Seiten, einen Schimmer ferner Höhen. Oben auf dem Rand bei El Tovar
+oder andern Aussichtspunkten befindet man sich so hoch, wie man nur
+kommen kann, und muß bei der Betrachtung der eigenartigen Landschaften
+in horizontaler Richtung oder nach unten schauen. An der Stelle jedoch,
+wo ich jetzt stand, war ich so tief unten im Gran Cañon, wie man
+überhaupt hinabsteigen kann, und richtete den Blick geradeaus und nach
+oben, als ich die wilden Formen betrachte, die die Erosion erzeugt hat.
+
+[Illustration: Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten.
+
+Die Mauer der Palisaden mit Comanche Point in der Mitte; links im
+Schatten Marble Cañon und der Colorado; auf der Höhe der Palisaden
+rechts die Bunte Wüste.]
+
+Der Colorado kommt hier unmittelbar von Osten und ist von dunklen,
+steilen Granitfelsen eingerahmt. Längs des linken Ufers stromauf zu
+gehen, ist unmöglich; die Bergwände fallen senkrecht zum Wasser ab. Von
+meinem Beobachtungspunkt aus macht der Fluß einen langgestreckten Bogen
+nach Nordwesten, den auf dem linken Ufer senkrechte, oft überhängende
+Felswände einfassen, während die Berge des rechten Ufers steile Hänge
+bilden. Und wenn ich nach Südwesten blicke, das Tal des Hermit Creek
+hinauf, gewahre ich eine mächtige Bergpartie, die abwechselnd aus
+Terrassen und Stufen besteht und in der Gegend von Hermit Basin vom
+Südrand vorspringt.
+
+Unmittelbar unterhalb der Einmündung des Nebentals in das Haupttal
+fesseln unsere Aufmerksamkeit die Hermit Falls. Hier kocht und siedet
+der Fluß, und die Wassermassen scheinen miteinander zu ringen; sie
+zwängen sich zwischen Blöcken hindurch, die ins Bett herabgestürzt
+und über Wasser nicht zu sehen sind. In Wirklichkeit sind es keine
+Fälle, sondern nur Stromschnellen. Oberhalb, d.❁h. östlich von ihnen,
+ist der Colorado breiter, ruhiger und stiller. Aber dann beginnt der
+Sog der Stromschnelle. Das Wasser baucht und wölbt sich in schön
+geformten blanken Wogen, die bei dieser Wassermenge ständig die gleiche
+Lage und Gestalt behalten. Die erste große Woge krümmt sich zu einem
+überhängenden Kamm, der keine Schaumkrone trägt, aber einen dunklen
+Schatten unter sich hat. Die nächste bricht sich in zischendem,
+schäumendem Gischt. Aus diesem Hexenkessel steigt das Dröhnen auf, das
+das Tal erfüllt.
+
+[Illustration: Brahma- und Zoroaster-Tempel, von Wylie Way Camp aus.]
+
+Ich blieb hier mehrere Stunden und machte einige Zeichnungen. Um 3
+Uhr war die Temperatur auf 36,1 Grad gestiegen, aber ich befand mich
+ja auch in dem eingeschlossenen Tal zwischen Felsplatten, auf die die
+Sonne brannte. Die Luft war meist ruhig, nur hin und wieder kam eine
+frische Ostbrise, die den Flugsand in tanzenden Wolken aufwirbelte.
+Von Zeit zu Zeit eilten kleine schwarze Stämme und Äste Treibholz auf
+der Oberfläche des Flusses vorüber. Sie verrieten deutlicher als das
+Wasser selbst, wie kräftig der Sog der Strömung war. In den Strudeln
+der Stromschnellen verschwanden sie spurlos.
+
+Meinem Freund Rock muß ich einige Zeilen widmen. Einen angenehmern
+Gesellschafter hätte ich am Ufer des Colorado kaum haben können. Er
+war prächtig. Ich saß auf einem runden Block, der halb vom Wasser
+umspült wurde, und zeichnete. Gleich davor ragte ein zweiter Block
+aus den graubraunen Wogen; zwischen beiden wurde das Wasser vom Sog
+zusammengedrängt, so daß es ununterbrochen aufspritzte und plätscherte.
+Es sah aus, als würden unaufhörlich Steine ins Wasser geworfen; dieser
+Scherz reizte Rock. Er stellte sich auf die äußerste Spitze meines
+Blocks und bellte sich heiser. Von Zeit zu Zeit wandte er sich an
+mich, um sich über diese rücksichtslose Verhöhnung zu beklagen. Mir
+blieb nichts anderes übrig, als einen Stein in den Fluß zu werfen. Der
+Hund sprang mit wirklich großartiger Kühnheit ins Wasser, tauchte,
+fischte den richtigen Stein unter tausend andern heraus, kam triefend
+naß wieder ans Ufer und legte ihn neben mich, gab mir eine Dusche, die
+mein Skizzenbuch in Gefahr brachte, spitzte die Ohren, sah mich an und
+wartete auf den nächsten Stein. Er hütete sich wohl, in allzu tiefes
+Wasser zu geraten, und war stets darauf bedacht, daß er festen Grund
+unter den Füßen hatte. Zwar störte er mich beim Zeichnen, aber keiner
+von uns wurde des Spiels müde, und ich weiß nicht, wer von uns den
+größten Spaß daran hatte, Rock oder ich.
+
+Um ½6 Uhr zeigte das Thermometer 18 Grad im Fluß und 29 Grad in der
+Luft. Als ich eben im Begriff stand aufzubrechen, um nach Hermit Camp
+zurückzukehren, erschien Herr Poquett mit zwei Maultieren; ich brauchte
+daher die 275 Meter nicht zu Fuß zu erklimmen. Wir kamen grade zum
+Essen zurecht. Außer ~Dr.~ Leede und seinen beiden Damen war noch
+eine Gesellschaft von El Tovar angelangt. Es waren junge Mädchen,
+Lehrerinnen an irgendeiner Schule, die ihre Ferien dazu benutzten,
+ihren Bildungshunger zu stillen und ihr großes Land kennenzulernen. Nur
+10,2 vom Hundert aller Touristen, die El Tovar besuchen, gehen auch in
+den Cañon hinunter, und von diesen sind 60 vom Hundert Damen, meist
+Lehrerinnen und Kinderfräulein.
+
+Am Abend goß eine schmale Mondsichel ihren bleichen, gespenstischen
+Schein über das wunderbare Tal, und an ein paar Stellen ertönten die
+Schreie der wilden Esel. Wie ein mächtiges Denkmal, eine rätselhafte
+Sphinx der Sagenzeit hob der Hermit Peak seine dunkle Spitze zum
+Nachthimmel empor; über ihm funkelte wie ein Diadem ein Stern.
+
+[Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die
+Tempel in Nord 12° West.]
+
+Da ~Dr.~ Leede und seine Frau am Nachmittag des 19. Juni nach
+El Tovar zurückkehrten, beschloß ich, mich ihnen anzuschließen. Die
+Versuchung, am Fluß entlang nach Indian Garden zu gehen und von dort
+nach El Tovar hinaufzusteigen, war nicht groß; einerseits hatte ich
+einen Ausflug über Indian Garden und den Colorado nach dem Nordrand
+des Gran Cañon bereits geplant, anderseits ist der mehr als 32
+Kilometer lange Weg längs des Flusses ziemlich eintönig. Übrigens hält
+er sich auf ein und derselben Höhe, ungefähr der gleichen wie Hermit
+Camp, und da er einen Tag fast ganz in Anspruch nimmt und so gut wie
+ohne Wasser ist, bekommt man keine Gelegenheit, zu zeichnen. Er heißt
+Tonto Trail, weil er die ganze Zeit auf den Hängen der Tontoformation
+läuft. Gleich unterhalb Hermit Camp trennt er sich von dem Pfad, auf
+dem wir vom Südrand herabgekommen waren. In scharfen zeitraubenden
+Biegungen nach Süden muß er tief eingeschnittenen Nebencañons
+ausweichen, dem Monument Creek und dem Horn Creek, um schließlich in
+den Indian Garden Creek zu münden. Dann muß er in ebenso scharfen
+Krümmungen nach Norden die vorspringenden Kaps des Südrandes umgehen,
+Cope Butte, die Fortsetzung von Pima Point, auf dessen Rücken die
+steilen Cathedral Stairs liegen, und The Alligator mit seinen beiden
+nach Nordwesten und Norden vorspringenden Felsenzungen.
+
+Wir brachen also nach dem Lunch auf, kamen an einem Platz mit dem
+bezeichnenden Namen Four Echo Rock vorüber und waren nach zwei Stunden
+wieder bei Santa Maria Spring, wo wir Wasser tranken und Apfelsinen
+aßen. Unten bei Hermit Camp war die Temperatur 33,5 Grad gewesen, jetzt
+war sie auf 26 gefallen.
+
+Der Ritt die steilen Hänge hinan ist für einen ungeübten Reiter viel
+leichter als der Ritt bergab. Im erstern Fall sitzt man wie in einem
+Stuhl, der Schritt für Schritt ruckweise in die Höhe gehoben wird, im
+andern Fall muß man die Füße fest gegen die Steigbügel stemmen, um
+nicht kopfüber über das Maultier zu rutschen. Wie man mir erzählte,
+ist in den siebzehn Jahren, seitdem El Tovar gebaut war, nicht ein
+einziger Unglücksfall vorgekommen.
+
+Am obersten Rand ist eine gemütliche Unterkunftshütte, Hermit Rest,
+errichtet. Hier brennt an kalten Tagen ein Feuer in einem offnen
+Herd, und jetzt im Sommer erhält man für wenig Geld erfrischende
+Getränke, Gebäck und Ansichtskarten. Ein telephonisch bestelltes Auto
+brachte uns im Nu nach El Tovar zurück, das voller hübscher Misses und
+Vergnügungsreisender aller Art war.
+
+Der ganze Himmel war den Tag über bewölkt und sah drohend aus. Die
+eigentliche Regenzeit beginnt jedoch erst einen Monat später. Man
+fand aber das Jahr 1923 kälter als gewöhnlich und argwöhnte, der
+Regen werde früher als sonst einsetzen. Ich gab mich der Hoffnung
+hin, das Wetter werde sich halten, bis ich alles gesehen hatte, was
+ich sehen wollte; denn bei Regen verliert der Gran Cañon seinen Reiz,
+die charakteristische Skulptur kommt nicht zu ihrem Recht, und die
+herrlichen Farben verschwinden. Dagegen rufen die Nebel, die von Zeit
+zu Zeit die gewaltige Talfurche füllen, überaus eigenartige Wirkungen
+und höchst überraschende Landschaftsbilder hervor. Tempel, Pagoden und
+Felsenkaps ragen dann aus dem Nebel empor wie Riffe und Schären in
+einem aufgeregten Meer.
+
+Einen Ruhetag benutzte ich dazu, am Rand entlang spazieren zu
+gehen und von malerischen Punkten aus Skizzen zu zeichnen. Auch
+verbrachte ich geraume Zeit bei dem liebenswürdigen Oberst Crosby, dem
+Regierungsvertreter. Er wohnt nicht weit vom Bahnhof im Wald in einem
+ungewöhnlich hübschen Landhaus. Er schenkte mir Karten, Broschüren
+und Photographien, und wir schmiedeten Pläne zu ein paar neuen
+Autoausflügen am Südrand entlang, so weit man überhaupt kommen kann.
+
+Am Nachmittag hörte ich einen sehr spannenden, lehrreichen Vortrag
+des Herrn Ellsworth L. Kolb, der eine verwegene Bootfahrt auf dem
+Coloradofluß durch den Gran Cañon unternommen hatte, wie seinerzeit
+Major Powell. Dann besuchte ich Joo Secakuku in seinem Haus, nachdem
+er seine gewohnten Tanzvorführungen beendet hatte. Er zeigte mir
+indianische Matten mit eigenartigen Mustern, und ich kaufte zehn davon.
+
+Schließlich traf ich auch mit Herrn Ford Harvey und dem Vizepräsidenten
+seines Konzerns, Herrn Wells, zusammen, zwei liebenswürdigen,
+sympathischen und gastfreien Herren. Sie waren nach El Tovar gekommen,
+um mit ihrem Architekten und andern Sachverständigen an Ort und Stelle
+über die Erbauung eines neuen großartigen Hotels zu beraten, da das
+alte, das mehr als eine Million Reichsmark gekostet hat, jetzt nicht
+mehr ausreichte und in wenigen Jahren viel zu klein sein würde. Wie
+ich schon erwähnte, ist die Zahl der jährlichen Besucher ständig im
+Steigen. Am heutigen Tag waren achthundert Gäste eingetroffen, und
+wenn auch die meisten Automobilisten sind, die in oder neben ihren
+Kraftwagen übernachten, so ist das Hotel doch stets vollbesetzt.
+Ich erlaube mir dem jungen Architekten als meine Ansicht zu sagen,
+ein Hotel bei El Tovar müsse so liegen und so gebaut werden, daß
+man von möglichst vielen Zimmern freie Aussicht auf den Gran Cañon
+hat. Ich würde es auch nicht in eine eingeschnittene Bucht legen,
+wie es jetzt in El Tovar der Fall ist, wo die im Osten und Westen
+vorspringenden Felsenkaps nur eine Aussicht gestatten, die nicht einmal
+die Breite eines Quadranten erreicht. Nein, ich würde es auf Hopi
+Point errichten, von wo aus man durch die Fassadenfenster zwei volle
+Quadranten oder den halben Gesichtskreis und von den Eckzimmern drei
+Quadranten beherrschen könne. Das jetzige Hotel bei El Tovar ist, was
+die Aussicht anlangt, so mißraten wie nur möglich.
+
+[Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord
+60° Ost.
+
+Rechts Yavapai Point.]
+
+So plaudernd, saßen wir in der großen Halle, die gleichzeitig als
+Gesellschaftszimmer dient, und die Feuer prasselten in den Kaminen.
+Auch heute war das Wetter trüb, windig und kalt gewesen, und um 2
+Uhr nachmittags hatte das Thermometer nur 9,2 Grad gezeigt. Der
+beträchtlichen Höhe über dem Meer ist es zuzuschreiben, daß hier mitten
+im Sommer und in 36 Grad nördlicher Breite eine so niedrige Temperatur
+herrscht.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Navaho Point.
+
+
+Nach einem Besuch bei dem Maler Dawson Watson, der mir seine
+verzweifelten Versuche zeigte, die Pracht des Gran Cañon in Öl
+wiederzugeben, und nachdem ich im Museumsgebäude Aykens großes
+Gemälde über das gleiche hoffnungslose Thema betrachtet hatte, ein
+Gemälde, das in künstlerischer Hinsicht recht gelungen ist, fuhr ich
+im Auto ostwärts nach dem gegen 48 Kilometer (30 englische Meilen[1])
+entfernten Desert View oder Navaho[2] Point. Es war 3 Uhr, und die
+Temperatur angenehm (20 Grad), als ich aufbrach, um das Ziel meiner
+Fahrt zu erreichen, ehe die Sonne unterging.
+
+Herr Petrosa hatte mich mit Mundvorrat für den Abend und den
+ganzen nächsten Tag versehen; denn ich wollte in einer der drei
+Unterkunftshütten übernachten, die sich bei Navaho Point befinden,
+jedoch unbewohnt waren. Man gab mir daher auch Petroleum für die Lampe
+mit und Bettzeug, Laken und Decken, sowie vor allem den Schlüssel zum
+Küchenhäuschen, das mit einem Herd ausgestattet war und wo ich Tee oder
+Kaffee kochen und vielleicht in den Schränken etwas Eßbares, Marmelade
+oder ähnliches, finden konnte. Kurz vor dem Aufbruch fragte einer der
+Herren im Hotel, ob ich nicht eine Feuerwaffe mitnehmen müsse, da man
+vor Pumas, Luchsen, Wildkatzen und Heulwölfen nicht sicher sei, aber
+ich faßte seine Warnung als Scherz auf und wurde auch von wilden Tieren
+nicht gestört.
+
+Herr Tillotson, einer der Herren des Stabes am Gran Cañon, fuhr mich
+in einem kleinen Fordwagen durch den Wald. Bis Grand View war der Weg
+ausgezeichnet. Wir kamen an Thors Hammer vorüber, ließen Grand View
+zur Linken und mußten infolge einer Panne eine gute Stunde bei einem
+Ranch halten, der einst als Gasthaus gedient hatte. Hier ist die Grenze
+des Nationalparks. Das Gebiet ist vom Zeitungskönig W. R. Hearst
+gekauft worden, der die Absicht haben soll, sich am Rande des Abgrundes
+ein Haus zu bauen, um sich dadurch noch eine friedliche Wohnstätte
+zu verschaffen zu den vielen, die er schon besitzt und in die er
+sich für ein, zwei Wochen von seinem geräuschvollen Zeitungsgewerbe
+zurückzuziehen pflegt. Von diesem Punkt hat man eine prächtige Aussicht
+auf den Cañon und seinen Südrand, der nach Nordosten zu höher zu werden
+scheint, wo sich drei bewaldete, durch senkrechte, nackte Felswände
+voneinander getrennte Kaps hintereinander zeigen.
+
+[Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach
+Ostnordosten.]
+
+Der Weg wird schlechter, aber nirgends schwierig. An einzelnen Stellen
+waren kleine Trupps von Navaho-Indianern damit beschäftigt, die
+Fahrbahn auszubessern. Von einem hölzernen Aussichtsturm, der über
+den Wald emporragt, wird ständig Ausguck gehalten, um die Viehhalter
+und Farmer der Gegend zu warnen, wenn ein Waldbrand ausgebrochen
+ist. Es muß ein schrecklich langweiliger Beruf sein, dort oben zu
+sitzen und den Wald anzugucken. Wenn man dagegen so wie ich zum
+erstenmal durch diese dunklen, kühlen Säulengänge dahinsaust, hat man
+seine Freude daran. Hier ist es still und feierlich. Selten rauscht
+ein Windhauch durch die Kronen der Bäume. Ein Reh, ein Murmeltier
+und ein Präriehund waren die einzigen Bewohner des Waldes, die sich
+erblicken ließen. Der graugelbe Präriehund, ein Nagetier, saß in einer
+Lichtung und betrachtete uns gelassen. Auch Stachelschweine sollen
+hier hausen und nicht selten in Sehweite kommen. Plötzlich hallte ein
+schrecklicher Lärm durch den sonst so stillen Wald; eine ganze Karawane
+von Autoomnibussen kam uns entgegen, nicht weniger als acht Wagen,
+voll besetzt mit Touristen, die von ihrem Ausflug nach Navaho Point
+zurückkehrten. Die Wagen donnerten und rasselten an uns vorüber, und
+der Boden erzitterte unter ihnen. Es war recht angenehm, zu wissen, daß
+wir also die Luft rein finden würden, wenn wir Navaho Point erreichten.
+
+Herr Tillotson machte mich auf die in diesem Urwald vorherrschenden
+Bäume aufmerksam. Es waren die Gelbkiefer (~Pinus ponderosa~), die
+Douglastanne (~Pseudotsuga taxifolia~), der Utahwacholder (~Juniperus
+utahiensis~) und die Färbereiche (~Quercus tinctoria~). Eine halbe
+Stunde, ehe man am Ziel ist, hört die Gelbkiefer auf, und die Nußkiefer
+(~Pinus edulis~) herrscht vor. Die Gelbkiefer zeigt sich jedoch wieder
+in einer Senke, wo die lockere Erdschicht mächtiger ist; denn dieser
+Baum beansprucht mehr Erde als die andern.
+
+Der Weg läuft in so scharfen Biegungen, daß man bisweilen nach Westen
+fährt. Hier und da sind „Tanks“ angelegt, Teiche zum Ansammeln des
+Regenwassers für das im Wald weidende Vieh, das sonst verdursten würde.
+Wir lassen Lipan Point zur Linken und sind um ¾6 Uhr am Ziel.
+
+Zwischen den Bäumen auf dem nach Norden vorspringenden Kap Navaho Point
+oder Desert View sind etwa hundert Schritt vom Rande des Abgrundes
+entfernt drei Unterkunftshütten errichtet. Die östlichste von ihnen ist
+an ihren beiden Schmalseiten mit Veranden versehen, die von Drahtnetzen
+umschlossen werden, und enthält den Speiseraum und die Küche. In
+der Küche befinden sich ein kleiner Herd und wandfeste Schränke mit
+einigen Vorräten wie Tee, Zucker, Kaffee, Marmelade und Keks, eine
+Wasserleitung, Eimer, Kannen, Schöpfkellen, Teller, Schüsseln, Tassen
+usw. aus emailliertem Blech.
+
+Die westlichste Hütte besteht aus einem einzigen Raum mit Veranda.
+Das Zimmer ist mit Bett, Kommode, Waschgestell, einigen Rohrstühlen
+und einem eisernen Ofen ausgestattet. Von der gleichen Art ist die
+mittlere Hütte. Ein paar kleinere Reisegesellschaften können also an
+dem Ort übernachten. Doch jetzt war keine Menschenseele in Navaho
+Point, kein Wächter oder Diener, nicht einmal ein Indianer oder ein
+Neger. Den letzten Besuchern waren wir unterwegs begegnet; keiner
+von ihnen hatte Lust gehabt, hier über Nacht zu bleiben. Ich würde
+also mutterseelenallein in der Wildnis sein, fern von El Tovar, dem
+äußersten Vorposten der Zivilisation.
+
+Tillotson öffnete die beiden Hütten, die ich benutzen wollte, und
+zeigte mir, wo ich alles finden konnte. Nachdem wir Gepäck und Proviant
+abgeladen und in meine Schlafhütte gebracht hatten, sagte er mir
+Lebewohl und verschwand mit seinem Auto im Wald. Ich trug ein paar
+Stühle an den Rand des Kaps und begann einige Umrißskizzen zu zeichnen
+und zu kolorieren. Es muß schnell gehen, denn die Schatten werden mit
+jeder Minute länger, und das Farbenspiel wechselt ständig. Die ganze
+von Norden nach Süden laufende Felswand der Palisaden, die die denkbar
+schärfste Grenze gegen die Painted Desert im Osten bildet -- eine
+viel gewaltigere Grenze als die Chinesische Mauer in den Tagen ihres
+Glanzes -- und an deren Westfuß der Colorado fließt, ist jetzt bei
+Sonnenuntergang in leuchtend rotes Licht getaucht. Fast alles andere
+liegt im Schatten. Im Talgrund ist noch das sich schlängelnde silberne
+Band des Flusses zu unterscheiden.
+
+Die Sonne steht am Horizont in der westlichen Verlängerung des Gran
+Cañon und geht in Feuergluten unter. Da verblaßt die rote Beleuchtung
+auf den „Palisaden der Wüste“, und alle Farben schmelzen zu einem
+ziemlich tonlosen Violett und Grau zusammen. Auch diese Beleuchtung
+versuchte ich in einer schnellen Skizze festzuhalten, wobei ich mehr
+die Stimmung als die Einzelheiten der Topographie berücksichtigte. Nach
+einer Weile verwischen sich die Einzelheiten mehr und mehr, die bei
+Tageslicht so scharf hervortretenden Formen verschwimmen, und nur die
+großen Züge machen sich in verschiedenen kräftig beschatteten Feldern
+geltend. Über dem westlichen Horizont lag noch eine Zeitlang ein
+starker Widerschein der sinkenden Sonne, und über der Erde schwebte wie
+eine lange gerade Brücke eine Wolke.
+
+[Illustration: Aussicht von Havasupai Point nach Westen.]
+
+Nur ein Meter von meinem Aussichtspunkt entfernt gähnte die
+schwindelnde Tiefe. Ein undurchdringlicher Nebel scheint dort unten
+zu herrschen. Nur der Nordrand des Cañon ist noch scharf gezeichnet,
+und das Flußbett hebt sich als hellerer Streifen von seiner Umgebung
+ab. Aber die Dämmerung wird dichter, und der Vorhang der Nacht senkt
+sich vor die großartige Skulptur. Hinter mir rings um die Hütten wird
+der Wald dunkel, der Mond steht hoch am Himmel, und die Fichten ragen
+wie Spukgestalten mit ausgestreckten Armen in die Höhe, sie werfen
+rabenschwarze Schatten auf die hellen Kalksteinflächen. Die leichte,
+ungleichmäßige Abendbrise, die in den Baumkronen gerauscht und das Kap
+umbraust hat, ist eingeschlafen; es ist grabesstill am Rand des Gran
+Cañon.
+
+Die Stimmung ist wunderbar, ihre Erhabenheit unbeschreibbar. Das
+Gefühl des Schwindels verschwindet -- man sieht jetzt ja nicht, wie
+tief es bis zur Talsohle ist. Ich sitze immer noch da und lausche und
+habe die Empfindung, als erwartete ich, daß etwas geschehen werde.
+Aber kein Laut stört die Stille. Doch was ist das? Ach, nur eine
+Schleiereule. Vergebens warte ich darauf, zu hören, daß ein Stein sich
+löst und den Steilhang hinunterstürzt. Aber in dieser Nacht stehen die
+Mauern des Cañon fest, nichts fällt hinab. Ich meinte sicher zu sein,
+daß die Heulwölfe, die Cojote der Painted Desert, an den Waldrand
+kommen und klagen und heulen würden. Aber vergebens warte ich auch
+auf sie. Vielleicht wittern sie, daß sich ein Mensch in der Wildnis
+niedergelassen hat, und halten sich daher fern.
+
+[Illustration: Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei
+Bright Angel Point.]
+
+Es ist ein recht ungewöhnliches und eigenartiges Gefühl, ganz allein
+zu sein, nicht einmal einen Hund als Gesellschaft zu haben und zu
+wissen, daß es bis zum nächsten Menschen vierzig, fünfzig Kilometer
+sind. Nachdem ich jetzt beobachtet hatte, wie die Nacht den Gran Cañon
+in ihre Obhut nahm, hatte ich nichts weiter zu tun, als im Küchenherd
+Feuer zu machen, Teewasser aufzusetzen und in meiner Hütte die
+schönen Sachen aufzutischen, die Herr Petrosa in meinen Korb gepackt
+hatte, belegte Brote, Brot, Butter und Käse, Huhn und Eier, eine
+Flasche Rotwein und eine Flasche Sahne, Apfelsinen, Pfirsiche und
+Pflaumen. Das Schweigen des Waldes und des Abgrundes umgab mich. Ich
+vermißte nicht die Signale der Lokomotive, das Ächzen des Motors
+oder das Brausen menschlicher Stimmen. Mein Zimmer hatte fünf
+Fenster mit Glasscheiben, und ich zog die Vorhänge auf, um den Mond
+hereinscheinen zu lassen. Die Tür zwischen Stube und Veranda durfte
+offenbleiben, die Außentür der Veranda dagegen war geschlossen, und
+die unternehmungslustigen Katzen hätten wohl vergeblich versucht, das
+Drahtnetz zu zerreißen. Das Dach ist doppelt; es besteht aus Schindeln
+und Sackleinwand und flattert und klatscht wie ein gewöhnliches
+Zelttuch, wenn ein nächtlicher Windstoß über die Gegend zieht.
+
+Über die Wärme brauche ich mich nicht zu beklagen: es war ziemlich
+frisch, um 8 Uhr abends 12,2 Grad und um 11 Uhr 7,8. Nachdem ich mir
+mein Lager zurechtgemacht und aus der Küche Waschwasser geholt hatte,
+ging ich wieder auf das Kap hinaus, um einen Abschiedsblick auf die
+rätselhafte Urwelt zu werfen, die offen in der Nacht dalag. Dann legte
+ich mich hin, löschte die Lampe und lag im Mondschein noch eine Weile
+wach; nach wie vor lauschte ich vergeblich auf das Abendlied der Cojote.
+
+Am andern Morgen um ½6 Uhr war ich schon wieder draußen auf dem Kap.
+Gerade war die Sonne aufgegangen. Aber der rote Schein fehlte ganz,
+der am Abend vorher die Mauer der Palisaden gefärbt hatte; er wird
+wahrscheinlich von den in der Luft herumfliegenden feinen Staub- und
+Wasserdampfteilchen hervorgerufen. Jetzt war der Himmel vollkommen
+klar und blau, die roten Töne verschwunden. Im Westen war der Cañon
+herrlich beleuchtet, doch nicht in den warmen Tönen des Abends. Die
+Palisadenwand und der von Norden nach Süden strömende Teil des Colorado
+lagen in tiefem Schatten. Die Landschaft hatte ihr Aussehen völlig
+verändert. Aber die großen Linien waren stets dieselben, die vom
+Nordrand und Südrand vorspringenden Kaps, Hügelketten und Tempel waren
+vom Licht des Morgens übergossen. Das Thermometer zeigte 8,4 Grad; um
+½10 Uhr war die Temperatur auf 14 Grad gestiegen.
+
+Nachdem ich in der Küche mein Frühstück eingenommen hatte, begab ich
+mich mit Zeichenblock, Wasserfarben und Wasser wieder auf das Kap
+hinaus und stellte meinen Stuhl in den Schatten einer Kiefer. Der
+Tag war strahlend klar, aber es wehte ziemlich frisch, und der Wind
+heulte in Schroffen und Vorsprüngen und in den Kronen der Bäume. Eine
+Schwalbe schießt an mir vorüber, knapp über der Erde; aber eine Sekunde
+später, nachdem sie den Felsrand hinter sich gelassen und über den
+Cañon hinausgesegelt ist, befindet sie sich plötzlich 1400 Meter über
+dem Erdboden. Sonst ist das Vogelleben wenigstens hier draußen auf dem
+Kap recht arm; auch die Insekten sind spärlich vertreten. Ein paar
+Fliegen summen in der Luft, und eine Libelle blitzt über dem Abgrund
+auf, kehrt aber um und fliegt in den Wald hinein. Die Schwalben wurden
+gegen Abend recht zahlreich und schienen Vergnügen daran zu finden,
+einander über die gähnende Tiefe hinauszujagen. Im übrigen stört mich
+nichts; keine Laute sind zu vernehmen, keine Stimmen zu hören, tiefster
+Sonntagsfrieden herrscht überall. Einsam sitze ich am Hochrand, vor
+mir und unter mir das großartigste Schauspiel, das es auf Erden gibt.
+Ich schaue nur und bewundere und kann mich nicht dazu bringen, mit
+Zeichnen zu beginnen. Man ertrinkt ja in diesem ungeheuren Reichtum
+an Einzelheiten, man kommt sich ungeschickt, lächerlich und verzagt
+vor und findet, daß die Aufgabe völlig unlösbar ist. Und nimmt man
+seine Zuflucht zu einer Kamera mit großen Platten und scharfen Linsen,
+dann erhält man zwar ein treues Bild dieser Hunderttausende dunkler
+senkrechter Furchen, die durch die Erosionskraft des Regens und die
+Verwitterung entstanden sind, und dieser wagerechten Schichten,
+Leisten, Stockwerke und von steilen Stufen unterbrochenen Mauern, die
+die Ablagerungen der geologischen Zeitalter erkennen lassen, aber die
+Farben fehlen und die Luft; die Perspektive, die Entfernungen und die
+ungeheuren Tiefen kommen auf einer Photographie nicht zur Geltung.
+
+[Illustration: Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West.]
+
+Mit Todesverachtung beginne ich endlich ein Aquarell. Der ganze Cañon
+ist von Sonne überflutet. Die Schatten machen sich wenig geltend. Sie
+sind sonst eine Hilfe, denn sie verbergen die Einzelheiten gewisser
+Felder. Ich versuche, alle Nebensächlichkeiten auszuschließen und mich
+an die großen Linien zu halten, aber bald finde ich, daß ich mich
+trotzdem in allzu viele Kleinigkeiten verliere und daß die Zeit nur
+zu schnell entflieht. Und ohne Einzelzüge fehlt dem Cañonbild doch
+viel von seinem eigenartigen Reiz. Diese zahllosen hervortretenden,
+sonnenbeleuchteten Säulen zwischen den senkrechten Erosionsrinnen
+gleichen riesigen, in verschiedenen Stockwerken übereinanderliegenden
+Galerien einer Kathedrale von übermenschlichen, phantastischen Maßen,
+ihrer unermeßlichen Anzahl gegenüber fühlt man sich machtlos. Dennoch
+arbeite ich drauflos; aber das Ergebnis ist jämmerlich. Gestern abend,
+als die letzten Minuten einander jagten und die ganze Landschaft rot
+war oder in Schatten lag, gelang mir die unbeschreibliche Stimmung
+besser.
+
+Im Osten fallen die senkrechten Mauern meines Kaps in eine
+kleinere Einbuchtung ab, einen Seitencañon ohne Namen, an dessen
+gegenüberliegendem Rand die Mauer der Palisaden einschwenkt und in die
+eingekerbte Linie des Südrandes übergeht. Auf der Hochfläche östlich
+der Palisaden schimmern schwach gewellte grüne Felder, die Wiesen
+gleichen; wahrscheinlich sind es Sträucher, Präriepflanzen, vielleicht
+Unterholz, das sich infolge der Entfernung nur durch sein Grün geltend
+macht. Ein tafelförmiger Berg ist auch in dieser Richtung zu sehen. Im
+Osten und Nordosten breitet sich Painted Desert, die Bunte Wüste, aus,
+auf deren „Mesas“ die Hopi-Indianer ihre Dörfer erbaut haben. Diese
+Wüste nimmt die ganze Nordostecke des Staates Arizona ein und erstreckt
+sich auch in die Nachbarstaaten Utah, Colorado und Neumexiko hinein.
+Ihre Westgrenze ist der Cañon des Colorado; von hier zieht sie sich,
+so will es dem Auge scheinen, ins Unendliche; sie schillert in den
+leichtesten, entzückendsten Farbtönen und Übergängen, in Gelbgrau und
+Rot, in Rosa und Hellgrün, in Blau und Violett. Flache Bodenwellen und
+einige platte, tafelförmige Anhöhen sind in immer helleren Tönungen
+bis in eine verschwindende Ferne zu sehen; man kann nicht immer
+entscheiden, ob ihre Umrißlinien der Erde angehören oder nur Dunstbänke
+sind oder dünne Wolkenschleier am Horizont. Diese Wüste, so ungleich
+den asiatischen Mustern mit ihrem eintönigen Graugelb und ihren ewigen
+Flugsandfeldern, übt wie diese einen geheimnisvollen Zauber aus, und
+ich muß meine Sehnsucht bekämpfen, ein, zwei Wochen in ihrem Innern
+zuzubringen.
+
+Ein sehr charakteristischer, scharf hervortretender Zug in dem mir
+am nächsten liegenden Teil der Painted Desert ist die dunkle Linie,
+die den Cañon des Kleinen Colorado bezeichnet. Dieser linke Nebenfluß
+des Colorado entspringt auf dem Coloradohochland und fließt in fast
+gerader Linie nach Nordosten, um sich mit dem Hauptstrom zu vereinigen,
+kurz bevor dieser sein scharfes Knie nach Westen macht. Da sich der
+Beschauer auf Navaho Point fast in derselben Höhe befindet wie die
+allgemeine Oberfläche der Painted Desert, ist es klar, daß die ganze
+Tiefe des Korridors des Kleinen Colorado seinen Blicken verborgen
+bleiben muß. Das einzige, was er sieht, ist der oberste Rand des
+rechten Ufers, der ebenso senkrecht und scharf gezeichnet ist wie der
+„Rim“ an den Seiten des Großen Cañon. Daß man überhaupt etwas von
+diesem rechten Rand erblickt, beruht darauf, daß er höher ist als der
+linke.
+
+[Illustration: Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran
+Cañon. (Nord 30° Ost.)]
+
+Vertieft man sich in die Aussicht von Navaho Point, dann ist man sich
+klar: dies ist doch das Großartigste, was ich bisher vom Gran Cañon
+gesehen. Allerdings: denselben Eindruck hatte ich vorher bei Grand
+View gehabt. Man tut wohl am besten, gar keine Vergleiche anzustellen,
+sondern einfach zu gestehen, daß jeder dieser Aussichtspunkte uns
+eine Welt unvergleichlicher, ungeahnter Schönheit schenkt. Von El
+Tovar aus beim satten Purpurglanz des Sonnenuntergangs gesehen, sind
+die Pagoden und Türme am Nordrand vielleicht das prächtigste all der
+Schauspiele, denen man hier beiwohnen darf. Aber Navaho Point beschert
+uns nicht nur den Anblick der roten Pracht der Abendbeleuchtung auf den
+Palisaden, sondern hat auch den Vorzug, daß wir das Tal des Colorado
+sowohl nach Norden im Marble Cañon beherrschen wie nach Westen, wo er
+seine Stromrinne in den Granit eingesägt hat. Denn Navaho Point liegt
+gerade im Knie, wo der Fluß seinen Lauf ändert und nach Westen fließt,
+nachdem er eben noch von Norden nach Süden strömte. Von Nordnordosten
+kommend, wälzt er sich durch den Marble Cañon und beschreibt
+unmittelbar oberhalb und unterhalb der Mündung des Kleinen Colorado
+nur sehr unbedeutende Bogen. Gerade unter Comanche Point hat er sich
+in Mäanderwindungen eingeschnitten, deren erste auf einigen Skizzen
+von mir deutlich erkennbar ist. Mit Hilfe des Fernglases sehe ich, wie
+sich die Wassermassen ungestüm vorwärts wälzen, aber kein Laut ihres
+Tosens dringt an das Ohr. Das Wasser selbst und die Kiesbänke an den
+Ufern haben die gleiche graue Färbung wie die Tontohänge. An ein paar
+Stellen des Ufersaums sind schmale grüne Vegetationsbänder zu sehen. Im
+Nordwesten und Westen wird der Fluß und der weiter stromab beginnende
+Granitkorridor von einem mächtigen Ausläufer der Felswand des Südrandes
+verdeckt. Links von der Pyramide dieses Ausläufers wird ein Stück
+der Granitschlucht als ungeheurer, klaffender Spalt sichtbar, mit
+Seitentälern, die gleich dunklen Keilen die Tontohänge durchschneiden.
+Von hier aus gesehen, erscheinen diese Abhänge nicht besonders steil,
+und bei der Beleuchtung, die um Mittag herrscht, schimmern sie grau
+mit einem Stich ins Grüne. Über der Tontoformation erheben sich die
+gewöhnlichen, leicht erkennbaren Schichten, der Redwall mit seinen
+senkrechten Abstürzen, die steilen Hänge der Supaischichten und
+die Coconino- und Kaibabablagerungen in etwas unbestimmten, trüben
+Farbtönen, in denen jedoch das Rot überwiegt. Gerade unter mir in
+Westsüdwest zieht sich ein kleiner Seitencañon hin, der Tanner Cañon.
+Auf seiner Sohle schlängelt sich ein graues Band -- ich kann nicht
+erkennen, ob es nur Geröll ist oder ob auch ein Bächlein in dieser
+Furche hinabfließt.
+
+Das gewaltige Tal streckt sich nach Westnordwesten und scheint ganz
+hinten in der Ferne in Dunst und Nebel überzugehen. Aber es weht auch
+eine recht frische Brise, und die Luft ist nicht klar.
+
+Schaue ich nach Nordwesten, dann erblicke ich zuerst unmittelbar vor
+mir den der Supaiformation angehörenden Ausläufer, der die beiden
+Erhebungen Escalante Butte und Cardenas Butte trägt, die erstere
+mit Resten von Coconinosandstein auf ihrem Gipfel. Dahinter liegt
+der Colorado in der Tiefe und jenseits des Flusses mehrere der
+obengenannten Tempel und Pyramiden, die sich auf Ausläufern des
+Walhallaplateaus erheben. Diese herrliche Gegend sollte ich bald näher
+kennenlernen.
+
+Hinter der Reihe von „Tempeln“, die nach Apollo, Venus, Jupiter
+und Juno benannt sind, zu einem sehr unregelmäßigen Ausläufer des
+Walhallaplateaus gehören und ihre Wurzel in der Nähe des Cape Final
+haben, erheben sich zwei Pyramiden, die Siegfried Pyre und Gunther
+Castle heißen und auf einigen meiner Skizzen in verschiedenen
+Beleuchtungen zu sehen sind.
+
+In einer wichtigen Hinsicht hat der Bogen des Colorado, oberhalb dessen
+wir uns jetzt befinden, ein ganz anderes Aussehen als die übrigen
+Teile des „Innern Cañons“, die wir von andern Aussichtspunkten und
+von der Mündung des Hermit Creek aus gesehen haben. Hier im Osten ist
+das Tal offener und breiter, im Westen dagegen ist es eingeengt wie
+ein schmaler Korridor. Das beruht darauf, daß der Fluß beim Austritt
+aus dem Marble Cañon durch die weicheren Schichten der Unkarformation
+fließt, während er weiter stromab, ungefähr 10 Kilometer unterhalb
+Navaho Point, seine Rinne in den Granit einzusägen beginnt. Die Hänge
+der Unkargruppe, durch die sich der Strom hindurchgeschnitten hat,
+bestehen aus rotem Schiefer und grauem und braunem Sandstein, spielen
+aber meist ins Rote. Die schwarzen Felsbänder, die hier und da die
+Unkarhügel unterbrechen, bestehen aus Diabas, der in flüssigem Zustand
+aus dem Innern der Erde emporgepreßt worden ist und sich zwischen die
+sedimentären Schichten hineingezwängt hat.
+
+Auf meinen Skizzen von Navaho Point aus, die die prächtige Felsenmauer
+der Palisaden darstellen, tritt Comanche Point hervor, besonders auf
+der Bleistiftzeichnung (S. 127), wo dank der Abendbeleuchtung und der
+scharfen Schatten das Relief kräftiger zur Geltung kommt.
+
+Die Stunden schritten vorwärts, und die Schatten im Tal wurden nur
+allzu schnell länger. Wie angewurzelt saß ich am Rand dieses riesigen
+Grabes, in dessen Schoß unzählige Jahrtausende hinabgesunken und dann,
+dank der Erosion des Colorado, wiederauferstanden waren von den Toten.
+Und dieses Grab ist zugleich ein Monument des scheinbar so launischen
+Spiels der Naturkräfte, eine Stadt von Denkmälern, Tempeln und Türmen,
+eine Bibliothek von Urkunden der Geschichte der Erde. Einsam sitze ich
+hier und hänge meinen Träumen nach und mache verzweifelte Versuche,
+in Farben und Federstrichen das Wesentliche in meinem Skizzenbuch
+festzuhalten.
+
+[Illustration: Blick von Havasupai Point nach Osten.
+
+In der Tiefe der Colorado.]
+
+Plötzlich stört ein Lärm im Wald den Frieden. Es ist 3 Uhr. In schweren
+Autoomnibussen kommen Menschen angerollt, Herren, Damen und Kinder,
+Großkaufleute, Kontoristen, Lehrer, Lehrerinnen und Erzieherinnen,
+junge Eheleute, mit einem Wort Touristen. Ihre Art und Weise, sich
+zu benehmen, ist nicht sehr fein; sie stellen sich gerade hinter
+meinen Stuhl und betrachten meine armseligen Skizzen mit größerer
+Aufmerksamkeit und Neugier, als sie dem Cañon widmen, den sie gar nicht
+verstehen. Es ist recht spaßhaft, unfreiwillig ihrem geistreichen
+Gespräch zu lauschen. „Was ist das Graue dort unten? Ist das ein Weg?“
+-- „Nein, das ist der Fluß.“ -- „Welcher Fluß?“ -- „Der Colorado.“
+-- „Ach, das ist der Colorado. Wie interessant!“ Zum Glück blieben
+sie nicht viel länger als eine Stunde, und ich war froh, als ich das
+Rattern der Autoomnibusse verhallen hörte und Schweigen wieder den Wald
+erfüllte.
+
+Übrigens hörte ich auf meinen Streifzügen manche sonderbare Äußerungen
+über den Gran Cañon. Eine, die mir gerade einfällt, lautete: „Dieses
+Tal ist die Hölle ohne Feuer und Schwefel, von der man den Deckel
+weggenommen hat.“ Ja, Dante hätte neue Gedanken erhalten, wenn er den
+Gran Cañon gesehen hätte, obgleich das von einem Zeitgenossen Marco
+Polos wohl etwas viel verlangt ist. Meister Doré hätte sich hier an
+einer Architektur weiden können, die seine kühnsten Phantasien weit
+übertraf.
+
+Stunde um Stunde verrinnt, und bald ist der Tag verstrichen, wieder
+eine Sekunde in der Ewigkeit. Um 6 Uhr esse ich in der Küche mein
+Mittagbrot; in aller Eile, um nicht das Schönste des abendlichen
+Schauspiels zu versäumen. Die Sonne sinkt, die Bergwände beginnen
+wieder wie Rubine zu glühen. Es ist, als würde die Erdrinde durch das
+flüssige Magma von innen erhitzt und als würden die hohen Felsenmauern
+des Cañon bald weich werden, zusammensinken und schmelzen. Im Tal des
+Colorado liegt es wie ein Nebelschleier. Ich unterscheide gerade noch
+den vorher von schwarzen Schatten bedeckten Marble Cañon. Im Westen,
+wo die Sonne den Horizont berührt, sind die Berge farblos; höchstens
+kann man sagen, daß die entferntesten als leicht graublaue Wandschirme
+in der Ferne hervortreten. Die Mauern und Ausläufer des Cañon
+erscheinen in immer dunkleren Tönungen, je näher sie meinem Standort
+liegen, und die Partie unter meinem Kap ist bereits pechschwarz.
+
+Der Wind rauscht ununterbrochen. Die Dämmerung senkt sich herab. Ich
+warte darauf, das Ächzen des Automobilmotors im Walde zu hören. Es war
+verabredet, daß ich heute abend nach Sonnenuntergang abgeholt werden
+sollte. Doch alles blieb still. Ich traf daher meine Vorbereitungen
+für eine neue Nacht, holte Wasser in meinen Schlafraum und war gerade
+damit beschäftigt, meine Petroleumlampe zu füllen, als ein gelles
+Hupensignal das Schweigen durchschnitt und ein Whiteauto vorfuhr.
+Meine Sachen wurden im Wagen verstaut, dann fuhren wir nach El Tovar
+zurück. Die Scheinwerfer warfen ihre weißen Lichtkegel auf den Weg, und
+der Mond beleuchtete die Landschaft. Am Wegrand tauchten einmal ein
+paar Stachelschweine auf, und ein andermal hätten wir beinah eine Kuh
+überfahren. In El Tovar leuchteten die elektrischen Lampen wie in einer
+Stadt. Die Zivilisation, zu der ich zurückkehrte, erschien mir recht
+armselig im Vergleich mit der Stimmung, die an meinem Wallfahrtsort
+geherrscht hatte, am Rande der Wüste.
+
+
+ [1] Diese Zahl gab man mir in El Tovar, und der Kraftwagenführer
+ bestätigte sie. Nach Dartons Buch beträgt die Entfernung nur 20
+ engl. Meilen (32 Kilometer), aber nach der Karte ist sie
+ mindestens 25 engl. Meilen (40 Kilometer).
+
+ [2] Spanisch geschrieben Navajo.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Nach Havasupai Point.
+
+
+Den 23. Juni benutzte ich dazu, kleinere Streifzüge am Rand entlang
+zu unternehmen und Skizzen zu zeichnen. Als ich am Vormittag an dem
+großen, im Freien errichteten Käfig der Luchse vorüberging, waren die
+unglücklichen Gefangenen aus dem Wald nicht zu sehen; sie scheuten
+das starke Sonnenlicht und hielten sich in ihrem künstlichen Bau
+verborgen. Am Nachmittag sah ich mir wieder den Tanz der Indianer an
+und verfolgte wehmütig Joo Secakukus gewohnte Sprünge vor den weißen
+Zuschauern. Die Indianer waren bei diesen Gelegenheiten mit all ihrer
+barbarisch malerischen Pracht geschmückt und trugen bunte Federn in
+der Stirnbinde, Halsbänder und Armreifen, hagebuttenrote Mäntel ohne
+Ärmel, Bogen und Pfeile. Aber sie sind Gefangene, wie die Luchse, und
+das unsichtbare Gitter, das ihr Leben und Treiben umgibt, läßt sie
+ebensowenig durch wie die Eisenstangen des großen Käfigs die Luchse.
+Sie sind ein sterbendes Volk mit einer Vergangenheit voller Freiheit
+und Wildmarkpoesie; das ganze Leben ist für sie ein Sonnenuntergang
+ohne Hoffnung auf einen neuen Morgen.
+
+[Illustration: Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden,
+von Point Royal aus.]
+
+Als es dämmerte, ging ich wieder zu den Luchsen. Jetzt, in der Stunde
+der Schatten, waren sie erwacht, jetzt weiteten sich ihre Pupillen,
+und von den nackten Ästen des Baumes, der in der Mitte des Gefängnisses
+stand, konnten sie ihre Blicke nach Süden in die dunklen Verstecke
+des Waldes schweifen lassen, wo sie einst Rehe, Kälber, Schafe und
+Hasen gejagt hatten. Nun mußten sie von Fleisch leben, aus dem schon
+die Wärme geflohen war, die aus den pulsierenden Schlägen des Lebens
+und des Blutes stammte. Eins der Tiere mit Backenbart und langen
+Pinselhaaren an den Ohrenspitzen, mit Mienen voll unauslöschlichen
+Hasses und unbezähmbarer Wildheit und Grausamkeit, saß am Gitter,
+unbeweglich wie eine Bildsäule, als lauere es auf ein Opfer und
+sei fertig zum Sprung. Als ich näher trat, um den Gefangenen zu
+betrachten, fuhr er wie von einer Schlange gestochen auf, schlug die
+Tatzen um ein paar Gitterstäbe, zog die Oberlippe hoch, sperrte den
+Rachen auf und fauchte mit unheilkündender Kraft, als wollte er am
+liebsten seine Hauzähne in meine Kehle senken. Ich fuhr zusammen und
+trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Meine Rache beschränkte sich
+darauf, daß ich oberhalb des Kopfes der kleinen wütenden Bestien mit
+dem Stock an die Eisenstange schlug. Pfeilschnell sprang das Tier zu
+einem der obersten Äste des Baumes hinauf, und seine Augen glühten wie
+feurige Kohlen, als wollte es mich mit seinen haßerfüllten Blicken
+durchbohren. Es ist verwunderlich, daß ein Tier von so viel Haß erfüllt
+sein kann. Aber vielleicht ist es auch nicht einmal so wunderlich --
+der Luchs kennt seine gefährlichsten Feinde und wahrt sein Recht zu
+leben.
+
+Etwas östlich von El Tovar auf dem Weg nach Grandeur und Yavapai
+Point teilt sich der Fußweg längs des Randes in zwei Steige, die
+in zwei verschiedenen Stockwerken laufen. Der obere führt zwischen
+Bäumen hin; auf ihm kann man getrost und sicher lustwandeln. Der
+untere folgt einem Absatz, einer schmalen, unregelmäßigen Stufe, und
+geht am äußersten Rande des Abgrundes bergauf und bergab. Hier muß
+man bei jedem Schritt achtgeben und wissen, wohin man den Fuß setzt,
+sonst kann der Spaziergang recht kurz werden, oder wenn man lieber
+will, sehr lang, denn wenn man ungeschickt ist und ausgleitet, geht
+es in die Ewigkeit. Selbst hier wachsen Bäume, Kiefern, Wacholder und
+Eichen; bisweilen haben sie ein paar Meter unterhalb des Pfades in
+Spalten und Rissen festen Fuß gefaßt. Dann ragen nur ihre Kronen über
+die weiße Kalksteinkante empor, und man wandelt wie in einer schmalen
+Galerie mit der senkrechten nackten Felswand auf der Innenseite und
+einer unregelmäßigen Reihe von Säulen auf der Außenseite. Von diesem
+Säulengang aus hat man eine großartige Aussicht auf die wunderbare
+Welt des Gran Cañon in den bloßgelegten Eingeweiden der Erde. Alle
+zehn Schritt wechselt das Bild, und immer wieder macht man bei neuen
+staunenerregenden Ausblicken halt.
+
+[Illustration: Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch.]
+
+Selbstverständlich bleibt die Fernsicht über die ganze Talniederung
+unverändert, und das Bild des Labyrinths der jetzt bei Sonnenuntergang
+kupferroten Tempel und Pagoden mit ihren hellen Zinnen aus Kalkstein
+wird von so geringen Änderungen des Gesichtswinkels nicht merklich
+beeinflußt. Der Vordergrund dagegen, der Rand mit seinen Vorsprüngen,
+Kaps und bisweilen freistehenden Pfeilern wandelt sich und gibt dem
+roten Hintergrund in der Talschlucht einen ständig wechselnden Rahmen.
+Immer wieder bleibt man stehen voll Staunen, Entzücken und Bewunderung.
+Ich mache auch hier und da Rast, um eine Skizze zu zeichnen. Mich in
+Farben zu versuchen, dazu reicht die Abendstunde nicht. +Wie+
+ich das Bild haben möchte, sehe ich genau, aber ich kann nicht, und
+die Zeit reicht nicht. Jetzt, da der Purpurglanz verblaßt ist, würde
+ich die Pyramiden und Tempel mit der Farbe einer frischgeputzten
+Kupferkanne decken, aber nicht blank und glänzend wie diese, sondern
+matt. Ich wünschte, ich könnte die Aussicht auf Osiris-, Schiva-,
+Isis- und Buddha-Tempel in einer Reihe von Bildern darstellen mit dem
+sterbenden Licht der Abendröte auf den Steilhängen. Während der zwei
+Stunden vor dem Sonnenuntergang müßte in jeder Viertelstunde ein Bild
+gemalt werden. Das würde eine Reihe geben, in der jedes Bild von den
+übrigen verschieden wäre. Man würde dann sehen, wie die prächtige rote
+Beleuchtung anfangs beträchtliche Felder der Hänge und Abstürze färbt,
+wie diese Lichtfelder dann allmählich an Umfang und Glanz abnehmen und
+wie sie unmittelbar nach dem Sonnenuntergang völlig erlöschen. So würde
+man finden, daß um 7 Uhr nachmittags sieben Zehntel des Tales unter
+Schatten verborgen sind. Und wo die Schattenfelder sich ausbreiten,
+verschwinden die Einzelheiten. Aber je mächtiger die Schatten werden,
+desto schärfer zeichnen sich die noch von der Sonne beleuchteten Teile
+ab. Wie dunkel die Schatten auch sind, so spielt ihr Farbton doch stets
+ins Bläuliche. Über dem Ganzen wölbt sich ein merkwürdig hellblauer
+Himmel, und im Vordergrund unter meinen Füßen erhebt das „Kriegsschiff“
+seinen dunklen Rumpf wie ein für immer verankertes Gespensterschiff.
+
+Sechs Stunden lang streifte ich einsam am Rand entlang. Als die
+Dämmerung ihre Fittiche über den Gran Cañon breitete, schlug ich den
+sichern Waldweg ein, auf dem sich jetzt kein Lebewesen blicken ließ,
+und kehrte nach El Tovar zurück, um den Abend in der Gesellschaft des
+Herrn Harvey, des Obersten Crosby, des Herrn Clarkson und des jungen
+Architekten Shaw zu verbringen. Auch heute sprachen wir über die
+brennende Frage, die uns schon mehrmals beschäftigt hatte, über das
+neue Hotel. Ich äußerte meine persönliche Meinung unumwunden -- die
+Amerikaner haben die ungewöhnliche, sehr sympathische Eigenschaft, mit
+Vergnügen und Aufmerksamkeit die Ansichten anderer Menschen anzuhören,
+auch wenn diese ihrer eignen Auffassung gerade entgegengesetzt sind.
+Ich erzählte, daß ich in Chicago im Bureau der Santa-Fé-Gesellschaft
+eines Tags die bescheidene Bitte aussprach, im Hotel in El Tovar ein
+Zimmer zu erhalten, von dessen Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon
+hätte. Ich würde dann zu jeder beliebigen Tageszeit eine schnelle
+Skizze zeichnen oder einen flüchtigen Beleuchtungseffekt festhalten
+können und meine Zeichen- und Malutensilien stets bei der Hand haben;
+ich könnte im Schlafrock den Sonnenaufgang bewundern und könnte mitten
+in der Nacht das zauberhafte Spiel des Mondscheins auf den Zinnen der
+Tempel schauen. Doch als ich nach El Tovar kam, fand ich, daß es ein
+solches Zimmer nicht gab. Ein halbes Jahr vorher hatte ich in San
+Remo im Grand Hotel gewohnt, wo wenigstens jede Wohnung ihren eignen
+kleinen Balkon mit Aussicht aufs Meer hatte. Denn gerade das Meer will
+man vor Augen haben, wenn man San Remo aufsucht, um sich zu erholen.
+Und was ist das Meer im Vergleich zum Gran Cañon! Das Meer mit seiner
+Unendlichkeit ist stets fesselnd, und man wird nicht müde, es zu sehen.
+Aber es nimmt sich doch in allen Küstenstädten ziemlich gleich aus.
+Der Gran Cañon dagegen ist einzigartig, und wenn man wie die meisten
+Touristen nur für einen oder zwei Tage hierherkommt, will man sich
+seine Schönheit möglichst nachhaltig einprägen. Wir waren, glaube ich,
+in diesem Punkt ziemlich einig, und ich gebe mich der frohen Hoffnung
+hin, wenn ich das nächste Mal den Gran Cañon besuche -- falls daraus
+jemals etwas wird --, in einem Zimmer wohnen zu können, wie ich es mir
+gedacht habe.
+
+Wir saßen noch eine Zeitlang im Vortragssaal und hörten im Rundfunk
+Gesang und Musik von Los Angeles und Kansas City. Es kam mir etwas
+banal vor, war aber doch merkwürdig, hier mitten in der erhabenen
+Stille der Wildnis.
+
+Mein nächster Ausflug galt dem Teil des Südrandes, der westlich von El
+Tovar liegt. Im großen ganzen geht der Weg erst nach Westsüdwesten,
+dann nach Nordwesten und Norden und schließlich nach Osten. Den Rand
+selbst berührt man erst, wenn man das Ziel, Havasupai Point, fast
+erreicht hat. Die ganze Reihe von Kaps, die auf dieser Strecke in den
+Cañon hinausragen, bleibt in beträchtlicher Entfernung zur Rechten und
+ist von unserm Weg aus nicht sichtbar.
+
+In diesen westlichen Regionen beschreibt der Fluß in seiner
+Granitschlucht (Granite Gorge) gewaltige Krümmungen. Auf dem
+Havasupai-Kap hat man den Colorado im Osten, Norden und Westen.
+Man befindet sich auf einer Halbinsel, deren Nordrand die
+jahrmillionenlange Erosion bis aufs äußerste zerfressen und zernagt
+hat. Westlich dieser Halbinsel macht der Fluß einen plötzlichen
+scharfen Bogen nach Süden um den Rücken, der Marcos Terrace, herum, die
+auf dem Nordufer vom Powellplateau vorspringt. Südlich davon schneidet
+eine mächtige, Aztec Amphitheater genannte Einbuchtung tief in den
+Südrand ein. Noch weiter im Westen fließt der Colorado eine Strecke
+nach Nordosten, ehe er in gewaltigen Krümmungen nach Westen und Süden
+biegt, um erst die Grenze zwischen Arizona und Nevada und dann zwischen
+Arizona und Kalifornien zu bilden und schließlich auf mexikanischem
+Gebiet in den Golf von Kalifornien zu münden. Im Imperial Valley,
+nahe der Grenze zwischen Kalifornien und Mexiko, hatte ich später
+Gelegenheit, den Fluß wiederzusehen, einen der merkwürdigsten auf Erden.
+
+[Illustration: Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten,
+Colorado aufwärts.]
+
+Besser hätte ich den Mittsommertag nicht feiern können als durch
+diesen unvergeßlichen Ausflug nach Havasupai Point. Herr West, einer
+der prächtigen Führer von der Verwaltung des Nationalparks, fuhr mich
+in einem kleinen Fordauto die 45 Kilometer, die uns von unserm Ziel
+trennten. Wir hatten einen entzückenden Tag. Ich segnete unsern kleinen
+Fordwagen und seinen großen Vater Henry; denn daß das Auto dieses
+Stückchen überstand, war ein Wunder. Mit Recht sagt N. H. Darton in
+seinem obengenannten Buch: „Leider ..... sind diese Punkte (Havasupai
+und seine Umgebung) von Straßen und Pfaden ziemlich entfernt und
+deshalb nicht bequem zu besuchen.“
+
+Anfangs geht es noch, aber später ist der Weg schrecklich, ein
+Waldpfad, auf dem das Auto schlingernd und schleudernd über Wurzeln und
+Reisig rollt und in tiefen, unangenehmen Radspuren stößt und schüttert.
+Der Wald besteht zum größten Teil aus Kiefern; majestätische Stille
+herrscht zwischen den hohen dunklen Stämmen. Dann lichtet sich der
+Wald und hört auf, und es folgt Prärie mit Büschen und Rasenhöckern.
+Hier muß man sich bisweilen festhalten, um nicht hinauszupurzeln! Und
+dabei fuhr Herr West ebenso vorsichtig wie geschickt. Am schlimmsten
+war es, als wir über Felsen fuhren, die aus den lockern Erdschichten
+emporragten und wo man jeden Augenblick befürchten mußte, daß einem im
+scharfkantigen Schutt ein Reifen zerschnitten wurde.
+
+Ein Reh setzte in leichten Sprüngen über das Gelände, und an
+einigen Büschen faulenzte eine Herde von sieben verwilderten Eseln.
+Sie spitzten die Ohren, betrachteten uns unverwandt und standen
+unbeweglich, solange wir fuhren. Aber als wir einmal hielten, stoben
+sie in wilder Flucht davon, um an einem entferntern Ort wieder
+haltzumachen und uns von neuem zu beobachten -- ganz wie die Wildesel
+in Tibet, wenn eine Karawane daherzieht.
+
+Wir fuhren an einer Hütte vorüber, wo ein Pferdebesitzer sein
+Hauptquartier hat, schaukelten zwischen Black Bush und Sage Brush[3]
+vorwärts und erreichten schließlich einen sehr schönen Wacholderwald.
+Die Wacholder waren so groß wie Bäume, und wirkungsvoll hoben sich ihre
+schwarzen Stämme von dem frischen tiefen Grün der Nadelkronen ab, ein
+prächtiges Bild, zumal der Boden ziegelrot war. Nach zweieinviertel
+Stunden waren wir glücklich bei Baß Camp, wo ein paar Hütten stehen
+und einige Männer im Dienste des Nationalparks beschäftigt waren. Von
+diesem Punkt hatten wir nur noch zwanzig Minuten bis Havasupai Point.
+
+In der Nähe des Kaps war der Boden ziemlich hart und eben. Wir fuhren
+bis auf die Spitze hinaus. Wenn man hier in voller Fahrt ankommt und
+am Motor oder Steuerrad etwas nicht in Ordnung ist, hat man alle
+Aussicht, über den Rand in den Luftraum hinauszurollen, um einige
+Sekunden zwischen Himmel und Erde zu schweben und 1000 Meter tiefer
+in einen Scherbenhaufen verwandelt zu werden. Aber Herr West stoppte
+im rechten Augenblick und stellte den Fordwagen in den Schatten eines
+Wacholders. Er nahm eins der Autopolster und legte es auf die äußerste
+Spitze des Kaps, und ich ließ mich hier mitten in der Sonnenglut
+nieder. Die Steine waren so warm, daß man sie nicht berühren konnte,
+und das Kissen roch fast wie angesengt.
+
+Havasupai Point liegt 2028 Meter über dem Meeresspiegel; die Aussicht
+ist überwältigend, so ungeheuer sind die Maße und so kühn und
+wunderlich bizarr die Linien.
+
+Es war fast ¾1 Uhr, als wir unser Ziel erreichten. Ich hatte also
+knapp viereinhalb Stunden zur Verfügung, denn spätestens um 5 Uhr
+mußten wir die Rückfahrt antreten. Im Dunkeln ist es ganz unmöglich,
+den Weg zu finden, ja selbst bei Tageslicht fährt man auf einzelnen
+Strecken nach dem Gefühl, wo einem das Gelände gerade fahrbar zu sein
+scheint. Ich wußte ja nicht, ob ich jemals in meinem Leben an diesen
+Platz zurückkommen würde, und die fliehenden Stunden mußten darum
+ausgenutzt werden. Die erste halbe Stunde kommt man nicht aus dem
+Staunen. Man ist benommen von diesem Anblick und schaut und schaut. Es
+ist zu viel auf einmal. Nach allen Richtungen, außer nach Südwesten,
+ist die Aussicht überwältigend. Man wird still und stellt keine Fragen.
+Für den Augenblick interessiert es mich nicht im geringsten, wie alle
+diese Pyramiden, Rücken und Abgründe auf der Karte heißen. Mir ist,
+als stünde ich vor dem Hochaltar der heiligsten Kirche der Erde. Ich
+vergesse fast zu atmen und ringe nach Luft. Ich brauche Zeit, mich
+zu sammeln und meine Eindrücke und Begriffe von Raum und Entfernungen,
+von Maßen und Neigungswinkeln, von Farben und Formen zu ordnen. Ich
+erblicke den Fluß unten in der Granitschlucht und habe eine Stütze für
+die Orientierung.
+
+[Illustration: Altarfall.]
+
+Dann richte ich meine Aufmerksamkeit auf die nächste Umgebung. Ich
+stehe auf einem Kap, das wie ein Bugspriet nach Nordosten vorspringt
+und das auf allen Seiten, im Westen, Norden, Osten und Süden, von
+bodenlosen Abgründen umgeben ist, nur in Südwesten hängt es mit
+der breiten, vom Colorado umflossenen Halbinsel zusammen. Auch auf
+Havasupai Point befindet man sich wie auf einem Sprungbrett, das in
+den leeren Raum hinausragt. Von dem Fluß selbst sind beträchtliche
+Strecken zu sehen, die sich als schmales graues Band abheben, und hier
+und da erkennt man deutlich die Stromschnellen. Nach Osten, d.❁h. in
+die Gegenden, die ich schon kannte, reicht der Blick bis zu der wohl 50
+Kilometer entfernten Mauer der Palisaden. Dieser prächtige Hintergrund
+ist in schwachen leichten Tönungen wie durch ein offnes Tor zu sehen,
+dessen Pfeiler von scharf gezeichneten, jäh abstürzenden Kaps des Nord-
+und des Südrandes gebildet werden. In mein Tagebuch schrieb ich zum
+fünftenmal: Dieser Punkt bietet doch die schönste Aussicht im Gran
+Cañon! Sie übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe. In der Zeit,
+die ich am Rio Colorado schon zugebracht hatte, hatten sich meine
+Eindrücke von diesem märchenhaft herausgemeißelten Teil der Erdrinde im
+Crescendo gesteigert, und ich nahm als feststehend an, daß Havasupai
+Point ein Höhepunkt sein werde, der nicht mehr überboten werden konnte.
+
+Nachdem ich mich von dem ersten Erstaunen erholt hatte, nahm ich
+Zeichenblock und Bleistifte hervor. Zu irgendwelchen farbigen Versuchen
+reichten die armseligen vier Stunden nicht. Ich begann eine Skizze der
+Landschaft im Westen. Sie zeigt einen nahen Ausläufer des Südrandes,
+der in Westnordwesten in den Fossil Mountain übergeht. Dieses Bild gibt
+eine recht klare Vorstellung von dem bei allen Tempeln und Pagoden
+wiederkehrenden Wechsel zwischen steilen Absätzen und senkrechten
+Wänden und von den vorspringenden Leisten, die deutlich die horizontale
+Lagerung der Schichten verraten. Man läßt den Blick an diesen
+Steilhängen hinuntergleiten und sieht, wie sie bis in schwindelnde
+Tiefen unmittelbar unter unsern Füßen hinabreichen. Hinter diesen
+pyramidenförmigen Gipfeln sieht man den überall im Gran Cañon gleichen
+Hintergrund mit seiner Schichtenfolge in verschiedenen Farbtönen.
+
+Nachdem ich mich mit meiner ersten Zeichnung fast zwei Stunden lang
+abgemüht habe, beginne ich die nächste, indem ich mich weiter nach
+rechts wende und die Richtung Nord 20° West in die Mitte des Blockes
+nehme. Im Vordergrund der Skizze (S. 147) ist die Spitze eines
+Ausläufers zu sehen, der wohl zum Fossil Mountain gehört und auf seiner
+Ostseite eine Reihe von vier einander recht ähnlichen senkrechten
+Partien zeigt. Da sie aus der in dichtem Schatten liegenden Mauer
+vorspringen, von der sie ein Teil sind, werden sie scharf von der Sonne
+beleuchtet und heben sich von dem schwarzen Hintergrund grell ab. Sie
+gleichen den Pfeilern eines riesigen Bauwerks. Ein übermenschlicher
+Baumeister hat die Zeichnung dazu entworfen. In ihrer dekorativen
+Schönheit und Größe sind sie grenzenlos phantastisch, und man fragt
+sich, ob man vor einem archäologischen Rätsel steht. Ist es möglich,
+daß die Natur selbst diese regelmäßigen wandfesten Säulen hat formen
+und modellieren können? Wie ich mit dem Bleistift ihren Umrißlinien
+folge und die Schatten einzeichne, so wie ich sie sehe, kann ich
+mich nicht des Gedankens erwehren, daß dieses Detail auf der Skizze
+höchst unwahrscheinlich aussieht. Wenn jemand an der Richtigkeit der
+Darstellung zweifelt, kann er ja hinfahren und nachsehen. Die Reise
+ist äußerst bequem, und bis man den Gran Cañon erreicht hat, wird
+der schlechte Weg, den ich beschrieben habe, ohne Zweifel durch eine
+Zementstraße ersetzt worden sein.
+
+Die hohe Partie, die auf meiner Zeichnung über und hinter den Pfeilern
+zu sehen ist, ist Grand Scenic Divide, und die Taltiefe diesseits
+seines Rückens ist der Serpentine Cañon. Noch weiter hinten erblickt
+man andere Teile der Einrahmung des Gran Cañon. Es ist jedoch nicht
+immer leicht herauszufinden, wie das, was man sieht, zusammenhängt,
+da bei gewissen Beleuchtungen die stets in gleicher Höhe liegenden
+Schichten zu scheinbar fortlaufenden Linien verschmelzen, während sie
+in Wirklichkeit verschiedenen Teilen angehören. Aus demselben Grund ist
+es nicht leicht zu bestimmen, wo der Colorado die Landschaft, die wir
+sehen, verläßt.
+
+Jenseits des Flusses, im Nordwesten, hebt sich das mächtige
+Powellplateau ab mit einer Menge von Ausläufern nach Süden, Südwesten
+und Westen, im Osten begrenzt von dem tief eingeschnittenen Muav Cañon.
+
+[Illustration: Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost.]
+
+Schließlich hatte ich nur noch eine halbe Stunde zur Verfügung; sie
+wurde zum größten Teil zu einer Skizze der Aussicht nach Nord 30° Ost
+(S. 151) benutzt. In ihrem Vordergrund ist die Rinne des Flusses zu
+sehen, dahinter das Gewirr der Felsrücken und Seitencañons, die zum
+Shinumo Amphitheater gehören. Dieser ganze Teil des Gran Cañon lag
+jetzt in der Glut der Nachmittagssonne, und die Schatten hatten sich
+noch nicht der Hänge der Berge bemächtigt. Ohne diesen harmonischen
+Wechsel von Licht und Schatten tritt die rücksichtslos kühne Skulptur
+nicht hervor. Die Entfernung bis zu dem ganz hinten im Nordosten
+liegenden Nordrand, der auf meiner Skizze angedeutet ist, beträgt fast
+17 Kilometer.
+
+Da noch acht Minuten bis 5 Uhr fehlten, nahm ich ein neues Blatt vor
+und warf in aller Eile eine Umrißzeichnung der Landschaft im Osten
+(S. 155) aufs Papier. Es konnten freilich nur die großen Züge gegeben
+werden, ein flüchtiger Eindruck, eine Stütze fürs Gedächtnis.
+
+Zum Schluß will ich einige Zeilen Dartons über die Geologie dieser
+Gegend anführen. Er sagt über das Powellplateau: „An dessen
+südöstlichem Ende liegt Dutton Point mit großen Steilhängen aus
+Kaibabkalkstein und grauem Coconinosandstein und darunter mit
+gewaltigen Stufen aus rotem Supaisandstein. Am Südrande des
+Powellplateaus liegt Wheeler und weiter nach Westen Ives Point,
+die überall dieselbe Schichtenfolge zeigen wie Dutton Point. Die
+Granitschlucht läuft jenseits dieser Kaps nach Westen weiter, hört
+aber auf, wenn der harte Granit schließlich an der großen Flußkrümmung
+südlich des Powellplateaus untertaucht und verschwindet. In der Tiefe
+des Shinumo Creeks und längs der Abhänge des Gran Cañon rechts und
+links der Mündung des genannten Creeks sieht man große Massen von
+dunklem Sandstein, Kalkstein und rotem Schiefer der Unkargruppe,
+die über dem Granit liegen. Die Unkarschichten sind infolge vieler
+Verwerfungen stark gefaltet und gebrochen.“
+
+Während ich zeichnete, hatte Herr West Feuer gemacht, Kaffee gekocht
+und den Inhalt unseres Proviantbeutels aufgetischt. Im Schatten eines
+üppigen Wacholders nahmen wir unsern späten Lunch ein, mit Gebäck und
+Apfelsinen als Nachtisch. Schnell waren wir fertig, dann packten wir
+unsere Siebensachen wieder ins Auto und traten die Rückfahrt an --
+durch einsamen Wald und Prärien.
+
+
+ [3] Professor Skottsberg teilt mir mit, daß Black Bush und Sage
+ Brush die zwei wichtigsten charakteristischen Sträucher auf dem
+ Coloradoplateau und den Cañonhängen sind: Black Bush, ~Coelogyne
+ ramosissima~, ist eine Rosazee; Sage Brush, ~Artemisia
+ tridentata~, ist eine Beifußart.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Nach Phantom Ranch am Nordufer des Colorado.
+
+
+Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, von El Tovar geradeswegs
+nach Los Angeles zu reisen. Allgemein sagte man mir, ich könnte
+mir den Nordrand des Gran Cañon recht gut schenken, da er sich an
+Naturschönheit mit dem Südrand nicht zu messen vermöge. Als Beweis
+führte man an, daß der Nordrand mit seiner höchst phantastisch
+eingeschnittenen und zernagten Umrißlinie und seinen ungemein
+malerischen Pyramiden und Tempel einen unvergleichlich schönern Anblick
+vom Süden aus gewähre als die Südseite; dieser fehlten von Norden
+gesehen die scharfen Einbuchtungen und freistehenden Türme und Tempel.
+Man wies auch darauf hin, welche Bedeutung die Beleuchtung habe. Da
+die Sonne im Süden steht, muß man vom Südrand aus seine Beobachtungen
+machen, wenn man die Wirkungen des Sonnenlichts auf die im Norden
+gelegenen riesenhaften Skulpturen sehen will. Von Norden aus zeigt die
+Mauer des Südrandes dagegen eigentlich einen fortlaufenden Schatten
+ohne Einzelheiten und ohne hervortretende Formen. Schließlich hob man
+auch hervor, der Nordrand sei im allgemeinen 300 Meter höher, so daß
+sich der Südrand, von der gegenüberliegenden Seite aus gesehen,
+weniger imposant ausnehme als umgekehrt.
+
+[Illustration: Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus.]
+
+Eines Tags lernte ich jedoch einen Herrn kennen, der selbst auf dem
+Nordrand gewesen war und der erklärte, die Aussichten, die man von
+dort aus genieße, seien das Großartigste, was der Gran Cañon an
+überwältigender Naturschönheit biete. Seiner Ansicht nach ist die
+Entscheidung über die Vorzüge der beiden Ränder nur eine Frage der
+Konkurrenz. Die Union Pacific Railway Co. soll nämlich die Absicht
+haben, eine Bahnlinie an den Nordrand des Gran Cañon zu bauen und
+dort ein prächtiges Hotel zu errichten, das nach Fertigstellung den
+Wettbewerb mit der Santa-Fé-Bahn und El Tovar aufnehmen werde. Ich
+für meinen Teil glaube freilich, daß, selbst wenn dieser Plan ins
+Werk gesetzt wird, die Santa-Fé-Gesellschaft und Ford Harvey ganz
+beruhigt sein können. Denn welche Vorzüge der Nordrand auch haben mag
+-- Vergleiche sind hier übrigens unmöglich --, so hat man den Gran
+Cañon gar nicht gesehen, wenn man nicht den Südrand in der Gegend von
+El Tovar und vor allem bei Navaho Point (Desert View) besucht hat.
+Nur von Süden aus sind die Tempel in Verkürzung und in der feuerroten
+Abendbeleuchtung zu sehen. Im Norden hat man zwar ihre ungeheuren
+Felsmassen viel näher, aber man beherrscht sie nicht alle auf einmal,
+und es entgeht einem die gleichmäßige tiefe Glut der Abendsonne auf
+ihren Hängen. Ich glaube daher nicht, daß ein Konkurrent im Norden eine
+Gefahr für die Entwicklung von El Tovar bedeuten könnte -- eher einen
+Vorteil.
+
+Denkt man sich auf jeder Seite des Gran Cañon ein prächtiges Hotel,
+die beide mit magnetischer Kraft Massen von Touristen an sich ziehen
+würden, so entsteht die Frage, wie zwischen ihnen eine Verbindung quer
+über die Taltiefe herzustellen wäre. Eine Bahnlinie ist unmöglich. Aber
+eine Autostraße mit Tunneln und malerischen Galerien!
+
+Eine solche würde es jedem, auch älteren Leuten, ermöglichen, den Gran
+Cañon gründlich zu sehen. Doch Automobile im Gran Cañon wären eine
+Geschmacklosigkeit, die den Zauber der Wildnis vernichten würde, eine
+Entheiligung, die den Tempelfrieden des Tales stören würde. In dieser
+Hinsicht teile ich die Auffassung Clarksons und, wie ich glaube, auch
+der andern Herren in El Tovar: meinetwegen mag man in und über dem
+Gran Cañon in Flugzeugen kreisen, die keine Wege brauchen und keine
+Spuren hinterlassen, aber nur keine Automobile! Wer sich nicht der Mühe
+unterziehen will, auf dem Rücken eines Maultiers die schmalen, steilen
+Pfade hinabzureiten, muß darauf verzichten, am Ufer des Flusses zu
+rasten.
+
+Für mich war es freilich ein leichtes, meinen Entschluß zu fassen. Ich
+hatte mich in den Gran Cañon eingelebt und hinreichend viel von ihm
+gesehen, um mir klar zu sein, daß ich diese Gegend nicht verlassen
++konnte+, ohne auch am Nordrand gewesen zu sein. Meine Freunde
+Crosby, Clarkson und Petrosa billigten meinen Plan und erleichterten
+seine Ausführung in jeder Weise. Ich wollte den Bright Angel Trail
+hinabreiten, über den Fluß und zum Camp des Nordrandes hinauf und
+einige Tage im „Lager“ bleiben, um dann mit dem Auto nach Salt Lake
+City zu fahren. Nach dieser Stadt wurde also mein ganzes schwereres
+Gepäck mit der Bahn geschickt, und ich nahm nur das unbedingt
+Notwendige in einer kleinen Tasche mit, vor allem Zeichen- und
+Malgerät. Meine ganzen Habseligkeiten hatten in einer Satteltasche
+meines Maultiers Platz. Man telephonierte an die Stationen im Norden
+und willfahrte gern meinem Wunsch, Sandy MacLean, den ich schon kannte,
+als Führer zu erhalten. Oberst Crosby gab mir alle Aufschlüsse, die ich
+brauchen konnte, und ein paar neue Kartenblätter.
+
+[Illustration: Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost
+(29. Juni).]
+
+An den beiden letzten Abenden in El Tovar war ich draußen am Hochrand,
+um die wunderbare Stimmung zu genießen, die der Mondschein hervorrief.
+Eine ungestörte, fast unheimliche Stille lag über der Gegend. Nur
+hin und wieder hörte man das Rufen eines Nachtvogels. Die Kiefern
+ganz draußen am Rand werfen dunkle Schatten auf den Boden. Bisweilen
+ist hier oben nur der Schatten des Stammes zu sehen, während der
+Schatten der Krone über tausend Meter tiefer im Grunde des Tales
+den Boden trifft. Nur die nächsten Kaps und Vorsprünge heben sich
+in bleichem, bläulichem Licht ab. Aber vor ihnen gähnt der dunkle
+unbekannte Abgrund, in dem alle Einzelheiten wie unter einem Schleier
+verschwinden. Die herrschende feierliche Stimmung läßt sich mit
+Worten nicht beschreiben. Wie angewurzelt steht man am Rand. Es ist
+Nacht. Die Erde schläft. Unter mir öffnet sich das unermeßliche Grab,
+dessen Schlund vom Silberschein des Mondes erfüllt ist und doch in
+geheimnisvollem Dunst verschwindet.
+
+Ich wollte in der Frühe des 27. Juni mit Sandy aufbrechen. Aber ehe die
+letzten Vorbereitungen getroffen und Mundvorrat und Gepäck auf unsere
+beiden Maultiere geladen waren, war ein großer Teil des Vormittags
+verstrichen. Zum Schluß wurde ich noch photographiert. Man wünschte
+durchaus, ich sollte mich dazu an den äußersten Rand eines Absturzes
+setzen, der fast 300 Meter maß; das Bild, das nach Haus geschickt
+wurde, zeigt auch, daß ich mich nicht unbedingt auf mein eigenes
+Gleichgewicht verließ, sondern mich mit beiden Händen aufstützte.
+Nachdem ich meinen Freunden Lebewohl gesagt hatte, brach ich endlich
+um 11 Uhr auf. Oberst Crosby begleitete mich zu Fuß bis zu dem Punkt
+am Rand, wo der Pfad in unzähligen Zickzackbiegungen steil hinabführt.
+Er beginnt unmittelbar westlich des Hotels. Im allgemeinen gilt er als
+steiler als der westlichere, nach Hermit Camp führende Pfad. Sicher
+ist, daß man in noch höherm Grade die Bewegungen des Maultiers zu
+parieren sucht, indem man sich nach hinten lehnt und auf den Rücken
+seines Reittiers zu liegen kommt. Auf den Hängen wachsen Laubbäume, vor
+allem Eichen, und Sträucher. Wir befinden uns noch im Schatten der fast
+senkrechten Kaibabmauer. Die Luft ist herrlich. Oben hatten wir um 10
+Uhr 23,5 Grad gehabt.
+
+Darton gibt in seinem Buch einen Überblick über die Schichten und
+Gesteine, an denen man auf diesem Weg vorüberkommt, und führt auch
+die Mächtigkeit der verschiedenen Ablagerungen an. Die oberste, der
+Kaibabkalkstein, auf dem 2093 Meter über dem Meer El Tovar erbaut
+ist, ist hier 206 Meter mächtig, und gewisse Lagen seiner weißen
+feinkörnigen Schichten, auf denen der Bright Angel Trail gebaut ist,
+sind reich an Abdrücken fossiler Muscheln und an Bruchstücken harten
+gelben Feuersteins.
+
+Gerade da, wo dieser Kalkstein aufhört und man den 95 Meter mächtigen
+grauen Coconinosandstein betritt, ist ein kleiner kurzer Tunnel
+gesprengt. Die Grenze der beiden Formationen ist sehr deutlich. Am
+Tunnel kommt man auch an einer gewaltigen Verwerfung vorüber. Der Teil
+der Cañonmauer, der westlich der Verwerfungslinie liegt, ist durch
+eine Hebung der Erdrinde 43 Meter über den östlichen emporgehoben
+worden. Der Tunnel selbst verläuft daher ganz im Coconinosandstein.
+Übrigens liegt der Bright Angel Trail zum größten Teil östlich der
+Verwerfungslinie; erst weiter unten, wo der Pfad die Ablagerungen der
+Tontogruppe betritt, führt er westlich davon. Unmittelbar ehe man
+die östliche Mündung des Tunnels erreicht, sieht man sehr deutlich
+die Schichtung des Kalksteins und Sandsteins in ihrem gegenseitigen
+Verhältnis und zur genannten mächtigen Spalte, in der die Bruchflächen
+der Erdrinde aneinander abgeglitten sind. Lockeres Material des
+Verwerfungsgebietes ist hinuntergestürzt und hat einen Schuttkegel
+gebildet, ohne den es unmöglich gewesen wäre, einen Pfad anzulegen
+und an dem sonst unübersteigbaren Hindernis vorüberzukommen, das die
+senkrechte Coconinomauer im Gran Cañon überall bietet.
+
+Auf der ganzen Strecke von El Tovar bis hinunter zur Brücke und über
+den Colorado bewegt man sich im großen und ganzen nach Nordosten,
+während der Pfad zahllose kleine scharfe Krümmungen macht.
+
+Der Übergang vom Coconino zu der roten Supaiformation, die hier eine
+Mächtigkeit von 340 Meter hat, ist sehr schroff. Die amerikanischen
+Geologen haben gefunden, daß Schichten von hartem Sandstein mit solchen
+von weichem Schiefer abwechseln; das hat zur Folge gehabt, daß die
+Kräfte des Luftmeers Terrassen und Tische herausgemeißelt haben, die
+immer rot und oft von prächtiger architektonischer Wirkung sind. Diese
+Struktur tritt an dem „Kriegsschiff“, das unmittelbar westlich unseres
+Weges seinen Rumpf erhebt, und an mehreren andern Steilhängen in
+unserer Nähe besonders schön hervor.
+
+[Illustration: Felskuppe im Bright Angel Cañon.
+
+Südwestlich vom Rastplatz, 29. Juni, 10½ Uhr.]
+
+Dann folgen die Felsen des Redwall mit einer Mächtigkeit von 170
+Meter. Darton weist auf eine allgemein vorkommende Erscheinung hin,
+die man vor allem bemerkt, wenn man die Riesenmauern des Gran Cañon in
+Farben wiederzugeben sucht. Die senkrechten Abstürze des Redwall sind
+nämlich von dem Schlamm, den das Regenwasser von den darüberliegenden
+roten Schiefern mit sich führt, in verschiedenen Schattierungen rot
+gefärbt, während der Kalkstein selbst im Bruch hellgrau ist. Die rote
+Farbe ist also eine Folgeerscheinung, die aber zu dem Namen Redwall
+Anlaß gegeben hat.
+
+Auf Metallschildern, die die Geologische Landesuntersuchung hat
+anbringen lassen, sind die absoluten Höhen angegeben. Auch hier
+erfährt man also von Zeit zu Zeit, wie tief man unter den Hochrand
+hinabgestiegen ist. Bei der Höhenzahl 3876 Fuß (1181 Meter) über dem
+Meer soll Platin gefunden werden, wie mir Sandy erzählt. Der Weg
+dorthin trägt den bezeichnenden Namen „Jakobsleiter“; er ist in der Tat
+halsbrecherisch.
+
+Die Ablagerungen der Tontogruppe, auf denen wir uns jetzt befinden,
+sind 245 Meter mächtig. Der Indian Garden, wohin es von der Höhenmarke
+3876 nur noch einige Minuten sind, liegt also im Tonto. Der
+Seitencañon, dem wir die ganze Zeit gefolgt sind, heißt Garden Creek.
+
+Unser heutiger Ritt maß fast 20 Kilometer, und wir waren fünf Stunden
+unterwegs. Aber wir rasteten auch mehrere Male, um zu zeichnen, und
+gönnten uns im Indian Garden eine herrliche Ruhestunde. Die Temperatur
+betrug hier um 1 Uhr 35 und in der Sonne 46 Grad. Der Indian Garden ist
+eine kleine prächtige Oase in dieser sonnendurchglühten Steinwüste.
+Hier treten lebenspendende Quellen zutage und bilden einen munter
+plätschernden Bach mit klarem, lauwarmem Wasser von 23,6 Grad.
+Wie Darton berichtet, benutzten die Indianer es zur Bewässerung
+ihrer Getreidefelder, mehrere hundert Jahre vor der Ankunft des
+weißen Mannes. Mit Weinranken überwachsene Weiden und ein üppiger
+Pflanzenwuchs bilden ein kühle, feuchte Laube, durch die der Quellbach
+fließt. Ungern verläßt man den angenehmen Schatten, um sich wieder der
+Sonnenglut auszusetzen. Die zu El Tovar gehörenden Häuser am Anfang des
+Bright Angel Trail sehen von hier unten wie kleine Punkte aus.
+
+Auf dem harten Sandsteingrund der Tontoplattform führt unser Weg
+entlang, nachdem wir den Indian Garden und seinen Creek verlassen
+haben. Wir reiten eine Strecke nach Osten und haben Isis und Buddha
+Temple zu unserer Linken und Brahma und Zoroaster Temple halb links
+vor uns. Den Tonto Trail, dessen Anfang wir bei Hermit Camp sahen,
+lassen wir links liegen. Hoch oben auf den Hängen unterhalb des
+Südrandes erblicken wir eine Reiterschar. Infolge der Entfernung sieht
+es aus, als bewege sie sich nicht von der Stelle. Yavapai und Yaki
+Point schweben hoch über uns als scharf gezeichnete Vorsprünge. Wir
+kommen an zwei Grotten vorüber, die in einer senkrechten Felswand
+etwas über dem Boden liegen; in ihnen haben vor Zeiten Höhlenbewohner
+gehaust. Eine kleine Herde verwilderter Esel (Burros) kreuzt kaum
+100 Meter vor uns den Pfad und verschwindet zwischen den Hügeln in
+einer hellgrauen Staubwolke. In der Ferne ist eine zweite Herde zu
+sehen. Ich betrachtete sie nicht mit derselben Aufmerksamkeit und
+Bewunderung wie ihre wilden Stammesgenossen in Tibet. Sie sind wie wir
+selbst Fremdlinge in dieser erhabenen Natur; nur ein Zufall hat sie
+hierhergeführt. Büsche, die in Erosionsfurchen und Schluchten wachsen,
+und die vertrockneten Grashöcker auf den Hängen geben ihnen Nahrung.
+
+Wir betreten nun den Pipe Creek, mit dem sich weiter unten der Garden
+Creek vereinigt. Hier steht noch eine grün angestrichene Hütte aus der
+Zeit, als Phantom Ranch, unser nächstes Ziel, erbaut wurde. Nach kurzer
+Frühstücksrast kommen wir an Burro Spring und seinem kleinen Rinnsal
+vorüber, und eine halbe Stunde später hebt sich in der Tiefe unter
+uns jenseits des Flusses Phantom Ranch ab. Eine Tafel gibt an, daß
+wir bis zur Brücke über den Colorado noch zwei Meilen (3,2 Kilometer)
+haben. Kurz darauf treten alle die Felsen und Vorsprünge zurück,
+die bisher die Aussicht auf den Fluß verdeckten. Die Landschaft in
+ihrer dunklen engen Wildheit wird jetzt wieder überwältigend, und auf
+halsbrecherischen Abhängen steigen wir in die Granitschlucht hinab,
+die hier 421 Meter tief ist. Schon von der Tontoplattform hatten wir
+eine prächtige Aussicht auf die Rinne, aber jetzt stehen wir an ihrem
+Rand, und alle Einzelheiten treten hervor. Je tiefer wir hinabkommen,
+desto stärker wird das Tosen der Stromschnellen. Die Hängebrücke über
+den Fluß erscheint schmal wie ein Streichholz, und ihr ebenso schmaler
+Schatten liegt als schwarzer Strich auf dem grauen Wasser.
+
+Während des ganzen Abstiegs hatten wir, ebenso wie von El Tovar aus,
+vorzügliche Aussicht auf das Tal, das von Nordosten kommend in den
+Gran Cañon mündet und Bright Angel Creek heißt. Dies Tal wollten wir
+am nächsten Tag hinaufreiten. Seine untern Teile schneiden in Granit
+und Gneis ein, während die mittlern Regionen durch die Gesteine der
+Unkargruppe führen. Im Nordwesten, nördlich des Colorado, wie im Osten,
+südlich des Flusses, tritt die Unkarformation an mehreren Stellen
+zutage.
+
+[Illustration: Felskuppe im Bright Angel Cañon.
+
+Nordwestlich vom Rastplatz, 29. Juni, 10½ Uhr.]
+
+Der Rio Colorado ist hier 90 Meter breit und 7½ bis 10½ Meter tief. Am
+südlichen Brückenkopf rasten wir im Felsschatten, und ich zeichne eine
+Skizze (S. 161), während Sandy die Maultiere hinüberführt. Die Brücke
+ist 128 Meter lang, 1½ Meter breit und mit Bohlen belegt. An den Seiten
+ist sie mit Drahtnetz geschützt, so daß man ganz beruhigt sein kann,
+selbst wenn die Maultiere scheuen. Dagegen kann es gefährlich sein, sie
+bei starkem Wind zu überschreiten. Wie Sandy erzählt, geriet einmal
+die Brücke bei einem schrecklichen Sturm in so heftige Schwingung, daß
+sie sich überschlug. Seitdem ist sie mit Hilfe von eisernen, an den
+Seiten angebrachten Kabeln besser verankert worden. Wir befinden uns
+hier 762 Meter über dem Meer und sind somit von El Tovar 1331 Meter
+hinabgestiegen.
+
+Nach Überschreiten der Brücke reitet man ein Stück auf einem Gesims
+am rechten, nördlichen Ufer, unmittelbar über den sich dahinwälzenden
+Wassermassen. Dann verläßt man den schwindelerregenden Pfad, kreuzt
+einen Flugsandgürtel, auf dem Büsche wachsen, und erreicht schließlich
+den Punkt, wo der Bright Angel Creek in die Rinne des Colorado, die
+Granite Gorge, mündet. In dem Seitental fließt ein Bach, an dessen
+Westufer der Pfad zu der gemütlichen Unterkunftsstation Phantom Ranch
+hinaufführt. Hier sind hübsche Steinhütten erbaut; jede hat zwei kleine
+Veranden, zum Schutze gegen Insekten mit feinen Drahtnetzen versehen.
+Ebenso wie in Hermit Camp sind Küche und Speiseraum in einer besondern
+Hütte untergebracht, in der sich die Gäste zu bestimmten Zeiten
+versammeln.
+
+Vom Sonnenuntergang sah ich heute abend nicht viel. Phantom Ranch
+liegt auf dem Grunde dieser tief eingeschnittenen Talschlucht, und man
+ist wie in einem Korridor eingeschlossen. Nur die Zinne des südlichen
+Cañonrandes rings um Yavapai Point wird von der sinkenden Sonne
+vergoldet, und auf den höchsten Kämmen, die den Bright Angel Creek
+umrahmen, blitzt hier und da ein goldner Streifen. Bald erlöschen sie,
+und schnell bricht dann die Dämmerung herein, hier unten in der Tiefe
+viel früher als auf den offnen Weiten von El Tovar.
+
+Meine Hütte hat nur ein einziges Zimmer, das Schlafgemach mit
+indianischen Matten auf dem Fußboden, und ein Kämmerchen, in dem man
+sich durch eine herrliche Dusche erfrischen kann. Da es um ½10 Uhr
+auf der Veranda, wo mein Bett stand, noch 34,6 Grad hatte, besprengte
+ich Fußboden, Dach und Gitter mit Wasser und erreichte dadurch, daß
+die Temperatur auf 28,6 Grad sank. Langsam steigt der Mond am Himmel
+empor. Während die Bergwand der rechten Talseite fast bis zum Fuß hinab
+beleuchtet ist, liegt die linke in dichtem Schatten. Es dauerte noch
+eine Weile, ehe der Mond sich über ihrem Kamm blicken ließ. Der Gesang
+der Grillen und das Murmeln des Baches sind die einzigen Laute, die die
+Stille der Nacht stören. Ich hatte erwartet, daß des Nachts ein kühler
+Bergwind ins Tal wehen würde, aber der herrschende Luftzug vermochte
+kaum die Blätter zum Rascheln zu bringen. Die Hitze des Tages bleibt
+im Tal drückend liegen, und die von der Sonne erhitzten Berghänge
+strahlen während der Nacht ihre Wärme aus. Trotz der eigenartigen
+Schönheit der Gegend und der Gemütlichkeit und Behaglichkeit in Phantom
+Ranch kann man sich nicht des Gefühls erwehren, als säße man in einem
+geschlossenen Wagen, und man sehnt sich nach weiten Horizonten. Ich
+beschloß daher, die nächste Nacht an einem höhern Punkte des Tals
+zuzubringen.
+
+Am 28. Juni waren es um 5 Uhr morgens 25, um 10 Uhr 30,1 und um 11 Uhr
+31,2 Grad.
+
+Ganz in der Nähe der Stelle, wo der Bright Angel Creek in den Colorado
+mündet, ist auf einem Hügel eine kleine Hütte errichtet. Hier wohnt
+das ganze Jahr hindurch, einsam wie ein Eremit, ein Mann, der täglich
+den Wasserstand des Flusses und jeden zweiten Tag die Wassermenge
+mißt und telegraphisch nach Imperial Valley und Denver meldet. Seine
+einfache Wohnung erhält ihr Wasser durch eine Rohrleitung, die von
+einem Punkt oberhalb Phantom Ranch ausgeht, aber seine Mahlzeiten nimmt
+der Beobachter im Speisezimmer zusammen mit den Touristen ein. Er
+heißt J. W. Johnson und sein Titel lautet U. S. T. S. Recorder Grand
+Canyon, Chief Hydraulic Engineer U. S. Geological Survey, Washington,
+D. C. (Beobachter am Gran Cañon im Telegraphischen Staatsdienst,
+Wasserschutz-Oberingenieur der Geologischen Landesuntersuchung).
+Ich lernte also Herrn Johnson kennen und erhielt von ihm folgende
+Aufschlüsse.
+
+[Illustration: Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright
+Angel Cañon.
+
+Aussicht nach Nord 25° Ost (29. Juni).]
+
+Die Messungen werden von einem Korb aus vorgenommen, der auf einem
+neben der Brücke gespannten Kabel auf Rollen läuft. Das Kabel ist in
+zwanzig Abschnitte mit 15 Fuß (4,6 Meter) Zwischenraum eingeteilt;
+denn der Fluß hat hier eine Breite von 300 Fuß (91,5 Meter). Die
+Stromgeschwindigkeit in zwei verschiedenen Tiefen und die Flußtiefe
+werden also an neunzehn Punkten gemessen. Die mittlere Tiefe betrug
+jetzt etwas mehr als 9 Meter. Im Winterhalbjahr (September bis März)
+erreicht die Wassermenge ihren Tiefpunkt mit 153 Kubikmeter in der
+Sekunde, die bei dem Gefälle etwa 5400 Pferdestärken entsprechen.
+Bei meinem Besuch belief sich die Wassermenge auf 1740 Kubikmeter,
+und der Wasserstand war 4,9 Meter über Normal. Am 4. Juni hatte er
+8,05 Meter und im Jahr 1921 9,75 Meter betragen. Am 4. Juni war die
+Wassermenge fast doppelt so groß gewesen wie heute am 28. Juni, nämlich
+3400 Kubikmeter in der Sekunde. Die Stromgeschwindigkeit hatte an
+jenem Tag im Durchschnitt 2,13 Meter in der Sekunde erreicht. Die
+höchste Geschwindigkeit ist 3,35 Meter, die geringste 0,46 Meter in
+der Sekunde. Am Tage vor meiner Ankunft war die Wassermenge um 85
+Kubikmeter geringer als am 28. Juni, und der Bright Angel Creek führte
+nur 0,86 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Das Wasser des Bright Angel
+Cañon stammt aus vier Quellen.
+
+Im Jahr 1923 wollte E. L. Kolb zum drittenmal das Wagestück
+unternehmen, im Boot den Colorado hinabzufahren. Er war der Leiter
+einer Gruppe von zehn Topographen mit vier Booten. 1922 hatten sie
+ihre Messungen und kartographischen Arbeiten am Green River in Utah
+begonnen. Sie hatten zwei Monate gearbeitet und wollten jetzt in den
+nächsten drei Monaten nach Needles in Kalifornien hinunterfahren. In El
+Tovar hatte ich darüber einen interessanten, durch Karten und Bilder
+besonders gut erläuterten Vortrag von Herrn Kolb selbst gehört. Der
+erste, der sich durch eine solche Bootfahrt berühmt machte, war, wie
+schon erwähnt, Powell im Jahr 1869. Bei einer so tollkühnen Fahrt,
+auf der man ständig Gefahr läuft, in den Stromschnellen zermahlen zu
+werden, braucht man noch nötiger als sonst die Kraft seiner beiden
+Arme. Powell hatte nur einen Arm, aber er führte sein Wagnis trotzdem
+glücklich durch.
+
+Man berechnet, daß jährlich an 300 Millionen Tonnen Schlamm in den
+Golf von Kalifornien geführt werden. In der Imperial Valley genannten
+Gegend, die auf der Grenze von Arizona und Kalifornien nicht weit
+von der Mündung des Colorado liegt, ist im Lauf von unübersehbaren
+Zeiten durch die Anschwemmungen des Flusses ein überaus fruchtbarer
+Boden entstanden. Aber da der Colorado in seiner Rinne durch sie
+hindurchfließt, ist das Gebiet selbst ohne Wasser und daher ganz
+wüst und öde. Später hat man sich den Fluß zunutze gemacht, Kanäle
+gegraben und ein Bewässerungsnetz angelegt, durch das viele Tausende
+Quadratkilometer der Wüste entrissen wurden. Vor einigen Jahren noch
+war diese Wildnis wertlos. Seitdem aber der Boden unermeßlichen Ertrag
+an Baumwolle und Früchten liefert, muß man bis zu zweitausend Dollar
+für einen Acre (40,5 Ar) bezahlen.
+
+Im Interesse dieser Bewässerung macht Herr Johnson seine Beobachtungen
+und telegraphiert täglich nach Yuma, dem Hauptort im Imperial Valley.
+Man weiß daher volle sieben Tage vorher, welche Wassermenge man zu
+erwarten hat, und kann danach seine Vorkehrungen treffen. Später
+hatte ich Gelegenheit, in Begleitung eines der größten kalifornischen
+Grundbesitzer, der besonders im Imperial Valley begütert war, des Herrn
+Harry Chandler, diese merkwürdige Gegend zu besuchen.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand hinauf.
+
+
+Ich hatte in Phantom Ranch zu bleiben gedacht, um zu sehen, wie Herr
+Johnson seine Messungen machte, aber am Nachmittag erhielt Sandy den
+telephonischen Bescheid, wir müßten uns beeilen, da die Maultiere in
+El Tovar gebraucht würden. Obgleich es schon 2 Uhr war, machten wir
+uns also zu einem kürzeren Ritt fertig, zehn Kilometer aufwärts zu den
+Altar Falls, wo wir die Nacht verbringen wollten. Bei Phantom Ranch
+betrug die Temperatur um diese Zeit 36,1 Grad, um 3 Uhr, ein Stück
+weiter aufwärts im Bright Angel Cañon 39,6 und im Bach 22,8. Das Tal
+war schmal wie ein Korridor. An einer Stelle schrumpft es zu einem
+nur 6 Meter breiten Hohlweg zusammen. Hier und da wachsen Weiden und
+Büsche. Der Pfad ist recht schlecht, aber den Maultieren ist jedes
+Gelände recht. Das Tal ist von dem Brausen des tosenden Baches erfüllt,
+und in weißschäumenden kleinen Fällen und Stromschnellen zwängt sich
+das sonst klargrüne Wasser zwischen Steinen und Blöcken hindurch. Nicht
+weniger als sechsundachtzigmal mußten wir das Bächlein überschreiten.
+
+Ab und zu ist der Nordrand zu sehen, die Zinne des Plateaus, in das der
+Fluß sich eingesägt hat. Dann weitet sich das Tal mehr und mehr. An
+einigen Stellen wachsen Pappeln; sie stehen meistens einzeln und tragen
+oft üppige Laubkronen. In einer kleinen Talweitung, wo mehrere Bäume
+einen Hain bildeten, machten wir auf einem schattigen Sandhügel kurze
+Rast. Die Temperatur war auf 37,8 Grad gefallen. Wir stiegen ja auch
+bergauf, im ganzen etwa 370 Meter.
+
+Schließlich bogen wir in ein kleines Seitental zur Linken ein und
+erreichten bald die Altar Falls, wo wir uns 1160 Meter über dem Meer
+befanden. Das Seitental ähnelt einer Nische oder Tasche in dem roten,
+zur Unkargruppe gehörenden Gestein. Im innersten Teil dieser Nische hat
+der Quellbach in ihre senkrechte Hinterwand eine Kerbe eingeschnitten,
+und über deren Kante stürzt das Wasser in einem frei fallenden Strahl
+hinunter. Rauschend und spritzend schlägt es an einen sehr steilen,
+24 Meter hohen Kegel aus Kalksinter, der an einen Altar erinnert, und
+fließt an seinen üppig bemoosten Seiten hinunter. Zischend peitscht das
+Wasser das Moos, und schießt dann in das kleine Becken hinab, das am
+Fuße des Kegels entstanden ist. Auch zu beiden Seiten sickern kleine
+Rinnsale hervor und bahnen sich einen Weg durch Kies und Moos, wo graue
+nasse dunkelbraune Tausendfüßler umhereilen. Unmittelbar unter dem Fall
+hatte das Wasser um 6 Uhr nachmittags eine Temperatur von 18 Grad. Von
+den 860 Sekundenlitern des Bright Angel Creek stammt nur ein geringer
+Teil von den Altar Falls. Die Höhe des Wasserfalls beträgt 35 Meter.
+
+Für ein Freiluftlager kann man sich keinen angenehmern Platz wünschen.
+Nur dreißig oder vierzig Schritt unterhalb des Falls bestand der Boden
+aus rotem Sand. Hier wuchsen vereinzelte Pappeln und einige Sträucher.
+Unmittelbar am Fuß der senkrechten, zum Teil überhängenden Felswand
+grub mein braver Cowboy eine Vertiefung in den Sand für mein Bett.
+Er hatte nämlich Decken, Laken und Kissen mitgenommen. Die Maultiere
+wurden angebunden. Wasser hatten wir ganz in der Nähe, und Brennstoff
+gab es im Überfluß. Bald kochte es in den Töpfen, und die Eßvorräte,
+die wir von Phantom Ranch mitgenommen hatten, wurden auf dem Sande
+aufgetischt. Um 8 Uhr waren es 27 Grad in der Luft. Der Abend war
+herrlich, still und klar. Die Dämmerung wurde dichter. Am flammenden
+Lagerfeuer nahmen wir unsere Mahlzeit ein. Kaffee und Pfeifen erhöhten
+die Gemütlichkeit, und dann gingen wir zeitig zur Ruhe. Ich lag noch
+bis Mitternacht wach, genoß die wunderbare Stimmung und lauschte dem
+Rauschen des Falles und dem Murmeln des Baches, das von einem ganzen
+Konzert von Fröschen und Grillen begleitet war. Mit den Augen folgte
+ich der Bahn der Sterne über den schmalen Streifen Himmel, der zwischen
+den Felsgraten zu sehen war. Das kleine Seitental der Altar Falls läuft
+von Nordwesten nach Südosten. Die Sterne verschwanden nacheinander
+hinter der hohen Bergwand südwestlich des Lagers, die der Mondschein
+mit seinem Silber übergoß. Schließlich stieg der Vollmond über den
+Rand der Felsenmauer im Nordosten empor. Ich schlief eine Weile, und
+als ich wieder für einen Augenblick erwachte, hatte auch der Mond den
+dunkelblauen Raum zwischen den Felsenzinnen überschritten.
+
+[Illustration: Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1.
+Juli).
+
+Die waldbewachsene Erhebung links ist McClellan Point.]
+
+Am 29. Juni betrug die Temperatur um 7 Uhr 22,2 Grad in der Luft und
+16,7 im Bach. Wir frühstückten, packten unsere Sachen und setzten
+unsern Ritt den Bright Angel Creek hinauf fort, indem wir wie gestern
+wiederholt den Bach kreuzten. Der Weg ist schlecht, aber die
+Touristen verirren sich ja auch selten zum Nordrand; in diesem Jahr war
+es nur ein paarmal vorgekommen. Bei einer kleinen von links kommenden
+Schlucht mit einem verschwindend kleinen Bächlein, das mein Begleiter
+Wall Creek nennt, befinden wir uns 1190 Meter über dem Meer. Von
+hier sieht man mit Hilfe des Fernglases El Tovar und den Rauch einer
+Lokomotive. Kurz vor 10 Uhr sind es 39,6 Grad, die größte Wärme, die
+ich im Gran Cañon ablas; offenbar war diese Zahl durch die Ausstrahlung
+der Bergwände beeinflußt, denn oben in freierem Gelände stieg die
+Temperatur nicht so hoch.
+
+Man verläßt nun den Talboden und steigt sehr steil eine Bergschulter
+hinan, nach Manzanita empor. Der Name ist nach Sandy mexikanisch und
+bedeutet „kleine Orange“; dieser Strauch kommt nämlich hier vor. Auf
+den Hängen der andern Talseite wachsen Kiefern und Wacholder. Der
+Weg führt meistens durch dickichtartige Gebüsche mit harten Zweigen.
+Nachdem wir die Höhe erreicht haben, geht es wieder Hals über Kopf zum
+Bach hinab. Von links kommt ein kleiner Bach und bildet schöne Fälle
+auf den Felsenplatten. Jetzt steht Wacholder- und Kiefernwald auch auf
+unserer Seite.
+
+Bei Roaring Springs sind wir kaum 1200 Meter von Bright Angel Point
+entfernt, dessen gewaltige Mauern im Westsüdwesten fast senkrecht
+über uns emporragen. Trotzdem haben wir noch 5½ Stunden bis dorthin,
+denn wir müssen mehrere Kilometer den Bright Angel Cañon hinauf nach
+Nordosten reiten, ehe wir an eine Stelle kommen, wo das Gelände auf
+das Hochland hinaufzusteigen erlaubt; dann müssen wir ebensoweit nach
+Südwesten reiten, um das Lager am Bright Angel Point zu erreichen.
+
+Von rechts kommt ein kleiner Nebenfluß, der sich in schäumenden Fällen
+über bewachsene Abhänge hinabstürzt. Wir befinden uns in 1420 Meter
+Höhe. Das Wasser in unserm brausenden Gießbach hat eine Temperatur von
+12,3 Grad und fühlt sich eiskalt an. Die Vegetation ist üppig; rote
+Felsrücken und Mauern ragen aus dem Grün empor und rufen mit ihren
+frischen lebendigen Farben prächtige Wirkungen hervor.
+
+Um ½11 Uhr gönnen wir den Maultieren und uns selbst eine halbstündige
+Rast; ich benutze sie dazu, ein paar flüchtige Skizzen zu zeichnen. Die
+Landschaft ist berückend schön. Hier ist es warm und herrlich -- wie
+gern wäre ich auch hier länger geblieben; aber wir mußten uns beeilen,
+denn die Maultiere wurden in El Tovar gebraucht. Wir haben den Bach
+überschritten und befinden uns auf seinem rechten Ufer, nachdem wir
+bisher den ganzen Tag auf dem linken geritten waren.
+
+Jetzt geht es im Zickzack die ungemein steilen Hänge der rechten
+Talseite hinan, nach links und nach rechts, bergauf und bergab, in
+unzähligen Windungen. Bisweilen ist der Pfad nur handbreit und läuft am
+Rande des Abgrunds entlang. Das Maultier braucht nur einen Fehltritt zu
+tun! Am schlimmsten ist es da, wo der schmale Pfad sich nach dem Tal zu
+neigt und die äußere Kante weich ist. Einmal gab der Boden unter der
+Last meines Maultiers nach; es glitt mit dem äußern rechten Vorderfuß
+aus, parierte aber gut, indem es sich auf das Knie des innern Beines
+fallen ließ und sich wieder erheben konnte, ehe es das Gleichgewicht
+verlor. Aber „Sparkplug“, wie es heißt, ist auch ein erstklassiges
+Reittier, und ich fühle mich auf seinem Rücken ganz sicher. Hier und
+da liegen runde Blöcke und hohe Steinstufen mitten auf dem Pfad; die
+Zickzackwindungen sind nur ein paar Meter lang, das Maultier klettert
+und springt den Pfad hinauf, und man macht sich so geschmeidig wie
+möglich, um seinen Bewegungen zu folgen und sie zu erleichtern. Wenn
+es bergauf geht, läßt man es sich noch gefallen, aber wenn es solche
+Treppen Hals über Kopf hinabgeht, ist einem nicht ganz wohl zumute. In
+der Tiefe breitet sich das üppige Grün wie ein orientalischer Teppich
+zwischen den roten Bergwänden aus, man sieht den dunkel malachitgrünen
+Bach und seinen schneeweißen Schaum und lauscht seinem Brausen.
+
+Wieder kommen wir lange Strecken durch herrlichsten Nadel- und Laubwald
+und durch dichte Gebüsche. Wenn man unter überhängenden Felsmauern
+reitet und vorstehende Blöcke über sich hat, fragt man sich, ob man
+vorbeikommen wird, ehe der Block sich löst und niederstürzt, um sich
+in donnernden rollenden Sprüngen zu seinen Vorgängern an den Ufern und
+im Bett des Baches zu gesellen. Zu den geringeren Unannehmlichkeiten,
+die man nicht weiter beachtet, gehören die Erfahrungen, die man
+macht, wenn dornige Zweige des Dickichts, durch die der Pfad sich
+hindurchschlängelt, einem die Beinkleider zerreißen.
+
+So reiten wir bergauf und bergab, aber im großen ganzen nähern wir uns
+dem Plateaurand. Der Pfad ist rot, die Wacholderstämme schwarz; ihre
+Nadelkronen dunkelgrün. Auch dadurch unterscheidet sich der Nordrand
+des Gran Cañon vom Südrand, daß er viel reicher an Vegetation ist. An
+manchen Stellen ist der Wald im Bright Angel Cañon geradezu üppig.
+
+[Illustration: Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten
+(1. Juli).]
+
+Am Ufer eines kleinen Bachs, der von der rechten Talseite kommt,
+steht ein einsames Zelt. Hier hausen Arbeiter, die die schlimmsten
+Schäden des Weges auszubessern haben. An manchen Stellen ist der Pfad
+recht lebensgefährlich, an andern leidlich. Aber wunderbar ist stets
+die Landschaft, und zwischen den Stämmen der Bäume öffnen sich die
+herrlichsten Ausblicke. Man reitet wie durch natürliche Säulengänge
+und man weiß nicht recht, soll man lieber dem Selbsterhaltungstrieb
+folgen oder den mit jeder Minute wechselnden Landschaftsbildern seine
+Aufmerksamkeit schenken.
+
+Gleich nach Mittag rasten wir eine Weile am Rande der kleinen Quelle
+Trough Spring, wo die Lufttemperatur auf 33,6 Grad gesunken ist. Man
+beginnt zu merken, daß man sich weiteren Horizonten nähert und nicht
+mehr in enge Hohlwege eingesperrt ist. Von Roaring Springs an folgen
+wir ständig den Hängen der rechten Talseite, gewöhnlich in bedeutender
+Höhe über dem Talboden, doch nicht höher, als daß wir stets das Brausen
+des Baches hören können.
+
+Auf der linken Seite eines kleinen Seitentals reiten wir immer höher
+hinauf durch Wald von Eichen und Birken mit pechschwarzen Stämmen,
+durch Dickichte von Sträuchern und Disteln und weiter oben durch
+herrlichen Wald von Gelbkiefern und Fichten. Von Zeit zu Zeit machen
+wir im tiefsten Schatten kurze Rastpausen, damit die Maultiere
+verschnaufen können. Wenn wir unsere Blicke durch den Bright Angel
+Cañon hinabschweifen lassen, sehen wir zur Linken seines offenen
+Mündungstores den Brahma- und den Zoroastertempel, die sich als hohe
+imposante Pyramiden gegen den hellern Hintergrund des Südrandes
+abheben. Dagegen erscheint der nördliche Cañonrand, zu dessen Zinnen
+wir hinaufstreben, nicht mehr so gewaltig wie unten von der Taltiefe
+aus.
+
+Als der Pfad gerade schmal und tückisch ist, kommt uns eine
+Maultierkarawane entgegen. Zum Glück haben ihre Führer uns rechtzeitig
+gesehen und warten an einer breitern Stelle, wo wir an ihnen vorbei
+können, ohne in die Tiefe hinuntergestoßen zu werden. Fichten, Kiefern
+und Wacholder bilden auf den Hängen ganze Armeen. Jenseits des Tales,
+im Osten, ungefähr in der gleichen Höhe, die wir erreicht haben, tritt
+die Grenze zwischen dem roten Coconino und dem weißgrauen Kaibab
+außerordentlich scharf hervor. Ein paar aufgescheuchte Rehe flüchten in
+leichten Sprüngen durch den Wald. Am Rande eines Abgrunds bleiben sie
+stehen und betrachten uns eine Zeitlang, mit aufgerichteten Lauschern,
+unbeweglich wie Bildsäulen, um schließlich wie Schatten zu verschwinden.
+
+Kurz nach 2 Uhr nehmen wir die letzte Schwelle und kommen schließlich
+auf die fast ebene Fläche des Kaibabplateaus hinauf. In einem
+Nadelwald, zwischen dessen Bäumen auch die eine oder andere
+Zitterpappel ihre Laubkrone erhebt, machen wir zum Frühstück Rast, am
+Rande eines jener ausgeschachteten, mit Dämmen umgebenen „Tanks“, die
+den Zweck haben, Regenwasser für das Vieh zu sammeln. Die Temperatur
+ist angenehm, 29,5 Grad.
+
+Bis zur North Rim Rancher Station und Vaughan Jensens Camp hatten wir
+noch einige Kilometer durch den herrlichsten Tannenwald zu reiten.
+Jensen war daheim, und sein Auto stand bereit. Er war ein großer
+starker Mann, der Sohn dänischer Auswanderer, deren Muttersprache er
+jedoch nie gelernt hatte. Nun hatte Sandy mich guten Händen anvertraut.
+Nachdem ich ihm gedankt und die Hand geschüttelt hatte, kehrte er
+um; er wollte heute noch den langen Weg nach Phantom Ranch hinunter
+zurücklegen. Jensen und ich stiegen ins Auto, fuhren an Bright Angel
+Spring (wo das Wasser nur 10 Grad maß) vorüber und hatten dann nur noch
+kaum 5 Kilometer nach Wylie Way Camp, der einzigen Touristenstation am
+Nordrand.
+
+Hier stehen fünfzehn viereckige Zelte mit Holzgerippe und
+Bretterfußboden; sie sind mit Bett, Tisch, Stuhl und Waschgestell
+ausgestattet. Der Leiter des Lagers, Herr McKee, wohnt mit Frau und
+Sohn in einem größern Zelt, neben dem die Küche und das Speisezelt
+aufgeschlagen sind. Da ich mir den Sonnenuntergang dieses ersten Abends
+am Nordrande nicht entgehen lassen wollte, begaben wir uns, Herr
+Jensen und ich, auf den Bright Angel Point hinaus, den ich im Laufe
+des Tages von unten gesehen hatte. Man muß ein gutes Stück auf dem
+Grat des schmalen, senkrecht aufragenden Ausläufers gehen, vor dessen
+äußerstem Kap sich ein Pfeiler aus Kaibabkalkstein erhebt. Dieser
+Pfeiler, der zum Teil freisteht und mit dem festen Felsen durch eine
+kleine, über schwindelnder Tiefe schwebende Holzbrücke verbunden ist,
+trägt den Namen Bright Angel Point. Seine Zinne mißt nur wenige Meter
+im Durchmesser und besteht aus zwei Absätzen, deren oberer eine einem
+Rundsofa ähnliche natürliche Bank bildet. Hier liest man die Höhenzahl
+der Geologischen Landesuntersuchung 8153 Fuß (2485 Meter). Es darf
+einem nicht schwindlig werden, wenn man sich auf dieser winzigen Fläche
+aufhält, die wie eine kleine Insel, eine Schäre, aus dem Luftmeer
+emporragt und von deren Rand die Seiten der Kalkpfeiler Hunderte von
+Metern senkrecht in die Tiefe abfallen. Es ist, als stünde man auf
+dem Kapitell einer riesigen Säule. Ich hielt mich an die Steinbank
+und war froh, daß ich nicht zu stehen brauchte; denn man hat überall
+nur ein oder zwei Meter bis zum Rand des Abgrunds. Doch Jensen schien
+dies nicht im geringsten zu stören. Denn als er mir die Landschaft
+erklärte, stellte er sich in des Wortes wahrster Bedeutung auf den
+äußersten Rand, so daß die Zehenspitzen überragten. Ich fuhr zusammen
+und fühlte, wie kalte Schauer mich überliefen, sagte aber nichts.
+Gerade, ruhig und gelassen stand er da, als stünde er mitten in einem
+Saal; er zeigte auf die verschiedenen Tempel und Täler, ließ seine
+Blicke am Horizont entlang schweifen und schien die ungeheuere Tiefe
+nicht einmal zu merken, die er gerade unter sich hatte. Wer Lust dazu
+hat, kann es ja versuchen, sich auf den äußersten Rand eines Gesimses
+zu stellen, das von dem Dach eines vier- oder fünfstöckigen Hauses
+vorspringt, unbeweglich da zu stehen und über benachbarte Hausdächer
+hin zu blicken, unbekümmert um die Straße, die unter ihm gähnt. Der
+Unterschied ist nur der, daß die Höhe der senkrechten Wand des Bright
+Angel Point zehnmal größer ist.
+
+[Illustration: Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost
+(Wischnutempel).]
+
+Wenn wir auf den Grund des Bright Angel Cañon in der Gegend der Altar
+Falls schauen, die in der Luftlinie keine 4 Kilometer entfernt sind,
+dann beträgt der Höhenunterschied 1326 Meter. So viel, viereinhalb
+Eiffeltürme übereinander, waren wir auf unserm heutigen Ritt gestiegen.
+Den ganzen Weg, den wir von Altar Falls an zurückgelegt hatten, kann
+man mit dem Blick in die Tiefe verfolgen, selbst wenn der Pfad im
+Gelände verschwindet oder unter Grün verborgen ist.
+
+Der vorspringende Teil des Kaibabplateaus, auf dessen äußerstem Kap wir
+stehen, wird im Nordosten von dem Seitental, an dessen Mündung wir bei
+Roaring Springs vorbeigekommen waren, im Südwesten von dem Seitental
+The Transept begrenzt. Im Süden thronen Deva- und Brahmatempel mit
+ihren hellen sonnenbeleuchteten Zinnen, die sich scharf von dem in
+leichteren Tönen hervortretenden Südrand abzeichnen, mit ihren scharfen
+Schatten und ihren ziegelroten Steilhängen.
+
+Eine Abendstunde auf der Plattform dieser Säule bietet fürwahr
+seelische Erschütterungen, die man nie vergißt. Ganz abgesehen von
+meiner Angst, zu sehen, wie Herr Jensen im nächsten Augenblick das
+Gleichgewicht verlor und über den Kalksteinrand verschwand, rang ich
+nach Atem beim Anblick dieser Landschaft, die aller Worte und aller
+unbeholfenen Versuche mit Feder und Pinsel spottet. Man fühlt sich
+überwältigt und verstummt. Was hat es für einen Zweck, zu reden, wenn
+der Sprache die Mittel fehlen, den Gefühlen Ausdruck zu geben, die man
+empfindet. Es ist am besten, demütig einzugestehen, daß man, gemessen
+mit den Maßen dieser märchenhaften Landschaft, nicht viel mehr ist als
+ein Sandkorn, das die Strömung des Colorado zum Meer hinabführt.
+
+Auch in topographischer Hinsicht ist diese Aussicht belehrend und
+orientierend. Wenn man von El Tovar oder von andern Punkten des
+Südrandes aus alle diese pyramidenförmigen Tempel sieht, schaut man
+sie in der Verkürzung; sie verdecken sich und bilden ein einziges
+unentwirrbares Durcheinander, ein Labyrinth senkrechter oder steiler,
+höchst phantastisch herausgemeißelter Berge. Aber hier vom Nordrand
+aus sieht man deutlich, wie die Tempel sich auf dem Rücken ein und
+desselben nach Süden vorspringenden Ausläufers des Kaibabplateaus
+erheben. Auf meinem jetzigen Aussichtspunkt befand ich mich weit
+nördlich vom Deva-, Brahma- und Zoroastertempel und sah sie etwas von
+der Seite, aber auch in Verkürzung, in einer ganz andern Anordnung als
+von Süden. Die Begriffe klären sich, und den Hauptbahnen der Erosion
+zu folgen wird leichter. Man hat unmittelbar unter sich Täler zweiter
+Ordnung wie den Bright Angel Cañon und noch näher Täler dritter Ordnung
+wie The Transept. Man kann verfolgen, wie das Nagen und Fressen der
+Erosion aus den festen Gesteinsmassen Schritt für Schritt Gebilde in
+immer geringeren Größenordnungen schafft, bis zu den allerkleinsten
+Einschnitten hinunter, die das Regenwasser seit unermeßlichen Zeiten
+gegraben hat. Steter Tropfen höhlt den Stein!
+
+Der Ausläufer des Kaibabplateaus, zu dem die eben genannten Tempel
+gehören, ragt also wie eine ungeheure Trennungsmauer zwischen dem
+Gran Cañon und seinem Seitental, dem Bright Angel Cañon, auf. Dieser
+beherrschende Zug tritt auch sehr deutlich auf meinem Aquarell (siehe
+Titelbild) hervor. Die Beleuchtung war überaus günstig. Es ging auf
+den Abend zu. Der Südrand und seine ganze Mauer lagen zum größten
+Teil im Schatten. Aber infolge der Entfernung von etwa 16 Kilometer
+und unzähliger Lichtblinke aus den tieferen Teilen des Cañon zeigten
+sich selbst die geschlossenen Schattenfelder in zarten grauvioletten
+Tönungen, während die Schatten auf den Westseiten der Tempel und in den
+Spalten der Abhänge dunkel, fast schwarz aussahen. Hier und da wurden
+vorspringende Teile des südlichen Cañonrandes von den Sonnenstrahlen
+getroffen und bildeten senkrechte Lichtfelder von prächtigster Wirkung.
+Am schönsten von allem war jedoch der Rücken mit den Tempeln. Ihre
+hohen zerklüfteten Kuppeln aus Kaibabkalkstein leuchteten hell gelbgrau
+mit einem Schimmer von Rosa, die Coconino- und Supaischichten
+unter ihnen dagegen waren intensiv ziegelrot. In der Tiefe unter uns
+lagen bereits dunkle Schatten auf dem gewundenen Weg, den wir im
+Lauf des Tages zurückgelegt hatten, aber auf meinem Bild werden die
+schwindelnden Abgründe von dem dichten Grün meiner nächsten Umgebung
+verdeckt.
+
+[Illustration: Blick von Cape Royal in den Gran Cañon.
+
+In Süd 65° Ost eine Krümmung des Colorado.]
+
+Herr Jensen weckte mich aus den Träumen und Gedanken, denen ich
+nachhing. In El Tovar hatte man mir erzählt, auf den Weiden und in
+den Wäldern des Nordrandes ästen 40000 Rehe, und als ich mich bei
+Herrn Jensen auf dem Wege von seinem Kamp danach erkundigte, hatte
+er mir erwidert, diese Zahl komme der Wahrheit allerdings nahe und
+ich könne mich an Rehen satt sehen, wenn ich gegen Sonnenuntergang
+achtgäbe. Daran anknüpfend, machte er den Vorschlag, wir könnten noch
+eine Spazierfahrt machen und die schönen Tiere aufsuchen. Die Rehe
+bringen jetzt im Sommer den ganzen Tag in den Verstecken des Waldes zu
+und treten gerade bei Sonnenuntergang auf das offene Gelände hinaus,
+um dort die ganze Nacht hindurch zu äsen -- sei es, weil der Wald am
+Tage kühler und nicht so voller blutsaugender Insekten ist, oder weil
+sie sich bei Tageslicht leichter hüten können vor ihren auf den Bäumen
+lauernden Feinden aus dem Katzengeschlecht als in der Nacht, wo sie
+sich auf freiem, offenem Gelände sicherer fühlen.
+
+Wir hatten 26 Kilometer bis zu dem sogenannten V. T. Park
+(„Viti“-Park)[4] zu fahren, wo der Weg aus dem Walde tritt, um sich
+durch langgestreckte Gürtel Wiesenland zu schlängeln. Die Sonne war
+untergegangen, und die Dämmerung breitete sich allmählich über die
+Erde. Aber der Himmel war klar, und es war noch hell genug, um deutlich
+zu sehen. Wir fuhren auf die Wiese hinaus. Ein paar Rehe sprangen in
+anmutigen elastischen Sätzen über das Gras dahin. „Warten Sie nur,“
+sagte Herr Jensen, „es werden bald mehr!“
+
+Kurz darauf zählte ich eine Anzahl von 85 Stück, und wohl sechs ebenso
+große Bestände waren gleichzeitig in Sehweite, außerdem viele einzelne
+Rehe oder Paare. Sie waren nicht gerade sehr scheu. Als das Auto an
+ihren Weideplätzen vorüberratterte, schauten sie auf, betrachteten uns
+genau und folgten mit dem Kopf unsern Bewegungen; erst als wir ganz
+nahe waren, wandten sie sich und traten in den Schatten des Waldes.
+Dieses schöne entzückende Schauspiel wiederholte sich mehrere Male. Die
+meisten Rehe waren links vom Weg in der Nähe des Waldrandes. Einmal
+hatten wir ein Rudel von 20 Stück rechts vom Weg, wo der Wiesengürtel
+ganz schmal und der Wald sehr nahe war. Statt in diesen zu trollen,
+beschlossen sie, nach dem Wald im Westen zu flüchten; um dorthin zu
+kommen, mußten sie den Weg vor uns kreuzen. Sie zogen nicht paarweise,
+sondern fast im Gänsemarsch. Die letzten, die sich nicht sonderlich
+beeilten, veranlaßten mich, Herrn Jensen am Ärmel zu fassen, denn sie
+waren keine fünf Meter vor uns, und wir fuhren ziemlich schnell. Aber
+ihr Wagnis glückte, und sie gesellten sich mit heiler Haut zu ihren
+Gefährten.
+
+Als die Dämmerung allzu dicht wurde, kehrten wir nach Wylie Way Camp
+zurück. Inzwischen war es dunkel geworden, aber auf einem offenen Platz
+vor den Zelten hatte man ein gewaltiges Feuer angezündet und Stühle
+ringsherum gestellt.
+
+Von Salt Lake City waren einige Touristen in eigenen Autos angekommen,
+und Thomas McKee, der Wirt des Lagers, war gerade dabei, ihnen vom Gran
+Cañon zu erzählen. Mit seiner Frau, seinem Sohn und einigen Dienern
+verbringt er im Wylie Way Camp jedes Jahr die vier Monate der Saison,
+Anfang Juni bis Anfang Oktober, und hat dabei sein gutes Auskommen. Die
+fünfzehn Zelte nebst vier neuen eben aufgeschlagenen werden im Oktober
+zusammengepackt und den Winter über gut aufbewahrt. Während der kalten
+Jahreszeit wohnt die Familie McKee in Pasadena in Kalifornien, sie
+sehnt sich aber stets nach dem Gran Cañon zurück.
+
+McKee erzählte, der Panamakanal habe den Eisenbahnlinien dieser Gegend
+Abbruch getan. Die Seefracht ist nämlich 25-30 vom Hundert billiger.
+Die Dampfschiffe ziehen Güter und auch Reisende vom Landweg ab. Das
+kalifornische Obst z.❁B. wird jetzt im Kühlraum durch den Panamakanal
+nach New York und Europa verfrachtet, während es früher stets auf dem
+Schienenweg quer durch den Erdteil versandt wurde. Die Eisenbahnen tun
+daher, was sie können, um durch Entfaltung der vorhandenen Lockmittel
+den Strom der Reisenden an ihre Linien zu ziehen. Die vorzüglichste
+Lockspeise ist natürlich der Gran Cañon.
+
+[Illustration: Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron.]
+
+In Herrn McKee lernte ich einen ungewöhnlich tüchtigen, kenntnisreichen
+und liebenswürdigen Mann kennen, und die Tage, die ich in seiner
+Gesellschaft verbrachte, gehören zu meinen besten Erinnerungen an
+Amerika. Er ist Naturforscher und Schriftsteller und schreibt in
+verschiedenen Zeitschriften über Menschen und Tiere, besonders über
+den Puma, den Berglöwen, und über die Hunderasse, die man abgerichtet
+hat, dieses Katzentier aufzuspüren. Auch mir erzählte er allerlei
+von ihm. Die Pumas, die ihre Jagdgründe am Nordrande des Gran Cañon
+haben, sind fett und plump und strengen sich nicht übermäßig an. Aber
+gleichwohl sind sie blutdürstig, und wenn sie in großer Anzahl getötet
+werden, merkt man binnen kurzem, wie der Rehbestand zunimmt. Hier in
+der Gegend heißen sie Kuguare. Ihre Höhlen haben sie auf den Nordhängen
+des Gran Cañon; des Nachts kommen sie in den Wald hinauf. Sie lauern
+auf den Bäumen und springen auf vorüberziehende Rehe hinunter. Vor
+einigen Tagen hatte ein Puma nur ein paar hundert Meter von Wylie Way
+Camp ein Reh erbeutet, wie Haut und Knochen verrieten, die man eines
+Morgens fand. Wenn der Puma ein Reh erlegt hat, frißt er sich satt und
+deckt den Rest mit Laub und Zweigen zu oder gräbt ihn ein, um nach
+zwei Tagen zurückzukommen. Ist das Fleisch inzwischen verdorben, dann
+rührt er es nicht an; er lauert lieber einem neuen Opfer auf. Glückt
+ihm dies nicht, dann nimmt er auch mit Fleisch vorlieb, das schon einen
+kleinen Stich hat. Heulwölfe, Wildkatzen und Luchse folgen seiner Spur,
+um sich an dem, was er von seiner Beute übriggelassen hat, gütlich zu
+tun; sie selbst wagen sich nur an junge Tiere. In Gegenden, wo es viele
+Rehe gibt, tötet der Puma jeden zweiten Tag ein Tier; er frißt nur die
+besten Stücke und säuft das Blut.
+
+Uncle Jim, ein großer berühmter „Löwentöter“, wurde seinerzeit von der
+Regierung angestellt und erhielt den Auftrag, zum Schutze der Rehe
+möglichst viele Raubtiere zu vernichten. Fünfundzwanzig Jahre lang
+verfolgte er den Puma und erlegte in den Wäldern des Walhallaplateaus
+1500 Stück, davon etwa 1100 in der Gegend von Wylie Way Camp. Dabei zog
+er eine besondere Hunderasse auf, die eigens auf den Puma abgerichtet
+war, dessen Wegen auf den Felsenhängen und in den Wäldern folgte und
+ihn auf Bäume hinaufjagte, wo er leicht geschossen werden konnte. Der
+Hund, der der Stammvater dieses Geschlechts von Pumatötern war, hatte
+allein 607 Pumas aufgespürt, aber als er der Fährte des 608. folgte,
+wagte er sich zu weit auf einen vereisten Felsabhang hinaus, verlor den
+Halt und stürzte in die Tiefe. Doch der Puma, der den Jagdeifer seines
+Verfolgers zu so verhängnisvoller Unvorsichtigkeit entflammt hatte,
+mußte auch sein Leben lassen. Einmal kam Präsident Theodor Roosevelt
+nach dem Walhallaplateau, um unter Uncle Jims Leitung Pumas zu jagen.
+Der Präsident war von der erfolgreichen Jagd so entzückt, daß er zur
+Erinnerung daran Uncle Jim ein Jagdgewehr mit goldenem Namensschild
+schenkte. Der Alte bezog ein Gehalt von der Regierung und erhielt auch
+von Farmern und Viehbesitzern Bezahlung für seinen Ausrottungskrieg
+gegen die raubgierigen Katzen.
+
+Ja, McKee konnte Geschichten von Tieren und Menschen erzählen! Eine von
+ihnen hatte eine Hütte zum Schauplatz, an der ich später auf dem Weg
+nach Salt Lake City vorüberkam, den V. T. Ranch im V. T. Park. Hier
+hatte sich achtzehn Monate vor meinem Besuch folgende dramatische Szene
+abgespielt.
+
+In einer Stadt im südlichen Arizona hatte ein Mann einige Wertpapiere
+gestohlen und war nach Norden geflohen, um den Gran Cañon zu
+überschreiten und sich nach Utah zu begeben, wo er allen Spähern und
+Polizisten entgehen zu können glaubte. Auf dem Weg durch den Cañon
+gelang es ihm, einen verwilderten Esel zu fangen, der wieder so gut wie
+zahm geworden war. Auf diesem ritt er zum Nordrand hinauf, wo hoher
+Schnee lag. Schließlich erreichte er die Hütte des V. T. Ranch und ging
+mit seinem Esel hinein. Keine Menschenseele war in der Gegend, aber die
+Farmer hatten bei ihrem Aufbruch einen erheblichen Vorrat an Kartoffeln
+zurückgelassen.
+
+Nachdem der Flüchtling einige Tage hier zugebracht hatte, erhielt er
+unerwarteten Besuch. Ein anderer Abenteurer war von Utah aufgebrochen
+und eines Tages in dem weiter nördlich gelegenen Hof des Pumajägers
+Uncle Jim aufgetaucht. Er erklärte, er habe die Absicht, nach Süden
+über den Gran Cañon zu gehen, um in Arizona bessergelohnte Arbeit zu
+suchen. Uncle Jim warnte ihn und sagte, bis zum nördlichen Cañonrand
+liege hoher Schnee. Aber der Mann versicherte, er sei an Wald, Wildnis
+und Schnee gewöhnt und werde auch hier schon durchzukommen wissen.
+
+Er brach also auf und watete durch den Schnee nach Süden. Nachts hatte
+er keinen Schutz und war dem Erfrieren nahe. Völlig erschöpft erreichte
+er schließlich den V. T. Ranch und sah aus dem Schornstein der Hütte
+Rauch aufsteigen. Er ging an die Tür und klopfte an. Der Dieb öffnete
+die Tür ein wenig, hielt seine Axt drohend erhoben und erklärte, er
+werde den Ankömmling töten, wenn er sich nicht entferne. „Hier ist nur
+für einen Nahrung, nicht für zwei!“
+
+Der andere bat und flehte um Einlaß; er war ganz entkräftet vor Kälte,
+hatte sich mehrere Zehen erfroren, konnte keinen Schritt weiter und
+hatte es nötig, sich in der warmen Hütte auszuruhen. Der Dieb blieb
+unerbittlich, kein Mensch dürfe über die Schwelle, erklärte er, und
+wieder hob er drohend die Axt. Da packte den Ankömmling die Wut,
+er zog sein Messer, riß die Tür auf und zischte: „Gut, dann soll es
+wenigstens einen Kampf auf Leben und Tod geben.“
+
+[Illustration: Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West.]
+
+Nun wich der Dieb zurück und wurde kleinlaut. Es hing an einem Haar,
+daß sie mit ihren Waffen aufeinander losgingen. Eine Zeitlang lebten
+sie auf Kriegsfuß. Sie mißtrauten und fürchteten einander, beobachteten
+sich und schielten sich gegenseitig verstohlen an, und keiner wagte,
+dem andern den Rücken zu kehren. In der Nacht hatte der eine seine Axt,
+der andere sein Messer zur Hand. Tag und Nacht fiel Schnee, immer höher
+wurden die Schneewehen. Sie sahen ein, daß es unmöglich war, die Hütte
+zu verlassen, solange das Schneewetter anhielt, daß die Wartezeit -- es
+war noch nicht einmal Neujahr -- lang und hart werden konnte und daß
+sie einander brauchen und helfen konnten; darum schlossen sie Frieden
+und legten Axt und Messer beiseite.
+
+Als der Kartoffelvorrat zu Ende war, schlachteten sie den Esel und
+hatten nun für lange Zeit Fleisch. Mitte Dezember 1921 hatten sie sich
+in der Hütte getroffen und vier Monate mußten sie dort bleiben. Es
+schneite noch immer, und die Schneewehen türmten sich fast vier Meter
+hoch.
+
+Im März fertigten sie Schneeschuhe an, dann brachen sie mit ihrem
+letzten Fleischvorrat nach Norden auf. Der Mann aus Utah, der sich
+die Füße erfroren und seine Zehen verloren hatte, war schlimm daran,
+er konnte sich ohne die Hilfe des Diebes nicht vorwärts bewegen. Sie
+kamen daher durch die ungeheuren Schneewehen nur langsam vorwärts und
+hatten bald nur noch ein kleines Stück Fleisch übrig. Als sie einmal
+den losen Schnee weggeschaufelt und sich hingelegt hatten, um zu
+schlafen, benutzte der Dieb die Gelegenheit, sobald der andere fest
+eingeschlummert war, und machte sich mit dem Fleisch und den Stücken
+einer Plane aus der Hütte davon. Er nahm als sicher an, daß sein
+Gefährte in der Einsamkeit umkommen werde.
+
+Schon am folgenden Tag erreichte er den Hof Uncle Jims und log diesem
+eine Geschichte vor, die glaubhaft scheinen konnte. Dabei beging er
+jedoch die eine und andere Unvorsichtigkeit, die Uncle Jim und seine
+Leute Verdacht schöpfen ließen, daß nicht alles richtig sei und daß ein
+Mann fehle.
+
+Am Abend trat plötzlich der Gefährte ein, und als er den Dieb
+erblickte, der ihn so verräterisch im Stich gelassen hatte, zog er das
+Messer und stürzte sich auf ihn; er hätte ihn getötet, wenn ihn die
+Anwesenden nicht daran gehindert hätten.
+
+Während der Nacht wurden die beiden in getrennten Räumen untergebracht
+und bewacht. Am Morgen wollte der Dieb durch den Schnee nach der Stadt
+Hurricane weiter. Er ließ sich von den andern nicht abschrecken, die
+ihn vor dem 120 Kilometer langen Weg warnten und ihm rieten, lieber
+nach Fredonia zu gehen, das nur 22 Kilometer entfernt sei. Er machte
+sich also auf den Weg nach Hurricane, erreichte aber nie sein Ziel.
+Obwohl ein Jahr seitdem verflossen ist, hat niemand etwas von ihm
+vernommen. Wahrscheinlich ist er in der Kälte umgekommen und dann von
+Heulwölfen aufgefressen worden.
+
+Der andere wurde in das Krankenhaus St. George in der Südwestecke von
+Utah gebracht, dem nächsten Ort, wo er richtige Hilfe erhalten konnte.
+Die Füße mußten ihm abgenommen werden, und freundliche Menschen nahmen
+sich seiner an.
+
+Wir saßen am prasselnden Feuer und plauderten und sahen zu, wie die
+sprühenden Funken zum mondhellen Himmel emporwirbelten. Mit Herrn
+Jensen besprach ich den Plan eines zweitägigen Ausfluges nach Cape
+Royal.
+
+Den ganzen folgenden Tag, 30. Juni, benutzte ich dazu, einige Skizzen
+und flüchtige Aquarelle hinzuwerfen, von denen ich zwei wiedergebe (S.
+128 und S. 144). Auf dem einen sieht man den Deva- und Brahmatempel
+und einen Schimmer des Zoroastertempels, während das Kap Obi Point,
+von dem ihr Sockelrücken ausgeht, von Bäumen verdeckt wird. Das
+zweite Bild zeigt die Aussicht nach Norden und Nordnordosten auf das
+kleine Seitental und im Hintergrund einen Teil der innersten Regionen
+des Bright Angel Cañon. Die ganze Landschaft schimmert hier in Grün
+und Rot. Das Grün der Vegetation herrscht auf den Höhen vor, das
+Rot breitet sich nach der Tiefe zu aus. Der Kaibabkalkstein bildet
+senkrechte, ins Violette spielende Wälle. Es ist eine farbensatte,
+seltsame Landschaft, die recht unwahrscheinlich aussieht.
+
+Am folgenden Morgen weckten mich Autogeratter und Stimmen; es war
+ungewöhnlich lebhaft am Wylie Way Camp. In dem einen Auto kamen
+Touristen angefahren, die auf das Kap hinausgingen und die Aussicht
+bewunderten, um auf dem gleichen Wege zurückzukehren. Die Insassen des
+zweiten waren drei Männer aus dem Volk, unter ihnen ein älterer Mann,
+voller Scherze und heiterer Einfälle. Ohne weiteres begann er von der
+bevorstehenden Präsidentenwahl zu sprechen und war der Überzeugung,
+daß Ford vom Volk gewählt werden würde. Er selbst wolle ihm gern seine
+Stimme geben, wenn Ford ihm als Gegengabe ein Auto schenke. „Manche
+Leute benutzen solche Methoden bei der Präsidentenwahl,“ sagte er,
+„aber vielleicht ist Ford doch nicht aus +dem+ Holz.“
+
+[Illustration: Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal.]
+
+Mit dem jungen Robert McKee wanderte ich durch den Wald nach
+dem anderthalb Kilometer entfernten nordöstlichen Rand des tief
+eingeschnittenen kleinen Seitencañons The Transept. Vom Rand aus
+kletterten wir eine steile Steinrinne zwischen zwei Kalksteinfelsen
+hinab und balancierten dann vorsichtig auf einem sehr schmalen Gesims
+vorwärts, wo wir den Abgrund zur Rechten und die Felswand zur Linken
+hatten. Zum Glück war dieser schwindlige Steg über die jähe Tiefe
+nicht lang, und ehe ich mich dessen versah, standen wir am Eingang
+einer Grotte, in der Höhlenbewohner, „Cliffdweller“, gehaust hatten.
+Wir traten in die kühle Dämmerung ein. Der Boden stieg recht steil
+zum innersten, höchsten Teil der Grotte an, der vom äußern Teil durch
+eine Mauer aus Steinen, Holzstücken und Mörtel abgetrennt war. Es sah
+aus, als sei der äußere Raum die eigentliche Wohnstätte, der innere
+vielleicht eine Vorratskammer gewesen. Als der junge McKee vor einiger
+Zeit diese Höhlenwohnung entdeckte, fand er Scherben von Tongefäßen,
+die er auflas. Deutlich konnte man noch sehen, wo die Feuerstätte
+gewesen war; nach den Spuren zu urteilen, kann es nicht besonders lange
+hergewesen sein, daß die Grotte bewohnt wurde. Von der Plattform vor
+der Höhle aus zeichnete ich eine Skizze des Ausläufers, der im Süden
+den Cañon The Transept begrenzt und dessen innerer höchster Teil Oza
+Butte heißt, während der äußere, eine kegelförmige Höhe, den Namen
+McClellan Point hat (S. 197). Zwischen Ausläufer und Grotte gähnt der
+schwindelnde Abgrund.
+
+Im Laufe des Tags segelten weiße Wolken über Arizona hin. Es konnten
+die ersten Herolde der Regenzeit sein, obwohl diese gewöhnlich erst um
+den 20. Juli beginnt. Sie bringt einen oder zwei heftige Regenschauer
+am Tag. Die Luft wird dadurch abgekühlt, und der Regen ist besonders
+für das Vieh willkommen, das in den dürren Wäldern weidet. Alle
+Zisternen füllen sich mit Wasser, auf längere Zeit hinaus braucht man
+nicht zu fürchten, daß die Herden durch Durst gelichtet werden.
+
+Über die Wärme konnte man sich in Wylie Way Camp nicht beklagen. Um
+Mitternacht sank die Temperatur auf 19,2 Grad. Aber Wylie Way Camp
+liegt auch bedeutend höher als der Südrand, nämlich 2515 Meter über dem
+Meer.
+
+
+ [4] Auf meine Frage, was die beiden Buchstaben bedeuteten, erhielt
+ ich die Antwort, sie seien ursprünglich nur ein Brandzeichen
+ gewesen, durch das ein Viehbesitzer seine Tiere von denen seiner
+ Nachbarn unterscheiden wollte; man habe diese beiden Buchstaben
+ gewählt, weil sie leicht einzubrennen seien.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Ausflug nach Cape Royal.
+
+
+Der 2. Juli war ein herrlicher Tag. Als wir um ½11 Uhr aufbrachen,
+stand kein Wölkchen am Himmel, und die Temperatur betrug nur 25
+Grad. Es galt, den obersten Teil des Bright Angel Cañon zu umgehen
+und das ganze Walhallaplateau zu queren, den südöstlichen Block des
+Kaibabplateaus, mit dem es durch einen schmalen Hals zusammenhängt. Wir
+mußten also nach Norden, Osten, Südosten und Süden steuern, um unser
+Ziel zu erreichen, Cape Royal, das südlichste Kap des Walhallaplateaus,
+nordwestlich von Navaho Point.
+
+Zuerst fuhren wir im Auto. Kurz hinter Jensens Station bestiegen wir
+einen Herrn Jensen gehörenden „Tallihoe“, einen hohen Holzwagen mit
+großen Rädern, der von zwei prächtigen Maultieren gezogen wurde. Der
+Kutscher Ernest Apling und ein Cowboy, Fuller, kutschierten dieses
+abenteuerliche Gefährt. Beide waren „Breakers“, Bereiter, und gehörten
+zu jenem frischen Schlag Freiluftmenschen, deren ganzes Leben darin
+besteht, sich in Wald und Wildnis herumzutummeln. Jetzt sollte auch ich
+die Waldluft in tiefen Zügen einatmen und dabei dem Gran Cañon neue
+Bilder abgewinnen.
+
+Anfangs war der Weg leidlich, aber wir hatten von unsern 22 Kilometern
+erst wenige zurückgelegt, als es auf einem Weg, der aus Erde, Sand und
+Kalkstein bestand, Hals über Kopf einen greulichen Abhang hinunterging,
+in tiefen Radspuren, mit schrecklichen Stößen und Sprüngen und jähen
+Wendungen. Man wurde hin- und hergeschleudert, streifte an Baumstämme,
+man glaubte, man bleibe in Hohlwegen stecken, und bewunderte die
+Maultiere, die ihre ganze Kraft aufbieten mußten, damit der schwere,
+hohe Wagen nicht in die Tiefe rollte. Und dabei bremste Ernest, was
+er konnte. Doch wir kamen glücklich in eine Bodensenke hinunter und
+fuhren durch schönen Wald zur Neal-Pferdeweide mit ihrem Wiesenland.
+Viele Bäume, die von Insekten heimgesucht worden waren, waren ganz
+abgestorben oder nahe daran. Ein gewaltiger Nadelbaum war umgestürzt
+und hatte sich quer über den Weg gelegt; als wir ihn umgingen, mußte
+mancher junge Baum sich unter unserm Wagen beugen. Eine wunderbare
+Stimmung herrschte in diesem Wald, der der Zerstörungssucht des
+Menschen trotzt, aber doch wohl einmal seine Kronen wird senken müssen,
+wenn die Eisenbahn von Norden bis an den Nordrand des Gran Cañon
+geführt wird. Der Weg, den wir benutzten, war nicht alt. Er war erst im
+Jahr 1922 angelegt worden. Und weshalb? Der Präsident der Union Pacific
+Railway Co., Herr Adams, besuchte damals Wylie Way Camp und unternahm
+einen Ausflug nach Cape Royal, um zu untersuchen, was hier in der Art
+wie in El Tovar ausgeführt werden könne. Sein Plan war vermutlich, eine
+Bahn bis an den Nordrand zu legen und in der Nähe des Cape Royal ein
+Touristenhotel zu errichten. Herr Adams hatte zum Reiten keine Lust.
+Daher mußte in aller Eile ein Weg gebaut werden; er wurde auch danach.
+Jetzt hatten auch wir Nutzen davon und konnten bequem Mundvorräte,
+Wasser und Betten mitnehmen.
+
+[Illustration: Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final.
+
+In der Mitte (Nord 74° Ost) die Mündung des Kleinen Colorado; links
+davon Chuar Butte, rechts Cape Solitude.]
+
+Wir sind oben auf dem Kamm des schmalen Halses, der das Walhallaplateau
+mit dem nördlichen Hochland verbindet. Eine großartige Aussicht öffnet
+sich nach Osten auf den Teil des Gran Cañon, wo der Colorado im Marble
+Cañon von Norden nach Süden fließt. Jenseits des Marble Cañon breiten
+sich die flachen Bodenwellen der Painted Desert bis in die fernste
+Ferne aus; dort liegt auch das Schutzgebiet der Navaho-Indianer.
+
+Ich war ganz erstaunt, als uns mitten in diesem wilden Wald aus
+Fichten, Kiefern und vereinzelten Espen ein Zaun mit geschlossenem
+Gatter aufhielt. Er hat den Zweck, die Pferde am Ausreißen zu hindern.
+
+Ein Stück weiter erreichten wir den Greenland Lake, einen kleinen
+Tümpel in dem eingezäunten Wald. Hier steht eine Hütte, in der Salz für
+die Pferde aufbewahrt wird. Auch für die Rehe richtet man im Freien
+Salzlecken ein. Ein Reh stand gerade da und äugte uns neugierig an, ehe
+es pfeilschnell zwischen den Bäumen flüchtig wurde.
+
+Bei Broad Hollow befanden wir uns in der Nähe des Randes. Wir
+rasteten im Schatten, um die Aussicht auf den Gran Cañon und Point
+Harris in Nordnordwesten zu genießen, den höchsten Punkt des ganzen
+Randes. Wieder fesseln unsere Aufmerksamkeit die zarten leuchtenden
+Farbtöne der „Bunten Wüste“. Herr McKee, der diese unvergleichlichen
+Bilder schon so oft gesehen hat, wird ihrer nicht satt; er sagt, sie
+zeigten sich fast stets in neuen Farben; jedesmal entdecke man neue
+Einzelheiten und gewinne sie immer von neuem lieb.
+
+Um ½2 Uhr zeigt mein Thermometer 29,4 Grad. Nördlich von Point Harris
+werden in einem Tal 85 Bisons gehegt. In der Wildnis gen Westen leben
+an tausend wilde Pferde, die Nachkommen verwilderter Ausreißer aus
+der spanischen Zeit. Sie sind sehr scheu und können nur mit Hilfe
+umfassender Korrale oder Einzäunungen eingefangen werden; man jagt sie
+in diese hinein, um sie mit dem Lasso zu fesseln. Wie McKee erzählt,
+sind sie nicht schwer zu zähmen, und wenn man sie gut behandelt, sind
+sie sehr zutunlich und lenksam. Sie scheinen fast dankbar dafür zu
+sein, daß man sich ihrer annimmt, und führen jede Arbeit aus, die man
+von ihnen verlangt.
+
+Nach fünfstündiger Fahrt erreichten wir das Ziel, eine von Cape
+Royal ein gutes Kilometer entfernte Quelle. Hier schlugen wir ganz
+in der Nähe des Randes das Lager auf, ließen die Maultiere auf die
+Weide und machten ein herrliches Feuer an. Die Tiere bekamen Glocken
+umgehängt, damit wir sie immer hören konnten. Während ich in der Gegend
+umherstreifte, bereiteten die andern das Essen und machten unsere
+einfachen Freiluftbetten zurecht -- denn das Zelt, das wir mitgenommen
+hatten, verschmähten wir; man schläft besser unter freiem Himmel.
+
+Drei Stunden lang saß ich auf einem Kap und malte. Das Farbenspiel war
+hier anders, als ich es von Süden gesehen hatte. Die Sonne beleuchtete
+das linke, östliche Ufer des Colorado, und die Bergwände und Böschungen
+schimmerten in Graugelb, Violett, Lila, Ziegelrot, Rubinrot und
+wieder Violett, alles in leichten, zarten, traumhaften Farbtönen,
+nicht sattleuchtend wie vom Südrand aus. Auch hier überwältigt die
+Landschaft durch ihre Schönheit und ihre unbeschreibliche Erhabenheit,
+und mein Bild -- wenn ich meinen Versuch so nennen darf -- gibt nur
+einen flüchtigen Begriff von der Wirklichkeit. Nachdem die Sonne
+untergegangen ist, verblassen die reinen Farben; senkrechte Felswände
+und abschüssige Hänge treten in dunkelvioletten, verschwommenen
+Tönungen hervor, die Einzelheiten verschmelzen, alles liegt im
+Schatten, und hellviolett steigt die Nacht über den Horizont der Wüste
+empor.
+
+Als ich in unser Lager zwischen hochstämmigen Kiefern zurückkehrte,
+brannte das Feuer hellodernd; bei seinem Schein aßen wir und tranken
+Tee. Bis der Mond um 11 Uhr aufging, waren wir auf und plauderten. Im
+Geist sah ich wieder einen ganzen Aufzug von Pumas, die sich von den
+Bäumen auf die Rücken wilder Pferde stürzen und ihnen mit ihren Zähnen
+die Hälse aufreißen, von Luchsen, Wildkatzen und Rehen, Heulwölfen,
+Klapperschlangen, Taranteln und Skorpionen. Ernest hatte einen
+unerschöpflichen Vorrat an Jagdgeschichten. Schließlich hatten wir aber
+genug, und jeder kroch in sein Nest. Noch lange lag ich wach und sah
+das Feuer verblassen und den Mond zwischen den Kronen der Nadelbäume
+dahinsegeln. Das einzige, was die Stille unterbrach, war das Rauschen
+des Südwestwindes in den Bäumen und das Klingen der Glocken der
+Maultiere.
+
+Nachdem wir am 3. Juli zeitig gefrühstückt hatten, gingen wir zum
+nächsten Kap und rollten einige Kalksteinblöcke die Abhänge hinab. Das
+war knabenhaft und unnötig, aber sehr lustig. Der Block drehte sich
+ein paarmal und sprang über den Rand, senkrecht fiel er die Felswand
+hinunter und schlug auf dem nächsten Hangabsatz auf, und aus der Tiefe
+erklang ein Dröhnen wie von entferntem Donner. Die Pumas in ihren
+Höhlen dort unten in den unzugänglichen Schluchten wunderten sich wohl,
+was los sein mochte.
+
+[Illustration: Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost.]
+
+Dann gingen wir auf das lange schmale Vorgebirge hinaus, das wie ein
+Finger nach Süden zeigt. Seine äußerste Spitze, Cape Royal, ist sicher
+einer der berühmtesten und großartigsten Punkte des Gran Cañon. Um das
+Kap zu erreichen, muß man eine ziemlich tiefe Einsenkung überschreiten,
+einen Graben, der allmählich die mächtige Säule des Cape Royal in eine
+vom Walhallaplateau abgesonderte Insel verwandelt. Zwischen lichten
+Bäumen und Büschen steigt man auf Geröll und Gras etwa 200 Meter
+steil hinab, um dann aus dem tiefsten Teil der Rinne ebenso steil
+hinaufzuklimmen zu der Zinne dieses kleinen inselartigen Plateaus,
+das mit harten, hinderlichen Sträuchern und Nußkiefern bewachsen ist.
+Nach halbstündigem Klettern machten wir ungefähr auf halbem Weg ein
+Weilchen halt an der Wurzel eines höchst eigenartigen, vom Rand nach
+Nordnordosten vorspringenden Ausläufers. Er bildete einen Wandschirm
+aus sehr dünnem Kalkstein, dessen Nordende senkrecht abgeschnitten
+und dessen oberer Teil mit einem rechteckigen Fenster versehen war
+(S. 220). Auf dem Steilhang unter dem Fenster wuchsen lichtstehende
+Nadelbäume von der schönen Pyramidenform der Fichte. Die Mauer war so
+regelmäßig geformt, daß man glauben konnte, sie sei von Menschenhänden
+errichtet. Aber sie war zu mächtig, ihre Maße waren ungeheuer. McKee
+machte den Vorschlag, auf ihren Kamm hinauszugehen, doch ich widerstand
+hartnäckig seinen Lockungen. Denn an einer Stelle nahe der Wurzel war
+die ebene Fläche dieses Fußsteigs wenig mehr als ein Meter breit, und
+zu beiden Seiten gähnten 200 und 250 Meter tiefe, senkrechte Abgründe.
+Wenn man seiner nicht ganz sicher ist, tut man klug daran, auf einen
+solchen Spaziergang zu verzichten.
+
+Auf dem äußersten Vorsprung des Cape Royal richteten wir uns so bequem
+wie möglich ein und blieben dort fast den ganzen Tag. Auch hier
+erfüllt einen ein Gefühl der Beklemmung angesichts der großartigen
+Schönheit der Landschaft, und ohne weiteres gesteht man sein Unvermögen
+ein, diese staunenerregenden Bilder, diese in allen Schattierungen
+schillernden Farben und diese großartige Architektur im Bild
+wiederzugeben. Nach Westen ist der Cañon bis Havasupai Point und noch
+weiter hinaus von der Sonne beleuchtet; die hohe Wand des Südrandes
+dagegen liegt im Schatten. El Tovar ist leicht zu erkennen an einer
+Rauchsäule, die von einer Lokomotive aufsteigt. Desert View im Südosten
+kann man ungefähr bestimmen, und im Osten sieht man wieder in äußerst
+starker Verkürzung die „Bunte Wüste“, deren berühmtes Farbenspiel zwar
+entzückend, aber kaum so eigenartig ist, wie das Gerücht behauptet hat.
+In der Ferne löst sich alles in Dunst und Nebel auf.
+
+Ich nehme meinen Zeichenblock vor und beginne eine Skizze der Aussicht
+nach Westen, die der Zoroaster- und Brahmatempel beherrschen. Links
+von ihnen ahnt man die tiefe Riesenfurche des Colorado, während das
+Felsenkap rechts im Vordergrund unser nächster Nachbar unter den nach
+Süden vorspringenden Kaps des Walhallaplateaus ist. Wie ganz anders
+nehmen sich die Tempel von hier, von der Seite gesehen, aus! Aber,
+ich wiederhole es, in Linien wie in Farben bieten sie einen schönern
+Anblick, wenn man sie bei Abendbeleuchtung von El Tovar aus betrachtet.
+
+Von seltsamer Schönheit und überwältigender Mächtigkeit ist auch das
+isolierte massige Felseneiland Wotans Thron. Seine Kaibab-, Coconino-
+und Supaischichten folgen aufeinander in senkrechten Wällen und
+steilen Hängen. Hinter dem gewaltigen Block zeigt sich in leichten
+Farbtönen die Mauer des Südrandes. Wotans Thron gleicht einem Sarkophag
+auf seinem Katafalk.
+
+In Süd 15° Ost sehen wir den Wischnutempel und einen Teil des Rückens,
+dessen höchster Punkt er ist (S. 205). Auf der Südseite des Tals
+zeichnet sich die Grenzmauer zwischen Zuni und Papago Point ab. Über
+dem Südrand in einer Entfernung von 100 Kilometer ragt der 3887 Meter
+hohe, gewölbte Gipfel des San-Francisco-Gebirges empor.
+
+Die nächste Skizze zeigt die Landschaft im Südosten mit dem Seitental
+Unkar Creek im Vordergrund und in der Tiefe eine Biegung des Rio
+Colorado (S. 209). Die Steilhänge zur Linken sind die letzten
+Abdachungen des Apollo-, Venus- und Jupitertempels. Dem Beschauer
+gerade gegenüber, jenseits des Flusses, liegt Navaho Point oder Desert
+View, wo ich übernachtet hatte.
+
+Cape Royal liegt in gerader Linie nur 13 Kilometer im Südosten von
+Wylie Way Camp, aber unser Weg war fast 23 Kilometer lang. An dem
+gewaltigen Bogen, den man machen muß, sind vor allem der Bright Angel
+Cañon und der Clear Creek schuld, die in Gestalt zweier tiefer,
+nach Nordosten gerichteter Kerben in den Block des Walhallaplateaus
+einschneiden.
+
+Ein Tag am Cape Royal gehört zu den herrlichsten Erinnerungen, die man
+vom Gran Cañon mitnehmen kann. Beim Licht des Morgens sieht man die
+Mauer der Palisaden im Schatten und die westlichen Regionen scharf
+beleuchtet; grell heben sie sich ab von der infolge der Entfernung
+leicht in Dunst gehüllten Welt des Hintergrunds. Im Laufe der Stunden
+verändern die Schatten ihre Umrisse, die Vorsprünge und Erker der
+Palisaden werden immer mehr von der Sonne getroffen, und ihre dunklen
+Spalten schrumpfen zu immer schmaleren Linien zusammen, um schließlich
+ganz zu verschwinden. Gleichzeitig werden die Schattenfelder unter
+dem Südrand größer. Das Schönste ist die Nachmittagsbeleuchtung über
+dem Land im Osten, nicht so sehr der Formen und Umrißlinien wegen als
+der Farben. Die Schatten, die sonst stets wichtig sind, damit die
+Formen sich kräftig herausheben, machen sich dann nur wenig geltend,
+da sie auf der Rückseite der Tempel liegen und die Sonnenstrahlen in
+die Spalten der Palisaden eindringen. Fast alles, was man im Osten
+erblickt, ist von Sonne überflutet und prangt in hellen, bunten,
+feinen, vornehmen Farben, unter denen Rot, Violett, Grün und Gelb
+vorherrschten.
+
+Mein letztes Bild vom Cape Royal ist ein matter Versuch, der Phantasie
+wenigstens eine schwache Stütze zu geben. Denn der Versuch, nur mit
+Worten einen Begriff vom Gran Cañon zu geben, ist völlig hoffnungslos,
+das habe ich schon mehrere Male betont. Ganz links erblicken wir die
+Spitze des Cape Final und die Südhänge des Walhallaplateaus zwischen
+den beiden berühmten Kaps. In der Ferne sieht man Jupiter-, Venus- und
+Apollotempel, hinter ihnen die Palisaden. Über ihrer Mauerkrone ist
+in der gewohnten starken Verkürzung ein Schimmer der Bunten Wüste zu
+sehen. Den Vordergrund beherrscht der Unkar Creek, der im Süden vom
+Wischnutempel begrenzt wird.
+
+Im Vorhergehenden habe ich schon die große Ungleichheit hervorgehoben,
+die zwischen der Gestalt und dem Verlauf des Süd- und Nordrandes
+herrscht und die darin besteht, daß der Südrand wenig eingeschnitten,
+der Nordrand dagegen von der Erosion in der phantastischsten
+Weise angegriffen ist. Eine Reihe von Seitentälern von der Art des
+Bright Angel Cañon haben ihre Rinnen tief ins nördliche Tafelland
+eingeschnitten. Wir haben gesehen, wie dem Walhallaplateau in einer,
+geologisch gesprochen, sehr nahen Zukunft das Schicksal bevorsteht,
+völlig abgeschnitten und in einen freistehenden Block verwandelt zu
+werden, der infolge der von allen Seiten arbeitenden Erosion mit der
+Zeit die Form der jetzigen Tempel annehmen wird. Der Staatsgeologe
+N. H. Darton hat in seinem Buch eine sehr einfache Erklärung der
+Ursachen dieser Ungleichheit des südlichen und nördlichen Cañonrandes
+gegeben. Der erstere liegt über 300 Meter höher als der letztere, da
+der Kaibabkalkstein allmählich nach Süden abfällt. Als der Fluß seine
+Rinne durch die Schichten schnitt, lag der Nordrand notwendigerweise
+höher als der Südrand. In den höheren Regionen sind die Niederschläge
+reichlicher. Die Regenfluten strömen nach Süden und stürzen die
+Hänge des nördlichen Cañonrandes hinab, um sich mit dem Colorado zu
+vereinigen; es liegt auf der Hand, daß ihre den Boden angreifende Kraft
+hier unvergleichlich größer sein mußte als im Süden, wo die Regenbäche
+ihre Quellen im Randgebiet haben und dann nach Süden fließen, vom Cañon
+weg.
+
+Eine kurze Lunchpause unterbrach meine Arbeit. McKee hatte, während
+ich zeichnete, Tee gekocht und unsere Vorräte unter einer knorrigen
+Kiefer auf dem äußersten Vorsprung aufgetischt; in ihrem Schatten
+nahmen wir unsere Mahlzeit ein. Dann zeichnete ich weiter und hörte
+erst bei Sonnenuntergang auf. Als der Tag verstrichen war, die rote
+Pracht erlosch und die Farben verblichen, traten wir eiligst den
+Rückweg in unser Lager unter den Fichten an. Beim prasselnden Feuer
+aßen wir unser Abendbrot; dann wurden wieder haarsträubende Geschichten
+von Klapperschlangen und andern ungemütlichen Tieren erzählt, und
+schließlich krochen wir in unsere Freiluftbetten.
+
+[Illustration: Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain.]
+
+Am 4. Juli standen wir früh auf, aber es dauerte stundenlang, bis
+die Maultiere wiedergefunden wurden. Erst gegen Mittag konnten wir
+aufbrechen.
+
+Wir wollten zunächst in die Nähe des Cape Final; aber dorthin führte
+nicht die Spur eines Weges. Ernest saß auf der vordern Querbank und
+kutschierte, und ich saß auf der hintern Bank. Auf dem Rand, kaum zwei
+Meter vom Abgrund, war der Boden am ebensten. Man hatte die gähnende
+Tiefe unmittelbar unter sich zur Rechten. Ich war auf alles gefaßt
+und gab gespannt acht, um mich im Fall einer Katastrophe durch einen
+Sprung retten zu können; ich fühlte mich erst dann wieder beruhigt, als
+Ernest vom Rand abbog. Aber jetzt mußten wir einen schrecklich steilen
+Hang hinab in eine vom Wasser ausgearbeitete Rinne hinunterfahren,
+die quer vor unserm Weg lag. Das Bremsen half nicht viel, und die
+Maultiere konnten den Wagen nicht halten, wie sehr der Kutscher
+auch die Zügel anzog. Sie gaben nach, der Wagen kam ins Rollen und
+sprang und schwankte über die Unebenheiten des Bodens. Zwischen den
+Bäumen hindurch zu fahren war nichts weniger als leicht. Ehe wir uns
+dessen versahen, fuhren wir schnurstracks auf einen jungen Baum los,
+der im Wege stand. Ich nahm als selbstverständlich an, wir würden
+umkippen, und sprang ab, um nicht durch einen Beinbruch in der Wildnis
+festgehalten zu werden. Aber der Wagen stürzte nicht um, und nun
+standen wir da, ein Maultier rechts und eins links vom Baum.
+
+Nachdem wir unsere Equipage wieder flottgemacht hatten, fuhren wir
+weiter und fischten McKee auf, der vorausgegangen war. An einem Punkt
+nicht weit von Cape Final rasteten wir, um auch diese Aussicht eine
+Weile zu genießen; sie erinnert im wesentlichsten an die von Cape
+Royal. Eine Strecke weiter nördlich machten wir wieder halt, in der
+Nähe von Fair View, so daß ich Gelegenheit hatte, wenigstens ein
+flüchtiges Bild der ungeheuren, von Wasser, Wetter und Wind ungemein
+malerisch herausgemeißelten Felsmassen zu zeichnen, die hier in
+wild-romantischen Wänden zur Tiefe abfallen.
+
+Dies war die letzte Stunde beschaulicher Betrachtung, die ich einer
+Gran-Cañon-Landschaft widmete, denn der Tag neigte sich seinem Ende
+zu, und Wylie Way Camp würden wir erst in der Dunkelheit erreichen. Es
+wurde mir schwer, mich loszureißen. Aber es mußte sein, und ich tat es
+mit dem Gefühl, daß ich den Gran Cañon noch ein zweites Mal besuchen
+müsse. Hätte es etwas geholfen, einige Münzen in die Tiefe zu werfen
+wie in die Fontana di Trevi in Rom, ich hätte es getan. Aber Rom ist
+von Menschen erbaut, der Gran Cañon von Gott, und da helfen keine
+Bestechungen.
+
+Zum letztenmal suchte ich darum meinem Gedächtnis das Bild dieser
+wunderbaren Welt der Erhabenheit, der Einsamkeit und des Schweigens
+einzuprägen -- eines Landes, wo keine Vegetation die Nacktheit
+der Felsen verhüllt und wo die Farbe der Gesteine zu ihrem Recht
+kommt, bald von Schatten gedämpft, bald von der Sonne in roten Tönen
+gesteigert; einer Landschaft, die man in der Tiefe unter sich hat,
+nicht über sich zwischen den Wolken wie den Himalaja und andere
+Gebirge. Sie gleicht einer Matrize oder Gießform, die die Talsenke
+des Gran Cañon darstellt und groß genug ist, eine ganze Gebirgskette
+von 1600 Meter Höhe, 16 Kilometer Breite und 349 Kilometer Länge
+aufzunehmen. Diese Gebirgskette ist im Laufe von Jahrmillionen
+zerrieben worden und liegt jetzt in den Anschwemmungen des Colorado und
+auf dem Meeresboden ausgebreitet.
+
+Nimmt man vom Gran Cañon Abschied, dann erwägt man erneut, welcher
+Seite man den Preis der Schönheit geben soll, dem Südrand oder dem
+Nordrand. Das einzig Richtige ist natürlich, beide zu besuchen. Aber
+nur ein sehr geringer Teil des Touristenstroms nimmt sich die Zeit
+dazu. Wer nur einen oder zwei Tage dem Gran Cañon opfern kann, hat
+keine Wahl; er muß sich mit dem Südrand begnügen. Von hier aus hat er
+die großartige Aussicht auf die Tempel, die er in der Verkürzung sieht,
+und den brennenden Glanz der Abendröte auf ihren Westhängen. Von der
+Tiefe und der Länge der Täler zwischen den Tempeln erhält er keinen
+klaren Begriff, es sei denn, daß er noch einige Tage opfert und den
+Nordrand aufsucht.
+
+Das Schönste, was ich vom Nordrand aus erblickte, war das Farbenspiel
+in der zweiten oder dritten Nachmittagsstunde. Denn diese Farben sind
+prächtig, aber leicht und zart, nicht stark oder schreiend, sie sind
+wie ein Traumspiel, wie ein Rosengarten, wie rosa, violette oder
+hellgrüne Gewänder junger Mädchen in einem Ballsaal, wie Wolken, von
+der Morgenröte beleuchtet. Dank ihnen erscheint diese ganze Landschaft
+so leicht und luftig, daß es aussieht, als könne der erste Windhauch
+sie hinwegblasen. Und dabei sind es schwere, harte Steinmassen, die
+allein die Zeit bezwingt, das Wasser und die Verwitterung!
+
+Wir fuhren weiter durch den wegelosen Wald, und bald lagen die letzten
+Bilder des Gran Cañon hinter uns. Nach einer Weile kamen wir wieder auf
+den schlechten Weg, den wir vor zwei Tagen gefahren waren.
+
+Die Dämmerung war schon dicht, als wir das Auto erreichten. Die Lampen
+wurden angezündet, und wir sausten durch den schlummernden Wald der
+Rehe nach dem Zeltlager von Wylie Way Camp.
+
+
+
+
+Register.
+
+
+ Albuquerque, Stadt 47. 48. 49. 51.
+
+ d’Albuquerque, Alfonso 49.
+
+ Altar Falls 194. 195. 196. 206.
+
+ Arizona 18. 48. 53. 54. 149. 221.
+
+ Arizona Divide 54.
+
+ Arkansas, Fluß 33. 39.
+
+ ~Artemisia tridentata~ 167.
+
+ Asbest 91.
+
+ Ayer, Edward E. 84. 85.
+
+
+ Basalt 90.
+
+ Basalt Cliffs 90.
+
+ Birchfield, Carleton 16. 17. 58. 60. 86. 99. 124.
+
+ Birken 202.
+
+ Bisons 227, s. a. Büffel.
+
+ Black Bush 167.
+
+ Brahmatempel 75. 95. 202. 207. 220.
+
+ Bright Angel Cañon (Creek) 75. 92. 95. 186. 189. 190. 192. 194. 195.
+ 196. 198. 200. 206. 208. 220. 232.
+
+ Bright Angel Point 198. 204. 206.
+
+ Bright Angel Spring 204.
+
+ Bright Angel Trail 178 ff. 181. 182. 185.
+
+ Brögger, Professor 15.
+
+ Bryn 99. 124.
+
+ Buddha Temple 72. 74.
+
+ Büffel 43.
+
+ Bunte Wüste s. Painted Desert.
+
+ Burros s. Esel.
+
+
+ Cañonbildungen 81.
+
+ Cañon Diablo 53.
+
+ Cape Final 94. 153. 236. 237.
+
+ Cape Royal 72. 79. 88. 94. 95. 224. 227. 230. 231. 232. 233.
+
+ Cape Solitude 90. 92.
+
+ Cardenas, Konquistador 18. 39.
+
+ Cathedral Spire 112.
+
+ Cathedral Stairs 106. 132.
+
+ Chandler, Harry 193.
+
+ Cheopspyramide 74.
+
+ Chicago 15. 32. 38.
+
+ Chuar-Gruppe 23.
+
+ Clarkson, R. Hunter 17. 33. 34. 35. 36. 40. 41. 42. 48. 178.
+
+ Clear Creek 94. 95.
+
+ Cliffdweller 221.
+
+ Coconinoplateau 70. 86. 91.
+
+ Coconinosandstein 70. 71. 72. 74. 75. 76. 78. 91. 94. 100. 102. 174.
+ 181. 182.
+
+ Coconinoschichten 152. 153. 203. 208. 231.
+
+ Cojote (Heulwolf) 43. 144. 145.
+
+ ~Coelogyne ramosissima~ 167.
+
+ Colorado, Rio 28. 29. 62. 63. 64. 65. 68. 69. 70. 71. 74. 79. 80. 102.
+ 125. 128. 142. 146. 149. 150. 152. 153. 154. 156. 164. 166. 170.
+ 172. 182. 188. 190. 193. 226. 231. 234; Bett 23. 24;
+ Brücke 79. 186. 188;
+ Dauer der Erosion 23;
+ Entdeckung 18. 19;
+ Flußfahrten 19. 192;
+ Gesteinstransport 23;
+ Name 89;
+ Rinne 63. 81;
+ Schlucht 186;
+ Stromschnellen 128;
+ Uferwände 128;
+ Unterlauf, Regulierung 20;
+ Wasser 126;
+ Wassermessungen 190. 192.
+
+ Coloradohochland 53. 64. 70. 150.
+
+ Comanche Point 92. 154.
+
+ Cope Butte 107.
+
+ Coronado, Konquistador 18.
+
+ Coronado Butte 92.
+
+ „Creek“ 91.
+
+ Crosby, Oberst 17. 58. 59. 133. 178. 180. 181.
+
+
+ Davis, W. M. 20. 21.
+
+ Darton 69. 137. 166. 174. 181. 184. 185. 234;
+ Werk über Gran Cañon 20.
+
+ Denudation, die große 22. 71.
+
+ Desert Facade 90.
+
+ Desert View (Navaho Point) 22. 92. 137. 141. 177.
+
+ Devatempel 75. 95. 207. 220.
+
+ Devon 22.
+
+ Diabas 154.
+
+ Douglastanne 140.
+
+ Dutton, C. E. 15. 20. 21.
+
+ van Dyke, John C. 20.
+
+
+ Eichen 181. 202.
+
+ Eiszeit 21.
+
+ El Tovar 22. 31. 56. 70. 86. 113. 130. 133. 141. 157. 177. 180. 181.
+ 182. 185. 188. 189. 192. 194. 198. 231;
+ Aussicht 96. 97. 150;
+ Automobilverkehr 134;
+ Besucher 97. 98;
+ Hotel 57. 58. 84. 97. 163. 164, altes 135, neues 134;
+ Konkurrenz 177;
+ Lage 62;
+ Meereshöhe 181;
+ Zweigbahn nach 55-57.
+
+ Erosion 23. 63. 88. 89. 102. 112. 128. 154. 164. 208. 234.
+
+ Esel, verwilderte 122. 124. 130. 167. 185.
+
+
+ Fair View 237.
+
+ Färbereiche 140.
+
+ Flagstaff, Stadt und Bahnhof 54.
+
+ Ford, Henry 220. 221.
+
+
+ Gelbkiefer 140. 202.
+
+ Glorietapaß 47.
+
+ Gneis 22. 186.
+
+ Gran Cañon 53. 55. 56;
+ erster Anblick 56. 57;
+ geologischer Aufbau 70. 94. 174;
+ Aussicht vom Nordrand 207;
+ Aussichtspunkte 86. 177;
+ Automobilverkehr 178;
+ Beleuchtung 25. 27. 28;
+ Besucher 25. 66. 84. 97. 98. 99. 110. 130. 133. 140. 141. 154. 156.
+ 177. 212. 220. 238;
+ bildliche Darstellungen 30. 31. 42;
+ Denudation 21;
+ Eisenbahn am Nordrand 225;
+ Entdeckung und erste Besucher 18. 19;
+ Entstehung 84;
+ geologische Erforschung 18;
+ Formen 26. 68. 81. 148. 149. 171. 172;
+ Gemälde 137;
+ Geologie 20;
+ geologische Geschichte 22;
+ Gesteine 90;
+ Hotelbau 177. 224;
+ Karten 69;
+ Klima in geologischer Zeit 21. 22;
+ Namengebung 95;
+ im Nebel 142;
+ Nordrand 60. 63. 64. 65. 68. 78. 81. 104. 170. 174. 176. 177. 178.
+ 194. 200. 204. 214. 233. 234. 238;
+ im Regen 133;
+ Schichten 64;
+ Schichtenfolgen 23. 72. 75. 76. 91. 92. 94. 100. 181;
+ Südrand 60. 63. 64. 65. 68. 81. 91. 138. 164. 170. 176. 177. 200.
+ 202. 208. 233. 234. 238;
+ größte Wärme 198;
+ Werke darüber 15. 19. 20. 25. 69;
+ Zweigbahn an den Nordrand 177.
+
+ Grand View, Gasthaus 86. 138;
+ Aussicht 150.
+
+ Grand View Point 86. 88. 90. 91. 92.
+
+ Grand Wash 23.
+
+ Granit 22. 23. 63. 71. 72. 74. 75. 76. 90. 106. 150. 154. 174. 186.
+
+ Granite Gorge 23. 63.
+
+ Granitkorridor 71.
+
+ Granitschlucht 152. 174. 186. 188.
+
+ Greenland Lake 226.
+
+
+ Harvey, Ford 17. 36. 37. 38. 134;
+ Hotel in Albuquerque 48, in El Tovar 48.
+
+ Harvey, Fred 36.
+
+ Havasupai 22.
+
+ Havasupai Cañon 55.
+
+ Havasupai Point 78. 79. 164. 166. 168. 231;
+ Aussicht 170 ff.
+
+ Hearst, W. R. 138.
+
+ Hermit Basin 102. 128.
+
+ Hermit Cabins 79. 80. 91. 104. 107.
+
+ Hermit Camp 100. 106. 107. 108. 110. 112. 130. 132. 181. 185.
+
+ Hermit Creek 23. 102. 104. 107. 108. 110. 114. 125. 126. 153.
+
+ Hermit Falls 128.
+
+ Hermit Peak 112. 113. 130.
+
+ Hermit Rapids 80.
+
+ Hermit Rest 133.
+
+ Hermit Rim Road 79.
+
+ Hermit Trail 99. 100. 102.
+
+ Heulwolf 43. 144. 214.
+
+ Högbom, Professor 15.
+
+ Höhlenbewohner 185. 221.
+
+ Hopi-Indianer 71. 113. 149. 158;
+ Haus 113;
+ Kleidung 114;
+ Tänze 113. 114. 116. 158.
+
+ Hopi Point 60. 69. 70. 71. 72. 74. 75. 76. 81. 88. 136.
+
+ Horseshoe Mesa 91.
+
+ Hufeisenberg 91.
+
+ Hunderasse zur Pumajagd 214. 215.
+
+
+ Imperial Valley 166. 193;
+ Bewässerungsnetz 193.
+
+ Indianer 43. 44. 51. 185;
+ Brüderschaft 121. 122;
+ Lieder 116. 117. 118. 122;
+ Tänze 116. 117. 118.
+
+ Indian Garden 91. 130. 184. 185.
+
+ Isleta 49. 50.
+
+
+ Jensen 203. 204. 206. 207. 210. 220.
+
+ Joo Secakuku 113. 114. 116. 117. 118. 121. 122. 134. 158.
+
+ ~Juniperus utahiensis~ 140.
+
+
+ Kaibabkalkstein 22. 70. 71. 72. 75. 76. 78. 86. 91. 92. 94. 95. 100.
+ 102. 174. 181. 203. 204. 208. 220. 234.
+
+ Kaibabplateau 70. 72. 75. 90. 94. 203. 206. 208. 224.
+
+ Kaibabschichten 152. 231.
+
+ Kalkstein 22. 64. 72. 89. 90. 103. 106. 174. 182. 230.
+
+ Kambrium 75.
+
+ Kansas, Staat 34. 37. 38.
+
+ Kansas City 32. 33. 34. 38. 44.
+
+ Kathedralstufen 107. 112.
+
+ Kemp, Edw. 17. 58. 60. 86. 99. 124.
+
+ Kiefern 53. 57. 102. 160. 166. 198. 226.
+
+ Klapperschlangen 111.
+
+ Kleiner Colorado 23. 24. 90. 150. 152.
+
+ Kolb, Brüder 19;
+ Ellsworth L. 19. 134. 192.
+
+ „Kriegsschiff“ 97. 182.
+
+ Kuguar 214.
+
+ Kupfer 91.
+
+
+ Landwirtschaftliche Maschinen 38.
+
+ Las Vegas 46.
+
+ Leede, Professor 124. 130.
+
+ Los Angeles 38.
+
+ Lowell-Sternwarte 54.
+
+ Luchse 158. 159. 214.
+
+
+ Mac Lean, Sandy, Führer 17. 99. 100. 180. 184. 188. 194. 203.
+
+ Marble Cañon 26. 90. 150. 152. 153. 156. 226.
+
+ Maricopa Point 60. 62. 97.
+
+ Maultiere 17. 100. 107. 130. 181. 194. 199. 200. 203. 224. 227. 236.
+
+ McKee 17. 204. 212. 215. 221. 226. 227. 230. 234. 237.
+
+ Meeresmollusken 24.
+
+ Mesa 45. 149.
+
+ Mesa Eremita 112.
+
+ Mexiko 18.
+
+ Minotto J., Graf 16.
+
+ Mississippi 32. 33. 41.
+
+ Missouri 32. 34.
+
+ Mohave Point 60. 79.
+
+
+ Nationalpark 37. 138. 167.
+
+ Navaho-Indianer 49. 138. 226.
+
+ Navaho Point 79. 92. 137. 140. 141. 152. 154. 177. 232;
+ Unterkunftshütten 137. 141. 145.
+
+ Neumayr, Professor 24.
+
+ Neumexiko 39. 41. 43. 45. 51. 52.
+
+ Nußkiefer 140. 230.
+
+
+ Obi Point 95. 220.
+
+ Obst, kalifornisches 212.
+
+ Osiristempel 76. 78.
+
+
+ Painted Desert (Bunte Wüste) 69. 71. 90. 142. 144. 149. 150. 226.
+ 231. 233;
+ Grenze 149.
+
+ Palisaden 26. 69. 71. 90. 92. 142. 145. 146. 149. 150. 154. 170.
+ 232. 233.
+
+ Panamakanal, Einfluß auf Verkehr 212.
+
+ Petroleum 38. 137.
+
+ Petrosa, Victor 17. 58. 59. 137. 178.
+
+ Pferde, wilde 227.
+
+ Pferdezuchtland 47.
+
+ Phantom Ranch, Unterkunftshütten 186. 188. 189. 190. 194. 204.
+
+ Pima Point 60. 79. 99. 112.
+
+ ~Pinus edulis~ 140.
+
+ ~Pinus ponderosa~ 140.
+
+ Platin 184.
+
+ Pliozän 22. 24.
+
+ Point Harris 226.
+
+ Poquett, Herr und Frau 108. 111. 130.
+
+ Powell, J. W. Major 19. 20. 21. 134. 192;
+ Bootfahrt 62.
+
+ Powell Memorial 62.
+
+ Powell Plateau 78. 164. 172. 174.
+
+ Präriehund 140.
+
+ Präriewolf 43.
+
+ ~Pseudotsuga taxifolia~ 140.
+
+ „Pueblos“ 46.
+
+ Pueblo-Indianer 50.
+
+ Puma 43. 214. 215.
+
+
+ Quarzit 74. 90.
+
+ ~Quercus tinctoria~ 140.
+
+
+ Raton, Stadt 43.
+
+ Ratonpaß 40. 41.
+
+ Raubtiere 214.
+
+ Redwall, Felsband 22. 94;
+ Name 184;
+ Formation 91. 92;
+ Kalkstein 72. 74. 75. 76. 78. 100. 106;
+ Schicht 182. 184.
+
+ Regenzeit 26. 221. 222.
+
+ Rehe 203. 210. 211. 214. 226.
+
+ Rio Colorado s. Colorado.
+
+ Rio Grande del Norte 41. 47. 50. 52.
+
+ Roaring Springs 198. 202. 206.
+
+
+ Sage Brush 167.
+
+ Salt Lake City 178. 212. 215.
+
+ San-Francisco-Gebirge 54. 56. 232.
+
+ Sangre de Cristo 45.
+
+ Santa-Fé, Eisenbahn 16. 17. 33. 35. 36. 177.
+
+ Santa-Fé, Stadt 44. 47.
+
+ Santa Maria Spring 103. 132.
+
+ Sandstein 64. 74. 100. 154. 174. 182. 185;
+ (Kambrium) 75;
+ roter 72. 102. 103.
+
+ Schafzucht 44.
+
+ Schiefer 71. 72. 74. 76. 90. 100. 154. 174. 182. 184.
+
+ Schivatempel 76. 78.
+
+ Silur 22.
+
+ Simpson, William H. 16. 17. 58.
+
+ Skorpione 111.
+
+ Skottsberg, Prof. 167.
+
+ Stachelschwein 140. 157.
+
+ Steinkohlenformation 22. 23. 70. 72.
+
+ Supaiformation 76. 78. 91. 100. 102. 153.
+
+ Supaigruppe 72. 75. 76. 94.
+
+ Supaischichten 152. 174. 210. 231.
+
+
+ „Tempel“ 63. 68. 153. 207. 208. 231. 238.
+
+ Teppiche, indianische 48.
+
+ Tierwelt 43. 125. 138. 140. 146.
+
+ Tillotson, Führer 17. 138. 140. 141.
+
+ Tontoformation 71. 91. 92. 94. 132. 152.
+
+ Tontogruppe 22. 72. 74. 75. 76. 90. 100. 106. 182. 184. 185. 186.
+
+ Tontoschiefer 107.
+
+ Tonto Trail 132. 185.
+
+ Tovar, Konquistador 18. 80.
+
+ Transept-Cañon 207. 208. 221.
+
+ Trinidad 39. 40.
+
+
+ Überschwemmungen 33. 34. 37. 38. 41.
+
+ Uncle Jim, Löwentöter 214. 215. 216. 219.
+
+ Union Pacific Railway Co. 177. 225.
+
+ Unkargruppe 23. 71. 74. 76. 90. 153. 154. 174. 186. 188. 195.
+
+ Utahwacholder 140.
+
+
+ Vegetation 22. 40. 53. 102. 103. 149. 185. 194. 195. 198. 199. 200.
+
+ Versteinerungen 181.
+
+ V. T. Ranch 210. 215. 216.
+
+
+ Wacholder 40. 46. 53. 57. 102. 160. 167. 198. 200.
+
+ Wald 26. 46. 53. 54. 57. 86. 102. 103. 138. 140. 166. 181. 198. 200.
+ 202. 203. 225. 226.
+
+ Waldarbeiter 54.
+
+ Waldbäume 140. 160.
+
+ Walhallaplateau 94. 95. 153. 215. 224. 226. 230. 231. 233. 234.
+
+ West, Führer 17.
+
+ Wildkatzen 214.
+
+ Winslow 52.
+
+ Williams 53. 54. 55.
+
+ Wind 100. 103. 104. 188.
+
+ Wischnutempel 72. 94. 232.
+
+ Wotans Thron 72. 94. 231. 232.
+
+ Wylie Way Camp 22. 204. 211. 212. 215. 220. 222. 232. 239.
+
+
+ Yavapai Point 62.
+
+ Yuma 193.
+
+
+ Zigeuner 45.
+
+ Zitterpappeln 195. 226.
+
+ Zoroastertempel 75. 95. 202. 207. 220.
+
+
+
+
+VERLAG F. A. BROCKHAUS / LEIPZIG
+
+
+Sven Hedins Werke
+
+Hauptwerke, reich mit Abbildungen und Karten ausgestattet
+
+ Durch Asiens Wüsten.
+ 2 Bände. Lwdb. M. 30.--
+
+ Zu Land nach Indien.
+ 2 Bände. Lwdb. M. 32.--
+
+ Ein Volk in Waffen.
+ Lwdb. M. 11.--
+
+ Bagdad–Babylon–Ninive.
+ Lwdb. M. 15.--
+
+ Mount Everest.
+ Halblwdb. M. 6.--
+
+ Von Peking nach Moskau.
+ Lwdb. M. 15.--
+
+ Im Herzen von Asien.
+ 2 Bände. Lwdb. M. 32.--
+
+ Transhimalaja.
+ 3 Bände. Lwdb. je M. 16.--
+
+ Nach Osten.
+ Lwdb. M. 11.--
+
+ Jerusalem.
+ Lwdb. M. 15.--
+
+ Verwehte Spuren.
+ Lwdb. M. 15.--
+
+
+Illustrierte Jugendschriften
+
+ =Von Pol zu Pol.= 3 Bde. I: Rund um Asien. II: Vom Nordpol zum
+ Äquator. III: Durch Amerika zum Südpol. Jeder Band, Lwdb. M. 5.--
+
+ =Abenteuer in Tibet.= Lwdb. M. 12.--
+
+
+Sven Hedins erste Dichtung:
+
+ =Tsangpo Lamas Wallfahrt.= Bd. 1. Die Pilger. Bd. 2. Die Nomaden.
+ Jeder Band, Lwdb. M. 6.50
+
+
+Kleine Schriften
+
+ Persien und Mesopotamien.
+ Geh. M. 1.60
+
+ Ossendowski und die Wahrheit.
+ Geh. M. 2.--
+
+
+Alma Hedin
+
+ =Arbeitsfreude.= Was wir von Amerika lernen können. (An Stelle eines
+ Vorworts: Sven Hedin, Der 9. November. Ein Gruß an das Deutsche
+ Volk.) Lwdb. M. 3.40
+
+ =Mein Bruder Sven.= Nach Briefen und Erinnerungen.
+
+ Mit 61 Abbildungen. Lwdb. M. 15.--. +Volksausgabe+: Mit 17
+ Abbildungen. Geh. M. 3.30, Lwdb. M. 5.--
+
+
+
+
+~VERLAG F. A. BROCKHAUS / LEIPZIG~
+
+
+Sven Hedins Werke
+
+Gekürzte Volks- und Jugendausgaben mit zahlreichen Abbildungen und
+Karten
+
+ *
+
+ Abenteuer in Tibet.
+ Band 1 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
+ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50
+
+ Transhimalaja. (Neue Abenteuer in Tibet.)
+ Band 2 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
+ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50
+
+ Durch Asiens Wüsten.
+ Band 7 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
+ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50
+
+ Zu Land nach Indien.
+ Band 8 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
+ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50
+
+ General Prschewalskij in Innerasien.
+ Band 19 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
+ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50
+
+ Meine erste Reise.
+ Band 20 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
+ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50
+
+ An der Schwelle Innerasiens.
+ Band 23 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
+ Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50
+
+ *
+
+ Ein Volk in Waffen.
+ Geb. M. 3.--
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+ Bagdad–Babylon–Ninive.
+ Geh. --.20
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+ Nach Osten.
+ Geb. M. 3.--
+
+ Jerusalem.
+ Geh. M. --.20
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+~VERLAG F. A. BROCKHAUS / LEIPZIG~
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+~G. I. FINCH~
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+Der Kampf um den Everest
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+Deutsch von Walter Schmidkunz
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+Mit 88 Abbildungen, 1 Anstiegsskizze und 2 Karten
+
+In Ganzleinen gebunden M. 11.--
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+~G. WINTHROP YOUNG~
+
+Die Schule der Berge
+
+Deutsch von Willy Rickmer Rickmers
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+Mit 39 Einschaltbildern und 19 Abbildungen im Text
+
+In Ganzleinen gebunden M. 16.--
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+~HENRY HOEK~
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+Wetter, Wolken, Wind
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+Ein Buch für jedermann
+
+Mit 31 Einschaltbildern
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+In Halbleinen gebunden M. 9.--
+
+
+~CARL STÖRMER~
+
+Aus den Tiefen des Weltenraums bis ins Innere der Atome
+
+Mit 65 Abbildungen
+
+In Halbleinen gebunden M. 6.--
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+F. A. Brockhaus, Leipzig.
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78666 ***