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+Project Gutenberg's Der Diamant des Geisterkoenigs, by Ferdinand Raimund
+#6 in our series by Ferdinand Raimund
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+Title: Der Diamant des Geisterkoenigs
+
+Author: Ferdinand Raimund
+
+Release Date: April, 2005 [EBook #7859]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on May 26, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DIAMANT DES GEISTERKOENIGS ***
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+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
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+This Etext is in German.
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+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
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+This is the 7-bit version.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Der Diamant des Geisterkoenigs, oder
+Zauberposse mit Gesang in zwei Aufzuegen
+
+Ferdinand Raimund
+
+
+
+Personen
+
+Longimanus, Geisterkoenig.
+Pamphilius, sein erster Kammerdiener.
+Zephises, ein Magier, als Geist.
+Eduard, sein Sohn.
+Florian Waschblau, sein Diener.
+Mariandel, Koechin.
+Amine, eine Englaenderin.
+Kolibri, ein Genius.
+Veritatius, Beherrscher der Insel der Wahrheit.
+Modestina, seine Tochter.
+Aladin, sein erster Hoefling.
+Erster und Zweiter Nachbar von Eduard.
+Osillis.
+Amazilli.
+Bitta.
+Lira.
+Die Hoffnung.
+Ein Herold.
+Fee Aprikosa.
+Fee Amarillis.
+Erster und Zweiter Zauberer.
+Koliphonius, Waechter des Zaubergartens.
+Ein Feuergeist.
+Die Stimme des singenden Baumes.
+Erste und Zweite Drude.
+Der Winter.
+Der Sommer.
+Der Herbst.
+Der Fruehling.
+Ein Grieche.--Eine Griechin.
+
+Feuergeister. Luftgeister. Genien. Feen.
+Inselbewohner. Eduards Nachbarn. Wache.
+
+
+
+
+Erster Aufzug.
+(Vorhalle im Palaste des Geisterkoenigs.)
+
+
+
+Erste Szene.
+Zauberer. Feen. Geister. (Einige mit Bittschriften.) Ein
+Feuergeist.
+
+
+Chor.
+Sollen wir noch lange harren?
+Bald verlaesst uns die Geduld!
+Sind wir Geister seine Narren?
+Unverzeihlich ist die Schuld.
+
+
+Fee Aprikosa. Welche Beleidigung, Damen solange warten zu lassen,
+als waeren sie seine Domestiken!
+
+Alle. Das ist unerhoert!
+
+Erster Zauberer. Ich frage, wie kann man ein Geisterkoenig sein und
+so lange schlafen?
+
+Zweiter Zauberer. Und ich frage, wie kann man vernuenftig sein und
+unvernuenftig reden? Geisterkoenig ist er; er muss fuer uns alle
+wachen, folglich muss er auch fuer uns alle schlafen.
+
+Erster Zauberer. Seine Pflicht heischt aber, unsere Bitten zu
+hoeren.
+
+Fee Amarillis. Und er kuemmert sich gar nicht um uns; spart seine
+Gunst nur fuer die Menschen auf.
+
+Erster Zauberer. Er hat schon ungeheure Schaetze der Luft entzogen
+und sie der Erde zugewendet.
+
+Zweiter Zauberer. Sehen Sie, darum bauen sich die Leute jetzt so
+viele Luftschloesser. Wenn nicht das Sterben bei ihnen noch Mode
+waere, so ging's dem Volk besser als uns.
+
+Fee Aprikosa. Was wollen Sie denn? Er hat ja erst gestern einen
+Menschen, den er auf der Erde kennen gelernt hat, unter die Geister
+aufgenommen, weil ihn bei dem letzten Wetter der Blitz erschlagen
+hat.
+
+Erster Zauberer. Ja, richtig; er heisst Zephise, war Taschenspieler
+und soll ein blitzdummer Kerl sein.
+
+Zweiter Zauberer. Sehr natuerlich! Dumm war er so schon, der Blitz
+hat ihn auch getroffen, also ist er blitzdumm.
+
+Fee Amarillis. Der Zauberkoenig verschwendet zu viel. Seine Reisen
+auf die Erde kosten ihm enorme Summen.
+
+Zweiter Zauberer. Jawohl, ich bin ein einziges Mal auf die Erde
+hinabgereiset, weil ich soviel von der schoenen Gegend von Simmering
+gehoert hab', und ich weiss, was mich das gekostet hat.
+
+Fee Aprikosa. Und richtet er nicht das ganze Reich nach der Erde
+ein? Wir werden noch alle Moden von Paris und Wien heraufbekommen.
+
+Fee Amarillis. Ja, wenn nur in seinem Zauberreiche noch
+Franzoesisch gesprochen wuerde, das waere doch nobel, aber seit er in
+Wien war, spricht er wienerisch, und wir sollen es nachmachen.
+
+Zweiter Zauberer. Ich hab's schon nachgemacht.
+
+Fee Amarillis. Schaemen Sie sich, wenn man das im Auslande erfaehrt!
+Das wird entsetzlich werden.
+
+Erster Zauberer undr Fee Aprikosa. Ja, unerhoert.
+
+Zweiter Zauberer. Ich weiss, es kommt ein Krieg aus, bloss wegen dem.
+Aber wissen S', er denkt halt so, und so sollen manche denken,
+besser schoen lokal reden, als schlecht hochdeutsch.
+
+Fee Aprikosa Kurz, die Menschen haben ihn ganz verdorben; er ist
+nicht mehr zu kennen.
+
+Erster Zauberer. Er laesst sie ja scharenweise zu sich heraufkommen
+und gewaehrt ihnen ihre Bitten.
+
+Alle. Wahr ist's!
+
+
+
+Zweite Szene.
+Vorige. Ein Feuergeist.
+
+
+Feuergeist (ganz rot gekleidet, rotes Gesicht und rote Haende; er
+hat die ganze Szene behorcht). Potz Pech und Schwefel, das ist
+zuviel! Ich bin Feuergeist, Oberfeuerwerker und Kanonier des
+Zauberkoenigs! Wer kann sagen, dass seit drei Jahren eine
+menschliche Seele in seinen Palast gekommen ist? Bin ich nicht auf
+seine Kosten nach Neapel gereist, um den Vesuv aufzunehmen und
+einen aehnlichen ueber seinen Palast zu bauen? Ist das nicht
+geschehen? Blausaeure und Vitrioloel!
+
+Fee Aprikosa. Und warum ist es geschehen? Damit wir ihn nicht
+sooft belaestigen und mit unserm Wolkenwagen jetzt durch den Krater
+fahren muessen, wie die Hexen durch den Rauchfang.
+
+Feuergeist. Nein! Potz Pech und Schwefel! Damit er von der
+Menschheit, die sich durch verschiedene magische Kuenste in sein
+Reich filoutiert hatte, um ihn mit Betteleien zu belaestigen, Ruhe
+bekomme.
+
+Zweiter Zauberer. Ja, ja, so ist der Kaffee.
+
+Erster Zauberer. Das muessen Sie Narren weismachen.
+
+Feuergeist. Aber, ins Geiers Namen, das tue ich ja; und wer's
+nicht glauben will, den sollen alle kongreveschen Raketen--
+
+Zweiter Zauberer (gleich einfallend). Nun, nun, mein Herr
+Feuergeist und Oberkanonier, moderieren Sie sich nur! Sie zuenden
+ja sonst den Palast an mit Ihren Raketen.
+
+Alle. Werft ihn hinaus! Hinaus mit ihm!
+
+Feuergeist. Was? Einen Feuergeist hinauswerfen?
+
+Zweiter Zauberer. Da haben wir schon andere hinausgeworfen.
+
+Feuergeist. Beim Brand von Moskau, das ist zuviel! (Mit geballter
+Faust) Wer mir in die Naehe kommt, dem werf' ich eine Leuchtkugel an
+den Kopf, dass ihm das bengalische Feuer aus den Augen spritzen soll.
+
+
+
+Dritte Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Pamphilius. He, he! was ist denn das! Sie halten ja ein voelliges
+Stiergefecht im Vorgemach des Zauberkoenigs!
+
+Erster Zauberer (voll Freundlichkeit). Ach, unser lieber
+Pamphilius!
+
+Alle Weiber. Unser schoener Pamphilius! (Schmeicheln ihm.)
+
+Zweiter Zauberer. Gruess' Sie der Himmel, Herr von Pamphilius!
+(draengt die Weiber weg und umarmt ihr..)
+
+Pamphilius. Ich komme, Ihnen zu melden, dass der Beherrscher seine
+vierundzwanzigstuendige Ruhe beendiget hat und sich alsobald mit
+unglaublicher Schnelligkeit aus dem Bette begeben wird.
+
+Erster Zauberer. Ah, scharmant!
+
+Beide Feen. Der liebenswuerdige Herr!
+
+Zweiter Zauberer. O, fidelibus! fidelibus!
+
+Feuergeist. Jetzt reisst mir die Geduld! Herr Pamphilius, potz
+Pech und Schwefel, ich bin ein treuer Diener des Zauberkoenigs, ich
+kann nicht schweigen.
+
+Pamphilius. Was haben Sie denn fuer einen Laermen, Herr
+Oberfeuerwerker?
+
+Feuergeist. I, potz Pech und Schwefel!--
+
+Pamphilius. Bleiben Sie mir nur mit Ihrem Pech vom Leibe, ich
+picke schon am ganzen Koerper.
+
+Zweiter Zauberer. Er muss glauben, wir sind Schuster.
+
+Feuergeist. Nun also, potz Schwefel und Phosphorus!
+
+Pamphilius. Den Schwefel kann ich auch nicht vertragen, ich habe
+eine schwache Brust.
+
+Feuergeist. Nun, so hoeren Sie ohne Pech und Schwefel, dass diese
+ehrbare Versammlung ein schlechtes Gesindel ist, das ueber den
+Geisterfuersten schimpft und ihm vorwirft, dass er alles den Menschen
+anhaengt.
+
+Alle. Das ist nicht wahr.
+
+Feuergeist. Was? Ich schwoer's bei allen Zuendmaschinen von England.
+
+Pamphilius. Und ich bei allen Loeschmaschinen von Frankreich, wenn
+Er sein unsinniges Feuer nicht moderiert, lass ich Ihn so
+durchwaessern, dass Er an mich denken soll. Hinaus mit Ihm!
+
+Alle. Hinaus mit Ihm!
+
+Feuergeist. Ich gehe! Aber, bei dem griechischen Feuer des
+Cardanus, das melde ich dem Zauberkoenig. Potz Feuerzeug und
+Zuendbuechsen! Schwefelgeist und Salmiak! (Geht ab.)
+
+
+
+Vierte Szene.
+Vorige ohne Feuergeist.
+
+
+Pamphilius. Reden Sie, einer nach dem andern. Was hat's gegeben?
+
+Erster Zauberer. Gepriesener Pamphilius, Sie sind nun schon eine
+lange Zeit in den Diensten des Geisterkoenigs.
+
+Pamphilius. Auf Martini sind's 2000 Jahr.
+
+Erster Zauberer. Haben Sie nicht selbst bemerkt, dass er Menschen
+mit Wohltaten ueberhaeuft, die sie missbrauchen und ihm mit Undank
+lohnen, und uns versagt er so vieles?
+
+Pamphilius. Da haben Sie recht.
+
+Zweiter Zauberer. Ja, und waer's nicht besser, wenn er sich von uns
+undankbar und schlecht behandeln liesse als von andern?
+
+Erster Zauberer. Schweigen Sie.
+
+Zweiter Zauberer. Ich kann auch meine Meinung sagen; ich war auch
+einmal ein starker Geist, jetzt bin ich ausgeraucht.
+
+Fee Aprikosa. An allem ist die Fee Diskantine schuld, ihre schoene
+Stimme hat ihn bezaubert.
+
+Pamphilius. Also das ist die einzige Klage gegen den Zauberkoenig?
+Nun, da muss ich Ihnen schon aus dem Traum helfen. Es ist wahr,
+Diskantine hat durch ihren Gesang vieles fuer die Menschen von ihm
+erwirkt; da sie aber mit ihrer Protektion auf lauter Unwuerdige
+stiess, so ist er darueber so erzuernt, dass er sie auf die Spitze
+eines Berges verbannt und dort in einen Baum verwandelt hat.
+
+Zweiter Zauberer. Was Sie sagen!
+
+Pamphilius. Weil aber ihre herrliche Stimme ihn so oft entzueckte,
+so wollte er ihr dieselbe auch als Baum nicht entreissen.
+
+Erster Zauberer. Also singt dieser Baum?
+
+Pamphilius. Alles vom Blatt. Damit jedoch der Geisterfuerst nicht
+mehr so belaestigt werde, hat er den Ausspruch getan, dass von dem
+Augenblicke an kein Sterblicher sich seinem Palaste naehern duerfe,
+ehe er nicht diesen Berg erstiegen und, ohne sich umzusehen, einen
+Zweig von dem singenden Baume abgebrochen hat.
+
+Fee Amarillis. Und was nuetzt dieser Zweig?
+
+Pamphilius. Er ist ein Talisman, der vor allen Gefahren schuetzt
+und sicher in das Reich des Zauberkoenigs geleitet.
+
+Zweiter Zauberer. Wollen Sie mir nicht sagen, mein Scharmantester,
+wenn sich einer umschaut, was ihm geschieht?
+
+Pamphilius. Er wird sogleich, mein Stupidester, entweder in ein
+Tier oder in eine Blume verwandelt; der boese Genius Koliphonius ist
+dort angestellt mit 2000 Rubel jaehrlich, damit er durch einen
+listigen Hokuspokus die Leute zum Umschauen bringt.--Gelingt es ihm,
+so sind sie in seiner Macht, und dann laesst er sie auch nicht mehr
+aus. Er hat in der kurzen Zeit schon einen praechtigen Tiergarten
+beisammen. Und nun, was sagen Sie jetzt von dem Zauberkoenig? Ist
+er in Ihren Augen gerechtfertiget?
+
+Alle. Hoch lebe der Zauberkoenig!
+
+Pamphilius. Also folgen Sie mir, ich will Sie melden.
+
+Chor.
+Wie uns die Freude gluehend belebt,
+Wie sich die Hoffnung maechtig erhebt,
+Schnelle Gewaehrung wird unser Lohn,
+Bringen die Bitten wir vor den Thron;
+Jauchzet den Koenig aus seiner Ruh,
+Ewiges Vivat toene ihm zu
+
+(Alle gehen ab.)
+
+
+
+Fuenfte Szene.
+(Zauberkabinett.)
+
+
+Longimanus liegt in einer idealen Bettstaette, reich verziert, in
+welcher statt dem Bettgewande Wolken eingebettet sind. Vier Genien
+sind beschaeftigt, seine Kleider zu ordnen und ein Waschbecken
+herzurichten, dann bleiben sie in horchender Gruppe stehen, sein
+Erwachen abzuwarten. Longimanus regt sich, die Genien entfliehen;
+die Musik endet.
+
+Longimanus (im Schlafrock mit goldenen Zaubercharakteren, wirft die
+Ueberdecke aus Wolken von sich, setzt sich im Bette auf und gaehnt).
+Ach ja! Wieviel Uhr ist's denn schon? (Sieht auf eine Stockuhr,
+die neben seinem Bette auf einem goldenen Tische steht.) Siehst
+du's! Siehst du's! Schon halb 11 Uhr! Ich habe halt wieder
+vergessen, dass ich den Wecker aufgezogen, und der Pamphilius weckt
+mich auch nicht auf. (Laeutet.) Pamphilius! Wo steckt Er denn?
+
+
+
+Sechste Szene.
+Pamphilius. Voriger.
+
+
+Pamphilius (springt schnell herbei). Was steht zu Befehl, Euer
+Grossmaechtigkeit?
+
+Longimanus. Wo schliefst du denn herum? Warum hast du mich nicht
+aufgeweckt? Und wer hat mir denn heute nacht aufgebettet?
+
+Pamphilius. Ich, maechtigster Sultan der Welt.
+
+Longimanus. Dass du mir keine so feuchten Wolken mehr einbettest.
+Ich will trocken liegen; ich glaub' gar, du hast Regenwolken
+erwischt, weil ich heut nacht so in die Nassigkeit geraten bin.
+Und was hoer' ich denn fuer einen Rumor draussen im Vorzimmer? Ich
+glaub' gar, du haltst dir junge Maeus' oder was.
+
+Pamphilius. Allerhand Feen und verschiedene Zauberer sind draussen;
+auch einige Hexen und anderes niederes Geisterg'sindel.
+
+Longimanus. Und was wollen s' denn schon wieder?
+
+Pamphilius. Ihre Bitten und Klagen zu deinen hochmaechtigen Fuessen
+niederlegen.
+
+Longimanus. Das kann nicht sein; ich bin noch zu sehr
+vernegligiert. Bring' Er mir nur die Bittschriften herein.
+(Pamphilius geht ab.)
+
+
+
+Siebente Szene.
+Longimanus allein.
+
+
+Longimanus. Das Volk hat nichts als Streit miteinander! ich kann
+mich gar nicht retten. Auf die Letzt werd' ich noch ein eigenes
+Zeughaus errichten, wo nichts hineinkommt, als lauter Scheckel und
+Haslinger.
+
+
+
+Achte Szene.
+Pamphilius mit Schriften. Voriger.
+
+(Pamphilius uebergibt die Schriften.)
+
+
+Longimanus. Was hab' ich denn so Wichtiges jetzt sagen wollen?--Ja,
+einen Sessel.
+
+(Pamphilius bringt einen Stuhl.)
+
+Longimanus (setzt sich). Das werden wieder schoene G'schichten sein
+(liest). Da haben wir's ja! Nichts als schuldig sein s' einander.
+"Die Fee Tritschitratschi hat dem Zauberer Rutschiputschi einen
+Talisman geliehen, und er ihr ihn nicht zurueckgestellt." Er soll
+ihn zurueckgeben. Ich befiehl's. Auf der Stell'! (Nimmt eine
+andere Schrift.) "Die zwoelf Himmelszeichen haben untereinander eine
+Rauferei gehabt. Der Schuetz hat dem Steinbock ein Aug'
+ausgeschossen; dieser ist in die Wag' gesprungen und hat sie mitten
+voneinander gerissen; die Zwillinge haben sich dareingemischt und
+waeren beinahe von dem Loewen zerrissen worden, wenn sie sich nicht
+hinter die Jungfrau versteckt haetten. Alle sind beschaedigt; der
+einzige Krebs hat sich zurueckgezogen. Man bittet, sie reparieren
+zu lassen." Das wird wieder was Schoenes kosten! (Nimmt die dritte
+Schrift.) Was ist denn das? Was wollen denn die schon wieder?
+"Die zwei Vorsteherinnen der ehrsamen Drudenzunft bitten fuer ihr
+Gremium um Wiedereinsetzung ihres vorigen Amtes auf der Welt." Du
+verdammte Bagage! Die Druden wollen wieder auf die Welt hinunter!
+Den Augenblick lasst du mir s' hereinkommen.
+
+(Pamphilius geht ab.)
+
+
+
+Neunte Szene.
+
+Longimanus (allein). Das waer' eine schoene Pastete, wenn die wieder
+auf die Erde kaemen, die Leut' seckiern! Manchen Menschen drucken
+schon seine Schulden genug; er braucht gar keine Drud'--(Von innen
+wird geklopft.) Aha! Nur herein! Nur herein!
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Voriger. Pamphilius. Zwei Druden,
+
+
+grau gekleidet mit offenen Schleiern; das Haupt und die Brust
+verhuellt. Das Kleid ist unten mit Zeichen des sogenannten
+Drudenfusses garniert; auch tragen sie einen Drudenfuss als Medaillon
+auf der Brust; das Gesicht mit alten Weiberlarven bedeckt; sie
+stuerzen Longimanus zu Fuessen.
+
+Die Druden. Maechtiger Herrscher, erbarme dich!
+
+Longimanus. Schau', wie fein! Grad' die saeubersten haben s'
+ausg'sucht. Womit kann ich dienen, meine schoenen Damen?
+
+Erste Drude. Herr! Es sind nun schon fuenfzig Jahre, dass du uns
+von der Erde zurueckberufen hast, und wir wissen nicht, wodurch wir
+das verschuldet haben?
+
+Longimanus. Ja, meine lieben Fraeulein Drud', mir ist leid, aber es
+kann nicht anders sein.
+
+Erste Drude. Hoer' unser Flehen! Gib uns wieder unsere Macht; die
+Menschen sehnen sich nach uns.
+
+Longimanus. Ob du still bist oder nicht!--Was faellt euch ein? Es
+redt gar kein Mensch mehr von ihnen, denkt gar kein Mensch mehr an
+sie, und jetzt wollen s' auf einmal wieder ihre vorige
+Druckfreiheit haben. Ich lass' die Menschen nicht mehr so
+kujonieren. Anno 1837 eine Drud'! Die Leut' muessten einen nur
+auslachen.
+
+Erste Drude. Aber hat man uns denn nicht sogar durch eine Oper
+verewigt; "Das Neusonntagskind"!
+
+Longimanus. Ah, was Oper! was Neusonntagskind! Die Leut' sind
+oft die ganze Woche kindisch, nicht nur an einem Sonntag. Es nutzt
+nichts! Ich hab' nichts gegen euch; ein jeder Stand verdient
+Achtung, also auch eine Drud'. Meine Mutter war selbst eine, und
+ich bin doch Zauberfuerst geworden.
+
+Erste Drude. Aber haben wir denn nicht stets unsere Schuldigkeit
+getan? Hier sind unsere Attestate von dem Genius der Traeume.
+
+Longimanus. Ja, das ist wahr, ihr wart brave Druden, habt die
+Leut' gedruckt, dass es eine Schand' und ein Spott war. Aber jetzt
+ist's vorbei. Ihr habt's eure Pension und da koennt's zufrieden
+sein. Und jetzt hinaus, auf der Stell'!
+
+(Beide Druden kuessen ihm weinend das Kleid und gehen ab.)
+
+
+
+Elfte Szene.
+Longimanus. Pamphilius.
+
+
+Longimanus. Und jetzt ist's gar fuer heute mit der Klagerei; ich
+zuern' mich zuviel. Die andern sollen uebermorgen kommen oder aufs
+Jahr. Lass mir jetzt den Zephises herueberkommen, den ich unter die
+Geister aufgenommen habe. Was macht er denn?
+
+Pamphilius. Er sitzt mit drei Feuergeistern bei einem Wolkentisch
+und spielt Whist mit ihnen.
+
+Longimanus. Whist spielen s'? Ist ein schoenes Spiel, das Whist;
+wenn nur nicht so viel ausg'macht wuerde dabei. Mich haben s'
+einmal auf der Erde unten aus fuenf Kaffeehaeusern hinausgeworfen,
+weil ich gar so schlecht gespielt hab'. Ja, damals war ich noch
+ein rechter Wuestling, aber jetzt freut's mich nicht mehr. Na, so
+lass mir ihn nur herueberkommen; wenn er auch ein paar Fisch'
+verliert, wegen so ein paar Forellen wird's nicht aus sein, um
+Goldfisch spielen s' doch nicht. (Pamphilius geht ab.)
+
+
+
+Zwoelfte Szene.
+
+
+Longimanus (allein). Ich hab' ihn recht gern, den Zephises! Wie
+ich vor zwanzig Jahren auf der Erde herumgereist bin, so hab' ich
+ihn in Aegypten kennen gelernt, wo er die Zauberei studiert hat, er
+war just im dritten Jahr Magie. Dann bin ich mit ihm nach
+Oesterreich gereist, hab' ihm ein Haus und einen Garten gekauft und
+sein Zauberkabinett eingerichtet. Da ist ihm seine Frau gestorben--
+war eine recht huebsche Frau--hernach hab' ich mich auch nicht mehr
+lang aufgehalten, und weil er gar so lamentiert hat, hab' ich ihm
+versprochen, wenn er stirbt, ihn unter die Geister aufzunehmen; und
+jetzt hab' ich auf einmal g'hoert, dass ihn der Blitz erschlagen hat;
+da hab' ich ihn also durch meine Geister gleich heraufexpedieren
+lassen. Da kommt er schon!
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Zephises. Voriger.
+
+
+Zephises (als Geist im weissen Zaubertalar, mit schwarzen
+Charakteren). Fuerst der Luefte! Wo soll ich Worte des Dankes
+finden?
+
+Longimanus. Ist schon so gut! Nur keine Komplimente unter guten
+Freunden. Mich freut's vom Herzen, alter Schwed'! Hat er dich
+einmal erwischt, der Tod, beim Zwiefachel? Richtig, da auf der
+Seiten hat er ihn g'streift, der Blitz; da schwefelt er ein wenig.
+Wie g'fallt's dir denn bei mir heroben? Haben wir nicht eine
+frische Luft?
+
+Zephises. Herr, darf ich es dir gestehen, dass selbst in dem
+Wonnemeer von Herrlichkeiten, das mich in deinem Zauberreiche
+umfliesset, mein Vaterherz doch einen tiefen Schmerz empfindet, den
+es dir nicht verhehlen kann?
+
+Longimanus. Aha! (Faehrt mit der Hand an Zephisens Stirn vorbei.)
+Hat ihn schon erwischt! Zuckt schon!
+
+Zephises. Als du uns armen Sterblichen die Gnade deines Besuches
+gewaehrtest, hat deine Milde mich mit grossen Schaetzen beschenkt.
+
+Longimanus. Ja, richtig! Hast du alle angebracht?
+
+Zephises. Nein, Herr! Ich habe sie in meinem Kabinett verborgen
+und dieses mit einem Zauber belegt, dass kein Sterblicher es oeffnen
+kann, wenn ich ihm nicht die Mittel dazu anzeige.
+
+Longimanus. Nun, in meinem Reich brauchst keine Schaetze, da lebt
+man von der Luft, dass es nur eine Freud' ist.
+
+Zephises. Hab' ich denn nicht einen Sohn, den ich hilflos
+zurueckgelassen habe?
+
+Longimanus. Du hast einen Sohn?
+
+Zephises. Erinnerst du dich nicht mehr des kleinen Eduards?
+
+Longimanus. Richtig! Er hat ja zu meinen Fuessen gespielt und hat
+mich immer in die Waden gezwickt, wie ich damals noch welche g'habt
+hab'.
+
+Zephises. Ein schneller Tod hat mich der Erde entrissen, ich
+konnte meinem Sohn kein Zeichen meines letzten Willens hinterlassen;
+ darum erhoere mein Flehen! Sende ihm einen deiner Geister, lasse
+ihm die Geheimnisse jenes Kabinettes enthuellen, und erlaube dann,
+dass er sich selbst vor deinen Thron werfen und die Gewaehrung einer
+Bitte erflehen darf, die seinem Vater nicht mehr vergoennt war, an
+dich zu wagen.
+
+Longimanus. Das kann nicht sein; zu mir darf er nicht herauf, wenn
+er nicht einen Zweig mitbringt von meinem musikalischen Baum. Ich
+moecht' ihn recht gern einmal sehen, den kleinen Eduard;--aber ich
+kann mein Wort nicht umstossen.
+
+Zephises. Mein Sohn wird keine Gefahr scheuen, sich dir zu naehern.
+
+Longimanus. Das geht mich nichts an.
+
+Zephises. Rette ihn nur vor Mangel und Verzweiflung.
+
+Longimanus. Siehst du's, jetzt wird dir bang'; aber so geht's
+manchen Eltern, die Geld haben, lassen den Kindern nichts lernen.
+Geschieht nachher ein Bissel ein Unfall, und ein solcher Mensch
+soll sich selbst etwas verdienen, steht der Dalk da. Da werden wir
+gleich helfen.--Pamphilius!
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Longimanus. G'schwind zu dem sein' Sohn ein paar wohltaetige
+Geister hinunter, ich werd' ihnen schon sagen, was sie zu tun haben.
+
+Pamphilius. Ja, es ist nur fatal--
+
+Longimanus. Ich weiss schon, freilich ist's fatal; sie sind jetzt
+alle in der Arbeit, es ist keiner zu Hause, aber das nuetzt nichts,
+es muss einmal sein. Schau halt, dass du wo ein paar zusammenfangst.
+Allez!
+
+(Pamphilius geht.)
+
+Zephises. Herr, wie soll ich dir danken?
+
+Longimanus. Halt's Maul! He, Pamphilius, noch eins!
+
+(Pamphilius kehrt schnell um.)
+
+Longimanus. Den wievielten haben wir heut?
+
+Pamphilius. Den 27. November.
+
+Longimanus. Warum nicht gar? Du verdammte G'schicht! Ich hab'
+schon immer nachgedacht; November! Und ihr habt ein Donnerwetter
+g'habt? Dich hat der Blitz erschlagen, statt dass es schneien soll?
+
+Pamphilius. Ja, grosser Sultan, das ist jetzt die allgemeine Klage
+der Menschen, dass es im Winter warm ist und im Sommer kalt.
+
+Longimanus. Ja. fuer was zahl' ich denn meine Jahrszeiten, wenn
+sie mir so eine Konfusion machen? Da muss ich ja mit dem polnischen
+Donnerwetter dreinschlagen. Pamphilius, geschwind lass mir den
+Winter heraufkommen.
+
+(Pamphilius geht schnell ab.)
+
+Longimanus. Halt! (Pamphilius kehrt schnell um.) Die andern
+Jahrszeiten auch, g'schwind!
+
+Pamphilius. Na, heut lauf' ich mir noch die Fuess' aus der Wurzel.
+Verdammter Dienst! (Laeuft schnell ab.)
+
+Longimanus. Hat ein recht ruhiges Brot bei mir, der Pamphilius; er
+halt aber aus, wie ein Pferd. Jetzt lauft er schon 2000 Jahr' und
+hat noch gesunde Huf'; er kriegt keine Steingallen, nicht einmal
+den Spat hat er noch g'habt.
+
+
+
+Fuenfzehnte Szene.
+Die vier Jahreszeiten. Vorige.
+
+(Der hinter traegt einen schwarzen Pelz, Pudelmuetze, einen kleinen
+Stutzen [Muff], ganz beschneit. Der Sommer im nankingenen Frack,
+Beinkleid, einen modernen Strohhut mit Kornblumen darauf und ein
+Parasol in der Hand. Der Herbst, mit dicken Backen und wohlbeleibt,
+hat eine gruene Wirtsjacke, Fuertuch, Kaeppchen mit Weinlaub besteckt,
+unter dem Arme ein kleines Faesschen, worauf Most steht, in der Hand
+eine grosse Traube. Der Fruehling, ein junges Gaertnermaedchen, mit
+Rosen auf dem Hut und einem Rosenstock im Arme, treten furchtsam
+ein.)
+
+
+Longimanus. Nur naeher da, ihr vier Haimonskinder! Was muss denn
+ich hoeren? Warum betragt ihr euch nicht, wie es sich fuer
+rechtschaffene Jahrszeiten schickt? Was ist denn das fuer ein
+liederlicher Lebenswandel, Monsieur Winter? Schaemt Er sich nicht?
+So ein eisgrauer Mann und fangt auf einmal an, hitzig zu werden!
+Warum hat's eingeschlagen im November? Ich will's wissen!
+
+Winter (im Basstone). Euer G'streng', ich kann nichts dafuer. Der
+Sommer tut mir alles mit Fleiss; er moecht' gern alles wissen, und da
+blitzt er immer herueber auf mich.
+
+Longimanus. Der Sommer soll sich gar nicht ruehren; der ist seit
+einigen Jahren wie ausgewechselt. Ich glaub', er verlegt sich aufs
+Trinken, weil er immer so nass ist.
+
+Herbst. Eur' koenigliche Durchlaucht, ich bitt' ums Wort! Der
+Sommer kann nichts dafuer; der Winter lasst ihm keine Ruh'. Wann er
+Eiszapfen uebrig hat, so schickt er ihm s' herueber, dass's im Sommer
+schauert. Nachher fangen sie zu disputieren an, der Sommer kommt
+in Zorn, und so gibt's alle Tag ein Wetter.
+
+Sommer. Ja, das ist auch wahr; der Herbst ist noch mein einziger
+Freund, er putzt mich wieder heraus! Die Leute schimpfen ueber mich,
+und ich kann nichts dafuer.
+
+Longimanus. Und jetzt basta! Ich will haben, dass ihr euch
+vertragen sollt. Auf die Letzt verderbt's mir da meinen Fruehling
+auch noch; das ist noch die bravste, das ist noch meine liebste
+Jahrszeit, der Fruehling! (Kneift sie in die Wange und gibt ihr ein
+Goldstueck.) Da hast was auf ein Kipfel, du Tausendsasa, du!
+
+Fruehling. Ich kuess' die Hand, Euer G'streng'! Ich werd' mich
+schon gut auffuehren. (Kuesst ihm die Hand.)
+
+Longimanus. Und jetzt marschiert's! Und wenn ich noch einmal eine
+Klag' hoer', so weiss ich, was ich zu tun hab'; besonders der Sommer,
+nehm' Er sich zusamm'. Wenn aufs Jahr in Baden nicht alle
+Quartiere verlassen sein, so schau' Er zu. Und der Winter auch!
+Dass's heut noch schneit und morgen der Eisstoss geht. Jetzt hinaus!
+
+(Alle vier Jahreszeiten gehen ab.)
+
+Longimanus. Komm, mein lieber Zephises, jetzt werd' ich fuer deinen
+Sohn sorgen, ich werd' ihn gluecklich machen. Aber das sag' ich dir,
+wenn du dich unterstehst, ihm einen heimlichen Wink oder Rat zu
+geben, so hast du es mit mir zu tun. Jetzt kannst mit mir ein
+kleines Gabelfruehstueck einnehmen; ich hab' ein bisserl ein
+Eingemachtes von einem jungen Krokodil ang'schafft.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+(Geheimes Kabinett des Zephises. Die Hinterwand, an der sich keine
+Moebel befinden, ist mit magischen Zeichen und Figuren bemalt. An
+der Seite befindet sich ein Zaubertisch, worauf ein kleiner
+Zauberer steht; neben ihm eine Glocke, auf welche er mit einem
+Hammer schlaegt. Auf der entgegengesehen Seite eine Tuere.)
+
+Florian Waschblau kommt mit einer Butte auf dem Ruecken, worin sich
+verschiedene Kleidungsstuecke befinden; stellt sie beim Eintreten
+nieder.
+
+
+Arie.
+Ich bin der liebe Florian,
+So heissen mich die Leut',
+Und wenn mich jemand brauchen kann,
+Bin ich gleich bei der Schneid'.
+Im Kopf hab' ich auf Ehr' nicht viel,
+Noch weniger im Sack,
+Nur dass ich nichts als essen will,
+Das ist mein' groesste Plag'!
+Ich g'hoer' nur der Mariandl zu,
+Auf d' Nacht sowie beim Tag,
+Und wissen S', warum ich das tu'?
+Weil mich sonst keine mag.
+Und foppt mich einer, was er kann,
+So fuehl' ich keinen Neid;
+Denn fangen d' Leut' zum Lachen an,
+Das ist mein' groesste Freud'!
+
+Florian. Ja, ja, mein lieber Florian! Jetzt wirst du halt bald
+fort muessen aus dem Hause, wo dir die Tage in einem ewigen Rausch
+hing'schwunden sind. Mein armer junger Herr, wie wird's denn dem
+gehen? Keinen Kreuzer hat uns der Alte unterlassen, als das
+einschichtige Haus. Wenn er nur wo was zu leihen kriegte; aber
+nicht einmal einen Satz uebers Haus kann er machen, es ist ja ganz
+verrufen. Wer wird denn ein Haus kaufen, wo die Hexen wie die
+Schwalben aus und ein geflogen sind? Ich weiss nicht, was er
+anfangen wird; um mich ist mir nicht bang', ich werd' mich schon wo
+anlehnen lassen an eine Planken. Wenn ich nur ihn unterzubringen
+wuesst', auf einem Kontor bei einem Sauerkraeutler oder wo.--Er ist in
+der groessten Verzweiflung! Gestern hat er geweint, hat mir das
+letzte Dreiguldenzettel gegeben, und hat g'sagt, ich moecht' davon
+vier Gulden unter die Armen austeilen, und mit dem, was uebrig
+bleibt, soll ich hingehen, wohin ich will. Ich kann ihn aber nicht
+verlassen, es ist unmoeglich! Ich hab' erst unlaengst eine Schoene
+G'schicht' gelesen von einem roemischen Loewen, der sein' Herrn, dem
+Anton Trokles, so anhaenglich war;--und wenn ein solches Tier so
+handeln kann, so werd' ich's doch auch noch zuwege bringen. Ich
+hab' schon angefangen, ich hab' alle meine Kleider zusammengepackt,
+hab' auch der Mariandel, unserer Koechin, ihren ganzen Kasten
+ausgeraeumt, hab' von dem Milchweib da diese Butten zu leihen
+genommen, damit nichts ausplanscht wird, hab' die Kleider recht
+hineing'stampft; und weil in das Kabinett, was unserm alten Herrn
+sein Zauberlaboratorium war, selten wer kommt, so habe ich den
+Juden herbestellt, dem verkauf' ich's, und das Geld steck' ich
+heimlich in mein' Herrn sein Brieftaschel. (Sieht auf den kleinen
+Zauberer.) Jetzt hat der Spitzbub' alles g'hoert. Wirst du denn wem
+was sagen davon? (Der kleine Zauberer deutet nein mit dem Kopfe.)
+Der sagt einem alles. Wird meinem Herrn ein Unglueck zustossen?
+(Zauberer deutet nein.) Etwann mir? (Zauberer deutet ja, Florian
+drohend.) Du! Sag' du mir, bin ich ein g'scheiter Kerl? (Zauberer
+deutet nein.) Ist schon richtig;--bin ich etwa dumm? (Zauberer
+deutet ja.) Alles weiss er. Wie viel dumme Streiche werd' ich denn
+noch machen? (Der Zauberer schlaegt auf die Glocke: eins, zwei,
+drei, dann recht schnell und oft hintereinander.) Hoerst auf, du
+verdammter Kerl! (Haelt ihm die Hand.) Solang leb' ich gar nicht.
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+Mariandel (von innen). Voriger.
+(Mariandel klopft von aussen.)
+
+
+Florian. Aha, das ist der Jud'! (oeffnet, Mariandel tritt ein.)
+Nein, schaut's, ist a Juedin.
+
+Mariandel. Ach, ich unglueckliche Person, was fang' ich an? Da
+steht er herin, statt dass er im Haus acht gibt. Ach, warum hat
+mich der Himmel gestraft, dass ich einen solchen Einfaltspinsel zum
+Liebhaber hab'.
+
+Florian. Das wird doch eine schoene Stichelei sein!
+
+Mariandel. Was stehst denn da?--Was stehst denn da, du miserabler
+Mensch; und mir raeumen s' derweil den ganzen Kasten aus. Ich bin
+bestohlen!
+
+Florian. Hoer' auf! Haben s' dir etwann deinen ueblen Humor
+g'stohlen?
+
+Mariandel. Nein, meine Kleider, meine Waesch', meine reiche Haube!--
+Ich bitt' dich, den Diebstahl,--die schoene Waesch'!
+
+Florian. Nein, mein Schatz, das ist eine wilde Waesch'!
+
+Mariandel. Und meine guten Perl'.
+
+Florian (fuer sich). So? Die hab' ich auch erwischt? Das hab' ich
+nicht einmal gewusst.
+
+Mariandel. Ich glaub' gar, du lachst noch? Jetzt geh' ich gleich
+zum gnaedigen Herrn und erzaehl' ihm alles. Dem Dieb muss nachgesetzt
+werden (will ab).
+
+Florian. Halt, sag' ich. Du bleibst da! Ich kenn' den Dieb.
+
+Mariandel. Was?
+
+Florian. Er ist ein sehr guter Freund von mir.
+
+Mariandel. So? Du schlechter Mensch! Auf die Letzt bist du ein
+Raeuberhauptmann! Ich geb' dich an, auf der Stell' (will fort).
+
+Florian. Da bleibst, sag' ich, oder--
+
+Mariandel. Das nutzt nichts--ich will meine Sachen haben.
+
+Florian. Das Sachen ist da.
+
+Mariandel. Wo?
+
+Florian. In der Butten.
+
+Mariandel. Ah, Spektakel! Heraus gibst mir's!
+
+Florian. Nur Geduld!
+
+Mariandel. Dass mir nichts zermudelt wird.
+
+Florian. Ist alles in der schoensten Ordnung! (Er leert die Butten
+aus, seine und ihre Kleider fallen in der groessten Unordnung heraus;
+ganz kalt.) Such' dir deine Sachen heraus.
+
+Mariandel. Aber Florian, was hast denn gemacht? Bist du besessen?
+
+Florian. Still, Marianne! Du wirst wissen, dass unsere Herzen
+verbunden sind?
+
+Mariandel. Ja, leider bin ich so ungluecklich, deine Geliebte zu
+sein! Was war ich fuer ein Dalk! Was hab' ich fuer Partien
+ausgeschlagen! Ich haette vor kurzem noch koennen so einen reichen
+Ochsenhaendler heiraten, waer' eine reiche Frau worden, die so viele
+Ochsen g'habt haett', und an dir hab' ich nur einen einzigen.
+
+Florian. Wer's Wenige nicht ehrt, ist's Mehrere nicht wert. Doch
+nichts mehr ueber diesen Gegenstand, er ist zu subtil, um ihn lange
+zu besprechen. Wir sind jetzt sieben Jahr' in diesem Haus; ich
+hab' dir diese Sachen geschafft, folglich kann ich s' auch wieder
+an mich reissen; ich hab' sie wollen von hier wegschicken.
+
+Mariandel. Wohin?
+
+Florian. Nach Judenburg. Kurz, ich hab' sie wollen an einen
+polnischen Juden verkaufen, um unserm jungen Herrn fuer den
+Augenblick aus seiner Verlegenheit zu helfen. Wir sind seine zwei
+einzigen Dienstboten, wir muessen ihm einmal zugetan sein.
+
+Mariandel. Aber Florian, schau, was treibst? Warum hast du denn
+mir nichts gesagt, so haetten wir Mittel gemacht. Von der Pistolen
+hast ihm auch den Hahn heruntergeschraubt; er hat mich g'fragt, wo
+er hingekommen ist?
+
+Florian. Der Hahn? Haettest du gesagt, du hast ihn abgestochen,
+weil du keine Haendel mehr g'habt hast.
+
+Mariandel. Na, jetzt bin ich schon wieder ruhig! Pack' nur die
+Kleider zusammen, der Herr kommt.
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+
+
+Eduard. Vorige.
+
+Eduard (verdriesslich). Was macht ihr hier? Lasst mich allein.
+
+Mariandel. Schau ihn nur an, wie er aussieht.
+
+Florian. Was er vorn fuer eine Blaesse hat. Gnaediger Herr, schaffen
+Sie vielleicht einen Melissengeist oder ein darniederschlagendes
+Pulver?
+
+Eduard. Ich danke euch; geht nur.
+
+Florian. Der arme Mann! Gnaediger Herr, wenn Sie sollten in
+Ohnmacht liegen, duerfen Sie nur laeuten, wir werden gleich da sein.
+
+Eduard. Willst du mich boese machen? (Fasst sich.) Geh, Florian!
+
+Florian. Florian hat er g'sagt, hast das g'hoert? Das ist ein
+Unglueck.
+
+Mariandel. Nun, wie soll er denn zu dir sagen, wenn du so heisst,
+etwa Annamiedel? So geh' nur einmal!
+
+Florian. Mariandel, mit dem ist's zu, der lebt uns keine hundert
+Jahr' mehr. (Beide ab.).
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+
+
+Eduard (allein). Nun bin ich allein, im wahren Sinne des Wortes;
+denn meines Vaters Tod hat mein ganzes Glueck vernichtet. Welche
+Wunder umgeben mich seit meiner Kindheit! Sein Koerper ist durch
+uebernatuerliche Maechte ploetzlich vor unsern Augen verschwunden. Er
+hat mir oft versprochen, nach seinem Tode grosse Reichtuemer zu
+hinterlassen; doch im ganzen Hause findet sich keine Spur eines
+Vermaechtnisses. Was soll ich beginnen? Ich finde auch keine Hilfe
+bei Freunden. Als den Sohn eines beruechtigten Zauberers flieht
+mich jedermann, was soll aus mir werden? Entsetzliche Lage!
+Verzweiflungsvolles Los! (Wirft sich in einen Stuhl. Es wird von
+unten geklopft.) Wer klopft? Herein!
+
+
+
+Zwanzigste Szene
+Die Hoffnung, auf einen goldenen Anker gestuetzt, kommt aus der Erde.
+
+
+Hoffnung (ist ideal gekleidet, spricht sehr lebhaft und munter).
+Sie pardonieren, mein Herr, dass ich die rechte Tuer verfehlte; doch
+ein Frauenzimmer, die so viele Geschaefte hat, wie ich, nimmt das
+nicht so genau. Nun, so heissen Sie mich doch willkommen! Sie sind
+ja ganz verbluefft?
+
+Eduard. Welch eine angenehme Erscheinung! Mir wird so wohl in
+Ihrer Naehe.
+
+Hoffnung. Wie? Kennen Sie mich nicht, junger Herr?
+
+Eduard. Ich habe wirklich nicht die Ehre--
+
+Hoffnung. O pfui! Sagen Sie das nicht! Eine Person nicht zu
+kennen, die in allen Kalendern und Taschenbuechern schon bis zum
+Ueberdrusse abgebildet ist. Kennen Sie mich wirklich nicht? Ich
+habe Sie als Kind auf meinen Armen getragen, als Knabe Ihre
+Schmerzen versuesst, wenn Sie die Rute bekommen sollten; als Juengling
+Ihnen die Leiter gehalten, wie Sie zu Ihrem Liebchen auf die
+Terrasse gestiegen sind--
+
+Eduard. Ah, Sie sind--
+
+Hoffnung. Die Hoffnung, untertaenigst aufzuwarten, nicht nur die
+Ihrige, sondern die der ganzen Welt.
+
+Eduard. O, so lass mich zu deinen Fuessen stuerzen, Tochter des
+Himmels.
+
+Hoffnung. Langsam, mein Herr, nicht so rasch! Sieh, sieh, wie
+exaltiert. Hat Sie meine Feindin, die Furcht, schon verlassen,
+weil Sie so schnell wieder zu meiner Fahne schwoeren? Wissen Sie
+vielmehr, dass das sehr unartig ist, eine Dame vor sich stehen zu
+lassen, ohne ihr einen Sitz anzubieten! Oder glauben Sie, weil
+sich so viele Leute auf mich stuetzen, dass ich keiner Stuetze
+beduerfe? Nein, mein Herr, einen Sitz.
+
+(Eduard reicht ihr einen Sessel.)
+
+Hoffnung. So! Nun stellen Sie sich in die erste Position vor mich
+und hoeren Sie, was ich Ihnen zu sagen habe.
+
+Eduard. Ich hin ganz Ohr.
+
+Hoffnung (hustet). Monsieur! Ich habe Ihnen ein sehr artiges
+Kompliment von meiner Schwester auszurichten. Was glauben Sie wohl,
+wer sie sei? (Eduard zuckt die Achseln.) Das Glueck.
+
+Eduard. Das Glueck? Welch einen schoenen Namen lassen Sie in meinen
+Ohren ertoenen!
+
+Hoffnung. Das koennte mich eifersuechtig machen. (Mit einem Seufzer.)
+Doch ich bin es gewohnt, von ihr verdraengt zu werden. Sie hat
+versprochen, Sie in Protektion zu nehmen. Ich koennte Ihnen zwar
+sagen, dass sie eine leichtfertige Person ist, die sich sehr stark
+schminkt und nur von ferne schoen ist; doch, Sie werden mir nicht
+zumuten, dass ich imstande waere, meine Schwester zu verkleinern.--
+Jetzt zu meinem Auftrag! Meine Schwester laesst Ihnen sagen, Sie
+moechten sans facon in jener Ecke des Zimmers den Boden oeffnen,
+einen goldenen Schluessel herausnehmen und damit diese Wand
+aufschliessen; das uebrige wird Ihnen wie gebratene Tauben von selbst
+in den Mund fliegen. Ich aber habe die Ehre, mich als Ihre
+ergebene Dienerin zu empfehlen.
+
+Eduard. Wie? Sie koennten mich verlassen?--
+
+Hoffnung. Ihr Glueck beginnt--meine Rolle ist ausgespielt. Hueten
+Sie sich, dass Sie mich nicht bald wieder rufen; oder glauben Sie,
+ich habe nichts zu tun, als mit Ihnen die Zeit zu verschwaetzen? In
+diesem Augenblicke bin ich zu Millionen bestellt, die nach mir
+schmachten. Advokaten, die ihre Prozesse gewinnen wollen; arme
+Gefangene, die auf Erloesung hoffen; Sterbende sogar, die mich in
+der letzten Minute noch zu sprechen wuenschen; des Heeres der
+Verliebten gar nicht zu gedenken, welches mich durch namenlose
+Anforderungen fast zu Tode martert. Darum adieu! Nun kuessen Sie
+mir die Hand, Sie liebenswuerdiger, junger Mann! Adieu, Sie Loser!
+Vergessen Sie nicht wieder ein Frauenzimmer, welches die Plage auf
+sich hat, Sie durch Ihr ganzes Leben begleiten zu muessen. (Macht
+ihm einen Knix und geht durch die Tuere ab.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+
+
+Eduard (allein). Sonderbare Erscheinung! Soll ich ihr Glauben
+schenken? Sie ist ein Frauenzimmer --! Nun, waer' ich der einzige
+Mensch in dieser Welt, der sein Glueck einem Frauenzimmer zu
+verdanken haette? Lass sehen, schoene Hoffnung, wir wollen dich auf
+die Probe setzen, ob deine launigen Versprechungen weniger taeuschen,
+als die heroischen Liebesschwuere unserer heutigen Maedchen. Dort
+ist der Fleck. (oeffnet ein kleines Tuerchen im Boden.) Wahrhaftig!
+Bald haett' ich meinem smaragdenen Engel unrecht getan. Hier ist
+der Schluessel. Vivat, Eduard! Schnell ans Werk! (Oeffnet die Wand,
+welche in die Hoehe schwebt und einen Rahmen zuruecklaesst, durch
+welchen man in eine dunkelblaue, mit Gold verzierte runde Halle
+sieht, in der auf jeder Seite drei weisse mythologische Figuren
+unbeweglich stehen. Auf den sechs Piedestalen stehen die Worte:
+Dukaten, Louisdor, Taler, Sovereigndor, Perlen, Granaten. Mitten
+aber steht ein leeres rosenrotes Piedestal, welches den halben
+Kreis schliesst, worauf kein Wort steht, aber eine Pergamentrolle
+liegt.--Die ganze Gruppe ist hell beleuchtet.) Bin ich in einem
+Feenpalaste? Sind diese Schaetze mein? Ist es ein Traum? (Oeffnet
+eine von den Tuerchen der Piedestale, man sieht Gold aufgehaeuft.) O
+nein! Goldene Wirklichkeit! Was bedeutet diese Pergamentrolle?
+(entfaltet sie und liest.) "Teurer Sohn! Die Schaetze, welche Du in
+diesem geheimnisvollen Gewoelbe entdecktest, waren mein Eigentum,
+sind nun das deinige. Die sechs Statuen sind von hohem Werte; ich
+habe sie in einer huldvollen Stunde durch die Gnade des
+Geisterkoenigs zum Geschenk erhalten. Mache einen weisen Gebrauch
+davon. Doch, sollte bei dem gluecklichen Ueberfluss an Wuenschen, zu
+denen Dich Deine Jugend befeuert, auch der in Deiner Brust
+aufsteigen, dass Du die siebente Statue besitzen moechtest, welche
+von rosenroten Diamanten und der groesste Schatz ist, den Du auf
+Erden besitzen kannst, so wende Dich bittend an den Zauberkoenig.
+Du wirst in meinen magischen Werken, die ich Dir hinterliess, die
+genaueste Anleitung finden, auf welchem Wege Du zu den Stufen
+seines Thrones gelangen kannst." (Legt die Schrift wieder hin.)
+Welch eine Reihe von Wundern draengt sich an meinen erstaunten
+Sinnen vorueber! (Tritt heraus, die Wand schliess sich.) Ist es
+Wahrheit? Diese ploetzliche Veraenderung meiner Gluecksumstaende! Ich
+war ein Bettler, jetzt bin ich ein Kroesus!--Doch, was ist das fuer
+eine siebente Statue von rosenrotem Diamant? Welch ein dunkles
+Verlangen beherrscht mich, auch sie zu besitzen! Ach, warum kann
+ich nicht in dieser Minute zu des Geisterkoenigs Fuessen sinken! Gaeb'
+es denn keinen wohltaetigen Genius, der mich augenblicklich in seine
+Naehe bringen koennte? (Die Figur des kleinen Zauberers auf dem
+Tische verwandelt sich in den kleinen Genius Kolibri.)
+
+Kolibri (kann vor Traenen kaum reden). Ich!
+
+Eduard. Welch ein holder Knabe! Wie heissest du, lieber Knabe?
+
+Kolibri (immer weinerlich und verdriesslich). Ich bin der kleine
+Kolibri.
+
+Eduard. Und was bist du denn?
+
+Kolibri (verdriesslich). Ein Genius. Siehst du denn das nicht?
+
+Eduard. Aber warum weinst du denn?
+
+Kolibri. Weil mich meine Mutter erst geschlagen hat.
+
+Eduard. Warum?
+
+Kolibri. Damit ich dir helfen soll.
+
+Eduard. Und willst du mir denn nicht helfen?
+
+Kolibri. I ja!--Aber ich habe gerade mit den andern Genien um
+goldene Aepfel gespielt, und da hat mir meine Mutter geschafft, ich
+moecht' es stehen lassen und zu dir herabgehen, weil der Zauberfuerst
+es befohlen haette; und weil ich nicht gleich ging, so hat sie mich
+geschlagen (weint).
+
+Eduard. Du armes Kind! Wer ist denn deine Mutter?
+
+Kolibri. Eine Fee, die von ihren eigenen Mitteln lebt.
+
+Eduard. Nun, sei nur ruhig! Sieh, wenn du mir hilfst, so
+verspreche ich dir nicht nur einen, sondern viele hundert goldene
+Aepfel.
+
+Kolibri (ploetzlich freudig). Ist das wahr? Ach, das ist schoen.
+(Springt vor Freuden.) Jetzt gib acht, wie ich mich ansetzen werde.
+
+Eduard. Sage mir, auf welche Weise kannst du mir denn helfen?
+
+Kolibri. Ich werde dir die Mittel zeigen, durch welche du zum
+Geisterkoenig gelangst. Du musst vorher einen hohen Berg ersteigen,
+und das weitere werde ich dir schon noch heimlich stecken. Du hast
+viele Gefahren zu bestehen; wir machen eine Luftreise. Wirst du
+auch standhaft bleiben?
+
+Eduard. Gefahren staehlen den Mut! Mein Verlangen nach dem
+Zauberschatze wird immer gluehender. Komm und geleite mich.
+
+Kolibri. O, das geht nicht so geschwind, es ist gar ein weiter Weg;
+ich muss mich erst um eine Landkutsche umsehen. Du darfst dich
+nicht fuerchten, dass ich dich umwerfe; ich bin ein guter Postillon
+und blasen will ich, dass dir die Ohren zerspringen werden.
+
+Eduard. Nun gut, ich will mich reisefertig machen.
+
+Kolibri. Du kannst dir auch einen Bedienten mitnehmen, denn du
+scheinst mir ein sehr kommoder Herr zu sein. Also, es bleibt
+dabei? Leb' wohl! In einer Viertelstunde komm' ich wieder zurueck;
+und wegen der Aepfel:--Ein Mann, ein Wort!
+
+(Eduard reicht ihm die Hand hin.)
+(Kolibri schlaegt ein und geht gravitaetisch ab.)
+
+Eduard (allein). Bravissimo! Das geht ja praechtig! Schlag auf
+Schlag! Mein Glueck faengt an mutwillig zu werden, und soviel ich
+merke, so habe ich's mit lauter dienstfertigen Geistern zu tun; da
+muss ja mein Frohsinn erwachen.
+
+
+
+Zweiundzwanzigste Szene.
+Mariandel. Florian kommt mit einem Trupp Nachbarsleute herein.
+Voriger.
+
+
+Chor.
+Kommt herein! Kommt herein!
+Werden schon willkommen sein.
+Feinde schleichen sich herein,
+Freunde treten ruestig ein.
+
+Florian. Gnaediger! Da haben Sie s', losg'lassen hab' ich s'.
+Jetzt reden S' mit ihnen.
+
+Eduard. Was treibst du denn, dass du mir diesen Trupp Menschen ins
+Zimmer bringst?
+
+Mariandel. Ja, ich bitt', Euer Gnaden, er wird naerrisch. Die
+Leute! (Zu Florian.) Ich braecht' noch mehr, wenn ich wie du waere!
+
+Florian. Ja, woher nehmen und nicht stehlen? Ich hab' die ueberall
+zusammeng'sucht und hab' s' hergetrieben.
+
+Eduard (zornig). Was wollen sie denn aber hier? Dummrian!
+
+Florian (zum Nachbar). So red' der Herr!
+
+Ein Nachbar. Gnaediger Herr, der Florian hat uns zusammengerufen
+und hat uns Ihre Verlegenheit erzaehlt. Sie waren gegen uns immer
+ein guter Herr, der uns manchmal ein Glas Wein gezahlt hat; wenn's
+auch mit dem alten Herrn nicht richtig zugegangen ist, das macht
+nichts. Wenn wir Ihnen helfen koennen und koennen Ihnen einen Dienst
+erweisen, so schaffen S' mit uns. Wir sind ja Ihre Nachbarn, wer
+weiss, wer unsern Kindern einmal was tut.
+
+Alle. Ja! ja! Schaffen S' nur, gnaediger Herr!
+
+Eduard. Ihr guten Leute, nehmt meinen herzlichen Dank! Ich kann
+zwar keinen Gebrauch von euren freundschaftlichen Gesinnungen
+machen, doch ich werde sie dankbar in mein Herz schreiben. Es hat
+sich ein Vermaechtnis meines Vaters vorgefunden, das mich bestimmt,
+noch heute eine grosse Reise anzutreten, und wenn ich gluecklich
+zurueckkehre, will ich den ersten Abend meiner Ankunft in eurem
+froehlichen Zirkel hinbringen.
+
+Alle Nachbarn. Vivat! Unser Nachbar soll leben!
+
+Ein Nachbar. So nehmen Euer Gnaden denn nichts fuer ungut; und
+nachher hab' ich noch eine Bitt': Werfen S' auf den Florian da auch
+keine Ungnad'! Er meint's nicht boes' und er ist gar ein gutes
+Schaf!
+
+Florian. O. du gemeiner Kerl!
+
+Ein Nachbar. Und jetzt reisen S' recht gluecklich und kommen S'
+gesund wieder zurueck.
+
+Alle. Glueckliche Reise! (Gehen mit Buecklingen ab.)
+
+
+
+Dreiundzwanzigste Szene.
+Eduard. Florian. Mariandel.
+
+
+Eduard. Florian! Du hast meinen Entschluss gehoert, mache dich
+reisefertig, du wirst mich begleiten. Der Mariandel uebergebe ich
+die Schluessel meines Hauses; ich kann mich auf deine Treue
+verlassen.
+
+Florian. Besser als ich!
+
+Mariandel. Also Euer Gnaden wollen wirklich fort? Und der Florian
+geht auch mit?
+
+Florian. Ja, der Florian geht auch mit, und die Florianin bleibt
+da.
+
+Eduard. Nur muss ich dich benachrichtigen, dass unsere Reise durch
+die Luft geht.
+
+Florian. Fuer mich just recht; ich bin ohnedem ein lueftiges
+Buerschel.
+
+Eduard. Also nehmt euren zaertlichen Abschied, und dann Mut,
+Florian! In einer Viertelstunde geht es den Sternen zu! (Geht ab.)
+
+
+
+Vierundzwanzigste Szene.
+Mariandel. Florian.
+
+
+Mariandel. O Spektakel! Also ist unser Herr auch mit den Geistern
+im Bunde? Und du willst wirklich mit ihm in die Luft fahren? Wie
+lang bleibt ihr denn aus alle zwei?
+
+Florian. Einige Vierteljahr'.
+
+Mariandel. So lange? Wenn ihr aber herunterfallt?
+
+Florian. Dann sind wir eher da.
+
+Mariandel. Nein, die Angst steh' ich nicht aus; ich spring' ins
+Wasser.
+
+Florian. Willst du mich zur Witwe machen?
+
+Mariandel. Du unempfindlicher Mensch! Ist dir gar nicht leid um
+mich?
+
+Florian. Schau', Mariandel, ich hab' dich g'wiss recht gern, du
+bist mein drittes Leben; aber wenn's mein' Herrn gilt, so verkauf'
+ich alle Mariandeln, wie s' sein, um zwei Groschen.
+
+Mariandel. Ich seh's schon, ich muss nachgeben. Geh nur auf deine
+Luftreise, aber gib wenigstens acht auf dich, dass du mir nicht etwa
+wo in ein Luftloch faellst und brichst dir einen Arm oder ein Paar
+Fuess'.
+
+Florian. Gibst du mir kein Andenken mit?
+
+Mariandel. Ja, was denn?
+
+Florian. Einen Zehnguldenzettel.
+
+Mariandel. Du hast ja mein Herz.
+
+Florian. B'huet' dich Gott und denk' an mich, wannst Zeit hast
+
+Duett.
+
+Florian.
+ Mariandel, Zuckerkandel
+Meines Herzens, bleib' gesund.
+
+Mariandel.
+ Floriani, um dich wan' i,
+Wenn du fort bist, jede Stund'.
+
+Florian.
+ Selbst mein Leben will ich geben,
+Wenn ich tot bin, fuer dich hin.
+
+
+Beide.
+ Florian. Selbst mein Leben will ich geben,
+Wenn ich tot bin, fuer dich hin.
+ Mariandel. Selbst sein Leben will er geben,
+Wenn er tot ist, fuer mich hin.
+
+
+Mariandel.
+ Wirst du, mein Florl, treu mir bleiben,
+Weil dich mein Herz auch nie vergisst?
+
+Florian.
+ Ich werd' mit naechster Post dir schreiben,
+Dass du mein Herzensbinkerl bist.
+
+Mariandel.
+ Ich mache dich zum einz'gen Erben,
+Wenn dich mein Auge nimmer sieht.
+
+Florian.
+ Wann du vielleicht derweil willst sterben,
+So gib mir lieber all's gleich mit.
+
+Mariandel.
+ Erst wann ich kann ans Herz dich druecken,
+Dann strahlt mein Auge hell und klar.
+
+Florian.
+ Da wirst du g'wiss nichts Neu's erblicken,
+Denn ich bleib' stets der alte Narr.
+
+
+Mariandel.
+ Ah, das wird ja praechtig,
+Da spring' ich hochmaechtig,
+Vor Freuden in d' Hoeh',
+Als wie ein jung's Reh!
+
+Florian.
+ Dann gehst du zum Sperl,
+Mit dein' lieben Kerl,
+O jegerl, o je!
+Das wird ein' Gaudee.
+
+Beide.
+Dort zechen wir beide beim froehlichen Schmaus,
+
+Florian.
+ Und wenn ich ein' Rausch krieg', so fuehrst mich nach Haus.
+
+Mariandel.
+ Und wenn du ein' Rausch kriegst, so fuehr' ich dich nach Haus'.
+
+Florian.
+ O Wonne, o Wonne! sie fuehrt mich nach Haus'.
+
+Mariandel.
+ O Wonne, o Wonne! da fuehr' ich ihn z' Haus'.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Fuenfundzwanzigste Szene.
+(Kurze Gegend mit Schnee bedeckt vor Eduards Hause. Man hoert eine
+Musik mit Posthornbegleitung, die das Anfahren eines Postwagens
+ausdrueckt.)
+
+
+Kolibri (als Postillion gekleidet, kommt in einer Postkalesche, mit
+zwei russischen Fuechsen bespannt, gefahren. Er blaest sein Posthorn,
+steigt ab, schnalzt mit der Peitsche und stampft mit dem Fusse vor
+dem Haustor.) Mordkreuztausend Bataillon! Die Schnellfuhr' ist da,
+aufgemacht! (Klopft an der Haustuer.)
+
+Eduard (kommt aus dem Hause in einem gruenen Oberrocke, mit Pelz
+ausgeschlagen). Ah, mein kleiner Fuhrmann, schon hier? Brav! Das
+heiss' ich Wort halten!
+
+Kolibri. Ja, bei uns geht alles auf der Post. Es ist ja spaet,
+sonst fahren wir in die Nacht hinein.
+
+Eduard (ruft). Florian, tummle dich!
+
+
+
+Sechsundzwanzigste Szene.
+Florian (reisefertig, einen Livreefrack und einen warmen Spenser
+darueber. Faeustlinge, eine Reisemuetze, er traegt mehrere Schachteln,
+zwei Parapluies, einen Stiefelknecht und eine Kaffeemaschine in den
+Armen). Alles in der Ordnung!
+
+
+Eduard (lacht). Du heilloser Kerl! Was hast du dir alles
+aufgeladen? Wirst du's gleich zuruecklassen? Du siehst ja aus wie
+ein Packesel!
+
+Florian. Ich muss ja doch das Notwendigste mitnehmen.
+
+Kolibri. Gleich lass es zurueck! Bist du nicht allein schwer genug
+mit deinem Kuerbiskopf?
+
+Florian. Wegen meiner! (Wirft die Sachen ins Haus.) Das wird eine
+schoene Reis' werden, nicht einmal einen Koffer; und der Postknecht!
+Sein Posthoerndel ist groesser als er; den verlieren wir unterwegs.
+
+
+
+Siebenundzwanzigste Szene.
+Mariandel (kommt aus dem Hause, hat eine runde Schachtel, worin ein
+Gugelhupf ist, und einen grossen Waeschekorb). Um des Himmels willen,
+Euer Gnaden werden doch nicht so fortfahren? Nehmen Euer Gnaden
+doch ein bisserl Waesch' mit; es ist alles aufg'schrieben: zwoelf
+Hemden, acht Paar Struempfe, zwanzig Halstuecheln, zwei Dutzend
+Halskraegen--
+
+
+Kolibri. Mordbataillon! Das koennen wir nicht brauchen! Einsitzen!
+Die Pferd' wollen nicht mehr stehn.
+
+Mariandel (kuesst Eduard die Hand). So wuensch' ich Euer Gnaden halt
+eine glueckliche Reise! Ich werd' schon das Haus hueten.
+
+Eduard. Steig ein, Bursche!
+
+Florian. Mariandel, bleib g'sund!
+
+Mariandel. Florian, mach' dich gut zusammen, dass du mir keinen
+Eselshusten kriegst. Da hast ein altes Pelzpalatin'l von mir (sie
+gibt ihm's um). Und in der Schachtel da ist ein Gugelhupf; aber
+beiss dir keinen Zahn aus. (Sie stellt ihn neben sich.) Und jetzt
+leb' wohl, lieber Florian! Vielleicht seh' ich dich nimmermehr.
+
+Florian. O Mariandel, mir druckt's mein Herz ab (weint).
+
+Mariandel. Nicht wahr, du wirst mich nicht vergessen?
+
+Florian (weinend). Nein! Wo ist denn der Gugelhupf?
+
+Mariandel. Florian!
+
+Florian (weint stark). Den Gugelhupf!
+
+Mariandel. Koenntest du in mein Herz sehen!
+
+Florian. Sein Weinberl drin?
+
+Mariandel. Nu, da hast ihn, du Vielfrass! (Gibt ihm die Schachtel.)
+
+Kolibri (stampft). Jetzt weiter, ins Teixels Namen! (Haut Florian
+mit der Peitsche unter die Fuesse und treibt ihn so auf den Loeffel.
+Alle sitzen auf, und unter dem Ausrufe: Florian leb' wohl.
+Mariandel, denk' an mich! fahren sie unter Posthornschall ab.)
+
+
+
+Achtundzwanzigste Szene.
+Mariandel (allein). Jetzt sind sie fort, und mich arme Koechin
+lassen s' allein in der Brisil. Wenn nur mein Florian nicht krank
+wird, er ist gar so schwaechlich; ich hab' ihm mit Fleiss seine Brust
+recht eingemacht, weil s' so zart ist. Er hat das Fruehjahr ohnedem
+eine Kur gebraucht, hat Molken getrunken und Plutzerbirn' dazu
+gegessen, half aber nicht viel. Wann er aber gluecklich zurueckkommt,
+so will ich eine Mahlzeit kochen, die sich sehen lassen soll.
+
+
+Arie.
+Die Ehre ist fuerwahr nicht klein,
+Recht eine gute Koechin z' sein;
+Doch wann die Lieb' im Koepfchen schnalzt,
+G'schieht's, dass die Suppe sie versalzt.
+Wenn huebsche Herren bei uns speisen,
+Muss unser Herr die Zimmer weisen,
+Doch oft, mit ganz zerstreutem Sinn,
+Stehn s' mitten in der Kuchel drin.
+
+Da sagen s' gleich: "Schoene Mariandel,
+O gib mir doch dein liebes Handel!"
+Doch ich, ich dreh' mich nicht herum,
+Und ruehre meine Zuspeis' um.
+
+Will einer Liebe mir beweisen,
+Und Kuesse von den Lippen speisen:
+Bei dem wird meine Treue kund,
+Dem wisch' ganz hoeflich ich den Mund.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Neunundzwanzigste Szene.
+(Tiefe Gegend mit einem hohen Berg, auf welchen sich ein breiter
+Weg hinaufwindet, so, dass er drei Etagen bildet. Oben am Ende des
+dritten Weges ein Portal, mit der transparenten Ausschrift:
+Zaubergarten. Weiter entfernt sieht man im Perspektiv den Vesuv
+des Zauberkoenigs rauchen. An den Kulissen sind lauter
+hervorragende Huegel angebracht, an diesen sowohl als am Berge
+wachsen viele farbige Blumen, in Gestalt der Sonnenwende; statt dem
+mittlern Kopf aber sind kleine Menschengesichter gemalt. Bei
+Verwandlung der Buehne ist das Theater rueckwaerts mit mehreren Tieren
+besetzt; ein indianischer Hahn, mehrere Affen, ein Baer, ein
+Fleischhauerhund, welche alle auf den Gesang des Baumes horchen.
+Der Baum singt eine beliebige Polonaise gleich bei der Verwandlung.)
+
+
+Koliphonius (tritt auf mit einer Giesskanne und einem Korb mit
+Fruechten. Wie er hereinkommt, schweigt der Baum. Er hat ein
+weites Kleid mit roten Flammen garniert, und eine Schlangenkrone
+auf dem Haupte). Nun, vierfuessiges Gesindel! Wie steht's? (Die
+Tiere versammeln sich um ihn.) Jetzt muss ich meine Verwunschenen
+fuettern! Ein schoenes Institut! Toren, warum habt ihr so
+bewegliche Koepfe gehabt, die zum Umschauen gemacht waren? Der
+Koliphonius ist gar ein feiner Kerl. Alle habe ich sie noch in
+mein Netz gebracht. Keiner ist zum Zauberkoenig gelangt. Da! Und
+jetzt trollt euch. (Gibt ihnen die Fruechte preis, sie gehen
+langsam damit ab.) Die Tiere waren Maenner. Jetzt wollen wir die
+bezauberten Blumen begiessen; das waren lauter neugierige
+Frauenzimmer, die den Geisterkoenig um ewige Schoenheit bitten
+wollten (begiesst sie). Was seh' ich? Beim neunarmigen Styx, dort
+kommen Menschen an! Heissa! Koliphonius, nimm dich zusammen! Ihr
+sollt mir nicht entwischen. Frisch ans Werk! Tut eure
+Schuldigkeit, ihr singenden Zweige oben; lockt sie hinauf, singt
+bezaubernde Melodien; singt Rossinische: sie locken ja ins
+Schauspielhaus, so werden sie auch hier ihre Wirkung nicht
+verfehlen.
+
+
+
+Dreissigste Szene.
+Kolibri. Eduard. Vorige.
+
+
+Eduard. Also hier ist dein beruechtigter Zauberberg? Und jener
+feuerspeiende Berg, sagtest du, ist die Wohnung des Geisterkoenigs?
+
+Florian. Logiert der in einem Rauchfang?
+
+Kolibri. Dort ist seine Wohnung.
+
+Eduard. Und diesen Berg muss ich ersteigen, ohne umzublicken? Und
+dem hoechsten Baum in jenem Garten muss ich einen Zweig entreissen?
+
+Kolibri. Ja! Doch muss ich dich jetzt verlassen, und darf dich
+erst wiedersehen, wenn du gluecklich vollendet hast.
+
+(Baum singt einige Takte aus einer bekannten Rossinischen Oper.)
+
+Eduard. Was hoer' ich fuer angenehme Melodien! Ich kenne euch, ihr
+habt mich oft vergnuegt.
+
+(Baum singt einige Takte von Mozart.)
+
+Eduard. Ha, das ist Mozart! O, meine vaterlaendischen Toene! Ihr
+koennt nicht nur vergnuegen, ihr koennt auch begeistern. Lebt wohl!
+Ich besteige den Berg.
+
+Kolibri. Huete dich! Sieh dich nicht um, ich darf dich nicht
+beschuetzen. (Zu Florian.) Komm, Bursch'!
+
+Florian. Marsch, Bursch'! Ich bleib' bei meinem Herrn. (Kolibri
+geht ab.)
+
+Melodram.
+
+Eduard (beginnt seine Wanderung. Er betritt den ersten Weg. Vier
+reizende Nymphen zeigen sich und suchen ihn durch Winke zum Umsehen
+zu bringen; endlich formieren sie bei einer Ferma in der Musik eine
+ihn umschlingende und zurueckhaltende Gruppe. Eduard reisst sich los,
+ ohne sich umzusehen, und ruft; Lasst mich, Bajaderen! Die Nymphen
+verschwinden schnell. Eduard betritt den zweiten Weg; es wird
+ploetzlich finster. Der Donner rollt und schlaegt vor ihm in einen
+Baum ein, welcher einen Augenblick brennt. Pause in der Musik.) Du
+schreckst mich nicht! Vorwaerts! (Der Baum verlischt, die Buehne
+wird wieder hell. Eduard betritt den dritten Weg; ein Grieche mit
+gezuecktem Dolche verfolgt ein Maedchen, welches sich an Eduard von
+rueckwaerts anklammert und Hilfe! Hilfe! ruft; er reisst sich los
+und ruft. Zurueck! Beide versinken.) Viktoria, es ist gelungen!
+(Eilt in die Pforte. Man hoert durchs Sprachrohr Koliphonius'
+Stimme: Verdammt! Die Musik drueckt den Triumph aus.)
+
+Florian (hat waehrend der ganzen Szene seine Empfindungen mimisch
+ausgedrueckt, macht einen Rundsprung). Juhe! Das ist ein Mandel
+mit Kren, mein Herr! Und ich soll hier stehen bleiben, wie ein
+Spatzenschrecker? Nein! Hinauf auf den Lepoldiberg! Vielleicht
+erwisch' ich auch eine bezauberte Nagelwurzen! (Musik; er eilt auf
+den Berg; vier Oberlaendler-Kuechenmaedchen mit Linzerhauben und
+schwarzen Vortuechern machen das vorige Spiel. Pause in der Musik.)
+Zurueck, ihr Kuchelmamsellen! (Die vier Maedchen verschwinden. Er
+tritt den zweiten Weg an, es kommen zwei Mann Soldaten mit
+angeschlagenem Gewehre, einen Korporalen dabei, welcher kommandiert:
+ Schlagt an! Habt acht! Gebt Feuer! Auf das Wort: Feuer faellt
+Florian auf das Gesicht vorwaerts nieder; die Soldaten schiessen ueber
+ihn weg und verschwinden. Er rafft sich auf und ruft: Weit davon
+ist gut vorm Schuss! Er betritt den dritten Weg. Ein Kellner haelt
+ihn zurueck, und ruft: Meine zehn Gulden! er schlaegt rueckwaerts aus:
+Zurueck, Ungeheuer! und wirft ihn nieder; Kellner entflieht.)
+Triumph! Es ist gelungen! (Er will ins Portal; in dem Augenblick
+erscheint Mariandels Gestalt hinter ihm und ruft: Florian! Florian!
+Florian schaut sich schnell um und ruft: Mariandel! Er will auf
+sie zu, sie verschwindet; eine Furie reisst ihn rueckwaerts nieder.)
+
+Koliphonius (erscheint am Fu9e des Berges). Er ist mein!
+Verwandle dich in einen Pudel! (Eine Hundshuette erhebt sich ueber
+Florian; er laeuft als Pudel ueber den Berg herab und sucht aengstlich
+seinen Herrn. In dem Augenblick kommt Eduard frohlockend, den
+Zweig in der Hand, aus dem Garten ueber den Berg und ruft: Florian!
+Florian! Der Pudel springt an ihm hinauf und liebkoset ihn. Pause.)
+
+Eduard. Was ist das? Was will der Pudel?
+
+Kolibri (tritt heraus). Es ist dein Diener.
+
+Eduard. Ungluecklicher! Was hast du getan? (Pause.) Ich will dich
+auch so nicht verlassen. Komm, Sinnbild der Treue! Fort von
+diesem Ort! (Nimmt den Pudel bei dem Halsbande und will ihn
+fortziehen.)
+
+Koliphonius (ruft). Halt! Er bleibt hier! Mein ist der Hund; ich
+bin hier Herr.
+
+Eduard. Mit meinem Leben will ich ihn verteidigen! Er bleibt
+nicht hier.
+
+Koliphonius. Nicht? (Verwandelt sich in einen Jaeger.) So
+erschiess' ich ihn. (Bueckt sich, sein Gewehr aufzunehmen, ein
+Genius bringt es, Koliphonius spannt den Hahn.)
+
+(Kolibri winkt. Ploetzlich springen acht Pudel, eben so gezeichnet
+wie Florian, auf die Buehne und bilden mit ihm ein Tableau, das
+ganze uebrige Theater aber ist auf allen Bergen und Seitenhuegeln mit
+lauter gemalten Pudeln angefuellt, welche sich nach Verhaeltnis der
+Tiefe perspektivisch kleiner zeigen, in komischen Gruppen, und ein
+Tableau formieren.)
+
+(Koliphonius will zielen, prallt zurueck.)
+
+Eduard. Bravo, Kolibri! Jetzt schiess den rechten, wenn du ihn
+kennst, aber schnell, denn alle nehm' ich sie nicht mit mir.
+
+Koliphonius. So will ich sie alle verderben. (Winkt; die Buehne
+verfinstert sich. Blitze leuchten, heftiger Regen. Das Wasser
+schwillt immer hoeher, Kolibri und Eduard befinden sich mitten auf
+einem Felsen, welcher sich aus dem Wasser emporhebt und hoch
+herausragt. Die Pudel schwimmen um ihn herum. Pause in der Musik.)
+
+Eduard. Er ist verloren!
+
+Kolibri. Wirf ihm den Zweig zu.
+
+Eduard (wirft den Zweig ins Wasser und ruft) Florian, Apport! Der
+Pudel sucht ihn zu haschen, arbeitet sich mit dem Zweig in dem Mund
+auf den Felsen hinan, wo Eduard steht. Wie er oben ist, ruft
+Eduard unter Musik: Er ist gerettet! Der Felsen verwandelt sich in
+ein Segelschiff und faehrt mit den Dreien davon.
+
+Koliphonius (ruft). Fluch und Verderben ueber euch! (Der Pudel
+bellt im Fortfahren mit Wut auf ihn hinaus.)
+
+(Die Kurtine faellt.)
+
+Ende des ersten Aufzuges.
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug.
+(Palast des Longimanus mit einem Seitenthron.)
+
+
+
+Erste Szene.
+Longimanus sitzt auf dem Throne, um ihn mehrere dienstbare Geister.
+
+(Grosser Tanz von idealen Geistern, am Ende eine Gruppe.)
+
+
+Chor. Heil, Longimanus!
+
+Longimanus. Ist schon gut, schon gut! Bedank' mich aufs
+allerschoenste. (Fuer sich) Freut mich recht, dass s' mir haben heute
+einen kleinen Tanz gemacht, weil morgen mein Namenstag ist.
+
+(Der Chor ab).
+
+
+
+Zweite Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Pamphilius (ueberreicht dem Longimanus einige Visitenkarten).
+Zauberer Vanille; Fee Maraskino!
+
+Longimanus. Aha! Kommen schon die Billetten ang'stochen. (Liest.)
+La Hexe de Marascino et sa famille. Monsieur Vanille,
+Professeur de la Magie. Ich lass' mich bedanken; meine Empfehlung.
+Auf mein' Namenstag freu' ich mich immer, wie ein Kind, bloss wegen
+die Zugbilletten. (Nimmt ein Zugbillett.) Da schau' einmal, wie
+man bei dem Kerl anzieht, reckt er den Fuss in die Hoehe. (Lacht.)
+Ist das nicht praechtig?
+
+Pamphilius (lacht). O, scharmant! Das ist ein herrlicher Gedanke.
+
+Longimanus. Wie den Neujahrstag; den hab' ich auch so gern, wenn
+die Leut' glueckwuenschen kommen. Warum? Weil man gewiss ueberzeugt
+ist, dass es ihnen vom Herzen geht. (Man hoert den Pudel von aussen
+bellen.) Wer bellt denn da draussen?
+
+Pamphilius (sieht hinaus). Ein grossmaechtiger Pudel!
+
+Longimanus. Will er mir vielleicht auch zum Namenstag gratulieren?
+Schau doch hinaus.
+
+(Pamphilius geht ab.)
+
+Longimanus. Wenn der mir seine Aufwartung machen wollt', das war'
+wirklich zu viel; da muesst' ich protestieren.
+
+
+
+Dritte Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Pamphilius (kommt zurueck). Herr! Zephises' Sohn hat die Reise
+nach dem Zaubergarten gluecklich vollendet und wagt es, sich dir zu
+Fuessen zu werfen.
+
+Longimanus. Hoer' auf! Das ist ein Tausendsasa! Hat sich nicht
+umgeschaut! Auf die Letzt hat er gar das Rheumatische im Hals, dass
+er den Kopf nicht hat umdrehen koennen. Er soll hereinkommen; doch
+seinem Vater sagst, dass er nicht herueber kommt; er darf nicht reden
+mit ihm. Aber wegen was hat er denn einen Pudel?
+
+Pamphilius. Vielleicht ist er ein Pudelnegoziant. Ich werd' ihn
+gleich hereinschicken. (Geht an die Kulisse und laesst Eduard herein.)
+
+
+
+Vierte Szene.
+Eduard. Vorige.
+
+
+Eduard. (kommt, hat den Zweig in der Hand und stuerzt zu des
+Longimanus Fuessen). Maechtiger Zauberfuerst!
+
+Longimanus. Ich bitt' recht sehr, stehen Sie auf, ist alles zuviel.
+(Hebt ihn auf, zu Pamphilius.) Bring' Er Sesseln!
+
+(Pamphilius bringt zwei Sesseln.)
+
+Longimanus. So! Jetzt geh nur hinaus! (Pamphilius geht ab.)
+Nehmen S' Platz.
+
+Eduard. Sonne der Welt! Du zermalmst mich durch deine Guete.
+
+Longimanus. Warum nicht gar! Reden S' nur frei heraus von der
+Leber weg. Mit was kann ich dienen? Sie sind also der kleine
+Eduardl?
+
+Eduard. Ja, ich bin die arme Waise.
+
+Longimanus. Nun, wenigstens muessen S' in Ihrem Waisenhaus eine
+gute Kost gehabt haben; Sie sind recht auseinander gangen.
+
+Eduard. Nur durch das Vermaechtnis meines ungluecklichen Vaters bin
+ich seit kurzer Zeit in den Besitz jenes grossen Reichtums gelangt,
+den er durch deine hohe Gunst erhalten hat. Ich bin hier, dich um
+eine Gnade anzuflehen. Doch, bevor ich diese Bitte wage, liegt
+eine andere mir--(Der Pudel bellt.)
+
+Longimanus. Ja, Apropos! Du hast ja einen Kameraden bei dir? Lass
+mir ihn doch herein. He, lasst den Pudel herein!
+
+(Der Pudel springt herein, zuerst auf Eduard und liebkost ihn, dann
+zum Zauberkoenig.)
+
+Longimanus. Nun, mich freut's, Ihre Bekanntschaft zu machen. Das
+ist ein spassiger Kerl. Wie spricht der Hund? Schau', gibt keine
+Antwort. Ach, den muessen Sie mir zum Praesent machen, ich werd' ihm
+gleich die Ohren schneiden lassen. He!
+
+(Der Pudel fangt zu lamentieren an und verkriecht sich hinter
+Eduard.)
+
+Eduard. Um alles in der Welt nicht! Eben das Schicksal dieses
+armen Pudels war es ja, worueber ich dich um Gnade anflehen wollte.
+
+Longimanus. Das ist doch schrecklich, was das Schicksal treibt;
+jetzt kommt's gar ueber die Pudeln!
+
+Eduard. Dieser Aermste ist mein Diener; seine Anhaenglichkeit an
+mich verleitete ihn, den Zauberberg nach mir zu besteigen, und ein
+einziger Rueckblick hat ihn in diese schreckliche Lage versetzt.
+
+Longimanus. Wie ist er denn dem Koliphonius entwischt? Hat gewiss
+wieder das kleine Spitzbuebel, der Kolibri, sein' Hokuspokus gemacht.
+Dem Buben lass' ich noch einmal einen Schilling geben.
+
+Eduard. Habe Mitleid! Schenke ihm seine vorige Gestalt wieder!
+
+Longimanus. Nu, wegen meiner; so lass ihn da in den Zauberkasten
+hinein. (Er oeffnet den Kasten und laesst den Pudel hinein.) Ich
+bitt', hineinzuspazieren. (Zu Eduard.) Und jetzt ruf ihn dreimal
+beim Namen.
+
+Eduard. Florian! Florian! Florian!
+
+Florian (im Kasten). Na, aufmachen da! Sapperment!
+
+(Eduard oeffnet den Kasten.)
+
+Florian (koemmt im groessten Zorn heraus). Ah, das ist ja inpertinent!
+ Mord dividomine! (Stoesst ploetzlich gegen den Zauberkoenig und
+faellt aengstlich auf beide Knie nieder.) Ui jeges! Ich bitt'
+tausendmal um Verzeihung, Euer Langmaechtigkeit!
+
+Longimanus. Das ist ein zorniger Nickel! So geht's, wenn man
+manchmal Leuten Gefaelligkeiten erweist, so sind s' noch recht grob
+dafuer.
+
+Eduard. So bedank' dich doch, unartiger Bursche! Dem
+Geisterkoenige verdankst du deine jetzige Gestalt wieder.
+
+Florian. Ich kuess' die Hand, Euer Hochmaechtigkeit!
+
+Longimanus. Ich weiss nicht, ob Er viel profitiert hat bei seiner
+Verwandlung; Er ist mir als Pudel viel gescheiter vorgekommen als
+jetzt. Also weiss Er jetzt, wie einem Pudel zumute ist?
+
+Florian. Ah, das war ja ein Hundsleben; das moecht' ich meinem
+aergsten Feind nicht wuenschen. Aber wie ist denn meine Mariandel
+daher kommen?
+
+Longimanus. Das war nicht Seine Mariandel! Wir haben Mariandeln
+g'nug. Punktum! Also kuenftig g'scheiter sein. (Zu Eduard.) Also,
+mein lieber Eduard, den haetten wir. Was willst denn noch, mein
+Kind?
+
+Eduard. Lass mich niedersinken und--
+
+Longimanus. Der Mensch hat so schwache Nerven, alle Augenblick'
+sinkt er.
+
+Eduard. Du hast meinem Vater sechs Statuen zum Geschenk gemacht,
+doch die siebente, kostbarste, maechtiger Zauberkoenig! zuerne nicht,
+wenn ich mich erkuehne, auch ihren Besitz von deiner
+unerschoepflichen Grossmut zu erflehen.
+
+Longimanus (macht grosse Augen und sagt mit Gewicht). Die siebente
+Statue willst du? Ja, die hat einen Wert; da kriegt man schon in
+einem jeden Versatzamt was d'rauf.
+
+Eduard. O, schenke sie mir!
+
+Florian. Rucken S' heraus damit!
+
+Longimanus. Nur Geduld! Weisst du was? Umsonst ist der Tod! Wenn
+man etwas haben will, so muss man auch etwas dafuer tun; nicht wahr?
+
+Florian. Ja, springen muss man immer was lassen.
+
+Longimanus. Also Schwierigkeit gegen Schwierigkeit! Du sollst die
+diamantene Statue haben, aber--du musst mir dafuer ein Maedchen
+aussuchen, welches in ihrem achtzehnten Jahre ist und noch in ihrem
+Leben keine Luege ueber ihre Lippen gebracht hat.
+
+Florian Da kriegen wir s' nicht, die Statue!
+
+Eduard. Hoher Herr! Du machst eine grosse Forderung an mich
+schwachen Sterblichen; doch ich will auch das Unwahrscheinliche
+wagen fuer den Besitz dieses Zauberschatzes.
+
+Longimanus. Du willst also? Eh bien! Wenn du sie aber gefunden
+hast, so bringst du sie augenblicklich hierher und erwartest mich
+am Fusse meines rauchenden Palastes. Unterstehst du dich aber,
+einen Augenblick mit ihrer Uebergabe zu zoegern, so ist dein Leben
+verloren. Ja, schau' mich nur an! Ich mach' kein' Spass!
+Augenblicklich, da kommt kein Pardon!
+
+Eduard. Ich fuege mich deinem Ausspruche. Doch, wie wird es mir
+moeglich werden, diese Priesterin der Wahrheit zu erkennen? Wie
+kann ich erfahren, ob ein Maedchen auch nicht im Scherze noch
+gelogen hat! Wer im ganzen Hause wird mir das sagen koennen?
+
+Florian. Nur beim Hausmeister erkundigen.
+
+Longimanus. Da hast du recht. Da muss ich dir ein Kennzeichen
+geben.
+
+Florian. Ja. fragen S' nur mich allemal; ich werd' Ihnen's schon
+sagen.
+
+Longimanus. Richtig, durch den sollst du's wissen, weil er gar so
+eine Freud' damit hat, unser Freund.
+
+Florian. Ja, ich bitt', Euer Herrlichkeit! Ich g'freu' mich schon.
+
+Longimanus. Wenn du ein Frauenzimmer pruefen willst, so ergreife
+ihre Hand; hat sie schon einmal gelogen, so wird dieser Bursche da
+im ganzen Koerper entsetzliche Schmerzen empfinden.
+
+Florian (ganz erstarrend). Mich trifft der Schlag!
+
+Longimanus. Es wird ihn reissen, stechen, kurz, alles moegliche, was
+er sich nur selbst wuenschen kann.
+
+Florian. Ich bitt', das ist wirklich zuviel!
+
+Longimanus. Und je mehr Luegen, als eine in ihrem Leben gesagt hat,
+in desto groessere Zuckungen wird er verfallen.
+
+Florian. Sie verzeihen, aber ich muss hinaus! (Will fort.)
+
+Eduard. Halt! Warum denn?
+
+Florian. Mir wird nicht gut.
+
+Longimanus. Du bleibst da!
+
+Florian. Euer Herrlichkeit, das geht nicht; das bringet mich ja
+ins Spital!
+
+Longimanus. Schweig! Also--wo sind wir geblieben? Richtig, desto
+mehr Reissen wird er empfinden.
+
+Florian (will fort). Hoeren Euer Herrlichkeit mit dem Reissen auf,
+oder es reisst mich zur Tuer hinaus. Wer wird denn in einem
+rheumatischen Dienst bleiben?
+
+Longimanus. Langsam! Auf Regen folgt Sonnenschein. Wenn du aber
+eine findest, die noch nie gelogen hat, so wird er ein
+ausserordentliches Wohlbehagen empfinden. Es wird ihm so leicht
+sein und so froh, als wie einem Menschen, der das erstemal einen
+Langaus tanzt.
+
+Florian. Ja, wenn er sieben Jahre die Gicht g'habt hat. Nun, ins
+Himmelsnamen, lassen wir uns halt eine Weile herumreissen.
+
+Eduard. Sei ruhig, Florian! Wenn ich mein Ideal gefunden habe, so
+will ich dich reichlich belohnen.
+
+Florian. Mich? O je, wo bin ich da schon? Bis dorthin reisst's
+Ihnen ein dreihundert Bediente z'samm', wie nichts.
+
+Longimanus. Und jetzt macht's, dass Ihr weiter kommt. Wie willst
+denn fahren? (Ruft.) He, Pamphilius!
+
+
+
+Fuenfte Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Longimanus (zu Pamphilius). Lass ihnen meine zwei alten Drachen
+einspannen, die ich vor meinem Galawagen habe, das sind doch ein
+Paar sichere Tiere.
+
+Pamphilius. Maechtiger Herrscher, das ist unmoeglich! Der Handige
+hat sich einen Fluegel gebrochen.
+
+Longimanus. Da hast es ja. Das ist von dem g'schwinden Fahren.
+Jetzt darf ich wieder langmaechtig suchen, bis ich einen gleichen
+dazu krieg'. Weisst du was? Fahr du in einem Luftballon, und wo er
+mit dir niedergeht, dort probier' dein Glueck. Geht's hinueber in
+die Schupfen um einen Luftballon, der Kolibri soll kutschieren.
+
+(Pamphilius geht ab.)
+
+Longimanus. Also viel Glueck! Fuer ein schoen's Wetter werd' ich
+schon sorgen, und wollt Ihr andere Kleider, nur drueben mein'
+Schneider sagen, in fuenf Minuten sind sie fertig.
+
+Eduard. Hoher Geisterfuerst! Mit mutigem Vertrauen trete ich meine
+Reise an, mein hoechstes Glueck liegt in deiner Hand.
+
+Florian. Maechtiger Zauberfuerst und wohlgeborner Zechmeister der
+loeblichen Geisterzunft! Mit der entsetzlichsten Tremarola tret'
+ich meine Reise an; haben Sie Mitleid mit meiner schwachen
+Konstitution, und denken Sie, dass ein Mensch keine solchen
+Schmerzen mehr auszustehen vermag, der sich erst vor kurzem noch so
+herumgepudelt hat.
+
+Longimanus. So wart' Er noch ein wenig! Das ist ein naerrischer
+Mensch! Es geschieht Ihm ja nichts, wegen was lamentiert Er gar so?
+
+Florian. Sehen Euer Herrlichkeit, mir ist nur, wenn ich eine
+verrissene Physiognomie bekaeme, meine Mariandel schauet' mich in
+ihrem Leben nicht mehr an.
+
+Longimanus. Was ist denn das fuer eine Person, die Mariandel? Ist
+s' denn gar so huebsch?
+
+Florian. No, wann S' was g'spannen; das ist eine barbarische
+Schoenheit. Die ganze Welt darf man ausreisen, es gibt keine.--Ach,
+ich glaub' nicht, dass man in der Walachei eine findet.
+
+Longimanus. Nu, bravo! Die muss Er mir einmal auffuehren.
+
+Florian (lacht). Ach nein! Euer Herrlichkeit sind gar ein
+G'spassiger? Sie koennten mir s' abwendig machen.
+
+Longimanus. So sei Er nur nicht so kindisch; was fallt Ihm denn
+ein?
+
+Florian. Nein, nein! Was nuetzt denn das? Ich gib s' nicht aus
+der Hand. Wer mir meine Mariandel stehlet, der waer' ein Kind des
+blassen Todes! Ha! da wuerde ja gerauft! Euer Herrlichkeit sind
+ein stattlicher Mann, aber die Schlaeg' moecht' ich Ihnen nicht
+wuenschen, denn meine Mariandel ist meine einzige Passion!
+
+Arie.
+D' Mariandel ist so schoen,
+D' Mariandel gilt mir all's,
+Und wenn ich s' nur erwischen kann,
+Fall' ich ihr um den Hals.
+Es gibt zwar der Mariandeln viel
+Auf dieser weiten Welt,
+Doch keine, die so herzig ist,
+Und die mir so gefaellt.
+D' Mariandel ist so zart,
+Ja, ich gesteh' es frei,
+Bis sie ein halbes Knoedel isst,
+Derweil hab' ich schon drei.
+Und wenn ich oft recht hungrig bin,
+Zerspringt ihr fast das Herz,
+Da lauft s' nur g'schwind in d' Kuchel naus
+Und kocht mir einen Sterz.
+
+D' Mariandel ist so treu,
+D' Mariandel ist so frumm,
+Und wenn ich s' nicht bald z'sehen krieg',
+So bring' ich mich noch um.
+Denn wer nur a Mariandel hat,
+Der weiss es so, wie ich;
+Nicht wahr? So oft man an sie denkt,
+Gibt's einem einen Stich!
+
+Repetition.
+D' Mariandel ist gar g'scheit,
+D' Mariandel ist nicht dumm,
+D' Mariandel meint, in Wien dahier
+Waer's beste Publikum!
+Drum glaub' ich der Mariandel auch,
+Sie hat mich nicht vexiert;
+Ich hab' auf ihren Spruch vertraut
+Und hab' mich nicht geirrt! (Ab.)
+
+Longimanus (allein). Jetzt haben s' schon Zeit gehabt, dass sie
+gegangen sind. Nicht einmal sein Schalerl Kaffee kann man mit Ruhe
+trinken. (Ruft.) Pamphilius!
+
+
+
+Sechste Szene.
+Pamphilius. Voriger.
+
+
+Longimanus. Die neuen Buecher, die ich aus der Leihbibliothek
+gekriegt hab', tragst ins Lesekabinett hinueber und bringst alles in
+Ordnung, ich will lesen.
+
+Pamphilius. Befiehlst du auch einen aromatischen Rauch im Zimmer?
+
+Longimanus. Spaeter kannst du mir ein bissl einen blauen Dunst
+vormachen. Und jetzt hinueber, richt' alles her. Mein Tischerl,
+zwei Wachskerzen und dann das Buch von der Agnes Bernauerin; das
+Stueck les' ich jetzt schon vierzehnmal, und ich weiss immer noch
+nicht, warum sie s' denn eigentlich ins Wasser geworfen haben.
+Jetzt komm, Pamphilius. (Beide gehen ab.)
+
+
+
+Siebente Szene.
+Platz, von hohen schoenen Gebaeuden umschlossen, doch alle ohne
+Fenster im griechischen Geschmacke erbaut. Rechts der Eingang in
+den Palast des Veritatius. Links vorne eine Erhoehung von
+steinernen Stufen, worauf der Sitz sich befindet, hinter dem die
+Statue der Wahrheit steht. Eine nackte Figur mit der Sonne auf der
+Brust.)
+
+
+Chor der Einwohner.
+Stille, stille! Harrt bescheiden,
+Bis des Hornes Ruf ertoent.
+Schrecklich muss der Freche leiden,
+Der des Herolds Wort verhoehnt.
+Was wird er uns wohl verkuenden,
+Was muss vorgefallen sein?
+Doch wir werden's bald ergruenden,
+Seht, hier tritt er ja schon ein.
+
+
+
+Achte Szene.
+Vorige. Zwei Diener des Herolds treten vorauf und stossen dreimal
+in ihr goldenes Horn, welches der roemischen Tuba gleicht. Dann
+tritt der Herold in die Mitte.
+
+
+Rezitativ.
+Herold.
+Bewohner des friedlichen Landes!
+Ich bin erschienen, euch zu verkuenden
+Die Befehle unseres Herrschers.
+Schon wenn die naechste Stunde toent,
+Muesst ihr euch hier auf sein Geheiss versammeln.
+Er wird ein Maedchen heut bestrafen,
+Und sie verscheuchen aus des Landes Grenzen,
+Weil frech die Sitten sie verhoehnet,
+Die doch mit Milde uns begluecken,
+Und die allein sind unsres Landes Stolz.
+
+Arie mit Chor.
+
+Herold.
+ Hier im einsam stillen Lande,
+Wo der ew'ge Friede wohnt,
+Webt die Freundschaft feste Bande,
+Wird die Liebe suess belohnt.
+
+Chor.
+ Webt die Freundschaft feste Bande,
+Wird die Liebe suess belohnt.
+
+Herold.
+ Darum wandelt, meine Brueder,
+Mit Bedacht zur Arbeit hin,
+Nur der Vorsicht weihet Lieder,
+Denn die Hast bringt nie Gewinn.
+
+Chor.
+ Nur der Vorsicht weihet Lieder,
+Denn die Hast bringt nie Gewinn.
+
+(Alle gehen ab.)
+
+(Die Musik geht nach dem Chor in eine artige Variation, ueber das
+Thema: "Es reisen drei Schneider zum Tore hinaus, ade!" ueber.)
+
+
+
+Neunte Szene.
+(Der Luftballon, welcher eine dunkelblaue Kugel vorstellt, aber
+nicht mit den gewoehnlichen Streifen, sondern quer ein Paar weisse
+Bordueren hat und zwei weisse Fluegel, welche zu beiden Seiten
+angebracht sind, geht langsam nieder.)
+
+
+Eduard, Florian, Kolibri als Luftfahrer mit einem rosenroten
+Faehnlein steigen aus dem daranhaengenden goldenen Schifflein.
+Eduard traegt eine gruene Zivil-Uniform, weisses Beinkleid und
+Federhut. Florian rote Livree mit Goldborten.
+
+Kolibri. Also hier waeren wir, Mongolfier hat seine Schuldigkeit
+getan. Jetzt vollende du das weitere.
+
+Eduard. Wo sind wir denn eigentlich?
+
+Kolibri. Das wirst du schon erfahren; ich handle ganz zu deinem
+Besten. Kolibri ist nicht dumm. Jetzt verlasse ich dich, und wenn
+du mich brauchen wirst, werde ich gleich bei der Hecke sein.
+(Nimmt einen andern Ton an und den Hut ah.) Euer Gnaden, ich bitt'
+um mein Trinkgeld!
+
+Eduard. Ja, richtig! Hier, mein kleiner Fuhrmann! (Gibt ihm ein
+Goldstueck.)
+
+Kolibri. Euer Gnaden verzeihen, ich habe noch etwas gut von der
+letzten Station; wissen S', mit die Fuechseln? Es waren zwei
+Goldfuechsel, und Sie haben mir da nur eines gegeben (haelt ihm das
+Goldstueck vor).
+
+Eduard (gibt ihm noch eines). Ja so! Bist du so geldgierig?
+
+Kolibri. Das versteht sich! Ich muss mir ja was zusammensparen auf
+meine alten Tag'. Empfehle mich gar schoen. (Macht einen Kratzfuss
+und steigt in den Luftballon, der mit ihm sogleich fortfaehrt.)
+
+Eduard. Eine sonderbare Stadt! Es ist alles so stille in den
+Strassen, als ob sie unbewohnt waere. Nun, Freund Florian, warum so
+betruebt? Gefaellt es dir hier nicht?
+
+Florian (der durch die ganze Szene sehr truebselig aussah und oefters
+nachzudenken schien). Nein! Fuer mich bluehen auf diesem Boden
+keine Rosen!
+
+Eduard. So sei nur nicht so einfaeltig! Es wird ja den Hals nicht
+kosten.
+
+Florian. O, ich bitte, schweigen Sie! Glauben Sie, das ist ein
+Spass, wenn's einem was wegreisst? So weit hab' ich's gebracht! Das
+ist das Los des Schoenen auf der Erde!
+
+Eduard. Jetzt befehle ich dir, zu schweigen und an jenem Palast zu
+laeuten, dass wir hoeren, wo wir sind.
+
+Florian. Na, es ist recht; ich will alles tun. Verzweiflung, nimm
+dein Opfer. (Er laeutet.)
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Aladin, der Aufseher dieses Palastes, oeffnet die Tore und tritt
+heraus. Vorige.
+
+
+Aladin. Was seh' ich? Fremdlinge? Durch welche Zaubermacht seid
+ihr hierher gelangt und was begehret ihr von uns?
+
+Eduard. Willst du, wuerdiger Unbekannter, mir wohl vorher die Frage
+beantworten, wo ich mich eigentlich befinde?
+
+Aladin. Du befindest dich in dem Lande der Wahrheit und der
+strengen Sitte, und dein Fuss beruehrt den Boden unserer Hauptstadt.
+
+Eduard. Freue dich, Florian, wir sind unserem Ziele nah'.
+
+Florian. Ich wollt', ich waer' noch weit von meinem Ziel.
+
+Aladin. Hier ist der Palast unsers Herrschers; ich bin nur sein
+Diener.
+
+Florian. Jetzt ist der auch nur ein Bedienter.
+
+Eduard. Willst du mich bei deinem Herrscher melden? Ich bin weit
+ueber dem Meere, ein Prinz aus dem Lande der Aufrichtigkeit und habe
+mit meinem treuen Diener (Florian verbeugt sich) in einer
+neuerfundenen Luftmaschine die Reise in euer Land gemacht, um mir
+eine Braut nach Hause zu fuehren, die ich durch treue Liebe und
+ungeheure Reichtuemer zu begluecken gedenke.
+
+Aladin. Deine Gesinnungen sind gut, und ich werde sie unserm
+Herrscher treu berichten.
+
+Eduard. Doch jetzt mache mich auch mit den Gewohnheiten eures
+Insellandes bekannt.
+
+Florian. Ja, erzaehlen S' uns ein bissel was.
+
+Aladin. Auf unserer Insel wirst du den Streit vergebens suchen;
+wir haben gar keinen Verkehr mit irgend einem Lande. Feste geben
+wir nie, wir glaenzen nur durch Wahrheit.
+
+Florian. Das ist sehr schoen von Ihnen.
+
+Aladin. Einsam ist es in den Strassen, denn man geht nur aus, wenn
+es sehr notwendig ist.
+
+Eduard. Doch ich sehe keine Fenster an den Haeusern.
+
+Aladin. Die gehen in den Garten, die Aussicht ist zurueck.
+
+Florian. Sie werden halt die Augen auf dem Rucken haben, weil s'
+vorn zuviel Aufsehn machten.
+
+Aladin. Mit grosser Strenge wird bei uns die Luege bestraft, je
+nachdem sie nachteilige Folgen verursacht; doch ist man gegen
+Weiber nachsichtiger, als gegen Maenner. Verleumdung kennen wir nur
+dem Namen nach auf der Insel der Wahrheit und Sittsamkeit.
+
+Florian. Erlauben Sie, mein Teurer! wenn einer in seiner
+Sittsamkeit etwas stiehlt, so wird er doch ganz bescheiden
+eingefuehrt?
+
+Aladin. Wer fehlt, muss bestraft werden.
+
+Florian. Und da bekommt er hernach seine soliden fuenfzig Strichel?
+
+Aladin. Das geschieht nicht. Wir schlagen nur die Kleider des zu
+Bestrafenden, nicht den Mann; und das ist bei uns die groesste
+Schande.
+
+Florian. Das geschieht bei uns auch. Man schlagt auch nur die
+Kleider, aber man wartet so lange, bis sie derjenige an hat, den
+wir--(macht die Pantomime des Pruegelns).
+
+Eduard. Wie ist es ruecksichtlich eurer Heiraten?
+
+Aladin. In ihrem zwanzigsten Jahre werden unsere Maedchen
+verheiratet, ohne dass sie ihren Braeutigam zu Gesichte bekommen
+haben. Als Frauen duerfen sie keinen Schritt mehr aus dem Hause
+machen.
+
+Florian. Das ist gut. Wenn eine Geld im Sack hat, kann s'
+wenigstens keins verlieren auf der Gasse.
+
+Aladin. Nur bei oeffentlichen Versammlungen muessen sie erscheinen.
+Uebrigens darf kein Maedchen allein ausgehen, wenigstens vier, wo
+eine die andre beobachtet, denn es darf sich keine umsehen.
+
+Florian. Das heisst, sie duerfen niemand ueber die Achsel ansehen.
+
+Aladin. Und gehen immer in Begleitung von zwei Mohren.
+
+Eduard. Himmel, welch ein qualvolles Leben!
+
+Aladin. Wenn ein Mann ein Frauenzimmer auf der Strasse sieht, muss
+er sein Haupt zur Erde beugen und darf sie nicht ansehen, sonst ist
+er des Todes.
+
+Florian. Wenn das bei uns der Brauch waer', da schaueten manche
+junge Herren den Frauenzimmern nicht so unter die Huete.
+
+Eduard. Ist das beim Fremden auch der Fall?
+
+Aladin. Es kommen selten Fremde zu uns. Doch sind sie von diesen
+Gebraeuchen ausgeschlossen, soweit es der Anstand gestattet, und es
+ist ihnen erlaubt, ehrerbietig ihre Hand zu kuessen. Selten vergisst
+ein Frauenzimmer ihren Stolz. Wenn aber ein unwuerdiges Betragen
+von einer den andern zu Ohren kommt, so empoert sich auch ihr Gefuehl
+so sehr, dass sie in grossen Tadel ueber die Unwuerdige ausbrechen.
+
+Eduard. Das ist eben kein sicherer Beweis von eigener
+Unverdorbenheit des Herzens.
+
+Florian. Ah, das ist der Neid--mit mir reden!
+
+Eduard. Ich danke dir fuer deine Auskunft und bedaure die
+Ungluecklichen; sie wuerden wahrscheinlich edle Geschoepfe werden,
+wenn man ihren Handlungen weniger Zwang auflegen moechte.
+
+Aladin. Bedauern? Sprich dieses Wort nicht aus in Gegenwart
+meines Herrschers, bei dem ich dich jetzt melden werde. Im Lande
+der Wahrheit ist niemand zu bedauern, als der, den die Goetter mit
+Blindheit geschlagen haben, den unbedingten Wert unserer Handlungen
+nicht einzusehen. (Ab in den Palast.)
+
+Florian. Geh der Herr zu.
+
+
+
+Elfte Szene.
+Eduard. Florian.
+
+
+Eduard. Aus allem, was ich gehoert habe, schoepfe ich wenig Hoffnung,
+ein Maedchen hier zu finden, welches die strengen Anforderungen
+meines zauberischen Goenners erfuellen wird. Solch ein unnatuerlicher
+Zwang erweckt Verschlossenheit, und Verschlossenheit ist die Mutter
+der Luege. Doch sieh, dort kommen einige Frauenzimmer! Ich will
+mein Glueck versuchen, Florian, halte dich standhaft.
+
+Florian. Um alles in der Welt, Gnaediger, sein Sie menschlich!
+Denken Sie, solange Sie eine bei der Hand halten, halten Sie mich
+beim Schopf; nur gleich wieder auslassen.
+
+
+
+Zwoelfte Szene.
+Vier verschleierte Maedchen erscheinen, von zwei Mohren begleitet.
+Sie prallen bei Eduards Anblick etwas zurueck. Vorige.
+
+
+Eduard. Tulpe der Schoenheit, verzeihe einem Fremdling, der es wagt,
+dir seine hoechste Verehrung darzubringen.
+
+Florian. Mir ist, als wenn ich ausg'fuehrt wuerde.
+
+Osillis. Ein artiger Mann.
+
+Amazilli. Welch sonderbare Tracht?
+
+Eduard. Erlaube mir, deine reizende Hand zu kuessen. (Ergreift
+ihre Hand.)
+
+Florian (schreit). Uijegerl! Ausgelassen! (schwaecher) Auslassen!
+(Seufzt.)
+
+(Eduard laesst ihre Hand los.)
+
+Osillis (erschrickt). Was ist das? (Zu Florian.) Was ist dir,
+Fremdling?
+
+Florian. Nichts! Ist schon vorbei! Wir wissen schon, wie viel's
+geschlagen hat.
+
+Osillis. Aber du erschreckst uns durch--
+
+Florian. Ist ja nicht wahr; ist alles erlogen.
+
+Eduard. Verzeihe ihm; und auch du, holdes Maedchen! (Ergreift die
+Hand der Zweiten.)
+
+Florian. Auweh! Auweh! Auweh! Die luegt noch staerker. O,
+Sapperment!
+
+(Eduard laesst sie los.)
+
+Florian. Ah, das ist eine Komoedie!
+
+Eduard. Schweig, Bursche!
+
+Osillis. Ist er wahnsinnig?
+
+Eduard. Mein schoenes Maedchen! (Tritt zwischen die beiden andern
+und ergreift zugleich ihre Haende.)
+
+Florian. Um alles in der Welt! Ich halt's nicht aus! Ich geh'
+zugrund!
+
+(Die Maedchen reissen ihre Haende los und entsetzen sich.)
+
+Osillis. Welche Verwegenheit! Flieht, Schwestern, das ist ein
+Rasender! (Alle vier Maedchen entfliehen mit den Mohren in den
+Palast.)
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Eduard. Florian.
+
+
+Eduard. Nun, Freund Florian, was sagt dein Barometer?
+
+Florian. Luegen hat's geregnet. Ich werd' ein miserabler Mensch!
+Wenn wir zurueckkommen, duerfen S' mich gleich auf sieben Jahr nach
+Gastein oder ins Bruendelbad schicken.
+
+Eduard. Armer Schelm, du dauerst mich.
+
+Florian. Das ist eine sittsame Bagage. Die zwei letzten muessen
+schon gelogen haben, bevor sie auf die Welt gekommen sind; es ist
+nicht moeglich sonst.
+
+Eduard. Die Forderung grenzt aber auch an Unmoeglichkeit. Doch wir
+wollen unsere Hoffnung nicht aufgeben.
+
+Florian. Ja, haben S' die Gnad'. (Deutet auf's Reissen.)
+
+Eduard. Willst du, dass wir dieses Land verlassen und in ein
+anderes ziehen?
+
+Florian. Ah, hoeren S' auf, sie luegen ueberall. Es ist doch
+g'scheiter, ich geh' hier zugrund', als wenn ich wegen dem noch
+eine Weile wohin reisen soll.
+
+Eduard. Es wird ja doch nicht ueberall so arg sein.
+
+Florian. Ja, ist schon recht! Jetzt, wenn S' erst auf eine
+treffen, die einen reichen Liebhaber hat, den sie fuer einen Narren
+haelt; die koennen erst luegen! Da reisst's mich in der Mitten
+voneinander.
+
+Eduard. Still! Man kommt.
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+Aladin. Vier Mann Wache mit Pfeilen. Vorige.
+
+
+Aladin. Fremdling! Der Herrscher wird in diesem Augenblicke hier
+erscheinen, um oeffentliches Gericht zu halten, und bei dieser
+Gelegenheit will er dich bewillkommen und deine Bitten hoeren.
+
+Eduard. Nimm meinen Dank fuer deine Botschaft.
+
+Aladin. Doch haben wir Befehl erhalten, deinen Diener in das
+Irrenhaus zu bringen, und ihn mit Ketten zu belasten, wie es sich
+fuer einen Rasenden geziemt.
+
+Florian. Was? Mich wollen s' in den Narrenturm sperren, und ich
+bin gescheiter, als sie alle?
+
+Aladin. Ergreift ihn.
+
+Florian. Ich sag's ja, wo ich hinkomme, halten mich die Leute fuer
+einen Narren. So nehmen S' Ihnen doch an um mich! Wird sich doch
+einer um den andern annehmen?
+
+Eduard. Halt! Er ist mein Diener, und niemand hat ein Recht auf
+ihn, als ich. Ich stehe fuer seinen Verstand und fuer sein kuenftiges
+Betragen gut.
+
+Florian. Ja, wir setzen was ein.
+
+Aladin. Wohl, doch bei dem kleinsten Anfall werden wir unsere
+Befehle vollziehen.
+
+Eduard. Also huete dich!
+
+Florian. Jetzt muss ich mir eine Ehr d'raus machen, wann's mich
+reisst.
+
+Aladin. Fremdling! Folge mir, bis ich dich dem Beherrscher
+vorstellen darf. (Geht mit Eduard ab.)
+
+Eduard (im Abgehen). Florian, nimm dich in acht. (Ab.)
+
+Florian. Reden Sie nichts auf mich; Sie haben auch schon
+ausgedient bei mir. (allein.) Ich unglueckseliger Mensch, was fang'
+ich an? Wenn ich auch durchging', es nutzt nichts; denn wenn er in
+England eine bei der Hand nimmt, so fangt's mich in Holland zum
+Reissen an. Es ist kein Mittel, als sukzessiv hin zu werden; immer
+matter, bis es aus ist.
+
+Quodlibet.
+Werd' ich denn hier sterben muessen?
+Soll ich nicht die schoene Gegend
+Draust bei Waehring wiedersehn?
+Nimmermehr am heitern Ufer,
+Beim Kanal spazieren gehn?
+Nein, du armer Michel,
+Der Tod kommt mit der Sichel!
+Wie traurig ist doch mein Geschick!
+Mir blueht auf dieser Welt kein Glueck.
+Kein Maedchen, das stets Wahrheit spricht;
+O jegerl, g'fallt mir nicht, die G'schicht. --
+Welche Lust gewaehrt das Reissen,
+Wenn eine reicht stark luegt.
+Glauben Sie's mir!
+Ach, ist es denn gar so schwer,
+Ein Maedchen z'finden,
+Das ein treues Herz besitzt,
+Das man kann ergruenden?
+ O naerrische Leut', o komische Welt!
+ Einmal war es ganz anders!
+ Da gab es noch Maedchen,
+ Die sassen am Rocken
+ Und spannen am Raedchen.
+
+Jetzt putzen und zieren sie sich, wie die Affen,
+Und lassen sich hinten und vorne begaffen.
+Hab' ich nicht recht? Nun, wenn S' erlauben!
+Und meine Mariandel, die wird zu Hause fragen:
+Was macht denn der Florl? sag', ist er recht g'sund?
+Er liegt im Spital draust, ist ganz auf den Hund.
+Ist das wahr? Der arme Narr!
+Lieber Herr Franzel, nur jetzt kein Tanzel!
+Denn erster Liebe Kraft,
+Bleibt ewig Leidenschaft!
+Und ihr Florl, meint sie,
+Gilt ihr alles, meint sie,
+Von Amstetten, meint sie,
+Bis Hernals, meint sie,
+Gibt's kein Mann, meint sie,
+So wie er, meint sie,
+Ich waer' schoen, meint sie, au contraire!
+
+ Drum will ich lustig sein,
+ Und mich des Lebens freun!
+ Nur in dem Landel,
+ Wo mein Mariandel
+ Sehnsuchtvoll wartet,
+ Moecht ich schon sein.
+
+Denn mir liegt nichts an Stammersdorf und an Paris,
+Nur in Wien ist's am besten, das weiss man schon g'wiss;
+Man weiss, dass's in hundert Jahren auch noch so is'!
+Aber, ob wir nicht g'storben sein, weiss man nicht g'wiss.
+Drum, wenn ich hier sterben sollt', und Sie nimmer sich,
+So bitt' ich halt gar schoen, so denken S' an mich!
+
+
+
+Fuenfzehnte Szene.
+Man hoert einen Marsch. Alles Volk erscheint und stellt sich in
+einen halben Zirkel, dessen Mitte frei bleibt. Die Frauenzimmer
+stehen vor den Maennern unverschleiert. Veritatius erscheint mit
+seiner Tochter Modestina. Aladin, Wachen, dann Eduard und Florian.
+
+
+Chor.
+Stellt euch um der Wahrheit Thron,
+Sprecht der frechen Luege Hohn.
+
+
+Veritatius (besteigt mit Modestina seinen erhabenen Stuhl). Volk
+dieser Stadt! Ich habe dich versammeln lassen, um Zeuge zu sein
+bei der Verbannung eines Geschoepfes, welches schon seit langer Zeit
+durch ausgelassene Manieren die Gebraeuche unserer Insel mit Fuessen
+tritt.
+
+Alle. Hoch lebe Veritatius!
+
+Veritatius. Doch bevor wir den Vorhang dieser unangenehmen Szene
+eroeffnen: Aladin, fuehre den Fremden vor. (Aladin geht und bringt
+Eduard und Florian.)
+
+Veritatius. Sei mir willkommen, Fremdling! Du bist also der Herr
+vom Lande der Aufrichtigkeit?--Was ist denn das fuer eine pitoyable
+Figur, die dort an deiner Seite steht?
+
+Eduard. Es ist mein Diener. (Deutet Florian, dass er sprechen soll.)
+
+Florian. Bin so frei, meine ergebenste Aufwartung zu machen.
+
+Veritatius. Das ist ein spassiger Mensch, ich muss ueber ihn lachen.
+(Lacht; zu den uebrigen.) Man lache auch ein wenig ueber ihn.
+
+(Alle lachen.)
+
+Florian. Das ist eine dumme Nation!
+
+Veritatius. Und nun zur Sache! Ich habe gehoert, dass du dir eine
+Braut erkiesen willst, und weil du mir so wohl gefaellst, auch aus
+vornehmem Stande bist, so stelle ich dir hier meine Tochter vor.
+Man verwundere sich. (Alles verwundert sich.) Wenn er dir gefaellt
+und seine Abkunft beweiset, will ich mit Freuden euere Haende
+ineinander legen.
+
+Modestina. Fremdling! Gewohnt, den Befehlen meines Vaters zu
+gehorchen, reiche ich dir mit Freuden meine Hand, wenn du mich
+vorher ueberzeugst, dass dein Edelmut sie verdient.
+
+Florian. Ui jegerl, ich freu' mich schon.
+
+Eduard. Nimm meine Huldigung, Holdeste deines Geschlechtes.
+(ergreift ihre Hand.)
+
+(Florian empfindet Schmerz, sucht ihn aber durch unartikulierte
+Toene und Lippenbeissen zu verbergen.)
+
+(Eduard sieht auf Florian; dieser deutet nein, er laesst ihre Hand
+mit Anstand los.)
+
+Modestina. Er gefaellt mir recht wohl.
+
+(Dumpfer Laerm von aussen, man hoert Aminens Stimme.)
+
+Aminens Stimme. Lasst mich! Lasst mich!
+
+
+Sechzehnte Szene.
+Amine. Wachen. Vorige.
+
+
+Amine (stuerzt herein, hinter ihr Wache). Lasst mich, ihr
+abscheulichen Maenner! (Stuerzt zu Veritatius' Fuessen.) Guetiger Herr!
+Was hat die arme Amine verbrochen, dass sie solchen Misshandlungen
+preisgegeben wird? Ich bin ja ein armes, unschuldiges Maedchen, das
+noch niemand auf der Welt etwas zuleide getan hat.
+
+Veritatius. Wie kannst du es wagen, vor meine Augen zu treten,
+ohne dass ich dich rufen liess? Ausgelassenes Geschoepf, ueber dessen
+Verbrechen sich alle Bewohner dieser Stadt entsetzen.
+
+Amine. Aber worin bestehen denn meine Verbrechen? Dass ich ueber
+die spitzige Nase deines Tuerstehers gelacht habe, dass ich auf der
+Strasse herumgelaufen bin, meinen Papagei zu fangen, dass ich mein
+Haupt mit keinem Tuche umwinden will, weil ich Kopfschmerzen davon
+bekomme, und dass ich endlich keine traurige Miene machen kann, weil
+ich ein froehliches Herz im Busen trage, sieh, das kann ich nicht
+lassen, lachen muss ich; und wenn du noch so zornig auf mich
+blickest und deine Augenbrauen so hinauf ziehest, so werd' ich
+wieder recht zu lachen anfangen muessen.
+
+Veritatius. Welch unerhoerte Frechheit! Man aergere sich mit mir!
+(Pause.) Nein, man aergere sich nicht; es will sich nicht geziemen,
+dass wir wegen dieser Verbrecherin in Aerger geraten. Als eine arme
+Waise hat man sie hier aufgenommen, weil ihr Vater, ein englischer
+Kapitaen, mit seinem Schiffe an dieser Insel strandete und seinen
+Tod in den Wellen fand; und diese Bettlerin wagt es, das Aergernis
+einer ganzen Stadt zu werden? Man ergreife sie, setzte sie in ein
+Schifflein und treibe es hinaus in die See, fern hin von dem Lande
+der Wahrheit, damit die Wellen das Spiel mit ihr treiben, das sie
+nur zu lange mit uns getrieben hat. (Die Wachen ergreifen sie.)
+
+Aladin. Fuehrt sie fort.
+
+Eduard. Halt! (Fuer sich.) Ein unwiderstehliches Gefuehl reisst mich
+hin, sie auf die Probe zu stellen.
+
+Florian. Ah, das ist ja entsetzlich; das nimmt ja gar kein Ende.
+
+Eduard (laut). Erlaube mir, maechtiger Herrscher, eine einzige
+Frage an dieses Maedchen zu stellen.
+
+Veritatius. Man stelle sie.
+
+Eduard. Gutes Kind, hast du Vertrauen zu mir?
+
+Amine. Ach ja! Du hast kein uebles Gesicht und scheinst ein guter
+Mensch zu sein. Amine fuehlt das gleich.
+
+Eduard. Reiche mir deine Hand.
+
+Amine. Hier hast du sie. (Gibt sie ihm.)
+
+Florian (faengt an, einen unendlichen Frohsinn und eine innere
+Lustbarkeit auszudruecken). Euer Gnaden, die b'halten wir, die
+lassen wir nimmer aus.
+
+Alle. Was soll das bedeuten?
+
+Amine. Ach, nimm dich meiner an; ich bin gewiss nicht schuldig!
+
+Eduard. Nein, das bist du nicht, du gutes Maedchen. Wahrheit
+besteht nicht bloss durch aeussere Form, sie wohnt im Innersten des
+Herzens, und Ungezwungenheit und Naivitaet duerfen immer ihre
+lieblichen Schwestern sein.
+
+Veritatius. Habt ihr ihn verstanden?
+
+Alle. Ja!
+
+Veritatius. Ich nicht. Man verstehe ihn auch nicht!
+
+Eduard. Hoere mich, Veritatius! Ich verzichte auf die Hand aller
+Maedchen deines Landes; lass mir Amine, und ich fuehre sie als meine
+Gemahlin mit mir in mein Reich.
+
+Modestina. Wie? Du wagst es?
+
+Alle. Entsetzlich!
+
+Veritatius. Ruhig! Man schweige! Sieh, Verblendeter! Weil du es
+wagst, meine Gastfreundschaft durch solchen Undank zu lohnen, so
+will ich dich auch dafuer bestrafen. Du sollst sie haben; aber
+augenblicklich meidest du dieses Land und tust ihm nie wieder die
+Schande an, es zu betreten.
+
+Eduard. Dank deiner Guete! Kolibri, lichte die Anker, schwelle die
+Segel!
+
+Kolibri (faehrt mit dem Luftballon nieder). Komm' schon; bin schon
+da.
+
+Eduard. Und nun komm, Amine, und du, Veritatius, traure; denn ich
+entfuehre dir ein seltenes Kleinod, dessen Wert du nicht zu schaetzen
+wusstest. (Musik ertoent, Eduard, Amine, Florian und Kolibri steigen
+ein, und fahren fort.)
+
+(Veritatius geht mit seiner Tochter und Aladin in den Palast, die
+uebrigen bleiben zurueck.)
+
+Chor.
+Fahret, fahret fort!
+Steuert durch die Welt,
+Bis zum Ort, bis zum Ort,
+Wo euch Reue quaelt.
+
+
+Ein Fallschirm kommt herab, worauf steht: "Koerbchen fuer die Schoenen
+dieses Landes." Vier Genien kommen aus der Tiefe und teilen goldene
+Koerbchen an die Frauen aus.r
+
+Chor.
+Seht die frechen Laffen hier,
+Koerbchen uns zu spenden!
+Rache kocht im Busen mir,
+Blutig soll es enden!
+
+(Heftiger Schlag in der Musik. Sie wollen auf die Genien hin,
+diese heben die Finger warnend auf; ein augenblickliches Tableau.
+Die Genien ziehen aus den Koerbchen verschiedene Schmuckwaren hervor,
+die Weiber ergreifen sie freudig. Die Musik und die Singstimmen
+sehr piano.)
+
+Chor.
+Doch piano, haltet ein!
+In dem Land der Sitten
+Muss man fein manierlich sein,
+Hier wird nicht gestritten;
+Drum verlasset diesen Ort,
+Hoeret auf zu tosen,
+Traget eure Koerbchen fort,
+Fuellet sie mit Rosen!
+
+(Alle schleichen behutsam fort.)
+
+(Die Genien zur Seite ab.)
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+(Fuerchterlicher Wald, Blitze leuchten. Man hoert das Brausen des
+Vulkans.)
+
+
+Eduard, Amine, Kolibri, Florian treten ein.
+
+Kolibri. Wir sind am Ziele, dort ist der Vesuv.
+
+Amine. Welch ein fuerchterlicher Wald!
+
+Eduard. Ja, immer finstrer wird der Wald und finstrer wird es auch
+in meinem Innern.
+
+Kolibri. Siehst du dort den Rauch?
+
+Florian. Aha, da ist eine Ziegelbrennerei!
+
+Kolibri. Narr! Es ist der Feuerberg; dorthin geht die Reise.
+Eduard, lebe wohl! Ich reite jetzt als Kurier voraus und bereite
+alles zu deinem Empfang. (Ab.)
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Vorige ohne Kolibri.
+
+
+Amine. Was soll das alles heissen? Warum stehst du so in dich
+gekehrt? Hat dir Amine etwas zuleide getan?
+
+Eduard. Ja, Amine, du bereitest meinem Herzen bitteren Schmerz.
+(Fuer sich.) Mein Unglueck ist entschieden; ich liebe sie!
+
+Amine. Ich verstehe dich nicht; du sprichst so dunkel. Sieh, ich
+weiss nicht warum? aber ich habe dich in dieser kurzen Zeit so lieb
+gewonnen, dass ich niemanden auf dieser Erde weiss, dem ich so gut
+sein koennte, wie dir, und du hast doch auf der ganzen Reise
+verdriessliche Mienen gemacht. Komm, ziehen wir weiter; und ging'
+es durch den Feuerberg, ich ziehe ueberall mit dir.
+
+Eduard. Es ist umsonst, ich muss es ihr entdecken. So wisse, armes
+Geschoepf, ich habe dich betrogen; du wirst nicht meine Gemahlin.
+
+Amine. Nicht?
+
+Eduard. Nein. Siehst du jenen Feuerberg, wo die Blitze durch den
+Rauch sich winden? Dort wird deine Wohnung sein; jenem
+Geisterfuersten hab' ich gelobt bei meinem Leben, dich zu
+ueberliefern.
+
+Amine. Das hast du getan? Du? (Wehmuetig.) Nein, das ist
+unmoeglich! Du luegst--und das musst du nicht, Amine hat noch nie
+gelogen.
+
+Eduard. O haettest du es getan, so waren wir beide gluecklicher!
+
+Amine. Wirklich? Nun, so will ich das in Zukunft wieder gut
+machen und mir recht viele Muehe geben, es zu lernen, wenn ich nur
+weiss, dass dich das gluecklich macht.
+
+Eduard. Zu spaet, ich kann nicht mehr zurueck. Amine, du musst mir
+folgen. Ich habe diesen Schwur geleistet, bevor ich dich noch
+kannte. Wenn ich dich dem Zauberkoenig nicht ueberliefere, so stuerzt
+der Augenblick, indem ich diesen Entschluss fasse, mich tot zu
+deinen Fuessen nieder.
+
+Amine. Schrecklich! Schrecklich! Ach, warum hast du mich nicht
+den Wellen ueberlassen? Jetzt vielleicht schon waere ein ewiger
+Friede in meiner Brust. Doch ich sehe das Entsetzliche deiner Lage
+ein, und fuege mich meinem unerbittlichen Geschicke, das von
+Kindheit an mich schon so hart verfolgt. Hier ist meine Hand,
+fuehre mich zu dem Zauberkoenig.
+
+Eduard. Treffliches Maedchen! Ich kann dich nicht ueberliefern; o
+armseliger Diamant, wie verlischt dein Glanz vor den Strahlen
+dieser Unschuld. Was soll ich beginnen?
+
+Florian (der sich waehrend der ganzen Szene zurueckgezogen hatte und
+ganz ruhig war, kommt vor). O mein lieber, gnaediger Herr, ich
+halt's nimmer laenger aus! Ueberliefern S' mich dem Zauberkoenig,
+statt ihr, und geben S' ihm halt ein paar hundert Gulden aus; oder
+noch was; unser alter Herr war ja alleweil ein gescheiter Mann, und
+voller Zauberei war er auch, vielleicht kann der uns helfen?
+Machen S' eine Beschwoerung, kitzeln wir ihn wo heraus bei einem
+Loch, wie einen Grillen, dass er uns einen guten Rat gibt.
+
+Eduard. Ja, du hast recht, Florian! Diesen Gedanken hat dir ein
+wohlwollender Geist eingehaucht. Hoere mich, Vater, wenn du die
+Stimme deines Sohns noch erkennst, steig herauf zu mir und rette
+mich von meiner Verzweiflung. Vater, Vater! hoere mich! (Es
+donnert.) Freude, Amine, er hat mich gehoert, er kommt!
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+(Zephises kommt aus der Erde in seinem vorigen Geisterkleide.
+Vorige.)
+
+
+Eduard. Geist meines Vaters, rate deinem ungluecklichen Sohne! Was
+soll ich beginnen?
+
+Zephises (mit ernster Stimme). Ich bin dein Vater Zephises und
+habe dir nichts zu sagen als dieses! (verschwindet wieder.)
+
+Eduard (spricht langsam). Er ist mein Vater Zephises.--
+
+Florian. Und hat uns nichts zu sagen als dieses! Nun, das koennen
+wir ja tun; riskieren tun wir nichts dabei.
+
+Eduard (rasend). Treibt die Hoelle ihren Spott mit mir? Wohlan,
+geendet sei dies Spiel! Longimanus, ich loese dir mein Wort!
+(Schrecklicher Donnerstreich. Die Buehne verwandelt sich in eine
+Felsengegend, in der Mitte erhebt sich der Vulkan; Lava stroemt aus
+dem Krater, fliesst ueber den Berg und bildet um dessen Fuss einen
+feurigen See. Alle Elemente sind in Aufruhr. Musik.) Wo bist du,
+Amine?
+
+Amine. Himmel, welch ein fuerchterlicher Anblick!
+
+Eduard. Mir ist er es nicht. Geisterkoenig, ich rufe dich!
+
+Heftiger Donnerstreich, auf welchen eine totale Stille folgt; unter
+sanfter Musik verwandelt sich die Szene. Die Kulissenfelsen werden
+zu grauen Huegeln mit Blumen besaeet, der Vesuv wird ein gruenender
+Berg, der statt der Lava farbige Blumen auswirft, die man statt den
+Streifen der Lava sich herabwinden sieht. Das Lavameer wird ein
+Silbersee. Der Geisterkoenig erscheint mit Gefolge.
+
+
+
+Zwanzigste Szene.
+Longimanus. Gefolge. Feuergeister. Vorige.
+
+
+Longimanus. Nun, bin ich ein galanter Kerl, oder nicht? Du hast
+g'laubt, ich werd' meine Braut mit Donner und Blitz empfangen?
+Nein! Narren hat's geregnet! Blumen sind da!
+
+Eduard. Seine Braut!
+
+Amine. Himmel!
+
+Longimanus. Du hast also doch eine g'funden? Siehst du's, wann
+ich was sag'!--Was fuer eine Landsmaennin?
+
+Amine (furchtsam). Eine Englaenderin.
+
+Longimanus. Also ein Wasserkind. Brav! Nun also, die Sache ist
+in Ordnung, nicht wahr? (Zu den Feuergeistern.) Fuehrt sie hinein.
+
+Eduard (fuer sich). Nein, diese Qual ist zu gross! (Laut.)
+Longimanus, du darfst sie mir nicht entreissen! Lasst sie hier!
+
+Longimanus (macht grosse Augen und erstarrt fast vor Zorn). Was ist
+das fuer ein Diskurs? Den Augenblick hinein mit ihr! (Die
+Feuergeister fuehren sie fort.)
+
+Eduard. Kehrt zurueck, oder--(er will nach).
+
+Longimanus (winkt; Donnerschlag; Gewitterwolken fallen vor, aus
+welchen fliegende Ungeheuer Eduard entgegengrinsen). Sein schon da!
+Was ist denn das? Was unterstehst denn du dich, mir zu drohen?
+Du Bursch'! Du Hergelaufener oder Hergeflogener! Wie er gekommen
+ist, hat er schon ein Geschrei gehabt, dass ich ihn bis ins dritte
+Zimmer hinein gehoert hab', und jetzt untersteht er sich gar und
+begehrt ordentlich auf mit mir. Ah, da muss ich bitten! (Scharf.)
+Red', was willst du?
+
+Eduard. Longimanus, Gnade! (Faellt auf ein Knie.)
+
+Longimanus. Und Longimanus sagt er nur in der Geschwindigkeit so
+zu mir, als wann wir schon hundert Jahre bekannt waeren.
+
+Eduard. Verzeihung, maechtiger Geisterfuerst! Ich bin ein
+Wahnsinniger, ich kann ohne Aminen nicht leben! Habe Mitleid und
+schenke mir ihre Hand.
+
+Longimanus. Untersteh dich nicht mehr, ein Wort zu sagen! Jetzt
+schaut's ihn an! Macht der auf einmal einen Ernsthaften! (Dreht
+die geoeffnete Hand.) Ein Wahnsinniger ist er? Geh, geh, geh, geh,
+du Spassiger! Was du begehrt hast, wirst du erhalten. Du hast dir
+Reichtum gewuenscht, du wirst ihn finden. Du kriegst den Diamant
+und ich das Maedel, so hat ein jeder einen Schatz.
+
+Eduard. O Zauberfuerst, nimm alle deine Schaetze zurueck, ich will
+sie nicht, ich verlange sie nicht. Gib mir Aminens Hand, und ich
+will auf alles verzichten.
+
+Longimanus. Jetzt fangt er gar zum Handeln mit mir an, als ob wir
+auf dem Tandelmarkt waeren. Was wir ausgemacht haben, dabei
+bleibt's; du bekommst die diamantene Statue und sonst nichts, und
+damit du geschwind nach Haus kommst, so werd' ich kutschieren.
+Allons! (Winkt. Die Wolken erheben sich, und es praesentiert sich
+Zephises' Zaubersaal mit sechs Statuen. Auf dem roten Postament,
+worauf jetzt das transparente Wort: Diamant geschrieben ist, steht
+Amine im rosensarbnen Kleide mit einem reich mit Flitter gestickten
+Schleier, der ihr Gesicht nicht verhuellt, sondern mit huebschem
+Faltenwurf um den ganzen Koerper fliesst, ihre Figur muss sehr grell
+beleuchtet sein.) Da ist sie, ich uebergeb' sie dir; wir sind quitt!
+
+Eduard (ohne hinzusehen). Ist sie mein Eigentum?
+
+Longimanus. Ja!
+
+Eduard. So will ich sie vernichten, denn sie ist die Ursache
+meiner Verzweigung! Ich will sie nicht haben, ich zerschlage sie!
+(Eilt mit Wut gegen die Statue.)
+
+Amine (steigt von dem Piedestale und sinkt in seine Arme). Eduard,
+ich bin dein!
+
+Eduard. Amine! Meine Amine!
+
+Florian. Er hat sie nicht zerschlagen.
+
+Eduard (stuerzt freudig zu Longimanus Fuessen). Herr, wie soll ich
+dir danken?
+
+Longimanus. Ja, jetzt! Gelt, ich hab' dich erwischt? Du
+Tausendsapperment! Ich hab' dich nur auf die Prob' g'stellt, wenn
+dir das Geld lieber g'wesen waer', als sie, haettest du sie in deinem
+Leben nicht bekommen. Da hast du s' jetzt. Ein Weib, wie die sein
+wird, ist der schoenste Diamant, den ich dir geben hab' koennen.
+
+Florian. Vivat! Jetzt hole ich meine Mariandel. (Will ab.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+Kolibri. Mariandel. Nachbarsleute. Vorige.
+
+
+Kolibri. Da bring' ich Gaeste zur Hochzeit.
+
+Eduard. Kommt, Freunde, nehmt teil an meiner Freude.
+
+Mariandel. Florian!
+
+Florian. Mariandel, du bist mein! Du bist zwar kein Diamant, aber--
+wo bist her?
+
+Mariandel. Aus Prag.
+
+Florian. Bist ein boehmischer Stein.
+
+Longimanus. Und damit wir einen Tanz bei der Hochzeit haben, so
+sollen (auf die Statuen deutend) die ein wenig herumspringen. (Die
+Statuen steigen von den Postamenten und tanzen unter dem Ritornell.)
+
+Schlussgesang
+(beginnt mit Tanz, dann:)
+
+Mariandel. Der kleine Liebesgott!
+
+Florian (singt es nach). Der kleine Liebesgott!
+
+Mariandel. Treibt mit uns allen Spott.
+
+Florian. Treibt mit uns allen Spott.
+
+Mariandel. Kaum trifft er uns ins Herz,
+
+Florian. Kaum trifft er uns ins Herz,
+
+Mariandel. So fliegt der kleine Schelm davon.
+
+Florian. Er fliegt davon.
+
+Chor. Er fliegt davon! Er fliegt davon.
+
+Mariandel. Die allerschoenste Sach'--
+
+Florian. Die allerschoenste Sach'--
+
+Mariandel. Sprichst du denn alles nach?
+
+Florian. Sprichst du denn alles nach?
+
+Mariandel. So hoer' doch einmal auf!
+
+Florian. So hoer' doch einmal auf!
+
+Mariandel. Du dummer, dummer Toelpel du!
+
+Florian. Du Toelpel du!
+
+Chor. Du Toelpel du! Du Toelpel du!
+
+(Zwischentanz, Gruppe.)
+
+Mariandel. Bin ich nur Frau hernach--
+
+Florian. Bin ich nur Frau hernach--
+
+Mariandel. Dann sprichst du g'wiss nicht nach.
+
+Florian. Dann sprichst du g'wiss nicht nach.
+
+Mariandel. Ich red' den ganzen Tag.--
+
+Florian. Ich red' den ganzen Tag--
+
+Mariandel. Und du verhaeltst dich maeuschenstill.
+
+Florian. Ja maeuschenstill!
+
+Chor. Ja maeuschenstill! Ja maeuschenstill!
+
+Florian. Drum bitt' ich nur geschwind--
+
+Mariandel. Drum bitt' ich nur geschwind--
+
+Florian. Wenn Sie's zufrieden sind--
+
+Mariandel. Wenn Sie's zufrieden sind--
+
+Florian. Wir machen jetzt ein End'--
+
+Mariandel. Wir machen jetzt ein End'--
+
+Florian. So bleibt ihr doch heut 's letzte Wort.
+
+Mariandel. Das letzte Wort.
+
+Chor. Das letzte Wort! Das letzte Wort!
+
+(Am Schlusse gruppiert sich alles. Die Statuen besteigen die
+Postamente, Amine auf dem mittleren. Eduard kniet vor ihr;
+Longimanus steht auf der andern Seite, Florian kniet vor Mariandel.
+Die Nachbarn gruppieren sich mit freudigem Erstaunen.)
+
+(Der Vorhang faellt.)
+
+Ende.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Diamant des Geisterkoenigs,
+oder Zauberposse mit Gesang in zwei Aufzuegen, von Ferdinand Raimund.
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Diamant des Geisterkoenigs, by Ferdinand Raimund
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DIAMANT DES GEISTERKOENIGS ***
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+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
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+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
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+ 1500 1998 October
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+ 2500 2000 December
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+ 4000 2001 October/November
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+10000 2004 January*
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+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
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+(Three Pages)
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+Project Gutenberg's Der Diamant des Geisterkönigs, by Ferdinand Raimund
+#6 in our series by Ferdinand Raimund
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+Title: Der Diamant des Geisterkönigs
+
+Author: Ferdinand Raimund
+
+Release Date: April, 2005 [EBook #7859]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on May 26, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: iso-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DIAMANT DES GEISTERKöNIGS ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
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+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
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+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Der Diamant des Geisterkönigs, oder
+Zauberposse mit Gesang in zwei Aufzügen
+
+Ferdinand Raimund
+
+
+
+Personen
+
+Longimanus, Geisterkönig.
+Pamphilius, sein erster Kammerdiener.
+Zephises, ein Magier, als Geist.
+Eduard, sein Sohn.
+Florian Waschblau, sein Diener.
+Mariandel, Köchin.
+Amine, eine Engländerin.
+Kolibri, ein Genius.
+Veritatius, Beherrscher der Insel der Wahrheit.
+Modestina, seine Tochter.
+Aladin, sein erster Höfling.
+Erster und Zweiter Nachbar von Eduard.
+Osillis.
+Amazilli.
+Bitta.
+Lira.
+Die Hoffnung.
+Ein Herold.
+Fee Aprikosa.
+Fee Amarillis.
+Erster und Zweiter Zauberer.
+Koliphonius, Wächter des Zaubergartens.
+Ein Feuergeist.
+Die Stimme des singenden Baumes.
+Erste und Zweite Drude.
+Der Winter.
+Der Sommer.
+Der Herbst.
+Der Frühling.
+Ein Grieche.--Eine Griechin.
+
+Feuergeister. Luftgeister. Genien. Feen.
+Inselbewohner. Eduards Nachbarn. Wache.
+
+
+
+
+Erster Aufzug.
+(Vorhalle im Palaste des Geisterkönigs.)
+
+
+
+Erste Szene.
+Zauberer. Feen. Geister. (Einige mit Bittschriften.) Ein
+Feuergeist.
+
+
+Chor.
+Sollen wir noch lange harren?
+Bald verläßt uns die Geduld!
+Sind wir Geister seine Narren?
+Unverzeihlich ist die Schuld.
+
+
+Fee Aprikosa. Welche Beleidigung, Damen solange warten zu lassen,
+als wären sie seine Domestiken!
+
+Alle. Das ist unerhört!
+
+Erster Zauberer. Ich frage, wie kann man ein Geisterkönig sein und
+so lange schlafen?
+
+Zweiter Zauberer. Und ich frage, wie kann man vernünftig sein und
+unvernünftig reden? Geisterkönig ist er; er muß für uns alle
+wachen, folglich muß er auch für uns alle schlafen.
+
+Erster Zauberer. Seine Pflicht heischt aber, unsere Bitten zu
+hören.
+
+Fee Amarillis. Und er kümmert sich gar nicht um uns; spart seine
+Gunst nur für die Menschen auf.
+
+Erster Zauberer. Er hat schon ungeheure Schätze der Luft entzogen
+und sie der Erde zugewendet.
+
+Zweiter Zauberer. Sehen Sie, darum bauen sich die Leute jetzt so
+viele Luftschlösser. Wenn nicht das Sterben bei ihnen noch Mode
+wäre, so ging's dem Volk besser als uns.
+
+Fee Aprikosa. Was wollen Sie denn? Er hat ja erst gestern einen
+Menschen, den er auf der Erde kennen gelernt hat, unter die Geister
+aufgenommen, weil ihn bei dem letzten Wetter der Blitz erschlagen
+hat.
+
+Erster Zauberer. Ja, richtig; er heißt Zephise, war Taschenspieler
+und soll ein blitzdummer Kerl sein.
+
+Zweiter Zauberer. Sehr natürlich! Dumm war er so schon, der Blitz
+hat ihn auch getroffen, also ist er blitzdumm.
+
+Fee Amarillis. Der Zauberkönig verschwendet zu viel. Seine Reisen
+auf die Erde kosten ihm enorme Summen.
+
+Zweiter Zauberer. Jawohl, ich bin ein einziges Mal auf die Erde
+hinabgereiset, weil ich soviel von der schönen Gegend von Simmering
+gehört hab', und ich weiß, was mich das gekostet hat.
+
+Fee Aprikosa. Und richtet er nicht das ganze Reich nach der Erde
+ein? Wir werden noch alle Moden von Paris und Wien heraufbekommen.
+
+Fee Amarillis. Ja, wenn nur in seinem Zauberreiche noch
+Französisch gesprochen würde, das wäre doch nobel, aber seit er in
+Wien war, spricht er wienerisch, und wir sollen es nachmachen.
+
+Zweiter Zauberer. Ich hab's schon nachgemacht.
+
+Fee Amarillis. Schämen Sie sich, wenn man das im Auslande erfährt!
+Das wird entsetzlich werden.
+
+Erster Zauberer undr Fee Aprikosa. Ja, unerhört.
+
+Zweiter Zauberer. Ich weiß, es kommt ein Krieg aus, bloß wegen dem.
+Aber wissen S', er denkt halt so, und so sollen manche denken,
+besser schön lokal reden, als schlecht hochdeutsch.
+
+Fee Aprikosa Kurz, die Menschen haben ihn ganz verdorben; er ist
+nicht mehr zu kennen.
+
+Erster Zauberer. Er läßt sie ja scharenweise zu sich heraufkommen
+und gewährt ihnen ihre Bitten.
+
+Alle. Wahr ist's!
+
+
+
+Zweite Szene.
+Vorige. Ein Feuergeist.
+
+
+Feuergeist (ganz rot gekleidet, rotes Gesicht und rote Hände; er
+hat die ganze Szene behorcht). Potz Pech und Schwefel, das ist
+zuviel! Ich bin Feuergeist, Oberfeuerwerker und Kanonier des
+Zauberkönigs! Wer kann sagen, daß seit drei Jahren eine
+menschliche Seele in seinen Palast gekommen ist? Bin ich nicht auf
+seine Kosten nach Neapel gereist, um den Vesuv aufzunehmen und
+einen ähnlichen über seinen Palast zu bauen? Ist das nicht
+geschehen? Blausäure und Vitriolöl!
+
+Fee Aprikosa. Und warum ist es geschehen? Damit wir ihn nicht
+sooft belästigen und mit unserm Wolkenwagen jetzt durch den Krater
+fahren müssen, wie die Hexen durch den Rauchfang.
+
+Feuergeist. Nein! Potz Pech und Schwefel! Damit er von der
+Menschheit, die sich durch verschiedene magische Künste in sein
+Reich filoutiert hatte, um ihn mit Betteleien zu belästigen, Ruhe
+bekomme.
+
+Zweiter Zauberer. Ja, ja, so ist der Kaffee.
+
+Erster Zauberer. Das müssen Sie Narren weismachen.
+
+Feuergeist. Aber, ins Geiers Namen, das tue ich ja; und wer's
+nicht glauben will, den sollen alle kongreveschen Raketen--
+
+Zweiter Zauberer (gleich einfallend). Nun, nun, mein Herr
+Feuergeist und Oberkanonier, moderieren Sie sich nur! Sie zünden
+ja sonst den Palast an mit Ihren Raketen.
+
+Alle. Werft ihn hinaus! Hinaus mit ihm!
+
+Feuergeist. Was? Einen Feuergeist hinauswerfen?
+
+Zweiter Zauberer. Da haben wir schon andere hinausgeworfen.
+
+Feuergeist. Beim Brand von Moskau, das ist zuviel! (Mit geballter
+Faust) Wer mir in die Nähe kommt, dem werf' ich eine Leuchtkugel an
+den Kopf, daß ihm das bengalische Feuer aus den Augen spritzen soll.
+
+
+
+Dritte Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Pamphilius. He, he! was ist denn das! Sie halten ja ein völliges
+Stiergefecht im Vorgemach des Zauberkönigs!
+
+Erster Zauberer (voll Freundlichkeit). Ach, unser lieber
+Pamphilius!
+
+Alle Weiber. Unser schöner Pamphilius! (Schmeicheln ihm.)
+
+Zweiter Zauberer. Grüß' Sie der Himmel, Herr von Pamphilius!
+(drängt die Weiber weg und umarmt ihr..)
+
+Pamphilius. Ich komme, Ihnen zu melden, daß der Beherrscher seine
+vierundzwanzigstündige Ruhe beendiget hat und sich alsobald mit
+unglaublicher Schnelligkeit aus dem Bette begeben wird.
+
+Erster Zauberer. Ah, scharmant!
+
+Beide Feen. Der liebenswürdige Herr!
+
+Zweiter Zauberer. O, fidelibus! fidelibus!
+
+Feuergeist. Jetzt reißt mir die Geduld! Herr Pamphilius, potz
+Pech und Schwefel, ich bin ein treuer Diener des Zauberkönigs, ich
+kann nicht schweigen.
+
+Pamphilius. Was haben Sie denn für einen Lärmen, Herr
+Oberfeuerwerker?
+
+Feuergeist. I, potz Pech und Schwefel!--
+
+Pamphilius. Bleiben Sie mir nur mit Ihrem Pech vom Leibe, ich
+picke schon am ganzen Körper.
+
+Zweiter Zauberer. Er muß glauben, wir sind Schuster.
+
+Feuergeist. Nun also, potz Schwefel und Phosphorus!
+
+Pamphilius. Den Schwefel kann ich auch nicht vertragen, ich habe
+eine schwache Brust.
+
+Feuergeist. Nun, so hören Sie ohne Pech und Schwefel, daß diese
+ehrbare Versammlung ein schlechtes Gesindel ist, das über den
+Geisterfürsten schimpft und ihm vorwirft, daß er alles den Menschen
+anhängt.
+
+Alle. Das ist nicht wahr.
+
+Feuergeist. Was? Ich schwör's bei allen Zündmaschinen von England.
+
+Pamphilius. Und ich bei allen Löschmaschinen von Frankreich, wenn
+Er sein unsinniges Feuer nicht moderiert, laß ich Ihn so
+durchwässern, daß Er an mich denken soll. Hinaus mit Ihm!
+
+Alle. Hinaus mit Ihm!
+
+Feuergeist. Ich gehe! Aber, bei dem griechischen Feuer des
+Cardanus, das melde ich dem Zauberkönig. Potz Feuerzeug und
+Zündbüchsen! Schwefelgeist und Salmiak! (Geht ab.)
+
+
+
+Vierte Szene.
+Vorige ohne Feuergeist.
+
+
+Pamphilius. Reden Sie, einer nach dem andern. Was hat's gegeben?
+
+Erster Zauberer. Gepriesener Pamphilius, Sie sind nun schon eine
+lange Zeit in den Diensten des Geisterkönigs.
+
+Pamphilius. Auf Martini sind's 2000 Jahr.
+
+Erster Zauberer. Haben Sie nicht selbst bemerkt, daß er Menschen
+mit Wohltaten überhäuft, die sie mißbrauchen und ihm mit Undank
+lohnen, und uns versagt er so vieles?
+
+Pamphilius. Da haben Sie recht.
+
+Zweiter Zauberer. Ja, und wär's nicht besser, wenn er sich von uns
+undankbar und schlecht behandeln ließe als von andern?
+
+Erster Zauberer. Schweigen Sie.
+
+Zweiter Zauberer. Ich kann auch meine Meinung sagen; ich war auch
+einmal ein starker Geist, jetzt bin ich ausgeraucht.
+
+Fee Aprikosa. An allem ist die Fee Diskantine schuld, ihre schöne
+Stimme hat ihn bezaubert.
+
+Pamphilius. Also das ist die einzige Klage gegen den Zauberkönig?
+Nun, da muß ich Ihnen schon aus dem Traum helfen. Es ist wahr,
+Diskantine hat durch ihren Gesang vieles für die Menschen von ihm
+erwirkt; da sie aber mit ihrer Protektion auf lauter Unwürdige
+stieß, so ist er darüber so erzürnt, daß er sie auf die Spitze
+eines Berges verbannt und dort in einen Baum verwandelt hat.
+
+Zweiter Zauberer. Was Sie sagen!
+
+Pamphilius. Weil aber ihre herrliche Stimme ihn so oft entzückte,
+so wollte er ihr dieselbe auch als Baum nicht entreißen.
+
+Erster Zauberer. Also singt dieser Baum?
+
+Pamphilius. Alles vom Blatt. Damit jedoch der Geisterfürst nicht
+mehr so belästigt werde, hat er den Ausspruch getan, daß von dem
+Augenblicke an kein Sterblicher sich seinem Palaste nähern dürfe,
+ehe er nicht diesen Berg erstiegen und, ohne sich umzusehen, einen
+Zweig von dem singenden Baume abgebrochen hat.
+
+Fee Amarillis. Und was nützt dieser Zweig?
+
+Pamphilius. Er ist ein Talisman, der vor allen Gefahren schützt
+und sicher in das Reich des Zauberkönigs geleitet.
+
+Zweiter Zauberer. Wollen Sie mir nicht sagen, mein Scharmantester,
+wenn sich einer umschaut, was ihm geschieht?
+
+Pamphilius. Er wird sogleich, mein Stupidester, entweder in ein
+Tier oder in eine Blume verwandelt; der böse Genius Koliphonius ist
+dort angestellt mit 2000 Rubel jährlich, damit er durch einen
+listigen Hokuspokus die Leute zum Umschauen bringt.--Gelingt es ihm,
+so sind sie in seiner Macht, und dann läßt er sie auch nicht mehr
+aus. Er hat in der kurzen Zeit schon einen prächtigen Tiergarten
+beisammen. Und nun, was sagen Sie jetzt von dem Zauberkönig? Ist
+er in Ihren Augen gerechtfertiget?
+
+Alle. Hoch lebe der Zauberkönig!
+
+Pamphilius. Also folgen Sie mir, ich will Sie melden.
+
+Chor.
+Wie uns die Freude glühend belebt,
+Wie sich die Hoffnung mächtig erhebt,
+Schnelle Gewährung wird unser Lohn,
+Bringen die Bitten wir vor den Thron;
+Jauchzet den König aus seiner Ruh,
+Ewiges Vivat töne ihm zu
+
+(Alle gehen ab.)
+
+
+
+Fünfte Szene.
+(Zauberkabinett.)
+
+
+Longimanus liegt in einer idealen Bettstätte, reich verziert, in
+welcher statt dem Bettgewande Wolken eingebettet sind. Vier Genien
+sind beschäftigt, seine Kleider zu ordnen und ein Waschbecken
+herzurichten, dann bleiben sie in horchender Gruppe stehen, sein
+Erwachen abzuwarten. Longimanus regt sich, die Genien entfliehen;
+die Musik endet.
+
+Longimanus (im Schlafrock mit goldenen Zaubercharakteren, wirft die
+Überdecke aus Wolken von sich, setzt sich im Bette auf und gähnt).
+Ach ja! Wieviel Uhr ist's denn schon? (Sieht auf eine Stockuhr,
+die neben seinem Bette auf einem goldenen Tische steht.) Siehst
+du's! Siehst du's! Schon halb 11 Uhr! Ich habe halt wieder
+vergessen, daß ich den Wecker aufgezogen, und der Pamphilius weckt
+mich auch nicht auf. (Läutet.) Pamphilius! Wo steckt Er denn?
+
+
+
+Sechste Szene.
+Pamphilius. Voriger.
+
+
+Pamphilius (springt schnell herbei). Was steht zu Befehl, Euer
+Großmächtigkeit?
+
+Longimanus. Wo schliefst du denn herum? Warum hast du mich nicht
+aufgeweckt? Und wer hat mir denn heute nacht aufgebettet?
+
+Pamphilius. Ich, mächtigster Sultan der Welt.
+
+Longimanus. Daß du mir keine so feuchten Wolken mehr einbettest.
+Ich will trocken liegen; ich glaub' gar, du hast Regenwolken
+erwischt, weil ich heut nacht so in die Nassigkeit geraten bin.
+Und was hör' ich denn für einen Rumor draußen im Vorzimmer? Ich
+glaub' gar, du haltst dir junge Mäus' oder was.
+
+Pamphilius. Allerhand Feen und verschiedene Zauberer sind draußen;
+auch einige Hexen und anderes niederes Geisterg'sindel.
+
+Longimanus. Und was wollen s' denn schon wieder?
+
+Pamphilius. Ihre Bitten und Klagen zu deinen hochmächtigen Füßen
+niederlegen.
+
+Longimanus. Das kann nicht sein; ich bin noch zu sehr
+vernegligiert. Bring' Er mir nur die Bittschriften herein.
+(Pamphilius geht ab.)
+
+
+
+Siebente Szene.
+Longimanus allein.
+
+
+Longimanus. Das Volk hat nichts als Streit miteinander! ich kann
+mich gar nicht retten. Auf die Letzt werd' ich noch ein eigenes
+Zeughaus errichten, wo nichts hineinkommt, als lauter Scheckel und
+Haslinger.
+
+
+
+Achte Szene.
+Pamphilius mit Schriften. Voriger.
+
+(Pamphilius übergibt die Schriften.)
+
+
+Longimanus. Was hab' ich denn so Wichtiges jetzt sagen wollen?--Ja,
+einen Sessel.
+
+(Pamphilius bringt einen Stuhl.)
+
+Longimanus (setzt sich). Das werden wieder schöne G'schichten sein
+(liest). Da haben wir's ja! Nichts als schuldig sein s' einander.
+"Die Fee Tritschitratschi hat dem Zauberer Rutschiputschi einen
+Talisman geliehen, und er ihr ihn nicht zurückgestellt." Er soll
+ihn zurückgeben. Ich befiehl's. Auf der Stell'! (Nimmt eine
+andere Schrift.) "Die zwölf Himmelszeichen haben untereinander eine
+Rauferei gehabt. Der Schütz hat dem Steinbock ein Aug'
+ausgeschossen; dieser ist in die Wag' gesprungen und hat sie mitten
+voneinander gerissen; die Zwillinge haben sich dareingemischt und
+wären beinahe von dem Löwen zerrissen worden, wenn sie sich nicht
+hinter die Jungfrau versteckt hätten. Alle sind beschädigt; der
+einzige Krebs hat sich zurückgezogen. Man bittet, sie reparieren
+zu lassen." Das wird wieder was Schönes kosten! (Nimmt die dritte
+Schrift.) Was ist denn das? Was wollen denn die schon wieder?
+"Die zwei Vorsteherinnen der ehrsamen Drudenzunft bitten für ihr
+Gremium um Wiedereinsetzung ihres vorigen Amtes auf der Welt." Du
+verdammte Bagage! Die Druden wollen wieder auf die Welt hinunter!
+Den Augenblick laßt du mir s' hereinkommen.
+
+(Pamphilius geht ab.)
+
+
+
+Neunte Szene.
+
+Longimanus (allein). Das wär' eine schöne Pastete, wenn die wieder
+auf die Erde kämen, die Leut' seckiern! Manchen Menschen drucken
+schon seine Schulden genug; er braucht gar keine Drud'--(Von innen
+wird geklopft.) Aha! Nur herein! Nur herein!
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Voriger. Pamphilius. Zwei Druden,
+
+
+grau gekleidet mit offenen Schleiern; das Haupt und die Brust
+verhüllt. Das Kleid ist unten mit Zeichen des sogenannten
+Drudenfußes garniert; auch tragen sie einen Drudenfuß als Medaillon
+auf der Brust; das Gesicht mit alten Weiberlarven bedeckt; sie
+stürzen Longimanus zu Füßen.
+
+Die Druden. Mächtiger Herrscher, erbarme dich!
+
+Longimanus. Schau', wie fein! Grad' die säubersten haben s'
+ausg'sucht. Womit kann ich dienen, meine schönen Damen?
+
+Erste Drude. Herr! Es sind nun schon fünfzig Jahre, daß du uns
+von der Erde zurückberufen hast, und wir wissen nicht, wodurch wir
+das verschuldet haben?
+
+Longimanus. Ja, meine lieben Fräulein Drud', mir ist leid, aber es
+kann nicht anders sein.
+
+Erste Drude. Hör' unser Flehen! Gib uns wieder unsere Macht; die
+Menschen sehnen sich nach uns.
+
+Longimanus. Ob du still bist oder nicht!--Was fällt euch ein? Es
+redt gar kein Mensch mehr von ihnen, denkt gar kein Mensch mehr an
+sie, und jetzt wollen s' auf einmal wieder ihre vorige
+Druckfreiheit haben. Ich lass' die Menschen nicht mehr so
+kujonieren. Anno 1837 eine Drud'! Die Leut' müßten einen nur
+auslachen.
+
+Erste Drude. Aber hat man uns denn nicht sogar durch eine Oper
+verewigt; "Das Neusonntagskind"!
+
+Longimanus. Ah, was Oper! was Neusonntagskind! Die Leut' sind
+oft die ganze Woche kindisch, nicht nur an einem Sonntag. Es nutzt
+nichts! Ich hab' nichts gegen euch; ein jeder Stand verdient
+Achtung, also auch eine Drud'. Meine Mutter war selbst eine, und
+ich bin doch Zauberfürst geworden.
+
+Erste Drude. Aber haben wir denn nicht stets unsere Schuldigkeit
+getan? Hier sind unsere Attestate von dem Genius der Träume.
+
+Longimanus. Ja, das ist wahr, ihr wart brave Druden, habt die
+Leut' gedruckt, daß es eine Schand' und ein Spott war. Aber jetzt
+ist's vorbei. Ihr habt's eure Pension und da könnt's zufrieden
+sein. Und jetzt hinaus, auf der Stell'!
+
+(Beide Druden küssen ihm weinend das Kleid und gehen ab.)
+
+
+
+Elfte Szene.
+Longimanus. Pamphilius.
+
+
+Longimanus. Und jetzt ist's gar für heute mit der Klagerei; ich
+zürn' mich zuviel. Die andern sollen übermorgen kommen oder aufs
+Jahr. Laß mir jetzt den Zephises herüberkommen, den ich unter die
+Geister aufgenommen habe. Was macht er denn?
+
+Pamphilius. Er sitzt mit drei Feuergeistern bei einem Wolkentisch
+und spielt Whist mit ihnen.
+
+Longimanus. Whist spielen s'? Ist ein schönes Spiel, das Whist;
+wenn nur nicht so viel ausg'macht würde dabei. Mich haben s'
+einmal auf der Erde unten aus fünf Kaffeehäusern hinausgeworfen,
+weil ich gar so schlecht gespielt hab'. Ja, damals war ich noch
+ein rechter Wüstling, aber jetzt freut's mich nicht mehr. Na, so
+laß mir ihn nur herüberkommen; wenn er auch ein paar Fisch'
+verliert, wegen so ein paar Forellen wird's nicht aus sein, um
+Goldfisch spielen s' doch nicht. (Pamphilius geht ab.)
+
+
+
+Zwölfte Szene.
+
+
+Longimanus (allein). Ich hab' ihn recht gern, den Zephises! Wie
+ich vor zwanzig Jahren auf der Erde herumgereist bin, so hab' ich
+ihn in Ägypten kennen gelernt, wo er die Zauberei studiert hat, er
+war just im dritten Jahr Magie. Dann bin ich mit ihm nach
+Österreich gereist, hab' ihm ein Haus und einen Garten gekauft und
+sein Zauberkabinett eingerichtet. Da ist ihm seine Frau gestorben--
+war eine recht hübsche Frau--hernach hab' ich mich auch nicht mehr
+lang aufgehalten, und weil er gar so lamentiert hat, hab' ich ihm
+versprochen, wenn er stirbt, ihn unter die Geister aufzunehmen; und
+jetzt hab' ich auf einmal g'hört, daß ihn der Blitz erschlagen hat;
+da hab' ich ihn also durch meine Geister gleich heraufexpedieren
+lassen. Da kommt er schon!
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Zephises. Voriger.
+
+
+Zephises (als Geist im weißen Zaubertalar, mit schwarzen
+Charakteren). Fürst der Lüfte! Wo soll ich Worte des Dankes
+finden?
+
+Longimanus. Ist schon so gut! Nur keine Komplimente unter guten
+Freunden. Mich freut's vom Herzen, alter Schwed'! Hat er dich
+einmal erwischt, der Tod, beim Zwiefachel? Richtig, da auf der
+Seiten hat er ihn g'streift, der Blitz; da schwefelt er ein wenig.
+Wie g'fallt's dir denn bei mir heroben? Haben wir nicht eine
+frische Luft?
+
+Zephises. Herr, darf ich es dir gestehen, daß selbst in dem
+Wonnemeer von Herrlichkeiten, das mich in deinem Zauberreiche
+umfließet, mein Vaterherz doch einen tiefen Schmerz empfindet, den
+es dir nicht verhehlen kann?
+
+Longimanus. Aha! (Fährt mit der Hand an Zephisens Stirn vorbei.)
+Hat ihn schon erwischt! Zuckt schon!
+
+Zephises. Als du uns armen Sterblichen die Gnade deines Besuches
+gewährtest, hat deine Milde mich mit großen Schätzen beschenkt.
+
+Longimanus. Ja, richtig! Hast du alle angebracht?
+
+Zephises. Nein, Herr! Ich habe sie in meinem Kabinett verborgen
+und dieses mit einem Zauber belegt, daß kein Sterblicher es öffnen
+kann, wenn ich ihm nicht die Mittel dazu anzeige.
+
+Longimanus. Nun, in meinem Reich brauchst keine Schätze, da lebt
+man von der Luft, daß es nur eine Freud' ist.
+
+Zephises. Hab' ich denn nicht einen Sohn, den ich hilflos
+zurückgelassen habe?
+
+Longimanus. Du hast einen Sohn?
+
+Zephises. Erinnerst du dich nicht mehr des kleinen Eduards?
+
+Longimanus. Richtig! Er hat ja zu meinen Füßen gespielt und hat
+mich immer in die Waden gezwickt, wie ich damals noch welche g'habt
+hab'.
+
+Zephises. Ein schneller Tod hat mich der Erde entrissen, ich
+konnte meinem Sohn kein Zeichen meines letzten Willens hinterlassen;
+ darum erhöre mein Flehen! Sende ihm einen deiner Geister, lasse
+ihm die Geheimnisse jenes Kabinettes enthüllen, und erlaube dann,
+daß er sich selbst vor deinen Thron werfen und die Gewährung einer
+Bitte erflehen darf, die seinem Vater nicht mehr vergönnt war, an
+dich zu wagen.
+
+Longimanus. Das kann nicht sein; zu mir darf er nicht herauf, wenn
+er nicht einen Zweig mitbringt von meinem musikalischen Baum. Ich
+möcht' ihn recht gern einmal sehen, den kleinen Eduard;--aber ich
+kann mein Wort nicht umstoßen.
+
+Zephises. Mein Sohn wird keine Gefahr scheuen, sich dir zu nähern.
+
+Longimanus. Das geht mich nichts an.
+
+Zephises. Rette ihn nur vor Mangel und Verzweiflung.
+
+Longimanus. Siehst du's, jetzt wird dir bang'; aber so geht's
+manchen Eltern, die Geld haben, lassen den Kindern nichts lernen.
+Geschieht nachher ein Bissel ein Unfall, und ein solcher Mensch
+soll sich selbst etwas verdienen, steht der Dalk da. Da werden wir
+gleich helfen.--Pamphilius!
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Longimanus. G'schwind zu dem sein' Sohn ein paar wohltätige
+Geister hinunter, ich werd' ihnen schon sagen, was sie zu tun haben.
+
+Pamphilius. Ja, es ist nur fatal--
+
+Longimanus. Ich weiß schon, freilich ist's fatal; sie sind jetzt
+alle in der Arbeit, es ist keiner zu Hause, aber das nützt nichts,
+es muß einmal sein. Schau halt, daß du wo ein paar zusammenfangst.
+Allez!
+
+(Pamphilius geht.)
+
+Zephises. Herr, wie soll ich dir danken?
+
+Longimanus. Halt's Maul! He, Pamphilius, noch eins!
+
+(Pamphilius kehrt schnell um.)
+
+Longimanus. Den wievielten haben wir heut?
+
+Pamphilius. Den 27. November.
+
+Longimanus. Warum nicht gar? Du verdammte G'schicht! Ich hab'
+schon immer nachgedacht; November! Und ihr habt ein Donnerwetter
+g'habt? Dich hat der Blitz erschlagen, statt daß es schneien soll?
+
+Pamphilius. Ja, großer Sultan, das ist jetzt die allgemeine Klage
+der Menschen, daß es im Winter warm ist und im Sommer kalt.
+
+Longimanus. Ja. für was zahl' ich denn meine Jahrszeiten, wenn
+sie mir so eine Konfusion machen? Da muß ich ja mit dem polnischen
+Donnerwetter dreinschlagen. Pamphilius, geschwind laß mir den
+Winter heraufkommen.
+
+(Pamphilius geht schnell ab.)
+
+Longimanus. Halt! (Pamphilius kehrt schnell um.) Die andern
+Jahrszeiten auch, g'schwind!
+
+Pamphilius. Na, heut lauf' ich mir noch die Füß' aus der Wurzel.
+Verdammter Dienst! (Läuft schnell ab.)
+
+Longimanus. Hat ein recht ruhiges Brot bei mir, der Pamphilius; er
+halt aber aus, wie ein Pferd. Jetzt lauft er schon 2000 Jahr' und
+hat noch gesunde Huf'; er kriegt keine Steingallen, nicht einmal
+den Spat hat er noch g'habt.
+
+
+
+Fünfzehnte Szene.
+Die vier Jahreszeiten. Vorige.
+
+(Der hinter trägt einen schwarzen Pelz, Pudelmütze, einen kleinen
+Stutzen [Muff], ganz beschneit. Der Sommer im nankingenen Frack,
+Beinkleid, einen modernen Strohhut mit Kornblumen darauf und ein
+Parasol in der Hand. Der Herbst, mit dicken Backen und wohlbeleibt,
+hat eine grüne Wirtsjacke, Fürtuch, Käppchen mit Weinlaub besteckt,
+unter dem Arme ein kleines Fäßchen, worauf Most steht, in der Hand
+eine große Traube. Der Frühling, ein junges Gärtnermädchen, mit
+Rosen auf dem Hut und einem Rosenstock im Arme, treten furchtsam
+ein.)
+
+
+Longimanus. Nur näher da, ihr vier Haimonskinder! Was muß denn
+ich hören? Warum betragt ihr euch nicht, wie es sich für
+rechtschaffene Jahrszeiten schickt? Was ist denn das für ein
+liederlicher Lebenswandel, Monsieur Winter? Schämt Er sich nicht?
+So ein eisgrauer Mann und fangt auf einmal an, hitzig zu werden!
+Warum hat's eingeschlagen im November? Ich will's wissen!
+
+Winter (im Baßtone). Euer G'streng', ich kann nichts dafür. Der
+Sommer tut mir alles mit Fleiß; er möcht' gern alles wissen, und da
+blitzt er immer herüber auf mich.
+
+Longimanus. Der Sommer soll sich gar nicht rühren; der ist seit
+einigen Jahren wie ausgewechselt. Ich glaub', er verlegt sich aufs
+Trinken, weil er immer so naß ist.
+
+Herbst. Eur' königliche Durchlaucht, ich bitt' ums Wort! Der
+Sommer kann nichts dafür; der Winter laßt ihm keine Ruh'. Wann er
+Eiszapfen übrig hat, so schickt er ihm s' herüber, daß's im Sommer
+schauert. Nachher fangen sie zu disputieren an, der Sommer kommt
+in Zorn, und so gibt's alle Tag ein Wetter.
+
+Sommer. Ja, das ist auch wahr; der Herbst ist noch mein einziger
+Freund, er putzt mich wieder heraus! Die Leute schimpfen über mich,
+und ich kann nichts dafür.
+
+Longimanus. Und jetzt basta! Ich will haben, daß ihr euch
+vertragen sollt. Auf die Letzt verderbt's mir da meinen Frühling
+auch noch; das ist noch die bravste, das ist noch meine liebste
+Jahrszeit, der Frühling! (Kneift sie in die Wange und gibt ihr ein
+Goldstück.) Da hast was auf ein Kipfel, du Tausendsasa, du!
+
+Frühling. Ich küss' die Hand, Euer G'streng'! Ich werd' mich
+schon gut aufführen. (Küßt ihm die Hand.)
+
+Longimanus. Und jetzt marschiert's! Und wenn ich noch einmal eine
+Klag' hör', so weiß ich, was ich zu tun hab'; besonders der Sommer,
+nehm' Er sich zusamm'. Wenn aufs Jahr in Baden nicht alle
+Quartiere verlassen sein, so schau' Er zu. Und der Winter auch!
+Daß's heut noch schneit und morgen der Eisstoß geht. Jetzt hinaus!
+
+(Alle vier Jahreszeiten gehen ab.)
+
+Longimanus. Komm, mein lieber Zephises, jetzt werd' ich für deinen
+Sohn sorgen, ich werd' ihn glücklich machen. Aber das sag' ich dir,
+wenn du dich unterstehst, ihm einen heimlichen Wink oder Rat zu
+geben, so hast du es mit mir zu tun. Jetzt kannst mit mir ein
+kleines Gabelfrühstück einnehmen; ich hab' ein bisserl ein
+Eingemachtes von einem jungen Krokodil ang'schafft.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+(Geheimes Kabinett des Zephises. Die Hinterwand, an der sich keine
+Möbel befinden, ist mit magischen Zeichen und Figuren bemalt. An
+der Seite befindet sich ein Zaubertisch, worauf ein kleiner
+Zauberer steht; neben ihm eine Glocke, auf welche er mit einem
+Hammer schlägt. Auf der entgegengesehen Seite eine Türe.)
+
+Florian Waschblau kommt mit einer Butte auf dem Rücken, worin sich
+verschiedene Kleidungsstücke befinden; stellt sie beim Eintreten
+nieder.
+
+
+Arie.
+Ich bin der liebe Florian,
+So heißen mich die Leut',
+Und wenn mich jemand brauchen kann,
+Bin ich gleich bei der Schneid'.
+Im Kopf hab' ich auf Ehr' nicht viel,
+Noch weniger im Sack,
+Nur daß ich nichts als essen will,
+Das ist mein' größte Plag'!
+Ich g'hör' nur der Mariandl zu,
+Auf d' Nacht sowie beim Tag,
+Und wissen S', warum ich das tu'?
+Weil mich sonst keine mag.
+Und foppt mich einer, was er kann,
+So fühl' ich keinen Neid;
+Denn fangen d' Leut' zum Lachen an,
+Das ist mein' größte Freud'!
+
+Florian. Ja, ja, mein lieber Florian! Jetzt wirst du halt bald
+fort müssen aus dem Hause, wo dir die Tage in einem ewigen Rausch
+hing'schwunden sind. Mein armer junger Herr, wie wird's denn dem
+gehen? Keinen Kreuzer hat uns der Alte unterlassen, als das
+einschichtige Haus. Wenn er nur wo was zu leihen kriegte; aber
+nicht einmal einen Satz übers Haus kann er machen, es ist ja ganz
+verrufen. Wer wird denn ein Haus kaufen, wo die Hexen wie die
+Schwalben aus und ein geflogen sind? Ich weiß nicht, was er
+anfangen wird; um mich ist mir nicht bang', ich werd' mich schon wo
+anlehnen lassen an eine Planken. Wenn ich nur ihn unterzubringen
+wüßt', auf einem Kontor bei einem Sauerkräutler oder wo.--Er ist in
+der größten Verzweiflung! Gestern hat er geweint, hat mir das
+letzte Dreiguldenzettel gegeben, und hat g'sagt, ich möcht' davon
+vier Gulden unter die Armen austeilen, und mit dem, was übrig
+bleibt, soll ich hingehen, wohin ich will. Ich kann ihn aber nicht
+verlassen, es ist unmöglich! Ich hab' erst unlängst eine Schöne
+G'schicht' gelesen von einem römischen Löwen, der sein' Herrn, dem
+Anton Trokles, so anhänglich war;--und wenn ein solches Tier so
+handeln kann, so werd' ich's doch auch noch zuwege bringen. Ich
+hab' schon angefangen, ich hab' alle meine Kleider zusammengepackt,
+hab' auch der Mariandel, unserer Köchin, ihren ganzen Kasten
+ausgeräumt, hab' von dem Milchweib da diese Butten zu leihen
+genommen, damit nichts ausplanscht wird, hab' die Kleider recht
+hineing'stampft; und weil in das Kabinett, was unserm alten Herrn
+sein Zauberlaboratorium war, selten wer kommt, so habe ich den
+Juden herbestellt, dem verkauf' ich's, und das Geld steck' ich
+heimlich in mein' Herrn sein Brieftaschel. (Sieht auf den kleinen
+Zauberer.) Jetzt hat der Spitzbub' alles g'hört. Wirst du denn wem
+was sagen davon? (Der kleine Zauberer deutet nein mit dem Kopfe.)
+Der sagt einem alles. Wird meinem Herrn ein Unglück zustoßen?
+(Zauberer deutet nein.) Etwann mir? (Zauberer deutet ja, Florian
+drohend.) Du! Sag' du mir, bin ich ein g'scheiter Kerl? (Zauberer
+deutet nein.) Ist schon richtig;--bin ich etwa dumm? (Zauberer
+deutet ja.) Alles weiß er. Wie viel dumme Streiche werd' ich denn
+noch machen? (Der Zauberer schlägt auf die Glocke: eins, zwei,
+drei, dann recht schnell und oft hintereinander.) Hörst auf, du
+verdammter Kerl! (Hält ihm die Hand.) Solang leb' ich gar nicht.
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+Mariandel (von innen). Voriger.
+(Mariandel klopft von außen.)
+
+
+Florian. Aha, das ist der Jud'! (öffnet, Mariandel tritt ein.)
+Nein, schaut's, ist a Jüdin.
+
+Mariandel. Ach, ich unglückliche Person, was fang' ich an? Da
+steht er herin, statt daß er im Haus acht gibt. Ach, warum hat
+mich der Himmel gestraft, daß ich einen solchen Einfaltspinsel zum
+Liebhaber hab'.
+
+Florian. Das wird doch eine schöne Stichelei sein!
+
+Mariandel. Was stehst denn da?--Was stehst denn da, du miserabler
+Mensch; und mir räumen s' derweil den ganzen Kasten aus. Ich bin
+bestohlen!
+
+Florian. Hör' auf! Haben s' dir etwann deinen üblen Humor
+g'stohlen?
+
+Mariandel. Nein, meine Kleider, meine Wäsch', meine reiche Haube!--
+Ich bitt' dich, den Diebstahl,--die schöne Wäsch'!
+
+Florian. Nein, mein Schatz, das ist eine wilde Wäsch'!
+
+Mariandel. Und meine guten Perl'.
+
+Florian (für sich). So? Die hab' ich auch erwischt? Das hab' ich
+nicht einmal gewußt.
+
+Mariandel. Ich glaub' gar, du lachst noch? Jetzt geh' ich gleich
+zum gnädigen Herrn und erzähl' ihm alles. Dem Dieb muß nachgesetzt
+werden (will ab).
+
+Florian. Halt, sag' ich. Du bleibst da! Ich kenn' den Dieb.
+
+Mariandel. Was?
+
+Florian. Er ist ein sehr guter Freund von mir.
+
+Mariandel. So? Du schlechter Mensch! Auf die Letzt bist du ein
+Räuberhauptmann! Ich geb' dich an, auf der Stell' (will fort).
+
+Florian. Da bleibst, sag' ich, oder--
+
+Mariandel. Das nutzt nichts--ich will meine Sachen haben.
+
+Florian. Das Sachen ist da.
+
+Mariandel. Wo?
+
+Florian. In der Butten.
+
+Mariandel. Ah, Spektakel! Heraus gibst mir's!
+
+Florian. Nur Geduld!
+
+Mariandel. Daß mir nichts zermudelt wird.
+
+Florian. Ist alles in der schönsten Ordnung! (Er leert die Butten
+aus, seine und ihre Kleider fallen in der größten Unordnung heraus;
+ganz kalt.) Such' dir deine Sachen heraus.
+
+Mariandel. Aber Florian, was hast denn gemacht? Bist du besessen?
+
+Florian. Still, Marianne! Du wirst wissen, daß unsere Herzen
+verbunden sind?
+
+Mariandel. Ja, leider bin ich so unglücklich, deine Geliebte zu
+sein! Was war ich für ein Dalk! Was hab' ich für Partien
+ausgeschlagen! Ich hätte vor kurzem noch können so einen reichen
+Ochsenhändler heiraten, wär' eine reiche Frau worden, die so viele
+Ochsen g'habt hätt', und an dir hab' ich nur einen einzigen.
+
+Florian. Wer's Wenige nicht ehrt, ist's Mehrere nicht wert. Doch
+nichts mehr über diesen Gegenstand, er ist zu subtil, um ihn lange
+zu besprechen. Wir sind jetzt sieben Jahr' in diesem Haus; ich
+hab' dir diese Sachen geschafft, folglich kann ich s' auch wieder
+an mich reißen; ich hab' sie wollen von hier wegschicken.
+
+Mariandel. Wohin?
+
+Florian. Nach Judenburg. Kurz, ich hab' sie wollen an einen
+polnischen Juden verkaufen, um unserm jungen Herrn für den
+Augenblick aus seiner Verlegenheit zu helfen. Wir sind seine zwei
+einzigen Dienstboten, wir müssen ihm einmal zugetan sein.
+
+Mariandel. Aber Florian, schau, was treibst? Warum hast du denn
+mir nichts gesagt, so hätten wir Mittel gemacht. Von der Pistolen
+hast ihm auch den Hahn heruntergeschraubt; er hat mich g'fragt, wo
+er hingekommen ist?
+
+Florian. Der Hahn? Hättest du gesagt, du hast ihn abgestochen,
+weil du keine Händel mehr g'habt hast.
+
+Mariandel. Na, jetzt bin ich schon wieder ruhig! Pack' nur die
+Kleider zusammen, der Herr kommt.
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+
+
+Eduard. Vorige.
+
+Eduard (verdrießlich). Was macht ihr hier? Laßt mich allein.
+
+Mariandel. Schau ihn nur an, wie er aussieht.
+
+Florian. Was er vorn für eine Blässe hat. Gnädiger Herr, schaffen
+Sie vielleicht einen Melissengeist oder ein darniederschlagendes
+Pulver?
+
+Eduard. Ich danke euch; geht nur.
+
+Florian. Der arme Mann! Gnädiger Herr, wenn Sie sollten in
+Ohnmacht liegen, dürfen Sie nur läuten, wir werden gleich da sein.
+
+Eduard. Willst du mich böse machen? (Faßt sich.) Geh, Florian!
+
+Florian. Florian hat er g'sagt, hast das g'hört? Das ist ein
+Unglück.
+
+Mariandel. Nun, wie soll er denn zu dir sagen, wenn du so heißt,
+etwa Annamiedel? So geh' nur einmal!
+
+Florian. Mariandel, mit dem ist's zu, der lebt uns keine hundert
+Jahr' mehr. (Beide ab.).
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+
+
+Eduard (allein). Nun bin ich allein, im wahren Sinne des Wortes;
+denn meines Vaters Tod hat mein ganzes Glück vernichtet. Welche
+Wunder umgeben mich seit meiner Kindheit! Sein Körper ist durch
+übernatürliche Mächte plötzlich vor unsern Augen verschwunden. Er
+hat mir oft versprochen, nach seinem Tode große Reichtümer zu
+hinterlassen; doch im ganzen Hause findet sich keine Spur eines
+Vermächtnisses. Was soll ich beginnen? Ich finde auch keine Hilfe
+bei Freunden. Als den Sohn eines berüchtigten Zauberers flieht
+mich jedermann, was soll aus mir werden? Entsetzliche Lage!
+Verzweiflungsvolles Los! (Wirft sich in einen Stuhl. Es wird von
+unten geklopft.) Wer klopft? Herein!
+
+
+
+Zwanzigste Szene
+Die Hoffnung, auf einen goldenen Anker gestützt, kommt aus der Erde.
+
+
+Hoffnung (ist ideal gekleidet, spricht sehr lebhaft und munter).
+Sie pardonieren, mein Herr, daß ich die rechte Tür verfehlte; doch
+ein Frauenzimmer, die so viele Geschäfte hat, wie ich, nimmt das
+nicht so genau. Nun, so heißen Sie mich doch willkommen! Sie sind
+ja ganz verblüfft?
+
+Eduard. Welch eine angenehme Erscheinung! Mir wird so wohl in
+Ihrer Nähe.
+
+Hoffnung. Wie? Kennen Sie mich nicht, junger Herr?
+
+Eduard. Ich habe wirklich nicht die Ehre--
+
+Hoffnung. O pfui! Sagen Sie das nicht! Eine Person nicht zu
+kennen, die in allen Kalendern und Taschenbüchern schon bis zum
+Überdrusse abgebildet ist. Kennen Sie mich wirklich nicht? Ich
+habe Sie als Kind auf meinen Armen getragen, als Knabe Ihre
+Schmerzen versüßt, wenn Sie die Rute bekommen sollten; als Jüngling
+Ihnen die Leiter gehalten, wie Sie zu Ihrem Liebchen auf die
+Terrasse gestiegen sind--
+
+Eduard. Ah, Sie sind--
+
+Hoffnung. Die Hoffnung, untertänigst aufzuwarten, nicht nur die
+Ihrige, sondern die der ganzen Welt.
+
+Eduard. O, so laß mich zu deinen Füßen stürzen, Tochter des
+Himmels.
+
+Hoffnung. Langsam, mein Herr, nicht so rasch! Sieh, sieh, wie
+exaltiert. Hat Sie meine Feindin, die Furcht, schon verlassen,
+weil Sie so schnell wieder zu meiner Fahne schwören? Wissen Sie
+vielmehr, daß das sehr unartig ist, eine Dame vor sich stehen zu
+lassen, ohne ihr einen Sitz anzubieten! Oder glauben Sie, weil
+sich so viele Leute auf mich stützen, daß ich keiner Stütze
+bedürfe? Nein, mein Herr, einen Sitz.
+
+(Eduard reicht ihr einen Sessel.)
+
+Hoffnung. So! Nun stellen Sie sich in die erste Position vor mich
+und hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe.
+
+Eduard. Ich hin ganz Ohr.
+
+Hoffnung (hustet). Monsieur! Ich habe Ihnen ein sehr artiges
+Kompliment von meiner Schwester auszurichten. Was glauben Sie wohl,
+wer sie sei? (Eduard zuckt die Achseln.) Das Glück.
+
+Eduard. Das Glück? Welch einen schönen Namen lassen Sie in meinen
+Ohren ertönen!
+
+Hoffnung. Das könnte mich eifersüchtig machen. (Mit einem Seufzer.)
+Doch ich bin es gewohnt, von ihr verdrängt zu werden. Sie hat
+versprochen, Sie in Protektion zu nehmen. Ich könnte Ihnen zwar
+sagen, daß sie eine leichtfertige Person ist, die sich sehr stark
+schminkt und nur von ferne schön ist; doch, Sie werden mir nicht
+zumuten, daß ich imstande wäre, meine Schwester zu verkleinern.--
+Jetzt zu meinem Auftrag! Meine Schwester läßt Ihnen sagen, Sie
+möchten sans façon in jener Ecke des Zimmers den Boden öffnen,
+einen goldenen Schlüssel herausnehmen und damit diese Wand
+aufschließen; das übrige wird Ihnen wie gebratene Tauben von selbst
+in den Mund fliegen. Ich aber habe die Ehre, mich als Ihre
+ergebene Dienerin zu empfehlen.
+
+Eduard. Wie? Sie könnten mich verlassen?--
+
+Hoffnung. Ihr Glück beginnt--meine Rolle ist ausgespielt. Hüten
+Sie sich, daß Sie mich nicht bald wieder rufen; oder glauben Sie,
+ich habe nichts zu tun, als mit Ihnen die Zeit zu verschwätzen? In
+diesem Augenblicke bin ich zu Millionen bestellt, die nach mir
+schmachten. Advokaten, die ihre Prozesse gewinnen wollen; arme
+Gefangene, die auf Erlösung hoffen; Sterbende sogar, die mich in
+der letzten Minute noch zu sprechen wünschen; des Heeres der
+Verliebten gar nicht zu gedenken, welches mich durch namenlose
+Anforderungen fast zu Tode martert. Darum adieu! Nun küssen Sie
+mir die Hand, Sie liebenswürdiger, junger Mann! Adieu, Sie Loser!
+Vergessen Sie nicht wieder ein Frauenzimmer, welches die Plage auf
+sich hat, Sie durch Ihr ganzes Leben begleiten zu müssen. (Macht
+ihm einen Knix und geht durch die Türe ab.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+
+
+Eduard (allein). Sonderbare Erscheinung! Soll ich ihr Glauben
+schenken? Sie ist ein Frauenzimmer –! Nun, wär' ich der einzige
+Mensch in dieser Welt, der sein Glück einem Frauenzimmer zu
+verdanken hätte? Laß sehen, schöne Hoffnung, wir wollen dich auf
+die Probe setzen, ob deine launigen Versprechungen weniger täuschen,
+als die heroischen Liebesschwüre unserer heutigen Mädchen. Dort
+ist der Fleck. (öffnet ein kleines Türchen im Boden.) Wahrhaftig!
+Bald hätt' ich meinem smaragdenen Engel unrecht getan. Hier ist
+der Schlüssel. Vivat, Eduard! Schnell ans Werk! (Öffnet die Wand,
+welche in die Höhe schwebt und einen Rahmen zurückläßt, durch
+welchen man in eine dunkelblaue, mit Gold verzierte runde Halle
+sieht, in der auf jeder Seite drei weiße mythologische Figuren
+unbeweglich stehen. Auf den sechs Piedestalen stehen die Worte:
+Dukaten, Louisdor, Taler, Sovereigndor, Perlen, Granaten. Mitten
+aber steht ein leeres rosenrotes Piedestal, welches den halben
+Kreis schließt, worauf kein Wort steht, aber eine Pergamentrolle
+liegt.--Die ganze Gruppe ist hell beleuchtet.) Bin ich in einem
+Feenpalaste? Sind diese Schätze mein? Ist es ein Traum? (Öffnet
+eine von den Türchen der Piedestale, man sieht Gold aufgehäuft.) O
+nein! Goldene Wirklichkeit! Was bedeutet diese Pergamentrolle?
+(entfaltet sie und liest.) "Teurer Sohn! Die Schätze, welche Du in
+diesem geheimnisvollen Gewölbe entdecktest, waren mein Eigentum,
+sind nun das deinige. Die sechs Statuen sind von hohem Werte; ich
+habe sie in einer huldvollen Stunde durch die Gnade des
+Geisterkönigs zum Geschenk erhalten. Mache einen weisen Gebrauch
+davon. Doch, sollte bei dem glücklichen Überfluß an Wünschen, zu
+denen Dich Deine Jugend befeuert, auch der in Deiner Brust
+aufsteigen, daß Du die siebente Statue besitzen möchtest, welche
+von rosenroten Diamanten und der größte Schatz ist, den Du auf
+Erden besitzen kannst, so wende Dich bittend an den Zauberkönig.
+Du wirst in meinen magischen Werken, die ich Dir hinterließ, die
+genaueste Anleitung finden, auf welchem Wege Du zu den Stufen
+seines Thrones gelangen kannst." (Legt die Schrift wieder hin.)
+Welch eine Reihe von Wundern drängt sich an meinen erstaunten
+Sinnen vorüber! (Tritt heraus, die Wand schließ sich.) Ist es
+Wahrheit? Diese plötzliche Veränderung meiner Glücksumstände! Ich
+war ein Bettler, jetzt bin ich ein Krösus!--Doch, was ist das für
+eine siebente Statue von rosenrotem Diamant? Welch ein dunkles
+Verlangen beherrscht mich, auch sie zu besitzen! Ach, warum kann
+ich nicht in dieser Minute zu des Geisterkönigs Füßen sinken! Gäb'
+es denn keinen wohltätigen Genius, der mich augenblicklich in seine
+Nähe bringen könnte? (Die Figur des kleinen Zauberers auf dem
+Tische verwandelt sich in den kleinen Genius Kolibri.)
+
+Kolibri (kann vor Tränen kaum reden). Ich!
+
+Eduard. Welch ein holder Knabe! Wie heißest du, lieber Knabe?
+
+Kolibri (immer weinerlich und verdrießlich). Ich bin der kleine
+Kolibri.
+
+Eduard. Und was bist du denn?
+
+Kolibri (verdrießlich). Ein Genius. Siehst du denn das nicht?
+
+Eduard. Aber warum weinst du denn?
+
+Kolibri. Weil mich meine Mutter erst geschlagen hat.
+
+Eduard. Warum?
+
+Kolibri. Damit ich dir helfen soll.
+
+Eduard. Und willst du mir denn nicht helfen?
+
+Kolibri. I ja!--Aber ich habe gerade mit den andern Genien um
+goldene Äpfel gespielt, und da hat mir meine Mutter geschafft, ich
+möcht' es stehen lassen und zu dir herabgehen, weil der Zauberfürst
+es befohlen hätte; und weil ich nicht gleich ging, so hat sie mich
+geschlagen (weint).
+
+Eduard. Du armes Kind! Wer ist denn deine Mutter?
+
+Kolibri. Eine Fee, die von ihren eigenen Mitteln lebt.
+
+Eduard. Nun, sei nur ruhig! Sieh, wenn du mir hilfst, so
+verspreche ich dir nicht nur einen, sondern viele hundert goldene
+Äpfel.
+
+Kolibri (plötzlich freudig). Ist das wahr? Ach, das ist schön.
+(Springt vor Freuden.) Jetzt gib acht, wie ich mich ansetzen werde.
+
+Eduard. Sage mir, auf welche Weise kannst du mir denn helfen?
+
+Kolibri. Ich werde dir die Mittel zeigen, durch welche du zum
+Geisterkönig gelangst. Du mußt vorher einen hohen Berg ersteigen,
+und das weitere werde ich dir schon noch heimlich stecken. Du hast
+viele Gefahren zu bestehen; wir machen eine Luftreise. Wirst du
+auch standhaft bleiben?
+
+Eduard. Gefahren stählen den Mut! Mein Verlangen nach dem
+Zauberschatze wird immer glühender. Komm und geleite mich.
+
+Kolibri. O, das geht nicht so geschwind, es ist gar ein weiter Weg;
+ich muß mich erst um eine Landkutsche umsehen. Du darfst dich
+nicht fürchten, daß ich dich umwerfe; ich bin ein guter Postillon
+und blasen will ich, daß dir die Ohren zerspringen werden.
+
+Eduard. Nun gut, ich will mich reisefertig machen.
+
+Kolibri. Du kannst dir auch einen Bedienten mitnehmen, denn du
+scheinst mir ein sehr kommoder Herr zu sein. Also, es bleibt
+dabei? Leb' wohl! In einer Viertelstunde komm' ich wieder zurück;
+und wegen der Äpfel:--Ein Mann, ein Wort!
+
+(Eduard reicht ihm die Hand hin.)
+(Kolibri schlägt ein und geht gravitätisch ab.)
+
+Eduard (allein). Bravissimo! Das geht ja prächtig! Schlag auf
+Schlag! Mein Glück fängt an mutwillig zu werden, und soviel ich
+merke, so habe ich's mit lauter dienstfertigen Geistern zu tun; da
+muß ja mein Frohsinn erwachen.
+
+
+
+Zweiundzwanzigste Szene.
+Mariandel. Florian kommt mit einem Trupp Nachbarsleute herein.
+Voriger.
+
+
+Chor.
+Kommt herein! Kommt herein!
+Werden schon willkommen sein.
+Feinde schleichen sich herein,
+Freunde treten rüstig ein.
+
+Florian. Gnädiger! Da haben Sie s', losg'lassen hab' ich s'.
+Jetzt reden S' mit ihnen.
+
+Eduard. Was treibst du denn, daß du mir diesen Trupp Menschen ins
+Zimmer bringst?
+
+Mariandel. Ja, ich bitt', Euer Gnaden, er wird närrisch. Die
+Leute! (Zu Florian.) Ich brächt' noch mehr, wenn ich wie du wäre!
+
+Florian. Ja, woher nehmen und nicht stehlen? Ich hab' die überall
+zusammeng'sucht und hab' s' hergetrieben.
+
+Eduard (zornig). Was wollen sie denn aber hier? Dummrian!
+
+Florian (zum Nachbar). So red' der Herr!
+
+Ein Nachbar. Gnädiger Herr, der Florian hat uns zusammengerufen
+und hat uns Ihre Verlegenheit erzählt. Sie waren gegen uns immer
+ein guter Herr, der uns manchmal ein Glas Wein gezahlt hat; wenn's
+auch mit dem alten Herrn nicht richtig zugegangen ist, das macht
+nichts. Wenn wir Ihnen helfen können und können Ihnen einen Dienst
+erweisen, so schaffen S' mit uns. Wir sind ja Ihre Nachbarn, wer
+weiß, wer unsern Kindern einmal was tut.
+
+Alle. Ja! ja! Schaffen S' nur, gnädiger Herr!
+
+Eduard. Ihr guten Leute, nehmt meinen herzlichen Dank! Ich kann
+zwar keinen Gebrauch von euren freundschaftlichen Gesinnungen
+machen, doch ich werde sie dankbar in mein Herz schreiben. Es hat
+sich ein Vermächtnis meines Vaters vorgefunden, das mich bestimmt,
+noch heute eine große Reise anzutreten, und wenn ich glücklich
+zurückkehre, will ich den ersten Abend meiner Ankunft in eurem
+fröhlichen Zirkel hinbringen.
+
+Alle Nachbarn. Vivat! Unser Nachbar soll leben!
+
+Ein Nachbar. So nehmen Euer Gnaden denn nichts für ungut; und
+nachher hab' ich noch eine Bitt': Werfen S' auf den Florian da auch
+keine Ungnad'! Er meint's nicht bös' und er ist gar ein gutes
+Schaf!
+
+Florian. O. du gemeiner Kerl!
+
+Ein Nachbar. Und jetzt reisen S' recht glücklich und kommen S'
+gesund wieder zurück.
+
+Alle. Glückliche Reise! (Gehen mit Bücklingen ab.)
+
+
+
+Dreiundzwanzigste Szene.
+Eduard. Florian. Mariandel.
+
+
+Eduard. Florian! Du hast meinen Entschluß gehört, mache dich
+reisefertig, du wirst mich begleiten. Der Mariandel übergebe ich
+die Schlüssel meines Hauses; ich kann mich auf deine Treue
+verlassen.
+
+Florian. Besser als ich!
+
+Mariandel. Also Euer Gnaden wollen wirklich fort? Und der Florian
+geht auch mit?
+
+Florian. Ja, der Florian geht auch mit, und die Florianin bleibt
+da.
+
+Eduard. Nur muß ich dich benachrichtigen, daß unsere Reise durch
+die Luft geht.
+
+Florian. Für mich just recht; ich bin ohnedem ein lüftiges
+Bürschel.
+
+Eduard. Also nehmt euren zärtlichen Abschied, und dann Mut,
+Florian! In einer Viertelstunde geht es den Sternen zu! (Geht ab.)
+
+
+
+Vierundzwanzigste Szene.
+Mariandel. Florian.
+
+
+Mariandel. O Spektakel! Also ist unser Herr auch mit den Geistern
+im Bunde? Und du willst wirklich mit ihm in die Luft fahren? Wie
+lang bleibt ihr denn aus alle zwei?
+
+Florian. Einige Vierteljahr'.
+
+Mariandel. So lange? Wenn ihr aber herunterfallt?
+
+Florian. Dann sind wir eher da.
+
+Mariandel. Nein, die Angst steh' ich nicht aus; ich spring' ins
+Wasser.
+
+Florian. Willst du mich zur Witwe machen?
+
+Mariandel. Du unempfindlicher Mensch! Ist dir gar nicht leid um
+mich?
+
+Florian. Schau', Mariandel, ich hab' dich g'wiß recht gern, du
+bist mein drittes Leben; aber wenn's mein' Herrn gilt, so verkauf'
+ich alle Mariandeln, wie s' sein, um zwei Groschen.
+
+Mariandel. Ich seh's schon, ich muß nachgeben. Geh nur auf deine
+Luftreise, aber gib wenigstens acht auf dich, daß du mir nicht etwa
+wo in ein Luftloch fällst und brichst dir einen Arm oder ein Paar
+Füß'.
+
+Florian. Gibst du mir kein Andenken mit?
+
+Mariandel. Ja, was denn?
+
+Florian. Einen Zehnguldenzettel.
+
+Mariandel. Du hast ja mein Herz.
+
+Florian. B'hüt' dich Gott und denk' an mich, wannst Zeit hast
+
+Duett.
+
+Florian.
+ Mariandel, Zuckerkandel
+Meines Herzens, bleib' gesund.
+
+Mariandel.
+ Floriani, um dich wan' i,
+Wenn du fort bist, jede Stund'.
+
+Florian.
+ Selbst mein Leben will ich geben,
+Wenn ich tot bin, für dich hin.
+
+
+Beide.
+ Florian. Selbst mein Leben will ich geben,
+Wenn ich tot bin, für dich hin.
+ Mariandel. Selbst sein Leben will er geben,
+Wenn er tot ist, für mich hin.
+
+
+Mariandel.
+ Wirst du, mein Florl, treu mir bleiben,
+Weil dich mein Herz auch nie vergißt?
+
+Florian.
+ Ich werd' mit nächster Post dir schreiben,
+Daß du mein Herzensbinkerl bist.
+
+Mariandel.
+ Ich mache dich zum einz'gen Erben,
+Wenn dich mein Auge nimmer sieht.
+
+Florian.
+ Wann du vielleicht derweil willst sterben,
+So gib mir lieber all's gleich mit.
+
+Mariandel.
+ Erst wann ich kann ans Herz dich drücken,
+Dann strahlt mein Auge hell und klar.
+
+Florian.
+ Da wirst du g'wiß nichts Neu's erblicken,
+Denn ich bleib' stets der alte Narr.
+
+
+Mariandel.
+ Ah, das wird ja prächtig,
+Da spring' ich hochmächtig,
+Vor Freuden in d' Höh',
+Als wie ein jung's Reh!
+
+Florian.
+ Dann gehst du zum Sperl,
+Mit dein' lieben Kerl,
+O jegerl, o je!
+Das wird ein' Gaudee.
+
+Beide.
+Dort zechen wir beide beim fröhlichen Schmaus,
+
+Florian.
+ Und wenn ich ein' Rausch krieg', so führst mich nach Haus.
+
+Mariandel.
+ Und wenn du ein' Rausch kriegst, so führ' ich dich nach Haus'.
+
+Florian.
+ O Wonne, o Wonne! sie führt mich nach Haus'.
+
+Mariandel.
+ O Wonne, o Wonne! da führ' ich ihn z' Haus'.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Fünfundzwanzigste Szene.
+(Kurze Gegend mit Schnee bedeckt vor Eduards Hause. Man hört eine
+Musik mit Posthornbegleitung, die das Anfahren eines Postwagens
+ausdrückt.)
+
+
+Kolibri (als Postillion gekleidet, kommt in einer Postkalesche, mit
+zwei russischen Füchsen bespannt, gefahren. Er bläst sein Posthorn,
+steigt ab, schnalzt mit der Peitsche und stampft mit dem Fuße vor
+dem Haustor.) Mordkreuztausend Bataillon! Die Schnellfuhr' ist da,
+aufgemacht! (Klopft an der Haustür.)
+
+Eduard (kommt aus dem Hause in einem grünen Oberrocke, mit Pelz
+ausgeschlagen). Ah, mein kleiner Fuhrmann, schon hier? Brav! Das
+heiß' ich Wort halten!
+
+Kolibri. Ja, bei uns geht alles auf der Post. Es ist ja spät,
+sonst fahren wir in die Nacht hinein.
+
+Eduard (ruft). Florian, tummle dich!
+
+
+
+Sechsundzwanzigste Szene.
+Florian (reisefertig, einen Livreefrack und einen warmen Spenser
+darüber. Fäustlinge, eine Reisemütze, er trägt mehrere Schachteln,
+zwei Parapluies, einen Stiefelknecht und eine Kaffeemaschine in den
+Armen). Alles in der Ordnung!
+
+
+Eduard (lacht). Du heilloser Kerl! Was hast du dir alles
+aufgeladen? Wirst du's gleich zurücklassen? Du siehst ja aus wie
+ein Packesel!
+
+Florian. Ich muß ja doch das Notwendigste mitnehmen.
+
+Kolibri. Gleich laß es zurück! Bist du nicht allein schwer genug
+mit deinem Kürbiskopf?
+
+Florian. Wegen meiner! (Wirft die Sachen ins Haus.) Das wird eine
+schöne Reis' werden, nicht einmal einen Koffer; und der Postknecht!
+Sein Posthörndel ist größer als er; den verlieren wir unterwegs.
+
+
+
+Siebenundzwanzigste Szene.
+Mariandel (kommt aus dem Hause, hat eine runde Schachtel, worin ein
+Gugelhupf ist, und einen großen Wäschekorb). Um des Himmels willen,
+Euer Gnaden werden doch nicht so fortfahren? Nehmen Euer Gnaden
+doch ein bisserl Wäsch' mit; es ist alles aufg'schrieben: zwölf
+Hemden, acht Paar Strümpfe, zwanzig Halstücheln, zwei Dutzend
+Halskrägen--
+
+
+Kolibri. Mordbataillon! Das können wir nicht brauchen! Einsitzen!
+Die Pferd' wollen nicht mehr stehn.
+
+Mariandel (küßt Eduard die Hand). So wünsch' ich Euer Gnaden halt
+eine glückliche Reise! Ich werd' schon das Haus hüten.
+
+Eduard. Steig ein, Bursche!
+
+Florian. Mariandel, bleib g'sund!
+
+Mariandel. Florian, mach' dich gut zusammen, daß du mir keinen
+Eselshusten kriegst. Da hast ein altes Pelzpalatin'l von mir (sie
+gibt ihm's um). Und in der Schachtel da ist ein Gugelhupf; aber
+beiß dir keinen Zahn aus. (Sie stellt ihn neben sich.) Und jetzt
+leb' wohl, lieber Florian! Vielleicht seh' ich dich nimmermehr.
+
+Florian. O Mariandel, mir druckt's mein Herz ab (weint).
+
+Mariandel. Nicht wahr, du wirst mich nicht vergessen?
+
+Florian (weinend). Nein! Wo ist denn der Gugelhupf?
+
+Mariandel. Florian!
+
+Florian (weint stark). Den Gugelhupf!
+
+Mariandel. Könntest du in mein Herz sehen!
+
+Florian. Sein Weinberl drin?
+
+Mariandel. Nu, da hast ihn, du Vielfraß! (Gibt ihm die Schachtel.)
+
+Kolibri (stampft). Jetzt weiter, ins Teixels Namen! (Haut Florian
+mit der Peitsche unter die Füße und treibt ihn so auf den Löffel.
+Alle sitzen auf, und unter dem Ausrufe: Florian leb' wohl.
+Mariandel, denk' an mich! fahren sie unter Posthornschall ab.)
+
+
+
+Achtundzwanzigste Szene.
+Mariandel (allein). Jetzt sind sie fort, und mich arme Köchin
+lassen s' allein in der Brisil. Wenn nur mein Florian nicht krank
+wird, er ist gar so schwächlich; ich hab' ihm mit Fleiß seine Brust
+recht eingemacht, weil s' so zart ist. Er hat das Frühjahr ohnedem
+eine Kur gebraucht, hat Molken getrunken und Plutzerbirn' dazu
+gegessen, half aber nicht viel. Wann er aber glücklich zurückkommt,
+so will ich eine Mahlzeit kochen, die sich sehen lassen soll.
+
+
+Arie.
+Die Ehre ist fürwahr nicht klein,
+Recht eine gute Köchin z' sein;
+Doch wann die Lieb' im Köpfchen schnalzt,
+G'schieht's, daß die Suppe sie versalzt.
+Wenn hübsche Herren bei uns speisen,
+Muß unser Herr die Zimmer weisen,
+Doch oft, mit ganz zerstreutem Sinn,
+Stehn s' mitten in der Kuchel drin.
+
+Da sagen s' gleich: "Schöne Mariandel,
+O gib mir doch dein liebes Handel!"
+Doch ich, ich dreh' mich nicht herum,
+Und rühre meine Zuspeis' um.
+
+Will einer Liebe mir beweisen,
+Und Küsse von den Lippen speisen:
+Bei dem wird meine Treue kund,
+Dem wisch' ganz höflich ich den Mund.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Neunundzwanzigste Szene.
+(Tiefe Gegend mit einem hohen Berg, auf welchen sich ein breiter
+Weg hinaufwindet, so, daß er drei Etagen bildet. Oben am Ende des
+dritten Weges ein Portal, mit der transparenten Ausschrift:
+Zaubergarten. Weiter entfernt sieht man im Perspektiv den Vesuv
+des Zauberkönigs rauchen. An den Kulissen sind lauter
+hervorragende Hügel angebracht, an diesen sowohl als am Berge
+wachsen viele farbige Blumen, in Gestalt der Sonnenwende; statt dem
+mittlern Kopf aber sind kleine Menschengesichter gemalt. Bei
+Verwandlung der Bühne ist das Theater rückwärts mit mehreren Tieren
+besetzt; ein indianischer Hahn, mehrere Affen, ein Bär, ein
+Fleischhauerhund, welche alle auf den Gesang des Baumes horchen.
+Der Baum singt eine beliebige Polonaise gleich bei der Verwandlung.)
+
+
+Koliphonius (tritt auf mit einer Gießkanne und einem Korb mit
+Früchten. Wie er hereinkommt, schweigt der Baum. Er hat ein
+weites Kleid mit roten Flammen garniert, und eine Schlangenkrone
+auf dem Haupte). Nun, vierfüßiges Gesindel! Wie steht's? (Die
+Tiere versammeln sich um ihn.) Jetzt muß ich meine Verwunschenen
+füttern! Ein schönes Institut! Toren, warum habt ihr so
+bewegliche Köpfe gehabt, die zum Umschauen gemacht waren? Der
+Koliphonius ist gar ein feiner Kerl. Alle habe ich sie noch in
+mein Netz gebracht. Keiner ist zum Zauberkönig gelangt. Da! Und
+jetzt trollt euch. (Gibt ihnen die Früchte preis, sie gehen
+langsam damit ab.) Die Tiere waren Männer. Jetzt wollen wir die
+bezauberten Blumen begießen; das waren lauter neugierige
+Frauenzimmer, die den Geisterkönig um ewige Schönheit bitten
+wollten (begießt sie). Was seh' ich? Beim neunarmigen Styx, dort
+kommen Menschen an! Heißa! Koliphonius, nimm dich zusammen! Ihr
+sollt mir nicht entwischen. Frisch ans Werk! Tut eure
+Schuldigkeit, ihr singenden Zweige oben; lockt sie hinauf, singt
+bezaubernde Melodien; singt Rossinische: sie locken ja ins
+Schauspielhaus, so werden sie auch hier ihre Wirkung nicht
+verfehlen.
+
+
+
+Dreißigste Szene.
+Kolibri. Eduard. Vorige.
+
+
+Eduard. Also hier ist dein berüchtigter Zauberberg? Und jener
+feuerspeiende Berg, sagtest du, ist die Wohnung des Geisterkönigs?
+
+Florian. Logiert der in einem Rauchfang?
+
+Kolibri. Dort ist seine Wohnung.
+
+Eduard. Und diesen Berg muß ich ersteigen, ohne umzublicken? Und
+dem höchsten Baum in jenem Garten muß ich einen Zweig entreißen?
+
+Kolibri. Ja! Doch muß ich dich jetzt verlassen, und darf dich
+erst wiedersehen, wenn du glücklich vollendet hast.
+
+(Baum singt einige Takte aus einer bekannten Rossinischen Oper.)
+
+Eduard. Was hör' ich für angenehme Melodien! Ich kenne euch, ihr
+habt mich oft vergnügt.
+
+(Baum singt einige Takte von Mozart.)
+
+Eduard. Ha, das ist Mozart! O, meine vaterländischen Töne! Ihr
+könnt nicht nur vergnügen, ihr könnt auch begeistern. Lebt wohl!
+Ich besteige den Berg.
+
+Kolibri. Hüte dich! Sieh dich nicht um, ich darf dich nicht
+beschützen. (Zu Florian.) Komm, Bursch'!
+
+Florian. Marsch, Bursch'! Ich bleib' bei meinem Herrn. (Kolibri
+geht ab.)
+
+Melodram.
+
+Eduard (beginnt seine Wanderung. Er betritt den ersten Weg. Vier
+reizende Nymphen zeigen sich und suchen ihn durch Winke zum Umsehen
+zu bringen; endlich formieren sie bei einer Ferma in der Musik eine
+ihn umschlingende und zurückhaltende Gruppe. Eduard reißt sich los,
+ ohne sich umzusehen, und ruft; Laßt mich, Bajaderen! Die Nymphen
+verschwinden schnell. Eduard betritt den zweiten Weg; es wird
+plötzlich finster. Der Donner rollt und schlägt vor ihm in einen
+Baum ein, welcher einen Augenblick brennt. Pause in der Musik.) Du
+schreckst mich nicht! Vorwärts! (Der Baum verlischt, die Bühne
+wird wieder hell. Eduard betritt den dritten Weg; ein Grieche mit
+gezücktem Dolche verfolgt ein Mädchen, welches sich an Eduard von
+rückwärts anklammert und Hilfe! Hilfe! ruft; er reißt sich los
+und ruft. Zurück! Beide versinken.) Viktoria, es ist gelungen!
+(Eilt in die Pforte. Man hört durchs Sprachrohr Koliphonius'
+Stimme: Verdammt! Die Musik drückt den Triumph aus.)
+
+Florian (hat während der ganzen Szene seine Empfindungen mimisch
+ausgedrückt, macht einen Rundsprung). Juhe! Das ist ein Mandel
+mit Kren, mein Herr! Und ich soll hier stehen bleiben, wie ein
+Spatzenschrecker? Nein! Hinauf auf den Lepoldiberg! Vielleicht
+erwisch' ich auch eine bezauberte Nagelwurzen! (Musik; er eilt auf
+den Berg; vier Oberländler-Küchenmädchen mit Linzerhauben und
+schwarzen Vortüchern machen das vorige Spiel. Pause in der Musik.)
+Zurück, ihr Kuchelmamsellen! (Die vier Mädchen verschwinden. Er
+tritt den zweiten Weg an, es kommen zwei Mann Soldaten mit
+angeschlagenem Gewehre, einen Korporalen dabei, welcher kommandiert:
+ Schlagt an! Habt acht! Gebt Feuer! Auf das Wort: Feuer fällt
+Florian auf das Gesicht vorwärts nieder; die Soldaten schießen über
+ihn weg und verschwinden. Er rafft sich auf und ruft: Weit davon
+ist gut vorm Schuß! Er betritt den dritten Weg. Ein Kellner hält
+ihn zurück, und ruft: Meine zehn Gulden! er schlägt rückwärts aus:
+Zurück, Ungeheuer! und wirft ihn nieder; Kellner entflieht.)
+Triumph! Es ist gelungen! (Er will ins Portal; in dem Augenblick
+erscheint Mariandels Gestalt hinter ihm und ruft: Florian! Florian!
+Florian schaut sich schnell um und ruft: Mariandel! Er will auf
+sie zu, sie verschwindet; eine Furie reißt ihn rückwärts nieder.)
+
+Koliphonius (erscheint am Fu9e des Berges). Er ist mein!
+Verwandle dich in einen Pudel! (Eine Hundshütte erhebt sich über
+Florian; er läuft als Pudel über den Berg herab und sucht ängstlich
+seinen Herrn. In dem Augenblick kommt Eduard frohlockend, den
+Zweig in der Hand, aus dem Garten über den Berg und ruft: Florian!
+Florian! Der Pudel springt an ihm hinauf und liebkoset ihn. Pause.)
+
+Eduard. Was ist das? Was will der Pudel?
+
+Kolibri (tritt heraus). Es ist dein Diener.
+
+Eduard. Unglücklicher! Was hast du getan? (Pause.) Ich will dich
+auch so nicht verlassen. Komm, Sinnbild der Treue! Fort von
+diesem Ort! (Nimmt den Pudel bei dem Halsbande und will ihn
+fortziehen.)
+
+Koliphonius (ruft). Halt! Er bleibt hier! Mein ist der Hund; ich
+bin hier Herr.
+
+Eduard. Mit meinem Leben will ich ihn verteidigen! Er bleibt
+nicht hier.
+
+Koliphonius. Nicht? (Verwandelt sich in einen Jäger.) So
+erschieß' ich ihn. (Bückt sich, sein Gewehr aufzunehmen, ein
+Genius bringt es, Koliphonius spannt den Hahn.)
+
+(Kolibri winkt. Plötzlich springen acht Pudel, eben so gezeichnet
+wie Florian, auf die Bühne und bilden mit ihm ein Tableau, das
+ganze übrige Theater aber ist auf allen Bergen und Seitenhügeln mit
+lauter gemalten Pudeln angefüllt, welche sich nach Verhältnis der
+Tiefe perspektivisch kleiner zeigen, in komischen Gruppen, und ein
+Tableau formieren.)
+
+(Koliphonius will zielen, prallt zurück.)
+
+Eduard. Bravo, Kolibri! Jetzt schieß den rechten, wenn du ihn
+kennst, aber schnell, denn alle nehm' ich sie nicht mit mir.
+
+Koliphonius. So will ich sie alle verderben. (Winkt; die Bühne
+verfinstert sich. Blitze leuchten, heftiger Regen. Das Wasser
+schwillt immer höher, Kolibri und Eduard befinden sich mitten auf
+einem Felsen, welcher sich aus dem Wasser emporhebt und hoch
+herausragt. Die Pudel schwimmen um ihn herum. Pause in der Musik.)
+
+Eduard. Er ist verloren!
+
+Kolibri. Wirf ihm den Zweig zu.
+
+Eduard (wirft den Zweig ins Wasser und ruft) Florian, Apport! Der
+Pudel sucht ihn zu haschen, arbeitet sich mit dem Zweig in dem Mund
+auf den Felsen hinan, wo Eduard steht. Wie er oben ist, ruft
+Eduard unter Musik: Er ist gerettet! Der Felsen verwandelt sich in
+ein Segelschiff und fährt mit den Dreien davon.
+
+Koliphonius (ruft). Fluch und Verderben über euch! (Der Pudel
+bellt im Fortfahren mit Wut auf ihn hinaus.)
+
+(Die Kurtine fällt.)
+
+Ende des ersten Aufzuges.
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug.
+(Palast des Longimanus mit einem Seitenthron.)
+
+
+
+Erste Szene.
+Longimanus sitzt auf dem Throne, um ihn mehrere dienstbare Geister.
+
+(Großer Tanz von idealen Geistern, am Ende eine Gruppe.)
+
+
+Chor. Heil, Longimanus!
+
+Longimanus. Ist schon gut, schon gut! Bedank' mich aufs
+allerschönste. (Für sich) Freut mich recht, daß s' mir haben heute
+einen kleinen Tanz gemacht, weil morgen mein Namenstag ist.
+
+(Der Chor ab).
+
+
+
+Zweite Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Pamphilius (überreicht dem Longimanus einige Visitenkarten).
+Zauberer Vanille; Fee Maraskino!
+
+Longimanus. Aha! Kommen schon die Billetten ang'stochen. (Liest.)
+La Hexe de Marascino et sa famille. Monsieur Vanille,
+Professeur de la Magie. Ich lass' mich bedanken; meine Empfehlung.
+Auf mein' Namenstag freu' ich mich immer, wie ein Kind, bloß wegen
+die Zugbilletten. (Nimmt ein Zugbillett.) Da schau' einmal, wie
+man bei dem Kerl anzieht, reckt er den Fuß in die Höhe. (Lacht.)
+Ist das nicht prächtig?
+
+Pamphilius (lacht). O, scharmant! Das ist ein herrlicher Gedanke.
+
+Longimanus. Wie den Neujahrstag; den hab' ich auch so gern, wenn
+die Leut' glückwünschen kommen. Warum? Weil man gewiß überzeugt
+ist, daß es ihnen vom Herzen geht. (Man hört den Pudel von außen
+bellen.) Wer bellt denn da draußen?
+
+Pamphilius (sieht hinaus). Ein großmächtiger Pudel!
+
+Longimanus. Will er mir vielleicht auch zum Namenstag gratulieren?
+Schau doch hinaus.
+
+(Pamphilius geht ab.)
+
+Longimanus. Wenn der mir seine Aufwartung machen wollt', das war'
+wirklich zu viel; da müßt' ich protestieren.
+
+
+
+Dritte Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Pamphilius (kommt zurück). Herr! Zephises' Sohn hat die Reise
+nach dem Zaubergarten glücklich vollendet und wagt es, sich dir zu
+Füßen zu werfen.
+
+Longimanus. Hör' auf! Das ist ein Tausendsasa! Hat sich nicht
+umgeschaut! Auf die Letzt hat er gar das Rheumatische im Hals, daß
+er den Kopf nicht hat umdrehen können. Er soll hereinkommen; doch
+seinem Vater sagst, daß er nicht herüber kommt; er darf nicht reden
+mit ihm. Aber wegen was hat er denn einen Pudel?
+
+Pamphilius. Vielleicht ist er ein Pudelnegoziant. Ich werd' ihn
+gleich hereinschicken. (Geht an die Kulisse und läßt Eduard herein.)
+
+
+
+Vierte Szene.
+Eduard. Vorige.
+
+
+Eduard. (kommt, hat den Zweig in der Hand und stürzt zu des
+Longimanus Füßen). Mächtiger Zauberfürst!
+
+Longimanus. Ich bitt' recht sehr, stehen Sie auf, ist alles zuviel.
+(Hebt ihn auf, zu Pamphilius.) Bring' Er Sesseln!
+
+(Pamphilius bringt zwei Sesseln.)
+
+Longimanus. So! Jetzt geh nur hinaus! (Pamphilius geht ab.)
+Nehmen S' Platz.
+
+Eduard. Sonne der Welt! Du zermalmst mich durch deine Güte.
+
+Longimanus. Warum nicht gar! Reden S' nur frei heraus von der
+Leber weg. Mit was kann ich dienen? Sie sind also der kleine
+Eduardl?
+
+Eduard. Ja, ich bin die arme Waise.
+
+Longimanus. Nun, wenigstens müssen S' in Ihrem Waisenhaus eine
+gute Kost gehabt haben; Sie sind recht auseinander gangen.
+
+Eduard. Nur durch das Vermächtnis meines unglücklichen Vaters bin
+ich seit kurzer Zeit in den Besitz jenes großen Reichtums gelangt,
+den er durch deine hohe Gunst erhalten hat. Ich bin hier, dich um
+eine Gnade anzuflehen. Doch, bevor ich diese Bitte wage, liegt
+eine andere mir--(Der Pudel bellt.)
+
+Longimanus. Ja, Apropos! Du hast ja einen Kameraden bei dir? Laß
+mir ihn doch herein. He, laßt den Pudel herein!
+
+(Der Pudel springt herein, zuerst auf Eduard und liebkost ihn, dann
+zum Zauberkönig.)
+
+Longimanus. Nun, mich freut's, Ihre Bekanntschaft zu machen. Das
+ist ein spaßiger Kerl. Wie spricht der Hund? Schau', gibt keine
+Antwort. Ach, den müssen Sie mir zum Präsent machen, ich werd' ihm
+gleich die Ohren schneiden lassen. He!
+
+(Der Pudel fangt zu lamentieren an und verkriecht sich hinter
+Eduard.)
+
+Eduard. Um alles in der Welt nicht! Eben das Schicksal dieses
+armen Pudels war es ja, worüber ich dich um Gnade anflehen wollte.
+
+Longimanus. Das ist doch schrecklich, was das Schicksal treibt;
+jetzt kommt's gar über die Pudeln!
+
+Eduard. Dieser Ärmste ist mein Diener; seine Anhänglichkeit an
+mich verleitete ihn, den Zauberberg nach mir zu besteigen, und ein
+einziger Rückblick hat ihn in diese schreckliche Lage versetzt.
+
+Longimanus. Wie ist er denn dem Koliphonius entwischt? Hat gewiß
+wieder das kleine Spitzbübel, der Kolibri, sein' Hokuspokus gemacht.
+Dem Buben lass' ich noch einmal einen Schilling geben.
+
+Eduard. Habe Mitleid! Schenke ihm seine vorige Gestalt wieder!
+
+Longimanus. Nu, wegen meiner; so laß ihn da in den Zauberkasten
+hinein. (Er öffnet den Kasten und läßt den Pudel hinein.) Ich
+bitt', hineinzuspazieren. (Zu Eduard.) Und jetzt ruf ihn dreimal
+beim Namen.
+
+Eduard. Florian! Florian! Florian!
+
+Florian (im Kasten). Na, aufmachen da! Sapperment!
+
+(Eduard öffnet den Kasten.)
+
+Florian (kömmt im größten Zorn heraus). Ah, das ist ja inpertinent!
+ Mord dividomine! (Stößt plötzlich gegen den Zauberkönig und
+fällt ängstlich auf beide Knie nieder.) Ui jeges! Ich bitt'
+tausendmal um Verzeihung, Euer Langmächtigkeit!
+
+Longimanus. Das ist ein zorniger Nickel! So geht's, wenn man
+manchmal Leuten Gefälligkeiten erweist, so sind s' noch recht grob
+dafür.
+
+Eduard. So bedank' dich doch, unartiger Bursche! Dem
+Geisterkönige verdankst du deine jetzige Gestalt wieder.
+
+Florian. Ich küss' die Hand, Euer Hochmächtigkeit!
+
+Longimanus. Ich weiß nicht, ob Er viel profitiert hat bei seiner
+Verwandlung; Er ist mir als Pudel viel gescheiter vorgekommen als
+jetzt. Also weiß Er jetzt, wie einem Pudel zumute ist?
+
+Florian. Ah, das war ja ein Hundsleben; das möcht' ich meinem
+ärgsten Feind nicht wünschen. Aber wie ist denn meine Mariandel
+daher kommen?
+
+Longimanus. Das war nicht Seine Mariandel! Wir haben Mariandeln
+g'nug. Punktum! Also künftig g'scheiter sein. (Zu Eduard.) Also,
+mein lieber Eduard, den hätten wir. Was willst denn noch, mein
+Kind?
+
+Eduard. Laß mich niedersinken und--
+
+Longimanus. Der Mensch hat so schwache Nerven, alle Augenblick'
+sinkt er.
+
+Eduard. Du hast meinem Vater sechs Statuen zum Geschenk gemacht,
+doch die siebente, kostbarste, mächtiger Zauberkönig! zürne nicht,
+wenn ich mich erkühne, auch ihren Besitz von deiner
+unerschöpflichen Großmut zu erflehen.
+
+Longimanus (macht große Augen und sagt mit Gewicht). Die siebente
+Statue willst du? Ja, die hat einen Wert; da kriegt man schon in
+einem jeden Versatzamt was d'rauf.
+
+Eduard. O, schenke sie mir!
+
+Florian. Rucken S' heraus damit!
+
+Longimanus. Nur Geduld! Weißt du was? Umsonst ist der Tod! Wenn
+man etwas haben will, so muß man auch etwas dafür tun; nicht wahr?
+
+Florian. Ja, springen muß man immer was lassen.
+
+Longimanus. Also Schwierigkeit gegen Schwierigkeit! Du sollst die
+diamantene Statue haben, aber--du mußt mir dafür ein Mädchen
+aussuchen, welches in ihrem achtzehnten Jahre ist und noch in ihrem
+Leben keine Lüge über ihre Lippen gebracht hat.
+
+Florian Da kriegen wir s' nicht, die Statue!
+
+Eduard. Hoher Herr! Du machst eine große Forderung an mich
+schwachen Sterblichen; doch ich will auch das Unwahrscheinliche
+wagen für den Besitz dieses Zauberschatzes.
+
+Longimanus. Du willst also? Eh bien! Wenn du sie aber gefunden
+hast, so bringst du sie augenblicklich hierher und erwartest mich
+am Fuße meines rauchenden Palastes. Unterstehst du dich aber,
+einen Augenblick mit ihrer Übergabe zu zögern, so ist dein Leben
+verloren. Ja, schau' mich nur an! Ich mach' kein' Spaß!
+Augenblicklich, da kommt kein Pardon!
+
+Eduard. Ich füge mich deinem Ausspruche. Doch, wie wird es mir
+möglich werden, diese Priesterin der Wahrheit zu erkennen? Wie
+kann ich erfahren, ob ein Mädchen auch nicht im Scherze noch
+gelogen hat! Wer im ganzen Hause wird mir das sagen können?
+
+Florian. Nur beim Hausmeister erkundigen.
+
+Longimanus. Da hast du recht. Da muß ich dir ein Kennzeichen
+geben.
+
+Florian. Ja. fragen S' nur mich allemal; ich werd' Ihnen's schon
+sagen.
+
+Longimanus. Richtig, durch den sollst du's wissen, weil er gar so
+eine Freud' damit hat, unser Freund.
+
+Florian. Ja, ich bitt', Euer Herrlichkeit! Ich g'freu' mich schon.
+
+Longimanus. Wenn du ein Frauenzimmer prüfen willst, so ergreife
+ihre Hand; hat sie schon einmal gelogen, so wird dieser Bursche da
+im ganzen Körper entsetzliche Schmerzen empfinden.
+
+Florian (ganz erstarrend). Mich trifft der Schlag!
+
+Longimanus. Es wird ihn reißen, stechen, kurz, alles mögliche, was
+er sich nur selbst wünschen kann.
+
+Florian. Ich bitt', das ist wirklich zuviel!
+
+Longimanus. Und je mehr Lügen, als eine in ihrem Leben gesagt hat,
+in desto größere Zuckungen wird er verfallen.
+
+Florian. Sie verzeihen, aber ich muß hinaus! (Will fort.)
+
+Eduard. Halt! Warum denn?
+
+Florian. Mir wird nicht gut.
+
+Longimanus. Du bleibst da!
+
+Florian. Euer Herrlichkeit, das geht nicht; das bringet mich ja
+ins Spital!
+
+Longimanus. Schweig! Also--wo sind wir geblieben? Richtig, desto
+mehr Reißen wird er empfinden.
+
+Florian (will fort). Hören Euer Herrlichkeit mit dem Reißen auf,
+oder es reißt mich zur Tür hinaus. Wer wird denn in einem
+rheumatischen Dienst bleiben?
+
+Longimanus. Langsam! Auf Regen folgt Sonnenschein. Wenn du aber
+eine findest, die noch nie gelogen hat, so wird er ein
+außerordentliches Wohlbehagen empfinden. Es wird ihm so leicht
+sein und so froh, als wie einem Menschen, der das erstemal einen
+Langaus tanzt.
+
+Florian. Ja, wenn er sieben Jahre die Gicht g'habt hat. Nun, ins
+Himmelsnamen, lassen wir uns halt eine Weile herumreißen.
+
+Eduard. Sei ruhig, Florian! Wenn ich mein Ideal gefunden habe, so
+will ich dich reichlich belohnen.
+
+Florian. Mich? O je, wo bin ich da schon? Bis dorthin reißt's
+Ihnen ein dreihundert Bediente z'samm', wie nichts.
+
+Longimanus. Und jetzt macht's, daß Ihr weiter kommt. Wie willst
+denn fahren? (Ruft.) He, Pamphilius!
+
+
+
+Fünfte Szene.
+Pamphilius. Vorige.
+
+
+Longimanus (zu Pamphilius). Laß ihnen meine zwei alten Drachen
+einspannen, die ich vor meinem Galawagen habe, das sind doch ein
+Paar sichere Tiere.
+
+Pamphilius. Mächtiger Herrscher, das ist unmöglich! Der Handige
+hat sich einen Flügel gebrochen.
+
+Longimanus. Da hast es ja. Das ist von dem g'schwinden Fahren.
+Jetzt darf ich wieder langmächtig suchen, bis ich einen gleichen
+dazu krieg'. Weißt du was? Fahr du in einem Luftballon, und wo er
+mit dir niedergeht, dort probier' dein Glück. Geht's hinüber in
+die Schupfen um einen Luftballon, der Kolibri soll kutschieren.
+
+(Pamphilius geht ab.)
+
+Longimanus. Also viel Glück! Für ein schön's Wetter werd' ich
+schon sorgen, und wollt Ihr andere Kleider, nur drüben mein'
+Schneider sagen, in fünf Minuten sind sie fertig.
+
+Eduard. Hoher Geisterfürst! Mit mutigem Vertrauen trete ich meine
+Reise an, mein höchstes Glück liegt in deiner Hand.
+
+Florian. Mächtiger Zauberfürst und wohlgeborner Zechmeister der
+löblichen Geisterzunft! Mit der entsetzlichsten Tremarola tret'
+ich meine Reise an; haben Sie Mitleid mit meiner schwachen
+Konstitution, und denken Sie, daß ein Mensch keine solchen
+Schmerzen mehr auszustehen vermag, der sich erst vor kurzem noch so
+herumgepudelt hat.
+
+Longimanus. So wart' Er noch ein wenig! Das ist ein närrischer
+Mensch! Es geschieht Ihm ja nichts, wegen was lamentiert Er gar so?
+
+Florian. Sehen Euer Herrlichkeit, mir ist nur, wenn ich eine
+verrissene Physiognomie bekäme, meine Mariandel schauet' mich in
+ihrem Leben nicht mehr an.
+
+Longimanus. Was ist denn das für eine Person, die Mariandel? Ist
+s' denn gar so hübsch?
+
+Florian. No, wann S' was g'spannen; das ist eine barbarische
+Schönheit. Die ganze Welt darf man ausreisen, es gibt keine.--Ach,
+ich glaub' nicht, daß man in der Walachei eine findet.
+
+Longimanus. Nu, bravo! Die muß Er mir einmal aufführen.
+
+Florian (lacht). Ach nein! Euer Herrlichkeit sind gar ein
+G'spaßiger? Sie könnten mir s' abwendig machen.
+
+Longimanus. So sei Er nur nicht so kindisch; was fallt Ihm denn
+ein?
+
+Florian. Nein, nein! Was nützt denn das? Ich gib s' nicht aus
+der Hand. Wer mir meine Mariandel stehlet, der wär' ein Kind des
+blassen Todes! Ha! da würde ja gerauft! Euer Herrlichkeit sind
+ein stattlicher Mann, aber die Schläg' möcht' ich Ihnen nicht
+wünschen, denn meine Mariandel ist meine einzige Passion!
+
+Arie.
+D' Mariandel ist so schön,
+D' Mariandel gilt mir all's,
+Und wenn ich s' nur erwischen kann,
+Fall' ich ihr um den Hals.
+Es gibt zwar der Mariandeln viel
+Auf dieser weiten Welt,
+Doch keine, die so herzig ist,
+Und die mir so gefällt.
+D' Mariandel ist so zart,
+Ja, ich gesteh' es frei,
+Bis sie ein halbes Knödel ißt,
+Derweil hab' ich schon drei.
+Und wenn ich oft recht hungrig bin,
+Zerspringt ihr fast das Herz,
+Da lauft s' nur g'schwind in d' Kuchel naus
+Und kocht mir einen Sterz.
+
+D' Mariandel ist so treu,
+D' Mariandel ist so frumm,
+Und wenn ich s' nicht bald z'sehen krieg',
+So bring' ich mich noch um.
+Denn wer nur a Mariandel hat,
+Der weiß es so, wie ich;
+Nicht wahr? So oft man an sie denkt,
+Gibt's einem einen Stich!
+
+Repetition.
+D' Mariandel ist gar g'scheit,
+D' Mariandel ist nicht dumm,
+D' Mariandel meint, in Wien dahier
+Wär's beste Publikum!
+Drum glaub' ich der Mariandel auch,
+Sie hat mich nicht vexiert;
+Ich hab' auf ihren Spruch vertraut
+Und hab' mich nicht geirrt! (Ab.)
+
+Longimanus (allein). Jetzt haben s' schon Zeit gehabt, daß sie
+gegangen sind. Nicht einmal sein Schalerl Kaffee kann man mit Ruhe
+trinken. (Ruft.) Pamphilius!
+
+
+
+Sechste Szene.
+Pamphilius. Voriger.
+
+
+Longimanus. Die neuen Bücher, die ich aus der Leihbibliothek
+gekriegt hab', tragst ins Lesekabinett hinüber und bringst alles in
+Ordnung, ich will lesen.
+
+Pamphilius. Befiehlst du auch einen aromatischen Rauch im Zimmer?
+
+Longimanus. Später kannst du mir ein bißl einen blauen Dunst
+vormachen. Und jetzt hinüber, richt' alles her. Mein Tischerl,
+zwei Wachskerzen und dann das Buch von der Agnes Bernauerin; das
+Stück les' ich jetzt schon vierzehnmal, und ich weiß immer noch
+nicht, warum sie s' denn eigentlich ins Wasser geworfen haben.
+Jetzt komm, Pamphilius. (Beide gehen ab.)
+
+
+
+Siebente Szene.
+Platz, von hohen schönen Gebäuden umschlossen, doch alle ohne
+Fenster im griechischen Geschmacke erbaut. Rechts der Eingang in
+den Palast des Veritatius. Links vorne eine Erhöhung von
+steinernen Stufen, worauf der Sitz sich befindet, hinter dem die
+Statue der Wahrheit steht. Eine nackte Figur mit der Sonne auf der
+Brust.)
+
+
+Chor der Einwohner.
+Stille, stille! Harrt bescheiden,
+Bis des Hornes Ruf ertönt.
+Schrecklich muß der Freche leiden,
+Der des Herolds Wort verhöhnt.
+Was wird er uns wohl verkünden,
+Was muß vorgefallen sein?
+Doch wir werden's bald ergründen,
+Seht, hier tritt er ja schon ein.
+
+
+
+Achte Szene.
+Vorige. Zwei Diener des Herolds treten vorauf und stoßen dreimal
+in ihr goldenes Horn, welches der römischen Tuba gleicht. Dann
+tritt der Herold in die Mitte.
+
+
+Rezitativ.
+Herold.
+Bewohner des friedlichen Landes!
+Ich bin erschienen, euch zu verkünden
+Die Befehle unseres Herrschers.
+Schon wenn die nächste Stunde tönt,
+Müßt ihr euch hier auf sein Geheiß versammeln.
+Er wird ein Mädchen heut bestrafen,
+Und sie verscheuchen aus des Landes Grenzen,
+Weil frech die Sitten sie verhöhnet,
+Die doch mit Milde uns beglücken,
+Und die allein sind unsres Landes Stolz.
+
+Arie mit Chor.
+
+Herold.
+ Hier im einsam stillen Lande,
+Wo der ew'ge Friede wohnt,
+Webt die Freundschaft feste Bande,
+Wird die Liebe süß belohnt.
+
+Chor.
+ Webt die Freundschaft feste Bande,
+Wird die Liebe süß belohnt.
+
+Herold.
+ Darum wandelt, meine Brüder,
+Mit Bedacht zur Arbeit hin,
+Nur der Vorsicht weihet Lieder,
+Denn die Hast bringt nie Gewinn.
+
+Chor.
+ Nur der Vorsicht weihet Lieder,
+Denn die Hast bringt nie Gewinn.
+
+(Alle gehen ab.)
+
+(Die Musik geht nach dem Chor in eine artige Variation, über das
+Thema: "Es reisen drei Schneider zum Tore hinaus, ade!" über.)
+
+
+
+Neunte Szene.
+(Der Luftballon, welcher eine dunkelblaue Kugel vorstellt, aber
+nicht mit den gewöhnlichen Streifen, sondern quer ein Paar weiße
+Bordüren hat und zwei weiße Flügel, welche zu beiden Seiten
+angebracht sind, geht langsam nieder.)
+
+
+Eduard, Florian, Kolibri als Luftfahrer mit einem rosenroten
+Fähnlein steigen aus dem daranhängenden goldenen Schifflein.
+Eduard trägt eine grüne Zivil-Uniform, weißes Beinkleid und
+Federhut. Florian rote Livree mit Goldborten.
+
+Kolibri. Also hier wären wir, Mongolfier hat seine Schuldigkeit
+getan. Jetzt vollende du das weitere.
+
+Eduard. Wo sind wir denn eigentlich?
+
+Kolibri. Das wirst du schon erfahren; ich handle ganz zu deinem
+Besten. Kolibri ist nicht dumm. Jetzt verlasse ich dich, und wenn
+du mich brauchen wirst, werde ich gleich bei der Hecke sein.
+(Nimmt einen andern Ton an und den Hut ah.) Euer Gnaden, ich bitt'
+um mein Trinkgeld!
+
+Eduard. Ja, richtig! Hier, mein kleiner Fuhrmann! (Gibt ihm ein
+Goldstück.)
+
+Kolibri. Euer Gnaden verzeihen, ich habe noch etwas gut von der
+letzten Station; wissen S', mit die Füchseln? Es waren zwei
+Goldfüchsel, und Sie haben mir da nur eines gegeben (hält ihm das
+Goldstück vor).
+
+Eduard (gibt ihm noch eines). Ja so! Bist du so geldgierig?
+
+Kolibri. Das versteht sich! Ich muß mir ja was zusammensparen auf
+meine alten Tag'. Empfehle mich gar schön. (Macht einen Kratzfuß
+und steigt in den Luftballon, der mit ihm sogleich fortfährt.)
+
+Eduard. Eine sonderbare Stadt! Es ist alles so stille in den
+Straßen, als ob sie unbewohnt wäre. Nun, Freund Florian, warum so
+betrübt? Gefällt es dir hier nicht?
+
+Florian (der durch die ganze Szene sehr trübselig aussah und öfters
+nachzudenken schien). Nein! Für mich blühen auf diesem Boden
+keine Rosen!
+
+Eduard. So sei nur nicht so einfältig! Es wird ja den Hals nicht
+kosten.
+
+Florian. O, ich bitte, schweigen Sie! Glauben Sie, das ist ein
+Spaß, wenn's einem was wegreißt? So weit hab' ich's gebracht! Das
+ist das Los des Schönen auf der Erde!
+
+Eduard. Jetzt befehle ich dir, zu schweigen und an jenem Palast zu
+läuten, daß wir hören, wo wir sind.
+
+Florian. Na, es ist recht; ich will alles tun. Verzweiflung, nimm
+dein Opfer. (Er läutet.)
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Aladin, der Aufseher dieses Palastes, öffnet die Tore und tritt
+heraus. Vorige.
+
+
+Aladin. Was seh' ich? Fremdlinge? Durch welche Zaubermacht seid
+ihr hierher gelangt und was begehret ihr von uns?
+
+Eduard. Willst du, würdiger Unbekannter, mir wohl vorher die Frage
+beantworten, wo ich mich eigentlich befinde?
+
+Aladin. Du befindest dich in dem Lande der Wahrheit und der
+strengen Sitte, und dein Fuß berührt den Boden unserer Hauptstadt.
+
+Eduard. Freue dich, Florian, wir sind unserem Ziele nah'.
+
+Florian. Ich wollt', ich wär' noch weit von meinem Ziel.
+
+Aladin. Hier ist der Palast unsers Herrschers; ich bin nur sein
+Diener.
+
+Florian. Jetzt ist der auch nur ein Bedienter.
+
+Eduard. Willst du mich bei deinem Herrscher melden? Ich bin weit
+über dem Meere, ein Prinz aus dem Lande der Aufrichtigkeit und habe
+mit meinem treuen Diener (Florian verbeugt sich) in einer
+neuerfundenen Luftmaschine die Reise in euer Land gemacht, um mir
+eine Braut nach Hause zu führen, die ich durch treue Liebe und
+ungeheure Reichtümer zu beglücken gedenke.
+
+Aladin. Deine Gesinnungen sind gut, und ich werde sie unserm
+Herrscher treu berichten.
+
+Eduard. Doch jetzt mache mich auch mit den Gewohnheiten eures
+Insellandes bekannt.
+
+Florian. Ja, erzählen S' uns ein bissel was.
+
+Aladin. Auf unserer Insel wirst du den Streit vergebens suchen;
+wir haben gar keinen Verkehr mit irgend einem Lande. Feste geben
+wir nie, wir glänzen nur durch Wahrheit.
+
+Florian. Das ist sehr schön von Ihnen.
+
+Aladin. Einsam ist es in den Straßen, denn man geht nur aus, wenn
+es sehr notwendig ist.
+
+Eduard. Doch ich sehe keine Fenster an den Häusern.
+
+Aladin. Die gehen in den Garten, die Aussicht ist zurück.
+
+Florian. Sie werden halt die Augen auf dem Rucken haben, weil s'
+vorn zuviel Aufsehn machten.
+
+Aladin. Mit großer Strenge wird bei uns die Lüge bestraft, je
+nachdem sie nachteilige Folgen verursacht; doch ist man gegen
+Weiber nachsichtiger, als gegen Männer. Verleumdung kennen wir nur
+dem Namen nach auf der Insel der Wahrheit und Sittsamkeit.
+
+Florian. Erlauben Sie, mein Teurer! wenn einer in seiner
+Sittsamkeit etwas stiehlt, so wird er doch ganz bescheiden
+eingeführt?
+
+Aladin. Wer fehlt, muß bestraft werden.
+
+Florian. Und da bekommt er hernach seine soliden fünfzig Strichel?
+
+Aladin. Das geschieht nicht. Wir schlagen nur die Kleider des zu
+Bestrafenden, nicht den Mann; und das ist bei uns die größte
+Schande.
+
+Florian. Das geschieht bei uns auch. Man schlagt auch nur die
+Kleider, aber man wartet so lange, bis sie derjenige an hat, den
+wir--(macht die Pantomime des Prügelns).
+
+Eduard. Wie ist es rücksichtlich eurer Heiraten?
+
+Aladin. In ihrem zwanzigsten Jahre werden unsere Mädchen
+verheiratet, ohne daß sie ihren Bräutigam zu Gesichte bekommen
+haben. Als Frauen dürfen sie keinen Schritt mehr aus dem Hause
+machen.
+
+Florian. Das ist gut. Wenn eine Geld im Sack hat, kann s'
+wenigstens keins verlieren auf der Gasse.
+
+Aladin. Nur bei öffentlichen Versammlungen müssen sie erscheinen.
+Übrigens darf kein Mädchen allein ausgehen, wenigstens vier, wo
+eine die andre beobachtet, denn es darf sich keine umsehen.
+
+Florian. Das heißt, sie dürfen niemand über die Achsel ansehen.
+
+Aladin. Und gehen immer in Begleitung von zwei Mohren.
+
+Eduard. Himmel, welch ein qualvolles Leben!
+
+Aladin. Wenn ein Mann ein Frauenzimmer auf der Straße sieht, muß
+er sein Haupt zur Erde beugen und darf sie nicht ansehen, sonst ist
+er des Todes.
+
+Florian. Wenn das bei uns der Brauch wär', da schaueten manche
+junge Herren den Frauenzimmern nicht so unter die Hüte.
+
+Eduard. Ist das beim Fremden auch der Fall?
+
+Aladin. Es kommen selten Fremde zu uns. Doch sind sie von diesen
+Gebräuchen ausgeschlossen, soweit es der Anstand gestattet, und es
+ist ihnen erlaubt, ehrerbietig ihre Hand zu küssen. Selten vergißt
+ein Frauenzimmer ihren Stolz. Wenn aber ein unwürdiges Betragen
+von einer den andern zu Ohren kommt, so empört sich auch ihr Gefühl
+so sehr, daß sie in großen Tadel über die Unwürdige ausbrechen.
+
+Eduard. Das ist eben kein sicherer Beweis von eigener
+Unverdorbenheit des Herzens.
+
+Florian. Ah, das ist der Neid--mit mir reden!
+
+Eduard. Ich danke dir für deine Auskunft und bedaure die
+Unglücklichen; sie würden wahrscheinlich edle Geschöpfe werden,
+wenn man ihren Handlungen weniger Zwang auflegen möchte.
+
+Aladin. Bedauern? Sprich dieses Wort nicht aus in Gegenwart
+meines Herrschers, bei dem ich dich jetzt melden werde. Im Lande
+der Wahrheit ist niemand zu bedauern, als der, den die Götter mit
+Blindheit geschlagen haben, den unbedingten Wert unserer Handlungen
+nicht einzusehen. (Ab in den Palast.)
+
+Florian. Geh der Herr zu.
+
+
+
+Elfte Szene.
+Eduard. Florian.
+
+
+Eduard. Aus allem, was ich gehört habe, schöpfe ich wenig Hoffnung,
+ein Mädchen hier zu finden, welches die strengen Anforderungen
+meines zauberischen Gönners erfüllen wird. Solch ein unnatürlicher
+Zwang erweckt Verschlossenheit, und Verschlossenheit ist die Mutter
+der Lüge. Doch sieh, dort kommen einige Frauenzimmer! Ich will
+mein Glück versuchen, Florian, halte dich standhaft.
+
+Florian. Um alles in der Welt, Gnädiger, sein Sie menschlich!
+Denken Sie, solange Sie eine bei der Hand halten, halten Sie mich
+beim Schopf; nur gleich wieder auslassen.
+
+
+
+Zwölfte Szene.
+Vier verschleierte Mädchen erscheinen, von zwei Mohren begleitet.
+Sie prallen bei Eduards Anblick etwas zurück. Vorige.
+
+
+Eduard. Tulpe der Schönheit, verzeihe einem Fremdling, der es wagt,
+dir seine höchste Verehrung darzubringen.
+
+Florian. Mir ist, als wenn ich ausg'führt würde.
+
+Osillis. Ein artiger Mann.
+
+Amazilli. Welch sonderbare Tracht?
+
+Eduard. Erlaube mir, deine reizende Hand zu küssen. (Ergreift
+ihre Hand.)
+
+Florian (schreit). Uijegerl! Ausgelassen! (schwächer) Auslassen!
+(Seufzt.)
+
+(Eduard läßt ihre Hand los.)
+
+Osillis (erschrickt). Was ist das? (Zu Florian.) Was ist dir,
+Fremdling?
+
+Florian. Nichts! Ist schon vorbei! Wir wissen schon, wie viel's
+geschlagen hat.
+
+Osillis. Aber du erschreckst uns durch--
+
+Florian. Ist ja nicht wahr; ist alles erlogen.
+
+Eduard. Verzeihe ihm; und auch du, holdes Mädchen! (Ergreift die
+Hand der Zweiten.)
+
+Florian. Auweh! Auweh! Auweh! Die lügt noch stärker. O,
+Sapperment!
+
+(Eduard läßt sie los.)
+
+Florian. Ah, das ist eine Komödie!
+
+Eduard. Schweig, Bursche!
+
+Osillis. Ist er wahnsinnig?
+
+Eduard. Mein schönes Mädchen! (Tritt zwischen die beiden andern
+und ergreift zugleich ihre Hände.)
+
+Florian. Um alles in der Welt! Ich halt's nicht aus! Ich geh'
+zugrund!
+
+(Die Mädchen reißen ihre Hände los und entsetzen sich.)
+
+Osillis. Welche Verwegenheit! Flieht, Schwestern, das ist ein
+Rasender! (Alle vier Mädchen entfliehen mit den Mohren in den
+Palast.)
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Eduard. Florian.
+
+
+Eduard. Nun, Freund Florian, was sagt dein Barometer?
+
+Florian. Lügen hat's geregnet. Ich werd' ein miserabler Mensch!
+Wenn wir zurückkommen, dürfen S' mich gleich auf sieben Jahr nach
+Gastein oder ins Bründelbad schicken.
+
+Eduard. Armer Schelm, du dauerst mich.
+
+Florian. Das ist eine sittsame Bagage. Die zwei letzten müssen
+schon gelogen haben, bevor sie auf die Welt gekommen sind; es ist
+nicht möglich sonst.
+
+Eduard. Die Forderung grenzt aber auch an Unmöglichkeit. Doch wir
+wollen unsere Hoffnung nicht aufgeben.
+
+Florian. Ja, haben S' die Gnad'. (Deutet auf's Reißen.)
+
+Eduard. Willst du, daß wir dieses Land verlassen und in ein
+anderes ziehen?
+
+Florian. Ah, hören S' auf, sie lügen überall. Es ist doch
+g'scheiter, ich geh' hier zugrund', als wenn ich wegen dem noch
+eine Weile wohin reisen soll.
+
+Eduard. Es wird ja doch nicht überall so arg sein.
+
+Florian. Ja, ist schon recht! Jetzt, wenn S' erst auf eine
+treffen, die einen reichen Liebhaber hat, den sie für einen Narren
+hält; die können erst lügen! Da reißt's mich in der Mitten
+voneinander.
+
+Eduard. Still! Man kommt.
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+Aladin. Vier Mann Wache mit Pfeilen. Vorige.
+
+
+Aladin. Fremdling! Der Herrscher wird in diesem Augenblicke hier
+erscheinen, um öffentliches Gericht zu halten, und bei dieser
+Gelegenheit will er dich bewillkommen und deine Bitten hören.
+
+Eduard. Nimm meinen Dank für deine Botschaft.
+
+Aladin. Doch haben wir Befehl erhalten, deinen Diener in das
+Irrenhaus zu bringen, und ihn mit Ketten zu belasten, wie es sich
+für einen Rasenden geziemt.
+
+Florian. Was? Mich wollen s' in den Narrenturm sperren, und ich
+bin gescheiter, als sie alle?
+
+Aladin. Ergreift ihn.
+
+Florian. Ich sag's ja, wo ich hinkomme, halten mich die Leute für
+einen Narren. So nehmen S' Ihnen doch an um mich! Wird sich doch
+einer um den andern annehmen?
+
+Eduard. Halt! Er ist mein Diener, und niemand hat ein Recht auf
+ihn, als ich. Ich stehe für seinen Verstand und für sein künftiges
+Betragen gut.
+
+Florian. Ja, wir setzen was ein.
+
+Aladin. Wohl, doch bei dem kleinsten Anfall werden wir unsere
+Befehle vollziehen.
+
+Eduard. Also hüte dich!
+
+Florian. Jetzt muß ich mir eine Ehr d'raus machen, wann's mich
+reißt.
+
+Aladin. Fremdling! Folge mir, bis ich dich dem Beherrscher
+vorstellen darf. (Geht mit Eduard ab.)
+
+Eduard (im Abgehen). Florian, nimm dich in acht. (Ab.)
+
+Florian. Reden Sie nichts auf mich; Sie haben auch schon
+ausgedient bei mir. (allein.) Ich unglückseliger Mensch, was fang'
+ich an? Wenn ich auch durchging', es nutzt nichts; denn wenn er in
+England eine bei der Hand nimmt, so fangt's mich in Holland zum
+Reißen an. Es ist kein Mittel, als sukzessiv hin zu werden; immer
+matter, bis es aus ist.
+
+Quodlibet.
+Werd' ich denn hier sterben müssen?
+Soll ich nicht die schöne Gegend
+Draust bei Währing wiedersehn?
+Nimmermehr am heitern Ufer,
+Beim Kanal spazieren gehn?
+Nein, du armer Michel,
+Der Tod kommt mit der Sichel!
+Wie traurig ist doch mein Geschick!
+Mir blüht auf dieser Welt kein Glück.
+Kein Mädchen, das stets Wahrheit spricht;
+O jegerl, g'fallt mir nicht, die G'schicht. –
+Welche Lust gewährt das Reißen,
+Wenn eine reicht stark lügt.
+Glauben Sie's mir!
+Ach, ist es denn gar so schwer,
+Ein Mädchen z'finden,
+Das ein treues Herz besitzt,
+Das man kann ergründen?
+ O närrische Leut', o komische Welt!
+ Einmal war es ganz anders!
+ Da gab es noch Mädchen,
+ Die saßen am Rocken
+ Und spannen am Rädchen.
+
+Jetzt putzen und zieren sie sich, wie die Affen,
+Und lassen sich hinten und vorne begaffen.
+Hab' ich nicht recht? Nun, wenn S' erlauben!
+Und meine Mariandel, die wird zu Hause fragen:
+Was macht denn der Florl? sag', ist er recht g'sund?
+Er liegt im Spital draust, ist ganz auf den Hund.
+Ist das wahr? Der arme Narr!
+Lieber Herr Franzel, nur jetzt kein Tanzel!
+Denn erster Liebe Kraft,
+Bleibt ewig Leidenschaft!
+Und ihr Florl, meint sie,
+Gilt ihr alles, meint sie,
+Von Amstetten, meint sie,
+Bis Hernals, meint sie,
+Gibt's kein Mann, meint sie,
+So wie er, meint sie,
+Ich wär' schön, meint sie, au contraire!
+
+ Drum will ich lustig sein,
+ Und mich des Lebens freun!
+ Nur in dem Landel,
+ Wo mein Mariandel
+ Sehnsuchtvoll wartet,
+ Möcht ich schon sein.
+
+Denn mir liegt nichts an Stammersdorf und an Paris,
+Nur in Wien ist's am besten, das weiß man schon g'wiß;
+Man weiß, daß's in hundert Jahren auch noch so is'!
+Aber, ob wir nicht g'storben sein, weiß man nicht g'wiß.
+Drum, wenn ich hier sterben sollt', und Sie nimmer sich,
+So bitt' ich halt gar schön, so denken S' an mich!
+
+
+
+Fünfzehnte Szene.
+Man hört einen Marsch. Alles Volk erscheint und stellt sich in
+einen halben Zirkel, dessen Mitte frei bleibt. Die Frauenzimmer
+stehen vor den Männern unverschleiert. Veritatius erscheint mit
+seiner Tochter Modestina. Aladin, Wachen, dann Eduard und Florian.
+
+
+Chor.
+Stellt euch um der Wahrheit Thron,
+Sprecht der frechen Lüge Hohn.
+
+
+Veritatius (besteigt mit Modestina seinen erhabenen Stuhl). Volk
+dieser Stadt! Ich habe dich versammeln lassen, um Zeuge zu sein
+bei der Verbannung eines Geschöpfes, welches schon seit langer Zeit
+durch ausgelassene Manieren die Gebräuche unserer Insel mit Füßen
+tritt.
+
+Alle. Hoch lebe Veritatius!
+
+Veritatius. Doch bevor wir den Vorhang dieser unangenehmen Szene
+eröffnen: Aladin, führe den Fremden vor. (Aladin geht und bringt
+Eduard und Florian.)
+
+Veritatius. Sei mir willkommen, Fremdling! Du bist also der Herr
+vom Lande der Aufrichtigkeit?--Was ist denn das für eine pitoyable
+Figur, die dort an deiner Seite steht?
+
+Eduard. Es ist mein Diener. (Deutet Florian, daß er sprechen soll.)
+
+Florian. Bin so frei, meine ergebenste Aufwartung zu machen.
+
+Veritatius. Das ist ein spaßiger Mensch, ich muß über ihn lachen.
+(Lacht; zu den übrigen.) Man lache auch ein wenig über ihn.
+
+(Alle lachen.)
+
+Florian. Das ist eine dumme Nation!
+
+Veritatius. Und nun zur Sache! Ich habe gehört, daß du dir eine
+Braut erkiesen willst, und weil du mir so wohl gefällst, auch aus
+vornehmem Stande bist, so stelle ich dir hier meine Tochter vor.
+Man verwundere sich. (Alles verwundert sich.) Wenn er dir gefällt
+und seine Abkunft beweiset, will ich mit Freuden euere Hände
+ineinander legen.
+
+Modestina. Fremdling! Gewohnt, den Befehlen meines Vaters zu
+gehorchen, reiche ich dir mit Freuden meine Hand, wenn du mich
+vorher überzeugst, daß dein Edelmut sie verdient.
+
+Florian. Ui jegerl, ich freu' mich schon.
+
+Eduard. Nimm meine Huldigung, Holdeste deines Geschlechtes.
+(ergreift ihre Hand.)
+
+(Florian empfindet Schmerz, sucht ihn aber durch unartikulierte
+Töne und Lippenbeißen zu verbergen.)
+
+(Eduard sieht auf Florian; dieser deutet nein, er läßt ihre Hand
+mit Anstand los.)
+
+Modestina. Er gefällt mir recht wohl.
+
+(Dumpfer Lärm von außen, man hört Aminens Stimme.)
+
+Aminens Stimme. Laßt mich! Laßt mich!
+
+
+Sechzehnte Szene.
+Amine. Wachen. Vorige.
+
+
+Amine (stürzt herein, hinter ihr Wache). Laßt mich, ihr
+abscheulichen Männer! (Stürzt zu Veritatius' Füßen.) Gütiger Herr!
+Was hat die arme Amine verbrochen, daß sie solchen Mißhandlungen
+preisgegeben wird? Ich bin ja ein armes, unschuldiges Mädchen, das
+noch niemand auf der Welt etwas zuleide getan hat.
+
+Veritatius. Wie kannst du es wagen, vor meine Augen zu treten,
+ohne daß ich dich rufen ließ? Ausgelassenes Geschöpf, über dessen
+Verbrechen sich alle Bewohner dieser Stadt entsetzen.
+
+Amine. Aber worin bestehen denn meine Verbrechen? Daß ich über
+die spitzige Nase deines Türstehers gelacht habe, daß ich auf der
+Straße herumgelaufen bin, meinen Papagei zu fangen, daß ich mein
+Haupt mit keinem Tuche umwinden will, weil ich Kopfschmerzen davon
+bekomme, und daß ich endlich keine traurige Miene machen kann, weil
+ich ein fröhliches Herz im Busen trage, sieh, das kann ich nicht
+lassen, lachen muß ich; und wenn du noch so zornig auf mich
+blickest und deine Augenbrauen so hinauf ziehest, so werd' ich
+wieder recht zu lachen anfangen müssen.
+
+Veritatius. Welch unerhörte Frechheit! Man ärgere sich mit mir!
+(Pause.) Nein, man ärgere sich nicht; es will sich nicht geziemen,
+daß wir wegen dieser Verbrecherin in Ärger geraten. Als eine arme
+Waise hat man sie hier aufgenommen, weil ihr Vater, ein englischer
+Kapitän, mit seinem Schiffe an dieser Insel strandete und seinen
+Tod in den Wellen fand; und diese Bettlerin wagt es, das Ärgernis
+einer ganzen Stadt zu werden? Man ergreife sie, setzte sie in ein
+Schifflein und treibe es hinaus in die See, fern hin von dem Lande
+der Wahrheit, damit die Wellen das Spiel mit ihr treiben, das sie
+nur zu lange mit uns getrieben hat. (Die Wachen ergreifen sie.)
+
+Aladin. Führt sie fort.
+
+Eduard. Halt! (Für sich.) Ein unwiderstehliches Gefühl reißt mich
+hin, sie auf die Probe zu stellen.
+
+Florian. Ah, das ist ja entsetzlich; das nimmt ja gar kein Ende.
+
+Eduard (laut). Erlaube mir, mächtiger Herrscher, eine einzige
+Frage an dieses Mädchen zu stellen.
+
+Veritatius. Man stelle sie.
+
+Eduard. Gutes Kind, hast du Vertrauen zu mir?
+
+Amine. Ach ja! Du hast kein übles Gesicht und scheinst ein guter
+Mensch zu sein. Amine fühlt das gleich.
+
+Eduard. Reiche mir deine Hand.
+
+Amine. Hier hast du sie. (Gibt sie ihm.)
+
+Florian (fängt an, einen unendlichen Frohsinn und eine innere
+Lustbarkeit auszudrücken). Euer Gnaden, die b'halten wir, die
+lassen wir nimmer aus.
+
+Alle. Was soll das bedeuten?
+
+Amine. Ach, nimm dich meiner an; ich bin gewiß nicht schuldig!
+
+Eduard. Nein, das bist du nicht, du gutes Mädchen. Wahrheit
+besteht nicht bloß durch äußere Form, sie wohnt im Innersten des
+Herzens, und Ungezwungenheit und Naivität dürfen immer ihre
+lieblichen Schwestern sein.
+
+Veritatius. Habt ihr ihn verstanden?
+
+Alle. Ja!
+
+Veritatius. Ich nicht. Man verstehe ihn auch nicht!
+
+Eduard. Höre mich, Veritatius! Ich verzichte auf die Hand aller
+Mädchen deines Landes; laß mir Amine, und ich führe sie als meine
+Gemahlin mit mir in mein Reich.
+
+Modestina. Wie? Du wagst es?
+
+Alle. Entsetzlich!
+
+Veritatius. Ruhig! Man schweige! Sieh, Verblendeter! Weil du es
+wagst, meine Gastfreundschaft durch solchen Undank zu lohnen, so
+will ich dich auch dafür bestrafen. Du sollst sie haben; aber
+augenblicklich meidest du dieses Land und tust ihm nie wieder die
+Schande an, es zu betreten.
+
+Eduard. Dank deiner Güte! Kolibri, lichte die Anker, schwelle die
+Segel!
+
+Kolibri (fährt mit dem Luftballon nieder). Komm' schon; bin schon
+da.
+
+Eduard. Und nun komm, Amine, und du, Veritatius, traure; denn ich
+entführe dir ein seltenes Kleinod, dessen Wert du nicht zu schätzen
+wußtest. (Musik ertönt, Eduard, Amine, Florian und Kolibri steigen
+ein, und fahren fort.)
+
+(Veritatius geht mit seiner Tochter und Aladin in den Palast, die
+übrigen bleiben zurück.)
+
+Chor.
+Fahret, fahret fort!
+Steuert durch die Welt,
+Bis zum Ort, bis zum Ort,
+Wo euch Reue quält.
+
+
+Ein Fallschirm kommt herab, worauf steht: "Körbchen für die Schönen
+dieses Landes." Vier Genien kommen aus der Tiefe und teilen goldene
+Körbchen an die Frauen aus.r
+
+Chor.
+Seht die frechen Laffen hier,
+Körbchen uns zu spenden!
+Rache kocht im Busen mir,
+Blutig soll es enden!
+
+(Heftiger Schlag in der Musik. Sie wollen auf die Genien hin,
+diese heben die Finger warnend auf; ein augenblickliches Tableau.
+Die Genien ziehen aus den Körbchen verschiedene Schmuckwaren hervor,
+die Weiber ergreifen sie freudig. Die Musik und die Singstimmen
+sehr piano.)
+
+Chor.
+Doch piano, haltet ein!
+In dem Land der Sitten
+Muß man fein manierlich sein,
+Hier wird nicht gestritten;
+Drum verlasset diesen Ort,
+Höret auf zu tosen,
+Traget eure Körbchen fort,
+Füllet sie mit Rosen!
+
+(Alle schleichen behutsam fort.)
+
+(Die Genien zur Seite ab.)
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+(Fürchterlicher Wald, Blitze leuchten. Man hört das Brausen des
+Vulkans.)
+
+
+Eduard, Amine, Kolibri, Florian treten ein.
+
+Kolibri. Wir sind am Ziele, dort ist der Vesuv.
+
+Amine. Welch ein fürchterlicher Wald!
+
+Eduard. Ja, immer finstrer wird der Wald und finstrer wird es auch
+in meinem Innern.
+
+Kolibri. Siehst du dort den Rauch?
+
+Florian. Aha, da ist eine Ziegelbrennerei!
+
+Kolibri. Narr! Es ist der Feuerberg; dorthin geht die Reise.
+Eduard, lebe wohl! Ich reite jetzt als Kurier voraus und bereite
+alles zu deinem Empfang. (Ab.)
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Vorige ohne Kolibri.
+
+
+Amine. Was soll das alles heißen? Warum stehst du so in dich
+gekehrt? Hat dir Amine etwas zuleide getan?
+
+Eduard. Ja, Amine, du bereitest meinem Herzen bitteren Schmerz.
+(Für sich.) Mein Unglück ist entschieden; ich liebe sie!
+
+Amine. Ich verstehe dich nicht; du sprichst so dunkel. Sieh, ich
+weiß nicht warum? aber ich habe dich in dieser kurzen Zeit so lieb
+gewonnen, daß ich niemanden auf dieser Erde weiß, dem ich so gut
+sein könnte, wie dir, und du hast doch auf der ganzen Reise
+verdrießliche Mienen gemacht. Komm, ziehen wir weiter; und ging'
+es durch den Feuerberg, ich ziehe überall mit dir.
+
+Eduard. Es ist umsonst, ich muß es ihr entdecken. So wisse, armes
+Geschöpf, ich habe dich betrogen; du wirst nicht meine Gemahlin.
+
+Amine. Nicht?
+
+Eduard. Nein. Siehst du jenen Feuerberg, wo die Blitze durch den
+Rauch sich winden? Dort wird deine Wohnung sein; jenem
+Geisterfürsten hab' ich gelobt bei meinem Leben, dich zu
+überliefern.
+
+Amine. Das hast du getan? Du? (Wehmütig.) Nein, das ist
+unmöglich! Du lügst--und das mußt du nicht, Amine hat noch nie
+gelogen.
+
+Eduard. O hättest du es getan, so waren wir beide glücklicher!
+
+Amine. Wirklich? Nun, so will ich das in Zukunft wieder gut
+machen und mir recht viele Mühe geben, es zu lernen, wenn ich nur
+weiß, daß dich das glücklich macht.
+
+Eduard. Zu spät, ich kann nicht mehr zurück. Amine, du mußt mir
+folgen. Ich habe diesen Schwur geleistet, bevor ich dich noch
+kannte. Wenn ich dich dem Zauberkönig nicht überliefere, so stürzt
+der Augenblick, indem ich diesen Entschluß fasse, mich tot zu
+deinen Füßen nieder.
+
+Amine. Schrecklich! Schrecklich! Ach, warum hast du mich nicht
+den Wellen überlassen? Jetzt vielleicht schon wäre ein ewiger
+Friede in meiner Brust. Doch ich sehe das Entsetzliche deiner Lage
+ein, und füge mich meinem unerbittlichen Geschicke, das von
+Kindheit an mich schon so hart verfolgt. Hier ist meine Hand,
+führe mich zu dem Zauberkönig.
+
+Eduard. Treffliches Mädchen! Ich kann dich nicht überliefern; o
+armseliger Diamant, wie verlischt dein Glanz vor den Strahlen
+dieser Unschuld. Was soll ich beginnen?
+
+Florian (der sich während der ganzen Szene zurückgezogen hatte und
+ganz ruhig war, kommt vor). O mein lieber, gnädiger Herr, ich
+halt's nimmer länger aus! Überliefern S' mich dem Zauberkönig,
+statt ihr, und geben S' ihm halt ein paar hundert Gulden aus; oder
+noch was; unser alter Herr war ja alleweil ein gescheiter Mann, und
+voller Zauberei war er auch, vielleicht kann der uns helfen?
+Machen S' eine Beschwörung, kitzeln wir ihn wo heraus bei einem
+Loch, wie einen Grillen, daß er uns einen guten Rat gibt.
+
+Eduard. Ja, du hast recht, Florian! Diesen Gedanken hat dir ein
+wohlwollender Geist eingehaucht. Höre mich, Vater, wenn du die
+Stimme deines Sohns noch erkennst, steig herauf zu mir und rette
+mich von meiner Verzweiflung. Vater, Vater! höre mich! (Es
+donnert.) Freude, Amine, er hat mich gehört, er kommt!
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+(Zephises kommt aus der Erde in seinem vorigen Geisterkleide.
+Vorige.)
+
+
+Eduard. Geist meines Vaters, rate deinem unglücklichen Sohne! Was
+soll ich beginnen?
+
+Zephises (mit ernster Stimme). Ich bin dein Vater Zephises und
+habe dir nichts zu sagen als dieses! (verschwindet wieder.)
+
+Eduard (spricht langsam). Er ist mein Vater Zephises.--
+
+Florian. Und hat uns nichts zu sagen als dieses! Nun, das können
+wir ja tun; riskieren tun wir nichts dabei.
+
+Eduard (rasend). Treibt die Hölle ihren Spott mit mir? Wohlan,
+geendet sei dies Spiel! Longimanus, ich löse dir mein Wort!
+(Schrecklicher Donnerstreich. Die Bühne verwandelt sich in eine
+Felsengegend, in der Mitte erhebt sich der Vulkan; Lava strömt aus
+dem Krater, fließt über den Berg und bildet um dessen Fuß einen
+feurigen See. Alle Elemente sind in Aufruhr. Musik.) Wo bist du,
+Amine?
+
+Amine. Himmel, welch ein fürchterlicher Anblick!
+
+Eduard. Mir ist er es nicht. Geisterkönig, ich rufe dich!
+
+Heftiger Donnerstreich, auf welchen eine totale Stille folgt; unter
+sanfter Musik verwandelt sich die Szene. Die Kulissenfelsen werden
+zu grauen Hügeln mit Blumen besäet, der Vesuv wird ein grünender
+Berg, der statt der Lava farbige Blumen auswirft, die man statt den
+Streifen der Lava sich herabwinden sieht. Das Lavameer wird ein
+Silbersee. Der Geisterkönig erscheint mit Gefolge.
+
+
+
+Zwanzigste Szene.
+Longimanus. Gefolge. Feuergeister. Vorige.
+
+
+Longimanus. Nun, bin ich ein galanter Kerl, oder nicht? Du hast
+g'laubt, ich werd' meine Braut mit Donner und Blitz empfangen?
+Nein! Narren hat's geregnet! Blumen sind da!
+
+Eduard. Seine Braut!
+
+Amine. Himmel!
+
+Longimanus. Du hast also doch eine g'funden? Siehst du's, wann
+ich was sag'!--Was für eine Landsmännin?
+
+Amine (furchtsam). Eine Engländerin.
+
+Longimanus. Also ein Wasserkind. Brav! Nun also, die Sache ist
+in Ordnung, nicht wahr? (Zu den Feuergeistern.) Führt sie hinein.
+
+Eduard (für sich). Nein, diese Qual ist zu groß! (Laut.)
+Longimanus, du darfst sie mir nicht entreißen! Laßt sie hier!
+
+Longimanus (macht große Augen und erstarrt fast vor Zorn). Was ist
+das für ein Diskurs? Den Augenblick hinein mit ihr! (Die
+Feuergeister führen sie fort.)
+
+Eduard. Kehrt zurück, oder--(er will nach).
+
+Longimanus (winkt; Donnerschlag; Gewitterwolken fallen vor, aus
+welchen fliegende Ungeheuer Eduard entgegengrinsen). Sein schon da!
+Was ist denn das? Was unterstehst denn du dich, mir zu drohen?
+Du Bursch'! Du Hergelaufener oder Hergeflogener! Wie er gekommen
+ist, hat er schon ein Geschrei gehabt, daß ich ihn bis ins dritte
+Zimmer hinein gehört hab', und jetzt untersteht er sich gar und
+begehrt ordentlich auf mit mir. Ah, da muß ich bitten! (Scharf.)
+Red', was willst du?
+
+Eduard. Longimanus, Gnade! (Fällt auf ein Knie.)
+
+Longimanus. Und Longimanus sagt er nur in der Geschwindigkeit so
+zu mir, als wann wir schon hundert Jahre bekannt wären.
+
+Eduard. Verzeihung, mächtiger Geisterfürst! Ich bin ein
+Wahnsinniger, ich kann ohne Aminen nicht leben! Habe Mitleid und
+schenke mir ihre Hand.
+
+Longimanus. Untersteh dich nicht mehr, ein Wort zu sagen! Jetzt
+schaut's ihn an! Macht der auf einmal einen Ernsthaften! (Dreht
+die geöffnete Hand.) Ein Wahnsinniger ist er? Geh, geh, geh, geh,
+du Spaßiger! Was du begehrt hast, wirst du erhalten. Du hast dir
+Reichtum gewünscht, du wirst ihn finden. Du kriegst den Diamant
+und ich das Mädel, so hat ein jeder einen Schatz.
+
+Eduard. O Zauberfürst, nimm alle deine Schätze zurück, ich will
+sie nicht, ich verlange sie nicht. Gib mir Aminens Hand, und ich
+will auf alles verzichten.
+
+Longimanus. Jetzt fangt er gar zum Handeln mit mir an, als ob wir
+auf dem Tandelmarkt wären. Was wir ausgemacht haben, dabei
+bleibt's; du bekommst die diamantene Statue und sonst nichts, und
+damit du geschwind nach Haus kommst, so werd' ich kutschieren.
+Allons! (Winkt. Die Wolken erheben sich, und es präsentiert sich
+Zephises' Zaubersaal mit sechs Statuen. Auf dem roten Postament,
+worauf jetzt das transparente Wort: Diamant geschrieben ist, steht
+Amine im rosensarbnen Kleide mit einem reich mit Flitter gestickten
+Schleier, der ihr Gesicht nicht verhüllt, sondern mit hübschem
+Faltenwurf um den ganzen Körper fließt, ihre Figur muß sehr grell
+beleuchtet sein.) Da ist sie, ich übergeb' sie dir; wir sind quitt!
+
+Eduard (ohne hinzusehen). Ist sie mein Eigentum?
+
+Longimanus. Ja!
+
+Eduard. So will ich sie vernichten, denn sie ist die Ursache
+meiner Verzweigung! Ich will sie nicht haben, ich zerschlage sie!
+(Eilt mit Wut gegen die Statue.)
+
+Amine (steigt von dem Piedestale und sinkt in seine Arme). Eduard,
+ich bin dein!
+
+Eduard. Amine! Meine Amine!
+
+Florian. Er hat sie nicht zerschlagen.
+
+Eduard (stürzt freudig zu Longimanus Füßen). Herr, wie soll ich
+dir danken?
+
+Longimanus. Ja, jetzt! Gelt, ich hab' dich erwischt? Du
+Tausendsapperment! Ich hab' dich nur auf die Prob' g'stellt, wenn
+dir das Geld lieber g'wesen wär', als sie, hättest du sie in deinem
+Leben nicht bekommen. Da hast du s' jetzt. Ein Weib, wie die sein
+wird, ist der schönste Diamant, den ich dir geben hab' können.
+
+Florian. Vivat! Jetzt hole ich meine Mariandel. (Will ab.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+Kolibri. Mariandel. Nachbarsleute. Vorige.
+
+
+Kolibri. Da bring' ich Gäste zur Hochzeit.
+
+Eduard. Kommt, Freunde, nehmt teil an meiner Freude.
+
+Mariandel. Florian!
+
+Florian. Mariandel, du bist mein! Du bist zwar kein Diamant, aber--
+wo bist her?
+
+Mariandel. Aus Prag.
+
+Florian. Bist ein böhmischer Stein.
+
+Longimanus. Und damit wir einen Tanz bei der Hochzeit haben, so
+sollen (auf die Statuen deutend) die ein wenig herumspringen. (Die
+Statuen steigen von den Postamenten und tanzen unter dem Ritornell.)
+
+Schlußgesang
+(beginnt mit Tanz, dann:)
+
+Mariandel. Der kleine Liebesgott!
+
+Florian (singt es nach). Der kleine Liebesgott!
+
+Mariandel. Treibt mit uns allen Spott.
+
+Florian. Treibt mit uns allen Spott.
+
+Mariandel. Kaum trifft er uns ins Herz,
+
+Florian. Kaum trifft er uns ins Herz,
+
+Mariandel. So fliegt der kleine Schelm davon.
+
+Florian. Er fliegt davon.
+
+Chor. Er fliegt davon! Er fliegt davon.
+
+Mariandel. Die allerschönste Sach'--
+
+Florian. Die allerschönste Sach'--
+
+Mariandel. Sprichst du denn alles nach?
+
+Florian. Sprichst du denn alles nach?
+
+Mariandel. So hör' doch einmal auf!
+
+Florian. So hör' doch einmal auf!
+
+Mariandel. Du dummer, dummer Tölpel du!
+
+Florian. Du Tölpel du!
+
+Chor. Du Tölpel du! Du Tölpel du!
+
+(Zwischentanz, Gruppe.)
+
+Mariandel. Bin ich nur Frau hernach--
+
+Florian. Bin ich nur Frau hernach--
+
+Mariandel. Dann sprichst du g'wiß nicht nach.
+
+Florian. Dann sprichst du g'wiß nicht nach.
+
+Mariandel. Ich red' den ganzen Tag.--
+
+Florian. Ich red' den ganzen Tag--
+
+Mariandel. Und du verhältst dich mäuschenstill.
+
+Florian. Ja mäuschenstill!
+
+Chor. Ja mäuschenstill! Ja mäuschenstill!
+
+Florian. Drum bitt' ich nur geschwind--
+
+Mariandel. Drum bitt' ich nur geschwind--
+
+Florian. Wenn Sie's zufrieden sind--
+
+Mariandel. Wenn Sie's zufrieden sind--
+
+Florian. Wir machen jetzt ein End'--
+
+Mariandel. Wir machen jetzt ein End'--
+
+Florian. So bleibt ihr doch heut 's letzte Wort.
+
+Mariandel. Das letzte Wort.
+
+Chor. Das letzte Wort! Das letzte Wort!
+
+(Am Schlusse gruppiert sich alles. Die Statuen besteigen die
+Postamente, Amine auf dem mittleren. Eduard kniet vor ihr;
+Longimanus steht auf der andern Seite, Florian kniet vor Mariandel.
+Die Nachbarn gruppieren sich mit freudigem Erstaunen.)
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+Ende.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Diamant des Geisterkönigs,
+oder Zauberposse mit Gesang in zwei Aufzügen, von Ferdinand Raimund.
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Diamant des Geisterkönigs, by Ferdinand Raimund
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DIAMANT DES GEISTERKöNIGS ***
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+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
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+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
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+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
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+10000 2004 January*
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